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Vorwort
Die vorliegende Arbeit „Deutinger als Ethiker“ verdankt gleich meiner früheren „Martin Deutingers Gotteslehre“ (Regensburg U)05) ihre Entstehung einer gütigen Anregung des Herrn Universitätsprofessors Dr. Remigius Stölzl e. Es ist mir ein Herzensbedürfnis, genanntem Herrn meinen verbindlichsten Dank dafür auszusprechen; denn was ich am Schlüsse der „Gotteslehre“ sagen konnte, das muß ich von neuem bekennen: Einen beglückenden Einfluß habe ich täglich mehr beim Studium der Werke des reichen, tiefen, originellen Geistes, wie es Deutinger in hervorragendem Maße gewesen ist, erfahren. Nicht möchte ich mich damit als blinden Verehrer und Schüler Deutingers vorstellig machen. Manches, was bei ihm als Perle sich anpreist, kann leider nicht die Probe bestehen; in manchen Punkten muß man über Deutinger hinaus oder auf längst getretene Pfade zurück. Allein auch dort, wo man Deutingers Weg verlassen muß, gewährt das Eingehen in seine Gedankengänge noch reichen Gewinn.
Besten Dank sage ich auch Herrn Lyzealprofessor Dr. Lor. Kästner. Er hatte die Güte, eine Anzahl kleiner Abhandlungen, Predigten und sonstiger Vorträge, die im Buchhandel längst vergriffen sind, auch wichtige Manuskripte Deutingers, mir für diese Arbeit zur Verfügung zu stellen.
Wenn Gommer schreibt: Nur bei Eduard v. Hartmann und Drews habe Deutinger Sympathien gefunden, *
‘ E. Gommer: Schell und der fortschrittliche Katholizismus 33; 2. Auf]., Wien 1908.
IV
Vorwort.
SO habe ich selbst, aber mit großem Bedauern, in der „Gotteslehre“ darauf hingewiesen, daß Deutinger noch wenig geschätzt werde. Wenn Gommer aber glaubt, nur auf Den- ! tinger als die Quelle, aus welcher Schell geschöpft habe, hin- [
weisen zu dürfen, um in den Ruf auszubrechen; „Schell, an '' deiner Lehre ist nicht viel Katholisches mehr!“, ‘ so weise ich diese Beurteilung Deutingers entschieden zurück. Auch zum Verdachte, den Gommer in der Frage der Originalität Schells ausspricht, ein Wort! Gommer sagt, erst durch y meine Schrift „Martin Deutingers Gotteslehre“ sei man 1 aufmerksam geworden, daß der Gottesbegriff Schells wie seine Eschatologie von Martin Deutinger entlehnt sei.
Aber nicht bloß in den genannten zwei Punkten finden wir eine frappante Ähnlichkeit zwischen Schell und Deutinger. In vielen anderen Punkten ist dasselbe der Fall, j in Aufstellungen, welche als unhaltbar beiseite geschoben werden müssen, und in Gedanken, welche im Reize der Neuheit eine Wahrheit zu beleuchten scheinen. Wiederholt wird man, wie in „M. Deutingers Gotteslehre“ so auch in der vorliegenden Abhandlung, an Schellsche Ideen erinnert. Allein wenn ich hier darauf hinweise, so ist es ^ nicht meine Absicht, Schells Originalität in den betreffenden Fragen bestreiten zu wollen, — Schell hat mir bei verschiedenen Gelegenheiten in den letzten Jahren gesagt, daß er Deutinger noch nicht kenne — ich betone j es vielmehr, weil es mir von Bedeutung zu sein scheint, , daß zwei gleich ursprüngliche, tiefgründige Geister, um / von anderen ganz abzusehen, bei der Würdigung der modernen Gedankenwelt in vielen Erkenntnissen, in wichtigen Resultaten sich begegnen, aber auch an denselben Klippen scheitern. Gommers Vorwurf gegen Scheli ist nach meiner Überzeugung unberechtigt.
Der Verfasser. ‘
‘ E. Gommer: a. a. O. 136.
Inhaltsverzeichnis.
Seile
Vorwort . . . III
Einleitiing 1
I. Spekulativer Teil. Freiheit, Gesetz und Verhältnis
1. Tatsache der menschlichen Willeasfreiheit 5
al Einwändc 13
b) Beweise 21 al Was beschränkt die menschliche Freiheit? 37
bl Wie offenbart sich die mensehlirhe Freiheit? .... 42 al NotweiidiKkeit des SitteiiKPsetzes ■19
b) Art uiul Weise der Gesetzgebung 66
II. Historischer Teil. Die geschichtliche Entwleklung des Zusammenhangs zwischen Religion und Sittllehkelt ßi al Eudämonismus 71
hl Tugemllehre 81
cl Vollkomnienheitslelire 92
Rllckhlick . . . . . . . mi
al China 113
bl Indien 116
cl Persien 118
dl ÄifYPtcii 120
el Moses 125
fl Mohammed 129
VI
Inhaltsverzeichnis.
