Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene (part 2 of 3)
Cora hatte das Bild stillschweigend wieder hingesetzt, bewegte sich wieder, stand in der Tür zum Nebenzimmer. Er glühte auf, ging auf sie zu, trat hinter sie, faßte ihre Ellbogen, sie wehrte sich, gleich darauf fiel ihr Kopf nach hinten zurück, ihr Gesicht lag an seiner Schulter, sie atmete heftig, die Augen geschlossen, den Mund zugepreßt. Er legte den seinen darauf, preßte, so stark er konnte, ihre Lippen teilten sich, er fühlte ihre Zähne und schob seine Zunge dazwischen. Nun warf sie sich herum, gegen seinen Leib, warf ihre Arme um ihn, er fühlte ihre Hände auf seinem Rücken zucken und fliegen, ihr Leib ging stoßweise auf und nieder, während ihre Lippen, ihre Zungen, ihre Atemstöße sich vermischten, er riß ihr Kleid auf, tastete nach ihrer Brust, und sie griff zu und riß die Bänder an der Untertaille auf, und er hatte ihre linke Brust in der Hand, schlaff, warm und weich, aber doch ... Da wankten sie, -- oh Teufel, nun war kein Diwan da! Wohin mit ihr? Sein Bett war greulich schmal. In den Garten? am lichten Tag? Wütend jagte es ihm durch den Schädel: das verschlossene Zimmer! Er ließ sie los, griff die Schlüssel aus der Tasche, lief, die Türen aufstoßend, durch Bade- und Schlafzimmer zur Tür, schloß auf und öffnete, ohne umzusehn. Er zauderte, kehrte langsam zurück, da stand sie abgewandt, vorn an ihrer Taille hakend, aber sie hatte den Hut abgenommen, und er umschlang sie wiederum, hob sie auf und trug sie davon. Sie war schwer, aber er zwang sich bis zur Tür des Zimmers, wo er sie niederlassen mußte. Sie, ungeschickt sich aufrichtend, machte erstaunte Augen in den Raum, während ihm die seinen überquollen vor Gram über die Schändung des Heiligen, so daß er sekundenlang nichts sah, als die schwarzen, über die Fenstervorhänge von Cremeweiß fliegenden Reiher. Dann erschien, schräg im Raum mit dem korngelben Teppich am Fußboden, der dunkelviolett überspannte Diwan mit einigen Kissen in Lichtgrün, Fleischfarbe und Weiß, dahinter das alte indische Tempelpaukenbecken auf einem Ebenholzschemel gefüllt mit imaginären Blumen. Und endlich mußte er gegenüber der Tür das Himmelbett sehn, meergrünes Gewoge von Falten und Bäuschen, aus dem das wenige Mattgold der schlanken Säulen blitzte und -- unter seinem wilden Fingerdrucke entflammte eine geheimnisvolle Leuchte -- der zarte Perlmutterschimmer in den Kassetten des Betthimmels. Indem sah er Cora vorwärts gehn und das ovale, in rosene Marmorwülste gefaßte Becken in Augenschein nehmen, aus dem ein silberner, fadendünner Strahl steigen und Wohlgeruch aus Ophir zerstäuben sollte, wenn -- -- Georg verließen die Sinne. Aus den großen farbigen Flecken schmolz die eine Farbe, die Un-Farbe, die nicht auszudrückende, nicht zu beschreibende, -- nicht weiß, nicht rosen, nicht elfenbeinen, nicht marmorn, und doch Farbe von allem, vom Schnee, und vom Mandelbaum, vom Kirschbaum und der Narzisse, und nicht Farbe, Äußeres, sondern Hauch von innen, Leuchten, Atem, Blut, Süße von innen, -- Renate! -- Georg zuckte.
Mit geschlossenen Augen saß sie da. Dann warf sie sich, das Gesicht in den Händen verbergend, in die Kissen. Einen Augenblick dachte er, davon zu laufen. Da war wieder diese entsetzliche Pause! Er spreizte die Hände von sich, die kalt und schweißig waren. Sie rührte sich nicht. Da kniete er mit dem rechten Knie neben sie auf den Diwan und fing an sie auszuziehn, die Taille, den Rock, den Unterrock, graue Halbseide, das Korsett, violett, abscheulich, -- wie dick ihre Beine waren! Er hörte sich schnaufen, zerdrückte das beständige Gefühl vieler Scheußlichkeiten, sah ihre gelbliche, sehr glatte Haut zum Vorschein kommen, streifte Hose, Strümpfe, Schuhe herunter, sie fühlte sich kalt an, das Hemd ließ er ihr noch, während er sich auszog, nichts denkend, gar nichts denkend. Sie hatte ihr Gesicht wieder versteckt, warum wohl? aber jetzt sah sie auf und sah das Himmelbett, richtete sich auf, wollte aufstehn und hingehn, aber da schrie er wütend: Bleib! riß das steife und verwickelte Manschettenhemd über den Kopf und stürzte sich über sie, fühlte sie und sich kalt und unbehülflich, dann bäumte sie sich und umschlang ihn mit allen Gliedern. Einen Augenblick, über ihren Kopf, ihr verschlossenes Gesicht, die Kissen hin, zu Boden starrend, ging es durch ihn hin: Esther -- -- Renate -- -- Welche war es? Süß quoll es in ihm auf: Cordelia! -- Da erschien ihm Renates Gesicht, schwebte und entwich, er fühlte Cora, eine fremde Frau, auf der er lag, die ihn schwer umschlang. Einen Pulsschlag lang schauderte ihn, und er gefror; eine Schlange lag um ihn mit kalten Ringen; die aber wurden warm und schmolzen, und er würgte sich in sie hinein.
Cora
Georg wachte auf in der Nacht; der Regen spritzte ins offene Fenster, es donnerte in der Ferne, -- ihm war heiß, das Federkissen lag an der Erde, die Schlafbeinkleider waren ihm bis zu den Hüften heraufgerutscht, scheußlich! Schlaftrunken tastete er nach der Wasserkaraffe, setzte sie an den Mund, trank lange, ließ die Hand mit ihr zu Boden hängen, den Kopf vornüberfallen und dachte: Aus der Karaffe trinken ist die größte Wollust des Lebens. -- In allen Gliedern merkwürdig leicht und gelockert, wollte er sich umdrehn und weiter schlafen, aber der Regen plantschte jetzt heftiger auf das Fensterbrett, und er stand unwirsch auf, ging ans Fenster und machte es zu. Am Riegel hangend, wand er sich im ungeheuren Gähnkrampf und dachte: Ach, ich möchte auch ein Gewitter sein! -- Dann legte er sich wieder hin, schwacher Blitzschein glomm vor seinen Augen auf, es donnerte lauter. Ah, wie der Regen rauschte!
Ich wollte, sagte er vor sich hin, es schlüge ein und Cora ginge dabei tot. Ich denke unchristlich. Man kann nicht für Gedanken. -- Er sah sie an der Erde liegen, maustot, er sandte einen Kranz zu ihrem Begräbnis, munterte sich dann auf, setzte sich im Bett hin, ein krachender Donner rollte wütend im finstern Mauerhof der Nacht umher, dann ging die Tür auf, und Cora stand darin, bleich, sichtbar im Blitzschein. Er verstand nicht, was sie sagte, da ein neuer Donner herunterknallte, rollend dahinbrüllte, polterte, aufgrollte und sich murrend zusammenrollte. Cora hatte Licht gemacht, er fragte, ob sie sich fürchte.
»Fürchten nicht,« sagte sie matt, »aber man regt sich doch auf.«
Sie glitt durchs Zimmer zur Tür gegenüber, öffnete, glitt hindurch, Georg sah auch dort drinnen das Licht aufflammen. Ihr nachsehend dachte er kümmerlich: Sollte dieses Weib es darauf angelegt haben, mich zugrunde zu richten? Wie werde ich sie bloß wieder los? -- Er rollte sich im Bett zusammen, indem flammte das Zimmer blauhell auf, und mit ungeheurem Prasseln knatterte der Donnerschlag hinterdrein, daß alles knallte und krachte, sprang in wüsten Sprüngen, tobend, lärmend, um sich hauend mit Keulen, Wagenlasten voll metallener Schilde umstürzend, Züge voll Porzellan zusammenschiebend und schlagend, weit hinweg, ermattete endlich in langen röchelnd rollenden Stößen und ward still, während Cora erschreckt im Türrahmen erschien. Ganz leise fiel nun der Regen.
Das Licht brannte in George Augenwinkeln; er sah sie dastehn, mädchenhafter aussehend mit dem gelösten Haarschopf. Sie sagte theatralisch, sie möchte nackend draußen im Regen liegen und mit Blitzen spielen. Georg lachte kurz, der Donner knatterte wiederum auf, jedoch entfernter, er sagte, sie solle schlafen gehn. Wirklich ging sie gleich darauf hinaus, ohne das Licht abzudrehn.
Georg sah sie nebenan in dem königlichen Bett liegen und würgte an trocknen Verwünschungen. Herr des Himmels, dachte er, man tut so was wohl einmal, man umschlingt sich und genießt sich, aber einmal doch bloß, einmal! Ach, daß zur Verrichtung der sexuellen Notdurft eigentlich alle Frauen zu schade sind! Wie kann ich denn eine Frau acht Tage lang, acht Jahre lang immerzu lieben? Das ist doch eine Unmöglichkeit! Ich schwöre, daß man eine Frau, die man liebt, ein einziges Mal umarmen darf, nicht mehr! Oder es müssen Wochen und Monate vergehn, bis man das erste Mal vergessen hat. Ich hasse dies Weib. Ich habe sie von Anfang an gehaßt, ich erinnere mich nicht, mich jemals mit solcher Wut in eine Frau gebohrt zu haben, -- aber, dachte er, wenn ich schlaff -- zusammengekrüllt wie ein welkes Blatt oder -- wie so eine aufgestochne Raupe neben ihr lag, so war das doch geradezu eigenartig. Wenn ich nun bloß wüßte, was sie von mir will! Bloß so: nicht wieder weg? Geld? nein, das glaube ich nicht. Sie verdarb sich ihr Dasein, indem sie heiratete, und nun kann sie den neuen Weg nur nicht finden, hat wohl auch noch Scheu davor. -- Hier fingen seine Gedanken an, undeutlich zu werden, bald darauf schlief er ein.
Beim Erwachen fiel ihm ein, daß -- wie eigenartig! -- Himmelfahrt sei. Er mußte schlecht geschlafen haben, fühlte sich dumpf und unklar, kam erst einigermaßen zur Besinnung, als er mit der ersten Zigarette vor der Gartentür im Sessel saß, angesichts des gewaltig herunterströmenden Regens, in dessen grauer, kalter Masse die Gartenbäume erschüttert und duldend hin und her wankten. Cora kam dann und ging zu ihrem Frühstück hinter ihm vorüber nach nebenan. Er gähnte krampfhaft, legte sich mit geschlossenen Augen zurück und genoß die Wohltat des großen Rauschens und der fallenden Gewässer, spürte aber alsbald den Angstdruck in der Magengegend, ruckte wieder empor, saß fröstelnd, die Handknöchel reibend, und begann zu überlegen. Wenn er abreiste, -- ja, wohin? Und wie stand er dann vor seinem Vater? Von England war er eben rechtzeitig ins Semester gekommen, an dem Herzfehler war er freilich gewissermaßen unschuldig, aber dies Hin und Her war doch abscheulich! Und Renate? Er fühlte den Druck in der Magengegend stärker, die Gedanken zerstreuten sich. Da sprang er auf, ging ins Schlafzimmer, zog feste Stiefel und den Gummimantel an und lief in den Regen hinein. Das tat wohl, er konnte über sich selbst hinwegsehn, Wipfelwanken und Regensturz groß und stürmisch empfinden, und als er wieder die Tür des Schlößchens öffnete, hatte er das Gefühl, daß etwas sich inzwischen ereignet habe. Ja, der Diener sagte, Fräulein Chalybäus habe aus Berlin angerufen; sie würde nach einer Stunde noch einmal telephonieren. Magda? Was war da geschehn? Sie hatte kein Telephon in der Wohnung, er mußte warten.
Als er ins Zimmer kam, saß Cora am Flügel und klimperte aus irgendwelchen Noten, die sie gefunden hatte. Er setzte sich wieder in den Sessel und begann alte Gedichte durchzulesen, um zu sehn, was sie wert waren. -- >An E.< stand da.
Träumerische Stunden lang Senk ich mich in deine Ferne Wie in einen Glockenklang, Den ich zärtlich lieben lerne ...
Lieben lernen? Einen Glockenklang?
Der aus unbekanntem Tal ...
Georg überflog zwei Strophen und kam zur letzten:
Und indes die Nacht anbricht, Sprech ich seufzend zu den Winden: War ich heimgerufen nicht? Aber sagt, wie soll ich finden!
Georg fluchte. Vor einem Jahr schrieb ich das? Und wann hätte ich jemals zu den Winden gesprochen? -- Da fing er das nächste Gedicht an:
Aber du, Geliebte, deine Augen Hat noch nie ein falscher Hauch getrübt ...
-- übersprang eine Zeile --: In der seligen Geduld geübt ... Wen meinte ich damit? Er nahm ein anderes Stück vor und las:
Sonett
O Herbst, du schwankend Abbild meiner Seele! Wo jähe Klarheit schnellt aus Dämmernissen, Vom Himmel flutend, überall zerrissen, Und oft durchbrüllt von einer rauhen Kehle.
Und Bäume, Felder und der Büsche Hügel Wälzen sich hart, ganz wankend ist die Welt, Und nirgends etwas, das nicht nächstens fällt, Doch noch im Sturz sich hebt auf kargem Flügel.
Und wie das Blatt, das golden, schöngebräunt Zum Falter wird in buntem Taumelfluge, So spür ich tiefer fröstelnd, armer Freund:
Was in mir zuckt, sich wirft, lebt, schwankt und siedet, Sich selber jagt wie eine irre Fuge: Alltod umfängts, Allsterben stillt und friedet.
Dies gefiel ihm ganz gut, obgleich es schwächlich klang und an hohe Vorbilder gemahnte. >Lied des Sehers< stand über dem nächsten. Was ist das? fragte er sich, wann schrieb ich das? Er las:
Du Herrlichkeit! Weißt du denn nicht dies Glück: In blinden Spiegeln, Scherben, blankem Tand, Falschen Juwelen oder trüben Wassern Der großen Sonne einen Strahl zu fangen?
(Weiterlesend dachte er an Cora, und an wen er wohl damals gedacht haben mochte ...)
Jubeltest niemals du, wenn nach des langen Schwermütigen Regens Dämmernis am Abend In ferner Häuser grauer, öder Mauer Ein Glas aufquoll, lebendiges Blut und Feuer?
Du Herrlichkeit! (Georg schüttelte den Kopf) gebückt, wenn du mir fern, Schleif ich die Blicke über dumpfem Boden; Dann zuckt ein Glanz, dann regt vielleicht ein süßes, Mitleidiges Leuchten ...
Heftig schrillte das Telephon. Georg legte das Buch aus der Hand, ging hin und hob den Hörer. Magdas Stimme fragte, ob er es sei; er bejahte, und sie bat um Verzeihung, daß sie störe, aber ihr Vater sei in der Nacht gestorben. Ja, als sie am Morgen ins Zimmer gekommen sei, habe er tot im Bett gelegen.
»Es ist ja wohl gut, Georg,« hörte er sie sagen, »er hat ein sanftes, unbemerktes Ende gehabt. Und nun wollte ich dich bitten ... Wie ist es, hast du nicht Pfingstferien?« Georg bejahte. »Dann, -- könntest du vielleicht ein paar Tage kommen und mir helfen? Ich habe hier eigentlich niemand und --« Georg unterbrach sie mit heftigen Versicherungen, daß er sofort komme, und sie endeten das Gespräch.
Eine Weile ohne feste Gedanken stand Georg hinter dem Sessel, in dem das aufgeschlagne Buch lag, nahm es dann auf und las willenlos das Gedicht zu Ende:
Mitleidiges Leuchten sich und singt von dir: Nichts das von dir nicht lebte, selige Sonne! Da ist nichts so gering: ich liebe es doch Und dränge mich daran mit Auge und Lippe. Auch im Verworfenen fand ich den Spiegel, Darin die Gottheit gerne sich vergißt.
Nun lächelte er trüber, fragte sich, ob Cora der trübe Spiegel von Renate sein solle, und ob er davon wirklich entzückt sei, wenns der Fall wäre, legte das Buch in die Schieblade, stand davor, die Schlüssel in der Hand, und konnte sich auf nichts besinnen. Endlich fiel ihm ein: Kursbuch! -- Er fand es auf dem Schreibtisch, sah, daß es zum Zwölfuhrzug schon zu spät war, daß es bis zum Dreiuhrzug ihm zu lange dauerte, ging hinaus und befahl dem Hausmeister, den Reitknecht zu den Adlerwerken an der Goseriede zu schicken und einen Wagen zu mieten. Er selber half dem Diener den Koffer packen. Danach ging er zu Cora und sagte, er verreise, was sie zu tun gedenke. Oh, sie würde warten, meinte sie leichthin.
Sie lag in dem selben Sessel ausgestreckt, in dem er eben gesessen hatte. Ihn schauderte vor ihrem ganzen körperlichen Dasein, an dem keine Stelle nicht abgenützt war durch Liebkosung und nicht nur durch seine. Ob sie tatsächlich nicht zu ihrem Mann zurückwolle, fragte er.
Sie habe es ihm ja gesagt; ihre Ehe sei längst keine mehr, sie hätten sich bloß noch körperlich gebraucht, sie sei das müde, ihr Mann vermutlich auch, aber man könne ja nicht wissen, vielleicht liebte er sie noch immer, sie aber könne nicht mehr.
»Du hast eignes Vermögen?« fragte Georg in Gedanken. Sie zuckte die Achseln und meinte: »Genug für mich!«
»Ich werde«, sagte Georg langsam, »nicht zurückkommen. Dies Haus ist zu deiner Verfügung, nur mußt du die Güte haben, in der Stadt zu essen.«
»Das heißt also, ich bin entlassen?« fragte sie spitzig.
Georg senkte den Kopf und meinte, wenn sie es so ausdrücken wolle ...
Er setzte sich auf die Lehne des Schreibsessels, griff nach dem Schildpattmesser zum Briefaufschneiden und sah, daß es schwächer regnete; am Himmel, über den Bäumen, brach silbrige Helligkeit auf. Daß es grade Magda sein muß, die mich frei macht! dachte er gebeugten Sinnes, und vor ihm schwebte seltsam das Gesicht ihres Vaters.
Die Gedanken verliefen sich; er sah ungeduldig auf die Standuhr, indem trat der Reitknecht ein und sagte, der Wagen stünde draußen. Er hörte Cora etwas sagen, verstand es aber nicht, da er nun den Telephonhörer aufhob, den antwortenden Hausmeister bat, ihn mit Benno zu verbinden, dann Bennos Stimme hörte und ihm sagte, daß Magdas Vater gestorben sei und daß er hinfahre, um ihr zu helfen. Benno fragte nichts weiter, trug ihm Grüße auf, und jetzt war der Diener da mit dem Mantel. Er zog ihn an, schickte den Diener weg und ging auf Cora zu. Auf einmal hob sie die Hände wie Krallen, Lenuschs Gesicht erschien ihm in dem ihren, da sie die Lippen öffnete bei zusammengebissenen Zähnen. »Hüte dich!« keuchte sie und warf sich herum, ihr Taschentuch in den Mund steckend. Da mußte er lächeln und sagen, sie werde ihm hoffentlich nichts kaputt machen in der Wohnung. Sie warf die Schultern hin und her, fiel in den Sessel und weinte. Sie tat ihm leid.
Cora, sagte er leise, legte ihr die Hand auf die Schulter und fragte, was denn aus ihnen Beiden werden solle.
Sie unterdrückte ihr Schluchzen, murmelte, er sei's ja nicht wert, sie wollte nicht weinen. -- Ach, sie hatte ihn doch wohl sehr lieb. --
Nun sprang sie auf und meinte kühl und hoffärtig, er hätte wohl recht, sie wolle fort. Da legte er den Hut wieder aus der Hand und sagte, er wolle ihr helfen, ihre Sachen zu packen. Sie ging, und er folgte. Das schöne Zimmer, kaum entstellt, machte ihn traurig, sie packten wortlos Coras Koffer und Handtasche, der Diener trug alles hinaus, Georg half Cora in den Mantel, sie gingen.
Im Wagen starrte sie abgewandt aus dem Fenster. Als sie in die Eichstraße einbogen, sah er, daß sie weinte. Aber sie übersah seine Hand, nickte nur, stieg aus und ging ins Haus. Der Diener folgte ihr mit den Koffern. Georg atmete auf und bedauerte sie erleichterten Herzens.
Was wird nun kommen? dachte er, als der Wagen sich wieder in Bewegung setzte.
Überraschungen
Georg, aus Berlin zurückgekehrt, hatte sich umgekleidet und trat eben aus dem Schlafzimmer hervor, als die Tür zum Flur von draußen geöffnet und -- vom überragenden Benno vorwärtsgeschoben -- etwas anscheinend sehr Liebliches über der kleinen Treppe sichtbar wurde, ein Mädchen in gesticktem weißen Kleide und gelben Schuhn, das Gesicht noch zurückgewandt unter einem großen und flachen, gelblichen Strohhut von ländlicher Form, einen leichten Feldblumenkranz um den Kopf und mit langen, nach hinten hängenden breiten Bändern von schwarzem Samt. Das Gesicht, das nun erschien -- errötet und mit schüchternem Lächeln -- war ganz und gar mädchenhaft, jung, zart, gerundet, großäugig, ja überaus lieblich wie das Ganze. -- Benno aber kam jetzt die Stufen herunter gestürmt, fliegend über und über, fliegender langer Beine und Rockschöße und Arme, fliegender Stirne und Haare, fliegender Augen, ja selbst die rot angelaufene Nase im heißen Gesicht schien, sich krümmend und mit den Flügeln zitternd, entfliegen zu wollen, und so hatte er Georgs Hände gepackt, zerrte sie nach unten, riß sie nach oben und schleuderte sie wieder nach unten, stotterte und war glückselig.
»Das ist sie, Georg!« Seine Stimme war ganz ins Tiefe umgebrochen. »Ich habe sie errungen! Nun nimm sie!« Und die Stimme verhauchte ihm. Die Augen verkehrt in Scham und Wonne, ließ er Georg fahren, stürzte wieder zu dem oben noch zögernden und lachenden Mädchen, ergriff ihre Hand und rief, sie ritterlich zu ihm geleitend:
»Das ist Georg! Nun -- sieht er fürchterlich aus? -- Sie hat gedacht,« kicherte er, und das eigene Lachen verschlug ihm die Stimme, »du müßtest schrecklich sein wie Artaxerxes!« Und lachte unmäßig über den Witz.
Georg, bei allem Gerührtsein über Benno, fand sich wider Erwarten mehr überrascht als entzückt, dieweil er dem Mädchen entgegenging, lachte und fragte:
»Bennos Braut, das solls doch bedeuten, nicht wahr?« Und er beteuerte seine Freude, klopfte Benno die Schultern, alle Drei lachten, das Mädchen eine erstaunlich melodische, fast romanhafte -- dachte Georg -- Silberlache, die Tonleiter hinauf und hinunter.
Rötlich blond war sie; die Scheitel, von der Stirnmitte über die Brauen zu den Ohren gesenkt, bauschten sich locker und zausig, und weißliche Streifen zeigten sich im Roten und Goldenen. Die Augen schienen gemischt Grau mit Braunem und Grünlichem. Oh, sie war hübsch.
»Aber wie heißen Sie denn, bitte? Benno, wie heißt sie? Denken Sie, ich weiß Ihren Namen so wenig, wie ich bislang von Ihrem Dasein etwas ahnen durfte. Wie kommt das, Benno, gesteh!«
Benno war tödlich verlegen. Doch -- einmal -- ganz im Anfang hätte er Georg von ihr erzählt, -- von Begegnungen ...
Tausenden sei er begegnet, Tausenden! -- Und wieder ertönte das gurrende Lachen hinauf und hinunter, während sie sich mit geschmeidiger Bewegung vor und zurück bog. Georg gestand, mit halbem Bewußtsein lügend: »Ja, Benno, wenn sie lacht, ist sie unwiderstehlich. Und nun bitte den Namen!«
Aber Benno ereiferte sich noch über die tausend Begegnungen, war selig gekränkt, eitel und beschämt und beteuerte, seit einem Jahr, wo er sie das erste Mal gesehn, habe er nicht eine einzige Begegnung gehabt. »Und sie heißt Elfriede!« brachte er endlich, wieder verzückt, hervor.
»Elfriede Krumm«, sagte sie fröhlich und bewußtlos.
»Aber ich habe sie -- Elfe getauft!«
»Wunderbar, Benno! das ist recht!« lobte Georg, in diesem Augenblick seiner erst unbewußten Enttäuschung ganz inne. Der schändliche Zuname hatte sie ans Licht gefördert. -- Ja, was ist denn? fragte er sich besorgt. Hatte ich etwas andres erwartet von Benno? Warum gefällt sie mir denn nicht? -- Überdem sah er den blassen, stets lächelnden Egon dastehn zum Zeichen des Abendessens.
»Geh hin, Egon, gratuliere Herrn Prager, das ist sein Fräulein Braut.« Während Benno des blassen Egon Arm auszureißen suchte, drängte Georg die Elfriede -- Elfe gelang ihm zu denken nicht -- zum Mitessen und bewegte sie, obwohl sie sich zierte -- ihre Mama erwarte sie doch --, allmählich durch das Zimmers, dann zum Annehmen seines Arms und führte sie durch die Tür.
Er konnte sie von der Seite betrachten im Gehn. Ihre Nase war grade, kurz, schlecht und recht, -- wie auch der Mund, der undeutlich und blaß war, >als Mund gemacht<, wie Georg einfiel, der sich nicht von ihm verlockt fühlte. Und nun sah er etwas --, etwas Winziges nur, doch -- es war etwas ... Am äußeren Augenwinkel nämlich zwei kleine Fältchen in der Haut, kaum bräunliche Fältchen, die sich bewegten, wenn sie, wie sie beständig tat, die Augen zusammenzog im Lächeln und Lachen. -- Die sinds, stellte Georg unerbittlich fest; ich werde dahinterkommen, was sie bedeuten.
Und während das Mädchen nun am Kopfende der ovalen Tafel in der Apsis zwischen den Freunden saß, mehr lachte als sprach, Georg ihr von der Omelette und ihrer Füllung von kleinen Frühjahrserbsen mit der Bemerkung vorlegte, das sei »die einzig mögliche Speise für zarte Bräute« und, so weiterhin scherzend, mehr albern war als heiter -- was jedoch allein er selber zu bemerken schien --, prüfte er sie auf das genaueste.
Die Bewegungen beim Essen waren zierlich. Aber die Hände waren nichts. Rötlich, ausdruckslos, nicht groß, nicht klein; die Zeigefinger waren schief gebogen, die Gelenke verdickt, und der Daumen hier -- oh der Daumen war ein leibhafter Altjungferndaumen, und augenblicks erkannte Georg, daß ihre Augen -- hart waren, im Schnitt und Eingefügtsein in die Lider, nein hart sogar, wenn sie sich ernst verhielt, im Blick. Und da waren die zwei Fältchen links und rechts. Diese Fältchen, dachte Georg, werden dafür sorgen, daß ihr Gesicht lange so bleiben wird wie jetzt, rundlich, weich, die Züge unverändert, nur die Frische, die wird eines Tages verschwunden sein -- ich sehe ja das reizlose Fleisch schon jetzt unter der zarten Haut. Und dann auf einmal wird sie -- hart geworden sein, oh hart ist sie jetzt schon ganz innen! -- und alt ...
Es half Georg nichts, sich zu wundern und zu schelten wegen seiner Richterlichkeit. Sie war reizend -- und er mochte sie nicht. Und ihn bangte wegen Bennos. -- Habe ich nicht immer für ihn sorgen müssen? fragte er sich gerührt, ihn sitzen sehend in seiner Übergossenheit von Seele und Seligkeit.
Egon trug, wie Georg befohlen, Sekt im Kühler herein und stellte Spitzgläser auf, zu Bennos tiefstem Entsetzen auch eins vor Georg, der doch keinen Wein mehr trank seit seiner Krankheit.
»Ich dulde es nicht, Georg!« empörte er sich, »es ist unerhört von dir!« und ging so weit, ihn am Arm festzuhalten, daß der Wein das Tischtuch überschäumte. Das schaffte denn Aufschub, und Georg gelang es, seinen Trinkspruch auszubringen, anzustoßen und einen Schluck zu nippen.
»Aber was wird nun Renate sagen?« spottete er, das Glas niedersetzend. »Ich denke, Benno, du verzehrst dich in Anbetung, nicht wahr --, und nun ...«
Oh dies ewige, mühelose Lachgeklingel sollte der Teufel holen! -- Georg, dem nach der langen Entbehrung der Schluck Weins doch den Kopf erhitzte, sah und hörte nichts mehr, dieweil er innerlich scharrte: Da ist nun Renate, da ist doch auch Ulrika, Irene, Magda erst! -- Da war Esther, da war die ganze Stadt voll schöner, sanfter Frauen, -- und er nahm diese endlose Heiterkeit. Ist das nun seine Ergänzung? Hatte er denn je ein Verlangen nach Leichte und Fröhlichkeit bezeigt? Ach, sie ist ja gewöhnlich, Benno, siehst du's denn nicht? Ihre Mutter möcht ich gesehn haben, dann wüßte ich alles. -- Und nun hatte Georg auch ein ungefähres Bild von dem stillen und ernsten, vielleicht sanften und rührenden, jedenfalls aber ernsten Wesen und jedenfalls ganz zarten und feinen, in Heiterkeit vielleicht liebevollen Geschöpf, das er unbewußt irgendwie als Bennos Ideal in der Zukunft zu gewahren geglaubt hatte. Nun diese kleine Tänzerin oder Sängerin meinetwegen, Elfriede Krumm, -- na, für den Namen konnte sie freilich nichts, obwohl besser noch grotesk als gemein -- aber immerhin hatte sie es nicht weiter gebracht, als an diesem holzigen Stamm eine kleine Windenblüte aufzutun. Eine seltene Aloe am Stamme des Gemeinen war sie nicht, und Georg fing an, sich den Kopf zu zerbrechen, ob nur Benno sich von ihrem Liebreiz hatte blenden und irren lassen, oder ob also doch ein Stück vom Bürger in ihm steckte, den es zu seinesgleichen zog. Schubert, dachte er, Schubert war auch so ein Halbgott in Stiefeln, unsterblich wenn er sang, im Dasein ein kleiner Spießbürger. -- Ganz heiß ward ihm da im Gedanken, dieser süße versilberte Engel könnte den armen, schwachen Benno aus seinem wahren Paradies vertreiben. Denn was tut sie, und was ist an ihr, wenn sie nicht lacht? -- Heiraten, mein Gott! Wenn er sie doch zur Hetäre nähme! Oh Benno, es wird ein Unglück geben!
»Wißt ihr, fahren wir doch gleich zu Renate,« mischte er sich mit Bewußtsein wieder ins Gespräch. (Oh wie zog es ihn zu Renate!)
»Aber meine Mama ...«
»Bei der fahren wir vor. Oder sie kommt mit.«
»Im Dogcart, Georg?« Benno, sein Glas in der Hand, mußte es schnell niedersetzen, um in eine schallende Lache ausbrechen zu können, die ihn unwiderstehlich schüttelte, während das Mädchen errötete, unwillig schien, ja sichtlich einen bösen Blick unterdrückte, -- und Benno unterbrach sich jählings im Gelächter, nun furchtbar verlegen.
»Ja, was lachst du denn so?« stach Georg -- in einer Ahnung -- auf ihn ein.
»Mama --« sagte die Elfriede überernst in Bennos Gestammel, »paßt allerdings kaum in einen Dogcart. Mama ist ein wenig stark.«
Dick ist sie! Unglaublich dick! eine Maschine! ein Elefant! jauchzte und fluchte Georg innerlich. Nun ist mir alles klar. Eine Bürgersfrau aus der Markthalle. Rentiere im Adreßbuch! -- Und um so dringlicher fuhr er fort, der Tochter sein Schimmelgespann zu preisen, das schon halb verkauft sei; so sei's vielleicht das letzte Mal ... Ich muß die Alte sehn, dachte er. Und dann zu Renate!
Egon, sich zu ihm beugend, flüsterte: die Dame sei wieder da ...
»Was für eine Dame?« fragte Georg laut.
»Die gestern schon da war, wie ich Durchlaucht ...«
»Ach, die sich nicht offenbaren wollte? Bitte entschuldige mich, Benno, -- gnädiges Fräulein ... Es wird wohl ein Bittgesuch ...« Georg legte die Serviette hin, ging zur Türe, öffnete und schloß hinter sich, das Zimmer zuerst leer findend. Dann sah er Cordelia.
Sie war noch keinen Schritt in den Raum gekommen; oben vor der Tür, die Hand am Geländerdach stand sie, ihren alten Strohhut in der Hand, ein welkes weißes Kleid, mit moosgrünem Seidenband unter der Brust, um den Leib gezogen. Aber -- -- oh -- das ist ein Mensch! war Georgs erstes, voll aufseufzendes Empfinden in der Erinnerung an Bennos Elfe.
Erstaunt, entzündet von Freude sie wiederzusehn, sagte er leise nur »Cordelia --«, nun erschüttert von einem unendlichen und schweren Ernst, einer Wehmut, einer Demut und -- diese durchglühend -- einer fast mystischen Süße im Dunkel ihrer fernen Augen, im ganzen bleichen, atmenden, sehnsüchtig bewegten Gesicht.
Der Hut, ihr entfallend, rollte die Stufen hinunter. Sie folgte ihm, schrittweis, die Hände gefaltet, die Blicke unveränderlich auf ihn geheftet mit einem für Georg kaum noch erträglichen, sprachlosen Flehen. Einmal lächelte sie hülflos. Ein paar Schritte noch von ihm entfernt, hielt sie an, schauderte heftig zusammen, bezwang sich furchtbar, lächelte mit Anstrengung und fragte kaum hörbar: »Muß ich -- ganz -- hin?«
Ihm brach das Herz. Sich losreißend, durchzuckt: Sie stirbt ja vor Angst! -- sprang er zu, riß sie an sich, legte ihren Kopf an seiner Schulter fest, hielt ihn, der herabsinken wollte, streichelte ihn unaufhörlich, flüsternd: »Was ist denn, mein Gott, was ist denn? Es ist ja gut! ist ja gut! Ich bin ja glücklich!«
Leise schluchzend hörte er sie etwas stammeln wie: Gott sei Dank! und: ja, nun ist es gut ... Langsam kam ihr Gesicht wieder hoch, naß überströmt, fließender Augen, aber er lächelte wie ein Engel durch den glänzenden Strom. Sie bewegte stumm den Kopf hin und her. Ihre Augen fielen zu.
»Willst du mich denn noch?« fragte sie zwischen den Zähnen, »wirklich?«
»Ob ich will, Cordelia? Ja doch, ja! Ich bin ja nur glücklich, wenn du kommst! Ach,« fuhr er, erschüttert von Mitleiden, fort: »sag mir doch, was dir fehlt, was dich quält, alles, alles! ich will dir doch helfen!«
Aber sie schwieg.
Im Nebenzimmer ward ganz leise ein Akkord des Flügels hörbar, nur der eine, süß aufschwirrende Schlag, als habe ein Vogel die Tasten gestreift, für Georg ein lieblich erstaunendes Zeichen des Augenblicks. Dann, abgelenkt, sah er durch die Wand Bennos lange Schattenfigur, wie sie sich auf die Tasten bückte: er mußte sie wohl doch einmal berühren, einen Ton hören, die Musik ein Wort sagen lassen zu seiner Inbrunst.
Cordelia aber hatte aufhorchend die Augen geöffnet.
»Was war das?« flüsterte sie, und Georg gestand, es sei Besuch nebenan, ein Freund mit seiner Verlobten; ob sie erlaube, daß er ihnen eben Bescheid sage, sie seien eben schon im Begriffe zu gehn. Cordelia nickte nur stumm und machte sich los von ihm.
Die Tür öffnend scheuchte er das Brautpaar aus der Buchtung des Flügels und aus einer ganz ähnlichen Stellung wie die, in der Georg selber sich eben befand, was seine Betäubtheit rasch in angenehme Heiterkeit löste, also daß er, da das Mädchen ohnehin heimwärts drängte, mit leichtem Bedauern der verhinderten Fahrt sich entschuldigen konnte. Er brachte sie noch durch das gangartig lange und halbdunkle Billardzimmer auf den Flur und bis vor die Tür, winkte ihnen nach und dachte, mit den Augen an Bennos Rücken haftend: Seltsam doch, daß grade er so aus unsern Kreisen fallen mußte. Gedichte mach ich ja auch, aber der einzige Unsterbliche war doch immer er. Ach so, erinnerte er sich im Abwenden, die Götter trugen ja immer nach besonders irdischen Frauen Verlangen. Ja, sie war eine kleine Rubensschönheit, Danaë ... und --
Georg richtete sich lächelnd straff. Und Benno muß heiraten, muß -- weil er das nicht fertigbringt was ich. Ah sie war wieder da! Gott sei gelobt, murmelte er vor sich hin, nun kommt die Erlösung erst von Cora! -- Er schloß die Tür hinter sich.
Wie er aber leichtfüßig den Flur zurückeilte, wurde die Tür am Ende geöffnet, mit Vorsicht. Cordelias Antlitz erschien im Spalt, groß offenen, furchtsam spähenden Auges, und erschrocken bei seinem Anblick schlug sie den Türflügel wieder vor ihm zu, den er gleich darauf erreichte.
Als er dann drinnen stand, war sie an das Geländer zurückgewichen, hielt es mit den Händen neben sich gefaßt und ließ wie eine Schuldige den Kopf sinken. Sich überwindend, sie nicht feindlich anzusehn, versuchte er zu scherzen, ob sie ihm doch wieder habe entwischen wollen ...
Sie lächelte traurig und sah auf. »Es soll also wohl doch sein«, sagte sie leise. »Nein!« sie drängte sich an ihn, »sieh mich nicht so an! frage nicht! ja, versprich mir das, schwören mußt du's, Georg, hörst du, du mußt es schwören!«
»Ja, gewiß! gewiß doch! was denn?«
»Nie fragen, Georg! Nie, nie, niemals und nach nichts fragen! Ach,« weinte sie plötzlich laut auf, »was willst du denn von mir? Ich weiß doch, daß du mich nicht liebst.« Sie brach ab, ihn hart und verschlossen anblickend.
Georg vermochte nicht auszuweichen. Nicht lügen! dachte er nur, und seinen Augen es überlassend, sie zu bezwingen, sagte er klar und verständlich, wie er es meinte.
»Ich brauche dich.«
»Den Leib«, hauchte sie elend.
Was nun sagen? -- Er küßte behutsam ihre Stirn, und damit schien er Glück gehabt zu haben, denn mit aufblühendem Lächeln unter seinem Kuß flüsterte sie:
»Und die arme Seele mit ... Meinst du, daß ich eine habe? -- Ach laß nur«, wehrte sie matt und drückte die Augen an seine Schulter.
»Du kennst mich doch nun ein wenig,« redete er, ihr Haar streichelnd, auf sie herab, »du weißt doch, wer ich bin!« und hörte sie aufsagen leise, ohne den Kopf zu heben: »Prinz -- Georg -- Trassenberg.«
Dann, sehr liebevoll: »Mein Prinz!« und Georg fuhr zurück wie gestochen. Er strauchelte auf den Stufen, erreichte mit Mühe aufrecht den Boden, seine Knie versagten, er tat noch zwei Schritte und stand, entsetzt, die Hände an den Schläfen.
Jetzt -- da wars! Jetzt wars gekommen. Jetzt mußte -- -- mußte -- was? -- was? -- Die Wahrheit gesagt werden oder -- oder gelogen. Warum gelogen? Um die letzte Probe ... um zu sehn, ob es erträglich, möglich ...
»Was ist dir denn?« hörte er sie aus weiter Ferne fragen, sah aber in der selben Sekunde dicht vor sich ihre besorgten Augen, die flackerten; ihr Gesicht, ihre weiße Gestalt, die dunklen Wände des Raums, der große, grüne Lampenumhang -- alles flackerte auf und nieder wie aus gasigen Flammen, während er sie nur anstarren konnte und merkte, wie sie seine Hände ergriff und herabzog. Durch das Sausen in seinen Ohren hörte er sie etwas sagen, ohne zu verstehn.
Du Feigling! sagte dann eine Stimme, du willst es ja nur aufschieben!
»Nichts, Kind, nichts!« brachte er endlich hervor. »Es war wohl mein Herz, -- es ist nicht ganz in Ordnung. Laß nur, es geht schon wieder. Ja, wovon sprachen wir doch eben? Richtig, meinen Namen sagtest du ...« Er irrte wieder ab. »Ja, und wie ist der deine?« hörte er seine eigene Stimme fernher, erwachte dann und setzte beherrscht hinzu: »Oder darf ich das auch nicht fragen?«
»Cordelia Severin«, sagte sie leise. »Aber ist dir auch wirklich wieder gut? Komm, setz dich hin!«
Sie führten sich gegenseitig zu einem der Sessel in der Kaminecke, Georg fiel ermattet hinein und zog sie auf seine Knie. Sein Herz jagte in der Tat haltlos. Vielleicht war doch der Schluck Sekt schuld.
»Und was wird nun aus uns?« konnte er indessen wieder scherzen. »Bleiben wir zusammen? Möchtest du hier wohnen? In einem Schloß?« -- Es stach wieder in seinem Herzen. Er verstand nicht recht, weshalb ihm so unendlich sanft und weich zumute war, und fuhr fort, ihr weiches Gesicht unablässig zu streicheln und zu glätten. Da sie nur nachdenklich vor sich hin lächelte, fragte er weiter: »Oder soll ich zu dir kommen?«
Nun schauderte sie leicht zusammen. »Nein! oh nein!« stieß sie hervor.
»Also was denn? Soll ich ein Haus kaufen?«
Wieder ruhiger blickte sie in seine Augen, küßte ihn leise auf den Mund und sagte liebreich:
»Ich will, was du willst. Aber ich möchte nicht gern in -- dein andres Leben. Möcht ganz für mich sein -- und für dich. In mein Leben sollst du auch nicht. Wir wollen zusammen ein drittes haben, ganz für uns, gell?«
»Ja, das wollen wir. Also dann willst du wohl Geld haben, was?«
»Ja, bitte!« sagte sie ganz ernst.
»Ich hab aber selber keins da«, meinte er lustig. »Nun, warte, es findet sich schon ein Weg. Willst du mich mal aufstehn lassen?«
Während er eine Schreibtischlade aufzog, ein Checkbuch hervorholte, sich setzte und mit eiliger Hand in ein Dutzend und mehr Seiten seinen Namen eintrug, fragte er zurück, ob sie vielleicht auch schon ein Haus wisse? -- Leise auflachend bejahte sie und sagte plötzlich wieder im Dialekt und in ihrem verträumten Ton:
»I hab ans aangschaut vor a paar Tag. In der Alleestraße heroben, ganz heroben am End, auf an Hügel liegts. I tu alsfort Häuser anschaun, wanns fein ausschaun und Mietzettel ham.«
»Na, das ist ja schön! Da muß ich dir wohl einrichten helfen?«
»Nimmer nötig! 's steckt ganz voll von Möbeln bis ans Dach, schöne Möbel, olte, ach du mein!«
Georg, sich umdrehend beim Schreiben, sah sie auf der weichen Sessellehne sitzen und mit runden Augen nach allen Seiten spähn.
»Nicht so schön halt wie die«, plapperte sie weiter, nach der Bücherwand nickend. »Aber ein Schlafzimmer hats, das wird dich freun. Da stehts Bett im Alkoven, der hat -- so ein Fuß grad überm Bett -- ein ganz schönes, breites, großes Fenster. Wenn man da naus schaut, -- ja, das glaubst net, Gorch, da hast vor dir das ganze Land, alle Wiesen und Weiden und die blauen Wälder hinten und Dörfeln -- ah -- viele! Schlafen kannst da mitten im Frein, und unterm Fenster -- da ist der Garten, und der Teich, und eine ganze Wüstn von floribus«, schloß sie plötzlich mit hörbarem Punkt. Georg sprang auf, warf sie fast in den Sessel hinunter und erstickte sie mit Küssen.
»Und Hesekiel! Georg, laß los, ich ersticke ja!« keuchte sie, »und Hesekiel, darf ich den aach kaufn?«
»Was du willst, Liebling, was du willst! Aber wer ist denn Hesekiel?« -- Er hielt sie wieder auf den Knien und ließ sich kleine Küsse von ihr geben, während sie erzählte:
»Hesekiel -- das ist ein -- orms Luder. Ein bißchen dumm ist er schon, weißt! so ein -- Idiot oder -- -- wie? Er vergißt halt alles. Nur eins, ein einziges, das kann er grad behalten. Und er hat ein' Buckel und ein ganz spitzes, altes Gesicht und einen wehmütigen kleinen Mund. Oh Hesekiel ist ein lieber Kerl, der wird dir gfalln. Nun ist er -- was die Bälle aufklaubt bei die Tennisleut. A so a olter Mensch und klaubt Bäll auf. Verheirat is er net. Gell, den nehm mir? Den nehm mir zu uns?«
Georgs Herz jubelte vor Entzücken. Oh Benno, was habe ich und was du! -- Sogar die Erscheinung Renates ging schmerzlos vorüber. Ich werde lebendig sein, ganz lebendig, arbeiten können, gesund sein, und das andre -- alles andre wird sich finden, sich finden.
Viertes Kapitel: Mai
Haus Herzbruch
Renate schrieb in ihrem Zimmer am späten Abend:
»Hellwach wie ich bin, will ich gleich suchen, Einiges von diesem Abend festzuhalten.
Nachmittags gegen sechs Uhr fuhr ich zu Irene hinaus (ich mußte es einmal wagen; Saint-Georges versprach, auf Onkel achtzugeben, und es ist nichts geschehn). Es war so warm, daß ich unterwegs das Verdeck zurückschlagen ließ, und so war es schön, durch den weiten Frühling zu fahren, zwischen den unendlichen, tiefgrünen, saatgrünen Flächen, auf den Himmel zu, den weit fernen, bläulich weißen, goldgestreiften von der tiefen Sonne, an den kleinen Gehöften vorüber, die stets schräg mit der Stirnseite zur Straße stehn, unter Bäumen, kaum ergrünten. Einzelne Primeln waren auf den Wiesen zu sehn, und alle Rinder waren schon draußen, grasten fromm der untergehenden Sonne nach, oder standen still an einer Planke, einem Graben, den sie im Vorsichhinweiden erreichten, hörten mit Käuen auf und sahen nach dem schwarzen Ungetüm, in dem ich, hoch sitzend, dahinrollte; lange Schatten warfen sie, wie alles umher.
Unterwegs griff ich noch Jason auf; mit einmal sah ich ihn ein paar hundert Meter vor mir am Rande der weißen Straße dahinwandern, ein wenig krumm und die Hände auf dem Rücken. So läuft er, dacht ich, um die ganze Welt fürbaß in seinem schwarzen Anzug, da hielt auch schon der Wagen neben ihm still, es war wie Zauberei, als ob er es befohlen und ihn mit dem Rücken gesehn hätte, -- aber Reinhold, der ihn kannte, hielt natürlich von selber. Dann saß er zufrieden in seiner Wagenecke, blickte stolz umher und sagte: Der gute Mensch trifft immer Wagen, die ihn zu schönen Orten tragen.
Wo er so lange gewesen sei, fragte ich ihn, denn ich hatte ihn beinah drei Wochen nicht gesehn. In Schleswig, sagte er, bei der Familie des Kreisphysikus Liegel, Odysseus Liegel, ja, so heiße er richtig. Eine zahlreiche Familie sei das, vier Söhne, drei Töchter, Eltern, Großmutter und Urgroßmutter, in einem kleinen Hause Alle beisammen, und sie fürchteten sich samt und sonders vor spitzen Gegenständen, besonders die Urgroßmutter, die könnte überhaupt nichts Spitzes sehn, ohne furchtbare Zustände zu kriegen, bei den Andern sei es verschieden, der eine reagiere nur auf Taschenmesser, ein andrer auf Nähnadeln, wieder eine habe Angst vor Löffelstielen oder Hutnadeln, und sie ärgerten sich Alle fortwährend gegenseitig damit, das heißt zum Spaß, sie meinten es nicht böse, und nur der Vater freilich, der sei immun, auf den würde überhaupt nicht geachtet. Eigentlich sei er wohl immer leise betrunken von holländischem Likör, das dufte gar nicht so unangenehm, und meist sitze er ja in seinem Zimmer oder machte Krankenbesuche, wo er dann immer zwei, drei kleine Schnäpse trinke, das mache schon ein paar Dutzend am Tag. Die Söhne aber seien große Kerle, blond und bärtig, der eine Lloydoffizier, einer Kaufmann, und zwei Studenten; die hätten die ganze Kraft der Familie an sich gerissen, gingen schallend umher und schubsten alles beiseite; Gott sei Dank seien selten mehr als einer oder zwei anwesend. Die Töchter seien alle Drei ein bischen welk und kümmerlich, mit viel Heiratsplänen behangen und sehr arbeitsam. Ja, die Mutter sei das Tüchtigste dieser Familie. Ganz klein sei sie, habe ein Gesicht wie eine Backbirne und eine lahme Hüfte, oder eigentlich seien es zwei; kein Mensch wisse, wie sie es eigentlich fertigbringe, zu gehn, sie gehe aber, und zwar immer ganz schnell. Als sie alt genug gewesen war, zu heiraten, hatte sie es darauf angelegt, diesen Odysseus Liegel zu heiraten, und es gelang ihr auch. Darauf gründete sie ihm eine Praxis, in der sie viele Jahre immer am Hungertuche her lebten; auch jetzt hänge es noch immer in einer Ecke und verstaubte niemals gänzlich. Eines Tages hatte sie von einer Freundin gehört, daß es in gewissen kleinen Städten Stipendien, Legate gäbe, ausgesetzt von verstorbenen Wohltätern für Knaben, in der Stadt geborene, um ihnen ein Studium zu ermöglichen, und die brave Frau soll es fertigbekommen haben, durch Herumreisen in diesen Städten zur Zeit, wenn sie ein Kind erwartete, dreien ihrer Söhne je ein Legat zuzuschieben. Oh es sei eine ganz herrliche Familie, sagte Jason. Die Mutter würde verherrlicht von Allen, sie wäre ganz ungeheuer geizig, sie hatte immer nur einen einzigen Groschen auf der Tischkante liegen sehn, und wenn man ihr etwas mitbrächte, dürfe man nie unterlassen, zu sagen, was es koste, denn erst wenn sie das wisse, könnte sie sich freun. Aber nur Kleinigkeiten dürften es sein. Was ist das? sagte sie dann wohl, mit braunen Fingern und kurzsichtigen Augen zugreifend, eine Banane? Oh herrlich! Was kost die? Zehn Pfennig. Nun sieh mal einer, zehn Pfennig für solch eine herrliche Frucht. Und dann wollte jedes von ihren zehn Kindern die Banane haben ... Zehn, Jason? -- Sie machten noch für viel mehr Lärm, sagte er vergnüglich, du solltest sie einmal hören. --
Auf dem Weg durch den Gemüsegarten kam uns die kleine Nora entgegen, Dora Vehms Tochter, langsam und ernsthaft wie immer, nur mit den vergrößerten Augen sich freuend, nicht im geringsten mich, sondern ganz allein Jason unerschütterlich anblickend. Als der aber fragte: Wo ist denn dein Vater? -- sagte sie mit ihrer tiefen, langsamen Stimme: Der sitzt auf dem Klosett. -- Wie peinlich für ihn! sagte Jason, nun wollen wir bloß nicht nach ihrer Mutter fragen. Da kam Irene, blond und lieblich wie immer, uns auf dem Gartensteig entgegen, so entzückend anzusehn, daß mir das Herz lachte: wie eine versehrte Blume, nämlich in einer engen grünen Taille, Filetguipure am Halsausschnitt und den halben Ärmeln, kleine Falten quer über der Brust und mit vier spitzen Schößen, vorn, hinten und über den Hüften, gleich den grünen Kelchblättern einer Blume, aus denen die große schwarze Tulpenglocke des seidenen Rockes nach unten schwoll und abstand, -- und während so ihr Kleid und Körper eine Blume darstellte, war es ihr ganz glühend rosiges und von Haar goldenes Gesicht, das blühte. Sie erzählte, es sei gerade ein Freund ihrer Schwägerin gekommen, ein Dr. Ägidi aus Stuttgart, Journalist, den ihr Mann durch Doras Vermittelung für seine neue Zeitschrift gewonnen habe. Da die Beiden sich jahrelang nicht gesehen hatten und jetzt in der Halle saßen, gingen wir in die >Hecke< und trafen dort Georg, der im Grase lag und mit Doras Pallu spielte. Eigentlich heißt er Paul, aber das konnte er nicht sagen und taufte sich Pallu.
Wir aßen dann oben in Irenens Zimmer zu Abend, ein wenig eng in der Ecke neben dem Kamin, zu eng vor allem, wie mir schien, für die Stimmung unter uns. Irene war völlig geistesabwesend; sie hat es sich ja nun so angewöhnt, sich zu erlauben, was ihr gefällt. Ich merkte aber, daß diese Abgekehrtheit irgendwie mit ihrer Schwägerin und mit Dr. Ägidi zusammenhängen mußte, die mir auch wieder heißer und röter schienen, als selbst ein Wiedersehn nach zwei Jahren -- -- doch was geht das eigentlich mich an? Ja, insofern wohl, als eben diese Stimmung auch mich ergriff und mich, ängstlich, unsicher und sonderbar, wie ich Onkels wegen an sich schon bin, mit dunklen Empfindungen bewegte. Es wäre vielleicht noch sonderbarer gewesen ohne Jason, der wohl alles haargenau wußte, freilich keine Miene verzog und keine Geste zeigte, sondern nur viel sprach, in dieser unendlich hinfließenden Art, und so sehr jeden, den er anblickt, mit Augen fesselnd, daß man selber zu reden glaubt, -- nun, ich werde das nie beschreiben können. Übrigens war Doras Mann nicht anwesend; er hat ein Darmleiden, und zudem ist er noch lungenkrank und schon halb auf dem Wege nach Arosa.
Schön, dunkel und funkelnd sah diese Dora aus (und übrigens in einer prächtigen Tunika, die ich mir merken muß, aus einem dunkelblauen, lockern Seidenstoff mit eingewebtem, gleichfarbigem Blumen- und Rankenmuster, die sie über den Kopf gezogen hatte; braune Pelzstreifen an den offenen Ärmeln und am Halsausschnitt). Ihre tägliche Arbeitsleistung, von der Georg mir erzählte, ist ja erstaunlich. Ich glaube wohl, sie möchte noch viel mehr Kinder haben. Ihr Mann sah auf einer Photographie still, fremd, abgeschlossen aus; ein sehr zartes Gesicht mit tiefen Augen, sehr spitzem Kinn und einem seltsam übertriebenen dunklen Schnurrbart wie der Nietzsches, doch tiefer hängend. -- Wenn ich sie ansehe, muß ich sie für eine schlechterdings glückliche Frau halten. Aber ob sie nicht mich ebenfalls -- --? Was wissen wir?
Ich wollte mir doch einiges von dem merken, was gesprochen wurde? Ach, nein, die Geschichte, die Jason der kleinen Nora erzählte, als sie im Bett lag, muß ich doch wieder zusammenbringen. Sie hieß, glaube ich: Der liebe Gott und das kümmerliche Telephon, oder so ähnlich und fing an:
Prrrrr! machte das Telephon. Kruzitürken, sagte der liebe Gott und nahm den Hörer auf, was ist denn das schon wieder! Hat man denn keinen Augenblick Ruhe? -- Du, Onkel Jason, sagte Pallu von gegenüber her, der liebe Gott flucht aber wüst. -- Türken, versicherte Jason, wären Heiden und darum würden sie geflucht. Da hörte der liebe Gott ein kleines Mädchen ganz unten auf der Erde ins Telephon piepen: Hier ist das Knasterlein und hat so furchtbare Bauchschmerzen. (Das Knasterlein soll zu allem gut sein in Jasons sämtlichen Geschichten.) Ha, da hat sie Zwetschenkuchen gegessen, dachte der liebe Gott und sagte: Aber liebes Kind, du mußt doch nun nicht bei jeder Kleinigkeit ... Sprechen Sie noch? sagte das Fräulein am Amt. Pallu stellte sich auf den Kopf und sagte: Kruzitürken, die kommt ümmer dazwischen, ümmer. -- Jawohl, Fräulein, ich spreche noch, sagte der liebe Gott, -- ja, da hast du wohl zu viel Zwetschenkuchen gegessen? -- Ja, sagte das Knasterlein. -- Ist denn der Doktor schon dagewesen? -- Och, lieber Gott, mein Papa ist doch selber Doktor! -- Hier entspann sich, glaube ich, ein großer Streit zwischen Nora, ihrer Mutter und Jason wegen der ungenauen Kenntnis des lieben Gottes, wobei er sich, fürcht ich, damit ausredete, der liebe Gott habe das verwechselt. Also der Doktor war jedenfalls dagewesen, und der liebe Gott war sehr erstaunt, was Knasterlein denn nun noch von ihm wollte. Was zum Einschlafen, sagte es, es könnte doch nicht schlafen. Das wollen wir gleich haben, sagte der liebe Gott und murmelte: Abadra, kadrabra, maleborus, maleborus, widdewiddewitt fi--na--le! -- Sprechen Sie noch? fragte das Amt. Scht! machte der liebe Gott und legte ganz leise den Hörer hin, worauf sich denn Knasterlein in Nora verwandelte, die sich mit tief ernstem Gehorsam umdrehte, die Decke bis an die Augen zog und nach einem großen Seufzer und unerschütterlich auf Jason gerichtetem Blick sich augenblicks einzuschlafen bemühte. -- --
Wovon sprachen wir noch beim Essen? Richtig, Jason, -- da er alle Menschen kennt, so kannte er auch Ägidi, von irgendeiner Universität her --, nein, zuerst war ja von Herzbruchs' Zeitschrift die Rede, von der Sozialdemokratie und -- ich weiß nicht mehr, wie das so kam, -- jedenfalls äußerte Jason gleich eine Meinung, die dann zu einer ganzen Rede wurde. Die Sozialdemokratie, sagte er, hätte zwei Fehler, und der eine sei die mangelnde Schulbildung. Wenn ich zum Beispiel, fuhr er munter fort, einen Reichstagsbericht lese, was fällt mir auf? Ein großer Mangel an Lebensart, nicht etwa bei der Sozialdemokratie allein, nein, bei den Angehörigen sämtlicher Parteien ganz gleichmäßig. Nun aber ist die sozialdemokratische Partei die einzige, bei deren Vertretern dieser Mangel sich auf den genannten, nämlich die fehlende Schulbildung zurückschieben läßt, was denn jedenfalls fleißig von allen andern Seiten geübt wird, und hinwieder kann man den andern Parteien bei gutem Gewissen diesen Vorwurf nicht machen, da sie ja alle über eine ganz vortreffliche Schulbildung verfügen. Also, sagte er, die Sozialdemokraten hätten somit nichts Besseres und Eiligeres zu tun, als sich diese Schulbildung zu erwerben, womit sie ja gleichzeitig alle übrigen Parteien auch an Lebensart übertreffen müßten, oder das Gegenteil würde der eben aufgestellten und bewiesenen Behauptung vor den Kopf stoßen, daß eben in der mangelnden Schulbildung ... Hier legte ihm wohl Herzbruch die Hand auf den Arm und veranlaßte ihn wohlwollend, zu dem zweiten Mangel überzugehn. Ja, das sei nun wieder ein Überfluß, fing er frisch an, nämlich ein nicht hoch genug zu veranschlagender Überfluß an Sanftmut. Drei Mittel nämlich, erklärte er, hätte die Internationale an der Hand, um ihre Ziele durchzusetzen, ohne doch nur ein einziges zur Anwendung zu bringen, nämlich erstens das ein wenig veraltete des allgemeinen und gleichen Revolutionierens, mit Barrikaden, Kopfab und allen Schikanen, aber, was ihn angehe, so schalte bei seiner angeborenen Abneigung gegen alles Blutvergießen dieses Mittel für ihn aus. Das nächste sei der Generalstreik natürlich, wogegen er wenig mehr einzuwenden habe, als daß ihm das dritte Mittel besser gefalle, zudem auch dem angedeuteten sanftmütigen Charakter dieses Menschenschlages am meisten zu entsprechen scheine ... nämlich die passive Sabotage. --
Denkt euch, sagte er, einen nach dem andern von uns mit überredenden Blicken ins Auge fassend, denkt, welche Zeit anbrechen würde. Passive Sabotage ohne Generalstreik. Alle Arbeiter würden in der Arbeit bleiben, und vielleicht sogar ein wenig Überstunden machen. Alsbald würden sich die Erzeugnisse der Industrie und Waren aller Art in den Speichern, den Fabriken und Silos häufen, sie bis zum Rande füllen und überquellen, und die Lebensmittel würden zu erstaunlichen Preisen herabsteigen, ja womöglich verschenkt werden, und man könnte sich wohl denken, daß jemand, der ein Ei kaufen wolle, eine Dreschmaschine oder ein Karussell als Zugabe erhielte. Und nun aber, bei allgemeiner Einigkeit und Zufriedenheit, welche Stille in Stadt und Land! Vom festgesetzten Uhrenschlage an verließ kein Schiff die Rheede, kein Brief den Kasten, kein Telegramm den Drahtkorb des Beamten, kein Postwagen die Remise, kein Eisenbahnzug den Bahnhof. Auf den von Automobilen, Geschäftsrädern, Autobussen und Trambahnen herrlich leeren, breiten, befreiten Straßen ergösse sich eine festlich gekleidete Menge, von deren heiteren Antlitzen jede Spur des alten Hastens und Jagens miteins verschwunden sei. Fröhliche Scharen von Post- und Telegraphenbeamten mit ihren munteren, rotgestreiften Mützen veranstalteten singende Umzüge unter Entfaltung ihrer schön gestickten Innungsfahnen, und die Straßenkehrer hingen unter Absingung fröhlicher und patriotischer Lieder ihre Besen und Gummirechen an den Kreuzen längst erloschener Laternen auf. Was sei aber all dies gegen die wunderbare Stille draußen im ländlichen Land. Da wandre sichs leicht, die mitgenommenen Butterstullen in die letzte Zeitung eingeschlagen, auf der unverlierbaren Linie der mit sanftem Grase überwachsenen Bahndämme, wo die Wärter vor ihren Häuschen mit Frau und Tabakspfeife behaglich feierten, wo die Weichengestelle bald unter üppig wucherndem Ginster verschwanden, die Schlagbäume und Signalmaste schon vom weiten den munteren Wallern ihre bunten Fahnen von Hopfenranken und blühenden Glyzinien entgegenschwenkten, während zu beiden Seiten aller Straßen Eppich, Crimsonrosen, Bohnenblüte und rankende Winde aus den Telegraphenstangen und ihren Drähten farbige Triumphgirlanden, gleichsam über Nacht, geschaffen hätten; an den Straßen übrigens, auf den die wieder hervorgeholten schönen alten Planwagen, mit welchen die bäurische Bevölkerung die mühelosen Erzeugnisse ihres Bodens zur Stadt führten, um sie gegen geringes Entgelt einzutauschen, -- auf ihnen erzähle nur selten die bereits überrankte und moosbewachsene Ruine eines Opel- oder Horchwagens vom bestraften Frevelmut seines Besitzers, der ohne Mechaniker eine verzweifelte Geschäftsreise zu unternehmen gewagt habe. Und schließlich, da inzwischen auch die Arbeit aus Überfluß an allen Dingen eingestellt sei, so hetze sich nunmehr niemand ab, als einzig an ihren Schreibtischen die nimmermüden Erfinder, emsig bemüht, Ideen zu entwickeln zur Ausnützung des Überflüssigen, also zum Beispiel ein Verfahren, aus schlecht gewordenem Schweinefleisch gut sitzende Anzüge zu verfertigen ...«
Mitternacht. Leichtfüßig erschreckte Renate der silberne Schlag der kleinen Uhr hinter ihr im stillen Zimmer. Sie wandte sich halb, warf einen Blick über ihre Schulter in die dämmrige Tiefe der Wände und verhaltenen Möbel und schrieb weiter:
»Ich mußte mich umsehn, die Stille gewahren in diesem sanften Raum, in diesem ganzen, schlafenden Hause. Ach, es tat wohl, einmal draußen, einmal weit weg gewesen zu sein, im immer wieder zauberhaften Menschenwald, wo auf den stillsten Lichtungen -- große Spinnen in den Silberrädern ihrer Netze -- die Geschicke weben, ach, zum Heil oder Unheil, ich wills nicht wissen, denn jedes, jedes, das weiß ich, ist besser als nichts. Aber weiß ich denn, ob nicht das meine schon längst über mir schwebt, mich zu umschlingen und zu binden, ob ich nicht längst schon ergriffen vielleicht, gehalten und -- abgetan bin? Denn vom Himmel -- wir wissen es doch -- vom Himmel stürzt kein jählichster Blitz, der nicht in einem kleinen Korn auf Erden gesät und draus aufgegangen wäre, und der Schlag, der heute das Haupt trifft, zu ihm war ausgeholt, als noch unsre Mutter nicht von uns träumte.
Wacher und wacher sehe ich in die vergangenen Stunden zurück. Wieder um den runden Tisch sehe ich uns sitzen, enge beisammen in der Ecke am Kamin, sehe an der Hängelampe vorüber das tief und tiefere, seltsame Blau der Dämmerung draußen, die nur im Vorfrühling so leuchtet, sehe die bleichen Vorhänge sacht auffliegen und empfinde die leichten Atemstöße des hereingeneigten Windes. Unsre beleuchteten Gesichter kann ich sehn, das hübsche, schmale, blasse des Doktor Ägidi mit kleinem, kurzem und schwarzem Schnurrbart, das selten aufsieht zu dem unaufhaltsam plätschernden Jason; rechts von ihm das Doras, bräunlich, gerötet, mit starken Brauen und feurigem Auge, und Herzbruchs Hornbrille daneben, hinter der hervor er ab und an auf Irene oder sonst jemand einen unbestimmt und halb abwesenden Blick schießt, und sein massives Gelehrtengesicht kraust sich häufig und häufiger im verhohlenen Gähnen zusammen; und dort Irenens ganz rosiges Gesicht, und dort das schlanke, überaus ehrliche Georgs, der von Allen allein ganz bei der Sache scheint, lacht und auf Jason schaut, während die Augen aller Übrigen meist auf den Teller gesenkt sind. Herzbruch nur aus Müdigkeit, aber Alle waren sie froh über Jasons Phantasmagorien, und als er schwieg, lachten sie wohl ein wenig, waren aber dann sämtlich still. Auch mir fiel nicht gleich etwas ein, ich vergaß die Übrigen, glaubte wohl im weiten Lande draußen Fragmente von Jasons bunter Vision unterm Hauche des Abends dahingleiten und entleuchten zu sehn, und ich weiß nicht mehr, ob ich selber es war, die ihn nun fragte, er habe vorhin auch die Ziele der Sozialdemokratie erwähnt, ob er nicht auch davon eine ähnliche Rede halten möchte, aber er winkte ab. Nein, das will ich nicht, sagte er, ich habe so schon Ägidis Neigung verscherzt, freilich aus Mißverstand, da ich doch nicht seine Partei, sondern im Gegenteil die Anwesenden ganz sanft verspottet habe. -- Wieso denn das? fragte Irene laut und verständnislos, aber er sagte erst nach einer Weile, und nachdem er eine ganze Sprotte gehäutet und zerlegt hatte, und mit einem fast kalten Ernst auf einmal: Taucht nur immer euer allabendliches Butterbrot in Tränenwasser vom Tartaros; es kommt einmal der Tag, wo die es euch nicht gedenken werden, die unter Brückenbogen der Themse schlafen, die in verfaulten Speichern ihre Kinder zur Welt bringen, die zwischen Betten der Liebeskrankheit aufwachsen, und die, Stück für Stück ihres ausgemergelten Leibes, zwischen den Zähnen der Maschine aufgezehrt werden. Nicht gedenken werden sie es euch, daß ihre Seele zersprang wie ein schlechter Topf, derweil ihr plaudertet von ihren Zielen. --
Irene fuhr rot, zornig und verlegen auf mit einem zerdrückten: Man kann doch reden ... Wir andern schwiegen, Herzbruch brummte zustimmend, und Dora und Ägidi -- -- sahen nach den Fenstern, als sähen sie sich an.
Es gebe ja aber andre Sachen in Hülle und Fülle, von denen zu reden wäre, fing Jason wieder an, und wie wäre es zum Beispiel mit einem Vortrag von Irene über den Vorzug des Einzelschlafzimmers vor dem gemeinsamen? Statt des Tellers, wie sie gern gemocht hätte, warf sie ihm nun ihre Serviette an den Kopf, sprang auf und stammelte, wir wären wohl fertig mit Essen. -- --
Nun werde ich doch ein wenig müde. -- Aber ich will nun nicht aufhören, ehe ich auch das Letzte von diesem Abend geschrieben habe, denn solange ich schreibe, glänzen mir seine Farben noch reich; dann wird es wieder für lange still und eintönig werden ...
Später war Jason auf einmal verschwunden, Herzbruch mit Ägidi im Rauchzimmer nebenan, um sich geschäftlich mit ihm zu besprechen, Dora hinunter zu ihrem Mann. Ich hatte am großen Vogelbauer der armen Esther das übergehängte Tuch gelüftet, um darunter zu schaun, und sah, wieder fortblickend, Irene unter den Blumenstöcken des breiten Fensters auf dem schwarzen Roßhaarsofa sitzen. In ihrem ausgebreiteten schwarzen Faltenrock, das heiße, rote Gesicht in die Hand gestützt, den Ellbogen auf dem Knie, sah sie wieder so fein und lieblich aus, daß ich zu ihr ging, ihr Gesicht in die Hände nahm und sagte: Du bist heut so unwirsch, Irene! Sie sah mich verloren an, streifte meine Hände weg, ihren Rock glatt und sagte endlich -- es klang recht komisch bei ihrer Ernsthaftigkeit --: Es ist alles so symbolisch ... Ich antwortete nichts, dachte, sie würde schon von selber anfangen, und setzte mich in die Sofaecke. Richtig fing sie nach einer Weile an.
Am Nachmittag sei Ägidi gekommen. Eine halbe Stunde vorher, da sie selber gerade auf der Treppe gewesen sei, habe sie ihre Schwägerin aus der Stadt kommen hören und sei, um sie zu erschrecken, mit einem Schrei ins Zimmer gesprungen, Dora sei aber ganz ruhig geblieben, denn sie habe sie im Spiegel kommen sehn. -- Das fand ich schon so symbolisch, -- weißt du -- ich sagte es auch Dora --. Man sollte immer solch einen Spiegel bei sich haben, -- alles trifft einen immer so schrecklich unvorbereitet, -- ja, ich dachte das nun mal, und eine Zeit später, als wir schon von ganz andern Sachen geredet hatten, sagte Dora, es sei viel tüchtiger, unvorbereitet und doch beschirmt zu sein, den Panzer zusammenzureißen im Augenblick, sagte sie, glaub ich. Ja, und nun -- -- gerade bevor du kamst -- Ägidi war ja nun da -- war ich so beim Herumschlendern im Garten halb die Treppe der kleinen Vorhalle hinaufgeraten, von wo man durchs Fenster in die große Halle sehn kann, und da sah ich die Beiden. Dora saß, und er auf der Lehne ihres Stuhls hielt ihre Hand, und so sprachen sie, und -- nun jedenfalls: es war etwas in ihrer Haltung, das andere als -- ja. Du weißt wohl gar nicht, -- sie waren Freunde, sonst nichts, ich weiß es bestimmt von Dora, die nicht lügt, -- sie haben sich kaum einmal im Leben gesehn, aber jahrelang in fast täglichen Briefen zusammen gelebt, und ob nun das Wiedersehn, -- jedenfalls -- -- Irene brach hier ab, stand auf und sagte: Einen Augenblick, bevor wir Alle zum Essen hinaufgingen, war ich allein mit ihr. Ich hielts für aufrichtig, ihr zu sagen, daß ich sie gesehn hatte, und: Was war denn das? fragte ich. Sie schwieg eine ganze Weile, sagte dann sehr ernst: Ich glaube, -- das war unvorbereitet. Sonst nichts, und das -- genügt ja wohl auch. --
Wie sie nun im Zimmer stand, die Hände gefaltet, nachdenklich und so anmutig, war es wieder die alte Irene, die draußen am Zaun stand und meine Orgel hörte und symbolische Träume träumte. -- Sie setzte sich dann zu mir und fing an, von ihrer Schwägerin zu erzählen, was sie von Otto Herzbruch gehört hatte, über ihre Verheiratung: daß niemand begriffen habe, warum das reiche, kräftige, schöne Mädchen den kränklichen, seltsamen, ein wenig kümmerlich scheinenden Mann genommen habe, was er nun freilich nicht sei, vielmehr erfülle ihn eine ganz unsägliche Güte, er sei der zarteste Arzt, und sicher beklagten es Viele, daß er sich an den Tuberkulosebetten seiner Kassenpraxis infiziert hatte. Doch durch mehrere Jahre hatte sie seine wiederholten Anträge abgelehnt, schließlich mußte sie wohl doch einmal heiraten, es war Zeit, das Mitleid mit ihm kam hinzu, und dann hatte sie ihn mit der Zeit gewiß sehr liebgewonnen.
Warum aber, fragte Irene nun, warum glaubst du, ist ihr Leben so angefüllt mit hundert guten, fleißigen, wertvollen Dingen, hundert Dingen, die sie für sich allein, an denen ihr Mann keinen Teil hat! -- Irene nannte den Namen einer bekannten Arztfrau, die ihren Mann zuerst mit Handreichungen, bei Narkosen, bei Mandeloperationen der Kinder und dergleichen unterstützt, und die mit der Zeit so viel bei ihm gelernt habe, daß sie nun selber ihr Examen gemacht und eine Frauenpraxis ausübe. Keine Frau, sagte sie heftig, die Verstand hat und sich bemüht, braucht eine Beschäftigung außerm Hause zu suchen, und jeder Mann braucht und hat gern eine Hülfe, zumal an einer Frau, und zumal wenn sie klug ist ...
Ich sagte kein Wort, wartete stillschweigend, daß sie selber stutzen und sich sagen würde, wie sehr sie, anti domum, wie man wohl sagen kann, gesprochen hatte, aber siehe da, mein Herz Irene merkte nicht das geringste -- ja, wie sehr befangen in sich selber muß sie sein! -- sondern war zu Doras Kindern übergegangen, die in Wahrheit, trotz Volksspeisungen und Gesang und Frauenverein, ihr tiefes und einziges Glück seien. --
Nun fallen mir die Augen zu. Ein wenig später kam auch Dora, dann wurde Irene schläfrig, und ich fuhr heim. Ägidi nahm ich mit in die Stadt, doch sprachen wir nur über Literatur und dergleichen. Ein Zug in seinem Gesicht schien mir -- nun was soll das? -- -- -- --«
Die Augen schließend und wieder öffnend, nahm Renate in diesem Augenblick das kleine, auf seinem schmalen Halse wie eine zarte Blüte vorgestreckte Antlitz von weißem Gips, über ihr auf seinem Pfeiler im Winkel, wahr. Verzaubert, als sähe sie es zum ersten Mal, liebenden Auges, fast schmerzlich geöffneten Mundes, nahm sie, ohne hinzusehn, die Feder auf und schrieb, ohne hinzusehn, regellos über das Blatt, die Lippen bewegend, weit offnen Herzens:
»Da aber gehst du wiederum über mir auf, schönes, ewiges weißes Antlitz des Sonnenkönigs; da meines müde ruhen will, Ech-en-Aton, mein weiser Freund, zeigst du mir das deine, emporgewendet unermüdlich zu dem unermüdlichen Gestirn, das nur fortging zu fremden Völkern, nicht unterging, um zu ruhn. Deine Tempel und deine Stadt, die du zum Dienst der Sonne errichtest, sind lange, lange in ungestalteten Staub zerfallen, du aber lebst immer, immer! Unerschöpflich deine unsterbliche Seele glüht in unendlichen Verwandlungen, immer sehnsuchtsvoller nur, immer eifriger nur, der einen, unaufhörlichen Flamme des Himmels zu, die Ewigkeit kostet dein sehnsüchtig immer küssend gewölbter Mund, meine Augen hängen an ihm, von selber findet die Feder ihren Weg, dein Antlitz wandelt sich magisch in der tiefen Nacht, atmet nicht schon die samtige Haut, rötet sie sich nicht unter der Berührung der gelben Strahlen? Unbeweglich steht dein Auge, steht das Auge deiner Seele, ganz in Flammen, ganz in Inbrunst, durch Jahrtausend um Jahrtausend, unverrückbar, unverbrüchlich, selig, seliger, vor dem Ziel.«
Fünftes Kapitel: Juni
Emmaus
Georg, geblendet, schwer schlaftrunken, riß die Augen auf und kniff sie heftig wieder zu. Große rote Flecken sausten heran, schwebten, hielten still, dazwischen flackerte brennend Grünes, grüne Blätter, Baumwipfel, und Himmelblaues. Er rieb die Augen, merkte, daß er in der Hängematte lag, die Lider fielen ihm schwer wieder zu, in allen Gliedern knackte, sauste und prickelte der jählings abgebrochene Schlaf, der verdampfte. Ringsum brodelte der Juni, und da, seltsam fern, mitten im Sommer, schönem Schatten, Baumstämmen und Sonnenlichtern und herein leuchtendem Himmelsblau stand Egon mit seinem schwarzen Haarwisch in der Stirn und lächelte. Georg gähnte wie ein Löwe und kaute hervor, wie spät es sei? Durch eine Wand von Schlaftrunkenheit hörte er Egons Stimme: Gleich fünf Uhr. Und Herr Bogner sei eben gekommen, und auch ein Telegramm. -- Georg brachte die Augen nicht auf im Gähnen, streckte die Hand aus und dachte: Ach, Bogner, -- richtig, er brachte das Bild, für Helene ... Er zerrte die Füße aus den Maschen der Hängematte, saß da, krümmte die Arme gewaltig, dann den Rücken, reckte und dehnte sich, daß es krachte. Schließlich hockte er im Netz, den Kopf schwer vornüber hangend, in dem es kribbelte und summte; die Schläfen brannten, die linke Wange war wie Feuer von Jucken, und er kratzte sich wütend; eine Mücke mußte ihn im Schlaf gestochen haben. Was träumte ich nur? dachte er. Das war ja sehr sonderbar! Ich ging mit Bogner im Walde, und auf einmal war noch jemand da, ein großer, blasser Fremder, mit dem Bogner eifrig sprach, und ich blieb zurück, es war dämmrig im Walde und sehr grün, und dann, -- dann war da, glaub ich, Saint-Georges, den fragte ich: Wer ist denn das eigentlich? und er sagte erstaunt: Das wissen Sie nicht? Es ist doch Christus. -- Ja, das war, weil Bogners Bild den Gang nach Emmaus darstellen soll. Und dann gingen wir weiter, und ich dachte, wenn wir jetzt aus dem Walde kommen, muß gleich links Helenenruh sein, aber Helenenruh kam nicht, sondern ein fremdes dunkles Tal, und Bogner und -- der Andre entwichen schon fern drüben zwischen den Stämmen, und gleich rechts stieg Renate ganz einsam den steilen Hang hinauf. Aber als ich ganz froh und zitternd zu ihr kam, wandte sie das Gesicht her, und da war es -- Helene, -- ja, und sie hatte das seltsame Antlitz wie auf Bogners Bild ... Sonderbar, wie so alles durcheinanderging, Bogners Bild und Helenenruh, wohin ich -- ach, bald -- bald fahre, zu Renate, die dort ist ...
Immer noch sehr dumpf, und schwer imstande, die Augen ganz zu öffnen, brach er nun das Telegramm auf und las mühsam die Maschinenschrift von dem sonneflimmernden Blatt: Lieber Georg, Ihre Mutter ist eben sehr schwer erkrankt, Sie müssen sofort kommen und auf alles gefaßt sein. In Liebe Renate.
Gott im Himmel, Gott im Himmel, Gott im Himmel ... Das Blatt wurde blutrot vor Georgs Augen, die Schriftbänder verbogen sich und zerfielen. Braun und leuchtend stand da der Kiefernstamm, schwarzfleckig; hoch oben breiteten die grünbehangenen Äste sich ins flammende Blau. Schwer erkrankt ... auf alles gefaßt sein ... In Liebe ... Das hieß? In Liebe ... Tot, dachte er, tot, -- -- sie ist tot. In Liebe hätte sie nicht in ein Telegramm geschrieben, sondern es hieß: in Mitleid. Georg bewegte schwer im Mund die klebrige Zunge; die Augenwinkel schmerzten, langsam ward es um ihn klar, er stand auf und ging auf schwachen Füßen, wankend davon, auf das Haus zu. Da war die weiße Tür, Bogners Gesicht. Georg blieb stehn, schnob ein verächtliches Lachen durch die Nase und dachte unter furchtbar aufsteigender Angst: Das Bild, das Mutter zum Geburtstag haben ... Sein Kinn zitterte, im Halse würgt' es, seine Augen wurden feucht, beizend. -- Da stand er vor Bogner, streckte ihm wortlos das Telegramm hin, fiel auf einen Stuhl und schluchzte zwei, dreimal trocken und würgend.
