← Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene (part 3 of 3)

Part 3 of 3 · Albrecht Schaeffer · Public domain text

About this edition

Source: Project Gutenberg e-text #59187, public domain in the United States · text not rewritten or summarized · How RedLectern is built

 

Contents (3)

Continue:

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene (part 3 of 3)

Bei den erfrornen Menschen blieb ich stehn -- vielmehr wurde ich von ihrer einem, seines Zeichens persönlicher Adjutant, zur Disposition gestellter Jägermajor, über Treppen und Galerien in ein stockdustres Gemach geführt, in dem jemand zu sitzen schien. Nach einer Weile erkannte ich einen Kopf, der einem riesigen, gekochten weißen Fischaugapfel glich (wir polkten sie als Kinder aus den Augen der Schellfische!). Ich hörte ein Gemurmel, murmelte ebenfalls, der Adjutant murmelte, noch ein Mensch -- der Hofkammerrat -- murmelte, wir verbeugten uns Alle, ich stand wieder draußen. Das war der Großherzog, königliche Hoheit.

Ich folgte von neuem beiden Erfrorenen und kam in einen Saal; große dunkle Gemälde an den Wänden, ein Tisch und fünf Sessel, drei um den Tisch konstelliert, zwei an den Türen. Durch deren eine erschienen zwei so völlig schwarze Gestalten, wie ich sie nicht für möglich gehalten hätte, eine große, hagre, alte mit einem schauderhaft törichten Gesicht; die kleinere, andre, zitterte am ganzen Leib, war todblaß, hatte jedoch wider meine Erinnrung nicht gar so blasse, ein wenig vorquellende Augen; der Mund war nur angedeutet, ein blasser Streif, die Nase anmutig, ja, das Ganze -- im Augenblick nichts als Angst -- war nicht ohne Lieblichkeit, nur entstellt durch Magerkeit und unglaublich sitzende Kleidung. Dazu war das ganz hellblonde Haar so ungünstig angeordnet, daß die breite Stirn mit zwei leichten Buckeln wie ein Felsen aussah. Dies war Sigune, und drei Minuten war ich mit ihr allein.

Lieber Freund Benno, Du kannst mir glauben, ich dachte nicht daran, daß dies meine Frau werden sollte. Ihre Hülflosigkeit war unsäglich rührend, ihre bebenden Hände wollten sich in den schwarzen Kleidfalten verstecken, -- nie im Leben bin ich mir so robust vorgekommen. Ja, was machte ich mit ihr? Ich holte die Hände beide hervor, nahm sie in die Linke, klopfte mit der Rechten väterlich darauf und sprach ihr zu, so gut ich konnte: Aber man muß doch nicht bange sein! Aber man muß sich doch nicht vor mir fürchten ... und dergleichen mehr, und da -- ach, dies Geschöpf! -- nachdem seine erst flehenden Augen sich gleichsam aufseufzend an den meinen beruhigt hatten, machte sie eine Hand aus der meinen los, legte sie um meine Hand und küßte sie ganz schnell. So demütig war sie -- lieber Gott! Sie sagte nichts, ihr Haar duftete ganz leise. Ich brauchte wohl eine Weile, um mich zu sammeln, fragte dann -- und ahnte nicht, wie gut ich fragte --: »Ruft man dich denn noch Gunny wie vor acht Jahren?« »Das wissen Sie noch?« fragte sie hastig, errötete leidenschaftlich, brach dann aber in einen gequälten Husten aus. Ich mußte zurücktreten, Hofdame, Kammerherr und Adjutant erschienen, gleich hinter ihnen der Majordomus mit umflortem Stabe, der auf französisch verkündete, daß angerichtet sei. Es waren noch einige stumme Personen bei Tisch. Ich trank Sigune zweimal zu, was wahrscheinlich ein Etikettefehler, sicher aber ein schönes Mittel war, sie zum Erröten und Lächeln zu bringen. Am Nachmittag gab es bei verbesserter Witterung einen Spaziergang, bei dem ich Sigune mit sanfter Gewalt nötigte, englisch mit mir zu sprechen, nachdem ich herausbekam, daß die Hofdame es nicht verstand. Ich warf ein paar Angeln nach ihrer Bildung aus. Schiller, Uhland, Körner, Rückert, Geibel, Freytags Ahnen und -- Hölderlin. Bei diesem Namen ging sie auf eine wunderbare Weise leicht in Flammen auf -- wie eine weiße Papierrose. Ob sie den auch im Unterricht kennen gelernt habe? -- Nicht im Unterricht selbst, aber doch von ihrem Lehrer. Wer denn das sei? -- Sie zögerte eine Weile, versuchte einen Blick zurück nach der hinter uns verbliebenen Hofdame, errötete und sagte ganz leise, und als spräche sie das kostbarste Geheimnis aus, das Wort: Tröstherzeleid. -- Oh, Benno, wenn Du es gehört hättest! ich glaube, Du hättest geweint. Ja, und nun -- -- ich erschrak im Herzen, und als ich fragte, wer denn das sei, was kam heraus? Der Hofkammerrat war es, eben jener Graf Leunstein von Badenbach, Exzellenz, der als erster dieser Beuglenburgschen Zunft vor mir in Erscheinung trat. Der Name, mit dem sie ihn nannte, erzählt wohl genug. Ich fragte auch nicht mehr. Es stellte sich noch heraus, daß sie mir in Philosophie weit überlegen ist, Kant und Leibniz, Spinoza und Stirner, Platons Staat und Ciceros philosophische Schriften im Urtext gelesen hatte -- armer Kopf, armer Kopf! Dies Mädchen kennt nur zwei Menschen: ihre Hofdame und ihren Lehrer, -- und dann war noch eine armselige Erinnerung an eine liebevolle junge Engländerin, die Gunny gerufen hatte und früh an der Schwindsucht gestorben war. Wie schlecht der kleine Trauerhut mit den Kreppschleifen saß! Und diese Jacke, und dieser Rock und diese Schuh! Alles vom Bazar in Stadt Zinna. Aber die Füße waren schmal und traten zierlich auf.

Die Kerzen weinen Ströme von Tränen -- Benno, sollt ich nicht weinen? Ich stand am Fenster, beugte mich in die Nacht, suchte den Mond, er war fort, nur noch eine rinnende Quelle von feuchtem Glanz in der Nacht, über die es sich faltig verschob; in der Tiefe -- Nachttiefe allein, unsichtbares Land, aus dem es dampfte, kalt und feucht, ein rotes Bahnlicht fern, mir zu Füßen nur schwarze Leere, denn hier ist die Rückseite des Bergs, Felsen fallen steil ab. Ein Gefühl, als könnte -- denk nicht, ich meinte es komisch, obwohl es so klingen mag -- als könnte die kleine Sigune jetzt an einem offenen Fenster sitzen und Okarina blasen. Ich habe sie Augenblicke lang deutlich gehört, simple, klagende Noten, wie Fischmunde winzig im willkürlichen Strome der Nacht hinschwimmend, -- und da sitze ich, male langsam die sonderbaren Schnörkel auf das Papier, und meine eignen Gedanken scheinen mir wie die Siegel einer Geheimschrift, die zu schnell vorübergleitet, als daß ich sie lesen könnte. Hinter den Wolken sind die Sterne, steht, wie allnächtlich, ihre feierlich glühende Schrift, die großen Siegel leuchten, wir dürfen sie berühren mit der Stirn, wir erbrechen sie nicht, sie schweigen uns an.

Und so will ich nicht weiter denken und das Kommende nur erwägen, wenn es sich stellt.

Ein letzter Funke im Gehirn glüht auf, und ich schreibe, schreibe in offener Schrift: Wenn ich denn lüge, eine Abkunft heuchelnd, die nicht besteht, so ist dies doch ein Opfer. Ein sinnloses -- wohl! denn hier zwingen die Alten und Kranken, die Furchtsamen und Beharrenden, sie zwingen die Jungen und in Ängstlichkeit Tapferen in ihren Willen. Wer aber weiß, welchen Sinn all dies hat? Haben diese Kerzen sich ausgeweint, so wird auch eine offene Sonne wieder scheinen über dies traurige Land, das ich wieder zu ermuntern gedenke.

Lebe wohl, Benno! auch ich beabsichtige, wohl zu leben.

Stets treulich Dein Georg.

Siebentes Kapitel: Mai

Klemens

Renate hatte mit Saint-Georges in der Kapelle musiziert; während sie die Noten zusammenlegte, Saint-Georges seine Geige verpackte, meldete das Mädchen Doktor Klemens; Renate dachte, ihm Bogners Engel zu zeigen, und bat, ihn herzuführen. -- Saint-Georges putzte bedächtig die Kerzen vor der Orgel und an seinem Notenpult eine nach der andern, damit es hell genug sei. Dann erschien Klemens, blickte sich um, noch dicht an der Tür, verneigte sich, so tief er konnte, und sprach sie an: »Holder Geist! Welch unschätzbare Gnade für mich, Sie in Ihrem eigensten Reich begrüßen zu dürfen!«

»Bitte, reden Sie weiter,« lud Renate ihn munter ein, »Sie sind ja ein Redner!«

Klemens fuhr heiter fort: »Was ich sehe, erstaunt mich ungemein, und ich wähne mich im Traum oder verzaubert. Streitbare Engel sehen mich an oder schreiten auf mich zu, Musikinstrumente wie himmlische Waffen in den Händen. Kerzen! Rötliche Dämmrung! Und vor einer auserwählten Schar Gepanzerter in goldnen Harnischen erscheint mir die himmlische Peri selber, in dunkelrote Seide gekleidet wie in eine runde Glocke aus Abendhimmel. Alles ist äußerst erstaunlich!«

»Bloß von mir«, bemerkte Saint-Georges, »weiß er gar nichts zu sagen und unterschlägt mich schlechtweg. Guten Abend, Meister, was macht die Internationale, schläft sie oder wacht sie?«

Klemens kam nun herbei, reichte Renate und Saint-Georges die Hand, sagte drohend: »Noli turbare ...!« stellte sich vor den nächsten Engel und versank in Schweigen.

»Nun hab ich so oft von der berühmten Internationale gehört und gelesen und sehe zum erstenmal ein lebendiges Stück von ihr«, sagte Renate, aber er schien es nicht zu hören. Nach einer Weile sagte er, tief Atem holend:

»Sechs sind es, wie ich sehe, und schon einer überwältigt. Ja, wer hätte das gedacht, als es eines Tages im Lyzeum hieß: Bob Bogner kommt nicht wieder, der ist weggelaufen. Internationale, sagten Sie? Ach,« meinte er abwehrend, »es giebt so viele, in diesem Augenblick weiß ich wirklich nicht, welche Sie meinen.«

Renate verlangte eine Erklärung, allein, in langen Pausen von einem der Engel zum andern gehend, schwieg er sich nach Kräften aus; beim vierten sagte er, die letzten zwei müsse er sich auf das nächste Mal versparen, setzte sich auf einen der Klaviersessel und fing halblaut an zu sprechen:

»Die Internationalen ... Eine Vielzahl konzentrischer Kreise, und hier sehen Sie den äußersten. Die Internationale der großen, rasenden Kunst, ungeheuren Einmuts auf der Spur des alleinigen Gottes in aller Herren Länder, wetteifernd seit ewig im geheiligten Kriege, Engelscharen, Geniescharen, Heroenscharen, friedlich sich bekämpfend zum Ruhme Gottes, den zu mehren, den jährlich tiefer zu entflammen die einzig fruchtbare Schlacht seit tausend und tausend Jahren ohne Ende über die Erde dröhnt.«

Er stand auf. »Die Internationale der menschlichen Hoheit, deren Namen ich nicht wage auszusprechen vor ihrem erlauchten Antlitz, das ich sehe.« Sein Blick stand in so gerader Flamme gegen Renate, daß es sie mit seltsamem Schauder durchbohrte, und sie errötete noch tiefer, als schon seine Worte sie erröten machten. Dann nahm er ihr Lächeln auf, wandte sich zu Saint-Georges und fuhr fort:

»Damit er sich nicht wieder beklagt, begrüße ich in diesem schlichten Manne die herrliche Internationale des Geistes, der Wissenschaft, die Internationale der wundervoll friedlichen Eroberer in allen Räumen dieser Welt, zu Lande, zu Wasser, im Feuer und im Sturm, im Vogel und im Fisch und im ruhlos schweifenden Atom, Anfüller der unerschöpflichen Arsenale, Herolde, Propheten und Poeten, einmütig heiligen Zornes im unablässigen Grübeln über den Rätseln der unbekannten und der bekannten Welt, Ärzte, Heilmacher des wunden Geistes, der kranken Seele vom Weltgift. -- Ich grüße«, sagte er mit einer kreisenden Handbewegung nach oben, »im unbekannten Erbauer dieses Raumes die nächste Internationale, vom Präsidenten Plutus regiert, auf deutsch: das Kapital, eine Internationale von ganz besonderer Einmütigkeit, also daß zum Beispiel, gesetzt es gäbe Krieg, sämtliche Angehörigen dieser Internationale in allen beteiligten Ländern wie ein Mann, Agrarier, Schwerindustrie und Banken, Dampf in allen Kesseln, sich abmühen würden zur Überwältigung des -- Friedens.«

Er lachte lautlos. Renate dachte an ihren Onkel, kniff leicht die Augen zu und hörte ihn weiter reden, nachdem er zu der weißen Säule des Ofens in der Ecke gegangen war, dem er die Hand auflegte, während er sprach:

»Und ich begrüße Mittelkreis und Kern aller Internationalen in diesem Ofen und seiner Glut. Ich grüße die Kohle. Ich grüße den Mann im nassen Stollen, den Mann im sausenden Förderstuhl, den Mann in der explodierenden Nacht. Alle Mann grüß ich am bezwungenen Feuer, den Mann am Amboß, den Mann am Schalter, den Mann am offenen Feuerrachen mitten im ruhig fahrenden Schiff, mitten im Ozean, den Mann an der Setzmaschine, den Mann am Gebläse, den Mann am Webstuhl, am Strickstuhl, am Spinnstuhl, den Mann an der Nähmaschine, den ein und tausend Mann, der, schmorend als Kohle im feurigen Ofen, das Lied von der einen, meinen singt: Die Internationale! --«

Er schwieg. »Das war schön«, sagte Renate langsam. »Vielleicht denken Sie, ich sollte nun etwas andres sagen, aber« -- sie wandte sich unschlüssig zu Saint-Georges um und schloß: »-- ich weiß nichts andres als das. -- Ich weiß,« fuhr sie, da Klemens den Mund öffnete, fort, »daß viele Tausend Mangel leiden, damit ich --« sie strich mit den Händen über die Falten ihres Kleidrockes.

»Nein, um Gottes willen, welche Verwechselung«, sagte Saint-Georges. Er ließ die Vorderbeine des Stuhles, auf dessen Lehne er im Stehen die Arme gekreuzt hatte, sich zu Boden senken, drehte ihn um seine Achse und setzte sich reitend darauf.

»Niemand, Renate,« sagte er, das Kinn auf die Lehne legend, »niemand will, daß du nicht bist, weil Andre in Not sind, sondern im Gegenteil bist du und dein Haus die Erfüllung all ihrer zartesten und tiefsten Träume und Wünsche, und sie wollen nichts weiter, als daß sie, wenn ein Haus voller Engel an ihrem Wege steht, hineingehn können, wann der Wunsch sie dazu treibt, und daß, wenn es Gott gefiel, eine Schale voll Musik über die Erde auszuleeren, der irdene Topf so geeignet sei, um sie aufzufangen wie der goldene Becher.«

»Ich glaube,« sagte Renate unbedenklich widersprechend, »Doktor Klemens sprach doch von denen, die Not leiden und --«

»Nein,« sagte Klemens, »ihr Freund hat recht. Ich fragte einmal einen Bierfahrer in Camberwell, ob er schon die Sterne gesehn habe, und dieser Bierfahrer sagte, er wollte verdammt sein, wenn ers getan hätte seit Sarah Pedgewoods Tode, denn er hätte keinen Tropfen Ale gesehn seitdem. Aber sehn Sie, doch geht dieser Bierfahrer auf nur zwei Gliedmaßen aufrecht, und daß er es tut, das ist der Beweis, daß er die Sterne sehn möchte, wenn er nur einen Sinn damit zu verbinden wüßte. Die Notleidenden? Nein, verehrtes Fräulein, die gehen mich nichts an. Not wird gelitten zu Lande und zu Wasser, zu Leibe und zu Seele, und wegen Essens, Trinkens und der Liebe brauchten wir keine Internationale zu gründen, sondern das bringt die Welt ganz von selber in Ordnung. Sie leiden nicht Not, sie, die ich meine«, sagte er hart und schlug leicht mit der Faust gegen den Ofen.

»Was dann, Georges?« fragte Renate.

»Ungerechtigkeit leiden sie«, sagte Klemens. »Knechtschaft, das ists, was sie leiden. Sie leiden, daß sie verbraucht werden in den guten Jahren, so daß sie darben müssen im Alter. Sie leiden, weil zehn Menschen in der Welt je tausend Äcker haben, und ihrer zehntausend haben zusammen einen. Sie leiden nicht, weil jener sich Gemälde kauft und dieser jeden Tag eine Frau, weil jener die Zigarre mit drei Mark bezahlt und dieser im Sommer nach Japan reist, sondern sie leiden, sie leiden unauslöschlichen Gram, weil sie keine Zeit haben, um Gemälde zu sehn und um an einem Sommertag im Grase zu liegen, denn weiter wollen sie nichts. Sie wollen und sollen nicht zehn Stunden am Tage arbeiten, auch nicht neun oder sieben, sondern allerhöchstens sechs, und ich sage, daß es dazu kommen wird, wenn nicht heute, dann morgen.«

Renate hatte, da er schwieg, Zeit über seine Worte nachzudenken und sagte nach einer Weile: »Mein Vetter, Erasmus, den Sie kennen, und Ihr Freund Herzbruch und Bogner, Ihr Schulkamerad, wie lange glauben Sie arbeiten die am Tage?«

Klemens lachte, kam bis dicht zu ihr, schüttelte den Kopf und sagte: »Der Geist, Verehrungswürdige, hörten Sie nie vom Geist? Nie, daß er es eben ist, der frei ist allein, und daß ich eben sagte: sie leiden Knechtschaft, sie wollen freien Geistes sein? Und übrigens: wenn ein Fabrikant sich durch seine geistige Arbeit zugrunde richtet, so ist das seine Schuld und geht niemanden etwas an. Sonst hat geistige Arbeit mit der schwersten körperlichen das Erhaltende gemein. Der Arm des Pflügers, des Holzfällers, das Auge des Bergsteigers, der Fuß des Matrosen sind mit siebenzig Jahren noch so scharf und sicher und kräftig wie mit zwanzig, und das Hirn des Forschers, des Erfinders ist es nicht minder. Was zermürbt, ist nicht die Anstrengung; was zermürbt, ist allein die Maschine. Das ist mein Gesetz: Wer eine Maschine bedient, soll dies sechs Stunden im Tag tun und nicht länger, soll es vierzig Jahre seines Lebens tun und nicht länger! Nur der Geist ist frei, und sobald ein Dichter nicht mehr das Recht haben soll, freiwillig zu verhungern oder wahnsinnig zu werden, und sie Gewerkschaften gründen zum Schutz ihres Geistes, sobald kann denn das Ganze zum Teufel gehn. Sie sagen vielleicht, ein Dichter, ein Weiser muß deshalb hungern, weil er zu früh geboren wurde, weil die Welt noch nicht reif sei für seine Werke, seine Erfindungen, seine Lehren. Ach, wie sähe es denn aus in der Welt, wenn jeder käme zur rechten Zeit, wenn alles grade sich einpaßte, wo ein Loch wäre, auch der Pfropfen, wo ein Geber, auch der Nehmer, das wäre so langweilig erstens wie Schwarzer Peter spielen, und zweitens möchte man dann ja wohl anfangen zu verlangen, daß auch Sonnenschein und Regen gleichzeitig auf den Acker fallen, und doch würde das dem Acker gar nichts nützen, sondern es ist wohlweise eingerichtet, daß der Nil nur einmal im Jahre steigt -- wenn auch auf Kosten von einem Jahr unter zehnen, wo er gar nicht steigt, und einem, wo er zu hoch geht. Glauben Sie, daß ich die Welt verändern will? Glauben Sie es, Saint-Georges?« Sie lachten Beide, und Klemens lachte mit. Er war aber sehr erregt und fing gleich wieder an, hin und her gehend im Raum:

»Übrigens -- Ihnen kann ichs sagen -- bin ich nicht in dem Ausmaß international, wie Sie denken, bin ein Deutscher am Ende und sehe, daß die Not hierzulande nicht im entferntesten die Ausmessungen hat wie in andern, in England, in Frankreich. Und was heißt denn Not? Es giebt doch nur Ausbeutung und Arbeitslosigkeit. Arbeitsscheu ist eine Krankheit, oder Anormalität, was Sie wollen, wie Trunksucht. Ausbeutung und Arbeitsmangel bleiben bestehn. Arbeitsscheu und Trunksucht gehören mit Mördern und dergleichen in die Heilhäuser und Arbeitsanstalten; niemand gehört ins Zuchthaus noch aufs Schafott. All das wird nicht heute geändert, aber es wird geändert werden, dafür bürge ich. Tun Sie mir die Liebe und denken einen Augenblick nach. Wann fing das Unheil an? Im Mittelalter gab es keine Armen; es gab Sieche, alte Weiber, Krüppel und Soldaten, in denen sich die gesetzmäßig geregelte Arbeitsscheu verkörperte. Wer arbeiten wollte, hatte immer zu essen. Das Unheil begann mit der Übervölkerung und mit der Maschine. Wie alt ist die Maschine? Knapp hundert Jahr. Nun sehen Sie bloß mal an, seit einem halben Hundert Jahren fing man an, diese Not zu erkennen und zu studieren, seitdem sich alles mit reißender Zeit doch nur verbösert hat, und dabei können wir fröhlich und getrost sein, wenn in tausend Jahren das Blatt sich gewendet hat, dann, wenn man auch im Rächer seiner Ehre, im Totschläger, im Wüstling so wenig mehr einen Verbrecher sieht wie heute im Geschlechtskranken, der Frau und Generationen vergiftet, und im Säufer, der dasselbe tut. Ein Glied faßt ins andre, und keines von den kranken läßt sich für sich allein heilen, sie müssen alle schon im einen ihre Gesundung beginnen.«

Er hörte auf und stand wieder bei seinem Ofen still. Renate, hocherfreut, ihn reden zu hören, fragte, ihn weiter zu stoßen, was er aber damit habe sagen wollen, daß er ein Deutscher sei.