a) Kirchenväter 142
h) Mittelalter IST
a) Skotus Eriugena 153
ß) Seholastik und Mystik 156
y) Die Jesuiten 166
c) Die neuere Zeit 169
111. Positiver Teil. Die sittliche Betätigung der
Religion 191 a) Gnade 206
h) Bedentung der Einzeltat 214 a) Pflichten {gegen (lott 229
b) PIlichten gegen die Nächsten 226
c) Pflichten Kegen sich selbst 244 a) Tugend 252
a) Göttliche Tugenden 254
aa) Glaube 26ö
ßß) HolTiiunp 260
yy) Liebe 262
ß) Sittliche Tugenden 264
aa) Frömmigkeit 266
ßß) Nächstenliebe 269
yy) Abtütuiig 274
b) Ilntugcnd 279
aa) Trägheit 282
ßß) Hoffart, Geiz, Unzucht 284
yy) Genußsucht. Neid, Zorn 287
Schluß 295
Naineiu-egister 300
Einleitung
Uber Deutingers Leben, Werke und Stellung in der Geschichte der Philosophie haben wir in unserer Darstellung der Gotteslehre Deutingers gehandelt.* Wir verweisen darauf. Wohl ist seitdem von En dr es die Schrift „Martin Deutinger“ erschienen.* Der Leser wird aber aus derselben über die Stellung Deutingers in der Geschichte der Philosophie weder Neues noch Genügendes erfahren.
Wenn in dieser Schrift Deutinger als Ethiker behandelt wird, so verzichten wir darauf, etwa Deutingers Verhältnis zu Vorgängern und Zeitgenossen zu erörtern. Das ist eine Aufgabe für sich. Wir machen uns lediglich zur Aufgabe, Deutinger als Ethiker darzustellen, und diese Aufgabe bestimmen wir näher dahin : Deutingers ethische Begründung der Religion. Auch sei bemerkt, daß wir durchaus nicht überall zu den vorgetragenen Lehren Deutingers Stellung nehmen wollen. Aus der Unterlassung einer Kritik möge man also nicht immer auf Zustimmung schließen.
Versöhnung von Glauben und Wissen war das große Programm Deutingers im Kampfe gegen den Materialismus und Pantheismus. Die Gotteslehre war daher ein Zentralpunkt seiner Philosophie. Aber zum Kampfe gegen das Christentum schmiedete men damals schon die heute moderne Waffe. Die Dogmen des Christentums als Unvernunft und Mythologie, als Wahnwitz und Betrug hinzustellen, hatte lange als sicherste Vernichtung des Christentums gegolten; allein das Resultat war nicht, das man
' Georg Sattel: Martin Deutingers Gotteslehre, Regensburg 1905.
* Jos. A. Endres: Martin Deutinger, München 1906.
Einleitung.
erhoffte. Wenn auch der ganze Glaubensinhalt des Christentums vernichtet und seine Quelle verschüttet schien, so war doch noch sein moralischer Gehalt unangetastet; darin aber gerade liegt seine stärkste Macht, seine weltüberwindende Kraft. Das Christentum ist unbesiegbar, solange seine Moral als die reinste, höchste, vollkommene gilt, denn die moralischen Werte sind überall die ausschlaggebenden. An der Moral des Christentums zu rütteln, wagte man aber lange nicht im Ernste. Unserer Zeit war dies Vorbehalten, und nun hofft man mit der Waffe, die man daher nimmt, das Herz des Christentums zu treffen. Tüchtige Verteidiger sind dagegen bis heute aufgetreten. Schon früh erschien auch Deutinger auf dem Plan. Hat nun auch erst nach den Tagen Deutingers der Angriff in seiner ganzen Wucht sich entwickelt, sind infolge davon in der Ethik auch „neue Forschungen zutage getreten, neue Bahnen erschlossen worden“, Deutinger ist nicht nur, was die Grundgedanken betrifft, noch unveraltet, seine Gedanken sind in dem heutigen Kampfe um das Lebensideal von hohem Werte.
Die Einteilung der Arbeit entnehmen wir einem Werke Deutingers; denn wenn auch sämtliche Schriften Deutingers zur Lösung des Themas zu Rate gezogen werden müssen und zum Teil reiches Material dafür bieten, so können wir doch die Einteilung beibehalten, die Deutinger für seine Moralphilosophie gewählt hat. Die Arbeit zerfällt also in einen spekulativen, geschichtlichen und positiven Teil. Wenn wir aber den Zentralgedanken auch dieser Ausführungen im voraus näher bezeichnen sollen, so möchten wir sie überschreiben : Freiheit, Gesetz und Verhältnis beider; geschichtliche Entwicklung des Zusammenhangs zwischen Religion und Sittlichkeit; die sittliche Betätigung der Religion.
I. Spekulativer Teil
Freiheit, Gesetz und Verhältnis beider.
Was ist Ethik? Deutinger sagt: Die Wissenschaft von dem freien Tun oder wie er ein andermal schreibt: Diejenige philosophische Wissenschaft, welche die Erklärung des menschlichen Handelns und des demselben vorausgesetzten freien Bestimmungsgrundes zum Inhalt hat;- ein drittes Mal definiert er: „Die freie Tat, in ihrer bestimmten Beziehung zum Wesen des Menschen aufgefaßt und als Potenz seiner Wesenheit dargestellt, gibt die Moraphilosophie.“ *
Die Stellung dieser Wissenschaft, der Ethik oder Moralphilosophie, im Lehrgebäude der philosophischen Disziplinen ist diese: Sie hat als Lehre von der Einheit des Denkens und Könnens im Tun die in der Denk- und Kunstlehre noch ungelösten Fragen zu beantworten.* Wie für den noch inhaltsleeren, aber dennoch sich selbst bewegenden Geist als Vermittlung der Erkenntnis des Geistes die Denklehre eintrete, dann für die Erkenntnis des Geistes, insofern er sich einen Inhalt, obwohl noch ohne Herrschaft über denselben, gewonnen, die Kunstlehre entstehe, so sei die Moralphilosophie dann für die Erkenntnis des seiner Bewegung und seines Inhalts mächtig gewordenen Geistes die besondere Wissenschaft.®
Eine Wissenschaft wird die Ethik genannt. Soll sie das wahrhaft sein, so muß sie auch auf einem wissen-
‘ Deutinger: Propädeutik 62. ’ Ders. : Moralphilosophie 10.
