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DIE LITURGISCHE GEWANDUNG.
Widmungsbihl der Viviansbibel : Abt Vivian und die Mönche von St Martin zu Tours überreichen die Bibel Karl dem Kahlen.
Paris, Bibl. Nat. (ms. Iat. 1, f. 423).
Vorwort
Das vorliegende Werk ist die Frucht vieljähriger, eingehendster Beschäftigung mit der Geschichte der liturgischen Gewandung. Es will nicht lediglich in großen Zügen, sondern nach Möglichkeit bis ins einzelne ein Bild des Werdens der liturgischen Gewänder nach Form, Beschaffenheit, Verwendung und Symbolik geben. Nach Möglichkeit; denn nur zu oft geschieht es, daß die Quellen entweder ganz schweigen oder doch nicht in wünschenswertem Maße Auskunft gewähren. Das gilt namentlich für die vorkarolingisehe Zeit. Aber auch noch später sieht man sich, sobald man Einzelfragen nachforscht, nur zu oft vor mehr oder weniger dichtem Dunkel. Je eingehender sich jemand mit der liturgischen Gewandung der Vergangenheit befaßt, um so mehr wird er inne, wie vieles wir im einzelnen nicht oder doch bloß mangelhaft wissen und zum großen Teil wahrscheinlich auch in Zukunft niemals vollkommener wissen werden. Der allein kann wähnen, es herrsche in der Geschichte der Sakralkleidung' allerwegen lauter Licht und der hellste Tag, wer sich nur oberflächlich mit derselben beschäftigt hat.
Der Hauptgegenstand der Arbeit sind die liturgischen Gewänder des Abendlandes. Indessen wurde auch die Kultgewandung der orientalischen Riten in den Kreis der Untersuchungen gezogen, und es darf ohne Bedenken versichert werden, daß dieser bislang noch keine so ausgiebige Behandlung zuteil wurde wie in dem vorliegenden Werke. Leider ist es ganz unmöglich, ihre Entwicklung über die Hauptzüge hinaus zu verfolgen. Ja für die Geschichte der liturgischen Kleidung der Syrer, Armenier, Nestorianer und Kopten läßt sich aus Mangel des dazu erforderlichen Materials nicht einmal das leisten. Es darf daher nicht wundernehmen, wenn den Kultgewändern der orientalischen Riten nur ein verhältnismäßig kleiner Raum gewidmet ist und von einer Schilderung ihrer einzelnen Entwicklungsstadien fast ganz Abstand genommen werden mußte.
Die Darstellung baut sich auf den Quellen selbst auf, den Schriften der Litui'giker, den gelegentlichen Angaben der alten Historiker, den offiziellen liturgischen Büchern und Gottesdienstordnungen, den einschlägigen synodalen Bestimmungen, den mittelalterlichen Schatzverzeichnissen, den Monumenten jeglicher Art und dem noch vorhandenen Bestand an liturgischen Gewandstücken aus früherer Zeit. Namentlich wurden im weitesten Umfang diese alten Paramente und die Inventare, deren Wichtigkeit nicht hoch genug gewertet werden kann, ausgenutzt. Die zahlreichen durch das Werk verstreuten Auszüge aus den mittelalterlichen Schatzverzeichnissen und die am Schlüsse gebotene Zusammenstellung der in ihm berücksichtigten liturgischen Gewänder legen dafür reichlich Zeugnis ab. Natürlich wurde auch zu Rate gezogen, was andere über die Geschichte der Sakralkleidung geschrieben haben, und
Vi Vorwort.
es gibt solcher Arbeiten sehr viele und sehr gute. Allein nichts wurde daraus herübergenonnnen, das nicht zuvor, soweit nur eben tunlich, an den Quellen selbst nachgeprüft worden wäre. Wirklich erwiesen sich nicht wenige Angaben als ungenau, ja geradezu als irrig, darunter auch solche, welche wie ein Erbübel sich bereits durch eine Reihe von Schriften hingezogen hatten. Sie wurden teils ausdrücklich teils, und dies in den meisten Fällen, stillschweigend richtiggestellt.
Bei Benutzung der schriftlichen und monumentalen Quellen war leitender Grundsatz sorgfältige Wertung und Sichtung des Materials; im Vorlegen der Resultate seiner Forschung aber suchte der Verfasser sich vorsichtiger Zurückhaltung zu befleißigen. In zahlreichen Fällen war er daher veranlaßt, sich mit einem größeren oder geringeren Grad von Wahrscheinlichkeit, mit einem „könnte", „dürfte" u. a. zu begnügen. Er hegt nicht die Besorgnis, daß solches dem Werk zum Nachteil gereicht. Gegenteiligen Meinungen von irgend einer Bedeutung wurde volle Rechnung getragen und keine Schwierigkeit wurde unberücksichtigt gelassen. Dem Verfasser scheint es ein Gebot wissenschaftlicher Ehrlichkeit, auch abweichende Auffassungen, soweit sie nur eben der Beachtung wert sind, samt ihren Gründen anzuführen. Er könnte es sich nicht verzeihen, wollte er in Fragen, über die man streitet, lediglich seine persönliche, wenn auch noch so begründete Meinung vortragen. Ist ja doch auch nur bei Anwendung des Grundsatzes : Audiatur et altera pars, die erwünschte Klärung möglich.
