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Sämtliche Werke 7-8 (part 2 of 3)

Part 2 of 3 · Dostoyevsky, Fyodor · Public domain text

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Source: Project Gutenberg e-text #63723, public domain in the United States · text not rewritten or summarized · How RedLectern is built

 

Contents (3)

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Sämtliche Werke 7-8 (part 2 of 3)

»Aber das ist doch nur zu verständlich!« rief endlich Wassin (er fuhr immer noch fort, zu lächeln und schien sich nicht im geringsten über mich zu wundern). »Das ist doch immer so, und fast bei allen Menschen, und ist sogar das erste, was geschieht; nur gesteht das kein Mensch ein, und das braucht man ja auch gar nicht einzugestehen; denn das vergeht, und jedenfalls entsteht nichts daraus.«

»Sollte das wirklich bei allen Menschen so sein? Sind alle so? Und Sie sind, während Sie das sagen, sogar ganz ruhig? Aber mit einer solchen Anschauung kann man doch nicht leben!«

»Und Ihre Anschauung ist wohl:

>Teurer, als uns erhöhender Trug, Ist mir die Finsternis niederer Wahrheit!<?«

»Aber das ist doch richtig!« rief ich, »in diesen zwei Versen liegt ja ein heiliges Axiom!«

»Ich weiß nicht; ich will mir darüber kein Urteil erlauben, ob diese zwei Verse das Richtige sagen oder nicht. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit, wie das ja immer der Fall ist, irgendwo in der Mitte: das heißt, in einem Fall ist es heilige Wahrheit, im anderen aber -- Lüge. Eines nur weiß ich genau: daß diese Frage noch lange einer der wichtigsten strittigen Punkte unter den Menschen sein wird. Doch abgesehen davon, scheint mir, daß Sie jetzt Lust zum Tanzen haben. Na, nur los: Bewegung ist gesund! -- Mir aber hat man gerade heute so viel Arbeit aufgepackt ... und da ist es nun über der Unterhaltung mit Ihnen schon so spät geworden ...«

»Ich gehe schon, gehe schon, packe mich sofort! Nur noch ein Wort,« rief ich und hatte schon meinen Koffer erfaßt, »wenn ich mich Ihnen jetzt wieder >an den Hals geworfen< habe, so habe ich das einzig deshalb getan, weil Sie, als ich eintrat, mit so aufrichtiger Freude diese Neuigkeit mir mitteilten und sich darüber >freuten<, daß ich Sie noch zu Hause antraf, und das alles nach meiner Bemerkung am Morgen bezüglich des >Debüts<; mit dieser aufrichtigen Freude haben Sie mein >junges Herz< im Nu wieder Ihnen zugewandt. Na, aber jetzt adieu, leben Sie wohl, ich werde mich bemühen, möglichst lange Sie nicht wieder zu besuchen, und ich weiß, daß Ihnen das höchst angenehm sein wird, was ich schon Ihren Augen ansehe, und uns beiden wird das noch zum Vorteil gereichen ...«

Während das so aus mir hervorsprudelte und mir fast der Atem ausging vor fröhlich sich überstürzendem Geplauder, schleppte ich meinen Koffer aus dem Zimmer und begab mich dann mit ihm nach meiner neuen Wohnung. Vor allem gefiel mir furchtbar, daß Werssiloff am Morgen so ersichtlich böse auf mich gewesen war, daß er mich nicht einmal hatte ansehen, noch mit mir sprechen wollen. Als ich meinen Koffer in meinem neuen Zimmer abgestellt hatte, eilte ich sogleich zu meinem alten Fürsten. Ich muß gestehen, in diesen zwei Tagen war es mir ohne ihn sogar ein wenig schwer geworden. Und zudem mußte er von Werssiloffs Tat doch sicherlich schon gehört haben.

II.

Ich hatte es ja gewußt, daß er sich über mein Kommen furchtbar freuen würde, und, mein Ehrenwort, ich wäre an diesem Tage auch ohne den Fall Werssiloff zu ihm gegangen. Mich hatte in diesen zwei Tagen nur der Gedanke geschreckt, daß ich vielleicht irgendwie Katerina Nikolajewna begegnen könnte; jetzt aber fürchtete ich mich vor nichts mehr.

Er umarmte mich vor Freude.

»Was sagen Sie zu Werssiloff! Haben Sie es schon gehört?« war das erste, womit ich herausplatzte.

»Cher enfant, du mein lieber Freund, das ist so erhaben, das ist so edel, -- en un mot,{[33]} sogar auf Kilian« (so hieß der Beamte unten) »hat es einen erschütternden Eindruck gemacht! Es ist unvernünftig von ihm, aber es ist glänzend, ist ein Meisterstück, ist eine Heldentat! Das Ideal muß man schätzen!«

»Nicht wahr? Nicht wahr? Darin stimmen wir zwei immer überein.«

»Du mein Lieber, wir zwei stimmen nicht nur darin, sondern in allem überein. Wo warst du so lange? Ich wollte unbedingt selbst zu dir fahren, aber ich wußte nicht, wo ich dich suchen sollte ... denn bei Werssiloff vorsprechen konnte ich doch nicht ... Obgleich jetzt, nach alledem ... Weißt du, mein Freund: gerade mit diesen Zügen hat er, wie mir scheint, die Frauen besiegt, gerade mit diesen Zügen, das steht außer Frage ...«

»Apropos, um es nicht zu vergessen, ich habe es mir speziell für Sie gemerkt. Gestern hat ein nichtswürdiger Narr, der in meiner Gegenwart auf Werssiloff schimpfte, unter anderem von ihm gesagt, er sei ein >Weiberprophet<. Wie finden Sie den Ausdruck, gerade den Ausdruck? Ich merkte ihn mir für Sie ...«

»Ein >Weiberprophet<! Mais ... c'est charmant!{[34]} Haha! Aber das paßt doch so zu ihm, das heißt, ich wollte sagen, es paßt gar nicht -- pfui ...! Aber es ist so treffend ... das heißt, es ist durchaus nicht treffend, aber ...«

»Tut nichts, tut nichts, Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, betrachten Sie es nur als Bonmot.«

»Als Bonmot ist es prachtvoll, und, weißt du, es hat einen ungeheuer tiefen Sinn ... Die Idee ist ganz richtig! Das heißt, wirst du es mir glauben ... Ich werde dir ein ganz kleines Geheimnis mitteilen. Hast du dir damals hier diese kleine Olympia gemerkt? Wirst du's glauben, ihr tut das Herz ein wenig weh vor Liebe zu Andrei Petrowitsch, und das sogar in solchem Maße, daß sie, wie mir scheint, gewisse Absichten ...«

»Absichten! Hat sie nicht Lust, das hier kennen zu lernen?« rief ich unwillig und zeigte meine Faust.

»Mon cher, sprich nicht so laut, das ist alles so, wie es ist, und du hast meinetwegen recht von deinem Standpunkt aus. Apropos, mein Freund, was geschah mit dir eigentlich das vorige Mal nach Katerina Nikolajewnas Erscheinen? Du schwanktest ... ich dachte, du fielest um, und wollte schon zu dir eilen, um dich zu stützen?«

»Sprechen wir jetzt nicht davon. Ich ... ich war einfach verwirrt, aus einem bestimmten Grunde ...«

»Du bist auch jetzt wieder rot geworden.«

»Und Sie müssen das natürlich gleich breittreten. Sie wissen doch, daß sie mit Werssiloff verfeindet ist ... na, und so alles das; und so war ich denn einfach erregt, -- ach, lassen wir das jetzt, reden wir darüber nächstens einmal!«

»Gut, gut, lassen wir das, lassen wir das, ich bin ja selbst froh, von alledem nicht sprechen zu müssen ... Wie dem auch sei, ich habe ihr großes Unrecht getan, ich habe dir sogar, erinnerst du dich, noch über sie vorgeklagt ... Vergiß das, mein Freund; sie wird gleichfalls ihre Meinung über dich ändern, das fühle ich schon voraus, verlaß dich drauf ... Ah, da ist ja der Fürst Sserjosha!«

Ins Kabinett trat ein junger und hübscher Offizier. Ich sah ihn begierig an, ich hatte ihn noch nie gesehen. Das heißt, ich sage >hübsch<, wie das alle von ihm sagten, aber in diesem jungen und hübschen Gesicht lag etwas, was nicht ganz anziehend war. Ich erwähne das hier als ersten Eindruck, den ich im ersten Augenblick von ihm empfing, und den ich dann die ganze Zeit nicht mehr habe vergessen können. Er war mager, prachtvoll gewachsen, dunkelblond, hatte ein frisches, aber doch etwas gelbliches Gesicht und einen entschlossenen Blick. Seine schönen dunklen Augen blickten etwas streng und hart, auch wenn er ganz gelassen war. Aber gerade sein entschlossener Blick stieß ab, und zwar, weil man aus irgendeinem Grunde das Gefühl hatte, daß diese Entschlossenheit ihm gar zu billig zu stehen komme. Übrigens, ich verstehe das nicht auszudrücken ... Freilich, der strenge Ausdruck seines Gesichts konnte sehr schnell wechseln und sich plötzlich in einen erstaunlich freundlichen, bescheidenen und zärtlichen verwandeln, und dabei geschah die Verwandlung ersichtlich mit aller Aufrichtigkeit und Echtheit. Diese seine Aufrichtigkeit wirkte ungemein anziehend. Und ich erwähne noch einen Zug: trotz aller Freundlichkeit und Aufrichtigkeit wurde dieses Gesicht niemals fröhlich, nicht einmal wenn der Fürst aus vollem Herzen lachte, -- selbst dann fühlte man gleichsam, daß eine wirkliche, helle, leichte Fröhlichkeit niemals in seinem Herzen war ... Übrigens ist es außerordentlich schwer, einen Menschen so zu beschreiben. Das verstehe ich gar nicht. Der alte Fürst beeilte sich sofort, nach seiner dummen Angewohnheit, uns bekanntzumachen.

»Dies ist mein junger Freund Arkadi Andrejewitsch (wieder sagte er Andrejewitsch!) Dolgoruki.«

Der junge Fürst wandte sich mir sofort mit doppelt höflichem Gesichtsausdruck zu; man sah aber, daß mein Name ihm völlig unbekannt war.

»Es ist ... ein Verwandter Andrei Petrowitschs,« raunte ihm mein abscheulicher Fürst zu. (Wie sie einen mitunter ärgern können, diese alten Herren mit ihren Angewohnheiten!) Der junge Fürst erriet nun sofort, wer ich war.

»Ach! Ich habe schon früher von Ihnen gehört ...« sagte er schnell. »Ich hatte das außerordentliche Vergnügen, im vorigen Jahr in Luga Ihr Fräulein Schwester Lisaweta Makarowna kennen zu lernen ... Auch sie hat mir von Ihnen erzählt ...«

Ich wunderte mich: aus seinem Gesicht strahlte entschieden aufrichtige Freude.

»Erlauben Sie, Fürst,« sagte ich stockend, während ich meine beiden Hände auf den Rücken legte, »ich muß Ihnen offen sagen, -- und es freut mich, daß ich das im Beisein unseres lieben Fürsten sagen kann, -- daß ich zwar eine Begegnung mit Ihnen sogar gewünscht habe, und noch kürzlich, gestern noch, aber zu einem ganz anderen Zweck. Ich sage Ihnen das ganz offen, wie sehr Sie sich darüber auch wundern mögen. Kurz, ich wollte Sie fordern wegen der Beleidigung, die Sie Werssiloff vor anderthalb Jahren in Ems zugefügt haben. Und obschon Sie meine Forderung vielleicht gar nicht angenommen hätten, da ich ja noch ein halber Gymnasiast und ein noch nicht volljähriger Jüngling bin, so hätte ich Sie dennoch gefordert, gleichviel wie Sie das aufgefaßt oder sich dazu verhalten hätten ... und ich gestehe, ich habe auch jetzt noch dieselbe Absicht.«

Der alte Fürst äußerte später, es sei mir gelungen, das alles ganz vorzüglich zu sagen.

Im Gesicht des jungen Fürsten drückte sich aufrichtige Betrübnis aus.

»Sie haben mich nur nicht aussprechen lassen,« sagte er eindringlich. »Wenn ich mich mit herzlicher Freude an Sie gewandt habe, so geschah das von mir aus infolge meiner gegenwärtigen, meiner jetzigen Gefühle für Andrei Petrowitsch. Es tut mir leid, daß ich Ihnen nicht gleich alle inzwischen hinzugekommenen Momente erklären kann, aber ich versichere Sie bei meiner Ehre, daß ich meine unselige Tat in Ems schon längst aufs tiefste bereue. Als ich mich jetzt nach Petersburg aufmachte, hatte ich schon beschlossen, Andrei Petrowitsch jede überhaupt mögliche Genugtuung zu geben, ich meine, ihn direkt und buchstäblich um Entschuldigung zu bitten, und das in eben der Form, die er selbst bestimmt. Diese Veränderung meiner Auffassung haben höhere und mächtigere Einflüsse verursacht. Daß wir gerade einen Prozeß führten, konnte auf meinen Entschluß nicht den geringsten Einfluß haben. Doch seine gestrige Handlung mir gegenüber hat mich, ich muß sagen, bis in die Seele erschüttert, und sogar jetzt noch, werden Sie es mir glauben, bin ich -- wie noch nicht zu mir gekommen. Und da muß ich Ihnen nun mitteilen, und deshalb bin ich auch zum Fürsten gekommen, um ihm von diesem außergewöhnlichen Umstand Mitteilung zu machen: vor drei Stunden, also gerade während der Zeit, als er mit unserem Anwalt die Sache gesetzmäßig erledigte, erschien bei mir ein Bevollmächtigter Andrei Petrowitschs und überbrachte mir seine Forderung ... eine formelle Forderung wegen des Vorfalls in Ems ...«

»Er hat Sie gefordert?« rief ich und fühlte, wie meine Augen aufblitzten und das Blut mir heiß ins Gesicht schoß.

»Ja, er hat mich gefordert. Ich nahm die Forderung selbstverständlich an, beschloß aber, noch bevor das Duell ausgetragen wird, einen Brief an ihn zu schreiben, in dem ich meine jetzige Ansicht über mein damaliges Vorgehen erklären und meine ganze Reue wegen dieses entsetzlichen Irrtums aussprechen wollte ... denn es war nur ein Irrtum, ein unseliger, verhängnisvoller Irrtum! Ich muß bemerken, daß meine Stellung im Regiment ein solches Vorgehen meinerseits zu einem Wagnis machte: durch einen solchen Brief vor dem Austrag fordert man die öffentliche Meinung heraus ... Sie verstehen? Aber nichtsdestoweniger entschloß ich mich, bloß kam ich nicht dazu, den Brief abzusenden; denn etwa eine Stunde nach der Forderung erhielt ich von ihm ein Schreiben, in dem er mich wegen der Beunruhigung um Entschuldigung bittet: ich möchte die Forderung vergessen! Und er fügt hinzu, er bereue seine >vorübergehende Anwandlung von Kleinmut und Selbstsucht< -- das sind seine eigenen Worte. So hat er mir nun den Schritt mit dem Brief unendlich erleichtert. Ich habe den Brief noch nicht abgesandt, bin aber gerade deswegen hergekommen, um mit dem Fürsten über etwas Diesbezügliches zu sprechen ... Und glauben Sie mir, ich habe unter meinen Gewissensbissen mehr gelitten, als vielleicht sonst jemand ... Genügen Ihnen diese Erklärungen wenigstens vorläufig, Arkadi Makarowitsch? Werden Sie mir die Ehre erweisen, meiner Aufrichtigkeit vollen Glauben zu schenken?«

Ich war vollständig besiegt; ich sah in ihm eine Offenherzigkeit, an deren Echtheit nicht zu zweifeln war, und die ich von ihm am allerwenigsten erwartet hätte. Überhaupt hatte ich nichts Ähnliches erwartet. Ich murmelte irgend etwas zur Antwort und streckte ihm plötzlich meine Hände entgegen: er schüttelte sie freudig mit beiden Händen. Darauf führte er den alten Fürsten ins Nebenzimmer und sprach dort einige Minuten mit ihm. »Wenn Sie mir ein besonderes Vergnügen bereiten wollen,« wandte er sich laut und kurz an mich, als er aus dem Schlafgemach des alten Fürsten wieder heraustrat, »so fahren Sie mit mir jetzt gleich zu mir, und ich zeige Ihnen den Brief, den ich Andrei Petrowitsch sende, und gleichzeitig seinen Brief an mich.«

Ich willigte mit Vergnügen ein. Mein alter Fürst wurde bei unserem Aufbruch sehr geschäftig und rief mich auch noch auf einen Augenblick in sein Schlafgemach.

»Mon ami, wie froh ich bin, wie froh ich bin ... Wir reden noch darüber, über alles, aber später. Jetzt jedoch, sieh, ich habe hier zwei Briefe in meinem Portefeuille: der eine ist hinzubringen, und da ist noch persönliche Rücksprache zu nehmen, und der andere ist an die Bank -- und dort ist dasselbe zu tun ...«

Und damit händigte er mir zwei angeblich wichtige Schreiben ein und tat, als erfordere der Auftrag große Mühe und Aufmerksamkeit. Ich hatte nur hinzufahren und persönlich zu übergeben, zu quittieren usw.

»Ach, Sie Schlauberger!« rief ich lachend und nahm die Briefe, »ich bin überzeugt, das ist alles nichts von Bedeutung, und was da Mühe machen soll, möchte ich auch gern wissen, -- aber Sie haben sich diesen Auftrag einzig für mich ausgedacht, um mich glauben zu machen, ich hätte hier was zu tun und bekäme das Geld nicht umsonst!«

»Mon enfant,{[35]} ich schwöre dir, du irrst dich: das sind zwei überaus wichtige und unaufschiebbare Sachen ... Cher enfant!« rief er auf einmal, unendlich gerührt, »du mein lieber Junge!« (Er legte mir beide Hände aufs Haupt.) »Ich segne dich und dein Los ... seien wir immer so reinen Herzens, wie du es heute warst ... seien wir gut und schön, soviel wir nur irgend können ... laß uns alles Schöne lieben ... in allen seinen verschiedenartigen Formen ... Und -- enfin ... enfin rendons grâce ... et je te bénis!«{[36]}

Er sprach nicht zu Ende und begann zu schluchzen über meinem Haupte. Ich muß gestehen, auch mir waren die Tränen nahe; wenigstens umarmte ich meinen Sonderling herzlich und mit Freuden. Wir küßten uns aufrichtig.

III.

Der Fürst Sserjosha (das heißt, der junge Fürst Ssergei Petrowitsch Ssokolski, -- ich werde ihn nur Ssergei Petrowitsch nennen) brachte mich in einem eleganten Gefährt nach seiner Wohnung, und das erste war, daß ich mich über die Pracht seiner Wohnung wunderte. Nicht Pracht im üblichen Sinne, aber die Wohnung war wie bei den »allerersten Leuten«, mit hohen, großen, hellen Räumen (ich sah zwei von ihnen, die Türen zu den anderen waren geschlossen), und die Möbel -- allerdings nicht in Gott weiß was für einem Versailles- oder Renaissancestil, aber es waren doch schöne, komfortable, reiche Möbel in Menge, und im ganzen eine Einrichtung auf großem Fuß, mit schönen Teppichen, geschnitzter Holztäfelung und Statuen. Und doch wurde allgemein davon gesprochen, daß sie so gut wie Bettler seien, fast nichts mehr besäßen. Ich hatte freilich einmal flüchtig die Bemerkung gehört, daß dieser Fürst überall den Leuten Sand in die Augen gestreut habe, -- sowohl hier wie in Moskau, im Regiment und in Paris -- daß er sogar ein Spieler sei und Schulden habe. Ich hatte einen verknüllten Rock an, an dem zum Überfluß noch Federstäubchen waren, da ich angekleidet auf Wassins Bett gelegen hatte, und mein Hemd trug ich schon den vierten Tag. Der Rock war übrigens noch nicht so schlecht, aber hier beim Fürsten fiel mir wieder das Angebot Werssiloffs ein, bei seinem Schneider mir Kleider machen zu lassen.

»Denken Sie sich, ich habe, dank einer Selbstmörderin, diese ganze Nacht angekleidet geschlafen,« bemerkte ich aus einer gewissen inneren Zerstreutheit heraus, und da er sogleich Interesse zeigte, so erzählte ich ihm kurz den ganzen Fall. Aber sein Brief schien ihn doch mehr zu beschäftigen. Und mich beunruhigte hauptsächlich, daß er nicht nur nicht gelächelt, sondern nicht einmal den Schimmer eines Gedankens an ein Lächeln gezeigt hatte, als ich vorhin so ohne weiteres mit meiner Absicht, ihn zu fordern, herausgerückt war. Wenn ich auch verstanden hatte, ihn zum Ernstsein zu zwingen, so war das doch merkwürdig von einem Menschen dieser Art. Wir setzten uns mitten im Raum einander gegenüber, an seinen riesigen Schreibtisch, und er gab mir den fertigen, schon ins reine geschriebenen Brief an Werssiloff zur Durchsicht. Dieses Dokument enthielt fast dasselbe, was er mir schon bei meinem Fürsten gesagt hatte; es war ersichtlich mit Leidenschaft geschrieben. Ich wußte freilich noch nicht, wie ich diese seine augenscheinliche Offenherzigkeit und seine Bereitwilligkeit zu allem Guten eigentlich beurteilen sollte, aber ich ließ mich schon besiegen; denn, im Grunde genommen -- warum sollte ich ihm nicht glauben? Was er als Mensch auch sein und was man von ihm auch sagen mochte, er konnte doch trotz allem gute Neigungen haben. Ich las auch Werssiloffs Brief an ihn -- nur sieben Zeilen -- die Zurücknahme der Forderung. Obschon er in diesem Brief tatsächlich von »Kleinmut« und »Selbstsucht« geschrieben hatte, so sprach doch aus dem Ganzen ein gewisser Hochmut ... oder richtiger, in seiner ganzen Handlungsweise lag eine gewisse Geringschätzung. Ich sprach das aber nicht aus.

»Wie fassen Sie diesen Verzicht auf das Duell eigentlich auf?« fragte ich. »Sie glauben doch wohl nicht, daß er den Mut verloren hat?«

»Selbstverständlich nicht,« sagte der Fürst lächelnd, aber es war ein sehr ernstes Lächeln, und überhaupt wurde der Ausdruck seines Gesichts immer sorgenvoller. »Ich weiß zu genau, daß dieser Mensch mutig ist. Hier, in diesem Fall ist es natürlich ein Ausdruck seiner besonderen Auffassung ... seiner persönlichen Ideenrichtung.«

»Zweifellos ist es das!« fiel ich ihm lebhaft ins Wort. »Ein gewisser Herr Wassin sagt, in seiner Handlungsweise mit dem Brief des Erblassers und in dem Verzicht auf die Erbschaft sei ein gewisses Verlangen, sich auf ein >Piedestal< zu stellen ... Meiner Ansicht nach tut man so etwas nicht fürs Publikum, sondern die Tat entspricht etwas dem Wesen des Menschen zugrunde Liegendem, dem Innersten dieses Menschen.«

»Ich kenne Herrn Wassin sehr gut,« bemerkte der Fürst.

»Ach, ja, Sie müssen ihn ja in Luga gesehen haben.«

Wir sahen uns plötzlich an, und ich weiß noch, ich wurde, glaube ich, etwas rot. Wenigstens brach er das Gespräch sofort ab. Ich dagegen hätte sehr gern weitergesprochen. Der Gedanke an eine Begegnung, die ich tags zuvor gehabt hatte, lockte mich, etliche Fragen an ihn zu richten, nur wußte ich nicht, wie ich anfangen sollte. Und überhaupt war ich gewissermaßen schlecht aufgelegt. Mich frappierte auch seine erstaunliche Wohlerzogenheit und Höflichkeit, die Ungezwungenheit seiner Manieren, -- mit einem Wort, diese ganze glänzende Politur ihres Tones, die diese Menschen fast schon in der Wiege annehmen. In seinem Russisch geschriebenen Brief aber fand ich zwei äußerst grobe grammatikalische Fehler. Übrigens: bei solchen Begegnungen erniedrige ich mich nicht etwa, sondern werde übertrieben schroff, was bisweilen vielleicht auch unangebracht ist. Aber in diesem Fall trug dazu auch noch der Gedanke bei, daß mein Rock nicht gebürstet war, und so überschritt ich erst recht die Grenze und rückte mit fast familiären Fragen heraus. Es war mir nicht entgangen, daß der Fürst mich hin und wieder sehr aufmerksam musterte.

»Sagen Sie, Fürst,« platzte ich plötzlich mit der Frage heraus, »finden Sie es in Ihrem Inneren nicht lächerlich, daß ich, der ich noch so ein >Milchbart< bin, Sie zum Zweikampf fordern wollte, und das noch wegen einer einem Fremden zugefügten Beleidigung?«

»Durch die Beleidigung des Vaters kann man sehr wohl sich selbst beleidigt fühlen. Nein, ich finde es nicht lächerlich.«

»Mir aber scheint es, daß so etwas furchtbar lächerlich sein muß ... von manchem Gesichtspunkt aus ... das heißt, versteht sich, nicht von meinem aus. Um so mehr, als ich Dolgoruki heiße und nicht Werssiloff. Wenn Sie mir aber nicht die Wahrheit sagen, vielleicht um die Sache zu beschönigen aus glatter gesellschaftlicher Höflichkeit, so sagen Sie mir wohl auch in allem übrigen nicht die Wahrheit und betrügen mich?«

»Nein, ich finde es nicht lächerlich,« wiederholte er ungeheuer ernst. »Sie können doch das Blut Ihres Vaters nicht -- nicht in sich fühlen ...? Sie sind aber noch zu jung; denn ... ich weiß nicht ... ich glaube, wer noch nicht volljährig ist, darf sich noch nicht duellieren, oder man darf seine Forderung nicht annehmen ... so ist die Regel ... Aber vielleicht gibt es hier schließlich nur einen einzigen ernsten Einwand: wenn Sie ohne Wissen des Beleidigten, wegen dessen Beleidigung Sie sich schlagen wollen, den Beleidiger fordern, so äußern Sie damit gleichsam eine gewisse persönliche Nichtachtung des Betreffenden Ihrerseits, ist es nicht so?«

Unser Gespräch wurde von einem Diener unterbrochen, der eintrat und etwas melden zu wollen schien. Wie der Fürst ihn erblickte, stand er sofort auf -- er hatte ihn wohl die ganze Zeit schon erwartet -- und ging schnell auf ihn zu, so daß der Diener die Meldung nur halblaut machte, und ich natürlich nichts davon hören konnte.

»Entschuldigen Sie mich, bitte,« wandte sich der Fürst nach mir um, »in einer Minute bin ich wieder da.«

Und damit ging er hinaus. Ich blieb allein zurück, ging auf und ab und dachte nach. Sonderbar, er gefiel mir, und gleichzeitig gefiel er mir gar nicht. Es war in ihm irgend so etwas, was ich selbst nicht zu benennen gewußt hätte, aber jedenfalls war es etwas Abstoßendes. »Wenn er wirklich nicht über mich lacht, so muß er allerdings sehr offenherzig sein; aber wenn er über mich lachte, so ... würde ich ihn vielleicht für klüger halten ...« ging es mir etwas seltsam durch den Kopf.

Ich trat an den Tisch und las noch einmal seinen Brief an Werssiloff. Die Gedanken beschäftigten mich so, daß ich die Zeit ganz vergaß, und als ich wieder zu mir kam, da bemerkte ich plötzlich, daß die >eine Minute< des Fürsten sich schon zweifellos zu einer Viertelstunde ausgedehnt hatte. Das regte mich ein wenig auf; ich ging noch einmal hin und her, schließlich nahm ich meinen Hut und beschloß, hinauszugehen, und falls mir jemand begegnete, den Fürsten rufen zu lassen, und wenn er käme, mich einfach zu verabschieden unter dem Vorwande, daß ich zu tun hätte und nicht länger warten könne. Ich dachte, das wäre das richtigste; denn mich quälte ein wenig der Gedanke, daß er mich, indem er mich solange allein ließ, etwas nachlässig behandelte. Der Raum hatte nur zwei Türen, beide waren geschlossen und befanden sich in derselben Wand. Da ich vergessen hatte, durch welche Tür wir eingetreten waren, vielleicht aber auch aus Zerstreutheit, öffnete ich die falsche Tür und sah auf einmal in einem schmalen, langen Zimmer, auf einem Diwan sitzend, -- meine Schwester Lisa. Außer ihr war niemand im Raum, und sie wartete wohl auf jemand. Aber noch hatte ich keine Zeit, mich zu wundern, als ich auf einmal die Stimme des Fürsten hörte, der laut hinter der anderen Tür mit jemand sprach und ins Kabinett zurückkehrte. Ich schloß schnell meine Tür, und der eintretende Fürst merkte nichts. Ich erinnere mich, er begann sich zu entschuldigen und sprach von einer Anna Fjodorowna ... Ich war aber so verwirrt und betroffen durch das Gesehene, daß ich fast nichts verstand und nur irgendwie hervorstotterte, daß ich unbedingt nach Hause müsse, und ich verließ entschlossen und schnell das Zimmer. Der wohlerzogene Fürst wird mein Benehmen wohl sehr merkwürdig gefunden haben. Er begleitete mich sogar bis ins Vorzimmer und sprach die ganze Zeit, ich aber antwortete nichts und sah ihn nicht einmal an.

IV.

Als ich auf die Straße trat, bog ich nach links und ging weiter, ohne zu denken, wohin. Meine Gedanken waren alle wie zerrissen und verstreut. Ich ging langsam, und ich glaube, ich war schon ein gutes Stück gegangen, wohl über fünfhundert Schritt, als ich plötzlich einen leichten Schlag auf meiner Schulter fühlte. Ich sah mich um und erblickte Lisa: sie hatte mich eingeholt und mit dem Sonnenschirm leicht auf die Schulter geschlagen. Etwas ungeheuer Lustiges und zugleich auch etwas Schelmisches lag in ihrem strahlenden Blick.

»Nein, bin ich froh, daß du nach dieser Seite gegangen bist, sonst hätte ich dich heute nicht mehr erreicht!« Sie war vom schnellen Gehen etwas außer Atem.

»Wie du außer Atem bist.«

»Ich bin so schnell gegangen, fast gelaufen, um dich einzuholen.«

»Lisa, das warst doch du, die ich vorhin gesehen habe?«

»Wo?«

»Beim Fürsten ... beim Fürsten Ssokolski ...«

»Nein, das war nicht ich, nein, mich hast du nicht gesehen ...«

Ich schwieg; so gingen wir etwa zehn Schritt. Plötzlich fing Lisa furchtbar zu lachen an.

»Ich, ach, natürlich war ich es, ich, ich! Hör mal, du hast mich doch selbst gesehen, hast mir in die Augen gesehen und ich dir, wie kannst du nun noch fragen, ob ich es war? Nein, das ist mir mal ein Charakter! Und weißt du, ich wollte furchtbar lachen, als du mir dort in die Augen sahst; denn du sahst furchtbar komisch aus!« Und sie lachte unbändig. Ich fühlte, wie sofort mein ganzer Kummer aus meinem Herzen schwand.

»Aber wie, sag doch, wie bist du denn hingekommen?«

»Ich war bei Anna Fjodorowna.«

»Bei was für einer Anna Fjodorowna?«

»Bei der Stolbejeff. Als wir in Luga waren, saß ich ganze Tage bei ihr, sie hat auch Mama bei sich empfangen und ist sogar selbst zu uns gekommen. Sonst aber hat sie dort fast mit keinem Menschen verkehrt. Mit Andrei Petrowitsch ist sie entfernt verwandt, und auch mit den Fürsten Ssokolski ist sie verwandt; sie ist, wenn ich mich nicht irre, eine Großtante des Fürsten.«

»So wohnt sie beim Fürsten?«

»Nein, der Fürst wohnt bei ihr.«

»Aber wessen Wohnung ist denn das?«

»Natürlich ihre Wohnung. Sie hat diese Wohnung schon seit einem ganzen Jahr. Der Fürst ist ja erst vor kurzem angekommen und bei ihr abgestiegen. Und auch sie ist erst seit vier Tagen in Petersburg.«

»Nun denn ... weißt du was, Lisa, hol' sie der Henker, ihre Wohnung und sie selbst ...«

»Nein, sie ist ein prächtiger Mensch ...«

»Na, meinetwegen, das kann sie ja sein, aber wir sind selbst prächtige Menschen! Sieh, was das für ein Tag ist, sieh, wie schön es ist! Und was du heute für eine Schönheit bist, Lisa! Aber weißt du, du bist doch noch ein richtiges Kind.«

»Arkadi, sag, jenes junge Mädchen von gestern ...«

»Ach, sie tut mir so leid, Lisa, ach Gott, so schrecklich leid!«

»Ja, wie ist das traurig! Was war das für ein Los! Weißt du, es ist sogar sündhaft, daß wir hier so fröhlich gehen, während ihre Seele jetzt irgendwo in der Finsternis schwebt, irgendwo in einer bodenlosen Finsternis, mit ihrer Sünde und mit dem Unrecht, das man ihr angetan. Arkadi, wer ist an ihrer Sünde schuld? Wie ist das grauenvoll! Denkst du auch jemals an diese Finsternis? Ach, wie ich den Tod fürchte, und wie sündhaft das ist! Ich liebe die Dunkelheit nicht, da ist doch solch eine Sonne ein ganz anderes Ding! Mama sagt, es sei Sünde, sich zu fürchten ... Arkadi, sag, kennst du Mama gut?«

»Noch wenig, Lisa, nur wenig.«

»Wenn du wüßtest, was für ein Wesen sie ist! Du mußt Sie kennen lernen! Man muß sie erst ganz besonders und in ihrer Art verstehen lernen ...«

»Aber auch dich habe ich ja bisher nicht gekannt und kenne dich jetzt doch ganz und gar. In einer Minute habe ich dich verstehen gelernt und begriffen. Du, Lisa, fürchtest zwar den Tod, aber du bist doch stolz, unerschrocken, mutig. Bist besser als ich, viel besser als ich! Ich liebe dich furchtbar, Lisa. Ach, Lisa! Mag, wenn es sein muß, der Tod kommen, aber bis dahin -- leben, leben! Laß uns um jene Unglückliche trauern, aber das Leben laß uns dennoch segnen, nicht? Nicht? Ich habe eine >Idee<, Lisa. Lisa, du weißt doch, daß Werssiloff die Erbschaft abgelehnt hat? Du kennst meine Seele nicht, Lisa, du weißt nicht, was dieser Mensch für mich bedeutet hat!«

»Wie sollte ich das nicht wissen, -- alles weiß ich.«

»Alles weißt du? Nun ja, dafür bist du eben du! Du bist klug; du bist klüger als Wassin. Du und Mama -- ihr habt durchdringende Augen, menschenfreundliche Augen, das heißt, ich meine den Blick, nicht die Augen, ich rede dummes Zeug ... Ich bin in vieler Hinsicht schlecht, Lisa.«

»Dich muß man nur an der Hand nehmen, und das ist alles!«

»Nimm mich, Lisa. Wie schön es heute ist, dich anzusehen. Ja, weißt du auch, daß du ganz entzückend aussiehst? Ich habe noch niemals deine Augen gesehen ... Erst jetzt zum erstenmal ... Wo hast du sie heute hergenommen, Lisa? Wo gekauft? Wieviel bezahlt? Lisa, ich habe noch nie einen Freund gehabt, ja, und ich betrachte diese Freundschaftsidee überhaupt als Unsinn; aber Freundschaft mit dir wäre kein Unsinn ... Willst du, so laß uns Freunde werden? Du verstehst, was ich sagen will ...?«

»Sehr gut sogar.«

»Und weißt du, ohne Abmachungen, ohne Kontrakt, -- laß uns einfach Freunde sein!«

»Ja, einfach, ganz einfach, aber nur eine Abmachung: wenn wir uns irgendeinmal gegenseitig beschuldigen sollten, wenn wir einmal unzufrieden werden oder sogar böse und schlecht, ja, selbst wenn wir alles dieses vergessen sollten, -- so wollen wir doch niemals den heutigen Tag und diese Stunde vergessen! Geben wir uns das Wort darauf! -- Das Wort, daß wir immer dieses Tages gedenken werden, wo wir zwei so Hand in Hand gingen und lachten und uns so froh zumute war ... Ja? Ja?«

»Ja, Lisa, ja, und ich schwöre dir das. Aber weißt du, Lisa, mir ist, als hörte ich dich zum erstenmal ... Lisa, hast du viel gelesen?«

»Bis jetzt hast du noch nie danach gefragt! Erst gestern zum erstenmal, als ich mich versprach und mich wie Mama ausdrückte, geruhten Sie, das zu bemerken, mein hochgeehrter Herr und Philosoph.«

»Warum hast du denn nicht selbst mit mir zu sprechen angefangen, wenn ich so ein Dummkopf war?«

»Ich habe immer darauf gewartet, daß du klüger werden würdest. Ich habe Sie, mein Herr, von Anfang an durchschaut, und wie ich Sie, Arkadi Makarowitsch, durchschaut hatte, da dachte ich bei mir: >Er wird schon zu mir kommen, es wird ja bestimmt damit enden, daß er kommt,< -- nun, und so nahm ich mir vor, diese Ehre Ihnen zu überlassen, als erster den Schritt zu tun. >Nein,< dachte ich, >mach du mir erst mal den Hof!<«

»Ach, du Kokette! Na, Lisa, gestehe mal ehrlich: Hast du in diesem Monat über mich gelacht oder nicht?«

»Oh! -- du bist so komisch, du bist furchtbar komisch, Arkadi! Und weißt du, vielleicht habe ich dich gerade deswegen am meisten geliebt in diesem Monat, -- weil du solch ein Sonderling bist. Aber du bist in vielen Dingen auch ein häßlicher Sonderling -- das sage ich dir, damit du mir nicht zu stolz wirst. Aber weißt du auch, wer noch über dich gelacht hat? Mama hat über dich gelacht, mit mir zusammen: >So ein drolliger Kauz,< flüsterte sie mir dann zu, >sieh nur, was für ein drolliger Kauz!< Du aber sitzt und denkst dabei, wir säßen und zitterten vor dir.«

»Lisa, wie denkst du über Werssiloff?«

»Ich halte sehr viel von ihm; aber weißt du, wir wollen jetzt lieber nicht über ihn sprechen. Heute brauchen wir nicht über ihn zu sprechen, nicht wahr?«

»Ja, du hast recht! Nein, du bist wirklich furchtbar klug, Lisa! Du bist unbedingt klüger als ich. Warte nur, Lisa, ich mache mit alledem ein Ende, und vielleicht sage ich dir dann etwas ...«

»Warum machst du nun ein so finsteres Gesicht?«

»Nein, ich mache kein finsteres Gesicht, Lisa, das war nur so ... Sieh, Lisa, ich spreche es lieber offen aus: das ist so eine meiner Eigenheiten, daß ich es nicht liebe, wenn man manches Empfindliche, was man so in der Seele hat, mit den Fingern anrührt ... oder sagen wir: wenn man gewisse Gefühle oft anderen aufdeckt oder sie hervorzieht, damit alle sie sehen, so ist das doch eine Schande, nicht wahr? Deshalb ziehe ich es vor, düster zu sein und zu schweigen. Du bist klug, du mußt das verstehen.«

»Nicht nur das, ich bin auch selbst so; ich habe dich in allem verstanden. Weißt du auch, daß auch Mama so ist?«

»Ach, Lisa! Wenn man nur länger auf Erden leben könnte! Wie? Was sagtest du?«

»Nein, ich habe nichts gesagt.«

»Du siehst mich an?«

»Ja, und auch du siehst mich an. Ich sehe dich an und liebe dich.«

Ich begleitete sie fast bis nach Hause und gab ihr meine Adresse. Beim Abschied küßte ich sie zum erstenmal im Leben.

V.

Und alles wäre gut gewesen, aber nur eines war schlecht: ein schwerer Gedanke wälzte sich in mir schon seit der Nacht und ging mir nicht aus dem Sinn. Es war das die Erinnerung, daß ich am Abend vorher, als ich vor unserer Hofpforte mit jener Unglücklichen zusammengetroffen war, ihr gesagt hatte, ich ginge aus dem Hause, verließe das Nest; denn von bösen Menschen müsse man fortgehen und sein eigenes Nest bauen, und Werssiloff hätte viele außereheliche Kinder. Solche Worte über den Vater vom leiblichen Sohn gesagt, hatten natürlich ihren ganzen Verdacht gegen Werssiloff bestätigt, auch den, daß sie von ihm beleidigt worden sei. Ich hatte Stebelkoff angeklagt, aber vielleicht war vor allen anderen ich derjenige gewesen, der Öl ins Feuer gegossen hatte. Dieser Gedanke war schrecklich und ist es noch heute ... Damals aber, an jenem Morgen, hatte er zwar schon angefangen, mich zu quälen, aber es schien mir doch noch alles Einbildung zu sein. »Ach, da hatte sich auch ohne mein Dazutun schon genug angesammelt und aufgehäuft,« wiederholte ich mir immer wieder. »Ach, tut nichts, es wird schon vorübergehen! Ich werde mich bessern! Ich werde das irgendwie gutmachen ... durch irgendeine gute Tat ... Ich habe noch fünfzig Jahre vor mir!«

Aber der Gedanke quälte doch weiter.

Zweiter Teil

Erstes Kapitel.

I.

Ich überspringe einen Zeitraum von fast zwei Monaten; der Leser braucht sich aber nicht zu beunruhigen: aus dem Folgenden wird ihm alles klar werden. Besonders einen Tag, den fünfzehnten November, möchte ich scharf hervorheben, -- diesen Tag, der mir aus vielen Gründen nur zu gut im Gedächtnis geblieben ist. Vor allen Dingen hätte mich damals niemand wiedererkannt, der mich zwei Monate vorher gesehen hatte, wenigstens nicht mein Äußeres, oder wenn er mich auch wiedererkannt hätte, so hätte er sich diese Veränderung doch nicht erklären können. Ich war hyperelegant gekleidet -- das war das erste. Jener »gewissenhafte Franzose mit eigenem Geschmack«, der mir von Werssiloff einmal empfohlen worden war, hatte mir nicht nur einen ganzen Anzug gemacht, sondern war mir schon nicht mehr fein genug: für mich arbeiteten damals ganz andere Schneider, höhere, erstklassige, und ich habe bei ihnen sogar laufende Rechnung. Auch in einem hiesigen vornehmen Restaurant habe ich laufende Rechnung, aber hier wage ich es noch nicht recht, und sobald ich wieder Geld habe, bezahle ich sofort, obschon ich weiß, daß ein solches Bezahlen mauvais ton{[37]} ist und mich kompromittiert. Auf dem Newski habe ich einen französischen Friseur, mit dem ich mich sehr gut stehe, und wenn ich mich von ihm frisieren lasse, erzählt er mir alle möglichen Geschichten. Um die Wahrheit zu sagen, ich spreche mit ihm, um mich im Französischen zu üben. Ich beherrsche ja die Sprache, und sogar ganz gut, aber in großer Gesellschaft habe ich doch noch eine gewisse Scheu selbst anzufangen; und meine Aussprache ist wohl auch längst nicht pariserisch. Ich habe Matwei, meinen Fiaker, der mit seinem Traber zu meinen Diensten steht, wo und wann ich bestimme. Er hat einen hellbraunen Hengst (Schimmel liebe ich nicht). Manches stimmte auch nicht ganz: es war der fünfzehnte November, seit drei Tagen hatten wir schon Winter, mein Pelz aber war alt, ein von Werssiloff längst abgelegter; hätte ich ihn verkauft, so würde ich etwa fünfundzwanzig Rubel bekommen haben. »Ich muß mir einen neuen anschaffen,« sagte ich mir, »aber meine Taschen sind leer, und außerdem muß ich mir noch zu heute abend um jeden Preis Geld verschaffen, sonst bin ich verloren.« -- »Unglücklich und verloren« -- das waren damals meine eigenen Worte. O Niedrigkeit! Wie, woher kamen auf einmal diese Tausende, dieser Traber und diese vornehmen Restaurants? Wie hatte ich so schnell alles vergessen und mich so verändern können? O Schmach! Ja, jetzt beginne ich die Geschichte meiner Schmach und Schande, und nichts im Leben kann für mich beschämender sein, als es diese Erinnerungen sind!

Ich sage das als mein eigener Richter, und ich weiß, daß ich schuldig bin. In diesem Strudel, in den ich damals hineingeraten war, und in dem ich mich drehte, war ich zwar allein, ohne Führer und Ratgeber, aber ich schwöre, auch damals schon wußte ich, daß ich gefallen war, und deshalb bin ich nicht zu entschuldigen. Und dennoch war ich in diesen zwei Monaten beinah glücklich, -- warum sage ich »beinah«? Ich war gar zu glücklich! War es sogar in solchem Maße, daß selbst das Bewußtsein meiner Schmach, das von Zeit zu Zeit in mir aufblitzte (und wie oft!), und unter dem mein Herz sich zusammenkrampfte, -- daß dieses Bewußtsein (wird man es glauben?) mich noch mehr berauschte: »Ach nun, fällt man, dann fällt man; für immer falle ich ja doch nicht, ich komme schon wieder heraus! Ich habe meinen Stern!« -- Ich ging gleichsam auf einem schmalen Stege aus Holzstäben und ohne Geländer über einem Abgrund, und es machte mir Spaß, daß ich so ging; ich sah sogar in den Abgrund hinab. Es war ein Wagnis, und es war lustig. Aber meine »Idee«? -- Die »Idee«, die war für später, die Idee wartete; alles, was jetzt war und geschah, war »nur ein kleiner Seitensprung«: »Warum sich denn nicht ein bißchen amüsieren?« Das ist ja eben das Schlechte an »meiner Idee«, ich sage es hier nochmals, daß sie entschieden alle Seitensprünge zuläßt; wäre sie weniger fest und radikal, so hätte ich vielleicht nicht gewagt, mich ablenken zu lassen.

Indessen war ich immer noch der Inhaber meines kleinen möblierten Mietzimmers, war der Mieter, aber nicht der Bewohner desselben. Dort lagen mein Koffer, meine Reisetasche und noch andere Sachen, doch meine Hauptresidenz war beim Fürsten Ssergei Ssokolski. Ich saß bei ihm, ich schlief bei ihm, und das sogar wochenlang ... Wie es dazu kam, will ich gleich erklären, zunächst aber will ich noch ein paar Worte über dieses Zimmerchen sagen. Es war mir schon liebgeworden: hierher war Werssiloff gekommen, er selbst als erster nach unserem damaligen Zerwürfnis, hier hatte er damals gesessen, und dann noch viele Male. Ich wiederhole: diese Zeit war für mich eine furchtbare Schmach, zugleich aber auch ein riesiges Glück ... Und alles traf sich damals so gut und gelang mir und lächelte mir! »Und wozu diese ganze frühere Griesgrämigkeit,« fragte ich mich in manchen seligen Minuten, »wozu diese alten schweren Wunden, meine einsame und traurige Kindheit, meine dummen Träume unter dem Kinderdeckchen, meine Schwüre, Pläne und selbst meine >Idee<? Ich habe das alles in die Luft gebaut und mir ausgedacht, und nun erweist es sich, daß in der Welt etwas ganz anderes ist. Mir ist jetzt doch so froh und leicht zumute: ich habe einen Vater -- Werssiloff, ich habe einen Freund -- Fürst Sserjosha, und ich habe noch ...« doch von diesem noch -- reden wir lieber nicht. Ach, alles geschah im Namen der Liebe, der Großmut, der Ehre. Dann aber stellte sich heraus, daß alles schändlich, gemein und ehrlos war.

Genug.

II.

Das erstemal war er am dritten Tage nach unserem damaligen Zerwürfnis zu mir gekommen. Ich war nicht zu Hause, und so blieb er und wartete auf mich. Ich hatte schon diese ganzen drei Tage auf ihn gewartet, aber als ich in mein Zimmer trat und ihn erblickte, flimmerte es mir vor den Augen, und mein Herz klopfte so stark, daß ich in der Tür stehen blieb. Zum Glück saß mein Wirt bei ihm, der sich für verpflichtet gehalten hatte, sich dem Gast, damit diesem das Warten nicht langweilig werde, vorzustellen und ihn mit Eifer zu unterhalten. Er war ein kleiner Beamter, Titularrat, schon in den Vierzigern, sehr pockennarbig, sehr arm, und hatte eine kranke, schwindsüchtige Frau und ein krankes Kind. Seinem Charakter nach war er äußerst mitteilsam und friedfertig, übrigens auch ziemlich taktvoll. Ich freute mich über seine Anwesenheit, er half wenigstens über den Anfang hinweg; denn was hätte ich sonst zu Werssiloff sagen sollen? Ich hatte ja gewußt, genau gewußt, diese ganzen drei Tage gewußt, daß Werssiloff selbst kommen, als erster kommen werde, -- genau so, wie ich das wünschte; denn ich wäre um keinen Preis als erster zu ihm gegangen, nicht etwa aus Trotz und Verstocktheit, sondern einzig aus Liebe zu ihm, aus einer gewissen Liebeseifersucht, oder -- ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll. Ja, und überhaupt wird der Leser keinen schönen Redefluß bei mir finden. -- Aber obschon ich ihn diese ganzen drei Tage erwartet und mir fast ununterbrochen vorgestellt hatte, wie er, wenn er käme, in mein Zimmer eintreten werde, so hatte ich mir doch nie im voraus ausdenken können, obschon ich mich krampfhaft anstrengte, wovon wir beide zu sprechen anfangen würden ... nach allem, was geschehen war.

»Ah, da bist du ja,« sagte er und streckte mir freundschaftlich die Hand entgegen, ohne sich dabei zu erheben. »Setze dich mal zu uns; Pjotr Ippolitowitsch erzählt eine überaus interessante Geschichte von dem Großen Stein, der in der Nähe der Pawlowsker Kasernen liegt ... oder hier irgendwo in der Umgegend ...«

»Ja, ich kenne den Stein,« sagte ich schnell und setzte mich zu ihnen auf einen Stuhl. Sie saßen am Tisch. Das ganze Zimmer war genau vier Quadratmeter groß. Ich holte einmal tief Atem.

Ein Funken von Zufriedenheit blitzte in Werssiloffs Augen auf; ich glaube, er hatte mir keine besondere Haltung zugetraut und befürchtet, ich würde mich Gott weiß wie benehmen. Nun war er beruhigt.

»Erzählen Sie es lieber nochmals von Anfang an, Pjotr Ippolitowitsch.« -- Sie redeten sich schon mit dem Vor- und Vatersnamen an.

»Ja, also, was ich sagen wollte, -- das hat sich nämlich noch zu Nikolais des Ersten Zeiten zugetragen,« wandte sich Pjotr Ippolitowitsch nervös und mit einer gewissen Pein zu mir, als litte er schon im voraus unter der Möglichkeit, daß seine Geschichte keinen Eindruck machen könnte. »Sie kennen doch diesen Stein, -- plötzlich so ein großer Stein auf der Straße: warum? wozu? -- er stört doch nur, nicht wahr? Majestät fuhren mehrere Mal den Weg, und jedesmal war dieser Stein da. Schließlich mißfiel das Majestät, und es ist doch auch wahr: so ein ganzer Berg, auch noch mitten auf der Straße, er ist doch nur im Wege, nicht wahr? >Der Stein ist zu beseitigen!< sagt Majestät. Nun, einmal gesagt, ist zu beseitigen -- Sie verstehen, was das heißt, dieses >ist< und >zu beseitigen<? Man weiß doch, wie der Selige war. Also: was tun mit diesem Stein? Alle verloren den Kopf. Da war nämlich die Stadtduma, und dann hauptsächlich war da, ich weiß nicht mehr wer, nämlich einer von unseren Aristokraten, damals die erste Persönlichkeit, und dieser hatte für alles aufzukommen. Und dieser selbe Würdenträger hört sie nun alle an, die Ratgeber nämlich: fünfzehntausend Rubel werde es kosten, sagen sie, nicht weniger, und in Silber (denn in der Regierungszeit des Seligen stand das Metallgeld höher im Wert als das Papiergeld). >Was, fünfzehntausend, Blödsinn!< sagt der Würdenträger. Die Engländer wollten nämlich zuerst Schienen legen bis zum Stein und ihn mit Dampfkraft fortschaffen; aber was hätte das gekostet? Eisenbahnen gab es doch damals bei uns noch nicht, nur die eine nach Zarskoje Sselo, die ging schon ...«

»Ach was, man hätte ihn doch einfach zersägen können,« sagte ich mit wachsendem Verdruß; ich ärgerte mich und schämte mich vor Werssiloff; er aber hörte mit sichtlichem Vergnügen zu. Ich begriff, daß auch er über die Anwesenheit des Wirtes froh war; denn mit mir allein zu sein, wäre auch ihm peinlich gewesen, und er schämte sich sogar vor mir, das sah ich; ich weiß noch, ich empfand das fast als rührend von ihm.

»Jawohl, jawohl, gerade das war's ja auch, worauf man dann verfiel, und es verfiel darauf von allen nur Monferrand, der nämlich damals gerade die Isaakskirche baute. >Zersägen und fortführen,< riet er. Jawohl, aber was wird das kosten?«

»Nichts kostet das, man zersägt einfach und führt die Stücke fort.«

»Nein, erlauben Sie, da muß man doch eine Maschine aufstellen, eine Dampfmaschine, und dann: wohin fortführen? Und dazu solch einen Riesenstein, fast wie ein Berg? Zehntausend, sagt man, weniger wird es nicht kosten, zehn- oder zwölftausend.«

»Hören Sie mal, Pjotr Ippolitowitsch, das ist doch barer Unsinn, das kann doch nicht so gewesen sein ...« Aber da blinzelte mir Werssiloff heimlich zu, und in diesem geheimen Zeichen, das er mir gab, lag so viel feinfühlendes Mitgefühl mit meinem Wirt, ja sogar ein so aufrichtiges Leiden für ihn, daß mir das ungeheuer gefiel, und ich begann zu lachen.

»Ja ... ja ...« freute sich mein Wirt, der natürlich nichts bemerkt hatte und nur fürchtete, wie alle diese Erzähler, daß man ihn durch Fragen aus dem Text bringen könnte. »Ja, und da kommt nun gerade ein Kleinbürger des Weges gegangen, ein noch junger Mann, so, wissen Sie, ein echter Russe, Vollbart und Hemdbluse, und womöglich mit so einem kleinen Rausch ... oder nein, berauscht war er nicht. Und da steht nun dieser Kleinbürger und hört zu, wie sie da beraten, nämlich die Engländer und der Monferrand; und dieser Würdenträger, die Hauptperson, ist gerade im Wagen angefahren gekommen, hört sie an und ärgert sich: wie sie sich da so lange beraten und doch nicht Rat zu schaffen wissen! Und da fällt sein Blick auf diesen Kleinbürger, auf denselben nämlich, der etwas weiter fort steht, zuhört und so etwas falsch lächelt, das heißt, nicht falsch, ich habe mich nicht richtig ausgedrückt, aber so, nämlich sozusagen etwas ... etwas ...«

»Spöttisch,« half ihm Werssiloff vorsichtig.

»Spöttisch, ja, das ist das Wort, das heißt, ein wenig spöttisch, nämlich so mit einem gutmütigen russischen Lächeln, genau so, wissen Sie. Nun, dem Würdenträger war das natürlich wieder ein Grund zum Ärger, man weiß ja, wie das ist: >Heda, du, was hältst du hier Maulaffen feil? Wer bist du?<

>Ja so,< sagt er, >ich sehe mir das Steinchen an, Euer Gnaden.< Gerade so sagte er, nämlich zu dem Würdenträger. -- Ja, war das nicht am Ende Fürst Ssuworoff Italijski selber, das heißt ein Nachkomme des alten Feldmarschalls ...? Oder nein, das war kein Ssuworoff, -- schade, ich hab's nämlich vergessen, wer es war, nur war er, wissen Sie, wenn auch Durchlaucht und was nicht alles, so doch ein echter Russe, so ein russischer Typus, Patriot, mit einem verstehenden russischen Herzen; na, er erriet sofort:

>So, siehst das Steinchen an und lachst dabei -- würdest du etwa den Stein fortschaffen können? -- Worüber lachst du denn?<

>Mehr so eigentlich über die Engländer, Euer Gnaden,< sagt er, >die machen doch einen schon gar zu hohen Preis, weil der russische Beutel dick ist und sie zu Hause nichts zu essen haben. Wenn Euer Gnaden mir hundert Rubel aussetzen wollten -- bis morgen abend schaffen wir das Steinchen aus dem Wege.<

Nun, können Sie sich einen solchen Vorschlag denken? Die Engländer hätten ihn vor Wut natürlich gefressen; Monferrand lacht; nur dieser Würdenträger mit dem russischen Herzen sagt: >Man gebe ihm die hundert Rubel! Wirst du ihn wirklich fortschaffen können?<

>Morgen gegen Abend wird er weg sein, Euer Gnaden.<

>Ja, aber, wie willst du das machen?<

>Das mag schon, mit Verlaub, wenn Euer Gnaden das nicht übelnehmen, unser Geheimnis bleiben,< sagt er, und wissen Sie, sagt es so richtig russisch! Das gefiel dem Würdenträger. >Man gebe ihm alles, was er verlangt!< Und dabei blieb's. Was glauben Sie wohl, was er nun tat?«

Mein Wirt machte eine Kunstpause und sah mit gerührtem Blick bald mich, bald Werssiloff an.

»Ich weiß es nicht,« sagte Werssiloff lächelnd; ich ärgerte mich.

»Ja, sehen Sie, er tat das nämlich so,« hub der Wirt nun mit einem solchen Triumphgefühl an, als hätte er das alles selbst gemacht. »In kürzester Zeit hatte er sich soundso viele Bauern mit Spaten gedungen, ganz gewöhnliche, aber so richtige russische Bauern, und mit denen begann er dicht beim Stein eine Grube zu graben; die ganze Nacht gruben sie, gruben eine riesige Grube, so groß wie der Stein, sogar noch etwas größer, und als die fertig war, ließ er allmählich und vorsichtig und immer mehr die Erde auch unter dem Stein weggraben. Nun, das ist doch erklärlich, je mehr sie unten weggruben, um so weniger hatte der Stein Boden unter sich, auf dem er stehen konnte, und um so mehr kam sein Gleichgewicht ins Wanken; und wie er dann ganz ins Wanken kam, da stemmten sie sich noch alle Mann von der anderen Seite gegen den Stein, so, wissen Sie, mit Hurra und auf russische Art: der Stein schaukelte mal, und -- plumps! fiel er in die Grube! Dann wurde fix zugeschaufelt, mit einem Rammklotz festgestampft, mit Steinchen festgepflastert -- alles glatt, und der Stein war weg!«

»Denken Sie sich!« sagte Werssiloff.

»Und was da an Menschen zusammenlief! Menschen, mehr als man zählen kann! Die Engländer, die nämlich schon längst alles erraten hatten, stehen da, sind wütend. Monferrand kommt angefahren: >Das,< sagt er, >ist bäurisch gemacht, ist gar zu einfach.< -- Aber das ist doch gerade der ganze Witz der Sache, daß es so einfach zu machen war, ihr aber, ihr Schafsköpfe, seid nicht darauf verfallen! Und ich kann Ihnen sagen, dieser Vorgesetzte, nämlich dieser hohe Würdenträger und Staatsmann, -- der umarmte ihn einfach und küßte ihn: >Ja, woher kommst du, wer bist du?< fragt er ihn. -- >Wir sind aus dem Jaroslawschen, Euer Gnaden, sind unserem Handwerk nach, mit Verlaub zu sagen, eigentlich Schneider, im Sommer aber kommen wir nach der Hauptstadt, um mit Früchten bißchen Handel zu treiben, Euer Gnaden.< Nun, die Obrigkeit erfuhr davon, und ihm wurde eine Medaille umgehängt; und so ging er denn seit der Zeit immer mit der Medaille am Halse; aber dann hat er sich dem Trunk ergeben, sagt man. Wissen Sie, ein russischer Mensch, der bändigt sich ja nicht! Deshalb nämlich werden wir auch bis heute von den Ausländern ausgesogen, ja ... Ja ... sehen Sie wohl!«

»Ja, allerdings, die russische Art ...« begann Werssiloff, aber da wurde mein Wirt von der kranken Frau gerufen, und er mußte zu ihr eilen, -- zu seinem Glück; denn ich hätte mich nicht mehr lange bezwingen können. Werssiloff lachte.

»Mein Lieber, er hat mich ja schon eine ganze Stunde amüsiert, noch bevor du kamst. Diese Anekdote vom Stein ... die ist doch für ihn die einzige Möglichkeit, sein patriotisches Empfinden auszudrücken, -- wie darf man ihn da unterbrechen? Du hast es doch selbst gesehen: er verging ja förmlich vor Wonne. Und außerdem liegt dieser Stein, wenn ich mich nicht sehr irre, noch heute dort und ist noch niemals versenkt worden ...«

»Ach, bei Gott!« rief ich, »das ist allerdings wahr! Aber wie durfte er dann ...«

»Was hast du? Du bist ja, wie's scheint, ganz ernstlich aufgebracht? Laß gut sein. Er hat da etwas verwechselt. Ich habe eine ähnliche Geschichte von einem Stein schon in meiner Kindheit gehört, nur lag jener Stein selbstverständlich irgendwo anders. Ich bitte dich: >die Obrigkeit erfuhr davon<! -- seine ganze Seele sang ja förmlich, als er das sagte. In diesem traurigen Milieu geht es ja nicht ohne Anekdoten. Sie kennen eine Unmenge solcher Geschichten, und sie gefallen ihnen ... Hauptsächlich wegen ihrer eigenen Ungeistigkeit. Sie haben nichts gelernt, sie wissen nichts Wissenswertes, nun, ein Mensch aber will doch manchmal auch von etwas anderem reden, als nur vom Kartenspiel oder ewig fachsimpeln, man will doch auch einmal von etwas allgemein Menschlichem, Poetischem reden ... Was ist er, dieser Pjotr Ippolitowitsch?«

»Ein armer Kerl, und sogar ein unglücklicher Mensch.«

»Nun, siehst du, vielleicht spielt er nicht einmal Karten? Ich sage dir nochmals, mit der Erzählung solcher Anekdötchen kommt er dem Bedürfnis seiner Nächstenliebe nach: er wollte doch auch uns glücklich machen. Und auch seiner Vaterlandsliebe hat er ein Genüge getan. Dann haben sie da noch eine Anekdote, -- wie die Engländer Sawjaloff eine Million gezahlt hätten, damit er seine Fabrikate nicht mehr mit seiner Fabrikmarke versehe.«

»Ach Gott, ja, diese Anekdote habe ich auch gehört.«

»Wer hat sie nicht gehört? Und wenn er sie erzählt, weiß er ja ganz genau, daß du sie schon gehört hast, aber er erzählt sie trotzdem und macht sich selbst glauben, daß du sie noch nicht gehört hast. Die Anekdote vom Traum des Schwedenkönigs scheint bei ihnen jetzt schon veraltet zu sein; in meiner Jugend wurde sie noch mit Wonne erzählt, und in geheimnisvollem Flüsterton, ganz wie die andere Geschichte, daß zu Anfang des Jahrhunderts jemand im Senat vor den Senatoren auf den Knien gelegen habe. Über den Kommandanten Baschutzki gab es gleichfalls viele Anekdoten, zum Beispiel, wie das Denkmal gestohlen wurde. Besonders beliebt sind Anekdoten, die sich angeblich bei Hofe zugetragen haben. Zum Beispiel von Tschernüschoff, dem ehemaligen Premierminister; etwa wie er, der siebzigjährige Greis, sich äußerlich so herzurichten verstanden hätte, daß er wie ein Dreißigjähriger aussah, und der selige Kaiser sich bei den Empfängen jedesmal über ihn wunderte.«

»Auch diese Geschichte kenne ich.«

»Wer kennt sie nicht? Alle diese Anekdoten sind der Gipfel geistiger Unsachlichkeit; aber du mußt wissen, daß dieser Typ des unsachlichen Menschen viel tiefer sitzt und sogar viel verbreiteter ist, als wir gemeinhin annehmen. Die Lust zu lügen, um seinen Nächsten glücklich zu machen, wirst du sogar in unserer besten Gesellschaft antreffen; denn wir leiden alle an dieser Unenthaltsamkeit unserer Herzen. Nur sind unsere Geschichten von etwas anderer Art; was aber bei uns zum Beispiel allein von Amerika alles erzählt wird, und noch dazu von Staatsmännern, das ist fürchterlich. Ja, ich muß bekennen, daß ich selbst zu diesem unenthaltsamen Typ gehöre und mein ganzes Leben lang darunter gelitten habe ...«

»Die Anekdote von Tschernüschoff habe auch ich schon ein paarmal erzählt.«

»Sogar schon selbst erzählt?«

»Hier ist außer mir noch ein Zimmermieter, ein Beamter, der gleichfalls Pockennarben hat, ein schon alter Mann, aber er ist ein furchtbarer Prosaiker, und sobald Pjotr Ippolitowitsch zu erzählen beginnt, fängt er sofort an ihn zu unterbrechen und aus dem Text zu bringen. Das hat er so weit gebracht, daß mein Wirt ihn wie ein Sklave bedient und ihm alles zu Gefallen tut, damit er ihn nur erzählen läßt.«

»Das ist bereits ein anderer Typ des Unsachlichen und vielleicht sogar ein widerlicherer als der erste. Der erste -- ist ganz Begeisterung! >Laß mich nur etwas faseln, und du wirst sehen, wie schön alles sich abspielt!< Der zweite Typ -- ist ganz Mißgunst und Prosa: >Ich laß dich nicht faseln, wo geschah das, wann, in welchem Jahre?< -- mit einem Wort, der zweite Typ ist ein Mensch ohne Herz. Mein Freund, laß den Menschen immer ein wenig dichten -- es ist eine unschuldige Lust. Laß ihn sogar viel dichten. Erstens beweist du damit Zartgefühl, und zweitens wird man dich dafür gleichfalls dichten lassen -- also zwei Vorteile zugleich. Que diable!{[38]} Man muß seinen Nächsten lieben. Aber für mich ist es Zeit. Du hast dich sehr nett eingerichtet,« bemerkte er, sich vom Stuhl erhebend. »Ich werde Ssofja Andrejewna und deiner Schwester erzählen, daß ich bei dir gewesen bin und dich bei guter Gesundheit angetroffen habe. Auf Wiedersehen, mein Lieber.«

Wie, war das alles? Aber das war ja gar nicht das, was ich brauchte! Ich hatte etwas ganz anderes erwartet, natürlich die Hauptsache, aber ich begriff nun und sah ein, daß es anders ja gar nicht möglich war. Ich nahm das Licht und begleitete ihn auf die Treppe hinaus; auch mein Wirt eilte diensteifrig herbei und wollte ihn gleichfalls begleiten, aber ich packte ihn hinter Werssiloffs Rücken am Arm und stieß ihn wütend zurück. Er sah mich zwar verwundert an, drückte sich aber sogleich.

»Diese Treppen ...« sagte Werssiloff undeutlich und langsam, augenscheinlich nur, um etwas zu sagen und somit zu verhüten, daß ich etwas sagte, wovor er Angst zu haben schien, »... diese Treppen -- ich bin an so was nicht gewöhnt, und du wohnst im dritten Stock, -- übrigens, jetzt finde ich schon den Weg ... Bemühe dich nicht, mein Lieber, du wirst dich noch erkälten.«

Aber ich ging nicht zurück. Wir waren schon auf der zweiten Treppe.

»Ich habe diese ganzen drei Tage nur auf Sie gewartet,« entrang es sich mir plötzlich; wie von selbst; mein Atem stockte.

»Ich danke dir, mein Lieber.«

»Ich wußte, daß Sie bestimmt kommen würden.«

»Und ich wußte, daß du wußtest, daß ich bestimmt kommen würde. Hab Dank, mein Lieber.«

Er verstummte. Wir waren fast schon an der Haustür angelangt, und ich folgte ihm immer noch. Er wollte die Tür öffnen -- ein kurzer Windstoß löschte mein Licht. Da ergriff ich plötzlich seine Hand; es war stockdunkel. Er zuckte zusammen, sagte aber nichts und schwieg. Ich beugte mich plötzlich über seine Hand und küßte sie gierig, küßte sie mehrmals, küßte sie immer wieder.

»Mein lieber Junge, ja wofür liebst du mich denn so?« sagte er, aber schon mit einer ganz anderen Stimme.

Seine Stimme bebte, etwas ganz Neues klang in ihr, ganz als hätte nicht er gesprochen.

Ich wollte irgend etwas erwidern, brachte aber nichts über die Lippen und lief zurück nach oben. Er aber wartete immer noch und stand auf demselben Platz; erst als ich schon im dritten Stock angelangt war, hörte ich, wie unten die Haustür aufging und dann laut zuschlug. An meinem Wirt, der mir, weiß Gott weshalb, wieder in den Weg lief, schlüpfte ich schnell vorüber in mein Zimmer, verriegelte die Tür von innen und warf mich, ohne Licht zu machen, auf mein Bett, grub das Gesicht ins Kissen und -- weinte, weinte. Zum erstenmal weinte ich wieder seit der Zeit bei Touchard! Das Schluchzen erschütterte mich mit solcher Gewalt, und ich war so glücklich ... doch wozu das beschreiben.

Ich habe das jetzt niedergeschrieben, ohne mich zu schämen; denn vielleicht war das alles nur gut, trotz der ganzen Ungereimtheit.

III.

Aber er mußte mir dafür schon büßen! Ich wurde ein schrecklicher Despot. Selbstverständlich ist diese Szene von uns nachher nie erwähnt worden. Im Gegenteil, wir begegneten uns am dritten Tage, als hätte sich nicht das geringste zwischen uns zugetragen, -- mehr noch: ich war an dem Abend nahezu grob, und er war auch von einer gewissen wortkargen Trockenheit. Das trug sich wieder in meiner Wohnung zu; ich war, ich weiß nicht weshalb, noch immer nicht zu ihnen gegangen, trotz meines Verlangens, meine Mutter zu sehen.

Gesprochen haben wir in dieser ganzen Zeit, das heißt, in diesen ganzen zwei Monaten, nur von den abstraktesten Dingen. Und darüber muß ich mich nun eigentlich wundern: wir taten wirklich nichts anderes, als Gespräche über die abstraktesten Themata führen, natürlich waren es allgemein menschliche und die für unsere Zeit wichtigsten Themata, aber sie berührten nicht im entferntesten die dringendsten Fragen unseres persönlichen Lebens in der konkreten Wirklichkeit. Und dabei gab es in dieser Wirklichkeit so vieles, was festgesetzt und aufgeklärt werden mußte, und das tat sogar dringend not, aber gerade darüber schwiegen wir. Ich sprach sogar mit keinem Wort von meiner Mutter oder Lisa und ... nun, und schließlich auch nicht von mir und meiner ganzen Geschichte. Geschah das nun aus Schamgefühl oder aus einer gewissen jugendlichen Dummheit -- das weiß ich nicht. Ich nehme an, daß es Dummheit war; denn über das Schamgefühl hätte man sich immerhin noch hinwegsetzen können. Ich spielte ihm gegenüber, wie gesagt, den Despoten, und manchmal wurde ich sogar unverschämt, wurde es aber eigentlich gegen meine Absicht: ich weiß nicht, das geschah alles irgendwie ganz von selbst und unbezwingbar, ich konnte mich nicht zurückhalten. In seinem Ton dagegen lag nach wie vor ein feiner Spott, wenn er auch immer überaus freundlich war, trotz aller meiner Ausfälle. Es wunderte mich auch nicht wenig, daß er selbst lieber zu mir kam, so daß ich schließlich nur noch sehr selten zu Mama ging, höchstens einmal in der Woche, nicht öfter, besonders in der allerletzten Zeit, als ich schon ganz und gar vom Wirbel erfaßt worden war und mich in ihm drehte. Er kam immer abends, saß bei mir und unterhielt sich mit mir; auch mit meinem Wirt unterhielt er sich gern, -- das ärgerte mich bei einem Menschen wie ihm. Mir kam auch der Gedanke: Hat er denn außer mir wirklich keinen Menschen, zu dem er gehen könnte? Doch ich wußte ganz genau, daß er noch andere Bekannte hatte und in der letzten Zeit sogar frühere Beziehungen zu der höheren Gesellschaft, die von ihm vor einem Jahr abgebrochen worden waren, wieder erneuert hatte; aber ich glaube, der Verkehr mit ihnen lockte ihn nicht sonderlich; viele Beziehungen hatte er nur offiziell erneuert, und wie mir schien, kam er lieber zu mir. Es rührte mich manchmal sehr, daß er, wenn er abends zu mir kam, fast jedesmal beim Öffnen der Tür gleichsam zagte und in der ersten Minute mir immer mit einer sonderbaren Unruhe in die Augen sah, als wollte er fragen: >Störe ich nicht? Sage es nur, und ich gehe.< Ja, er sprach das manchmal sogar aus. Einmal, zum Beispiel, es war in der letzten Zeit, kam er, als ich gerade vom Schneider meinen Anzug erhalten und mich angekleidet hatte, um zum »Fürsten Sserjosha« zu fahren, mit dem ich mich irgendwohin begeben wollte (wohin -- werde ich später erklären). Er aber hatte sich schon gesetzt und wahrscheinlich gar nicht bemerkt, daß ich aufbrechen wollte; bisweilen kam eine sehr sonderbare Zerstreutheit über ihn. Und zum Unglück begann er gerade von meinem Wirt zu sprechen; ich brauste auf:

»Ach, zum Teufel mit ihm, mit diesem Wirt!«

»Ach so, mein Lieber,« er stand sogleich auf. »Du scheinst ausgehen zu wollen, und da habe ich dich aufgehalten ... Entschuldige, bitte.«

Und er beeilte sich, mich zu verlassen. Eben diese Bescheidenheit eines solchen Menschen, und noch mir gegenüber, eines so unabhängigen Weltmannes, der soviel Persönliches hatte, erweckte in meinem Herzen mit einem Schlage wieder meine ganze Zärtlichkeit zu ihm und meinen ganzen Glauben an ihn. Aber wenn er mich so liebte, warum hielt er mich dann in dieser Zeit meiner Schmach nicht zurück? Er hätte doch damals nur ein Wort zu sagen brauchen -- und ich hätte mich vielleicht beherrscht. Übrigens ... vielleicht auch nicht. Aber er sah doch meine Modetorheiten, meine Großmannssucht, meinen Schlitten (ich wollte ihn sogar einmal in meinem Schlitten mitnehmen, aber er lehnte es ab; und sogar mehr als einmal habe ich ihn aufgefordert, einzusteigen, er hat aber immer abgelehnt), er sah doch, daß ich mit dem Gelde nur so um mich warf, -- und kein Wort, kein Wort von ihm, nicht einmal eine neugierige Frage! Das hat mich die ganze Zeit gewundert, auch heute noch wundert es mich. Ich aber schämte mich damals natürlich nicht im geringsten vor ihm und ließ ihn alles sehen, wenn ich auch kein Wort zur Erklärung sagte. Er fragte nicht, und ich sagte nichts. Das heißt, ein paarmal waren wir doch nahe daran, auf das Thema der dringenden Angelegenheiten überzugehen. Einmal fragte ich ihn (das war noch am Anfang, bald nach seinem Verzicht auf die Erbschaft), wovon und wie er denn jetzt zu leben gedenke.

»Irgendwie, mein Freund,« sagte er mit auffallender Ruhe.

Heute weiß ich, daß selbst Tatjana Pawlownas kleines Kapital von ungefähr fünftausend Rubel in diesen zwei letzten Jahren zur Hälfte für Werssiloff verausgabt worden ist.

Ein anderes Mal kamen wir, ich weiß nicht mehr, wie, auf meine Mutter zu sprechen; auf einmal sagte er traurig: »Mein Freund, ich habe es Ssofja Andrejewna oft gesagt, in der ersten Zeit unserer Verbindung, übrigens nicht nur in der ersten Zeit, auch in der Mitte und am Ende: >Liebste, ich quäle dich und quäle dich zu Tode, und es tut mir nicht leid, solange du bei mir bist; aber ich weiß, wenn du nicht mehr bist, werde ich mich mit Selbstanklagen zu Tode quälen.<«

An diesem Abend war er, ich weiß noch, ganz besonders offenherzig.

»Wenn ich noch ein charakterschwacher wertloser Mensch wäre und unter diesem Bewußtsein litte! Aber das ist es ja nicht, ich weiß doch, daß ich unendlich stark bin, und wodurch, was glaubst du? -- eben durch diese unmittelbare Kraft der Verträglichkeit mit allem, was es auch sei, die allen klugen Russen unserer Generation in so hohem Maße eigen ist. Mich kannst du durch nichts zerstören, durch nichts vertilgen, durch nichts in Erstaunen setzen. Ich habe ein so zähes Leben wie ein Hofhund. Ich kann auf die allerbequemste Weise zwei entgegengesetzte Gefühle zu gleicher Zeit empfinden -- und das, versteht sich, doch nicht aus eigenem Willen. Aber nichtsdestoweniger weiß ich, daß das ehrlos ist, vor allem deshalb, weil es gar zu einsichtsvoll ist. Ich habe fast bis zum fünfzigsten Jahr gelebt, und noch immer weiß ich weder, noch ahne ich, ob es nun gut oder ob es schlecht ist, daß ich solange gelebt habe. Natürlich, ich liebe das Leben, und das ergibt sich ja ganz von selbst aus der Sache; aber für einen Menschen, wie ich, ist das Leben lieben -- unwürdig. In der letzten Zeit hat etwas Neues begonnen, und Menschen wie Krafft leben sich nicht ein, sondern schießen sich tot. Aber es ist doch klar, daß die vom Typus Krafft dumm sind; nun, wir aber sind klug, -- folglich läßt sich auch hier auf keine Weise eine Parallele ziehen, und die Frage bleibt trotz alledem offen. Und sollte denn die Erde wirklich nur für solche da sein wie wir? Wahrscheinlich: ja; aber dieser Gedanke ist doch schon gar zu trostlos. Und übrigens ... und übrigens bleibt die Frage doch offen.«

Er sagte das traurig, und dennoch wußte ich nicht, ob es aufrichtig war oder nicht. Es blieb in ihm immer noch ein gewisses Geheimnis, das er um keinen Preis aufdecken wollte.

IV.

Ich überschüttete ihn damals mit Fragen, ich stürzte mich auf ihn wie ein Hungriger auf Brot. Er antwortete mir immer bereitwillig und offenherzig, aber im Grunde waren es nur ganz allgemein gehaltene Aphorismen, so daß schließlich doch nichts aus ihm herauszubekommen war. Dabei hatten mich alle diese Fragen schon mein Leben lang beunruhigt, und ich sage offen, ich hatte die Entscheidung dieser Fragen schon in Moskau bis auf weiteres aufgeschoben, eben bis zu unserem Wiedersehen in Petersburg. Ich habe ihm das einmal sogar gesagt, und er begann nicht über mich zu lachen, im Gegenteil, ich weiß noch, er drückte mir die Hand. Über die allgemeine Politik und die sozialen Fragen konnte ich auch so gut wie nichts aus ihm herausbringen, und gerade diese Fragen beunruhigten mich am meisten, natürlich im Hinblick auf meine »Idee«. Über Menschen wie Dergatschoff entriß ich ihm einmal die Bemerkung, sie ständen »unter jeder Kritik«, aber gleich darauf fügte er sonderbar hinzu, daß er sich »das Recht vorbehielte, seiner eigenen Meinung nicht die geringste Bedeutung beizulegen«. Darüber, wie die heutigen Staaten und die heutige Welt enden und wie die soziale Welt sich von neuem aufbauen werde, schwieg er sich zunächst aus, aber einmal quälte ich doch so lange, bis er einige Worte darüber äußerte.