»Ganz einfach,« sagte Klemens, »ganz einfach!«

»In Frankreich, sehen Sie, wenn ich da eine Rede halten will, muß ich anfangen: La gloire! -- In Deutschland, wie muß ich da anfangen? Ich muß mit der Faust aufs Pult haun.« Er lachte: »Ha, ha, ha!« und freute sich königlich. »Was ich dann sage, ist schon gleich, ich muß erst mit der Faust aufs Pult haun. Deshalb nun,« sagte er verschmitzt, »deshalb wäre es nun doch ein Fehler, anzunehmen, daß in Frankreich der Geist herrsche und in Deutschland nicht. Sondern das Gegenteil ist der Fall. In keinem Lande der Welt ist noch der schäbigste Bierfahrer so durchdrungen vom Geist wie in diesem sonderbaren Land. Er hat die fremdartigsten Formen. Er geht in Potsdamer Grenadierstiefeln sehr häufig, übertrieben häufig. Aber er waltet, unsichtbar, jedoch er waltet. Vielleicht nicht die Kultur, aber der Geist ist tiefer hierzuland als anderswo. Deshalb, sehen Sie, beschränke ich mich auf dies Land. Wer schaffen will, kann seine Kreise nicht eng genug ziehen. Mißtrauen Sie meiner Behauptung? Soll ich Ihnen den Geist der Gewerkschaften nennen, noch einmal nennen? Die Internationale, das ist ihr Geist. Der Geist der Geistlosen. Der Geist der Geistigarmen. Und dies ist ihr ganzer, strahlender Reichtum; die Internationale ist ihr Reichtum. Ausgeschlossen vom Nabob, von den Betten der Reichen, träumt jeder sich weich im Arme einer Heerschar von Brüdern, sich reich im Bewußtsein seiner ungeheuren Kraft, im Gefühle, im Glauben, in der Erwartung der Stunde, wo der Riesenarm aus hunderttausend Armen zum Schlage ausholt. Die Internationale ist die große Romantische, die Cherubsarmee, der selbsteigene Trost, die dauernde Zuflucht, das große Asyl aller Obdachlosen, strahlend und gewaltig wie das Junifirmament über eine nackte Erde gewölbt.«

Eine Weile blieb es still im Raum; Klemens stand, die Hand gegen den Ofen gestützt, den Kopf gesenkt. »Ja,« sagte er aufschreckend, »ich muß nun aber fort, es wird höchste Zeit, ich muß noch zu meiner Schwester, heut abend geht mein Zug.«

Renate wollte eben verwundert fragen, ob er sie denn wirklich nur, um sich zu verabschieden, besucht habe, als Irene in Pelzjacke und Barett in der Tür erschien, während Klemens durch die Kapelle zum Podium kam, wo sie sich vom Stuhl erhoben hatte.

Irene verwurzelte sich im Eingang mit einem solchen Blick auf Klemens, daß Renate den Ausruf ihres Namens unterschlug. Klemens schüttelte ihr kräftig die Hand, indem er umherdeutend sagte: »Sonderbare Reden, die wir hier gehalten haben.«

Indem drehte er sich zu Saint-Georges um, sah Irene und fuhr mit den Schultern zurück. Dann biß er sich auf die Lippen, sagte: »Guten Abend, Frau Herzbruch!« und gab Saint-Georges die Hand.

Er ging zur Tür, Irene wich nun zur Seite und neigte den Kopf grüßend. Er blieb stehn. »Sie wußten vielleicht nicht, daß ich Otto bat, mich bei meiner Schwester zu treffen?« fragte er.

»Doch, ich wußte es«, sagte sie.

»Entschuldigen Sie nur,« rief er leicht, »ich dachte, Sie wären aus Zartgefühl hergekommen.« Und ging hinaus.

Irene nahm eine Hand aus dem Muff und schob den Schleier hoch, ohne etwas zu sagen.

»Guten Abend, Irene!« rief Renate, während Saint-Georges zu ihr ging. Da stampfte sie plötzlich mit dem Fuß auf und schrie: »Gott sei Dank! Gott sei Dank, daß er weg ist! Lange genug hats ja gedauert!«

Unter der dreieckigen, fest um den Kopf gezogenen Mütze sahen ihre Augen diamantschwarz unter den Schleierfalten hervor. Sie ging mit harten Schritten zum nächsten der beiden Flügel, warf ihren Muff darauf, zerrte den Knoten ihres Schleiers am Hinterkopf auseinander, warf den Schleier auf den Flügel, riß die Pelzkappe ab und warf sie dazu und fuhr sich mit den Händen in die festgedrückten Locken, um sie aufzurichten; danach ließ sie die Arme fallen, machte einen Schritt, stützte die Hände auf die Hüften und blieb so stehn, mit hängendem Kopf, an der Unterlippe nagend. Renate sah alles mit an. Irene warf den Kopf zurück, trat rückwärts an den Flügel, legte eine Hand auf die Platte, trommelte mit den Fingern, sagte endlich:

»Ja, Renate, jetzt ists also aus. Nun hats eine Ende mit Schrecken genommen, das soll nicht schaden. Gott sei Dank, ich habe durchgekämpft und brauche mir keine Vorwürfe zu machen.«

Was aus sei, fragte Renate unzufrieden.

»Na was! das mit Klemens!« Oh, Renate sollte schon wissen, wie sie gekämpft und sich erniedrigt habe! »Erst sollte es eine Probezeit auf acht Tage sein, damals --«

»Was sollte?« fragte Renate kurz, gestört von dem unverständlichen Hin und Her.

»Daß er im Hause blieb! Dann ist ein Monat draus geworden, aber hassen habe ich ihn gelernt, ach gehaßt habe ich ihn vom ersten Augenblick an, diesen Zerstörer, diesen Schönredner, diesen -- Tanzenden! Herrgott, wie er mich verwundet hat, wie ich hab frieren müssen! Ich möchte wohl wissen, wie er gegen dich gewesen ist, eben! Auch so höhnisch und so metallen? Hat er das wohl gewagt?«

»Georges hat Hunger,« sagte Renate, »komm, wir wollen zum Essen gehn.«

Irene nahm wortlos ihre Pelzsachen auf, während Renate die Kerzen löschte, brauchte eine halbe Minute, um ihren Schleier zusammen zu raffen, folgte dann Renate, während Saint-Georges schon an der Kurbel der kleinen Glühlampe stand, die den Raum jetzt erhellte.

* * * * *

Während des Abendessens verhielt Renate sich schweigsam, innerlich unfriedlich, da der gestörte Nachhall von Klemens sich in ihr kreuzte mit Irenens drohender Entladung. Irene verhielt sich schweigsam, innerlich vermutlich bemüht, der vollen Schale ihrer Verdrießlichkeit, oder was es nun sein mochte, jeden Tropfen zu erhalten. Saint-Georges und sein Bruder schwiegen aus Zartgefühl; Erasmus schwieg wie immer. Jasons Kommen unterbrach die Stille nicht weiter, als daß die Begrüßungsworte laut wurden; er kannte ja kein eigentlich selbständiges Verhalten, stets entsprach nur das seine dem der Andern, und auch wenn er etwas Mitgebrachtes allsogleich hervorzog und dartat, schien es wie etwas Erwartetes so natürlich. Nur als Renate eben den Mund auftun wollte, um die Tafel aufzuheben, öffnete er den seinen, schüttelte unmerklich den Kopf und sagte, die stillen, glänzenden Augen auf Renate gerichtet:

»Weißt du, Irene, was Cervantes sagt?« Und nach einem flüchtig und leidend fragenden Blick Irenens, fuhr er fort: »Cervantes in seinem berühmten Buche Don Quichote de la Mancha, gemeinhin der Donkischott genannt, sagt: Ein Mensch ist nicht mehr wie ein andrer, wenn er nicht mehr tut wie ein andrer. -- Es fiel mir grade so ein, als ich euch Alle so schön um den Tisch sitzen sah.«

Erasmus sah ihn an, wie Renate bemerkte, mit dem sonderbar heftig nachdenklichen Blick, den Jason ihm öfters entlockte. Sie hatten, soviel Renate sich erinnerte, noch nie miteinander gesprochen, doch schien Erasmus eine gewisse Ehrfurcht vor ihm zu haben. Jetzt blieb er an der Tür stehn, die Stirn wie immer leicht gesenkt und fragte zurück: »Wie sagten Sie? Ein Mensch ist nicht mehr --«

»-- wie ein andrer,« fuhr Jason fort, »wenn er nicht mehr tut wie ein andrer. Sie sagen aber besser >als< statt >wie<, ich habe die Übersetzung zitiert, und dann sagte ich es eigentlich nicht zu Ihnen.«

Erasmus nickte und ging hinaus. Die Andern standen still hinter ihren Stühlen, lösten sich nun, Saint-Georges sagte, er brächte seinen Bruder auf sein Zimmer und ginge dann nach Hause. Sie verabschiedeten sich, und Irene, Renate und Jason gingen in die Halle hinunter.

Der Kamin brannte hell, niemand machte Licht. Renate setzte sich ans Feuer und wartete ab; auch Jason setzte sich, nahm den Blasebalg, hielt ihn gegen die Flammen und ließ ab und an einen kleinen Seufzer in die Glut stöhnen. Irene, die hinter seinem Stuhl stehn geblieben war, schien nach einigen Minuten von der Wiederholung dieses Verfahrens nervös zu werden und sagte: »Aber Jason, was machst du denn?«

Jason versetzte still: »Ich unterhalte das Feuer.«

Renate lachte leise. Irene drehte sich um und fing an, im Dunkel des Hintergrundes auf und nieder zu gehn. Endlich trat sie hinter Renates Stuhl und sagte halblaut:

»Weißt du noch, wie ich früher zu dir gekommen bin und mein Herz verglichen hab an deinem? Meins war Angst und Sorge und deines Fülle und Sicherheit. Nun ja, wenn man so schön ist wie du ... Seitdem bin ich lange ausgeblieben, und nun bin ich wieder da.«

»Ein Mensch«, sagte Jason, »ist nicht mehr wie ein andrer, wenn er nicht mehr tut wie ein andrer.«

Renate sah zu Irene auf; ihr rötliches Gesicht, eben noch vom Feuerschein erreicht, blickte mit durchsichtigen Augen ratlos gegen die Flammen. Renate sagte:

»Kind! Ich finde es ja sehr lieb von dir, daß du wieder zu mir kommst --«

»Jag mich nur wieder weg«, murmelte Irene.

»Ich dächte aber eigentlich: du hast doch nun einen Mann; oder kommst du vielleicht seinetwegen?«

Nach einer Weile wurde Irenes Stimme wieder aus dem Hintergrunde hörbar, tonlos: »Auch.«

Dann wars wieder still. Renate war des ziellosen Herumredens und Stehens schon ziemlich müde, aber Irene fing nun zu sprechen an, so daß Renate schon am ersten Wort merkte, sie würde so bald nicht wieder aufhören.

»Er nimmt mir meinen Mann weg«, sagte sie. »Ja das ist nun so.« Hastig redete sie weiter. »Erst sollte es eine Probezeit auf acht Tage sein, denn -- ich sagte Otto gleich noch am ersten Abend, -- ach, es war alles so sonderbar! --« Sie schwieg, fing aber nach Sekunden von neuem an. »Ich lag noch nicht im Bett, am ersten Abend, da hörte ich, wie die Beiden sich an den Kamin setzten und dann an zu reden fingen. Und nun dauerte das Stunden. Immer in Pausen. Viertelstundenlang sprachen sie unaufhörlich, am meisten Klemens. Dann wurde es still, ich wollte einschlafen, -- da fings wieder an. Schließlich redeten sie immer weniger, Minuten und Minuten konnte ich sie förmlich schweigen hören und lag und wartete und wartete, und richtig: da fingen sie wieder an. Es war zum Verrücktwerden. Endlich macht ich Licht und saß mit der Uhr in der Hand, eine geschlagene halbe Stunde war kein Laut zu hören, ich dachte, am Ende sind sie doch leise weggegangen. Da zog ich meinen Kimono an, ging zur Tür und öffnete leise. Richtig waren sie noch da. Das Feuer brannte kaum noch, aber ich sah Ottos hellen Anzug, er lag längelangs im Sessel, hörte mich nicht, und auf dem Sofa lag Klemens. Nun fragt ich denn, was sie bloß machten, und warum sie nicht schlafen gingen, und Otto, halb im Schlaf, sagte glaub ich, er hörte zu, wie Klemens sein Bart wüchse, oder so was. -- Aber nun ging Klemens doch, und -- ja, dann stellte Otto mich zur Rede. Es war herrlich, er stellte mich --! Er hätte ihn doch jahrelang nicht gesehn --«

Renate dachte: Was erzählt sie mir da? Sie hat eine Nacht nicht schlafen können und -- Irene hastete weiter, klagend und eintönig:

»-- und -- ja, ich weiß heut auch nicht mehr, was er sagte, und ich entschuldigte mich auch, denn ich weiß ja, ich bin im Unrecht, er ist sein Freund, und sie kennen sich lange, und sie sind Männer, und ich bin nur eine Frau, und ich kann nur sagen: ich mag ihn nicht!«

»Ein Mensch ist nicht mehr als ein andrer,« sagte Jason ruhig, »wenn er nicht mehr tut als ein andrer.«

»Hab ich denn nicht mehr ein Recht zu sein, wie ich will?« begehrte Irene auf. »Hab ich kein Recht als deine Frau? sag ich zu Otto. Und da, -- ich sprach grade noch von seinem rodomontierenden Wesen, seinem breiten Bart, und wie er die Worte setzt, alles, was mir so -- so -- ich weiß nicht! -- und seine unsichtbaren Augen ... Auf einmal steht er wieder in der Tür und muß wohl gehorcht haben, es war ja auch nur der Vorhang dazwischen und sagt, -- ja, was sagte er doch noch ...«

»Ein Mensch,« sagte Jason, »ist nicht mehr wie ein andrer.«

»Jason! -- Er sagte: weil ich von Rechten geredet hätte ... Er wollte auch von Rechten reden. Meine Ehe, die wäre eine Jammerleistung, ich hätte nicht mal Kinder, und sie wären zwanzig Jahre Freunde, und ich bloß zwei Jahr verheiratet. Ja, und es wäre zum Tollwerden, sagte er, und ich sollte doch erst mal lernen, was eine Ehe ist, ehe ich mich an einen Mann hängte. Oh, es ist uner--, unerhört ist es!«

Renate hörte sie aufgeregt hin und her laufen. Jason hatte es sich im Sessel bequem gemacht, die Hände vor dem Magen gefaltet und schien jetzt aufmerksam zu lauschen.

»Wie gings nun weiter, Irene?« fragte er, »du erzählst sehr anschaulich. Was hat Otto denn nun wohl gesagt? Sagte er nicht, daß Klemens weder Vater noch Mutter gehabt habe und nicht einmal wüßte, wer sein Vater ist, ein Student zum Beispiel, oder ein Großherzog? Sicher hat er etwas Ähnliches gesagt und wahrscheinlich auch, daß Klemens gehungert hätte für drei und gearbeitet für zehn. Nun, ein Mensch ist nicht mehr als ein andrer.«

Renate sah Irene hinten auf einer Sessellehne sitzen und die Achseln zucken. Jason wüßte ja alles, sagte sie, es sei schon so gewesen. Ja, sie hätte auch gesagt, daß sie ihn, Otto, nicht so lieben könnte, wenn Klemens daneben stünde, aber sie sei schon müde gewesen, und da habe er denn diese Probezeit von acht Tagen verlangt, aus denen dann Wochen geworden wären, und sie hätte ihn ja auch wenig gesehn, nur bei den Mahlzeiten, da er sonst im Zimmer ihres Schwagers gearbeitet hätte ...

»Ja, Albert Vehm,« sagte Jason, sich aufrichtend, »gut, daß du den Namen nennst. Ein Mensch ist nicht mehr als ein andrer, aber was ist mit ihm?«

»Er ist weg. Wir wissen jetzt, wo er haust; bei einem Bauern aus seiner Praxis, aber niemand bekommt ihn zu sehn.«

Da sah Renate ihn wieder am Zaun stehn und hörte ihn fragen: Und die Kinder ...? Renate schreckte leicht auf, da Irenes Stimme auf einmal dicht über ihr fragte: »Bist du abergläubisch?«

»Nun ja, wie man so ist,« gestand sie halb lachend, »Katzen und Sternschnuppen und Spinnen, und wenn das Streichholz nicht anbrennen will, daß man sich sagt: das und das wird geschehn, wenn ... aber --«

»Ja, so ähnlich,« sagte Irene, »jedenfalls hab ich mir ausgedacht, daß in diesen acht Tagen irgend etwas geschehn sollte, das mich bestärkte oder veränderte gegen ihn, aber natürlich ist nichts geschehn, bloß daß er mir immer unangenehmer geworden ist, und dann hab ichs eben langsam immer weiter ertragen, und --«

»Was war denn nun zu ertragen?« fragte Renate kühl.

»Gott, Renate, daß ihr Beide gegen mich seid, das weiß ich ja längst, und wie soll man denn das auch beschreiben? Die Worte machens doch nicht, das macht doch das Gesicht und die Haltung und die Tonart und alles, oder meinst du, man kann sich da irren, und ich hätte mir bloß eingebildet, daß er es förmlich drauf anlegte, mich aufzubringen und zu empören und --«

»Oh das kann ich mir sehr gut vorstellen«, sagte Jason. »Wenn einer so in die allgemeinsten Dinge eine Spitze hineinsteckt, und man kann nichts sagen, denn da ist gar nichts zu sehn, aber innerlich möchte man aufschrein, nicht wahr, Irene? Und dann so dies: obenhin ... Wenn man sich grade so schön vorgenommen hat, geduldig und artig zu sein, und tut eine bescheidene Frage und kriegt auch eine Antwort, aber was für eine! -- So nach einer Weile, als ob sie erst abgeleckt wäre von allen Seiten, so aus dem Mund geholt wie ein Matrosenpriem und auf die Tischkante gelegt zum Trocknen, ja, das kenne ich ausgezeichnet. Wirklich, ein Mensch tut nichts andres als ein andrer.«

Irene antwortete nicht, aber Renate fing an, sich ernstlich zu sorgen, da sie immer geschwinder und wilder durch den Raum hin und her fuhr, die Hände geballt und mit verwirrten, weggeschleuderten Blicken.

»Wenn Otto mir sagte,« rief sie hart anhaltend, »Klemens könnte keinen Widerspruch vertragen, es sei überhaupt alles Beherrschung an ihm, außer man wäre sachlich oder sächlich, -- was weiß ich, ich bin weiblich! -- -- was blieb mir denn übrig als stille zu schweigen?«

»Gut, Irene, ausgezeichnet!« lobte Jason, »damit trafst du das Richtige.«

»Schweig, Jason! Und immer hackte er auf meiner Kinderlosigkeit herum! Nein, höre, da fällt mir etwas andres ein, was er sagte. Einmal konnt ichs nicht lassen und fragte, was das denn eigentlich für eine Freundschaft wäre, wo einer sich um den andern jahrelang nicht kümmerte. -- Das wäre das Feine dran, sagte er. So, sage ich zu Otto, und wenn ich mich jetzt zwei Jahre Gott weiß wo herumtreibe, dann ists dir wahrscheinlich auch egal. -- Darüber habe ich noch nicht nachgedacht, sagt er. Ist das nun vielleicht eine Antwort?«

Glühäugig stand sie da und blickte Renate an. Jason machte erstaunte Augen.

»Ich hatte gedacht,« sagte er, während Renate ein Lächeln verbiß, »du wolltest von Klemens reden? Nun,« sagte er und zog sich befriedigt zurück, »du hast ja recht: ein Mensch ist nicht mehr wie --«

»Ja, nun verwechsle ich sie schon«, murmelte Irene, kniff den Mund zu und sagte böse: »Einer ist mir so fremd wie der andre.«

»Höre mal übrigens,« fing Jason an, »du hast das wohl auch verwechselt. Klemens redete von Freundschaft, und du von Ehe.«

»Ah, sieh, Jason!« höhnte Irene spitzig, »du hast wohl auch seine Meinungen über Liebe und Ehe und so.«

»Wenn du mir die seinen vielleicht sagen möchtest ...« meinte Jason.

»Also, einmal frage ich ihn ganz bescheiden, ich hätte eigentlich noch immer etwas Zeit übrig, namentlich im Winter, ob er nicht auch meinte, daß ich mich fürsorgerisch betätigen sollte. In meinem Staat, sagt er, gewiß nicht. Er bemühe sich seit zehn Jahren, das Recht auf Kindersegen für jede Frau durchzusetzen, und ich prätendierte das Recht auf Kinderlosigkeit. In seinem Staat, und so weiter, und ob ich eigentlich wüßte, wieviel Frauen ich die eigentliche Vollendung ihres Daseins wegnähme. Ja, weißt du, warum? Weil ich einen Mann für mich beanspruche, von dem andre Kinder haben könnten. Und damit --« ihre Stimme wurde heiser und überschlug sich, »kletterte er im Handumdrehn zu der Behaup--« Ihre Stimme versagte, sie mußte husten und hörte lange Zeit nicht auf.

Das sei aber mal nichts Besondres, meinte Jason enttäuscht; nein, das fände er nun äußerst natürlich und wahrheitsgemäß geredet. Ob er denn sonst nichts gesagt hätte?

Sie hätte es wohl vergessen, murmelte Irene matt, es sei ja auch gleich.