“ Ders.; Propädeutik 63. ■* Ders.: Moralphilosophie 16.
‘ Ders.: Entwurf zur Enzyklopädie; vgl. Kästner; M, Deutingers Lehen imd Schriften I, 57.
Freiheit, Gesetz und Verhältnis beider.
schaftlichen Fundamente ruhen. Sie muß, sagt Deutinger, „auf dem allgemeinen, notwendigen, unverrückbar sichern Ausgangspunkt alles Wissens aufgebaut werden“.* „Ich bin zweifelnd“ das ist, antwortet dann Deutinger, dieser Ausgangspunkt, der an sich und allein gewisse und unbestreitbare Satz. Jeder andere Satz läßt sich, an sich genommen, bezweifeln. Der letzte Zweifel wird aber in der Gewißheit enden, daß ich zweifle; daß ich zweifle, kann ich nicht mehr bezweifeln.^ Indem man nämlich dies auch bezweifeln würde, müßte man es zugeben, weil man positiv das vornimmt, was man zu widersprechen vorgibt. Hier wird der Widerspruch selbst eine Bejahung. Damit ist der äußerste Grenzstein des Zweifels und somit der erste feste Punkt des wirklichen oder wenigstens des notwendigen, des nicht nicht gedacht werden könnenden Gedankens erreicht.*
Dieser unantastbare Satz der wissenschaftlichen Erkenntnis setzt aber eine andere Wahrheit voraus. Dem Zweifeln liegt das Ich zugrunde. Ich kann nur zweifeln, nicht indem ich überhaupt bin, sondern indem ich ein Ich bin. „Ohne diese Einheit, die an sich die mögliche Tätigkeit im Sein und das Bewußtsein von dieser Tätigkeit und vom Sein derselben in sich eint, wäre jedes Bewußtsein unmöglich. Das Bewußtsein ist somit in seinem ersten Sein ein Selbstbewnßtsein. Von diesem Selbstbewußtsein meines Ich muß ich daher bei allen Bewegungen des Bewußtseins ausgehen, darauf muß ich alles zurückbeziehen, es bleibt das zuerst und einfach Gewisse.“* Die Gewißheit um sich selbst ist also für den Menschen der Anfangspunkt jeder andern Gewißheit.* Der Mensch selbst und seine eigene Natur muß daher auch, um Worte des Raimundus von Sabunde zu gebrauchen, für den Menschen das Mittel aller Beweise und Zeugnisse sein zur Bestätigung
” 5. Münchener Vorlesung vgl. Kästner: a. a. O. I, 418.
Tatsache der menschlichen Willensfreiheit.
alles dessen, was den Menschen selbst betrifft.* Eine eminent wichtige Folgerung ergibt sich daraus. Von der richtigen Bestimmung des Ich hängt die Erkenntnis jeder Wahrheit ab. Die Bedeutung des menschlichen Tuns, die Aufgabe und Bestimmung des Menschen richtet sich aber notwendig nach dem Wesen des Ich. Die Frage nach dem Ich ist daher die grundlegende Frage der Ethik. Sie ist das Thema des spekulativen Teils. In drei Abschnitten wollen wir darauf die Antwort Deutingers geben, soweit sie die Ethik berührt:
3. Konsequenz der menschlichen Willensfreiheit.
Die Fundamentalfrage der Ethik, die Frage nach der menschlichen Willensfreiheit, nennt Ziegler die „alte Streit- und Vexierfrage“.- In der Tat ist es ein vielumstrittenes und vielsinniges Wort! Gumplowitz spricht „vom alten Köhlerglauben der Willensfreiheit“ und meint, „die Annahme eines freien Willens ... ist von einer glänzenden Reihe von Philosophen und Naturforschern, von der ganzen modernen Naturwissenschaft unrettbar zerstört worden“.* Al. Meinong bezeichnet die Willensfreiheit als schlechthin „indiskutabel“.“ D. Strauß schreibt: „Die vermeintliche indifferente Wahlfreiheit ist von jeder Philosophie, die des Namens wert war, immer als ein leeres Phantom erkannt worden.“® Wundt hält sie sogar für „aus ethischen und religiösen Gründen verwerflich“.^ Paulsen nennt die Willensfreiheit eine „Grille einiger scholastischer Metaphysiker“.® Ein anderer noch, um weiter
‘ Raimundus von Sabimde vgl. Deulinger: 1. c. I, 4.
“ Ziegler: Sittliches Sein und Werden (1890) 64.
* Gumplowitz: Allgemeines Staatsrecht (1897) 399. ^ Ebd.
‘ Al. Meinong: Psychologisch-ethische Untersuchungen zur Werttheorie (1894) 2, 214.
* D. Straul!: Der alte und der neue Glaube. Werke VI, 67.