»Ich kann mir denken, daß sich das alles höchst prosaisch abspielen wird,« sagte er. »Es werden ganz einfach alle Staaten einmal, obgleich ihre Budgets balancieren und >keine Defizite< vorhanden sind, un beau matin{[39]} endgültig in der wirresten Verwicklung sitzen, und da werden denn wohl alle ohne Ausnahme nicht mehr bezahlen wollen, damit alle ohne Ausnahme sich im allgemeinen Bankerott erneuen können. Dem wird sich das ganze konservative Element der Welt widersetzen, denn eben dieses wird der Aktionär und Gläubiger sein und den Bankerott nicht zulassen wollen. Dann wird natürlich sozusagen die allgemeine Oxydation beginnen; es werden viele Juden kommen, und dann beginnt die jüdische Herrschaft; und darauf werden alle diejenigen, die niemals Aktien besessen haben und überhaupt noch nichts besessen haben, also alle Armen, natürlicherweise den Oxydationsprozeß nicht mitmachen wollen ... So wird denn der Kampf beginnen, und nach siebenundsiebzig Niederlagen werden die Armen die Aktionäre vernichten, ihnen die Aktien wegnehmen und sich auf ihre Plätze setzen, wiederum als Aktionäre, versteht sich. Vielleicht werden sie auch was Neues sagen, vielleicht aber auch nicht. Wahrscheinlicher ist, daß sie gleichfalls bankerottieren werden. Weiter, mein Freund, vermag ich mir nichts mehr vorzustellen von den zukünftigen Ereignissen, die das Antlitz dieser Welt verändern werden. Übrigens, schlage in der Apokalypse nach ...«

»Ja, ist denn das wirklich alles so materialistisch? Wird denn die jetzige Welt wirklich einzig an den Finanzen zugrunde gehen?«

»Oh, ich habe doch, versteht sich, nur ein Eckchen des Gesamtbildes genommen, aber auch dieses Eckchen ist mit dem Ganzen sozusagen durch unzerreißbare Bande verbunden.«

»Ja, aber, was soll man denn tun?«

»Ach, Gott, beeile dich doch nicht so: das wird ja alles nicht so bald geschehen. Im allgemeinen aber ist nichts zu tun das allerbeste, -- wenigstens hat man dann sein ruhiges Gewissen und kann sich sagen, daß man sich an nichts beteiligt hat.«

»Nein, genug, sprechen Sie zur Sache. Ich will wissen, was ich tatsächlich tun soll, und wie ich leben soll?«

»Was du tun sollst, mein Lieber? Sei ehrlich, lüge nie, trachte nicht nach deines Nächsten Haus, mit einem Wort: Lies die Zehn Gebote -- da ist alles das auf ewig niedergeschrieben.«

»Hören Sie auf, hören Sie auf, das ist ja alles so alt, und zudem sind es bloß Worte, hier aber bedarf es einer Tat!«

»Nun, wenn dich die Langeweile schon gar zu sehr drückt, dann bemühe dich, irgend jemand oder irgend etwas liebzugewinnen oder einfach nur dein Herz an irgend etwas zu hängen.«

»Sie spotten ja nur! Und dann, was soll ich ganz allein mit Ihren Zehn Geboten anfangen?«

»Erfülle sie nur, trotz all deiner Fragen und Zweifel, und du wirst ein großer Mensch sein.«

»Von dem niemand was weiß.«

»Es gibt nichts Geheimes, was nicht offenbar würde.«

»Sie spotten ja tatsächlich!«

»Nun, wenn du es dir schon so sehr zu Herzen nimmst, so ist es das beste, du bemühst dich, möglichst schnell dich zu spezialisieren, beschäftigst dich mit Häuserbau oder mit der Jurisprudenz, und dann, wenn du deine wirkliche und ernste Arbeit hast, wirst du dich beruhigen und das Unwichtige vergessen.«

Ich schwieg; was konnte man aus solchen Reden entnehmen? Und doch regten mich diese Fragen nach jedem solchen Gespräch noch mehr auf als früher. Außerdem sah ich doch deutlich, daß in ihm immer gleichsam ein gewisses Geheimnis blieb, und gerade das war es, was mich immer mehr und immer stärker zu ihm hin zog.

»Hören Sie,« unterbrach ich ihn einmal, »ich habe immer den Verdacht, daß Sie alles das nur so sagen, aus Erbitterung und Leid, im geheimen aber, so für sich, sind gerade Sie ein Fanatiker irgendeiner höheren Idee, nur verheimlichen Sie das, oder Sie schämen sich, es einzugestehen.«

»Ich danke dir, mein Lieber.«

»Hören Sie, es gibt nichts Höheres, als nützlich zu sein. Sagen Sie mir, wodurch kann ich im gegebenen Augenblick am allernützlichsten sein? Ich weiß, daß es Ihnen nicht möglich ist, das zu entscheiden; aber ich will nur Ihre Meinung wissen: Sagen Sie sie, und was Sie sagen, das werde ich tun, das schwöre ich Ihnen! Also: Was wäre zum Beispiel ein großer Gedanke?«

»Nun, Steine in Brot zu verwandeln, -- da hast du einen großen Gedanken.«

»Ist das der größte? Nein, wahrhaftig, Sie haben mir einen ganzen Weg gezeigt! Sagen Sie: ist das wirklich der größte?«

»Ein sehr großer, mein Freund, ein sehr großer, aber nicht der größte; ein großer, aber ein zweitrangiger, nur im gegebenen Moment ist er groß: hat der Mensch sich sattgegessen, so denkt er nicht mehr daran; im Gegenteil, er wird sofort sagen: >So, nun habe ich mich sattgegessen, und was soll ich jetzt tun?< Die Frage bleibt ewig offen.«

»Sie sprachen einmal von >Genfer Ideen<; ich habe Sie damals nicht verstanden; was sind das für >Genfer Ideen<?«

»Die Genfer Ideen -- das ist die Tugend ohne Christus, mein Freund, also die heutigen Ideen, oder richtiger, die Idee der ganzen heutigen Zivilisation. Mit einem Wort, das ist eine dieser langen Geschichten, über die zu sprechen sehr langweilig ist, und es wird viel besser sein, wenn wir beide von etwas anderem sprechen, oder noch besser, wenn wir von anderem schweigen.«

»Natürlich, wenn Sie nur schweigen können, das ist für Sie immer die Hauptsache!«

»Mein Freund, vergiß nicht, schweigen ist gut, ungefährlich und schön.«

»Schön?«

»Versteht sich. Das Schweigen ist immer schön, und der Schweigende ist immer schöner als der Redende.«

»Freilich ist so reden, wie Sie mit mir reden, ebensogut wie schweigen. Zum Teufel mit solch einer Schönheit, und vor allem, zum Teufel mit solch einem Vorteil!«

»Mein Lieber,« sagte er da auf einmal zu mir, und er änderte ein wenig seinen Ton, ja, er sprach sogar mit einem gewissen Gefühl und mit besonderem Nachdruck: »Mein Lieber, ich will dich durchaus nicht zu irgendeiner bourgeoisen Tugendhaftigkeit verführen und von deinen Idealen fortlocken; ich predige dir nicht: >Glück ist besser als Heldentum<; im Gegenteil, Heldentum steht höher als jedes Glück, und allein die Fähigkeit dazu ist an sich schon ein Glück. So brauchen wir nun darüber keine Worte mehr zu verlieren. Eben deshalb achte ich dich ja auch, weil du in unserer Oxydationszeit fähig gewesen bist, in deiner Seele dir irgendeine >eigene Idee< zu schaffen (rege dich nicht auf, ich habe mir das sogar sehr gemerkt). Aber man muß doch auch ans rechte Maß denken; denn dich verlangt jetzt nach einem auffallenden Leben: womöglich etwas anzuzünden oder zu zerschmettern, über ganz Rußland dich zu erheben, wie eine Gewitterwolke vorüberzuziehen und alle in Angst und Entzücken zurückzulassen, selbst aber irgendwo in den Vereinigten Staaten von Nordamerika zu verschwinden. Sicherlich ist jetzt etwas Ähnliches in deiner Seele, und deshalb halte ich es auch für notwendig, dich zu warnen, denn ich habe dich aufrichtig liebgewonnen, mein Junge.«

Und was konnte ich selbst hieraus entnehmen? Hieraus sprach nur Unruhe um mich, um mein materielles Schicksal; der Vater verriet sich mit prosaischen, wenn auch guten Gefühlen; aber war es denn das, was ich angesichts der Ideen brauchte, für die jeder ehrliche Vater seinen Sohn selbst in den Tod schicken muß, wie der alte Horatius seine Söhne für die Idee Roms?

Ich kam ihm auch oft mit Fragen wegen der Religion, aber hier stieß ich auf den dichtesten Nebel. Auf meine Frage: »Was soll ich in diesem Sinne tun?« antwortete er mir auf die dümmste Weise, als wäre ich ein kleines Kind: »Man muß an Gott glauben, mein Lieber.«

»Aber wenn ich an alles das nun einmal nicht glaube?« rief ich gereizt.

»Nun, das ist vortrefflich, mein Lieber.«

»Wieso vortrefflich?«

»Es ist das beste Zeichen, mein Freund; sogar das zuverlässigste, denn unser russischer Atheist -- wenn er nur auch wirklich Atheist ist und ein wenig Verstand besitzt -- ist der beste Mensch in der ganzen Welt, und ist immer geneigt, Gott freundlich zu behandeln, eben weil er unbedingt gut ist, und gut ist er, weil er maßlos zufrieden damit ist, daß er -- Atheist ist. Unsere Atheisten sind ehrenwerte Leute und sind in höchstem Maße zuverlässig, sind, vielleicht, die Stützen des Vaterlandes ...«

Das war natürlich etwas, aber ich wollte was anderes; nur einmal sprach er sich deutlicher mir gegenüber aus, aber doch so sonderbar, daß er mich durch diese Worte am meisten in Erstaunen setzte, besonders, da ich von seinem angeblichen Katholizismus und seinen Büßerketten gehört hatte.

»Mein Lieber,« sagte er damals zu mir, es war nicht in meinem Zimmer, sondern auf der Straße, und nach einem langen Gespräch; ich begleitete ihn. »Mein Freund, die Menschen so zu lieben, wie sie sind, ist unmöglich. Und doch soll man es nun einmal. Deshalb verbeiße deine Gefühle, wenn du ihnen Gutes tun willst, halte dir die Nase zu und schließe die Augen (letzteres ist unbedingt erforderlich). Ertrage von ihnen Böses, nach Möglichkeit ohne dich über sie zu ärgern, >eingedenk dessen, daß auch du ein Mensch bist<. Versteht sich, du bist verpflichtet, streng mit ihnen zu sein, wenn du auch nur ein wenig klüger sein mußt als der Durchschnitt. Die Menschen sind ihrer Natur nach niedrig und am ehesten bereit, aus Furcht zu lieben; gehe du auf eine solche Liebe nicht ein und höre nicht auf, zu verachten. Irgendwo im Koran gebietet Allah dem Propheten, auf die >Verstockten< wie auf Mäuse herabzusehen, ihnen Gutes zu tun und an ihnen vorüberzugehen. -- Ein wenig stolz, aber richtig. Verstehe es, sie sogar dann zu verachten, wenn sie gut sind; denn gerade dann sind sie am häufigsten schlecht. Oh, mein Lieber, wenn ich das sage, urteile ich nach mir selbst! Wer auch nur ein wenig -- nicht dumm ist, kann nicht leben, ohne sich selbst zu verachten, ob er nun ehrenhaft ist oder nicht, das ist ganz einerlei. Seinen Nächsten lieben und ihn nicht verachten, -- ist unmöglich. Meiner Ansicht nach ist der Mensch mit der physischen Unmöglichkeit geschaffen, seinen Nächsten zu lieben. Es muß da ein Irrtum in den Ausdrücken sein, und zwar schon von Anfang an, und unter der >Liebe zur Menschheit< kann man nur Liebe zu derjenigen Menschheit verstehen, die du dir selbst in deiner Seele erschaffst (mit anderen Worten: dich selbst hast du erschaffen, und folglich ist es Liebe zu dir selbst), -- und die es deshalb niemals in der Wirklichkeit geben wird.«

»Niemals geben wird?«

»Mein Freund, ich gebe zu, daß das ein wenig dumm wäre, aber das ist nicht meine Schuld; und da man bei der Erschaffung der Welt mich nicht gefragt hat, so behalte ich mir das Recht vor, in der Beziehung meine eigene Meinung zu haben.«

»Ja, aber -- wie kann man Sie dann noch einen Christen nennen,« rief ich aus, »einen Mönch mit Büßerketten, einen Propheten? Das verstehe ich nicht!«

»Wer nennt mich denn so?«

Ich erzählte es ihm; er hörte mich sehr aufmerksam an, aber das Gespräch brach er ab.

Leider kann ich mich nicht mehr erinnern, aus welchem Anlaß es damals zu diesem mir noch so gut erinnerlichen Gespräch zwischen uns kam; aber ich weiß noch, daß er beinahe in Zorn geriet, was bei ihm sonst fast nie geschah. Er sprach leidenschaftlich und ohne Spott, ganz, als spräche er nicht zu mir. Aber wiederum glaubte ich ihm nicht: er konnte doch nicht mit einem Menschen, wie ich, von diesen Dingen ernsthaft reden!

Zweites Kapitel.

I.

An diesem Morgen des fünfzehnten November traf ich ihn beim »Fürsten Sserjosha«. Ich war es auch gewesen, der ihn und den Fürsten wieder zusammengeführt hatte; aber ganz abgesehen von mir, hatten sie ja genug Berührungspunkte (alle diese früheren Geschichten im Auslande usw.). Außerdem hatte der Fürst ihm sein Wort gegeben, von der Erbschaft wenigstens ein Drittel an ihn abzutreten, was mindestens zwanzigtausend Rubel ausgemacht hätte. Ich weiß noch, mich wunderte es damals sehr, daß er nur ein Drittel und nicht die ganze Hälfte abtreten wollte; aber ich schwieg. Dieses Versprechen hatte der Fürst ganz aus eigenem Antriebe gegeben; Werssiloff hatte ihn mit keiner Silbe dazu veranlaßt, hatte nie auch nur ein Wort darüber fallen lassen; der Fürst war selbst damit hervorgetreten, Werssiloff aber hatte nur schweigend zugehört und auch nachher kein einziges Mal etwas darüber geäußert oder erwähnt, hatte auch mit keiner Miene gezeigt, daß er sich dieses Versprechens überhaupt erinnerte. Ich will hier gleich bemerken, daß der Fürst von Werssiloff in der ersten Zeit ganz bezaubert war, besonders von seinen Reden, die ihn geradezu begeisterten, und in dem Sinne hatte er sich auch mir gegenüber oftmals geäußert. Wenn wir beide allein waren, hatte er manchmal ganz verzweifelt über sich ausgerufen, er sei »so ungebildet, so unwissend, und auf einem so falschen Wege ...!« Oh, damals waren wir noch so befreundet ...! Auch Werssiloff gegenüber bemühte ich mich immer, nur die guten Seiten des Fürsten hervorzuheben, und ich verteidigte oder leugnete sogar seine Fehler, obgleich ich sie selbst sah; aber Werssiloff schwieg dazu oder lächelte.

»Nun ja, mag er auch seine Fehler haben, aber jedenfalls hat er ebenso viele Vorzüge, wie er Fehler hat!« rief ich einmal, als ich mit Werssiloff allein war.

»Gott, wie du ihm schmeichelst,« lachte er.

»Wieso? Inwiefern schmeichle ich ihm?« Ich verstand ihn zuerst nicht.

»Ebenso viele Vorzüge! Herrgott, da müssen doch seine Gebeine Reliquien werden, wenn er ebenso viele Vorzüge wie Fehler hat!«

Aber natürlich, das war kein Urteil. Und überhaupt schien er es damals gewissermaßen vermeiden zu wollen, von dem Fürsten zu sprechen, wie überhaupt von allem Gegenwärtigen und Dringenden; aber vom Fürsten besonders. Ich hatte schon damals den Verdacht, daß er beim Fürsten auch ohne mich vorsprach, und daß sie besondere Beziehungen hatten, aber ich ließ das zu. Ich wurde auch darüber nicht eifersüchtig, daß er mit ihm gleichsam ernster sprach als mit mir, sagen wir, positiver, und weniger Spott beimischte: ich war damals so glücklich, daß mir das sogar gefiel. Und ich entschuldigte es noch damit, daß der Fürst ja ein wenig beschränkt war und deshalb es nicht liebte, wenn man sich ungenau ausdrückte, und manche Feinheiten verstand er sogar überhaupt nicht. Aber siehe da, in der letzten Zeit hatte er angefangen, sich gewissermaßen zu emanzipieren. Seine Gefühle Werssiloff gegenüber begannen sich sogar zu verändern, was der feinfühlige Werssiloff natürlich sofort merkte. Ich muß noch erwähnen, daß der Fürst in derselben Zeit auch sein Verhalten zu mir änderte und sogar recht merklich; es waren nur gewisse tote Formen von unserer anfänglich fast glühenden Freundschaft übriggeblieben. Aber ich fuhr doch fort, nach wie vor zu ihm zu gehen. Übrigens, wie hätte ich nicht mehr zu ihm gehen sollen, nachdem ich nun einmal in alles das mit hineingezogen worden war! Oh, wie unschlau ich damals war! Und kann denn wirklich nur eine einzige Herzensdummheit einen Menschen zu einer solchen Einfalt und Erniedrigung führen? Ich nahm Geld von ihm und dachte, das hätte nichts auf sich, das müßte so sein. Übrigens, nein: ich wußte auch damals schon, daß es so nicht sein mußte, aber -- ich dachte einfach nicht darüber nach. Nicht des Geldes wegen ging ich zu ihm, obschon ich das Geld furchtbar nötig hatte. Ich wußte, daß ich nicht des Geldes wegen ging, aber ich begriff, daß ich jeden Tag bei ihm erschien und mir Geld holte. Aber ich war im Strudel, und abgesehen von alledem, war etwas, -- sang etwas ganz anderes in meiner Seele!

Als ich an jenem Morgen eintrat, ungefähr um elf Uhr, fand ich Werssiloff bei ihm und hörte noch, wie er gerade einen längeren Satz zu Ende sprach; der Fürst hörte zu und schritt im Zimmer auf und ab; Werssiloff saß. Der Fürst schien etwas erregt zu sein. Werssiloff regte ihn fast immer auf. Der Fürst war ein überaus empfänglicher Mensch, war es sogar bis zu einer Naivität, die mich in manchen Fällen veranlaßte, auf ihn herabzusehen. Aber ich wiederhole, in den letzten Tagen war in ihm ein gewisser boshafter Hohn zum Ausdruck gekommen. Er blieb stehen, als er mich erblickte, und in seinem Gesicht verzog sich etwas. Ich wußte im geheimen, wie ich mir diesen Schatten an diesem Morgen zu erklären hatte, aber ich hatte doch nicht erwartet, daß sein Gesicht sich in solchem Maße verändern werde. Es war mir bekannt, daß er eine Menge Unannehmlichkeiten hatte, aber das Abscheuliche war, daß ich nur den zehnten Teil dieser Unannehmlichkeiten kannte, -- alles übrige war für mich damals ein Geheimnis, von dem ich nicht das mindeste ahnte. Das war um so abscheulicher und um so dümmer, als ich ihn oft großartig zu trösten versuchte, ihm Ratschläge gab und sogar hochmütig lächelte über seine Schwäche, »wegen solcher Lappalien« außer sich zu geraten. Er aber schwieg dazu, und es ist unmöglich, daß er mich in den Augenblicken nicht furchtbar gehaßt hat; ich befand mich in einer gar zu falschen Stellung ihm gegenüber, hatte aber selbst nicht einmal eine Ahnung davon. Oh, ich rufe Gott zum Zeugen an, daß ich von der Hauptsache wirklich keine Ahnung hatte!

Er streckte mir jedoch höflich die Hand entgegen. Werssiloff nickte mir zu, ohne sich unterbrechen zu lassen. Ich warf mich auf den Diwan. -- Was war das überhaupt für ein Ton, den ich mir erlaubte, was waren das für Manieren! Seine Bekannten behandelte ich, als wären sie meine Bekannten ... Oh, wenn es doch eine Möglichkeit gäbe, alles das jetzt von neuem zu machen, wie anders würde ich mich jetzt zu benehmen verstehen!

Noch zwei Worte, damit ich es später nicht zu erwähnen vergesse: der Fürst wohnte damals immer noch in derselben Wohnung, die jetzt fast ganz von ihm eingenommen wurde; die Stolbejeff, der die Wohnung gehörte, hatte nur einen Monat in Petersburg verbracht und war dann wieder irgendwohin gereist.

II.

Sie sprachen über den Adel. Ich muß vorausschicken, daß diese Idee den Fürsten manchmal sehr aufregte, trotz seiner ganzen anscheinend fortschrittlichen Gesinnung. Ja, ich vermute sogar, daß vieles Schlechte in seinem Leben durch diese Idee veranlaßt oder ausschließlich um ihretwillen von ihm begangen worden war: da er so viel auf seine Fürstlichkeit gab, hatte er in seinem ganzen Leben aus falschem Stolz mit dem Gelde um sich geworfen und sich auf diese Weise, da er ja ganz arm war, in Schulden gestürzt. Werssiloff hatte ihm schon mehrmals zu verstehen gegeben, daß der Adel nicht darin liege, und hatte gleichzeitig versucht, ihm eine höhere Auffassung vom Adel nahezulegen; doch der Fürst schien es schließlich übelzunehmen, daß man ihn belehren wollte. Offenbar hatte ihr Gespräch auch an diesem Morgen davon gehandelt, aber den Anfang hatte ich nun versäumt. Werssiloffs Worte schienen mir zunächst sehr reaktionär, später aber söhnte er mich wieder aus.

»Das Wort Ehre -- bedeutet Pflicht,« sagte er (ich gebe nur den Sinn seiner Rede wieder, -- seine Worte aber nur soweit ich mich ihrer erinnere).

»Wenn in einem Staat ein bevorzugter Stand herrscht, so ist das Land stark. Der bevorzugte Stand hat immer seinen bestimmten Ehrbegriff und seine bestimmte Beobachtung der Ehrgesetze, die meinetwegen auch unrichtig sein kann, aber sie dient doch fast immer als Bindemittel und macht das Land stark; sittlich ist sie von großem Nutzen, doch noch mehr ist sie es politisch ... Aber die Sklaven leiden darunter, das heißt alle, die nicht zum bevorzugten Stande gehören. Damit sie nicht leiden, versucht man die Rechte auszugleichen. Das hat man bei uns auch getan, und das ist sehr schön. Nur hat bisher, wie die Erfahrung lehrt, überall (das heißt, natürlich nur in Europa) die Ausgleichung der Rechte ein gewisses Sinken des Ehrgefühls zur Folge gehabt und folglich auch des Pflichtgefühls. Der Egoismus ist an die Stelle der früheren zusammenhaltenden Idee getreten, und alles ist zu persönlicher Freiheit auseinandergefallen. Die Freigewordenen, die ohne vereinenden, festigenden Gedanken blieben, haben nun jede höhere, ideelle Verbindung mit der Zeit in solchem Maße eingebüßt, daß sie zu guter Letzt sogar die von ihnen erlangte persönliche Freiheit gemeinsam zu verteidigen aufgehört haben. Aber der russische Adelstyp hat dem europäischen niemals geglichen. Unser Adel könnte selbst jetzt, nach Verlust seiner Vorrechte, der höchste Stand bleiben, als Hüter der Ehre, des Lichts, der Wissenschaft und der höheren Idee, und, was die Hauptsache ist, ohne sich als besondere Kaste abzuschließen, was der Tod der Idee wäre. Im Gegenteil, die Tür zu diesem Stande steht bei uns schon lange offen, jetzt aber dürfte es an der Zeit sein, sie endgültig und vollends aufzumachen. Möge jede große Tat der Ehre, der Wissenschaft, des Mutes bei uns einem jeden das Recht geben, sich den Menschen des höheren Standes anzuschließen. Auf diese Weise würde sich der höhere Stand ganz von selbst in eine Versammlung der Besten verwandeln, und zwar im buchstäblichen und wahren Sinne, und nicht im früheren Sinne einer privilegierten Kaste. In dieser neuen, oder sagen wir richtiger erneuerten Gestalt könnte sich der Stand erhalten.«

Der Fürst verzog den Mund zu einem halb höhnischen Lächeln, das seine Zähne sehen ließ.

»Was wird denn das noch für ein Adel sein? Sie projektieren ja da irgendeine Freimaurerloge, nicht aber einen Adel.«

Ich erwähne nochmals: der Fürst war furchtbar ungebildet. Ich nahm vor Ärger über ihn auf meinem Diwan eine andere Stellung ein, obschon ich Werssiloff nicht ganz beistimmte. Werssiloff begriff nur zu gut, daß der Fürst sich getroffen fühlte und -- ihm die Zähne zeigte.

»Ich weiß nicht, in welchem Sinne Sie das von der Freimaurerei gesagt haben,« erwiderte er; »doch übrigens, wenn selbst ein russischer Fürst sich von einer solchen Idee lossagt, so ist selbstredend ihre Zeit noch nicht gekommen. Die Idee der Ehre und der Aufklärung als Bekenntnis eines jeden, der in diesen Stand eintreten will, der niemals abgeschlossen und beständig erneuert wird -- ist natürlich eine Utopie, aber weshalb denn eine Unmöglichkeit? Wenn dieser Gedanke auch nur in wenigen Köpfen lebt, so ist er doch noch nicht ausgelöscht, so brennt und leuchtet er noch, und sei es auch nur wie ein feuriger Punkt in der Finsternis.«

»Sie gebrauchen immer Worte wie: >der große Gedanke<, >die zusammenhaltende Idee<, und ähnliche. Ich würde gern wissen, was Sie darunter verstehen, zum Beispiel unter dem >großen Gedanken<?«

»Ich weiß wirklich nicht, was ich Ihnen darauf antworten soll, mein lieber Fürst,« erwiderte Werssiloff mit feinem Lächeln. »Das beste ist wohl, ich gestehe Ihnen, daß ich selbst nichts darauf zu antworten weiß. Der große Gedanke -- das ist meistens ein Gefühl, das manchmal gar zu lange unausgesprochen bleibt und noch immer nicht seinen Ausdruck findet. Ich weiß nur, daß es immer dasjenige gewesen ist, woraus das lebendige Leben zu strömen pflegt, ich meine nicht das intellektuelle und nicht das erdichtete, sondern im Gegenteil, das wirkliche, niemals langweilige und heitere Leben; so ist denn die höhere Idee, der es entströmt, entschieden unentbehrlich, -- zum allgemeinen Ärger, versteht sich.«

»Warum zum Ärger?«

»Weil mit Ideen zu leben, langweilig ist, ohne Ideen dagegen immer heiter.«

Der Fürst schluckte die Pille.

»Und was ist denn dieses lebendige Leben Ihrer Meinung nach?« (Er ärgerte sich sichtlich.)

»Auch das weiß ich nicht, Fürst; ich weiß nur, daß es etwas unglaublich Einfaches sein muß, das Alltäglichste und Unverborgenste, etwas Tagtägliches und Allstündliches, etwas dermaßen Gewöhnliches, daß wir einfach nicht glauben können, dieses Einfache könnte es sein, und deshalb gehen wir schon so viele Jahrtausende an ihm vorüber, ohne es zu bemerken und zu erkennen.«

»Ich wollte nur sagen, daß Ihre Idee vom Adel gleichzeitig eine Verneinung des Adels ist,« sagte der Fürst.

»Nun, wenn Sie es denn durchaus wollen, so -- hat es einen Adel bei uns vielleicht niemals gegeben.«

»Was Sie da sagen ist alles sehr dunkel und unklar. Ich denke, wenn man schon spricht, muß man seinen Gedanken auch erklären ...«

Der Fürst runzelte die Stirn und blickte flüchtig nach der Kaminuhr. Werssiloff erhob sich und nahm seinen Hut.

»Erklären!« sagte er, »nein, lieber nicht; und überdies ist es meine Leidenschaft -- zu sprechen, ohne zu erklären. In der Tat, so ist es. Und dann noch eine Eigenheit: Geschieht es einmal, daß ich einen Gedanken, an den ich selbst glaube, zu erklären anfange, so ist es bisher immer geschehen, daß ich zum Schluß der Erklärung an das Erklärte selbst zu glauben aufhöre; dem fürchte ich mich auch heute auszusetzen. Auf Wiedersehen, teurer Fürst; bei Ihnen rede ich immer unverzeihlich viel.«

Er ging hinaus; der Fürst gab ihm höflich das Geleit, ich aber fühlte mich gekränkt.

»Warum schauen Sie denn so finster drein?« fuhr er mich plötzlich geradezu an und ging, ohne mich anzusehen, zu seinem Schreibtisch.

»Wenn ich finster dreinschaue,« begann ich mit einem Zittern in der Stimme, »so tue ich es deshalb, weil ich finde, daß Ihr Ton mir und sogar Werssiloff gegenüber sich so sonderbar verändert hat, weshalb ich ... Allerdings, Werssiloff begann vielleicht etwas zu reaktionär, aber dann hat er das doch wieder gutgemacht und ... in seinen Worten lag ein tiefer Sinn, aber Sie haben das vielleicht gar nicht verstanden und ...«

»Ich will einfach nicht, daß man sich unterfängt, mich zu belehren, und mich für einen Schuljungen hält!« schnitt er mir fast wütend das Wort ab.

»Fürst, solche Ausdrücke ...«

»Keine Theaterposen -- wenn ich bitten darf. Ich weiß, daß das, was ich tue, eine Gemeinheit ist, daß ich ein Verschwender bin, ein Spieler, vielleicht ein Dieb ... ja, ein Dieb; denn ich verspiele das Geld meiner Familie, aber ich wünsche nicht, daß andere sich als meine Richter vor mich hinsetzen. Das will ich nicht, und das lasse ich nicht zu. Ich bin mein eigener Richter. Und wozu diese Zweideutigkeiten? Wenn er mir etwas sagen wollte, so hätte er es einfach und geradezu aussprechen sollen, nicht aber so einen nebligen Unsinn prophezeien. Aber, um mir das zu sagen, muß man das Recht dazu haben, muß man selbst anständig sein ...«

»Erstens habe ich den Anfang Ihrer Unterhaltung nicht gehört und weiß daher nicht, wovon Sie gesprochen haben; zweitens aber, inwiefern ist denn Werssiloff nicht anständig? -- Gestatten Sie, daß ich Sie das frage.«

»Genug davon, ich bitte Sie, genug davon. Sie baten mich gestern um dreihundert Rubel, -- hier sind sie ...« Er legte das Geld vor mir auf den Tisch, setzte sich selbst in seinen Lehnstuhl, lehnte sich nervös zurück und schlug ein Bein über das andere. Ich blieb verwirrt stehen.

»Ich weiß nicht ...« murmelte ich, »ich habe Sie wohl gebeten ... und ich habe das Geld augenblicklich zwar sehr nötig, aber im Hinblick auf diesen Ton ...«

»Lassen Sie den Ton. Wenn ich mich etwa scharf ausgedrückt habe, so entschuldigen Sie mich. Ich versichere Ihnen, ich habe an anderes zu denken. Hören Sie mich an: Ich habe einen Brief aus Moskau erhalten; mein Bruder Ssascha, der kleine Junge, Sie wissen, ist vor vier Tagen gestorben. Mein Vater ist, wie Sie gleichfalls wissen, nun schon seit zwei Jahren gelähmt, und jetzt geht es ihm, wie man mir schreibt, viel schlechter, er kann überhaupt nicht mehr sprechen und erkennt keinen mehr. Sie haben sich dort alle so über die Erbschaft gefreut und wollen ihn nun gern ins Ausland bringen; der Arzt aber schreibt mir, daß er kaum noch zwei Wochen leben könne. So bleiben von uns nur noch meine Mutter, meine Schwester und ich, also eigentlich so gut wie nur ich ... Nun, sagen wir, ich, ich allein ... Diese Erbschaft ... diese Erbschaft -- oh, vielleicht wäre es besser gewesen, ich hätte nichts bekommen! Aber was ich Ihnen eigentlich sagen wollte: ich habe von dieser Erbschaft mindestens zwanzigtausend Rubel Andrei Petrowitsch versprochen ... Und dabei ... können Sie sich denken, diese Formalitäten halten alle so auf, ich habe da noch nichts machen können. Ich bin sogar ... das heißt, wir ... das heißt, mein Vater ist sogar noch nicht einmal offiziell bestätigt, er hat den Besitz noch nicht angetreten. Und dabei habe ich in diesen letzten drei Wochen soviel Geld verloren, und dieser Schuft Stebelkoff nimmt solche Prozente ... Ich habe Ihnen jetzt fast mein letztes Geld gegeben ...«

»Oh, Fürst, wenn es so ist ...«

»Ich sage es nicht deshalb, nicht deshalb. Stebelkoff wird mir heute sicher welches bringen, und das wird für den Augenblick reichen, aber der Teufel werde aus ihm klug, aus diesem Stebelkoff! Ich habe ihn beschworen, mir zehntausend zu verschaffen, damit ich wenigstens Werssiloff zehntausend abgeben kann. Mein Versprechen, ihm ein Drittel abzutreten, quält mich, foltert mich! Ich habe mein Wort gegeben und muß es halten. Und ich schwöre Ihnen, ich brenne darauf, mich wenigstens nach dieser Seite hin von meinen Verpflichtungen befreien zu können. Sie sind schwer, niederdrückend, unerträglich! Diese mich bedrückende Verbindung ... Ich kann Andrei Petrowitsch nicht ansehen, weil ich ihm nicht offen in die Augen sehen kann ... weshalb mißbraucht er das?«

»Was mißbraucht er, Fürst?« Ich blieb erstaunt vor ihm stehen. »Hat er denn jemals Ihnen gegenüber auch nur eine Andeutung gemacht?«

»O nein, und ich weiß das zu würdigen, aber ich selbst mache mir Andeutungen. Und schließlich, ich werde immer tiefer und tiefer hineingezogen ... Dieser Stebelkoff ...«

»Hören Sie, Fürst, beruhigen Sie sich doch, ich bitte Sie; ich sehe schon, je mehr Sie reden, um so mehr regen Sie sich auf, und dabei ist vielleicht das alles doch nur Einbildung. Ich habe mich ja auch hineinziehen lassen und unverzeihlich, niederträchtig! -- aber ich weiß doch, daß es nur vorübergehendes Unglück ist ... und wenn ich nur eine gewisse Summe zurückgewinne, dann ... Sagen Sie, mit diesen dreihundert schulde ich Ihnen jetzt zweitausendfünfhundert Rubel, nicht wahr?«

»Ich habe sie von Ihnen, denke ich, noch nie zurückverlangt,« sagte der Fürst plötzlich mit einem höhnischen Lächeln, das wieder seine Zähne sehen ließ.

»Sie sagen, zehntausend brauchten Sie für Werssiloff. Wenn ich von Ihnen jetzt borge, so tue ich das selbstverständlich auf Rechnung der Werssiloffschen Zwanzigtausend; anders lasse ich es nicht zu. Aber ... aber ich werde es Ihnen ja bestimmt schon vorher selbst wiedergeben ... Oder denken Sie womöglich, Werssiloff käme zu Ihnen des Geldes wegen?«

»Mir wäre es leichter, wenn er des Geldes wegen käme,« sagte der Fürst rätselhaft.

»Sie sprachen von einer Sie >bedrückenden Verbindung< ... Wenn Sie damit Ihren Verkehr mit Werssiloff und mir meinten, so ist das, bei Gott, eine Beleidigung. Und dann, Sie sagen: Warum ist er nicht selbst so, wie er andere zu sein lehrt -- das ist doch Ihre Logik! Aber erstens ist das nicht Logik, erlauben Sie schon, daß ich Ihnen das sage; denn selbst wenn er auch nicht so wäre, könnte er doch nicht anders, als die Wahrheit verkünden ... Und schließlich, was ist das für ein Wort, >verkünden<? Sie sagen, er sei ein >Prophet<. Sagen Sie, haben Sie ihn in Deutschland einen >Weiberprophet< genannt?«

»Nein, nicht ich.«

»Stebelkoff sagte mir, Sie hätten es getan.«

»Dann hat er gelogen. Ich bin kein Meister im Erfinden von Spitznamen. Aber wenn jemand Ehre predigt, so muß er selbst ehrenhaft sein -- das ist meine Logik, und wenn sie falsch ist, so ist mir das gleichgültig. Ich will, daß es so sei, und es muß so sein. Und keiner, keiner darf es wagen, in mein Haus zu kommen, um mich zu verurteilen und mich für einen dummen Jungen zu halten! Genug, hören Sie auf!« rief er heftig und winkte mir ungeduldig mit der Hand ab, damit ich nicht mehr spräche ...

»Ah, endlich!«

Die Tür hatte sich geöffnet und Stebelkoff erschien.

III.

Der war nun unverändert der alte: ebenso stutzerhaft gekleidet, ebenso selbstzufrieden, sah einem ebenso albern in die Augen, bildete sich ebenso ein, daß er jeden überliste, und war überhaupt sehr eingenommen von sich. Nur sein Blick war diesmal beim Eintreten etwas anders: es lag in ihm gleichsam eine Vorsicht und ein eigentümliches Spähen, als hätte er aus unseren Gesichtern etwas erraten wollen. Aber er beruhigte sich sofort, und das selbstbewußte Lächeln erschien wieder auf seinen Lippen, jenes unverschämt nachsichtige Lächeln, das mir so unsäglich widerlich war.

Ich wußte schon längst, daß er den Fürsten furchtbar quälte. Er war schon ein- oder zweimal während meiner Anwesenheit zum Fürsten gekommen. Ich ... ich hatte in diesem letzten Monat auch schon einmal mit ihm zu tun gehabt, aber diesmal wunderte ich mich ein wenig -- aus einem besonderen Grunde -- über sein Erscheinen beim Fürsten.

»Warten Sie!« sagte der Fürst zu ihm und begann, ohne ihn überhaupt zu begrüßen, und indem er uns den Rücken zuwandte, aus seinem Schreibtisch Papiere und Rechnungen herauszunehmen. Was mich betrifft, so fühlte ich mich durch die letzten Worte des Fürsten entschieden beleidigt; seine Anspielung auf Werssiloffs Unehrenhaftigkeit war so deutlich gewesen (und so unbegreiflich), daß ich die Sache nicht ohne radikale Erklärung auf sich beruhen lassen konnte. Aber in Stebelkoffs Gegenwart war ein Zur-Rede-Stellen nicht möglich. Ich warf mich wieder in meine Diwanecke und schlug ein Buch auf, das auf dem Tisch lag.

»Was! Bjelinski, zweiter Teil! Das ist doch! -- Sie wollen sich wohl bilden?« rief ich dem Fürsten zu, aber es klang, glaube ich, recht gezwungen.

Er war sehr beschäftigt und beeilte sich sichtlich, aber auf meine Worte hin drehte er sich plötzlich nach mir um:

»Ich bitte Sie, lassen Sie das Buch liegen,« sagte er scharf.

Das ging nun doch schon über die Grenze! -- und das noch dazu in Stebelkoffs Gegenwart! Und Stebelkoff mußte natürlich gleich schlau und boshaft schmunzeln, und dazu deutete er mir heimlich mit dem Kopf und einem zwinkernden Auge auf den Fürsten. Ich kehrte diesem Dummkopf den Rücken.

»Ärgern Sie sich nicht, Fürst; ich trete Sie der Hauptperson ab und ziehe mich vorläufig zurück ...«

Ich hatte beschlossen, mich harmlos ungezwungen zu geben.

»Wie, was? -- ich soll die Hauptperson sein?« griff Stebelkoff sofort lebhaft auf und wies vergnügt mit dem Finger auf sich selbst.

»Ja, gerade Sie; Sie allein sind die Hauptperson, wie überhaupt der erste Mann in allem, und das wissen Sie ja selbst ganz genau!«

»Tja, nein, erlauben Sie mal! In der Welt gibt es immer noch einen zweiten Mann. Und dieser zweite Mann -- der bin ich! Also der zweite. Es gibt einen ersten Mann, und es gibt einen zweiten Mann. Der erste Mann tut, und der zweite Mann nimmt. Folglich ist der zweite Mann der erste Mann, und der erste Mann ist der zweite Mann. Ist es so oder nicht?«

»Möglich, daß es so ist, nur verstehe ich Sie wie gewöhnlich nicht ganz.«

»Erlauben Sie! In Frankreich war die Revolution, und alle wurden geköpft. Da kam Napoleon und steckte alles ein. Die Revolution, das war sozusagen der erste Mann, und Napoleon war der zweite Mann. Tja, aber zum Schluß, da war die Sache umgekehrt, wie es sich erwies: da war Napoleon der erste Mann und die Revolution der zweite Mann. Ist es so oder nicht?«

Nebenbei bemerkt: daß er mir gerade mit der Französischen Revolution als Beispiel kam, darin erblickte ich wieder eine von seinen kleinen schlauen Anspielungen, die mich diesmal sehr amüsierte. Da er nun einmal irgendwie erfahren hatte, daß ich bei Dergatschoff gewesen war, so nahm er ohne weiteres an, ich sei Revolutionär, und verblieb in diesem Glauben, und jedesmal, wenn er mit mir zusammentraf, hielt er es für notwendig, von etwas Derartigem zu sprechen.

»Kommen Sie,« sagte der Fürst.

Sie gingen zusammen ins Nebenzimmer. Ich blieb allein zurück und beschloß nun endgültig, die dreihundert Rubel dem Fürsten zurückzugeben, sobald Stebelkoff ihn verlassen hätte. Ich hatte dieses Geld furchtbar nötig, aber ich war trotzdem entschlossen, es nicht anzunehmen.

Im Nebenzimmer war es etwa zehn Minuten lang ganz still, auf einmal aber fingen sie laut zu sprechen an. Sie sprachen erregt und beide zugleich, und plötzlich schrie der Fürst Stebelkoff an, wie in maßloser Gereiztheit oder womöglich in wahrer Wut. Er konnte manchmal sehr heftig sein, und sogar ich hatte ihm schon manches verzeihen müssen. In dem Augenblick kam der Diener, um einen Besuch anzumelden; ich wies ihn ins Nebenzimmer, und kaum war er dort eingetreten, da wurde es still. Der Fürst trat schnell und mit besorgtem Gesichtsausdruck, aber doch lächelnd, aus dem Zimmer, der Diener verschwand, und nach einer halben Minute erschien der Besuch.

Es war das ein sehr wichtiger Gast, ein Herr mit Achselschnüren und anderen bedeutsamen militärischen Abzeichen, dabei erst etwa dreißig Jahre alt. Er war von vornehmem und gewissermaßen strengem Äußeren. Ich muß bemerken, daß Fürst Sserjosha, d. h. Fürst Ssergei Petrowitsch, von der höchsten Petersburger Gesellschaft doch immer noch nicht ganz aufgenommen worden war, trotz seines lebhaften Wunsches, von ihr aufgenommen zu werden (von diesem Wunsch wußte ich), und deshalb mußte dieser Besuch für ihn von besonderer Wichtigkeit sein. Ich wußte auch, daß es ihm erst kurz zuvor und nach großen Bemühungen seinerseits gelungen war, die Bekanntschaft mit diesem Aristokraten anzuknüpfen; er machte ihm nun seinen Gegenbesuch, doch zum Unglück des Fürsten kam er zu einer sehr ungelegenen Zeit. Ich sah, mit was für einer Qual und mit welch einem gleichsam verlorenen Blick der Fürst sich einen Moment nach Stebelkoff umsah; aber Stebelkoff hielt den Blick aus, als wäre er der anständigste Mensch, und er dachte nicht daran, sich unbemerkt zurückzuziehen, sondern setzte sich frech und wohlgemut auf den Diwan und begann mit der Hand seine Haare aufzuwühlen, wahrscheinlich zum Zeichen seiner Unabhängigkeit. Ja, er setzte sogar eine gewisse wichtige Miene auf, -- mit einem Wort, er war entschieden unmöglich. Was mich betrifft, so verstand ich natürlich auch damals schon, mich zu benehmen, und hätte selbstverständlich keinen durch die Bekanntschaft mit mir kompromittiert; aber wie groß war meine Verwunderung, als ich denselben verlorenen, hilflosen und bösen Blick des Fürsten auch mich streifen sah: er schämte sich also nicht nur Stebelkoffs, sondern auch meiner, und stellte mich somit auf ein und dieselbe Stufe mit Stebelkoff. Dieser Gedanke empörte mich; ich setzte mich deshalb noch ungenierter auf meinen Diwan und blätterte in meinem Buch mit einer Miene, als gingen sie mich überhaupt nichts an. Stebelkoff dagegen machte große Augen, beugte sich vor und hörte ihrem Gespräch aufmerksam zu, wahrscheinlich im Glauben, das wäre höflich und liebenswürdig zugleich. Der Besuch warf ab und zu einen Blick auf Stebelkoff; und auf mich übrigens auch.

Sie sprachen von Familienneuigkeiten; dieser Herr hatte einmal die Mutter des Fürsten gekannt, die aus einer alten vornehmen Familie stammte. Soviel ich beurteilen konnte, war dieser Herr, trotz der Freundlichkeit und scheinbaren Offenherzigkeit seines Tones, sehr pedantisch und von sich in solchem Maße eingenommen, daß er mit seiner Visite wohl jedem Sterblichen eine große Ehre zu erweisen wähnte. Wäre der Fürst allein gewesen, das heißt, ohne uns, so hätte er sich, davon bin ich überzeugt, viel sicherer und gewandter gezeigt; so aber sprach eine gewisse Unsicherheit und Nervosität aus seinem Lächeln, das vielleicht etwas zu liebenswürdig war, und außerdem war er von einer sonderbaren Zerstreutheit.

Sie saßen noch keine fünf Minuten, als der Diener wieder einen Besuch meldete, und wie zum Verhängnis war es wieder ein kompromittierender Bekannter des Fürsten. Diesen kannte ich gut, d. h. ich hatte schon viel von ihm gehört, ich selbst aber war ihm völlig unbekannt. Es war das ein noch sehr junger Mann, übrigens doch schon dreiundzwanzigjährig, vorzüglich angezogen, aus guter Familie und ein sehr hübscher Junge, aber leider -- gehörte er zur schlechten Gesellschaft. Vor einem Jahr war er noch Offizier in einem der vornehmsten Gardekavallerie-Regimenter gewesen, hatte aber dann aus zwingenden Gründen seinen Abschied nehmen müssen, und diese Gründe waren allen bekannt. Seine Verwandten mußten sogar in den Zeitungen bekanntmachen, daß sie für seine Schulden nicht hafteten, er aber führte sein Verschwenderleben unbehindert fort, verschaffte sich Geld zu zehn Prozent monatlich, spielte fürchterlich, wo er nur spielen konnte, und ruinierte sich für eine bekannte kleine Französin.

Vor einer Woche hatte er wieder Glück gehabt und an einem einzigen Abend an die zwölftausend Rubel gewonnen, so war er jetzt wieder obenauf. Mit dem Fürsten stand er auf freundschaftlichem Fuß: sie spielten oft gemeinschaftlich; aber der Fürst zuckte zusammen, als er ihn erblickte, ich sah das von meinem Platze aus. Dieser junge Mann benahm sich überall so, als wäre er bei sich zu Hause, sprach laut und lustig, sprach alles aus, was ihm in den Kopf kam, genierte sich nie und wäre natürlich auch im Traum nicht darauf verfallen, daß unser Fürst sich vor dem hohen Gast seiner übrigen Bekannten schämte.

Er trat ein, unterbrach ihre Unterhaltung und begann sogleich, noch bevor er sich gesetzt hatte, von dem gestrigen Spielabend zu erzählen.

»Sie waren, glaub ich, gleichfalls da,« wandte er sich schon nach dem dritten Satz an den würdevollen Besuch, den er augenscheinlich für einen Herrn aus ihrem Spielerkreise hielt, aber er bemerkte sofort seinen Irrtum und rief: »Ach, entschuldigen Sie, ich hielt Sie im Augenblick für einen der Herren von gestern!«

»Alexei Wladimirowitsch Darsan, -- Ippolit Alexandrowitsch Naschtschokin,« beeilte sich der Fürst vorzustellen. Diesen jungen Mann konnte man immerhin vorstellen: er entstammte einer bekannten, vornehmen Familie; uns aber hatte er nicht vorgestellt, und wir saßen immer noch auf unseren Plätzen und rührten uns nicht. Ich wollte nicht einmal den Kopf zu ihnen wenden; Stebelkoff aber hatte seit dem Erscheinen des jungen Mannes fröhlich zu lächeln und zu schmunzeln angefangen und sah ganz danach aus, als wollte er sich nun gleichfalls am Gespräch beteiligen. Mich begann das alles schließlich zu amüsieren.

»Ich habe Sie im vorigen Jahr oft bei der Gräfin Werigin gesehen,« sagte Darsan.

»Ja, ich entsinne mich Ihrer, aber Sie waren damals, wenn ich mich nicht sehr irre, Offizier,« erwiderte Naschtschokin freundlich.

»Ja, ich war Offizier, aber dank ... Ah, da ist ja Stebelkoff? Wie kommt denn der hierher? Ja, schauen Sie mal, eben dank diesen gerissenen Leutchen bin ich nicht mehr Offizier,« -- und er wies ungeniert und lachend auf Stebelkoff.

Stebelkoff lachte sogleich mit und sogar sehr vergnügt -- er schien den Hinweis auf sich für eine Liebenswürdigkeit zu halten. Der Fürst wurde rot und wandte sich schnell mit irgendeiner Frage an Naschtschokin; Darsan trat zu Stebelkoff und begann mit ihm sehr lebhaft, aber doch flüsternd zu sprechen.

»Wenn ich mich nicht irre, sind Sie im Auslande mit Katerina Nikolajewna Achmakoff sehr gut bekannt gewesen?« fragte Naschtschokin den Fürsten.

»Oh, ja, ich habe sie gekannt ...«

»Es scheint, daß es bald eine Neuigkeit geben wird. Man spricht davon, daß sie den Baron Bjoring heiraten werde.«

»Ja, das ist wahr!« rief Darsan herüber.

»Sie ... wissen das genau?« fragte der Fürst Naschtschokin mit sichtlicher Erregung, und in seiner Frage lag gespannte Erwartung.

»Ich habe so gehört; aber ich glaube, es wird schon allgemein davon gesprochen; genau weiß ich es allerdings nicht.«

»Oh, doch, das steht fest!« sagte Darsan und trat wieder zu ihnen. »Dubassoff sagte es mir gestern; er ist immer der erste, der solche Neuigkeiten weiß. Aber auch Sie, Fürst, müßten das eigentlich schon wissen.«

Naschtschokin ließ Darsan zu Ende sprechen und wandte sich dann wieder an den Fürsten:

»Sie hat sich in der letzten Zeit selten in der Gesellschaft sehen lassen.«

»Im letzten Monat war ihr Vater krank,« bemerkte der Fürst eigentümlich trocken.

»Aber sie ist doch, glaub ich, eine Dame mit Erlebnissen?« platzte Darsan unbedacht heraus.

Ich hob den Kopf und richtete mich auf.

»Ich habe die Ehre, Katerina Nikolajewna persönlich zu kennen und halte es für meine Pflicht, zu versichern, daß alle skandalösen Gerüchte nichts als Lüge und schändlicher Klatsch sind ... und von denen erfunden, die ... ihr den Hof gemacht, jedoch nichts erreicht haben.«

Nachdem ich so dumm abgebrochen hatte, sah ich sie alle mit glühendem Gesicht und gerade aufgerichtet immer noch an. Alle hatten sich nach mir umgewandt -- da begann Stebelkoff zu kichern, und auch der anfangs verdutzte Darsan lächelte auf einmal.

»Arkadi Makarowitsch Dolgoruki,« stellte der Fürst mich vor.

»Ach, glauben Sie mir, Fürst,« wandte sich Darsan unbefangen und gutmütig an mich, »das war ja gar nicht meine Meinung; wenn es solche Gerüchte gibt, so habe nicht ich sie verbreitet.«

»Oh, ich sagte es ja auch gar nicht zu Ihnen!« versetzte ich schnell, aber schon lachte Stebelkoff unverzeihlich, und zwar, wie sich später herausstellte, nur darüber, daß Darsan mich für einen Fürsten Dolgoruki gehalten hatte. Mein verwünschter Name mußte mir auch hier wieder alles verpfuschen! Selbst jetzt erröte ich noch bei dem Gedanken, daß ich damals, natürlich aus Schamgefühl, den dummen Irrtum nicht aufzuklären wagte und ihm nicht sagte, daß ich einfach Dolgoruki hieße. Ich habe das damals zum erstenmal in meinem Leben unterlassen. Darsan sah verwundert bald mich, bald den lachenden Stebelkoff an.

»Ach, richtig! Wer war denn dieses hübsche Mädel, dem ich vorhin auf Ihrer Treppe begegnet bin, schlank, blond?« fragte er auf einmal den Fürsten.

»Wirklich, ich weiß nicht ... wie soll ich es wissen ...« Der Fürst war plötzlich rot geworden.

»Wer denn sonst?« lachte Darsan.

»Übrigens, das ... das könnte ...« begann der Fürst eigentümlich unsicher und stockend.

»Das ... Tja, das war doch sein Schwesterchen, eben Lisaweta Makarowna!« sagte plötzlich Stebelkoff, mit dem Finger auf mich weisend. »Ich bin ihr ja vorhin auch begegnet ...«

»Ach, ja, in der Tat!« fiel ihm der Fürst ins Wort, und sein Gesicht sah plötzlich ernst und streng aus. »Das wird allerdings Lisaweta Makarowna gewesen sein. Sie ist sehr befreundet mit Anna Fjodorowna Stolbejeff, bei der ich hier wohne. Wahrscheinlich hat sie heute Darja Onissimowna besucht, der Anna Fjodorowna für die Zeit ihrer Abwesenheit die ganze Führung des Haushalts anvertraut hat ...«

Und so war es auch. Diese Darja Onissimowna war die Mutter der armen Olä und war von Tatjana Pawlowna schließlich bei der Stolbejeff untergebracht worden. Ich wußte, daß Lisa die Stolbejeff früher besucht hatte und nun auch manchmal bei der armen Darja Onissimowna gewesen war, die wir alle sehr liebgewonnen hatten; aber in diesem unseligen Augenblick, nach dieser übrigens sehr sachlichen Erklärung des Fürsten und diesem dummen Ausfall Stebelkoffs, oder vielleicht auch nur deshalb, weil man mich mit dem Titel »Fürst« angeredet hatte -- oder war es vielleicht alles zusammen --, kurz, ich wurde auf einmal feuerrot. Zum Glück erhob sich gerade Naschtschokin, um aufzubrechen; er reichte auch Darsan die Hand. In dem Augenblick, wo Stebelkoff und ich allein blieben -- Darsan stand mit dem Rücken zu uns in der Tür -- begann Stebelkoff mir sofort lebhaft zuzuzwinkern und mit dem Kopf auf Darsan zu weisen; ich zeigte Stebelkoff die Faust.

Eine Minute später brach auch Darsan auf, nachdem er mit dem Fürsten noch die Verabredung getroffen hatte, am nächsten Tage an einem bestimmten Ort zusammenzutreffen -- natürlich in einem Lokal, wo gespielt wurde. Beim Hinausgehen rief er noch Stebelkoff irgend etwas zu und machte vor mir eine leichte Verbeugung. Kaum war er hinausgegangen, da sprang Stebelkoff auf, blieb mitten im Zimmer stehen und hob den Finger vor sich in die Höhe:

»Dieses Knäblein hat in der vorigen Woche folgenden Streich gespielt: hat einen Wechsel gegeben, einen Wechsel mit gefälschter Unterschrift, hat den Namen Awerianoff selbst geschrieben! Und der Wechsel existiert nun noch in dieser Form und ist noch nicht eingelöst! Kriminalsache! Achttausend Rubel!«

»Und dieser Wechsel ist bestimmt in Ihren Händen!« Ich sah ihn mit wilder Wut an.

»Ich habe eine Bank, ich habe einen Mont de piété,{[40]} keinen Wechsel. Haben Sie schon gehört, was das ist, der Mont de piété in Paris? Das Brot und die Vorsehung der Armen! Tja! Wie gesagt, einen Mont de piété ...«

Der Fürst unterbrach ihn grob und zornig:

»Was wollen Sie hier noch? Was hatten Sie hier zu sitzen?«

»Tja ...« Stebelkoffs Augen blinzelten, »aber das? Geht das denn nicht?«

»Nein, nein, nein!« schrie ihn der Fürst an und stampfte mit dem Fuß. »Ich habe Ihnen doch gesagt ...!«

»Tja, nun, wenn es so ist ... dann ist es so. Dann ist es eben anders ...«

Er drehte sich hastig um und ging mit plötzlich gesenktem Kopf und krummem Rücken schnell hinaus. Als er schon in der Tür war, rief ihm der Fürst noch zornig nach:

»Und damit Sie es wissen, mein Herr, ich habe nicht die geringste Furcht vor Ihnen!«

Er war sehr gereizt, wollte sich setzen, warf aber einen Blick auf mich und setzte sich nicht. Sein Blick hatte gleichsam auch mir gesagt: »Und auch du, was hast du hier noch zu suchen?«

»Ich, Fürst ...« wollte ich anfangen, aber er fiel mir ins Wort:

»Ich habe wirklich keine Zeit, Arkadi Makarowitsch, ich muß sogleich ausfahren.«

»Nur einen Augenblick, Fürst, es ist etwas für mich sehr Wichtiges; und vor allem, bitte, nehmen Sie Ihre dreihundert Rubel zurück.«

»Was soll das nun wieder bedeuten?«

Er war auf und ab gegangen, jetzt blieb er stehen.

»Das soll bedeuten, daß ich nach allem, was vorgefallen ist ... und was Sie von Werssiloff gesagt haben -- daß er unehrenhaft wäre --, und schließlich Ihr Ton die ganze Zeit heute ... Mit einem Wort, ich kann es wirklich nicht annehmen.«

»Sie haben es aber doch schon einen ganzen Monat annehmen können.«

Er setzte sich plötzlich hin. Ich stand am Tisch und blätterte mit der einen Hand in dem Buch von Bjelinski, in der anderen hielt ich meinen Hut.

»Es waren andere Gefühle, Fürst ... Und schließlich, ich hätte es nie bis zu dieser Summe kommen lassen ... Aber dieses Spiel ... Mit einem Wort, ich kann nicht!«

»Sie haben sich heute einfach durch nichts Besonderes ausgezeichnet, und deshalb sind Sie wütend; ich möchte Sie bitten, das Buch liegen zu lassen.«

»Was heißt das: >sich durch nichts Großartiges ausgezeichnet<? Und dann, Sie haben mich vor Ihren Gästen fast auf eine Stufe mit Stebelkoff gestellt.«

»Ah, das ist also des Rätsels Lösung!« lächelte er gehässig. »Und außerdem wurden Sie verlegen, weil Darsan Sie für einen Fürsten hielt.«

Er lachte böse. Ich fuhr auf.

»Ich verstehe Sie nicht ... Ihren Fürstentitel würde ich auch umsonst nicht annehmen!«

»Ich kenne Ihren Charakter. Wie lächerlich Sie sich als Verteidiger der Achmakoff aufspielten ... Lassen Sie das Buch liegen!«

»Was soll denn das heißen?« Auch ich wurde wütend.

»Lassen Sie das Buch liegen!« brüllte er mich auf einmal an und richtete sich wild in seinem Sessel auf, fast wie im Begriff, sich auf mich zu stürzen.

»Das geht denn doch über alle Grenzen,« sagte ich und ging schnell aus dem Zimmer. Aber noch hatte ich den Saal nicht ganz durchschritten, als er mich schon von der Tür seines Kabinetts zurückrief:

»Arkadi Makarowitsch, kommen Sie zurück! Kommen Sie zurück! Zu--rück, sage ich! Zum ...!«

Ich achtete nicht darauf und ging weiter. Da holte er mich mit schnellen Schritten ein, ergriff mich am Arm und zog mich zurück ins Kabinett. Ich widersetzte mich nicht.

»Nehmen Sie!« sagte er, bleich vor Erregung, und hielt mir die dreihundert Rubel hin, die ich auf den Tisch gelegt hatte. »Sie müssen sie nehmen, unbedingt ... sonst sind wir ... Sie müssen! Unbedingt!«

»Fürst, wie kann ich denn?«

»Nun, ich werde Sie um Verzeihung bitten, wollen Sie? Also, verzeihen Sie mir ...!«

»Fürst, ich habe Sie immer geliebt, und wenn Sie mich auch ...«

»Ja, ich auch: nehmen Sie ...«

Ich nahm das Geld. Seine Lippen bebten.

»Ich verstehe ja, Fürst, daß dieser Schuft Sie in Wut versetzt hat ... aber ich nehme es nur dann, Fürst, wenn wir uns küssen, wie nach unseren früheren kleinen Zerwürfnissen ...«

Ich zitterte, als ich das sagte.

»Was für Zärtlichkeiten!« murmelte der Fürst mit einem verwirrten Lächeln, beugte sich aber herab und küßte mich.

Ich fuhr zusammen: in seinem Gesicht sah ich, während er mich küßte, entschieden einen Ausdruck des Ekels.

»Hat er Ihnen wenigstens Geld gebracht?« fragte ich.

»Ach, das ist egal.«

»Ich frage nur Ihretwegen, ich ...«

»Ja, ja, er hat mir welches gebracht ...«

»Fürst, wir waren Freunde ... und schließlich, Werssiloff ...«

»Ja, ja, schon gut!«

»Nein, hören Sie, ich weiß wirklich nicht, diese dreihundert ...«

Ich hielt sie in der Hand.

»Nehmen Sie sie, so nehmen Sie sie doch!« drängte er und lächelte wieder, aber in seinem Lächeln war etwas Böses.

Ich nahm sie.

Drittes Kapitel.

I.

Ich nahm das Geld, weil ich ihn liebte. Wer mir das nicht glauben will, dem kann ich sagen, daß ich wenigstens in dem Augenblick, als ich dieses Geld von ihm nahm, fest überzeugt war, daß ich mir, wenn ich nur wollte, auch aus einer anderen Quelle und mit Leichtigkeit Geld verschaffen könnte. Und folglich hatte ich das Geld nicht genommen, weil mich die Not dazu zwang, sondern um ihn nicht zu kränken. Ja, leider, so dachte ich damals! Aber ich fühlte mich doch sehr bedrückt, als ich ihn verließ: die außerordentliche Veränderung in seinem Verhalten zu mir an diesem Vormittag hatte mich zu sehr überrascht. Einen solchen Ton hatte er sich mir gegenüber noch nie erlaubt, und sein Verhalten zu Werssiloff war ja schon eine richtige Auflehnung gewesen. Stebelkoff hatte ihn natürlich mit irgend etwas geärgert, aber das hatte ja schon vor Stebelkoffs Erscheinen angefangen. Und wie gesagt, eine Veränderung in seinem Verhalten zu mir war schon die ganzen letzten Tage zu bemerken gewesen, aber doch nicht so, doch nicht in dem Maße -- und das war das Auffallende.

Vielleicht hatte ihn auch die dumme Nachricht von diesem Flügeladjutanten Baron Bjoring aufgebracht ... Mich hatte sie ja gleichfalls aufgeregt, aber ... Das war es eben, daß ich damals etwas ganz anderes im Sinn und strahlend vor Augen hatte, weshalb ich so vieles leichtsinnig außeracht ließ: ich beeilte mich förmlich, es außeracht zu lassen, zu übersehen, ich verscheuchte alles Dunkle und wandte mich immer nur diesem einen vor mir Strahlenden zu ...

Es war noch nicht ein Uhr. Vom Fürsten fuhr ich mit meinem Schlitten -- wird man es mir glauben, zu wem? -- geradeswegs zu Stebelkoff! Dieser Stebelkoff hatte mich vorhin nicht so sehr durch sein Erscheinen beim Fürsten in Erstaunen versetzt (da der Fürst auf das von ihm versprochene Geld gewartet hatte), als dadurch, daß er zwar nach seiner dummen Angewohnheit mir zugeblinzelt, jedoch mit keiner Miene darauf angespielt hatte, was zwischen uns einzig einer Erklärung bedurfte. Ich hatte nämlich am Abend vorher durch die Stadtpost einen Brief von ihm erhalten, der für mich ziemlich rätselhaft war: er bat mich, gerade heute gegen zwei Uhr bei ihm vorzusprechen, er hätte mir »Dinge mitzuteilen, die ich wohl nicht erwartete«. Und nun hatte er beim Fürsten mit keiner Miene angedeutet, daß er von seinem Brief an mich etwas wußte. Was mochten das für Geheimnisse sein, die es zwischen Stebelkoff und mir überhaupt geben konnte? Schon dieser Gedanke an sich war lächerlich; aber nach allem, was sich da zugetragen hatte, war ich nun auf der Fahrt zu ihm sogar ein wenig aufgeregt. Ich hatte mich allerdings schon einmal an ihn gewandt, als ich dringend Geld brauchte -- das war vor etwa zwei Wochen gewesen --, und er wollte es mir auch geben, aber es war doch nicht dazu gekommen, und ich selbst hatte auf das Geld verzichtet: er hatte gleich wieder etwas Unverständliches zu schwatzen angefangen, und da war in mir der Verdacht aufgestiegen, daß er mir etwas vorschlagen, mir besondere Bedingungen stellen wollte; da ich ihn aber jedesmal, wenn ich mit ihm beim Fürsten zusammengekommen war, sehr von oben herab behandelt hatte, so hatte ich stolz jeden Gedanken an besondere Bedingungen zurückgewiesen und war fortgegangen, obschon er mir noch bis zur Haustür nachgelaufen war. Das Geld hatte ich mir dann vom Fürsten geborgt.

Stebelkoffs Wohnung lag ganz abgesondert, er lebte völlig für sich und wohnte wie ein wohlhabender Mann: es waren vier schöne Zimmer mit guten Möbeln, dazu hatte er männliche und weibliche Bedienung und noch eine Wirtschafterin, die übrigens eine ziemlich bejahrte Person war. Zornig trat ich bei ihm ein.

»Hören Sie mal, mein Bester,« begann ich schon in der Tür, »was hat, erstens mal, dieser Brief an mich zu bedeuten? Ich verbitte mir Briefe von Ihnen an meine Adresse. Und warum haben Sie mir nicht vorhin beim Fürsten erklärt, was Sie von mir wollen? Sie konnten doch dort mit mir sprechen!«

»Aber warum haben Sie denn dort gleichfalls geschwiegen und nicht selbst gefragt?« Ein höchst selbstzufriedenes Lächeln zog seinen Mund in die Breite.

»Weil nicht ich Sie brauche, sondern Sie mich!« rief ich und war auf einmal wütend.

»Aber warum sind Sie dann zu mir gekommen, wenn es so ist?« Er hopste fast auf seinem Stuhl vor lauter Vergnügen. Ich drehte mich sofort um und wollte gehen, aber er hielt mich an der Schulter fest.

»Nein, nein, ich hab' ja nur gescherzt. Die Sache ist wichtig. Sie werden sehen!«

Ich setzte mich. Ich muß gestehen, ich war doch neugierig geworden. Wir saßen an seinem großen Schreibtisch einander gegenüber. Er lächelte verschmitzt und wollte schon wieder seinen Finger in die Höhe heben.

»Bitte, diesmal ohne Ihre Schlauheiten und Fingerturnerei, und vor allen Dingen lassen Sie Ihre Allegorien beiseite und sprechen Sie sachlich, sonst gehe ich sofort!« rief ich wieder wütend.

»Sie ... sind stolz!« sagte er mit einem gewissen dummen Vorwurf, indem er sich in seinem Lehnstuhl zu mir vorbeugte und alle seine Falten auf der Stirn in die Höhe zog.

»Anders geht es mit Ihnen nicht.«

»Sie ... haben heute vom Fürsten Geld genommen, dreihundert Rubel; ich habe auch Geld. Mein Geld ist besser.«

»Woher wissen Sie, daß der Fürst mir Geld geliehen hat?« fragte ich maßlos verwundert, »sollte er es Ihnen wirklich selbst gesagt haben?«

»Er selbst hat es mir gesagt; regen Sie sich nicht auf, es war nur so, nur beiläufig, es entschlüpfte ihm unbedachterweise, da von Geld die Rede war, nicht mit Absicht. Er hat es mir gesagt. Aber Sie hätten es von ihm nicht zu nehmen brauchen. Ist es so oder nicht?«

»Aber Sie erpressen ja, wie ich gehört habe, unmenschliche Prozente.«

»Ich habe einen Mont de piété, ich erpresse nichts. Ich helfe nur Freunden, anderen gebe ich nichts. Für die anderen ist der Mont de piété da ...«

Dieser sein Mont de piété war eine ganz gewöhnliche Pfandleihe, aber nicht auf seinen Namen; sie befand sich auch in einer anderen Wohnung, und das Geschäft blühte.

»Aber Freunden gebe ich große Summen.«

»Wie, ist denn der Fürst auch so ein Freund von Ihnen?«

»Das ... ist er; aber ... er redet Unsinn. Und er darf nicht Unsinn reden.«

»Ist er denn so in Ihren Händen? Schuldet er Ihnen viel?«

»Er ... schuldet mir viel.«

»Er wird Ihnen alles bezahlen; er hat die Erbschaft ...«

»Das -- ist nicht seine Erbschaft. Er ist mir Geld schuldig und ist mir noch anderes schuldig. Die Erbschaft langt nicht. Ich gebe Ihnen ohne Prozente.«

»Gleichfalls als Ihrem >Freunde<? Womit habe ich denn das verdient?« fragte ich auflachend.

»Sie werden es noch verdienen.«

Wieder beugte er sich mit dem ganzen Oberkörper zu mir vor und hob den Finger.

»Stebelkoff! Ohne Finger, sonst gehe ich!«

»Hören Sie ... er könnte doch Anna Andrejewna Werssiloff heiraten!« Und er kniff sein linkes Auge teuflisch listig zusammen.

»Wissen Sie, Stebelkoff, Ihre Geschichten nehmen einen dermaßen skandalösen Charakter an ... Wie dürfen Sie es wagen, den Namen Anna Andrejewnas überhaupt auszusprechen?«

»Ärgern Sie sich nicht.«

»Es kostet mich wirklich Überwindung, Sie anzuhören, und ich tue es nur, weil ich hier eine Machenschaft wittere und wissen will ... Aber mir kann auch die Geduld reißen, Stebelkoff!«

»Ärgern Sie sich nicht, und seien Sie nicht so stolz. Haben Sie nur ein wenig Geduld, und hören Sie mich an. Dann können Sie wieder stolz sein. Das mit Anna Andrejewna wissen Sie doch? Daß der Fürst sie heiraten könnte ... das wissen Sie doch?«

»Ich habe natürlich davon gehört und weiß alles; aber ich habe mit dem Fürsten niemals darüber gesprochen. Ich weiß nur, daß diese Idee vom alten Fürsten Ssokolski stammt, der jetzt krank ist; aber ich habe niemals darüber gesprochen und habe damit auch nichts zu schaffen. Ich sage Ihnen das alles einzig zur Erklärung der Sachlage ... Und nun gestatten Sie die Frage, erstens: wozu Sie denn eigentlich davon mit mir zu sprechen angefangen haben? Und zweitens: hat denn der Fürst wirklich mit Ihnen über diese Dinge gesprochen?«

»Nicht er mit mir; er will mit mir nicht darüber sprechen, aber ich spreche mit ihm, und er will mich bloß nicht anhören. Vorhin bei ihm, da schrie er mich ja deshalb an.«

»Das fehlte noch, daß er es nicht getan hätte! Ich kann ihm nur zustimmen.«

»Der Alte, der alte Fürst Ssokolski, wird Anna Andrejewna eine große Mitgift geben; sie hat's verstanden, ihm zu gefallen. Dann wird mir der Bräutigam, der junge Fürst Ssokolski, mein ganzes Geld wiedergeben. Wird mir auch die andere Schuld, außer der Geldschuld, wiedergeben. Das wird er sicher! Jetzt aber hat er nichts, wovon er es mir zurückzahlen könnte.«

»Aber was soll ich denn, wozu brauchen Sie denn mich dabei?«

»Zu der Hauptsache! Sie sind bekannt, Sie sind dort überall bekannt. Sie können alles erfahren.«

»Zum Teufel ... was erfahren?«

»Ob der Fürst will, ob Anna Andrejewna will, ob der alte Fürst will! Das müßten Sie alles genau erfahren.«

»Und Sie unterstehen sich, mir vorzuschlagen, Ihr Spion zu sein, und das -- für Geld!« Empört sprang ich auf.

»Seien Sie nicht so stolz, seien Sie nicht so stolz! Warten Sie nur noch ein wenig mit dem Stolzsein, nur noch fünf Minuten!«

Er zwang mich wieder zum Sitzen. Meiner Empörung und meinen Ausrufen maß er offenbar nicht die geringste Bedeutung bei; aber ich beschloß, ihn zu Ende anzuhören.

»Ich muß es bald erfahren, so bald als möglich, und muß es genau wissen; denn ... denn vielleicht wird es bald zu spät sein. Haben Sie nicht bemerkt, wie unangenehm ihm die Neuigkeit war, die der Offizier von dem Baron und der verwitweten Achmakoff, der Katerina Nikolajewna, erzählte?«

Entschieden erniedrigte ich mich dadurch, daß ich ihn anhörte, aber meine Neugier war so groß, daß ich mich nicht loszureißen vermochte.

»Hören Sie ... Sie nichtsnutziger Mensch!« sagte ich entschlossen. »Wenn ich noch hier sitze und Sie anhöre und Sie sogar von diesen mir nahestehenden Menschen sprechen lasse ... und Ihnen sogar noch antworte, so geschieht das keineswegs deshalb, weil ich Ihnen etwa das Recht dazu zugestehe. Ich sehe einfach, daß es sich hier um eine Gemeinheit handelt ... Und dann, was für Hoffnungen kann der Fürst auf Katerina Nikolajewna haben?«

»Gar keine, aber er ärgert sich.«

»Das ist nicht wahr!«

»Er ärgert sich. Er hat da schon verspielt, hat ein Paroli verloren. Jetzt ist ihm nur noch Anna Andrejewna geblieben. Ich gebe Ihnen zweitausend Rubel ... ohne Wechsel und ohne Zinsen.«

Nachdem er das gesagt hatte, lehnte er sich entschlossen und wichtig zurück und sah mich mit aufgerissenen Augen an. Ich riß auch meine Augen auf und sah ihn an.

»Sie tragen Anzüge von einem Schneider aus der Großen Millionnajastraße; Geld braucht man, Geld, und mein Geld ist besser als seines. Ich gebe Ihnen mehr als zweitausend ...«

»Aber wofür? Wofür denn, zum Teufel?«

Ich stampfte mit dem Fuß auf. Er beugte sich wieder vor zu mir und sagte mit besonderer Betonung:

»Damit Sie nicht stören.«

»Ich kümmere mich sowieso nicht darum,« rief ich.

»Ich weiß, daß Sie schweigen; das ist gut.«

»Ihr Gutheißen können Sie für sich behalten, ich brauche es nicht. Ich würde diese Verbindung selbst sehr wünschen, aber ich halte das nicht für meine Sache, und mich da hineinzumischen, wäre nicht anständig.«

»Sehen Sie, sehen Sie, tja, das ist es ja: nicht anständig!« Er erhob den Finger zum Zeichen der Bedeutsamkeit des Wortes.

»Was -- sehen Sie? Was soll ich da sehen?«

»Tja, das wäre unanständig ... Hehe!« Er begann zu lachen. »Ich verstehe, verstehe, das wäre von Ihnen unanständig, aber ... werden Sie auch nicht stören?« Er zwinkerte mir wieder zu.

Aber in diesem Zuzwinkern lag etwas so maßlos Freches, sogar Spöttisches, Niedriges! Es war, als hätte er in mir irgendeine Niedrigkeit vorausgesetzt und auf eben diese Niedrigkeit gerechnet ... Das war klar; aber ich konnte auf keine Weise erraten, um was es sich dabei handelte.

»Anna Andrejewna ist -- doch auch Ihre Schwester,« sagte er schließlich eindringlich.

»Ich verbiete Ihnen, davon zu sprechen! Und überhaupt dürfen Sie es nicht wagen, Anna Andrejewna zu nennen!«

»Tun Sie nicht so stolz, gedulden Sie sich noch eine Minute! Also hören Sie: er wird das Geld bekommen und alle sicherstellen,« sagte er mit besonderer Betonung. »Sie folgen? Ich sage: alle -- verstehen Sie? -- alle!«

»So glauben Sie, ich würde dann Geld von ihm nehmen?«

»Jetzt nehmen Sie es doch?«

»Ich nehme mein eigenes.«

»Wieso Ihr eigenes?«

»Dieses Geld ... gehört Werssiloff; er schuldet Werssiloff zwanzigtausend.«

»So doch nur Werssiloff und nicht Ihnen.«

»Werssiloff ist mein Vater.«

»Nein, Sie heißen Dolgoruki und nicht Werssiloff.«

»Das bleibt sich gleich!« -- So glaubte ich damals die Sache wirklich noch erklären und rechtfertigen zu können! Ich wußte, daß es sich nicht gleichblieb; denn so dumm war ich schließlich doch nicht, aber ich dachte wiederum aus »Taktgefühl« so.

»Genug!« rief ich. »Ich werde aus Ihrem Gefasel überhaupt nicht klug. Und wie haben Sie mich wegen solchen leeren Geschwätzes noch extra herzubitten gewagt?«

»Ja, wie ... verstehen Sie denn wirklich nicht? Sie ..., verstellen Sie sich bloß, oder?« fragte Stebelkoff langsam und sah mich durchdringend mit einem seltsam ungläubigen Lächeln an.

»Bei Gott, ich verstehe kein Wort!«

»Ich sage Ihnen: er wird alle sicherstellen, alle, wenn Sie nur nicht dazwischenfahren und ihm abraten ...«

»Sie müssen wahrhaftig übergeschnappt sein! Was reiten Sie denn ewig auf diesen >allen< herum? Meinen Sie etwa Werssiloff, daß er den sicherstellen soll?«

»Sie sind nicht der einzige, und Werssiloff ist nicht der einzige ... da sind auch noch andere. Und Anna Andrejewna ist ebenso Ihre Schwester wie ... Lisaweta Makarowna!«

Ich sah ihn mit aufgerissenen Augen an. Auf einmal sah ich in seinem widerlichen Blick einen Ausdruck wie von Mitleid mit mir:

»Sie verstehen also nicht, so ist es auch besser! Das ist gut, sehr gut, daß Sie nicht verstehen. Das ist lobenswert ... wenn Sie wirklich nicht verstehen.«

Jetzt wurde ich aber wütend.

»Hol' Sie der Teufel mit Ihrem Gefasel, Sie übergeschnappter Mensch!« fuhr ich auf und griff nach meinem Hut.

»Das ist kein Gefasel! Wie ist's? Wissen Sie, Sie werden wiederkommen.«

»Nein,« schnitt ich ab, schon in der Tür.

»Sie werden kommen, und dann -- dann gibt es eine andere Unterredung. Dann kommt die Hauptunterredung. Zweitausend, vergessen Sie das nicht!«

II.

Er hatte einen so schmutzigen und verworrenen Eindruck auf mich gemacht, daß ich, als ich aus seiner Wohnung trat, mir sogar Mühe gab, nicht mehr an ihn zu denken und einfach ausspie. Der Gedanke, daß der Fürst mit ihm von mir und von diesem Gelde hatte sprechen können, stach mich plötzlich wie eine Nadel. »Ich werde gewinnen und es ihm heute noch zurückgeben,« sagte ich mir entschlossen.

Aber so dumm Stebelkoff und so verworren seine Rede auch war, ich hatte in ihm doch den ausgesprochen gemeinen Menschen in seinem ganzen Glanze erkannt und sofort erraten, daß er, was die Hauptsache war, an einer Intrige spann. Nur hatte ich damals keine Zeit, gleichviel welchen Intrigen nachzuspüren, und das war auch der Hauptgrund meiner damaligen unglaublichen Blindheit! Unruhig sah ich auf meine Uhr, aber es war noch nicht zwei; also konnte ich noch einen Besuch machen; denn sonst wäre ich bis drei Uhr vor Aufregung umgekommen. So fuhr ich denn zu Anna Andrejewna Werssiloff, meiner Halbschwester. Mit ihr war ich schon längst gut bekannt geworden, und zwar bei meinem alten Fürsten während seines Krankseins. Ich hatte ihn nun schon drei oder vier Tage nicht gesehen, und das quälte ein wenig mein Gewissen; aber eben Anna Andrejewna hatte mich bei ihm vertreten: der alte Fürst hing schon sehr an ihr, ja, seine Zuneigung zu ihr war so groß, daß er sie mir gegenüber sogar seinen Schutzengel genannt hatte. Übrigens ging der Plan, sie mit dem jungen Fürsten Ssergei Petrowitsch Ssokolski zu verheiraten, tatsächlich von meinem lieben alten Herrn aus, und er hatte ihn mir schon mehr als einmal mitgeteilt, natürlich immer als Geheimnis. Gelegentlich hatte ich das auch Werssiloff erzählt, da es mir nicht entgangen war, daß ihn von allen die nächste Gegenwart betreffenden Dingen, gegen die er so gleichgültig war, nur das eigentümlich zu interessieren schien, was ich ihm von meinen Begegnungen mit Anna Andrejewna mitteilte. Als Antwort hatte Werssiloff damals nur kurz und wie beiläufig so was gemurmelt, daß Anna Andrejewna doch zu klug sei, um in einer so delikaten Sache des Rates anderer zu bedürfen. Selbstverständlich hatte Stebelkoff recht, wenn er annahm, daß der alte Fürst ihr, wenn sie heiratete, eine Mitgift geben würde, aber wie durfte er es wagen, auf ihre Mitgift zu rechnen? Fürst Sserjosha hatte ihm vorhin nachgerufen, er fürchte sich nicht vor ihm: sollte ihm Stebelkoff im Nebenzimmer da nicht wirklich von Anna Andrejewna gesprochen haben? Da konnte ich mir denken, daß auch ich an seiner Stelle empört gewesen wäre.

