Sämtliche Werke 7-8 (part 3 of 3)
Um die Charakteristik Makar Iwanowitschs zu beenden, will ich hier wenigstens eine seiner Erzählungen wiedergeben, gerade eine aus dem russischen Volksleben. Der Charakter aller dieser Erzählungen war eigenartig; oder vielleicht ist es richtiger, wenn ich sage, daß sie gar keinen allgemeinen Charakter hatten: eine allgemeine Moral oder Tendenz ließ sich aus ihnen nicht heraushören; das einzige, was man von ihnen sagen könnte, wäre nur, daß sie alle mehr oder weniger ergreifend waren. Aber es gab auch andere, nicht ergreifende Geschichten; ja einige waren geradezu lustig und enthielten sogar Spott über manche lockeren Mönche, so daß er mit dem Erzählen dieser Geschichten seiner Idee unmittelbar schadete, -- worauf ich ihn auch aufmerksam machte, aber er verstand gar nicht, was ich damit sagen wollte. Manchmal war es schier unbegreiflich, was ihn denn eigentlich veranlaßte, so viel zu erzählen; wenigstens habe ich mich über diese seine Redseligkeit gewundert und sie mir zum Teil nur durch seine Altersschwäche und seinen krankhaften Zustand erklären können.
»Er ist nicht mehr das, was er früher war,« raunte Werssiloff mir einmal zu, »er war gar nicht so, wie er jetzt ist. Der wird bald sterben, viel früher, als wir denken, darauf müssen wir gefaßt sein.«
Ich habe vergessen, zu sagen, daß bei uns in dieser Zeit so etwas wie »Abende« stattfanden: man versammelte sich bei Makar Iwanowitsch. Außer Mama, die natürlich nicht von ihm wich, kam gegen Abend immer Werssiloff zu ihm; desgleichen fand ich mich regelmäßig in seinem Zimmer ein, denn wo sollte ich mich schließlich sonst aufhalten. In den letzten Tagen kam auch Lisa; zwar kam sie immer später als alle anderen und sprach fast nie etwas, aber wenigstens saß sie da. Auch Tatjana Pawlowna fand sich gewöhnlich ein, und manchmal, allerdings selten, erschien noch der Doktor. Mit diesem hatte ich mich ganz unversehens ausgesöhnt; es hatte sich fast von selbst so gemacht: wir vertrugen uns fortan, wenn auch nicht gerade gut, so doch leidlich, wenigstens kam es meinerseits nicht mehr zu Ausfällen gegen ihn. Ich erkannte schließlich seine ganze Harmlosigkeit, und die gefiel mir, ebenso wie seine Anhänglichkeit an unser Haus, weshalb ich mich denn entschloß, ihm seinen Medizinerhochmut zu verzeihen. Außerdem brachte ich ihm bei, die Hände zu waschen und die Nägel zu putzen, wenn ich ihn auch nicht dazu bewegen konnte, saubere Wäsche zu tragen. Ich setzte ihm sogar klar auseinander und bewies ihm, daß meine Forderungen nichts mit Geckenhaftigkeit oder mit irgendwelchen »schönen Künsten« zu tun hatten, sondern daß Sauberkeit einfach zum Handwerk des Arztes gehöre. Schließlich war auch Lukerja aus ihrer Küche gekommen und hatte, hinter der Tür stehend, zugehört, wie Makar Iwanowitsch erzählte; aber einmal hatte Werssiloff sie hereingerufen und ihr gesagt, sie solle doch einen Stuhl nehmen und sich hier hinsetzen: mir hatte das gefallen -- doch seitdem kam sie nicht wieder an die Tür. Eigene Sitten!
Ich will hier eine seiner Erzählungen einfügen, ohne besondere Wahl; wenn ich gerade diese bringe, so geschieht das, weil ich sie am besten behalten habe. Es ist die Geschichte von einem Kaufmann, und ich denke, solche Fälle gibt es in unseren Städten und Städtchen zu Tausenden, wenn man nur aufmerksam hinsieht und zu sehen versteht. Wen diese Geschichte nicht interessiert, der kann sie ja überschlagen, um so mehr, als ich sie nicht mit meinen, sondern mit seinen Worten wiederzugeben versuchen will.
IV.
»Jetzt will ich euch erzählen, was für ein Wunder sich einmal bei uns in der Stadt Afimjewsk zugetragen hat. Es lebte da ein Kaufmann, Skotoboinikoff hieß er, Maxim Iwanowitsch mit sonstigen Namen, und in der ganzen Gegend war kein Reicherer denn er. Eine große Kattunfabrik hatte er sich erbaut, und Arbeiter hielt er etliche hundert; und eingebildet war er über die Maßen. Man muß schon sagen, daß alles nach seinem Wink ging, und auch die hohe Obrigkeit war ihm in nichts entgegen, und der Archimandrit[15] selbst dankte ihm noch für seinen Glaubenseifer: viel hatte er schon für das Kloster gestiftet, und wenn es über ihn kam, seufzte er sehr um sein Seelenheil und war um das zukünftige Leben nicht wenig besorgt. Witwer war er und hatte keine Kinder; von seiner Frau aber erzählte man, daß er sie schon im ersten Jahr geprügelt habe; denn schon von Jugend auf habe er seine Fäuste nicht gern im Zaum gehalten: nur war das alles schon lange vor dieser Zeit gewesen; von neuem aber wollte er sich durch eine Heirat nicht binden. Auch das Trinken war eine Schwäche von ihm, und wenn seine Zeit kam, so lief er in der Betrunkenheit nackend durch die Straßen und brüllte: es war ja keine vornehme Stadt, aber eine Schande war's doch. Wenn aber die Zeit vorüber war, wurde er böse, und alles, was er dann sagte, mußte somit gut sein, und alles, was er befahl, mußte somit richtig sein. Mit seinen Arbeitern aber rechnete er so ab, wie es ihm gefiel: nimmt das Rechenbrett, setzt die Brille auf: >Du, Foma, wieviel hast du zu bekommen?< -- >Hab' seit Weihnachten nichts bekommen, Maxim Iwanowitsch; neununddreißig Rubel hab' ich zugut.< -- >Hu, wieviel Geld! Das ist zuviel für dich; so viel bist du alles in allem nicht wert; so viel Geld paßt gar nicht zu dir: zehn Rubel zieh' ich dir ab, neunundzwanzig kannst du kriegen.< Und der Mensch steht und schweigt; es wagte eben keiner, wider ihn zu murren; alle schwiegen sie.
>Ich weiß schon, wieviel man einem jeden geben kann,< sagte er. >Mit diesen Leuten kann man ja anders gar nicht umgehen. Das hiesige Volk ist doch mehr als verderbt; ohne mich würden sie alle Hungers sterben, wie viele ihrer hier nur sind. Und Diebe sind's auch: was einer sieht, das stiehlt er schon, 's ist gar keine Männlichkeit in ihnen. Und schließlich sind's auch Trunkenbolde: zahlst du ihm alles aus, so trägt er's sofort zum Wirt und bleibt dort, bis er alles versoffen hat, auch das letzte Fädchen, und nackend verläßt er die Schenke. Und auch Jämmerlinge sind sie, diese Kerle: da setzt sich denn so einer auf einen Stein gegenüber der Schenke hin, und dann hebt das Geweine an: »Meine Mutter hat mich geboren, ach, warum hast du mich Saufbold in die Welt gesetzt? Hättest du mich Elenden doch bei der Geburt erwürgt!« -- Ist denn so einer überhaupt ein Mensch? Das ist doch ein Tier, aber kein Mensch; so einen muß man zuvor aufklären, und dann erst kann man ihm Geld geben. Oh, ich weiß schon, wann ich ihm welches gebe!<
Also sprach Maxim Iwanowitsch von den Leuten in Afimjewsk; und wenn er auch viel Schlechtes sprach, so war doch manches Wahre dabei: die Leute waren wahrlich schwach, konnten der Versuchung nicht standhalten.
Es lebte aber in derselben Stadt noch ein anderer Kaufmann, und der starb. Das war ein noch junger und leichtsinniger Mensch; und der machte Bankrott und büßte sein ganzes Vermögen ein. Das letzte Jahr zappelte er noch wie ein Fisch auf dem Sande und versuchte noch immer, sich zu retten, aber seine Tage waren schon gezählt. Mit Maxim Iwanowitsch hatte er sich die ganze Zeit nicht gut gestanden und war ihm viel Geld schuldig. Also kam es, daß er in seiner Sterbestunde Maxim Iwanowitsch verfluchte. Und er hinterließ eine Witwe in jungen Jahren und fünf kleine Kinderchen. Schon eine einsame Witfrau ist nach des Mannes Tode wie eine Schwalbe ohne Nest, -- das ist keine kleine Prüfung! Und nun noch eine, die mit fünf kleinen Kindern zurückbleibt, für die sie kein Stückchen Brot hat, um sie zu ernähren: das Letzte, was sie noch besaß, war ein Holzhaus, und das nahm ihr nun Maxim Iwanowitsch für die Schuld weg. Da ging sie denn mit ihren Kinderchen zur Kirche, stellte sie alle eins neben das andere an der Kirchentür auf: das älteste, ein Knabe, war achtjährig, die anderen waren Mädelchen, eins immer ein Jahr jünger als das andere, eins kleiner als das andere; das älteste war erst vier Jährchen alt, das jüngste noch auf dem Arm an der Mutterbrust. Der Gottesdienst war zu Ende, Maxim Iwanowitsch kam heraus, und wie sie ihn erblickten, da fielen alle Kinderchen vor ihm auf die Knie, die ganze Reihe -- so hatte die Mutter ihnen gesagt -- und die Händchen legten sie bittend zusammen, und als letzte stand sie selbst mit dem fünften Kindchen auf dem Arm. Und während alle die Leute zusahen, verneigte sie sich tief vor ihm und bat ihn mit ihren Kinderchen: >Väterchen, Maxim Iwanowitsch, erbarm' dich der Waisen, nimm ihnen nicht ihr Letztes, wirf sie nicht aus ihrem Nest!< Und allen, wer dort nur war, wurden die Augen feucht -- so gut hatte sie den Kinderchen das beigebracht. Sie dachte wohl: >So vor allen Leuten wird er zu stolz sein, mir meine Bitte abzuschlagen, und wird das Haus den Waisen zurückgeben.< Doch es kam anders. Maxim Iwanowitsch blieb stehen: >Du,< sagt er, >du bist eine junge Witwe und willst nur einen Mann. Nicht wegen der Waisen weinst du, und von deinem Mann weiß ich wohl, daß er mich noch auf dem Sterbebett verflucht hat!< Und mit diesen Worten ging er vorbei und gab ihnen das Haus nicht zurück. >Wozu sich von ihren Dummheiten rühren lassen? Erweist man ihnen Wohltaten, so schmähen sie einen noch mehr; alles das ist doch nur eitel, und das Gerede wird davon bloß noch größer.< Und es gab auch wirklich ein Gerede, wonach er dieser Witwe, als sie noch ein junges Mädchen war, so an die zehn Jahre zurück, heimlich ein großes Geld durch Kuppler hatte anbieten lassen (denn schön war sie sehr), und hatte dabei nicht gedacht, daß selbige Sünde gerade so groß ist, wie wenn einer ein Gotteshaus zerstört. Aber er hatte damals nichts erreicht. Und solcher Schändlichkeiten beging er in der Stadt und sogar im ganzen Umkreise nicht wenig und hatte in dieser Sache wahrlich jedwedes Maß verloren.
Die Mutter und ihre Kinder aber weinten laut; er trieb sie aus dem Hause und tat es nicht nur aus bösem Herzen, sondern -- wie der Mensch so manchmal selber nicht weiß, was ihn veranlaßt, hartherzig auf seinem Willen zu bestehen und nicht nachzugeben. Eine Zeitlang halfen ihr gute Leute, dann suchte sie sich Arbeit. Aber was gibt es denn in so einer Kleinstadt für Arbeit, außer auf der Fabrik? Hier wusch sie die Dielen auf, dort jätete sie im Gemüsegarten oder heizte eine Badestube; dabei das jüngste Kindchen immer auf dem Arm; und die vier anderen spielen derweil im Hemdchen auf der Straße. Als sie die Kinderchen vor der Kirchentür niederknien ließ, da hatten sie doch noch alle Schuhchen angehabt und Kleidchen, gleichviel was für welche, aber es waren doch immer noch Kaufmannskinder gewesen! Nun aber liefen sie schon barfuß: an Kinderchen sind doch Kleider wie Zunder, das weiß man ja. Aber was machen sich denn Kindchen daraus? Wenn nur die Sonne scheint, freuen sie sich schon; sie ahnen ja das Unheil nicht, ganz wie Vögelchen sind sie, und ihre Stimmchen klingen wie Glöckchen. Die Witwe aber denkt bei sich: >Wenn es nun Winter wird, wo lasse ich sie dann? Wenn Gott euch doch vorher zu sich nähme!< Aber sie brauchte nicht einmal so lange zu warten. Es gibt dort in der Gegend einen argen Husten, Keuchhusten nennen sie ihn, und der geht von einem Kinde auf alle anderen über, mit denen es zusammenkommt. Als erstes starb das jüngste Kindchen, danach erkrankten auch die anderen, und noch im selben Herbst begrub sie alle ihre vier Mädchen. Eins davon war auf der Straße überfahren worden. Und was glaubt ihr wohl? Selbst hatte sie gewünscht, Gott möge die Armen zu sich nehmen, doch als sie sie begrub, weinte sie laut, denn es tat ihr doch weh. So ist das Mutterherz!
Von allen ihren Kinderchen blieb ihr nur noch der älteste Knabe am Leben, und den hütete sie nun wie ihren Augapfel, so zitterte sie für ihn. Ein schwächlicher und zarter Knabe war's, von Angesicht lieblich wie ein Mädchen. Schließlich brachte sie ihn auf die Fabrik zu seinem Taufpaten, der dort Verwalter war, selbst aber wurde sie bei einem Beamten Kinderfrau. Da geschah es, daß der Knabe einmal auf den Hof lief, und plötzlich kommt Maxim Iwanowitsch in seinem Wagen mit zwei Pferden vorgefahren, und er hatte wieder einmal getrunken; der Knabe aber springt die Treppe herunter, stolpert und rennt dem Maxim Iwanowitsch, der gerade aus dem Wagen steigt, mit beiden Fäusten in den Bauch. Der packt den Knaben wütend an den Haaren und brüllt ihn an: >Wer bist du? Ruten her! Prügelt ihn! Sofort! Hier vor meinen Augen!< Der Knabe war zu Tode erschrocken. Man holte Ruten herbei und begann ihn zu schlagen, Maxim Iwanowitsch aber brüllte: >So schreist du noch? Prügelt ihn, bis er aufhört zu schreien,< befahl er. Ob man ihn nun viel oder wenig schlug, wer kann das wissen? Aber er schrie die ganze Zeit, bis er wie tot liegen blieb. Da hielt man erschrocken inne: der Knabe atmet gar nicht mehr, liegt ganz bewußtlos da. Später sagte man, sie hätten ihn nicht einmal stark geschlagen, der Knabe wäre nur gar zu schreckhaft und zart gewesen. Auch Maxim Iwanowitsch erschrak! >Wem gehört er?< fragte er; man sagte es ihm. >Hm! Bringt ihn zu seiner Mutter; was hat er hier auf der Fabrik zu suchen?< Zwei Tage lang schwieg er, dann fragte er wieder: >Wie steht's denn mit dem Knaben?< Mit diesem aber stand es schlecht: er lag krank bei der Mutter im Stubenwinkel, und die Mutter hatte ihre Stelle bei dem Beamten aufgeben müssen, denn der Knabe war noch dazu an Lungenentzündung erkrankt. >Hm!< sagte Maxim Iwanowitsch, >und wovon denn eigentlich? Ich wollte nichts sagen, wenn man ihn Gott weiß wie sehr gedroschen hätte: er sollte doch nur etwas eingeschüchtert werden. Ich habe noch ganz anders prügeln lassen, und es hat doch noch niemand deshalb solche Dummheiten gemacht!< Er wartete nun darauf, daß die Mutter des Knaben ihn verklage, und so schwieg er aus Stolz. Aber wie durfte sie ihn denn verklagen, das wagte sie ja gar nicht. Da schickte er ihr von sich aus fünfzehn Rubel und den Arzt; nicht deshalb, weil er Angst gehabt hätte, sondern nur so, er war nachdenklich geworden. Dann kam aber wieder seine schlimme Zeit, und er trank drei Wochen lang.
Der Winter ging vorüber, und gerade am Ostersonntag, am heiligen Feiertag, fragt Maxim Iwanowitsch wieder einmal: >Wie geht es denn jenem Knaben?< Den ganzen Winter über hatte er geschwiegen, nichts gefragt. Und man sagt ihm: >Der ist gesund geworden, ist bei der Mutter, die tagsüber wieder für Lohn arbeitet.< Da fuhr Maxim Iwanowitsch noch an selbigem Tage zu der Witwe, ging aber nicht ins Haus hinein, sondern ließ sie zum Hofpförtchen rufen; selbst sitzt er im Wagen: >Hör' mich an, ehrbare Witwe,< sagt er, >ich will deinem Sohn ein wirklicher Wohltäter werden und ihm alles Gute erweisen: ich nehme ihn zu mir in mein Haus. Und wenn er mir nur ein wenig gefällt, so verschreibe ich ihm ein gewisses Kapital; und wenn er mir sehr gut gefällt, so kann ich ihm auch mein ganzes Vermögen verschreiben und ihn zu meinem Erben und Nachfolger einsetzen, gleichwie einen leiblichen Sohn; jedoch mit der Bedingung, daß Ihr selber nicht in mein Haus kommt, außer an hohen Feiertagen. Wenn Ihr darauf eingeht, so bringt den Knaben morgen früh zu mir. Es ist Zeit für ihn, mit dem Spielchenspielen aufzuhören.< Und nachdem er so gesagt hatte, fuhr er davon, die Mutter aber war wie von Sinnen. Die Leute, die davon hörten, sagten zu ihr: >Dein Sohn wird heranwachsen und dir selber Vorwürfe machen, daß du ihm solch ein Glück vorenthalten hast.< Da weinte die Mutter die ganze Nacht über ihren Sohn, am Morgen aber brachte sie ihn hin. Der Knabe war vor Angst mehr tot als lebendig.
Maxim Iwanowitsch ließ ihn wie ein vornehmes Kind ankleiden, nahm für ihn einen Lehrer ins Haus und setzte ihn unverzüglich hinter die Bücher; und es kam so weit, daß er ihn nicht mehr aus den Augen ließ, immer war er bei ihm. Kaum sah der Knabe vom Buch auf, da schrie er ihn schon an: >Sieh ins Buch! Lern! Ich will aus dir einen Menschen machen.< Der Knabe aber war kränklich: nach jenem selben Tage, als er damals geprügelt worden war, hatte er zu husten angefangen. Maxim Iwanowitsch wunderte sich: >Hat er bei mir nicht ein gutes Leben? Bei der Mutter ist er barfuß umhergelaufen und hat nur Brotkrusten gekaut, warum ist er denn jetzt kränklicher als zuvor?< Der Lehrer aber sagt zu ihm: >Jeder Knabe,< sagt er, >muß auch etwas ausgelassen sein und nicht immer nur über den Büchern sitzen; ihm tut Bewegung not,< und er erklärte ihm alles ganz vernünftig. Maxim Iwanowitsch dachte nach. >Du hast recht,< sagte er. Dieser Lehrer aber, Pjotr Stepanowitsch hieß er, Gott hab' ihn selig, war eigentlich sozusagen ein behafteter Mensch, und trinken tat er so viel, daß man sagen kann, es war schon mehr als zuviel, und deshalb hatte er auch schon lange keine Stelle mehr und lebte in der Stadt, so gut es ging von milden Gaben und zufälliger Unterstützung, dabei war er aber von großem Verstande und wußte in allen Wissenschaften Bescheid. >Mein Platz ist nicht hier,< sagte er selber von sich, >mein Platz wäre an der Universität, Professor müßt' ich in der Hauptstadt sein, hier aber bin ich im Schmutz versunken und meine Kleider selbst haben Abscheu vor mir.< Maxim Iwanowitsch aber setzte sich somit hin und schreit den Knaben an: >Bewege dich!< -- Der Knabe aber wagt kaum vor ihm zu atmen. Und es kam so weit, daß der Knabe, sobald er nur seine Stimme hörte, schon zu zittern anfing. Maxim Iwanowitsch aber wundert sich immer mehr: >Er ist dies nicht und ist das nicht; ich hab' ihn aus dem Schmutz gezogen, in teures Tuch gekleidet, er hat die feinsten Halbstiefelchen an, ein Hemd mit Stickereien, wie einen Generalssohn halte ich ihn, -- weshalb ist er mir nun nicht zugetan? Weshalb schweigt er wie so'n kleiner Wolf?< Und wenn man auch schon längst aufgegeben hatte, sich über Maxim Iwanowitsch noch zu wundern, hiernach fing man doch wieder an sich über ihn zu wundern: der Mensch war gar nicht mehr derselbe; er hing an diesem Knaben, daß er ihn nicht mehr aus den Augen ließ. >Ich will nicht leben, wenn's mir nicht gelingt, diesen Starrsinn in ihm auszurotten! Sein Vater hat mich noch auf dem Sterbebett verflucht, nachdem er schon die heiligen Sakramente empfangen hatte, und diesen Charakter hat er von seinem Vater.< Dabei schlug er ihn nicht ein einziges Mal mit der Rute (seit jenem selben Tage wagte er es nicht mehr). Aber der Knabe war nun einmal eingeschüchtert, das war's! Da bedurfte es gar keiner Rute mehr, er zitterte schon so vor ihm.
Und dann geschah das Unglück. Er war einmal gerade aus dem Zimmer gegangen, da sprang der Knabe von den Büchern fort und stieg auf einen Stuhl: sein Ball war vorher auf ein Eckschränkchen gefallen, und den wollte er herunterholen, aber sein Ärmel blieb an der Lampe hängen; und auf einmal fiel die Lampe um, fiel krachend zu Boden und zerschlug in tausend Stücke, daß es im ganzen Hause zu hören war. Es war eine kostbare Lampe: sächsisches Porzellan. Und das hörte nun Maxim Iwanowitsch aus dem dritten Zimmer, und wie er's hörte, brüllte er los. Der Knabe lief vor Entsetzen davon, ohne zu sehen, wohin, lief auf die Terrasse hinaus und in den Garten und durch ein kleines Pförtchen geradeswegs zum Fluß. Dort am Flußufer aber führt eine Straße entlang mit alten Weidenbäumen -- eine hübsche Stelle. Er lief bis dicht ans Ufer, die Menschen sahen es, und wie er das Wasser erblickte, fuhr er zusammen, blieb stehen vor Schreck und stand wie angewurzelt. Das war gerade an der Stelle, wo die Fähre anlegt. Der Fluß ist dort breit und reißend. Frachtkähne ziehen vorüber. Auf dem anderen Flußufer sind Läden, ein großer Platz und eine Kirche mit goldenen glänzenden Kuppeln. Und da kam gerade die Frau des Obersten Fersing mit ihrem Töchterchen zur Fähre, -- ein Regiment Infanterie stand in der Stadt. Das kleine Fräulein war auch erst so ein Kindchen von acht Jahren, in einem weißen Kleidchen; und es sieht den Knaben an und lacht, und in der Hand hat es so ein kleines Weidenkörbchen, wie die Bauern sie anfertigen, und in dem Körbchen ist ein Igel. >Sehen Sie, Mamachen,< sagt sie, >sehen Sie, wie dieser Knabe meinen Igel ansieht.< -- >Nein,< sagt die Frau Oberst, >er scheint nur erschrocken zu sein, -- was hat dich denn so erschreckt, mein Junge?< fragt sie ihn (so wurde das später alles erzählt von denen, die es gehört hatten). >Wie nett er aussieht, und wie gut er gekleidet ist, -- wer bist du denn, mein Junge?< fragte sie ihn. Er aber hatte noch nie einen Igel gesehen; da trat er näher, um das Tierchen zu sehen, und schon vergaß er alles andere -- man weiß ja, wie Kinder sind! >Was ist das da,< fragt er, >was ist das, was Sie da haben?< -- >Das ist unser Igelchen,< sagt das kleine Mädchen, >wir haben ihn vorhin von einem Bauern gekauft, der hat ihn im Walde gefunden.< -- >Was ist das für ein Igel?< fragt der Knabe, und schon lacht er und rührt ihn mit dem Fingerchen an, und der Igel faucht und sträubt seine Stacheln, das Mädchen aber freut sich über den Knaben. >Wir werden ihn nach Haus bringen,< sagt sie, >und ihn ganz zahm machen.< -- >Ach,< sagt der Knabe, >schenken Sie ihn mir, den Igel!< Und er bat so rührend, aber kaum hatte er das gesagt, da erscholl auf einmal Maxim Iwanowitschs Stimme vom Gartenpförtchen oben: >Ha! Da bist du! Haltet ihn!< (Er war so aufgebracht, daß er ihm ohne Mütze vom Hause aus nachgelaufen war.) Da fiel dem Knaben plötzlich alles wieder ein, er schrie auf und stürzte zum Wasser, preßte seine beiden kleinen Fäuste an die Brust, sah hinauf zum Himmel (das hat man gesehen, viele haben es gesehen!) -- und plötzlich warf er sich in den Fluß! Alles schrie auf, von der Fähre sprang man ihm nach und versuchte, ihn herauszuziehen, aber die Strömung trug ihn fort: der Fluß ist reißend. Und als man ihn dann endlich herausgezogen hatte, war er schon ertrunken -- war tot. Er hatte ja immer schon eine schwache Brust gehabt, da hatte er das Wasser nicht vertragen, und wieviel ist denn auch nötig für so einen? Aber soweit die Menschen dort zurückdenken konnten, entsannen sie sich nicht, daß jemals ein so kleines Kind sich selbst umgebracht hätte! So eine Sünde! Was kann denn wohl so eine kleine Seele Gott dem Herrn in jener Welt antworten? Über diese selbe Sache begann Maxim Iwanowitsch nun nachzudenken. Und der ganze Mensch veränderte sich so, daß man ihn nicht wiedererkennen konnte. Er war schon sehr traurig. Er fing wohl zu trinken an, trank viel, aber dann ließ er es, -- es half nicht. Er fuhr auch nicht mehr nach der Fabrik und hörte überhaupt nicht mehr darauf, was man zu ihm sprach. Sagt man ihm etwas -- er schweigt oder winkt nur mit der Hand ab. So verbrachte er fast zwei Monate und dann begann er mit sich selber zu sprechen: er ging ganz allein umher und sprach mit sich. In der Nähe der Stadt brannte das Dörfchen Wasskowo ab, neun Häuser brannten nieder. Maxim Iwanowitsch fuhr hin, um sich das anzusehen. Die Abgebrannten umringten ihn, weinten und klagten, -- da versprach er, ihnen zu helfen und traf auch die Anordnungen. Aber dann ließ er den Verwalter rufen und widerrief alle Anordnungen: >Es ist nichts nötig,< sagt er, >es wird ihnen nichts gegeben,< und sagt nicht einmal, weshalb. >Gott hat mich zum Niedertreten der Menschen bestimmt,< sagt er, >und wenn ich schon mal ein Ungeheuer sein soll, dann mag es also sein. Wie der Wind,< sagt er, >hat sich mein Ruf in der Welt verbreitet.< Schließlich kam der Archimandrit in eigener Person zu ihm gefahren; der war ein strenger Greis, hatte im Kloster das gemeinschaftliche Leben eingeführt. >Was ist das mit dir?< fragt er ihn so ganz streng. >Das ist mit mir,< sagt Maxim Iwanowitsch und schlägt vor ihm die Bibel auf und zeigt die Stelle:
>Wer aber ärgert dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt, und er ersäuft würde im Meer, da es am tiefsten ist.< (Matth. 18, 6.)
>Ja,< sagte der Archimandrit, >wenn das auch nicht ganz auf diesen Fall paßt, so kommt es doch nahe heran. Wehe, wenn ein Mensch sein Maß verliert -- dann ist er verloren. Und deine Überhebung hat auch keine Grenzen mehr gekannt.<
Maxim Iwanowitsch saß da wie erstarrt. Der Archimandrit sah ihn lange an.
>Höre mich,< sagt er schließlich, >und merke dir, was ich dir sagen werde. Es steht geschrieben: »Die Worte des Verzweifelten verweht der Wind.« Und vergiß nicht, daß auch die Engel Gottes unvollkommen sind, vollkommen aber und sündlos ist nur unser Herr Jesus Christus, dem die Engel deshalb auch dienen. Du aber wolltest doch nicht den Tod dieses Knaben, du warst nur unbesonnen. Und noch eines,< sagt er, >ist mir wunderlich: du hast doch noch viel größere Schandtaten begangen, hast doch nicht wenig Menschen ins Verderben gebracht, hast doch nicht wenige verführt und zugrunde gerichtet -- so gut wie durch Mord? Und sind nicht alle vier Schwesterchen dieses Knaben fast unter deinen Augen gestorben, und das hast du doch ruhig geschehen lassen? Weshalb hat dich nun der Tod dieses einzelnen Knaben auf einmal so erschüttert? Alle anderen hast du doch nicht nur nicht bedauert, sondern hast, denke ich, nicht einmal an sie gedacht oder schon längst an sie zu denken vergessen. Weshalb ängstigt dich nun dieser Knabe so, an dessen Tod du noch nicht einmal so große Schuld trägst?<
>Er erscheint mir im Traum,< sagte Maxim Iwanowitsch.
>Und?<
Aber Maxim Iwanowitsch sagte nichts weiter, er sitzt und schweigt. Da wunderte sich der Archimandrit, aber er erfuhr nichts und mußte ihn auch so verlassen: Da war nichts weiter zu machen.
Maxim Iwanowitsch aber schickte nach dem Lehrer des Knaben, dem Pjotr Stepanowitsch; seit jenem Geschehnis damals hatten sie sich nicht mehr gesehen.
>Weißt du noch?< fragt er.
>Ich weiß noch,< sagt jener.
>Du,< sagte er, >du hast hier für das Wirtshaus mit Ölfarbe Bilder gepinselt und hast auch von dem Porträt des Bischofs eine Kopie gemacht. Kannst du mir nun auch mit Ölfarbe ein Bild fertigmalen?<
>Ich,< sagt er, >ich kann alles; ich,< sagt er, >ich hab' alle Talente und kann alles!<
>Also dann mal' du mir ein Bild, so groß wie die ganze Wand, und mal' mir drauf ganz zuerst den Fluß und das Ufer und die Fähre; und mal' mir auch alle Menschen, die damals dort waren, auf das Bild. Und daß auch die Frau Oberst und ihre Tochter auf dem Bilde zu sehen sind, und auch der Igel. Und das ganze andere Ufer malst du mir auch drauf, damit man es ganz so sieht, wie es ist: die Kirche und den großen Platz und die Läden und die Droschken an der Haltestelle, -- alles, wie es ist, malst du mir auf das Bild, verstanden? Und nun in der Mitte vor dem Fluß, an der Anlegestelle der Fähre, malst du mir den Knaben, gerade dort, wo er stand, und unbedingt so, wie er die beiden kleinen Fäuste an sich drückt, gerade so an beide Brustwarzen. Das vergiß du mir nicht. Und vor ihm, gerade ihm gegenüber, also über der Kirche auf dem anderen Ufer, machst du den Himmel auf, und von dort läßt du alle Engel in himmlischem Licht herabschweben, die ihm entgegenkommen, um ihn aufzunehmen. Kannst du mir das malen oder ist das zuviel verlangt?<
>Ich kann alles,< sagt Pjotr Stepanowitsch.
>Du brauchst nicht zu glauben, daß ich nur so einen Peter wie du dazu brauche, ich könnte mir auch den allerersten Maler aus Moskau verschreiben oder aus der Stadt London sogar, wenn ich will, aber du -- du hast ihn gesehen, du weißt, wie er aussah. Wenn du ihn mir aber nicht ähnlich malst oder nur wenig ähnlich, so kriegst du nur fünfzig Rubel, wenn er aber ganz ähnlich ist, so geb' ich dir zweihundert Rubel. Weißt du noch -- blaue Augen hatte er ... Und das Bild muß so groß sein wie nur irgend möglich!<
Die Vorbereitungen wurden getroffen; Pjotr Stepanowitsch machte sich an die Arbeit, aber auf einmal kommt er wieder zu Maxim Iwanowitsch.
>Nein,< sagt er, >so geht das nicht.<
>Warum nicht?<
>Weil diese Sünde, der Selbstmord, die größte aller Sünden ist. Wie können ihn nach einer solchen Sünde noch die Engel im Himmel empfangen? Das geht nicht.<
>Aber er war doch noch ein Kind, ihm kann's doch noch nicht angerechnet werden!< sagt Maxim Iwanowitsch.
>Nein, er war kein Kind mehr! er war schon ein Knabe von acht Jahren, als dies geschah. Immerhin wird er sich verantworten müssen.<
Da erschrak Maxim Iwanowitsch noch mehr.
>Ich aber hab' mir das so ausgedacht,< sagt Pjotr Stepanowitsch, >den Himmel da so großartig zu öffnen und Engel ihm entgegenfliegen zu lassen -- das ist überflüssig; statt dessen werd' ich vom Himmel nur so einen hellen Strahl fallen lassen, der ihm sozusagen entgegenkommt: das wäre dann immerhin etwas.<
Und so ließen sie denn so einen Strahl fallen. Ich hab' später selber dies Bild gesehen, und da war auch wirklich der Strahl und der Fluß -- über die ganze Wand hatte er ihn ausgereckt, ganz blau, und auch der kleine Knabe war da zu sehen, und er drückte auch richtig beide Fäustchen so an die Brust, und auch das kleine Fräulein war da und der Igel -- alles hatte er fertiggebracht. Nur zeigte Maxim Iwanowitsch damals keinem Menschen das Bild, sondern schloß die Tür seines Arbeitszimmers zu, und so blieb es vor allen Augen verborgen. In der Stadt aber war man mächtig neugierig, und alles strömte hin, um das Bild zu sehen, er aber ließ alle fortjagen. Darüber war dann ein großes Gerede in der Stadt. Der Pjotr Stepanowitsch aber, der war danach ganz furchtbar stolz. >Ich,< sagt er, >ich kann alles! Ich,< sagt er, >ich gehöre nach St. Petersburg an den Kaiserlichen Hof!< Ein guter Mensch war er, aber überheben tat er sich damals schon gar zu sehr. Und so ereilte ihn das Schicksal: nachdem er die ganzen zweihundert Rubel erhalten hatte, betrank er sich gleich und zeigte allen sein Geld und prahlte unmäßig; und in derselben Nacht, als er ganz betrunken war, erschlug ihn ein Kleinbürger aus der Stadt, mit dem er zusammen getrunken hatte, und raubte ihm das Geld; doch kam das alles schon am nächsten Morgen an den Tag.
Die Sache aber mit Maxim Iwanowitsch endete so, daß man dort noch heutigestags davon spricht. Auf einmal kommt Maxim Iwanowitsch wieder bei jener Witwe angefahren: sie hatte sich ganz am Rande der Stadt in der Hütte einer Kleinbürgerin eingemietet. Diesmal aber stieg er aus und ging hinein, trat vor sie hin und verneigte sich tief vor ihr. Sie aber war seit jenem selben Unglück ganz krank und konnte sich kaum bewegen. >Mütterchen,< rief er, >ehrsame Witwe, heirate mich Ungeheuer, mach' es mir wieder möglich, auf Erden zu leben!< Die aber sieht ihn an und ist ganz starr vor Entsetzen. >Ich will,< sagt er, >daß uns beiden ein Knabe geboren werde, und wenn uns einer geboren wird, dann hat der Tote uns verziehen: dir und mir verziehen. So hat er mir im Traum gesagt.< Sie sieht, der Mensch ist nicht bei voller Vernunft, sieht, daß er außer sich ist, aber sie konnte doch nicht an sich halten und sagte:
>Das ist doch alles nur leeres Geschwätz und nichts als Kleinmut,< sagt sie. >Durch denselben Kleinmut habe ich alle meine Kinderchen verloren. Ich will Euch nicht einmal vor meinen Augen sehen, -- wie sollte ich da noch diese ewige Qual auf mich nehmen!<
Maxim Iwanowitsch fuhr nach Haus, aber von seiner Werbung ließ er nicht ab. Die ganze Stadt geriet in Aufregung ob solchen Wunders. Maxim Iwanowitsch schickte nun Brautwerber zu ihr. Aus einem abgelegenen Bezirk des Gouvernements rief er brieflich zwei Tanten herbei, beide waren sie Kleinbürgerinnen. Ob es nun gerade Tanten waren oder nicht, immerhin waren sie mit ihm verwandt, und somit war's immerhin eine Ehre: die fingen nun an, auf sie einzureden, sie zu umschmeicheln, und wichen gar nicht mehr von ihrer Seite. Er schickte aber auch andere aus der Stadt und aus der Kaufmannschaft hin, sogar die Frau des Oberpopen ging zu ihr, und auch Beamtenfrauen suchten sie auf. Die ganze Stadt redete auf sie ein, sie aber antwortet sogar mit Verachtung: >Wenn meine armen Kinder dadurch wieder lebendig würden, aber wozu soll ich das so? Und was für eine Schuld würde ich mir damit vor meinen Kindern aufladen!< Maxim Iwanowitsch aber wußte selbst den Archimandriten für sich zu gewinnen, auch der sprach dann ein Wort für ihn: >Du könntest,< sagt er, >einen neuen Menschen in ihm erwecken.< Da erschrak sie. Die Menschen aber wunderten sich und konnten sie nicht verstehen. >Wie ist das nur möglich, daß sie ein solches Glück zurückweist!< Endlich aber fand er etwas, womit er sie doch besiegte: >Er ist doch ein Selbstmörder,< sagte er, >er war nicht mehr ein Kind, und seinem Alter nach könnte man ihn nach dieser Sünde nicht mehr ohne weiteres zum Heiligen Abendmahl zulassen, denn ihn trifft doch schon die Verantwortung für seine Tat. Wenn du mich nun heiratest, so gelobe ich, einzig zum Gedächtnis seiner Seele eine neue Kirche zu erbauen.< Dem konnte sie nicht widerstehen, und da willigte sie denn ein. So wurden sie schließlich getraut.
Und es kam so, daß alle sich mächtig wunderten. Sie lebten vom ersten Tage an in großer und ungeheuchelter Eintracht und nahmen es mit ihren Ehepflichten sehr genau und waren wie eine Seele in zwei Leibern. Noch in demselben Winter wurde sie schwanger, und sie besuchten beide sehr viele Gotteshäuser, da sie den Zorn Gottes fürchteten. Drei Klöster suchten sie auf und beteten inbrünstig und hörten die Prophezeiungen. Er aber ließ getreu seinem Gelöbnis die Kirche erbauen und außerdem noch in der Stadt ein Kranken- und ein Armenhaus, und für Witwen und Waisen stiftete er eine große Summe Geldes. Und er entsann sich aller, die er einmal übervorteilt hatte, und machte es wieder gut. Geld gab er eine Unmenge aus, so daß schließlich seine Frau und selbst der Archimandrit ihn davon zurückhielten und sagten: >Nun hast du schon übergenug gegeben.< Da besann sich Maxim Iwanowitsch ein wenig. >Ich hab' aber dem Foma,< sagt er, >zu wenig ausgezahlt.< Nun, Foma wurde gerufen, und es wurde ihm sofort alles ausgezahlt. Dem Foma aber kommen darüber die Tränen. >Ich,< sagt er, >ich war's ja auch so zufrieden ... Ich bin schon ohnedem Dank schuldig und werde ewig für Euch zu Gott beten.< So waren denn alle, wie man sieht, ganz ergriffen dadurch, und es zeigte sich, daß man die Wahrheit spricht, wenn man sagt: Durch gutes Beispiel lebt der Mensch. Und die Menschen sind dort ein gutherziges Volk.
Die Fabrik begann nun die Frau selber zu leiten, und auf eine Weise, daß man noch heute davon spricht. Zu trinken hörte er wohl nicht auf, aber die Frau ließ ihn dann nicht aus den Augen, und allmählich versuchte sie, ihn davon abzubringen. Seine Rede wurde ehrbar und sogar seine Stimme veränderte sich. Mit allen hatte er jetzt Mitleid, sogar mit Tieren: einmal sah er aus dem Fenster, wie ein Bauer sein Pferd ganz unmenschlich schlug, und sofort schickte er hinaus und kaufte von ihm das Pferd für den doppelten Preis. Und ihm ward auch die Gabe der Tränen zuteil: sein Herz war leicht zu erweichen und er war schnell gerührt. Und als ihre Zeit kam, da erhörte der Herr ihre Gebete und schenkte ihnen einen Sohn; da wurde Maxim Iwanowitsch zum erstenmal seit jener Zeit wieder heiter; er verteilte viel Geld unter die Armen, erließ viele Schulden und lud fast die ganze Stadt zur Taufe ein. Und die ganze Stadt feierte denn auch die Taufe mit, aber am folgenden Morgen kam er aus seinem Zimmer, finster wie die Nacht. Die Frau sah ihm an, daß etwas mit ihm geschehen war, und somit brachte sie den Neugeborenen zu ihm. >Sieh,< sagt sie, >der Knabe hat uns verziehen, er hat unsere Tränen und Gebete um ihn gehört.< Sie hatten das ganze Jahr kein Wort davon gesprochen, sondern beide nur im stillen daran gedacht. Maxim Iwanowitsch aber sah sie düster an. >Warte,< sagt er, >das ganze Jahr ist er nicht gekommen, heut nacht aber ist er mir wieder im Traum erschienen.< -- >Da drang das Entsetzen zum erstenmal auch in mein Herz, nach diesen schrecklichen Worten,< hat sie dann später erzählt. Und nicht grundlos war ihr Entsetzen gewesen. Kaum hatte Maxim Iwanowitsch dies ausgesprochen, da geschah etwas mit dem Neugeborenen: er erkrankte plötzlich. Acht Tage lang war das Kindchen krank; man betete unermüdlich und rief alle Ärzte herbei, auch aus Moskau kam ein sehr berühmter Arzt, den sie gerufen hatten, mit der Eisenbahn angefahren. Er besah sich das Kindchen und wurde böse: >Ich,< sagt er, >bin der allererste Arzt, ganz Moskau wartet auf mich.< Er verschrieb dann irgendwelche Tropfen und fuhr eilig wieder zurück. Achthundert Rubel nahm er mit. Das Kindchen aber starb noch am selben Abend.
Und was geschah danach? Maxim Iwanowitsch verschrieb seinen ganzen Besitz seiner lieben Frau, übergab ihr sein ganzes Vermögen und alle Papiere, ließ auch alles gesetzlich bestätigen; und dann trat er vor sie hin, verneigte sich vor ihr bis zur Erde und sagte: >Gib mich frei, meine unschätzbare Gattin, laß mich meine Seele erretten, solange es noch möglich ist. Und wenn ich auch vergeblich um den Frieden meiner Seele ringen sollte, zurückkehren werde ich doch nicht mehr. Wohl bin ich hart und grausam gewesen und habe manchen Menschen schwer heimgesucht, aber ich glaube dennoch, daß um des Leides und der Pilgerschaft willen Gott der Herr mir manches erlassen wird, denn es ist kein kleines Kreuz und kein geringes Leid, alles zu verlassen, woran das Herz hängt.< Seine Frau aber bat ihn und flehte mit vielen Tränen: >Du bist der einzige, den ich jetzt auf Erden noch habe, wo bleibe ich, wenn du mich verläßt? Ich habe,< sagt sie, >in diesem Jahr viel Liebe für dich in meinem Herzen gefunden!< Und die ganze Stadt redete ihm einen Monat lang zu und bat ihn im guten und wollte ihn schließlich mit Gewalt zurückhalten. Er aber hörte nicht darauf, und in einer Nacht ging er heimlich davon und kehrte nicht mehr zurück. Wie man hört, kämpft er noch heute auf Pilgerfahrten und in Geduld. Seiner lieben Frau aber schickt er in jedem Jahr einmal Kunde von sich ...«
Viertes Kapitel.
I.
Ich komme jetzt zu der Schlußkatastrophe, deren Erzählung meine Aufzeichnungen abschließen soll. Doch um weitererzählen zu können, muß ich zunächst vorgreifen und etwas erklären, wovon ich damals noch nichts ahnte; erst viel später habe ich davon erfahren und mir das Ganze dann auch klargemacht, das heißt, als alles schon geschehen war. Diese vorgreifende Erklärung ist unbedingt erforderlich, denn sonst würde das Folgende für den Leser gar zu lange unverständlich sein. Deshalb will ich denn eine ganz einfache und sachliche Darstellung der Zusammenhänge und Beweggründe gewisser Personen hier einflechten, obgleich ich damit die sogenannte künstlerische Einheitlichkeit aufhebe, und will so schreiben, als ob gar nicht ich dies schriebe, also ganz ohne innere Anteilnahme, ungefähr wie ein kurzer Bericht in der Zeitung geschrieben wird.
Die Sache war die, daß mein Schulfreund Lambert durchaus und ohne weiteres zu jenen ekelhaften kleinen Spitzbuben gehörte, die sich zu ganzen Banden zusammentun und dann eine Tätigkeit beginnen, die man neuerdings anstatt Erpressung »Chantage« nennt, und für die man in den Gesetzbüchern vorläufig noch nach einer Bezeichnung und Strafe sucht.
Die Bande, in der Lambert mitwirkte, hatte sich in Moskau gebildet und dort auch schon eine ganze Reihe von Gemeinheiten ausgeführt (in der Folge ist ihre Tätigkeit zum Teil aufgedeckt worden). Später hörte ich, daß sie in Moskau längere Zeit einen sehr erfahrenen und keineswegs dummen Anführer gehabt hatte, einen schon älteren Mann. Ihre Unternehmungen führte sie je nach den Umständen aus: bald wirkten sie alle zusammen mit, bald ging nur ein Teil der Bande vor. Außer den schmutzigsten und ganz unbeschreibbaren Bubenstreichen (von denen, nebenbei bemerkt, schon manches in die Zeitungen gekommen war) führten sie auch ziemlich verzwickte und schlaue Unternehmungen aus, natürlich immer nach den Anordnungen ihres Anführers. Einige dieser Streiche hat man mir nachher erzählt, doch ich mag mich darüber nicht weiter verbreiten. Erwähnt sei hier nur, daß ihr Vorgehen im allgemeinen darin bestand, daß sie irgendwelche Geheimnisse aus dem Privatleben von oft durchaus ehrenwerten und hochstehenden Leuten auszukundschaften suchten; war ihnen das gelungen, so erschienen sie bei dem Betreffenden und drohten mit der Veröffentlichung der Sache (oft ohne überhaupt irgendwelche Beweise in Händen zu haben), und für ihr Schweigen forderten sie Geld. Nun gibt es gewiß Dinge, die nicht einmal eine Sünde und auch kein Verbrechen sind, deren Veröffentlichung aber selbst einen anständigen und standhaften Menschen erschrecken kann. Diese Bande aber hatte es hauptsächlich auf Familiengeheimnisse abgesehen. Um zu zeigen, wie schlau ihr Anführer vorzugehen pflegte, will ich in ein paar Worten und ohne alle Einzelheiten nur eins von ihren Stückchen als Beispiel erzählen. In einer durchaus ehrenwerten und angesehenen Familie war es zu einem nicht nur sündhaften, sondern sogar verbrecherischen Vergehen gekommen: die Frau eines bekannten und sehr geachteten Mannes hatte mit einem reichen jungen Offizier ein Liebesverhältnis angefangen. Das hatte die Bande irgendwie erfahren, und nun ging sie folgendermaßen vor: sie teilte dem jungen Offizier einfach mit, daß sie den betrogenen Ehemann benachrichtigen werde. Beweise hatte man zwar nicht, und das wußte der junge Offizier, aber das verhehlte man ihm auch gar nicht; doch die ganze Schlauheit ihrer Berechnung lag in diesem Fall eben in der richtigen Voraussicht, daß der benachrichtigte Gatte auch ohne Beweise genau so vorgehen würde, wie wenn er die sichersten Beweise in Händen hielte. Sie verließen sich hierbei auf ihre Kenntnis des Charakters dieses Menschen und auf ihre Kenntnis seiner Familienverhältnisse. Zu dieser Bande gehörte nämlich auch ein junger Mensch aus den besten Kreisen, und das war sehr wichtig für sie; denn ebendieser war es, der ihnen die Geheimnisse zutrug. Von jenem reichen Offizier erpreßten sie auf diese Weise eine recht stattliche Summe -- ohne sich dabei der geringsten Gefahr auszusetzen, da ja ihrem Opfer selbst alles daran gelegen war, daß die Sache geheim blieb.
Lambert war an den Streichen dieser Moskauer Bande, wie gesagt, auch beteiligt gewesen, hatte aber nicht eigentlich zu ihr gehört; doch da er alsbald Geschmack daran gewonnen hatte, hatte er allmählich auf eigene Faust dasselbe Treiben begonnen. Eines möchte ich hier gleich bemerken: sehr befähigt war er zu solchen Unternehmungen nicht. Freilich war er durchaus nicht dumm und sogar sehr berechnend; aber er war doch zu unvorsichtig und außerdem zu gutgläubig, oder richtiger gesagt, zu naiv, das heißt, er kannte weder die Menschen noch die Gesellschaft. Zum Beispiel schien er die Bedeutung jenes Anführers der Moskauer Bande gar nicht zu verstehen, schien vielmehr anzunehmen, daß das Gründen und Leiten einer solcher Bande sehr leicht sei. Und schließlich hielt er fast alle Menschen für genau solche Schufte, wie er selbst einer war. Oder wenn er, zum Beispiel, einmal angenommen hatte, der und der Mensch fürchte sich oder müsse sich aus dem und dem Grunde vor irgend etwas fürchten, dann zweifelte er überhaupt nicht mehr daran, sondern war davon gleich und ein für allemal wie von einem Axiom überzeugt. Ich verstehe vielleicht nicht, mich richtig auszudrücken, aber im weiteren Verlauf meiner Erzählung wird schon die Wiedergabe meiner Erlebnisse alles erklären. Jedenfalls war er, meiner Ansicht nach, ein ziemlich niedrigstehender Mensch, der an gute, edlere Gefühle nicht nur nicht glaubte, sondern von manchen dieser Gefühle vielleicht überhaupt keine Vorstellung hatte.
Nach Petersburg war er gekommen, weil er an Petersburg schon lange als an ein viel größeres und dankbareres Feld für seine Unternehmungslust gedacht hatte, und überdies war in Moskau bei irgendeiner Gelegenheit eine seiner Machenschaften an den Tag gekommen, weshalb dort ein gewisser Herr nun ihm selbst mit den schlimmsten Absichten nachzuspionieren angefangen hatte. In Petersburg eingetroffen, war er sogleich zu einem früheren Spießgesellen in Beziehung getreten, doch statt der erträumten goldenen Ernte hatte er nur ein sehr mageres, nicht viel versprechendes Betätigungsfeld und nur »unbedeutende Fälle« gefunden. Sein Bekanntenkreis vergrößerte sich dann nach und nach, aber es kam für ihn doch nichts zustande. »Die Leute sind ja hier überhaupt nichts wert, das sind ja lauter Grünschnäbel,« sagte er später selbst zu mir. Und da, eines Morgens, stößt er in der fahlen Dämmerung auf einen Halberfrorenen an einer Hofmauer und kommt durch ihn ohne weiteres auf die Spur einer, seiner Meinung nach, »glänzenden Sache«!
Diese »glänzende Sache« erfuhr er eben damals aus meinem zusammenhangslosen Gestammel, als ich bei ihm sozusagen auftaute. Oh, ich weiß, ich sprach damals im Fieberdelirium! Aber aus meinen Worten ging immerhin klar hervor, daß von allen Beleidigungen jenes verhängnisvollen Tages die Kränkung, die mir durch Bjoring und sie zuteil geworden war, sich mir am tiefsten ins Herz geprägt hatte: anderenfalls hätte ich doch nicht nur davon bei Lambert phantasiert, sondern wohl auch von Serschtschikoff; das aber war nicht geschehen, wie ich nachher von Lambert selbst erfuhr. Und dabei hatte ich doch an jenem schrecklichen Morgen in Lambert und Alphonsina geradezu meine Befreier und Erretter gesehen! Wenn ich später während meiner Genesung, noch im Bett liegend, zu überlegen gesucht hatte, wieviel Lambert von meinem Gerede verstanden oder wieviel ich ihm wohl verraten haben konnte, war mir nicht ein einziges Mal auch nur der Verdacht gekommen, daß es immerhin so viel sein könnte! Freilich, nach meinen Gewissensbissen zu urteilen, werde ich selbst damals schon gefühlt haben, daß ich wohl viel Überflüssiges geschwätzt hatte, aber wie hätte ich ahnen können, daß es so viel war! Auch hoffte ich, und ich tröstete mich damit, daß ich in meinem damaligen Zustande wohl kaum ein Wort verständlich ausgesprochen haben konnte, wessen ich mich noch genau zu erinnern glaubte; doch wie es sich nachher erwies, war mein Gestammel viel verständlicher gewesen, als ich angenommen und gehofft hatte. Aber das schlimmste war doch, daß ich alles dies erst nachträglich und viel später erfuhr, und eben das wurde mein Verhängnis.
Aus meinem Gestammel, Gefasel und Überschwang hatte Lambert Folgendes entnommen, vielmehr erfahren: erstens, fast alle Namen und sogar einige Adressen; zweitens hatte er sich sofort eine ungefähre Vorstellung von der Bedeutung und gesellschaftlichen Stellung der betreffenden Personen machen können (so zum Beispiel von der des alten Fürsten, von ihr, Bjoring, Anna Andrejewna und sogar von Werssiloff); drittens hatte er erfahren, daß ich beleidigt worden war und mich rächen wollte; und viertens, das Allerwichtigste: daß es ein geheimes, verborgenes Dokument gab, einen Brief, der, wenn man ihn dem alten Fürsten zeigte und dieser aus dem Brief erführe, daß seine Tochter, sein einziges Kind, ihn für verrückt hielt und schon an einen Juristen wegen seiner Entmündigung geschrieben hatte, -- daß der alte Fürst über diesen Brief entweder den Verstand verlieren oder vor lauter Empörung seine Tochter aus dem Hause jagen und enterben würde, um dann ein Fräulein Werssiloff zu heiraten, was er schon jetzt unbedingt wollte, doch was man ihm vorläufig noch nicht erlaubte. Mit einem Wort, Lambert hatte sehr, sehr viel erfahren; natürlich war manches dunkel für ihn geblieben, aber immerhin hatte er als gerissener Erpresser die Möglichkeiten sofort überschaut. Nachdem ich von Alphonsina unvorhergesehenerweise fortgelaufen war, hatte er sich sofort meine Adresse verschafft (ganz einfach durch das Adreßbureau) und Nachforschungen angestellt, die ihm die Bestätigung gebracht hatten, daß es alle die Personen, deren Namen von mir im Fieber genannt worden waren, tatsächlich gab. Und daraufhin hatte er dann ungesäumt den ersten Schritt getan.
Die wichtigsten Tatsachen waren für ihn, daß es da ein gewisses Dokument gab, daß dieses Dokument sich in meinem Besitz befand, und daß es einen hohen Wert hatte; an letzterem zweifelte Lambert keinen Augenblick. Nun möchte ich aber einen Umstand vorläufig verschweigen, da seine spätere Mitteilung angebrachter sein dürfte; es genügt, wenn ich hier nur erwähne, daß gerade dieser Umstand Lambert von dem Vorhandensein des Dokuments und dem großen Wert desselben überzeugt hatte. Ich schicke voraus, daß es ein verhängnisvoller Umstand war, von dem ich mir nicht nur damals nichts träumen ließ, sondern auch die ganze Zeit über nicht -- bis zum letzten Augenblick, als plötzlich alles einstürzte und sich von selbst aufdeckte. Und so war denn, da er sich in der Hauptsache sicher glaubte, der erste Schritt, den er tat, daß er zu Anna Andrejewna fuhr.
Für mich ist es auch heute noch ein Rätsel, wie Lambert es fertiggebracht hat, sich an eine so unnahbare und vornehme Dame wie Anna Andrejewna heranzumachen und sich in seiner Rolle sogar zu behaupten! Freilich hatte er Erkundigungen eingezogen, aber was will das besagen? Und wenn er auch tadellos angezogen war, wie ein Pariser sprach und einen französischen Namen trug, so ist es doch nicht gut möglich, daß Anna Andrejewna nicht sofort den Spitzbuben in ihm erkannt hat! Oder soll man annehmen, daß sie gerade damals einen Spitzbuben brauchte? Sollte es sich wirklich so verhalten?
Die Einzelheiten ihrer ersten Begegnung habe ich niemals erfahren können, aber ich habe mir später oft genug diese Szene vorzustellen versucht. Wahrscheinlich hat Lambert sich vom ersten Wort und von der ersten Gebärde an als meinen Jugendfreund aufgespielt, der für seinen lieben und einzigen Freund zitterte. Nun, und dann wird er wohl schon bei diesem ersten Zusammentreffen zu verstehen gegeben haben, daß ich ein »Dokument« besäße, daß dies ein Geheimnis sei, daß er allein um dieses Geheimnis wisse, daß ich mich mittels dieses Dokuments an der Generalin Achmakoff zu rächen beabsichtige usw. Vor allen Dingen wird er ihr wohl die Bedeutung und den Wert dieses Dokuments klargemacht haben. Anna Andrejewna aber befand sich gerade damals in einer so verzwickten Lage, daß sie einfach nicht anders konnte, als sich an eine Rettungsmöglichkeit klammern. So mußte sie eben diese Neuigkeit aufmerksam anhören und ... auf diesen Köder anbeißen, wenn sie in ihrem »Kampf ums Dasein« nicht unterliegen wollte. Man hatte ihr ja gerade damals den Bräutigam nach Zarskoje Sselo entführt, hatte ihn fast unter Vormundschaft gestellt, und auch sie selbst stand seitdem gewissermaßen unter Vormundschaft. Und nun plötzlich so ein Fund! Das war etwas anderes als heimliches Weibergeschwätz, war nicht bloß Gejammer und Geklatsch, war nicht Tränen und Klagen, sondern war ein Brief, ein Schriftstück, war ein tatsächlicher Beweis für die Hinterlist seiner lieben Tochter und aller derer, die ihr, Anna Andrejewna, den Bräutigam entreißen wollten: dieser schlagende Beweis würde ihn doch zu der Einsicht bringen, daß er sich retten mußte, und wäre es durch Flucht! sich retten zu ihr, zu ihr allein, zu Anna Andrejewna, und sich mit ihr trauen lassen, womöglich binnen vierundzwanzig Stunden, -- wenn er von den anderen nicht geholt und in eine Irrenanstalt gesteckt werden wollte!
Aber vielleicht ist Lambert auch ganz offen vorgegangen und hat sich dieser jungen Dame gegenüber überhaupt nicht verstellt, sondern einfach von vornherein gesagt: »Mademoiselle, Sie müssen sich entscheiden, was Sie werden wollen: eine alte Jungfer oder eine Fürstin und Millionärin. Es gibt da ein Dokument, ich werde es dem Jüngling entwenden und Ihnen ausliefern ... gegen einen Wechsel von Ihnen über dreißigtausend Rubel.« Ich glaube sogar, daß er wirklich gerade so vorgegangen ist. Oh, er hielt ja alle für genau solche Schurken, wie er selbst einer war! Ich sage noch einmal: es war in ihm eine gewisse Schurkennaivität, eine gewisse Schurkenunschuld ... Aber welcher Art sein Vorgehen auch gewesen sein mag, es ist immerhin sehr möglich, daß Anna Andrejewna selbst durch diese Taktik sich nicht einen Augenblick hat verwirren lassen; wahrscheinlich wird sie es sogar vorzüglich verstanden haben, sich zu beherrschen und den Erpresser, dessen Redeweise natürlich seinem Gewerbe entsprach, ruhig bis zu Ende anzuhören -- und alles das aus der »Vorurteilslosigkeit« ihrer »Weitherzigkeit«. Oh, selbstverständlich wird sie zu Anfang ein wenig errötet sein, aber sie wird sich dann schnell zusammengenommen und ihn eben angehört haben. Doch wenn ich mir diese unnahbare, stolze, wirklich achtunggebietende junge Dame, die noch dazu so viel Verstand besitzt, Hand in Hand mit Lambert vorstelle, so ... ja, das ist es ja eben, daß sie so viel Verstand besitzt! Der russische Verstand, besonders einer von solcher Stärke, ist mit Vorliebe gänzlich vorurteilslos, und nun gar ein weiblicher! und noch unter solchen Umständen!
Jetzt fasse ich kurz zusammen:
An dem Tage und zu der Stunde, als ich nach meiner Krankheit zum erstenmal das Haus verließ, hatte Lambert bereits zwei Möglichkeiten ins Auge gefaßt (das weiß ich jetzt ganz genau): die erste Möglichkeit war, von Anna Andrejewna für das Dokument einen Wechsel über mindestens dreißigtausend Rubel zu fordern und ihr dann zu helfen, dem alten Fürsten vor seiner eigenen Tochter und seinem ganzen Anhang angst und bange zu machen, ihn darauf im richtigen Augenblick zu entführen und sie schleunigst mit ihm trauen zu lassen -- kurz, etwas von dieser Art. Es war da schon ein ganzer Plan zusammengestellt; man wartete nur noch auf meine Hilfe, das heißt, auf das Dokument.
Lamberts zweiter Plan war: Anna Andrejewna zu verraten und den Brief nicht an sie, sondern an die Generalin Achmakoff zu verkaufen, wenn das vorteilhafter wäre. Für diesen Fall rechnete er auch auf Bjoring. Aber an die Generalin hatte sich Lambert doch noch nicht herangewagt. Er hatte erst nur spioniert. Auch wartete er noch auf mich.
Oh, er hatte mich sehr nötig, oder vielmehr nicht mich, sondern das Dokument. Was aber mich persönlich betrifft, so hatte er in bezug auf mich auch schon zwei Pläne entworfen. Der erste Plan bestand darin, wenn es nun einmal anders gar nicht ginge, Halbpart mit mir zu machen, doch das natürlich nur dann, wenn er meiner in jeder Beziehung sicher sein konnte. Der zweite Plan aber sagte ihm weit mehr zu und bestand darin, daß er mich wie einen dummen Jungen betrügen wollte, indem er mir das Dokument einfach stahl oder mit Gewalt entwendete. Dieser zweite Plan gefiel ihm ausnehmend, und in seinen Träumen malte er sich gern das Gelingen desselben aus. Ich bemerke hier nochmals: es gab da so einen Umstand, der ihn an dem Gelingen dieses zweiten Planes überhaupt nicht zweifeln ließ, doch, wie gesagt, mitteilen werde ich diesen Umstand erst später. Jedenfalls erwartete er mich mit krampfhafter Ungeduld: alles hing für ihn nur von mir und meinem Verhalten ab, jeder Schritt und jeder Entschluß.
Aber in einer Beziehung muß ich ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen: bis zu meiner Genesung hatte er sich doch im Zaum gehalten, trotz seiner ganzen Ungeduld und einer Veranlagung, die ihn sonst nur schwer eine Sache abwarten ließ. Er war während meiner Krankheit überhaupt nicht zu mir gekommen, ausgenommen das eine Mal, als er mit Werssiloff gesprochen hatte; mich persönlich aber hatte er wohlweislich ganz in Ruhe gelassen, und bis zu meinem Erscheinen bei ihm war von ihm aus nichts geschehen, was sein Interesse irgendwie verraten hätte. Über die Möglichkeit aber, daß ich das Dokument jemandem übergeben oder davon Mitteilung machen oder es vernichten könnte, war er ganz unbesorgt. Aus meinem Gerede damals bei ihm hatte er schon ersehen, wieviel mir selbst an der Geheimhaltung lag, und wie sehr ich fürchtete, daß jemand von diesem Dokument auf irgendeine Weise etwas erfahren könnte. Daß ich aber von allen anderen ihn ganz zuerst aufsuchen würde, daran zweifelte er keinen Augenblick: Darja Onissimowna war ja zum Teil auch auf seine Veranlassung zu mir gekommen, und er wußte, daß nunmehr schon Neugier und Angst in mir geweckt waren, und ich die Ungewißheit nicht lange ertragen würde ... Und außerdem hatte er bereits alle Vorkehrungen getroffen, ja, es war ihm sogar möglich, genau zu erfahren, an welchem Tage ich zum erstenmal das Haus verlassen würde, so daß ich ihm doch nicht entgangen wäre, selbst wenn ich's gewollt hätte.
Aber wenn schon Lambert ungeduldig auf mich wartete, so wartete Anna Andrejewna vielleicht noch viel ungeduldiger auf mich. Ich sage ganz offen: Lambert war teilweise vielleicht im Recht, wenn er sich mehr an seinen zweiten Plan hielt und sie im Stich zu lassen beabsichtigte, da sie schließlich selbst die Veranlassung dazu gab. Denn trotz ihres fraglosen Einverständnisses (ich weiß zwar nicht, in welcher Form sie übereingekommen waren, aber daß sie es waren, daran zweifle ich keinen Augenblick) war Anna Andrejewna doch bis zuletzt nicht ganz aufrichtig gegen ihn. So hatte sie ihm von sich nichts mitgeteilt. Sie hatte ihm nur andeutungsweise zu verstehen gegeben, daß sie mit seinem Plan und allen seinen Bedingungen einverstanden war, -- aber eben auch nur andeutungsweise; sie hatte seinen ganzen Vorschlag sicherlich bis in alle Einzelheiten angehört und ihr Einverständnis wohl nur durch ihr Schweigen ausgedrückt. Ich habe die sichersten Beweise für die Richtigkeit dieser Annahme; und der Grund, weshalb sie sich so verhielt, war wohl, daß sie auf mich wartete. Sie wollte es lieber mit mir zu tun haben, als mit dem Spitzbuben Lambert -- das steht für mich fest! Und das kann ich auch verstehen; ihre Rechnung stimmte nur deshalb nicht, weil Lambert sie schließlich durchschaute. Für ihn aber wäre es doch gar zu unvorteilhaft gewesen, wenn sie mir hinter seinem Rücken das Dokument abgenommen und sich mit mir verbündet hätte. Hinzu kam, daß er damals von dem Gelingen seines zweiten Planes schon mit aller Sicherheit überzeugt war. Ein anderer hätte an seiner Stelle immer noch ein wenig gezweifelt und sich gefürchtet, Lambert aber war jung, frech, beseelt von der ungeduldigsten Erwerbsgier, kannte die Menschen wenig und hielt sie alle für seinesgleichen; deshalb kam ihm denn auch nicht der geringste Zweifel, um so weniger als er durch Anna Andrejewnas Verhalten seine wichtigsten Mutmaßungen bestätigt sah.
Nun noch eine letzte und wichtigste Frage: Wußte auch Werssiloff schon irgend etwas, und war er schon damals an irgendwelchen, wenn auch noch so fernen Plänen Lamberts beteiligt? Nein, nein, nein, damals gewiß noch nicht, wenn auch das verhängnisvolle Wort vielleicht schon gefallen war ... Doch genug, genug davon, ich greife zu weit vor.
Nun, und wie verhielt es sich denn mit mir? Wußte ich damals schon etwas, und was war es denn, das ich wußte, als ich zum erstenmal das Haus verließ? Ich ging von der Behauptung aus, daß ich damals noch nichts gewußt hätte, ich hätte alles dies erst viel später erfahren, sogar erst dann, als alles schon zu Ende war. Das ist richtig, aber verhielt es sich denn auch wirklich so? Nein, im Grunde doch wohl nicht; ich wußte zweifellos schon recht viel; aber woher wußte ich es? Ich erinnere den Leser an meinen Traum! Wenn ich schon so einen Traum haben konnte, wenn so etwas schon meinem Herzen entspringen und sich gestalten konnte, so ist das ein Beweis dafür, daß ich schon ungeheuer viel -- nicht gerade gewußt, aber doch geahnt habe von dem, was ich weiter oben vorausgreifend bereits erzählt habe, und was ich dann allerdings erst später, »nachdem alles zu Ende war,« erfuhr. Also von einem »Wissen« konnte damals noch nicht die Rede sein, aber mein Herz klopfte vor lauter Ahnungen und böse Geister hatten sich schon meiner Träume bemächtigt. Und zu einem Menschen wie Lambert zog es mich hin, obgleich ich genau wußte, was für ein Mensch er war, und obgleich ich sogar alle seine Absichten vorausahnte! Und weshalb zog es mich denn so zu ihm hin? Sonderbar: gerade jetzt, in diesem Augenblick, da ich dies niederschreibe, scheint es mir, als hätte ich schon damals ganz genau und sogar alle einzelnen Gründe gewußt, weshalb es mich zu ihm zog, während ich doch gleichzeitig gar nichts wußte. Vielleicht wird der Leser das verstehen. Jetzt aber -- zur Sache und zu den Ereignissen in ihrer Reihenfolge.
II.
Es begann damit, daß zwei Tage vor meinem ersten Ausgang Lisa gegen Abend in großer Erregung nach Hause kam. Sie war aufs tiefste gekränkt worden; und in der Tat war ihr etwas Unglaubliches widerfahren.
Ich habe von ihrer Beziehung zu Wassin schon gesprochen. Sie holte sich von ihm Rat: nicht nur, um uns zu zeigen, daß sie unseres Rates nicht bedurfte, sondern auch, weil sie Wassin wirklich sehr schätzte. Sie hatten sich in Luga kennen gelernt, und ich hatte immer die Empfindung gehabt, daß sie Wassin nicht gleichgültig war. Nun war es ja ganz natürlich, daß es sie in ihrem Unglück nach einem Menschen mit festem, ruhigem, immer über den Dingen stehendem Verstande verlangte, wie ihn Wassin ihrer Meinung nach besaß. Übrigens sind Frauen bekanntlich keine großen Meister in der richtigen Beurteilung eines männlichen Verstandes, wenn der betreffende Mensch ihnen gefällt, und mit Vergnügen nehmen sie Paradoxa als Folgeschlüsse von strengster Logik hin, wenn diese ihren eigenen Wünschen entgegenkommen. Was Lisa an Wassin besonders gefiel, war sein Mitgefühl mit ihrem Leid und, wie sie anfangs glaubte, auch seine Symphathie für den jungen Fürsten. Da sie zudem seine Gefühle für sie ahnte, war es selbstverständlich, daß sie seine Sympathie für den Gegner doppelt so hoch schätzte. Der Fürst aber hatte ihre Mitteilung, daß sie sich von Wassin zuweilen Rat hole, mit großer Unruhe aufgenommen und war sogleich eifersüchtig geworden. Das kränkte Lisa, weshalb sie ihre Besuche bei Wassin schon aus Trotz nicht einstellte. Der Fürst sagte schließlich nichts mehr dazu, wurde jedoch immer finsterer und mißtrauischer. Lisa aber hat mir später (lange nachher) selbst gestanden, daß Wassin ihr damals schon sehr bald gar nicht mehr gefallen habe; er war ruhig, und gerade diese ewig sich gleichbleibende Ruhe, die ihr anfangs so gefallen hatte, war ihr alsbald recht unangenehm geworden. Hinzu kam, daß die Ratschläge, die er ihr als ein in Rechtssachen doch zweifellos erfahrener Mann gab, und die stets sehr vernünftig schienen, sich leider alle als unausführbar erwiesen, was doch recht sonderbar war. Sein Urteil über andere Menschen fällte er manchmal gar zu sehr von oben herab, und ohne sich dessen auch nur im geringsten vor ihr zu schämen; -- und je länger, um so weniger schämte er sich vor ihr, was sie seiner wachsenden Gleichgültigkeit gegenüber ihrem Unglück zuschrieb. Einmal hatte sie ihm dafür gedankt, daß er gegen mich immer so freundlich war und trotz seines mir weit überlegenen Verstandes mit mir wie mit seinesgleichen sprach (das heißt, sie hatte ihm fast meine eigenen Worte gesagt). Seine Antwort war darauf gewesen:
»Das ist es nicht. Ich tue es einfach aus dem Grunde, weil ich zwischen ihm und anderen gar keinen Unterschied sehe. Ich halte ihn weder für dümmer als die Klugen, noch für böser als die Guten. Ich bin gegen alle Menschen gleich, denn in meinen Augen sind alle Menschen gleich.«
»Wie, sehen Sie denn wirklich keine Unterschiede?«
»Oh, natürlich unterscheidet sich ein jeder durch irgend etwas, aber für mich gibt es keine Unterschiede, weil die Unterschiede der Menschen mich nichts angehen: für mich sind alle gleich und ist alles gleich, und deshalb bin ich auch gegen alle Menschen in gleicher Weise freundlich.«
»Und das langweilt Sie nicht?«
»Nein; ich bin immer zufrieden mit mir.«
»Und Sie wünschen sich auch nichts?«
»Wie sollte ich nicht. Aber ich tue es nicht allzusehr. Ich brauche fast nichts, nicht einen Rubel mehr, als ich habe. Ob ich in einem goldenen Kleide gehe oder so wie jetzt -- das ist doch vollkommen gleichgültig: die goldenen Kleider würden Wassin nicht im geringsten erhöhen. Alles so was lockt mich nicht: können denn äußere Ehrungen oder ein hoher Rang meinen Wert ausmachen?«
Lisa hat mir ehrenwörtlich versichert, daß er ihr buchstäblich so geantwortet hätte. Übrigens läßt sich so etwas in seiner Wirkung nie genau beurteilen, dazu muß man immer alle Umstände kennen, unter denen es gesagt ward.
Nach und nach war Lisa zu der Überzeugung gekommen, daß er vielleicht auch über den Fürsten nur deshalb so nachsichtig urteilte, weil »für ihn alle gleich waren, und es für ihn keine Unterschiede gab,« aber durchaus nicht aus Sympathie für sie. Doch mit der Zeit begann er merklich, seinen Gleichmut zu verlieren und sich über den Fürsten nicht nur tadelnd, sondern sogar mit Verachtung und Spott zu äußern. Das reizte Lisa sehr, aber Wassin ließ sich durch nichts davon abhalten. Und dabei drückte er sich immer noch möglichst milde aus, und selbst wenn er ihn tadelte, geschah es ohne Unwillen: er erklärte ihr dann eben mit logischer Folgerichtigkeit den ganzen Unwert ihres Helden; aber gerade in dieser Logik lag ja die Ironie. Schließlich setzte er ihr sogar die ganze »Torheit« ihrer Liebe auseinander, die eigensinnige Erzwungenheit dieser Liebe. »Sie haben sich über Ihre eigenen Gefühle getäuscht; Irrtümer aber, die man einmal als solche erkannt hat, müssen unbedingt aufgegeben werden.«
Das hatte er gerade an jenem Tage zu ihr gesagt. Lisa war empört aufgestanden, um ihn sofort zu verlassen; doch was tat er nun, und womit schloß dieser vernünftige Mensch? Er schloß damit, daß er mit der edelsten Miene und sogar mit Gefühl -- ihr seine Hand antrug. Lisa hatte ihm darauf ins Gesicht gesagt, daß er einfach dumm sei, und war hinausgegangen.