Aber wenn sie doch noch lebte?! Besinnungslos sprang er auf, taumelte erst, denn es war alles rot umher, und vom Schreibtisch, den Fenstern, der Lampe gab es nur fliegende Bruchstücke. Dann entdeckte er den Telephonapparat, stürzte darauf zu, nahm den Hörer ans Ohr, hörte die weibliche Stimme, wußte im Augenblick die Nummer nicht, erhaschte sie dann, sagte heiser: Achtundneunzig -- achtundneunzig bitte! und wartete. Eine schnarrende Stimme schrie ihn an: Hier Adlerwerke! -- Nun stammelte er zusammen, er habe neulich schon ein Automobil gehabt, ob er wieder einen solchen Wagen ... oder besser einen schnelleren, einen Rennwagen, jedenfalls den schnellsten, der da wäre ... Dazwischen nannte er seinen Namen, hörte dann, daß ein Wagen geschickt würde, er bat noch um einen guten Fahrer und um Benzin für sieben, acht Stunden. --
Sieben, acht Stunden, dachte er stumpf, am Schreibtisch hockend. Ohne zu denken, öffnete er die Schieblade und nahm einen Plan auf Leinwand heraus. Da fahr ich wieder zu einem Toten, murmelte er hülflos. Wenn sie nur noch lebte, nur noch ... Auf ein Räuspern hinter seinem Rücken wandte er sich um und sah Bogner dasitzen, das Telegramm in der Hand, das er nun langsam zusammenlegte. Dann blickte er auf, sah ihn ruhig an und sagte:
»Sie können trotzdem mein Bild ansehn. Ich will es hereinholen.«
Er sah Bogner aufstehn, zur Tür und auf den Flur treten, wo an der Wand das Bild lehnte, mit einem Tuch verhangen, so hoch wie Bogners Schulter. Er trug es herein, löste die Tücher ab, -- es hatte noch keinen Rahmen, -- und lehnte es schräg gegen den Pfosten der Schlafzimmertür.
Georg schauderte leise. Da war Nacht, tiefes Dunkel, braun, grünlich, das herunterhing; ganz tief unten zur Linken war Helle und ganz kleine Gestalten. Die Höhe des Raumes schien ungeheuer, er stieg oben in die Nacht auf, undeutlich waren Pfeiler sichtbar, ganz fern, aber kein Gewölbe, nur Nacht und ein, zwei weißliche, gelbliche Flecken von Sternen. Unten links war eine Fensteröffnung, durch die breit ein Lichtstrom hereinschwoll und zerstäubte an einer stehenden Gestalt in der Mitte des Bildes, die einen Arm, vom Schreck betroffen, nach links von sich streckte. Unterm Fenster, im vollen Licht war ein Tisch gedeckt, dahinter, geduckt vor Schrecken, ein Mensch. Und links daneben, hochangelehnt, die Arme leicht ausgebreitet, die flachen Hände auf der Tischplatte, ganz golden von Licht, -- der Christ.
Emmaus ... zog es fern durch Georgs Staunen. Oh diese ungeheure Nacht! Und Nachtstille und Geschehn. Das Göttliche blühte schweigend aus dem Lichtstrahl auf und sah sich um. In der Nacht draußen war die ganze Welt, Sterne, Raum, Ebene, Getier, das Meer, die Finsternis, in unendlicher Stille.
Von der Gartentür her sagte der Maler:
»Ich sah dies in einer Kirche in Venedig. Die Wölbungen waren nicht so hoch, es war dunkel, nur in einem fernen Seitenschiff ein Lichtschein. Als ich hinging, saßen dort ein paar Priester und spielten Karten. Das alles hat sich im Laufe der Jahre sehr verändert.«
Nach einer Weile hörte Georg des Malers Stimme wieder:
»Und als ich eines Tages zufällig Conrad Ferdinand Meyers Gedicht zu lesen bekam, >die tote Liebe< heißt es, glaube ich, Sie werden es kennen ...« Georg hörte die Eingangsverse: Entgegen wandeln wir -- Dem Dorf im Sonnenkuß -- Fast wie das Jüngerpaar -- Nach Emmaus ... Und den Schluß: Da ward die Weggesellin -- Von uns erkannt -- Da hat uns wie den Jüngern -- Das Herz gebrannt ... und dazwischen die Stimme des Malers weiter: »Da traf mich dies einmal: Da hat uns wie den Jüngern -- Das Herz gebrannt ... Denn -- -- es ist so, daß wir wie die Blinden daherwandern, und die Augen gehen uns auf, wenn es zu spät ist, immer hinterdrein, und -- wir wissen es nie gut; wir wissen es immer nur besser.«
Da hat uns wie den Jüngern das Herz gebrannt ... Immer wieder schlugen die Worte an. Wir wissen es nie gut, -- wir wissen es immer nur besser ... Und nun war Helene tot, die -- Mutter tot, -- Mutter, -- nicht meine, dachte Georg ratlos und konnte nichts anfangen mit dem Gedanken. Gott sei Dank, sie hat es nie gewußt! mußte er aufatmen. Aber wenn sie doch noch lebte? -- In Liebe Renate. Ach, aus diesem Grunde schrieb sie: in Liebe! Georg biß sich auf die Lippen, jagte den Gedanken davon und fragte sich: Warum hat Magda nicht telegraphiert? Warum hat sie nicht telephoniert? Weil sie mich neulich schon zu einem Toten rief. --
Und -- ach du mein Gott -- nun schon wieder fort von Cordelia! Sein Herz verbitterte sich! Ist man einmal glücklich, so kommt was dazwischen! Ja, dann muß ich alles verschieben, jetzt länger in Helenenruh bleiben und mit Renate, -- aber wie kann ich es recht anfangen mit ihr, wenn Trauerzeit ist? Schöne Gedanken, mein Georg, schöne Gedanken! -- Er biß sich auf die Lippen. --
Sieben Stunden dauerte die Fahrt wenigstens, -- oh diese Ungewißheit! -- Georg schwankte, ob er nicht in Helenenruh anrufen sollte, -- oder in Trassenberg, aber bis die Verbindung hergestellt war, konnte eine Stunde vergehn. Nein, nein, lieber die Ungewißheit! -- Er erhob sich und klingelte. Zu Egon, der alsbald eintrat, sagte er, er müsse gleich nach Helenenruh, er habe schon einen Wagen bestellt, seine Mutter ... Egon sollte mit den Koffern im nächsten Zuge fahren. --
Unterdes hatte Bogner die grüne Stoffhülle vom Boden aufgenommen. Georg trat auf ihn zu, faßte seine Hand und brachte heiser hervor, der Maler möchte das Bild dalassen, er wisse nicht, was er ihm dafür geben könne, -- und da der Maler freundlich und abwesend lächelte, so lächelte auch Georg und meinte:
»Ich hoffe, Sie schenken es mir, -- ich werde sehn, -- ich finde schon, was ich Ihnen als Gegengeschenk -- -- wenn erst alles ...«
Der Maler nickte und sagte: »Ich weiß ja ...«
Georg blickte noch einmal auf das Bild. Ja, -- Christus war tot und mußte wieder kommen, damit sie alle glaubten. Eine hielt ihn für den Gärtner, die andern gingen, sprachen, aßen mit ihm, -- dann erkannten sie ihn, und -- ihnen brannte das Herz. -- Er fühlte sein Gesicht glühend, schüttelte sich frierend und wandte sich ab.
Minuten später stand er vor einem flachen grauen Wagen, mit Radreifen und Benzintanks beladen, und hörte zu, wie ein Mensch ihm dies und jenes erklärte. Dann saß er am Steuer, riß den Hebel an, der Wagen stieß von unten, brauste auf, rollte, er drehte das Steuer, der Wagen, gehorsam, wandte sich mit ihm um und rollte die weiße Straße hinab in den grünen Sommer. Bald lag schon das heftig durchkreuzte Getümmel der Stadt, Plätze, Lärm und Getöse, Menschen, Automobile und Pferde hinter ihm, vor ihm, schnurgerade, die Chaussee, zwei Baumreihen, in der Ferne zusammenschmelzend, unterm glühenden Himmel, und der Wagen schnurrte darüberhin, daß Georgs Körper und sein Herz erzitterten. Verschwommen kreisten die Flächen der Haide, braun, dann Moore, wieder Haide, die Straße senkte sich und stieg so schnell, daß es kaum zu sehn war, wundervoll ruhig tuckte der Motor im Innern, Georg sah in der Glasröhre neben seinem linken Fuß das schwärzliche Öl langsam tropfen und undeutlich den beweglichen Zeiger des Manometers; sein Gesicht kühlte sich wohlig im eisigen Wind, ihn packte die Lust, hinzustürmen über die sich drehende Erdkugel, schnarrend wie ein Uhrwerk. Automatisch, wenn ein Pferd, ein Wagen fern sichtbar wurde, sah er die Hand des Mechanikers nach unten greifen und den Auspuff schließen. In der Ferne dröhnte hin und wieder die eigene Hupe. Ehern, rein blau, feurig blieb das Gewölbe des Himmels. Gehöfte unter Eichen, beschnittene Hecken, Hoftore, Eggen, Dämmerblicke in Kuhställe, Geranien vor Fenstern, heranlaufende Kinder, mitflüchtende, endlich querüber jagende schneeweiße Gänse, flatternde Hühnerscharen, locker vorbeischwebende, riesige fahrende Heuberge, der fliegende blaue Schleier einer vermummten Frau in einem Automobil, das überholt wurde, -- all das flackte und spritzte in Fetzen auf und herum, und verflüchtigte sich in Augenblicken immer wieder in den stabgraden weißen Strich der Chaussee, die niemals endete, im Endlosen immer wieder aufgebrochen wurde, soviel sie in der Ferne zusammenzulaufen schien. Als die Flächen umher sich abendlich beschatteten, überließ Georg das Steuer dem Mechaniker, setzte sich in den Wagen und schloß die Augen.
Er verfiel alsbald in einen unruhigen Halbschlaf. Der Mückenstich auf seiner Wange brannte und juckte wiederum, er rieb und kratzte ihn und träumte dazwischen, so leicht, daß er selber wußte, er träumte. Er träumte, daß er im Automobil fuhr und in Helenenruh ankam, aber es kam nicht ganz dazu, er wachte wieder auf, schlief wieder ein und fuhr wieder, gelangte auch nach Helenenruh, aber es war alles dunkel, kein Mensch zeigte sich, und das Haus war ein ungeheurer, niedriger Langbau, an dessen Fenstern zu ebener Erde er hinunterging; hinter einem von ihnen sah er Menschen in einem Zimmer, die ihm etwas Liegendes verdeckten, und er dachte: Sie wollen es mir nur verbergen ... Seine Wange juckte wieder, er war wach, scheuerte sich und sah, daß es dunkel war, und daß die Chausseebäume, von den Scheinwerfern weithin beleuchtet, vorauseilten, kalkbleiche Gestalten zu Hunderten; dann tauchten drei Radfahrer auf und glitten dicht an ihm vorbei, zuletzt eine Frau in roter Bluse, die halbumgedreht einem kleinen weißen Hunde etwas zuschrie, der kläffend gegen den Wagen ansprang.
Georg ging nun an einer langen Mauer hinunter, er wollte zum Begräbnis seiner Mutter, es war schon spät, und er konnte den Eingang zum Friedhof nicht finden, der hinter der Mauer lag. Auf einmal kamen dunkel gekleidete, ernste Leute von allen Seiten, die sonderbare Gegenstände, unenträtselbare, in den Händen hielten, und er dachte bei sich: es sind die Leid Tragenden. Dabei merkte er, daß er selber nichts hatte, er mußte seines zu Hause vergessen haben, suchte vergebens und mit großer Verzweiflung an sich, aber es war nicht zu finden, -- es zu holen, war es viel zu spät, er war auch schon mitten unter den Leuten und hielt sich beschämt dicht hinter den vor ihm Gehenden, immer besorgt und beklommen, daß es gemerkt würde. Nun sah er aber, daß sie gar nicht Alle etwas hatten, -- nein, es hatte überhaupt niemand etwas, er atmete auf und schalt sich, daß er sich eingebildet hatte, man müsse etwas haben, und indem verschwanden die Letzten durch ein kleines Mauerpförtchen. Als er dort anlangte, kam gerade Benno von der andern Seite, unbegreiflich gekleidet, und fragte ernst: Willst du auch zum Grabe? -- Ganz erleichtert wußte Georg nun, daß nicht seine Mutter tot war, sondern Christus, aber das war schon lange her, und hier war sein Grab zu sehn, es war in Jerusalem. Als sie nun durch einen großen Garten gingen, wo unter weitstehenden, mächtigen Bäumen hohe, gelbe Narzissen, einzeln und in Gruppen, aus dem niedrigen Grase ragten, sagte er zu Benno: Sonderbar! so hatte ich mir Palästina gar nicht vorgestellt. -- Ja, so ist es in Okrodia, sagte Benno, und Georg verstand nun alles, nur war es jetzt nicht Benno, mit dem er ging, sondern einer der beiden Jünger von Emmaus, und er selber war der andre. -- Nun war da vom weiten ein Gebüsch zu sehn, große, dichte Hügel von blühendem Rhododendron, rot und auch etwas weiß, und daneben kniete Maria Magdalena, Menschen in langen Kleidern standen um sie herum, auch andre in Gruppen anderwärts, und durch diese hindurch sah Georg die Tür des Grabes an einer Felswand offen, und Benno sagte: Das Begräbnis ist doch schon vorüber, wir können aber hineinsehn. -- Georg geriet im Weitergehn an eine Gruppe von Menschen, die sich unterhielten, er dachte: sie beratschlagen wegen Pilatus, aber als er zuhören wollte, sprachen sie gar nicht, sondern standen bloß da, und keiner sah ihn an, er stand bei ihnen und schwieg und dachte: Das dauert ja endlos ... Zwischen den Beinen der Leute wurde Maria sichtbar, es war Cordelia, sie kniete und suchte auf der Erde, weinte heftig und sagte: sie haben ihn fortgetragen ... Ja, weiß sie denn nicht, daß er auferstanden ist? dachte Georg verwundert und wollte es ihr sagen, aber nun war er am Grabe und sah hinein. Stufen führten hinunter, ein großer, fremder Mann lehnte halb sitzend unten an einem Tisch, vor ihm stand Bogner und sprach unaufhörlich, und der Fremde war Josef von Montfort. Georg dachte enttäuscht: so habe ich es mir nicht vorgestellt! und ging an der andern Seite zur Tür hinaus, wo er Magda und Renate ganz eilig in ein kleines, dunkles Tal hinuntergehn sah; er folgte ihnen, indem er dachte: Sie wissen den Weg ja gar nicht, nach Emmaus geht es doch auf der andern Seite! aber er konnte sie nicht einholen, da seine Knie sich nicht bewegen ließen, er blieb immer auf der selben Stelle, stöhnte und ächzte verzweifelt, konnte endlich die Füße einen um den andern sehr langsam vorbringen, aber nun waren die Beiden verschwunden, ihm war sehr beklommen, daß er sie hatte falsch gehen lassen, er bewegte sich mit qualvoller Anstrengung weiter, wußte, daß er viel zu spät kommen würde, sah aber nun ein helles Licht aus der Ferne nahn, einen Menschen, der einen strahlenden Silberkelch vor sich trug. Das Gesicht war das seines Vaters, aber der Mensch war sein Vater nicht, es war Christus, und Georg brach in Tränen aus vor unsäglichem Glück, daß er ihm hier entgegenkam, er legte den Kopf an jene Brust und weinte endlos lange, in namenloser Wonne, zu weinen.
Als Georg erwachte, war ihm die ganze Brust noch so voll von Tränen und Schmerzensglück, daß er die Trockenheit seiner Augen nicht begriff. Es war Nacht, der Fahrtwind umsauste kalt sein Gesicht, im mächtigen Licht der Scheinwerfer bog sich die Doppelreihe schimmernder Stämme vor ihm auseinander und gleichfalls die Doppelreihe von hohen und aufrechten, kalkweißen Steinen, ähnlich Leichensteinen, die zwischen den Bäumen am Grabenrand standen; dahinter war die erst dämmrige, dann dunkle Grotte der Wipfel, auf die der Wagen zuschoß, ohne sie je zu erreichen.
Georg suchte nach seinem Traum, aber es zerstob alles vor ihm, nur das sonderbare Wort, das Benno gesagt hatte, schwebte noch eine Weile vor ihm, hieß aber dann richtig Arkadien, worauf ihm einfiel, daß sein Korpsbruder Schwalbe ihm einmal die Birken seiner Heimat so beschrieben hatte. Seltsam, daß auch Montfort, dieser Träumedeuter, hineingeraten war ... Und so blieb ihm schließlich nur sein Weinen unvergeßlich. Ach, dachte er, wo gäbe es eine Brust, an der sich so weinen ließe! -- Renates gedachte er, nun würde er sie sehn, aber wie war alles anders! Er würde wohl für eine Weile mit seinem Vater nach Trassenberg gehn müssen, wenn der nicht etwa in Helenenruh blieb, aber seine Mutter würde doch jedenfalls in Trassenberg beigesetzt. -- Da merkte er, wohin seine Gedanken voraufgeeilt waren, schalt sich erbittert, der Vers fiel ihm ein: Da hat uns wie den Jüngern das Herz gebrannt ... aber das seine brannte nicht, ihm war kalt vom Winde und heftiger Erregung vor dem Kommenden. Frierend zog er seinen Mantel an, hockte vorgebeugt und trieb innerlich mit wilder Ungeduld Fahrer und Motor an, schalt halblaut, wenn immer wieder gebremst wurde, da ein Dorf durchkreuzt werden oder der Fahrer eine Wegtafel lesen mußte. Gottseidank! er erhaschte von einem Wegweiser das Wort Böhne und die Buchstaben km, aber die Zahl entging ihm. Nun wartete er in immer kälterer Erregtheit, endlich tauchten die ersten Häuser von Böhne auf; der Wagen rauschte laut und langsam durch dunkle Straßen mit wenig Laternen, an erleuchteten, großen und gardinenverhangenen Scheiben der Restaurants vorüber, über den schräg ansteigenden Marktplatz, wo innerhalb der Lorbeerbäume und Efeuhecken in Kästen vor dem erleuchteten Ratskeller noch Menschen saßen, dann in enge Gassen hinein, um eine Ecke, wo Georg durch eine offene Tür mit geriffelten Gläsern über drei Stufen die Ecke eines Holztisches sah, einen Kutscher in blauem Fuhrhemd vor der Theke, dahinter die blanken Messingkrahnen und unter einem bunten Öldruck der Kaiserin den Wirt, ein rotes Gesicht, der von drei Gläsern mit hellem Bier mit einem kleinen Brett den Schaum niederstreifte. Nun über die Brücke, das Wasser war von schwarzen Bäumen und Zweigen verhangen, der Wagen warf sich hin und her auf dem Kopfsteinpflaster der Gartenstraße, wo in der Tiefe der Gärten, hinter Bäumen und Gebüschen die weißen Landhäuser schliefen, und nun endlos die Eisenbahnstraße neben dem Plankenzaun hinunter; eine Rangiermaschine schnaufte roten Funkenregen, da flog der gelbe, häßliche Bahnhof mit erleuchtetem Zifferblatt links vorbei, sie waren auf der Landstraße, der Wagen ruckte an und schoß davon wieder in die Nacht, zwischen den Stämmen der schwertragenden Apfelbäume auf die dunkle Laubgrotte der Ferne zu.
Noch fünf Minuten, sagte Georg. Eigentlich mußte es eine schöne Fahrt sein durch die Nacht, aber er empfand es nicht, saß eiskalt und zitternd, die Uhr, deren Zeiger er nicht sehn konnte, in der Hand, an der Aufziehkurbel drehend, ganz heiß war die Uhr. Plötzlich tauchten Rampe und Fensterreihen und der vorderste weiße Turm von Helenenruh aus der Nacht, hell sichtbar im Scheinwerferlicht, es ging die Rampe empor, der Wagen stand vor dem erleuchteten Portal, aus dem ein Diener eilte, der den Schlag aufriß, und Georg sah Magda im Innern über der Stufenreihe, blaß und viel verweinter, als nach dem Tode ihres Vaters. Sie kam herunter, Georg verwickelte sich mit den Füßen im Aussteigen in die Reisedecke, strauchelte und fiel Magda in die Arme; er atmete den wohlbekannten Duft ihres Haares, als sie die Stirn an seine Schulter drückte, stammelnd unter heftigem Schluchzen: »Alle -- -- Alle -- gehn fort! Esther, -- und Papa, und nun --«
Also tot ... tot ...
Ja, es war furchtbar für sie, furchtbar ... Georg streichelte ihren Rücken, sie machte sich los, trocknete ihr Gesicht, nahm seine Hand und führte ihn über die Treppen in den Klaviersaal, wo ihm Renate entgegenkam, schwarz gekleidet und mit verweinten Augen. Er warf den hellen Mantel ab und ging in seiner kalten, schrecklichen Beklemmung durch all die hellerleuchteten, fremd anmutenden Zimmer, voll steifer Möbel und großer, reicher Schränke mit Schnitzwerk oder Einlegearbeit, bis zum Zimmer seiner Mutter. In der Tür blieb er stehn.
Es roch stark nach Rosen. Der große und hohe Raum war mit Nacht gefüllt, in der Tiefe brannten zwei silberne Armleuchter mit vielen, rötlich strahlenden Kerzen; unter ihnen war ein weißes Lager, davor Rücken und Hinterkopf von Georgs Vater, der gebückt saß. Im Schatten hinter den Lichtern sah Georg die runden Wipfel von Lorbeerbäumen. Zu seiner Rechten sah er an einem, vor langer Zeit einmal erblickten, dunklen Empireschreibtisch unten die vergoldeten Löwenfüße schimmern, aus denen die Säulen wuchsen, dann auch das Gold an Eckenbeschlägen und den Knäufen kleiner Schiebladen; rötlich glänzte die Politur. -- Georg stand furchtsam, hülflos, traurig und gelähmt. Endlich zwang er sich vorwärts zu gehn.
Sein Vater bewegte sich nicht. Georg blieb hinter ihm stehn, -- es ist ja nicht meine Mutter, dachte er verstört und sah über einer goldenen Decke zwei steife, gelbliche Hände mit den Fingerspitzen gegeneinander gelegt; darunter kam ein Lilienkelch hervor. Dann steifes Leinen und Spitzen, eine Halskrause, und nun ein Gesicht, ganz klein, gelblich mit sehr hagrer und gebogner Nase, -- mein Gott, wer ist das? -- fragte Georg sich tief erschreckt und gewahrte nun die große, dunkle Locke, die unter der Ohrmuschel hervorquellend vorn auf den Spitzen am Halse lag, und sie erinnerte ihn an seine Mutter. Aber das Haar war in der Mitte gescheitelt, -- nein, es war ein ganz fremdes Gesicht! und wie war dieser Mundwinkel seltsam gebogen! wie -- hülflos ...
Georg sah und konnte es nicht verstehn. Es ist, sagte er sich, es ist -- ja, -- es ist ein Gebilde, was ist es nur? Es lebt ja nicht, Gott, es ist ein Mensch, aber sie lebt ja nicht! Es kann sich nicht bewegen, und wie gelb es ist, -- es ist ja gar nicht wie -- wie von Natur, es ist -- -- erstarrt, aber -- -- das giebt es doch nicht ... Ein Leichnam ... dachte er schwer und fühlte sich fast erleichtert, da die Tote nichts wahrnehmen konnte. Oh Gott, dachte er zerknirscht, dies ist ja nur zum Begraben, was soll man damit, wo ist denn die Seele? --
»Vater --« sagte er leise.
Der Herzog bewegte sich, nahm das Gesicht aus den Händen und wandte es. Undeutlich sah Georg die vom Licht abgekehrten Züge, Augen, einen starrenden Bart und darüber, vom Licht durchsickert, das zerrüttete Haar. Eine Hand ergriff seine Linke und preßte sie schmerzhaft, dann stand er dicht vor der Toten, hörte eine rauhe Kehle etwas hervorstoßen und sich räuspern, dann die Worte: »Wohl ist ihr -- -- wohl -- -- und --«
Es brach ab; Georg sah, wie sein Vater den Kopf in die Hände stieß und sich schüttelte und so maßlos schluchzte, daß ihm selber die Tränen in die Augen stiegen, und er legte zaghaft eine Hand auf die Schulter unter ihm.
Wie sie Alle weinen, dachte er bekümmert und fremd. -- Ach, sie weinten über das, was sie verloren hatten, -- ja, freilich, -- ich habe nichts verloren, dachte er bitter und vorwurfsvoll gegen sich selber. -- Irgend etwas ward ihm plötzlich zuviel, er drehte sich um und ging leise wieder hinaus.
Im Klaviersaal fand er Renate und Magda am Harmonium. Renate saß, Magda lehnte müde, halb sitzend am Deckel. Sie sahen sich schweigend an, dann fragte Renate etwas leise, das er nicht verstand. Unfähig gegenzufragen, sagte er:
»Wie, wie kam es denn?«
»Gestern«, sagte Renate, zu Magda aufsehend, »ging es ihr so viel besser, nicht wahr? sie sagte noch, sie fühlte sich ordentlich jung. Den ganzen Nachmittag und Abend war sie mit uns zusammen. Heut morgen kam sie auf einmal zum Frühstück herein, -- ich sehe sie noch, in ihrem gelblichen Morgenkleid, ich stand am Fenster, du warst noch nicht im Zimmer. Dann -- dann frühstückten wir zudritt, und auf einmal -- sah sie uns groß an und sagte -- ihr würde so sonderbar ...« Renate schwieg. Ganz leise sagte sie dann: »Plötzlich -- -- plötzlich sagte sie: Ich glaube, ich --, senkte den Kopf und legte die Stirn auf den Tisch. Und dann -- -- dann fiel der eine Arm herunter.«
Renate schluchzte plötzlich auf und stammelte, das Gesicht im Taschentuch.
Georg hätte gern den Arm um sie gelegt, verbot es sich heftig und dachte: Darüber weint sie nun? Seltsam, worüber Frauen weinen.
Er ging wieder durch die Zimmer zurück zu seinem Vater und fragte ihn leise, ob er sich nicht niederlegen wolle, er selber würde wach bleiben die Nacht. -- Eine Zeitlang blieb sein Vater unbeweglich, erhob sich dann, Georg reichte ihm seine Stöcke und fühlte sich plötzlich von ihm an die Brust gerissen und heftig geküßt. -- Nun hat er nur noch mich, dachte er beschämt und angstvoll. -- Er sah seinen Vater hinaushumpeln, stand noch eine Weile, ging dann durch die Zimmer zum Klaviersaal, löschte dort und zurückkehrend überall das Licht und setzte sich auf den Stuhl neben die Tote; aber bald schon stand er behutsam auf, fühlte Müdigkeit und ging zum Schreibtisch seiner Mutter. Im Stehen zog er diese und jene kleine Lade auf, sah Briefbündel darin, ein Medaillon, kleine Stöße alter Photographien, und öffnete endlich die breite Schieblade unter der Platte. Sie war unordentlich gefüllt mit hineingeschobenen Briefen, mit und ohne Umschlag, zusammengefalteten und ausgebreiteten Blättern. Obenauf lag eine Mappe, mit einem alten Brokatstoff überzogen. Georg nahm sie heraus, die Bänder hingen offen, er schlug die Deckel auseinander und sah, daß es die Verse waren, die er seiner Mutter zu Weihnachten abgeschrieben hatte, mehrere große Bogen ineinander. Auf der Titelseite stand in gemalter Lateinschrift der alte Sonnenuhrspruch: Vulnerant omnes, ultima necat. -- Alle verwunden, die letzte tötet. Georg übersetzte es sich, an den Anfang eines Gedichts erinnert, das er nach dem Uhrspruch gemacht hatte. -- Darunter stand: einige Gedichte für meine Mutter zu Weihnachten von Georg. --
Er setzte sich nun traurigen Herzens und dachte, die Gedichte zu lesen, warf einen Blick, halb andächtig, halb bittend auf die Tote zurück und las das erste Gedicht:
Jetzt bin ich jung, und es läßt mir der sanftere Abend Oft die Beruhigung schmeichelnder Lieder zurück. Sonst die Gedanken in alternder Schwermut begrabend, Find ich in ihnen ein seltsam befremdendes Glück.
Werde ich alt sein, so möcht ich das Wunder am Morgen Gerne erfahren, wenn Rosen das Zwielicht durchsprühn. Daß mir doch einmal aus Feldern der kindlichen Sorgen Lächelnd durch Tränen die Blumen der Freude erblühn.
Er sah noch eine Weile auf die stark geschwungenen, sehr ornamental gezogenen Buchstabenreihen und wagte nicht recht, eine Meinung von dem Gedicht zu haben, da er es gleichsam wie ein Totenopfer las. Er schlug die Seite um, -- da sah er auf der, von ihm leer gelassenen Rückseite des Blattes Schriftzeilen von der Hand seiner Mutter, ein Gedicht, und es war dasselbe, das er eben gelesen hatte. Er schlug die nächste Seite um und hatte denselben Anblick, nur daß dort: Elegie stand, die Überschrift des zweiten Gedichts, und so fort durch die Blätter bis ans Ende, alle die Gedichte hatte sie sich abgeschrieben, sie hatte ja zuweilen über die Schwierigkeit geklagt, seine Handschrift zu lesen, -- jetzt krampfte Georgs Herz sich zusammen, er dachte noch, welche Mühe das Abschreiben sie gekostet hatte, -- sie, die überhaupt nur eine Stunde am Tage zu solcher Arbeit fähig war -- denn sie hatte die Abschrift immer auf die Rückseite des Gedichts geschrieben, hatte also fortwährend hin und her blättern müssen ... Georg fühlte seine Kehle zugeschnürt, es jagte ihm glühendheiß in die Augen, -- so hat sie mich geliebt! dachte er noch, schlug die Hände vor das Gesicht, und im Bemühen, nicht laut zu sein vor der Toten, erstickte er fast vor Schluchzen in seinen Händen, rang mit sich, warf Kopf und Arme über die Schreibtischplatte, schluchzte laut, stand auf, wankte blindlings zu der Toten hin und fiel bei ihr nieder, stammelte, verbrennend in Scham: »Vergieb mir, o vergieb mir doch, Mutter, daß ich so schlecht --« und fand kein Ende mit Weinen, immer wieder von innen sich mit Anklagen und Vorstellungen ihrer Liebe, ihrer Einsamkeit, ihrer unsäglichen Verlassenheit und Armut emporstoßend, bis er erschöpft, heiß überströmt und aufgelöst in Schmerz sich im Stuhl wieder fand, am Schreibtisch, und begann weiter zu lesen. Er las die Schrift seiner Mutter, zuerst die Elegie und in ihr zuerst die mit Bleistift unterstrichenen Worte: Heiliges Kindheitsland, wo bist du? -- und tiefer die ebenfalls unterstrichenen:
Aber es ist uns gegeben kein Raum uns zu ruhn, als zu Füßen Hinzubetten uns dort, wohin wir abends gelangt ...
-- die ihn wieder zittern machten vor Mitleid, da sie ihm wie für sie geschrieben schienen. -- Einige Zeilen unterhalb dieser Worte hatte sie eines nicht lesen können und eine Lücke gelassen; >sicher< mußte es heißen; er wäre fast wieder in Tränen ausgebrochen bei dem Gedanken, daß sie immer eine Lücke hatte lesen müssen ... Dann sammelte er sich und las:
Einer vergänglichen Welt entsproßt und seit alters leibeigen, Seh ich entgleiten die Zeit, Sand in verrieselnden Sand. Was ich empfange als Gold in die mühsamen Hände, es rinnt als Staub, unfruchtbarer Staub auf den entfliehenden Weg. Vor mir leuchtet der Pfad und erreichbar himmlische Landschaft, Städte und Wälder, der Strom, Berge zum Äther getürmt, Berge, beladen mit Wolken gleich Ballen voll göttlicher Schätze, Hinter mir dämmert aus Nacht trostlos zerfallende Welt. Finster im Zwielicht der Sterne, der ruhigen, kühlen, erheben Sich die Ruinen, einsam, Mauern, ein Baum oder Turm. Heiliges Kindheitsland, wo bist du? -- ach, und mich fröstelt! Stets auf der Wandrung, wie gern möchte zurück man, das Haupt In dem Vergangenen ruhn, in bekannte, erleuchtete Räume Treten, wo Wand auch und Bild grüßt und ist freundlich gesinnt. Wo vor dem Schlafengehn man sicher sich fühlt und erleichtert Nickt zu den Sternen hinauf, gütiger Müdigkeit froh. Aber es ist uns gegeben kein Raum uns zu ruhn, als zu Füßen Hinzubetten uns dort, wohin wir abends gelangt. Ja, auch das Fremde ist gut; das Weib auf eigener Schwelle Schenkt von dem Überfluß liebreicher Mienen auch uns. Freundliches Wort gedeiht ja auf Erden, -- die Züge auch Fremder Scheinen nicht achtlos, und nur innen ist jeder für sich. Innen tönt immer die Mühle, die eherne, welche die Körner Mahlt der stürzenden Zeit: Immer gefüllt von dem Schwall, Stehen wir tönend und rauschend im Ewigen, mahlende Mühlen, Schwarz auf den dämmrigen Kreis der Horizonte gestellt.
An Lornsens Mühle dachte ich dabei, erinnerte Georg sich dumpf und drehte langsam das Blatt um. >Klage< las er; in diesem Gedicht war nichts angestrichen.
Wir sind heimatlos, wie sind heimatlos, Unsre Welt ist viel zu groß. Unsere Lampen brennen viel zu grell, Alle Wege enden schnell.
Dunkel schäumt in uns das Blut und läuft, Sehnsucht, die nach innen träuft, Hebt mit Geisterhänden aus der Bucht Schwer empor des Lebens Frucht.
Oft -- verfinstert sich ein Nachmittag -- Harren wir gewitterzag, Schwüle drückt an unsrer Stirnen Rand, Heiß und hastig seufzt das Land.
Doch, hier waren zwei kleine Striche seitwärts neben >Rand<. Seine Mutter hatte das Gedicht zuweit rechts angefangen, nun kam sie mit dem Raum nicht aus, -- Georg betrachtete wehmütig ihre ein wenig englisch aussehende, sehr vorwärts flüchtende Schrift, mit langen, darüber fliegenden t-Balken, d-Haken und u-Strichen, die sehr weit und flach hingezogenen Verbindungsstriche zwischen den kleinen Buchstaben, die dem Ganzen einen Schein von straffer Flüchtigkeit gaben, und diese Art, die letzten Worte der Zeile, wenn der Raum nicht reichte, umzubiegen nach unten, so daß in diesem Gedicht fast alle Zeilen wie mit Haken am Seitenrand festgekrallt hingen. -- Nun las er weiter:
Doch es wird nur Nacht und tot und dicht, Fortgezogner Wetter Licht Zeigt die Flur, ein bleiches Nachtgesicht, Das umdunkelt und verweint Fremd wie eine ferne Heimat scheint.
Neben den ersten beiden Strophen des folgenden Gedichts waren starke und lange Bleistiftstriche; Georg las:
O schwarzer Himmel in mir! und giebt es nichts Denn, nichts, zu schmelzen mich? keine funkelnden Azure glühender Sommer? und die Bäume und Quellen und Vogelstimmen
Sind ganz umsonst? nur tiefer im feurigen Gewoge voller Strahlen bewahrst du die Furchtbare Starrheit und die Schwere Schwärzer und drohender mir im Herzen ...
-- und erschrak, so sehr brannte sich jedes Wort, als sei es für sie geschrieben, in sein Herz, aber er hatte an sie nicht gedacht, nicht einmal, als er dies abschrieb für sie, hatte den Gram seiner so leichten Seele dahingesungen, und sie fühlte, ja, sie fühlte den schwarzen Schmerz im eigenen Kopf und die Blindheit und -- -- Verzweifelt und mit umdunkelten Augen las Georg weiter, fast aufschreiend, als er eine zitternde Linie, voraufeilend mit dem Blick unter den Worten: gekühlten Windes Balsam -- fand:
O Gott der süßen Früchte und Amselschlags, Der sanften Regen träufelt und schmelzenden, Gekühlten Windes Balsam schüttet In die geduldigen Völker der Ähren:
O senke einen kühlenden Strahl, nur ein Aufküssend Säuseln über mein Heimatland. Und tausend Ernten duften, tausend Lerchen entschwirren, geblähten, feuchten
Gefieders, Tau und Schimmer und Blütenstaub Dir auszuteilen, singendes Blau der Welt, Und an die ewige Erde preß ich Schluchzend den Mund und die Brust und weine.
Georg eilte hastig zur nächsten Seite, oh es war grausam, hier fand er die Worte unterstrichen: der Kranke seufzt, und seiner Stirn Gewicht drückt ihn zurück, -- zu meiner Strafe! knirschte er sich an und las:
Aus dumpfen Wolken taucht der trübe Mond Wie eines Kranken Antlitz aus den Kissen, Die er schon viele Jahre lang gewohnt,
Mit müdem Blick, der nur begehrt zu wissen, Ob noch im Nachbarhaus der Kranke wohnt, Der näher schon als er den Finsternissen, Daß ihn sein Anblick tröstet und belohnt.
Im Hause drüben glimmt herauf ein Licht, Das wie mit Fingern, fahlen, leichenblassen, Zitternd durch dunkle Fensterscheiben bricht.
Der Kranke seufzt, und seiner Stirn Gewicht Drückt ihn zurück. Er seufzt und weiß es nicht, Daß dort der Schimmer in der Nacht der Gassen Nur Widerschein vom eigenen Gesicht.
Angstvoll schlug Georg die letzte Seite um. Nur noch ein Gedicht, -- nein, hier war nichts unterstrichen, und er las, immer noch argwöhnisch:
Tod und Zweifel
Aus dem Haus der Freude ausgeschlossen Jag ich mit den beiden schwarzen Rossen Durch die finster schweigenden Alleen Tief hinunter, wo kein Ende dämmert.
Auf den beiden nassen Rossensrücken Stehend wie auf schwanken Nachenbrücken, Hör ich ihren Atem schnaufend gehn Und den Hufschlag, welcher dröhnt und hämmert.
Niemals kommt ein Ruf aus meinem Munde, Bleich und stumm und traurig ist die Stunde, Wo kein Stern und keine Lampe flämmert, Nur die Ebnen seh ich, die sich drehn.
Plötzlich stehn sie keuchend still und zittern, Und statt ihrer rauscht der nächtige Regen. Einem Morgenrot, das sie nur wittern, Schreien ihre Häupter dumpf entgegen.
Georg starrte auf die letzten Zeilen. Freilich --, etwas, das sie damals auf sich passend finden konnte, stand nicht darin, aber wie hörte er den dumpfen Schrei in dieser Nacht, aus der ganzen langen Lebensnacht seiner Mutter! -- -- Aber da standen ja noch Gedichtzeilen mit Bleistift auf einem Blatt, das unter die langen Heftfäden geschoben war, mit denen der Stoff des Umschlags innen zusammengehalten war, eine rohe und hülflose Arbeit, die sie selbst gemacht zu haben schien. Georg zog das Blatt hervor, es waren auch Verse, er las:
Mein Sohn war klein, Mit schwacher Hand, Warf alles um Und nichts verstand.
Nun ist er groß Und weiß genau. Ich blieb im Haus, Ich lahme Frau ...
Ja, so sprach sie von sich, so sprach sie ...
Doch weiß er wohl, Wie's um mich steht! Er giebt mirs zart, Macht zu --
Vor Georgs Augen verschwamm alles, es würgte ihn im Halse, er ließ das Buch fallen, sagte stumpf das letzte Wort der Zeile »-- und geht«, stand auf und ging durch die finstern Zimmer hinaus, trat an ein Fenster im dämmerhellen Klaviersaal, sah die Mondsichel glimmend und undeutlich über den Parkbäumen, glitt langsam auf die Erde nieder, schlug die Stirn gegen die Wand und stöhnte: Emmaus! -- Er lag stundenlang am Boden bis zum Morgengrauen, aufbrennend in entsetzlicher Scham, in Verzweiflung, in Ohnmacht, bis er todmüde wurde, sich erhob, in das Sterbezimmer ging und, ohne einen Blick auf die lächelnde Tote zu wagen, sich auf ein Ruhebett ausstreckte und entschlief.
Rubinglas
Georg, als wäre brennendes Feuer hinter ihm, jagte aus Helenenruh zurück, wie er hingekommen. Langausgestreckt im Fahrsitz, das Steuerrad auf der Brust, die verengten Augen hinter den Brillengläsern stur gradaus gerichtet, vor sich her einschlingend das stabgerade oder eifrig sich windende Band der weißen Straße, konnte er doch keine Minute lang in dieser Lage aushalten, mußte sich aufsetzen, die Füße heranziehn, sie wieder von sich strecken, wieder liegen, -- lag und ächzte leise vor sich hin, den Chauffeur neben sich vergessend, auf unerträgliche Weise gefoltert von dem einen Wort Renate, das in ihm herumrannte wie eine Quecksilberkugel im Spielzeug.
»Oh lieber sterben, lieber sterben, als noch einen Tag, eine Stunde länger den Wahnsinn ihrer Gegenwart ertragen! Was das ist mit meinem Blut, weiß ich nicht, aber es muß wohl vergiftet sein, oder habe ich sie nicht vor einem Jahr fast täglich gesehn und sie ertragen? War ich blind damals? Geblendet von Esther? Warum ists denn jetzt, als wäre sie eine lohe Fackel von Wollust und Würde -- oh satanisches Gemisch! -- und ich griffe beständig hinein und brennte? Renate, ah -- oh Renate! -- In ihrem weißen Kleid, die lange schwarze Kette um den Hals, aber an Hals und Wangen, den schon bräunlich sich dunkelnden, in den blauen Lebensfeuern ihrer Augen, in dem unsterblichen Haar von zaubrischem Braun, in ihrer ganzen, von Süße, von Anmut, von Seligkeit, von hundertfach ausschmelzendem Dasein leuchtenden Gestalt -- nichts von Trauer, -- so war sie überall, erscheinend, im Grün der Wiesen, im Dämmergrün des Parks, als doppele Phryne gespiegelt im Teich, auf der Terrasse, im Saal, bei Tafel, gegenüber zum -- oh zum Sterben, zum Sterben! -- Und dazu Magda, blaß, schwarz, ganz Jammer und Stille, und dazu Tod und Begräbnis und die Erinnerung an die Stunde der Scham, die Nacht und die hülflose Tote mit dem verzogenen Mundwinkel, jener Stelle, wo alles, was ohnmächtig, verzweifelt und ratlos in ihr gewesen sein mochte, entwichen war und seine Spur hinterlassen hatte ... Es war mehr, als ein Mensch ertragen kann.
Cordelia, süße, gute, nun hilf mir du, ja, nun mußt du helfen! Ich verspreche dir, an keine andere will ich denken bei deinem Leib, -- oh verdammt will ich sein, wenn ichs tu! -- Sein Fleisch zuckte wütend nach Umarmung. Das runde, bleiche Antlitz im düster braunen Haar -- wie einer elfenbeinenen Nonne in Eichenholz -- die dunkelbraunen Augen in süßen Verwandlungen, die sie spielte mit ihrer zierlichen Kunst, lockten ihn unleugbar trotz des Feuers hinter ihm dieses -- ah, dieses Dämons. -- Nein, Georg, stöhnte er, nein, so wäre das nicht gegangen, wie du's dachtest. Dein Plan war ganz unsinnig. Giebs zu, Georg: was stelltest du denn vor -- in ihren Augen? Ein halbes Nichts von einem jungen Mann, mit dem sich geistreich plaudern ließ. Eh du nicht mindestens etwas vorstellst, das innere Leistung zu verbürgen scheint -- ist nicht an sie zu denken. Ja, aber nun bin ich fest. So gehärtet bin ich in diesem Glutofen immerhin, daß mich nun nichts mehr anbröckeln kann, und -- innen umschließ ich mein Ziel. Das erreicht, dann -- Platz da, der Heuwagen! Oh Teufel, diese Bauern sitzen auf ihren Ohren! Wollt ihr euch zum Henker scheren auf die andere Seite, ihr Sch--«
Der Wagen jedoch, haushoch beladen mit Heu unter Leinwand, wich und wankte nicht. Die Hupe brüllte, Georg schäumte vor Wut, aber sein eigener Wagen kam fast zum Stillstand, eh der Berg vor ihm sich zur rechten Seite der schmalen Straße hinüber bewegte. Aufschnarchend nahm der Motor die frühere Geschwindigkeit wieder auf, die Landstraße krümmte sich wie getreten, Fahrtwind brauste eiskalt, und zu beiden Seiten fächerte sich gelassen die schöne Weite des grünen Landes aus, sich ziehend und dehnend unter der großen Schattenbewegung des wolkengrauen Himmels, im kühlen Licht, von Sonnenbalken selten zu überraschender Lieblichkeit unterbrochen. Die Obstbäume an den Grabenrändern, vom seitlichen Windesansturm getroffen, taumelten und überbrausten sich, allmählich ward Georg ergriffen von der gierigen Lust des Vorwärtsstürmens, dem herzlichen Beben im Zwerchfell beim Lauschen auf die so innerlich ruhige, ehrenfeste Arbeit der vernünftigen Maschine, und dem geschmeidigen Freudegefühl am Mitwinden der Straßenbeugen im unmerklichen Drehen des Lenkrads. Sein Herz begann wieder ruhigen Schlag, er atmete eben und tief, schwermutvoller ward sein Empfinden zurück, zärtlicher, häufiger das Zucken voraus in der Vorstellung der Liebenden, im immer hastiger zerdrückten Gedanken der kommenden Lüste, denen er sich vergrößert zustürzen sah wie einen rädrigen Riesen von Metall. Wenn sie bloß im Hause ist! dachte er bänglich. Und also stob er dahin, vom Magneten schienenglatt hingezogen, gewaltig im Wagen, als wälze er selber sich den Weg, Dörfer spaltend, daß es krachte, Wälder zerfurchend, Dörfer wieder, und wieder hinknatternd über das endlose Band, das unter ihm hervorfliehend sich windende, aufseufzende Band der Straßen. Da sprangen Takte in ihm auf. Worte alsbald.
Stürme an den Wäldern hin, Donnre übers Brückenjoch ...
Was war das? Ihm erschien, entgegenkommend auf hohem Damm, die Maschine eines Schnellzugs, vornübergeneigt in kolossaler Rüstigkeit, stämmig, ein Kentaur:
Eisenroß, das Morgen roch, Mitten schon im Morgen drin ...
Morgen? woher der Morgen? Ah, es war nicht der Anfang des Gedichts. Weiter:
Eisenhengst im Radgestampf ...
Nein, so: Rase ... Ja, mit hellem a-Aufklang:
Rase durch das Morgenland, Eisenhengst im Radgestampf, Glutgefüllt und lustentbrannt ...
Ich vergesse den ersten Vers! Also -- wie wars? Donnre -- nein:
Stürme an den Wäldern hin, Donnre übers Brückenjoch, Eisenroß, das Morgen roch, Mitten schon im Morgen drin.
Nun der Anfang ... Doch indem klangen andre Worte:
Feld und Wiesen farbig lohn, Hügel wandern -- Hügel spenden blauen Rauch ... Hügel wandern blau im Rauch, Silberblitzend winkt dir schon Weißdorn und ...strauch.
Ja, aber der Anfang, wie war ...?
Rase durch den ...
Und richtig: nach der zweiten Strophe umarmte der äußere Reim den innern, also:
Rase durch das Morgenland, Jage durch den Nebeldampf, Eisenhengst im Radgestampf, Glutgefüllt und lustentbrannt.
Stürme ...
Georg befand sich mitten in einer kleinen Stadt, die er für Altwedel hielt, bei langsamer Fahrt über Kopfsteinen. Vorübergehende, die sich umdrehend stehen blieben, Kinder, sah er noch glasig und verständnislos durch die inneren Gesichte, dann deutlicher düstere Läden, eine enge, aber augenscheinlich die Hauptstraße, jetzt zur Rechten ein Ungetüm von alter, gotischer Backsteinkirche, nur plumpes Schiff mit Dachreiter, -- und indem gab es hinter ihm einen scharfen Knall. Ein Reifen war geplatzt.
Georg lenkte den Wagen an den Gossenrand und hielt, der Chauffeur sprang ab. Also Mittagspause, die ohnehin einmal hätte gemacht werden müssen. Daß ich bloß meine Verse nicht vergesse! -- Eisenhengst im ... »Welcher ists, Dietrich? Der Linke? Also eine halbe Stunde dauerts wohl?«
Kalt und ein wenig zittrig kletterte Georg aus dem Verschlag in einen Haufen schon vorhandener Kinder, löste den Halsschal und ging auf der Suche nach Speisegelegenheit, aber bei innerer Beschäftigtheit ohne etwas zu sehn, die Straße hinunter. Vor einem Schaufenster stehen bleibend, dachte er, abirrend plötzlich:
Es ist doch wundersam: alles ist nur Rhythmus. Wie mußte ich bei meinen Gedanken und Gefühlen vorher auf diese Verse verfallen? Der Rhythmus stanzte die Worte heraus. Und vor allem dies: daß man, ob das Gedicht nun schwermütig sei oder heiter, solange es sich hervorarbeitet, weder das eine sein kann noch das andere, denn da ist für kein eigenes Empfinden mehr Raum, nur die Form wirkt sich, dehnt sich und glüht und bewirkt in dem Stoff, in meinem Dasein, meinem ganzen Ich -- dies absonderliche Gefühl von Angst -- ob ich es richtig mache --, von Quälerei und etwas Lust, Angstlustquälerei ... absonderlich ...
Ratskeller, las Georg, den Kopf auf die linke Schulter geneigt, in schräger Schrift von unten nach oben jenseits eines rechteckigen, von Kugellinden umsäumten Platzes, auf dem Türpfeiler eines Kellereingangs. Ja, das getünchte Haus mit Säulen war vermutlich das Rathaus. Also wanderte er zum Wagen zurück, wies den Chauffeur an, ihn nach getaner Arbeit dort aufzusuchen, wo er Essen bekommen würde, und fand sich gleich darauf, nach zerstreuter Bestellung von irgendetwas an einen Kellner, wieder bei seiner Arbeit an einem runden Tisch, jetzt schreibend auf einem Blatt aus seinem Checkbuch, weiter hastend, zitternd im Schwung:
Immer riesiger flammt der Tag, Tobend, jauchzend, hingerafft, Spaltest du mit Götterkraft Eichenwald und Tannenschlag.
Wirfst die Dörfer hart zur Seit, Und die Ebne staunt und schwillt, Wie dein Atem heiser schreit Und du lärmst durch das Gefild.
Worauf er unverzüglich anfing, das Ganze von vorn durchzuarbeiten, jedes Wort aufzuheben, umzudrehn und wieder hinein zu prüfen, andre einzuwechseln, streichend, wieder streichend, hineinklammernd, endlich das Ganze noch einmal schreibend und nach mehrmaligem Streichen ein drittes Mal, worauf er, zum ersten Entwurf zurückkehrend, lauter Unwählbarkeiten fand und, erschöpft ins Leere aufschauend, nach einer Weile bemerkte, daß Schüsseln mit Essen vor ihm standen. Er aß, aber die Versworte, freiwillig gegeneinander weiter hadernd und sich verfitzend, ließen nicht ab, ihn zu peinigen, er stand endlich auf, während eben der Chauffeur hereinkam, bestellte eine Mahlzeit für ihn und trat wieder ins Freie.
Ein leichter Regen wehte nieder. Die Kirche war protestantisch und daher geschlossen. Um sie herumgehend, fand er eine gebogene kleine Gasse, in deren Hintergrund er etwas wie die Auslage eines Antiquitätenhändlers zu entdecken glaubte und hinzuging.
In der Tat -- es sollte etwas dergleichen sein, jedoch enthielt ein, das Schaufenster füllendes Regal fast nur Sachen von heute.
Ja -- fiel ihm ein -- und gesetzt, es wäre so, das einzige Empfinden eines Dichters beim Bilden des Gedichts wäre ein solches Mischgefühl von gequälter Lust und verzückter Qual -- was wäre die Folge für das Gedicht, seine Farbe, die sogenannte Stimmung? Ein wahrhaft reines Gedicht könnte, das wärs, weder die Farbe der Trauer noch der Freude haben, sondern -- sondern? Ein Mittel zwischen beiden, oder -- mit einem Worte: Ernst. Und das würde -- klassisch sein, weil harmonisch; das andre, das Zwiespältige dagegen wäre romantisch, -- haben wir nicht einmal darüber gesprochen, Benno und Sigurd? -- Ja, wo ist wohl Sigurd?
Ältliche Stehlampen sah Georg, schlechte Gipsvasen mit herausragenden Italienerköpfen, blindes Silberzeug in verstaubten Kästen -- dick mit Staub überzogen voll Fingerabdrücke war alles --, ein paar Zinnteller, Steinkrüge, die übliche Perlentasche, ein Bündel Pfeifen mit Porzellanköpfen und schlechte Figürchen, ausgestopfte, ruppige Vögel, Pistolen und derlei Zeug, -- und als er ins dunkle Innre spähte, ließ sich zwischen Tischen, Schränken und Kommoden aus den achtziger und neunziger Jahren noch eine hübsche Kirschvitrine bemerken, die unerkennbare Dinge enthielt.
Georg trat unter einem wimmernden Glockenlaut der Türe ein und erhielt Muße, sich umzusehn, bis aus dem hinteren Düster weiche Schritte hörbar wurden und aus einer niedrigen Tür eine bleiche und dunkeläugige Frau trat, ein Tuch um den Kopf, die Hände in der Schürze trocknend. Ein kleiner Junge, der an ihr hing, hatte das ganze Gesicht mit einem ekelhaften roten Schorf voll gelber Eiterränder bedeckt und wurde hart fortgejagt.
Einen Anfall von Ekel unterdrückend, fragte Georg nach der Perltasche, entdeckte, während die Frau dorthin ging, hinter dem Porzellangeschirr und den Tafelgläsern der Vitrine im untersten Fach etwas Dunkelrotes, öffnete und holte, freudig erstaunt, ein rotes Glas hervor, das ein wahrhaftig echtes Rubinglas war, ein grader Becher mit Fuß, ohne Verzierung, dick, hart und schwer wie Stein, nur wenig angeschrammt am Fuß, -- ein Fund. Ja, war nicht etwa ein echtes Rubinglas das Kostbarste von der Welt? Und wie er nun ans Licht vortrat, den Becher hochhielt und das helle Blutrot im dunkleren, schwärzlichen aufglühte, inbrünstig, mächtig, wie der düsterrote Blick der ewigen Lampe im schwarzen Kircheninnern -- er atmete den Weihrauch --, hatte er sonderbarerweise die starke Empfindung, so und nicht anders müsse Cordelias Blut sein.
Ich nehme es ihr mit, -- oh -- ah ja! aus diesem Kelch will ich dein süßes Blut trinken, dachte er begierig und überlegte, an den kranken Knaben erinnert, vor sich die ärmliche und verbitterte Frau, die ihr Kopftuch vor der Brust kreuzte, was ein Rubinglas für Cordelia wohl wert sein dürfte. Auf seine hingeworfene Frage, wie denn ein solches Geschäft ginge an diesem Ort, fing die Frau heftig an zu klagen, -- er hätte ja wohl gesehn, was mit dem Jungen sei, der Vater sei seiner Wege gegangen und nicht aufzutreiben, das Geschäft habe sie geerbt, im Sommer ginge es ja wohl -- Altwedel wäre doch Kurort --, aber im Winter komme fast niemand, sie verstehe auch nicht viel von den Sachen, und mehr dergleichen, was Georg zu peinlichem Mitgefühl und der Erwägung bewog, daß hundert oder tausend Mark für ihn dasselbe, tausend jedenfalls für ein Rubinglas Cordelias ein Preis sei.
Mantel und Rock aufknöpfend, um sein Checkbuch und den Füllhalter hervorzuziehn, murmelte er etwas beschämt, er habe zwar kaum so viel bei sich, wie er für das Glas zahlen möchte, aber sie würde ja wohl ... und begann ein Blatt auszufüllen, was die Frau stumm abwartend geschehen ließ. Als sie dann den Zettel in Empfang genommen und gelesen hatte, fuhr sie los: »Ja, das wäre sowas! Sone Checks, da ist schon mancher drauf reingefallen! Und denn gleich Prinz, nee, da bilden Sie sich bei mir man nichts ein! Nee, mein Herr --« Sie nahm ihm das Glas aus der Hand und stellte es hin -- »das Glas kost fuffzehn Mark, wenn Sie nich zahlen können, denn lassen Se's ebent, denn bleibt das Glas hier.«
»Aber -- aber mein --« Georg stand verdonnert, kümmerlich, und fing vor Aufregung wunderlich an zu zittern, während die Frau ihm seinen Schein in die Hand drückte. Nein, sie war gar nicht nett, die Frau, sondern sie war gemein. -- Georg holte zitternd das Gold, das er bei sich zu tragen pflegte, aus der Hosentasche, legte ein Stück davon neben das Glas, nahm das an sich und ging hastig zur Tür, dieweil die Frau, die sein Gold in der Hand wohl bemerkt hatte, sich nun auf ihren Irrtum verbiß, erst murmelnd, dann lauter hinter ihm her schimpfte: »Wolln Se Ihre fünf Groschen denn nich raus haben? Son Schwindel! Erst wolln se einen beschuppen, un denn haben se'n ganzen Sack voll. Na wenn Se nich wollen ...« Die Tür fiel wimmernd zu.
Schade! dachte Georg und erreichte, alles weitere Denken, aber nicht dies sonderbare Zittern unterdrückend, seinen Wagen. Alles war in Ordnung, er stieg ein und fuhr ab.
Ach so, dachte er dann, ich bin ja auch kein Prinz!
Und dann: Komisch! wie sie das gleich gemerkt hat!
Aber er kam nicht los von der Szene, sah sie immer wieder von vorn, und es fiel ihm auch ein, daß es vielleicht besser gewesen wäre, er hätte sie nicht beschämt mit seinem Gold, sondern ganz im ersten Glauben gelassen, indem er sie nun sah, wie sie sich zwar keine Vorwürfe machte, wie aber ihr Gemüt noch verbitterter wurde, und der Junge --, Georg sah ihn gegen eine Schrankecke fliegen und ...
Mit dem Gedanken an den Becher in seiner Tasche tröstete Georg sich langsam, der kalte Fahrtwind kühlte sein erhitztes Gesicht. Es wird mich doch ewig verfolgen! seufzte er höhnisch. Aber Cordelia -- ihr sage ichs heute. Es muß einmal sein.
Sogleich sah er mit angeregter Phantasie sich im Wohnzimmer auf dem Roßhaarsofa sitzen, sie am Fenster, wie sie gern saß, den Ellenbogen zwischen den Blumenstöcken auf der weißen Bank. Er hörte sich: Ich wollte dir schon immer etwas sagen, Cordelia, höre einmal zu ... Ihre Antwort blieb undeutlich, etwas zu erfinden gelang ihm nicht gleich, -- sie lachte wohl und sagte: Ich höre, mein Prinz. -- Ja, und nun sagte er: Eben das ists, Cordelia, du sagst und du glaubst: Prinz, aber -- du mußt wissen -- ich bin das gar nicht. Ich bin ...
Wie ungläubig war ihr Gesicht! Natürlich hielt sie es für einen Scherz, lächelte und -- aber da, auf einmal, sah er ihr Gesicht deutlich, auf dem das Lächeln erlosch! Sie wollte das verhindern, allein -- wieder sah ers: das Erlöschen der Freude, das Schwinden des Besitzes, den sie mit solcher Andacht umfaßt hatte, die Armut, die Traurigkeit ... Sollte er sie wirklich berauben dürfen, sie, die an Glück doch wohl -- was wußte er? -- sehr arm gewesen war?
Aus den innern Gesichten aufblickend, fand Georg die Breiten der Viehweiden, ein nahes Gehöft, gelbe Haferstreifen und entfernte Wäldchen sonnevergoldet unter wimmelnden Schatten des Nachmittags. Der weite Himmel war ein leicht durchbrochenes Getümmel von Blau und weißem und grauem Gewölk. Wie schön! der Abend würde klar sein ...
Ach, nun wieder das! Nun will wieder Mitleid mich stören und hindern, und schon weiß ich nicht mehr: Soll ich -- soll ich nicht? Und: wenn ichs lasse, lasse ichs wirklich aus Gefühl für sie oder aus Furcht für mich?
Man müßte es auf die Gelegenheit ankommen lassen, vielmehr auf eine Gelegenheit passen. Warum so plötzlich erschrecken? Es kam eine ernste Stunde, ein Gespräch der bekümmerten Seelen, wo die schmerzlichen, aber auch die schönen Tiefen des Daseins sich öffneten und zur natürlichen Form des Lebens wurden, -- wie wog dieses dann leicht, Geständnis und Sache selbst ging auf im großen Strome der Leiden, auf im schwesterlich natürlichen Verstehn, und ließ ein solches Gespräch sich nicht herbeiführen, leichter als leicht, mit ihr, der Bereitwilligsten, der so unsäglich Wandelbaren?
Ach, wenn ich sie nur erst habe! -- Sein Mund sank ein in den weichen Marmor ihrer immer kühlen Brüste, seine Hand tastete nach dem Süßesten, seine Augen ... Er riß sie krampfhaft auf, starrte durch Schleier auf ferne Punkte von Menschen oder Wagen zwischen den Baumzeilen, hörte den Motor donnern, setzte sich auf und schnob: Glutgefüllt und wutentbrannt! muß es natürlich heißen, nicht lustentbrannt ...
Und es erschienen die Türme und der dunstige Häuserberg von Altenrepen ...
* * * * *
Als Georg, eiskalt am ganzen Leibe, steif und zittrig dem Wagen entstiegen, durch das Gittertor spähte, gewahrte er gleich Hesekiel; Hesekiel mit seinem Höcker in einer wunderschönen, glänzend rot- und schwarzgestreiften Dienerweste, der sicherlich wieder etwas Merkwürdiges vorhatte. Er stand im gelben Kies oben auf dem Hügel vor dem Hause, einen langen roten Wasserschlauch zwischen den Beinen, und bemühte sich, die Betunien, die über der halbkreisförmigen kleinen Vorhalle vom Balkon hingen, von unten zu sprengen, was sehr schwierig war, denn der verfluchte Strahl ging immer darüber hinaus gegen die Wand und die oberen Hälften von Glastür und Fenster, und die Blumen selber, wenn sie getroffen wurden, warfen sich so gewaltig und wild nach oben, daß es schrecklich anzusehn war. Georg, der mittlerweile den Hügel mit seinem schönen, grünsamtenen Rasenbelag, mit Rosenstöcken, Gebüschgruppen und einer prachtvollen Blutbuche zur Hälfte erstiegen hatte, blieb stehn und rief: »Hesekiel, was machst du denn da?«
Ach Gott, das hätte ich nun wieder nicht tun sollen, dachte er dann, denn nun geriet Hesekiel, sein verkümmertes, spitzes und heißes Gesicht mit der wehmütigen Mundschnirre herwendend, in abscheuliche Verwirrung. »Ach, der Herr Doktor!« -- es war unbekannt, ob Hesekiel sich diesen Titel ersonnen hatte oder vielleicht überhaupt nur Doktoren kannte -- lächelte er freudig -- allein was nun? Die Spritze hinlegen, deren Strahl sich triumphierend über ihm in die Lüfte bohrte, und zur Begrüßung hergerannt kommen, wie's ihm gelehrt worden war? Oder den Strahl erst abdrehn? oder zur Meldung ins Haus davonlaufen? -- Das war zuviel für ihn, und so tat er von jedem den Anfang in wirrem Durcheinander; tastete nach der Schraube, lief ein paar Schritte gegen Georg vor, streckte die Hand mit der Messingtrompete gegen die Erde aus, wollte davonlaufen, ehe sie lag, und blieb endlich zwischen allem, geduckt, erschöpft und ratlos sich selber verlächelnd stehn.
»Na komm, Hesekiel,« sagte Georg, dem der Strahl jetzt knatternd entgegensprang, »leg mal die Spritze hin.« Hesekiel tats gehorsam und erleichtert. »So ists schön! Und nun kommst du und giebst mir die Hand.« Hesekiel kam glücklich und verklärt. »Ist die gnädige Frau denn zu Hause?« Hesekiel nickte und deutete mit dem Daumen. »Ja, sag mal, wie kommst du denn auf die Idee, die Blumen da oben zu sprengen?«
»I wollt halt so gern der gnä Frau -- gnä Frau bissl Arbeit erleichtern.«
»Das ist brav, Hesekiel, denn man weiter!« Georg verließ den eifrigen Bediener der Natur und ging leise, nach den Fenstern spähend, zur Rückseite des Hauses, dessen grauer Stein und rotes Dach heiß glühte im starken Abendlicht, dieweil er dachte: Ach, Hesekiel! du hast eine schöne, dienende Seele im Höcker, -- kannst du mir vielleicht sagen, warum die Frau so gemein war? Ach ja -- ach! -- du kennst nur Doktoren und weder Prinzen noch Nichtprinzen ...
Georg blickte zu dem breiten Schiebefenster empor, hinter dem drinnen sein Bett stand, und siehe da, zwischen den weißen Geranien, die im grünen Gitterwerk drunter hingen, erschien die lange Tülle einer kleinen grünen Gießkanne mit gelben Reifen, und gleich darauf Cordelias Hand, Stirn und die beschäftigten Augen, die nach den Blumen spähten, und --
»Na?« sagte Georg
Sie warf vor Schreck die Gießkanne herunter. Dann war sie verschwunden. Georg hörte ihre Absätze drinnen auf der Treppe und wartete glückselig, bis sie ums Haus gelaufen kam, aber zehn Schritte vor ihm anhielt, die Hand gegen die Hausecke stützte und ihn tief und inbrünstig anblickte.
Wie schön sie ist! dachte er stumm in diesem Blick. Das Kleid, das sie trug, von dunkelvioletter Seide, war auf unkenntliche Weise ihrem Körper umgewunden; es war eine Art Empire, jedoch fast geschlossen um die Füße, und eine ganz kurze Schleppe lag am Boden. Der schöne Busen atmete sichtbar mit beiden Wölbungen und hob auf der bloßen Brust das goldne Medaillon, in dem sein Bild und Haar war.
Im nächsten Augenblick hielt er sie umschlungen, ihr Gesicht an sich pressend, den Mund in ihrem Haar, flüsternd in flutender Erlöstheit: »Da bin ich wieder! Ach, ich konnte nicht mehr!«
»Ja, bist denn meinetwillen gekommen, Georg, wirklich meinetwillen?«
»Ja doch, Cordelia, warum denn sonst?«
»Aber -- dein Vater?«
Sie sah ihn an durch Tränen unsäglicher Liebe und konnte nur die Lippen bewegen. Endlich fragte sie dann nach seinem Befinden; ob er nicht Ruhe brauche.
»Ja, ich würde mich gern etwas hinlegen. Und -- sag mal -- hast du was zu essen?«
»Ich werd schaun. Eier sind da. Und Salat. I werd halt schaun.«
Also wanderten sie umschlungen ums Haus, Cordelia verschwand in die Küche, Georg stieg ins obere Stockwerk hinauf. --
Die weiße Türe öffnend, mußte er den Atem anhalten, so erschreckend trafen ihn Glanz und Feierlichkeit, die der niedrige, kleine Raum vor ihm auftat.
Die tiefstehende Sonne flutete in vollem, glühendem Strom zu den Fenstern herein; Georg konnte zwischen den lodernden Gardinen und grünen Fuchsienstöcken -- diese waren wie aus grünem Golde gehämmert -- ihre brennend goldene Scheibe sehn. Der Raum, von güldener Woge erfüllt, glitzerte, funkelte und glänzte überall, die tiefe Lebendigkeit seines Alters, seine vielgenützte Würde und den Stolz der kunstvollen Erzeugung hier leise, hier vernehmlicher ansagend. An der rechten Wand, in den sehr dunklen Spiegelscheiben des holländischen Kastenschranks, der bis an die schweren Balken der weißgetünchten Decke reichte -- Messinggriffe und Schlösser an den Schubladen blitzten wie reines Gold -- dort war alles noch einmal, vertieft und dunkler zu sehn, geheimnisvoller: Sofa und Sofatisch gegenüber unter den Silhouetten in glänzenden Goldrähmchen und verblichenen Kreideporträten, von denen die dunkelblaugemusterte Tapete fast zugedeckt war, und daneben am Fenster -- Georg wandte den Blick vom Gespiegelten hin und folgte dann selber hinüber -- dieser Glanz war erstaunlich! Das flüssige Feuer lief in den vergoldeten Blätterleisten des hohen Spiegels, aus dessen Oberstück die arkadische Landschaft bläulich schimmerte, und, ein wenig vorgeneigt in der verschleierten Spiegelung des alten Glases wiederholte sich stiller, was auf der kleinen, goldhellen Platte des dünnbeinigen Birkentisches davor stand: der Abendmahlskelch, eiförmig aus dunkelblauem Glase, in silberne Rispen gefaßt, nach oben verlaufend vom Fuß wie die langöhrig ausgezogenen Henkel, zwischen denen der flache Deckel ruhte; dazu links und rechts von ihm starke, dunkelgelbe Kerzen in Messingleuchtern, -- was alles flammte in seiner Ruhe und Heiligkeit.
Georg drehte sich um. Da überragte in seiner Ecke drüben der schmale weiße Ofen -- stiller als alles übrige, weil vom vollen Leuchten nicht mehr erreicht -- den Ofenschirm, dessen quadratischen Grund eine satte Schicht von grünem Feuer überzog um die roten und blauen Flügel seiner flatternden Papageien.
Georg blieb auf der Sofalehne hocken, fast schwermütig gestimmt; wovon? Von soviel Anmut, Lauterkeit und feurigem Leben? Womit habe ich das doch verdient? fragte er sich still.
Der Saum weißer Stifte, von dem die schwarze Roßhaarbespannung des Sofas gehalten wurde, war ebenso vergilbt wie an den breiten Stühlen, die den Tisch umgaben. Am kleinen Sekretär mit schräger, eingelegter Platte zwischen den Fenstern war die Fournierung hier und da gesprungen, eine Kante gesplittert, das Schloß war locker, ein Griff fehlte an einer der unteren Laden. All das gehörte sich so; es waren ehrsame Narben. Hatte Jason al Manach nicht einmal von den ererbten Dingen gesprochen? Georg wußte die Worte nicht mehr, allein hier redeten sie ja selber ihre gedämpfte, aber wie vernehmliche Sprache: daß sie hervorgegangen waren, einzeln wie die Könige aus einzelner Hand, die einsam von Grund aus sie gefertigt, liebevoll, verständnisvoll für ihr Ganzes, für unendliche Zeiten bestimmt zu dauern; und da waren sie wie damals, gealtert, viel genützt und unverbraucht, nur stattlicher in ihrer alten Erinnerung, ihrem Bewahrtsein, in der schlichten Gebärde, mit der sie um sich den Hintergrund schrieben, der zerfallen war: Menschen und Geschicke.
Ja, -- und ich? dachte Georg.
Glänzend mit mächtigem Antlitz von Messing in ihrem die Decke berührenden Haupte stand die Älteste neben der weißen Tür, die standfeste Riesin, die englische Dielenuhr, die auch die Monate zu zeigen verstand; sie schlug langsam, wie im Geburtsjahr 1757, den selben gemessenen Pendelschlag, auf den hinhorchend Georg für lange Sekunden sich verlor. Sie tickt den Schritt der Sekunde, sagte er sich dann; das macht es so geruhig und wohltuend. Und wie vornehm, wie zurückhaltend war das gedämpfte Rücken im Gehäus! Ja sie war die Älteste.
Georg lächelte bitter. -- Eigentlich sollte ja ich es sein. Ich, der sich einmal einbildete, mit Friedrich Barbarossa vor Akkon gelegen, bei Benevent für deutsche Sehnsucht gefochten und vielleicht das Leben verloren zu haben ... Ihm zogen Georges Verse aus den Romfahrern durch den Sinn:
>Freut euch, daß nie euch fremdes Land geworden ...
... Wie einst die Ahnen, denen dürftig schien Die kalte Treue vor dem Fürstenstuhle: Wunder der Welt und Sänger Konradin!
Durch euer Sehnen nehmt ihr ewig teil An froher Flucht der silbernen Galeeren, Und selig zitternd werfet ihr das Seil Vor Königshallen an den Azurmeeren.<
Durch euer Sehnen ... Georg zitterte, er glühte von der triumphierenden Schönheit der Strophen. Durch euer Sehnen nehmt ihr ewig teil ...
Ja, sein Teil war das. Sehnen -- nach was? Nach oben doch, nach -- nach sich selber zu immer höherer Geburt, besser zu werden, reiner zu werden, edler, tüchtiger, wissender ... Was wollte er denn auf einem Thron?
Bin ich nicht glücklich hier? Hilfst du mir nicht, süße, teure Seele, mein Auge immer wieder nach innen zu lenken? Wohnt nicht vielleicht doch ein Gott dort innen und pocht ein ewiges Werk, pocht bei mir und wirkt bei dir in immer strahlenderen Farben das Gewebe unsäglicher Liebe? Habe ich nicht genug, ernst zu sein, unruhig zu sein im unaufhörlichen Verlangen nach Besserem? Wenn es denn schon keinen Gott giebt, das Ahnen des Göttlichen, den Zwang des Göttlichen, den Hauch von Jenseits in der Brust? Habe -- ja, habe ich nicht etwas Neues für mich allein, dachte er erleichtert in der Erinnerung an seine eigenen Verse, Neues -- nein, sondern Uraltes, Anfängliches, älter und edler und reicher sogar an Ahnen, abertausend Ahnen in unablässig geistiger Beugung? Und mag mein eigenes Handeln als Bürgschaft solchen Ahnentums noch so bescheiden sein: der alte Geist hat doch Leben in mir und Bewußtsein. -- Da stieg strahlende Heerschar vor seinen sinkenden Augen auf, Heroe gereiht an Heroe, Erzengel an Erzengel, unübersehbar, von George hinab zu Dante, zu Pindar, zu Homer, und wieder herauf im gewaltigen Schwung über unsterbliche Häupterschar zu Hölderlin, zu Novalis, zu George.
Georg legte nicht ohne Demut in der gedämpften Bewegung seinen Mantel ab, denn es trieb ihn, bei aller Abgespanntheit, seine Verse jetzt nicht unvollkommen zu lassen. Dabei schlug ein schwerer Gegenstand in einer Tasche gegen die Stuhllehne, er faßte, im Innern schon murmelnd und sich erinnernd: Hügel wandern blau im Rauch, -- danach und holte geistesabwesend das Rubinglas hervor, lächelte flüchtig und wußte vor geistiger Abwesenheit, gleichzeitig nach Schreibpapier ausblickend, längere Zeit nicht, wohin er damit sollte. Endlich hatte er die Platte des Sekretärs herunter und auf die ausgezogenen Leisten gelegt, stellte das Glas nun ins Innere vor die kleinen Laden, öffnete Cordelias Schreibmappe, fand zum Glück einen Briefbogen, holte seine Niederschrift hervor und begann, das Ganze sorgfältig durchprüfend noch einmal zu bilden. Im Schreiben der letzten Zeile hörte er hinter sich die Tür gehn und sah im zerstreuten Sichwenden Cordelia, die ganz erschrocken schien, ihn nicht schlafend zu sehn.
»Komm nur, ich lese dir was vor«, sagte er. -- »Wie du nur aussiehst!« erwiderte sie näher kommend, »ganz überwacht!«
»Schadt nichts, setz dich nur!« Sie blieb stehn, an den Kastenschrank zurücktretend, und er las, kräftig Takte herausfördernd und Reime:
»An den Schnellzug
Rase durch das Morgenland, Durch den weißen Nebeldampf, Eisenhengst im Radgestampf, Glutgefüllt und wutentbrannt.
Stürme an den Wäldern hin, Donnre übers Brückenjoch, Eisenroß, das Morgen roch, Mitten schon im Morgen drin.
Feld und Wiesen golden lohn, Hügel opfern blau im Rauch, Silberblitzend winkt dir schon Hagedorn und Holderstrauch.
Immer voller flammt der Tag, Tobend, wiehernd, fortgerafft, Spaltest du mit Riesenkraft Eichenhain und Fichtenschlag.
Schleuderst Dörfer hart beiseit, Wo die Ebne staunend schwillt: Wie dein Atem eisern schreit, Wie du rasselst im Gefild.«
»Das ist ja großartig, Georg!« Beschämt ließ er sie ihm um den Hals fallen. »Wirklich, Georg, das gefällt mir! Das ist wieder gesund und beflügelt, nicht so wie die letzten, die warn auch schön, aber so wie kranke Blumen, weißt. Ja, nun mußt du schlafen, pascholl! -- Aber was ist denn das hier?« -- Sie sah das Glas.
»Ach, dein Glas, Cordelia, da hab ichs hingestellt! Hier, das hab ich dir mitgebracht.«
Still, während er sich entzog und zwischen Stuhl und Tisch hindurch sich ins Sofa zwängte, nahm sie das Glas an, trat zum Fenster und hielt es empor, so daß es augenblicks aufloderte wie ein Juwel, blutrot.
»Ach, Georg ist das schön!«
»Dein Herz, Cordelia,« sagte er, plötzlich taumelnd von Schlafverlangen, »dein Herz -- mußt ich denken ...«
Er hörte nicht mehr, was sie sagte. Noch vernahm er Schritte, leise, dann das Niederrollen der Rulos, Schritte, das leise Zudrücken einer Tür. Die Augen noch einmal öffnend, sah er, daß es dunkler im Zimmer war, goldbraune Luft, und daß vor ihm das rote Glas stand. Eine zärtliche Wallung verging, kaum sich regend, im schweren Rieseln der Umnachtung.
Sechstes Kapitel: Juli
Requiem
Renate, an einem offenen Flurfenster im ersten Stockwerk des Nordflügels von Helenenruh stehend, als es eben Nacht geworden war, hörte Magdas singende Stimme, die im Klaviersaal die Gruppe aus dem Tartarus begann. Ein Fenster war dort offen und matt erleuchtet. Renates Augen ruhten halbgeschlossen im ungewissen Dunkel, das leise vom fallenden Regen rauschte und sich zu bewegen schien. Ein Tropfen spritzte hier und da herein, ihre Hand treffend, ihre Stirn; es war kühl. Am Himmel oben über den beweglichen, finsteren Massen der Baumwipfel war ein wenig Licht hinter gelblichem, dahinflüchtendem Gewölk. Bleich gegenüber schimmerte die Wand des Südflügels. Ohne hinzusehn konnte sie in dem erhellten Saalfenster zur Linken den Lichtschein der unsichtbaren Lampe gewahren, die in der Mitte auf einem Tisch stehen mußte, und, schräg durch den Raum hin, die hohe weiße Mitteltür samt ihrem flachen Giebeldreieck und dem fast schwarzen Porträt im Goldrahmen darüber, dicht unter der Zimmerdecke. Zu sehn war niemand.
Die Musik des Harmoniums kam sanft und wehend, -- schön, klar und kräftig kamen die dunklen Töne der singenden Stimme durch den Regenfall. Ein heftiges Aufschaudern der windgetroffenen Baumkronen überrauschte jetzt alles, es ward still, leiser der Gesang, in einer Dachrenne plätscherte hörbar die Regenflut, es klapperte, -- oder wars auf der Terrasse? -- Da stürzte mit mächtigem Aufbruch, ja wie ein großes, schwarzes Panthertier stürzte die große, tiefe Stimme mit »Ewigkeit! Ewigkeit! Bricht die Sense des Saturns entzwei!« in das Finstre, warf sich durch den Nachtstrom empor, triumphierte, senkte sich, stieß ein zweites Mal siegreich vor und schwand im Allgemeinen der Musik, untertauchend wie ein Schwan, und in den verworrenen Stimmen der Regennacht.
Renate bebte leise, frierend von Nachtkühle und dem Gesang. Lauter toste der Regen. Oh dies gewaltig gebliebene Herz in der singenden Brust! Aber oh, wie waren die Toten einsam und ganz im Freien, ausgesetzt aller windigen Geschäftigkeit der Nacht und der wimmelnden Erde! -- Da sah sie den Katafalk der Herzogin mitten in der Nacht stehn, schwarz, die großen Kandelaber, flatternd im Winde Flöre und Kerzen, das große, starkriechende Gepränge der Blumen, Schleifen, Palmwedel, umher die Schauer gedrängter Menschen, und inmitten das seltsam kleine, kaum wahrnehmbare tote Antlitz der aufgebahrten Gestalt, in weißen Kissen, gerader und viel steifer, als sonst ein Mensch liegt. Daneben war der Rücken des Herzogs, gebeugt, sein Hinterkopf, der kein Auge von der Schläferin wandte.
Aber dies verschwand, und im lichten Morgenkleide kam die Herzogin zu einer Tür herein, zu ihr, die an einem Fenster stand, einen Morgengruß hinnickend, und setzte sich an den Frühstückstisch. Sie sagte mit leichter Stimme etwas, aber Renate konnte es nun nicht mehr hören, besann sich vergeblich auf Worte, fühlte, daß sie traurig war und das schreckliche Entgleiten eines Toten, der uns nicht sehr nahe stand, ins Ungewisse. Da war das Gesicht des Herzogs, wie es langsam aus dem Wagenschlag kam, die heißen Augen, die herumfuhren, zu ihr empor, und sie wollte die Stufen hinunter; sein ganzes Gesicht war gesträubt von Bart, dann kamen unten die Stöcke zum Vorschein, er zwängte sich heraus, stand, und an Renate vorüber eilte Magdas schwarzgekleidete Gestalt zu ihm, und dann schien etwas ihn zu durchbrausen, und er hing über ...
