Front matter
PRAVU MAZUMDAR
Der archäologische Zirkel
Zur ontologie der Sprache in Michel Foucaults Geschichte des Wissens
Teil I. Die Sprache als Schrift der Welt und Kommentar ihrer selbst (Renaissance)
Kapitel 1: Die Welt und der Mensch 39 Kapitel 2: Das System des Wissens und die Seinsweise der Sprache 46
Teil Il. Die Sprache als Medium der Erkenntnis und Kritik ihrer selbst (klassisches Zeitalter)
Kapitel 3: Von der Signatur zum klassischen Zeichen (Renaissance-Klassik) 63 Kapitel 4: Exkurs. Das Medium des Vergleiches in den Regule von Descartes 91 Kapitel 5: Der klassische Diskurs als Medium der Erkenntnis 116
Teil Ill. Die Sprache zerstreut sich (die Epoche des Menschen)
Kapitel 6: Die Trübung der Repräsentation als Krise der Synthesis 189 Kapitel 7: Exkurs. Kant und die Neuzeit: Zur kontinuistischen Verortung
der Transzendentalphilosophie bei Husserl und Heidegger 200 Kapitel 8: Der Zerfall der Ordnung und die Geburt der Geschichte 218 Kapitel 9: Konstitution der Sprache als Objekt:
Geburt der vergleichenden Philologie 227 Kapitel 10: Die Zerstreuung der Sprache 241 Kapitel 11: Die Geburt des Menschen aus der Krise der Synthesis 252
Teil IV. Die Sprache sammelt sich (die Epoche der Archäologie)
Kapitel 12: Sammelt sich die Sprache wieder? 291 Kapitel 13: Exkurs. Der Raum der Sammlung und Wiederkehr von Sprache:
Zum Medium des Vergleichs beim frühen Nietzsche 322 Kapitel 14: Verfahren des diskursiven Epochenbruchs:
die nichtpositive Affirmation 397 Kapitel 15: Exkurs. Der Rückgriff auf Kant und die nichtpositive Affirmation 405 Kapitel 16: Die Sprache sammelt sich wieder 483 Schluss: Der archäologische Zirkel 562 Literatur 579 Danksagung 590
Inhaltsverzeichnis 591
Abkürzungen
AS: Foucault, Michel, L'archéologie du savoir, Paris, 1969
AT: Descartes, Rene, Oeuvre de Descartes in 12 Bänden, hg. v. Charles Adam und Paul Tannery, Paris, 1897-1913
AW: Foucault, Michel, Archäologie des Wissens, Frankfurt/M., 1973
DA: Foucault, Michel, „Das Denken des Außen“ in SW: 54-82
DE: Foucault, Michel, Dits et ecrits, I-IV, Hg. Daniel Defert, Frangois Ewald unter Mitarbeit von Jacques Lagrange, Paris, 1994
Einleitung: Foucault, Michel, „Introduction à l Anthropologie de Kant“ in Kant, Anthropologie du point de vue pragmatique, Paris, 2008
GK: Foucault, Michel, Geburt der Klinik. Eine Archäologie des ärztlichen Blicks, übers. v. Walter Seitter, München, 1973
HF: Foucault, Michel, Histoire de la folie a l’âge classique, Paris, 1972
MC: Foucault, Michel, Les mots et les choses. Une archéologie des sciences humaines, Paris, 1966
ME: Foucault, Michel, Der Mensch ist ein Erfahrungstier, Frankfurt/M. 1996
NC: Foucault, Michel, Naissance de la clinique: une archeologie du regard medical, Paris, 1963
OD: Foucault, Michel, Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften. Mit einem Vorwort zur deutschen Ausgabe, übers. v. Ulrich Köppen, Frankfurt/M., 1971
PD: Foucault, Michel, „La pensée du dehors“ in DE I, Nr. 38: 518-539
PT: Foucault, Michel, „Préface à la transgression“ in DE I, Nr. 13: 233-250
RR: Foucault, Michel, Raymond Roussel, übers. v. Renate Hörisch-Helligrath, Frankfurt/M., 1989
Schriften: Foucault, Michel, Schriften in vier Bänden, Hg. Daniel Defert, Francois Ewald unter Mitarbeit von Jacques Lagrange, Aus dem Französischen von Michael Bischoff, Hans-Dieter Gondek und Hermann Kocyba, Frankfurt/M., 2001
SE: Foucault, „Sieben Thesen über den siebten Engel“, in Schriften II, Nr. 73:
SW: Foucault, Michel, Von der Subversion des Wissens, Frankurt/M., Berlin, Wien, 1974
Vorlesung:
„<Darstellung der antiken Rhetorik>“ [SS 1874] in Nietzsche, Friedrich, Kritische Gesamtausgabe, hg. v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari, München, 1992, Bd. I4: 415-520.
VÜ: Foucault, Michel, „Vorrede zur Überschreitung“ in SW: 32-53
WG: Foucault, Michel, Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitlalter der Vernunft, übers. v. Ulrich Köppen, Frankfurt/M., 1968
WJ: Foucault, Michel, „Die Wahrheit und die juristischen Formen“ in Schriften II, Nr. 139: S. 669-792
Wahrheit und Lüge: „Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne“ in Nietzsche, Friedrich, Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hg. v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari, München, 1980, Bd. 1: 875-890
Zitierweise
Für Zitate aus den Schriften Foucaults oder anderer Autoren wird zuerst der Nachname des Autors geführt, dann in Klammern das Erscheinungsjahr (das Jahr der Ersterscheinung, sofern angegeben), dann, nach einem Doppelpunkt, die Seitenzahl. Eventuell wird der Titel eines Textes innerhalb einer Quelle in Anführungszeichen noch vor dem Autorennamen angegeben. Im Falle einer doppelten Quellenangabe, wie zuweilen bei Foucaultzitaten, wird zuerst die Seitenzahl der Übersetzung, dann die des Originals angegeben.