Einer Frau vorzuschlagen, einen Unglücklichen aufzugeben, bloß weil dieser Unglückliche ihrer »nicht wert« sei, und das noch dazu einer Frau, die von diesem Unglücklichen schwanger ist, -- das ist nun der Verstand solcher Leute! Ich nenne das ein schreckliches Aufgehen in Theorie bei vollständiger Unkenntnis des Lebens. Zugrunde liegt eine grenzenlose Eigenliebe. Lisa erkannte denn auch ganz genau, daß er auf seine Handlungsweise noch stolz war, und wäre es auch nur deshalb, weil er um ihren Zustand bereits wußte. Mit Tränen der Empörung war sie zum Fürsten geeilt -- dieser aber hatte Wassin noch übertrumpft. Man sollte meinen, ihre Erzählung hätte ihn wirklich überzeugen müssen, daß er zur Eifersucht jetzt wahrlich keinen Grund mehr hatte; aber gerade diese Erzählung machte ihn toll. Übrigens sind ja die Eifersüchtigen alle so! Er machte ihr eine furchtbare Szene und beleidigte sie so unerhört, daß sie schon entschlossen war, sofort und unwiderruflich mit ihm zu brechen.
Dennoch kam sie so weit ruhig nach Haus, daß man ihr nicht viel anmerkte, aber vor Mama konnte sie es doch nicht verheimlichen. Oh, an jenem Abend traten sie sich wieder so nah wie früher: das Eis war gebrochen; beide weinten sich aus, während sie sich fest umschlungen hielten, und Lisa beruhigte sich anscheinend, doch man sah es ihr an, daß sie sich sehr bedrückt fühlte. Den Abend verbrachte sie bei Makar Iwanowitsch ganz still und stumm; immerhin blieb sie im Zimmer und hörte sehr aufmerksam an, was er sprach. Seit jenem Unfall Makar Iwanowitschs, damals, beim gewaltsamen Aufstehen, war sie zu ihm ausnehmend freundlich und dabei doch gewissermaßen schüchtern ehrerbietig, wenn sie auch nach wie vor einsilbig blieb.
An diesem Abend nun gab Makar Iwanowitsch dem Gespräch auf einmal eine andere Wendung, was für uns ganz unerwartet und überraschend kam. Ich muß bemerken, daß Werssiloff und Alexander Ssemjonowitsch, der Doktor, schon am Morgen dieses Tages mit sehr sorgenvollen Mienen über seinen Zustand gesprochen hatten. Desgleichen muß ich bemerken, daß im Hause seit ein paar Tagen verschiedene Vorbereitungen zu Mamas Geburtstag getroffen wurden und wir schon viel von dem bevorstehenden Familienfest sprachen, obwohl bis dahin noch ganze fünf Tage waren. Eben ein solches Gespräch war es, das in Makar Iwanowitsch alte Erinnerungen wachrief, und er begann, von Mamas Kindheit zu erzählen und von jener ersten Zeit, als sie »noch nicht auf den Beinchen stehen konnte«. »Wenn sie mal auf meinem Arm saß, dann wollte sie um keinen Preis herunter,« erzählte der Alte, »und ich weiß noch, wie ich sie gehen lehrte. Ich stellte sie drei Schritt von mir in den Winkel und rief sie, und sie kam dann ganz unsicher auf mich los und fürchtete sich gar nicht vor mir, sondern lachte noch, und wenn sie dann bei mir angelangt war, umfaßte sie meine Knie und hob die Ärmchen zu meinem Hals. Und Märchen hab' ich dir erzählt, Ssofja Andrejewna; Märchen liebtest du über alles. Ganze zwei Stunden konnte sie auf meinem Knie sitzen und horchen, und mir die Worte von den Lippen lesen. In der Stube wunderten sich alle: >Seht doch, wie sie an dem Makar hängt!< Oder in der Sommerzeit brachte ich dich in den Wald, suchte dir wohl einen Himbeerstrauch, setzte dich unter ihm hin und schnitzte dir derweil eine Flöte aus Holz. Und wenn wir dann genug gegangen waren, trug ich dich auf den Armen nach Hause -- mein Kindchen schlief schon. Und einmal hast du dich so vor einem Wolf erschreckt, kamst zu mir gelaufen, zittertest vor Angst, und dabei war da gar kein Wolf.«
»Dessen erinnere ich mich noch,« sagte Mama.
»Erinnerst du dich wirklich noch?«
»An vieles erinnere ich mich noch. Soweit ich nur zurückdenken kann, habe ich von Ihnen nur Güte und Liebe erfahren,« sagte sie mit ergriffener Stimme, und plötzlich wurde sie bis über die Stirn rot.
Makar Iwanowitsch wartete ein wenig, bevor er weitersprach.
»Ja, Kinderchen, jetzt werde ich bald von euch gehen. Meine Stunde ist schon gekommen. Im Alter hab' ich Trost gefunden für allen Kummer; habt Dank, ihr Lieben.«
»Aber was reden Sie da, Makar Iwanowitsch, lieber, teurer Mensch,« rief Werssiloff sichtlich beunruhigt. »Mir hat der Arzt noch vorhin gesagt, daß Ihr Zustand bedeutend besser sei ...«
Mama horchte erschrocken auf.
»Ja, was weiß denn der, dein Alexander Ssemjonowitsch,« sagte Makar Iwanowitsch lächelnd, »ein lieber Mensch ist er, aber auch nicht mehr. Laßt gut sein, Freunde, oder glaubt ihr, daß ich mich vor dem Sterben fürchte? Ich hatte heute nach dem Morgengebet so ein Gefühl im Herzen: daß ich von hier nicht mehr hinausgehen werde -- so ist es mir gesagt worden. Nun und so geschehe es denn, der Name des Herrn sei gelobt. Nur an euch allen will ich mich noch sattsehen. Auch Hiob, der vielfach Geprüfte, fand Trost, wenn er seine neuen Kindlein sah, doch ob er darüber auch seine früheren Kinder vergaß und vergessen konnte? -- Unmöglich ist dies! Nur daß sich im Lauf der Jahre die Trauer mit der Freude vermischt und sich in ein schmerzloses Seufzen verwandelt! So ist es auf Erden: jede Seele wird geprüft und wird getröstet. Ich hab' mir vorgenommen, Kinderchen, euch ein paar Wörtchen zu sagen, es ist nicht viel,« fuhr er mit seinem stillen, wundervollen Lächeln, das ich nie vergessen werde, fort, und plötzlich wandte er sich zu mir: »Du, Lieber, eifere für die heilige Kirche, und wenn die Zeit ruft, so geh auch in den Tod für sie, -- aber wart' doch, erschrick nicht, es ist das ja nicht gleich nötig,« unterbrach er sich lächelnd. »Jetzt denkst du vielleicht noch nicht daran, später wirst du vielleicht daran denken. Und dann noch eines: was du auch Gutes zu tun gedenkst, das tue für Gott, nicht aber um des Neides willen. An deinem Werk aber halt fest und laß es dir nicht durch Kleinmut gleichviel welcher Art entwinden; schaffe es nicht übereilt, nicht kopflos und unstet. Nun, und das ist auch alles, was du zu hören brauchst. Es sei denn noch dies, daß du lernst, täglich und unentwegt zu beten. Ich sage dir das nur so, vielleicht erinnerst du dich mal daran. Ich wollte wohl auch Euch, Andrei Petrowitsch, etwas sagen, Herr, aber Gott wird auch ohne mich Euer Herz finden. Schon lange haben wir nicht mehr davon gesprochen, seit damals, da dieser Pfeil mein Herz durchbohrte. Jetzt aber, wo ich von Euch gehe, wollte ich nur daran erinnern ... was Ihr mir damals verspracht ...«
Die letzten Worte sagte er so leise, daß sie kaum zu verstehen waren ...
»Makar Iwanowitsch!« stieß Werssiloff verwirrt und beunruhigt hervor und erhob sich von seinem Stuhl.
»Nein, nein, Herr, laßt Euch nicht verwirren, ich hab' ja nur so daran erinnern wollen ... Die Schuld aber vor Gott trifft in dieser Sache vor allen anderen mich; denn wenn Ihr auch mein Herr wart, so hätt' ich doch diese Schwäche nicht zulassen sollen. Deshalb quäle auch du, Ssofja, dein Herz nicht zu sehr, denn deine ganze Sünde ist -- meine Sünde, in dir aber war, so denke ich mir, damals wohl nicht viel Verständnis dafür vorhanden, und vielleicht auch in Euch, Herr, nicht viel mehr als in ihr,« sagte er lächelnd, und seine Lippen bebten wie vor Schmerz, »und wenn ich dich damals auch hätte belehren können, als mein Weib, und sogar mit dem Stocke, und selbiges sogar hätte tun müssen, so tatest du mir doch leid, als du in Tränen vor mir niederfielst und mir nichts verheimlichtest ... und mir die Füße küßtest. Nicht um dir Vorwürfe zu machen, spreche ich davon, sondern nur um Andrei Petrowitsch zu erinnern ... denn Ihr erinnert Euch wohl selber, Herr, Eures Versprechens und Edelmannswortes ... und die Trauung macht alles gut ... Vor den Kinderchen sag' ich das, Herr ...«
Er war außerordentlich erregt und sah Werssiloff an, als erwarte er von ihm ein zusagendes Wort. Ich wiederhole, das kam alles so unerwartet, daß ich vor Überraschung ganz regungslos dasaß. Werssiloff war nicht weniger erregt als Makar Iwanowitsch: er trat schweigend zu Mama und umschlang sie fest; da ging Mama, gleichfalls schweigend, zu Makar Iwanowitsch und verneigte sich tief vor ihm.
Es war eine erschütternde Szene. Im Zimmer befanden sich diesmal nur wir, nur die Familie. Selbst Tatjana Pawlowna war nicht zugegen. Lisa hatte sich auf ihrem Stuhl eigentümlich gerade aufgerichtet und hörte stumm zu; plötzlich stand sie auf und sagte mit fester Stimme zu Makar Iwanowitsch:
»Segnen Sie auch mich, Makar Iwanowitsch, in einer großen Qual! Morgen wird sich mein Schicksal entscheiden ... beten Sie heute für mich!«
Damit verließ sie das Zimmer. Ich weiß, daß Makar Iwanowitsch ihr ganzes Unglück schon von Mama erfahren hatte. An diesem Abend sah ich Werssiloff und Mama zum erstenmal zusammen: bis dahin hatte ich neben ihm immer nur seine Sklavin gesehen. Ja, ich hatte noch ungeheuer vieles nicht gewußt und nicht bemerkt an diesem Menschen, den ich bereits verurteilte; so kehrte ich ganz verwirrt in mein Zimmer zurück. Und ich muß sagen: gerade zu dieser Zeit hatten sich alle meine Bedenken und Zweifel gegen ihn verdichtet. Noch nie war er mir so geheimnisvoll und unverständlich erschienen wie in eben jener Zeit. Aber davon handelt ja diese ganze Geschichte, die ich hier schreibe.
»Nun stellt es sich heraus,« dachte ich bei mir, als ich zu Bett ging, »daß er damals Makar Iwanowitsch sein >Edelmannswort< gegeben hat: daß er Mama heiraten werde, sobald sie Witwe würde. Das hat er mir verschwiegen, als er mir damals seine Unterredung mit Makar Iwanowitsch erzählte.«
Den ganzen folgenden Tag war Lisa nicht zu Haus, und als sie dann ziemlich spät heimkehrte, ging sie geradeswegs zu Makar Iwanowitsch. Ich wollte zunächst nicht hingehen, um sie nicht zu stören, doch als ich bald darauf bemerkte, daß auch Mama und Werssiloff bei ihnen waren, ging ich gleichfalls hinein. Lisa saß neben dem Alten und weinte an seiner Schulter, während er mit traurigem Gesicht stumm ihren Kopf streichelte.
Werssiloff sagte mir (nachher in meinem Zimmer), daß der Fürst auf seinem Willen bestand und sich mit Lisa bei der ersten Möglichkeit trauen lassen wollte, noch vor dem Urteilsspruch des Gerichts. Es fiel Lisa schwer, einzuwilligen, obschon sie kein Recht mehr hatte, nicht einzuwilligen. Überdies hatte Makar Iwanowitsch ihr geradezu »befohlen«, sich trauen zu lassen. Natürlich wäre das später alles ganz von selbst geschehen, und sie hätte sich ja zweifellos trauen lassen, auch ohne fremden Befehl und ohne zu schwanken, aber in diesem Augenblick war sie von dem, den sie liebte, so maßlos gekränkt und durch diese ihre Liebe sogar in ihren eigenen Augen so erniedrigt, daß es ihr unendlich schwer fiel, sich zu fügen. Doch außer der Kränkung war da noch ein neuer Umstand hinzugekommen, von dem ich noch nichts ahnte und auch gar nicht ahnen konnte.
»Hast du es schon gehört, daß diese ganze junge Gesellschaft von der Petersburger Seite verhaftet worden ist?« fragte Werssiloff mich plötzlich wie beiläufig.
»Was? Dergatschoff?« rief ich erschrocken.
»Ja; und Wassin auch.«
Ich war unendlich betroffen, besonders durch die Nachricht von der Verhaftung Wassins.
»Ja aber ist denn Wassin auch in irgend etwas verwickelt? Mein Gott, was wird jetzt mit ihnen geschehen? Und das ausgerechnet in derselben Zeit, da Lisa Wassin so anklagt! ... Was glauben Sie, was kann man ihnen anhaben? Dahinter steckt Stebelkoff! Ich schwöre Ihnen, das ist Stebelkoffs Werk!«
»Reden wir nicht davon,« sagte Werssiloff und sah mich sonderbar an (eben wie man einen Menschen ansieht, der nichts begreift und nichts errät), »wer weiß es denn, was sie da haben, und wer kann es wissen, was mit ihnen geschehen wird? Doch das war es nicht, worüber ich mit dir sprechen wollte: ich hörte, du willst morgen ausgehen. Wirst du da nicht auch den Fürsten Ssergei Petrowitsch besuchen?«
»Das ist das erste, was ich vorhabe; wenn es mir auch, offen gestanden, sehr schwer wird ... Ja wie, wollen Sie ihm durch mich etwas sagen lassen?«
»Nein, das nicht. Ich werde ihn selbst sehen. Lisa tut mir leid. Und was kann ihr Makar Iwanowitsch für Ratschläge geben? Er kennt ja selbst weder das Leben noch die Menschen. Und dann noch etwas, mein Lieber« (er hatte lange nicht mehr »mein Lieber« zu mir gesagt), »da sind so ... ein paar junge Leute ... von denen einer dein früherer Schulfreund Lambert ist ... Mir scheint, das sind lauter -- große Spitzbuben ... Ich sage das nur, um dich zu warnen ... Übrigens ist das natürlich deine Sache, ich habe ja kein Recht ...«
»Andrei Petrowitsch!« Ich ergriff seine Hand, ohne zu überlegen und nahezu begeistert, wie das oft mit mir geschieht (es war fast ganz dunkel im Zimmer). »Andrei Petrowitsch, ich habe geschwiegen, -- Sie haben es doch gesehen, ich habe die ganze Zeit geschwiegen, und wissen Sie, weshalb? Um Ihren Geheimnissen auszuweichen. Ich habe bei mir beschlossen, sie niemals erfahren zu wollen. Ich bin feige und fürchte mich davor, daß Ihre Geheimnisse Sie ganz aus meinem Herzen reißen könnten, das aber will ich nicht. Und wenn es so ist, wozu sollten Sie dann meine Geheimnisse kennen? Kann es denn nicht auch Ihnen ganz gleich sein, wohin ich gehe? Ist es nicht so?«
»Du hast recht; aber kein Wort mehr darüber, ich bitte dich!« sagte er und verließ mein Zimmer.
So hatten wir uns ganz unerwarteterweise doch ein wenig ausgesprochen. Aber er hatte meine Erregung vor dem neuen Schritt ins Leben, der mir am folgenden Tage bevorstand, nur noch verstärkt, so daß ich nachts nicht schlafen konnte und immer wieder aufwachte. Trotzdem war mir froh zumute.
III.
Am nächsten Tage verließ ich das Haus, und obgleich es schon zehn Uhr morgens war, bemühte ich mich, leise aufzutreten, um ungesehen hinauszukommen, weshalb ich auch niemandem etwas von meinem Fortgehen sagte und mich nicht verabschiedete; kurz, ich versuchte, heimlich zu entschlüpfen. Warum ich das tat, weiß ich nicht; aber selbst wenn Mama mich erblickt und aufgehalten hätte, würde ich ihr mit irgendeiner Bosheit geantwortet haben. Als ich auf die Straße trat und die kalte Luft mich berührte, erzitterte ich wie von einer ungeheuer starken Empfindung, die geradezu tierisch war, und die ich fleischlüstern nennen möchte. Wozu ging ich aus, wohin ging ich? Das war für mich vollkommen unbestimmbar und zugleich war ich doch -- fleischlüstern. Und Furcht war in mir und Seligkeit zugleich.
»Werde ich mich heute beschmutzen oder werde ich mich nicht beschmutzen?« fragte ich mich mutig, wenn ich auch nur zu gut wußte, daß der für heute vorgenommene Schritt von entscheidender Bedeutung und in meinem ganzen Leben nicht mehr ungeschehen zu machen sein würde. Doch wozu hier in Rätseln sprechen!
Ich ging ins Gefängnis zum Fürsten. Schon vor drei Tagen hatte ich von Tatjana Pawlowna ein Briefchen an den Inspektor erhalten, und dieser war infolgedessen sehr liebenswürdig zu mir. Ich weiß nicht, ob er auch sonst ein guter Mensch war, aber das kommt ja hier nicht weiter in Betracht; jedenfalls gestattete er mir, den Fürsten zu sprechen, und führte mich sogar in ein Zimmer seiner Amtswohnung, wo er uns liebenswürdig allein ließ. Das Zimmer war nicht anders, als die Zimmer der Amtswohnung eines Beamten von diesem Rang gewöhnlich sind -- aber auch das ist, denke ich, überflüssig hier zu beschreiben. So konnten wir denn, der Fürst und ich, ungestört unter vier Augen sprechen. Er erschien in einem halbmilitärischen Hausrock, in reinster Wäsche und eleganter Halsbinde, gepflegt und frisiert, war aber furchtbar abgemagert und ganz gelb im Gesicht. Sogar das Weiße seiner Augen war, wie ich bemerkte, gelblich. Kurz, er sah so verändert aus, daß ich stehen blieb und ihn ganz betroffen ansah.
»Wie haben Sie sich verändert!« rief ich unwillkürlich aus.
»Das macht nichts! Setzen Sie sich, lieber Freund,« sagte er, wies mit einer fast gezierten Handbewegung auf einen Stuhl und setzte sich mir gegenüber. »Kommen wir zur Hauptsache: Sehen Sie, mein lieber Alexei Makarowitsch ...«
»Arkadi,« verbesserte ich ihn.
»Was? Ach, schon gut, einerlei ...« sagte er. »Ach so!« -- jetzt erst wurde er sich seines Irrtums bewußt -- »Entschuldigen Sie, mein Lieber, kommen wir zur Hauptsache ...«
Er hatte es furchtbar eilig, auf irgendeine Hauptsache zu sprechen zu kommen. Der ganze Mensch war nur von einem Gedanken erfüllt, den er auszudrücken und mir zu erklären suchte. Er sprach viel und schnell, eindringlich, mit Gefühl und lebhaften Bewegungen, aber ich konnte ihn beim besten Willen nicht verstehen.
»Mit einem Wort« (er hatte schon zehnmal vorher den Ausdruck, »mit einem Wort« gebraucht) -- »mit einem Wort,« schloß er seine Rede, »wenn ich Sie, Arkadi Makarowitsch, gestern durch Lisa dringend zu mir zu kommen gebeten habe, so war das vielleicht gar zu beunruhigend, aber da es sich wirklich um einen außerordentlichen und endgültigen Entschluß handelt, so müssen wir ...«
»Erlauben Sie, Fürst,« unterbrach ich ihn, »Sie haben mich gestern rufen lassen? Lisa hat mir nichts davon gesagt.«
»Was?« schrie er auf und sah mich ganz starr an vor Verwunderung und Schreck.
»Sie hat mir nichts davon gesagt. Gestern abend kam sie so niedergeschlagen nach Haus, daß sie fast überhaupt kein Wort gesprochen hat, auch mit mir nicht.«
Der Fürst sprang vom Stuhl auf.
»Ist das wirklich wahr, Arkadi Makarowitsch? In dem Falle ...«
»Was ist denn dabei so Außergewöhnliches, daß Sie sich darüber so aufregen? Sie wird es einfach vergessen haben oder ...«
Er setzte sich wieder hin, aber er verblieb wie in einer Erstarrung. Es war, als wäre er von der Nachricht, daß Lisa mir nichts gesagt hatte, einfach niedergeschmettert. Plötzlich begann er wieder zu sprechen und mit den Händen zu fuchteln, aber es war mir wieder sehr schwer, auch nur etwas davon zu verstehen, was er eigentlich sagen wollte.
»Passen Sie auf!« sagte er plötzlich, verstummte und hob den Finger in die Höhe. »Passen Sie auf, das ... das ... das sind, wenn ich mich nicht irre ... Kniffe! ...« flüsterte er mit dem Lächeln eines Blödsinnigen. »Und das bedeutet, daß ...«
»Gar nichts bedeutet das!« unterbrach ich ihn. »Ich begreife nicht, wie ein so nichtssagender Umstand Sie überhaupt aufregen kann ... Ach, Fürst, seit der Zeit, seit jener Nacht, erinnern Sie sich noch ...«
»Seit welcher Nacht?« rief er gereizt und sichtlich geärgert darüber, daß ich ihn unterbrochen hatte.
»Bei Serschtschikoff, wo wir uns zum letztenmal sahen, damals, wissen Sie noch, vor Ihrem Brief an mich. Auch damals waren Sie in einer furchtbaren Aufregung, aber damals und jetzt -- der Unterschied ist so groß, daß ich Angst um Sie bekomme ... oder sollten Sie vergessen haben?«
»Ach, ja,« sagte er in gesellschaftlich nachlässigem Tone, als erinnere er sich zufällig, »ach, ja! An dem Abend ... Ich hörte davon ... Aber wie steht es denn mit Ihrer Gesundheit, und wie fühlen Sie sich jetzt, nach alledem, Arkadi Makarowitsch? ... Doch kommen wir zur Hauptsache! Sehen Sie, ich verfolge eigentlich drei Ziele, drei Aufgaben sehe ich vor mir, und ich ...«
Er kam wieder auf seine »Hauptsache« zu sprechen. Ich begriff endlich, daß ich einen Menschen vor mir hatte, dem man zum mindesten ein in Essig getauchtes Handtuch um den Kopf legen mußte, falls man ihn nicht zur Ader lassen konnte. Sein ganzes zusammenhangsloses Gerede drehte sich natürlich um den Prozeß und den voraussichtlichen Ausgang desselben; er sprach auch davon, daß sein Regimentskommandeur ihn besucht und ihm dringend von irgend etwas abgeraten hätte, er aber hätte nicht auf ihn gehört -- dies bezog sich auf ein Schreiben, das von ihm soeben eingereicht worden war, und das irgend etwas mit dem Staatsanwalt zu tun hatte; ferner sprach er davon, daß man ihm alle Rechte nehmen und wohl irgendwohin, nach den nördlichsten Provinzen Rußlands verbannen werde; er sprach von der Möglichkeit, Kolonist zu werden oder in Taschkent sich wieder heraufzudienen, und davon, was für Lehren er seinem Sohne (dem erwarteten Sohne von Lisa) auf den Lebensweg mitgeben wolle -- »dort in der Einöde bei Archangelsk oder Cholmogory«. »Ich wollte Ihre Meinung hören, Arkadi Makarowitsch, glauben Sie mir, ich lege so viel Wert auf das Gefühl ... Wenn Sie wüßten, wenn Sie wüßten, Arkadi Makarowitsch, mein Lieber, mein Bruder, was Lisa für mich bedeutet, was sie für mich hier bedeutet hat, jetzt in dieser Zeit!« rief er auf einmal und faßte sich mit beiden Händen an den Kopf.
»Ssergei Petrowitsch, wollen Sie sie denn wirklich zugrunde richten und sie mitnehmen? ... Nach Cholmogory!« entfuhr es mir plötzlich unvorsichtigerweise.
Das Schicksal Lisas, die nun ewig an diesen Maniaken gebunden war, kam mir da plötzlich klar zu Bewußtsein -- zum erstenmal. Er sah mich an, erhob sich von neuem, tat ein paar Schritte, kehrte aber um und setzte sich wieder, ohne die Hände, die er an seinen Kopf preßte, sinken zu lassen.
»Mir träumt immer von Spinnen!« sagte er plötzlich.
»Sie sind schrecklich aufgeregt, Fürst; ich rate Ihnen, sich ins Bett zu legen und den Doktor holen zu lassen.«
»Nein, erlauben Sie, das kommt später. Ich habe Sie hauptsächlich deshalb zu mir gebeten, um Ihnen alles über die Trauung mitzuteilen. Die Trauung, wissen Sie, wird hier in der Kirche stattfinden, ich habe alles schon besprochen. Die Erlaubnis ist auch schon erteilt, und man redet mir sogar zu ... Was Lisa betrifft, so ...«
»Fürst, haben Sie doch Erbarmen mit Lisa,« rief ich -- »quälen Sie sie doch nicht so mit Ihrer unsinnigen Eifersucht, wenigstens nicht jetzt!«
»Was!« schrie er auf und sah mich mit hervorquellenden Augen unbeweglich an, und sein ganzes Gesicht verzerrte sich zu einem breiten, sinnlos fragenden Lächeln. Ersichtlich hatte das Wort »Eifersucht« einen schrecklichen Eindruck auf ihn gemacht.
»Verzeihen Sie, Fürst, das ist mir nur so entschlüpft. Oh, Fürst, ich habe in der letzten Zeit einen alten Mann kennen gelernt, meinen namentlichen Vater ... Oh, wenn Sie mit ihm sprechen könnten, Sie würden bestimmt ruhiger werden ... Auch Lisa schätzt ihn sehr ...«
»Ach ja, Lisa ... ach so, das ist ihr Vater? Oder ... pardon, mon cher,{[76]} so etwas Ähnliches ... Ich weiß ... sie sagte mir ... ein alter Mann ... Ich bin überzeugt davon, überzeugt. Ich habe auch einmal solch einen Alten gekannt ... Mais, passons.{[77]} Die Hauptsache ist, daß man, um das ganze innere Wesen der gegenwärtigen Lage sich klarzumachen, daß man, wie gesagt ...«
Ich erhob mich, um fortzugehen, denn es schmerzte mich zu sehr, ihn so zu sehen.
»Ich verstehe nicht!« sagte er streng und mit anmaßender Miene, als er sah, daß ich schon aufbrechen wollte.
»Mir tut es weh, Sie so zu sehen,« sagte ich.
»Arkadi Makarowitsch, ein Wort, nur noch ein Wort!« Er ergriff mich plötzlich an den Schultern, aber mit einem ganz anderen Ausdruck im Gesicht und in den Gebärden, und drückte mich wieder auf den Stuhl. »Haben Sie schon gehört von diesen, Sie verstehen schon?« ... Er beugte sich über mich.
»Ach, ja, Dergatschoff! Das ist sicherlich eine Machenschaft von Stebelkoff!« rief ich unüberlegt.
»Ja, Stebelkoff, und ... wissen Sie noch nichts?«
Er brach plötzlich ab, und wieder sah er mich mit diesen hervortretenden Augen an und mit diesem krampfhaften, sinnlos fragenden Lächeln, das langsam immer breiter wurde. Sein Gesicht erblaßte mehr und mehr. Und plötzlich durchzuckte mich etwas: mir fiel Werssiloffs Blick ein, mit dem er mir gestern die Verhaftung Wassins mitgeteilt hatte.
»Oh, ist es denn möglich?« rief ich erschrocken aus.
»Sehen Sie, Arkadi Makarowitsch, weshalb ich Sie gerufen habe: um Ihnen zu erklären ... ich wollte ...« flüsterte er hastig.
»Sie haben Wassin angezeigt?« schrie ich.
»Nein, sehen Sie, es war da ein Manuskript. Wassin hatte es Lisa am letzten Tage gegeben ... damit sie es aufbewahre. Sie ließ es mir hier, da ich es durchlesen wollte, und am nächsten Tage verzankten sie sich ...«
»Sie sind es, der das Manuskript der Polizei ausgeliefert hat!«
»Arkadi Makarowitsch, Arkadi Makarowitsch ...«
»Und da haben Sie,« schrie ich stockend, indem ich aufsprang, »und da haben Sie, ohne einen Grund, ohne einen Zweck, den unglücklichen Wassin angezeigt, nur weil er Ihr -- Nebenbuhler ist! Nur aus Eifersucht haben Sie das Manuskript, das Lisa anvertraut war, ausgeliefert! ... An wen? An den Staatsanwalt?«
Er kam nicht dazu, mir zu antworten, und er hätte mir auch schwerlich etwas erwidern können -- er stand vor mir wie ein Götzenbild, immer noch mit demselben krankhaften Lächeln und demselben starren Blick -- plötzlich öffnete sich die Tür und Lisa trat herein. Sie fiel fast in Ohnmacht, als sie uns beide zusammen sah.
»Du hier. Du bist hier?« rief sie mit verzerrtem Gesicht und ergriff mich am Arm. »So ... weißt du's schon?«
Sie ersah aus meinem Gesicht, daß ich es bereits »wußte«. Ich umfing sie schnell und hielt sie krampfhaft umschlungen! Und erst in diesem Augenblick überwältigte mich die ganze Erkenntnis, was für ein unentrinnbarer, hoffnungsloser Kummer für immer über dem Schicksal dieser ... freiwilligen Märtyrerin lag.
»Kann man denn jetzt überhaupt mit ihm reden?« rief sie und entwand sich mir plötzlich. »Wie kann man ihn denn jetzt beunruhigen? Warum bist du hier? Sieh ihn doch nur an, sieh ihn doch an! Und wie darf man, wie darf man ihn denn verurteilen?«
Unendlicher Schmerz und unendliches Mitleid sprachen aus ihrem Gesicht, als sie das ausrief und auf ihn wies. Er saß im Lehnstuhl, das Gesicht in den Händen vergraben. Und sie hatte recht: es war ein Mensch im Fieberdelirium, den man für nichts verantwortlich machen konnte. Noch an demselben Tage wurde er ins Lazarett gebracht, und am Abend ließ sich bereits eine schwere Gehirnentzündung feststellen.
IV.
Vom Fürsten, den ich mit Lisa zurückließ, fuhr ich gegen ein Uhr mittags in meine frühere Wohnung. Ich habe vergessen, zu erwähnen, daß der Tag feucht und trübe war, mit beginnendem Tauwetter und warmem Wind, der selbst einem Elefanten auf die Nerven gegangen wäre. Mein Wirt empfing mich mit unendlicher Freude, sehr viel Worten und lebhaften Gebärden, was ich gerade in solchen Augenblicken nicht ausstehen kann. Ich begrüßte ihn trocken und begab mich geradeswegs in mein Zimmer, aber er folgte mir dorthin, und wenn er mich auch nicht mit Fragen zu belästigen wagte, so sah ich doch, wie seine Augen vor Neugier glänzten, und dabei machte er ein Gesicht, als hätte er das größte Recht, neugierig zu sein. Ich mußte mich schon im eigenen Interesse höflich zu ihm verhalten: obgleich ich unbedingt von ihm etwas erfahren wollte (und ich wußte, daß ich es erfahren würde), war es mir doch ekelhaft, sogleich mit dem Ausfragen zu beginnen. Ich erkundigte mich nach der Gesundheit seiner Frau, und wir gingen zu ihr hinüber. Sie empfing mich, wenn auch höflich, so doch sehr wortkarg und anscheinend gelangweilt; das versöhnte mich einigermaßen; dennoch erfuhr ich an diesem Tage die wunderlichsten Neuigkeiten.
Natürlich war Lambert dagewesen; und nachher war er noch zweimal gekommen, um sich »alle Zimmer anzusehen« -- unter dem Vorwande, eines mieten zu wollen. Auch Darja Onissimowna war ein paarmal erschienen, Gott weiß warum; »sie hat sich für alles sehr interessiert,« fügte mein Wirt hinzu. Aber ich tat ihm nicht den Gefallen, zu fragen, wofür sie sich denn interessiert hatte. Überhaupt fragte ich ihn nichts: er erzählte von selbst, und ich tat, als krame ich in meinem Koffer (in dem sich fast nichts mehr befand). Aber ärgerlich war, daß auch er bald den Geheimnisvollen zu spielen begann: als er bemerkte, daß ich ihn nicht ausfragen wollte, fühlte er sich wohl verpflichtet, auch seinerseits wortkarg zu sein.
»Das Fräulein war auch da,« bemerkte er so nebenbei und sah mich sonderbar an.
»Was für ein Fräulein?«
»Anna Andrejewna; zweimal war sie hier; mit meiner Frau hat sie Bekanntschaft geschlossen. Eine sehr angenehme, eine reizende Dame. Eine solche Bekanntschaft kann man nicht hoch genug einschätzen, Arkadi Makarowitsch ...«
Er kam mir noch um zwei Schritte näher, als er das sagte: er wollte gar zu gern, daß ich ihn verstünde.
»Wirklich zweimal?« fragte ich erstaunt.
»Das zweitemal ist sie mit ihrem Bruder gekommen.«
Wohl mit Lambert! dachte ich unwillkürlich.
»Nein, nicht mit Herrn Lambert,« sagte er, der sofort meinen Gedanken erraten hatte, als wäre er mit seinen Augen in meine Seele eingedrungen. »Sie kam mit ihrem richtigen Bruder, mit dem jungen Herrn Werssiloff. Kammerjunker ist er, glaub' ich.«
Ich war bestürzt; er beobachtete mich mit einem sehr schlauen Lächeln.
»Ach, und dann war da noch jemand und fragte nach Ihnen -- das Fräulein, die Französin, Fräulein Alphonsine de Verdaigne. Wie schön sie singen kann, und auch Verse deklamiert sie wunderbar! Sie ist heimlich zum Fürsten Nikolai Iwanowitsch nach Zarskoje hinausgefahren, um ihm einen seltenen kleinen Hund zu verkaufen, einen schwarzen, das ganze Tierchen nicht größer als meine Faust ...«
Ich bat ihn, mich allein zu lassen, und entschuldigte mich damit, daß ich Kopfschmerzen hätte. Er kam meinem Wunsch sofort nach, beendete nicht einmal seinen Satz und war nicht im geringsten beleidigt, ja, fast mit Befriedigung winkte er geheimnisvoll mit der Hand, als wollte er sagen: »Verstehe, verstehe schon,« und wenn er das auch nicht aussprach, so machte er sich doch das Vergnügen, mein Zimmer auf den Fußspitzen zu verlassen. Es gibt schon Leute auf der Welt, über die man sich ärgern kann.
So saß ich allein wohl anderthalb Stunden lang und dachte nach, und doch dachte ich eigentlich gar nichts, sondern war nur in Gedanken. Ich war erregt, dabei aber nicht im geringsten verwundert. Ich hatte sogar viel mehr und noch viel größere Wunder erwartet. »Vielleicht haben sie inzwischen auch schon welche zustande gebracht,« dachte ich bei mir. Ich war ja längst, schon zu Hause, fest davon überzeugt gewesen, daß ihre Maschine bereits aufgezogen und in vollem Gange war. »Nur ich fehle ihnen noch,« dachte ich wieder bei mir und empfand eine aufregende und angenehme Selbstzufriedenheit. Daß sie mich mit größter Spannung erwarteten und in meiner Wohnung etwas ausrichten wollten -- war so klar wie der Tag. »Ob nicht gar die Trauung des alten Fürsten? Um ihn herum ist ja ein ganzes Kesseltreiben. Nur fragt es sich, ob ich das zulassen werde, meine Herren?« schloß ich wieder mit überlegenem Selbstbewußtsein.
»Aber wenn ich mich überhaupt darauf einlasse, so werde ich doch sofort wieder wie ein Strohhalm in den Strudel hineingerissen werden. Bin ich wenigstens jetzt noch frei, oder bin ich schon nicht mehr frei? Kann ich heute, wenn ich nach Hause zurückkehre, meiner Mutter noch sagen, wie ich alle diese Tage gesagt habe: >Ich gehöre nur mir selbst an?<«
Das war das Grundmotiv meiner Fragen, oder besser gesagt, meines Herzklopfens, während ich die anderthalb Stunden auf dem Bette saß, die Ellbogen auf die Knie gestützt, den Kopf in den Händen. Und ich wußte doch, ich wußte schon damals, daß alle diese Fragen vollkommen belanglos waren, und daß nur sie es war, die mich zu ihnen hinzog -- nur sie, nur sie allein. Da habe ich es nun endlich ausgesprochen und schwarz auf weiß zu Papier gebracht; denn auch jetzt, da ich es hinschreibe, ein Jahr nachher, weiß ich nicht, welchen Namen ich meinem Gefühl von damals geben soll!
Oh, selbstverständlich tat Lisa mir leid, und in meinem Herzen brannte ein ungeheuchelter Schmerz um sie! Und ich glaube, nur dieses Schmerzgefühl vermochte wenigstens zeitweise die Fleischlüsternheit (ich bleibe bei dieser Bezeichnung) in mir zu beruhigen oder zurückzudrängen. Aber eine grenzenlose Neugier, ein Grauen riß mich fort und dann noch ein gewisses Gefühl -- ich weiß nicht, was für eins; aber ich weiß jetzt, und das wußte ich schon damals, daß es kein gutes Gefühl war. Vielleicht hatte ich das Verlangen, mich ihr zu Füßen zu werfen, vielleicht aber wollte ich sie allen Qualen ausliefern, um ihr irgend etwas »schneller, schneller« zu beweisen. Davon konnte mich kein Schmerz um Lisa und kein Mitleid um meine Schwester zurückhalten. Nun, und wie hätte ich da noch aufstehen und heimgehen können zu ... Makar Iwanowitsch?
»Aber wäre es denn nicht möglich, zu ihnen zu gehen, nur um alles von ihnen zu erfahren, und sie dann -- auf immer zu verlassen, ohne mich von irgendwelchen Wundern oder Ungeheuern anfechten zu lassen?«
Es war drei Uhr, als ich mich endlich aufraffte und mir sagte, daß ich mich beinahe schon verspätet hatte; ich eilte hinaus, nahm eine Droschke und fuhr zu Anna Andrejewna.
Fünftes Kapitel.
I.
Als man mich Anna Andrejewna meldete, warf sie sofort ihre Näharbeit hin und kam mir eilig ins erste Zimmer entgegen, -- was früher nie geschehen war. Sie reichte mir beide Hände und errötete. Schweigend führte sie mich in ihr Zimmer, setzte sich wieder an ihre Handarbeit und wies auf einen Stuhl ihr gegenüber. Aber die Arbeit nahm sie nicht wieder auf, sondern sah mich mit glühender, lebhafter Teilnahme an, ohne ein Wort zu sagen.
»Sie haben Darja Onissimowna zur mir geschickt,« begann ich ohne Umschweife, ein wenig bedrückt durch ihre so auffallend gezeigte Teilnahme, obgleich diese mir doch auch schmeichelte.
Da begann sie plötzlich zu sprechen, ohne auf meine Frage einzugehen.
»Ich habe alles gehört, ich weiß alles. Diese schreckliche Nacht ... Oh, wie müssen Sie gelitten haben! Ist es denn wahr, wirklich wahr, daß man Sie besinnungslos, halb erfroren, gefunden hat?«
»Das hat Ihnen ... Lambert ...« murmelte ich und errötete.
»Ich habe gleich damals alles durch ihn erfahren; und ich habe auf Sie gewartet. Oh, ganz erschrocken kam er zu mir, um mir alles zu erzählen. In Ihrer Wohnung ... dort, wo Sie krank lagen, hat man ihn nicht zu Ihnen gelassen ... und hat ihn überhaupt sehr sonderbar empfangen ... Ich weiß zwar nicht genau, wie sich alles zugetragen hat, aber er hat mir viel von dieser Nacht erzählt: er erzählte mir auch, daß Sie, als Sie kaum zu sich gekommen waren, sogleich von mir gesprochen haben und ... und von Ihrer Ergebenheit für mich. Ich war zu Tränen gerührt, Arkadi Makarowitsch, ich weiß nicht einmal, wodurch ich diese Ihre glühende Anteilnahme verdient habe, und noch in der Lage, in der Sie sich selbst damals befanden! Sagen Sie, dieser Herr Lambert ist Ihr Jugendfreund?«
»Ja, aber bei diesem Wiedersehen ... ich muß gestehen, war ich etwas unvorsichtig und habe ihm vielleicht etwas zuviel vertraut.«
»Oh, von dieser schrecklichen Intrige hätte ich auch ohne ihn erfahren! Ich habe schon längst vorausgesehen, daß diese Menschen Sie so weit bringen würden. Sagen Sie, ist es wahr, daß Bjoring gewagt hat, seine Hand gegen Sie zu erheben?«
Sie tat so, als wäre ich damals nur durch Bjoring und »sie« in jene Verfassung an der Mauer gekommen. Und sie hat recht, dachte ich, aber ich brauste doch auf:
»Wenn er gegen mich die Hand erhoben hätte, so wäre er ungezüchtigt nicht davongekommen, und ich würde jetzt nicht ungerächt so vor Ihnen sitzen,« erwiderte ich heftig. Ich fühlte, daß sie mich zu irgend etwas reizen, gegen irgend jemand hetzen wollte (es war mir übrigens klar, gegen wen); und doch fiel ich darauf herein.
»Wenn Sie sagen, Sie hätten es vorausgesehen, daß man mich so weit bringen werde, so war das von seiten Katerina Nikolajewnas selbstverständlich nur ein Zweifeln an mir ... allerdings ist es wahr, daß ihr Vertrauen sich etwas zu schnell in dieses Mißtrauen verwandelt hat ...«
»Ja, gar zu schnell, das ist es ja eben!« griff Anna Andrejewna mit überschwänglichem Mitgefühl meine Behauptung auf. »Oh, wenn Sie wüßten, was sie jetzt dort für Intrigen spinnen! Freilich, Arkadi Makarowitsch, Ihnen dürfte es schwer fallen, die ganze Peinlichkeit meiner Lage zu begreifen,« sagte sie errötend und schlug die Augen nieder. »Inzwischen habe ich -- nach jenem Vormittag, als wir uns zum letztenmal sahen -- habe ich einen Schritt getan, den nicht ein Jeder so verstehen kann, wie ihn ein Mensch von Ihrem reinen Verstande und mit Ihrem liebevollen, unverdorbenen und frischen Herzen zu verstehen vermag. Seien Sie überzeugt, mein Freund, daß ich Ihre Ergebenheit mir gegenüber zu schätzen weiß und sie Ihnen mit ewiger Dankbarkeit lohnen werde. Die Gesellschaft wird natürlich den Stein gegen mich erheben, sie hat es ja schon getan. Und selbst wenn sie recht hätte, von ihrem niedrigen Standpunkte aus, wer kann, wer darf selbst in diesem Fall mich verurteilen? Ich bin seit meiner Kindheit von meinem Vater verlassen; wir Werssiloffs sind ein altes vornehmes Geschlecht, und doch sind wir Kinder Heimatlose, und ich esse fremdes Gnadenbrot. Ist es da nicht natürlich, daß ich mich an den gewandt habe, der mir seit meiner Kindheit den Vater ersetzt hat, und dessen Güte ich soviel verdanke? Meine Gefühle für ihn kennt nur Gott, er mag sie richten, doch den Urteilsspruch der Welt über mich erkenne ich nicht an! Und wenn nun noch die hinterlistigsten Intrigen gesponnen werden, und die eigene Tochter ihren vertrauensvollen und großmütigen Vater ins Unglück stürzen will, ja, darf man dann noch zögern? Nein, und wenn es mich auch meinen Ruf kostet, ich rette ihn! Ich bin bereit, einfach als Pflegerin bei ihm zu leben, seine Wärterin, seine Krankenschwester zu sein, doch niemals werde ich zulassen, daß die kalte und niedrige Berechnung der Welt triumphiert!«
Sie sprach in großer Erregung, und obschon diese Erregung zur Hälfte vielleicht gemacht war, so war sie insofern doch ehrlich, als man aus allem ersah, wie weit sie schon in diese ganze Sache hineingezogen war. Oh, ich fühlte es, daß sie log, wenn sie auch ehrlich log (denn man kann auch ehrlich lügen), und daß sie in diesem Augenblick schlecht handelte; aber es ist sonderbar, wie das einem so mit den Frauen ergeht: diese scheinbare Anständigkeit, diese feinen Formen, diese unerreichbare gesellschaftliche Vornehmheit und stolze Keuschheit -- alles das brachte mich aus der Fassung, und ich begann, ihr in allem recht zu geben, das heißt, solange ich bei ihr war; wenigstens konnte ich mich nicht entschließen, ihr zu widersprechen. Oh, ein Mann befindet sich entschieden in moralischer Abhängigkeit von der Frau, besonders wenn er großmütig ist! So eine Frau kann einen großmütigen Mann alles glauben machen. »Sie und Lambert -- du lieber Gott!« dachte ich und sah sie ungläubig an. Übrigens, um alles zu sagen: ich bin auch heutigentags nicht imstande, mir über sie ein Urteil zu bilden: ihre wahren Gefühle konnte wirklich nur Gott allein kennen, und außerdem ist der Mensch eine so komplizierte Maschine, daß man in manchen Fällen wirklich nichts von ihm verstehen kann: und nun gar, wenn dieser Mensch -- eine Frau ist!
»Anna Andrejewna, was erwarten Sie nun eigentlich von mir?« fragte ich sie aber doch ziemlich entschlossen.
»Wieso? Was wollen Sie damit gesagt haben, Arkadi Makarowitsch?«
»Mir scheint nach allem ... und noch einigen anderen Erwägungen ...« erklärte ich befangen, »daß Sie nach mir geschickt haben, weil Sie etwas von mir erwarteten; um was handelt es sich?«
Sie fing sofort wieder zu sprechen an, ohne jedoch auf meine Frage zu antworten, und sprach wieder so schnell und lebhaft wie zuvor.
»Ich kann nicht, ich bin zu stolz, um auf Auseinandersetzungen und Abmachungen mit unbekannten Personen, wie dieser Herr Lambert, einzugehen. Ich habe auf Sie gewartet, nicht auf Herrn Lambert. Meine Lage ist einfach furchtbar, Arkadi Makarowitsch! Ich muß Winkelzüge machen, weil ich von Spionen dieser Frau umgeben bin, -- und das ist unerträglich. Ich habe mich fast bis zu Intrigen erniedrigen müssen und habe auf Sie gewartet wie auf meinen Retter. Man kann es mir nicht verdenken, daß ich mich unter diesen Umständen nach einem Freunde umschaue, und wie sollte ich mich nicht glücklich schätzen, daß ich so einen Freund habe: wer in einer Nacht, da er selbst halb erfroren aufgefunden wird, noch meinen Namen nennt, der muß mir doch ergeben sein! Das habe ich mir die ganze Zeit immer wieder gesagt, und deshalb habe ich auch meine ganze Hoffnung auf Sie gesetzt.«
Sie sah mir mit ungeduldig fragendem Ausdruck in die Augen. Und siehe da, mir fehlte wieder der Mut, ihr den Glauben zu nehmen und ihr geradeaus zu erklären, daß Lambert sie betrogen, und daß ich ihm durchaus nicht gesagt hatte, ich sei ihr so sehr ergeben, geschweige denn, daß ich »nur ihren Namen« auf den Lippen gehabt hätte. Mit meinem Schweigen aber unterstützte ich gewissermaßen Lamberts Lüge. Oh, ich bin fest davon überzeugt, daß sie dabei nur zu gut wußte, daß Lambert alles übertrieben und sie einfach belogen hatte, einzig und allein, um einen Vorwand zu haben, bei ihr zu erscheinen und die Beziehung zu ihr aufrechtzuerhalten; und wenn sie mir nun so in die Augen sah, als wäre sie wirklich von dem Gesagten und von meiner Ergebenheit überzeugt, so wußte sie eben, daß ich es nicht wagen würde, ihrer Annahme zu widersprechen, einerseits aus Zartgefühl und andererseits infolge meiner jugendlichen Schüchternheit. Übrigens, ob ich mit dieser Vermutung recht habe oder nicht -- das weiß ich nicht. Vielleicht bin ich nur schrecklich verdorben.
»Mein Bruder wird für mich eintreten,« sagte sie plötzlich erregt, als sie sah, daß ich keine Antwort geben wollte.
»Man sagte mir, Sie seien mit ihm in meiner Wohnung gewesen,« stammelte ich verwirrt.
»Aber der unglückliche Fürst Nikolai Iwanowitsch kann sich ja nirgendwohin mehr retten, vor dieser ganzen Intrige, oder richtiger, vor seiner eigenen Tochter, als in Ihre Wohnung, das heißt, in die Wohnung seines Freundes; denn er hat doch wohl das Recht, Sie wenigstens für seinen Freund zu halten! ... Und dann, wenn Sie etwas für ihn tun wollen, so tun Sie es, wofern in Ihnen soviel Großmut und -- Kühnheit ist ... und wenn Sie für ihn wirklich etwas tun können. Oh, nicht um meinetwillen, nicht für mich, sondern für ihn, für den unglücklichen alten Mann, der Sie wirklich aufrichtig liebt, der Sie von ganzem Herzen wie seinen eigenen Sohn liebt, und der sich auch heute noch nach Ihnen sehnt! Für mich erwarte ich gar nichts, auch nicht von Ihnen -- hat doch selbst mein eigener Vater mir einen so hinterlistigen, so boshaften Streich gespielt!«
»Ich glaube, Andrei Petrowitsch ...« begann ich.
»Andrei Petrowitsch,« unterbrach sie mich mit bitterem Hohnlächeln, »Andrei Petrowitsch hat mir damals auf meine offene Frage ehrenwörtlich versichert, daß er niemals die geringste Absicht auf Katerina Nikolajewna gehabt habe, was ich ihm auch glaubte, als ich meinen Schritt tat; indessen dauerte dieser Verzicht nur so lange, bis er die erste Nachricht von einem gewissen Herrn Bjoring erfuhr.«
»Das ist nicht so zu verstehen,« rief ich, »es hat einen Augenblick gegeben, wo auch ich an seine Liebe zu dieser Frau glaubte -- aber das ist es nicht ... Ja, und selbst wenn es der Fall gewesen wäre, so kann er doch jetzt ganz beruhigt sein ... da dieser Herr ja schon verabschiedet worden ist.«
»Welcher Herr?«
»Bjoring.«
»Wer hat Ihnen denn das gesagt? Vielleicht hat dieser Herr noch niemals so viel Einfluß gehabt, wie eben jetzt,« lachte sie boshaft; mir schien sogar, daß sie mich dabei spöttisch und scharf beobachtete.
»Mir sagte es Darja Onissimowna,« stammelte ich in einer Verwirrung, die zu verbergen ich nicht imstande war, und die sie nur zu gut bemerkte.
»Darja Onissimowna ist ja eine sehr nette Person, und natürlich kann ich ihr nicht verbieten, mich zu lieben, aber sie hat gar keine Mittel, etwas zu erfahren, was sie nicht zu wissen braucht.«
Mein Herz krampfte sich zusammen; und wenn sie beabsichtigt hatte, meinen Unwillen zu entflammen, so war ihr das allerdings gelungen, da es in mir heiß zu sieden begann, nur war es nicht Unwille über jene Frau, sondern Unwille über sie, Anna Andrejewna, selbst. Ich erhob mich.
»Als anständiger Mensch muß ich Sie im voraus darauf aufmerksam machen, daß Ihre Erwartungen ... in bezug auf mich ... sich als sehr hinfällig erweisen können ...«
»Ich erwarte von Ihnen, daß Sie für mich eintreten,« sagte sie und sah mich fest an, »für mich, die ich von allen verlassen bin ... für Ihre Schwester, wenn Sie es wollen, Arkadi Makarowitsch.«
Einen Augenblick noch, und sie hätte zu weinen angefangen.
»Nun, dann erwarten Sie lieber nichts von mir, weil ich Sie vielleicht enttäuschen könnte,« stammelte ich in unsäglicher Pein.
»Wie soll ich Ihre Worte verstehen?« fragte sie mich ganz zaghaft.
»Einfach, daß ich von ihnen allen fortgehe und -- damit basta!« rief ich plötzlich voller Wut -- »und das Dokument -- zerreiße ich. Leben Sie wohl.«
Ich verbeugte mich vor ihr und ging schweigend hinaus, dabei wagte ich kaum, sie anzusehen; aber ich war noch nicht die Treppe hinuntergegangen, als Darja Onissimowna mich einholte und mir ein zweimal zusammengefaltetes Blatt Briefpapier überreichte. Woher diese Darja Onissimowna plötzlich kam, und wo sie sich während meiner Unterredung mit Anna Andrejewna befunden hatte, -- weiß ich nicht. Sie sagte mir kein Wort, übergab mir nur das Papier und lief wieder zurück. Ich entfaltete das Blatt: auf ihm stand nichts weiter als Lamberts Adresse, die offenbar schon vor einiger Zeit geschrieben war. Ich erinnerte mich plötzlich, daß ich damals, als Darja Onissimowna bei mir gewesen war, ihr gesagt hatte, ich wüßte nicht, wo Lambert wohne, aber natürlich in dem Sinne, daß ich die Wohnung auch gar nicht wissen wollte. Inzwischen aber hatte ich die Adresse Lamberts schon durch Lisa erhalten, die ich gebeten hatte, sich im Adreßbüro zu erkundigen. Dieser Schachzug Anna Andrejewnas erschien mir denn doch schon zu rücksichtslos, ja, sogar zynisch: ungeachtet meiner Weigerung, ihr zu helfen, schickte sie mich nun einfach zu Lambert. Mir wurde nur zu klar, daß sie den Inhalt des Dokumentes kannte -- und durch wen hätte sie den erfahren können, wenn nicht durch Lambert, zu dem sie mich jetzt sandte, damit es zwischen uns zu einer Vereinbarung käme!
»Sie halten mich ja alle, ohne Ausnahme, für einen dummen Jungen, der weder eigenen Willen noch Charakter hat, und mit dem man machen kann, was man nur will!« dachte ich empört.
II.
Doch ungeachtet meiner ganzen Empörung über Anna Andrejewna begab ich mich sogleich zu Lambert. Wohin hätte ich auch mit meiner Neugier gehen sollen? Lambert wohnte, wie sich zeigte, sehr weit: in der »Schiefen Querstraße«, in der Nähe des Sommergartens, immer noch in jenem möblierten Zimmer; aber damals, als ich ihm davongelaufen und nach Haus gefahren war, hatte ich so wenig auf den Weg geachtet, daß ich, als ich vor vier Tagen seine Adresse durch Lisa erhalten hatte, sehr erstaunt gewesen war und es kaum hatte glauben wollen, daß er dort wohne. Als ich die Treppe zum dritten Stock hinaufstieg, bemerkte ich vor der Tür zwei junge Leute; ich dachte, sie hätten bereits geklingelt und warteten nun darauf, daß ihnen geöffnet werde. Während ich hinaufstieg, standen sie beide mit dem Rücken gegen die Tür und musterten mich aufmerksam. »Hier sind ja mehrere möblierte Zimmer, sie werden wohl einen anderen Mieter besuchen wollen,« dachte ich stirnrunzelnd; denn es wäre mir sehr unangenehm gewesen, bei Lambert noch irgend jemand anzutreffen. Ich bemühte mich, sie nicht anzusehen und streckte die Hand nach der Klingel aus.
»Attendez!«{[78]} rief mir der eine zu.
»Ach bitte, warten Sie noch etwas mit dem Klingeln,« sagte mit heller und freundlich bittender Stimme der andere junge Mann -- er hatte die in unserer höheren Gesellschaft übliche schleppende Sprechweise. »Wir werden gleich fertig sein, und dann klingeln wir zusammen, ist es Ihnen recht?«
Ich zog meine Hand zurück. Beide waren sie junge Leute von zwanzig bis zweiundzwanzig Jahren; sie beschäftigten sich dort an der Tür mit etwas sehr Sonderbarem und ich schaute ihnen mit Verwunderung zu. Derjenige, der »attendez« gerufen hatte, war ein auffallend langer Bursche, mager und offenbar blutarm, aber sehr muskulös, mit einem für seine Größe viel zu kleinen Kopf, dessen leicht pockennarbiges, gar nicht so dummes, ja sogar sympathisches Gesicht einen eigentümlichen, komisch-finsteren Ausdruck hatte. In seinem Blick lag, ich möchte sagen, etwas übertrieben Scharfsinniges und eine unnötige Entschlossenheit. Er war sehr schlecht angezogen: sein alter wattierter Mantel mit dem schäbigen kleinen Waschbärkragen war viel zu kurz für einen so langen Menschen und offenbar nicht für ihn gemacht; dazu hatte er schlechte, fast bäurische Stiefel und auf dem Kopf einen schrecklich struppigen, schon bräunlich gewordenen Zylinder. Man sah ihm sofort den liederlichen Menschen an: seine unbehandschuhten Hände waren unsauber, die langen Nägel hatten Trauerränder. Sein Kamerad dagegen war tadellos gekleidet, soweit man nach seinem leichten Marderpelz, dem eleganten Hut und den neuen hellen Handschuhen urteilen konnte, in denen seine schlanken Hände staken; dem Wuchs nach war er ungefähr von meiner Größe und sein frisches jugendliches Gesicht hatte einen äußerst sympathischen Ausdruck.
Der lange Bursche riß sich seine Krawatte vom Halse -- ein vollkommen verschlissenes und schmieriges Band, das fast schon zur Schnur zusammengerollt war; und der hübsche Junge zog aus seiner Tasche eine neue, wohl soeben gekaufte schwarze Krawatte, die er dem Langen umzubinden versuchte, der gehorsam und mit furchtbar ernstem Gesicht seinen langen Hals ihm entgegenreckte, während er seinen Mantel von den Schultern zurückgeschlagen hielt.
»Nein, das geht doch nicht, wenn das Hemd so schmutzig ist,« sagte der andere, »so wird der Eindruck um garnichts besser, es sieht sogar noch schmutziger aus. Ich hab' dir doch gesagt, du sollst dir einen reinen Kragen umlegen. Wie soll ich das jetzt binden ... Können Sie es vielleicht?« wandte er sich plötzlich an mich.
»Was?« fragte ich.
»Ihm diese Krawatte umbinden? Sehen Sie, man muß sie irgendwie so umbinden, daß das Hemd nicht zu sehen ist, denn sonst geht der ganze Effekt zum Teufel, aber wie soll man das machen? Deshalb habe ich ihm doch die Krawatte soeben gekauft, für einen Rubel.«
»Das hast du -- für denselben?« fragte der Lange.
»Ja, für denselben; ich habe jetzt keine Kopeke mehr. Sie können es also auch nicht? Dann werden wir Alphonsinka bitten müssen.«
»Zu Lambert?« fragte mich plötzlich scharf der Lange.
»Allerdings,« antwortete ich ebenso scharf und sah ihm in die Augen.
»Dolgorowky?« fragte er in demselben Ton und mit derselben Stimme.
»Nein, nicht Koroffkin,« antwortete ich ebenso energisch; ich hatte ihn nicht richtig verstanden.
»Dolgorowky?!« wiederholte der Lange fast schreiend und trat drohend auf mich zu. Sein Kamerad begann zu lachen.
»Er sagt Dolgorowky und nicht Koroffkin,« erklärte er mir. »Wissen Sie, die Franzosen verdrehen im >Journal des Débats< so oft die russischen Namen ...«
»In der >Indépendance<,« knurrte der Lange.
»Na, egal, dann war's in der >Indépendance<. Den Namen des Fürsten Dolgoruki schreiben sie zum Beispiel >Dolgorowky< -- ich habe es selbst gelesen, und W--ff schreiben sie immer >le comte Vallonieff<.«{[79]}
»Doboyny!« rief der Lange.
»Ja, richtig, auch den Namen >Doboyny< haben sie mal angeführt; ich habe ihn selbst gelesen, und wir haben noch beide darüber gelacht: irgendeine russische madame Doboyny, die im Auslande wohnt ... aber wozu sie jetzt alle nennen,« wandte er sich plötzlich an den Langen.
»Entschuldigen Sie, heißen Sie Dolgoruki?«
»Ja, -- ich heiße Dolgoruki, aber woher wissen Sie denn das?«
Der Lange flüsterte dem hübschen Jungen schnell etwas ins Ohr. Der runzelte die Stirn und machte eine verneinende Handbewegung, doch der Lange ließ sich nicht abhalten und wandte sich wieder an mich.
»Monsieur le prince, vous n'avez pas de rouble d'argent pour nous, pas deux, mais un seul, voulez-vous?«{[80]}
»Pfui, wie frech du bist,« rief der Junge.
»Nous vous rendons,«{[81]} bemerkte der Lange, der die französischen Worte plump und ungeschickt aussprach.
»Wissen Sie, er ist ein Zyniker,« erklärte mir der Junge lachend. »Sie denken vielleicht, er kann kein Französisch? Er spricht wie ein Pariser, aber jetzt parodiert er nur die Russen, die in der Gesellschaft so furchtbar gern laut untereinander Französisch sprechen und es dabei gar nicht können ...«
»Dans les wagons,«{[82]} erläuterte der Lange.
»Ja, auch in den Waggons; ach, wie langweilig du bist! Das ist doch ganz gleich. Auch ein Vergnügen, den Dummkopf zu spielen!«
Ich nahm währenddessen den Rubel heraus und reichte ihn dem Langen.
»Nous vous rendons,« sagte er und steckte den Rubel ein; dann wandte er sich ruhig zur Tür, und begann, während sein Gesicht dabei vollkommen unbeweglich und ernst blieb, mit der Spitze seines großen, plumpen Stiefels gegen die Tür zu hämmern, -- das alles, wie gesagt, ohne die geringste Erregung ...
»Ach, du wirst es wieder zu einem Skandal bringen, mit Lambert!« rief der Junge beunruhigt. »Klingeln Sie dann schon lieber.«
Ich klingelte, aber der Lange hämmerte unbekümmert weiter mit seinem Fuß an die Tür.
»Ah, sacré{[83]} ...« hörte man auf einmal die wütende Stimme Lamberts hinter der Tür, und er öffnete schnell.
»Dites donc, voulez-vous que je vous casse la tête, mon ami!«{[84]} schrie er den Langen an.
»Mon ami, voilà Dolgorowky, l'autre mon ami,«{[85]} sprach ernst und feierlich der Lange und sah dem vor Zorn puterroten Lambert starr in die Augen. Als dieser mich erblickte, veränderte sich sein Gesicht im Handumdrehen.
»Ach du bist es, Arkadi! Endlich doch! So bist du jetzt gesund, endlich wieder gesund?«
Er ergriff meine beiden Hände und schüttelte sie kräftig; kurz, er war so aufrichtig erfreut, daß ich mich für den Augenblick sehr angenehm berührt fühlte und ihn beinahe lieb gewann.
»Mein erster Weg führt mich zu dir!«
»Alphonsine!« rief Lambert. Sie sprang im Augenblick hinter dem Schirm hervor.
»Le voilà!«
»C'est lui!«{[86]} rief Alphonsinka und schlug die Hände zusammen und breitete sie wieder aus und wollte sich schon auf mich stürzen, um mich zu umarmen, aber Lambert schützte mich davor.
»Nonono! tout beau!«{[87]} rief er ihr drohend zu, wie einem Hündchen. »Du, Arkadi, sieh mal, ich habe mich heute verabredet, mit ein paar Bekannten im tatarischen Restaurant zu Mittag zu speisen. Ich lasse dich jetzt nicht los, du mußt mit mir hinfahren. Wir speisen zusammen; die anderen werde ich mir schon vom Halse schaffen -- und dann sprechen wir uns aus. Komm nur herein, komm! Wir werden gleich aufbrechen, nur einen Augenblick mußt du warten.«
Ich trat ein, sah mich im Zimmer um, und versuchte, mir das Erlebte von damals zu vergegenwärtigen. Lambert kleidete sich schnell hinter dem Wandschirm um. Der Lange und sein Kamerad waren uns gefolgt, trotz der Worte, mit denen Lambert sie empfangen hatte. Wir blieben alle stehen.
»Mademoiselle Alphonsine, voulez-vous me baiser?«{[88]} äffte der Lange.
»Mademoiselle Alphonsine,« begann auch der Jüngere und näherte sich ihr, indem er ihr die Krawatte hinhielt, aber sie fuhr wütend auf die beiden los.
»Ah, le petit vilain!« schrie sie den Jüngeren an, »ne m'approchez pas, ne me salissez pas, et vous, le grand dadais, je vous flanque à la porte tous les deux, savez-vous cela!«{[89]}
Doch der Jüngere ließ sich nicht abschrecken, obgleich sie sich mit solcher Verachtung und solchem Ekel von ihm abwandte, als hätte sie wirklich gefürchtet, sich an ihm zu beschmutzen (was ich gar nicht verstehen konnte, denn er sah so nett aus und war -- was ich sah, als er den Pelz ablegte -- so gut angezogen!) und bat sie trotzdem unentwegt, seinem langen Kameraden die Krawatte zu binden und ihm vorher einen reinen Kragen von Lambert umzulegen. Sie aber geriet über dieses Ansinnen dermaßen in Wut, daß sie ihn womöglich geschlagen haben würde, wenn Lambert, der hinter dem Wandschirm die Bitte gehört hatte, ihr nicht zugerufen hätte, sie möge sie nicht aufhalten und tun, was sie verlangten. »Sonst gehen sie überhaupt nicht mehr weg,« fügte er hinzu. Da nahm Alphonsinka sofort einen Kragen und band dem Langen die Krawatte um, und tat es sogar ohne jede Spur von Widerstreben. Der Lange aber reckte genau wie vorhin auf der Treppe seinen Hals aus, während sie ihm die Krawatte band.
»Mademoiselle Alphonsine, avez-vous vendu votre bologne?«{[90]} fragte er.
»Qu'est-ce que ça, ma bologne?«{[91]}
Der Jüngere erklärte, daß sein Freund mit »bologne« ihr Bologneserhündchen meine.
»Tiens, quel est ce baragouin?«{[92]}
»Je parle comme une dame russe sur les eaux minérales,«{[93]} spottete le grand dadais{[94]} wieder in steifem Französisch, während er immer noch mit vorgestrecktem Halse stand.
»Qu'est-ce que ça, qu'une dame russe >sur les eaux minérales<? Et ... mais où est donc votre jolie montre que Lambert vous a donnée?«{[95]} wandte sie sich plötzlich an den Jüngeren.
»Was, ist er schon wieder ohne Uhr?« rief Lambert geärgert hinter dem Schirm.
»Aufgefressen!« knurrte le grand dadais.
»Ich hab' sie für acht Rubel verkauft: sie war ja nur silbervergoldet -- und Sie gaben sie aus als rein goldene Uhr. Solche kosten jetzt neu auch nicht mehr als sechzehn Rubel,« rechtfertigte sich der Jüngere, tat es jedoch ersichtlich mit großer Unlust.
»Damit muß endlich einmal ein Ende gemacht werden!« fuhr Lambert geärgert fort. »Ich kaufe Ihnen, mein junger Freund, nicht zu dem Zweck Kleider und schöne Sachen, damit Sie sie Ihrem langen Freunde in den Rachen werfen. Was für eine Krawatte haben Sie ihm da schon wieder gekauft?«
»Die kostet nur einen Rubel, und der war nicht von Ihrem Geld. Er hatte überhaupt keine Krawatte mehr! Einen Hut muß man ihm auch noch kaufen!«
»Unsinn!« schrie Lambert, jetzt schon wirklich wütend.
»Ich habe ihm genug gegeben, auch für einen Hut, er aber hat sofort Austern und Champagner bestellt. Dabei stinkt er und ist ein Schmutzfink; man kann sich ja nirgendwo mit ihm sehen lassen. Wie soll ich ihn jetzt ins Restaurant mitnehmen?«
»Mit 'ner Droschke,« knurrte der dadais. »Nous avons un rouble d'argent que nous avons prêté chez notre nouvel ami.«{[96]}
»Gib ihnen nichts, Arkadi!« schrie Lambert wieder.
»Erlauben Sie, Lambert; ich verlange von Ihnen sofort zehn Rubel,« forderte plötzlich der Jüngere so wütend, daß er ganz rot im Gesicht wurde, was ihn noch hübscher machte. »Und wagen Sie es nicht noch einmal, solche Dummheiten zu sagen, wie jetzt zu Dolgoruki. Ich verlange von Ihnen zehn Rubel, um Dolgoruki den einen Rubel sogleich zurückgeben zu können, von dem übrigen Gelde aber kaufe ich sofort einen Hut für Andrejeff -- das werden Sie sehen.«
Lambert kam hinter dem Schirm hervor.
»Hier sind drei gelbe Lappen, drei Rubel, mehr gibt es nicht bis Dienstag, und wagt es nicht, mir früher zu kommen ... sonst ...«
Le grand dadais riß ihm das Geld nur so aus der Hand.
»Dolgorowky, hier ist der Rubel, nous vous rendons avec beaucoup de grâce.{[97]} Petjä, fahren wir!« rief er seinem Kameraden zu, und dann auf einmal, schwang er die beiden Scheine durch die Luft, sah Lambert frech ins Gesicht, und schrie aus allen Kräften: »Ohé, Lambert! Où est Lambert, as-tu vu Lambert?«{[98]}
»Nehmt euch in acht, nehmt euch in acht!« brüllte Lambert in furchtbarer Wut.
Ich sah, daß hier etwas vorging, was auf Früheres Bezug hatte, wovon ich nichts wußte, und ich hörte nicht ohne Verwunderung zu. Aber der Lange ließ sich durch den Zorn Lamberts nicht im geringsten einschüchtern, im Gegenteil, er schrie sogar noch lauter: Ohé, Lambert! usw. Mit diesem Geschrei zogen sie ab. Lambert wollte ihnen nachstürzen, besann sich aber und kehrte wieder um.
»Denen werde ich auch bald einen Genickstoß geben! Die kosten mehr als sie einbringen ... Gehen wir, Arkadi! Ich hab' mich schon verspätet. Dort erwartet mich noch so einer ... den ich brauche ... Auch so ein Vieh ... und das sind sie alle! Halunken sind sie, Halunken!« schrie er wieder und knirschte vor Wut; doch plötzlich besann er sich und nahm sich zusammen. »Ich freue mich, daß du endlich gekommen bist. Alphonsine, wohlgemerkt: keinen Schritt aus dem Hause! Gehen wir.«
Vor der Haustür erwartete ihn eine elegante Mietsdroschke. Wir stiegen ein; doch selbst unterwegs konnte er seine Wut auf die jungen Leute nicht meistern und sich beruhigen. Ich wunderte mich, daß er sie so ernst nahm, und daß sie Lambert so respektlos behandelten, während er beinahe Angst vor ihnen hatte. Nach den alten, in mir fest eingewurzelten Eindrücken aus meiner Kindheit glaubte ich noch immer, daß alle Lambert fürchten müßten; und ich glaube, selbst in dem Augenblick muß ich, trotz meiner ganzen Unabhängigkeit, Lambert doch noch gefürchtet haben.
»Ich sage dir, das ist ein furchtbares Lumpenpack,« fuhr Lambert fort. »Wirst du's mir glauben, dieser Lange, dieser ekelhafte Kerl, hat mich noch vor drei Tagen in einer Gesellschaft bloßgestellt. Er stellt sich vor mir auf und schreit: >Ohé, Lambert!< usw. Und das in guter Gesellschaft! Alle lachen und merken natürlich, daß er es tut, damit ich ihm Geld gebe -- kannst du dir meine Lage vorstellen! Und ich habe es ihm geben müssen. Oh, dieses Lumpenpack! Wirst du's mir glauben, er war Junker in einem Regiment, wurde dann ausgeschlossen, und kannst du dir vorstellen, er ist ein gebildeter Mensch: er hat seine Erziehung in einem guten Hause erhalten! Er hat Ideen, er könnte ... Eh, zum Teufel! Und er ist stark wie Herkules. Er ist mir ja nützlich, doch nicht sehr ... Und hast du gesehen, er wäscht sich nicht einmal die Hände! Ich empfahl ihn einer Dame, einer alten vornehmen Dame; ich sagte ihr, er bereue seinen Lebenswandel und wolle sich vor Gewissensbissen umbringen, er aber kommt zu ihr, setzt sich hin und pfeift. Und der andere, der Nette -- ist der Sohn eines Generals; die Familie schämt sich seiner, ich hab' ihn gerettet, hab' ihn dem Gericht entrissen, und so lohnt er es mir! Hier gibt es keine Menschen! Aber ich werde sie mir schon vom Halse schaffen und zum Teufel jagen!«
»Sie wissen meinen Namen; hast du mit ihnen von mir gesprochen?«
»Ich war mal so dumm. Weißt du, wenn man so bei Tisch zusammensitzt, da geht einem manches über die Lippen ... Es kommt noch eine furchtbare Kanaille hin. Der ist schon wirklich eine Kanaille und dabei schlau. Hier gibt es nur Spitzbuben, hier gibt es keine anständigen Menschen! Na, wenn ich mit ihnen fertig bin -- dann ... Was ißt du gern? Aber das ist ja egal, man speist dort immer ausgezeichnet. Beunruhige dich nicht, ich werde alles bezahlen. Schön, daß du so gut angezogen bist. Ich kann dir Geld geben. Komm nur immer zu mir. Stell dir vor, ich habe ihnen hier zu essen und zu trinken gegeben, jeden Tag Fischpasteten und Delikatessen; die Uhr, die er verkauft hat, ist schon die zweite. Dieser Knabe, Trischatoff heißt er, -- du hast ja selbst gesehen: sogar Alphonsinka ekelt sich, ihn anzurühren, und läßt ihn nicht an sich herankommen -- und plötzlich bestellt er im Restaurant, in Gegenwart von Offizieren, -- Schnepfen! >Ich will Schnepfen,< sagt er. Ich habe ihm die Schnepfen damals auch bestellt, aber ich werde mich schon dafür rächen!«
»Erinnerst du dich noch, wie wir in Moskau zusammen ins Restaurant fuhren und du mich dort mit der Gabel stachst, und wie du damals fünfhundert Rubel hattest?«
»Ja, ich weiß noch! Eh, Teufel, ich weiß! Aber ich habe dich gern ... Das kannst du mir glauben. Dich liebt ja sonst kein Mensch, ich aber hab' dich gern; nur ich allein, vergiß das nicht ... Der da, der dorthin kommt, der Pockennarbige -- das ist die allerschlauste Kanaille, die mir je begegnet ist; antworte ihm nichts, wenn er mit dir spricht, und wenn er dich zu fragen anfängt, so antworte ihm irgendeinen Unsinn, oder schweige ganz ...«
Jedenfalls kam er unterwegs infolge seiner Aufregung gar nicht dazu, mich auszufragen. Ich aber empfand es fast als Beleidigung, daß er meiner so sicher war und nicht einmal auf die Vermutung kam, ich könnte ihm mißtrauen; wie mir schien, befand er sich noch in dem dummen Glauben, er könne mich genau so kommandieren wie in früheren Jahren. »Und dabei ist er noch so furchtbar ungebildet,« dachte ich bei mir, als wir ins Restaurant traten.
