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Aleksandra Bovt
Körper im höfischen Gespräch
Die Briefe Liselottes von der Pfalz im Kontext des höfischen Kommunikationsideals
Vorwort
„Madame sein ist ein ellendes Handwerck“, so der Titel der deutschen Ausgabe der Biographie von Liselotte von der Pfalz, die Dirk van der Cruysse verfasst hat. Als ein „ellendes Handwerck“ kann man auch die Arbeit an einer Promotionsschrift bezeichnen, mit all den Höhen und Tiefen, die zu der Forschung und dem Schreibprozess gehören.
Dieser lange Weg, von einer vagen Idee über einen (allzu) umfangreichen und detaillierten Entwurf bis zu einer fertigen Dissertation, ist dank der Unterstützung, die man in dieser Zeit erfährt, weniger „ellend“. Deswegen möchte ich mich an dieser Stelle bei den zahlreichen Menschen und Institutionen bedanken, die mich auf meiner wissenschaftlichen Reise unterstützt haben.
Mein Dank gilt in erster Linie meinen beiden Betreuenden, Prof. Dr. Gerhard Lauer und Prof. Dr. Ruth Florack, die mich nicht nur jederzeit unterstützt haben, sondern mir mit großer Geduld ermöglicht haben, im deutschen Wissenschaftssystem anzukommen. Auch die lebendigen Diskussionen mit den Promovierenden in den beiden Doktorandenkolloquien, mit all der Unterstützung und den Ratschlägen und Rückfragen, waren für mich eine enorme Hilfe. Ebenfalls sollen die Gespräche mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel sowie die Hilfsbereitschaft der Bibliothekarinnen und Bibliothekare der HAB und der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen hier Erwähnung finden.
6 Vorwort
Die großzügige Förderung des Cusanuswerks hat es mir ermöglicht, das Promotionsstudium aufzunehmen. Mein besonderer Dank gilt hier den Referentinnen und Referenten wie auch Frau Liane Neubert, die immer ein offenes Ohr für die Sorgen der Promovierenden hat. Auch die Göttinger Hochschulgruppe des Cusanuswerks war insbesondere in den ersten Jahren in Göttingen eine enorme Unterstützung für mich. Herzlich bedanken möchte ich mich auch bei den Mitarbeiterinnen der Graduiertenschule für Geisteswissenschaften Göttingen. Ohne deren Qualifizierungsangebote und weitere Förderformate wie das Lektoratsstipendium wäre es wesentlich schwieriger gewesen, an der Promotion zu arbeiten. An dieser Stelle möchte ich mich auch bei der Gesellschaft „Internationale Studentenfreunde“ e. V. für das Abschlussstipendium bedanken.
Unzählige Menschen haben mich in den Jahren der Arbeit an der Promotion unterstützt und inspiriert. Prof. Dr. Włodzimierz Zientara hat mich mit seiner Leidenschaft für das 17. Jahrhundert angesteckt, Dr. Valentina Lepri hat mein Interesse an der italienischen Renaissance geweckt. Frau Renate Hassenstein und Prof. Dr. Friedrich Hassenstein danke ich nicht nur für die großartigen Gespräche, sondern ganz besonders für meinen ersten Band der Briefe Liselottes von der Pfalz. Mein Dank gilt auch Frau Liselotte Thiele und Dr. Klaus Thiele für ihre Gastfreundschaft. Ohne Astrid Popien und das aufmerksame Auge und die Geduld von Kai Patri wäre die Arbeit an dieser Dissertation erheblich schwieriger gewesen. Bei meinen Geschwistern und meinen Eltern möchte ich mich für den unerschöpflichen Glauben an mich bedanken. Dieses Buch ist meiner Tochter Anna gewidmet.
Inhaltsverzeichnis
VOLWOLL A E sen Ehe nen Ehe nen eh henETTRReRETeT ARE 5 1::Einführune an. a a 11 2 TEeXteorporä sn EEE ENDE een 17 5; Lut Korpetfotschuns.„uuuussesereneshenesen senken 30 1. Einleiwune 2.5.3: 2:20 EINER A E E EEUE 41 3. Die Hofdamen — oggerti del Prater aiaia e RE iaa iea A E E OT 47 4. Die Rolle der Liebe in der höfischen Kommunikation... 53
8 Inhaltsverzeichnis
Ge Zusammenfassung iesistie rsisi ie E EEEE EEEE EEEE EAA 57 Teil 3 — René Barys Hof- Geistes assisas eearri EE E EEEE EEEE EEE an in 59 1. Einleitung. 2, a a r E AAEE EE AEE EE 59 2. Der Körper der Höflinge..uuuuue00:000. nennen 61 3.1. Die Kräft:der Augen desnarra nlseben 73 322. Die Hand een nn euere 75 DIT EE EE A e e A E A 74 BA IBEUSTES nen nennen anne E E E A R 80 3.5. Schönheit. der Tugend... sesnesesnsssnnpeeiepsn 82 3:8, Detischwache,Kötper... 2.2.2 RE 110 3.10. Die harmonische Figur als Voraussetzung... 113
4.1. Das männliche Gesicht als Spiegel der Gefühle... 118
5.1. Der Blick eines Mannes, der Blick einer Frau... 128 5.2. Das empfindliche Ohr und die schöne Stimme... 131 5.3, Die Kunst:des;Essens:..n: ni 137
6; Die-Zierde:des-Körpetsn.n.nninai ee 141 Ta Paz anne A E E ET 145 1.1. Schreibintentionen und Konzept der Briefe... 152
2 Selbstpötttäts nnne iennet nip n eben E AN 169