Für Zitate aus den Aufsätzen/Gesprächen Foucaults werden, sofern keine Abkürzungen verwendet werden, die Quellen anhand der folgenden Angabenund Zeichenreihe ausgewiesen: Titel in Anführungszeichen; Nachname des Autors; Erscheinungsjahr des Originals in runden Klammern; Doppelpunkt; Seitenzahl der deutschen Übersetzung; falls erforderlich, Seitenzahl des Originals nach einem Schrägstrich. Eine in Dits et Ecrits (Dt.: Schriften) vorkommende Schrift wird entsprechend gekennzeichnet, hinzu kommt ihre darin angegebene Nummer. Häufig zitierte Werke Foucaults oder anderer Autoren werden anhand von Abkürzungen, die der Abkürzungsliste zu entnehmen sind, gekennzeichnet.
Foucault-Zitate werden in deutscher Fassung geführt. Wenn an der Übersetzung Modifizierungen vorgenommen werden müssen, dann wird die Seitenzahl des Originals angegeben und am Ende ein „m“ in runden Klammern eingefügt. Andere Autoren können im Anmerkungsteil, wenn das Gewicht des Zitats es verlangt, auch im Original zitiert werden. Generell kommen alle Zitate im Haupttext — im Unterschied zum Anmerkungstext — in deutscher Fassung vor, zwecks Wahrung der stilistischen Einheit der Darstellung.
Etwaige Ergänzungen des Verfassers in den zitierten Textauszügen sind in eckigen Klammern angegeben, darunter auch Endungen und Ersetzungen von Endungen. Fehlende Endungen sind als drei Punkte in eckigen Klammern, Auslassungen als drei Punkte ohne dieselben und längere Auslassungen als drei Punkte in eckigen Klammern angezeigt. Im Falle wichtiger Ausdrücke wird das entsprechende französische Original in eckigen Klammern eingefügt. Alle Zitate im engeren Sinne des Wortes werden in doppelten Anführungszeichen geführt und Zitate innerhalb von Zitaten ausnahmslos in einfachen Anführungszeichen. Alle anderen Fälle der Distanzierung gegenüber einer Aussage oder einem Ausdruck sind mittels einfacher Anführungszeichen angezeigt worden. Die zitierten Texte — einschließlich der deutschen Übersetzungen von Foucaults Texten — werden orthographisch prinzipiell der neuen Rechtschreibreform angepasst. Ausnahmen sind Texte, die ferner zurückliegen, bei denen folglich die Orthographie ein nicht mehr aktuelles diskursives Klima zum Ausdruck bringt.
Der Begriff der Diskontinuität ist [...] vielleicht nicht einfach ein im Diskurs des Historikers gegenwärtiger Begriff, sondern wird von diesem insgeheim vorausgesetzt: von wo aus könnte er in der Tat sprechen, wenn nicht ausgehend von jenem Bruch, den ihm die Geschichte — und seine eigene Geschichte — als Gegenstand anbietet?
Foucault!
An der Grenzlinie des Todes reflektiert sich das Sprechen: es trifft auf so etwas wie einen Spiegel; und um den Tod aufzuhalten, der es aufhalten wird, hat es nur eine Möglichkeit: in sich, in einem Spiel mit Spiegeln, das selbst keine Grenzen hat, sein eigenes Bild entstehen zu lassen.
Foucault”
1 2
AW: 18 / AS: 17 (m). (Hervorh. v. Verf.) „Das unendliche Sprechen“ in Foucault (1988): 91.
Einleitung
Foucaults archäologische Historiographie ist für das akademische Publikum immer noch ungewohnte Kost. Alles, was diese ‚philosophische‘ Geschichtsschreibung ausmacht, vermag heute noch Befremden auszulösen: ihr Materialreichtum, die Bandbreite ihrer diskursiven Bezugnahmen — die so unterschiedliche Wissensfelder wie pathologische Anatomie, Zuchthausberichte, Kantische Anthropologie, Theorien des Verbs, symbolistische Poesie usw. betreffen -, ihre gewundene Argumentation, ihre aphoristischen Zusammenziehungen und labyrinthischen Gabelungen, ihre selbstverständliche Übertretung von Disziplingrenzen. Es ist nahezu unmöglich, dem Problembogen Foucaults gerecht zu werden, der beispielsweise zwischen zwei thematisch so weit entfernten und doch zeitgleich erschienenen Untersuchungen wie Raymond Roussel und Geburt der Klinik aufspannt wird. In diskursontologischer Hinsicht handelt es sich dabei um den Bogen zwischen den Seinsweisen des wissenschaftlichen Diskurses und des „Gegen-Diskurses“ der Literatur."