Renate sagte, damit könnte sie wohl recht haben, denn sie hätte wohl gleich gemerkt, daß es sich hier wie immer nicht um das Was handle, sondern um das Wie, und Irene habe sich ja auf unbegreifliche Weise haßerfüllt und abgeneigt von vornherein gegen Klemens gezeigt ... Sie brach ab, da sie Irene in ihrem Sessel hinten, ohne hinzuhören, sich nur angestrengt besinnen sah. Gleich darauf fing sie auch an: Lieben, hätte er einmal gesagt, lieben könnte man doch nur, was einem fremd sei. »Wie? frage ich. -- Zum Beispiel: Gott, sagt er. -- Gott? frage ich erstaunt, und da fällt mir natürlich Otto ein, und ich frage, ob er vielleicht behaupten wollte, daß Otto mir fremd wäre. -- Er wäre überzeugt, unterbricht er mich, daß es nichts gäbe, was einander fremder wäre als zwei Menschen, Mann und Weib.« Jason spitzte die Ohren. »Mein Mann ist mir lieb, nicht fremd, sage ich. -- Abgesehn, sagt er, von der Logik, was meine Ehe denn für eine Kunst wäre. -- Liebe, sage ich, nicht Ehe. -- Ah, sagt er da und tut hocherstaunt, Sie wissen also doch sehr gut, daß Liebe und Ehe nicht das geringste miteinander zu tun haben. -- Ich falle aus allen Wolken und sage: Was? -- Denn Liebe, doziert er so recht pedantisch, Liebe ist ein Gefühl, und Ehe ist eine Einrichtung.«

»Nun, da haben wirs«, sagte Jason entzückt. »Ein Mensch kann nicht mehr tun als ein andrer, aber dies war ja nun sehr ausgezeichnet, ein ganz ausgezeichnet wahres Wort! Ich möchte fast glauben, daß er es mir abgelauscht hat. Immer und immer habe ich das gesagt: Liebe und Ehe, die beiden haben miteinander genau so viel und so wenig gemein wie das Leben und der Tod. In der Ehe nämlich herrscht das Gesetz, ja bis in die allerkleinste Wallung und Verrichtung des alltäglichen Ehelebens hinein waltet der Geist der Verträglichkeit auf Grund des Vertrages. Was aber tut das Gesetz? Es tötet. Es tötet ab, es erstarrt. Die Ehe ist recht eigentlich die Idee aller starren Systeme, aber nun, wie es im Liede heißt: Media in vita -- mitten im Leben sind wir vom Tode umfangen. Mitten im Leben der Liebe vom Tode der Ehe umfangen und dennoch höchst lebendig, wohlwollend, verträglich, hülfreich und gut zueinander sein, -- das wäre die Kunst der Ehe.« Sprachs und glitt zufrieden wieder in seinen Sessel zurück. Irene sagte nichts.

Wie rauh und schwächlich, aber auch wie traurig hatte Irenes Stimme doch geklungen; Renate hörte es nun erst, wo sie erloschen war. Sie hätte gern etwas Tröstliches geäußert, aber alles, was sie hörte, brachte keine Begriffe in ihr hervor; es war wie das Plätschern eines Wassers, dem Wehmut und Abgeschiedenheit anzuhören ist, doch bleibt es die betrübte Stimme eines Bachs, eine fremde, nicht zu unterbrechen oder zu enden mit Zusprache oder Streicheln.

»Und nun hat er ja recht behalten«, kam ihre Stimme wieder zum Vorschein, erloschen und trostlos. »Otto ist mir fremd geworden. Vielleicht ist ers immer gewesen, ich weiß ja nun gar nichts mehr. Früher glaubt ich all seine Gedanken zu sehn, jetzt muß ich oft seine Stirn ansehn und denken: Was ist dahinter? habe ich etwas damit zu tun? -- -- Wie einfach, wie natürlich war nicht alles! Es war nicht groß, du lieber Gott, es war keine Kunst! aber es paßte doch zu uns, und ich wars zufrieden. Nun heißts: es ist keine Kunst, und ich muß über die schwierigsten Sachen nachgrübeln. Manchmal ist mirs schon gewesen, als sei es ganz gleichgültig, ob Otto und ich zusammenleben oder irgend zwei Andre.«

Jason lächelte hier still und friedlich vor sich hin. Renate mußte denken: Er scheint es ja recht leicht zu nehmen ... Irene stand auf, hielt den Kopf gesenkt und zerrte an ihrem Taschentuch.

»Ich weiß ja, ihr wollt mir nicht helfen«, sagte sie, Tränen dick in der Stimme.

Jason erhob sich. »Ich gewiß nicht, Irene,« sagte er aufrichtig, »obgleich ich nicht weiß, was dir eigentlich fehlt. Nein, ich freue mich im Gegenteil, dich in einer derartigen Verwirrung zu sehn. Verwirrungen erhöhen die Lebhaftigkeit des Daseins und machen die Ruhe angenehm. Nichts ist süßer, als auf dem Sofa liegen nach einem schönen Schwindelanfall. Dir kann ich noch nicht helfen.«

Noch? was das heißen solle, noch?

»Oh nichts so Bestimmtes«, meinte Jason. »Ich wollte bloß zum Ausdruck bringen, daß ich nichts anzufangen weiß mit Leuten, die dastehn und schreien, sie fielen um. Wenn einer an der Erde liegt, so will ich ihn aufrichten; ja, dazu mache ich mich anheischig.«

Plötzlich stampfte Irene mit dem Absatz auf und schrie: »Herrgott, warum muß denn nur alles so verkehrt kommen! Warum liebt ihr euch denn nicht, Klemens und du, statt daß --« Sie brach verwirrt ab. »Nein, wir hassen uns ja ...« Sie schien völlig den Faden verloren zu haben, schüttelte sich auf einmal, kam auf Renate zugeflogen, warf sich vor ihr an den Boden, umschlang sie und schluchzte jammervoll:

»Ach, ach, ich muß dirs ja gestehn, ich hab mich nur so herumgeredet, es ist ja so eine furchtbare Schande, aber ich muß --« sie schüttelte sich krampfhaft -- »ich muß es dir sagen, er hat -- er hat mich -- er hat mich ja so wahnsinnig gedemütigt! Ach, angeschrien hat er mich wie ein Sinnloser, niedergedonnert hat er mich -- ach, Otto! Otto!«

»Wie, Otto hat ...« fragte Jason.

Irene sprang auf und flammte ihn an. »Otto, bist du ganz rasend? Er, er, er, Klemens! Auf einmal ist er ganz blau im Gesicht geworden, ich weiß nicht, ich muß ihn wohl gereizt haben, und dann hat er gelärmt ...! Was das für eine Schande mit mir wäre, dies kindische Wesen, und alles Alte hat er wieder aufs Tapet gebracht, und ich gönnte ihm seinen Freund nicht, und den Mund sollte ich halten und --«

Ihre Stimme erstickte wieder. Renate konnte es nicht mit ansehn, wie sie dastand und sich erniedrigte, schüttelte den Kopf, mußte sich aber nun doch sagen, daß an allem schließlich etwas Wahres sein müsse, nicht alles allein Irenens Schuld sein könne; sie konnte sich aber in der Erinnerung an den Nachmittag mit Klemens ihn in keiner ungebührlichen Haltung vorstellen.

»Wie du dich erniedrigst, Irene!« entfuhrs ihr unbedacht. Irene zischte wieder empor.

»Ich will mich erniedrigen!« schrie sie wütend. »Und was er schaffte, das sei mehr wert ... brüllte er, und eine Stimme hat er gehabt, daß alles Glas nur so klirrte, und die Wände haben gezittert, und ich saß da wie versteinert. Das in meinem Haus!« Fliegend, jauchzend, zitternd, frohlockte sie: »Wahnsinnig hasse ich ihn, wahnsinnig! o ich hasse ihn, ich hasse, ich hasse ihn. Käme er nur, käme er nur noch einmal und ... ach, ich wollte, er täte es noch einmal!«

Das könnte sie haben, meinte Jason gefällig, er hörte Klemens eben draußen klingeln.

Renate vernahm seine Worte nur halb, mit den Augen an Irene hängend, die wie eine Eumenide vor ihr wogte, die Arme schleudernd, als stäken Dolche in den Händen, und alle Locken hatten sich aufgerichtet um ihren Kopf und bebten und zürnten mit.

»Wißt ihr, was er getan hat?« zischte sie. Mit funkelnden Augen von Renate zu Jason und zurück, hob und krümmte sie den rechten Arm, hob die Hand und machte eine klappende Bewegung damit. »Verstehst du, Renate?« Renate verstand und reckte sich innerlich. »Verstehst du, Jason? Ja, nicht wahr, das habt ihr doch nicht gedacht, das habt ihr --« Ihre Stimme und sie selber schwankte.

In der Tür stand das Hausmädchen und sagte: »Gnädiges Fräulein -- Herr Doktor Klemens.«

Renate geriet in Schrecken. Was wollte das werden? Irene war nicht anzusehn, ob sie die Meldung gehört hatte oder nicht, sie spähte mit einem sonderbar wirren Blick im Zimmer umher, entdeckte plötzlich zwischen Korridortür und Kamin das Telephon und stürzte darauf zu. -- Renate hörte das Mädchen etwas fragen, nickte nur, und gleich darauf flammte das Licht in der Krone blendend auf und übergoß alles. Irene schrie: »Otto!« dann »Einundsiebzig einundsechzig!«

Klemens erschien in der Tür, verbeugte sich gegen Renate, blickte dann scheinbar abwartend auf Irene, die ihm den Rücken wandte, über das Tischchen mit dem Fernsprecher gebeugt.

»Bitte, schalten Sie um!« sagte Irene. Gleich darauf: »Ja, umschalten sollen Sie, zum Oberstock, Himmeldonnerwetter, verstehn Sie denn nicht? Um -- -- Ach, der Teufel soll dich holen!« schluchzte sie, warf den Hörer hin und fiel in den Sessel, aus dem Jason eben aufgestanden war.

Der ergriff nun den Hörer, fragte: »Bitte, sind Sie noch dort?« horchte und sagte: »Ach, Sie sind selber am Telephon! Bitte, einen Augenblick! -- Dein Mann ist am Telephon, Irene,« sagte er zu ihr, »es war bereits umgeschaltet. Soll ich ihm was sagen, oder willst du --«

Irene unterbrach ihr Weinen und schluchzte mühsam, sie wolle ihn nicht sprechen, er -- sie habe nur hören wollen, ob er zu Hause sei, und sie käme auch gleich.

Jason führte das aus und legte den Hörer hin, dann drehte er sich um und sagte zu Klemens:

»Das ist schön, daß Sie grade kommen. Wir sprachen von Ihnen, und da möchte ich Sie gleich fragen: Haben Sie meiner Freundin Irene wirklich eine Ohrfeige gegeben?«

Irene zuckte nur, als sie merkte, daß er mit Klemens sprach, behielt aber das Gesicht im Taschentuch, richtete sich langsam auf und trocknete ihre Augen. Klemens sagte leutselig zu Jason:

»Junger Mann ... Das heißt,« unterbrach er sich, »hat Frau Herzbruch dies vielleicht behauptet?«

»Also nicht?« rief Renate erleichtert.

»Keine Idee! Ich habe bloß so getan«, verteidigte er sich.

»So getan?« sagte Jason. »Das ist glänzend.« Zufriedengestellt, wie es schien, drehte er sich ab, ging in den Hintergrund und sagte wie zur Erklärung: »Ein Mensch ist nicht mehr als der andre, wenn er nicht mehr tut als der andre.«

Klemens sah ihm mißtrauisch nach, äußerte dann zu Renate: »Ich kann Ihnen das leider nicht vormachen.« Nun wandte er sich zu Irene, die langsam aufgestanden war und zu schwanken schien, ob sie ihn ansehn sollte, und sagte:

»Ja, also Frau Irene, ich bin noch einmal gekommen, -- es wird mir nicht leicht, und ich habe wohl auch eigentlich --«

Er wollte auf sie zugehn, aber Irene, einen Augenblick geduckt, ging ihm plötzlich entgegen, streckte ihm die Hand hin und murmelte:

»Ich bitte Sie um Verzeihung, Klemens, ich hatte Sie wohl zu sehr gereizt, und -- ich bitte Sie um Gottes willen ...«

Klemens ergriff tief erstaunt ihre Hand und brachte kaum den Mund zu. Irene ließ wieder los, ging wie geistesabwesend zur Flurtür, murmelte: »Wohin will ... wohin soll ich denn nun? Ach so, nach -- nach Hause ...« Dann schluchzte sie tief und furchtbar auf.

Renate lief hastig um die Sessel und zu ihr hin, erreichte sie in der Tür, legte den Arm um ihre Schulter und ging mit ihr hinaus. Sie wagte jetzt kein Wort, Irene raffte sich auch wieder zusammen, ging gefaßt in die Kleiderablage, ließ sich von Renate in die Jacke helfen, setzte die Mütze auf, knüllte den Schleier zusammen und steckte ihn ein. Nach einem Blick in den Spiegel holte sie ihn wieder hervor und band ihn mit zitternden Fingern um; Renate half ihr.

»Gute Nacht«, sagte sie leise. Renate wollte sie an sich ziehn, aber sie schüttelte trübe den Kopf und ging hinaus. Renate blieb ratlos zurück.

Wieder ins Zimmer kommend, hörte sie Jason eben sagen: »Seelische Fallsucht ist ein vortrefflicher Ausdruck!« worauf er sich zu Renate umdrehte, mitten im Zimmer, schmal und kleiner als sonst neben Klemens scheinend, den Kopf ein wenig schräg haltend, und erfreut zu Renate erklärte:

»Herr Klemens sagt, er hätte die seelische Fallsucht. Jahrelang ginge es ihm sehr gut, und dann, auf einmal, wäre die Fallsucht wieder da; es geht ihm also genau wie mir. Ich habe ja mehr die Zitatenfallsucht, aber sie ist ja nun auch im Schwinden, unberufen, und eine Zeitlang hatte ich das Kopfschütteln, aber das ist, glaube ich, auch schon wieder im Schwinden.« Er schüttelte den Kopf. »Nein, da ist es wieder,« sagte er enttäuscht, »ich habe es berufen, nun will ich lieber gehn und Irene noch an der Haltestelle treffen. Gute Nacht, Herr Klemens.« Er reichte ihm die Hand. »Gute Nacht, Renate.« Er reichte ihr die Hand, lächelte und ging sacht hinaus.

Renate setzte sich schweigsam in einen Sessel, hielt sich grade, rieb die Hände leicht im Schoß und blickte ins niedergebrannte Feuer. Aber beim Anblick des Blasebalges fiel ihr Jasons Bemerkung ein: er unterhalte das Feuer; sie mußte lächeln, sah zu Klemens auf, sah ihn in sich gekehrt im Schatten stehn und sagte: »Ein großer Wirrwarr, wie es scheint! Wollen Sie so gut sein und den Blasebalg etwas in Tätigkeit setzen?«

Klemens fuhr auf. »Blasebalg?« rief er, »meinen Sie mich oder den da?« Er lachte, setzte sich, ergriff das Instrument, drehte eins der Holzscheite mit ihm um, setzte ihn dann bedächtig in Tätigkeit. Als das Feuer wieder hell brannte, legte er den Blasebalg fort, setzte sich zurück und sagte:

»Kluge Jungfrau! auch Ihnen wird, nehme ich an, bekannt sein, was gemeinhin nicht viele wissen, ich aber weiß es: Nichts fängt da an, wo es anzufangen scheint. Auch diese armen Tränen, welche Sie sahen, auch die -- ich schwöre es! -- nicht nur Ihnen imaginär gebliebene Ohrfeige haben ihre Wurzel nicht im heutigen, sondern in Frau Irenens Hochzeitstage. Ich kam nicht zur Trauung, damit fing es an. Ich habe nun eine Abneigung gegen Schwurformeln im allgemeinen, und im besondern, wenn der, welcher sie aufsagt, nicht daran glaubt, und erschien deshalb erst bei der Tafel. Das Ehepaar brach, wie Sie sich erinnern werden, früh auf, so bekam ich Ottos Frau kaum zu sehn, aber was ich bekam zu sehn, das war nicht hoffnungsvoll. Ich dagegen war so hoffnungsvoll, zu glauben, dies werde in zwei Jahren vergessen sein, aber weit gefehlt! Ja, ich dachte es mir ganz schön, ich hatte vor, ein Buch zu schreiben --«

»Ein Buch?« fragte Renate, aber er winkte großmütig ab:

»O bloß so ein Buch! wie halt a jeder! Und da dachte ich, dies bei mehr Behaglichkeit und Ruhe in Herzbruchs Hause als in so einem möblierten Zimmer tun zu können, denn meine eigne Wohnung hab ich vor ein paar Jahren aufgegeben, und meine Schwester hatte keinen Platz bisher. Natürlich, ich hätte nach der ersten Nacht verschwinden sollen, aber -- ja, was ist da zu sagen? Otto bat mich, ich hoffte weiter, ja, Otto, das muß ich sagen, zwang mich gewissermaßen, indem er meine Stiefel versteckte, und als moralischen Grund gab er vor, seine Frau müßte aufgemuntert werden, sie würde zu dick. Alles gut und schön, aber -- na, ich blieb doch, und Herzbruch, der hetzte ja denn nach Kräften, er fand es herrlich, wenn wir uns die geschliffenen Partisanen gegen den Kopf rannten, und sagte, sie wäre nicht wiederzuerkennen, und ich wäre ein General-Stabsarzt.«

Renate sprang auf und lief ins Zimmer hinein. »Ach, hören Sie lieber auf,« bat sie zwischen Lachen und Weinen, »das ist ja nicht auszuhalten! Erst kommen Sie am Nachmittag, und ich freue mich, denke, ich kenne Sie, und wie Irene mir stundenlang etwas vorjammert, bleibe ich bei meiner Auffassung von der Sache, bis es mir denn doch zu ernst wird, und ich denke: was Wahres muß doch dran sein, und dieser Klemens ist kein solcher Cherub, als welcher er sich gehabt.« »Danke!« nickte Klemens. »Ach, nichts zu danken, denn nun kommen wieder Sie, und nun sieht die Sache wieder noch ganz anders aus, und nun ist Otto eigentlich derjenige welcher. Was ist denn nun das Richtige?«

Klemens kratzte sich mit schief offnem Munde den Kinnrand im Bart und meinte: er wüßt es nicht, er reiste ja nun ab. Daß der Zweck seines Daseins im Hause Herzbruch vollkommen erreicht sei, das wollte er schwören. Nun ginge er acht Tage auf Reisen, dann würde er bei seiner Schwester wohnen und --

»Ach, papperlapapp,« unterbrach Renate ihn lachend und ärgerlich, »was ist das mit der Ohrfeige gewesen?«

Klemens wiegte verdrießlich den Kopf. »Die Ohrfeige«, sagte er, »hat nicht stattgefunden.«

Plötzlich wurde er dunkelrot, Renate erschrak und dachte: nun kommts! aber die Fallsucht schien auszubleiben, er ergriff den Blasebalg, warf ihn auf die andre Seite des Kamins, machte böse Augen, schob das Kinn vor und sagte endlich:

»Daß man von unechter Abkunft sei, braucht man sich nicht sagen zu lassen, meine Teuerste. Ich habe in Zeitungen geschrieben und mich mit mehr als einem Preßbengel herumgeschlagen, und daß ich weiß, wie und wo die giftigsten Spitzen anzubringen und abzuschleudern sind, das kann Frau Herzbruch freilich bezeugen. Meine Abkunft jedoch hat der schmutzigste Schmock, obgleich ich nie ein Hehl daraus gemacht habe, nie angetastet, denn auch so einer hat Kenntnis von gewissen Usancen. Ich bin, wenn Sie es wissen wollen,« sagte er aufstehend, »ich bin darauf auf sie zugegangen, so!« Er trat dicht vor Renate, »und hab die Hand gehoben, so! Und da hat sie sich geduckt, hat kein Wort gesagt und ist zur Tür geschlichen. Ottos Schwester, auch dies mögen Sie erfahren, war die erste und einzige bisher, der ich es mitgeteilt habe.«

»Genug,« sagte Renate reuevoll, »verzeihen Sie nur! genug!«

»Ich habe ja nichts gegen Sie,« lachte er nun, »aber«, schloß er wieder ernst und mit Würde: »wenn ich auch Proletarier bin, bin ich deshalb kein Prolet, sondern reiner Geist; ich stabiliere mich als solchen. Nein, sehen Sie,« fuhr er leichter fort, »zu Irene sagte ich, nachdem ich -- Sie wissen schon! --: ja, da könnte sie nun sehen, wie verdorben sie wäre, daß sie wahrhaftig glaubte, ich wollte sie ohrfeigen, und weiß Gott, es ist etwas daran, und was soll dieser Otto mit einer Frau machen, die glaubt, ihre Ehe geht in Stücke, bloß weil einer zusieht, den sie nicht leiden kann? Ja, bitte, was sagen denn Sie dazu? Sie sind doch ihre Freundin, Sie kennen auch Frau Vehm -- ja, du lieber Gott, ist das ein Unterschied zwischen den Beiden!« Er atmete auf.

Ein Mensch, dachte Renate, ist nicht mehr wie der andre, wenn er nicht mehr tut wie der andre. Es war nicht gerade viel, was Irene zu tun pflegte, zumal im Schatten ihrer Schwägerin betrachtet.

»Der Mann ist ein Sonderling und verkriecht sich,« hörte sie Klemens wieder sagen, »die Frau ist oft stundenlang, tages und nächtens, bei Wind und Wetter unterwegs, um ihn zu finden, und was sie selber im Herzen zu schleppen hat, das wird ja wohl auch Ihnen nicht unbekannt geblieben sein; aber deshalb weicht sie doch keinen Schritt von ihrem Wege und neigt das dunkle Haupt auch keinen Nagelbreit unter ihrer aufgetürmten Last, sondern steht da, lächelnden Mundes, heller Stimme, sichrer Hand und kräftigen Herzens, schöne, edle Karyatide unter dem stöhnenden Gebälk ihres Daseins. Ach, man möchte singen und verzweifeln um solch eine Frau, und Irene daneben, was tut sie? Sie glauben vielleicht, sie sei Ottos Frau gewesen, aber weit gefehlt! Bis vor drei oder vier Wochen war sie's nicht, sie wollte ja keine Kinder haben, quält einen Mann zu Tode mit ihrer -- Daseinsunwissenheit und wirft sich ihm endlich in die Arme an dem Tage, wo ein Mensch ins Haus kommt mit unsichtbaren Augen.«

Er lief mit großen Schritten zornig im Zimmer hin und her, warf die Ellenbogen vor und schlug die Hände zusammen. Ob denn das zum Blasen sei? fragte er. »Na, aber nun hat er sie ja wenigstens, und so wird denn wohl alles in der Ordnung sein«, murrte er, kam auf Renate zu, hielt ihr die Hand hin und bat, gehen zu dürfen.

Renate sah ihn durch Schleier an. Seltsam erinnerte sie sich Ulrikas. Ohne sie wüßte sie heute kaum, was das bedeutete, was Klemens ihr eben verraten hatte, bedeuten mußte für einen Mann wie Herzbruch.

»Ich fürchte, lieber Herr Klemens,« sagte sie leise, »so einfach wird es nicht sein, wie Sie denken, aber -- wir können ja hoffen. Sie vergessen doch nicht dies Haus, wenn Sie wieder in der Stadt sind, nicht wahr? Ich würde gern noch mehr mit Ihnen sprechen, aber ich bin nun auch recht müde geworden von allem. Also auf Wiedersehn!«

»Ja,« sagte er, als fiele etwas ihm ein, »und wissen Sie denn eigentlich, warum ich noch einmal zurückgekommen bin?«

Renate schüttelte den Kopf.

