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Erinnerungen aus dem französischen Militärleben.

Eduard Halter · 1878 · Free in the US

17,716 words · about 1 h 14 min to read

Period artwork: Interior of the Bodleian Library, 1845
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About this book

Author
Eduard Halter
Language
German
Published
1878
Length
17,716 words · about 1 h 14 min
Sections
11 reader sections
Text
Digital text
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Public domain in the United States

 

Contents (11)

Continue:

1. Der Eintritt.

Bevor ich mit der Erzählung meiner Erlebnisse beginne, möchte ich dem geehrten Leser Einiges mittheilen über die Art und Weise, nach welcher die Anwerbung zum Militärdienste noch bis zur jüngsten Zeit in Frankreich gehandhabt wurde.

Das Contingent, welches jährlich zur Fahne berufen werden sollte, wurde durch Beschluß des gesetzgebenden Körpers festgestellt. Dasselbe betrug ungefähr die Hälfte der Militärpflichtigen von einer Altersklasse. Zu diesem Behufe fand jährlich, im Frühjahr, für die dienstpflichtigen Mannschaften eine Ziehung von Nummern statt, was man im Elsaß schlechthin „das Spielen“ nannte. Hohe Nummern befreiten vom Militärdienst, und wer eine solche aus dem Korbe zog, schätzte sich glücklich; jedoch erst die Musterung, bei welcher auch die Untauglichen ausfielen, gab dem Werthe der gezogenen Nummern den Ausschlag. Jeder Jüngling sehnte sich indeß nach einer hohen Nummer. Sieben Jahre Militärdienst sind keine Kleinigkeit, besonders wenn sie Söhne der ärmeren Klasse treffen; dieses war unter der französischen Verwaltung häufig der Fall; denn mit Geld konnte man sich loskaufen, und wer keines hatte, der mußte unbedingt an die sieben Jahre glauben, sofern er nicht eine günstige Nummer gezogen hatte. Das unmittelbare Ergebniß der Ziehung war denn auch stets für die Einen ein Anlaß zur ausgelassensten Freude und für die Anderen ein Grund zur wehmüthigsten Herzzerreißung und zu den bittersten Thränen. Die siebenjährige Dienstzeit raubte dem Ackerbau eine Arbeitskraft und der Familie eine Stütze. Das Gesetz hatte wohl vorgesehen, daß wenigstens der Erstgeborene einer Wittwe und der nachgeborene Bruder eines bei der Armee stehenden Sohnes vom Militärdienst verschont blieben, aber dessen ungeachtet mußte doch die arbeitende Klasse beinahe die ganze Last desselben tragen, weil sie sich nicht ums Geld davon befreien konnte. Die jungen Leute, welche sich ums Geld anwerben ließen, waren hauptsächlich solche, die sich frei gezogen hatten, und gehörten meist zu der nicht besitzenden Klasse. Manche derselben suchten mit der Einstandssumme ihrer Familie in der edelsten Weise aufzuhelfen oder für ihren eigenen späteren Haushalt eine sichere Grundlage zu schaffen, oft jedoch bekamen die Regimenter durch sie alljährlich einen Zuschuß von Söldlingen und feilen Menschen.