III.
In diesem Restaurant an der Großen Morskajastraße hatte ich schon früher verkehrt, in der Zeit meiner Gesunkenheit; darum durchbohrte es mich förmlich, als ich diese Räume, diese Kellner, die mich musterten und in mir einen früheren Gast erkannten, wiedersah. Und nicht viel anders wirkte auf mich der Anblick dieser rätselhaften Freunde Lamberts, in deren Gesellschaft ich mich plötzlich befand, und zu denen ich schon untrennbar zu gehören schien; und dazu kam nun noch das dunkle Vorgefühl, daß ich freiwillig in eine Gemeinheit rannte, die zweifellos mit einer schlechten Tat enden würde -- wie gesagt, dieses Gefühl, dieser Eindruck saß in mir und bohrte in mir. Es gab einen Augenblick, da ich fort, nur fortlaufen wollte; doch der Augenblick verging und ich blieb.
Der Pockennarbige, den Lambert aus unbekannten Gründen so fürchtete, wartete schon auf uns. Das war ein Mann mit dummgeschäftigem Gesichtsausdruck, ein Typus, den ich schon seit meiner Kindheit geradezu verabscheute; er mochte fünfundvierzig Jahre alt sein, war von mittlerem Wuchs, hatte leicht ergrautes Haar und ein widerlich glattrasiertes Gesicht mit kleinen abgeschnittenen Bartkoteletten, die wie zwei Würstchen das auffallend flache und böse Gesicht einfaßten. Natürlich war er langweilig, ernst, wortkarg und, wie es diese Leutchen gewöhnlich sind, aus irgendeinem Grunde auch noch hochmütig. Er musterte mich sehr aufmerksam, sagte aber kein Wort. Lambert war so töricht, uns nicht miteinander bekannt zu machen, obgleich wir uns an denselben Tisch setzten: folglich konnte mich jener für einen der Erpresser aus Lamberts Gefolge halten. Mit den beiden jungen Leuten (die fast gleichzeitig mit uns eingetroffen waren) sprach der Pockennarbige während der ganzen Mahlzeit auch kein Wort, aber es war offensichtlich, daß er sie sehr gut kannte. Er sprach ausschließlich mit Lambert, aber das Gespräch wurde nur im Flüsterton geführt, und eigentlich sprach nur Lambert; der Pockennarbige begnügte sich mit abgerissenen, wütenden Worten, die wie Ultimata klangen. Er verhielt sich äußerst hochmütig, böse und spöttisch, während Lambert sich in großer Erregung befand und sichtlich in der Absicht auf ihn einsprach, ihn zu irgendeinem Unternehmen zu überreden. Einmal streckte ich die Hand nach einer Rotweinflasche aus, doch da griff der Pockennarbige, der bis dahin kein Wort zu mir gesprochen hatte, schnell nach der Sherryflasche und reichte sie mir. »Versuchen Sie den,« sagte er dabei.
Ich erriet sofort, daß er über mich schon unterrichtet war und wohl nicht nur meinen Namen, sondern auch meine ganze Lebensgeschichte kannte, und ganz genau wußte, worauf Lambert bei mir rechnete. Der Gedanke, daß er mich für einen von Lamberts Helfershelfern halten könnte, empörte mich mächtig. Lamberts Gesicht aber drückte höchste und dümmste Beunruhigung aus, sobald der andere nur ein Wort zu mir sagte. Dem Pockennarbigen konnte das natürlich nicht entgehen, und er begann zu lachen.
»Lambert hängt entschieden von ihnen allen ab,« dachte ich und haßte ihn in diesem Augenblick aus ganzer Seele. So waren wir denn während der ganzen Mahlzeit, wenn wir auch an einem Tisch zusammensaßen, doch in zwei Gruppen geteilt: am Fenster der Pockennarbige und Lambert einander gegenüber, und am anderen Ende ich neben dem schmierigen Andrejeff, und wiederum uns gegenüber der hübsche Trischatoff. Lambert hatte es sehr eilig mit dem Essen und trieb den Kellner alle Augenblicke zu schnellerem Servieren an. Als man den Champagner brachte, hob er mir plötzlich sein Glas entgegen:
»Auf dein Wohl, stoßen wir an!« unterbrach er sein Gespräch mit dem Pockennarbigen.
»Erlauben Sie auch mir, mit Ihnen anzustoßen?« fragte mich der hübsche Trischatoff und hielt mir sein Glas entgegen.
Bis zum Champagner war er sehr nachdenklich und schweigsam gewesen. Der dadais hatte überhaupt nichts gesprochen, nur geschwiegen und viel gegessen.
»Mit Vergnügen,« erwiderte ich Trischatoff.
Wir stießen an und leerten unsere Gläser.
»Ich werde nicht auf Ihr Wohl trinken,« wandte sich plötzlich auch der dadais an mich, »nicht weil ich Ihnen etwa den Tod wünsche, sondern weil ich nicht will, daß Sie hier zu viel trinken«. Er sagte das düster und nachdrücklich. »Sie haben von drei Gläsern genug. Ich sehe, Sie betrachten meine ungewaschene Faust?« fuhr er fort und legte die Hand vor sich auf den Tisch. »Ich wasche sie nicht, und so ungewaschen vermiete ich sie an Lambert, zum Einschlagen fremder Schädel, in Fällen, die für Lambert bedenklich sind.«
Und plötzlich schlug er mit der Faust aus aller Kraft auf den Tisch, daß sämtliche Teller und Gläser klirrten. Außer unserem Tisch waren in diesem Zimmer noch vier Tische besetzt, -- von Offizieren und Herren von tadelloser Haltung. Das Restaurant war gerade in Mode; alle unterbrachen für den Augenblick ihr Gespräch und sahen in unsere Ecke; ja, ich glaube, wir hatten schon längst ein gewisses Aufsehen erregt. Lambert errötete über und über.
»Ha, fängt er schon wieder an! Ich habe Sie doch gebeten, Nikolai Ssemjonowitsch, sich anständig aufzuführen,« raunte er in wütendem Geflüster Andrejeff zu. Der wandte ihm langsam den Blick zu und sah ihn lässig an.
»Ich wünsche nicht, daß mein neuer Freund Dolgorowky heute hier zuviel Wein trinkt,« sagte er.
Lambert wurde vor Wut noch röter. Der Pockennarbige hörte schweigend, aber mit sichtlichem Vergnügen zu. Andrejeffs Ausfall schien ihm aus irgendeinem Grunde zu gefallen. Nur ich allein begriff nicht, warum ich nicht mehr trinken sollte.
»Das tut er nur, damit ich ihm noch Geld gebe. Sie bekommen noch sieben Rubel, verstanden, nach dem Essen -- nur lassen Sie uns erst die Mahlzeit beenden; blamieren Sie uns nicht,« sagte Lambert halblaut, wenn auch knirschend vor Wut, zu ihm.
»Aha!« brummte der dadais siegesbewußt.
Das entzückte den Pockennarbigen nun ganz und gar, und er fing boshaft zu kichern an.
»Höre, du bist schon zu ...« wandte sich Trischatoff beunruhigt und fast schmerzlich berührt an seinen Freund, offenbar um ihn zurückzuhalten.
Andrejeff verstummte, aber nicht für lange, denn das entsprach nicht seiner Absicht. Nicht weit von uns, vielleicht fünf Schritt von unserem Tisch, speisten zwei Herren, die sich lebhaft unterhielten. Beide waren in mittleren Jahren, und man sah ihnen sofort eine gewisse übertriebene Empfindlichkeit an. Der eine war groß und sehr dick, der andere gleichfalls sehr dick, aber klein. Sie unterhielten sich auf polnisch über die neuesten Pariser Ereignisse. Der dadais hatte sie schon lange aufmerksam betrachtet und zu ihnen hinübergehorcht. Der kleinere Pole erschien ihm offenbar als komische Figur, und er haßte ihn sofort, wie das bei Leuten, die an der Galle oder Leber leiden, sehr häufig ohne jeglichen Grund geschieht. Plötzlich sprach der kleine Pole den Namen des Deputierten Madiér de Montjeáu aus, aber nach der Gewohnheit sehr vieler Polen sprach er ihn polnisch aus, das heißt, er betonte statt der letzten, die vorletzte Silbe: also nicht Madiér de Montjeáu, sondern Mádier de Móntjeau. Das genügte dem dadais. Er wandte sich auf seinem Platz zu den Polen um, reckte sich stolz und sagte plötzlich laut und deutlich, als richte er eine Frage an sie:
»Madiér de Montjeáu?«
Die Polen drehten sich wütend nach ihm um.
»Was wünschen Sie?« schrie der große Pole ihn laut auf russisch an.
Der dadais wartete einen Augenblick.
»Madiér de Montjeáu,« wiederholte er plötzlich noch einmal laut, daß es über den ganzen Saal hin zu hören war, doch ohne weiter irgendeine Erklärung abzugeben, genau so dumm, wie er vor der Tür bei Lambert drohend auf mich zugetreten war und mehrmals den Namen »Dolgorowky« ausgesprochen hatte.
Die Polen sprangen auf, Lambert schnellte hinter dem Tisch in die Höhe und wollte, wie es schien, sich auf Andrejeff stürzen, besann sich aber und eilte zu den Polen, um sie untertänigst um Entschuldigung zu bitten.
»Das sind ja Narren, Pane, das sind ja Narren!« rief der kleine Pole mit Verachtung, vor Zorn dabei rot wie eine Mohrrübe. »Man kann ja bald nicht mehr herkommen!« Auch sonst entstand Unruhe im Saal, man hörte murren, hauptsächlich freilich lachen.
»Kommen Sie ... bitte ... gehen wir!« murmelte Lambert ganz verwirrt, und hatte ersichtlich nur den einen Wunsch, Andrejeff aus dem Lokal zu entfernen. Dieser blickte Lambert prüfend an, und erst als er erriet, daß der ihm nun Geld geben würde, willigte er ein, ihm zu folgen. Wahrscheinlich war es nicht das erstemal, daß er auf diese schamlose Manier von Lambert Geld erpreßte. Trischatoff wollte ihnen eilig folgen, sah dann aber mich an und blieb.
»Ach, wie ekelhaft!« sagte er und bedeckte die Augen mit seinen feinen Fingerchen.
»Tja, ekelhaft ist schon das Wort dafür,« brummte diesmal ganz erbost der Pockennarbige.
Lambert kehrte ganz bleich zurück und begann sogleich mit lebhaften Gesten auf den Pockennarbigen flüsternd einzureden. Dieser befahl dem Kellner, schnell den Kaffee zu servieren, und hörte Lambert nur widerwillig zu; er hatte es offenbar eilig, fortzukommen. Und dabei war der ganze Zwischenfall doch nur ein dummer Jungenstreich gewesen. Trischatoff kam mit seiner Tasse Kaffee zu mir herüber und setzte sich neben mich.
»Ich habe ihn sehr gern,« begann er mit einer solchen Offenherzigkeit, als hätte er mit mir schon oft darüber gesprochen. »Sie glauben nicht, wie unglücklich Andrejeff ist. Er hat die ganze Mitgift seiner Schwester durchgebracht und vertrunken, ja, alles was sie besaßen, hat er in dem einen Jahr, als er diente, durchgebracht, und ich sehe, wie ihn das jetzt quält. Daß er sich nicht wäscht -- das geschieht nur aus Verzweiflung. Und wissen Sie, er hat furchtbar sonderbare Gedanken: plötzlich behauptet er, daß zwischen einem Schurken und einem ehrlichen Menschen gar kein Unterschied sei, das sei alles eins und man solle deshalb nichts tun, überhaupt nichts, weder Gutes noch Böses, oder wenn man wolle, könne man ja auch Gutes oder Böses tun, am besten aber sei doch, gar nichts zu tun und einfach herumzuliegen, ohne auch nur einmal im Monat die Kleider zu wechseln, nur zu essen und zu trinken und hauptsächlich zu schlafen -- und sonst nichts. Aber glauben Sie mir, das sagte er doch alles nur so. Und wissen Sie, ich glaube sogar, diesen ganzen Skandal vorhin, den hat er nur gemacht, um mit Lambert endgültig zu brechen. Er hat schon gestern davon gesprochen. Werden Sie's glauben: manchmal nachts, oder wenn er lange allein sitzt, da fängt er zu weinen an, und wissen Sie, er weint so sonderbar, wie sonst kein Mensch weint; er schluchzt, schluchzt so schrecklich, und das, wissen Sie, tut noch weher ... Und dabei ist er doch so groß und so stark, und plötzlich -- schluchzt er wie ein Kind. Was für ein armer Kerl, nicht wahr? Ich möchte ihn so gern retten, aber ich bin ja selbst -- ein so schlechter, verlorener Bengel, wie Sie's gar nicht glauben! Würden Sie mich empfangen, Dolgoruki, wenn ich einmal zu Ihnen käme?«
»Oh, kommen Sie nur, ich habe Sie sogar sehr gern.«
»Weshalb denn? Nun, ich danke Ihnen. Hören Sie mal, trinken wir noch ein Glas. Übrigens, was fällt mir ein! Nein, trinken Sie lieber nicht. Er hatte ganz recht, als er Ihnen sagte, daß Sie nicht mehr trinken dürfen,« unterbrach er sich plötzlich und zwinkerte mir bedeutsam zu. »Ich aber werde noch ein Glas trinken. Bei mir kommt's nicht darauf an, ich kann mich ja doch nicht beherrschen, glauben Sie mir. Sie brauchen mir bloß zu sagen, ich soll nicht mehr in Restaurants dinieren, und ich bin sofort zu allem bereit, nur um wieder dinieren zu können. Oh, ich versichere Sie, es ist unser innigster Wunsch, anständige Menschen zu werden, aber wir schieben's nur immer auf, und darüber >... vergehen die Jahre, die besten Jahre!< Er aber, ich fürchte sehr -- er erhängt sich noch mal. Er geht und tut's, ohne einem Menschen ein Wort zu sagen. So ist er. Heutzutage hängen sich ja alle auf. Wer weiß, vielleicht gibt's viele solcher, wie wir sind. Ich, zum Beispiel, kann ohne überflüssiges Geld einfach nicht leben. Mir ist das überflüssige Geld viel wichtiger als das notwendige. -- Sagen Sie, lieben Sie Musik? Ich liebe sie furchtbar. Wenn ich zu Ihnen komme, werde ich Ihnen was vorspielen. Ich spiele sehr gut Klavier. Habe sehr lange Musik studiert. Ernsthaft studiert. Wenn ich mal eine Oper komponierte, so, wissen Sie, würde ich den Stoff aus dem >Faust< nehmen. Dieses Thema liebe ich sehr. Ich komponiere mir immer die Szene im Dom, das heißt, ich komponiere sie nur so im Kopf. Das Innere eines gotischen Domes, Chöre, Hymnen; Gretchen tritt ein, und dazu, wissen Sie, -- mittelalterliche Chöre, aus denen man das ganze fünfzehnte Jahrhundert heraushört. Gretchen in Verzweiflung, zuerst ein Rezitativ, leise, aber qualvoll, die Chöre dröhnen düster, streng, teilnahmlos:
Dies irae, dies illa!
Und auf einmal -- die Stimme des Teufels, die Arie des Teufels. Er ist unsichtbar, nur eine Stimme klingt nebenher, klingt mit den Hymnen, fällt mit ihnen zusammen, löst sich in ihnen auf, und ist dabei doch etwas ganz anderes -- so irgendwie müßte das gemacht werden. Eine lange, unendliche Arie für Tenor, unbedingt für Tenor. Sie beginnt leise, zärtlich: >Wie anders, Gretchen, war dir's, als du noch voll Unschuld hier zum Altar tratst, ... halb Kinderspiele, halb Gott im Herzen?< Und die Arie wird immer stärker, immer leidenschaftlicher; die Töne werden immer höher: Tränen sind in ihnen, Schmerz, unaufhörlicher, unentrinnbarer Schmerz, und zuletzt die Verzweiflung: >Keine Vergebung für dich, keine Vergebung!< Gretchen will beten, doch ihrer Brust entringen sich nur Schreie -- wissen Sie, wenn die Brust sich zusammenkrampft, vom Schluchzen -- aber die Stimme des Satans verstummt nicht, immer tiefer bohrt sie sich wie ein Dolch in ihre Seele, immer höher schwingt sich ihr Ton -- und plötzlich bricht sie ab mit dem Schrei: >Es ist aus, du bist verdammt!< Gretchen fällt auf die Knie, ringt die Hände -- und dann beginnt ihr Gebet, ein kurzes Halbrezitativ, ganz naiv, ganz ohne Künstelei, etwas im höchsten Grade Mittelalterliches, vier Verse, im ganzen nur vier Verse -- bei Stradella gibt es so ein Motiv -- und nach dem letzten Ton fällt sie in Ohnmacht! Allgemeine Verwirrung. Sie wird aufgehoben, hinausgetragen -- und da setzt auf einmal ein gewaltiger Chor ein. Der müßte wie ein Orkan von Stimmen sein, ein begeisterter, rauschender Chor, wie eine gewaltige Hymne von der Art unseres Dorinossima Tschinmi, daß alles bis in die Grundfesten erbebt, bis schließlich alles in den begeisterten, jauchzenden Aufschrei >Hosianna!< ausklingt. Wie ein Schrei des ganzen Weltalls müßte es sein, sie aber wird weiter und weiter getragen, und dann fällt der Vorhang. Nein, wissen Sie, wenn ich das nur machen könnte! Nur kann ich jetzt schon gar nichts mehr -- außer träumen. Ich träume und träume in einem fort; mein ganzes Leben verwandelt sich in einen Traum, auch nachts. Ach, Dolgoruki, haben Sie den >Antiquitätenhändler< von Dickens gelesen?«
»Ja, ich habe ihn gelesen; was ist denn damit?«
»Erinnern Sie sich ... Warten Sie, ich trinke noch ein Glas -- erinnern Sie sich noch der einen Stelle ganz zum Schluß, wie die beiden -- der wahnsinnige Greis und dieses reizende dreizehnjährige Mädchen, seine Enkelin -- nach ihren Irrfahrten endlich irgendwo ganz hinten in England ein Unterkommen finden, dort bei einer mittelalterlichen gotischen Kirche, wo das Mädchen noch ein Amt erhält: den Besuchern die Kirche zu zeigen ... Und einmal, bei Sonnenuntergang, steht dieses Kind vor dem Kirchenportal, ganz umflutet von den letzten Sonnenstrahlen, steht und sieht in den Sonnenuntergang, mit stiller, nachdenklicher Betrachtung in der erstaunten Kinderseele, als stünde es vor einem Rätsel, denn das eine wie das andere scheint wie ein Rätsel -- dort die Sonne als ein Gedanke Gottes, hier der Dom als ein Menschengedanke ... nicht wahr? Oh, ich kann das nicht so ausdrücken, aber Gott liebt die ersten Gedanken solcher Kinder ... Und neben ihr, auf den Stufen des Domes, sitzt der wahnsinnige Alte, ihr Großvater, und sieht sie starr an ... Wissen Sie, da ist ja gar nichts Besonderes in diesem Dickensschen Bilde, ja, eigentlich nichts Besonderes, und doch werden Sie es in Ewigkeit nicht vergessen, und so ist es auch in der Erinnerung von ganz Europa geblieben -- warum? Weil das Schönheit ist! Das ist Unschuld! Oder ich weiß selbst nicht, was das ist: aber es ist schön! Ich habe die ganze Zeit auf dem Gymnasium nur Romane gelesen. Wissen Sie, ich habe eine Schwester auf dem Gut, die ist nur ein Jahr älter als ich ... Oh, jetzt ist dort alles schon verkauft, und auch das Gut haben wir nicht mehr! Ich hab' mit ihr auf der Terrasse gesessen, unter unseren alten Linden, und hab' mit ihr zusammen diesen Roman gelesen, und die Sonne ging da auch gerade unter, und plötzlich hörten wir auf, zu lesen, und gaben uns gegenseitig das Versprechen, von nun an auch so gut zu sein und immer edel zu handeln -- ich bereitete mich damals gerade für die Universität vor, und ... Ach, wissen Sie, Dolgoruki, ein jeder hat seine Erinnerungen! ...«
Und plötzlich lehnte er seinen hübschen Kopf an meine Schulter und -- weinte. Er tat mir sehr, sehr leid. Freilich hatte er viel Wein getrunken, aber er sprach so aufrichtig und brüderlich zu mir und mit so echtem Gefühl ...
In diesem Augenblick hörten wir plötzlich von der Straße her Geschrei, und starke Finger trommelten an unser Fenster (es waren große Glasscheiben zur Straße hin, im Erdgeschoß, so daß man sie vom Fußsteig aus erreichen konnte). Das war der vor die Tür gesetzte Andrejeff.
»Ohé, Lambert! Où est Lambert! As-tu vu Lambert?«{[98]} scholl seine wilde Stimme von draußen.
»Ah, so ist er noch da! Er ist also noch nicht fortgegangen?« rief mein Junge und sprang auf.
»Zahlen!« wandte sich Lambert an den Kellner. Seine Hände zitterten vor Wut, als er das Geld herausholte, doch siehe da, der Pockennarbige ließ es nicht zu, daß er auch für ihn bezahlte.
»Warum denn nicht? Ich habe Sie doch aufgefordert, und Sie haben die Aufforderung angenommen?«
»Nein, Sie müssen schon gestatten ...« Der Pockennarbige nahm seine Börse, berechnete seinen Anteil und bezahlte für sich.
»Sie beleidigen mich, Ssemjon Ssidorowitsch!«
»Ich wünsche es aber so,« schnitt ihm Ssemjon Ssidorowitsch das Wort ab, nahm seinen Hut und verließ, ohne sich von jemandem zu verabschieden, allein das Lokal. Lambert warf dem Kellner das Geld hin und stürzte ihm eilig nach, wobei er in seiner Erregung mich ganz vergaß. Trischatoff und ich folgten als die Letzten. Andrejeff stand wie eine Schildwache vor der Tür und wartete auf Trischatoff.
»Du Lump!« konnte sich Lambert nicht enthalten, ihn anzufahren.
»No, no!« brüllte Andrejeff auf ihn los und schlug ihm mit einer Handbewegung den runden Hut vom Kopf, der über den Fußsteig rollte. Lambert lief mit erniedrigendem Eifer hinter ihm her, um ihn aufzuheben.
»Vingt-cinq roubles!«{[99]} sagte Andrejeff und zeigte Trischatoff den Geldschein, den er Lambert vorhin abgeknöpft hatte.
»So laß doch,« rief Trischatoff geärgert. »Warum benimmst du dich immer so ... Und wofür hast du ihm ganze fünfundzwanzig abgenommen? Du hattest doch nur sieben zu bekommen.«
»Wofür ich sie ihm abgenommen? Er hatte uns doch ein Diner im chambre séparée{[100]} versprochen; mit olympischen Weibern; aber statt der Weiber hat er uns nur einen Pockennarbigen serviert; und außerdem habe ich mich nicht satt essen können und habe hier in der Kälte wenigstens für achtzehn Rubel gefroren. Sieben Rubel hatte ich noch von ihm zu bekommen -- macht zusammen genau fünfundzwanzig Rubel aus.«
»Schert euch alle beide zum Teufel!« brüllte Lambert. »Ich werfe euch beide hinaus und werd' euch schon Mores lehren ...«
»Lambert, nicht Sie, sondern ich werfe Sie hinaus und werde Sie schon Mores lehren!« schrie seinerseits Andrejeff. »Adieu, mon prince,{[101]} trinken Sie nicht zuviel Wein! Petjä, komm, marsch! Ohé, Lambert! Où est Lambert? As-tu vu Lambert?«{[98]} gröhlte er noch zum letztenmal und entfernte sich schon mit seinen langen Schritten.
»Ich werde also zu Ihnen kommen, darf ich?« flüsterte mir Trischatoff noch schnell zu und eilte seinem Freunde nach.
Ich blieb allein mit Lambert.
»Na ... gehen wir!« sagte Lambert, der mühsam Atem holte und noch ganz betäubt zu sein schien.
»Wohin gehen? Mit dir gehe ich nirgendwohin,« beeilte ich mich, ihn herausfordernd anzuschreien.
»Wie, du willst nicht mitgehen!« fuhr er erschrocken aus seiner Betäubung auf. »Ich habe ja nur darauf gewartet, daß wir endlich allein blieben!«
»Ja, wohin denn gehen?« Ich muß gestehen, daß mir von den drei Gläsern Champagner und von zwei Gläsern Sherry der Kopf schon ein wenig benommen war.
»Hierherein, siehst du, hierherein!«
»Da steht doch >Frische Austern< auf dem Plakat. Dort riecht es so scheußlich ...«
»Das scheint dir nur, weil du vom Essen kommst, das ist die Miljutinsche Delikateßhandlung; Austern brauchen wir ja nicht zu essen, aber ich werde dir Champagner bestellen ...«
»Ich will nicht! Ich weiß, du willst mich betrunken machen.«
»Das haben dir diese Schufte eingeredet; aber sie haben sich doch nur über dich lustig machen wollen. Und du glaubst diesen Schurken!«
»Nein, Trischatoff ist kein Schurke. Und ich verstehe mich auch selbst in acht zu nehmen -- verstanden?«
»Was, du glaubst, einen eigenen Willen zu haben?«
»Ja, ich habe mehr Charakter als du, denn du bist Sklave jedes ersten besten. Du hast uns blamiert, wie ein Lakai hast du die Polen um Entschuldigung gebeten. Du mußt wohl in Restaurants schon oft Prügel gekriegt haben?«
»Wir müssen uns doch aussprechen, Dummkopf!« rief er mit jener verachtenden Ungeduld, die beinahe sagte: »Tu doch nicht, als ob du was Besseres wärest!« Aber er sagte nur: »Du hast wohl Angst, was? Bist du mein Freund oder bist du nicht mein Freund?«
»Ich bin nicht dein Freund und kann es auch gar nicht sein, denn ich weiß, daß du ein Schuft bist. Doch gehen wir, nur um dir zu zeigen, daß ich dich nicht fürchte! Puh, wie es hier stinkt! Nach Käse! Was für eine Schweinerei!«
Sechstes Kapitel.
I.
Ich bitte nochmals, nicht zu vergessen, daß mir der Kopf schon ein wenig benommen war: wäre das nicht der Fall gewesen, so hätte ich wohl anders gesprochen und gehandelt. In einem Hinterzimmer dieser Miljutinschen Handlung konnte man Austern essen, und wir setzten uns also dort an ein Tischchen, das mit einem billigen, unsauberen Tischtuch bedeckt war. Lambert bestellte Champagner; das Glas mit dem kalten goldfarbenen Weine stand plötzlich vor mir und blinkte mich verführerisch an; ich aber ärgerte mich.
»Sieh, Lambert, hauptsächlich ärgere ich mich, weil du dir einbildest, mir auch jetzt noch so befehlen zu können, wie bei Touchard, während du doch hier der Diener aller bist.«
»Dummkopf! Na, stoßen wir an!«
»Du hältst es nicht einmal für der Mühe wert, dich vor mir zu verstellen; wenn du es doch wenigstens verbergen würdest, daß du mich betrunken machen willst!«
»Red' keinen Unsinn, du bist ja schon betrunken. Wenn du jetzt noch etwas trinkst, wirst du nur lustiger werden. Nimm dein Glas, so nimm's doch!«
»Was heißt das: >so nimm's doch<? Ich gehe einfach fort und damit Schluß!«
Und damit stand ich auf. Er wurde schrecklich wütend.
»Dir hat Trischatoff von mir was ins Ohr gesetzt! Ich hab' doch gesehen, wie ihr dort zusammen getuschelt habt. Du bist ein Dummkopf. Alphonsina ekelt sich, wenn er ihr nur in die Nähe kommt ... Er ist gemein. Ich werde dir noch erzählen, was er für einer ist ...«
»Das hast du mir schon gesagt. Bei dir ist jedes dritte Wort Alphonsina; du bist entsetzlich beschränkt.«
»Beschränkt?« Er verstand mich nicht. »Sie sind jetzt zum Pockennarbigen übergegangen. Das ist es! Darum habe ich sie davongejagt. Sie sind ehrlose Buben. Dieser Pockennarbige ist ein Erzschuft und wird sie noch ganz anders verderben! Ich aber habe von ihnen immer verlangt, daß sie sich anständig aufführen.«
Ich setzte mich wieder, griff ganz mechanisch nach dem Glas und trank einen Schluck.
»Ich stehe an Bildung hoch über dir,« sagte ich.
Er aber war selig, daß ich mich wieder gesetzt hatte, und füllte sogleich mein Glas bis zum Rande nach.
»Du scheinst sie ja sehr zu fürchten?« fuhr ich fort, ihn zu kränken (und sicherlich war ich in diesem Augenblick viel widerlicher als er). »Andrejeff schlug dir den Hut vom Kopf, und dafür hast du ihm fünfundzwanzig Rubel gegeben.«
»Das hab' ich, aber er wird mir schon dafür büßen. Sie verschwören sich jetzt gegen mich, aber ich werde schon mit ihnen fertig werden ...«
»Der Pockennarbige scheint dich ja sehr zu beunruhigen. Und weißt du, ich glaube, ich bin jetzt der einzige, der dir noch verblieben ist. Alle deine Hoffnungen hast du jetzt auf mich gesetzt, -- ist's nicht so?«
»Ja, Arkadi, das ist so: Du bist jetzt der einzige Freund, der mir noch geblieben ist; das hast du gut gesagt!« Er klopfte mir auf die Schulter.
Was sollte man mit einem so beschränkten Menschen anfangen? Er war ja geistig vollkommen unentwickelt und faßte meinen Spott als Schmeichelei auf.
»Du könntest mir aus einer schlimmen Lage helfen, wenn du ein guter Freund sein willst, Arkadi,« fuhr er fort und sah mich liebevoll an.
»Wobei könnte ich dir denn helfen?«
»Du weißt doch selbst, wobei. Ohne mich würdest du die Sache wie ein Narr anfassen und alles nur verpfuschen, ich aber würde dir dreißigtausend Rubel geben; wir würden den Gewinn einfach teilen, und du weißt doch schon selbst wie und was! Na, und überhaupt: was bist du jetzt? Du hast doch nichts -- keinen Namen, keine Familie; hier aber bietet sich dir mit einem Schlage ein ganzes Vermögen; und hast du erst einmal Geld, so kannst du noch wer weiß was für eine Karriere machen!«
Ich staunte nur so über die Art seines Vorgehens. Ich hatte zum mindesten erwartet, daß er mich zu überlisten suchen werde, und nun begann er mit mir so ohne alle Vorsichtsmaßregeln, als ob ich ein dummer Junge gewesen wäre! Ich beschloß, ihn anzuhören; ich tat es einerseits aus Vorurteilslosigkeit und andererseits ... aus schrecklicher Neugier.
»Sieh, Lambert: du wirst das zwar nicht verstehen, aber ich bin bereit, dich anzuhören, weil ich vorurteilslos bin,« erklärte ich mit plötzlicher Entschlossenheit und trank wieder einen Schluck.
Lambert goß sofort wieder nach.
»Hör' mich an, Arkadi: wenn so ein Bjoring gewagt hätte, mich in Gegenwart einer Dame, die ich vergöttere, zu schlagen und zu beschimpfen, -- ich weiß nicht, was ich mit ihm getan hätte! Du aber hast den Schimpf eingesteckt, und ich kann dich einfach nur verachten: Du bist ja doch nur ein Waschlappen!«
»Wie wagst du, zu behaupten, Bjoring hätte mich geschlagen!« schrie ich und wurde rot. »Eher habe ich ihn geschlagen, als er mich!«
»Nein, er hat dich geschlagen, nicht du ihn.«
»Du lügst; ich bin ihm dabei noch auf den Fuß getreten!«
»Er aber hat dich mit dem Arm zurückgestoßen und den Dienern befohlen, dich rauszuschmeißen ... und sie hat im Wagen gesessen und dich ausgelacht; sie wußte, daß du keinen Vater hast, und daß man dich ungestraft beleidigen kann.«
»Ich weiß nicht, Lambert ... wir führen eine Unterhaltung wie zwei dumme Jungen, daß ich mich rein schäme. Du willst mich aufhetzen und tust es so plump und offensichtlich, als hättest du einen Sechzehnjährigen vor dir. Du hast dich mit Anna Andrejewna verabredet!« schrie ich wutbebend und trank dabei ganz mechanisch wieder einen Schluck.
»Anna Andrejewna ist eine schlaue Intrigantin! Sie wird noch dich und mich und die ganze Welt betrügen! Ich habe nur auf dich gewartet, denn du wirst bei der anderen mehr erreichen als bei dieser.«
»Bei welcher anderen?«
»Na, bei Madame Achmakoff. Ich weiß alles. Du hast mir selbst gesagt, daß sie den Brief, der in deinen Händen ist, fürchtet ...«
»Was für einen Brief ... du lügst ... hast du sie gesehen?« stammelte ich verwirrt.
»Ich habe sie gesehen. Sie ist sehr schön. Très belle;{[102]} du hast einen guten Geschmack.«
»Ich weiß, daß du sie gesehen hast; aber mit ihr zu sprechen hast du doch nicht gewagt, und ich will auch nicht, daß du von ihr zu sprechen wagst!«
»Du bist noch ein Jüngling, und sie macht sich über dich lustig -- das ist das Ganze! Wir haben in Moskau einen ähnlichen Fall mit einer solchen tugendhaften Dame gehabt: ach, wie stolz die war, und wie hoch sie die Nase trug! Und wie erzitterte sie, als man ihr sagte, wir würden alles erzählen, und wie gehorsam war sie dann -- und wir nahmen natürlich das eine wie das andere: Geld und noch -- du kannst dir schon denken was. Jetzt ist sie in der Gesellschaft wieder die unnahbare große Dame -- Teufel noch eins, wie hoch oben sie wieder ist, und in was für einer Equipage sie wieder fährt, und dabei -- wenn du nur gesehen hättest, in was für einer Spelunke das geschah! Du kennst das Leben noch nicht, wenn du wüßtest, vor was für Spelunken diese Damen nicht zurückscheuen ...«
»Das hab' ich mir gedacht,« murmelte ich unwillkürlich.
»Verdorben sind sie bis in die Fingerspitzen! Du ahnst es nicht, wozu sie fähig sind! Alphonsina ist einmal in solch einem reichen Hause gewesen, -- geekelt hat sie sich einfach davor!«
»Das habe ich mir gedacht,« entfuhr es mir wieder.
»Du aber läßt dich schlagen und hast dann noch Mitleid mit ihr ...«
»Lambert, du bist ein Schurke, du verfluchter Lump!« schrie ich, da mir plötzlich alles klar wurde, und ich zitterte vor Wut. »Ich hab' das alles schon im Traum gesehen, du standest mit Anna Andrejewna ... Oh, du verfluchter Lump! Hast du wirklich geglaubt, daß ich so ein Schurke sein könnte? Mir hat davon bereits geträumt, weil ich wußte, daß du mir Ähnliches sagen würdest! Und schließlich, das kann doch nicht alles so einfach sein, daß du mir so geradeaus und ohne Bedenken davon reden kannst!«
»Sieh mal, wie du aufbraust! Te-te-te!« spottete Lambert und lachte triumphierend. »Nun, Freund Arkaschka, jetzt weiß ich glücklich alles, was ich wissen wollte. Darum hab' ich auf dich gewartet. Höre mal: du hast dich also in sie verliebt und möchtest dich an Bjoring rächen -- sieh, das war es, was ich wissen mußte. Ich hab' mir das auch schon gedacht, die ganze Zeit, während ich auf dich wartete. Ceci posé, cela change la question.{[103]} Um so besser, da sie doch selbst in dich verliebt ist. Darum heirate sie, ohne zu zögern, das wird das Beste sein, was du tun kannst. Und was anderes kannst du auch gar nicht tun, du hast das Richtigste getroffen. Und dann vergiß eines nicht, Arkadi: daß du einen Freund hast, auf dem du meinetwegen reiten kannst -- und dieser Freund bin ich. Dieser Freund wird dir helfen und dich mit ihr verheiraten: und sollte er auch alles aus der Hölle für dich herausholen müssen, Arkascha! Du aber gibst deinem alten Freunde dann dreißig Tausender für die Mühe, was? Ich werde dir mächtig helfen, da sei du unbesorgt. In solchen Geschäften kenne ich mich aus: du bekommst ihre ganze Mitgift ausgezahlt, bist dann ein reicher Mann und hast eine glänzende Zukunft vor dir!«
In meinem Kopf ging zwar schon alles durcheinander, aber ich sah Lambert doch noch mit Verwunderung an. Er sprach im Ernst, das heißt, nicht, daß man ihn ernst nehmen konnte, aber jedenfalls schien er doch im Ernst an die Möglichkeit zu glauben, mich mit ihr verheiraten zu können, und offenbar nahm er die Idee mit Begeisterung auf. Selbstverständlich merkte ich sofort, daß er mich fangen wollte, und das noch dazu in einer so plumpen Art, als hätte er es mit einem dummen Jungen zu tun gehabt; sicher habe ich das schon damals bemerkt; aber der Gedanke an eine Ehe mit ihr überwältigte mich dermaßen und nahm mich so schnell gefangen, daß ich -- obgleich ich mich über Lambert wunderte, weil er von einem so phantastischen Einfall ernsthaft reden konnte -- daß ich doch gleichzeitig selber ganz hingerissen an die Möglichkeit glaubte, ohne aber dabei auch nur für einen Augenblick das Bewußtsein zu verlieren, daß diese sich nie und nimmer verwirklichen konnte. Ich begreife selbst nicht, wie sich das alles in mir miteinander vertrug.
»Ja, aber ist denn das möglich?« stammelte ich.
»Warum denn nicht? Du zeigst ihr das Dokument -- da wird sie Angst bekommen und dich heiraten, um nicht ihr ganzes Erbe zu verlieren.«
Ich beschloß, Lambert in seinen gemeinen Vorschlägen nicht zu unterbrechen, zumal er sie mir mit einer Harmlosigkeit vorlegte, die nicht einmal zu ahnen schien, daß ich mich plötzlich dagegen empören könnte; indessen murmelte ich doch so etwas davon, daß ich sie nicht zwingen wolle:
»Aber ich will sie doch um nichts in der Welt mit Gewalt dazu bewegen, mich zu heiraten, wie kannst du so gemein sein, mir überhaupt solche Vorschläge zu machen?«
»Ei, was! sie heiratet dich ja ganz von selbst: du brauchst sie zu nichts zu zwingen, denn sie wird so erschrocken sein, daß sie von selbst alles tun wird. Und sie wird allein schon darum wollen, weil doch auch sie in dich verliebt ist,« schloß Lambert, und sprach plötzlich die Hauptsache aus.
»Du lügst! Du willst dich über mich lustig machen! Woher kannst du wissen, ob sie in mich verliebt ist?«
»Unbedingt ist sie das! Ich weiß es. Auch Anna Andrejewna ist der Meinung. Ich sage dir das im Ernst und es ist wahr, daß Anna Andrejewna daran glaubt. Und dann werde ich dir noch etwas erzählen, wenn du zu mir kommst, eine Sache, aus der du ersehen kannst, daß sie in dich verliebt ist. Alphonsina ist in Zarskoje gewesen; sie hat da auch erfahren ...«
»Was kann sie denn da erfahren haben?«
»Komm, gehen wir zu mir! Sie wird dir alles selbst erzählen, und du wirst es gern hören. Bist du denn schlechter als irgendein anderer? Du bist hübsch, wohlerzogen ...«
»Ja, ich bin wohlerzogen,« flüsterte ich atemlos. Mein Herz klopfte mächtig, und natürlich nicht nur vom Wein.
»Du bist ein hübscher Kerl, du bist immer gut gekleidet.«
»Ja, ich bin gut gekleidet.«
»Und du bist ein guter Kerl ...«
»Ja, ich bin ein guter Kerl.«
»Warum sollte sie da nicht ja sagen? Bjoring wird sie ohne Geld selbstverständlich nicht nehmen, du aber kannst sie durch ihren Vater an den Bettelstab bringen. Das wird sie nicht wenig erschrecken. Und wenn du sie heiratest, rächst du dich dadurch an Bjoring. Du hast mir doch selbst in jener Nacht gesagt, als ich dich halb erfroren zu mir brachte, daß sie in dich verliebt ist.«
»Hab' ich dir das wirklich gesagt? Nein, so kann ich mich nicht ausgedrückt haben.«
»Doch, gerade so!«
»Vielleicht im Fieber. Dann habe ich dir wohl auch von einem Dokument etwas gesagt?«
»Ja, du sagtest, daß du einen Brief besitzest, und ich dachte noch: wie kann er, wenn er einen solchen Brief in der Hand hat, seinen Vorteil so aus dem Auge lassen?«
»Aber das ist ja alles nur Phantasie, und ich bin doch nicht so dumm, so etwas ernst zu nehmen,« murmelte ich. »Erstens ist da der Altersunterschied, und zweitens bin ich doch ohne Herkunft.«
»Na, sie wird dich schon nehmen; sie kann ja gar nicht anders, wo es sich doch um so viel Geld handelt -- das werde ich ihr schon klarmachen. Und außerdem liebt sie dich doch. Du weißt ja selbst am besten, wie sehr der alte Fürst dir zugetan ist; durch seine Protektion kannst du noch wer weiß was für Verbindungen anknüpfen; und was das betrifft, daß du keine Vorfahren hast, so ist doch heutigestags so was überhaupt nicht mehr nötig; wenn du nur erst Geld hast -- dann geht's schon von selbst höher und höher hinauf, und in zehn Jahren bist du ein Millionär, von dem ganz Rußland redet, was brauchst du dann noch einen Namen? In Österreich kannst du dir den Baron kaufen. Und wenn du sie heiratest, so nimm sie gleich fest in die Hand. Du mußt sie stramm halten. Wenn die Frau einen Mann liebt, so hat sie es gern, wenn er sie fest in der Faust hält. Die Frau liebt im Mann den Charakter. Mit dem Brief wirst du sie so erschrecken, daß sie sofort deinen Charakter zu fühlen bekommt. Und unwillkürlich wird sie sich dann sagen: >Er ist zwar noch jung, aber er hat doch Charakter!<«
Ich saß da wie betäubt. Mit keinem anderen Menschen hätte ich mich zu einem so dummen Gespräch erniedrigt. Hier aber trieb mich ein geradezu wollüstiger Drang ... Zudem war Lambert so dumm und gemein, daß man sich vor ihm eigentlich gar nicht schämen konnte.
»Nein, weißt du, Lambert,« bemerkte ich plötzlich, »du kannst sagen, was du willst, aber das meiste davon ist doch Unsinn; ich habe mit dir überhaupt nur deshalb davon gesprochen, weil wir alte Kameraden sind und uns voreinander nicht zu schämen brauchen; einem anderen gegenüber hätte ich mich niemals so weit vergessen. Und, vor allem, woher kannst du wissen, ob sie mich liebt? Das mit dem Kapital hast du dir sehr schlau ausgedacht, aber, sieh, Lambert, du kennst diese vornehmen Kreise nicht: bei ihnen geschieht das alles auf Grund der Überlieferung, sozusagen auf ererbten Fundamenten, und da würde sie eben, solange sie meine Fähigkeiten noch nicht kennt und nicht weiß, was ich in meinem Leben zu erreichen hoffe, doch nicht wollen. Aber ich will dir durchaus nicht verhehlen, Lambert, daß es da wirklich einen Punkt gibt, der einem Hoffnung machen könnte. Siehst du, vielleicht würde sie mich auch aus Dankbarkeit heiraten, weil ich sie dann von dem Haß eines gewissen Menschen befreien würde; denn sie fürchtet diesen Menschen sehr.«
»Ach, du meinst deinen Vater? Wie, liebt er sie denn wirklich so leidenschaftlich?« fuhr Lambert plötzlich lebhaft und mit außergewöhnlicher Neugier auf.
»O nein!« rief ich. »Wie schrecklich du doch bist, Lambert, und zu gleicher Zeit wie dumm! Wie könnte ich sie denn heiraten wollen, wenn ich wüßte, daß er sie liebt! Wir sind doch immerhin Vater und Sohn -- da wär's ja eine Schande! Er liebt Mama, nur Mama liebt er, ich habe gesehen, wie er sie umarmt hat. Ich hab' ja selbst schon einmal geglaubt, daß er Katerina Nikolajewna liebte, aber jetzt weiß ich's ganz genau, daß er sie vielleicht früher mal geliebt hat, sie jetzt aber schon seit langem haßt ... und sich an ihr nur noch rächen will; sie aber fürchtet sich vor ihm. Ich kann dir nur sagen, Lambert: wenn er sich rächen will, kann er unheimlich werden! Er ist dann wie wahnsinnig. Wenn er über sie in Zorn gerät, so ist ihm jedes Mittel recht. Das ist noch eine Feindschaft von der alten Art: um erhabener Prinzipien willen. Heutzutage pfeift man auf allgemeine Prinzipien; heutzutage gibt es keine allgemeinen Prinzipien mehr, sondern nur Einzelfälle. Aber davon verstehst du ja wieder nichts: du bist, weiß Gott, dumm wie ein Stiebel; ich erzähle dir hier von Prinzipien, und du hast wahrscheinlich überhaupt keine Vorstellung davon, was ein Prinzip ist. Du bist wirklich furchtbar ungebildet. Weißt du noch, wie du mich gehauen hast. Heute bin ich stärker als du -- weißt du das auch?«
»Arkaschka, gehen wir zu mir nach Haus! Wir verbringen zusammen den Abend, trinken noch eine Flasche, und Alphonsina singt uns zur Gitarre vor.«
»Nein, ich will nicht. Höre, Lambert, ich habe außerdem meine >Idee<. Wenn aus all dem anderen nichts wird und ich nicht heirate, so werde ich nur noch für meine Idee leben; du aber hast keine Idee.«
»Schon gut, schon gut, das erzählst du mir zu Haus, komm, laß uns gehen.«
»Nein, ich gehe nicht mit. Ich will nicht, ich tu's nicht. Ich werde schon zu dir kommen, aber du bist und bleibst doch ein Schuft. Ich gebe dir die Dreißigtausend -- meinetwegen; aber ich bin reiner und stehe höher als du ... Ich sehe doch, daß du mich nur betrügen willst. Und von ihr zu sprechen oder an sie auch nur zu denken verbiete ich dir jetzt: sie steht höher als alles in der Welt, und deine Pläne sind von einer solchen Niedrigkeit, daß man über dich nur staunen kann, Lambert. Ich möchte heiraten, gewiß -- aber das ist eine Sache für sich; dazu brauche ich kein Geld, ich verachte dieses Geld. Ich würde ihr Geld auch dann nicht annehmen, wenn sie es mir selbst auf den Knien anböte ... Aber heiraten, heiraten -- das ist etwas ganz anderes. Und weißt du, das hast du ganz gut gesagt, das von dem in der Faust halten. Lieben muß man, leidenschaftlich lieben, mit der ganzen Großmut, die im Manne liegt, und deren eine Frau überhaupt nicht fähig ist, und gleichzeitig muß man ein Despot sein -- das ist richtig. Denn, weißt du, Lambert, die Frauen lieben den Despotismus. Du, Lambert, kennst die Frauen. Aber in allen übrigen Dingen bist du doch unglaublich dumm! Und weißt du, Lambert, du bist ja gar nicht so ein Schuft, wie es den Anschein hat, du bist nur fürchterlich einfältig. Deshalb habe ich dich auch trotz allem noch gern. Ach, Lambert, warum bist du so ein Lump? Was könnten wir sonst für ein Leben zusammen führen! Weißt du, Trischatoff ist ein lieber Kerl ...«
Diese letzten zusammenhangslosen Sätze stammelte ich, als wir schon auf der Straße waren. Oh, ich übergehe absichtlich nicht die geringste Kleinigkeit, damit der Leser sehe, wie leicht ich damals trotz aller Begeisterung, trotz aller Schwüre und Gelöbnisse -- nach meiner Genesung und »Wiedergeburt« die Vornehmheit und innere Schönheit zu suchen -- fallen konnte, und noch dazu in solchen Schmutz! Und ich schwöre: wenn ich nicht vollkommen und ganz überzeugt wäre, daß ich jetzt schon ein ganz und gar anderer Mensch bin, ein Mensch, der sich im praktischen Leben wirklich einen Charakter erworben hat, so würde ich dem Leser um nichts in der Welt alles dies gestehen.
Wir traten aus dem Laden; Lambert hatte leicht den Arm um mich gelegt und stützte mich. Auf einmal sah ich ihn an und bemerkte denselben entschlossenen furchtbar aufmerksamen und im höchsten Grade nüchternen Ausdruck in seinem Blick -- wie damals am Morgen, als er mich halb erstarrt gefunden und mich ebenso umschlungen haltend zur Droschke geführt und dabei mit genau derselben Aufmerksamkeit auf mein zusammenhangloses Gestammel gelauscht hatte. Bekanntlich kann bei Berauschten, die noch nicht vollkommen betrunken und abgefallen sind, plötzlich und auf Augenblicke gänzliche Ernüchterung eintreten.
»Um keinen Preis gehe ich jetzt zu dir!« sagte ich entschlossen und wieder ganz bei Sinnen. Ich sah ihn höhnisch an und suchte ihn mit der Hand von mir wegzuschieben.
»Na, komm schon, Alphonsina wird uns Tee machen, komm!«
Er war natürlich überzeugt, daß ich mich von ihm nicht mehr losreißen könne, und hielt mich immer noch als sein sicheres Opfer mit Wonne umarmt: er hatte mich doch auch so nötig, gerade an diesem Abend, und dazu noch in einem solchen Zustande! Später wird es schon klar werden, weswegen!
»Ich will nicht!« wiederholte ich. »He, hierher!« rief ich einen vorüberfahrenden Droschkenkutscher an, der sofort anhielt, und ich sprang in den Schlitten.
»Was! wo willst du hin? Was fällt dir ein!« brüllte Lambert erschrocken und klammerte sich an meinen Pelz.
»Wage es nicht, mir nachzufahren!« schrie ich. »Daß du dich nicht unterstehst!«
In diesem Augenblick zog das Pferd an, und mein Pelz wurde Lambert aus der Hand gerissen.
»Na wart', du wirst schon zu mir kommen!« schrie er mir wütend nach.
»Wenn's mir paßt -- das hängt von meinem Willen ab!« rief ich zurück, indem ich mich im Schlitten nach ihm umwandte.
II.
Er folgte mir nicht, freilich nur darum nicht, weil gerade kein zweiter Schlitten zur Stelle war, und so gelang es mir, ihm zu entkommen. Ich fuhr aber nur bis zum Heumarkt; dort stieg ich aus und entließ den Kutscher, denn ich hatte das starke Bedürfnis, zu Fuß zu gehen. Ich empfand weder Müdigkeit noch Trunkenheit, ich war nur ausnehmend munter. Es war ein großer Überschuß von Kräften in mir, ich fühlte mich zu jedem Unternehmen fähig und unzählige angenehme Gedanken gingen mir durch den Kopf.
Mein Herz klopfte jäh und hart -- ich hörte jeden Schlag. Und alles schien mir so schön und alles so leicht. Als ich an der Hauptwache am Heumarkt vorüberging, hatte ich die größte Lust, zum Posten hinzugehen und ihn zu umarmen. Es war Tauwetter; der Schnee auf dem Platz sah schon ganz schwarz aus und stank; aber auch das gefiel mir.
»Jetzt gehe ich den Obuchoffprospekt hinunter,« dachte ich bei mir, »dann biege ich links ein und mache einen Umweg über die Ssemjonoffkaserne, das ist schön; alles ist schön. Den Pelz trage ich offen ... Warum nimmt ihn mir niemand ab, wo sind denn die Diebe? Auf dem Heumarkt soll es doch Diebe geben; mögen sie nur kommen, ich überlasse ihnen vielleicht meinen Pelz. Wozu brauche ich einen Pelz? Ein Pelz ist Eigentum. La propriété, c'est le vol.{[104]} Übrigens, was ist das für'n Unsinn, aber wie schön ist doch alles! Wie gut, daß es taut. Wozu Kälte? Kälte ist ganz überflüssig. Wieviel Unsinn man mit sich herumschleppt, aber es ist doch schön. Was habe ich soeben Lambert von Prinzipien gesagt? Ich sagte, es gäbe keine allgemeinen Prinzipien, es gäbe nur noch >Einzelfälle<. Das war von mir geschwindelt, war eine Erzschwindelei! Und mit Absicht, um mich wichtig zu machen. Ein bißchen peinlich, aber das tut nichts, ich werde es schon wieder gutmachen. Schämen Sie sich nicht, Arkadi Makarowitsch, quälen Sie sich doch nicht deswegen! Sie gefallen mir, Arkadi Makarowitsch, Sie gefallen mir sogar außerordentlich, mein junger Freund. Schade nur, daß Sie ein kleiner Schuft sind ... und ... und ... Ach!«
Ich blieb plötzlich stehen, und mein Herz schlug mächtig vor Entzücken.
»Mein Gott! Was hatte er gesagt? Er sagte, daß sie -- mich liebt! ... Oh, er ist ein Spitzbube, er hat viel gelogen; er hat das nur gesagt, damit ich bei ihm übernachte. Oder vielleicht auch nicht. Er sagte doch, Anna Andrejewna sei derselben Meinung ... Bah! Und Darja Onissimowna -- ob die nicht manches für ihn ausgekundschaftet hat? Die schnüffelte doch überall herum. Warum bin ich eigentlich nicht mit ihm gegangen? Ich hätte dann alles erfahren. Hm! Er hat einen Plan. Ich habe ja alles bis zur letzten Einzelheit vorausgeahnt. Mein Traum! Ihr Plan ist nicht schlecht, Herr Lambert, nur ist das barer Unsinn, denn so wird das nicht sein! Oder vielleicht doch? Vielleicht -- doch! Kann er mich denn verheiraten? Vielleicht kann er es wirklich. Er ist naiv und gläubig. Und dazu ist er dumm und frech, wie alle praktischen Leute. Dummheit mit Frechheit gepaart ist eine große Macht. Geben Sie es mir zu, Arkadi Makarowitsch, daß Sie sich vor diesem Lambert doch gefürchtet haben! Wozu braucht er anständige Menschen? Ganz ernsthaft hat er mir gesagt: >Hier gibt es keinen einzigen anständigen Menschen!< Aber wer bin ich denn selbst? Doch was rede ich! Als ob Spitzbuben nicht auch anständige Menschen nötig hätten? Zu Spitzbübereien sind anständige Menschen noch viel unentbehrlicher als zu sonstwas. Ha, ha! Das haben Sie in Ihrer großen Unschuld bis heute noch nicht gewußt, Arkadi Makarowitsch. Herrgott! Und wenn er mich wirklich mit ihr verheiratet!«
Ich stand plötzlich wieder still. Ich muß hier eine Dummheit eingestehen (sie liegt ja schon so weit hinter mir!) -- die Dummheit, daß ich schon lange vorher hatte heiraten wollen -- das heißt, eigentlich habe ich es ja nie gewollt, und es wäre ja auch niemals geschehen (und auch in Zukunft wird es nie geschehen, mein Wort darauf!), aber ich habe schon oft und schon lange vorher davon geträumt -- und wohl abertausendmal und besonders nachts vor dem Einschlafen im Bett -- wie schön es doch sein müßte, zu heiraten. Das hatte schon in meinem sechzehnten Jahre angefangen. Ich hatte auf dem Gymnasium einen Kameraden, einen Altersgenossen, Lawrowski hieß er; er war ein stiller, hübscher Junge, der sich übrigens durch nichts weiter auszeichnete. Gesprochen hatte ich mit ihm fast noch nie. Eines Abends saßen wir zufällig nebeneinander, und er schien ganz in Gedanken versunken zu sein; plötzlich sagte er zu mir: »Ach, Dolgoruki, was meinen Sie, wenn man doch jetzt heiraten könnte? Nein wirklich, wann soll man denn heiraten, wenn nicht jetzt? Gerade jetzt wäre die beste Zeit dazu, und doch ist es für unsereinen jetzt ganz unmöglich!« Und so aufrichtig sagte er das. Ich stimmte ihm sofort von ganzem Herzen bei, denn ich hatte schon selbst von Ähnlichem zu träumen angefangen. Nachher kamen wir eine Zeitlang täglich zusammen und sprachen dann heimlich nur von diesem einen, immer nur davon. Dann aber -- ich weiß nicht, wie es kam -- suchten wir einander nicht mehr auf und sprachen nicht mehr davon. Seitdem träumte ich allein weiter. Das ist freilich alles gar nicht der Erwähnung wert, doch -- ich wollte eben bloß feststellen, wie früh manchmal so etwas anfangen kann ...
»Es gibt nur einen ernsthaften Einwand,« spann ich meine Gedanken weiter, während ich meinen Weg fortsetzte, »denn der geringe Altersunterschied kann selbstverständlich kein Hindernis sein; aber wenn man bedenkt: sie ist eine solche Aristokratin, und ich heiße -- >einfach Dolgoruki<! Das ist schrecklich! Hm! Aber könnte Werssiloff nicht, wenn er Mama heiratet, ein Gesuch einreichen und von der Regierung die Erlaubnis erwirken, mich zu adoptieren ... sozusagen in Anbetracht seiner Verdienste ... Er war doch im Staatsdienst, er hat sich doch um den Staat verdient gemacht ...« Und plötzlich durchzuckte es mich: »O Teufel, diese Gemeinheit!«
Fast laut stieß ich es hervor, und ich stand zum drittenmal still -- diesmal wie von einem Keulenschlage getroffen. Die ganze Qual der erniedrigenden Erkenntnis, daß ich mir solche Schmach hatte wünschen können, wie die Änderung meines Namens durch Adoption, dieser Verrat an meiner ganzen Kindheit -- zerstörte in einem Augenblick meine gehobene Stimmung, und meine ganze Freude war wie Rauch verflogen. »Nein, das werde ich keinem Menschen sagen,« dachte ich und errötete heiß, »so tief habe ich nur sinken können, weil ich ... verliebt und dumm bin ... Nein, wenn Lambert in einem recht hatte, so war es darin, daß heutzutage, in unserer Zeit, die Hauptsache der Mensch selbst ist, und dann erst kommt sein Geld. Das heißt, nicht sein Geld, sondern sein Vermögen. Wenn ich mich mit solchem Kapital an die Verwirklichung meiner >Idee< mache, so wird in zehn Jahren ganz Rußland von mir widerhallen, und ich werde mich an allen rächen können. Und mit ihr viel Umstände machen, hat auch gar keinen Zweck, darin hat Lambert wieder recht. Sie wird Angst haben und mich einfach nehmen. Sie wird auf die einfachste und erbärmlichste Weise einwilligen und mich nehmen. >Du kannst dir nicht vorstellen, nicht vorstellen kannst du dir, in was für einer Spelunke das geschah.< Diese Worte Lamberts fielen mir wieder ein. »Und so ist es,« bekräftigte ich, »Lambert hat recht, hat tausendmal mehr recht als ich und Werssiloff und alle Idealisten! Er ist ein Realist. Sie wird sehen, daß ich Charakter habe und wird sich sagen: >Ah, er hat Charakter!< Lambert ist ein Schuft, und ihm kommt es nur darauf an, mir die dreißigtausend Rubel zu entreißen, und doch ist er in Wirklichkeit der einzige, der als Freund zu mir hält. Eine andere Freundschaft gibt es nicht und kann es gar nicht geben, die haben sich bloß unpraktische Leute ausgedacht. Und sie erniedrige ich damit durchaus nicht; wodurch erniedrige ich sie denn? Keineswegs: die Weiber sind alle so! Gibt es denn überhaupt ein Weib, das ganz ohne Gemeinheit wäre? Deshalb muß es auch den Mann über sich haben, deshalb ist es als untergeordnetes Wesen geschaffen. Das Weib ist Laster und Versuchung, der Mann ist Anstand und Großmut. Und so wird es bleiben für die ganze Ewigkeit. Daß ich aber im Begriff stehe, das >Dokument< auszunutzen, das besagt noch gar nichts. Das hindert mich nicht, anständig und großmütig zu sein. Schillersche Idealmenschen gibt es im wirklichen Leben nicht, die hat man sich nur ausgedacht. Dies bißchen Niedrigkeit aber -- kann doch schließlich nebensächlich sein, wenn das Ziel erhaben ist! Das läßt sich später alles wieder abwaschen und gutmachen. Jetzt ist das nur Großzügigkeit, ist >das Leben<, ist die Lebensweisheit, -- ja, so nennt man das heutzutage!«
Oh, ich sage noch einmal: möge man mir verzeihen, daß ich diese Träumereien der Trunkenheit so eingehend wiedergebe. Was ich hier schreibe ist natürlich nur ein Auszug und eine Verdeutlichung meiner Träume von damals, aber es ist mir, als hätte ich diese Gedanken sogar mit eben diesen Worten gedacht. Ich mußte es wiedergeben, denn ich habe mich doch zum Schreiben hingesetzt, weil ich über mich selbst ein Urteil fällen wollte. Und was wäre wohl mehr zu verurteilen als diese Haltung? Kann denn im Leben etwas ernster sein? Der Wein entschuldigt mich nicht. In vino veritas.
So vor mich hingrübelnd und ganz versunken in meine Träume, hatte ich den Weg nach Hause zurückgelegt und war vor Mamas Wohnung angelangt, ohne es zu gewahren. Ja, ich gewahrte es auch dann noch nicht, als ich schon eintrat; erst in unserem kleinen Vorzimmer kam ich gleichsam zu mir, und da fühlte ich plötzlich, daß bei uns etwas Außergewöhnliches vor sich ging. Ich hörte in den Zimmern laut sprechen und aufschreien, und Mama weinte. In der Tür hätte mich Lukerja, die aus dem Zimmer Makar Iwanowitschs kam und in die Küche stürzte, beinahe umgerannt. Ich warf meinen Pelz ab und begab mich schnell zu Makar Iwanowitsch, da alle dort beisammen waren.
Im Zimmer standen Werssiloff und Mama. Mama lag in seinen Armen, und er hielt sie fest an sein Herz gedrückt. Makar Iwanowitsch saß wie gewöhnlich auf seiner Bank, aber so sonderbar haltlos, daß Lisa ihn mit ihrer ganzen Kraft an beiden Schultern festhalten mußte, damit er nicht umfiele, und doch neigte er sich immer mehr nach vorn und drohte ganz zu fallen. Ich stürzte näher, erschrak und begriff: der Alte war tot. Er war soeben gestorben, vielleicht eine Minute vor meinem Eintreten. Vor zehn Minuten hatte er sich noch so wie immer gefühlt. Nur Lisa war bei ihm gewesen: sie hatte dagesessen und ihm ihren Kummer erzählt, und er hatte ihr, genau wie gestern, den Kopf gestreichelt. Auf einmal hatte er zu zittern begonnen (so erzählte Lisa später), hatte aufstehen, hatte schreien wollen, und war dann lautlos nach links gesunken. »Herzschlag!« meinte Werssiloff. Lisa hatte aufgeschrien, daß es durchs ganze Haus hallte, und da erst waren die anderen herbeigelaufen -- und das alles eine Minute vor meinem Erscheinen.
»Arkadi!« rief mir Werssiloff zu, »laufe sofort zu Tatjana Pawlowna. Sie muß unbedingt zu Hause sein. Bitte sie, sofort herzukommen! Nimm eine Droschke. Schnell, ich beschwöre dich!«
Seine Augen blitzten -- ich erinnere mich dessen noch deutlich. Auf seinem Gesicht bemerkte ich nichts von Mitgefühl oder Tränen, nur Mama, Lisa und Lukerja weinten. Im Gegenteil -- und ich erinnere mich dessen nur zu gut --, sein Gesicht hatte den Ausdruck einer außerordentlichen Angeregtheit, ja, fast möchte ich sagen, Begeisterung. Ich lief zu Tatjana Pawlowna.
Der Weg war nicht sehr weit. Ich nahm auch keine Droschke, sondern lief den ganzen Weg zu Fuß, ohne anzuhalten. In meinem Kopfe war ein wirres Durcheinander, und auch ich fühlte eine Art Begeisterung. Ich begriff, daß etwas Entscheidendes geschehen war. Als ich bei Tatjana Pawlowna klingelte, war meine Betrunkenheit spurlos verschwunden und mit ihr alle unedlen Gedanken.
Die Finnländerin öffnete: »Nicht zu Haus!« sagte sie kurz und wollte die Tür sofort wieder schließen.
»Was heißt das, nicht zu Haus!« Ich drängte mich mit aller Gewalt ins Vorzimmer. »Das ist nicht möglich! Makar Iwanowitsch ist gestorben!«
»Wa--as!« hörte ich sofort Tatjana Pawlownas Stimme hinter der geschlossenen Zimmertür rufen.
»Ja, gestorben! Makar Iwanowitsch ist gestorben! Andrei Petrowitsch bittet Sie, sofort hinzukommen!«
»Hör, du lügst ...«
Der Riegel wurde zurückgeschoben, aber die Tür nur ein wenig geöffnet.
»Was ist geschehen? So erzähl doch!«
»Ich weiß selbst nicht, ich bin soeben nach Hause gekommen, da war er schon tot. Andrei Petrowitsch sagt: Herzschlag!«
»Ich komme sofort, im Augenblick. Lauf', sag', ich komme gleich; mach, daß du fortkommst, marsch, marsch! Was stehst du denn noch da?«
Ich hatte aber durch die halbgeöffnete Tür deutlich gesehen, daß jemand hinter der Portiere, die Tatjana Pawlownas Schlafraum abteilte, hervorgetreten war und jetzt im Zimmer hinter Tatjana Pawlowna stand. Unwillkürlich erfaßte ich den Türgriff und ließ Tatjana Pawlowna die Tür nicht mehr schließen.
»Arkadi Makarowitsch! Ist es wirklich wahr, daß er gestorben ist?« ertönte eine mir so gut bekannte, wohlklingende Stimme, die mein ganzes Innere auf einmal erzittern machte: aus ihrer Frage hörte man, daß etwas die Sprecherin durchdrungen hatte und ihre Seele erregte.
»Na, wenn's so ist ...« bemerkte Tatjana Pawlowna und ließ die Tür offen, »wenn's so ist ... dann seht zu, wie ihr miteinander fertig werdet. Habt es selbst gewollt!«
Sie stürzte hinaus, warf sich im Laufen einen Schal und den Pelz um und lief die Treppe hinunter. Wir blieben allein. Ich warf meinen Pelz ab, trat ins Zimmer und schloß die Tür hinter mir. Sie stand vor mir wie damals, bei jenem Stelldichein, mit leuchtenden Augen, und wie damals streckte sie mir beide Hände entgegen. Da knickten mir die Knie ein, und ich sank ihr buchstäblich zu Füßen.
III.
Ein Schluchzen saß mir in der Kehle, und Tränen traten mir in die Augen, ich weiß selbst nicht, weshalb; ich weiß auch nicht, wie es kam, daß ich dann neben ihr saß; ich weiß nur noch -- und diese Erinnerung ist mir unsagbar teuer -- daß wir nebeneinander saßen, meine Hand in ihrer Hand ruhte, und daß wir fieberhaft sprachen: sie fragte mich nach dem Alten und nach seinen letzten Augenblicken, und ich erzählte ihr von ihm. Man hätte denken können, ich weinte um Makar Iwanowitsch, während das durchaus nicht der Fall war; aber ich weiß ja, daß sie mich einer solchen kindischen Rührseligkeit ganz entschieden nicht für fähig halten konnte. Damals aber kam mir diese Möglichkeit plötzlich zu Bewußtsein, und ich schämte mich. Heute bin ich der Meinung, daß ich einzig aus Begeisterung geweint habe, und ich denke, sie wird das auch sehr gut verstanden haben, so daß ich wegen dieser Erinnerung ganz ruhig bin.
Auf einmal kam es mir aber sehr sonderbar vor, daß sie mich so eingehend über Makar Iwanowitsch ausfragte.
»Ja, haben Sie ihn denn gekannt?« fragte ich sie verwundert.
»Oh, ich kenne ihn schon lange. Ich habe ihn nie gesehen, aber er hat auch in meinem Leben eine Rolle gespielt. Vieles von ihm hat mir seinerzeit jener Mann erzählt, vor dem ich mich fürchte. Sie wissen, wen ich meine.«
»Ich weiß jetzt nur, daß jener Mann Ihnen innerlich viel näher gestanden hat, als Sie mich haben ahnen lassen,« erwiderte ich, ohne selbst zu wissen, was ich damit eigentlich sagen wollte, aber ich sagte es gleichsam vorwurfsvoll und mit gerunzelter Stirn.
»Sie sagten, er habe Ihre Mutter soeben geküßt und umarmt? Haben Sie das selbst gesehen?« fragte sie mich hastig weiter -- meine Bemerkung überhörte sie.
»Ja, ich habe es mit eigenen Augen gesehen; und glauben Sie mir, es geschah alles mit der größten Aufrichtigkeit und Innigkeit!« beeilte ich mich, zu versichern, als ich ihre Freude sah.
»Gott gebe es!« sagte sie und bekreuzte sich. »Jetzt ist er frei. Dieser herrliche Alte hatte sein Leben doch in Ketten geschlagen. Jetzt, wo der Alte tot ist, wird wieder das Pflichtbewußtsein und ... die Würde in ihm auferstehen, wie es schon einmal geschehen ist. Oh, ich weiß, er ist vor allen Dingen großmütig und wird dem Herzen Ihrer Mutter den Frieden geben, denn er liebt sie ja doch mehr als alles auf der Welt, und wird schließlich auch selbst Ruhe finden, Gott sei Dank -- und es wäre auch Zeit.«
»Er ist Ihnen wohl teuer?«
»Ja, sehr teuer, wenn auch nicht in dem Sinne, in dem er es wünschte und in dem Sie jetzt fragen,« antwortete sie ernst.
»Fürchten Sie denn nun für ihn oder für sich?« fragte ich plötzlich.
»Ach, das sind schwierige Fragen, lassen wir das!«
»Gut, lassen wir das; selbstverständlich; nur habe ich von alledem nichts gewußt, vielleicht gar zu viel nicht gewußt. Aber mögen Sie recht damit haben, daß jetzt alles von neuem anfängt, und wenn einer schon auferstanden ist, so bin ich es, ich als erster. Ich stehe mit niedrigen Gedanken vor Ihnen, Katerina Nikolajewna, und vielleicht ist es noch nicht eine ganze Stunde her, daß ich auch durch die Tat niedrig an Ihnen gehandelt habe. Aber Sie sollen auch das wissen, daß ich jetzt hier neben Ihnen sitze und nicht die geringsten Gewissensbisse verspüre. Denn jetzt ist alles Alte verschwunden und alles, was ist, ist neu. Und jenen Schuft, der vor einer Stunde eine Gemeinheit gegen Sie plante, kenne ich einfach nicht und will ich überhaupt nicht mehr kennen!«
»Kommen Sie zu sich,« sagte sie lächelnd, »Sie scheinen mir ein bißchen im Fieber zu sprechen.«
»Und kann man sich denn überhaupt verurteilen, solange man neben Ihnen sitzt?« fuhr ich fort. »Da mag einer noch so anständig sein, oder mag auch noch so niedrig sein -- Sie sind doch immer, wie die Sonne, unerreichbar ... Sagen Sie, wie haben Sie mir jetzt so entgegenkommen können, nach allem, was geschehen ist? Wenn Sie nur wüßten, was noch vor einer Stunde geschehen ist, gerade vor einer Stunde! Und was für ein Traum mir in Erfüllung geht!«
»Ich glaube, das kann ich mir schon denken,« sagte sie mit einem stillen Lächeln. »Sie werden sich für irgend etwas an mir haben rächen wollen. Sie haben sich wohl gar geschworen, mich ins Verderben zu stürzen; und dabei hätten Sie ganz gewiß einen jeden auf der Stelle totgeschlagen oder verprügelt, der es gewagt hätte, in Ihrer Gegenwart auch nur ein schlechtes Wort über mich zu sagen.«
Oh, sie lächelte und scherzte: aber sie tat es nur aus unermeßlicher Güte, denn ihre ganze Seele war in dem Augenblick, wie ich später erriet, so voll von eigener niederdrückender Sorge und von einer so starken und gewaltigen Empfindung, daß sie wohl nur so mit mir sprechen und auf meine nichtigen, lästigen Fragen antworten konnte, wie man vielleicht einem kleinen Kinde auf seine naseweisen unablässigen Fragen antwortet, damit es Ruhe gibt. Das begriff ich plötzlich, und ich schämte mich, aber ich konnte mich schon nicht mehr zurückhalten.
»Nein,« rief ich, ohne mich zu beherrschen, »nein, ich habe den nicht erschlagen, der schlecht von Ihnen sprach, im Gegenteil, ich hab' ihm noch beigestimmt!«
»Oh, um Gottes willen, nicht beichten, nein, erzählen Sie nichts!« Sie streckte plötzlich die Hand aus, um mich aufzuhalten, und aus ihrem Gesicht sprach geradezu schmerzliches Mitleid, aber schon war ich aufgesprungen und stand vor ihr, um ihr alles zu sagen; und wenn ich ihr damals alles gesagt hätte, so wäre es nicht dazu gekommen, wozu es später gekommen ist; denn es wäre bestimmt darauf hinausgelaufen, daß ich ihr alles gebeichtet und das Dokument ihr ausgeliefert hätte. Aber da begann sie auf einmal zu lachen:
»Nein, es ist nicht nötig, nichts ist nötig, ich will keine Einzelheiten hören. Ich kenne schon alle Ihre fürchterlichen Verbrechen: ich wette, Sie hatten die Absicht, mich zu heiraten oder so etwas Ähnliches, und haben gerade einen diesbezüglichen Plan geschmiedet, mit einem Ihrer Freunde oder einem Ihrer früheren Schulkameraden ... Ach, es scheint ja, daß ich es wirklich erraten habe!« rief sie plötzlich und sah mir ernst forschend ins Gesicht.
»Wie ... wie haben Sie das erraten können?« stotterte ich wie ein Narr vor lauter Betroffenheit.