»Weil ... Ich verstehe es nicht«, murmelte er, den Kopf senkend. -- »Weil«, fuhr der dann erklärend fort, »mich unterwegs die Reue ergriff; weil ich dachte, ich wäre vielleicht doch im Unrecht, und -- da man gleich tun soll, was man tun will und kann, so drehte ich wieder um, und -- -- was geschieht? Sie sahns ja, sie tat, was ich tun wollte, sie bat mich am Verzeihung!«

Auf dies hin wußte Renate nichts. Sie standen noch eine Weile schweigend, dann verbeugte er sich und ging.

Renate nickte ihm noch lächelnd zu, als er aus der Tür grüßte, dann fielen die Schleier wieder über alles, langsam erlahmte ihr Denken, rot glimmte die sinkende Glut vor ihren verdunkelten Augen, sie ging zur Tür, löschte das Licht und ging schläfrig und abgespannt auf ihr Zimmer.

Schrecken

Renate hob den Kopf aus dem Schlaf, weil sie jemand an die Tür klopfen hörte; sie glaubte, nur wenige Stunden geschlafen zu haben, aber es war schon Tag. In der Tür erschien die Köchin, ängstlich, und sagte: Frau Herzbruch habe angerufen, das gnädige Fräulein möchte doch gleich ans Telephon kommen, es sei etwas ganz Schreckliches passiert. Renate war schon mit den Füßen aus dem Bett. -- Es betreffe aber nicht Frau Herzbruch selbst, sollte sie sagen. -- Renate war schon in den Pantoffeln, rannte durch die Zimmer hinaus und treppab in die Halle. Es mußte mit Vehm ... Sie nahm den Hörer auf, atemlos, und sagte: »Irene?«

Eine Weile war nichts zu hören als das Sausen und Knistern im Apparat, dann kam Irenes Stimme leise und mühsam aus der Ferne: »Renate ...? du wirst -- sehr erschrecken. Es ist --« Wieder war alles still. »Mein Schwager Vehm«, hörte Renate, »ist -- -- tot. Und -- und --«

»Dora!« schrie Renate entsetzt.

»Nein, nicht Dora,« hörte sie nach Sekunden. »Die Kinder.«

Renate zitterten die Knie. Sie glaubte, einen ungeheuren Schlag gegen die Brust erhalten zu haben, rang nach Atem, fühlte lange Zeit nichts, tastete endlich hinter sich nach dem Stuhl und sank auf ihn hin. Dann hörte sie ihr Herz schlagen -- es mußte Sekunden ausgesetzt haben.

Irene fragte aus der Ferne: »Bist du noch dort?«

Sie würgte einen Laut hervor, brachte dann heraus, was das bedeute?

Lange Zeit antwortete Irene nicht, endlich sagte sie langsam: »Er war gestern wieder da -- als ich aus der Stadt kam. -- Und -- auch Ägidi. -- Sie waren Alle in der Diele. Albert sah ganz -- verwirrt aus, aber -- nachher kam Dora und sagte, er habe ziemlich ruhig gesprochen und gesagt -- er -- er könnte es nicht ändern, die Kinder wären sein, und deshalb müßte auch die Mutter bei ihnen bleiben, oder -- so ähnlich, und -- er ist dann gegangen, aber wiedergekommen nach einer Weile und hat gesagt, er hätte sich besonnen -- ja, ich kann das alles nicht so sagen -- -- -- jedenfalls, er wollte gehn, und sie sollte die Kinder behalten. Dann ist er fortgegangen, er hat sich nicht halten lassen.« Irene schwieg wieder.

»Laß es genug sein, Renate«, bat sie dann. »Er muß nachts ins Haus gekommen sein, ohne daß wer von uns es hörte. Dann hat er im Kinderzimmer erst den beiden --« Irenes Stimme brach schluchzend ab.

Renate legte den Hörer hin und sah, noch die Hand daran haltend, das schwarze und metallene Ding, seltsam fremd und erschreckend, als wäre es ein gefährliches Instrument. Durch es hatte Irene gesprochen, sie hatte Irene nicht gesehn, Irene war vielleicht gar nicht auf der Welt, es war nur ihre Stimme gewesen, Renate glaubte plötzlich zu sehn, wie eine finstre Gewalt Irene vom Telephon in die Nacht hineinriß, schwarze Flocken regneten vor ihren Augen, aber dann sah sie in einem hellen Sonnenschein einen kleinen Jungen im Kreise herumgehn, derweil er eine Blumentopfscherbe und einen alten Kochtopfdeckel zusammenschlug und, die großen Augen immerfort auf sie gerichtet, sang: Wenn ein Vorrat geht zu Ende, zieh den Schieber mit die Hände! -- Immer dieselben zwei verdrehten Zeilen, von denen später Dora sagte -- was? -- Ja, Renate sah in der Montfortschen Küche so eine blauweiße Tafel hängen, um die fehlenden Vorräte anzuzeigen, und darunter stand: Zieh den Schieber vor behende ...

Warum bin ich denn so wahnsinnig erschrocken? dachte sie und war sekundenlang ganz ruhig. Langsam stand sie auf, konnte aber zuerst kaum die Füße aufsetzen. Danach ging es besser, sie schlich die Treppen hinauf und in ihr Zimmer, wo sie langsam ein paar Schlucke Wasser trank. Sie fröstelte davon, legte sich wieder ins Bett, war auf einmal ganz schwach und deckte sich zu. Die Gedanken verschwammen, sie wollte sich besinnen, was denn eigentlich gewesen sei, und dämmerte ein. Da befand sie sich plötzlich in einem großen Saal mit hohen grauen Wänden aus Quadern und ohne Fenster. Nach oben blickend, gewahrte sie an Stelle des Dachs einen rein blauen Sommerhimmel, den eine einzige Wolke von schimmernder Weiße sehnsüchtig verschönte. Wieder die Augen senkend, entdeckte sie, daß der Boden ein Wasser war, das sich in kleinen Windungen und Strudeln emsig bewegte wie eine Menge Getier, und zugleich, daß sie in der Spitze eines Nachens stand. Und jetzt sah sie die Schmalwand des Raumes vor sich geöffnet; ein Tor wars, und durch den Spalt schoß strudelnd ein dunkles Gewässer herein. Der Nachen bewegte sich unter ihr, schwankte, stieg mit den lautlos steigenden Fluten, und nun wußte sie, daß sie in einer Schleuse war.

Darüber mußte sie tief aufatmen, ja seufzen aus einem von Erleichterung und Beklommenheit angsthaft gemischten Gefühl. -- Nun wird die Fahrt frei werden! murmelte sie, sich beruhigend, und erkannte, wieder nach oben schauend, in der Wolke einen weit fernen Engel, der von ihr abgewandt und in einer seltsamen Verkürzung hinter sich tretend, stürmisch in die Bläue hineinjagte. Bleibe! schrie sie in plötzlicher Fassungslosigkeit, o bleibe! -- Aber er war schon verschwunden, und sie erwachte mit heftig klopfendem Herzen.

Jählings und mit furchtbarem Erschrecken fuhr sie dann hoch, da sie eine unhörbare Stimme traurig sagen hörte: Schöpfe, schöpfe, müde Danaide ... Aber nicht das hatte sie hören wollen, sondern ein Wort von Klemens -- wie hieß es? ja, wie hieß es denn? -- Schöne edle Karyatide ...

Kaum gedacht, brach ein Strom von Tränen aus Renates Augen, ihr Herz flatterte entsetzt auf mit tausend gestaltlosen Ahnungen, Befürchtungen, Ängsten eigenen Schicksals, sie wühlte das Antlitz in die Kissen und weinte, wie sie noch nie im Leben geweint hatte.

Achtes Kapitel: Juni

Krank

Georg wachte des Morgens auf und dachte: Ach, nun bin ich auch krank! -- Stirn und Schläfen schmerzten, er fror; er schluckte, und es tat ihm weh. Auf den Ellenbogen sich aufrichtend, fühlte er sich zerschlagen und müde, blinzelte gegen den Fenstervorhang, die Sonne schien draußen zu sein, aber dies Draußen, der Garten und alles war merkwürdig weit weg und als ob er nicht dazugehörte, sein Gehör schien dumpf und legte etwas Entfremdendes zwischen ihn und die Welt. Ich kann nicht nach Zinna fahren, murmelte er bitter, vielleicht gehts mit ihr heut zu Ende, aber ich kann nicht. Und er dachte, wie glücklich er sein würde, wenn es wirklich zu Ende ... Glücklich, -- ja, er ertappte sich, aber es war so, und wider Willen fügte er schon hinzu: Wenn sie nur stürbe! Wenn sie nur stürbe! -- Er zog die Decke über die Ohren, glühte und schauderte frostig ineins, wälzte sich herum, lag minutenlang halb dämmernd. Dann rief ein Geräusch ihn zu sich, der Diener mußte eingetreten sein, er drehte sich um und sah einen menschlichen Schatten in der Dämmrung zum Fenster gehn.

»Lassen Sie zu, Egon!« sagte er, »ich stehe nicht auf, ich bin krank.«

Der Diener kam leise ans Bett, Georg richtete sich auf. Die dunklen Augen, das blasse Gesicht des jungen Burschen sahen ängstlich auf ihn herunter.

»Keine Angst, Egon,« sagte er lächelnd, »es ist nur ein bißchen Halsentzündung, oder Influenza,« er räusperte sich, es tat scheußlich weh, »aber ich will einen Doktor haben. Kranksein ist gemein, Egon, ich will sofort wieder gesund werden, wissen Sie einen Doktor?« Egon wußte keinen. »Ich auch nicht, dann fragen Sie, -- rufen Sie bei --« Er besann sich. Es braucht ja keiner zu wissen, daß ich krank bin, -- »also rufen Sie gegen neun bei Dr. Herzbruch an, im Verlag, und wenn er einen Doktor weiß, -- der wird ja Telephon haben, -- dann rufen Sie auch gleich an und bitten ihn herzukommen. So, gehn Sie aber erst ins Badezimmer und lassen Warmwasser in die Wanne, und wenn ich drin bin, machen Sie hier Durchzug.«

Der Diener ging. Bald darauf zog Georg die Füße unter der Decke hervor, saß einen Augenblick frierend auf dem Bettrand und fühlte sich aus der Welt herausgenommen und in Krankheit gekleidet. Draußen war alles leicht und natürlich, aber sein Wesen entstellt, verfremdet und peinlich. Er schlürfte hinüber, spülte sich Körper und Mund und war froh, im Zimmer wieder unter was Warmes kriechen zu können. Ach, dachte er, so war es damals genau, als ich die Masern kriegte! Mitten im Tag fings an, ich wurde ins Bett geschickt, und wie ich da auf dem Bettrand saß und fror und alles so weit weg war und Altelinda mir die Stiefel auszog und ich so schwer war am ganzen Leib und unbeschreiblich sehnsüchtig, ins Bett zu kommen und den dumpfen Kopf ganz tief ins Kissen zu stecken, -- ja all das war genau wie jetzt; eigentlich war es herrlich. Ach, wie geborgen war man in seinem Bett als Kind! »Ist noch was, Egon? Frühstück? Nein, ich mag nichts, aber die Post, nein, keine Post, aber die Zeitung, ja, und dann -- rufen Sie auch gleich, oder -- wie spät ist es denn? Halb acht? Also rufen Sie in einer Stunde bei Frau Dr. Schley an: ich hätte, -- ach, warten Sie damit, bis der Doktor dagewesen ist!« Egon entfernte sich, Georg rief ihm nach, er sollte die Tür halb offen lassen.

Nun lag er still auf der linken Seite und blinzelte durch die Türöffnung ins Nebenzimmer. Da war ein Stück vom Schreibtisch, mit Aktenstößen, und das Fenster, und die Falten der Vorhänge, und draußen die Sonne und das Sommerliche, ein Stück Teppich unten, und all das so anders als sonst, so ganz für sich und ohne ihn. Er hörte Schritte auf dem Flur, Türen, im Eßzimmer eine Schranktür, deutlich alles und doch ganz dumpf und immer vermischt mit seinem Frostschaudern und Fiebern und dem Herben in der Nase und der Stirnhöhle, und das Ganze wiederum doch nicht unbehaglich. Die Tür ging leise, eine schwere Frauenfigur kam ans Bett und stand still, er öffnete die Augen und lächelte. »Oltsche,« sagte er, »ich sterbe, mit mir hats nun ein Ende, Sie stehen im Testament.«

Die Hausmeisterin schlug die Hände zusammen und sagte: »Nein, sowas! Und wo unsre Prinzessin auch schon --« Georgs Husten übertönte das Übrige, die aufgeregte Alte klopfte ihm die Kissen zurecht, er streckte sich aus und bat sie, ihm die Zeitung zu geben. Sie ging und kam wieder mit dumpfen, weichen Schritten, fragte noch, ob er denn gar nichts essen wollte, und war leise hinaus. Georg setzte sich auf und riß die Zeitung auseinander. Es war fast zu dunkel zum Lesen, er hielt die gedruckte Seite zum Licht hin, fand die fettgedruckte Zeile: Das Befinden der Prinzessin Sigune, -- die Buchstabenketten fielen auseinander, er raffte sie herzklopfend zusammen und las:

»Im Befinden der Prinzessin ist seit gestern keine Änderung eingetreten. Eine persönliche Anfrage unsrer Redaktion bei Herrn Professor Dr. Bosse bestätigte uns die traurige Gewißheit, daß es sich nicht um die häufigere Art Meningitis, sondern um tuberkulöse Gehirnhautentzündung handelt. Das Bewußtsein ist seit fünf Tagen nicht wiedergekehrt, die Nackensteife ...« Georg konnte nicht weiterlesen. -- Sie muß sterben, sie muß sterben, vielleicht ist sie schon tot, sagte er unaufhörlich, krampfhaft bemüht, dabei nichts zu empfinden und Mitleid hervorkommen zu lassen, und er erzwang das Mitleid durch den Gedanken, daß sie fürchterliche Kopfschmerzen gelitten hatte und nun aus irrem Dunkel ins tiefere hinüberschlafen würde. Er sah sie im Bett liegen, steif, das Gesicht hintenübergebogen, bleich und ohne die Augen schon gar nicht mehr kenntlich für ihn, der sie kaum kannte. -- Nun ließ er die Zeitung an die Erde gleiten, wickelte sich bis an die Ohren in die Decke, fühlte die glatte Trockenheit und Hitze seiner Beine und zwang sich, nichts zu denken.

Stand jemand am Bett? Egon sagte, er habe im Herzbruchschen Büro angefragt --. »Ja, wie spät ists denn schon?« -- Es sei gleich zehn Uhr. -- Ach, er hatte geschlafen. -- Der Arzt heiße Dr. Birnbaum, am Theaterplatz, er würde gegen Mittag kommen. -- Birnbaum? Aber Onkel Salm -- Sigurd --, sie hatten doch keine Verwandten in der Stadt ... »Haben Sie Herrn Prager Bescheid gesagt?« Ja, und er ließe fragen, ob er herüberkommen sollte. Ja, Georg ließe bitten. -- Egon nahm die Zeitung und trug sie weg.

Benno kam und benahm sich genau wie die Menschen an Krankenbetten, lächelte, tat hoch erstaunt und sagte, was Georg für Geschichten machte; er war fremd und irgendwie kalt und frisch. Georg bat ihn, sich mit Zinna verbinden zu lassen und anzufragen, wie es stünde. Er hörte ihn nebenan sich mit dem Telephon beschäftigen, ohne Worte zu verstehn, durch das ferne Klingen und Summen in seinem Gehör. Dann setzte Benno sich still neben Georgs Bett und schwieg sich teilnahmsvoll aus. Als er gerade etwas zu sagen anfing, schrillte das Telephon laut auf, Benno ging hin, Georg wollte nichts Unverständliches hören und verschloß die Ohren. Wenn sie schon tot ist, -- wenn sie schon tot ist ... dachte er. Endlich kam Benno. Es stünde sehr schlimm, sagte er bekümmert, sonst sei nichts zu sagen.

»Ach, Benno,« fing Georg nach einer Weile an, »wie war es doch schön, wenn man krank war als Junge!«

»Ja,« sagte Benno begeistert, »wie gut sie gleich Alle waren! Jeder kam herein und machte einen Scherz, mittags kam Vater, legte einem seine große, kalte Hand um die Wange, faßte mit sonderbar harten Fingern nach dem Puls und sagte, es würde schon werden.«

»Hattest du je Masern, Benno?«

»Masern?« Bennos Stimme überschlug sich, »es war herrlich, ganz herrlich! Man war ganz gesund, bloß im Bett mußte man sitzen, und ich lag mit meiner Schwester in einem Zimmer, die hatte sie natürlich auch, und es war herrlich. Kleine, gebratene Tauben bekamen wir zu essen und alle Tage Apfelmus, so ganz seimig, und eine herrliche Bouillonsuppe, die war aus Sago und ganz goldklar, das war die Krankensuppe, Gott, den Geschmack kann ich jetzt noch spüren und den winzigen Knochensplitter, der drin war.«

»Und die Stille, Benno, weißt du noch? und wie es sang in der Stille, und wie man stundenlang lag und das Muster der Tapete verfolgte, und die alltäglichen Geräusche draußen, die so anders klangen und so weit entfernt, auf der Treppe und nebenan, und man kannte sie doch nicht ...«

»Und dann bekam man die herrlichsten Spiele mitgebracht, oh Georg, Geduldspiele aus ganz blanken Klötzen, unbeschreiblich neu und glänzend, grüne Würfel und rote und -- nein, das war ja alles gar nichts gegen die Flechtarbeiten! Hast du nie Flechtarbeiten gemacht? Ich will es dir erklären: Erst kam Glanzpapier, das mußte auf der Rückseite liniiert werden und in schmale Streifen geschnitten, aus denen wurde das Muster geflochten, aber dies Glanzpapier, das vergesse ich nie! Es gab silbernes und goldnes, aber das war nicht das Schönste. Das Schönste war tiefdunkelrot, wie Samt, aber dabei war es so himmlisch glatt und knitternd, obgleich es ganz dick aussah; das Hellgelbe war auch schön, aber eigentlich unangenehm; es gab hellblaues und dunkelblaues, das rosa war so beißend, herrlich war auch das Dunkelgrüne; das war wie ein ganzer Tannenwald ...« Bennos Stimme verhauchte hingebungsvoll.

»Nein, das hatte ich nicht,« sagte Georg, »aber ich hatte ein Reißbrett ...«

»Ein Reißbrett?« jauchzte Benno, »ich hatte auch ein Reißbrett, weißt du noch --«

»Wie es ganz hart war, Benno, und eckig, wenn es in die weichen Kissen gedrückt wurde, über den Schenkeln und gegen den Unterleib, fühlst du das noch?«

»Und wie man nicht dran dachte, und es ganz schief wurde, wenn man die Knie anzog, und alles rutschte herunter!«

»Und der Suppenteller, die Suppe floß über, und das war so klebrig und warm ... Oh mein Reißbrett hatte Onkel Salm erfunden, der schleppte es an, es war in Trassenberg, er saß immer bei mir und baute Zinnsoldaten auf, mein Vater hat eine riesige Sammlung, zwanzigtausend sind es, glaub ich, die Schlacht bei Lützen konnte man machen, und die Schlacht bei St. Privat und bei Waterloo.«

Benno lächelte beseligt mit Georg. »Ich hatte auch Zinnsoldaten,« flüsterte er, »jede Weihnachten bekam ich eine Schachtel, sie waren oval und aus Span, auf dem Deckel war ein weißblaues, rechteckiges Etikett, und beim Auf- und Zumachen schnurpste der Deckel wundervoll!«

»Und drinnen, Benno, drinnen lagen sie ganz still und blank, die Fußbretter am Rand, die Gewehre und Fahnen nach innen, ganz kostbar, immer nur drei oder vier in einer Schicht und dazwischen ovale Blättchen aus so einem Papier ... einem Papier ...«

»Ein herrliches Papier!« hauchte Benno, »es war wie Löschblatt, aber dünner und fester und ganz weich ...«

»Ja, ganz weich,« sagte Georg vor sich hin und sah die blitzenden, unbemalten Säbel und Bajonette und die glänzenden braunen, schwarzen und weißen Pferde, die blauen, roten und grünen Lackfarben der Monturen zum Vorschein kommen. Trommler gingen voran und Fahnenträger, schräg nach vorn geneigt, die Fahne hoch in der Hand, die reitenden Trompeter bliesen immer nach rückwärts, sie bliesen das Signal zum Vorgehn, ja, Onkel Salm machte es mit dem Munde, es war völlig natürlich, und es klang so aufreizend: Tötötötö, tötötötö, tötötötö ... Und dann wurden sie aufgestellt nach dem Lineal, in der vordersten Reihe die Knieenden, dann die Chargierenden, damals sagte man noch chargieren, genau >auf Luke<, und im dritten Gliede die stehend Schießenden. Bei jedem Regiment war ein Gefallener und einer, der grade hintenüberfiel. Oh es gab Schotten in roten Röcken und mit schottischen Unterröcken, mit Dudelsackbläsern, -- die Artillerie war immer etwas unangenehm, weil sie im Schritt ritt, die Kavallerie galoppierte mit geschwungenen Säbeln, die Ulanen mit eingelegten Lanzen, und wie war nur alles kostbar und selten, und wenn sie alle aufgestellt waren, mußte man von der Seite gegen die festgeschlossenen Formierungen sehn, und Beine und Gewehre und Arme und Köpfe waren in einer Linie ...

Sie sprachen nicht mehr, sie träumten ... Abends kam die Lampe, wie sah man sie zum ersten Mal, ihr stilles Licht, sie stand anders im Zimmer als sonst, weit fort von einem, und alles lag im Schatten; das Muster der Tapeten sah wieder anders aus, dann kam die Abendsuppe, die mußte der gute Doktor immer selber machen, Wassersuppe von Sago wars, ganz klar und schön sanft grau. Dann entkorkte er feierlich die Weinflasche, hielt einen silbernen Löffel über den Teller und goß den roten Wein darauf, bis er überfloß in die Suppe, und dann lief das dunkle Rot im Grau aus, es gab einen wunderbaren purpurnen Fleck, dann wurde gerührt, und die Suppe war herrlich rot. Der Löffel war kleiner als ein Erwachsenenlöffel, hatte eine punktierte Linie am Rande des Stiels und hieß: der Kinderlöffel. Georgs Kinderlöffel. Jeden Tag kam Mama für zehn Minuten und erzählte etwas Lustiges ...