Anna Andrejewna hatte ich in der letzten Zeit sogar ziemlich oft besucht. Aber jedesmal war mir dabei etwas Merkwürdiges aufgefallen: sie hatte immer selbst bestimmt, wann ich zu ihr kommen sollte, und selbstverständlich erwartete sie mich, aber wenn ich dann erschien, tat sie immer ganz überrascht, als wäre ich ganz unerwartet gekommen; dieser Zug an ihr war mir zwar als sonderbar aufgefallen, aber ich war ihr dennoch zugetan. Sie lebte bei der alten Frau Fanariotoff, ihrer Großmutter, natürlich als deren Pflegetochter (Werssiloff kümmerte sich ja nicht um seine Kinder und sorgte auch nicht für ihren Unterhalt), aber sie spielte im Hause ihrer Pflegemutter keineswegs die Rolle, in der sonst mittellose Pflegetöchter im Hause vornehmer Damen geschildert werden, wie zum Beispiel in Puschkins »Piquedame« die arme Pflegetochter der tyrannischen alten Gräfin. Anna Andrejewna erinnerte eher selbst an diese alte Gräfin. Sie lebte in diesem Hause ganz für sich, freilich im selben Stockwerk und in derselben Wohnung wie die Fanariotoffs, aber doch in zwei ganz abgesonderten Zimmern, so daß ich zum Beispiel beim Kommen und Gehen noch nie einem von den Fanariotoffs begegnet war. Sie konnte bei sich empfangen, wen sie wollte und ihre Zeit ganz nach eigenem Belieben verbringen. Allerdings war sie ja auch schon dreiundzwanzig. Im letzten Jahr hatte sie in der Gesellschaft so gut wie nichts mehr mitgemacht, obschon ihre Großmutter mit Ausgaben für sie gar nicht geizte, da sie, wie ich schon damals gehört hatte, ihre Enkelin sehr liebte. Mir aber hatte gerade das an Anna Andrejewna von Anfang an gefallen, daß ich sie immer in so schlichten Kleidern sah und immer bei einer Beschäftigung antraf, sei es mit einem Buch oder mit einer Handarbeit. Ihr Äußeres hatte etwas Klösterliches, fast Nonnenhaftes, und auch das gefiel mir. Sie war nicht sehr gesprächig, aber was sie sprach, hatte immer eine gewisse Bedeutung, und sie verstand vorzüglich, anderen zuzuhören, was ich niemals verstanden habe. Wenn ich ihr sagte, daß sie mich sehr an Werssiloff erinnerte, obgleich sie keinen einzigen gemeinsamen Zug hatten, wurde sie immer ein wenig rot. Sie errötete überhaupt oft und immer sehr schnell, aber es war meist nur ein ganz leises Erröten, und diese Eigentümlichkeit ihres Gesichts war mir bald sehr lieb geworden. Wenn ich mit ihr sprach, nannte ich Werssiloff nie mit dem Familiennamen, sondern stets »Andrei Petrowitsch«, und das war ganz von selbst so gekommen. Ich hatte es sogar sehr gut gemerkt, daß man sich bei den Fanariotoffs Werssiloffs etwas zu schämen schien; übrigens hatte ich das einzig aus Anna Andrejewnas Verhalten geschlossen, und eigentlich weiß ich auch nicht, ob man das mit dem Wort »sich schämen« ausdrücken kann; aber etwas Ähnliches mochte es immerhin sein. Ich hatte bei ihr manchmal auch vom Fürsten Ssergei Petrowitsch zu sprechen angefangen, und sie hatte mir immer sehr aufmerksam zugehört, ja, wie mir schien, hatten diese Mitteilungen sie sogar sehr interessiert; aber es war immer irgendwie ganz von selbst so gekommen, daß ich sie aus eigenem Antriebe erzählte, ohne von ihr aufgefordert zu werden. Sie fragte einen nie aus. Von der Möglichkeit einer Heirat zwischen ihnen hatte ich niemals zu sprechen gewagt, obschon ich es oftmals gewollt hatte, denn zum Teil gefiel mir dieses Projekt sogar ganz gut. Aber in ihrem Zimmer wagte ich von sehr vielem nicht mehr zu sprechen, und doch fühlte ich mich sehr wohl in ihrem Zimmer. Unter anderem gefiel mir an ihr auch sehr, daß sie so gebildet war und viel gelesen hatte, sogar wissenschaftliche Bücher; sie hatte viel mehr gelesen als ich.

Das erstemal hatte sie selbst mich aufgefordert, sie zu besuchen. Auch damals schon begriff ich, daß sie vielleicht darauf rechnete, manches durch mich zu erfahren. Oh, damals konnten viele vieles durch mich erfahren, und sie verstanden es großartig, mich auszuhorchen! »Aber was tut das,« dachte ich, »schließlich empfängt sie mich bei sich doch nicht nur deshalb.« Mit einem Wort, es freute mich noch, daß ich ihr nützlich sein konnte, und ... und wenn ich bei ihr war, hatte ich immer die Empfindung, daß es meine Schwester war, die hier neben mir saß, obgleich ich mit ihr noch kein einziges Mal über unsere Verwandtschaft gesprochen hatte -- mit keinem Wort, nicht einmal mit einer Andeutung war zwischen uns davon die Rede gewesen, ganz als hätte eine solche Verwandtschaft überhaupt nicht bestanden. Wenn ich bei ihr saß, erschien es mir einfach undenkbar, davon zu sprechen, und wirklich, wenn ich sie so ansah, kam mir manchmal sogar der unsinnige Gedanke in den Kopf: daß sie von unserer Verwandtschaft vielleicht überhaupt nichts wußte; -- denn so war ihre Haltung mir gegenüber.

III.

Ich trat in ihr Zimmer und traf Lisa bei ihr an. Das überraschte mich so, daß ich ganz betroffen war. Ich wußte, daß sie sich früher schon gesehen hatten, und das war bei jenem bewußten »Säugling« geschehen. Von diesem phantastischen Einfall der stolzen und schamhaften Anna Andrejewna, dieses Kind des jungen Fürsten Ssokolski und der Lydia Achmakoff sehen zu wollen, und ihrer Begegnung dort mit Lisa werde ich vielleicht später bei Gelegenheit erzählen; aber ich hatte doch nicht erwartet, daß Anna Andrejewna jemals Lisa zu sich einladen würde. Das überraschte mich angenehm. Natürlich ließ ich mir nichts anmerken, begrüßte Anna Andrejewna, drückte Lisa heiß die Hand und setzte mich neben sie hin. Sie waren mit einer ernsten Sache beschäftigt: auf dem Tisch und auf ihren Knien lag ein teures Gesellschaftskleid Anna Andrejewnas, das leider schon alt war, das heißt, ein Kleid, das sie schon dreimal angehabt hatte, und das sie nun irgendwie ändern wollte. Lisa aber war eine große »Meisterin« in solchen Sachen und hatte viel Geschmack, und so fand denn jetzt eine feierliche Beratung der »klugen Frauen« statt. Mir fiel Werssiloff ein, und ich mußte lachen; aber ich war ja auch so schon in strahlender Stimmung.

»Sie sind heute recht lustig, das ist sehr angenehm,« sagte Anna Andrejewna, und wie gewöhnlich sprach sie jedes Wort gedehnt und vornehm aus. Sie hatte eine tiefe, wohltönende Altstimme, sprach immer ruhig und nicht laut und hielt dann gewöhnlich ihre langen Wimpern gesenkt, während ein kaum merkliches Lächeln über ihr bleiches Antlitz huschte.

»Lisa weiß, wie unangenehm ich sein kann, wenn ich nicht lustig bin,« erwiderte ich heiter.

»Vielleicht weiß auch Anna Andrejewna etwas davon,« neckte Lisa schelmisch. Die Liebe! Wenn ich auch nur geahnt hätte, was damals in ihrer Seele vorging!

»Was tun Sie jetzt?« fragte mich Anna Andrejewna. (Ich muß bemerken, daß sie selbst mich gebeten hatte, sie an diesem Tage zu besuchen.)

»Ich sitze jetzt hier und frage mich: Warum ist es mir immer angenehmer, Sie bei einem Buch anzutreffen als bei einer Handarbeit? Nein, wirklich, so eine Handarbeit paßt nicht zu Ihnen. In der Beziehung stimme ich ganz mit Andrei Petrowitsch überein.«

»Haben Sie sich noch immer nicht entschlossen, die Universität zu besuchen?«

»Ich bin Ihnen zu dankbar, daß Sie unsere Gespräche nicht vergessen: das beweist mir, daß Sie mitunter auch an mich denken, aber ... wegen der Universität habe ich noch keinen Vorsatz gefaßt, und außerdem habe ich meine besonderen Absichten.«

»Das heißt: er hat ein besonderes Geheimnis,« bemerkte Lisa.

»Laß die Scherze, Lisa. Ein kluger Mensch hat mir vor ein paar Tagen gesagt, daß wir in unserer ganzen progressiven Bewegung der letzten zwanzig Jahre vor allem bewiesen hätten, daß wir schauerlich ungebildet sind. Das war natürlich auch von unseren Studierten gesagt.«

»Ach, das ist bestimmt ein Ausspruch von Papa. Du zitierst furchtbar oft seine Aussprüche,« bemerkte Lisa.

»Lisa, du sagst das wirklich so, als trautest du mir überhaupt keinen eigenen Verstand zu!«

»In unserer heutigen Zeit kann es nur von Nutzen sein, wenn man auf die Worte kluger Menschen achtet und sie behält,« trat Anna Andrejewna ein wenig für mich ein.

»Sehr richtig, Anna Andrejewna,« stimmte ich ihr eifrig bei. »Wer über die gegenwärtige Phase Rußlands nicht nachdenkt, ist kein Staatsbürger! Ich betrachte Rußland vielleicht von einem sonderbaren Standpunkte aus: Wir haben das Tatarenjoch ertragen und dann die zweihundertjährige Sklaverei der Leibeigenschaft, und das, versteht sich, nur deshalb, weil das eine wie das andere nach unserem Geschmack war. Jetzt ist uns die Freiheit gegeben, und wir müssen die Freiheit ertragen: werden wir auch das verstehen? Wird es sich erweisen, daß auch die Freiheit zu ertragen, nach unserem Geschmack ist? Das ist die Frage!«

Lisa warf einen schnellen Blick auf Anna Andrejewna, und die schlug sogleich die Augen nieder und begann neben sich irgend etwas zu suchen; ich sah, daß Lisa sich krampfhaft zusammennahm, aber auf einmal trafen sich doch unsere Blicke, und da brach sie plötzlich in Lachen aus; ich fuhr auf:

»Lisa, du bist wirklich unbegreiflich!«

»Verzeih mir!« sagte sie hastig und war schon wieder ernst, ja, fast sogar traurig. »Weiß Gott, was ich heute im Kopf habe ...«

Und es war, als zitterten Tränen in ihrer Stimme. Da schämte ich mich auf einmal: ich nahm ihre Hand und küßte sie von Herzen.

»Sie sind sehr gut,« bemerkte Anna Andrejewna weich, als sie sah, daß ich Lisa die Hand küßte.

»Am meisten freut es mich, Lisa, daß ich dich heute fröhlich angetroffen habe,« sagte ich. »Werden Sie es mir glauben, Anna Andrejewna: in den letzten Tagen ist sie mir immer mit einem so sonderbaren Blick begegnet, und in dem Blick schien immer so eine Frage zu liegen, wie ungefähr: >Hast du nicht irgend etwas erfahren? Ist alles noch gut abgegangen?< Wirklich, es war so etwas mit ihr.«

Anna Andrejewna hob langsam den Blick und sah sie scharf an, Lisa senkte den Kopf. Ich sah übrigens sehr gut, daß sie viel besser und näher miteinander bekannt waren, als ich bei meinem Eintritt vorhin vermutet hatte; dieser Gedanke war mir angenehm.

»Sie sagten soeben, ich sei gut; Sie glauben nicht, wie sehr ich mich bei Ihnen zum Besseren verändere, und wie angenehm es mir ist, bei Ihnen zu sein, Anna Andrejewna,« sagte ich mit aufrichtigem Gefühl.

»Es freut mich sehr, daß Sie gerade jetzt so sprechen,« entgegnete sie mir bedeutungsvoll. Ich muß bemerken, daß sie mit mir niemals von meinem Verschwenderleben und von dem Pfuhl, in den ich geraten war, gesprochen hatte, obgleich sie, wie ich wußte, nicht nur über alles schon unterrichtet war, sondern sogar noch selbst bei anderen sich unter der Hand nach allem erkundigt hatte. So war denn diese Entgegnung jetzt eine erste Andeutung ihrerseits, und -- mein Herz wandte sich ihr noch mehr zu.

»Was macht unser Kranker?« fragte ich.

»Oh, er fühlt sich viel besser: er geht schon herum, und gestern und heute ist er spazieren gefahren. Sind Sie denn heute noch nicht bei ihm gewesen? Er erwartet Sie sehr.«

»Ja, ich fühle mich schuldig, aber Sie ersetzen mich ja vollständig bei ihm; er ist mir untreu geworden und hat mich gegen Sie eingetauscht.«

Sie machte ein sehr ernstes Gesicht, -- mein Scherz war auch wirklich recht trivial.

»Ich war heute beim Fürsten Ssergei Petrowitsch,« stotterte ich, »und ich ... apropos, Lisa, du warst doch vorhin bei Darja Onissimowna?«

»Ja, ich war dort,« sagte sie auffallend kurz und ohne den Kopf zu erheben. »Aber du gehst doch, denke ich, jeden Tag zum kranken Fürsten?« fragte sie ganz unvermittelt und hastig, vielleicht nur, um etwas zu sagen.

»Ja, ich gehe allerdings zu ihm, nur komme ich nicht bei ihm an,« versetzte ich lachend. »Ich trete ins Haus und biege nach links ab.«

»Der Fürst hat auch schon bemerkt, daß Sie sehr oft bei Katerina Nikolajewna vorsprechen. Er sprach noch gestern darüber und lachte,« sagte Anna Andrejewna.

»Worüber? Worüber hat er gelacht?«

»Er scherzte nur wie gewöhnlich, Sie kennen ihn doch. Er sagte, im Gegenteil, daß eine junge und schöne Frau in einem jungen Mann von Ihrem Alter immer nur die Empfindung des Unwillens und Zornes hervorrufe ...« Anna Andrejewna begann selbst zu lachen.

»Wirklich ... Nein, wissen Sie, diese Bemerkung ist sogar erstaunlich richtig!« rief ich aus. »Bestimmt hat das nicht er gesagt, sondern Sie haben es ihm gesagt!«

»Wieso? Nein, das hat er gesagt.«

»Nun, aber wie, wenn diese schöne Frau dem jungen Mann ihre Aufmerksamkeit zuwendet, obwohl er noch gar nichts bedeutet, in der Ecke steht und sich ärgert, weil er noch kein >Erwachsener< ist, und sie ihn auf einmal der ganzen Schar der sie umgebenden Bewunderer vorzieht -- was dann?« fragte ich plötzlich herausfordernd und mit der kühnsten Miene.

Mein Herz begann zu klopfen.

»Dann wird es um dich auch auf der Stelle geschehen sein,« sagte Lisa lachend.

»Um mich geschehen sein?« rief ich. »Nein, um mich nicht. Ich glaube, das ist nicht richtig. Wenn eine Frau sich mir in den Weg stellt, so muß sie mir folgen. Mir stellt man sich nicht ungestraft in den Weg ...«

Lisa hat mir später gesagt, als wir einmal, lange nachher, auf diese Unterhaltung zu sprechen kamen, daß ich diesen Satz damals sehr sonderbar hervorgebracht hätte, sehr ernst und wie plötzlich in Gedanken versunken, dabei aber »so komisch, daß es ganz unmöglich war, ernst zu bleiben«. In der Tat fing auch Anna Andrejewna wieder zu lachen an.

»Lachen Sie nur, lachen Sie nur über mich!« rief ich wie berauscht; denn dieses ganze Gespräch und die Richtung, in der es sich bewegte, gefielen mir ungemein. »Wenn Sie es tun, ist es für mich nur ein Vergnügen. Ich liebe Ihr Lachen, Anna Andrejewna! Sie haben einen eigenen Zug: Sie sind ernst, und plötzlich lachen Sie, so plötzlich, daß man es noch einen Augenblick vorher aus Ihrem Gesicht nicht erraten kann. Ich habe in Moskau eine Dame gekannt, nur dem Ansehen nach -- ich beobachtete sie unbemerkt: sie war fast ebenso schön wie Sie, aber sie hatte nicht dieses Lachen, und dieses Gesicht, das sonst ebenso reizvoll war, hatte deshalb gar nichts Anziehendes; Ihr Gesicht dagegen ist ungeheuer anziehend ... eben durch diese Eigenschaft ... Das habe ich Ihnen schon lange einmal sagen wollen.«

Was ich da von der Dame, die »fast ebenso schön war wie sie«, gesagt hatte, war nur ein schlauer Schachzug von mir gewesen: ich tat bewußt ganz unbefangen, als wäre es eine unbeabsichtigte Bemerkung aus naheliegenden Gründen; denn ich wußte, daß ein unbedacht entschlüpftes Kompliment von einer Frau höher geschätzt wird als jede noch so fein gedrechselte Schmeichelei. Und wie sehr Anna Andrejewna auch errötete, ich wußte doch, daß meine Bemerkung ihr angenehm war. Die Moskauer Dame aber hatte ich mir einfach ausgedacht, nur um Anna Andrejewna unauffällig etwas Angenehmes sagen zu können und ihr eine Freude zu machen.

»Man könnte wirklich glauben,« sagte sie mit einem gewinnenden Lächeln, »daß Sie sich in den letzten Tagen unter dem Einfluß irgendeiner schönen Frau befunden haben.«

Mir war, als flöge ich irgendwohin ... Ich hatte sogar Lust, ihnen etwas zu verraten ... aber ich bezwang mich.

»Und doch ist es noch gar nicht lange her, daß Sie sich über Katerina Nikolajewna sogar sehr feindlich äußerten.«

»Wenn ich mich tatsächlich irgendwie schlecht über sie geäußert habe,« sagte ich mit blitzenden Augen, »so war daran die ungeheuerliche Verleumdung schuld, daß sie Andrei Petrowitschs Feindin sei; und außer dieser noch die andere Verleumdung gegen ihn, daß er sie geliebt und ihr einen Heiratsantrag gemacht habe, und ähnlicher Unsinn. Diese Behauptung ist ebenso ungeheuerlich, wie die andere Verleumdung gegen sie, daß sie noch zu Lebzeiten ihres Mannes dem jungen Fürsten Ssergei Petrowitsch das Versprechen gegeben habe, ihn zu heiraten, wenn sie Witwe werde, und nun sagt man, sie habe ihr Wort nicht gehalten. Ich weiß aber aus erster Hand, daß alles dies nicht wahr ist, und das Ganze nur ein Scherz gewesen ist. Ich weiß das aus erster Hand. Sie hat dort einmal im Auslande, in einem übermütigen Augenblick, zum Fürsten allerdings gesagt -- natürlich nur im Scherz: >Vielleicht in der Zukunft<; aber das konnte doch nichts anderes sein als nur ein leichtfertiges Wort! Ich weiß genau, daß der Fürst einem solchen Versprechen nicht die geringste Bedeutung beilegen konnte, und er hat auch gar nicht die Absicht gehabt,« fügte ich schnell hinzu, da mir plötzlich etwas eingefallen war. »Er hat, glaube ich, ganz andere Absichten,« flocht ich noch schlau ein. »Vorhin erzählte Naschtschokin bei ihm, daß Katerina Nikolajewna den Baron Bjoring heiraten werde: glauben Sie mir, er hat bei dieser Neuigkeit die beste Haltung bewahrt, dessen kann ich Sie versichern.«

»Naschtschokin war bei ihm?« fragte plötzlich Anna Andrejewna gespannt und augenscheinlich etwas verwundert.

»Ja, versteht sich; ich glaube, das ist einer von den anständigen ...«

»Und Naschtschokin hat mit ihm von dieser Heirat mit Bjoring gesprochen?« fragte Anna Andrejewna auf einmal sehr interessiert.

»Nicht von der Heirat, aber so, nur von der Möglichkeit, von dem Gerücht; er sagte, in der Gesellschaft spräche man davon. Was mich betrifft, so bin ich überzeugt, daß es eine unsinnige Erfindung ist.«

Anna Andrejewna dachte nach und beugte sich über ihre Näharbeit.

»Ich habe den Fürsten Ssergei Petrowitsch sehr gern,« fuhr ich voll Eifer fort. »Er hat ja natürlich seine Fehler, das läßt sich nicht bestreiten, und ich habe mit Ihnen darüber schon gesprochen; eben eine gewisse Einseitigkeit ... aber auch seine Fehler bezeugen nur seine anständige Gesinnung, das ist sicher. Heute zum Beispiel hätten wir uns wegen einer Meinungsverschiedenheit beinahe entzweit: er ist der Ansicht, daß einer, der von Anstand spricht, selbst anständig sein müsse, sonst wäre alles, was er sagt, Lüge. Nun, sagen Sie doch selbst, ist denn das logisch? Und dabei beweist das doch nur, was für hohe Anforderungen er im Herzen an das Ehr- und Pflichtgefühl jedes Menschen stellt, und an das Gerechtigkeitsgefühl, ist es nicht so ...? Ach, Herrgott, wieviel Uhr ist es denn?« fuhr ich plötzlich auf, da mein Blick zufällig auf die Kaminuhr gefallen war.

»Zehn Minuten vor drei,« sagte Anna Andrejewna ruhig nach einem Blick auf die Uhr. Während ich vom Fürsten gesprochen hatte, war sie ganz still gewesen und hatte mir mit gesenktem Blick und einem verschmitzten, doch lieben Lächeln zugehört: sie wußte, warum ich ihn so lobte. Lisa hatte den Kopf über ihre Arbeit gebeugt und sich nicht mehr in die Unterhaltung gemischt.

Ich sprang auf, als hätte ich mich verbrannt.

»Sie haben sich verspätet?«

»Ja ... nein ... übrigens ja, aber ich gehe gleich. Nur noch ein Wort, Anna Andrejewna,« begann ich erregt, »ich kann nicht anders, ich muß es Ihnen heute sagen! Ich muß Ihnen gestehen, daß ich schon mehrmals Ihre Güte gesegnet habe und das Zartgefühl, mit dem Sie mich zu sich eingeladen haben ... Auf mich ist der Verkehr mit Ihnen von größtem Einfluß gewesen ... In Ihrem Zimmer werde ich gewissermaßen seelisch reiner, und ich verlasse Sie als ein besserer Mensch, als ich sonst bin ... Glauben Sie mir. Wenn ich bei Ihnen sitze, kann ich von Schlechtem nicht nur nicht sprechen, sondern kann nicht einmal schlechte Gedanken haben; sie verschwinden in Ihrer Gegenwart, und wenn mir hier zufällig etwas Häßliches einfällt, so schäme ich mich gleich, fühle mich befangen und erröte im Herzen. Und wissen Sie, es war mir ganz besonders angenehm, heute meine Schwester bei Ihnen anzutreffen ... das spricht von soviel herzlichem Entgegenkommen Ihrerseits ... und von einem so schönen Verhältnis ... Mit einem Wort, sie beweisen dadurch, wenn Sie mir schon das Eis zu brechen erlauben, so viel Geschwisterliebe, daß ich ...«

Während ich sprach, hatte sie sich von ihrem Platz erhoben und war immer mehr errötet; plötzlich aber schien sie zu erschrecken -- gleichsam vor einer Grenze, die sie nicht überschreiten wollte, zurückzuschrecken -- und sie unterbrach mich hastig:

»Glauben Sie mir, ich weiß Ihre Gefühle von ganzem Herzen zu schätzen ... Ich habe Sie auch ohne Worte verstanden ... Und ich habe schon lange ...«

Sie stockte verwirrt und drückte mir die Hand. Plötzlich zupfte mich Lisa heimlich am Ärmel. Ich verabschiedete mich und ging hinaus, aber schon im anderen Zimmer holte Lisa mich ein.

IV.

»Lisa, warum hast du mich am Ärmel gezupft?« fragte ich.

»Sie ist schlecht, sie ist schlau, sie ist es nicht wert ... Sie stellt sich mit dir nur so, um dich auszuhorchen,« flüsterte sie mir schnell und haßerfüllt zu. Ich hatte ihr Gesicht noch nie so gesehen.

»Lisa, ich bitte dich, wie kommst du darauf? Sie ist ein so prächtiges Mädchen!«

»Nun, dann bin ich die Schlechte.«

»Lisa, was hast du nur?«

»Ich bin sehr schlecht. Sie ist vielleicht der beste Mensch, und ich bin der schlechteste. Genug, laß das. Höre: Mama läßt dich um etwas bitten, >was sie selbst nicht zu sagen wagt<, so drückte sie sich aus. Arkadi, Liebster! Höre auf mit dem Spielen, Lieber, ich flehe dich an ... Mama auch ...«

»Lisa, ich weiß es ja selbst, aber ... ich weiß, es ist eine erbärmliche Schlappheit, aber ... das sind ja nur Kleinigkeiten und nichts weiter! Sieh mal, ich bin in Schulden geraten wie ein Esel, und jetzt will ich nur gewinnen, um aus den Schulden herauszukommen, und ich kann gewinnen; denn bisher habe ich ganz ohne Berechnung gespielt, einfach drauflos wie ein Esel, jetzt aber werde ich um jeden Rubel zittern ... Ich müßte nicht ich sein, wenn ich verlieren sollte! Ich spiele nicht aus Leidenschaft, das Spiel ist für mich nicht die Hauptsache, sondern nur eine vorübergehende Nebensache, ich versichere dir! Ich bin viel zu stark, um nicht aufhören zu können, sobald ich will. Habe ich das Geld zurückgegeben, so gehöre ich ganz und gar wieder euch, und sage Mama, daß ich euch dann nie mehr verlassen werde ...«

»Diese dreihundert Rubel vorhin, was haben die dich gekostet!«

»Woher weißt du ...?« fragte ich zusammenzuckend.

»Darja Onissimowna hat vorhin alles gehört ...«

Da versetzte mir Lisa plötzlich erschrocken einen Stoß und zog mich hinter eine Portiere, und wir befanden uns in der sogenannten »Laterne«, einem kleinen runden Erkerzimmer, dessen Wände fast nur aus Fenstern bestanden. Noch bevor ich richtig zur Besinnung kam, hörte ich eine bekannte Stimme, Sporenklirren und einen bekannten Schritt.

»Fürst Sserjosha,« flüsterte ich.

»Er ...« flüsterte sie.

»Warum bist du denn so erschrocken?«

»Nur so; ich will ihm um keinen Preis hier begegnen ...«

»Tiens,{[41]} läuft er dir nicht am Ende nach?« fragte ich lachend. »Dann würde ich ihm aber den Standpunkt klarlegen! Wohin willst du?«

»Gehen wir; ich komme mit.«

»Aber hast du dich denn schon verabschiedet?«

»Ja; meine Pelzjacke ist im Vorzimmer ...«

Wir traten hinaus. Auf der Treppe kam mir plötzlich ein Gedanke:

»Weißt du, Lisa, er ist vielleicht gekommen, um ihr einen Heiratsantrag zu machen!«

»N--nein ... er wird ihr keinen Antrag machen ...« sagte sie langsam und bestimmt, doch mit leiser Stimme.

»Du weißt nicht, Lisa, wir sind vorhin wohl aneinandergeraten -- da man es dir doch schon gesagt hat, sollst du es meinetwegen wissen -- aber, bei Gott, ich liebe ihn aufrichtig und wünsche ihm hier Erfolg ... Wir haben uns vorhin wieder ausgesöhnt. Wenn man glücklich ist, ist man so gut ... Sieh mal, er hat eine Menge guter Eigenschaften ... auch Menschlichkeit ... oder wenigstens gute Ansätze ... und in den Händen einer so charakterfesten und klugen Frau wie Anna Andrejewna würde sein Charakter sich ausgleichen, und er könnte glücklich werden. Schade, daß wir keine Zeit haben ... oder fahren wir ein Stück zusammen, ich könnte dir dann einiges mitteilen ...«

»Nein, fahre allein, ich habe einen anderen Weg. Kommst du zum Essen?«

»Ich komme, ich komme, wie ich versprochen habe. Höre, Lisa: ein gewisses Scheusal -- kurz, ein ganz gemeines Subjekt, na, einfach ein gewisser Stebelkoff, wenn du ihn kennst, hat einen schrecklichen Einfluß auf seine Verhältnisse ... Wechsel und so was ... Na, mit einem Wort, er hat ihn ganz in der Hand und hat ihn so in die Enge getrieben, und der Fürst hat sich schon so vor ihm erniedrigen müssen, daß es einfach keinen anderen Ausweg mehr gibt -- wenigstens können sie beide keinen anderen finden -- als den einen: daß der Fürst Anna Andrejewna heiratet. So müßte man sie eigentlich warnen ... übrigens, nein, Unsinn, sie wird schon alles in Ordnung bringen. Aber was meinst du, wird sie ihm einen Korb geben?«

»Adieu, ich habe keine Zeit,« brach Lisa das Gespräch kurz ab, und in ihrem mich flüchtig streifenden Blick sah ich plötzlich so viel Haß, daß ich erschrocken ausrief:

»Aber Lisa, Liebe, was hast du gegen mich?«

»Nicht gegen dich; gib nur das Spiel auf ...«

»Ach, wegen des Spiels, -- ja, ich gebe es auf.«

»Du sagtest soeben: >wenn man glücklich ist<, -- so bist du wohl sehr glücklich heute?«

»Maßlos, Lisa, maßlos! Ach Gott, da ist es schon drei und sogar später ...! Leb wohl, Lisa! Lisotschka, Liebste, sag: kann man denn eine Frau auf sich warten lassen? Ist so was überhaupt möglich?«

»Meinst du bei einem Stelldichein?« fragte sie, kaum lächelnd, es war ein seltsam totes, zitterndes Lächeln.

»Gib mir deine Hand, auf daß sie mir Glück bringe.«

»Glück? Meine Hand? Um keinen Preis geb' ich sie dir!«

Und sie entfernte sich schnell. Und so ernst hatte sie das ausgerufen. Ich sprang in meinen Schlitten.

Ja, ja, eben dieses »Glück« war ja damals die Hauptursache, weshalb ich wie ein blinder Maulwurf nichts außer mir selbst begriff und sah!

Viertes Kapitel.

I.

Jetzt wird mir das Erzählen zur Pein. Das ist ja alles schon vor langer Zeit geschehen; aber auch jetzt noch ist für mich alles das wie eine Fata Morgana.

Wie konnte eine Frau, wie sie, einem so garstigen Jungen, wie ich damals war, ein Stelldichein geben? -- Das war die erste Frage! Als ich nach dem Gespräch mit Lisa in meinem Schlitten zu ihr flog, und mein Herz zu klopfen begann, dachte ich geradezu, ich wäre verrückt geworden: die Vorstellung, daß sie mich zu einem Stelldichein aufgefordert hatte, erschien mir auf einmal so ungereimt, so hirnverbrannt, daß jede Möglichkeit, daran zu glauben, einfach ausgeschlossen war. Und doch -- zweifelte ich nicht im geringsten! Es war sogar so: je klarer ich die Unmöglichkeit erkannte, um so blinder glaubte ich. Daß es schon drei geschlagen hatte, beunruhigte mich: »Wenn es ein Stelldichein ist, wie kann ich dann zu spät kommen?« dachte ich. Es gingen mir auch noch andere dumme Fragen durch den Kopf, wie zum Beispiel: »Was ist für mich jetzt ratsamer, Kühnheit oder Schüchternheit?« Aber das zog alles nur flüchtig vorüber; denn das Vorherrschende und die Hauptsache lag doch im Herzen, und das war etwas, was ich nicht zu benennen vermochte. Am Tage vorher hatte sie zu mir gesagt: »Morgen werde ich um drei Uhr bei Tatjana Pawlowna sein,« -- und das war alles gewesen. Aber erstens hatte sie mich auch bei sich immer allein empfangen, sie hätte mir also in ihrer Wohnung alles sagen können, was sie nur wollte, und brauchte sich deshalb nicht zu Tatjana Pawlowna zu begeben; folglich fragte es sich, wozu sie mich denn nun eigentlich an einen anderen Ort, eben zu Tatjana Pawlowna, bestellt hatte? Und die zweite Frage: Wird Tatjana Pawlowna zu Hause sein oder nicht? Wenn es ein Stelldichein sein sollte, so durfte Tatjana Pawlowna natürlich nicht zu Hause sein. Aber wie hätte sie das so einrichten können, ohne Tatjana Pawlowna vorher in alles einzuweihen? Also mußte Tatjana Pawlowna um das Geheimnis wissen? Dieser Gedanke erschien mir geradezu roh und so ... so unkeusch, ja, fast sogar schmutzig.

Und schließlich konnte sie gestern einfach auf den Gedanken gekommen sein, Tatjana Pawlowna zu besuchen, was sie mir dann ohne jede besondere Absicht mitgeteilt hatte, ich aber war gerade auf diese einfachste Deutung gar nicht verfallen. Und sie hatte es auch nur so nebenbei gesagt, nachlässig, ruhig, und nach einer sehr langweiligen Unterhaltung; denn ich war an diesem Nachmittag die ganze Zeit völlig verwirrt gewesen: ich hatte gesessen, unklar gesprochen und nicht gewußt, was ich sagen sollte, hatte mich furchtbar geärgert und geniert, sie aber hatte, wie sich herausstellte, irgendwohin fahren wollen und war daher sichtlich froh, als ich endlich aufbrach. Alle diese Erwägungen zogen durch meinen Kopf. Zuletzt beschloß ich folgendes: »Ich werde klingeln, und wenn die Köchin aufmacht, sie einfach fragen, ob Tatjana Pawlowna zu Haus ist! Ist sie nicht zu Hause, so ist es ein -- >Stelldichein<.« Aber ich zweifelte nicht daran, ich zweifelte nicht daran!

Ich lief die Treppe hinauf, und noch auf der Treppe, vor der Tür ihrer Wohnung, verschwand plötzlich meine ganze Furcht. »Ach, gleichviel wie und was,« dachte ich, »wenn's sich nur schnell entscheidet!« Die Köchin machte mir die Tür auf und brummte mit ihrem widerlichen Phlegma, Tatjana Pawlowna sei ausgegangen. Ich wollte schon fragen: »Aber ist nicht sonst jemand hier, wartet nicht jemand auf Tatjana Pawlowna?« -- aber ich unterließ die Frage, dachte mir: »ich sehe lieber selbst nach,« sagte der Köchin, ich würde warten, warf meinen Pelz ab und machte die Tür auf ...

Katerina Nikolajewna saß am Fenster und »wartete auf Tatjana Pawlowna«.

»Sie ist nicht da?« fragte sie mich sogleich, anscheinend besorgt und etwas geärgert, kaum daß sie mich erblickt hatte.

Und ihre Stimme und ihr Gesichtsausdruck entsprachen so wenig meinen Erwartungen, daß ich einfach auf der Schwelle stehen blieb und zu versinken glaubte.

»Wer ist nicht da?« stammelte ich.

»Tatjana Pawlowna! Ich bat Sie doch gestern, ihr zu sagen, daß ich um drei Uhr zu ihr kommen würde.«

»Ich ... ich habe sie überhaupt nicht gesehen.«

»Sie haben es vergessen?«

Ich sank wie erschlagen auf einen Stuhl. Also das war es gewesen! Und alles war ja so klar, wie sich nun herausstellte, wie zweimal zwei vier ist, ich aber -- ich glaubte immer noch.

»Ich kann mich aber gar nicht erinnern, daß Sie mich gebeten hätten, es ihr zu sagen. Und Sie haben mich ja auch gar nicht darum gebeten: Sie sagten nur, daß Sie um drei Uhr hier sein werden,« brachte ich ungeduldig hervor.

Ich sah sie nicht an.

»Ach!« rief sie da auf einmal, »wenn Sie es ihr zu sagen vergessen haben, selbst aber wußten, daß ich hier sein würde, warum sind Sie dann hergekommen?«

Ich hob den Kopf: weder Spott noch Zorn sah ich in ihrem Gesicht, sondern nur ein helles, lustiges Lächeln und eine gewisse auffallende Schelmerei in ihrem Gesichtsausdruck, -- übrigens hatte sie immer diesen Ausdruck -- so eine fast kindliche Ausgelassenheit, die förmlich zu necken schien: »Siehst du, jetzt habe ich dich ganz überführt, was wirst du nun sagen?«

Ich wollte nicht antworten und sah wieder zu Boden. Das Schweigen dauerte wohl eine halbe Minute.

»Sie kommen von Papa?« fragte sie plötzlich.

»Ich komme von Anna Andrejewna, beim Fürsten Nikolai Iwanowitsch bin ich überhaupt nicht gewesen ... Und das wußten Sie,« fügte ich auf einmal hinzu.

»Und bei Anna Andrejewna ist mit Ihnen nichts geschehen?«

»Sie meinen, weil ich wie ein Verrückter aussehe? Nein, ich war schon vor meinem Besuch bei Anna Andrejewna verrückt.«

»Und sind bei ihr nicht vernünftig geworden?«

»Nein, ich bin nicht vernünftig geworden. Ich habe außerdem gehört, daß Sie Baron Bjoring heiraten werden.«

»Hat sie Ihnen das gesagt?« forschte sie plötzlich interessiert.

»Nein, das habe ich ihr erzählt, und gehört habe ich es vorhin, als Naschtschokin es dem Fürsten Ssergei Petrowitsch erzählte.«

Ich sah sie noch immer nicht an; ich wagte nicht, den Blick zu ihr zu erheben; sie ansehen, hieß für mich, in strahlendes Licht, in Freude, in Glück tauchen, ich aber wollte nicht glücklich sein. Der Stachel des Unwillens hatte sich in mein Herz gebohrt, und in einem Augenblick faßte ich einen ungeheuren Entschluß. Und dann begann ich auf einmal zu sprechen, ich weiß kaum, wovon. Ich sprach atemlos, sprach wirr und unverständlich, aber ich sah sie schon dreist an. Mein Herz klopfte. Ich sprach von irgend etwas, was mit der Situation in gar keinem Zusammenhang stand, vielleicht aber doch nicht ganz ohne Sinn war. Sie wollte mir anfangs zuhören, wie gewöhnlich mit ihrem nachsichtigen, sich gleichbleibenden Lächeln, das selten ganz aus ihrem Gesicht verschwand, doch allmählich trat Erstaunen und schließlich sogar Schreck in ihren gespannt auf mir ruhenden Blick. Das Lächeln schwand immer noch nicht ganz, aber auch das Lächeln veränderte sich hin und wieder gleichsam vor Schreck; da fiel es mir auf, daß sie plötzlich am ganzen Körper zusammengezuckt war.

»Was haben Sie?« fragte ich.

»Ich fürchte mich vor Ihnen,« antwortete sie mir fast aufgeregt.

»Warum gehen Sie nicht fort? Da Sie doch Tatjana Pawlowna nicht angetroffen haben und wissen, daß sie nicht so bald kommen wird, so hätten Sie doch aufstehen und fortgehen müssen.«

»Ich hatte die Absicht, sie zu erwarten, aber jetzt ... in der Tat ...« Sie wollte sich erheben.

»Nein, nein, bleiben Sie,« hielt ich sie zurück, »da sind Sie schon wieder zusammengezuckt, aber Sie lächeln auch in der Angst ... Sie haben immer ein Lächeln. Sehen Sie, jetzt lächeln Sie so, daß es ganz deutlich zu erkennen ist ...«

»Sie reden wohl im Fieber?«

»Ja, im Fieber.«

»Ich fürchte ...« murmelte sie.

»Was?«

»Daß Sie -- die Wand einreißen ...« sagte sie wieder lächelnd, aber nun fürchtete sie sich wirklich.

»Ich kann Ihr Lächeln nicht ertragen!«

Und ich begann wieder zu sprechen. Es war mir, als flöge ich, und irgend etwas stieß mich vorwärts. Noch nie, noch nie hatte ich so zu ihr gesprochen, immer war ich schüchtern gewesen. Auch jetzt war ich furchtbar bange, aber ich sprach trotzdem. Ich weiß noch, ich fing von ihrem Gesicht an:

»Ich kann Ihr Lächeln nicht mehr ertragen!« rief ich plötzlich aus. »Warum habe ich Sie mir so anders vorgestellt, noch in Moskau, immer streng, unnahbar, pompös und mit den falschen Gesellschaftsphrasen der großen Dame? Ja, schon in Moskau! Wir haben damals viel von Ihnen gesprochen, Marja Iwanowna und ich, haben immer versucht, uns vorzustellen, wie Sie aussehen ... Sie kennen doch Marja Iwanowna? Sie waren ja bei ihr. Und auf der Reise hierher hat mir die ganze Nacht im Waggon nur von Ihnen geträumt. Und hier habe ich vor Ihrer Ankunft einen ganzen Monat Ihr Porträt im Kabinett Ihres Vaters betrachtet und doch nichts erraten. Der Ausdruck Ihres Gesichts ist kindliche Schelmerei und unendliche Offenherzigkeit -- ja! Ich habe mich die ganze Zeit, seitdem ich Sie besuche, darüber gewundert. Oh, ich weiß, Sie können auch stolz sein und einen mit Ihrem Blick einfach vernichten: ich werde es nicht vergessen, wie Sie mich damals bei Ihrem Vater ansahen, als Sie aus Moskau zurückkehrten ... Ich sah Sie damals, aber hätte mich draußen jemand gefragt: Wie sieht sie aus? -- ich hätte nichts zu sagen gewußt. Nicht einmal Ihre Größe hätte ich anzugeben gewußt. Wie ich Sie damals erblickte, erblindete ich. Ihr Porträt dort ist Ihnen gar nicht ähnlich: Sie haben keine dunklen, sondern helle Augen, nur Ihre langen Wimpern lassen sie dunkel erscheinen. Sie haben eine volle Gestalt, Sie sind von mittlerer Größe, aber Ihre volle Gestalt ist straff und leicht wie die eines gesunden Dorfmädchens. Und auch Ihr Gesicht ist ländlich, ist das Gesicht einer jungen Dorfschönheit, -- nehmen Sie es mir nicht übel; denn das ist doch gut, ist ja viel besser so, -- ein rundes, frisches, helles, kühnes, lachendes und ... schüchternes Gesicht! Wirklich schüchtern. Und das soll das Gesicht Katerina Nikolajewna Achmakoffs sein? -- Ja, schüchtern und keusch ist es, ich schwöre Ihnen! Ja, mehr noch als keusch, -- kindlich ist es! Das ist Ihr Gesicht! Ich habe mich die ganze Zeit darüber gewundert und mich immer gefragt: ist das wirklich dieselbe Frau? Jetzt weiß ich, daß Sie sehr klug sind, aber anfangs dachte ich doch, Sie wären geistlos. Sie haben einen heiteren Verstand, aber ohne alle Raffiniertheiten ... Und was ich an Ihnen noch besonders liebe, ist, daß dieses Lächeln Sie nie verläßt; dieses Lächeln ist mein Paradies! Und dann liebe ich noch Ihre Ruhe, Ihre Stille, und daß Sie die Worte so gleitend aussprechen, so ruhig und fast lässig, -- gerade diese Lässigkeit liebe ich. Ich glaube, selbst wenn eine Brücke unter Ihnen einstürzte, Sie würden auch dann noch ruhig und lässig irgend etwas sagen ... Ich stellte Sie mir als den Gipfel allen Stolzes und aller Leidenschaften vor, und nun haben Sie zwei Monate mit mir wie ein Student zu einem Studenten gesprochen. Ich hätte mir nie gedacht, daß Sie eine solche Stirn haben; sie ist etwas niedrig, wie bei Statuen, aber weiß und zart wie Marmor unter dem reichen Haar. Sie haben eine hohe Brust, einen leichten Gang, Sie sind von außergewöhnlicher Schönheit, und dabei sind Sie eigentlich gar nicht stolz. Das habe ich ja erst jetzt begriffen, bis heute habe ich es ja immer noch nicht geglaubt!«

Sie hatte diese ganze wilde Tirade mit großen offenen Augen angehört, sie sah, daß ich zitterte. Ein paarmal hatte sie mit einer reizenden furchtsamen Gebärde ihre kleine behandschuhte Hand erhoben, um mich aufzuhalten, aber jedesmal hatte sie ihre Hand verwundert und ängstlich wieder sinken lassen. Ein paarmal war sie sogar zurückgezuckt und weitergerückt. Zwei- oder dreimal war auch ihr Lächeln wieder erschienen; einmal wurde sie feuerrot, zum Schluß aber sah sie entschieden erschrocken aus und wurde immer bleicher. Kaum war ich verstummt, da streckte sie die Hand aus und sagte halblaut mit bittender, weicher Stimme:

»So dürfen Sie nicht sprechen ... so spricht man nicht ...«

Und plötzlich erhob sie sich von ihrem Platz und griff ohne Hast nach ihrem Schal und ihrem Zobelmuff.

»Sie gehen?« rief ich.

»Ich fürchte mich wirklich vor Ihnen ... Sie mißbrauchen ...« sagte sie zögernd, und ich glaubte, ein Bedauern und einen Vorwurf herauszuhören.

»Hören Sie mich an, -- bei Gott, ich werde die Wand nicht einreißen!«

»Sie haben ja schon angefangen,« konnte sie sich nicht enthalten zu sagen, und sie lächelte. »Ich weiß nicht einmal, ob Sie mich hinauslassen werden?«

Ich glaube, sie befürchtete wirklich, daß ich sie nicht hinauslassen würde.

»Ich werde Ihnen selbst die Tür aufmachen, es steht Ihnen frei, zu gehen. Aber Sie ... Ich habe einen großen Entschluß gefaßt; und wenn Sie mir Freude schenken wollen, so bleiben Sie noch, setzen Sie sich und lassen Sie mich Ihnen nur noch zwei Worte sagen. Aber wenn Sie's nicht wollen, so gehen Sie, ich werde Ihnen selbst die Tür aufmachen!«

Sie sah mich an und setzte sich.

»Mit welcher Empörung wäre eine andere fortgegangen, Sie aber sind geblieben!« rief ich berauscht.

»Sie haben sich früher nie erlaubt, so mit mir zu sprechen.«

»Ich habe früher nie meine Schüchternheit überwinden können. Auch als ich jetzt hier eintrat, wußte ich nicht, was ich sagen sollte. Sie glauben, ich wäre jetzt nicht schüchtern? Ich bin es. Aber ich habe einen großen Entschluß gefaßt, und ich fühle, daß ich ihn ausführen werde. Und als ich diesen Entschluß gefaßt hatte, da verlor ich gleich meinen Verstand und begann das alles zu sagen ... Hören Sie mich an, nur zwei Worte: bin ich ein Spion oder nicht? Antworten Sie mir -- das ist meine Frage!«

Das Blut schoß ihr ins Gesicht.

»Nein, antworten Sie noch nicht, Katerina Nikolajewna, hören Sie erst alles an, und dann sagen Sie mir die ganze Wahrheit.«

Ich hatte auf einmal alle Schranken zerbrochen und schwebte in der Luft.

II.

»Vor zwei Monaten stand ich hier hinter der Portiere ... Sie wissen ... und Sie erzählten Tatjana Pawlowna von jenem Brief. Ich stürzte schließlich hervor, besinnungslos, außer mir, und verriet mein Geheimnis. Sie begriffen sofort, daß ich etwas wußte ... Sie mußten es ja begreifen. Sie suchten ein wichtiges Dokument und befürchteten vieles ... Warten Sie, Katerina Nikolajewna, sagen Sie noch nichts. Ich erkläre Ihnen hiermit, daß Ihr Verdacht nicht unbegründet war: dieses Dokument existiert ... das heißt, es hat existiert ... ich habe es gesehen; es war das ein Brief von Ihnen an Andronikoff, nicht wahr?«

»Sie haben diesen Brief gesehen?« fragte sie hastig in sichtlicher Verwirrung und Aufregung. »Wo haben Sie ihn gesehen?«

»Ich ... ich habe ihn ... bei Krafft gesehen; bei dem, der sich erschossen hat ...«

»Wirklich? Sie haben den Brief selbst gesehen? Wo ist er jetzt, was ist mit ihm geschehen?«

»Krafft hat ihn zerrissen.«

»In Ihrer Gegenwart? Haben Sie das selbst gesehen?«

»Ja, in meiner Gegenwart. Er hat ihn zerrissen, wahrscheinlich, um ihn vor seinem Tode zu vernichten. Ich wußte ja damals noch nicht, daß er sich erschießen wollte ...«

»So ist der Brief vernichtet! Gott sei Dank!« sagte sie langsam und atmete auf und bekreuzte sich.

Ich hatte sie nicht belogen. Das heißt, ich hatte ihr natürlich eine Unwahrheit gesagt; denn das Dokument besaß ich, und Krafft hatte es nie besessen, doch das war nur eine Nebensache; in der Hauptsache aber hatte ich nicht gelogen; denn in dem Augenblick, als ich sagte, der Brief wäre zerrissen worden, gab ich mir das Wort, diesen Brief noch an demselben Abend zu verbrennen. Wäre der Brief in dem Augenblick in meiner Tasche gewesen, so hätte ich ihn, mein Ehrenwort, hervorgezogen und ihn ihr übergeben; aber ich hatte ihn nicht bei mir, er war in meiner Wohnung. Übrigens, vielleicht hätte ich ihn ihr doch nicht gegeben; denn ich hätte mich sehr geschämt, ihr zu gestehen, daß ich ihn besessen, und so lange aufbewahrt und gewartet und ihn ihr nicht gegeben hatte. Deshalb dachte ich denn: ich verbrenne ihn zu Haus, also ist er schon ebensogut wie vernichtet, und folglich sage ich ja gar keine Unwahrheit! Jedenfalls war mein Gewissen rein, und das mit Recht.

»Und da es so ist,« fuhr ich, beinahe in Ekstase, fort, »so sagen Sie mir jetzt: Haben Sie mich nur deshalb angelockt, weil Sie vermuteten, ich wüßte etwas von diesem Dokument? Warten Sie noch einen Augenblick, Katerina Nikolajewna, sagen Sie noch nichts, lassen Sie mich zu Ende sprechen: ich habe die ganze Zeit, so lange ich mit Ihnen überhaupt verkehre, geargwöhnt, daß Sie mich nur aus dem Grunde verwöhnten, weil Sie von mir Näheres über diesen verschwundenen Brief erfahren wollten, weil Sie mich zu Geständnissen verleiten wollten ... Warten Sie noch einen Augenblick: ich argwöhnte das, aber ich litt darunter. Ihr Doppelspiel war für mich unerträglich; denn ich ... denn ich hatte in Ihnen das edelste Wesen erkannt! Ich sage Ihnen offen, ganz offen: ich war Ihr Feind, aber ich habe in Ihnen das edelste Wesen erkannt! Alles in mir war mit einem Schlage besiegt. Aber Ihr Doppelspiel, das heißt, der Verdacht, Sie könnten nicht aufrichtig sein, hat mich gequält ... Jetzt muß sich alles entscheiden, alles erklären, jetzt ist die Stunde gekommen, aber ... nein, warten Sie noch ein wenig, sagen Sie noch nichts, hören Sie erst, wie ich selbst die Sache ansehe, gerade jetzt, in diesem Augenblick! Ich sage Ihnen unverhohlen: wenn es auch so war, ich werde Ihnen deshalb nicht böse sein ... das heißt, ich wollte sagen, ich werde es Ihnen nicht übelnehmen; denn es wäre ja so natürlich: ich verstehe es doch! Was ist denn dabei Unnatürliches und Schlechtes? Das Dokument quält Sie, Sie haben einen im Verdacht, daß er etwas davon weiß oder alles weiß; da mußten Sie doch, das ist ja selbstverständlich, den Wunsch haben, von diesem Wissenden etwas zu erfahren, ihn zum Sprechen zu veranlassen ... Dabei ist doch nichts Schlechtes, wirklich nicht! Ich sage das ganz aufrichtig! ... Aber es ist doch notwendig, daß Sie mir jetzt irgend etwas sagen ... daß Sie ein Geständnis ablegen (verzeihen Sie das Wort)! Ich muß die Wahrheit wissen! Aus einem besonderen Grunde! So sagen Sie mir jetzt: sind Sie deshalb freundlich zu mir gewesen, um über das Dokument etwas von mir zu erfahren ... Katerina Nikolajewna?«

Ich sprach wie ein aus Höhen Herabfallender, und meine Stirn brannte. Sie hörte mich bereits ohne Aufregung an, im Gegenteil, es lag Mitempfinden in ihrem Gesicht; aber ihr Blick war schüchtern, als schäme sie sich.

»Ja, deshalb,« sagte sie langsam und halblaut. »Verzeihen Sie mir, es war unrecht von mir,« fügte sie plötzlich hinzu und hob ihre Hände ein wenig mir entgegen. Das hätte ich nimmer erwartet. Auf alles war ich gefaßt, alles hätte ich erwartet, nur diese Worte nicht; nicht von ihr, obgleich ich sie doch schon kannte.

»Und Sie sagen mir das so: >es war unrecht von mir<! Sagen es so ohne weiteres und offen, daß es unrecht von Ihnen war?« rief ich aus.

»Oh, ich habe es schon lange gefühlt, daß ich Ihnen unrecht tat, ich habe meine Schuld empfunden ... und ich bin sogar froh, daß es jetzt zur Sprache gekommen ist ...«

»Schon lange gefühlt? Aber warum haben Sie denn nichts gesagt?«

»Ja, ich wußte nicht, wie ich es sagen sollte,« sagte sie lächelnd. »Das heißt, ich hätte es vielleicht auch gewußt,« lächelte sie wieder, »aber ich schämte mich immer mehr ... denn ich hatte Sie anfangs tatsächlich nur deshalb >angelockt<, wie Sie sich ausdrückten, dann aber wurde mir alles das sehr bald zuwider ... und diese ganze Verstellung hatte ich bald so satt, das können Sie mir glauben!« fügte sie mit bitterem Gefühl hinzu, »und überhaupt alle diese Suchereien!«

»Aber warum, warum haben Sie mich dann nicht einfach gefragt, ganz offen und ehrlich? Sie hätten nur zu sagen gebraucht: >Du weißt doch von diesem Brief, warum verstellst du dich?< -- und ich hätte Ihnen sofort alles gesagt, hätte sofort alles gestanden!«

»Ja, ich ... fürchtete Sie ein wenig. Ich muß gestehen, ich traute Ihnen nicht ganz. Und es ist doch wahr: wenn ich nicht ganz aufrichtig gewesen bin, so sind Sie es ja auch nicht gewesen,« schloß sie und lachte leise.

»Ja, wahrhaftig, ich hatte Ihr Vertrauen nicht verdient!« rief ich betroffen. »Oh, Sie kennen noch nicht die ganze unermeßliche Tiefe meines Falles!«

»Ach, sogar schon unermeßliche Tiefe! Ich erkenne Ihren Stil wieder,« lächelte sie still. »Dieser Brief,« fuhr sie traurig fort, »war die häßlichste und leichtsinnigste Tat meines Lebens. Das Bewußtsein dieser Tat ist mir eine ewige Selbstanklage gewesen. Ich habe unter dem Einfluß der Umstände und verschiedener Befürchtungen an meinem lieben, großmütigen Vater gezweifelt. Und da ich wußte, daß dieser Brief ... bösen Menschen in die Hände fallen konnte ... und da ich allen Grund hatte, das zu fürchten,« sagte sie erregt, »so zitterte ich bei dem Gedanken, daß man ihn benutzen, meinem Papa zeigen könnte ... Dieser Brief hätte auf ihn einen so schrecklichen Eindruck machen können ... bei seinem Zustande ... bei seiner angegriffenen Gesundheit ... er hätte aufgehört, mich zu lieben ... Ja,« fuhr sie fort und sah mir hell in die Augen, da sie in meinem Blick wohl einen flüchtigen Gedanken gelesen hatte, »ja, ich fürchtete auch für meine Zukunft: ich fürchtete, er könnte ... unter dem Einfluß seiner Krankheit ... mir seine Unterstützung entziehen ... Diese Sorge beunruhigte mich gleichfalls, aber ich habe ihm gewiß auch in dieser Beziehung unrecht getan: er ist so gut und großmütig, daß er mir bestimmt verziehen hätte. Und das war alles. Daß ich mich aber Ihnen gegenüber so verhalten habe, das war nicht richtig von mir,« schloß sie plötzlich wieder verlegen. »Jetzt muß ich mich vor Ihnen schämen.«

»Nein, Sie haben keinen Grund, sich vor mir zu schämen!« rief ich.

»Ich habe, in der Tat, auf ... Ihr heißes Temperament gerechnet ... und gestehe Ihnen das,« sagte sie leise mit gesenktem Blick.

»Katerina Nikolajewna! Wer, sagen Sie, wer zwingt Sie, mir dieses Geständnis zu machen?« rief ich wie trunken. »Sie hätten doch nur aufzustehen und mir in den gewähltesten Ausdrücken auf die feinste Weise zu erklären brauchen, wie zweimal zwei vier ist, daß, wenn auch etwas gewesen ist, eigentlich doch nichts gewesen sei, -- Sie wissen schon: wie man so in Ihren hohen Kreisen mit der Wahrheit umzugehen pflegt. Ich bin doch unerfahren und unschlau, ich hätte Ihnen sofort geglaubt, Ihnen hätte ich alles geglaubt, gleichviel was Sie gesagt hätten! Es hätte Ihnen doch nichts gekostet, so zu handeln? Sie können sich doch in der Tat nicht vor mir fürchten? Wie konnten Sie sich freiwillig so vor mir erniedrigen, vor mir, dem vorwitzigen Jungen, vor so einem traurigen Jüngling?«

»Darin wenigstens habe ich mich nicht vor Ihnen erniedrigt,« sagte sie mit freiem Stolz: sie hatte meine Worte offenbar nicht verstanden.

»Oh, im Gegenteil, im Gegenteil! Nur das sage ich ja die ganze Zeit ...!«

»Ach, das war so häßlich und so leichtsinnig von mir!« rief sie und legte ihre Hand auf die Augen. »Ich habe mich noch gestern so geschämt, und deshalb war ich auch so mißgestimmt, als Sie bei mir waren ... Es war ja nur,« fuhr sie auf einmal fort, »weil meine Verhältnisse sich so gestalteten, daß ich endlich die ganze Wahrheit über den Verbleib dieses unseligen Briefes erfahren mußte ... ich war ja schon daran, ihn ganz zu vergessen ... Denn ich habe Sie durchaus nicht nur deshalb bei mir empfangen,« fügte sie auf einmal hinzu.

Mein Herz erzitterte.

»Natürlich nicht,« sagte sie mit einem feinen Lächeln, »natürlich nicht nur deshalb! Ich ... Sie bemerkten vorhin sehr richtig, Arkadi Makarowitsch, wir hätten miteinander oft so gesprochen wie ein Student mit einem Studenten. Sie können mir glauben, daß ich mich in der Gesellschaft oft sehr langweile; besonders jetzt nach meiner Rückkehr aus dem Auslande und allen diesen Unglücksfällen in unserer Familie ... Ich gehe jetzt auch nur selten aus und das nicht nur aus Trägheit. Oft habe ich Lust, aufs Land zu ziehen. Dort würde ich noch einmal alle meine Lieblingsbücher lesen, die ich schon so lange nicht mehr in der Hand gehabt habe, und hier komme ich immer nicht dazu, sie wieder zu lesen. Ich habe mit Ihnen schon darüber gesprochen. Erinnern Sie sich noch, Sie lachten darüber, daß ich russische Zeitungen lese und sogar zwei Zeitungen täglich?«

»Ich habe nicht gelacht ...«

»Aber das hat Sie doch auch erregt, und ich habe Ihnen ja schon lange gestanden: ich bin Russin und liebe Rußland. Wissen Sie noch, wie wir immer zusammen die >Fakta< lasen, wie Sie sie nannten,« sagte sie lächelnd. »Sie waren zwar recht oft etwas ... wunderlich, aber Sie konnten sich manchmal so erregen und begeistern, und dann haben Sie immer eine treffende Bemerkung gemacht, und immer haben Sie sich gerade für das interessiert, was mich interessierte. Wenn Sie >Student< sind, sind Sie wirklich reizend und originell. Aber die anderen Rollen, die, scheint es, eignen sich weniger für Sie,« meinte sie mit einem entzückenden schelmischen Lächeln. »Wissen Sie noch, wie wir zuweilen stundenlang nur Zahlen zusammenrechneten und verglichen, wie wir zählten, wieviel Schulen es in Rußland gibt, in welcher Richtung sich bei uns die Aufklärung bewegt. Wir zählten die Morde und Kriminalfälle und zählten die guten Nachrichten und hielten sie dann gegeneinander ... wir wollten feststellen, wohin das alles strebte, und was schließlich aus uns selbst werden würde. Ich habe in Ihnen so viel echte Aufrichtigkeit gefunden. In der Gesellschaft spricht man mit uns Frauen niemals so. In der vorigen Woche versuchte ich mit dem Fürsten ...off über Bismarck zu sprechen, weil dieses Problem mich so interessiert und ich mir eine Lösung nicht denken konnte. Und stellen Sie sich vor, er setzte sich neben mich und begann mir alles zu erklären, sogar sehr eingehend und ausführlich, aber bei alledem doch mit diesem gewissen Sarkasmus, eben mit dieser für mich unerträglichen Nachsicht, mit der die >großen Männer< gewöhnlich mit uns Frauen sprechen, wenn wir uns >in Dinge einmischen, die uns nichts angehen< ... Und wissen Sie noch, wie wir uns wegen Bismarck einmal fast verzankt hätten? Sie erklärten mir, auch Sie hätten eine Idee, und die wäre sogar >viel reiner< als die Bismarcksche,« sagte sie lachend. »Ich bin in meinem Leben nur zwei Männern begegnet, die mit mir wirklich ganz ernsthaft gesprochen haben: meinem verstorbenen Mann, der ein sehr, sehr kluger und vornehmer Mensch war,« sagte sie überzeugt, »und dann noch -- Sie wissen, wem ...«

»Werssiloff!« rief ich. Ich lauschte fast atemlos auf jedes ihrer Worte.

»Ja, ich habe es sehr geliebt, ihm zuzuhören, ich sprach mit ihm schließlich ganz ... vielleicht gar zu aufrichtig, aber gerade dann glaubte er mir nicht!«

»Er glaubte Ihnen nicht?«

»Nein, und auch sonst hat mir ja noch nie jemand geglaubt.«

»Aber Werssiloff, Werssiloff!«

»Nicht nur, daß er mir nicht glaubte,« sagte sie mit gesenktem Blick und einem eigentümlichen Lächeln, »er meinte sogar, in mir wären >alle Laster< ...«

»Von denen kein einziges in Ihnen ist!«

»Doch, auch ich habe welche.«

»Werssiloff hat Sie nicht geliebt, deshalb hat er Sie auch nicht verstanden,« rief ich mit blitzenden Augen. In ihrem Gesicht zuckte es eigen.

»Lassen Sie das, und reden Sie mir nie wieder von ... diesem Menschen,« sagte sie erregt und abweisend. »Doch genug; es ist Zeit für mich.« Sie erhob sich, um aufzubrechen. »Nun, und wie wird es zwischen uns: verzeihen Sie mir, oder verzeihen Sie mir nicht?« fragte sie und sah mir hell in die Augen.

»Ich ... Ihnen ... verzeihen ...! Hören Sie mich, Katerina Nikolajewna, und seien Sie mir nicht böse: ist es wahr, daß Sie heiraten werden?«

»Das ist noch gar nicht entschieden,« sagte sie, als hätte irgend etwas sie erschreckt, und mit einer gewissen Verwirrung.

»Ist er ein guter Mensch? Verzeihen Sie, verzeihen Sie mir diese Frage!«

»Ja, ein sehr guter Mensch ...«

»Antworten Sie mir nicht mehr, würdigen Sie mich keiner Antwort mehr! Ich weiß doch, daß solche Fragen von mir etwas Unmögliches sind! Ich wollte ja nur wissen, ob er Ihrer wert ist, aber ich werde das schon selbst erfahren.«

»Ach, nein, das geht doch nicht!« sagte sie erschrocken.

»Nein, nein, ich werde es nicht, ich werde es nicht tun. Ich verzichte ... Aber nur das will ich Ihnen noch sagen: Gott gebe Ihnen jedes Glück, jedes, das Sie sich selbst wünschen ... dafür, daß auch Sie mir jetzt soviel Glück gegeben haben, in dieser einen Stunde! Sie haben sich jetzt auf ewig in mein Herz geprägt. Ich habe einen Schatz erworben: den Gedanken an Ihre Vollkommenheit. Ich argwöhnte Hinterlist, rohe Koketterie und war unglücklich ... denn ich konnte diesen Gedanken nicht mit Ihrem Bilde vereinigen ... In der letzten Zeit habe ich mich Tag und Nacht damit gequält, doch jetzt ist auf einmal alles klar und licht wie der Tag! Als ich herkam, dachte ich, ich würde Jesuitismus, Schlauheit und eine aushorchende Schlange finden, statt dessen fand ich Ehre und Stolz, fand einen >Studenten<! Sie lachen? Meinetwegen, lachen Sie nur, das tut nichts, das tut nichts! Sie sind doch eine Heilige, Sie können nicht über das lachen, was heilig ist ...«

»O nein, ich lache nur über Ihre schrecklichen Ausdrücke. Was ist das nun wieder für eine >aushorchende Schlange<?« lachte sie.

»Ihnen ist heute ein kostbares Wort entschlüpft,« fuhr ich begeistert fort. »Wie konnten Sie mir so von Angesicht zu Angesicht sagen, Sie hätten auf mein >heißes Temperament gerechnet<? Nun gut, mögen Sie als Heilige auch das gestanden haben -- da Sie sich schuldig glaubten und sich selbst strafen wollten ... obschon von einer Schuld gar nicht die Rede sein kann; denn wenn da auch etwas gewesen sein sollte, so ist doch nichts gewesen, da alles, was von Ihnen kommt, heilig ist! -- Aber Sie hätten doch gerade dieses Wort nicht zu sagen brauchen, nicht diesen Ausdruck ...! Eine solche geradezu unnatürliche Offenherzigkeit beweist nur Ihre hohe Keuschheit, Ihre Achtung vor mir, Ihren Glauben an mich,« rief ich wirr. »Oh, erröten Sie nicht, erröten Sie nicht ...! Und wer, wer hat Sie so verleumden und sagen können, Sie wären ... eine leidenschaftliche Frau? Oh, verzeihen Sie mir! -- Ich sehe einen gequälten Ausdruck in Ihrem Gesicht; verzeihen Sie einem außer sich geratenen Jüngling seine plumpen Worte! Aber kommt es denn jetzt auf Worte, auf Ausdrücke an? Stehen Sie denn nicht über allen Ausdrücken ...? Werssiloff hat mir einmal gesagt, Othello hätte nicht deshalb Desdemona getötet und dann sich selbst, weil er eifersüchtig war, sondern weil man ihm sein Ideal genommen hatte ... Ich kann das verstehen, denn mir hat man heute mein Ideal wiedergegeben!«

»Sie rühmen mich gar zu sehr, ich bin dessen nicht wert,« sagte sie mit innigem Gefühl. »Wissen Sie noch, was ich Ihnen einmal über Ihre Augen gesagt habe?« fügte sie, wie um abzulenken, als scherzhafte Frage hinzu.

»Daß ich nicht Augen hätte, sondern statt der Augen zwei Mikroskope, und daß ich aus jeder Fliege ein Kamel machte! Nein, diesmal übertreibe ich nicht ...! Wie, Sie gehen schon?«

Sie stand mitten im Zimmer, den Muff und ihren Schal in der Hand.

»Nein, ich warte, bis Sie gegangen sind, ich gehe später. Ich werde noch zwei Worte an Tatjana Pawlowna schreiben.«

»Ich gehe gleich, sofort, aber noch einmal: werden Sie glücklich, allein oder mit dem, den Sie erwählen, das gebe Gott! Ich aber -- ich brauche nichts weiter als ein Ideal!«

»Lieber, guter Arkadi Makarowitsch, glauben Sie mir, daß ich Sie ... Mein Vater sagt von Ihnen immer: >Dieser liebe, dieser gute Junge!< Glauben Sie mir, ich werde nie vergessen, was Sie mir von dem armen Jungen, der bei fremden Menschen untergebracht worden war, und von seinen einsamen Träumen erzählt haben ... Ich verstehe so gut, wie Ihre Seele sich unter diesen Verhältnissen entwickelt hat ... Aber jetzt,« fuhr sie mit einem bittenden und verlegenen Lächeln fort, indem sie meine Hand drückte, »jetzt dürfen wir uns, obschon wir Studenten sind, doch nicht mehr sehen, wir dürfen nicht mehr wie früher verkehren und, und ... Sie werden das doch wohl selbst einsehen?«

»Nicht mehr?«

»Nein, nicht mehr, lange nicht mehr ... daran bin ich nun schuld ... Ich sehe, daß das jetzt ganz unmöglich ist ... Wir werden uns wohl treffen, manchmal, bei Papa ...«

»Sie fürchten mein >heißes Temperament<, Sie trauen mir nicht?« wollte ich schon ausrufen; aber da sah ich, wie sehr sie sich auf einmal vor mir schämte, und die Worte kamen mir nicht über die Lippen.

»Sagen Sie,« hielt sie mich plötzlich noch einmal auf, als ich schon zur Tür ging, »haben Sie es selbst gesehen, daß ... dieser Brief zerrissen worden ist? Kann es nicht ein Irrtum sein? Wissen Sie es genau? Woher wußten Sie, daß es gerade dieser Brief an Andronikoff war?«

»Krafft hat mir seinen Inhalt erzählt und ihn mir sogar gezeigt ... Leben Sie wohl! Wenn ich bei Ihnen war, war ich schüchtern in Ihrer Gegenwart, aber wenn Sie hinausgingen, wäre ich hingestürzt, um die Stelle zu küssen, wo Ihr Fuß gestanden hatte ...« kam es plötzlich über meine Lippen, ich wußte selbst nicht, wie und wozu ich es sagte, und ich ging, ohne sie anzusehen, schnell aus dem Zimmer.

Ich fuhr schnurstracks nach Haus; ich war von Entzücken erfüllt. In meinem Kopf drehte sich alles wie im Wirbelsturm, und mein Herz war übervoll. Als ich vor dem Hause, in dem meine Mutter wohnte, vorfuhr, fiel mir plötzlich Lisas Undankbarkeit gegen Anna Andrejewna ein und ihr hartes ungeheuerliches Wort, das sie vorhin gesagt hatte, und auf einmal tat mir das Herz um sie alle weh!

»Wie hart doch ihrer aller Herzen sind! Und Lisa, was mag sie nur haben?« dachte ich, als ich aus dem Schlitten stieg.

Ich entließ meinen Schlitten und befahl ihm, um neun Uhr vor meiner Wohnung auf mich zu warten.

Fünftes Kapitel.

I.

Ich kam etwas zu spät, aber sie hatten sich noch nicht zu Tisch gesetzt und warteten auf mich. Wie ich sah, hatte man noch einige besondere Gerichte hinzugefügt, vermutlich deshalb, weil ich selten bei ihnen aß: Sardinen als Vorspeise usw. Aber zu meiner Verwunderung und zu meinem Bedauern sahen die Meinigen alle gleichsam sorgenvoll und verstimmt aus: Lisa lächelte kaum, als sie mich erblickte, und Mama war sichtlich beunruhigt; Werssiloff lächelte zwar, aber ich sah ihm an, daß er sich dazu zwingen mußte. »Sollten sie sich etwa verzankt haben?« dachte ich flüchtig. Übrigens ging zu Anfang alles gut: Werssiloff runzelte nur wegen der Suppe mit Klößchen die Stirn und schnitt ein Gesicht, als Srasy gereicht wurden.

»Ich brauche nur zu sagen, daß ich irgendeine Speise nicht vertrage, dann steht sie unfehlbar am nächsten Tage auf dem Tisch,« sagte er unwillkürlich geärgert.

»Aber was soll man sich denn ausdenken, Andrei Petrowitsch? Es fällt einem doch wirklich nichts Neues ein,« sagte meine Mutter zaghaft.

»Deine Mutter ist das gerade Gegenteil von einigen unserer Zeitungen, bei denen alles gut ist, was neu ist,« versuchte Werssiloff etwas humoristisch und freundschaftlich zu scherzen, aber es mißlang ihm, und er erschreckte meine Mutter nur noch mehr, die von diesem Vergleich mit den Zeitungen natürlich nichts begriff und verständnislos von einem zum anderen sah.

Da kam Tatjana Pawlowna; sie sagte, sie hätte schon gegessen, und setzte sich neben Mama auf den Diwan.

Mir war es nicht gelungen, die Geneigtheit dieser Dame zu erwerben; ja, sie verhielt sich jetzt noch feindlicher gegen mich und fiel schließlich wegen jeder Kleinigkeit über mich her. Besonders in der letzten Zeit hatte sich ihre Unzufriedenheit mit mir sehr gesteigert: meine stutzerhafte Kleidung konnte sie einfach nicht sehen, und wie Lisa mir erzählte, war sie beinahe in Ohnmacht gefallen, als es einmal zur Sprache kam, daß ich mir den Schlitten hielt. Kurz, ich hatte in der letzten Zeit Begegnungen mit ihr nach Möglichkeit zu vermeiden gesucht. Damals, nach Werssiloffs Verzicht auf die Erbschaft, vor zwei Monaten, war ich schleunigst zu ihr gegangen, um mit ihr über Werssiloffs Handlungsweise zu sprechen, hatte aber bei ihr nicht das geringste Verständnis gefunden: sie war sogar sehr erbittert gewesen; denn es gefiel ihr gar nicht, daß alles und nicht nur die Hälfte zurückgegeben worden war; mich aber hatte sie auf einmal sogar scharf angefahren:

»Und du bildest dir jetzt wohl ein, er hätte das Geld zurückgegeben und zum Duell gefordert, einzig um deine Meinung über sich zu verbessern!«

Und sie hatte es auch wirklich fast erraten: im geheimen hatte ich tatsächlich etwas Ähnliches gedacht.

Als sie jetzt eintrat, fühlte ich sofort, daß sie mich unbedingt wieder angreifen würde; ja, ich war bis zu einem gewissen Grade sogar überzeugt, daß sie eigentlich nur zu dem Zweck gekommen war, und deshalb benahm ich mich auf einmal recht ungezwungen und flott; und das kostete mich auch nicht die geringste Anstrengung, da ich mich nach dem letzten Erlebnis immer noch in strahlend freudiger Stimmung befand. Ich möchte hier ein für allemal bemerken, daß Flottheit in meinem ganzen Leben nicht zu mir gepaßt hat, das heißt, sie paßt nun einmal nicht zu meinem Gesicht und hat mir bisher auch immer nur Schande gebracht. So geschah es auch jetzt: im Augenblick legte ich mich selbst hinein. Da es mir zufällig auffiel, daß Lisa so wortkarg war, bemerkte ich plötzlich, rein aus Leichtsinn, ohne jede böse Absicht und überhaupt ganz unbedacht:

»Alle Jubeljahre einmal esse ich hier bei euch, und da mußt du, Lisa, ausgerechnet heute so trübselig sein!«

»Ich habe Kopfschmerzen,« erwiderte Lisa.

»Ach, mein Gott, so hört doch nur!« fuhr Tatjana Pawlowna sogleich auf, »darf sie denn nicht auch einmal Kopfschmerzen haben? Bloß weil der hochverehrte Arkadi Makarowitsch zum Essen herüberzukommen geruht hat, muß sie gleich tanzen und ihn amüsieren!«

»Sie sind wahrhaftig das Unglück meines Lebens, Tatjana Pawlowna! Nie wieder werde ich herkommen, wenn Sie hier sind!« Ich schlug in ehrlichem Ärger mit der Hand auf den Tisch; Mama fuhr zusammen, und Werssiloff sah mich sonderbar an. Da lachte ich auf und entschuldigte mich.

»Tatjana Pawlowna, ich nehme mein Wort zurück,« wandte ich mich an sie und fuhr immer noch fort, den Flotten zu spielen.

»Nein, nein,« wehrte sie kurz ab, »es ist mir viel schmeichelhafter, dein Unglück zu sein, als umgekehrt, sei versichert!«

»Mein Lieber, die kleinen Unglücksfälle des Lebens muß man übersehen können,« meinte Werssiloff lächelnd, »ohne Unglück lohnt es sich nicht zu leben.«

»Wissen Sie, Sie sind mitunter schrecklich konservativ,« rief ich und lachte nervös.

»Mein Freund, das ist nebensächlich.«

»Nein, nicht nebensächlich! Warum sagen Sie einem Esel nicht die Wahrheit, wenn er ein Esel ist?«

»Sprichst du nicht gar von dir selbst? Erstens will ich keines Menschen Richter sein und kann's auch nicht.«

»Warum wollen Sie nicht, und warum können Sie nicht?«

»Teils aus Faulheit, teils aus Widerwillen. Eine kluge Frau hat mir einmal gesagt, ich hätte kein Recht, über andere zu richten, weil ich >nicht zu leiden verstünde<; um Richter über andere werden zu können, müsse man sich das Recht zum Richten durch Leid erst verdienen. Ein wenig hochtrabend, aber in der Anwendung auf mich vielleicht doch richtig, so daß ich mich sogar bereitwilligst diesem Urteil unterwarf.«

»Hat Ihnen das wirklich Tatjana Pawlowna gesagt?« fragte ich überrascht.

»Woher weißt du das?« Werssiloff sah mich mit einiger Verwunderung an.

»Ich habe es aus Tatjana Pawlownas Gesicht erraten: es zuckte in ihm etwas, als Sie das sagten.«

Ich hatte es wirklich ganz zufällig erraten. Später stellte sich heraus, daß Tatjana Pawlowna diese Worte am Abend vorher in einem hitzigen Gespräch zu Werssiloff gesagt hatte. Und überhaupt, das sei nochmals gesagt, warf ich mich ihnen mit meiner Freude und meiner Mitteilsamkeit sehr zur unrechten Zeit an den Hals: jeder von ihnen hatte sein Leid, und keines davon war leicht.

»Nein, das verstehe ich nicht,« sagte ich, »das ist alles so abstrakt; und überhaupt ist das ein Zug von Ihnen: Sie lieben es furchtbar, abstrakt zu sprechen, Andrei Petrowitsch; das ist ein egoistischer Zug: abstrakt zu sprechen lieben nur Egoisten.«

»Nicht dumm gesagt, aber dränge dich nicht auf.«

»Nein, erlauben Sie mal,« fuhr ich fort, ihnen auf den Leib zu rücken, »was heißt das: >das Recht zum Richten sich durch Leid verdienen<? Wer ehrlich ist, der kann auch Richter sein -- das ist meine Meinung.«

»In dem Fall wirst du wohl nicht viele Richter zusammenbringen.«

»Einen kenne ich schon.«

»Wer ist denn das?«

»Er sitzt hier und spricht mit mir.«

Werssiloff lächelte sonderbar, beugte sich zu meinem Ohr, und, indem er mich an der Schulter faßte, flüsterte er mir zu: »Der belügt dich in allem.«

Bis heute verstehe ich noch nicht, was er damals im Sinn hatte, doch offenbar war er in dem Augenblick innerlich sehr erregt (infolge einer besonderen Nachricht, wie ich mir später überlegte). Aber dieses Wort: »Der belügt dich in allem« war so unerwartet und so ernst gesagt und mit einem so sonderbaren, gar nicht scherzhaften Ausdruck, daß ich unwillkürlich nervös zusammenzuckte, beinahe erschrak und ihn entsetzt ansah; aber schon besann sich Werssiloff und lachte auf.

»Ach nun, Gott sei Dank!« sagte Mama, die es erschreckt hatte, daß er mir etwas ins Ohr gesagt, »ich, ich dachte schon, weiß Gott ... Du, Arkascha, sei uns nicht böse; kluge Leute wirst du überall finden, aber wer würde dich wohl liebhaben, wenn wir nicht da wären?«

»Das ist eben das Unsittliche an der verwandtschaftlichen Liebe, Mama, daß sie unverdiente Liebe ist. Liebe muß man verdienen.«

»Ach, bis du sie dir erst verdienst, das wird lange dauern, hier aber wirst du schon so und umsonst geliebt.«

Da mußten alle lachen.

»Nun, Mama, Sie hatten vielleicht gar nicht die Absicht, zu schießen, aber den Vogel haben Sie doch getroffen!« rief ich, gleichfalls lachend.

»Und du hast dir wohl eingebildet, daß du Liebe schon wirklich irgendwie verdient hättest?« fiel Tatjana Pawlowna wieder über mich her. »Sie lieben dich hier nicht nur ohne dein Verdienst, sie lieben dich sogar trotz ihres Ekels vor dir!«

»Ach nein, so ist es doch nicht!« rief ich lustig. »Wissen Sie vielleicht, wer mir heute gesagt hat, daß er mich liebt?«

»Gesagt, indem man sich über dich lustig machte!« fiel mir Tatjana Pawlowna sofort erbost und geradezu verblüffend schlagfertig ins Wort, ganz, als hätte sie gerade auf diese Bemerkung von mir nur gewartet. »Jeder anständige Mensch, und besonders jede Frau, muß ja allein schon vor deinem seelischen Schmutz Ekel empfinden. Du hast einen Scheitel auf dem Kopf und die feinste Wäsche an, und deinen Anzug hat ein französischer Schneider gearbeitet, aber dabei ist das alles doch nur Schmutz! Wer ist es, der deine Kleider bezahlt, dich ernährt, dir Geld gibt, um Roulette zu spielen? Besinne dich, von wem du das Geld anzunehmen dich nicht schämst!«

Mama wurde vor Scham so rot, wie ich sie noch nie erröten gesehen hatte. In mir krampfte sich alles zusammen.

»Wenn ich verschwende, so verschwende ich mein eigenes Geld und bin keinem Rechenschaft schuldig,« versuchte ich das Gespräch kurz abzubrechen, wurde aber doch feuerrot.