»Das war, weiß Gott, nicht schwer. Doch genug, genug davon! Ich verzeihe Ihnen alles, nur hören Sie auf,« sagte sie abwehrend und jetzt schon mit sichtlicher Ungeduld. »Ich bin selbst eine Träumerin, und wenn Sie wüßten, was ich alles in manchen Augenblicken ausdenke, wenn ich's nicht mehr ertragen kann! Aber genug davon, Sie bringen mich immer von dem ab, was ich eigentlich sagen wollte. Ich bin sehr froh, daß Tatjana Pawlowna weggegangen ist: ich hatte schon die ganze Zeit den Wunsch, Sie wiederzusehen, aber in ihrer Gegenwart hätten wir uns doch nicht so aussprechen können. Ich glaube, ich trage die Schuld an dem, was Ihnen damals zugestoßen ist. Ja? Ich bin doch die Schuldige?«
»Sie die Schuldige? Aber damals habe ich Sie doch an ihn verraten, und -- was haben Sie überhaupt von mir denken müssen! Daran habe ich seitdem die ganze Zeit gedacht, alle diese Tage, jede Minute hab' ich daran gedacht und nur dies gefühlt!« (Ich log nicht.)
»Sie haben sich ganz umsonst gequält, denn ich habe doch schon damals nur zu gut verstanden, wie das geschehen konnte: es ist Ihnen da in der Freude ihm gegenüber das Geständnis entschlüpft, daß Sie in mich verliebt waren, und daß ich ... nun, daß ich Sie angehört hatte. Dafür sind Sie eben zwanzig Jahre alt. Und Sie lieben ihn doch mehr als die ganze Welt, Sie suchen in ihm doch einen Freund, ein Ideal? Das habe ich sehr gut begriffen, aber nur etwas zu spät. O ja, ich war damals selbst schuld daran: ich hätte Sie unverzüglich zu mir rufen müssen, um Sie zu beruhigen; aber ich ärgerte mich zu sehr, und so bestimmte ich, daß Sie im Hause nicht mehr empfangen werden sollten. Und so kam es dann zu jenem Auftritt an der Vorfahrt und später zu Ihren Erlebnissen in der Nacht. Und wissen Sie, ich habe genau so wie Sie diese ganze Zeit daran gedacht, wie ich Sie heimlich treffen könnte, nur wußte ich nicht, wie ich das einrichten sollte. Und was glauben Sie, was ich dabei am meisten fürchtete? Daß Sie seiner üblen Nachrede über mich glauben könnten.«
»Niemals!« rief ich.
»Ich schätze die Stunden unseres früheren Zusammenseins. Der Jüngling in Ihnen ist mir immer teuer gewesen, und vielleicht sogar auch diese Ihre Aufrichtigkeit ... Ich bin ja doch ein ernst veranlagter Charakter. Ich bin der ernsteste und düsterste Charakter von allen heutigen Frauen, merken Sie sich das ... hahaha! Aber wir werden uns schon noch aussprechen können, augenblicklich fühle ich mich nicht recht wohl, ich bin zu aufgeregt und ... ich glaube fast, ich bekomme eine Nervenkrise ... Gott, jetzt wird er mich doch endlich, endlich in Ruhe leben lassen!«
Dieser Ausruf entschlüpfte ihr ganz unbedacht; das begriff ich sofort und tat deshalb, als hätte ich ihn überhört, aber mein Herz war erzittert.
»Er weiß, daß ich ihm verziehen habe!« sagte sie plötzlich vor sich hin, als wäre sie ganz allein mit sich.
»Haben Sie ihm denn wirklich jenen Brief verzeihen können? Und woher kann er denn wissen, daß Sie ihm verziehen haben?« rief ich jetzt doch, denn ich konnte mich nicht mehr halten.
»Woher er das wissen kann? Oh, er weiß es,« sagte sie versonnen, wieder wie zu sich selbst, und als hätte sie mich ganz vergessen. »Er ist jetzt erwacht. Und wie sollte er denn nicht wissen, daß ich ihm verziehen habe, da er doch meine ganze Seele auswendig kennt? Er weiß doch, daß auch ich ein wenig von seiner Art bin.«
»Sie?«
»Ja, ich; und das weiß er. Oh, ich bin nicht leidenschaftlich, ich bin ruhig: aber auch ich möchte, ganz wie er, daß alle Menschen gut wären ... Wegen irgend etwas hat er mich doch geliebt.«
»Wie hat er dann sagen können, in Ihnen wären alle Laster?«
»Das hat er nur so gesagt; für sich, im geheimen, weiß er etwas ganz anderes. Aber nicht wahr, sein Brief war doch unsagbar lächerlich?«
»Lächerlich?«
Ich hörte mit gespanntester Aufmerksamkeit zu; sie schien tatsächlich sehr erregt zu sein und ... sprach vielleicht Dinge aus, die keineswegs für meine Ohren bestimmt waren; aber ich konnte mich trotz der peinlichen Situation nicht enthalten, sie auszufragen.
»O ja, gewiß lächerlich, und wie hätte ich gelacht, wenn ... wenn ich mich nicht so gefürchtet hätte. Übrigens bin ich durchaus nicht so furchtsam, glauben Sie das nicht. Aber nach jenem Brief habe ich doch die ganze Nacht nicht geschlafen; er ist wie mit krankem Blut geschrieben ... und worauf kann ich mich nach einem solchen Brief noch verlassen? Ich liebe das Leben, ich fürchte entsetzlich für mein Leben, darin bin ich wirklich schrecklich kleinmütig ... Ach, hören Sie!« rief sie auf einmal und wandte sich erregt mir zu, »gehen Sie schnell zu ihm! Er ist jetzt allein, er kann nicht die ganze Zeit dort bleiben, bestimmt ist er allein aus dem Hause gegangen: suchen Sie ihn schnell auf, unbedingt so schnell wie möglich, laufen Sie zu ihm, zeigen Sie ihm, beweisen Sie ihm, daß Sie sein liebender Sohn, daß Sie der liebe, gute Junge sind, mein Student, den ich ... Oh, gebe Gott Ihnen Glück! Ich liebe niemanden, und so ist es auch am besten; aber ich wünsche allen Glück, allen, und vor allen wünsche ich es ihm, und das soll er wissen ... womöglich jetzt gleich, das wäre mir sogar sehr lieb ...«
Sie stand auf, in ihren Augen blitzten Tränen, und plötzlich verschwand sie hinter der Portiere (es waren wohl hysterische Tränen nach dem Lachen). Ich stand allein da und war erregt und verwirrt. Ich wußte wirklich nicht, was sie denn in eine solche Erregung versetzt haben konnte, in eine Erregung, die ich bei ihr gar nicht für möglich gehalten hätte. Irgend etwas in meinem Herzen krampfte sich gleichsam zusammen.
Ich wartete fünf Minuten, schließlich zehn Minuten; die tiefe Stille schreckte mich plötzlich auf, und ich entschloß mich, zur Tür hinauszuschauen und zu rufen. Auf meinen Ruf erschien die Köchin Marja und sagte mir im gleichgültigsten Ton, die gnädige Frau hätte sich längst angezogen und die Wohnung durch die Hintertür verlassen.
Siebentes Kapitel.
I.
Das hatte gerade noch gefehlt. Ich griff nach meinem Pelz, warf ihn mir im Gehen um und eilte mit dem Gedanken hinaus: »Sie hat mich gebeten, zu ihm zu gehen, aber wo finde ich ihn jetzt?«
Doch neben allem anderen beschäftigte mich eine Frage, vor der meine Gedanken betroffen stillhielten: »Weshalb glaubt sie, daß jetzt etwas anderes eingetreten sei und er sie jetzt in Ruhe lassen werde? Natürlich deshalb, weil er Mama heiraten wird. Aber was war das: freute sie sich nun darüber, daß er Mama jetzt heiraten kann, oder war sie, im Gegenteil, gerade deshalb unglücklich? Und deshalb vielleicht der hysterische Anfall? Warum kann ich nun diese Frage nicht entscheiden?«
Ich führe diesen zweiten Gedanken, der mich damals plötzlich durchzuckte, hier absichtlich wortgetreu an, damit ich ihn nicht vergesse: er ist zu wichtig. Dieser Abend war wirklich schicksalsschwer, und unwillkürlich fängt man an eine Vorherbestimmung zu glauben an: noch war ich keine hundert Schritte auf dem Wege zu Mamas Wohnung gegangen, als ich plötzlich mit demjenigen zusammenstieß, den ich suchte. Er faßte mich an der Schulter und hielt mich fest.
»Du bist's!« rief er erfreut und gleichzeitig wie in größter Überraschung. »Denke dir, ich war soeben in deiner Wohnung,« sagte er schnell, »ich suchte dich, ich fragte nach dir -- nur dich allein brauche ich jetzt von der ganzen Welt! Dein Beamter hat mir da Gott weiß was alles vorgeredet, aber du warst nicht da, und so ging ich wieder; und ich vergaß sogar, dir sagen zu lassen, daß du nach deiner Rückkehr unverzüglich zu mir kommen solltest. Aber wirst du's glauben: ich ging doch in der felsenfesten Überzeugung fort, das Schicksal könne doch nicht so blind sein, dich mir nicht entgegenzuführen, gerade jetzt, wo ich deiner mehr denn je bedarf! Und da bist du auch richtig der erste, der mir begegnet! Komm, gehen wir zu mir: du bist noch niemals bei mir gewesen.«
Mit einem Wort, wir hatten uns gegenseitig gesucht, und jedem von uns war etwas Ähnliches begegnet. Wir gingen sehr eilig weiter.
Unterwegs sagte er nur in ein paar Worten, daß Tatjana Pawlowna bei Mama geblieben sei usw. usw. Er hatte mich untergefaßt und führte mich. Seine Wohnung lag nicht weit von dort, und wir langten bald an. Ja, ich war noch niemals bei ihm gewesen. Es war eine Wohnung von nur drei Zimmern, die er (oder vielmehr Tatjana Pawlowna) wegen jenes »Säuglings« gemietet hatte. Diese Wohnung stand von Anfang an ganz unter Tatjana Pawlownas Aufsicht, und dort lebte nun die Wärterin mit dem kleinen Kinde (und jetzt auch noch Darja Onissimowna); aber eines der Zimmer -- das erste, in das man unmittelbar aus dem Vorraum trat, ein ziemlich großer und mit Polstermöbeln recht gut ausgestatteter Raum -- war für Werssiloff als eine Art Lese- und Arbeitszimmer eingerichtet. In der Tat sah man da auf dem Schreibtisch, im Schrank und auf den Bücherständern eine ganze Menge Bücher (die es in Mamas Wohnung fast gar nicht gab), ferner beschriebene Blätter, Briefe, zu ganzen Päckchen zusammengelegt und verschnürt, -- kurzum, das Ganze machte den Eindruck eines schon lange bewohnten Raumes; und ich weiß, daß Werssiloff auch früher schon, wenn auch ziemlich selten, zeitweilig ganz in diese seine Wohnung übergesiedelt war und sogar wochenlang dort gewohnt hatte. Das erste, was meine Aufmerksamkeit auf sich lenkte, war Mamas Bildnis, das in einem schönen geschnitzten Rahmen aus kostbarem Holz über dem Schreibtisch hing -- eine Photographie, offenbar eine ausländische Aufnahme, die, nach ihrem ungewöhnlichen Format zu urteilen, nicht wenig gekostet haben mußte. Ich hatte von diesem Bildnis nichts gewußt und nie etwas davon gehört; und was mich noch besonders überraschte, war die für eine Photographie ganz erstaunliche Ähnlichkeit, gerade die, ich möchte sagen, geistige Ähnlichkeit. Es war wie ein wirkliches Porträt von Künstlerhand und gar nicht wie eine mechanische Aufnahme. Als ich ins Zimmer trat, blieb ich sogleich und ganz überrascht vor diesem Bilde stehen.
»Nicht wahr? Nicht wahr?« fragte plötzlich Werssiloff dicht hinter mir.
Er meinte damit: »Nicht wahr, wie ähnlich?« Ich sah mich nach ihm um, und der Ausdruck seines Gesichts machte mich ganz betroffen. Er war etwas bleich, aber sein gespannter Blick brannte und strahlte gleichsam vor Glück und Kraft: einen solchen Ausdruck hatte ich noch niemals an ihm gesehen.
»Ich habe gar nicht gewußt, daß Sie Mama so lieben!« sagte ich plötzlich selbst ganz beglückt.
Er lächelte glücklich, wenn auch in seinem Lächeln gleichsam ein Leid lag, oder richtiger, etwas schmerzlich Nachsichtiges, menschlich Höheres ... ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll; aber mir scheint, daß hochentwickelte Menschen überhaupt nicht ein triumphierend glückliches Gesicht haben können. Ohne mir zu antworten, nahm er das Bild mit beiden Händen von der Wand, hielt es ganz nah vor sein Gesicht, küßte es plötzlich und hängte es dann vorsichtig wieder auf.
»Merke dir,« sagte er, »photographische Aufnahmen sind sehr selten ähnlich, und das ist leicht zu erklären: das Original, das heißt, ein jeder von uns, ist ja auch im Leben nur äußerst selten sich selber ähnlich. Das Gesicht eines Menschen zeigt seinen charakteristischsten Zug eben nur in seltenen Augenblicken. Ein Künstler studiert das Gesicht, das er malen soll, und erhascht diesen eigentlichen Ausdruck des Gesichts, er errät sozusagen den Hauptgedanken des Menschen und gibt ihn im Bilde wieder, auch wenn das Gesicht des Betreffenden diesen Ausdruck während des Modellsitzens zumeist gar nicht hat. Die Photographie aber gibt den Menschen genau so wieder, wie er in dem einen Augenblick aussieht, und da ist es nicht ausgeschlossen, daß zum Beispiel Napoleon, in einem zufälligen Augenblick photographiert, auf der Photographie dumm aussehen könnte, und Bismarck -- weichlich. Hier aber, auf dieser Photographie, hat die Aufnahme Ssonjä zufällig gerade im Augenblick ihres eigensten Ausdrucks angetroffen: in ihrer schamhaften, demütigen Liebe und scheuen, schreckhaften Keuschheit. Und sie war ja damals auch so glücklich, als sie sich endlich überzeugt hatte, daß es mich wirklich so sehr nach einem Bilde von ihr verlangte. Diese Aufnahme ist eigentlich vor gar nicht so langer Zeit gemacht, aber sie sah damals doch noch viel jünger und besser aus; dabei hatte sie auch damals schon diese eingefallenen Wangen, diese feinen Runzeln auf der Stirn und diese scheue Schüchternheit im Blick, die bei ihr jetzt mit den Jahren zu wachsen scheint -- je länger, desto mehr. Wirst du's mir glauben, Lieber: jetzt kann ich sie mir mit einem anderen Gesicht gar nicht mehr vorstellen, und doch ist sie einmal jung und reizend gewesen! Die russischen Frauen altern schnell, ihre Schönheit ist flüchtig, und das hat seinen Grund wahrlich nicht nur in einer ethnographischen Besonderheit des Typs, sondern auch darin, daß sie mit rückhaltloser Hingabe zu lieben verstehen. Die russischen Frauen geben alles auf einmal hin, wenn sie lieben, -- den Augenblick und ihr ganzes Leben, die Gegenwart und die Zukunft; sie verstehen nicht, ökonomisch zu sein, sie sparen und geizen nicht, um des Vorrats willen, und so geht ihre Schönheit bald für den dahin, den sie lieben. Diese eingefallenen Wangen -- das ist gleichfalls Schönheit, die für mich hingegeben ist, für meine kurze Lust. Es freut dich, daß ich deine Mutter geliebt habe, und du hast vielleicht sogar nicht einmal geglaubt, daß ich sie habe lieben können? Ja, mein Freund, ich habe sie sehr geliebt, und doch habe ich ihr nichts als Böses zugefügt ... Hier ist noch ein anderes Bildnis -- sieh dir auch dies einmal an.«
Er nahm es vom Tisch und reichte es mir. Das war auch eine Photographie, nur in bedeutend kleinerem Format und in einem schmalen, ovalen Holzrähmchen -- das Bild eines jungen Mädchens: ein schmales, schwindsüchtiges, doch trotz alledem schönes Gesicht, versonnen, und dabei doch bis zur Sonderbarkeit gedankenleer. Es waren die regelmäßigen Züge eines durch Generationen ausgebildeten Typs; aber sie machten einen krankhaften Eindruck: man hatte die Empfindung, daß sich plötzlich ein starrer Gedanke dieses Wesens bemächtigt hatte, der eben dadurch qualvoll war, daß er über seine Kraft ging.
»Das ... das ist jenes junge Mädchen, mit dem Sie sich trauen lassen wollten, und das an der Schwindsucht starb ... ihre Stieftochter?« sagte ich ein wenig befangen.
»Ja, mit dem ich mich trauen lassen wollte, das an der Schwindsucht starb, ihre Stieftochter. Ich wußte, daß du ... alle diese Klatschgeschichten kennst. Übrigens, außer diesen hättest du auch nichts erfahren können. Leg' das Bild hin, mein Freund, das war nur eine arme Irrsinnige und nichts weiter.«
»Wirklich irrsinnig?«
»Oder eine Idiotin; übrigens glaube ich, auch eine Irrsinnige. Sie bekam ein Kind vom Fürsten Ssergei Petrowitsch (infolge ihres Irrsinns, nicht aus Liebe; das ist eine der schändlichsten Taten des Fürsten). Das Kind ist jetzt hier, in jenem Zimmer, ich habe es dir schon lange zeigen wollen. Fürst Ssergei Petrowitsch darf weder herkommen noch das Kind sehen -- laut unserer Verabredung im Auslande. Ich habe das Kind mit Einwilligung deiner Mutter zu mir genommen. Und gleichfalls mit Einwilligung deiner Mutter wollte ich mich damals trauen lassen mit dieser ... Unglücklichen ...«
»Ist denn eine solche Einwilligung überhaupt möglich?« fragte ich erregt.
»O ja! Sie erlaubte es mir: eine Frau ist nur auf eine Frau eifersüchtig, diese aber war doch keine Frau.«
»Wenn sie es auch für alle anderen nicht war, für Mama war sie es! Das werde ich mein Lebtag nicht glauben, daß Mama nicht eifersüchtig gewesen sei!« rief ich.
»Du hast recht. Das erriet ich erst, als alles schon beschlossen war, das heißt, als sie mir ihre Einwilligung gab. Aber lassen wir das. Jedenfalls kam es nicht dazu, da Lydia starb, aber vielleicht wäre es auch so nicht dazu gekommen, wenn sie am Leben geblieben wäre; deine Mutter aber lasse ich auch jetzt noch nicht zu dem Kinde. Das -- war nur eine Episode. Mein Lieber, ich habe dich hier schon lange erwartet. Schon lange habe ich davon geträumt, wie wir hier zusammenkommen würden; weißt du, wie lange schon? -- Schon seit zwei Jahren.«
Er sah mich aufrichtig und innig an, mit einer heißen Herzenshingabe. Ich ergriff seine Hand.
»Warum haben Sie dann gezögert, warum haben Sie mich nicht schon früher gerufen? Wenn Sie wüßten, was inzwischen ... und was nicht geschehen wäre, wenn Sie mich schon früher gerufen hätten! ...«
In diesem Augenblick wurde die Teemaschine gebracht, und Darja Onissimowna kam mit dem Kindchen, das ganz fest schlief.
»Sieh es dir an,« sagte Werssiloff, »ich liebe es und habe es jetzt bringen lassen, damit du es siehst. So, bringen Sie es nun wieder hinaus, Darja Onissimowna. Und du setze dich hierher an den Tisch. Ich werde mir jetzt einbilden, wir zwei hätten ewig so gelebt und jeden Abend so zusammen verbracht, ohne uns jemals zu trennen. Laß mich dich ansehen: setze dich so, daß ich dein Gesicht sehen kann. Wie ich es liebe, dein Gesicht! Wie habe ich mir dein Gesicht vorzustellen versucht, als ich dich noch aus Moskau erwartete! Du fragst: warum habe ich dich nicht schon früher gerufen? Warte, das wirst du vielleicht erst jetzt verstehen.«
»Hat denn wirklich nur der Tod Makar Iwanowitschs Ihnen jetzt die Zunge gelöst? Das ist sonderbar.«
Aber wenn ich das auch sagte, so sah ich ihn doch mit viel Liebe an. Wir sprachen wie zwei Freunde, wie Freunde im höchsten und vollsten Sinn des Wortes. Er hatte mich hierher geführt, um mir irgend etwas zu erklären, zu erzählen, um etwas zu rechtfertigen; und dabei war schon alles, noch bevor er ein Wort gesagt hatte, erklärt und gerechtfertigt. Gleichviel, was ich von ihm jetzt noch gehört hätte -- das Ergebnis war schon erreicht, und das wußten wir beide mit einem Glücksgefühl, und so sahen wir einander auch an.
»Nicht gerade der Tod dieses alten Mannes,« antwortete er, »nicht dieser Tod allein; es ist noch etwas anderes, was damit zusammengetroffen ist ... Gott segne diesen Augenblick und unser Leben hinfort und auf lange! Mein Lieber, laß uns miteinander reden. Ich komme immer wieder vom Thema ab, ich will von dem einen reden und lasse mich von tausend nebensächlichen Einzelheiten ablenken. So geht es einem immer, wenn das Herz voll ist ... Doch reden wir jetzt miteinander; die Zeit ist gekommen, und ich bin schon lange in dich verliebt, Junge.«
Er lehnte sich in seinen großen Stuhl zurück und betrachtete mich noch einmal.
»Wie sonderbar, wie sonderbar sich das anhört!« wiederholten meine Lippen, während die Seligkeit über mir zusammenschlug.
Und da, ich weiß noch, da erschien flüchtig wieder dieser eine seltsame Zug in seinem Gesicht -- dieser Ausdruck von Trauer und Spott, beides zugleich, den ich schon so gut kannte. Aber er nahm sich zusammen und begann dann, gleichsam nach einer gewissen Anstrengung, langsam zu sprechen.
II.
»Sieh, Arkadi, wenn ich dich früher gerufen hätte, was hätte ich dir da sagen können? In dieser Frage ist meine ganze Antwort enthalten.«
»Das heißt, Sie wollen sagen, daß Sie jetzt Mamas Mann und mein Vater sind, bisher aber ... Sie hätten wohl in betreff meiner sozialen Stellung nicht gewußt, was Sie mir sagen sollten? War es das?«
»Nicht nur darüber, mein Lieber, hätte ich nicht gewußt, was ich dir sagen sollte: da hätte ich noch über manches schweigen müssen. Und vieles davon ist beinah lächerlich und sogar erniedrigend, weil es fast wie ein Gauklerstückchen anmutet: in der Tat, wie eine richtige Jahrmarktszauberei. Nun, sag' doch selbst, wie hätten wir denn einander früher verstehen können, wenn ich mich selbst erst heute um fünf Uhr nachmittags zum erstenmal verstanden habe, genau zwei Stunden vor dem Tode Makar Iwanowitschs. Du siehst mich mit peinlicher Verwunderung an. Beruhige dich: ich werde dir die Tatsache schon erklären; das aber, was ich dir sagte, ist vollkommen richtig; mein ganzes Leben ist Wandern und Zweifeln gewesen, und plötzlich steht, am soundsovielten des Monats um fünf Uhr nachmittags, des Rätsels Lösung fertig vor dir! Das ist doch einfach kränkend, nicht wahr? Noch gestern, ja: in der jetzt schon uralten Vergangenheit, hätte mich das noch tatsächlich gekränkt.«
Ich hörte ihn wirklich mit fieberhafter Verwunderung an: es trat wieder deutlich der frühere Werssiloffsche Zug hervor, den ich an diesem Abend um keinen Preis hätte sehen wollen, nachdem schon solche Worte gefallen waren. Plötzlich durchzuckte es mich.
»Mein Gott!« rief ich, »Sie haben etwas von ihr erhalten ... heute um fünf Uhr?«
Er sah mich scharf an, sichtlich überrascht durch meinen Ausruf und vielleicht auch durch den Ausdruck: »von ihr«.
»Du wirst alles erfahren,« sagte er mit einem sinnenden Lächeln, »und natürlich werde ich dir das, was du wissen mußt, nicht verhehlen, denn zu dem Zweck habe ich dich doch hergeführt; aber jetzt wollen wir das vorläufig noch etwas hinausschieben. Sieh mal, mein Freund, ich habe schon lange gewußt, daß es bei uns Kinder gibt, die bereits in der frühesten Kindheit über ihre Familie nachdenken, weil die Unschönheit ihrer Väter und ihrer Umgebung sie kränkt. Solche früh nachdenkenden Kinder habe ich schon unter meinen Mitschülern bemerkt, und damals glaubte ich, das käme alles daher, weil sie gar zu früh den Neid kennen lernen. Später freilich sagte ich mir, daß ich selbst eines von diesen nachdenkenden Kindern war, doch ... verzeihe, mein Lieber, ich bin heute erstaunlich zerstreut. Ich wollte damit nur sagen, wie sehr ich fast diese ganze Zeit über für dich hier gefürchtet habe. Ich habe dich mir immer als eines jener jungen Wesen vorgestellt, die sich ihrer Begabtheit schon bewußt sind und sich von den anderen absondern und lieber einsam sein wollen. Auch ich habe, ganz wie du, Kameraden nie gemocht. Schwer haben es diese jungen Geschöpfe, die ganz ihren eigenen Kräften und Träumen überlassen sind, und dabei von einem leidenschaftlichen, gar zu frühen und fast rachsüchtigen Schönheitsdurst besessen sind, -- ja: gerade von einem >rachsüchtigen< Schönheitsdurst. Doch genug davon, Lieber: ich bin wieder abgeschweift ... Noch bevor ich dich zu lieben anfing, versuchte ich schon, dich mit deinen einsamen, menschenscheuen Träumen mir vorzustellen ... Aber genug davon, wie gesagt. Ja, wovon wollte ich eigentlich sprechen? Übrigens mußte auch dies einmal gesagt werden. Früher aber -- was hätte ich dir früher sagen können? Jetzt sehe ich deinen Blick, der auf mir ruht, und ich weiß: es ist mein Sohn, der mich ansieht; ich aber hätte doch selbst gestern noch nicht geglaubt, daß ich jemals so wie heute mit meinem Jungen zusammensitzen und mit ihm reden würde.«
Er war in der Tat sehr zerstreut und dabei durch irgend etwas gleichsam erschüttert.
»Jetzt brauche ich nicht mehr zu träumen und mir Illusionen zu bauen, Sie genügen mir vollkommen! Ich werde von nun an Ihnen folgen!« sagte ich und gab ihm meine ganze Seele hin.
»Mir folgen? Aber mein Wandern hat ja gerade aufgehört, gerade heute: du kommst zu spät, mein Lieber. Der heutige Tag ist das Finale des letzten Aktes; der Vorhang fällt. Dieser letzte Akt hat lange gedauert. Er begann schon vor sehr langer Zeit -- damals, als ich zum letztenmal ins Ausland flüchtete. Ich warf damals alles hinter mich; und du sollst wissen, mein Lieber, daß ich damals auch meine Verbindung mit deiner Mutter löste und ihr das auch mitteilte. Das mußt du doch einmal erfahren. Ich erklärte ihr damals, daß ich für immer fortginge, sie würde mich niemals wiedersehen. Das schlimmste war aber, daß ich sogar vergaß, sie mit Geld zu versorgen. An dich dachte ich damals überhaupt nicht. Ich fuhr mit der Absicht fort, ganz in Europa zu bleiben, mein Lieber, und nie wieder nach Rußland zurückzukehren. Ich wanderte aus.«
»Zu Alexander Herzen? Um sich an seiner Propaganda im Auslande zu beteiligen? Sie haben doch gewiß Ihr ganzes Leben lang an irgendeiner Verschwörung teilgenommen?« rief ich, ohne mich zurückzuhalten.
»Nein, mein Freund, ich habe mich nie an einer Verschwörung beteiligt. Bei dir aber leuchteten sogar die Augen auf, -- ich liebe deine impulsiven Ausrufe, mein Lieber. Nein, ich reiste damals einfach aus plötzlicher Schwermut ins Ausland. Es war das die Schwermut des russischen Edelmanns, -- ich weiß es wirklich nicht besser auszudrücken. Die aristokratische Schwermut -- und nichts weiter.«
»Wegen der Aufhebung der Leibeigenschaft ... der Bauernbefreiung?« stieß ich in atemloser Spannung hervor.
»Wegen der Leibeigenschaft? Du meinst, ich hätte die alte Leibeigenschaft herbeigewünscht? Hätte die Befreiung des Volkes nicht ertragen? O nein, mein Freund, gerade wir waren doch die Befreier. Ich wanderte aus ohne jeden Groll. Ich hatte doch bis dahin als Friedensrichter aus allen Kräften für das Gute zu wirken gesucht, hatte es ganz uneigennützig getan, und wenn ich auswanderte, geschah es nicht deshalb, weil ich für meinen Liberalismus wenig Dank sah. Wir haben ja damals alle nichts bekommen, das heißt, alle diejenigen, die von meiner Art waren. Ausgewandert bin ich eher mit selbstbewußtem Stolz als mit irgend so einem Bedauern, und nichts, das kannst du mir glauben, lag mir ferner, als der Gedanke, für mich könnte jetzt die Zeit gekommen sein, mein Leben als bescheidener Schuster zu beschließen. Je suis gentilhomme avant tout et je mourrai gentilhomme!{[105]} Aber trotzdem war ich traurig gestimmt. Wir sind unser vielleicht tausend in Rußland, -- ja, in der Tat, vielleicht nicht mehr als nur tausend Menschen; aber das genügt ja vollkommen, damit die Idee nicht stirbt. Wir sind die Träger einer Idee, mein Lieber! ... Mein Freund, ich sage dir das in der sonderbaren Hoffnung, daß du diese ganze Phantasterei verstehen wirst. Ich habe dich aus einer Laune meines Herzens zu mir gebracht: ich habe schon lange davon geträumt, wie ich dir manches sagen werde ... dir, gerade dir. Doch übrigens ... übrigens ...«
»Nein, sagen Sie es!« rief ich. »Ich sehe wieder Aufrichtigkeit in Ihrem Gesicht ... Und sind Sie dann dank Europa wieder auferstanden? Und was war denn eigentlich Ihre >aristokratische Schwermut<? Verzeihen Sie, Liebster, ich verstehe noch nicht ganz.«
»Ob ich dank Europa auferstanden bin? Aber ich fuhr doch damals hin, um Europa zu beerdigen!«
»Beerdigen?« wiederholte ich verwundert.
Er lächelte.
»Freund Arkadi, meine Seele ist jetzt müde geworden, und mein Geist hat sich aufgelehnt. Niemals werde ich meine ersten Augenblicke damals in Europa vergessen. Ich hatte auch früher schon in Europa gelebt, damals aber war es eine besondere Zeit, und noch nie war ich in einer so trostlosen Trauer und ... mit solcher Liebe nach Europa gereist, wie in jener Zeit. Ich will dir einen von meinen ersten Eindrücken damals erzählen, einen Traum, den ich damals hatte, einen richtigen Traum ... Das war noch in Deutschland. Ich war aus Dresden abgereist und in der Zerstreutheit an der Station vorübergefahren, wo ich hätte umsteigen müssen, und so kam ich auf eine andere Bahnlinie. Natürlich wurde ich gleich auf der nächsten Station abgesetzt; es war drei Uhr nachmittags, ein heller, schöner Tag. Ich befand mich plötzlich in einem kleinen deutschen Städtchen. Man nannte mir ein Gasthaus. Ich mußte warten: der nächste Zug ging erst um elf Uhr nachts. Ich war sogar sehr zufrieden mit diesem Zwischenfall, denn ich hatte ja keine Eile, irgendwohin zu kommen. Ich wanderte, mein Freund, ich wanderte. Das Gasthaus war alt und klein, lag aber ganz im Grünen und war von Blumenbeeten umgeben, wie das in Deutschland üblich ist. Man gab mir ein enges Zimmerchen, und da ich die ganze letzte Nacht auf der Reise nicht geschlafen hatte, legte ich mich nach dem Mittagessen hin und schlief ein. Es war vielleicht vier Uhr.
»Und da hatte ich denn einen wunderlichen Traum, der um so überraschender war, als mir noch nie etwas Ähnliches geträumt hatte. In der Dresdener Galerie hängt ein Bild von Claude Lorrain, das im Katalog als >Acis und Galathea< angegeben ist -- ich habe es immer >Das goldene Zeitalter< genannt, weshalb, weiß ich selbst nicht. Ich hatte es auch früher schon gesehen, und jetzt, auf der Durchreise vor drei Tagen, war es mir wieder aufgefallen. Dieses Bild sah ich nun im Traum, aber nicht als Bild, sondern als Wirklichkeit. Übrigens weiß ich selbst nicht recht, was mir da eigentlich träumte ... Ich sah jedenfalls -- ganz wie es auf jenem Bilde zu sehen ist -- ein Eckchen des Griechischen Archipels, und auch die Zeit war gleichsam um dreitausend Jahre zurückversetzt; ich sah blaue, schmeichelnde Wellen, Inseln und Klippen, ein blühendes Gestade, eine wunderbare Ferne, und dazu die untergehende rufende Sonne -- es ist mit Worten gar nicht wiederzugeben! In diesem Bilde hat die europäische Menschheit die Erinnerung an ihre Wiege festgehalten, und der Gedanke daran erfüllte auch meine Seele wie mit Heimatliebe. Hier war einmal das irdische Paradies der Menschheit: die Götter stiegen vom Himmel herab und gingen mit den Menschen Verwandtschaft ein ... Oh, dort lebten schöne Menschen! Glücklich und schuldlos erwachten sie und schlummerten sie ein, die Wiesen und Haine waren erfüllt von ihren Liedern und ihrem Jauchzen; der große Überschuß an frischen Kräften strömte in Liebe und reiner Freude aus. Die Sonne umgab sie mit Wärme und Licht und freute sich an ihren schönen Kindern ... Welch ein wunderbarer Traum, welch eine erhabene Irrung der Menschheit! Das goldene Zeitalter ist von allen Illusionen, die die Menschheit jemals gehabt hat, die allerunwahrscheinlichste, und doch haben die Menschen für sie ihr Leben und alle ihre Kräfte hingegeben, für sie sind Propheten getötet worden und gestorben, und ohne sie können die Menschen nicht leben, ja, nicht einmal sterben! Und diese ganze Empfindung durchlebte ich gleichsam in meinem Traum; die Klippen und das Meer und die schrägen Strahlen der Abendsonne -- alles das glaubte ich noch zu sehen, als ich erwachte und die Augen aufschlug, die mir buchstäblich von Tränen feucht waren. Ich weiß noch, wie froh mir zumut war. Die Empfindung eines mir bis dahin noch ganz unbekannten Glücks erfüllte mein Herz bis zum Schmerz: das war die Liebe zur ganzen Menschheit ... Es war schon Abend geworden; durch das Fenster meines kleinen Zimmers, durch die Blumen, die auf dem Fensterbrett standen, fielen die letzten grellen Abendsonnenstrahlen und überfluteten mich mit gelbem Licht. Und da, mein Freund, da wurde -- die untergehende Sonne des ersten Tages der europäischen Menschheit, die ich in meinem Traum gesehen hatte, für mich, als ich erwachte, sogleich zur untergehenden Sonne des letzten Tages der europäischen Menschheit! Damals war es einem, als zöge durch die Luft Europas Sterbeglockenklang. Ich rede nicht nur vom Kriege und dem Brand der Tuilerien; ich wußte auch ohnedem, daß alles vergehen wird, das ganze Antlitz der europäischen Alten Welt -- früher oder später: aber als russischer Europäer konnte ich das nicht zulassen. Ja, die Kommunarden hatten damals gerade die Tuilerien in Brand gesteckt ... Oh, du brauchst dich nicht aufzuregen, ich weiß, daß es >logisch< war, und begreife nur zu gut die Unabwendbarkeit einer Idee, die im Fluß ist; doch als Träger des höheren russischen Kulturgedankens konnte ich das nicht anerkennen, denn der höhere russische Gedanke ist -- die Versöhnung aller Ideen. Und wer hätte damals einen solchen Gedanken verstehen können, wer in der ganzen Welt? Ich war allein. Ich spreche nicht von mir persönlich -- ich spreche vom russischen Gedanken. Dort war Kampf und Logik; dort war der Franzose nur Franzose und nichts weiter, und der Deutsche nur Deutscher und nichts weiter, und das waren sie mit noch größerer Ausschließlichkeit und Anspannung, als sie es je zuvor im Lauf ihrer geschichtlichen Entwicklung gewesen sind; folglich hat der Franzose seinem Frankreich und der Deutsche Deutschland niemals so großen Abbruch getan, wie eben in jener Zeit! Damals gab es in ganz Deutschland nicht einen einzigen Europäer! Nur ich allein konnte allen diesen Pariser Petroleumgießern ins Gesicht sagen, daß ihre Zerstörung der Tuilerien -- ein Fehler war; und nur ich allein konnte, umgeben von allen diesen nach Rache schreienden Konservativen, diesen Konservativen ins Gesicht sagen, daß die Einäscherung der Tuilerien zwar ein Verbrechen, aber dennoch vollkommen logisch war. Und das alles, mein Junge, weil ich allein, als Russe, damals in ganz Europa der einzige Europäer war. Ich spreche wiederum nicht von mir, sondern von dem russischen Gedanken im allgemeinen. Ich wanderte umher, mein Freund, ich wanderte und wußte genau, daß ich schweigen und weiter wandern mußte. Aber es war mir doch traurig zumute. Ich, mein Junge, ich kann nicht -- meinen Adel nicht achten. Du lachst darüber, scheint es?«
»Nein, ich lache nicht,« sagte ich ergriffen, »ich lache durchaus nicht. Ihre Vision des goldenen Zeitalters hat mein Herz erschüttert, und seien Sie überzeugt, ich fange schon an, Sie zu verstehen. Doch am meisten freue ich mich darüber, daß Sie sich selbst so achten. Ich beeile mich, Ihnen das zu sagen. Das hatte ich von Ihnen gar nicht erwartet!«
»Ich habe dir schon gesagt, mein Freund, daß ich deine Ausrufe sehr liebe,« sagte er mit einem Lächeln über meinen naiven Ausruf, erhob sich von seinem Platz und begann, wohl ohne sich dessen bewußt zu sein, im Zimmer auf und ab zu schreiten. Ich erhob mich gleichfalls. Er fuhr in seinen seltsamen Bekenntnissen fort, und er sprach tief durchdrungen von seinem Gedanken:
III.
»Ja, mein Junge, ich sage es dir nochmals, ich kann nicht anders als meinen Adel achten. Bei uns in Rußland hat sich im Laufe von Jahrhunderten ein gewisser höherer Kulturtyp herausgebildet, den man bisher überhaupt nicht gekannt hat, und den es sonst in der ganzen Welt nicht gibt: der Typ des universalen Leidens um alle. Es ist das ein ausschließlich russischer Typ, und da er sich in der höheren Kulturschicht des russischen Volkes entwickelt hat, so habe ich ganz von selbst die Ehre, ihm anzugehören. In seiner Hut ist die Zukunft Rußlands. Unser sind vielleicht im ganzen nur tausend Menschen -- vielleicht mehr, vielleicht weniger -- aber ganz Rußland hat vorläufig nur zu dem Zweck gelebt, um dieses Tausend hervorzubringen. Man wird sagen, das sei wenig; man wird mit Entrüstung einwenden, daß also alle unsere Jahrhunderte und soviel Millionen Menschen für dies geringe Ergebnis, für ein einziges Tausend Menschen hingegeben und verschwendet sein sollen! Doch -- meiner Überzeugung nach ist das gar nicht so wenig.«
Ich hörte ihm mit größter Spannung zu. Aus ihm sprach seine Überzeugung, und ich sah auf einmal die Richtung seines ganzen Lebens. Was er von den »tausend Menschen« sagte, zeichnete ihn selbst so plastisch! Ich fühlte auch, daß eine von außen gekommene Erschütterung den Anstoß zu seiner Mitteilsamkeit mir gegenüber gegeben hatte. Während er mir alle diese glühenden Reden hielt -- liebte er mich; doch der Grund, weshalb er plötzlich zu mir zu sprechen anfing, und warum es ihn so verlangte, gerade mit mir zu sprechen, blieb mir noch immer unerklärlich.
»Ich wanderte aus,« fuhr er fort, »und was ich auch hinter mir ließ, es tat mir um nichts leid. Was nur in meinen Kräften gelegen hat, habe ich in den Dienst Rußlands gestellt, damals, als ich hier wirken konnte; und als ich Rußland verließ, fuhr ich fort, ihm zu dienen, nur mit dem Unterschied, daß ich meine Idee erweiterte. Aber indem ich Rußland auf diese Weise diente, leistete ich ihm einen viel größeren Dienst, als wenn ich nur Russe und nichts weiter gewesen wäre, so wie damals der Franzose nur Franzose und der Deutsche nur Deutscher war. In Europa kann man das vorläufig noch nicht verstehen. Europa hat die vornehmen Typen des Franzosen, des Engländers, des Deutschen geschaffen, aber von seinem zukünftigen Menschen weiß es fast noch nichts. Und ich glaube, es will auch noch nichts von ihm wissen. Das ist auch ganz verständlich: sie sind nicht frei, wir aber sind frei. Nur ich allein in Europa, nur ich mit meiner russischen Schwermut, war damals frei ...«
»Merke dir etwas Eigentümliches, mein Freund: jeder Franzose kann nicht nur seinem Frankreich, sondern auch der ganzen Menschheit einzig unter der Bedingung dienen, daß er so viel wie nur irgend möglich Franzose bleibt; und ebenso ist es mit dem Engländer und dem Deutschen. Nur der Russe allein hat sogar schon in unserer Zeit, also schon viel früher als die endgültige Summe gezogen wird, bereits diese Gabe erhalten, eben dann am meisten Russe zu sein, wenn er am meisten Europäer ist. Und das ist der wesentlichste nationale Unterschied zwischen uns und allen anderen: in der Beziehung sind wir etwas ganz Einzigartiges! Mit einem Franzosen bin ich Franzose, mit einem Deutschen ein Deutscher, mit einem alten Griechen ein Grieche, und eben dadurch diene ich gleichzeitig Rußland am allermeisten, denn ich vertrete somit Rußlands Hauptgedanken. Ich bin ein Pionier dieses Gedankens! Damals wanderte ich aus, aber verließ ich denn deshalb Rußland? Nein, ich diente ihm weiter. Und mag ich in Europa auch nichts getan haben, mag ich auch nur ausgewandert sein, um dort umherzuwandern (und ich wußte ja schon im voraus, daß ich nichts anderes tun würde), aber auch das war schon genug, daß ich mit dem russischen Gedanken und mit meinem Bewußtsein hinfuhr. Ich brachte meine russische Schwermut dorthin. Oh, es war nicht das Blut, das damals vergossen wurde, was mich erschreckte, und nicht einmal die Zerstörung der Tuilerien, sondern alles, was darauf folgen muß. Jenen Völkern ist bestimmt, noch lange gegen einander zu kämpfen, denn sie sind noch gar zu ausschließlich Deutsche und gar zu ausschließlich Franzosen, und sie haben ihre Aufgaben in diesen Rollen noch nicht erfüllt. Und so lange tut es mir eben leid um die Zerstörung. Für den Russen ist Europa genau so teuer wie Rußland: jeder Stein Europas ist mir lieb und wert. Europa ist genau so unser Vaterland gewesen wie Rußland. Oh, noch mehr! Niemand kann Rußland glühender lieben, als ich es liebe, und doch habe ich mir nie einen Vorwurf deshalb gemacht, daß Venedig, Rom, Paris, die Schätze ihrer Kunst und Wissenschaft, daß ihre ganze Geschichte mir lieber ist als die Rußlands. Oh, diese alten fremden Steine, diese Wunder der alten Gotteswelt, diese Bruchstücke heiliger Wunder sind uns teuer, uns Russen; und sie sind uns sogar teurer als den Völkern selbst, denen sie jetzt gehören! Sie haben dort jetzt andere Gedanken und andere Gefühle, die alten Steine haben für sie den Wert verloren ... Der Konservative kämpft dort nur noch um seine Existenz, und auch der Petroleur zerstört die Tuilerien nur, weil es ihm um das Recht auf seinen Anteil zu tun ist. Nur Rußland lebt nicht für sich, sondern für eine Idee, und du wirst mir zugeben, mein Freund, daß es doch eine bedeutsame Tatsache ist, daß Rußland fast schon ein ganzes Jahrhundert entschieden nicht für sich, sondern nur für Europa lebt! Und die anderen? Oh, ihnen sind noch schreckliche Qualen bestimmt, bevor sie das Reich Gottes erlangen werden.«
Ich muß gestehen, ich hörte ihm in nicht geringer Verwirrung zu; selbst der Ton seiner Rede erschreckte mich, doch seine Gedanken machten nichtsdestoweniger den größten Eindruck auf mich. Ich fürchtete fast krankhaft, Unwahres von ihm zu hören. Plötzlich bemerkte ich mit strenger Stimme:
»Sie sagten soeben >das Reich Gottes<. Ich habe gehört, Sie hätten dort im Auslande Gott verkündet und nach Büßerart Ketten getragen?«
»Meine Ketten lassen wir beiseite,« sagte er lächelnd, »das ist etwas ganz anderes. >Verkündet< habe ich damals noch nichts, aber um ihren Gott hat es mich geschmerzt -- das ist wahr. Sie verkündeten damals den Atheismus ... wenn es auch nur ein Häuflein von ihnen tat, aber die Zahl ist ja unwichtig; es waren nur die ersten Vorläufer, aber die Tat war doch der erste ausgeführte Schritt -- das ist das Wichtige! Hier war es wieder ihre Logik; aber in der Logik liegt doch immer Schwermut. Ich war von anderer Kultur, und mein Herz ließ das nicht zu. Diese Undankbarkeit, mit der sie sich von der Idee trennten, dieses Auspfeifen und mit Schmutz bewerfen waren mir unerträglich. Die Schusterhaftigkeit des Vorgangs widerte mich an. Übrigens haftet der Wirklichkeit immer etwas von Schusterhaftigkeit an, selbst wenn sie aus einem noch so reinen Streben zum Ideal hervorgeht. Ich hätte das natürlich wissen müssen, aber ich war nun einmal ein anderer Typus Mensch: ich war frei in der Wahl, sie waren es nicht, und ich weinte, weinte an ihrer Statt, weinte um die alte Idee, und -- vielleicht weinte ich sogar wirkliche Tränen, ohne Beschönigung sei's gesagt.«
»Haben Sie so stark an Gott geglaubt?« fragte ich mißtrauisch.
»Mein Freund, diese Frage war -- vielleicht überflüssig. Nehmen wir an, ich hätte nicht so ganz geglaubt, aber auch dann hätte ich doch nicht umhin gekonnt, um die Idee zu trauern. So konnte ich auch nicht umhin, mir bisweilen vorzustellen, wie der Mensch ohne Gott leben würde, und unter welchen Umständen das wohl jemals möglich wäre. Mein Herz hat mir immer gesagt, daß es unmöglich ist; aber eine gewisse Zeitlang wird es vielleicht doch möglich sein ... Für mich gibt es sogar überhaupt keinen Zweifel daran, daß diese Zeit einmal kommen wird; aber da habe ich mir immer ein anderes Bild vorgestellt ...«
»Was für eines?«
Er hatte freilich zu Anfang schon selbst gesagt, daß er glücklich sei, und gewiß lag in seinen Worten viel Begeisterung: danach beurteile ich denn auch das meiste von dem, was ihm damals über die Lippen kam. Selbstverständlich kann ich mich nicht entschließen, alles hier schwarz auf weiß wiederzugeben, was wir damals sprachen, da ich diesen Menschen achte; aber ein paar Striche dieses wunderlichen Bildes, dessen Skizzierung ich ihm schließlich noch entlockte, möchte ich hier doch wiederzugeben versuchen. Vor allem hatten mich diese angeblich von ihm getragenen Ketten immer schon und die ganze Zeit vorher gequält, und da ich darüber endlich Klarheit haben wollte, ließ ich nicht davon ab: einige phantastische und sehr seltsame Ideen, die er damals aussprach, haben sich für ewig in mein Herz geprägt.
»Ich versuche mir vorzustellen, mein Lieber,« begann er nachdenklich und mit einem eigenen Lächeln, »wie es sein wird, wenn der Kampf schon beendet und der Streit beigelegt ist. Nach den Flüchen und Verwünschungen, nach dem Auspfeifen und mit Schmutz bewerfen ist endlich eine Stille eingetreten, und die Menschen sind allein geblieben, wie sie es gewünscht hatten: die große frühere Idee hat sie verlassen; die große Quelle der Kraft, die sie bislang genährt und gewärmt hatte, ist versiegt, ist untergegangen, ganz wie die mächtige rufende Sonne auf dem Bilde von Claude Lorrain, nur daß hier damit gleichsam der letzte Tag der Menschheit anbrach. Und die Menschen begriffen auf einmal, daß sie ganz allein geblieben waren, und da empfanden sie plötzlich eine große Verwaistheit. Mein lieber Junge, ich habe mir die Menschen niemals undankbar und verdummt vorzustellen vermocht. Ich bin überzeugt, diese verwaisten Menschen würden sich sogleich enger und liebevoller zueinander drängen; sie würden sich an den Händen fassen und begreifen, daß sie jetzt ganz allein alles füreinander sind! Die große Idee der Unsterblichkeit wäre verschwunden, und man müßte sie durch eine andere ersetzen; und der ganze riesige Überschuß der früheren Liebe zu dem, der ja die Unsterblichkeit war, würde sich in allen Menschen der Natur, der Welt, jedem Atom des Seienden zuwenden. Und sie würden die Erde und das Leben unsagbar liebgewinnen -- um so mehr, je mehr sie ihre eigene Vergänglichkeit und Endlichkeit erkennen würden, und lieben würden sie bereits mit einer ganz besonderen, einer ganz neuen Liebe, nicht mehr mit der früheren alten Liebe. In der Natur würden sie Erscheinungen und Geheimnisse entdecken, von denen sie sich früher nicht einmal haben träumen lassen, denn sie würden die Natur mit neuen Augen sehen, wie ein Liebender die Geliebte sieht. Sie würden nach diesem Erwachen sich beeilen, einander zu küssen, sie würden sich beeilen, zu lieben, in dem Bewußtsein, daß ihre Tage kurz sind, daß ihr Leben auf Erden alles ist, was ihnen verbleibt. Sie würden füreinander arbeiten, und ein jeder würde alles, was er hat, mit allen teilen, und schon das allein würde ihn glücklich machen. Jedes Kind würde wissen und fühlen, daß jeder Mensch auf Erden ihm Vater und Mutter ist. >Und sollte auch morgen mein letzter Tag sein,< würde ein jeder denken, wenn er die sinkende Sonne sieht, >was hat das zu sagen; ich sterbe, aber alle die anderen bleiben, und nach ihnen ihre Kinder<. Und dieser Gedanke, daß die anderen bleiben und sich gegenseitig immer so lieben werden, und ein jeder sich um jeden sorgen wird, dieser Gedanke würde die frühere Hoffnung auf ein Wiedersehen nach dem Tode ersetzen. Oh, sie würden sich beeilen und nicht ablassen, zu lieben, um die große Trauer in ihren Herzen zu löschen. Für sich selbst wären sie stolz und kühn, doch wenn es sich um andere handelt, zaghaft und ängstlich; ein jeder würde um das Leben und das Glück jedes anderen bangen. Sie würden zärtlich zueinander sein und würden sich dessen nicht schämen, wie jetzt, und würden einander liebkosen wie Kinder. Sie würden einander mit tiefem und denkendem Blick ansehen, und in ihrem Blick würde Liebe und Trauer liegen ...
»Mein Lieber,« unterbrach er sich plötzlich mit einem Lächeln, »das sind ja alles nur Vorstellungen der Einbildung, und noch dazu die unwahrscheinlichsten; aber ich habe sie mir schon gar zu oft vorgestellt, weil ich ohne sie nicht sein konnte, und so habe ich mein Leben lang daran gedacht. Ich spreche nicht von meinem Glauben: mein Glaube ist groß, ich bin Deist, philosophischer Deist, wie es alle von unserem Tausend, glaube ich, sind; aber ... aber merkwürdigerweise habe ich diese Vorstellung immer mit einer Vision abgeschlossen, ähnlich der Heineschen von Christus auf dem Meere. Ich konnte nicht umhin, ihn mir schließlich unter den verwaisten Menschen vorzustellen, wie er zu ihnen kommt, ihnen die Hände entgegenstreckt und sagt: >Wie konntet ihr mich vergessen?< Und da fällt es gleichsam wie Schuppen von den Augen aller, und es ertönt die große begeisterte Hymne der neuen und letzten Auferstehung ...
»Lassen wir das, mein Freund; und auch meine >Ketten< -- es war nichts damit; du brauchst dich ihretwegen nicht zu beunruhigen. Und noch eins: du weißt, daß ich im Sprechen schamhaft und nüchtern bin, und wenn ich jetzt etwas mehr aus mir herausgegangen bin, so geschah das ... aus verschiedenen Gefühlen und weil du es warst; zu einem anderen würde ich niemals davon gesprochen haben. Das sage ich dir zu deiner Beruhigung.«
Ich war nahezu erschüttert: von der Unaufrichtigkeit, die zu hören ich gefürchtet hatte, war keine Spur zu entdecken gewesen, und mit besonderer Freude erfüllte mich die endlich einmal sichere Erkenntnis, daß er wirklich gelitten und sich gequält und zweifellos viel geliebt hatte, -- das aber war für mich das Teuerste. Ganz entzückt teilte ich ihm denn auch sofort meinen Eindruck mit.
»Aber wissen Sie,« fügte ich plötzlich hinzu, »mir scheint doch, Sie müssen damals trotz Ihres ganzen Schmerzes unendlich glücklich gewesen sein?«
Er lachte heiter auf.
»Du bist heute besonders scharfsinnig in deinen Bemerkungen,« sagte er. »Nun ja, ich war glücklich, und wie hätte ich auch mit einem solchen Schmerz unglücklich sein können? Es gibt nichts Freieres und Glücklicheres als einen russisch-europäischen Herumstreicher, einen von unserem Tausend. Das sage ich aber keineswegs im Scherz, darin liegt vielmehr sehr viel Ernstes. Ja, meinen Schmerz hätte ich doch gegen kein anderes Glück eingetauscht. In diesem Sinne bin ich immer glücklich gewesen, mein Lieber, in meinem ganzen Leben. Und vor Glück begann ich damals, deine Mutter zu lieben, zum erstenmal in meinem Leben.«
»Wie das: zum erstenmal in Ihrem Leben?«
»Ja, wie ich sagte. Wie ich so mit meinem Schmerz und meiner unbestimmten Sehnsucht umherstreifte, begann ich sie auf einmal zu lieben, wie ich sie noch nie geliebt hatte, und da ließ ich sie sofort kommen.«
»Oh, erzählen Sie mir auch davon, erzählen Sie mir von Mama!«
»Zu dem Zweck habe ich dich ja zu mir gebracht, und weißt du,« sagte er lächelnd, »ich fürchtete schon, daß du mir alles, was ich deiner Mutter zugefügt habe, um einer Beziehung zu Alexander Herzen oder um irgendeiner erbärmlichen Verschwörung willen verziehen hättest ...«
Achtes Kapitel.
I.
Da wir damals den ganzen Abend sprachen und bis tief in die Nacht hinein zusammensaßen, so will ich nicht unsere ganze Unterhaltung wiedergeben, sondern nur noch das, was mich damals endlich über einen rätselhaften Punkt in seinem Leben aufklärte.
Ich möchte mit der Versicherung beginnen, daß ich an seiner Liebe zu Mama nicht zweifle; wenn er sie damals verlassen und vor der Abreise seine Verbindung mit ihr gelöst hatte, so hatte er das wohl nur getan, weil er sich zu langweilen begann, oder aus irgendeinem ähnlichen Grunde, was einem jeden von uns in der Welt widerfahren kann, und was im einzelnen immer schwer zu erklären ist. Im Auslande hatte er dann plötzlich, allerdings erst nach längerer Zeit, Mama in ihrer Abwesenheit wieder zu lieben angefangen, das heißt, in der Erinnerung, und da hatte er sie sogleich zu sich gerufen. Man wird vielleicht sagen: »Eine Laune!« Ich aber sage etwas anderes: meiner Überzeugung nach lag hierin alles, was es im Menschenleben nur Ernstes gibt, ungeachtet der ganzen Müßiggängerei und daraus folgenden Langweile, deren teilweise Mitwirkung ich meinetwegen zugeben will. Aber ich schwöre, daß ich seinen europäischen Schmerz ohne zu zögern nicht nur so hoch wie eine beliebige neuzeitlich praktische Betätigung etwa im Eisenbahnbau anschlage, sondern noch unvergleichlich höher. Seine Liebe zur Menschheit erkenne ich als das aufrichtigste und tiefste Gefühl ohne jede Vorgaukelei an, und seine Liebe zu Mama als etwas vollkommen Unanfechtbares, wenn auch vielleicht ein wenig Phantastisches. Im Auslande, in seinem »Schmerz und Glück«, und ich füge hinzu: in seiner strengsten mönchischen Einsamkeit (diesen besonderen Aufschluß erhielt ich erst später durch Tatjana Pawlowna) erinnerte er sich auf einmal an Mama -- erinnerte sich gerade ihrer »eingefallenen Wangen«, und da ließ er sie gleich kommen.
»Mein Freund,« entfuhr es ihm unvorsichtigerweise, »ich erkannte plötzlich, daß meine Idee, wenn ich ihr in dieser Weise diente, mich als sittlich bewußtes Wesen durchaus nicht von der Pflicht befreite, in meinem Leben wenigstens einen Menschen praktisch glücklich zu machen.«
»War wirklich ein solcher Buchgedanke der ganze Anlaß?« fragte ich verwundert.
»Das ist kein Buchgedanke. Oder übrigens -- meinetwegen. Trotzdem traf da alles zusammen: ich liebte deine Mutter doch wirklich und aufrichtig, nicht mit abstrakter Liebe. Hätte ich sie nicht so geliebt, dann hätte ich sie doch nicht kommen lassen, sondern hätte den ersten besten, irgendeinen Deutschen oder eine Deutsche >glücklich gemacht<, da ich mich nun einmal von dieser Pflicht überzeugt hatte. Aber die Pflicht, unbedingt wenigstens einen Menschen in seinem Leben glücklich zu machen, und zwar praktisch, das heißt, in Wirklichkeit, würde ich für jeden entwickelten Menschen einfach zum Gebot erheben; ganz wie ich im Hinblick auf die Entwaldung Rußlands jeden Bauern gesetzlich zwingen würde, in seinem Leben wenigstens einen Baum zu pflanzen. Übrigens, ein Baum wäre zu wenig, man könnte eigentlich verlangen, daß er in jedem Jahr einen Baum pflanze. Ein höher entwickelter Mensch, der eine höhere Idee verfolgt, läßt sich bisweilen von der Wirklichkeit vollkommen ablenken, wird lächerlich, eigensinnig und kalt, ja, ich kann sogar sagen -- dumm, und das nicht nur im praktischen Leben, sondern zu guter Letzt sogar auch in seinen Theorien. So würde die Pflicht, sich praktisch im Leben zu betätigen und wenigstens einen Menschen praktisch zu beglücken, alles gutmachen und den Wohltäter selbst erfrischen und beleben. Als Theorie hört sich das sehr lächerlich an; doch wenn sich das praktisch durchsetzen und zum allgemeinen Brauch werden würde, so wäre das ganz und gar nicht lächerlich. Ich habe das an mir selbst erfahren: kaum hatte ich diese Idee von dem neuen Gebot zu entwickeln begonnen -- und anfangs tat ich das natürlich nur halb im Scherz -- als ich plötzlich auch die ganze Größe der in mir verborgenen Liebe zu deiner Mutter zu erkennen anfing. Bis dahin hatte ich überhaupt nicht begriffen, daß ich sie liebte. Solange ich mit ihr gelebt hatte, war sie für mich nur zu meinem Vergnügen dagewesen, solange sie noch hübsch war, und nachher hatte ich sie mit meinen Launen gequält. Erst in Deutschland begriff ich, daß ich sie liebte. Es begann mit der Erinnerung an ihre eingefallenen Wangen, an die ich niemals ohne Schmerz habe denken, und die ich manchmal nicht einmal ohne Schmerz habe sehen können -- einen buchstäblichen, wirklichen Schmerz. Es gibt schmerzhafte Erinnerungen, mein Lieber, die uns wirklichen, körperlichen Schmerz verursachen; fast jeder Mensch hat solche Erinnerungen, nur vergessen die Menschen sie gewöhnlich. Aber dann geschieht es bisweilen, daß sie ihnen plötzlich wieder einfallen, wenn es auch nur irgendein kleiner Zug ist, der ihnen einfällt, und dann können sie die Erinnerung nicht mehr abschütteln. So begann ich damals, tausend verschiedene Einzelheiten aus meinem Leben mit Ssonjä mir ins Gedächtnis zurückzurufen; bald kamen sie von selbst, und schließlich stürmten sie in Massen auf mich ein und hätten mich fast totgequält, während ich auf Ssonjä wartete. Ganz besonders quälte mich die Erinnerung an ihre ewige Unterwürfigkeit mir gegenüber, und daran, wie sie sich beständig für tief unter mir stehend gehalten hatte, in jeder Beziehung, stell dir vor, sogar körperlich. Sie schämte sich und wurde glühend rot, wenn ich auf ihre Hände oder Finger sah, die ja gar nicht aristokratisch sind. Und nicht nur ihrer Finger schämte sie sich, -- sie schämte sich ihres ganzen Äußeren, ungeachtet dessen, daß ich doch ihre Schönheit liebte. Sie war mir gegenüber schon immer von einer Schamhaftigkeit gewesen, die ich geradezu unverständlich fand, doch das Schlimme war, daß aus dieser Schamhaftigkeit immer eine Art Angst hervorsah. Sie hielt sich, wenigstens vor mir, für etwas ganz Wertloses oder fast Unanständiges. Glaube mir, ich habe in der ersten Zeit manchmal gedacht, sie halte mich immer noch für ihren Gutsherrn und fürchte mich, aber das war es nicht, der Grund war ein ganz anderer. Und dabei war sie, ich schwöre dir, mehr als jeder andere fähig, meine Mängel zu erkennen; überhaupt bin ich in meinem Leben keiner Frau begegnet, die ein so feinfühliges und verstehendes Herz gehabt hätte wie sie. Oh, wie war sie unglücklich, wenn ich in der ersten Zeit, als sie noch so hübsch aussah, von ihr verlangte, sie solle sich schmücken. Da war es nicht nur ihre Eigenliebe, sondern noch irgendein anderes Gefühl, das sich dadurch gekränkt fühlte: sie begriff, daß sie niemals eine Dame sein konnte und in einem ihr fremden Kleide immer nur lächerlich aussehen werde. Sie aber, als Frau, wollte nicht lächerlich sein in ihren Kleidern, denn sie fühlte wohl, daß jede Frau ihre Kleidung hat, was Tausende und Hunderttausende von Frauen nie begreifen, die sich immer nur nach der Mode kleiden wollen. Sie fürchtete sich vor meinem spöttischen Blick -- das war's! Aber besonders schmerzlich war mir die Erinnerung an ihren tief verwunderten Blick, den ich in der Zeit unseres Zusammenlebens so oft auf mir hatte ruhen fühlen: in diesem Blick hatte immer ein vollkommenes Sichbewußtsein ihres Geschicks und der sie erwartenden Zukunft gelegen, so daß es mir selber unter diesem Blick schwer ums Herz geworden war, obgleich ich mich damals in Gespräche mit ihr nicht eingelassen und alles dies, ich muß gestehen, gewissermaßen von oben herab behandelt hatte. Sie war doch nicht immer so scheu und ängstlich wie jetzt; und auch jetzt kommt es ja noch bisweilen vor, daß sie plötzlich fröhlich wird, und die Fröhlichkeit sie so verjüngt, daß sie wie eine Zwanzigjährige aussieht; in ihrer Jugend aber liebte sie es sehr, zu scherzen und zu lachen, natürlich nur unter ihresgleichen -- so mit den Mädchen und dem ganzen Frauenvolk, das sich in unseren Gutshäusern einzunisten pflegt ... und wie sie zusammenfuhr, wenn ich sie beim Lachen überraschte, wie sie dann rot wurde, wie scheu sie mich ansah! Einmal, das war vor meiner Abreise ins Ausland, das heißt, kurz bevor ich die Ehe mit ihr löste, kam ich in ihr Zimmer und traf sie ganz allein an: sie saß ohne Arbeit an ihrem Tischchen, die Arme aufgestützt und tief in Gedanken. Es kam fast nie vor, daß sie so ohne Arbeit saß. Damals war ich schon lange nicht mehr zärtlich zu ihr gewesen. Es gelang mir, mich ganz leise ihr zu nähern, und auf einmal umfaßte und küßte ich sie ... Sie sprang auf -- oh, nie werde ich diese Seligkeit vergessen, dieses Glück in ihrem Gesicht, doch plötzlich wich das alles einem heißen Erröten, und ihre Augen sprühten. Weißt du, was ich in diesem sprühenden Blick las? >Du hast mir ein Almosen gegeben -- als ob ich's nicht wüßte!< Sie brach in hysterisches Weinen aus, ich hätte sie erschreckt, sagte sie; aber ich wurde sogar damals nachdenklich. Und überhaupt -- alle diese Erinnerungen sind etwas sehr Schweres, mein Freund. Das ist ähnlich wie mit gewissen schmerzhaften Szenen in den Dichtungen der großen Künstler, an die man sein Leben lang mit einem Schmerzempfinden denkt, -- zum Beispiel der letzte Monolog Othellos bei Shakespeare, oder wie Puschkins Eugen Onégin vor Tatjana kniet, oder in den Misérables von Victor Hugo die Begegnung des entsprungenen Sträflings mit dem kleinen Mädchen in der kalten Nacht am Brunnen; das durchbohrt einem einmal das Herz, und die Wunde vernarbt nie wieder. Oh, wie sehnsüchtig wartete ich damals auf Ssonjä, ich konnte es nicht erwarten, sie in meine Arme zu schließen! In fiebernder Ungeduld träumte ich von einem ganz neuen Leben; ich träumte davon, wie ich mit liebevoller Geduld diese beständige Angst vor mir in ihrer Seele zerstören, ihr ihren eigenen Wert klarmachen und ihr auseinandersetzen würde, worin sie sogar über mir stand! Oh, ich wußte auch damals schon und nur zu gut, daß ich deine Mutter immer dann zu lieben anfing, wenn wir getrennt waren, und daß ich immer kühl zu ihr wurde, wenn ich mit ihr wieder zusammenkam; aber damals war es nicht das, damals war es etwas ganz anderes.«
Ich wunderte mich. »Und sie?« fuhr es mir durch den Kopf.
Ich fragte vorsichtig: »Und wie trafen Sie denn damals mit Mama zusammen?«
»Damals? Ja, zu diesem Zusammentreffen kam es damals gar nicht. Sie kam nur bis Königsberg und blieb dort, ich aber war am Rhein. Ich fuhr ihr nicht entgegen, sondern schrieb ihr, sie solle dort bleiben und warten. Wir sahen uns erst viel später, oh, erst nach langer Zeit, als ich zu ihr reiste, um von ihr die Einwilligung zu jener Heirat zu erbitten ...«
II.
Von unserem weiteren Gespräch will ich nur das wiedergeben, was ich von ihm damals an Tatsachen erfuhr, und wie ich mir den Sachverhalt später selbst klargemacht habe. Er erzählte mir das alles ziemlich sprunghaft. Überhaupt wurde seine Art, zu erzählen, unvergleichlich wirrer, unklarer, als er auf diesen Punkt zu sprechen kam.
Er war damals plötzlich Katerina Nikolajewna begegnet, ganz unerwartet, gerade in der Zeit, als er Mama erwartete und im Augenblick seiner größten Sehnsucht nach ihr. Sie hielten sich damals alle in einem Kurort am Rhein auf und tranken da irgendeinen Brunnen. Katerina Nikolajewnas Mann war schon von den Ärzten aufgegeben worden, oder wenigstens hatten sie erkannt, daß sie ihm nicht mehr helfen konnten. Schon bei der ersten Begegnung hatte sie einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, hatte ihn durch irgend etwas förmlich bezaubert. Das war ein Fatum! Sonderbar: jetzt, wo ich unser Gespräch niederschreibe und mir alles wieder vergegenwärtige, kann ich mich nicht erinnern, daß er damals auch nur einmal das Wort »Liebe« gebraucht hätte oder den Ausdruck, er sei »verliebt« gewesen. Doch des Wortes »Fatum« erinnere ich mich noch sehr gut.
Ja, das war allerdings Fatum. Er hatte es nicht gewollt, er »hatte nicht lieben wollen«. Ich weiß nicht, ob ich das verständlich werde wiedergeben können; jedenfalls empörte sich alles in ihm allein schon gegen die Tatsache, daß so etwas mit ihm hatte geschehen können. Alles, was an Freiheit in ihm gewesen war, war durch diese Begegnung wie mit einem Schlage vernichtet, und der Mensch fühlte sich an eine Frau gefesselt, die ihn nichts anging. In diese Sklaverei der Leidenschaft war er gegen seinen Willen geraten. Ich sage jetzt ohne weiteres: Katerina Nikolajewna ist ein sehr seltener Typus einer Weltdame -- ein Typus, den es in diesen Kreisen vielleicht so gut wie überhaupt nicht gibt. Es ist das der Typus einer im höchsten Grade einfachen und aufrichtigen Frau. Ich habe gehört, das heißt, ich weiß genau, daß sie eben dadurch in der Gesellschaft unwiderstehlich wirkte, wenn sie in ihr erschien (es war aber schon oft vorgekommen, daß sie sich auf längere Zeit von allem Verkehr zurückzog). Werssiloff hatte damals bei der ersten Begegnung selbstverständlich nicht geglaubt, daß sie so wäre, sondern hatte gerade das Gegenteil vermutet, daß sie eine Heuchlerin und Jesuitin sei. Ich möchte hier gleich ihr Urteil über ihn wiedergeben: sie beteuerte, er habe von ihr auch gar nicht anders denken können, »denn ein Idealist, der auf die Wirklichkeit stößt, ist immer eher als alle anderen geneigt, jede Schändlichkeit vorauszusetzen«. Ich weiß nicht, ob das auf die Idealisten im allgemeinen zutrifft, aber auf ihn traf es durchaus zu. Hier werde ich meinetwegen auch noch meine Ansicht anführen, zu der ich schon damals kam, als ich noch dort saß und ihm zuhörte. Ich dachte bei mir, er werde meine Mutter wohl mehr mit einer allgemein menschlichen Liebe geliebt haben als mit der Liebe, mit der man sonst Frauen liebt; und als er dann einer Frau begegnete, die in ihm eine solche Liebe erweckte, da lehnte er sich gleich gegen diese Liebe auf -- wahrscheinlich, weil er daran nicht gewöhnt war. Übrigens ist es möglich, daß diese Auffassung falsch ist, -- ihm gegenüber habe ich sie natürlich nicht geäußert; es wäre taktlos gewesen. Und außerdem war er in einer solchen Verfassung, daß er wirklich der Schonung bedurfte: er war sehr erregt, und an manchen Stellen seiner Erzählung verstummte er plötzlich und schwieg mehrere Minuten lang, während er mit bösem Gesicht im Zimmer auf und ab ging.
Sie hatte damals sein Geheimnis bald erraten. Oh, vielleicht hatte sie mit ihm sogar absichtlich kokettiert: in solchen Fällen sind ja selbst die reinsten Frauen gewissenlos, das ist nun mal ihr unbezwingbarer Instinkt. Es endete zwischen ihnen mit einem erbitterten Zerwürfnis: er wollte sie, glaube ich, erschießen; jedenfalls hatte er sie in Angst und Schrecken versetzt, und vielleicht hätte er sie auch umgebracht, »aber alles verwandelte sich in Haß«. Und dann kam für ihn eine sonderbare Zeit: er stellte sich auf einmal die Aufgabe, sich durch strengste Zucht zu quälen, »durch dieselbe Zucht, die die Mönche anwenden. Man bezwingt allmählich und durch methodische Übung seinen Willen, man fängt mit den lächerlichsten und nichtigsten Dingen an und endet damit, daß man seinen Willen vollkommen beherrscht, und eben dadurch vollkommen frei wird,« sagte er. Er fügte hinzu, bei den Mönchen sei das eine ernste Sache, da tausendjährige Übung die Zucht zur Wissenschaft erhoben habe. Aber das merkwürdigste war, daß er sich diese Idee von der Zucht nicht etwa deshalb in den Kopf gesetzt hatte, um sich von Katerina Nikolajewna losreißen zu können, sondern in der vollkommenen Überzeugung, daß er nicht nur sie zu lieben aufgehört habe, sondern sie bereits aufrichtig hasse. An diesen seinen Haß glaubte er so fest, daß er plötzlich sogar auf den Gedanken kam, sich in ihre Stieftochter zu verlieben und die arme, vom Fürsten Ssergei Petrowitsch Betrogene zu heiraten. An seiner neuen Liebe zweifelte er überhaupt nicht mehr, und die arme Idiotin verliebte sich so grenzenlos in ihn, daß er ihr durch diese Liebe in den letzten Monaten ihres Lebens das größte Glück bescherte. Warum er aber damals statt auf den Gedanken an sie, nicht auf den Gedanken an Mama gekommen war, die ihn immer noch in Königsberg erwartete -- ist für mich unverständlich geblieben. Ja, gerade Mama hatte er auf einmal vollständig vergessen, hatte ihr nicht einmal Geld zum Leben geschickt, und erst Tatjana Pawlowna hatte die Arme aus Königsberg abgeholt und dadurch gerettet; aber plötzlich war er dann doch zu Mama gefahren, um von ihr die Erlaubnis zu erbitten, jenes junge Mädchen zu heiraten, unter dem Vorwande, »daß eine solche Braut doch keine Frau sei«. Oh, vielleicht ist dies alles nur das Bild eines »abstrakten Menschen«, wie Katerina Nikolajewna ihn später einmal genannt hat; aber wie kommt es denn, daß diese abstrakten Menschen (wenn es wahr ist, daß sie abstrakt sind) zugleich fähig sind, auf eine so konkrete Weise, so wirklich und unabstrakt sich zu quälen und tragisch zu werden? Übrigens, damals, an jenem Abend, dachte ich ein wenig anders, und mich erschütterte ein Gedanke:
»Sie haben Ihre Entwicklung, Ihre ganze wissende Seele durch lebenslängliches Leid und ewigen Kampf erworben -- sie aber hat ihre ganze Vollkommenheit umsonst bekommen. Das ist eine Ungleichheit ... In der Beziehung sind die Frauen wirklich empörend!« Ich sagte das durchaus nicht, um mich ihm angenehm zu machen, sondern heftig und sogar mit Unwillen.