’ Wundt: Ethik, 2. umg. Auflage 476, Stuttgart 1892.
* Paulsen: Ethik, 4. verb. Aull. 397, Berlin 1896.
Tatsache der menschlichen Willensfreiheit.
zurückzugehen, den man zu den größten der neueren Philosophen zählt, Spinoza, hat die Freiheit für die leerste aller Einbildungen, für den absurdesten aller Irrtümer erklärt und den Menschen, der in seinen Handlungen frei zu sein wähne, mit dem Steine verglichen, der geworfen wird und sich einbilde zu fliegen.*
Deutinger hingegen sieht in der Willensfreiheit das „tiefste Wesen“- des Menschen. Sie ist ihm „das höchste Zeichen des geistigen Lebens“,** „der Grundcharakter des Geistes“,* „sozusagen der Geist des Geistes“;® sie ist „die höchste Kraft seines Lebens“;® sie ist das Unbegreifliche, das im Menschenherzen wohnt, tief und unaussprechlich und doch gewaltsam ringend nach Offenbarung und Ausdruck;* sie ist es, daß der Mensch ein tiefes, unergründliches, sich selbst ewig neues Rätsel und Wunder der Schöpfung ist;* sie ist eine über alle Zeit und über alle Gestalt, über alle Grenzen der sinnlichen Welt ihn erhebende, unvergängliche Kraft;*’ sie ist des Menschen höchstes Gut und die Quelle aller seiner Seligkeit;*“ sie ist „die Erbschaft Gottes unter den Menschen“.** „In seiner Freitätigkeit liegt des Menschen Würde.“*- „In seiner Freiheit liegt des Menschen Gottähnlichkeit.“ *®
Wohl nehmen auch einige der Obengenannten das Wort Willensfreiheit in den Mund, reden von einem freien Willen des Menschen; sie verstehen aber dann etwas ganz anderes darunter, als das Wort in Wahrheit besagt, oder sagen wir, als wir mit Deutinger darunter verstehen wollen. Es ist notwendig, den Begriff Willensfreiheit zu umschreiben. Was verstehen wir unter Willensfreiheit? Nach
‘ Spinoza: Epist. 62.
’ Deuting’er: Bilder des Geistes I, 264.
* Ders. : Reich Gottes 111, 215. * Ebd. ® Ebd.
« Ders.: Geist der christlichen Überlieferung 1, 50.
’ Ders.: Poetik 46. ® Ebd. 47.
» Deutinger: Siloah 1, 499.
■" Ders.: Bilder des Geistes 11, 116.
>’ Ders.: Msc. zu den Vorträgen über das apostolische Glaubensbekenntnis.
*’ Ders.: Prinzip der neueren Philosophie 384. ’• Ebd. 384.
Tatsache der mensctdichen Willensfreiheit.
Lombrosos These beruht des Menschen Tun auf Molekularverbindungen im Gehirn. Er kennt das Wort Willensfreiheit nicht. Nach Beneke ist der Wille „nichts außer den Antrieben“.^ Er verzichtet gleichfalls auf das Wort Willensfreiheit. Täuschend ist es, wenn Wundt von Willensfreiheit spricht. Wir hörten sein Urteil ; es richtet sich gegen den Indeterminismus, nach unserer Auffassung identisch mit Willensfreiheit; er will aber im Gegensatz zum Indeterminismus an der Willensfreiheit festhalten. Wundt unterscheidet zwischen mechanischer und geistiger Kausalität Er lehnt erstere ab und sagt dann : Es bleibt „die psychologische Determination die einzige, die bei der Beurteilung der Willenshandlungen in Frage kommt, denn sie ist diejenige, durch die überhaupt erst der Wille zum Willen wird“. Und er fährt weiter fort: „So nehmen wir alle in unserer Beurteilung des Willens den deterministischen Standpunkt ein, freilich nicht im Sinne jener falschen Übertragung des naturalistischen Kausalbegriffes auf den Willen, daß wir uns anheischig machen, die Willenshandlung ausihrenBedingungen vorauszubestimmen, wohl aber im Sinne des überall gültigen Charakters geistiger Kausalität, wonach wir eingetretene Ereignisse aus ihren Ursachen erklären. Ohne diesen psychologischen Determinismus ist keine Psychologie und keine Geisteswissenschaft überhaupt möglich. Ihn aufgeben hieße gegen das Vernunftgesetz verstoßen, nach welchem wir überall zu dem Bedingten die Bedingung zu suchen, die gefundene Bedingung aber immer wieder als ein Bedingtes zu betrachten haben.“® Kuno Fischer hat einen ähnlichen Freiheitsbegriff. Er schreibt: „Wenn in der Frage nach der Freiheit ein Vermögen gemeint ist, das rein von sich aus eine Reihe von Handlungen beginnt, schlechterdings initiativ, ganz unabhängig von allen vorhergehenden Bedingungen, so müssen wir erklären: daß die natürliche Freiheit ein solches Vermögen nicht ist, daß im Reiche der natürlichen Kräfte eine solche Freiheit nicht existiert,
‘ Beneke; Physik der Sitten 75.
* Wundt: Ethik, 2. umg. Aufl. 475.