Ein allseitig abgeschlossenes Werk zu schaffen, das gleichsam in Sachen der liturgischen Gewandung das letzte Wort gewesen wäre, konnte angesichts des in so vieler Hinsicht beschränkten Quellenmaterials unmöglich als Ziel in Aussicht genommen werden. Der Verfasser erwartet daher auch trotz aller Sorgfalt, mit der er vorgegangen ist, keineswegs, daß seine Aufstellungen in allein und jedem die Zustimmung des Lesers finden werden. Möge man dieselben prüfen und, wo es am Platze ist, richtigstellen. Niemand wird sich über jede wirkliche Verbesserung aufrichtiger freuen als der Verfasser, dem es nicht um seine persönliche Meinung, sondern einzig um die Wahrheit zu tun ist. Bei längerem Zögern hätte er selbst wohl noch dem Bilde, das er von der liturgischen Gewandung und ihrer Geschichte entworfen hat, den einen oder andern Strich hinzufügen können. Allein es schien an der Zeit, einen Abschluß zu machen. Um Wesentliches hätte er, solange kein neues Material zu Tage kommt, seine Ausführungen ja doch nicht bereichern können; lediglich aber die Belege für die Einzelheiten zu mehren, erschien unzweckmäßig, weil das zu einer Breite geführt hätte, die der Klarheit und Übersichtlichkeit nur geschadet haben würde. Zudem bietet ja das Buch auch so, wie es vorliegt, die umfassendste und eingehendste von allen Bearbeitungen der Geschichte der Sakralkleidung, die bisher erschienen. Vielleicht wird der eine oder andere wünschen, daß in der Darstellung der Entwicklung der liturgischen Gewandung noch mehr, als es geschehen ist, auf deren Zusammenhang mit den jeweiligen äußeren Verhältnissen hingewiesen worden wäre. Soweit sich darüber etwas Zuverlässiges sagen ließ, ist das Milieu, in dem und unter dessen Einfluß die Ausgestaltung der Sakralkleidung sich vollzog,
Vorwort. YU
gegebenenorts genügend gezeichnet worden. Im übrigen aber schien es nicht angebracht, Lücken durch Phantasien und geistreiche Mutmaßungen auszufüllen und so künstlich einen Zusammenhang zu schaffen, wo für den nüchternen Forscher ein solcher nicht ersichtlich ist.
Große Sorgfalt wurde auf die Auswahl der Abbildungen gelegt. Ein Bilderbuch sollte und durfte nicht geschaffen werden, doch mußte alles irgendwie Belangreiche durch eine entsprechende Illustration belegt und erläutert werden. Auch sollte, soviel wie eben möglich, neues, jedenfalls aber bloß minder leicht zugängliches Material genommen werden. Bevorzugt wurden Wiedergaben von noch erhaltenen alten Paramenten, welche, weil Photographien davon nur selten zu haben sind, zumeist vom Verfasser selbst an Ort und Stelle aufgenommen wurden. Überhaupt stammt von diesem die Mehrzahl der in dem Werk verwendeten photographischen Abbildungen.
Die Ai'beit will vor allem einen Beitrag zur Geschichte der Liturgie bilden; doch dürfte sie auch für die Kenntnis der mittelalterlichen Textilien und Stickereien, für die Archäologie, für die Kunstwissenschaft und für die Geschichtsforschung von Wert sein, für die letzten Disziplinen, von anderem abgesehen, namentlich auch deshalb, weil die in ihr niedergelegten Ergebnisse manchen Anhaltspunkt zur Datierung von Monumenten und illuminierten Handschriften gewähren.
Bei meinen dem mittelalterlichen Paramentenbestand gewidmeten Reisen habe ich mich allenthalben des freundlichsten Entgegenkommens zu erfreuen gehabt. Ich fühle mich gedrungen, solches hier mit herzlichstem Dank gegen alle, die mir gütige Unterstützung liehen, zum Ausdruck zu bringen. Einzig das Kapitel des Domes zu Brandenburg schlug mir kurzer Hand eine nähere Besichtigung der dortigen Paramente ab, während mir die Herren Superintendent Oberdomprediger Dr Hermes und Diakonus Brausewetter mit bereitwilligster Zuvorkommenheit die Paramentenschätze des Domes zu Halberstadt bzw. der St Marienkirche zu Danzig zum Zwecke eines Studiums der darin geborgenen kostbaren Gewandstücke öffneten. Aber auch sonst haben mich manche durch die Auskünfte, die sie mir auf meine Bitte gaben, oder das Material, das sie mir zur Verfügung stellten, Ordensgenossen wie Nichtordensgenossen, vielfältig verpflichtet. Auch ihnen meinen herzlichsten Dank.
Luxemburg, am Feste der Geburt des Herrn 1906.
JOS. BRAUN S. J.
INHALTSVERZEICHNIS.
Illustrationsverzeiclinis xiv
Literaturverzeichnis xvn
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The end
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