»Vollkommenheit? Ihre Vollkommenheit? Aber von einer solchen kann doch bei ihr überhaupt nicht die Rede sein!« sagte er plötzlich, fast verwundert über meine Worte. »Das ist doch eine ganz gewöhnliche Frau, sogar eine ganz wertlose Frau ... Aber sie ist eben verpflichtet, alle Vollkommenheiten zu haben!«
»Warum verpflichtet?«
»Weil sie, wenn sie eine solche Macht besitzt, einfach verpflichtet ist, auch alle Vollkommenheiten zu besitzen!« rief er zornig.
»Das Bedauerlichste ist, daß Sie auch jetzt noch so gequält sind!« entschlüpfte es mir plötzlich ganz ungewollt.
»Jetzt? Gequält?« wiederholte er zum zweitenmal meine Worte, während er wie verständnislos vor mir stehen blieb.
Und da erschien auf einmal ein stilles, langsames Lächeln in seinem tief nachdenklichen Gesicht, und er legte die Hand auf die Stirn, als versuche er etwas zusammenzureimen. Und dann, nachdem er wieder wie zu sich gekommen war, nahm er vom Schreibtisch einen geöffneten Brief und warf ihn mir hin:
»Da, lies! Du mußt unbedingt alles erfahren ... warum hast du mich so lange in diesem alten Gewäsch herumwühlen lassen? ... Ich habe damit nur mein Herz besudelt und mich erbittert! ...«
Ich vermag mein Erstaunen gar nicht zu beschreiben: es war ein Brief von ihr. Sie hatte ihn an demselben Tage geschrieben, und er hatte ihn gegen fünf Uhr nachmittags erhalten. Während ich las, zitterte ich vor Aufregung. Der Brief war nicht lang, aber mit einer solchen Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit geschrieben, daß ich sie leibhaftig vor mir zu sehen und ihre Stimme zu hören glaubte. Sie gestand ihm mit aller Offenheit (und das war fast rührend) ihre ganze Angst vor ihm, und beschwor ihn, sie doch endlich »in Ruhe zu lassen«. Zum Schluß teilte sie ihm mit, es stehe jetzt fest, daß sie Bjoring heiraten werde. Vor diesem Brief hatte sie noch nie an ihn geschrieben.
Und nun will ich wiedergeben, was ich von seinen Erklärungen verstanden habe:
Nachdem er diesen Brief gelesen, nachmittags um fünf Uhr, hatte er plötzlich eine ganz unerwartete Empfindung in sich verspürt: zum erstenmal in diesen verhängnisvollen zwei Jahren hatte er nicht den geringsten Haß gegen sie und nicht die geringste Erschütterung empfunden, etwa von der Art, wie er noch kurz vorher bei der bloßen Nachricht von ihrer Verlobung mit Bjoring »wahnsinnig geworden war«. »Im Gegenteil, ich habe ihr von ganzem Herzen meinen Segen geschickt,« sagte er mit tiefem Gefühl zu mir. Mit Entzücken vernahm ich diese Worte. Also war alle Leidenschaft und Qual in ihm mit einem Schlage ganz von selbst verschwunden, wie ein Traum, wie ein Sinnenrausch, der ihn zwei Jahre lang im Bann gehalten. Noch hatte er es sich selbst nicht geglaubt, als er zu Mama geeilt war -- und siehe da: er trat in dem Augenblick bei ihr ein, als sie endlich frei wurde und der Alte, der sie ihm gestern gewissermaßen übergeben hatte, starb. Eben dieses Zusammentreffen hatte ihn so erschüttert. Und nur wenig später hatte er schon mich aufgesucht -- daß er unter diesen Umständen doch sogleich an mich gedacht hat, werde ich ihm nie vergessen.
Auch die letzten Stunden jenes Abends werde ich nie vergessen. Dieser Mensch hatte sich ganz und gar verwandelt. Wir saßen bis tief in die Nacht zusammen. Welchen Eindruck diese ganze »Mitteilung« auf mich machte, werde ich später erzählen, hier will ich nur noch ein paar abschließende Worte über ihn sagen. Wenn ich jetzt nachdenke, begreife ich, womit er mich damals am meisten bezaubert hat: das war seine gewisse Demut vor mir und seine so echte Aufrichtigkeit, mir, dem halben Knaben, gegenüber! »Es war wie eine Benommenheit,« rief er aus, »aber auch die segne ich jetzt! Ohne diese Blindheit hätte ich vielleicht niemals in meinem Herzen die restlose und für ewig einzige Besitzerin meines Herzens gefunden, meine Märtyrerin -- deine Mutter.« Diese begeisterten Worte, die unaufhaltsam aus ihm hervorbrachen, verzeichne ich hier besonders im Hinblick auf das Weitere. Damals aber ergriff und besiegte er damit mein Herz.
Ich weiß noch, wir wurden zu guter Letzt sehr heiter. Er ließ Champagner bringen, und wir stießen auf Mamas Wohl und auf die »Zukunft« an. Oh, er war so voll Leben und so begierig, zu leben! Aber nicht vom Wein wurden wir auf einmal so lustig: wir tranken ja im ganzen nur zwei Glas. Ich weiß nicht, weshalb es geschah, aber wir lachten zum Schluß fast unaufhörlich. Wir sprachen schon von ganz anderen, ganz nebensächlichen Dingen; er erzählte mir alle möglichen Geschichtchen und ich ihm gleichfalls. Und unser Lachen wie unsere Geschichten waren weder boshaft noch weiß Gott wie lustig, aber sie steigerten doch noch unsere Heiterkeit. Er wollte mich noch immer nicht fortlassen: »Bleib noch, bleib noch ein wenig!« sagte er immer wieder, und ich blieb. Später aber kam er mit und begleitete mich ein Stück Weges; die Nacht war wundervoll, es fror ein wenig.
»Sagen Sie: haben Sie ihr schon geantwortet?« fragte ich plötzlich ganz unbedacht, als ich ihm an der Straßenecke zum letztenmal die Hand drückte.
»Nein, noch nicht, aber das ist ja gleichgültig. Komme morgen zu mir, komm' früher ... Ja und noch eines: gib dich nicht mit Lambert ab und das >Dokument< zerreiße, je früher, desto besser. Leb wohl!«
Und damit ging er plötzlich davon; ich blieb auf demselben Fleck stehen und war so betroffen, daß ich mich nicht entschließen konnte, ihn zurückzuhalten oder ihm nachzugehen. Der Ausdruck >das Dokument< machte mich besonders stutzig: von wem konnte er gerade diese Bezeichnung gehört haben, wenn nicht von Lambert? Ich kehrte in großer Verwirrung heim. »Und ist denn das überhaupt möglich,« fuhr es mir plötzlich durch den Kopf, »daß so ein zweijähriger Zauber auf einmal wirklich ganz verschwinden kann, wie ein Traum, wie ein Spuk, wie irgendeine Vision?«
Neuntes Kapitel.
I.
Am nächsten Morgen erwachte ich viel frischer und gutherziger. Ich machte mir sogar Vorwürfe -- und zwar ganz unwillkürlich und aufrichtig -- weil ich, wie ich mich erinnerte, manche Stellen seiner »Beichte« nicht sehr ernst genommen und gleichsam mit einer gewissen Überlegenheit angehört hatte. Wenn auch ein Teil seiner Beichte etwas unklar und wirr gewesen war, so mußte ich mir doch sagen, daß er sich nach dem erschütternden Erlebnis wohl nicht gerade mit einer gutausgearbeiteten Rede auf den Weg gemacht hatte, um mich zu suchen und zu sich zu führen. Er hatte mir nur eine große Ehre erwiesen, als er sich in einem solchen Augenblick an mich als an seinen einzigen Freund wandte, und das werde ich ihm nie vergessen! Im Gegenteil, seine Beichte war eigentlich rührend gewesen, mag man auch wegen dieses Ausdrucks über mich lachen, und wenn manchmal etwas Zynisches oder sogar etwas gleichsam Lächerliches durchschimmerte, so war ich doch vorurteilslos genug, um auch den Realismus zu verstehen und seine Berechtigung anzuerkennen -- übrigens ohne mir durch ihn das Ideal trüben zu lassen. Die Hauptsache war, daß ich diesen Menschen jetzt endlich verstand: und teilweise bedauerte ich sogar, und es ärgerte mich fast ein wenig, daß alles, wie sich nun herausstellte, so einfach gewesen war: in meinem Herzen hatte ich diesen Menschen immer so unendlich hochgestellt, hatte ihn bis in die Wolken erhoben, und sein Schicksal war von mir stets mit etwas unbedingt Geheimnisvollem umwoben worden, weshalb ich denn auch unwillkürlich und bis zuletzt gewünscht hatte, daß dieses Geheimfach nur auf eine möglichst verzwickte Weise zu öffnen sein möge. Übrigens lag auch in seiner Begegnung mit ihr und in seiner ganzen zweijährigen Qual viel Verzwicktes: »er wollte kein Fatum, er wollte Freiheit; er wollte nicht die Sklaverei des Fatums, denn als Sklave des Fatums war er gezwungen, Mama, die in Königsberg auf ihn wartete, so zu kränken ...« Hinzu kam, daß ich diesen Menschen unter allen Umständen für einen Propheten hielt: in seinem Herzen trug er das goldene Zeitalter, und er kannte die Zukunft des Atheismus; doch da kam die Begegnung mit ihr und zerbrach und entstellte alles! Oh, ich wurde ihr nicht untreu, aber ich nahm doch für ihn Partei. »Mama, zum Beispiel,« sagte ich mir damals, »hätte sein Schicksal in nichts behindert, nicht einmal, wenn er sie geheiratet hätte!« Das begriff ich; das war etwas ganz anderes, als die Begegnung mit jener. Freilich hätte ihm auch Mama nicht die Ruhe gegeben, aber das wäre schließlich um so besser gewesen: solche Menschen wie er muß man anders beurteilen, und mag ihr Leben auch ewig so bleiben -- dabei ist weiter nichts Schlimmes; im Gegenteil, es wäre schlimm, wenn sie sich beruhigten oder den Durchschnittsmenschen anglichen. Seine Hochschätzung des Adels und seine Worte: »Je mourrai gentilhomme«{[106]} beirrten mich nicht im geringsten: ich begriff, was das für ein gentilhomme war: das war ein Typus, der alles hingibt und zum Propheten wird, zum Verkünder des Weltbürgertums und des höchsten russischen Gedankens -- der »Vereinigung aller Ideen«. Und selbst wenn das alles ein Unsinn war, ich meine diese »Vereinigung aller Ideen« (denn sie ist natürlich undenkbar), so lag doch schon darin ein Gutes, daß er sein Leben lang eine Idee verehrt hat und nicht das dumme goldene Kalb. O Gott! -- und ich, ich selbst, habe ich denn, als ich meine »Idee« mir ausdachte, etwa an das goldene Kalb gedacht, brauchte ich denn damals Geld? Nein; ich schwöre, ich brauchte nur eine Idee! Ich schwöre, daß ich nicht einen Stuhl, nicht ein Sofa mit Samt überziehen ließe und auch als Besitzer von hundert Millionen nur meinen Teller Suppe mit Rindfleisch essen würde, wie ich es heute tue!
Ich kleidete mich an und beeilte mich dabei; denn es zog mich mächtig zu ihm hin. Ich muß hier bemerken, daß ich auch wegen seiner gestrigen Erwähnung des »Dokuments« mindestens fünfmal ruhiger war als am Abend vorher. Erstens hoffte ich, mich mit ihm aussprechen zu können; und zweitens, was war denn schließlich dabei, daß Lambert sich auch an ihn herangemacht und über irgend etwas mit ihm gesprochen hatte? -- Aber der Hauptgrund meiner Freude lag doch in einem außergewöhnlichen Gefühl: es war der Gedanke, daß er »sie nicht mehr liebte«. Daran glaubte ich mit aller Gewalt, und ich hatte eine Empfindung, als hätte jemand gleichsam einen unheimlich schweren Stein von meinem Herzen gewälzt. Ich erinnere mich auch noch einer ganz flüchtig in mir auftauchenden Erkenntnis: eben der Unglaublichkeit und Sinnlosigkeit seines letzten rasenden Wutausbruchs bei der Nachricht von ihrer Verlobung mit Bjoring und der Absendung jenes beleidigenden Briefes an sie -- eben diese äußerste Heftigkeit des Ausbruchs konnte ein Anzeichen und ein Vorläufer der vollkommenen Veränderung seiner Gefühle und seiner baldigen Rückkehr zur Vernunft gewesen sein: vielleicht wie bei einer Krankheit, dachte ich bei mir, einer Krankheit, in deren Verlauf er einmal unbedingt zu diesem entgegengesetzten Punkt hatte gelangen müssen -- also eine ärztlich vorauszusehende Übergangserscheinung und nichts weiter! Dieser Gedanke machte mich glücklich.
»Und mag sie doch selbst ihr Schicksal bestimmen, mag sie doch ihren Bjoring heiraten, soviel sie will, wenn nur er, mein Vater, mein Freund, wenn nur er sie nicht mehr liebt!« rief es in mir. Übrigens lag hier ein gewisses Geheimnis meinen Gefühlen zugrunde, doch besagte Gefühle will ich in diesen meinen Aufzeichnungen nicht weiter auseinandersetzen.
Das dürfte genügen. Und nun will ich den ganzen folgenden Schrecken, dies ganze Zusammenwirken der Tatsachen ohne alle weiteren Betrachtungen wiedergeben.
II.
Um zehn Uhr, als ich mich gerade anschickte, fortzugehen -- zu ihm natürlich -- erschien Darja Onissimowna. Ich fragte sie erfreut, ob sie von ihm komme, und ärgerte mich, als ich hörte, daß sie nicht von ihm, sondern von Anna Andrejewna kam, und daß sie, Darja Onissimowna, »die Wohnung schon in aller Frühe verlassen« hatte.
»Welche Wohnung?«
»Dieselbe, in der Sie gestern waren. Diese Wohnung ist jetzt auf meinen Namen gemietet, für das Kind, und bezahlt wird sie von Tatjana Pawlowna ...«
»Ach, was geht das mich an!« unterbrach ich sie geärgert. »Aber ist er wenigstens jetzt zu Hause? Werde ich ihn antreffen?«
Doch zu meiner Verwunderung hörte ich von ihr, daß er noch vor ihr die Wohnung verlassen habe; sie hatte sie schon »in aller Frühe« verlassen, er aber noch etwas früher.
»Nun, dann wird er doch jetzt wieder zurückgekehrt sein?«
»Nein, er ist sicherlich nicht zurückgekehrt und wird vielleicht überhaupt nicht mehr zurückkehren,« sagte sie und sah mich mit demselben scharfen und lauernden Blick an, ohne ihn von mir abzuwenden, ganz wie damals, als ich krank zu Bett lag, bei ihrem bereits geschilderten Besuch. Es reizte mich, daß dahinter wieder allerhand Geheimnisse und Dummheiten zu stecken schienen, und daß diese Leute offenbar ohne Verschwörungen und Winkelzüge gar nicht auskommen konnten.
»Weshalb sagen Sie: er wird sicherlich nicht zurückkehren? Was meinen Sie damit? Er wird einfach zu Mama gegangen sein -- das ist das Ganze!«
»Ich ... weiß n--nicht.«
»Ja, wozu haben Sie sich denn hierherbemüht?«
Sie sagte mir schnell, daß sie soeben von Anna Andrejewna käme, die mich zu sich bitten lasse und mich erwarte: ich möchte unbedingt sofort kommen, »denn sonst könnte es zu spät werden«. Dieses neue rätselhafte Wörtchen »zu spät« steigerte meine Gereiztheit ganz beträchtlich.
»Warum zu spät? Ich will aber nicht kommen und komme auch nicht! Ich erlaube es nicht, daß man so einfach über mich verfügt. Den Lambert soll sie zum Teufel jagen, sagen Sie ihr das. Und wenn sie ihn zu mir schickt, so fliegt er die Treppe hinunter -- das sagen sie ihr gleichfalls, und zwar wörtlich!«
Darja Onissimowna erschrak nicht wenig.
»Ach, nein doch!« bat sie und trat einen Schritt auf mich zu, die Handflächen flehend gegeneinander gelegt, »tun Sie das nicht so übereilt! Es handelt sich hier um eine so wichtige Angelegenheit, auch für Sie selbst ist sie außerordentlich wichtig und für Anna Andrejewna, und auch für Andrei Petrowitsch, wie für Ihre Mutter -- für alle, alle ... Ach, bitte, gehen Sie doch gleich zu ihr, denn sie kann unmöglich länger warten ... ich schwöre es Ihnen bei meiner Ehre ... und dann entschließen Sie sich schon selbst ...«
Ich sah sie erstaunt und mit einem gewissen Unbehagen an.
»Unsinn, daraus wird nichts, ich komme nicht!« rief ich eigensinnig und nicht ohne Schadenfreude. »Jetzt fängt eine neue Methode an! Aber wie sollten Sie das begreifen! Leben Sie wohl, Darja Onissimowna, ich werde absichtlich nicht hingehen, und ich frage Sie jetzt absichtlich nicht aus. Sie wollen mich nur verwirren und von meinem Wege abbringen. Ich aber habe gar keine Lust, mich mit Ihren Rätseln abzugeben. Behalten Sie Ihre Geheimnisse für sich!«
Da sie nicht fortging und noch immer dastand, nahm ich meinen Pelz und meine Mütze, ließ sie einfach mitten im Zimmer stehen und ging hinaus. In meinem Zimmer befanden sich weder Briefe noch Papiere, und ich hatte auch früher mein Zimmer fast nie zugeschlossen, wenn ich aus dem Hause ging. Aber ich war noch nicht bis zur Haustür gekommen, als mein Wirt Pjotr Ippolitowitsch ohne Mütze und in der Hausjoppe mir die Treppe hinunter nachgelaufen kam.
»Arkadi Makarowitsch! Arkadi Makarowitsch!«
»Was wollen Sie von mir?«
»Werden Sie denn gar keine Anordnungen treffen, bevor Sie gehen?«
»Nein.«
Er sah mich wißbegierig, aber mit ersichtlicher Unruhe an.
»In betreff Ihres Zimmers, meine ich?«
»Was ist denn mit dem Zimmer? Ich habe Ihnen das Geld doch richtig zum Termin geschickt?«
»Ach nein, ich rede nicht vom Gelde,« sagte er mit breitem Lächeln, und sein Blick kroch mir wieder in die Augen.
»Ja, was haben Sie denn alle?« schrie ich schließlich in wahrer Wut. »Was wollen Sie denn eigentlich?«
Er zögerte einige Sekunden, als erwarte er noch immer etwas von mir.
»Na, dann werden Sie Ihre Anordnungen wohl später treffen ... wenn Sie jetzt nicht bei Laune sind,« murmelte er schließlich, und sein Lächeln wurde noch breiter. »Also, gehen Sie nur, auch ich muß jetzt fort und in meine Kanzlei.«
Er lief die Treppe wieder hinauf. Freilich konnte die Szene einem schon zu denken geben.
Ich übergehe absichtlich nicht den kleinsten Zug von dem ganzen kleinlichen Wirrwarr meiner Geschichte an dieser Stelle und zu dieser Zeit, weil jede Einzelheit sich später als zum Ganzen gehörend erweisen soll. Doch davon wird sich der Leser noch überzeugen! Daß die Menschen mich damals wirklich verwirrten -- das ist Tatsache. Wenn ich so erregt und gereizt war, so war ich das nur, weil ich aus ihren Worten wieder jenen Ton der Geheimniskrämerei und Ränkespinnerei vernahm, der mir so verhaßt war, zumal er mich an die früheren Geschichten erinnerte. Doch ich fahre fort.
Werssiloff traf ich nicht zu Hause, er war tatsächlich bei Tagesanbruch fortgegangen. »Natürlich zu Mama,« sagte ich mir in eigensinniger Überzeugung. Ich wollte die Kinderwärterin, die ein dummes Weib zu sein schien, nicht weiter ausfragen, doch außer ihr und dem Kinde war niemand in der Wohnung. So eilte ich denn zu Mama, und ich muß gestehen: ich fühlte mich so beunruhigt, daß ich auf halbem Wege eine Droschke nahm. Ich kam hin und erfuhr, daß er bei Mama seit gestern abend nicht mehr gewesen war. Nur Tatjana Pawlowna und Lisa saßen bei ihr. Kaum war ich eingetreten, da begann Lisa sich auch schon zum Ausgehen anzukleiden.
Sie saßen alle oben in meinem »Sarge«. In unserem Wohnzimmer unten war Makar Iwanowitsch aufgebahrt; neben ihm las ein alter Mann langsam die Psalmen. Ich habe schon gesagt, daß ich mich von jetzt ab ausschließlich auf die Wiedergabe der Hauptsachen beschränken und Nebensachen tunlichst übergehen will, hier aber möchte ich doch nicht unerwähnt lassen, daß der Sarg, den man für ihn hatte anfertigen lassen, und der bereits im Zimmer stand, durchaus nicht anspruchslos war: er war zwar schwarz, doch mit Samt bezogen, und auch die Sargdecke war aus teurem Stoff -- ein Luxus, der durchaus nicht zu der Persönlichkeit und den Anschauungen des Alten paßte; aber Mama und Tatjana Pawlowna hatten sich zusammengetan und hartnäckig darauf bestanden.
Selbstverständlich hatte ich nicht erwartet, sie in fröhlicher Stimmung anzutreffen; aber dieser so sonderbar drückende Kummer, diese Sorge und Unruhe, die ich in ihren Augen las, machten mich betroffen, und ich begriff sofort, daß »wahrscheinlich nicht der Tote allein« die Ursache war. Ich wiederhole: ich erinnere mich alles dessen noch ganz genau.
Trotz alledem umarmte ich Mama zärtlich und fragte sogleich nach ihm. In Mamas Augen trat blitzschnell eine erregte Neugier. Ich erzählte kurz, daß wir gestern den Abend bis tief in die Nacht zusammen verbracht hätten, daß er aber heute schon ganz früh von Hause gegangen sei, obgleich er mich gestern beim Abschied aufgefordert hatte, heute so früh als möglich zu ihm zu kommen. Mama antwortete mir nichts darauf, und Tatjana Pawlowna benutzte einen unbewachten Augenblick, um mir mit dem Finger zu drohen.
»Auf Wiedersehen, Arkadi,« sagte Lisa plötzlich und verließ schnell das Zimmer. Ich lief ihr natürlich nach und erreichte sie noch an der Tür.
»Ich wußte, daß du mir nachkommen würdest,« flüsterte sie hastig.
»Lisa, was ist hier geschehen?«
»Das weiß ich selbst nicht, aber wahrscheinlich vieles. Vermutlich ist es die Entscheidung der >ewigen Geschichte<. Er ist nicht gekommen, sie aber müssen irgendeine Nachricht bekommen haben, die ihn betrifft. Dir werden sie davon wahrscheinlich nichts sagen, aber auch du sei still und frage sie nicht, wenn du klug sein willst. Mama ist jedenfalls ganz niedergeschmettert. Ich habe sie auch nichts gefragt. Leb wohl!«
Sie öffnete die Tür.
»Warte, Lisa, sag' doch, wie steht es denn mit dir selbst?« rief ich ihr nach und folgte ihr auf den Flur hinaus. Ihre schrecklich niedergeschlagene und geradezu verzweifelte Miene tat mir weh. Sie machte nicht nur ein böses, sondern fast erbittertes Gesicht, lächelte grausam und zuckte mit der Achsel.
»Wenn er nur stürbe -- ich würde Gott danken!« sagte sie wegwerfend von der Treppe aus und ging.
Sie meinte den Fürsten Ssergei Petrowitsch, der damals bewußtlos in hohem Fieber lag. Ich kehrte ebenso bekümmert wie aufgeregt zurück.
»Die ewige Geschichte! Was ist das für eine >ewige Geschichte<?« fragte ich mich mit einem Gefühl der Herausforderung: und da hatte ich auf einmal die größte Lust, ihnen wenigstens einen Teil meiner Eindrücke von seiner nächtlichen Beichte oder womöglich die Beichte selbst mitzuteilen. »Sie denken jetzt sicher irgend etwas Schlechtes von ihm -- so mögen sie denn alles erfahren!« ging es mir durch den Sinn.
Ich weiß noch, daß es mir gelang, meine Erzählung sehr geschickt anzufangen. Auf ihren Gesichtern erschien sofort unendliche Neugier. Tatjana Pawlowna verwandte keinen Blick von mir. Mama dagegen war zurückhaltender; sie war sehr ernst, aber ein stilles, verschönerndes, wenn auch seltsam hoffnungsloses Lächeln schimmerte auf ihrem Gesicht und verließ es während meiner ganzen Erzählung nicht einen Augenblick. Ich hielt mich bei der Wiedergabe natürlich nur an das Geistige, obgleich ich wußte, daß sie mich kaum verstehen würden. Zu meinem Erstaunen fiel mir Tatjana Pawlowna gar nicht ins Wort, bestand nicht einmal auf genauer Wiedergabe aller Einzelheiten und hakte auch nicht überall ein, wie sie es sonst immer tat, wenn ich etwas erzählte. Sie preßte nur hin und wieder die Lippen aufeinander und kniff die Augen zusammen, wie um lebhafter denken zu können und das Gesagte schneller zu erfassen. Zeitweise kam es mir sogar vor, als verstünden sie doch alles -- aber das war ja fast unmöglich! Ich erzählte auch von seinen Anschauungen, hauptsächlich aber von seiner gestrigen Begeisterung, von seiner Begeisterung für Mama, von seiner Liebe zu ihr, wie er ihr Bild geküßt hatte ... Als ich das erzählte, tauschten sie schweigend einen schnellen Blick aus, Mama wurde feuerrot, aber sie blieben beide stumm. Und dann ... ja, den wichtigsten Punkt konnte ich in Mamas Gegenwart leider nicht berühren: ich meine seine Begegnung mit ihr und alles weitere, und vor allem nicht ihren gestrigen Brief an ihn und seine sittliche »Auferstehung« auf diesen Brief hin -- das war ja eben die Hauptsache, so daß alle seine Gefühle, wie er sie gestern geäußert, und durch die ich gerade Mama eine Freude hatte machen wollen, für sie unverständlich bleiben mußten, was freilich nicht meine Schuld war, denn alles, was sich erzählen ließ, erzählte ich sehr schön. Ich schloß eigentlich in großer Verwirrung. Sie unterbrachen ihr Schweigen auch jetzt nicht, und mir wurde in ihrer Gesellschaft recht peinlich zumute.
»Wahrscheinlich wird er jetzt wieder zu Hause sein, oder er sitzt vielleicht bei mir und wartet auf mich,« sagte ich und erhob mich, um zu gehen.
»Geh nur, geh!« bestärkte mich Tatjana Pawlowna mit der ihr eigenen Nachdrücklichkeit.
»Bist du unten gewesen?« fragte mich halb flüsternd Mama beim Abschied.
»Natürlich war ich unten, ich habe an seinem Lager gekniet und für ihn gebetet. Was für ein ruhiges verklärtes Gesicht er hat, Mama! Ich danke Ihnen auch, Mama, daß Sie an seinem Sarge nicht gespart haben. Zuerst befremdete es mich wohl, aber dann dachte ich mir gleich, daß ich es selbst ganz ebenso gemacht hätte.«
»Kommst du morgen in die Kirche?« fragte sie, und ihre Lippen bebten.
»Was für eine Frage, Mama!« rief ich ganz verwundert. »Selbstverständlich komme ich, auch heute zur Seelenmesse komme ich; und ... außerdem ist ja morgen Ihr Geburtstag, Mama, meine liebe Mama! ... Hätte er doch nur noch drei Tage länger gelebt! Dann hätte er ihn noch mit uns gefeiert!«
Ich ging hinaus, in einem schmerzlichen Staunen: wie konnte sie nur so eine Frage stellen -- ob ich in die Kirche käme oder nicht? Ja, wenn sie das schon von mir glaubten, was würden sie dann wohl erst von ihm denken?
Ich wußte im voraus, daß Tatjana Pawlowna mir nachlaufen würde und erwartete sie daher absichtlich an der Haustür; sie aber stieß mich, als sie mich erreichte, mit der Hand zur Treppe hinaus und schloß dann die Tür hinter sich zu.
»Tatjana Pawlowna, was soll das bedeuten, daß Sie Andrei Petrowitsch offenbar weder heute noch morgen erwarten? Ich bin ganz erschrocken ...«
»Halt' deinen Mund. Große Wichtigkeit, daß du erschrocken bist! Sag' jetzt: was hast du da alles für dich behalten, als du von seinem gestrigen Gefasel erzähltest?«
Ich hielt es nicht für nötig, ihr das vorhin Verschwiegene zu verheimlichen, und ich erzählte fast gereizt, über Werssiloff gereizt, von Katerina Nikolajewnas gestrigem Brief, von der Wirkung desselben auf ihn und von seiner Auferstehung zu einem neuen Leben.
Mit Verwunderung sah ich, daß meine Mitteilung von dem Brief sie nicht im geringsten in Erstaunen setzte. Da begriff ich, daß sie von diesem Brief schon wußte.
»Das ist doch alles Schwindel!«
»Nein, das ist kein Schwindel.«
»Sieh mal an!« sagte sie mit gehässigem Lächeln vor sich hin und wurde nachdenklich. »>Auferstehung!< Das sieht ihm ähnlich! Ist es wahr, daß er ihr Bild geküßt hat?«
»Es ist wahr, Tatjana Pawlowna.«
»Hat er es wirklich aufrichtig geküßt, hat er sich nicht bloß so angestellt?«
»Angestellt? Hat er denn das jemals getan? Schämen Sie sich, Tatjana Pawlowna! Wie roh Sie sind! -- wie es nur ein Weib sein kann!«
Ich hatte mich hinreißen lassen, aber sie schien mich überhaupt nicht zu hören. Sie stand da und überlegte, ungeachtet der grimmigen Kälte im Treppenflur. Mich fror schon im Pelz, und sie war nur im Kleide.
»Ich würde dir einen Auftrag geben, schade nur, daß du zu dumm dazu bist,« sagte sie ärgerlich und verächtlich zugleich. »Höre, geh mal zu Anna Andrejewna und sieh mal nach, was da bei ihr eigentlich gemacht wird ... Oder nein, geh nicht; ein Tölpel bleibt doch überall ein Tölpel! Marsch, was stehst du hier noch wie ein Holzklotz?«
»Nein, jetzt werde ich erst recht nicht zu Anna Andrejewna gehen! Anna Andrejewna hat auch schon selbst nach mir geschickt.«
»Selbst geschickt? Die Darja Onissimowna natürlich?« wandte sie sich hastig wieder nach mir um; sie war schon im Begriff gewesen, fortzugehen und hatte die Tür bereits geöffnet, -- jetzt schloß sie sie wieder.
»Um nichts in der Welt gehe ich zu Anna Andrejewna!« wiederholte ich boshaft und mit wahrer Genugtuung; »ich gehe schon deshalb nicht hin, weil Sie mich soeben einen Tölpel nannten, und dabei war ich noch nie so scharfsinnig wie heute. Alle Ihre Verschwörungen durchschaue ich jetzt, aber zu Anna Andrejewna gehe ich nun erst recht nicht!«
»Das habe ich ja gewußt!« rief sie plötzlich aus, doch nicht als Erwiderung auf meine Worte, sondern wie in einer Fortsetzung ihrer eigenen Gedanken. »Jetzt wird man sie also völlig umstellen und sie in der Schlinge erdrosseln!«
»Wen? Anna Andrejewna?«
»Dummkopf!«
»Von wem sprechen Sie denn sonst? Doch nicht etwa von Katerina Nikolajewna? Was für eine Schlinge?« Ich erschrak furchtbar. Eine dunkle, unheimliche Ahnung stieg in mir auf. Tatjana Pawlowna sah mich durchdringend an.
»Und du, was stehst du denn da?« fragte sie plötzlich. »Oder bist auch du etwa mit im Spiel? Ich hab' ja auch von dir so etwas munkeln hören -- nimm dich in acht!«
»Hören Sie mich an, Tatjana Pawlowna: ich werde Ihnen ein großes Geheimnis anvertrauen, nicht jetzt, jetzt habe ich keine Zeit dazu, aber morgen und unter vier Augen, aber dafür müssen Sie mir jetzt sofort die ganze Wahrheit sagen: was meinten Sie mit dieser Mörderschlinge? ... Schnell, Tatjana Pawlowna, ich zittere am ganzen Körper! ...«
»Was geht mich dein Zittern an. Aber was für ein Geheimnis willst du mir denn da mitteilen? Solltest du wirklich noch irgend etwas wissen?« sie durchbohrte mich förmlich mit ihrem Blick. »Du hast ihr doch damals selbst geschworen, daß der Brief von Krafft verbrannt worden sei.«
»Tatjana Pawlowna, ich sage Ihnen noch einmal, quälen Sie mich nicht!« fuhr ich meinerseits fort, ohne auf ihre Frage zu antworten. Ich war außer mir. »Begreifen Sie doch, Tatjana Pawlowna: dadurch, daß Sie mir jetzt etwas verheimlichen, kann noch ein viel schlimmeres Unglück geschehen ... er hat mir doch gestern selbst gesagt, daß er sich jetzt für auferstanden betrachte!«
»Ach, scher dich zum Teufel, Narr! Bist ja selber wie ein Spatz verliebt -- Vater und Sohn in ein und dasselbe Objekt! Pfui, ekelhaftes Pack!«
Sie verschwand und schlug wütend die Tür hinter sich zu. Empört über den nackten, schamlosen Zynismus ihrer letzten Worte -- einen Zynismus, zu dem nur eine Frau fähig ist -- ging ich beleidigt davon. Doch ich will nicht meine Gefühle beschreiben. Das habe ich ja schon einmal erklärt. Ich will jetzt nur die Tatsachen wiedergeben, die alles Weitere entscheiden. Natürlich fragte ich beim Vorübergehen an Werssiloffs Wohnung wieder, ob er zu Hause sei und erfuhr abermals von der Wärterin, daß er sich inzwischen nicht habe sehen lassen.
»Wird er denn überhaupt nicht mehr herkommen?« fragte ich.
»Weiß Gott!« sagte sie.
III.
Tatsachen, Tatsachen! ... Aber wird der Leser sie unerklärt überhaupt verstehen können? Ich weiß noch, wie diese Tatsachen mich damals bedrückten und mich nicht einmal nachdenken ließen, so daß mein Verstand am Ende des Tages vollständig verwirrt war. Darum will ich hier mit ein paar Worten vorgreifen.
Meine ganze Qual bestand in der Frage: Wenn es wahr ist, daß er sie seit gestern nicht mehr liebt, wo kann er sich dann heute aufhalten? Antwort: am ehesten bei mir, dem er gestern alles gesagt hat; dann -- bei Mama, deren Bild er gestern geküßt hat. Statt dessen war er schon »in aller Frühe« aus dem Hause gegangen und irgendwohin verschwunden, und Darja Onissimowna hatte sogar davon phantasiert, daß er vielleicht überhaupt nicht zurückkehren werde. Und nicht genug damit: Lisa spricht auf einmal von einer »Entscheidung der ewigen Geschichte« und sagt, Mama hätte irgendwelche Nachrichten von ihm, und zwar die letzten; außerdem sind sie über Katerina Nikolajewnas Brief vollkommen unterrichtet (das hatte ich sehr wohl bemerkt) und wollen trotzdem an seine »Auferstehung« zu neuem Leben nicht glauben, wenn sie mir auch mit Spannung zuhörten. Mama fühlt sich wie vernichtet, und Tatjana Pawlowna verhöhnt den Ausdruck »Auferstehung«. Wenn das aber so ist, dann muß in ihm über Nacht wieder eine Wandlung vorgegangen sein, eine neue Krisis -- und das nach der ganzen Begeisterung, dem ganzen Glück, dem ganzen Pathos von gestern! Also ist seine »Auferstehung« wie eine Seifenblase zerplatzt, und er treibt sich vielleicht wieder genau so herum, in derselben Wut wie damals, als er die Nachricht von ihrer Verlobung mit Bjoring erhalten hatte! Es fragt sich nur, was aus Mama, aus mir, aus uns allen werden wird ... und schließlich auch: was aus ihr werden wird? Was kann Tatjana Pawlowna mit der »Schlinge« gemeint haben, als sie mich zu Anna Andrejewna schicken wollte? Und wer soll »erdrosselt« werden? Jedenfalls steht die »Schlinge« mit Anna Andrejewna in Zusammenhang, das ist klar. Warum aber mit Anna Andrejewna? Ich gehe sofort zu Anna Andrejewna! Ich habe ja nur aus Trotz gesagt, daß ich nicht hingehen werde, -- ich gehe. Aber was sagte Tatjana Pawlowna doch noch von dem Brief, den Krafft verbrannt hätte? Und hat nicht auch er gestern zu mir gesagt: »das Dokument zerreiße«?
Das waren so meine Gedanken, war das, was mich gleichfalls wie eine »Schlinge« würgte. Doch im Grunde brauchte ich ja nur ihn, nur ihn suchte ich. Ich hätte sofort alles gutgemacht, das fühlte ich; wir hätten einander in zwei Worten verstanden! Ich hätte seine Hände in meine genommen und sie gedrückt, ich hätte in meinem Herzen heiße Worte für ihn gefunden -- davon war ich überzeugt. »Oh, ich würde den Wahnsinn schon überwinden!« dachte ich. Aber wo war er nur, wo war er? ... Und da, gerade in einem solchen Augenblick, in solcher Erregung, mußte mir Lambert in den Weg laufen! Ein paar Schritte von meiner Wohnung entfernt begegnete er mir plötzlich. Er rief mich hoch erfreut mit lauter Stimme an und faßte mich sogleich unter den Arm.
»Dreimal war ich schon bei dir ... Enfin!{[107]} Komm, wir wollen frühstücken!«
»Halt! Du warst bei mir, sagst du? Ist Andrei Petrowitsch da gewesen?«
»Nein, bei dir ist niemand. Ach, pfeif auf sie alle! Du Dummkopf hast dich gestern geärgert. Du warst betrunken. Aber jetzt kann ich dir etwas Wichtiges mitteilen: ich habe heute ausgezeichnete Nachrichten über die Sache bekommen, von der wir gestern sprachen ...«
»Lambert,« unterbrach ich ihn hastig und außer Atem und kam unwillkürlich ein wenig ins Deklamieren -- »wenn ich hier mit dir stehen geblieben bin, so tue ich es nur, weil ich dir sagen will, daß ich meinen Verkehr mit dir jetzt für immer abbreche. Ich habe dir das schon gestern gesagt, aber du scheinst es nicht verstehen zu wollen. Du bist kindisch und dumm, bist albern, wie nur ein Franzose albern sein kann. Du scheinst zu glauben, daß wir immer noch bei Touchard sind, und daß ich noch ebenso unerfahren sei wie damals ... Aber ich bin nicht mehr so dumm ... Ich war gestern betrunken, aber nicht etwa vom Wein, sondern weil ich sowieso schon aufgeregt war; und wenn ich deinem Geschwätz zustimmte, so habe ich das nur aus Schlauheit getan, um deine geheimen Gedanken aus dir herauszulocken. Ich habe dir eine Grube gegraben, und du hast dich gefreut und mich für den Dummen gehalten und alles ausgeplaudert. Weißt du, ich und -- sie heiraten, das ist schon als Idee ein Blödsinn, den dir kein Sextaner glaubt! Und du bildest dir ein, ich hätte so etwas ernst nehmen können? Und du hast das im Ernst für möglich gehalten! Das hast du ja nur tun können, weil du die höhere Gesellschaft nicht kennst und nicht weißt, welche Anschauungen in diesen Kreisen herrschen. In der vornehmen Gesellschaft ist das ganz unmöglich, daß eine Dame einfach hingeht und heiratet ... Und jetzt werde ich dir klar und deutlich sagen, was du eigentlich willst: du willst mich einfach zu dir locken, um mich betrunken zu machen, damit ich dir das Dokument herausgebe und mit dir zusammen eine Gemeinheit gegen Katerina Nikolajewna begehe. Du irrst dich aber gewaltig! Ich werde niemals zu dir kommen, und wisse, das Dokument wird sich, wenn nicht morgen, so doch übermorgen in ihren Händen befinden, denn das Dokument gehört ihr und ist von ihr geschrieben worden, und ich selbst werde es ihr, ihr persönlich übergeben, und wenn du noch mehr wissen willst, so kann ich dir sagen, daß es bei Tatjana Pawlowna, die mit ihr gut bekannt ist, geschehen wird, in Tatjana Pawlownas Wohnung; und in Gegenwart von Tatjana Pawlowna werde ich ihr das Dokument übergeben und nichts von ihr verlangen. Und jetzt pack dich, verschwinde für mich auf ewig, denn sonst ... sonst, Lambert, könnte ich weniger höflich mit dir umgehen ...«
Ich zitterte am ganzen Körper. Es ist eine der schändlichsten Angewohnheiten, die ein Mensch im Leben haben kann, und zwar eine, die immer nur schädlich wirkt, wenn man sich in Szene setzen will. Welcher Teufel hatte mich geritten, mich so vor ihm zu ereifern, daß ich, der ich immer heftiger auf ihn einredete und die Stimme immer mehr erhob, plötzlich so in Eifer geriet, daß ich ihm die durchaus unnötige Einzelheit unter die Nase hielt, ich würde ihr das Dokument in Tatjana Pawlownas Gegenwart und in deren Wohnung ausliefern! Aber mich überkam damals die Lust, ihn zu verblüffen! Als ich so offen von dem Dokument gesprochen und plötzlich seinen dummen Schreck gesehen hatte, überkam mich der Wunsch, ihn mit der genauen Angabe von Einzelheiten vollends zu zerschmettern. Und eben dieses weibische prahlerische Geschwätz wurde später zur Ursache schrecklichen Unglücks, denn mein Hinweis auf Tatjana Pawlowna und ihre Wohnung setzte sich sofort in seinem Kopf fest, wie es bei Spitzbuben und bei in kleinen Dingen gerissenen Menschen zu geschehen pflegt; zu höheren und wichtigeren Dingen ist er unfähig und begreift von ihnen nichts, aber für Kleinigkeiten hat er einen feinen Instinkt. Ja, hätte ich von Tatjana Pawlowna geschwiegen, so wäre großes Unglück vermieden worden. Im ersten Augenblick verlor er gänzlich die Fassung.
»Hör nur,« murmelte er, »Alphonsina ... Alphonsina wird dir vorsingen ... Alphonsina war bei ihr: ich besitze einen Brief ... ein Papier ... so gut wie ein Brief, worin die Achmakowa über dich spricht ... der Pockennarbige hat ihn mir verschafft, du weißt doch: der Pockennarbige -- und du wirst schon sehen, du wirst schon sehen, komm nur mit!«
»Du lügst, zeig mir den Brief!«
»Er ist zu Haus, Alphonsina hat ihn, komm!«
Selbstverständlich log er und fabelte mir etwas vor, aus Angst, daß ich ihm davon laufen könnte. Ich ließ ihn denn auch mitten auf der Straße stehen, und als er mir nachfolgen wollte, machte ich halt und drohte ihm mit der Faust. Er hatte sich's aber schon anders überlegt und -- ließ mich gehen: in seinem Kopf war vielleicht schon ein neuer Plan aufgetaucht.
Für mich war der Überraschungen und Begegnungen noch kein Ende ... Und wenn ich mich heute dieses ganzen unglücklichen Tages erinnere, so scheint es mir, daß alle diese Zufälle sich gegenseitig verschworen hatten und sich nun aus irgendeinem verfluchten Füllhorn über meinem Haupte ausschütteten. Kaum hatte ich die Tür zu meiner Wohnung geöffnet, als ich schon im Vorzimmer mit einem jungen Manne zusammenstieß: er hatte ein längliches, blasses Gesicht, war von hohem Wuchs, von hochmütigem und »elegantem« Äußeren und in einen kostbaren Pelz gekleidet. Auf seiner Nase saß ein Kneifer, den er aber sofort fallen ließ, als er mich erblickte, wie es schien, aus Höflichkeit; während er mit der Hand den Zylinder lüftete, sagte er, ohne übrigens stehen zu bleiben, mit einem weltmännischen und liebenswürdigen Lächeln: »Ah, bonsoir,« zu mir und ging an mir vorüber, die Treppe hinunter. Wir beide erkannten einander sofort, obgleich ich ihn nur flüchtig ein einziges Mal gesehen hatte: in Moskau. Es war Anna Andrejewnas Bruder, der Kammerjunker, Werssiloffs Sohn, der junge Werssiloff, also ein Bruder von mir. Ihn geleitete meine Wirtin (der Wirt war noch nicht aus dem Büro zurückgekehrt). Als er draußen war, stürzte ich mich auf sie:
»Was hat er hier zu suchen? Ist er in meinem Zimmer gewesen?«
»Er ist durchaus nicht in Ihrem Zimmer gewesen. Er war bei mir ...« sagte sie kurz und trocken und kehrte mir den Rücken.
»Nein, so geht das nicht!« schrie ich. »Antworten Sie gefälligst: was hat er hier gewollt?«
»Ach, du lieber Gott! Ich müßte Ihnen dann immer erzählen, warum die Leute zu mir kommen! Wir können, glaube ich, doch auch unsere Geschäfte haben! Der junge Mann wollte vielleicht Geld bei mir aufnehmen, oder eine Adresse erfahren ... Ich kann es ihm ja schon das vorige Mal versprochen haben ...«
»Wieso, das vorige Mal?«
»Ach, du lieber Gott! Er ist doch nicht zum erstenmal hier!«
Sie zog die Tür hinter sich zu. Ich begriff vor allem, daß sich hier der Ton verändert hatte: man fing an, unhöflich gegen mich zu werden. Klar war mir, daß hier wieder ein Geheimnis steckte: die Geheimnisse häuften sich mit jedem Schritt, mit jeder Stunde. Das erstemal war der junge Werssiloff mit seiner Schwester Anna Andrejewna dagewesen, damals, als ich krank daniederlag: dessen erinnerte ich mich sehr wohl, ebenso der sonderbaren Andeutung, die Anna Andrejewna gestern mir gegenüber machte: daß der alte Fürst in meiner Wohnung absteigen werde ... Aber das alles war so sinnlos und unwahrscheinlich, daß ich mir dabei überhaupt nichts vorstellen konnte. Ich faßte mich an die Stirn, ich setzte mich nicht einmal hin, um auszuruhen, lief vielmehr gleich zu Anna Andrejewna. Doch fand ich sie nicht zu Haus und erhielt vom Portier nur die Auskunft, sie wäre nach Zarskoje gefahren und werde vielleicht morgen ungefähr um dieselbe Zeit wieder da sein.
Sie war also nach Zarskoje gefahren, selbstverständlich zum alten Fürsten ... und ihr Bruder besieht sich mittlerweile meine Wohnung! »Nein, das soll nicht geschehen!« sagte ich knirschend vor mich hin, »und wenn dort tatsächlich eine Mörderschlinge gelegt wird, so werde ich es sein, der die >arme Frau< verteidigt!«
Von Anna Andrejewna kehrte ich nicht nach Haus zurück. In meinem wirren und heißen Kopf tauchte auf einmal die Erinnerung an das Kellerrestaurant am Kanal auf, das Andrei Petrowitsch in seinen düsteren Stunden wohl aufsuchte. Ich freute mich ordentlich, daß ich darauf verfallen war und eilte sofort hin. Es war bereits vier Uhr, und es dunkelte. In dem Keller teilte man mir mit, er sei allerdings dagewesen, hätte sich aber nur kurz aufgehalten und sei dann gegangen -- vielleicht käme er wieder, fügte man hinzu. Ich beschloß, ihn, wenn möglich, zu erwarten und bestellte mir ein Mittagessen: so verblieb mir wenigstens die Hoffnung.
Ich aß das Mittagessen, aß sogar noch mehr, nur um das Recht zu haben, mich länger in dem Keller aufzuhalten, und habe, glaube ich, vier ganze Stunden so dagesessen. Ich will meine Schwermut und meine Ungeduld nicht beschreiben: in meinem Innern bebte alles. Diese Drehorgel, diese Gäste, -- diese ganze traurige Umgebung prägte sich für immer in mein Herz! Ich kann und will meine Gedanken nicht schildern, die durch meinen Kopf wirbelten gleich einer Wolke von trockenen Blättern im Herbst, in die ein Windstoß gefahren ist. Es war wirklich so ähnlich mit mir, und ich muß gestehen, daß ich zeitweise fühlte, wie mich die gesunde Vernunft zu verlassen drohte. Was mich geradezu bis zum körperlichen Schmerz peinigte (selbstverständlich nur nebenbei, als Begleiterscheinung meiner sonstigen Pein), -- das war eine Erinnerung -- böse und aufdringlich wie eine giftige Herbstfliege, die man zunächst gar nicht bemerkt, und die doch die ganze Zeit um einen kreist, einen stört und plötzlich schmerzhaft sticht. Es war das die Erinnerung an ein Erlebnis, von dem ich noch keinem Menschen auf Erden ein Wort erzählt habe, das ich aber jetzt erzählen will, weil es doch einmal erzählt werden muß.
IV.
Als in Moskau schon beschlossen worden war, daß ich nach Petersburg gehen sollte, ließ man mich durch Nikolai Ssemjonowitsch wissen, daß ich noch auf das Eintreffen meines Reisegeldes warten müsse. Von wem dieses Geld mir gesandt werden würde, danach erkundigte ich mich nicht weiter; ich nahm als selbstverständlich an, daß Werssiloff es schicken werde, und da ich damals Tag und Nacht mit klopfendem Herzen und stolzen Plänen nur von meinem Wiedersehen mit Werssiloff träumte, so hörte ich ganz auf, vor anderen von ihm zu sprechen; selbst mit Marja Iwanowna sprach ich nicht mehr von ihm. Im übrigen sei daran erinnert, daß ich auch mit meinem ersparten Gelde sehr wohl hätte reisen können; trotzdem beschloß ich, zu warten; unter anderem nahm ich an, das Geld werde mit der Post kommen.
Da kam eines Tages Nikolai Ssemjonowitsch nach Hause und teilte mir mit (ganz kurz und ohne alle Weitschweifigkeiten, wie das so seine Art war), daß ich mich am nächsten Morgen um elf Uhr in die Fleischerstraße, in das Haus und die Wohnung des Fürsten W--ski begeben solle: dort werde mir der aus Petersburg eingetroffene Kammerjunker Werssiloff, Andrei Petrowitschs Sohn, der bei dem Fürsten W--ski, seinem Freunde vom Lyzeum her, abgestiegen war, das Reisegeld übergeben. Man sollte meinen, nichts hätte einfacher und selbstverständlicher sein können: Andrei Petrowitsch hatte das Geld eben seinem Sohn übergeben, statt es durch die Post zu schicken; trotzdem erschreckte und bedrückte mich diese Mitteilung in ganz unnatürlicher Weise. Werssiloff wollte mich mit seinem Sohn, meinem Bruder, zusammenführen -- nur so vermochte ich mir die Absichten und Gefühle desjenigen zu deuten, an den ich unablässig dachte. Und da erhob sich gleich eine unendlich schwere Frage in mir: wie würde und wie sollte ich mich bei dieser ganz unvorhergesehenen Begegnung benehmen, und mußte nicht meiner persönlichen Würde dadurch irgendwie Abbruch getan werden?
Am nächsten Morgen erschien ich pünktlich um elf Uhr in der Wohnung des Fürsten W--ski; es war eine Junggesellenwohnung, aber, wie ich auf den ersten Blick erkannte, eine auf großem Fuß eingerichtete, mit Dienern in Livree. Ich blieb im Vorzimmer stehen. Aus den inneren Räumen vernahm ich lautes Sprechen und Lachen: es waren offenbar noch andere Gäste beim Fürsten, außer dem besagten Kammerjunker. Ich beauftragte den Diener, mich zu melden, und tat es, glaub ich, in ziemlich hochmütiger Weise: wenigstens sah er mich, bevor er hinging, etwas sonderbar an, und wie mir schien, nicht ganz so ehrerbietig, wie es ein Diener tun mußte. Zu meiner Verwunderung brauchte er ziemlich viel Zeit, um mich zu melden, mindestens fünf Minuten. Währenddessen setzte sich das Lachen und Sprechen ununterbrochen fort.
Ich wartete natürlich stehend, denn ich wußte sehr gut, daß es sich für mich »als Herrn« nicht anders schickte, und daß es unmöglich war, mich dort im Vorzimmer, wo die Diener waren, nieder zu setzen. So unaufgefordert aber wollte ich um keinen Preis in den Saal treten, aus Stolz wollte ich es nicht, vielleicht aus übertrieben empfindlichem Stolz: aber gerade so mußte es sein. Zu meinem Erstaunen wagten dagegen die beiden im Vorzimmer zurückgebliebenen Diener, sich in meiner Gegenwart hinzusetzen. Ich wendete mich ab und tat als bemerkte ich es nicht, aber ich fühlte doch, wie ich am ganzen Leibe zu zittern begann; plötzlich kehrte ich mich um, trat entschlossen auf einen der Diener zu und befahl ihm, »sofort« hineinzugehen und mich nochmals zu melden. Der Diener sah mich trotz meines strengen Blicks und meiner sichtlichen Erregtheit nur träge an, stand nicht einmal auf, und statt seiner antwortete mir der andere:
»Sie sind schon gemeldet, beruhigen Sie sich.«
Da war ich denn im Augenblick entschlossen, höchstens eine Minute noch zu warten, oder womöglich noch weniger, und dann -- unbedingt wieder fortzugehen. Ich möchte hier noch hervorheben, daß ich sehr anständig gekleidet war: mein Anzug und mein Paletot waren jedenfalls neu und meine Wäsche ganz frisch, wofür Marja Iwanowna gerade vor diesem Besuch noch besonders gesorgt hatte. Was aber die Bedienten betrifft, so habe ich erst viel später, erst in Petersburg, mit aller Gewißheit erfahren, daß ihnen von dem Diener des jungen Werssiloff, den dieser aus Petersburg mitgebracht hatte, schon am Abend vorher gesagt worden war, um elf Uhr werde »irgend so ein unehelicher Bruder, ein armer Student« zum Herrn kommen. Das weiß ich jetzt, wie gesagt, ganz genau.
Die Minute verging. Es ist ein sonderbares Gefühl, wenn man einen Entschluß fassen will und sich doch nicht entschließen kann. »Soll ich gehen oder noch warten, soll ich, oder soll ich nicht?« fragte ich mich in jeder Sekunde, während ich in fieberhafter Spannung verharrte. Da erschien plötzlich der Diener, der hineingegangen war, mich zu melden. In seiner Hand, zwischen den Fingern, flatterten vier rote Geldscheine, vierzig Rubel.
»Hier, empfangen Sie gefälligst vierzig Rubel!«
Ich fuhr auf. Das war eine Beleidigung! Ich hatte die ganze Nacht nur von dieser Begegnung der zwei Brüder geträumt, die doch sicherlich von Werssiloff herbeigeführt war; die ganze Nacht hatte ich fieberhaft überlegt, wie ich mich verhalten müßte, um mir nichts zu vergeben, und vor allem um den ganzen Ideenkreis, den ich in meiner Einsamkeit schon ausgebrütet hatte, und auf den ich in jedem Kreise, auch in dem höchsten, stolz sein konnte, nicht zu erniedrigen!? Ich stellte mir vor, wie vornehm und stolz ich sein würde, ohne doch eine stille Trauer zu verbergen; vielleicht würde auch Fürst W--ski zugegen sein, und so wäre ich ohne weiteres in jene Kreise eingeführt -- oh, ich schone mich nicht, aber mag es, mag es so sein: gerade mit solcher Ausführlichkeit muß man das aufzeichnen! Und plötzlich werden mir vierzig Rubel vom Diener gebracht, ins Vorzimmer, nachdem man mich zehn Minuten hatte warten lassen, dazu noch so offen in der Hand des Dieners, aus dessen Bedientenfingern ich es entgegennehmen soll, nicht einmal auf einem Tablett, nicht einmal in einem Kuvert!
Ich schrie den Bedienten so an, daß er zusammenfuhr und zurückwich; ich befahl ihm, das Geld sofort zurückzutragen: der Herr müsse es mir »persönlich bringen«! Allerdings, meine Forderung war nicht ganz klar und für diesen Bedienten natürlich unverständlich! Aber ich hatte ihn doch so angeschrien, daß er unwillkürlich gehorchte und nochmals hineinging. Außerdem schien man auch drinnen mein Geschrei gehört zu haben -- das Sprechen und Lachen verstummte jedenfalls plötzlich.
Im nächsten Augenblick hörte ich Schritte, gelassene, würdevolle, langsame und weiche Schritte in Hausschuhen, und in der Tür des Vorzimmers erschien die hohe Gestalt eines hübschen, hochmütigen jungen Mannes (damals war er mir noch blasser und hagerer erschienen als bei dieser Begegnung). Er kam nicht einmal bis zur Schwelle, sondern blieb etwa zwei Schritte vor der offenen Tür stehen. Er war in einem prächtigen rotseidenen Schlafrock und in Morgenschuhen, und auf der Nase hatte er einen Kneifer. Er sagte kein Wort, hob nur ein wenig den Kopf und begann mich durch diesen Kneifer zu mustern. Ich trat wie ein wütendes Tier einen Schritt auf ihn zu, blieb herausfordernd stehen und sah ihn an, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber er betrachtete mich nicht lange, vielleicht nur zehn Sekunden; plötzlich erschien auf seinen Lippen ein kaum merkliches und dabei doch beißend spöttisches Lächeln, das um so verletzender wirkte, als es fast nicht zu bemerken war: er drehte sich schweigend um und kehrte wieder in die anderen Räume zurück, genau so ruhig und gelassen -- und ohne Eile, wie er gekommen war. Oh, diese Beleidiger lernen schon als Kinder, wie man beleidigt; das wird ihnen schon zu Hause von ihren Müttern beigebracht! Natürlich verwirrte mich das Ganze ... Ach, warum habe ich mich damals auch verwirren lassen!
Einen Augenblick später erschien wieder jener Bediente mit denselben vier roten Geldscheinen in der Hand:
»Nehmen Sie gefälligst; das wird Ihnen aus Petersburg geschickt; aber empfangen kann Sie der Herr jetzt nicht -- vielleicht ein anderes Mal, wenn der Herr mehr Zeit haben.«
Ich fühlte, daß er diese letzten Worte aus seinem eigenen Kopf hinzugefügt hatte. Aber meine Verwirrung dauerte noch an. Ich nahm das Geld und ging zur Tür; nur, weil ich so verwirrt und kopflos war, nahm ich das Geld, nahm es ganz mechanisch, denn sonst hätte ich es selbstverständlich nicht genommen. Da erlaubte sich aber der Bediente, natürlich um sich an mir zu rächen, eine echt bedientenhafte Frechheit: er riß vor mir die Tür auf, und indem er sie weit offen hielt, sagte er wichtig und bedeutsam, als ich an ihm vorüberging:
»Bitte sehr!«
»Hund!« brüllte ich ihn an und holte schon aus, ließ aber die Hand sinken, »und auch dein Herr ist ein Lump! Melde ihm das sofort!« fügte ich hinzu und trat hinaus auf die Treppe.
»Wie dürfen Sie das! Wenn ich das dem Herrn melde, so könnten Sie sofort mit einem Zettel auf die Polizei gebracht werden. Und mit Ohrfeigen drohen, das dürfen Sie erst recht nicht ...«
Ich stieg die Treppe hinunter. Es war eine breite Paradetreppe: von oben konnte man mich die ganze Zeit sehen, solange ich auf dem roten Läufer hinunterstieg. Alle drei Bedienten standen denn auch richtig oben am Geländer und sahen mir nach. Ich hatte schweigend meinen Weg fortgesetzt: ein Streit mit Bedienten war doch unmöglich! Ich ging die ganze Treppe ohne Hast hinunter, ja, ich glaube, ich verlangsamte noch meinen Schritt.
Oh, mag es auch Philosophen geben (und Schande über sie!), die nun sagen werden, das wäre alles nicht der Rede wert, wäre eine Belanglosigkeit und nichts als eitler Ärger eines Milchbartes gewesen -- mögen sie nur! Aber für mich ist dieses Erlebnis eine Wunde -- eine Wunde, die bis heute noch nicht vernarbt ist, sogar bis zum gegenwärtigen Augenblick noch nicht, obgleich jetzt schon alles hinter mir liegt und sogar schon gerächt ist. Oh, ich schwöre, ich bin nicht nachtragend und nicht rachsüchtig. Allerdings habe ich noch immer, und sogar bis zur Krankhaftigkeit, den Wunsch, mich zu rächen, aber ich schwöre: nur durch Großmut mich zu rächen. Ich will ja nur mit Großmut heimzahlen, aber mit der Bedingung, daß der andere das fühlt, daß er es begreift -- dann bin ich ja schon gerächt! Nun, und da ich einmal darauf zu sprechen gekommen bin, möchte ich gleich hinzufügen: ich bin tatsächlich nicht rachsüchtig, aber ich bin nachtragend, wenn ich auch großmütig bin -- ich weiß nicht, ob das bei anderen auch so ist? Damals aber, oh, damals war ich mit den großmütigsten Gefühlen hingegangen, und wenn sie vielleicht lächerlich waren -- nun gut, dann waren sie es eben: lieber lächerliche, aber großmütige Gefühle, als nicht lächerliche, doch gemeine, alltägliche, mittelmäßige!
Von dieser Begegnung mit meinem »Bruder« habe ich keinem Menschen etwas erzählt, nicht einmal Marja Iwanowna, und in Petersburg nicht einmal meiner Schwester Lisa. Diese Begegnung war eine schmachvoll erhaltene Ohrfeige. Und nun begegnet mir plötzlich dieser selbe Herr in einem Augenblick, wo ich am allerwenigsten ihm zu begegnen erwartet hätte; er lächelt, hebt den Hut und sagt vollkommen freundschaftlich: »Bonsoir!« zu mir. Das war natürlich Grund genug für mich, nachzudenken ... Aber -- die Wunde hatte sich wieder geöffnet!
V.
Als ich so reichlich vier Stunden im Restaurant gesessen hatte, stürzte ich wie in einem plötzlichen Anfall hinaus, natürlich zu Werssiloff und fand ihn, versteht sich, nicht zu Haus -- er war überhaupt nicht dagewesen; die Wärterin langweilte sich und bat mich auf einmal, ich solle ihr Darja Onissimowna schicken; oh, das fehlte noch! Ich lief zu Mamas Wohnung, ging aber nicht hinein, sondern rief Lukerja auf den Flur hinaus; von ihr erfuhr ich, daß er nicht bei ihr gewesen, und daß auch Lisa nicht zu Hause war. Ich bemerkte, daß Lukerja mich irgend etwas fragen wollte, mir vielleicht sogar einen Auftrag geben wollte -- auch das noch! Es blieb noch die letzte Hoffnung, daß er vielleicht bei mir war; aber ich glaubte schon nicht mehr daran.
Ich habe schon gesagt, daß ich nachgerade meine gesunde Vernunft zu verlieren glaubte! Und da treffe ich plötzlich in meinem Zimmer Alphonsina mit meinem Wirt. Sie verließen es in eben dem Augenblick -- Pjotr Ippolitowitsch mit dem Licht in der Hand.
»Was bedeutet denn das!« brüllte ich ganz sinnlos den Wirt an. »Wie dürfen Sie diese Gaunerin in mein Zimmer führen?«
»Tiens!« rief Alphonsina -- »et les amis?«{[108]}
»Hinaus!« brüllte ich.
»Mais c'est un ours!«{[109]} rief sie und spielte die Erschrockene, entschlüpfte auf den Korridor und war bald im Zimmer der Wirtin verschwunden. Pjotr Ippolitowitsch, immer noch mit dem Licht in der Hand, trat mit strenger Miene auf mich zu:
»Erlauben Sie mir die Bemerkung, Arkadi Makarowitsch, daß Sie sich unnötigerweise so aufregen; wie sehr wir Sie auch hochschätzen ... so ist doch Mamsell Alphonsina keine Gaunerin, sondern das Gegenteil, sie ist hier zu Gast, und zwar nicht bei Ihnen, sondern bei meiner Frau, mit der sie schon seit einiger Zeit Freundschaft geschlossen hat.«
»Aber wie wagten Sie es denn, sie in mein Zimmer zu lassen?« rief ich noch einmal und faßte mich an den Kopf, der plötzlich zu schmerzen anfing.
»Oh ganz zufällig. Ich ging hinein, um das Fenster zu schließen, das ich der frischen Luft wegen geöffnet hatte; und da ich gerade mit Alphonsina Karlowna in einem Gespräch begriffen war, so folgte sie mir und trat mitten im Gespräch mit mir zusammen ins Zimmer ein.«
»Das ist nicht wahr, Alphonsinka ist eine Spionin und Lambert ein Spion! Vielleicht sind Sie selbst -- auch ein Spion! Alphonsinka hat bei mir etwas stehlen wollen.«
»Darüber mögen Sie denken, wie Sie wollen. Heute sagen Sie dies, morgen sagen Sie das. Meine Wohnung habe ich für eine Zeitlang vermietet und ziehe selbst mit meiner Frau für die Zeit in die Kammer, und so ist Alphonsina Karlowna hier ganz eben so eine Mieterin wie Sie auch.«
»Sie haben die Wohnung an Lambert vermietet?« rief ich erschrocken.
»Nein, nicht an Lambert,« lächelte er mit dem langgezogenen Lächeln von heute morgen, in dem mir der Zweifel von vorhin nicht zu liegen schien; vielmehr sprach sich jetzt eine Sicherheit in ihm aus. »Ich denke, Sie werden das selbst zu wissen geruhen, an wen ich sie vermietet habe, und Sie geben sich ganz vergeblich den Anschein, als ob Sie es nicht wüßten, und tun so, als ob Sie wütend wären. Gute Nacht!«
»Ja, ja, lassen Sie mich, lassen Sie mich in Ruh!« winkte ich mit beiden Händen ab, und fast in Tränen, so daß er mich plötzlich verwundert ansah; er ging aber doch hinaus. Ich schob den Riegel vor die Tür, warf mich auf mein Bett und preßte das Gesicht in die Kissen. So verging der erste schreckliche Tag, von diesen drei letzten verhängnisvollen Tagen, mit deren Ereignissen meine Aufzeichnungen schließen.
Zehntes Kapitel.
I.
Ich sehe mich wieder gezwungen, dem Verlauf der Ereignisse vorzugreifen und dem Leser wenigstens einiges im voraus zu erklären, da sich hier in die logische Entwicklung meiner Geschichte so viele Zufälligkeiten hineinmischten, daß man sich ohne vorhergegangene Erläuterung derselben kaum zurechtfinden kann. Es handelte sich hier um eben jene »Schlinge«, von der Tatjana Pawlowna ein Wort hatte fallen lassen. Diese Schlinge bestand darin, daß Anna Andrejewna sich schließlich zu dem gewagtesten Schritt entschlossen hatte, den man sich in ihrer Lage überhaupt ausdenken kann. Sie war in der Tat ein Charakter -- das muß man ihr lassen! Der alte Fürst war allerdings unter dem Vorwande, daß sein Gesundheitszustand es erfordere, noch rechtzeitig nach Zarskoje Sselo in Sicherheit gebracht worden, so daß die Kunde von seiner bevorstehenden Heirat mit Anna Andrejewna nicht leicht in die Öffentlichkeit dringen, vielmehr vorläufig vertuscht oder sozusagen im Keime erstickt werden konnte. Nur war damit schließlich noch nicht viel erreicht, denn dieser schwache alte Mann, mit dem man sonst alles machen konnte, hätte um nichts in der Welt eingewilligt, von seiner Absicht zurückzutreten, und Anna Andrejewna, die ihm den Heiratsantrag gemacht hatte, treulos sitzen zu lassen. In solchen Dingen war er viel zu sehr Ritter, um unritterlich zu handeln, weshalb denn auch zu gewärtigen war, daß er früher oder später plötzlich und mit unbeugsamem Willen zur Ausführung seiner Absicht schritt, was gerade bei solchen schwachen Charakteren sehr, sehr leicht geschieht, denn es gibt bei ihnen eine gewisse Grenze, an die man sie nicht heranführen darf. Hinzu kam, daß er die ganze Peinlichkeit der Lage, in der Anna Andrejewna sich befand, vollkommen erkannte, und sich auch darüber durchaus klar war, daß die Gesellschaft häßlich über sie reden, spotten und sie, die er so grenzenlos verehrte, schließlich sogar in einen üblen Ruf bringen konnte. Was ihn vorläufig noch beruhigte und zurückhielt, war nur, daß seine Tochter Katerina Nikolajewna ihm gegenüber sich nie erlaubt hatte, weder mit einem Wort noch mit einer Anspielung über Anna Andrejewna etwas Schlechtes zu sagen oder sich auch nur im geringsten gegen seine Heiratsabsichten zu äußern. Im Gegenteil, sie war zu der Braut ihres Vaters sogar von einer großen Herzlichkeit und Aufmerksamkeit. So befand sich denn Anna Andrejewna in einer äußerst peinlichen Lage, denn mit ihrem feinen weiblichen Spürsinn hatte sie natürlich sofort erraten, daß sie mit der geringsten absprechenden Bemerkung über Katerina Nikolajewna -- die der Fürst gleichfalls anbetete, und jetzt sogar noch mehr als je zuvor, eben weil sie so gutherzig und achtungsvoll ihre Zustimmung zu seiner Heirat gegeben hatte -- daß sie damit nur seine väterlich zärtlichen Gefühle verletzen und gegen sich selbst nur Mißtrauen, vielleicht sogar seinen Unwillen erwecken werde. Das also war nun der Kampf: die beiden Gegnerinnen schienen miteinander in Taktgefühl und Nachsicht zu wetteifern, und der alte Fürst wußte schließlich schon gar nicht, über welche von beiden er sich mehr wundern sollte, bis er am Ende nach der Art aller schwachen, doch gutherzigen Leute darunter zu leiden begann und die Schuld an allem sich allein zuschrieb. Seine Selbstquälerei soll ihn fast krank gemacht haben, seine Nerven gerieten dadurch noch mehr aus dem Gleichgewicht, und das Ergebnis war, wie man versichert, daß er in Zarskoje, statt sich zu erholen, bald nahe daran gewesen war, das Bett hüten zu müssen.
Hier möchte ich, gewissermaßen in Klammern, etwas erwähnen, was ich erst viel später erfahren habe: wie verlautete, hatte Bjoring Katerina Nikolajewna ganz offen den Vorschlag gemacht, ihren Vater ins Ausland zu bringen, ihn durch irgendeine Vorspiegelung dazu zu überreden, und dabei in der Gesellschaft vertraulich die Erklärung zu verbreiten, daß er vor Altersschwäche nicht mehr zurechnungsfähig sei, und sich dies im Auslande durch ein ärztliches Zeugnis bestätigen zu lassen. Doch Katerina Nikolajewna habe das nicht gewollt -- wenigstens wurde das nachher behauptet. Sie habe vielmehr diesen Vorschlag mit Unwillen zurückgewiesen. Freilich ist es nur ein Gerücht, aber ich schenke ihm doch vollen Glauben.
Und da, ausgerechnet in dem Augenblick, als Anna Andrejewnas Spiel rettungslos verloren schien, erfährt sie nun plötzlich durch Lambert, daß es einen Brief gibt, in dem die Tochter einen Juristen um Rat fragt, wie sie ihren Vater offiziell für irrsinnig erklären lassen könnte! -- Ihr nachtragender und stolzer Charakter mußte dadurch selbstverständlich im höchsten Grade gereizt werden. Und wenn sie sich ihrer früheren Gespräche mit mir erinnerte und sich eine Menge geringfügiger Umstände vergegenwärtigte, so konnte sie an der Richtigkeit der Mitteilung wohl nicht mehr zweifeln. Da reifte denn in diesem willensstarken, unbeugsamen Frauenherzen unwiderstehlich der Plan zu einem entscheidenden Schlage. Dieser Plan lief darauf hinaus, dem Fürsten ohne jede Vorbereitung und Ohrenbläserei plötzlich alles zu sagen: ihn mit der Mitteilung zu erschrecken und zu erschüttern, daß ihm unfehlbar das Irrenhaus bevorstehe, und falls er sich sträuben oder unwillig werden oder gar das Mitgeteilte nicht glauben sollte -- dann einfach den Brief seiner Tochter vor seinen Augen auszubreiten und damit den Beweis zu erbringen; denn »wenn schon einmal die Absicht bestanden hat, ihn für irrsinnig zu erklären, so ist dazu jetzt doch noch viel mehr Grund vorhanden, wo es gilt, die Heirat zu verhindern«. Und dann wollte sie den erschrockenen, gebrochenen alten Herrn unverzüglich aus Zarskoje nach Petersburg bringen, und hier -- geradeswegs in meine Wohnung!
Das war ein ungeheures Wagnis, aber sie glaubte, sich ohne weiteres auf ihre Macht verlassen zu können. Jetzt will ich auf einen Augenblick von meiner Erzählung abweichen und, wenn ich damit auch wieder vorgreife, schon im voraus darauf aufmerksam machen, daß sie sich in der Wirkung der Enthüllung auf den alten Fürsten nicht verrechnet hatte; ja, die Wirkung überstieg sogar noch alle ihre Erwartungen. Die Mitteilung von diesem Brief seiner Tochter an den Juristen Andronikoff erschütterte den Fürsten tatsächlich noch viel, viel mehr, als sie und wir alle für möglich gehalten hätten. Ich hatte bis dahin noch keine Ahnung davon gehabt, daß dem alten Fürsten schon früher einmal von diesem Brief etwas zu Ohren gekommen war, doch hatte er nach Art aller schwachen und zaghaften Leute dem Gerücht keinen Glauben geschenkt und es sich aus allen Kräften vom Leibe gehalten, um sich seine Ruhe zu sichern, ja schließlich hatte er sich selbst wegen seiner unvornehmen Leichtgläubigkeit Vorwürfe gemacht. Ich will noch gleich erwähnen, daß die Tatsache des Vorhandenseins jenes Briefes auch auf Katerina Nikolajewna unvergleichlich stärker wirkte, als ich erwartet hatte ... Mit einem Wort, dieses Schriftstück war von weit größerer Wichtigkeit, als ich, der ich es in der Tasche trug, damals ahnte. Doch ich greife gar zu weit vor.
Aber warum, wird man fragen, warum hatte sie dazu gerade meine Wohnung ausersehen? Warum wollte sie den Fürsten in unsere billigen Wohnräume bringen und ihn womöglich durch die Ärmlichkeit unserer Umgebung erschrecken? Wenn es nun einmal nicht anging, ihn in sein eigenes Haus zu führen (da man dort alles vereiteln konnte), weshalb brachte sie ihn dann nicht in eine andere »hochelegante« Wohnung, wie Lambert ihr anriet? Ja, eben hierin lag das ganze Wagnis ihres gewiß außergewöhnlichen Planes.