Ich war Hilfslehrer in einem kleinen Städtchen des Unter-Elsasses, und 115 Knaben unter dem Alter von zehn Jahren waren meiner Fürsorge anvertraut. Aber im Sommer 1866 bekam ich Grund mit meiner Existenz unzufrieden zu sein; denn nebst dem kaum ausreichenden Gehalte, welcher damals den Hilfslehrern zugemessen war, fing meine Brust an, die untergrabende Wirkung des Schulstaubes zu fühlen, und die Sehnsucht nach frischer Luft und freiem Leben wurde in mir wach. Ich entschloß mich, der Schule für immer Lebewohl zu sagen. Unter meinen nächsten Verwandten fand mein Entschluß günstige Aufnahme. Das freie Leben des Soldaten hatte mich schon früher bezaubert, und nun war ich gerade im Alter, um mich demselben widmen zu können. Am 14. Oktober 1866 kam ich demzufolge nach Straßburg, um als Freiwilliger in die französische Armee zu treten. Die nöthigen Papiere und Ausweise hatte ich schon früher anfertigen lassen. Bei der Musterung wurde ich tauglich befunden, und die Wahl zwischen zwei Linienregimentern, dem 11. und 45., stand mir frei. Da mir der Garnisonsort von keinem der beiden Regimenter bekannt war, entschied ich mich für das 11. Linienregiment. Es lag, wie ich gleich nachher erfuhr, in Besançon. Mein Reisebefehl wurde für letzteren Ort ausgestellt, und ich hatte mich am 15. Oktober, Abends vor 8 Uhr, beim Major des Regiments zu melden. So bin ich denn am 15. Morgens mit der Eisenbahn nach meinem Bestimmungsort abgefahren. Bis nach Mülhausen, im Ober-Elsaß, blieb ich einziger Insasse eines Wagens, und hatte also Weile genug, um sowohl über das Leben, von dem ich schied, wie über das, welches ich anzutreten im Begriffe stand, ernste Betrachtungen anzustellen. Wegen meines Lebens als Hilfslehrer hatte ich mir keine Vorwürfe zu machen, und das innere Militärleben war mir ziemlich unbekannt; mein Entschluß hatte aber Bedeutung genug, daß ich ihn nicht auf die leichte Schulter nehmen durfte. So sehr ich auch für die Freiheit schwärmte, welche mir das Militärleben verhieß, drückte mich dennoch die Besorgniß, daß ich wenigstens für die erste Zeit mich Menschen unterwerfen mußte, vor denen ich im Civilleben wenig Achtung haben konnte. Dieser Gedanke war mir peinlich und beschäftigte mich sehr; aber was kann ein Jüngling von 20 Jahren nicht alles von seinem Muthe und Eifer erwarten? Während ich mich diesen und ähnlichen Gedanken überließ, war der Zug mit mir eine weite Strecke in der Ebene dahingerollt. Auf einmal hörte ich „Ebersheim! Ebersheim!“ rufen. An der Station Ebersheim war ich vor sechs Jahren im Oktober abgestiegen… Das Kloster, in welchem ich drei Jahre zugebracht und welches nicht weit von da liegt, trat wieder in seiner für mich schmerzlichen Gestalt vor mein Gedächtniß, aber schnell war der Zug vorüber, der mich unaufhaltsam davon trug, so sehr ich auch gewünscht hätte, die mir durch meine frühen Leiden liebgewordene Gegend länger zu betrachten und wenigstens, vielleicht zum letzten Male, an Ort und Stelle die alten Eindrücke zu erneuern. Fort nach Frankreich, fort nach Frankreich! rief eine Stimme in meinem Innern. Fort aus Wagniß zum neuen Glücke! Für mich wie für jeden Elsässer lag Frankreich jenseits der Berge. Die Sprache hat beide Völker diesseits und jenseits der Vogesen von jeher getrennt, und die Grenze war dadurch vorgezeichnet. In Belfort kam ich zum ersten Male in Berührung mit den sogenannten Welschen. Wenn ich auch nur vorbeigefahren bin, so habe ich doch dort zum ersten Male Stockfranzosen sprechen hören und ihr Benehmen von dem der mitreisenden Elsässer genau unterschieden. Ich muß hier einige charakteristische Bemerkungen einfügen, welche sich mir damals aufdrängten.

Der weniger gebildete Elsässer spricht im Verhältniß zum Franzosen ungemein langsam und bedient sich gern der Hände, um durch deren Mitwirkung seinen Gedanken einen möglichst scharfen Ausdruck zu geben. Der Daumen, der Zeigefinger, ja sogar oft die Faust, müssen seinen Ausdrücken entweder mit achtunggebietenden oder bittenden Zeichen nachhelfen. Der Franzose hingegen spricht ungemein rasch und sein Kopf ist so unruhig wie seine Zunge; auch sucht er durch lebhafte Veränderungen der Gesichtszüge auf die mit ihm sprechende Person zu wirken, und darin spielen die Augen die größte Rolle; die Hände kann er dabei ganz ruhig in der Tasche behalten.

Der Elsässer nimmt sich sehr viele Zeit, um das zurechtzulegen, was er sagen will; der Franzose denkt sehr wenig und spricht sehr viel, besitzt aber im gesellschaftlichen Umgang einen sehr schätzenswerthen Unterhaltungsgeist. Darin ist der Franzose nicht nur dem Elsässer, sondern den Anngehörigen aller übrigen Nationen Europa′s überlegen. Dagegen urtheilt der Franzose oft falsch, weil er eben ohne Ueberlegung spricht. Ob richtig oder unrichtig, ist ihm oft gleichgültig, er will ja nur unterhalten, und wenn man ihn über eine Unrichtigkeit zur Rede stellt, weiß er sich schon mit einem guten Witze aus der Klemme zu helfen.

Die Eisenbahn brachte mich dann unter dem unaufhörlichen näselnden Geplauder meiner stockwelschen Reisegefährten nach der Hauptstadt der freien Grafschaft – nach Besançon. Es war 4 Uhr Nachmittags, als ich daselbst abstieg, und unverzüglich auf das nächste Thor, welches vom Bahnhof aus sichtbar ist, zuging. Das Erste, was einem hier ins Auge fällt, sind die bedeutenden Außenforts, welche rings auf kegelförmigen Bergen die Stadt und die Gegend beherrschen. Besançon ist einer der wichtigsten Waffenplätze Frankreich’s und zugleich ein nicht unbedeutender Handelsort in Kleinwaaren. Sofort beim Eintritt in die engen, geräuschvollen Straßen, habe ich bemerkt, daß der Arbeiter und Handwerker daselbst zu Hause ist. Da gehen keine müßigen Herren in den Straßen spazieren, da bewegt sich eine Bevölkerung, welche wenig Ansprüche ans Leben macht, dabei aber fröhlich und guten Muthes ist. Rechts und links deuten Schilde auf die caboulots (Weinkneipen), wo Wein, Branntwein, Absynth und tausend andere Liqueurs nach dem Glase verkauft werden. Handwerksleute und caboulots, – caboulots und Handwerksleute, das ist Besançon. Es ist eine alte, uralte Stadt, deren jetzige unansehnliche Gebäude wohl größtentheils auf mehreren Ablagerungen älterer Häuser ruhen. Die Straßenregulirung hat auch hier ihren erneuernden Einfluß ausgeübt; die Straßen aus der Römerzeit liegen längst sammt vielen Alterthümern unter neuen Stadtvierteln begraben.