Die lange schwere Locke an ihrem Hals, -- ich durfte sie ganz vorsichtig anfassen. Ich wunderte mich im stillen, wie kühl ihr Hals war, aber die Locke war doch das Schönste auf der ganzen Welt. Magda hatte Puppen, deren Locken faßte ich auch an, aber es war nichts damit. Ja, diese Locke war lebendig; sie ringelte sich um den Finger, und man mußte unendlich vorsichtig sein, daß man ja nicht daran zog, und doch durfte man es. Mama erzählte vom Hühnchen und Hähnchen, vom Ei und der Stecknadel. Wie schön war Mama! -- --

Georg fühlte, daß sein Kinn zitterte, und daß es ihm dick im Halse wurde. Damals war ich glücklich, dachte er, und seitdem nie wieder. Damals wußte ich nicht, und heute weiß ich alles, alles.

Da saß Bennos Schattenriß, nah, dunkel und hoch vor der gelblichen Helle des Fenstervorhangs. Georg schob sich tiefer im Bett, steckte die kalt gewordenen Arme unter die Decke, zog sie fröstelnd hoch; sein Kopf schmerzte heftig, er wollte sich einwickeln und eindämmern wie als Kind. -- Als er nach einer Weile die Augen öffnete, sah er Benno auf den Zehen an der Tür, ihm fiel ein, seinem Vater Bescheid sagen zu lassen, daß er heute nichts ... »Sei so gut, Benno, und sage in Trassenberg Bescheid. Du kannst dich ja vom Hausmeister verbinden lassen. Dr. Birnbaum sollte heut nicht kommen. Ich könnte heut nichts Geschäftliches besprechen, wenn Unterschriften wären, könnten sie vielleicht mit einem Kurier geschickt werden, und sonst auch was Wichtiges ...«

Nun war alles still. Vom Schreibtisch her tickte die Uhr sachtsam vor sich hin. Gunny, sagte die Uhr, Gunny, Gunny ... Jetzt starb sie vielleicht. Kein Mensch wußte mehr, was in ihr war.

Ein helles Klingen sprang in seinem Ohr auf, er fühlte, daß er geschlafen hatte, dann merkte er, daß nebenan die Korridortür geöffnet und jemand die Stufen herabkam, der aber nicht sichtbar wurde. Dort waren jetzt die Vorhänge geschlossen, eine Wand von Sonnenstäubchen stand golden vor dem Schreibtisch, darin erschien Egon und meldete: »Herr Doktor Birnbaum.«

Georg setzte sich auf, ließ sich Kamm und Bürste geben, ordnete sein Haar und ließ den Doktor hereinbitten. Da fühlte er wieder dies Andre: im Bett zu liegen am hellen Tage und jemand von draußen hereinkommen zu sehn, frisch und lustig und kalt, den Doktor, der ein kleiner zierlicher Mann war mit rundlichem Kopf. Als er vor Georg stand, zeigte er ihm ein rechtes Arztgesicht mit einem kleinen borstigen Schnurrbart, etwas quellenden, gelblichen Augen hinter einem goldenen Kneifer und dünnem, gescheiteltem Haar, an der gebogenen Nase als Jude kenntlich, und wenn er sprach und lachte, wurde sein Gesicht ein wenig eulenhaft. Hin und wieder kniff er nervös die Augen zusammen, freundlich sprechend, ein bißchen witzelnd, er freue sich ja sehr über Georgs Krankheit, nun würde seine Praxis noch mal so groß aufblühn, denn sterben würde er ihm ja wohl nicht. Georg lachte, er hätte nicht die Absicht. »Na, denn wolln wir mal sehn«, sagte der Doktor, Egon mußte den Fenstervorhang öffnen und einen Löffel besorgen. Der Doktor fühlte den Puls, sagte: »Zwischen acht- und neununddreißig«, ließ sich von Georg sagen, wo er Schmerzen habe, dann kam der Löffel, Georg mußte den Mund aufsperren, der Löffelstiel fuhr kalt und bitter schmeckend hinein, Georg krächzte: Oh oder Ah! Der Doktor kratzte mit dem Löffel im Hals, Georg konnte sich wieder hinlegen und zudecken.

Ja, es wäre eine kleine Mandelentzündung, ganz ungefährlich, Diphtheritis sei nicht zu erwarten, der Belag sei leicht zu entfernen, in ein paar Tagen könnte es schon vorbei sein. Ob das Herz in Ordnung sei? -- Da Georg verneinte, verlangte der gründliche Doktor, daß er die Jacke auszöge, und klopfte ihn mit größter Sorgfalt ab. Es wäre alles halb so schlimm, meinte er dann, aber er sollte doch lieber nur eine Aspirintablette nehmen, dreimal täglich. Tscha, und einen Strumpf um den Hals, wenigstens nachts und mit Wasserstoffsuperoxyd gurgeln. Da Georg betonte, daß er so schnell wie möglich gesund werden müßte, meinte er, das hinge ganz von ihm ab; Ruhe, wenig essen, leichte Sachen -- Sagosuppe mit Wein, sagte Georg -- ja, auch Gebratenes -- kleine Tauben, dachte Georg -- und solange er sich krank fühlte, sei er eben krank, und wenn er sich gesund fühle, sei er wieder gesund. Egon stand all die Zeit daneben, seine dunkle widerspenstige Haarwelle in der Stirn, und sah alles besorgt und genau mit an.

Das war erledigt. Um noch etwas zu sagen, fragte Georg den Doktor, ob er vielleicht mit dem Studenten Sigurd Birnbaum verwandt sei. Der Doktor lachte, daß sein Schnurrbart zitterte, kniff die Augen zusammen und sagte:

»Pirnbaum, Durchlaucht, Pirn, mit hartem P, nein, mit Sigurd bin ich nicht verwandt, aber ich kannte die Beiden schon als kleine Kinder. -- Ja, die arme Esther, das war ein böses Ende!« Ob er von Sigurd noch hörte. -- Jetzt seit langem nicht; er sei in Rußland, in Odessa.

Der Doktor schien zum Gehn bereit, sagte dann aber: »Darf ich noch was fragen?« »Ja, aber bitte!« »Ach, Sie haben so eine wunderschöne, so eine wunderschöne Miniatüre auf dem Schreibtisch, wenn ich die einmal sehn dürfte?«

Georg winkte Egon. -- Aber gerne! ob er sich dafür interessierte? -- Der Doktor rückte an seinem Kneifer und lächelte, -- Georg dachte: als hätte ich ihn gefragt, ob er was von Diphtheritis versteht. -- Egon brachte die Miniatüre von Georgs Mutter. Der Doktor nahm den Kneifer ab, rieb die etwas geschwollenen Lider, brachte die runden Augäpfel ganz dicht an das kleine Bildnis und betrachtete es ungemein sorgfältig.

»Es ist meine Mutter,« sagte Georg, »als junges Mädchen.«

Das sei wunderschön, ausgezeichnet gemalt, wie man es gar nicht mehr zu sehn bekomme. Er habe eine kleine Sammlung von Miniatüren, so hundertundfünfzig Stück, ja, er sei ein Kenner davon, lachte er.

»Miniatüren«, sagte Georg, »könnte ich auch sammeln, es ist eine wundervolle Art Kunst und wieviel schöner, im Grunde doch wieviel lebensvoller als unsre farblose Photographie trotz des Reizes des Augenblicks. Aber so ein Bild kann ich immer ansehn, es hält den Blick so ruhig aus, und sehen Sie nur die feine, durchsichtige Spitze auf der Brust, und die Locke, wie sie gemalt ist!«

Der Doktor sagte, er habe eine ganz ähnliche aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, deshalb sei ihm diese auch aufgefallen. -- Georg hörte ihn noch einiges sagen, jedoch von fern, ohne zu verstehn; sein Traum regte sich in ihm, er fühlte sich wieder weinen mit Cordelia -- oder war es Esther gewesen? --, sah die sonderbaren dunklen Zimmer voller Menschen und dann Renate, nein, Dora Vehm, aber auch deren Gesicht war nicht ganz das Doras, sondern fremde Züge waren darin ... Da sah er den Doktor sich vom Stuhl erheben, reichte ihm die Hand, bedankte sich und bat ihn zu erlauben, daß er sich einmal seine Sammlung ansehe, später, jetzt sei ja ...

Ach, ja der Prinzessin gehe es ja so schlecht, aber es sei wohl noch nicht alle Hoffnung verloren ... Georg murmelte irgend etwas, der Arzt ging.

Hatte sie nicht diese Locke gehabt im Traum? Aber wie seltsam sein Herz erregt war von dieser Frau! Ich muß sie geliebt haben im Traum, ich empfinde noch ganz diese Süße ... Die Träume machen aus uns, was sie wollen, murmelte er und verkroch sich frierend.

Egon erschien mit Fragen wegen des Essens. Er sagte ihm Bescheid, trug ihm dann auf, bei Frau Dr. Schley anzurufen, zu sagen, daß er mit einer leichten Mandelentzündung zu Bett liege, und zu fragen, ob sie nicht kommen könnte.

Die Augen fielen ihm wieder zu, aber im Eindämmern störte ihn Egon mit der Meldung, es täte der gnädigen Frau ganz schrecklich leid, aber Herr Doktor käme am Nachmittag aus Berlin, und sie würde nicht vor fünf, halb sechs da sein können. -- Ach, das war elend! Schlafen, dachte Georg, schlafen! Seine Schläfen glühten, die Gedanken fingen an, rasend zu arbeiten, er träumte oder phantasierte, er war an hundert Orten, sah Menschen über Menschen, Gesichter, die er nie gesehn, schwebten auf ihn zu, bewegten, verzerrten sich, manchmal nur Gebärden, Begriffe von Gebärden, ein wüstes Wirrsal, aus dem er in ein andres von Versen, Versstücken und Gedichten stürzte, erhitzten Gehirns, stumpf daliegend, aber aus diesem erlöste ihn plötzlich Jason al Manachs freundliche Gestalt. Wie er ihn einmal am Abend im Park getroffen hatte, sah er ihn wieder: er saß, einsamer anzusehn als andre Menschen und doch nicht so verschlossen in sich, nicht so belastet mit Einsamkeit, sondern ganz leicht, auf der Bank auf der kleinen Anhöhe, über die niedre Böschung und die Hecke zu seinen Füßen in die Wiesengegend hinüber schauend, aus denen Abend dunkel und Nebel weißlich aufstiegen. Und auf Georgs gedankenlose Frage, was er tue, hatte er wieder gefragt, ob er Libussa von Grillparzer kenne, und da Georg verneinte, fing er gleich den wundervollen Eingang des Stückes an, -- Georg entsann sich wieder:

Ihr Götter! ist es denn wahr und wirklich so? Daß ich im Walde ging ... am Gießbach ... Und nun ein Schrei in meine Ohren fällt, Und eines Weibes leuchtende Gewande, Vom Strudel fortgerafft, die Nacht durchblinken. Ich eile ... und trage ... Die Beute, kalte Tropfen regnend, ... und ich löse Von ihren Füßen selbst die goldnen Schuhe, Und breite aus den schwergesognen Schleier, Und ...

Ach! Jason! sieh! da saß er ja auf dem Stuhl am Bett und sah kühl und angenehm aus. »Eben dachte ich noch an Sie,« sagte Georg erfreut -- »erinnern Sie sich noch, wie Sie mir einmal Libussa vorgesprochen haben? Wir haben uns lange nicht gesehn, wo kommen Sie her?«

Jason, die schwarzen Augen mit großer Ruhe auf ihn gerichtet, sagte:

»Man sage nicht, das Schwerste sei die Tat, Da hilft der Mut, der Augenblick, die Regung; Das Schwerste dieser Welt ist der Entschluß. Mit eins die tausend Fäden zu zerreißen, An denen Zufall und Gewohnheit führt, Und, aus dem Kreise dunkler Fügung tretend, Sein eigner Schöpfer zeichnen sich sein Los.«

Im nächsten Augenblick war er völlig verschwunden.

* * * * *

Georg erwachte. Der warmen, sonnigen Dämmerung nach mußte es schon Nachmittag sein; er fühlte sich leichter und freier und sah zu seiner Verwunderung auf dem Nachtschrank eine Medizinflasche und eine Glasröhre mit Aspirintabletten liegen, in der beim Nachsehn eine fehlte; da auch die wasserhelle Flüssigkeit in der Flasche angebrochen war, mußte er gegurgelt und Aspirin genommen haben, konnte sich aber durchaus nicht entsinnen. Auf sein Klingeln erschien statt Egons Frau Vögelein, mütterlich verhaltenes Zufriedenheitslächeln in den Augenwinkeln, weil er so gut geschlafen habe; es sei schon drei Uhr durch, ob er denn nun etwas essen möchte. -- Georg mochte, und richtig bekam er zwar seine ganze Taube, aber die fein zerlegten Bestandteile davon, Keulen, Flügel und zarte, weiße Brustschnitzel; er hätte viel um ein Reißbrett gegeben, -- der Stuhl, von dem er essen mußte, war recht kümmerlich.

Danach ließ er von Egon und dem Hausmeister sein Bett ins Arbeitszimmer stellen, an die Wand des Schlafzimmers, das Fußende an dessen Tür entlang, die ausgehängt werden mußte. Das war nun sehr angenehm. Der große Vorhang konnte ein wenig gerafft werden, er sah den sinnenden Borgia dunkel sitzen, sah die nachmittägliche, sonnige Juniwärme im Garten, hörte die Spatzen lärmen und fühlte sich äußerst behaglich in der leichten Dumpfheit seines Gehirns.

Das Schwerste dieser Welt ist der Entschluß ...

Woher stammte das? Hatte das Jason gesagt? -- Sie hatten von Libussa gesprochen, richtig -- vielleicht war die Zeile aus Libussa. Da fiel ihm ein, wie er vor langer Zeit einmal in Musäus' Volksmärchen Libussa nachgelesen hatte, Renates wegen, und -- jetzt hab ichs! frohlockte er, jetzt hab ich meinen Festzug und das Spiel! Er dachte, wie er sich den Kopf zerbrochen hatte, um für den üblichen historischen Festzug am Tage der Regierungsübernahme etwas Andres zu erfinden; Renate mußte dabei, mußte Glanz und Zentralsonne des Ganzen sein. Also Libussa! Nun schossen Szenen und Ideen von allen Seiten herbei. Libussas Wahl zur Herzogin von Böhmen, dann die Aussendung des weißen Rosses, ich werde Primislaw -- nein, das wird nicht gut gehn, ein Schauspieler muß ihn in meiner Maske darstellen, zuletzt werde ich an seine Stelle treten und mit Renate zusammen die Huldigung des Volkes an uns vorüberziehn lassen, Gilden, Zünfte, Wagen, Söldner, oder Ritter -- ja, welche Zeit war denn das eigentlich? Um tausend oder so -- und wo sollten die Szenen gespielt werden? Ein altes Schloß konnte auf dem Gehrdener oder Benter Berge leicht gebaut werden, -- herrlich, wenn das weiße Pferd über die Sommerwiesen bergauf kommt, zwei Reiter müssen es an langen purpurnen Riemen unmerklich lenken, -- dann Renate, auf hohem Festwagen, an der Spitze des Zuges in die Stadt hineinrollend, und die Huldigung -- vom Schloß aus -- unmöglich, es hat keine Terrassen, das Theater hat eine schöne, aber die Anlagen davor -- --, die werden beseitigt -- und es sieht ja wie ein griechischer Tempel aus -- dorische Säulen -- ah, die werden mit Rabitzmauern verbaut und in ein Schloß verwandelt, und Renate -- -- und Sigune?

Sigune lag im Sterben. Sie mußte sterben, jeder sagte es ja, wenn auch nicht mit Worten. Ließ sich denn leugnen, daß es gut sei, für sie und für ihn? Konnte sie je glücklich, je zufrieden werden neben ihm? Mußte sie ihn nicht täglich ... ach, wozu, wozu das denken? Sie blieb leben, dann mußte es ertragen werden, oder sie starb -- sie starb ...

Und recht behielten die Sterne ...

Georg fuhr zusammen, dicht über ihm, noch ihm ungewohnt, wurde die Tür geöffnet, Egon kam eilig die Stufen herab und flüsterte: »Seine Durchlaucht ...« Georg warf sich im Bett herum und schrie: »Halloh!«

Wahrhaftig, da kam sein Vater den Gang herauf, er ging ja immer aufrechter und leichter! -- stand gleich darauf riesengroß und hoch über Georg in der Tür, lachte und sagte: »Was sind denn das für Geschichten?« Er war auch schön frisch und kühl und hatte pikfeine, hellgelbe Schwedenhandschuhe angezogen. Georg schimpfte nun aus Leibeskräften, der Herzog wurde ganz verlegen und entschuldigte sich vielmals. Es sei ja aber ein Katzensprung im Automobil herüber ... Georg versicherte, wie glänzend es ihm schon wieder ginge, bloß das Schlucken täte noch weh, und überdies sei es köstlich im Bett zu liegen. »Heute morgen«, sagte er, »habe ich mir mit Benno erzählt, wie es war, wenn wir als Jungens krank waren, er hatte Flechtpapier, und ich hatte Zinnsoldaten, aber ein Reißbrett hatten wir Beide, und das war das Schönste. Nein, das Schönste« -- Georg stockte innerlich -- »war Helenes Locke, nein, die werde ich nie, nie vergessen ...«

»Die arme Helene ...« sagte der Herzog.

Sie schwiegen und sahen aneinander vorüber. Aber Georg wußte, sie brauchten sich nicht anzusehn, ihrer beider Hände lagen wie an einem dehnbaren, festen Reifen an dem gleichen unnennbaren Gedanken, und -- so war alles gut.

»Und Sigune?« fragte der Herzog. Georg, innerlich die Zähne zusammenbeißend, sah seinem Vater in die Augen und sagte: »Ich fürchte -- es geht zu Ende.«

Der Vater antwortete nicht; aber was sie dachten, war wohl wieder das gleiche ...

»Und wie ist es ... giebts etwas Neues, Papa?« begann Georg nach einer Weile.

Von Wichtigkeit nichts Besonderes, meinte sein Vater. Von der guten alten Beuglenburgschen Sippe habe nun auch der Letzte sich entfernt, der gute, uralte Amtshauptmann Wahrendorff; er habe ihm selber, da sie sich ja lange konnten, geschrieben, daß er sein Entlassungsgesuch eingereicht habe. Im ganzen handle es sich nun also um fünf neue Männer, die zu beschaffen wären, denn Kultus und Landwirtschaft müßten ja nun vom alten Ministerium des Innern abgespalten werden.

»Birnbaum übernimmt die Finanzen, ich will es so,« sagte der Herzog, »ein Strohmann, der den Titel und die Orden umherträgt, findet sich überall.«

Ob er schon für den Amtshauptmann jemand in Aussicht habe? Sein Vater meinte, er hätte genug, immerhin sei die Auswahl schwierig. Georg lachte plötzlich und meinte:

»Wer wird denn nun eigentlich hier der Großherzog und wer der Strohmann mit Orden und Titel und so? Ich sehe mich schon in den Krankenhäusern und bei Grundsteinlegungen umherfahren und verbindlich lächeln, während im Hintergrunde der Papa >am sichern Schreibtisch sitzend Opus hinter Opus aufs Papier wirft<, wie unser Morgenstern so herrlich sagt.«

»Ich verbürge mich dir,« schwor der Herzog, »nach spätestens einem Jahr ziehe ich mich nach Lesum zurück und veredle Schafe und Hühner.« Georg lachte, bis er heiser wurde. -- Jawohl, Georg würde schon sehn, wie ihm im Beuglenburgschen Saustall Nase und Atem vergingen. Ob er schon irgend etwas von Kalibohrung verstünde! Ob er eine Ahnung hätte, wie die Kaliförderung in Wiedehopf und Zainhammer sich wieder hochbringen ließe? Wie viele neue Eisenbahnlinien er -- etwa -- im Auge habe. Und was er von Eisen-, Kopfstein- oder Holzpflasterung denke für Beuglenburg? Wie viele und welche Kanäle er zu ziehen gedenke? Und die Deiche, die alten, hundertmal geflickten Deiche? Und Raschwege, das Gestüt, das einmal berühmt war?

Georg ließ alles fröhlich über sich ergehn und sagte, er wüßte einen Amtshauptmann. »Schley heißt er, das heißt seit gestern; vorgestern hieß er Freiherr von Schley-Schleyenburg, sein Vater hatte eine Wagen- und Pumpenfabrik und kaufte den Adel von Beuglenburg für eine Kleinkinderbewahranstalt oder dergleichen. Es ist ein Korpsbruder von mir, hat den Adel fortgelegt, war Assessor und ist jetzt fortschrittlicher Abgeordneter. Wir haben uns seit einiger Zeit sehr angefreundet, das heißt, eigentlich bin ich mit seiner Frau befreundet, aber wir haben uns in endlosen Nachtgesprächen ungemein schätzen und kennen gelernt. Ich war auch einmal auf die Dörfer mit ihm zu einer Wahlversammlung, und da habe ich das gesehn, weshalb ich ihn dir vorschlage, nämlich die wundervolle Art, wie er mit den Leuten umzugehn weiß; weder leutselig, noch so grob auf du und du, sondern fein teilnehmend und -- nun, das läßt sich eben nicht beschreiben; er hat die Gabe -- du hast sie ja auch --, aus jedem Menschen gleich das Beste herauszuholen, und ist überhaupt unwiderstehlich. Genügt das? Den Reichstag hat er satt, also --?« Sein Vater stand auf und setzte sich an den Schreibtisch, um Namen und Daten aufzuschreiben.

Georg blickte verträumt ins Freie hinaus. Dort, in greifbarer Ferne, lag sein Großherzogtum, so fest, so schwer und massig wie hier der Rücken und Kopf seines Vaters am Schreibtisch, und es würde eine herrliche Zeit anbrechen. Keine Träume brauchte es mehr zu geben, zwischen allen Fingern spürte er schon das Gewimmel der tausend großen beweglichen Gegenstände, -- wie der Odem eines Tieres, heiß und wild, schnob ihn der neue Atem gesammelter Handlungen an, Land brodelte, im unterirdischen Raum stampfte die geheizte Maschine, durch ihren unsichtbaren Dampf blickten die gesicherten Sterne, einverstanden und wohlgefällig ...