Die Hauptsache war für sie: dem Fürsten sofort nach seiner Ankunft das Dokument vorzuweisen. Nun hatte ich das Dokument bisher um keinen Preis ausliefern wollen. Da aber keine Zeit zu verlieren war, so entschloß sich Anna Andrejewna, im Vertrauen auf ihre Macht, die Sache ohne Dokument anzufangen, und den Fürsten geradeswegs zu mir zu bringen -- warum? Ja, eben darum, weil sie mit diesem Schritt auch mich zu fangen, oder, wie das Sprichwort sagt, mit einem Stein zwei Sperlinge zu treffen hoffte. Sie rechnete und hoffte, mit einer solchen Überraschung und Erschütterung mich am ehesten überrumpeln zu können: ich würde, wie sie meinte, wenn ich den alten Fürsten plötzlich bei mir sähe, wenn ich seine Angst und Hilflosigkeit vor Augen hätte und ihren gemeinsamen Bitten ausgesetzt wäre, schließlich doch nicht widerstehen können und das Dokument vorweisen! Ich muß zugeben: ihre Berechnung war schlau und klug, war in den Schlüssen durchaus psychologisch, und noch mehr als das, denn beinahe hätte sie auch ihr Ziel erreicht ... Was aber den Alten betraf, so hatte sie ihn einzig damit zur Fahrt nach Petersburg bewegen können, daß sie ihm einfach erklärte, sie werde ihn zu mir bringen, ganz wie er ihr auch nur auf diese Erklärung hin Glauben geschenkt hatte, und dann sogar auf ihr bloßes Wort hin. Das habe ich alles erst später erfahren. Allein schon die Mitteilung, daß jenes Dokument sich in meinem Besitz befände, hatte in seinem schwachen Herzen den letzten Zweifel an der Richtigkeit der Mitteilung zerstört -- so groß war seine Liebe und sein Vertrauen zu mir!
Ich muß noch bemerken, daß Anna Andrejewna selbst keinen Augenblick daran zweifelte, daß ich das Dokument noch besäße und nicht aus der Hand gegeben hätte. Ihr Irrtum bestand nur darin, daß sie meinen Charakter falsch beurteilte und zynisch auf meine Unschuld, meine Gutherzigkeit und sogar auf meine Sentimentalität rechnete; andererseits war sie der Meinung, daß ich, falls ich den Brief zum Beispiel Katerina Nikolajewna auszuliefern entschlossen wäre, das nur unter gewissen besonderen Umständen tun würde: eben diesen Umständen wollte sie durch eine Überrumpelung, einen ganz unerwarteten Schachzug und entscheidenden Schlag zuvorkommen.
Und schließlich hatte Lambert sie in alledem noch bestärkt. Ich habe schon einmal erwähnt, daß Lambert sich zu jener Zeit in einer äußerst kritischen Lage befand: er, der Anna Andrejewna zu hintergehen beabsichtigte, wollte mich mit allen Mitteln von ihr weglocken, damit ich, halbpart mit ihm, das Dokument an Katerina Nikolajewna verkaufte, was er aus gewissen Gründen für vorteilhafter hielt. Doch da ich das Dokument bis zum letzten Augenblick und um keinen Preis herausgab, so war er schließlich bereit, im äußersten Fall Anna Andrejewna behilflich zu sein, da er sonst Gefahr lief, ganz umgangen zu werden, und deshalb drängte er sich ihr mit seiner Dienstbeflissenheit bis zur letzten Stunde geradezu gewaltsam auf, und erbot sich sogar, wie ich genau weiß, einen Priester zur Stelle zu schaffen, der sie ohne weiteres trauen würde ... Doch Anna Andrejewna ersuchte ihn daraufhin nur mit einem verächtlichen Lächeln, ihr nicht mit solchen Vorschlägen zu kommen. Lambert erschien ihr viel zu ungeschickt und erweckte in ihr nur Abscheu; aber aus Vorsicht lehnte sie seine Dienste nicht ab, die unter anderem darin bestanden, daß er für sie spionierte. Übrigens -- da ich auf Spionage zu sprechen gekommen bin -- ich weiß auch heute noch nicht, ob mein Wirt Pjotr Ippolitowitsch für seine Dienste irgend etwas von ihnen erhielt, oder ob er einfach aus Vergnügen an der Verschwörung in ihr Lager übergegangen war; jedenfalls spionierte auch er mir nach, und seine Frau gleichfalls -- das weiß ich genau.
Der Leser wird jetzt verstehen, daß ich, obschon ich zum Teil darauf vorbereitet worden war, mir doch nicht hatte träumen lassen, am nächsten oder übernächsten Tage den alten Fürsten in meiner Wohnung und unter solchen Umständen wiederzusehen. Wie hätte ich auch ein solches Wagnis von Anna Andrejewna erwarten sollen! Reden kann man ja vieles und andeuten noch mehr, aber einen solchen Entschluß fassen und diesen Entschluß auch wirklich ausführen -- nein, das muß ich sagen, dazu gehört Charakter!
II.
Ich fahre fort.
Am nächsten Morgen erwachte ich spät, nachdem ich ungewöhnlich fest und traumlos geschlafen hatte, was mich eigentlich wunderte; und so fühlte ich mich denn beim Aufstehen geistig wieder ausnehmend frisch und mutig, ganz als wäre der gestrige Tag gar nicht gewesen. Bei Mama wollte ich zunächst nicht vorsprechen, sondern mich geradeswegs in die Friedhofskirche begeben, um von dort nach der Trauerfeier mit Mama nach Hause zu fahren und dann den ganzen Tag bei ihr zu bleiben. Ich war fest überzeugt, daß ich ihn heute bei Mama treffen würde, früher oder später, aber jedenfalls ganz bestimmt!
Alphonsinka und mein Wirt hatten das Haus schon längst verlassen. Meine Wirtin wollte ich nach nichts fragen, und überhaupt nahm ich mir vor, alle Beziehungen zu ihnen abzubrechen und sogar sobald wie möglich auszuziehen; deshalb verriegelte ich auch wieder meine Tür, als man mir meinen Kaffee gebracht hatte. Doch plötzlich klopfte es: zu meinem Erstaunen war es nicht jemand von meinen Hausgenossen, sondern Trischatoff. Ich öffnete ihm sogleich und bat ihn erfreut, doch hereinzutreten, aber das wollte er nicht.
»Nein, besten Dank, ich will Ihnen nur zwei Worte von hier aus sagen ... das heißt, ich muß doch wohl über die Schwelle treten, denn es ist vielleicht besser, leise zu sprechen. Aber hinsetzen werde ich mich nicht. Sie wundern sich über meinen scheußlichen Mantel: ja, Lambert hat mir den Pelz weggenommen ...«
Er hatte in der Tat einen ganz alten, abgetragenen Mantel an, der für ihn viel zu lang war. Er stand mit einem eigentümlich düsteren und traurigen Gesicht vor mir, die Hände in den Taschen und den Hut auf dem Kopf.
»Ich setze mich nicht, ich setze mich nicht. Hören Sie, Dolgoruki, ich weiß nichts Näheres, aber ich weiß, daß Lambert irgend etwas gegen Sie plant, etwas, was bald und ganz bestimmt ausgeführt werden wird -- das ist sicher. Also nehmen Sie sich in acht! Der Pockennarbige hat unvorsichtigerweise mir gegenüber so was ausgeplaudert -- Sie erinnern sich doch noch des Pockennarbigen? Er hat mir freilich nicht gesagt, um was es sich handelt, daher kann ich Ihnen auch nichts Bestimmteres sagen. Ich bin nur gekommen, um Sie zu warnen. Leben Sie wohl!«
»Aber so setzen Sie sich doch, lieber Trischatoff! Ich habe zwar nicht viel Zeit, aber ich freue mich so, daß Sie gekommen sind ...« rief ich.
»Nein, nein, ich setze mich nicht; aber daß Sie sich über mein Kommen freuen, das werde ich nicht vergessen. Ach, Dolgoruki, wozu sich vor anderen maskieren: ich habe mich doch bewußt und freiwillig zu jeder Schändlichkeit bereit erklärt, und sogar zu einer solchen Gemeinheit, daß ich mich schäme, sie vor Ihnen auch nur auszusprechen. Wir sind jetzt zu dem Pockennarbigen übergegangen ... Leben Sie wohl! Ich bin es nicht wert, bei Ihnen zu sitzen.«
»Aber was reden Sie da, Trischatoff, lieber ...«
»Nein, sehen Sie, Dolgoruki: ich bin vor allen Menschen dreist und frech und werde jetzt ein Schlemmerleben anfangen. Bald werde ich einen noch besseren Pelz tragen als früher und nur mit Trabern fahren. Aber bei alledem werde ich im geheimen wissen, daß ich mich bei Ihnen doch nicht hingesetzt habe, weil ich mich noch selbst zu verdammen vermag und weiß, daß ich für Sie zu gemein bin! Diese Erinnerung wird mir noch angenehm sein, wenn ich ehrlos schlemme. Nun leben Sie wohl, leben Sie wohl! Auch die Hand gebe ich Ihnen nicht: nimmt doch selbst eine Alphonsinka nicht mehr meine Hand! Und bitte, kommen Sie mir nicht nach und suchen Sie mich nicht auf -- vergessen Sie nicht unsere Abmachung.«
Damit drehte sich der sonderbare Junge um und ging. Ich hatte im Augenblick wirklich keine Zeit, aber ich nahm mir vor, ihn unbedingt aufzusuchen, sobald ich nur alle die Konflikte beigelegt hätte, in denen ich mich befand ...
Von diesem Vormittag will ich sonst nichts weiter erzählen, obschon sich noch vieles erzählen ließe. Werssiloff war nicht zur Beerdigung erschienen, und ich glaube, man konnte schon aus den Mienen der anderen schließen, daß er auch gar nicht erwartet wurde. Mama betete andächtig und gab sich ganz dem Gebet hin. Am Grabe waren von ihnen nur Tatjana Pawlowna und Lisa. Aber ich wollte ja davon nichts weiter berichten. Nach der Beerdigung fuhren wir alle nach Haus und setzten uns zu Tisch, und wieder schloß ich aus ihren Mienen, daß man ihn auch zu Tisch nicht erwartete. Als wir nach dem Essen aufstanden, ging ich auf Mama zu, umarmte sie herzlich und gratulierte ihr zum Geburtstage; Lisa tat dann dasselbe.
»Höre, Arkadi,« flüsterte mir Lisa heimlich zu, »sie erwarten ihn.«
»Das merke ich, Lisa, das sieht man ihnen an.«
»Er wird auch bestimmt kommen.«
Sie müssen zuverlässige Nachricht haben, dachte ich bei mir und fragte nicht weiter. Wenn ich auch meine Gefühle nicht beschreiben will, so muß ich doch sagen, daß dieses neue Rätsel, trotz meines ganzen frischen Mutes, sich wie ein Stein auf mein Herz wälzte. Wir setzten uns im Wohnzimmer alle zu Mama um den runden Tisch. Oh, wie wohl es mir damals tat, bei ihr zu sein und sie anzusehen! Sie bat mich plötzlich, etwas aus der Bibel vorzulesen. Ich las ein Kapitel aus dem Evangelium Lucä. Sie weinte nicht und war auch nicht einmal sehr traurig, aber ihr Gesicht war mir noch nie so -- hellsichtig und bewußt erschienen. In ihrem stillen Blick leuchtete eine Idee, aber ich konnte es ihr nicht im geringsten ansehen, daß sie mit Bangen etwas erwartete. Das Gespräch spann sich fast von selbst weiter: wir sprachen von dem Verstorbenen, und Tatjana Pawlowna erzählte aus ihrer Erinnerung vieles von ihm, was ich früher nicht gewußt hatte. Und überhaupt, wenn man das aufzeichnen wollte, so fände sich viel Bemerkenswertes! Auch Tatjana Pawlowna schien ihr gewohntes Wesen ganz verändert zu haben: sie war sehr freundlich und vor allen Dingen gleichfalls sehr ruhig, wenn sie auch viel sprach, um Mama zu zerstreuen. Aber eines kleinen Zwischenfalles erinnere ich mich noch gut: Mama saß auf dem Sofa, und auf einem runden Tischchen links vom Sofa lag ein Heiligenbild -- es schien mit Absicht dorthin gelegt zu sein. Es war ein altertümliches Bild auf einer Holztafel und ohne metallene Verkleidung, außer den silbernen Heiligenscheinen über den Häuptern der beiden Heiligen, die dargestellt waren. Dieses Heiligenbild hatte Makar Iwanowitsch gehört, das wußte ich; und ich wußte auch, daß der Verstorbene sich nie von diesem Bilde getrennt und es für wundertätig gehalten hatte. Tatjana Pawlowna sah schon wieder zu dem Bilde hinüber.
»Hör mal, Ssofja,« sagte sie plötzlich, das Gespräch unterbrechend, »sollte man nicht das Heiligenbild, statt es so liegen zu lassen, lieber auf dem Tisch aufstellen -- man kann es ja stützen -- und ein Lämpchen davor anzünden?«
»Nein, es ist besser so, wie es jetzt ist,« sagte Mama.
»Übrigens, du hast recht. So würde es sich gar zu feierlich ausnehmen ...«
Ich begriff damals nicht, um was es sich handelte. Erst später erfuhr ich, daß dieses Heiligenbild von Makar Iwanowitsch schon vor langer Zeit Werssiloff mündlich vermacht worden war; und Mama wollte es ihm jetzt übergeben. Es war inzwischen schon fünf Uhr geworden; wir unterhielten uns ruhig weiter, als ich plötzlich in Mamas Gesicht ein schreckhaftes Zucken bemerkte; sie nahm schnell eine geradere Haltung an und begann zu lauschen, während Tatjana Pawlowna, ohne etwas zu bemerken, weitersprach. Ich sah mich unwillkürlich nach der Tür um, und kurz darauf erblickte ich in ihr -- Andrei Petrowitsch. Er mußte durch die Hintertür und den Korridor gekommen sein. Von uns allen hatte nur Mama seinen leisen Schritt gehört. Die jetzt folgende wahnsinnige Szene werde ich mit aller Ausführlichkeit wiedergeben, jedes Wort und jede Bewegung will ich festzuhalten versuchen. Es war übrigens nur ein kurzer Auftritt.
Zunächst fiel mir in seinem Gesicht nicht die geringste Veränderung auf. Gekleidet war er wie immer, das heißt, beinahe überelegant. In der Hand hatte er einen nicht großen, aber offenbar recht teuren Strauß frischer Blumen. Er trat näher und überreichte ihn mit einem Lächeln Mama; die sah ihn erschrocken und verständnislos an, nahm aber den Strauß, und plötzlich stieg eine leichte Röte in ihre blassen Wangen, und ihre Augen erstrahlten vor Freude.
»Ich wußte es, daß du es so auffassen würdest, Ssonjä,« sagte er.
Da wir bei seinem Eintritt alle aufgestanden waren, nahm er sich, als er an den Tisch trat, Lisas Stuhl, die links neben Mama gesessen hatte, und ohne zu bemerken, daß er einen fremden Platz einnahm, setzte er sich dort hin. So kam er neben dem Tischchen zu sitzen, auf dem das Heiligenbild lag.
»Guten Tag allerseits. Ssonjä, ich wollte dir heute unbedingt diesen Blumenstrauß bringen, an deinem Geburtstag, deshalb bin ich auch nicht zur Beerdigung gekommen, weil ich mit diesem Strauß nicht zu einem Toten kommen konnte. Aber du hast mich ja zur Beerdigung auch gar nicht erwartet, ich weiß es. Und der Alte wird sich über diese Blumen nicht ärgern, er hat uns doch selbst noch Freude vermacht, ist es nicht so? Ich denke, er ist hier irgendwo im Zimmer.«
Mama sah ihn befremdet an. Tatjana Pawlownas Gesicht verzerrte sich für einen Augenblick.
»Wer soll hier im Zimmer sein?« fragte sie.
»Der Verstorbene. Lassen wir das. Sie wissen doch, daß ein Mensch, der an alle diese Wunder nicht vollkommen glaubt, immer am ehesten zu Vorurteilen geneigt ist ... Doch ich werde lieber von den Blumen sprechen -- ich verstehe nicht, wie ich den Strauß heil und ganz hergebracht habe. Unterwegs hat mich mindestens dreimal die Lust angewandelt, ihn in den Schnee zu schleudern und mit dem Fuß zu zertreten.«
Mama zuckte zusammen.
»Ich hatte die größte Lust dazu. Hab' Mitleid mit mir, Ssonjä, und mit meinem armen Kopf. Die Lust dazu hatte ich, weil er so schön war. Gibt es ein schöneres Ding auf der Welt als solche Blumen? Ich trage sie, und ringsum ist Schnee und Kälte. Unsere Kälte und Blumen -- was für ein Gegensatz! Übrigens, das war es nicht, was ich sagen wollte: ich hatte einfach Lust, den Strauß zu zerdrücken, zu vernichten, weil er so schön war. Ssonjä, ich werde jetzt wieder verschwinden, aber ich werde sehr bald zurückkehren, denn ich glaube, ich werde -- mich zu -- fürchten anfangen. Und wenn ich Furcht bekomme -- wer wird mich dann von meiner Angst erlösen, wo finde ich dann einen Engel wie Ssonjä? ... Was ist das da für ein Heiligenbild? Ach so, das vom Verstorbenen, ich erinnere mich. Es war sein Erbstück, vom Großvater; er hat sich ja sein Lebtag nicht von ihm getrennt, ich weiß, ich erinnere mich; er hat es mir vermacht, ich erinnere mich noch sehr gut ... ich glaube, es ist ein Bild von den Altgläubigen ... laßt doch mal sehen.«
Er nahm das Heiligenbild in die Hand, hielt es näher zum Licht und prüfte es aufmerksam, doch schon nach wenigen Sekunden legte er es auf den Tisch vor sich hin. Ich wunderte mich, denn alle diese sonderbaren Worte sagte er so unvermittelt, daß ich eigentlich noch nichts begreifen konnte. Ich weiß nur noch, daß ein krankhafter Schreck mein Herz ergriff. Mamas anfänglicher Schrecken dagegen wurde zu einem Nichtverstehenkönnen und dann zu Mitleid; sie sah in ihm vor allem den unglücklichen Menschen -- war es doch auch früher schon vorgekommen, daß er fast ebenso sonderbar gesprochen hatte wie jetzt. Lisa wurde auf einmal sehr bleich und nickte mir mit einem seltsamen Blick auf ihn zu. Doch mehr noch als wir alle schien Tatjana Pawlowna erschrocken zu sein.
»Aber was haben Sie denn, bester Andrei Petrowitsch?« fragte sie vorsichtig.
»Wirklich, ich weiß es selbst nicht, liebe Tatjana Pawlowna, was mit mir ist. Erschrecken Sie nur nicht, ich weiß noch, daß Sie Tatjana Pawlowna sind, und daß Sie lieb und gut sind. Ich bin ja ... einstweilen ... nur für einen Augenblick hergekommen; ich wollte Ssonjä etwas Gutes sagen und suche vergeblich nach so einem Wort, wenn auch mein Herz voll ist von Worten, die ich nicht auszusprechen verstehe; wirklich, es sind lauter so sonderbare Worte. Wissen Sie, mir ist so, als ob ich mich gleichsam spaltete,« sagte er und sah uns alle mit einem furchtbar ernsten Gesicht und mit aufrichtigem Mitteilsamkeitsbedürfnis an. »Wirklich, ich spalte mich geistig und habe eine schreckliche Angst davor. Es ist, als stünde neben mir mein Doppelgänger; man ist selbst noch klug und vernünftig, jener andere aber neben einem will unbedingt irgendeine Sinnlosigkeit begehen; manchmal sogar etwas sehr Lustiges; und plötzlich wird man gewahr, daß man selbst derjenige ist, der dieses Lustige begehen will. Man will es Gott weiß weshalb, man will es, ohne es zu wollen, man sträubt sich aus allen Kräften dagegen und will es doch mit aller Gewalt. Ich habe einen Arzt gekannt, der bei der Beerdigung seines Vaters in der Kirche plötzlich zu pfeifen anfing. Glaubt mir, ich hatte Angst, heute zur Beerdigung zu kommen, weil sich meiner die Überzeugung bemächtigt hatte, ich weiß nicht, aus welchem Grunde, daß auch ich in der Kirche zu pfeifen oder zu lachen anfangen würde, ganz wie jener unglückliche Arzt, der traurig genug endete ... Ich weiß wirklich nicht, weshalb mir heute immer wieder dieser Arzt einfällt; so oft, daß ich von ihm gar nicht mehr loskommen kann. Weißt du, Ssonjä, da habe ich wieder dieses Heiligenbild genommen« (er hielt es schon und wendete es in den Händen hin und her), »und weißt du, ich habe jetzt, gerade in diesem Augenblick, in dieser Sekunde die größte Lust, es an den Ofen zu schleudern, an jene Ecke da. Ich bin überzeugt, daß es sich auf einen Hieb in zwei Teile spalten wird, gerade in zwei -- nicht mehr und nicht weniger!«
Das sonderbarste war dabei, daß er das ohne eine Spur von Verstellung und ganz ohne Herausforderung sagte; er sprach ganz wie gewöhnlich; aber um so schrecklicher wirkte es; und ich glaube, er hatte in der Tat furchtbare Angst vor irgend etwas; ich bemerkte plötzlich, daß seine Hände ein wenig zitterten.
»Andrei Petrowitsch!« schrie Mama auf und schlug die Hände zusammen.
»Laß, laß das Bild, Andrei Petrowitsch, laß es, leg es hin!« rief Tatjana Pawlowna, die schon aufgesprungen war. »Kleide dich aus und leg dich ins Bett. Arkadi, zum Arzt!«
»Aber ... warum regt ihr euch denn auf?« fragte er leise und sah uns alle der Reihe nach forschend an. Dann stützte er plötzlich beide Ellbogen auf den Tisch und preßte die Stirn in die Hände.
»Ich ängstige euch, aber ich habe eine Bitte, meine Freunde: unterhaltet mich ein wenig, setzt euch wieder hin und beruhigt euch alle -- wenigstens auf einen Augenblick! Ssonjä, ich bin ja nicht deshalb gekommen, um das zu sagen; ich kam allerdings, um etwas mitzuteilen, aber etwas ganz anderes. Leb wohl, Ssonjä, ich gehe wieder auf die Wanderschaft, wie ich schon mehrmals von dir gegangen bin ... Nun und natürlich werde ich einmal wieder zu dir zurückkehren -- in diesem Sinne bist du ja mein Schicksal. Zu wem sollte ich denn auch sonst gehen, wenn alles zu Ende ist? Glaube mir, Ssonjä, ich bin jetzt zu dir gekommen, wie zu einem Engel und durchaus nicht wie zu einem Feinde: was wärest du mir denn für ein Feind, ja, was für ein Feind? Glaube auch nicht, daß ich gekommen bin, um dieses Heiligenbild zu zerschlagen, aber weißt du, Ssonjä, ich habe doch Lust, es zu zerschlagen ...«
Als Tatjana Pawlowna vorhin ausgerufen hatte: »Laß das Bild, leg es hin!« -- da hatte sie es ihm entwunden und in ihrer Hand behalten. Plötzlich aber, bei seinem letzten Wort, sprang er auf, entriß es ihr im Augenblick, holte jähzornig aus und schleuderte es aus aller Kraft an die Ecke des Kachelofens. Das Heiligenbild zersprang in genau zwei Stücke ... Da wandte er sich hastig zu uns, sein bleiches Gesicht wurde rot, fast purpurrot, und jeder Nerv seines Gesichts bebte und zuckte.
»Faß es nicht als Sinnbild auf, Ssonjä, ich habe nicht Makars Vermächtnis zerschlagen, sondern nur so ... um zu zerschlagen ... Zu dir werde ich ja doch zurückkehren, -- als zu meinem letzten Engel! oder übrigens -- faß es meinetwegen auch als Sinnbild auf; denn das war es doch nun einmal, unbedingt! ...«
Und plötzlich ging er schnell aus dem Zimmer und verließ das Haus -- wieder durch die andere Tür (sein Pelz und seine Mütze waren an jenem Ende des Korridors geblieben). Ich will nicht ausführlich schildern, was mit Mama geschah: zu Tode erschrocken und mit erhobenen Händen stand sie wie erstarrt da, bis sie -- jäh zu sich kam und ihm nachrief:
»Andrei Petrowitsch, so laß uns doch wenigstens Abschied nehmen, Liebster!«
»Er wird schon kommen, Ssofja, er wird schon kommen! Sei unbesorgt!« schrie Tatjana Pawlowna in einem furchtbaren Haßanfall, zitternd vor Empörung, vor geradezu tierischer Wut. »Du hast doch gehört, er versprach ja wiederzukommen! Laß nur den Narren noch zum letzten Male spazieren gehen! Wenn er dann alt wird -- wer wird ihn als Gichtlahmen dann noch pflegen außer dir, seiner alten Pflegerin? So hat er's ja selber erklärt, hat sich ja nicht mal geschämt ...«
Lisa war ohnmächtig geworden.
Ich selbst wollte ihm nachlaufen.
Aber dann eilte ich zu Mama, umfaßte sie und hielt sie in meinen Armen.
Lukerja kam herbeigelaufen und brachte ein Glas Wasser für Lisa.
Mama kam bald wieder zu sich, sank auf das Sofa, bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte.
»Aber ... ja aber ... so lauf ihm doch nach!« rief plötzlich Tatjana Pawlowna laut, wie wenn sie jetzt erst zur Besinnung käme. »So lauf doch, hol ihn ein, lauf, geh ihm nicht von der Seite, so geh doch, lauf, lauf ihm nach!« und sie suchte mich mit Gewalt von Mama loszureißen. »Ach, dann laufe ich doch selber!«
»Arkascha, ja, ach, lauf ihm schnell nach!« rief plötzlich auch Mama.
Da lief ich denn Hals über Kopf hinaus, gleichfalls durch die Küchentür und über den Hof; aber er war schon nicht mehr zu sehen. In der Ferne sah ich auf den Fußsteigen schwarze Gestalten gehen; ich lief ihnen nach und sah im Vorüberlaufen jedem ins Gesicht. So lief ich bis zur Straßenkreuzung.
»Über Irrsinnige ärgert man sich doch nicht,« dachte ich flüchtig, »Tatjana Pawlowna aber wurde doch vor Ärger so wild auf ihn, -- folglich ist er gar nicht irrsinnig ...«
Ich hatte das Gefühl, daß seine Tat dennoch ein Sinnbild gewesen war, und daß er unbedingt mit irgend etwas ein Ende habe machen wollen, ein Ende, wie mit diesem Heiligenbilde, und zwar so, daß wir es sähen, wir, Mama und Alle. Aber auch der »Doppelgänger« war sicherlich neben ihm gewesen; daran war gewiß nicht zu zweifeln ...
III.
Er war aber nirgendwo zu sehen, und ich wußte nicht, wo ich ihn suchen sollte: daß er geradeswegs in seine Wohnung gegangen wäre, war kaum anzunehmen. Plötzlich kam mir ein Gedanke, und ich lief schnurstracks zu Anna Andrejewna.
Anna Andrejewna war schon zurückgekehrt, und ich wurde sogleich zu ihr gebeten. Ich nahm mich nach Möglichkeit zusammen, während ich hineinging. Ohne mich zu setzen, erzählte ich ihr, was vorgefallen war, also das von dem »Doppelgänger«. Niemals werde ich ihr jene gespannte, aber mitleidslos ruhige und selbstsichere Neugier, mit der sie mich gleichfalls stehend anhörte, vergessen oder gar verzeihen.
»Wo kann er jetzt sein? Vielleicht wissen Sie es?« schloß ich schroff. »Tatjana Pawlowna hat mich gestern zu Ihnen geschickt ...«
»Ich ließ Sie schon gestern zu mir bitten. Gestern war er in Zarskoje Sselo und war auch bei mir. Jetzt aber« (sie sah nach der Uhr), »da es schon sieben ist ... wird er bestimmt bei sich zu Hause sein.«
»Ich sehe, daß Sie alles wissen -- also sagen Sie, sagen Sie mir auch alles!« rief ich.
»Ich weiß vieles, aber nicht alles. Ihnen brauche ich wohl nichts zu verheimlichen ...« Sie maß mich mit einem sonderbaren Blick, dabei lächelnd und gleichsam erwägend. »Gestern früh hat er Katerina Nikolajewna, als Antwort auf ihren Brief, in aller Form einen Heiratsantrag gemacht.«
»Das -- ist nicht möglich!« Ich starrte sie an.
»Der Brief ging durch meine Hände; ich selbst habe ihr den Brief uneröffnet übergeben. Diesmal hat er >ritterlich< gehandelt und mir nichts verheimlicht.«
»Anna Andrejewna, ich verstehe kein Wort!«
»Es ist allerdings schwer zu verstehen ... diese Handlungsweise erinnert an einen Spieler, der sein letztes Goldstück auf den Tisch wirft und dabei schon den Revolver schußbereit in der Tasche hält -- so ungefähr ist auch sein Heiratsantrag aufzufassen. Von zehn Möglichkeiten sprechen neun dafür, daß sie seinen Antrag nicht annimmt; aber auf diese eine zehnte Möglichkeit rechnet er doch noch, und ich muß sagen, das ist sogar sehr -- interessant! Meiner Ansicht nach ... übrigens ... übrigens kann hier auch wieder so eine Anwandlung mitgespielt haben, eben jener >Doppelgänger<, wie Sie das soeben so treffend ausgedrückt haben ...«
»Und Sie lachen noch? Und wie soll ich glauben, daß Sie den Brief übergeben haben? Sie sind doch -- die Braut ihres Vaters? Foltern Sie mich nicht, Anna Andrejewna!«
»Er bat mich, mein Schicksal seinem Glück zu opfern, oder vielmehr gebeten hat er darum gerade nicht: es wurde ziemlich schweigsam abgetan, ich las das alles nur in seinen Augen. Mein Gott, wozu sich darüber wundern: ist er denn nicht nach Königsberg gereist, um sich von Ihrer Mutter die Zustimmung zu seiner Heirat mit Madame Achmakoffs Stieftochter zu holen? Das sieht dem doch wieder sehr ähnlich, daß er mich gestern zu seiner Vertrauten und Abgesandten erkor.«
Sie war ein wenig bleich. Aber ihr Sarkasmus war nur ein Mittel, um ihre Ruhe zu bewahren. Oh, ich verzieh ihr damals viel, als ich so nach und nach das Ganze erfaßte. Eine Minute lang überlegte ich; sie schwieg und wartete.
»Wissen Sie,« sagte ich plötzlich lachend, »Sie haben den Brief ja nur deshalb überbracht, weil er für Sie nicht die geringste Gefahr bedeutete, denn zu dieser Heirat wird es doch nie und nimmer kommen! Aber er? Und schließlich auch sie? Selbstverständlich wird sie ihn mit seinem Antrag abweisen, und dann ... was wird dann geschehen? Wo ist er jetzt, Anna Andrejewna?« rief ich, »jetzt ist jede Minute wertvoll, jede Minute kann ein Unglück geschehen!«
»Er ist jetzt bei sich in seiner Wohnung, wie ich Ihnen schon sagte. In seinem gestrigen Brief an Katerina Nikolajewna, den ich überbrachte, bat er sie auf jeden Fall, also unabhängig von ihrer Antwort, um eine Zusammenkunft in seiner Wohnung heute um sieben Uhr abends. Sie hat zugesagt.«
»Sie in seiner Wohnung? Wie ist das möglich?«
»Warum denn nicht? Die Wohnung gehört ja Darja Onissimowna; da können sie sich doch sehr gut als ihre Gäste bei ihr treffen ...«
»Aber sie fürchtet sich vor ihm ... er kann sie umbringen!«
Anna Andrejewna lächelte nur.
»Katerina Nikolajewna hat trotz ihrer ganzen Furcht vor ihm, die auch ich an ihr bemerkt habe, doch immer eine gewisse Ehrfurcht und Bewunderung für die Vornehmheit seiner Grundsätze und für seinen idealen Verstand gehegt. Sie hat jetzt zugesagt, um ihm ihr Vertrauen zu beweisen, und um der Sache ein für allemal ein Ende zu machen. In seinem Brief aber hat er ihr feierlich sein Ehrenwort gegeben, daß sie nichts zu fürchten hätte ... Ich entsinne mich nicht mehr genau der Ausdrücke, aber jedenfalls hat sie ihm darauf mit ihrem Vertrauen geantwortet ... und da es doch das letztemal sein soll ... jedenfalls beruhte ihre Antwort auf den edelsten Gefühlen. Es war da beiderseits ein gewisser ritterlich heroischer Wettstreit, wenn Sie wollen.«
»Aber der Doppelgänger, sein Doppelgänger!« rief ich, »er ist doch wahnsinnig geworden!«
»Als Katerina Nikolajewna gestern in diese Zusammenkunft einwilligte, hat sie mit der Möglichkeit eines solchen Zwischenfalles wahrscheinlich nicht gerechnet,« meinte Anna Andrejewna.
Ich drehte mich plötzlich um und lief aus dem Zimmer -- zu ihm, zu ihm, selbstverständlich! Aber aus dem Vorsaal kehrte ich noch einmal auf eine Sekunde zu ihr zurück.
»Das ist es wohl gerade, was Sie brauchen, daß er sie totschlägt!« rief ich ihr ins Gesicht und rannte aus dem Hause.
Obgleich ich am ganzen Körper wie im Fieber zitterte, betrat ich die Wohnung leise und behutsam, durch die Küchentür, und bat flüsternd, Darja Onissimowna zu mir herauszurufen -- aber da kam sie schon in die Küche und sah mich wortlos mit gespannt forschendem Blick an.
»Er ... er ist nicht zu Hause.«
Aber ich flüsterte ihr schnell und ohne Umschweife zu, daß ich alles wisse, Anna Andrejewna hätte mir alles gesagt, und ich käme geraden Weges von ihr.
»Darja Onissimowna, wo sind sie?«
»Sie sind im Saal, dort, wo Sie vorgestern saßen, am Tisch ...«
»Darja Onissimowna, lassen Sie mich hinein!«
»Aber wie kann ich denn das!«
»Nicht dorthin, aber in das Nebenzimmer. Darja Onissimowna, das ist vielleicht Anna Andrejewnas Wunsch ... Sonst hätte sie mir doch nicht gesagt, daß sie hier sind. Sie werden mich ja nicht sehen ... und Anna Andrejewna will es ja selbst ...«
»Aber wenn sie es nicht will?« Darja Onissimownas Blick wich nicht von mir und sog sich förmlich hinein in meine Augen.
»Darja Onissimowna, ich werde Ihre Olä nie vergessen ... lassen Sie mich hinein!«
Da fingen ihre Lippen und ihr Kinn plötzlich zu zittern an.
»Liebling, dann um Oläs willen ... für dein gutes Herz ... Aber verlaß nicht Anna Andrejewna, Liebling! Wirst du sie nicht verlassen, was? Wirst du sie nicht verlassen?«
»Nein, nein, ich werde sie nicht verlassen!«
»Dann gib mir noch dein heiliges Ehrenwort, daß du nicht zu ihnen hineinrennen und auch nicht losschreien wirst, wenn ich dich hinführe?«
»Mein Ehrenwort, Darja Onissimowna!«
Sie faßte mich am Rock, führte mich leise in ein dunkles Zimmer, das an jenes stieß, in dem sie saßen, führte mich unhörbar auf dem weichen Teppich zur Tür, schob mich dicht an den zugezogenen Vorhang, den sie vorsichtig ein wenig zur Seite bog, und zeigte mir die beiden.
Ich blieb da, sie schlich zurück. Selbstverständlich blieb ich. Ich war mir vollkommen bewußt, daß ich horchte, daß ich ein fremdes Geheimnis belauschte, aber ich blieb. Wie sollte ich denn nicht bleiben! Und der Doppelgänger? Hatte er doch schon vor meinen Augen das Heiligenbild zertrümmert!
IV.
Sie saßen sich gegenüber, an demselben Tisch, an dem wir am Abend vorher auf seine »Auferstehung« getrunken hatten. Ich konnte ihre Gesichter deutlich sehen. Sie war in einem schlichten schwarzen Kleide, schön und anscheinend so ruhig wie immer. Er sprach, und sie hörte ihm mit größter und zuvorkommender Aufmerksamkeit zu. Vielleicht konnte man ihr doch eine gewisse Ängstlichkeit ansehen. Er aber war ungemein angeregt. Was ich vernahm, war mir zunächst vollkommen unklar, da ich den Anfang des Gesprächs nicht gehört hatte. Auf einmal fragte sie:
»Und ich war die Ursache?«
»Nein, die Ursache war ich,« erwiderte er, »Sie sind nur -- unschuldig schuldig. Sie wissen doch, daß man unschuldig schuldig sein kann? Es ist das die allerunverzeihlichste Schuld und zieht fast immer Strafe nach sich,« flocht er in sonderbar lachendem Tone ein. »Ich habe mir doch eine Weile lang tatsächlich eingebildet, ich hätte Sie ganz vergessen und lachte nur noch über meine törichte Leidenschaft ... aber das wissen Sie ja. Und was geht mich dieser Mensch an, den Sie da heiraten wollen? Ich habe Ihnen gestern einen Antrag gemacht, verzeihen Sie mir das, es war eine Sinnlosigkeit, und doch wüßte ich sie durch nichts zu ersetzen ... Was hätte ich denn tun können außer dieser Sinnlosigkeit? Ich wüßte nichts ...«
Er lachte ein verlorenes Lachen nach diesen Worten. Auf einmal sah er sie an. Bis dahin hatte er beim Sprechen immer zur Seite gesehen. Wenn ich an ihrer Stelle gewesen wäre -- dieses Lachen hätte mich erschreckt, das fühlte ich. Dann stand er plötzlich auf.
»Sagen Sie, wie haben Sie darauf eingehen können, hierherzukommen?« fragte er auf einmal, als wäre ihm die Hauptsache plötzlich wieder eingefallen. »Diese Aufforderung meinerseits und mein ganzer Brief -- war eine vollkommene Sinnlosigkeit ... Warten Sie, ich kann mir schließlich selbst denken, wie es zu erklären ist, daß Sie einwilligten, zu kommen, aber ... zu welchem Zweck Sie gekommen sind -- das ist die Frage! Oder sollten Sie wirklich nur aus Furcht gekommen sein?«
»Ich bin gekommen, um Sie zu sehen,« sagte sie, während sie ihn mit schüchterner Vorsicht wie wartend ansah.
Beide schwiegen vielleicht eine halbe Minute lang. Werssiloff nahm wieder seinen Platz auf seinem Stuhl ein und begann mit verhaltener, aber ergriffener, fast bebender Stimme:
»Ich habe Sie so unendlich lange nicht gesehen, Katerina Nikolajewna, so lange nicht, daß ich fast schon für unmöglich gehalten habe, jemals wieder bei Ihnen sitzen, Ihr Gesicht sehen, Ihre Stimme hören zu können ... Zwei Jahre haben wir uns nicht gesehen, zwei Jahre nicht gesprochen. Daß ich Sie noch einmal sprechen würde, hätte ich gar nicht mehr gedacht. Nun, gut, was vergangen ist -- ist vergangen, und was ist -- das wird morgen verschwunden sein, wie Rauch, -- nun gut! Ich bin damit einverstanden, denn ich wüßte wieder nicht, wie es sich anders machen ließe, aber gehen Sie jetzt nicht so fort, seien Sie nicht umsonst gekommen,« stieß er plötzlich fast flehend hervor. »Wenn Sie schon ein Almosen geben, wenn Sie schon gekommen sind -- so seien Sie wenigstens nicht umsonst gekommen, antworten Sie mir nur auf eine Frage!«
»Auf welche Frage?«
»Wir werden uns ja nie mehr sehen -- und was macht es Ihnen denn aus? Sagen Sie mir die Wahrheit, nur einmal für alle Ewigkeit, antworten Sie auf eine Frage, die kluge Leute niemals stellen: Haben Sie mich wenigstens einmal geliebt, oder habe ich ... mich getäuscht?«
Sie wurde feuerrot.
»Ich habe Sie geliebt,« sagte sie.
»Das hatte ich erwartet, daß Sie so antworten würden, -- oh, du Aufrichtige, du Innige, du Ehrliche!«
»Und jetzt?« fuhr er fort.
»Jetzt liebe ich Sie nicht.«
»Und lachen?«
»Nein, ich lächelte jetzt nur unwillkürlich, weil ich im voraus wußte, daß Sie fragen würden: >Und jetzt?< Ich lächelte, weil man immer unwillkürlich lächelt, wenn etwas gesagt wird, worauf man schon gefaßt war ...«
Mir wurde ganz sonderbar zumute: ich hatte sie noch nie so auf der Hut, so vorsichtig, ja fast sogar schüchtern und zugleich so verwirrt gesehen. Er umspannte sie mit seinem Blick.
»Ich weiß, daß Sie mich nicht lieben ... und -- lieben Sie mich wirklich nicht?«
»Vielleicht -- wirklich nicht. Nein, ich liebe Sie nicht,« fügte sie plötzlich fest hinzu, diesmal ohne zu lächeln und ohne zu erröten. »Ich habe Sie geliebt, ja, aber nicht lange. Ich habe damals sehr bald aufgehört, Sie zu lieben.«
»Ich weiß, ich weiß, Sie erkannten, daß es nicht das war, was Sie brauchen, aber ... was ist es denn, was Sie brauchen? Erklären Sie mir das noch einmal ...«
»Habe ich es Ihnen denn schon einmal erklärt? Was ich brauche? Ja ich -- bin doch eine ganz gewöhnliche Frau; ich bin eine ruhige Frau, ich liebe ... ich liebe heitere Menschen.«
»Heitere?«
»Da sehen Sie, wie ich mit Ihnen nicht einmal zu sprechen verstehe. Ich glaube, wenn Sie mich weniger liebten, dann würde ich Sie lieben,« sagte sie wieder mit einem schüchternen Lächeln.
In ihrer Antwort lag die vollkommenste Aufrichtigkeit, -- sollte sie wirklich nicht gewußt haben, daß ihre Antwort die endgültigste Formel für ihr Verhältnis war, eine Formel, die alles erklärte und entschied? Oh, wie er das hätte verstehen müssen! Aber er sah sie an und lächelte sonderbar.
»Ist Bjoring ... ein heiterer Mensch?« fuhr er fort zu fragen.
»Oh, er braucht Sie nicht im geringsten zu beunruhigen,« antwortete sie mit einer gewissen Hast. »Ich heirate ihn nur deshalb, weil ein Leben mit ihm für mich am ruhigsten sein wird. Meine Seele behalte ich dann für mich.«
»Sie sollen ja, wie man hört, wieder Geschmack an der Gesellschaft, an der glänzenden Welt finden?«
»Nicht an der Gesellschaft. Ich weiß, daß in unserer Gesellschaft dieselbe Unordnung ist wie überall; aber ihre Formen sind wenigstens äußerlich gefällig, und deshalb ist es, wenn man schon ein Leben lebt, das nur ein Vorübergehen ist, doch besser, in ihr zu leben als sonstwo.«
»Ich höre neuerdings oft das Wort >Unordnung< gebrauchen. Sie sind damals wohl auch vor meiner Unordnung zurückgeschreckt, vor meinen Fesseln, meinen Ideen, meinen Torheiten?«
»Nein, das war doch nicht -- ganz so ...«
»Sondern? Ich beschwöre Sie, sagen Sie alles ganz offen.«
»Nun gut, ich werde es Ihnen ganz offen sagen, weil ich Sie für so unendlich klug halte: mir ... mir ist an Ihnen immer irgend etwas lächerlich erschienen.«
Kaum hatte sie das gesagt, als sie plötzlich rot wurde, ganz als hätte sie selbst gemerkt, daß sie eine ungeheure Unvorsichtigkeit begangen hatte.
»Sehen Sie, für das, was Sie mir jetzt gesagt haben, kann ich Ihnen viel verzeihen,« antwortete er sonderbar.
»Ich habe noch nicht zu Ende gesprochen,« beeilte sie sich, hinzuzufügen und errötete dabei noch mehr. »Ich wollte vielmehr sagen, daß ich die Lächerliche bin ... schon deshalb, weil ich wie eine Törin mit Ihnen spreche.«
»Nein, Sie sind nicht lächerlich, Sie sind nur -- eine verderbte Weltdame!« sagte er erbleichend und unheimlich. »Auch ich habe vorhin nicht zu Ende gesprochen, als ich Sie fragte, zu welchem Zweck Sie gekommen sind. Wollen Sie, daß ich es jetzt ausspreche? Es gibt einen Brief, ein Dokument, und das macht Sie erzittern, denn Sie wissen, daß Ihr Vater, wenn dieser Brief in seine Hände käme, Sie schon bei Lebzeiten verstoßen und in seinem Testament enterben könnte. Sie fürchten sich vor dieser Möglichkeit, und sind ... dieses Briefes wegen gekommen,« sagte er, am ganzen Leibe bebend und fast zähneklappernd.
Sie hörte ihn mit schmerzlichem und traurig bangem Gesichtsausdruck an.
»Ich weiß, daß Sie mir eine Menge Unannehmlichkeiten bereiten können,« sagte sie, seine Worte gleichsam zurückweisend, »aber ich bin weniger deshalb gekommen, um Sie zu bitten, mich in Ruhe zu lassen, als ... um Sie selbst wiederzusehen. Ich habe sogar schon lange gewünscht, von mir aus gewünscht, Sie zu sehen. Aber ich habe Sie unverändert als den wiedergefunden, der Sie früher waren,« fügte sie plötzlich hinzu, wie fortgerissen von einem bestimmten und ausschlaggebenden Gedanken und sogar wie von einem sonderbaren plötzlichen Gefühl.
»Und Sie hatten einen anderen zu finden gehofft? Und das -- nach meinem Brief, in dem ich Ihnen von Ihrer Verderbtheit geschrieben hatte? Sagen Sie: sind Sie ganz ohne Furcht hierhergekommen?«
»Ich bin gekommen, weil ich Sie früher geliebt habe; und ich bitte Sie: drohen Sie mir nicht, bitte nicht, und mit nichts, wenigstens so lange nicht, wie wir jetzt beisammen sind, -- erinnern Sie mich nicht an meine häßlichen Gedanken und Gefühle. Wenn Sie mit mir von etwas anderem sprechen könnten, wäre ich sehr froh. Mit den Drohungen kommen Sie meinetwegen später, hier aber lassen Sie uns von anderem sprechen ... Ich bin wirklich nur gekommen, um Sie einen Augenblick zu sehen und zu hören. Nun, und wenn Sie das nicht können, so töten Sie mich meinetwegen, aber -- drohen Sie mir nicht und peinigen Sie sich nicht selbst vor meinen Augen!« schloß sie und sah ihn in einer sonderbaren Erwartung an, ganz als hätte sie wirklich geglaubt, er könne sie töten.
Er erhob sich wieder von seinem Stuhl, sah sie mit heißem Blick an und sagte fest:
»Es wird Ihnen hier nicht das Geringste widerfahren.«
»Ach ja, Ihr Ehrenwort!« sagte sie lächelnd.
»Nein, nicht nur deshalb, weil ich Ihnen im Brief mein Ehrenwort gegeben habe, sondern weil ich ... die ganze Nacht an Sie denken will und werde ...«
»Um sich selbst zu quälen?«
»Wenn ich allein bin, stelle ich mir immer -- Sie vor. Immer! Ich tue nichts anderes als mit Ihnen sprechen! Ich ziehe mich in meine Höhlen, in meine Schlupfwinkel zurück -- und sofort erscheinen Sie vor meinen Augen! Aber Sie lachen immer über mich, ganz wie jetzt ...«
Er sagte das wie außer sich.
»Niemals, niemals habe ich über Sie gelacht!« rief sie erschüttert und wie in tiefstem Mitleiden, das im Ausdruck ihres Antlitzes deutlich sichtbar wurde. »Wenn ich gekommen bin, so habe ich doch alles getan, um es so zu machen, daß es für Sie unter keinen Umständen kränkend sein könnte,« sagte sie plötzlich. »Ich bin hergekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich Sie beinahe liebe ... Verzeihen Sie, ich habe mich vielleicht nicht so ausgedrückt,« fügte sie schnell hinzu.
Er begann zu lachen.
»Warum verstehen Sie nicht, sich zu verstellen? Warum sind Sie -- eine solche Einfalt, warum sind Sie nicht so wie alle ... Wie kann man denn einem Menschen, dem man einen Korb gibt, sagen: >Beinahe liebe ich Sie<?«
»Ich habe mich nur nicht auszudrücken verstanden,« beeilte sie sich zu erklären. »Ich habe das nicht so sagen wollen; das kommt nur daher, weil ich mich in Ihrer Gegenwart immer befangen fühle und dann nicht zu sprechen verstehe; das ist schon von unserer ersten Begegnung an so gewesen. Aber wenn meine Worte auch nicht ganz richtig gewählt waren -- daß ich Sie >beinahe liebe< -- so ist es dem Sinne nach doch beinahe so, -- nur deswegen habe ich es überhaupt auszudrücken versucht. Ich liebe Sie mit so einer ... eben mit so einer allgemeinen Liebe, mit der man alle liebt, und die einzugestehen man sich niemals schämt ...«
Er hörte sie schweigend an, ohne seinen brennenden Blick auch nur einmal von ihr abzuwenden.
»Ich beleidige Sie natürlich,« fuhr er außer sich fort. »Es muß in der Tat das sein, was man Leidenschaft nennt ... Ich weiß nur, daß es mit mir aus ist, wenn Sie bei mir sind, und ohne Sie gleichfalls! Aber gleichviel ob ich ohne Sie oder mit Ihnen bin, wo Sie auch sein mögen -- Sie sind immer bei mir. Ich weiß, daß ich Sie auch sehr hassen kann, mehr noch als lieben. Übrigens, ich denke schon lange über nichts mehr nach -- mir ist alles gleich. Es tut mir nur leid, daß ich eine solche Frau zu lieben angefangen habe wie Sie ...«
Seine Stimme versagte; er fuhr atemlos fort.
»Was haben Sie? Sie finden es wohl ungezogen, daß ich so spreche?« Er lächelte, doch sein Gesicht war bleich. »Ich glaube, ich könnte, wenn Sie nur dadurch zu erringen wären, dreißig Jahre lang als Säulenheiliger auf einem Fuße stehen! ... Ich sehe, ich tue Ihnen leid, Ihr Gesicht sagt: >Ich würde dich ja lieben, wenn ich könnte, aber ich kann nicht< ... Ist es nicht so? Tut nichts, ich habe keinen Stolz mehr. Ich bin bereit, wie ein Bettler jedes Almosen von Ihnen anzunehmen -- hören Sie: jedes! ... Was kann denn auch ein Bettler für einen Stolz haben?«
Sie erhob sich und trat an ihn heran.
»Mein Freund!« sagte sie mit unaussprechlichem Gefühl in ihrem Gesicht und berührte mit der Hand seine Schulter. »Ich kann solche Worte nicht hören! Ich werde mein lebelang an Sie denken als an einen mir teuren, einen wertvollen Menschen, als an das größte Menschenherz, das schlägt, als an etwas Heiliges, das ich achten und lieben kann. Andrei Petrowitsch, verstehen Sie mich recht: aus irgendeinem Grunde bin ich doch heute hergekommen, Sie lieber, mir sowohl damals wie auch jetzt lieber Mensch! Ich werde nie vergessen, wie Sie bei unseren ersten Begegnungen meinen Verstand erschüttert und mich aufgerüttelt haben. Lassen Sie uns als Freunde scheiden, und Sie werden für mich mein ganzes Leben lang der ernsteste und teuerste Gedanke sein.«
»>Scheiden wir, und dann werde ich Sie lieben; ich werde Sie lieben -- nur scheiden wir.< Hören Sie,« sagte er, und sein Gesicht war bleich, »schenken Sie mir noch ein Almosen: lieben Sie mich nicht, leben Sie nicht mit mir, wir wollen uns nie sehen, aber wenn Sie mich rufen, werde ich Ihr Sklave sein, und werde sofort verschwinden, wenn Sie mich nicht sehen und hören wollen, nur ... nur heiraten Sie keinen anderen!«
Mein Herz krampfte sich bis zur Pein zusammen, als ich diese Worte hörte. Diese naiv erniedrigende Bitte klang so mitleiderregend, traf so tief ins Innerste, weil sie so nackt und unmöglich war. Ja, in der Tat, er bat um ein Almosen! Konnte er denn wirklich glauben, daß sie darauf eingehen werde? Er erniedrigte sich bis zum Versuch! Er bat versuchsweise! Diese tiefste Stufe der Mutlosigkeit war das Unerträgliche! Jeder Zug ihres Gesichts verzerrte sich plötzlich vor Schmerz; aber noch bevor sie ein Wort sagen konnte, kam er schon zur Besinnung.
»Ich werde Sie vernichten!« sagte er plötzlich mit einer sonderbaren, entstellten Stimme, die gar nicht wie seine Stimme war.
Aber auch sie antwortete ihm sonderbar und gleichfalls wie mit einer fremden, unerwarteten Stimme.
»Und wenn ich Ihnen dies Almosen schenkte,« sagte sie entschlossen, »so würden Sie sich ja noch viel schlimmer an mir rächen, als Sie jetzt drohen, denn Sie würden es nie vergessen, daß Sie als so ein Bettler vor mir gestanden haben ... Ich kann Drohungen von Ihnen nicht anhören!« schloß sie fast mit Unwillen und sah ihn herausfordernd an.
»>Drohungen von Ihnen<, das heißt: von so einem Bettler! Es war nur ein Scherz von mir,« sagte er leise und lächelte. »Ich werde Ihnen nichts antun, fürchten Sie sich nicht, gehen Sie ... und was jenes Dokument betrifft, so werde ich alles tun, um es Ihnen zu verschaffen, ich werde es Ihnen zusenden -- nur gehen Sie jetzt, gehen Sie! Ich habe Ihnen einen törichten Brief geschrieben, Sie aber haben auf den törichten Brief geantwortet und sind gekommen -- wir sind quitt. Nicht hier -- dort ist der Ausgang,« sagte er und wies auf die richtige Tür (sie wollte durch das Zimmer gehen, in dem ich hinter der Portiere stand).
»Verzeihen Sie mir, wenn Sie können,« sagte sie, in der Tür stehen bleibend.
»Wie aber, wenn wir uns später einmal ganz als gute Freunde begegnen und auch an diese Szene mit hellem Lachen zurückdenken werden?« fragte er auf einmal, aber jeder Zug in seinem Gesicht bebte wie bei einem Menschen, der von einem Krampf befallen ist.
»Oh, gebe Gott!« rief sie aus und drückte die Hände an die Brust, aber gleichzeitig sah sie ihm doch ängstlich forschend ins Gesicht, und als erriete sie, was er sagen wollte.
»Gehen Sie. Wir haben jetzt beide nicht allzuviel Vernunft, aber Sie ... Oh, Sie sind ein Mensch von meinem Schlage! Ich habe Ihnen einen wahnsinnigen Brief geschrieben, und Sie sind auf diesen Brief hin zu mir gekommen, um mir zu sagen, daß Sie mich >beinahe lieben<. Nein, Sie und ich, wir sind beide -- Menschen ein und desselben Wahnsinns! Seien Sie immer so wahnsinnig, ändern Sie sich nicht, und wir werden einander noch als Freunde begegnen -- das prophezeie ich Ihnen, und gebe Ihnen mein Wort darauf!«
»Und sehen Sie, dann werde ich Sie unfehlbar lieben, das fühle ich schon jetzt!« Die Frau in ihr konnte sich nicht bezwingen, warf ihm noch von der Schwelle her als letztes diese Worte zu.
Sie ging hinaus. Ich schlich sofort unhörbar in die Küche und eilte, fast ohne auf Darja Onissimowna, die mich dort erwartete, einen Blick zu werfen, über die Küchentreppe und den Hof auf die Straße. Aber ich sah nur noch, wie sie in eine Droschke stieg, die vor der Haustür auf sie gewartet hatte. Ich lief die Straße hinunter.
Elftes Kapitel.
I.
Ich lief zu Lambert. Oh, wie sehr ich auch wünschte, meinen Handlungen an diesem Abend und in dieser Nacht ein logisches Aussehen zu geben und auch nur den geringsten vernünftigen Sinn in ihnen zu entdecken, so bin ich doch selbst heute noch außerstande, obgleich ich jetzt alles überschauen kann, sie in einem klaren und richtigen Zusammenhang zu schildern. Es war da ein Gefühl, oder richtiger, ein ganzes Chaos von Gefühlen, in dem ein Sich-Verirren unvermeidlich blieb. Freilich gab es unter diesen Gefühlen eines, das vorherrschte, eines, das mich unsäglich bedrückte und alle anderen Gefühle gleichsam tyrannisierte, doch ... soll ich es bekennen? Zumal ich noch nicht einmal ganz sicher bin ...
Als ich zu Lambert ins Zimmer stürzte, war ich selbstverständlich außer mir. Ich jagte sogar ihm und Alphonsinka einen Schrecken ein. Es ist mir übrigens immer aufgefallen, daß selbst die liederlichsten und verkommensten Franzosen den Hang haben, in ihrer häuslichen Lebensführung an einer gewissen Art von bourgeoiser Ordnung zäh und kleinlich festzuhalten, -- an einer Ordnung, die überaus prosaisch, alltäglich, zeremoniell und ein für allemal anerkannt ist. Aber Lambert begriff doch sehr bald, daß etwas geschehen war, und freute sich riesig, daß er mich endlich bei sich, das heißt, endlich in der Falle hatte. Das war ja sein Traum, sein sehnlichster Wunsch in allen diesen Tagen gewesen, denn ohne mich konnte er ja doch nichts machen! Und siehe da: nachdem er seine ganze Hoffnung fast schon aufgegeben hatte -- erschien ich plötzlich bei ihm, ich selbst, und dazu noch in einer Verfassung, in der er mich gerade brauchte.
»Lambert, gib Wein her!« rief ich: »Trinken wir, laß uns fröhlich sein! Alphonsina, wo ist Ihre Gitarre?«
Die Szene, die hierauf folgte, will ich nicht weiter beschreiben -- sie ist nebensächlich. Er hörte mir gespannt zu. Ich machte ihm offen und als Erster den Vorschlag zu einer Verschwörung.
»Vor allen Dingen müssen wir Katerina Nikolajewna durch einen Brief zwingen, zu uns zu kommen ...«
»Das kann man,« stimmte mir Lambert zu, der auf jedes meiner Worte achtete.
»Zweitens müssen wir ihr zur Sicherheit mit diesem Brief eine Abschrift des >Dokuments< schicken, damit sie sich selbst davon überzeugen kann, daß man sie nicht betrügen will.«
»Ja, das muß man, das muß man!« pflichtete Lambert mir sogleich eifrig bei, während er mit Alphonsina ununterbrochen Blicke wechselte.
»Und drittens mußt du, Lambert, sie von dir aus herbitten, angeblich im Auftrage eines Unbekannten, der gerade aus Moskau angekommen sei; ich hätte dann die Aufgabe, Werssiloff mitzubringen.«
»Ja, auch Werssiloff könnte noch dabei sein,« bestätigte Lambert wieder.
»Nicht könnte, sondern er muß, und zwar unbedingt!« rief ich. »Um seinetwillen soll doch das Ganze überhaupt gemacht werden!« erklärte ich und trank Schluck auf Schluck aus meinem Glase. (Wir tranken alle drei, aber ich glaube, ich trank die ganze Flasche Champagner allein aus: sie aber taten nur so, als tränken sie gleichfalls.) »Werssiloff und ich werden im Nebenzimmer sitzen (Lambert, wir müssen uns noch ein Nebenzimmer verschaffen!), und wenn sie dann auf alles eingegangen ist -- auf den Kaufpreis in Geld und auch auf den anderen Kaufpreis, denn die Weiber sind doch alle ehrlos -- dann erscheine ich mit Werssiloff, und wir überführen sie ihrer Schändlichkeit. Und dann wird Werssiloff, wenn er selbst gesehen hat, wie gemein sie ist, mit einem Schlage von seinem Wahn geheilt sein und sie hinauswerfen! Und Bjoring muß auch noch dabei sein, damit auch er es sieht!« fügte ich außer mir hinzu.
»Nein, Bjoring ist überflüssig,« bemerkte Lambert.
»Nein, der muß auch unbedingt, unbedingt dabei sein!« ereiferte ich mich wieder.
»Du begreifst ja nichts, Lambert, weil du dumm bist! Versteh doch, es soll ja gerade zu einem Skandal in diesen ihren höheren Kreisen kommen -- damit rächen wir uns an diesen Kreisen und an ihr, sie soll nur ihre Strafe empfangen! Lambert, sie wird dir einen Wechsel geben ... Ich brauche das Geld nicht -- ich spucke aufs Geld, du aber kannst dich bücken und es aufheben, wenn du magst, und mit meinem Speichel in die Tasche stecken, ich aber, ich -- vernichte sie dafür!«
»Ja, ja,« hetzte Lambert, »das mußt du tun ...« Er wechselte wieder einen Blick mit Alphonsinka.
»Weißt du, Lambert, sie verehrt Werssiloff ungeheuer: ich habe mich soeben davon überzeugt,« lallte ich schon mit schwerer Zunge.
»Das ist gut, daß du sie belauscht hast! Ich hätte niemals gedacht, daß du ein so guter Spion sein könntest und überhaupt so gescheit bist!« Er wollte mir damit eine Schmeichelei sagen.
»Du lügst, Franzos, ich bin kein Spion, aber gescheit bin ich allerdings! Und weißt du, Lambert, sie liebt ihn ja doch!« fuhr ich fort, nur von dem Verlangen getrieben, mich auszusprechen: »Aber heiraten wird sie ihn nicht, denn Bjoring ist Gardeoffizier, und Werssiloff ist -- nur ein großmütiger Mensch und ein Menschheitsfreund, und so einer ist nach den Anschauungen ihres Kreises nur eine lächerliche Figur und nichts weiter! Oh, sie begreift seine Leidenschaft und genießt sie, sie kokettiert mit ihm und lockt ihn an, aber sie heiratet ihn nicht! Sie ist ein Weib, eine Schlange! Jedes Weib ist Schlange und jede Schlange Weib! Ihn aber muß man davon heilen; man muß ihm die Binde von den Augen reißen: er soll erkennen, wie sie ist, dann wird er gesund werden. Ich bringe ihn zu dir, Lambert!«
»Ja, das mußt du,« stimmte mir Lambert eifrig bei, und goß mir schon wieder das Glas voll.
Er hatte ja nur eine Angst: daß er mich durch Widerspruch erzürnen, und daß ich zu trinken aufhören könnte. Das machte ihn so ungeschickt und unschlau, daß es mir damals schon auffiel. Und doch hätte ich um keinen Preis fortgehen können: ich trank und sprach ununterbrochen, denn ich stand ganz unter dem unbezwingbaren Verlangen, mich vollends auszusprechen. Als Lambert nach einer neuen Flasche ging, spielte Alphonsinka auf der Gitarre irgendein spanisches Lied. Ich hätte beinah zu weinen angefangen.
»Lambert, du weißt ja noch nicht alles!« rief ich mit tiefem Gefühl. »Diesen Menschen muß man unbedingt retten, weil er jetzt ... in einem Zauberbann ist. Wenn sie ihn heiratete, würde er sie am Morgen nach der ersten Nacht mit der Peitsche hinausjagen ... das kommt doch vor. Denn so eine gewaltsame und wilde Liebe ist wie ein Anfall, wie eine Schlinge um den Hals, wie eine Krankheit, doch kaum hat sie ihre Befriedigung erreicht, da fällt einem die Binde von den Augen, und es stellt sich gleich das entgegengesetzte Gefühl ein: Ekel und Haß, der Wunsch zu vernichten, zu zertreten. Kennst du die Geschichte von Abisag[16], Lambert, hast du sie gelesen?«
»Nein, ich ... erinnere mich nicht; ist's ein Roman?« stotterte Lambert unsicher.
»Ach, du weißt aber auch gar nichts, Lambert! Du bist unglaublich, unglaublich unwissend ... aber ich mach mir nichts draus. Mir ist alles gleich. Ich weiß, er liebt Mama; er hat ihr Bild geküßt; er würde jene am anderen Morgen hinausjagen und zu Mama gehen; aber dann wäre es zu spät, und deshalb muß man ihn jetzt retten ...«
Zum Schluß fing ich bitterlich zu weinen an, redete aber immer weiter und trank furchtbar viel. Von Lambert war es sehr schlau, daß er kein einziges Mal nach dem »Dokument« fragte und wo es sei, und daß ich nun auch mit dem Dokument herausrücken, es ihm auf den Tisch legen solle. Was wäre natürlicher gewesen, als danach zu fragen, zumal wir doch schon beschlossen hatten, gemeinschaftlich zu handeln? Doch wir sprachen nur davon, daß es nötig sei, »das« zu tun, aber wo »das« geschehen sollte, wann und wie --, davon sprachen wir auch kein Wort! Er stimmte mir in allem fast widerspruchslos zu und wechselte dabei heimlich Blicke mit Alphonsinka -- das war alles, was er zu tun wagte! Damals konnte ich darüber freilich nicht nachdenken, aber ich sah es doch und habe es behalten.
Die Szene endete damit, daß ich bei ihm auf dem Diwan, wie ich da saß, einschlief. Natürlich in den Kleidern. Ich schlief sehr lange und erwachte sehr spät. Ich weiß noch, daß ich, als ich erwachte, eine Zeitlang wie betäubt auf dem Diwan liegen blieb und mir Mühe gab, mich dessen zu erinnern, was am Abend eigentlich geschehen war; dabei tat ich, als ob ich immer noch schlief. Ich bemerkte bald, daß Lambert nicht mehr im Zimmer war: er mußte ausgegangen sein. Es war schon zehn Uhr morgens; im Ofen prasselte das Feuer, ganz wie damals, nach jener Nacht, als ich das erstemal von Lambert in dieses Zimmer gebracht worden war. Hinter dem Schirm aber bewachte mich Alphonsinka: das bemerkte ich sogleich, weil sie zweimal hinter ihm hervorlugte und mich musterte, aber ich schloß jedesmal schnell die Augen und stellte mich schlafend. Ich tat es einerseits, weil ich noch ganz wie zerschlagen war, und andererseits, weil ich mir meine Lage erst einmal überlegen wollte. Mit Entsetzen erkannte ich die ganze Schändlichkeit und Sinnlosigkeit meiner nächtlichen Beichte vor Lambert und meiner Verschwörung mit ihm; erkannte vor allem die Tragweite meines Fehlers, daß ich ihn überhaupt aufgesucht hatte! Aber zum Glück war das Dokument ja noch immer bei mir, war ja noch immer in meiner Seitentasche eingenäht; ich fühlte unwillkürlich mit der Hand danach -- Gott sei Dank, es war da! Also brauchte ich jetzt nur aufzustehen und davonzulaufen; mich höchstens vor Lambert noch zu schämen -- aber das war er ja gar nicht wert!
Doch ich schämte mich vor mir selbst! Ich war mein eigener Richter, und -- o Gott, was ging in meiner Seele vor! Ich möchte diese höllische, unerträgliche Pein, dieses Gefühl und Bewußtsein der eigenen Schmutzigkeit und Gemeinheit nicht beschreiben! Doch ich muß. Ich muß auch das aussprechen, weil, wie mir scheint, die Zeit dazu gekommen ist, und in meinen Aufzeichnungen nichts verschwiegen werden soll. So mag man denn wissen, daß ich sie nicht etwa darum in den Schmutz ziehen und beinahe Zeuge dessen sein wollte, wie sie Lambert den Kaufpreis zahlen würde (oh, Niedrigkeit!) -- nicht darum, um den wahnsinnigen Werssiloff zu retten und ihn Mama zurückzugeben, sondern darum ... weil ich selbst in sie verliebt und eifersüchtig war! Eifersüchtig auf wen: auf Bjoring, auf Werssiloff? Oder auf alle, die sie auf den Bällen sehen, und mit denen sie sprechen könnte, während ich in der Ecke stand und mich meiner selbst schämte? ... Oh, welch eine Erbärmlichkeit!
Kurz, ich weiß nicht, auf wen ich eifersüchtig war; aber ich fühlte und hatte mich an jenem Abend so sicher überzeugt -- wie ich sicher bin, daß zweimal zwei vier ist -- hatte mich überzeugt, daß ich sie verloren, daß diese Frau mich von sich stoßen und verlachen werde wegen meines Betruges und meiner Schändlichkeit! Sie war ehrlich und aufrichtig, ich aber -- ich war ein Spion mit unterschlagenen Dokumenten!
Das alles habe ich seitdem in meinem Herzen geheimgehalten, aber jetzt ist die Zeit gekommen, und -- ich ziehe die Summe. Doch wiederum und zum letztenmal sei es gesagt: ich habe mich vielleicht um die Hälfte oder sogar um fünfundsiebzig Prozent schlechter dargestellt, als ich war! In jener Nacht haßte ich sie wie ein Mensch, der außer sich ist, und dann wie ein tobender Betrunkener. Ich habe schon gesagt, daß es ein Chaos von Gefühlen war, in denen ich mich selbst nicht zurecht fand. Aber gleichviel, ausgesprochen mußten sie werden, weil doch ein Teil dieser Gefühle immerhin tatsächlich vorhanden war.
Mit unüberwindlichem Widerwillen und mit leidenschaftlichem Entschluß alles wieder gutzumachen, sprang ich plötzlich vom Diwan auf; aber kaum war ich aufgesprungen, da schoß auch schon Alphonsinka hinter dem Schirm hervor. Während ich nach meinem Pelz und meiner Mütze griff, beauftragte ich sie, Lambert zu sagen, alles, was ich gestern hier phantasiert und zu meinem eigenen Bedauern von einer Dame Häßliches geredet hatte -- sei nur ein Scherz von mir gewesen -- ferner: daß Lambert nicht wagen solle, jemals noch zu mir zu kommen ... Alles das brachte ich überstürzt hervor, auf Französisch, und wahrscheinlich recht unklar. Aber zu meiner Verwunderung verstand Alphonsinka alles ausgezeichnet; und was am sonderbarsten war -- sie schien sich sogar darüber zu freuen.
»Oui, oui,« griff sie das Gesagte auf und nickte dazu, »c'est une honte! Une dame ... Oh, vous êtes généreux, vous! Soyez tranquille, je ferai voir raison à Lambert{[110]} ...«
Ich blieb einen Augenblick in Zweifeln stehen, als ich diesen so unerwarteten Umschwung in ihren Gefühlen gewahrte, und danach auf einen solchen etwa auch bei Lambert schließen mußte. Ich sagte aber nichts und ging schweigend hinaus; in meinem Innern war alles trübe, und ich konnte nur mit Mühe denken. Nachher habe ich auch dieses Verhalten begriffen, aber dann war es schon zu spät! Oh, was war das für ein teuflisches Ränkespiel! Ich will hier die ganze Geschichte im voraus erklären, denn sonst könnte der Leser das Weitere unmöglich verstehen.
Schon bei meiner ersten Begegnung mit Lambert -- damals, als ich in seiner Wohnung allmählich »aufgetaut« war -- hatte ich ihm wie ein rechter Dummkopf anvertraut, daß ich das Dokument eingenäht in der Brusttasche trug. Und als ich darauf auf dem Diwan für kurze Zeit eingeschlafen war, hatte Lambert sofort die Gelegenheit benutzt, die Tasche zu befühlen und sich davon zu überzeugen, daß tatsächlich ein Papier in ihr eingenäht war. Auch später hatte er sich einigemal davon überzeugen können, daß ich das Papier immer noch bei mir trug; so hatte er mich auch während unseres Gesprächs nach dem Mittagessen im Tatarischen Restaurant, als wir bei Miljutin Champagner tranken, ein paarmal um die Schultern gefaßt. Und als ihm endlich die ganze Wichtigkeit dieses Dokumentes aufgegangen war, da war in ihm ein Plan gereift, den ich ihm nie und nimmer zugetraut hätte. Wie ein rechter Dummkopf hatte ich mir die ganze Zeit eingebildet, er rufe mich nur zu dem Zweck zu sich in die Wohnung, um mich ungestört überreden zu können, mit ihm zusammen die Sache zu machen. Aber, o weh! -- er hatte es in einer ganz anderen Absicht getan. Er hatte mich zu sich locken wollen, um mich bis zur Besinnungslosigkeit betrunken zu machen, und, wenn ich dann bewußtlos dalag -- mir das Dokument aus der Tasche herauszutrennen. Und das hatten sie, er und Alphonsinka, in dieser Nacht denn auch getan. Alphonsinka trennte die Tasche auf, und nachdem sie den Brief, ihren Brief, mein Moskauer Dokument, glücklich hatten, nahmen sie einen einfachen Bogen Postpapier von derselben Größe, legten ihn an seine Stelle und nähten die Tasche wieder zu, als wäre nichts geschehen, so daß ich auch nichts von der Auswechselung bemerken konnte. Alphonsinka war es, die die Tasche wieder zunähte. Und so ging ich denn, ging ich bis zum Schluß, also noch ganze anderthalb Tage, in dem Glauben umher, ich, ich wäre der Besitzer des Dokuments, und Katerina Nikolajewnas Schicksal sei immer noch in meiner Hand!
Noch ein letztes Wort: dieser Diebstahl des Dokuments war die Ursache des ganzen Unglücks, das nun folgte.
II.
Ich stehe vor den letzten vierundzwanzig Stunden der Ereignisse, von denen meine Aufzeichnungen handeln, also vor dem Ende des Endes.
Es war, glaube ich, gegen halb elf, als ich angeregt und doch, wie ich mich erinnere, seltsam zerstreut, aber mit einem endgültigen Entschluß im Herzen, in meine Wohnung gelangte. Ich hatte es nicht eilig, ich wußte schon, wie ich handeln würde. Und plötzlich, ich war kaum in unser Vorzimmer getreten, begriff ich sofort, daß ein neues Unglück hereingebrochen und die Sache noch unvergleichlich verwickelter geworden war: der alte Fürst, den sie soeben aus Zarskoje Sselo nach Petersburg gebracht hatten, befand sich in unserer Wohnung, und Anna Andrejewna war bei ihm!
Sie hatten ihn nicht bei mir untergebracht, sondern in zwei Zimmern der Wohnung meiner Wirtsleute, die unmittelbar an mein Zimmer stießen. Es waren dort schon am Tage vorher, wie ich später sah, gewisse Veränderungen und Verschönerungen vorgenommen worden, übrigens nur ganz unwichtige. Mein Wirt war mit seiner Frau in das kleine Zimmer seines rechthaberischen pockennarbigen Mieters, von dem schon einmal die Rede gewesen ist, übergesiedelt, dieser aber war für die Zeit anderweitig untergebracht worden -- wo, weiß ich leider nicht.