Inhaltsverzeichnis 9 3:Madame’beöbächtet..nasaeesinakeekeiilickaiiheiiila a 190 3.2. Das höfische Ideal als Grundlage der Beschreibung... 195 3:32. Im: Gespräch über Essen. 2.202240 228 4: Korper in Anckdoteny zensiert ur 234 5.2. Die Briefe an Sophie: Pathos der Beschreibung... 266 5.3. Die Briefe an Louise: Krankheitsbeschreibung als Interaktionsritual..273 5.6. Krankheit in der Korrespondenz mit Johanna Sophie
6. Über Sexualität reden ...nnassnneneeenenenennenennenennenennenennenennenennenenenennenenenennne 303
6.1. Schwangerschaft: Zwischen eigenem Erlebnis und ergiebigem Gesprächsthema ...mmmmsesssssneinesssainissenihensinsnnsnsinisseninsäninsensssrninsensseisinnen 303 6.2. Über das Eheleben und andere Begebenheiten... 316 7. Der Tod: Zwischen Alltagsgeschehen und Reflexion... 336 Literäturverzeichnis:i:....cssseäsihsshsnasikngrenenheseheennentwenehesnnnunenhehekenne 365 1:.@uellen: nen iinlnnlinsenfesisiepeheee 365 27 Sekundärliterait rss sea Barnnnen) 366
Teil 1 — Einleitung
1. Einführung
„Will ich den, daß Ihr mir ein stück von tbeologie oder philosophie schreiben solt oder eine e/ognente harangue machen? Daß were alber vor mich, könte es nicht verstehen. Waß ich von Ewern brieffen begehre zu wißen, ist, wie es mitt Eüch stehet, wie es Eüch geht, waß Ihr neües wist undt daß Ihr mich allezeit lieb habt, sonst gar nichts, undt daß ist ja leicht undt ohne mühe in die feder zu bringen undt bedarff gar nicht zurißen zu werden.“!
Mit diesen Worten erklärt Elisabeth Charlotte d’Orleans, genannt Liselotte von der Pfalz (1652-1722), ihrer Halbschwester, Raugräfin Louise von Degenfeld, was sie von den Briefen erwartet und was sie unter passenden Themen versteht. Tatsächlich waren weder Religion noch Politik Gegenstände der enormen Korrespondenz von Liselotte, die 1671 den Bruder des Sonnenkönigs, Philippe d’Orleans, heiratete und von nun an in Frankreich lebte. Sie bewegte sich thematisch vielmehr im Rahmen des Alltagsgeschehens, eine durch die bisherigen For-
1 Brief an Louise vom 12. Juli 1721, Holl VI, S. 176. Wie es in der Liselotte-Forschung üblich ist, werden hier die jeweiligen Ausgaben der Briefe Liselottes mit den abgekürzten Nachnamen der Herausgeber markiert (siehe Abkürzungsverzeichnis); es wird auch die Interpunktion der jeweiligen Ausgabe beibehalten.
12 1. Einführung schungen besonders unterstrichene Eigenschaft ihres Schreibens.? Sie wird in den von Liselotte zahlreich angeführten Anekdoten aus dem Alltag besonders sichtbar, die zum einen aus Beschreibungen von amourösen Abenteuern aus ihrer Umgebung oder der (eigenen und fremden) Physiologie und Physiognomie bestehen, zum anderen aber durch Passagen über Erkrankungen, Alterungsprozesse sowie Reflexionen über den französischen und deutschen Adelsstand ergänzt werden. Diese an manchen Stellen besonders offene Rede über die Körperlichkeit, die verschiedenste Facetten des Umgangs mit dem Körper am französischen Hofe
2 Das wissenschaftliche Interesse an der Korrespondenz von Elisabeth Charlotte erlebt seit über zwei Jahrhunderten verschiedene Konjunkturen. Zunächst als Quelle der Anekdoten vom französischen Hof gesehen, an dem sie über 50 Jahre ihres Lebens verbracht hat, wird Liselotte zunehmend als eine tugendhafte Deutsche wahrgenommen, die die Unsittlichkeiten des Hofes und Schwächen der Höflinge in ihren Briefen anprangert, um gerade im 19. Jahrhundert im Spannungsfeld der antifranzösischen Stimmungen als eine moralbewusste deutsche Fürstin glorifiziert zu werden (vgl. dazu: Helmuth Kiesel, Einleitung, in: ders. (Hrsg.), d’Orlcans Elisabeth Charlotte, Briefe der Liselotte von der Pfalz, Frankfurt am Main 2004, S. 9-31, hier: S. 25-31), ohne den Wert dieser Korrespondenz für Historiker, Kultur- und Literaturwissenschaftler, hier insbesondere für den Bereich der Briefforschung zu verkennen (dazu: Reinhard M. G. Nickisch, Briefkultur: Entwicklung und sozialgeschichtliche Bedeutung des Frauenbriefs im 18. Jahrhundert, in: Gisela Brinker-Gabler (Hrsg.), Deutsche Literatur von Frauen. Vom Mittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, München 1988, S. 389—409, hier: S. 393). Zu einer Neuaufwertung ihrer Briefe sollte es erst in den letzten dreißig Jahren kommen. Eine Revision des traditionellen Bildes von Liselotte brachte die 1988 veröffentlichte einschlägige Biographie (Dirk Van der Cruysse, Madame Palatine, princesse européenne, Paris 1988). Die Wende in der Liselotte-Forschung wurde bereits 1985 von Van der Cruysse angedeutet, siehe: ders., »Liselotte-Forschung«?
