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Ordnungen des Nationalen und die geteilte Welt

Jens Adam · 2018

103,013 words · about 7 h 13 min to read

Period artwork: Interior of the Bodleian Library, 1845
About this edition

Licence: CC BY-NC-ND 4.0 · repository export licence (OAPEN) · Adam, Jens (2018), Ordnungen des Nationalen und die geteilte Welt, open access publisher - licensed CC BY-NC-ND 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/)

Text from OAPEN Library and set out for reading on screen; no words of the book are rewritten or summarized. How RedLectern is built

About this book

Author
Jens Adam
Language
German
Published
2018
Length
103,013 words · about 7 h 13 min
Sections
4 reader sections
Text
Digital text
Rights
CC BY-NC-ND 4.0 · repository export licence (OAPEN)

 

Contents (4)
  1. Front matter about 1 min
  2. Inhalt about 8 min
  3. II I2 about 2 h 21 min
  4. III Ii2 about 4 h 43 min

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Front matter

Jens Adam

ORDNUNGEN DES NATIONALEN UND DIE GETEILTE WELT

Zur Praxis Auswärtiger Kulturpolitik als Konfliktprävention

Inhalt

Einleitung | 7

Rahmungen: Ethnografische Zugänge - theoretische Bezüge | 25 Erste Einsichten: Auf der Suche nach der Konfliktprävention | 25

. Konzeptionelle Grundlagen: Politiken als anthropologische

Forschungsfelder | 31 Leitmotiv: Feldforschungen im Nationalen | 43

. Ein politisches Feld: Imaginäre Dimensionen, policy community,

Übersetzungsketten | 6r

Menschen bewegen: Akteursfeld und politisches Narrativ

auf zwei Berliner Konferenzen | 63

Diskursive Formationen: Schlüsselbegriffe, Konfigurationen kultureller Bedeutungen, politische Rationalitäten | 68 Entwicklungslinien: Begründungsfiguren Auswärtiger Kulturpolitik in Regierungsdokumenten | 85

Policy takes place: Urbane Bühnen, politische Materialitäten, Formierungsmacht | 103

Dichotomien: Der innere und der äußere Raum der Kultur | 124

. Asymmetrien und Handlungsspielräume: Relationen zwischen politischen Zentren und Kulturmittlern | 135

.Translokale Formationen: Wissens- und Übersetzungsarbeit in Ramallah und Sarajevo | 147 Lokale Kontexte: Ramallah und Sarajevo aus der Perspektive eines Anreisenden | 148

. Analyserahmen: Translokale Praxis- und Übersetzungsfelder | 153

Subjektpositionen und Wissenshierarchien: Entsendungen als Strategien des Verortens | 171

4. Deutschlandbezüge und ihre Wirkungsketten: Verankern und Anschlüsse schaffen als Strategien kulturpolitischer Übersetzung | 197

5. Konfliktprävention und ihre Reibungsflächen: Verknüpfen als navigierende Wissensarbeit | 222

. Anhang | 287

Feldtagebücher und Interviews | 287 Materialien | 288

Literatur | 292 vrne g

Danksagung | 303

»LINDENSTRASSE IN PALÄSTINA«

Ende August 2008 berichten die Tagesthemen von der »Palästinensersoap Matabb«, die wenige Tage zuvor im Al-Kasaba-Theater in Ramallah Premiere feierte. Als treibende Kraft hinter dieser Fernsehserie wird das örtliche Goethe-Institut vorgestellt, das hierzu deutsche und europäische Fördergelder akquirieren konnte. Unter dem Titel Lindenstraße in Palästina erzählt der Bericht von dem geringen Budget, den einfachen Produktionsbedingungen, den positiven Reaktionen des lokalen Publikums und rückt »Tabus« in der palästinensischen Gesellschaft, welche Matabb zu bearbeiten versuche, ins Zentrum. So erläutert der Leiter des Goethe-Instituts in Ramallah, Fareed Majari, dass durch die Serie »soziale und politische Themen, die sonst unter den Teppich gekehrt werden« und »brennende Inhalte« thematisiert würden, »etwa wie über sein eigenes Liebesleben zu entscheiden oder Gewalt gegen Frauen oder auch das berufliche Fortkommen von Frauen oder Arbeitsteilung in der Familie«.! Bemerkenswert ist hierbei zunächst der offen formulierte Anspruch eines deutschen Akteurs, mit kulturpolitischen Instrumenten in lokale Diskussionen und Problemlagen in den besetzten Palästinensischen Gebieten zu intervenieren. Zugleich wird anhand des Berichts der Charakter dieser Intervention sichtbar: Indem sie das Auf und Ab im Alltag der Mitarbeiter einer Nichtregierungsorganisation mit grundlegenden politischen und sozialen Problemen verknüpft, orientiert sich die Serie Matabb? in ihrer zentralen narrativen Technik an dem deutschen Pendant der Lindenstraße. Die ambivalente Haltung vieler Palästinenser zu solchen, von externen Geldgebern abhängigen NGOs, die permanente Unterbrechung des Alltags durch die israelische Besatzung und

1 | »Lindenstraße in Palästina: Matabb: Die Palästinensersoap«, in: Tagesthemen vom 31.8.2008. »Matabb« wird von den Machern als »speed bumb«, also »Bremsschwelle« übersetzt.