Mein Wirt empfing mich und schlüpfte gleich hinter mir in mein Zimmer. Er sah nicht so selbstsicher drein wie tags zuvor auf der Treppe, war aber in einem sozusagen sehr belebten Zustande und ganz auf der Höhe der Umstände. Ich sagte kein Wort zu ihm, trat aber, die Stirn in die Hände gepreßt, in die Ecke und stand so vielleicht eine Minute. Er dachte zunächst, ich »stellte mich nur so an«, dann aber wurde er doch etwas ungeduldig, und schließlich erschrak er.
»Ist Ihnen etwas nicht recht?« fragte er ungewiß. Als er sah, daß ich nicht Miene machte, zu antworten, begann er: »Ich hab' nämlich auf Sie gewartet, um Sie zuvor zu fragen, ob Sie nicht wünschen, daß diese Tür hier aufgemacht werde, damit Sie mit den fürstlichen Gemächern verbunden sind ... und nicht über den Korridor zu gehen brauchen?« Er deutete auf die verschlossene Seitentür, die zu den Zimmern führte, in denen er sonst wohnte, und die jetzt der Fürst einnahm.
»Also hören Sie, Pjotr Ippolitowitsch,« wandte ich mich mit strenger Miene an ihn, »ich bitte Sie, so freundlich zu sein, zu Anna Andrejewna zu gehen und ihr zu sagen, daß ich sie zu einer sofortigen Unterredung zu mir bäte. Sind sie schon lange hier?«
»Ja, wohl schon eine ganze Stunde.«
»Also gehen Sie.«
Er ging und brachte mir die sonderbare Antwort, daß Anna Andrejewna und der Fürst Nikolai Iwanowitsch mich mit Ungeduld erwarteten. Das bedeutete, daß Anna Andrejewna nicht zu mir kommen wollte. Ich brachte meine Kleider in Ordnung, bürstete meinen Rock, in dem ich in der Nacht geschlafen hatte, wusch mich, kämmte mich, tat aber alles ohne Hast, und ging endlich mit dem Bewußtsein, daß ich die größte Vorsicht beobachten mußte, zu dem alten Herrn.
Der Fürst saß auf dem Sofa hinter dem runden Tisch, und Anna Andrejewna stand am anderen Ende des Zimmers an einem zweiten mit einem sauberen Tischtuch bedeckten Tisch, auf dem die so blank wie noch nie geputzte Teemaschine der Wirtsleute stand, und bereitete für ihn den Tee. Ich trat mit demselben strengen Gesicht ins Zimmer; der alte Fürst, der das sofort bemerkte, fuhr nur so zusammen, und das Lächeln in seinem Gesicht verwandelte sich im Nu in einen Ausdruck des Schrecks: aber da konnte ich meinem Vorsatz nicht treu bleiben und streckte ihm lachend beide Hände entgegen. Der arme Fürst stürzte sich wie erlöst in meine Arme.
Natürlich begriff ich sofort, was für einen Menschen ich vor mir hatte. Erstens wurde es mir sonnenklar, daß man aus jenem alten Herrn, der sogar noch ganz rüstig und immerhin noch ganz bei Vernunft gewesen war, und der doch immer noch einen gewissen, gleichviel was für welchen, aber jedenfalls noch einen gewissen Charakter besessen hatte, inzwischen, d. h. in der Zeit, solange ich mit ihm nicht mehr zusammengekommen war, so etwas wie eine Mumie oder ein ängstliches, mißtrauisches Kind gemacht hatte. Ich füge hinzu: er wußte ganz genau, zu welchem Zweck er hierher gebracht worden war, es war alles genau so geschehen, wie ich vorgreifend schon erzählt habe. Man hatte ihn plötzlich, ohne jede Vorbereitung, mit der angeblichen Tatsache des Verrats seiner Tochter und ihrer Absicht, ihn in eine Irrenanstalt zu bringen, überrascht, erschreckt, niedergeschmettert und um jede Überlegung gebracht. Er hatte sich dann entführen lassen, vor Angst kaum dessen sich bewußt, was er tat. Man hatte ihm gesagt, der Besitzer der Beweise sei -- ich, ich hätte den Schlüssel zur endgültigen Entscheidung in der Hand. Es sei hier gleich bemerkt, daß gerade diese »endgültige Entscheidung« und der »Schlüssel« ihn am meisten erschreckt hatten. Deshalb hatte er denn auch nichts anderes erwartet, als daß ich mit einem Urteilsspruch auf der Stirn und einem großen Schriftstück in der Hand bei ihm eintreten werde, und um so größer war natürlich seine Freude, als er sah, daß ich vorläufig noch wie früher harmlos lachen und von allen möglichen anderen Dingen plaudern konnte. Als wir uns umarmten, rollten ihm die hellen Tränen über die Wangen. Ich muß gestehen, auch mir wurden die Augen feucht: er tat mir auf einmal so leid ... Alphonsinkas kleines Hündchen kläffte mich vom Sofa her mit dünnem Stimmchen ganz außer sich an, wagte aber trotz aller Aufregung doch nicht, vom Sofa herabzuspringen. Von diesem winzigen Hündchen trennte sich der Fürst überhaupt nicht mehr, nachdem er es gekauft hatte; es schlief sogar bei ihm.
»Oh, je disais qu'il a du coeur!«{[111]} wandte er sich zu Anna Andrejewna und wies dabei auf mich.
»Wie Sie sich erholt haben, Fürst, wie frisch und gesund Sie aussehen!« sagte ich. Aber ach! -- genau das Gegenteil war der Fall: er sah, wie gesagt, eher nach einer Mumie aus. Ich sagte ihm das nur so, um ihm etwas Angenehmes zu sagen.
»N'est-ce pas, n'est-ce pas?«{[112]} griff er freudig meine Bemerkung auf. »Oh, meine Gesundheit hat sich erstaunlich gebessert.«
»Lassen Sie sich bitte nicht stören, trinken Sie nur Ihren Tee, und wenn ich auch eine Tasse bekommen könnte, so würde ich Ihnen Gesellschaft leisten.«
»Vorzüglich! >Lasset uns trinken und fröhlich sein ...< oder wie die Verse da heißen. Anna Andrejewna, geben Sie ihm auch welchen; il prend toujours par les sentiments{[113]} ... geben Sie uns beiden Tee, meine Liebe!«
Anna Andrejewna reichte uns den Tee, plötzlich aber wandte sie sich zu mir und begann mit außerordentlicher Feierlichkeit:
»Arkadi Makarowitsch, wir beide, ich und mein Wohltäter, Fürst Nikolai Iwanowitsch, haben unsere Zuflucht zu Ihnen genommen. Ich will damit nur gesagt haben, daß wir zu Ihnen gekommen sind, zu Ihnen allein, und daß wir beide Sie um Ihre Hilfe bitten. Vergessen Sie nicht, daß das Schicksal dieses heiligen, dieses edlen und von aller Welt verratenen Mannes in Ihren Händen liegt ... Von Ihrem ehrlichen Herzen erwarten wir die Entscheidung! ...«
Aber sie konnte nicht zu Ende sprechen; der Fürst erschrak dermaßen, daß er am ganzen Leibe zitterte:
»Après, après, n'est-ce pas? Chère amie!«{[114]} unterbrach er sie mit flehend erhobenen Händen.
Ich kann gar nicht sagen, wie unangenehm ihre Herausforderung auch auf mich wirkte. Ich antwortete ihr nichts darauf und begnügte mich mit einer kalten und gemessenen Verbeugung; ich setzte mich an den Tisch und begann sofort absichtlich von etwas anderem zu sprechen, von irgendwelchen Dummheiten; ich lachte und machte Witze ... Der Alte war mir augenscheinlich sehr dankbar dafür und geriet alsbald in eine gehobene Stimmung. Aber seine Heiterkeit schien doch, obgleich er sich ihr mit ganzem Herzen hingab, gewissermaßen unsicher zu sein, und es war zu befürchten, daß sie plötzlich einer vollkommenen Niedergeschlagenheit weichen werde; das sah man auf den ersten Blick.
»Cher enfant, ich habe gehört, du wärest krank gewesen ... Ach, pardon! Das war ja ein anderer. Aber von dir habe ich gehört, du beschäftigtest dich mit Spiritismus?«
»Nicht gedacht habe ich daran!« lächelte ich.
»Nicht? Aber wer hat mir denn vom Spiritismus gesprochen?«
»Das war vorhin unser Beamter, Pjotr Ippolitowitsch,« erklärte ihm Anna Andrejewna, »er ist ein sehr lustiger Mensch und kennt eine Menge Anekdoten; soll ich ihn rufen?«
»Oui, oui, il est charmant{[115]} ... er kennt eine Menge Anekdoten ... aber rufen wir ihn lieber nicht. Wir können ihn später rufen, und er wird uns alles erzählen, mais après.{[116]} Stell dir vor, hier wird vorhin der Tisch gedeckt, er aber sagt plötzlich: >Seien Sie unbesorgt, er fliegt nicht weg, wir sind keine Spiritisten!< Sag doch, cher enfant, fliegen denn bei den Spiritisten wirklich die Tische in die Luft?«
»Das weiß ich nicht; man sagt allerdings, sie erhöben sich mit allen vier Füßen in die Luft.«
»Mais c'est terrible ce que tu dis,«{[117]} sagte er und sah mich erschrocken an.
»Oh, beunruhigen Sie sich nicht, das ist ja alles Unsinn.«
»Das hab' ich ja auch gesagt. Nastassja Stepanowna Ssolomejeff ... du kennst sie ja ... ach nein, du kennst sie nicht ... stelle dir vor, sie glaubt auch an den Spiritismus, und stellen Sie sich vor, chère enfant,«{[118]} wandte er sich an Anna Andrejewna, »ich habe zu ihr gesagt: in den Ministerien stehen doch auch Tische, und auf ihnen liegen doch je acht Paar Beamtenhände, die ewig Papier beschreiben -- warum tanzen denn da nicht die Tische? Stell dir doch nur vor, wie das wäre, wenn sie plötzlich zu tanzen anfingen! Eine Revolte der Tische im Ministerium der Finanzen oder der Volksaufklärung -- das fehlte uns noch!«
»Was für nette Sachen Sie sagen, Fürst, ganz wie früher,« rief ich und gab mir Mühe, recht herzlich zu lachen.
»N'est-ce pas? Je ne parle pas trop, mais je dis bien.«{[119]}
»Ich werde Pjotr Ippolitowitsch herbitten,« sagte Anna Andrejewna und erhob sich.
Aus ihrem Gesicht sprach die größte Zufriedenheit: meine Liebenswürdigkeit dem Alten gegenüber freute sie. Aber kaum war sie hinausgegangen, als das Gesicht des Fürsten sich sofort veränderte. Er blickte nach der Tür und nach allen Seiten, beugte sich auf dem Sofa zu mir vor und flüsterte mit angstvoller Stimme:
»Cher ami! Oh, wenn ich sie doch beide hier zusammen sehen könnte! Oh, cher enfant!«
»Beruhigen Sie sich, Fürst ...«
»Ja, ja, aber ... wir werden sie versöhnen, n'est-ce pas?{[112]} Ein so leerer und kleinlicher Streit zwischen zwei so wertvollen Frauen, n'est-ce pas? Du bist meine letzte Hoffnung ... Wir werden alles in Ordnung bringen ... Aber was ist das hier für eine sonderbare Wohnung,« sagte er plötzlich und blickte ängstlich um sich, »und weißt du, dieser Wirt ... er hat so ein Gesicht ... Sag' doch: ist er nicht gefährlich?«
»Der Wirt? O nein, inwiefern könnte er denn gefährlich sein?«
»C'est ça. Um so besser. Il semble qu'il est bête, ce gentilhomme. Cher enfant,{[120]} sag' es um Gottes willen nicht Anna Andrejewna, daß ich mich hier vor allem fürchte! Ich habe nämlich hier alles sehr schön gefunden, vom ersten Schritt an, auch den Wirt habe ich gelobt ... Höre, du kennst doch die Geschichte von dem kürzlich ermordeten von Sohn -- erinnerst du dich?«
»Was ist denn damit?«
»Rien, rien du tout ... Mais je suis libre ici, n'est-ce pas?{[121]} Was meinst du, hier kann mir doch nichts geschehen ... etwas von der Art?«
»Aber ich versichere Sie, mein Lieber ... wie können Sie so etwas nur denken!«
»Mon ami! Mon enfant!« rief er plötzlich und rang die Hände, ohne seine Angst noch zu verbergen. »Wenn du wirklich im Besitz von irgendwelchen Dokumenten bist ... wenn du mir wirklich etwas zu sagen haben solltest, so sag' es lieber nicht: sag' mir um Gottes willen nichts davon ... schweig', so lange du noch irgend kannst ...«
Er wollte sich erheben und mich umarmen, Tränen rollten über sein Gesicht; ich kann gar nicht beschreiben, wie mein Herz sich zusammenkrampfte: der arme Alte war wie ein schwaches, bedauernswertes, erschrockenes Kind, das Zigeuner aus dem Elternhause gestohlen und zu fremden Leuten entführt hatten. Doch zu unserer Umarmung kam es nicht: die Tür öffnete sich, und Anna Andrejewna erschien, aber nicht mit dem Wirt, sondern mit ihrem Bruder, dem Kammerjunker. Diese Überraschung betäubte mich förmlich; ich erhob mich und ging zur Tür.
»Arkadi Makarowitsch, erlauben Sie, daß ich Sie bekannt mache ...,« sagte Anna Andrejewna mit lauter Stimme, so daß ich gezwungen war, stehen zu bleiben.
»Ich kenne Ihren Bruder nur zu gut,« sagte ich, indem ich jedes Wort langsam aussprach und mit besonderer Betonung der Worte »nur zu gut«.
»Ach, es handelte sich damals um einen unverzeihlichen Irrtum! Und ich be--dau--ere ihn so sehr, lieber Andr... Andrei Makarowitsch,« begann der junge Mensch, kam mit ganz außerordentlich liebenswürdigem Ausdruck auf mich zu und ergriff meine Hand, die ich ihm leider nicht mehr entziehen konnte -- »an allem war nur mein Stepan schuld: er hatte Sie mir damals so dumm gemeldet, daß ich Sie für einen anderen hielt, -- das war in Moskau,« erklärte er seiner Schwester. »Nachher wollte ich Sie unbedingt aufsuchen und Ihnen das Mißverständnis erklären, aber da erkrankte ich. Bitte, fragen Sie doch meine Schwester, ob es wahr ist. Cher prince, nous devons être amis même par droit de naissance{[122]} ...«
Und der unverschämte junge Mann wagte es sogar, den Arm um meine Schultern zu legen, was denn doch der Gipfel dieser frechen Familiarität war. Ich trat zur Seite und zog es vor, da ich mich verwirrt fühlte, ohne ein Wort der Erwiderung hinauszugehen. In meinem Zimmer setzte ich mich erregt und in Gedanken auf mein Bett. Die Intrige würgte mich geradezu, aber es war mir trotzdem unmöglich, Anna Andrejewna nun einfach fallen zu lassen. Ich fühlte plötzlich, daß auch sie mir teuer war, und daß sie sich in einer schrecklichen Lage befand.
III.
Wie ich es nicht anders erwartet hatte, kam sie selbst in mein Zimmer und ließ den Fürsten in der Gesellschaft ihres Bruders, der ihm sofort die neuesten Klatschgeschichten aus der Gesellschaft erzählte und damit den neugierigen Alten von anderen Gedanken ablenkte. Ich erhob mich schweigend von meinem Bett und sah sie fragend an.
»Ich habe Ihnen bereits alles gesagt, Arkadi Makarowitsch,« begann sie ohne weiteres, »unser Schicksal ist in Ihren Händen.«
»Aber auch ich habe Ihnen doch gesagt, daß es mir unmöglich ist ... Die heiligsten Gefühle verbieten mir, das zu tun, worauf Sie rechnen ...«
»Wirklich? Ist das Ihre ganze Antwort? Nun gut, mag ich zugrunde gehen, aber was soll aus ihm werden? Was glauben Sie denn: er wird doch noch heute abend den Verstand verlieren!«
»Nein, aber er würde den Verstand verlieren, wenn ich ihm den Brief seiner Tochter zeigte, in dem sie einen Juristen fragt, wie man ihren Vater entmündigen und für irrsinnig erklären könnte!« rief ich heftig. »Das wäre es, was ihn um den Verstand bringen würde! Und außerdem würde er sich von diesem Brief niemals überzeugen lassen -- das hat er mir bereits selbst gesagt!« Die letzte Bemerkung, er selbst hätte mir das gesagt, stimmte zwar nicht ganz, aber diese Verdeutlichung schien mir geboten.
»Das hat er Ihnen schon gesagt? Ich habe es mir ja gedacht! In dem Fall bin ich verloren; er hat auch bereits geweint und nach Hause verlangt.«
»So sagen Sie mir doch, worin besteht denn Ihr Plan?« fragte ich sie rücksichtslos. Sie wurde rot -- wohl aus gekränktem Hochmut -- nahm sich aber zusammen und sagte:
»Wenn wir diesen Brief seiner Tochter in der Hand haben, sind wir vor der Welt gerechtfertigt. Ich werde dann sofort zum Fürsten W. schicken und zu Boris Michailowitsch Pelischtschoff, seinen Jugendfreunden; sie sind beide sehr angesehene, einflußreiche Persönlichkeiten, deren Wort in der Gesellschaft sehr viel gilt, und ich weiß, daß sie schon vor zwei Jahren manche Handlungen seiner mitleidslosen, selbstsüchtigen Tochter verurteilt haben. Sie würden natürlich, auf meine Bitte hin, den Vater mit der Tochter wieder versöhnen, weil ich selbst darauf bestehen werde; aber die Lage der Verhältnisse würde dann eine vollkommen andere sein. Außerdem würden dann, wie ich hoffe, auch meine Verwandten, die Fanariotoffs, sich entschließen, meine Rechte zu unterstützen. Aber für mich kommt es an erster Stelle auf sein Glück an; er soll endlich begreifen und wissen, wer ihm wahrhaft ergeben ist. Zweifellos rechne ich dabei am meisten auf Ihren Einfluß, Arkadi Makarowitsch: Sie lieben ihn doch so ... Und wer liebt ihn denn, außer Ihnen und mir? Er hat in den letzten Tagen nur von Ihnen gesprochen: er hat sich nach Ihnen geradezu gesehnt, nach seinem >jungen Freund<, wie er Sie nennt ... Und es versteht sich von selbst, daß meine Dankbarkeit in meinem ganzen Leben Ihnen gegenüber keine Grenzen kennen wird ...«
Damit spielte sie wohl gar auf eine Belohnung an -- in Geld womöglich.
Ich fiel ihr schroff ins Wort:
»Was Sie mir da auch sagen mögen -- ich kann nicht!« erwiderte ich mit unerschütterlicher Entschlossenheit. »Ich kann Ihnen nur mit derselben Aufrichtigkeit antworten und Ihnen meinen letzten Entschluß kundtun: ich werde in der allernächsten Zeit diesen unseligen Brief Katerina Nikolajewna selbst einhändigen, aber nur unter der Bedingung, daß sie mir ihr Wort gibt, aus dieser ganzen Geschichte keinen Skandal zu machen und Ihrem Glück nicht im Wege zu stehen. Das ist alles, was ich tun kann.«
»Das ist ausgeschlossen!« sagte sie und wurde über und über rot.
Der bloße Gedanke, daß Katerina Nikolajewna sie schonen könnte, empörte sie schon.
»Ich werde meinen Entschluß nicht ändern, Anna Andrejewna.«
»Vielleicht ändern Sie ihn doch.«
»Wenden Sie sich an Lambert.«
»Arkadi Makarowitsch, Sie wissen nicht, welches Unglück Sie durch Ihren Eigensinn heraufbeschwören,« sagte sie hart und erbittert.
»Ein Unglück wird es schon geben -- das ist sicher ... mir schwindelt der Kopf. Genug: ich habe so beschlossen, und daran ist nicht zu rühren. Und bringen Sie um Gottes willen nicht Ihren Bruder zu mir.«
»Aber er will doch gerade gutmachen ...«
»Hier ist nichts gutzumachen nötig! Ich brauche das nicht, ich will nicht, ich will nicht!« rief ich und griff mir an den Kopf. (Oh, vielleicht bin ich mit ihr doch gar zu hochmütig verfahren!) »Übrigens, wo wird der Fürst heute übernachten? Doch nicht etwa hier?«
»Er wird hier übernachten, bei Ihnen und mit Ihnen.«
»Ich ziehe noch heute abend in eine andere Wohnung!«
Und nach diesen erbarmungslosen Worten nahm ich meine Mütze und zog mir den Pelz an. Anna Andrejewna betrachtete mich schweigend und kalt. Sie tat mir leid, -- oh, es tat mir leid um dieses stolze Mädchen! Aber ich lief aus der Wohnung und ließ sie ohne ein Wort zurück, das ihr noch hätte Hoffnung geben können.
IV.
Ich will mich möglichst kurz fassen. Mein Entschluß war unerschütterlich, und ich machte mich sogleich auf den Weg zu Tatjana Pawlowna. O weh! Ein großes Unglück wäre verhütet worden, wenn ich sie damals zu Hause getroffen hätte; aber es war wie vom Schicksal vorgesehen, daß mir an diesem Tage alles mißlang. Ich ging natürlich auch zu Mama, erstens um mich nach ihr, der Armen, zu erkundigen, und zweitens, weil ich sicher war, Tatjana Pawlowna dort anzutreffen. Aber auch bei Mama traf ich sie nicht an: sie war gerade fortgegangen, man wußte nicht, wohin; nur Lisa war bei Mama, die krank zu Bett lag. Lisa bat mich, nicht hineinzugehen und Mama nicht zu wecken: »Sie hat die ganze Nacht nicht geschlafen und sich gequält; Gott sei Dank, daß sie wenigstens jetzt eingeschlafen ist.« Ich umarmte Lisa und sagte ihr nur in ein paar Worten, daß ich einen großen, schwerwiegenden Entschluß gefaßt hätte und ihn sogleich ausführen würde. Sie hörte mich ohne besondere Verwunderung an, als hätte ich etwas ganz Gewöhnliches gesagt. Oh, sie hatten sich damals schon alle daran gewöhnt, daß ich »große Entschlüsse« faßte und sie dann kleinmütig aufgab! Diesmal aber -- diesmal war es etwas anderes! Ich begab mich zunächst in die Kellerwirtschaft am Kanal und setzte mich dort hin, um die Zeit abzuwarten, bis ich Tatjana Pawlowna voraussichtlich zu Hause antreffen konnte. Übrigens muß ich noch erklären, wozu ich diese Dame gerade jetzt so notwendig brauchte.
Ich wollte sie sogleich zu Katerina Nikolajewna schicken, um sie in ihre, Tatjana Pawlownas, Wohnung bitten zu lassen und ihr dann in Tatjana Pawlownas Gegenwart das Dokument zu übergeben und alles ein für allemal zu erklären ... Kurz, ich wollte nur meine Pflicht tun; und ich wollte mich zugleich ein für allemal rechtfertigen. Und wenn das geschehen war, wollte ich unbedingt und mit aller Dringlichkeit, zu Anna Andrejewnas Gunsten sprechen, und dann, wenn möglich, Katerina Nikolajewna und Tatjana Pawlowna gleich zu mir führen, oder vielmehr zum alten Fürsten, die beiden Feindinnen versöhnen, den Fürsten aus seiner Pein erlösen und ... und ... kurz, alle diese Menschen noch heute glücklich machen, -- wenigstens diesen kleinen Kreis, so daß dann nur noch Werssiloff und Mama übrigblieben. An dem Gelingen meines Vorhabens zweifelte ich keinen Augenblick: Katerina Nikolajewna konnte mir in ihrer Dankbarkeit für die Rückgabe des Briefes, für die ich von ihr nichts verlangen wollte, eine solche Bitte nicht abschlagen. O weh! Ich glaubte mich ja immer noch im Besitze dieses unseligen Briefes! Oh, in was für einer dummen und unwürdigen Lage ich mich damals befand, ohne es selbst zu ahnen!
Es dämmerte bereits, und die Uhr war schon vier, als ich wieder bei Tatjana Pawlowna klingelte. Marja, ihre Köchin, antwortete mir auf meine Frage in unhöflichem Tone, sie wäre »nicht gekommen«. Ich muß jetzt wieder an den eigentümlichen Blick denken, mit dem Marja mich lauernd ansah, aber damals konnte ich natürlich noch keinen Verdacht schöpfen. Statt dessen stach mich plötzlich ein anderer Gedanke: als ich geärgert und ein wenig niedergeschlagen die Treppe wieder hinunterstieg, fiel mir der arme alte Fürst ein, der vorhin die Arme nach mir ausgestreckt hatte -- und ich bereute schmerzlich, daß ich ihn verlassen hatte, vielleicht sogar nur aus persönlichen Gründen und gekränktem Ichgefühl. Beunruhigt malte ich mir aus, was ihm da alles während meiner Abwesenheit zugestoßen sein konnte, und begab mich schleunigst nach Haus. Zu Hause war jedoch inzwischen folgendes geschehen:
Anna Andrejewna hatte trotz ihrer Enttäuschung und ihres Zornes den Mut noch nicht verloren. Nebenbei bemerkt: sie hatte schon am Morgen nach Lambert geschickt und dann noch einmal, und da Lambert beide Male nicht zu Hause gewesen war, hatte sie schließlich ihren Bruder ausgeschickt, ihn zu suchen. Es war der Armen nach meinem Widerstand eben nichts anderes verblieben, als ihre ganze Hoffnung auf Lambert und seinen Einfluß auf mich zu setzen. So erwartete sie ihn denn mit Ungeduld und wunderte sich nur, daß er, der bis dahin unablässig um sie herum gewesen war, sich plötzlich überhaupt nicht mehr sehen ließ. Aber wie hätte sie auch ahnen können, daß Lambert als Besitzer des Dokuments bereits ganz andere Pläne hatte und sich natürlich mit Absicht nicht mehr sehen ließ und sich vor ihr verbarg. In dieser Unruhe und wachsenden Angst war Anna Andrejewna kaum fähig gewesen, den alten Fürsten zu zerstreuen. Dabei hatte sich seine Aufregung in geradezu beängstigendem Maße gesteigert: er stellte seltsame und angstvolle Fragen, begann sogar, sie mißtrauisch zu betrachten und weinte ein paarmal. Der junge Werssiloff war nicht lange bei ihm geblieben, und Anna Andrejewna hatte dann Pjotr Ippolitowitsch zu ihm gebracht, von dessen Unterhaltungskunst sie sich viel versprach, aber seine Unterhaltung hatte dem Fürsten nicht nur nicht gefallen, sondern zum Schluß sogar seinen Widerwillen erregt. Überhaupt begann der Fürst meinen Pjotr Ippolitowitsch mit wachsendem Mißtrauen und sonderbarem Verdacht zu beobachten. Mein Wirt aber mußte zum Unglück richtig wieder vom Spiritismus sprechen, mußte von irgendeinem Schwarzkünstler und dessen haarsträubenden Wunderstückchen erzählen, die er selbst gesehen zu haben behauptete: nämlich wie dieser angereiste Scharlatan angeblich vor dem gesamten Publikum mehreren Menschen die Köpfe abgeschnitten hätte, daß das Blut nur so in Strömen geflossen wäre, was alle gesehen hätten: und dann hätte er die Köpfe wieder auf die Hälse gesetzt, und sie wären alle wieder angewachsen, gleichfalls vor besagtem Publikum, und alles das wäre geschehen im Jahre achtzehnhundertundneunundfünfzig. Der Fürst erschrak darüber so und geriet dabei, Gott weiß weshalb, in solche Wut, daß Anna Andrejewna sich genötigt sah, den Erzähler schleunigst zu entfernen. Zum Glück wurde in dem Augenblick das Mittagessen gebracht, das schon tags vorher (durch Lamberts und Alphonsinkas Vermittlung) bei einem vorzüglichen französischen Koch bestellt worden war, der zufällig stellungslos in der Nähe wohnte und gerade eine neue Stellung in einem vornehmen, reichen Hause oder in einem Klub suchte. Das Essen und der Champagner, den es dazu gab, versetzten den alten Herrn in die beste Laune: er aß mit Genuß und scherzte sogar. Nach dem Essen wurde er natürlich müde und schläfrig, und da er nach Tisch immer ein wenig zu schlafen pflegte, so richtete Anna Andrejewna ihm das Bett her. Vor dem Einschlafen küßte er ihr immer noch die Hände, sagte ihr, sie sei sein Paradies, seine Hoffnung, seine »Houri«, seine »Goldene Blume« -- kurz, er erging sich in den orientalischsten Lobpreisungen. Schließlich schlief er ein, kurz bevor ich zurückkehrte.
Anna Andrejewna trat eilig in mein Zimmer, faltete die Hände vor mir und sagte, sie beschwöre mich, nicht um ihretwillen, sondern um des Fürsten willen, die Wohnung nicht wieder zu verlassen, und wenn er aufwachte, zu ihm hinüberzugehen. »Ohne Sie ist er verloren, er kann einen Nervenchok bekommen; ich fürchte sogar, daß er es nicht einmal bis zum Abend aushält ...« Sie fügte hinzu, sie selbst müsse jetzt unbedingt ausgehen, und »es könnte sein«, daß sie nicht vor zwei Stunden zurückkehren werde; so müsse sie den Fürsten ganz unter meinen Schutz stellen. Ich gab ihr sogleich mit größter Bereitwilligkeit mein Wort, bis zum Abend zu Hause zu bleiben, und wenn er aufwachte, mich nach Kräften zu bemühen, ihn zu zerstreuen.
»Und ich werde meine Pflicht tun!« sagte sie entschlossen. Sie ging. Ich will dem Leser auch gleich mitteilen, weshalb sie ausging: sie wollte Lambert suchen: auf ihn setzte sie ihre letzte Hoffnung; außerdem fuhr sie zu ihrem Bruder und zu ihren Verwandten, den Fanariotoffs; man kann sich also denken, in was für einer Stimmung sie zurückkehren mußte.
Der Fürst erwachte ungefähr nach einer Stunde. Ich hörte sein Stöhnen durch die Wand und lief sofort zu ihm: ich fand ihn auf dem Bett sitzend, im Schlafrock, aber dermaßen erschreckt durch die Einsamkeit, das Licht der einsamen Lampe und das fremde Zimmer, daß er, als ich eintrat, zusammenfuhr, aufsprang und aufschrie. Ich trat schnell auf ihn zu, und als er mich erkannte, fiel er mir mit Tränen der Freude um den Hals.
»Du bist's! Cher enfant! -- Stell dir vor, man sagte mir, du wärest in eine andere Wohnung übergesiedelt, hättest Angst bekommen und wärest davongelaufen.«
»Wer hat Ihnen das sagen können?«
»Wer? Hm ... vielleicht hab' ich es mir selbst ausgedacht, aber vielleicht hat es mir auch wirklich jemand gesagt. Stell' dir vor, ich hab' soeben einen Traum gehabt: es kam ein alter Mann mit einem großen Bart und einem Heiligenbild zu mir, einem in zwei Stücke gespaltenen Heiligenbild, und auf einmal sagte er: >So wird sich auch dein Leben spalten!<«
»Ach Gott, Sie haben gewiß von irgend jemand gehört, daß Werssiloff gestern das Heiligenbild zerschlagen hat?«
»N'est-ce pas?{[112]} Ich glaube auch, daß ich es gehört habe. Ja, richtig, ich habe es heute morgen von Darja Onissimowna gehört, als sie mein Hündchen und meinen Koffer herbrachte.«
»Nun und da hat Ihnen denn jetzt davon geträumt.«
»Eh bien;{[123]} und stell dir vor, dieser alte Mann hat mir immer mit dem Finger gedroht. -- Wo ist Anna Andrejewna?«
»Sie wird gleich zurückkehren.«
»Woher? Ist sie denn auch fortgefahren?« fuhr er erschrocken auf.
»Nein, nein, sie wird sofort wieder da sein; sie hat mich gebeten, so lange bei Ihnen zu bleiben.«
»Oui, zu bleiben. Hm ... Also unser Andrei Petrowitsch ist verrückt geworden ... >wie plötzlich doch und unverhofft!< Ich hab's ihm ja immer prophezeit, daß er damit enden werde. Mon ami, weißt du ...« Er faßte mich plötzlich am Rock und zog mich näher zu sich.
»Der Wirt hier,« flüsterte er, »der hat mir vorhin Photographien gebracht, ganz abscheuliche Photographien nackter Weiber in verschiedenen orientalischen Stellungen, und er hat sie mir durch ein Glas gezeigt. Ich, weißt du, ich nahm mich zusammen und sagte, ich fände sie sehr schön, aber hat man nicht auch zu jenem Unglücklichen gemeine Weiber gebracht, um ihn bequemer betrunken machen zu können? ...«
»Ach, Sie denken schon wieder an Herrn von Sohn![17] Aber ich bitte Sie, Fürst! Der Wirt ist ein Dummkopf und weiter nichts!«
»Ein Dummkopf und weiter nichts! C'est mon opinion! Mon ami,{[124]} wenn du kannst, so rette mich und bring mich fort von hier!« bat er mich plötzlich mit flehend erhobenen Händen.
»Fürst, ich werde alles für Sie tun, alles, was nur in meinen Kräften steht! Ich bin Ihnen ganz und gar ergeben ... Mein lieber Fürst, haben Sie nur noch ein wenig Geduld, und ich werde alles in Ordnung bringen!«
»N'est-ce pas?{[112]} Wir nehmen einfach unsere Sachen und laufen davon, aber den Koffer lassen wir hier, so zum Schein, weißt du, damit er glaubt, wir kämen wieder.«
»Wohin sollen wir laufen? Und Anna Andrejewna?«
»Nein, nein, zusammen mit Anna Andrejewna ... Oh, mon cher, in meinem Kopf geht alles durcheinander ... Wart mal ... dort in meinem Handkoffer, rechts, ist Katjäs Bild -- ich habe es heute morgen heimlich hineingesteckt, damit Anna Andrejewna und besonders diese Darja Onissimowna es nicht bemerkten -- gib es mir her, um Christi willen, aber schnell, damit sie uns nicht überraschen ... Kann man die Tür nicht verriegeln?«
In der Tat fand ich in seinem Handkoffer eine Photographie von Katerina Nikolajewna in einem ovalen Rahmen. Er nahm sie in die Hand, hielt sie ans Licht, und plötzlich rollten Tränen über seine gelben, hageren Wangen.
»C'est un ange, c'est un ange du ciel!«{[125]} rief er aus. »Mein ganzes Leben lang bin ich vor ihr schuldig gewesen ... und jetzt erst! Chère enfant, ich glaube ihnen nichts, nichts glaube ich ihnen! Mon ami, sag' mir doch: ist es denn denkbar, daß sie mich ins Irrenhaus sperren wollen? Je dis des choses charmantes et tout le monde rit{[126]} ... und einen solchen Menschen will man plötzlich ins Irrenhaus stecken!«
»Aber daran denkt ja kein Mensch!« rief ich aus. »Das ist ein Irrtum! Ich kenne ihre Gefühle!«
»Und du kennst auch ihre Gefühle? Das ist gut! Mon ami, du hast mich von den Toten auferweckt! Wie haben sie mir denn das alles von dir vorerzählt? Mon ami, rufe Katjä her, sie sollen sich hier beide vor mir küssen, und ich werde sie wieder nach Hause bringen, und den Wirt, den verjagen wir einfach!«
Er erhob sich, streckte die Hände aus und fiel vor mir nieder:
»Cher,« lispelte er in sinnloser Angst und zitterte wie ein Espenblatt, »mon ami, sage mir die ganze Wahrheit: wohin wird man mich jetzt bringen?«
»Mein Gott!« rief ich erschrocken, hob ihn auf und legte ihn aufs Bett. »Schließlich werden Sie auch mir nicht mehr glauben, werden denken, daß auch ich zur Verschwörung gehöre? Ich werde hier niemandem erlauben, Ihnen auch nur ein Haar zu krümmen!«
»C'est-ça,{[127]} erlaub du nichts,« lallte er und klammerte sich mit beiden Händen an meine Ellbogen, während er immer noch am ganzen Leibe zitterte. »Gib mich niemandem! Und belüge mich nicht ... wird man mich denn wirklich von hier fortführen? Höre, dieser Wirt -- Ippolit, oder wie er da heißt ... ist er nicht der Doktor?«
»Was für ein Doktor?«
»Das hier ... ist das nicht eine Irrenanstalt hier, dieses Zimmer?«
In dem Augenblick öffnete sich plötzlich die Tür, und Anna Andrejewna trat herein. Wahrscheinlich hatte sie hinter der Tür gelauscht und in der Erregung die Tür etwas zu plötzlich geöffnet -- der Fürst, der schon beim leisesten Geräusch zusammenfuhr, schrie zu Tode erschrocken auf und warf sich mit dem Gesicht aufs Kissen. Er bekam nun doch so etwas wie einen Anfall, der sich in heftigem Schluchzen entlud.
»Sehen Sie, das sind die Folgen Ihrer Taten,« sagte ich zu ihr und wies auf den Alten.
»Nein, das sind die Folgen Ihrer Taten!« erwiderte sie scharf und mit erhobener Stimme. »Zum letztenmal wende ich mich an Sie, Arkadi Makarowitsch: wollen Sie endlich diese teuflische Intrige gegen den schutzlosen alten Mann aufdecken und Ihre >sinnlosen und kindischen Liebesträume< opfern, um Ihre leibliche Schwester zu retten?«
»Ich werde Sie alle retten, aber nur so, wie ich es Ihnen vorhin gesagt habe! Ich werde sofort gehen, und vielleicht schon in einer Stunde wird Katerina Nikolajewna hier sein! Ich werde alle versöhnen, und alle werden glücklich sein!« rief ich nahezu begeistert.
»Bring sie, bring sie mir her!« rief der Fürst flehend und wie neu belebt. »Bringt mich zu ihr! Ich möchte Katjä sehen und sie segnen!« rief er mit erhobenen Händen und versuchte vom Bett aufzustehen.
»Sehen Sie,« sagte ich zu Anna Andrejewna und wies auf ihn, »jetzt haben Sie gehört, was er sagt: jetzt kann Ihnen auch kein Dokument mehr helfen!«
»Das sehe ich, aber das Dokument könnte wenigstens meine Handlungsweise vor den Augen der Welt rechtfertigen, so aber -- bin ich an den Pranger gestellt! Doch genug; mein Gewissen ist rein. Ich bin von allen verlassen, sogar von meinen Verwandten und von meinem leiblichen Bruder, den die Möglichkeit eines Mißlingens erschreckt hat ... Doch ich werde meine Pflicht erfüllen und bei diesem Unglücklichen bleiben, als seine Pflegerin, seine Krankenwärterin!«
Jetzt durfte ich keine Zeit verlieren, und ich lief aus dem Zimmer.
»Ich kehre in einer Stunde zurück, und ich komme nicht allein!« rief ich ihnen noch von der Schwelle aus zu.
Zwölftes Kapitel.
I.
Endlich traf ich Tatjana Pawlowna zu Haus! Ich erzählte ihr so schnell wie möglich alles -- alles, was das Dokument betraf, und alles, was dort bei mir geschehen war. Wenn sie auch über alle Vorgeschichten unterrichtet war und die Sachlage bereits nach zwei Worten hätte überschauen können, so nahm mein Bericht doch, glaube ich, an zehn Minuten in Anspruch. Nur ich sprach, und ich sagte die ganze Wahrheit und schämte mich nicht. Sie saß schweigend, regungslos und steif wie eine Stricknadel auf ihrem Stuhl, die Lippen zusammengepreßt, gespannt horchend und ohne auch nur einmal ihren Blick von mir zu wenden. Doch kaum hatte ich geendet, da sprang sie plötzlich auf -- so überraschend, daß ich unwillkürlich gleichfalls aufsprang.
»Ach, du junger Hund! So ist dieser Brief die ganze Zeit in deiner Tasche gewesen, und Marja Iwanowna, die Närrin, hat ihn dir noch eingenäht! Ach, ihr widerlichen Schurken! Du bist also hergekommen, um hier Herzen zu erobern und die vornehme Gesellschaft zu besiegen, dich an irgendeinem Gevatter Teufel dafür zu rächen, daß du ein unehelicher Sohn bist?«
»Tatjana Pawlowna, unterstehen Sie sich nicht, mich zu schmähen!« rief ich heftig. »Vielleicht sind gerade Sie mit Ihrem Schmähen von Anfang an die Ursache meiner Erbitterung hier gewesen! Ja, ich bin ein unehelicher Sohn und habe mich vielleicht wirklich dafür rächen wollen, daß ich ein unehelicher Sohn bin, und vielleicht wirklich an irgendeinem >Gevatter Teufel<, weil ja der Teufel selber nicht herausbringen könnte, wen hier die Schuld trifft! Aber vergessen Sie nicht, daß ich das Bündnis mit den Spitzbuben nicht eingegangen bin und meine Leidenschaften besiegt habe! Schweigend werde ich den Brief vor ihr hinlegen und davongehen, ohne auf ein Wort von ihr zu warten! -- das werden Sie selbst sehen!«
»Gib her, gib ihn her, leg den Brief sofort hier auf den Tisch! Du -- du lügst ja doch nur wieder!«
»Er ist in meiner Tasche eingenäht; Marja Iwanowna hat ihn selbst in den alten Rock eingenäht, und als ich mir hier den neuen Rock bestellte, habe ich ihn aus dem alten herausgenommen und ihn eigenhändig in den neuen eingenäht; hier ist er, fühlen Sie, wenn Sie sich überzeugen wollen, ob ich lüge!«
»Gib ihn her, hol ihn heraus!« bestürmte mich Tatjana Pawlowna aufgeregt.
»Um keinen Preis! Ich sage Ihnen noch einmal: ich werde ihn in Ihrem Beisein vor Katerina Nikolajewna hinlegen und davongehen, ohne auch nur ein einziges Wort von ihr zu erwarten; aber sie soll wissen und mit eigenen Augen sehen, daß ich ihn freiwillig übergebe, ohne Zwang, und ohne Dank zu erwarten.«
»Also wieder eine Rolle spielen? Bist immer noch verschossen, junger Hund?«
»Sie können mir soviel Bosheiten an den Kopf werfen, wie Sie wollen: ich mag sie ja verdient haben und nehme sie Ihnen nicht übel. Oh, mag ich ihr doch als ein kleiner Junge erscheinen, der gegen sie eine Verschwörung angezettelt hat, -- aber sie soll wissen, daß ich mich selbst besiegt und ihr Glück über alles in der Welt gestellt habe! Macht nichts, Tatjana Pawlowna, macht nichts! Ich rufe mir zu: Mut und Hoffnung! Und wenn das mein erster Schritt auf dem Schauplatz des Lebens gewesen ist, so habe ich ihn doch gut und vornehm abgeschlossen! Und was tut es, daß ich sie liebe,« fuhr ich begeistert und mit glänzenden Augen fort, »ich schäme mich dessen nicht: Mama ist ein Engel des Himmels, sie aber ist -- die Königin der Erde! Werssiloff wird zu Mama zurückkehren. Und so brauche ich mich vor ihr meiner Liebe nicht zu schämen; ich habe doch gehört, was sie und Werssiloff dort gesprochen haben, ich stand hinter der Portiere ... Oh, wir sind alle drei -- >Menschen ein und desselben Wahnsinns!< Wissen Sie, wer das gesagt hat: >Menschen ein und desselben Wahnsinns<? Das ist ein Ausspruch von ihm, von Andrei Petrowitsch! Und wissen Sie auch, daß wir vielleicht mehr sind, denn drei? Ja, ich wette, daß Sie die vierte sind! Wollen Sie, daß ich's sage? -- Ich wette, daß Sie selbst ihr ganzes Leben lang in Andrei Petrowitsch verliebt gewesen sind, und es vielleicht heute noch sind ...«
Wie gesagt, ich war begeistert und befand mich in einem Glücksrausch, aber ich kam nicht dazu, meinen Satz zu Ende zu sprechen: ihre Hand fuhr plötzlich mit verblüffender Geschwindigkeit in meine Haare und riß meinen Kopf zweimal aus aller Kraft nach vorn herunter ... dann ließ sie mich ebenso plötzlich fahren, ging in eine Ecke, kehrte das Gesicht zur Wand und verhüllte es mit dem Taschentuch.
»Junger Hund! Wage es nicht, mir das noch einmal zu sagen!« sagte sie schluchzend.
Das kam alles so unerwartet, daß ich einfach starr war. Ich stand da und sah sie an und wußte nicht, was ich tun sollte.
»Pfui, du Esel! Komm her und gib mir alten Närrin einen Kuß!« sagte sie plötzlich weinend und lachend. »Aber daß du mir nie wieder, nie wieder davon zu sprechen wagst ... Und dich liebe ich und habe dich mein ganzes Leben lang geliebt ... Esel.«
Ich küßte sie. Ich möchte hierzu in Klammern bemerken, daß ich seit der Zeit Tatjana Pawlownas bester Freund bin.
»Ach ja! Was fällt mir ein!« rief sie plötzlich und schlug sich vor die Stirn. »Was sagtest du da: der alte Fürst sei bei dir in der Wohnung? Ja, ist das auch wirklich wahr?«
»Ich versichere es Ihnen!«
»Ach, mein Gott! Ach, mir wird ganz übel, wenn ich daran denke!« rief sie und lief im Zimmer herum. »Und sie können ja mit ihm alles machen, was sie nur wollen! Ach, daß der Blitz nicht einschlägt in diese Dummköpfe! Und schon seit heute früh, sagst du? Da seht doch mal die Anna Andrejewna! Da seht ihr jetzt die Nonne! Und diese da, die Principessa, die ahnt ja wieder mal noch nichts!«
»Was für eine Principessa?«
»Na, die Königin der Erde, das sogenannte Ideal! Aber was sollen wir jetzt tun?«
»Tatjana Pawlowna, hören Sie!« rief ich, endlich wieder bei Besinnung. »Wir reden hier Dummheiten und vergessen darüber die Hauptsache: ich bin ja gekommen, um Katerina Nikolajewna zu holen, und die warten dort alle darauf, daß ich zurückkehre!«
Und hierauf erklärte ich, daß ich ihr das Dokument nur unter einer Bedingung ausliefern würde: wofern sie mir verspräche, sich mit Anna Andrejewna zu versöhnen und zu dieser Heirat ihre Zustimmung zu geben.
»Vorzüglich!« unterbrach mich Tatjana Pawlowna. »Das hab' ich ihr ja auch schon hundertmal gesagt! Er wird ja doch noch vor der Hochzeit sterben -- also wird es sowieso nicht zur Heirat kommen, und wenn er ihr im Testament Geld hinterlassen will, der Anna, so hat er's ihr doch schon ohnedem verschrieben ...«
»Ist es denn Katerina Nikolajewna wirklich nur ums Geld zu tun?«
»Nein, das nicht, aber sie fürchtete immer, das Dokument sei in Annas Händen, und ich fürchtete das auch! Deswegen haben wir doch auf sie aufgepaßt. Als gute Tochter wollte sie ihrem alten Vater nicht diesen Schmerz bereiten. Dem Bjoring aber, dem deutschen Nußknacker, dem war es natürlich um das Geld zu tun.«
»Und trotzdem bringt sie es über sich, diesen Bjoring zu heiraten?«
»Ja, was fängst du denn mit so einer Närrin an? Wer eine Närrin ist, ist eben eine Närrin. >Ruhe<, sagt sie, werde er ihr geben! >Irgendeinen muß man doch heiraten, und zum Heiraten scheint er mir der Geeignetste zu sein,< sagt sie. Na, wir werden ja sehen, wie lange er >der Geeignetste< sein wird. Die Haare wird sie sich noch raufen, aber dann wird es zu spät sein!«
»Ja, warum lassen Sie es denn zu? Sie lieben sie doch, sie haben ihr doch ins Gesicht gesagt, daß Sie in sie verliebt sind!«
»Und das bin ich auch! Ich liebe sie mehr als euch alle zusammen, und doch bleibe ich dabei, daß sie eine Närrin ist!«
»Also dann laufen Sie jetzt und holen Sie sie her, und wir bringen hier alles in Ordnung und fahren dann mit ihr zu ihrem Vater.«
»Aber das geht doch nicht, das geht doch nicht, Dummkopf! Das ist es ja eben! Ach, was soll man da tun! Ach, mir wird schlecht, wenn ich daran denke!« Sie lief wieder ratlos im Zimmer umher, griff aber schon nach ihrem Schal. »Wenn du doch um vier gekommen wärst, jetzt ist es ja schon acht Uhr, und sie ist vorhin zu Pelischtschoffs zum Diner gefahren und wollte nachher mit ihnen in die Oper.«
»Herrgott, ist es denn nicht möglich, sie in der Oper zu finden ... nein, nein, das geht nicht! Aber was wird denn jetzt aus dem Alten werden? Er wird ja noch in dieser Nacht sterben!«
»Hör mal: gehe nicht dahin zurück, gehe zu Mama und übernachte dort, und morgen früh ...«
»Nein, den Alten lasse ich um keinen Preis allein, möge kommen, was da wolle.«
»Ja, du hast recht, laß ihn nicht allein. Und ich, weißt du ... ich laufe zu ihr und werde ihr einen Zettel hinterlassen ... ich werde schon so schreiben, daß es außer ihr niemand versteht. Ich schreibe ihr, daß das Dokument hier ist, und daß sie morgen genau um zehn Uhr früh bei mir sein soll -- aber pünktlich um zehn! Sei unbesorgt, sie wird kommen, auf mich hört sie schon; und dann bringen wir die ganze Sache auf einmal in Ordnung. Du aber laufe zurück und unterhalte den Alten, erheitere ihn so gut du nur kannst, und dann bring ihn zu Bett, vielleicht macht er es noch bis morgen früh! Und auch der Anna Andrejewna jag keinen Schrecken ein, ich hab' sie doch auch lieb; du bist zu ihr ungerecht, weil du da vieles nicht verstehst: auch sie ist doch beleidigt, auch ihr ist von klein auf Unrecht widerfahren! Ach, alle kommt ihr mir auf den Hals! Und vergiß nicht, ihr von mir zu sagen, ich selber hätte ihre ganze Sache in die Hand genommen, ich selbst, und von ganzem Herzen, und sie solle ganz ruhig sein, ihr Stolz wird nicht verletzt werden ... Wir haben uns ja in den letzten Tagen ganz und gar überworfen, mußt du wissen, wir haben uns beinah angespien und beschimpft! Na, lauf nur ... Warte, zeig mir noch einmal die Tasche ... ist's auch wahr, ist's wahr? Ist es auch wirklich wahr, daß du den Brief hast?! Gib ihn mir doch wenigstens zur Nacht, was kann dir das denn ausmachen? Laß ihn hier, ich werde ihn dir ja nicht auffressen. Vielleicht kommt er dir noch über Nacht abhanden ... oder du änderst vielleicht deine Absicht?«
»Um keinen Preis gebe ich ihn her!« rief ich aus. »Da, fühlen können Sie ihn meinetwegen noch einmal, hier ist er ... aber ihn dalassen -- um keinen Preis!«
»Ja, ein Papier ist drin.« Sie betastete mit den Fingern meine Tasche. »Na, schon gut, also lauf jetzt, und ich gehe zu ihr, vielleicht auch ins Theater, du hast ganz recht damit! Lauf nur, lauf!«
»Warten Sie, Tatjana Pawlowna, sagen Sie mir noch: was macht Mama?«
»Sie lebt.«
»Und Andrei Petrowitsch?«
Sie winkte mit der Hand ab.
»Er wird schon wieder zur Besinnung kommen!«
Ich lief ermutigt und voller Hoffnung nach Hause, obschon mir nicht alles so geglückt war, wie ich es erwartet hatte. Aber o weh, das Schicksal hatte anders beschlossen, und mich erwartete etwas ganz Unvorhergesehenes -- fürwahr: es gibt doch ein Schicksal und ein Verhängnis in der Welt!
II.
Schon auf der Treppe vernahm ich einen großen Lärm in unserer Wohnung. Die Tür zu ihr war offen. Im Vorzimmer stand ein mir unbekannter Bedienter in Livree. Meine Wirtsleute, sowohl Pjotr Ippolitowitsch wie seine Frau, standen gleichfalls dort und schienen sehr erschrocken zu sein und auf irgend etwas zu warten. Auch die Tür zum Zimmer des Fürsten stand offen, und von dort scholl eine wahre Donnerstimme heraus, die ich sofort erkannte: es war Bjorings Stimme. Ich hatte noch nicht zwei Schritte machen können, als ich plötzlich sah, wie der Fürst, der ganz verweint war und zitterte, von Bjoring und Baron R. (demselben, der bei Werssiloff als Bjorings Bevollmächtigter erschienen war) aus dem Zimmer geleitet wurde. Der alte Fürst schluchzte laut und hielt sich an Bjoring, den er immer wieder küßte und umarmte. Jetzt sah ich auch, was Bjorings Geschrei zu bedeuten hatte: es galt Anna Andrejewna, die dem Fürsten ins Vorzimmer folgen wollte; er drohte ihr, und wenn ich mich nicht irre, stampfte er sogar mit dem Fuß -- kurz, der rohe Soldat und Deutsche kam in ihm zum Vorschein, ungeachtet seiner ganzen Zugehörigkeit zur »höchsten Gesellschaft«. Später hat es sich freilich herausgestellt, daß er der Meinung gewesen war, Anna Andrejewna hätte sich eines schweren Verbrechens schuldig gemacht und würde ihre Tat noch vor Gericht verantworten müssen. Aus Unkenntnis der Sachlage übertrieb er das Geschehene, wie das bei vielen Menschen vorzukommen pflegt, und deshalb glaubte er, das Recht zu haben, sie mit aller Rücksichtslosigkeit zu behandeln. Er hatte noch keine Zeit gehabt, sich den Vorfall so recht klarzumachen: man hatte ihn anonym benachrichtigt, wie sich später herausstellte (worauf ich noch zurückkommen werde), und er war sofort, und zwar in der Gemütsverfassung des wildgewordenen Herrenmenschen losgefahren, also in einem Zustande, in dem selbst die geistreichsten Leute dieser Rasse wie die Schuster zu einer Keilerei bereit sind. Anna Andrejewna hatte dieser Überrumpelung mit der größten Würde standgehalten, aber das sah ich nicht mehr. Ich sah nur noch, wie Bjoring, der den alten Fürsten hinausgeführt hatte, diesen plötzlich dem Baron R. überließ, sich jähzornig nach Anna Andrejewna umwandte und sie, wahrscheinlich in Erwiderung auf eine Bemerkung von ihr, wütend anschrie:
»Sie sind eine Intrigantin! Sie haben es nur auf sein Geld abgesehen! Von nun an sind Sie aus der Gesellschaft ausgestoßen, und Sie werden sich vor Gericht zu verantworten haben! ...«
»Sie sind es, der den armen Kranken ausnutzen will und ihn bis zum Irrsinn gebracht hat ... und jetzt schreien Sie mich an, weil ich eine schutzlose Frau bin und niemand hier ist, der mich verteidigen könnte ...«
»Ach ja, Sie sind ja seine Braut, seine Braut!« Bjoring lachte boshaft und schallend auf.
»Baron, Baron ... chère enfant, je vous aime!«{[128]} schluchzte der Fürst und streckte die Arme nach Anna Andrejewna aus.
»Kommen Sie, Fürst, kommen Sie, hier war eine ganze Verschwörung gegen Sie angezettelt, vielleicht sogar gegen Ihr Leben!« rief Bjoring.
»Oui, oui, je comprends, j'ai compris au commencement{[129]} ...«
»Fürst,« unterbrach ihn Anna Andrejewna mit erhobener Stimme, »Sie beleidigen mich und lassen es zu, daß man mich beleidigt!«
»Weg da!« schrie Bjoring sie plötzlich an.
Das war zuviel für mich!
»Schurke!« brüllte ich ihn an, außer mir. »Anna Andrejewna, ich beschütze Sie!«
Was nun folgte, will und kann ich nicht ausführlich schildern. Es kam zu einem schrecklichen und widerlichen Auftritt; ich war plötzlich wie von Sinnen. Ich glaube, ich stürzte auf ihn los und schlug ihn, oder wenigstens versetzte ich ihm einen tüchtigen Stoß. Er schlug mich gleichfalls aus aller Kraft auf den Kopf, so daß ich hinfiel. Als ich zu mir kam, lief ich ihnen nach, die Treppe hinunter; ich weiß noch, daß mir das Blut aus der Nase floß. Vor der Haustür wartete eine Equipage auf sie, und während sie dem Fürsten beim Einsteigen halfen, stürzte ich mich, obgleich der Bediente mich zurückstieß, wieder auf Bjoring. Da tauchte plötzlich die Polizei auf. Bjoring packte mich am Kragen und befahl dem Schutzmann herrisch, mich sofort auf die Wache zu bringen. Ich schrie, er müsse mitgenommen werden, das Protokoll wäre sonst unvollständig, und man dürfe mich nicht so ohne weiteres und nahezu aus meiner Wohnung auf die Wache führen. Da aber das Ganze sich doch auf der Straße zutrug und nicht in meiner Wohnung, und da ich schrie, schimpfte und mich widersetzte -- hinzu kam noch, daß Bjoring in seiner Uniform war -- so bedachte sich der Schutzmann nicht lange und machte Anstalt, mich abzuführen. Darüber geriet ich völlig außer mir: ich wehrte mich aus allen Kräften, schlug wie rasend um mich, und schlug auch den Schutzmann. Auf einmal waren zwei Schutzleute da, und ich wurde nun tatsächlich auf die Wache geführt. In meiner Erinnerung habe ich nur noch eine blasse Vorstellung davon, wie ich in ein dunstiges, vollgerauchtes Zimmer gebracht wurde, in dem sich eine Menge der verschiedensten Menschen befanden, die teils saßen, teils standen und warteten, teils schrieben; ich schrie auch hier wieder, erhob Einspruch und verlangte das Protokoll. Aber jetzt handelte es sich schon nicht mehr um ein Protokoll allein, sondern bereits um einen viel verzwicktern Fall, da ich Unfug getrieben und mich der Polizeigewalt widersetzt hatte. Hinzu kam, daß ich wohl fürchterlich aussah. Irgend jemand schrie mich plötzlich drohend an. Der Schutzmann berichtete inzwischen von meinem Unfug und von dem Obersten in der Uniform eines Garderegiments ...
»Ihr Name?« schrie mich jemand an.
»Dolgoruki!« brüllte ich.
»Fürst Dolgoruki?«
Außer mir antwortete ich mit einem unsagbar groben Schimpfwort, und dann ... dann, erinnere ich mich, wurde ich »zur Ernüchterung« in eine dunkle Kammer geschleppt. Oh, ich erhebe nicht Einspruch dagegen. Noch kürzlich haben wir ja in den Zeitungen die Beschwerde eines Herrn gelesen, der die ganze Nacht in der Haft gesessen hat, sogar gefesselt und gleichfalls in der Ernüchterungskammer. Dabei war er, glaub ich, noch nicht einmal schuldig -- ich aber war schuldig. Ich warf mich auf die Pritsche, auf der bereits zwei schwer Betrunkene schliefen. Mein Kopf tat mir weh, in meinen Schläfen hämmerte es, mein Herz klopfte. Ich werde dann wohl das Bewußtsein verloren haben, und ich glaube, ich habe sogar phantasiert. Ich weiß nur noch, daß ich mitten in der stockdunklen Nacht plötzlich wach wurde und mich auf der Pritsche aufsetzte. Mit einem Schlage fiel mir alles wieder ein, und ich verstand alles; ich stützte die Ellbogen auf die Knie, stützte den Kopf in die Hände und versank in tiefes Nachdenken.
Oh, ich will meine Gefühle nicht schildern, und ich habe auch gar keine Zeit dazu, aber eins möchte ich doch bemerken: ich habe vielleicht innerlich niemals frohere Augenblicke erlebt, als während jenes Sinnens in der dunklen Nacht, auf der Pritsche und in der Haft. Das wird dem Leser vielleicht unverständlich erscheinen, wie eine Art Tintenkleckserschwärmerei oder wie ein Ausdruck übertriebener Originalitätshascherei -- und doch war es so, wie ich sage. Es war eine jener Stunden, wie sie vielleicht jeder Mensch erlebt, die einem aber kaum mehr als einmal im Leben beschieden sind. In einer solchen Stunde entscheidet der Mensch über sein Schicksal, setzt sich selbst seine Anschauung fest und sagt sich einmal für sein ganzes Leben: »Dort liegt die Wahrheit, und den Weg mußt du gehen, um zur Wahrheit zu kommen.« Ja, diese Augenblicke wurden zum Licht meiner Seele. Ich war von dem hochmütigen Baron Bjoring beleidigt worden und erwartete, am nächsten Morgen von jener Dame der vornehmen Gesellschaft beleidigt zu werden, und ich wußte, daß ich mich nur zu gut an ihnen rächen konnte, aber ich beschloß, daß ich mich nicht rächen werde. Ich war entschlossen, trotz der großen Versuchung, das Dokument nicht aller Welt bekanntzugeben (auch dieser Gedanke war mir ungerufen schon durch den Kopf gewirbelt): ich sagte mir nochmals, daß ich morgen diesen Brief vor ihr hinlegen und, wenn es sein mußte, statt Dankbarkeit sogar ihr spöttisches Lächeln hinnehmen, und trotzdem kein Wort sagen und auf ewig von ihr gehen würde ... Übrigens, wozu das hier breittreten! Doch was am nächsten Morgen mit mir geschehen, wie man mich verhören, und was man schließlich mit mir machen werde -- darüber nachzudenken vergaß ich fast ganz. Ich bekreuzte mich mit Inbrunst, legte mich wieder auf die Pritsche hin und schlief frohgemut ein wie ein Kind.
Ich erwachte spät, als es schon hell war. Ich sah mich um und sah, daß ich allein war. Ich setzte mich auf und begann schweigend zu warten; ich wartete lange, vielleicht eine gute Stunde. Es wird ungefähr neun Uhr gewesen sein, als auf einmal ein Schutzmann hereintrat, um mich vorzuführen. Ich übergehe die Einzelheiten, da sie nebensächlich sind; ich habe jetzt nur noch die Hauptsache zu beenden. Ich bemerke bloß, daß man zu meiner nicht geringen Verwunderung überraschend höflich mit mir umging: ich wurde da irgend etwas gefragt, ich antwortete, und dann wurde mir ohne weiteres erlaubt, nach Haus zu gehen. Ich ging schweigend hinaus; in ihren Blicken las ich mit Genugtuung ein gewisses Staunen über einen Menschen, der sogar in einer solchen Lage seine Würde zu bewahren verstanden hatte. Ich würde das nicht erwähnt haben, wenn es nicht wirklich auffallend gewesen wäre. Aber wie groß war meine Überraschung, als ich am Ausgang plötzlich Tatjana Pawlowna vor mir sah. In zwei Worten sei hier nur noch erklärt, weshalb ich damals so schnell aus der Haft entlassen wurde.
Früh am Morgen, schon vor acht Uhr, war Tatjana Pawlowna in meiner Wohnung erschienen, das heißt, bei Pjotr Ippolitowitsch, -- sie hatte sogar eine Droschke genommen -- in der Annahme, den alten Fürsten noch anzutreffen, und statt dessen hatte sie auf einmal den Bericht von den Geschehnissen am Abend vorher vernommen und, was die Hauptsache war, erfahren, daß man mich auf die Polizeiwache geführt hatte. Da war sie denn schleunigst zu Katerina Nikolajewna geeilt (die schon am Abend, nach ihrer Rückkehr aus dem Theater, ihren Vater zu Hause vorgefunden hatte), war zu ihr ins Schlafzimmer gestürzt, hatte sie aufgeweckt, ihr Angst und Bange gemacht und meine sofortige Befreiung verlangt. Darauf war sie mit einem Brief von ihr zu Bjoring gefahren, hatte von ihm sofort ein Schreiben »an den zuständigen Polizeioffizier« erwirkt, in dem er, Baron Bjoring, dringend darum ersuchte, mich unverzüglich aus der Haft zu entlassen, da ich »infolge eines Mißverständnisses« verhaftet worden sei. Mit diesem Schreiben war sie dann auf der Polizeiwache erschienen: und selbstverständlich hatte man ihre Bitte sofort berücksichtigt.
III.
Ich fahre also in der Erzählung der Hauptsache fort.
Tatjana Pawlowna, die mich nun glücklich befreit hatte, setzte mich in ihre Droschke und brachte mich zu sich nach Hause. Marja mußte sofort Tee machen, während sie selbst mich wusch und meine Kleider säuberte. Und dabei sagte sie mir denn, daß Katerina Nikolajewna nicht um zehn Uhr, sondern um halb zwölf zu ihr kommen werde, um mich zu treffen. Das hörte nun auch Marja. Nach eine paar Minuten brachte sie die Teemaschine herein, doch als Tatjana Pawlowna kurz darauf noch einmal nach ihr rief, erhielt sie keine Antwort: Marja war, wie sich zeigte, nicht mehr da. Das bitte ich nicht zu vergessen. Die Uhr war vielleicht viertel vor zehn. Tatjana Pawlowna ärgerte sich zwar darüber, daß sie so ohne zu fragen ausgegangen war, sagte sich aber, sie werde wohl nur in den nächsten Laden gegangen sein, und im übrigen vergaß sie den ganzen Vorfall schon nach einem Augenblick. Wir waren aber auch wirklich mit Interessanterem beschäftigt: wir sprachen die ganze Zeit -- und ich hatte noch so vieles zu sagen, daß ich dieses Verschwinden der dummen Köchin überhaupt nicht beachtete. Ich bitte den Leser auch das nicht zu vergessen.
Natürlich war ich noch wie benommen; ich erklärte ihr meine Gefühle, aber die Hauptsache war doch, daß wir auf Katerina Nikolajewna warteten, und der Gedanke, daß ich ihr in einer Stunde endlich begegnen werde, und noch dazu in einem so entscheidenden Augenblick meines Lebens, ließ mich erzittern, und mein Herz stand mir still. Schließlich, als ich schon zwei Tassen Tee getrunken hatte, stand Tatjana Pawlowna auf, nahm eine Schere vom Tisch und sagte:
»So, jetzt gib mir mal die Tasche her, wir müssen den Brief heraustrennen -- das können wir doch nicht in ihrer Gegenwart.«
»Ja!« sagte ich und knöpfte meinen Rock auf.
»Das sind mir mal Stiche! Wer hat dir denn das hier zusammengenäht?«
»Ich selbst, Tatjana Pawlowna, ich selbst.«
»Na, das sieht man aber auch! ... So, da haben wir ihn ...«
Sie zog den Brief heraus; die Briefhülle war dieselbe, aber in ihr -- war ein unbeschriebenes Stück Papier.
»Das ... was ist denn das?« fragte Tatjana Pawlowna und wendete es in der Hand. »Was hast du?«
Ich stand blaß da, ohne ein Wort sprechen zu können ... und plötzlich sank ich kraftlos auf den Stuhl ... ich war beinahe ohnmächtig.
»Ja, was soll denn das wieder bedeuten!« schrie Tatjana Pawlowna, »wo ist denn jetzt der Brief?«
»Lambert!« rief ich und sprang auf und schlug mir vor die Stirn, denn ich hatte plötzlich alles begriffen.
Hastig und atemlos erzählte ich ihr von der Nacht bei Lambert und von unserer ganzen Verschwörung -- übrigens hatte ich ihr schon am Abend vorher von dieser Verschwörung manches mitgeteilt.
»Gestohlen hat er ihn mir, gestohlen!« schrie ich, stampfte mit den Füßen und raufte mir das Haar.
»Was nun?« fragte Tatjana Pawlowna ratlos, als sie den Zusammenhang begriff. »Wieviel Uhr ist es?«
Es war kurz vor elf.
»Ach, daß die Marja nicht da ist! ... Marja, Marja!«
»Was wünschen gnädiges Fräulein?« erscholl plötzlich Marjas Stimme aus der Küche.
»Bist du da? Ja, was machen wir denn jetzt! Ich renne zu ihr hin ... Ach, du Tölpel, du Tölpel!«
»Ich laufe zu Lambert!« brüllte ich, »und erwürge ihn, wenn es sein muß!«
»Gnädiges Fräulein!« rief plötzlich Marja aus der Küche, »hier ist eine, die Sie sprechen will ...«
Noch hatte sie ihren Satz nicht zu Ende gesprochen, als diese »eine« mit Heulen und Schreien aus der Küche hereinstürzte. Es war Alphonsinka. Ich werde die Szene nicht in allen Einzelheiten wiedergeben; die Szene selbst war ein Betrug und eine Komödie, doch ich muß bemerken, daß Alphonsinka ihre Rolle großartig spielte. Unter Tränen der Reue und mit unmöglichen Gebärden schnatterte sie ihren Vortrag herunter (auf Französisch selbstverständlich), gestand, daß sie selbst den Brief aus der Tasche getrennt hätte, daß ihn Lambert jetzt besäße, und daß Lambert zusammen mit »diesem Räuber,« cet homme noir, »madame la générale«{[130]} zu sich gerufen habe, und sie würden madame la générale bestimmt erschießen, jetzt, sogleich, in einer Stunde ... sie, Alphonsinka, hätte das alles von ihnen erfahren und plötzlich furchtbare Angst bekommen, weil sie in ihren Händen einen Revolver gesehen, »un pistolet«,{[131]} und deshalb wäre sie zu uns gelaufen, damit wir hinkämen, madame retteten, das Unglück verhüteten ... »et cet homme noir ...«
Kurz, alles, was sie sagte, erschien uns durchaus glaubwürdig, und die Dummheit einiger ihrer Erklärungen erhöhte eigentlich noch die Glaubwürdigkeit.
»Was für ein homme noir?« schrie Tatjana Pawlowna sie an.
»Tiens, j'ai oublié son nom ... Un homme affreux ... Tiens, Versiloff!«{[132]}
»Werssiloff! -- das kann nicht sein!« schrie ich auf.
»Doch, das kann schon sein!« kreischte Tatjana Pawlowna. »So erzählen Sie doch, meine Beste, aber springen Sie nicht so und fuchteln Sie doch nicht so mit den Armen! Was haben die beiden vor? Sprechen Sie doch vernünftig, meine Beste: ich kann es doch nicht glauben, daß sie sie erschießen wollen?«
Die »Beste« erklärte nun folgendes (NB.: es war alles Schwindel, ich bereite nochmals darauf vor): Werssiloff werde hinter der Tür sitzen, und Lambert werde ihr, wenn sie hereinkäme, cette lettre{[133]} zeigen, und in dem Augenblick werde Werssiloff hervorstürzen, und dann ... »Oh, ils feront leur vengeance!«{[134]} Sie, Alphonsina, habe Angst bekommen, weil sie daran beteiligt sei, denn »cette dame, la générale«{[135]} werde bestimmt kommen, »sofort, sofort,« denn sie hätten ihr eine Abschrift des Briefes geschickt, aus der sie ersehen könne, daß der Brief wirklich in ihren Händen sei; und deshalb werde sie bestimmt kommen. Den Brief habe Lambert geschrieben, und von Werssiloff wisse madame la générale noch nichts; Lambert aber habe sich ihr als ein Herr vorgestellt, der soeben aus Moskau angekommen wäre, im Auftrage einer Moskauer Dame, »une dame de Moscou«{[136]} (NB.: Marja Iwanowna!).
»Ach, mir wird schlecht, mir wird schlecht!« rief Tatjana Pawlowna.
»Sauvez-la, sauvez-la!«{[137]} schrie und beschwor uns Alphonsinka.
Freilich hatte diese wahnwitzige Nachricht schon auf den ersten Blick etwas Unsinniges, aber zum Überlegen blieb uns keine Zeit, und das Ganze schien uns doch durchaus glaubwürdig zu sein. Man hätte wohl voraussetzen können, und zwar mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit, daß Katerina Nikolajewna nach Empfang von Lamberts Brief zuerst zu uns kommen werde, zu Tatjana Pawlowna, um die Sache aufzuklären. Aber auch das brauchte schließlich nicht unbedingt zu geschehen, und sie konnte ja auch direkt zu ihm fahren, und dann -- war sie verloren! Und wenn auch kaum anzunehmen war, daß sie so ohne weiteres auf die erste Aufforderung hin zu dem ihr ganz unbekannten Lambert eilen werde, so war doch die Möglichkeit, daß sie es tat, immerhin nicht ausgeschlossen. Die Abschrift mußte sie jedenfalls überzeugen, daß Lambert wirklich im Besitz ihres Briefes war, und wenn sie daraufhin zu ihm fuhr -- konnte das Unglück doch geschehen! Aber vor allen Dingen durften wir ja keinen Augenblick verlieren, und so hatten wir auch keine Zeit, lange zu überlegen.
»Und Werssiloff wird sie ermorden! Wenn er sich schon zur Gemeinschaft mit Lambert erniedrigt hat, so wird er sie auch ermorden! Das ist nicht er, das ist sein Doppelgänger!« rief ich.
»Ach, dieser Doppelgänger!« Tatjana Pawlowna rang die Hände. »Aber jetzt müssen wir handeln!« entschloß sie sich plötzlich. »Nimm deine Mütze, den Pelz, und vorwärts marsch! Und Sie, meine Beste, führen uns sofort zu ihnen hin. Ach, das ist ein weiter Weg! Marja, Marja, wenn Katerina Nikolajewna kommen sollte, dann sage ihr, ich käme sofort wieder, sie soll sich hinsetzen und auf mich warten, und wenn sie nicht warten will, so schließe die Tür zu und halt sie mit Gewalt zurück. Sag ihr, ich hätte dir so befohlen! Hundert Rubel bekommst du, Marja, wenn du mir diesen Dienst erweist!«
Wir liefen auf die Treppe hinaus. Zweifellos taten wir das Vernünftigste, denn die größte Gefahr drohte ihr doch in Lamberts Wohnung; und wenn Katerina Nikolajewna vorher zu Tatjana Pawlowna kam, so konnte Marja sie einfach zurückhalten. Aber Tatjana Pawlowna änderte, als wir schon eine Droschke genommen hatten, doch noch ihren Entschluß.
»Nein, fahr du allein mit ihr hin!« rief sie mir zu und ließ mich mit Alphonsinka einsteigen. »Und dort stirb für sie, wenn es sein muß, verstanden? Ich werde dir gleich folgen, aber vorher will ich noch schnell zu ihr, vielleicht treffe ich sie noch, denn sag' was du willst, mir kommt die Sache doch verdächtig vor!«
Und sie fuhr schnell zu Katerina Nikolajewna! Ich aber fuhr mit Alphonsinka zu Lambert. Ich trieb den Kutscher zur Eile an, und während der Fahrt fragte ich Alphonsinka weiter aus, aber Alphonsinka antwortete mir nur noch mit Ausrufen und zu guter Letzt mit Tränen. Doch Gott beschützte und rettete uns, als alles nur noch an einem Faden hing. Wir hatten kaum ein Viertel des Weges zurückgelegt, als ich plötzlich hinter uns schreien hörte: mein Name wurde gerufen. Ich sah mich um -- Trischatoff jagte uns in einer Droschke nach.