Wenn aber Virgo kommt, muß Papa fort sein, durchfuhrs Georg. Ich will ihn zu Renate schicken, er scheint sie ja sehr zu lieben und kann dort eine schöne Rede auf mich halten. »Ja, wie ist es nun, Papa,« sagte er, als sein Vater sich mit dem Stuhl herumsetzte, »glaubst du nicht an die Möglichkeit, daß du mir jetzt im Wege sein könntest?«

Der Herzog kniff das linke Auge zu. »Eine Dame«, sagte er und nickte langsam und voll Verständnis mit dem Kopfe. »Ich verschwinde«, sagte er, »und gehe zu Fräulein von Montfort.«

Georg sagte, das hätte er sich im stillen schon gedacht, er würde dort vermutlich eine schöne Rede auf ihn halten. -- Sein Vater stand eilig auf, humpelte zum Bett und ergriff seine Handschuh. »Ich komme nachher noch einmal herein. Leb wohl, mein Junge«, sagte er plötzlich sehr warm und legte ihm die Hand auf den Kopf. Georg, die Augen schließend, fühlte die warme Schwere, fühlte sich kindlicher als in allen Erinnerungen des Morgens, wohl beschützt und recht frohen Mutes ...

Als sein Vater hinaus war, rief er Egon und ließ den Vorhang wieder schließen, legte sich auf die Seite, schloß die Augen und verirrte sich liebevoll in bunte Szenen und farbige Trachten. Daß Virgo nicht würde dabei sein können, betrübte ihn, aber um jene Zeit erwartete sie ihr Kind. Virgo, meine liebe, kleine Schwester, dachte er zärtlich, und ohne sein Zutun schlossen sich die Worte an: Weißt du noch, wie wir uns Blumen brachten? Und die lieben, kleinen Vogelnester, die das Herz so zittern machten, und ... und im Park der Teich im runden Rahmen gelber Iris, blank wie ... Mond ... Und ... und wie klangen, wenn wir riefen, unsre Namen, durch die Stille ungewohnt? ... Er fing an, die Unregelmäßigkeiten in den Zeilen auszufüllen, neue kamen hinzu, er sammelte und legte fort, langsam schloß Strophe sich an Strophe, um nichts zu vergessen, sagte er sie sich unaufhörlich wieder vor und schlief allmählich darüber ein.

Die Augen öffnend, wußte er, daß jemand vor ihm stand; er fühlte sich wieder heißer, es war tiefe Dämmrung und nahe über ihm etwas Großes, Weißes; auf seiner Stirn lag etwas Kühles, eine Hand, er schloß die Augen wieder und dachte, noch halb im Schlaf: Sie ist da ... Ganz leise lief hoch über ihm ihr Lachen silberflüssig durch dunkle Luft. Er schlug die Augen auf und sah die ihren, groß und schwarz unter den dicken Brauen, ihr kleines Gesicht, ganz weiß auf dem kleinen, leichten Hals; sie hielt einen riesigen Armvoll weißer Narzissen an die Brust gedrückt und ließ sie nun, sich überbeugend, auf sein Bett, auf sein Gesicht fallen, naß, kühl, feierlich duftend.

»Ja, was machst denn du für Geschichten, Schorse?« fragte sie. Sie liebte ja nun diese jungenhaften Ausdrücke.

»Jeder einzelne,« sagte Georg, »der hereinkommt, fragt, was ich für Geschichten mache. Nun setz dich aber!« Er drückte auf die Klingel. Sie raffte ihre Blumen vorsichtig wieder zusammen, Egon kam und holte eine Vase, die allergrößte, einen dunkelgrünen Topf; er wurde auf den Schreibtisch gestellt, das war kostbar anzusehn.

»Wolfgang läßt vielmals grüßen«, berichtete sie. Halbtot sei er angekommen und habe gebrüllt, daß die Wände gezittert und der Kanarienvogel gezetert hätte. Er wollte lieber sterben, als sich noch ein einziges Mal mit einem Agrarier boxen. Daß der Teufel ein Agrarier sei, das stehe felsenfest.

»Er soll nun Amtshauptmann in Beuglenburg werden,« sagte Georg, »Papa war da, wir haben es schon abgemacht.«

Virgo war hochentzückt, aber nun mußte Georg auf das genaueste erzählen, was und wo es ihm fehle, wie er den Tag verbracht habe, was er haben wollte, -- wobei Georg das Gedicht einfiel, das er vor dem Einschlafen zustande gebracht hatte, und sie mußte sich auf den Bettrand nahe zu ihm setzen, er nahm ihre Hände und sagte leise und langsam, den dichten, weißen Strauß der zarten Sterne mit rötlichem Herzen vor Augen:

»Virgo, meine liebe kleine Schwester! Weißt du noch, wie wir uns Blumen brachten, Und die lieben, kleinen Vogelnester, Die etwas in uns so zittern machten, Süß und gar so ängstlich, daß sich fester Unsre Hände schlossen im Betrachten?

Und im Park den Teich im starren Rahmen Gelber Iris, rund, ein blanker Mond, Wenn wir durch den stillen Mittag kamen In den Kleidern, die wir sehr geschont ... Und wie klangen rufend unsre Namen Durch die Stille fremd und ungewohnt ...

Kleines Schwesterlein, es ging so bald ... Ach, wie kam es, Süße, Traute, sage, Daß so früh sein Stimmlein ist verhallt? Und wie kommt es, daß ich um es klage, Da es doch -- o Armut meiner Tage! -- Niemals Odem hatte und Gestalt.«

Sie strich leise mit der Hand über seine Stirn. »Nun haben wir uns ja doch gefunden ...« sagte sie mit ihrer tiefen Stimme.

»Und denken, wie es hätte gewesen sein können ...«

»Ich war so sehr allein«, sagte sie ganz wenig klagend. »Meine Mutter ließ mich so herumlaufen, das war nicht bös gemeint, im Gegenteil, sie sagte es mir auch später, ich hätte vor allem Freiheit haben sollen, und sie war doch damals schon eine alte Frau ...«

»Wenn ich an deine Kindheit denke,« sagte Georg, »sehe ich immer dein kleines blasses Gesicht mit den übergroßen Augen an eine Fensterscheibe gedrückt, eben dicht über dem Rahmen, und du standest vielleicht auf den Zehen an einer Verandatür, drücktest die kleine Nase platt am Glas und sahst ganz still auf der Terrasse die Spatzen sich um ein paar Krumen zanken.«

»Ja, das mag wohl gewesen sein,« lächelte sie, »wie schön du das beschreiben kannst! nun seh ich es auch, und es sieht gar nicht so traurig aus.«

»Erzähl mir doch, wie warst du als Kind!« bat Georg. »Benno Prager und ich haben uns heute morgen vorerzählt, wie es war, wenn wir krank waren als Jungens.« Da Georg von Flechtpapier und Zinnsoldaten schon seinem Vater erzählt hatte, fuhr er fort: »Er bekam eine Bouillonsuppe, und ich Sagosuppe mit Rotwein: herrlich war das, wenn der rote Wein im grauen Sago zerfloß!«

Sie lächelte und sagte, unaufhörlich mit den Fingern durch sein Stirnhaar streifend:

»Wenn ich krank war, wurde mein Bett in das Zimmer meiner Mutter gestellt, das war ziemlich beängstigend. Sie schlief in einem Saal mit vielen Fenstern und in einem riesigen, uralten Himmelbett mit geschnitzten und so gewundenen Säulen, an denen kleine Tiere liefen, Eidechsen oder Molche, und ganz unten, als Fuß, hockte ein Igel und machte listige Augen. Wenn ich fieberte, liefen die Tiere auf meinem Bette herum, und meine Mutter mußte immer hinter ihnen her sein. Wenn mirs wieder besser ging, setzte sie eine Brille auf, und wir spielten Leben und Tod zusammen mit ganz alten deutschen Karten, so groß wie Postkarten. Dabei hatte sie so putzige Ausdrücke, die mich begeisterten, und ich machte sie kräftig nach. Spielte sie Coeur aus, sagte sie: Coeur du dir an gar nichts! Pikaß war ein Kettenhund, hieß es, und: Trefflich schön singt unser Küster! Wenn aber eine Neun kam, unterließ sie nie, zu murmeln: Neun mal neun sind einundachtzig ... Kannst du dir vorstellen, wie ich so ganz klein im Bett saß mit meinen großen Karten und die alte Frau betrachtete?«

»Ach, erzähl mehr,« bat Georg, »wie bist du sonst gewesen, was hast du gespielt?«

»Ein Spiel,« sagte sie nachdenklich, »das weiß ich noch, spielte ich, wenn ich schon im Bett lag. Dann stieg ich wieder heraus, zog mein Hemd aus, faltete es schön zusammen und kniete ganz nackt und klein auf dem Bettvorleger hin. Dann war ich ein ganz armes Kind, das gar nichts mehr hatte, aber nach einer Weile kam eine mitleidige Person, die schenkte mir ein Kleid, das war das Hemd, das durft ich nun wieder anziehn, da war mir schon wärmer, und dann kam meine Mutter in einer goldenen Kutsche vorbeigefahren und nahm mich mit auf ihr Schloß, da durft ich wieder ins Bett steigen und mich ganz warm einmummen, o das war herrlich! Ja, da hatt ich nun ein ganzes Zimmer voll Spielsachen, aber diese selbsterfundenen waren die schönsten. Und einmal weiß ich, da hatte ich mir das Schaukeln verboten. Ich hatte irgend etwas Strafbares getan, keiner wußte es aber, und da bestrafte ich mich selbst und sagte: nun darfst du einen ganzen Tag lang nicht schaukeln. Was das für Qualen waren, kannst du dir gar nicht vorstellen! Alle halbe Stunde ging ich ganz langsam zur Schaukel und faßte sie an, oder ich strich mit der Hand über das Sitzbrett und stand und sah nach dem Balken oben -- ja, und dann, als ich am andern Tag wieder schaukeln wollte, da mocht ich nicht mehr. Weißt du, es ging einfach nicht! ich hab nie mehr geschaukelt seitdem.«

Sie schwiegen Beide. Es war dunkler geworden, Georg fühlte sich wieder fiebrischer, die Dinge entfremdeten sich von neuem, Virgos Dasein verschwamm und wurde traumhaft, er warf sich hin und her, fühlte bald ihre Hand auf seiner Stirn, aber alles verwirrte sich, sein Vater war wieder da und auch nicht da, Virgo war fort, Dora Vehm, Benno, Magda und Andre gesellten sich zusammen und führten unvorstellbare Dinge aus, er ermannte sich am Ende, richtete sich im Bett auf und sah wie in weiter Ferne den Schattenriß von Virgos Schultern, Hals und Profil im Dunkel. Von ihrer tief tönenden Stimme hörte er seinen Namen, dann deutlicher: »Georg ist solch ein schöner Name ...« Ihr Profil verschwand, er sah die dunklen Flecke ihrer Augen, wollte etwas sagen, räusperte sich und schluckte und spürte heftige Schmerzen im Hals. »Du bist so gut, Georg«, flüsterte Virgo.

Er erschrak, lachte rauh und krächzte: »Um Gottes willen!« was für ein Unsinn, wollte er sagen, mußte aber husten, fühlte, wie sie seine Hand ergriff und an die Wange drückte, und hörte sie sagen: »Du hast ja wieder Fieber!«

»Nun, das kommt so abends«, meinte er, aber sie erregte sich, schalt über sich selbst und über ihn, er habe weder gegurgelt, noch Aspirin genommen, klingelte nach Egon und drückte ihn in die Kissen zurück. Georg schloß die Augen, verlor plötzlich den Zusammenhang mit sich und Allem, fühlte eine Berührung und sah vor sich einen Eßlöffel, dann Virgo, die ihn hielt und seinem Mund näherte; er schluckte den Inhalt hinunter, trank Wasser und setzte sich auf. Nun mußte er auch gurgeln, Egon stand mit einem Waschbecken, Virgo hielt das Glas, und er gurgelte ein paarmal. Er sah eine Platte mit Weißbrotschnitten und einem Ei dastehn, mochte aber nichts essen. Geräusche und Stimmen waren schon unendlich fern und unhaltbar; ihm schien, als sei Virgo jetzt in seinem Schlafzimmer, jedenfalls hörte er sie fragen, wo seine Strümpfe seien, und nach einer Weile aus ferner Tiefe seltsam sagen: Seide! alles Seide! -- so daß er lächeln mußte. Einen Augenblick später fühlte er ihre Hände an seinem Hals, fröstelte, als sie den Halskragen öffnete, -- und wie kalt waren ihre Fingerspitzen! -- sein Kopf schmerzte wüst, etwas Warmes wurde um seinen Hals geschlungen.

Schmetterlinge ... bunte ... Georg hörte sich laut sagen: »Sieh doch mal die Schmetterlinge!« -- Sie schwebten durch das Zimmer, leuchtende, dunkle Farben, einer nach dem andern; plötzlich verkleinerten sie sich und hingen still im Kreis, ein leuchtender Ring wars, wunderbar anzusehn. Sieh, da saßen Esther und sein Vater in einer dunklen Zimmerecke zusammen und sprachen, er wollte zu ihnen gehn, konnte es aber nicht, und merkte, daß er, an allen Gliedern gelähmt, auf einem Bett lag, sonderbar verkrümmt und verzerrt, die Arme ausgebreitet, das linke Knie hochgezogen, es war qualvoll, sein Vater lachte und scherzte mit Esther, von nebenan tönte Gläserklirren, Stimmengewirr und Lachen, es war auf einem Dampfer, sie fuhren, er hörte das Rauschen der Schaufelräder, nun trat sein Vater zu ihm, Georg beklagte sich heftig, daß man ihn festgebunden hätte, aber sein Vater sagte, ob er denn nicht wüßte, das sei doch Mamas wegen, sie dürfe nicht so viel gehn. Georg murmelte etwas Ärgerliches, und dies hörte er plötzlich, merkte auch seinen Mund, den er bewegte, wie etwas Fremdes und sonderbar groß, und öffnete die Augen. Fern im Dunkel schimmerte die flache grüne Kuppel der Schreibtischlampe, darunter hängend leuchtete tief Esthers Schmetterlingskranz, den sie ihm gearbeitet hatte, auf lichtem, grünem Streifen ein dunkelroter, ein gelber und ein ganz bunter Falter. An seinem Bett standen zwei Gestalten, eine sehr große, sein Vater, und eine kleine, Esther; nein, Virgo wars. Er versuchte zu lächeln und setzte sich auf, fragte: »Bist du schon lange da, Papa? Entschuldige, daß ich dich nicht vorgestellt habe ...«

Sein Vater lachte und beugte sich zu ihm; indem sah Georg und sah auch sein Vater, scheinbar erst jetzt, die mütterliche Rundung von Virgos Leib. Seinen Vater schien das zu verwundern; sie senkte unter seinem Blick langsam die Stirn und sagte unsicher: »Ich bin eine Mutter ...«

Georg rührte das sehr, und es schien ihm natürlich, daß sein Vater auf einmal ihr Gesicht vorsichtig in die Hände nahm und sie auf die Stirn küßte.

Nun war eine sehr lange Zeit alles fort. Plötzlich fuhr Georg empor; sein Vater saß, ein breiter Schatten, im Stuhl, den Rücken am Schreibtisch; es war undeutliche Bewegung im Zimmer, dann stand da ein Mensch, Georg erkannte den Grafen Badenbach, dachte: Ach, richtig, er kommt wegen der Verlobung! -- und fühlte fröstelnd die beruhigende Anwesenheit seines Vaters. -- Aber wie still es war!

Georg setzte sich mit einem Ruck auf und starrte den Kammerherrn an. Der stand da in seiner Nähe, die Hände zusammengelegt, wie -- wie an einer Bahre; sein Gesicht war sehr bleich mit roten Flecken, aber er sah sehr würdig aus.

»Ist sie tot?« fragte Georg entsetzt.

Der Kammerrat neigte zweimal langsam das Haupt. Georg nahm alle Kraft zusammen und setzte sich grade aufrecht. Sein Kopf wollte schwer nach vorn überhangen, er bezwang sich, dachte: Gott sei Dank! Gott sei Dank! und ein leises Mitleid mischte sich flüchtig in die Erleichterung, die er aber nicht nur für sich, sondern auch für die Tote mit empfinden konnte. Eine hauchende Stimme sagte: Tröstherzeleid ... Er hörte den Grafen sprechen.

»Sie ist erlöst, ihr ist wohl. Aber sie litt unsägliche Qualen zuvor. Die Schuld daran trifft zunächst mich. Ich werde --«

»Und wen außerdem?« fragte der Herzog mit gedämpfter Stimme.

»Außerdem den Fragenden«, versetzte der Kammerrat ruhig. »Den Eingriff in die zarteste, verletzlichste aller Seelen Ihnen, durchlauchtiger Fürst, zum Vorwurf zu machen, habe ich kein Recht. Die Folge liegt sichtbar vor Augen. Die Sonnenblume dreht sich zur Sonne unabänderlich, so stand ihre Seele zu mir gerichtet, und Sie griffen zu, um sie herumzudrehn. Sie blieb bei der Richtung, die ihr gelehrt, die ihr innerster Sinn und eigentliches Leben war, aber sie litt unsagbar, sie verzehrte sich, sie ward schwach, und eine Ohnmacht verursachte dem armen Hirn die Erschütterung, der sie nun erlag. Die ganze Größe der Schuld ist aber mein.«

Die Worte dröhnten und rauschten stromhaft durch Georgs kranken Kopf, und jeder Satz brannte in lichter Flamme hoch, ehe er einem neuen wich.

»Zu meiner Verteidigung«, fuhr er fort, »habe ich nichts für mich selbst und vor Gott als die Vasallenpflicht, die mir gebot, das Geschlecht meines königlichen Herrn zu erhalten. Nun es erlosch, bin ich frei, diese dumpfe und traurige Welt mit einer stilleren zu vertauschen, wo sich meine sündige Seele unter unablässigen Kasteiungen und inniger Reue ...«

Wenn er noch etwas sagte, so vernahm Georg es doch nicht mehr. Er fühlte, daß irgend jemand zu ihm trat, er wurde aufgehoben, fortgetragen und sehr tief niedergelegt. Dann war dichte Finsternis, in die er verlöschend hineinglitt.

* * * * *

Im Finstern wachte Georg auf und fühlte sich schwach, jedoch klar im Kopf. Ganz fern schien ein winziges Lämpchen zu brennen. Er lag wohl in seinem Bett, konnte es jedoch nicht mit Sicherheit feststellen. Er faßte nach seinem Puls, bekam ein glühend heißes Handgelenk von ungeheurer Größe zu fassen und wußte gleich darauf schon nicht mehr, ob er träume oder schlafe. Er hatte Angst, der Kammerrat könnte kommen, und auf einmal wußte er, daß Sigune tot sei. Ja, sie war tot, und er selber konnte sterben. Sterben war schrecklich. Er sah, ohne deutliche Vorstellung, aber er fühlte sich irgendwo unter der Erde liegen, und die ganze Welt ging ihren Gang weiter. Das war das Schreckliche, das war unerträglich. Da war der Platz am Café, Trambahnen fuhren, Menschen eilten hin und her, aus dem Gewühl kam Renate und ging an den Läden hinunter, blickte seitwärts gegen eine Spiegelscheibe und faßte nach ihrem Hut. Er aber lag begraben, und alles dies hörte keinen Augenblick auf, oh, es war entsetzlich! -- Da fühlte er, wie das Fieber in ihm schwoll, er wehrte sich, er wollte es nicht, lag, glühendheiß übergossen, und stöhnte schnaufend: O dies entsetzlich Pausenlose! -- An dieses schlossen sich deutlich die Worte an: Könnte man doch, könnte man einmal nur, für keinen Tag, für keine Stunde, ach, für Augenblicke nur befreit von diesem Dasein sein! Nichts sein als Aufatmen! Und daß man hinziehn könnte einmal nur, Betrachtung nur und Geist und Seelenfriede! Erleichterung der Brust, Bewußtsein nur des unzerteilten Seins, leicht wie ein sommerliches Rauschen in den Bäumen, wie Blumen leicht, wie Wiesenhalme, die im Winde stehn, jedoch es wissen, wunschlos wissen, reuelos es wissen, -- ach, sodann verlöre wohl der Tod den Stachel, mit welchem Ernst, mit welcher Ruhe würden wir von neuem alles Dasein auf uns nehmen, wieviel würden wir geübter, williger und tapferer sein! O dies entsetzlich Pausenlose! Marter, Kette dieser Tage, dieser Stunden, dieser Atemzüge, wo nicht eine, eine Lücke, keine Leere, keine Leere, kein Sichausruhn uns begütigt, Schlaf selbst Unrast nur und Traum und Fieber, nirgend Aufenthalt, kein kleinster Stillstand, Neues immer, Neues immer, hingerissen, fortgeschoben, ohne Ende, -- sondern ewig, ewiglich, schon vor uns längst im Gang, und durch uns weiter, weiter dröhnt das pausenlose Pochen der Sekunden ...

Ihm stand der Angstschweiß auf der Stirn. Die Worte fingen von vorn an, wickelten sich wie Stricke umeinander, schallten stets von neuem auf, nicht niederzudrücken, so schnellten sie empor, nicht abzuschneiden, sie wuchsen geradewegs weiter, -- er röchelte, sein Hals glühte, er faßte danach und ritzte sich an einer Nadel. Nachfühlend, glaubte er eine Brosche zu fassen, die er unter unsäglicher Mühe aufmachte, dann faßte er das Heiße, das um seinen Hals lag, zerrte daran, es war lang, -- ein Strumpf, ein langer Strumpf, -- endlich war sein Hals frei, er ließ ihn wonnig die Kühle atmen und fühlte sich erleichtert. Jetzt den Strumpf abtastend, wußte er plötzlich, daß es ein Strumpf von Virgo war. Er lächelte erst, -- dann hob er ihn an den Mund, fühlte den weichen Flor, preßte ihn wütend an die Lippen, grub sie und Stirn und Augen in das glühende Kissen, schluchzte herzbrechend auf und stammelte weinend und unaufhörlich: Ich liebe dich doch! ich liebe dich, ich liebe dich! --

Danach kam Dunkel, kam Schlaf, kamen andre Träume.