Wollte Magda nicht wieder anfangen? Das Harmonium war sehr gedämpft hörbar, lange Zeit. Renate setzte sich auf die Fensterbank, den Rücken gegen den Rahmen gelehnt, vom Schlosse weg ins Dunkel der Parkwiese blickend. Gleich darauf ward es am Ende des Flurs hell; die Wendeltreppe, aus der Tiefe beleuchtet, ward weißgetüncht sichtbar, und von unten heraufsteigend erschien ein Diener in Frack und Kniehosen; er griff nach der Wand, die Lampe unter der Decke glühte hell auf, kam auf sie zu und bat sie, in den Saal zu kommen. Sie fragte, ob auch die Fürstin Schwester dort sei, und er bejahte.
Wenig später stand Renate vor der Saaltür und hörte von drinnen das Harmonium im sachten Vorspiel zu >Du bist die Ruh<. Sie zauderte, wartete dann einen Augenblick ab, wo der Gesang schwoll, öffnete behutsam und trat ein. An der Tür blieb sie stehn.
Auf dem ovalen Tisch in der Saalmitte stand eine Petroleumlampe von glänzendem Messing mit geradem, grünem Schirm. Aha, die selbe Lampe, welche die alte Fürstin stets auf Reisen mit sich zu führen pflegte, ergrimmt auf das elektrische Licht. Da saß sie, rechts am Tisch, und strickte, sah nicht auf, denn sie zählte gerade, die Maschen mit dem linken Daumennagel zusammenschiebend; das in Falten hängende Kinn -- Festons hatte Georg gesagt, und einen Augenblick kam Renate sein Gesicht dazwischen, verdunkelt von der schwarzen Kleidung und verlegen, weil er gescherzt hatte mitten in seiner Trauer -- gegen die Brust gedrückt, sah sie von oben schräg auf ihre Hände; eine kleine eiserne Brille hing ganz vorn auf der Nasenspitze wie ein windiges Geländer. Diese sparsame Alte trug eine gestrickte schwarze Mantille um die Schultern, aber die Hände, die aus schwarzen Pulswärmern kamen, waren über und über beladen mit funkelnden Ringen. Jetzt sah sie gegen Renate auf, dunkeläugig, rückte an ihrer Brille, musterte sie scharf, fuhr mit flacher Nadel über die aufgesträubten Blätter eines vor ihr liegenden Buches -- sie dehnten sich gleich wieder empor --, blickte hinein, blickte wieder auf und verneigte sich mit dem Oberkörper, freundlich lächelnd und nickend, während Renate zu Boden sank. Dann hielt sie ihr Strickzeug weit von sich ab, fuhr mit gewaltigem Stoß der linken Nadel hinein und rasselte darauflos, nicht ohne schräg von oben gegen die emporstehende Buchseite zu blicken. -- Renate lächelte in sich hinein, denn da die Fürstin außer ihren beiden Beschäftigungen auch wohl noch auf den Gesang hörte, so schien ihr dies eine gewinnsüchtige, aber geschickte Alte.
Links am Tisch sah Renate nun den breiten roten Rücken eines Sessels mit vergoldeter Umrahmung auf ganz kurzen Beinen. Darüber war der Hinterkopf des Herzogs, wie ein Strudel: eine tonsurhafte kahle Stelle mitten im Wirbel des großen, runden Haarschädels im Schatten der Lampe. Renates Eintreten hatte er scheinbar nicht gehört.
Und da rechts in der Ecke, halb im weißen Vorhang des offenen Fensters, war noch etwas Lebendiges, nämlich ein kleiner Greis mit glattem, rosigem Gesicht, aus dem zwei freundliche kleine Augen Renate unbeirrt anstarrten, während ihm ein rosenroter Papagei über die Hände im Schoß an der Weste hinaufkletterte, sehr mühselig, mit Schnabel und Krallen sich abwechselnd einhakend und festkrallend.
Daneben war die dunkle Türöffnung zu den Zimmern der Toten. Stand sie vielleicht darin, auch zuhörend, die Augen im sanften Licht, erleichtert? -- Aber Magda blickte vom Harmonium herüber, nickte und lächelte während des Zwischenspiels. Renate lehnte sich gegen die Tür, folgte den langsamen und kunstlosen Griffen und Veränderungen der schmalen Hände auf der Klaviatur, selber fern in unbewußten Gedanken, kaum hörend, daß jemand sang. Dann war es still im Raum.
Der kleine Greis, augenscheinlich der Mann der Fürstin, klopfte seinem Papagei auf den Kopf und erhob sich. Die Fürstin sah auf, räusperte sich stark zum Herzog hinüber, zog, da er sich nicht bewegte, eine Nadel aus dem Strumpf, zeigte damit auf Renate und sagte: »Nun sie!«
Magda erhob sich. Jetzt bewegte sich der Kopf des Herzogs, einen Augenblick wurden seine Stirn und Augen über der Sesselwand sichtbar, dann stand er schwer auf und sagte heiser: »Guten Abend.« Und zu den Andern: »Bitte, dies ist Fräulein von Montfort.«
Der kleine Fürst kam zierlich und ein wenig schlotternd im Gehrock herbei, den Papagei an die Brust gedrückt, und verneigte sich sehr tief.
»Setz dich nur!« schrie die Fürstin. Er machte mit der rechten Hand eine Muschel am Ohr und hielt es ihr hin, aber sie sah es nicht, und während er sich, Renate zulächelnd und kopfschüttelnd, zurückzog, sagte sie zum Herzog, kaltblütig auf französisch, dies wäre ein sublimer Mensch, worauf sie in derselben Sprache zu Renate fortfuhr, sie habe das auf französisch gesagt, um die Schmeichelei nicht so geradezu herauszuschmettern. Freundlich und auf deutsch bat sie dann etwas zu spielen. »Aber nichts Modernes!« sagte sie.
Renate setzte sich, aber nun fiel ihr nicht das geringste ein. Endlich fand sie die kleine Ballettmusik zu den Gluckschen Gefilden der Seligen und fing damit an, gleich darauf sich erschreckt fragend, ob wohl außer Magda jemand den unpassenden Titel der Musik kannte; die war freilich sanft und lieblich genug. Als sie geendet hatte, sagte die Fürstin, das wäre Kleinkindermusik. So begann sie denn das Orgelkonzert von Friedemann Bach, indem sie dachte: ich will dirs heimzahlen. Bald aber erschrak sie heftiger, denn sie fühlte plötzlich eine Hand auf ihrer Schulter. Die Fürstin neben sich gewahrend, wollte sie schon die Hände von den Tasten nehmen, weil aber weiter nichts erfolgte, spielte sie fort, die Fürstin blieb so neben ihr, und nun jagte sie die achttaktige Fuge in ihr großes Rasen hinein, daß es in den Fugen des Instrumentes krachte. Am Ende des ersten Satzes sagte die Fürstin nur: »Weiter! Zweiten Satz!« Sie schien mächtig aufgeregt, und so ging auch dies endlos scheinende Gigantengehämmer des nächsten Satzes ohrbetäubend vorüber, ohne daß die alte Dame ihre Stellung verändert hätte. Am Ende atmete sie gewaltig auf, packte Renates Gesicht, küßte sie unter plötzlich strömenden Tränen und rief: »Heldenhaft! Heldenhaft!« Dann erklärte sie, daß sie gern so neben einem Spielenden stünde; das ginge ihr dann gewaltig durch Mark und Bein. -- Als Renate sich im Sessel umdrehte, blickte sie gerade gegen die geröteten Augen des Herzogs, die sie starr anschauten. Seine Schwester trocknete sich die Augen und das Kinn, über das ihr vor Eifer ein wenig Mundfeuchte heruntergelaufen war. Dann riß sie ihren großen Pompadur auf, fuhr tief hinein und brachte einen Kake zum Vorschein; den schenkte sie Renate; er war nicht mehr ganz heil. Es war eine kriegrische alte Frau.
Am Tische sitzend nahm sie ihren Strumpf wieder auf, setzte die Brille auf, kratzte sich dann nachdenklich mit einer Nadel den Kopf und sagte:
»Weißt du, Woldemar, an wen dies Spiel mich erinnert? An meinen Kardinal. Kardinal Massi. Er war nur ein dürrer Mensch,« erklärte sie Renate, »aber er hatte allmächtige Pranken und eine höllische Seele. Er war ein gottloser alter Heide, aber vor jeder Musik, die er machte, sagte er die Worte: >Im Namen des allbarmherzigen Gottes ...<«
Der Herzog lächelte und meinte, so fingen die Koransuren an.
»Die was?« fragte seine Schwester.
»Die Gebete im Türkenkoran.«
»Er wird sich den Teufel um Suren kümmern, wenn ihm einer auf goldenen Wolken zufliegt, der Herrgott«, versetzte sie stramm, nahm ihr Buch vor und fing trotzig zu lesen an.
Es war nun still. Renate sah zu Magda empor, die hinter ihr an der Wand lehnte; sie blickte mit weit offenen Augen ins Leere. Renate sah die Gestalt der Toten in diesem Blick und wandte ihr Gesicht vorsichtig dem Herzog zu. Der saß tief vornübergebeugt im Stuhl. Jetzt löste sich fern drüben zwischen den Klavieren eine Gestalt aus dem Dunkel, Dr. Birnbaum, der auf den Zehen herkam, eine dicke Zigarre vorsichtig in der ausgestreckten Hand, von der er ein großes weißes Aschenstück in eine Bronzeschale auf dem Tisch legte. Er entfernte sich ebenso leise und ohne die Augen zu erheben. Ganz hinten auf einem Stuhl an der Wand zwischen zwei Klavieren setzte er sich nieder. Aber dem Herzog mußte der Vorgang doch bewußt geworden sein, denn nun richtete er sich auf, zog ein Zigarrenetui aus der Brusttasche, nahm eine heraus, die Augen mit ungewissem Blick gegen die Lampe gerichtet, biß die Spitze ab, nahm sie von den Lippen, legte sie auf die Aschenschale, ergriff die Streichhölzer und schien dann all dies zu vergessen. Er bewegte sich nicht mehr. Endlich kam Magda zum Tisch vor, nahm die Schachtel aus seiner Hand, strich ein Hölzchen an und hielt es ihm hin. Aufblickend nahm er es aus ihren Fingern, nickte sehr eifrig dankend, rauchte an und sagte: »Ihr macht eine schöne Musik ...« Dann blies er das Streichholz aus und legte es hin.
Indem sagte eine ganz ferne, lippenlose, vernöckerte Stimme, leise warnend: »Heinrich, der Wagen bricht!« --
Magda, der Herzog, Renate, alle Drei sahen nach dem Papagei in der Ecke, der sorglos vom Fußboden am Vorhang hinaufstieg. Der Herzog blies eine starke Qualmwolke, lehnte sich grade zurück und sagte mit Gleichmut vor sich hin: »Nein, Herr, der Wagen nicht!« Und schwieg. Die Fürstin hatte nicht aufgesehn.
Da erst fühlte Renate die Beängstigung des Raumes und der Stille. Die Tote war überall zugegen; jede Bewegung bog um sie aus, jedes Wort hielt sich vor ihr zurück, jeder Blick glitt erst von ihr ab, ehe er zu jemandem hinging. Oh, gegenwärtiger war sie nun als jemals, da sie ja kaum sichtbar gewesen war am langen Tag; oder war es gerade dies, daß Alle, die sie gekannt hatten, immer nur eine Abwesende in ihr besaßen? Und wenn sie jetzt erschiene, -- würden sie erschrecken? Sie war doch immer so selten gekommen! -- Dumpf polternd fiel der Papagei zu Boden, der Vorhang bauschte sich, hörbar war der Regen, und Renate zerbrach sich den Kopf um etwas, das sie sagen könnte, aber die unsichtbare tote Seele hatte auf alle Dinge umher die Hand gelegt und Schweigen geboten. Dazu quälte es Renate, daß sie sich inständig mit dem Herzog beschäftigen mußte, ohne im geringsten wissen zu können, welcherlei Art das war, das in ihm vorging, und so folgte sie stumm und wie gebannt den Bewegungen seiner Schwester, die jetzt ihr Buch zuklappte, die Brille abnahm, ins Futteral steckte, dann Brille und Buch in ihren Pompadur, und aufstand. Gleichzeitig erhob sich ihr Mann in der Ecke. Sie ging um den Tisch, blieb vor ihrem Bruder stehn, der in die Lampe sah, und fragte ihn in versöhnlichem Ton und schonend: »Glaubst du vielleicht ans Jenseits, Woldemar?«
Er blickte sie kurz an, sah wieder fort, schien lange zu zaudern mit der Antwort und sagte endlich: »Ich weiß nicht ...«
»Nein, Woldemar,« sagte sie entschieden, »nein, das verstehe ich nicht. Denn erstens wirst du sehn, daß es unrecht ist, später, denn dann hast du sie fortgeschickt, nach da oben hin --« Sie trat eilig an den Tisch, strich mit beiden Händen die Falten der Decke glatt und fuhr fort: »-- und dann wirst du sehn, wie schrecklich es ist, wenn ihre Seele in allem abstirbt, was sie hier unten hatte, und auch in dir. Zweitens aber --« Sie, klein und zierlich, kreuzte die Arme unter ihrer Mantille und sprach über die Lampe hinweg zu Renate hinüber -- »-- zweitens sind wir allerdings von Natur ungenügsam, und sollens auch sein; das mit dem Jenseits aber, das sollten wir doch wohl den Armen lassen. Es sind schon so viel, daß das ganze Jenseits davon voll wird. Sollen sie gar nichts für sich allein haben?«
Der Herzog sah zu ihr auf, aber Renate konnte sein Gesicht nicht sehn. Nach einer Weile fuhr die Fürstin fort, das Gesicht wieder auf die Lampe senkend, und als rede sie mit sich selber: »Mehr als dreitausend Mark im Jahr für sich haben und dann noch an ein Jenseits glauben, -- das ist ruchlos.«
»Sie leben«, unterbrach der Herzog mit rauher Stimme, »auch mit dreitausend Mark wie in einem irdenen Topf.«
»Die meine ich nicht,« versetzte sie fest, »du weißt wohl, wie ich es meine. Ihr habt,« sprach sie nun leiser fort, »ihr habt eine Seele, mit der ihr die ganze Erde bedecken könnt; ihr habt eine Phantasie, mit der ihr die ganze Welt mit Göttern, Christussen, Heiligen und Helden bevölkern könnt; ihr habt eine Liebe, die euch das Fernste so nah machen kann wie Kleid und Haar, -- was habt ihr nicht? Und ihr wollt doch noch ein Jenseits, damit es gar niemals aufhört? Seid froh, wenn ihr endlich schlafen könnt.«
»Du warst immer eine harte Frau«, sagte der Herzog.
»Ich dachte, du wolltest sagen, eine harte alte Frau,« erwiderte sie nicht ungütig, »aber das würde nicht gestimmt haben, wenn ich auch zwanzig Jahre älter bin als du.«
»Zwanzig Jahre«, sagte der Herzog ruhig, »ist sie da im Dunkeln auf ihrem Teppichstreifen hin und her gegangen, und du sagst: >daß es nur niemals aufhört<.«
Renate, die das selbe gedacht hatte, sah auf einmal Magdas Augen, die noch am Tische stand, die Hände auf der Platte, sehr dunkel im erbleichten Gesicht auf sich gerichtet. Sie schien etwas sagen zu wollen, die Fürstin ebenfalls, aber dann sahen Beide sich an und schwiegen. Dann kam etwas Weinerliches in die verwelkten Züge der alten Frau, sie machte ein paar heftige Kaubewegungen, nickte irgendwohin und sagte: »Also, gute Nacht!« -- Ihr Mann folgte ihr nach tiefer Verbeugung vor Renate mit leicht verwirrtem Gesicht hinaus.
Jetzt fegten die Sommerstürme durch den Park hin, warfen sich gegen das Haus und schütteten Regen, daß es rauschte. Die Läden krachten und klapperten, am offenen Fenster wehte der Vorhang, Magda ging hin und schloß die Flügel. Der Herzog warf sich plötzlich im Stuhl herum und fragte hastig: »Sie bleiben doch noch?«
Renate nickte erregt und hülflos, fragte sich, ob sie noch spielen sollte, wandte sich dann zu Magda hinüber, aber die war nicht mehr am Fenster. Noch zauderte Renate, erhob sich dann aber leise, schritt bis zur Türöffnung und ging dann, da sie fern einen leisen Lichtschein bemerkte, durch die dunklen Zimmer Magda nach.
In dem großen, düstern Gemach saß Magda am kleinen Rokokoschreibtisch der Herzogin bei einem Licht vor den matt glänzenden Goldbronzebeschlägen der vielen kleinen Schubkästen des Aufsatzes, unter dem Bilde des Herzogs, die Unterarme auf der Tischplatte. Renate legte, zu ihr tretend, die Hand auf ihre Schulter, und sie sagte:
»Ich kann nicht mehr; ich möchte zu Bett gehn. Laß ihn noch nicht allein. Starke Männer wie er sind so hülflos. Es wäre gut, wenn er weinen könnte. Was schenkst du mir vorm Schlafengehn?« fragte sie, zu ihr aufblickend.
Sie schwiegen Beide, Beide an die Genfer Zeit denkend, wo Renate Magda allabendlich einen Spruch schenken mußte, und Renate schauderte vorm Schwinden der Zeit. Lange fiel ihr nichts ein, doch dann kamen die Worte Hölderlins zum Vorschein, die sie leise über Magdas Scheitel vor sich nieder sagte:
»Gleich dem Gewölke dort geh ich dahin, und du Ruhst und glänzest in deiner Schöne wieder, du süßes Licht.«
Als sie zusammen in den Saal zurückkehrten, stand der Doktor Birnbaum neben dem Herzog, an seiner Zigarre wickelnd, den Kopf gesenkt; der Herzog hielt den seinen in der linken Hand, die er auf das Knie gestützt hatte. Plötzlich machte der Doktor einen kleinen Ruck von Verbeugung und schlich leise hinaus. Magda hatte sich von Renate losgelöst, stand einen Augenblick frei im Raum, schien zu schwanken, aber dann ließ sie die Hände fallen und ging eilig zur Tür und verschwand. Renate blieb stehn, schaudernd vor Ratlosigkeit. Der Sturm wühlte heftiger um das Gebäude; am ganzen Haus schienen klappernde Dinge locker zu sein, die sich losreißen wollten. Auf einmal schlug irgendwo in der Tiefe eine ferne Tür laut hallend zu. Der Herzog ließ die Hand sinken, richtete sich auf und sah Renate in seiner Nähe. Augenblicks mußte er lächeln, und sie sah deutlich den Ausdruck eines Menschen, der leidet und dem ein Andrer eine schöne Sache hingeschoben hat, über die er sich freuen muß, -- aber dies erlosch, er senkte langsam den Kopf und sagte, scheinbar aus früheren Gedanken und sehr verzweifelt: »Wissen Sie denn vielleicht einen Spruch?« -- Sie erschrak.
Aber sie dachte nicht weiter, suchte umher, aber nun war sie durch die Verse vorhin an Hölderlin gefesselt, ihr fiel ein: >Wie so selig doch auch mitten im Leide mir ist<, und das sinnlose Wort ließ sich lange nicht abschütteln, bis sie endlich wieder jenes erste erhaschen konnte, und im dunklen Gefühl, daß es irgendeinen Sinn habe, sagte sie leise das Ganze auf:
»Heilig Wesen! gestört hab ich die goldene Götterruhe dir oft, und der geheimeren Tieferen Schmerzen des Lebens Hast du manche gelernt von mir.
O vergiß es, vergieb! gleich dem Gewölke dort Vor dem friedlichen Mond, geh ich dahin, und du Ruhst und glänzest in deiner Schöne wieder, du süßes Licht!«
Sie hatte nach der Lampe gesehen, solange sie sprach, und nun, ohne erst mit Augen zu fragen, wußte sie, daß sie zu ihm hinzugehn hatte, aber jetzt war es der Erasmus, dem sie die Hand auf die Schulter legte. Während vor ihren verdunkelten Augen die Wände der Kapelle sichtbar wurden, die Pfeifen der Orgel, die Fensters, hörte sie das aufsteigende Schluchzen in der Brust des Mannes, das er noch bezwingen wollte, dann fühlte sie ihre linke, herabhängende Hand heftig ergriffen, und diese an seine Schläfe pressend, daß es sie schmerzte, weinte er, und sie hielt still, bis er genug hatte. Einmal, wie ein Knabe, der glaubt, sich entschuldigen zu müssen, brachte er hervor, ungeschickt und kläglich: »Sie war doch nie da, und nun ist sie ganz fort.« Renate biß die Zähne zusammen; langsam hörte er auf. Um ihn ja nicht zu beschämen, ging sie eilfertig hinaus.
In ihrem Zimmer saß Renate lange auf einem Stuhl, biß ins Taschentuch und dachte, es sei nicht anders, und sie müsse dem Erasmus nun schreiben, daß er sie haben könne. Sie fühlte mit furchtbarem Reiz den Zwang, irgend etwas zu tun, als sei da ein Strom des Leidens, über den ein einzig Mal und in diesem Augenblick der Damm einer Tat geworfen werden müsse, und wenns eine Untat war. Der Erasmus hatte niemand, und ihm stand sie doch nah, und der reiche Mann hier, der Herzog, der hatte gleich jemanden bei der Hand. Ihr quoll das Herz von Elend, die Zunge ward ihr bitter im Mund, sie sprang auf, lief zur Tür, auf den dunklen Flur und an ein Fenster. Aber es war kein Licht mehr im Saal. Im Dunkel gesträubte Gestalten von Bäumen schüttelten sich, wankten, schlugen mit Ästen; schwer goß der Regen, und die Dachpfannen lärmten. Einmal, dachte Renate sinnlos, sind wir ja alle tot. -- Als aber jetzt ein Geisterscheinen durch die Nacht ging, hielt sie es für die abgeschiedene Seele, die in Sturm und Nächtelärm auch noch nicht wußte wohin, herumwehend, nach Seufzern der Lebenden haschend und langsam, langsam sich verlierend in das Allgemeine der dämmrigen Welt.
Sie trat zurück vom Fenster, ging in ihr Zimmer, entkleidete sich müde, legte sich und verlor in Bälde Sinne und Herz in dem öden Dämmerland der zerfließenden Träume.
Sommer
Renate saß auf dem Rand des Deiches im Schatten des hinter ihr stehenden Sonnenschirmes, ließ die Füße nach unten hängen, hielt die Hände über Buch, Briefblock und Bleistift im Schoß gefaltet und betrachtete die hellblaue, sonnenglitzernde Wasserfläche vor ihr mit tiefem Behagen. Als sie sich satt gesehen zu haben glaubte, legte sie das Buch neben sich ins Gras, klappte den Löschblattdeckel des Briefblocks um, setzte die Feder an und schrieb:
»Lieber Josef!«
An meinem Geburtstage kam ich diesmal leider nicht --, wollte sie fortfahren, allein das war nicht möglich. Es gab nichts zu schreiben. Sie wollte sich besinnen, weshalb das so war, fand aber keinen Grund, worauf sie das Blatt lostrennte, es erst zusammenfalten wollte, dann aber wie es war aus der Hand fliegen ließ. Es stolperte mühselig, vom Luftzug unbeholfen gestützt, die grüne Deichwand hinunter bis unten, wo es groß und weiß haften blieb. Wenn ich nun wüßte, ob Flut oder Ebbe ist, dachte Renate geringschätzig, könnte ich ja noch warten, bis es in See sticht. Ein schönes weißes Blatt mit Wasserlinien und Lieber Josef! darauf dürfte genügen. Sie wartete wirklich ein Weilchen, sah eine, zwei Wellenzungen -- träge, als ob es die Mühe nicht lohnte, nach dem Blatt emporlecken, dann hatte sie genug, sah auf das neue Blatt auf ihren Knien, setzte wieder an und schrieb in einem Zuge:
»Ach, Georges ...
»Ein ganz kleiner Wind möchte gar zu gern den unteren Rand des Blattes hochheben, auf dem ich schreibe, immer wieder versucht ers, seine unsichtbare, kleine weiche Hand drunter zu schieben, bis ich ihm einen Klaps gebe, dann ist er für Augenblicke still. Auf dem Papier liegt Schatten, und links unter mir liegt ein unförmliches Ungetüm von Schatten die Grasböschung hinunter, das bin ich mit dem hinter mir stehenden Sonnenschirm; rundum aber ist alles Licht, schwellendes, singendes, funkelndes, flimmerndes, tanzendes Sommerlicht, aber was mir im Ohre, im Blute rauscht, leise rauscht, anschlagend immerfort, immer wieder, ununterbrochen, das ist die See, die See dicht mir zu Füßen am Deich, auf dem ich im Grase sitze, die See, die, wie mir scheint, in die höchste Flut gestiegen ist, die beim Landwind nicht brandet, sondern nur anschlägt, immer wieder, ein kleiner Schlag, und wieder -- ein leichter Schlag, und so fernhin zur Linken, und fernhin zur Rechten am Ufer die leise Bewegung des weißen Bandes, das zurückgezogen wird und wieder angeworfen, so leicht, so leicht ... Aber wenn ich die Augen hebe, liegt sie still und gewaltig da, nicht eben unermeßlich, der Horizont ist ganz nah, es ist nur ein kurzes Stück Wasser, das ich sehe, aber es ist doch unermeßlich, denn es endet nirgends, und es bewegt sich so geheimnisvoll, es ist wie eine ungeheure Masse von Wesen, Tierwesen, Götterwesen, gestaltlos aufgelöst und doch wesenhaft, als könnte jeden Augenblick Gebärde und Blick und Leib deutlich herausspringen und sich zeigen, aber schon versinkt es wieder und ist so beklemmend allgemein, Heerscharen, nur Heerscharen heranströmender Seelen, die niemals näherkommen. Und kühl ist es dabei, wonnig kühl und glitzernd und wäßrig dunkelblau und unsagbar ruhig unter der großen Sonne am Himmel.
»Ich hab die burgunderrote Seidenjacke an, Georges, es wäre mir aber nicht unlieb, wenn Du Dir den hinter mir stehenden gelblichen Leinenschirm weg dächtest und an seiner statt -- Septentrio, sanftesten Seewind, einen kiefernbraunen Götterjüngling, der mit ebenhölzernem Kamme -- -- soweit. --
»Lieber guter Georges, als ich zuerst eben Deinen Namen schreiben wollte, hätte ich fast mit einem S angefangen und Schorsch geschrieben oder auch Schorschl. Siehst Du, so wohl ist mir! Nicht ganz christlich wohl, denn wir haben ja vor kaum acht Tagen die arme Helene zur Ruhe gelegt auf der kleinen Insel im Süßwasserteich. Am Rande einer kleinen Lichtung liegt sie, wie sie es gewünscht hatte, unter einer Blutbuche. Kein Grashügel ist zu sehn, nur flacher, grüner Rasen, und am Baumstamm ist eine eherne Tafel, von weitem kaum sichtbar, auf der steht nur
Helene Herzogin
»Der Herzog war fast drei Wochen fort; ich sehe ihn nun zuweilen von weitem im Park sitzen. Georg ist wieder fort ins Semester.
»Lieber Freund, es ist ein Wintertag gewesen, und an diesem Wintertage verlor sich diese Renate Montfort und sagte zu Georges, weil er etwas gesagt hatte, das ihr nicht gefiel: Geh hinaus. Da ist er aufgestanden und hinausgegangen, und sie saß böse da und zerriß ihr Taschentüchlein wie so eine Hysterische, bis er wieder hereinkam und sagte, es hätte aufgehört mit Regnen. Da ist sie aufgestanden und vor ihn hingetreten, hat aber nur ihr rechtes Handgelenk auf seine linke Schulter gelegt und ist so einen Augenblick dagestanden und hat den Kopf gesenkt gehalten und ist hinausgegangen. Ich habe eben versucht herauszubekommen, was ich gedacht haben mag in jenen Augenblicken, aber es muß feststehn, daß ich wirklich nichts gedacht habe, nur etwas empfunden. Ich glaube, bei Männern ist das unmöglich, und ich sage gleich, daß sie es deshalb besser haben, denn sie wissen sich immer zu helfen mit einem obstinaten Gedanken, wir aber sind uns selber preisgegeben, müssen aus solchen Pausen des Nichtseins nachher handeln, und alles wird verkehrt. Sonst habe ich ja diesen ganzen, traurigen Winter lang nichts getan als herumgegrübelt, es war entsetzlich, ich weiß nun erst, wie meiner armen Magda ums Herz gewesen sein muß in dem Winter vor zwei Jahren.
»Sage, Georges, ist es wahr, daß in der Güntherstraße die Sonne nicht mehr scheint? Oft, so oft, wenn ich mittags am Fenster stand und den alten Mann in seinem schwarzen Mantel, gebückt und schneeweiß auf dem Weg um die Sonnenuhr wandern sah, so dachte ich, daß er den Schatten von der Uhr fortgenommen habe und selber der Schatten sei, der in furchtbarer Schnelle herumkreise und die ganzen Sonnenstunden des Tages abwirble, und wenn er plötzlich fort war, war auch keine Zeit mehr im Garten und im Hause, und alles stand still.
»Es war immer Schlackerschnee und Regen, solange ich diesen Winter zurückdenken kann, nur einmal erinnere ich mich eines Vorfrühlingstages, da fuhr ich zu Irene, und die Sonne schien, aber siehst Du: in der Güntherstraße war das nicht. Und ich kränkelte immerfort -- wann wäre ich früher krank gewesen! -- und oh wie mir am ganzen Leibe zumute war, das kannst Du ja gar nicht ahnen, und ich kanns nicht beschreiben.«
Aufblickend dachte Renate, daß aus den zwei Tagen, die sie allmonatlich zu ruhen pflegte, mit der Zeit fünf geworden waren, wo sie sich kaum zu regen vermochte, wo sie kaum ein Stück Kleidung am Körper ertragen konnte und immer nur auf dem blauen Sofa lag, halb oder ganz entkleidet, stundenlang manchmal vor sich hin weinend vor Gram und Hülflosigkeit über sich selbst, aber das konnte sie ihm nicht gut schreiben, und sie fuhr fort:
»Tagelang, wochenlang drückte mich jedes Band, jede Falte auf der Haut, ich kam mir neidlos vor wie die berüchtigte Prinzessin auf der Erbse, und wieder tagelang und wochenlang war ich so schlampig, daß ich vor reiner, oder vielmehr unreiner Trägheit manchmal des Morgens nicht gebadet habe, sondern bloß abends. Ich weiß nicht, woher ich so war, denn das kann ich doch nicht auf mein Herzeleid wegen Onkel Augustins schieben. -- Was es auch gewesen sein mag, so bitte ich Dich jedenfalls heute herzlich um Verzeihung wegen jeder Laune und Unwirschheit, wobei mir albernerweise einfällt, daß ich noch nie einen Menschen habe sagen hören, er sei wirsch, aber nun bin ich wirsch.
»Da ist der Bleistift abgeschrieben, und ich habe kein Messer, um ihn anzuspitzen, und Georges ist nicht da, der ein Messer haben würde, und ich denke, wenn mans wagen könnte, so würde ich mich jetzt splinterfaselnackt ausziehn und von oben ins Wasser springen, da wo es am tiefsten ist. Leider konnten wir noch nicht in der See baden, es ist noch zu kalt. Ich hole das letzte Bißchen Graphit aus dem Bleistift heraus, sende Dir viele schöne Grüße und anbefehle, daß Du spätestens am fünfzehnten Juli in Helenenruh zu erscheinen hast. Helenenruh gehört nämlich jetzt Magda, und da sogar der Herzog sich als ihr Gast betrachtet, so wirst Du kaum herzoglicher als der Herzog sein wollen. Grüß Gott, Georges, und mach, daß Du kommst! Stets Deine alte Renate.«
Renate legte die Blätter zusammen und in das Buch, auf dem sie geschrieben hatte, legte es ins Gras und streckte sich lang aus. So lag sie eine halbe Stunde, oder eine ganze, sie wußte es nicht, die Hände unterm Kopf, friedlich aufgelöst in Sonnenschein, Himmel und Geräusch der See. Dann stand sie auf, klappte den leinenen Sonnenschirm zu, klemmte ihr Buch unter den Arm und schlenderte langsam über die Wiesen hin, im Gehen einen lockern Strauß von gelben Sternblumen und Gräsern sammelnd. So geriet sie in den Schatten des Parks, wanderte hindurch und geriet an den Teich, ging zur Bank, die dort stand, und setzte sich, machte ihr Buch auf und las ein Stück im Großen Kriege der Ricarda Huch, merkte aber, daß es sich nicht gut las im Freien und in der Sonne. Ja, dachte sie aufsehend, wie kann man im Sonnenschein lesen: Graues Gewölke bedeckte den Novemberhimmel, oder dergleichen? Aber sonderbar, daß nur das künstliche Licht abprallt -- denn dabei gehts doch! -- aber die Sonne läßt ihrer nicht spotten ...
Das Stück des Weihers vor ihr war glatt und schwarz, Himmelsblau und Wolken erfüllten die Tiefe, vielmals tiefer als der Weiher selber war, zur Rechten war alles grün, eine rasenhafte Fläche von Entenflott, ja dort war wohl Magda hineingeritten und hatte Jason herausgeholt. Wie war das zu verstehn? Jason, der herumging wie eine sonderbare Abart des lieben Gottes, der sollte hier -- --? Magda freilich, -- ihre Tat war eher zu verstehn heute. Nur dunkel tauchte in Renate eine sonderbare Prophezeiung auf, -- ach längst erledigt und abgetan! -- Renate sah nach links hinüber zu den Baumkronen der Insel in einiger Entfernung. Sonderbar, die kleine Brücke, die dort hinüberführte, stand ja schräg empor? Richtig, sie erinnerte sich, daß ein Gewinde daran war, um sie durch einen Knopfdruck, wenn man auf der Insel war, steigen zu lassen, so daß niemand herüber konnte, denn es war ja einmal ein Liebespavillon auf der Insel gewesen, die Trümmer waren erst jetzt fortgeräumt, denn nun war es ein Friedhof; und nun hatte der Herzog wohl auch das durchgerostete Hebewerk erneuern lassen. Renate dachte an Stöckelschuh unter breiten Seidenröcken, an zierliche Krummstäbe, Bänder und schäferliche Hüte, die einmal über diese Brücke geglitten waren. Schwerer trug sich ein Sarg von Ebenholz mit silbernen Beschlägen an dem traurigen Tag der Fackeln und Flöre, seltsam flatternd in kräftigem Seewind und hellem Sonnenschein.
Indem bewegte sich etwas auf der Insel, ein Mensch, schwarzgekleidet, kam auf die Brücke zu, von einem andern, kleineren begleitet, der Herzog auf seinen Stöcken. An der Brücke blieb er stehn und schien herüberzublicken. Dann ging er über den Steg, blieb stehn, und nun entfernte sich der Andre, Dr. Birnbaum wars, nach dem Schloß hin. Der Herzog kam auf dem Uferwege auf ihre Bank zu, langsam, Stock um Stock und Fuß um Fuß vorwärtssetzend, vornübergebeugt, -- Renate blickte fort, um es nicht mit anzusehn. Als sie seine Schritte nahe hörte, stand sie auf, er versuchte eiliger zu gehn und bat sie schon, sitzen zu bleiben. Bald darauf saß er neben ihr, erhitzt von der Anstrengung, sein Keuchen unterdrückend, die Stöcke zwischen den Schenkeln, barhaupt. Renate fand ihn stiller, die Augen freilich hatten sich noch nicht gänzlich wieder in der Gewalt, und ein Blick von sonderbarer Ängstlichkeit kam dann und wann zum Vorschein. Verquer dazwischen fuhr dann ein gewaltsamer Ausdruck von Verächtlichkeit, am Munde im Bart verzuckend. So saß er eine Weile still, über den See hinblickend, sah dann zur Seite, sah Renates Buch auf der Bank, rührte mit der Hand daran und sagte, er habe sie hoffentlich nicht gestört. Renate, schon zufrieden, daß er sich wieder an einen Menschen gemacht hatte, dachte, daß er nun einen Anfang gefunden habe, und lächelte nur verneinend; da er aber wieder schwieg, sagte sie ihm, was sie eben gedacht hatte vom Lesen im Sonnenschein. Er hörte zu und schwieg weiter, sagte dann, einen Schweißtropfen mit der Hand von der Stirn wischend: »Ein hübscher Gedanke, ja, sehr hübscher Gedanke. Meine Frau las viel, auch die letzten Jahre wieder konnte sie sich doch vorlesen lassen, ja, sehen Sie, das muß man doch sagen, ja, das muß man doch sagen, daß es, solange ein Mensch lebt, solange er leben muß, nichts Unerträgliches gibt. Ihr Kopfschmerz war so, immer durch Tage, ja durch Wochen hin so, daß sie in den ersten Jahren mit Gewalt am Leben gehalten werden mußte. Ja, und dann hat es sich doch gegeben, oder vielmehr sie ist es gewohnt geworden. Mitunter waren ja auch Tage, zwei Tage, drei Tage, wo der Schmerz nur ganz leicht war. An den schweren Tagen soll es so gewesen sein, als ob -- also wie diese mittelalterlichen Mundbirnen -- als ob ihr die Knochen des Kopfes von einer ungeheuer langsamen Gewalt auseinandergetrieben würden, aber das waren nur die Nerven, ja nur die Nerven. Sehen Sie, und das dauerte nun bald zwanzig Jahr.«
Er hatte langsam, aber doch leicht und ruhig, beinah trocken vor sich hingesprochen. Jetzt drehte er sich zu Renate herum, legte die Hand auf das Buch und sagte:
»Die Weisheit des Herrn ist unvergänglich, und seine Güte währet ewiglich. Dies Wort ging so in mir herum, und sehen Sie, ich finde es doch erstaunlich, wie die Menschen solche Worte aufgestellt haben. Man kann fast nicht daran rütteln, es steht so da wie ein Turm, und wenn es sich auch nicht denken läßt, so läßt es sich doch sehn, nicht einsehn, aber sehn, jawohl ...«
Nun schwieg er wieder und sah vor sich hin. Renate dachte, daß dieser Mensch wahrscheinlich niemals geschwiegen habe. Er konnte alles sagen; was er wollte und wie ers wollte. Immer waren Menschen da, die es anhören mußten und darauf eingehn. Und vielleicht gerade, weil er gegen seine Frau zum Schweigen verurteilt war, hatte dies ihn um so leichtherziger gemacht im Aussprechen seiner Gedanken gegen die Andern, gegen seinen Sekretär vor allem, der ihm durch den Tag hin anhing wie ein Schatten. Denn das Eigentliche war es doch nie, was er sagen konnte, oder wenn es schon das Eigentliche war, so konnte ers doch nicht auf die rechte und innerst gewünschte Weise hervorbringen, und es war -- aber in diesem Augenblick hörte Renate ihn wieder sprechen und merkte betroffen, daß er eben das, was sie zu denken im Begriff war, aussprach, indem er anfing:
»Ich will Ihnen sagen -- es ist nun schon so, daß ich den Mund nicht halten kann,« unterbrach er sich lächelnd -- »ich will Ihnen sagen, daß ich eigentlich jahrelang, zwanzig Jahre lang in einer fremden Sprache geredet habe. Ich habe nicht wenig geredet, es war ja immer wer zum Zuhören da, aber immer habe ich meine Gedanken erst so übersetzen müssen; in die Fremdsprache. In der eigentlichen schwieg ich mich aus, in der hätte ich mit Helene reden können, aber nun war das ja zugeschüttet. Haben Sie«, fragte er, sich unterbrechend, »meine Schwester kennen gelernt? Richtig, Sie spielten uns ja vor neulich abend! Ja, mit der Fürstin habe ich wohl auch hier und da ein Wort in unsrer Muttersprache gesprochen, aber es war doch nicht die richtige, nein, es war nicht die richtige.«
Er faßte sich mit der Hand nach den Augen, als gebe es etwas wegzustreifen, und sagte:
»Es ist mir doch fortwährend, als wäre sie selber wie ein Schleier vor mir weggenommen, und ich kann sie nun erst sehn, wie sie wirklich war, und was ich -- nie besaß, und was ich nun endgültig verloren habe.«
Er hielt inne, und Renate merkte wohl, daß dies auch nicht die rechte Sprache war, und wie er herumtastete, hülflos genug, und nach um so gemeineren, allgemeineren Worten griff, je heftiger ihn nach eigentümlichen verlangte. Hastig sprach er schon weiter, auf einmal von seinem Malheur, an das er nun immer denken müsse, dies merkwürdige Zusammentreffen mit dem Krankheitsbeginn seiner Frau, und er erzählte, wie das gewesen sei: zwei Stockwerke hoch sei die Planke des Baugerüstes gebrochen, und er habe schwankend und um sich greifend sich noch gesagt: springen und -- vornüberfallen, sonst ist das Rückgrat zum -- da lag er unten, die beiden Füße waren einfach ab. Anfänglich habe er, als es mit dem Gehen nichts wurde, geheult wie ein Dorfköter an der Kette, -- er lachte gutmütig und zeigte Renate eine Narbe am Handgelenk, die sei vom Einschlagen der Glasscheibe am Gewehrschrank, den sie zugeschlossen hatten, ja, damals sei er ganz außer Rand und Band gewesen. Wie sich denn aber das Leiden seiner Frau so hartnäckig erwiesen habe wie seine Gehunfähigkeit, da habe er nachgegeben und um so leichter verzichtet. Vielleicht, meinte er, hätte ich sogar gehen gelernt, der Arzt sagte sowas von ein paar Jahren, dann würde alles wieder zurechtgewachsen sein ...
»Aber sehen Sie,« hörte Renate ihn wieder deutlicher reden, da sie sich aus den Vorstellungen und Bildern, die seine Worte erzeugten, losmachte, »da wollte ichs denn auch nicht mehr, wenn Sie vielleicht eine Ahnung haben, was Warten ist, Warten, wie sie und ich auf ihre Heilung, auf Linderung gewartet haben, erst Wochen, sechs Wochen, neun Wochen, zwölf Wochen, und auf einmal warens Monate, drei Monate, fünf Monate, acht Monate, und nun -- Jahre, ein Jahr, drei Jahre, vier Jahre, fünf Jahre, sechs Jahre und am Ende -- alles umsonst.«
Er schlug die Handballen gegen die Stirn, krümmte und wand sich innerlich. Gleich aber ermannte er sich wieder, setzte sich gerade, faßte seine Stöcke und sagte:
»Ja, sehen Sie, dabei bin ich nun das hier geworden. Sie glauben vielleicht, ich wäre als Junge so was gewesen wie Georg. Ha, der Junge denkt in einer halben Stunde soviel wie sein Vater nicht im halben Jahr!« Er lachte. »Ich sage nicht, daß ich mit ihm zufrieden wäre, man muß ihn schon lassen, da läßt sich nichts ändern, übrigens ist er die Monate jetzt in Trassenberg stramm hinter der Arbeit gewesen, mein Sekretär bezeugts, also ist es wahr. Ein komischer Bursch. Ja, hören Sie mal, wir machten eine kleine Reise zusammen, gehen in einen Laden, und ich kaufe was für Helene, da habe ich kein Geld bei mir und sage ihm, er solls auslegen. Ja, er hätte kein Geld bei sich, sagt er. Nun, das kann vorkommen, aber ein paar Tage später passiert dieselbe Geschichte, und da erzählt er mir denn, er hätte überhaupt niemals Geld und zeigt mir so zwei, drei Goldstücke, das sei alles, die brauche er hin und wieder zum Verschenken, und zeigt mir ein Scheckbuch und sagt: >Ich schreibe immerzu meinen Namen.< Unbegrenzten Kredit haben, ist groß, sagt er, ihn benützen kann nur kleiner sein, -- oder so ähnlich. Nein, da war ich ein Windhund gegen ihn. >Höchstes Glück der Erde,< wie der Dichter singt, >heißt der Adelsspruch, liegt auf dem Rücken der Pferde< und so weiter. Ja, das waren auch Zeiten!« Er sah an Renate vorüber weit weg in die Erinnerung.
»Eines Tages,« begann er wieder mit leiserer Stimme, »eines Tages sagte eine junge Dame zu mir, weil ich irgendwas nicht gewußt hatte: >Wie kann man so dumm sein!< Das hatte ich noch nie gehört, und nun von solch einem Wesen mit großen Augen und braunen Haaren! Die Sache war schon abgekartet, sie war Hofdame und würde nicht viel haben, aber doch gerade so ein Stück Land, das meinem Vater zur Abrundung fehlte, sie war reichsunmittelbar, und so paßte alles, bloß ich habe ihr ganz und gar nicht gepaßt. Wir verlobten uns allerdings, und ich war heftig verliebt, sie aber schickte mich auf Reisen. Mein Vater hatte nichts dagegen, und so reiste ich, ja, ich reiste nicht allein, ich hatte eine Geliebte, die nahm ich mit, ich war trotzig auf meine Braut, so fuhr ich um die halbe Welt, aber ich kam wohl nicht viel anders wieder, als ich ausgefahren war. Ja, nun hören Sie, wie es mir erging. Ich hatte doch gedacht, meine Braut würde das nicht merken mit meiner Reisebegleiterin, aber weit gefehlt, denn sie hatte mich auf der ganzen Reise von einem Freund beobachten lassen -- dies gestand sie mir erst Jahre später --; und also, wie ich wieder vor sie hin trete, sagt sie: Wo bist du gewesen? -- Es ging mir durch und durch, wie sie mich ansah, dermaßen kaltblütige Augen machte sie, und ich fing an zu stottern. Bisher, sagte sie da, ich höre es noch heute, bisher habe ich dir wenig genützt; nun kannst du noch mal andersherum um die Welt fahren, dann werden wir weiter sehn. -- Diesmal aber gab sie mir einen Freund mit, einen kleinen Juden, den ihr Vater als Bocherknaben aufgegriffen und erzogen hatte. Er hatte alles gelernt, was es in der Welt zu lernen giebt, sprach viele Sprachen, war so unauffällig wie eine Katze, so bescheiden wie ein wohlerzogener Hund und so klug wie Rabbi Löw, nun, Sie kennen ihn, er hat sich seitdem verändert, es ist mein Doktor Birnbaum, der ging also mit, und da gingen mir die Augen auf. Als ich dann wieder kam, -- nun, was mich selber angeht, ich hatte einen Eckstein zu mir gelegt, und sie fiel mir damals um den Hals und sagte, sie wäre gestorben, wenn sie mich nicht gekriegt hätte. Sie hätte mich ja nicht gewollt, grollte ich da. Dummes Zeug, sagte sie, ich --«
Überdem gingen ihm die Worte aus, seine Augen verdunkelten sich, es rauschte im See, er drehte sich heftig um, der schwarze Artaxerxes kletterte von der Insel ins Wasser, schlug mit dem lebendigen Flügel und glitt schaukelnd davon.
»Ein Jahr«, sagte der Herzog vor sich hin, »neun Monate lang war sie jung und schön und zierlich; ihre Hände griffen kräftig zu, und so packte sie mein Herz, sie ließ ihrer nicht spotten, ja, und nun ist sie ja tot ...«
Der Schwan hatte einen Bogen geschlagen, kam nun in schnurgerader Bahn auf die beiden Sitzenden zugeschwommen, hin und wieder den Kopf drehend, ein wenig emporfahrend bei jedem Stoß des ruhig treibenden Fußes. Gleichzeitig wurden Schritte hörbar, Doktor Birnbaum erschien, langsam am Ufer hergehend. Der Herzog wandte sich nach ihm um, nickte und sagte, wieder zu Renate gedreht, trübherzig spottend: »Der Arzt mit der mahnenden Arzneiflasche Arbeit.«
Der Doktor nahm ein Stück Brot aus der Tasche, brach Brocken ab und streckte die Hand aus; der Schwan schwamm ans Ufer, stieg herauf, der lahme Flügel hing kahl und ergraut zu Boden, er streckte den Hals, nahm den Brocken und verschluckte ihn; dabei sah er mit dem roten, stirnartigen Wulst über dem Schnabel und den rotgeränderten Augen nicht klüger und nicht stolzer aus als ein häuslicher Hühnervogel. Der Herzog seufzte leicht und stand auf.
»Doktor Birnbaum, sehen Sie, hat auch den Schwan repariert,« sagte er, »schon benimmt er sich wieder zahm und manierlich.«
Er nahm die Stöcke in die linke Hand, streckte Renate die rechte hin und bat, ihm nicht zu zürnen ... Sie konnte ihn nur herzlich ansehen und ihm die Hand drücken. Er drehte sich weg, reichte dem Doktor einen Stock und faßte seinen Arm. Renate wandte sich ab.
Auf dem grünen Uferstreif hockte der Schwan und putzte mit dem Schnabel an dem vertrockneten Flügel. Lange blickte sie gedankenvoll auf ihn herunter, dann kam Magda, um sie zum Frühstück zu holen, aber sie schien dem Schwan nicht zu gefallen, er fauchte, machte sich auf, stieg ins Wasser und zog mit unwilligen Kopfbewegungen davon. Magda lächelte und meinte, er habe es ihr nicht vergessen, daß sie ihn überflog, -- fragte dann, ob Renate mit dem Herzog gesprochen habe. Renate versuchte, während sie auf das Haus zugingen, einiges von dem, was er gesprochen hatte, wiederzugeben, gewahrte aber jetzt, als habe Gewölk sie bisher verdunkelt, die Sonne wieder, den juligrünen Garten, atmete auf, brach einen Satz inmitten ab, legte einen Arm um die Freundin und sagte:
»Ich möchte dich an der Hand fassen, wie meinen Vater als Kind, wenn ich >blind< mit ihm spielte, und so mit geschlossenen Augen durch den Wind und den Sommer hingehn.«
Sie blieb stehn, schloß die Augen, streckte die Arme ein wenig rechts und links und rief leidenschaftlich: »Ach, ein Unsichtbarer hat uns ja doch immer an der Hand und führt uns durch Winter und Sommer, wohin er will.«
Siebentes Kapitel: August
Frühe
Georg erwachte im Finstern und hörte den Donner rollen, blieb aber so sehr in der Verschüttung des Schlafs, daß er sich einbildete, er träume, nur aufseufzte und sich streckte. Dann war aber ein Mensch im Zimmer, und mit gelindem Erschrecken erschien ihm in einem schwachen Blitzleuchten Cordelias weißes Gesicht und das glänzende Schwarz ihres Mantels. Indem er noch murmelte, was sie denn wolle, fühlte er ihre Hand auf seinen Augen, die sie zudrückte, und am Einsinken der Matratze, daß sie neben ihm kniete. Dann hörte er sie den festen Laden, über ihn hingebeugt, zart umlegen und verriegeln, endlich auch das Schiebefenster langsam, fast geräuschlos herabziehn. Im Begriff, etwas Dankbares zu murmeln, schlief er wieder ein.
Als er dann wieder zu sich kam, war es dämmrig, fast noch dunkel im Raum, doch hingen unmittelbar über ihm an seiner Linken Lichtfäden im Laden, und schon hellwach und frisch sich zurücklegend, sah er die beiden ausgeschnittenen Herzen im Holz oben matt leuchtend schweben. -- Es regnet wohl, dachte er, schade! in schwacher Erinnerung an ein Gewitter bei Nacht. Ach, sieh an, wie wundervoll ich jetzt schlafe, selbst bei Donner und Blitz! -- Und die Arme mit geballten Fäusten ausstoßend und beugend, fühlte er sich krachen und strotzen von grüner Gesundheit.
Aber ich hab mir doch über etwas klar werden sollen über Nacht, fiel ihm ein, und im Augenblick auch schon der homerische Vers: [Griechisch: Polla d'ho g'en] ... der dritte der Odyssee, über den sie gehadert hatten miteinander, bis ihnen die Augen zufielen, weil Cordelia gesagt hatte, es sei der prachtvollste Vers aller Dichter und Völker, worauf aber er sich anheischig gemacht hatte, ihn nichtsdestoweniger in sein geliebtes Deutsch zu übertragen, aber war sie vielleicht zufriedenzustellen? Nun, er selber wars auch nicht, aber nun wollte er es gleich noch einmal versuchen ..
Polla d'ho g'en ponto pathen algea hon kata thymon ...
Ah nein, was waren es auch für Worte, was war es für ein Rollen und Knattern, eine strotzende Vollheit im Wohlklang der wechselnden O- und A-Laute, und hinter dem köstlich geschmeidigen algea das schroff gesetzte hon, dann das kalt schmetternde kata und endlich -- ihre ganze Wonne -- nach all den dunkelklaren und großoffenen Lauten das tiefe, hinziehend glühende: thymon ...
Voll des Grames da ward vom Meere die Seele des Kühnen ...
Nein, sie hatte recht, es war nichts. Kühnen hatte sie freilich als schön erfunden zugeben müssen, da thymos ja nicht nur Seele hieß sondern auch Mut, -- aber wo waren die vielen O und A? Den Ersatz durch die zwei prachtvollen E-en konnte Georg jetzt auch nicht mehr aufrechterhalten und begann, nach As und Os zu suchen, wälzte sich umher und bekam endlich nach vieler Mühe zusammen:
Zornvoll, gramesvoll ward vom Donner der Wogen der Kühne.
Freilich zu wenig A-en waren es immer noch, aber es klang doch sehr schön: Zornvoll, gramesvoll ward ... Wie spät war es eigentlich? schon fünf und Zeit zum Aufstehn? -- Aber die Uhr vom Nachttisch ertastend, erkannte er, daß es noch nicht halb fünf war. Ah dann konnte er einmal die Sonne aufgehn sehen!
Das kaum fußhoch über seiner Matratze eingesetzte Fenster hochgeschoben, den Laden auseinandergeschlagen, empfing Georg den erstaunlichen Anblick einer dunklen Welt, in der es schon Tag war. Nicht Tag, -- es war seltsam verhangen, aber schon hell, die Sonne noch nicht aufgegangen. Kein Vogellaut ließ sich hören, Totenstille war umher, der Himmel oben grau, aber siehe da -- gerade drüben überm unermeßlich dämmernden Land, blitzend in güldener Weiße, stand der Morgenstern in klarem Raum, einsam in unendlicher Kühle. Nun begriff Georg auch den Schauer der Stille im eigenen Herzen, die von dem großen Stern ausging. Heilig stand er, ein silberner Erzengel, gebieterisch, ein Herold des Ewigen, nicht fürstlich bei aller Hoheit, ein Diener des Fürstlichen, und hinter ihm -- das undurchdringliche Fernengrau der Leere, die dämmernd bläuliche Unendlichkeit voller Straßen, die sich, alle zusammenlaufend, ins Unermeßliche verloren: Alle diese bleiben euch unzugänglich, sagte er ernst. -- Georg konnte die Augen nicht wegwenden von der strahlenden Hoheit, und als er es endlich wagte und in den Garten hinabsah, war es ihm, als brenne der Stern seinen Blick durchdringend auf seine Stirne ein.
Stille unter ihm lag die halbkreisförmige kleine Plattform aus gelbem Kies, von der, unter der Rosenhecke hinweg, der grüne Rasen nach allen Seiten abfloß; still in der Mitte die roh gefügte Steintreppe, von Moosen und Staudengewächsen und schönen Gläsern bedrängt, ruhig hinabsteigend zum großen, rechteckigen Becken gründurchwachsenen Wassers, das kaum glänzte, die gemauerten Ränder überwuchert von Binsen, Schilf und Iris sibirica. Seitlich stiegen die Böschungen sacht an zum wagrechten Wiesenboden, der sich unter Buschwerk und Bäume verlor, an unzählbaren Stellen besetzt mit den großen weißen und farbigen Flecken der Blumen und Staudengewächse, die, jetzt matt scheinend, alle überleuchtet wurden von den mannshohen Pfeilern des Edelrittersporns, bekleidet rundum mit dem kalten und tiefen Blau der großen Blüten. Wie aber war die ganze Senke eingeschlossen in regungslose, betrachtende Erwartung des kommenden Lichts! Wie unsäglich stille verhielten sich die beblätterten Ranken der Crimsonrose mit schweren Blütenbüscheln, die jenseits des Wasservierecks vom pfeilergetragenen Balken hingen! und ringsumher wagte kein Hauch sich zu regen in den Sträuchern, den Hügeln der großen Aspiräen, den umschließenden alten Bäumen, durch deren breite Lücke und über die hinweg Georgs Blick nun mit Andacht hinauswanderte in das stille Morgenland, über die Weideflächen seiner Ebene im farblosen Licht, bis hin zu den Schatten der Wälder.
Wieder ausgestreckt, auf den linken Ellenbogen gestützt, erwartete auch Georg den Tag.
Langsam erst jetzt, unmerklich vorquellend, drang die Morgenfrische zu ihm herein, so unbeweglich war die Luft. Georg schloß die Augen und ließ es rieseln um sein Gesicht. -- Sie schlief wohl noch unter ihm, die arme Seele. Arme Seele -- wie sie sich in ihren Briefen, auch im kindlichen Geplauder mitunter nannte -- und die reicher war, tausendmal reicher als er. War sie nicht wieder im Zimmer gewesen diese Nacht? Freilich -- das Gewitter -- sie hatte es nahen hören und war gekommen, sein Fenster zu schließen. Aber schon früher einmal hatte er, erwachend, sie neben sich kniend gefunden, dem Fenster zugewandt. Was sagte sie noch? Ich gab mir doch Mühe, es zu bewahren, aber wer behält all ihre Einfälle? man müßte Jasons Gedächtnis haben. -- Richtig: was machst du denn da? fragte ich, und sie sagte, den Finger hebend, andächtig: Da zähl ich die Sterne. Ja, da zähl ich und zähl ich, und immer verzähl ich mich. Sprachs und legte sich enge zu ihm, und das war wohl ihr Nachtgebet, die Sterne über ihm zu zählen ... Aber dann erzählte sie noch etwas, ja, er hörte sie leise lachen und sagen: Rübezahl, das war aber ein dummer Geist, der wo die Rübsen hat zählen sollen und net können. Na, so eine Dummheit, die ollen Rübsen zählen und sich verzählen. Nein, weißt, einer war -- der hat >Sternezahl< geheißen, auch so ein dumms Luder von an himmlischen Engel, der wo gsagt hat zum Herrgott: die Stern, und die zählt er ihm schon lang auf, so vüll sans denn do net! Hats aber net können. Sondern hat dagstanden eine ganze Ewigkeit lang und gezählt und gezählt und hat sich verzähln müssen olleweil. Weils halt -- zu -- viel san. Da is er trauri geworn, schloß sie kleinlaut. --
Aber weißt -- sie freute sich wieder -- den lob i mir, i! Net den dummen ... Sprachs, sagte: schlaf wohl! und war verschwunden.
Georg atmete dankbarlich auf und öffnete die Augen. Der helle Stern war tiefer gesunken und verblaßt, der Himmel sanft bläulich geworden und weiß, ein Wolkenrand, ein Hauch kleiner, silberweißer Bogen war lieblich hingemalt auf die kühle, schon leuchtende Wand. Da krähte ferne ein Hahn. Es wurde immer feierlicher umher; Georg schlug das Herz. Nichts, das sich regte, -- doch -- im Wasser unten gluckste es, ein Ring zeigte sich und dehnte sich blinkend aus; es ward heller. Auf einmal wehte ein kühler Atem so lebendig Georg an, so menschenhaft, daß es ihn überlief. Plötzlich hatten die Blätter der großen Akazie dort hinten sich bewegt, erwachend, nur an einem großen Ast, und überall knisterte es nun leise, Häupter bewegten sich, Schläfer, die ihre Lage wechseln wollten, wachten auf, Zweige rauschten sanft, die hohen Königskerzen bewegten sich gemessen, Binsen beugten sich und rauschten, unbeweglich standen die Irisstauden am Wasserrand scharenweis. Und nun wartete alles in Ergebenheit.
Georg erschrak. Was war das? Etwas Fremdes war über die Erde gekommen! Lautlos wie ein Geist war der rote Rand einer gewaltigen Kuppel in der Nebelferne erschienen.
Georg kniete im Bett. Die Hände willenlos zusammenlegend, sah er, ganz nah, die Gewaltige heraufsteigen, die rote, göttliche Riesin, unleuchtend, stumm, ungeheuerlich, unnahbar einsam, so erhob sie das mächtige Haupt und sah in die erschrockene Welt. -- Er mußte die Stirn auf den Rahmen des Fensters vor ihm legen, sprachlos, quellenden Herzens.
Als er wieder aufzusehn wagte, war es Tag. Die Ebene hatte sich mit ziehenden Schwaden von Nebel bedeckt, die sichtbar über die glühende rote Scheibe wogten, die jetzt an einzelnen Stellen golden zu brennen begann. Von hundert Orten umher zwitscherte es nun und zirpte, in den Lüften flog Gold, ah und wie schwer hing alles Laubwerk und blitzte vom Guß des Gewitters! Schon entstieg zarter Dampf, kleine, weiße Rauchsäulen erhoben sich schwebend über der Wasserfläche, alles leuchtete und ließ sich besonnen.
Georg sprang aus dem Bett, öffnete die merkwürdige Luke am Boden, die Cordelia für ihn hatte machen lassen, und stieg die Leitertreppe hinunter ins Badezimmer.
Von dort erfrischt und sauber zurückgekehrt, kleidete er sich eilig in ein wunderbares Hemd von gelber Rohseide mit offenem Halskragen, weiche, vom Ledergurt gehaltene Flanellbeinkleider, Strümpfe von der Hemdfarbe, und schlich, die braunen Schuh in der Hand, die noch dunkle Treppe hinunter ins Freie, dann an der Hinterseite des Hauses, so leise er konnte, an Cordelias offenen Fenstern vorbei über den Kies -- ah wie die Rosen dufteten am Rande! -- setzte sich auf die Treppe oben und zog seine Schuhe an. Langsam schlenderte er darauf von Stufe zu Stufe, tauchte die Hand in den tropfenbesäten Hügel der weißen Aspiräen und lächelte, den ganzen Blumenflor überschauend, von dessen tausend Namen er jeden Tag ein paar hatte lernen müssen, -- nun war alles längst unrettbar durcheinander in ihm. Das da hinten an der Böschung war Schleierkraut, aber wie hieß es lateinisch? Und daneben die brennende Liebe? Lychnis -- ja, Lychnis chalzedonia und mit robusta noch etwas ... Volksversammlungen der handtellergroßen Margueriten blickten nach ihm hin, merkwürdig, wie die Menschen auf alten Bildern. Leucanthemum maximum -- das war der Name. Georg balancierte behutsam auf dem Mauerstreifen um das Becken zwischen Trollius und Schwertlilien. Die ansteigende Wiesenböschung zu seiner Rechten war mit prangenden gelben und blauen Farben bedeckt, große Beete des Phlox, blaue, rote, weiße Blüten flammten oben, und dort standen, regungslos, die kostbaren, die Königskerzen, ganze Bäume mit aufstrebenden Ästen, mit den scheibenartigen Blüten, isabellengelb, zartlila und goldenblaß, -- wie hießen sie? Delfinum -- ah nein, das war ja der erstaunliche Edelrittersporn, drüben von der andern Seite flammten die großen schwarzblauen Blüten, Delfinum hybridum -- ists richtig, Cordelia? Die Königskerze aber hieß -- hieß -- Verbascum, jawohl, Verbascum vernale, ein glänzender Name! -- Es war ein Paradiesgarten und sie der Gärtnerengel darin!
Georg rauschte im Vorjahrlaub die kleine Böschung durch das Birkenwäldchen hinunter und glitt unten ins schon trockne und sonnenwarme Gras, wo er die Aussicht über die ganze grüne Ebene frei hatte, über die Landstraße, Haidestreifen, kleine Birken- und Tannenschläge -- ins Unendliche hinein, über dem die goldene, brennend brodelnde Sonne kochte im Wolkenlosen.
Sanft ist sie, dachte er, auf den Rücken gestreckt, ins Blaue nach oben schauend, sanft wie die Sonne am Morgen und doch feurig. Das ist das Wundervolle an ihr. Alle schönen Frauen müßten so sein, so -- sanft; nicht weich, hülflos, ohne Feste, sondern im Gegenteil -- fest, aber zart, glühend innen, seelenvoll ...
Sanft halt, würde sie selber gesagt haben.
Georg setzte sich auf. Die Grashalme neben ihm verschwammen vor seinen Augen, so bedrängte, fast angstvoll, ihn ein unsinniges Glücksempfinden. Nun bist du ja gesund, Georg, murmelte er, und glücklich. Sag dirs, Georg, daß du's weißt, daß du's behältst und nicht vergißt: glücklich, ganz glücklich, und wenn du dich fragst, wem dankst du all dies, Gesundheit, Freude, Arbeitskraft, Unermüdlichkeit --, alles, alles, dem seltsamen, dem erstaunlichen Wesen, das dich in Liebe hüllt, wie -- wie ...
Sich zurückwerfend wieder, die Augen schließend, fühlte er sich umschlossen von ihr mit einer noch nie so lauteren, so klaren Lust, die ihn von ihr träumen ließ. Er sah sich am Spätnachmittag den Hügel zum Hause hinansteigen, und dann erschien sie schon unter der kleinen Vorhalle, entweder in köstlich phantastischen Kleidern oder meist ruhte nur ihr dunkler, brauner Kopf über der mächtigen Glocke des ärmellosen Mantels von schwarzer schwerer Seide, in dessen weitem Faltenwurf es grünlich und bräunlich glänzte. Dann warf sie ihn auseinander, dann stand sie darunter, eine schlanke, gerundete Leibesform in türkisblauem Trikot, oder in feuerfarbenem, oder an den heißen Tagen in gar keinem marmorweiß, -- ach, die Erstaunliche! Und es begann der Abend! begannen die langen Stunden stiller Wanderung im Garten umher, in den zierlichsten oder tiefsinnigsten Gesprächen, denn -- oh sie war wandelbar wie die Natur selber durch Tages- und Jahreszeiten, sie blühte morgendlich heiter, sie verschattete sich ernst, sie rauschte, leicht windbewegt, sie konnte gewitterhaft flammen, und lächeln, lächeln immer wieder, und nie erlosch am Grund ihres Wesens die reine Farbe, der tiefe Glanz der Heiterkeit, aus der Zaubervögel ihres Lächelns in immer neuen Flügen, einzeln und scharenweis, Süße und Himmelsinnigkeit herüber trugen. Kam das Abendbrot, so fand es immer wo anders statt, nur bei schlechtem oder kaltem Wetter im kleinen Eßzimmer, sonst auf dem winzigen Viertelkreis des Balkons, auf der Plattform hinterm Hause oder in irgendeinem Dickicht, an der Erde, und Hesekiel mußte rennen und verlor zwanzigmal die Stelle aus dem Gedächtnis. Sie essen zu sehn, war allein die Mahlzeit wert. Sie liebte es, mit aufgestützten Ellenbogen zu sitzen, irgend etwas zwischen den Fingern, Brot, das sie zerbröckelte und das nachher säuberlich aufgescharrt wurde für die Spatzen, plaudernd unaufhörlich, zwischenhinein irgend etwas vertilgend, was kaum gesehen verschwunden war. Oh sie war eine Schauspielerin, natürlich, das wußte er ja, -- ach, von denen vielleicht eine, die im Leben alles und doch nichts Rechtes können auf der Bühne, weil es ihrem Können -- vielleicht am Letzten -- vielleicht nur an einem Tropfen richtigen Theaterbluts fehlt, an der Wonne zu verkörpern, Fremdes darzustellen vor fremden Augen; sie haben die Gabe, sich zu steigern, alles aus sich zutage zu fördern, aber sie können sich nicht zu anderm vervielfältigen und bleiben stets sie selber. Immer spielte sie ja, aber es war doch so, daß diese Kunst ihr nur dienen durfte, Vorhandenes vollkommen zu gestalten, ohne leeres Spiel zu sein, sondern Feuer nur und Schwung im treibenden Rade des Herzens. Ihre Einfälle waren unzählbar, sie schien sich geladen zu haben tagsüber mit Schnurren und Geschichten wie der vom Sternezahl, sie holte eine Anekdote aus der Gießkanne und Legenden aus Bäumen und Sternen. Dann kamen die Abende, in denen langsam die Liebesstunde sich vorbereitete, in denen, je dunkler die Stunde, ihr Herz und ihr befeuerter Geist um so höheres Leuchten begannen, und sie schöpfte das Füllhorn ihrer Brust aus nach Weisheit und Gedichten aller Zeiten und Sprachen, bis es stiller und stiller wurde, bis zuletzt immer der gleiche Augenblick da war, in dem sie, dastehend allein, den Mantel von sich gleiten ließ, ernst wie ein Gebilde ...
Die Nächte, oh diese Nächte! Den seltsamen Marmor ihrer Brust mit tausend Küssen immer wieder zum Glühen zu bringen -- welch unerschöpfliche Wonne! Dann war sie miteins zur lohen Fackel geworden, und sie -- oh sie umtanzte seinen Leib mit flammendem Reigen ihrer Liebkosungen und Umschlingungen, bis --
Georg setzte sich trunken auf, blinzelte geblendet, von innen und außen glühend erhitzt, in das sprühende Gold und versuchte, inständig zu denken: Hab ich nicht einmal behauptet, man liebte nicht im Augenblick der Liebe? -- Ist das wahr? Sie -- ich liebe sie vielleicht nicht einmal, nicht mit ganzem Dasein jedenfalls, oh -- es ist ja gleichgültig, aber doch -- ich fühlte Liebe zu ihr auch in der äußersten Verzückung; und wenn ich nun wahrhaftig liebte, müßte es nicht geschehn, daß es aus der seelischen Glut auch in die leibliche Flamme überströmte zu tieferem Lodern?
Er sank wieder zurück und lächelte. Arme Seele, ich liebe dich wahrhaftig, so sehr ich kann, und ich bin dir dankbar, oh dankbar! Du Verzaubernde! -- Die Abendfahrten über Land fielen ihm ein, im Automobil, wo es immer paradiesische Entdeckungen gab, Stücke Landschaft, Haidhügel mit Wacholder, ein namenloses Dorf, zu dem sie Geschichten erfand, und wars nur eine trübsinnige Henne in einer schmutzigen Kate, -- und wie sie mit den Menschen hantierte, mit einer Herzlichkeit und Frische, die den härtesten Bauernschädel knackte, jeden Augenblick Miene und Sprache wechselnd, aus dem Hochdeutschen ins Oberbayrische fallend oder in ihren Mischmasch aus beidem ... Ihm lachte das Herz, als ihm der blinde Leierkastenmann mit seiner schwarzen Brille, der Orgel auf dem Rücken, ins Gedächtnis kam, der sich am Straßengraben hinstocherte mit seinem schmierigen Spitz und nun aufgeladen wurde in den königlichen Rücksitz allein, und wie sich dann weiß Gott wie herausstellte, daß der Kerl sah! Herr du meines Lebens, das Ungewitter! Wie sie im Sitz neben mir kniete, im flatternden Haar wie ein Windgott, und über die Brüstung mit geballten Fäusten auf die Kanaille im Rücksitz loswetterte, und ich davonraste und plötzlich anhielt, und sie über die Lehne weg wie ein Pardel, und der Kerl aus dem Wagen wie der exorzisierte Satan. -- Gott im Himmel, Georg, wann wirst du jemals wieder so glücklich sein!
Er sprang auf und blickte auf die Uhr. Es war schon dreiviertel sechs, Zeit zum Frühstück. Um sechs saß er doch sonst immer an der Arbeit. Wieviel Stunden Ferienkurs waren heut? Zwei wie meist, dann noch zwei Stunden Arbeit von zehn bis zwölf, dann Schlaf, Essen und wieder Arbeit bis Zwölf oder Elf. Jeden Tag beisammen zu sein, verbot das Gesetz der Liebe ...
Noch ein mal sich reckend, die Arme mit geballten Fäusten ausstoßend und sich dehnend, daß es krachte, klomm er die Böschung wieder hinan, ein wenig beschwert in der Brust, denn -- sagte er sich -- kann man ein solches Kleinod jemals aus den Händen lassen? Eine Prinzessin von solcher Art wie diese halbe Kroatin aus Oberbayern gab es freilich nicht, welch ein Jammer!
Aber Renate. Renate mußte -- bei aller Hoheit gegen Fremde -- ihr doch ähnlich sein, wenn -- wenn sie liebte. Nun, Renate -- es machte Schwierigkeit, an sie zu denken in dieser glorreichen Epoche seines Lebens. Jedenfalls aber -- -- noch ein halbes Jahr vielleicht, dann kam -- der Vertrag, kamen tausend, kam die eine Pflicht; kam auch Renate, das stand fest.
Auf der Plattform hinter dem Hause angelangt, hörte Georg bereits das Badewasser im Innern rauschen und entglitt freudig dem geistigen Labyrinth. Hesekiel erschien, den Frühstückstisch vor den Leib geklemmt, und Georg half ihm, ihn zur Plattform zu tragen, was den Guten äußerst verwirrte und zu tausend Segnungen bewog, worauf Georg die kleine Diele im Innern betrat, an der Tür des Badezimmers klopfte und den Kopf durch den Spalt steckte. Natürlich, der Raum war undurchsichtig von Wasserdampf, Cordelias Kopf war kaum zu sehn über der eingelassenen Wanne im Boden, und Georg unterließ nicht, ihr zum hundertsten Male bedeutende Vorhaltungen zu machen.
»Ja, was willst denn überhaupt? Zu seiner Zeit a jeds, hörst, das ist überhaupt unschicklich, da herein zu kommen! Geh, Georg, sei stad, ich komm gleich!«
»Ja, ich geh ja schon! Übrigens, was ich sagen wollte: ich hab den Vers jetzt!«
»Na?«
»Es heißt: Gramvoll -- nein! Zornvoll, gramesvoll ward vom Donner der Wogen der Kühne.«
Sie schlug die Hände überm Kopf zusammen. »Ach, Georg, was bist du für ein Klabautermann! Zornvoll, gramesvoll ward --« sie bauschte die Worte im Munde -- »ja, und wie heißt es im Griechischen? -- Viel -- im Meer -- litt er Schmerzen im Gemüt -- die allersimpelsten Worte, -- geh, mach, daß d' weiter kimmst mit dein' Bombast, mit dein' Donner der Wogen!«
Georg klappte die Tür zu vor einem triefend nassen Badeschwamm, der herüberflog, und stieg in äußerster Kümmernis über seine Dummheit ins kleine Wohnzimmer hinauf, wo ihm in der Ecke des Sofas alsbald glückselig die Augen zufielen.
Achtes Kapitel: September
Regen
Georg verlor an einem Regennachmittag im September die Lust an der Arbeit so gänzlich über dem Verlangen, in den Regen hineinzugehn, daß er, kaum gedacht, in festen Schuhen, Gummimantel und Mütze vor der Türe stand, mit weitoffenen Nüstern die kalte, frische Feuchte der Luft in die Lungen ziehend.
Wundervoll war die Leere des verschleierten Parks. Georg ging; der Regen fiel mit fast lieblicher, mit liebkosender Leichte, hinwehend über die Lichtungen der Wiesen, hingebungsvoll sich mitunter ganz in Seele, in nebelnde Feuchte auflösend, in Schleiern sich einsenkend in die ruhig duldenden Wipfel. Die aufgeweichten Wege schienen noch nie betreten. Noch war alles Laub tiefgrün, hier und da zart gelb gesprenkelt; nur wo Nußbäume standen, leuchtete das nasse Gelb. Die Gruppen der Bäume und Gebüsche, von der Regenumschlingung zusammengeschlossen, schienen schöner aufgeteilt. Gleichmäßig rieselte die Stille mit dem Säuseln der Feuchte; alles bewahrte Ruh im Empfangen der Erquickung.
In linden Gedanken sich selber umschweifend, gelangte Georg an den grauen, dampfenden Spiegel des Teichs, an die Bank, wo vor langem Sigurd den Kaddosch gesprochen. Esther, kleine Esther -- was war aus ihr geworden am Grunde der großen Wasser? -- Ein Regentag, gewaltsamer als dieser, wars, da kamen die Beiden herein, triefend und lustig, und es gab Verkleidungen und Gelächter.
Matt, sehr verblaßt glänzten die Farben der Erinnerung durch den Nebelregen der Jahre.
Ist es nicht doch besser geworden? dachte Georg; und ernster? >Ein guter Geist hält über mir die Wage ...< Ich weiß noch: hier saß ich, wie ich Balto-Borusse geworden war, und fragte mich, welches Gewicht einmal dies Erlebnis haben würde. Um richtig wägen zu können, dürfte wohl noch nicht genügend Zeit verstrichen sein, aber ich denke doch: über die letzten Folgen bin ich hinaus. Ein leichter Herzfehler, Meidung alkoholischer Getränke, die Erinnerung an Tozzi, an Schwalbe --, das ist wohl alles, soweit ich sehe, und nicht eben viel.
Georg wanderte weiter in einer plötzlichen Sehnsucht nach seinem Vater. -- Ich könnte doch eigentlich viel mehr von ihm haben, stellte er fest, und deshalb ist es doch schade, daß er nie schreibt. Nein, für Gedankenaustausch ist er nicht zu haben -- gesetzt, ich hätte was zu tauschen --; sein Leben beschränkt sich auf Leistung. -- Überdem fiel ihm eine Andeutung aus Magdas letztem Brief ein, als ob sein Vater es wieder mit dem Gehen versuchte; er hielt das wohl geheim oder ließ merken, daß es unbeachtet bleiben sollte, solange kein Erfolg sich zeigte. Sonderbarer Mensch, der er doch war! Sollte er wirklich der kranken Frau wegen sich freiwillig diese Fessel an den Fuß gelegt haben? Und weshalb wollte er nun los? Freilich war er jünger, als man seine Väter sich so denkt, drei-, vierundvierzig, und konnte noch bald ebensoviel vor sich haben ...
Georg war im weiten Bogen zum Ende der Lindenalleen gelangt und ertappte sich in der Richtung zu Cordelias Hause. Auf die Uhr blickend, fand er, daß sieben nahe bevorstand. Vielleicht war sie da, -- sie pflegte ja allabendlich die Blumenstöcke zu gießen und den Vasenblumen frisches Wasser zu geben. Und wenn sie nicht kam, -- konnte es nicht einmal ganz schön sein, ohne sie in ihrem Duftkreis zu weilen?
Alsbald, die stille Alleestraße zwischen Gärten und Landhäusern bergan geschlendert, öffnete Georg das Gittertor und stieg den gewundenen Weg hinan zum Hause, das nun ganz in einen Kranz von Dahlien eingefaßt war, schwarzroten, eigelben, weißen und feuerfarbenen, alle Häupter übersät mit metallblanken Tropfen. Unter der Vorhalle aber saß, ganz still und so vertieft, daß er nichts umher sah noch hörte, ein kleines Buch vor den Augen, Hesekiel. Auf Georgs Anruf kehrte er erschrocken in sich selbst zurück, dienerte heftig und lief herbei, wehmutvollen Mundes, aber heiterer Augen. Georg fragte, was er denn lese; er brachte das Buch, ein Neues Testament.
Ob er denn auch verstünde, was er lese.
»Gnä Frau hat mirs angestrichen, was i lesen derf. Sehr schön is, sehr schöne Sprüch.«
Richtig fand Georg hier und da ein paar Zeilen, einen Absatz dick mit Bleistift eingerahmt. »I solls auswendig lernen,« erklärte Hesekiel diensteifrig, »sie hört mirs dann ab.«
»Na dann sag mir doch auch mal einen Vers! Einen, den du gern hast, -- oder vielleicht die gnädige Frau ...«
Hesekiel zog die Stirn in Falten, schwer sich besinnend. »Es sind halt so viele«, äußerte er bedenklich, fing aber im nächsten Augenblick an zu sprechen und brachte stotternd, aber ganz richtig zusammen:
»Unser keiner lebt ihm selber, und unser keiner stirbt ihm selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn, darum wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn, den Spruch hat gnä Frau so schön gefunden.«
»Sehr schön, Hesekiel!« Er lächelte mühselig. »Verstehst du's denn auch?«
»I woaß net so gnau. I denk mir schon was. Mir san katholisch, mir zwa«, erklärte er plötzlich.
»Ah, du und die gnädige Frau?«
»Ja, mir san katholisch.«
Georg wußte nun nichts mehr, gab dem armen Teufel sein Buch wieder und ging ins Haus.
Sanft grüßend empfing ihn das kleine Wohnzimmer, dämmrig, enger als sonst. Georg trat ans Fenster, und ihm kam, da er jenseit des ums Haus führenden Kiesweges große Sonnenblumen stehen sah, die Häupter gesenkt, schwer von Regenperlen, -- wieder Magdas Brief ins Gedächtnis: er hatte so in Tränen gestanden, so gebeugt in Wehmut um die Gestorbene. -- Georg hatte ihr gesagt, unfähig falscher Gefühle zu scheinen vor ihr, daß ihm keine Mutter gestorben war, und dies hatte ihren Schmerz fast vertieft.
Unser keiner lebt ihm selber, und unser keiner stirbt ihm selber ... Georg fand, daß er die ganze Stelle im Gedächtnis behalten hatte, so hing eines im andern. -- Leben wir, so leben wir dem Herrn ... Auch in diesen Worten war eine Erinnerung an Magdas sanfte Gestalt. -- Darum wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. -- Es klang sehr tröstlich; klang nach Händen, die nichts entgleiten lassen.
Georg hatte Lust, ihren Brief zu beantworten; nicht zu beantworten, -- was gäbe es zu antworten auf Schmerz? -- aber zu schreiben. Allein wie anfangen?
Jetzt, vor dem Sekretär sitzend, gewahrte Georg sich selber zur Linken hinter dem bläulichen Glasschleier des Spiegels, ein wenig sonderbar nicht nur durch die prunkvolle Umrahmung von Leisten und Gespiegeltem, den Kerzen und der mattblauen Vase, die heute dort stand, den Rand überhängt von gelben Rosenköpfen, sondern durch die Verschleierung vor allem, die ihn sich selber wie in einem andern Zimmer erscheinen ließ, dasitzend einsam, ohne Stunde, ohne Zeit, nicht vergehend. So einsam also sieht man immer aus, wenn man allein ist, dachte er. Es war beklemmend hinzusehn, er wollte sich schon wegwenden, entdeckte jedoch nun in seinen, übrigens wie immer scheinenden Zügen etwas Neues, eine kleine, neben dem linken Mundwinkel eingegrabene Falte, deren Herkunft er nicht begriff, bis er, unbemerkt den Mund verziehend, spürte, daß diese Mundbewegung etwas wie -- Verachtung ausdrückte. -- Dazu, sagte er, entschlossen sich abwendend, scheint mir denn doch wenig Ursache. -- Es sei denn Verachtung deiner selbst, fuhr eine andre Stimme in ihm fort, die er indes überhörte, in Cordelias Schreibmappe nach Briefpapier suchend.