Mein Erstes war, mein Regiment aufzusuchen. Ich fand es theils zu St. Peter und theils zu St. Paul, Kasernen, benannt von ehemaligen Klöstern, deren Bauplätze sie jetzt einnehmen. Ich ging nach St. Peter, um mich nach der Adresse des Majors zu erkundigen. Es war aber nicht leicht in das Quartier einzudringen. Der sergent de planton (Beobachtungsschildwache), der unter dem Thore stand, verweigerte mir ganz entschieden den Eintritt. Ich wies meine Papiere vor; es half nichts. Ich hatte mich schon entfernt, als der Unteroffizier mich wieder zurückrief. „Vous pouvez entrer“, sagte er, „mais vous payerez un litre, hein?“ (Sie können eintreten, aber Sie bezahlen einen Liter Wein, Ja?). Bewilligen und Eintreten war eins. Ich wurde von einem Soldaten zu einem Sergeant-Major gewiesen, welcher mir die gewünschte Adresse schriftlich übergab und mich zugleich bat, beim Major für seine Kompagnie zu optiren. Als ich das Quartier verließ, fand ich den sergent de planton in großer Aufregung. Er brummte heftig und schäumte vor Zorn. Ich fragte einen der umherstehenden Soldaten, was vorgefallen, und bekam zur Antwort: „Le sergent de planton a eu 8 jours de salle de police pour avoir laissé entrer un pékin au quartier.“ (Der Sergeant der Wache ist mit 8 Tagen Arrest bestraft worden, weil er einen Civilisten ins Quartier eintreten ließ,) „Un pékin?“ wiederholte ich fragend. Der Soldat zuckte mit den Schultern und lachte. Ich entfernte mich. Beim Major wurde ich sehr gut aufgenommen. Der menschenfreundliche Herr erbot sich, für meine spätere Beförderung zu sorgen und sich für meine Anstellung als Hilfslehrer beiden Truppenkindern in nächster Zeit zu verwenden. Außerdem trug er mir noch einen 8tägigen Urlaub an, den ich jedoch ablehnte, damit meine Einübung in den Waffen nicht in den Winter hinausgeschoben würde. Ich war von der Freundlichkeit des Herrn Majors entzückt und voll Begeisterung ging ich am Abend noch in die Kaserne, um das Nachtquartier in meiner Kompagnie zu nehmen.

2. Das Kasernenleben.

Ich will mich nicht über die einzelnen Umstände meiner Aufnahme in die Kompagnie verbreiten. Der Franzose bleibt auch im Kasernenleben ein liebenswürdiger Mensch. Die Kompagnie ist wie eine Familie, in welcher die jüngeren Soldaten von den vieilles moustaches (alte Schnurrbärte) wie Kinder aufgenommen werden; natürlich ist diese Zuvorkommenheit stets auf einen guten Trunk berechnet, den ich wegen der großen Freundlichkeit auch nicht abschlagen konnte. Der alte Soldat hat immer einen unermeßlichen Durst, der meist auf Kosten der jüngeren gelöscht wird. Besonders die Unteroffiziere, welche in ihrer zweiten oder dritten Stellvertretung standen, thaten sich in dieser Weise viel zu Gute.

In das Kasernenleben ward ich bald eingeweiht. Jedoch in der ersten Zeit, als ich täglich während 4 Stunden zu der Uebung in den Waffen angehalten wurde, beneidete ich die alten Soldaten um ihre behagliche Ruhe, welche nur der Wachtdienst etwa alle 8 Tage unterbrach. So hatte ich mir das Militärleben nicht vorgestellt. Der Reveil wurde im Sommer um 6 Uhr, im Winter um 7 Uhr geblasen. Dann konnte der Soldat aufstehen, aber nicht selten blieb er bis 9 und 10 Uhr in seinem vorzüglichen Bette liegen, namentlich wenn die schlechte Witterung einen Vormittagsspaziergang nicht erlaubte. Diese Ruhe hatte der Soldat nicht etwa, weil das Reglement zu gelind gewesen wäre, oder weil die Befehlshaber des Regiments dem Soldaten diese Ruhe gegönnt hätten, sondern lediglich weil die höheren Befehle von den Offizieren selbst entweder nicht befolgt oder umgangen wurden. Die Soldaten gingen dann spazieren, knüpften Liebschaften an, tranken Wein und sangen dabei Lieder von Béranger und Anderen.

Appelle wurden um 11 Uhr Vormittags und um 8 Uhr Abends täglich mit Ausnahme des Sonntags abgehalten. Bei dem Appell um 11 Uhr mußten die Offiziere in der Kaserne erscheinen; zu dem des Abends kam abwechselnd einer der Lieutenants; sonst ließen sich Offiziere selten in der Kaserne blicken, und Sergeant-Majors und Sergeanten schalteten und walteten nach Belieben. Wenn der Offizier nicht gerade zum Dienst kommandirt war, trug er sich gewöhnlich in Civil, ging ins Caffee, spielte Billard, trank Liqueurs, las Zeitungen, und wenn von Krieg die Rede war, sprach er begeistert von der großen Ueberlegenheit des französischen Heeres und seiner Waffen über alle Heere und Waffen der Welt, steckte sich eine Cigarette an und blies mit selbstgefälligem Behagen den blauen Tabaksrauch nach der Zimmerdecke. Die Offiziere, meist alte Soldaten, waren vom pioupiou oder soldat d′un sou aufgestiegen und hatten die Erfahrungsschule aller dazwischen liegenden Chargen durchgemacht. Außer der theoretischen und praktischen Waffenlehre besaßen die Meisten nur wenig andere bildende Kenntnisse, und in der Sprache blieben sie fast alle auf das Französische beschränkt. Diejenigen Offiziere, welche jährlich als Lieutenants aus der Ecole Saint-Cyr (Militärschule in Saint-Cyr) in die Regimenter beordert wurden, brachten eine vorzügliche theoretische Schulbildung mit, aber im Praktischen hatten sie wenig Erfahrung. Diese Schüler aus Saint-Cyr waren gewöhnlich in der ersten Zeit ihres Dienstes des Soldaten unversöhnlichste Plagegeister, welche täglich Musterungen über Gamaschenknöpfe und Nadelbüchse hielten, bis sie sich endlich auch das behagliche Leben der älteren Offiziere angewöhnt hatten und das Caffeehaus der Kaserne vorzogen. Es gab auch alte Offiziere, welche neben ihrem Dienst noch ein Gewerbe betrieben, ob durchweg zur Kurzweil, will ich nicht entscheiden. So arbeitete z.B. der Premierlieutenant meiner Kompagnie als Schreiner. Alte Hauptleute gingen zur Sommerzeit fischen, während andere sich mit Gartenarbeiten beschäftigten. Solche Hauptleute waren bei den Soldaten beliebt und erhielten von denselben den Zunamen père oder Papa. Sie übersahen dem Soldaten sehr viel und ermahnten lieber, als daß sie kommandirt hätten. Der Soldat that sich was zu Gute darauf, und wenn in der Kompagnie eine Flasche Wein getrunken wurde, galt der erste Trinkspruch immer dem Wohle des Kapitäns.

Als ich die Uebung in den Waffen beendet hatte und, wie man sagte „ins Bataillon aufgenommen“ war, dachte ich ernstlich daran, mich um die mir angebotene Hilfslehrerstelle zu bewerben. Auf ein von mir an den Major gerichtetes diesbezügliches Schreiben verwendete sich derselbe sofort beim colonel (Obrist) für mich, und meine Anstellung wurde genehmigt.

Die Mittheilung von meiner Ernennung erhielt ich auf dem Wachtposten zu Contre-Escarpe (Gegen-Böschung) am 25. Dezember. Da ich nun von Contre-Escarpe spreche, möchte ich dem geehrten Leser etwas Näheres von dieser Escarpe mittheilen. Ich war zum ersten Male nach diesem Posten kommandirt worden. Meine Kameraden hatten mich bereits auf die Bedeutung dieses Wachtpostens und den damit verbundenen schweren Dienst aufmerksam gemacht. Gleich am Abend, als ich einsam unter dem düstern Gewölbe, welches in die Citadelle einführt, auf- und abging, um frische Luft zu schöpfen, vernahm ich rechts und links unter den kalten triefenden Mauern Töne, gleichwie die Stimmen von Wehklagenden und Seufzenden, manchmal von schwerem Husten unterbrochen. Meine Aufmerksamkeit wurde immer größer; ich lehnte mich an die Mauer, um besser zu hören, als plötzlich ein garde-chiourme (Gefangenen-Wärter) auf mich zu kam und mir gebot, mich von der Stelle zu entfernen. Ich ließ es mir nicht zweimal sagen und ging von dannen. Um Mitternacht kam derselbe garde-chiourme auf den Wachtposten und begehrte einen Soldaten mit Gewehr als Begleitung bei seiner nächtlichen Runde. Die Reihe war an mir und so fand ich Gelegenheit, in der Stunde, in welcher die ganze Menschheit sich über die Geburt des Erlösers freute und von allen Kirchen der Stadt die Glocken das Gedächtniß daran verkündeten, die gräulichsten Bilder menschlichen Elends anzublicken. Der garde-chiourme hatte mir die Laterne übergeben, und indem ich hinter ihm herging, kamen wir an eine kleine, mit schwerem Eisen beschlagene Thüre, welche zu den unterirdischen Gemächern führte, aus welchen die am Abend vernommenen Töne gestiegen waren. Diese Gemächer selbst waren mit gleich festen Thüren verschlossen und ich zählte deren fünf, welche nach einander von dem garde-chiourme geöffnet wurden. Im Innern der Gemächer herrschte die tiefste Finsterniß. Sie waren kaum einen Meter breit und ungefähr 3 Meter lang. Bei der Thüre, welche sich nach außen öffnete, stand ein Wasserkrug; ein langes Brett, welches am unteren Ende den Boden berührte und am oberen auf einem Steine lag, trug in seiner schrägen Stellung etwas in eine graue Decke Gehülltes. Auf die Frage des garde-chiourme: „Rien de nouveau?“ (Nichts Neues?) sah ich die graue Masse sich langsam bewegen und ein „Rien“ (Nichts), von einem tiefen Seufzer begleitet, war die Antwort des Mannes, der in diesem Kerker schmachtete. Contre-Escarpe ist ein Militärgefängniß, in welchem damals ungefähr 200 Sträflinge untergebracht waren. Kurze Zeit bevor ich dahin zur Wache kommandirt wurde, war unter den Sträflingen ein Aufruhr ausgebrochen, und die Haupträdelsführer mußten jetzt in den ebenbeschriebenen Kerkern ihr verbrecherisches Unternehmen abbüßen.