Tatsache der menschlichen Willensfreiheit.
daß die menschliche Geistes- oder Denkfreiheit unter die natürliche Freiheit fällt, daß unsere sogenannte Wahlfreiheit unter der Leitung der Geistesfreiheit steht. Auf die kurze Frage: .determiniert oder nicht'? heißt daher die Antwort: .determiniert'.“ i Auch dieser Freiheitsbegriff genügt Deutinger nicht. Im Gegenteil, in dem, was Kuno Fischer ablehnt, finden wir in etwa seine Anschauung. Deutinger lehrt, wenn er das Wort auch nicht gebraucht, einemetaphysische Freiheit. Ersagt: Im menschlichen Leben tritt zu allem, was in der Natur ist und wächst und lebt und empfindet, eine neue Kraft hinzu, „der freie Wille, der mit Bewußtsein über die Natur sich erhebt, über sie reflektiert, sie zu seinem Zwecke benützt“.* Ein andermal schreibt Deutinger wieder: Die Vollendung der Schöpfung ist gegeben mit der „Freiheit des menschlichen Willens. Damit beginnt ein neues Leben, daß Gott auf Erden den Geist gesetzt, der imstande ist, aus sich, aus seinem eigenen Willen seine Zukunft zu gestalten''.® Wieder sagt er : „Mit dem menschlichen Bewußtsein kam ein neues Leben in die Welt. Das Reich der Ideen stieg herauf aus zuvor ungekannten Tiefen. Der Mensch konnte handeln nach selbstgewählten Zwecken. Er konnte aus eigener Macht zu dem Leben, das er empfangen hatte, ein neues hinzufügen, das er selbst nach eigener Wahl gestaltete. Der Mensch war das letzte Wunder der Schöpfung, unbegreiflich für alle ihm untergebenen Reiche, aber befähigt, sie alle zu begreifen. Alle Handlungen des Menschen sind der unbewußten und unfreien Natur gegenüber Wunder zu nennen, obwohl sie uns nicht mehr als solche erscheinen, weil die Macht, eigene, persönliche Zwecke zu verfolgen, nun einmal mit unserer Natur verbunden und darum uns natürlich ist, während sie der übrigen Welt als Wunder erscheint.“* Besonders aber möchten wir auf folgende Worte Deutingers noch hinweisen: In der menschlichen Natur finden wir eine Kraft,
' Kimo Fischer; Über die menschliche Freiheit 28.
’ Deutinger: Msc. “ Ebd.
‘ Deutinger: Renan und das Wunder 104- lOü.
welche frei sich über alle Notwendigkeit erhebt, welche im Menschen selbst ganz neue Entschlüsse unmittelbar von der Freiheit des Willens aus sich entspringen läßt, und diese Freiheit, sie ist nicht etwa die notwendige Wirkung notwendiger Ursachen, sie ist unmittelbarer Anfang und Erguß eines neuen, wunderbaren Lebens. ^ Der freie Wille, so sagt er einmal darum prägnant, ist unberechenbar,* und wieder „jeder Berechnung undurchdringlich“.* Diese Freiheit ist aber nicht, wie Jo dl meint, „gleichbedeutend mit absolutem Zufall“.^ Deutinger sagt: „Freiheit und Zufall sind nicht in einem und demselben Gefäße beisammen. Wenn die Freiheit sich entscheidet, muß sie mit Absicht und Bewußtsein sich entscheiden, in der Absicht allein liegt Wert und Bedeutung der freien Handlung.“ ’ Freiheit ist nicht Zufall und nicht Willkür. „Dadurch unterscheidet sich die Willkür von Freiheit, daß die Willkür ohne Grund, die Freiheit aber nach vernünftigen Gründen entscheidet.'“’’ „Je mehr Willkür, desto weniger Freiheit.*“ Der menschliche Wille tritt also aus dem vom Kausalgesetz beherrschten Weltlauf hinaus, er wird nicht durch Ursachen bestimmt, sondern ist letzte, unverursachte Ursache seiner Entscheidungen. Die Bestimmung des Willens ruht in dem Willen selbst. Das ist die These, die Deutinger verficht. Um nicht mißverstanden zu werden und um Deutingers Freiheitsbegriff zugleich zu präzisieren, es ist nicht der negative Indeterminismus, den Deutinger verteidigt, der nach Ziegler „ein Handeln ohne, ja gegen alle Motive ist, also ein Handeln ohne Ursache, und behauptet, daß die Entscheidung über alle Motive hinweg durch das X des freien Willens souverän und grundlos getroffen werde“.* Der Indeterminismus, wie ihn Deutinger lehrt, kann genauer als
‘ Deutinger; Msc. zu Vorträgen über fias apostolische Glaubensbekenntnis.
■ Ebd. “ Deutinger: Reich Gottes III, 49.
' Jodl: Geschichte der Ethik (1. Aull.) II, 37.
® Deutinger: cit. Msc. * Ders.: Reich Gottes 111, 659.
’ Ebd. IlT, 90.
* Ziegler; Sittliches Sein und sittliches Werden (Straüb. 18901, 65.
Tatsache der menschlichen Willensfreiheit.
Selbstdeterminismus bezeichnet werden, um einen Ausdruck von Kneib zu gebrauchen.^ Er ist nicht Ursachlosigkeit, sondern Selbstursächlichkeit.