En feuilletant »A Women’s Life« d’Elborg Forster, in: Francia 13 (1985), S. 655— 658. Die wichtigste Veröffentlichung der letzten Jahre resümiert neue Zugänge zur Korrespondenz von Elisabeth Charlotte im Bereich der Literatur-, Kultur- und Geschichtswissenschaften: Klaus J. Mattheier, Paul Valentin (Hrsg.), Pathos, Klatsch und Ehrlichkeit. Liselotte von der Pfalz am Hofe des Sonnenkönigs. Tübingen 1990, insb. Dirk Van der Cruysse, Du constat de carence au revirement prometteur: Etat present de la Liselotte-Forschung. S. 1-20. Insbesondere die Medizingeschichte hat in Liselotte eine ergiebige Quelle gesehen (dazu: Elborg Forster, From the patient’s point of view: illness and health in the letters of Liselotte von der Pfalz (1652-1722), in: Bulletin of the History of Medicine 60 (1986), H. 3, S. 297-320, ansatzweise auch: Margarete Knebel, Werner Knebel, Liselottes Überlebensstrategie, in: Sigrun Paas (Hrsg.), Liselotte von der Pfalz. Madame am Hofe des Sonnenkönigs, Heidelberg 1996, S. 227-230.). 2001 versuchte Karin Baumgartner (Illness and health as strategies of resistance and identity formation in the letters of Liselotte von der Pfalz, in: Women in German Yearbook: Feminist Studies in German Literature & Culture 17 (2001), S. 57-76) die häufigen Krankheitsbeschreibungen als „strategies of resistance and identity formation“ (ebd., S. 59) in einer breiteren symbolischen Ordnung zu deuten, ohne aber die Tatsache berücksichtigt zu haben, dass in der Tat Liselottes Ausführungen über Krankheit sich nicht stark von anderen Briefschreibern ihrer Zeit unterschieden (dazu: Eva Labouvie, Individueller Körper. Zur Selbstwahrnehmung »mit Haut und Haar, in: Richard van Dülmen (Hrsg.), Entdeckung des Ich. Die Geschichte der Individualisierung vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Köln [u. a.] 2001, S. 163-195). Aus der Literaturwissenschaft kommt auch eine Untersuchung zur Melancholie der Elisabeth Charlotte: Mechthild Albert, „Une eremite au milieau de la cour“. La m&lancholie de Madame Palatine, in: Frank- Rutger Hausmann (Hrsg.), „Diversité, cest ma devise“. Studien zur französischen Literatur des 17. Jahrhunderts, Paris [u. a.] 1994, S. 27—41.
Teil 1 — Einleitung 13 darstellt? ist aber ein Aspekt ihrer deutschsprachigen Korrespondenz, der oft klischeehaft als eine deutsche Natürlichkeit, die sich französischer Künstlichkeit widersetzt, gedeutet wurde.* Das „ungeschminkte Bild vom französischen Hof“, das Liselotte in ihrer Korrespondenz liefert, ist eine reiche Quelle für Geschichtsund Kulturwissenschaften, sorgt aber gerade in der Literaturwissenschaft für eine uneindeutige Einschätzung ihres Schreibens.° So spricht Nickisch von einem „derb-natürlichen Stil“. Michelsen sagt dem Briefstil Madames eine Natürlichkeit nach, die etwas „von Stallgeruch an sich“® habe (dabei wird versucht, ihren Schreibstil mit ungenierten Umgangsweisen an den europäischen Höfen zu rechtfertigen). Albrecht Classen, der zwar in Liselotte eine bewusste Literatin sieht, unterstreicht dennoch „fehlende Systematik, das bewußte Abstehen von rhetorischen Formeln und die nicht beachtete Stilistik [...], die von der traditionellen Epistolographie entwickelt worden war“, und sieht in ihren Äußerungen über die Körperlichkeit eine Hemmungslosigkeit.!? Erst Volker Kapps rhetorische Untersuchung zur Rolle der Anekdote in der Korrespondenz von Elisabeth Charlotte!! hat Ansätze zur Neubewertung ihrer Rede über den Körper gegeben, indem Kapp die Natürlichkeit und Offenheit von Liselotte mit der höfischen sprezzatura in Verbindung gebracht hat. Anhand einer rhetorischen Analyse zeigte er, dass Liselotte ihre Briefe ganz bewusst komponiert hat. Kapp verweist dabei auf die Rolle der Anekdote,!? die nicht selten die Körperlichkeit zum Thema hat, was weniger von der Spontaneität Madames zeugt als vielmehr in Verbindung mit der „aristokratische[n] sprezzatura“'3, dem höfischen Kommunikationsideal, steht. Ebenfalls Kapp ist die Behebung des Forschungsdesiderats zu verdanken, Liselottes Schreiben auf den Einfluss der manuels zu untersuchen, die die höfische Kommunikati-
3 2015 ist eine historische Studie zur Selbstpositionierung Liselottes im Zusammenhang mit unterschiedlichen Körperpraktiken erschienen, siehe: Mareike Böth, Erzählweisen des Selbst. Körperpraktiken in den Briefen Liselottes von der Pfalz (1652-1722), Köln 2015.