Meine Anstellung bei den Truppenkindern befreite mich von jedem inneren und äußeren Dienste. Ich hatte täglich während 4 Stunden 10 der ältesten Knaben Unterricht zu ertheilen. Die übrige Zeit benutzte ich zum Besuchen der Museen, Bibliotheken und anderer Merkwürdigkeiten der Stadt, und die ersten Tage des Vorfrühlings lockten mich hinaus auf die nahe gelegenen Felsengebirge, welche auf beiden Seiten den Doubs einfassen und viele romantische Gegensätze bilden.

Interessant ist es vielleicht für den Leser etwas über die Truppenkinder zu erfahren. Diese waren Söhne von Gensdarmen und im Dienst stehenden Unteroffizieren und zwar die erstgeborenen, welche von der Militärverwaltung im Alter von 8 Jahren ihren Eltern entzogen wurden und unter Bewachung eines Sergeanten zum Kriegsdienste herangebildet werden sollten. Sie erhielten ihren Kräften angemessene Waffen, in welchen sie geübt wurden. Sie mußten sich an die rauhe Nahrung und das Kasernenleben früh gewöhnen. Nebenbei besuchten sie die Schule, welche jedoch bei so unbändigen Kindern von geringem Nutzen war. Die Anstalt hatte den Zweck, tüchtige Unteroffiziere heranzubilden, was aber bei der großen Mehrzahl dieser Kinder nicht erreicht wurde.

Die Waffenübungen derselben waren das reinste militärische Puppenspiel, das stets eine große Anzahl von Zuschauern ergötzte, umsomehr da die Kinder stets in militärischer Uniform auftraten.

Meine Anstellung sollte nicht von langer Dauer sein. Am 14. April kam plötzlich und unerwartet an das Regiment der Befehl zum Aufbruch nach Metz, und 8 Tage später zog es dahin ab. Ich blieb noch einen Monat in meiner Stellung und wurde dann auch mit einem Nachschub nach Metz gesandt. Kriegerische Gerüchte waren sehr verbreitet. Man las in den Zeitungen viel von einer Luxemburger Frage, aus welcher die Klügsten nicht recht klug werden konnten. Es hieß, daß der König von Holland seine Rechtsansprüche auf Luxemburg feilgeboten und der Kaiser der Franzosen dieselben erhandelt habe. Genug, als ich am 21. Mai mit einem Transport Soldaten nach Metz kam, fand ich da viele Truppen versammelt und die Bevölkerung war wegen der Kriegsgerüchte sehr aufgeregt. Die hier zusammengezogenen Regimenter wurden mit dem Aufbau von neuen Wällen, Erhöhung der alten und Errichtung neuer Außenforts sehr beschäftigt. Die Forts von Saint-Julien und Saint-Quentin wuchsen allmählich aus dem Boden.

Es herrschte ein wahres Befestigungsfieber. Man wollte auch schon überall preußische Spione erblicken, und mancher arme Kerl, den die Neugierde auf den Schauplatz der Arbeiten geführt hatte, wurde als verdächtig aufgegriffen, an das Platzkommando geschleppt und verhört. Da die Kasernen nicht mehr alle Truppen fassen konnten, wurden Abtheilungen derselben bei den Bürgern einquartiert; auch ich hatte das Glück zu einer solchen Abtheilung zu zählen und während dreier Wochen in der rue du Jardin (Gartenstraße) ein hübsches Dachkämmerchen zu bewohnen, von wo aus ich mit Hilfe eines Fernglases rings umher das rege Treiben der Kriegsrüstungen ruhig beobachten konnte. Indeß kamen noch immer mehr Truppen in die Festung. Die Reserven von 1864 und 1865 waren aufgerufen worden, um damit die aktiven Regimenter auf den Kriegsfuß zu stellen. Zufälliger Weise wurde das 11. Linienregiment mit 500 Elsässern vervollständigt, welche auch gleich nach ihrer Einübung an den Erdarbeiten Theil nehmen mußten. Von den französischen Soldaten wurden dieselben ihrer Sprache wegen als Prussiens titulirt und vom Regimentsoberst das Verbot, deutsch zu sprechen erlassen, was in jeder Kompagnie verlesen und für die Elsässer verdolmetscht wurde.

3. Die Etappen.

Die Luxemburger Frage hatte, wie wir schon gesehen, eine große Rührigkeit in der französischen Armee hervorgerufen und dadurch den Soldaten aus seiner behaglichen Ruhe aufgestört. Außer den Befestigungsarbeiten wurden Waffenübungen und Manöver in großem Maßstabe ausgeführt und täglich neue Maßregeln für den inneren und äußeren Dienst getroffen. Die bei den Bürgern untergebrachten Truppentheile wurden allmählich in die Kasernen vertheilt, und so mußte ich auch mein Dachkämmerchen in der rue du Jardin gegen ein Mansardenzimmer in der Kaserne Chambière vertauschen. Kurz darauf bin ich zum Corporal aufgerückt.

Ich muß nun hier eine Merkwürdigkeit erwähnen, die auch geeignet ist, einiges Licht auf die Zustände des französischen Militärwesens zu werfen. Der Sergeant, welcher die Aspiranten (Bewerber) zum Unteroffizierdienste heranzubilden hatte, war ein Neger von der Insel Martinique. Dieses pechschwarze Sonnenkind wurde im Regimente allgemein bewundert, und man kann sich denken, daß wohl jeder junge Soldat neugierig war, dieses südliche Gewächs näher zu betrachten. Seine körperliche Beschaffenheit war übrigens schon auffallend genug, um die Augen der jungen Leute zu fesseln. Die Uniform und die militärische Schulung hatten das Katzenartige seines Wesens bei Weitem nicht verwischt, und das hervorblickende Weiße seiner rollenden Augen, die aufgeworfenen rothen Lippen, die langen Arme, die großen Hände mit ihren gekrümmten Fingern, der schleichende Gang und das Unstäte seines ganzen Wesens zeugten immer von seiner wilden Abkunft. Mit diesem Menschen habe ich während drei Wochen Umgang gehabt, ohne jedoch sein Wesen ergründen zu können. Von äußerer Bildung hatte er einen vollkommenen Anstrich, dessen er sich sehr gut zu bedienen wußte, aber von Zeit zu Zeit brach die Wildheit durch, und dann konnte man es nicht mehr mit ihm aushalten. Er war plötzlich wie in eine Bestie umgewandelt und geberdete sich wie ein reißendes Thier. Er war aber leicht zu besänftigen, nämlich mit einem Glas Branntwein, für welches Getränke er stets eine große Vorliebe zeigte. Wenn er betrunken war, konnte man Alles mit ihm anfangen, und das wußten die Aspiranten wohl. Diese waren daher auch stets bedacht, den Schwarzen bei guter Laune zu erhalten, und da der Offizier, welchem die obere Leitung unserer Ausbildung anvertraut war, sich selten blicken ließ, liefen wir auch keine Gefahr den Neger in Verlegenheit zu setzen. Da ich nun von dem Neger des 11. Linienregiments gesprochen habe, kann ich noch die Mittheilung anfügen, daß die französische Militärbehörde, gleichsam um die Eintönigkeit des Militärlebens zu brechen, solche Schwarze an viele Linienregimenter vertheilt hatte. Die kleinen und großen Kinder von Stadt und Land wollten stets beim Durchmarsch eines Regiments besonders drei Dinge sehen: Den Tambourmajor wegen seiner Größe, die Sappeurs (Pioniere) mit den ungeheuren Bärenmützen und weißen Schürzen von Büffelleder und den Neger.