Er fand aber zuerst einen Brief mit seiner Adresse von ihrer Hand darauf, schön, groß, rund, klar in Lateinschrift geschrieben, drehte ihn herum -- er war offen --, dachte, es sei vermutlich solch einer, wie er ab und zu bekommen hatte, sei's weil sie ihm einmal absagen mußte, sei's aus keinem triftigeren Grunde als dem, ein Zeichen zu senden, einen zärtlichen Gedanken, einen kleinen Vers, -- und richtig, als er den Bogen erwartungsvoll herauszog und entfaltete, las er Verse:
O komme, Geliebter, es freun sich die Fluren, Der Storch und der Star und verwandte Naturen. Weiß schimmern die Birken auf grünender Trift, Da ich schreib in die Rinde mit brennendem Stift: O komme, Geliebter, zu festlichen Stunden, Wir wollen uns tränken, wir wollen uns munden!
Die arme Seele.
Nun da bin ich ja! freute sich Georg, aber wo bleibst du? -- Wie lieblich sie das wieder zusammengeleimt hatte, gar nicht empfindsam, klein und frisch wie ein Veilchenstrauß! Sie war ein Juwel.
Aber er wollte doch an Magda schreiben, und damit ließ sich nicht anfangen. Indem geriet ihm, als er mit einem verlorenen Blick hinter sich die Bücherregale streifte, die im Eck neben dem Sofa zusammenstießen, Irene in den Sinn, nach der Magda gefragt und die er gestern wieder einmal mit einem Detektivroman im Arbeitskorb gefunden hatte. Und im selben Augenblick hatte er eine so schöne Hohnrede über sie, mit soviel aparten und glatten Wendungen im Kopf, daß er hastig ein paar frische Bogen aus der Mappe fingerte, seinen Halter zog und zu schreiben begann.
Liebe Magda:
Dies also, dies ist Irene Herzbruch! Dein Wunsch, von ihr zu hören, umarmt den meinen, von ihr zu reden. Gut, fangen wir an, liefern wir eine Beschreibung.
Daß sie mit ihrem Mann vor ein paar Monaten ihre Langenhagener Sommerwohnung bezogen hat, weißt Du, vermutlich auch, daß sie diese Wohnung -- eine Photographie bekommst Du -- mit Herzbruchs Schwester, Dora Vehm und deren Mann teilen. Nachdem ich dreimal ganze und halbe Tage draußen gewesen bin, habe ich die Männer übrigens noch kaum zu Gesicht bekommen. Dr. V. hat seine Praxis und Sprechstunden in der Stadt, H. dito seinen Verlag. Dora Vehms erinnerst Du Dich vielleicht von Irenens Hochzeit: prachtvoll anzusehn, mit dunkler Haut, schwarzem Haar, schwarzen, glänzenden Augen und einer schönen, sicheren und freien Haltung. Die Stimme manchmal etwas schrill, zum Beispiel, wenn sie sagt: Nein, das ist ja rasend komisch! -- (N. b. daß sich doch alle Frauen im gesellschaftlichen Umgang solche Übertriebenheitsworte angewöhnen müssen, wie rasend, oder himmlisch oder reizend.) Diese tüchtige Frau ist Urheberin einer Volksspeiseanstalt, wo Arbeiter und Frauen für 40 oder 50 Pfennige ein nahrhaftes Mittagbrot bekommen, und diese Anstalt leitet sie ganz allein, teilt sogar nicht unhäufig selber das Essen aus; ferner ist sie Vorsitzende irgendeines Frauenvereins; ferner leitet sie ihren Haushalt; ferner hat sie Freunde, denen sie lange Briefe schreibt; ferner singt sie, und gar nicht schlecht; ferner geht sie in viele Konzerte, Theater, Vorträge, Vorlesungen; ferner ist sie in der schönen Literatur verblüffend bewandert, und auf ihrem Tisch liegen Knoop, Kierkegaard, Hamsun und die Geschichte des Dr. Bürgers von Hans Carossa; und schließlich hat sie zwei entzückende Kinder von drei und fünf Jahren, Knaben und Mädchen, mit denen sie, ungelogen, niemals weniger als eine volle Hälfte des Tages zusammen ist. Da soll einer sich ein Beispiel nehmen. Und nicht etwa, daß dieses Ganze ein verfitzter Rattenkönig oder Schlangenballen wäre, aus dem all diese unterschiedlichen Verrichtungen mal dieses mal jenes Haupt züngelten, um was zu verschlucken, sondern ohne Unrast, ohne Fahrigkeit, auf einer einzigen, sanft und ebenen Linie rollt ein solcher Tageslauf einer solchen Frau ab, sie ist heiter, gelassen und fröhlich, und hat immer, immer noch für ein Dreizehntes Zeit in der zwölften Stunde.
Ach so, ich wollte von Irene schreiben. Du merkst, daß ich diese Frau anbete und verehre. Von dem Denkmal, das ich ihr in meinem Herzen gesetzt habe, war dies eben ein freilich sehr kümmerlicher Abdruck. Ein Hurra allen wackeren Frauen, würde Bernhard Kellermann sagen. Also nun Irene.
Als ich das erstemal zu ihr kam, -- ja, also das Haus siehst du sehr schön auf einem Hügel liegen, der von der Chaussee langsam flach ansteigt: zu unterst sind Gemüsefelder, dann kommt ein Blumengarten -- alles noch neu und sehr spärlich, zumal um diese Jahreszeit, dann Wiesen mit dem Haus in der Mitte; die rückwärtige Seite ist mit der >Hecke< bewachsen, wie man das hier nennt, das heißt also Buschwerk und Unterholz, Haselstauden, Eschen, Weiden, auch Tannengestrüpp, ein wahres Dickicht, Wassertümpel und zuletzt ein kleiner, abgenutzter Steinbruch. Ja, also da fand ich Irene, ihrer Stimme folgend, die von weither gellend hörbar war: Sie! Sie haben ja ihren Fusel noch dick in den Augen! Was Sie sind? Sie sind weiter gar nichts als ein besoffenes Schwein, wissen Sie das? Gehn Sie mal nach Hause und schlafen Ihren Rausch aus -- und so weiter. Ja, da stand sie breitbeinig im Bohnenbeet, einen Spaten schwingend, aber der so beschimpfte Gärtner war wirklich äußerst betrunken und gerade dabei, tätlich zu werden. Ein andermal fand ich sie mittags auf dem Rasen im Dickicht mit einem Roman von Skowronnek. Und das drittemal trug sie mit der Forke von einem kleinen Handwagen den Kompost und verteilte ihn über die Melonenbeete.
Dies wäre Irene? Freilich, freilich! Und was wäre viel dagegen zu sagen, wenn nicht -- ja, wie soll ich das beschreiben?
Sieh mal, wenn die Frau eines Rittergutspächters, dessen Dasein reineweg von seinen Äckern, Beeten und Ställen abhängt, sich so gehabte, da wäre das trefflich, obzwar auch dann noch zu fragen wäre, ob hierzu der Weg über ein Kloster vonnöten gewesen wäre. Was ist alte, älteste männliche Forderung an eine Frau? Daß sie das Notwendige mit Anmut tue. Was heißt Anmut? Eben jene Leichtigkeit und Gelassenheit der Gebärde, jene Unscheinbarkeit, ja Unsichtbarkeit des Tuns, jenes Darüberschwebende des Ganges, so daß von allem Kräfteaufwand nichts eigentlich vor andern Augen erscheint, als der Überschuß und die Freiheit zu andern Dingen, eben jene Anmut Dora Vehms, welche genau die des Trapezkünstlers ist, der nach jeder Vorführung, ein Lächeln auf den Lippen und mit ausgebreiteten Armen vortänzelnd, dem Zuschauer vorzuspiegeln hat, daß seine Leistung Kinderspiel sei, abgetan zwischen zwei kleinen Atemzügen. Sie aber geht in diesen Dingen bis zur Selbstvernichtung auf. Wenn sie morgens früh um fünfe ihre Hühner füttern muß, so schläft sie natürlich Glock neune ein. All dies, um im Winter selbst eingeweckten Spargel und selber eingekochtes Pflaumenmus essen zu können. »Und das Ganze«, hören wir meinen Vater sagen, »ist denn wie an die Wand --, usw.« Langsam umnachtet sich ihr Geist. Bücher liest sie keine, außer den oben angezeigten. Für derbe Worte und Redensarten hatte sie immer eine Vorliebe; Rhinozeros ist ihr Lieblingswort, das sie ja freilich am fröhlichsten an sich selber verschwendet. Siehe sie dastehn: in einem lachsfarbenen Morgenrock, Rüschen an Hals und Ärmeln wie immer, mit ihren sanft und länglich gerundeten Hüften -- noch sind sie's -- tausend goldne Lockenwirbel ums krebsrote Gesicht, indem sie sich mit dem Zeigefinger vor die Stirn tippt und sagt: Ich Rhinozeros!
Schließlich weiß man ja nicht, wie lange sie's treiben wird. Ferner ist auch die Abwesenheit ihres Mannes in Erwägung zu ziehn, aber wiederum -- die sozialwissenschaftliche Hauptabteilung seines Verlags, und die neue Zeitschrift gleichen Charakters, die er jetzt zu gründen im Begriff ist, könnten ihr genug Gelegenheit bieten, mit ihm zusammen ein gemeinsames Leben ernster und würdiger, wirkender und fortwirkender Tätigkeit zu führen, anstatt daß sie sich Sommers abrackert, um Winters essen zu können. Sauwohl fühlte sie sich, sagt sie, und überhaupt sei dies die wahre Bestimmung des Menschen, zu essen und zu trinken und dafür zu sorgen, daß man zu essen und zu trinken habe. Ihre Geige, wenn du danach fragen solltest, ist seit Monaten vergessen. Gewiß: Bau und Einrichtung von Haus und Garten mußte sie so ziemlich allein bewerkstelligen, und es ist ja auch reizend geworden, aber wozu? Sie wohnt ja nicht, sie hat ja immer bloß zu tun. Ihre Kleider sind entzückend, sie macht sie selbst, Renate auch, aber ich habe Renate nie am Schneidertisch gesehn.
Ja, wären nicht die Kinder -- du weißt, ich liebe Kinder -- und Dora Vehm, so würde ich diesen Verkehr vermutlich aufgeben. Manchmal ist ja auch H. abends anwesend, und auch der Doktor ist ein feiner, freilich sehr stiller, in sich gekehrter Mensch, aber da braucht man nur irgendeine Sache unterm Himmel zu berühren, so giebt es ein schönes, ernstes Gespräch, man fühlt einen feinen Keim in die Brust fallen, und die Stunde war nicht umsonst.
Ehrlich, Magda: Im Gastbuch unseres Korps fand ich die folgenden, sonderbaren Verse meines Papas, soviel ich weiß die einzigen, die er je gemacht hat, frei nach Storm:
Habe niemals eine Meinung! Innerstes bleibt stets verborgen. Was am Nachbarn du bedauerst, Tust du heute, tust du morgen.
So würde ich mir auch nicht diese Meinungsäußerung über die gute Irene erlaubt haben, wenn ich nicht selber während der Trassenberger Monate ernstlich an mir selber gefeilt und mich besonnen hätte, was ich war, und wer ich sein soll. Ich habe auch ganz tüchtig gearbeitet, denn das abgebrochene Altenrepener Semester drückte kräftig genug, und wenn auch Greifbares nur wenig dabei herausgekommen sein mag -- ein Überblick, flüchtig genug, über das gesamte, über dies ungeheuerlich horrende Besitz- und Arbeitsfeld Papas -- so habe ich doch Arbeitslust und Zukunftseifer in reichlichem Maße davongetragen. Froh bin ich dabei -- darf ich das einmal sagen? -- daß Du, immer Gütige und Verstehende, meinem Wege treu geblieben bist, und mit mir hoffst, und mit mir vertraust. Denn das tust Du doch, nicht wahr? Deine Briefe taten mir so wohl! Wirst Du nicht bald einmal wieder nach A. kommen, damit ich Dich singen hören kann? Oder ist die Stimme noch immer nicht so weit? Nein, nein, rede mir Du in deiner Bescheidenheit das nicht aus: Dein Gesang ist besser als Irenens Einmachegläser. Weiland Josef Montfort schenkte mir einmal -- der Großmütige! -- ein Wort; es ist von Salomo und lautet: Erhalte dir dein Herz, denn aus ihm kommt das Leben. Aus dem Herzen kommt Deine Stimme, aus einem allwissenden Herzen, Magda, ich muß es sagen, und ist Leben und muß Leben wirken.
Irene hat ihr Herz eingeweckt; möge sie sich im Winter ihres Mißvergnügens daran laben. --
Georg hielt inne. Der Nachsatz, fand er, hatte den Abschluß verdorben; nun konnte er so nicht enden, und ein Übergang war schwer zu finden. Auch schien ihm noch etwas zu fehlen, ja, die Hauptsache war mit den wenigen Worten gegen Ende doch noch nicht ausgesagt, sein dankbares Gefühl für sie und ...
Er stand auf, trat ans Fenster, merkte, daß der Regen stärker niederrauschte, und schloß es. Sogleich dämpfte sich der Lärm, aber Georg gewahrte auch, daß es dunkler geworden war mittlerweil, er mußte zum Ende kommen. Da verschleierte sich der Raum langsam vor seinen Augen, er sah noch vom Sofatisch her etwas Rotes dunkel glimmen, das Rubinglas, das er einmal mitgebracht hatte. Es quoll undeutlich in ihm, er sah wieder den für Magda bestimmten Brief liegen, setzte sich davor und schrieb:
Ich mußte eben die Feder hinlegen und lange am Fenster stehn. Es ist dämmrig, der Regen schlägt an die Scheiben. Esthers Volière fand ich bei Irene, wo ist Esther? -- Wie sind wir Alle auseinander gewirbelt! Daß wir immer wohl dies und jenes unternehmen können, aber halten läßt sich nichts davon. Wer hielte sein eigenes Herz, geschweige denn fremde? Unwiderstehlich angezogen treiben wir zu immer neuen Wirbeln hin, und schaurig ist, daß, was am wildesten glühte, am eiligsten erkaltet. Ferne, liebe Freundin, ich weiß nichts von Dir, aber wie den guten, immer gleichen Benno hier -- natürlich vergaß ich den Allzubescheidenen zu nennen, als ich eben die Hiergebliebenen zählte -- so sehe ich Dich dort: ein Bleibendes im Getümmel, eine sanfte Säule im Kreisen, einen immer steten, leisen, aber in jeder Stille um so geheimnisvoller vernehmbaren Ton, und ich denke: tausend Saiten des aufgeregten Daseins schwirren und rasseln ihr verworrenes und bezauberndes Spiel: eine Saite ruht immer und tönt tagein, tagaus, jahrein, jahraus immer den gleichen, himmlisch einfachen, und o so tröstlichen Klang!
In Dankbarkeit der Deine
Im Begriffe, seinen Namen zu schreiben, hielt Georg ein. -- Was ist denn das? sagt er schwer aufatmend, was hast du denn da gemacht? Du hast ja gelogen. An sie hast du nicht gedacht, sondern hast Cordelia empfunden, und das Gefühl nur ein wenig umgewandelt, daß es paßte ...
Aber wenn es paßt, mußte er sich widerlegen, so hats doch seine Gültigkeit irgendwie. Eben war es so, daß ich nicht an Magda denken konnte, wenn ich es aber wirklich tue, ernstlich, so empfinde ich auch, wie ich schrieb, und -- ja, und das vor allem wars, was ich empfand: sie wird immer bleiben, immer --
Und Cordelia? Ist es denkbar, je ohne sie zu sein?
Jetzt höre ich auf zu denken für mindestens drei Stunden, dachte er ärgerlich lachend, unterschrieb, faltete und schloß den Brief in einen Umschlag, den er adressierte, worauf er sich erhob, um in der Sofaecke nun ganz die Dämmerung zu genießen und die Erinnerung an die Zärtlichste, die Einzige ...
Im Niederlassen jedoch merkte er, daß er sich auf etwas Hartes, Buchartiges setzte, und zog unter sich ein großes Heft im Aktenformat mit blauen Pappdeckeln hervor, schlug es auf und las im Zwielicht das groß und geschwungen -- als Titel -- von Cordelias Hand geschriebene Wort: Theodosis; darunter, kleiner: Tragödie.
War das eine Rolle? Er hatte noch nie den Namen gehört. Auch schien ihm jetzt, als er das Blatt umschlug und Verse fand, die Handschrift Cordelias anders als jetzt, nicht so ausgeschrieben, jugendlicher; und schon im Begriffe, das oben stehende Personenverzeichnis zu lesen -- Pelagios, Thespesios hatte er schon erhascht -- hielt er sich zurück, von einer Art Duft oder Hauch berührt, der ihm Einhalt bot; schlug das Heft wieder zu und legte es auf den Tisch.
Und dann hörte er deutlich durch das Regengeräusch das Nahen eines Automobils; es ward lauter, kam ganz nahe und verstummte dann. Das mußte sie sein. Georg war im Nu durchs Zimmers, die Treppe hinunter, trat unter die Säulen vor der Tür, als sie eben den Weg heraufkam, ohne Hut, im grünen Regenmantel, und hielt sie im nächsten Augenblick in den Armen.
Im Zimmer oben zog er sie eifrig zum Sofa, als sie das Heft bemerkte und -- zum erstenmal glaubte er diese Bewegung zu sehn -- die Augen feindlich zusammenzog. -- »Hast des gfunden?« fragte sie.
»Es lag in der Sofaecke. Sollt ichs nicht sehn?«
»Warum net gar? Die alte Sach.« Damit hatte sie's aufgenommen, ging zum Kastenschrank, zog unten eine Lade auf und legte es hinein. Im Zuschieben mit Händen und Knien schien sie sich zu verlieren, richtete sich langsam wieder auf und trat an das Fenster.
Erinnerungen, dachte Georg; sie ist traurig geworden. -- Nein, diesmal will ich nicht, wie man immer tut, Zartgefühl nur durch Schweigen beweisen. Erinnerung will gelöst sein, nicht zerdrückt -- und er ging leise zu ihr, zog sie an sich und fragte behutsam, über ihr Haar streichelnd: »Warum hast du's fortgelegt?« -- Sie schwieg. Wie ihr Haar duftete! Sie atmete stark.
»Möchtest du mirs nicht vorlesen?« fragte er wieder, da er ein leises Nachgeben in ihren Schultern zu spüren meinte. »Oder spielen?« setzte er, noch leiser, hinzu.
Eine lange Weile blieb sie still. Dann, heftiger atmend, fragte sie weich: »Woher weißt denn, daß ich spielen kann?«
Nun hielt ers für das beste, zu schweigen. Immer tiefer und schwerer wogte ihre Brust.
»Möchtest du's denn gern?« flüsterte sie kaum hörbar und räusperte sich. -- Er drückte sie an sich. »Wart ein Weilchen«, sagte sie schnell, drückte sich um ihn herum, lief durchs Zimmer und verschwand.
Es war ganz dunkel geworden. Georg, am Fenster stehend, dachte: Ich sollte nie fragen! sagte sie im Anfang -- und nun kommt es doch, ganz von selber. So ist es im Leben. Eine wirkliche Elsa hätte auch nicht geradezu gefragt: Wer bist du? Wo kommst du her? -- Eines Tages hätte es sich von selber ergeben, und dann wäre es auch vermutlich nicht halb so schlimm gewesen, wie der Lohengrin ankündigte ...
Er mußte jedoch lange warten, bis sie wieder kam. Still und ernst, auf unhörbaren Füßen erschien sie im dunklen Raum, dunkel selber im Haar und dem schweren, schwarzen Mantel; nur ihr Gesicht schimmerte sehr weiß.
»Setz dich ins Sofa«, bat sie, und er tats. Sie blieb vor dem Kastenschrank stehn, legte still eine Hand in die andre und sprach, das Gesicht zum Fenster gewandt, erst nach langer Zeit:
»Theodosis war eine arme Seele. Sie war stumm geboren und blind. Dennoch fand sich ein Mensch, der sie liebte, dem sie vermählt wurde, und der von einem Nebenbuhler erschlagen ward in der selben Nacht. Nun kommt ihr alter Lehrer Thespesios, der sie als Kind lehrte, den Druck seiner Finger in ihrer Hand zu verstehn und zu erwidern, und sagt ihr, was geschehn ist. Der Schrecken durchbrennt sie, sie lodert auf, sie kann sprechen.«
Cordelia schwieg. Georg, in seltsam tiefer Erregung, da er ihre Stimme noch nie so gehört hatte, so tief und tönend, so voll aufkeimender Musik, sah ihre Augen durch den Raum wandern, mit fernem Blick, unsäglich ernst, bis zu ihm, doch sah sie ihn nicht an.
Auf einmal glitt von ihren Schultern der Mantel -- ihr Leib glänzte fast metallisch auf in der Dunkelheit --, glitt bis zu den Hüften, wo ihre linke Hand ihn hielt; die Rechte streckte sich ein wenig vor, steif, als würde sie von einer andern gefaßt. Sie hielt den Kopf lauschend vorgesenkt; dann entflog irgendwo ein gurgelnder Laut: »Weh über mich!«
Die Rechte noch in derselben Haltung, fuhr die Linke zum Munde, in ihrem Blick war Entsetzen, der Mantel war am Boden, aber jetzt -- kaum daß Georg noch Worte vernahm, so flutete eine maßlose Stimme durch den Raum, wie ein Engel in tosenden Flügeln --
»Mein Mund! was ist mit meinem Mund? er brennt! Wehe, ich brenne! eine Flamme schlug Aus meinem Mund, und alles steht in Brand. Was ist? ich höre eine schreckliche Entstellte Stimme. Meine Stimme ists! Ich konnte sie nicht halten ...«
Sie war still: sie stand noch immer wie zuerst. Georg bebte am ganzen Leib. Diese nie gekannte Stimme! Diese singende Kraft, diese schwelgrische, üppige Musik, und Verse, die sie schwang wie Fackeln und Dolche, lodernd, triumphierend, in seine Brust. Und nun -- nur die Arme ein wenig zu einer hülflosen Gebärde des Umarmens ausgestreckt, tiefer gebeugten Leibes -- sang sie weiter:
»O Stein an meinem Mund, o kalte Säule! O Mund, ich schließe dich an diesen Stein, So stumm warst du, so eisig diese Nacht, Da über dir ein andrer Mund verglühte, In dich hineindrang, aber du warst Stein ...«
Sie warf die Hände empor und rückwärts zum Genick, empor das Gesicht:
»Nun schrei, zerborstner Stein, nun gell es aus, Daß ich nur höre diese grauenvolle, Verworfne Stimme, die nur ward zum Schrei Erschaffen, nur zum Schrei!«
Wieder vornüber sinkend, faltete sie die Hände in der Höhe der Brust, sie wand sich zart, Georg sah jetzt ihr Gesicht, entfremdet, die Augen geschlossen, schmal geworden; sie lächelte Gram:
»O meine Kindheit! O meine Sehnsucht, süß und schmerzenvoll! Da alle Welt voll Lieder war und klang, Wie tönte jedes Ding, wie sprach von Liebe Das kleinste auch, dran meine Hände rührten, Du Becher, draus ich trank, du Ring, du Vase, Glücklich beredt, und lächelte mich an, Daß ich euch liebte tief aus meinen Schmerzen. Dann manchmal schiens, als sei doch einmal alles Verstummt, und kein Geräusch als in den letzten, Versteinerten Tiefen, dunkel in mir murmelnd, Die Stimme, meine Stimme, die vergrabne, Arbeitende ... Ich konnte ihr nicht helfen.«
War das denn Spiel? Übermannte sie jetzt wirklicher Schmerz? Aber da wich schon die Qual, sie lächelte wieder, doch fielen die Hände auseinander, fielen ab, unwissend geschlossen bis zu ihren Schenkeln, wo sie haften blieben, und sie stand nun, eine hülflos gekrümmte Figur ...
»Wie sollte sie Einst süßer tönen! ach, wie sollte sie Liebkosen! all die stummen Herzen sollten Von ihr gestillt und fröhlich sein. Es würden Die alten, göttlichen, unsichtbaren Flügel An ihren Schultern wieder sichtbar werden, In Himmel tragen, die entgegenschweben ...«
Ihre Stimme, zu innigster Innigkeit versüßt, verhauchte im Geflüster der brünstigsten Sehnsucht:
»Ich wollte ihnen dienen. O in Schauern Sollten sie stehn und horchen: Hört, es klingt Die Erde, ja die Erde klingt, die alte. Alles wird klingen, alles ist voll Liebe, Wir Menschen sind geliebt, wir sind geliebt, Denn eine Blinde baut uns goldne Brücken, Denn eine Stimme kam, um uns zu dienen ...«
Mein Gott, sie sprach ja von sich selbst! Das war ja sie, sie, und stockte nun, besann sich, sagte stumpf: »Nun schreit sie bloß!« und flog plötzlich in ihren Armen empor in den Raum, stand langausgestreckt nach oben, schmerzausjauchzend wie eine knatternde Flamme:
»Ach, was aus mir Jetzt Worte schleudert, nennt ihr Sprache, ach, Nur meine Stummheit ists, die reden lernte Und alles überschreit! O daß ich sänge! Eindränge in die Seelen mit Gefühl, Die Namen stammelnd, Namen, blühend, Kinder, Im Welken Himmlische, und Worte, Worte ...«
War es denn zu Ende? Georg wagte nicht, sich zu bewegen. Sie stand immer noch wie zuletzt, die Augen geschlossen. Dann schien sie zu wanken. Georg sprang auf und kam eben rechtzeitig, sie aufzufangen. Sie fiel abgebrochen gegen ihn wie eine Säule. Er fühlte sie schweißbedeckt und eiskalt am ganzen Leib, aber sie war nicht ohnmächtig, sie zitterte, er raffte den Mantel vom Boden, selber zitternd, und hüllte sie hinein, während Gedanken in ihm schwirrten wie Funken. Sie an sich drückend, flüsterte er stumm: »Ich weiß ja, ich weiß ja nun alles. Ärmste, du hast nie spielen dürfen, was du konntest, du hattest -- ach, was weiß ich, wie es war, aber nun ... Komm,« sagte er sanft, »komm, leg dich hin, komm, es ist ja nun gut! ich weiß ja nun ...«
Da horchte sie auf. »Was weißt du nun?« hauchte sie.
»Ach -- alles; was dir fehlt, wer du bist. Aber das hat nun ein Ende. Ich kann ja alles für dich tun, ich --«
»Was willst du tun?« fragte sie, seltsam schmelzend und ergeben.
»Ach ... Du weißt doch: das Theater ist doch nichts ohne meinen Vater, und ich selber ... man hat doch alles für Geld. O die Schurken, nun weiß ich alles! Was soll ich tun, Herz? Soll ich morgen zum Intendanten gehn? Willst du hier bleiben? Willst du nach Berlin? Sag doch, Herz, du bekommst ja!«
»Zum -- -- In--ten--danten?« sagte sie vergehend. Ihm schmolz das Herz in der Brust. Mein Gott, warum hatte sie denn nur geschwiegen, immer geschwiegen!
Da merkte er, daß sie weinte. Und dann war sie auch schon in ein Schluchzen ausgebrochen, daß ihm das Herz stillstand vor Grauen. Sie schüttelte sich minutenlang wie ein rasendes Tier, dann brüllte es aus ihr heraus, sie fiel vornüber so schwer, daß sie ihn mitriß, er mußte knien, um sie zu halten, sie lag halb am Boden, er richtete sie auf, sie wimmerte, er sah ihr Gesicht, aus den geschlossenen Lidern schossen stromweis die Tränen, während der Mund sich verzerrte, und sie fiel wieder um, er richtete sie mit Mühe auf, sie fiel ihm über den andern Arm, lag am Boden, schluchzte, schluchzte, schluchzte, sie schüttete Schmerz aus, wimmernd aus keuchender Brust, als würden eiserne Stücke in ihr zerbrochen, und es nahm kein Ende.
Georg konnte nur noch neben ihr sitzen und ihre Hand festhalten, selber wie erfroren vor Mitgefühl, bis der Ausbruch langsam zu erlöschen begann, das Weinen leiser wurde, das furchtbare Zittern aufhörte; bis er es dann wagte, sie aufzurichten und zum Sofa zu führen, wo sie sich hinbetten ließ und dann still wurde. Er trocknete ihr geschwollenes Gesicht, die immer noch fließenden Augen mit seinem Tuch, doch nahm sie es nun fort, schob sich ein wenig höher in den Kissen, öffnete die Augen und sah ihn an. Ihren Blick -- dunkel, kaum sichtbar im Dunkeln, da sein Schatten noch über ihr lag -- verstand er nicht, auch schloß sie die Lider bald, lag still und sagte leise:
»Weißt du, Georg -- wir wollen noch ein wenig warten ...«
»Ach, nun wieder warten!«
»Ja, Georg. Sieh mal: -- -- es ist doch nun alles anders geworden, als ich dachte. Ich muß mich ja nun ganz -- herumdrehn. Ich -- ich möchte aber nicht, daß du in -- in dies hineingerätst, was ich jetzt bin.« Sie sah ihn nun wieder an und schien zu lächeln. »Sein Stolz hat halt a jeds. Ich möcht auch schon net hier bleiben, wenns einmal anders werden soll. Da mach ich erst hier ein End, und dann -- in Berlin -- da bin ich ganz frei, da hast mich dann ganz für dich und kannst mit mir machen. Möchtst das net? Georg?«
Georg wand sich und war gar nicht einverstanden.
»Na, Georg, du mußt das doch einsehn! I kann doch net so auf einmal! Sagn mir halt: Berlin. Is recht, Georg?«
Georg gab nach für den Augenblick. Es ist ja noch ein Monat Zeit, einerseits -- und vielleicht hat sie ja auch recht. Wenn schon überhaupt anfangen, dann ganz oben, dachte er, küßte sie dann zärtlich und ließ sich von ihr das Haar glätten.
»Aber Cordelia,« mußte er nun gestehn, »was kannst du alles! Es ist ja unerhört!«
»Ich kann schon was«, meinte sie mütterlich. »Und dann für dich ...«
»Wie du nur dastandest! Hast du wirklich die ganze Zeit mit geschlossenen Füßen gestanden? Alles mit den Armen gemacht und mit der Stimme? Kind, was hast du für eine Stimme!«
Sie lächelte sanft, schloß die Augen, seufzte und streckte sich aus.
»So ist gut, Georg. So liegen ist gut. Und nimmer viel reden, weißt! Ich ruh mich ein wenig. Wir haben ja noch die ganze Nacht.«
Die ganze Nacht ... Er deckte sie sorgfältig mit dem Mantel zu bis ans Kinn, tastete nach ihrer Hand darunter und hielt sie. Ein wenig wandte sich ihr Gesicht herüber. Sie lag still. Und so saß er bei ihr, glücklich, dankbar, gut sein zu dürfen, hülfreich. Der Herbstregen schlug schwer gegen die Scheiben. Er hörte den Gang der Pendeluhr durch das Geräusch der Wassers, langsam, seelenruhig, und sein Innres ebnete sich, hinschwellend durch die immer sanftere Stunde, der verhangenen Ebene gleich, zu den zaubrischen Wäldern der Zukunft.
Wiederkunft
Renate, mit Saint-Georges und Magda, die vor ihrer Rückkehr nach Berlin noch einige Zeit bei ihr bleiben wollte, aus Helenenruh heimgekehrt, suchte ihr Zimmer auf, um sich umzukleiden.
Die Fenster im Wohnzimmer standen weit offen; es war wie im Freien, der Septembernachmittag drinnen wie draußen leicht, bläulich und durchgoldet. Auf ihrem Schreibtisch fand Renate eine kleine Druckschrift -- Feruccio Busoni: Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst -- aus der ein kleiner Zettel fiel; von Ulrikas Hand stand darauf gekritzelt: Ich bin in der Kapelle. Bogner sitzt im Garten.
Das Mädchen trug mit dem Chauffeur Koffer und Hutschachteln herein. Renate legte Jacke und Hut ab, auf einmal ein wenig wehmütig, ohne erkennen zu können, weshalb. Ob es schon die Luft des Hauses war, die sie wieder bedrängte? -- Sie trat ans Fenster und vergaß für Augenblicke die trübe Wallung über dem Anblick weißer, goldiger Wolkenstreifen im Blau über den noch schweren und dichtgrünen Massen der Gartenbäume.
Und siehe da: Bogner saß -- natürlich drehte er ihr den Rücken zu! -- auf einem Feldstühlchen vor einem roten Busch, ein großes Skizzenbuch auf den Knien, aber die rechte Hand, die Renate sichtbar war, lag völlig still; er betrachtete nur.
Und dort zur Linken -- ja, da saß der Onkel, nicht anders scheinend als ein friedlicher Patriarch, kahlhäuptig und weißbärtig, auf der weißen Bank in der Grotte von Buschwerk, neben der ein Birkenbaum, goldgelb im Laub, leichte Wache hielt, vor sich den Rasenplatz. Gedämpft aus der Kapelle ward die Orgel hörbar -- alles war wie zuvor, nicht leichter, nicht schwerer, aber -- da es wieder neu war -- schwerer ließ es sich auch wieder an.
Renate ging ins Schlafzimmer, zog eilig Rock und Bluse aus, wusch sich im Badezimmer, legte dunkelblaue Seidenstrümpfe, die ihr grad in die Finger gerieten, an, kleine blaue Schuh und irgendein weißes Kleid, locker und schlicht von oben bis unten, beim Zuhaken bemerkend, daß es einen hohen, anschließenden Kragen hatte, mit kleiner Rüsche, in Wellenform geschweift unter Kinn und Ohren. Als sie ihre Schatztruhe öffnete, überkam sie Erinnerung. Der freie Raum darin, den die aufgeschichteten Lederkästen ließen, war angefüllt mit dem bunten, glitzernden Gewirr des Alltagschmucks; sie griff hinein und zog ein Bündel langer Ketten heraus in allen Farben, blaugrün, rosenfarben, weiß, gelb und gelbgrün; ein mattgoldner Armreif fiel zurück, und sie ließ das Ganze wieder sinken, legte die Hand auf einen der Kästen und dachte an ihr erstes Halbjahr im Hause, wo der Onkel und Josef allwöchentlich gewetteifert hatten in Geschenken, die dann sie, immer eines bis zum nächsten, tragen mußte, abwechselnd einen Tag um den andern. Kleine Verse hatten sie dazu gemacht --
Eine Chatelaine -- Perlen nennt man Tränen. Tränen sind aus Salz -- Schling sie um den Hals.
Ihre Augen verschleierten sich; sie löste eine lange Kette von fingernagelgroßen, länglichen Perlen aus Lapislazuli, hartblau mit goldenen Spuren, aus den übrigen, legte sie über den Nacken und ließ sie vorn bis zum Schoß herunter fallen. So ging sie, Ulrikas Heft an sich nehmend, hinunter.
In der Halle jedoch hielt ihr lebensgroßes Spiegelbild sie auf. -- Wie seh ich denn aus? fragte sie sich erstaunt, ich bin ja ganz fremd geworden! -- Aus dem weißen Kleidhals mit der blauen Kette stieg ihr Gesicht, fast so braun wie ihr Haar; die Wangen glühten röter als sonst, auch der Mund, und die Augen, tiefer liegend, schienen in dunklerem Feuer zu stehn. Plötzlich fühlte sie sich so angeprahlt von den eigenen Farben und Gluten, daß ihr das Blut in die Wangen schoß und sie sich abwandte. -- Wofür denn nun all das, wofür? Was soll denn ich damit, und ich brauchte es ebensowenig mehr zu tragen wie den Schmuckberg da oben, der bald zwei Jahre im Finstern liegt. --
Überdem fiel ein Schatten von draußen herein, der Onkel erschien in der Tür. Auch seine Stirn, die kahle, schöngewölbte, war gebräunt, die heitern Augen hatten keinen Blick, fast verhangen vom Weiß des Bartes. Seltsam hoch und spitz -- fast wie bei einem heiligen Antonius eines alten Bildes -- war sein kahler Kopf. -- So ging er vorüber und hinaus. Die Hände gefaltet sah Renate ihm nach.
Eine Weile später stand sie ein paar Schritt hinter Bogner. Auf dem Blatt war ein Durcheinander, von allen vier Rändern ins Weiße gezeichnet, Blätter, Zweige, ganze Stücke des Busches, einzelne Blätter haargenau, ihre Drehung, Schattung, Glanz und Zahnung, Ansatz am Stengel, Verknotung im Ast, alles hundertmal lebendiger geworden im Durchgang durch seine Augen, als die Augen Renates es am wirklichen Gewächs wahrnehmen konnten. -- Ach, hier war Leben, hier wars! --
Leise ging sie wieder davon, setzte sich auf die Bank, auf der sie zuvor ihren Onkel gesehn hatte, und versuchte, sich in die Zeit der Friedliebenden Gesellschaft zurückzuversetzen, indem sie nicht zu Ulrika ging, da die Zeit zur Begrüßung von selber herankommen würde. Sie öffnete die Druckschrift, sah zu Bogner hinüber, sah empor und erblickte das Gesicht von Saint-Georges' Bruder zart und rosig an seinem Fenster, nickte ihm zu und winkte. Er, tief errötend wie stets, sprach ins Zimmer hinein, und gleich darauf erschienen Magdas Gesicht und schwarzbekleidete Schultern, die nickte und lächelte, dann auch Saint-Georges. -- Sie zogen sich wieder zurück. Renate blätterte zum Anfang des Buches, hier und da einen Blick hinein stechend, blieb haften mit einem und las:
>Und was kann schließlich die Darstellung eines kleinen Vorgangs auf Erden, der Bericht über einen ärgerlichen Nachbar -- gleichviel ob in der angrenzenden Stube oder im angrenzenden Weltteile -- mit jener Musik, die durch das Weltall zieht, gemeinsam haben?<
Hineinsinnend in das königliche Wort hob Renate die Augen. Auf der Veranda stand Magda, schmal, im hängenden schwarzen Kleid, aber schön bräunlich von Antlitz. Bogner hatte wohl ein Geräusch gehört, drehte sich um, sah Magda, winkte ihr zu und erhob sich. Bogner war braun wie ein Affe, an den seine Augenhöhlen jetzt mehr als früher erinnerten; hier war Einer immer brauner als der Andre. Jetzt entdeckte er auch Renate, lächelte, warf sein Buch zu einigen andern in den Rasen, kam und streckte ihr die Hand hin. Sie möchte nur entschuldigen, er säße schon ein paar Wochen jeden Tag hier und studierte, ja, er wollte nun die ganze Friedliebende Gesellschaft malen, ein bei ein, sechs Meter lang, fünf Meter hoch. Nein, sitzen brauche ihm niemand, antwortete er auf Renates Frage, wäre alles schon fertig von damals her.
Indem kam Ulrika von der Kapelle her, gelbweiß gekleidet, und war richtig auch so braun wie ein Mulatte, nein, eher kupfern, und sie sagte gleich tief beschämt, ihr Haar sei nun glücklich übergeflossen. Das Heft auf der Bank neben Renate entdeckend, raffte sie's auf und sagte, sie müßte Renate eine Stelle vorlesen. Während sie noch suchte, kamen Magda und Saint-Georges, es gab ein langes Händegeschüttel, dann hatte Ulrika gefunden und las:
»>Wohl ist es der Musik gegeben, die menschlichen Gemütszustände schwingen zu lassen: Angst, Beklemmung, Erstarkung, Weichheit, Aufregung, das Überraschende< und so weiter --« sagte Ulrika -- »>ebenso den inneren Widerklang äußerer Ereignisse, die in jenen Gemütsstimmungen enthalten sind. Nicht aber den Beweggrund jener Seelenregungen< -- und so weiter! Nun: >Ebenso vergeblich ist es, moralische Eigenschaften, Eitelkeit, Klugheit in Töne umzusetzen, oder gar abstrakte Begriffe wie Wahrheit und Gerechtigkeit ... Könnte man denken, wie ein armer, doch zufriedener Mensch in Musik wiederzugeben wäre? Die Zufriedenheit, der seelische Teil, kann zu Musik werden; wo bleibt aber die Armut, das ethische Problem, das hier wichtig war: zwar arm, jedoch zufrieden. Das kommt daher, daß »arm« eine Form irdischer und gesellschaftlicher Zustände ausdrückt, die in der ewigen Harmonie nicht zu finden ist.<«
Ulrika sah sich triumphierend um. Renate aber hörte weder ihre Worte, noch was die Andern sagten, ganz gefangen in ihren Blick, der von ihr, die allein saß, über die vor ihr Beisammenstehenden glitt, gefesselt von den Gesichtern, Ulrikas lebhaftem, Magdas im Zuhören äußerlich abwesendem, und Georges' gelassenem, leicht ein wenig sarkastischem. Länger haftend an seinem, dem ägyptischen König in diesem Augenblick, wo es sich glättete und der Blick aus lichten Augen nach oben ging, ähnlicher als jemals scheinenden Gesicht -- hörte sie auch ein paar seiner Worte -- vom verräterischen Glanz des Bestrickenden an der schönen Form -- und wußte auf einmal, weshalb sie wehmütig geworden war beim Anblick von Ulrikas Zettel oben, den sie wieder vor sich sah. Ja, damals, als es die Friedliebende Gesellschaft gab, lag in der Halle wohl, oder auf der Sonnenuhr, oder sonst irgendwo, solch ein Papierschnitz mit einem Namen, dem er galt, und einem Ort in Haus oder Garten, und nur die Handschrift zeigte an, wer ihn hingelegt hatte. In ihrer Schreibmappe mußten noch ein paar zu finden sein.
Aber wir sind ja Alle wieder da! Magda, Bogner, Ulrika, Georges! Irene, Jason, Georg, Benno sind irgendwo in der Stadt -- ja, warum ist es nicht wie früher? wer fehlt denn? Ach Gott, Esther, hab ich dich wirklich so vergessen? Und Sigurd ... wo mochte der sein? -- Könnte es nicht doch werden wie damals?
Da sah sie die Andern wieder vor sich stehn, schweigsam jetzt, jeder nachsinnend über etwas, wie es schien, sonderbar still, jeder für sich mit seiner inneren Welt, umgeben vom Grün, von der warmen, herbstlichen Luft -- und doch alle von Nachdenklichkeit eigentümlich vereint. Es war so traumhaft ...
Nein, das war gewesen! Und das hier -- das waren die Schatten davon, die zusammen kamen, um den alten Ort anzusehn. Es war --
Renate stand auf, die Andern lösten sich, und Ulrika legte den Arm um sie, fragte dies und das, erzählte, doch kam der Maler alsbald, seine Bücher unterm Arm, und nahm sie mit fort, denn er wollte durch den Wald laufen, und sie wollte mit. Ulrika immerhin schien froher und offner als jemals.
Auf einmal war Renate allein mit Saint-Georges; auch Magda war gegangen.
»Ach Georges,« sagte sie, »ich muß mich ins Gras legen, glaubst du, daß es was schadet?«
Nein, er glaubte es nicht. Also streckte sie sich längelangs in den hohen Halmen und verdorrten Blumenstauden auf dem Rücken aus, blinzelte gegen den immer goldeneren Himmel und fühlte wonnig an Schultern und Rücken, Füßen, Waden und Kniekehlen überall die andrängende, mächtig tragende Feste der Erde, auf der sie -- die Augen schließend, fühlte sie es mit Macht -- in ungeheurer Sicherheit, vom riesigsten Rücken getragen, durch Helles und Dunkles, Tage und Nächte, jahrlang durch gewaltige Räume umrollend dahingetragen wurde. Ja, einen Augenblick glaubte sie zu spüren, wie es hinter ihr, im Westen stieg, wie sie selber nicht lag, sondern stand, ausgebreiteter Arme, wie angenagelt an die immer sonnenaufgangwärts umrollende Kugel, selig gekreuzigt, schmerzlos im Herbsttag, gefüllt mit goldenen Adern von himmlischer Luft, nur ein leichtes Gewebe selbst, im Gras ausgebreitet, von purpurnen und goldenen Fäden und Maschen, in dem das wunschlos pochende Kleinod schwebte, liebevoll, ihr Herz.
So lag sie lange Zeit, still, die Augen zu, vor dem verschlossenen Blick das leise Brennen der unsichtbaren Helle; hoch über ihr rauschte es selten einmal und ward wieder still, schauderte etwas leicht auf und beruhigte sich wieder, eine kühle Welle lief über ihr Gesicht, ein Haar oder zwei wehten kitzelnd über Nase und Wange, ein Tier kroch juckend über ihre Hand, rings wehte kaum vernehmbar das Gras, die gedämpfte Natur krachte unhörbar leise im Saft, sie ruhte, Renate ruhte.
Aber jetzt mußte sie den Kopf heben, die Lider halb öffnen und Saint-Georges ansehn, über ihre Füße hinaus spähend; er saß in der Bankecke, einen Arm auf der Rückenlehne, ein Bein auf dem Sitz, und schaute schräg in die Höhe; seinem Blick folgend, sah Renate zwischen den Steinfiguren auf dem Dach, die hell besonnt im Lichten standen, zwei farbige Tauben laufen; es blitzte Weiß in der fernen Bläue auf, eine dritte schwang sich zu den andern.
»Georges,« sagte sie, sich wieder legend, »seit langem ist es mir dann und wann, als ob ich warte; oder ungeduldig bin; oder -- -- ist Warten gut, Georges, oder nicht?«
Einige Zeit verging, bis sie ihn sprechen hörte. »Jeder Mensch,« sagte er, »dessen Geist Augen hat, zu sehen, bekommt von Anbeginn die Richtung zuerteilt, in der sie sein Leben lang stehn: ins Heute, ins Gestern, ins Morgen gerichtet. Das sind die drei Temperamente; vier giebt es nicht. Wer allzutief ins Gestern blickt, dem verfärbt es das Morgen, wie Rot das Weiße grün färbt; wer allzuscharf nach Morgen späht, der erblindet fürs Heut, der wird unruhig, vielleicht unselig. Wer nur aufs Heute schaut, wird leicht bodenlos -- ohne Gestern -- und erbarmungslos -- ohne Morgen. Die Menge blickt halben Auges verschwommen -- nach allen drei Seiten. Der große Einsame blickt ganzen Auges tief und klar -- nach allen drei Seiten.«
»Ach,« sagte Renate dankbar, »eine Antwort hast du mir glaub ich nicht gegeben, aber es ist wunderbar, auf dem Rücken zu liegen und nach Schmetterlingen zu gucken.«
»Herbstschmetterlinge, Renate,« hörte sie ihn antworten, »die Flügel grau, von Weisheit verstaubt.« --
»Sage mir, Georges,« fing sie nach einer Weile wieder an, »wenn ich denn schon unruhig bin, warum rühre ich mich nicht mehr?«
»Wir lesen«, sagte er langsam, »im Leben der Bienen von Maeterlinck über die Bienenkönigin: sie bleibt gleichgültig, regt sich nie auf und nimmt sich Zeit.«
Alsbald riß Renate die Staude aus, die sie gerade in der rechten Hand hielt, und warf sie nach ihm hin, jedoch mehr zum Schein, denn sie machte die Augen deshalb nicht auf. Auf einmal kam ihr auf dem Weg über Bogner Cornelia Ring ins Gedächtnis, sie fragte nach ihr, hörte Georges etwas antworten und sagte, verloren in Gedanken: »Josef wurde ihretwegen in vielen Häusern nicht eingeladen ...«
»Ja, das geht auch nicht«, meinte Saint-Georges. Die Augen geöffnet, sah sie das Skurrile in seinem Gesicht.
»Hätte ers heimlich tun sollen?«
»Heimlich, Renate? Was ist heimlich? Alle tun, was er tat, nur meist in mehr sporadischer und ebenfalls mehr widerwärtiger Form. Aber sie tun es mit allerhöchster Erlaubnis ihrer Frauen, Mütter und Schwestern -- ich nehme die Bräute aus, denn sonderbarer- oder auch rührenderweise gilt Brautzeit gemeinhin als Schonzeit, und dann ist es natürlich auch so, daß jede Mutter, jede Frau immer im eignen Sohn oder Mann eine Ausnahme sieht. Also sie tun es, mit der Erlaubnis, es heimlich zu tun; z. B. nachts, wenn die Gesellschaften zu Ende sind, in die Bars und Bordelle zu fahren, wie das hier und wohl in allen Städten üblich ist. Die Gesellschaft -- aber ich weiß nicht, ob du --«
»Nur zu, Georges,« sagte Renate, »ich sagte es ja schon: es ist wunderbar, im Grase zu liegen und von der Gesellschaft reden zu hören. Sprich von der Gesellschaft, wir haben ja schon davon angefangen, vorhin bei Busonis Wort.«
»Die Gesellschaft«, redete Saint-Georges, »hat durchaus nichts gegen Unmoralität, sondern braucht sie im Gegenteil notwendig als Würze und als Hintergrund, wie gewisse Dinge nur weiß aussehn, wenn man sie auf was Schwarzes legt. Die Gesellschaft, wenn du das etwa glauben solltest, hat -- wovon das Wort herkommt: von mores und mos gleich Gewohnheit -- kaum Moral, sondern sie hat Sitten, und giebt danach Gesetze, bestraft daher nicht die Sittenlosigkeit, sondern allein die Sittenwidrigkeit. Sie wird daher ferner immer das Geheime dulden; was sie nicht duldet, ist die Ausnahme. Zum Beispiel Bogner. Sie kennt keine Dirnen -- als Dame -- aber uneheliche Mütter -- als Fürsorgevereinsmitglied. Sie hat Verbote nötig, um sich Grenzen zu ziehn, nicht Gesetze, um das Übel zu tilgen. Sie überwacht nicht tuberkulöse Väter in spe, sondern versucht, tuberkulöse Kinder zu heilen. Dito Geschlechtskranke, Trunksüchtige und dergleichen. Sie verurteilt die Prostitution -- als Gatte -- und unterhält Bordelle -- als Gemeinderatsmitglied. In diesen wieder überwacht sie die Insassen, aber nicht die Gäste. Sie ist gegen die Trunksucht, weil sie die Gesundheit untergräbt, und verachtet den Abstinenten, weil er ihre Gesundheiten nicht ausbringen will. Sie erlaubt einer Dienstmagd von vier Sonntagen zweie zum Ausgang, um sich zu vergnügen, und jagt sie zum Teufel, wenn sie guter Hoffnung ist. Sie hat den Frauen nacheinander das Tanzen, Reiten, Schlittschuhlaufen, Schwimmen, Radfahren, Studieren verboten und wieder erlaubt. Sie erlaubt dem Ehebrecher, den Ehemann zu töten, und sie tötet den Ehemann, der sich ans Gesetz wendet. Sie erlaubt, die Ehe zu brechen, aber sie erlaubt nicht, sie zu zerbrechen. Sie verabscheut das Laster, aber sie füllt die Gerichtsverhandlungen. Die Gesellschaft weiß nichts von Logik, sondern nur von Gewohnheit, hält für schädlich nicht das Zerstörende, sondern das Neue, will nicht verbessern, sondern verdecken, will nicht bestrafen, sondern sich schützen, sie verbannt nicht, sondern läßt verhungern. Sie hat ein Gutes: gar kein Gedächtnis. Sie gleicht der Fliege vollkommen. Sie setzt sich auf alles; sie ist völlig geschmacklos.«
Ach, wie angenehm das plätschert, dachte Renate und fragte, warum er Bogner erwähnt habe. Saint-Georges lachte mit Behagen.
»Bogner?« sagte er. »Bogner lief als Knabe weg und kam wieder als Mann. Er machte Besuche, in einen sehr schönen Schoßrock gekleidet, mit einer lichten Weste, anstatt in Samtjacke und Schlapphut daher zu kommen, oder wie es jetzt Mode ist, in Wickelgamaschen und Joppe. Das war schon gefährlich. Er zeigte sich weder geistreich noch boshaft, weder unmanierlich noch blödsinnig, er war artig. Das war schon sehr gefährlich. Er ließ aber seine Augen im Zimmer umherwandern, und siehe da, alle Schande ward ihm offenbar. Weder die unmoderne Einrichtung mit Sofaumbau, die längst hatte ersetzt werden sollen, noch die Sofaschoner -- Antimakassars, sagte man früher dazu --; weder das Loch im Teppich, noch der zerbrochene Glühstrumpf, weder die schmutzigen Gardinen, noch die ungewaschenen Fenster, nichts sahen sie seinen Augen entgehn. Ich kenne Leute, die Leute kennen, die ... und die sagten es mir. Natürlich sah er gar nichts dergleichen, aber die ihn sahn, mußten es glauben, denn was kann man denn anders sehn, wenn man so sieht wie er, als Schäden, Flecke, Löcher. Furcht voreinander ist der erste Eckstein der Gesellschaft, Renate. Aber weiter. Er übersah das Ölstilleben von der Tochter des Hauses und fragte nach der Miniature eines längst begrabenen Urgroßvaters, der nichts hatte erben lassen. Er legte die Photographie des Schwiegersohns wortlos fort und nahm einen alten, grünen Porzellanmops in die Hand, unter dessen Hinterteil er zwei gekreuzte blaue Schwerter entdeckte, die noch nie ein Mensch gesehn hatte. Er machte auf einen schief hängenden Starenkasten aufmerksam, der sein Dasein verfehlte, aber seit Jahren schon so hing und das Bild des Gartens vervollständigte. Er nannte eine gemeine weiße Rose: welch schöne Clara Watson! und verachtete das verblüffende Wachstum der Araukarie. Er bat um die Erlaubnis, eine Skizze vom Kohlenkeller machen zu dürfen, in dem doch alle leeren Boonekampkrüge der Hausfrau aufgestapelt waren, und er malte keineswegs das Porträt der Braut in Pastell. Er schickte kein Bild zur Ausstellung der heimischen Kunstgenossenschaftler, und als er einmal daselbst betroffen wurde, bat er gerade den Kustos um ein Glas Wasser, weil er vor einer Landschaft des Stadtmalermeisters an einem Lachkrampf erstickte. Er --«
»Ach, Georges, das ist doch nicht wahr!«
»Nein, natürlich ist es nicht wahr,« rief er aus einem Gelächter, »aber ist es nicht glänzend erfunden? Hätte er doch von der Musik der Farbgebung, dem Rhythmus der Flächen und der seelischen Dynamik des Pinselstrichs geredet, so wäre es gegangen. Er aber sagte überhaupt gar nichts. Welch ungeheure Boshaftigkeiten also mußte er verschweigen. Er hätte auch die fürchterlichsten Lästerungen, Frivolitäten und Frevelmeinungen äußern dürfen, denn mit dergleichen verhält es sich seit alters so, daß der Bourgeois sie verdammt und verabscheut, wenn sie in Büchern stehn, wenn aber jemand sie äußert, so heißt es: das sagt er nur so! Der Bourgeois glaubt nicht nur nicht, was ein Andrer sagt, wenn es fremd und erschreckend klingt, sondern glaubt nicht einmal, daß der Andre selber es glaubt. Wäre er aufrichtig, für welch schaurige Lügner müßte er alle Sonderlinge und Eigengänger halten. Früher wurde von einem Manne verlangt, daß er tut, was er denkt. Milder Denkende rieten späterhin, es genüge, zu sagen, was man denkt. Heute giebts schon niemand mehr, der denkt, was er denkt. Und von Bogner sagen sie ja nun: er hat süffisante Augen.«
»Ach,« rief Renate, sich aufrichtend, »nun weiß ich, daß du die Wahrheit sagst! Da auf der Bank habe ich gesessen und dies Wort in einem Briefe von Magda gelesen; ihr Vater brauchte es gegen Bogner. Ach, wie lange, wie lange ist das her!«
Sie wollte eben das Gesicht gegen die Knie senken, als sie zu ihrer Rechten hinter den Büschen etwas Menschliches zu sehn glaubte, eine Bewegung, ein Gesicht. -- Vielleicht war jemand am Zaun draußen vorübergegangen. Sie wollte sich wieder legen, sah aber nun, daß der Garten schon tief im Abendschatten lag; nur zu ihren Häupten, hoch in den Wipfeln, hing noch das scheidende Licht, und noch flossen warme Spuren und goldne Hauche über den weitoffnen Himmel. Sie sprang auf, schüttelte ihr Kleid und rief Saint-Georges zu, er solle schnell seinen Bruder herunterholen, damit er noch an die Luft komme, -- und da stand auch schon Magda wieder in der Veranda und fragte herüber, ob es nicht Zeit sei, den Gelähmten zu holen. Saint-Georges folgte, Renate rief ihm noch zu, sie ginge in die Kapelle. Der Lahme liebte es sehr, die Orgel am Abend zu hören, wenn er umhergefahren wurde.
Den Weg zwischen den Gebüschen hinunter, gegen den Zaun zu gehend, gewahrte Renate jetzt deutlich ein Gesicht draußen hinter dem Gezweige. Näherkommend sah sie die Blätter sich bewegen, eine Hand teilte sie; Josefs Gesicht war draußen, seitwärts gedreht; er sah sie nicht an.
»Josef!« stieß sie hervor. Ihr Herz tanzte. War sie erschrocken? Ihr Herz kümmerte sich um gar nichts und war außer sich. -- Nun drehte er langsam das Gesicht her. Seltsam ... wie starr das Auge war! und die ganze Hälfte des Gesichts, die rechte, war -- ja, sie war nicht da, etwas Schwarzes war da, aber die Dämmerung ... Nun lief sie hin, trat ins Buschwerk auf den Rasen, da war der Zaun, da stand er, schwarz, fein gekleidet, unbeschreiblich duftend, wie immer.
»Wirklich, ich bins, Renate,« sagte sein halber Mund, das halbe, lächelnde Gesicht, »willst du herauskommen?«
Nun stand sie ganz dicht vor ihm, hörte, daß er atmete, sah das schwarze Tuch, das vor der rechten Gesichtshälfte war, nein -- der ganze Kopf war damit verhüllt, nur vom linken Ohr bis zur Nase, in senkrechter Linie über die Stirn, neben der Nase, über den Mund und das Kinn herunter abgegrenzt war sein Gesicht zu sehn, wie ein Viertelmond, bräunlich bleich und schön wie je, nur das Auge starrer, doch verging auch dies, nun sie tiefer hineinsah.
»Josef, was ist mit deinem Gesicht?«
»Komm heraus, komm heraus, o du schöne Braut!« lockte er, »dann sollst du alles erfahren!« ging zwei Schritte am Zaun hin und öffnete die Tür; sie schob sich unter dem Strauchwerk her dorthin, ging durch die Tür, wollte fragen, warum er denn nicht hereinkomme, ließ es aber, stand vor ihm, furchtsam vor seinem Aussehn, aber doch innig froh im Herzen. Sie legte die Hände auf seine Schultern und ließ zu, daß er die seinen auf ihre Hüften legte. »Daß du nur da bist!« sagte sie glücklich. »Ich merke nun, wie oft am Tage ich dich in meinem Herzen unterschlagen habe. Ich kann ja nicht sagen, wie ich mich freue. Ja, ich bin sehr erstaunt darüber.«
Er lächelte fortwährend, zuckend mit Mund und Augenwinkel. »Wenn du mir einen Kuß gäbest,« sagte er, »wie wäre das?«
Sie hob sich ein wenig auf den Zehen und küßte ihn unter das linke Auge. Danach mußte sie freilich mit dem Fuß aufstampfen, mit der Faust in die Handfläche schlagen und sich verschwören, daß es ein Elend sei, daß die Ungeratenen, was sie nur wollten, erhielten, während die Guten ohne Ende darben müßten.
»Ich fürchte,« sagte Josef, »es liegt nicht an den Bösen und an den Guten, sondern allein an dem menschlichen Herzen. Du goldnes Mädchen!« sagte er plötzlich erschüttert und schien gewillt, auf die Knie zu sinken. Er bückte sich bis tief auf ihre herunterhängende Hand, faßte und küßte sie gewaltsam. Sie legte die Hand auf seinen Kopf, merkte, daß sie fast standen wie damals beim Scheiden, Josefs Vater wanderte fremd, sinnlos heiter vorüber, es war dämmrig, feuchte Schleier hingen vor einer fremden Mauer, ein Dach darüber ... ihre Kapelle wars. Sie fühlte seltsam das schwarze Zeug unter ihrer Hand, faßte jählings, von unverständlichem Zorn ergriffen, zu, zerrte und riß es herab. Er richtete sich auf, so hoch er war, der Lappen hing schwarz an seinem Hals, Renate prallte zurück und schauderte vor seinem rechten Gesicht, das fehlte, das nur dunkelrote Haut war, nach innen gedrückt, ohne Spur von Zügen, kein Kinn, keine Augenwölbung, nur ein Loch, zugekniffen, kein Backenknochen, der Mundwinkel hineingewischt. -- Sie schlug die Hände vors Gesicht. Als sie wieder aufsah -- ach, es war wohl doch ein Traum, das Ganze! Denn nun war sein schönes Gesicht wieder da, eine Hälfte davon, unverstellt und unverändert wie vor zwei und einem halben Jahr, ja, so edel und bedeutend, daß schon das Spukbild eben ausgetilgt war und nichts mehr galt als dies. Dies Gesicht lächelte nun, sie folgte mit Mund und Augen und sagte: »Verzeih, ich war ungeschickt! Ich habe nichts gesehn. Und nun komm ins Haus.«
Josef bückte sich, hob einen Stock, einen leichten grauen Hut mit schwarzem Band und ein kleines Paket vom Boden, setzte den Hut auf und sagte: »Ins Haus nicht. Wir gehn zu der Schaukel dort unter den Bäumen, da kannst du sitzen.«
Damit ging er vorauf. Sie folgte zögernd.
Es war eine große, wohl zwei Meter lange Schaukel mit eisernem Geländer, die in einem Eisengestänge an vier starken Pfosten hing. Josef bot ihr die Hand, sie stieg auf das Bohlenbrett und setzte sich auf das Geländer. Sie sah sich um. Seit den Tagen der Friedliebenden Gesellschaft war sie nicht hierhergekommen. Damals hatten sie einmal Alle in der Schaukel gestanden, Irene, Ulrika, Esther, Georg, Benno, und hatten sich geschaukelt und gesungen dazu im Kanon: »Oh wie wohl ist mir am Abend ...« Die Schaukel knarrte. Josef, am andern Ende stehend, setzte sie leise in Bewegung; das sanfte Wiegen tat Renate wohl. »Wo warst du?« fragte sie.
An das Geländer der Schaukel gelehnt, den Kopf gesenkt, stand er und schwieg. Einmal zuckte sein Mundwinkel. Renate sah eine feurigrosige Wolke sehr langsam über das Dach der Kapelle hinfahren; leicht sitzend auf dem friedlich schwankenden Boden, erinnerte sie sich, wie sie im Rasen lag eben zuvor, Saint-Georges plauderte, die Welt war eng und angenehm und still, -- da stieg dieser Mensch aus dem Rasen herauf, im glitzernden Behang eines riesigen Hintergrunds, der Fremde, der -- nie war sie so davon durchdrungen wie jetzt! -- im Leben nichts gewußt hatte von Gesellschaft und Gewohnheit; der in ihr so gut war wie ein Jaguar, der sich zahm stellt, in einem Geflügelhof. Ja, so stand er, wieder zahm, strömend aber wilden, atemraubenden Dunst; und hinter sich, pompös, das Porta der Welt.
»Zu fragen, woher einer komme,« hörte sie ihn sagen, »das liegt freilich nahe für den Weilenden, aber dem Kommenden, das kannst du mir glauben, liegt es wirklich reichlich fern. Guter Gott, wie schön du doch bist! Ist denn all die Zeit hier einer gewesen, der dir das gesagt hat?« Ja, sieh da, er traf den Nagel, wie immer, auf den Kopf. »Setze mich wie ein Siegel auf deinen Arm und wie ein Siegel auf dein Herz«, sagte er. »Denn Liebe ist stark wie der Tod, und ihr Eifer ist fest wie die Hölle. Ihre Glut ist feurig, eine Flamme des Herrn, daß auch viele Wasser nicht mögen die Liebe auslöschen, noch die Ströme sie ertränken. Wenn einer alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte, so gälte es alles nichts.«
Ihr Gesicht stand in Flammen, sie genoß das Funkeln seines Auges, atmete tiefer und dachte mühsam: Einmal wird einer noch andre Worte haben, er braucht sie nicht von Salomo borgen, und sie werden mich doch verbrennen, wo ich diese nur brennen sehn kann.
»Du hast mich angehört«, fuhr er kühler fort, »in der letzten Stunde, du hörst mich wieder an in dieser, ich muß reden, es nützt mir nichts, und wenn ich alle sechzig Minuten dieser Stunde zusammenpressen könnte in eine, sie würde doch nicht so glühen, um dich zu durchbrennen. Ich weiß, es liegt nicht an dir, wie es nicht an mir liegt, es liegt an der Einrichtung allein. Ich sehe dir an, daß niemand zu dir kam, seit ich fort bin, dein Hals ist der alte Turm von Elfenbein --«
Sie zuckte, er hob die Hand gegen sie, lächelte kurz und sagte: »Hab keine Angst, ich fahre nicht fort in der salomonischen Beschreibung. Wahrhaftig: häufig habe ich nicht an dich gedacht, aber eines Tages hats mich doch übermannt, da kam ich gleich. Wie braun du bist! Das Feuer deiner Augen brennt kalt wie der Edelstein in meiner Tasche, aber dein Mund ist hundert und tausendmal süßer geworden.«
Renates Augenlider wankten, sie fühlte, daß ihr Kopf hintenüber wollte, und dachte sekundenlang: ... ich würde mich nicht wehren ... Heute nacht, dachte sie, wird es mich zerreißen vor Pein nach -- nach wem denn? Sie öffnete die Augen und freute sich, daß er viel zu hoffärtig war, um mehr zu nehmen als ihr Weichwerden und ihr Dämmern.
»Sage nun,« bat sie mit verschleierter Stimme, »wo du warst, und wo blieb -- dein Gesicht!«
Er setzte sich auf das Schaukelbrett vor ihre Füße; in der tieferen Dämmerung unter den Bäumen sah sie jetzt nur seinen schwarzverhüllten Kopf, seine Nase und ab und an den Schein seines Gesichts und das auffunkelnde Auge; er hielt den Hut in den Händen, die Ellenbogen auf den Knien.
»Drei Viertelstunden hast du noch,« sagte sie, »dann ist Abendbrotzeit, und wir müssen hinein.« Er schwieg noch ein Weilchen, dann hörte sie seine Stimme.
»Zu sagen, wo ich war, lohnt sich nicht, aber du bist ja nun neugierig. Übrigens ist die Welt viel kleiner, als man gemeinhin denkt, wenn man die wilden Erdteile ausnimmt: dort war ich nicht, auf Forschungsreisen zu gehn, hab ich für später vorbehalten, ich wollte ja erst Menschen sehn. Ich bin ja nun einmal Idealist und ging daher aus, einen zweiten zu suchen.«
»Was ist ein Idealist?« fragte Renate.
»Ach, unterbrich mich lieber nicht, sonst muß ich zuviel nachdenken, ob du auch verstehst, was ich sage; ein Idealist ist ein Mensch, der sich in einen Kochtopf voll Wasser setzt, denselben ans Feuer rückt und nicht heraus steigt, ehe er ganz und gar drin verkocht und verbrannt ist. Der Kochtopf kann ja denn Liebe, Tibet, Goldmachen, Verseschreiben, Marxismus oder sonstwie heißen.«
»Fandest du solch einen?«
»Zwei!« sagte er, »in Amerika. Den einen traf ich im Polizeigefängnis in Ohio --«
»Im Poli--?«
»Ich sage ja, du sollst mich nicht unterbrechen, denn sonst geraten wir ins Uferlose, ja, ich saß darin wegen einer großen Minensache, es war eine so große Schiebung, daß während des Verfahrens die halbe Welt hineinverstrickt wurde, und da mußte es niedergeschlagen werden. Der Idealist war ein vielfach rückfälliger und bestrafter schwerer Tresoreinbrecher, der mir durch Klopfsprache seine Entrüstung mitteilte, daß er immer wieder bestraft würde, während er doch von einem kleinen Kapital ein bescheidenes und ordentliches Leben und die Einbrüche nur ausführte, um das erlangte Geld sofort an Bedürftige auszuteilen, das heißt, in Wahrheit war er nicht hierüber so entrüstet, sondern weil es nicht gelingen wollte, den Richtern zu beweisen, daß er überhaupt nicht stahl; denn was er stahl, sei ja nicht fort, sondern sei da, er hatte immer die Belege bei der Hand, Reverse der Banken über Einzahlungen auf diesen und jenen Namen -- frage nicht, das Geld war den Leuten absolut sicher -- also sei es durchaus nicht gestohlen, sondern habe nur den Liegeort gewechselt. Dies war ein Amerikaner. -- Den andren Idealisten fand ich auf einem englischen Leuchtturm eines winzigen Eilands, ich darf nicht sagen, wo, irgendwo an der Küste. Er war kein Engländer, galt aber für einen, war ein deutscher, verabschiedeter Offizier und hatte bereits an die dreißig Jahre seines Lebens in dieser Einöde damit verbracht, auf den Augenblick zu warten, wo zwischen Deutschland und England der Krieg ausbrechen würde, um alsdann seine Lichter auszupusten und gehängt zu werden. Nun möchtest du wohl wissen, was ich und wo ich noch war. Die Vereinigten Staaten sind das Grauenhafteste auf der ganzen Welt, ich war auch im Westen, war Minengräber, Goldwäscher und Viehhirt, es war für eine Weile ganz lustig, aber ich konnte es auf die Dauer nicht ertragen, wie sie ihre Pferde mißhandeln.«
Da er eine Pause machte, fragte Renate, nichts als zuhörend: »Aber das Mißhandeln von Menschen, das konntest du --?«
»Denn der Mensch«, sagte er, »kann sich wehren, das Tier nicht. Das Tier kann beißen und ausschlagen, aber das hilft ihm nichts, denn es muß dableiben; der Mensch kann weggehn. Er geht in ein andres Land oder geht aus dem Leben. Das Tier kann nicht aus dem Leben, wie es nicht aus seiner Haut kann. Ferner war ich Agent. Agenturen giebt es für alles, zumal in Amerika. Agenturen für Politik, für Minen, für Geldgeschäfte, für Doktordiplome, für Mädchenhandel, für Bestechung, Spionage, An- und Verkauf deutschen Adels an reiche Mädchen, für Schmuggel, Gründungen und für Mord. Einige werde ich wohl ausgelassen haben. In Colorado Springs war ich auch Falschspieler, du weißt, ich kann die Karten nicht leiden, aber Falschspiel ist reizend, solange man sich einbilden kann, der einzige am Tisch zu sein, der betrügt, und das gelingt ja wohl eine Weile. Dort wars, wo ich mein Gesicht verlor, es stahl natürlich eine Frau, beschreiben möchte ich es dir lieber nicht. Ich habe ja auf Frauen immer eine gewisse Anziehungskraft ausgeübt; dort, wo man weniger empfindet und denkt, sondern gemeinhin tut, was man empfindet oder denkt, war es fast unerträglich, und so war ich nicht sehr böse über den Verlust; leider stellte sich dann heraus, daß die Halbierung die Anziehungskraft nicht unbedeutend gesteigert hatte. Ach, Kind,« unterbrach er sich, »ist es nicht genug? Ich könnte niemals fort gewesen sein und das gleiche erzählen, du würdest nicht besser wissen, ob du mir trauen darfst oder nicht.«
Er sah trübe zu ihr auf. Renate dachte gelähmten Herzens nur: Josef -- und lügen, um sich einen Hintergrund zu geben? -- »Aber ich habe dir Grüße auszurichten«, sagte er nun. »Ein gewisser Sigurd Birnbaum, weiland Cellospieler Renates, trug sie mir auf, mit dem ich gewisse Operationen auszuführen hatte, um einen gewissen Geheimbundsfreund in Tscheliabinsk aus der Katorga zu befrein.«
»Mein Gott, Sigurd,« sagte Renate, »was ist aus ihm geworden?«
»Dort,« erklärte Josef sehr ernst, indem er sich langsam erhob, »dort giebt es Idealisten. Aus Frankreich -- es lebt sich dort angenehm, wenn man es versteht, für einen Franzosen gehalten zu werden, jedoch -- aber das führt zu weit -- jedenfalls kam ich von dort nach Russland und schloß mich der revolutionären Bewegung an. Dort verbrodeln die Menschen freiwillig und mit Gesang. Ich will dir etwas erzählen.«
Er setzte sich wieder hin. Was wird nur Onkel sagen? dachte Renate. Wird er ihn erkennen? Sie merkte, daß sie zitterte. Sie begann sich zu fürchten und hörte Josefs Stimme aus der Ferne, die langsam Satz um Satz hinsagte.
»Ein jüdischer Knabe war vierzehn Jahre alt, als er seine Eltern und deren ganzes, sehr großes Vermögen durch ein Pogrom verlor. Er ernährte sich selber, besuchte das Gymnasium weiter und wollte Apotheker studieren. Mit sechzehn Jahren wurde er bei einer Massendemonstration verhaftet, in Bausch und Bogen mit verurteilt und kam ins Gefängnis. Dort wurde er mit den sozialistischen Ideen bekannt, eignete sich das theoretische Wissen an und verließ das Gefängnis als Sozialist. Er verdiente Geld durch Unterricht, studierte, erreichte in der Bewegung bald eine führende Stellung, las viel und hungerte mehr. Als Redner bei einer Demonstration wurde er wieder verhaftet und kam für zwei Monate ins Gefängnis. Er und seine Arbeit waren für die Bewegung wichtig; daher ließ eine Studentin, mit der er zusammen gelebt hatte, sich jede Nacht in einem, dem Gefängnis benachbarten Holzlager einschließen, kletterte, obgleich auf sie geschossen wurde, zu seinem Fenster an der Mauer hinauf und tauschte Zeitungen und Berichte mit ihm aus. Er saß in Einzelhaft, durfte weder rauchen, noch lesen, noch irgend etwas tun. Er durfte eine einzige Stunde am Tage spazieren gehn und erhielt so Verbindung mit den sogenannten Kriminellen, das sind die wirklichen Verbrecher, unter denen er sozialistische Propaganda betrieb durch Reden und Broschüren, ihnen Verteidigungsreden anfertigte und sie vorbereitete. All dies durch die Klopfsprache, deren System ich dir ein andermal erkläre; man kann nach vier Seiten, oben, unten, links und rechts klopfen. Er organisierte unter anderm einen Hungerstreik wegen der Verurteilung von Leuten, die nichts mit der Bewegung zu tun hatten. Er war ein Idealist. Als er das Gefängnis wieder verlassen hatte, half er bei der Vorbereitung einer Revolution, reiste als Provisor, arbeitete in kleinen Orten, benutzte die Nächte zur Propaganda, zur Verbreitung gefährlicher Druckschriften, übernahm selbst deren Ausarbeitung und Druck, arbeitete zum Beispiel vier Wochen in einem Keller, um halb im Dunkeln eine Anzahl Broschüren mit der Handpresse zu drucken. Die Revolution brach aus, die Regierung organisierte eine Gegenrevolution, wie das da üblich ist, der Pöbel machte Pogrome, die Soldaten beteiligten sich an der Plünderung, die Sozialisten organisierten eine Miliz zum Schutz der Unbeschützten, und er wurde Hauptführer des Bundes jüdischer Sozialisten. Die Juden sind dort, wo er war, Fabrikarbeiter. Er wurde verhaftet und für lebenslang nach Sibirien verschickt. Nun ist in Rußland alles organisiert, auch die Bestechung; die Sozialisten haben eine eigne Gesellschaft gewissermaßen, auch eine Kasse, zur Befreiung der Militanten oder politischen Verbrecher. Er entkam während des Transportes mit einem Andern, sie fuhren sechzehn Tage auf der sibirischen Bahn als blinde Passagiere unter den Bänken der Waggons, verließen wenige Tagereisen vor Petersburg den Zug, hängten sich unter einen Wagen, um bei Nacht abzuspringen, aber der Freund hatte Angst, er mußte mit dem Revolver auf ihn schießen, sie sprangen ab und schürften sich die Haut. Die Organisation beförderte sie an die Grenze, er bekam einen falschen Paß, einen Verkehrspaß für Galizien, den dort jeder haben muß, darin stand leider, er sei ein alter Mann mit grauem Bart. Er wurde wieder verhaftet, brach allein aus, verschaffte sich Bauernkleidung, wanderte als Landarbeiter von Ort zu Ort, kam über die Grenze und durch Rumänien, Ungarn, Österreich, die Schweiz nach Frankreich. Als Ausländer wurde er an der Sorbonne nicht zugelassen, er arbeitete in einer kleinen Maschinenfabrik und organisierte dort einen Streik wegen schlechter Löhne. Seine letzte Kraftleistung war, den Fabrikbesitzer aus dem Fenster zu werfen; er arbeitete weiter in seinen Betrieben, als Buchbinder, lebte von dreißig Franken monatlich, aber seine Energie war zu Ende. Da kam aus Rußland jenes Mädchen, das ich erwähnte, die Studentin, sie brachte ihn in eine Apotheke als Laufburschen, wo er sich die französischen Namen der Medizinen aneignete. Er studierte wieder, es gelang ihm später, an der Sorbonne zugelassen zu werden, er studiert nun weiter. Die Examina sind dort in Pharmazie zahlreich und sehr schwer, er ist jetzt Provisor, um Geld zu verdienen, muß noch das Abiturientenexamen und Staatsexamen machen, um die Erlaubnis zum Besitz einer Apotheke zu bekommen. Ich lernte ihn kennen, da ich jenen Sozialisten, dem ich mit Sigurd zur Flucht verhalf, nach Frankreich brachte, wo er in Paris unter den Sozialisten eine bedeutende Stellung einnimmt.«
»Nun hast du wohl«, sagte Josef, »einen Begriff, wie andernorts Menschen leben. Im Vergleich zu ihnen -- ich nannte eben absichtlich seinen Namen, denn es giebt mehr als einen solchen -- lohnt es sich natürlich nicht, von mir zu reden. Ich nahm ja an alledem auch nur teil wegen der Bewegtheit, nicht wegen der Ziele. Sigurd Birnbaum übrigens studiert in Odessa, ist Assistent in einem Krankenhaus und der gute Heiland aller kranken Kindlein; übrigens -- war er immer so finster? Er soll an Schwermut leiden und -- ja, nun mußt du wohl zum Essen hinein.« Er holte einen Zettel aus der Tasche. »Hier ist eine Adresse,« sagte er, »wenn du Verlangen nach mir haben solltest, bin ich durch sie immer zu erreichen.«
Renate nahm das Blatt nicht, das er ihr hinstreckte, sah ihn nur an und sagte: »Josef!«
»Nein!« versetzte er gebieterisch. »Bitte nicht, fordre nicht, es ist unmöglich. Du brauchst mir nichts zu sagen. Ich bin nicht erst seit heute in dieser Stadt, ich weiß alles, was sich während meiner Abwesenheit in diesem Hause zugetragen hat, ich weiß auch alles von dir, was sich durch dritte Hand wissen läßt. Vorläufig bleibe ich, ich bedarf etwas Ruhe.« Er erfaßte ihre Hand, drückte den Zettel hinein und schloß sie darüber. »Willst du Gründe? Ein andermal wird Zeit dafür sein. Immerhin: ein Wort!« Sein eines Auge starrte bedeutsam, während er schloß: »Erasmus; ich gedenke noch zu leben.«
Er zog die Uhr, hielt sie empor, um das Zifferblatt zu erkennen, und sagte: »Es ist hohe Zeit für dich. Daß du von mir schweigst, halte ich für selbstverständlich; es könnte sonst Unheil geben. Nun genug. Lebe wohl! auf Wiedersehn.« Er bot ihr die Hand.
Renate erhob sich, legte die Hand auf seine Schulter und sprang von der Schaukel auf die Erde. Nun versuchte sie es noch einmal, richtete durch die Dunkelheit ihre Augen auf das seine und bewegte die Lippen. Angezogen, kam er ganz nahe, legte den Arm um ihre Schulter und, den Mund dicht vor ihrem, sagte er: »Was -- --?«
Renate fühlte ihr Blut gerinnen. »Alles --« sagte sie lautlos; und nach einem Augenblick: »-- für deinen Vater.«
Er fuhr zurück, sein Auge starrte wütend, er stieß hervor: »Bist du denn wahnsinnig geworden?« Drehte sich um und ging in Eile unter den Bäumen weg. Sie sah ihm fassungslos nach. Weiter unterhalb, wo es heller war über den Wiesen, kam noch einmal sein Schatten zum Vorschein. Sie fühlte den Zettel in der Hand, öffnete ihn und las trotz der Dunkelheit leicht das einsame Wort: Jason. -- Sie sah etwas Weißes auf der Erde, bückte sich und fand das Paket, das er bei sich gehabt hatte; sein Stock lag darüber. Sie nahm beides und ging langsam in den Garten zurück, in die Kapelle, legte die Sachen auf einen Stuhl, ging hinaus, verschloß die Tür und ging durch den Garten ins Haus.