4 Volker Kapp, Pathos der Ehrlichkeit und Kunst des Schreibens in den Briefen der Liselotte von der Pfalz, in: Mattheier et al. 1990, S. 175-199, hier: S. 175.
> Manfred Beetz, Frühmoderne Höflichkeit. Komplimentierkunst und Gesellschaftsrituale im altdeutschen Sprachraum, Stuttgart 1990, S. 10.
6 Siehe dazu: Paul Valentin, Klaus J. Mattheier, Einleitende Bemerkungen, in: Mattheier et al. 1990, S. V-XIII, hier: S. VII.
7 Reinhard M. G. Nickisch, Brief, Stuttgart 1991, S. 42.
8 Peter Michelsen, Ein Genie des Klatsches. Der deutsche Briefstil der Herzogin Elisabeth-Charlotte von Orléans, in: Mattheier et al. 1990, S. 151—174, hier S. 165.
° Albrecht Classen, Elisabeth Charlotte von der Pfalz, Herzogin von Orléans. Epistolare Selbstbekenntnisse und literarisches Riesenunternehmen, in: Archiv für Kulturgeschichte 77 (1995), H. 1, S. 33—54, hier. S. 44.
12 Kapp unterstreicht auch die Forschungstendenz, die Briefe Liselottes nur auf das Anekdotische zu reduzieren, ohne die Bedeutung der angeführten Abschnitte für die narratio ihrer Briefe zu untersuchen. Siehe: ebd., S. 176.
13 Ausführlicher zur Rolle der Anekdote bei Liselotte: ebd., S. 176-177.
14 1. Einführung onskultur geprägt haben, was sich auch in Liselottes Korrespondenz widerspiegelt.!*
In dieser Studie greife ich diese Annahmen Kapps auf, indem ich der Frage nachgehe, ob die körperbezogenen Aussagen in den Briefen Liselottes und die dabei benutzte Sprache Ähnlichkeiten zum durch die gesellschaftsethische Literatur geprägten höfischen Kommunikationsideal aufweisen. Dabei stelle ich die These auf, dass das Ansprechen der Körperthematik in ihren Briefen den Regeln der höfischen Konversation untergeordnet war. Es wird gezeigt, welche Rolle der Körper als Gesprächsthema im höfischen Körperideal spielte und welche Ähnlichkeiten und Unterschiede dazu sich in Liselottes Briefen feststellen lassen. Es wird deswegen zunächst anhand hoch exemplarischer frühneuzeitlicher höfischer Konversationsbücher rekonstruiert, wie der Körper im höfischen Kommunikationsideal dargestellt und angesprochen wurde und welche Funktionen er im Verlauf der Konversation hatte. Auf dieser Kontrastfolie des höfischen Kommunikationsideals soll die Hauptthese der Untersuchung bewiesen werden und sollen die Techniken, derer sich auch Liselotte in ihren Briefen bedient, gezeigt werden.
Es mag überraschen, dass die Briefe im Kontext der höfischen Konversationsliteratur!’ untersucht werden. Jedoch es ist nicht nur die auf Cicero zurückführende Tradition, dass Briefe trotz räumlicher Entfernung der Gesprächspartner!‘ einem Gespräch gleichzusetzen sind,” auch wenn einige Unterschiede sich feststellen lassen.!® So hat der Brief den Vorteil, dass Zeit für die Reflexion über die Antwort gegeben war,!? was mehr Möglichkeiten für eine überlegte Kommunikationsstrategie liefert. Gerade für das 17. Jahrhundert lässt sich auch die Konversationsrhetorik als eine Grundlage für die Briefrhetorik betrachten?" und auch die
14 Table ronde avec la participation de MM. Valentin, Bender, Kapp, van der Cruysse, Hourcade, Schwake, in: XVIIe siècle. Revue publice par la Société d’etude du XVIIe siècle. 45, 1993, 178, S. 25-44, hier S. 28.
15 In dieser Arbeit werden die Gentes der gesellschaftsethischen Literatur nach Manfred Beetz mit Aufteilung in Anstandsliteratur und Kommunikationslehren, denen die Konversationsliteratur angehört, übernommen: Beetz 1990.
16 Zugunsten einer besseren Übersichtlichkeit des Textes wird die männliche Form verwendet, wobei sowohl die weibliche als auch die männliche Form gemeint sind. Bei einem expliziten Geschlechterbezug wird dies entsprechend durch grammatikalische Form oder das Adjektiv „männlich“ signalisiert.
17 Ingo Stöckmann, Die Orte des Gestischen. Galanterie und Gestik, in: Margreth Egidi, Oliver Schneider, Matthias Schöning u. a. (Hrsg.), Gestik. Figuren des Körpers in Text und Bild, Tübingen 2000, S. 103-115, hier S. 107; zum Zusammenhang zwischen Brief und Konversation im 17. Jahrhundert: ebd., S. 107-109.
18 Dazu: Karl Ermert, Briefsorten. Untersuchungen zu Theorie und Empirie der Textklassifikation, Tübingen 1979, S. 3-5.
19 Vgl. dazu: Roger Duchene, Lettre et conversation, in: Bernard A. Bray, Christoph Strosetzki (Hrsg.), Art de la lettre, art de la conversation, à Pépoque classique en France. Actes du colloque de Wolfenbüttel, octobre 1991, Paris 1995, S. 93-102, hier vor allem die Seiten 95-96.