Die aufgeworfene Frage nach der menschlichen Willensfreiheit ist von der größten Wichtigkeit. Nur die metaphysische Freiheit aber genügt. Jede andere ist Determinismus, Aufhebung der Freiheit, Notwendigkeit. Über die Wichtigkeit dieser Willensfreiheit sagt Deutinger ; „Die Voraussetzung, der Grund und das Prinzip alles Denkens und Erkennens ist die Freiheit.“- „Wer nicht wollen kann, kann auch nicht denken und erkennen.“* „Ist die Freiheit nicht das Erste und Höchste, so sinkt alles Denken und Handeln zum sinn- und bewußtlosen Trieb herab.“^ Wer in der Wissenschaft nichts weiter sehe, als die Resultate eines notwendigen logischen Denkprozesses, könne zwar die Unabhängigkeit derselben von allen fremden Einflüssen zu ihrem Ruhme geltend machen, aber er müsse dafür auf die innere Freiheit des Wissens und auf die sittliche Bedeutung der Wissenschaft verzichten.* Und wieder: Mit der Freiheit hört auch die Erkenntnis überhaupt auf. Wo Freiheit fehlt, ist die Erkenntnis keine wahre Erkenntnis, weil keine eigene, ist nur eine durch- nicht aber innewohnende.* Wer nicht sich selbst bestimmen, nach einem freigewollten Zwecke eigenmächtig sich entscheiden könne, so sucht Deutinger es zu beweisen, der habe auch nicht die Macht der Unterscheidung, er könne andere Wesen nicht von sich unterscheiden, weil er kein Ich sei, und könne er sich nicht von anderen Wesen unterscheiden, so könne er überhaupt nicht erkennen, kein Bewußtsein von sich und kein Wissen von etwas außer sich haben.' In der
> Kneil); Die Willensfreiheit und die innere Verantworllichkeil. Mainz 1898, 34 — 35.
* Deutinger: Reich Gottes II, 75. “ Ebd. II, 404. < Ebd. II. 404.
* Deutinger: Renan und das Wunder 48.
® Ders. : Cher da» Verhältnis des Hermesischen Systems zur christlichen Wissenschaft, vgl. Kästner a. a. O. 676.
’ Ders. : Prinzip der neueren Philosophie .505.
Tatsache der menschlichen Willensfreiheit.
Freiheit der menschlichen Kräfte liegt daher, sagt Deutinger, der Grund aller wirklichen Erkenntnis.^ „Nur wo Freiheit ist und erkannt wird, ist wahre Erkenntnis und Erkenntnis der Wahrheit möglich.“* Die Freiheit muß im Anfang des Denkens schon mitwirken und sie muß diesen Anfang selbst bewirken. „Wenn wir überhaupt selbst denken können, muß die Freiheit vor aller Anwendung der logischen Gesetze sein, bleibt nach Erreichung jedes, durch das Denken angestrebten Zieles als reife Frucht desselben übrig und kommt durch das richtige Denken uns immer mehr zum Bewußtsein.“* Um über Anfang und Ende, Grund und Ziel des Denkens und Erkennens uns Rechenschaft geben zu können, müsse man über die unpersönliche Natur hinausgehen und das Reich der persönlichen Willensfreiheit, das Reich des ethischen und religiösen Lebens betreten. „Nur durch die Religion kann die Wissenschaft zur Erkenntnis der wahren Freiheit gelangen und selbst wahrhaft frei werden, weil erst in der Religion das Verhältnis der persönlichen menschlichen Willensfreiheit zur höchsten göttlichen Persönlichkeit seine Bestimmung und seinen Abschluß findet. Solange die Freiheit nicht erkannt und nicht als höchste Kraft und letztes Prinzip alles Erkennens anerkannt ist, kann die Wissenschaft nicht mit klarer Einsicht in die Sache von der Freiheit reden. Sie vermag ohne die Religion die Freiheit und ohne die Erkenntnis der Freiheit ihre eigenen Prinzipien nicht zu erkennen und kann ohne Erkenntnis dieser ihrer eigenen Prinzipien noch weniger eine richtige Einsicht in das Wesen der Religion erlangen.“^
Im Interesse der Religion ist es also zugleich gelegen, die Willensfreiheit auf das allerkräftigste zu verteidigen.* Dazu sagt Deutinger weiter: Ohne Willensfreiheit des Menschen sei ja jede Offenbarung und jeder Glaube und die aus der Einheit beider hervorgehende Religion ganz und gar unmöglich.*’ Jede Religion und Sittlichkeit beruht
* Deutinger: Prinzip d. n. Phil. 505. * Ders. : cit. Msc.
ä Ders.: Renan und das Wunder 49 — 50. ■* Ebd. 62 — 53.
in ihrem Prinzip auf persönlicher Freiheit des Individuums.i ])je Religion kann nur von der höchsten Freiheit erfaßt werden, nur für sie und durch sie sein.“^ Deutinger scheint also nichts weniger als der Ansicht Wundts zu sein: „Einem tieferen religiösen Gefühl tviderstrebt überall der Indeterminismus.“®
Die Freiheit ist des Menschen höchstes Gut, sie ist es, die den Menschen unterscheidet von allen übrigen Geschöpfen der Erde.‘* Zum Wesen der Freiheit gehört es auch, unsterblich zu sein. „Wer den Grund der Bestimmung, das eigene Leben in sich selbst zu tragen ermächtigt und von Gott berechtigt ist, kann diesen Grund auch nicht verlieren; es ist sein Wesen, frei und darum unsterblich zu sein.“’’’ Indem der freie Gedanke weiß, daß in dem Geiste eine Macht ist, welche über die Natur erhaben, den Grund ihrer Bewegung nicht von außen empfängt, sondern in sich selber hat und in dieser Hinsicht unabhängig und wesentlich von allen bloß abhängigen Wesen und Dingen verschieden ist, ist er auch seiner Unsterblichkeit gewiß. Der Grund des Wollens kann ihm nicht genommen werden, weil er im Willen selbst liegt. Diese unabhängige Willensmacht sichert der Seele die Unsterblichkeit und Auferstehung. Die Seele, welche frei wollen kann, kann nicht mehr ganz auf hören zu leben und auch nicht alle Macht des Wollens verlieren.''