Vor der Tür des Eßzimmers hörte Renate von drinnen lautes Durcheinandersprechen und Gelächter; sie glaubte Ulrikas Stimme zu hören, legte die Handrücken gegen die Wangen und fühlte, daß sie glühten; die Hände waren eiskalt. Sie trat ein; ja, Ulrika war da, auch Bogner; Alle, Erasmus, Saint-Georges, sein Bruder und Magda saßen bereits essend um den Tisch. Renate blieb an der Tür stehn, klatschte, ihr Zuspätkommen und ihre Erregung zu verbergen, in die Hände und rief lustig: »Ach, sieh, der Maler mit den süffisanten Augen ist wieder da!« Die Andern lachten, Ulrika rief, sie sollte sich schnell hinsetzen, sie kriegte sonst nichts mehr zu essen, fragte, was das heißen sollte: süffisante Augen, erklärte dann aber erst, daß sie und Bogner im Walde im Kreis gelaufen und wieder hergekommen seien. Nun bestand Bogner auf Erklärung seiner süffisanten Augen, aber Renate, in plötzlicher Mattigkeit, verwies ihn an Saint-Georges. Sie sah eine Tomate auf ihrem Teller, die dampfte, nahm die Gabel, löste den Deckel ab und zwang sich zu essen. Wie dröhnten denn die Stimmen? Selbst die ruhige von Saint-Georges summte bohrend in ihr Gehör.
»Dieser berühmte Maler«, sagte Saint-Georges, »pflegt die Dinge vereinfacht zu sehn, um nicht zu sagen, abstrahierend; er scheidet das Gewohnte aus und sieht, was fehlt, oder aber was da sein könnte, oder was zuviel ist, und was den Andern mißfällt, das gefällt ihm gerade, weil es krumm ist.«
»Ach,« sagte Bogner heiter, »nun fällt mir ein, daß einmal jemand zu mir sagte, wenn ich ihn ansähe --«
»Bitte,« unterbrach ihn Saint-Georges, »das hat er sicher nicht gesagt. Er hat gesagt: Wenn Sie einen ansehn -- nicht >mich<, nicht wahr? Die Gesellschaft ist >man<, Renate, nicht >ich<, das ist auch ein Eckstein davon.«
Renate sah seine Augen von drüben auf sich gerichtet; es kam ihr vor, als ob er alles wüßte. Sie nickte und senkte das Gesicht. Der Maler fuhr fort:
»Also, wenn ich einen ansähe, sagte er, hätte man immer das Gefühl, ein Westenknopf wäre offen, oder der Schlips säße schief, oder es wäre ein Fleck am Kragen, und man müßte immer an sich herumfummeln.«
»Siehst du,« sagte Ulrika, »warum willst du auch niemals lachen! Du machst immer bloß so krumme Mundwinkel, und das sieht denn so heimtückisch aus.«
»Und dann vor allem,« begann wieder Saint-Georges, »diese raffiniert sokratische Methode, alle Augenblicke zu sagen: Davon verstehe ich nichts.«
Renate zuckte zusammen; mein Gott, wie laut lachten sie denn, das prasselte ja nur so auf ihren Kopf herunter!
»Meinen Sie, daß Ihnen das einer glaubt, wirklich? Deshalb hält man Sie doch bloß für -- entweder teilnahmslos -- um nicht zu sagen: interesselos, oder hochfahrend, oder faul, oder für einen verkappten Anarchisten, Atheisten oder so.«
Plötzlich dröhnte Erasmus' tiefe Stimme in das Gelächter, -- aber nein, er saß ja ganz still da und sagte ruhig: »Wäre die Welt so undankbar, wie es nach Ihnen scheinen sollte?«
Ach, Erasmus war ein guter Mensch, und sein Bruder stob wie ein Windhund durch die Welt ... Renate griff nach der Tasse, um die aufsteigenden Tränen mit dem Tee herunterschlucken zu können, aber nun war der Tee so heiß, daß sie mit einem kleinen Schrei die Tasse wieder hinsetzte; sie lachte verlegen, die Andern verlachten sie, sie kühlte die Zungenspitze an der Serviette und war froh über ihr Ungeschick. -- Magdas Stimme klang wohltuend leise:
»Ja, Erasmus, wenn man jemand so sprechen hört wie Saint-Georges, klingt alles so fremd, sieht so zerbrochen, so zerstückt aus, hoffnungslos, und die Menschen so ungütig. Ich kenne ja eine Menge Menschen, in Berlin, meinen Lehrer und ähnliche. Ja, sie lügen viel und beschwatzen sich, sie können ja niemals, wie sie wollen, sie hängen Alle voneinander ab, sie möchten gerne anders, ein jeder, aber --« Sie stockte.
Ulrika hob die Achseln und meinte, die Künstler seien freilich die schlimmsten, nicht die Schaffenden, sondern die Darstellenden, die Virtuosen, denn da herrsche über alles der Agent.
Renate schlug nur das letzte Wort mit wildem Sinn ins Ohr, sie fuhr erschrocken auf und stieß hervor: »Was sagst du?«
Ulrika lachte. »Warum erschrickst du denn so?« Renate wußte nichts zu antworten, hörte nichts mehr, nur Stimmengewirr, raffte sich endlich auf und sah, daß es Zeit sei, von Tische aufzustehn. Jähliche Todesangst im Herzen, zog sie Magda einen Augenblick an sich, strich ihr übers Haar, ging hinaus und trat über den Flur vor das Zimmer ihres Onkels. Sie glaubte, ihn nicht ansehn zu können, fühlte sich gleichwohl gezwungen, dies sofort zu versuchen, hinter ihr wurde die Tür geöffnet, sie drückte eilig die Klinke nieder und trat ein.
Der Schattenriß des alten Mannes war vor dem einen Fenster; er schien auf die Straße zu blicken; in den Fenstern stand das blaue Zwielicht. Gleich darauf fiel heller gelber Schein von unten herauf durchs Zimmer; die Laterne war draußen angezündet. Schritte waren hörbar und entfernten sich.
»Onkel!« flüsterte sie. Er drehte sich langsam um, sie sah im Lichtschein seine Augen, einen Augenblick fast gedankenvoll. Schnell ging sie auf ihn zu, legte die Stirn an seine Schulter, umfaßte ihn an den Armen, hoffte inbrünstig, er möchte ihrem Leib anfühlen, was sie wußte. Sie zitterte, als sie seine Hand auf ihrem Rücken fühlte; Gott sei gelobt, dachte sie, er ist ruhiger geworden, er muß etwas empfunden haben, ja vielleicht wußte er es schon eher als ich! -- Leise versuchend hob sie das Gesicht. Er sah wieder auf die Straße.
Aber nun schob er sie sanft von sich, sie trat zurück, er ging an ihr vorüber, legte die Hände auf den Rücken und begann im Zimmer auf und nieder zu gehn. Da fiel ihr ein, daß sie schon seit einigen Tagen seinen Schritt im Zimmer gehört hatte -- ach, es war sicher, er -- nein, ruhiger war er nicht geworden, das war ja Unsinn, er war ja immer die Ruhe selbst gewesen! Unruhig war er geworden, er ging umher, er sah auf die Straße, wartete, lauschte, suchte.
Im Augenblick überfiel sie gewaltig die Ahnung, die Gewißheit, daß Josef nicht fortgegangen oder daß er inzwischen wiedergekommen war, daß sie ihn finden konnte ... Aufgeregt schritt sie zur Tür und hinaus, lief die Treppe hinunter -- seltsam, es war alles leer! wo waren denn die Andern? -- Nun durch den Garten, den Weg hinab durch die Büsche; am Pförtchen lehnte ein Mensch, es war Georges. Ihr Herz sprang verzweifelt auf und stürzte. »Georges!« rief sie halb weinend, »bist du allein?« Sie mußte sich von ihm halten lassen, bebte an allen Gliedern und weinte. »Ich habe ihm alles versprochen,« schluchzte sie, »was soll ich denn tun, mein Gott, was soll ich denn?«
Langsam fühlte sie sich wieder geborgen, ermannte sich, trat zurück und trocknete ihr Gesicht.
»War Josef da?« fragte er leise. Sie nickte.
»Wenn er zurückgekommen ist,« fuhr er begütigend fort, »wird er auch eines Tages ins Haus treten. Ich kenne ihn nicht, aber -- er hat wohl kein Verbrechen begangen, aber das verwirrte Herz seines Vaters wird ihn doch herumtreiben und anziehn.«
»Ach, Georges,« klagte Renate, »was hat er denn getan? Du weißt ja, was ich dir von seinem Vater erzählte, und da siehst du wieder: was ein Mensch tut, das allein macht das Unheil nicht aus; das Unheil, weißt du nicht mehr, damals sagtest du es selber, ja, Georges, du hast es mir erklärt: das Unheil bildet sich im Herzen. Josef ging nur fort, was war auch dabei? aber sein Vater nahm es als Strafe vom Himmel für eigenes Verschulden.«
Saint-Georges antwortete nicht. Sie standen schon wieder auf dem Gartenweg, Renate ging langsam zum Haus zurück. Beim Anblick der Kapellentür fielen Josefs Paket und Stock ihr ein, sie sagte Saint-Georges davon und bat ihn, die Sachen an sich zu nehmen, vielleicht in seines Bruders Zimmer zu bringen.
Sie gingen in die Kapelle, er machte Licht, Renate nahm das Paket auf.
»Vielleicht braucht er es aber«, sagte sie, streifte nach kurzem Zaudern die Hülle ab und hielt einen Lederkasten in der Hand, wie eine flache Zigarrenkiste groß. Am Ende ists etwas für mich! dachte sie und öffnete den Deckel, hatte aber kaum hineingesehn, als sie entsetzt alles fallen ließ, und was da am Boden lag, war Josefs halbes Gesicht; es sprang und rollte wie aus Kautschuk und lag still, eine halbe Maske. Saint-Georges hob sie auf.
»Sei ganz ruhig,« sagte er, »es ist nichts Schreckliches, eine Maske.«
Sie trat voll Furcht und Abscheu näher, er drehte das Ding in den Händen, ja, es war ein halbes Gesicht, dem Josefs so ähnlich in der Tönung, Kinn, Wange, Stirnansatz und ein furchtbar blickendes schwarzes Auge, daß es sie durchschauderte. Sie stammelte ein paar erklärende Worte von Josefs Aussehn.
»Elfenbein«, sagte Saint-Georges, zwei Bänder durch die Hand gleiten lassend, die an der Stirn hingen; am Halsstück war eine, fast zum Kreis gebogene Spange aus Elfenbein, die wohl den Hals umschließen sollte. Saint-Georges entdeckte und wies ihr chinesische Schriftzeichen an der Innenseite und meinte, wenn es mit Josefs Gesicht so sei, wie sie sagte, so könnte die Halbmaske wohl in der Dämmrung oder bei halber Beleuchtung ein ganzes Gesicht vortäuschen; es sei kostbare Arbeit, nur ein Chinese könnte dergleichen anfertigen, ohne Zweifel würde sie ausgezeichnet schmiegsam passen. Seine Erklärung beruhigte Renate nicht; die Maske ihm aus der Hand nehmend, wieder schaudernd, dachte sie: die andre Gesichtshälfte von ihm habe ich nun in der Hand -- und kann kein Ganzes daraus zusammensetzen. -- Dann überließ sie Saint-Georges die Maske, der sie wieder verpackte.
Aber danach, zur Ausgangstür vorgehend, glättete sich ihr Empfinden. Fast, fühlte sie, hätte er mich hineingerissen in seine Fremde. Wie toste es schon, Meerflut, Inseln und fliegende Sterne, allein -- wie hatte doch Georges gesagt? >Sie bleibt gleichgültig, regt sich nie auf und nimmt sich Zeit.<
Indem sah sie ihn selber neben sich in der Türe stehn, die Blicke durch das Dunkel ruhig in die ihren senkend, und sie lächelte, die Augen schließend, ohne zu wissen warum.
Als sie dann ins Freie traten, fühlte Renate erquickend den vollen Strom der herbstlichen Nachtluft, und siehe da, über den Bäumen -- ach, wie lange hatte sie es nicht gesehn! -- schwebte Josefs Fenster in der Nacht, schöne, sanfte, grüne, gotische Fläche. Magda, oder auch Ulrika und Bogner mußten dort oben sein. Sie konnte die Augen nicht abwenden von dem tröstlichen Schein, folgte endlich Saint-Georges, der voraufgegangen war, minder verzagt und hoffenden Herzens.
Neuntes Kapitel: Oktober
Cordelia
Georg, aus seinem Schlafzimmer am Abend hervortretend, wo er die Koffer für Berlin geschlossen hatte, erschreckte sich vor einer geduckten kleinen Gestalt, die im Geisterlicht der Sphäre am Treppenfuß stand: Hesekiel. Ärgerlich auf Egon, der trotz häufigen Tadels wieder einmal zu faul gewesen war, nur die Stufen hinunter zu gehn, um die Kurbel der Hängelampe zu drehn, fragte er: »Nun, was ist denn, Hesekiel? noch ein Brief?« indem er die Schreibtischlampe aufflammen ließ. Ja, Hesekiel hatte einen Brief, einen großen, sonderbar dicken Brief. Als Georg, im Stuhl sitzend, ihn aufschnitt, kam ein ganzer Pack beschriebener Blätter zum Vorschein, um den ein gleichfalls beschriebener Briefbogen geschlagen war; alles Cordelias Schrift. Georg klappte den Briefbogen auseinander und las:
»Die arme Seele sendet ihrem Gebieter diesen letzten Gruß.
Glück und Segen! Es ist alles gekommen, wie es beschlossen ward in dem himmlischen Rat, so wird auch das letzte bald geschehen sein. Glück und Segen! das Bett ist gemacht, bereit steht der Becher, bereit ist die arme Seele. Glück und Segen über das heilige Leben dessen, der dies liest.«
Georg flimmerten die Augen. Esthers dunkelfarbiger Schmetterlingskranz um die Kuppel der Lampe zuckte leuchtend und tanzte. Das Herz vom Angstkrampf zusammengezogen, starrte Georg. Das Ende, sagte er, das Ende ... Cordelia war ... war ...
Er nahm das Blatt wieder vor, seine Hände flackerten, er mußte es auf die Tischplatte legen, er las:
»Glück und Segen, die arme Seele ist nun nicht mehr da. Wo bist Du, Geliebter? Glück und Segen, ich bin schon den kleinen Fluß hinuntergeschwommen, schon rauscht der ewige Strom, ich hebe noch einmal die wieder verarmte Hand, es rauscht -- horch, es rauscht ...
Glück und Segen, Glück und Segen!
Im großen, dunklen Meerstrom sind alle Wellen einander gleich. Was macht so dunkel den Strom, so groß, und die Wellen so gleich? Das ist die ewige Liebe. -- Doch einmal, wenn Abend ist über der schweren See, die Rose, die himmlische, entfaltet ist an der unsterblichen Brust, so blinkt eine Welle auf ganz fern, die Du kennst, eine lächelnde Welle, die Dich erinnert an: Einmal ... Und Du sinnst: arme Seele, bist du's?
Und so gehn die Jahre, so wandert die Zeit. Ist auch Dein Herz nun alt geworden, geliebte Jugend, Dein Haar ergraut, faltig Dein Mund? Die Berge stehn dunkel, so ernst sind die Sterne, nicht mehr lang ist der Weg, schon hörst Du den Strom.
Glück und Segen, das Leben war schön! Sang es der Wind, klang es der dunkelnde Baum? O mein sinkender Freund, es war die arme Seele! --
Viele Menschen kommen herein und stehn um einen Schläfer in friedlichem Schlaf. Da kommt auch die arme Seele mit ihrer Blume und ihrem Dank. Sie hatte einmal die Hände voll Gold -- es ist alle geworden. Nun legt sie die kleine Blume auf die erstorbene Brust, ihr Amt ist nun aus, sie wandert ins Meer und vergeht. Wo bist Du, Geliebter?
Gute Nacht, schlafe wohl! Es muß wohl sein. In meiner Brust sitzt eine goldene Schlange, die will seit ewig hinaus, aus der himmlischen Schale zu trinken. Gott ist allzeit gut.
Ich liebe Dich, Geliebter, auch dort, wo Du mich nicht mehr siehst. Das Blatt ist aus, aus ist das Licht, aus ist das Leben. Geküßt tausendmal! Abschied -- ich kann nicht mehr -- alles gut.
Cordelia.«
Georgs Kopf sank langsam vornüber auf das Blatt und lag fest. Als die Umnachtung wieder gewichen war, sprang er auf, riß alle Kraft, die zu erreichen war, zusammen in das Jagen seines Herzens, sah Hesekiel stehn und sagte: »Weißt du, was geschehen ist, Hesekiel?«
»Is ein Unglück geschehn, Herr Doktor?«
»Es -- es scheint so, Hesekiel. Sage mir jetzt -- kannst du mirs genau sagen: warst du allein im Haus, als du gingst?«
»War ganz allein, Herr Doktor, sell kann i --«
»Wann bekamst du diesen Brief?«
»Gestern abend, Herr Doktor. Gnä Frau gab ihn mir. Gestern abend wars, so um halber acht herum.«
»Und was sagte sie?«
»Sehr lieb und gut war s', wie halt immer. Gab mir den Brief und sagte, daß ich ihn bringen soll, heint, wenn dunkel wär. Ach, Herr Doktor, is am End gar g'storm, gnä Frau?« Hesekiel fing an zu weinen.
Georg legte ihm bewußtlos die Hand auf die Schulter. -- »Ich muß sie sehn,« fuhr er dann auf, »ich muß wissen, muß -- Hesekiel, sage mir -- besinne dich, sage mir: weißt du die -- die andre Wohnung von gnä Frau?«
»Sell weiß i net, Herr Doktor.« Georg sah es wieder dunkel werden. »Man könnt am End -- am End könnt ma nachschlagen im Adreßbuch ...«
Natürlich, mein Gott! das gabs ja, Adreßbuch ... Georg lief ins Ankleidezimmer, wühlte Mütze und Mantel hervor, dann stand er wieder vor Hesekiel, sah gleichzeitig den Stoß Blätter noch ungelesen auf dem Tisch liegen, raffte ihn samt dem Brief auf und steckte ihn in die Tasche. Hesekiel nahm er mit sich ins Freie und schickte ihn mit irgendwelchen Worten nach Haus.
Cordelia nicht mehr da! Nicht mehr da, mehr da, mehr da ... Das Ende ... das Ende ... Georg jagte die Allee hinab, über den Platz, auf ein erleuchtetes Schild >Schloßwende< zu, stand dann vor einer Theke, eine Frau gab ihm ein Adreßbuch, er blätterte, suchte, er fand endlich: Severin, Karl, Tischler; Severin, Doktor; Severin -- plötzlich, furchtbar deutlich: Severin, V., Privatiere, und C., Schauspielerin, Inselbrückstraße 9, Hinterhaus 2 Treppen.
Georg lief wieder durch schwarze, nasse Straßen mit Laternen. Inselbrückstraße -- ganz in der Nähe -- Gerberstraße -- Inselbrücke -- da war die Hartwigstraße, er bog ein ... Severin, V., Privatiere ... O, sie hatte eine Schwester! -- Georg mußte an einer Laterne stehen bleiben und den Schweiß von der Stirn trocknen. Er merkte plötzlich, daß er sich fürchtete. Inselbrückstraße, eine verrufene Gegend ... Er schüttelte den Kopf und ging weiter mit lahmen Füßen, dann wieder schneller durch die enge Buchbinderstraße, wo es fast finster war. Er hörte Schritte hinter sich, längere Zeit, plötzlich eine Stimme, die seinen Namen sagte, blieb stehn und drehte sich um. Ein großer, breitschultriger Mensch zog den Hut, es war -- war? -- Josef von Montfort. Merkwürdig sah sein Gesicht aus ...
»Aufs höchste entzückt, lieber Prinz! Sie erinnern sich doch meiner?« Der fast schmerzhafte Händedruck brachte Georg zu sich. »Ja, da streift man so herum durch abenteuerliche Gegend, und da findet man die Erlauchten. Aber -- mein Gott, Prinz, wie sehen Sie aus? Was ist Ihnen?«
Georg fühlte, daß sich ein Arm um seine Schulter legte, daß er weitergeführt wurde, und vergaß sein Erstaunen über die Begegnung vor großer Erleichterung.
»Ich verstehe, ich verstehe schon«, hörte er begütigend hinter sich sprechen. »Ein Unglück, ein Schmerz, eine Tote vielleicht? Kopf hoch, mein Junge, nur ruhig, nur ruhig! Wohin geht der Weg?«
Georg sagte: »Zur Inselbrückstraße. Ich bekam einen Brief. Ich -- jemand wohnt dort, der ... Ich war nie dort ... Ich wäre dankbar ...«
»Gewiß, aber gewiß! Nun nur ruhig! Wir werden alles an uns herankommen lassen. Inselbrückstraße -- eine böse Gegend. Und die Nummer? Sehen Sie, da ist die Brücke schon!«
Die Brücke, überragt von eisernen Trägern und Balken, lag schwarz im Schein ferner Laternen, umrieselt von leuchtendem Nebel. Georg nannte die Hausnummer. Als sie fast hinüber waren, sah er zu seiner Linken, am gemauerten Flußufer hinunter die Inselbrückstraße, Laternen, dampfend, dunkle Häuser und helle Fenster. Montfort, der die Hand unter seinen Arm geschoben hatte, schwieg. Gestalten kamen, nicht als ob sie gingen, sondern wehten, weibliche, in Pelzen und riesigen Hüten, ein Mann schlich an der Hauswand, zwei weibliche blieben stehen, Georg sah ihre gefärbten Gesichter deutlich im Vorbeigehn. Er hörte Montfort etwas murmeln, fühlte sich angehalten und blieb stehn. Nun bekam er sich wieder fest, las von einem, viereckig um eine Lichtkugel gebogenen Glasstreifen >Unionkino< in roten Lettern und sah eine transparente Glaswand darunter leuchten von Schrift und gemalten Indianern. Daneben war ein schmaler Hausflur und daneben eine große, dunkle Torfahrt mit geschnitzter Tür, über der in einem kleinen blauen Oval deutlich eine goldene Neun erschien. Montfort erfaßte den Drücker und bewegte ihn, die Tür war zu.
»Das war zu denken«, sagte er. »Und dies Haus --«
Indem lehnte sich zu einem offenen Parterrefenster neben der Torfahrt ein fettes Weib heraus, rief: »Man Geduld, meine Herren, ich komme sofort!« und verschwand.
»Um Gottes willen, das ist ein Bordell!«
»Ja, da wollen wir nicht hinein. Kommen Sie, es wird sich anders machen lassen.« Montfort zog ihn zu dem Hausflur, in dem Georg jetzt einen Billettschalter entdeckte. Montfort bezahlte, empfing zwei rote Billetts, sie traten auf einen Vorhang zu, der den Flur versperrte, doch wurde er im selben Augenblick von drinnen zurückgeschlagen. »Erster Platz!« rief eine weibliche Stimme, ein Mann ließ sie eintreten, Georg sah Finsternis, dann einen Lichtkegel, der aus dem Hintergrund breit nach vorn flutete, darunter eine Menge beleuchteter Gesichter, ebensolche gerade vor sich, etwas höher, Stehende, die nun vor ihnen bereitwillig auseinander wichen, da der Mann sie den Gang hinunter führte. Sein Gesicht war Georg plötzlich ganz nahe, indem er sagte: »Einen Augenblick, meine Herren, es wird gleich hell.« Dann ging er wieder nach vorn.
Eine Weile standen sie, und Georg sah das Flimmern und Zucken der schwärzlichen Bildfetzen auf der Leinwand. Dann fühlte er sich an der Hand ergriffen, Montfort zog ihn zu einer Tür, über der ein Licht war und auf einem Pappdeckel >Erfrischungsraum< zu lesen stand. Nun war da ein kleiner Flur mit Türen links und rechts und schräg gegenüber. Auf der linken stand wieder >Erfrischungsraum<, über der rechten >Toilette<, Montfort trat zu der gegenüberliegenden -- ein rotes Licht neben der Aufschrift >Notausgang< brannte darüber --, öffnete sie, sie standen in einem dunklen Hof. In der Nachthöhe hier und da schwebte ein leuchtendes Fenster. In der Rückseite des Vorderhauses waren viele große Fenster hell, und Georg konnte durch ein offenes in einem erleuchteten Raum einen Mann sehn, der sich ein wollenes Hemd über den Kopf streifte, worauf ein gelber Vorhang davorfiel.
Und nun fiel ihm ein, daß er hier Cordelia suchte ...
Im Finstern hinten waren zwei wandgroße Öffnungen, in denen es gräulich dämmerte. Montfort murmelte etwas von Speichern und dem Fluß, während Georg hinter ihm über das glitschige Pflaster ging. Eine Türöffnung war da, ein Flur, ein Treppenhaus, und auf einmal ein kleiner Lichtkegel, der umher tastete. »Wieviel Treppen?« fragte Montfort; Georg erwiderte: »Zwei!« Sie tasteten sich vorwärts, stolperten über Stufen, dann sah Georg im Lichtschein der kleinen Taschenlaterne das Geländer und die Stufen der Treppe und folgte Montfort hinan, krampfhaft bemüht, zu vergessen, was bevorstand. Das Steigen dauerte endlos, die Hand am Geländer. Endlich stand Montfort vor einer Türe still und sagte: »Wir sind oben.«
Sie mußten unter dem Dach sein. Der Lichtkegel schöpfte aus der Tür ein Porzellanschild heraus, auf dem klar und leserlich der Name >Severin< stand. An der glatt braun gestrichenen Türfläche war nur ein metallener Knopf. Indem erlosch das Licht.
Das dauerte wieder endlos ... Anklopfen -- Warten -- Anklopfen, lauter. Die Schläge dröhnten durch das Haus. -- »Wir müssen öffnen«, sagte Montfort. Das Licht blitzte wieder auf und erlosch, Georg hörte rütteln; gleich darauf flog die Tür gegen seine Stirn, daß er zurückfuhr.
»Nun bitte ruhig sein,« flüsterte Montfort, »ich werde vorangehn. Aber da ist ja Licht!« Er zauderte.
Undeutlich quoll das rötliche Leuchten aus dem Hintergrund, wie es schien, über eine Wand empor, die halbhoch war. Im wiederaufleuchtenden Laternenschein gewahrte Georg Schränke, einen Stuhl, ein Sofa an den Wänden eines kleinen Korridors, dann erlosch das Licht wieder, und Montfort sagte leise: »Ich habe etwas gesehn, warten Sie«, worauf Georg ihn nach links hinüber gehn sah.
Dort -- er zuckte zusammen -- stand ein Mensch, stand ganz gerade und still; nur den Kopf hielt er tief gesenkt. Darüber war das bleiche Quadrat eines schrägen Fensters im Dach.
»Nein,« hörte er Montfort laut und langsam sagen, »das kann sie nicht sein«, und trat zitternd näher. »Machen Sie doch Licht«, sagte er.
»Man muß nicht alles beleuchten.«
Und nun sah Georg, da das Dunkel sich aufhellte, einen Kopf mit weißlichem Haar, das Genick und eine Schnur, die nach oben verlief. Arme standen seitlich ab. Alle Kraft zusammennehmend, zischte er wütend: »Machen Sie doch Licht!« -- Aber er fuhr doch gepeitscht zurück, als er die kleine, in Kleidern schlottrige Figur mit abstehenden Armen und hängendem Kopf dastehen sah, die zwischen Zahnreihen hervorstehende Zungenspitze, das Zahnfleisch, zurückgeraffte Lippen, die lange spitze Nase im weißen Gesicht und nun auch das Weiße in halboffenen Augen, aus denen ein schiefer, listiger Blick zu ihm sprang. Dennoch fiel eine Berglast von seiner Brust. »Das Gespenst«, flüsterte er heiser. Und dann, erklärend: »Ihre Schwester.«
»So, so. Aber was hat sie denn da?« Indem machte der Arm des Leichnams einen Ruck und hielt Georg einen langen Papierstreifen hin. Montfort lenkte den Lichtkegel darauf, faßte das Handgelenk und drehte es herum, fing dann an zu lesen:
»Unser keiner lebt ihm selber, und unser keiner stirbt ihm selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn, darum wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.«
Er hatte schön und ruhig gelesen, und als Georg jetzt hinzutrat, konnte er sehn, daß es Cordelias Schrift war. In plötzlicher Kälte und Gelassenheit drehte er sich darauf um, öffnete eine lose kleine Tapetentür und fand sich in einem großen Raum mit zur Hälfte schrägem Dach, in dessen Hintergrund auf einem Tisch ein schöner messingner Tempelleuchter mit einigen halb herabgeschmolzenen Kerzen brannte. Darunter funkelte etwas Blutrotes, ein Glas, und dahinter, an der Wand, stand ein Bett, über das Cordelias schwarzer Seidenmantel gebreitet war, weit, bis auf den Fußboden herab.
Lange Zeit kam Georg nun nicht weiter. In seine Augen brannte der rote Becher, und dahinter zeigten sich unbekannte Erscheinungen: eine Frau in einem dunklen Laden mit einem Kopftuch, ein Schaufenster voller Lampen und Geschirr auf Regalen, ein altes, plumpes Kirchenschiff, -- bis er plötzlich, weit rechts von dem Glase, am Ende des Bettes, zwei weiße Füße gewahrte, die gegeneinander gewinkelt emporstanden. Und jetzt zog Cordelias Antlitz wehend vorüber in einem schmerzlichen Gefühl. Er trat näher an das Bett, es waren Umrisse eines Körpers unter den schwarzen Seidenfalten zu erkennen, die stark glänzten. Hier sollte Cordelia liegen ... Und dies waren ihre Füße ...
Und nun sollte der Mantel von oben aufgehoben werden, dann würde etwas -- da -- sein ...
Georg wußte nicht, wie, doch nun hatte er den Mantel aufgeschlagen, und dort lag ein Gesicht und -- es schien Cordelias Gesicht.
Er beugte sich darüber und sah von oben auf zwei festgeschlossene Augenlider unter einer fremden, sehr reinen Stirn, von der das braune Haar zur Seite gestrichen war. Aber dann -- ein Schauder, nie gekannt, rieselte durch seinen ganzen Leib -- sah er das Lächeln eines Mundes, das ausströmte, mit einem namenlosen Triumph, gegen sein Herz.
Plötzlich war alles in ihm ausgelöscht und vernichtet. Nur das Lächeln noch strömte sich unaufhörlich aus. Das ganze, weiße, weiche, sanft gerundete Antlitz unter ihm schwieg in tiefem Schlaf; schwieg sich in Ewigkeit aus, schwieg, leuchtete ihn an mit grenzenlosem Schweigen. Und auch das Lächeln schwieg, schwieg und gebot Schweigen. Da war nur dieser Mund, der sein Lächeln festhielt; festhielt mit beiden hochgebogenen Winkeln, um nicht aufzuhören mit Lächeln, nicht auf-, nicht aufzuhören mit Lächeln.
Und dies war jenseits; jenseits von allem, von jedem Ahnen und jedem Wort. Sie lag und wußte; wußte, daß sie schlief; lächelte, lag, lächelte, weil sie wußte, alles wußte, alles, alles ...
Georg wandte sich langsam fort. Hier war nichts mehr. Kein Tod, kein Schmerz, kein Verlust. Nur -- Ende. Sie war drüben.
Aber, unwollend die Hände in die Manteltaschen senkend, fühlte er Papiere in der einen und erkannte beim Herausziehn Cordelias Schrift. Längere Zeit verging, während es ihm einfach schien, die Blätter in eine der Kerzenflammen zu halten, allein das Gefühl: Cordelia, jene, die Andre, habe sie geschrieben und für ihn bestimmt, hielt ihn zurück. Nach einem Stuhl umherblickend, hörte er ein leises Geräusch; in der rötlichen Lichterdämmerung des Raumes stand die hohe und dunkle Gestalt Josef von Montforts, der zum Bett hinsah -- seltsam, mit einem lebendigen und einem starren Auge, und wie der Länge nach mittwärts gespalten schien sein Gesicht. Georg winkte ihm, näherzukommen, sah ihn herzutreten und vor das Bett, worauf er nach einem Blick auf das Antlitz überrascht zurückfuhr, dann wieder sich überbeugte und in dieser Haltung verblieb, so lange, daß Georg, einen Stuhl entdeckend, ihn herbeitrug. Nun stand Montfort wieder aufrecht, den Blick in die Leuchterflammen geheftet, und sagte nach einer Weile wie zu sich selber langsam: »Das war ja fast zum Fürchten ...« Dann wandte er sich zu Georg.
»Sie wollen etwas lesen?« fragte er mit Zartgefühl gedämpft. »Ich werde nicht stören. Sie werden mir aber erlauben, daß ich Sie nicht allein lasse in diesem Hause.«
Er neigte ernst den Kopf, und Georg sah ihn auf den Fußspitzen durch den Raum zurückgehn und hinter der kleinen Tür verschwinden, -- wobei er sich nun des abscheulichen Leichnams erinnern mußte, der dort hing, doch hinderte ein Streifblick auf den unwandelbar lächelnden Mund alle weiteren Gedanken. Er stellte den Stuhl neben das Bett, setzte sich so, daß er das schlafende Antlitz mit jedem Blick über den Rand des Papiers erreichen konnte, faltete die Bogen auf und las.
»In der Haide; im April
Ein ganzer Monat fast ist vergangen, seit ich Dich zum erstenmal sah, und zu einem Entschluß bin ich nicht gekommen. So bin ich hierher gefahren in den kleinen Haideort, dessen wunderlicher Name Cananoë lieblich an Kindheit und die geheimnisvollen Kähne der Indianer erinnert, die man Kanoee nannte. Es ist kühl, windig, der Himmel bewegt -- zum Abschied, zum Willkommen? -- er selber weiß es kaum, wie es scheint, ob es Herbst ist oder April hier unten in der Welt. Meine Fenster zu ebener Erde im kleinen Bauernhaus gehen auf den Obstgarten hinaus, der noch ganz kahl ist, und ich kann beim Schreiben durch den Raum hinten die braune, kahle Haide zu Hügeln mit schwarzen Wacholderstauden ansteigen sehn, und dahinter den blauen Himmel, in den kleine und größere Wolkenballen lichtweiß unaufhörlich hineinquellen ... Und unaufhörlich wechseln Sonnenschein und Beschattung. Zu hören ist nichts als der Wind und fernes Schnattern von Enten.
Und so will ich denn einmal mein ganzen Leben ausbreiten vor mir und vor Dir, denn ich ahne wohl, daß Du einmal diese Zeilen lesen wirst. Ausbreiten wie ein elendes Gewand, an dem alles und alles zerrissen ist. Und muß wohl anfangen mit dem Anfang. Wie soll der Anfang heißen? -- Es war eine arme Seele.
(Denn sie war ein paar Jahre im Paradiese der Kindheit und dann immer im Fegefeuer.)
Das Haus, in dem sie geboren wurde, hätte seinem Namen nach das allerheiterste sein müssen, und für die arme Seele, die sieben Kinderjahre darin verlebte, war es das auch. Viele schöne, blondhaarige und schwarzhaarige Wesen in himmelblauen und rosenfarbenen Gewändern waren im Wachen und Träumen um sie her, pflegten sie, badeten und liebkosten sie und lachten beständig, und als sie erst so alt war, daß sie Märchenbücher lesen konnte, wußte sie ganz genau, daß es Feen waren, und sie ein Königskind, alldieweil nur solch eines Feen und Elfen zu Dienerinnen haben konnte, alle Tage Schokolade trinken und Zuckerwerk essen, soviel sie mochte. Dazu gab es allezeit, besonders aber am Abend, eine himmlische, geheimnisvolle Musik zu hören, auch des Nachts, wenn sie einmal aufwachte, Musik und Gesang, Gelächter und Gläserklirren aus den schönen Zimmern und Sälen voller Spiegel und Lampen und kostbarer Teppiche. Und von Allen wurde sie liebgehabt, wurde geküßt und gedrückt, war immer die einzige ihrer Art und führte das wunderbarste Leben. Du verstehst wohl, daß es ein Freudenhaus war. -- Ihre Mama, eine große, dunkle Frau mit blitzenden Steinen in den Ohren, war die Herrin, der all die Schönen dienten und zuweilen böse von ihr gescholten wurden. Dann legte die arme Seele sich ins Mittel, es gab Gelächter, und alles war in Ordnung.
Diese herrlichen Tage dauerten, bis die arme Seele sieben Jahre alt war. Da kam auf einmal ein großer Jammer und Aufruhr, die Mama lag ganz bleich zwischen Kerzen und grünen Bäumen, Alle weinten, obschon es sehr feierlich war und nicht traurig, also weinte sie auch. Dann kam ein großer, starker Mann mit einem schwarzen Schnurrbart, der schon manchmal die arme Seele auf seine Knie genommen hatte, wenn er einmal da war, und gesagt, er wäre ihr Papa. Er gefiel ihr nicht besonders; böse schien er nicht zu sein, aber er roch häßlich und nahm die arme Seele mit fort.
Nun wurde es beinahe noch herrlicher. Die Feen waren zwar weg, aber dafür kamen die Tiere. Alle Tiere aus den Bilderbüchern kamen, waren ganz zahm und fraßen aus der Hand, Pferde, ganze Reihen und in allen Farben, schwarze, braune und weiße, die buntesten Katzen, Hunde aller Arten, vom kleinsten Rehpinscher bis zum riesigen Neufundländer, Affen in bunten Soldatenjacken, ein großes Schwein, eine Menge Gänse, Ziegen und Esel und die ernsten Kamele, und vor allem zwei ungeheure, graue Elefanten. O und auch wilde gab es, die einen durchdringenden, ganz betäubenden Geruch ausströmten und nur durch Eisenstangen gesehen werden konnten, Löwen, Tiger, Jaguare und Leoparden, und das war mit das herrlichste, ganz klein im Dunkel zu stehn und in dem wilden, starken Geruch und sie hinter den Gittern am Boden liegen zu sehn, ganz schlaff wie Häute, aber sie atmeten heftig, und auf einmal, wenn sie den Kopf hoben, erschienen ihre gelben Augen, die eine Weile Ausschau hielten in weite Ferne ...
Die Menschen dahier waren mit der armen Seele stets lustig und freundlich, jedenfalls die Männer, die fürchterlich stark waren oder fürchterlich gelenkig; sie meinten es gewiß gut, wenn sie die arme Seele mit einer Hand an die Decke schwangen, aber ihr Geruch war schwer zu ertragen. Die Frauen hier kümmerten sich weniger um die arme Seele, gingen bei Tage grau und mürrisch umher und strahlten erst am Abend, wenn die Vorstellung kam und alles anfing zu glänzen.
Und alle paar Tage gabs eine andre Stadt zu sehn und dazwischen wundersame Reisen in der langen Wagenkolonne. Sind denn alle Wandertage durch das flache Land Sommer- und Sonnentage gewesen? Die wenigsten waren es wohl, aber nun ist da nur ein unendliches Lerchengetriller, unendliches Himmelsblau, sind die gelben Wände der Kornfelder, aus denen man mit vorsichtigen Armen große rote Mohnblumen und blaue Cyanen herausholen durfte, sind die weißen Landstraßen mit den vielen Schatten der grünen Wagen und der Pferde, die kurzen, wunderlichen Schatten, die unter einem fortzogen, wenn man sich abmühte, darauf zu treten, und sind die schmalen grünen Streifen zwischen Straße und Grabenrand, auf denen man sich immer wieder lange, lange bis zum Schreien und Winken der ganz klein gewordenen Kolonne vergessen konnte, im Suchen nach einem Vierblatt unter den aberhundert kleinen grünen Blättern des Klees.
Ein komischer alter Mann war da, der immer kaute, ganz vertrocknet im Gesicht, schief, mit einem Holzbein, ein gewesener Clown, dem einer von den Löwen das fleischerne zerrissen haben sollte, der war ihr Lehrer. Er muß viel mehr Kenntnisse gehabt haben, als die arme Seele damals ahnte; viel später merkte sie erst, was alles sie gelernt hatte, ohne je in eine Schule gegangen zu sein.
Im Zirkus zu arbeiten brauchte sie nicht. Sie hatte sich gleich beim ersten Versuch etwas gebrochen, wobei sich herausstellte, daß ihre Knöchlein zu zart waren für diese gefährliche Arbeit. So wars ein glückliches Leben, und das >Schönste< darin ist noch nicht einmal beschrieben.
Später aber wurde alles immer blasser und farbloser, sie wuchs heran, und eines Tages starb auch ihr Vater. Sie und ihre Schwester kamen damals zu einem Onkel ins Haus, der sie ungern nahm, sich aber später mit der armen Seele ganz gut vertrug, ein strenger, trockner Mann, knochig und wortkarg, der einen kleinen Weißwarenladen hatte in einer süddeutschen Stadt und Guttempler war. Hier ging die arme Seele auch eine Zeitlang in eine richtige Schule, aber dann kam eine böse Zeit endloser Kämpfe und Schmerzen, denn sie wollte nun Schauspielerin werden. Sie hatte schon im Zirkus alle möglichen Dichter und Stücke gelesen, und schon als sie noch klein war, angefangen, die Leute dadurch zu belustigen, daß sie ihnen vormachte, wie sie waren, worin sie es mit den Jahren zu großer Fertigkeit brachte. Und die Kämpfe gingen vorüber, die arme Seele bekam einen Lehrer, und einen andern Lehrer, sie kam in eine andre Stadt, lernte und lernte, und das Leben bestand nur noch aus Lernen und Theater und Theaterleuten, und eines Tages hatte sie ausgelernt, und jeder prophezeite ihr eine glänzende Zukunft. Sie hatte auch schon einen schönen großen Vertrag mit einer guten Bühne in der Tasche, und die lange, lange Qual fing an.
Ja, wie ist das? Man meint, man hat eine feurige Sonne in der Brust, und nun wird nur der Vorhang hochgezogen, und die Sonne strahlt, daß alle Bühnenlampen erblinden müssen. Und wie ist das? Ein Theater ist da, da soll man spielen. Aber da sind Viele, die spielen wollen, für jede Rolle bald zwei und drei, man muß warten, o man hat ja Geduld, die Sonne brennt, es tut weh, aber sie brennt, und man wartet. So spielt man die kleinen Rollen, kommt in ein Zimmer, verneigt sich, giebt die Hand, wie mans gelernt hat, und man wartet und hat viel Zeit, weiter zu lernen und -- da sind nun die Männer. Man mag sie nicht, sie riechen schlecht und haben böse Augen und -- man wartet vielleicht auf einen, denn -- man ist eine arme Seele, die nicht viel weiß von der Welt.
Da geht man zum Feind, der der Direktor ist, und bittet um eine Rolle. O, ja, gewiß, die Rolle ist da, sie wartet schon, der Direktor ist einfach und kühl, und man möchte sterben vor Schreck und Beseligung: die große Rolle!
Da kommen nun die Proben, und es geht ja nicht? Was ist nur, warum es nicht geht? Es ist alles schlecht und verkehrt, was man sich in den langen, langen Nächten ausgedacht und geprobt hat und so sicher wußte, und es sind ja nun auf einmal lauter Feinde da, die lachen und kaum noch antworten, und kaum noch nicken, wenn man grüßt. Der Regisseur ist da, ein Feind, der gerät ganz außer sich über das unmögliche Spiel. Wo ist denn die Kraft geblieben? Wartet nur bis zum Abend, Geduld, es wird besser werden, die Sonne brennt, -- aber sie ist so klein geworden, täglich wird sie kleiner und schwächer, sie sieht einer Sonne gar nicht mehr ähnlich, vielleicht war es gar keine? Alle lachten und sehen, wie klein sie ist, Alles und Alle sind kalt, und die Sonne erlischt, man hat die Rolle nicht mehr, man steht auf der Straße.
Oder war es vielleicht nicht so? Vielleicht war es ganz anders? Es ist lange her ...
Da ist eine andre Bühne. Da ist ein Freund, ein guter Mensch, nun wird alles gut werden. Eine Rolle ist da, nicht so groß, aber gut genug, um zu zeigen, wieviel heller die Sonne brennt, und es geht ja vorzüglich, der Freund hilft, Alle staunen. Ein Tag kommt, da ist der gute Freund nicht mehr der Freund, er riecht, er ist ein Feind geworden, aber was schadets? Die Sonne ist da, die Sonne genügt.
Der Abend ist da, die Sonne kann nicht ihre ganze Kraft brauchen, aber man sieht sie hell genug, und daß sie heller sein könnte. Man ist zufrieden, man schläft wieder einmal, man hofft -- aber was steht denn in den Zeitungen? Es war nichts, es war alles so übertrieben, kein Verständnis für den Umfang der Rolle, in ganz verkehrten Händen, eine Anfängerin, die bescheidener sein sollte ...
Sinds denn schon Jahre geworden? War es denn so? War es nicht ganz anders? viel mehr? Wie gingen denn die Jahre? Ging man denn immer spazieren im Park, im Feld, in den Straßen? Nähte man die alten Kleider immer noch einmal um? -- sie lachen schon lange im Salonstück, so geht es nicht weiter, mein Fräulein! -- Aber meine Gage ...
Gage liegt auf den Straßen reichlich genug zum Aufheben. Die arme Seele will die Gage von der Straße nicht, sie wartet, sie hat ja Geduld, sie steht Tag für Tag im häßlichen Zimmer und lernt, für später, die Sonne brennt, sie vertausendfacht ihre Kraft in tausend Gestalten, Alle haben die Sonne in der Brust, sie sehnt sich, sie lernt, sie lernt, sie hungert, sie weint längst nicht mehr ...
Ach, kann man das schreiben? Es war ja nicht so, es war ja alles ganz anders. War die Welt etwa schlecht? Warfen sie sich Alle über die eine arme Seele her und wollten sie zerdrücken? Die Welt ist nicht schlecht, die Menschen sinds nicht, es will, sagt der kluge Georg, ein jeder nur das Seine und will sich nicht hindern lassen dabei, aber -- die arme Seele hatte kein Glück.
Kein Glück? Es sind Jahre geworden, aber nun ist das Glück da, der Tag ist da, der -- Tag ist. Eine Rolle ist da, und alles geht sehr schnell, eine Aushilfe, der Direktor zuckt die Achseln, aber man kann ja die Rolle, im Schlaf kann man sie, und man spielt, und die Sonne brennt und strömt aus Augen und Kehle, aus den Gliedern und dann -- am Morgen nach dem glückseligen Abend, wo sie Alle ihr um den Hals fielen, der armen Seele, und sie küßten und weinten, und sie kaum schlief vor Trunkenheit -- was steht in den Zeitungen der kleinen Stadt? O welche Empörung! War das nicht Babel? War das nicht abscheuliche Realistik? (Und war doch nur Stil gewesen, nur Stil, so dumm ist die kleine Stadt!) Die Welt war nicht gut am Morgen, die Menschen hatten alles vergessen, was die arme Seele für unvergeßlich gehalten, in den Zeitungen stand, daß man es vergessen müßte, der Direktor war ja nicht unfreundlich, es tat ihm leid, aber -- Sie sehen, Severin, Sie sind nicht für hier ...
Aber die Sonne, ein Widerglanz ganz klein saß er doch in einer Zeitungsspalte, ein Keim, der aufging, und da war man in einer andern Stadt und spielte sich aus, das Glück war da, die Sonne brannte, brannte sehr schön im klassischen Stück. Aber im klassischen Stück war das Parkett leer, im Salonstück saßen die Offiziere und Damen, -- die Toiletten der Severin waren unmöglich, und waren doch so schön, wie die größere Gage erlaubte, die Sonne brannte ...
Warens schon viele Jahre?
O der wahn--witzige Durst! O die wütende Sehnsucht! O die Verzweiflung! All die vergebene Arbeit und Müh! Man ging wieder spazieren. O brennende Nächte, Fleiß, Fleiß, Fleiß, und Darben, die arme Seele wurde mager und häßlich, was schadete das, sie wartete auf den Tag, sie hatte keine Sorge mehr um Hunger, um Scham und Verzweiflung, wenn eine Rolle kam und ihr wurde ein Hemd angezogen, das reichte kaum zu den Knien, und die Stimme des alten Feindes sagte: Sie müssen wohl selber sagen, Severin, mit den Beinen ... Tage und Nächte. Alle Bücher gelesen, alle Rollen studiert, alle Werke, Geschichte, Kostümkunde, Biographien, die Sonne brannte, ein Morgen kam, grau, grau, sie war allein, kein Licht mehr.
Schon viele Jahre ...
Da kam ein Mensch. O zart, o schön und ganz sanft wie ein Engel. Sein Blick durchbohrte die arme Seele, er war rein. Verkündigung, dachte sie, o Engel, bist du's? Ein Dichter, er hatte ein Stück geschrieben, Theodosis, das wurde aufgeführt, die arme Seele sollte spielen, sollte sagen:
Ich wollte ihnen dienen. O in Schauern Sollten sie stehn und horchen: Hört, es klingt Die Erde, ja die Erde klingt, die alte. Wir sind geliebt, wir Menschen sind geliebt, Denn eine Blinde baut uns goldne Brücken, Denn eine Stimme kam, um uns zu dienen ...
Und da -- gnädiger Gott! -- war die Erwartung zu groß? Wars schon zuviel? Da erkannte die arme Seele, daß sie all die Zeit noch ein andres Leben mit sich getragen hatte, geheim, von dem niemand wissen durfte, aber Er, Er mußte es wissen, er würde nicht richten, sie dachte: du bist rein, alles ist rein vor dir, auch dies Leben. Er war rein, aber er war zart. Er ertrug nicht den Anblick, er ging fort. Keiner erfuhr, wohin. Als Jahre dahin waren, konnte die arme Seele in einem Zeitungsblatt lesen, daß im Walde eine Leiche gefunden war.
So furchtbar war ihr andres Leben ... Ich zeige es auch Dir.
Erlosch die Sonne? Das Stück ward nicht gespielt, die arme Seele brach durch.
Nein, es kam ja das Glück. Wie hatte der große Mann von ihr gehört, in der königlichen Stadt, vor dem die Könige spielten und in Gold und Seide gingen? Wie konnte denn das Firmament sich neigen wollen? Die arme Seele sollte dort hinauf, die Sonne sollte vor Allen brennen, der große Mann wollte es. Die Seele war nicht gebrochen.
Die Sonne brannte, es war ein alter Vertrag, in dem stand: noch ein halbes Jahr, die arme Seele wollte ihn halten. Weshalb? Sie hatte zuviel Geduld gehabt. Der große Mann würde warten, noch ein halbes Jahr, die Sonne brannte, der große Mann wartete nicht.
Aus wars mit der armen Seele. Abend und Nacht und Morgen, die Sonne war aus, aus war das Leben.
Nun, wie war es denn? Warum saß die arme Seele im Theater wieder wie jeden Abend? Freilich, sie war nun zufrieden mit allem, sie wußte, lange dauerte es nicht, die Menschen waren ganz fern, der armen Seele war leicht, die Menschen hatten sie glücklich gequält.
Sie hatten mich glücklich gequält, Georg, und an diesem Abend kamst Du.
Deine Augen sagten: bist du's? Deine Augen sagten: steh auf! Deine Augen sagten: geh voran, ich komme.
Eine Brücke. Wo warst Du, Georg? Glück und Segen, dachte die arme Seele, er kommt, etwas soll noch sein. Und kommt er nicht, so ist hier die Brücke, das Wasser ist unten, es geht ja schnell.
Glück und Segen, geliebter Herr, und höre nun von dem anderen Leben!«
* * * * *
Georg -- sein ganzes Blut lag ihm im Innern, zu einem glühend kochenden Klumpen geballt -- sah sich jetzt aufstehn, zur Wand gehn, die Arme dagegen legen und den Kopf auf die Arme und -- -- nein. Nahe vor ihm lag ein schlafendes Gesicht, die Augen fest geschlossen, aber der Mund lächelte vor sich hin, hatte nicht aufgehört zu lächeln, schwelgte im Lächeln und wußte, wußte ...
Er sah auf das Blatt. Da war wieder der siedende Katarakt, an dem er eben gestanden hatte, war diese Feuersbrunst von Leiden, die in seinen Ohren leiblich getost hatte, dies Gigantengehämmer der Qual. All dies in Cordelias Brust, seiner Cordelia, der immer heitern, immer kindlichen, seligen, immer -- nein, einmal war der Schmerz ausgebrochen, das Untier, aufbrüllend, alles zerfetzend mit dem Hieb seiner Pranken, einmal ... Einmal ist nichts, und hier war das Lächeln.
Georg nahm die Blätter wieder vor und las weiter.
»Du hast gesehen, Georg, daß die arme Seele eine Schwester hatte, und hast sie wohl abstoßend gefunden. Da die arme Seele selber sie kannte vom ersten Blick des Lebens, war sie die Häßliche immer gewohnt. Und diese Häßliche hatte ja auch das >Schönste<. Das >Schönste< war vom ersten Bewußtsein des Lebens an, später erst lernte sie, daß die Schwester es hatte, daß es sich von ihr immer bekommen ließ, und noch später, daß es sich nur von ihr bekommen ließ, und daß niemand sonst davon wissen durfte; und noch viel später endlich, daß es kein >Schönstes< war, sondern ...
Wenn die arme Seele kaum in ihrem Bett lag am Abend, das Licht gelöscht war und Alle gegangen, die beim Auskleiden und Waschen geholfen, gescherzt und gelacht hatten, dann ging leise die Tür, die viel ältere Schwester kam herein und stieg zu ihr ins Gitterbett, und dann ...
Laß, Georg, laß! laß doch los, Georg, ich kann ja nicht!
* * * * *
Seltsam! Als ich die letzten Worte schrieb, wars Nacht, es ging schon auf Morgen, ich legte mich und schlief bald. Nun ist auch Morgen und Mittag gewesen, ich habe wieder eine Stunde geschlafen, und plötzlich ist alles verwandelt. Ich weiß so viel, alles glaube ich zu wissen, ich glaube, ich darf ...
Es ist fast, als hätte ich Dirs gesagt. Du hast ja verstanden, Georg, Du bist ein Mann -- Männer verstehen ja solche Dinge, auch wenn man sie gar nicht meinte, also hast Du verstanden.«
Georg sah die Tote an. Ja, sagte er, ich habe verstanden. Aber --, -- er wußte nicht weiter. Er las.
»Nein, nichts habe ich Dir gesagt, ich weiß es, und doch -- ich glaube, ich darf. Auf einmal ist auch das Gewebe fertig, an dem ich so lange gesponnen habe, ohne es zusammen zu bringen, das ich meiner Schwester überwerfen kann, damit sie mir ein halbes Jahr läßt. Ein halbes Jahr, das genügt, und mehr ist unmöglich.
Ein halbes Jahr Glück. Mir ist eingefallen, daß ich ja die Sonne habe. Zwar ist sie eigentlich so beschaffen, daß sie nur vor Vielen brennt, aber ich denke, sie wird sich nicht versagen.
Ich will kommen und will spielen, Georg. Wundersam, nicht? daß man sagt: spielen. Ein halbes Jahr, ich bin glücklich, bins schon, ich brauche nichts zu erfinden, nur die Lüge muß ich verbergen, nur dazu ein wenig Spiel; und ein wenig, wenn es -- wenn es einmal schwer ist, zu spielen. Oh ja, nun werde ich spielen!«
Georg fühlte die Glut auf der eigenen Stirn. -- Also das wars? Sie hat gespielt und gelogen, und ich habe gelogen, wir Beide. Oh Gott sei gelobt, daß ichs getan habe! durchfuhrs ihn, ich hätte ihr am Ende noch das Letzte zerstört.
Er suchte die Zeile, wo er aufgehört hatte, wieder und las:
»Ein halbes Jahr -- und dann der Tod. Ein halbes Jahr lügen und dann die Wahrheit. Ich sehe das halbe Jahr, es glänzt; und ich sehe die Stunde, wo Du dies liest. Weißt Du nun alles, Georg? Richtest Du, wie der Arme, Zarte nicht richten konnte und doch zerbrach und hinging; tragen wollte und doch nicht konnte und vielleicht anfing, die Sterne abzuzählen auf das Rechte, und steht noch heute und findet es nicht heraus ... Weißt Du noch den Anfang, vor einem Monat, weißt Du nun, warum Du mich gar nicht verstehen konntest? Weißt Du, wie ich in Deine Tür kam und vor Staunen verging?«
Georg sah und wußte alles. Ihre Andacht, ihre grenzenlose Beklommenheit, und wie sie am Boden kniete und sagte: »Ich bin dein eigen« ... Und dann, in der Finsternis, am Wasser, wie sie heraufgestiegen war, auf den Knien lag und aufseufzte den einen tiefen Seufzer, und dann lag und weinte und aufstand, fortging und nicht mehr kam ... Dann hatte sie einen Monat gerungen, dann kam das halbe Jahr, -- und er hatte nichts gewußt. Sie hatte die Hölle unter ihre Füße gestampft und stieg herauf, wie ein Engel rein, sie ... Georg faßte behutsam den Mantel und zog ihn über ihren Gliedern fort, bis zu den Knien, sah leise schaudernd die weiße, im Kerzenschein nicht abgestorbene Haut ohne Makel, wie er sie gekannt, legte den Mantel wieder darüber, das Lächeln ihres Mundes scheuchte ihn ganz zurück, er gewahrte die Blätter in seiner Hand und las, entschlossen, zu Ende zu kommen.
»Genug, Georg, genug. Ich weiß nicht, was Du denkst. Vielleicht denkst Du jetzt, ich hätte sprechen sollen. Vielleicht verstehst Du es gar nicht, denkst, ich hätte es versuchen sollen, hätte den Tag herankommen lassen sollen, wo mein Vampir vor Dich hingetreten wäre und ausgeschrien hätte, was ... Vielleicht verstehst Du auch mich nicht, daß ich dem Vampir so habe erliegen können, so in seiner Gewalt blieb ... Ach, fünfzehn Jahre unwissender, solcher Gewohnheit -- und nichts ist mehr zu retten. Tausend Versuche, und kein Erfolg; aus seinen Krallen gab es ... wozu? Töten -- nicht wahr, Georg? das denkt sich so einfach und nah für den Fernen, aber ich weiß, daß man dazu geboren wird oder anders nicht dazu kommt -- vor dem eigenen Tod.
Ich komme, Georg.
So war das Ende der armen Seele doch beschlossen auf der Brücke, als sie auf Dich wartete und dachte: entweder -- oder. Nur ein wenig hinausgerückt wars, weit genug, um es ganz vergessen zu können für ein halbes Jahr.
Ach, und eine kleine Hoffnung ist noch. Soll ichs noch sagen, Georg?
Ein Kind, Georg, ein Kind. Dann, oh dann, weiß ich, ist alles gut, ist alles andre wie abgerissen, dann ist nur das eine, nur es, das Kind, Tod und Leben ganz gleich, nur nötig das Leben, weil es lebt. --
Ich bin müde, die Welt wird dunkel, ich werde wieder schlafen. Diese Blätter hebe ich auf bis zu dem Tag, wo Du alles wissen mußt. Ich sehe die Zukunft nicht, alles was ich sehe, ist die Sonne in meiner Brust, und daß sie brennt, alles was ich will. Gute Nacht! Ich komme.
* * * * *
Heut war der Abend, an dem ich vor Dir Theodosis spielte, zum erstenmal ganz: spielte. Das Halbjahr ist um, das Zeichen war da, es soll nicht mehr sein. Wie es kommen wird, mag sich zeigen, von heute an ist Abschied.
Glück und Segen, geliebtes Haupt, es war wunderbar! Glück und Segen, die arme Seele ist nicht sehr betrübt, obgleich es schwer ist, von Dir zu gehn. Das Ziel ist erreicht, mir ist nicht bange, ich werde gar nicht mehr spielen brauchen die letzte Zeit. Alles hat sich so geglättet, all das viele Leid ...
Es ist doch alles nur Liebe gewesen. --
Und vielleicht -- auch wenn ich aus dem roten Becher getrunken habe -- nimmt es noch kein Ende mit ihr.
Dann werd ichs wissen.
Erhalte mir Dein Herz, denn aus ihm kommt das Leben!
bittet die arme Seele Cordelia.«
Georg legte die Blätter leise zusammen und erhob sich. Es war still. Er suchte in sich, die tiefgebrannten Flammen der Kerzen im Blick. Er versuchte, zu begreifen, daß hier Tod war, und was das war: Tod? Aber er fand nur eine unerkennbare Fremdheit. Nicht Angst, nicht Grausen, nicht Schmerz, -- nur eine feierliche Schwere, die nicht drückte. Er heftete noch einmal die Augen auf das Lächeln der Toten, zog schnell den Mantel darüber hoch, nahm das rote Glas an sich, löschte dann eine nach der andern die Flammen und ging leise durch den Raum auf den Lichtspalt der Türe zu, jetzt merkend, daß von dorther der Geruch des brennenden Tabaks kam, den er schon längere Zeit unbewußt wahrgenommen hatte.
Josef Montfort wandte sich im Stuhl um, in dem er, den Rücken der Tür zugewandt, in der Nähe eines Sofas saß, das an der Wand stand. Er rauchte, an der Erde stand eine Kerze im Blechleuchter, ein Wasserglas mit rötlichem Bodensatz und eine Flasche Wein. Es hätte behaglich ausgesehn, wenn nicht auf dem Sofa der weibliche Körper gelegen hätte; allein als Georg, Ekel und Schauder, die heftig in ihm aufstiegen, überwindend, hinzutrat, war auch hier nichts Abscheuliches mehr. Montfort hatte der Toten die Hände zusammengelegt, sie lag grade, die Augenlider waren geschlossen, die Zungenspitze verschwunden, der Mund geschlossen, sie sah müde, friedfertig und gut aus. Montfort zeigte ihm alles deutlich, indem er die Kerze hochhielt und leuchtete. Dann gab er ihm auch den Zettel in die Hand, den die Tote gehalten hatte, und Georg steckte ihn in die Tasche zu dem übrigen. --
Leben wir, so leben wir dem Herrn ... Dem Herrn? dem Herrn? Nun gleich, das Wort enthielt ja wohl alles, und wenn Cordelia es für die Schwester geschrieben hatte, so war auch hier alles geschehn.
»Wollen wir gehn?« fragte er Montfort. Der nickte, ließ ihn voran bis zur Tür und löschte das Licht.
Die Taschenlaterne leuchtete ihnen nach unten. Im Hof fiel es Georg ein, daß sie kaum würden aus dem Hause kommen können, doch zeigte Montfort, ehe er etwas sagen konnte, einen Schlüssel, lächelte ein wenig mit einem Auge und sagte: »Ich sorge für alles.«
Auf der Straße, überm Fluß brauten Nebel und nächtliche Dämmerung. Die Laternen waren erloschen. Montfort warf das Ende seiner Zigarre über das Geländer, die rote Flugbahn erlosch, er sagte, Georg unter den Arm nehmend:
»Ich muß Sie um einiges bitten, lieber Freund. Erstlich, zu vergessen, daß Sie mich hier sahn, jedenfalls vor jedem, der mich kennt. Ich weile unbekannt hier. Zweitens sich nicht weiter zu wundern, daß Sie mich trafen. Es dürfte Ihnen ja kaum unangenehm gewesen sein. Mich selbst wundert es durchaus nicht, da ich seit Kindesbeinen, möchte ich sagen, die Gewohnheit habe, an Stellen aufzutauchen, wo sich das Fürchten lernen läßt. Gelernt habe ich es leider nie. Das Unglück meines Lebens. Nun -- ich hoffe, wir plaudern ein ander Mal darüber. Sehen Sie, da sind wir über die Brücke. Übrigens -- mit Ihrer Erlaubnis würde ich nichts dagegen einzuwenden haben, wenn Sie mir ein Bett anböten für die Nacht; bis zu dem meinen wäre es verteufelt weit in Anbetracht der Stunde. -- Ja, noch etwas: mein Gesicht. Sie haben vermutlich bemerkt, daß etwas damit nicht in Ordnung ist. Nun -- auch darüber werden wir plaudern, wenn uns das Leben wieder zusammenführen sollte, was, wie ich hoffe, in für Sie weniger schwerer Stunde der Fall sein wird.«
Georg, willenlos übergossen von der plätschernden Suada, blieb nun stehn, da sie bei der ersten Laterne angelangt waren, blickte Montfort an, blickte zu dem Glaskäfig auf, in dem der Glühstrumpf atmete, und dachte: Habe ich denn nun alldas geträumt? Wann stand ich denn schon einmal neben einer solchen Laterne? War das nicht -- als ich Renate zum ersten Mal sah? -- Er zuckte zusammen. Seine linke Hand fühlte die Papiere in der Tasche, seine rechte das warme Glas. Kein Traum. Cordelia war tot. Aber auch kein Schmerz kam hoch in seiner Brust; im Dunkel wehte es auf, lächelte tief, und entschwand. Georg ging weiter.
Allein! sagte jemand tonlos in seiner Nähe; allein, allein, allein.
Hier enden des fünften Buches neun Kapitel oder ebenso viele Monate.
Sechstes Buch. Fragmente aus den halkyonischen Jahren III oder Die Schleuse
Erstes Kapitel: November
Berlin
Georg sah, als er eines Nachmittags den dunklen Gang in seiner Berliner Wohnung hinunterging, einen Brief hinter der Korridortür liegen, augenscheinlich durch den Postschlitz geworfen, und erkannte im Aufheben mit Verwunderung und Verdruß nicht nur seinen Berliner Pseudonymen, sondern auch Bennos Handschrift: die Universität, an die adressiert war, hatte den Brief nachgeschickt. Äußerst mißgestimmt gegen Benno, der sein nachdrückliches Verbot des Schreibens übertreten hatte, stopfte er ihn in seine Manteltasche, und erst, als er im vollbesetzten Stadtbahnabteil an der Türe lehnte, gab er der Reizung des Verschlossenen in seiner Tasche nach -- dazu dem Verlangen nach einer Beschäftigung, das von dem stumpfen, gerüttelten Beisammensein mit den ereignislosen Gesichtern der Mitfahrenden hervorgerufen wurde -- und öffnete, sehr widerstrebend, den Brief. Nur mit den Augen zu überfliegen und wieder fortzustecken willens, las er:
Altenrepen, den 26. 11.
Ja, mein Georg, so siehst Du mich Dein strenges Gebot übertreten. Aber Du kannst, nein, Du kannst nicht verlangen, daß ich es halte, daß ich weiter in dieser alltäglichen und -- ach mehr noch! -- allnächtlichen Sorge und Ungewißheit um Dein Ergehen hinlebe. Ich bitte Dich, gieb mir ein Lebenszeichen! Wenn ich an Dich denke, sehe ich Dich in diesem entsetzlichen Berlin wie in einem Mahlstrom umgetrieben, es flimmert mir vor den Augen, Dich, allem Schönen, Reinen, Edlen so hingegeben und nun so zu Boden gedrückt durch das furchtbare Erlebnis, in der Einöde zu denken, die der Name Berlin vor meinen Augen entstehen läßt. Georg, die Nacht, wo Du mir von Cordelia sprachest, die Tote selbst, ihr Lächeln, der schauerliche öde Raum unter dem Dach -- unzählige Bilder, die nicht vor meinen Augen weichen, werde ich im ganzen Leben nicht vergessen. Ich träume davon, es läßt mir keine Ruhe, auch ist ja niemand da, mit dem ich darüber sprechen könnte. Elfriede -- ich versucht' es, aber -- was kann sie davon verstehn, die nichts sah, noch mein Empfinden für Dich teilen kann; ihr muß es ein fremdes schauerliches Märchen bleiben, und von vielem darin hätte ich kaum einmal gewußt, wie es ihr sagen. Ich bin manchmal recht allein, Du fehlst mir täglich, ich spreche mit Hesekiel von Dir, aber -- der Sprachschatz des Armen ist recht beschränkt, -- ach, unsre schönen Gespräche! Wird all das jemals wieder kommen? Auch Magda ist fort, -- willst Du sie wirklich nicht aufsuchen? Sie würde doch sicherlich ein gutes heilsames Wort, ein linderndes Mitschweigen für Dich haben. Genug, ich sehe längst Deine Unzufriedenheit, und vielleicht -- ich hoffe es ja -- sind all das auch nur Einbildungen von mir.
Ich bin fleißig, Elfriede ist heiter und engelhaft wie je, und mein Leben könnte das glücklichste von der Welt sein, ohne -- Du weißt, wie ichs meine.
In Treue Dein alter Benno
Kümmerlich, dachte Georg, sehr kümmerlich ist das! indem er den Bogen faltete und in das widerspenstige gelbe Seidenpapierfutter des Umschlages pfropfte. Guter Benno, deine Sorge ist ebenso rührend schön -- für dich, wie herzbeleidigend für mich. Außerdem geht mirs glänzend, und alles was du schreibst, ist Unsinn. Du -- -- Überdem wurde die Tür hinter Georg aufgerissen, drei und mehr Menschen drängten herein und ihn bis zur gegenüberliegenden Tür -- sehr ärgerlich! denn was hatten sie auf diesem winzigen Tiergartenbahnhof, wo überhaupt niemand einzusteigen pflegte und deshalb auch niemand einzusteigen hatte, obendrein in seinem Abteil zu wollen? giftete er sich. -- Eingezwängt stehend, eine Hand am Gepäcknetz, ließ er seine Verstimmtheit gegen den Freund weitertosen. Wie er mich bloß so falsch verstehen konnte! Als ob nicht mein ganzer Jammer eben darin bestanden hätte und bestünde, daß sie -- daß sie tot ist, nichts als das, fort mit allem, jenseits, zugedeckt mit diesem Lächeln, das mich verfolgt ...
Georg verlor seine Gedanken über dem Anblick der Leute in seiner Nähe, die ihn zu nichtswürdiger Beschäftigung mit ihren gebündelten Zügen, häßlichen Händen, Hüten und dergleichen zwangen; die Fahrt des langsam dahin trabenden Zuges schien in alle Ewigkeit währen zu sollen, er geriet am Ende wieder an den Brief. Ich bin sehr allein ... hatte er das nicht geschrieben? Und überhaupt die ganze Stelle mit Elfriede klang doch sehr merkwürdig und -- ah natürlich! das war der wahre Grund des Schreibens! Armer Benno, fängt es nun an? Der erste Argwohn, das gescheuerte Gold sei -- am Ende doch Messing? -- Georg wurde, so sehr er Benno bemitleiden mußte, warm und wohler ums Herz, er verließ im Bahnhof der Friedrichstraße aufatmend den Zug, eilte durch die schon dämmernden, nebelgrauen Straßen und saß alsbald in seiner abgelegenen Ecke der Seminarbibliothek an seinem Tischplatz, unsichtbar außer für den, der ein Buch in der Bücherwand hinter seinem Rücken suchte, eine andre Bücherwand vor sich, zur Linken das Fenster. Allein kaum, daß er die dritte Seite in Gerlachs Abhandlung über die deutsch-dänischen Handelsbeziehungen gelesen hatte, empfand er, daß er gestört war, mußte sich anders setzen, das Buch anders legen, erst einen, dann mehrere Sätze doppelt lesen und lehnte sich plötzlich aufseufzend im Stuhl zurück. Gedankenleer zum Fenster hinausgewandt, sah er drüben die kahlschwarzen Kastanien des Wäldchens, flatternd von letzten braunen Blattfetzen, die Baracke für Vorträge über Kunst darin, kahl, nüchtern und unfreundlich, dahinter die Rückfront der Universität. Ein paar Gestalten, frostig anzusehn, wandelten im Garten. Auf der Straße davor flammte grünbleich die erste Laterne auf.
Ja, da ist es wieder, das Alte, dachte Georg im Empfinden des Drucks, der Beklommenheit, der Angst in der Brust. Nun ist alles wieder drohend und ungewiß. Sie schläft, sie lächelt, sie ist drüben. Ich bin allein. Wie lang ist es her? Fünf Wochen!
Mein Gott! -- ihm ward heiß -- wie ist es denn möglich? Hin, alles hin, ganz und gar wie ein Traum, wie ein Sonntag, alles, alles fort! -- Er zwang sich, er sah sie, ihren glänzenden Leib, in der Nachthelle, in einem Gartendickicht, auf dem Schwarz des Mantels -- Sterne bewegten sich im Laub. Auf dem Bett unterm Fenster, über ihre strömenden Glieder hinaus, tauchte sein Auge in die helle Nacht, die dunklere Ferne, die Ebene endlos -- und darüber die zahllosen Augen der Sterne. -- Dies erlosch, im rötlichen Schein der Kerzen funkelte das rote Glas, das schlafende Antlitz lächelte vor sich hin, -- im Schwinden sah er noch Montfort, den Hut aus der Stirn gerückt, vor der verschlossenen Türe stehn, eine Hand über sich aufgestützt, die Füße gekreuzt, in der herabhängenden Linken die kleine Taschenlampe, aus der er von Sekunde zu Sekunde den Lichtkegel zu Boden fallen ließ, in dessen Schein er selber vor Georg erschien, ein Bild, das sich wie kaum ein andres ihm eingebrannt. -- Georg versuchte es wieder, er sah sie unter der Vorhalle des Hauses, ihm entgegenschmelzenden Gesichts ... Was sich jetzt regte in ihm, war sein Geschlecht, die Entbehrung, er rückte unruhig im Stuhl, fühlte sein Sitzfleisch zerdrückt von Beinkleidfalten, -- die alte Quälerei war wieder da, der ewige Durst, der sich so wenig überwinden noch betrügen ließ wie das Bedürfnis des Leibes nach Feuchte, nach Kohle, nach Eiweiß, -- ach armer Benno, das Leben ist so schauerlich anders, als du meinst!
Überdem empfand Georg eine fast unlustähnliche Lust, ihm zu schreiben. Er trennte nach einigem Widerstreben ein paar Bogen aus seinem Heft, setzte an und brachte es plötzlich nicht fertig, die gewohnte Schrift zu schreiben, worauf er aus dem Punkt des angesetzten L den kleinen Bogen des stenographischen Zeichens dafür zog und langsam zu malen begann.
Lieber Benno: Ich hoffe, Du kannst dies noch lesen. Vergieb schon, aber es scheint mir das von Cordelias Brief zurückgeblieben, daß ich -- nun, es ist wie ein Grauen vor offener Schrift. So eine Art Hysterie vermutlich. Und die weich geschwungenen Zeichen malen sich so angenehm aus der Hand.
Habe Dank für Deinen rührend liebevollen Brief. Scheinbar weißt Du, Halunke, daß ich es liebe, gerührt zu werden, und wenn nicht alle Empfindungen des Vermissens in dieser Beziehung von Dir beschlagnahmt wären, so könnte ich wohl Hesekiel vermissen, seine immerrührende Figur und rührenden Sprüche.
Was mich angeht aber keinerlei Sorge! Wenn ich mich auch nicht eben wohlbefinde, so ist das aus keinem der Gründe der Fall, die Deine Einbildungskraft Dir vorspiegelt. Berlin ist freilich der Mahlstrom, als den Du es Dir vorstellst, allein -- einerseits war es ja meine volle Absicht, mich hineinzustürzen -- ich hoffe, Du hast beim wohlwollenden Übertreten meines Schreibverbots das nicht gleich mitvergessen --, und andrerseits stehe ich vorläufig noch ganz am Rande und lasse michs schwindeln. Im Vertrauen: mir schwant, daß ich trotz aller Absperrung vom bisher Gewohnten, trotz scheinbaren Untertauchens durch Pseudonym, Inkognito und die vorgebliche Lebensführung eines von hunderttausend Studenten, Bureauschreibern, Literaten, Referendaren et cetera -- gleichwohl nicht in den Strom gelangen werde, aber -- vielleicht ist der Schwindel am Rande, wenn dauernd, das fürchterlichere.
Die Stadt ist furchtbar. Ich meine damit nicht Berlin im Gegensatz zu andern Großstädten des Erdballs. Ich meine die Großstadt an sich, als Lebensform, als Weltteil, als Schicksal; meine den Fluch der Anhäufung von Dasein und Geschick. Ah genug, wir werden sehn, übrigens wie singt der Poet?
Allein die Städte wollen nur das Ihre Und brauchen viele Völker brennend auf, Wie hohles Holz zerbrechen sie die Tiere ...
und so weiter, im Stundenbuch nachzulesen. Dennoch giebt es die merkwürdigsten Oasen mitten in der Meereswüste, deren Nötigkeit sich kaum begreifen läßt, wie etwa jene Schächte in farbige Jahrhunderte und Jahrtausende hinunter, die sich Nationalgalerie, Völkermuseum nennen. Nein, da bin ich gestern unvermutet an einem der seltsamsten Eilande gelandet und will Dir davon erzählen. --
Georg hielt inne. Wozu das eigentlich? dachte er unwirsch. Aber die wieder aufgetauchten Bilder des gestrigen Abends, Hardenberg, der stille Plauderer, Dachgarten, die kranke Frau, die Bilder -- bewegten sich in ihm, wie die Samentierchen zum Eileiter, zur Gestaltung, und er fuhr fort:
Im Tiergarten traf ich unlängst auf Hardenberg. Du erinnerst Dich seiner vom Leseverein in Prima. Wir sprachen uns an, gingen zusammen, wir kamen ins Gespräch, ich machte meinem Ärger Luft über das Gemisch von Stangen und Statuen, das in meinen Augen der Tiergarten war, und hörte bald herzlich erfreut das wohlbekannte, leicht altenrepensch gefärbte: »Ich muß doch sä--gen ...« mit dem er die Absicht einer kleinen Abhandlung anzukündigen pflegt, und siehe da -- wie ein Mandelbaum aus den Fingern des zaubrischen Chinesen entfaltete sich alsbald ein Sommertiergarten, ein grünes Idyll der Behaglichkeit und des Friedens. Und aus dem einen, dem Tiergartenpark entfächerte er die Parke der Stadt, wie sie alle heißen: Kleistpark, Preußenpark, Schöneberger Stadtpark, Steglitzer, Dahlemer, beschrieb die Findigkeit ihrer Anlage in der Ausnützung der Bodenverhältnisse, beschrieb ihre Sommerabende nach dem Regen, ihre Verschwiegenheit, ihre erfrischten, leuchtenden Wege, die umdampften, schweren Gruppen der Bäume, auf dem Hügel den weißen Pavillon, den Goldregenbaum, die Fliedersträuche und plötzlich lächelnd am Wege das zarte Wunder der lila Akazie, ihre bebenden Trauben haltend wie eine Tänzerin mit zierlichsten Fingern, -- das Herz lachte im Hören und Sehen! -- Es ward ein ganzes Lob auf Berlin, die Stadt der Blumen und Parke, wie er sie nannte. Wahrhaftig hat er recht. Ich selber weiß von früher, daß in keiner andern Stadt Europas fast alle, auch die steinernsten Riesenstraßen im Sommer Alleen sind, in keiner so viel Vorgartenstreifen vor den Häusern liegen, in keiner die Straßenfronten so liniiert sind mit den buntfarbigen Zeilen der blumengeschmückten Balkons, und daß in kaum einer Blumenläden zu finden sind -- von den erlesenen der vornehmen Viertel ganz zu schweigen --, wie man sie hier noch in den finstersten Stadtteilen finden kann. Und von dieser >Kultur der Blume< kamen wir dann bald auf den Begriff der Kultur im allgemeinen, den er schlechtweg als deutsch bezeichnete, da für die Begriffe andrer Nationen Zivilisation genüge. Kultur, sagte er, könne nicht sein, was man in Frankreich sehe einerseits -- als Blüte einer einzigen kleinen Oberschicht, Geschmack, Esprit und Eleganz von Louis XIV. bis Louis XVI. --, noch was in England andrerseits als Steigerung der gesellschaftlichen Formen. Dergleichen Dinge seien nichts als Schöpfungen eines Volkes, wie ein andres vielleicht geistige Genies, ein andres Erfindungen, ein andres Strategen hervorbringen könnte. Sondern der Begriff der Kultur müsse mitumfassen ein vollkommenes Durchdringen des gesamten Volksstoffes, eine Essenz, die an hundert der verschiedenartigsten Stellen anzutreffen sei, und die höchste Vollendung in Kunstdingen etwa ebenso mit einschließe wie soziale Pflege der Ärmsten, Leibl und Ehrlich, George und Bodelschwingh. Kultur nicht denkbar ohne Geist, nicht denkbar ohne Liebe. Nicht denkbar ohne Gewissen, ohne Verantwortlichkeitsgefühl des Einzelnen für das Ganze. Die >Kultur< also des Franzosen ist ein Erzeugnis von Eitelkeit und innerhalb dieser von Ruhmsucht und einem ganz körperlich innesitzenden Verlangen nach und Gefühl für das Anmutige, Schmückende und -- in diesem Betracht -- dann auch Schöne. Kultur jedoch verlangt nicht nach Schönheit; aber in ihr begriffen sein wird auch das Schöne, und sie wird es wirken, weil sie für jeden Würde des Daseins, für jeden ein Bestes verlangt. -- Aber übrigens: in welchem Volk giebts das eigentlich?
Georg stockte mit der Feder vorm nächsten Absatz. Ja, wohin gerate ich denn? Nachsehend fand er bereits drei Seiten mit den stenographischen Zeichen gefüllt, aber, erregt von der Geistesarbeit und Phantasie, dachte er: Nun, um so mehr freut sich Benno, es wird ja auch das einzige Mal sein, und nun werd ich mich kurz fassen. -- Er fuhr fort:
Bezaubert wie ich war von der überaus zierlich und leicht wachsenden Art seines Plauderns und in meiner angeborenen Höflichkeit konnte ich dann nicht widerstehn, als er mich einlud, und bin gestern nachmittag hinausgefahren. Beim Abschied erschreckte er mich noch durch zweierlei, nämlich erstens seine Adresse: Hasenheide und eine dreistellige Hausnummer, die ich nun vergaß (ich sah in der Hasenheide bisher eine Einöde und Exerzierplätze wie Tempelhoferfeld, kein Ding mit Hausnummern), sodann durch die Mitteilung, er sei verheiratet, seine Frau allerdings schwer leidend. -- Nun, Du weißt, daß Hardenberg homosexuell ist. -- Sollte die Anlage -- stark war sie wohl nie, dacht ich -- geschwunden sein? Dann, muß ich zu meiner Schande gestehn, wurde mir einen Augenblick schwül um die Brust, und ich geriet von meinem lieben, sanften, allgütigen Hardenberg auf -- Stawrogin! Stawrogin, Du erinnerst Dich, in den Dämonen, der vor Entartung aller Gefühle zur Erlebnisform einer Heirat mit einer Schwachsinnigen greifen mußte, der Marja Timofejewna, -- doch befinden wir uns ja in Norddeutschland, Hasenheide usw. Ich fuhr mit der elektrischen Bahn hinaus.