20 Vgl.: Christoph Strosetzki, Konversation als Sprachkultur. Elemente einer historischen Kommunikationspragmatik, Berlin 2013, S. 180-181.
Teil 1 — Einleitung 15
Briefsteller dieser Zeit erkennen die Analogie zwischen Brief und Konversation als Gespräch?! auf eine zeitliche und räumliche Entfernung an.?? Zudem war gerade im 17. Jahrhundert die Annahme weit verbreitet,?3 dass „[U]ne conversation écrite est encore une conversation“2*. In dieser Arbeit wird die Konversation im Sinne von Marc Fumaroli als „genre litteraire gigogne‘“ verstanden, mit ihren schriftlichen „microgenres“ wie eben Briefen oder Werken in Dialogform,?° was auf die beiden hier analysierten Textsorten zutrifft. Dabei verweist er darauf, dass sich die höfische Konversationsliteratur von denjenigen Sorten unterscheidet, die sich in den anderen sozialen Kontexten als dem Hof ausspielen, da es besondere Ansprüche an die Kommunikationsfertigkeiten der Höflinge gibt.” Die Kontextualisierung der Briefe Liselottes in der französischen Konversationstheorie des 17. Jahrhunderts (und deren italienischem Vorbild) empfiehlt sich aus zwei Gründen. Zum einen fasst Liselotte selbst ihre Korrespondenzen als Gespräche auf, ihre Briefe weisen eine strenge Dialogizität auf” und auch ihre Sprache wird in der linguistischen Forschung als eine mündlich geprägte wahrgenommen.” Zum anderen ist es gerade im 17. Jahrhundert das französische Konzept der Konversation, das für deutsche Höfe als Vorbild verstanden werden kann; Liselotte selbst lebte nach ihrer Heirat im Jahre 1671 in Frankreich und somit bewegte sie sich
21 In dieser Studie wird der Begriff „Gespräch“ als Synonym zum Begriff „Konversation“ betrachtet. Zu möglichen Bedeutungsunterschieden zwischen den beiden Termini siehe: Rüdiger Schnell, Einleitung, in: ders. (Hrsg.), Zivilisationsprozesse. Zu Erziehungsschriften in der Vormoderne, Köln 2004, S. 3-20, hier: S. 3-9. Zur Geschichte des Konversationsbegriffes siehe auch: Seraina Plotke, Conversatio/Konversation:. Eine Wort- und Begriffsgeschichte, in: Rüdiger Schnell (Hrsg.), Konversationskultur in der Vormoderne. Geschlechter im geselligen Gespräch, Köln [u. a.] 2008, S. 31-120.
23 Table ronde, S. 29.
24 Isabelle Landy-Houillon, Lettre et oralité, in: Bray, Strosetzki 1995, S. 81—91, hier: S. 81.
25 Siehe: Marc Fumaroli, La conversation, in: Pierre Nora (Hrsg.), Les lieux de mémoire, [Paris] 1997, S. 3617—3675, hier: S. 3628.
26 Im Verständnis der französischen Rhetorik des 17. Jahrhunderts war Konversation eine literarische Gattung. Siehe: Christoph Strosetzki, Konversation. Ein Kapitel gesellschaftlicher und literarischer Pragmatik im Frankreich des 17. Jahrhunderts, Frankfurt am Main [u. a.] 1978, S. 69.
28 Selbst die Struktur ihrer Briefe spricht für deren dialogischen Charakter, siehe: Michel Lefèvre, Versuch einer textlichen Strukturanalyse der deutschen Briefe der Pfalzgräfin Liselotte an Sophie von Hannover, in: Eugène Faucher, René Metrich, Marcel Vuillaume (Hrsg.), Signans und Signatum: auf dem Weg zu einer semantischen Grammatik, Tübingen 1995, S. 425—438.
29 Michel Lefèvre, Sprichwörtliches in den Briefen der Liselotte von der Pfalz. Stilallianzen in der Textsorte ‚Brief‘, in: Peter Wiesinger, Claudia Wich-Reif (Hrsg.), Textsorten und Textallianzen vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Beiträge zum Internationalen Sprachwissenschaftlichen Symposion in Wien 22. bis 24. September 2005, Berlin 2007, S. 91-106, hier: S. 100.
30 Dazu: Jean-Daniel Krebs, L’apprentissage de la conversation en Allemagne au XVIe siècle, in: Alain Montandon (Hrsg.), Pour une histoire des traités de savoir-vivre en Europe, Clermont- Ferrand 1995, S. 215-244, hier: S. 216.
16 1. Einführung über die meiste Zeit ihres Lebens in einer Gesellschaft, für die diese Regeln prägend waren.?!
Es geht in dieser Studie um ein Thema, das relativ wenig erforscht ist. Bisher lag das Hauptaugenmerk der Liselotte-Forschung in Bezug auf die Körperlichkeit auf Krankheitsbeschreibungen.3? Die neuere geschichtliche Forschung sicht in den Darstellungen der Körperpraktiken den Ausdruck eines Selbstpositionierungsprozesses.? In der Literaturwissenschaft hingegen wurde lediglich auf die Präsenz der Melancholie in den Briefen Liselottes hingewiesen, die u.a. in Krankheitsbeschreibungen zum Ausdruck kam, oder auf Liselottes Selbstdarstellungen und Kommentare zu ihren Porträts.”* Eine Analyse des Sprechens vom Körper in Liselottes Briefen aus der Perspektive des höfischen Kommunikationsideals ist ein Novum, zumal in der Liselotte-Forschung nur vereinzelte Stimmen in der Briefschreiberin eine standesbewusste Herzogin sehen, die die Ideale der bienséance nicht nur kennt, sondern sich über deren Verletzung leidenschaftlich empört, die sich nach ihrem Stand verhält und dementsprechend auch spricht?° und deren Lektüre von Theaterstücken wie auch Werken großer Satiriker Eingang in ihre Briefe gefunden hat.?” Die Komposition ihrer Briefe ist nicht zufällig entstanden und ist auch genau an den Empfänger und seine Bedürfnisse angepasst.°® Dies erlaubt zu sagen, dass Liselottes Schreiben nur an der Oberfläche als willkürlich und nicht durchdacht erscheinen kann, aber im Grunde ein komponiertes Werk darstellt, dessen Autorin sich bewusst verschiedener Techniken bedient und ein bestimmtes Bild von sich selbst und ihrem Umfeld an ihre Adressaten weiterzugeben versucht.
31 Gerade die historische Liselotte-Forschung unterstreicht, dass im Allgemeinen die Briefe der Familie Liselottes sich am französischen Vorbild der konversationellen Briefe orientierten, ohne dies jedoch genauer zu analysieren. Siehe: Böth 2015c, S. 70-71.
32 Es handelt sich dabei um einzelne Aufsätze, die sich auf Krankheitsbeschreibungen in den Briefen Liselottes konzentrieren, siehe Fußnote 2.
34 Brooks hat in seiner Untersuchung den Schwerpunkt auf die Porträtbeschreibungen gelegt: William S. Brooks, Artists’ images and the self-descriptions of Elisabeth Charlotte, Duchess of Orleans (1652-1722), the Second Madame. Representations of a royal princess in the time of Louis XIV and the Regency, Lewiston, NY [u. a.] 2007.
35 Elborg Forster, Introduction, in: dies. (Hrsg), A woman’s life in the court of the Sun King. Letters of Liselotte von der Pfalz 1652-1722, Baltimore, London 1997, S. XV-XXXIIL, hier: S. XXVI.
Teil 1 — Einleitung 17
2. Textcorpora
Die auf ca. 60.000 geschätzten (davon etwa 6.000 erhaltenen) Briefe von Liselotte3? stellen ein kaum überschaubares Konvolut dar: zahlreiche Editionen, wieder neu auftauchende Briefe wie auch zahlreiche Handschriften, die noch in den Archiven auf ihre Edition warten. Da diese Arbeit sich zum Ziel setzt, die Korrespondenzen Liselottes zu untersuchen, die einen nicht-offiziellen Charakter hatten und die sich über mehrere Jahre erstreckt haben, so dass verschiedene Kommunikationsbedingungen berücksichtigt werden können, werden hier die umfangreichen Editionen der Briefe an den engsten Familien- und Freundeskreis herangezogen. Hierzu gehören vor allem die Tante Liselottes, Sophie von Hannover, an deren Hof Liselotte zum Teil ihre Kindheit verbrachte, wie auch die raugräfischen Halbgeschwister Liselottes, insbesondere Louise und Amalie Elisabeth (genannt Amelise), mit denen sie einige Jahre ihrer Kindheit verbrachte. Dem engen Freundeskreis Liselottes gehörte darüber hinaus das Ehepaar von Harling an: Anna Katharina von Harling (geb. von Offeln), die für die Erziehung Liselottes zuständig war, und Christian Friedrich Freiherr von Harling, Großstallmeister von Herzog Ernst August, dem Gemahl Sophies von Hannover.*! Es wird hier auch die Korrespondenz mit Johanna Sophie von Schaumburg-Lippe analysiert; zwar kannten sich die beiden Frauen nicht persönlich, jedoch entwickelte sich über Jahre eine Brieffreundschaft, zumal Sophie von Hannover für sie eine gemeinsame Bezugsperson war. In dieser Untersuchung werden die Briefe an Caroline von Wales nicht hinzugezogen, denn sie wurden nur schr fragmentarisch ediert und erlauben somit keine Kontextualisierung der Äußerungen zum Körper.
Gerade die älteren Editionen der Briefe stellen eine Auswahl dar* und beinhalten nicht selten solche Veränderungen wie Kürzung der Briefe um Anfangsgrüße und Ende oder Modernisierung der Schreibweise, sind aber im Großen und Ganzen zuverlässig. Diese Arbeit hat nicht zum Zweck, alle Facetten des Sprechens über den Körper in den Briefen Liselottes zu rekonstruieren, sondern setzt die Schwerpunkte auf variierende kommunikative Bedingungen und Versprachlichungsstrategien. Um einen möglichst breiten Vergleich der Briefe mit dem Ideal des Sprechens über den Körper im höfischen Raum zu ermöglichen, spielt es eine besondere Rolle, eine Vielfalt an Korrespondenzpartnern zu berücksichtigen. Mit der hier getroffenen Auswahl: männlich und weiblich, verwandt und nicht ver-
3 Vgl.: Böth 2015c, S. 52. Die bisher veröffentlichten Briefcorpora machen ca. 20 % der bekannten Briefe von Elisabeth Charlotte aus (dazu: Valentin et al. 1990, S. VID.
4 Dazu: Michel Lefèvre, Die Sprache der Liselotte von der Pfalz, Stuttgart 1996, S. 11. Für eine Übersicht über die bisher bekannten Briefe siehe: Hel I, S. 967-1201.
4 Zur Bedeutung und Verbindung dieser Personen insbesondere in der Kindheit Liselottes siehe: Dirk Van der Cruysse, „Madame sein ist ein ellendes Handwerck“. Liselotte von der Pfalz — eine deutsche Prinzessin am Hof des Sonnenkönigs, München 2010, S. 62-92.
42 Mehr dazu: Le&fevre 1996, S. 21-26.
# Dazu: Van der Cruysse 1990, S. 3—5.
18 2. Textcorpora wandt, persönlich bekannt und persönlich unbekannt wie auch verschiedene Positionen in der höfischen Hierarchie einnehmend (Kurfürstin, Tochter eines Kurfürsten aus einer zweiten nicht ganz legitimen Ehe, Hofmeister, Hofdame, etc.) wird eine Reihe von Faktoren herangezogen, die auch eine differenzierte Analyse erlauben.
Um einen Vergleich zu ermöglichen, werden als Kontrastfolie zu den Dialogbriefen Liselottes einschlägige Texte der höfischen Kommunikationskultur analysiert, die eine Dialogform haben. Bei der Auswahl wurde darauf geachtet, dass die Werke nicht lediglich als eine Anleitung für diejenigen fungieren, die einen sozialen Aufstieg anstreben, sondern sich auf die „schichtenspezifische Sprach- und Verhaltensnorm‘““** der Aristokratie beziehen, wobei die höfische Konversation im Zentrum steht. Es handelt sich dabei um Werke, die zwar auf den rhetorischen Konzepten basieren, diese jedoch nicht diskutieren, sondern stark pragmatisch ausgerichtet sind, was gerade auch für solche normative Werke, die den Schwerpunkt auf das Höfische legen, charakteristisch ist.*
Ausgegangen wird von Castigliones für ganz Europa maßgebendem Werk I Libro del Cortegiano*. In der Forschung zur Hofkultur wird Folgendes unterstrichen: „[...] unmöglich ist es, über den Höfling zu schreiben, ohne Baldassare Castigliones ‚I/ Cortegiano‘ zu berücksichtigen“*’, oder dass es ‚[...] zweifellos das bedeutendste Buch der höfischen Literatur‘ ist und als ein Prätext (arcitesto) verstanden werden kann. Das Libro del Cortegiano wird in der Forschung unterschiedlich gedeutet: Einerseits wird es als ein literarisches Denkmal für den Hof in Urbino und die beschriebenen Persönlichkeiten betrachtet,?® andererseits als eine Kritik der intellektuellen Krise, die zur Zeit der Entstehung des Cortegiano herrsch-
4 Volker Kapp, Beredsamkeit ohne Rhetorik. Zur französischen Rhetorik-Diskussion im späten 17. Jahrhundert, in: Frank-Rutger Hausmann (Hrsg.), „Diversité, cest ma devise“. Studien zur französischen Literatur des 17. Jahrhunderts, Paris [u. a.] 1994, S. 261-280, hier: S. 266.
46 In dieser Arbeit wird die von Walter Barberis philologisch edierte Ausgabe von I/ Abro del Cortegiano benutzt, in der insbesondere den antiken Rhetoriken entnommene Passagen markiert werden. Baldassarre Castiglione, Il libro del Cortegiano, Walter Barberis (Hrsg.), Torino 1998.
47 Sydney Anglo: Der Höfling. Renaissance und neue Ideale, in: Arthur G. Dickens (Hrsg.), Europas Fürstenhöfe. Herrscher, Politiker und Mäzene, Graz [u. a.] 1978, S. 33—54, hier: S. 33.
® Dazu: Manfred Hinz, Rhetorische Strategien des Hofmannes, Stuttgart 1992, S. 38, und ausführlicher: Giorgio Patrizi, Il libro del Cortegiano e la trattatistica sul comportamento, in: Alberto Asor Rosa (Hrsg.), Letteratura italiana. Volume terzo. Le forme del testo, Torino 1984, S. 855- 890, hier: S. 855.
50 Erich Loos, Literatur und Formung eines Menschenideales. Das „Libro del Cortegiano“ von Baldassare Castiglione zur 500. Wiederkehr des Geburtsjahres des Autors 1478-1978, Mainz 1980, S. 9. Wie Steigerwald unterstreicht, ist inzwischen die Forschung zu diesem Werk Castigliones kaum überschaubar: Jörn Steigerwald, Galanterie. Die Fabrikation einer natürlichen Ethik der höfischen Gesellschaft (1650-1710), Heidelberg 2011, S. 30.