Neuntes Kapitel: Juli

Legende

Renate bekam an ihrem Geburtstage ein großes Schreiben mit Jasons ganz kleiner, schwarzer und überaus zierlicher Schrift, aus dem ein kleiner Brief und mehrere beschriebene Bogen herausfielen. Der Brief lautete:

Liebe Renate:

Den Menschen Jason bekümmert es, nicht an Deinem diesjährigen Geburtstagsfeste, sich beglückwünschend, erscheinen zu können, also muß er schreiben. Auf der Suche nach einer Gabe erinnerte er sich eines Wunsches von Renate, eine der Geschichten, die er in den Zeiten der Friedliebenden Gesellschaft erzählte -- insbesondere eine von ihr nicht gehörte -- aufgeschrieben zu bekommen. Dies tut er gerne. Es freute ihn dabei, auch einiges von den Menschenwesen, die sich an der Erzählung gewissermaßen beteiligten -- wie Du sehen wirst -- mit festhalten zu können: sein Gedächtnis erwies sich noch jugendfrisch und in Anbetracht des guten Zweckes also einmal erfreulich. Einiges ist wohl trotzdem erfunden worden, und es wird dann nicht das Schlechtere sein, sintemal nur in sehr wenig Menschen das nicht zu sein pflegt, was man in ihnen vermutet, auch wenn sie es nicht äußern.

Herzliche Grüße sendet Jason

Renate, die noch am Frühstückstisch dies gelesen hatte, nahm den Brief zusammen, wollte in ihr Zimmer hinauf, stieg aber versehentlich höher und betrat das Josefs. Dort im Sessel sitzend und die Blätter mit Jasons Geschichte aufschlagend, merkte sie dann freilich gleich, aus welchem Grunde sie hier zu lesen hatte und nirgend anders. Sie las:

Orest und die Eumenide (eine Legende im Rahmen)

Sie saßen zusammen im Erker des gotischen Fensters, während es Abend wurde, Esther, Magda, der Maler Bogner und Jason, der zuletzt kam. Zuerst war es Esther allein gewesen, die dicht neben der großen, fast bis zur Erde reichenden, grünlichen Glaswand saß, hoch über sich die schöne Wölbung des spitzen Bogens, das kleine, schwarze Chinahaupt, die reine Stirn, die dunkel brennenden Augen unter den runden Brauen über ihre buntfarbene Stickerei gebeugt, in der Faden um Faden unter den hurtigen Schritten der Stiche aufging, während hin und wieder ein Hauch der Sommerabendluft die kleine, lose Haarsträhne über ihrer Stirn aufhob und sanft zauste, hereinwehend aus einem der kleinen Vierecke, die wahllos über die Fläche der Scheibe verteilt, alle offen standen, so daß jedes ein Quadratstück der Landschaft in der Tiefe enthielt, dieses nur Wiesengrün, jenes einen Ausschnitt vom Bahndamm, jenes ein paar Türme der Stadt weit hinten, und dieses die still und geruhig rauchenden Schlote der Zuckerfabrik ganz rechts. Magda, die dann herausgekommen war, hatte sich nach ein paar freundlichen Worten ans Fenster gestellt, groß, schmal und blaß von Antlitz und Haar, hinausblickend durch das Viereck, das sie gerade vor Augen hatte, in dem nur der Abendhimmel war, licht und von jenseit zart golden durchleuchtet, aber sie hatte nun die ganze Abendgegend unter sich, die Weiden, die dunstige Stadt mit Kuppeln und Türmen, das Wehr und den Fluß zur Linken, und dahinter das Blau der Hügelrücken; und so fand sie der Maler. Aber sein immer graues und bartloses Gesicht hatte sich nur eine Minute, während er seine kurze Pfeife stopfte, über Esther und ihre Arbeit geneigt, und er war in seiner sachten Art wieder im schon dämmerigen Hintergrund verschwunden, wo er vor den Bücherregalen saß; daß er nicht hinausgegangen war, merkten sie im Fenster nur an dem süßlichen Geruch des Qualms, der ab und zu vorüber wehte und ins Freie zog. Schließlich erschien dann Jason al Manachs Gestalt, der, in den Sessel Esther gegenüber versinkend, gleich sagte, er wäre im Museum gewesen. Danach machte er eine Pause, aber der Maler schwieg natürlich, Esther hatte gerade ein paar Seidensträhnen von ähnlichem Grün über ein halb gesticktes Blatt gelegt und betrachtete das mit kleinen, prüfenden Grimassen der Brauen und der Zungenspitze und so versuchte die immer Gütige, Magda, ein wenig sich hinüberwendend, ein leises: »Nun, und?«

»Da traf ich den jungen Stupitzka, den Archäologen, und er erklärte mir alles. Die Archäologen sind doch die freundlichsten Menschen«, sagte Jason. Esther blickte ihn schnell an, ein bißchen ungläubig, um nicht zu sagen spöttisch, und was sie meinen mochte, drückte dann Magda aus: es gäbe wohl keine Menschenart, von der er, Jason, nicht, wenn die Rede darauf käme, versicherte, daß sie die freundlichsten seien. »Und nun, -- was gab es Besonderes zu sehen?« --

Jason, zu ihr, die wieder hinausblickte, aufsehend, indem er still für sich die Spuren der langen Krankheit, der Schlaflosigkeit und der Schmerzen auf ihrem in sich vergehenden Gesicht zählte, sagte:

»Etwas Einziges. Den Kopf eines schlafenden Mädchens, das unserer Ulrika ähnlich sah, -- wißt ihr, wenn sie anfangen will zu spielen, die Brauen sich heben, steiler scheinen und ein ernster Schatten über ihr zartes Gesicht fällt. -- Sie war nun freilich überlebensgroß, graugelb getönter Gips, aber dennoch ...«

Er fuhr fort, eine Abbildung müsse in einer der Mappen auf dem Schrank sein, und gleich ging Magda, bereit, jederzeit einen Auftrag zu hören und ihn auf sich zu beziehn, hinüber und schleppte die Mappen her, legte sie neben Jason auf die Erde, und der hatte bald gefunden.

»Seht ihr, das ist sie!« sagte er erfreut. (Esther entschloß sich, einen Augenblick aufzuhören mit Sticheln und Fadenabschneiden.) »Sie schläft. Seht ihr hier das Ohr unter den Wellen des Haares, wie einen Eingang in geheimnisvolle Tiefen? Sie schläft, was mag hier eindringen? Es ist recht ernst, dies Profil, -- die Brauen ... Wie schön es im Schlaf auf die Seite gesunken ist!« Er sah zu Magdas und Bogners -- der war hinzugetreten -- Gesichtern auf, lächelte und fragte: »Was meint ihr, wer ist es?«

»Muß es jemand sein?« fragte der Maler.

»Ja,« erwiderte Jason, »diese Griechen machten immer etwas, das etwas war.«

»Also vielleicht die Gorgo«, schlug Bogner vor. -- Esther, die den Kopf nur umgekehrt, von oben, gesehen hatte, sagte, wieder zu ihrer Arbeit zurückkehrend, die Gorgo wäre doch wohl wild und häßlich.

»Nun, nun,« meinte Jason, »du vergißt ja die Rondanische. Denke auch an das schöne Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer. Ja, es könnte die Meduse sein; sie war ein geheimnisvolles Wesen, sie war nicht häßlich, ihr Anblick versteinte, das war ein Fluch, sie konnte nichts dafür; wenn sie schlief, war sie unschuldig, dann könnte sie so ausgesehen haben. Ich will es euch sagen,« fuhr er fort, »denn ich selber hielt sie für die Gorgo, aber der junge Stupitzka hat mir gesagt, daß es eine Eumenide ist. Sie verfolgten den Orest, der seine Mutter erschlagen hatte, das wißt ihr ja, und als er sich eines Nachts in einen Tempel geflüchtet hatte, wohin ihm die Dämonen nicht folgen durften, lagerten sie sich draußen auf den Stufen und schliefen auch. Dies ist eine von ihnen.«

Es war nun eine Weile still, nachdem die dunkle und melodische Stimme verhallt war. Sie hörten den kleinen Schrei einer Lokomotive fern, und Magda, die wieder an ihrem Ausguck stand, und auch der Maler, der an ihrem Kopf vorüber hinaussah, bemerkten den kleinen Zug, wie er sich über die schnurgerade Linie des Bahndammes bewegte, und die weißen Rauchballen, die über die Weideflächen leicht davonsprangen, sich auflösend in die goldene Luft.

»Das finde ich nun schön,« sagte Jason leiser: »auch die Erinnye schläft einmal. Was uns verfolgt und quält, einmal läßt es uns ruhen; auch das Quälende bedarf des Schlafs.«

Esther hatte einen lichtblauen Faden zwischen den Zähnen, zog ihn mit beiden Händen langsam hin und her, während sie irgendwohin blickte, in das verschwommene Grün der Wipfel hinter dem Grün des Glases, bis der Faden mit einem kleinen Ruck zerriß, und sie sagte eilfertig, von oben auf die Abbildung herunterblickend, wie ein Schwan auf sein Spiegelbild:

»Das ist -- --, wenn ich so deine Worte höre: Auch die Erinnye schläft ... und dies Gesicht dabei sehe, dann steigt etwas daraus auf wie --« Sie stockte und blickte erst zu Bogner auf, der noch immer betrachtete aus seiner Höhe, dann in Jasons Gesicht. Während ein Lächeln und das Erröten zugleich auf ihren Wangen langsam aufschwebte, war es ihr, als ob er magisch aus ihr herauszöge, was er sagte:

»Wie Legende, nicht wahr? Als gäbe es etwas zu erzählen.« Da nickte sie zufriedengestellt, als würde er flugs anfangen, und begann einzufädeln.

»Das sagst du so,« meinte Jason, »daß ich nun erzählen soll. Freilich ist da etwas, aber nun ist es bloß ein Anfang, und alles Übrige fehlt. Nun, vielleicht findet ihr selber es nachher, also setzt euch.«

Er winkte zu Magda und Bogner, und während dieser sich wieder in sein Dunkel zurückzog, setzte sie sich auf die weiche Lehne von Esthers Ledersessel. Jason, aus den vielfarbigen Seidendocken auf dem Tischchen neben Esther eine dunkelrote ergreifend, die er langsam durch die Finger gleiten ließ, fing an.

* * * * *

»Am siebenten Abend nach dem Beginn der Verfolgung, nachdem er ohne Unterlaß bei Tage hinter sich die Schritte und das Rauschen der Kleider, das Zischen der Nattern und die halblauten, höhnischen und gehässigen Gespräche der drei Schwestern gehört -- er hörte sie nur, sie waren fort, wenn er sich wandte --, bei Nacht aber, wenn er sich wie ein Bündel irgendwo hingeworfen, ihre Dolche in seiner Brust, ihre Vipern um seinen Hals, ihren giftigen Atem über seinem Gesicht gespürt hatte, schlaflos bis zum Morgengraun, wo sie schwanden, -- am siebenten Abend taumelte Orest eine Treppe hinauf und brach oben an etwas Kaltem und Steinernem zusammen. Als er nach langer Zeit wieder zu sich kam, gewahrte er, daß er im Eingange eines Tempels lag, eines großen, dämmrigen Raums hinter einer Säulenreihe, der wie eine leere Höhle, wie eine Lichtung in Wäldern von unzählbaren, grauweißen Säulen lag, zwischen denen Gänge erschienen; Säulen, riesige, breite, stumme, bedrohliche, ernste überall, aber in der Mitte der hohen Halle, auf einem schlichten Postament, stand einsam die kleine Statue des Gottes aus dunklem Silber, der ein junger Mann in einer knappen Tunika war. Sein Antlitz war im Dunkel dort nicht mehr zu erkennen, deutlich jedoch die beiden kleinen Vogelflügel an seinen Schläfen. Es war der Gott des Schlafs.

»Orest, Atem schöpfend, sah jetzt nach draußen aus dem breiten Tor, an dessen Pfeiler er lag. Dreimal vier lang hingestreckte und flache Stufen führten hinunter; drunten aber war nichts als die Ebene, die kahl war, baumlos, hügellos, glatt und grau bis zum Rauch des düstern, geröteten Abendhimmels. Aus dem Dunst der traurigen Ferne aber löste sich alsbald eine graue Gestalt, gerötet, wie in Blut getaucht, und schien zu kommen. Sie kam, und hinter ihr ein grauroter Schatten, der ersten gleich, und ein dritter hinter der zweiten. Es waren die Schwestern, die so durch die schweigsame Abendebene heranzogen, die an diesem Nachmittage der Wirbel seiner rasenden Füße hinter sich gelassen hatte, und er stöhnte leise, stand auf, und ihm fiel ein, daß hier eine Zuflucht sei, wie er es wußte aus den Legenden von Übeltätern, die er in seiner Kindheit gehört, -- nun war er selber solch einer. Er sah, daß seine Füße blutig waren, und schlich mühselig bis zur Statue des Gottes, sah die blauen Augen aus Edelstein in dem dunklen, freundlichen, kleinen Silbergesicht, legte die Hände zusammen und bewegte die Lippen. Darauf schlürfte er eilig zur Türe zurück, und es gelang ihm mit seiner letzten Kraft, die großen Bronzeflügel einen nach dem andern zu bewegen und zusammenzuschlagen.

»Nun stand er im Finstern, schwankend auf unerträglich brennenden Füßen, todmüde, lechzend, sich irgendwo niederzulegen zwischen den Säulen. Im selben Augenblick jedoch, als er die schon zugefallenen Lider noch einmal öffnete, gewahrte er zu seiner Linken ganz fern einen Lichtschein im Dunkel. Wie es langsam heller wurde, sah er den Lichtkreis eines Lämpchens, den Schatten einer gehenden Gestalt, sah die ersten, dunkel droben aus dem Schatten der Wölbung auftauchenden Häupter der Säulen und sah bei aller Müdigkeit doch, wie schön und feierlich das war, da links und rechts Säulenpaar um Säulenpaar aus der Nacht sichtbar wurde und hervortrat, dunkle Riesen erst, die alsbald rein und leuchtend wurden wie in weißen Gewändern, während schon neue Säulen dunkelten, bereit, hervorzutreten, und auch diese erglühten und strahlten, alle ernsthaft von droben herunterblickend auf die kleine weiße, daherwandelnde Gestalt, die zierliche Silberlampe in der linken, eine Schale von gleichem Metall leise blitzend in der rechten Hand.

»Jetzt, nahe dem letzten Säulenpaar drüben, blieb sie stehn, erhob die Hand mit der Leuchte, blickte zu ihm herüber und fragte -- es war ein Mädchen -- mit sanfter Stimme: Ist jemand hier? --

»Er machte ein paar Schritte, fast schreiend vor Schmerz, da die Sohlen am Boden klebten, und stieß ein paar rauhe Worte hervor. Das Mädchen zauderte, glitt dann herbei, hielt, da sie kleiner war als er, die Lampe gegen sein Gesicht empor, und er sah, welch mitleidige Augen sie machte. Du suchtest wohl Obdach? -- fragte sie freundlich. -- Er bemerkte seine aus dem zerrissenen Mantel vorgestreckten Hände, die sie gerade betrachtete, die grau und gelb waren und schrecklich anzusehn, habgierig, und: Was für Hände! sagte sie ergriffen, und dein Gesicht ist auch so! und das schwarze Haar, wie verwirrt und zottig! Du mußt entsetzlich müde sein, und es ist noch so weit zur Stadt, fuhr sie fort, aber hier bist du ja recht im Hause des Schlafs. Ich bin eine Dienerin von ihm, erklärte sie errötend, hier hab ich die Milch für die Schlangen. Es sauste ihm in den Ohren, er hörte nichts und stürzte zu Boden. Gleich kauerte sie neben ihm, setzte das Licht auf den spiegelnden Estrich, riß Streifen von seinem Mantel, löste die Riemen der zerfetzten Sandalen, wusch die Füße nach kurzem Zögern mit der heiligen Milch und verband sie. Schließlich nahm sie den Mantel unter ihm fort, rollte ihn zusammen und schob ihn unter seinen Nacken.

»Er richtete sich nun auf, starrte mit blöden Augen in das Licht, lachte ein wenig und fing an, sie zu sehn. Weißt du, wer ich bin? -- fragte er plötzlich. -- Nun, gleich, sagte sie, wenn ich dir nur helfen kann; du bist ein Armer jedenfalls, sagte sie. Er mußte in ihr ernstes, ruhiges Gesicht blicken, bemerkte, daß die Augen schön braun waren und auch das Haar, wollte sich wieder legen und hörte im gleichen Augenblick draußen Geräusch von Füßen und Stimmengewirr. Er sprang auf.

»Auch sie war aufgestanden und sah erschreckt, wie er dastand, gespannten Nackens, wütend, mit geballten Fäusten, wartend, lauschend mit Augen, Ohren, mit dem ganzen Leib. Dumpfe Schläge fielen gegen das Erz des Tors, er keuchte, Blut stieg ins Weiße seiner Augen, das Mädchen wich langsam, an seine Augen gefesselt, gegen die Tür zurück mit von sich gestreckten Armen und wiederholte mehrmals, angstvoll und eifrig versichernd: Niemand kommt herein! Niemand kommt herein! -- Ist das gewiß? schrie er laut. Wie willst du's denn wissen? Weißt du denn, wer ich bin? Ich bin Orest! Weißt du, wer die draußen sind? Weißt du, was sie halten, sahst du ihre Dolche, ihre Fackeln, ihre Vipern? -- Er brüllte. Herein! Kommt doch herein, ihr, wenn ihr könnt! Hört doch, ich bin drin! Ich, Orest, ich, der seine Mutter erschlug, ich! -- Draußen erscholl Geschrei, die ehernen Flügel zitterten und bewegten sich, es krachte im Gebälk. Vor der im Lichtschein glühenden Erzwand stand das Mädchen, bleich, hinter sich ihren Schatten hochaufgereckt bis ins Dunkel, da die Lampe noch dicht neben den Füßen des Flüchtlings auf den Fließen stand. Auf einmal kam er mit stampfenden Schritten gegen die Tür vor, knirschend: Geh! sie sollen herein! ich bin das satt! ich will sie jetzt packen, ich will hier mit ihnen die Treppe hinunterkollern wie ein Knäuel von Panthern und Schlangen! -- Das Mädchen packte seine Hände und rang mit ihm, er schleuderte sie weg, doch sie kam wieder, warf sich an ihn, umschlang ihn, sie keuchten, schließlich erlahmte der Mann und fiel langsam zusammen, während sie mit fliegenden Gliedern zur Tür zurückjagte, sich gegen die Fuge in der Mitte preßte, schlank wie ein Baum, als wollte sie hinein, sie zu verstopfen. So glitt sie langsam auch zu Boden und hockte dort, großäugig.

»Nur die Stöße seines Atems waren hörbar, auch draußen war es still. Ruhig stieg die vorher hin und her gescheuchte Flamme der silbernen Leuchte. Plötzlich aber sank sie in sich zusammen, wie auf Befehl, zu einem roten, glimmenden Funken, und während ein unendlich leises Flügelrauschen durch die Finsternis hinzuschweben schien, sank von hoch oben eine ernste, klare, langmütige Stimme hernieder und verhallte in alle Fernen des Hauses:

Schlaf, Mensch, so schlaf! Auch die Verfolgerin, Auch die Erinnye schläft.

»Wieder war alles still. Orestes lag ausgestreckt, so lang er war, die Arme überm Kopf fortgeworfen. Da schien das Tor sich zu bewegen, das Mädchen sprang auf und eilte zu ihrer Lampe, die einige Pulsschläge lang wieder in ihrer früheren Größe aufgerichtet stand, aber nun langsam erblaßte, denn die Torflügel falteten sich langsam auseinander, und draußen war das Mondlicht. Da war die Treppe, breit und schneeweiß, die Ebene, schattenlos, dunkel und doch erhellt vom unsichtbaren Mond in der Höhe, und jetzt sah Orest, das Haupt erhebend, daß neben der ersten Säule der Vorhalle über den Stufen eine dunkle Gestalt im Schatten hockte, ganz still; und als er hinunterblickte, entdeckte er eine zweite mitten auf der Treppe, ruhend wie eine Schlafende, ganz unten aber die dritte, hell im vollen Licht, in sich gesunken, im Schlaf.

»Orest stützte sich auf die Arme und stand auf. Sein Gesicht zuckte, als ob es in Weinen zerbrechen sollte, sein Haupt schwankte, er ging mit schweren Schritten zur Statue des Gottes und sank dort hin, den Rücken gegen das Postament gelehnt. Stracks durchdrang unbeschreibliche Müdigkeit magisch seine Glieder; sie lösten sich auf in Wonne der Schlaftrunkenheit, ein sanftes Prickeln bedeckte seine Seele wie ein vergehender Schaum, -- so verging sein Leib. Er schluchzte tief, er sank tiefer in sich, er öffnete noch einmal die Lider, als müsse irgendwo etwas sein, nach dem noch hinzublicken sei, doch sah er nichts mehr als einen nächtigen Lichtschein, dann -- ging ein Schritt, rauschte Gewand? -- nur noch Finsternis, aus der eine Schattengestalt von fernher zwischen dunklen Wänden nahte und stillhielt. Er erkannte zwei dunkelsilberne Fittiche, zwischen ihnen den Schatten eines braunen Antlitzes und ein bläuliches Lächeln von Augen. Da fielen ihm die seinen zu, und er schlief.«

* * * * *

Jason schwieg. Im Zimmer stand jetzt die Dunkelheit, nur im höchsten der offenen Vierecke war der noch helle Himmel zu sehn; die Bäume rauschten im Dunkel unsichtbar; vor dem Fenster waren die lichten Gesichter der Drei, ganz weiß das Jasons mit den schwarzen Flecken der Augen, ein wenig dunkler das Esthers, Magdas ganz matt, kaum sichtbar über den andern. Wie Jasons Hände im Schoß ausruhten, so auch Esthers linke, während ihre rechte die Hand der Freundin gefaßt hielt, die über ihre Schulter herabhing. --

»Soll ich Licht machen?« fragte Magda nach langer Zeit. Niemand antwortete. Aus dem Hintergrund scholl ein leichtes Pochen; der Maler klopfte seine Pfeife aus. --

»Es ist doch nicht zu Ende?« fragte Esther.

»Ich weiß nicht.« Jasons Schultern bewegten sich. »Das Antlitz der Eumenide erzählt eigentlich nicht mehr. Oder doch?«

»Und wie kam das Mädchen in deine Geschichte?«

Der Maler sagte aus dem Dunkel: »Sie haben von Schlangen gesprochen. Verwechseln Sie das nicht mit Asklepios?«

»Vielleicht,« erwiderte Jason leicht, »obgleich ich persönlich überzeugt bin, daß die Schlange auch dem Schlaf heilig ist wegen seiner heilenden Kraft. Überdies ist die Schlange dasjenige Tier, das fast immer schläft, und schließlich dachte ich mir auch etwas Besondres dabei. Wie geht es aber weiter?«

»Ich sehe noch etwas«, fuhr er leise fort. »Ich sehe dies Marmorhaupt der Schläferin. Wer hat es gesehn? Der es gemacht hat, muß es gesehn haben, oder einer hat es ihm beschrieben. Orest vielleicht? Wann sah denn er es?« Esther schlug vor: »Morgens früh, als er weiterging.«

»Sieh, Esther, was für richtige Sachen du denkst! Ja, da muß er es gesehen haben. Er erwachte vor Sonnenaufgang, erquickt und gestärkt. Die Ebene lag unter weißen Nebeln wie eine stille See, und --« »Und das Mädchen, die Priesterin?« fragte Magda. »Sie ist fortgegangen. Orest will nun gehn, spricht sein Gebet, da sieht er beim Hinaustreten, daß die Erinnyen noch dort sind und schlafen. Eilig will er vorüberschleichen und tuts, an der ersten, der zweiten, aber wie er unten bei der dritten angelangt ist, da ging inzwischen die Sonne auf, und er sieht ihr Gesicht, und daß sie braunes Haar hat, das ihn an andres Haar erinnert. Da bleibt er nun stehn und sieht ihr leise glänzendes Gesicht, wie ernst es ist, kaum lieblich und doch schön, die Brauen streng und groß, und daß sie unschuldig ist, wenn sie schläft, trotz der erloschenen Fackel neben ihrem Fuß, trotz des Dolches, den sie an die Brust drückt, und er kann sich nicht abwenden und redet leise Worte in die Höhlung ihres Ohrs, in den seltsamen Eingang zu der schlafenden, inneren Welt, indem er sich fragt, ob sein Flüstern wohl eindringe und drinnen zur Gestalt eines Traumes wird, die leuchtet, so daß die Wände der dunkelgoldenen Seelenhalle davon glänzen, oder vielleicht wie die freundliche Silberfigur des Gottes auf der Lichtung inmitten des dämmerweißen Säulenhains. Plötzlich -- was erschrickst du?«

Esther, die leicht zusammengeschaudert war, schüttelte abwehrend den Kopf und sagte: »Nur die Fledermaus ... nur weiter!«

»Plötzlich«, fuhr Jason fort, »erblickt er den kleinen Kopf einer Viper, die, ins Haar versteckt, auch dort schlief die Nacht und nun hervorkommt bei der Wärme des Tages. Er wendet sich eilig und flieht.«

»Und dann?« fragte Esther.

»Dann bleibt er nach ein paar Schritten noch einmal stehn und dreht sich zurück und sieht, daß sie sich aufgesetzt hat. Sie hebt die Arme und lächelt zu ihm; ihre Augen, erst noch geschlossen, öffnen sich schlaftrunken, sie stammelt, ihr Gesicht glüht über und über vom Sonnenaufgang, er starrt hin, da sinkt sie wieder zusammen, fröstelt, tastet nach einem Gewandzipfel und entschläft.«

Es schien nun still bleiben zu wollen im Raum. Magda erhob sich, trat an ihren Ausguck und sah im Dunkel den Horizont besteckt mit den Lichtern der Stadt, darüber die ersten, weißlichen Sterne im Raum. Vernehmlich rauschte das Wehr in der Ferne.

Esther hatte ihre zusammengefaltete Stickerei wieder auseinander genommen, die Farben leuchteten noch matt im Finstern, sie strich glättend mit dieser und jener Hand darüber und sagte endlich:

»Ich sehe noch etwas. Da ist solch ein Wiesental, so bunt wie dies hier am Tage ist, und -- ich kann das nicht beschreiben, es ist etwa so wie auf Böcklins Bild, eine kleine blaue Quelle, die sich durch die Blumenböschungen schlängelt, herab von einem Hügel unter großen, schattigen Bäumen. Und dort liegt Orest und --« sie stockte.

»Nun?« mahnte Jason in guter Langmut, »was tut er dort? Ja, das weißt du nicht? Vielleicht meinst du, er wartet. Ja, am Ende wartet er.«

»Oder auch nur, weil es so schön dort ist ...« sagte Esther mit einem kleinen Seufzer.

Über ihnen klang Magdas immer noch ein wenig matte Stimme, doch sehr gütig: »Als ich von den Toten wiederkam, die ich doch schon so nahe gesehn, durfte ich auch wieder in den Garten, nach all den schlaflosen Nächten, und das war gut. Freilich,« setzte sie mit dunklerer Stimme hinzu, »sie stehn immer hinter uns.« Und fast hart: »Sie sind ja die Unentrinnbaren.«

Eine Weile wars wiederum still, dann begann Jason:

»Ich glaube, daß er wartet. Er hat sich des Lächelns der Einen erinnert und beschlossen, sie zu erwarten. Er will sich zu ihren Füßen hinwerfen und bitten, daß sie ihn manchmal schlafen lassen. Er denkt, daß sie das nicht werden abschlagen können. Er fühlt sich so neu, kräftig und zu allem bereit, wenn nur etwas Hoffnung da ist.

»Und dann kommen sie nun. Ihm gegenüber ist der Tannenwald, aus dem der Weg hervorkommt, dem sie nahen, und die Jüngste geht voran. Er hält sich hinter einem Felsblock verborgen und sieht, wie sie nacheinander hervortreten und erfreut scheinen von der anmutigen Gegend. Zwei von ihnen legen sich im Tannenschatten ins Gras, aber die eine kommt bis zum Bach, kniet hin, legt Fackel und Dolch neben sich, bespiegelt sich und lächelt sich an. Da übermannt es ihn, und er tritt hervor.

»Wie er herabkommt, sieht sie auf und erschrickt. Sie greift nach ihren Waffen und erhascht den Dolch und springt auf, sieht ihn an, und da erkennt sie ihn nun; ihn, den sie ja zuvor nie, nur in jenem Augenblick des halben Wachens oder im Traum gesehn hat. Er sieht wohl schrecklich aus, in seinem grauen, zerfetzten Mantel, mit dem wirren, schwarzen Haar und dem gelben, eingeschrumpften Gesicht, aber seine Augen strahlen seltsam, und sie muß lächeln und streckt wieder die Arme aus, seufzt und stammelt etwas, und -- was geschieht nun?

»Jetzt sieht er auf einmal alles schwarz umher werden. Schwarz jede Blume, schwarz das Gras, schwarz die Tannenwand, schwarz wie Marmor den Quell und schwarz den Himmel. Aus der Erde schauert es eisigkalt, und es durchschaudert sie. Sie windet sich seltsam, als werde sie unsichtbar ergriffen und nach unten gezerrt, ihr Lächeln, wie etwas Erdrosseltes, stirbt, sie öffnet die Lippen, will schreien, da fühlt sie, daß sie hinunter muß, sie verzweifelt, sie zuckt, da erblickt sie ihren Dolch, sie ringt sich noch ein Lächeln ab, erfaßt eine Strähne ihres braunen Haares, sie schneidet zu, sie trennt die Locke, sie wirft sie gegen sein Gesicht hin, das ihr noch glänzt. Langsam nun, blaß und blässer, wie ein farbloser Regenschauer, gleitet sie hinunter in den schwarzen Quell; ihre Füße, ihre Hüften, ihre Schultern verschwinden, noch schwebt ihr schmerzliches Gesicht, lächelnd mit einer späten Qual über dem Schwarzen, und erlischt darin.

»Hades rief sie hinunter. Sie hatte vergessen, wer sie war, vergessen den Haß und Tartaros, ihren Ursprung; da zog er sie zu sich herab. Und er --

»Er warf sich über die Stelle hin, wo sie versunken war, griff in die Flut und -- nun, Esther?«

»Er faßte -- er erfaßte die großen Büschel schwarzer Iris, die rund herum aufgeschossen waren, und --«

»Und es ward langsam wieder hell um ihn, alles ward wie vorher, dort aber, wo der Weg in die Tannenwand schwindet, haben sich die beiden Schwestern aufgestellt, gleichmütig, gegürtet, abwartend.

»Er aber, schwer aufstehend, gewahrt einen braunen Falter, rostrot glänzend im Sonnenlicht, der gegen ihn fliegt, seinen Mund berührt und zurückbebt und davon und wieder heran und über seine Stirn hin und wieder fort und noch einmal heran, einen Kreis windend um seine ausgestreckte Hand und jetzt fort, auf und nieder, hierhin und dorthin schaukelnd, den Weg hinab und zwischen den Tannen fort. Er aber, wie an einem goldenen Faden nachgezogen, folgt, ein wenig staunend, ein wenig lächelnd, sich vergessend. Er sieht die Schwestern dastehn, er will zwischen ihnen hindurch, er erschrickt, es stehen da zwei schweigsame Fichten links und rechts vom Wege, ernsthaft, auf ihn heruntersehend, dieweil vor ihm das rostrote Blatt in der Sonne im Tannengang leuchtet, und er folgt.«

Obwohl Jason schwieg, schien es den Andern, als halte er nur inne und bedenke die kommenden Worte. Schließlich fragte die Stimme des Malers aus dem Finstern: »Ist das alles?«

»Die Erinnyen sind ja fort«, sagte Jason, während gleichzeitig Esther ein tief ungläubiges »Oh nein!« hervorstieß.

Jason schwieg und sagte nach einer Weile leise: »Kinder! Was denkt ihr denn nun?«

Esthers Gesicht, der weiße Schein davon, war verschwunden; an ihrer Stimme konnten die Andern hören, daß ihre Hände davor waren; sie bat:

»Mach ihn heil, Jason! Die Wunden von ihren Dolchen werden wieder aufbrechen, und das Gift ... Mach ihn ganz heil!«

Und auch Magda erklärte mitleidvoll: »Er war doch unschuldig. Daß er die Mörderin seines Vaters erschlug, das war fromm, und die Götter wollten es. Ich meine --« sie rang mit den Worten, »es giebt Sünde und Sühne, Bös und Gut, aber es ist nichts einzeln davon, Eines wohnt immer im Andern, und Orestes büßte lange und wurde schließlich befreit -- wenn ich mich recht erinnere ...« schloß sie zaudernd.

»Es kommt vor,« hörten sie den Maler von fern, »wenn ich ein Bild machen will, daß ich meine, es müßten zwei gemalt werden. Nicht wegen der Stimmung in der Natur oder so, sondern --, etwa, wenn ich einen Kranken malen wollte, so müßte ich auch einen Gesunden machen, damit man sieht, was all das heißt. Allerdings,« setzte er, sich räuspernd, hinzu, »das darf nicht sein, obgleich ich mich einmal nur schwer entschließen konnte, denn«, schloß er bedachtsam, »Kunst ist für sich und giebt Gesetze.«

»Orest kam nun,« fuhr Jason fort, nachdem er Bescheid erhalten, »Orest kam nun, dem Schmetterling folgend, am neuen Abend wieder zu einer Treppe und zu einem Tempel. Schön leuchteten sie beide von weit, Stufen, Säulenreihn und farbiges Dach, aber der Weg war nicht gut gewesen, alle Wunden brannten wieder, auch die Füße, und oft mußte er stehen bleiben, wenn er hinter sich das alte Zischeln und Raunen zu hören glaubte, auch begriff er nicht, weshalb er hinter diesem schaukelnden Blatt einherging. Nun aber sah er die Treppe und erkannte sie gleich, auch das Mädchen, das auf der untersten Stufe saß, gebückt, als betrachte sie etwas in ihrem Schoße. Wie er näher kam, schaute sie auf, und da sah er den Falter mit Heftigkeit gegen ihre Lippen fliegen, worauf er augenblicklich in ihrem Haar verschwand. So ging er auf sie zu, die still saß und ganz wenig lächelte.

»Was tust du hier?« fragte er, indem er bemerkte, daß sie ihre Silberschale voll Milch mit beiden Händen im Schoß hielt. »Still!« sagte sie, »bleib ruhig stehn! Sie müssen gleich kommen.« Und sie pfiff ganz leise zwischen den Zähnen. Alsbald raschelte es im Gebüsch neben dem linken Treppenkopf, und zwei Schlangen, so lang wie ein Arm jede, die eine dunkelbraun, die andre dunkelblau schillernd, kamen hervor, glitten herbei, kletterten links und rechts von der Sitzenden die Stufen empor und begannen von der Milch zu schlürfen. »Erkläre mir dieses!« sagte Orest.

»Dies«, erklärte das Mädchen, »sind die heiligen Schlangen. Zwei Schlangen trägt der Gott des Schlafs, eine giftige und eine gute. Die giftige träufelt bösen Seim auf das Herz der Bösen, die gute aber ringelt sich über dem Herzen der Guten zusammen und macht es kühl.«

»Oh,« sagte er enttäuscht, »so giebt es doch Böse und Gute!«

»Jeder,« sagte sie leise, »jeder ist jedes zu dieser und jener Zeit.«

»Und eine von diesen ist also giftig?« fragte er.

»Diese nicht,« sagte sie lächelnd, »sie stellt ja nur eine giftige vor.« Orestes beugte sich, um die braune zu streicheln, da zückte ihr Kopf empor, und schon hing sie an seiner Hand. Schnell packte er mit der Linken in das Haar des Mädchens, bog ihren Kopf zurück und schrie: »Jetzt erkenne ich dich! Du bist --« Da er einhielt, sagte sie leise, den Kopf zurückbiegend, um seinen Griff zu erleichtern: »Wer soll ich denn sein?« Und während er noch, heftig atmend, die Zähne in der Lippe, in dies Antlitz starrte, das ihm gar zu ähnlich dem andern schien, das versank, hörte er sie, auf die Schlange deutend, flüstern: »Sieh doch, sie saugt ja!« Plötzlich fühlte er eine rieselnde Erleichterung durch seine Glieder strömen; wonnig aufgelöst stand er und blickte auf das Tier herab, das von seiner Hand hing wie ein brauner Riemen, glaubte zu sehn, wie die Wunden seiner Füße sich schlossen, seine Brust sich schloß, und stammelte endlich, halb lachend, halb schluchzend, seine Worte von vorhin: »Erkläre mir dieses, Kind!«

Sie nahm seine Hand aus ihrem Haar, gab sie ihm zurück und sprach:

»Zwei Schlangen, Gastfreund, eine giftige, eine gute. Hast du nie gehört, daß alle Dinge verschwistert sind? Vielleicht war ich selbst eine Schwester und habs nicht gewußt. Ja, vielleicht bin ich eine Schwester von der, die du -- sieh!« unterbrach sie sich.

Die Schlange, auf die ihre Augen wiesen, war heruntergefallen, lag einen Augenblick still, ringelte sich ein paar Schritte hinweg, rollte sich zusammen und lag in der Sonne, blinzelnd. Die andre aber schlich herbei und legte sich schön darüber, so lang wie sie war.

»Ich glaube,« schloß Jason mit Bedacht, »Orest konnte jetzt zu der Gottheit hineingehn, um zu zeigen, daß er rein war.«

* * * * *

Lange Zeit saßen sie schweigsam. Dann hörten sie, daß der Maler aufstand und gegen etwas im Dunkel stieß. Und dann hörten wohl nur Magda und Esther Jason sprechen, kaum vernehmbar leise:

»Wenn wir jetzt Licht machen, und jemand, der vielleicht unten steht, so ein Orest, sieht den sanften grünen Schein unseres Fensters hier oben, der weiß nichts von den drei Gesichtern und von den Leben und den Schicksalen, die wir sind. Der denkt nur: Dort oben muß es schön sein ...«

Seine Stimme erlosch, und als sie ihn gleich darauf wieder sprechen hörten, schienen es ihnen Verse zu sein, doch vernahmen sie, ein jeder in sich selber versunken, nicht mehr davon als eine ferne Musik ohne Worte. Bald darauf stand Magda auf, ging zwischen Esther und Jason hindurch zur Wand und drehte die Kurbel für das Licht; als es aufflammte, kniffen sie Alle geblendet die Augen zu, und Esther sagte, die Handrücken gegen die Lider drückend: »Aber Jason, nun sind es doch vier Schwestern gewesen, davon drei böse und nur eine gut!« Indem ging Magda schon durch das Zimmer, öffnete die Tür, wandte sich noch einmal, grüßte müde und gütig und verschwand. Auch Jason schien zu lächeln, sagte aber nichts, und so trat denn Maler Bogner, der älter war als sie Alle, auf das Mädchen zu, legte eine Hand auf ihren Kopf und sagte freundlich:

»Das Gute, Esther, ist doch immer in der Minderzahl.«

Sprachs, nickte und ging hinaus. Esther folgte still, als letzter Jason, der das Licht wieder löschte.

* * * * *

Die Verse aber, die er gesprochen hatte, lauteten folgendermaßen:

O Nacht! O Tiefe! Drunten auf den Stufen, Du weißt es, schläft die Eumenide nun ... Noch ist die Gottheit leise anzurufen, So wird dir, was du sehntest: du wirst ruhn.

Die Säule klingt; die dunkle Wölbung schwindet; Gestirne wandern über Wäldern fort. -- Blick hin: Er steht schon längst im Dunkel dort, Schlaf deiner Kindheit, der dich wiederfindet.

Renate, die Augen hebend vom letzten Wort, verwunderte sich, keine Dunkelheit, sondern nur die Dämmerung um sich her zu finden, die vom ohnehin trüben Tage durch das verschleierte Glas bewirkt wurde. Während ihre Lider sich zusammenzogen, sah sie immer größer den fernen gotischen Bogen ragen, und nun war es ein Tor; es schien ausgefüllt vom unendlichen Grün einer Ebene, und winzig klein auf ihr erschien eine schwarze Gestalt -- Josef --, die mit rasender Geschwindigkeit daherfuhr, ohne jedoch größer zu werden, und Renate empfand, daß die Gestalt nicht mehr an die Zeit gebunden war, sondern außerhalb ihrer dahinjagte wie ein Gestirn. Alsbald aber spürte sie, daß sie an ihrem eigenen Blick hing, daß der an ihr zog, und sie zwang ihn zu Kraft und Willen, zog mit ganzem Dasein, -- allein die Gestalt blieb so klein, wie sie war, und auf einmal war da das Fenster.

War es wieder da? fragte Renate sich betäubt. Aber so war es doch nie? War doch immer nur -- Erscheinung? Wann hätte ich je selber hineingegriffen? -- Der Gedanke aber, Josef stehe unten und warte, daß sie ihn einlasse, überfiel sie mit solcher Gewalt, daß sie sich kaum halten konnte im Stuhl, gequält vom Reiz, das Fenster zu öffnen, was ja nicht möglich war, da nur die kleinen Quadrate sich auftun ließen.

Warum denn nur, mein Gott, warum kann ich ihn nicht rufen?

Nein, fuhr sie auf, nein! Er soll nicht meinetwegen kommen! Wenn er denn kein Herz hat für den Vater, -- was könnte dann auch sein Kommen auswirken? -- Und sich zur Ruhe zwingend, lenkte sie die Augen wieder auf den Schluß der Legende, über den sie schon, ganz im Gedanken an Josef, nur hingeglitten war, und las noch einmal: >Das Gute ist doch stets in der Minderzahl< und dann die Verszeilen:

>Gestirne wandern über Wäldern fort. -- Blick hin: Er steht schon längst im Dunkel dort ...<

Mit einem gellenden Schrei fuhr sie zur Tür herum, zitterte und strauchelte im Stehn. Da war nichts. Ihr Herz jagte. Nach endlosem Warten hörte sie Schritte im Treppenhaus, trat, unfähig länger auszuhalten, zur Tür und öffnete. Unten, wo die Treppe sich wendete, erschien die weiße Tolle des Hausmädchens, dann sie selber ganz im rosa Waschkleid und weißer Schürze, blieb Renate erkennend stehn, lächelte und sagte: »Frau Tregiorni ist gekommen. Und Herr Saint-Georges ist schon lange da.«

»Ich komme«, erwiderte Renate heiser und zog die Tür zu, nur um zu verbergen, daß sie nicht aufrecht bleiben konnte. Minuten später hatte sie sich wieder gewonnen und verließ den Raum.

Hier enden des sechsten Buches neun Kapitel oder ebenso viele Monate.

Inhalt

Viertes Buch

Erstes Kapitel: Mai Heimweh 7 Magda 23 Bei Saint-Georges 30 Balto-Borussia 44 Kaddisch 64

Zweites Kapitel: Juni Begegnung 77 Erasmus 89 Mensur 96 Esther 105

Drittes Kapitel: Juli Die Friedliebende Gesellschaft 112 Schatten 129 Drei Gespräche: Das erste 147 Drei Gespräche: Das zweite 158 Drei Gespräche: Das dritte 176

Viertes Kapitel: August Hora 192

Fünftes Kapitel: September Vergangenheit 205

Sechstes Kapitel: Oktober Abschied 222 Sonnenblume 244

Siebentes Kapitel: November Renate an Saint-Georges 255 Erschöpfung 282

Achtes Kapitel: Dezember Renate an Magda 288 Heiliger Abend 292

Neuntes Kapitel: Januar Georg an Benno 305

Fünftes Buch

Erstes Kapitel: Februar Ulrika 313

Zweites Kapitel: März Leda 331 Renate 347

Drittes Kapitel: April Tandem 361 Cora 374 Überraschungen 383

Viertes Kapitel: Mai Haus Herzbruch 397

Fünftes Kapitel: Juni Emmaus 414 Rubinglas 440

Sechstes Kapitel: Juli Requiem 462 Sommer 476

Siebentes Kapitel: August Frühe 492

Achtes Kapitel: September Regen 506 Wiederkunft 528

Neuntes Kapitel: Oktober Cordelia 563

Sechstes Buch

Erstes Kapitel: November Berlin 597

Zweites Kapitel: Dezember Sylvester 614

Drittes Kapitel: Januar Neujahr 627

Viertes Kapitel: Februar Wirrnis 639

Fünftes Kapitel: März Wiedersehn 675 Neuigkeiten 688 Flut und Ebbe 698

Sechstes Kapitel: April Zinna 741

Siebentes Kapitel: Mai Klemens 749 Schrecken 782

Achtes Kapitel: Juni Krank 787

Neuntes Kapitel: Juli Legende 820

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Korrekturen (vorher/nachher):

[S. 171]: ... »Es muß etwas anders sein. Sie nehmen die Dinge ... ... »Es muß etwas andres sein. Sie nehmen die Dinge ...

[S. 253]: ... langsam in dasselbe verwandeln. So glaubten Heilige, ... ... langsam in dasselbe verwandeln.< So glaubten Heilige, ...

[S. 305]: ... im Waldrand, das kaum zu sehn ist und zu dem kein Weg ... ... am Waldrand, das kaum zu sehn ist und zu dem kein Weg ...

[S. 491]: ... Lange blinkte sie gedankenvoll auf ihn herunter, dann ... ... Lange blickte sie gedankenvoll auf ihn herunter, dann ...

Spotted a typo or a problem in this chapter? Tell us