Als Corporal trat ich wieder in den aktiven Militärdienst, welcher höchst uninteressant ist. Den ganzen Sommer brachte ich zu mit dem Einexerzieren der Rekruten und zur Abwechselung mit dem Wachtdienst auf den verschiedenen Wachtposten der Festung Metz. Die Anfangs so heiße Luxemburger Frage erkaltete allmählich zum großen Aerger der alten Sergeanten, welche gehofft hatten, auf dem Schlachtfelde die Epauletten zu finden. Schon gegen Ende August wurde der Befehl gegeben, daß das 11. Linienregiment sich nach Bourges in Berry zu verfügen habe. Die Etappen wurden bekannt gemacht, und der Jubel, mit welchem diese Mittheilung aufgenommen wurde, ist unbeschreiblich. Das verwünschte Metz zu verlassen, wo der Soldat so hart durch Arbeiten und militärische Uebungen angestrengt worden war, konnte nur mit dem größten Freudenerguß begrüßt werden. Schon im Monat Januar hatte ein Ministerwechsel im Kriegsministerium stattgefunden. Der Marschall Randon, welcher sehr viel auf die Kleidung der Truppen, aber vielleicht zu wenig auf die Kriegsrüstung verwendet hatte, war vom Marschall Niel ersetzt worden, welcher sofort eine vollständige Umänderung im Militärwesen veranstaltete. Schon einige Zeit vor unserem Aufbruch von Metz wurde mit den Neuerungen begonnen, welche, ich will es gleich sagen, beim Ausbruch des Krieges von 1870 bei Weitem noch nicht ihren Abschluß erreicht hatten. Ich würde von den Tagesmärschen zwischen Metz und Bourges nichts sagen, wenn ich nicht gerade auf denselben vielfach Gelegenheit gefunden hätte mit dem französischen Landmann oder Bauern zu verkehren und in seine Verhältnisse hineinzublicken. In der nächsten Umgebung von Metz, an der Landstraße, die nach Toul führt, liegt das Dorf Jouy, welches von einer theilweise eingestürzten, auf riesenhaften Bogen ruhenden römischen Wasserleitung, durchkreuzt ist. Es war Morgens um 7 Uhr, als das Regiment durch dieses Dorf zog. Alt und Jung hatte sich an die Hauptstraße begeben, um unseren Durchmarsch zu sehen. Der französische Bauer, von mittelmäßiger Gestalt, mit blauer Blouse, weißer Schlafmütze, kurzen Hosen und Holzschuhen, wie ich ihn dort gesehen, ist mir auf der ganzen Reise bis nach Bourges überall wieder begegnet und seine Gesichtszüge sogar habe ich nirgends sehr verändert gefunden. Die Anlage der Dörfer, die Bauart und Einrichtung der Häuser bleiben überall dieselben und sind von den in Elsaß gebräuchlichen durchaus verschieden. Der französische Bauer macht keine so große Ansprüche auf Bequemlichkeit wie der Elsässer, welcher doch ein verhältnißmäßig wärmeres Klima bewohnt als z. B. der Lothringer und der Bewohner der Ardennen. Unser Weg führte über Pont-à-Mousson und Toul (sprich: Tuhl). Ueber diese Orte habe ich nichts mitzutheilen. Das Leben ihrer Einwohner ist ganz städtisch. Unsere dritte Station war Colombey-les-Belles (Colombey der Schönen). Unter diesem vielversprechenden Namen wurde ich zum ersten Male in eine französische Bauernhaushaltung eingeführt. Besondere Schönheiten habe ich trotz aller Aufmerksamkeit nicht endecken können, dagegen aber den zuvorkommenden liebevollen Charakter der Franzosen und Französinnen auch bei der weniger bemittelten Classe kennen und schätzen gelernt. Es ist schon eine große Annehmlichkeit für den Fremden, von so freundlichen Menschen empfangen zu werden, wenn auch der Zustand von Küche, Stube und Schlafkammer nicht seinen Anforderungen an Bequemlichkeit entspricht. In der Küche der französischen Bauernhäuser fehlt fast überall der Heerd. Dafür bedient man sich des keltischen Kochkessels, welcher an einem im Rauchfange befestigten Eisen mit Zacken über dem am Boden flackernden Feuer hoch oder nieder gehängt werden kann. Ich habe diese Einrichtung sogar in vornehmen Häusern in Toul, Neufchateau, Chaumont, Lacharité und Bourges vorgefunden und war erstaunt, die so praktische Einrichtung der Kochherde in Frankreich noch so wenig verbreitet zu sehen. In der Einrichtung der Stuben gibt es große Unterschiede, die von dem Reichthum oder der Armuth der Provinz oder der Ortschaft herrühren. Dieselben haben mich jedoch nirgends an die elsässischen Wohnstuben erinnert, ich möchte sogar dem französischen Bauer den Geschmack an einer freundlich eingerichteten Stube absprechen. Häufig sind die Stuben wie die Küche mit Backsteinen geplattet oder mit Asphalt belegt und werden durch das Kaminfeuer am Boden erwärmt. Sehr oft sind Küche und Stube in einer Räumlichkeit vereinigt, was auch bei dem großen Mangel an Brennmaterial vortheilhaft sein mag. Unter solchen Verhältnissen ist kaum zu erwarten, daß man eine warme Stube antreffe. Die Familie des französischen Bauern kennt die Behaglichkeit eines von einem Ofen erwärmten Zimmers nicht. Sie versammelt sich wohl auch an den langen Winterabenden bei dem flackernden Kaminfeuer, aber von einer durchdringenden Wärme kann da keine Rede sein, weil nur die dem Feuer zugekehrte Seite dessen Wirkung verspürt und die andere der heranströmenden kalten Luft ausgesetzt bleibt. Diese Beobachtungen habe ich gleich in Colombey-les-Belles gemacht und dieselben in den später betretenen Bauernhäusern immer wiederholt.

Einfach wie die Einrichtung seines Hauses sind auch die Mahlzeiten des französischen Landmannes, wobei das Schweinefleisch am häufigsten vorkommt. In manchen bäuerischen Behausungen werden große Mengen von Speck und geräucherten Würsten – frei von der Wand herabhängend oder auf Balken und Schäften lagernd – aufbewahrt. Die Mahlzeit wird häufig mit einer Specksuppe eingeleitet, die, mit wohlschmeckenden Gewürzen zubereitet, sehr gut mundet. Beim Tische darf nie das Weinkrüglein fehlen, das den Franzosen immer in guter Laune hält. Im Essen ist er sehr mäßig, im Trinken nicht unmäßig, aber wenn es ihm seine Mittel nur einigermaßen erlauben, läßt er den Wein nie ausgehen und das Wassertrinken verachtet er von ganzem Herzen. In Chaumont hatte es sich zugetragen, daß ich an einem Tage 2 mal von verschiedener Seite zum Versuchen eines Schweinekopfes eingeladen worden bin. Der Schweinekopf mit sammt den Ohren aufgetragen, wurde von den Gästen zerlegt und zu Salat gegessen und dabei tüchtig mit Rothwein begossen. Der Franzose liebt es, Fremde zu sich zu Tische zu laden und dieselben bewirthend über ihre Verhältnisse, ihre Herkunft, ihre Heimath, Sprache und Sitten auszufragen und läßt es inzwischen an Ermunterungen zum Essen und besonders zum Trinken nicht fehlen. – Durch das Ueberhandnehmen der Zeitungsschreiberei sind die Tagesfragen der Politik auch bis in die ärmsten Hütten gedrungen, und die heftigen Bewegungen, welche von den höheren Kreisen ausgehen, haben bis dorthin Zuckungen verspüren lassen.