Teil 1 — Einleitung 19 te.5! Gleichzeitig wird es als „Grundbuch der europäischen Adelsgesellschaft‘52 gedeutet. Castiglione entwickelte in seinem Werk nicht nur eine „Rhetorik des Gesprächs‘®3, sondern hat zugleich zwei Gesprächsmodelle entworfen, die unter verschiedenen Umständen in Gebrauch kommen sollen: für den Umgang mit dem Herrscher und den Umgang unter den Höflingen selbst, wo er für einen Verzicht auf das Ernsthafte plädierte,’* ein Modell, das in dieser Arbeit berücksichtigt wird. Basierend auf der Kategorie des ingenium werden die für Castiglione wichtigsten Eigenschaften der Höflinge konstruiert: sprezzatura und grazia, die, kombiniert mit solchen Techniken wie dissimulazione, als eine „veste di naturalezza“°° der Höflinge fungieren sollen. Jene Grundregeln der höfischen Selbstdarstellung sollen mit der Zeit zu unverzichtbaren Elementen der sozialen Identität der Hofleute werden, mit denen die Kategorie der Schönheit auf die des Guten übertragen wird.56 Dabei schreibt sich das Werk Castigliones in die Tradition der Konversationsbücher ein und kann als Vorläufer der Konversationsliteratur betrachtet werden.5’ Der Rückgriff auf das Werk Castigliones erlaubt es, die Grundlagen des Sprechens über den Körper gerade im Kontext eines Entwurfes eines vollkommenen Hofmanns zu rekonstruieren und dies auf die Analyse des Beispiels aus dem Frankreich des 17. Jahrhunderts zu übertragen. Es ist kein Zufall, dass dieser Titel in der Forschung mit dem 17. Jahrhundert in Zusammenhang gebracht wird: „[d]ie französische Galanterie des 17. Jahrhunderts und auch die spätbarocken deutschen Verhaltenslehren entwickeln höfische Konzepte der Renaissance weiter“ und der Einfluss von Castiglione auf die französische gesellschaftsethische Literatur des
>! Dazu: Silvia Morganti, Libro del Cortegiano (I), in: Inglese Giorgio, Asor Rosa Alberto (Hrsg.), Letteratura italiana. Dizionario delle opere, Torino 1999, S. 673-677.
52 Manfred Hinz, Rhetorik — Geschichte — Systemgeschichte — Frühe Neuzeit, in: Gert Ueding, Walter Jens (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Darmstadt 2005, S. 1600-1620, hier: S. 1617.
» Lily Tonger-Erk, Actio. Körper und Geschlecht in der Rhetoriklehre, Berlin [u. a.] 2012, S. 3.
54 Karl-Heinz Göttert, Kommunikationsideale. Untersuchungen zur europäischen Konversationstheorie, München 1988, S. 33.
56 Ebd.
58 Es handelt sich dabei im Frankreich des 17. Jahrhunderts um eine Konversationskultur, die anders als im Italien des vorausgehenden Jahrhunderts nicht nur am Hofe, sondern auch im Salon entwickelt wurde (dazu: Verena von der Heyden-Rynsch, Europäische Salons. Höhepunkte einer versunkenen weiblichen Kultur, Reinbek bei Hamburg 1995). Die Grenze zwischen den typischen Salon- und Hofgesprächen lässt sich in Einzelaspekten zwar ziehen, jedoch „[dJie Konversationsmuster, mit denen sich der Adelige zur Schau stellt, die der Bürger beim Adeligen wahrnimmt, und die er selbst imitiert, sind weitgehend identisch“ (Strosetzki 1978, S. 9).
5 Dirk Niefanger, Galanterie. Grundzüge eines ästhetischen Konzepts, in: Hartmut Laufhütte (Hrsg.), Künste und Natur in Diskursen der Frühen Neuzeit. Teil I, Wiesbaden 2000, S. 459- 472, hier: S. 462.
20 2. Textcorpora
17. Jahrhunderts kann gar nicht hoch genug geschätzt werden,‘ er „prägte die das ganze Jahrhundert bestimmende bonnetete-Diskussion“‘! und das von ihm entwickelte Modell des höfischen Gesprächs wurde im Frankreich des 17. Jahrhunderts weiterentwickelt.” Jene Zeit hat eine Fülle von Werken hervorgebracht, die sich auf das Verhalten wie auch das Höfische bezogen haben und dabei immer den Cortegiano als Vorlage benutzt haben: Chappuis, de Refuge, Faret, um nur die wichtigsten Namen zu nennen,‘ was sie aber durch eine hohe Repetitivität der im Cortegiano entworfenen Ideen für diese Untersuchung wenig brauchbar macht.
Wie die Studie von Christoph Strosetzki* gezeigt hat, stellt die Konversationsliteratur im Frankreich des 17. Jahrhunderts eine kaum überschaubare Fülle dar, so dass die Auswahl einer repräsentativen Quelle nicht leicht fällt. Eins der wichtigsten Auswahlkriterien war der Verweis auf das Höfische — hier den französischen Hof, also den Raum, in dem sich auch Liselotte von der Pfalz bewegte. Zweitens sollte es sich um keinen theoretischen Traktat handeln, sondern um ein Werk, das konkrete Beispiele für eine höfische Konversation liefern würde und in dem die Theorien anhand von Dialogen zu bestimmten Themen, die Höflinge aufgreifen könnten, in die Praxis umgesetzt wären. Anders als bei Chevalier Mere sollten es keine theoretischen Überlegungen sein, oder, wie bei de Scudery, Metagespräche über Gesprächsführung, sondern Dialoge am Hofe, die verschiedene thematische Schwerpunkte haben, aber nicht explizit den Verlauf eines Gesprächs beschreiben.
Diese Voraussetzungen erfüllt „L’Esprt de Cour on les Conversations galantes divisées en cent dialogues“ (1662) von René Bary, das auch mehrmals verlegt wurde, zuletzt 1673,66 und in zwei deutschen Übersetzungen vorhanden ist.” René Baryć8
60 Zum enormen Einfluss des Cor/egiano sowohl auf die Schriftsteller wie auch auf das Bürgertum und den Kleinadel siehe: Maurice Magendie, La politesse mondaine et les théories de P’honnetete, en France au XVIIe siècle, de 1600 à 1660, B. 1, Genève 1970, S. 305-409.
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The end
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