Die Vielfalt und Originalität von Foucaults Problematisierungen führen dazu, dass allzu oft die Maßstäbe einer strengen Lektüre seines Werkes zu fehlen scheinen und dass man dazu tendiert, sich anhand von Foucaults eigenen, eher lockeren und gesprächsweise artikulierten Angaben zu seinem Werk zu orientieren. Doch im Kontext eines Untersuchungstyps wie desjenigen der Archäologie, der gerade die Funktion des Autors suspendieren will, sollten derlei Angaben keinen autoritativen Status genießen und auf keinen Fall als Lektüreanweisung eingestuft werden.
Angesichts dieser Schwierigkeiten scheint der einzige Weg einer gültigen Foucaultlektüre darin zu liegen, dass man nicht nur Foucault liest, sondern zugleich beobachtet, wie Foucault selber liest. Denn die Archäologie ist in erster
1 Es gehört zu den Vorannahmen dieser Arbeit, dass die Darstellung des Archäologischen Zirkels genau diesen Problembogen sichtbar zu machen vermag.
Linie als eine Lesekunst zu bestimmen, die sich schreibend artikuliert.” Diese Lesekunst hat Foucault in Archäologie des Wissens als ein Verfahren der reecriture gekennzeichnet, worauf am Schluss der vorliegenden Arbeit näher eingegangen wird.” Jedenfalls will diese Arbeit in erster Linie eine Lektüre des archäologischen Diskurses erproben, die sich fortwährend an den Maßstäben der archäologischen Lesekunst selbst zu orientieren versucht. Die Eigentümlichkeiten einer solchen Lektüre werden im Folgenden vorgestellt.
2 So berichtet Michel de Certeau von einer Begebenheit in Belo Horizonte (Brasilien). Als man Foucault nach seinem intellektuellen Ort und seiner Spezialisierung fragte, antwortete er einfach: „Wer ich bin? Ein Leser.“ Certeau (1987): 51-52.
3 Siehe Kapitel 16 der vorliegenden Arbeit. Inwiefern der réécriture — ohne Rückgriff auf die genannte Autorfunktion — eine methodologische Schlüsselrolle zugesprochen werden kann, wird an den entsprechenden Stellen dieser Darstellung noch zu überprüfen sein.
DIE LEITENDE FRAGE UND DER ARCHÄOLOGISCHE ZIRKEL | 15
1. Die leitende Frage und der archäologische Zirkel
Der Ausgangspunkt dieser Arbeit ist die Frage nach dem Standort von Foucaults eigenem (archäologischem) Diskurs. Welche Stelle nimmt dieser Diskurs selbst in der von ihm erzählten Geschichte des Diskurses ein?
Diese Frage gehört zu jenem Typ von Fragen, die den Blick von der gewohnten Fixierung auf das Ziel oder die Intention einer Handlung lösen, um ihn auf den Beginn und den Ansatz derselben zu lenken. Gemäß einer vertrauten Praxis des philosophischen Diskurses schlägt die Beantwortung solcher Fragen für gewöhnlich den Weg der Reflexion ein, der allerdings bald die Ebene der Handlung verlässt und auf der tiefer liegenden Ebene einer fundamentalen und urheberlichen Instanz der Handlung ankommt. In anderen Worten: Der philosophische Diskurs antwortet auf solche Fragen mit der Geste der Begründung. Foucaults Arbeit jedoch stemmt sich insgesamt gegen diese Tendenz der Philosophie, zugleich Reflexion und Begründung zu sein. Sie artikuliert sich zwar als Reflexion, versagt sich aber die Funktion der Begründung. Als Reflexion führt sie an die Schwelle und Wurzel der diskursiven Handlung heran, verlässt aber nicht die spezifische Ebene dieser Handlung, um eine fundamentale und fundierende Instanz zu beschwören. Eine solche von der Begründung abgekoppelte Reflexion vermag, auf den ersten rudimentären Ansatz des Diskurses — d.h., grob gesprochen, der im Element eines historischen Wissens funktionierenden Sprache — zurückzuführen und damit eine von allen begründenden Projektionen unberührte Ebene freizulegen: die Ebene der Seinsweise der Sprache. Es handelt sich somit um den Einsatz von Sprache zur Freilegung der Seinsweise von Sprache. Foucault kennzeichnet seinen Diskurs, der eine solche Reflexionsleistung erbringen soll, als einen „Diskurs über Diskurse“.
Daher muss die Frage nach Foucaults diskursivem Standort der Eigenart seines Diskurses, das heißt, dem reinen Reflexionscharakter des archäologischen Diskurses entsprechen. Die Frage muss gewissermaßen in die archäologische Denkbewegung selbst hineingleiten und sich davor hüten, dass die Reflexion, gemäß der genannten Grunddisposition des philosophischen Diskurses, in Begründung abgleitet. Von daher erhält die Antwort auf die Frage nach dem diskursiven Standort der Archäologie den Charakter einer klärenden Intervention, denn sie ist ihrerseits — nicht anders als die Frage und ihr Gegenstand — diskursiver Natur. Erst als ein Akt der diskursiven Intervention lässt die Antwort den archäologischen Diskurs als einen reflektierten Diskurs zutage treten und erhält den Charakter einer Darstellung, die nie die Objektebene des Diskurses zugunsten etwa einer Metaebene verlässt, sondern auf der Ebene eines in sich kreisenden Diskurses bleibt. Diesen sichtbar gewordenen, reflektierten, in sich kreisenden Diskurs Foucaults nenne ich den „archäologischen Zirkel“.
Eine solche Darstellung, die die Ebene des dargestellten Diskurses nicht verlässt, vermag überhaupt erst so etwas wie eine spezifische Ebene des Diskurses freizulegen. Das Verfahren einer solchen Darstellung ist als reecriture oder Wiederschreibung zu bezeichnen.” Worin dieses Verfahren besteht, wird deutlich, nicht indem man dessen Theorie entwirft — das hat auch Foucault nie wirklich gemacht —, sondern indem man es einfach auszuüben versucht. Würde man nämlich eine Theorie der reecriture entwerfen, so müsste man dies sprechend tun und sich folglich auf die Ebene einer Metasprache zurückziehen. Damit würde man, wie auch bei der Tendenz zur Begründung, die Ebene des (wiederschreibenden) Diskurses verlassen haben. Die einzige legitime Weise, Foucaults Ausführungen zu ‚verstehen‘, liegt m. E. darin, es ihm nachzumachen: mit dem archäologischen Diskurs genauso zu verfahren wie dieser es mit anderen, ihm fremden und vergangenen Diskursen tut. Das würde implizieren, dass man den archäologischen Diskurs wiederschreibend bis zu jener (historisch-genealogischen) Schwelle zurückverfolgt, an der er sich aus den Elementen anderer ihm fremder und bereits auseinander gebrochener Diskurse konstituiert. Den entscheidenden Hinweis zu diesen anderen, fremden Diskursen entnimmt man der archäologischen Historiographie selbst. Im Ausgang von den diskursgeschichtlichen Angaben der Archäologie sieht man sich damit instand gesetzt, die Schwelle zur Existenz des archäologischen Diskurses selbst auszuloten.
Die Methode der Darstellung des archäologischen Zirkels ist also jenes Verfahren der Wiederschreibung, das Foucault selbst in seiner zugleich deskriptiven und analytischen Historiographie eingesetzt hat. Wiederschreibung beinhaltet, bildlich gesprochen, dass man auf das Fahrzeug eines historisch konstituierten Diskurses springt, das Steuer an sich reißt, und es einem neuen Ziel entgegenführt. Sie gibt also einerseits einen Diskurs wieder, unter Aufrechterhaltung der Form seiner Äußerlichkeit: jener Ausbreitung verketteter Aussagen oder Existenzmodalitäten von Zeichenmengen, von denen in „Archäologie des Wissens“ die Rede ist.° Andererseits aber führt sie eine Differenz auf der Ebene des diskursiven Ziels ein, und bewirkt eine Transformation der vom wiedergeschriebenen Diskurs verfolgten Strategie. Worin kann eine solche Differenz oder Transformation im Falle einer Wiederschreibung des archäologischen Diskurses selbst bestehen?
Was Foucaults Diskurs der sechziger Jahre anstrebt, ist eine archäologisch-genealogische Analytik der Humanwissenschaften und des „Menschen“ als Subjekt und Objekt dieser Wissenschaften. Auf dem Wege dieser Analytik, gelangt aber Foucaults eigener Diskurs in sein diskursives Sein. Die Archäologie klärt die Vorgänge der Entstehung und des eventuellen Verschwindens des Menschen der Humanwissenschaften auf, indem sie ihr eigenes diskursives Sein ins Spiel
5 Die réécriture ist „nicht mehr und nicht weniger als eine erneute Schreibung: das heißt in der aufrecht erhaltenen Form der Äußerlichkeit eine regulierte Transformation dessen, was bereits geschrieben worden ist“. AW: 200.
DIE LEITENDE FRAGE UND DER ARCHÄOLOGISCHE ZIRKEL | 17 bringt. Ihre Aufklärung ist zugleich Intervention. Mehr noch: Es gilt zu überprüfen, in wie fern Foucaults Archäologie den bevorstehenden Tod des Menschen gerade durch die bloße Ankündigung dieses Todes bewirkt. Der Gang der archäologischen Analytik bewirkt eine Destabilisierung des Bodens, auf dem sie steht und geht: „Von neuem gerät unter unseren Schritten diese Oberfläche in Unruhe.“ Daher müssen meine einleitenden Bemerkungen weiter präzisiert werden: Gegen die philosophische Praxis der Reflexion und Begründung setzt die Archäologie eine neue und eigentümliche Verbindung aus Reflexion und Entgründung. Es handelt sich somit um eine Reflexion, die nicht sichernd und grundlegend, sondern verändernd vorgeht.
Im Verlauf der vorliegenden Widerschreibung des archäologischen Diskurses verwandelt sich also das archäologische Ziel der Destabilisierung des Bodens des Anthropologismus in das anders geartete Ziel der Offenbarung der Seinsweise des archäologischen Diskurses selbst.
Dass die Archäologie zugleich eine Beschreibung und eine Intervention leistet, impliziert, dass die Bedingung der archäologischen Analytik des anthropologistischen? Diskurses identisch ist mit der Bedingung der Abschaffung dieses Diskurses. Eine Bedingung also und zwei Effekte. Diese den beiden Effekten gemeinsame Bedingung ist die Seinsweise des archäologischen Diskurses selbst, die in der Sammlung der anthropologistisch zerstreuten Seinsweisen der Sprache besteht.
Um diese Bedingung in den Blick zu bekommen, ist es erforderlich, zuerst den von der Archäologie aufgewiesenen Vorgang der Entstehung des anthropologistischen Diskurses in Erinnerung zu rufen: nämlich die vierfache Zerstreuung der Seinsweise der Sprache zu Beginn der nachklassischen Moderne. Diese Zerstreuung, die sich aus dem Zusammenbruch des klassischen Diskurses ergibt, lässt die Sprache gleichzeitig in vier unterschiedlichen und unvereinbaren Seinsweisen erscheinen: einer philologisch-objektiven, formalisierbaren, interpretierbaren, und literarischen Seinsweise. Zugleich konsolidiert sich die Figur des Menschen als eine Vierheit aus Doppelungen. Die Zerstreuung der Sprache ist an den Zusammenbruch des klassischen Diskurses gekoppelt und gibt die Bedingung für die Konsolidierung der Figur des Menschen ab. Sobald aber die Sprache sich rekonsolidiert, zerstreut sich die Figur des Menschen. Diese Rekonsolidierung der Seinsweisen der Sprache geschieht im Raum des archäologischen Diskurses selbst, der auch der in Archäologie des Wissens spezifizierte Raum der diskursiven Formation ist. Der archäologische Diskurs muss sich also als Raum
8 Mit „anthropologistisch“ wird in der vorliegenden Arbeit jene Denkdisposition charakterisiert, die erst im neunzehnten Jahrhundert aufgekommen ist und die in den Kapiteln 8 und 9 der Ordnung der Dinge aufgeschlüsselt wird. Somit hat dieser Begriff einen größeren Umfang als der Begriff „anthropologisch“, der im engeren philosophieinternen Bezug zur Frage „Was ist der Mensch?“ steht. Es scheint ratsam, diesen terminologischen Unterschied — auch wenn sie bei Foucault selbst nicht vorkommt — zwecks Vermeidung von Missverständnissen und Fehllektüren einzuführen.
der Sammlung der Sprache konstituieren, um in der Lage zu sein, vom Entstehen und Vergehen des Anthropologismus zu berichten. Durch die bloße Konsolidierung der Sprache im archäologischen Diskurs aber tritt das Verschwinden des von ihm beschriebenen Anthropologismus ein.
Das heißt: Der archäologische Diskurs eröffnet den Blick auf eine Diskursgeschichte, die bis zur Schwelle seiner eigenen Existenz als Diskurs führt. Dennoch ist der archäologische Diskurs keineswegs gegenüber der von ihm beschriebenen Geschichte präexistent. Er existiert nur, indem er die diskursive und diskontinuierliche Herkunft seiner eigenen Existenz beschreibt. Oder: Er existiert nur, indem er die historische Bedingung seiner eigenen diskursiven Existenz artikuliert. Er kann den Tod des Menschen feststellen, nur indem gerade diese Feststellung den Menschen tötet. In einem Aufsatz über Maurice Blanchot legt Foucault ein Modell seiner eigenen, archäologischen Sprechweise vor: den Satz Ich spreche, dessen Selbstbezüglichkeit die zirkuläre Form einer unaufhörlichen Selbstbestätigung annimmt.”
Diesen ganzen Komplex aus reflexiven Zusammenhängen nenne ich den „archäologischen Zirkel“. Die vorliegende Arbeit ist der Versuch einer systematischen Darstellung des archäologischen Zirkels unter Einsatz einer selektiven réécriture des archäologischen Diskurses. Eine solche Darstellung beschreibt die Seinsweisen der Sprache, die von der archäologischen Historiographie freigelegt werden — die Seinsweisen der Ähnlichkeit (Epoche der Renaissance, Teil I dieser Arbeit), der Doppelung der Repräsentation (Epoche der Klassik, Teil II dieser Arbeit), der ontologischen Zerstreuung (Epoche des Menschen, Teil II dieser Arbeit) — bis zu jener Schwelle, an der die Archäologie selbst als Diskurs in Erscheinung tritt und die ihr eigentümliche Seinsweise der Sprache offenbart. Diese dem archäologischen Diskurs selbst zukommende Seinsweise der Sprache ist diejenige des archäologischen Zirkels. Sie ist kennzeichnend für die Epoche der Archäologie selbst, die im Teil IV dieser Arbeit sichtbar gemacht wird: als die vierte sprachontologische Epoche nach den Zeitaltern der Renaissance, der Klassik und des Menschen.
GRUNDZÜGE DER ARCHÄOLOGISCHEN HISTORIOGRAPHIE | 19
2. Grundzüge der archäologischen Historiographie
Das Augenmerk der archäologischen Historiographie ist weder das Was noch das Wie vergangener Aussagen, sondern das blanke Faktum ihres Ausgesprochenseins. Die Archäologie geht also davon aus, dass nicht jederzeit jede Aussage auftauchen kann, sondern zu unterschiedlichen Zeiten und unter unterschiedlichen Bedingungen und Begrenzungen. Damit transformiert die Archäologie das kantische Unternehmen, sie verschiebt die Problematik der Bestimmung der Möglichkeit und Rechtmäßigkeit der Erkenntnis auf die Ebene des Diskurses. Denn nicht nur die Möglichkeit der Erkenntnis steht unter Bedingungen und Begrenzungen, sondern auch die Existenz gesagter Dinge. Im Unterschied zum kantischen Unternehmen einer reflexiven Erkenntnis der transzendentalen Bedingungen der Möglichkeit gegenständlicher Erkenntnis ist die Archäologie eine sprechende Erforschung der historischen Bedingungen der Sagbarkeit und des Gesagtseins gesagter Dinge, wozu freilich auch die Bedingungen der Sichtbarkeit der darin gesagten und gesichteten Dinge gehören.
Folglich muss jede Auseinandersetzung mit der Archäologie als Verfahren den Begriff der Aussage beleuchten. Das geschieht, indem man entweder die historischen Aussagen selbst beschreibt, und damit bereits das Verfahren zu ihrer Vereinzelung und Isolierung gegenüber anderen Aussagemengen anwendet und demonstriert, oder eine ‚Methodenreflexion‘ bezüglich des Begriffs der Aussage unternimmt, d.h. Aussagen über die archäologische Heraushebung und Wiederschreibung der historischen Aussagen macht. Die zwei letzten Archäologien der sechziger Jahre — Die Ordnung der Dinge und Archäologie des Wissens — befinden sich auf der gleichen Ebene, insofern sie versuchen, der Frage nach der Aussage nachzugehen, bzw. auf die Frage: „Was heißt Sprechen?“ sprechend zu antworten. Die Ordnung der Dinge versucht zu spezifizieren, was Sprechen in den drei Epochen der Renaissance, der Klassik, der Epoche des Menschen heißen kann. Die Archäologie des Wissens versucht zu klären, was Sprechen in der Epoche der Archäologie heißen kann.
Im Rahmen ihres Anspruchs, vergangene Sprechweisen zu klären, beschreibt die archäologische Historiographie unterschiedliche historische Wissensordnungen zugleich als Bruch und Doppelung. Will sie etwa eine Archäologie der anthropologistischen Modernität sein, so muss sie diese als Bruch mit dem klassischen Wissen und als Zusammenbruch der klassischen Ordnung beschreiben, die auf dem unhinterfragten Primat der Repräsentation beruhte. Zugleich muss die Archäologie diese ihr selbst zeitgenössische anthropologistische Wissensordnung als eine instabile Disposition zu Doppelungen beschreiben: Doppelungen zwischen dem Positiven und dem Fundamentalen, dem Transzendentalen und dem Empirischen, dem Cogito und dem Ungedachten, dem Ursprung und seiner bevorstehenden Wiederkehr. Insgesamt also handelt es sich um eine Doppelung des Menschen mit sich selbst auf diesen vier Ebenen. Während aber diese anthropologistische Wissensweise von der ihr vorausgehenden klassischen Ordnung losbrechen will, ist das klassische Wissen seinerseits als Bruch und Doppelung zu kennzeichnen: als Bruch mit der Episteme der Renaissance, d.h. als Bruch zwischen den Figuren der Repräsentation und der Ähnlichkeit, und als Doppelung der Repräsentation mit sich selbst und als die sich daraus ergebenden drei Wissensordnungen: als die Ordnung des Diskurses (Gegenstand einer Allgemeine Grammatik), als das Tableau der endgültig klassifizierten Wesen (wissenschaftliches telos einer Naturgeschichte) und als der Kreislauf des Tausches von Werten (Gegenstand einer Analyse der Reichtümer). Die klassische Repräsentation ist nichts als Kritik, d.h. Unterscheidung der Ähnlichkeit bzw. der ähnlichen Dinge in identische und differente. Zugleich ist sie Kritik ihrer eigenen Kritizität, d.h. Kritik der Repräsentation selbst anhand einer iterierten Repräsentation der Repräsentation, der Unterscheidung und Auffächerung ihrer Elemente mit Hilfe von Zeichen und Wörtern, mit Hilfe also des Diskurses, bis daraus die wahre Ordnung der Dinge hervorgeht. Das klassische Wissen ist Unterscheidung der Ähnlichkeit der Dinge und darin Bruch mit der Ähnlichkeit selbst als der ihm vorausgehenden Wissensfigur. Zugleich ist es Anwendung des Bruchs auf sich selbst, ein in sich gedoppelter Bruch, wobei es in seine Elemente auseinander fällt und sich selbst als Ordnung manifestiert. Dieses Wissen gliedert in einer einzigen Geste die Welt und sich selbst. Es ist noch nicht auseinander gebrochen in eine empirische und eine kritische Wissenschaftlichkeit.
Die Ebene, auf der eine Ordnung als Bruch und Doppelung, oder als ein in sich gedoppelter Bruch gekennzeichnet wird, ist die Ebene dessen, was Foucault als „Positivität“ kennzeichnet. Sehr vereinfacht gesagt, beinhaltet der Begriff der Positivität eine polemische Absetzung gegenüber dem Bachelardschen Begriff eines Unbewussten aus epistemologischen Hindernissen’? und tendenziell überhaupt eine (archäologische) Kritik an jedwedem Negativismus im Begriff des Unbewussten. Diese Kritik, die in Foucaults archäologische Arbeiten der sechziger Jahre eher in der Weise eines Lektüreverfahrens eingestreut ist, wird später in Der Wille zum Wissen in der Weise eines heiteren Staunens über die Repressionshypothese zur Sprache gebracht. Die Archäologie ist zwar ein kritisches und aufklärerisches Unternehmen, dennoch wird in ihrem Gebrauch eines „positiven Unbewussten“'' jeder herkömmliche Apriorismus zum Problem. Es handelt sich also um eine die Kritik selbst problematisierende Kritik. Gerade darin also, dass die Archäologie den Kritizismus zu einer sprechenden und sich selbst sprechenden Kritik der Repräsentation verschärft, geschieht eine Wiederkehr der klassischen Einheit von kritischer und empirischer Wissenschaftlichkeit auf der Ebene des Diskurses.