»Wohin?« rief er erschrocken, »und mit ihr, mit Alphonsinka!«
»Trischatoff!« rief ich ihm zu, »Sie haben die Wahrheit gesagt -- das Unglück ist da! Ich fahre zu dem Schuft Lambert! Kommen Sie mit, es ist dann doch einer mehr!«
»Kehren Sie um, kehren Sie sofort um!« schrie Trischatoff. »Lambert betrügt Sie und Alphonsinka betrügt Sie! Der Pockennarbige schickt mich, sie sind gar nicht bei Lambert: ich bin Werssiloff und Lambert soeben begegnet: sie fuhren zu Tatjana Pawlowna ... jetzt werden sie schon dort sein ...«
Ich ließ den Kutscher halten und sprang in Trischatoffs Schlitten hinüber. Heute verstehe ich einfach nicht, wie ich mich damals so schnell habe entschließen können; aber ich glaubte ihm sofort und handelte danach. Alphonsinka kreischte fürchterlich, aber wir ließen sie sitzen, wo sie saß, und ich weiß nicht einmal, ob sie uns nachfuhr, oder ob sie dort ausstieg, jedenfalls habe ich sie nachher nie wieder gesehen.
Im Schlitten teilte mir Trischatoff Hals über Kopf und ganz atemlos mit, daß es sich da um gewisse Machenschaften handle, Lambert sei mit dem Pockennarbigen anfangs unter einer Decke gewesen, aber im letzten Augenblick habe der Pockennarbige sich bedacht und sei von ihm abgefallen. Jedenfalls habe er ihn, Trischatoff, selbst zu Tatjana Pawlowna geschickt, damit er ihr sage, daß sie Alphonsinka keinen Glauben schenken solle. Trischatoff fügte hinzu, weiter wisse er nichts, denn der Pockennarbige hätte selbst etwas sehr Wichtiges vorgehabt und deshalb nur in aller Eile die notwendigsten Anordnungen geben können. »Ich sah Sie fahren,« fuhr Trischatoff fort, »und da bin ich Ihnen nachgejagt.« Es war natürlich klar, daß der Pockennarbige alles wußte, da er Trischatoff doch geradeswegs zu Tatjana Pawlowna geschickt hatte, doch über dieses neue Rätsel dachte ich nicht lange nach.
Damit aber der Leser sich in diesem Wirrwarr zurechtfinde, will ich, bevor ich die Katastrophe beschreibe, noch einmal, zum letztenmal, vorgreifen und den ganzen Zusammenhang schon jetzt aufdecken.
IV.
Nachdem Lambert mir den Brief in jener Nacht entwendet hatte, war er gleich mit Werssiloff in Verbindung getreten. Wie es für Werssiloff möglich war, sich mit Lambert zu verbünden -- darüber schweige ich zunächst; davon später. In der Hauptsache war hier wohl der »Doppelgänger« im Spiel! Lambert aber stand nach seinem Bündnis mit Werssiloff die schwere Aufgabe bevor, Katerina Nikolajewna auf möglichst schlaue Weise zu sich zu locken. Werssiloff war überzeugt, daß sie nicht kommen werde. Doch Lambert hatte schon zwei Tage vorher -- noch an jenem Abend, als er mir kurz vor meiner Wohnung in den Weg gelaufen war und ich ihm erklärt hatte, ich werde ihr den Brief in Tatjana Pawlownas Wohnung und in Tatjana Pawlownas Beisein zurückgeben, ohne von ihr etwas zu verlangen -- da hatte Lambert ungesäumt, um jederzeit über alles unterrichtet zu sein, was in dieser Wohnung vorging, eine Art Spionendienst eingerichtet, und zwar hatte er -- Marja bestochen. Er hatte ihr zwanzig Rubel gegeben, und dann, einen Tag später, als er schon im Besitz des Dokuments war, hatte er ihr alles ausführlich auseinandergesetzt, was er von ihr erwartete, und schließlich für ihre Dienste zweihundert Rubel versprochen.
Deshalb also war Marja, als sie in der Küche gehört hatte, daß Katerina Nikolajewna um halb zwölf zu Tatjana Pawlowna kommen wolle, und daß auch ich da sein werde, sogleich aus dem Hause gelaufen, um schnell mit einer Droschke zu Lambert zu fahren und ihm diese Nachricht zu überbringen. Eben diese Benachrichtigung war der ganze Dienst, den sie Lambert verabredetermaßen erweisen sollte. Zufällig hatte Werssiloff sich gerade in dem Augenblick bei Lambert befunden, und er war es denn auch gewesen, der diesen teuflischen Plan entwarf. Man sagt, Geisteskranke sollen in manchen Augenblicken unglaublich schlau sein können.
Der Plan bestand darin: Tatjana Pawlowna und mich kurz vor Katerina Nikolajewnas Ankunft, also kurz vor halb zwölf, aus der Wohnung zu locken, wenn auch nur auf eine Viertelstunde, und sobald wir das Haus verlassen hätten, schnell ihren Beobachtungsposten -- irgendwo in der Nähe, von wo aus man die Haustür sehen konnte -- zu verlassen und in die Wohnung einzudringen, die Marja ihnen öffnen sollte, und dort Katerina Nikolajewna zu erwarten. Alphonsinka aber fiel die Aufgabe zu, uns so lange wie möglich festzuhalten, gleichviel mit welchen Mitteln, wie und wo es ihr nur möglich war. Katerina Nikolajewna mußte ihrem Versprechen gemäß um halb zwölf Uhr dort eintreffen, also reichlich zweimal so früh, als wir wieder zurück sein konnten. (Selbstverständlich hatte Katerina Nikolajewna von Lambert überhaupt keine Aufforderung erhalten, das hatte Alphonsinka uns einfach vorgelogen, und eben diesen Schachzug hatte Werssiloff erdacht, -- Alphonsinka aber hatte nur nach seinen Angaben die Rolle der erschrockenen Verräterin gespielt, die aus Angst die Verschwörung verriet.) Natürlich war es von ihnen ein gewagtes Spiel, aber schließlich sagten sie sich wohl ganz richtig: »Gelingt es, so ist es gut, gelingt es nicht, so ist immerhin noch nichts verloren, denn das Dokument bleibt doch in unseren Händen.« Aber es gelang; und wie hätte es auch nicht gelingen sollen; denn wir mußten doch Alphonsinka schon aus der einen Erwägung heraus folgen: »Wenn es aber wahr ist -- was dann?« Ich sage noch einmal: zum Überlegen hatten wir keine Zeit.
V.
Ich lief mit Trischatoff in die Küche, wo wir Marja in der größten Angst antrafen. Sie hatte, als Lambert und Werssiloff in die Wohnung getreten waren, in Lamberts Hand einen Revolver bemerkt, und das hatte sie so furchtbar erschreckt. Das Geld hatte sie zwar genommen, aber der Revolver paßte doch ganz und gar nicht zu ihrer Auffassung der Sache. Ratlos stand sie da, und als sie nun plötzlich mich erblickte, stürzte sie auf mich zu und flüsterte angstvoll:
»Die Generalin ist gekommen, und der Herr hat einen Revolver!«
»Trischatoff, bleiben Sie hier in der Küche,« ordnete ich an, »und wenn ich rufe, so kommen Sie mir sofort zu Hilfe, so schnell wie möglich!«
Marja öffnete mir die Tür, und ich schlüpfte in Tatjana Pawlownas Schlafzimmer -- in denselben kleinen Raum, wo eigentlich nur ihr Bett Platz hatte, und von wo aus ich schon einmal ein Gespräch gegen meinen Willen belauscht hatte. Ich setzte mich auf das Bett und fand alsbald auch einen Spalt zwischen den Vorhängen, durch den ich in das Wohnzimmer sehen konnte.
Aber dort wurde schon laut und erregt gesprochen; ich muß bemerken, daß Katerina Nikolajewna vielleicht nur eine Minute nach ihnen die Wohnung betreten hatte. Schon in der Küche hatte ich erregte Stimmen vernommen: namentlich Lambert sprach in der Aufregung übermäßig laut. Sie saß auf dem Diwan, er aber stand vor ihr und schrie wie ein Narr. Heute weiß ich, warum er so sinnlos den Kopf verlor: er hatte es furchtbar eilig, weil er fürchtete, sie könnten überrascht werden. Später werde ich erklären, von welcher Seite er die Überraschung fürchtete. Den Brief hielt er in der Hand.
Werssiloff war nicht im Zimmer: er stand bereit, um bei der ersten Gefahr ins Zimmer zu stürzen. Ich kann nur den Sinn der Reden wiedergeben; ich war damals gar zu aufgeregt, und so habe ich denn von dem Gehörten nur das wenigste wörtlich behalten.
»Ich verlange für diesen Brief nur dreißigtausend Rubel, und Sie wundern sich noch! Er ist hunderttausend wert, aber ich verlange bloß dreißigtausend!« rief Lambert laut und furchtbar erregt.
Katerina Nikolajewna war allerdings sichtlich erschrocken, aber sie sah ihn doch mit einem gewissen, schon im voraus verachtenden Staunen an.
»Ich sehe, daß man mir hier gewissermaßen eine Falle gestellt hat, aber ich verstehe nicht, was Sie eigentlich wollen,« sagte sie. »Doch wenn Sie diesen Brief wirklich ...«
»Hier, sehen Sie, hier ist er! Erkennen Sie ihn? Ich verlange von Ihnen einen Wechsel über dreißigtausend Rubel und keine Kopeke weniger!« fiel ihr Lambert ins Wort.
»Ich habe kein Geld.«
»Stellen Sie mir einen Wechsel aus -- hier ist Papier. Und dann verschaffen Sie sich das Geld, ich werde warten, aber nur eine Woche -- nicht länger ... Wenn Sie mir das Geld bringen -- gebe ich Ihnen den Wechsel zurück, und dann bekommen Sie auch den Brief.«
»Sie erlauben sich mir gegenüber einen sehr sonderbaren Ton. Sie irren sich. Dieser Brief wird Ihnen heute noch abgenommen werden, wenn ich hingehe und Sie anzeige.«
»Wem? Hahaha! Aber der Skandal, und der alte Fürst, dem wir den Brief inzwischen zeigen! Und wo will man ihn mir abnehmen? Dokumente lasse ich doch nicht in meiner Wohnung. Und dem alten Fürsten zeige ich den Brief durch eine dritte Person. Seien Sie nicht eigensinnig, meine Gnädigste! Seien Sie mir vielmehr dankbar, daß ich nur so wenig verlange; ein anderer würde an meiner Stelle noch viel mehr verlangen, würde noch eine gewisse Gefälligkeit fordern ... Sie können sich denken, was für eine ... jedenfalls eine, die von keiner hübschen Frau verweigert wird, wenn sie ein wenig in die Enge getrieben ist -- eben eine solche Gefälligkeit ... Hehehe! Vous êtes belle, vous!«{[138]}
Katerina Nikolajewna erhob sich ungestüm von ihrem Platz, wurde über und über rot und -- spie ihm ins Gesicht. Dann wandte sie sich schnell zur Tür. In demselben Augenblick riß Lambert seinen Revolver hervor. Als echter Dummkopf hatte er blind an die entscheidende Wirkung des Dokuments geglaubt, das heißt, er hatte überhaupt nicht darüber nachgedacht, mit wem er es zu tun hatte, da er, wie ich einmal schon erwähnt habe, alle Menschen für genau so erbärmliche und niedrige Geschöpfe hielt, wie er selbst eines war. So kam es, daß er sie gleich mit einer Gemeinheit vor den Kopf stieß, während sie vielleicht sogar bereit war, auf eine Erledigung der Angelegenheit durch Geld einzugehen.
»Nicht von der Stelle!« brüllte er sie an, rasend vor Wut, weil sie ihn angespien hatte, packte sie an der Schulter und hielt ihr den Revolver vor, -- natürlich nur, um sie einzuschüchtern.
Sie schrie auf und sank auf den Diwan. Ich stürzte ins Zimmer, doch im selben Augenblick flog auch schon die Tür zum Vorzimmer auf, und Werssiloff stand vor uns. (Er hatte dort gestanden und gewartet.) Ich hatte ihn kaum erblickt, da hatte er Lambert schon den Revolver entrissen und ihm aus aller Kraft mit der Waffe auf den Kopf geschlagen. Lambert taumelte und stürzte bewußtlos hin. Aus seiner Kopfwunde strömte das Blut auf den Teppich.
Als Katerina Nikolajewna Werssiloff erblickte, wurde sie auf einmal weiß wie ein Handtuch; ein paar Augenblicke sah sie ihn starr an, in unbeschreiblichem Entsetzen, und plötzlich fiel sie in Ohnmacht. Er stürzte auf sie zu. Dieses ganze Erlebnis ist in meiner Erinnerung nur noch wie eine flimmernde Reihe von Momentbildern. Ich weiß noch, mit welchem Schrecken ich damals sein fast blutrotes Gesicht und die blutunterlaufenen Augen sah. Ich glaube, er sah mich wohl, aber er erkannte mich nicht. Er erfaßte sie, die Ohnmächtige, und hob sie mit einer Kraft, die ich ihm gar nicht zugetraut hätte, wie eine leichte Feder auf seine Arme und begann sie sinnlos im Zimmer umherzutragen, ganz wie man ein kleines Kind trägt. Das Zimmer war ja nicht groß, er aber wanderte aus einer Ecke in die andere, offenbar ohne zu wissen, wozu er das tat. In einem dieser Augenblicke wird er wohl tatsächlich den Verstand verloren haben. Er starrte sie dabei die ganze Zeit an und schien seinen Blick von ihrem Antlitz nicht losreißen zu können. Ich lief hinter ihm her, in der größten Angst wegen des Revolvers, den er unbewußt in der rechten Hand behalten hatte und dicht neben ihrem Kopf hielt. Aber er stieß mich immer wieder zurück, einmal mit dem Fuß, einmal mit dem Ellbogen. Ich wollte schon Trischatoff rufen, fürchtete jedoch, den Wahnsinnigen dadurch zu reizen. Schließlich zog ich den Vorhang zur Seite und bat ihn, sie doch auf das Bett zu legen. Er trat an das Bett und legte sie behutsam hin, aber er blieb bei ihr stehen, sah ihr mit Spannung ins Gesicht, und plötzlich beugte er sich über sie und küßte sie zweimal auf ihre bleichen Lippen. Oh, ich begriff endlich, daß dieser Mensch nicht mehr bei Sinnen war! -- Plötzlich holte er mit dem Revolver aus, als wolle er sie erschlagen, besann sich aber, drehte den Revolver um und richtete ihn auf ihr Gesicht. Im Nu hatte ich seinen Arm zurückgerissen und schrie nach Trischatoff. Ich weiß noch, wie wir dann beide mit ihm rangen, aber es gelang ihm doch, den Revolver gegen sich selbst zu richten und abzudrücken. Er hatte zuerst sie und dann sich erschießen wollen. Daran wurde er von uns verhindert, und so drückte er die Mündung des Revolvers gegen sein eigenes Herz, aber ich konnte noch von unten gegen seine Hand schlagen, und die Kugel drang ihm in die Schulter. In dem Augenblick stürzte Tatjana Pawlowna mit einem Schrei ins Zimmer: doch da lag er schon bewußtlos auf dem Teppich, fast neben Lambert.
Dreizehntes Kapitel.
I.
Jetzt ist seit dieser Szene schon ein halbes Jahr vergangen; vieles ist seitdem geschehen, vieles hat sich ganz verändert, und für mich hat schon lange ein neues Leben begonnen ... Aber ich will dem Leser auch über den Ausgang Aufschluß geben.
Für mich wenigstens war sowohl damals wie noch lange nachher die wichtigste Frage: wie hatte Werssiloff sich mit einem Lambert verbünden können, und was für einen Zweck hatte er damit eigentlich verfolgt? Nach und nach bin ich zu folgender Erklärung gelangt: ich glaube, oder vielmehr ich bin überzeugt, daß Werssiloff in jenen Augenblicken, das heißt, an jenem letzten Tage und auch schon am Tage vorher, so gut wie überhaupt kein bestimmtes Ziel im Auge gehabt hat, und ich denke, er wird überhaupt nicht viel gedacht, sondern nur unter dem Einfluß eines Wirbelsturmes von Gefühlen gehandelt haben. Übrigens, daß es bei ihm ein wirklicher Wahnsinn gewesen sei, gebe ich in keinem Fall zu, um so weniger, als er auch jetzt nicht im geringsten irgendwie wahnsinnig ist. Aber den »Doppelgänger« gebe ich unbedingt zu. Was ist nun eigentlich ein »Doppelgänger«? Nach dem Buch eines medizinischen Sachverständigen, das ich inzwischen gelesen habe, um mir darüber Klarheit zu verschaffen, versteht man unter einer Doppelgängeridee nichts anderes, als den ersten Grad einer gewissen Geistesstörung, die sogar recht schlimm enden kann. Nun, Werssiloff hatte uns ja schon selber, damals in jener Szene bei Mama, diese »Spaltung« seiner Gefühle und seines Willens mit unheimlicher Aufrichtigkeit erklärt. Aber ich sage es noch einmal: wenn jene Szene bei Mama, die Zerschmetterung des Heiligenbildes, auch zweifellos unter dem Einfluß des »Doppelgängers« vor sich gegangen war, so hat mir seitdem doch die ganze Zeit geschienen, daß seiner Handlung sich zugleich eine gewisse schadenfrohe Symbolik beigemischt habe: etwas wie ein Haß gegenüber den Erwartungen dieser Frauen, wie eine Wut auf ihre Rechte und ihre Richterschaft, -- und da zerschmetterte er denn in Gemeinschaft mit seinem Doppelgänger dieses Heiligenbild! Es war, als hätte er damit sagen wollen: »Seht, so werden auch eure Erwartungen zerschmettert werden!« Kurz, wenn es zum Teil auch der Doppelgänger war, so war es zum anderen Teil doch einfach Torheit ... Aber das ist schließlich nur meine Auslegung; und mit Sicherheit läßt sich so etwas wohl kaum deuten.
Es ist wahr, daß in ihm trotz seiner ganzen Vergötterung Katerina Nikolajewnas immer der aufrichtigste und tiefste Zweifel an ihrem sittlichen Werte wurzelte. Ich glaube bestimmt, daß er damals hinter der Tür nur auf ihre Erniedrigung vor Lambert gewartet hat. Aber wünschte er deshalb diese Erniedrigung, selbst wenn er auf sie wartete? Ich wiederhole: ich bin überzeugt, daß er nichts wünschte und nicht einmal zu denken vermochte. Er wollte nur dabei sein, irgendwo in der Nähe, um dann hervorzutreten, ihr etwas zu sagen, vielleicht -- vielleicht sie auch zu beleidigen, und vielleicht sie sogar zu töten ... Alles konnte damals geschehen; nur wußte er, als er mit Lambert hinkam, noch nichts davon, was geschehen werde. Der Revolver gehörte Lambert, er selbst war ohne Waffen gekommen. Als er aber ihre stolze Würde sah, da ertrug er Lamberts schurkische Drohung nicht, stürzte ins Zimmer, und -- dann verlor er den Verstand. Ob er sie wirklich erschießen wollte? Ich glaube, auch das wußte er nicht, aber er hätte sie bestimmt erschossen, wenn wir seinen Arm nicht weggerissen hätten.
Seine Wunde war nicht tödlich und heilte, aber er lag doch ziemlich lange danieder -- natürlich bei Mama. Jetzt ist draußen schon Frühling, es ist Mitte Mai, und unsere Fenster stehen offen. Während ich dies schreibe, sitzt Mama bei ihm; er streichelt ihre Wangen, streichelt ihr Haar und sieht ihr gerührt in die Augen. Oh, das ist nur noch die Hälfte des früheren Werssiloff; von Mama trennt er sich überhaupt nicht mehr und wird auch nie wieder von ihr gehen. Ja, ihm ward sogar »die Gabe der Tränen zuteil«, wie der unvergeßliche Makar Iwanowitsch in seiner Erzählung von dem Kaufmann sich ausdrückte. Übrigens glaube ich, daß Werssiloff lange leben wird. Uns gegenüber ist er jetzt schlicht und aufrichtig wie ein Kind, ohne übrigens sein Maß und seine Zurückhaltung zu verlieren und viel Worte zu machen. Sein Verstand und sein ganzer sittlicher Aufbau sind ihm unverändert verblieben, nur daß alles, was an Idealem in ihm war, jetzt noch stärker hervortritt. Ich sage es gerade heraus: ich habe ihn noch nie so geliebt wie jetzt, und es tut mir leid, daß ich weder Zeit noch Gelegenheit habe, mehr von ihm zu sprechen. Übrigens will ich doch noch ein Erlebnis erzählen, das wir erst kürzlich mit ihm hatten (wir haben schon viele gehabt): Zu den großen Fasten war er schon vollständig genesen, und in der sechsten Woche sagte er plötzlich, er werde diesmal auch das Abendmahl nehmen. Das hatte er schon seit vielleicht dreißig Jahren, denke ich, nicht mehr getan. Mama war selig; es wurde sofort Fastenkost bereitet, aber natürlich eine ziemlich kostspielige und verfeinerte. Ich hörte im Nebenzimmer, wie er am Montag und Dienstag die Erlösungshymne vor sich hinsummte und sich an der Melodie und den Worten begeisterte. In diesen zwei Tagen sprach er ein paarmal sehr schön über Religion; aber schon am Mittwoch hörte das Fasten plötzlich auf. Irgend etwas hatte ihn gereizt, ein »komischer Widerspruch«, wie er sich lachend ausdrückte. Irgend etwas hatte ihm im Äußeren des Geistlichen oder am Gottesdienst nicht gefallen: und kaum war er nach Hause gekommen, da sagte er mit einem stillen Lächeln: »Meine Freunde, ich liebe Gott sehr, aber -- dazu bin ich unfähig.« Und noch an demselben Tage gab es zu Mittag Roastbeef. Aber ich weiß, daß Mama auch jetzt sich oft zu ihm setzt und mit leisem und stillem Lächeln manchmal von den abstraktesten Dingen mit ihm zu sprechen anfängt: jetzt wagt sie es plötzlich -- wie das gekommen ist, weiß ich nicht. Sie setzt sich einfach neben ihn hin und spricht zu ihm, meist im Flüsterton. Er hört ihr lächelnd zu, streichelt sie, küßt ihre Hände, und aus seinem Gesicht leuchtet das vollkommenste Glück. Manchmal hat er auch Anfälle, die fast hysterisch sind. Er nimmt dann ihre Photographie, dieselbe, die er an jenem Abend küßte, betrachtet sie mit Tränen in den Augen, küßt sie, gedenkt vergangener Zeiten, ruft uns alle zu sich, aber spricht in solchen Augenblicken wenig ... Katerina Nikolajewna scheint er ganz vergessen zu haben; ihren Namen hat er nie wieder ausgesprochen. Auch von seiner Trauung mit Mama ist bei uns nicht mehr die Rede gewesen. Er sollte für den Sommer ins Ausland gebracht werden; aber Tatjana Pawlowna war sehr dagegen, und auch er hatte keine Lust. Den Sommer werden sie in einem Landhause in der Nähe von Petersburg verbringen. Übrigens leben wir vorläufig alle von Tatjana Pawlownas Mitteln. Eins möchte ich noch hinzufügen: es tut mir unsagbar leid, daß ich mir in diesen Aufzeichnungen oft erlaubt habe, von diesem Menschen unhöflich und von oben herab zu sprechen. Aber ich habe mir während des Schreibens mich selbst immer gar zu lebendig so vorgestellt, wie ich in dem Augenblick gewesen war, den ich gerade beschrieb. Doch als ich meine Aufzeichnungen beendet und die letzte Zeile niedergeschrieben hatte, fühlte ich plötzlich, daß ich mich selbst eben durch das nochmalige Durchleben der Erlebnisse, indem ich mir alles ins Gedächtnis zurückrief und mir vergegenwärtigte, und dann noch niederschrieb -- daß ich mich eben dadurch zu einem anderen Menschen erzogen habe. Vieles von dem, was ich da geschrieben habe, möchte ich heute widerrufen und besonders den Ton mancher Zeilen und Seiten ändern, aber ich streiche nichts aus und verbessere nicht ein Wort.
Ich habe schon gesagt, daß er Katerina Nikolajewna überhaupt nicht mehr erwähnt hat; ja, ich glaube sogar, daß er vielleicht vollkommen geheilt ist. Nur Tatjana Pawlowna und ich sprechen manchmal von Katerina Nikolajewna, und auch wir tun es nur heimlich. Sie ist jetzt im Auslande; ich habe sie vor ihrer Abreise gesehen und bin mehrere Male bei ihr gewesen. Aus dem Auslande habe ich von ihr schon zwei Briefe erhalten und auch beantwortet. Doch über den Inhalt unserer Briefe und darüber, was wir vor ihrer Abreise, als wir Abschied nahmen, gesprochen haben, schweige ich: das ist schon eine ganz andere Geschichte, eine ganz neue Geschichte, eine, die sich vielleicht erst in der Zukunft verwirklichen wird. Sogar vor Tatjana Pawlowna verschweige ich noch manches. Doch -- genug davon. Ich füge nur hinzu, daß Katerina Nikolajewna nicht verheiratet ist und mit Pelischtschoffs zusammen reist. Ihr Vater ist gestorben, und sie ist eine der reichsten Witwen. Augenblicklich weilt sie in Paris. Ihr Bruch mit Bjoring erfolgte schnell und ganz von selbst, das heißt, auf eine ganz natürliche Weise. Übrigens kann ich ja auch das noch erzählen.
An demselben Morgen, an dem es in Tatjana Pawlownas Wohnung zu jener schrecklichen Entladung kam, hatte der Pockennarbige -- derselbe, zu dem Trischatoff und sein Freund übergegangen waren -- Bjoring von Lamberts Anschlage gegen Katerina Nikolajewna noch rechtzeitig unterrichten können. Dazu war es folgendermaßen gekommen: Lambert hatte ihn, den Pockennarbigen, anfangs doch zur Teilnahme an dem Unternehmen überredet, und als er dann in den Besitz des Dokuments gelangt war, hatte er ihm alle Einzelheiten und im letzten Augenblick auch noch den Plan mitgeteilt, den Werssiloff entworfen hatte, um Tatjana Pawlowna aus ihrer Wohnung zu entfernen. Aber im entscheidenden Augenblick hatte der Pockennarbige doch vorgezogen, Lambert im Stiche zu lassen, da er vernünftiger war als sie alle und die Möglichkeit eines Totschlages voraussah. Doch der Hauptgrund seines Verrats war, daß er sich von Bjorings Dankbarkeit mehr versprach, als von dem phantastischen Vorhaben des unklugen Lambert, der sich nur zu oft hinreißen ließ, und des vor Leidenschaft fast schon wahnsinnigen Werssiloff. Das alles habe ich später von Trischatoff erfahren. Übrigens ist mir Lamberts Verhältnis zum Pockennarbigen noch immer etwas unverständlich, und ich begreife nicht, warum Lambert nicht ohne ihn auskommen konnte. Aber viel wichtiger ist für mich die Frage: wozu brauchte Lambert, nachdem er mir das Dokument schon entwendet hatte, noch Werssiloff? Die Antwort habe ich erst jetzt gefunden. Er brauchte Werssiloff nicht nur deshalb, weil dieser die Verhältnisse und Gelegenheiten so gut kannte, sondern hauptsächlich deshalb, weil er, Lambert, im Falle eines Fehlschlages die ganze Verantwortung auf Werssiloff abwälzen konnte. Und da Werssiloff doch kein Geld beanspruchte, so hielt Lambert seine Hilfe durchaus nicht für überflüssig. Aber Bjoring kam damals zu spät. Er erschien erst, als nach dem Schuß schon eine Stunde vergangen war und Tatjana Pawlownas Wohnung bereits ganz anders aussah. Denn: ungefähr fünf Minuten, nachdem Werssiloff blutüberströmt hingestürzt war, hatte sich Lambert, den wir für tot hielten, wieder aufgerichtet. Er hatte sich verwundert umgesehen, plötzlich alles begriffen, war langsam aufgestanden und in die Küche hinausgegangen, ohne ein Wort zu sagen; dort hatte er seinen Pelz angezogen, und dann war er für immer verschwunden. Das »Dokument« hatte er auf dem Tisch liegen lassen. Ich hörte später, er sei nicht einmal krank gewesen, sondern habe sich nur eine Zeitlang wie benommen gefühlt: der Schlag mit dem Revolver hatte ihn betäubt und etwas Blut fließen lassen, ihm aber keine ernstere Verletzung zugefügt. Trischatoff war sogleich zum nächsten Arzt gelaufen; aber noch bevor der Arzt erschien, kam Werssiloff zu sich. Kurz vorher war auch Katerina Nikolajewna aus der Ohnmacht erwacht und von Tatjana Pawlowna bereits in ihren Wagen gesetzt worden, in dem diese sie nach Hause brachte. So traf denn Bjoring, als er in die Wohnung gelaufen kam, außer mir und dem Arzt nur den verwundeten Werssiloff und Mama an, der gleichfalls Trischatoff die Nachricht gebracht hatte, und die trotz ihrer Krankheit sogleich herbeigeeilt war, natürlich in großer Angst. Bjoring sah uns verständnislos an, und als er erfuhr, daß Katerina Nikolajewna die Wohnung schon verlassen hatte, begab er sich sofort zu ihr, ohne mit uns auch nur ein Wort zu wechseln.
Er sah wie vor den Kopf geschlagen aus; er wird sich wohl gesagt haben, daß ein Skandal oder wenigstens ein Gerede jetzt unvermeidlich war. Aber zu einem großen Skandal kam es doch nicht, es verbreiteten sich nur einige Gerüchte. Den Schuß hatte man zwar nicht vertuschen können, aber der Zusammenhang der ganzen Geschichte blieb doch so gut wie unbekannt. Die Nachforschungen ergaben nur folgendes: ein gewisser W., ein fast fünfzigjähriger Familienvater, hätte einer hochachtbaren Dame, die er leidenschaftlich liebte, doch die seine Gefühle gar nicht erwiderte, eine Liebeserklärung gemacht, und dann in einem Augenblick der Leidenschaft auf sich selbst geschossen. Weiter drang nichts in die Öffentlichkeit, und in dieser Gestalt kam der Vorfall denn auch als Gerücht in die Zeitungen, nur unter Angabe der Anfangsbuchstaben der Namen. Wenigstens hat man, soviel ich weiß, nicht einmal Lambert mit irgend einem Verdacht beunruhigt. Aber Bjoring, der die Wahrheit kannte, erschrak nichtsdestoweniger. Und gerade damals mußte er, als wäre es vom Schicksal gewollt, von Katerina Nikolajewnas Zusammenkunft mit dem in sie verliebten Werssiloff erfahren, die zwei Tage vor der Katastrophe stattgefunden hatte. Das machte ihn stutzig, und er ließ sich unvorsichtigerweise Katerina Nikolajewna gegenüber zu der Bemerkung hinreißen, er wundere sich nach alledem nicht mehr, daß ihr so eigentümliche Geschichten widerfahren konnten. Katerina Nikolajewna gab ihm daraufhin sofort sein Wort zurück, ohne Zorn, aber auch ohne zu zögern. Ihre vorgefaßte Meinung, eine Vernunftehe mit diesem Menschen würde für sie das Geeignetste sein, war wie Rauch verflogen. Vielleicht hatte sie ihn schon lange vorher durchschaut; aber es ist auch möglich, daß manche ihrer Anschauungen und Gefühle nach der erlittenen Erschütterung plötzlich umschlugen. Doch ich schweige schon, ich schweige schon! Im übrigen habe ich nur noch zu bemerken, daß Lambert bald darauf nach Moskau verschwand; dort soll er, wie ich gehört habe, bei einem ähnlichen Erpressungsversuch der Polizei ins Garn gegangen sein.
Trischatoff habe ich schon lange, fast schon seit diesen letzten Begebenheiten, aus den Augen verloren, und wie sehr ich mich auch gemüht habe, ihn zu finden, es ist mir nicht gelungen. Er verschwand nach dem Tode seines Freundes, des »grand dadais«: dieser hat sich erschossen.
II.
Ich erwähnte auch schon den Tod des alten Fürsten Nikolai Iwanowitsch. Der gute und sympathische alte Herr starb bald nach jenen Ereignissen -- übrigens doch erst einen ganzen Monat später -- er starb in der Nacht, in seinem Bett, an einem Gehirnschlag. Ich habe ihn seit dem Tage, den er in meiner Wohnung verbrachte, nicht wiedergesehen. Man hat mir von ihm nur erzählt, er sei diesen letzten Monat viel vernünftiger gewesen, viel beherrschter, er habe sich nicht mehr gefürchtet und habe nicht mehr geweint und in dieser ganzen Zeit nicht ein einziges Mal ein Wort von Anna Andrejewna gesprochen. Seine ganze Liebe hatte sich seiner Tochter zugewandt. Katerina Nikolajewna hat ihm einmal, eine Woche vor seinem Tode, den Vorschlag gemacht, mich zu seiner Zerstreuung rufen zu lassen, aber das soll ihn geradezu gekränkt haben: diese Tatsache teile ich ohne alle Erklärungen mit. Nach seinem Tode zeigte sich, daß sein Landbesitz in bester Ordnung war, und außerdem hinterließ er ein sehr bedeutendes Barvermögen. Ein Drittel dieses Vermögens wurde, nach einer Bestimmung des alten Herrn, unter seine zahllosen Patentöchter verteilt; aber sehr sonderbar erschien es allen, daß Anna Andrejewna in seinem Testament überhaupt nicht erwähnt war: ihr Name war einfach übergangen. Mir ist indessen folgende verbürgte Tatsache bekannt: einige Tage vor dem Tode hatte der alte Herr seine Tochter und seine Freunde, Herrn Pelischtschoff und den Fürsten W., zu sich gerufen und in ihrer Gegenwart Katerina Nikolajewna befohlen, im Falle seines Todes, von dem hinterlassenen Vermögen Anna Andrejewna sechzigtausend Rubel auszuzahlen. Seinen Willen drückte er klar und einfach aus, ohne jede Gefühlsäußerung oder nähere Erklärung. Nach seinem Tode, als die ganzen Angelegenheiten geordnet waren, ließ dann Katerina Nikolajewna durch ihren Bevollmächtigten Anna Andrejewna benachrichtigen, daß sie die sechzigtausend zu jeder Zeit abheben könne; aber Anna Andrejewna lehnte trocken und ohne überflüssige Worte das Angebot ab: sie weigerte sich, das Geld anzunehmen, trotz aller Versicherungen, daß dieses Vermächtnis tatsächlich der letzte Wille des Fürsten gewesen sei. Das Geld liegt noch heute da und wartet auf sie, und Katerina Nikolajewna hofft immer noch, daß sie ihren Entschluß ändern werde; aber das wird nicht geschehen, das weiß ich genau, denn ich bin jetzt einer der nächsten Freunde und Bekannten Anna Andrejewnas. Ihre Ablehnung erregte ein gewisses Aufsehen, und es ist viel davon gesprochen worden. Ihre Tante, Madame Fanariotoff, die wegen jenes Skandals mit dem alten Fürsten sehr böse auf sie war, änderte plötzlich nach der Zurückweisung des Geldes ihr Verhalten zu Anna Andrejewna und versicherte sie ihrer Hochachtung. Ihr Bruder dagegen hat sich mit ihr deswegen endgültig überworfen. Ich besuche Anna Andrejewna sehr oft, aber ich will damit nicht sagen, daß ich mit ihr sehr vertraulich stünde; die alten Geschichten erwähnen wir überhaupt nicht; sie empfängt mich sehr gern bei sich, doch unsere Unterhaltung dreht sich fast nur um abstrakte Dinge. Übrigens hat sie mir ruhig und sicher erklärt, daß sie unbedingt ins Kloster gehen werde; es war das vor nicht langer Zeit, aber ich will es ihr noch nicht glauben und halte die Äußerung einer solchen Absicht vorläufig nur für ein schmerzliches Wort.
Aber ein schmerzliches, ein wahrhaft schmerzliches Wort habe ich noch über meine Schwester Lisa zu sagen. Ja, hier -- hier ist das Leben wirklich zum Unglück geworden, und was sind alle meine Mißerfolge im Vergleich zu ihrem harten Schicksal! Es fing damit an, daß der Fürst Ssergei Petrowitsch nicht genas und, noch bevor seine Sache zur Verhandlung kam, im Lazarett starb. Er starb noch vor dem Fürsten Nikolai Iwanowitsch. Lisa blieb mit ihrem zukünftigen Kinde allein zurück. Sie weinte nicht und war äußerlich ganz ruhig, ja, sie wurde sanft und still; die frühere Glut ihres Herzens war plötzlich irgendwo in den Tiefen ihres Wesens begraben. Sie half freundlich Mama, pflegte den kranken Andrei Petrowitsch, aber sonst war sie schweigsam und sah keinen Menschen und keine Sache an. Es war, als wäre ihr alles gleichgültig, als ginge sie an allem nur so vorüber. Als es Werssiloff allmählich besser ging, begann sie viel zu schlafen. Ich brachte ihr Bücher, aber sie las sie nicht. Zu gleicher Zeit magerte sie furchtbar ab. Ich wagte nicht, ihr Trost zuzusprechen, obgleich ich oft mit dieser Absicht zu ihr kam; aber in ihrer Gegenwart konnte ich die Worte nicht finden, um an sie heranzukommen. So ging das weiter, bis der Unglücksfall kam: sie fiel von der Treppe, nicht hoch, im ganzen nur drei Stufen, aber sie kam vor der Zeit nieder, und ihre Krankheit zog sich den ganzen Winter hin. Jetzt hat sie das Bett bereits verlassen, aber ihre Gesundheit ist wohl für immer untergraben. Zu uns verhält sie sich wie früher, ist schweigsam und vergrübelt; mit Mama hat sie wohl ein wenig zu sprechen begonnen. Alle diese Tage hat die Frühlingssonne hoch und hell am Himmel gestanden, und ich mußte immer wieder an jenen sonnigen Morgen denken, im vergangenen Herbst, als ich mit ihr auf der Straße ging, und wie wir beide voll Freude waren und Hoffnung, und voll Liebe zueinander. Was ist aus uns geworden? Ich klage nicht; ich darf es auch nicht: für mich hat ein neues Leben begonnen; aber sie? Ihre Zukunft ist mir ein Rätsel, und ich kann an sie nicht denken, ohne tiefen Schmerz zu empfinden.
Aber vor ungefähr drei Wochen gelang es mir doch einmal, sie durch eine Mitteilung über Wassin aufzurütteln. Er war aus der Haft entlassen und endgültig freigesprochen worden. Man sagt, dieser vernünftige Mensch habe die genauesten Erklärungen gegeben und überaus wichtige Mitteilungen gemacht, die ihn in den Augen derjenigen, von denen sein Schicksal abhing, vollkommen gerechtfertigt hatten. Und selbst sein vielbesprochenes Manuskript war, wie sich zeigte, nur eine Übersetzung aus dem Französischen, nur Material gewesen, das er ausschließlich für sich gesammelt hatte, in der Absicht, später einmal eine Kritik darüber zu schreiben, in der Form eines Aufsatzes für eine Zeitschrift. Er hat sich jetzt in das Gouvernement H. begeben. Sein Stiefvater Stebelkoff sitzt dagegen noch immer in Untersuchungshaft wegen seines Vergehens, das, je mehr man der Sache nachgeht, desto verwickelter wird. Lisa hörte meine Mitteilungen über Wassin mit einem sonderbaren Lächeln an und bemerkte schließlich, daß es ihm auch gar nicht anders hätte ergehen können. Aber sie war doch sichtlich befriedigt, -- natürlich nur deshalb, weil die Anzeige des verstorbenen Fürsten Ssergei Petrowitsch Wassin nicht ernstlich geschadet hatte. Von Dergatschoff und den anderen wüßte ich nichts weiter mitzuteilen.
Ich habe meine Aufzeichnungen abgeschlossen. Vielleicht möchte der eine oder andere Leser noch wissen: wo denn nun meine »Idee« geblieben sei, und was es denn für eine Bewandtnis mit diesem neuen Leben hat, das jetzt für mich beginnt, und das ich so geheimnisvoll andeute? Aber dieses neue Leben, dieser neue Weg, der sich vor mir aufgetan hat -- ist ja eben meine »Idee«, dieselbe, die ich früher hatte, nur in einer so anderen Gestalt, daß sie kaum wiederzuerkennen ist. Doch in meine »Aufzeichnungen« paßt das schon nicht mehr hinein, eben weil es etwas ganz anderes ist. Das alte Leben liegt schon weit hinter mir, und das neue beginnt erst kaum. Aber eins muß ich doch unbedingt erwähnen: Tatjana Pawlowna, mein aufrichtiger und lieber Freund, redet mir fast jeden Tag zu, unbedingt und sobald wie nur möglich die Universität zu beziehen: »Nachher, wenn du dein Studium beendet hast, dann kannst du dir ja Ideen ausdenken, so viel du willst, jetzt aber lerne erst mal zu Ende.« Ich muß gestehen, ich habe über ihren Vorschlag schon des öfteren nachgedacht, aber ich weiß wirklich noch nicht, wozu ich mich entschließen werde. Unter anderem habe ich eingewendet, ich hätte jetzt nicht einmal mehr das Recht zu studieren, da ich arbeiten müsse, um Mama und Lisa zu ernähren; aber sie bietet mir die Mittel zum Studium von ihrem Gelde an und versichert, es werde für die ganze Zeit meines Studiums ausreichen. So entschloß ich mich denn endlich, einen Menschen um Rat zu fragen. Ich suchte unter meinen Bekannten und traf dann nach sorgfältiger und kritischer Überlegung meine Wahl: sie fiel auf -- Nikolai Ssemjonowitsch, meinen einstigen Erzieher in Moskau, Marja Iwanownas Mann. Ich wählte ihn nicht deshalb, weil ich so sehr eines fremden Rates bedurft hätte, sondern weil ich einfach den unbezwingbaren Wunsch hatte, die Meinung gerade dieses vollkommen unbeteiligten Menschen zu hören, der ein etwas kühler Egoist, jedoch zweifellos ein sehr kluger Kopf ist. Ich schickte ihm mein ganzes Manuskript, mit der Bitte um Verschwiegenheit, da ich es noch keinem Menschen gezeigt hatte, namentlich Tatjana Pawlowna nicht. Mein Manuskript erhielt ich von ihm nach zwei Wochen zurück und er schrieb mir dazu einen ziemlich langen Brief ... Aus diesem Brief will ich nun einige Auszüge hier anhängen, da ich in ihnen eine gewisse allgemeine Anschauung und gleichsam etwas Erklärendes finde. Es sind diese Sätze:
III.
»... Und niemals hätten Sie, mein unvergeßlicher Arkadi Makarowitsch, Ihre zeitweilige Muße nützlicher verwenden können, als Sie es getan haben, indem Sie diese Ihre >Aufzeichnungen< schrieben! Sie haben sich sozusagen bewußt Rechenschaft gegeben über ihre ersten ungestümen und gewagten Schritte ins Leben. Ich bin überzeugt, daß Sie sich durch diese Darlegung in der Tat in vieler Hinsicht >zu einem anderen Menschen< haben erziehen können, wie Sie sich selbst ausdrücken. Kritische Bemerkungen, im eigentlichen Sinne des Wortes, werde ich mir selbstredend nicht erlauben, obgleich man sich bei jeder Seite seine Gedanken machen kann ... wie zum Beispiel über den Umstand, daß Sie dieses >Dokument< so lange und so hartnäckig bei sich behalten haben, was mir im höchsten Grade charakteristisch zu sein scheint ... Aber das ist von hunderten nur eine Bemerkung, die ich mir hier zu machen erlaube. Ich weiß auch sehr zu schätzen, daß Sie mir, und wie es scheint, mir allein das >Geheimnis Ihrer Idee< anvertraut haben. Ihre Bitte jedoch, mich besonders zu dieser Ihrer >Idee< zu äußern, muß ich Ihnen abschlagen; denn erstens würde das über den Rahmen eines Briefes hinausgehen, und zweitens -- ich bin noch nicht imstande, darauf zu antworten, ich muß alles erst selbst verarbeiten. Ich will nur bemerken, daß Ihre >Idee< sich durch Eigenart auszeichnet, während die Jugend von heute sich in der Mehrzahl nicht auf selbsterfundene Ideen einstellt, sondern auf fertig vorgefundene, von denen es wohl nichts weniger als eine große Auswahl gibt, ganz abgesehen davon, daß sie häufig recht gefährlich sind. Ihre Idee hat Sie wenigstens zeitweilig vor den Ideen der Herren Dergatschoff und Konsorten bewahrt, die fraglos bei weitem nicht so originell sind wie Ihre Idee. Und schließlich pflichte ich durchaus der hochverehrten Tatjana Pawlowna bei, die ich zwar persönlich gekannt, bisher jedoch nicht in dem Maße zu schätzen verstanden habe, wie sie es verdient: ihr Wunsch, daß Sie die Universität beziehen, hat für Sie das Beste im Auge. Die Wissenschaft und das Leben werden in den drei bis vier Jahren die Horizonte Ihrer Gedanken und Bestrebungen zweifellos bedeutend erweitern, und sollten Sie nach beendetem Studium sich wieder Ihrer >Idee< zuwenden wollen, so wird Ihnen nichts im Wege stehen.
Und jetzt erlauben Sie, daß ich Ihnen von mir aus ganz offen und sogar ungebeten einige Gedanken und Eindrücke mitteile, die mir während der Lektüre Ihrer so offenherzigen Aufzeichnungen in den Sinn gekommen sind und mein Herz bewegt haben.
Ja, ich stimme mit Andrei Petrowitsch darin vollkommen überein, daß man für Sie und Ihre einsame Jugend in der Tat Angst haben konnte. Und solcher Jünglinge wie Sie gibt es unter unserer heranwachsenden Jugend nicht wenige, und ihre Fähigkeiten drohen in der Tat immer, sich zum Schlechteren zu entwickeln -- sei es zu kriechendem Strebertum oder zum heimlichen Verlangen nach Unordnung in Leben und Staat. Aber dieses Verlangen nach Unordnung entspringt vielleicht in den meisten Fällen einer geheimen Sehnsucht nach Ordnung und >Vornehmheit< (ich gebrauche Ihren Ausdruck)! Die Jugend ist schon darum rein, weil sie Jugend ist. Vielleicht sind diese so frühen Ausbrüche der Unvernunft eben nur Ausbrüche der Sehnsucht nach Ordnung und ein Suchen der Wahrheit; aber, ja, wer ist denn schuld daran, daß manche jungen Menschen von heute diese Wahrheit und diese Ordnung in so dummen und lächerlichen Utopien zu sehen glauben, daß man gar nicht begreift, wie sie auf so etwas überhaupt hereinfallen können! Ich will hier gleich bemerken, daß man früher, in der Vergangenheit, die unmittelbar hinter uns liegt, im Zeitalter der vorigen Generation, diese merkwürdigen jungen Leute gar nicht so sehr zu bedauern brauchte, denn damals endeten sie fast immer damit, daß sie sich in ihrem weiteren Leben unserer höheren Kulturschicht anschlossen und mit ihr zu einem Ganzen verschmolzen. Und wenn sie im Anfang ihres Weges auch die ganze Ordnungslosigkeit und Zufälligkeit ihrer Existenz erkannten, das Fehlen alles Schönen, zum Beispiel in ihrem Familienleben, das Fehlen jeglicher Familienüberlieferung und guter vollendeter Lebensformen, so war das ja um so besser, denn eben diese Erkenntnis lehrte sie, das Fehlende ganz bewußt zu suchen, darum zu ringen und es zu schätzen. Heute verhält es sich anders -- eben weil nichts vorhanden ist, an das man sich anschließen könnte.
Ich möchte das durch ein Beispiel noch klarer machen. Wenn ich ein russischer Romancier wäre und Talent hätte, so würde ich meine Helden unbedingt aus dem russischen alten Adel wählen, denn nur an diesem einen Stande russischer Kulturmenschen ist es für einen die Wirklichkeit darstellenden Dichter möglich, wenigstens den Schein einer schönen Ordnung zu zeigen und den schönen Eindruck zu erzielen, der in einem Roman zur ästhetischen Wirkung auf den Leser unbedingt erforderlich ist. Indem ich das sage, scherze ich durchaus nicht, obgleich ich selbst nichts weniger als ein Adliger bin, was Ihnen ja bekannt ist. Schon Puschkin hat sich die Stoffe für seine geplanten Romane in den >Überlieferungen der russischen Familie< angemerkt, und glauben Sie mir, in diesen findet sich tatsächlich alles, was es bisher an Schönem bei uns überhaupt gegeben hat. Jedenfalls enthalten sie alles, was wir an wenigstens einigermaßen Abgeschlossenem hervorgebracht haben. Ich sage das nicht deshalb, weil ich etwa von der Richtigkeit und Wahrheit dieser Schönheit unbedingt überzeugt wäre; aber es läßt sich doch nicht leugnen, daß es in der Kaste unseres Geburtsadels schon abgeschlossene Formen für Ehre und Pflicht gegeben hat, die es außer beim Adel in ganz Rußland nicht nur nicht in abgeschlossener Form, sondern nicht einmal im Anfangszustande gibt. Ich spreche das als ein ruhiger Mensch aus, der nach Ruhe strebt.
Ob nun diese Form der >Ehre< an sich gut und diese Auffassung der >Pflicht< richtig ist -- das ist eine andere Frage; wichtiger ist für mich eben die Abgeschlossenheit, die Vollendung der Formen und somit wenigstens irgendeine Art von Ordnung, und zwar nicht eine von außen her vorgeschriebene, sondern eine aus uns selbst heraus entwickelte. Mein Gott, das ist ja für uns eben das wichtigste: gleichviel was für eine Ordnung, wenn es nur endlich einmal eine selbstgeschaffene Ordnung ist! Und so etwas zu sehen, gab uns Hoffnung und war, man kann wohl sagen, eine Erholung fürs Auge: es war doch endlich etwas anderes, war nicht ewig dieses Zerstören, nicht ewig umherfliegende Splitter, nicht Schutt und Unrat, aus denen bei uns nun schon seit zweihundert Jahren noch immer nichts hervorgehen will.
Werfen Sie mir nicht Slawophilismus vor; ich sage das nur so, aus Misanthropie, weil mein Herz bedrückt ist! Denn jetzt, seit kurzer Zeit, geht bei uns etwas vor, was dem oben geschilderten vollkommen entgegengesetzt ist. Es ist nicht mehr der Nachschub von unten, der sich an die höhere Menschenschicht anschließt und mit ihr zusammenwächst, sondern umgekehrt, von der schönen und feststehenden Schicht bröckeln mit fröhlicher Eilfertigkeit Stückchen und Klümpchen ab und scharen sich in einen Haufen mit den Vertretern der Unordnung und des Neides. Es ist schon längst kein Ausnahmefall, daß die Väter und Familienhäupter alter Kulturgeschlechter heute selbst darüber lachen, woran ihre Kinder vielleicht noch glauben wollen. Und nicht nur das: sie zeigen ihren Kindern sogar mit Vergnügen ihre gierige Freude an dem plötzlichen Recht auf Ehrlosigkeit, das dieser ganze Haufen auf einmal irgendwoher erhalten zu haben glaubt. Ich rede hier nicht von den wahren Fortschrittlern, mein lieber Arkadi Makarowitsch, sondern bloß von jenem Gesindel, das so überraschend zahlreich ist, und von dem es heißt: grattez le russe et vous verrez le tartare.{[139]} Glauben Sie mir, wirkliche Freiheitler, wahrhafte und großherzige Menschenfreunde sind bei uns durchaus nicht so zahlreich, wie wir hin und wieder geglaubt haben.
Aber das ist ja alles Philosophie; kehren wir zu unserem Romancier zurück. Seine Lage wäre unter diesen Umständen eine vollkommen bestimmte: er könnte in keiner anderen Form als in der historischen schreiben, denn in unserer Zeit gibt es keinen schönen Typus mehr, und wenn sich auch Reste von ihm erhalten haben, so haben sie doch nach der heute herrschenden Ansicht ihre Schönheit schon eingebüßt. Oh, auch in der historischen Form läßt sich noch eine Menge sehr gefälliger und erfreulicher Einzelheiten schildern! Man kann den Leser sogar so weit mit sich fortreißen, daß er das historische Bild noch in der Gegenwart für möglich hält.
Aber ein solches Werk, von einem begnadeten Künstler geschrieben, würde weniger der russischen Literatur als der russischen Geschichte angehören. Es wäre ein künstlerisch vollendetes Bild der russischen Fata Morgana, die allerdings so lange Wirklichkeit sein wird, bis man dahinterkommt, daß sie eben nur noch eine Fata Morgana ist. Aber der heute lebende Enkel der Typen jenes Bildes, das die russische Familie der höheren Kulturschicht im Verlauf von drei Menschenaltern und in engster Verbindung mit der russischen Geschichte darstellt -- dieser Enkel jener Typen könnte in seinem gegenwärtigen Typ, wenn er wahrheitsgetreu sein soll, nicht mehr anders dargestellt werden, als in einer etwas misanthropischen, einsamen und fraglos traurigen Gestalt. Er muß sogar als eine Art Sonderling erscheinen, den der Leser auf den ersten Blick als das zu erkennen vermag, was er ist: als einen, der das Feld geräumt hat, und dem man es ansieht, daß der Sieg nicht ihm verblieben ist. Über ein Kleines -- wird auch dieser Enkel und Misanthrop verschwunden sein; neue Gestalten werden auftauchen, uns noch unbekannte Gesichter, und eine neue Fata Morgana; aber was werden das für Gestalten sein? Wenn sie unschön sind, so ist ein weiterer russischer Roman unmöglich. Doch wehe uns! -- wird dann der Roman allein unmöglich sein?
Aber wozu so weit vorausgehen, ich komme lieber auf Ihr Manuskript zurück. Betrachten Sie zum Beispiel die beiden Familien des Herrn Werssiloff (diesmal erlauben Sie mir schon, vollkommen aufrichtig zu sein). Da ist er zunächst selbst, Andrei Petrowitsch, -- doch über ihn will ich mich nicht weiter äußern. Immerhin gehört er zu den Familienhäuptern. Er ist ein Edelmann aus altem, vornehmem Geschlecht und gleichzeitig -- ein Pariser Kommunard. Er ist ein echter Dichter und liebt Rußland, doch dafür verneint er es auch vollständig. Er ist ohne jede Religion, aber er ist beinahe bereit, in den Tod zu gehen -- für etwas Unbestimmtes, das er selbst nicht zu nennen vermag, woran er jedoch leidenschaftlich glaubt, gleich einer Menge russisch-europäischer Zivilisatoren aus der Petersburger Ära der russischen Geschichte. Doch genug von ihm selbst! Aber da ist nun seine rechtmäßige Familie: von seinem Sohn will ich weiter nicht sprechen: er ist ja dieser Ehre gar nicht wert! Wer Augen hat, zu sehen, der weiß schon im voraus, was aus solchen Tagedieben bei uns wird, und wohin sie gelegentlich auch andere mitziehen. Aber da ist seine Tochter Anna Andrejewna -- wer könnte der wohl Charakter absprechen? Eine Persönlichkeit vom Schlage unserer berühmten Äbtissin Mitrofania -- doch selbstredend soll damit nicht gesagt sein, daß sie auch deren Verbrechen begehen könnte, was von mir ungerecht wäre. Wenn Sie, Arkadi Makarowitsch, mir jetzt sagten, diese Familie sei eine einzelne Erscheinung -- ich würde froh aufatmen. Aber ist nicht umgekehrt der Schluß richtiger, daß schon eine Menge von solchen unzweifelhaft altadligen russischen Familien mit unaufhaltsamer Gewalt zu zufälligen Familien geworden sind, daß sie sich in Massen mit den tatsächlich zufälligen zu gemeinsamer Unordnung und gemeinsamem Chaos vermischen? Den Typ einer solchen zufälligen Familie zeigen zum Teil auch Sie in Ihren Aufzeichnungen. Ja, Arkadi Makarowitsch, Sie sind ein Glied einer zufälligen Familie, im Gegensatz zu den bei uns noch vor kurzem vorherrschenden Typen aus altem Stamm, die eine so anders geartete Kindheit und Jugend hatten, als Sie.
Ich muß bekennen, ich möchte nicht der Schilderer eines Helden aus einer zufälligen Familie sein!
Es ist eine undankbare Arbeit, ohne die Möglichkeit schöner Formung. Auch sind diese Typen in jedem Falle noch erst in der Bildung begriffen und können darum noch gar nicht künstlerisch abgeschlossen sein. Es sind wichtige Fehler möglich, Übertreibungen und Verkennungen. Andererseits muß manches völlig ungesehen bleiben. Jedenfalls wäre man dabei gar zu oft auf ein bloßes Erraten angewiesen. Aber was soll schließlich ein Schriftsteller tun, der nicht nur als Historiker schreiben will, und der von der Sorge um das Gegenwärtige befallen ist? Es verbleibt ihm nichts als -- hin- und herraten und ... sich irren.
Aber solche Aufzeichnungen wie die Ihren könnten, glaube ich, als Material für ein späteres Kunstwerk dienen, für ein künftiges Bild einer unordentlichen, halb schon vergangenen Epoche. Oh, wenn die Zeit dieser brennenden Tagesfrage vergangen sein wird und die Zukunft anbricht, dann wird ein künftiger Künstler für die Darstellung selbst der vergangenen Unordnung und des Chaos schon schöne Formen finden. Und dann werden solche >Aufzeichnungen< wie die Ihren zustatten kommen und als Material verwendet werden können -- wenn sie nur aufrichtig sind, mögen sie dabei auch noch so chaotisch und zufällig sein ... Es werden sich wenigstens einige richtige Züge erhalten, aus denen man wird erraten können, was sich in der Seele manch eines Jünglings jener unruhigen Zeit verborgen hat -- eine Ermittelung, die nicht ganz unnütz sein dürfte, denn aus den Jünglingen wachsen die Generationen ...«
Fußnoten
[1] Das Fürstengeschlecht der Dolgoruki ist eines der ältesten Fürstenhäuser Rußlands und führt seinen Stammbaum bis auf den Waräger Rjurik zurück. Bei der Einzigartigkeit und Popularität des Namens ist die Annahme, wer »Dolgoruki« heißt, müsse Fürst sein, nur zu verständlich. E. K. R.
[2] Eine Dorfgeschichte von Grigorówitsch die 1847 den Lesern zu Bewußtsein brachte, »daß auch die Leibeigenen Menschen sind«. E. K. R.
[3] Roman von Drushinin (1849), in dem der Gatte seiner Frau Pólinka deren Liebe zu einem jungen Manne tolerant verzeiht; sie will aber sein Opfer nicht annehmen und bleibt ihm treu. Er stirbt alsbald an der Schwindsucht. (Die russische Kirche ließ Ehescheidung nicht zu.) E. K. R.
[4] Kusnetzki Most -- die größte Kaufstraße in Moskau. E. K. R.
[5] Die familiäre Form von Ssergei oder Sergius. E. K. R.
[6] Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft (1861) sollten vom Adel gewählte »Friedensvermittler« die Auseinandersetzungen zwischen den Gutsbesitzern und den Bauern in die Wege leiten. E. K. R.
[7] Es ist in Rußland Sitte, daß die Eltern von den Kindern mit »Sie« angeredet werden, während die Eltern ihre Kinder duzen. E. K. R.
[8] Es gilt bei den Russen als unhöflich, eine bekannte Person nur mit dem Familiennamen zu nennen; die höfliche Form, auch in der Anrede, ist der Taufname mit dem Patronymikon. E. K. R.
[9] Die beste Kolonialwarenhandlung und die teuerste französische Konditorei in Petersburg. E. K. R.
[10] Tschatzki ist der Held der klassischen Komödie Gribojedoffs »Verstand schafft Leiden« aus dem ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts. E. K. R.
[11] Von Peter dem Großen wurde die Einteilung in vierzehn Rangklassen eingeführt. E. K. R.
[12] Der Gedanke, bei einer alten Gräfin nachts einzubrechen und sie mit der Drohung, sie zu ermorden, zur Mitteilung ihres Geheimnisses zu zwingen: mit welchen Karten man im Spiel immer gewinnen kann. E. K. R.
[13] Bezeichnung Puschkins für das Denkmal Peters des Großen. E. K. R.
[14] Vgl. Nachwort S. 528. (Dieses Nachwort fehlt. Einzelheiten in den Anmerkungen zur Transkription.) E. K. R.
[15] Der Vorsteher eines oder mehrerer Klöster. E. K. R.
[16] Abisag von Sunem, die von König David nicht berührt wurde und um die später Davids Sohn Adonia warb. 1. Buch der Könige, Kap. 1, 2. E. K. R.
[17] Ein Herr, der in Petersburg von Dirnen ermordet worden war. E. K. R.
Übersetzung französischer Textstellen
{[1]} nach Pariser Mode
{[2]} schöne Dame
{[3]} Mein Freund
{[4]} mein Lieber
{[5]} liebes Kind
{[6]} Mein armes Kind!
{[7]} Aha!
{[8]} Ist es nicht so? Liebes Kind
{[9]} Oh, aber ... Ich bin es, der die Frauen kennt!
{[10]} sie sind charmant
{[11]} ich weiß alles, aber ich weiß nichts Vernünftiges
{[12]} Aber was für eine Idee!
{[13]} Liebes Kind, ich liebe Gott
{[14]} ich war dumm
{[15]} Ein Zuhause
{[16]} Und siehe da, eine Weitere!
{[17]} aus dem Unbekannten
{[18]} Diese schändliche Geschichte!
{[19]} Aber ... Sieh mal einer an!
{[20]} Danke der Herr.
{[21]} unbedingt erforderlich
{[22]} Hassliebe
{[23]} Alle Kunstgattungen ... [... sind gut, abgesehen von den langweiligen. -- Voltaire]
{[24]} Dieser Touchard
{[25]} Wir kommen immer wieder
{[26]} Mein Freund
{[27]} du verstehst?
{[28]} Übrigens, mein Freund
{[29]} klar und deutlich
{[30]} Man spricht nicht vom Strick [... im Haus des Henkers]
{[31]} Der kleine Spion
{[32]} Sie werden wie ein kleiner König schlafen!
{[33]} mit einem Wort
{[34]} Aber ... das ist so charmant!
{[35]} Mein Kind
{[36]} am Ende ... am Ende laß uns Dank sagen ... und ich segne dich!
{[37]} schlecher Ton
{[38]} Zum Teufel!
{[39]} eines schönen Morgens
{[40]} Pfandleiher
{[41]} Schau mal
{[42]} zu Konto
{[43]} Mein Lieber, laß uns hier abbrechen
{[44]} Aber lass uns hier abbrechen, mein Lieber.
{[45]} Das bedarf keiner Worte.
{[46]} aber
{[47]} Das ist komödienhaft, aber so werden wir vorgehen.
{[48]} Aber lassen wir das.
{[49]} Für deine schönen Augen, mein Cousin!
{[50]} Armes Kind
{[51]} unter uns gesagt
{[52]} sehr gebührend
{[53]} Liebes Kind
{[54]} die lebensnahe Poesie
{[55]} Welche charmante Person ... Die Lieder Salomons .. nein, nicht Salomon, es ist David, der eine junge Schönheit in sein Bett holte, um sich im Alter zu wärmen. Kurzum David, Salomon
{[56]} Diese junge Schönheit für Davids Alter -- das ist ein ganzes Gedicht
{[57]} Bettgeschichte
{[58]} »haben« und »sein«
{[59]} Aber folgen sie ihrer Mutter, ..., dieses Kind hat kein Herz!
{[60]} möbliertes Zimmer
{[61]} Anwesend!
{[62]} Der Unglückliche!
{[63]} meine Mädchen, verstehen Sie? Sie haben doch Geld
{[64]} verstehen Sie? verstehen Sie?
{[65]} Aber Maurice, Sie haben doch gar nicht geschlafen!
{[66]} Halte den Mund, ich schlafe später.
{[67]} Gerettet!
{[68]} Niemals war ein Mensch so grausam wie Bismarck, der Frauen als Dreck ansah. Eine Frau, was ist das in unserer Zeit? >Töte sie<, das ist das letzte Wort der Académie française.
{[69]} Ach, was hätte es mir schon gebracht, es früher herauszufinden? ... Und hätte ich nicht soviel gewonnen, wenn ich meine Schande mein ganzes Leben versteckt gehalten hätte? Vielleicht gehört es sich für eine junge Dame nicht, sich vor einem Herrn so offen zu erklären, aber schließlich gestehe ich Ihnen, wenn es mir erlaubt ist, etwas zu wünschen, oh, das wäre, daß ich ihm mein Messer in sein Herz stoßen wollte, dabei aber wegschauen müßte, aus Angst, daß sein schrecklicher Blick mich zittern ließe und meinen Mut erstarren ließe. Er hat diesen russischen Priester ermordet, mein Herr, er hat ihm den roten Bart ausgerissen, um diesen dann an einen Haarkünstler an der Kusnetzkibrücke (frz.: pont des Maréchaux) zu verkaufen, gleich neben dem Haus von Monsieur Andrieux -- die größten Neuigkeiten, Pariser Waren, Leinen, Hemden, das wissen Sie, nicht wahr? Oh Herr, wenn sich Frau, Kinder, Schwestern und Freunde freundschaftlich am Tisch versammeln, wenn eine lebhafte Glücklichkeit mein Herz umflutet; ich frage Sie, mein Herr: Gibt es ein größeres Glück als das, was alle genießen? Aber er lacht, mein Herr, dieses schreckliche, unvorstellbare Monster, und wenn es nicht die Vermittlung von Monsieur Andrieux gegeben hätte, niemals, oh niemals wäre ich ... Aber mein Herr, was ist mit Ihnen?
{[70]} schreckliche und unvorstellbare Monster
{[71]} Wohin gehen Sie, mein Herr?
{[72]} Ja der Herr, Oh ja, ich verstehe! ... Aber es ist nicht weit, mein Herr, es ist überhaupt nicht weit, Sie brauchen sich nicht die Mühe zu machen, den Mantel anzulegen, es ist in nebenan, mein Herr!
{[73]} Hier entlang, der Herr, es ist hier entlang!
{[74]} Er geht jetzt, er geht! ... Aber er wird mich töten, mein Herr, er wird mich töten!
{[75]} die Verleumdung ... irgendetwas bleibt ja immer hängen
{[76]} Entschuldigung, mein Lieber
{[77]} Aber, lassen wir das.
{[78]} Warten sie!
{[79]} der Graf Vallonieff
{[80]} Herr Prinz, haben Sie keine Silberrubel für uns, nicht zwei, nur einen, bitte?
{[81]} Wir werden es Ihnen zurückgeben
{[82]} Im Eisenbahnwagen
{[83]} Himmel!
{[84]} Sage, willst du, daß ich dir deinen Kopf einschlage, mein Freund!
{[85]} Mein Freund, dies ist Dolgorowky, ein anderer Freund von mir
{[86]} Siehe da! ... Da ist er!
{[87]} Neinneinnein! sei brav!
{[88]} Fräulein Alphonsine, würden Sie mich küssen?
{[89]} Ah, der kleine Schuft! ... komm mir nicht zu nahe, mach mich nicht schmutzig, und Ihr Riesentollpatsche, ich werfe Euch beide zur Tür heraus, nur damit Ihr es wisst!
{[90]} Fräulein Alphonsine, haben sie ihren Bologneser verkauft? [Hunderasse, richtig auf französisch: »bolonais«]
{[91]} Was ist das, mein bologne?
{[92]} Ach, was ist das für ein Kauderwelsch?
{[93]} Ich spreche wie eine russische Dame auf Mineralwasser
{[94]} der große Tollpatsch
{[95]} Was heißt das, eine russische Dame >auf Mineralwasser<? Und ... aber wo ist deine schöne Armbanduhr, die du von Lambert bekommen hast.
{[96]} Wir haben einen Silberrubel, den wir uns von unserem neuen Freund geliehen haben.
{[97]} wir werden es Ihnen mit größtem Dank zurückzahlen.
{[98]} Heh, Lambert! Wo ist Lambert, hast du Lambert gesehen?
{[99]} Fünfundzwanzig Rubel!
{[100]} im privatem Zimmer
{[101]} Adieu, mein Prinz
{[102]} Wunderschön
{[103]} Dies berücksichtigt, ändert sich die Frage.
{[104]} Eigentum ist Diebstahl.
{[105]} Ich bin vor allem Gentleman und als Gentleman werde ich sterben!
{[106]} Ich werde sterben als Gentleman.
{[107]} Endlich!
{[108]} Ach! ... und was ist mit Freunden?
{[109]} Aber er ist ein Bär!
{[110]} Ja, ja, ... das ist eine Schande! Eine Dame ... Oh, Sie sind wirklich freigiebig. Keine Sorge, ich werde Lambert zur Vernunft bringen ...
{[111]} Oh, ich habe gesagt, daß er ein Herz hat!
{[112]} Ist es nicht so?
{[113]} er spricht immer die Gefühle an
{[114]} Nachher, nachher, ist es nicht so? Liebe Freundin!
{[115]} Ja, ja, er ist charmant
{[116]} aber später
{[117]} Aber das schrecklich, was du sagst
{[118]} liebes Kind
{[119]} Ist es nicht so? Ich rede nicht viel, aber ich rede gut.
{[120]} So ist es. ... Er scheint dumm zu sein, dieser Gentleman. Liebes Kind
{[121]} Nichts, überhaupt nichts ... Aber ich bin frei hier, ist es nicht so?
{[122]} Lieber Prinz, wir sollten durch Geburtsrecht Freunde sein
{[123]} Nun
{[124]} So sehe ich das! Mein Freund
{[125]} Sie ist ein Engel, ein Engel aus dem Himmel!
{[126]} Ich sage charmante Sachen und alle lachen
{[127]} So ist es
{[128]} liebes Kind, ich liebe Sie!
{[129]} Ja, ja, ich verstehe, ich habe von Anfang an verstanden
{[130]} dieser schwarze Mann, »Frau Generalin«
{[131]} eine Pistole
{[132]} Ach, ich habe seinen Namen vergessen ... Ein schrecklicher Mensch ... Ja, Versiloff!
{[133]} diesen Brief
{[134]} Oh, sie werden Rache nehmen!
{[135]} diese Dame, die Generalin
{[136]} eine Moskauer Dame
{[137]} Rettet sie, rettet sie!
{[138]} Sie sind wirklich schön!
{[139]} Kratze einen Russen ab und du wirst einen Tartaren finden.
Anmerkungen zur Transkription
Die »Sämtlichen Werke« erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und Ausgaben 1906--1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert nach:
F. M. Dostojewski Der Jüngling Dünndruck-Ausgabe in einem Bande R. Piper & Co. Verlag, München, 1922. 12. bis 16. Tausend
Diese Ausgabe in einem Band ist seiten- zeilengenau identisch mit Band 7 und 8 der »Sämtlichen Werke« von 1922, 12.--16. Tausend. Band 8 beginnt mit dem sechsten Kapitel im zweiten Teil.
Die Fußnote [14] auf Seite 151 (zweiter Band) verweist auf ein Nachwort, das sich in dieser Ausgabe nicht findet und auch nicht in anderen Auflagen (überprüft bis zum 17.--22. Tausend, 1922). Das dort offenbar erklärte Wort »Vornehmheit« (russ. [Kyrillisch: blagoobrazie]) war in den Auflagen des »Jünglings« von 1915 und 1920 als »Schönheit« übersetzt. In der neu durchgesehen Ausgabe von 1957 heißt es hingegen »Einsicht«. Im Vorwort (Seite XII) werden sowohl »Vornehmheit« als auch »Schönheit« verwendet.
Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der »Sämtlichen Werke« vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr, Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt nach der Titelseite eingefügt.
Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.
Die Bearbeiter haben diesem Text Übersetzungen der französischen Textstellen in Form von Fußnoten hinzugefügt und der public domain zur Verfügung gestellt.
Diese zusätzlichen Fußnoten sind mit { } markiert.
Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen (»«) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (><) eingeschlossen.
Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der Buchstabe »ä« (oder auch »jä«) steht für den kyrillischen Buchstaben »ja«. Die Schreibweise häufig vorkommender russischer Namen wurde vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern):
Iwanoff (Iwanow) Katerina (Katherina) Nastassja (Naßtaßja) Olä (Oljä) Onissimowna (Onißimowna) Pelischtschoff (Pelischtschtoff) Ssaposhkoff (Ssaposchkoff) Ssergei (Sergei) Ssonjä (Ssonja)
In einem Fall wurden zwei Schreibweisen eines Namens beibehalten, da sie sowohl im russischen Original als auch in anderen deutschen Ausgaben so vorkommen: Alphonsine und Alphonsina. Alphonsine ist die französische Schreibweise und kommt meist in oder im Anschluß zu französischen Textstellen vor.
Die abweichende Schreibweise der Namen im Personenverzeichnis wurde unverändert übernommen, da sie die Aussprache verdeutlichen soll. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen oder des russischen Originaltextes, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. I.119]: ... mich zum Glück Marja Alexandrowna, der Andronikoff ... ... mich zum Glück Marja Iwanowna, der Andronikoff ...
[S. I.241]: ... ganze Zeit, diesen ganzen Monat, so oft sie mit mir gesprochen ... ... ganze Zeit, diesen ganzen Monat, so oft Sie mit mir gesprochen ...
[S. I.387]: ... einem Menschen wie er. Mir kam auch der Gedanke: Hat ... ... einem Menschen wie ihm. Mir kam auch der Gedanke: Hat ...
[S. I.393]: ... mit ihren Zehn Geboten anfangen?« ... ... mit Ihren Zehn Geboten anfangen?« ...
[S. I.478]: ... mir auch nicht die geringste Anstrengung, da ich mich nach ... ... mich auch nicht die geringste Anstrengung, da ich mich nach ...
[S. II.292]: ... das notwendige. -- Sagen Sie, lieben sie Musik? Ich ... ... das notwendige. -- Sagen Sie, lieben Sie Musik? Ich ...
[S. II.329]: ... Situation nicht enthalten, Sie auszufragen. ... ... Situation nicht enthalten, sie auszufragen. ...
[S. II.366]: ... die ihm nichts anging. In diese Sklaverei der ... ... die ihn nichts anging. In diese Sklaverei der ...
[S. II.446]: ... »Weißt du, Lambert, Sie verehrt Werssiloff ungeheuer: ... ... »Weißt du, Lambert, sie verehrt Werssiloff ungeheuer: ...
[S. II.523]: ... der >Pflicht< richtig sind -- das ist eine andere ... ... der >Pflicht< richtig ist -- das ist eine andere ...
[S. II.525]: ... ihr Manuskript zurück. Betrachten Sie zum Beispiel die ... ... Ihr Manuskript zurück. Betrachten Sie zum Beispiel die ...