So ist es erklärlich, daß das Freiheitsbewußtsein unverlierbar stets und überall in der Geschichte sich offenbarte und, wie Deutinger sagt, das unvermittelte menschliche Bewußtsein gegen jeden Abschluß der Philosophie protestierte, in welchem entweder dieses innerste Prinzip alles Bewußtseins geleugnet oder doch nur zur unvollkommenen Bestimmung gekommen ist. ‘ Nichtsdestoweniger wird
‘ Deutinger: Ober eine notwendige Reform der Philosophie 214.
’ Ebd. Reich Gottes II, 5.
“ Wundt: Ethik, 2. umg. Aull. 301.
■* Deutinger: cit. Msc. ‘ Ebd.
* Deutinger: Reich Gottes II, 79.
Etnwände.
heute der Beweis ernstlich gefordert. Die neuere Philosophie kennt, wie wir gesehen, nur Determinismus, nur Notwendigkeit. Ihr gilt darum die nun folgende Untersuchung über die Tatsache der menschlichen Freiheit Um das Thema erschöpfend zu behandeln, folgen wir Deutinger erst in die Gedankengänge der Gegner. Seine erste Aufgabe muß es sein, die Einwände in ihrer Nichtigkeit aufzuzeigen und sie zu zerstören. Dann will uns Deutinger, mit Verzicht auf einer „längst vergangenen Zeit abgeborgte prinzipienlose Beweisarten“ ‘ einen wahrhaft positiven Beweis aufbauen.
a) Einwände.
Nicht in jeder einzelnen Handlung läßt sich der Faktor der Freiheit augenfällig nachweisen. Insoweit, sagt Deutinger, seien denn auch die Beweisführungen der materialistischen Notwendigkeitslehre bei allen schwachen Denkern im Vorteile. Man beziehe sich bei denselben immer auf einzelne Tatsachen. Im einzelnen lasse sich aber die Freiheit nicht von der Notwendigkeit trennen, weil beide unter dem gleichen Einflüsse sich offenbaren. Hier könne man dem Gedankenlosen um so leichter ein X für ein U machen, eben weil er die Buchstaben nicht kenne, d. h. nicht bis zur Erkenntnis der letzten Elemente und Prinzipien des Handelns vordringe. Man müsse darum nach allgemein gültigen Gründen fragen, statt sich bei der Aufzählung aller einzelnen Veranlassungen, Einflüsse, Bedingungen und äußeren Motive der menschlichen Handlungen, die gar nicht geleugnet würden, aufzuhalten.- Da ist es nun wirklich merkwürdig, wie wenige solche Gründe beigebracht werden können, und noch merkwürdiger, wie unzureichend dieselben sich zeigen. Man beruft sich erstens auf ein allgemeines Naturgesetz, welches aus summarischen Zusammenstellungen der einzelnen Begebenheiten und Handlungen abgeleitet wird und den notwendigen Einfluß der äußeren Verhältnisse und Umgebung auf die
“ Ders.: Anhang von „Der gegenwärtige Zustand der deutschen Philosophie“ 231.
Tatsache der menschlichen Willensfreiheit.
Entwicklung der Völker wie der einzelnen Menschen beweisen soll.^ Man weist zweitens auf das notwendige Verhältnis von Kraft und Stoff, Geist und Materie, welche immer beieinander seien und darum in keinem Gegensätze zueinander stünden, woraus gefolgert wird, daß ein so der materiellen Notwendigkeit leiblicher Funktionen entgegengesetzter Bestimmungsgrund wie der freie Wille gar nicht denkbar ist.^ Drittens behauptet man noch, eben weil man trotz dieser Gleichmäßigkeit des Gesetzes von Geist und Materie doch das Eintreten von Motiven, deren der Mensch bei seinen Handlungen und Entschlüssen sich bewußt sei, nicht ganz leugnen könne, daß gerade die Bestimmung des Willens durch Motive die Freiheit desselben aufhebe. Irgend ein Motiv müsse notwendig das überwiegende sein, und dieses zwingende Motiv sei somit als letzter Grund alles Handelns zu betrachten und nicht der freie Wille.®
Auf den ersten Einwand erwidert Deutinger: Ein solches Gesetz könnte sehr wohl mit der menschlichen Freiheit zusammenbestehen, da die menschliche Freiheit nicht absolut, nicht zugleich allmächtig sei, sondern eben des äußeren Mittels der beschränkten Organe zu ihrer Bewegung bedürfe. Übrigens könne man sich nicht auf ein solches Gesetz berufen. Wenn man sage: Heiraten und Sterbefälle entsprechen sich vollkommen der Zahl nach, ebenso sei es mit der Zahl der Verbrechen und ähnlicher Erscheinungen, alle Begebenheiten und Handlungen seien rein mathematischen Verhältnissen unterworfen, so sei damit kein allgemeines Gesetz ausgesprochen, denn Verhältnisse, die aus den geschehenen Tatsachen abstrahiert würden, seien nicht auch denselben vorhergehende Gesetze. Das Verhältnis der Anzahl der Han-
* Siehe z. B. J. C. Fischer: .Über die Freiheit des menschlichen Willens* (Leipzig 1858) 186 ff., 10 ff., 59 ff., 161 ff.; ferner Paulsen: Ethik II. Buch, 9. Kap., 2. Abschn.
' Siehe z. B. .1. C. Fischer a. a. 0. ff. 59.; ferner Wundl: Ethik, 1. Aufl. 121 ff.
“ Siehe z. B. J. C. Fischer a. a. O. 121 ff.
Einwälide.
delnden habe keinen inneren Zusammenhang mit den Handlungen. Wenn man die in einer Stadt lebende Zahl von Menschen zähle und finde, daß z. B. zehntausend Menschen dort leben, und nach zwanzig Jahren zähle man wieder und finde, daß es ungefähr ebensoviele seien, folge daraus gewiß nicht, daß diese Leute nicht frei seien, weil sie immer dieselbe Summe ausmachen. Und wenn bei der gleichen Zahl Menschen ungefähr dieselben Beschäftigungen, dieselbe Zahl von Krankheiten, Hochzeiten, Schlägereien oder Ähnliches sich wiederhole, lasse diese Wiederholung gewiß nicht eine notwendige Folgerung auf die Unfreiheit der Einwohner zu.^
Man gibt dem Einwurf eine andere Wendung, indem man hinweist auf äußere die Anschauungen und Ideen der Völker und der einzelnen Menschen beherrschende Einflüsse. 2 Deutinger antwortet: Wenn man allerdings essen müsse, um zu leben, so folge daraus nicht, daß man alles essen müsse, was einem vorkomme, daß man keine Wahl habe in den Speisen, daß man nicht mäßig und unmäßig sein könne, je nachdem man sich selbst beherrschen lerne oder sich äußeren Einflüssen hingebe. Die Macht der äußeren Einflüsse sei groß, das sei richtig. Manche Menschen vergäßen darüber ganz und gar von ihrem Willen Gebrauch zu machen, seien launisch und veränderlich, je nach der Stimmung ihres Leibes, ohne es in ihrem Leben zu einem rechten freien Entschluß zu bringen; aber folge daraus, daß diese Willensmacht gar nicht vorhanden sei? Folge daraus, daß die äußere Bedingung, auf die sich die freie Tätigkeit stützen solle und könne, eine zwingende Ursache sei? Dieses letztere aber müsse man annehmen, wenn man die Freiheit leugnen wolle.®
Man zieht sich nun zurück noch zu der Behauptung:
• Deutinger : Anhang von „Der gegenwärtige Zustand der deutschen Philosophie“ 231 '
’ Vgl. Kuno Fischer: a. a. 0. 37 f.; ferner J. C. Fischer: a. a. O. ; Feuerbach usw.
“ Deutinger: Anhang von „Der gegenwärtige Zustand der deutschen Philosophie“ 234.
Tatsache der menschlichen Willensfreiheit.
Alle Handlungen haben eine gemeinsame Ursache, die Weltorganisation. Von ihr ist die Organisation des Menschen ein Teil. Dieser Teil ist den gleichen Gesetzen unterworfen, wie das Ganze. Alle Handlungen des Menschen sind daher, weil schlechthin notwendige Funktionen seines Organismus, auch notwendig unfrei. Das Denken ist gleichfalls eine solche Funktion, die des Gehirns, die im Schlafen und Wachen vor sich geht, weil sie von dem Gehirnorganismus erzeugt wird. Der Mensch denkt nicht mit Bewußtsein, und nicht, weil er will: er muß denken. Wenn der bewußte Wille Ursache des Denkens wäre, so müßte der Wille wissen, was er denken will; er müßte also den Gedanken zum voraus inne haben; denn kennt er denselben nicht zum voraus, so kann er auch gar nicht den Vorsatz haben, gerade diesen Gedanken denken zu wollen ; kennt er ihn aber, so ist ein neuer Gedanke und überhaupt alles Denken und Erfinden unmöglich.^ Darauf antwortet Deutinger: Gesetz und Ursache sind wohl zu unterscheiden. „Wenn das Gesetz der Bewegung notwendig ist, so folgt nicht, daß auch die Bewegung notwendig ist, daß das Gesetz, dem gemäß ich mich bewege, mir auch die Kraft und den Entschluß zur Bewegung verleiht. Die allgemeine Organisation der Welt ist allerdings die Voraussetzung und Bedingung der besonderen Organisation des Leibes; allein sie ist nicht die einfache zwingende Ursache derselben. In dem Gesetze der Allgemeinheit alles Seins liegt kein Grund der Besonderheit und Getrenntheit der Dinge voneinander. Zu der ersten Ursache muß daher noch eine zweite, der ersten entgegen wirkende, hinzukommen und jede Funktion ist nicht die einfache Wirkung einer einzigen Ursache, sondern Produkt wenigstens zweier Ursachen oder Faktoren. Es bleibt unmöglich, irgend eine bestimmte Handlung oder Begebenheit aus einer einzigen Ursache zu erklären, weil in dem Allgemeinen nicht der Grund liegen kann, daß etwas Besonderes ist. Ebensowenig ist das Denken ein einfaches Produkt der bloßen
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The end
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