10 Vgl. den dritten Punkt des Vorworts zur deutschen Ausgabe von Ordnung der Dinge [OD: 11]. 11 Ibid.
GRUNDZÜGE DER ARCHÄOLOGISCHEN HISTORIOGRAPHIE | 21
Die Archäologie liest also die historischen Diskurse auf der Ebene der Positivitäten, auf jener Ebene also, auf der die Sprache als solche sich ereignet. Und genau auf dieser Ebene erscheint die Ordnung als genau das, was sich auf der Grundlage des Ereignisses ergibt. Und was heißt Ereignis? Das Ereignis ist nichts als Bruch und Doppelung, in sich gedoppelter Bruch: (A) In sich gedoppelter Bruch mit der Figur der Ähnlichkeit, woraus die Ordnung der Repräsentationen hervorgeht; (B) Anthropologistischer Bruch mit der Repräsentation, das heißt (1) Aufbrechen der Oberflächenkontinuität des klassischen Tableaus, (2) Offenbarung einer gespaltenen Tiefe der Empirizitäten (Leben, Arbeit, Sprache) einerseits und des Transzendentalen der Bedingung der Möglichkeit von Repräsentation andererseits, (3) Das Ordnen der zwei Tiefen zu den Doppelungen des Menschen; (C) Gedoppelter Bruch mit dem Anthropologismus im Zeichen der Autonomie und Selbstbezüglichkeit eines Sprechens, dass sich zuerst im (Gegen-)Diskurs der Literatur meldet.
Dieser Zusammenhang aus Bruch und Doppelung kennzeichnet nicht nur die allgemeinen Wissensfelder, sondern ebenso sehr die darin auftauchenden einzelnen Aussagen. Man kann beispielsweise jede Aussage der Allgemeinen Grammatik, der Naturgeschichte und der klassischen Ökonomie als eine Absage an den Primat der Ähnlichkeit lesen: Absage an die Ähnlichkeit zwischen den Dingen; Absage an die Ähnlichkeit zwischen den Wörtern und Dingen. Ferner kann man jede dieser Aussagen als eine doppelte Unterscheidung lesen: (1) Unterscheidung zwischen der repräsentierenden Idee und dem repräsentierten Objekt (2) Unterscheidung zwischen der Repräsentation als solcher und ihrer Darstellung im Diskurs.
Ebenfalls kann man jede Aussage der Biologie, der Politischen Ökonomie und der Philologie des neunzehnten Jahrhunderts als zwiespältige Absage an den Primat der Repräsentation lesen: Absage an die wesentliche und bedingungslose Repräsentierbarkeit der Dinge (im Namen der drei Empirizitäten sowie, auf einer grundlegenderen Ebene, im Namen einer transzendentalen Kritik) und Absage an die Repräsentierbarkeit der Repräsentation im Diskurs (das leisten die vier inkompatiblen Behandlungen von Sprache: Philologie, Formalisierung, Interpretation, Literatur). Man kann also jede anthropologistische Aussage als ein Oszillieren zwischen zwei Begründungsimperativen lesen: Begründung der Repräsentation und Begründung des Diskurses. Im Phänomen der Literatur, so wie sie sich seit Ende des achtzehnten Jahrhunderts bietet, begründet sich der Diskurs selbst und wird damit zu einem quasi-begründeten, der Begründung gar nicht bedürftigen, blanken Sprechen: Sprechen um des Sprechens willen, wobei die Repräsentation und ihre Doppelung nur noch um dieses Sprechens willen — d. h. im Modus der Fiktionalität — geschieht.
Die archäologische Beschreibung in Ordnung der Dinge unternimmt also eine Reihe unterschiedlicher Bestimmungen. Sie bestimmt einen geschichtlichen Vorgang, der zu der Denkweise heranführt, die uns zeitgenössisch ist. Dazu bestimmt sie die wandelnden Seinsweisen der Sprache, sowie die damit einhergehenden unterschiedlichen Wissensordnungen. Das alles lässt sie als kohärente Verkettungen der von ihr wiedergeschriebenen Aussageereignisse erscheinen. Im Rahmen dieser Geschichtsschreibung werden drei Figuren beschworen, mit deren Hilfe die anthropologistischen Diskurse der Politischen Ökonomie, der Biologie und der Vergleichenden Philologie in ihren historischen Schichtungen sichtbar werden: die Ähnlichkeit, die Repräsentation und der Mensch. Und die jeweilige Seinsweise der Sprache steht in einer spezifischen und genau angebbaren Beziehung zu diesen Grundgestalten des Wissens.
Denn die Seinsweise der Sprache im Besonderen ist nicht unabhängig von der Seinsweise der Zeichen im Allgemeinen. Und die Seinsweise der Zeichen ihrerseits ist nicht unabhängig von der Seinsweise der Welt, einschließlich der Welt der Menschen. Eine Beschreibung der historischen Seinsweisen der Sprache setzt eine Darstellung der historischen Seinweisen der Zeichen bzw. der Welt voraus. Das heißt: Die historischen Seinsweisen der Sprache stehen in einem irreduziblen Verhältnis zu den historischen Seinsweisen des Wissens, denn man könnte im allgemeinen den Zusammenhang der Zeichen und der Welt in ihrer jeweiligen und von einander abhängigen Seinsweise als den Zusammenhang des Wissens kennzeichnen. Daraus ergibt sich ein untrennbares Band zwischen einer historischen Ontologie der Sprache und einer Archäologie des Wissens.