2 | Diezehn Episoden der Serie können auch im Internet gesehen werden: www.goethe. de/ins/ps/ram/prj/mat/enindex.htm (letzter Zugriff am 11. November 2017).

ihre Checkpoints, Fragen nach adäquaten Formen des Widerstandes oder nach angemessenen Umgangsformen zwischen den Geschlechtern bilden durchgängige Motive in dieser Serie, die somit - als Effekt einer deutschen Policy - eine spezifische Version des Lokalen schafft und als narrativen Rahmen für die alltäglichen Probleme und Verwicklungen der Protagonisten setzt.

Das FORSCHUNGSFELD: AUSWÄRTIGE KULTURPOLITIK IN KONFLIKTREGIONEN

Am Abend der Ausstrahlung dieses Berichts befand ich mich auf der Reise nach Tel Aviv, um zwei Tage später eine Feldforschung in Ramallah zu beginnen. Hier wollte ich mich mit der Umsetzung deutscher Auswärtiger Kulturpolitik in Konfliktregionen beschäftigen und somit den Politikbereich fokussieren, dessen Zielvorstellungen, Infrastrukturen, Ressourcen und Akteure - neben vielen anderen Projekten - auch die Produktion von Matabb ermöglicht hatten.

Im Kern interessierten mich Fragen nach den Mechanismen der Übersetzung von politischen Zielvorstellungen in Arbeitsweisen, Programmschwerpunkte und Projektformate: Über welche Wege wandern in Deutschland formulierte politische Konzepte in die Zielregionen Auswärtiger Kulturpolitik? Wie eng ist die Arbeitspraxis einer Kulturmittlerin in Ramallah an solche Papiere gekoppelt? Und welche Effekte lassen sich durch die Einarbeitung kulturpolitischer Zielsetzungen in solche lokalen Handlungsfelder hervorrufen? Zwei Übersetzungsvorgänge standen somit im Zentrum meines Interesses: einerseits die translokale Übersetzung innerhalb eines Netzwerkes, das Berlin mit einer Vielzahl von Orten weltweit verbindet; andererseits die transformative Übersetzung eher allgemein gehaltener politischer Absichtserklärungen und Grundsatzpapiere in lokal situierte Arbeitsweisen und Kooperationsformen. Diesen Fragen wollte ich im Rahmen von ethnografischen Feldforschungen zunächst in Ramallah und später in Sarajevo nachgehen. An beiden Orten arbeitete ich mehrere Monate in den Programmabteilungen der Goethe-Institute mit, um die Praxis kulturpolitischer Übersetzung aus einer Alltagsperspektive in den Blick zu nehmen.’

Mein Forschungsfeld bildete somit die deutsche Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik.* In Selbstdarstellungen und Beschreibungen des Politikbereichs

3 | Meine Feldforschung in Ramallah führte ich zwischen September und Dezember 2008 durch; in Sarajevo hielt ich mich zwischen Mai und Juli, im November 2009 sowie im April 2012 auf.

4 | »Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik« ist der offizielle Name des Politikbereichs. In der Regel wird in Selbstdarstellungen oder Berichten die Bezeichnung »Auswärtige Kulturpolitik« - abgekürzt AKP - genutzt. Im Folgenden ist auch in dieser Arbeit wird häufig auf die Formulierung Willy Brandts von der »Dritten Säule der deutschen Außenpolitik« zurückgegriffen, um die gleichwertige Bedeutung der staatlicherseits geförderten Beziehungen Deutschlands in den Bereichen Kultur, Bildung und Wissenschaft im Verhältnis zur politischen Diplomatieund den Außenwirtschaftsbeziehungen zu behaupten. Zur Realisierung ihrer kulturpolitischen Zielsetzungen im Ausland stellt die Bundesregierung jährlich finanzielle Mittel im Bundeshaushalt bereit: Im Jahr 2009° standen hierzu über 1,4 Milliarden Euro zur Verfügung, von denen knapp 60% dem Auswärtigen Amt zuflossen.°

Für den weiteren Argumentationsgang sind an dieser Stelle drei grundlegende Informationen wichtig: Erstens hat sich zur Realisierung Auswärtiger Kulturpolitik ein weltumspannendes Netzwerk aus unterschiedlichen Institutionen, Organisationen, Akteuren und Einsatzorten entwickelt, in dessen Mittelpunkt die Abteilung Kultur und Kommunikation des Auswärtigen Amtes steht. Zweitens hat sich eine spezifische Struktur herausgebildet, die auf kontinuierlichen und zugleich asymmetrischen Beziehungen zwischen den politischen Entscheidungszentren und den formell unabhängigen Mittlerorganisationen beruht: Das Goethe-Institut, der Deutsche Akademische Austauschdienst, die deutschen Auslandsschulen, das Institut für Auslandsbeziehungen oder das Deutsche Archäologische Institut befinden sich somit bei allen inhaltlichen und organisatorischen Unterschieden in einer ähnlichen Spannung zwischen von »Auswärtiger Kulturpolitik« die Rede. Siehe hierzu etwa den Bericht der Bundesregierung zur Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik 2009/2010 unter: www.ifa.de/ fileadmin/pdf/aa/akbp_bericht2009-10.pdf (letzter Zugriff am 11. November 2017). 5 | Das Ende der Regierungskoalition aus CDU und SPD im Jahr 2009 bildete den Schlusspunkt meiner empirischen Arbeit für diese Forschung. Neben Aspekten der Pragmatik gibt es hierfür konzeptionelle Gründe: Das Ende der ersten Amtszeit des sozialdemokratischen Außenministers Frank-Walter Steinmeier lässt sich als Abschluss einer Phase (1998-2009) verstehen, die mit dem Antritt der rotgrünen Regierung begonnen hatte und durch den Anspruch auf außenpolitische Veränderungen und Neupositionierungen geprägt war. Trotz gewisser Justierungen durch den Wechsel von »rotgrün« zu »schwarzrot« im Jahr 2005 zeigen sich über dieses Jahr hinaus personelle und konzeptionelle Kontinuitäten. Eine Ausnahme von dieser Regel stellen meine Beobachtungen und Gespräche in Sarajevo aus Anlass der Gedenkfeierlichkeiten zum 20. Jahrestag des Beginns der Belagerung der Stadt im April 2012 dar, die geeignet waren, empirische Befunde aus meinen Feldforschungen im Jahr 2009 abzurunden.

6 | Die restlichen Mittel verteilten sich vor allem auf die Haushalte des Beauftragten für Kultur und Medien und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, die in diesem Jahr über 19,9%, beziehungsweise 14,6% der Gesamtmittel verfügten. Siehe hierzu den Bericht der Bundesregierung zur Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik 2009/2010, S. 11.

IO ihrem Anspruch auf Autonomie und ihrer Abhängigkeit von der Zuweisung öffentlicher Gelder. Und drittens etabliert der Politikbereich zu seiner Legitimierung offizielle Zielsetzungen. Einen Kerngedanken bildet hierbei - neben der Förderung der deutschen Sprache im Ausland - seit den frühen Jahren der Bundesrepublik der Wunsch, über Formen der kulturellen Vermittlung und Selbstdarstellung Reputation und Sympathie für Deutschland zu erwerben. Gerade nach Zweitem Weltkrieg und Nationalsozialismus wuchs die Hoffnung, durch »Kultur« ein anderes Bild vom nunmehr demokratischen Deutschland zu mobilisieren und somit die Aufnahme der jungen Bundesrepublik in die Staatengemeinschaft zu unterstützen. Diese zentrale Intention der Vermittlung von Deutschlandbildern wurde im Laufe der Jahrzehnte ergänzt, reformuliert und mit neuen Diskussionsfeldern verknüpft. Veränderungen in der öffentlichen Begründung Auswärtiger Kulturpolitik, die sich etwa um die Jahrtausendwende zeigten, bilden den zentralen Ausgangspunkt dieses Buches.

DISKURSIVE VERSCHIEBUNGEN: AUSWÄRTIGE KULTURPOLITIK ALS KONFLIKTPRÄVENTION?

Im Jahr 2001 erscheint eine Ausgabe der Zeitschrift für Kulturaustausch mit dem Titel Mit Kultur gegen Krisen. Kulturdialog als Mittel der Konfliktprävention’ und verweist hiermit auf das Auftauchen einer neuen »diskursiven Formation«® zur Legitimierung des Politikbereichs. Das Cover zeigt eine Fotografie aus einem südosteuropäischen Flüchtlingslager und knüpft somit allein ikonografisch an eine wesentliche Bruchstelle europäischer Politik der 1990er Jahre an: Kriege und das Auseinanderbrechen Jugoslawiens, Flucht, Vertreibung, ethnisch begründete politische Gewalt, Völkermord, der Makel des langandauernden Unvermögens der Westeuropäer, sich auf eine Reaktionsweise zu einigen sowie damit verbundene Diskussionen um mögliche Interventionen und die Grenzen staatlicher Souveränität in »Konfliktgebieten«. In Deutschland führen diese Ereignisse zu Debatten um die Beteiligung des Landes an einer militärischen Intervention im Kosovo und letztlich zu der ersten aktiven Teilnahme an einem Kampfeinsatz nach Ende des Zweiten Weltkrieges. In diesem historischen Moment verbinden sich Fragen nach dem nationalstaatlichen Selbstverständnis, der neuen geopolitischen Ordnung nach Ende des Kalten Krieges, dem Auftauchen »neuer Kriege« auch in Europa,’ der Funktion inter-

7 | Zeitschrift für Kulturaustausch 2001, 2 (im Folgenden: ZfKA).

8 | Michel Foucault: Archäologie des Wissens. Frankfurt 1981, S. 58.

9 | Mary Kaldor: Neue und alte Kriege: Organisierte Gewalt im Zeitalter der Globalisierung. Frankfurt 2000; Herfried Münkler: Die neuen Kriege. Reinbek bei Hamburg 2002.

nationalen Rechts und nach möglichen Handlungsoptionen der »internationalen Gemeinschaft« im Umgang mit gewalttätigen Konflikten.

Dies ist der Kontext, in dem die Zeitschrift die Positionen und Diskussionen einer Konferenz, zu der Bundestagsabgeordnete der damaligen Regierungskoalition, der Bundesaußenminister, Mitarbeiterinnen des Goethe-Instituts und des British Councils, Praktiker der Konfliktbearbeitung, Journalisten und Wissenschaftlerinnen'’ im Mai 2001 in Stuttgart zusammengekommen waren, dokumentiert. Sichtbar werden hierbei die Bestandteile und Argumentationslinien einer neuen Begründungsfigur Auswärtiger Kulturpolitik, die sich um den Schlüsselbegriff der Konfliktprävention herum gruppiert. So heißt es in der Einleitung:

»Deutschlands Außenpolitik verändert sich. So sehen es zumindest die sie beobachtenden Theoretiker in den Sozialwissenschaften. Sie machen immer mehr Ansätze für eine an Werten orientierte Außenpolitik aus, die auf eine »Verrechtlichung der internationalen Beziehungen als Teil ihrer Zivilisierung«, so der Politikwissenschaftler Volker Rittberger, ausgerichtet ist. Die deutsche Außenpolitik unternimmt Initiativen, um durch Aufbau oder Unterstützung von Strukturen der Krisenvorbeugung oder Konfliktbearbeitung die friedliche oder gewaltfreie Lösung von Konflikten zu ermöglichen.

Erstmalig hat auch die Auswärtige Kulturpolitik ihren möglichen Beitrag zu diesem neuen Ansatz formuliert. In der »Konzeption 2000« des Auswärtigen Amtes heißt es: »Die Auswärtige Kulturpolitik [...] ist an den allgemeinen Zielen und Interessen der deutschen Außenpolitik - Sicherung des Friedens, Konfliktverhütung, Verwirklichung der Menschenrechte, partnerschaftliche Zusammenarbeit - ausgerichtet und unterstützt sie. [...] Der Bedarf nach Stabilisierung und Konfliktprävention durch Dialog, Förderung demokratischer Entwicklungsprozesse und Verwirklichung der Menschenrechte wächst.«

Was aber kann Kultur als ein möglicher Faktor internationaler Krisenprävention wirklich leisten?«1?

Bereits anhand dieses Zitates zeigen sich drei zentrale Argumentationsebenen innerhalb der Diskussionen zu einer »kulturellen Krisenprävention als Mittel deutscher Außenpolitik«'?, die auch im Rahmen dieser Studie aufgegriffen werden:

10 | Aus Gründen der Pragmatik und Lesbarkeit nutze ich in dieser Arbeit in der Regel nur eine geschlechtsanzeigende Endung und verzichte gleichfalls auf ein großes »I« oder einen Unterstrich. Ich wechsle die Endungen aber durchgängig an hierfür geeigneten Stellen und meine im Zweifelsfall jeweils alle Geschlechter.

12 | So die Formulierung in Joschka Fischers Beitrag: ZfKA 2001, 2, S. 24.

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