Unsäglich! Unsagbar! Straßen, Straßen, Straßen! Prachtstraßen gegen London, Paläste gegen Paris, riesige Offenheit und Breite gegen die Steinschluchten Wiens, allein -- das Getümmel, das Hinundwiederströmen, der Anblick der tausend und tausend Fenster, Zimmer, Wohnungen, Schicksale ohne Ende -- -- es hätte mich umgestürzt vor Schwindel, hätte nicht das Staunen noch die Wage gehalten. Wie leben die Menschen hier? wie können sie leben? warum leben sie hier und so? Es ist ja sinnlos, aber: aus dem heftigen Gefühl, daß mir selber Alles und Alle fremd, in Weg und Hantierung, Ziel, Seele, Beschäftigung, Beruf, in allem völlig fremd und unbegreiflich waren, mußte mir die Vorstellung entstehn, daß von ihnen auch jeder dem Andern, dem Nächsten ebenso fremd und unbegreiflich sei, daß es nur zehntausend Wege waren, die sich kreuzten, jeder ganz in sich abgeschlossen und vom nächsten, von all den durchkreuzenden nicht mehr wissend als nötig war, Zusammenstöße zu vermeiden, und so wards um mich ein eisernes Geklirr, Metallstücke, leblos, gegen Metall, ohrenbetäubend, herzlähmend.
Die Hasenheide enttäuschte freilich angenehm als eine Riesenstraße alter Bäume, fast durchweg eingebettet in Biergärten, ein bei ein, richtige Gärten mit schönen, mächtigen Bäumen, jetzt kahl und Durchsicht lassend weithin. In Hardenbergs Hause dann schwenkte mich der Lift bis unter das Dach, ich wurde in ein geräumiges helles Zimmer -- denke Dir ein sogenanntes >Gelehrtenzimmer< -- geführt, dessen breites Fenster und Glastür einen jetzt leider kahlen, aber wunderschönen Dachgarten mit Pergola und Aussicht über das Dächermeer vermutlich in die Tiefe der Gärten boten. Die Stille war fast vollkommen.
Hardenberg erschien und bald auch seine Frau.
Du wirst nun mein Entsetzen mitfühlen können, mit dem ich in der aufgehenden Türe erscheinen sah -- das Gespenst. (Ja, Gespenster begegnen uns gern und verdoppeln sich gar!) Ich fürchte, ich vergaß vor Betäubtheit aufzustehn, -- bis ich denn sah, daß hier das Haar nicht fischweiß war wie bei Cordelias Schwester, sondern brandig rot, -- doch wars auf die nämliche Weise in die Stirne gekämmt; die Augen darunter waren so blaßblau mit viel sichtbarem Weiß -- wie dort --, das Gesicht so milchhaft, die Nase schien ebenso spitz ... ich erholte mich wohl am Mund, der wundervoll war, groß, tiefrot und von der köstlichen, tief geschwungenen Bogenform, worauf ich dann von neuem erschrak, denn der bloße Hals -- stark, von vorne gesehen so breit wie das Gesicht -- war --
Georg stockte mit der Feder. Ein Klumpen ballte sich oben in seiner Brust und zwängte sich zur Kehle; er sah gradaus, seine Augen brannten, dann zitterte sein Kinn; er schüttelte den Kopf, versuchte zu lächeln, sah wieder auf das Papier, mußte plötzlich die Stirn auf die Tischkante legen und schluchzte zweimal, dreimal tränenlos. Als er aber bemerkte, daß er da um sich selber weinte wie ein Knabe, setzte er sich wieder grade, erkannte dabei, daß es dunkel geworden war, ließ die grüne Schirmlampe aufleuchten und schrieb weiter: -- Cordelias Hals.
Hardenberg hatte mich schon auf den Anblick vorbereitet, den ich bekam, als das arme Wesen jetzt vorwärts ging. Sie hat seit ihrer Kindheit ein Leiden (d. h. als Hauptleiden von etlichen andern, an denen sie alle paar Monate schwer darnieder liegt), infolgedessen ihr das Gleichgewicht fehlt im Stehn und Gehn. So kam sie hastig tastend, bevor er aufspringend zu ihr gelangt war, um sie zu geleiten, und ihre Beine und Arme schlotterten und zuckten dabei völlig unbeherrscht in den Gelenken. Auch ihre Sprache, als sie nun saß und die Hände -- wundersam lang und geschmeidig, gesalbt von Schmerzen -- im Schoße still lagen, kam stoßweise, rauh, manchmal hart wie gestoßene Steine; ihr Gelächter -- sie lachte viel und gern -- war ein Gebell. Kostbar war ihr Profil, das ich lange sah, dazu der Hals von der Seite, nicht senkrecht aufgesetzt, sondern schräge nach vorn, geschwungen ...
Ja, dies. Und als wir dann eine Weile später ins Atelier hinübergingen (denn dies Wesen ist Malerin und hat studiert wie eine jede, z. B. Aktstudien gemacht, stundenlang stehend mit einer Stuhllehne als Stütze), so entfaltete sich aus Mappe um Mappe ein Zaubernebel von Farben und weichem Geleucht. Ihre Kunst ist beschränkt, aber in der Beschränkung reich und reizvoll. Wasserfarbe, Linoleumschnitt und der Buntstift. Aber sie zaubert mit dem Buntstift. Sieh ein Straßenstück -- zu Dutzenden gabs --, Regendämmrung, Nässe, Abend, in der Tiefe abschließend ein graugrünliches Gebäude, rechts ein rotes, eine rote Mauer, ein Baum darüber, novemberschwarz gespenstisch, auf der Straße Undeutliches, ein Wagen, ein Mensch -- und all das aufgelöst in tausend farbige Striche, das mattglitzernde Pflaster in Wirklichkeit so bunt wie ein Kolibri, desgleichen der quellende Himmel, und nirgends die Farbe -- das rote, das graue Haus --, die Du zu sehen meinst, sondern jede zur Hälfte bewirkt durch die andre. Oder -- von der Brücke gesehn -- ein Stück Isarbach im Englischen Garten in München, milchiges Grün, bewegt, bewegt, kristallenes Blau, Schneeufer, Bäume, gesträubt im Nebel, die Tiefe Schneedunst, und alles scheint weiß, und alles Weiße kam aus dem blauen Stift, und welch ein Duft von Lüften, von Ferne, von Ahnungen!
Du warst nie im Berliner Aquarium, Benno. Denke Dir, daß Du in dunkle Korridore trittst mit vielen und großen Rechtecken, starkleuchtenden in gelblichem, grünlichem Licht: die Glasscheiben der Wasserbehälter in der Wand, hinter denen sich das Leben der Tiefe bewegt, sprachlos, in leuchtenden Farben. Fische, durchsichtig aus Perlmutter gemacht, die Augen wie leuchtende Kugeln, die sich drehn, die Leiber dünn scheinend wie Pappe durch die Brechung des Wassers. Fische, gemacht wie aus weißem und gelblichem Sandgekörn, flach wie ausgeschnittene Papiere, die sich wellenförmig im weißen Sandboden fortbewegen, wo sie schwinden, wenn sie liegen. Fische, feuerfarben, Leiber wie senkrecht flach gedrückte Eier, an die seitlich und hinten lange, schlagende, faltige Schleier angesetzt sind, und dieselben in Schwarz wie in Trauer. Fische, blaugrau wie aus frischgefallenem Samt, Scharen, stille, die eine Handbreit über dem Grundsande hinweidend sich bewegen wie die Weidetiere unserer Ebenen ...
Und von diesem zog sie den farbigen Abglanz in kostbar stilisierten Umrissen, ins Geschwungene gelöst, in die Faltenregung der Wasser, zog sie das Unheimliche der Tiefe, die ewige Sprachlosigkeit, die Dämmerung und die unendliche Stille. --
Beim Zurückfahren am Abend nahm ich eine Bahn zum Potsdamer Platz -- das abendlich reißend geschwollene schwarze Getümmel nur wahrnehmend wie einen donnernden Strom, über den ich hinglitt in der Muschel meines Herzens --, von wo ich mich zu Fuß zum Schachte der Untergrundbahn vor der Wertheimarkade durchzwängte.
Ja, da ragte es, ernst, mit umdunkelter Stirn, das Heim der Wertlosigkeiten, mit dem Aussehn eines ehrfurchtgebietenden Heiligtums. O, ihr Deutschen! Da wolltet ihr ein Kaufhaus bauen, eine Gelegenheit, wo euch das Kaufen, das Geldvergeuden ein glitzerndes Vergnügen sein soll, und anstatt eine lustige Menagerie hinzustellen, errichtet ihr eine düstre, alle Eitelkeit des Irdischen verneinende Kathedrale: Ziehe deine Schuhe aus ... und nennts den neuen Warenhausstil. Die einzige Kirche des zwanzigsten Jahrhunderts ...
Wie ich mich aber dann umdrehte, unter die Pfeiler mich rettend, drüben aus der Nachthöhe rings um den Platz die bunten, feurigen Räder umliefen, gigantische Schriftbänder vorstießen, Pfeile, Sonnen sich ausstrahlten, und am Grunde dieses Nachtgewässers der Strom sich ergoß, in den tausendfachen Skandal verdonnernd, eiserne Wagen an Wagen, erleuchtet, bis zum Rande voll stehender, sitzender Schicksale ohne Häupter, und die Kanäle der Fußgänger, unerschöpflich; wie ichs hervorquellen sah aus den tausend sich schwingenden, umwirbelnden Türen, und dahinter wimmelnde Treppenhäuser, senkrecht stürzende, senkrecht entfliegende Förderkörbe voll von Wimmelndem, und wimmelnde Säle, wimmelnde Zimmer bis unters Dach, zehntausend Fußpaare, zehntausend Schicksale sich hinabstürzend zum Grunde und im Ebenen hingerissen in eisernen Gleisen ihres Lebens, ein wieherndes Toben der Mühseligkeit, der Beladenheit, des Genusses, zum Schaudern ameisenhaft ganz und gar -- -- sieh, da wars wieder dasselbe Bild, das ich sah: ein einziger Strom des Lebens, der wahrhaften, göttlichen Lebensessenz um den Erdball ergossen, aus dem ein jeder schöpfen mag für sein Dasein, wo er steht. Und an solchen Stellen wie dieser, wo Hunderttausende trinken wollen -- wieviel kommen da Tropfen in jeden der schnappenden Fischmunde? Sie ersetzen durch Luft, was fehlt an Essenz, durch Betriebsamkeit den Lebenstrieb, und das giebt dann -- Sekt --, was Wein sein sollte --, das Göttliche versetzt mit Kohlensäure, Schaum für Kristall.
Dann aber, mein Benno, erschienen sie mir dort oben, im Dunkel der Berge, am Ursprung des heiligen Quells, die Beiden, die Geächteten so oder so, die Ausgeschlossenen von dem, was man >das Leben< nennt: an den Händen sich haltend mit Zartheit, die stillen, beredsamen Augen in Eintracht hinabgeneigt zum dunklen Kristalle des ewig Reinen, und herausholend vom Grund -- wie der Tiefseeforscher im Perlkranz der Wassertropfen den farbig leuchtenden Schleier der Infusorien, der Zauberformen, der Rätselkristalle, der Rädertierchen und mikroskopischen Algen -- so heraufholend diesen zartesten Schleier ihrer Künste, sie auszubreiten über Gebrechlichkeit und den unendlichen Schmerz. -- --
Georg schob die Blätter zusammen. Ich schließe ein andermal, dachte er matt, jetzt finde ich weder zu mir noch zu ihm den Übergang, und -- ich schrieb es ja wohl auch nur für mich.
Die Hände lasch auf den Blättern, vor den Augen noch Tumult und Vision, entkräftet im Herzen, lehnte er sich zurück, die Blicke aufwärts richtend in das Dunkel, wo die schweigsamen Fronten der Bücher sich in Stockwerken reihten.
Und du, Cordelia, dachte er vereinsamt, was tatest du? Fünfunddreißig Jahre Nacht, Nacht, Qual, Qual. Endlich die farbige Wonne, der kleine Schleier eines Halbjahrs. Und endlich -- die Stille -- der Triumph -- das Lächeln für immer. Das war ein Leben?
Ist das das Leben? Ist dies der Strom: Leiden? Giebts keine andre Essenz, die das Leben verleiht? -- Dann, dachte Georg, den alten Angstdruck aufkeimen fühlend in der Brust, dann komme ich wohl langsam näher ...
Nahm seine Sachen zusammen, löschte die Lampe und ging.
Zweites Kapitel: Dezember
Sylvester
Georg, zerdrückt, zersetzt und mißgefärbt, wie er sich aus Berlin mitgebracht hatte, wanderte gegen halb zwölf Uhr in der Neujahrsnacht vor der Reihe der sechs vom Erdboden aufsteigenden Fenster des langen Saales in Trassenberg auf und nieder. Dabei hatte er außerhalb der Fenster das schwarze Nichts, die Nacht mit einem oder zwei roten Lichtern im unsichtbaren Grunde des Landes; innerhalb den langgestreckten Saal, aus dessen drei Wänden, aus den drei Steinkaminen der Flammenschein herausschlug. Die Kamindächer hingen steil und düster wie gewaltige Brauen über den Feueraugen, deren Flackerblick die beiden mannsdicken, in der Höhe verästeten Holzpfeiler im Schatten ließen, welche, ein paar Schritt weit voneinander entfernt, die Saaldecke trugen. In der Dunkelheit der Wände oben ließ sich von Georgs irrendem Blick hier und dort aus den verblichenen und verrußten Wandmalereien eine Gestalt ergreifen, steif in Umrißlinien und Falten des zwölften Jahrhunderts, ein Schwert, ein verhangenes Roß oder die seltsam verschobene Figur einer Frau, hintenübergezogen vom spitzen Kopfputz und hangenden Schleier.
Georg blickte auf die Uhr, ohne die Zeit zu sehn, und erwartete seinen Vater. Ihn fröstelte; deutlicher empfand er die beiden Toten in der Nähe, Cordelias ewig triumphierendes Lächeln und die Gestalt seiner Mutter; diese manchmal hinter sich, an einem der Fenster, vereinsamt dastehend wie eine Verbannte, -- und dann verspürte er wieder ihren Kopfschmerz, als könne der noch immer nicht vergangen sein ...
Diese Mutter ... Er zwang sich, zu vergessen, daß sie nicht die seine war, sich zu erinnern, wie es hier früher in dieser Nacht gewesen. Dann saßen erst er und sein Vater dort beim Punsch vor dem mittleren Kamin. Zehn Minuten vor Mitternacht erschien die Helene, Diener mit Windlichtern, die ein paar Fenster und die Glastür zum kleinen Altan öffneten -- dem Einzug des neuen Jahrs. Sie sagte ein paar heitere Worte. Dann gingen sie zusammen zur Altantür und standen dort im kalten Atem der Winternacht und erwarteten den Glockenschlag. Er kam, feierlicher als jeder Stundenschlag im ganzen Jahr. Dann wurde in der Tiefe, vor der Kirche im Dorf der Holzstoß entzündet; sie sahen von hoch oben den roten Flammenschein, Gestalten, Portal und weiße Wand des Kirchturms im Schein, und im Kreis um das Feuer die Bläser mit ihren Messinginstrumenten. Nun läuteten die Glocken, der Choral stieg vernehmlich zu ihnen empor: Bis hierher hat mich Gott gebracht ... Beim zweiten Vers traten sie in den Saal zurück und ...
Jahrein -- jahraus -- zehn, elf Male hatte er das erlebt. Immer eine feierlich leichte, schöne Stunde ... Mein Gott, ist es anders geworden! Sie ist nicht mehr dabei, und ich selber bin --, nein, ich soll ... soll? Hier ein Fremder sein, ein Eindringling ...
Ratlos auf den nächsten Pfeiler zutretend, wie im Verlangen nach einer Stütze, fühlte Georg unter der tastenden Hand die Hunderte der Kerben, die den Stamm bedeckten. Hier hatten sie sich eingeschnitten, die einmal die Seinen waren, bei jedem Bankett, jeder Jagdtafel, sie und ihre Gäste, burggeseßne, erb- und schloßgeseßne Herren, später Grafen, Markgrafen, Herzöge ... Auf einem der Böden mußten noch mehr solche Stämme liegen, nachdem die ersten vollgeschrieben waren bis obenhin, -- es war wohl mehr als ein Arm gebrochen, wenn sie Stühle auf Tische setzten in ihrer Berauschtheit, um höher hinaufzulangen, und an einem Pfeiler oben stand: Heint hab ich, Hugo Remmele, den -- soundso -- fast zu Tode gestochen, sintmal ich b'soffen von oben stürzte mit dem Säufang ... Oder so ähnlich ... Als Junge, sann Georg, konnte ich stundenlang um die Stämme rutschen, um die Namen zu entziffern, die Wahlsprüche und das Lateinische. Drei Kreuze, dacht ich, bedeuteten Tote ... Merkwürdig viel Kreuze ...
Georg sah aus Knabenkleinheit, in die er sich versetzt, geisterhaft umher. Die drei Kyklopenaugen glotzten, die Flammen züngelten in Buchenkloben, es war still ... Nein! nein! er nicht dazu gehören? Nein, davon empfand nie und nimmer etwas sein Herz! Nur unsäglich traurig war alles geworden. Traurig? Warum nur, warum? Nun hatte die Zeit auch Cordelias Lächeln fast getilgt, dies allzutriumphierende Lächeln ...
Georg, längst wieder am Fenster stehend, die erst kalte Scheibe warm geworden an seiner Stirn, hörte ein Geräusch und wandte sich. Ein Flügel der Tür zur Linken in der langen Wand war aufgeschlagen, und daneben stand im Schein des Armleuchters, den er selber hochhielt, Egloffstein, schwarz in Frack und Kniehosen, das faltige Gesicht unterm weißen Haar schief geneigt wie immer. Die Schritte und die Stöcke des Herzogs wurden hörbar, er kam zum Vorschein, im Frack, -- ja, das war nun auch anders, denn er ging, er ging ganz gut, schon ziemlich grade, machte richtige Schritte, -- erstaunlich, was sein Wille in ein paar Monaten zustande gebracht hatte! -- Georg ging ihm entgegen, nur mit einem ernsten, schnellen Blick von ihm ins Auge gefaßt. Hinter ihm Leopold und Egbert in ihren blauen Livreen trugen, der eine das Brett mit dem Bowlengefäß und Gläsern, der andre eine kleine Truhe, und setzten beides auf den alten Holztisch vor dem Mittelkamin. Georg hörte Egloffstein seinen Vater etwas fragen und »Halb eins« aus der Antwort, während er Egbert zusah, der den Fuß eines Baumstamms zum Feuer trug und hineinlegte; die Flammen duckten sich, leckten mit körperlosen Zungen daran empor, unterhalb knisterten dunkelrote Funken in der schneller anglimmenden Rinde. Georg gingen die Augen über im Hinsehn, bis ein leises Klirren ihn veranlaßte, sich umzudrehn. Sein Vater, jetzt allein, stellte eben den Löffel in die Bowle zurück, reichte dann Georg sein Glas. »Ach, du trinkst ja wohl nicht ...« sagte er, sich erinnernd, und lächelte. Georg antwortete mit einem Lächeln und setzte sich am andern Ende des Tisches den Fenstern gegenüber. In dem Glase dampfte der goldenbraune Punsch, Schwaden zogen sich um die Flammen des Leuchters. Ja -- dies war wie immer ... Auch dies, wie sein Vater das Glas gegen die Lichter hob, dann kostete. Auch Georg nahm einen Schluck; die flüssige Glut verschlug ihm den Atem, er mußte hüsteln.
Und dann folgte er mit den Augen den langsamen Bewegungen seines Vaters, mit denen er seine Zigarrentasche hervorholte, eine herausnahm, nachdem er mehrere hinter den Klappen gelüpft und gedreht, sie auf den Tisch legte, die Tasche schloß, dann wieder aufklappte und Georg mit einem Lächeln hinhielt. »Dir zu Gefallen«, sagte Georg, eine nehmend, biß wie sein Vater die Spitze ab, aber das mißlang natürlich, er mußte das Deckblatt festlecken und vergaß darüber, seinem Vater den Leuchter zu reichen. Plötzlich sah er ihn aufrecht dasitzen, eine Hand auf der Tischplatte, die Zigarre im Munde, den Leuchter erwartend ...
Er hatte sich aber noch kaum nach den ersten Zügen zurückgelehnt, als die kleine, stets Minuten vorgehende Uhr auf dem Kaminsims zum Schlag aushob. Sie nickten sich zu, der Herzog hob seine Stöcke, sie gingen zur Glastür, Georg öffnete, eisig schlug die Nachtluft über sie hinweg. Da -- in der Tiefe rechts brannte schon der Holzstoß, Schatten bewegten sich umher, die Bläser stellten sich im Kreis, Messing blitzte, die Dörfler drängten sich herum, beleuchtete Gesichter waren zu sehn. Dann klang der erste Glockenschlag, die Mitternacht schwebte vernehmlich in klaren Tönen herauf, der Choral setzte ein. Georg spürte auf seiner Schulter eine schwere Last, die Hand seines Vaters.
Zudritt mit der Unsichtbaren standen sie in der nächtigen Höhe. Georgs Herz schlug schwer, -- er sah das Vorjahr, die Vorjahre ... sah sie und ihn und sich selber wieder in den Saal zurückgekehrt ... Doktor Birnbaum war schon da mit seiner großen Truhe auf einem Stuhl und Fräulein von Rabenau mit ihrem Arm voll weißer Narzissen. Die Saaltüren standen weit offen. Sie waren lustig. Draußen war der Rücken des Kantors sichtbar, taktschlagend mit beiden Armen, und der Kinderchor klang. Dann kamen sie herein, der Kantor, die Kinder, dahinter das ganze Gesinde, von Egloffstein geführt, bis hinunter zum letzten Stallknecht und Hütejungen, Knechte, Mägde und die Dienerschaft. Zogen vorbei, und jeder bekam dreierlei: vom Herzog einen goldenen Händedruck aus der Truhe, von Georg einen einfachen, von Helene eine Narzisse. Und hundert Stimmen, tief und hoch, heiser und hell -- der Neujahrswunsch. Seit er stehen konnte, im weißen Kleidchen, hatte er seine kleine Hand hinhalten müssen, seinen Diener gemacht und in die großen fremden Züge über ihm gesehn ... Die Mägde machten heilige Gesichter, wenn sie ihre Narzisse hatten, trugen sie hinaus wie ein Altarlicht, und manche weinten trotz strengen Verbots. Und Mama ... Manchmal war sie am Umsinken vor Schmerzen. Dann stand sie, die Augen fielen ihr zu, die Finger der Linken preßten die Schläfenader, nahm eine Blume nach der andern aus der Hand des alten Fräuleins, reichte sie hin und lächelte dazu. Jeder bekam seine Blume und sein Lächeln. Dann hauchte sie Gutenacht und lief hinaus.
Georg brannte der Kopf. War dies nicht schon der dritte Vers des Chorals? -- Da wußte er, daß sein Vater sich fürchtete -- wie er selber -- vor dem Sichumdrehn und dem, was hinter ihnen war ... Aber im nächsten Augenblick fühlte er sich von der Hand auf seiner Schulter herumgedreht, sein Blick streifte dabei über das angespannte, entgeisterte Gesicht seines Vaters. Da war der leere Saal ...
Heiser hörte Georg ihn fragen:
»Und nun, Georg, wie ist es: fühlst du dich -- zu Hause?«
Georg verstand, senkte den Kopf, hob ihn wieder und sagte in den Saal hinein: »Es ist nicht wie früher. Es -- -- mir ist glaub ich so wie einem, der sich jahrelang herumgetrieben hat und -- als hätte er nun kein Recht mehr ... so ungefähr.«
»Armer Junge«, hörte er murmeln. Sein Vater drückte ihn liebevoll an sich; er blickte in seine Augen und murmelte, seine Hand suchend, schamvoll: »Wenn ich nur dich habe ...« Sein Vater drückte die seine kurz und hart, ging dann durch den Saal zum Tisch, öffnete den Deckel der Truhe und nahm ein zusammengefaltetes Papier hervor, aus dem an seiner Schnur ein großes Wachssiegel herausfiel. -- Georg wußte, was es war, und begann im Augenblick heftig zu zittern.
»Dies,« sagte sein Vater, den Bogen langsam aufschlagend und hineinsehend, »dies ist der Vertrag.«
Er legte ihn wieder zusammen und in den Kasten zurück, den er schloß.
»Du kannst ihn an dich nehmen und Gebrauch davon machen. Später -- wenn du meiner Hülfe bedürfen solltest ...«
Er brach ab, nickte ein paar Male vor sich hin, setzte sich dann.
Georg spürte die hinter ihm hereinströmende Kälte, wandte sich, warf das bitter schmeckende Ende seiner Zigarre hinaus und schloß die Tür. Dann zündete er sich eine Zigarette an und begann, alles umher vergessend, wieder vor den Fenstern auf und ab zu gehn.
Jetzt, während alle Gedanken in ihm, dem Kommenden zustrebend, doch angstvoll vor unsichtbaren Widerständen zurückprallten, tastete seine angereizte Phantasie nach der Schmerzgestalt der Mutter; die aber entzog sich, schwand, und statt ihrer sah er zum ersten Male Cordelia.
Alles sah er. Ein Zimmer. Auf einem ovalen Tisch eine brennende Petroleumlampe; davor einen Berg Wäsche; und daneben -- sie, an einem glänzenden Kleide nähend, das über ihren Schoß hin lag, und sie trug ein niegesehenes, loses, morgenrockartiges Kleid, unordentlich; und vor dem Wäscheberg lag ein aufgeschlagenes, vom Zusammenrollen verbogenes Heft, aus dem sie lernte, -- ja, er sahs, alles, und nur eins sah er nicht, obgleich er sich bemühte: ihr Gesicht, -- nur das Braun vom Haar, undeutlich. Aus der Erscheinung aber glühte es ihn an, daß ihm heiß wurde und heißer: ihr Leben, ihre Tage und Nächte, der endlose Kampf, die brennende Sehnsucht, die Hülflosigkeit am Abend, immer wieder Unverzagtheit am Morgen, immer Hoffnung, Hoffnung, Erwartung, heute, wieder heute, hundert, tausend Heute der gleichen Mühsal, und immer Enttäuschung, immer Entsagung, Verzweiflung, Ratlosigkeit, neue Kraft, neuer Wille, und wieder umsonst, und Arbeit, Arbeit, nächtelanger Fleiß, die ganze unselige Inbrunst, die rasende Erwartung, das Nichtmehrwartenkönnen, das verzweifelte Weinen, der Jammer grenzenlos. Er sah ihre zerbrochene Seele, daliegend entstellt wie eine ausgerissene Pflanze. Alles einst Strahlende, innerst immer noch mit wütender Glut sich Wehrende, in trostlosen Zimmern zerstampft, verschüttet, -- ein ewig währender Schmerz in der Brust, wie die Andre ihn im Kopfe trug, wandelnd Beide mit feuergefüllten Becken im lebendigen Fleisch ... Und wieder sah er sie eintreten in das schöne Tor, in das leuchtende Schloß, betäubt von Ehrfurcht, zum Kinde geworden vor unsäglichem Staunen, -- doch schob sich selbstwillig ein andres Bild dazwischen, das sich nicht verdrängen ließ: die erste Nacht, ihre fast unheimliche Scheu, die dann jählings umschlug in überschwängliche Wonne, Tränen der Wonne -- weshalb? Er wußte es nun, verstand nun die Verzweiflung der jahrelang verfälschten Lust, die zum ersten Mal doch endlich sie selber sein durfte, hinströmend in der Umarmung des Geliebten. -- Der Brief, ihr Brief mit ihrem Leben brannte auf seiner Brust, und plötzlich, alles Denken fortkrampfend, riß er ihn heraus, ging auf seinen Vater zu, sah ihn ihm entgegenblicken und blieb zaudernd stehn.
»Nun, mein Junge, was hast du?« fragte er weich.
»Ich? -- Ich, Vater, ich hatte -- zwei Tote in diesem Jahr. Und -- -- wenn du dies vielleicht lesen möchtest ...« Er gab ihm die Briefe, den kurzen und den lebenslangen, setzte den Leuchter näher herzu, warf sich dann selber in den Sessel am Ende des Tisches, legte den Kopf in die Hand und schloß die Augen.
Er wollte nicht denken. Er ließ Wortgebilde, Begriffe, Sätze, Bildstücke in sich herumlaufen, sinnlos und leer, immer wieder zurückprallend mit der inneren Woge von den Briefblättern, die er hin und wieder leise knistern hörte, immer wieder hineingezogen, zu dieser Stelle, zu jener, an welcher sein Vater jetzt halten mochte ...
Sie war glücklich das Halbjahr, dachte er, und doch hatte sie noch eine Hoffnung über das Glück hinaus, mußte noch immer hoffen -- hoffte, fruchtbar zu sein -- ein Kind ... War es diese Sehnsucht, die sie dermaßen befeuerte, die Nächte so glühend machte, Nächte -- jede wie eine Traube, und jede Beere eine Zelle von Rubin, in der sich Götter umarmten, daß die ganze Traube erdröhnte ... Ach, nein, ihre Hoffnung war leise, blühte auf in den stillsten Stunden des Einsamseins, war ein Duft, ein Glück über dem Glück, denn nur das Glück ist ganz süß durch und durch, über dem noch ein andres Glück schwebt ...
Georg wartete noch, wartete, wieder leer, ertrug es endlich nicht mehr und sah nach seinem Vater. Der saß groß, aufrecht zurückgelehnt. Die Blätter lagen auf dem Tisch. Nun kam sein Blick herüber, Georg sah die nahstehenden Augen, verschleiert, sehr weich, und der Blick durchschmolz seine Brust, so daß er sich plötzlich schämte und die Augen abwandte.
»Sie ist tot?« hörte er fragen.
Georg nickte. »Ich habe sie gesehn«, sagte er dann. »Sie lächelte. Es läßt sich nicht sagen. Aber -- sie war ganz drüben -- und wußte -- alles.«
Es war still.
»So ist es überall das gleiche«, sagte der Herzog langsam. »Abgrund. Dich dachte ich nicht so nahe daran. Aber -- du hast es überstanden?«
Georg konnte nur den Kopf neigen, wieder und tiefer beschämt, als werde er belohnt für eine Leistung, die ein Andrer ihm abgenommen hatte ... Ich habe ja nichts getan! dachte er.
Indem vernahm er wieder die Stimme seines Vaters.
»Siehst du, -- einmal ... du warst noch ganz klein -- standen wir dort, zu Zweien, in der Neujahrsnacht. Und da --« Er stockte, räusperte sich, hustete und fuhr fort: »Hast du je empfinden können, was sie gelitten hat? Später wurde es ja wohl besser, das Dunkel tat wohl, die Gewohnheit ... Aber dies Dasein! Ihr Geist, ihre vielen Gaben -- so verurteilt! Aber -- der Anfang! Sie schloß sich ein des Nachts. Ich konnte nicht zu ihr. Da habe ich -- nächtelang -- vor ihrer Tür gelegen und gehorcht. Und sie wimmerte, sie -- kannst du dir das -- denken? Ich glaubte, ich könnte ihre Zähne aufeinander schlagen hören. Ich hörte sie hin und her irren und leise jammern, minutenlang, Worte stammeln, schnell, immer schneller, bis es immer lauter wurde und sie aufweinte. Dann wurde es wieder leiser, hörte ganz auf. Und dann fing es wieder an. Und endlos. Heulen hab ich sie gehört. Sie, diese --, sie ...
»Und dann -- einmal -- standen wir dort. Der Vorbeizug war vorüber, sie taumelte auf mich zu, wir waren allein, sie bohrte ihre Stirn gegen mich und schrie: Ich kann nicht mehr! -- Dann riß sie sich los und lief auf den Altan. Ich weiß nicht, wie ich sie noch einholen konnte, und dann, -- dann wollten wir Beide hinunter. Ich -- ich war jung, und gelähmt, und dazu sie ... Ich wollte auch nicht mehr können. Plötzlich sah sie mich an, ihr verzerrtes Gesicht glättete sich sonderbar. Sie sagte: Merkwürdig ... nun ist es weg. -- So stand sie lange, lauschte und wartete, schüttelte den Kopf und wiederholte: der Schmerz sei weg. Wir weinten wohl zusammen und dachten eine Weile, er sei wirklich und für immer verschwunden. Ich weiß noch: sie lächelte wieder und meinte, es wäre wohl wie beim Zahnarzt: wenn man die Treppe zu ihm hinaufstiege, sei der Schmerz fort. Ich hielt sie noch, und dann merkte ich auf einmal, daß sie schlief. Ich hab bei ihr gesessen, sie schlief bis zum Morgen. Da war der Schmerz wieder da ...«
Georg hatte zugehört, in Siedehitze getaucht vom Kopf zu den Füßen; seine Hand war feucht, als er sie von der Stirn löste, doch hörte er nun ein Geräusch, wandte sich und sah Egloffstein gedämpft hereinkommen und sich dem Herzog zeigen, worauf er wieder verschwand. Sie erhoben sich Beide, der Herzog murmelte, es sei Zeit für ihn, -- ob er noch sitzen bleiben wolle ... drückte Georg nur heftig die Hand und ging hinaus.
Als Georg dann wieder im Stuhle saß, sah er die Zukunft vor sich stehn, unentrinnbar. Er fühlte, daß nichts sich hatte ändern lassen, er hatte weiter und weiter gehen müssen auf diesem Weg, nun nur noch wenig Schritte, und das Ziel war da. Trotz der Angst aber, die es ihm einflößte -- oder war das nicht es? -- schien ihm alles sehr leer, oder leicht, oder -- sinnlos. Das Wirkliche, dachte er, ist doch ganz wo anders. Dies gehört zum Dasein, jenem, in dem man sich kleidet und ißt, arbeitet, einen Beruf hat, Umgang mit Andern, Pflichten. Es ist nicht das Leben.
Und da war es ihm, als befände er selber sich weder hier noch dort. Er lächelte; saß er nicht in der einsamen Nacht zwischen dem ersten Tag des neuen und dem letzten des alten Jahrs? -- Er mußte eine Bewegung mit den Händen machen, wie um nach rechts zu tasten und links, das Dasein zu fühlen, dort, und hier das Leben. Da war aber nirgend etwas. Nur die Luft. Es ward totenstill. Und in der Leere konnte er sein Herz sehn wie einen schwarzen Klöppel, der ohne Glocke hing, sinnlos, im Schwarzen der Nacht.
Drittes Kapitel: Januar
Neujahr
Renate, beide Handflächen gegen die plötzlich entflammenden Wangen pressend, im Sessel vorgeneigt, rief: »Das möchte ich nun einmal wissen, warum du und ich am Neujahrssonntag hier sitzen!«
Saint-Georges, tief im Sessel ihr gegenüber, die Ellbogen in den weichen Lehnen, die Hände flach unterm Kinn gefaltet, blinzelte in die losen Flammen im Kamin; dann sah sie langsam ein immer freudigeres Lächeln um seine Lippen und in den Augen aufquellen, bis es den Mund öffnete und er sagte:
»Nun, das ließe sich am Ende noch beantworten. Was meinst du: stünden wir Beide in einer Geschichte, so würde die Antwort vermutlich lauten: weil es der Autor so will. Übersetze das lateinische Wort, und was kommt heraus? der Willen des göttlichen Urhebers.«
Renate, unwirsch über und über, warf sich zurück, strich mit der Rechten die dunkelblauen Falten aus ihrem Schoß, blickte unter gesenkten Lidern böse zu ihm hin und mußte noch einmal ausbrechen:
»Georges! Ich frage! ich will deutlicher fragen: Warum mußte -- ich muß es wissen! -- warum mußte das Weltgeschehen diesen Verlauf nehmen, zu dieser Stelle, an der wir nun als diese Menschen in dieser Weise sitzen und miteinander reden und schweigen!«
»Eine Frau«, erwiderte Saint-Georges freundlich, »fragt mehr, als zehn Männer beantworten können.«
Renate lachte verdrossen. »Ist dir denn nie dieser Gedanke gekommen? und wie ungeheuerlich er ist? Daß man hervorging, hervorgehen mußte aus dieser riesenhaften Weltgewalt?«
»Du denkst viel«, sagte er leise.
Renate erhob sich, machte sich einen Augenblick an Teekessel, Tassen und Dosen auf dem Rolltisch neben ihr zu schaffen, ging dann ins Zimmer hinein und, erst langsam, dann rascher auf und ab. Ihre Erregung, ihr selber unfaßbar, begreiflich nur so weit, daß sie entstanden sein mußte vor Jahren schon und gewachsen war seither und wachsen würde -- machte sie schwindlig im Sitzen. Plötzlich sah sie Josef. Seit sie ihn in der Stadt wußte, fühlte sie sich umkreist von ihm, wo sie ging und stand, und wohin ihr Gesicht gerichtet stand, da stand er.
»Mir wäre besser,« sagte sie bewußtlos vor sich hin, »ich säße in einer Dachkammer an der Nähmaschine. Armut, find ich, paßt soviel besser zum Leben.«
»Gut, Renate. Gehe hin und tue desgleichen.«
Sie blieb stehn. »Was heißt das, Georges, warum kann ich nicht fort, warum kann man nicht heraus?«
»Richtig,« versetzte er, »daß du >man< sagst, nicht: ich. Im übrigen könnte man ja den Vetter Josef kommen lassen, um zu erfahren, ob er herausgekommen ist.«
Da kam er auch mit Josef! -- »Das wäre eine Antwort?«
»Also einfach,« erklärte er, »Fahnenflucht ist keine Kunst. Jeder verbleibe an seinem Platze. Einmal stellt sich doch immer heraus, daß es ein Posten war, auf den uns die Zukunft stellte. Wollen die Vögel auch schwimmen können?«
»Haus, Garten, gut Essen und schöne Kleider«, sagte sie, »sind freilich kein Verdienst.«
Er ließ die Hände fallen und suchte in der Rocktasche. »Sie sind der Einzige«, sagte er dann glatt. »Alle Menschen verdienten dergleichen.«
»Und wenn die Vögel nicht schwimmen wollen,« fuhr sie heftig fort, »will der Mensch doch fliegen.«
»Und dann?« fragte er bloß. Sie murmelte, den Kopf hängend: »Fortschritt ...«
»Daran zu glauben, halte ich nun für ganz verfehlt«, meinte er sorglos.
»Und was glaubst du?« Sie stellte sich hinter dem Tisch gegen ihn auf.
»An das Rad«, sagte er aufblickend. Dann, da sie weiter fragte, mit den Augen ergriffen von der Festigkeit seines Blicks, fuhr er, leis lächelnd, fort: »Das Rad weder des guten Lamas im Kim, noch den Roman von Jensen meine ich damit, sondern --«
Renate, mühsam sich zu Ruhigkeit zwingend, glitt wieder in ihren Sessel und hörte zu, anfänglich gefesselt von dem Wohlklang seiner Stimme.
»Stelle dir«, fing er an, »ein Rad vor, wie Homer es malte, einen Radreifen mit vier Speichen, erzbeschlagen, und ein Rad, wie ein Heutiger es malt, eine flimmernde Scheibe von konzentrischen Kreisen; darin haben wir den Unterschied. Weiter: lege eine glühende Kohle auf die Erde, das ist der Anfang: ein glühender Kern, der Strahlen versandte, erst einen, mehr, immer mehr, die sich an unserm Horizont der kreisförmig andrängenden Ewigkeit umbiegen und ihren Stoff dort ablagern zu -- Geschichte, dem Radband um unsere Zeit. Die Strahlen, immer dichter sich drängend, füllen schon den Kreis; nun wird abgespalten. Zum Beispiel: Malerei. Sie begann mit dem Bildnis, ging über zum Zimmer, zur Kleidung, zum Nackten, zog die Landschaft hinein, ging zur Landschaft hinaus, und es begannen die Techniken, Helldunkel, begannen die Charaktere, die Italiener, Holländer, kamen Holzschnitt, Radierung, Kreide, kamen Impressionismus, Expressionismus, Futurismus. Zehntausend Mannigfaltigkeiten und doch von Giotto bis Kokoschka ein einziger Glutkern: das Genie, die wahre Kunst, die Techniken und Programme und Richtungen nur benutzt, aber nicht von ihnen abhängt. Oder: Wissenschaft. Zuerst gab es die sieben freien Künste, die in einer einzigen Hand liegen konnten zu Anfang, die anschwollen, daß für jede eine besondere Hand notwendig wurde, ein besonderer Kopf, und wieder jede allein anschwollen, daß sie gespaltet werden mußten, und wieder gespaltet und aber wieder, bis wir heute zum Beispiel unzählbare Fächer der Naturwissenschaften, und so viele Spezialärzte haben wie Organe oder gar Krankheiten. Und siehst du die Abspaltung hier, so sieh die Zusammenfassung auf der andern Seite: Columbus, Luther, Giordano Bruno, Spinoza, Kant, Goethe, Bismarck, Darwin, die Bündel von Strahlen zur Garbe banden. Und immer die Ablagerung auf dem Kreisring, die Erfahrung, die Geschichte. Es wird immer anders, -- das ist der >Fortschritt<. Kannst du glauben, daß, wenn es je ein >Schön< gegeben hat, es heute ein >Schöner< geben könne? Oder ein >gut< oder >wahr< oder >edel<, das heut besser wäre, wahrer, edler? Ja, einen Gott, der heute göttlicher wäre oder minder göttlich? -- Kannst du glauben, daß du dich an einem Zeitpunkt befindest, tausendsiebenhundert Zeitmeilen entfernt von einem >Anfang<? Kannst du dir vorstellen, daß du dich an einem Rande befindest? Muß nicht jedes, all und jedes, was ist, seinen Ursprung in der Mitte des Alls haben, in der Mitte sein? Alles, was ist, ist im Kern. Pascal -- falls du nach einem Kronzeugen verlangen solltest -- nannte das Weltall eine Kugel, deren Mittelpunkt überall, deren Umfang nirgend sei. -- Wir strahlen ein jeder noch immer aus dem ersten und einzigen Kern, haben um uns den Rand, sind selber das Rad.«
Renate, die schlecht und kaum willig zugehört hatte, murmelte vor sich hin: »Nichts ist, was dich bewegt, du selbsten bist das Rad, das aus sich selber läuft und keine Ruhe hat ...« Das war Bogners Zeichen unter seinen Bildern. Und keine Ruhe hat ... und keine Ruhe hat ...
Sie merkte, daß es schon lange still im Raum geworden war. Saint-Georges bückte sich, nahm den Blasebalg von der Erde und begann langsam die Flammen anzublasen, so lange, daß sie das anhaltende Gleichmaß der Lustseufzer kaum noch zu ertragen glaubte und ihm eben Einhalt tun wollte, als das Stubenmädchen erschien und meldete: »Frau Tregiorni.«
Als ob sie gesagt hätte: ein Engel! dachte Renate, erlöst aufspringend und zur Tür eilend, die sie öffnete. Sie umarmten sich und beglückwünschten sich zum Fest, -- aber Ulrika sah keineswegs gut aus, blaß, das Haar schien die Stirn zu bedrücken und saß nicht vorteilhaft, die Nase trat scharf hervor, die Augen lagen tief. Nachdem sie auch Saint-Georges begrüßt, sagte sie, in einen Stuhl gleitend, die Augen niedergeschlagen und mit tonloser Stimme, wie sie beides mitunter an sich hatte: sie sei eigentlich gekommen, Renate um Vinzent van Goghs Briefe aus Josefs Besitz zu bitten, um -- Renate verstand den Grund nicht, indem sie schon zur Tür ging, um das Buch zu holen, woran wieder Georges sie hindern wollte. Dann bemerkte Ulrika gleichgültig, sie könne ja mitkommen, sie sei ohnehin lange nicht oben gewesen, und er merkte wie auch Renate, daß Ulrika mit ihr allein sein wollte, worauf sie sich bei ihm entschuldigten und gingen.
Aber es war kalt im Zimmer oben, die Heizung nicht angestellt. Renate tats, suchte dann das Buch im Halblicht des violetten Lampenumhangs und trug es zum Tisch. Ulrika schien verschwunden in der dunklen Nische des großen Fensters, sie wechselten ein paar Worte wegen der Kälte, -- dann setzte sich Renate doch, da die Freundin bleiben zu wollen schien. Das weiße Buch leuchtete still auf der leeren grünen Tischdecke. Und wieder erschien Josefs Gestalt, die Straße heraufkommend, auf eine Laterne zu ... Renate fröstelte und wünschte sich einen Schal. Ob sie das Buch kenne, fragte sie Ulrika. Die schien zu verneinen in ihrem Dunkel und zu fragen, wie es sei, worauf Renate allerlei hinsprach, daß es fast langweilig zu lesen, nur vom Malen die Rede sei, von Bildern, an denen er male, oder die er malen möchte, oder gemalt habe, und daß man doch nicht loskommen könne vom Anfang bis zum Ende ... Ulrika war derweil herangekommen, stand, den linken Arm hinterm Rücken gefaßt mit der andern Hand, nieder blickend auf das Buch.
Was mag ihr sein? fragte sich Renate. Da war die Freundin wieder die Fremde, die Umschlossene, die alles verschwieg. Wollte sie sprechen?
»Glut und Eifer«, sagte Ulrika ohne Ton, »ersetzen ja manches. Und wenn eine Lebendigkeit tief und gewaltig erscheint, so glaubt man wohl, an die ganze offene Welt angeschlossen zu sein, alle Stimmen zu hören, alles Weben zu sehn, denn man sieht --« Sie hob den Blick schweifend über Renate weg, die bei sich dachte: Nun ist sie ja schon dort, wohin sie wohl kommen wollte ...
Immer noch gesenkter Lider glitt sie nun in den Sessel, der hinter ihr stand, legte ein Knie über das andre, zog den Kleidrock nach unten und faltete die Hände darüber.
»Hast du«, fragte sie aufblickend an Renate vorüber, »dich je gefragt, wie man im Traume sieht? Man sieht durch die schlafgeschlossenen Lider, deshalb ist immer alles so -- unklar, wie durch Wasser gesehn. So wars all die Monate mit mir, und nun --« Sie schwieg.
»Ist es anders geworden?« wagte Renate leise zu fragen.
»Eifer und Glut, Wollen und Glauben,« sagte Ulrika wie zu sich selber, »die genügen ja nicht.«
»Weil sonst jeder etwas Großes werden könnte, meinst du, der es sich nur ernstlich vornähme, und eben das nur diejenigen können, die auch -- die Gabe haben?«
»Auch nicht die Gabe«, versetzte Ulrika ernst. »Auch die läßt sich haben, so mancher hat sie; aber deshalb hat er noch nicht -- -- das Leben«, schloß sie unsicher.
Renate mußte das Wort Liebe denken und sagte es leise, doch nun fielen Ulrikas Hände auseinander. »Auch nicht,« sagte sie emporblickend, »nein. Das genügt alles nicht. So jedenfalls nicht, wie man das Wort versteht. Was tut er denn, dieser Maler,« lächelte sie flüchtig auf, »glaubst du vielleicht, er liebt die Kunst, so wie wir, du, ich sie lieben?« Sie sprach eilig weiter. »Nein, was tut er, was tat dieser van Gogh? Sie atmen Kunst ein, und sie atmen sie aus. Sie leben -- weiter nichts. Ihr Leben ist Kunst, sie haben das Leben. Sie denken ja nicht nach, oder wenn sie nachdenken, ists doch wieder etwas für sich, ist kein Malen, kein Leben. Ach, all das ist so schwer zu denken und zu sagen!« Sie stand mutlos auf.
Renate, nun ganz ruhig und sanft, fragte liebevoll hinüber: »Muß mans denn denken und sagen?«
Ulrika blickte wieder auf das Buch und gab ihm, das Ende des heraushängenden Lesezeichens fassend, eine kleine Drehung. »Man muß wohl«, sagte sie schwach lächelnd.
»Sie sind eben die Seltenen, diese«, fuhr sie wieder fort. »Man kann ihnen in keiner Weise gleichen. Was tun sie denn nur?« Sie grübelte angestrengt nach. »Ich glaube, sie tun nichts, als daß -- ja, daß sie sich selber schaffen jeden Tag. Und dadurch schaffen sie Welt. Ja, wie? Ihr Schaffen ist -- ist --, die Welt sichtbar zu machen, Sichtbares und Unsichtbares erst sichtbar zu machen. Denke dir Kunst fort aus der Welt -- es ist ja nichts mehr vorhanden. Keiner wüßte, wo er stünde, keiner« -- sie lächelte hell, zum Zeichen, daß sie Bogner zitierte -- »wüßte, wie Baum und Sonne und er selber aussähe, wenn nicht eines Tages einer angefangen hätte zu malen. Hier sind doch neue Gesetze, begreifst du? Nicht unsre, gar nicht die Naturgesetze, ganz eigne.«
Wie leuchtete nun ihr erhitztes Gesicht! »Ja -- -- du bist ja aber glücklich, Ulrika!« sagte Renate ergriffen. Die hellen Augen erloschen augenblicks hinter fallenden Lidern.
»Ich sollte es ja sein«, erwiderte sie dann ruhig. Plötzlich trat sie zurück in den Raum, blickte funkelnd und heiß und sagte: »Ich war es ja, war es ja bis heut! Sie war ja schon Lebenskraft geworden -- meine Musik. Kannst du's denn verstehn? Wie soll ichs nur erklären? Das Leben haben, sagt' ich, nun -- und was ist das? Allwissend sein, wissend um alles Werden, alle Entfaltung, alle Geschichte, die Leiden kranker Kinder, die Not geplagter Eltern, die Trübsal der Gebrochenen, das Elend der unentrinnbar Verstrickten, und die Wonne des Sommerabends, die Augen der Sterne -- dies alles wissen und -- hochheben im Werk, zeigen im Werk, sich als dessen Durchgang, dessen Werkstätte fühlen, wo es umgeschmolzen, umgewirkt wird zu Ordnung, zu Klarheit, zu Gesetz, aus dem es dann alles wieder strömt --: verwandelt, so daß wirs empfinden. Nun, und ich -- ich war wohl noch weit davon, aber -- ja, wie sage ich es denn nur?«
Verzweifelt umherblickend, trat sie an das nächste Bücherregal, legte die gefalteten Hände gegen seine Kante, die Stirne darauf und sagte wie herausbetend: »Daß es eben nicht Musik war, was ich spielte! nicht Noten, Quinten, Synkopen und Fugen, Sonaten, Konzerte, sondern -- Menschenwerk, Menschenleben, Weltleben, Weltwerke. Formen allen Seins und allen Leidens, Erzeugnisse einer unendlichen Liebeskraft und einer unendlichen Daseinsnot, nicht Musik -- nein, Liebe und Leiden, und nicht Allegro, nicht Andante, sondern -- Kindheit und Wachstum und Älterwerden, Schmerzen eines Knaben, Zweifel eines Mannes, Hoffnung auf weiche Hände, Enttäuschung, ach -- und das Aufstehn frühmorgens, die Schwermut am Abend -- alles all, was ist, was wir Alle sind.«
»Und nun nicht mehr?« fragte Renate, ganz heiß durchströmt von dem Brand.
Ulrika richtete sich auf, und wie sie nun wieder zu ihrem Sitz ging und sich hinließ, war sie wieder die Abwesende, die wohl preisgeben wollte und es doch nicht vermochte, in sich gefangen. Sie sagte bedrückt:
»Die Worte machen ja alles so anders. Nichts war ja so, wie ich sagte, ich lebte ja nur, ich fühlte mich auf die eine Weise, bis er kam, und nun auf andre Weise. Aber die erste ist doch nun nicht mehr, also ist es auch nicht anders, -- kannst du denn herabsehn auf dein Leben? Man steht doch immer darin, man fließt mit, und alles ist unentrinnbar. Ach, wenn man nur fühlen könnte! Dann wäre kein Mord eine Untat. Sage das Wort nicht -- was ist dann?«
Renate verlor die Worte im Hören, ohne sie begriffen zu haben. Eine Weile danach kam sie zu sich, unwissend woher, und erkannte, daß Ulrika von einem Bilde sprach -- ja, einem Bilde, an dem Bogner malte, wieder malte, nachdem er es schon als Knabe geplant: der Kampf um Troja, Achilleus auf dem Wall, wie er um Patroklos schreit so gewaltig, daß die ganze Schlacht zurückrollt gegen die Stadt ... »Ja, kann man denn Schreien malen?« fragte sie ungewollt.
»Ich sagt' es ja eben,« erwiderte Ulrika, »er selber behauptete, es sei unmöglich, ganz sinnlos, und doch muß er an diesem Bild schon bald zwanzig Jahre sitzen ...« Wieder vergeßlich, versunken ins Anschaun dessen, wovon Ulrika sprach, der hundert Studien, Leiber, verrenkter Gliedmaßen, Verwundeter, Sterbender, Arme, Beine, schreiender Münder, dann auch eines Eisenbahnunglücks, das Bogner mitgemacht habe, und dessen Schmerzensausdrücke bei den Verletzten er später bei den Aktstudien aus der Erinnerung noch habe übertragen können, hörte sie langsam die etwas klagende Stimme der Freundin wieder deutlich werden:
»Und wie ich dastand in dem öden Raum, der ganz voll war von diesem wilden Leben, Rossen und Wagen, Kampf und Verzerrung, immer wieder dieselbe Gebärde des Grauens sah, dazwischen Entwürfe zu einem schwarzen Sonnenuntergang, in dem der Heros ganz klein stehen sollte, während vorne die zurückflutende Schlacht sich bäumt, -- o Gott, all dies Stückwerk zu sehn, Rüstungen, Schienen, Fäuste, immer wieder Fäuste mit abgebrochenen Schwertstücken, Beine, nackt, verdreht, Rippen, von Armen herausgepreßt -- und zwischen all dem er, so unbekümmert, bei aller Zweifelei so im Triumph seiner Ganzheit, in der die tausend Stücke einmal aufgehen würden, -- da -- ja, da trat ich glaub ich ans Fenster, ganz mutlos und hoffte nichts, als daß -- nun was? Aber ich sagte etwas wie: >Wenn ich dir helfen könnte ...< Da legte er seine Hände auf meine Schultern, zwang mich ihn anzusehn und sagte ganz leicht, ich hülfe ihm ja -- nun, noch dies und jenes, was ich nicht mehr weiß, was lag auch an den Worten! -- Mir ward leicht, ganz leicht.«
»Und nun?« mußte Renate endlich fragen, da sie vor sich niederblickend schwieg.
»Nun siehst du's ja: ich bin hier. Ich kam heim, ich saß bei Mama, dann legte sie sich bald, sie kränkelt ja immer mehr, dann kam eine Schwester von ihr -- da wurde ich auf einmal unruhig und ging hierher. Unterwegs --«
Renate horchte auf, da sie Schritte im Treppenhaus hörte; auch Ulrika schien sie zu hören, denn sie brach ab, erhob sich, nahm das Buch und sagte: »Es ist ja auch nichts weiter zu sagen.« Sie trat auf Renate zu, die sich erhob, schloß sie in die Arme und meinte, es würde wohl alles wieder anders werden, wer könne wissen ... und dergleichen, während schon Saint-Georges den Kopf ins Zimmer steckte und erklärte, dies gehe zu weit! Dreiviertel Stunden sitze er allein, am Neujahrsabend!
Wie er doch den rechten Augenblick abgepaßt hat -- für Ulrika, dachte Renate, obschon selber ratlos, was das Ganze nun bedeuten sollte. -- Als sie einen Augenblick später hinter den Beiden, die miteinander sprachen und lachten, die Treppe hinabstieg, empfand sie bekümmert die Linderung, die aus Ulrikas Unruhe ihre eigene durchflossen hatte.
Es ist am Ende nur, daß ich zuviel allein bin, dachte sie dann; man hängt sich selber zu sehr nach, und -- die Andern sind immer warm und wärmen; ist man dann allein, muß man sich doppelt kleiden und einspinnen ins eigene Fühlen und Grübeln, aber ... aber ...
Renate wußte nicht weiter. Sie waren unten angelangt.
Viertes Kapitel: Februar
Wirrnis
Georg saß und schrieb:
Ein junger Mensch kam an einem Oktobertage mit dem Eilzuge von A. auf dem Bahnhof Zoologischer Garten in Berlin an, ohne Koffer noch Tasche, gut gekleidet, in einem schwarzen Herbstmantel und kleinem grauen Hut, stieg die Treppen hinunter und ging wie ein Müßiggänger die Joachimsthalerstraße hinunter, aber er suchte sich eine Wohnung. Er bog in die Kantstraße ein und ging sie hinunter bis über den Savignyplatz hinaus, währenddem er wohl achtmal, von dem Schilde: >Möbliertes Zimmer!< angerufen, in einem Hause verschwand, um jedoch ...
Georg strich die letzten zwei Worte unwirsch aus und schrieb statt dessen:
... kam aber alsbald, jedesmal ein wenig erschöpfter, wieder heraus, und zwar bald auf der linken, bald auf der rechten Seite der breiten Straße. Schließlich strandete er vor einem Damenhutladen auf der linken Seite, in dessen Fenster das >Möbliertes Zimmer!< wiederum auf einer Papptafel zu sehn war. Während er noch zögerte, wurde drinnen im Schaufenster eine Milchglasscheibe geöffnet, es kam ein Frauenarm mit einem Hut auf der Hand hervor, dann auch ein Gesicht, dunkeläugig, dunkelhaarig, ältlich, versorgt und gutherzig. Gleich trat er in den Laden, die Frau zog sich gerade wieder nach innen aus dem Fenster zurück, war ziemlich groß und sah wirklich sehr freundlich aus, ohne etwa ein besonders freundliches Gesicht zu machen. Er sagte: »Hier ist ein Zimmer zu vermieten?« Die Frau antwortete in einem ihm unbekannten Dialekt (statt müssen sagte sie »missen«), zurückhaltend, es sei aber nur klein, bat ihn dann, mitzukommen, und er folgte durch ein großes Zimmer, in dem vor einem breiten Fenster zur Rechten zwei junge Mädchen saßen, mit dem Garnieren von Hüten beschäftigt. Die Frau stieg drüben ein paar Stufen zu einer Tür empor -- sie ging schlürfend in Filzschuhn, schwerfällig; ebenso schwerfällig schlich ein alter schwarzer Pudel, der von einem verschossenen, grüngelbbraunen Samtsofa sprang, auf den jungen Menschen zu und berührte ihn vorsichtig mit der Schnauze -- öffnete sie und ging weiter -- der Mensch ihr nach -- in einen schmalen, dämmrigen Gang hinein, mit Türen auf der rechten Seite, durch deren Milchglasscheiben in der oberen Hälfte spärliches Licht hereinsickerte, und von denen die zweite -- die erste war nach dem Briefschlitz darin die Korridortür -- halb angelehnt in die Küche hineinsehn ließ. Vor der dritten blieb die Frau stehn, stieß sie auf und ließ den Mieter ins Zimmer sehn.
Es sei gleich gesagt, daß dies Zimmer gemietet wurde. Es war keine vier Meter lang und kaum zwei breit; an der Tür gleich rechts stand ein gewöhnlicher, rotbrauner Kleiderschrank, daran stieß das Fußende des Bettes, und dahinter stand dasjenige Möbel, dem das Zimmer seinen neuen Bewohner verdankte, nämlich ein alter Bücherschrank -- wie sein neuer Besitzer ihn nannte -- aus braungelber Birke, unten Kommode, darüber Schrank mit sechs Fensterscheiben, von grünem Taft innen verhangen, bedeckt mit flachem Giebeldreieck; gutes Biedermeier. Gleich hinter ihm -- er stand halb davor -- war das Fenster mit sehr breiter Bank, die Heizung war drunter. Gegenüber dem Bücherschrank war eine kleine braune Tür, die in einen winzigen Verschlag führte; drin stand ein alter, hölzerner Waschtisch mit einem blechernen Becken, einer blauen Karaffe und einem weißen Seifennapf; ein Bort aus zwei Brettern, die an rotbraunen Kordeln hingen, schwebte schief an einem Krampen darüber. Dem Bett gegenüber an der andern Wand -- keinen Meter breit war der Zwischenraum, den ein kleiner Tisch unter einer lang herunterhängenden, bräunlichgelb gemusterten, mehrfach gestopften Decke ausfüllte -- stand ein altes, gemeines Sofa, das gleichwohl Vertrauen erweckte. Zwischen seinem Kopfende und der Tür zum Verschlage hing ein kleiner, alter Spiegel mit ungeschliffnem, in der Mitte geteiltem Glase, ebenfalls aus gelber Kirsche und ebenfalls mit einem Giebeldreieck. -- Über dem Bett hing eine schmutzigdunkelrote Steppdecke, und auf dem Schrank stand eine Lampe aus weißem Glase, in deren Bassin gelb das Petroleum schimmerte. Vor dem Fenster waren alte, aber sehr saubere gelbweiße und geraffte Gardinen. Dies alles zusammen kostete den jungen Menschen achtundzwanzig Mark im Monat, wofür er auch die Heizung, die Lampe und noch eine Tasse Kaffee des Morgens nebst einer gestrichenen Schrippe haben sollte.
Georg, der während des Schreibens unablässig Zigaretten geraucht hatte, sah auf, murmelte: Es wird zu lang, aber die Beschreibung genügt ja nun, und er sah sich um, ob auch nichts vergessen war. Richtig, die Tapete! -- Indem empfand er, daß er zu tief im Sofa saß, stand auf, faßte den Tisch an beiden Schmalseiten und trug ihn vor den Bücherschrank. Es war glühendheiß im Zimmer, er tastete nach der Kurbel im Heizkörper, fand sie und drehte sie herum. Dann blickte er durch die Gardinen auf den Hof, und gerade kam langsamen Schrittes aus dem Portal zur Rechten der Briefträger und ging vorüber. Georg fluchte leise: Wieder nicht! beruhigte sich, zog sich zurück, nahm eine neue Zigarette aus der Schachtel, schob die Blätter auf dem Löschblatt zusammen und schrieb weiter:
Der junge Mensch hieß Topf, und so sei er genannt. Diesen Namen hatte er der Zimmervermieterin mitgeteilt, und sie zweifelte nicht an ihm; auch die Polizei nahm ihn gutgläubig hin. Herr Topf also besuchte an Vormittagen die Universität in verschiedenen Hörsälen, und zwar genau bis zum siebenzehnten Dezember des Jahres. Längst von einem allgemeinen Widerwillen gegen die Nähe vieler -- und so zusammenhangloser -- menschlicher Gesichter erfüllt, wurde ihm insbesondere die Ausdünstung des studentischen Proletariats, welches die Publika besuchte, vermischt mit der fast unleidlicheren, aus Schweißgeruch und Parfüm zusammengesetzten der weiblichen Studierenden unerträglich, aber erst am genannten Tage ward ihm klar, daß er Stunden um Stunden versaß, um nicht mehr als Fingerzeige für eigene Wege zu erhalten, daß er besser tue, sich auf die Schriften selber, die großen Arsenale zu beschränken, und schließlich und vor allem, daß sein Mitschreiben und Ausarbeiten des Gehörten zwar Fleiß sei, jedoch nur um der Fleißigkeit willen von ihm betrieben wurde, nicht wegen des Stoffes und der Kenntnisse.
Herr Topf -- dies war der einzige, wahre und echte Grund, den wir heute aufzudecken in der Lage sind -- begann am Winter, an der Stadt Berlin, an sich selber zu kränkeln. Er erhob sich ziemlich spät am Morgen, kleidete sich in immer den gleichen, nämlich einzigen Anzug, bloß daß er lederne Reiseschuh an die Füße tat, und begab sich nach vorne in das große Zimmer, wo bereits an ihrem langen Tisch am breiten Fenster die beiden Mädchen saßen, die große, magere, bleiche, blonde, und die kleine, dicke, rote, braune, mit bunten Bändern, Zeugen, Hutmodellen aus Draht und Gaze, ganzen und fertigen Kapottehüten und andern Dingen beschäftigt. Dort sank er in einen tiefen alten Sessel, bekam alsbald seine Schrippe, seine Butter und seine große Tasse voll heißen, aber dünnen Kaffees vorgesetzt, sah in die Zeitung, gestattete dem alten, halbblinden und sehr ruppigen Pudel Valentin, sich an seinen Schienbeinen zu scheuern, sprach ein paar Worte mit den Mädchen oder mit der Wirtin, Frau Wisch, die mit versorgter Stimme und in magdeburgischem Dialekt, wie inzwischen offenbar geworden war, von ihrer Tochter erzählte, als welche in Stolberg am Harz mit einem Gärtner verheiratet war und ein Kind erwartete. Später saß Herr Topf in seinem Zimmer und las in einem Buche, oder er schrieb einen Brief, oder er saß in der Sofaecke und rauchte, oder er lag auf dem Sofa und starrte auf die weiße Glaslampe auf der Schrankecke, oder wenn er anders herumlag, durch die Gardinen, über den Hof gegen die Brandmauer eines Schuppens, oder eines Bildhauerateliers ...
Georg sah aufblickend hin, murmelte: Ich weiß es nicht -- und schrieb weiter:
... durch die kahlen, meist nassen Wipfel eines Baumes nach dem meist bewölkten grauen Himmel. Mittags ging er in ein kleines Restaurant in der Nähe zum Essen, legte, zurückgekehrt, sich auf das Sofa und schlief eine Stunde oder schlief auch nicht. Meist aber blieb er liegen, bis es dunkel wurde und länger, denn mit fortschreitendem Winter wurde es früher und früher dunkel, zu schweigen von den Tagen, an denen es gar nicht hell wurde. Er empfand in diesen Stunden wenig, außer der Wärme der Heizung, aber er dachte viel, und nicht selten dachte er ein Gedicht, das er dann beim guten Licht der herabgeholten weißen Lampe aufschrieb. Um die Zeit des Dunkelwerdens jedenfalls, heute früher, morgen später, zog er Stiefel und Mantel an und ging auf die Straße. Nun konnte er verschiedenes unternehmen.
Er konnte sich in den Grunewald hinausbegeben -- von dem er beiläufig nie mehr kennen lernte als den Teil vom Bahnhof Grunewald bis zum Restaurant Hubertus mit den beiden Seen, dem Jagdschloß und den zählbar scheinenden, gleichmäßig kahlstämmigen Kiefern -- und dort konnte sich wohl die öde Kahlheit des winterlichen Gehölzes, das vielfältige Schweigen und das unsichtbare Auge der Einsamkeit zwischen den tausend nackten Stämmen hervor, konnten die grauen Flächen der schlecht überfrorenen Seen, der seltsam beklemmende Hauch des dunkelgrauen Winterhimmels, und später, im Dunkeln, die Spiegelungen der Laternenlichter im Eis und ihr Durchscheinen des schwarzen Zaunes von Baumstämmen auf dem gegenüberliegenden Ufer --, all dies konnte sich zu einem schauerlichen Schwellen und Tönen in seinem Innern vereinen.
An gewöhnlichen Abenden aber war sein Weg, der Weg des Herrn Studenten Topf, fast immer der gleiche, wenigstens anfänglich: die lange, graue Zeile der Kantstraße, unter der schwebenden Schnur der fleischroten Bogenlampen, zwischen den Wandungen spiegelnder Läden voll feurig beleuchteter und funkelnder Gegenstände --
Georg, sich erinnernd, schweifte mit dem Auge die Straße hinab und sah: Margarinefässer, Pfirsiche, Melonen in gefächerten Kästen, Tomatenhügel, Schaufenster voll stehender Spazierstöcke und Schirme, Buchläden voller gelber, roter, grüner, blauer Rücken von ungebundenen Broschüren, rotblutige, zerteilte Tierstücke auf Marmorplatten, dazwischen grüne Blattpflanzen, Herrenmodenauslagen, Kragen, Hemden, Krawatten, alles herrlich beleuchtet, kostbar und erfreulich, aber er schrieb es nicht auf --
... hinunter (fuhr er fort) bis zur Gedächtniskirche. Kurz vor ihr konnte er zum Zoologischen Garten abschwenken und durch den Tiergarten, die Charlottenburger Chaussee, die Linden, die Friedrichstraße hinab zum Bahnhof gelangen, im blauweißkarierten Aschinger zu Abend essen und mit der Stadtbahn heimfahren. Manchmal gefiel es ihm auch wohl, am Zoologischen Garten im Schacht der Untergrundbahn zu verschwinden, einem Lächeln, dem Schein einer verschleierten Wange, auch einem ganz deutlichen Augenwink nachfolgend, denn die unablässig lauernde Begierde seines Geschlechts ließ ihn immer wieder hoffen, dasjenige weibliche Geschöpf doch eines Tages zu treffen, dem er sich gesellen könne, -- doch wagte er es nie, aus Furcht vor Krankheit bei jener Art von deutlich winkenden Geschöpfen, aus Scheu vor der Anknüpfung dort, und manchmal noch im letzten Augenblick aus Furcht vor der Langeweile, die jedes von diesen Wesen bei längerem Zusammensein ihm bereiten würde. Vornehmlich ergötzte ihn der Reiz, das Gefühl, nicht völlig ziellos, einer schmeichelnden, süßen, ach, immer wieder kostbaren, seltenen, verführerischen Sache anzuhangen, die in seiner Nähe ihm gegenüber saß, in ihrer nie zu begreifenden weiblichen Sicherheit, ausgesetzt nach allen Seiten hin, sich besessen fühlend von Blicken in jeder Bewegung, dem Ausstrecken des Fußes, Drehen des Absatzes und Blick danach, dem Dehnen des Schleiers mit dem Kinn, Rücken am Hutrand, plötzlichem Öffnen der großen Ledertasche, aus dem ein Täschchen von Silbermaschen, ein Spiegel, Bleistift, mehrere Trambahnbilletts und endlich ein Brief hervorkommt, -- an allem diesem teilzunehmen, immer tastend, hebend mit dem Blick an den Augenlidern, drehend an dem zarten Kopf, bis endlich die erwünschte Wendung, der erhitzende Blick herüberflog, -- und währenddem war er vielleicht angelangt auf der Hochbahnstrecke über den Eisenbahngleisen, wo die erleuchtete Wagenreihe wie eine Raupe von glänzendem Meteor über dem untern Sternhimmel der weißen, grünen und roten Signallichter auf dem schwarzen Tuch des weitausgebreiteten Bahnkörpers dahinzog, -- und manchmal fuhr er bis zum Warschauer Tor, freilich selten, denn alle holden Geschöpfe hatten die gleiche Gewohnheit, schon bei der zweiten oder dritten Haltestelle zu entschweben, alte, dicke, geschwätzige Weiber dagegen, denen die Korsettstäbe vorn unter der Bluse abstanden, die erfüllten den Wagen mit ihrem, beim Lärm des Wagens unverständlichem Gerede und stiegen niemals aus, bevor er selber sich rührte. Schön und befriedigend war es dann -- wenn er bis zum Warschauer Tor fuhr --, die leer gewordenen Wagen bis zum letzten durchschauen zu können, wo auf den befreiten, teilnahmlos hölzernen Bänken oder roten Ledersofas nur hier und da ein einsamer Zeitungsleser hinter seinem papiernen Schild saß oder ein Ladenfräulein (welches dann plötzlich seine Handtasche öffnete, um darin zu kramen, als sei dies gerade jetzt unumgänglich nötig geworden) ...
Georg dachte: Hier habe ich mich wiederholt, aber diese letzte Wendung mußte ich doch noch anbringen.
... Von einer leisen und melancholischen Art Romantik angefeuchtet, fühlte er sich in dieser Verlassenheit behaglich, ihren leisesten Schauern im Aufziehn und Entschwinden nachlauschend, zumal jenem: Wenn es bei aller Menschenfülle im Wagen völlig still ward, im Wagen, der mit tastender Vorsicht, immer langsamer, die Höhe des schwarzen Bahngerüstes erklomm, bis fast zum Stillstand, wo nur das emsige Tucken des Motors hörbar war, unendlich langsam die kleinen Lampen draußen heran- und vorüberglitten, indes der Zug vor der abenteuerlichen Kurve wartete oder sie mit sorgfältigster Langsamkeit umkroch, und der Blick unterweil fiel tief hinunter in die Höfe der Kohlenlager oder Stapelplätze, in denen verlassen aussehende Laternen Teile von Schuppen, stille Geschäftswagen, Plakate und Wandinschriften beleuchteten, eine Menge Dinge, die zu betrachten gerade genug Muße war, wenn auch nicht kenntlich wurde, was dem alten, braun und weißen Pferde fehlte, um das ein paar Menschen standen, und das den einen Vorderfuß hob und zuckte.
Georg unterbrach sich, da er merken mußte, daß es ganz dunkel im Zimmer war; das bleiche Viereck des Papiers leuchtete bläulich weiß; jetzt konnte er auch das eben Geschriebene nicht mehr entziffern, holte eilig die Lampe und zündete sie an. Vor Aufregung des Weiterschreibens irrte er Augenblicke lang zwischen der Absicht, eine Zigarette, Streichhölzer, den Aschenbecher, die Feder zu ergreifen und nach der Kurbel der Heizung zu fassen, da es wieder kalt geworden war; endlich gelang es ihm, alles, was er wollte, der Reihe nach zu tun, er schrieb weiter:
Und wie sonderbar traf m-- (dies m strich Georg durch, suchte Augenblicke und schrieb nicht ganz zufrieden, hastig, weiterzukommen --) einen dann die schweifende Stille der großen Hinterfronten mit Riesenfenstern von geriffeltem Glas, hinter denen in hellen Riesenräumen die Schatten von unverständlichen Wesen herankamen oder sich handelnd entfernten; oder auch die Fenster waren klar und zeigten mächtige Säle, gefüllt mit eilig, aber lautlos sich bewegendem Personal, Packern, Schreibern. Und nun die Verschwiegenheit der kleinen Stationen der Hochbahn, wo er wartete mit andern Wartenden, die mantelumhüllt in der Kälte den Rücken in den Wind hielten, den Kopf schief und die Gesichter verkniffen, oder vor Plakatwänden standen, angeschrien, ohne es scheinbar zu beachten, von gemalten Grotesken; vielmehr gähnten sie häufig und spuckten verächtlich aus. Zu warten auf solch einem Bahnhof, mit der schaurigen Aussicht nach links und rechts auf die schnurgerade in die Nacht enteilenden, matt glimmenden Geleise, zwischen denen, wie im Nichts gehend, aus der Ferne ein Mann im Mantel mit einer unterhalb schwingenden Laterne, der sich zuweilen bückt, so langsam heranwandert, als hätte er Jahre Zeit; oder mit dem Blick in die Tiefe, wo über die traurigen, schwarzen, nassen, spiegelnden Plätze und Nebenstraßen ein trüber Omnibus voll stiller, sitzender Menschen hergezottelt kommt und mit lauterem Rasseln, an Geleisen ruckend und geschüttelt, unter der Überführung schwindet, -- und wie totenstill kann es dann sein! -- Oh, und das Auftauchen aus dem unterirdischen Schlund jählings zu mächtig strahlenden Lampen, in große Freiheit und Aussicht, zu Spiegelscheiben, Litfaßsäulen und der erstaunlichen Majestät einer Theaterfront emporgerissen, vor deren umnachtetem Giebeldreieck Bronzewagenlenker Panthergespanne sorglos in die Luft hineinzügeln.
Am trostlosesten aber war es in der windigsten der Dezembernächte auf einem der kleinen Vorortbahnhöfe, Wilmersdorf, Zehlendorf, Friedenau. Dort schien dem Wartenden die Zeit still zu stehn und niemand sich darum zu bekümmern, ob sie weiterging, aber auf einmal trat ein Mantelträger aus einer Tür an ein Eisengerüst, und dort war oben auf einem weißen Schild das Wort >Südring< in großen Lettern starrblickend zu sehn, ward aber im selben Augenblick mitten in seiner Bedeutung abgeknickt, und statt dessen erschien, groß und bedeutungsvoll, >auf allen Seiten Hintergrund<: >Potsdam< in der Nacht. Dort dem endlosen, unaufhörlichen Vorüberrollen eines Güterzuges zuzuschauen, Wagen, Wagen und Wagen, dunkel alle, flache, kistenartige und solche mit Gerüsten, eine Menge voll langer, hinten überstehender Baumstämme, und solche, auf denen Möbelwagen mit riesigen Namenszügen standen, und geheimnisvoll verschlossene gleich fahrbaren Folterkammern, und andre, aus deren Innern das vertraute Stampfen und Klirren eingesperrter Pferde an Kindheit und Abende in warmen, dämmrigen Ställen erinnerte -- in den Boxen die Hinterbeine, deckenverhangen, treten hin und her vor den schlagenden Schweifen --, -- und ganze Städte zogen vorüber in den Wageninschriften: Bromberg, Hannover, Kattowitz, Posen, Danzig, Bochum, Löhne, Altenbeken, Stettin und Stralsund, und immer noch Wagen und Wagen, dahingerissen, unsichtbar von wem, aber zusammengekettet und fortgerissen, schon springend, dahin tanzend, und wieder beruhigt, verrollend, in einem eisernen Strombett von Getöse, das in jeder Minute den Takt wechselte, bis der letzte der dahingeschleppten Sträflinge unvorhergesehn plötzlich dem versunkenen Betrachter das dunkle Antlitz eines schweigsamen Geistes zuwandte, der ohne rechte Begriffe seines Daseins, stumm, nächtig, gehorsam der dunklen Nachtferne rückwärts zuschwebte, winkend mit einer grünen Laterne. Und wie er dann in die grauen Kissen seines Abteils versank, das ein schönes, behagliches Zimmer war, voller Luft von Menschen! Und noch zu genießen war vom Bahndamm im Entgleiten die hell erleuchtete Ferne des Bahnkörpers, wo lichte Häuserfronten, Balkone und hoch oben beschattete Giebel und Dächer in weiter Runde eine rötlich umrauchte Bogenlampe umstanden, und darunter arbeitete eine kleine Rangiermaschine sich, als ob sie festsäße, unaufhörlich den weißen, durchröteten, fortfliegenden Qualm ausstoßend, hin und her.
O Anschaun, o gedankenlose Empfindung, o Vergeßlichkeit! o kleiner Wartesaal dritter Klasse, mit dem glühenden Kanonenofen, dem Plakatbilde von Freienwalde, das seine Fichtenwälder anpreist, oder von einer Hygieneausstellung, oder von einer Gewerbeausstellung; mit der Tafel: Nicht auf den Boden spucken! mit dem zärtlichen Liebespaar im Winkel, ewig wie Bahnhof und Wartesaal ... Und nun wieder das Getöse, der große Wasserfall, das tausendfältig brandende Geräusch der breit aufklaffenden Straßen, das gewundene Gewirr, und das Gefunkel, und die Lichter, die hunderttausend Schilder, die alle schreien, etwas wollen, die Rufe, die Trompetenstöße, das vielstimmige Klingeln, die Geräusche der Sohlen, Pferdehufe, schreienden Geleise, Motoren, Achsen, die strahlenden Schaufenster wieder, die verheißungsvollen Korsettgeschäfte, das fromm aussehende, tiefernste, niemals bewegte Ungetüm des kirchenhaften Warenhauses, die Schlachterläden, die Gossenränder, die Blumenfrauen hinter Körben und Ständen mit kleinen Spritzen am Mund, die Zeitungsrufer, und hinter den Glasscheiben Aschingers der Tresen mit Messinghähnen, der Glaskäfig mit Stockwerken voll leckerer Brötchen, mit der ganzen, eiligen, schlingenden Gefräßigkeit der Menschen, die im Stehen kauen, mit rückwärts gedrehten Augen wie die Hunde, -- und hoch über all dem, hoch in der braunen Nacht -- der Tausendfuß, der brontosaurische Gigant, der blinde, der am ganzen Leibe unaufhörlich zitternd seinen elektrisch geladenen Leib an den Türmen, an den Essen, an Schloten, Firsten, Giebeln, Balkonen, Fenstern und Drähten der brüllenden, rasenden, taumelnden, kreisenden, winselnden Stadt scheuert ...