Und doch wird in dieser Arbeit — ‚in analytischer Absicht‘ — versucht, dieses untrennbare Band gewissermaßen zu durchtrennen, das heißt, die mit einer Archäologie des Wissens notwendig mitgelieferte historische Ontologie der Sprache hervorzuheben und gewissermaßen zu isolieren. Denn, sofern sich das Interesse dieser Arbeit auf die Sprechweise der Archäologie selbst richtet, sind wir genötigt, die ‚angemessene‘ Proportion zwischen einer Archäologie des Wissens und einer historischen Ontologie der Sprache zugunsten der letzteren zu verzerren. Deshalb wird die archäologische Beschreibung in Ordnung der Dinge unter dem Gesichtspunkt dieser Verzerrung dargestellt. Es wird sich also im Sinne dieser methodologisch erforderlichen Disproportionalität um eine ‚groteske‘ Darstellung handeln.
DISKURS UND SPRACHE | 23
3. Diskurs und Sprache
Der größte Teil der vorliegenden Arbeit besteht aus einer Wiederschreibung der Ordnung der Dinge. Dieses Werk kann man in Anlehnung an Gerard Lebrun als eine besondere Form von Kritik kennzeichnen, die in erster Linie keine impliziten Bedingungen enthüllt, sondern das zu Kritisierende einfach situiert: „[...]situieren ist etwas anderes als kritisieren, die Koordinaten eines Platzes zu bestimmen ist etwas anderes als unerkannte Voraussetzungen ins Licht zu rücken.“'” Die archäologische Analyse, die sich in Ordnung der Dinge entfaltet, lässt sich in diesem Sinne als eine ‚topische Kritik“ kennzeichnen, die aber wesentlich komplexer ist als Kants transzendentale Topik, in der es lediglich um die Alternativen Verstand und Sinnlichkeit als mögliche Orte der Erkenntnisse geht. Im Unterschied dazu gibt es in der archäologischen Topik eine Mehrzahl der Wissensorte. Diese sind die Epistemen, die gemäß einer historischen Transformationslogik aus einander hervorgehen. Die Archäologie ‚kritisiert‘ die historischen Kenntnisse, indem sie diese situiert, das heißt, sie in Epistemen verortet, anstatt sie gemäß ideengeschichtlichen Kategorien wie Mentalität, Tradition, Einfluss usw. zu klassifizieren. In der vorliegenden Arbeit geht es um den Versuch einer Fortsetzung dieser in Ordnung der Dinge vorgelegten topischen Kritik: im Sinne einer Verlängerung der darin vorgestellten Serie epistemischer Orte, zum Zweck der Sichtbarmachung des epistemischen Ortes der Archäologie selbst am Ende dieser Serie.
Man kann die in Ordnung der Dinge vorgestellte Geschichte als eine Genealogie der Reflexionsfiguren kennzeichnen, die für eine jeweilige Episteme entscheidend sind. Diese sind: (1) die Doppelung der Welt auf der Grundlage der Denkfigur der Ähnlichkeit; (2) die Doppelung der Repräsentation auf der Grundlage der Denkfigur der Repräsentation; (3) die Doppelung des Menschen unter der archäologischen Bedingung der anthropologistisch zerstreuten Sprache; (4) Die Doppelung des Diskurses auf der Grundlage der literarischen Selbsbezüglichkeit der Sprache. Es kommt in dieser Arbeit darauf an, die vierte dieser Reflexionsfiguren als den „Archäologischen Zirkel“ sichtbar zu machen. An der Wurzel der Sprechweise der Archäologie selbst kreist die Selbstbezüglichkeit einer fiktionalisierenden Sprache, die nur noch sich selbst sagt, indem sie die Welt sagt. Diese vierte Reflexionsfigur aber vermag erst die anderen drei in ihrem genealogischen, das heißt transformationslogischen Zusammenhang in Erscheinung treten zu lassen.
Was aber bei der Darstellung der Reflexionsfigur des archäologischen Zirkels als positives Ergebnis angestrebt wird, ist eine Klärung des Begriffs Diskurs, die unerlässlich ist zur effektiven Einschätzung und Anwendung der vielfältigen Analyseverfahren Foucaults. Das erste, was beim Versuch einer solchen Klärung auffällt, ist die historische Kontingenz und wesentliche Homonymie selbst dieses für die Archäologie zentralen Begriffs, der — nicht anderes als Begriffe wie Wahnsinn, Wissen, Wahrheit usw. — in Positivitäten und Epistemen eingebettet ist. So zeigt die archäologische Analyse in Ordnung der Dinge, dass es vier unterschiedliche Begriffe des Diskurses gibt und dementsprechend auch vier diskursontologische Epochen, die sich dem Blick der Archäologie bieten. In der letzten dieser Epochen sammelt sich die Sprache und ergibt den Diskurs im archäologischen Verständnis.
The opening of the book is shown; the full text loads in the reader.
Loading the full text…
The end
You’ve reached the end of Der archäologische Zirkel.