»Dein eigenes? Seit wann dein eigenes?«

»Wenn nicht meines, so ist es doch Andrei Petrowitschs Geld. Er wird es mir nicht abschlagen ... Ich habe es vom Fürsten genommen, à conto{[42]} des Geldes, das er Andrei Petrowitsch schuldet ...«

»Mein Freund,« sagte plötzlich Werssiloff in sehr bestimmtem Ton, »von seinem Gelde gehört mir keine Kopeke.«

Dieser Satz war nur zu bedeutungsvoll. Ich blieb stumm vor Überraschung. Oh, wenn ich jetzt an meine damalige paradoxe und sorglose Stimmung denke, so sage ich mir, daß ich mich in dem Augenblick sicherlich durch einen »edlen« Impuls oder mit einem schlagfertigen Wort oder sonstwie herausgerissen hätte, aber da sah ich auf einmal in Lisas finsterem Gesicht einen bösen, anklagenden Ausdruck, einen ungerechten Vorwurf, fast Spott, und da war's, als ritte mich der Teufel:

»Und Sie, mein Fräulein,« wandte ich mich plötzlich an sie, »Sie scheinen ja neuerdings sehr oft Darja Onissimowna in der Wohnung des Fürsten zu besuchen? Vielleicht ist es Ihnen gefällig, ihm diese dreihundert Rubel zu übergeben, da Sie mich dieses Geldes wegen heute schon so geschunden haben!«

Ich zog die Dreihundert hervor und hielt sie ihr hin. Wird man es mir glauben, daß ich diese dummen Worte ganz unbedacht sagte, das heißt, ohne die geringste Anspielung auf irgend etwas. Und das war ja auch ganz natürlich; denn ich hatte doch damals noch keine Ahnung davon, worauf diese Worte eine Anspielung hätten sein können. Ich hatte eigentlich nur den Wunsch gehabt, sie ein wenig zu sticheln, und zwar mit einer verhältnismäßig ganz harmlosen Bemerkung, die ungefähr soviel sagen sollte, wie: »Wenn Sie, mein Fräulein, sich um Dinge kümmern, die Sie nichts angehen, würde es Ihnen dann nicht auch gefällig sein, mit diesem Fürsten zusammenzukommen, mit dem jungen Kavalier und Petersburger Leutnant, und ihm dieses Geld selbst einzuhändigen, da Sie sich ja so gern in die Angelegenheiten junger Männer einmischen!« Aber wie groß war meine Bestürzung, als plötzlich meine Mutter aufstand und mir mit dem Finger drohend erregt zurief:

»Untersteh dich nicht, untersteh dich nicht!«

So etwas hätte ich von ihr nie im Leben erwartet! Ich sprang auf, nicht vor Schreck, sondern wie vor Schmerz, gleichsam mit einer qualvollen Wunde im Herzen, weil ich plötzlich erriet, daß etwas Schweres geschehen war. Aber meine Mutter hielt es nicht lange aus: sie bedeckte das Gesicht mit den Händen und verließ schnell das Zimmer. Lisa ging ihr nach, ohne auch nur einen Blick auf mich zu werfen. Tatjana Pawlowna sah mich wohl eine halbe Minute lang schweigend an:

»Solltest du wirklich dich jetzt herauslügen können?« rief sie schließlich rätselhaft und sah mich mit größter Verwunderung an, doch wartete sie meine Antwort nicht ab und eilte ihnen nach. Werssiloff erhob sich mit feindseligem, fast bösem Gesicht und nahm vom Ecktisch seinen Hut.

»Mir scheint, du bist gar nicht so dumm, sondern nur ahnungslos,« sagte er undeutlich, mit halbem Spott. »Wenn sie kommen, so sage ihnen, daß sie mit der Torte nicht auf mich warten sollen: ich gehe ein wenig an die Luft.«

Ich blieb allein; zunächst fand ich alles nur sonderbar, dann kränkend, und schließlich wurde es mir ganz klar, daß ich der Schuldige war. Allerdings wußte ich nicht genau, was ich denn nun verbrochen haben konnte, aber ich hatte doch ein gewisses Schuldgefühl. Ich saß am Fenster und wartete. Nach ungefähr zehn Minuten nahm ich gleichfalls meinen Hut und ging nach oben, in mein ehemaliges Giebelstübchen. Ich wußte, daß sie dort waren, das heißt Mama und Lisa, und daß Tatjana Pawlowna sie schon verlassen hatte. Und so fand ich sie auch beide oben im Stübchen auf meinem Diwan sitzend und flüsternd. Als ich erschien, verstummten sie sogleich. Zu meinem Erstaunen waren sie mir gar nicht böse; meine Mutter wenigstens lächelte mir zu.

»Mama, ich möchte um Verzeihung bitten ...« begann ich.

»Schon gut, schon gut, tut ja nichts,« unterbrach mich meine Mutter, »wenn ihr euch nur immer liebhabt und nicht zankt, so wird euch Gott auch schon Glück geben.«

»Er wird mich niemals wissentlich kränken, Mama, glauben Sie mir!« sagte Lisa überzeugt und mit aufrichtigem Gefühl.

»Wenn nicht diese Tatjana Pawlowna dagewesen wäre, so wäre auch nichts geschehen,« rief ich geärgert. »So ein schändliches Weibsbild!«

»Sehen Sie, Mama? Hören Sie?« fragte Lisa, indem sie auf mich wies.

»Ich werde euch folgendes sagen,« erklärte ich auf einmal, »wenn in der Welt etwas schlecht ist, so bin ich allein dieses Schlechte, alles übrige ist einfach wundervoll!«

»Arkascha, sei nicht böse, Lieber, aber wirklich, wenn du aufhören wolltest ...«

»Zu spielen? Ja, ich werde aufhören, Mama: heute gehe ich zum letztenmal hin, das ist doch selbstverständlich, nachdem Andrei Petrowitsch erklärt hat, daß er beim Fürsten keine Kopeke zugute habe. Sie glauben mir nicht, wie sehr ich mich schäme ... Übrigens muß ich mit ihm noch Rücksprache nehmen ... Mama, Liebe, das vorige Mal habe ich hier ... ein häßliches Wort gesagt ... Mamachen, das war nicht ernst gemeint: es ist mein aufrichtiger Wunsch, zu glauben, damals aber lästerte ich nur so; ich liebe Christus sehr ...«

Es war das letztemal zwischen uns zu einem Gespräch über dieses Thema gekommen, und meine Äußerungen hatten meine Mutter sehr betrübt und erregt. Als sie jetzt meine Entschuldigung hörte, lächelte sie mir zu wie einem kleinen Kinde:

»Christus verzeiht alles, Arkascha, verzeiht auch deine Lästerung. Christus ist aller Vater, Christus bedarf nichts und wird noch in der tiefsten Finsternis leuchten ...«

Ich verabschiedete mich von ihnen und ging. Ich dachte über die Möglichkeit nach, heute noch Werssiloff zu sehen; ich mußte mit ihm unbedingt sprechen, vorhin aber war das nicht möglich gewesen. Ich vermutete stark, daß er in meiner Wohnung wartete! Ich ging zu Fuß: es war warm gewesen, jetzt begann es leicht zu frieren und es war sehr angenehm zu gehen.

II.

Ich wohnte in der Nähe der Wosnessenskibrücke in einem großen Miethaus, aber im Hofgebäude. Als ich durch das Hoftor trat, stieß ich auf Werssiloff, der aus meiner Wohnung kam.

»Ich bin auf meinem Spaziergang nach alter Gewohnheit bis zu deiner Wohnung gegangen, habe sogar eine Weile bei Pjotr Ippolitowitsch auf dich gewartet, aber es wurde mir zu langweilig. Sie zanken sich dort ewig bei dir, und heute hat sich die kranke Frau sogar ins Bett gelegt und weint. So bin ich denn wieder gegangen.«

Ich weiß nicht, weshalb ich mich auf einmal über ihn ärgerte.

»Sie scheinen ja überhaupt nur zu mir zu gehen und außer mir und Pjotr Ippolitowitsch in ganz Petersburg keinen Menschen zu kennen?«

»Mein Freund ... das ist ja so gleichgültig.«

»Wohin denn jetzt? Gehen wir doch zu mir.«

»Nein, noch einmal gehe ich nicht zu dir. Wenn du willst, können wir einen Spaziergang machen, der Abend ist herrlich.«

»Wenn Sie mit mir nicht von Ihren abstrakten Betrachtungen gesprochen hätten, sondern menschlich, wenn Sie mir zum Beispiel nur ein Wort gesagt hätten über dieses verwünschte Spiel, so wäre ich vielleicht nicht wie ein Esel in alles das hineingeraten,« sagte ich auf einmal.

»Du bereust also? Das ist gut,« erwiderte er seltsam durch die Zähne. »Ich habe vorausgesehen, daß das Spiel bei dir nicht zur Hauptsache werden kann, sondern nur eine zeit--wei--lige Verirrung ist ... Du hast recht, mein Freund, das Spiel ist eine Schweinerei, und hinzu kommt noch, daß man verlieren kann.«

»Und sogar fremdes Geld.«

»Hast du denn auch fremdes Geld verloren?«

»Das Geld gehörte Ihnen. Ich nahm es vom Fürsten auf Ihr Guthaben hin. Das war natürlich eine furchtbare Unverschämtheit und Dummheit von mir ... mit Ihrem Gelde wie mit eigenem umzugehen, aber ich wollte immer das Verlorene zurückgewinnen.«

»Ich möchte dich nochmals darauf aufmerksam machen, mein Lieber, daß mir von seinem Gelde nichts gehört. Ich weiß, daß der junge Mann selbst in Geldverlegenheit ist, und ich rechne überhaupt nicht auf irgendwelches Geld von ihm, trotz seines ganzen Versprechens.«

»Ja, aber, wenn es so ist, dann ist ja meine Lage doppelt so schlimm ... sie ist einfach lächerlich! Und aus welchem Grunde hat er mir dann das Geld geliehen, und mit welchem Recht habe ich es überhaupt angenommen?«

»Das zu beurteilen ist nun wohl deine Sache ... Aber wüßtest du nicht doch irgendeinen Grund, der vielleicht ein Anlaß für dich gewesen wäre, von ihm das Geld anzunehmen, was meinst du?«

»Außer unserer Freundschaft ...«

»Ja, noch außer der Freundschaft? Gibt es nicht doch irgend etwas, auf Grund dessen es dir möglich erschienen wäre, das Geld von ihm anzunehmen? Nun, sagen wir, aus irgendwelchen besonderen Erwägungen?«

»Aus welchen Erwägungen? Ich verstehe nicht.«

»Nun, um so besser, daß du es nicht verstehst, und ich kann dir offen sagen, mein Freund, daß ich immer davon überzeugt gewesen bin. Brisons là, mon cher,{[43]} und versuch einmal, das Spielen aufzugeben.«

»Hätten Sie mir das doch früher gesagt! Und auch jetzt sagen Sie es nur so wie beiläufig!«

»Wenn ich dir das früher gesagt hätte, so hätten wir uns nur verzankt, und du hättest mich an den Abenden nicht mehr so gern bei dir empfangen. Und merke dir, mein Lieber, daß alle diese belehrenden guten Ratschläge im voraus -- nur ein sich Eindrängen in ein fremdes Gewissen sind, und das noch auf fremde Kosten. Ich habe mich genug in fremde Gewissen eingedrängt und zu guter Letzt nur Nasenstüber und Spott geerntet. Übrigens sind die Nasenstüber und der Spott natürlich gleichgültig, aber die Hauptsache ist, daß man auf diese Weise nichts erreicht: niemand wird auf dich hören ... und alle werden dich bald nicht mehr mögen.«

»Es freut mich, daß Sie mit mir endlich einmal nicht von Abstraktem zu sprechen anfangen. Ich will Sie auch etwas fragen, schon lange wollte ich das, aber es war mir immer nicht möglich, mit der Frage herauszurücken. Gut, daß wir jetzt auf der Straße sind. Erinnern Sie sich noch jenes Abends zu Hause, des letzten Abends, vor zwei Monaten, wie wir da in meinem Giebelstübchen saßen und ich Sie über Makar Iwanowitsch ausfragte und über Mama, -- erinnern Sie sich noch, wie ungeniert ich damals mit Ihnen sprach? Wie konnten Sie es zulassen, daß so ein Grünschnabel in solchen Ausdrücken von seiner Mutter sprach? Sie aber, Sie ließen keine Silbe darüber fallen, sogar im Gegenteil, Sie gaben sich gleichfalls möglichst frei, und damit erlaubten Sie mir noch mehr Freiheiten.«

»Mein Freund, du weißt nicht, wie es mich freut, das von dir zu hören ... gerade diese Gefühle ... Ja, ich erinnere mich dieses Abends noch sehr genau: ich wartete damals in der Tat darauf, Schamröte in dein Gesicht steigen zu sehen; und wenn ich selbst auf deinen Ton einging, ja, dich noch herausforderte, so geschah das meinerseits vielleicht nur zu dem Zweck, um dich bis an die Grenze zu führen ...«

»Und haben mich dabei nur irregeführt und den reinen Quell in meiner Seele nur noch mehr getrübt! Ja, ich bin ein trauriger Halbwüchsling und weiß oft selbst nicht, was gut und was böse ist. Hätten Sie mir damals nur ein wenig, wenn auch nur andeutungsweise, den Weg gewiesen, so hätte ich mich schon zurechtgefunden und hätte den richtigen Weg betreten. Sie aber haben mich damals nur erbost.«

»Cher enfant, ich habe immer geahnt, daß wir zwei, ob nun so oder so, jedenfalls einmal zusammenkommen würden: diese >Schamröte< ist dir doch jetzt von selbst ins Gesicht gestiegen, ohne meine Anleitung, und das ist, glaube mir, für dich selbst besser ... Du hast, mein Lieber, in der letzten Zeit viel gewonnen ... sollte das wirklich auf deinen Verkehr mit diesem Fürstlein zurückzuführen sein?«

»Loben Sie mich nicht, das mag ich nicht. Erwecken Sie in meinem Herzen nicht den quälenden Verdacht, daß Sie mich aus Jesuitismus loben, zum Schaden der Wahrheit, nur um mir mehr zu gefallen. In der letzten Zeit aber ... sehen Sie ... ich habe viel mit Damen verkehrt. Ich bin zum Beispiel von Anna Andrejewna sehr freundlich aufgenommen worden, wissen Sie das schon?«

»Ich weiß es von ihr selbst, mein Freund. Ja, sie ist sehr nett und klug. Mais brisons là, mon cher.{[44]} Ich bin heute in einer ganz sonderbar widerwärtigen Stimmung -- ist es nun Melancholie oder was? Es muß wohl von der Verdauung herrühren. Nun, was geschah denn noch zu Hause? Nichts weiter? Du hast dich dort natürlich versöhnt, und zum Schluß gab es Umarmungen. Cela va sans dire.{[45]} Manchmal macht es mich geradezu traurig, zu ihnen zurückzukehren, auch wenn das Spazierengehen einem noch so widerlich wird. In der Tat, ich mache im Regen oft noch einen überflüssigen Umweg, nur um die Rückkehr in dieses Heim nach Möglichkeit hinauszuschieben ... Die Langeweile, die Langeweile, o Gott!«

»Mama ...«

»Deine Mutter -- ist das vollkommenste und herrlichste Wesen, mais{[46]} ... Mit einem Wort, ich bin ihrer wohl nicht wert. Übrigens, was ist ihnen heute eigentlich widerfahren? In den letzten Tagen sind sie alle ohne Ausnahme so ... Ich bemühe mich zwar, so etwas zu ignorieren, aber heute muß ihnen doch etwas begegnet sein ... Ist dir denn nichts aufgefallen?«

»Ich weiß von nichts, und ich hätte auch nichts bemerkt, wenn nicht diese verwünschte Tatjana Pawlowna dazwischengekommen wäre, die selbstverständlich immer wie ein Hackenbeißer einen anfallen muß! Sie haben recht: da muß irgend etwas geschehen sein. Vorhin traf ich Lisa bei Anna Andrejewna, und auch dort war sie schon so eigentümlich ... ich wunderte mich noch über sie. Sie wissen doch, daß Anna Andrejewna mit ihr verkehrt?«

»Ich weiß es, mein Freund. Aber ... wann warst du denn heute bei Anna Andrejewna, ich meine, um wieviel Uhr? Ich möchte das aus einem bestimmten Grunde wissen.«

»Von zwei bis drei. Und können Sie sich denken, als ich sie verließ, kam der Fürst zu ihr ...«

Und ich erzählte ihm meinen ganzen Besuch bis in alle Einzelheiten. Er hörte alles schweigend an; zu der Möglichkeit, daß der Fürst ihr vielleicht einen Heiratsantrag hatte machen wollen, äußerte er kein Wort, und zu meinem begeisterten Lob Anna Andrejewnas bemerkte er nur beiläufig, »ja, sie kann sehr liebenswürdig sein«.

»Ich habe sie heute auch sehr überrascht, indem ich ihr die letzte frischgebackene Neuigkeit aus der Gesellschaft mitteilte: daß Katerina Nikolajewna Achmakoff den Baron Bjoring heiraten wird,« sagte ich auf einmal, als hätte sich irgend etwas plötzlich in mir losgerissen.

»Ja? Nun, dieselbe >Neuigkeit< hat sie mir heute schon am Morgen erzählt, vor zwölf, also schon viel früher, als du sie damit überraschen konntest.«

»Was sagen Sie?« Verdutzt blieb ich stehen. »Aber woher hat sie denn das erfahren können? Übrigens, was fällt mir ein! Selbstverständlich hat sie das schon früher als ich erfahren können, aber denken Sie sich: sie hat doch meine Mitteilung wie eine überraschende Neuigkeit angehört ...! Übrigens ... übrigens, was verlange ich denn? Es lebe die Weitherzigkeit! Muß man nicht weitherzig alle Charaktere zulassen, ist's nicht so? Ich, zum Beispiel, hätte sofort alles ausgeplaudert, sie aber hat es wie in eine Schnupftabaksdose eingeschlossen ... Aber wenn auch, wenn auch, nichtsdestoweniger ist sie ein herrliches Geschöpf und ein prachtvoller Charakter!«

»Oh, zweifellos, ein jeder nach seiner Art! Und was das Originellste ist: diese prachtvollen Charaktere verstehen einen mitunter auf eine ganz eigenartige Weise zu überraschen; stelle dir vor: Anna Andrejewna verblüffte mich heute auf einmal mit der Frage, ob ich Katerina Nikolajewna Achmakoff liebe oder nicht?«

»Was für eine verrückte, undenkbare Frage!« rief ich, wieder ganz verdutzt. Im Moment flimmerte es sogar vor meinen Augen. Noch niemals hatte ich mit ihm von diesem Thema zu sprechen gewagt, und da begann er nun selbst ...

»Womit begründete sie denn ihre Frage?«

»Mit nichts, mein Freund; die Schnupftabaksdose schloß sich gleich darauf nur noch fester, und was das Auffallendste ist: sie hat mich das gefragt, obgleich ich niemals auch nur die Möglichkeit ähnlicher Gespräche zwischen ihr und mir zugelassen habe, und sie gleichfalls ... Übrigens, du sagst ja, daß du sie kennst, folglich kannst du dir denken, wie eine solche Frage zu ihr paßt ... oder weißt du vielleicht etwas zur Erklärung hierfür?«

»Ich bin ebenso überrascht wie Sie. Vielleicht war es Neugier von ihr oder nur ein Scherz?«

»Oh, im Gegenteil, es war die ernsteste Frage, und eigentlich nicht nur eine Frage, sondern einfach eine sehr kategorische Anfrage, und zwar eine aus einem ganz bestimmten Grunde und offenbar zu einem außergewöhnlichen Zweck. Wirst du nicht bald wieder bei ihr vorsprechen? Könntest du nicht Näheres erfahren? Ich würde dich sogar darum bitten; denn, sieh mal ...«

»Aber auch nur die Möglichkeit, erstens mal, nur die Möglichkeit, anzunehmen, daß Sie Katerina Nikolajewna lieben könnten! Verzeihen Sie, aber ich kann es noch immer nicht fassen. Niemals, niemals habe ich mir erlaubt, über dieses oder ein ähnliches Thema mit Ihnen zu sprechen ...«

»Und das war sehr vernünftig von dir, mein Lieber.«

»Ihre früheren Intrigen und Ihre Beziehungen -- dieses Thema ist zwischen uns, versteht sich, kein passendes Gespräch, und es wäre taktlos von mir, davon überhaupt anzufangen; aber gerade in der letzten Zeit, in den letzten Tagen, habe ich mehrmals innerlich ausgerufen: Ach, wenn Sie diese Frau doch wenigstens irgend einmal geliebt hätten, wenigstens einen Augenblick! -- Oh, dann hätten Sie sie niemals so falsch beurteilt, hätten nie einen solchen Fehler begehen können in Ihrem Urteil über sie! Wie es geendet hat, das weiß ich: ich weiß von Ihrer gegenseitigen Feindschaft und Ihrem gegenseitigen Abscheu, ich weiß, ich habe davon gehört, habe alles gehört, schon in Moskau habe ich davon gehört. Aber daraus geht doch als erstes nur zu klar und deutlich die Tatsache der gegenseitigen Abneigung, der erbitterten Feindschaft, also des Gegenteils der Liebe hervor, und da fragt nun Anna Andrejewna: >Lieben Sie sie?< Sollte sie denn wirklich so schlecht unterrichtet sein? Das ist doch nicht zu glauben! Sie hat nur gescherzt, ich versichere Sie, sie hat wirklich nur gescherzt!«

»Aber, mein Lieber, mich deucht,« -- in seiner Stimme klang plötzlich etwas Nervöses und Inniges, zum Herzen Dringendes, was bei ihm nur furchtbar selten vorkam -- »mich deucht, du sprichst ja selbst etwas gar zu leidenschaftlich von dieser Sache. Du sagtest vorhin, daß du mit Damen verkehrst ... natürlich, so dich auszufragen, ist mir gewissermaßen ... gerade über dieses Thema, wie du sagtest ... Aber steht nicht auch >diese Frau< auf der Liste deiner neuen Bekannten?«

»Diese Frau ...« meine Stimme zitterte plötzlich, »hören Sie, Andrei Petrowitsch, hören Sie: diese Frau ist das, was Sie heute beim Fürsten vom >lebendigen Leben< sagten, -- erinnern Sie sich? Sie sagten, dieses lebendige Leben ist etwas so Ungekünsteltes und Einfaches, etwas, was so klar und offen einen ansieht, daß man gerade wegen dieser Klarheit und Offenheit nicht glauben kann, daß dieses wirklich dasselbe sei, was wir unser ganzes Leben lang mit solcher Sehnsucht suchen ... Nun, sehen Sie, und mit einem solchen Blick ist Ihnen eine Frau begegnet, das Ideal einer Frau, Sie aber haben in diesem Ideal, in dieser Vollkommenheit nur >alle Laster< zu sehen geglaubt! Da haben Sie's!«

Der Leser kann daraus wohl ersehen, in welch einem Rausch ich mich befand.

»>Alle Laster<! Oho! Diesen Ausspruch kenne ich!« rief Werssiloff. »Aber wenn es schon so weit gekommen ist, daß man dir diesen Ausspruch mitgeteilt hat, kann man dir dann nicht schon zu etwas gratulieren? Das verrät ja eine solche Intimität zwischen euch, daß man dich noch loben muß wegen deiner Anständigkeit und Verschwiegenheit, zu der nur selten ein junger Mann in solchem Falle fähig ist ...«

In seiner Stimme vibrierte ein liebes, freundschaftliches, zärtliches Lachen ... etwas Ermunterndes, Liebes lag in seinen Worten und auch in seinem hellen Gesicht, soviel ich in der Dunkelheit erkennen konnte. Er war erstaunlich belebt. Ich erstrahlte unwillkürlich.

»Anständigkeit, Verschwiegenheit! O nein, nein!« rief ich errötend und drückte gleichzeitig krampfhaft seine Hand, die ich auf einmal, ich weiß nicht wie, erfaßt hatte und nicht mehr losließ. »Nein, unter keinen Umständen ...! Mit einem Wort, mir ist zu nichts zu gratulieren, und es kann da auch niemals, niemals etwas geschehen,« sprach ich atemlos weiter und schwebte schon gleichsam in der Luft, und ich hatte solche Lust, zu fliegen, und es war mir so angenehm, daß ich flog. »Wissen Sie ... mag es denn einmal sein, nur ein einziges kleines Mal! Sehen Sie, mein liebster, herrlicher Papa, -- Sie erlauben mir doch, Sie Papa zu nennen -- sehen Sie, von seinen Beziehungen zu einer Frau darf man nicht nur nicht als Sohn mit dem Vater, sondern überhaupt mit keinem Dritten sprechen, selbst wenn diese Beziehungen noch so rein sind! Ja, je reiner sie sind, um so mehr muß man das Schweigen hüten! Anders wäre es ekelhaft, wäre roh, kurz, ein Dritter ist unmöglich! Aber wenn nichts, nichts geschehen ist, nicht das geringste, dann darf man doch sprechen, dann darf man doch?«

»Je nachdem, wie das eigene Herz entscheidet.«

»Warten Sie, zunächst eine unbescheidene, eine sehr unbescheidene Frage: Sie haben in Ihrem Leben doch auch Frauen gekannt, Sie haben doch Verhältnisse gehabt ...? Ich spreche nur im allgemeinen, im allgemeinen, ich meine keine Einzelfälle!« rief ich errötend und rang nach Atem vor Begeisterung.

»Nun ja, man hat seine Sünden gehabt.«

»Also hören Sie, dann erklären Sie mir einen Fall, da Sie doch der Erfahrenere sind: plötzlich sagt Ihnen eine Dame, von der Sie sich gerade verabschieden, gleichsam beiläufig, und indem sie selbst zur Seite sieht: >Morgen werde ich um drei Uhr da und da sein ...< nun, sagen wir, bei Tatjana Pawlowna,« platzte ich heraus, und nun riß es mich unwiderstehlich fort. Mein Herz klopfte gewaltig und drohte, nach jedem Schlage stehenzubleiben; ich mußte sogar im Sprechen innehalten vor Herzklopfen. Er aber war, das sah ich, ganz Ohr. »Und nun, am nächsten Tage, bin ich um drei Uhr bei Tatjana Pawlowna, gehe hinauf und denke so bei mir: wenn die Köchin mir aufmacht -- Sie kennen doch ihre Köchin? --, so frage ich sie ganz einfach: >Ist Tatjana Pawlowna zu Hause?< Und wenn die Köchin mir dann sagt, daß Tatjana Pawlowna nicht zu Hause ist, aber eine Dame sitze da und warte auf sie, -- was muß ich dann daraus schließen, sagen Sie mir das, wenn Sie ... Mit einem Wort, wenn Sie ...«

»Ganz einfach, daß man dich zu einem Rendezvous bestellt hat. Also dann war es doch das? Und das war heute? Ja?«

»O nein, nein, nein, gar nichts, gar nichts war heute! Es war, aber es war nicht das; wenn auch ein Rendezvous, so doch nicht zu dem Zweck, das schicke ich gleich voraus, um nicht ein Schuft zu sein, es war was, aber ...«

»Mein Freund, das fängt ja an so interessant zu werden, daß ich den Vorschlag machen möchte ...«

»Hab' früher selber Unbemittelten gegeben, mal 'nen Fünfundzwanziger, mal 'nen Zehner für 'n Schnäpschen. Wie wär's, wenn Sie nun auch mal mit 'n paar Kopeken 'nem armen Leutnant unter die Arme greifen wollten? -- Bitt' schön, bin mal Leutnant gewesen.«

Eine hohe Gestalt vertrat uns den Weg, und vielleicht war der Bittsteller wirklich ein verkommener ehemaliger Leutnant. Merkwürdigerweise war er aber für sein Gewerbe eigentlich sehr gut gekleidet, und doch hielt er die Hand hin, um ein Almosen zu empfangen.

III.

Diesen dummen Zwischenfall mit dem erbärmlichen >Leutnant< will ich nicht unerwähnt lassen, da ich mir Werssiloff heute nicht anders vorstellen kann, als mit allen geringfügigsten Einzelheiten jener für mich so verhängnisvollen Stunde. Ja, der >verhängnisvollen<, ich aber ahnte das nicht einmal!

»Wenn Sie, mein Herr, uns nicht sofort aus dem Wege gehen, so werde ich die Polizei rufen,« sagte Werssiloff plötzlich empört und mit lauter Stimme, indem er vor dem »Leutnant« stehen blieb. Ich hätte niemals gedacht, daß dieser Philosoph so in Zorn geraten könnte, und das noch aus einem so geringen Anlaß. Doch darf man nicht vergessen, daß unser Gespräch an einer Stelle unterbrochen wurde, die sein ganzes Interesse erregte, was er noch selbst verraten hatte.

»So haben Sie wirklich nicht einmal 'nen Fünfer bei sich?« gröhlte grob der »Leutnant«. »Heutzutage hat ja wahrhaftig keine Kanaille mehr 'nen Fünfer in der Tasche! Knoten! Gauner! Selber im Biberpelz, aber aus einem lump'gen Fünfer wird eine Staatsfrage gemacht!«

»Schutzmann!« rief Werssiloff.

Er brauchte nicht einmal laut zu rufen: in nächster Nähe an der Straßenecke stand ein Schutzmann, der das Geschimpf des »Leutnants« gehört hatte.

»Ich ersuche Sie, Zeuge dieses Vorfalles zu sein, und Sie ersuche ich, sich auf die Polizeiwache begeben zu wollen,« sagte Werssiloff.

»Äh, zum ... Na, mir soll's egal sein, beweisen können Sie ja doch nichts! Vor allem keinen eigenen Verstand!«

»Lassen Sie ihn nicht laufen, Schutzmann, und begleiten Sie uns,« sagte Werssiloff herrisch.

»Was, wollen Sie denn wirklich auf die Wache? Ach, zum Teufel mit ihm, mit diesem ganzen Kerl!« flüsterte ich ihm zu.

»Unbedingt, mein Lieber. Diese Zuchtlosigkeit auf unseren Straßen fängt nachgerade an, einem bis zum Ekel widerlich zu werden, und wenn ein jeder seine Pflicht täte, so hätten alle den Vorteil davon. C'est comique, mais c'est ce que nous ferons.«{[47]}

Wir gingen; die ersten hundert Schritte war der »Leutnant« sehr empört, renommierte großartig und zeigte sich sehr mutig; er versicherte, »das gehe nicht«, wegen eines »einz'gen Fünfers«, usw., usw. Aber schließlich begann er halblaut mit dem Schutzmann zu unterhandeln. Der Schutzmann, der ein vernünftiger Mensch und ein Feind von Straßenunruhen zu sein schien, war offenbar auf seiner Seite, aber doch nur in einem gewissen Sinne. Auf die Anfrage des »Leutnants« brummte er halblaut zur Antwort, jetzt wäre schon nichts mehr zu machen, »jetzt ist es schon mal herausgekommen«, »aber wenn Sie, beispielsweise, sich entschuldigen wollten, und wenn der Herr die Entschuldigung annehmen würde, ja dann vielleicht ...«

»Na, hö--hören Sie, sehr geehrter Herr, na, wohin gehen wir denn jetzt? Ich frage Sie: wohin streben wir, und was soll hierbei wohl geistreich sein?« polterte der »Leutnant« los. »Wenn ein durch seine Mißerfolge unglücklicher Mann seine Entschuldigung zu machen bereit ist ... wenn Sie schließlich unbedingt seine Selbsterniedrigung wünschen ... Zum Teufel, wir sind doch nicht im Salon, sondern auf der Straße! Für die Straße genügt doch wohl diese Entschuldigung ...«

Werssiloff blieb stehen, und plötzlich lachte er laut auf, so daß ich schon dachte, er hätte diese ganze Geschichte nur um der Ablenkung willen und als Ulk angefangen, aber das war es nicht.

»Ich entschuldige Sie vollkommen, mein Herr >Leutnant<, und ich bin überzeugt, daß Sie kolossal befähigt sind. Halten Sie sich so auch im Salon, -- bald wird dieser Ton ja auch in den Salon passen, vorläufig aber nehmen Sie hier die zwei Zwanziger, für Schnaps und Imbiß. Entschuldigen Sie, Schutzmann, die Belästigung, ich würde mich auch für Ihre Mühe erkenntlich zeigen, aber Sie sehen jetzt so stolz aus ... Mein Lieber,« wandte er sich an mich, »hier in der Nähe ist ein Lokal, eigentlich eine entsetzliche Kloake, aber man kann dort Tee trinken, und ich wollte dir den Vorschlag machen, hinzugehen ... hier gleich, gehen wir.«

Ich wiederhole, ich hatte ihn noch nie in einer solchen inneren Erregung gesehen, obschon sein Gesicht heiter war und strahlte; es war mir aber aufgefallen, daß seine Hände, als er aus dem Portemonnaie das Geld für den »Leutnant« herausnehmen wollte, so bebten, daß er schließlich mich bat, das Geld zu nehmen und dem »Leutnant« zu geben; ich kann das nicht vergessen.

Er führte mich in eine kleine Kellerwirtschaft am Kanal. Nur wenige Gäste waren da. Ein kleiner, verstimmter, heiserer Musikautomat erklang, es roch nach fettigen Servietten; wir setzten uns in eine Ecke.

»Du weißt es vielleicht nicht? Ich liebe es zuweilen, aus Langerweile, aus schrecklicher seelischer Langweile ... in solche Kloaken hineinzugehen. Diese ganze Einrichtung hier, diese mäckernde Arie aus der >Lucia<, diese Kellner in ihrer fast schon unanständigen russischen Tracht, dieser Tabakqualm, diese Schreie aus dem Billardzimmer -- das ist alles dermaßen gemein und prosaisch, daß es fast an das Phantastische grenzt. Nun, wie war es denn, Lieber? Dieser Marsjünger hat uns, glaub' ich, an der interessantesten Stelle unterbrochen ... Ah, da ist schon unser Tee; ich liebe es, hier Tee zu trinken ... Kannst du dir denken, Pjotr Ippolitowitsch, dein Wirt, begann dort seinem anderen Zimmermieter, dem Pockennarbigen, zu versichern, daß vom englischen Parlament im vorigen Jahrhundert eine Kommission von Juristen eingesetzt worden sei, um den ganzen Prozeß Christi vor dem Hohen Priester und Pilatus zu revidieren, einzig zu dem Zweck, um zu sehen, wie der Prozeß nach unseren Gesetzen verlaufen wäre, und deshalb hätte man alles mit aller Gewissenhaftigkeit und Feierlichkeit, mit Staatsanwälten und Rechtsanwälten und allem, was dazu gehört, in Szene gesetzt ... nun, und die Geschworenen hätten sich doch gezwungen gesehen, ihn schuldig zu sprechen ... Jedenfalls eine Geschichte zum Verwundern! Dieser bornierte Zimmermieter begann aber zu streiten, ärgerte sich fürchterlich und erklärte mit großem Krach, daß er am nächsten Tage ausziehen werde ... Die Wirtin begann zu weinen, weil sie die Miete verlöre ... Mais passons.{[48]} In diesen Wirtschaften gibt es zuweilen Nachtigallen. Kennst du die alte Moskauer Anekdote à la Pjotr Ippolitowitsch? In einer Moskauer Wirtschaft singt wundervoll eine Nachtigall; ein Kaufmann kommt herein, einer vom Typ >Steh mir nicht im Wege<. Er hört die Nachtigall, fragt: >Was kostet der Vogel?< -- >Hundert Rubel.< -- >Braten und auftragen!< Man briet die Nachtigall und setzte sie ihm vor. >Schneid mir davon für zehn Kopeken ab.< -- Ich erzählte das einmal deinem Pjotr Ippolitowitsch, aber er glaubte es mir nicht und war sogar sehr ungehalten.«

Er erzählte noch vieles. Ich gebe diese kleinen Geschichten als Beispiele wieder. Sobald ich nur den Mund auftat, unterbrach er mich sofort und begann wieder irgend etwas zu erzählen, irgend so einen eigentümlichen Unsinn, der gar nicht zur Sache gehörte, und dabei sprach er lebhaft und lustig; er lachte über Gott weiß was alles und lachte seltsam in sich hinein, was ich an ihm noch nie gesehen hatte. In einem Zuge trank er sein Glas Tee aus und bestellte ein neues. Jetzt weiß ich, wie das zu erklären war: er glich damals einem Menschen, der einen für ihn teuren, interessanten, lange und heiß ersehnten Brief erhalten hat und nun vor sich hinlegt und absichtlich nicht öffnet, sondern erst lange befühlt, das Kuvert betrachtet, den Poststempel, dann noch ins andere Zimmer geht, verschiedene Anordnungen trifft, kurz, der den spannenden Augenblick hinausschiebt -- da er weiß, daß er ihm doch nicht entgeht --, um den Genuß noch mehr auszukosten.

Natürlich erzählte ich ihm alles, alles von Anfang an, und erzählte vielleicht eine ganze Stunde. Und wie hätte es auch anders sein können: schon vorher, die ganze Zeit schon hatte ich den Drang gehabt, zu erzählen. Ich begann mit unserer ersten Begegnung, damals beim alten Fürsten, gleich nach ihrer Ankunft aus Moskau; dann erzählte ich, wie das alles nach und nach so gekommen war. Ich überging nichts, und ich hätte auch nichts übergehen können: er selbst erinnerte mich an alles und erriet alles, er soufflierte mir förmlich. Bisweilen schien es mir, daß etwas Phantastisches vor sich gehe, daß er dort irgendwo unsichtbar gesessen oder hinter einer Tür gestanden haben müsse, jedesmal, so oft ich in diesen zwei Monaten bei ihr gewesen war: er wußte im voraus jede meiner Bewegungen und jedes meiner Gefühle. Ich empfand eine unfaßbare Lust bei dieser Beichte vor ihm; denn ich sah in ihm eine so zarte Weichheit, eine so tiefe psychologische Feinheit, eine so erstaunliche Fähigkeit, schon aus einer halben Silbe alles zu erraten. Er hörte zart zu wie eine Frau. Vor allem verstand er es so zu machen, daß ich mich überhaupt nicht schämte; manchmal fiel er mir ins Wort, und ich mußte bei einem Nebenumstande verweilen; oft unterbrach er mich, um nervös zu wiederholen: »Vergiß nicht die Details, die Hauptsache ist, vergiß nicht die Details: je kleiner ein Zug ist, um so wichtiger kann er mitunter sein.« Und so unterbrach er mich mehrere Male. Oh, versteht sich, ich erzählte anfangs sehr selbstbewußt und sprach sehr von oben herab über sie, aber bald siegte doch die Wahrheit. Ich erzählte ihm aufrichtig, daß ich am liebsten die Stelle des Fußbodens geküßt hätte -- wo ihr Fuß gestanden hatte. Am schönsten, am wunderbarsten war, daß er ohne weiteres verstand, wie man unter der Angst wegen des Dokuments leiden und dabei doch das reine und untadelige Wesen sein konnte, als das ich sie heute vor mir gesehen hatte. Er verstand auch vollkommen die Bezeichnung »Student«. Aber als ich mich schon dem Ende näherte, bemerkte ich, daß durch sein gütiges Lächeln von Zeit zu Zeit eine auffallende Ungeduld, etwas Zerstreutes und Kaltes in seinem Blick aufblitzte. Als ich auf das bewußte »Dokument« zu sprechen kam, dachte ich bei mir: »Soll ich ihm die Wahrheit sagen oder soll ich nicht?« -- und ich sagte sie ihm nicht, trotz meiner ganzen Begeisterung. Das verzeichne ich hier zur Erinnerung für mein ganzes Leben. Ich erklärte ihm die Sache ebenso, wie ich sie ihr erklärt hatte: daß der Brief von Krafft zerrissen und verbrannt worden wäre. In seine Augen trat ein Brennen, eine sonderbare Falte erschien flüchtig auf seiner Stirn und gab seinem Gesicht etwas Finsteres.

»Erinnerst du dich genau, mein Lieber, daß Krafft diesen Brief verbrannt hat? Täuschest du dich wirklich nicht?«

»Nein, ich täusche mich nicht,« beteuerte ich.

»Die Sache ist nur die, daß dieser Brief für sie von gar zu großer Wichtigkeit ist, und wenn du ihn heute in der Hand hättest, so könntest du heute noch ...« (Er sprach es aber nicht aus, was ich »könnte«). »Ja, wie, hast du ihn denn jetzt nicht bei dir?«

Ich zuckte innerlich zusammen, äußerlich aber ließ ich mir nichts merken, zuckte nicht einmal mit der Wimper; aber ich konnte es noch nicht fassen, daß ich wirklich diese Frage gehört hatte.

»Wie das, bei mir? Ob ich ihn jetzt bei mir habe? Aber wenn Krafft ihn doch damals verbrannt hat?«

»Wirklich?« Er sah mich plötzlich an, mit brennendem, starrem Blick, mit einem Blick, den ich nie vergessen werde.

Übrigens lächelte er gleich darauf, aber seine ganze Güte, die ganze Weiblichkeit dieses Gesichtsausdrucks, mit dem er mir bis dahin zugehört hatte, waren auf einmal verschwunden. In seinem Ausdruck lag etwas Unbestimmtes und Verwirrtes; er wurde immer zerstreuter. Hätte er sich damals mehr in der Gewalt gehabt, so, wie er sich bis zu diesem Augenblick die ganze Zeit in der Gewalt gehabt hatte, so hätte er diese Frage wegen des Briefes bestimmt nicht gestellt; wenn er es aber tat, so geschah das wohl nur deshalb, weil er selbst so außer sich war. So erkläre ich mir das heute, damals aber begriff ich die Veränderung, die in ihm vorging, kaum oder wenigstens nicht so schnell; ich schwebte ja immer noch in Wonne, und in meiner Seele klang immer noch Musik. Mein Erlebnis war zu Ende erzählt; ich sah ihn an.

»Aber eines ist doch merkwürdig,« sagte er auf einmal, als ich ihm schon alles bis zum letzten Komma erzählt hatte, »sogar sehr merkwürdig, mein Freund: du sagst, du hättest dort zwischen drei und vier mit ihr gesprochen, und Tatjana Pawlowna wäre nicht zu Haus gewesen?«

»Ich war dort von ungefähr acht Minuten nach drei bis halb fünf.«

»Nun, denk dir mal, ich war genau um halb vier bei Tatjana Pawlowna, es war auf die Minute halb vier, und ich sprach mit ihr in der Küche: ich gehe ja zu ihr oft über die näherliegende Hintertreppe hinauf.«

»Wie, Sie haben sie in der Küche getroffen?« rief ich, unwillkürlich zurückfahrend vor Schreck.

»Ja, und sie erklärte mir, daß sie mich nicht empfangen könne; ich blieb vielleicht zwei Minuten; denn ich hatte bei ihr nur vorgesprochen, um sie zum Essen einzuladen.«

»Vielleicht war sie in dem Augenblick erst zurückgekehrt?«

»Das weiß ich nicht; übrigens nein, das ist ausgeschlossen: sie war in ihrem Morgenrock. Und die Uhr war genau halb vier.«

»Aber ... Hat Tatjana Pawlowna Ihnen nicht gesagt, daß ich da war?«

»Nein, sie hat mir nicht gesagt, daß du da warst ... Sonst hätte ich es schon gewußt und dich nicht hier danach gefragt.«

»Hören Sie, das ist furchtbar wichtig ...«

»Ja ... je nachdem, von welchem Standpunkt aus man es ansieht. Du bist sogar erbleicht, mein Lieber. Doch übrigens, was ist denn hierbei schließlich so wichtig?«

»Man hat sich über mich wie über einen dummen Jungen lustig gemacht!«

»Man hat einfach Angst gehabt vor deinem >heißen Temperament<, wie sie sich selbst ausgedrückt hat -- nun, und da ist Tatjana Pawlowna gebeten worden, zur Sicherheit zu Hause zu bleiben.«

»Aber, mein Gott, was ist denn das für ein abgekartetes Spiel gewesen! Hören Sie, dann hat sie mich doch das alles in Gegenwart einer dritten Person sagen lassen, in Gegenwart von Tatjana Pawlowna? -- die hat ja dann alles gehört, was ich ihr vorhin gesagt habe! Aber das ... das ist ja schrecklich, sich auch nur vorzustellen!«

»C'est selon, mon cher. Und überdies hast du ja selbst vorhin von Weitherzigkeit den Frauen gegenüber gesprochen und noch ausgerufen: >Es lebe die Weitherzigkeit, die alles zuläßt!<«

»Wenn ich Othello wäre und Sie Jago, so hätten Sie nicht besser ... übrigens, ich lache! Von einem Othello kann ja hier gar nicht die Rede sein; denn die Verhältnisse sind ja ganz andere. Und wie sollte ich denn nicht lachen! Mag es doch so gewesen sein! Ich glaube dennoch an das, was unendlich hoch über mir steht, und gebe mein Ideal nicht auf ...! Wenn das ein Scherz von ihr war, so verzeihe ich ihr. Ein Scherz mit einem traurigen Jüngling -- nun gut! Ich habe mich ja auch als nichts anderes gegeben. Aber der Student -- der Student war doch und ist doch, trotz allem, trotz allem, in ihrem Herzen; -- denn wenn er schon einmal in ihrem Herzen, in ihrer Seele war, so ist er es noch und wird es bleiben! Doch genug davon! Hören Sie, was meinen Sie: soll ich nicht lieber gleich zu ihr hinfahren, um die ganze Wahrheit zu erfahren?«

Ich sagte zwar: »Ich lache!« aber mir standen doch Tränen in den Augen.

»Ja? Fahre nur, mein Freund, wenn du Lust hast.«

»Mir ist, als hätte ich damit meine Seele beschmutzt, daß ich Ihnen das alles erzählt habe. Seien Sie mir nicht böse, Liebster, aber über eine Frau, das sage ich nochmals, über eine Frau kann man einem Dritten nichts anvertrauen; der andere wird das doch nicht verstehen, was man ihm anvertraut. Selbst ein Engel würde das nicht verstehen! Wenn du die Frau achtest -- suche dir keinen Vertrauten! Wenn du dich selbst achtest -- suche dir keinen Vertrauten! Ich achte mich jetzt selbst nicht. Auf Wiedersehen; ich werde mir das nie verzeihen ...«

»Höre doch auf, Lieber, du übertreibst ja. Du sagst doch selbst, daß >nichts geschehen< sei.«

Wir traten hinaus auf die Straße am Kanal und nahmen Abschied.

»Wirst du mich denn wirklich nie mit kindlicher Liebe küssen, wie ein Sohn seinen Vater?« fragte er auf einmal mit einem sonderbaren Beben in der Stimme.

Ich küßte ihn glühend.

»Mein lieber Junge ... Sei immer so reinen Herzens wie heute.«

Ich hatte ihn noch niemals geküßt, und nie hätte ich mir träumen lassen, daß er selbst diesen Wunsch haben könnte.

Sechstes Kapitel.

I.

»Selbstverständlich hinfahren!« entschied ich, während ich nach Hause eilte, »und zwar sofort hinfahren! Wahrscheinlich werde ich sie ganz allein antreffen, aber auch wenn sie nicht allein sein sollte, gleichviel, man kann sie herausbitten lassen ... Sie wird mich empfangen; sie wird sich wundern, aber empfangen wird sie mich trotzdem! Doch wenn sie nicht will? So werde ich darauf bestehen, werde ihr sagen lassen, daß es dringend nötig ist. Sie wird denken, es handle sich um das Dokument, und schon deshalb wird sie mich empfangen. Und dann werde ich von ihr selbst erfahren, wie das mit dieser Tatjana Pawlowna gewesen ist! Und dann ... Ja, und was dann? Wenn ich ihr unrecht getan habe, so werde ich es tausendfach gutzumachen suchen; wenn ich aber im Recht bin, und sie schuldig ist, dann -- dann ist ja sowieso alles aus! Was habe ich zu verspielen? Nichts! Also hinfahren! hinfahren!«

Und doch fuhr ich nicht hin; das werde ich niemals vergessen und werde immer mit Stolz daran zurückdenken. Kein Mensch wird davon erfahren, das wird mit mir begraben werden; aber es genügt, wenn ich selbst weiß, daß ich in diesem Augenblick zu einer solchen Haltung fähig war!

»Es ist eine Versuchung, aber ich lasse sie nicht an mich heran,« sagte ich mir endlich, nachdem ich mich auf mich selbst besonnen hatte. »Man hat mich mit einer Tatsache erschrecken, durch eine Tatsache überzeugen wollen, ich aber lasse mich auch von einer Tatsache nicht überzeugen und gebe meinen Glauben an ihre Schuldlosigkeit nicht auf! Wozu jetzt hinfahren? Wessen mich noch vergewissern? Wie kann ich von ihr verlangen, daß sie an mich auch so hätte glauben sollen, wie ich an sie glaube? -- daß sie mein >heißes Temperament< nicht hätte fürchten sollen? Nur deshalb hat sie doch Tatjana Pawlowna zu ihrer Sicherheit in der Nähe behalten! Ich habe ja ein solches Vertrauen von ihr noch gar nicht verdient. Mag sie, mag sie auch nicht wissen, daß ich ihr volles Vertrauen verdiene, daß ich allen >Versuchungen< gewachsen bin und nichts von alledem glaube, was man ihr Schlechtes nachsagt, -- dafür weiß ich es, ich, und achte mich deswegen. Ich achte meine eigenen Gefühle. O ja, sie hat es zugelassen, daß ich das alles in Tatjana Pawlownas Gegenwart aussprach, sie wußte, daß Tatjana Pawlowna dort saß und uns belauschte (denn man hört ja doch jedes Wort, wenn man dort sitzt), sie wußte, daß sie dort über mich lachte, -- das ist gewiß fürchterlich, oh, fürchterlich ist das! Aber ... aber wenn es für sie anders gar nicht möglich war? Was hätte sie denn in ihrer Lage tun sollen? Und wie darf ich sie deswegen anklagen? Auch ich habe sie doch heute betrogen -- in der Sache mit Krafft und dem Brief --, weil es eben nicht anders ging ... so habe ich sie ganz gegen meinen Willen und unvorhergesehenerweise belügen müssen. Mein Gott!« rief ich plötzlich, mich auf einmal besinnend, und ich errötete heiß vor peinigender Scham, »und ich selbst, was habe ich soeben selbst getan! -- Habe ich sie nicht genau so an eine dritte Person verraten, indem ich Werssiloff alles erzählte? Übrigens, nein, was rede ich! Da ist doch ein Unterschied. Es war ja jetzt nur von dem Dokument die Rede, ich habe Werssiloff doch eigentlich nur von dem Dokument erzählt; denn ich hatte ja nichts anderes zu erzählen und konnte auch nichts zu erzählen haben. Habe ich nicht gleich vorausgeschickt und ihm als erstes gesagt, daß zwischen uns >nichts, nichts, gar nichts geschehen ist<? Er ist doch ein Mensch, der alles versteht ...! Hm! Aber was für einen Haß er gegen diese Frau in seinem Herzen trägt, selbst heute noch! Was für ein Drama mag sich damals zwischen ihnen abgespielt haben ...? und aus welchem Grunde? Natürlich aus Eigenliebe! Werssiloff ist und kann ja auch zu gar keinem anderen Gefühl fähig sein, außer zu grenzenloser Eigenliebe!«

Dieser letzte Gedanke kam mir damals ganz plötzlich, doch ich beachtete ihn nicht einmal. Das waren die Gedanken, die mir so durch den Kopf gingen, und die sich ganz von selbst einer aus dem anderen ergaben. Dabei war ich vor mir ganz aufrichtig: ich machte mir nichts vor, ich betrog mich nicht. Und wenn ich damals auf etwas nicht verfiel, so geschah das nicht aus Jesuitismus, sondern weil mir die Einsicht fehlte.

Ich langte in ungeheuer belebter Gemütsverfassung in meiner Wohnung an, wußte jedoch selbst nicht, warum ich mich in einer so frohen Stimmung befand, obschon alles unklar in mir war. Aber ich getraute mich nicht, meine Gefühle näher zu untersuchen und gab mir die größte Mühe, an anderes zu denken. Ich ging sogleich zu meiner Wirtin; zwischen ihr und ihrem Mann hatte es tatsächlich einen großen Streit gegeben. Sie war eine hochgradig schwindsüchtige kleine Beamtenfrau, im Grunde vielleicht ein gutmütiger Mensch, aber wie alle Schwindsüchtigen sehr launenhaft. Ich begann sofort Frieden zu stiften, ging zu Tscherwjäkoff, -- so hieß der andere Zimmermieter, der grobe pockennarbige Schafskopf und selbstgefällige Bankbeamte, den ich nicht ausstehen konnte, mit dem ich mich aber sonst ganz gut stand, weil ich die Schwäche hatte, mich oft mit ihm zusammen über Pjotr Ippolitowitsch lustig zu machen. Ich redete ihm zu, doch nicht auszuziehen, aber ich glaube, er hätte sich sowieso gar nicht dazu entschlossen. Es endete damit, daß es mir gelang, die Wirtin vollkommen zu beruhigen und ihr außerdem noch das Kopfkissen wunderbar zurechtzulegen. »Pjotr Ippolitowitsch hat das niemals so gut verstanden,« sagte sie schadenfroh. Darauf begab ich mich mit ihren Senfpflastern in die Küche und bereitete ihr eigenhändig zwei Pflaster. Der arme Pjotr Ippolitowitsch konnte mir bei alledem nur neidisch zusehen: ich erlaubte ihm nicht einmal, auch nur mit dem Finger ein Pflaster anzurühren, und ward für meine Mühe denn auch buchstäblich mit Tränen der Dankbarkeit von ihr belohnt. Aber auf einmal, ich erinnere mich dessen noch genau, wurde mir alles so zuwider, und ich wurde mir bewußt, daß ich gar nicht aus Güte der Kranken geholfen hatte, sondern aus einem ganz anderen Grunde.

Ich wartete mit nervöser Ungeduld auf meinen Schlitten: an diesem Abend wollte ich noch zum letztenmal mein Glück versuchen ... doch ganz abgesehen davon, empfand ich ein schreckliches Bedürfnis zu spielen: es war eine unerträgliche Stimmung. Wenn ich diesen Wunsch nicht gehabt hätte, so hätte ich es nicht ausgehalten und wäre zu ihr gefahren. Der Schlitten mußte bald kommen, aber plötzlich öffnete sich die Tür, und ein ganz unerwarteter Besuch trat ein: Darja Onissimowna. Ich runzelte die Stirn und wunderte mich. Sie kannte meine Wohnung; denn sie war im Auftrage meiner Mutter schon einmal bei mir gewesen. Ich bat sie, Platz zu nehmen und sah sie fragend an. Sie sagte kein Wort, sah mir nur in die Augen und lächelte bedrückt.

»Sie kommen wohl von Lisa?« fiel es mir plötzlich ein, sie zu fragen.

»Nein, ich komme nur so.«

Ich teilte ihr mit, daß ich gleich fortzufahren beabsichtigte, doch sie antwortete mir, daß sie ja »nur so« zu mir gekommen sei und sofort wieder gehen werde. Ich weiß nicht, warum sie mir auf einmal leidtat. Ich muß hier bemerken, daß sie von uns allen, von Mama, und besonders von Tatjana Pawlowna, viel Anteilnahme erfahren hatte; aber seit sie bei der Stolbejeff untergebracht war, hatten wir sie fast vergessen, mit Ausnahme vielleicht von Lisa, die sie von Zeit zu Zeit besuchte. Zum Teil lag das wohl an ihr selbst; denn sie besaß die Eigenschaft, sich abzusondern und zurückzuziehen, trotz all ihrer Unterwürfigkeit und ihres schüchtern schmeichelnden Lächelns. Mir persönlich gefiel dieses Lächeln nicht; ich glaubte, daß sie ihr Gesicht immer gleichsam zurechtlegte; ja, ich hatte ihr schon im Herzen den Vorwurf gemacht, daß sie ihrer Olä eigentlich gar nicht sonderlich nachtrauerte. Diesmal aber tat sie mir, ich weiß nicht warum, wirklich leid.

Und siehe da, plötzlich, ohne ein Wort zu sagen, beugte sie sich vor, senkte den Kopf tief herab, umfaßte mich mit ihren Armen und stützte ihr Gesicht auf meine Knie. Sie ergriff meine Hand, doch nicht, wie ich glaubte, um sie zu küssen, sondern sie drückte sie nur an ihre Augen; und auf einmal brach sie in heiße Tränen aus. Sie erzitterte vor Schluchzen, doch weinte sie lautlos. Mein Herz krampfte sich zusammen, obschon ich mich gleichzeitig ärgerte. Doch sie umschlang mich voll Zutrauen, ohne meinen Ärger zu fürchten, und trotzdem sie mich vorher so ängstlich und unterwürfig angelächelt hatte. Ich bat sie, sich doch zu beruhigen.

»Liebling, ich weiß nicht, was ich mit mir anfangen soll. Sobald die Dämmerung kommt, kann ich es nicht mehr aushalten. Die Dämmerung zieht mich jedesmal auf die Straße, in die Dunkelheit. Und immer wegen der einen Vorstellung. Ich denke dann so bei mir, wenn ich ... wenn ich ... hinausgehe, werde ich sie plötzlich auf der Straße treffen. Und so gehe ich, und mir scheint, ich sehe sie schon. Ich weiß ja, es gehen da ganz andere Leute, aber ich gehe ihnen nach, absichtlich immer nur hinter ihnen, und denke so bei mir: Da, diese da ... ist die nicht ganz wie meine Olä? Und so denk ich und denk ich. Und zuletzt werde ich ganz dumm und taumele nur noch irgendwie weiter ... mir wird ganz übel. Wie eine Betrunkene taumele ich und stoße die Leute an, manche schimpfen. Ich behalte schon alles für mich und gehe zu keinem hin. Denn wohin ich auch gehe, es wird mir nur schlechter. Und jetzt bin ich hier an Ihrem Haus vorbeigekommen, und da dachte ich so bei mir: >Ich will doch zu ihm gehen, er ist der beste von allen, und er ist auch damals dabeigewesen.< Mein Lieber, verzeihen Sie mir unnützem Menschen, -- ich werde ja gleich wieder gehen, ich gehe schon ...«

Sie erhob sich plötzlich und beeilte sich sehr, fortzukommen. Ich ging mit ihr. Als wir hinaustraten, kam mein Schlitten gerade vorgefahren; ich setzte sie hinein und brachte sie nach Haus, in die Wohnung der Stolbejeff.

II.

In der letzten Zeit gab ich dem Spielzirkel des Herrn Serschtschikoff den Vorzug vor allen. Bis dahin hatte ich drei andere Zirkel besucht, immer zusammen mit dem Fürsten, der mich dort eingeführt hatte. In einem dieser Zirkel wurde nur ein kniffliches Hasardspiel gespielt, und zwar mit sehr hohen Einsätzen. Aber dort gefiel es mir nicht: ich sah, daß man da viel Geld haben mußte, und außerdem versammelten sich dort gar zu arrogante Leute und die bekannte goldene Jugend der hohen Aristokratie. Gerade das aber gefiel dem Fürsten; denn er liebte nicht nur das Spiel, sondern liebte es auch, mit solchen hochgeborenen Tollköpfen zu verkehren. Ich hatte übrigens bemerkt, daß er sich, wenn er auch mit mir zusammen hinging, im Laufe des Abends doch möglichst von mir zu entfernen pflegte, und mich mit keinem aus »seinen Kreisen« bekannt machte. Allerdings benahm ich mich auch wie ein Wilder, und oft geschah es, daß ich die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf mich lenkte. Am Spieltisch kam ich wohl manchmal mit dem einen oder anderen ins Gespräch, doch als ich mal in denselben Räumen eines dieser »Herrchen«, mit dem ich am Abend vorher gesprochen und gelacht, und dem ich sogar mit Glück zu zwei bestimmten Karten geraten hatte, am anderen Tage begrüßen wollte, schien er mich einfach überhaupt nicht wiederzuerkennen. Ja, schlimmer noch: er sah mich mit gemachter Verwunderung an und schritt lächelnd an mir vorüber. Deshalb ging ich denn auch nicht mehr hin und besuchte seitdem mit Leidenschaft eine Kloake -- anders kann ich diese Spielhölle nicht benennen. Es war das eigentlich ein ziemlich unbedeutender Roulettezirkel in der Wohnung einer Kokotte, die jedoch selbst niemals im Saal erschien. Dort herrschte ein sehr freier Ton, obgleich der Zirkel von Offizieren und reichen Kaufleuten besucht wurde, und es ging alles sehr schmierig zu, was übrigens manche gerade anzog. Außerdem hatte ich dort häufig Glück im Spiel. Aber auch diesen Zirkel verließ ich nach einer sehr widerwärtigen Geschichte, die dort einmal mitten im Spiel angefangen und mit einer richtigen Prügelei zwischen zwei Spielern geendet hatte. Und seitdem besuchte ich den Zirkel Serschtschikoffs, in den mich übrigens gleichfalls der Fürst eingeführt hatte. Serschtschikoff war Rittmeister außer Diensten. Der Ton in seinem Zirkel war sehr erträglich: militärisch, peinlich in der Beobachtung alles dessen, was mit Ehrbegriffen zu tun hatte, kurz und sachlich. Witzbolde und Trinker wurden nicht geduldet. Außerdem spielte man da nicht zum Spaß! Es wurde dort nur Roulette gespielt. Vor diesem Abend des fünfzehnten November war ich erst zweimal dagewesen, doch Serschtschikoff kannte mich, glaube ich, schon dem Ansehen nach; aber Bekannte hatte ich dort gar keine. Auch der Fürst und Darsan erschienen an diesem Abend erst um Mitternacht -- sie kamen aus dem Zirkel jener aristokratischen Galgenstricke, den ich nicht mehr besuchte, und so war ich denn an diesem Abend ein Unbekannter unter Unbekannten.

Wenn ich einen Leser hätte, und der Betreffende hätte alles das, was ich von meinen Erlebnissen bisher erzählt habe, schon gelesen, so brauchte ich ihm jetzt wohl nicht mehr zu erklären, daß ich für keine einzige Art von gesellschaftlichem Verkehr geschaffen bin. Ich verstehe überhaupt nicht mich in Gesellschaft zu benehmen. Wenn ich irgendwo hinkomme, wo viele Menschen sind, so fühle ich sofort, wie alle Blicke mich beunruhigen. Ich winde mich förmlich unter diesen Blicken, auch im Theater und in ähnlichen Versammlungen, und vor allem natürlich in Privatgesellschaften. In all diesen Spielsälen und Zirkeln habe ich mir entschieden keine gesellschaftliche Haltung anzueignen verstanden: bald sitze ich da und mache mir Vorwürfe wegen meiner übertriebenen Höflichkeit und Weichheit, bald raffe ich mich plötzlich auf und begehe irgendeine Dummheit. Und doch verstehen selbst die größten Nichtsnutze, die im Vergleich zu mir einfach Dummköpfe sind, sich überall mit vorzüglicher Haltung zu bewegen. Das war es, was mich am meisten kränkte, und war der Grund, weshalb ich meine Kaltblütigkeit immer mehr verlor. Ich sage es offen: nicht nur jetzt, sondern schon damals wurde mir diese ganze Gesellschaft und das ganze Spiel, ja selbst das Gewinnen, wenn ich aufrichtig sein soll, -- zum Ekel, zur Qual. Einfach -- zur Qual. Ich empfand allerdings einen ungeheuren Genuß dabei, aber für diesen Genuß mußte ich diese ganze Qual in den Kauf nehmen. Alle diese Leute, das Spiel und ich selbst erschienen mir gemein und schmutzig. »Sobald ich gewonnen habe, spucke ich auf das alles!« sagte ich mir jedesmal, wenn ich nach durchspielter Nacht in meiner Wohnung bei Morgengrauen zu Bett ging. Und was nun das Gewinnen an sich betrifft, so ist vor allem das eine zu bedenken: daß ich Geld überhaupt nicht mag. Das heißt, ich will nicht die alten Gemeinplätze wiederholen, die bei solchen Erklärungen üblich sind: daß ich nur aus Liebe zum Spiel, aus Leidenschaft, also nur wegen der Aufregung und um des Wagnisses willen, und nicht aus pekuniären Gründen gespielt hätte. Ich hatte das Geld schrecklich nötig, und obschon dieser Spielerweg nicht zu meiner Idee paßte, so hatte ich doch beschlossen, es auf ihm wenigstens zur Probe zu versuchen. Dabei verwirrte mich aber ein schwerwiegender Gedanke: »Du hast dich doch schon überzeugt, daß du ein Millionär werden kannst, daß du den dazu erforderlichen Charakter besitzt, du hast doch diese Charakterprobe bestanden; so bestehe sie doch auch hier; sollte man denn zum Roulette wirklich mehr Charakter brauchen als zur Ausführung deiner Idee?« Das war es, was ich mir immer wieder sagte. Ich halte bis heute an der Überzeugung fest, daß man beim Hasardspiel, wenn man nur seine vollkommene Ruhe zu bewahren vermag -- und damit die ganze Schärfe seines Verstandes und seiner Berechnung --, daß man dann die Unschlauheit des blinden Zufalls besiegen und im Spiel gewinnen muß. Und da ich an dieser Überzeugung festhielt, so regte es mich um so mehr auf, als ich sah, wie mein Charakter immer wieder versagte und ich mich wie ein ganz kleiner Junge fortreißen ließ: »Ich, der ich dem Hunger gewachsen gewesen bin, ich sollte nun plötzlich dieser Dummheit nicht gewachsen sein!« Das reizte mich fürchterlich. Dazu kam nun noch das Bewußtsein, daß ich, wie gering und lächerlich ich auch erscheinen mochte, doch diesen Schatz an Kraft in mir trug, der sie einmal alle zwingen würde, ihre Meinung über mich zu ändern, daß dieses Bewußtsein schon seit meinen Kinderjahren die einzige Quelle meines Lebens, mein Licht, mein Stolz, meine Waffe und mein Trost gewesen war; sonst hätte ich mir vielleicht schon als Knabe das Leben genommen! Und wie sollte ich darum nicht gegen mich selbst erbittert sein, als ich nun sah, in was für ein klägliches Geschöpf ich mich am Spieltisch verwandelte? Das war auch der Grund, warum ich vom Spiel nicht lassen konnte, -- das ist mir jetzt ganz klar. Doch außer diesen Sorgen quälte mich noch kleinliche Eigenliebe: daß ich im Spiel verlor, erniedrigte mich auch vor anderen, vor dem Fürsten, vor Werssiloff, obgleich dieser es nicht der Mühe für wert hielt, ein Wort darüber zu verlieren, nicht einmal Tatjana Pawlowna gegenüber -- so schien es mir, so empfand ich es wenigstens. Und nun zum Schluß noch ein Geständnis: dieses Leben hatte mich schon verdorben; es fiel mir bereits schwer, auf ein Mittagessen von sieben Gängen im Restaurant zu verzichten, auf meinen Schlitten, auf das englische Herrengeschäft, auf die Meinung meines französischen Coiffeurs, kurz, auf diesen ganzen Luxus. Ich war mir dessen schon damals bewußt, doch ich wollte mir darüber keine Gedanken machen; jetzt freilich, wo ich das niederschreibe, erröte ich vor mir selbst.

III.

Ich trat ein und kam in einen Haufen unbekannter Menschen, ließ mich an der Ecke des Tisches nieder und setzte nur kleine Beträge. So saß ich zwei Stunden, ohne mich zu rühren. In diesen zwei Stunden war das Spiel flau und unbelebt. Ich ließ außergewöhnliche Chancen vorbeigehen, und gab mir Mühe, mich nicht zu erhitzen, sondern durch Kaltblütigkeit und Sicherheit zu gewinnen. Das Ergebnis war, daß ich in diesen zwei Stunden schließlich weder verloren noch gewonnen hatte: von dreihundert Rubeln hatte ich im ganzen vielleicht zehn bis fünfzehn Rubel verspielt. Dieser klägliche Erfolg ärgerte mich, und außerdem war noch eine widerwärtige Geschichte dazwischengekommen. Ich wußte, daß man in diesen Spielzirkeln häufig Diebe trifft, das heißt, nicht Diebe von der Straße, sondern Diebe unter den Spielern selbst. Ich bin zum Beispiel überzeugt, daß der bekannte Spieler Aferdoff ein Dieb ist; er spielt sogar eine Rolle in Petersburg, und ich habe ihn noch vor kurzem in seinem Ponygespann fahren sehen, aber er ist doch ein Dieb und hat mich bestohlen! Auf diese Geschichte werde ich später zurückkommen; an dem Abend gab es erst nur ein Vorspiel dazu. Ich saß, wie gesagt, zwei Stunden an der Ecke des Tisches, und links neben mir saß die ganze Zeit ein schäbiger kleiner Stutzer, wenn ich nicht irre, ein Jüdchen; übrigens ist er irgendwo angestellt, außerdem schriftstellert er und wird sogar gedruckt. Im letzten Augenblick gewann ich ganz unerwartet noch zwanzig Rubel. Zwei rote Scheine lagen vor mir auf dem Tisch, und plötzlich sehe ich, wie dieses Jüdchen die Hand ausstreckt und ruhig den einen der beiden Scheine nimmt. Ich protestierte natürlich, er aber erklärte mir mit der unverschämtesten Sicherheit und ohne die Stimme zu erheben, daß es sein Gewinn sei, er hätte soeben gleichfalls gesetzt und gewonnen; und damit kehrte er mir den Rücken, als hätte er nicht die Absicht, das Gespräch mit mir fortzusetzen. Zum Unglück war ich in dem Augenblick in einer sonderbaren Stimmung: ich hatte gerade einen vorzüglichen Einfall gehabt, war im Begriff gewesen, aufzustehen, und da ich keine Lust hatte, mit dem Judenjüngling zu streiten, so schenkte ich ihm einfach den Roten. Übrigens wäre es auch schwierig gewesen, diesem frechen Diebe gegenüber noch mein Recht zu behaupten; denn ich hatte den Augenblick schon verpaßt: das Spiel begann bereits von neuem. Damit hatte ich nun einen sehr großen Fehler begangen, dessen Folgen sich später zeigen sollten: drei bis vier Spieler neben uns hatten unseren Wortwechsel gehört, und als sie sahen, daß ich so leicht nachgab, hielten sie wahrscheinlich mich für einen solchen Dieb. Es war gerade zwölf Uhr. Ich ging in das Nebenzimmer, dachte nach, legte mir meinen neuen Plan zurecht und kehrte wieder zurück. Beim Bankhalter wechselte ich mein Papiergeld in Halbimperiale um. Ich hatte nun ungefähr vierzig Halbimperiale in Gold. Ich teilte sie in zehn Häufchen ein und beschloß, zehnmal hintereinander auf Zero zu setzen, jedesmal vier Halbimperiale. »Gewinne ich, so ist das mein Glück, verliere ich, -- um so besser; dann werde ich nie mehr spielen.« Ich muß hier bemerken, daß in den ganzen zwei Stunden Zero noch kein einziges Mal herausgekommen war, weshalb niemand mehr auf Zero zu setzen wagte.

Ich setzte stehend, schweigend, mit gerunzelter Stirn und zusammengebissenen Zähnen. Nach meinem dritten Satz rief Serschtschikoff laut: »Zero!« -- an diesem Abend zum erstenmal. Mir wurden vierzig Halbimperiale in Gold auf den Tisch gezählt. Ich hatte nun von meinen zehn zurechtgelegten Einsätzen noch sieben, und ich setzte weiter, aber schon begann sich alles im Kreise um mich zu drehen und zu tanzen.

»Kommen Sie hierher!« rief ich über den ganzen Tisch hin einem Spieler zu, der vorhin neben mir gesessen hatte, einem Herrn im Frack, mit grauem Schnurrbart und kupferrotem Gesicht, der mit unbeschreiblicher Geduld schon seit einigen Stunden kleine Summen setzte und Einsatz um Einsatz verlor. »Kommen Sie hierher! Hier ist Glück!«

»Meinen Sie mich?« fragte vom anderen Ende des Tisches der alte Schnauzbart mit drohender Verwunderung.

»Ja, Sie! Dort verspielen Sie ja alles bis aufs Hemd!«

»Das ist nicht Ihre Sache, und ich bitte Sie, mich gefälligst in Ruhe zu lassen!«

Doch ich konnte mich nicht mehr zurückhalten. Mir gegenüber an der anderen Seite des Tisches saß ein älterer Offizier. Er sah meinen Goldhaufen an und bemerkte halblaut zu seinem Nachbar:

»Sonderbar, Zero. Nein, auf Zero zu setzen könnte ich mich nicht entschließen.«

»Entschließen Sie sich nur, Herr Oberst!« rief ich ihm zu und setzte von neuem auf Zero.

»Ich bitte Sie, auch mich in Ruhe zu lassen und Ihre Ratschläge für sich zu behalten,« schnitt er mir scharf das Wort ab. »Sie sind hier auffallend laut,« fügte er noch hinzu.

»Ich gebe Ihnen ja nur einen guten Rat. Wetten wir, daß jetzt wieder Zero kommt? Hier -- zehn Goldstücke! Wollen Sie wetten?«

Und ich schob ihm zehn Halbimperiale hin.

»Auf zehn Goldstücke wetten? Meinetwegen,« sagte er trocken und streng. »Ich wette mit Ihnen, daß diesmal nicht Zero kommt.«

»Zehn Louisdor, Oberst.«

»Was soll das heißen, Louisdor?«

»Ich meine zehn Halbimperiale, Oberst, oder, wenn das besser klingt, zehn Louisdor.«

»Dann sagen Sie Halbimperiale und lassen Sie Ihre Scherze.«

Ich hoffte selbstverständlich nicht, die Wette zu gewinnen: sechsunddreißig Chancen gab es gegen eine, daß Zero nicht herauskam; ich wettete aber, um mich wichtig zu machen, um die Aufmerksamkeit aller auf mich zu lenken. Ich fühlte nur zu sehr, daß alle mich hier aus irgendeinem Grunde nicht mochten, und daß man mich dies mit besonderem Vergnügen fühlen ließ. Die Roulette drehte sich, und -- wie groß war das allgemeine Erstaunen, als wieder Zero herauskam! Man schrie fast auf! Von dem Augenblick an war ich dem Rausch des Gewinners verfallen. Wieder wurden mir hundertundvierzig Halbimperiale vorgezählt. Serschtschikoff fragte mich, ob ich nicht einen Teil in Banknoten ausgezahlt haben wollte, und ich murmelte darauf etwas vollkommen Unverständliches, da ich buchstäblich nicht mehr ruhig und sachlich sprechen konnte. Mir schwindelte, und ich empfand ein Schwächegefühl in den Knien. Ich fühlte plötzlich, daß ich jetzt alles wagen würde; am liebsten hätte ich noch jemandem eine Wette angeboten oder einige tausend Rubel auf einmal gesetzt. Mechanisch scharrte ich mit der Hand die Banknoten und das Gold zusammen, konnte mich aber nicht dazu aufraffen, das Geld zu zählen. In diesem Augenblick bemerkte ich hinter mir den Fürsten und Darsan: sie waren soeben aus ihrem Hasardzirkel gekommen und hatten, wie ich später erfuhr, ihr ganzes Geld verspielt.

»Ah, Darsan,« rief ich ihm zu, »hier ist Glück! Setzen Sie auf Zero!«

»Kann nicht, hab' alles verspielt,« antwortete er trocken. Der Fürst tat einfach, als bemerke und kenne er mich nicht.

»Hier ist doch Geld!« rief ich und zeigte auf meinen Goldhaufen. »Wieviel brauchen Sie?«

»Zum Teufel!« rief Darsan wütend und wurde feuerrot. »Ich habe Sie, glaub ich, nicht um Ihr Geld gebeten!«

»Sie werden gerufen,« sagte neben mir Serschtschikoff und zog mich am Ärmel.

Ich war von dem Oberst, der in der Wette mit mir zehn Halbimperiale verloren hatte, schon einigemal und fast grob angerufen worden.

»Nehmen Sie es gefälligst!« rief er ganz rot vor Zorn. »Ich bin nicht verpflichtet, auf Sie zu warten, bis Sie das Geld eingesteckt haben ... Sonst sagen Sie nachher, Sie hätten es nicht bekommen. Hier ist die Summe. Zählen Sie nach.«

»Ich glaube Ihnen, ich glaube Ihnen, Oberst, ich glaube Ihnen auch so, ohne nachzuzählen; ich bitte Sie nur, mich nicht so anzuschreien und sich nicht so zu ärgern,« sagte ich und strich das Häufchen Gold mit der Hand zusammen.

»Mein Herr, bleiben Sie mir gefälligst mit Ihrer Familiarität vom Halse!« schnauzte mich der Oberst scharf an. »Ich habe mit Ihnen noch nicht Schweine gehütet!«

»Sonderbar, daß man solche Menschen überhaupt zuläßt! -- Wer ist das eigentlich ...? Irgendein Jüngling,« hörte ich halblaut sprechen.

Aber ich achtete nicht darauf, ich setzte blindlings weiter, jedoch nicht mehr auf Zero. Ich setzte einen ganzen Packen regenbogenfarbener Scheine auf die ersten achtzehn Nummern.

»Fahren wir, Darsan,« hörte ich hinter mir die Stimme des Fürsten.

»Sie fahren nach Haus?« fragte ich, indem ich mich schnell nach ihnen umwandte. »Warten Sie auf mich, wir fahren zusammen, ich mache hier Schluß!«

Mein Einsatz gewann; das brachte mir wieder eine große Summe.

»Basta!« rief ich und begann mit zitternden Händen das Gold in meinen Taschen unterzubringen, ohne es zu zählen. Die Haufen von Banknoten knitterte ich mit den Fingern irgendwie zusammen, um sie in meine Seitentasche zu stecken. Plötzlich legte sich die dicke beringte Hand Aferdoffs, der unmittelbar neben mir saß und auch hohe Einsätze gemacht hatte, auf drei meiner regenbogenfarbenen Hundertrubelscheine und deckte sie zu.

»Erlauben Sie, die gehören nicht Ihnen,« sagte er ernst, langsam und deutlich, doch mit weicher Stimme.

Und damit begann jenes Vorspiel, das ein paar Tage später solche Folgen nach sich ziehen sollte. Heute kann ich bei meiner Ehre schwören, daß diese drei Banknoten mir gehörten, damals aber wollte es mein Unglück, daß ich zwar glaubte, sie gehörten mir, aber leider nicht ganz fest davon überzeugt war: ein leiser Zweifel war doch noch in mir, und für einen anständigen Menschen bedeutet das alles. Und ich bin ein anständiger Mensch. Auch wußte ich damals noch nicht, daß Aferdoff ein Dieb war; ich kannte nicht einmal seinen Namen, und in dem Augenblick konnte ich wirklich glauben, daß ich mich getäuscht hätte, und diese drei Banknoten nicht zu denen gehörten, die mir soeben ausgezahlt worden waren. Ich hatte mein in Haufen liegendes Geld nicht gezählt und nur so mit den Händen zusammengescharrt. Vor Aferdoff aber hatte die ganze Zeit gleichfalls Geld gelegen, gerade neben dem meinen, nur mit dem Unterschied, daß sein Geld geordnet und gezählt war. Doch Aferdoff war hier bekannt, man hielt ihn für reich und benahm sich ihm gegenüber mit Ehrerbietung: das beeinflußte nun auch mein Verhalten, und ich protestierte wieder nicht. Es war ein großer Fehler von mir! Die größte Schweinerei aber bestand darin, daß ich von Spiel und Gewinn so berauscht war.

»Es tut mir sehr leid, daß ich das nicht genau weiß, aber es scheint mir durchaus mein Geld zu sein,« sagte ich, und meine Lippen zitterten vor Unwillen. Diese Worte riefen sofort allgemeines Murren hervor.

»Um so etwas zu behaupten, muß man es ganz genau wissen, Sie aber sagen ja selbst, daß Sie es nicht genau wissen,« bemerkte Aferdoff in unerträglich herablassendem Ton.

»Wer ist das eigentlich? Wie darf er sich so etwas erlauben?« hörte man rufen.

»Das passiert ihm nicht zum erstenmal; vorhin hatte er mit Rechberg auch so eine Geschichte wegen eines Zehnrubelscheins,« ließ sich eine gemeine Stimme neben mir vernehmen.

»Schon gut, schon gut!« rief ich, »ich sage ja nichts, nehmen Sie sie nur! Fürst ... wo sind denn der Fürst und Darsan geblieben? Sind sie fortgegangen? Meine Herren, haben Sie nicht gesehen, wohin der Fürst und Darsan gegangen sind?« Und nachdem es mir endlich gelungen war, mein ganzes Geld in meinen Taschen unterzubringen -- ein paar Goldstücke behielt ich noch in der Hand --, eilte ich Darsan und dem Fürsten nach. Der Leser dürfte daraus wohl ersehen, daß ich mich nicht schone und in diesem Augenblick mit jeder häßlichen Einzelheit selbst zeichne, damit man verstehe, was daraus folgte.

Der Fürst und Darsan gingen bereits die Treppe hinunter, ohne mein Rufen auch nur im geringsten zu beachten. Ich hätte sie beinahe eingeholt, doch hielt ich mich einen Augenblick beim Portier auf, um ihm, weiß der Teufel warum, die drei Goldstücke in die Hand zu drücken; er sah mich nur verwundert an und dankte mir nicht einmal. Aber das war mir gleichgültig -- und wenn mein Kutscher dagewesen wäre, so hätte ich ihm sicher eine ganze Hand voll Gold gegeben; ja, ich glaube, ich wollte es auch schon tun, aber als ich auf die Vorfahrt hinaustrat, fiel mir ein, daß ich ihn vorhin fortgeschickt hatte. In dem Augenblick fuhr der Traber des Fürsten vor, und er stieg in den Schlitten.