Georg, glühend im Gesicht, obwohl innerlich kalt und verhärtet von Anspannung, legte den Federhalter hin, faßte langsam mit der linken das Gelenk der rechten Hand und spreizte deren verkrampfte Finger mehrere Male, indem er sich mit dem Gesicht auf das Geschriebene neigte. Er überlas ein paar Zeilen, da widerstand ihm das Schreiben, er dachte: Das ist wieder so ein lyrischer Anlauf! -- Aber es müßte einem doch gelingen, erwiderte er sich, in hundert Druckseiten diese ganze Stadt nach Eindrücken abzuwandeln ... Er stand auf, ging zum Sofa und streckte sich aus, aber die darstellende Tätigkeit hatte sich verkrampft, er schrieb in Gedanken liegend weiter:
Begab er sich nun nicht in eines der vierhundert Kinematographentheater, für die er eine herzliche und kindliche Zuneigung gefaßt hatte, so pflegte er noch einige Nachtstunden ... sich unterbrechend fiel Georg ein: Töpfer! und Tante Henriette, aber er setzte den begonnenen Satz fort: -- ähnlich zu verbringen wie schon die meisten des Tages, lesend, rauchend, oder mit Träumen, Grübeln und Melancholie auf dem Sofa, gewöhnlich so lange, bis die angesammelte geistige Atmosphäre ihren Niederschlag in irgendeiner Erinnerung an eine Beobachtung; ein Erlebnis -- wie er es nannte -- des Tages fand, dessen Schilderung nebst daran geknüpfter oder daraus erwachsender Betrachtung über gewisse, sich wiederholende und trübe Seelenzustände einen melodischen Ausdruck im Umfange von vierzehn Verszeilen fand. -- Richtig, es ist erstaunlich, dachte Georg, wie genau ausreichend das Maß des Sonetts zur Aufnahme von seelischen Entladungen ist. -- Jetzt packte ihn wiederum der Schreibezwang, er sprang auf, ergriff eine Zigarette, entzündete sie über der Lampe, nahm die Feder auf und schrieb:
So mußte ihm jeder Tag schließlich zum Erlebnis werden; es quälte ihn automatisch, blieb einer ohne Gedicht; ein Gedicht war Frucht, war greifbar, bleibend, behielt seine Nahrung und würde ihm nach Jahren ... Vorwärtshastend bildete Georg den Rest des Satzes aus Strichen und fuhr fort: Und was etwa konnte nicht zum Erlebnis werden? Nur halbwach mußte man gehn, in sich selber locker schaukelnd, schwingend ständig gewärtig, Schwung aufzunehmen. Dann, in die Finsternis der ödesten Gassen des Nordens verloren, dann konnte er wohl, von einer Dirne aufgescheucht, mit jählings erwachendem, verwandtschaftlichem Grauen vor einem Laternenarm erschrecken, Arm, den tief im Verließ der toten Sackgasse ein Eingemauerter aus der Wand streckte, verurteilt, dies traurige, ihm selber unsichtbare, bleich grüne Licht zu halten, das sich fürchtet, allein seit hundert Jahren mit dem Eingemauerten und mit seinem Spiegelbild in der Pfütze auf dem Pflaster. Und -- so schloß das Sonett: Darunter steht das Weib, das nach dir winkt. -- Andermals: welch sonderbares Empfinden, von der Eisenbahnbrücke herab auf dem schwarzen Sumpf das Gewimmel von Lichtern zu durchforschen und zu verfolgen, Rubingehänge, dazwischen bleiche Türkise, gelbe Lichter wie Totenkerzen und runde, grüne, erfrischende, regungslos allesamt: dazwischen aber, aus einer schnell geöffneten Türe der Nachtferne, kriechen Ketten und funkelnde Bänder und leuchtende Schlangen, und auf einmal ist nahe darüber ein schwächlicheres Licht zu gewahren, der Mond, der nichts zu sagen weiß, als daß wohl auch dem Oben Beleuchtung gebühre. Zärtlicher, wehmutsvoller, verwandter berührte freilich die Begegnung mit jener Birke, die im abgestorbnen Garten vorm Haus plötzlich als bleicher Nebelstreif erschien, als ob sie zu sich her winkte, und dann, als sei es nun so weit, ihr letztes Blatt fallen ließ.
Georg stockte; er sah sich in Zwielicht und Düster unbekannter Straßenstollen herumgehn, ohne Ausblick, im undurchdringlichen Nebel; wo er die Kirche vermutete, da war nichts, nur Nebelqualm rollte wie -- also wie aus einem Faß, und Lichter schwammen darin, farbige, blasse, opalene, schwer und aufgequollen, hochoben größere Lampen, prahlend, dicht unterm festen Verschluß von braunem Rauch, aber dann barst die Mauer, er atmete auf, starrte jählings und geblendet in das breite Blenden einer Riesenstraße von Läden und leuchtenden Schildern. Überdem fiel ihm der umgestürzte Koloß von Zementscherben ein, verklebt mit buntem Papier, der ihm den trostlosen Aphorismus zuseufzte: Hier liege ich, die Säule eurer Kultur, die Litfaßsäule! -- Und er erinnerte sich erbittert, an ihrer einer den seraphischen Namen Jean Pauls in halbmeterlangen Lettern gelesen zu haben, aber als er neugierig näher trat, so wars die Ankündigung eines Coupletsängers im Apollotheater ...
Die Kultur, dachte Georg, im Stuhl zurückgelehnt, kommt bald ab, und das Gefühl, glaube ich, wird auch bald abkommen. Man sieht es ja an der Kunst, die kommt schon ab, ihre Züge haben sich bereits erschreckend gewandelt wie die von einem, der in den letzten Zügen liegt, bloß burlesker. Aus dem Drama ward das Theater und zuletzt der Kientopf, aus dem Gedicht das Couplet, aus dem Maler der Futurist, aus der Musik das Grammophon. Und wie ist es mit dem Kunstgewerbe? Da soll nun auf einmal alles geschmackvoll sein, und was kostet das für Mühe! Der Grieche, wenn er etwas machte, das ihm wohlgefiel, siehe da, so wurde es schön; wir aber wollen immerzu etwas Schönes machen, und dann gefällts keinem. Wenn ich aber gar einen individuellen Türklopfer sehe, so wird mir vor meiner Gottähnlichkeit bange. Georg raffte sich auf, tauchte die Feder ein und schrieb:
Zuweilen verbrachte Herr Topf die Abende in einem behaglichen Zimmer von schwerfälligem Reichtum; auf dem Sofatisch brannte eine verstellbare Lampe aus Messing mit grünem Schirm, und daneben saß die Tante von Herrn Topf, die er Tante Henriette nannte, und strickte oder häkelte, während sie sich von ihrem Neffen ein modernes Buch vorlesen ließ, Strindberg oder Sternheim, über den sie sich wütend ärgerte, aber das mochte sie gern. Die kleine Eisenbrille mit dicken Gläsern saß ihr vorn auf der Nasenspitze, zuweilen blickte sie darüber hinweg in die dunkle Zimmerecke, wo ein kleiner weißhaariger Mann in hellgrauen Beinkleidern, sehr soigniert, mit einem rosenfarbenen Papageien im Schoß saß oder auch am Kanarienvogelbauer herumbusselte und seinen grüngelben Bewohner mit dem Taschentuch leise quälte. Oder aber er ging zum Ende seines Korridors, klopfte an die Tür und wurde von einem ganz hellen: Herein! in das große, kahle Zimmer, dämmrig im Schein der Petroleumlampe auf dem Schreibtisch am Fenster, gerufen, wo (unter den riesigen Bildern Kaiser Wilhelms und seiner Gemahlin auf der roten Tapete) der Komparativus von Herrn Topf saß oder vielmehr eilig aufsprang, ganz klein und zierlich, aber mit schönem, dichtem Vollbart um das rötliche Gesicht, hocherfreut und lächelnd: Herr Töpfer, Schriftsteller und radikaler Sozialist ... Georg schrak auf; eine Tür ging fern, langsam kamen weiche Schritte Stufen herauf, schlürften auf dem Gang. War der Briefträger gekommen? Nein, die Schritte endeten in der Küche, ein Topf auf dem Herde wurde hörbar gerückt. Georg legte die Feder hin und begab sich auf das Sofa.
Wozu schreibe ich das? dachte er mißmutig.
Denn immer und immer wieder, fuhr die Kette von Worten und Gedankenbildern in seinem Gehirn hartnäckig fort, kehrte er aus alledem zur ewig gleichen trüben Tiefe des eigenen Daseins zurück. Dort suchte er am Grunde, aber das Gewesene, das er fand, machte ihn hülflos, er hielts und konnte es nicht verstehn, er hatte kein Gedächtnis, keine Erinnerung, die Vergangenheit rührte nicht mehr, das Bewußtsein, daß es einmal gewesen, Bedeutung, Lebendigkeit, Glanz, Farben gehabt hatte, oder daß am Ende er zu schwächlich war, sein Leben nur eine genietete Kette von Augenblicken -- deren einzelne unsinnig und monströs in ihrer übertriebenen Verzerrung des Stillstandes aussahen wie losgetrennte, sekundenkurze Bilder eines Films, und von der im Zusammenhang stets nur drei oder vier Glieder sichtbar waren, indem das letzte schon wegschmolz, während das neueste kaum erst keimte --, daß da nur ein Zusammenhängen war, kein Wachstum, ein Gleiten, kein Aufbau, daß er dergestalt, auf einen winzigen Raum von Gegenwart angewiesen und zusammengedrückt, sich erhalten sollte, Jahrtausende, ungeheuer und drohend, hinter sich, eine nachtfinstre Zukunft, drohend und ungeheuer vor sich: das erfüllte ihn mit einer großen Verdrießlichkeit, die, das wußte er wohl, kein Leiden war, kein Schmerzerdulden, die zuzeiten aber doch zu lebhaften Angstzuständen, ja manchmal in ein Schrankenloses der Beklemmung wuchs.
Georg schüttelte den Krampf der sich schreibenden Sätze erbittert von sich, setzte sich auf, legte die Ellbogen auf die Knie, starrte in die Lampe und dachte, er habe wohl den Teufel zitiert, denn nun stieg die Angst wie Spinnen von allen Wänden herunter. Ich habe mich, dachte er verkniffen, vor mir selbst ins Papier gerettet, da liegt nun mein Abklatsch, nichts als ekelhaftes, absurdes, vor sich hinlallendes: Ich! ich! ich! Wozu sitze ich denn hier? Wozu hab ich seit drei Monaten ein und denselben Anzug am Leibe und nenne mich Topf? Was habe ich in diesen Topf gefüllt? Die schwarze Regentraufe von den Dächern ist hineingelaufen, aber von keiner Menschenseele ein Tropfen. Kommt es nicht auf die Menschen an? Ich kenne sie nicht. Töpfer kenne ich, der ist eine kleine Welt für sich, Frau Wisch, nun ja. Alle andern sind mir eklig. Wenn ich sie in der Elektrischen sitzen sehe, zusammengepfercht, viertelstundenlang still, vor sich hinblickend jeder in sein eignes, verrammeltes Ich aus ihren Bündeln von Gesichtszügen, die so notdürftig von da und dort her zusammengerupft und verknotet sind, daß man es kaum begreift, so schüttelt mich der Abscheu. Jeder ist jedes Feind. Mein Feind ist der Kellner, der nicht im Augenblick fliegt, wenn ich eintrete, mein Feind der Schaffner, der geflissentlich meine Hand mit dem Groschen übersieht und zu andern Fahrgästen geht, mein Feind der Beamte am Postschalter, der sein Geld zählt, sortiert und Päckchen häuft, oder Zahlen addiert, anstatt mir meine Fünfpfennigmarke zu geben, mein Feind die Verkäuferin, die mich warten läßt, und die fünf oder drei Frauen und Männer im Laden, die mich zwingen, Minuten meines Lebens wegzuwerfen, die nicht so viel wert sind wie das Einwickelpapier um die Butter, -- die ich mir aber um keinen Preis entreißen lasse. Alle hassen Alle, was soll daraus werden? Und nur um der Ungeduld willen. Ungeduld schreit aus jeder Bewegung, aus den Augen des Chauffeurs, dem ich nicht rechtzeitig ausweiche, aus -- aus jedem Auge! Ich aber, nur ich, ich hänge überm chaotischen Abgrund einer Seele, meiner Seele, und weiß, daß ich einsam bin, und daß Alle es sind wie ich. Das ist meine Angst, das ist die Angst, das ist die Angst der Stadt.
Nein, du lügst ja, sagte etwas in ihm. Er horchte hin, legte das Gesicht in die Hände und gab es zu. Aber gleichviel, woher die Angst! Sie ist da, und Angst ist Angst. Ich fürchte mich vor der Zukunft. Ich unternehme Dinge, die -- deren Ablauf mir unbekannt ist, ich klage einen Vertrag ein, der mich auf einen Thron bringen soll, und ich weiß nicht, was das heißt, was all damit verbunden ist, und wie ich die nötige Sicherheit in mir selber erlangen soll, da ich, da ich -- auf diesen Thron nicht gehöre. Und über all das hin braust das unendliche Hunnengeschwader meiner Gedanken, die ich nur fliegen lassen kann, nicht halten.
Georg empfand, daß ihn hungerte; auf die Uhr blickend, fand er, daß es kurz vor halb acht war. Er räumte die Blätter flüchtig auf das Bett, öffnete dann die Tür des Verschlages und holte nacheinander von der Fensterbank eine gläserne Dose mit Butter und einen Teller mit einem Stück Holländer Käse, von dem Bort überm Waschtisch einen Viertellaib Brot, einen Teller, ein Messer, zwei Eier aus einem Kasten, eine Tüte mit Zucker und sein blaues Wasserglas, brachte alles auf dem kleinen Tisch unter, schlug die Eier ins Glas, tat Zucker dazu, rührte um und trank, dann erst setzte er sich, strich zwei starke Scheiben, belegte sie mit Käse, schnitt sie in Würfel und fing an zu essen. Appetitlos kauend und schluckend, folgte er Gedanken, die sich rastlos erneuerten.
Ein Übelstand der Zeit ist es vermutlich, daß wir uns Kenntnisse -- nicht Wissen -- mit so ungeheuerlicher, hexenhafter Geschwindigkeit aneignen; und mit dieser, durch Jahrhunderte entwickelten Leichtigkeit, Selbstverständlichkeit der Erfahrung kennen wir, was wir nie erfuhren. Was wir kaum sahen, dessen erinnern wir uns schon wie an hundertmal Erlebtes; mit der gesammelten Erfahrung unsrer Vorfahren geboren, ohne sie erworben zu haben, sind wir bloß Erben, -- ja, wir, sage ich da recht literarisch, aber wäre ich wirklich allein so? Ich kenne ja niemand, aber ich glaube es nicht. Nichts pflegt einmalig zu sein. Wir leben zu schnell, wahnwitzig schnell, und da heißt es denn -- er lächelte kränklich --: In den Ozean schifft mit tausend Masten der Jüngling. Bald auf gerettetem Boot treibt er zum Hafen als Greis.
Aber mir, nein, mir blieb keine andre Wahl, in dieser Zeit nicht. Ich war bislang ein Kind, ein Erzeugnis meines Vaters; der überrumpelte mich; und ich war ein Kind, ein Erzeugnis meiner Zeit. Ich allein hätte mich damals in Altenrepen vielleicht anders entschlossen, wenn ich nicht -- wie wir eben Alle -- mit den alltäglichen Dingen des Straßenlebens, des Lebens überhaupt so verwachsen wäre, daß ich mich ihrer Beeinflussung nicht entziehen konnte. Wie sollte ich mich zurechtfinden, damals? Zwischen elektrischen Bahnen, am Telephon, zwischen Läden, Kellnern, den Gesichtern, Anzügen, Hüten von heute, die doch nicht nur außen um mich herum sind, sondern organisch wesenhaft in mir, Formen meines Denkens, Empfindens, meines Seins, -- ja zwischen all dem, was sollte ich anfangen mit diesem unzeitgemäßen Erlebnis? Es ist Kolportage, auf Hintertreppen war ich nicht eingestellt. Vor zwei, dreihundert Jahren, da hätte es gepaßt, zwischen Butzenscheiben und alte Sprüche an den Hausbalken, verschnörkelte Giebel, seidene Schärpen und nächtliche Straßengefechte, Serenaden und Entführungen. Das Schicksal drückte mirs in die Hand, -- ich ließ es fallen.
Helene, dachte er. Der Bissen quoll ihm im Munde, er schluckte heftig, stand auf, griff hinter sich nach der Karaffe auf dem Waschtisch, setzte sie an den Mund, trank einen tiefen Schluck und stellte sie fort. -- Sie war mir so fremd, immer so fremd, ich wußte nicht, weshalb, -- von welcher Mutter bin ich nun geboren? Vielleicht hat sie vor Jahrhunderten schon gelebt.
Gedankenlos und müde aß er die letzten Brocken und dachte: Was nun?
Plötzlich ekelte es ihn vor dem Sofa. Ich will zu Töpfer gehn, sagte er sich trübe, vielleicht -- --. Also löschte er die Lampe, trat auf den Korridor, hörte aber, als er auf die erleuchtete Milchglasscheibe am Flurende zuschritt, Stimmen drinnen, und nun fiel ihm ein, daß er am Nachmittag jemand zu Töpfer hatte gehen hören. Nun gleich, dachte er nachlässig, ich habe nichts gehört, klopfte an, hörte das helle: Herein! und trat ein.
Die Gaslampe am verbogenen Arm unter der Decke strahlte kalte Helle. Ja, da sprang der zierliche, kleine Mensch vom Stuhl am Sofatisch auf -- er und ein andrer Mensch saßen essend daran --, stellte sich mit geschlossenen Füßen hinter seinen Stuhl, die Lehne fassend und sang in seinen hellsten Tönen, den Kopf tief zurücklegend: »Ah, der Herr Positiv tritt herein! wie überaus angenehm!« und dergleichen mehr, während Georg, den Fremden ins Auge fassend, der sich hinter dem Tisch vom Sofa erhob, auf ihn zuging. Teller mit Wurst, Butter, Käse, Milchgläser standen auf der ungedeckten Platte. Der Fremde blickte Georg aus einem zartbräunlich und rosigen Gesicht mit weichem, schwarzem Spitzbart aus herzgewinnend liebenswürdigen, großen Augen an und bot Georg die Hand, während Herr Töpfer weiter sang, dies sei der Herr Topf, der den Berliner Roman schreibe, und das sei der Herr Levite aus Warschau.
Ein Nihilist, dachte Georg, indem er wegen der Störung des Speisens um Entschuldigung bat, aber Herr Levite versicherte mit angenehm weicher und tiefer Stimme, sie seien schon fertig, setzte eine offene Holzdose mit russischen Zigaretten über den Tisch vor Georg und zündete, da Georg eine nahm, gleich ein Streichholz an und reichte es ihm. Georg setzte sich, ungemein angezogen, und versicherte, mit dem Roman sei es nichts. Herr Töpfer, der wieder Platz genommen hatte, wiegte herzlich bedauernd den Kopf und meinte, gleich begütigend, er mache ja auch so wunderschöne Gedichte ... Hellaufsingend schraubte die Stimme sich empor. Die dunkle und weiche fragte sehr ruhig: »Glauben Sie damit der Menschheit zu nützen?«
Georg, erschreckt von der geraden Anrede, wehrte hastig ab: »Nein, nein, Gott bewahre, ich finde mich selber --, ich bin froh, wenn ich mir selber keinen Schaden zufüge!«
»Unser alter Streit«, klagte Herr Töpfer bedauernd und herzlich. »Sollen denn nun die armen Dichter wirklich aus dem Staat heraus? Lieben Sie nicht Ihren Dostojewski über alles? Und -- da wir guten Deutschen --« jubelte er hoch hinaus -- »wenn wir von uns selber reden, stets Goethe als Beispiel heranziehn, so sagte Goethe --«
Allein der Pole schlug ihn sanftäugig nieder, während er noch an dem Zitat sammelte: »Goe--the sagt alles.«
Bestrickend war diese Stimme und die Aussprache des Deutschen! Die Silben kamen einzeln, rein und weich umhüllt, die S- und auch die Z-laute summten zart, die Vokale wurden um einen Hauch gedehnt, die Konsonanten um einen Hauch gedrängt, -- es klang entzückend, kein Deutscher konnte die Sprache so zierlich handhaben wie dieser Pole.
»Ich liebe ihn,« sagte die ruhige, nachdenkliche Stimme nun, »und ich verstehe ihn su lesen; für andre ist er -- das Gift. Ich muß sugebben,« fuhr er langsam fort, die Augen zu Georg aufschlagend -- während er mit der Zigarette im Aschbecher rührte --, so daß Georg das Herz zitterte vor Hingezogenheit und liebevoller Umfangenheit von diesen guten Augen -- »ich muß sugebben, daß die deutschen Dichter etwas voraushaben. Denn sie sind niemals reine Dichter. Wie andere als die grosen Vertreter Englands un Frankreichs, als Dickens und Flaubert oder Balzac gehen die Ihren vor. Jene wollen das Leben darstellen, sie wollen weiter nichts als das: Sie lieben -- der Mensch, da steht -- der Mensch, Sie sehen ihn, Sie fühlen ihn, er iist so warm, Sie verstehen -- sein Leid, und er iist so, Sie heben an ihm, und Sie heben alle Fäden der Wurzeln, er iist fest in seinen Zusammenhängen, das ist so grose Kunst. Wenn dies die Menschen lesen, so vergessen sie sich, es ist -- Su--ro--gat, aber es macht sie nicht froh an ihrem Teil, sie schmähen es, sie schmecken es nicht mehr so, sie gehen ihre Treppe nicht gern, ihr graues Haus macht sie Angst, ihre Frau ist schlecht un häßlich, der Hauswirt ist sehr böse, all dies ist nicht in Dickens, dort ist alles schön, der Schmutz ist schön, die Menschen sind schön un böse; sie haben Gewalt, sie scheinen anders lebbend, und dies ist, was ich sage: Gift. Ich kenne nicht viele deutschen Schrift--stellers, aber ich kenne Goethe, ich kenne auch ein wenig Keller und mit dem französischen Namen -- -- er ist sehr schwer! -- Jean Paul, und sie sinnd sehr nachdenklich. Sie wollen nicht darstellen: der Mensch, sie wollen immer sagen: das Lebben, die Welt, der Gott. Ihre Menschen, sie fragen immer: Warum? Sie kümmern sich so viel um sich selber und um der Welt ...«
Da er innehielt, nach Worten suchend, sagte Georg: »Ja, gewiß, aber ist das nicht noch stärker der Fall bei den Russen? Ich meine --«
Der schöne, rote Mund im schwarzen Bart nahm ihm freundlich lächelnd die Rede ab:
»Sie saggen, was ich wollte. Auch der Rus--se, er denkt; er denkt an Rusland. Alles ist Rusland, nur ist Rusland, und ist Rusenwesen, Rusenleben. Nicht aber der Deutsche! Der Deutsche, er rechfertik sich, daß er ist. Er sieht die Welt: Wie kam er herein? Was tut er? Was fängt er an mit sich? Und er fragt: bin ich gut? Er hat viel Sennsuch nach sich selber, der deutsche Mensch. Immer denkt er auf Besserung. Und er muß immer vorher viel denken, ehe etwas kann geschehn. Sehen Sie,« fuhr er eifriger und gütiger fort, »ich glaube an der deutsche Land,« -- er lächelte, »was nicht heißen soll, ich glaube an der deutsche Staat. Sie gennen Ihre Geschichte. Es hat gegebben ein Reich, Römisches Reich deutscher Nation, das haben gemacht -- die Kaiser, gemacht hat es: die Person. Nunn es gieb wieder ein Deutsches Reich seit viersig Jahr, das hat gemacht der Gedanke, es hat selber gemacht: das Land. Fünfhundert Jahre der Gedanke hat gedacht: Deutschland, und es mußte kommen Napoleon und ihm sagen: Endlich fange an! und so fing es an, ein wenik, und es dachte wieder nach, das Land, sechsig Jahr, da gab es ein kleines Deutsches Reich. Ich hoffe sehr,« lächelte er erst Georg, dann Herrn Töpfer an, »es wird immer denken lang--sam weiter bis in ein deutsches Reich europäischer Nation, wenn es dann giebt nich mehr Sar, un Gaiser, un Gönig.«
Georg, die Arme untergeschlagen, saß still da, so sehr untertauchend in das warme, schmeichelnde, dunkle Wallen dieser Stimme und die Lieblichkeit, mit der die Gedanken darin zum Vorschein kamen, daß lange Zeit verstrichen war, ehe er die Stille im Zimmer bemerkte. Er wußte nichts zu sagen. Ein leises Gefühl -- wie Scham -- bohrte in seiner Herzensgrube. Töpfer hatte sich mit heftig um einander gewundenen Beinen seitwärts im Stuhl gedreht und hielt, die Stuhllehne unter der Achsel, das Gesicht nahe darüber in den Schatten. Georg hörte den Levite wieder und sah ihn auf dem Sofa sitzen, das Gesicht tief gesenkt, die Arme unter dem Tisch, anmutig lächelnd:
»Mir fällt ein: ein Freund von mir machte dies Gleichnis: Legen Sie hin vor einen Engländer, einen Deutschen, einen Russen, einen Franzosen, geschrieben das Wort Ich, und er soll dahinterschreiben ein -- wie heißt es? -- ein Verb, was werden diese schreiben? Der Engländer, -- er wird schreiben, serr einfach: Ich bin. Der Franzose, gleich -- schreibt: Ich lie--be! Der Russe, er schreibt, -- er besinnt sich, er schreibt: Ich sün--di--ge ... Der Deutsche, -- nun, Sie wissen serr genau, was er schreibt, wenn er nicht sagt: Ich werde gehen und denken, was ich werde schreiben ...«
Sie lachten sich an und freuten sich miteinander. In das Gelächter scholl ein leises Pochen an der Tür, Georg drehte sich im Stuhl und sah Frau Wisch mit einem Brief in der Hand, den sie ihm hinstreckte: »Sie missen unterschreiben, Herr Topf, -- ein Brief für Sie!«
Georgs Herz schlug wild, er nahm das Papier und einen Tintenstift, den sie ihm reichte, unterschrieb auf dem Tisch, bat dann die Herren, ihn zu entschuldigen, und ging hinter Frau Wisch her, in sein Zimmer. Lange mußte er nach den Streichhölzern tasten, bis er sie auf dem Absatz des Bücherschranks fand. Endlich brannte die Lampe, er riß den Brief auf, ein Schreiben fiel heraus, er entfaltete den großen Aktenbogen, sah schön geschwungene Schriftzüge, Unterschrift -- das Hofmarschallamt, ein unleserlicher Name, er klaubte eilfertig Worte heraus:
»... gnädigstes Schreiben ... ehrerbietigst zu beantworten ... Kenntnis genommen ... Nachsuchen in den Archiven so lange verzögert ... allerdings gefunden ... dürfte aber von einer Art scheinen, daß die Verwirklichung sich nicht ohne Bruch der Reichsverfassung durchführen ließe ... und infolgedessen rätlich sein, daß Euer Durchlaucht sich vielleicht gleich an die hierfür zuständige Stelle ...«
Was war das für ein Unsinn? -- War das Hohn? Was hieß das?
Er legte den Bogen zusammen, entfaltete ihn wieder, las, fand keinen Rat. Sollte der Vertrag ungültig sein? Aber sein Vater ...! Nun versteh ich die Welt nicht mehr, murmelte er und sah sich dastehen wie Meister Anton bei Hebbel ...
Nicht ohne Bruch der Reichsverfassung ...? Er dachte an Töpfer. Aber wie sage ichs ihm? Sein Herz klopfte heftiger. Sagen wir ihnen, wer wir sind, dachte er hochfahrend und ging zur Tür. Er mußte plötzlich die Stirn daran lehnen. Er suchte nach Gedanken, dabei fiel ihm ein, daß es besser sei, ihm den Vertrag selbst zu zeigen, ging wieder zum Bücherschrank, öffnete und fuhr zusammen, da Cordelias Rubinglas ihm entgegenfunkelte -- -- drohend. Sich zusammennehmend, griff er in die Tiefe hinter dem noch verschlossenen Türflügel, öffnete den Truhendeckel und holte den Vertrag heraus, schloß die Tür -- mit dem Gefühl, er schlösse eine Tür vor einem Menschen -- das Glas noch dahinter sehend --, richtete sich auf, ging hinaus und klopfte bei Töpfer.
Drinnen gab er ihm den Vertrag und bat ihn: sich das mal anzusehn. Kalt und zitternd setzte er sich, nahm eine Zigarette und steckte sie an. Töpfer las stillschweigend, es dauerte endlos. Aber er sah doch einmal auf, lächelte hocherfreut zu Georg, dann auch zu dem Levite hin und sang:
»Ein sehr interessantes Dokument, das Sie da haben! Ist es echt? Aber fabelhaft interessant! Also -- oder muß ich schweigen?«
Da Georg nickte, fuhr er zu dem Polen fort: »Herr Topf, denken Sie, giebt mir hier einen Vertrag zwischen dem ehemaligen Herzogtum Trassenberg und dem jetzigen Großherzogtum Beuglenburg, aus dem Anfange des vorigen Jahrhunderts. Damals wurde Trassenberg wie so viele andre kleine Staaten mediatisiert und kam an Beuglenburg. In einem Geheimvertrag aber, diesem, den Sie hier sahen, wurde beschlossen, daß dies nur für hundert Jahre der Fall sein, daß danach Trassenberg wieder selbständig ...«
Er brach ab, während in seinen Zügen das gleiche Lächeln aufbrach wie im Gesicht des Polen. Der streckte die Hand mit einer kleinen Verneigung gegen Georg, nahm den Vertrag, sagte auch, immer lächelnd und den Kopf wiegend: »Sehr interessant!« las da und dort und gab Georg das Papier zurück.
»Ich habe gehört,« sagte er, »von diesem Herzog Traßberg. Man nennt ihn: der Genosse, es ist ein Scherz, aber er ist ein kluger Mensch, ein guter Mensch. Wenn wären alle Fürsten ihm gleich, wir hätten längst -- der soziale Staat.«
»Ja, und nun,« sagte Georg ungeduldig, »was meinen Sie eigentlich von so einem Vertrag?« Sich verwirrend, da es ihm widerstrebte, noch von seinem Vater wie von einem Fremden zu sprechen, fuhr er fort: »Ich meine: gilt er heutzutage oder ...?«
Die Beiden lächelten wieder, und Töpfer sang hoch auf:
»Da Sie, verehrter Herr Topf, dies Papier in den Händen haben, so sehen Sie ja, was es wert sein mag!« Georg, zornig, als könnte er ihm doch das Gegenteil beweisen, nahm das Schreiben des Hofmarschallamtes aus der Tasche und gabs hin. Töpfer entfaltete es achtsam, las die Überschrift, stutzte, las weiter, blickte auf und fragte mit den Augen. Georg, lächelnd wider Willen: »Na ja, also ich bin der da!«
Töpfer sprang auf, schlug die Hände zusammen, merkte aber alsbald die Unordnung seiner radikalen Gefühle, ward hochrot und krähte:
»Ja, da sage man nun gar nichts mehr! Herr Levite, der Herr Topf hier ist der Prinz Trassenberg!«
Der Pole lächelte hocherfreut, streckte Georg die Hand hin und versicherte ihm seine Freude, ihn kennen gelernt zu haben.
»Also Sie haben diesen Vertrag eingeklagt?« verwunderte Herr Töpfer sich höchlich. »Aber da wundert es mich doch sehr, daß Ihr Herr Vater Ihnen nicht abgeraten hat! Ja, nun sehen Sie mal an! Ein neuer Staat in Deutschland -- bedeutet das nicht ein neues Mitglied des Bundesrats? O lieber Herr Top-- verzeihen Sie nur! -- Herr -- glauben Sie, daß Preußen, daß irgendein anderer Staat einwilligen würde, daß eine Gegenstimme in den Bundesrat gerät? Da müßten denn doch schon sehr schwerwiegende Gründe, sehr schwerwiegende, das heißt im Sinne der Fürstenversammlung schwerwiegende Gründe vorliegen, wenn etwas Derartiges ...« Die Stimme überschlug sich und zwang ihn, still zu schweigen.
Georg sagte: »So!« Er sprang auf und lief im Zimmer hin und her.
»Ja, nun sagen Sie aber bloß,« sang hinter ihm Herr Töpfer, »warum wollen Sie denn nun gerade Herzog werden? Nun, nun, Sie sind ja noch jung und denken sich das so.«
Da Georg keine Antwort fand, lange Erklärungen scheute, so begütigte Töpfer sich selber, indem er meinte, es gebe ja viele gute Dinge im Leben zu verrichten ... Er schien nun doch verlegen, der Levite schwieg gänzlich, so raffte denn Georg seine Papiere wieder zusammen und bat, leutseliger, als er sein wollte, erbittert auf sich selber, die Herren, ihn zu entschuldigen, reichte jedem die Hand und wollte gehn. Der Pole aber hielt seine Hand fest, legte auch die linke darauf und sagte, Georg ganz einhüllend in die tiefe Wärme und Gutherzigkeit seiner Augen:
»Ich sehe, Sie sind ein Aris--tograt, ich habe gern Aristograten des Herzens, aber das will sein sehr gelernt. Gehen Sie su Ihrem Herrn Vater, junger Prinz, grüsen Sie ihn, er gennt meinen Namen wohl, er ist nicht su stolz bei meinem Gruß, sagen Sie ihm, daß er Sie soll lernen zu sein gans Aristograt, so werden Sie gutt lebben, und es wird geben Glück und Segen für eine Menge Volk. Leben Sie wohl!« Er drückte ihm innig die Hand, und Georg ging. --
Ein breites, dunkelrotes Band schlug qualmend aus dem Lampenzylinder nach oben; voll von schwarzem weichem Flockenfall war die Luft, so daß Georg mit der Hand danach schlug. Er schraubte die Lampe tiefer und riß das Fenster auf, atmete mit Heftigkeit die hereindringende Kälte, aber der Rußflockenregen war unerträglich, er löschte die Lampe, ging hinaus, nahm den Überzieher, den Hut vom Haken und ging auf die Straße.
>... als nicht existent im Eigensinn -- bürgerlicher Konvention -- in und aus ...< Was war das? Von Morgenstern. >An die Bezirksbehörde in ...< Es ging ihm schon lange im Kopf herum. Er glitt im Gehen aus, sah den Bürgersteig mit einer pelzigen Schicht von Regenschnee bedeckt, von Fußspuren zersetzt. Regentropfen wehten ihm kalt gegen das erhitzte Gesicht. Oben schaukelten die Bogenlampen an den Drähten. >Untig angefertigte Person -- -- als nicht existent im Eigensinn ...< Georg sah den Polen und den Radikalen unter der Gaslampe sitzen, die Rede vom Aristokraten klang ihm im Ohr, die weichgesummten S-laute, die reinen Vokale und Konsonanten, die langsame Sprechart und wieder das Wort Aristokrat, bei dem der Nihilist in seiner fremden Sprache wohl etwas ganz anderes empfand als ... >als nicht existent im Eigensinn ...< Georg kam nicht los von dem Unsinn ... >bürgerlicher Konvention<, redete es in ihm fort. >Untig angefertigte Person, tief bedauernd nebigen Betreff ...< Er wollte nun die Teile zusammensuchen, aber es gelang ihm nicht, immer wieder kam nur: als nicht existent im Eigensinn, Eigensinn, Eigensinn! Endlich machte er einen Strich, strengte sich an, den Vertrag, die Herren im Zimmer zu sehn, und hörte Töpfer sagen: -- daß Ihr Herr Vater Ihnen nicht abgeraten. -- >Untig angefertigte ...< Ein Rätsel, ein reines Rätsel. Das Gegenteil hatte sein Vater getan! -- Georg glitt wieder aus, fand sich vor einer Querstraße, fand sich unfähig, hinüberzugehn, fröstelte, drehte sich im Winde und machte kehrt. Schwer mit dem Winde kämpfend, ging er zurück.
Der dunkle Korridor lag warm und still; an seinem Ende die Mattscheibe in der Tür leuchtete nicht unbehaglich. Die da saßen, waren gute Menschen, ihre Herzen waren die weichsten, und sie waren doch Radikale und Nihilisten. Ja, weshalb auch nicht? dachte Georg ermattet, indem er sein Zimmer betrat. Kalt wars drin, aber in der Gegend der Heizung glühte noch immer die Luft. Er schloß das Fenster, machte Licht, fand, daß Tisch, Bett, Papier, alles mit Ruß bedeckt war, und streckte sich auf dem Sofa aus.
Also es war nichts mit den Sternen ...
>Korff erhielt vom Polizeibüro< --, fuhr es hell durch ihn hin. Er gab nach und fuhr fort: >-- ein geharnischt Formular -- Wer er sei, und wie, und wo.< -- Da riß es wieder ab; er tastete ... >Ob ihm überhaupt erlaubt, hier zu wohnen ...<
>Wieviel Geld er hat, und was er glaubt.< --
Wieder zu Ende.
>... und Drunter stand: Borwosky, Heck. Korff erwidert schlicht und rund ... ... meldet laut persönlichem Befund Untig angefertigte Person Als nicht existent im Eigensinn Bürgerlicher Konvention ...
... vor und aus und zeichnet, wennschonhin Tief bedauernd nebigen Betreff ...<
Nein, jetzt kam:
>... vor und aus. An die Bezirksbehörde in --. Staunend liests der anbetroffne Chef.<
Georg schnaubte ein Lachen durch die Nase, das er nicht empfand. >Als nicht exist-- --< na, nun wars schon genug! -- Plötzlich fuhr er hoch und rieb sich die Augen. Er war am Einschlafen gewesen. -- Ich verstehe Vater nicht, dachte er kopfschüttelnd. Was hat er dabei gedacht? Er hat ihn mir doch selber gegeben? -- Ach, gleichviel, gleichviel, es war aus, und damit gut, gut, gut!
Georg glaubte zu verkommen an Überdruß über sich selbst. Zum Weinen verbittert gedachte er Renates. Erst vernachlässigte ich sie über Esther. (Ach, ich glaube, ich hätte Esther heiraten sollen!) Dann bildete ich mir ein, ich weiß nicht mehr, weshalb, ich dürfte erst wagen, Renate in meine Kreise zu ziehn, wenn alles gesichert sei. Ich wollte ihr ja das Herzogtum zu Füßen legen. So gehörte sichs. Ah, dazu führten nun meine nationalökonomischen Studien! Keine Ahnung, daß ein Vertrag nach hundert Jahren noch einer ist. Ach, ich bin müde und will schlafen, dachte er, sich ergebend, knöpfte die Weste auf und trat an den Tisch, um den Inhalt seiner Taschen darauf zu legen, Uhr und Kette, Feuerzeug, Brieftasche, Schlüsselbund, Taschentuch. Da lagen die Blätter über die Zustände von Herrn Topf auf dem Bett. Er nahm sie, stopfte sie in die Lade. Da mußte er sich im Zimmer umsehn. Ja, hier lebte er seit ein paar Monaten und hatte sich, von allem Tiefsten abgesehn, ganz wohl darin befunden. Gegen früher war nichts verändert. Er gähnte, dachte an Helenenruh, an grüne Wiesen, an gackernde Hennen. Ach, die ersten Ferientage der Kindheit, das fremde Erwachen in Helenenruh, Sonne im Zimmer, draußen das ganz sonnige Gackern der Hennen, der krähende Hahn, ganz fern die jungen Hähne im Dorf, und dann der erste Blick aus dem Fenster, damals, als ich noch im Nordflügel wohnte, auf die Felder hinaus, die leise wogten, und mitten drin die Dächer vom Dorf, der Kirchturm, und unten vorm Fenster schritten die gesprenkelten Hennen, scharrten mit dem Fuß, sahen links und rechts und gingen weiter ...
Und daß alles dies eigentlich gar nicht mir gehört ...
Er hielt die ausgezogenen Hosen in der Hand, ging nun zum Schrank und hängte sie hinein, nahm Rock und Weste vom Sofa und hängte sie fort, setzte sich und begann, die Stiefel auszuziehn. Den ersten niedersetzend, erinnerte er sich Magdas, ganz sehnsüchtig. Vielleicht liebte ich doch sie am meisten, besann er sich trübe. Er zog den zweiten Stiefel vom Fuß, setzte beide unters Bett, zog die Steppdecke zurück und holte das Nachthemd hervor. Nun kann ich ja also zu meinen rohseidenen Schlafanzügen zurückkehren, dachte er verloren. Ich glaube, morgen fahre ich nach Altenrepen. Vielleicht kommt auch morgen ein Brief vom Vater. Da durchkreuzte sich dies Wort mit dem Gedanken, daß sein Vater nicht sein Vater sei, die Galle stieg ihm hoch, er schleuderte das Taghemd von sich, streifte das Nachthemd über, blies hastig die Lampe aus, merkte, daß er noch in Unterhosen und Strümpfen war, streifte sie ab, warf sie aufs Sofa, legte sich ins Bett und schlief gleich darauf ein.
Fünftes Kapitel: März
Wiedersehn
Georg, in einem dumpfen, verbitterten Traumzustand seit Tagen, jetzt durchbohrt von Ungeduld, in andre Kleider und zu Renate zu kommen, verließ den Berliner Schnellzug und schob sich durch vielerlei Reisemenschen die Treppe hinunter und durch den Tunnel in die große Halle, doch heimatlich berührt vom Altenrepener Gesicht. Er trat in eines der Portale, sah nachmittäglichen Sonnenschein auf dem alten Platz, es war warm und roch nach März. Da! Esther! durchfuhrs ihn, -- aber sie war ja tot ... Aber die da vor ihm im Wagen saß, nein, Esther war es ganz und gar nicht, nur ihr Mund wars mit dem süßen, schwärzlichen Flaum an den Winkeln; das Gesicht war ähnlich blaß und zart, wie es häufig das Esthers gewesen war. Diese saß im Rücksitz des weiten Kaleschwagens -- ein großes schwarzes Pferd stand stämmig und ruhig davor -- tief hineingelehnt, in schwarzem glatten Pelzwerk; die Spitze ihrer Nase war zarter und hochmütiger gekrümmt als Esthers Nase; sie trug einen schwarzen Hut aus Filz mit hochgebogener Krempe, postillionartig, und vor ihr, einen Fuß auf dem Wagentritt, stand ein Herr im Pelz und sprach mit ihr. Nun bewegte sie das Gesicht her, und Georg sah in dem kleinen Dreieck erschreckend groß die Augen mit sehr langen Wimpern von --? -- Gott, wie hieß sie denn noch? -- Schley, Virgo Schley! -- Ein Träger, Taschen unter dem Arm, einen Koffer auf der Schulter, schob sich dazwischen, aber ihre Augen kamen unverändert hervor, unverändert in der Richtung auf die seinen, ohne Erkennung darin, -- und nun er selber, er dachte nichts mehr, fühlte nur und erwiderte ein wunderbares, tiefes Anschaun, das dauerte -- -- dauerte -- --. Jetzt wandte der Herr sich um -- war er ihrem Blick gefolgt? -- Georg sah undeutlich sein Gesicht, es schien ihm bekannt, es war Schley. -- Der nahm den Zylinder ab, trat auf ihn zu und sagte: »Georg, lieber Junge, seh ich dich wieder?«
Überrascht und erfreut sah Georg das Einglas aus dem langnasigen Gesicht tropfen. Sie schüttelten sich die Hände. Die Frau im Wagen hatte sich aufgerichtet und sah herüber.
»Ja, wie ist es denn mit dir?« fragte Georg, »du mußt entschuldigen, ich weiß nichts Rechtes, ich habe so für mich gelebt ...«
Der Adel sei dahin, sagte der Freiherr, sonst nichts; er habe ihn seinem guten alten Papa mit in den Sarg gegeben.
»Ja, und nun bist du Abgeordneter, nicht wahr?«
»Jawohl, jawohl, für den Fortschritt, vorläufig, jetzt will ich eben nach Berlin, es ist noch Zeit, komm, ich stelle dich -- ah, du kennst ja meine Frau!«
Er zog Georg zum Wagen und sagte: »Hier ist der Prinz Trassenberg, du erinnerst dich wohl? Ja, hör mal, Georg --«
Sie reichte ihm die Hand. Lachte leicht und sagte:
»Damals sahen Sie aber hübscher aus, -- was haben Sie denn für Falten bekommen? Daß wir Brüderschaft getrunken haben, hab ich aber vergessen!«
Hatten sie Brüderschaft getrunken? -- »Schade,« meinte Georg, »aber ich verdiene es wohl nicht -- für damals.«
Georg hörte Schley lachen und von jenem Abend reden. -- Wie seltsam ängstlich ihre Augen waren. -- Ihr Mann blickte auf die Uhr, meinte, es würde Zeit für ihn, und küßte seiner Frau die Hand, ermahnte sie, guten Mutes zu sein, drückte Georg die Hand und ging. Nun stand Georg näher vor ihr, sah auf sie herab, aber sie sah ihn nicht an, sondern nach drüben hinaus. Endlich blickte sie auf: ob es ihm recht wäre, sie habe ein Stück die Allee hinunterfahren wollen. Oh, das sei reizend, meinte Georg, da wohne er ja. Er setzte sich in die andre Ecke des Rücksitzes, der Kutscher sah sich um, der Wagen setzte sich langsam in Bewegung.
Georg vermied es, sie anzusehn: sie hielt das kleine Gesicht gesenkt, drückte zuweilen den kleinen schwarzen Muff dagegen, sprach kein Wort. Auch wars allzu lärmend herum, der Verkehr drängte fast in den weit offnen flachen Wagen, vorüber- oder mitfahrende Radler sahen zu ihnen herein, eine lange Zeit blickte vom Hinterperron einer Trambahn ein Halbdutzend Augenpaare auf sie herunter, nun waren sie über den Platz am Café und rollten leichter die breite Straße hinab, plötzlich blendend überflutet vom Untergang der Sonne, in die sie gerade hineinfuhren, die alles umher glühend färbte und Georg zwang, sich im Wagen auf und vornüber in den Schatten des Vordersitzes zu setzen.
Virgo Schley, dachte Georg. Eine Waise, hatte er gehört, die Adoptivmutter eine sondre, alte Frau, -- der Vater des Freiherrn hatte sich vor kaum drei Jahren erst den Adel gekauft, der war freilich nicht viel wert. Langsam kehrte ihr erster Blick in ihm wieder, wie war der doch geschwisterlich gewesen, heimatlich ... Da lenkte der Wagen auf die andre Straßenseite und hielt gleich darauf.
»Ach,« hörte er sie leise sagen, »hier ist ja der Obstladen ... ich wollte ... bitte, helfen Sie mir heraus.«
Georg sprang eilfertig auf den Bürgersteig und hielt ihr die Hand hin, sie streifte, als koste es sie die schwerste Anstrengung, die Decke von den Knien, erhob sich, -- und Georg konnte nun die leichte Schwellung ihres Leibes sehn, wie der Kleidrock sich, von der Decke unten gehalten, straffte: sie war guter Hoffnung. Schwer auf seinen Arm sich stützend, stieg sie mit unendlich langsamer Vorsicht aus. Im Laden kaufte sie unter hundert Zweifeln, Zurücknahmen und Änderungen eine Menge Trauben, Ananas und Birnen, so schöne, gelbe, daß Georg, auch aus Mitleid mit der Verkäuferin, für sich einige von ihnen kaufte. Als sie wieder im Wagen saßen, war sie völlig erschöpft, lachte aber nun ein wenig über sich selbst und fing an zu plaudern, fragte, ob Georg noch studiere, ob er Berlin nicht hasse, und Georg wurde redseliger und versuchte, ihr diese und jene absonderliche Schönheit von Berlin zu beschreiben, so einen Frühlingsabend, wie er ihn eben noch gesehn, wenn in den Körben der Verkäuferinnen in den schon grauen Straßen die Blumenberge leuchteten, gelb von Primeln und Narzissen, feuergolden von Tulpen und blaurot von Rivieraveilchen, und dann die gewaltigen Schattenmassen der Häuserblocks mit ihren Schloten und Türmen in einer brandigen, schwärzlichen Röte, die ins sanft Klare rauschte, in durchsichtig weißes Gold, und über allem der grüne Himmel, locker bemalt mit vergehenden silbernen Rändern von unsichtbaren Wolken, höher hinauf so blau wie das Meer auf japanischen Holzschnitten.
Sie rollten schon auf dem Fahrweg neben der kahlen Allee; angenehm trabten durch die Stille die großen, ebenmäßigen Hufschritte. -- Da bist du nun ... hatten ihre Augen gesagt -- da bist du nun -- da bist du nun ... Ein süß beklemmendes Mitleid bedrängte sein Herz. Bereitete sich hier der Frühling vor, den er eben beschrieb? Nacktschwarz und wie hineingesteckt standen die Gesträuche auf dem graugrünen Rasen, der Himmel war rein und leer; Georgs Gesicht wurde im Fahren durch entgegenschwimmende laue und kühlere Wellen gezogen. Schwere Krähen, wie aus Metall gemacht, schritten im weichen Grasboden, spreizten die Fittiche auf, grün schillernd im Schwarzen, sprangen ab, schwebten zwei Schritte überm Boden ein Stück, landeten hart und in kurzen Sprüngen. Ach, nicht denken, stammelte Georg innerlich, nichts denken! Einfach hinnehmen! Wie entsetzlich war dieser Winter! -- Ich will sie in mein Haus tragen, sie ist ja wie ein verkümmerter Vogel. -- Er sah sie wieder an und sagte sich: Ich werde sie lieben -- so wie Esther --, ich kann nicht anders, mein Herz folgt einmal jedem Stern, um so lieber, je zarter und hülfloser er scheint, ich muß immer brüderlich sein und beschützen. Nun, der Wagen rollte von selber den Weg durch die Anlagen hinunter, schräg auf die Sternwarte zu. Georgs Herz fing an zu pochen, sie kamen näher, das Schlößchen wurde sichtbar, da standen die Kandelaber, Gott sei Dank, er war wieder zu Hause.
»Bitte, halten Sie«, sagte er zum Kutscher, als sie in der Nähe der kleinen Tür waren, und faßte sich ein Herz. »Ach, bitte, kommen Sie nun mit, ich zeige Ihnen meinen Garten ...«
»O, wie gerne!« sagte sie gleich, kindlich erfreut, und siehe da, es ging durchaus leichter diesmal mit dem Aussteigen, und sie lief mit kleinen, leichten Schritten neben ihm her. --
Lächelnd erschien der blasse Egon. -- Das Zimmer war vorbereitet, Blumen in allen Vasen -- alles war wie einst. -- Sie sah sich neugierig um, den Kopf drehend. »Wie hübsch ist es hier!« meinte sie; sonderbar, das hatte doch noch niemand gesagt! -- »Die Menge Bücher! Lesen Sie so viel? -- Später werden Sie mir vorlesen, mögen Sie gern Verse? Ich mag nur Verse.«
Ach, da war nun ein Mensch, der nicht das geringste von ihm wußte, und er von ihr -- -- ja, was war da wohl viel zu wissen. Sie war ganz dicht zu ihm getreten und sah zutraulich zu ihm auf; ganz rasend überfiel ihn das Verlangen, sie in die Arme zu schließen, er sah, daß sie einen Handschuh ausgezogen hatte, ergriff ihre Hand und zog sie zum Munde empor. Da sie nicht wieder fortgezogen wurde, küßte er sie langsam von allen Seiten -- o wie war sie glatt und warm und weich und lebendig, ohne Ring, ohne alles! -- küßte den Rücken, das Gelenk, die Finger einzeln, den kleinen, weichgekrümmten Daumen, der ein kleines, runzliges Gesicht hatte.
»Ja, was machen Sie denn?« hörte er sie nach einer Weile fragen. Klein stand sie vor ihm, den Arm hochhaltend, die Brauen ein wenig gerunzelt, aber der Mund lächelte -- lächelte atemberaubend.
»Soll ich nicht?« fragte er.
»Ach, warum nicht,« meinte sie achselzuckend, »wenn es Freude macht. Aber nun muß ich sitzen.«
Georg mußte ihr einen Sessel vor die Gartentür schieben, dort versank sie, zog auch den andern Handschuh aus, aus dem ein locker sitzender Reifen von Gold zum Vorschein kam, den sie gleich abzog und ihm gab. Er sollte ihn auf den Tisch legen, er sei ihr immer zu schwer. »Aber nicht vergessen nachher, daß ich ihn mitnehme!« rief sie leicht und lachte in sich hinein.
Georg war ratlos. Sie war ja ein Kind -- und Mutter -- -- und hieß Virgo? -- Sie legte die Handflächen gegeneinander über dem Muff im Schoß, neigte das Gesicht und sah nach oben, gegen den verblaßten Himmel, großen, gläubigen Auges. Bald darauf nestelte sie den Hut los -- es sei ihr alles zu schwer --, fuhr mit den Händen ins braune Haar, das kurzgeschnitten war und lockig um das kleine dreieckige Gesicht stand; im Nacken war sie völlig ein Knabe. Sie sah wieder gradaus; Georg, nicht weit hinter ihr an der Schreibtischkante lehnend, konnte die Augen nun nicht mehr wegwenden von ihrem Gesicht, und bald kamen die ihren langsam herbei. Die Nasenflügel blähten sich ganz leise auf, Georg sah es deutlich, -- es erinnerte ihn an -- an ein Kind, das sich im Schlaf bewegt, aufatmet und tiefer schläft.
»Heißen Sie wirklich Virgo?« fragte er. Sie nickte lächelnd.
»Komisch, nicht?« Ernster dann, und mit seltsam tiefer Stimme, und doch nicht ohne -- ohne etwas Verlockendes in Blick und Stimme, sagte sie: »Denken Sie nur! Ich hatte keinen Vater und keine Mutter, eine alte Frau nahm mich zu sich, die nannte mich Virgo.«
»Pflegt sie nicht in Hosen zu gehn?« fragte Georg, sich dunkel erinnernd, »und Pfeife zu rauchen?«
Virgo lachte. Sie wäre selber immer in Hosen gegangen, es sei herrlich, und ihre Stiefmutter sei um die Wette mit ihr geritten und habe Hurra geschrien, Georg sollte sie kennen lernen. Nach einem Schweigen sagte sie süß und ganz langsam: »Georg ist ein schöner Name!« --
Georgs Herz fiel in Stücken auseinander. Cordelias Worte ... Himmel, diese Wiederholungen! -- Schwer sich bewegend, nahm er einen Stuhl, er glaubte, sie nicht mehr ansehn zu können, setzte ihn neben ihren Sessel und ließ sich nieder. Ein Weilchen später legte er seinen Arm auf das weiche Lederpolster der Lehne ihres Sessels, und es dauerte nicht lange, so glitt eine leichte, warme Flocke darauf, ihre Hand; ihre Finger schoben sich in die seinen, sie sagte ganz leise wieder:
»Ich habe mich immer« -- jetzt ward ihre Stimme ganz tief -- »so namenlos gefürchtet vor -- dem Kind. Am meisten vor Wolfgang --« Die Stimme wechselte wieder und tönte hell: »-- nun bei Ihnen ist es gut, und ich kann alles vergessen.«
Georg rührte sich nicht. Ihm war sonderbar zufrieden zumut, ja, glücklich. Dies Kind eine Weile zu schützen, das war sehr gut. Er glaubte, getrost den Arm um ihre Schulter legen zu können, obwohl er es seinetwegen tun mußte, nicht ihretwegen, aber kam es nicht allein darauf an, wie sie es empfand? -- So löste er die Hand aus der ihren, legte dafür die andre hinein und den Arm um ihre Schulter. Als sie sich gleich tiefer hineinlehnte, mußte er sich sagen: Sie trägt ja ein Kind -- wie kann sie mich empfinden? -- So saßen sie schweigsam zusammen, sahen die Schar der qualmenden Fabrikessen in der Ferne langsam undeutlicher werden in der sinkenden Dämmerung, fühlten warm ihre Hände und waren jeder -- Georg sprach es sich aus -- in einem Reich für sich -- aber doch hielten sie einander und spürten Wohltat. -- Als es fast dunkel im Zimmer war, machte sie ihre Hand frei und flüsterte, sie müsse gehn, sie würde erwartet. Sie erhob sich dann, Georg reichte ihr den Hut, sie setzte ihn auf, nahm Handschuh und Muff aus seiner Hand, stand noch ein Weilchen und sah sich um. Dann ging sie leicht hinaus.
Aus dem Wagen die Hand streckend, sagte sie nur: »Ich komme bald wieder.«
»Morgen?« fragte Georg.
Sie lachte hell und kindlich: »Morgen früh! Los, Krischan!« rief sie dem Kutscher zu. Hinter dem davonrollenden Wagen erschien im Dunkel der Bäume langsam das kleine, bläßliche Dreieck ihres Gesichts fast wie ein leerer Wappenschild, in dem dann langsam die beiden Augen aufgingen. Georg suchte schwereren, aber nur von süßer Ratlosigkeit und Hoffnung schweren Herzens sein Zimmer wieder auf, setzte sich an den Schreibtisch, und etwas fiel zu Boden, rollte und blieb klirrend liegen. So --! Ihr Ring -- natürlich hatten sie ihn vergessen. Er suchte, fand ihn nicht, machte Licht und sah ihn vor der Bücherwand liegen, glänzenden Auges wie ein erwischter Igel. Er hob ihn auf, trat zur Lampe, ließ sie aufflammen und suchte nach einer Schrift im Innern des Reifens. Wolfgang Theodor stand darin, 24. Mai. -- Georg wog den Ring in der Hand, schob ihn dann in die Westentasche, dachte: Ich will ihn ihr bringen, dann seh ich sie gleich -- --, aber er entschlug sich des Wunsches. Da lag die Tüte mit Birnen auf dem Tisch. Ja, Birnen! dachte er erfreut, drehte den Sessel, in dem sie gesessen hatte, gegen das Licht, holte eine Birne hervor, riß durstig den Stiel aus und biß von oben hinein wie als Junge. Der Saft tropfte, er verschlang sie mit Stumpf und Stiel atemlos und griff nach einer zweiten. Indem er sie in der Hand wog, hörte er sagen: Das sind so Sexualitäten. -- Er lachte schnaufend durch die Nase. Wo hatte er das --? Richtig, in jenem Tanzsaal in Halensee, zwei solche Handlungsgehülfen standen zusammen, und als zwei Mädchen vorbeitanzten, fragte der Eine: Was sind das für welche? Ach, das sind so Sexualitäten, sagte der Andre. -- Georg zertrat den Gedanken ergrimmt. Sie ist Mutter, dachte er, ja, wie ist das zu glauben? Da war ihr knabenhafter Nacken, ja, so mußte Marias Nacken gewesen sein und so geneigt, als der Engel eintrat und die Lilie gegen sie neigte, und sie konnte nichts begreifen ...
Nein, keine Birne mehr! sagte er. Die erste war unübertrefflich, eine Birne ist besser als zwei Birnen, das ist klar, Wiederholung wirkt tödlich. Oh, und nun wird es womöglich eine Wiederholung Esthers geben. -- Die Frucht in der Hand, die langsam warm wurde, sah er ins Licht und dachte: Liebe Esther! Es war ihm, als hielte er eine Hand umschlossen, langsam begann es in ihm zu wogen, auf einmal hielt er die Worte: Wer noch so jung ist wie du ... Weiter ... Wie weiter? -- Wer noch so jung ist wie du -- Fühlt noch der Schmerzen Gewalt ... Behutsam stand er auf, legte die Birne fort, setzte sich vor den Schreibtisch, nahm Bleistift und den Notizblock und schrieb:
Wer noch so jung ist wie du, Fühlt noch der Schmerzen Gewalt; Später wird alles gelinde, Gram und die Lust und der Tod.
Geh auf die Flamme nur zu ...
Wie nun? Sollte auf die ersten Zeilen gereimt werden? Er fand:
Blasse, geliebte Gestalt. Flamme verzehrt nur ...
Er suchte ... Not, Rot, blinde, Binde, Gewinde, umloht, bedroht ... Ja! Und er schrieb:
Flamme verzehrt nur die Rinde, Aber du bleibst unbedroht.
Damit war es aus. Laß ihr die goldenen Schuh ... fing er noch wieder an, aber er merkte, es war nichts mehr, und dann warf er wütend den Stift hin und hätte sich mit Entzücken selber auf den Kopf gespien. Das verfluchte Sieb ist es ja nur! verschwor er sich, das verfluchte Berliner Sieb, durch das man seine Empfindungen rührt; unten tropfen die Verse heraus, und in der Brust bleibt nichts zurück als Schale und Satz, und man ist so kalt, so schlaff und so traurig wie nach dem Liebeskrampf. Herrgott, Herrgott im Himmel, was soll bloß aus mir werden! --
Aus seiner verzweifelten Erstarrung weckte ihn das Geräusch des blassen Egon im Eßzimmer, der den Tisch für den Abend deckte. Er sprang auf, trat zur Gartentür, öffnete sie und tat zwei Schritte in den Garten. In der kalten Stille stand das Gesträuch und das Geäst der Bäume regungslos, kaum sichtbar; sichtbar nur oben, wo weiße Sterne waren.
Kommt nun wieder das Frühjahr, wieder die alte, seltene Lust, die immer neue, die nie bekannte? Kommen wieder die Schwalben und wecken das Herz, lieblich tönend im leichten Raum, und kommt das große Sprießen über die Erde und das Buschwerk, in dem Vogelstimmen laut werden, als wären sie gewachsen im Gezweig? Kommt wieder über das empfindungslose Herz der allgemeine Schauder, kommen wieder Winde und Gewölk, die Musik der Halmefelder, und kommt auch wieder, wieder das alte Hoffen?
>Und so verbürgt es die Form der Sonnenblume<, hörte er tonlos sagen. Ihn fror leicht. Er ging ins Zimmer zurück, trat an die Bücherwand und suchte Carossas Doktor Bürger. >Und so verbürgt es die Form der Sonnenblume<, das war der Ausgang des Satzes, aber wie hieß es ganz? Das Buch war nicht zu finden, vielleicht hatte Benno es genommen. Da stand Egon in der Tür.
»Weiß Herr Prager, daß ich zurück bin?« Egon zuckte die Achseln. Er habe für ihn gedeckt. -- Georg ging nach nebenan, hörte aber jetzt das Telephon anwecken, ging wieder zurück, hob den Hörer auf und sagte: »Georg Trassenberg.«
Eine kleine, fremde Stimme fragte: »Georg?«
Wer war denn das? Ach, um Gottes willen ... »Virgo?« fragte er.
Er hörte sie leise lachen. »Wie gehts Ihnen denn?« fragte sie.
»Ach, wunderbar!« versicherte er, »wunderbar!«
Eine Weile wars still, er wollte eben fragen, ob er nicht kommen dürfe, da hörte er sie sagen: »Lieber guter Georg, ich konnte es eben gar nicht sagen, ich wollte ...« Sie verstummte.
»Was denn?« fragte er liebevoll.
»Ich habe die ganze Zeit denken müssen, wir haben doch Brüderschaft ...«
»Ja, Est--,« brach es aus seiner Brust auf, »-- ja, Schwesterchen, ja, ich habe es auch immer gedacht.«
»Wie schön!« sagte sie aufatmend. »Da werd ich einmal gut schlafen heut.«
»Ja, das mußt du auch«, bekräftigte er sänftlich.
»Dann, gute Nacht!«
»Gute Nacht, kleine Schwester!«
Georg legte den Hörer hin, stützte die Knöchel auf die Schreibtischplatte, starrte vor sich hin.
So ist es gut, murmelte er tonlos, so ist es gut -- so -- ist -- es -- gut -- --
Neuigkeiten
Georg sah beim Betreten des Arbeitszimmers, links nahe der Treppe, zu seiner Begrüßung zurechtgestellt, einen langen Gehrock, davor eine Hand, die einen umflorten Zylinder hielt, und darüber eine goldene Brille, streckte die Hand aus und sagte: »Herr Hofkammerrat?«
Der verbeugte sich, nicht eben sonderlich tief. Unterhalb der Brille erschien jetzt das nach unten zurückfallende Kinn; kein Bart, ein ältliches Gesicht mit rötlichen, kleinen, scharfen Augen ohne Brauen und Wimpern, vielleicht -- jesuitisch. Im Zimmer klang es trocken:
»Durchlaucht -- --, ich komme vom Beuglenburger Hofe, -- mit einer Trauernachricht.«
Georg zuckte zusammen. Beuglenburg ... Trauer ...? Er war am Hofkammerrat vorüber zum Schreibtisch gegangen, drehte sich nun langsam herum, hörte:
»Ich bin Überbringer der traurigen Nachricht vom Ableben Seiner Hoheit des Erbprinzen Adolf Emil; er verschied gestern abend gegen sieben Uhr nach langem schwerem und mit unsäglicher Geduld ertragenem Leiden.«
Die ruhige und trockne Stimme erlosch. Georg glühte auf am ganzen Leibe und zitterte über und über, -- warum bloß? Was war -- --? Da hörte er sich schon sagen: »Mein tiefempfundenes Beileid, Herr Hofkammerrat, das ich auch Seiner königlichen Hoheit auszusprechen bitte.« Er setzte sich, machte eine Handbewegung und drehte den Schreibstuhl herum gegen seinen Besuch. -- Der Hofkammerrat setzte den Zylinder fort, sank in den tiefen Sessel, lehnte sich zurück, schlug die Beine übereinander und fing an, die Handschuhe auszuziehn. Es sauste Georg in den Ohren, er wußte, daß er etwas sagen mußte, er dachte, ohne es zu verstehn: Erbprinz, Großherzog, Sigune. Eine dünne englische Stimme rief ganz fern durch einen Garten: »Gunny! Gun--ny!« -- Mit aller Gewalt nahm Georg sich zusammen, setzte sich grade, da verließen ihn alle Gedanken, er sah den Grafen gelassen, tiefer als er, im Sessel sitzen; nun hob er die linke Hand, weiß und flach, klopfte mit den Fingerspitzen gegen den Mund und räusperte sich. Eine Redewendung schoß Georg auf, die er gleich hersagte: er zweifle gleichwohl nicht, daß die Übermittelung dieser Nachricht nicht der Grund sei für das persönliche Kommen ... Und nun hatte er sich einigermaßen wieder.
Die Stimme des Hofkammerrats war wieder hörbar, trocken und leicht hinbewegt, fast herablassend. Er erklärte, es sei dem Prinzen voraussichtlich bekannt, daß nunmehr von drei Kindern dem verwitweten Großherzog noch eine Tochter Sigune, nunmehr im neunzehnten Lebensjahre stehend, verblieben sei; als bekannt dürfe er wohl auch voraussetzen, daß nach Zinnaschem Hausgesetz die Regierung erblich sei im Mannesstamm des Hauses Siegen-Zinna nach dem Rechte der Erstgeburt bis zum letzten Grade nachweisbarer Verwandtschaft mit der Linie, und daß die weibliche Linie auch nach dem Erlöschen des Mannesstammes von der Erbfolge ausgeschlossen bleibe.
Georg hatte kein Wort verstanden. Er dachte verzweifelt nach. Der Erbprinz ... Tuberkeln -- -- immer krank, richtig. Mein Vertrag, mein Vertrag -- mein Vertrag -- -- Ihm war eiskalt. Wie bin ich denn verwandt mit ...? Er glaubte, dunkel zu wissen, daß außer ihm noch ein Verwandter ... Derweilen fuhr der Hofkammerrat fort, vom Großherzog zu reden und ihn einen armen, kranken, gequälten, der Geschäfte und des Lebens müden Mann zu nennen, durch den Tod des Sohnes völlig gebrochen und gewillt, schon jetzt zugunsten eines Verwandten auf die Regierung zu verzichten. -- Nun komme ich, nun komme ich! schrie da etwas in Georg. Ja, -- der Großherzog, -- magenleidend, von Kind an grämlich, trübsinnig, -- sexuelle Anormalität ... verheimlicht ... Seine Frau machte einen Fluchtversuch vor der Heirat ... armes Geschöpf! -- -- Erster Sohn kam tot ... Sie starb ... Herzschlag -- -- oder -- freiwillig? --
Auf einmal hatte Georg das Gefühl, als ob ihn dieser Mensch unablässig beobachte. Er zog sich im Stuhl zurück, kreuzte die Beine, ließ die Mundwinkel fallen und sagte, da der Graf schwieg: »Bitte, reden Sie weiter.« Der setzte die Ellbogen leicht auf, lehnte die Fingerspitzen beider Hände zu einem Dach gegeneinander und sprach; seine Augen blieben Georg unsichtbar hinter den zwei scharfen, weißen Ovalen der Brillengläser; die Spiegelung der Fenster, auch Geäst waren darin erkennbar.
Er sprach nun von dem Vertrage, bedauerte obenhin die Unerfüllbarkeit, meinte aber, es würde sich vielleicht ein andrer Weg finden zur Verwirklichung von Georgs Hoffnungen. Dann sprach er von der Verwandtschaft des Zinnaschen Hauses, nannte Georgs Vater, -- der habe bereits früher aus einem gewissen Anlaß seine bekannten Grundsätze offiziell betont, die ihm die Übernahme der Regierung unmöglich machten ... Ferner den regierenden Grafen Beuglenburg-Lipsch, Georg Egon, -- und schließlich Georg selbst; der Grad der Verwandtschaft Beider mit dem Hause Zinna sei genau der gleiche; immerhin sei der Graf bereits in höheren Jahren, sei zudem zwar verwitwet, aber katholischen Bekenntnisses und katholisch getraut gewesen, so daß eine neue Ehe folglich ausgeschlossen sein dürfte ... Georg dachte noch, daß auch die Zinnas katholisch seien, da schlug ihm das Satzende erst aufs Herz. -- Ich soll Sigune heiraten! dachte er, bewegte gleichzeitig die Lippen und hörte sich fremdartig sagen: »Ich bitte Sie nun, Herr Hofkammerrat, sich Ihres vollkommenen Auftrages zu entledigen.«
Nun ließ der seine Hände fallen, setzte sich im Sessel vor, faßte flüchtig nach den Brillenstäben, entschloß sich dann, die Brille ganz abzunehmen, kniff mit zwei Fingern den rotgesattelten Nasenrücken und sagte, die goldene Brille ganz leise in der Linken hin und her bewegend, -- er hat ganz gute Augen, dachte Georg, nun, wo er mich grade ansieht --:
»Mein königlicher Herr, der Großherzog, hat den innigen Wunsch, seine Tochter als Ihre Gemahlin, Durchlaucht, zu sehn und damit Sie selber, Durchlaucht, unter der Krone, -- unter einer Krone, welche die beiden Lande, Beuglenburg und Trassenberg, vereinigen würde. Sollte Ihnen, Durchlaucht, wie ich wohl annehmen darf, besonders an dem Titel eines Herzogs von Trassenberg liegen, so --« schloß er ganz schnell und oberflächlich, »würde sich das ja leicht ermöglichen lassen.«
Georg mußte sich zusammennehmen, nicht durch die Nase zu blasen, und glaubte, vor Wut zu explodieren. So. Nun kam es. Erst verzichtete man, fand sich ab, fand sich hinein, ging seiner Wege, -- ja, erst hatte man den schönsten Plan, arbeitete dran Jahre lang, rüstete sich, freute sich, kam näher, und dann -- wars nichts. Dann -- fand man sich ab, war schon ganz wo anders, und jetzt -- -- fing es wieder an, aber: zum Nichtwiedererkennen abscheulich entstellt! Und -- und warum hat Papa nur geschwiegen? Fast zehn Tage geschwiegen? -- Dumpf, hinter unbeweglichem Gesicht die Zähne zusammenbeißend, hob er die linke Hand gegen das Gesicht, betrachtete sie aufmerksam, konnte endlich fragen:
»Bitte, -- ehe wir weitergehn, haben Sie vielleicht die Güte, mir zu sagen, wie Prinzeß Sigune selber sich zu dem Wunsche ihres Vaters verhält.« Mn -- dachte er, das war ein Faux pas, daß ich auf den väterlichen Wunsch gar nicht eingegangen bin, aber das ist mir -- Wurst!
Der Hofkammerrat lächelte. Ja, er lächelte ganz freundlich und sagte: »Die Prinzessin hat selbstverständlich keine andern Wünsche als ihr Vater.«
Georg sah dies Mädchen, mager, eckig, unschön, allzublond, schrecklich schüchtern, -- neun Jahre war sie damals. O lieber Gott, nein, diese ganze kranke Familie! Sicher war sie mondsüchtig. -- Der Kammerrat derweil sprach ganz freundlich weiter:
»Die Prinzessin ist leider ein körperlich nicht besonders starkes Kind; was aber die Natur hier versagte, das, kann ich wohl sagen, hat sie durch eine reiche, innere Fülle, an geistigen, ganz besonders aber an seelischen, an Herzensgaben ausgeglichen. Dies weiß vielleicht, ja ich möchte ruhig sagen: dies weiß sicherlich niemand so gut wie ich, da sie mir in langen Jahren ihrer -- leider -- allzueinsamen Jugend fast wie ein eignes Kind geworden ist. Ich bin freilich eine -- ich möchte sagen, philologische Natur, andre würden es auch nennen: lehrhaft, -- immerhin -- die Prinzessin, --« er bog plötzlich ab und fuhr fort: »Ich selber habe die Prinzessin von diesem sie betreffenden Ereignis in Kenntnis gesetzt. Die Antwort, -- obwohl, wie ich der Wahrheit halber gestehen muß, nicht leicht zu erlangen, war derart, wie ich -- nun, wie ich sie erwarten durfte. Und meinen Standpunkt in dieser Angelegenheit werden Durchlaucht bereits erraten haben.« Er hatte seine Brille wieder aufgesetzt, stand auf, griff nach seinem Zylinder und sagte: »Ich habe den Auftrag, Euer Durchlaucht eine Bedenkzeit von einigen Tagen zu überlassen. Der Tod des Erbprinzen, so sehr er die Entschließungen meines königlichen Herrn beschleunigte, bedingt einigen Aufschub. Immerhin, sollten Euer Durchlaucht willig sein, auf die Ideen des Großherzogs einzugehn, so möchte ich mir gleich erlauben, einen Besuch Euer Durchlaucht in Zinna etwa nach Ablauf von drei oder vier Wochen in Vorschlag zu bringen.«
Georg hatte sich erhoben, stützte die Hände auf die Schreibtischplatte und blickte angestrengt aus dem Fenster. Er fühlte die Wut verraucht und sich kraftlos und müde. Ich könnte ihn gleich wegschicken, dachte er gleichgültig. Ohne seine Stellung zu verändern, drehte er Schultern und Gesicht nach dem Dastehenden herum und sagte möglichst ruhig und nicht unfreundlich:
»Ich möchte Ihnen keine allzugroßen Hoffnungen machen. Sie kennen mich nicht, Graf, Sie haben vielleicht von mir gehört, jedenfalls -- ich bin kein Mensch --« hier fiel ihm ein, daß gewiß schon Viele, in der selben Lage wie er, die gleichen Worte gebraucht hatten -- »der sich --« er wollte sagen: auf den Befehl eines alten Trottels, sagte jedoch kurz abschließend: »auf Wunsch verheiratet.«
Danach wandte er das Gesicht nach dem Fenster. Der Graf räusperte sich hinter ihm. Er möchte nicht denken, hörte Georg ihn sagen, daß er eine von dieser sehr verschiedene Antwort erwartet habe. Immerhin gebe es ja noch andre Wege für den Großherzog, und Georg dürfe glauben, daß dieser Weg kaum beschritten worden wäre, ohne Georgs eigne, vorangegangene Initiative, die seine Absichten, zur Regierung zu gelangen, offenbart hätten. -- Ja, also nun bin ich noch selber schuld! -- dachte Georg gekränkt.
»Also bitte,« sagte er, sich umdrehend und locker die Hand hinhaltend, »kommen Sie morgen wieder.«
Er fühlte seine Hand kurz ergriffen und wieder losgelassen. Der Graf wich zur Treppe zurück, Georg folgte mit zwei Schritten empor und öffnete, draußen stand Egon und öffnete die Haustür, Georg sagte Adieu, schloß die Tür und blieb stehn. Das Gefühl, niesen zu müssen, ließ ihn das Taschentuch ziehn, er schneuzte sich, nieste dann ein paar Mal heftig, die Augen tränten ihm, er dachte: ich habe mich im Saal erkältet. Nun fühlte er auch Schmerzen im Rücken, wünschte, sich auszustrecken, aber es war kein Sofa da. Langsam ging er in sein Schlafzimmer und legte sich auf das Bett. Im Fenster war der traurige Märzhimmel und Geäst; er lag fast wie in Berlin.
Sie kann ja einen Andern heiraten, und der kann Regent werden. Oder der Beuglenburger Lipsch kriegt einen Konsens und heiratet sie. Ach, was geht das mich an! Nein, ich bin diese Sache nun müde. Merkwürdig! fuhr es durch ihn hin, habe ich eben wohl nur einen Augenblick bedacht, daß ich der gar nicht bin, für den er mich hielt? Genug, genug mit dem Ganzen! -- Er warf sich herum, fühlte seine Nase dumpf und verschlossen, legte sich auf die Seite, das Gesicht nach der Wand und zog heftig Atem. Langsam erleichterte sich das rechte Nasenloch und wurde frei. Ob Papa dies alles wohl gewußt hat? -- fragte er sich plötzlich. Der Erbprinz war ja immer krank gewesen. Oder weiß er vielleicht einen andern Weg? Und wenn ich nein sage, was dann? -- Sein Kopf glühte, er stützte sich auf den Ellbogen, die Nase war wieder fest verschlossen, die Mundhöhle klebrig, und er drehte sich herum und sah nach dem Fenster; das blendete, ah, kam doch die Sonne? Aufspringend, lief er zum Fenster und sah nach oben. Ja, eine silberne, weißliche Quelle bewegte sich da oben im Grau, Gewölk wurde sichtbar, die Bäume regten sich, nun fiel ein blasser, gelber Streifen. Ach, wie sah auf einmal alles anders aus! -- Ich bin so gräßlich nervös geworden, dachte Georg, so wie die Sonne wechselt, fühle ich mich froh oder trübe. --
Er ging nun wieder ins Nebenzimmer und setzte sich an den Schreibtisch, nieste heftig, schneuzte sich, -- die Sonne war wieder fort. Man könnte es als ein Opfer ansehn, dachte er schwer. Renate, -- das war noch eine Versüßung; und -- es war zuviel, ein Doppeltes an Gewinst, -- es soll aber das eine sein, das reine Ziel. Ach, wie schön, wie schön hätte es werden können! Beuglenburg obendrein -- was gab es da nicht alles zu tun! Sigune -- --? Wer weiß, was sie heute für ein Wesen ist? Zart, gutherzig würde sie jedenfalls sein, lenksam, willenlos. Freiheit genug würde ihm bleiben. Und Renate -- sie konnte ja auch nicht wollen. -- Vielleicht sehe ich sie mir einmal an; wenn sie gar zu schlimm ist, bin ich stark genug, auch rücksichtslos zu sein. Möglich auch, -- ich sage ihnen dann, wer ich in Wahrheit bin! -- Da sah er schon die ganze Szene, Minister, Hofkammerrat, denen er schlichte aber klirrende Worte hinwarf.
Aufstehend setzte er sich auf den Schreibtisch, streckte absichtslos die Hand nach dem Telephon aus, und da er dies getan, nahm er auch den Hörer auf und bat den Hausmeister, ihn mit Benno zu verbinden. Gleich darauf hörte er Bennos Klavier, es brach ab, Schritte kamen, er sagte: »Benno?« --
»Ja, hier bin ich«, antwortete Bennos Stimme. Georg sprach matt und langsam weiter:
»Ich soll heiraten, Benno, die Beuglenburgsche Prinzessin, ja. Und Großherzog werden, -- ja. Na, was meinst du?«
Benno, mit unterdrückter Stimme vor Erregung, sagte: »Ich bin außer mir! Georg! das kannst du nicht! Das ist Gewalt!«
Ach, der gute Benno, dachte Georg und wiegte sich, so ist die Sache denn doch nicht in Fürstenhäusern.
»Ja, lieber Benno, du drückst das ein bißchen stark aus. Wer was erreichen will, muß Opfer bringen. Neigungsheiraten, weißt du, sind an Fürstenhöfen sowieso verpönt. Denke, ich könnte König von Holland werden oder dergleichen, -- und die Prinzessin ist vielleicht sehr nett.«
»Ist sie schön?« fragte Benno.
»Ich weiß nicht, ich glaube nicht; aber sie soll sehr gut sein. Ich kann sie ja denn wenden lassen.«
»Du bist ja gar nicht so zynisch, wie du tust, Georg!«
»Ach, der Teufel«, schrie Georg, »soll da nicht zynisch werden! Na, danke schön, Benno, ich wollte bloß mal hören ... Also du rätst ab?«
Benno stammelte etwas, Georg lachte, er sollts schon gut sein lassen, und legte den Hörer hin. Die Nase juckte ihm wüst, er bearbeitete sie mit dem Taschentuch, indem er spöttisch dachte: Alles ist immer so einfach für die Unwissenden. Ich glaube, ich werde doch mal hinfahren. Ach, wenn man bloß nicht so allein wäre! Wer hilft einem denn? Aber nein, nein, nein, gut so, dies muß ich allein ausführen. Ich will schon fertig werden!
Er dehnte sich, und jetzt schwoll ihm die Brust vor unbestimmtem Verlangen nach Thronen und Fürstendasein. Er sah sich in stiller Arbeit, stiller, freundschaftlicher Gemeinschaft mit einem stillen weiblichen Wesen, das ihn liebte, das er gern sah und das er beschützte. Es könnte doch recht -- schön -- werden --, sagte er sich leise. Ach, man fühlt doch wieder, daß man lebt! Ziele sind da, Wege, Kreuzungen, Widerstände! -- Er faßte nach seinem schmerzenden Rücken, dachte: Vorläufig werde ich wohl Influenza kriegen, und wünschte sich zu Virgo. Er ging auf den Flur, klingelte nach Egon, ließ sich den Mantel anziehn und verließ das Haus.
Flut und Ebbe
Renate trat aus der Kapelle, schloß die Tür, zog den grünen Schal fester um die Schultern und blickte eine Weile in den kahlen Garten. Es dunkelte schon; hinter den schwärzlichen Maschen des Buschwerks und der Bäume lag das Haus, stumm und lichtlos, grau, kalt. Frierend lief sie durch den Garten, die Stufen zur Veranda empor und schlüpfte in die angelehnte Tür. Während sie zuriegelte, wurde hinter ihr die Tür zum Flur geöffnet; dann kam vornübergebeugt, auf einen Stock gestützt, ein großer Mann herein, den sie im Halbdunkel nicht erkennen konnte. Drei Schritte kam er vor, die Füße absonderlich hochhebend, die Augen im großen, rasierten Gesicht fest auf sie gerichtet, lachte leicht auf, und -- »Herzog!« rief Renate und schlug die Hände zusammen. Er richtete sich auf und hob den Stock hoch.
»Was sagen Sie nu?« rief er stolz.
»Ist es die Möglichkeit!« sagte Renate und ging eilig auf ihn zu. Er nahm ihre Hand in seine Linke, sie merkte, daß sie selber es war, die ihre Hand fast gegen seinen Mund drückte.