Allenthalben mußte ich hören, daß die Luxemburger Frage nur aufgeschoben, und daß, um Frankreich zu retten, ein großer Krieg unvermeidlich sei. In mehreren Häusern, wo noch alte Großmütter lebten, kam es vor, daß, wenn die Familienglieder von Krieg sprachen, die alten Frauen mit ihren Erinnerungen aus den Jahren 1812 und 1815 ins Gespräch fielen und weinend von einzelnen Begebenheiten, die sie mit angesehen hatten, erzählten. Ich will hier nur einen solchen Fall kurz erwähnen. Bei einem der oben angeführten Schweinekopfsessen war ich mit mehreren jungen Leuten zu Tische und wie damals immer bei solchen Gelegenheiten wurde von Frieden und Krieg gesprochen. Ein altes Großmütterchen saß ruhig in einer Ecke der Stube. Ueber die Schicksalsschläge des Krieges wurde viel hin und her geredet und die Meinung, daß Frankreich aus einem Kriege mit Deutschland siegreich hervorgehen würde, wurde von sämmtlichen jungen Leuten für sehr wahrscheinlich gehalten. Einige behaupteten, daß eine Ueberfluthung Frankreichs mit fremden Truppen wie die von 1815 nicht mehr möglich wäre, weil sich Napoleon nur dann zu einem Feldzuge entschließen würde, wenn er über dessen günstigen Ausgang sicher sein konnte. Ich behauptete dagegen, daß man mit aller Vorsicht doch große Fehler begehen könne und daß es eigentlich sehr auf die Vorzüglichkeit der Waffen ankäme, um zu entscheiden, welcher der Kriegführenden den Sieg davontrüge. Bis dahin hatte das alte Mütterchen unserer Unterhaltung zugehört, jetzt aber, als es von Waffen vernahm, traten plötzlich die alten Erinnerungen vor ihr Gedächtniß. Sie näherte sich dem Tische, wo wir saßen, und fing an, uns mit sehr lebhaften Worten die Begebenheiten zu schildern, welche sie von der Stube aus, in der wir versammelt waren, selbst mit angesehen hatte. So erzählte sie unter Anderem, wie die grausamen Russen einem der Ihrigen 25 Peitschenhiebe aufgezählt hätten; dabei schilderte sie in ergreifenden Worten die großen Gestalten, die struppigen Bärte und die wilden Augen des russischen Kriegsvolkes und drückte weinend den Wunsch aus, solche Zeiten nicht mehr erleben zu müssen. Unsere Reise ging über Montbard, die Geburtsstätte des großen Naturforschers Buffon. Der Ort hat eine sehr reizende Lage. Dem Standbild Buffons, welches auf dem Schloßberge errichtet ist, habe ich einen Besuch abgestattet. Einen würdigeren Platz hätte man für dasselbe nicht wählen können; denn die Landschaft, welche man von seinem Fuße aus überschaut, findet sich nicht überall. Der Blick schweift südöstlich und nordwestlich durch das sehr blühende und durch Gewerbefleiß belebte Thal, in welchem die Brenne fließt. Die Stadt Montbard, welche dem Beschauer zu Füßen liegt, nimmt sich in der Mitte dieses Landschaftsbildes sehr gut aus. Fünfunddreißig Kilometer trennen Montbard von einem kleinen alten Städtchen, welches unversehrt mit seinen Ringmauern und Thürmen aus dem Mittelalter herüber gekommen ist. Es ist Semur. Man kann es nicht Festung nennen, wenn auch seine Ringmauern und der tiefe und breite Laufgraben seine ehemalige Bedeutung genau zu erkennen geben. Ich kann hier, ohne Furcht widerlegt zu werden, aussagen, daß Frankreich sehr wenig neugebaute Städte in seinen nordöstlichen Provinzen besitzt. Der Grund hiervon liegt wohl darin, daß Frankreich von den verheerenden Kriegen, welche andere Länder in Schutt und Asche verwandelt haben, verschont geblieben ist. Die zwei, drei feindlichen Einfälle, von welchen die französischen Geschichtschreiber so viel Wesens machen, haben bei Weitem nicht die Bedeutung eines 30jährigen und 7jährigen Krieges, welche in Deutschland ihren Schauplatz hatten und über ein Jahrhundert lang ihre Spuren zurückließen. Das Städtchen Semur ist, wie gesagt, schadlos mit seinem ganzen mittelalterlichen Gepräge erhalten. Es bietet nichts besonders Interessantes in seinem Innern. Die elsässischen Soldaten des 11. Linienregiments haben es am Abend nach unserer Ankunft ein wenig aus seinem mittelalterlichen Schlaf aufgeweckt, indem sie, einige Hundert an der Zahl, Arm in Arm die alten Straßen auf- und abmarschirend, mit heller Stimme und im Chor elsässische und deutsche Lieder sangen. Die Einwohnerschaft, welche sich an die Fenster drängte, hatte wohl theils nie, theils seit 1815 keine solche volltönenden deutschen Chöre vernommen.

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