»Ich fahre mit, Fürst, ich komme zu Ihnen!« rief ich und schlug die Schlittendecke zurück, um gleichfalls einzusteigen; doch statt meiner sprang plötzlich Darsan in den Schlitten, und der Kutscher riß mir die Decke aus der Hand und deckte die Herren zu.

»Zum Teufel!« schrie ich außer mir. Es war ja, als hätte ich wie ein Diener für Darsan die Decke gehalten!

»Nach Haus!« rief der Fürst dem Kutscher zu.

»Halt!« brüllte ich und klammerte mich an den Schlitten, doch das Pferd zog an, und ich fiel in den Schnee. Mir schien, daß sie beide lachten. Ich sprang auf und nahm den nächsten vorbeifahrenden Schlitten. Ich trieb den Kutscher zur größten Schnelligkeit an und jagte nach dem Hause des Fürsten.

IV.

Aber wie zum Trotz kam der Gaul kaum vom Fleck, obgleich ich dem Kutscher einen ganzen Rubel Trinkgeld versprach, und der Gaul von ihm für mindestens einen Rubel Peitschenhiebe bekam. Mein Herz drohte stillezustehen. Ich wollte dem Kutscher etwas sagen, aber ich konnte noch kein vernünftiges Wort hervorbringen. In diesem Zustande stürzte ich in das Zimmer des Fürsten, der kurz vor mir angekommen war. Er hatte Darsan nach Hause gebracht und war allein. Bleich und erregt schritt er im Kabinett auf und ab. Wie gesagt: er hatte furchtbar viel verloren. Er sah mich mit einer sonderbar zerstreuten Verwunderung an.

»Sind Sie schon wieder da?« stieß er unmutig hervor, und sein Gesicht verfinsterte sich.

»Ja, -- um mit Ihnen zu einem Ende zu kommen, mein Herr!« sagte ich atemlos. »Wie konnten Sie sich unterstehen, sich so gegen mich zu benehmen?«

Er sah mich fragend an.

»Wenn Sie die Absicht hatten, mit Darsan zu fahren, so hätten Sie mir sagen sollen, daß Sie mit ihm fahren wollten. Sie aber gaben nur dem Kutscher den Befehl, und ich ...«

»Ach ja, Sie fielen, glaub ich, in den Schnee!« Und er lachte mir ins Gesicht.

»Darauf antwortet man mit einer Forderung! Deshalb will ich mit Ihnen zuerst -- abrechnen.«

Und ich holte mit zitternden Händen mein Geld hervor und legte es auf den Diwan, auf ein Marmortischchen, auf ein offenes Buch, legte es in Haufen hin, handvollweise, in Gold und Banknoten; einige Goldstücke rollten auf den Teppich.

»Ach richtig, Sie haben ja gewonnen. Deshalb! Das merkt man an Ihrem Ton!«

Noch nie hatte er so unverschämt zu mir gesprochen. Ich fühlte, wie ich erbleichte.

»Da ... ich weiß nicht, wieviel das ist ... man müßte es zählen. Ich schulde Ihnen an dreitausend ... oder wieviel ...? War es mehr oder weniger?«

»Ich habe Sie meines Wissens nicht ersucht, mir dieses Geld zurückzugeben.«

»Nein, es ist mein eigener Wunsch, und Sie wissen, warum. Hier, dieses Paket Banknoten enthält tausend Rubel,« fuhr ich fort, und begann mit zitternden Fingern die Scheine zu zählen, gab es aber auf. »Einerlei, ich weiß ja doch, daß es tausend Rubel sind. Nun, diese Tausend behalte ich für mich, das übrige, diesen Haufen da, nehmen Sie, zur Begleichung meiner Schuld, das heißt, als Teil meiner Schuld: es müssen, denke ich, an zweitausend sein oder vielleicht auch mehr.«

»Aber ein Tausend behalten Sie doch für sich?« bemerkte der Fürst mit höhnischem Lächeln.

»Brauchen Sie es denn? In dem Falle ... ich wollte ... ich dachte, Sie wünschten es nicht ... doch, wenn Sie es brauchen, so ...«

»Nein, ich brauche es nicht, behalten Sie's nur!« Er wandte mir mit Verachtung den Rücken und begann im Zimmer auf und ab zu schreiten. »Und der Teufel weiß, wie Sie überhaupt darauf kommen, mir das Geld zurückzugeben?« Er drehte sich plötzlich wieder zu mir um und sah mich mit brutaler Herausforderung an.

»Ich gebe es Ihnen zurück, weil ich Sie zur Rechenschaft ziehen will!« fuhr ich nun meinerseits wütend auf.

»Scheren Sie sich zum Teufel mit Ihren großartigen Worten und Gesten!« schrie er mich plötzlich an und stampfte mit dem Fuß wie außer sich. »Ich wollte Sie beide schon lange hinauswerfen: Sie und Ihren Werssiloff!«

»Sie sind wohl wahnsinnig!« rief ich; denn er sah wirklich danach aus.

»Sie haben mich fast zu Tode gequält mit Ihren großartigen Phrasen: jawohl, Phrasen, nichts als Phrasen! Über die Ehre zum Beispiel! Pfui Teufel! Schon lange wollte ich damit ein Ende machen! Ich freue mich, ich freue mich, daß endlich der Augenblick gekommen ist. Ich hielt mich für gebunden und schämte mich, daß ich Sie beide empfangen mußte ... Sie beide! Aber jetzt halte ich mich durch nichts mehr für gebunden, durch nichts, durch nichts, haben Sie verstanden?! Ihr Werssiloff hat mich aufgehetzt, die Achmakoff bloßzustellen. Und nach alledem wagen Sie noch, Sie und Werssiloff, mir von Ehre zu sprechen! Sie, die selbst ehrlos sind ... alle beide, alle beide! Haben Sie sich denn etwa geschämt, von mir Geld anzunehmen?«

Es wurde mir dunkel vor den Augen.

»Ich nahm es von Ihnen als Freund,« begann ich furchtbar leise. »Sie haben es mir doch selbst angeboten, und ich glaubte an Ihre Zuneigung ...«

»Ich bin nicht >Freund< so eines Menschen wie Sie! Ich habe Ihnen Geld gegeben, aber doch nicht aus dem Grunde! Sie wissen ja selbst, warum ich es Ihnen gegeben habe ...«

»Ich habe es auf Werssiloffs Konto genommen; freilich, das war dumm von mir, aber ich ...«

»Sie konnten es nicht auf Werssiloffs Konto nehmen, ohne seine Erlaubnis, und ich hätte Ihnen sein Geld auch gar nicht ohne seine Erlaubnis geben dürfen ... Ich habe Ihnen mein Geld gegeben, und das wußten Sie; Sie wußten das und nahmen das Geld doch, und ich habe diese ganze verhaßte Komödie in meinem Hause ertragen müssen ...«

»Was soll ich gewußt haben? Welche Komödie? Wofür haben Sie mir denn das Geld gegeben?«

»Pour vos beaux yeux, mon cousin!«{[49]} lachte er mir gerade ins Gesicht.

»Teufel!« brüllte ich. »Nehmen Sie doch alles, hier! -- Da ist auch dieses Tausend noch! So, jetzt sind wir quitt, und morgen ...«

Und ich schleuderte ihm das Paket mit den Hundertrubelscheinen zu, die ich für mich hatte zurückbehalten wollen. Das Paket traf seine Weste und fiel zu Boden. Er trat schnell mit drei großen Schritten schnurstracks und drohend an mich heran.

»Wagen Sie zu behaupten,« sagte er in tierischer Wut, jede Silbe scharf hervorstoßend, »daß Sie den ganzen Monat das Geld von mir genommen hätten, ohne zu wissen, daß Ihre Schwester von mir schwanger ist?«

»Wie? Was!« schrie ich auf, und plötzlich wurden mir die Füße so schwach, daß ich kraftlos auf den Diwan sank. Er selbst hat mir später gesagt, ich sei so weiß geworden wie ein Handtuch. Mein Verstand wurde irr. Ich weiß noch, wir sahen einander lange schweigend in die Augen, und ich sah, wie ein Schrecken auf einmal über sein Gesicht lief; er beugte sich plötzlich vor und faßte mich an den Schultern, um mich zu halten. Ich sehe noch heute sein erstarrtes Lächeln: es lag Mißtrauen in ihm und Verwunderung. Ja, er hatte nicht erwartet, daß seine Worte einen solchen Eindruck auf mich machen würden, da er von meiner Schuld fest überzeugt war.

Ich wurde ohnmächtig, aber nur für einen Augenblick; ich kam gleich wieder zu mir, richtete mich auf, sah ihn an und versuchte, meine Gedanken zu sammeln -- und plötzlich offenbarte sich mir die ganze Furchtbarkeit der Wahrheit, und ich erwachte gleichsam aus einem langen Schlaf! Hätte man mir das früher gesagt und mich gefragt, was ich in dem Falle täte, ich hätte wahrscheinlich geantwortet, daß ich diesen Menschen in Stücke zerreißen würde. Doch es geschah etwas ganz anderes, ganz gegen meinen Willen: ich schlug auf einmal meine Hände vors Gesicht und brach in Tränen aus. Ich weinte bitterlich. Das geschah so ganz von selbst. In dem jungen Menschen kam plötzlich das Kind zum Vorschein. Dieses kleine Kind beherrschte damals noch reichlich die Hälfte meiner Seele. Ich warf mich auf den Diwan und schluchzte. »Lisa! Lisa! Arme, unglückliche Lisa!« Da glaubte mir der Fürst auf einmal alles.

»Mein Gott, wie habe ich Ihnen unrecht getan!« rief er mit tiefem Schmerz. »Oh, wie niedrig habe ich von Ihnen gedacht in meinem Mißtrauen ... Können Sie mir verzeihen, Arkadi Makarowitsch!«

Ich sprang plötzlich auf, wollte ihm etwas sagen, trat auch auf ihn zu, brachte aber kein Wort hervor -- und stürzte aus dem Zimmer, aus dem Hause. Ich weiß, daß ich zu Fuß heimging, aber ich erinnere mich nicht mehr, wie ich nach Hause kam. Ich warf mich auf mein Bett, grub mein Gesicht in das Kissen, und so verharrte ich in der Dunkelheit und grübelte, grübelte. In solchen Augenblicken denkt man nie vernünftig und folgerichtig. Mein Verstand und meine Phantasie waren wie abgerissene Fäden, und ich erinnere mich noch, daß mir Gott weiß was für ganz nebensächliche Dinge durch den Kopf gingen. Aber Kummer und Leid traten wieder mit Schmerz und dumpfem Weh in mein Bewußtsein, und ich rang die Hände und rief: »Lisa, Lisa!« und brach wieder in Tränen aus. Ich weiß nicht mehr, wie ich einschlief, aber ich schlief fest und süß.

Siebentes Kapitel.

I.

Ich erwachte am nächsten Morgen gegen acht Uhr, schloß schnell meine Tür zu, setzte mich ans Fenster und grübelte vor mich hin. So saß ich fast ganze zwei Stunden. Die Magd hatte inzwischen schon zweimal an meine Tür geklopft, doch ich hatte sie fortgeschickt. Schließlich, die Uhr ging schon auf elf, wurde zum drittenmal an meine Tür geklopft. Ich wollte schon wütend hinausrufen, man solle mich nicht stören, aber diesmal war es Lisa. Mit ihr trat auch die Magd herein, die mir meinen Kaffee brachte und dann den Ofen anzuheizen begann. Sie fortzuschicken war nicht möglich: die ganze Zeit, während diese saumselige Fjokla das Holz in den Ofen legte und schließlich das Feuer anblies, ging ich mit großen Schritten in meinem kleinen Zimmer auf und ab. Ich begann absichtlich kein Gespräch und gab mir Mühe, Lisa nicht anzusehen. Die Magd verrichtete ihre Arbeit mit einer unbeschreiblichen Langsamkeit, und zwar absichtlich, wie das alle Mägde tun, wenn sie bemerken, daß die Herrschaft etwas besprechen will, was die Dienstboten nicht hören sollen. Lisa hatte sich auf den Stuhl am Fenster hingesetzt und schien mich zu beobachten.

»Dein Kaffee wird kalt,« sagte sie auf einmal.

Ich sah sie an: nicht die geringste Verlegenheit war in ihrem vollkommen ruhigen Gesicht, auf den Lippen sogar ein Lächeln.

»Nein, diese Weiber!« entfuhr es mir unwillkürlich, und ich zuckte die Achseln.

Endlich war die Magd mit dem Anheizen des Ofens fertig und wollte nun auch noch das Zimmer aufräumen, aber jetzt schickte ich sie doch wütend hinaus und konnte endlich die Tür hinter ihr zuschließen.

»Warum hast du die Tür wieder verschlossen?« fragte Lisa.

Ich trat auf sie zu und blieb vor ihr stehen.

»Lisa, hätte ich das jemals denken können, daß du mich so betrügen würdest!« rief ich plötzlich aus, ohne überhaupt daran gedacht zu haben, daß ich so anfangen würde; und diesmal kamen mir nicht Tränen in die Augen, sondern ein so böses Gefühl stach mir auf einmal ins Herz, daß ich selbst ganz verwundert darüber war.

Lisa wurde rot, erwiderte aber nichts; sie fuhr nur fort, mir gerade in die Augen zu sehen.

»Warte, Lisa, warte, -- oh, wie war ich dumm! Aber lag es denn an mir? Alle diese Andeutungen sind doch erst gestern so zusammengetroffen, bis dahin aber -- wie hätte ich denn etwas erraten können? Etwa daraus, daß du die Stolbejeff besuchtest und diese ... Darja Onissimowna? Aber ich habe dich für eine Sonne gehalten, Lisa, und wie hätte mir so was überhaupt in den Sinn kommen sollen? Weißt du noch, wie ich dich damals, vor zwei Monaten, dort bei ihm im Nebenzimmer sah, und wie wir dann in der Sonne gingen und froh waren ... War es -- damals schon? War es schon?«

Sie antwortete mit einem bejahenden Nicken.

»So hast du mich schon damals betrogen! Da war nicht meine Dummheit der Grund meines Nichtverstehens, Lisa, sondern eher mein Egoismus. Oder nein: die Ursache war bestimmt nicht meine Dummheit, wohl aber bestimmt der Egoismus meines Herzens und ... und vielleicht auch mein Glaube an eine Heiligkeit. Oh, ich habe immer geglaubt, ihr ständet alle hoch über mir, -- und nun ...! Gestern aber, an diesem einzigen kurzen Tage, hatte ich ja gar keine Zeit, mir das alles zu erklären, trotz der verschiedenen Anspielungen ... Es waren ganz andere Dinge, die mich gestern beschäftigten!«

Da mußte ich auf einmal an Katerina Nikolajewna denken, und wieder stach mich etwas wie mit einer Nadel schmerzhaft ins Herz, und ich wurde bis über die Ohren rot. Natürlich konnte ich in einem solchen Augenblick nicht gut zu ihr sein.

»Aber weshalb rechtfertigst du dich? Mir scheint, Arkadi, daß du dich rechtfertigen willst. So sag mir doch, weswegen denn eigentlich?« fragte Lisa leise und sanft, aber dennoch mit sehr fester und sicherer Stimme.

»Weswegen?! Ja, aber was soll ich jetzt tun? -- nehmen wir nur diese eine Frage! Und du fragst noch >weswegen eigentlich?< Ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll! Ich weiß nicht, wie Brüder in solchen Fällen vorgehen ... Ich weiß, daß man sie mit der Pistole in der Hand zur Heirat zwingt ... Ich werde vorgehen, wie ein anständiger Mensch in solchem Fall vorgehen muß! Aber da weiß ich nun wieder nicht einmal, wie ein anständiger Mensch unter diesen Umständen vorgehen soll ...! Und warum ich das nicht weiß? Weil wir -- keine Aristokraten sind, er aber ist ein Fürst und will seine Karriere in seinem Kreise machen; er wird uns ja überhaupt nicht anhören! Wir sind ja nicht einmal Geschwister, sind irgend so welche >Außereheliche<, ohne Familie, Kinder eines leibeigenen Hofknechtes; seit wann vermählen sich denn Fürsten mit dem Hofgesinde? Oh, der Ekel! Und zum Überfluß sitzt du da und wunderst dich noch über mich!«

»Ich glaube dir, daß du dich quälst,« sagte Lisa und errötete wieder, »aber du übereilst dich und quälst dich selbst.«

»Ich übereile mich? Ja, meinst du denn, daß ich mich noch nicht genug -- verspätet habe? Für dich bin ich wohl noch zu früh dahinter gekommen! Wie kannst du, Lisa, gerade du mir das sagen?« rief ich schließlich in hellem Zorn. »Und wieviel Schmach ich deshalb erduldet habe! Oh, ich kann mir denken, wie dieser Fürst mich hat verachten müssen! Mir ist ja jetzt alles klar! Dieses ganze Bild steht jetzt deutlich vor mir: er hat wirklich geglaubt, daß ich um sein Verhältnis mit dir wußte, jedoch absichtlich dazu schwieg oder gar die Nase hochtrug und auf die Beziehung meiner Schwester zu einem Fürsten noch >stolz< war -- selbst das hätte er von mir denken können! Und daß ich mir für meine Schwester, für die Schande meiner Schwester von ihm Geld geben ließ! Das hat ihm selbstverständlich Ekel eingeflößt, und ich finde es auch durchaus gerechtfertigt. Jeden Tag den Schuft sehen und empfangen müssen, bloß, weil er ihr Bruder ist, und der redet ihm dann noch von Ehre vor ...! das hält kein Herz aus, selbst ein Herz wie seines nicht! Und du hast das alles zugelassen, du hast mir nicht die Augen geöffnet! Er hat mich dermaßen verachtet, daß er sogar einem Stebelkoff alles von mir erzählt hat, und gestern sagte er mir selbst, er hätte mich schon zusammen mit Werssiloff hinauswerfen wollen. Und dieser Stebelkoff! >Anna Andrejewna ist doch genau so Ihre Schwester wie Lisaweta Makarowna,< und dann schreit er mir noch nach: >Mein Geld ist besser!< Und ich, ich lümmele mich frech auf seinem Diwan, ich behandle seine Bekannten wie ein Gleichstehender und dränge mich ihnen auf, -- der Teufel hole sie allesamt! Und du hast das zugelassen! Auch Darsan weiß es wohl schon, wenigstens nach seinem Ton gestern abend zu urteilen ... Alle, alle haben es schon gewußt, nur ich nicht ...!«

»Niemand weiß etwas, er hat es keinem von seinen Bekannten erzählt und gar nicht erzählen können,« unterbrach mich Lisa. »Von diesem Stebelkoff weiß ich nur, daß er ihn quält, und daß Stebelkoff höchstens etwas erraten haben kann ... Was aber dich betrifft, so habe ich ihm mehrmals gesagt, und er hat es mir auch aufs Wort geglaubt, daß du nichts weißt, nur verstehe ich nicht, warum und wie es gestern zwischen euch zur Sprache gekommen ist ...«

»Oh, zum Glück habe ich ihm gestern meine Schuld zurückgezahlt, so habe ich doch wenigstens diese Qual vom Halse! Lisa, weiß Mama es schon? Übrigens, was frage ich noch, selbstverständlich weiß sie es! -- gestern, gestern, wie sie sich da gegen mich erhob ...! Ach, Lisa! Ja, hältst du dich denn wirklich für vollkommen im Recht, glaubst du denn wirklich, daß dich nicht die geringste Schuld trifft? Klagst du dich denn gar nicht an? Ich weiß nicht, wie man heutzutage darüber urteilt, und welcher Ansicht du bist, ich meine, soweit das mich angeht, deine Mutter, deinen Bruder, deinen Vater ... Weiß Werssiloff es schon?«

»Mama hat ihm nichts gesagt, und er fragt nicht; wahrscheinlich will er nicht fragen.«

»Er weiß es natürlich, aber er will es nicht wissen, das ist schon so, das sieht ihm ähnlich! Nun gut, du lachst vielleicht über die Rolle des Bruders, über den dummen Bruder, wenn er von Pistolen spricht, aber deine Mutter, deine Mutter! Hast du denn wirklich nicht daran gedacht, Lisa, daß das für Mama ein Vorwurf ist? Ich habe mich die ganze Nacht damit gequält. Mamas erster Gedanke muß doch jetzt sein: >Das ist deshalb geschehen, weil auch ich mich vergessen habe, und wie die Mutter, so die Tochter!<«

»Oh, wie gehässig und grausam du das sagst!« rief Lisa, und Tränen traten ihr in die Augen; sie stand auf und ging schnell zur Tür.

»Bleib, bleib, Lisa!« rief ich und hielt sie zurück, legte den Arm um sie, führte sie wieder zu ihrem Platz und setzte mich neben sie, ohne meinen Arm fortzunehmen.

»Ich dachte mir schon, als ich herkam, daß alles so kommen würde, und daß du bestimmt verlangen würdest, ich solle mich selbst anklagen ... Nun gut, ich klage mich an. Nur aus Stolz habe ich soeben geschwiegen und nichts gesagt, aber ihr und Mama tut mir viel mehr leid, als ich mir selber leid tue ...«

Sie stockte, und plötzlich brach sie in heiße Tränen aus.

»Laß gut sein, Lisa, weine nicht, das ist nicht nötig, durchaus nicht nötig. Ich bin nicht dein Richter, Lisa. Aber, Mama, -- sag, weiß sie es schon lange?«

»Ich glaube, ja; ich habe es ihr selbst erst vor kurzem gesagt, als -- das geschah,« sagte sie leise, mit niedergeschlagenen Augen.

»Und was sagte sie?«

»Sie sagte: >Trag es!<« sprach Lisa noch leiser vor sich hin.

»Ach, Lisa, ja, >trag es!< Tu dir nicht irgend etwas an, Gott behüte dich davor!«

»Nein, ich werde mir nichts antun,« antwortete sie fest und sah mich wieder an. »Du kannst ganz ruhig sein,« fügte sie hinzu, »darum handelt es sich gar nicht.« »Lisa, Liebste, ich sehe nur, daß ich hiervon gar nichts verstehe, aber dafür ist mir erst jetzt zu Bewußtsein gekommen, wie ich dich liebe. Nur eins verstehe ich ganz und gar nicht, Lisa: es ist mir ja sonst alles klar, aber nur das begreife ich nicht, warum du dich denn in ihn verliebt hast? Wie konntest du dich in so einen verlieben? Das ist die Frage!«

»Und wahrscheinlich hast du dich auch mit dieser Frage die ganze Nacht gequält?« sagte Lisa mit einem stillen Lächeln.

»Warte, Lisa, nein, das war eine dumme Frage, und du lachst über mich. Lach nur, aber es ist doch ganz unmöglich, sich nicht darüber zu wundern: du und er -- ihr seid doch solche Gegensätze! Ich kenne ihn jetzt, ich habe ihn studiert: er ist finster, mißtrauisch, vielleicht im Grunde ein guter Mensch, aber dafür ist er im höchsten Grade geneigt, in allem Schlechtes zu sehen (darin ist er übrigens ganz wie ich!). Er liebt das Edle und Adlige leidenschaftlich, das gebe ich zu, das sehe ich, aber ich glaube, er liebt es doch nur von ferne, so als Ideal. Oh, er ist auch zur Reue bereit, er schwört sein ganzes Leben lang unaufhörlich, sich zu bessern, und er bereut wirklich aufrichtig, aber er bessert sich nie; übrigens ist das vielleicht auch ein Zug, den er mit mir teilt. Er hat tausend Vorurteile und falsche Meinungen -- und dabei überhaupt keine Meinung. Er sucht eine große Heldentat und gibt sich dabei mit schmutzigen Kleinigkeiten ab. Verzeih, Lisa, ich bin übrigens ein Esel: indem ich das sage, kränke ich dich, und ich weiß das, ich verstehe das ja ...«

»Das Bild könnte richtig sein,« sagte Lisa lächelnd, »aber du bist jetzt nur meinetwegen gar zu böse auf ihn, und deshalb ist eigentlich doch nichts richtig. Er ist dir gegenüber von Anfang an mißtrauisch gewesen, deshalb hast du ihn überhaupt nicht richtig kennen lernen können; zu mir aber war er schon in Luga ... Er sieht ja überhaupt nur mich, seitdem er mich in Luga kennen gelernt hat! Ja, er ist mißtrauisch und krankhaft -- ohne mich wäre er wahnsinnig geworden ... Und wenn er mich verlassen sollte, wird er bestimmt wahnsinnig werden oder sich erschießen. Ich glaube, das hat er jetzt eingesehen und weiß es,« sagte Lisa wie zu sich selbst und in Gedanken verloren vor sich hin. »Ja, er ist fortwährend schwach, aber gerade diese Schwachen sind manchmal auch zu einer außergewöhnlich starken Tat fähig ... Was du da von der Pistole sagtest, Arkadi, das paßt gar nicht hierher, das ist gar nicht nötig -- ich weiß selbst ganz genau, was geschehen wird. Nicht ich laufe ihm nach, sondern er läuft mir nach. Mama weint und sagt: >Wenn du ihn heiratest, wirst du unglücklich werden, er wird dann aufhören, dich zu lieben.< Das glaube ich aber nicht; unglücklich werde ich vielleicht werden, aber mich zu lieben wird er doch nicht aufhören. Das war nicht der Grund, weshalb ich ihm so lange nicht mein Jawort gegeben habe. Er bittet mich schon zwei Monate darum, nur habe ich immer nicht eingewilligt; erst heute habe ich ihm gesagt: Ja, ich heirate dich. Arkascha, weißt du, gestern ist er« -- ihre Augen strahlten, und sie schlang auf einmal beide Arme um meinen Hals --, »gestern ist er zu Anna Andrejewna gefahren und hat ihr ganz ehrlich und mit aller Offenheit gesagt, daß er sie nicht lieben kann ... Ja, er hat ihr alles erklärt, und diese Sache ist jetzt für immer abgetan! Er hat sich ja an diesem Plan auch nie beteiligt, das hat alles der alte Fürst Nikolai Iwanowitsch ausgeheckt, und diese seine Quälgeister haben ihn noch obendrein dazu bewegen wollen, dieser Stebelkoff und noch ein anderer ... Sieh, und dafür habe ich ihm heute mein Jawort gegeben. Lieber, lieber Arkadi, er bittet dich sehr, zu ihm zu kommen, und du sollst das nicht übelnehmen, was gestern vorgefallen ist: er ist heute nicht ganz wohl und wird den ganzen Tag zu Hause bleiben. Er ist wirklich krank, Arkadi, glaube nicht, daß das eine Ausrede ist. Er hat mich auch nur deshalb hergeschickt und mich gebeten, dir zu sagen, daß er >deiner bedarf<, und daß er dir viel zu sagen hat, hier aber in dieser Wohnung würde das nicht gut gehen. Nun, lebe wohl! Ach, Arkadi, ich schäme mich, es dir zu sagen, aber auf dem Wege hierher habe ich solche Angst gehabt, du könntest mich jetzt nicht mehr lieben, ich bekreuzte mich unterwegs immer wieder, du aber -- du bist so gut, so lieb! Das werde ich dir nie vergessen! Ich muß jetzt zu Mama. Und du -- versuch, ihn wenigstens ein bißchen liebzugewinnen, willst du?«

Ich umfing sie innig und sagte:

»Lisa, ich glaube, du bist ein starker Charakter. Ja, und ich glaube dir auch, daß nicht du ihm nachläufst, sondern er dir, aber trotzdem begreife ich nicht ...«

»>Warum du dich in ihn verliebt hast -- das ist die Frage!<« fiel mir Lisa plötzlich ins Wort, mit einem kleinen schelmischen Lachen wie früher, und dies letzte: »Das ist die Frage!« sagte sie genau so wie ich, und dabei hob sie auch den Zeigefinger vor die Stirn, ganz so wie ich es bei diesem Satz zu tun pflege.

Wir küßten uns zum Abschied, aber als sie hinausgegangen war, krampfte sich mir doch wieder das Herz zusammen.

II.

Zunächst eine Anmerkung nur für mich: es gab Augenblicke, nachdem Lisa mich verlassen hatte, in denen mir die überraschendsten Gedanken, und zwar gleich in ganzen Scharen, in den Kopf kamen, und ich sogar sehr zufrieden mit ihnen war. »Ja, aber weshalb rege ich mich denn auf,« dachte ich unter anderem, »was geht das schließlich mich an? So ist es doch bei allen oder wenigstens ähnlich! Und was hat denn das auf sich, daß Lisa dies passiert ist? Bin ich etwa verpflichtet, die >Familienehre< zu retten?« Ich erwähne hier alle diese Einzelheiten, um zu zeigen, wie wenig ich damals noch in meinen Begriffen von Gut und Böse gefestigt war. Nur das Gefühl rettete mich: ich wußte, daß Lisa unglücklich war, daß Mama unglücklich war, ich wußte das, weil ich es fühlte, wenn ich an sie dachte, -- und deshalb fühlte ich auch, daß alles das, was da geschehen war, unmöglich gut sein konnte.

Jetzt muß ich vorausschicken, daß die Ereignisse von diesem Tage an bis zu der Katastrophe meiner Erkrankung mit solcher Schnelligkeit einander folgten, daß ich mich nun selbst wundere, wenn ich daran zurückdenke, wie ich ihnen habe standhalten können und nicht vom Schicksal erdrückt worden bin. Sie entkräfteten meinen Verstand und selbst meine Gefühle, und wenn ich zu guter Letzt doch nicht standgehalten und ein Verbrechen begangen hätte -- (und ich war wirklich schon nahe daran), so ist es sehr wohl möglich, daß ich von den Geschworenen später freigesprochen worden wäre. Aber ich will mich bemühen, alles in möglichster Ordnung wiederzugeben, obschon meine Gedanken damals sehr wenig geordnet waren. Die Ereignisse stürmten mit solcher Wucht gegen mich an, daß sie meine Gedanken wie dürres Laub im Herbst durcheinanderwirbelten. Und da ich ganz aus fremden Gedanken bestand, wo sollte ich da plötzlich eigene hernehmen, als ich sie auf einmal zu einem selbständigen Entschluß brauchte? Einen Führer oder Berater hatte ich ja nicht.

Zum Fürsten beschloß ich erst am Abend zu gehen, um mich mit ihm über alles auszusprechen; bis dahin aber wollte ich zu Hause bleiben. Es begann bereits zu dämmern, als die Stadtpost mir wieder einen Brief von Stebelkoff brachte: es waren nur drei Zeilen mit der dringenden und »beschwörenden« Bitte, am nächsten Tage um elf Uhr bei ihm vorzusprechen, »wegen einer Sache von höchster Wichtigkeit, was Sie selbst einsehen werden«. Ich überlegte und beschloß, je nach den Umständen zu handeln; denn bis dahin war ja noch viel Zeit.

Es war inzwischen acht Uhr geworden; ich wäre schon längst zum Fürsten gegangen, wenn ich nicht die ganze Zeit auf Werssiloff gewartet hätte: ich hatte das Bedürfnis, ihm vieles zu sagen. Mein Herz brannte. Aber Werssiloff war nicht gekommen und kam nicht. Bei Mama und bei Lisa wollte ich mich vorläufig noch nicht zeigen, und eine Ahnung sagte mir, daß auch Werssiloff diesen ganzen Tag über nicht zu Hause war. Schließlich machte ich mich auf und ging zu Fuß zum Fürsten, aber unterwegs kam mir der Gedanke, doch in das Kellerrestaurant am Kanal, wohin Werssiloff mich gestern geführt hatte, hineinzusehen. Und richtig, er saß da auf demselben Platz, auf dem er am Abend vorher gesessen hatte.

»Ich habe mir schon gedacht, daß du hierherkommen würdest,« sagte er mit einem eigentümlichen Lächeln und einem sonderbaren Blick auf mich.

Es war kein gutes Lächeln; es war ein Lächeln, wie ich es in seinem Gesicht schon lange nicht mehr gesehen hatte.

Ich setzte mich an den Tisch und erzählte ihm zunächst die Tatsache vom Fürsten und Lisa, und dann den ganzen Auftritt, zu dem es in der Nacht zwischen mir und dem Fürsten nach der Roulette gekommen war; ich vergaß auch nicht, meinen großen Gewinn zu erwähnen. Er hörte sehr aufmerksam zu und fragte noch einmal nach dem Entschluß des Fürsten, Lisa zu heiraten.

»Pauvre enfant,{[50]} vielleicht wird sie dadurch nichts gewinnen. Aber vermutlich wird es nicht dazu kommen ... obschon er fähig wäre ...«

»Sagen Sie mir wie einem Freunde: Sie haben das doch gewußt, haben es doch geahnt?«

»Mein Freund, was konnte ich denn dabei tun? Das alles ist -- eine Sache des Gefühls und eines fremden Gewissens ..., wenn auch dieses armen Mädchens. Ich sage dir nochmals: ich habe mich seinerzeit zur Genüge in fremde Gewissen eingedrängt, -- es ist das die undankbarste Beschäftigung! Im Unglück werde ich meine Hilfe nicht versagen, soweit ich helfen kann, und wenn man mir nur sagt, wie. Und du, mein Lieber, du hast also wirklich die ganze Zeit nichts geahnt?«

»Wie konnten Sie,« rief ich in plötzlich aufloderndem Zorn, »wie konnten Sie, wenn Sie auch nur ein Atom von einem Verdacht hatten, ich wüßte um Lisas Verhältnis mit dem Fürsten, und da Sie doch sahen, daß ich von ihm Geld annahm, -- wie konnten Sie da noch mit mir sprechen, mit mir verkehren, mir die Hand reichen, -- mir, den Sie doch für einen Schuft halten mußten! Denn ich könnte wetten, daß Sie bestimmt vermutet haben, ich wüßte alles und nähme das Geld vom Fürsten wissentlich für meine Schwester!«

»Das war -- wiederum eine Gewissenssache,« sagte er lächelnd. »Und woher weißt du denn,« fügte er deutlich und mit einem geradezu rätselhaften Empfinden hinzu, »woher weißt du, ob nicht auch ich, ganz wie du, gestern, in einem anderen Fall, -- ob nicht auch ich gefürchtet habe, mein >Ideal< zu verlieren und statt meines heißblütigen und ehrlichen Jungen einen nichtswürdigen Bengel vor mir zu sehen? In dieser Befürchtung schob ich den Augenblick hinaus. Warum sollte man in mir nicht statt Faulheit und Hinterlist etwas Unschuldigeres, nun, meinetwegen auch Dümmeres, aber doch etwas Edleres voraussetzen dürfen? Que diable!{[38]} Ich bin gar zu oft dumm, auch ohne edleren Grund. Was wärst du dann noch für mich gewesen, wenn du schon solche Anlagen gehabt hättest? Durch Zureden bessern wollen ist in solchen Fällen ein klägliches Verfahren; in meinen Augen würdest du doch jeden Wert verloren haben, auch wenn du dich gebessert hättest ...«

»Aber Lisa tut Ihnen doch leid, sie tut Ihnen doch leid?«

»Sehr leid, mein Lieber. Wie kommst du darauf, mich für so gefühllos zu halten ...? Im Gegenteil, ich werde mich nach Kräften bemühen ... Nun, und wie steht es mit dir, wie stehen deine Angelegenheiten?«

»Sprechen Sie nicht davon; ich denke jetzt nicht an meine Angelegenheiten. Aber sagen Sie, warum zweifeln Sie daran, daß er sie heiraten wird? Er ist gestern bei Anna Andrejewna gewesen und hat sich endgültig losgesagt ... von, Sie wissen schon, von diesem dummen Einfall des alten Fürsten Nikolai Iwanowitsch -- sie zu verkuppeln. Er hat sich endgültig davon losgesagt.«

»So? Wann war er denn bei ihr? Und von wem hast du das gehört?« erkundigte er sich interessiert.

Ich erzählte ihm alles, was ich wußte.

»Hm ... Dann ist das ...« sagte er nachdenklich und schien zu überlegen. »Dann ist das ungefähr eine Stunde früher geschehen ... vor einer anderen Erklärung. Hm ... nun ja, eine solche Auseinandersetzung zwischen ihnen kann ja immerhin stattgefunden haben ... obgleich ich genau weiß, daß in dieser Sache dort niemals, weder von der einen noch von der anderen Seite, etwas gesagt oder getan worden ist ... Freilich genügen ja zwei Worte, um das zu erklären. Aber nun höre mal zu,« sagte er plötzlich mit einem eigentümlichen Lächeln, »ich werde dich mit einer recht außergewöhnlichen Neuigkeit überraschen: selbst wenn dein junger Fürst gestern Anna Andrejewna einen Heiratsantrag gemacht hätte (übrigens hätte ich, da ich die Geschichte mit Lisa ahnte, diese Verbindung aus allen Kräften zu verhindern gesucht, entre nous soit dit{[51]}), so hätte ihm Anna Andrejewna unter allen Umständen sofort einen Korb gegeben. Du scheinst Anna Andrejewna sehr gern zu haben, sie auch sehr zu achten und zu schätzen, wenn ich mich nicht irre? Das ist sehr nett von dir, und deshalb wirst du dich vermutlich für sie freuen, wenn ich dir diese Neuigkeit mitteile: sie hat sich verlobt, mein Lieber. Und soweit ich ihren Charakter kenne, wird es auch zur Heirat kommen, und ich -- nun, ich gebe ihr natürlich meinen Segen.«

»Sie wird heiraten? Aber wen denn?« rief ich maßlos erstaunt.

»Rat mal. Doch ich will dich nicht quälen: sie heiratet den Fürsten Nikolai Iwanowitsch, deinen lieben alten Herrn.«

Ich starrte ihn mit großen Augen an.

»Es ist anzunehmen, daß sie schon lange diese Absicht gehegt hat; und selbstverständlich wird sie die Sache genial vorbereitet haben,« fuhr er lässig und langsam, doch nicht ohne Schärfe fort. »Ich denke mir, das wird so etwa eine Stunde nach dem Besuch des >Fürsten Sserjosha< geschehen sein. (Der hätte mit seinem Besuch bei ihr auch etwas warten können!) Sie ist einfach zum alten Fürsten Nikolai Iwanowitsch gegangen und hat ihm den Antrag gemacht.«

»Wie das -- >ihm den Antrag gemacht<? Sie wollen wohl sagen: er hat ihr einen Antrag gemacht?«

»Wie sollte er! Nein, mein Lieber, sie, sie selbst hat es getan, deshalb ist er ja auch so selig und entzückt. Wie ich hörte, soll er jetzt nichts tun als dasitzen und sich immer nur wundern, wie und weshalb er nicht selbst darauf gekommen ist. Man sagte mir, er sei sogar krank geworden ... vermutlich auch das vor Seligkeit.«

»Hören Sie, Sie sagen das so spöttisch ... Ich kann es fast nicht glauben. Ja, und wie hat sie ihm denn den Antrag machen können? Was hat sie denn gesagt?«

»Sei überzeugt, mein Freund, daß ich mich darüber aufrichtig freue,« sagte er da mit einem plötzlich ganz ernsten Gesicht. »Er ist allerdings schon alt, aber nach Gesetz und Sitte kann er doch noch heiraten; und was sie betrifft, -- ja, das ist nun wieder Sache eines fremden Gewissens, ist das, wovon ich dir schon mehrmals gesprochen habe, mein Freund. Übrigens ist sie viel zu klug, um nicht ihre eigenen Ansichten zu haben und um nicht genau zu wissen, was sie tut. Was nun die Einzelheiten betrifft, nach denen du fragst, und wie sie sich ausgedrückt hat, -- ja, darüber weiß ich dir nichts zu sagen, mein Freund. Aber sie wird es fraglos schon verstanden haben, und wahrscheinlich besser, als wir zwei es jemals uns ausdenken könnten. Das Beste an der ganzen Sache ist, daß sie nichts von einem Skandal an sich hat; die Welt wird alles très comme il faut{[52]} finden. Natürlich ist es ja klar, daß sie sich damit eine Stellung in der Gesellschaft schaffen will, aber sie ist dieser Stellung doch wahrlich auch wert! So etwas ist in der Gesellschaft ganz gang und gäbe. Und ihren Antrag hat sie offenbar tadellos und mit der größten Vornehmheit gemacht. Sie ist der Typ einer strengen Frau, mein Freund, eine >geborene Nonne<, wie du sie einmal bezeichnet hast; oder auch eine >kühle Jungfrau<, wie ich sie schon lange nenne. Sie ist doch fast seine Pflegetochter, das weißt du ja, und sie hat auch seine Güte schon mehr als einmal an sich selbst erfahren. Sie hat mir bereits vor langer Zeit versichert, daß sie ihn >so schätze und verehre, so bedauere und so mit ihm sympathisiere<, und noch alles mögliche von der Art, daß ich zum Teil eigentlich vorbereitet war. Alles dieses hat mir heute morgen in ihrem Namen und auf ihre Bitte hin mein Sohn Andrei Andrejewitsch mitgeteilt, ihr Bruder, mit dem du, glaube ich, nicht bekannt bist. Ich sehe ihn in jedem halben Jahr auch nur einmal. Er billigt ihren Schritt mit allem schuldigen Respekt.«

»So ist die Sache schon öffentlich? Weiß Gott, ich bin ganz baff!«

»Nein, sie ist noch gar nicht öffentlich; wenigstens vorläufig soll sie noch nicht bekanntgemacht werden ... Ich bin darüber nicht näher unterrichtet und stehe überhaupt ganz abseits. Aber es ist so, wie ich dir sagte.«

»Ja, aber was wird jetzt Katerina Nikolajewna, seine Tochter ... Was meinen Sie, was wird Bjoring dazu sagen?«

»Das kann ich nicht wissen ... was eigentlich ihm daran nicht gefallen könnte. Sei versichert, Anna Andrejewna ist auch in der Beziehung ein im höchsten Grade korrekter Mensch. Aber ist sie nicht großartig, diese Anna Andrejewna? Da fragt sie mich gerade noch kurz vorher am Morgen, ob ich die verwitwete Frau Achmakoff liebe! Erinnerst du dich, ich erzählte dir das gestern und wunderte mich noch. Das russische Gesetz würde ihr doch nicht gestatten, den Vater zu heiraten, wenn ich die Tochter geheiratet hätte! Verstehst du das jetzt?«

»Ach, in der Tat!« rief ich. »Aber hat denn Anna Andrejewna wirklich im Ernst glauben können, daß Sie ... den Wunsch haben könnten, Katerina Nikolajewna zu heiraten?«

»Offenbar, mein Freund. Übrigens ... übrigens wird es für dich jetzt an der Zeit sein, deinen Weg dorthin fortzusetzen, wohin du gehen willst. Ich habe, offen gestanden, die ganze Zeit Kopfschmerzen. Werde die >Lucia< spielen lassen. Ich liebe die Feierlichkeit der Langweile. Aber das habe ich dir schon einmal gesagt ... Ich wiederhole mich unverzeihlich ... Vielleicht werde ich auch irgendwo anders hingehen. Ich habe dich sehr lieb, mein Lieber, aber jetzt lebe wohl. Wenn ich Kopfschmerzen habe oder Zahnweh, dann verlangt mich nach Einsamkeit.«

In seinem Gesicht bemerkte ich einen Ausdruck von innerer Qual; ich glaube es ihm jetzt, daß ihm damals der Kopf schmerzte, besonders der Kopf!

»Also morgen,« sagte ich.

»Morgen? Wer weiß, was morgen sein wird!« sagte er mit einem verzerrten Lächeln.

»Ich komme morgen zu Ihnen, oder Sie kommen zu mir.«

»Nein, nicht ich werde zu dir kommen, wohl aber wirst du zu mir stürzen ...«

Aus seinem Gesicht sprach etwas Böses, doch ich dachte nicht weiter an ihn, -- nach einer solchen Neuigkeit!

III.

Der Fürst war in der Tat nicht wohl und saß allein zu Haus, den Kopf mit einem nassen Tuch umwunden. Er schien mich mit Ungeduld erwartet zu haben; ihn quälten nicht nur heftige Kopfschmerzen, sondern vor allem seelische Schmerzen. Überhaupt muß ich darauf hinweisen, daß ich in der letzten Zeit vor der Katastrophe fortgesetzt mit Menschen zusammenkam, die so erregt und unzurechnungsfähig waren, daß man sie alle für mehr oder weniger wahnsinnig hätte halten können, und ich glaube fast, daß ich von ihnen gewissermaßen angesteckt wurde. Ich kam mit feindlichen Gefühlen zu ihm, und ich schämte mich, weil er mich gestern hatte weinen sehen. Und immerhin hatten Lisa und er mich so geschickt zu betrügen verstanden, daß ich nun als Dummkopf dastand, was ich doch unmöglich selbst übersehen konnte. Kurz, als ich bei ihm eintrat, tönten in mir viele falsche Saiten. Aber alles dieses Falsche und Vorgefaßte fiel sehr bald von mir ab. Besonders in einer Beziehung muß ich ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen: nachdem er sein Mißtrauen einmal aufgegeben hatte, gab er sich wirklich mit ganzem Herzen; dann erst sah man seine fast kindliche Zärtlichkeit und Liebesfähigkeit und ein wahrhaft rührendes Vertrauen. Er küßte mich unter Tränen und kam sofort auf die Sache selbst zu sprechen ... Er hatte mich tatsächlich sehr nötig. Seine Worte und Gedanken waren auffallend wirr.

Zunächst teilte er mir seinen festen Entschluß mit, Lisa zu heiraten, und zwar so bald als möglich.

»Daß sie nicht adlig ist, hat nicht einen Augenblick Bedenken in mir erweckt,« sagte er zu mir. »Mein Großvater hat im Alter ein Hofmädchen geheiratet, das bei einem benachbarten Gutsbesitzer, der aus seinen Leibeigenen ein ganzes Privattheater gebildet hatte, Sängerin gewesen war. Freilich hat meine Familie gewisse Hoffnungen auf mich gesetzt, aber die werden sie eben aufgeben müssen, und der Kampf wird schließlich nicht allzu lange dauern. Ich will mit allem brechen, mit allem Gegenwärtigen und Gewesenen, ein für allemal! Es muß alles anders werden, alles muß von neuem beginnen! Ich begreife nicht, warum Ihre Schwester mich liebgewonnen hat. Aber eines steht fest: ohne sie lebte ich jetzt gewiß nicht mehr auf dieser Welt. Ich schwöre Ihnen aus tiefstem Herzen: ich sehe darin einfach eine höhere Fügung in meinem Leben, daß ich ihr damals in Luga begegnet bin. Ich glaube, sie liebt mich wegen der >unermeßlichen Tiefe meines Falles< ... können Sie das verstehen, Arkadi Makarowitsch?«

»Vollkommen!« sagte ich mit aufrichtiger Überzeugung. Ich saß im Lehnstuhl vor dem Tisch, er ging im Zimmer auf und ab.

»Ich muß Ihnen die Geschichte unserer Begegnung ganz erzählen, ohne etwas zu verschweigen,« fuhr er fort. »Der Anlaß war ein Geheimnis, das ich mit mir herumtrage, und das ich nur ihr allein mitgeteilt habe, weil ich nur zu ihr habe Vertrauen fassen können. Außer ihr weiß es bis zum heutigen Tage kein Mensch. Nach Luga war ich damals mit Verzweiflung im Herzen gekommen; ich wohnte bei der Stolbejeff, warum, weiß ich selbst nicht. Ich suchte wohl Einsamkeit. Damals hatte ich gerade mein Abschiedsgesuch eingereicht und hatte das --sche Regiment verlassen. In dieses Regiment war ich nach meiner Rückkehr aus dem Auslande eingetreten, -- nach der Geschichte in Ems mit Andrei Petrowitsch. Ich hatte damals Geld, verschwendete viel und lebte auf großem Fuß; aber meine Regimentskameraden mochten mich nicht, obgleich ich mir Mühe gab, keinem zu nahe zu treten. Ja, ich muß gestehen, mich hat in meinem ganzen Leben noch niemand gemocht. Im Regiment war auch ein Kornett, ein gewisser Stepanoff, ein wirklich ganz leerer, nichtssagender und eigentlich sogar bescheidener Mensch; kurz, ein Mensch, der sich durch nichts Besonderes auszeichnete. Aber er war zweifellos ein anständiger Junge. Es wurde ihm bald zur Gewohnheit, mich zu besuchen -- ich machte keine Umstände mit ihm --, und er saß bei mir schweigsam in der Ecke, manchmal einen Tag lang, bewahrte aber durchaus Haltung und störte mich fast nie. Eines Tages erzählte ich ihm eine Geschichte, die gerade kursierte. Im Erzählen fügte ich aber noch manches Unwahre hinzu, wie zum Beispiel, daß ich der Tochter unseres Obersten nicht ganz gleichgültig sei, und daß der Oberst auf mich als Schwiegersohn rechne, und daher selbstverständlich alles tue, was ich wünschte ... Die Einzelheiten übergehe ich, -- kurz, es entstand daraus eine sehr unangenehme Klatschgeschichte. Daran war aber nicht Stepanoff schuld, sondern mein Bursche, der uns belauscht und später alles weitererzählt hatte, besonders einen lächerlichen Umstand, der die junge Dame bloßstellte. Dieser Bursche berief sich später bei seinem Verhör auf Stepanoff als Zeugen. Stepanoff befand sich da in einer peinlichen Lage; denn er konnte doch dem Burschen nicht ins Gesicht leugnen, daß er diese Geschichte tatsächlich von mir gehört hatte. Da aber zwei Drittel der Geschichte von mir frei erfunden waren, so waren die Offiziere sehr empört und der Regimentskommandeur sah sich gezwungen, das Offizierkorps bei sich zu versammeln und eine Untersuchung anzustellen. Und eben da wurde an Stepanoff jene Frage gestellt: ob er das gehört habe oder nicht? Und er war gezwungen, die ganze Wahrheit auszusagen. Was aber tat ich, ich, der Fürst aus tausendjährigem Geschlecht? Ich leugnete es und sagte Stepanoff ins Gesicht, daß er gelogen habe. Natürlich sagte ich das nur in dem Sinne, daß er mich >falsch verstanden habe< usw. usw. ... Ich übergehe wieder die Einzelheiten, aber der Vorteil meiner Lage war der, daß ich, da Stepanoff mich oft besucht hatte, die Sache so hinstellen konnte -- und das war schließlich nicht ganz unwahrscheinlich --, als ob Stepanoff das in einem geheimen Einverständnis mit meinem Burschen ausgesagt hätte und das Ganze ein abgekartetes Spiel von ihnen in einer gewissen eigennützigen Absicht gewesen wäre. Stepanoff sah mich nur schweigend an und zuckte die Achseln. Ich sehe noch seinen Blick und werde ihn nie vergessen. Darauf wollte er sofort sein Abschiedsgesuch einreichen, aber was glauben Sie wohl, was geschah? Die Offiziere machten ihm alle, ohne Ausnahme, einen gemeinsamen Besuch und baten ihn, nicht den Abschied zu nehmen. Vierzehn Tage später trat ich aus dem Regiment aus: mich hatte niemand aufgefordert, zu gehen, niemand hinausgeworfen; ich gab Familienverhältnisse als Grund meines Abschiedsgesuches an. Damit war die Sache erledigt. Am Anfang machte ich mir nichts daraus, ärgerte mich sogar noch über die anderen. Ich lebte in Luga, machte die Bekanntschaft mit Lisaweta Makarowna. Aber es verging ein Monat, und ich betrachtete meinen Revolver und dachte an den Tod. Ich sehe immer alles schwarz, Arkadi Makarowitsch. Schließlich entwarf ich einen Brief an den Regimentskommandeur und an die Kameraden, in dem ich meine Schuld eingestand und Stepanoff vollkommen rehabilitierte. Als ich den Brief geschrieben hatte, stellte ich mir die Frage: soll ich ihn absenden und mich nicht erschießen oder ihn absenden und mich erschießen? Die Antwort auf die Frage hätte ich allein nie gefunden. Ein Zufall, ein blinder Zufall, ließ mich nach einem flüchtigen und sonderbaren Gespräch Lisaweta Makarowna nähertreten. Sie hatte auch früher schon oft Frau Stolbejeff besucht, wir waren uns begegnet, hatten uns auch begrüßt, aber selten ein Wort miteinander gesprochen. Und auf einmal gestand ich ihr alles. Und eben damals war es, wo sie mir ihre Hand reichte.«

»Wie beantwortete sie Ihre Frage?«

»Ich schickte den Brief nicht ab. Sie sagte: wenn ich den Brief abschickte, so würde ich damit natürlich eine edle Handlung begehen, die meine Schuld aufhöbe und noch mehr als das; aber ob das nicht über meine Kraft ginge? Sie war der Meinung, daß so etwas über die Kraft eines jeden Menschen gehe: die eigene Zukunft zu vernichten und die Auferstehung zu einem neuen Leben sich selbst unmöglich zu machen. Etwas anderes wäre es gewesen, wenn Stepanoff unschuldig darunter zu leiden gehabt hätte, aber die Offiziere hatten ihn doch sowieso schon vollkommen rehabilitiert. Mit einem Wort, ihre Begründung war paradox; aber sie hielt mich zurück, und ich unterwarf mich ihr vollständig.«

»Sie hat jesuitisch, doch wie ein Weib entschieden!« rief ich. »Sie muß Sie schon damals geliebt haben!«

»Gerade das hat mich ja zu neuem Leben erweckt. Ich gab mir das Wort, mich zu ändern, mit dem früheren Leben zu brechen und das Gewesene vor ihr und vor mir selbst gutzumachen, und -- womit hat das nun geendet! Damit, daß ich mit Ihnen in die Roulettezirkel fahre und ein Spieler geworden bin! Ich habe vor der Erbschaft nicht standgehalten, habe wieder an eine Karriere gedacht, mich von diesen großen Leuten und eigenen Equipagen und Pferden blenden lassen ... Ich quäle Lisa ... Oh, die Schmach!«

Er rieb sich mit der Hand die Stirn und schritt wieder durch das Zimmer.

»Das russische Schicksal hat uns beide ereilt, Arkadi Makarowitsch: Sie wissen nicht, was Sie tun sollen, und ich weiß nicht, was ich tun soll. Gerät der russische Mensch nur ein wenig aus dem durch die Gewohnheit für ihn zum Gesetz gewordenen Geleise, so hört er gleich auf zu wissen, was er tun soll. Im Geleise ist alles klar: das Einkommen, der Rang, die Stellung in der Gesellschaft, die Equipage, die Visiten, der Beruf, die Frau, -- aber es braucht nur eine Kleinigkeit in die Quere zu kommen, und -- was bin ich? Ein losgelöstes Blatt, mit dem der Wind spielt. Ich weiß nicht, was ich zu tun habe! In diesen zwei Monaten habe ich mir die größte Mühe gegeben, mich im Geleise zu halten; ich liebe das Geleise, ich fühlte, wie es mich ins Geleise zog. Aber Sie kennen noch nicht die ganze Größe meines neuen Verrats: ich liebe Lisa, ich liebe sie aufrichtig, und doch habe ich dabei an die Achmakoff gedacht!«

»Nicht möglich?« rief ich schmerzlich betroffen. »Übrigens, Fürst, was sagten Sie mir gestern über Werssiloff: er habe Sie aufgehetzt, Katerina Nikolajewna bloßzustellen?«

»Ich habe vielleicht übertrieben. Vielleicht tue ich ihm gerade so unrecht mit meinem Verdacht, wie ich Ihnen unrecht getan habe. Lassen wir das. Oder glauben Sie, ich hätte nicht die ganze Zeit, seit meinem Aufenthalt in Luga, ein hohes Lebensideal im Herzen gehabt? Ich schwöre Ihnen, ich habe es niemals vergessen, es hat mir immer vorgeschwebt und hat in meiner Seele noch nichts von seiner Schönheit eingebüßt. Ich habe den Schwur, den ich Lisaweta Makarowna gegeben habe, den Schwur, ein neues Leben zu beginnen, niemals vergessen. Andrei Petrowitsch hat mir gestern, als er hier vom Adel redete, nichts Neues gesagt, das können Sie mir glauben. Mein Ideal steht mir klar und fest vor Augen: weniger als hundert Desjätinen Land (denn von der Erbschaft ist mir fast nichts mehr verblieben); ein vollkommener Bruch mit der Gesellschaft und der Karriere; ein Landhaus, eine Familie, und ich selbst -- ein Ackerbauer oder nicht viel mehr als das. Oh, in unserer Familie ist das nichts Neues: der Bruder meines Vaters hat eigenhändig gepflügt, mein Großvater gleichfalls. Wir, ein tausendjähriges Fürstengeschlecht, und von so altem Adel wie die Rohans, -- wir sind Bettler. Aber jedem meiner Kinder würde ich vor allem ein Gebot hinterlassen: >Vergiß es nie, daß du -- ein Edelmann bist, daß in deinen Adern das heilige Blut russischer Fürsten fließt, und schäme dich dessen nicht, daß dein Vater selbst sein Land gepflügt hat: er hat es fürstlich getan.< Ich würde meinen Kindern kein Vermögen hinterlassen, außer diesem einen Stück Land, aber dafür würde ich es für meine Pflicht halten, ihnen eine höhere Bildung zu geben. Oh, Lisa würde mir schon helfen, und die Kinder, die Arbeit; oh, wie oft habe ich mit ihr davon geträumt, hier, in diesen Räumen, und ... Und zur selben Zeit habe ich an Katerina Nikolajewna Achmakoff gedacht, ohne sie zu lieben, und an die Möglichkeit einer reichen, vornehmen Heirat! Erst als uns Naschtschokin gestern die Nachricht von ihrer Verlobung mit Bjoring brachte, entschloß ich mich, zu Anna Andrejewna zu gehen.«

»Aber Sie sind doch zu ihr gegangen, um ihr gewissermaßen abzusagen. Und das war doch, denke ich, sehr anständig von Ihnen.«

»Glauben Sie?« Er blieb vor mir stehen. »Nein, dann kennen Sie meine Natur noch nicht! Oder ... oder ich verstehe da selbst irgend etwas nicht; denn es ist, wie es scheint, nicht nur eine Natur in mir. Ich liebe Sie aufrichtig, Arkadi Makarowitsch, und außerdem habe ich Ihnen in diesen zwei Monaten so sehr unrecht getan, -- darum möchte ich, daß Sie, als Lisas Bruder, das alles erfahren. Ich fuhr zu Anna Andrejewna, um ihr einen Antrag zu machen, nicht aber, um ihr abzusagen.«

»Ist es möglich? Aber Lisa sagte mir doch ...«

»Ich habe Lisa belogen.«

»Sie haben ihr also einen förmlichen Antrag gemacht, und Anna Andrejewna hat Ihnen einen Korb gegeben? War es so? Sagen Sie, war es so? Die Einzelheiten sind für mich ungeheuer wichtig, Fürst.«

»Nein, einen Antrag habe ich ihr nicht gemacht, aber nur darum nicht, weil ich gar nicht dazu kam. Sie gab mir schon im voraus einen Korb -- das heißt, nicht buchstäblich, aber sie gab mir mit sehr durchsichtigen Andeutungen >zartfühlend< zu verstehen, daß diese Idee unmöglich sei.«

»Dann haben Sie ihr also doch keinen Antrag gemacht, und Ihr Stolz braucht sich nicht verletzt zu fühlen.«

»Können Sie das wirklich so auffassen! Und mein eigenes Gewissen? Und Lisa, die ich betrogen habe und ... die ich somit habe verlassen wollen? Und das Gelübde, das ich vor mir selbst und meinen Vorfahren abgelegt, ein neuer Mensch zu werden und die alten Sünden gutzumachen? Ich bitte Sie, sagen Sie Lisa nichts davon! Dieses eine würde sie mir vielleicht doch nicht vergeben können! Ich bin seit gestern krank. Im Grunde ist ja schon jetzt alles zu Ende, und der letzte der Fürsten Ssokolski wird zur Zwangsarbeit verurteilt werden. Arme Lisa! Ich habe den ganzen Tag auf Sie gewartet, Arkadi Makarowitsch, um Ihnen, als Lisas Bruder, alles das zu sagen, was sie nicht weiß. Also hören Sie: Ich bin ein -- Staatsverbrecher und an der Fälschung der --skschen Eisenbahnaktien beteiligt.«

»Was heißt das! Wie, ein ...« Ich war aufgesprungen und sah ihn mit Entsetzen an.

Aus seinem Gesicht sprach tiefer, düsterer, hoffnungsloser Schmerz und das Bewußtsein, dem Verhängnis nicht mehr entrinnen zu können.

»Setzen Sie sich,« sagte er, und er setzte sich selbst in einen Lehnstuhl mir gegenüber. »Zunächst die Tatsachen: Vor einem Jahr, also in demselben Sommer, als ich in Ems war, wo sich damals auch Lydia und Katerina Nikolajewna aufhielten, und von wo ich mich dann auf zwei Monate nach Paris begab, ging mir, eben in Paris, natürlich das Geld aus. Dort hielt sich aber zu der Zeit gerade Stebelkoff auf, den ich übrigens schon von früher kannte. Er gab mir sofort Geld und versprach, mir noch mehr zu geben, wenn auch ich ihm einen kleinen Dienst erweisen wollte: er brauchte einen Künstler, der Zeichner, Graveur, Lithograph und zugleich Chemiker und Techniker war, und zwar brauchte er ihn zu einem ganz bestimmten Zweck. Diesen Zweck ließ er sogar ziemlich deutlich durchblicken. Warum sollte er auch nicht? Er kannte meinen Charakter: mich belustigte das alles nur. Ich war nämlich, wie er wußte, noch von der Schulbank her mit einem Herrn bekannt, der jetzt als russischer Emigrant -- er ist aber nicht Russe -- irgendwo da in Hamburg lebt. In Rußland soll er schon früher einmal in eine unangenehme Geschichte wegen gefälschter Wertpapiere verwickelt gewesen sein. Und gerade auf diesen Menschen rechnete nun Stebelkoff, aber er brauchte eine Empfehlung an ihn, und wegen dieser Empfehlung wandte er sich an mich. Ich gab ihm denn auch ein paar Zeilen mit, doch das war für mich so nebensächlich, daß ich die ganze Geschichte fast sofort vergaß. Darauf traf ich Stebelkoff noch ein paarmal, und ich erhielt von ihm damals im ganzen etwa dreitausend Rubel. Aber wie gesagt, die Hauptsache hatte ich in kürzester Zeit buchstäblich vergessen. Hier habe ich dann die ganze Zeit Geld von ihm genommen, gegen Wechsel und Pfänder; er gab sich fast sklavisch als mein ergebenster Diener. Und, gestern höre ich plötzlich von ihm, daß ich ein -- Staatsverbrecher sein soll!«

»Wann denn gestern?«

»Als wir gestern dort im Nebenzimmer aneinandergerieten, kurz bevor Naschtschokin kam. Er unterstand sich da zum erstenmal, mir ganz unverfroren von Anna Andrejewna zu sprechen. Ich erhob die Hand, um ihn zu ohrfeigen, er aber sprang plötzlich auf und erklärte mir, ich dürfe nicht vergessen, daß ich mit ihm solidarisch sei, sein Helfershelfer und folglich ein Spitzbube wie er! Wenn er sich auch nicht so ausdrückte, so war das doch der Sinn seiner Worte.«

»Welch ein Unsinn! Aber das sind doch Hirngespinste?«

»Nein, das sind keine Hirngespinste. Er war heute wieder bei mir und erklärte sich deutlicher. Die Aktien sind schon längst in Umlauf, und es werden noch neue in Umlauf gesetzt, aber an manchen Stellen scheint man die Fälschung schon erkannt zu haben. Allerdings habe ich nichts damit zu schaffen, aber Stebelkoff erklärte mir: >Sie haben mir damals doch diese Empfehlung gegeben.<«

»Aber Sie wußten doch nicht, um was es sich handelte, -- oder wußten Sie es?«

»Ich wußte es,« sagte der Fürst leise und schlug die Augen nieder. »Das heißt, sehen Sie, ich wußte es, und wußte es auch wieder nicht. Die Sache belustigte mich, und ich war bei guter Laune. Gedacht habe ich mir damals eigentlich überhaupt nichts, um so weniger, als ich die falschen Aktien doch gar nicht brauchte, und ich auch mit der Fälschung gar nichts zu tun hatte. Aber die Dreitausend, die er mir damals gab, hat er mir nicht angerechnet, und ich, ich habe das zugelassen. Übrigens, was können Sie wissen, vielleicht bin ich auch ein Falschmünzer? Ich mußte mir das doch selbst sagen, ich bin doch kein Kind, das von nichts weiß. Und ich wußte es ja auch, aber, wie gesagt, es belustigte mich, und ich half den Spitzbuben und Zuchthäuslern ... und half ihnen für Geld! Folglich bin ich doch ein -- Falschmünzer!«

»Oh, Sie übertreiben! Sie sind ja nicht ganz frei von jeder Schuld, aber so schuldig sind Sie doch nicht!«

»Da ist nun noch ein gewisser Shibelski,« erzählte der Fürst weiter, »ein junger Mensch, so eine Art Jurist oder Schreiber bei einer Gerichtsbehörde. Der soll an dieser Aktienfälschung auch irgendwie beteiligt sein. Ich weiß nur, daß er von jenem Herrn in Hamburg einmal zu mir gekommen ist, aber aus einem ganz anderen, ganz nebensächlichen Grunde; ja, eigentlich weiß ich selbst nicht, warum; denn von den Aktien war damals nicht einmal die Rede. Aber jedenfalls hat er zwei Briefe von mir in Händen, Briefe von nur zwei bis drei Zeilen, und die sind nun Beweise gegen mich, -- das habe ich heute sehr gut begriffen. Stebelkoff erklärte mir, daß dieser Shibelski der Sache gefährlich werde: er hätte da etwas unterschlagen, irgendwelche Gelder, ich glaube Staatsgelder, und er hätte die Absicht, noch mehr zu unterschlagen und dann ins Ausland durchzubrennen; aber um seinen Plan ausführen zu können, brauche er achttausend Rubel, nicht weniger. Mein Teil der Erbschaft würde für Stebelkoff genügen, aber Stebelkoff sagt, auch Shibelski müsse befriedigt werden ...! Kurz, ich müßte ihnen meinen Teil der Erbschaft abtreten und noch zehntausend Rubel dazugeben -- das ist ihre letzte Forderung. Dann würde ich meine zwei Briefe von ihnen zurückerhalten. Sie sind natürlich unter einer Decke, das ist klar.«

»Aber das ist doch ein offenbarer Unsinn! Wenn sie Sie anzeigen, so liefern sie sich doch selbst aus! Deshalb werden sie das unter keinen Umständen tun!«

»Das weiß ich. Aber sie drohen ja auch gar nicht damit, sie sagen nur: >Wir werden selbstverständlich nichts anzeigen, aber wenn die Sache aufgedeckt wird, so ...< -- das ist alles, was sie sagen, und ich denke, das genügt! Doch nicht das ist das Schreckliche! Gleichviel was daraus wird, und ob ich die Briefe in meiner Tasche habe oder nicht, -- aber solidarisch zu sein mit diesen Spitzbuben, mein Leben lang ihr Mitschuldiger zu sein, mein Leben lang! Und mein Vaterland belügen, meine Kinder belügen, Lisa belügen und mein eigenes Gewissen belügen ...!«

»Weiß Lisa davon?«

»Nein, alles weiß sie nicht. Sie würde es in ihrer jetzigen Lage nicht überleben. Ich trage noch die Uniform meines Regimentes, aber bei jeder Begegnung mit einem Soldaten meines Regiments, in jedem Augenblick auf der Straße muß ich mir sagen, daß ich nicht wert bin, sie zu tragen.«

»Hören Sie,« fuhr ich plötzlich auf, »da sind weiter keine Worte zu verlieren: die einzige Rettung, die Ihnen verbleibt, ist Ihr alter Freund, Fürst Nikolai Iwanowitsch. Gehen Sie zu ihm und bitten Sie ihn um zehntausend Rubel, ohne ihm etwas aufzudecken. Bestellen Sie dann die beiden Schufte zu sich, rechnen Sie mit ihnen ab, kaufen Sie Ihre Briefe zurück, und die Sache ist erledigt! Und dann, wenn das aus der Welt geschafft ist, dann sehen Sie zu, daß Sie zu pflügen anfangen! Zum Teufel mit der Phantasie, und vertrauen Sie sich dem Leben an!«

»Daran habe ich schon gedacht,« sagte er entschlossen. »Ich habe es mir den ganzen Tag überlegt und geschwankt, doch jetzt ist mein Entschluß gefaßt. Ich habe nur noch auf Sie gewartet; ich werde hinfahren. Wissen Sie, daß ich noch nie eine Kopeke vom Fürsten Nikolai Iwanowitsch genommen habe? Er ist sehr gut zu uns, er ... hat sogar bewiesen, daß er Anteil nimmt an meiner Familie, aber ich, ich persönlich habe nie Geld von ihm genommen. Doch jetzt habe ich mich entschlossen. Sie müssen wissen, daß unsere Linie der Fürsten Ssokolski älter ist als die Linie des Fürsten Nikolai Iwanowitsch; er entstammt der jüngeren Linie, nur einer Seitenlinie, einem fast anfechtbaren Zweig ... Unsere Vorfahren lebten in Feindschaft miteinander. Als Peter der Große seine Reformen einführte, wollte mein Urgroßvater, der auch Peter hieß und zu den Altgläubigen gehörte, von seinem Glauben nicht lassen und mußte sich in den Kostromaschen Wäldern verbergen. Dieser Fürst Peter war in zweiter Ehe mit einer Nichtadeligen verheiratet ... Und eben dadurch kamen jene anderen Ssokolskis, die Nebenlinie, in die Höhe ... Aber ich ... ja, wovon sprach ich denn eigentlich?«

Er war sehr erschöpft und schien selbst nicht mehr zu wissen, was er sagte.

»Beruhigen Sie sich, und legen Sie sich jetzt schlafen, das ist das erste, was Sie tun müssen,« sagte ich, stand auf und nahm meinen Hut. »Der Fürst Nikolai Iwanowitsch wird es Ihnen nicht abschlagen, besonders jetzt nicht, im Glück. Sie wissen doch schon das Neueste? Oder noch nicht? Ich habe etwas Unglaubliches gehört: er werde heiraten! Das soll freilich noch ein Geheimnis bleiben, aber natürlich nicht vor Ihnen.«

Und ich erzählte ihm noch schnell, den Hut schon in der Hand, was ich gehört hatte. Er wußte noch nichts davon. Er erkundigte sich hastig nach den Einzelheiten, besonders wollte er wissen, wann und wo diese Verlobung stattgefunden haben sollte, und ob die Nachricht überhaupt zuverlässig sei. Natürlich verheimlichte ich ihm nicht, daß es gleich nach seinem Besuch bei Anna Andrejewna geschehen sein mußte. Ich vermag nicht wiederzugeben, was für einen schmerzlichen Eindruck diese Nachricht auf ihn machte; sein Gesicht verzerrte sich, ein schiefes Lächeln verzog seine Lippen; als ich alles erzählt hatte, war er unheimlich blaß, starrte zu Boden und schien in tiefe Gedanken versunken zu sein. Da begriff ich, daß seine Eigenliebe durch die gestrige Absage Anna Andrejewnas furchtbar verletzt war. Vielleicht sah er in seinem krankhaften Zustande die lächerliche und erniedrigende Rolle, die er gestern gespielt hatte, in gar zu greller Beleuchtung, diese Erniedrigung vor der jungen Dame, von deren Einwilligung er die ganze Zeit über so fest überzeugt gewesen war. Und vielleicht kam ihm auch der Gedanke, was für eine Ehrlosigkeit er Lisa gegenüber begangen hatte, und alles das um nichts! Es ist wirklich merkwürdig, wofür diese Gesellschaftsmenschen einander halten, und auf welcher Basis sie sich gegenseitig achten! Dieser Fürst mußte sich doch sagen, daß Anna Andrejewna von seiner Beziehung zu Lisa, die dazu noch ihre Schwester war, einmal erfahren konnte, wenn sie nicht schon alles wußte, doch siehe da -- er hatte an ihrem Jawort nicht einmal gezweifelt!

»Und Sie konnten wirklich glauben,« sagte er auf einmal und sah mich stolz und hochfahrend an, »daß ich fähig wäre, nach einer solchen Mitteilung noch zum Fürsten Nikolai Iwanowitsch zu gehen und ihn um Geld zu bitten! Zu ihm, dem Verlobten dieses Mädchens, das mir soeben einen Korb gegeben hat -- nein, diese Niedrigkeit, diese Lakaienhaftigkeit! Nein, jetzt ist alles verloren, und wenn die Hilfe dieses alten Fürsten noch meine letzte Hoffnung war, so mag auch diese Hoffnung sinken!«

In meinem Herzen stimmte ich ihm natürlich bei, aber der Wirklichkeit gegenüber mußte man die Sache doch etwas weitherziger auffassen: war denn dieser alte Herr noch ein Mann, ein richtiger Verlobter? Mir kamen noch andere Ideen in den Kopf. Ich hatte ja ohnehin beschlossen, am nächsten Morgen sofort zum alten Fürsten zu gehen. Ich bemühte mich, den schlimmen Eindruck meiner Erzählung abzuschwächen und den Armen zu bereden, sich schlafen zu legen. »Schlafen Sie sich aus, und Sie werden sehen, Ihre Gedanken werden klarer werden!« Er drückte mir fest die Hand, aber er küßte mich nicht mehr. Ich gab ihm mein Wort, morgen abend zu ihm zu kommen, »und dann wollen wir uns aussprechen; es gibt jetzt so vieles, worüber wir noch sprechen müssen,« sagte ich. Doch als Antwort auf meine Worte hatte er nur ein fatalistisches Lächeln.

Achtes Kapitel.

I.

Diese ganze Nacht träumte mir vom Roulette, vom Spiel, von Gold und von Berechnungen: ich mühte mich vergeblich, einen Einsatz oder eine besondere Chance zu berechnen, und dieser Traum quälte mich die ganze Nacht wie ein Alb. Um die Wahrheit zu sagen: ich hatte auch schon diesen ganzen Tag, trotz aller mich erschütternden Eindrücke, immer wieder an meinen großen Gewinn bei Serschtschikoff gedacht. Natürlich hatte ich diese Gedanken zu verscheuchen gesucht, aber der Eindruck ließ sich nun einmal nicht ausschalten, und schon bei der bloßen Erinnerung erzitterte etwas in mir. Ja, dieser Gewinn hatte sich wahrlich in mein Herz festgebissen. Sollte ich wirklich ein geborener Spieler sein? Eines wenigstens ist mir ganz klar: daß ich Eigenschaften eines Spielers habe. Selbst heute noch, wo ich das niederschreibe, liebe ich es, manchmal an das Spiel zu denken! Es ist schon vorgekommen, daß ich ganze Stunden damit verbringe, still dazusitzen und mich in Gedanken mit Spielberechnungen zu beschäftigen, mir vorzustellen, wie das alles vor sich geht, wie ich setze, und wie mein Einsatz gewinnt. Ja, ich habe gar viele »Eigenschaften« in mir; ich habe eine unruhvolle Seele.

Es war gegen zehn Uhr, als ich beschloß, doch zu Stebelkoff zu gehen, und zwar zu Fuß. Mein Schlitten kam allerdings vorgefahren, aber ich schickte ihn nach Haus. Während ich meinen Morgenkaffee trank, versuchte ich, mir alles zu überlegen. Ich fühlte mich eigentlich sehr zufrieden; und wie mir das zu Bewußtsein kam und ich einen Augenblick nachdachte, erkannte ich sofort, daß ich hauptsächlich deshalb so zufrieden war, »weil ich heute im Hause meines alten Fürsten Nikolai Iwanowitsch sein werde«. Aber dieser Tag war verhängnisvoll in meinem Leben; und unvorhergesehen, wie er war, begann er auch gleich mit einer Überraschung.

Es hatte gerade zehn geschlagen, als plötzlich meine Tür sperrangelweit aufflog, und ins Zimmer stürzte -- Tatjana Pawlowna. Alles hätte ich noch erwartet, aber nicht ihr Erscheinen bei mir. Erschrocken sprang ich auf. Ihr Gesicht war grimmig anzusehen, ihre Bewegungen wild und aufgeregt, und ich glaube, wenn man sie gefragt hätte, weshalb sie zu mir geeilt war, hätte sie es vielleicht selbst nicht zu sagen gewußt. Ich muß hier im voraus bemerken, damit es nicht gar zu unverständlich ist, daß sie gerade eine ungeheuerliche, sie fast niederschmetternde Nachricht erhalten hatte und sich noch unter dem ersten erschütternden Eindruck befand. Und dieses Ereignis war zum Teil durch mich verursacht worden. Übrigens blieb sie nur eine halbe Minute, oder vielleicht eine ganze Minute, aber gewiß nicht länger bei mir.

»Da ist er! Also so bist du!« schrie sie mich an -- ganz krumm stand sie vor mir, in ihrer Wut. »Du junger Hund! Was hast du angerichtet? Oder weißt du's etwa nicht? Da sitzt er und trinkt noch Kaffee! Ach du Klatschbase, du Lästerer, du Windbeutel! Du Liebhaber aus Papier ...! Solche Lümmel muß man einfach peitschen, mit Ruten peitschen, jawohl, peitschen! peitschen!«

»Tatjana Pawlowna, was ist geschehen? Was ist denn los? Mama ...?«

»Wirst's erfahren!« schrie sie drohend -- und fort war sie, kaum daß ich sie gesehen hatte. Ich wäre ihr natürlich nachgelaufen, aber ein Gedanke hielt mich zurück oder nicht einmal ein Gedanke, sondern nur eine dunkle Unruhe: ich ahnte, daß der »Liebhaber aus Papier« das wichtigste und bedeutsamste Wort von allen ihren gegen mich geschleuderten Schmähungen gewesen war; freilich, auf den ganzen Zusammenhang wäre ich nie und nimmer von selbst gekommen. Aber ich machte mich doch sogleich auf den Weg, um so schnell als möglich die Sache mit Stebelkoff zu erledigen und dann zum alten Fürsten zu eilen. »Dort ist der Schlüssel zu allem!« dachte ich instinktiv.

Es war mir unbegreiflich, woher Stebelkoff von der heimlichen Verlobung Anna Andrejewnas bereits gehört haben konnte, aber er wußte schon die ganze Geschichte und sogar bis in die kleinsten Einzelheiten hinein. Ich will nicht alle seine Reden und Gebärden wiedergeben, aber er war entzückt, war ganz zappelig vor Entzücken über diesen »diplomatisch genialen Coup!«, wie er sich ausdrückte.

»Nein, das ist mir mal ein Frauenzimmer! Teufel noch eins! Nein, sehen Sie, das ist mal ein Frauenzimmer!« rief er ein über das andere Mal. »Die ist uns über! Da sitzen wir nun und sitzen, und 's kommt nichts dabei raus; sie aber, sie hatte mal Lust, das Wasser aus der Quelle selbst zu trinken, und da geht sie einfach hin und trinkt, trinkt's auch wirklich! Das ... das ist eine antike Statue! Das ist ja die antike Minerva selbst, bloß daß sie herumgeht und moderne Kleider trägt!«

Ich ersuchte ihn, zur Sache zu kommen. Es handelte sich, wie ich schon vermutet hatte, nur darum, daß ich dem jungen Fürsten zureden sollte, zum alten Fürsten Nikolai Iwanowitsch zu fahren und ihn um seine Hilfe zu bitten. »Sonst wird es ihm, dem Fürsten Ssergei Petrowitsch, doch furchtbar schlecht ergehen! Das liegt doch jetzt nicht mehr in meiner Macht! Ist das so oder nicht?«

Er sah mir wieder in die Augen, aber ich glaube, er vermutete nicht einmal, daß ich inzwischen etwas erfahren haben konnte, was ich während unseres Gesprächs vor zwei Tagen noch nicht gewußt hatte. Aber wie hätte er das auch vermuten sollen, da ich mit keinem Wort, mit keiner Anspielung verriet, daß ich von den Aktien etwas wußte. Wir sprachen nicht lange; er begann mir sogleich Geld zu versprechen, und zwar »viel Geld, sehr viel Geld, wenn Sie nur dazu beitragen, daß der Fürst hinfährt und ihn bittet! Die Sache drängt, drängt fürchterlich, und das ist ja eben das Zwingende, daß sie so drängt!«

Ich hatte keine Lust, ihm zu widersprechen und mich lange mit ihm abzugeben. Ich sagte daher nur, ich würde es »versuchen«. Doch plötzlich setzte er mich maßlos in Erstaunen: ich ging bereits zur Tür, als er auf einmal schmeichelnd seinen Arm um meine Schulter legte und ... die unverständlichsten Dinge zu reden anfing.

Ich übergehe die Einzelheiten und gebe nur den Sinn des Gespräches wieder, um nicht zu ermüden. Der Sinn war kurz gesagt der, daß er das Ansinnen an mich stellte, ihn mit -- Dergatschoff bekannt zu machen, da ich, wie er meinte, »dort doch verkehre!«

Ich verstummte sofort und horchte auf, -- gab mir aber die größte Mühe, ihn nichts merken zu lassen. Übrigens sagte ich ihm gleich darauf, daß ich dort keineswegs verkehrte und nur einmal, und auch damals nur zufällig, bei ihnen gewesen war.

»Aber wenn Sie schon einmal zugelassen worden sind, dann können Sie doch wieder hingehen, das ist doch so -- oder nicht?«

Nun fragte ich ihn ganz offen, aber sehr kaltblütig, weshalb er das denn wünschte? Und wirklich, ich kann es noch immer nicht verstehen, wie die Naivität eines offenbar doch gar nicht dummen Menschen, dazu noch eines »Geschäftsmannes«, wie Wassin ihn bezeichnet hatte, in dieser Sache so weit gehen konnte! Er erklärte mir nämlich auf meine Frage ohne weiteres, daß er bei Dergatschoff »etwas Verbotenes, sogar streng Verbotenes« vermute, und folglich könnte ich, wenn ich dahinterkäme, einen gewissen Vorteil für mich herausschlagen ... Und er zwinkerte mir lächelnd mit dem linken Auge zu.

Ich antwortete ihm darauf so gut wie nichts Bestimmtes, tat aber, als erwöge ich den Vorschlag, und sagte schließlich, ich würde darüber noch »nachdenken«. Dann beeilte ich mich, fortzukommen. Die Sache wurde verwickelter. Ich fuhr schnell zu Wassin, den ich zum Glück zu Hause traf.

»Ah, auch Sie!« sagte er rätselhaft, als er mich erblickte.

Ich schenkte diesem Ausruf weiter keine Beachtung, sondern erzählte ihm gleich diese letzte Geschichte mit Stebelkoff. Er war sichtlich verdutzt, doch verlor er deshalb keinen Augenblick seine Kaltblütigkeit. Er fragte mich eingehend nach den Einzelheiten, und ich mußte ihm alles ganz ausführlich wiedergeben.

»Ist es nicht doch möglich, daß Sie ihn falsch verstanden haben?«

»Nein, ich habe ihn ganz richtig verstanden; denn der Sinn seiner Worte war überhaupt nicht mißzuverstehen.«

»Jedenfalls bin ich Ihnen außerordentlich dankbar,« sagte er aufrichtig. »Ja, in der Tat, wenn alles so war, dann hat er wohl gedacht, Sie würden einer gewissen Summe nicht widerstehen können.«

»Zumal er meine Lage sehr gut kennt: ich habe viel gespielt und habe mich schlecht aufgeführt, Wassin.«

»Ich habe davon gehört.«

»Am unverständlichsten ist mir aber,« wagte ich, scheinbar unbefangen und wie beiläufig, zu bemerken, »daß er von Ihnen doch weiß, daß Sie zu diesen Leuten gehen.«

»Er weiß ganz genau,« erwiderte Wassin einfach und selbstverständlich, »daß ich mit alledem nichts zu tun habe. Und eigentlich sind ja alle diese jungen Leute doch nur Schwätzer und nichts weiter; übrigens müssen Sie sich ja selbst noch am besten daran erinnern.«

Wie mir schien, traute er mir in irgendeiner Beziehung doch nicht ganz.

»Jedenfalls bin ich Ihnen außerordentlich dankbar,« sagte er noch einmal.

»Man spricht davon, daß es Herrn Stebelkoff geschäftlich nicht gerade gut gehe,« bemerkte ich wieder wie beiläufig, scheinbar ohne jeden Hintergedanken, »wenigstens habe ich von gewissen Aktien gehört ...«

»Von was für Aktien?« fragte er, und ich sah, wie er sofort aufhorchte.

Ich hatte mit Absicht die »gewissen Aktien« erwähnt, aber selbstverständlich nicht deshalb, um ihm das Geheimnis des Fürsten mitzuteilen. Ich wollte nur eine Anspielung machen und aus seinem Gesicht, aus seinen Augen ersehen, ob er von diesen Aktien etwas wußte. Und ich erreichte meinen Zweck: aus einem unwillkürlichen, wenn auch kaum merklichen Zucken seines Gesichts erriet ich, daß er auch davon etwas wußte. Ich antwortete nicht auf seine Frage, was für Aktien das wären, sondern sprach von anderem weiter; aber auch er ging merkwürdigerweise auf anderes über.

»Wie geht es Lisaweta Makarowna?« erkundigte er sich teilnehmend.

»Gut. Meine Schwester verehrt Sie sehr ...«

Seine Augen erglänzten vor Freude; ich hatte schon längst bemerkt, daß Lisa ihm nicht gleichgültig war.

»Fürst Ssergei Petrowitsch Ssokolski war vor einiger Zeit bei mir,« teilte er mir auf einmal mit.

»Wann?« fragte ich erstaunt.

»Vor vier Tagen.«

»Nicht gestern?«

»Nein, gestern nicht.«

Er sah mich fragend an.

»Ich werde Ihnen vielleicht später einmal Näheres über diesen Besuch erzählen, jetzt aber möchte ich Sie nur darauf aufmerksam machen,« sagte Wassin rätselhaft, »daß er sich, wie mir schien, in einem gewissermaßen unnormalen Gemüts- und sogar Geisteszustand befand. Übrigens ist noch jemand bei mir gewesen,« sagte er plötzlich lächelnd, »soeben, kurz bevor Sie kamen, und auch bei diesem Besuch mußte ich auf einen nicht ganz normalen Zustand schließen.«

»War der Fürst soeben hier?«

»Nein, nicht der Fürst, ich rede jetzt nicht vom Fürsten. Bei mir war vorhin ... Andrei Petrowitsch Werssiloff und ... Wissen Sie nichts? Ist mit ihm nicht etwas Besonderes geschehen?«

»Vielleicht, es wäre möglich, -- aber was ist mit ihm denn hier bei Ihnen geschehen?« fragte ich gespannt.

»Eigentlich dürfte ich das nicht sagen ... Wir führen heute eine etwas sonderbare Unterhaltung, über lauter Geheimnisse,« setzte er mit einem Lächeln hinzu. »Andrei Petrowitsch hat übrigens Verschwiegenheit von mir nicht ausdrücklich verlangt. Aber da Sie sein Sohn sind, und ich Ihre Gefühle für ihn kenne, so dürfte es diesmal sogar geboten sein, Sie davon in Kenntnis zu setzen. Stellen Sie sich vor, er kam zu mir, um mich zu fragen, ob ich, wenn er sich in den nächsten Tagen duellieren müßte, -- ob ich dann sein Sekundant sein würde. Ich habe natürlich abgelehnt.«

Ich war maßlos verwundert. Diese Neuigkeit war die beunruhigendste von allen: es mußte etwas geschehen, ihm etwas widerfahren sein, wovon ich noch nichts wußte! Und plötzlich, im Augenblick, fiel es mir ein, daß Werssiloff gestern zu mir gesagt hatte: >Nicht ich werde zu dir kommen, wohl aber wirst du zu mir stürzen.< Ich fuhr schnell zum alten Fürsten Nikolai Iwanowitsch und fühlte nun noch mehr voraus, daß dort die Lösung des Rätsels zu finden war. Wassin dankte mir beim Abschied noch einmal.

II.

Der alte Fürst saß vor dem Kamin, die Füße mit einem Plaid warm zugedeckt. Er empfing mich mit einem eigentümlich fragenden Blick, ganz, als wundere er sich über mein Kommen, und doch hatte er fast jeden Tag nach mir geschickt. Übrigens begrüßte er mich freundlich, aber auf meine ersten Fragen antwortete er gleichsam mißmutig und merkwürdig zerstreut. Hin und wieder schien er über irgend etwas nachzudenken, und dann sah er mich fragend an, ganz als versuche er sich einer Sache zu erinnern, die er zum Teil vergessen hatte, und die sich zweifellos auf mich bezog. Ich sagte ihm ganz offen, daß ich schon alles gehört hätte und mich sehr freute. Ein freundliches und gutes Lächeln erschien sofort auf seinen Lippen, und er belebte sich förmlich; seine Zurückhaltung und sein Mißtrauen verschwanden im Nu, als hätte er sie plötzlich ganz vergessen. Und so war es wohl auch.

»Du bist mein lieber junger Freund, ich wußte es ja, daß du als erster kommen würdest. Weißt du, noch gestern dachte ich an dich. Ich fragte mich: >Wer wird sich darüber freuen? -- Er wird sich freuen!< Nun und sonst auch niemand mehr; aber das tut ja nichts. Die Menschen haben böse Zungen, doch das ist belanglos. Cher enfant,{[53]} das ist ja alles so erhaben und so wundervoll ... Aber du kennst sie ja selbst. Von dir hält Anna Andrejewna sehr viel. Sie -- sie hat das strenge und schöne Gesicht einer englischen Gravüre. Sie ist wie der schönste englische Stahlstich, den man sich nur denken kann ... Vor drei Jahren hatte ich eine ganze Sammlung solcher Stahlstiche ... Ich habe schon von jeher, von jeher diese Absicht gehabt! Ich wundere mich nur, weshalb ich nicht von selbst darauf gekommen bin!«

»Sie haben ja Anna Andrejewna, soviel ich weiß, immer sehr geliebt und ausgezeichnet.«

»Mein Freund, wir wollen niemandem schaden. Das Leben mit Freunden, mit Verwandten, mit denen, die unserem Herzen lieb und teuer sind -- das ist das Paradies. Alle Menschen sind Dichter ... Das weiß man schon seit den ältesten Zeiten. Weißt du, wir werden im Sommer zuerst nach Bad Soden reisen und dann nach Bad Gastein. Aber du bist so lange nicht bei mir gewesen, wo warst du denn? Ich habe auf dich gewartet. Und nicht wahr, es ist doch inzwischen so viel geschehen! Schade nur, daß ich nicht ruhig bin: sobald ich allein bin, werde ich gleich unruhig. Und deshalb darf ich auch nicht allein bleiben, nicht wahr? Das ist doch klar wie's Einmaleins. Das habe ich auch sofort eingesehen, schon nach ihren ersten Worten. Oh, mein Freund, sie hat ja im ganzen nur zwei Worte gesagt, aber die ... die waren in ihrer Art so was wie die wunderbarste Poesie. Aber du bist ja ihr Bruder, ja, eigentlich ihr Bruder, nicht wahr? Mein Lieber, deshalb habe ich dich auch die ganze Zeit so geliebt. Ich schwöre dir, ich habe das alles vorausgefühlt. Ich habe ihr nur die Hand geküßt und dann geweint.«

Er zog sein Taschentuch hervor, als wolle er wieder zu weinen anfangen. Er war sehr erschüttert, und sein Zustand schien so schlecht zu sein, wie ich es bis dahin noch nie gesehen hatte. Gewöhnlich oder sogar fast immer war er frischer und aufgeräumter gewesen. »Ich würde allen verzeihen, mein Freund,« stammelte er weiter. »Ich habe den Wunsch, allen zu verzeihen, und ich ärgere mich schon lange über niemand mehr. Mir bleibt die Liebe zur Kunst, la poésie dans la vie,{[54]} Wohltun den Armen, und sie -- das ist biblische Schönheit. Quelle charmante personne, nicht wahr? Les chants de Salomon ... non, ce n'est pas Salomon, c'est David qui mettait une jeune belle dans son lit pour se chauffer dans sa vieillesse. Enfin David, Salomon{[55]} -- das dreht sich alles in meinem Kopf, das reine Chaos. Jedes Ding, cher enfant, kann erhaben und gleichzeitig lächerlich sein. Cette jeune belle de la vieillesse de David -- c'est tout un poème,{[56]} aber bei einem Paul de Kock wäre daraus irgendeine scène de bassinoire{[57]} geworden, und wir würden alle darüber lachen. Paul de Kock hat weder Maß noch Geschmack, wenn er auch Talent hat ... Katerina Nikolajewna lächelt ... Ich sagte ihr, daß wir niemanden stören werden. Wir haben unseren Roman angefangen, und nun soll man uns ihn beenden lassen. Mag das ein Traum sein, aber man soll uns diesen Traum nicht nehmen!«

»Wieso denn ein Traum, Fürst?«

»Ein Traum? Wieso ein Traum? Nun, meinetwegen kann es auch nur ein Traum sein, aber man soll mich wenigstens mit diesem Traum sterben lassen.«

»Oh, Fürst, warum denn sterben? Leben müssen Sie, gerade jetzt leben!«

»Ja, was habe ich denn anderes gesagt? Ich sage doch die ganze Zeit nur das. Ich weiß wirklich nicht, weshalb das Leben so kurz ist. Damit es nicht langweilig werde, natürlich, denn das Leben ist ein Kunstwerk des Schöpfers selbst, ein Kunstwerk von der vollendeten und untadeligen Form eines Puschkinschen Gedichts. Kürze ist die erste Bedingung des Künstlerischen. Aber wenn jemand keine Langeweile fühlt, so könnte man den doch auch etwas länger leben lassen.«

»Sagen Sie, Fürst, ist die Verlobung schon offiziell?«

»Nein, mein Lieber, das ist sie keineswegs! Wir haben das nur so beschlossen. Es bleibt in der Familie, nur in der Familie, nur in der Familie. Vorläufig habe ich bloß Katerina Nikolajewna alles mitgeteilt, da ich mich ihr gegenüber schuldig fühle. Oh, Katerina Nikolajewna ist ein Engel, ein Engel!«

»Ja, ja, das ist sie!«

»Ja? Auch du sagst >ja<? Und ich dachte, daß gerade du ihr Feind seist. Apropos, da fällt mir ein: sie bat mich doch, dich nicht mehr zu empfangen. Und stell dir vor: als du hereinkamst, hatte ich das ganz vergessen.«

»Was sagen Sie?« Ich sprang auf. »Aber weswegen denn? Wann hat sie das gesagt?«

(Meine Ahnung hatte mich also nicht betrogen! Ja, gerade etwas von der Art hatte ich schon die ganze Zeit geahnt, seit dem überraschenden Erscheinen Tatjana Pawlownas bei mir!)

»Gestern, mein Lieber, gestern hat sie es mir gesagt, und ich verstehe gar nicht, wie du jetzt überhaupt hast hereinkommen können; denn es sind doch schon Anweisungen gegeben worden. Wie bist du hereingekommen?«

»Ich bin ganz einfach hereingegangen.«

»Das ist auch am wahrscheinlichsten. Wenn du dich mit vorsichtiger Schlauheit hereingestohlen hättest, würde man dich bestimmt aufgehalten haben, aber da du ganz einfach hereinkamst, haben sie dich durchgelassen. Die Einfachheit, mon cher, ist in Wirklichkeit die höchste Schlauheit.«

»Ich verstehe noch immer nicht: also auch Sie hatten beschlossen, mich nicht mehr zu empfangen?«

»Nein, mein Freund, ich habe gesagt, daß mich das nichts anginge ... Das heißt, ich habe zu allem ja gesagt. Glaube mir, mein lieber Junge, ich habe dich viel zu lieb ... Aber Katerina Nikolajewna hat das gar zu bestimmt verlangt ... Ah, siehe da!«

In diesem Augenblick erschien Katerina Nikolajewna in der Tür. Sie war zum Ausgehen angezogen und kam, um ihrem Vater vor dem Fortgehen einen Kuß zu geben, wie sie das immer tat. Als sie mich erblickte, stutzte sie, wurde verlegen, drehte sich schnell um und ging hinaus.

»Voilà!« rief der Fürst erschrocken und furchtbar aufgeregt.

»Das ist ein Mißverständnis!« rief ich, »das muß ich im Augenblick ... Ich ... ich komme sofort zurück, Fürst!«

Und schon eilte ich Katerina Nikolajewna nach.

Was nun folgte, geschah alles so schnell, daß ich nicht nur keine Zeit hatte, zu überlegen, wie ich mich verhalten und vorgehen sollte, sondern daß ich überhaupt nicht zur Besinnung kam. Hätte ich auch nur ein wenig überlegen und mich vorbereiten können, so würde ich mich selbstverständlich ganz anders aufgeführt haben. So jedoch verlor ich wie ein kleiner Junge einfach den Kopf. Ich eilte zunächst zu ihren Zimmern, aber unterwegs stieß ich auf einen Diener, der mir sagte, daß Katerina Nikolajewna bereits hinausgegangen sei und sich in den Wagen setze. Da lief ich Hals über Kopf ins Treppenhaus. Katerina Nikolajewna hatte ihren Pelz schon umgenommen und stieg die Treppe hinunter, und neben ihr ging, oder vielmehr, es führte sie ein hochgewachsener wohlgestalteter Offizier in Uniform, ohne Mantel, den Säbel an der Seite; ein Diener trug ihm den Mantel nach. Das war Baron Bjoring. Er war Oberst, etwa fünfunddreißig Jahre alt, der Typ eines eleganten Offiziers: sehnig, mit einem etwas fast zu länglichen Gesicht, einem rötlich blonden Schnurrbart und beinahe ebensolchen Wimpern. Sein Gesicht war zwar gar nicht hübsch, aber es war von scharfem Schnitt und herausforderndem Ausdruck. Ich beschreibe ihn nur flüchtig, wie ich ihn in dem Augenblick sah. Bis dahin hatte ich ihn noch niemals gesehen. Ich eilte ihnen ohne Hut und Pelz nach. Katerina Nikolajewna bemerkte mich zuerst und flüsterte ihm schnell etwas zu. Er wollte schon den Kopf nach mir umwenden, gab aber dann nur dem Diener und dem Portier einen Wink. Der Diener machte schnell einen Schritt auf mich zu -- das war schon an der Haustür --, doch ich schob ihn zur Seite und lief ihnen nach auf die Vorfahrt. Bjoring half Katerina Nikolajewna in die Equipage.

»Katerina Nikolajewna! Katerina Nikolajewna!« rief ich sinnlos (wie ein Esel! Wie ein Esel! Oh, ich erinnere mich noch so genau, -- ich war ohne Hut!).

Bjoring wandte sich wütend halb nach dem Diener um und rief ihm laut etwas zu, ein oder zwei Worte, ich weiß nicht, was. Ich fühlte nur, wie mich jemand am Ellenbogen packte. Da zogen die Pferde an, und die Equipage rollte davon -- ich rief noch einmal und wollte ihr nachlaufen, doch ich sah nur noch, daß Katerina Nikolajewna zum Fenster hinausschaute und in großer Unruhe zu sein schien. Aber in meiner Hast, ihr nachzueilen, stieß ich plötzlich heftig an den Baron, ohne es zu gewahren, und ich glaube, ich trat ihm auf den Fuß. Er schrie leicht auf, knirschte mit den Zähnen, faßte mich mit starker Hand an der Schulter und stieß mich wütend fort, so daß ich gute drei Schritt zurückflog. In dem Augenblick reichte ihm der Diener den Mantel; er warf ihn sich um die Schultern, setzte sich in seinen Schlitten und rief im Fortfahren den Bedienten und dem Portier noch einmal drohend etwas zu, wobei er auf mich wies. Ich wurde von ihnen ergriffen und festgehalten: der eine warf mir meinen Pelz um, der andere reichte mir den Hut und -- ich weiß nicht, was sie noch sagten; ich stand und hörte sie wohl sprechen, aber ich begriff nichts. Und auf einmal drehte ich ihnen den Rücken und eilte davon.

III.

Ich lief, ohne zu überlegen, ohne zu denken, ich stieß achtlos die Menschen an und sah kaum etwas, bis ich schließlich die Wohnung Tatjana Pawlownas erreichte. Ich verfiel auch nicht einmal darauf, mir unterwegs eine Droschke zu nehmen. Bjoring hatte mich vor ihren Augen zurückgestoßen! Nun ja, ich war ihm auf den Fuß getreten, und da mag er es ganz unwillkürlich getan haben, wie einer, dem jemand auf ein Hühnerauge tritt (und ich war ihm vielleicht wirklich auf ein Hühnerauge getreten!) Aber sie hatte es gesehen und hatte auch gesehen, wie die Diener mich ergriffen, und alles das war vor ihren Augen geschehen, vor ihren Augen! Als ich zu Tatjana Pawlowna hineinstürzte, konnte ich zunächst kein Wort hervorbringen. Mein Unterkiefer zitterte wie im Fieber. Aber ich war ja auch im Fieber, und außerdem weinte ich ... Oh, man hatte mich so grausam gekränkt.

»Ah! Na was? Bist hinausgeworfen worden? Das ist recht, das ist recht!« sagte Tatjana Pawlowna.

Ich sank stumm auf den Diwan und sah sie an.

»Aber was ist denn mit ihm?« Sie betrachtete mich prüfend. »Er zittert ja! -- Da, trink mal etwas Wasser, hier ist Wasser, trink! Und jetzt sag, was hast du dort noch angerichtet?«

Ich murmelte etwas davon, daß man mich hinausgeworfen und Bjoring mich auf der Straße gestoßen hatte.

»So? Kannst du jetzt schon etwas verstehen oder noch nicht? Dann nimm mal dies hier, -- ließ und freue dich!«

Sie nahm einen Brief vom Tisch, gab ihn mir und blieb erwartungsvoll vor mir stehen. Ich erkannte sofort die Handschrift Werssiloffs: es war ein Brief von ihm an Katerina Nikolajewna. Ich fuhr zusammen, und im Augenblick war auch mein Verstand wieder klar, und ich begriff mit aller Schärfe. Der Inhalt dieses entsetzlichen, schändlichen, verrückten, räuberischen Briefes war buchstäblich folgender:

Sehr geehrte Katerina Nikolajewna!

Obschon ich weiß, wie verderbt Sie Ihrer Natur und Ihrer Anschauung nach sind, habe ich doch gedacht, daß Sie Ihre Leidenschaften manchmal etwas zügeln und es wenigstens nicht auf Kinder absehen würden. Aber Ihre Schamlosigkeit schreckt selbst davor nicht zurück. Ich teile Ihnen mit, daß das Ihnen bekannte Dokument bestimmt nicht verbrannt worden ist und sich auch niemals in den Händen des Herrn Krafft befunden hat, weshalb Sie auf diese Weise nichts erreichen werden. Verderben Sie deshalb nicht zwecklos einen Jüngling. Verschonen Sie ihn, er ist noch nicht volljährig, ist fast noch ein Knabe, ist sowohl geistig wie körperlich noch unentwickelt. Was hätten Sie an diesem Jungen? Ich aber nehme Anteil an ihm, und deshalb wage ich, Ihnen das zu schreiben, wenn ich auch nicht auf einen Erfolg hoffe. Ich habe die Ehre, Ihnen noch mitzuteilen, daß ich eine Abschrift dieses Briefes gleichzeitig an Baron Bjoring sende.

A. Werssiloff.

Ich erbleichte, als ich das las, dann aber schoß mir das Blut plötzlich heiß ins Gesicht, und meine Lippen bebten vor Empörung.

»Das sagt er ja von mir! Das ist das, was ich ihm vorgestern anvertraut habe!« rief ich, zitternd vor Wut.

»Das ist's ja, daß du's ihm >anvertraut< hast!« Tatjana Pawlowna riß mir den Brief aus der Hand.

»Aber ... ich habe ja gar nicht das ... so was hab ich ihm doch gar nicht gesagt! O Gott, was muß sie jetzt von mir denken! Aber er ist ja wahnsinnig! Er ist wirklich wahnsinnig ... Ich habe ihn gestern gesehen. Wann ist der Brief abgesandt?«

»Gestern am Tage; am Abend hat sie ihn erhalten, und heute früh brachte sie ihn mir persönlich.«

»Ich habe ihn gestern gesehen, er ist wahnsinnig! Das hat Werssiloff nicht schreiben können, das hat ein Wahnsinniger geschrieben! Wer schreibt denn so etwas an eine Frau?«

»Eben solche Verrückte schreiben's in ihrer Wut, wenn sie vor Eifersucht und Zorn blind und taub werden, und ihr Blut sich in Gift verwandelt ... Du weißt noch gar nicht, was für einer er ist! Dafür wird man ihn jetzt so niederschlagen, daß überhaupt nichts mehr von ihm übrigbleibt. Er steckt ja selber seinen Kopf unter das Richtschwert! Er sollte doch lieber nachts auf die Nikolaibahnstrecke gehen und seinen Kopf auf die Schienen legen! Da würde er ihm so hübsch abgeschnitten werden, -- wenn er ihm nun mal zum Tragen zu schwer geworden ist! Und was hat dich denn geplagt, ihm das zu erzählen? Wozu mußtest du ihn denn noch aufreizen? Wolltest dich wohl rühmen vor ihm?«

»Aber was ist das für ein Haß! Was für ein Haß!« rief ich und schlug mir mit der Hand vor die Stirn. »Und weshalb, weshalb? Haß gegen eine Frau! Was hat sie ihm denn getan? Was hat es zwischen ihnen gegeben, daß er einen solchen Brief überhaupt hat schreiben können?«

»>Was für ein Haß<! Da höre doch einer!« verhöhnte mich Tatjana Pawlowna mit beißendem Spott.

Wieder schoß mir das Blut ins Gesicht: es war mir, als hätte ich noch etwas ganz Neues zu begreifen; ich sah sie fragend an, jede Fiber in mir war gespannt.

»Scher dich weg! Geh mir aus den Augen!« kreischte sie auf einmal und wandte sich schnell von mir ab. »Hab mich genug mit euch allen abgegeben! Bin es satt! Und wenn ihr auch alle umkommt ...! Nur um deine Mutter täte es mir noch leid ...«

Ich eilte von ihr natürlich zu Werssiloff. Nein, war das aber eine Niedertracht! So eine Niedertracht!

IV.

Werssiloff war nicht allein. Eines muß ich vorausschicken: da er nun einmal diesen verhängnisvollen Brief an Katerina Nikolajewna und eine Abschrift desselben tatsächlich an Baron Bjoring abgesandt hatte (und nur Gott mochte wissen, weshalb), war er selbstverständlich auch auf die Folgen seiner Handlungsweise gefaßt gewesen und hatte deshalb schon am Morgen gewisse Vorkehrungen getroffen. So waren auf seinen Wunsch hin Mama und Lisa (die, wie ich später erfuhr, an diesem Morgen nicht ganz wohl zurückgekehrt war und sich zu Bett gelegt hatte) nach oben in das Giebelstübchen, in den sogenannten »Sarg«, übergesiedelt; und die Zimmer unten, besonders unser »Wohnzimmer«, waren sorgfältig aufgeräumt und gesäubert worden. Und richtig: um zwei Uhr mittags erschien bei ihm ein Baron R., ein Oberst, etwa vierzig Jahre alt, gleichfalls deutscher Abstammung, von hohem Wuchs, hager, doch offenbar von großer körperlicher Kraft, und auch so rötlich blond wie Bjoring, nur zeigte sich bei ihm schon der Anfang einer Glatze. Er war einer von diesen Baronen R., deren es sehr viele in der russischen Armee gibt, die alle als »Barone« ein übertriebenes Ehrgefühl haben, gar kein Vermögen besitzen und nur von ihrem Gehalt leben, dabei im Dienst unermüdlich und vortreffliche Frontoffiziere sind. Sie waren bereits mitten in ihrer Auseinandersetzung, als ich eintrat, und schienen beide sehr gereizt zu sein. Wie hätten sie es auch nicht sein sollen! Werssiloff saß auf dem Sofa hinter dem Tisch, der Baron seitlich in einem Sessel. Werssiloff war bleich, sprach jedoch sehr beherrscht und jedes Wort scharf durch die Zähne; der Baron dagegen sprach mit erhobener Stimme und war sichtlich zu heftigen Bewegungen geneigt, bezwang sich aber noch, wenn auch nur mit Mühe, blickte streng, hochmütig und sogar mit Verachtung drein, doch sah man ihm trotzdem eine gewisse Verwunderung an. Als er mich erblickte, verfinsterte sich sein Gesicht; Werssiloff aber schien sich über mein Erscheinen fast zu freuen.

»Guten Tag, mein Lieber. Baron, dieser noch sehr junge Mann ist derselbe, von dem in meinem Brief die Rede ist, aber ich versichere Sie, seine Anwesenheit wird uns nicht stören und uns vielleicht sogar zustatten kommen.«

Der Baron musterte mich mit Verachtung.

»Mein Lieber,« fügte Werssiloff hinzu, indem er sich zu mir wandte, »es freut mich, daß du gekommen bist; du setzt dich vielleicht so lange dorthin in die Ecke, bis der Baron und ich unsere Auseinandersetzung beendet haben. Ich bitte dich darum. Beruhigen Sie sich, Baron, er wird uns nicht stören und nur dort in der Ecke sitzen.«

Mir war das schließlich einerlei; denn ich hatte meinen Vorsatz schon gefaßt, und außerdem war ich nicht wenig verwirrt. Ich setzte mich stumm in die Ecke, so weit wie möglich entfernt, und verharrte dort regungslos ...

»Ich versichere Ihnen nochmals, Baron,« sagte Werssiloff mit fester Stimme, »daß ich Katerina Nikolajewna Achmakoff, an die ich diesen unwürdigen und krankhaften Brief geschrieben habe, nicht nur für das edelste Wesen, sondern für den Gipfel aller Vollkommenheiten halte!«

»Eine solche Widerrufung Ihrer eigenen Worte ist aber, wie ich Ihnen bereits erklärt habe, fast eine Wiederholung derselben,« erwiderte der Baron ungehalten. »Ihre Worte bezeugen entschieden nicht das, was man Ehrerbietung nennt.«

»Und doch kann ich Sie nur ersuchen, meine Worte in ihrem buchstäblichen Sinne aufzufassen. Ich leide an gewissen Anfällen und ... muß deshalb auch eine Kur durchmachen. Und in einem solchen Augenblick habe ich leider ...«

»Solche Erklärungen kann ich unter keinen Umständen gelten lassen. Ich mache Sie schon zum ... ja, ich weiß nicht, zum wievielten Male darauf aufmerksam, daß Sie unentwegt fortfahren, auf Ihrer falschen Auffassung zu beharren, und das vielleicht sogar absichtlich! Ich habe Sie schon gleich zu Anfang darauf hingewiesen, daß diese Dame bei Behandlung der ganzen Frage, das heißt Ihres Schreibens an die Generalin Achmakoff, in unserer gegenwärtigen Auseinandersetzung ein für allemal ausgeschaltet werden muß; Sie aber kommen immer wieder darauf zurück. Baron Bjoring hat mich gebeten und mich beauftragt, ihm in dieser Angelegenheit nur darüber Klarheit zu verschaffen, was ihn allein und persönlich trifft, also über Ihre herausfordernde Zusendung einer Kopie jenes Briefes an ihn und ferner über Ihre Bemerkung, daß Sie zu jeder von ihm gewünschten Satisfaktion bereit seien.«

»Aber dieses letztere dürfte doch wohl, denke ich, ohne weiteres klar sein.«

»Ich verstehe, das haben Sie schon gesagt. Sie sprechen also nicht einmal Ihre Entschuldigung aus, sondern bestehen unverändert nur darauf, daß Sie zu jeder von ihm gewünschten Satisfaktion bereit sind. Aber das ist doch gar zu wohlfeil! Und deshalb halte ich mich schon jetzt für berechtigt, in Anbetracht der Wendung, die Sie dieser Auseinandersetzung hartnäckig zu geben suchen, Ihnen nun auch meinerseits alles, und zwar rückhaltlos, zu sagen: das heißt, ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß Baron Bjoring unter kei--nen Umständen mit Ihnen etwas zu tun haben kann ... auf der Grundlage gesellschaftlicher Gleichstellung.«

»Eine solche Auffassung ist natürlich die vorteilhafteste für Ihren Freund, den Baron Bjoring, und ich kann Ihnen gestehen, Sie überraschen mich damit nicht im geringsten: ich war auf so etwas gefaßt.«

Nebenbei bemerkt: ich hatte schon aus den ersten Worten, ja, schon auf den ersten Blick erkannt, daß Werssiloff absichtlich auf einen Zusammenstoß lossteuerte, diesen reizbaren Baron geflissentlich reizte und herausforderte und seine Geduld vielleicht einer gar zu harten Probe aussetzte. Der Baron zuckte zusammen, konnte sich aber noch beherrschen.

»Ich habe gehört, daß Sie witzig sein können, aber Witz ist noch nicht Verstand.«

»Eine außerordentlich tiefe Bemerkung, Oberst.«

»Ich habe Sie nicht um Ihren Beifall gebeten,« fuhr der Baron gereizt auf, »und bin nicht gekommen, um hier leeres Geschwätz zu führen! Ich ersuche Sie, mich anzuhören und zu Ende sprechen zu lassen: Baron Bjoring war sich keineswegs klar darüber, was er von Ihnen nach Ihrem Brief halten sollte, da ein solches Schreiben zweifellos Ihre Reife für eine Irrenanstalt bewies. Und selbstverständlich hätte man sofort Mittel finden können, um Sie ... zu beruhigen. Aber aus gewissen besonderen Gründen entschloß man sich zur Nachsicht mit Ihnen, und es wurden Erkundigungen über Sie eingezogen. So stellte es sich heraus, daß Sie früher allerdings zur guten Gesellschaft gehört haben und Gardeoffizier gewesen sind, jetzt jedoch in der Gesellschaft nicht mehr empfangen werden und daß Ihr Ruf heute ein mehr als zweifelhafter ist. Trotzdem bin ich hergekommen, um mich persönlich zu unterrichten, und da erlauben Sie sich noch zum Überfluß, leere Worte zu machen und sich damit zu entschuldigen, daß Sie an Anfällen leiden. Das genügt! Baron Bjoring kann in diesem Fall sich und seinen Namen nicht so tief erniedrigen, daß er sich auf diese Geschichte überhaupt einläßt ... Und deshalb, mein Herr, bin ich ermächtigt, Ihnen zu erklären: Sollten Sie sich noch einmal so etwas oder auch nur etwas Ähnliches erlauben, so werden unverzüglich Mittel gefunden werden, Sie zur Ruhe zu bringen, und zwar schnell und sicher wirkende, davon können Sie überzeugt sein. Wir leben nicht in einem Urwalde, sondern in einem wohlgeordneten Staat!«

»Sind Sie wirklich so fest davon überzeugt, mein guter Baron R.?«

»Zum Teufel!« Der Baron sprang plötzlich auf. »Sie führen mich gar zu sehr in Versuchung, Ihnen unverzüglich zu beweisen, daß ich keineswegs >Ihr guter Baron R.< bin!«

»Ich möchte Sie noch einmal darauf aufmerksam machen,« sagte Werssiloff und erhob sich gleichfalls, »daß meine Frau und meine Tochter sich hier in der Nähe befinden ... und deshalb würde ich Sie bitten, nicht so laut zu sprechen, da Ihr Geschrei von ihnen gehört werden könnte.«

»Ihre Frau ... Zum Teufel! Wenn ich hier gesessen und mit Ihnen gesprochen habe, so habe ich das nur getan, um Ihnen einen anderen Standpunkt in dieser widerlichen Geschichte beizubringen!« fuhr der Baron laut und zornig fort und dachte nicht daran, seine Stimme zu dämpfen. »Ich habe aber genug davon!« schrie er wütend. »Sie sind nicht nur aus dem Kreise anständiger Menschen ausgeschlossen, Sie sind überdies noch -- ein Maniak, jawohl, sind mit fixen Ideen behaftet, und als solchen hat man Sie uns auch bezeichnet! Sie sind es nicht wert, daß man mit Ihnen Nachsicht hat, und ich erkläre Ihnen, heute noch werden die erforderlichen Schritte getan werden, und man wird Sie an einen Ort beordern, wo man es schon verstehen wird, Sie wieder zur Vernunft zu bringen ... und Sie aus der Stadt zu schaffen!« Er verließ das Zimmer mit großen, schnellen Schritten. Werssiloff geleitete ihn nicht hinaus: er stand da, sah mich zerstreut an, doch wie es schien, ohne mich zu sehen; auf einmal lächelte er, schüttelte seine Haare zurück, nahm dann seinen Hut und ging zur Tür. Ich faßte ihn am Arm.

»Ach, ja, auch du bist hier? Du ... hast es gehört?« Er war vor mir stehengeblieben.

»Wie haben Sie das tun können! Wie haben Sie es so entstellen und mir diese Schande antun können ...! Und noch dazu mit solcher Arglist!«

Er sah mich die ganze Zeit unablässig an, aber sein Lächeln trat immer deutlicher hervor und schien geradezu in ein Lachen übergehen zu wollen.

»Man hat mir die Schmach angetan ... vor ihren Augen! Vor ihren Augen! Man hat mich verspottet, und er ... hat mich auf der Straße gestoßen!« schrie ich außer mir.

»Wirklich? Ach, du armer Junge, wie ich dich bedauere ... So hat man dich dort verspottet?«

»Sie lachen noch, Sie lachen noch über mich! Sie finden es lächerlich!«

Er riß seinen Arm aus meiner Hand, setzte den Hut auf und verließ lachend, bereits wirklich lachend, die Wohnung. Wozu sollte ich ihm nachlaufen, wozu jetzt noch? Ich hatte alles begriffen und -- in einem Augenblick alles verloren! Auf einmal sah ich meine Mutter in der Tür; sie war von oben heruntergekommen und blickte sich ängstlich um.

»Ist er fortgegangen?«

Ich umfing sie schweigend, und sie drückte sich fest, fest an mich, schmiegte sich geradezu an mich.

»Mama, Liebste, können Sie denn wirklich noch bei ihm bleiben? Kommen Sie gleich mit mir, ich werde Sie verbergen und beschützen, ich werde für Sie wie ein Sträfling arbeiten, für Sie und für Lisa ... Kommen Sie, verlassen wir sie alle, alle, und gehen wir fort! Leben wir ganz allein! Mama, wissen Sie noch, wie Sie mich bei Touchard besuchten und ich Sie nicht anerkennen wollte?«

»Ich weiß es noch, Liebling; ich bin mein Leben lang schuldig vor dir; ich habe dich geboren und dich nicht gekannt.«

»Daran ist nur er schuld, Mama, er allein ist an allem schuld; er hat Sie niemals geliebt!«

»Doch, er hat mich geliebt.«

»Gehen wir, kommen Sie, Mama!«

»Wohin soll ich denn von ihm fortgehen, ist er denn glücklich?«

»Wo ist Lisa?«

»Sie liegt zu Bett; als sie nach Haus kam, fühlte sie sich nicht wohl und legte sich hin. Ich habe solche Angst. Ist man denn dort sehr böse auf ihn? Was werden sie jetzt mit ihm tun? Wohin ist er gegangen? Womit hat dieser Offizier ihm hier gedroht?«

»Ach, widerfahren wird ihm ja deshalb doch nichts, beruhigen Sie sich, Mama; ihm widerfährt nie etwas, und ihm kann auch nichts widerfahren. Er ist schon einmal so ein Mensch! Da kommt Tatjana Pawlowna, fragen Sie die, wenn Sie mir nicht glauben, da ist sie!« (Tatjana Pawlowna trat aus dem Korridor ins Zimmer.) »Auf Wiedersehen, Mama. Ich werde gleich zurückkommen, und dann werde ich Sie nochmals dasselbe fragen ...«

Ich eilte hinaus; ich konnte keinen Menschen sehen, wer es auch sein mochte, nicht nur Tatjana Pawlowna; auch Mama quälte mich. Ich wollte allein sein, allein!

V.

Aber ich hatte kaum eine Straße durchschritten, als ich schon fühlte, daß ich nicht mehr gehen konnte, daß ich mich sinn- und zwecklos unter diesen fremden teilnahmslosen Menschen herumstieß. Doch wo sollte ich bleiben? Wer brauchte mich, und -- was brauchte ich? Ich schleppte mich weiter und verfolgte ganz mechanisch den gewohnten Weg zum Fürsten Ssergei Petrowitsch. Dabei dachte ich aber gar nicht an ihn. Er war nicht zu Haus. Dem Pjotr (seinem Diener) sagte ich, ich würde im Kabinett auf ihn warten (was ich schon oft getan hatte). Das Kabinett war ein großer hoher Raum, in dem sehr viele Möbel standen. Ich suchte mir den dunkelsten Winkel aus, setzte mich dort auf einen Diwan, stützte die Ellbogen auf den Tisch und den Kopf in die Hände. Ja, das war die Frage: »Was brauchte ich jetzt?« Wenn ich damals diese Frage bewußt hätte formulieren können, so wäre ich doch zu nichts weniger fähig gewesen, als sie zu beantworten.

Aber ich konnte weder vernünftig denken noch logische Fragen formulieren. Ich habe schon einmal gesagt, daß ich zu guter Letzt von den Ereignissen förmlich erdrückt war. Ich saß dort, und in meinem Kopf drehte sich alles. In mir war ein Chaos. »Ja, ich habe alles in ihm übersehen und nichts bemerkt, nichts begriffen,« ging es mir flüchtig durch den Sinn. »Er hat mir soeben ins Gesicht gelacht; aber er lachte nicht über mich: er hat ja die ganze Zeit nur an Bjoring gedacht, nicht an mich. Vorgestern bei Tisch, als ich bei ihnen aß, da wußte er schon alles und war finster. Er hat meine dumme Beichte in jenem Kellerrestaurant aufgegriffen und sie auf Kosten der Wahrheit entstellt. Aber wozu? Er glaubt ja selbst nicht ein halbes Wort von dem, was er in seinem Brief an sie geschrieben hat. Ihm war es nur darum zu tun, sie zu beleidigen, sinnlos und grundlos zu beleidigen, ohne selbst zu wissen, wozu; er hat einfach den ersten besten Vorwand benutzt, und diesen Vorwand gab ich ihm mit meiner Beichte ... Die Tat eines tollen Hundes! Will er jetzt etwa Bjoring totschießen? Warum? Sein Herz wird es schon wissen, warum! Ich aber habe keine Ahnung davon, was in seinem Herzen vorgeht ... Nein, nein, auch jetzt weiß ich es nicht ...! Sollte er sie denn wirklich bis zu solcher Leidenschaft lieben? Oder sie so leidenschaftlich hassen? Ich weiß es nicht; aber weiß er es denn selbst? Was sagte ich vorhin meiner Mutter, >daß ihm nichts widerfahren kann<, -- was wollte ich damit sagen? Habe ich ihn verloren, oder habe ich ihn noch nicht verloren?«

»... Sie hat gesehen, wie ich gestoßen wurde ... Sie hat wohl gelacht! -- oder sollte sie nicht gelacht haben? Ich hätte an ihrer Stelle gelacht! Der Spion wurde geschlagen, der Spion ...!«

»Was hat er damit sagen wollen« (das fiel mir ganz plötzlich ein), »was hat er damit sagen wollen, was er in diesen schändlichen Brief noch hineingeflochten hat, daß das Dokument, ihr Brief, gar nicht verbrannt worden ist und noch existiert ...?«

»Er wird Bjoring nicht totschießen, er sitzt jetzt bestimmt in dem Kellerrestaurant und hört die >Lucia<. Aber nach der >Lucia< wird er vielleicht hingehen und Bjoring erschießen. Bjoring hat mich gestoßen, das ist so gut wie geschlagen; hat er mich wirklich geschlagen? Bjoring ist sogar zu stolz, Werssiloff zu fordern, wie sollte er da eine Forderung von mir annehmen? Vielleicht bleibt mir nichts anderes übrig, als ihn morgen auf der Straße niederzuschießen ...« Diesen letzten Gedanken ließ ich mir ganz mechanisch durch den Kopf gehen, ohne im geringsten dabei zu verweilen.

Hin und wieder war es mir aber, als müsse sogleich die Tür aufgehen und Katerina Nikolajewna tritt herein und reicht mir die Hand, und da lachen wir beide ... Oh, mein Student, mein lieber Student!

So zogen die Bilder und Gedanken an mir vorüber, wie meine Wünsche sie heraufbeschworen, als es im Zimmer schon dunkel geworden war.

»Wie lange ist es denn her, daß ich noch vor ihr stand, mich verabschiedete, und sie reichte mir die Hand und lachte? Wie hat es geschehen können, daß wir in so kurzer Zeit so entsetzlich weit auseinandergekommen sind? Sollte ich nicht einfach zu ihr gehen und mich sofort mit ihr aussprechen, im Augenblick, und ganz einfach alles erklären, ganz einfach?! Mein Gott, wie ist denn das gekommen, daß so plötzlich eine ganz neue Welt angefangen hat! Ja, eine neue Welt, eine ganz, ganz neue Welt ... Lisa und der Fürst, die sind noch aus der alten ... Ich bin doch jetzt hier beim Fürsten. Und Mama, wie hat sie mit ihm leben können, wenn es so ist! Ich würde es gekonnt haben, ich könnte alles, aber sie? Was soll jetzt werden?« Und in meinem kranken Hirn sah ich wie in einem Wirbelwinde die Gestalten Lisas, Anna Andrejewnas, Stebelkoffs, des Fürsten, Aferdoffs, aller meiner Bekannten, auftauchen und verschwinden. Meine Gedanken wurden immer formloser und ungreifbarer: ich war froh, wenn ich einen von ihnen ganz erfassen und mich an ihn klammern konnte.

»Ich habe meine >Idee<!« dachte ich auf einmal bewußt.

»Aber ist es auch so? Habe ich das nicht nur auswendig gelernt? Meine Idee ist -- Finsternis und Einsamkeit, aber kann ich denn jetzt noch in die frühere Einsamkeit und Finsternis zurück, ist das für mich jetzt überhaupt noch möglich? Ach, Gott! -- Da hab ich das >Dokument< doch noch nicht verbrannt! Ich habe es vorgestern richtig vergessen. Sobald ich nach Hause komme, verbrenne ich es am Licht, ja, ich zünde einfach ein Licht an und verbrenne den Brief ... Ich weiß nur nicht, ob es das ist, woran ich jetzt denke ...«

Es war schon längst dunkel geworden. Pjotr war einmal gekommen, hatte mir Licht gebracht und mich gefragt, ob ich zu essen wünschte. Ich hatte ihn fortgeschickt und nichts bestellt. Inzwischen war vielleicht eine Stunde vergangen, da kam er wieder und brachte mir Tee. Durstig trank ich ein ganzes Glas. Ich fragte ihn, wieviel Uhr es sei. Es war halb neun, und ich wunderte mich nicht einmal, daß ich schon fünf Stunden gesessen hatte.

»Ich bin dreimal eingetreten,« berichtete Pjotr, »aber der Herr schienen zu schlafen.«

Ich erinnerte mich nicht, ihn gesehen zu haben; und plötzlich erschrak ich sehr darüber, daß ich »geschlafen« hatte. Ich stand auf und begann im Zimmer auf und ab zu gehen, um nicht wieder zu »schlafen«. Schließlich bekam ich heftige Kopfschmerzen. Es hatte gerade zehn geschlagen, als auf einmal der Fürst eintrat. Ich wunderte mich, daß ich im Glauben gewesen war, auf ihn zu warten: ich hatte ihn ganz vergessen und überhaupt nicht mehr an ihn gedacht.

»Sie sind hier, und ich bin zu Ihnen gefahren, um Sie abzuholen,« sagte er zu mir.

Sein Gesicht war finster und streng; keine Spur von einem Lächeln war zu sehen. Sein Blick war wie ein einziger starrer Gedanke.

»Ich habe mich den ganzen Tag herumgeplagt, habe alles versucht,« fuhr er mit reglosem Gesicht fort, »aber alles ist zusammengestürzt, und vor mir steht das Entsetzen ...«

(NB. Zum alten Fürsten Nikolai Iwanowitsch war er doch nicht gegangen.) »Ich habe Shibelski gesehen und gesprochen, das ist ein unmöglicher Mensch. Also: zuerst muß man das Geld haben, dann kann man weiter sehen. Wenn es aber auch mit dem Gelde nicht gelingt, dann ... Aber ich habe schon beschlossen, vorläufig daran nicht mehr zu denken. Verschaffen wir uns heute nur das Geld, das weitere werden wir dann morgen sehen. Ihr Gewinn von vorgestern ist noch unangerührt. Es fehlten nur drei Rubel an dreitausend. Nach Abzug Ihrer Schuld bekommen Sie noch dreihundertundvierzig Rubel zurück. Nehmen Sie die, und dann noch siebenhundert, damit Sie tausend haben, und ich nehme die übrigen zweitausend. Und jetzt fahren wir zu Serschtschikoff, setzen uns jeder an ein anderes Ende des Tisches und versuchen, zehntausend Rubel zu gewinnen, -- vielleicht gelingt uns etwas; wenn nicht -- dann ... Übrigens ist das das einzige, was uns noch bleibt.«

Er sah mich fatalistisch an.

»Ja! ja!« rief ich plötzlich begeistert, und ich fühlte mich förmlich erlöst. »Fahren wir zu Serschtschikoff! Ich habe ja nur deshalb auf Sie gewartet ...«

In Wirklichkeit hatte ich die ganze Zeit nicht einen Augenblick an das Roulette gedacht.

»Aber die Feigheit? Die Erbärmlichkeit dieses Versuchs?« fragte auf einmal der Fürst.

»Sie meinen, daß wir's mit dem Spiel versuchen? Aber das ist doch das einzige!« rief ich. »Geld ist ja alles! Nur wir zwei sind solche Heilige, Bjoring hat sich doch verkauft, Anna Andrejewna hat sich verkauft, Werssiloff aber -- haben Sie schon gehört, daß Werssiloff ein Maniak ist? Ein Maniak! Ein Maniak!«

»Sind Sie nicht krank, Arkadi Makarowitsch? Sie haben so sonderbare Augen.«

»Sagen Sie das etwa, weil Sie ohne mich hinfahren wollen? Nein, ich bleibe jetzt nicht zurück. Mir hat doch nicht umsonst die ganze Nacht vom Spiel geträumt! Fahren wir, fahren wir!« rief ich, als hätte ich damit die Lösung aller Rätsel gefunden.

»Nun, so fahren wir, wenn Sie auch Fieber haben, dort aber ...«

Er sprach den Satz nicht zu Ende. Ein schwerer unheimlicher Ausdruck lag in seinem Gesicht. Wir brachen auf.

»Wissen Sie auch,« sagte er plötzlich, und blieb in der Tür stehen, »daß es für mich noch einen anderen Ausweg gibt, außer dem Spiel?«

»Was für einen denn?«

»Einen fürstlichen!«

»Was ...? Was meinen Sie?«

»Das werden Sie später erfahren. Nur dieses eine lassen Sie sich gesagt sein: daß ich dieses Auswegs nicht mehr würdig bin, weil es zu spät ist. Fahren wir, aber behalten Sie meine Worte. Versuchen wir es mit dem lakaienhaften Ausweg ... Als ob ich nicht wüßte, daß ich bewußt, aus freiem Willen hinfahre und handle wie ein -- Lakai!«

VI.

Ich fuhr zum Roulette, als läge in ihr allein mein Heil, meine Rettung; dabei hatte ich doch, wie ich schon sagte, bis zur Ankunft des Fürsten überhaupt nicht an das Spiel gedacht. Und ich fuhr ja auch gar nicht hin, um für mich zu spielen, sondern um mit dem Gelde des Fürsten für den Fürsten zu spielen; deshalb begreife ich nicht, was mich so mächtig hinzog, aber es zog mich unwiderstehlich hin. Oh, noch niemals waren mir diese Menschen, diese Gesichter, diese Croupiers, diese ewig gleichen Ausrufe, dieser ganze widerliche Saal bei Serschtschikoff so ekelhaft erschienen, so düster, so roh und traurig, wie an diesem Abend! Ich erinnere mich nur zu gut des Wehs und der Traurigkeit, die in diesen Stunden am Spieltisch von Zeit zu Zeit mein Herz ergriffen. Aber weshalb ging ich nicht fort? Weshalb ertrug ich das wie mein Los, wie mein Verhängnis, wie ein Opfer, das ich auf mich nahm? Ich kann von mir nur eines sagen: daß ich damals wohl kaum zurechnungsfähig war. Und doch hatte ich noch nie zuvor so vernünftig gespielt wie an diesem Abend. Ich war schweigsam und hatte alle meine Gedanken beisammen, war aufmerksam und furchtbar berechnend; ich konnte geduldig ausharren und geizig sein und gleichzeitig schnell entschlossen in dem Augenblick, wo es zu handeln galt. Ich hatte mich wieder in der Nähe des Zero hingesetzt, also wieder zwischen Serschtschikoff und Aferdoff, der immer an Serschtschikoffs rechter Seite saß; der Platz zwischen ihnen war mir verleidet, aber ich wollte es unbedingt wieder mit Zero versuchen, und die übrigen Plätze in der Nähe von Zero waren alle besetzt. Wir spielten schon reichlich eine Stunde, als ich auf einmal von meinem Platze aus sah, wie der Fürst sich mit bleichem Gesicht erhob, zu uns herüberkam und meinem Platz gegenüber an der anderen Seite des Tisches stehenblieb: er hatte alles verspielt und sah schweigend meinem Spiel zu, doch wahrscheinlich ohne etwas davon zu verstehen oder überhaupt noch an das Spiel zu denken. Ich hatte gerade erst angefangen zu gewinnen, und Serschtschikoff zahlte mir das gewonnene Geld aus. Plötzlich sah ich, wie Aferdoff ruhig die Hand ausstreckte und vor meinen Augen mit der größten Gelassenheit einen meiner Hundertrubelscheine nahm und zu dem Geldhaufen legte, der vor ihm lag. Ich schrie auf und packte seine Hand. Das geschah alles so plötzlich, so unerwartet: ich zerriß mit einem Ruck gleichsam alle meine Ketten; es war, als ob alle Schrecken und Kränkungen dieses Tages sich plötzlich in diesem einen Augenblick zusammengeballt hätten mit dieser erneuten Kränkung des Bestohlenwerdens um hundert Rubel. Es war, als hätte alles, was sich in mir angesammelt hatte und von mir unterdrückt worden war, nur auf diesen Anstoß gewartet, um zu explodieren.

»Der hier ist ein Dieb! Er hat mir soeben einen Hundertrubelschein gestohlen!« schrie ich und sah mich wild im Kreise um.

Ich vermag die Aufregung nicht zu beschreiben, die meine Worte hervorriefen: ein solcher Skandal war hier etwas ganz Neues. Bei Serschtschikoff führte man sich tadellos auf, sein Spielzirkel war dafür bekannt. Aber ich war außer mir. Und da hörte man auf einmal, mitten in dem Lärm und Geschrei, Serschtschikoffs Stimme:

»Tatsächlich, das Geld ist fort, während es noch vor einem Augenblick hier lag! Vierhundert Rubel!«

Da kam nun plötzlich noch diese andere Geschichte hinzu: auch aus der Bank war Geld verschwunden, ein Päckchen Banknoten von vierhundert Rubeln. Serschtschikoff wies auf die Stelle, wo das Geld gelegen hatte, »noch vor einem Augenblick«, und diese Stelle war gerade neben mir, ja, sie stieß fast an den Platz, wo mein Geld lag, und befand sich somit viel näher bei mir als bei Aferdoff.

»Hier ist der Dieb! Das hat er gleichfalls gestohlen, durchsuchen Sie ihn!« rief ich und wies auf Aferdoff.

»Das kommt alles nur daher,« übertönte eine mächtige Stimme das ganze erregte Stimmengewirr, »daß man hier Menschen zuläßt, die keiner kennt. Leute ohne Empfehlungen! Wer hat ihn eingeführt? Wer ist er überhaupt?«

»Ein gewisser Dolgoruki.«

»Fürst Dolgoruki?«

»Fürst Ssokolski hat ihn eingeführt!« schrie jemand.

»Hören Sie, Fürst,« schrie ich über den ganzen Tisch ihm zu, »jetzt hält man hier mich für den Dieb, während ich es bin, der hier bestohlen worden ist! Sagen Sie ihnen, sagen Sie ihnen doch, wer ich bin!«

Doch was nun geschah, war das Schrecklichste von allem, was mir an diesem Tage widerfahren war ... ja, was mir in meinem ganzen Leben widerfahren ist: der Fürst verleugnete mich. Ich sah, wie er mit den Achseln zuckte und auf die Fragen, mit denen man ihn von allen Seiten bestürmte, scharf und deutlich zur Antwort gab:

»Ich stehe für keinen ein. Ich bitte, mich in Ruhe zu lassen.«

Währenddessen stand Aferdoff, umgeben von einem ganzen Kreise von Herren, und verlangte mit lauter Stimme, man solle ihn durchsuchen. Er drehte schon selbst alle seine Taschen um. Aber auf seine Forderung wurde ihm beschwichtigend zugerufen: »Nein, nein, nicht nötig, wir wissen schon, wer der Dieb ist!« Zwei Diener, die man gerufen hatte, ergriffen mich und hielten meine Arme auf dem Rücken fest.

»Ich lasse mich nicht durchsuchen, ich erlaube es nicht!« schrie ich empört und suchte mich loszureißen.

Aber ich wurde ins Nebenzimmer geschleppt und dort mitten in der mich umstehenden Menschenschar bis in die letzte Falte durchsucht. Ich schrie und widersetzte mich aus allen Kräften.

»Er hat das Geld wohl fortgeworfen, man muß auf dem Teppich suchen,« meinte schließlich jemand.

»Wo denn jetzt noch auf dem Teppich suchen?«

»Vielleicht hat er es noch irgend wohin unter den Tisch werfen können!«

»Jetzt ist natürlich jede Spur verloren ...«

Man führte mich hinaus, aber es gelang mir noch, in der Tür mich einmal zurückzuwenden und in wahnsinnigem Jähzorn über den ganzen Saal hin zu schreien:

»Das Roulette ist von der Polizei verboten! Heute noch werde ich Sie alle anzeigen!«

Ich wurde nach unten geführt, in meinen Pelz gesteckt, und ... dann öffnete man vor mir die Haustür.

Neuntes Kapitel.

I.

Der Tag hatte mit einer Katastrophe geendet, aber es blieb noch die Nacht. Was ich von dieser Nacht im Gedächtnis behalten habe, ist folgendes.

Ich glaube, es wird kurz nach zwölf gewesen sein, als ich mich so plötzlich wieder auf der Straße befand. Es war eine klare, stille, frostige Nacht. Ich lief fast und beeilte mich sehr, aber -- nicht auf dem Wege nach Hause.

»Wozu nach Hause? Kann es denn für mich jetzt noch ein Zuhause geben? Zuhause ... da würde ich morgen aufwachen, um weiterzuleben! Aber ist denn das für mich jetzt noch möglich? Mein Leben ist zu Ende, jetzt kann ich doch unter keinen Umständen mehr leben!« Und so irrte ich durch die Straßen, ohne darauf zu achten, wohin ich ging, ja, ich weiß nicht einmal, ob ich überhaupt ein Ziel hatte, wohin ich laufen wollte. Mir war sehr heiß und ich schlug fortwährend meinen schweren Pelz auf. »Jetzt hat für mich schon nichts mehr einen Zweck,« dachte ich, und so schien es mir damals wirklich, »gleichviel, was ich noch unternehmen wollte.« Und sonderbar: alles ringsum, selbst die Luft, die ich atmete, schien mir auf einmal von einem anderen Planeten zu sein, ganz, als befände ich mich jetzt auf dem Monde. Alles das -- die Stadt, die Menschen, die noch vereinzelt gingen, das Trottoir, auf dem ich dahineilte -- alles das gehörte schon nicht mehr zu mir. »Da ist der Schloßplatz, dort ist die Isaakskirche,« sagte irgend etwas in mir, »aber jetzt gehen sie mich nichts mehr an.« Alles hatte sich mir gleichsam entfremdet, alles war auf einmal nicht mehr mein. »Ich habe Mama, ich habe Lisa -- aber was sind mir jetzt noch Lisa und Mama? Alles ist zu Ende, alles hat mit einem Schlage aufgehört, nur das eine ist und bleibt, was jetzt für ewig feststeht: daß ich ein -- Dieb bin.«

»Wie soll ich beweisen, daß ich kein Dieb bin? Ist das jetzt überhaupt noch möglich? Nach Amerika gehen? Was beweist man damit? Werssiloff wird der erste sein, der glauben wird, ich hätte gestohlen! Meine >Idee<? Was für eine >Idee<? Was ist die >Idee< jetzt noch? Auch nach fünfzig, nach hundert Jahren wird sich immer noch einer finden, der auf mich weist und sagt: >Der da -- ist ein Dieb. Er hat die Verwirklichung seiner »Idee« damit begonnen, daß er am Spieltisch Geld stahl< ...«

War damals Wut in mir? Ich weiß es nicht; vielleicht. Sonderbar, ich habe immer diesen eigentümlichen Charakterzug gehabt, vielleicht schon von meiner frühesten Kindheit an: wenn man mir Böses getan, mich beleidigt, bis zur letzten Demütigung erniedrigt hatte, so war in mir jedesmal sofort das unwiderstehliche Verlangen erwacht, mich passiv der Beleidigung zu unterwerfen oder womöglich den Wünschen der Beleidiger noch entgegenzukommen. »Da seht, ihr habt mich erniedrigt, ich aber erniedrige mich selbst noch mehr, seht und freut euch!« Touchard schlug mich und wollte mich fühlen lassen, daß ich ein Bedienter wäre und nicht wie die anderen ein Senatorensohn, und da nahm ich sofort selbst die Rolle des Bedienten auf mich. Ich reichte ihm nicht nur die Kleider, sondern griff noch selber zur Bürste, um auch das letzte Stäubchen von ihm abzubürsten; und es geschah nicht auf seinen Wunsch oder Befehl hin, wenn ich im Eifer der Erfüllung meiner Bedientenpflicht ihm sogar nachlief, um noch ein Federchen von seinem Frack abzubürsten, so daß er mir schließlich selbst Einhalt gebot: »Schon gut, schon gut, Arkadi, es genügt.« Oder er kam nach Hause und zog seinen Überrock aus: da nahm ich den Überrock und bürstete ihn gewissenhaft, legte ihn sorgfältig zusammen und bedeckte ihn noch mit einem bunten, seidenen Tuch. Ich wußte, daß die Kameraden mich deshalb verachteten und auslachten, -- oh, das wußte ich ganz genau, aber auch das war mir recht: »Wenn man einmal will, daß ich Diener sei, nun gut, dann bin ich Diener. Ihr glaubt, ich sei ein geborener Knecht -- nun gut, dann bin ich eben ein Knecht!« Passiven Haß und untergründige Wut habe ich jahrelang mit mir herumtragen können. Und als ich bei Serschtschikoff wie ein Rasender schrie, ich würde sie alle anzeigen, das Roulette sei von der Polizei verboten, -- da kam, ich schwöre es, in diesem Schrei eben nur jener erwähnte Charakterzug zum Ausdruck: man hatte mich erniedrigt, durchsucht, für einen Dieb erklärt, moralisch vernichtet, -- »nun, so hört denn alle, daß ich nicht nur ein Dieb bin, sondern auch ein Denunziant!« Wenn ich jetzt daran zurück denke, kann ich mir das nur so erklären; damals aber dachte ich natürlich durchaus nicht an eine Analyse meiner Gefühle. Ich schrie es einfach in den Saal hinein, ganz ohne vorgefaßte Absicht, noch eine Sekunde vorher wußte ich nicht, daß ich das schreien würde: es schrie aus mir, von selbst -- denn es ist nun einmal ein solcher Zug in meiner Seele.

Zweifellos begann ich damals, als ich so durch die Straßen irrte, schon im Fieber zu phantasieren, aber trotzdem erinnere ich mich genau, daß ich noch bewußt handelte. Allerdings kann ich mit aller Bestimmtheit versichern, daß ein ganzer Kreis von Gedanken und Folgerungen für mich damals schon nicht mehr faßbar war; ich fühlte und wußte in den Augenblicken sogar selbst, daß ich »gewisse Gedanken noch denken kann, an andere aber schon gar nicht mehr herankomme«. Ebenso konnten manche meiner Entschlüsse, obschon ich sie mit klarem Bewußtsein faßte, an sich jeder Logik bar sein. Und nicht nur das: ich weiß noch ganz genau, daß ich in manchen Augenblicken die Unsinnigkeit eines Entschlusses vollkommen klar erkennen und doch in demselben Augenblick mit vollem Bewußtsein die Ausführung dieses Entschlusses beginnen konnte. Ja, ein Verbrechen drängte sich mir förmlich auf in jener Nacht, und nur ein Zufall war es, daß es nicht geschah.

Mir fiel auf einmal eine Bemerkung ein, die Tatjana Pawlowna höhnisch zu Werssiloffs Verhalten gemacht hatte: er hätte doch an die Nikolaibahn gehen und seinen Kopf auf die Schienen legen können, da wäre er ihm ohne weiteres abgeschnitten worden. Dieser Gedanke bemächtigte sich für einen Augenblick aller meiner Gefühle, aber ich wies ihn sofort und mit einem jähen Schmerz von mir. »Den Kopf auf die Schienen legen und sterben, und morgen sagt man von mir: das hat er deshalb getan, weil er gestohlen hat, aus Scham und Reue hat er das getan, -- nein, um keinen Preis!« Und in eben diesem Augenblick, das weiß ich noch, kam plötzlich eine furchtbare Wut über mich. »Nun was?« dachte ich erbost, »rechtfertigen kann ich mich ja doch auf keine Weise, ein neues Leben anzufangen ist gleichfalls unmöglich, und deshalb -- sollte ich mich da nicht dreinfügen, Bedienter, Hund, ein Käfer, den man zertritt, ein Denunziant, ein richtiger Denunziant werden, und dabei heimlich mich vorbereiten und dann auf einmal -- alles plötzlich in die Luft sprengen, alles vernichten, alles und alle, Schuldige und Unschuldige, damit dann alle auf einmal erfahren, daß das derselbe getan hat, den sie einen Dieb genannt haben ... und dann natürlich auch mich selbst umbringen!«

Ich weiß nicht mehr, auf welchem Wege ich in eine Querstraße in der Nähe des Gardekavallerieboulevards gelangt war. Zu beiden Seiten dieser Querstraße zogen sich hohe Steinmauern hin, wohl hundert Schritte weit, -- die Mauern von Hinterhöfen. Hinter einer dieser Steinmauern an der linken Straßenseite gewahrte ich einen riesigen Holzstapel; der Stapel war lang und hoch, ganz wie auf einem Holzhof, und überragte die Mauer noch um gute zwei Meter. Ich blieb plötzlich stehen und überlegte. In meiner Tasche hatte ich Wachszündhölzer in einem kleinen silbernen Behälter. Ich sage noch einmal: ich war mir vollkommen dessen bewußt, was ich da überlegte, und erinnere mich noch ganz genau daran, was ich tun wollte; aber warum ich das tun wollte -- das weiß ich nicht, das weiß ich wirklich nicht. Ich weiß nur, daß ich dazu plötzlich sehr große Lust hatte. »Auf die Mauer hinaufzuklettern ist nicht schwer,« überlegte ich; zwei Schritte von mir war in der Mauer ein Tor, das wohl monatelang verschlossen blieb. »Wenn man unten auf den Vorsprung tritt,« überlegte ich weiter, »so kann man mit der einen Hand den oberen Rand des Torflügels fassen und sich mit Leichtigkeit auf die Mauer hinaufschwingen, -- und niemand wird es bemerken, ringsum keine Menschenseele, nichts, nur lautlose Stille! Und dann setze ich mich rittlings auf die Mauer und stecke das Holz in Brand, und dazu brauche ich nicht einmal in den Hof hinabzuspringen, ich kann das Holz auch von der Mauer aus anstecken; denn es stößt ja fast an die Mauer. Bei dieser Kälte wird es noch besser brennen. Ich brauche nur ein Scheit Birkenholz zu nehmen ... und selbst das ist nicht einmal nötig: wenn man auf der Mauer sitzt, braucht man nur mit einer Hand etwas Birkenrinde von einem Scheit abzureißen, anzuzünden und dann zwischen die Scheite des Stapels zu stecken, und der Brand wäre da. Ich aber springe dann von der Mauer herab und gehe fort; ich brauche nicht einmal zu laufen; denn es wird ja noch lange nichts bemerkt werden.« So überlegte ich mir das alles, und auf einmal war ich fest entschlossen. Ich empfand ein außerordentliches Vergnügen und eine große Lust und schickte mich sofort an, hinaufzuklettern. Ich war ein guter Turner: Turnen war schon auf dem Gymnasium mein Spezialfach gewesen, aber ich hatte jetzt hohe Galoschen an, und da war die Sache doch schwieriger, als ich gedacht hatte. Ich konnte mich freilich an einem kleinen, kaum fühlbaren Vorsprung oben mit einer Hand festhalten, und ich hob schon die andere Hand, um den Mauerrand zu fassen, aber da glitt ich auf einmal aus und fiel rücklings hinunter. Ich nehme an, daß ich mit dem Hinterkopf aufs Trottoir gefallen bin und wohl eine oder zwei Minuten bewußtlos dagelegen habe. Als ich wieder zu mir kam, zog ich mechanisch den Pelz fester um mich; denn ich empfand auf einmal eine unerträgliche Kälte; und nur halb dessen bewußt, was ich tat, schleppte ich mich zum Tor und setzte mich dort in der Vertiefung, im Winkel zwischen der Mauer und dem Torflügel, ganz zusammengekauert hin. Meine Gedanken verwirrten sich, und ich schlief wohl sehr schnell ein. Wie eines Traumes erinnere ich mich noch, daß in meinen Ohren auf einmal tiefer, schwerer Glockenklang ertönte und ich mit Lust auf ihn zu lauschen begann.

II.

Die Glocke schlug alle zwei oder drei Sekunden einmal fest und sicher an, aber das war keine Alarmglocke, sondern ein seltsam schöner, schwingender Klang, und schließlich kam er mir so bekannt vor, und da sagte ich mir auch schon, daß das ja der Glockenklang von der Nikolaikirche ist, der roten Kirche, fast gegenüber dem Hause von Touchard, -- der altertümlichen Moskauer Kirche, deren ich mich noch so gut erinnere, die noch aus der Zeit des Zaren Alexei Michailowitsch stammt und mit reichem Zierat, vielen Türmen und Säulen geschmückt ist. Und ich wußte auf einmal, daß die Osterwoche eben vorüber war, und an den schmächtigen Birken im Gärtchen hinter dem Hause von Touchard schon junge grüne Blättchen zitterten. Die grelle Vorabendsonne schickte ihre schrägen Strahlen in unser Klassenzimmer, bei mir aber, in meinem kleinen Zimmer links vom Vorraum, wohin Touchard mich schon vor einem Jahr aus dem gemeinsamen Raum der »Grafen- und Senatorenkinder« verbannt hat, sitzt ein Gast. Ja, ich, der Elternlose, hatte ganz unerwartet Besuch bekommen, zum erstenmal, seitdem ich bei Touchard war. Ich hatte diesen Besuch sofort erkannt, schon in der Tür: es war Mama. Und doch hatte ich sie nur als Dreijähriger gesehen, als sie mich damals in die Dorfkirche gebracht hatte, wo ich die Taube durch die Kuppel fliegen sah. Wir saßen zusammen in meinem Zimmerchen, und ich musterte sie verstohlen. Erst später, viele Jahre nachher, erfuhr ich, daß sie damals -- Werssiloff war ins Ausland gereist und hatte sie allein zurückgelassen -- daß sie damals mit ihrem eigenen spärlichen Gelde und aus eigenem Wunsch und Willen nach Moskau gereist war, fast heimlich und gegen den Willen derer, in deren Obhut er sie zurückgelassen hatte, und das alles nur, um mich wiederzusehen. Sonderbar war auch, daß sie, nachdem sie mit Touchard gesprochen hatte und von ihm zu mir geführt worden war, mir selbst kein Wort davon sagte, daß sie meine Mutter sei. Sie saß neben mir, und ich weiß noch, es wunderte mich, daß sie so wenig sprach. Sie hatte ein Bündelchen bei sich und knüpfte es auf: darin waren sechs Orangen, einige Lebkuchen und zwei gewöhnliche Franzbrote. Diese Franzbrote beleidigten mich geradezu, und ich bemerkte mit gekränkter Miene, wir hätten hier eine sehr gute »Kost«, und zum Tee bekäme ein jeder von uns ein ganzes Franzbrot.

»Nimm schon vorlieb, Kindchen, ich hab' ja nur so in meiner Einfalt gedacht: vielleicht gibt man ihnen da in ihrer Schule nicht gut zu essen. Nimm nun schon vorlieb, Kindchen.«

»Antonina Wassiljewna (Touchards Frau) wird es auch übelnehmen. Und die Mitschüler werden über mich lachen ...«

»Dann willst du sie nicht annehmen? oder vielleicht ißt du sie doch?«

»Meinetwegen, lassen Sie sie hier ...«

Aber ich rührte nichts an; die Orangen und Lebkuchen lagen vor mir auf dem Tischchen, ich aber saß da mit niedergeschlagenen Augen und einer Miene, die sehr viel persönliche Würde ausdrücken sollte. Wer weiß, vielleicht wollte ich es vor ihr auch gar nicht verbergen, daß ihr Besuch mich vor meinen Mitschülern bloßstellte; ich wollte sie das vielleicht doch ein wenig fühlen lassen, damit sie begriffe, was das heißt: »Siehst du, du blamierst mich und begreifst das nicht einmal selbst!« Oh, ich lief schon damals mit der Bürste hinter Touchard her, um das letzte Stäubchen von seinem Rock zu entfernen! Ich stellte mir auch vor, wieviel Spott ich, wenn sie erst fortgegangen wäre, von den anderen Jungen zu ertragen haben würde und vielleicht auch von Touchard selbst, -- deshalb war nicht das geringste gute Gefühl für sie in meinem Herzen. Nur heimlich betrachtete ich ihr dunkles, bescheidenes, wohl auch schon altes Kleid, ihre ziemlich derben, fast verarbeiteten Hände, ihre ganz einfachen Stiefel und ihr stark abgemagertes Gesicht; auf ihrer Stirn bildeten sich schon feine Falten; und doch sagte Antonina Wassiljewna am Abend zu mir, als meine Mutter schon wieder fortgegangen war: »Ihre maman muß einmal sehr gut ausgesehen haben.«

So saßen wir in meinem Zimmerchen, als auf einmal Agafja hereinkam und auf einem Präsentierteller eine Tasse Kaffee brachte. Es war nach dem Mittag, und Touchards pflegten um diese Zeit in ihrem Wohnzimmer Kaffee zu trinken. Aber Mama dankte und nahm die Tasse nicht: wie ich später erfuhr, trank sie damals überhaupt keinen Kaffee, weil sie davon Herzklopfen bekam. Nun hielten aber Touchards in ihren Herzen schon die Erlaubnis, daß meine Mutter mich sehen durfte, für eine ungeheure Gnade, so daß die Tasse Kaffee, die sie noch meiner Mutter schickten, in ihren Augen schon eine Art Großtat der Menschenliebe war, die ihre Herzensbildung und europäische Fortgeschrittenheit aufs schlagendste bewies. Und nun hatte Mama gerade diese Tasse Kaffee abgelehnt!

Ich wurde zu Touchard gerufen, und er sagte mir, ich solle alle meine Hefte und Bücher nehmen und sie meiner Mutter zeigen: »Damit sie sieht, wieviel Kenntnisse Sie in meiner Anstalt erworben haben«. Antonina Wassiljewna schob schmollend die Lippen vor und sagte gekränkt und spöttisch:

»Ihrer maman scheint unser Kaffee nicht zugesagt zu haben.«

Ich suchte meine Hefte zusammen und ging mit ihnen an allen »Grafen- und Senatorensöhnen«, die sich im Klassenzimmer zusammendrängten und meine Mutter und mich betrachteten, vorüber ins kleine Zimmer zu Mama, die mich erwartete. Und siehe da, ich fand sogar Gefallen daran, Touchards Befehl mit buchstäblicher Genauigkeit auszuführen. »Dies hier sind Lektionen aus der französischen Grammatik, dies hier sind Diktate, dies hier sind Konjugationen der Hilfszeitwörter avoir und être,{[58]} dies hier ist Geographie, Beschreibungen der Hauptstädte Europas und aller Weltteile« usw. Ich erklärte ihr das alles wohl eine halbe Stunde lang oder noch länger, erklärte mit eintönigem Kinderstimmchen, den Blick sittsam gesenkt. Ich wußte, daß Mama von den Wissenschaften keine Ahnung hatte, vielleicht nicht einmal schreiben konnte, aber gerade deshalb gefiel ich mir in meiner Rolle. Doch ermüden konnte ich sie nicht: sie hörte mir die ganze Zeit unverändert zu, ohne mich zu unterbrechen, und sogar mit ungeheurer Aufmerksamkeit, ja fast Ehrfurcht, so daß es schließlich mir selbst langweilig wurde und ich aufhörte; übrigens war ihr Blick traurig, und in ihrem Gesicht lag etwas Schmerzliches.

Endlich erhob sie sich, um fortzugehen; da kam aber gerade Touchard herein und erkundigte sich bei ihr mit lächerlich wichtiger Miene, ob sie mit den Fortschritten ihres Sohnes zufrieden wäre. Mama wußte nicht, was sie sagen sollte, stammelte irgend etwas und dankte ihm dann, und als auch Antonina Wassiljewna herzukam, bat sie sie beide, mich, »den Waisenknaben« doch nicht zu verlassen, »er ist doch so gut wie verwaist, seien Sie seine Wohltäter ...« Und mit Tränen in den Augen verneigte sie sich vor ihnen, vor jedem besonders und mit einer tiefen Verbeugung, ganz so, wie »einfache« Leute sich verneigen, wenn sie stolze Herrschaften um irgend etwas bitten. Touchards hatten das offenbar nicht erwartet; Antonina Wassiljewna war sogar etwas gerührt und änderte wohl ihre Ansicht über die Ablehnung der Tasse Kaffee. Touchard dagegen erwiderte mit noch größerer Wichtigkeit und nahezu selbst ergriffen von so viel »Humanität« seinerseits, daß er »zwischen den Kindern keinen Unterschied mache, hier seien alle seine Kinder und er ihr Vater, und ich stände bei ihm fast auf der gleichen Stufe mit Senatoren- und Grafensöhnen, und das dürfe man nicht unterschätzen« usw. Mama verneigte sich nur, schien aber verwirrt zu sein; schließlich wandte sie sich an mich und sagte mit Tränen in den Augen: »Leb wohl, Jungchen!«

Und sie küßte mich, das heißt, ich erlaubte ihr, mich zu küssen. Sie hatte sichtlich das Vergnügen, mich immer wieder zu küssen, mich zu umfassen, an sich zu drücken, aber war es nun, daß sie sich vor den Menschen schämte, oder daß ein bitteres Gefühl sich ihrer bemächtigte, oder daß sie erriet, daß ich mich ihrer schämte, -- jedenfalls ging sie, nachdem sie sich nochmals vor Touchards verneigt hatte, eilig zur Tür. Ich stand und rührte mich nicht.

»Mais suivez donc votre mère,« sagte Antonina Wassiljewna zu mir, »il n'a pas de coeur cet enfant!«{[59]}

Touchard zuckte dazu nur mit den Achseln, was natürlich so viel sagte wie: »Du siehst, ich behandle ihn doch nicht ohne Grund wie einen Bedienten.«

Ich folgte gehorsam meiner Mutter; wir traten auf die Treppe hinaus. Ich wußte, daß sie jetzt alle durch das Fenster uns nachsahen. Mama wandte sich zur Kirche und bekreuzte und verneigte sich dreimal; ihre Lippen bebten. Vom Turm kam tiefer, volltönender Glockenklang, schlug sicher an und summte. Mama wandte sich zu mir zurück, und -- da konnte sie sich nicht mehr bezwingen: sie legte beide Hände auf meinen Kopf und brach in Tränen aus und weinte über meinem Haupt.

»Mamachen, nicht ... schämen Sie sich doch ... Die anderen sehen durch das Fenster ...«

Sie fuhr auf und sagte eilig, sich fast überstürzend:

»Ja, ich geh schon ... Gott ... Gott beschütze dich ... mögen die Engel dich behüten, die heilige Mutter Gottes und der heilige Nikolai, der Gottesknecht ... Gott, lieber Gott!« murmelte sie schnell und bekreuzte mich immer wieder, immer wieder, als könne sie in der Eile mich nicht genug segnen. »Mein Jungchen, du mein Lieber! Wart, Jungchen ...«

Sie griff schnell mit der Hand in ihre Kleidertasche und holte ein blaukariertes Tüchlein hervor, von dem ein Zipfel zu einem Knoten gebunden war, und sie versuchte eilig, diesen Knoten zu lösen ... es gelang ihr aber nicht ...

»Nun, tut nichts, nimm's mit dem Tüchelchen: es ist ganz sauber, sieh, vielleicht kannst du's brauchen, es sind vier Zwanziger drin, vielleicht hast du mal ein bißchen Geld nötig, verzeih, Jungchen, mehr hab' ich gerade selber nicht ... verzeih, Jungchen.«

Ich nahm das Tüchlein, wollte aber schon bemerken, daß wir von Herrn Touchard und Antonina Wassiljewna alles bekämen, was wir brauchten und ich folglich nichts nötig hätte, doch ich unterdrückte diese Bemerkung und nahm das Tüchlein mit dem Gelde von ihr an.

Sie bekreuzte mich noch einmal, flüsterte noch einmal ein Gebet, und auf einmal -- auf einmal verneigte sie sich auch vor mir, ganz wie oben vor Touchards, -- es war eine tiefe, langsame, lange Verneigung -- nie werde ich das vergessen! Ich zuckte zusammen und wußte selbst nicht, warum. Was wollte sie mit dieser Verneigung sagen? Wollte sie vielleicht »ihre Schuld vor mir bekennen?« wie ich mich später einmal fragte, lange nachher, -- ich weiß es nicht. Damals aber schämte ich mich deshalb noch viel mehr; denn »die sehen doch alles durch das Fenster, und Lambert wird mich noch mehr hauen,« dachte ich.

Endlich verließ sie mich. Die Orangen und Lebkuchen hatten die Grafen- und Senatorensöhne schon vor meiner Rückkehr verspeist, und die vier Zwanziger nahm mir sogleich Lambert weg: für diese achtzig Kopeken kauften sie in der Konditorei Kuchen und Schokolade und aßen alles allein auf; mir boten sie nicht einmal etwas an.

Es verging ein halbes Jahr, und der windige, regnerische Oktober war gekommen. An meine Mutter dachte ich gar nicht mehr. Oh, damals war bereits Haß, dumpfer Haß gegen alles in mein Herz gedrungen und hatte es ganz durchtränkt; zwar bürstete ich noch immer Touchards Kleider, aber ich haßte ihn schon aus aller Kraft, und mit jedem Tage wurde mein Haß noch größer. In dieser Zeit machte ich mich einmal an einem trübseligen Abend daran, ich weiß selbst nicht warum, in meiner Schublade zu kramen, und da erblickte ich plötzlich in einer Ecke ihr blaukariertes Batisttüchlein; es lag dort, wie ich es damals hineingeworfen hatte. Ich zog es hervor und betrachtete es mit einer gewissen Neugier: der eine Zipfel verriet noch deutlich den Knoten und hatte sogar noch einen glatten runden Abdruck von der Größe eines Zwanzigers; übrigens legte ich das Tüchlein wieder an dieselbe Stelle zurück und schob die Schublade zu. Es war am Abend vor einem Feiertage und die Glocke von der nahen St. Nikolaikirche läutete zur Messe. Die anderen Zöglinge waren schon nach dem Mittag nach Haus gefahren, nur Lambert war diesmal geblieben und blieb auch den ganzen Feiertag über da -- aus irgendeinem bestimmten Grunde hatte man ihn nicht abgeholt. Zwar schlug er mich noch wie früher, aber er machte mich damals auch schon in vielen Dingen zu seinem Vertrauten, und als solchen hatte er mich nötig. Wir sprachen den ganzen Abend von Pistolen des Systems Lepage, von denen weder er noch ich jemals eine gesehen hatten, von tscherkessischen Säbeln und wie man mit ihnen dreinhaut, und dann, wie schön es doch wäre, eine Räuberbande zu gründen, und zu guter Letzt ging Lambert wieder auf sein Lieblingsthema über, auf die bewußten schändlichen Geschichten, die ich, obschon ich mich im geheimen darüber wunderte, doch sehr gern anhörte. An diesem Abend aber konnte ich sie nicht mehr ertragen, und ich sagte, ich hätte Kopfschmerzen. Um zehn Uhr gingen wir zu Bett. Ich zog meine Decke über den Kopf und holte dann unter dem Kissen ihr blaues Tüchlein hervor: eine Stunde vorher hatte ich es, ich weiß nicht weshalb, wieder aus der Schublade geholt und, da unsere Betten schon aufgedeckt waren, unter mein Kopfkissen gesteckt. Ich drückte es gleich an mein Gesicht, und plötzlich begann ich es zu küssen: »Mama, Mama,« flüsterte ich, und die Erinnerung preßte mir wie ein Schraubstock die Brust zusammen. Ich schloß die Augen und sah ihr Gesicht mit den bebenden Lippen, als sie sich vor der Kirche bekreuzt und nachher über mir das Kreuz geschlagen hatte, und ich, ich hatte in diesem Augenblick zu ihr sagen können: »Schämen Sie sich doch ... Die anderen sehen durch das Fenster!« »Mamachen, liebe Mama, einmal im Leben bist du bei mir gewesen ... Mamachen, wo bist du jetzt, du liebe, du mein lieber Gast aus der Ferne? Denkst du jetzt noch an deinen armen Jungen, zu dem du einmal gekommen bist? ... Zeig dich mir doch noch einmal, erscheine mir wenigstens im Traum, nur damit ich dir sagen kann, wie ich dich liebe! Ich will dich nur umfassen und deine blauen Augen küssen, will dir nur sagen, daß ich mich deiner jetzt gar nicht mehr schäme, daß ich dich auch damals schon liebte und mein Herz mir weh tat, als ich so dasaß wie ein Bedienter! Niemals wirst du erfahren, Mama, wie ich dich damals geliebt habe! Mamachen, wo bist du jetzt? Hörst du mich? Mama, liebe Mama, weißt du noch, wie das Täubchen dort in der Dorfkirche durch die Kuppel flog?«

»Zum Teufel ... Was fehlt ihm, daß er einen nicht schlafen läßt!« brummte Lambert wütend in seinem Bett. »Wart nur, ich werde dich ...!« Er springt aus dem Bett, kommt zu mir gelaufen und will mir die Bettdecke wegreißen, ich aber habe mich ganz in sie hineingewickelt und halte sie krampfhaft fest.

»Er heult! Was weinst du, Dummkopf? So'n Schaf! Da hast du eins!« -- und er haut mich, haut mich immer stärker, auf den Rücken, in die Seite, die Schläge werden immer schmerzhafter und ... und auf einmal schlage ich die Augen auf ...

Der Morgen graut schon, auf dem Schnee und an der Mauer blitzen weiße Eisnadeln ... Ich sitze zusammengekauert, halb noch bewußtlos, halb erfroren in meinem Pelz, und über mich beugt sich jemand, weckt mich, schimpft dabei laut und stößt mich mit der Fußspitze schmerzhaft in die Seite. Ich sehe auf: es ist ein Herr in einem kostbaren Bärenpelz, auf dem Kopf eine Zobelmütze; er hat schwarze Augen, einen pechschwarzen gepflegten Backenbart, eine gebogene Nase, blendend weiße Zähne, ein weißes Gesicht und rote Wangen: fast ein Maskengesicht ... Er beugt sich ganz nah zu mir herab, und bei jedem Wort fliegt sein Atem in der Kälte wie Dampf.

»Erfroren! Teufel! Besoffene Fratze! Steh auf, erfrierst sonst wie ein Hund, steh auf! Steh auf!«

»Lambert!« schreie ich.

»Wer bist du?«

»Dolgoruki!«

»Zum Teufel, was für ein Dolgoruki?«

»Einfach Dolgoruki! ... Bei Touchard ... Der, dem du im Restaurant die Gabel in den Schenkel gestoßen hast!«

»Ha--a--a!« ruft er aus und lächelt, sich erinnernd, ein langes, verwundertes Lächeln (sollte er mich wirklich vergessen haben?) »Ha! also du bist es, du!«

Er hilft mir aufstehen, stellt mich auf die Füße; ich kann kaum stehen, kaum mich bewegen, er führt mich, stützt mich mit dem Arm. Er sieht mir in die Augen, scheint nachzudenken, um sich zu erinnern und horcht aufmerksam auf mein Gestammel, und ich stammle ununterbrochen und so schnell ich kann, und ich bin so froh, so froh, daß ich sprechen kann, und bin froh, daß es gerade Lambert ist. Erschien er mir nun als mein »Retter«, oder klammerte ich mich deshalb so an ihn, weil ich ihn in dem Augenblick für einen Menschen aus einer anderen Welt hielt, -- ich weiß es nicht, ich dachte nicht darüber nach, -- ich hielt mich an ihm fest, ohne mir Rechenschaft zu geben, warum und weshalb ich es tat. Ich weiß auch nicht, was ich sprach, ich erinnere mich keines Wortes, doch es wird wohl nichts Vernünftiges gewesen sein; denn ich konnte ja kaum ein Wort verständlich hervorbringen; aber er war ganz Ohr. Irgendwo erblickte er einen Schlitten, rief den Kutscher an, und wenige Minuten später saß ich in einem warmen Zimmer.

III.

Jeder Mensch, wer er auch sei, hat unter seinen Erinnerungen sicherlich eine an ein besonderes Erlebnis, das er für etwas mehr oder weniger Phantastisches, Außergewöhnliches, wenn nicht gar Wunderbares hält oder zu halten geneigt ist, gleichviel, ob das nun ein Traum, eine Begegnung, eine Weissagung oder eine Vorahnung oder sonst etwas von der Art ist. Ich für mein Teil bin auch heute noch geneigt, mein Zusammentreffen damals mit Lambert für ein Ereignis von nahezu mystischer Bedeutung zu halten ... wenigstens was die Umstände und die Folgen des Zusammentreffens anbelangt. Übrigens war dabei von seiner Seite alles auf die natürlichste Weise zugegangen: er war ganz einfach von seiner nächtlichen Beschäftigung (welcher Art dieselbe war, soll später erklärt werden) halbbetrunken nach Hause gegangen, und als er in dieser Querstraße beim Tor einen Augenblick stehengeblieben war, hatte er mich erblickt. In Petersburg hielt er sich erst seit kurzer Zeit auf.

Das Zimmer, in das er mich gebracht hatte, war ein nicht großes, spärlich möbliertes Petersburger Chambre garnie{[60]} mittlerer Güte. Das stach insofern von ihm ab, als seine Kleider wirklich gut und teuer waren. Auf dem Fußboden standen zwei kleine Koffer, die erst zur Hälfte ausgepackt waren. Eine Ecke des Zimmers war durch einen Schirm abgeteilt, hinter dem ein Bett stand.

»Alphonsine!« rief Lambert.

»Présente!«{[61]} antwortete hinter dem Schirm eine plärrende Frauenstimme mit deutlichem Pariser Akzent, und es dauerte nicht länger als höchstens zwei Minuten, da hüpfte hinter dem Schirm Mademoiselle Alphonsine hervor, die gerade aus dem Bett kam und schnell in ein paar Kleidungsstücke und in eine Morgenjacke geschlüpft war, -- ein sonderbares Geschöpf, lang und mager wie ein Holzspan, brünett, mit einer langen Taille, einem langen Gesicht, unruhigen Augen und eingefallenen Wangen, -- ein furchtbar verlebtes Frauenzimmer!

»Schnell!« rief Lambert (ich übersetze, er sprach Französisch mit ihr), »die Leute hier müssen ihre Teemaschine schon aufgestellt haben, -- schnell heißes Wasser, Rotwein und Zucker, auch ein Glas, aber schnell, er ist beinah erfroren ... Er ist mein Schulkamerad ... er hat die Nacht draußen im Schnee zugebracht ...«

»Malheureux!«{[62]} rief sie aus und schlug mit einer theatralischen Gebärde die Hände zusammen.

»Still! Wirst du wohl ...!« schrie Lambert sie drohend an, wie einen Hund; sie unterließ sofort alle weiteren Gebärden und lief hinaus, um seinem Befehl nachzukommen.

Er besah und betastete mich, fühlte mir auch den Puls, legte die Hand auf meine Stirn, an meine Schläfen.

»Unbegreiflich ist mir,« brummte er, »daß du nicht erfroren bist ... Allerdings warst du ganz im Pelz, auch dein Kopf war zugedeckt, hocktest da wie in einer Pelzhöhle ...«

Das heiße Getränk tat mir gut, ich schluckte gierig und fühlte mich sogleich wie neubelebt; ich begann auch gleich wieder zu sprechen, zusammenhanglos stammelnd. Ich saß halb liegend in der Diwanecke und sprach unaufhörlich, sprach atemlos, aber was ich sprach, dessen entsinne ich mich wiederum fast gar nicht, und manches habe ich sogar vollständig vergessen, weshalb in meiner Erinnerung an diese Stunden große Lücken sind. Wie gesagt: wieviel er von meinem Gerede verstanden hat, das weiß ich nicht, aber eines ist mir nachher doch ganz klar geworden: soviel wird er immerhin verstanden haben, daß er in der Begegnung mit mir sogleich die Möglichkeit eines Vorteils für sich erspäht hat ... Ich werde später noch darauf zurückkommen, was für eine Berechnung er damals hat machen können.

Nach dem heißen Getränk wurde ich nicht nur sehr gesprächig, sondern zeitweise sogar fröhlich. Ich erinnere mich noch, wie die Sonne auf einmal ins Zimmer schien, als die Vorhänge weggezogen wurden, wie das Feuer im Ofen prasselte, nachdem jemand ihn angeheizt hatte -- aber wer das getan hatte und wann und wie, das weiß ich alles nicht mehr. Auch erinnere ich mich eines auffallend kleinen schwarzen Bologneserhündchens, das Mademoiselle Alphonsine im Arm hielt und kokett an ihr Herz drückte. Dieses Hündchen gefiel mir so ausnehmend, daß ich sogar zu erzählen aufhörte und mich zweimal vorbeugte, ich glaube, um das Tierchen zu streicheln, aber das mißfiel Lambert, und auf einen Wink von ihm zog Alphonsina sich mitsamt dem Hündchen sofort hinter den Schirm zurück.

Er selbst war auffallend schweigsam, saß mir gegenüber, hatte sich sogar stark zu mir vorgebeugt und hörte mir gespannt zu; hin und wieder erschien langsam ein Lächeln auf seinem Gesicht, und er lächelte lange und kniff dabei die Augen zusammen, als suche er hinter den Zusammenhang des Gehörten zu kommen; jedenfalls schien er angestrengt nachzudenken. Das einzige, wessen ich mich von meiner Erzählung noch ganz klar erinnere, ist, daß ich mich, als ich ihm von dem »Dokument« erzählte, auf keine Weise verständlich auszudrücken und die Geschichte zusammenhängend wiederzugeben vermochte, und daß ich dabei an seinem Gesicht sah, wie gern er diese wirre Geschichte verstanden hätte, bis er mich schließlich sogar mit einer Frage unterbrach; das war insofern ein Wagnis, als ich, sobald ich unterbrochen wurde, von etwas ganz anderem weitersprach und das früher Erzählte vergaß. Wie lange wir so gesessen und gesprochen haben, weiß ich nicht und kann ich mir nicht einmal denken. Plötzlich stand er auf und rief Alphonsine.

»Er braucht Ruhe; vielleicht wird man auch nach dem Arzt schicken müssen. Was er verlangt -- das muß alles sofort getan werden, das heißt ... vous comprenez, ma fille? Vous avez de l'argent,{[63]} nicht? Da!«

Er gab ihr einen Zehnrubelschein und flüsterte noch ziemlich lange mit ihr. Ich hörte nur, wie er zwischendurch immer wieder »vous comprenez? vous comprenez?«{[64]} fragte. Er schien ihr etwas einzuschärfen, drohte ihr dabei mit dem Finger und runzelte mit strengem Gesicht die Brauen.

Ich sah, daß sie furchtbare Angst vor ihm hatte.

»Ich komme bald wieder, du aber mußt dich jetzt erst ausschlafen,« sagte er darauf mit einem Lächeln zu mir und nahm seine Mütze.

»Mais vous n'avez pas dormi du tout, Maurice!«{[65]} rief Alphonsine pathetisch.

»Taisez-vous, je dormirai après.«{[66]}

Damit ging er hinaus.

»Sauvée!«{[67]} flüsterte sie mir zu und deutete mit pathetisch ausgestrecktem Arm ihm nach.

»Monsieur, Monsieur!« fuhr sie gleich darauf fort, zu deklamieren und stellte sich großartig mitten im Zimmer vor mir auf, »jamais homme ne fut si cruel, si Bismarck que cet être, qui regarde une femme comme une saleté de hasard. Une femme, qu'est-ce que c'est que ça dans notre époque? >Tue la!< voilà le dernier mot de l'Académie française!«{[68]}

Ich sah sie erstaunt an; vor meinen Augen verdoppelte sich alles, ich glaubte schon zwei Alphonsinen vor mir zu sehen ... Plötzlich bemerkte ich, daß sie weinte: ich fuhr zusammen und wurde mir bewußt, daß sie ja schon sehr lange zu mir sprach, und ich folglich geschlafen haben mußte, wenn ich nicht bewußtlos gewesen war.

»... Hélas! de quoi m'aurait-il servi de le découvrir plus tôt,« rief sie, »et n'aurais-je pas autant gagné à tenir ma honte cachée toute ma vie? Peut-être, n'est-il pas honnête à une demoiselle de s'expliquer si librement devant monsieur, mais enfin je vous avoue que s'il m'était permis de vouloir quelque chose, oh, ce serait de lui plonger au coeur mon couteau, mais en détournant les yeux, de peur que son regard exécrable ne fît trembler mon bras et ne glaçât mon courage! Il a assassiné ce pope russe, monsieur, il lui arracha sa barbe rousse pour la vendre à un artiste en cheveux au pont des Maréchaux, tout près de la Maison de monsieur Andrieux -- hautes nouveautés, articles de Paris, linge, chemises, vous savez, n'est-ce pas? ... Oh, monsieur, quand l'amitié rassemble à table épouse, enfants, soeurs, amis, quand une vive allégresse enflamme mon coeur, je vous demande, monsieur: est-il bonheur préférable à celui dont tout jouit? Mais il rit, monsieur, ce monstre exécrable et inconcevable et si ce n'était pas par l'entremise de monsieur Andrieux, jamais, oh, jamais je ne serais ... Mais quoi, monsieur, qu'avez vous, monsieur?«{[69]}

Sie eilte auf mich zu: ich werde wohl vor Fieber oder Frost gezittert haben, oder vielleicht war es ein Ohnmachtsanfall. Ich kann gar nicht sagen, was für einen bedrückenden, krankhaften Eindruck dieses halbverrückte Geschöpf auf mich machte. Vielleicht glaubte sie, sie müsse mich zerstreuen -- wenn Lambert ihr das nicht ausdrücklich befohlen hatte; wenigstens verließ sie mich keinen Augenblick. Vielleicht war sie einmal beim Theater gewesen; sie deklamierte entsetzlich, drehte und bewegte sich ohne Unterlaß, und das Sprechen nahm bei ihr überhaupt kein Ende, während ich schon lange verstummt war. Soweit ich ihr Geschwätz verstanden habe, war sie auf irgendeine Weise mit der Maison de monsieur Andrieux -- hautes nouveautés, articles de Paris, etc. eng verknüpft, ja vielleicht war sie sogar aus dieser Maison de monsieur Andrieux hervorgegangen; nun aber war sie auf ewig von diesem monsieur Andrieux getrennt worden, und zwar durch dieses monstre furieux et inconcevable,{[70]} und darin bestand nun die Tragödie ... Sie weinte fürchterlich, aber mir schien, daß sie sich nur verstellte und eigentlich gar nicht daran dachte, wirklich zu weinen; manchmal schien es mir, daß sie gleich auseinanderfallen werde wie ein Skelett. Sie sprach mit einer seltsam gequetschten, tremolierenden Stimme; das Wort préférable sprach sie zum Beispiel »préfér--a--able« aus, und das a blökte sie wie ein Schaf. Einmal sah ich, als ich gerade zu mir kam und wieder die Augen aufschlug, daß sie mitten im Zimmer eine Pirouette machte, aber sie tanzte dabei nicht etwa, sondern diese Pirouette gehörte auch auf irgendeine Weise zu der Erzählung und sollte die Sache wohl nur anschaulicher machen. Plötzlich eilte sie zu dem alten, kleinen, ganz verstimmten Pianino, das an einer Wand stand, klimperte und begann zu singen. Wahrscheinlich bin ich dann wieder eingeschlafen oder eine Zeitlang bewußtlos gewesen, aber da bellte das Bologneserhündchen, und ich erwachte: das Bewußtsein kehrte mir für kurze Zeit mit voller Klarheit zurück und ließ mich alles deutlich in hellem, klarem Licht erkennen; ich erschrak und sprang auf.

»Lambert, ich bin bei Lambert!« dachte ich, griff schnell nach meiner Mütze und stürzte zu meinem Pelz.

»Où allez-vous, monsieur?«{[71]} rief Alphonsina erschrocken und eilte zu mir, um mich festzuhalten.

»Ich will fort, ich will hinaus! Lassen Sie mich, halten Sie mich nicht fest ...«

»Oui, monsieur! Oh oui, je comprends!« nickte Alphonsina und lief selbst voraus, um mir die Tür zum Korridor zu öffnen. »Mais ce n'est pas loin, monsieur, ce n'est pas loin du tout, ça ne vaut pas la peine de mettre votre manteau, c'est ici près, monsieur!«{[72]} rief sie mir zu.

Ich bog aber, als ich auf den Korridor trat, schnell nach rechts.

»Par ici, monsieur, c'est par ici!«{[73]} schrie sie aus Leibeskräften und klammerte sich mit ihren langen knochigen Fingern an meinen Pelz, und mit der anderen Hand wies sie nach links in den Korridor, irgendwohin, wohin ich gar nicht wollte.

Ich riß mich los und lief durch die Tür am Ende des Korridors auf die Treppe hinaus.

»Il s'en va, il s'en va!« kreischte Alphonsina hinter mir drein und rannte mir nach. »Mais il me tuera, monsieur, il me tuera!«{[74]}

Aber ich war schon auf der Treppe, und es gelang mir, obgleich sie mir noch auf die Treppe nachstürzte, die Haustür zu öffnen, mich auf die Straße zu retten und in den ersten besten Schlitten zu springen. Dem Kutscher nannte ich Mamas Adresse ...

IV.

Aber das Bewußtsein, das für einen Augenblick hell geworden war, erlosch sehr schnell wieder. Kaum, kaum erinnere ich mich noch dessen, wie ich heimfuhr und dann zu Mama hineingeführt wurde, dann aber trat bei mir schon vollständige Bewußtlosigkeit ein. Am folgenden Tage soll ich, wie man mir später erzählt hat, auf kurze Zeit wieder zu mir gekommen sein (übrigens habe auch ich noch einiges von diesem Tage behalten). Ich erinnere mich, wenn auch nur unklar, daß ich mich in Werssiloffs Zimmer auf seinem Diwan befand; erinnere mich der Gesichter Werssiloffs, Mamas, Lisas, erinnere mich sogar noch genau daran, daß Werssiloff mir irgend etwas von Serschtschikoff und dem Fürsten erzählte, mir immer wieder einen Brief zeigte, mir zuredete und mich zu beruhigen suchte. Später haben sie mir erzählt, ich hätte angstvoll nach einem Lambert gefragt und immer gesagt, ein Hündchen belle. Aber das schwache Licht des Bewußtseins erlosch bald: am Abend dieses zweiten Tages hatte ich schon hohes Fieber und phantasierte. Doch ich will nicht den Ereignissen vorgreifen und zunächst das erzählen, was inzwischen geschehen war, und wovon ich noch nichts wußte:

Als ich an jenem Abend Serschtschikoffs Spielzirkel verlassen hatte, und man dort wieder ruhiger geworden war, hatte Serschtschikoff nach dem Wiederbeginn des Spiels auf einmal mit lauter Stimme erklärt, es wäre ein bedauernswerter Irrtum geschehen: die vermißten vierhundert Rubel hätten sich unter dem anderen Gelde gefunden, und die Rechnung der Bank stimme mit dem vorhandenen Gelde vollkommen überein. Da war denn der Fürst, der den Saal noch nicht verlassen hatte, auf Serschtschikoff zugetreten und hatte von ihm in sehr bestimmtem Tone verlangt, daß er meine Unschuld sofort vor allen Anwesenden bezeuge und sich außerdem schriftlich bei mir entschuldige. Serschtschikoff fand diese Forderung durchaus gerechtfertigt und gab dem Fürsten in Gegenwart aller sein Wort darauf, daß er am nächsten Tage an mich schreiben, den Sachverhalt klarlegen und in aller Form seine Entschuldigung aussprechen werde. In der Tat erhielt Werssiloff, dessen Adresse der Fürst angegeben hatte, am nächsten Tage von Serschtschikoff einen Brief an mich und außerdem noch über tausenddreihundert Rubel, die mir gehörten und von mir auf dem Spieltisch vergessen worden waren. So war denn der peinigende Zwischenfall im Spielzirkel abgetan: diese freudige Nachricht trug später, als ich mein Bewußtsein wiedererlangt hatte, unendlich viel zu meiner Genesung bei.

Der Fürst aber hatte, nachdem er aus dem Spielzirkel heimgekehrt war, noch in derselben Nacht zwei Briefe geschrieben: den einen an mich, den anderen an sein ehemaliges Regiment, bei dem er die Geschichte mit dem Kornett Stepanoff gehabt hatte. Beide Briefe hatte er am nächsten Morgen abgeschickt. Darauf hatte er einen Rapport abgefaßt und mit diesem Rapport in der Hand sich schon am frühen Morgen zu seinem Regimentskommandeur begeben, um ihm zu melden, daß er ein Staatsverbrecher sei und sich als Mitbeteiligter an der Fälschung der und der Aktien dem Gericht stelle und bitte, das Verfahren gegen ihn einzuleiten. Damit hatte er ihm den Rapport eingehändigt, in dem das alles schriftlich dargelegt war. Er wurde verhaftet.

Hier ist der Brief, den er in jener Nacht an mich geschrieben hat:

Teuerster Arkadi Makarowitsch!

Da ich es mit einem lakaienhaften »Ausweg« versucht habe, habe ich somit das Recht verloren, mich auch nur ein wenig mit dem Gedanken zu trösten, daß auch ich mich schließlich zu einer mutigen Tat habe entschließen können. Ich bin schuldig vor meinem Vaterlande und dem ganzen Geschlecht der Fürsten Ssokolski, und als der Letzte des Geschlechts richte ich mich selbst. Ich verstehe nicht, wie ich mich an den niedrigen Gedanken der Selbsterhaltung habe klammern und eine Zeitlang daran denken können, mich mit Geld von ihnen loszukaufen! Vor meinem Gewissen wäre ich doch ewig ein Verbrecher geblieben. Und selbst wenn diese Leute mir die kompromittierenden Briefe zurückgegeben hätten, sie hätten mich doch mein ganzes Leben lang nicht in Ruh gelassen! Was blieb mir übrig: mit ihnen zu leben, mein Lebtag an sie gefesselt, mit ihnen unter einer Decke zu sein -- das war's, was mich erwartete! Dieses Leben konnte ich nicht annehmen und habe schließlich doch so viel Kraft in mir gefunden oder vielleicht auch nur Verzweiflung, um so zu handeln, wie ich jetzt handle.

Ich habe an meine ehemaligen Regimentskameraden geschrieben und Stepanoff rehabilitiert. In dieser Handlungsweise liegt keineswegs eine Sühne und kann auch gar keine liegen: das ist ja nur das Testament eines Menschen, der morgen ein Toter ist. Nur so ist das aufzufassen.

Verzeihen Sie mir, daß ich gestern im Spielsaal nicht für Sie einstand; es geschah das, weil ich in dem Augenblick Ihrer nicht sicher war. Jetzt, da ich schon ein toter Mensch bin, kann ich sogar das eingestehen ... aus jener Welt.

Arme Lisa! Sie weiß noch nichts von diesem Entschluß; möge sie selbst entscheiden, ob sie mich verurteilen soll. Ich kann mich nicht rechtfertigen und finde nicht einmal Worte, um ihr auch nur das geringste zu erklären. Sie, Arkadi Makarowitsch, sollen auch noch erfahren, daß ich ihr gestern früh, als sie zum letztenmal bei mir war, auch meinen Betrug aufgedeckt und ihr gesagt habe, daß ich zu Anna Andrejewna gefahren war, um dieser einen Antrag zu machen. Ich konnte das nicht auf meinem Gewissen behalten, nachdem ich meinen letzten Entschluß schon gefaßt hatte, als ich ihre Liebe zu mir sah; und so gestand ich es ihr. Sie vergab mir, vergab mir alles, aber ich glaubte ihr nicht; eine solche Vergebung gibt es nicht; ich an ihrer Stelle könnte das nicht vergeben.

Vergessen Sie mich nicht ganz.

Ihr unglücklicher letzter

Fürst Ssokolski.

* * * * *

Ich lag neun Tage lang bewußtlos.

Dritter Teil

Erstes Kapitel.

I.

Jetzt -- von etwas ganz anderem.

Ich kündige zwar immer an: »von etwas anderem, etwas anderem«, und doch rede ich nach wie vor immer nur von mir. Dabei habe ich schon tausendmal erklärt, daß ich keineswegs mich selbst schildern will: das wollte ich sogar unbedingt vermeiden, als ich diese Aufzeichnungen begann. Ich verstehe doch, daß ich dem Leser völlig gleichgültig bin. Ich schildere andere und wollte ja von Anfang an nur andere schildern, nicht mich, und wenn nun meine Person doch immer wieder dazwischen kommt -- so ist das nur ein bedauerliches Mißlingen meiner Absicht, da ich es eben auf keine Weise vermeiden kann, wie sehr ich es auch möchte. Vor allem ärgert mich, daß ich, wenn ich meine eigenen Erlebnisse mit solchem Eifer beschreibe, damit selbst den Anlaß gebe, von mir zu denken, ich wäre jetzt noch ganz derselbe, der ich damals war. Aber der Leser dürfte sich erinnern, daß ich schon mehr als einmal ausgerufen habe: »Oh, wenn ich das Geschehene doch umändern und ganz von neuem anfangen könnte!« So etwas hätte ich doch nicht ausgerufen, wenn ich inzwischen nicht ein vollständig anderer Mensch geworden wäre. Das leuchtet wohl ein; und wenn sich einer nur vorstellen könnte, wie zuwider mir schon alle diese Entschuldigungen und Vorreden sind, die ich gezwungen bin, alle Augenblicke einzuflechten, sogar jetzt noch, mitten in meine Aufzeichnungen hinein!

Zur Sache!

Nachdem ich neun Tage lang bewußtlos dagelegen hatte, erwachte ich als ein Wiedergeborener, doch nicht als ein Gebesserter; übrigens war meine Wiedergeburt ziemlich dumm und natürlich nicht das, was man im weiteren Sinne darunter versteht; wenn sie jetzt geschähe, würde sie vielleicht ganz etwas anderes sein. Meine Idee, das heißt, mein Gefühl, bestand wiederum (wie ja schon tausendmal vorher) nur darin, daß ich von allen diesen Menschen fort wollte, diesmal aber unbedingt, und nicht mehr so, wie früher, da ich mich tausendmal vor die Entscheidung gestellt und mich doch immer nicht endgültig hatte entscheiden können! Rächen wollte ich mich an keinem, darauf gebe ich mein Ehrenwort, -- obschon ich von ihnen allen beleidigt worden war. Ich wollte einfach weggehen von ihnen, ohne Haß, ohne Verwünschungen; ich wollte eigene Kraft zeigen, wirklich eigene Kraft, die von keinem von ihnen und niemand in der ganzen Welt abhing; hatte ich mich doch mit allem in der Welt beinahe schon ausgesöhnt! Dieser Zukunftstraum war damals nicht ein Gedanke, den ich erwog, sondern nur eine Empfindung, der ich einfach ausgeliefert war. Solange ich im Bette lag, wollte ich diese Empfindung nicht einmal zu formulieren versuchen. Ich lag in Werssiloffs Zimmer, das man zu meiner Krankenstube gemacht hatte, und erkannte mit Schmerz, wie kraftlos ich war: da lag ja nur noch ein Strohhälmchen, aber nicht ein Mensch, ein Strohhälmchen auch dann, wenn ich nicht krank gewesen wäre, -- und oh, wie mich das kränkte! Doch siehe da, aus der tiefsten Tiefe meines Wesens erhob sich ein Protest dagegen, und mir verging der Atem vor einem eigenen Gefühl unendlich gesteigerten Hochmuts und maßloser Überhebung. Ich kann mich in meinem ganzen Leben keiner Zeit erinnern, wo ich von so anmaßenden Gefühlen erfüllt gewesen wäre, wie in jenen ersten Tagen meiner Genesung, d. h. wie gerade damals, als ich wie ein Strohhälmchen im Bett lag.

Aber fürs erste schwieg ich und nahm mir sogar vor, vorläufig noch über nichts nachzudenken. Ich sah ihnen immer nur in die Gesichter und bemühte mich, aus ihren Gesichtern alles zu erraten, was ich wissen wollte. Ich sah es ihnen an, daß auch sie mich nicht ausfragen und nicht neugierig sein wollten, und nach Möglichkeit nur von Nebensächlichem sprachen. Das gefiel mir, und zu gleicher Zeit erbitterte es mich wieder; diesen Widerspruch will ich nicht weiter erklären. Lisa sah ich seltener als Mama, wenn sie auch täglich zu mir hereinkam, gewöhnlich sogar zweimal am Tage. Aus einzelnen Bruchstücken ihrer Unterhaltung, die ich dann und wann auffing, und auch aus ihrem ganzen Gebaren schloß ich, daß Lisa wohl sehr viel zu tun hatte und wegen ihrer eigenen Angelegenheiten sogar sehr oft und stundenlang nicht zu Hause war: aber schon in dieser Möglichkeit, daß sie »eigene Angelegenheiten« hatte, lag für mich gleichsam etwas Kränkendes. Übrigens waren das alles nur krankhafte, rein physiologische Empfindungen, die zu beschreiben sich nicht lohnt. Auch Tatjana Pawlowna kam fast täglich zu mir, und obgleich sie durchaus nicht zärtlich zu mir war und noch nicht einmal besonders rücksichtsvoll, so schimpfte sie doch nicht wie früher. Gerade das aber ärgerte mich fürchterlich, weshalb ich ihr schließlich ins Gesicht sagte: »Sie, Tatjana Pawlowna, Sie sind wahrhaftig, wenn Sie nicht schimpfen, geradezu sträflich langweilig!« -- »So, dann komme ich überhaupt nicht mehr zu dir,« versetzte sie kurz und ging. Ich aber war froh, daß ich wenigstens eine hinausgejagt hatte.

Besonders quälte ich Mama, und über sie ärgerte ich mich am meisten. Es stellte sich bei mir ein mächtiger Hunger ein, und ich murrte fortwährend darüber, daß ich mein Essen zu spät bekäme (dabei bekam ich es niemals zu spät). Mama wußte nicht, wie sie es mir recht machen sollte. Einmal brachte sie mir die Suppe und begann, wie sie das gewöhnlich tat, selbst mich mit dem Löffel zu füttern, ich aber murrte die ganze Zeit und hatte an allem etwas auszusetzen. Plötzlich ärgerte ich mich über mich selbst, weil ich so unausstehlich war: »Sie ist vielleicht der einzige Mensch, den ich wirklich liebe,« sagte ich mir, »und dabei quäle ich gerade sie!« Aber meine Bosheit ließ deshalb nicht nach, und auf einmal brach ich vor lauter Wut in Tränen aus, sie aber, die Arme, dachte wohl, ich weinte vor Rührung und beugte sich über mich und begann mich zu küssen. Ich biß die Zähne zusammen und hielt es aus, so gut es ging, aber ich haßte sie in diesem Augenblick wirklich. Und doch habe ich Mama immer liebgehabt, und auch damals liebte ich sie und haßte sie gar nicht, es geschah nur das, was immer geschieht: wen man am meisten liebt, den kränkt man am ehesten.

Wirklich gehaßt habe ich in jenen ersten Tagen nur den Arzt. Es war das ein noch junger Mann, der mit aufgeblasener Miene in sehr scharfem Tone und sogar recht unhöflich zu reden pflegte. Diese Leute tun wahrhaftig immer so, als hätten sie erst gestern und ganz unerwartet etwas Besonderes erfahren, was außer ihnen, den Wissenschaftlern, noch niemand weiß; dabei haben sie aber in Wirklichkeit überhaupt nichts erfahren. Doch so ist ja der Durchschnitt und die »Gasse« immer. Ich ertrug das lange genug, aber schließlich riß mir die Geduld, und ich erklärte ihm in Gegenwart aller, daß er sich ganz umsonst herbemühe, da ich auch ohne seinen Beistand gesund werden würde; daß er, obgleich er sich den Anschein eines aufgeklärten Menschen zu geben suche, doch voll von Vorurteilen sei und nicht einmal das begreife, daß die Medizin allein noch nie einen Menschen geheilt habe; und ich fügte hinzu, daß er aller Wahrscheinlichkeit nach vollständig ungebildet wäre, »wie das ja bei uns jetzt alle diese Techniker und Spezialisten sind, die neuerdings die Nase so schrecklich hoch tragen«. Der Doktor fühlte sich sehr beleidigt (damit allein bewies er schon, was für ein Mensch er war), stellte aber trotzdem seine Besuche nicht ein. Da erklärte ich Werssiloff, daß ich, wenn der Doktor seine Besuche nicht einstellte, ihm irgend etwas noch zehnmal Unangenehmeres sagen würde. Werssiloff meinte daraufhin nur, man könnte sich wohl kaum etwas ausdenken, was auch nur zweimal unangenehmer wäre als das, was ich schon gesagt hatte, geschweige denn etwas zehnmal Unangenehmeres. Es freute mich, daß er das bemerkt hatte.

Nein, was das doch für ein Mensch ist! Ich meine Werssiloff. Er, nur er allein, war an allem schuld -- und dennoch: nur über ihn allein ärgerte ich mich damals nicht. Es war nicht nur sein Verhalten zu mir, das mich bestach. Ich glaube, wir fühlten damals beide, daß wir uns gegenseitig viele Erklärungen schuldeten ... und daß es gerade deshalb das beste war, nichts zu erklären. Es ist wirklich ungemein angenehm, in solchen Lebenslagen auf einen klugen Menschen zu stoßen! Ich habe schon im zweiten Teil meiner Aufzeichnungen vorgreifend erwähnt, daß er mir sehr kurz und klar alles von dem Brief des Fürsten an mich, von Serschtschikoff und meiner Rehabilitierung durch ihn usw., mitgeteilt hatte. Da ich mir aber vorgenommen hatte, zu schweigen, so stellte ich an ihn nur ganz trocken zwei, drei kurze Fragen, auf die er mir wiederum klar und genau antwortete, ohne alle überflüssigen Worte und, was das beste war, ohne überflüssige Gefühle. Gerade damals fürchtete ich nichts so sehr, wie überflüssige Gefühle.

Von Lambert schweige ich, aber der Leser wird natürlich schon erraten haben, daß ich nur zu oft an ihn dachte. In meinen Fieberdelirien hatte ich mehrmals von ihm gesprochen; aber als man mir dann sagte, ich hätte laut phantasiert, erschrak ich und versuchte dahinterzukommen, was sie denn gehört haben konnten; doch ich gewann sehr bald die Überzeugung, daß sie von Lambert nichts wußten, auch Werssiloff nicht. Das freute mich und meine Angst verging. Später jedoch erfuhr ich zu meinem Erstaunen, daß ich mich darin getäuscht hatte: Lambert war bereits während meiner Bewußtlosigkeit dagewesen, nur hatte Werssiloff mir dies verschwiegen, und so konnte ich damals in dem Glauben leben, Lambert hätte mich schon vollständig vergessen. Nichtsdestoweniger dachte ich oft an ihn, ja, noch mehr als das: ich dachte nicht nur ganz ohne Widerwillen an ihn, nicht nur mit einer gewissen Neugier, sondern sogar mit wirklichem Interesse, als hätte ein Vorgefühl mir gesagt, daß meine Bekanntschaft mit ihm meinen neuen, im Entstehen begriffenen Plänen zustatten kommen könnte. Jedenfalls beschloß ich, den Fall Lambert als erstes zu überdenken, sobald ich mit dem Nachdenken erst einmal anfangen würde. Übrigens verdient ein Umstand, als sonderbar erwähnt zu werden: ich hatte vollständig vergessen, wo er wohnte, in welcher Straße sich das damals zugetragen hatte. Das Zimmer, die Alphonsina, das Hündchen, den Korridor -- alles das sah ich noch so deutlich vor mir, daß ich es gleich hätte zeichnen können; aber wo das gewesen war, in welcher Straße, in welchem Hause -- dessen konnte und konnte ich mich nicht mehr entsinnen. Und das Sonderbarste dabei war noch, daß mir dies erst am dritten oder vierten Tage, nachdem ich wieder zu vollem Bewußtsein gekommen war, auffiel, während ich mich in Gedanken gerade mit Lambert schon lange und eifrig beschäftigt hatte.

Also das waren meine ersten Empfindungen nach meinem Erwachen. Ich habe nur das Nebensächlichste aufgezeichnet und das Wichtigste wahrscheinlich nicht aufzuzeichnen verstanden. In der Tat, es ist sehr wohl möglich, daß alles Hauptsächliche sich gerade damals in meinem Herzen geklärt und formuliert hat; ich habe mich in der Zeit doch nicht nur geärgert und gebost, etwa weil ich auf meine Suppe warten mußte! Oh, ich weiß noch, wie traurig ich zeitweise sein konnte und wie oft ich mich damals quälte, besonders wenn ich lange allein blieb. Die anderen hatten zum Unglück auch noch herausgefühlt, daß es mir manchmal schwer wurde, mit ihnen zusammen zu sein, und daß ihre Teilnahme mich nur reizte, und so ließen sie mich denn immer öfter allein: das war nun eine ganz unnötige Rücksicht von ihnen, zu der ein vollkommen überflüssiges Feingefühl sie veranlaßte.

II.

Am vierten Tage nach meinem Erwachen aus der Bewußtlosigkeit lag ich, so um drei Uhr nachmittags, in meinem Bett, und es war niemand bei mir. Der Tag war hell und sonnig, und ich wußte: nach vier Uhr, wenn die Sonne untergeht, wird ein schräger rotgoldener Strahl gerade in die Ecke der Wand fallen, an der ich lag, und dort einen grellen Lichtfleck bilden. Ich wußte das von den früheren Tagen her, und der Gedanke, daß das in einer Stunde unfehlbar eintreten werde, und vor allem, daß ich dies so genau voraus wußte, wie das Ergebnis von zwei mal zwei -- gerade das erboste mich bis zur Wut. Ich drehte mich wütend auf die andere Seite und plötzlich, mitten in der tiefen Stille, hörte ich deutlich die Worte: »Herr Jesus Christ, unser Herr und Gott, erbarme dich unser!« Die Worte wurden halblaut gemurmelt, darauf folgte ein schwerer Seufzer aus tiefster Brust, und dann war wieder alles still. Ich hob schnell den Kopf.

Ich hatte auch schon früher, das heißt, schon am Abend vorher, ja sogar schon vor zwei Tagen eine gewisse andere Stimmung in unseren drei Zimmern hier unten wahrgenommen. In jenem anderen Zimmer, wo früher Mama und Lisa geschlafen hatten, schien sich ein fremder Mensch zu befinden. Schon ein paarmal hatte ich von dort verschiedene Geräusche gehört, sowohl am Tage wie in der Nacht, aber immer nur für ein paar Augenblicke, und dann war wieder vollständige Stille eingetreten, wieder für mehrere Stunden, so daß ich weiter nicht darauf geachtet hatte. Einmal war mir schon der Gedanke gekommen, Werssiloff wäre dort, da er bald nach so einem Geräusch bei mir eingetreten war, obgleich ich aus ihren Gesprächen entnommen hatte, daß Werssiloff für die Zeit meiner Krankheit irgendwohin in eine andere Wohnung gezogen sein mußte, wo er wohl auch nächtigte. Von Mama und Lisa wußte ich, daß sie jetzt oben in meinem ehemaligen »Sarg« schliefen (damit ich mehr Ruhe hätte, wie ich glaubte), und ich fragte mich noch: »Wie haben sie sich denn da zu zweien einzurichten vermocht?« Und nun war dort in ihrem früheren Zimmer plötzlich doch ein Mensch, und dieser Mensch war -- nicht Werssiloff! Mit einer Leichtigkeit, die ich mir gar nicht zugetraut hätte (da ich bis dahin gedacht hatte, ich wäre vollkommen kraftlos), setzte ich mich auf den Bettrand, schob die Füße in die Pantoffeln, zog den grauen, mit Lammfellchen gefütterten Schlafrock an (den Werssiloff für mich geopfert hatte), und begab mich durch unser Wohnzimmer nach Mamas früherem Schlafzimmer. Was ich dort erblickte, war für mich überraschend genug: gerade das hatte ich am wenigsten erwartet! -- ich blieb wie angewurzelt auf der Schwelle stehen.

Dort saß ein alter Mann mit ganz grauem, silbergrauem Haar und einem großen, furchtbar weißen Bart. Es war klar, daß er schon lange dort saß. Er saß nicht auf dem Bett, sondern auf Mamas Fußbank und stützte nur den Rücken an das Bett. Übrigens hielt er sich dermaßen gerade, daß es den Anschein hatte, als brauchte er überhaupt keine Stütze, wenn man ihm auch ansah, daß er krank war. Über dem Hemde hatte er einen kurzen, von außen mit Zeug überzogenen Pelz an, über seine Knie war Mamas großes Tuch gebreitet und seine Füße staken in Pantoffeln. Man sah sofort, daß er von hohem Wuchs sein mußte, dazu war er breitschultrig und machte, trotz seines Krankseins, einen sehr rüstigen Eindruck, obgleich er etwas bleich und mager war. Er hatte ein längliches Gesicht und dichtes, aber nicht sehr langes Haar; sein Alter konnte man auf über siebzig Jahre schätzen. Auf einem Tischchen neben ihm lagen, so daß er sie mit der Hand erreichen konnte, drei oder vier Bücher und eine silberne Brille. Ich hatte zwar mit keinem Gedanken daran gedacht, daß ich diesen Menschen hier treffen könnte, aber ich erriet sofort, wer er war, nur konnte ich noch immer nicht begreifen, wie er sich in diesen zwei Tagen so still hatte verhalten können, daß nebenan in meinem Zimmer fast nichts von ihm zu hören gewesen war.

Er rührte sich nicht, als er mich erblickte, sondern sah mich nur unverwandt und schweigend an, genau wie ich ihn ansah, bloß mit dem Unterschiede, daß in meinen Augen ein maßloses Erstaunen lag, in seinen dagegen nicht das geringste. Und nicht nur das, denn als er mich in diesen fünf oder zehn Sekunden des Schweigens bis zum letzten Zuge betrachtet hatte, lächelte er plötzlich, und dieses Lächeln ging sogar in ein stilles, unhörbares Lachen über; und wenn dieses Lachen auch schnell verschwand, so blieb von ihm doch ein heller, froher Schein in seinem Gesicht zurück, vor allem in seinen Augen, die sehr blau, strahlend und groß waren, nur daß die Lider vom Alter schwer geworden oder geschwollen zu sein schienen, und viele kleine Fältchen sie umgaben. Dieses Lachen wirkte am stärksten auf mich.

Ich finde, wenn ein Mensch lacht, wird es in der Mehrzahl der Fälle widerlich, ihn anzusehen. Am häufigsten äußert sich im Lachen der Menschen etwas Gemeines, etwas, was den Lachenden erniedrigt, wenn auch der Betreffende von dem Eindruck, den er auf andere macht, selbst fast nie etwas weiß. Ebensowenig wissen die Menschen, was für ein Gesicht sie haben, wenn sie schlafen. Mancher Mensch hat auch im Schlaf ein kluges Gesicht, bei manchen aber, und sogar bei klugen Leuten, wird das Gesicht im Schlaf furchtbar dumm und deshalb lächerlich. Ich weiß nicht, woher das kommt; ich will nur sagen, daß der Lachende, ganz wie der Schlafende, von dem Ausdruck des eigenen Gesichts nichts weiß. Die übergroße Mehrzahl der Menschen versteht überhaupt nicht, zu lachen. Übrigens ist da nichts zu »verstehen«: das ist eine Gabe der Natur, die man sich nicht künstlich aneignen kann. Es sei denn, daß man sich selbst zu einem ganz anderen Menschen erzieht, sich zum Besseren entwickelt und die schlechten Neigungen seines Charakters bekämpft: dann könnte sich wohl auch das Lachen zum Besseren verändern. Manch einer verrät sich durch sein Lachen vollständig, und man erkennt sofort den ganzen Menschen. Aber selbst ein kluges Lachen kann mitunter widerlich sein. Das Lachen verlangt vor allen Dingen Aufrichtigkeit, aber wo findet man unter den Menschen Aufrichtigkeit? Das Lachen verlangt Arglosigkeit, die Menschen lachen aber am häufigsten aus Bosheit. Ein aufrichtiges und argloses Lachen ist Fröhlichkeit, wo aber findet man in den Menschen von heute Fröhlichkeit, und verstehen sie überhaupt, fröhlich zu sein? (Diese Bemerkung über die Fröhlichkeit habe ich einmal von Werssiloff gehört und mir gemerkt). Die Fröhlichkeit des Menschen ist der Zug, der mehr als alles andere den Menschen verrät. Mancher Charakter ist lange nicht zu verstehen, aber da braucht der Mensch nur einmal aus ganzem Herzen zu lachen, und sein Charakter liegt offen vor einem, wie auf der Handfläche. Nur ein Mensch von höchster und glücklichster geistiger Ausgeglichenheit versteht es, auf eine Weise fröhlich zu sein, die ansteckend wirkt, d. h. unwiderstehlich und gutmütig. Ich spreche nicht von seinem Intellekt, sondern von seinem Charakter, von der ganzen ausgeglichenen Persönlichkeit. Also, wenn man einen Menschen durchschauen und seine Seele erkennen will, so beobachte man nicht, wie er schweigt oder wie er spricht, oder wie er weint, oder gar, wie die edelsten Ideen sein Gemüt bewegen, sondern man beobachte ihn lieber, wenn er lacht: hat er ein gutes Lachen, so ist er ein guter Mensch. Und man achte dabei auch auf alle Nuancen: so darf zum Beispiel das Lachen eines Menschen einem niemals dumm erscheinen, auch wenn er noch so fröhlich und gutmütig lacht. Bemerkt man nur eine Spur von Dummheit im Lachen eines Menschen, so hat dieser Mensch einen beschränkten Verstand, und mag er auch mit Ideen nur so um sich werfen. Oder wenn das Lachen eines Menschen nicht dumm ist, der Mensch aber, wenn er lacht, einem aus irgendeinem Grunde lächerlich erscheint, und wär's auch nur ein wenig, so hat dieser Mensch keine wirkliche persönliche Würde, oder wenigstens nicht viel davon. Und schließlich, wenn das Lachen eines Menschen zwar ansteckend ist, einem aber aus irgendeinem Grunde vulgär erscheint, so ist auch die ganze Natur dieses Menschen vulgär, und alles Edle und Erhabene, das man früher an ihm zu bemerken geglaubt hat, ist von ihm entweder bewußt herausgekehrt, oder unbewußt von anderen angenommen; so ein Mensch wird sich in der Folge unfehlbar zum Schlechteren verändern, wird sich dem »Vorteilhaften« zuwenden und sich nur noch mit diesem beschäftigen, die früheren edlen Regungen aber als Jugendirrungen und Schwärmereien ohne Bedauern abschütteln.

Diese lange Abhandlung über das Lachen habe ich mit Absicht hier eingefügt, und um ihretwillen sogar die Einheitlichkeit meiner Erzählung zerstört, denn diese Erkenntnis des Lachens halte ich für eine der wichtigsten, zu denen ich in meinem Leben bisher überhaupt gekommen bin. Besonders möchte ich sie jenen angehenden Bräuten empfehlen, die fast schon bereit sind, einem Manne ihr Jawort zu geben, ihn aber doch noch nachdenklich und mißtrauisch beobachten und den endgültigen Entschluß immer noch nicht fassen können. Möge man über den Jüngling nicht lachen, der sich mit Belehrungen in Dinge mischt, von denen er keinen Deut versteht; dafür weiß er aber, daß das Lachen die sicherste Probe auf einen Menschen ist. Man beobachte einmal ein Kind: nur Kinder verstehen es, vollkommen arglos zu lachen -- deshalb sind sie auch so bezaubernd. Ein weinendes Kind ist mir widerlich, ein lachendes oder fröhliches aber ist ein Sonnenstrahl aus dem Paradies, ist -- eine Offenbarung aus der Zukunft, wo die Menschen endlich wieder so rein und arglos sein werden, wie jetzt nur Kinder sind. Und gerade so etwas Kindliches und ganz unglaublich Anziehendes sah ich plötzlich in dem flüchtigen Lachen dieses alten Mannes. Ich ging sogleich auf ihn zu.

III.

»Setz dich, setz dich nieder, deine Füße, denk ich, die werden wohl noch schwach sein,« forderte er mich freundlich auf, während er auf einen Platz neben sich zeigte und mir immer noch mit demselben strahlenden Blick ins Gesicht sah. Ich setzte mich neben ihn und sagte:

»Ich weiß, wer Sie sind. Sie sind Makar Iwanowitsch.«

»So, Jungchen. Nu sieh, das ist schön, daß du aufgestanden bist. Du bist jung, du hast's gut. Der Alte geht zum Grabe, der Junge ins Leben.«

»Sind Sie denn krank?«

»Jawohl, Freundchen, die Füße sind es arg; bis zur Tür haben sie mich noch gebracht, die Füße, aber wie ich mich dann hier niedergesetzt hab', da sind sie mir alsobald aufgeschwollen. Das ist nun von selbigem letzten Donnerstag, als die Grade einsetzten« (er wollte damit sagen, als es zu frieren begann). »Ich hab' sie bislang mit einer Salbe eingeschmiert, sieh mal: vor drei Jahren hat mir ein Doktor, Lichten hieß er, Edmund Karlytsch mit Namen, in Moskau diese Salbe verschrieben, und die hat mir schon etliche Male geholfen, och, wie die mir geholfen hat! Nun aber, sieh, hilft sie nicht mehr. Und auch in der Brust ist es mir nicht ganz richtig. Und vom gestrigen Tage an wird mir der Rücken gleichwie von Hunden gebissen ... Und schlafen kann ich auch nicht mehr in der Nacht.«

»Wie kommt es, daß Sie hier gar nicht zu hören sind?« fragte ich. Er sah mich an und schien nachzudenken.

»Weck nur die Mutter nicht auf,« sagte er auf einmal besorgt, als wäre ihm etwas eingefallen. »Sie hat hier die ganze Nacht geschafft, aber so unhörbar, wie eine Fliege fast, und nun hat sie sich hingelegt, das weiß ich. Ach, ein kranker Alter hat es schlecht,« seufzte er, »und an was, fragt man sich, klammert sich das Herz nur so? Aber es hält und hält sich fest und freut sich immer noch am Licht; und, meiner Treu, wenn es möglich wär, denkt man so bei sich selber, das ganze Leben noch einmal von vorn anzufangen, die Seele würde, glaub' ich, auch davor sich nicht fürchten; obzwar so ein Gedanke vielleicht sündhaft ist.«

»Warum denn sündhaft?«

»Ein Traum ist er, dieser Gedanke, ein Greis aber muß mit Würde hinscheiden von dieser Welt. Denn wiederum, so du dem Tod mit Murren oder mit Unzufriedenheit entgegengehst, so ist selbiges eine große Sünde. Nun, aber so du aus geistiger Freude das Leben liebgewonnen hast, wird Gott es schon verzeihen, auch einem alten Mann, denk ich. Es ist schwer für den Menschen, bei jeder Sünde zu wissen, was sündhaft ist und was nicht: darüber liegt ein Geheimnis, das über Menschenverstand geht. Ein Greis aber muß jederzeit zufrieden sein, und sterben muß er in der vollen Klarheit seines Verstandes, selig und würdevoll, gesättigt von seinen Tagen, seiner letzten Stunde entgegenseufzend, und sich freuend -- gleichwie eine Ähre zur Garbe hingeht -- und sein Geheimnis erfüllend.«

»Sie sagen schon wieder >Geheimnis<, -- was heißt das: >sein Geheimnis erfüllend<?« fragte ich und sah mich nach der Tür um. Ich war froh, daß wir allein waren und daß rings um uns lautlose Stille herrschte. Die untergehende Sonne schien grell in das Zimmer. Er sprach in etwas schwülstigen Ausdrücken und unklar, aber mit starker Überzeugung und sehr angeregt; mein Kommen hatte ihn sichtlich erfreut. Aber es entging mir nicht, daß er sich zweifellos in einem fieberhaften Zustande befand und vielleicht sogar sehr hohes Fieber hatte. Auch ich war krank und fieberte seit dem Augenblick, da ich bei ihm eingetreten war.

»Was ein Geheimnis ist? Alles ist ein Geheimnis, Freund, in allem ist ein Geheimnis Gottes. In jedem Baum, in jedem Stäubchen ist dieses selbe Geheimnis eingeschlossen. Ob ein kleines Vöglein singt, oder ob die ganze Sternenschar in der Nacht am Himmel funkelt -- alles ist ein und dasselbe Geheimnis, des sei du gewiß. Doch der Geheimnisse allergrößtes liegt darinnen, was die Seele des Menschen in jener Welt erwartet. So ist es fürwahr, Freund!«

»Ich weiß nicht, in welchem Sinne Sie ... Ich will Sie natürlich nicht reizen, und Sie können versichert sein, daß ich an Gott glaube ... Aber alle diese Geheimnisse hat der Menschenverstand schon längst aufgedeckt, und was noch nicht aufgedeckt ist, das wird noch aufgedeckt werden, das ist sicher, und vielleicht sogar in kürzester Zeit. Die Botanik weiß ganz genau, wie der Baum wächst, der Physiologe und der Anatom wissen sogar, warum der Vogel singt, oder werden es bald wissen, und was die Sterne betrifft, so sind sie nicht nur alle schon gezählt, sondern auch jede ihrer Bewegungen ist auf die Sekunde genau ausgerechnet, so daß man sogar auf tausend Jahre voraussagen kann, in welcher Stunde und Minute ein Komet erscheinen wird ... Und jetzt weiß man auch schon, woraus selbst die entferntesten Sterne zusammengesetzt sind. Nehmen Sie ein Mikroskop -- das ist so ein Vergrößerungsglas, das die Gegenstände millionenmal größer zeigt -- und betrachten Sie durch dieses Glas einen Wassertropfen: da werden Sie eine ganz neue Welt entdecken, ein ganzes Chaos von Lebewesen. Auch das war ein Geheimnis, aber man hat es doch aufgedeckt.«

»Wohl, wohl, ich habe davon gehört, Freundchen, habe schon mehrfach davon reden hören. Da ist nichts drüber zu sagen, das ist eine große und ruhmvolle Tat. Alles ist dem Menschen durch Gottes Willen gegeben; nicht umsonst hat Gott ihm den lebendigen Odem eingeblasen, und nicht umsonst ist sein Gebot: >Lebe und erkenne<.«

»Nun, das sind -- Gemeinplätze. Aber Sie -- sind Sie denn kein Feind der Wissenschaft, kein Klerikaler? Das heißt, ich weiß nicht, ob Sie das verstehen ...«

»Nein, Freundchen, ich habe von Jugend auf die Wissenschaft geachtet, und wenn ich auch selber keinen Verstand davon habe, so murre ich doch nicht dawider; denn ist er nicht mir gegeben, so ist er dafür einem anderen gegeben. Es ist das vielleicht um so besser; denn man sagt: einem jeden das seine. Zumal, Freundchen, nicht einem jeden die Wissenschaft von Nutzen ist. Wir sind doch alle unenthaltsam, ein jeder will die ganze Welt in Erstaunen setzen, ich aber, wer weiß, würde das vielleicht noch mehr als alle anderen wollen, wenn ich die Begabung hätte. Doch wo ich nun ganz ohne Begabung bin und selber nichts weiß, wie kann ich mich da überheben? Du aber bist jung und gewitzt und dir ist dies Los zugefallen, du lerne nun auch. Trachte alles zu erkennen, damit du, so du einem Gottlosen oder einem Streitsüchtigen begegnest, ihm dann Antwort stehen kannst, und er dich mit rasendem Gerede nicht taub mache und deine unreifen Gedanken nicht irre führe. So ein Glas aber habe ich noch ganz kürzlich gesehen.«

Er holte tief Atem und seufzte. Entschieden hatte ich ihm durch mein Kommen eine außerordentliche Freude bereitet. Sein Mitteilungsdrang war jedenfalls krankhaft. Ich kann wohl auch mit Bestimmtheit behaupten, daß er mich manchmal minutenlang mit ganz unsäglicher Liebe ansah: zärtlich legte er seine Hand auf meine Hand, streichelte meine Schulter ... manchmal aber, das muß ich gestehen, schien er mich wiederum ganz zu vergessen, als wäre ich gar nicht da, und wenn er dabei auch weiterredete, so sprach er doch gleichsam irgendwohin in die Luft.

»In dem kleinen einsamen Genadijewschen Kloster,« fuhr er fort, »lebt ein Mann von großem Verstande. Er ist von vornehmer Herkunft; dem Range nach ist er Oberstleutnant, und er besitzt großen Reichtum. Als er noch in der Welt lebte, wollte er sich nicht durch eine Heirat binden; und nun lebt er schon das zehnte Jahr ganz abgeschlossen von der Welt; denn er hat sein Herz an den stillen, schweigenden Zufluchtsort gehängt und seine Gefühle von den eitlen Sorgen der Welt gelöst. Er hält die ganze Klosterordnung ein, aber zum Mönch will er sich doch nicht scheren lassen. Und Bücher hat er so viel, wie meine Augen noch nie bei einem Menschen beisammen gesehen haben, -- er selber sagte mir, es wären Bücher für gute achttausend Rubel. Pjotr Walerjanytsch heißt er mit Namen. In vielem hat er mich zu verschiedenen Zeiten unterwiesen, und ich hab' ihm mit überköstlichem Vergnügen zugehört. Und einmal sage ich so zu ihm: >Wie geht das zu, Herr, und was ist die Ursache, daß Ihr bei Eurem so großen Verstande, und wo Ihr schon zehn Jahre im Kloster lebt, gehorsam alle Vorschriften befolgt und Euer Begehren allgemach abgetötet habt -- was ist denn die Ursache, daß Ihr nicht das Gelübde ablegt, auf daß Ihr alsdann noch vollkommener werdet?< Er aber entgegnet mir darauf und spricht: >Was redest du, Alter, von meinem Verstande; vielleicht ist es gerade mein Verstand, der mich gefangen hält, denn ich habe ihn nicht zu zähmen vermocht. Und was redest du von meinem Gehorsam: vielleicht habe ich schon längst mein Maß verloren. Und was redest du von der Abtötung meines Begehrens! Auf mein ganzes Geld könnte ich sofort verzichten, desgleichen auf alle Titel, und die ganze Kavallerie legte ich dir hier auf den Tisch, aber auf meine Pfeife Tabak kann ich nicht verzichten, das zehnte Jahr schon kämpfe ich deshalb mit mir, und doch kann ich nicht davon lassen. Was wäre ich nun nach alledem für ein Mönch, und was für eine Abtötung meines Begehrens rühmst du an mir?< Fürwahr, seine Demut nahm mich damals wunder. Und so kam ich denn jüngst im Sommer, zur Zeit der Petrifasten, wieder nach jenem Kloster -- Gott führte mich hin -- und da seh ich, in seiner Zelle steht so ein Ding -- ein Mikroskop, -- das hatte er sich für vieles Geld aus dem Auslande verschrieben. >Warte, Alter,< sagt er zu mir, >ich werde dir etwas Erstaunliches zeigen, was du noch nie gesehen hast. Sieh diesen Wassertropfen, er ist rein wie eine Träne: nun, und jetzt überzeuge dich, was in ihm alles ist, und du wirst sehen, daß die Mechaniker bald alle Geheimnisse Gottes aufgedeckt haben werden, kein einziges werden sie für uns beide noch übriglassen< -- gerade so sagte er, mit selbigen Worten. Ich aber hatte schon vor fünfunddreißig Jahren durch so ein Ding gesehen, bei Alexander Wladimirowitsch Malgaßoff, meinem früheren Herrn, dem Onkel selig von Andrei Petrowitsch, mütterlicherseits, von dem denn auch später, nach seinem Ableben, das Stammgut an Andrei Petrowitsch fiel. Das war ein mächtiger Herr, ein hoher General, und eine große Meute hielt er sich, und ich war unter ihm lange Jahr Pikör damals. Nun, und da stellte er einmal auch so ein Mikroskop auf, das er mitgebracht hatte, und er befahl dem ganzen Hofgesinde, Männern und Weibern, alle sollten sie einer nach dem andern herantreten und durch das Rohr sehen; und da wurde denn auch alles gezeigt, ein Floh und ein Läuschen und eine Nadelspitze und ein Härchen und ein Wassertropfen. Ja, das war schon eine Kurzweil und ein Spaß: da fürchten sie sich vor dem Wunderding, aber den Herrn, den fürchteten sie auch -- der konnte gewaltig aufbrausen! Manche wissen gar nicht, wie sie sehen sollen, kneifen die Augen zusammen, blinzeln bloß und sehen überhaupt nichts; andere zittern vor Angst und schreien, und der Dorfälteste Ssavin Makaroff hält sich mit beiden Fäusten die Augen zu und schreit: >Macht mit mir, was ihr wollt -- ich guck nicht hinein!< Danach gab es viel unnützes Gelächter. Dem Pjotr Walerjanytsch aber sagte ich nicht, daß ich dazumal so ein Ding schon gesehen hatte, also dies selbe Wunder schon fünfunddreißig Jahre zuvor geschaut hatte, denn ich seh' doch, es macht ihm Spaß, mir das zu zeigen; da tat ich denn mit Fleiß, als wär ich mächtig verwundert und entsetzt. Er ließ mir Zeit und dann fragte er: >Nun, Alter, was sagst du jetzt?< Ich aber verneige mich und sage: >Und Gott sprach: Es werde Licht und es ward Licht,< er aber fragt mich plötzlich: >Ward nicht am Ende Finsternis?< Und so eigenartig fragte er das, lächelte nicht mal dabei. Ich wunderte mich noch über ihn, fürwahr, er aber war danach, ich muß sagen, wie erzürnt und blieb stumm.«

»Ganz einfach: Ihr Pjotr Walerjanytsch ißt im Kloster zwar Fastenspeisen und macht die vorschriftsmäßigen Verneigungen wie ein Mönch, aber an Gott glaubt er nicht, und gerade in einem solchen Augenblick sind Sie damals zu ihm gekommen -- das ist alles,« sagte ich. »Außerdem ist er eigentlich recht lächerlich: er wird doch in seinem Leben sicherlich schon zehnmal so ein Mikroskop gesehen haben, warum verliert er denn beim elften Male darüber den Verstand? Das wird wohl nur so eine nervöse Reizbarkeit gewesen sein ... die sich durch das Klosterleben bei ihm entwickelt hat.«

»Er ist ein reiner Mensch und von hohem Verstande,« sagte der Alte in belehrendem Ton, »und ist auch kein Gottloser. Er hat reichen Verstand, aber sein Herz ist unruhig. Solcher gibt es jetzt viele unter den Gebildeten und den Gelehrten. Und was ich dir noch sage: solch ein Mensch straft sich selber. Du aber geh' ihnen aus dem Wege und belästige sie nicht, doch abends vor dem Schlaf gedenke ihrer in deinem Gebet, denn solche suchen Gott. Betest du auch vor dem Schlafengehen?«

»Nein, ich halte das für eine leere Förmlichkeit. Übrigens muß ich Ihnen gestehen, daß Ihr Pjotr Walerjanytsch mir gefällt: wenigstens ist er kein leeres Stroh, sondern immerhin ein Mensch, und noch dazu einer, der sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit einem uns beiden nahestehenden Menschen hat.«

Der Alte beachtete nur den ersten Satz meiner Antwort.

»Das ist nicht recht von dir, Freund, daß du nicht betest; beten ist gut, es macht das Herz froh, zumal vor dem Schlafengehen und nach dem Erwachen frühmorgens, und auch so du in der Nacht erwachst. Das sage ich dir. Einmal im Sommer war's, im Julimonat, da pilgerten wir nach dem Muttergotteskloster zum Kirchenfest. Je näher wir dem Orte kamen, um so zahlreicher schlossen sich Pilger an, und schließlich waren wir unser fast an die zweihundert, die alle hinzogen, um die heilkräftigen Reliquien der beiden großen Wundertäter Aniki und Grigori zu küssen. Wir übernachteten alle beisammen unter freiem Himmel, und ich erwachte frühmorgens, als alle noch schliefen und sogar die Sonne noch nicht hinter dem Walde hervorsah. Ich hob den Kopf, mein Freund, ließ den Blick ringsum über die Erde schweifen und atmete auf! Eine Schönheit allüberall, die unaussprechlich ist. Still ist alles, die Luft ist leicht. Die Gräschen wachsen -- wachset nur, Gottes Gräschen; ein Vögelchen singt -- sing nur, Gottes Vögelchen; ein Kindchen schreit einmal leise in den Armen eines Weibes -- Gott sei mit dir, kleines Menschlein, wachse auf zum Glück, der du geboren bist! Und da war mir, als hätte ich zum erstenmal in meinem ganzen Leben alles dies in mich aufgenommen ... Ich legte den Kopf wieder hin, und es schlief sich so leicht. Schön ist es auf der Welt, Lieber! Ich möchte, wenn's mir besser geht, im Frühling wieder wandern gehen. Und daß die Welt ein Geheimnis ist, das macht sie ja noch schöner; furchtbar ist es dem Herzen und wundervoll; und diese Furcht gereicht dem Menschenherzen zur Freude: >Alles ist in dir, Gott, und auch ich bin in dir, so nimm mich auf!< Murre nicht, Jungling: um so schöner ist es noch, als es ein Geheimnis ist,« fügte er ergriffen hinzu.

»>Um so schöner ist es noch, als es ein Geheimnis ist< ... Das werde ich behalten, gerade diese Worte. Sie drücken sich furchtbar ungenau aus, aber ich verstehe schon ... Es überrascht mich, daß Sie viel mehr wissen und verstehen, als Sie ausdrücken können; nur reden Sie, wie's scheint, im Fieber ...,« entfuhr es mir unwillkürlich, als ich in seine fieberhaft glänzenden Augen und sein bleich gewordenes Gesicht sah.

Er aber hatte, glaube ich, meine Worte gar nicht gehört.

»Weißt du auch, Jungling,« begann er wieder, als setze er seine frühere Rede fort, »weißt du auch, daß auf Erden der Erinnerung an einen Menschen eine Grenze gesetzt ist? Die Erinnerung an einen Menschen währt nur hundert Jahre. Hundert Jahre nach seinem Tode können noch seine Kinder seiner gedenken, oder seine Enkel, die noch sein Antlitz gesehen haben; wenn sich aber Erinnerung an ihn auch dann noch fortsetzt, so nur von Mund zu Mund, nur durch Worte und Gedanken, dieweil alle, so sein Antlitz mit Augen geschaut haben, alsdann schon dahingegangen sind. Und auf seinem Grabhügel auf dem Friedhof wird Gras wachsen, und der weiße Grabstein wird morsch werden und zerfallen, und alle Menschen werden ihn vergessen, desgleichen seine Nachfahren, und über ein kleines wird auch sein Name vergessen sein, zumal nur wenige Namen im Gedächtnis der Menschen verbleiben -- nun, und mag es so sein! Möget ihr mich vergessen, ihr Lieben, ich aber kann euch noch aus dem Grabe heraus lieben. Ich höre eure fröhlichen Stimmen, Kinderchen, höre eure Schritte auf den Gräbern eurer Väter am Allerseelentage; lebt jetzt noch in der Sonne, freuet euch, ich aber werde für euch zu Gott beten, werde im Traume zu euch kommen ... gleichviel, auch nach dem Tode lebt die Liebe! ...«

Ich war in genau dem gleichen Fieberzustande wie er; statt nun hinauszugehen oder ihn zu beruhigen oder ihn womöglich zu überreden, sich hinzulegen, da er ja wie in Phantasien sprach, ergriff ich plötzlich seine Hand, und indem ich mich zu ihm hinabbeugte und seine Hand drückte, flüsterte ich erregt und mit Tränen in der Seele:

»Ich freue mich, daß Sie gekommen sind. Ich habe vielleicht schon lange auf Sie gewartet. Ich liebe keinen einzigen von ihnen allen: sie haben keine Weisheit ... Ich werde ihnen nicht folgen, ich weiß nicht, wohin ich gehen werde, ich werde mit Ihnen gehen ...«

Da kam plötzlich Mama herein, -- zum Glück; denn ich weiß nicht, womit es noch geendet hätte. Sie kam, soeben aus dem Schlaf geschreckt, mit aufgeregtem Gesicht; in der Hand hatte sie ein Fläschchen und einen Eßlöffel; als sie uns erblickte, rief sie besorgt aus:

»Wußt' ich's doch! Da hab' ich ihm die Chinintropfen nicht zur rechten Zeit gegeben, und nun fiebert er! Ich hab' mich verschlafen, Makar Iwanowitsch, Liebster!«

Ich erhob mich und ging hinaus. Sie gab ihm die Tropfen und brachte ihn ins Bett. Auch ich legte mich wieder in mein Bett, aber ich war sehr erregt. Eine große Neugier war in mir erwacht, und ich dachte mit allen Gedanken an diese Begegnung. Was ich damals von ihr erwartete -- ich weiß es nicht. Natürlich waren meine Gedanken ohne Zusammenhang, und eigentlich waren es gar keine Gedanken, sondern nur Bruchstücke von Gedanken. Ich lag mit dem Gesicht zur Wand und plötzlich erblickte ich in der Ecke den grellen Lichtfleck von der Sonne, an den ich vorher mit einer solchen Verwünschung gedacht hatte, und ich weiß noch, wie meine ganze Seele erklang und wie gleichsam ein ganz neues Licht mein Herz erfüllte. Ich erinnere mich noch gut dieses süßen Augenblicks und will ihn nie vergessen. Es war ein Augenblick neuer Hoffnung und neuer Kraft ... Ich war ja damals ein Genesender; da kann wohl diese plötzliche Stimmung eine unvermeidliche Folge meines Nervenzustandes gewesen sein. Aber an diese selbe lichte Hoffnung glaube ich auch jetzt, -- das ist es, was ich jetzt hier niederschreiben und mir zu Bewußtsein bringen wollte. Selbstverständlich wußte ich auch damals schon ganz genau, daß ich nicht mit Makar Iwanowitsch gehen würde, und daß mir selbst nicht klar war, worin dieser neue Drang, der mich erfaßt hatte, bestand, aber ein Wort hatte ich, wenn auch im Fieberdelirium, doch schon ausgesprochen: »Sie haben keine Vornehmheit!«[14] »Das ist es,« dachte ich von diesem Augenblick an in meiner Verzückung, »ich suche Vornehmheit, die aber haben sie nicht, und deshalb verlasse ich sie.«

Hinter mir hörte ich ein leises Geräusch, ich drehte mich um: an meinem Bett stand Mama, und sie beugte sich über mich und sah mir mit scheuer Neugier in die Augen. Auf einmal ergriff ich ihre Hand.

»Mama, warum haben Sie mir nichts von unserem teuren Gast gesagt?« fragte ich plötzlich, und fast überraschte es mich selbst, daß ich so sagte.

Die ganze Unruhe verschwand im Nu aus ihrem Gesicht und Freude leuchtete gleichsam in ihm auf, aber sie antwortete mir nichts und sagte nur:

»Vergiß auch Lisa nicht; du hast Lisa vergessen.«

Sie sagte das hastig, errötete und wollte schnell weggehen; denn auch sie hatte eine furchtbare Scheu davor, Gefühle zur Schau zu stellen, -- in der Beziehung war sie ganz wie ich: scheu und keusch. Und außerdem wollte sie mit mir natürlich nicht von dem Thema Makar Iwanowitsch anfangen; es genügte auch das, was wir uns mit den Augen sagen konnten. Aber gerade ich, der jedes Zurschaustellen von Gefühlen so haßt, gerade ich hielt sie mit Gewalt an der Hand zurück: ich sah ihr innig in die Augen, lachte still und zärtlich und streichelte mit der anderen Hand ihr liebes Gesicht, ihre eingefallenen Wangen. Sie beugte sich zu mir herab und preßte ihre Stirn auf die meine.

»Nun, Christus sei mit dir,« sagte sie, plötzlich den Kopf erhebend, und ihr Gesicht strahlte, »werde gesund! Das vergesse ich dir nicht. Er ist krank, sehr krank. Sein Leben ist in Gottes Hand ... Ach, was sage ich da, das kann ja doch nicht sein!«

Sie ging hinaus. Ihr Leben lang hat sie in Angst und Bangen und in unermeßlicher Ehrfurcht ihren angetrauten Mann, den Pilger Makar Iwanowitsch, verehrt, ihn, der ihr großmütig und ein für allemal verziehen hatte.

Zweites Kapitel.

I.

Lisa hatte ich durchaus nicht »vergessen«, darin täuschte sich Mama. Dem feinen Gefühl der Mutter war es nur nicht entgangen, daß zwischen Bruder und Schwester gleichsam eine leise Abkühlung einzutreten begann, aber das hatte nichts mit unserer gegenseitigen Liebe zu tun, sondern entsprang eher einer gewissen Eifersucht. Ich will dies im Hinblick auf das Weitere etwas näher erklären.

In der armen Lisa zeigte sich seit dem Tage der Verhaftung des Fürsten ein gewisser unzugänglicher Stolz, ja förmlich ein unnahbarer Hochmut, der auf die Dauer unerträglich wurde; ein jeder im Hause begriff natürlich den Grund dieser Veränderung und erriet die Wahrheit, d. h. wie sehr sie litt; und wenn ich mich in der ersten Zeit über ihre Art, mit uns umzugehen, ärgerte und meinen Ärger auch zeigte, so geschah das nur infolge meiner kleinlichen Reizbarkeit, die durch die Krankheit noch zehnmal schlimmer geworden war, -- so denke ich jetzt darüber. Zu lieben aber hatte ich Lisa deshalb doch nicht aufgehört; im Gegenteil, ich liebte sie sogar noch mehr, nur wollte ich nicht den ersten Schritt zur Annäherung machen, obwohl ich wußte, daß auch sie um nichts in der Welt diesen ersten Schritt tun würde.

Die Sache war die, daß Lisa seit der Verhaftung des Fürsten, nachdem alles über ihn bekannt geworden war, sofort sowohl uns wie auch allen anderen gegenüber eine Haltung annahm, die nicht einmal die Möglichkeit des Gedankens zulassen wollte, daß man sie bedauern oder den Versuch machen könnte, sie zu trösten oder den Fürsten zu »entschuldigen«. Im Gegenteil, sie ging -- da sie es offenbar unter ihrer Würde hielt, irgend etwas zu erklären oder mit jemandem zu streiten -- wie in einem beständigen Stolz umher, in einem Stolz auf die Tat ihres unglücklichen Bräutigams, als ob er die größte Heldentat vollbracht hätte. Sie schien förmlich in jedem Augenblick uns allen zu sagen (doch wie gesagt, ohne ein Wort auszusprechen): »Von euch hätte das doch niemand getan, hätte sich niemand aus Ehr- und Pflichtgefühl selbst angezeigt, von euch hat doch keiner ein so feines und stolzes Gewissen! Und was seine schlechten Handlungen betrifft -- wer hat denn keine schlechten Handlungen auf dem Gewissen? Nur werden sie von allen ängstlich geheimgehalten, dieser Mensch aber hat es vorgezogen, sich selbst ins Verderben zu stürzen, um nicht in seinen eigenen Augen ein Unwürdiger zu sein.« Das war ungefähr der Sinn, den jede ihrer Bewegungen auszudrücken schien. Ich weiß nicht, aber ich hätte mich an ihrer Stelle wohl genau so verhalten. Auch weiß ich nicht, ob gerade diese Gedanken in ihrer Seele waren, ich meine, ob sie bei sich wirklich so dachte; ich vermute stark, daß sie das nicht tat. Jedenfalls mußte sie doch mit der anderen, klaren Hälfte ihres Verstandes die ganze Wertlosigkeit ihres »Helden« erkennen; denn wer würde heute nicht zugeben, daß dieser unglückliche und in seiner Art sogar großherzige Mensch gleichzeitig ein im höchsten Grade wertloser Mensch war? Ja, schließlich ließ gerade diese ihre Streitsucht und ihre Anmaßung uns allen gegenüber, und ihr unausgesetztes Mißtrauen, wir könnten vielleicht anders über ihn denken, -- gerade das ließ zum Teil erraten, daß in der Tiefe ihres Herzens sich ein anderes Urteil über ihren unglücklichen Freund gebildet hatte. Aber ich möchte doch gleich von mir aus hinzufügen, daß sie, meiner Ansicht nach, zur Hälfte immerhin im Recht war; gerade ihr war das Schwanken vor einer endgültigen Schlußfolgerung viel eher zu verzeihen als uns anderen. Ich selbst gestehe aus ganzer Seele, daß ich auch heute, wo doch alles schon der Vergangenheit angehört, noch immer nicht weiß, wie und als was ich diesen Unglücklichen, der uns allen ein solches Rätsel aufgegeben hat, schließlich beurteilen soll.

Nichtsdestoweniger machte Lisa das Haus zu einer kleinen Hölle. Sie, die so stark liebte, litt gewiß sehr, und ihrem Charakter gemäß zog sie es vor, schweigend zu leiden. Ihr Charakter glich dem meinen, das heißt, er war selbstherrlich und stolz, und eigentlich habe ich mir immer gedacht, sowohl damals wie auch jetzt, daß sie den Fürsten aus Herrschsucht liebte, eben weil er keinen Charakter besaß und sich vom ersten Wort und von der ersten Stunde an ihr unterworfen hatte. Das geschieht im Herzen irgendwie ganz von selbst, ohne jede vorhergehende Berechnung; aber eine solche Liebe eines Starken zu einem Schwachen ist manchmal unvergleichlich stärker und qualvoller als die Liebe zwischen zwei Menschen mit gleichen Charakteren, weil der Stärkere ganz unwillkürlich die Verantwortung für seinen schwachen Freund auf sich nimmt. Wenigstens denke ich mir das so. Die Unsrigen umgaben Lisa von Anfang an mit der liebevollsten Sorge, besonders Mama; doch Lisa ließ sich durch nichts erweichen, verhielt sich völlig stumm zu aller Teilnahme und wies jede Hilfe zurück. Anfangs sprach sie noch mit Mama, aber mit jedem Tage wurde sie wortkarger, antwortete immer knapper und sogar immer schroffer. In der ersten Zeit fragte sie Werssiloff um Rat, bald aber erkor sie sich zum Ratgeber und Helfer -- Wassin, wie ich zu meiner Verwunderung später erfuhr ... Sie ging fast jeden Tag zu Wassin, ging auch aufs Gericht und zu den Vorgesetzten des Fürsten, ging zu den Advokaten und zum Staatsanwalt; schließlich war sie oft den ganzen Tag nicht zu Haus. Selbstverständlich besuchte sie täglich, und sogar zweimal am Tage, den Fürsten, der im Gefängnis saß, in der Abteilung für Adlige; aber diese Zusammenkünfte waren, wovon ich mich später überzeugt habe, für Lisa sehr qualvoll. Natürlich, welcher Dritte kann das Verhältnis zweier Liebenden zueinander ganz genau beurteilen? Aber ich weiß, daß der Fürst sie dann immer aufs tiefste kränkte; und wodurch? Ja, sonderbarerweise durch fortwährende Eifersucht. Übrigens, darauf werde ich später noch zurückkommen; aber eines möchte ich hier doch noch bemerken: es ist schwer zu sagen, wer von ihnen den anderen mehr quälte. Es ist nicht ausgeschlossen, daß Lisa, die uns gegenüber auf ihren Helden so stolz war, sich ihm gegenüber, unter vier Augen, ganz anders verhielt. Ich vermute das sogar sehr stark -- nach einigen Anhaltspunkten, auf die ich noch zurückkommen werde.

So war denn, was meine Gefühle und mein Verhalten zu Lisa betrifft, alles Äußere, Sichtbare nur eine Vortäuschung, und zwar sowohl von mir wie von ihr aus; denn im Grunde haben wir uns niemals stärker geliebt als eben in jener Zeit. Ich muß hier noch bemerken, daß Lisa sich zu Makar Iwanowitsch, nachdem die erste Verwunderung und das erste Interesse vergangen waren, aus irgendeinem Grunde fast geringschätzig, ja sogar hochmütig verhielt. Sie schien ihm absichtlich nicht die geringste Beachtung zu schenken.

Als ich mir vorgenommen hatte zu schweigen -- ich habe das bereits erwähnt --, da war ich natürlich überzeugt gewesen, wie man das in der Theorie ja immer ist, daß ich meinen Vorsatz auch durchführen würde. Oh, mit Werssiloff zum Beispiel hätte ich eher von der Zoologie oder von den römischen Imperatoren gesprochen als von, sagen wir, von -- »ihr« oder etwa von jener wichtigsten Zeile in seinem Brief an sie, wo er ihr mitteilt, daß das Dokument durchaus nicht vernichtet sei und noch eine Rolle spielen könne, -- von jener Zeile, an die ich sogleich wieder zu denken begann, kaum daß ich nach den Fieberdelirien zu Bewußtsein und zur Besinnung gekommen war. Aber, ach! Schon bei den ersten Schritten in der Praxis, ja fast sogar schon vor dem ersten Schritt, erkannte ich, wie schwer und unmöglich es ist, solche Vorsätze zu erfüllen: schon am folgenden Tage nach meiner ersten Begegnung mit Makar Iwanowitsch wurde ich durch eine überraschende Neuigkeit furchtbar aufgeregt.

II.

Diese mich furchtbar aufregende Neuigkeit erfuhr ich durch Darja Onissimowna, die Mutter der verstorbenen Olä, die mich ganz unerwartet besuchte. Von Mama hatte ich schon gehört, daß Darja Onissimowna bereits während meiner Krankheit zweimal bei uns gewesen war und große Teilnahme für mein Befinden gezeigt hatte. Ob nun diese »gute Frau«, wie Mama sie immer nannte, nur wie früher Mama besucht hatte, oder ob sie hauptsächlich meinetwegen gekommen war, danach hatte ich nicht gefragt. Gewöhnlich erzählte mir Mama, wenn sie mir die Suppe brachte und mich fütterte (als ich noch nicht selbst den Löffel führen konnte), alles, was im Hause geschehen war, um mich zu zerstreuen: ich aber gab mir jedesmal hartnäckig den Anschein, als ob mich alle diese Mitteilungen wenig interessierten; so hatte ich denn auch wegen der Darja Onissimowna nichts weiter gefragt und einfach geschwiegen.

Es war gegen elf Uhr; ich wollte gerade aufstehen, um mich in den Lehnstuhl am Tisch zu setzen, als Darja Onissimowna in mein Zimmer trat. Da blieb ich absichtlich im Bett. Mama war oben mit irgend etwas beschäftigt und konnte nicht herunterkommen, und so waren wir denn auf einmal allein. Sie setzte sich mir gegenüber auf einen Stuhl, lächelte und sagte kein Wort. Ich sah voraus, was bevorstand: wir würden, wie im Gesellschaftsspiel, uns gegenseitig im Schweigen zu überbieten suchen; und überhaupt ärgerte mich ihr Besuch. Ich nickte ihr nicht einmal zu und sah ihr schweigend gerade in die Augen: aber sie sah mich gleichfalls unbeweglich an.

»Sie langweilen sich jetzt wohl in der Wohnung des Fürsten, seitdem Sie dort allein sind?« fragte ich auf einmal, da ich die Geduld verlor.

»Nein, ich bin nicht mehr in jener Wohnung. Ich bin jetzt, dank Anna Andrejewna, bei dem Kindchen.«

»Bei wessen Kindchen?«

Sie sah sich nach der Tür um und flüsterte vertraulich geheimnisvoll:

»Bei Herrn Werssiloffs Kindchen!«

»Aber dafür sorgt doch Tatjana Pawlowna ...«

»Ganz recht, ganz recht, auch Tatjana Pawlowna und auch Anna Andrejewna, beide zusammen, und Lisaweta Makarowna auch, und auch Ihre Mama ... alle. Alle sorgen sie dafür. Tatjana Pawlowna und Anna Andrejewna sind jetzt sehr befreundet miteinander.«

Das war eine Neuigkeit. Sie belebte sich förmlich beim Sprechen. Ich sah sie an und haßte sie.

»Sie sind ja seit dem letztenmal, als Sie bei mir waren, recht munter geworden.«

»Ach, ja.«

»Sie scheinen auch zugenommen zu haben?«

Sie sah mich sonderbar an.

»Ich habe sie sehr liebgewonnen, sehr.«

»Wen denn?«

»Anna Andrejewna doch. Sehr lieb. Sie sind ein so edles Fräulein und so klug ...«

»So so. Und wie fühlt sie sich denn jetzt?«

»Sie sind sehr ruhig, sehr.«

»Das ist sie ja immer gewesen.«

»Ganz recht, sie sind immer so.«

»Wenn Sie mit Klatschgeschichten hergekommen sind,« schrie ich plötzlich, da ich nicht mehr an mich halten konnte, »so lassen Sie sich gesagt sein, daß ich mit alledem nichts mehr zu tun haben will, ich habe beschlossen, alles im Stich zu lassen ... alles und alle, mir ist's egal, -- ich gehe weg! ...«

Ich besann mich plötzlich und hielt inne. Es schien mir erniedrigend, daß ich ihr gewissermaßen meine neuen Pläne mitteilte. Sie aber zeigte weder Erstaunen noch Erregung, und es folgte wieder Schweigen. Plötzlich stand sie auf, ging zur Tür und sah ins Nebenzimmer. Als sie sich überzeugt hatte, daß dort niemand war, kehrte sie ganz ruhig zurück und setzte sich auf ihren früheren Platz.

»Das haben Sie gut gemacht!« sagte ich plötzlich lachend.

»Werden Sie Ihre Wohnung bei dem Beamten behalten?« fragte sie auf einmal, wobei sie sich ein wenig zu mir vorbeugte und die Stimme senkte, ganz als wäre das die wichtigste Frage, und als wäre sie nur zu dem Zweck zu mir gekommen, um darüber etwas zu erfahren.

»Meine Wohnung? Ich weiß nicht. Vielleicht gebe ich sie auch auf ... Wie soll ich das wissen?«

»Ihre Wirtsleute erwarten Sie sehr; jener Beamte ist schon ganz ungeduldig, auch seine Frau. Herr Werssiloff hat ihnen versichert, Sie würden bestimmt zu ihnen zurückkehren.«

»Ja, aber weshalb interessieren Sie sich denn dafür?«

»Anna Andrejewna wollte das gern wissen; sie waren sehr zufrieden, als sie erfuhren, daß Sie dort bleiben.«

»Aber woher weiß sie denn, daß ich in der Wohnung bleibe?«

Ich wollte noch hinzufügen: »Und was geht das Anna Andrejewna an?« -- bezwang mich aber und unterließ die Frage aus Stolz, da ich sie nicht ausfragen wollte!

»Auch Herr Lambert haben dasselbe bestätigt.«

»Wa--a--as?«

»Ja, Herr Lambert haben auch Andrei Petrowitsch bestätigt, Sie würden bestimmt dort bleiben, und auch Anna Andrejewna haben sie dessen versichert.«

Ich war starr vor Schreck. Was hatte das nun wieder zu bedeuten! Lambert kennt bereits Werssiloff, Lambert war schon bis zu Werssiloff vorgedrungen, -- Lambert und Anna Andrejewna, er war bis zu Anna Andrejewna vorgedrungen! Mir wurde ganz heiß, aber ich schwieg. Eine Flut von Stolz erfüllte mich plötzlich ganz, von Stolz, oder ich weiß nicht von was. Aber ich sagte mir in dem Augenblick: »Wenn ich jetzt auch nur ein Wort der Erklärung verlange, so verwickle ich mich wieder in diese Welt und werde mich nie mehr aus ihr herausreißen können.« Haß entbrannte in meinem Herzen. Ich nahm mich mit aller Gewalt zusammen und beschloß zu schweigen; ich lag unbeweglich. Sie schwieg gleichfalls, das Schweigen dauerte schon minutenlang.

»Was macht der alte Fürst Nikolai Iwanowitsch?« fragte ich auf einmal, als hätte ich jede Überlegung verloren. Das heißt, ich fragte ja nur, um auf ein anderes Thema zu kommen, dabei stellte ich aber aus Versehen die allerwichtigste Frage, und so kehrte ich wie ein Wahnsinniger wieder in jene Welt zurück, aus der zu fliehen ich noch vor einem Augenblick so krampfhaft beschlossen hatte.

»Der alte Fürst sind in Zarskoje Sselo. Der Fürst waren nicht ganz gesund, und in der Stadt herrschen jetzt so viele Krankheiten, Influenza und Fieber; da haben denn alle dem Fürsten geraten, doch nach Zarskoje in ihr eigenes Haus überzusiedeln, wegen der guten Luft.«

Ich antwortete nichts.

»Anna Andrejewna und die Generalin besuchen den Fürsten alle drei Tage einmal, sie fahren dann auch zusammen hin.«

Anna Andrejewna und die »Generalin« (das heißt »sie«) -- waren Freundinnen! Sie fuhren zusammen zum alten Fürsten! -- Ich schwieg.

»Sie sind jetzt beide so befreundet, und Anna Andrejewna äußern sich dermaßen freundlich über Katerina Nikolajewna ...«

Ich schwieg immer noch.

»Und Katerina Nikolajewna haben sich wieder in die Welt begeben, machen ein Fest nach dem anderen mit und glänzen überall. Man spricht davon, daß bei Hofe alle Herren in sie verliebt seien ... aber mit Herrn Bjoring ist es ganz aus, und die Hochzeit wird nicht stattfinden, das sagen alle ... nachdem jene Geschichte dazwischengekommen ist.«

Das heißt, nach der Geschichte mit Werssiloffs Brief.

Ich zitterte nur, sagte aber kein Wort.

»Anna Andrejewna bedauern so sehr den Fürsten Ssergei Petrowitsch, und Katerina Nikolajewna tun das gleichfalls, und alle sagen, er werde freigesprochen werden, jener andere aber, der Stebelkoff, werde verurteilt werden ...«

Ich sah sie haßerfüllt an. Sie erhob sich und beugte sich plötzlich über mich:

»Anna Andrejewna haben mich ausdrücklich gebeten, mich nach Ihrer Gesundheit zu erkundigen,« sagte sie ganz leise flüsternd, »und haben mich beauftragt, Sie recht sehr zu bitten, bei ihr vorzusprechen, sobald Sie nur auszugehen anfangen. Leben Sie wohl. Werden Sie bald gesund. Ich werde es ihr so sagen ...«

Sie ging. Ich setzte mich im Bett auf, kalter Schweiß trat auf meiner Stirn hervor, aber ich fühlte eigentlich gar keinen Schreck: die für mich unbegreifliche, ungeheuerliche Nachricht von Lambert und seinen Machenschaften zum Beispiel hatte mich tatsächlich fast gar nicht erschreckt, d. h. wenn ich den Eindruck dieser Nachricht mit der vielleicht ungerechtfertigten Angst verglich, mit der ich während der Krankheit und der ersten Tage meiner Genesung, ohne mir darüber Rechenschaft abzulegen, an meine Begegnung mit ihm in jener Nacht gedacht hatte. Im Gegenteil, in jenen ersten wirren Augenblicken auf dem Bett, gleich nachdem Darja Onissimowna gegangen war, hielt ich mich bei dem Gedanken an Lambert überhaupt nicht auf ... mich beschäftigte vor allem die Nachricht, die sie betraf -- ihr Bruch mit Bjoring, ihr Glück in der Gesellschaft, ihre Feste und ihr Erfolg. »Sie glänzen überall,« glaubte ich Darja Onissimownas Stimme noch sagen zu hören. Und plötzlich fühlte ich, daß ich mich aus diesem Strudel mit meinen Kräften nicht mehr herausarbeiten konnte, wenn ich es auch noch fertiggebracht hatte, zu schweigen und Darja Onissimowna nach ihren Wundergeschichten nicht weiter auszufragen! Ein maßloses Verlangen nach jenem Leben, nach jenem anderen Leben, erfüllte auf einmal meine ganze Seele und ... und dann noch eine andere süße Lust, die ich bis zum seligsten Glück und bis zu quälender Pein empfand. Meine Gedanken aber drehten sich gleichsam im Kreise, doch ich ließ sie sich drehen. »Da ist nichts zu überlegen!« sagte mir mein Gefühl. »Mama hat mir auch verschwiegen, daß Lambert hier gewesen ist,« dachte ich sprunghaft, »das hat Werssiloff ihr gesagt, daß sie darüber schweigen soll ... Ich sterbe eher, als daß ich Werssiloff nach Lambert frage!« -- »Werssiloff,« fiel es mir wieder blitzartig ein, »Werssiloff und Lambert, oh, wieviel Neues sich da bei ihnen zugetragen hat! Bravo, Werssiloff! Da hat er den Bjoring mit seinem Brief doch abgeschreckt; er hat sie verleumdet, la calomnie ... il en reste toujours quelque chose,{[75]} und der deutsche Hofmann hat Angst bekommen vor einem Skandal -- haha, da hat sie ihre Lehre!« -- »Lambert ... sollte Lambert am Ende schon bis zu ihr vorgedrungen sein? Das fehlte noch! Aber warum sollte sie sich nicht auch mit ihm >abgeben<?«

Doch dann schleuderte ich auf einmal alle diese unsinnigen Gedanken von mir und warf mich verzweifelt zurück auf mein Kissen. »Nein, das darf nicht sein!« rief ich plötzlich entschlossen, sprang aus dem Bett und zog die Pantoffeln und den Schlafrock an, um mich geradeswegs nach dem Zimmer Makar Iwanowitschs zu begeben, ganz als wäre dort die Ablenkung von allen Anfechtungen, die Rettung und Erlösung, der Anker, an dem ich mich würde halten können.

Es ist in der Tat möglich, daß ich damals diesen Gedanken mit allen Kräften meiner Seele fühlte; weshalb wäre ich denn sonst so plötzlich und gewaltsam aufgesprungen, um mich in dieser Gemütsverfassung zu Makar Iwanowitsch zu retten?

III.

Doch bei Makar Iwanowitsch traf ich ganz gegen meine Erwartung noch andere -- Mama und den Doktor. Da ich jedoch aus einem unbekannten Grunde überzeugt gewesen war, daß ich den Alten wieder so allein antreffen würde wie tags zuvor, blieb ich vor Überraschung geradezu verständnislos in der Tür stehen. Aber noch bevor ich dazu kam, ein geärgertes Gesicht zu machen, erschien auch schon Werssiloff, und ihm folgte Lisa ... So fanden sich plötzlich alle, Gott weiß weshalb, bei Makar Iwanowitsch ein, und gerade in einem Augenblick, wo mir das gar nicht paßte!

»Ich bin gekommen, um mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen,« sagte ich und ging geradeaus auf Makar Iwanowitsch zu.

»Danke dir, Lieber, hab' dich erwartet: ich wußte, daß du kommen würdest! Hab' in der Nacht an dich gedacht.«

Er blickte mir freundlich in die Augen, und ich sah es ihm an, daß er mich wohl von allen am meisten liebte. Aber gleichzeitig fiel mir auf, ganz unwillkürlich, daß sein Gesicht zwar heiter war, seine Krankheit jedoch im Lauf der Nacht Fortschritte gemacht hatte. Er war soeben vom Doktor gründlich untersucht worden. Später erfuhr ich, daß dieser Doktor (derselbe junge Arzt, über den ich mich so geärgert hatte, und der schon am Tage der Ankunft Makar Iwanowitschs zu Rate gezogen worden war) -- daß dieser Doktor seinen neuen Patienten sehr gewissenhaft behandelte und eine -- die medizinischen Ausdrücke habe ich vergessen -- jedenfalls eine Verschlimmerung verschiedener Krankheiten in ihm festgestellt hatte. Wie ich auf den ersten Blick bemerkte, stand Makar Iwanowitsch bereits in dem engsten Freundschaftsverhältnis zu ihm, und in demselben Augenblick mißfiel mir das auch schon. Übrigens war ich gerade besonders schlecht aufgelegt.

»Nun, Alexander Ssemjonowitsch, wie steht es denn heute mit unserem lieben Kranken?« erkundigte sich Werssiloff beim Doktor.

Wenn ich nicht so erschüttert und verstimmt gewesen wäre, hätte ich sogleich mit ungeheurem Interesse Werssiloffs Verhalten zu diesem Greise beobachtet; ich hatte schon am Abend vorher darüber nachgedacht. Jetzt überraschte mich vor allem ein ungewöhnlich weicher und sympathischer Ausdruck in Werssiloffs Gesicht. Es lag etwas unendlich Aufrichtiges darin. Ich habe, glaube ich, schon einmal irgendwo gesagt, daß Werssiloffs Gesicht ganz überraschend schön werden konnte, sobald er nur ein wenig offener und treuherziger wurde.

»Ja, sehen Sie mal, wir zanken uns beständig,« erwiderte der Doktor.

»Sie und Makar Iwanowitsch? Nicht möglich! Mit ihm kann man sich nicht zanken.«

»Er gehorcht doch nicht: in der Nacht will er nicht schlafen ...«

»Nun hör' schon auf, Alexander Ssemjonowitsch, hast mich doch schon genug gescholten,« sagte Makar Iwanowitsch lachend. »Nun, und wie ist es denn, Väterchen Andrei Petrowitsch, wie hat man denn unser Fräulein abgeurteilt? -- Sie ist mir hier schon den ganzen Morgen so in Angst und Bangen und in Unruhe,« fügte er hinzu, indem er auf Mama wies.

»Ach, Andrei Petrowitsch,« rief Mama tatsächlich sehr beunruhigt, »erzähl uns nur schneller, quäl uns nicht: wie ist es denn für die Arme ausgegangen?«

»Ja, da hat man nun unser Fräulein verurteilt!«

»Ach Gott!« rief Mama.

»Beruhige dich, nicht zu sibirischer Zwangsarbeit: bloß zu fünfzehn Rubel Strafe, alles in allem. Es war ein richtiges Lustspiel!«

Er setzte sich, und auch der Doktor nahm Platz. Das Gespräch bezog sich auf Tatjana Pawlowna und auf eine Geschichte, von der ich noch nichts wußte. Mein Platz war links von Makar Iwanowitsch, und Lisa saß mir gegenüber, rechts von ihm; sie hatte an diesem Morgen sichtlich einen besonderen Kummer, mit dem sie zu Mama gekommen war; in ihrem Gesichtsausdruck lag Unruhe und Gereiztheit. Plötzlich trafen sich unsere Blicke, und ich dachte bei mir: »Wir haben beide die Schmach kennen gelernt, ich muß den ersten Schritt zur Annäherung tun.« Mein Herz wurde plötzlich weich. Doch Werssiloff begann nun, von dem großen Ereignis dieses Morgens zu erzählen.

Zwischen Tatjana Pawlowna und ihrer Köchin war es schließlich zu einem Prozeß gekommen, der an diesem Morgen vor dem Friedensrichter seine Erledigung gefunden hatte. Der Anlaß war eine ganz lächerliche Geschichte. Ich habe bereits erwähnt, daß ihre Köchin, die übellaunige Finnländerin, manchmal, wenn die Bosheit über sie kam, wochenlang schweigen konnte und ihrer Herrin Tatjana Pawlowna nicht einmal auf deren Fragen antwortete; desgleichen habe ich schon erwähnt, daß Tatjana Pawlowna ihr gegenüber von einer unbegreiflichen Schwäche war, sich vieles von ihr gefallen ließ und sie um keinen Preis endlich und ein für allemal zum Teufel jagen wollte. Meiner Ansicht nach verdienen alle diese psychopathischen Launen alter Jungfern und Damen nur die größte Verachtung und sind es wirklich nicht wert, beachtet zu werden; wenn ich mich trotzdem entschließe, diese Geschichte hier zu erwähnen, so geschieht das nur, weil diese Köchin später, im weiteren Verlauf meiner Geschichte, eine nicht geringe und verhängnisvolle Rolle zu spielen haben wird. Kurz, eines Tages war Tatjana Pawlowna schließlich die Geduld gerissen, und sie hatte der eigensinnigen Person, die wieder schon ein paar Tage lang schwieg, eine Ohrfeige gegeben, was früher noch nie vorgekommen war. Die Köchin hatte auch auf die Ohrfeige nicht den leisesten Ton geantwortet, war aber noch an demselben Tage zu einem Midshipman außer Diensten, namens Ossjotroff, gegangen, der dort irgendwo an der Hintertreppe in einer elenden Kammer hauste und sich mit kleinen Verdiensten für Ratschläge, Abfassungen von Eingaben oder Vertretungen vor Gericht, kümmerlich durchschlug. Und die Folge der Ohrfeige war, daß Tatjana Pawlowna vor dem Friedensrichter erscheinen mußte, und Werssiloff als Zeuge vorgeladen wurde.

Werssiloff erzählte nun den ganzen Hergang der Verhandlung so lustig und witzig, daß selbst Mama lachen mußte; er ahmte sie alle nach, Tatjana Pawlowna, den Midshipman und die Köchin. Letztere hatte dem Gericht gleich zu Anfang erklärt, sie bäte um eine Geldstrafe; »denn wenn das gnädige Fräulein eingesteckt wird, für wen soll ich dann kochen?« Auf die Fragen des Richters hatte Tatjana Pawlowna mit gewaltigem Hochmut geantwortet, ohne sich zu einem Rechtfertigungsversuch überhaupt herabzulassen, und zum Schluß hatte sie noch gesagt: »Ich habe sie geschlagen und werde mich nicht abhalten lassen, sie nach Gutdünken wieder zu schlagen!« wofür sie unverzüglich wegen ungebührlichen Verhaltens vor Gericht zu einer Strafzahlung von drei Rubeln verurteilt worden war. Der Midshipman, ein lang aufgeschossener, hagerer junger Mann, hatte noch eine lange Rede zur Verteidigung seiner Klientin halten wollen, war aber schmählich aus dem Konzept gekommen und hatte nur den ganzen Gerichtssaal erheitert. Die Verhandlung war bald erledigt gewesen, und Tatjana Pawlowna ward verurteilt, ihrer geohrfeigten Marja fünfzehn Rubel zu zahlen. Sie hatte auch sofort das Portemonnaie hervorgezogen und das Geld auszahlen wollen, aber da war sogleich der Midshipman aufgetaucht und hatte die Hand hingehalten, um auch sein Geld zu empfangen, doch Tatjana Pawlowna hatte seine Hand empört zur Seite gestoßen und sich zu Marja gewandt, die aber hatte das Geld nicht annehmen wollen: »Ach, lassen Sie's schon gut sein, gnädiges Fräulein, das ist doch nicht nötig, es kann ja auf die Rechnung kommen, und mit diesem hier werd' ich schon selber abrechnen!« -- »Wozu hast du dir überhaupt so einen langen Galgen genommen!« hatte Tatjana Pawlowna versetzt, auf den Midshipman weisend, ersichtlich hocherfreut, daß ihre Marja endlich wieder sprach. »Ach, wahrhaftig, das ist wohl schon ein Galgen, gnädiges Fräulein,« hatte Marja mit listigem Gesicht geantwortet, »haben gnädiges Fräulein die Kotelettes heute mit Erbsen bestellt, ich hörte vorhin nicht recht, in der Eile, aufs Gericht zu kommen?« -- »Ach nein, mit Kohl, Marja, aber bitte laß sie nicht wieder anbrennen, wie gestern.« -- »Ach, heute werd ich mir schon besondre Mühe geben, gnädiges Fräulein; darf ich's Händchen küssen« -- und sie hatte ihr tatsächlich zum Zeichen der Versöhnung die Hand geküßt. Mit einem Wort, der ganze Gerichtssaal war aus dem Lachen nicht herausgekommen.

»Nein, wie sonderbar diese Tatjana Pawlowna doch ist!« sagte Mama kopfschüttelnd, sehr befriedigt durch den guten Ausgang und durch Andrei Petrowitschs Wiedergabe, doch sah sie heimlich mit Unruhe zu Lisa hinüber.

»Sie ist schon von Kindesbeinen an ein charaktervolles Fräulein gewesen,« meinte Makar Iwanowitsch lächelnd.

»Galle und Müßiggang,« versetzte der Doktor.

»Das soll wohl ich sein, die Charaktervolle von Kindesbeinen an, die Galle und der Müßiggang?« platzte plötzlich Tatjana Pawlowna ins Zimmer -- aber sie schien sehr zufrieden mit sich. »Na, weißt du, Alexander Ssemjonowitsch, du als Doktorchen solltest mir lieber nicht solchen Unsinn reden! Kennst mich von deinem zehnten Lebensjahre an, da möcht' ich wissen, wann du mich müßig gesehen hast, und was die Galle betrifft, so bist du es ja selber, der mich schon ein ganzes Jahr lang deshalb behandelt, und wenn du mich nicht kurieren kannst, so ist das doch nur für dich eine Blamage. Na, jetzt habt ihr euch aber genug über mich lustig gemacht; schönen Dank, Andrei Petrowitsch, daß du dir die Mühe gemacht hast, aufs Gericht zu kommen. Na, und wie geht es denn dir, Makaruschka, ich bin ja nur gekommen, um zu sehen, wie es hier mit der Gesundheit steht, mit deiner natürlich nur, nicht mit der Gesundheit dieses da,« sagte sie und wies dabei auf mich, schlug mir aber gleichzeitig mit der Hand freundschaftlich auf die Schulter; ich hatte sie noch nie bei so guter Laune gesehen. »Na, wie steht es denn mit ihm?« wandte sie sich mit besorgt gerunzelter Stirn an den Doktor.

»Er will sich nicht ins Bett legen, und dieses Sitzen ermüdet ihn nur.«

»Ich sitze ja nur so ein bißchen, wenn Menschen da sind,« sagte Makar Iwanowitsch unsicher, mit fast kindlich bittendem Gesicht.

»Ja, das haben wir gern, das haben wir gern! -- ich weiß schon: so im Kreise sitzen, wenn man sich um ihn versammelt hat, und dann zu reden -- ei freilich, ich kenne doch meinen Makaruschka!« sagte Tatjana Pawlowna.

»Wart', sei nicht so hurtig,« sagte der Alte wieder lächelnd, indem er sich zum Doktor wandte, »höre mich erst an und laß mich aussprechen: ich werd' mich schon hinlegen, Freundchen, aber sieh, unsereins denkt so: >Legst du dich erst mal hin, dann stehst du vielleicht überhaupt nicht mehr auf,< -- siehst du jetzt, Freundchen, was bei mir dahintersteckt.«

»Na ja, wußte ich doch, daß hier irgend so ein Aberglaube mit im Spiel ist: >leg ich mich hin, so steh ich vielleicht überhaupt nicht mehr auf,< -- das ist es ja, was Leute aus dem Volk so oft fürchten, weshalb sie eine Krankheit lieber stehenden Fußes durchmachen, als daß sie ins Krankenhaus gehen. Sie aber, Makar Iwanowitsch, Sie haben einfach Sehnsucht bekommen, Sehnsucht nach der Freiheit und der Landstraße -- darin besteht Ihre ganze Krankheit, Sie sind es nicht mehr gewohnt, lange an einem Ort zu leben. Sie sind doch ein sogenannter Pilger! Nun, und das Vagabundieren wird ja in unserem Volk fast schon zur Leidenschaft. Das habe ich bereits mehr als einmal unter dem Volk beobachtet. Unser ganzes Volk ist ein Vagabund.«

»So ist Makar Iwanowitsch deiner Meinung nach ein Vagabund?« griff Tatjana Pawlowna das Wort auf.

»Oh, ich sagte das ja nicht in dem Sinne; ich gebrauchte den Ausdruck nur im weitesten Sinne. Nun, sagen wir, er ist ein religiöser, ein gottesfürchtiger Vagabund, aber schließlich doch ein Vagabund. Ein Vagabund im guten, achtbaren Sinne, aber immerhin ein Vagabund ... Ich sage das vom Standpunkte des Mediziners ...«

»Ich versichere Sie,« wandte ich mich plötzlich an den Doktor, »eher sind wir Vagabunden, Sie und ich und wir alle, so viele hier sind, nicht aber dieser alte Mann, von dem wir alle, Sie einbegriffen, noch lernen könnten; denn er hat immerhin etwas Feststehendes im Leben, wir aber, wie wir hier sind, wir haben überhaupt nichts Festes im Leben ... Übrigens, wie sollten Sie das begreifen können!«

Ich hatte das wohl in ziemlich scharfem Tone gesagt, aber so war es mir ganz recht. Eigentlich wußte ich nicht, weshalb ich noch dort saß; ich war wie nicht bei Sinnen.

»Was fällt dir nun wieder ein?« fragte Tatjana Pawlowna und sah mich mißtrauisch an. »Na, wie findest du ihn, Makar Iwanowitsch?« fragte sie diesen und wies dabei mit dem Finger auf mich.

»Gott segne ihn, er ist gewitzt,« sagte der Alte mit ernstem Gesicht, aber bei dem Wort »gewitzt« fingen fast alle zu lachen an.

Ich konnte mich gerade noch so weit zusammennehmen, daß ich ernst blieb; am lautesten lachte der Doktor. Dumm war nur, daß ich damals nichts von ihrer Übereinkunft wußte! Werssiloff, der Doktor und Tatjana Pawlowna hatten sich nämlich schon vor drei Tagen verabredet, alles aufzubieten, um Mama von schlimmen Vorahnungen und Befürchtungen für Makar Iwanowitsch abzulenken; denn sein Zustand war schon viel hoffnungsloser, als ich damals ahnte. Deshalb also gaben sie sich Mühe, möglichst lustig zu sein, zu scherzen und zu lachen. Nur der Doktor war dumm und verstand darum auch keinen Scherz: daraus entstand dann später die ganze Geschichte. Wenn ich aber um diese Verabredung gewußt hätte, so würde ich es natürlich nicht dazu gebracht haben, wozu es nun kam. Lisa wußte auch nichts von der Verabredung.

Ich saß und hörte nur mit halbem Ohre zu; sie sprachen und lachten, mir aber gingen die ganze Zeit Darja Onissimowna und ihre Neuigkeiten durch den Kopf, und es war mir nicht möglich, diese Gedanken zu verscheuchen; ich glaubte, sie immer noch vor mir zu sehen, wie sie so sitzt und mich ansieht, sich dann leise erhebt, vorsichtig zur Tür geht und ins andere Zimmer späht. Auf einmal fingen sie alle laut zu lachen an. Tatjana Pawlowna hatte, ich weiß nicht, wie das Gespräch darauf gekommen war, den Doktor einen Gottlosen genannt: »Na, ihr Mediziner, ihr seid doch alle Gottlose! ...«

»Makar Iwanowitsch!« rief sofort der Doktor, der auf eine höchst dumme Weise den Beleidigten spielte, der Gerechtigkeit heischt, »bin ich ein Gottloser?«

»Du ein Gottloser? Nein, du bist kein Gottloser,« antwortete der Alte ehrlich, nachdem er ihn prüfend angesehen hatte. »Nein, Gott sei Dank!« Er schüttelte den Kopf. »Du bist ein heiterer Mensch.«

»Und wer heiter ist, der ist schon kein Gottloser?« fragte der Doktor ironisch.

»Das ist in seiner Art ein Gedanke,« bemerkte Werssiloff, lachte aber dabei gar nicht.

»Das ist sogar ein starker Gedanke!« rief ich unwillkürlich aus, ganz betroffen durch diesen Gedanken.

Der Doktor sah fragend von einem zum anderen.

»Diese Gelehrten, diese Studierten und großen Professoren« (wahrscheinlich hatten sie vorher von Professoren gesprochen), begann Makar Iwanowitsch, den Blick ein wenig gesenkt, »vor denen hab' ich anfänglich gewaltige Angst gehabt: ich hab' mich an sie überhaupt nicht herangewagt; denn ich hab' nichts also gefürchtet wie den Gottlosen. Ich dachte bei mir: ich hab' doch nur eine einzige Seele; wenn ich die nun verderbe, kann ich doch keine andere mehr finden. Nun, mit der Zeit aber faßte ich Mut: >Was können sie denn in aller Welt sein,< dacht' ich, >Götter sind sie doch nimmer, sondern Menschen ganz wie unsereiner, Menschen mit denselben Leidenschaften.< Und groß war auch meine Neugier: >Ich werde doch erfahren,< dacht' ich bei mir, >was das nun eigentlich ist, selbige Gottlosigkeit.< Nur ist mir, Freund, nachher selbst diese Neugier ganz vergangen.«

Er verstummte, doch man sah ihm an, daß er weitersprechen wollte, immer mit demselben stillen und ehrwürdigen Lächeln. Es gibt eine Einfalt, die allen und jedem vertraut und niemals Spott befürchtet. Solche Menschen sind immer beschränkt; denn sie sind bereit, auch das Wertvollste aus ihrem Herzen vor jedem ersten besten auszubreiten. Aber bei Makar Iwanowitsch war es, wie mir schien, etwas ganz anderes, was ihn zu sprechen veranlaßte, war es nicht die Gedankenlosigkeit der Einfalt: es kam in ihm gleichsam ein Propagandist zum Vorschein. Mit Genugtuung hörte ich aus seinem Ton sogar einen leisen Spott heraus, der dem Doktor und vielleicht auch Werssiloff galt. Was er nun sagte, war offenbar eine Fortsetzung ihrer früheren Dispute im Laufe der Woche, doch zum Unglück fiel wieder jenes verhängnisvolle Wort, daß mich schon gestern so elektrisiert hatte, und das mich nun zu einem Ausfall veranlaßte, den ich noch heute bedauere.

»Einen gottlosen Menschen,« fuhr der Alte gesammelt fort, »den würde ich vielleicht noch heutigentags fürchten; nur ist das so eine Sache, Freund Alexander Ssemjonowitsch: einem wirklich Gottlosen bin ich in meinem ganzen Leben noch nicht begegnet. Statt seiner bin ich nur dem Ruhelosen begegnet -- siehst du, so muß man ihn richtiger nennen. Es sind das die verschiedensten Leute; kannst dir fürwahr gar nicht ausdenken, was für Leute das alles sind: große und kleine, dumme und gelehrte, und manche darunter sind sogar von allereinfachstem Stande, und alle sind sie ruhelos; denn sie lesen und reden darüber ihr ganzes Leben lang, so sie sich an der Süße der Bücher gesättigt haben, selber aber verbleiben sie ewig im Zweifel und können zu keinem Schluß kommen. Manch einer breitet sich so weit aus, daß er sich selber nicht mehr sieht. Manch einer ist in seiner Erbitterung härter denn ein Stein, sein Herz aber ist voll von Träumen. Manch einer wiederum ist gefühllos und leichtsinnig und hat Genüge, wenn er seinen Spott belachen kann. Manch einer hat aus den Büchern nur die Blumen herausgepflückt, und auch die nur nach seinem Gefallen; er selber aber ist unruhig, und es ist in ihm gar kein Gefühl für das Rechte. Und ich sage wiederum: es ist viel Langeweile. Manch ein Geringer leidet wohl Not, er weiß nicht einmal, womit er seine Kinderchen durchbringen soll, da es ihm an Brot gebricht, und er schläft auf stechendem Stroh, aber sein Herz ist doch heiter und leicht, und wenn er auch sündigt und unflätig ist, so ist sein Herz ihm dennoch alleweil leicht. So ein großer Herr dagegen hat zu essen und zu trinken in Hülle und Fülle und hat Gold in Haufen, in seinem Herzen aber ist immer dieselbe Schwermut. Manch einer hat alle Wissenschaften studiert -- und doch weicht die Schwermut nicht von ihm. Ich denke so, daß je mehr Verstand hinzukommt, um so mehr kommt auch Langeweile hinzu. Und wenn man noch das bedenkt: sie lehren solange die Welt steht, aber was haben sie denn Gutes gelehrt, daß die Welt davon die schönste und heiterste und eine von jeglicher Freude erfüllte Wohnung werde? Und ich sage noch mehr: innere Schönheit haben sie nicht und wollen sie nicht einmal haben. Alle sind ins Verderben geraten, nur lobt ein jeder sein Verderben, sich aber der einzigen Wahrheit zuzuwenden, daran denkt er nicht; ohne Gott aber zu leben ist nur eine Qual. So kommt es, daß wir das verfluchen, wodurch wir erleuchtet werden, und das selber nicht einmal ahnen. Ja, und was hat es auch für einen Sinn: so einen Menschen kann es ja gar nicht geben, der sich nicht vor irgend etwas beugt; ein solcher Mensch würde sich selber nicht ertragen können; kein Mensch könnte das. Wenn er Gott verstoßen hat, so beugt er sich vor einem Götzen -- einem hölzernen oder goldenen oder einem gedanklichen. Götzendiener sind das alles, aber nicht Gottlose, sieh, so muß man sie nennen. -- Aber wie sollte es keine Gottlosen geben? Es gibt welche, die wirklich gottlos sind, nur sind diese viel schrecklicher als jene, dieweil sie den Namen Gottes im Munde führen. Von solchen hab' ich mehrfach gehört, aber begegnet bin ich so einem noch nie. Es gibt aber solche, und ich denke, es muß sie auch geben.«

»Es gibt solche,« bestätigte plötzlich Werssiloff, »es gibt solche und >es muß sie auch geben<.«

»Unbedingt gibt es sie und >muß es sie auch geben<!« brach es unaufhaltsam und mit Leidenschaft aus mir hervor, ich weiß selbst nicht, weshalb, aber Werssiloffs Ton riß mich hin, und in dem Ausspruch, >es muß sie auch geben<, lag ein Gedanke, der mich gefangen nahm. Dieses Gespräch war für mich wirklich eine Überraschung. Doch da geschah plötzlich etwas ganz Unvorhergesehenes.

IV.

Es war ein selten klarer Tag. Die Vorhänge im Zimmer Makar Iwanowitschs waren anfänglich auf Anordnung des Doktors den Tag über nicht aufgezogen worden; jetzt aber hatte man vor das Fenster einen Vorhang gehängt, der den oberen Teil des Fensters freiließ, denn der Alte hatte sich bei den früheren Vorhängen bedrückt gefühlt, da er die Sonne nicht sehen konnte. Und wie wir nun so saßen, traf es sich, daß ein Sonnenstrahl auf einmal Makar Iwanowitsch gerade ins Gesicht schien. Im Eifer des Gesprächs hatte er das zunächst gar nicht bemerkt, jedoch unwillkürlich schon ein paarmal den Kopf zur Seite gebogen, da der grelle Schein seine schwachen Augen blendete und reizte. Mama, die neben ihm stand, hatte schon unruhig nach dem Fenster geblickt; man hätte das Fenster einfach verhängen müssen, doch um das Gespräch nicht zu unterbrechen, versuchte sie schließlich, die Bank, auf der Makar Iwanowitsch saß, etwas aus der Sonne zu rücken, wenn auch nur um eine Handbreit mehr nach rechts. Sie beugte sich hinab und erfaßte die Bank, konnte sie aber nicht von der Stelle rücken: die Bank mit Makar Iwanowitsch darauf rührte sich nicht. Makar Iwanowitsch hatte im Gespräch nur unbewußt ihre Anstrengung empfunden und unwillkürlich schon ein paarmal versucht, sich zu erheben, doch seine Füße hatten ihm den Dienst versagt. Mama aber fuhr immer noch fort, sich zu bücken und zu ziehen, und das war es, was Lisa schließlich furchtbar ärgerte und aufbrachte. Ich erinnere mich, daß mir schon ein paar funkelnde, empörte Blicke von ihr aufgefallen waren, nur hatte ich im Augenblick nicht verstanden, worauf sie sich bezogen, und außerdem war ich durch das Gespräch ganz und gar in Anspruch genommen. Plötzlich hören wir, wie sie Makar Iwanowitsch beinahe anschreit:

»So erheben Sie sich doch ein wenig! Sehen Sie denn nicht, daß es so über Mamas Kraft geht!«

Der Alte sah sie mit einem schnellen Blick an, begriff sofort, was sie meinte, und versuchte eilig, sich zu erheben, doch es gelang ihm nicht: er kam nur eine Handbreit hoch und fiel wieder zurück.

»Ich kann nicht, Liebling,« sagte er traurig und sah Lisa gewissermaßen gehorsam an.

»Erzählen können Sie ein ganzes Buch, aber sich erheben, das können Sie nicht?«

»Lisa!« rief Tatjana Pawlowna.

Makar Iwanowitsch versuchte noch einmal mit aller Gewalt, sich zu erheben.

»Nehmen Sie doch den Krückstock, er liegt ja neben Ihnen, versuchen Sie es mit dem Stock!« sagte Lisa noch einmal barsch.

»Ja, wirklich,« sagte der Alte und griff hastig nach seinem Stock.

»Man muß ihm einfach helfen!« sagte Werssiloff schnell und erhob sich sofort; auch der Doktor und Tatjana Pawlowna sprangen auf, aber noch bevor sie ihm helfen konnten, hatte sich Makar Iwanowitsch, der sich aus aller Kraft auf den Stock stützte, schon von selbst erhoben, und nun stand er da in freudigem Triumph und blickte uns alle an.

»Da bin ich doch aufgestanden!« sagte er fast stolz und lachte froh. »Hab' Dank, Liebe, sieh mal, hast mich klug gemacht; und ich dachte schon, fürwahr, die Füße gehorchten mir gar nicht mehr ...«

Aber er stand nicht lange; er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als plötzlich der Stock, auf den er sich mit der ganzen Schwere seines Körpers stützte, auf dem Teppich ausglitt, und da die Füße ihn nicht mehr trugen, stürzte er, dieser große alte Mann, plötzlich mit Wucht zu Boden. Das war geradezu furchtbar anzusehen. Alle schrien auf und eilten zu ihm, um ihn aufzuheben, aber zum Glück hatte er sich keinen Schaden getan: er war nur schwer und mit einem Krach auf beide Knie gestürzt, hatte aber doch noch die rechte Hand vorstemmen können, und so war er wenigstens nicht aufs Gesicht gefallen. Er wurde aufgehoben und aufs Bett gesetzt. Er war sehr bleich geworden, aber nicht vom Schreck, sondern von der Erschütterung. (Der Doktor hatte bei ihm außer allem anderen noch ein Herzleiden festgestellt). Mama aber war vor Schreck außer sich. Doch plötzlich wandte Makar Iwanowitsch, noch ganz bleich und zitternd und wohl noch nicht recht bei Besinnung, das Gesicht Lisa zu und sagte mit fast zärtlicher leiser Stimme:

»Nein, Liebe, sieh, die Füße gehorchen mir doch nicht mehr!«

Ich kann gar nicht sagen, was für einen Eindruck das damals auf mich machte! Das Erschütterndste war, daß in den Worten des armen Alten nicht die geringste Klage, nicht der leiseste Vorwurf lag; im Gegenteil, man sah sofort, daß er aus Lisas Worten von Anfang an nichts Böses herausgehört und alles ganz in Ordnung gefunden hatte, d. h. daß er für sein Verschulden gerade eine solche Zurechtweisung verdient zu haben glaubte. Alles das wirkte natürlich furchtbar auf Lisa. Als er gefallen war, war sie wie alle aufgesprungen und stand nun leichenblaß da. Natürlich litt sie, da sie die Schuld an dem ganzen Unfall trug, doch als sie diese Worte hörte, wurde sie plötzlich, im Augenblick, feuerrot vor Scham und Reue.

»So, jetzt ist es aber genug!« kommandierte auf einmal Tatjana Pawlowna, »das kommt alles nur von diesem Geschwätz! Es ist Zeit, auseinanderzugehen; was kann dabei Gutes herauskommen, wenn der Doktor selbst zu schwätzen anfängt!«

»Sie haben recht,« stimmte ihr Alexander Ssemjonowitsch freimütig bei, während er sich noch bei dem Kranken zu schaffen machte. »Es war meine Schuld, Tatjana Pawlowna, ich hätte es früher sagen sollen, daß er Ruhe braucht.«

Aber Tatjana Pawlowna hatte sich schon von ihm abgewandt: sie stand und sah wohl eine halbe Minute lang schweigend und gespannt Lisa an.

»Komm her, Lisa, und gib mir einen Kuß, mir alten dummen Person, wenn du's nur willst,« sagte sie auf einmal ganz unerwartet.

Und sie küßte Lisa, ich weiß nicht, wofür, aber gerade das war es, was man tun mußte; ich wäre am liebsten selbst auf Tatjana Pawlowna zugestürzt und hätte sie dafür geküßt. Sie hatte das einzig Richtige getan: statt Lisa Vorwürfe zu machen, mußte man das neue, gute Gefühl, das sich jetzt zweifellos in ihr erhob, mit Freude begrüßen und sie dazu beglückwünschen. Aber statt das nun auch zu tun, sprang ich plötzlich auf und sagte laut, mit harter Stimme:

»Makar Iwanowitsch, Sie haben wieder das Wort >Schönheit< gebraucht, >innere Schönheit<, und gerade dieses Wort hat mich noch gestern und alle diese Tage gequält ... und überhaupt hat es mich mein Leben lang gequält, nur habe ich früher nicht gewußt, was mich quälte. Dieses Zusammentreffen der Worte halte ich für eine Schicksalsfügung, fast für ein Wunder. Ich erkläre das in Ihrer Gegenwart ...«

Aber man fiel mir sogleich ins Wort und ließ mich nicht zu Ende sprechen. Ich sage nochmals: ich wußte nichts von ihrer Verabredung wegen Mama und Makar Iwanowitsch; sie aber glaubten von mir natürlich, nach früheren Erfahrungen, ich wäre zu jedem Skandal von dieser Art fähig.

»Schweig! Bringt ihn zum Schweigen!« rief Tatjana Pawlowna gleich ganz wild vor Wut. Mama erzitterte. Makar Iwanowitsch, der den Schreck der anderen sah, erschrak gleichfalls.

»Arkadi, höre auf!« rief Werssiloff streng.

»Für mich, meine Herrschaften,« rief ich noch lauter, »für mein Empfinden ist es, Sie alle hier neben diesem reinen Kinde zu sehen (ich deutete auf Makar Iwanowitsch) -- einfach eine Gemeinheit. Hier ist nur eine Heilige -- das ist Mama, aber auch sie ...«

»Sie erschrecken ihn!« sagte der Doktor eindringlich.

»Ich weiß, daß ich -- ein Feind der ganzen Welt bin,« stotterte ich (oder so etwas Ähnliches), sah mich im Kreise um und blickte schließlich herausfordernd Werssiloff an.

»Arkadi!« rief er wieder, »einmal ist es hier schon zu so einem Auftritt zwischen uns gekommen. Ich beschwöre dich, beherrsche dich jetzt!«

Ich kann es nicht wiedergeben, mit was für einem starken Gefühl er das sagte. Eine außergewöhnliche, aufrichtige, tiefe Trauer sprach aus seinem Gesicht. Das Erstaunlichste aber war, daß er so aussah wie ein Mensch, der sich seiner Schuld bewußt ist: ich war der Richter, er -- der Verbrecher. Das alles gab mir den Rest.

»Ja!« schrie ich zur Antwort, »genau so einen Auftritt hat es schon einmal gegeben, als ich Werssiloff begrub und ihn aus meinem Herzen riß ... Doch dann kam seine Auferstehung von den Toten, jetzt aber ... jetzt folgt kein Morgen mehr! ... Aber Sie alle hier, Sie alle werden noch sehen, wozu ich fähig bin: Sie lassen sich das ja nicht einmal träumen, was ich beweisen kann!«

Und nachdem ich das gesagt hatte, stürzte ich in mein Zimmer. Werssiloff kam mir eilig nach ...

V.

Ich bekam einen Rückfall; das Fieber stieg beängstigend schnell, und in der Nacht fing ich wieder zu phantasieren an. Aber es war doch nicht alles nur Fieberdelirium: es waren auch Träume, unzählige, einer nach dem anderen, in sinnloser Folge, Träume, von denen ich nur einen Traum oder nur den Teil eines Traumes für mein ganzes Leben behalten habe. Ich will ihn ohne alle Erklärungen wiedergeben; dieser Traum war prophetisch, und ich kann ihn nicht übergehen.

Ich befand mich plötzlich, mit irgendeiner großen und stolzen Absicht im Herzen, in einem hohen, großen Zimmer, es war aber nicht bei Tatjana Pawlowna; ich erinnere mich dieses Zimmers noch sehr genau; das erwähne ich hier schon vorgreifend. Und obgleich ich allein bin, fühle ich doch die ganze Zeit mit Unruhe und Pein, daß ich nicht allein bin, und daß man irgendwo auf mich wartet und irgend etwas von mir erwartet. Irgendwo hinter einer Tür sitzen Menschen und warten auf das, was ich tun werde. Ein unerträgliches Gefühl! »Wenn ich doch allein wäre!« denke ich. Und auf einmal kommt sie herein. Sie sieht mich schüchtern an, sie fürchtet sich entsetzlich, sie sucht meinen Blick. Und ich halte das Dokument in der Hand. Sie lächelt, um mich zu bestricken, sie will sich bei mir einschmeicheln; sie tut mir leid, aber schon fange ich an, Ekel zu empfinden. Auf einmal bedeckt sie ihr Gesicht mit den Händen. Da werfe ich ihr mit unsäglicher Verachtung das Dokument hin: »Bitten Sie mich nicht, da haben Sie es, ich brauche nichts von Ihnen! Ich räche mich für alle mir angetane Schmach durch Verachtung!« Und ich gehe aus dem Zimmer, ganz erfüllt von maßlosem Stolz. Aber in der Tür, im Dunkeln, ergreift mich Lambert! »Dummkopf! Dummkopf!« flüstert er mir aufgebracht zu und hält mich an der Hand zurück, »sie muß in einem billigen Stadtteil ein Pensionat für adlige junge Mädchen eröffnen« (d. h. wenn ihr Vater von mir dieses Dokument erhielte -- den unvorsichtigen Brief seiner Tochter an Andronikoff -- sie enterbte und aus dem Hause jagte. Ich habe diese Worte Lamberts buchstäblich so niedergeschrieben, wie er sie in meinem Traum zu mir sagte).

»Arkadi Makarowitsch sucht >Schönheit<,« höre ich Anna Andrejewnas Stimme irgendwo in der Nähe sagen, dort auf der Treppe; aber kein Lob, sondern ein unerträglicher Spott klingt aus ihren Worten. Ich kehre mit Lambert ins Zimmer zurück. Doch wie sie Lambert erblickt, beginnt sie zu lachen. Mein erster Eindruck ist ein furchtbarer Schreck, ein Schreck, daß ich stehen bleibe und mich ihr nicht zu nähern wage. Ich sehe sie an und kann es nicht glauben; es ist, als hätte sie plötzlich eine Maske von ihrem Gesicht fallen lassen: es sind dieselben Züge, aber es ist, als wäre jeder Zug ihres Gesichtes durch unsägliche Schamlosigkeit entstellt. »Den Preis, Gnädigste, den Preis!« ruft Lambert und beide lachen sie noch mehr, mein Herz aber will stille stehen: »Oh, ist denn dieses schamlose Weib -- dieselbe, deren Blick allein schon alle Tugenden in meinem Herzen weckte?«

»Sieh, wozu diese Stolzen der hohen Kreise fähig sind -- für Geld!« ruft Lambert. Aber die Schamlose läßt sich auch durch diese Worte nicht verwirren; sie lacht gerade darüber, daß ich so erschrocken bin. Oh, sie ist bereit, den Preis für das Dokument zu zahlen, das sehe ich, und ... und was ist mit mir? Schon fühle ich weder Mitleid noch Ekel; ich zittere, wie ich noch niemals gezittert habe ... Ein neues Gefühl bemächtigt sich meiner, ein unnennbares, das ich noch nie gekannt, und das so stark ist wie die ganze Welt ... Oh, jetzt bin ich schon nicht mehr imstande, fortzugehen, oh, um keinen Preis! Und wie es mir gefällt, daß das so schamlos ist! Ich ergreife ihre Hände, die Berührung ihrer Hände erschüttert mich qualvoll, und ich nähere meine Lippen den ihren, diesen schamlosen, roten, vor Lachen zitternden und mich rufenden Lippen.

Oh, hinweg mit dieser niedrigen Erinnerung! Dieser verwünschte Traum! Ich schwöre, daß vor diesem schamlosen Traum in meinem Geiste noch nichts gelebt hatte, was einem so schändlichen Gedanken auch nur ähnlich gewesen wäre. Nicht einmal eine unfreiwillige Träumerei von der Art war bis dahin in mir gewesen (wenn ich auch das »Dokument« in meiner Tasche eingenäht trug und manchmal mit einem eigenen Lächeln nach dieser Tasche gefühlt hatte). Wie aber war es denn möglich gewesen, daß alles das plötzlich in dieser fertigen Form in mir hatte auftauchen können? Das kam daher, weil die Seele einer Spinne in mir war! Dieser Traum beweist, daß alles dies in meinem wollüstigen Herzen schon längst gekeimt hatte und in ihm lag, in meinem Wunsch lag, aber im wachen Zustande hatte mein Herz sich dessen noch geschämt, und mein Geist hatte noch nicht gewagt, sich etwas Ähnliches bewußt vorzustellen. Doch im Schlaf und Traum verriet und zeigte meine Seele, was in meinem Herzen war, zeigte es in deutlichen Bildern, der Wahrheit getreu und -- in prophetischer Form. War es denn wirklich das gewesen, was ich ihnen hatte beweisen wollen, als ich am Morgen aus Makar Iwanowitschs Zimmer gestürzt war? Doch jetzt genug davon, vorläufig werde ich darauf nicht mehr zu sprechen kommen! Dieser Traum, den ich damals hatte, ist eines der sonderbarsten Erlebnisse meines Lebens.

Drittes Kapitel.

I.

Nach drei Tagen stand ich am Morgen vom Bett auf, und als ich mich auf meine Füße stellte, fühlte ich, daß ich mich nun nicht wieder hinlegen würde. Mein ganzer Mensch empfand bereits die Nähe der völligen Genesung. Vielleicht ist es nicht der Mühe wert, alle diese kleinen Einzelheiten aufzuzeichnen, aber mit jenem Morgen begannen damals ein paar Tage, die, obschon in ihnen nichts Besonderes geschah, doch unauslöschlich in meinem Gedächtnis geblieben sind, wie etwas Tröstliches und Ruhiges, und das ist etwas, was in meinen Erinnerungen nur selten vorkommt. Meinen damaligen Seelenzustand will ich vorläufig noch nicht ausführlicher schildern; wenn ich dem Leser erzählte, welcher Art dieser Zustand war, würde er mir gewiß nicht glauben. So mag denn alles später aus den Tatsachen sich selbst erklären. Fürs erste sage ich nur dieses Eine: möge der Leser nicht vergessen, daß ich von der »Seele einer Spinne« gesprochen habe. Und diese Seele -- war in einem Menschen, der im Namen der »Schönheit« allen seinen Anverwandten und der ganzen Welt den Rücken kehren wollte! Das Verlangen nach Schönheit war in mir sogar in hohem Maße vorhanden, und es war ein echtes und wirkliches Verlangen, wie aber und auf welche Weise es sich mit anderen, Gott weiß was für Wünschen in mir vertrug -- das ist für mich selbst ein Geheimnis. Und das ist mir auch immer ein Geheimnis gewesen: ich habe mich wohl schon tausendmal über diese Fähigkeit des Menschen (und wie mir scheint, besonders des Russen) gewundert, das höchste Ideal neben der niedrigsten Gemeinheit in seiner Seele hegen zu können, und beides mit vollkommener Aufrichtigkeit. Die Frage ist jetzt nur, ob das eine besondere Weitherzigkeit der Natur des russischen Menschen ist, die ihn noch weit führen wird, oder aber -- einfach menschliche Gemeinheit?

Doch lassen wir das. Wie dem auch sein möge, jedenfalls trat damals so etwas wie eine Windstille ein. Ich sagte mir eben, daß ich unbedingt sobald wie möglich gesund werden mußte, um sobald wie möglich handeln zu können, und deshalb nahm ich mir vor, hygienisch zu leben und die Vorschriften des Doktors (gleichviel was für ein Mensch dieser Doktor war) gewissenhaft zu beobachten; meine stürmischen Pläne aber verschob ich mit außerordentlicher Vernünftigkeit (eine Frucht der »Weitherzigkeit«) auf den Tag, da ich zum erstenmal ausgehen würde, d. h. bis zu meiner völligen Genesung. Auf welche Weise alle meine friedlichen Eindrücke und das Genießen besagter Windstille sich mit und neben den qualvoll süßen und erregten Schlägen meines Herzens vertragen konnten, noch dazu bei dem starken Vorgefühl nah bevorstehender stürmischer Entscheidungen -- das weiß ich nicht; ich kann alles das wieder nur der »Weitherzigkeit« zuschreiben. Aber die Unruhe, die ich noch unlängst verspürt hatte, war nicht mehr in mir; ich hatte alles auf jenen erwähnten Tag verschoben und zitterte nicht mehr vor dem Kommenden, wie noch kurz zuvor, sondern fühlte mich wie ein reicher Mann, der seiner Mittel und seiner Kraft sicher ist. Mein Hochmut und das Gefühl der Herausforderung dem Schicksal gegenüber, das mich erwartete, wurden immer größer. Zum Teil kam das wohl von der fortschreitenden Gesundung und dem schnellen Zustrom neuer Lebenskräfte. Und gerade an diese Tage der endgültigen und vollständigen Genesung denke ich jetzt mit wirklichem Vergnügen zurück.

Oh, man hatte mir schon alles verziehen, d. h. meinen ganzen Ausfall, und das taten dieselben Menschen, denen ich ins Gesicht gesagt hatte, sie wären gemein! Das liebe ich an Menschen, das nenne ich den Verstand des Herzens; wenigstens zog mich das sofort zu ihnen hin, aber natürlich nur bis zu einem gewissen Grade. Mit Werssiloff zum Beispiel fuhr ich fort, mich wie früher zu unterhalten, wir sprachen wie zwei gute Bekannte, aber wiederum nur bis zu einer gewissen Grenze: sobald wir merkten, daß man etwas mehr aus sich herauszugehen begann (und das wollte bisweilen geschehen), nahmen wir uns sogleich wieder zusammen, und es war dann, als schämten wir uns aus irgendeinem Grunde beide ein wenig. Es gibt Fälle, wo der Sieger nicht umhin kann, sich vor dem Besiegten zu schämen, gerade deshalb, weil er ihn besiegt hat. Der Sieger war offenbar -- ich; und so schämte ich mich denn auch.

An jenem Morgen, als ich nach meinem Rückfall zum erstenmal aufgestanden war, kam er zu mir ins Zimmer, und da erst teilte er mir ihre Verabredung mit, die sie alle wegen Mama und Makar Iwanowitsch getroffen hatten: zum Schluß sagte er mir noch, daß Makar Iwanowitsch sich allerdings besser fühle, der Doktor aber für nichts einstehe. Natürlich versprach ich ihm sogleich und von ganzem Herzen, künftighin vorsichtiger zu sein. Die Art und Weise, wie Werssiloff mir alles dies mitteilte und darüber sprach, zeigte mir zu meiner Überraschung, daß er selbst um den alten Mann aufrichtig besorgt war, sogar viel mehr, als ich von einem Menschen wie er jemals erwartet hätte; ich sah, daß dieser alte Mann auch ihm selbst aus irgendeinem Grunde besonders teuer war, und daß er sich nicht nur Mamas wegen um ihn sorgte. Das beschäftigte mich von nun an auf das lebhafteste, und ich will gleich gestehen, daß ich an diesem alten Mann vieles nicht bemerkt oder nicht weiter beachtet oder gar nicht zu schätzen verstanden hätte, wenn Werssiloff nicht gewesen wäre. So aber hat dieser Alte eine der nachhaltigsten und eigenartigsten Erinnerungen in meinem Herzen hinterlassen.

Werssiloff schien anfangs wegen meines Verkehrs mit Makar Iwanowitsch gewisse Befürchtungen zu hegen, das heißt, er war nicht ganz sicher, ob er sich auf meine Klugheit und mein Taktgefühl wirklich verlassen könne; deshalb war er später mehr als zufrieden, als er sah, daß auch ich manchmal begreife, wie man sich zu einem Menschen von ganz anderen Anschauungen zu verhalten hat, und daß ich, falls nötig, auch nachgiebig und duldsam sein kann. Ich gestehe auch ohne zu zögern (und ich glaube, mir dadurch nichts zu vergeben), daß ich in diesem Mann aus dem Volk in bezug auf gewisse Gefühle und Ansichten manches für mich ganz Neue gefunden habe, etwas, was viel klarer und tröstender war als meine frühere Auffassung dieser Dinge. Nichtsdestoweniger war es ganz unmöglich, manchmal nicht aus der Haut zu fahren, wenn man auf seine Vorurteile stieß, an die er mit der allerempörendsten Ruhe und Unerschütterlichkeit glaubte. Doch daran war natürlich nur seine Unbildung schuld; seine Seele aber war so beschaffen, daß sie alles verstehen konnte, und sogar in einer Weise, daß ich noch bei keinem Menschen ein größeres Verstehen angetroffen habe.

II.

Vor allem war es seine ungeheure Offenherzigkeit und das vollkommene Fehlen jeglicher Eigenliebe, was einen, wie ich schon früher bemerkt habe, am meisten zu ihm hinzog; man ahnte sogleich ein Herz, das wohl kaum jemals sündigte. Er hatte diese »Heiterkeit« des Herzens und deshalb jene »innere Schönheit«. Das Wort »Heiterkeit« liebte er sehr und gebrauchte es auch oft. Freilich kam manchmal eine gewisse krankhafte Verzücktheit über ihn, eine Ergriffenheit bis zur Krankhaftigkeit, -- zum Teil, wie ich annehme, infolge des Fiebers, das ihn, streng genommen, die ganze Zeit nicht völlig verließ; aber die innere Schönheit wurde dadurch nicht gestört. Es gab in ihm auch Widersprüche: neben einer erstaunlichen Einfalt, die Ironie gewöhnlich überhaupt nicht wahrnahm (oft zu meinem Ärger), war in ihm gleichzeitig eine gewisse feine Schlauheit, die am häufigsten bei polemischen Scharmützeln hervortrat. Polemik liebte er sehr, wenn auch nur Polemik auf seine Art. Man merkte, daß er viel in Rußland gewandert war, viel gehört hatte, aber, ich wiederhole, am meisten liebte er das Ergreifende und alles, was rührend war, und gern erzählte er Geschichten, die ans Herz griffen. Überhaupt liebte er es sehr, zu erzählen. Ich habe ihn viel erzählen hören, sowohl von seinen eigenen Wanderungen wie auch Legenden aus dem Leben der frühesten »Glaubenskämpfer«. Die Legenden waren mir nicht bekannt, aber ich glaube, er wird beim Erzählen vieles hinzu- oder umgedichtet haben, zumal er sie größtenteils aus der mündlichen Überlieferung des einfachen Volkes kannte. Manches klang auch so unglaubhaft, daß es einfach nicht anzuhören war. Aber trotz allen augenscheinlich freien Erfindungen oder unzweifelhaften Lügengeschichten kam immer wieder etwas erstaunlich Ganzes, Abgeschlossenes zum Vorschein: ein Ausdruck des Volkes und seines Gefühls, und das hatte fast immer etwas Rührendes ... So ist mir von seinen Erzählungen unter anderen auch noch eine lange Geschichte im Gedächtnis geblieben: »Die Legende von der ägyptischen Maria.« Von allen diesen Legenden hatte ich bis dahin gar keine Vorstellung gehabt. Ich kann ohne weiteres sagen: es war kaum möglich, sie ohne Tränen anzuhören, und zwar nicht so sehr vor Rührung, als aus einer ganz eigenartigen Begeisterung: man empfand etwas Ungewöhnliches und Glühendes, etwas von der Gewalt und Großartigkeit jener glühenden Wüste, durch die die Löwen streifen, und in der die Heilige umherirrt. Übrigens will ich diese Geschichte nicht wiedergeben: ich könnte es auch gar nicht.

Was mir sonst noch an Makar Iwanowitsch gefiel, waren seine eigenartigen Ansichten über gewisse noch sehr strittige Fragen aus dem Leben der Gegenwart. Einmal, zum Beispiel, erzählte er die Geschichte von einem Soldaten, die sich vor nicht langer Zeit zugetragen, und die er selbst miterlebt hatte. Es war da ein Soldat nach der Dienstzeit in die Heimat zurückgekehrt, aber es gefiel ihm nicht mehr, mit den Bauern zu leben, und er gefiel den Bauern nicht. Der junge Mensch kam auf Abwege, begann zu trinken und schließlich führte er irgendwo einen Raub aus. Man hatte zwar keine sicheren Beweise gegen ihn, aber er wurde doch verhaftet und vors Gericht gebracht. Im Laufe der Verhandlungen war es dann dem Advokaten fast schon gelungen, die Geschworenen von der Unschuld des Angeklagten zu überzeugen, es gab eben keine Beweise gegen ihn, und da ließ sich nichts machen -- als der Angeklagte, der ihm die ganze Zeit stumm zugehört hatte, plötzlich aufstand und seinen Verteidiger mit den Worten unterbrach: »Nein, du, halt ein mit dem Reden.« Darauf erzählte er selbst den ganzen Vorgang und »vergaß auch das letzte Staubkörnchen nicht«: unter Tränen der Reue legte er ein volles Geständnis ab. Die Geschworenen zogen sich zur Beratung zurück, kamen dann wieder in den Gerichtssaal, und ihr Urteil wurde verkündet: »Nein, er ist unschuldig.« Alle klatschten in die Hände, freuten sich und schrien, der Soldat aber blieb stehen, wie er stand, rührte sich nicht vom Fleck, als wäre er zur Säule geworden, und begriff noch immer nichts; auch davon, was der Vorsitzende ihm zur Ermahnung sagte, bevor er ihn in die Freiheit entließ, verstand er nichts. So kehrte denn der Soldat in die Freiheit zurück, aber er konnte es selbst nicht fassen. Er fing an, sich zu grämen und nachzudenken, aß nicht, trank nicht, sprach mit keinem Menschen, und am fünften Tage ging er hin und erhängte sich. »Sieh, so ist es, mit einer Sünde in der Seele zu leben!« schloß Makar Iwanowitsch. Diese Geschichte war ja an sich nichts Besonderes, solcher Geschichten findet man heutzutage eine Unmenge in allen Zeitungen; aber was mir dabei ausnehmend gefiel, war sein Ton, und vor allen Dingen manche Aussprüche, in denen entschieden ein neuer Gedanke lag. Als er zum Beispiel von diesem Soldaten erzählte, daß er nach seiner Rückkehr den Bauern nicht gefallen habe, äußerte er dazu: »Man weiß doch, was ein Soldat ist: ein Soldat ist ein verdorbener Bauer.« Und als er auf den Verteidiger zu sprechen kam, der den Prozeß beinahe schon gewonnen hatte, sagte er: »Man weiß doch, was so'n Advokat ist: ein Advokat ist ein gemietetes Gewissen.« Diese beiden Ausdrücke brachte er völlig ohne Mühe oder tiefsinniges Nachdenken hervor, sie kamen für ihn selbst ganz unversehens. Dabei lag diesen beiden Ausdrücken eine vollkommen eigene Auffassung zugrunde, -- wenn auch nicht die des ganzen Volkes, so doch Makar Iwanowitschs eigene, von keinem anderen entlehnte Anschauung! Ja, derartige Volksurteile über manche Erscheinungen sind mitunter wirklich wunderbar in ihrer Ursprünglichkeit und Wahrheit.

»Aber wie denken Sie, Makar Iwanowitsch, über die Sünde des Selbstmordes?« fragte ich ihn bei der Gelegenheit.

»Der Selbstmord ist fürwahr die größte menschliche Sünde,« erwiderte er und seufzte; »aber Richter darüber ist nur Gott allein, dieweil nur ihm alles bekannt ist, jegliches Ziel und Maß. Wir aber müssen gewißlich beten für einen solchen Sünder. Wenn du von solcher Sünde hörst, bete vor dem Schlafengehen inbrünstig für solchen Sünder; und so du um ihn auch nur einmal zu Gott aufseufzest, auch wenn du den Sünder gar nicht gekannt hast, um so eher wird dein Gebet für ihn erhört werden.«

»Aber was kann mein Gebet ihm noch helfen, wenn er schon verdammt ist?«

»Was kannst du wissen! Viele, ach viele sind ungläubig und verleiten die Unwissenden; du aber höre nicht auf sie, denn sie wissen selber nicht, wohin sie irren. Das Gebet aber für einen Verdammten von einem lebendigen Menschen wird wahrlich erhört. Oder was glaubst du, wie dem zumute ist, der niemand hat, der für ihn betet? Deshalb füge, wenn du vor dem Schlafen dein Gebet sprichst, zum Schluß noch die Worte hinzu: >Erbarme dich, Herr, auch aller derer, die niemand haben, der für sie betet.< Dies Gebet ist gewißlich Gott wohlgefällig und wird auch erhört werden. Und bete auch für alle noch lebenden Sünder: >Herr, sei du selbst ihr Richter und sei gnädig allen unbußfertigen Sündern,< -- auch dies ist ein gutes Gebet.«

Ich versprach ihm, so zu beten, denn ich fühlte, daß ich ihm mit diesem Versprechen eine große Freude bereiten würde. Und in der Tat sah ich, wie sein Gesicht vor Freude aufleuchtete. Doch ich will hier gleich hinzufügen, daß er sich in solchen Fällen niemals hochmütig mir gegenüber verhielt, nicht wie ein überlegener Greis zu irgendeinem grünen Jüngling; im Gegenteil, er hörte auch mir, gleichviel worüber ich sprach, sogar sehr gern zu, und immer mit großem Interesse; wohl in der Annahme, daß es nicht nutzlos wäre, obschon ich noch ein »Jungling« war, wie er sich in seiner eigenartigen Redeweise auszudrücken pflegte (er wußte sehr gut, daß man »Jüngling« sagen mußte und nicht »Jungling«); aber er sah doch, daß dieser »Jungling« ihm an Bildung weit überlegen war. Unter anderem liebte er es sehr, von dem Einsiedlerleben zu sprechen, und er stellte den Einsiedler viel höher als den »Pilgrim«. Ich widersprach ihm lebhaft und wies immer wieder auf die Ichsucht dieser Menschen hin, die der Welt einfach den Rücken kehren und an den Nutzen nicht denken, den sie der Menschheit bringen könnten, einzig um der ichsüchtigen Idee der eigenen Rettung willen. Zunächst verstand er mich gar nicht, und ich vermute sogar, daß er mich auch später nicht verstand; jedenfalls verteidigte er das Einsiedlerleben sehr. »Zu Anfang tut man sich gewißlich selber leid« (d. h. wenn man Einsiedler wird), »dann aber wird die Freude mit jedem Tage größer, bis du zu guter Letzt Gott schaust.« -- Daraufhin malte ich ihm denn ein ganzes Bild aus von der nützlichen Tätigkeit eines Gelehrten, eines Arztes oder überhaupt eines Menschenfreundes in der Welt, und versetzte ihn in wahres Entzücken, denn ich sprach mit Begeisterung; und er stimmte mir auch in einem fort bei: »So, Lieber, so, Gott segne dich, wahr ist, was du denkst.« Doch als ich geendet hatte, war er nichtsdestoweniger gar nicht überzeugt: »Das ist so, wie es ist,« meinte er mit einem tiefen Seufzer, »aber wie viele gibt es denn solcher, die standhalten und sich nicht ablenken lassen? Geld ist -- wenn auch kein Gott, so doch eines Halbgottes gewaltige Versuchung; und dann ist da noch alleweil das weibliche Geschlecht, dazu die Zweifel und Anfechtungen jedweder Art, und dazu kommt noch allgemach der Neid. Somit vergessen die Menschen das Große und geben sich mit dem Kleinen ab. In der Einsamkeit ist das ganz anders: der Mensch festigt sich in sich selbst und wird stark zu jeglicher großen Tat. Freund! Und was ist denn in der Welt?« fragte er plötzlich mit tiefem Gefühl. »Ist das nicht alleweil nur ein Traum? Nimm mal trocknen Sand und säe ihn auf einen Stein; wenn der gelbe Sand auf dem Stein dir aufgeht, alsdann wird dein Traum in der Welt in Erfüllung gehen, -- sieh, so sagt man bei uns. Christus sagt: >Gehe hin und verteile deine Habe und werde zum Diener aller.< Und so du selbiges tust, wirst du um unzähligemal reicher sein, als du warst; denn nicht durch Brot, nicht durch kostbare Kleider, nicht durch Stolz und Neid wirst du glücklich, sondern durch unermeßlich gesteigerte Liebe. Nicht geringwertigen Reichtum erwirbst du so, nicht etliche Hunderttausend, nicht eine Million, sondern erwirbst dir die ganze Welt! Heutzutage sammeln wir unersättlich und verschwenden mit Unvernunft, dann aber wird es weder Waisen noch Bettler geben; denn alle werden mein sein, meine Verwandten, alle werde ich verdient und erworben haben! Heutzutage ist es nicht selten, daß auch dem Reichsten und Vornehmsten die Zahl seiner Tage gleichgültig ist und er selber nicht weiß, was für ein Vergnügen er sich noch ausdenken soll; dann aber werden deine Tage und Stunden sich vertausendfältigen, dieweil du nicht eine Minute wirst verlieren wollen, da du jedwede in der Fröhlichkeit deines Herzens empfinden wirst. Dann wirst du auch nicht nur aus Büchern Weisheit erwerben, sondern wirst Gott von Angesicht zu Angesicht schauen und die Erde wird heller denn die Sonne erstrahlen, und es wird keine Trauer und kein Seufzen sein, sondern ein einziges unschätzbares Paradies ...«

Diese begeisterten Ausbrüche liebte gerade Werssiloff, wie mir schien, ganz besonders. An jenem Abend war er auch zugegen.

»Makar Iwanowitsch!« unterbrach ich ihn auf einmal, und ich war selbst über alle Maßen begeistert (ich erinnere mich jenes Abends noch gut), »aber das ist doch Kommunismus, was Sie da predigen, ausgesprochener Kommunismus!«

Und da er von der kommunistischen Lehre noch nichts ahnte, ja selbst das Wort Kommunismus von mir jetzt zum erstenmal hörte, so begann ich unverzüglich, ihm das Wesentliche dieser Lehre, soweit ich selbst Bescheid darüber wußte, zu erklären. Nun war aber mein diesbezügliches Wissen, ehrlich gesagt, ziemlich mangelhaft und eigentlich recht unklar; ja, ich muß gestehen, daß ich in diesen Dingen auch jetzt noch nicht viel besser unterrichtet bin; doch was ich wußte, das erklärte ich ihm mit dem größten Eifer, ohne mich durch irgend etwas einschüchtern zu lassen. Noch heute denke ich mit Vergnügen an den mächtigen Eindruck, den ich damit auf den Alten machte. Das war fast schon kein Eindruck mehr, sondern geradezu eine Erschütterung! Dabei interessierte er sich ungeheuer für die historischen Einzelheiten: »Wo ist das? Wie? Wer hat's eingeführt? Wer hat's gesagt?« -- Übrigens habe ich bemerkt, daß das einfache Volk überhaupt diese Eigenschaft hat: wenn irgend etwas sein Interesse erweckt, so gibt es sich mit der allgemeinen Idee niemals zufrieden, sondern verlangt unbedingt die sichersten und genauesten Angaben aller Einzelheiten. Ich aber war gerade in den Einzelheiten nicht ganz sicher, und da Werssiloff zugegen war, so schämte ich mich ein wenig und geriet deshalb noch mehr in Eifer. Es endete damit, daß Makar Iwanowitsch, der ganz gerührt war, fast zu jedem meiner Worte: »Ja, ja!« sagte, dabei aber, wie es schien, nicht mehr viel begriff und wohl auch den Faden verloren hatte. Ich wollte mich darüber fast schon ärgern, doch da erhob sich Werssiloff und erklärte, es wäre Zeit, schlafen zu gehen. Wir hatten uns damals wieder alle bei Makar Iwanowitsch versammelt, und es war in der Tat schon spät geworden. Als Werssiloff wenige Minuten später noch für einen Augenblick in mein Zimmer trat, fragte ich ihn sogleich, wie er über Makar Iwanowitsch denke, und wofür er ihn halte. Werssiloff lächelte heiter. (Aber durchaus nicht wegen meiner fehlerhaften Angaben über den Kommunismus, -- im Gegenteil, von ihnen sprach er überhaupt nicht.) Ich sage nochmals: er hatte Makar Iwanowitsch ganz entschieden liebgewonnen. Mir war schon des öfteren ein ungemein anziehendes Lächeln in seinem Gesicht aufgefallen, wenn er dem Alten zuhörte -- doch übrigens stand dieses Lächeln einer Kritik durchaus nicht im Wege.

»Makar Iwanowitsch ist vor allen Dingen kein Bauer, sondern ein Hofknecht,« antwortete er mir sehr bereitwillig auf meine Frage, »ein ehemaliger Hofknecht und Diener, der als Diener und Sohn eines Dieners geboren ist. In früheren Zeiten nahmen die Hofleute und die Dienerschaft oft sehr großen Anteil an dem privaten, religiösen und geistigen Leben ihrer Gutsherrschaft. Merke dir, daß Makar Iwanowitsch sich auch heute noch aufs lebhafteste für Ereignisse aus dem herrschaftlichen Leben, dem Leben der höheren Kreise interessiert. Du weißt noch nicht, wie sehr ihn manche Vorgänge in Rußland, die sich in der letzten Zeit zugetragen haben, beschäftigen. Und weißt du auch, daß er ein großer Politiker ist? Du brauchst ihn nicht mit Honig zu bewirten, sondern erzähle ihm nur, wie und wo Krieg geführt wird, und ob Aussicht vorhanden ist, daß auch wir bald Krieg führen werden -- das wird ihm lieber sein als der süßeste Honig. Früher konnte ich ihn mit solchen Gesprächen geradezu selig machen. Die Wissenschaften verehrt er sehr, und am meisten liebt er die Astronomie. Bei alledem hat er etwas so Selbständiges in sich entwickelt, und dieses Selbständige steht so fest, daß du es in keinem einzigen Fall auch nur um Haaresbreite verrücken kannst. Er hat Überzeugungen, und die sind sogar ziemlich klar ... und auch aufrichtig. Trotz seiner vollkommenen Unbildung kann er einen plötzlich mit einer ganz genauen Kenntnis mancher Begriffe überraschen, mit einer Kenntnis, die man bei ihm niemals vermutet hätte. Er preist mit Begeisterung das Einsiedlerleben, er selbst aber würde um keinen Preis Einsiedler oder Mönch werden, eben weil er ganz und gar >Vagabund< ist, wie Alexander Ssemjonowitsch ihn so nett benannt hat. Nebenbei: über diesen Alexander Ssemjonowitsch ärgerst du dich ganz grundlos. Nun, und was wäre denn sonst noch von Makar Iwanowitsch zu sagen? Es steckt in ihm auch ein Künstler, er prägt oft eigene Worte, aber er gebraucht freilich auch Ausdrücke, die nicht seine eigenen sind. Bei logischen Auseinandersetzungen versagt er wohl ein wenig; bisweilen spricht er sehr abstrakt. Er hat Anwandlungen von Sentimentalität, aber von einer durchaus volklichen Sentimentalität, oder richtiger, von jener volklichen Rührung, die unser Volk so verschwenderisch in sein religiöses Gefühl hineinlegt. Von seiner Treuherzigkeit und Güte schweige ich: davon zu sprechen, steht uns beiden nicht an ...«

III.

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