»Es ist zwar«, sagte er, sie küssend, »unschicklich in Norddeutschland, einer unverheirateten Frau die Hand zu küssen, aber das macht nichts.«
»Sie gehen! Sie können gehen! Nein, wie mich das freut!« Renate legte die Hände wieder zusammen und meinte, sie könnte schon ihre Freude recht deutlich werden lassen. »Und so verschönt, so verschönt! Welche Ehre mir da widerfährt!«
Sie ging zu einem der Sessel in der Nähe des Kamins und zeigte ihm einen andern. Nicht unbeholfen ging er draufzu und setzte sich. Zwischen Beiden kniete das Hausmädchen und machte Feuer unter den Holzscheiten. »Recht so,« sagte der Herzog, »mich friert ausdermaßen. Setzen Sie sich schnell zu mir, ich habe genau zwanzig Minuten Zeit, dann geht mein Zug, ich muß nach Beuglenburg, es giebt die größten Umwälzungen, unterwegs hat mein Chauffeur mich umgeworfen, vielmehr gegen einen Baum gefahren, weil der Bauer nicht so wollte wie er, da bin ich mit dem Zuge gekommen.«
Das Mädchen ging, Renate setzte sich. Er reichte ihr noch einmal die Hand. Sie mußte sich Mühe geben, sein ihr bekanntes Gesicht wiederzufinden. Die Oberlippe war sehr schmal, der Mund schien größer und kräftiger, das Kinn war erstaunlich groß und stämmig. -- Sehr ernst sagte er:
»Ich wollte Ihnen vor allem danken. Wenn mir etwas geholfen hat, waren es Ihre Briefe. Sie sind ein guter Kamerad, ich will dafür sorgen, daß Sie's bleiben. Ja, da habe ich gehen gelernt. So wie's gewesen ist, wirds ja nicht wieder werden, nicht einmal so, wie es hätte werden können, wenn ich gleich damals angefangen hätte, sagt der Arzt, aber --« er setzte sich fest, »man muß zufrieden sein. Nun sagen Sie -- wie geht es Ihnen denn? Ich fürchte, Sie sahen besser aus im Sommer.«
Renate lächelte nur und war froh. »Wollen Sie mir nun nicht erzählen, was das für Umwälzungen sind?«
Der Herzog sah auf die Uhr. »Bloß noch sechzehn Minuten,« sagte er, »vielleicht könnt ich doch einen andern Wagen mieten, ich bin im allgemeinen kein Verschwender.«
»Ja, so nehmen Sie doch meinen!« rief Renate und sprang auf.
»Augenblicklich!« sagte der Herzog, »wenn Sie mit mir kommen. Sie können in zwei guten Stunden zurück sein!«
Renate, schon an der Tür, klingelte, versicherte, sie komme gerne mit, trug dem Mädchen auf, dem Chauffeur Bescheid zu sagen, und setzte sich wieder. Die Scheite im Kamin glommen langsam und widerwillig auf. Renate kreuzte behaglich die Arme und sah den Herzog erwartend an.
»Also,« sagte er, »mein Sohn will Großherzog werden. Es ist eine hundsföttische Angelegenheit, mit Erlaubnis! Vor drei Tagen ist der Beuglenburger Erbprinz gestorben. Er hatte Tuberkeln, seit Jahren schon wurde sein Ende erwartet, ja, vor drei Jahren gaben sie ihn schon auf, aber er erholte sich wieder. Sein Vater ist -- also -- nur noch eine Masse. Erbschaftsberechtigt sind: erstens ich hier, mein Sohn und ein schon bejahrter Graf Beuglenburg-Lipsch, der gerne möchte. Ich falle aus, für mich ist das nichts. Mein Sohn -- ja, was meinen Sie eigentlich? Sie kennen ihn doch ...«
Renate sagte: »Ich schrieb Ihnen ja ... Kenne ich Georg? Ich mag ihn gern, er ist klug, sehr fein und bescheiden. Freilich, was heißt das ...!«
»Nun, lassen Sie mich erst weiter erklären«, unterbrach er. »Außer dem verstorbenen Sohn ist da noch eine Tochter Sigune, neunzehnjährig, eine gute Seele, glaub ich, sehr fromm vermutlich, die Beuglenburgs sind katholisch, die Kleine war und ist -- was ich leider nicht wußte -- ganz in den Händen ihres Erziehers, der Hofkammerrat am Hof ist und nicht nur sie, sondern den ganzen Hof beherrscht. Jesuitisch erzogen übrigens. Die Entwicklung wäre daher die, daß die Beiden heiraten, mein Sohn und die Sigune. Und das scheint mir bedenklich. Georg hat Spätlingsnerven, hat gar kein Talent zur Brutalität, denkt von außen nach innen und ist noch sehr jung. Der Gedanke, daß er erbt, hat ja nun für mich alles Bestrickende. Trassenberg war bis über Achtzehnhundert hinaus selbständig, kam dann zu Beuglenburg. Aber Trassenberg gehört mir. Solange der alte Großherzog regierte, hatte ich keinerlei Schwierigkeiten. Alle Beamtenstellen in Trassenberg besetzte ich. Kommt der Beuglenburger Graf zur Regierung, so habe ich die Jesuiten im Land, und es giebt den ungeheuerlichsten Schlamassel; in jeder Beziehung. Das brauche ich nicht zu erklären. Ich könnte freilich selber regieren, ich bin der nächste, aber -- ich will einmal nicht. Doktor Birnbaum ist zwar dagegen, stabiliert nach wie vor sein heiligstes Menschenrecht, nämlich das, jeden Augenblick seine Meinung ändern zu können, aber -- ich habe mich an diese Meinung zu sehr gewöhnt, bin auch zu alt zu Neuerungen.« Er lachte kurz und griff nach einem imaginären Bart.
Indem trat der Chauffeur ein und meldete, der Wagen sei bereit. Der Herzog stand auf. »Fahren wir nur,« sagte er, »ich bin so schon ungeduldig genug.«
Eine Weile später saß Renate unterm schwarzen Pelz in der Wagenecke, der Herzog in der andern, der rechten, die er sich ausbedungen hatte, da er auf dem rechten Ohre taub sei. Wie Bogner! fiel es Renate ein, wo war Bogner? Oh dies war auch ein Mensch, dieser nicht regierende Herzog! Das Automobil bog gleich in den Wald ein, die Lampe unter der Decke glühte auf, das Gesicht des Herzogs erschien rötlich; eng und warm war der Raum um sie, die Scheiben beschlugen schnell.
Der Herzog war plötzlich verstummt. Renate mochte ihn nicht stören, da er sicherlich viel im Kopfe hatte, auch genügte ihr vollkommen die Wohltat der Fahrt und das Dasein des fremden, immerhin doch -- kaum bekannten Menschen. Sie glaubte, in sich versunken, wohl eine Viertelstunde bereits im Fahren zu sein, als sie ihn sprechen hörte, ohne daß er sie ansah.
»Sehen Sie,« sagte er, »man tut doch immer zu wenig. Oder man ist immer nach einer Seite hin geblendet, und aus den wunderlichsten Ursachen. Jahrelang, jahrzehntelang lag diese Sache nun vor mir, ward sie geplant, beleuchtet -- und -- den Gedanken an diese Heirat habe ich ebensowenig mit kalkuliert, wie ich einen starken Einfluß des Hofkammerrats, an dieser Stelle, ahnte. Es ist bei Gott, als ob er sich versteckt hätte. Denn nun hat der Gedanke: Georg und Sigune, die verteufeltste Ähnlichkeit mit dem Kolumbusei: solange ungedacht -- ists eben nichts -- und sobald gedacht das einzig Naheliegende und Natürliche ...«
Nun wars wieder still, lange Minuten, bis auf das Rauschen der Fahrt.
»Ich habe das eben so obenhin gesagt,« fing der Herzog wieder an, »das mit dem Altsein, aber ich meinte es nicht. Nein, ich bin nicht alt.« Er beugte sich mit einem Ruck vor, faßte seinen Stock und schlug damit auf seine Stiefelspitzen unter der Decke. »Absichtlich habe ich diese Kraftanstrengung gemacht mit dem Gehenlernen. Ich -- ich glaube, es war die Ungeduld von zwei Jahrzehnten, die auf einmal losbrach, und da habe ich denn nachzuholen versucht, was meine Frau in denselben zwanzig Jahren in ihrem Käfig hat abwandern müssen. Nun denke ich mir alles sehr schön. Mein Sohn und ich waren immer gute Kameraden, Birnbaum ist auch da und liebt Georg wie der ihn, es könnte ein Triumvirat, es könnte sehr, sehr gut werden.«
Er schien Renate noch erregter, als sie nach seinen Worten allein erkennen konnte. Sie sagte, es sei sicher viel Gutes in Georg, er beobachte vielleicht ein wenig zuviel sich selbst, aber -- »Nun ja,« murmelte der Herzog, »in diesen Jahren, da ist sich ja jeder ein Labyrinth und sieht an jeder Straßenecke den Minotaurus das Bein hochheben. Ja, entschuldigen Sie nur, ich denke immer noch, ich rede mit Birnbaum wie in all den Jahren. Nun, sehen Sie, so ist Georg. Ich sagte Ihnen, glaub ich, schon einmal, daß ich ihm unbegrenzten Kredit gab. Sie wissen, was das ist.« Renate schüttelte den Kopf. »Nun, das schadet nichts, es heißt jedenfalls so viel, daß er Geld verbrauchen konnte, soviel er wollte. Es war ein Risiko von mir, eine Probe, bankerott machen konnte er mich ja nicht, und so dachte ich: versuchs lieber auf die Weise, als daß er dich hintergeht, Schulden macht und den Namen versaut. Schulden kann ich auf den Tod nicht leiden. Was tut Georg? Braucht -- im Verhältnis -- überhaupt nichts. Nun würde das an sich nichts heißen, wenn er ein -- also von Natur ein Asket wäre, ein Einsiedler, ein zarter, scheuer Mensch, dem das Bunte der Welt nichts bedeutet. Er aber ging ganz frisch in die Welt hinein, machte Dummheiten, ruinierte ums Haar seine Gesundheit. Aber -- --! Was hätte er nicht -- --? er hätte einen Rennstall halten können, drei Rennställe, unermeßlich pokern, Mätressen, Automobile, Paläste, Jachten, was weiß ich, halten können. Nichts davon. Was er am Grunde seines Lebens sucht, ist ihm wahrscheinlich so geheim wie mir selber, und wenn er heute Großherzog sein will, so will er vielleicht morgen Dichter sein -- nun, es giebt schlimmere Schwankungen. Einmal, das will ich gestehn, war ich mißtrauisch. Ich hatte ihm eines Tages eine -- ja, eine schwierige Eröffnung zu machen; er hatte sich zu entschließen. Ich schickte ihn ins Freie, saß und wartete auf ihn. Es ward dunkel; da kam er. Ich dachte: Er braucht sich nicht entschlossen haben, es eilt nicht, aber, dacht ich: Was wird sein erstes Wort sein? Man hat seine abergläubischen Momente, und ich lag selber im Graben. Soll ich Licht machen? fragte er. Ich weiß nicht, das schien mir nicht sehr vielversprechend. Er hätte Licht machen sollen -- nun -- aber -- ich bin wieder davon abgekommen. -- Und nun möcht ich rauchen«, bat er, seine Zigarrentasche schon in der Hand. Renate nickte, freute sich, die große Zigarre von Helenenruh wieder zu erkennen, und atmete nicht unbehaglich den zarten Geruch der ersten Wolke. Man muß ihn reden lassen, dachte sie weich.
Der Herzog saß weit vorgebeugt, wischte zuweilen mit der Hand an der Scheibe und sah hinaus, während er sprach. Jetzt blickte er wieder eine lange Zeit schweigsam hinaus, setzte sich dann zurück, drückte den Rücken fest, sah Renate kräftig forschend an, dann wurden seine Züge weicher, er sagte:
»Gute Freundin! Ich habe nie Gelegenheit gehabt im Leben, unaufrichtig gegen einen Menschen zu sein, diesen und jenen Halsabschneider ausgenommen, gegen einen nahen Menschen also, deshalb möchte ich es auch gegen Sie nicht sein. Da ich Sie also einmal mit dieser Angelegenheit behelligt habe -- und es tut mir aufrichtig wohl, daß ichs durfte --, so sollen Sie auch den Rest wissen. Georg ist nicht mein Sohn. Er ist -- aber das ist gleich, das würde viel zu weit führen, und es genügt ja, wenn Sie die Tatsache wissen. Nun -- was sagen Sie dazu?«
Renate wollte heftig erschrocken abwehren: Nein, nein, lassen Sie mich nichts dazu sagen! besann sich aber rechtzeitig mit der Erinnerung an sein Vertrauen, schlug die Augen gegen ihn auf und sah ihn dasitzen, das Kinn auf die Brust gedrückt, die Oberlippe zwischen den Zähnen, unter der geneigten Stirn aufblickend, nun doch zweiflerisch vor ihrer Antwort. Sie machte ihren Blick herzlich, murmelte für sich: Einen Menschen sollst du messen ... und sagte leise:
»Von meinem Freund schrieb ich Ihnen hier und da, Saint-Georges, den ich immer zu fragen pflege, wenn ich etwas nicht weiß. Der schenkte mir einmal den Spruch: Einen Menschen sollst du messen -- Wenn du in seiner Haut gesessen. -- Und«, fuhr sie, die Hände faltend und mit wärmerem Lächeln in seine Augen blickend, fort: »Wenn Sie geglaubt haben, daß trotz dieser Tatsache er als Ihr Sohn gelten solle, dann habe ich kein Recht, anders zu urteilen.«
»Danke schön«, sagte er und nickte. »Ich muß noch hinzufügen,« erklärte er dann, »daß erst vor zwei Jahren auch mir dies mitgeteilt wurde, ja, übrigens spielte der Vater unsrer Magda dabei eine verfluchte Rolle, na, der ist nun auch tot. Und dies war die Eröffnung, von der ich eben sprach, die ich ihm zu machen hatte. Mein Sohn und ich -- wir haben also alles beim alten gelassen. Sie haben nicht in meiner Haut gesessen, nein, und ich nicht in der seinen, denn schließlich ist er hier ja derjenige, auf den es allein ankommt, aber -- ich glaube doch: wir haben alle drei recht.«
Renate sann hin und her, aber das Ganze war ihr allzu fremd, als daß sie sich in solcher Schnelle, wenn überhaupt je, hätte hineinfinden können ...
»Und nun«, hörte sie den Herzog sagen, »können Sie sich immerhin denken, wie dies Geschehnis auf mich wirken mußte. Nicht wahr: Ich hatte ihn verloren, als Sohn, -- Sohn meiner Helene; ich behielt ihn aber, ich hatte also -- gesetzt, dies sei möglich -- noch einmal so väterlich um ihn zu sorgen, als ob er mein echter Sohn sei. Ob möglich oder nicht: dies war mein Gefühl, dies hatte es zu sein.
»Und nun diese Heirat,« fuhr der Herzog nach einer Pause fort, »wie? was ist?« unterbrach er sich. Renate, die bemerkt hatte, daß der Wagen, wie bereits mehrere Male, ganz langsam fuhr, reinigte die beschlagene Fensterscheibe mit dem Handschuh und blickte hinaus. Schwarze Nacht wars; der Wagen stand still. Sie ließ das Fenster ein Stück weit nieder, eiskalt drang die Luft ein. Sich hinausneigend sah sie vorn den mächtigen Schattenriß des wulstigen Rades, drohend überwölbt vom Schutzblech, die metallene Halbkugel der Wagenlampe dicht darüber, aus der ein Strahlenkegel weit in die Nacht fiel, schwarz den sargartigen Kühler und blinkende Tropfen an der Glasscheibe vor dem Fahrer. Kalkweiß stand ein gesträubter Chausseebaum im Licht. Gleich darauf tauchte ein zottiger Hund neben einer Weibsgestalt auf, ein Handwagen dahinter; sie hörte den Chauffeur etwas fragen, der Handwagen zog weiter, ein großer Kerl, hinterdrein stolpernd, wandte sich halb im Gehen, schwang die Arme und rief etwas in unverständlichem Plattdeutsch; der Wagen ruckte an, der Motor rauschte, sie rollten.
»Noch zehn Minuten höchstens,« sagte der Herzog, »aber nun müssen Sie das Ganze hören. Sie haben sich wahrscheinlich bereits gefragt, wie Georg zu der ganzen Sache steht. Ich wills Ihnen sagen. Es fängt mit meinem Urgroßvater an. Der war sehr sonderbar; Astrolog; nicht Astronom, sondern Astrolog. Anfang des achtzehnten Jahrhunderts wurde Trassenberg mediatisiert, aber mein Urgroßvater schloß mit Beuglenburg einen Geheimvertrag, nach dem Trassenberg zwar an Beuglenburg kam, jedoch nur auf hundert Jahre, kündbar. Warum dies, ist unbekannt. Er hatte die merkwürdigsten mystischen Neigungen! In seinem Nachlaß fand sich unter vielen andern Seltsamkeiten, Horoskopen, Prophezeiungen eine Vorhersagung: Im Anfange des zwanzigsten Jahrhunderts würden beide Häuser, Trassenberg und Beuglenburg, oder Zinna, auf zwei Augen stehn; von diesen Augen würde es abhängen, ob die Stimmen beider Gewalt im Rate der deutschen Völker erlangen oder für immer verstummen würden, -- die Weissagung besteht aus lateinischen Distichen, astrologische Wendungen, die Gestirne, Venus, Jupiter spielen eine unverständliche Rolle darin. Weissagung und Vertrag haben beide sich in unserm Geschlecht vererbt, und zwar wars üblich, daß diese Erbschaft am Tage der Mündigkeitserklärung vom Erstgeborenen angetreten wurde. Nun konnte es sich nur noch um Georg handeln, aber jetzt lag die Sache folgendermaßen ...
»Der Zinnasche Erbprinz, Bruder eines Totgeborenen und einer schwächlichen Schwester, selber nur mit Mühe und aller Kunst von Geburt an am Leben gehalten, war für mich allezeit -- nicht dasjenige Augenpaar, auf dem die Schicksale der beiden Länder ruhen sollten -- das heißt: ich füge meine Ausdrucksweise nach der Prophezeiung, die für mich keinen bedenklichen Wert hat noch hatte. Nun: im Sommer werden es drei Jahre sein, Georg zog zur Universität, trat ins Leben, ich hielt es für an der Zeit, ihn wissen zu lassen, was ihn in Zukunft erwartete, um so mehr -- bei seinem Hange zur Dichterei und dergleichen schönen, aber wenig weltlichen Dingen. Nun griff eins ins andre. Nämlich: ihn spekulieren zu machen auf den Tod eines noch Lebenden, das widerstrebte mir. Ich hatte aber den Vertrag, der heutzutage -- das vergaß ich zu erwähnen -- ich will zwar nicht sagen: keine, aber doch keine nennenswerte Gültigkeit -- an sich -- hat, wenn der Andre nicht will. Wollt ich ihn durchsetzen, so handelte es sich schließlich nur um die Geneigtheit des Bundesrats, und da von den drei Stimmen, die Beuglenburg und Trassenberg gemeinsam drin haben, zwei schon immer in meiner Hand waren, so -- nun, Sie verstehn. Also war zu kalkulieren: ist der Erbprinz einmal tot, soll dann weiter geerbt werden im Mannesstamm, so kommt zuerst Georg in Frage, und der Vertrag liegt da als Fundament, als Stütze, wie man will. Also ... wo blieb ich stehn? -- So -- ich benutzte also Georgs politische Unkenntnisse (sie hielten länger vor, als ich damals ahnte) und sprach ihm damals schon, drei Jahre früher als üblich, von dem Vertrage und seinen Möglichkeiten in bezug auf ihn. Er war daher, bis vor zehn Tagen etwa, war er in dem Glauben, in der Zuversicht: Herzog von Trassenberg werden zu können. Nun vor allem: das Ganze wäre ums Haar schon vor zwei Jahren zum Klappen gekommen, da der arme Junge Adolf Emil sich bereits zum Sterben anschickte, aber wieder -- ich argwöhne sehr -- gegen seinen Willen daran verhindert wurde, für mich ein Beweis, wie richtig ich gegen Georg verfahren war. Hopla!« sagte der Herzog, denn der Wagen war aufs Pflaster gerollt und schüttelte erbärmlich. Durch das trübe Glas der Wagenfenster fiel gelbes Licht herein zu dem rötlichen Inneren, Laternen, Schaufenster, Menschenschatten, ein Wagen zogen vorüber. Gleich darauf stand der Wagen still.
»Ja, nun muß ich doch abbrechen,« bedauerte der Herzog, »oder bringen Sie mich noch bis oben, eine kleine Viertelstunde«, sagte er verlockend.
Renate nickte, der Herzog ergriff das Sprachrohr und befahl dem Chauffeur sich nach dem Schloß hinauf weiter zu fragen. Bald darauf rollte der Wagen weiter, durch Straßen, Pflaster und Asphalt, hin und her, währenddem sie schwiegen, Renate gespannt, als läse sie Balzac. Kaum rollte der Wagen wieder sanfter dahin, begann auch der Herzog:
»Also weiter. Zu Neujahr gab ich Georg den Vertrag; zwei Tage vorher nämlich schreibt mein Agent, aus Zinna: der Erbprinz liegt im Sterben, diesmal ists sicher! (War aber wieder gelogen, er hat noch zehn Wochen gelebt, es war ein Jammer!) Georg geht hin und klagt den Vertrag ein, und -- nun kam die Enttäuschung für uns Beide: bekam eine schlichte, ja schnöde Abweisung. Nun, was weiter --
»Er schreibt mir, er steht vor einem Rätsel ... Ich tu's selber, ich schreibe nach Zinna, es giebt ein unverständliches Hin und Her, endlich kommts denn zu Tage: Georg heiratet Sigune.
»Ich fahre selber nach Beuglenburg. Der Großherzog, wie ich immer wußte, ist eine Null, vor der dieser oder jener seiner Umgebung, am häufigsten sein Hofkammerrat, ein halber oder ganzer Jesuit, zusammenleg- und entfaltbar, jede beliebige Ziffer von zehn bis neunzig formiert. Mit ihm selber ist nichts anzufangen, seine Umgebung schwört: er reagiert nur auf Fremde nicht, beinah hätten sie gesagt: in ihren Händen sei er Wachs, denn das ist er. Ihrer Aussage nach also besteht er auf seinem Willen, das Erlöschen seines Namens um jeden Preis zu verhindern. Na, nun giebt es ja allerlei Möglichkeiten. Der alte Beuglenburger Lipsch kann päpstlichen Konsens erhalten, um wieder zu heiraten. Immerhin -- dies ist des Hofkammerrats Vorzugswort -- immerhin scheint er -- der Hofkammerrat -- für seine Sigune -- er hat sie erzogen, und da sie aufs äußerste an ihm hängt, muß er wohl auch seine guten Seiten haben; wem fehlen die schließlich nicht? -- er scheint also dem jüngeren Georg doch den Vorzug vor dem alten Lipsch zu geben, sagt sich vielleicht auch, daß aus Alter und Krankheit kein brauchbarer Nachwuchs zu hoffen ist und das Erlöschen Zinnas bloß aufgeschoben, nicht -gehoben. Schließlich sind auch Erbschaftsgesetze nichts Unabänderliches, das heißt: die Sigune kann irgendeinen andern von fünfzig gut katholischen Prinzen heiraten, dessen Sohn erbschaftsberechtigt wird. Wir müssen gleich da sein, der Wagen steigt schon mächtig, merken Sie die Serpentinen? Sehen Sie, da liegt das alte Nest!«
Hinausblickend sah Renate das rötliche, qualmende Lichtertal der Stadt unter sich, ein altes Stadttor, den schwarzen, rötlichen Fluß, dahinter Nacht und den braunen Himmel.
»Ich bin ja auch nun am Ende«, sagte der Herzog. »Georg hat man inzwischen Mitteilung von seiner Heirat gemacht, hinter meinem Rücken, die Schurken! Bei alledem ist das Unglück, daß der Großherzog darauf besteht, noch morgen, am liebsten schon heute abzudanken, also seine Tochter so stracks wie möglich zu verheiraten, wobei ich ahnungslos bin, wiederum, ob das sein Wille oder der seines Hofkammerrats ist. Georg schreibt mir einen verzweifelten Brief nach dem andern: Was denn das heiße, er begriffe nicht -- er hüte sich natürlich vor jeder Kritik -- aber er begriffe nicht, was ich mir je gedacht hätte, er könnte doch das kranke Mädchen nicht heiraten und so weiter.«
»Und was schrieben Sie?« fragte Renate, da er schwieg. Er sah sie mit ein wenig verqueren Augen an und zuckte die Achseln. Er hätte geschrieben, Georg dürfe schon vertrauen, daß alles mit rechten Dingen zugegangen sei, es sei jetzt keine Zeit zu Erklärungen, die er jeden Augenblick später erhalten könne, er selber stehe ihm sofort zur Aussprache, zur Beratung zur Verfügung, vielleicht jedoch ziehe er es vor, allein seinen Weg zu finden. »Glauben Sie nicht, daß er alt genug ist, um zu wissen, wie er zu handeln hat? Ich selber, schrieb ich ihm noch, würde eigenhändig einen Versuch machen ... Und dabei bin ich ja nun. Ich will --«
Er unterbrach sich; der Wagen rollte über eine Brücke, durch ein Tor, machte eine Schwenkung und stand still.
»Zinna,« murmelte der Herzog verdutzt, »aber nun will ich ausreden.«
Renate sah durch die klaren Fingerstreifen im Belag des Fensters neben dem Herzog ein erleuchtetes Tor über Stufen, Schatten und bunte Stücke von Hin- und Hereilenden.
»Ich will«, sagte der Herzog, »doch meine Meinung ändern; ich bin der nächste Erbe und --«
Indem wurde der Wagenschlag aufgerissen. »Wollt ihr zulassen!« schrie der Herzog, zog die Tür am Riemen zurück, klappte und riegelte sie zu. »Hundsfötter!« murmelte er und setzte seinen Hut auf, einen großen alten Schlapphut, aber er sprach nicht weiter. Nach einer Weile sagte er leise:
»Helene -- ja, nun fehlt uns Helene. Wenn ich die Regierung übernehme, so ist die Heirat damit ja immer nur aufgeschoben; der Hofkammerrat weiß, daß ich nur Fisematenten mache und in einem halben oder ganzen Jahr zu Georgs Gunsten verzichte. Also muß ich Sigune ... sie hat die harte Stirn der Zinnas; wenn ich sie herumkriege, so bleibt sie mir sicher, aber wie ich das mache ...?« Er seufzte.
»Lieber Freund,« sagte Renate, »und wie wäre es denn nun eigentlich, wenn Sie alle Beide verzichteten?«
»Wer?«
»Sie und Georg.«
»Nicht um die Welt«, sagte der Herzog. »Die Jesuiten kommen ins Land.«
»Können Sie sich nicht wehren?«
»Erstens gegen Jesuiten!« murrte er unwirsch, »und außerdem habe ich Besseres zu tun. In einem Kriege kann Wunderbares an Kraft und Taten geleistet werden, aber ich wäre ja ein Hundsfott, wenn ich nicht den Krieg vermiede, um eben dies Wunderbare für meinen Frieden zu gebrauchen.«
Renate, hartnäckig zu ihrem eignen Erstaunen, bohrte tiefer: »Sie denken an Ihr Land und vergessen Ihren Sohn. Wie sehr väterlich glauben Sie, daß dies gedacht ist?«
Der Herzog blickte sie grade und schwer an. »Mir,« sagte Renate beinah spöttisch, »-- mir scheint es nun doch, als ob die beiden Augen Ihrer Weissagung -- mich jetzt ansehn.«
Er machte eine abwehrende Handbewegung und schlug die Decke von den Füßen zurück. »Sie stören mich ja, mein Kind, anstatt mir zu helfen.«
Renate sah auf die Uhr im Armband: »Nachdem ich Ihnen anderthalb Stunden zugehört habe, ohne das geringste Widerwort.«
Der Herzog lachte und murmelte, um so gefährlicher sei sie, habe nun alles angesammelt, destilliert und spritze das feinste Gift. Übrigens könne sie ja nicht wissen, was für ihn auf dem Spiel stehe. Er tastete mit der Rechten nach dem Türgriff, drehte ihn, drehte ihn zurück und sagte kurz lachend: »Nun denken Sie, ich will ausreißen.«
»Es ist wirklich Zeit«, warnte sie lächelnd.
»Gut,« sagte er und bot ihr die Hand, »ich werde die Nacht zum Überlegen verwenden.« Er küßte ihre Hand. »Haben Sie Dank, vielen Dank! Ich bin morgen wieder in Trassenberg. Wenn Ihnen etwas Gutes einfällt, unterlassen Sie nicht, mirs zu schreiben. Gute Heimfahrt! Auf Wiedersehn! Leben Sie wohl! Adieu!«
Er hatte sich nach außen gezwängt, stand, von rückwärts beleuchtet und nahm den Hut ab; stämmig und wacker stand er da, Haar und Oberkopf schimmerten im Licht, die Züge waren von Renate nicht zu erkennen, da sie gegen das Licht sah, auch wurde die Tür nun geschlossen, der Motor brauste auf, der Wagen drehte langsam, rollte über den Hof, durch die Einfahrt und über die Brücke in die Nacht zurück.
Renate setzte sich tiefer in den Polstern, lehnte sich an, hüllte die Decke fester um sich und zog sie gegen die Brust; sie nahm die große Muffe, die sie neben sich gelegt hatte, wieder und senkte die Arme bis an die Ellenbogen hinein; es schien ihr kälter im Wagen geworden. Sie lächelte. Da hatte sie ihn nun ratlos gemacht, das tat ihm gut. Wieder lächelnd, empfand sie, daß dies Lächeln schon lange in ihrem Gesicht feststand. Sie glaubte, den Abdruck zu spüren, dieser Mensch mußte es mitgebracht und festgeschraubt haben, sie konnte es nicht loswerden, da war es schon wieder, sie fuhr mit der Hand über Augen, Nase und Mund, aber es kam unverwischbar drunter wie neu hervor, oder lächelte sie diesmal nur, weil sie es hatte fortwischen wollen? Da habe ich die ganze Zeit über gelächelt, dachte sie nun unwillig, und es ging um die ernstesten Dinge. -- Wie, schon wieder die Stadt? Vom Schütteln der Fahrt in ihren Gedanken unterbrochen, sah sie durchs Fenster in die erleuchteten oder dämmrigen und finsteren Straßen voller Menschen und elektrischer Bahnen, solange bis die Chaussee wieder erreicht war. Unterweil war sie nachdenklich geworden, beugte sich vor, stützte das Kinn auf die Fingerknöchel und blickte durch die graue Scheibe in die Finsternis.
Das war ja ein Wassersturz von klirrenden, schillernden und fremden Dingen gewesen. Sie versuchte, sich zu besinnen. Immer sah sie ein kaltes, bleiches, augenloses Gesicht unter einem Jesuitenhut, wie unsinnig! Sigune -- Schionatulanders Geliebte, ein schöner, trauriger Name. Kränklich war sie, blond, mit einer harten Stirn, und dieser Jesuit war ihr Lehrer und einziger Freund. Der kranke Bruder -- und dieser Vater ... Plötzlich erschien der Herzog wie ein Riese dazwischen und fegte alles über Seite. Renate lächelte wieder, verfinsterte aber dann ihr Gesicht und sagte: Bogner -- so hätte er einmal kommen sollen! Aber damals -- wie würde ich mich vielleicht gewehrt haben! Heut mittag noch war mein Dasein ein blauer Teich mit kümmerlichen Wasserrosen; da warf sich dieser unbekümmerte Schratt hinein, bloß um drin zu plätschern.
Im kalten Wagen empfand sie sich auf einmal heiß. Diesen Gedanken, sagte sie, an der Lippe nagend, hätte ich noch vor Jahren den Zutritt nicht erlaubt. Bloß um zu plätschern? Aber es giebt mehr Teiche. Aber er fackelt nicht und greift zu, wenn es ihm paßt, erwiderte jemand aus der Wagenecke. Sie sah flüchtig dorthin, wo der Herzog gesessen hatte. Auf einmal kann er wieder gehn, es ist wie im Märchen, freilich, es war bald ein Jahr her, daß die Herzogin starb und er ... Wieder kam die tote Herzogin zur Türe herein, lebend, bewegte sich leicht zum Tisch, lächelte und neigte den Kopf, indem sie sich setzte. Seltsam, welch belanglose Erscheinungen am sichersten in uns haften bleiben! Ihr Gesicht, so entstellt, als ihr die Augen brachen, war nicht mehr zu sehn. Hatte er sie schon ganz vergessen? Sie hörte ihn seufzen: Helene -- ja, nun fehlt sie uns! Uns ... Freilich: er mußte seines Weges weiter.
Fünfundzwanzig Jahr ist er älter als ich, dachte Renate und herrschte sich an: Genug jetzt! ein für allemal!
Und nun das -- mit Georg! -- Man kann es nicht einmal nennen, wie soll ichs begreifen? Georg? Wer war denn Georg? -- Georg saß mit Esther oben in Josefs Fenster, oder mit Esther im Garten bei der Sonnenuhr. Wenn er kein Prinz ist, so sieht er doch einem solchen zum Verwechseln ähnlich. Nun wundert michs doch, daß -- eigentlich er mich auch nie beachtet hat. Aber das war wohl Scheu wegen Magdas. Zwischen ihm und Esther -- was war da gewesen? -- Sie hörte Sigurds Stimme, wütend im Schmerz, aber sie fand die Worte nicht mehr.
Bogner und der Herzog, welch ein Gegensatz! Wars wirklich einer? Schien ihr die Kalt-- ja, die Kaltherzigkeit des Herzogs nicht nur deshalb so viel heftiger als Bogners stillere Kräftigkeit, weil eben Bogner keine Kraftäußerung kannte als gegen sich selbst und in seinem Werk? Der Herzog war das Hantieren mit Menschen gewohnt, das war sein Leben und sein Werk.
Renate schloß die Augen und schauerte seltsam angenehm zusammen. Indem fielen zwei starke peitschenartige Knalle schnell hintereinander, sie fuhr empor, horchte erschreckt, gleich darauf rollte der Wagen langsamer, auch anders, wie ihr schien, und stand still. Ach, ein Reifen war geplatzt oder gar zwei! Nun kam schon der Schatten Reinholds von vorn am Fenster vorüber, sie öffnete es, fröstelte im Luftzug und sah, daß die Straße weiß war; es hatte geschneit. Reinhold kam zurück: die beiden Hinterreifen wären geplatzt. -- Renate öffnete die Tür und stieg aus. Reinhold bemerkte in seiner Berliner Mundart: »Das ha 'k mir jleich jedacht, wo der Wagen so lange in der Garage gestanden hat.« Er ging in seinem großen Pelz unwirsch um den Wagen, stellte den gehorsam stampfenden Motor ab, klappte einen Kasten auf, nahm Werkzeuge heraus, öffnete einen andern Kasten unterm Sitz und wühlte darin. Die beiden grellen Lichtkegel aus den Laternen fielen weithin über die weiße Chaussee und breiteten sich über die nächtigen Felder aus; grellweiß angeschienen standen die Chausseebäume wie gesträubte Zuschauer da, andre weiterhin, schattenhafter. Weiß wehte Renate der Atem vom Munde, sie trat in den dünnen Schuhen langsam hin und her, fühlte die hartgefrorenen Rillen des Schlammbodens unter der Schneedecke, fror und wollte wieder in ihren Wagen kriechen. »Wie lange dauert es denn?« fragte sie.
Der Chauffeur, die Riemen an einem der festgeschnallten Räder mit aufmontierten Reifen lockernd, murrte kaum verständlich und mit der Abgeneigtheit seines Menschenschlags gegen Zeitangaben, es könnte auch 'ne Stunde dauern, -- bei die Kälte! --
»Armer Reinhold!« sagte Renate und war unglücklich, so lange im Wagen still sitzen zu müssen. Wo sie denn eigentlich wären, fragte sie. Da wo die Herzbruchsche Villa stände, da müßten sie dicht bei sein. Renate zuckte. Sie ging zum Chausseerand und suchte in der Nacht. Richtig, links über den Feldern war ein roter Punkt in der Nacht. -- »Wenn man wüßte, wie weit es ist ...« sagte sie zögernd. Nun stellte Reinhold sich neben sie und meinte, nach dem Licht spähend, es könnte keine zehn Minuten sein. -- Und der Weg? -- Die Chaussee hinunter, dann müßte gleich nach ein paar Minuten eine kleinere Chaussee links abbiegen, an der läge das Haus; die große Chaussee mache einen Bogen weit rechts und treffe nachher die schmale wieder. Ob Renate sich nicht erinnere, damals bei der Hinfahrt zum Herzbruchschen Hause, daß sie auf eine kleine Chaussee rechts abgebogen seien »da, wo wir doch den Herrn Almanach getroffen haben.« Renate zögerte kaum noch.
Irene erwartete sie ja längst. Wie lange hatten sie sich nicht gesehn? Lieber Gott, war das schon seit -- Mai -- oder Juni? Ja, im Mai war ich einmal draußen, und noch zweimal im Juni. Dann ging ich nach Helenenruh, und eh ich wieder hier war, kam >die große Verjüngung< über sie, Masern und Scharlach hintereinander, -- wie ein Kind so dünn und weiß wie eine Kellerpflanze sollte sie ja wieder zum Vorschein gekommen sein, -- Renate seufzte noch einmal, sagte Reinhold etwas Ermutigendes, bat ihn, wenn er fertig wäre, zur Herzbruchschen Villa zu fahren, und machte sich auf den Weg, nun schon ganz in freudiger Neugier, wie Irene aus Italien zurückgekehrt sein mochte ... Auch die Fahrt mit dem Herzog war in ihrer Erinnerung jetzt eitel Freude, die ihren Gang beschwingte. -- Auf die Uhr blickend, fand sie, daß es eben halb acht Uhr gewesen war, und sie ging am Rande der Chaussee unter den Bäumen fort, dankbar für die Wohltat der Stille in der Frostnacht nach dem langen Getose des Motors und dem Hinschnarren der Gummiräder über den harten Boden.
Stehen bleibend dort, wo die Lichtkegel der Laternen zerstäubten, vergrub sie die Unterarme tief in die Muffe, behaglich, denn sie fror nicht, nur an der Kopfhaut merkte sie, da sie keinen Hut trug, ein wenig Kälte. Die Chausseebäume, bleiche Stauden, wurden im Finstern kenntlich und neben ihnen in der Grabenböschung die weißen Steine. Eilfüßig lief sie den Weg hinunter, aber die kleine Chaussee ließ auf sich warten, dafür machte aber die große einen immer stärkeren Bogen nach rechts. Sieh, aber da waren ja Sterne in der Nacht, unendlich fern, winzige, weißliche Punkte, und kaum daß sie diese gesehn, zogen mehr, rechts oben von den ersten, ihr Auge an, das an neuen Sternen nun die unsichtbare Wölbung emporglitt und den großen Wagen erkannte; undeutlich, matt blinzelnd, war jeder Stern nur sichtbar, wenn sie ihn einzeln ins Auge faßte, aber er war es doch! Sie sah sich um im Gehn und gewahrte fern die Laternenkegel, strahlend mitten im Felde der Nacht, dahinter den ungetümen Schattenriß des schwarzen Wagens, ganz ein glotzendes Tier. Sie ging weiter und hatte sich bald so ans Gehen und unbestimmte vor sich hin Sinnen gewöhnt, daß sie plötzlich die Nebenchaussee merkte, die sie halb überlaufen hatte. Abbiegend und aufsehend, sah sie auch schon deutlich zur Linken ein erleuchtetes Fensterviereck, wenn auch klein, aber da kam plötzlich der Schatten eines Menschen von rechts aus der Nacht auf die Landstraße zu, und leicht erschreckt eilte sie weiter, während der Mann näher kam; wenige Schritte hinter ihr mußte er die Straße betreten haben, dann hörte sie ihn ihr nachgehn, ging eiliger, ihr Herz klopfte heftig, die Schritte hörten nicht auf, jetzt kamen sie vielmehr näher, sie blieb Atem holend stehen, der Fremde auch.
Sie sah ihn an; seine Züge waren nicht zu unterscheiden, er hatte eine dunkle, englische Mütze auf dem Kopf und trug einen dunklen Havelock. Schon wandte sie sich entsetzt, um zu fliehn, als der Fremde -- nun erkannte sie auch den glimmenden Blick seiner Augen -- die Mütze abnahm und mit anständiger, leiser Stimme sagte, er bäte um Entschuldigung, er habe sie verwechselt. Sie atmete ein wenig auf und sagte rasch und munter, es befände sich wohl selten um diese Zeit eine Dame in dieser Gegend, noch dazu ohne Hut. Sein Gesicht veränderte sich nicht, während er erwiderte: sie möchte nochmals entschuldigen, zumal er wohl richtig vermute, daß sie zu dem Landhaus -- dort -- wolle. Sie bejahte, bereits im Weitergehn, er ging schweigend mit, ein wenig voraus. Das Fenster ward langsam größer, sie erkannte die Umrisse des Hauses, des Daches und des Hügels. Der Fremde machte eine Bewegung zurück und fragte leise: »Zu wem gehn Sie denn? zu Herzbruchs oder --?«
»Zu Herzbruchs.«
»So«, sagte er und war wieder voraus. Drei Schritte weiter wandte er sich abermal und fragte, wieder ganz leise: »Aber -- Sie kennen -- vermutlich auch die -- andre Dame?«
Verwundert sagte sie: »Frau Vehm, meinen Sie, ja, ich kenne sie.«
»Und die Kinder, -- nicht wahr? die Kinder kennen Sie auch.«
Die Kinder --, -- nun erst fiel Renate ein, daß jetzt Doras Kinder beide an den Masern krank lagen. »Sie haben die Masern«, murmelte sie vor sich hin; ihre Schritte wurden langsamer, denn sie fürchtete sich nun vor der Krankheit; bei ihrem Alter war sie gefährlich. Der Fremde war zurückgeblieben, holte jetzt aber wieder auf und ging eilfertig weiter. Nun sah sie auch an der Rückseite des Hauses einen Lichtschein; dort lag die Diele, daneben war der Eingang ins Haus. Sehr unentschlossen hin und her überlegend, ging sie doch weiter, sah die Gartenbäume, jetzt wurde das dünne Geflecht des Drahtzauns neben der Chaussee sichtbar, und da war die Tür; der Fremde stand dort. Plötzlich war ihr sehr unheimlich und beklommen zu Sinne. Fuß für Fuß ging sie bis zur Tür, immer noch schwankend, ob sie nicht lieber umkehrte, aber sie fror nun auch, die dünnen Sohlen der Hausschuh ließen allzusehr die Kälte durch, hastig entschlossen drückte sie die Klinke der Drahttür nieder und sagte: »Guten Abend!«
Der Fremde, die Augen, wie es schien, gegen das helle Fenster gerichtet, blieb stumm. Renate ging langsam durch den Garten hinauf, am Hause vorüber; erfreulich war das Licht in der kleinen Vorhalle, sie ging die Stufen empor, stampfte den Schnee von den Füßen und betrat die Diele.
Gleich vorn zur Linken, mit dem Rücken nach ihr hin, stand ein Herr, ein Buch, in dem er las, in die Nähe der Stehlampe haltend, die auf Dora Vehms Schreibtisch brannte. Erst jetzt drehte er sich schnell herum, klappte das Buch zu und legte es hin; es sah wie ein Tagebuch aus, und der Herr war jener Doktor Ägidi, den sie vor einem Jahr hier kennen gelernt hatte. Sie gab ihm die Hand, fragte nach Irene, die Luft kam ihr schon peinlich dumpf vor, nebenan wohnten die Kinder; so ging sie hastig durch den Raum und traf im Flur mit Irene zusammen, die sie mit leidenschaftlichem Entzücken begrüßte. Trotzdem schien Renate die Wallung rascher vorüberzugehen, als ihr verständlich war. -- Noch im Treppensteigen erklärte sie ihr Kommen, der Herzog schien auch Irene einige Teilnahme zu entlocken, sie ging in ihrem Zimmer, während Renate sich unter dem Fenster auf das Sofa setzte, hin und her, in ein großes, schöngesticktes weißes Tuch mit langen Fransen gewickelt. Die Heizung funktioniere wieder einmal nicht, klagte sie, Renate solle nur ihre Pelzsachen sämtlich am Leibe behalten. Das Mädchen kam herein und fuhr fort den Tisch zu decken, sagte dann im Hinausgehn, Herr Almanach -- sie betonte den Namen wie alle Dienstleute auf der ersten Silbe -- sei gekommen.
»Der Tisch wird überlaufen!« rief Irene und erklärte, daß sie Besuch erwarteten, einen Freund ihres Mannes, sie laure schon den ganzen Nachmittag auf ihn, nun würde ihr Mann ihn wohl aus der Stadt mitbringen.
»Er wird doch nicht draußen am Zaun stehn?« fragte Renate mit halbem Lachen.
»Hat denn wer am Zaun gestanden?«
Renate fragte, gleichzeitig mit Irene, wie ihr Besuch denn aussehe. »Du kennst ihn ja selber,« antwortete Irene, »er heißt Klemens, er war auf meiner Hochzeit, seitdem kann er sich allerdings verändert haben.«
»Dann war ers glaub ich nicht,« sagte Renate, »dieser hatte keinen Bart oder einen ganz blonden, soviel ich sah, und Klemens war doch --«
»Einen blonden?« fragte Irene erschreckt und blieb stehn, »dann war es wohl ... Wie sah er denn aus, was hatte er an?«
»Einen Havelock und eine englische --«
»Albert!« schrie Irene, »mein Schwager wars! Er ist verschwunden vor acht Tagen! Aber das ist ja --! Entschuldige, bitte, ich muß sofort zu -- Am Zaun blieb er stehn, sagtest du? Ach, das ist ja --« damit war sie fliegend hinaus.
Also das wars, dachte Renate. Und Ägidi ist unten im Zimmer. Albert Vehm war doch erst vor kurzem aus Arosa zurückgekommen. Wie er nach den Kindern fragte ... Ich will doch lieber gehn! dachte sie und stand auf. Überdem wurde die Tür geöffnet und Herzbruch trat ein, trotz des Winters in seinem hellen Anzug, breit und stämmig und fröhlich, mit funkelnden Brillengläsern. Wo denn Irene sei, fragte er gleich, und ob Klemens -- sie kenne ja wohl seinen Freund Klemens, nicht da sei. Renate verneinte und erzählte noch einmal ihre Begegnung mit seinem Schwager, während jetzt Herzbruch im Zimmer auf und nieder ging, die Hände auf dem Rücken, zuweilen am Tisch stehen bleibend und drauf nieder blickend, als zähle er die Gedecke; als das Mädchen wieder eintrat, fragte er, welche Herde denn da zur Krippe gehn solle, und da das Mädchen Almanach stammelte, legte er ihr vernichtend die Hand auf die Schulter und sagte, es heiße Manach, Manach, und sie könnte ruhig noch mal so laut reden. Das Mädchen wurde glühend rot und entlief, -- zu Renate sagte er nur: »Das sind alles schwere Sachen, aber auf meine Schwester kann ich mich verlassen; was sie tut, unterschreib ich.«
Im Augenblick danach trat sie zur Tür herein, Irene hinter ihr, dann Ägidi. Es ist ja genau wie damals, dachte Renate, nur alles viel deutlicher und noch bänger. Dora Vehm freilich schien, wohl durch stärkeren Zwang als damals, gelassener, warnte mit ihrer hellen Stimme Renate vor den Masern; Alle setzten sich wie von selber wie damals um den Tisch; nur Georg fehlte; auch damals war Jason später gekommen. Irene war still, auch Ägidi. Dora berichtete Renate einiges von den Kindern, es gehe schon besser, sie seien munter, Jason sei noch bei ihnen. -- Renate tat eine Frage nach Klemens, und Herzbruch antwortete unbedenklich, ja, der habe seine eignen Methoden, komme oder komme nicht, vielleicht sei er erst bei seiner Schwester, er komme aus Irland. -- Renate erinnerte sich der kleinen Virgo, die jetzt ein Kind erwarten sollte ...
Nun sagte niemand mehr etwas, die Schüsseln gingen umher, dann öffnete sich die Tür, Herzbruch sah auf und sagte: »Da ist der Kalender.«
Jason kam herein, gab Allen leise kopfschüttelnd die Hand, setzte sich und fing an zu essen. Nach einer Weile blickte Herzbruch auf.
»Also, Kalender,« sagte er, »können Sie nicht etwas anregend wirken? Stellen Sie doch einmal einen Satz auf.«
Jason erwiderte höflich: »Gewiß, gern. Indem ich den Anblick zweier essender Ehepaare genieße, muß ich den Satz aufstellen ...«
»Zweie?« Herzbruch ließ den Mund still stehn und sah ihn mißtrauisch von der Seite durch die Brille an. »Sie haben ja 'n Vogel!«
»Das sagen Sie so,« erwiderte Jason, derweil Renate den Blick auf Dora vermeiden mußte, »aber mein Satz beruht eben darauf. Ich gedachte nämlich zu behaupten, daß man zwischen hundert Ehepaaren beliebig viel Vertauschungen vornehmen kann, und kein einziger der Betroffenen vermag es zu bemerken.«
Ägidi fragte: »Sag mal, -- bist du immer so?«
Nicht immer. Er sei verschieden, meinte Jason.
Früher sei er weniger nervös gewesen, bemerkte Ägidi.
Oh, er sei nicht nervös. Ägidi meine das Kopfschütteln. Das sei pathologisch.
Irene erklärte, er habe damals den Schiffsuntergang mitgemacht, blieb aber stecken und rief heftig tränenden Auges: »Wir haben Alle Esther schon vergessen!« so daß Renate erschrak.
»Die Zeit vergeht,« sagte Jason ruhig, »die Zeit ist sehr gut. Es giebt nicht annähernd so Gutes. Sie wird mir auch mein Kopfschütteln wieder nehmen. Ja, das Schiff war sehr groß und ging doch unter. Andre wurden wahnsinnig, ich habe das Kopfschütteln.«
Die Stille saß unheimlich und sich blähend vor Klemens' leerem Teller. Renate war weit fort, sah Esther in ihrem Garten, in Josefs Zimmer, immer blaß, gern lächelnd, arbeitsam, still. Sie hörte Jason durch Schleier sprechen, dann Irene, die zu erzählen schien, wie sie ihren Mann bekommen hatte. Herzbruchs Stimme ertönte schwer und gewichtig dazwischen, nun sah sie wieder den Herzog im Schloßhof stehn, barhaupt, mit einem Heiligenschein, und -- -- sieh, da war ihr Lächeln wieder da! Renate stand auf, da die Andern aufstanden, Dora ging gleich darauf aus dem Zimmer, das Mädchen deckte den Tisch ab, Renate fing an, auf und ab zu wandern, nahm ihre Muffe vom Sofa und wärmte sich. Jason hatte sich vor Irenes Vitrine gesetzt, öffnete sie, nahm dies und jenes hervor und betrachtete es; Renate blieb hinter ihm stehn und sah zu, ohne etwas zu sehn. Noch eben war Wageninneres, und der Herzog und hundert bewegte Gestalten, auftretend und schwindend, -- dann nur Stille der Winternacht, ihre Schritte, und im Dunkel, am Gartenzaun, der dunkle, wartende, einsame Mensch ... Wie war doch alles wirr! Nun Dora Vehm, und jemand ward erwartet, Ägidi kam und ging, Alle trugen etwas, und jeder sagte: Nichts ... ich trage nichts ...
Renate schreckte auf, da sie sich auf dem Sofa fand; mitten im Zimmer stand Irene, wieder in ihrem weißen Tuch, und sagte: »Aber Jason, was machst du denn da?«
Renate folgte ihrem Blick, sah links in ihrer Nähe das Ende des Flügels, sah ihn schräg ins Zimmer ragen, aus der Ecke, wo unter der hohen Figur des delphischen Wagenlenkers, die tief im Schatten stand, Jason saß, die Lider gesenkt, die Arme hin und her bewegend, als ob er spiele, aber er brachte keinen Ton her. Renate sah ihn schweigend an, nichts erfolgte, Jason bewegte hin und wieder das Gesicht, als folge er seinen Händen in Baß und Diskant, dann hoben sich langsam seine Lider, Renate fand seine Augen leise glänzend auf sich gerichtet, er sagte -- und im selben Augenblick hörte Renate deutlich -- und doch gab es keinen Laut im Zimmer als Jasons Stimme -- die Töne, die langsam sich hinzählenden, unendlich beruhigenden Sechszehntel des ersten Präludiums aus dem Wohltemperierten Klavier, und Jasons Stimme sagte darüber: »Ich weiß, was du denkst.«
Und nach einer Weile, während die Sextolen ruhig weiter perlten:
»Das Leben ist nicht wie in Schriften und Büchern der großen und kleinen Autoren. Es ist wie auf Triften dort klar und erkoren, wie Springen der Lämmer, wie Singen von fern, wie des Hirten Schalmei, nicht im Dämmer der Unzahl verloren. Es löst sich ein Schicksal wie Duft aus den Poren der Blumen, du atmest und riechst es dabei, und da glüht es und scheint dir, und Lippe, die redet, und Lippe, die weint, ist dir alles vertraut und benennbar und gar nicht unsäglich, auch jenes, das dumpf und ergraut, -- denn es waltet nur eines zur Zeit, und das Leid und das Licht, und die Nacht des Geweines, der Tag voll Verzicht und die Treue des Steines, sie wechseln und ruhn, sie verwechseln sich nicht, und hat jedes sein Wort und Gesicht und besonderes Tun, und du siehst es sich klären. -- -- Du aber gehst mit gebundenen Händen und kannst dich nicht wehren, du wanderst und stehst, und bist niemals allein, und hast keine Erfahrung. Wie Farben im Staube der Wasser sich bilden, ohne Gewicht, ohne Odem und irdische Nahrung, so siehst du die wilden, die niemals erkannten, verwandten Geschicke sich wölben am Weg, und wanderst vorüber mit gänzlich verzaubertem Blicke, dir selber in Farben und Lichtern wie seltsame Städte mit vielen Gebäuden und Angesichtern unkenntlich erscheinend; und nichts ist bestimmt, und wo etwas beginnt erst, da scheint dir ein Ende, und wo es verschwimmt, scheint dir alles versteint, und lautere Rufe und bunteres Leuchten verschlingen dein Eigentum, -- dunkel die Stufe, so dunkel das Zimmer und dunkel dein Auge ins Dunkel hinein, und nur von deinem Blut der rote Schimmer, wenn die Stunde kam, die eine, deine Stunde, -- und du bist allein.«
Es tropfte heiß auf Renates Hand. Sie bat Jason mit einem Blick, ihre Augen loszulassen, und gleich senkte er die Lider über die seinen. Seltsam groß und schön, aber wie in weiter Ferne, schwebte der mattleuchtende violette Umhang der Lampe über dem Eßtisch; davor stand Irene unter ihrem Tuch, Renate den Rücken wendend. Mein Gott, sie weinte ja, -- was war denn zu weinen? Leise klappte der Klavierdeckel, Jason stand auf, ging zu Irene, legte die rechte Hand auf ihre Schulter, und hielt seine Hand gegen das Licht, so daß Renate ihren Schattenriß sah, und sagte:
»Siehst du wohl, da drinnen sitzt die ganze Musik, Bach, Berlioz und alles. Manchmal, wenn ich so in der Dämmerung sitze, kann ich die kleinen Notenfunken herausspritzen sehn, und wenn ich sie bloß auf einer Tischplatte die Griffe machen lasse, höre ich die herrlichste Musik. Kein Mensch weiß, wieviel zu hören wäre, wenn es nur einmal ordentlich still sein dürfte. Aber ihr habt euch ja nun einmal das Lärmen angewöhnt. Wie ist es, Renate,« fragte er, sich umwendend, »ich kann Reinhold wohl sagen, daß er noch etwas warten soll?« sprachs, nickte winkend und ging hinaus.
Vor Renates Augen senkten sich Schleier um Schleier; immer ferner schwebte das sanfte Licht, das nun Jasons Stimme seltsam verschwistert war. Auch Irene war nicht mehr da, es war nichts mehr, die Zeit war hinausgegangen, nur noch die Stille webte im Raum, fast konnte sie die Fäden sausen und Maschen fallen hören, und langsam schwebte der schattiggrüne delphische Lenker herab; starr, wie die Kannelüren einer Säule flossen die Falten seines Rockes zu Boden, er hielt die Zügel ganz leicht, matt glänzte das Gold seiner Stirnbinde, ruhig blickte das Auge gradaus, der volle, wie zum Pfeifen gespitzte Mund blieb stumm, und unsichtbar in den Zügelriemen bäumten sich die Geschicke.
Es war wieder heller; eine Stimme, Irenes Stimme sagte von drüben, vom Kamin her, -- ihr Tuch schimmerte dort:
»Dieser Mensch geht nun ein und aus bei dir und mir und trägt das Jenseits in der Hand wie einen kleinen Vogel. Kannst du denn noch wissen, wenn du ihn recht ansiehst, was Gut und Böse ist? Ist er denn gestorben? Und nimmt er an uns und allem nur Anteil, weil er noch mit unsrer Gestalt bekleidet ist und nicht ganz zur Ruhe kommen kann?
»Ich glaube, er hat, noch eh wir ihn kannten, so viel menschlichen Jammer mitgelitten, daß er sich hat dran gewöhnen müssen, und das Schrecklichste ist ihm nun das Einfache; wie gutartig und leicht müssen da wir ihm --«
Sie brach ab. Tief und deutlich fragte Herzbruchs Stimme durch den Vorhang aus dem Nebenzimmer: »Bitte, wie spät ists?«
Irene antwortete nach einer Weile: »Dreiviertel zehn«, und im Augenblick danach schlug die schwere Pranke der Standuhrglocke in Herzbruchs Zimmer dreimal summend auf. Als sei nun alles wieder in Bewegung -- so schien es Renate --, fiel neben ihr Irenens weiß und gelber Angorakater von der Fensterlehne auf das Sofa, duckte sich, kroch dann auf ihren Schoß. Lazarus hieß er, weil er so gern in Schößen saß. Da trat auch Jason wieder ein. Renate hatte das Gefühl, gehen zu müssen, aber nun hatte Jason ja gerade dem Chauffeur aufgetragen, zu warten. Einige Minuten lang sprach niemand ein Wort im Zimmer; nebenan wurde ein Stuhlrücken hörbar, Herzbruchs Schritte machten den Boden leise beben, er setzte sich wieder. Jason sagte:
»Ich hab vergessen: Ägidi läßt sich entschuldigen, er ist fort. Dafür kommt ja nun Klemens.«
»Heut abend noch?« fragte Irene. »Das ist ja Unsinn!«
Jason erwiderte nichts. Renate dachte an das, was er eben vom Klavier aus gesprochen hatte, konnte sich aber nur auf den Anfang besinnen: Das Leben ist nicht wie in Büchern und Schriften der großen ... Nun schien es noch stiller zu werden. Jason saß am Eßtisch, ganz grade, die Unterarme auf der Decke. Einmal griff er nach dem Umhang, hob ihn und blickte, die Augen halb schließend, nach den Glühbirnen; ein Lichtstreif fiel dabei ins Zimmer. Ganz hell schrillte die Hausglocke. Renate zuckte zusammen, Irene richtete sich im Sessel auf und saß still und grade. Wieder gingen Minuten, Schritte wurden auf der Treppe, auf dem Flur hörbar, das Mädchen trat ein und meldete: Ein Herr wünsche Herrn Doktor zu sprechen. Irene stand auf, murmelte etwas Unverständliches, rief: »Otto!« kaum laut genug, daß er es hören konnte.
Das Mädchen wich zurück, wieder kamen Schritte, in der offenen Tür erschien eine untersetzte kräftige Gestalt in dunklem Anzug, den Rockkragen hochgeschlagen, und Renate erkannte Klemens' schwarze Bartfräse, die dicken Brauen und die schwere Nase. Er verbeugte sich mit dem Rücken statt mit dem Nacken und sagte: »Guten Abend.«
Jason stand auf und gab ihm die Hand, Irene lief plötzlich zur Vorhangtür und rief hindurch: »Otto! kannst du denn nicht hören?«
Der erschien gleich darauf in der Tür, blieb stehn, sah, wie er pflegte, durch die obere Hälfte der Brillengläser umher, sah Klemens und war mit zwei gewaltigen Schritten bei ihm, schüttelte ihm die Hand und sagte weiter nichts als: »Na, da bist du ja!« Klemens lächelte nur.
»Hier ist meine Frau, du kennst sie ja noch,« sagte Herzbruch, »und das ist Fräulein von Montfort.«
Nun ging er zu Irene und gab ihr die Hand, ebenso Renate.
»Jetzt essen!« meinte Herzbruch, »Irene, er will essen.«
Klemens dankte, er habe ...
»Keine Widerworte,« sagte Herzbruch, »du --«
»Nein, wenn ich doch sage,« versicherte Klemens, »ich hab anderthalb Pfund Bananen ge--«
Bananen? Ob das Essen wäre! »Nichts da«, sagte Herzbruch, Klemens aber beharrte: »Na, Höllenelement, ich will aber nichts fressen!«
»Oh la la --« sagte Irene wie zu einem Kutschpferd, »schreit er immer so, Otto?«
Herzbruch drehte sich halb nach ihr um, sagte dann: »Ja.« Darauf zu Klemens: »Sag mal, hast du eigentlich keinen Mantel? Hör mal, du bist ja klatschnaß! es schneit wohl wieder?«
Klemens lachte und erklärte, seinen Mantel hätten sie ihm unterwegs weggenommen. »Da war so ein Knabe, weißt du,« sagte er, »kam aus Kiew, war ausgewiesen, wollte nach England und ließ sich so von einer jüdischen Gemeinde zur andern bugsieren, war aber leider das Frieren nicht gewohnt wie ich.«
Irene, die den Männern den Rücken zudrehte, sagte halblaut zu Renate, die vor ihr stand: »Der ganze heilige Martin auf Ottos Kosten«, und drehte sich weg. Herzbruch zog seinen Freund in einen der Sessel am Kamin und setzte sich zu ihm. »Ja, nun also schlafen,« riet er, »Irene --«
Das würde kaum gehn, sagte sie obenhin, Jason bliebe doch natürlich hier bei dem Wetter, wie immer, und im andern Zimmer hinge Doras Kinderwäsche zum Trocknen. Herzbruch sagte, dann würde die eben abgenommen.
Das Mädchen sei schon schlafen gegangen, es wäre zehn Uhr.
Klemens lehnte sich derweil hintenüber und wollte sich lautlos ausschütten vor Lachen, als ginge der Streit gar nicht ihn an. Herzbruch schwieg eine Weile, sah seine Frau mißtrauisch an, bemerkte dann kurz: »Also sorge bitte für eine Decke für mich, er schläft in meinem Bett. Bring auch was zum Trinken mit.«
»Wein oder Bier?« sagte Irene.
»Danke, keins von beiden, ich --«
»Denn nicht«, sagte Irene und ging hinaus. Klemens sprang auf, lief zur Tür, machte sie auf und rief: »Ich trinke nur Wasser, Rebekka, klares, biblisches Brunnenwasser!« und lachte.
Herzbruch, wider Willen mitlachend, sagte: »Sie heißt nicht Rebekka«, worauf Klemens meinte, sie schiene ihn jedenfalls für ein Dromedar zu halten. Dabei sah er den Wagenlenker in der Ecke, ging daraufzu, faßte ihn ins Auge und sagte: »Ah! -- Das ist schön! Wer ist das?«
Jason, in der Vorhangtür neben ihm, erklärte, es sei der sogenannte delphische Wagenlenker. Klemens ließ ihn nicht ausreden und beklagte den fehlenden Arm. Aber man könnte doch sehn, wie die Zügelriemen aus den Händen flössen! Und dieser achtsame, unbeeinflußbare Blick, dieser pfeifende Mund! Über das Klavier gebeugt, spähte er nach den Füßen und pfiff durch die Zähne.
»Wetter noch mal,« sagte er, »wie die Füße dastehn! aufgesetzt, festgesaugt, und der Faltenfall des Rocks, dieser Reichtum, wie das niedergießt! Er hat ja Lorbeern im Gehirn. Ja, der weiß, was es heißt, dastehn im Tumult der Begeisterten, im Toben, im Gelächter, das sich überschlägt, und tausend winkende Hände, Kopftücher, Zweige, Tumult ... In Marseille,« sagte er zu Herzbruch hinüber, »weißt du noch? Jean Jaurès, der hatte sie so an den Händen, mehr als zwei glatte Gäule, zehntausend, zehntausend Köpfe, zehntausend Herzen, aus seinem Herzen gelenkt, daß sie schreien mußten, atemlos und lachend vor Erschöpftheit ...«
Renate hatte schon vor einer Weile Dora Vehm in der Tür erscheinen sehn und hörte nun ihre helle Stimme -- wie heiß und schwarz doch ihre Augen waren und das ganze dunkle Gesicht leuchtend durch und durch von Leben und Seele! --: »Aber Klemens, das können Sie doch auch! Wissen Sie nicht mehr: Jena ...?«
Klemens drehte sich um, streckte die Hand nach ihr aus und freute sich: »Dora Vehm,« sagte er, »alter Kamrad, was macht denn die Küche?«
Jason trat leise neben ihn, klopfte ihn auf die Schulter und sagte: »Sie! Ich bin auch ein Redner. Ich könnte auch eine Rede halten, aber Irene hat heut abend keinen Sinn mehr dafür.«
Irene stand mit einem Glas Wasser auf einem Teller, das sie augenscheinlich Jason an den Kopf werfen wollte. Der fuhr indessen fort:
»Sehen Sie, da hat der Delphier nun jahrelang in seinem Winkel gestanden, kein Mensch weiß wozu, und nun kommen endlich Sie und benutzen ihn, um Ihre schöne Seele zu offenbaren. Sehen Sie nicht auch, Dora, daß es kein Wagenlenker, sondern ein Redner ist? Wenn Naumann den Rock anhätte --«
»Gut, Herr Adreßbuch,« sagte Klemens, »Sie haben es vortrefflich ausgedrückt.«
Jason schien darauf gekränkt und meinte, er drücke alles vortrefflich aus, und ob das vielleicht jemand für ein Vergnügen halte, worauf er sich abwandte.
Irene stand steif wie aus Gips mit ihrem Teller. Eben noch versunken in Jasons >schöne Seele<, dachte Renate, und nun ist sie zur Spinne geworden. -- Da sah Klemens das Glas, ging hin, ergriff, tranks aus, setzte es wieder auf den Teller und bedankte sich.
Renate war froh, daß Herzbruch ihn nun mit sich in sein Arbeitszimmer zog; sie saß auf dem Sofa, ungeduldig fortzukommen. Klemens gefiel ihr, aber wie laut war es auf einmal geworden! All die hellen und dunklen Stimmen, Irenes, Herzbruchs, Doras, Klemens', dröhnten durcheinander; sie sehnte sich wieder nach dem Schweigen ihres Zimmers, ja fast nach dem Schweigen des ganzen Hauses. Da flog auf einmal Irenes Teller neben ihr aufs Sofa, sie gewahrte nachträglich die schlenkernde Handbewegung, mit der Irene, jetzt mitten im Zimmer stehend, den Teller geworfen hatte. Jetzt raffte sie mit zwei flügelhaften Bewegungen der Ellbogen ihr Tuch, das über den Rücken herabgesunken war, wieder um die Schultern, warf den Kopf nach hinten gegen das Nebenzimmer zurück und sagte nachdrücklich: »Pfui Deubel!«
Dora trat neben sie und mahnte: »Na, na, Kind!«
»Mich friert«, sagte Irene tief und hart. »Ich glaube, vor dem fürcht ich mich. Man kann seine Augen nicht sehn. Hat er Augen, Dora? Renate! Dann müssen sie durchsichtig sein, und nichts ist dahinter.«
»Richtig! Sehr gut!« lobte Jason. »Er hat Seefahreraugen. Auf allen Seiten das Meer.«
»Und sein Mund,« fuhr Dora fort, »daß du's weißt, ist wie der des Delphiers.«
»Auch das noch«, murrte Irene. »Wenn er auch sein Kinn hätte, wär mir der Delphier ganz verekelt.«
Renate stand auf; sie hatte genug. Auch Doras Gesicht schien ihr jetzt verfallen und welk. Sie ginge mit ihr hinunter, sagte sie zu Renate; zu Irene dann: »Laß uns schlafen gehn, Kind, der Tag war voll genug. Laß uns schlafen und geduldig sein.«
Sie umarmten sich, gingen zum Vorhang, winkten hinein und riefen: »Gute Nacht, ihr Männer!« Irene küßte Renate flüchtig, die mit Dora zur Tür ging, aber sie waren noch nicht hinaus, als Renate Irene fast ängstlich rufen hörte: »Dora! -- -- Dora! was wird aus uns werden?«
Dora wandte sich nach ihr um. Mit tieferer Stimme sagte sie ruhig: »Was fragst du mich? Ich will standhalten. Das andre findet sich. Sei nicht töricht, Irene! Und mach dir keine Sorge um mich. Ich habe meine Kinder. Solange ich die habe --«
Sie verstummte, strich hastig mit der Hand übers Gesicht, lächelte Renate fremd zu und führte sie hinaus.
Auf den Treppen und dem Weg zum Automobil sprach weder Renate noch Dora ein Wort, -- aber als sie öffnete, saß bereits Jason darin, pfiffig im Dunkeln. Sie fuhren, ohne Licht gemacht zu haben. Bald überfiel Renate von neuem die Unrast, sie kam nicht schnell genug vorwärts und in ihr Zimmer, und sie preßte unter der Pelzdecke die Finger ineinander, bis sie Jasons Hand fühlte, die er auf die ihren legte, die sich nun leichter zusammenschlossen. Und es dauerte keine Minute, so ward sie ruhig und ruhiger, ihr war, als ob ihr ganzes Wesen schmelze ins Allgemeine und Sanfte, und da zogen langsam von links nach rechts die Gesichter des Tages vorüber, das des Herzogs, Doras, Ägidis, Irenes und ihres Mannes, und das von Klemens, und nicht nur diese, sondern auch die nicht gesehenen Georgs, der fremden Sigune und ihres Lehrers, zwar diese kaum sichtbar, aber sie wußte, daß sie es waren, und das Schwinden eines jeden fügte eine neue Erleichterung zu der alten. Wie leicht rollte der Wagen durch die Nacht! Sie freute sich auf ihr Zimmer, dachte, daß von allen verworrenen und unkenntlichen Schicksalen keines zu ihm Zutritt habe als das ihre, ja vielleicht nicht einmal das, und überdem fielen Jasons Worte ihr wieder tropfend ins Herz: Das Leben ist nicht wie in Schriften und Büchern ... Sie suchte den Weitergang, aber die rechten Worte fand sie nicht, glaubte jedoch nun erst zu verstehn, was sie erst nur als Musik und Wohltat empfunden hatte. Vielleicht, dachte sie, ist wirklich das viele und frühe Lesen schuld an so mancher Wirrnis, mancher Ungeduld, und wieder hörte sie's tönen: Das Leben ist nicht ...
»Wie hieß es doch,« fragte sie leise nach dem unsichtbaren Jason hinüber: »Das Leben ist nicht wie in Büchern und Schriften, denn dort ... Ich verstehe es nicht mehr ...«
»Dort,« hörte sie seine Stimme gedämpft, »dort scheint es dir, als sähest und hörtest du alles zum ersten Mal, was geschieht, was sie sagen, dieser und diese, jener und jene, was sie denken, was sie tun und erleben. Dir aber ist alles angefüllt mit der Erinnerung, weißt du es nicht? Überall tönts dir entgegen: Erinnerung ... Erinnre dich nur! erinnre, erinnre dich! Und: Erinnerung! denkst du versunken und siehst von allem nichts, wie es ist, sondern immer in allem nur das, woran es dich erinnert ...«
»Und dies auch,« sagte sie fragend, »daß dort immer Gestalt um Gestalt so sichtlich und klar sich erhebt; und so kenntlich und gesondert in Farbe und Erscheinung bildet sich aus Schicksal und Anteil ein leichtes Geflecht, -- ist es nicht so, Jason?«
»Und eines hat soviel Gewicht wie ein andres,« vollendete er, »alles ist abgewogen und schwer befunden. Wenn aber ein Mensch erscheint, und nur einer ist vor ihm da, so glaubst du schon viel zu wissen, und was auch sich ergiebt und ereignet, es scheint, als hättest du es geahnt.«
»Am Ende aber,« begann Renate von neuem, »am Ende löst sich alles doch irgendwie, ob im Guten oder im Bösen; wie ein längst erwarteter Gast so einfach kommt der häufige Tod, und wenn es denn aus ist, so ist auch immer alles gänzlich und ein für allemal zu Ende.«
»Ja,« sagte Jason, »ja, da erwartest du denn auch in deiner eignen Welt dergleichen und bist erbittert womöglich, gekränkt und schon ungeduldig, wenn jenes nicht kommt, und dieses ganz andere erscheint, und --«
»So brüchig, Jason, nicht wahr, ohne Weiche, nüchtern, ohne Absicht, ohne Übergang, ohne alle Musik, ohne Klang und Gesang --«
»Da in Büchern«, fuhr er ruhig fort, »doch alles gesungen scheint ...«
»Ach, aber in Wirklichkeit, Jason, ist nichts unterschieden vom andern, nichts ist zu ahnen, nichts wird kenntlich, es wirbelt alles und versitzt sich, Stimmen schallen fern und nah, überschallen, bekriegen sich fassungslos --«
»-- und jedes«, bekräftigte er geduldig, »scheint, es scheint so oder so und ist doch anders, ganz anders in Wahrheit, tiefer das Flache, schwerer das Leichte, unerträglich das Schwere, unendlich das Unerträgliche, und du siehst: es trägt sich doch. Nichts wird dir zugewogen, es stürzt über dich herein, Fremdes, Verwandtes, Bittres, Unbekanntes, Lustiges, Trübes, Buntes, Klagendes, Weinendes, alles ist dir ein Unsal von Gewalt, und zu jedem kommst du viel zu spät, denn es ist längst bei dir, wenn du dich aufmachst nach ihm ...«
»-- und nichts nimmt nirgends ein Ende ...«
»Aber dennoch, Kind,« sagte er beschließend, »wenn du allein bist mit deinem Bett, deiner Wand, deiner Lampe, so hat dich auch alles verlassen, denn da Bild und Erscheinung alle fern sind, woran kannst du dich erinnern, um dein eigenes Schicksal zu erkennen? -- Du siehst dich selber kaum, die Nacht steht fremd dabei, und vor dem Fenster rauscht der alte Baum, und dich umrauschts, und jemand sagt: Verzeih ...«
Renate erkannte im Dunkel die Laternen und Vorgärten der Güntherstraße. Jasons Hand löste sich, sie schlang hastig die Arme um seine Schulter und küßte seine Wange. -- Zu Reinhold sagte sie, er möchte Jason nach seiner Wohnung fahren.
Dann schien sie sich aus dem Wagen ohne Übergang in ihr Zimmer geraten, unsichtbare Hände nahmen ihr die Kleider ab, sanfte Müdigkeit nahm ihr auch die Glieder, rauschte es in der Nacht? Zweige oder Flügel? In weiter Ferne zeigte sich ein ernstes Gesicht. -- Ich warte! sagte sie.
Dann schlief sie ein.
Sechstes Kapitel: April
Zinna (Georg an Benno)
xten April, im Fahren
Mein guter Benno:
Fahrt durch Land Beuglenburg. Das Wagenverdeck ist hoch, es hat eben aufgehört zu regnen, oder vielmehr ist Nebel aus dem Regen geworden. Links, rechts, vor mir, hinter mir: Moorlandschaft, öde Ebenen, auf denen die Nebel eines ewigen Februars zu stehn scheinen. Schwarze Bohrtürme auf dem Horizont machen keinen ermutigenden Eindruck. Ich rolle dahin, ich flüchte über diese rollende Kugel Erde, auf der wir ein kleines, flach scheinendes Stück kennen. O Polykrates, o Schiller, o idealische Gefühle! Ich sage nicht, daß alles käuflich sei, ich bin milde gelaunt, obschon trostlos, und sage, daß alles gekauft sein will. Erzählte ich Dir nicht einmal von einem sonderbaren Traum, von einem Filmfestzug, in den ich nicht hineingelangte? Weiland Josef Montfort prophezeite: so erginge es mir im Leben. Meine Gedanken, die es an sich haben, immer merkwürdig leichtfüßig zu bleiben, tragen mich eben in Hauffs Geschichte des jungen Said. Er mußte in Balsora Teppiche und Schleier feilbieten, obgleich er das Patenkind einer Fee und im Besitze ihrer Gabe, einer kleinen Pfeife war, die ihre Hülfe in jeder Mißlage seines Lebens herbeizaubern würde, -- nicht jedoch --: vor seinem einundzwanzigsten Lebensjahre. Vielleicht hab ich auch eine Flöte, eine Fee, einen Ablauftag des Unschicksals, und dies vielleicht, dies Mädchen, diese Heirat -- ich kehre ins obere Gleichnis zurück -- ist der letzte, endgültige Preis, mit dem ich mich zum Handelnden in den Film einkaufe, so daß ich mein eigen Bildnis im Schwarm der Schreitenden, Triumphierenden irdischen Göttern gleich werde dahinfliegen sehn. --
Aus der Ebene, über den Nebel steigt ein schwarzer Kegel, Türme einer kleinen Stadt werden an seinem Fuße sichtbar, jetzt auch Türme auf dem Kegel: Schloß Zinna. Dort oben haust das andre Opfer, die arme Braut, und macht sich von dem Kommenden die sonderbarsten Vorstellungen. -- Herrgott, ist dies ein Land! Um diesen Morast auszubessern, werde ich ganz Trassenberg hineinschütten müssen. Hinter der Grenze war mit einem Schlage alles anders. Dieser Tag ist so trostlos, daß er Einöden und Paradiese einander ähnlich machen könnte, aber bei Beuglenburg und Trassenberg brachte ers nicht zustande. Ich kam durch Landstädte, so langweilig wie Speisekammern, in denen alles aufs Geratewohl irgendwo hingestellt ist. Die Dörfer armselig, verfallen, schmutzig, an keinem Fenster mehr eine Blume, die Kinder schmierig, dickschädlig, dünnbeinig, ekelhaft selbst die keifenden Hunde. Dann die Moorkanäle, schwarze Lineale, entseelte Gräben; auf den breiteren, über die ich hinjagte, -- da kommt wieder einer! diesmal läßt sich sogar ein Segel drauf sehn, ein braunes, welkes Blatt -- diese langen Kähne, die vorwärtsgestakt werden. Nun, wozu schreib ich das? Schloß Zinna wird sichtbar, es scheint ein getünchtes Kloster, lange Fronten mit unzählbaren, kleinen Fenstern, stumpfe, runde und eckige Türme. Meine Hupe wird ihnen wie ein Gjallarhorn dröhnen, wenn ich in die eremitischen Höfe fahre.
Guter Benno, Du bist einer der wenigen, die meine Geschichte von Anfang kennen, ich glaube sogar der Einzige, der sie überhaupt kennt. Erinnerst Du Dich noch der ersten Stunde im Schlößchen, wo ich von Napoleon erzählte? Ob ich gegen Sterne kämpfe oder mit ihnen, -- wer weiß es? Ich bin den Weg weitergegangen, der -- hoppla, das war ein Sprung auf die Brücke! Dies muß der Styx gewesen sein, so sah er aus, trotz eines Motorbootes, das an der Brücke lag. Vor mir liegt ein Stadttor, ganz mittelalterlich. Später weiter.
Nachts
Ich fahre einfach fort:
Durch schaurige Straßen von Kopfsteinen, über einen ganz netten Marktplatz mit Kugellinden, wieder zur Stadt hinaus, durch eine alte Allee zerfallender Kastanien -- braune Vorjahrsblätter an schwarzen Ästen und auf dem schwarzen Boden -- brauchte der Wagen auf endlosen Schlangenwegen fast eine Stunde hinauf; oben zeigte sich wenigstens schöner Fichten- und Birkenbestand, aber die Hecken im französischen Park -- durch die Gittertore sah ich hinein -- schienen seit hundert Jahren nicht beschnitten, die Einfassungen der Teiche zerfielen an der Luft, die Sandsteinfiguren fehlten auf den Postamenten -- wie enthauptet standen sie da --, die Becken lagen voll modernden Laubes. Dann der Schloßhof, himmelhohe Mauern im Rhombus mit violetten blassen Fenstern, die drei Fische im Wappen überm Tor nicht mehr zu erkennen, im Jahrhundertregen, der hier fällt, davongeschwommen, die Helmzier mit Taubendreck besudelt, -- ja, es gab Tauben; da sie liefen und nicht sprangen, können es keine Dohlen gewesen sein. Drinnen stand Eiseskälte, standen erfrorene Menschen mit einem steifen Spruchband vorm Mund, -- eine Kälte übrigens, die in meinem Blut die letzte Wärme prickeln ließ, so daß ich mich vermutlich mit jovialer Munterkeit benommen habe ...
Ich sitze nun an einem von diesen hundert Fenstern im längsten Bau; es ist Nacht, aber der Mond ist da, eine kümmerliche Sichel, die sich schwermütig durch unablässig flutendes Gewölk dahinwühlt, und wenn ich mich hinausbeuge, kann ich diese hundert Fenster leise blitzen sehn, flach auf die Mauer geklebt, als wäre nichts dahinter. Die Nacht ist kühl, aber ich glühe, von Wein, Rührung und Mißmut, habe so viel geschwiegen, daß ich mich nun sehr geschwätzig fühle, die drei Kerzen im silbernen Leuchter schneuze und von der Schreibeschrift in die Stenographie übergehe -- ach, Benno, wann war das, als wir Primaner, Sekundaner waren und unsre Ferienbriefe stenographierten, teils wegen Lernens, teils wegen überschwänglich viel zu sagender Dinge! Kannst Du denn immer noch lesen, guter Benno? Also lies: