← Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee

Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee (part 2 of 3)

Part 2 of 3 · Werner, Bartholomäus von · Public domain text

About this edition

Source: Project Gutenberg e-text #53946, public domain in the United States · text not rewritten or summarized · How RedLectern is built

 

Contents (3)

Continue:

Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee (part 2 of 3)

So habe ich heute Morgen Apia verlassen und vor Antritt der Reise auf Wunsch des Consuls nur noch einen Abstecher nach der kleinen Insel Manono gemacht, da noch immer keine Nachricht von der erfolgten Bestrafung der Leute, welche mit dem französischen Priester den Angriff auf die deutsche Plantage gemacht hatten, eingetroffen war und der Consul vermuthete, daß die Regierung zu schwach sei, eine solche von der trotzigen Bevölkerung von Manono zu erzwingen. Nachdem der Gouverneur der Insel, um den angedrohten Maßregeln von unserer Seite zu entgehen, die Bestrafung zugesagt und versprochen hatte, darüber dem Consul zu berichten, kehrte dieser Herr in einem mitgenommenen offenen Boot nach Apia zurück, während wir die weite See aufsuchten, deren Wesen uns nach der langen Hafenzeit von fünf Wochen und der Ungewohntheit so langen Stillliegens beinahe fremd geworden ist.

Die Samoaner sind ein schöner Menschenschlag, die Männer groß und stattlich, die Frauen zierlich und fein gestaltet, von nur Mittelgröße. Aber nicht nur der Unterschied in der Körpergröße der beiden Geschlechter, welcher dem unserer kaukasischen Rasse entspricht, fällt auf, wenn man von Tahiti und den Gesellschafts-Inseln kommt, sondern auch die Aehnlichkeit der Charakterveranlagung mit unserer Rasse. Denn die Männer besitzen im allgemeinen die Tugenden, welche wir als männliche bezeichnen, und die Frauen sind, abweichend von ihren Schwestern auf den von mir bisjetzt besuchten polynesischen Inseln, sanft, einschmeichelnd und aufopferungsfähig, haben eine weiche Stimme und können in der Regel als häuslich veranlagt gelten. Wie mir erzählt wurde und was ich selbst schon erkannt zu haben glaube, halten die Samoaner auch streng auf Formen, beobachten in ihrem Verkehr feine Sitte und Anstand, sind außerordentlich gastfrei, reinlich an ihrem Körper wie in ihren Wohnungen und können in gewissem Sinne als ein Culturvolk betrachtet werden. So soll auch ihre Sprache der reinste und ausgebildetste der verschiedenen polynesischen Dialekte sein, sodaß man die Samoaner als die Aristokratie Polynesiens bezeichnet und aus den angeführten Gründen vielfach auch für das Stammvolk der Polynesier hält. Diese höhere Stufe soll ihnen auch von den Eingeborenen der Tonga- und Fidji-Inseln zuerkannt werden, gilt doch auch den letztern die Redewendung „Sie ist so schön wie eine Frau von Manono“ als Bezeichnung der höchsten Vollendung des Weibes, und streben doch die Häuptlingsfamilien beider Inselgruppen danach, für ihre Söhne Töchter aus vornehmer samoanischer Familie als Gattinnen zu erhalten. Auch sollen die jungen Männer Tongas es als höchstes zu erstrebendes Ziel betrachten, sich auf samoanische Art tätowiren zu lassen und oft dazu für einige Zeit nach den Samoa-Inseln übersiedeln, weil der König von Tonga auf seinen Inseln das Tätowiren verboten hat.

Vor dem niedern Volk zeichnen sich äußerlich die männlichen Mitglieder der Häuptlingsfamilien durch größere Gestalt aus und beide Geschlechter thun dies durch bessere Körperhaltung, denn wenn auch der gewöhnliche Mann sich im allgemeinen gut hält, so kann man dies doch nicht immer von den Frauen sagen, während die Häuptlingsdamen stets eine tadellose Haltung zur Schau tragen und einen auffallend stattlichen Gang haben. Schon nach wenigen Tagen konnte ich an diesen Merkmalen ziemlich sicher die Mitglieder der Häuptlingsfamilien erkennen. In die Augen fallend ist ferner, daß die Samoaner noch ziemlich streng an ihrer alten Lebensweise und ganz an ihrer alten Kleidung festhalten. Die einzige inzwischen eingeführte Aenderung der letztern besteht darin, daß an Stelle des alten für das Kleid verwendeten Stoffes europäische Baumwollgewebe getreten sind, doch tragen die Häuptlinge der obersten Klasse, wenn sie sich in Apia zeigen, auch neben dem nationalen Lava-lava noch ein weißes europäisches Hemd, und die wenigen wirklich zum Christenthum übergetretenen Frauen befleißigen sich, in der Stadt ein Stück Zeug, welches über den Kopf gestreift Brust und Rücken bis zu den Hüften bedeckt, umzuhängen. Doch legen die Leute diese ihnen immerhin fremden Kleidungsstücke ab, wenn sie bei festlichen Gelegenheiten ihre alten Staatskleider anlegen. Lange Frauenkleider, wie sie in Tahiti und auf den Gesellschafts-Inseln gebräuchlich sind, werden hier nur von den an Weiße oder Halbweiße verheiratheten Samoanerinnen und von den Dirnen, welche sich mit der Einwanderung der Europäer auch in Apia eingefunden haben, getragen, doch kann dies nicht als Fortschritt bezeichnet werden, da die Kleider meistentheils unsauber sind und die Unsauberkeit der Kleidung sich auch auf das Haus und den Körper überträgt. Diejenigen Eingeborenen, welche sich den Luxus eines Lava-lava aus Baumwollstoff noch nicht gestatten können, tragen solche aus Tapa, dem aus der Rinde des Maulbeerbaums hergestellten Stoff, oder begnügen sich mit einem bis zu den Knien reichenden Grasschurz. Eine Eigenthümlichkeit, welche mit der Kleidung in ursächlichem Zusammenhang zu stehen scheint, ist die Sitte, den Körper nur soweit zu tätowiren, als er in der Regel bekleidet getragen wird, nämlich von den Hüften bis etwas unter die Knie, und ich bringe dies mit dem scharf ausgeprägten Schamgefühl der Samoaner in Verbindung. Denn da bei den großen Festen die jungen Männer unbekleidet erscheinen und nur eine kleine Blätterschürze von etwa 25 cm Durchmesser haben, so wollen sie für diese Gelegenheiten die sonst bekleideten Körperflächen doch wenigstens durch Malerei bedeckt haben. Hierfür scheint auch der Umstand zu sprechen, daß nur die Männer regelrecht tätowirt sind und die Frauen sich mit einem kleinen Muster in der Form einer Brosche in der Kniekehle und einigen kleinen Sternen und dergleichen Zierstücken an den Lenden, einem Namen auf dem Arm und blau eingeätzten Ringen auf einzelnen Fingern begnügen.

Die Hautfarbe der Samoaner ist die der übrigen Polynesier, das Haar ist schwarz, dick und starr. Zwar findet man häufig auch röthliches und sehr oft gekräuseltes Haar, doch ist beides Kunst und eine Folge des beliebten Kalkens desselben. Ob dies geschieht, um das Haar zu färben und zu kräuseln, oder nur um es von Ungeziefer zu reinigen und die Veränderung dann nur eine nothwendige Folge des Kalkens ist, oder ob es den dreifachen Zweck bewirken soll, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls sehen die braunen jungen Gesichter sehr putzig aus, wenn sie mit frisch gekalktem weißen Haar erscheinen. Das Haar wird von beiden Geschlechtern in der Regel ziemlich kurzgeschnitten getragen, doch sieht man auch längeres, und vereinzelt bei den Frauen sogar lange schwarze Zöpfe. Als Schmuck lieben beide Geschlechter große rothe Blumen im Haar oder mit dem Kelch nach vorn gekehrt über den Ohren. Die Frauen haben vielfach auch Ketten von rothen erbsenartigen Früchten um den Hals und an den Handgelenken, sowie auch aus Blumen und Laub gewundene Kränze um Hals und Taille; auch kleine schmale Ringe aus Schildkrot, welche oft mit kleinen Silberstückchen eingelegt und mit eingeschnittenen Namen versehen sind, tragen sie an den Fingern und benutzen dieselben zu gelegentlichen Geschenken, wenigstens habe ich einige auf diese Weise erhalten.

Die Samoaner sind, wie ich schon angegeben habe, sehr reinlich und halten auf gute Körperpflege, ob aus natürlichem Trieb oder ob dies nur eine Folge ihrer Lebensweise ist, wird heutzutage schwer zu entscheiden sein. Sie waschen und baden sich zwar nicht, entsprechend unserer Gewöhnung, gleich frühmorgens, sondern erst etwas später und verbinden dies mit den häuslichen Verrichtungen. So reiben sie sich, bevor sie ihre Hütte zur Beschaffung des Lebensunterhaltes verlassen, den Oberkörper mit Kokosöl, das häufig noch mit wohlriechendem Baumharz durchmengt ist, ein, und dann gehen sie in das Wasser und auf die Korallenriffe auf den Fischfang, wobei sie ihr Morgenbad nehmen. An diesem Fang betheiligen sich Männer, Frauen und Kinder, da auch die letzteren vom zartesten Alter an wassergewohnt sind, ja oft eher schwimmen als gehen können. Ich habe dies nicht glauben wollen, bis ich mich einmal durch den Augenschein überzeugte, daß ein am Strande niedergelegtes, vielleicht 1½ Jahre altes Kind, welches noch nicht gehen konnte, auf Händen und Füßen in das Wasser kroch und sich dort schwimmend ziemlich sicher bewegte. Die Sitte, den Oberkörper mit Oel einzureiben, was oft je nach Bedarf täglich mehrere mal erfolgt, bezweckt wol, die Haut gegen die Sonnenstrahlen widerstandsfähiger zu machen. Nach dem Fischfang wird in den Wald oder nach den Anpflanzungen gegangen, um Baum- und Erdfrüchte zu holen, und beides, wenn nöthig, am Nachmittag oder Abend wiederholt. Bestimmte Mahlzeiten kennen auch die Samoaner, wie alle diese Insulaner, nicht, sondern sie essen, wenn ihnen der Sinn danach steht.

Das Land zerfällt in mehrere größere Districte; Upolu hat deren drei, nämlich Atua, Tuamasaga und Aana, und innerhalb dieser Districte leben die großen Häuptlinge mit ihrem Anhang in Dörfern in fast vollständiger Unabhängigkeit von der Regierung, welche sie sich dadurch zu erhalten wissen, daß diejenigen eines Districts gewöhnlich zusammenstehen.

Die Abgaben des gewöhnlichen Mannes bestehen darin, daß er hilft, seine Häuptlingsfamilie mit zu ernähren, doch liefert er nicht das dazu Nöthige ab, sondern der Herr erwartet die vom Fischfang oder von der Fruchtlese Heimkehrenden und sucht sich das für ihn Wünschenswerthe aus. Nur in dem Falle, daß der Häuptling ein Gastmahl geben will, befiehlt er, was sein Volk dazu herbeizuschaffen hat. Die Frauen des Hauses besorgen dann die Ausschmückung desselben und holen aus dem Wald das dazu erforderliche Laub und die Blumen.

Eine Folge der ausgedehnten Gastfreiheit ist, daß die Samoaner eigentlich immer auf Reisen sind, oder aber diese Reiselust ist die Ursache der Gastfreiheit, welche den Gastgebern übrigens nicht viel Mühe macht, da im Wasser und im Walde genügende Nahrungsmittel vorhanden sind. Vielleicht daß beides mit örtlichen Verhältnissen und der sonderbaren Thatsache zusammenhängt, daß auf den Samoa-Inseln an den verschiedenen Küstenpunkten die Reifezeit der Brotfrucht nicht zusammenfällt und die Eingeborenen, welche den Genuß dieses schmackhaften Nahrungsmittels nicht entbehren wollen, dadurch dazu gekommen sind, die Gastfreundschaft derjenigen ihrer Bekannten in Anspruch zu nehmen, welche die reife Frucht bieten können. Dann ziehen sie in ihren großen Reisebooten von Insel zu Insel, von Ort zu Ort, die genossene Gastfreundschaft damit erwidernd, daß die Männer beim Fischfang u. s. w. helfen und die Frauen unter fröhlichem Geplauder mit fleißiger Hand behülflich sind, den Mattenreichthum ihrer Gastgeber zu vergrößern. Es machte auf mich stets einen außerordentlich anheimelnden Eindruck, wenn solch ein Boot von etwa 20 Männern gerudert an unserm Schiff vorbeifuhr. Vorn im Bug sitzt mit untergeschlagenen Beinen ein Mädchen und erleichtert den Ruderern ihre Arbeit durch weichen Gesang, hinten auf dem mitgeführten Hausrath sitzt oder liegt bequem hingestreckt die Häuptlingsfamilie, ein junger Häuptling führt das Steuer. Phantastisch sehen oft die Männer aus, wenn sie große Stücke Tapa, die sie wol während der Nacht als Decken benutzen und deren Hauptfarbe fast immer weiß ist, turbanartig als unförmig großen Aufbau auf dem Kopfe tragen.

Die Dörfer oder Städte, wie man die Ansiedelungen nun nennen will, liegen, da der Samoaner ohne die See nicht leben zu können scheint, vorzugsweise an der Küste, die Häuser verstreut unter Kokospalmen und zwar in solcher Entfernung von einander, daß kein Besitzer von seinem Nachbar belästigt wird. Und die ganze Ansiedelung umfaßt entweder den nie fehlenden Berathungs- bezw. Festplatz oder lehnt sich an denselben an. Auf diesem Platz befinden sich stets das Haus des Häuptlings und das „Fale-tele“ genannte Berathungshaus, in welchem auch Fremde und Gäste empfangen werden. Die Honneurs macht hier gewöhnlich die älteste Tochter des Häuptlings, welche aus diesem Grunde für seinen Hausstand eine so nothwendige Persönlichkeit ist, daß, wenn der Hausherr überhaupt keine erwachsene Tochter hat, er oft der Landessitte gemäß ein erwachsenes Mädchen für immer oder auf Zeit als Tochter adoptiren wird.

Die Bauart der Häuser ist einfach und durchaus zweckmäßig. Ihre Grundform ist oval mit einem größern Durchmesser von 12-14 m und einem kleinern von 10 m, das Dach, dessen First 8-9 m über dem Erdboden liegt, ist halbkugelförmig. Die Hauptbestandtheile des Baues sind das Dach, die seitlichen Dachstützen und ein in der Mitte der Hütte befindliches kräftiges Balkengerüst, welches die Mittelstütze für das schwere Dach bildet und gleichzeitig als Aufbewahrungsort für den Hausrath von Matten u. s. w. dient. Die seitlichen Dachstützen, welche ebenso wie das Mittelgerüst aus Kokospalmenholz bestehen und etwa 3 m über den Erdboden reichen, sind so eingegraben, daß die obern Enden etwas nach außen geneigt sind, wodurch der Durchmesser des Daches größer wird als derjenige des Fußbodens. Die seitliche Entfernung der Stützen untereinander beträgt ungefähr 2 m, sodaß aus Laub gefertigte Vorhänge bequem zwischen je zweien angebracht werden können und am Tage gegen Sonne und Wind, sowie des Nachts überhaupt heruntergelassen werden. Auf den Seitenstützen ruht eine horizontale Balkenlage aus dem biegsamen Holz des Brotfruchtbaums und auf diese baut sich das gewölbte Dachgerippe aus demselben Holze auf. Die Dachbedeckung besteht aus getrocknetem Laub und zwar vorzugsweise aus Zuckerrohr-, daneben aber auch Palmenblättern. Die innere Bodenfläche der Hütte wird schließlich mit einer etwa 1 m hohen Steinschicht ausgefüllt und dadurch der Raum zwischen Dachrand und Fußboden auf 2 m verringert. In dieser Steinschicht befinden sich dicht neben dem Mittelgerüst zwei vertiefte Feuerstellen, welche am Tage als Kochherd und abends zur Beleuchtung der Hütte, welche nur aus dem einen freien Raum besteht, dienen. Wenn auch die Häuser stets dieselbe Form und meistentheils die gleiche Größe haben, so sieht man vereinzelt doch auch schon etwas europäisirte Häuptlingshäuser mit viereckigem Grundriß, festen Wänden, abgeschlagenen kleinen Zimmern und harten hölzernen Bettstellen; eine Verbesserung in Bezug auf die Wohnungsverhältnisse sind diese Häuser aber ebensowenig, wie die langen Gewänder der Frauen es in Betreff der Kleidung sind. Diese geschlossenen Häuser sind dumpf, weniger sauber und in der Regel voll Ungeziefer, unter welchem die Wanzen nicht fehlen, sodaß die Besitzer, welche glauben zu ihrem äußern Ansehen ein solch stattlicheres Haus besitzen zu müssen, gewöhnlich den Aufenthalt in dem saubern und luftigen Fale-tele vorziehen und ihr eigentliches Haus nur zur sichern Aufbewahrung des mit der neuern Zeit sich mehrenden kleinen Besitzthums benutzen.

An der innern Einrichtung der Hütten ist das Merkwürdigste eine durch den ganzen Raum laufende etwa fußhohe Schicht kleiner runder glatter Steine, welche nicht größer wie Hühnereier und nicht kleiner wie Taubeneier und so beweglich sind, daß sie sich durch die vorstehenden Körperformen des sich setzenden oder hinlegenden Menschen verdrängen lassen und so bewerkstelligen, daß der Körper überall gleichmäßig unterstützt und nirgends gedrückt wird. Auf diese Weise ist mit Hülfe einer ausgebreiteten Matte, welche die directe Berührung mit den Steinen verhindert, ein vorzügliches, verhältnißmäßig weiches, kühles und gesundes Lager geschaffen, welches trotz des harten Materials unsern Polsterlagerstätten kaum nachsteht, in diesem Klima demselben sogar vorzuziehen ist.

Der gewöhnliche Hausrath besteht nur aus Matten, welche auf dem Fußboden über die Steine gebreitet werden, aus Tapa-Vorhängen, welche nachts zum Schutz gegen die Mosquitos und zur Abtrennung der verschiedenen Schlafstätten dienen, und den allerdings sehr harten Kopfkissen. Diese nähern sich dem japanischen Modell und bestehen aus einem wagerecht liegenden Stück Bambusrohr von 6-10 cm Dicke, das durch kleine Füße auf eine Höhe von etwa 16 cm gebracht ist. Von diesen Kopfkissen gibt es kurze einschläferige und bis zu 1½ m lange, welche für mehrere Personen bestimmt sind. Kochgeschirr ist nur selten vorhanden und dann auch nur solches europäischen Ursprungs, da die Samoaner die Speisen ebenso wie die Tahitier zwischen erhitzten Steinen bereiten und die dazu erforderlichen Gefäße in grünen Blättern bestehen.

Neben dem Haus beansprucht das Kanu fast gleiche Rechte als Wohnstätte des Samoaners, da dieser während der Tagesstunden wol ebenso viel auf dem Wasser wie auf dem Lande lebt. Daher mag es auch kommen, daß der Bootsbau hier besonders ausgebildet ist und dieses Gewerk ebenso wie das des Häuserbaues sich in den Händen von Häuptlingsfamilien befindet. Die Samoaner haben drei Arten von Fahrzeugen, das große zu Kriegs- und Reisezwecken dienende Boot ohne Ausleger und zweierlei Kanus, ein großes etwa 10 m langes, welches vorzugsweise zum Fischfang auf offener See benutzt wird, und das kleine in verschiedenen Größen auftretende, welches nur der Küstenfahrt dient. Die Formen der großen wie kleinen Kanus sind hier besonders gefällige, und die Arbeit ist sehr viel sauberer, als ich sie bisher gesehen habe.

Einen besondern Reiz bot es mir, die Eingeborenen in ihren zierlichen leichten Fahrzeugen zu beobachten, wenn sie in größerer Zahl um unser Schiff versammelt den Zeitpunkt abwarteten, wo ihnen mit Eintritt der Freizeit für die Mannschaft gestattet wurde, das Schiff zu betreten, um dasselbe zu besichtigen, Früchte zum Kauf anzubieten oder nur zu ihrem Zeitvertreib uns einen Besuch abzustatten. Einzelne Kanus tragen so viele Menschen, als sie nur fassen können, andere sind nur mit einer oder, wie es meistens der Fall ist, mit zwei Personen besetzt; ein allein ruderndes, ernst dreinschauendes Mädchen, ein einzelner Mann mit Früchten oder einem Korb abzuliefernder Wäsche, zwei junge singende Mädchen, oder gar zwei sieben- bis achtjährige Kinder, gleichgültig welchen Geschlechts, die kaum die Ruder zu heben vermögen -- alle sorglos und ohne Furcht vor irgendeiner Gefahr, mit ihren Fahrzeugen auf der auf- und niederwogenden Wasserfläche sich hebend und senkend. Da kommen zwei Kanus, deren Insassen unaufmerksam waren, zu nahe aneinander, ein Ruck und der Ausleger des einen löst sich von seinen Haltern, das Fahrzeug kentert, gleichzeitig aber springen die beiden jungen Mädchen lachend ins Wasser. Ich will helfen lassen, sehe aber, ehe unser Boot absetzen kann, daß unsere Hülfe überflüssig ist und die erheiterte Umgebung auch nicht hilft. Wassertretend verbinden die beiden kleinen Personen den Ausleger wieder mit den Haltern, dann schwimmen sie auf die andere Seite, fassen das mit Wasser gefüllte Kanu an der äußern Wand, ein durch Zuruf begleiteter kräftiger Ruck nach der rechten Seite läßt ziemlich viel Wasser aus der linken Spitze des Fahrzeuges herausstürzen, ein ebensolcher Ruck nach links hat denselben Erfolg an der andern Spitze und das Kanu ist soweit entleert, daß es wieder genügende Schwimmkraft hat, um eine Person zu tragen, welche dann auch gleich mit gewandtem Schwung in demselben sitzt und es mit den stets vorhandenen Kokosnußschalen ausschöpft, worauf das andere Mädchen auch nachfolgt. Mit einigen Handgriffen ist das Wasser aus Gesicht und Haar entfernt, dann ducken sie sich in den Raum, um ihr Lava-lava abnehmen zu können und es auszuwinden, und erst nachdem dies geschehen und sie wieder ordnungsmäßig bekleidet sind, drohen sie dem Urheber des Misgeschicks mit den Händen und blitzenden lachenden Augen. Als die Leute unser Interesse an dem ganzen Vorfall bemerkten, hielt ein Samoaner sich für verpflichtet, uns noch ein ähnliches kleines Schauspiel zu geben, rief ein Kanu mit zwei kleinen Kindern an und begann gleichzeitig mit kräftigen Schlägen auf dasselbe zuzurudern. Die Kinder, sichtlich gleich ganz bei der Sache, kniffen den Mund zusammen und legten sich mit leuchtenden Augen auch ins Zeug, doch ihr Angreifer war schneller und bald lagen auch sie im Wasser unter dem fröhlichen Gelächter der Umgebung, welche Platz gemacht hatte. Hier aber half der Mann, indem er ins Wasser sprang und sein Kanu so lange in Stich ließ, bis er das der Kinder wieder zurechtgemacht hatte.

Von dem häuslichen Leben der Samoaner habe ich bisjetzt noch wenig kennen gelernt, nur ist mir aufgefallen, daß man am Tage, mit Ausnahme der Häuptlinge, selten in den Hütten Männer antrifft und nur Frauen findet, welche mit Mattenflechten und Anfertigung des Tapastoffes beschäftigt sind. Eigentliches Volksleben zeigt sich nur an Mondscheinabenden, wo größere Gesellschaften im Freien zusammenkommen und sich durch Gesang und Tanz ergötzen, bis Ermüdung sie in ihre Hütten treibt. Diese Vergnügungen sind stets harmloser Natur, wie das ganze Leben und Treiben des Volks es sein soll. Zank und Streit kommen nur selten vor und sind von mir überhaupt nicht beobachtet worden. Thätlichkeiten sollen eigentlich nur gelegentlich zwischen den sonst so sanften Frauen vorkommen, und zwar wenn Eifersucht im Spiele ist. Unter dieser soll der eigentlich schuldige Mann nie leiden, sondern er kann unbehelligt zusehen, wie die beiden um ihn kämpfenden Frauenzimmer sich schlagen und puffen, muß es sich aber gefallen lassen, daß die Besiegte sich später nicht mehr blicken läßt. Gardinenpredigten gibt es also wol in Samoa nicht.

Ueberhaupt haben die Frauenzimmer und schon die ganz jungen Mädchen eine seltene Selbständigkeit, welche nur dadurch möglich sein kann, daß die strenge Sitte, welche dem ganzen Volk in Fleisch und Blut übergegangen sein muß, das Weib stets und allerorten vor jeder Unbill schützt. So wird es erklärlich, daß junge Mädchen allein weit über Land wandern, am Tage nach ihrem Gutdünken gehen wohin sie wollen, und die schönen, nur mit dem kleinen Lava-lava bekleideten Gestalten sich ohne Arg auf die fremden Kriegsschiffe und unter das Schiffsvolk wagen, wo sie mit überraschendem Takt jede Zudringlichkeit zurückzuweisen verstehen. Dieser Selbständigkeit der jungen Mädchen im Verein mit den streng beobachteten guten Formen wird es zuzuschreiben sein, daß in Samoa trotz der nach unsern Begriffen immerhin freien Sitten eigentliche Sittenlosigkeit nicht vorkommt und die weiche, anschmiegende Samoanerin nur wirklicher Liebe zugänglich ist, in diesem Fall dann aber auch keine Schranke anerkennt. Allerdings ist sie in der Regel doch berechnend genug, sich auch gesetzmäßig trauen zu lassen; sei es auch nur für kurze Zeit, so ist doch der Anstand gewahrt. Es kommen zwar auch genug Fälle vor, wo die Aeltern nach ihrem Gutdünken ihre Töchter verheirathen, und wo die Häuptlinge über die Töchter ihrer Unterthanen verfügen, doch ist dies dann ein Zwang, dem die Mädchen folgen müssen, wenn sie sich auch nur widerwillig fügen. So besteht in Samoa, wenigstens auf der Insel Savai’i, welche sich bisjetzt von fremdem Wesen am reinsten erhalten hat, noch die alte Sitte, einem vornehmen Fremden, wenn er bei einem Häuptling die Nacht zu Gast bleibt, eine Gesellschafterin anzubieten, doch wird es gern gesehen, wenn er dieses Anerbieten nicht annimmt; einen Makel erhält solch ein Mädchen dadurch aber nicht, sondern es kehrt nach gehorsamer Duldung der über seine Person getroffenen Verfügung in das Aelternhaus zurück.

Die ehelichen Verhältnisse sind ziemlich geordnete und die Regel ist, daß die Ehe auf Lebenszeit geschlossen wird, obgleich ihre Wiederauflösung den Samoanern sehr leicht gemacht ist. Hiervon machen aber eigentlich nur die Häuptlinge öftern Gebrauch und wol auch nur in dem Falle, wenn sie ein Mädchen von niederm Stande geheirathet haben und später eine standesgemäßere Ehe eingehen wollen. Die Eheschließung selbst soll zwar nach dem neuen Gesetz vor einem Regierungsbeamten gegen Erlegung einer Taxe erfolgen, die Samoaner aber betrachten die Ehe nach ihrem alten Brauch auch als rechtsgültig und halten nur darauf, daß bei der Verheirathung ihrer Töchter mit Weißen jene Form beobachtet wird, wie denn diese Civilehe wol auch nur durch die Europäer eingeführt worden ist, weil es ihnen nicht gelingen wollte, hier, ebenso wie auf andern Südsee-Inseln, intimere Beziehungen mit den Töchtern des Landes anzuknüpfen, und die Samoaner bald erkannten, daß die nur nach samoanischem Brauch vollzogene Trauung mit einem Weißen von den andern Europäern nicht als vollgültig angesehen wurde. Die klugen Weißen wußten sich aber auch hier zu helfen und sich das Recht, ihre Frauen und Kinder beim Verlassen der Inseln zurückzulassen, dadurch zu sichern, daß sie gegen Erlegung der doppelten Taxe die Einführung der Ehe auf bestimmte Zeit, z. B. auf zwei Jahre, durchsetzten, welcher Unfug zur Zeit noch besteht. Daß die Mutter nachher die Kinder behält und für ihren Unterhalt sorgt, betrachtet die Samoanerin als so selbstverständlich, daß dies auch kein Hinderniß für diese Art der Eheschließung abgab.

Nach dem neuen Gesetz ist, abweichend von dem Samoabrauch, dem Mann nur eine Frau erlaubt, doch halten die Häuptlinge dasselbe für sich nicht bindend, wenngleich sie sich in der Regel mit nur einer begnügen, von welcher Regel allerdings, wenn ich recht unterrichtet bin, der jetzige Standesbeamte von Upolu eine Ausnahme macht. Derselbe hat sich mehrere Frauen angetraut, aber zur Erhaltung des häuslichen Friedens die Vorsicht geübt, daß er sie an verschiedenen Orten wohnen läßt, wodurch er wiederum den Vortheil hat, bei seinen Reisen überall eine eigene Häuslichkeit vorzufinden.

Jungfräuliche Reinheit seitens der Braut ist für den Abschluß eines Ehebündnisses keine Nothwendigkeit; daß aber der Samoaner auf diese Tugend dennoch großen Werth legt, geht daraus hervor, daß der Beweis der Reinheit bei einer jungfräulichen Braut, namentlich bei der Heirath eines Häuptlings, früher stets öffentlich erbracht wurde, was jetzt nur noch im engern Familienkreise, vereinzelt aber, wenn auch abweichend von dem alten Brauch, heute noch öffentlich geschieht, denn ich habe in den Straßen von Apia das Lava-lava einer jungfräulichen Braut am Morgen nach der Hochzeit vor dem Hause als solch einen öffentlichen Beweis hängen sehen.

Daß die vorgeschilderten, verhältnißmäßig guten moralischen Zustände dem Wirken der englischen Missionare zuzuschreiben sind, glaube ich nicht, aber es darf wol als sicher anzunehmen sein, daß sich seit der Ansiedelung der Missionare die sittlichen Zustände auf den Samoa-Inseln nicht verschlechtert haben, mithin der neue Glaube auf die wohlgefügten alten socialen Verhältnisse nicht zersetzend gewirkt hat. Die geistlichen Herren, welche sich hier nicht in den Vordergrund drängen und keine politische Rolle, wie z. B. auf den Gesellschafts-Inseln, spielen wollen, scheinen mit weiser Mäßigung vorgegangen zu sein und dadurch, wenn auch nur langsam, Aussicht auf dauernden Erfolg zu haben. Immerhin darf nicht vergessen werden, daß die Missionare in Samoa durchaus geordnete Verhältnisse vorfanden, welche ihnen einen schnellen Erfolg unmöglich machten und sie andererseits davor bewahrten, den ihnen eigentlich zufallenden Wirkungskreis zu überschreiten. Daß die sittlichen Zustände sich auch in Apia trotz der vielen dort verkehrenden Europäer im Gegensatz zu den Städten anderer polynesischen Inseln noch so gut erhalten haben, wird vorzugsweise als ein Verdienst der in Apia tonangebenden deutschen Häuser anzusehen sein, welche schon ihrer ganzen Stellung nach gezwungen waren, die guten Formen hochzuhalten und dadurch maßgebend für das Auftreten der übrigen Europäer wurden.

Zur Zeit nennen sich wol die meisten Samoaner Christen, wenn auch ihr Glaube sich vorläufig noch auf die Sonntagsheiligung und die Beobachtung einiger äußerer Gebräuche beschränken dürfte.

Der Besitz des Samoaners besteht vornehmlich nur in seinem Hause, dem Kanu, der Feuerwaffe und in Land, welches immer der ganzen Familie und nicht einzelnen Mitgliedern gehört. Hieraus sind früher bei den Landverkäufen häufig Streitigkeiten entstanden, weil der kaufende Europäer, mit diesen Verhältnissen unbekannt, den Kauf mit nur einem Mitglied der Familie abschloß und diesem den Kaufpreis zahlte, worauf die andern Theilhaber dann die Rechtsgültigkeit des Vertrags bestritten, doch wird jetzt schon seit langer Zeit kein Landkauf mehr abgeschlossen, ohne daß die Samoaner vollzählig den Kaufbrief unterschrieben haben. Neben den vorstehend genannten Besitzthümern gibt es aber noch ein Werthobject, welches nur einen idealen Werth hat und oft höher geschätzt wird wie all die andern. Es ist die als Staatskleid benutzte Matte, welche aus einem besonders feinem Geflecht bestehend und am Rande mit kleinen rothen Federn verziert, ihren Werth durch ihr Alter und ihre frühern Besitzer erhält, wodurch die wirklich alten und von berühmten Familien herstammenden in gewissem Sinne die Ueberlieferinnen der alten samoanischen Geschichte geworden sind, da diese überhaupt nur in mündlicher Ueberlieferung besteht, weil die Kunst des Schreibens den Samoanern erst in allerneuester Zeit bekannt geworden ist. Von diesen besonders werthvollen Matten, deren Ursprung und Geschichte jeder Samoaner kennt, sind allerdings nur wenige vorhanden, diese aber verehrt er wie Heiligthümer und es gibt für ihn keinen größern Wunsch, als eine solche Matte besitzen zu können. Als einstmals das Haus Godeffroy ein werthvolles Stück Land erwerben wollte und der Besitzer auf kein Gebot einging, wurde ihm solch eine Matte auch vorgelegt, von welcher er wie jeder Samoaner wußte, daß sie im Besitz des Herrn Weber war. Sofort griff der Mann zu und war überrascht, außer der Matte auch noch den ihm vorher angebotenen Kaufpreis zu erhalten, denn die Matte allein erschien ihm als überreiche Bezahlung. Das Land wird übrigens in nicht zu ferner Zeit zum größten Theil in den Händen der Weißen sein, da der Samoaner, seinem polynesischen Charakterzug folgend, durchaus nicht arbeiten will und sein Land für ihn daher werthlos ist, sofern es nicht schon mit Kokosnuß- und Brotfruchtbäumen bestanden ist oder er es als Bauplatz benutzen kann.

Neben dem Haus und dem Kanu bestehen die künstlichen Erzeugnisse der Samoaner aus Kleidungsstücken der verschiedensten Art, aus Matten zum Belegen der Fußböden, Tapavorhängen, Kawabowlen, Fischereigeräthen, Fliegenwedel, Fächern, geschnitzten und mit allerlei Zierath versehenen Holzkämmen, kleinen Körbchen und Taschen und schließlich aus alten Holzwaffen, welche aber nur noch als Schaustücke Verwendung finden. Es kommen auch noch einzelne Schmuckgegenstände vor, doch habe ich von diesen noch nichts gesehen, kann also auch noch nicht darüber berichten.

Die Kleidungsstücke, welche immer als Lava-lava zu denken sind, unterscheiden sich voneinander nur durch das zur Verwendung kommende Material. Das tägliche Lava-lava, wenn es nicht aus europäischem Stoff besteht, ist entweder aus Baststreifen bezw. langen Gräsern gefertigt, oder es wird durch ein Stück Tapa gebildet. Als Staatskleider dienen die bereits genannten feinen Matten, für welche die Blätter des Pandanusbaumes das Material liefern, oder Gewebe aus blendend weißem Bast mit Zotteln von 10-20 cm Länge, sodaß das ganze Stück bei oberflächlicher Betrachtung häufig für ein Fell der Angoraziege gehalten wird. Dann kommt noch ein ganz eigenartig gewebtes oder geflochtenes kleines Lava-lava aus demselben weißen Bast vor, welches nur im Hause von der Braut an ihrem Hochzeitstage getragen wird und das sie ihrem Manne am nächsten Morgen, indem sie sich auf eine Knie niederläßt, mit den Worten: „Herr, hier hast du mein Geschenk“, überreicht. Dieses Lava-lava hat somit wol eine ähnliche Bedeutung wie bei uns Gürtel und Schleier der Braut es haben?

Die Matten für die Fußböden sind von ziemlich grobem Geflecht und von verschiedener Größe.

Die Tapavorhänge unterscheiden sich von dem Lava-lava aus gleichem Material nur durch die Größe und zuweilen auch durch die Malerei, da sie mehr Farbe vertragen können, wie die für den Körper bestimmten Stoffe, welche doch weicher und geschmeidiger bleiben müssen. Der Grundstoff des Tapa ist die Zellenschicht, welche zwischen Rinde und Stamm des Maulbeerbaumes liegt und durch Klopfen mit Holz oder Steinen zu einem festen papierartigen Stoffe wird. Zunächst werden die Zellenschichten je eines Baumes zu Streifen von etwa 20 cm Breite verarbeitet und die Streifen später dann nach vorheriger Wiederanfeuchtung durch Klopfen miteinander verbunden. Auf diese Weise kann jede gewünschte Form und Größe hergestellt werden.

Die größern Kawabowlen, zu welchen die Fidji-Inseln das Holz liefern, weil auf Samoa keine Bäume von hierzu genügendem Stammdurchmesser vorkommen, sind aus diesem Grunde werthvolle Stücke, welche nur im Besitz der Häuptlinge gefunden werden.

Das Fischereigeräth besteht aus Angelhaken, Speeren und Netzen. Die Haken, soweit hierfür nicht auch schon europäische Waare verwendet wird, sind aus Perlmutter und Bast gefertigt und setzen sich aus drei Theilen zusammen, einem in Fischform geschnittenen Stück Perlschale und einem fischschwanzförmigen Bastbündel, beide Theile von gewöhnlich je 5 cm Länge und etwa 3 cm Breite, sowie dem ebenfalls aus der Perlschale geschnittenen Widerhaken von etwa 3 cm Länge. Die drei Theile sind an einem Punkte und zwar am untern Ende des den Fisch darstellenden Muschelstücks durch Bindfaden miteinander verbunden. Diese Haken, auf welche die Fische ganz vorzüglich beißen, werden zum Fangen größerer Fische wol immer in Verwendung bleiben und nie durch andere verdrängt werden. Die Netze werden gewöhnlich in drei Arten hergestellt, den großen hauptsächlich von den Männern bedienten Zugnetzen und zweierlei Handnetzen, die vorzugsweise von den Frauen zum Fischfang in seichtem Wasser benutzt werden. Das eine der Handnetze entspricht der Form unserer Schmetterlingsnetze, das andere wird aus vier Stöcken gebildet, von denen zwei etwas über 1 m lang und durch zwei rechtwinkelig zu ihnen stehende etwa 60 cm lange Querstöcke so verbunden sind, daß sich ein viereckiger Rahmen von 80 cm Höhe und 60 cm Breite bildet, welcher durch ein nur wenig sackartiges Netz ausgefüllt wird.

Der Fliegenwedel ist ein Büschel Fasern aus der Rinde der Kokospalmen von 30-40 cm Länge und 10 cm Durchmesser, welcher in Form eines Pferdeschwanzes an einem kurzen Stöckchen befestigt ist. Vereinzelt werden an Stelle der Fasern auch Roßhaare verwendet.

Die Kämme sind nur Zierstücke und werden von beiden Geschlechtern am Hinterkopfe getragen.

Die Körbchen und Taschen, welche wol nur als Luxusgegenstände zu betrachten sind, werden aus Bast oder Stroh geflochten.

Die Holzwaffen, Speere und Keulen, geben den Samoanern Gelegenheit, ihre Kunstfertigkeit in Schnitzarbeit darzuthun, und finden praktische Verwendung bei ihren festlichen Schaustellungen und Tänzen. Zu den Speeren wird gewöhnlich Kokospalmenholz und zu den Keulen Eisenholz verwendet; beide sind reich mit Schnitzarbeit versehen. Die Keulen, welche selten länger als 60 cm sind, werden in den verschiedensten Formen hergestellt; so besitze ich verschiedene, von denen eine dem Schwert des Schwertfisches nachgebildet ist, eine zweite an die Form des mittelalterlichen Morgensterns erinnert und eine dritte auf dünnem Stiel eine Kugel von 12 cm Durchmesser trägt.

Trotz des wunderbar milden Klimas und der vorzüglichen gesundheitlichen Verhältnisse auf den Samoa-Inseln, welche dem menschlichen Organismus so sehr zusagen, wie man auch an verschiedenen Europäern, die fast schon ein ganzes Menschenalter dort zugebracht haben, sehen kann, kommt hier, wenn auch nicht in so ausgedehntem Maße wie auf den Marquesas-Inseln, doch unter den Eingeborenen ziemlich häufig Lungenschwindsucht vor, was hier wol ebenso wie dort eine Folge der ungenügenden Bekleidung des Körpers während der rauhern Regenzeit ist. Von sonstigen Krankheiten lassen sich eigentlich nur Elephantiasis und eine Hautkrankheit, welche als Ringwurm bezeichnet wird, nennen. Während die letztere selten ist, sieht man Elephantiasis ziemlich häufig. Die Krankheit tritt vorzugsweise in den untern Extremitäten und zuerst an nur einem Beine auf, sodaß in dem Falle, wenn beide Beine ergriffen sind, das eine einen höhern Grad der Krankheit zeigt als das andere. Uebrigens werden auch Europäer, die viele Jahre ununterbrochen auf den Samoa-Inseln gelebt haben, von ihr heimgesucht, und ich habe einen solchen Fall bei einem über 70 Jahre alten Engländer, welcher seit nahezu 50 Jahren als Zimmermann auf Upolu lebt, gesehen. Der rüstige Mann, welcher trotz seiner geschwollenen Beine noch immer gut zu Fuße ist, scheint äußerlich wenig darunter zu leiden; dies gilt übrigens auch von den Samoanern. Vielfach wird behauptet, daß dem Mangel an ausreichender Fleischnahrung die Entstehung der Krankheit zuzuschreiben ist, doch wird dies von andern Seiten wieder bestritten. Thatsache ist ja, daß die Samoaner hauptsächlich von vegetabilischer Kost und in erster Linie von jungen Kokosnüssen und der Brotfrucht leben, andererseits findet man aber die Elephantiasis vorzugsweise bei den Häuptlingen, die sich doch mehr Abwechselung in ihrer Ernährung gestatten, und auch Europäer, welche regelmäßige Fleischnahrung zu sich nehmen, wollen nach längerm ununterbrochenen Aufenthalt in Apia die Anfänge dieser Krankheit an sich beobachtet und der Weiterentwickelung nur durch einen längern Aufenthalt in Australien, Neu-Seeland oder Europa vorgebeugt haben.

Giftige oder den Menschen sonst gefährliche Thiere gibt es auf den Samoa-Inseln am Lande nicht, dagegen soll im Wasser neben dem Haifisch noch ein großer Tintenfisch vorkommen, welcher sich zuweilen in den äußern Korallenriffen einnistet und dort mit seinen Saugarmen den Fuß oder die in das Wasser greifende Hand des Menschen packen und so festhalten soll, daß der Ergriffene für verloren gilt, wenn er nicht den Muth findet, das gefaßte Glied sich selbst abzuhauen, da der unter Wasser befindliche Arm des Thieres gewöhnlich nicht zu erreichen sein soll. Wie mir erzählt wurde, sollen die Samoaner, welche auf die äußern Riffe fischen gehen, aus diesem Grunde stets ein schweres Schlagmesser bei sich führen, und es sollen verbürgte Fälle von solcher Selbstverstümmelung zur Rettung des Lebens bekannt sein. Neben diesem Unthier gibt es in den Köpfen der Samoaner aber noch ein Ungeheuer, welches wol mit unserm sagenhaften Lindwurm verglichen werden kann. Es sollen jahrhundertealte ungeheuerliche Aale sein, welche den Menschen mit Haut und Haar verschlingen können und ihr Hauptstandquartier in dem flachen Wasser zwischen der Westspitze der Insel Upolu und der kleinen Insel Manono haben. Doch sollen sie sich zuweilen auch in Höhlen, welche den Ausfluß unterirdischer Flüsse bilden und von denen sich eine in der Nähe von Saluafata befindet, aufhalten.

Erwähnt sei hier noch ein Beispiel von der vorzüglichen Tauchkunst der Eingeborenen. Nachdem unser Taucher mehrere mal unter Wasser gegangen war, um ein Tau an einen uns verloren gegangenen auf 10 m Tiefe liegenden Anker, dessen Lage wir genau kannten, zu stecken und jedesmal die Meldung brachte, daß er ihn nicht finden könne, versuchte ich es, ehe ich den Anker ganz aufgab, noch einmal mit einem samoanischen Naturtaucher. Der Mann ging hinunter und meldete gleich beim ersten Wiederauftauchen, daß er das verlorene Stück gefunden habe, ging dann mit dem Ende eines Taues wieder hinunter und nach weitern 10 Minuten hatten wir den Anker geborgen. Der für hiesige Verhältnisse hohe Bergelohn von 20 Mark wird dadurch erklärt, daß das Tauchen auf so große Tiefen ohne Taucheranzug außerordentlich angreifend sein soll, wie denn auch der erst vierzigjährige Mann bereits weiße Haare hatte, eine große Seltenheit bei den Samoanern.

Wenn ich auch zu meinem großen Verdruß von den großartigen, den Amerikanern zu Ehren veranstalteten Festlichkeiten nichts gesehen habe, so hatte die Liebenswürdigkeit unsers Consuls doch dafür gesorgt, daß wir schon vorher einen kleinen Einblick in die samoanischen Vergnügungen bekamen, welche zwar nicht als mustergültige anzusehen sein sollen, zumal der Tanz eine bezahlte Schaustellung war, immerhin aber doch einen ungefähren Begriff bis dahin geben, wo uns Besseres geboten werden wird.

Ein Halbweißer, welcher an der östlichen Spitze von Apia ein Wirthshaus unterhält, hatte es übernommen, einen Tanz zusammenzubringen, und glaubte seine Aufgabe jedenfalls sehr schön gelöst zu haben, während ich beim Betreten des dafür in Aussicht genommenen Raumes einigermaßen enttäuscht war. Ein großer viereckiger, mit Laub geschmückter Saal war gewissermaßen als Theater hergerichtet, und die in Reihen aufgestellten Stühle waren bis auf die für mich und unsere Offiziere reservirten Plätze bereits alle mit Neugierigen besetzt, welche gegen Zahlung eines Eintrittsgeldes das in der Stadt Apia jedenfalls seltene Schauspiel mitgenießen wollten. Ein kleiner Theil des Saales war an der einen Schmalseite als Bühne hergerichtet. Die amerikanischen Offiziere -- es war in den ersten Tagen ihrer Anwesenheit -- hatten sich auch eingefunden und der Commandant nahm an der einen Seite von mir Platz, während an der andern sich eine junge, auffallend hübsche und stattliche Samoanerin, welche ihren Oberkörper verhüllt trug, niederließ und von dem hinter mir sitzenden Wirth vor unserm Platznehmen als Toë, Tochter des Häuptlings Patiole, welchem der Theil der Stadt, wo wir uns befanden, gehört, vorgestellt wurde. Sie benahm sich hierbei nach unsern Begriffen ganz correct, lächelte verbindlich, reichte mir die Hand und setzte sich, während sie sich mit ihrer Kleidung zu schaffen machte, auf ihren Stuhl, als ob sie nie eine andere Sitzart kennen gelernt hätte. Sehr komisch kam es mir vor, daß sie zu dem Hinsetzen sich mit ihrem außerordentlich dürftigen Kleidchen beschäftigen mußte und dieser Handgriff gehört wol mit zur weiblichen Grazie. Die handelnden Personen gruppirten sich; sieben welke Weiber nahmen die Hauptplätze in der Mitte ein, indem sie sich in zwei Reihen mit gekreuzten Beinen so hinsetzten, daß vorn drei und in der zweiten Reihe, die Lücken der ersten ausfüllend, vier saßen. Der Oberkörper war nackt und glänzte von Kokosöl; als Lava-lava dienten grüne Grasschurze und als Schmuck hatten sie starkduftende dicke Kränze aus allem möglichen Laub um Hals und Hüften. Hinter diesen Hauptpersonen, den ganzen Raum bis zu den Seitenwänden ausfüllend, standen Eingeborene jeden Geschlechts und Alters, welche durch Händeklatschen den Gesang der Tänzerinnen begleiteten. Der Tanz besteht in der Hauptsache nur in graziösen Bewegungen der Arme, Hände, des Kopfes und Oberkörpers, ohne irgendetwas Bestimmtes damit darstellen zu wollen. Sehr begeistert war ich von dem Gebotenen nicht, glaube aber, daß in diesen Tänzen sowol Besseres geleistet werden kann, wie es auch zur richtigen Beurtheilung ihres Werthes nothwendig ist, sie öfter gesehen und etwas studirt zu haben, denn man wird sich erst an den Körperbewegungen erfreuen können, wenn man gelernt hat, die fürchterliche Gesangsbegleitung nicht mehr zu hören. Bei dem zweiten Tanz, um bei der einmal gewählten Bezeichnung der Schaustellung zu bleiben, waren die Leute schon warm geworden und die Händeklatscher ließen kurze Zurufe hören, auf welche hin die drei vordersten Tänzerinnen dann aufstanden, um mit Arm- und Beinbewegungen hin und her zu tänzeln. Doch traten bald zwei von ihnen wieder zurück und die ursprünglich mittelste blieb allein auf dem Plan, um sich mit geschickten Wendungen der Angriffe einiger Kinder zu erwehren, welche vorgestürzt waren und versuchten, ihr das Lava-lava herunterzureißen, womit sie schließlich auch Erfolg hatten. Doch als sich nun zeigte, daß sie unter dem Lava-lava noch ein kleines Zeugkleidchen anhatte, entstand ein ungeheures Lärmen unter den Eingeborenen, neue Angreifer stürmten hervor, bis die Gehetzte endlich ganz außer Athem sich auch dieses wegnehmen lassen mußte, wobei sie sich aber hinfallen ließ, um sich dann in geschickter Weise gleich wieder mit dem ihr sofort zurückgestellten Lava-lava zu bekleiden. Es mag sein, daß diese ganze Art der Darstellung von einem gewissen Reiz umgeben ist, wenn sie in ihrer Urwüchsigkeit im samoanischen Hause aus Liebe zur Sache und von frischen jungen Mädchen ausgeübt wird; hier aber von bezahlten Dirnen dargestellt, war es nicht besonders schön und ich ließ dies auch meiner Nachbarin, welche mein Urtheil hören wollte, mittheilen. Sie nickte dazu, wie mir schien mit strahlenden Augen und aufgeblähten Nasenflügeln, besann sich noch einen Augenblick, tauschte mit dem Wirth einige Worte aus und verließ dann den Saal. Ich wollte auch schon aufbrechen, weil ich von dem Vergnügen genug hatte, wurde aber von dem Wirth mit dem Bemerken zurückgehalten, daß Toë mir noch etwas vortanzen wolle, und wenige Minuten später erschien sie, nun mit nacktem und ebenfalls eingeöltem Oberkörper, eine rothe Beerenkette um den Hals, ein schmales grünes Laubband um jeden Ober- und halben Unterarm und ein ebensolches über und unter der Wade, umgeben von vier ähnlich geschmückten Männern. Die Zuschauer waren ganz geblendet, wie ein allgemeiner Ausruf der Ueberraschung andeutete, als dieses wundervoll gewachsene und in erster jungfräulicher Entwickelung befindliche Weib plötzlich so vor uns stand, in der Mitte der sie im Viereck umgebenden Männer und diese an Größe noch etwas überragend. Was uns aber noch größern Genuß gewährte, war der in ziemlich raschem Tempo mit kräftigen und geschmeidigen Bewegungen ausgeführte Tanz, bei welchem alle fünf Personen wirklich etwas Gutes und Schönes zeigten und der auf jeder großstädtischen europäischen Bühne, natürlich unter der Annahme einer etwas vollständigern Bekleidung, verdienten Beifall geerntet hätte. Ich war von Toë’s Einfall so entzückt, daß ich ihr am nächsten Tage einen goldenen Ring als Andenken schickte, wofür sie mir dann zwei Körbchen, ein Stück Tapa und einen Schildkrotring persönlich brachte. Da sie sowol, wie die mit ihr gekommenen Gesellschaftsdamen sämmtlich Busentücher trugen, wurden sie in das deutsche Consulat zwar hineingelassen, die Dame des Hauses betrachtete sie aber doch mit einem gewissen Mistrauen, weil sie alle jung und sehr hübsch waren. Herr Weber machte auch den jungen Mädchen dadurch noch eine besondere Freude, daß er sie von einem Diener durch das ganze Haus führen ließ, damit sie sich dasselbe ansehen konnten.

Eine andere Festlichkeit der Eingeborenen sahen wir bei Gelegenheit einer herrlichen Partie, zu welcher Herr Weber unsere dienstfreien Offiziere, den Commandanten des amerikanischen Kriegsschiffes nebst einigen Offizieren und die Herren seines Hauses eingeladen hatte.

An einem Sonnabend Nachmittag um 4 Uhr verließen wir Apia zu Pferde und trafen nach etwa 1½ Stunden auf der deutschen Plantage Vaitele ein, wo wir noch vor Einbruch der Dunkelheit das Mittagsmahl einnahmen und zwar auf dem vor dem Hause liegenden saubern mit Blumen eingerahmten Platz, mit einem schönen Blick auf die Berge und das Meer. Als es dunkel geworden war und wir erwartungsvoll der uns in Aussicht gestellten Waldmeisterbowle entgegensahen, obgleich wir eigentlich schon genug der guten Weine getrunken hatten, wurden unsere Blicke durch aus dem Walde ertönenden eigenartigen Gesang dorthin gelenkt, und unter den Bäumen hervor traten, umgeben von Fackelträgern, singende Weiber und Männer, welche in mit der getragenen Melodie übereinstimmendem langsamen Schritt auf uns zu kamen. Wir hatten uns inzwischen auch erhoben, um den Zug, welcher ein tonganisches Talolo darstellte, d. h. die Begrüßung von Gästen durch Ueberreichung von Geschenken, an uns vorbei passiren zu lassen. Die Leute waren eingewanderte Tonganer, welche sich hier in der nächsten Nähe der Plantage mit ihrem Häuptling niedergelassen haben und durch Herrn Weber veranlaßt worden waren, uns dieses seltene Schauspiel vorzuführen. Es war ein wunderbares traumhaftes Bild, welches sich uns bot, als unsere heitere Unterhaltung so plötzlich durch diese ernsten braunen Gestalten unterbrochen wurde, welche in der lauen Luft eines herrlichen Tropenabends aus dem dunkeln Waldesrand herausschwebten, mit ihrem Gesang uns verstummen machten, sich vor uns auf ein Knie niederließen, ihre Geschenke niederlegten und singend weiterzogen, bis sie, den Garten im Bogen umschreitend, im Walde wieder verschwanden. Nachdem die Geschenke, welche in Kokosnüssen, Früchten und Zuckerrohr bestanden, weggeräumt waren, nahmen wir unsere Plätze wieder ein und thaten beim Schein der Windlichter und umschwirrt von allerlei fliegendem Gethier dem wirklich vortrefflichen, mit getrocknetem Waldmeister hergestellten Getränk alle Ehre an, bis wir gegen 10 Uhr unser Nachtlager aufsuchten, d. h. in den zur Verfügung stehenden Räumen es uns auf dem Fußboden auf Decken so bequem machten, wie es nur möglich war. Am nächsten Morgen besichtigten wir die erst seit einem Jahre in Bearbeitung genommene Plantage, die Wohnungen der von den Kingsmill-Inseln stammenden Arbeiter, statteten dem tonganischen Dorf einen Besuch ab, und um 10 Uhr waren wir wieder zu Pferde, um das eigentliche Ziel unserer Partie, einen berühmten Badeplatz, zu besuchen. Nach einstündigem Ritt auf schlechtem und stark steigendem Wege durch dichten Wald, sodaß wir fast die Hälfte des Weges zum Schutz gegen die herunterhängenden Baumzweige auf dem Pferde liegen mußten, stießen wir auf einen rauschenden Fluß, welcher in einer hohen bewaldeten Schlucht über terrassenförmig gelagerte mächtige Felsblöcke herabstürzt. An der Stelle, wo wir aus dem Walde heraustraten, sind die Seitenwände der Schlucht etwas zurückgeschoben, sodaß wir einen schönen Lagerplatz für uns und genügenden Raum für die Pferde fanden. Hier sollte gebadet, gefrühstückt, gerastet und, nachdem die Sonne nicht mehr so hoch stand, von hier aus auch der Fluß überschritten und auf anderm Wege nach Apia zurückgekehrt werden. Die Umgebung ist ganz eigenartig, und ich kann mir wol denken, daß dieser Platz ein beliebter Ausflugsort der Samoaner und namentlich der Halbweißen ist, da die jungen Mädchen dieser Mischlinge hier in geschlossener Gesellschaft den Durst nach Schwimmkünsten, welcher nun einmal in dem samoanischen Theil ihres Blutes steckt, nach Herzenslust befriedigen können.

Von oben fällt aus der Schlucht, welche dort durch hohe Bäume abgeschlossen wird, das wilde Wasser als etwa 10 m hoher und 6-8 m breiter Wasserfall herunter in ein tiefes, vom Wasser ausgehöhltes Steinbecken, wo es sich schäumend und brodelnd austoben muß, da die Sohle des steinernen Bettes sich wieder hebt und dem Wildling nur eine Mächtigkeit von vielleicht ½ m gestattet. So fließt er denn an unserm Lagerplatz, welcher ungefähr 20 m von dem Fuß des Wasserfalls entfernt ist, schon wieder als klare, spiegelblanke, hellgrüne Masse eilig vorbei und über einen glatten, die ganze Breite des Flusses einnehmenden Felsrücken von 50-60° Neigung hinweg wieder in ein 8-10 m tiefer liegendes Becken und nach weitern 20 m noch einmal über solch einen gleichen Felsrücken, um dann wieder im Waldesdunkel zu verschwinden. Das Hauptvergnügen des Bades besteht nun darin, daß man aus dem obern tiefen Wasserbecken schwimmend so zu dem Felsrücken gelangt, daß man sitzend von dem schnellfließenden Wasser geschoben auf der glatten Steinfläche herunterrutscht, in dem untern Becken durch das eigene Gewicht tief untertaucht und dort dann dasselbe Kunststück mit dem zweiten Absatz macht. Zurück muß man natürlich auf dem Landwege und dann kann das Spiel von neuem beginnen, wenn man Lust dazu hat. Von uns hat keiner das Kunststück gewagt, mit Ausnahme eines deutschen Herrn aus Apia, welcher sich mit Viehzucht beschäftigt und die Stadt mit Butter versorgt und den Kniff aus seinen jüngern Jahren her kennt. So leicht und elegant auch der dicke Herr in seiner rothen Badehose mit fliegender Fahrt auf dem Steinrücken heruntersauste, unten im brodelnden Wasser verschwand, prustend wieder zum Vorschein kam und sich mit einigen geschickten Schwimmschlägen wieder in die richtige Lage brachte, um auch den zweiten Abrutsch zu nehmen, fand er unter uns doch keinen Nachfolger, als er keuchend den steilen Landweg wieder heraufkam und die Schwimmfahrt zum zweiten mal ausführte.

Wir begnügten uns mit dem Bad in dem obern Becken unter dem Wasserfall, frühstückten danach und machten uns um 3 Uhr auf den Heimweg durch den Wald und zwei schön gehaltene samoanische Städte, in deren einer wir auch einen Samoaner antrafen, welcher uns in gutem hamburger Plattdeutsch ansprach, das er auf einem deutschen Schiff gelernt hatte. Uns kam dies im ersten Augenblick höchst komisch vor, denn es wirkt immer frappirend, wenn man einen Fremdling eine Abart der eigenen Sprache sprechen hört. Wir langten zu guter Zeit in Apia an, sodaß wir uns vor dem Essen noch umziehen und etwas ausruhen konnten, und hiermit will ich in der Erinnerung an diesen schönen Ausflug meinen ersten Besuch der Samoa-Inseln abschließen.

9.

Sydney.

Sydney, 19. August 1878.

Seit heute Nachmittag befinden wir uns im Hafen von Sydney oder wol richtiger im Port Jackson, wie die Engländer ihn ohne Rücksicht auf den Namen der dazu gehörigen Stadt nennen. Die ganze Umgebung mit dem summenden Geräusch, welches einem großen Handelsplatz immer eigenthümlich ist, kommt mir wie eine neue ungewohnte Welt vor, da wir seit sechs Monaten nichts Derartiges mehr gesehen und gehört haben, denn mit dem Verlassen von Valparaiso hatten wir von europäischer Civilisation Abschied genommen, und nun liegen wir ohne einen ähnlichen vermittelnden Uebergang, wie wir ihn auf dem Wege =nach= den Südsee-Inseln doch in Panama und Nicaragua gefunden, plötzlich nicht mehr vor einer vom Passatwind umwehten und von Palmen umrauschten tropischen Insel, sondern inmitten eines Häusermeeres, vor dessen Steinmassen alle Naturgebilde zurücktreten müssen. Hier werden wir nun nach langer Zeit der Entbehrungen mancherlei Zerstreuung und all die Annehmlichkeiten wiederfinden, welche eine große, reiche und nur von Europäern bewohnte Stadt zu bieten vermag; aber neu wird es uns wieder sein, ganz unter der Menge zu verschwinden, nachdem wir so lange Zeit hindurch überall den Mittelpunkt gebildet haben. Und an den Vorzug, sich wieder einmal ungezwungen und ungekannt in neuer Umgebung frei bewegen zu können, muß man sich auch erst gewöhnen. Eins erinnerte mich übrigens bei unserer Ankunft hierselbst doch daran, daß wir uns noch in der fernen Südsee befinden: der englische Postbeamte, welcher sich bei mir nach mitgekommenen Postsachen erkundigte. In diesen Gewässern übernehmen noch Kriegs- wie Kauffahrteischiffe unentgeltlich die Beförderung der Post zwischen den Plätzen, welche noch keine Postdampferverbindung haben, und so hatten auch wir von dem Herausgeber der Samoa-Zeitung in Apia, welcher dort die Briefe für die australischen und neuseeländischen Postämter in Empfang nimmt, einen Briefbeutel mitgebracht, welchen ich dem Beamten nach Prüfung des unverletzten Verschlusses aushändigen ließ.

Das war eine lange Reise von Apia bis hierher. 25 Tage für nur 2400 Seemeilen macht im Durchschnitt nicht einmal eine deutsche Meile für die Stunde, und an der Unbeständigkeit der Witterung konnten wir wol merken, daß wir uns hier jetzt im südlichen Winter befinden. Seit der Zeit, wo wir die Passatzone verlassen haben -- am 30. Juli -- haben wir viel stürmisches Wetter angetroffen und ungünstigerweise immer nur Weststürme, welche uns keinen Nutzen brachten. Manches Segel ist uns bei den Böen weggeflogen, kleine Havarien in der Takelage fehlten auch nicht, und am ärgerlichsten war dabei immer noch, daß das Wetter sich diese schlechten Scherze vorzugsweise für die Nacht aufhob und so die Wache an Deck fast stets volle Arbeit für die Nächte bekam. Als ein großes Glück muß ich es indeß betrachten, daß wenigstens eine Bö, welche vorgestern das Schiff überfiel, uns am Tage und zu einer Zeit traf, wo wir gerade keine Segel führten, denn ich weiß nicht, in welchem Zustand oder wo die „Ariadne“ sich sonst jetzt befände. Wir standen am Vormittag des erwähnten Tages nur noch 200 Seemeilen von Sydney ab und der Wind war so unbeständig, daß ich Dampf machen ließ, um aus dieser Gegend herauszukommen, was uns allerdings nicht viel half, da schon im Laufe des Nachmittags ein Weststurm einsetzte, welcher uns zwang, bis gestern Mittag mit Sturmsegeln beizudrehen. Die Feuer unter den Kesseln waren also angesteckt und es konnte sich nur noch um eine Viertelstunde handeln, bis wir genügenden Dampfdruck hatten, um die Maschine in Gang setzen zu können, als von Süden her eine weiße Wolke mit stärkerm Wind heraufzog, welche zwar nicht besonders drohend aussah, mich aber doch veranlaßte, schon vor ihrem Eintreffen die Segel festmachen zu lassen, weil diese Arbeit während der Bö ja sehr viel schwerer sein mußte. Die Mannschaft war an Deck gerufen, die Segel wurden gegeit, die Marsraaen liefen herunter, die Matrosen enterten auf, die Segel verschwanden unter ihren Händen und in dem Augenblicke, wo die Leute die Takelage wieder verließen, setzte die Bö hell pfeifend von der Seite ein und gleich derart urplötzlich mit ihrer ganzen Kraft, daß das Schiff, obgleich keine Segel standen, mit einem Ruck 23° übergeneigt wurde und unter dem riesigen Winddruck so liegen blieb, bis die Wolke über uns weggezogen war, was etwa eine Minute währte. Da das Schiff zur Zeit ziemlich leicht war, weil Proviant, Kohlen und Wasser nahezu aufgezehrt waren, so lag die Gefahr nahe, daß es bei der Plötzlichkeit und Heftigkeit des ganzen Vorganges gekentert worden wäre, wenn es sich noch unter Segel befunden hätte. Denn wenn die Mars- und Untersegel nicht mehr rechtzeitig von ihren Fesseln hätten befreit und wirkungslos gemacht werden können, so würden diese starken Segel und die schwere Takelage bei dem verhältnißmäßig geringen Gegengewicht des Schiffsrumpfes wahrscheinlich den ersten Anprall ausgehalten haben ohne zu reißen und zu brechen und dann hätte die Korvette ein Ende gefunden, wie es in dieser Gegend schon manchem Schiff bereitet worden ist. Bei Tage schon wurde die Gefahr nicht in ihrer ganzen Größe vorher erkannt, aber es lag doch die Möglichkeit vor, im letzten Augenblicke noch durch Loswerfen aller Taue die Segel und einen Theil der Takelage preiszugeben und so das Schiff zu retten, bei Nacht aber wäre dies wahrscheinlich nicht mehr möglich gewesen, wenn die Wolke nicht etwa in der Dunkelheit sehr viel drohender ausgesehen und so zu größern Vorsichtsmaßregeln Veranlassung gegeben hätte.

Eines Tages begegneten wir einer Heerde kleiner Walfische, welche mit hohen Bogensprüngen aus dem Wasser heraus auf uns zueilten, etwa eine Stunde bei dem Schiff blieben, gleichen Curs mit ihm haltend, und dann wieder im weiten Meere verschwanden. Als die plumpen Thiere sich scheinbar so übermüthig in und über dem Wasser tummelten, kam mir der wunderliche Gedanke, daß das von ihnen empfundene Wohlbehagen und Vergnügen sich eigentlich auch in ihrem Gesichtsausdruck widerspiegeln müsse, und ich nahm unwillkürlich das Fernrohr zur Hand, um mir die schwarzen Gesellen genauer zu betrachten. Was ich an den Thieren aber fand, war nicht schön, denn an mehrern entdeckte ich frische Wunden, Stellen, wo 20-30 cm große Stücke Fleisch aus dem Körper herausgerissen waren und woraus ich glaube folgern zu müssen, daß die Fische nicht nur zum Vergnügen aus dem Wasser heraussprangen und an unser Schiff sich herandrängten, sondern dies thaten, um großen Raubfischen zu entgehen, da die Wunden wol auf den Biß eines Haifisches zurückgeführt werden mußten. Das Wasser war leider zur Zeit so bewegt, daß man mit dem Auge nicht unter die Oberfläche dringen konnte, denn sonst wäre es vielleicht möglich gewesen, den Räuber zu entdecken.

Das Beste und Schönste der Reise hierher war die Einfahrt in den hiesigen Hafen, wenngleich sich uns heute Vormittag, als wir bei schönem Wetter Land ansteuerten, Australien nicht von der vortheilhaftesten Seite zeigte, da die durch die 'Blue Mountains' gebildeten hohen Bergketten, deren obere Spitzen bei klarem Wetter von See aus zu sehen sein müssen, sich wie gewöhnlich in ihren bläulichen Dunst gehüllt hatten, daher für uns unsichtbar blieben und das erste australische Land, welches in unsern Gesichtskreis trat, die durchschnittlich nur 100 m hohe, kahle und öde Küste bei Sydney war, auf deren Kamm sich Leuchtthürme, Signal- und Flaggenmasten, sowie einige kleine Gebäude für die Küstenwache in klaren Umrissen von dem bläulichen Dunstkleid der weiter im Lande liegenden Berge abhoben. Mit unserm Vorschreiten entwickelt sich die Küste als eine steile graue Wand, welche nach den Angaben der Karte so jäh abfällt, daß an ihrem Fuß die Meerestiefe immer noch 14-20 m beträgt. Nördlich von den Leuchtthürmen, da, wo der Bug unsers Schiffes hingerichtet ist, wird ein Einschnitt, die 1800 m breite Einfahrt zum Port Jackson sichtbar, in welcher jetzt auch das Hinterland kenntlich wird und immer deutlichere Zeichnung annimmt. Wir dampfen in die Einfahrt, schlagen einen rechten Winkel nach links, steuern zwischen schwimmenden Seezeichen hindurch und an einem Feuerschiff vorbei über eine schmale Bank oder Barre von nur 7 m Wassertiefe, drehen nach einigen Minuten wieder nach rechts, und vor uns liegt eins der schönsten Hafenbilder einer geschäftigen großen Handelsstadt.

Eine Wasserstraße, welche durch Verschiebung des Landes von unserm Standpunkt aus allerdings nur auf eine Länge von drei Seemeilen zu sehen ist, zieht sich in gerader Linie zwischen coulissenartig vorspringenden Landzungen hin, welche beide Seiten der Wasserfläche einfassen und deren mittlere freie Bahn in der äußern uns zunächst gelegenen Hälfte auf 1800 m und später auf nur 600 m verringern. Hinter den Landzungen zeigen sich aber zurücktretende Wasserbuchten von 600-2000 m Tiefe und durchschnittlich 500 m Breite, welche zu unserer Linken von Häusern und ganzen Stadttheilen, zu unserer Rechten von Villencolonien und grünbelaubten Abhängen umschlossen werden. Hinter den Buchten links die amphitheatralisch aufsteigende Stadt mit großen Steinbauten, breiten Straßen und großen parkähnlichen freien Plätzen, rechts die bewaldeten Höhen mit den vor ihnen liegenden und von großen Gärten umgebenen schönen Wohnhäusern, Villen und Flaggenmasten. Links fast nur Menschenwerk, rechts vorherrschend Naturgebilde. Die Wasserfläche ist belebt mit Ruder- und Segelbooten, zu Anker liegenden und in Bewegung befindlichen großen Segel- und Dampfschiffen, auf den hohen Ufern am Lande zeigen sich Erholung suchende Menschen, welche das einlaufende fremde Kriegsschiff durch Tücherschwenken begrüßen; mehrere kleine belaubte Inseln mit stattlichen Gebäuden liegen inmitten der großen Straße; von der Stadt her dringen lange nicht mehr gehörte Laute, wie sie die Vielgeschäftigkeit einer großen, nach Gelderwerb strebenden Menschenmasse erzeugt, an unser Ohr: Dampfpfeifen, Hämmern und Schlagen, und das Gesumme und Gewoge, welches sich aus tausenderlei vielen kleinen Tönen zu einem unbestimmbaren Geräusch zusammenfindet. Gelderwerb ist wol das Schlagwort, welches hier alles beherrscht und sich auch dem einlaufenden fremden Schiff gleich aufdrängt, denn als wir die Stadt noch nicht sehen konnten und ihr mit 11 Knoten Geschwindigkeit entgegeneilten, warf sich ein zierliches leichtes Boot, wie sie nur in Sydney gebaut werden, mit großem Geschick an unsere Seite, hakte sich am Schiffe fest und ließ sich mitschleppen. Ich glaubte zwar, daß das Boot bei unserer großen Fahrgeschwindigkeit gleich unter Wasser schneiden würde, aber nichts von dem, der Junge, welcher den Haken geworfen hatte, paßte auf die Leine auf, ein behäbiger Herr saß am Steuer und nickte uns vertraulich seinen Gruß zu, war aber kein Hafenbeamter oder Lootse, wie ich angenommen hatte, sondern ein ehrsamer wasserkundiger Schlächtermeister, welcher, rechtzeitig von unserm Einlaufen unterrichtet, dem Schiff gleich entgegengefahren war und durch sein meisterhaftes Manövriren mit dem Boot zunächst erreichte, daß man ihn überhaupt herankommen ließ, weil man ihn für etwas anderes hielt, als er war, und er nachher dann als Erster das Schiff bestieg, um seine Waare anzupreisen. In einer der kleinen Buchten, Farm-Cove, welche als Liegeplatz für die Kriegsschiffe reservirt ist, ankerten wir zu Füßen des zum Gouverneur-Palast gehörigen Parks, über dessen Baumwipfel das vornehme Gebäude hinwegsieht und einen Rundblick über den ganzen Hafen hat.

Port Jackson könnte vielleicht der beste Handelshafen der Welt genannt werden, wenn nicht der Hauptarm der Bucht, an welchem auch die Stadt liegt, durch die vorher schon genannte Barre, welche Schiffen von über 7 m Tiefgang das Einlaufen verwehrt, von dem Meere getrennt würde. Sonst hat der Hafen überall genügende Wassertiefe für die größten Schiffe und, was als geradezu unschätzbar angesehen werden muß, eine Uferlinie, welche in Schlangenwindungen sich um die ganze Bucht hinziehend, eine fortlaufende Kette der schon genannten kleinen Einbuchtungen mit großen Wassertiefen darstellt.

So scheint es fast, als ob die Natur selbst diesen Hafen als großen Handelsplatz geplant habe, da er in seiner Gestaltung als Muster für moderne künstliche Hafenanlagen dienen könnte, denn der Theil des Landes, welcher zur Zeit von der eigentlichen Stadt in Anspruch genommen wird, hat durch diese natürlichen Seitenhäfen eine dreifach größere Uferstrecke erhalten, als er haben würde, wenn das Ufer geradlinig verliefe, und was dies bedeutet, zeigt die Zahlenangabe, daß die jetzige Stadt Sydney infolge dieser Ufergestaltung allein an der Südseite der Bucht, wo die Geschäftsstadt liegt, eine Uferlinie von zehn Seemeilen Ausdehnung hat, während dieselbe sonst nur drei Seemeilen betragen würde. Aber nicht nur für die bequeme Befrachtung der Schiffe mit ungefährlichen Frachtgütern hat die Natur gesorgt, sondern sie hat auch noch die kleinen Inseln als Pulver-, Petroleum- u. dgl. Niederlagen in den Hafen gebaut. Durch diese natürlichen Vorzüge mußten auch die Verkehrsverhältnisse aus der innern Stadt nach dem Hafen außerordentlich bequeme werden und man konnte bei ihrer Anlage von einer ungebührlichen Ausdehnung in die Länge absehen. Ob Sydney auch mit einem weniger vorzüglichen Hafen das geworden wäre, was es jetzt schon ist, muß bezweifelt werden. Wahrhaft betäubend wirkt es, wenn man hört, daß während die Stadt im Jahre 1840 24000 Einwohner hatte, die Bevölkerung jetzt schon über 200000 Seelen beträgt und vorläufig noch in demselben Verhältniß weiter wächst.

15. September 1878.

Unsere Zeit ist nun auch hier abgelaufen und morgen werden wir Sydney wieder verlassen, um nach der uns gewordenen Erholung von neuem unsern Dienstpflichten nachzugehen. Vier Wochen in solcher Stadt zu leben ist genügende Zeit, um viel sehen und lernen zu können, aber nur, wenn man frei über sich verfügen darf und es einem auch gestattet ist, ungekannt die Eigenthümlichkeiten der Tag- und Nachtbilder zu studiren. Dieser Vorzug wurde mir aber nicht zutheil, denn vom ersten Tage an mußte ich mich zu der Gesellschaft des Gouverneurs, zu welcher auch unser Consul gehört, rechnen und war dadurch gleich infolge der verschiedenartigsten Einladungen derart gebannt, daß ich an interessante Entdeckungsfahrten in das Volksleben nicht denken konnte, sondern mich in dieser Beziehung mit dem begnügen mußte, was die jüngern Herren mir darüber erzählten.

Am Morgen nach meiner Ankunft, nachdem ich den Besuch unsers Consuls empfangen hatte, machte ich mit diesem Herrn zusammen dem hier residirenden Gouverneur von Neusüdwales meine Aufwartung, durfte mich auch seinen Damen vorstellen und erhielt gleich zum Abend desselben Tages eine Einladung zum Diner. Im Laufe des Nachmittags erwiderte der militärische Adjutant des Gouverneurs in dessen Namen meinen Besuch und übergab mir auch im Auftrage der liebenswürdigen Dame des Hauses einen Schlüssel zu einem quer ab von unserm Ankerplatz liegenden Thor zu dem Gouvernements-Park, damit ich bei meinen Besuchen im Government-House stets auf dem kürzesten und zweifellos angenehmsten Wege dahin gelangen könne. Der Gouverneur ist Civilbeamter und gehört zu der bevorzugten Menschenklasse, aus welcher die englische Regierung die Personen für diese wichtigen Posten auswählt, wenngleich die Herren, welche hierzu berufen werden, oft ihre eigentliche Heimat nicht mehr wiedersehen, da sie das höchste Amt eines Gouverneurs in der Regel in einer Colonie nur abgeben, um es in einer andern wieder zu übernehmen. Der Gouverneur von Neusüdwales hat einen fürstlichen Sitz, bezieht ein Jahresgehalt von 7000 Pfd. St. und erfreut sich daneben noch mancherlei anderer diesen Aemtern zukommenden Gerechtsame. So hat er das Recht der Wahl seines Adjutanten und Secretärs, was für sein Familienleben zuweilen von großer Bedeutung ist, wie z. B. in dem vorliegenden Falle der Gouverneur den Gatten seiner ältesten Tochter, einen Armeeofficier, sich als Adjutanten hat commandiren lassen, sodaß die Aeltern nun den Vorzug genießen, wenigstens diese Tochter nebst Gatten und Kind stets mit unter ihrem Dache zu haben, da Adjutant und Secretär ihrem Gouverneur von Platz zu Platz folgen und im Government-House Dienstwohnung finden. Andererseits müssen die Aeltern allerdings auch oft auf vielleicht Nimmerwiedersehen von ihren Kindern Abschied nehmen, denn wenn der hiesige Gouverneur Australien verlassen sollte, dann muß er sich wol für immer von seiner zweiten Tochter trennen, da diese während unsers Aufenthalts hierselbst einen Herrn geheirathet hat, der als Besitzer großer Viehstationen sich schwerlich wieder von Australien wird losreißen können, denn je größer der Besitz ist, um so stärker ist ja der Besitzer an die Scholle gefesselt. Ein mir als reich bezeichneter älterer Herr, welchen ich kennen lernte, sprach sich sehr wehmüthig und entsagungsvoll darüber aus, daß er nicht mehr nach Alt-England zurückkehren könne, und als ich dies in Rücksicht auf seine gute finanzielle Lage nicht verstehen wollte, gab er mir die Erklärung, daß er nie einen Käufer finden würde, welcher im Stande sei, ihm einen nur einigermaßen annehmbaren Preis für seine Liegenschaften zu zahlen, da große Kapitalisten als Käufer in diese entfernten Colonien nie kämen, sondern nur Leute mit bescheidenern Mitteln, welche erst erwerben wollen; und wer hier überhaupt verkaufe, wolle auch den ganzen Kaufpreis ausgezahlt erhalten. Dies letztere wurde mir erst in den jüngsten Tagen verständlich, als wieder einmal infolge der im Innern anhaltenden Dürre so viel Vieh auf den hiesigen Markt getrieben wurde, daß das Pfund Rind- und Hammelfleisch nur wenige Pfennige kostete. Tritt ein solcher Fall ein, dann ist derjenige Besitzer, welcher nur eine kleinere Anzahlung machen konnte, gewöhnlich wol bankrott und der frühere Besitzer hat natürlich das Nachsehen, namentlich wenn er in England wohnt.

Abends beim Gouverneur traf ich eine ziemlich große Gesellschaft an, die Damen in kostbaren Toiletten, zu welchen die drei Töchter des Hauses reizend geschmackvollen und reichen Blumenschmuck angelegt hatten. Im großen und ganzen läßt sich von den anwesenden Damen und Herren nur sagen, daß mir die Familie des Gastgebers in diesen Gesellschaftsrahmen nicht recht hineinzupassen schien. Zwischen Ministern, die aus der Bevölkerung der Colonie gewählt sind, Besitzern großer Viehstationen, Sportsmen und Kaufleuten, welche durch ihren Reichthum und wol auch ihre politische Stellung eine Rolle spielen, erschienen mir der Gouverneur und seine Familienmitglieder, bei welchen jede Bewegung und jedes gesprochene Wort an die vornehme Herkunft und die hohe Stellung, welche sie einnehmen, erinnerte, als ganz fremdartige Erscheinungen, welche wol am richtigsten mit fürstlichen Personen zu vergleichen sind, denen von einer mit republikanischen Gewohnheiten prahlenden Umgebung doch willig die höhere gesellschaftliche Stellung eingeräumt wird. So war bei einem Ball, welchen die Junggesellen der guten Gesellschaft den verheiratheten Familien gaben und wozu wir auch Einladungen erhalten hatten, für den Gouverneur und seine Familie eine Art Thron mit mehrern Stufen errichtet, wohin nur diejenigen Personen Zutritt erhielten, welche dahin befohlen wurden. Im Gegensatz hierzu steht wieder die schwierige Stellung, welche der Gouverneur bei seinen Ministern und dem Parlament, wo es häufig amerikanisch derb hergehen soll, findet; doch wird dem jetzigen Gouverneur nachgerühmt, daß er in sehr sicherer und taktvoller Weise die Klippen zu umschiffen weiß, mit welchen sein schwieriges Amt übersät ist, denn die einzelnen australischen Colonien, welche bekanntlich voneinander ganz unabhängig sind, sind dies praktisch auch von dem Mutterlande, von welchem sie nur den von der Königin ernannten Gouverneur annehmen müssen, und dadurch wol unwillkürlich zu dem Versuch gedrängt werden, diesen unabhängigen Mann in ein Abhängigkeitsverhältniß zur Colonie zu bringen. Diese hat auch ihre eigenen Miliztruppen und Befestigungsanlagen, die englischen Kriegsschiffe sind hier ebenfalls nur Gäste, und das von der Colonie von Neusüdwales dem jeweiligen Befehlshaber des in der Südsee stationirten englischen Geschwaders und seiner Familie hier in Sydney zu freier Benutzung überwiesene vollständig ausgestattete große Wohnhaus ist ein freiwilliges Geschenk der Colonie an die Flotte des Mutterlandes. Wie rücksichtslos in anderer Beziehung die Colonie auf ihre Selbständigkeit pocht, dürfte daraus hervorgehen, daß es den englischen Kriegsschiffen ebensowenig wie fremden Schiffen möglich ist, ihre Deserteure wiederzuerhalten, da die Polizei jede Mitwirkung hierzu ablehnt unter dem Vorwand, daß ihre Macht sich nur auf die innere Stadt beschränke und die Häuser, wo die weggelaufenen Matrosen Unterschlupf finden, in den Vorstädten liegen. So waren einem englischen Kanonenboot mit einer Besatzung von 120 Mann, 85 Mann weggelaufen; der Commandant des Schiffes und die Polizei wußten, wo die Leute frei umhergingen, aber nicht einmal die Einwirkung des Gouverneurs konnte erreichen, dem wehrlos gewordenen Schiffe seine Besatzung wieder zuzuführen. Böse Zungen behaupten, daß die Colonie, welche für jeden arbeitskräftigen Einwanderer eine Prämie von 45 Pfd. St. zahlt, hieraus ein Geldgeschäft macht, weil sie für diese Einwanderer keine Prämie zu zahlen brauche. Die Hauptaufgabe des Vertreters der heimischen Regierung wird hier vorzugsweise darin bestehen, die Einflüsse unschädlich zu machen, welche die schon sichtlich amerikanisch-republikanisch angehauchten Neigungen der Colonisten zu stärken geeignet sind, um so den Zeitpunkt der doch über kurz oder lang eintretenden Losreißung des großen australischen Staates von dem kleinen Mutterlande möglichst lange hinauszuschieben.

Die Stadt genießt die Vorzüge ihrer Jugend: gerade, breite, systematisch angelegte Straßen, große öffentliche Parks inmitten der Stadt und zueinander passender Baustil der öffentlichen Gebäude, an denen Sydney außerordentlich reich ist. Unter den öffentlichen Bauten führe ich an: Das Government-House, das Parlament, der Gerichtshof, das Schatzamt, die Münze, das Rathhaus, die Universität, 2 große Kathedralen, ein großes Hospital, das Museum, die Volksbibliothek, die Börse, das Post- und Telegraphenamt, die Ausstellungsgebäude, 13 Banken, 3 Theater und 6 größere Clubhäuser. Rechnet man dazu die vielen großartigen Verkaufsläden, so begreift man, daß Sydney eine wirkliche Großstadt zu nennen ist. Von den öffentlichen Parks sind in erster Reihe die Domäne und Hydepark zu nennen, beide mit hohen Bäumen bestanden und von schattigen Fußwegen, sowie breiten Fahr- und Reitwegen, durchschnitten. Eine wahre Perle ist die Domäne, welche Farm-Cove umfassend und die beiden die Bucht bildenden Landzungen in sich schließend eine Fläche von etwa 1400 m Länge und 700 m Breite einnimmt. Innerhalb der Domäne liegen auf der einen Landzunge das Government-House und der weitläufige, im großartigsten Stil angelegte Botanische Garten; die andere Landzunge, an deren Fuß sich Seebäder befinden, ist öffentlicher Park. Der Botanische Garten, für welchen die Colonie eine besondere Zärtlichkeit zu besitzen scheint, enthält an Bäumen, Sträuchern und Blumen wol so ziemlich alles, was man in der heißen und gemäßigten Zone unserer Erde an bedeutendern Pflanzen finden kann. Mich interessirten besonders die Nadelhölzer und hier wieder vorzugsweise die durch ihre feinen Nadeln, schönen Formen und Farben berühmten Tannen der kleinen Insel Norfolk. Natürlich hat Sydney auch seinen Rennplatz und große 'Criquet-' und 'Lawn tennis-grounds'. Hier, wie an entfernter liegenden Fischplätzen und auf dem Hafen kann man sich an der Lebendigkeit der Bewohner sowie daran erfreuen, daß die Menschen, trotz ihres Hastens nach Gelderwerb, die Freude an unschuldigen Vergnügungen und am Sport nicht verloren haben; ja, ich möchte behaupten, daß ich bisjetzt noch keinen Platz kennen gelernt habe, wo die Bevölkerung sich nach Schluß der Geschäftsstunden so allgemein der körperlichen Erholung widmet. Dampfer und Eisenbahn bringen die nach Abwechselung und Zerstreuung lüsternen Städter nach beliebten Ausflugspunkten; mit erstern fahren sie den Fluß hinauf oder über See, vermittelst der letztern kommen sie in die Berge; Fuhrwerke aller Art, eigene und Miethswagen, eilen zu den Spielplätzen, und Lustjachten wie kleinere Segel- und Ruderboote beleben den Hafen. Namentlich an den Sonntagnachmittagen sind bei gutem Wetter die sämmtlichen kleinen Segelboote in Bewegung nach der Hafenmündung zu, und ich habe noch bei jeder solchen Gelegenheit eins oder zwei der Boote kentern sehen, weil sich bei diesen Ausflügen stets Wettfahrten entwickeln, da der Engländer davon nun einmal nicht lassen kann, und die Leute, von denen viele nichts von dem Segeln verstehen, dann übermäßig Segel führen. Ein weiteres Unglück, als daß die Gekenterten naß wurden, passirte dabei indeß nicht. Der Sport spielt hier überhaupt in gewissen Grenzen vielleicht noch eine größere Rolle als im Mutterlande, löst doch ein Wettrennen das andere ab, und bereisen doch die Criquetspieler nicht nur die australischen und neuseeländischen Städte, sondern sogar England, um andere derartige Gesellschaften zum Preiskampf herauszufordern. Während unsers hiesigen Aufenthalts wurden in Sydney zwei Rennen abgehalten und von mehrern in andern Städten war noch die Rede. Der Gouverneur ist selbst großer Sportliebhaber, hat acht Rennpferde im Stalle stehen und fuhr als richtiger Sportsman zu einem Rennen, das in unmittelbarer Nähe der Stadt abgehalten wurde, selbst 'four in hands' seine große 'Coach', in welcher seine ganze Familie sowie die von ihm Geladenen, zu denen auch ich gehörte, Platz fanden. Die Damen saßen in dem Wagen, wir Herren oben auf dem Verdeck.

Das Klima, welches annähernd dem von Süditalien mit dem Vorzug eines kühlern Winters entspricht, scheint dem menschlichen Organismus ebenso zuträglich zu sein wie den Kindern der Pflanzenwelt, unter welchen auch die Früchte eine hervorragende Rolle spielen, denn es sollen z. B. in den Anpflanzungen bei Sydney und Paramatta mehr Orangenarten zu finden sein als auf dem ganzen übrigen Erdball. Man hat durch Kreuzung und Veredelung neue Arten und von bekannten Arten andere Größen gewonnen, und von den letztern werden kleine, nur wallnußgroße Mandarinen wegen ihres feinen Geschmacks und Saftreichthums besonders geschätzt.

Die wohlhabendern Klassen halten vielfach daran fest, außerhalb der Stadt zu wohnen. Die meisten dieser Wohnungen findet man nach der Seeseite zu und auf dem nördlichen Ufer des Hafens, wo schöne Häuser in herrlichen Gärten liegen, doch fängt man seit der Fertigstellung der Eisenbahn nach den 'Blue Mountains' auch an, sich dort an höher gelegenen Punkten anzusiedeln. Die große Entfernung der Privatwohnungen von den Geschäftsräumen und der Umstand, daß sich in einer aufstrebenden Colonie in der bessern Gesellschaft immer eine unverhältnißmäßig große Zahl unverheiratheter jüngerer Männer vorfinden, erklärt wol die vielen Clubhäuser und deren starke Benutzung zur Frühstückszeit.

Wie in allen englischen Hafenstädten und namentlich in denjenigen der Colonien fremde Kriegsschiffe auf das liebenswürdigste aufgenommen werden und ihnen nicht nur von den Offiziercorps und geschlossenen Gesellschaften, sondern auch von einzelnen amtlichen und Privatpersonen der erste Besuch gemacht wird, um den Offizieren die Anbahnung eines geselligen Verkehrs zu erleichtern, so erging es uns auch hier. Gleich in den ersten Tagen waren wir in die Clubs und in viele Familien eingeführt, und es durfte mich nicht überraschen, als der Consul mich auf den Spielplatz der guten Gesellschaft führte, dort bereits unsere Offiziere im Kreise junger Damen vorzufinden. Die Aufmerksamkeit der Behörden ging so weit, daß jeder Offizier eine in zierlichem Lederumschlag mit Goldschnitt befindliche Freikarte zu beliebiger Benutzung sämmtlicher Eisenbahnlinien der Colonie für die Dauer unsers Aufenthalts erhielt.

Daß Australien die merkwürdigsten Vögel und solche von außerordentlich schönem Gefieder, sowie eine auffallend große Zahl verschiedener Kakadu- und Sitticharten hat, ist bekannt, aber überraschend wirkt es doch, wenn man solche Thiere in großen Wagen zum Verkauf herumfahren sieht und sowol die Farbenpracht der einen, wie die zarten, unscheinbaren und doch so feinen Farben anderer und die merkwürdigste Farbenzusammenstellung in dem Gefieder wieder anderer bewundern muß. Von allen Vögeln, welche ich hier zu Gesicht bekam, interessirte mich am meisten der Jägerliest, hier wegen seines, lautem Lachen täuschend ähnelnden Geschreis allgemein „'laughing Jack'“ genannt, von welchen unser Consul einige gezähmte in seinem Garten herumlaufen hat. Dieser Vogel, welcher in seinem unscheinbaren Gefieder und sonstigem Aeußern einer Eule gleicht, bei näherer Betrachtung aber in seinem Bau an den Eisvogel erinnert, etwa 40 cm hoch ist und einen Kopf hat, welcher fast ein Drittel des ganzen Körpers einnimmt, kommt mir wie ein vorsintflutliches Geschöpf vor.

Von allem Möglichen habe ich nun schon erzählt und noch nicht unserer deutschen Landsleute gedacht, doch liegt dies daran, daß dieselben in diesem Theil Australiens wenig zur Geltung kommen, weil sie mit ganz verschwindenden Ausnahmen, welche in der englischen guten Gesellschaft aufgehen, nur dem kleinern Kaufmanns- und dem Handwerkerstande angehören und sich durch Heirathen mit den englischen Einwohnern schon stark vermischt haben. Doch halten sie unter sich noch immer zusammen und nahmen uns in der zuvorkommendsten Weise auf, stellten uns ihr Vereinslocal zur Verfügung und gaben uns einen Ball, welchen wir mit einem Tanzfest auf unserm Schiff erwiderten. In nähere gesellige Berührung bin ich mit nur einigen wenigen gekommen.

Ich habe natürlich auch nicht versäumt, die 'Blue Mountains' zu besuchen, wohin unser Consul mich zweimal führte. Das erste mal waren wir allein, fuhren mit der Bahn bis Blackheath und gingen von dort aus zu einem Felsenthal „'the Grose'“ und zu einem Wasserfall, „'Govett’s Leap'“ genannt; das zweite mal hatte der genannte Herr unsere dienstfreien Offiziere nach dem jenseit der Blauen Berge gelegenen Städtchen Bathurst eingeladen, um uns bei der Rückfahrt einen Ueberblick über die Gebirgslandschaft zu verschaffen und uns auch Gelegenheit zu geben, während der Fahrt das großartige Menschenwerk zu bewundern, durch welches es erst möglich wurde, nicht nur mit der Bahn, sondern überhaupt diesen Bergrücken zu überschreiten, welcher vorher sogar für einzelne Menschen und Saumthiere unpassirbar war.

Bei der Station Blackheath fanden wir ein recht gutes Wirthshaus, ein zwar einfaches aber innen gut ausgestattetes hölzernes Gebäude mit guter Verpflegung. Von hier aus gelangten wir auf schmalen Pfaden durch Gestrüpp und Steingeröll nach dem Grosethal und nach 'Govett’s Leap'. Das Charakteristische dieser Thäler und Schluchten liegt in den mächtigen Felswänden, welche, altem Gemäuer gleichend, senkrecht abfallen, sowie in dem üppigen Pflanzenwuchs der feuchten Thalsohle, welche mit dichtem Wald bestanden ist. 'Govett’s Leap' ist ein großer, von hohen Felswänden umschlossener Kessel, in welchen sich von der einen Seite von einer 170 m hohen Wand ein kleiner Wasserarm ergießt, der von oben als dünner Strahl herunterfällt ohne das Gestein zu berühren.

Nach Bathurst fuhren wir des Abends, trafen dort nach vierstündiger Fahrt nachts 11 Uhr ein und traten am nächsten Morgen die Rückfahrt an. Der Rundblick, welchen man auf das Gebirge erhält, ist großartig; weithin schweift das Auge über Berg und Thal und ist entzückt von dem weichen blauen Farbenton, welcher auf der Landschaft liegt, doch die Natur tritt zurück, sobald der Zug die Westseite der hohen Scheidewand erreicht, wo er in Zickzacklinien heraufklettern muß, um den Gebirgskamm zu erreichen. Diese Wand ist so steil und zerklüftet, daß die Ingenieure, welche mit der Untersuchung des Terrains und mit den Vorarbeiten des Bahnbaues beauftragt waren, sich an langen Seilen herunterlassen mußten, um die Punkte für den Schienenweg bestimmen zu können. Man begreift kaum, wie es möglich ist, daß ein Eisenbahnzug diese steile Wand überwinden kann, und staunt die Bauten an, welche nöthig waren, um die Schluchten zu überbrücken, denn drei Viadukte, jeder von 7-8 Bogen mit je 30 Fuß engl. Spannweite und größter Pfeilerhöhe von 46 Fuß, und ein Tunnel von 70 m Länge nehmen einen großen Theil des ganzen Schienenweges in Anspruch oder erscheinen dem Auge doch so. Der eigentliche Bahnkörper ist natürlich nur eine schmale Straße mit einfachem Gleise; für Kurven und Drehscheiben blieb kein Platz, und so kam man auf den Gedanken der Zickzacklinie, wo die Lokomotive den Zug auf der einen Strecke zieht und auf der andern schiebt. Für eine Höhe von 687 Fuß engl. waren allein 7,5 km Schienenweg erforderlich und je 1,5 km erforderten einen Kostenaufwand von 4-500000 Mark, sodaß der von den Engländern Zig-Zag genannte Theil allein über 2 Millionen Mark gekostet hat.

Bei den vorgenannten Fahrten kamen wir auch durch Eukalypten-Waldungen und durch weite, nur mit niedrigem Gestrüpp bedeckte Flächen, wie sie Australien eigenthümlich sind, in den höhern Regionen auch durch solche, wo nur Gräser die Erde bedecken. All dieses bietet wenig Anziehendes; die Eukalypten mit ihren schmutzig-grauen Stämmen und ähnlich gefärbten kleinen Blättern erinnerten mich an Olivenbäume, die kahlen farblosen Wälder ohne Buschwerk zwischen den weit auseinander stehenden und nur an ihrem Wipfel mit einer Laubkrone versehenen Stämmen an verstaubte, halb verdorrte Waldgehege innerhalb großer Städte, wenn in heißem Sommer lange Zeit kein Regen gefallen ist. Warum dieser Baum „'gum-tree'“, von den Deutschen „Gummibaum“ (mit welchem er weder in Gestalt noch in seinen Eigenschaften irgendeine Gemeinschaft hat) genannt wird, ist mir unklar geblieben. Vielleicht daß die Eingeborenen ihn mit dem Laut „Göm“, aus welchem die ersten Colonisten „'gum'“ machten, bezeichnet haben. Diese farblose kalte Pflanzenwelt, das weiter oben in den Bergen vorherrschende Knieholz und niedrige Gestrüpp, sowie die kleinen als Stationsgebäude dienenden Blockhäuser ließen mich die Scenerie in den Blauen Bergen schon auf einer Höhe von nur 500 m über dem Meere trotz der warmen Luft mit den Gefilden unsers Riesengebirgskammes auf 1500 m Höhe vergleichen.

Ich glaube mit Sydney abschließen zu können, nachdem ich noch gesagt habe, daß unser geselliger Verkehr hierselbst, dank der vollendeten Gastfreundschaft unsers Consuls und der englischen Gesellschaft ein sehr reger war und uns Genüsse der verschiedensten Art geboten wurden. Die wöchentlichen Nachmittags-Gartenfeste beim Gouverneur verdienen in erster Reihe genannt zu werden, weil man hier in dem schönen Park bei Musik alles traf, was zur guten Gesellschaft gehört, und die zwanglose Form des Verkehrs ein Magnet war, welchem niemand so leicht widerstehen konnte. Neben dem bereits erwähnten Junggesellen-Ball fand noch ein von der Gattin des Gouverneurs zu Wohlthätigkeitszwecken veranstalteter Costümball statt, zu welchem die Theilnehmer nur in Kattunstoffen erscheinen durften; Privatbälle, Mittags- und Abendgesellschaften schlossen die Kette der Feste.

10.

Samoa.

II.

Angesichts Upolu, 7. October 1878.

Das schöne Upolu liegt nun auch wieder in unserm Gesichtskreis und zwar als ein in Gewitterwolken eingehülltes und von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtetes kleines Stück Bergland auf weitem Meere. Windstille liegt über der träge auf- und niederwogenden See, laue Tropenluft umfängt uns und Blitze zucken durch das auf dem Lande lagernde schwarze Gewölk; der Tag schwindet schnell, die Nacht breitet ihre Schatten aus, und kaum daß die Sonne zur Rüste gegangen ist, flimmern und blinken auch schon die Sterne oben in der Höhe an dem dunkeln, in unendliche Fernen reichenden Himmelsdom; in gleichmäßigem Takt schlägt die Schraube durch das Wasser, treibt unser Schiff dicht unter der Küste entlang dem Hafen zu und die Nähe des Landes zwingt mich, die Nacht zum Tage zu machen. So finde ich in später Abendstunde Muße zum Schreiben, welche ich benutzen will, da ja möglicherweise sich uns morgen in Apia schon eine Postgelegenheit bieten kann. Schwer wird es mir, in meiner Kajüte zu bleiben, da eine Nacht wie die heutige mich mit unwiderstehlicher Gewalt auf das Deck zieht. Was es ist, kann ich nicht sagen. Ob der von dem Lande ausströmende Duft und geheimnißvolle Zauber; ob das bleierne Gewölk, welches die Insel so innig umfängt, daß man glaubt, kein heimlicheres Plätzchen finden zu können; ob die tiefe andachtsvolle Stille, welche nur durch ein leises Rauschen der Brandung unter der Küste und das gleichmäßige Arbeiten der Maschine unterbrochen wird; ob die weite Sternenwelt oder ob Alles zusammen? Ja, wer kann es sagen und wer ist wol im Stande zu beschreiben, was die Seele des Menschen in solcher Umgebung eigentlich durchzieht und bewegt?

Beim Durchblättern meines Tagebuches finde ich übrigens zu meiner Befriedigung, daß mir infolge der Einförmigkeit unserer letzten Reise kaum etwas niederzuschreiben bleibt. Das Einzige, was vielleicht von allgemeinerm Interesse sein könnte, ist, daß wir die von dem französischen Transportschiff „'La Rance'“ im Jahre 1873 entdeckten und nach ihm benannten großen Korallenriffe, welche ein Feld von 10 Seemeilen Durchmesser einnehmen sollen, ebenso wenig gefunden haben, wie das englische Kriegsschiff „'Pearl'“ sie im vorigen Jahre finden konnte, und daher nur anzunehmen ist, daß dieses Riff inzwischen wieder verschwunden ist oder aber nie bestanden hat. Der Franzose will bei starkem Wind plötzlich entfärbtes Wasser gesehen haben und hat dann ein Boot zu Wasser gelassen, welches dort mit dem Loth als geringste Wassertiefe nur 6½ m gefunden haben will, während der Ausguckposten des Schiffes vom Mast aus nach der Brandung, welche er gesehen haben will, die ungefähre Ausdehnung des Riffs festgestellt hat, wobei nur unerklärlich bleibt, weshalb zu dieser wichtigen Messung und überhaupt zur Richtigstellung der ganzen für die Schiffahrt so bedeutungsvollen Sachlage nicht der Commandant selbst oder doch wenigstens ein Offizier in die Takelage gegangen ist. Thatsache ist, daß wir unter den denkbar günstigsten Umständen den Platz der fraglichen Bank unter Dampf angesteuert haben, bei klarem sehr sichtigen Wetter, Windstille und hoher Dünung, sodaß wir, wenn in einem Umkreis von 16 Seemeilen von unserm jeweiligen Standort während der Zeit, wo wir suchten, Riffe gewesen wären, die Brandung auf ihnen unter allen Umständen hätten sehen müssen und keine durch Wind erzeugten Wellenbrecher uns hätten täuschen können. Außerdem hatten wir aber auch eine durchaus zuverlässige Ortsbestimmung, fanden mit dem gewöhnlichen großen Loth keinen Grund und zuverlässige Posten wie ein Offizier mit Fernrohr konnten aus der Takelage keine Brandung entdecken. Nachdem wir bis 5 Uhr nachmittags vergeblich gesucht hatten, kamen wir zu demselben Schluß wie die englische Korvette „'Pearl'“, daß die Korallenbank nicht oder aber nicht mehr existirt.

8. October 1878.

Als wir heute Morgen mit Tagesanbruch in Apia einliefen, erhielt ich von dem Lootsen gleich die befriedigende Nachricht, daß die amerikanischen Abenteurer bis auf einen, welcher noch immer versuche, die Geldansprüche der frühern Landcompagnie geltend zu machen, die Samoa-Inseln für immer verlassen hätten, daß ebenso das amerikanische Kriegsschiff schon lange nach seiner Heimat zurückgekehrt sei und im Lande Ruhe herrsche. Dagegen brachte er mir die traurige Kunde, daß der Halbweiße, welcher bei der Beschlagnahme von Saluafata als unser Dolmetscher gewirkt hatte, durch die Folgen jener Nacht richtig seinen Tod gefunden habe, denn er habe sich von dem ausgestandenen Schreck nicht mehr erholen können und sei einige Wochen darauf gestorben. Dasselbe bestätigte mir die Frau des armen Teufels, welche ich heute Nachmittag auf ihren Wunsch hin besuchte und die mir ein für mich bestimmtes kleines Vermächtniß des Todten einhändigte, welches in einer alten werthvollen, aus der Familie seiner Mutter stammenden Matte, einigen Stücken Tapa und andern Kleinigkeiten bestand.

Die hiesige politische Lage scheint zur Zeit für uns günstig zu sein. Im Lande herrscht wirklich Ruhe, denn die Regierungsmitglieder haben sich Ferien gegeben, um die heimatlichen Districte zu besuchen und sich im Kreise ihrer Verwandten zu erholen. Nur drei Mitglieder sind als Repräsentanten der Regierung hier zurückgeblieben und diese nahmen aus unserer Ankunft Veranlassung, gleich heute Vormittag den Consul zu bitten, mich von allen Gewaltmaßregeln abzuhalten, da sie zum Abschluß eines Vertrages mit uns bereit seien und dies nur jetzt noch nicht zur Ausführung bringen könnten, weil die Regierung nicht beisammen sei; sie würden indeß gleich Schritte thun, um die Abwesenden zurückzurufen.

Ueber die Amerikaner hörte ich noch, daß der früher mehrgenannte höhere Consulatsbeamte, welcher sich vor einiger Zeit von hier nach den Fidji-Inseln begeben hat, die Zeit seines hiesigen Aufenthalts vornehmlich dazu benutzt haben soll, die Samoaner immer wieder vor den Deutschen zu warnen und ihnen zu empfehlen, mit diesen ja keinen Freundschafts- und Handelsvertrag abzuschließen. Wenn ich nun an dieser Stelle auch noch einmal auf die Angelegenheiten der amerikanischen Landcompagnie, welche für uns keinerlei Interesse mehr haben, mit wenig Worten zurückkomme, so geschieht dies nur, um die frühern Angaben zu vervollständigen.

Als die Samoaner sich beharrlich weigerten, die gemachten Geldansprüche anzuerkennen, und daran festhielten, nur die für Mamea’s Reise gesammelten 1000 Dollars zu bezahlen, gab der amerikanische Commandant die Sache wieder an den inzwischen eingetroffenen neuen amerikanischen Consul ab, und damit wird die Sache wol im Sande verlaufen.

Daß wir nun während meines jetzigen Aufenthalts hierselbst schon zum Abschluß des seit Jahren erstrebten Vertrages kommen werden, glaube ich übrigens nicht, da eine dem Schiffe gestellte Aufgabe es nach Neu-Britannien ruft, sofern die hiesigen politischen Verhältnisse eine längere Abwesenheit gestatten sollten, und dies scheint mir der Fall zu sein. Unser Aufenthalt wird daher, wenn nicht etwa Zwischenfälle eintreten, nur von kurzer Dauer sein.

18. October 1878.

Natürlich ist der Vertrag bisjetzt noch nicht zu Stande gekommen und wird es vorläufig auch noch nicht, da ich übermorgen die geplante Reise antreten will. Wir haben aber gestern in einer Sitzung mit der Samoa-Regierung wenigstens erreicht, daß dieselbe eine uns zusagende Commission für die diesbezüglichen Verhandlungen ernannt und sich schriftlich verpflichtet hat, am 1. Januar 1879, bis zu welchem Zeitpunkt ich wieder hier zu sein hoffe, in dieselben einzutreten.

Apia bot mir dieses mal einen sehr viel behaglichern, wenn auch weniger anregenden Aufenthalt als bei unserm ersten Besuch, weil keinerlei Aufregung und Unruhe an mich herangetreten ist; zu den von mir beabsichtigt gewesenen weiteren Ausflügen in die Umgebung, um das Volksleben kennen zu lernen, bin ich aber doch nicht gekommen, weil ich keine Begleiter fand und zur Zeit auch keinen Dolmetscher erhalten konnte, ohne welchen ich nichts hätte anfangen können. So mußte ich mich mit dem begnügen, was die Stadt selbst mir bot.

Dahin gehört zunächst der Fang eines wurmartigen Wasserthieres, welcher den Charakter eines Volksfestes angenommen hat und zu welchem wir gerade rechtzeitig hier eingetroffen waren, weil das Aufsteigen der merkwürdigen Thierchen vom Meeresboden an die Oberfläche, welches jährlich nur zweimal an zwei aufeinander folgenden Tagen und zwar in den Monaten October und November am Tage nach Eintritt des dritten Mondviertels erfolgt, am zweiten Tage nach unserer Ankunft seinen Anfang nahm. Der Samoaner nennt diesen Wurm, dessen regelmäßig wiederkehrende Aufsteigezeit er der Natur abgelauscht hat, „Palolo“. Merkwürdig muß ein Geschöpf wol genannt werden, welches sich während eines ganzen Jahres auf oder in dem Meeresboden aufhält und sich nur in zwei aufeinander folgenden Monaten an je einem von dem Mond abhängigen Tage, da an dem zweiten nur Nachzügler kommen, des Morgens kurz nach Sonnenaufgang für die Dauer einer Stunde an die Wasseroberfläche wagt, um dann wieder für zehn Monate seine Schlupfwinkel aufzusuchen, wenn es nicht etwa wie die Eintagsfliege abstirbt, nachdem es einmal das Sonnenlicht geschaut hat.

Ich wollte es mir natürlich nicht entgehen lassen, an dem Fang theilzunehmen und fuhr daher an dem betreffenden Tage schon vor Sonnenaufgang mit meinem Boot durch das Dunkel der Nacht auf stiller glatter Flut zu der Stelle, wo die Ankunft der seltenen Gäste erfolgen sollte. Einige Eingeborene, deren Kanus in größerer Nähe aus der Dunkelheit heraustraten, traf ich schon an, und singend kamen vom Lande her neue Zuzügler. Die hohen schwarzen Berglehnen des noch von der Nacht umfangenen Landes, der von dunkelm Gewölk umlagerte ferne Horizont und die allmählich verblassenden Sterne umschließen in ihrer großartigen Ruhe ein Stück Leben eigener Art, wo ein langes schmales, von grollender Brandung überspültes Korallenriff die innere schwarze stille Flut mit den lachenden und singenden Menschen von der rauschenden ernsten und erbarmungslosen See scheidet, deren gierig leckende und in Hast sich überstürzenden Wellen alles verschlingen möchten. Mancherlei Kurzweil wird hier innen getrieben, da die Augen sich genügend an die Dunkelheit gewöhnt haben und auch die kurze Dämmerung schon anbricht. Die verschiedensten für den Fang bestimmten Gefäße werden gezeigt und bewundert, gelegentlich auch dazu benutzt, um ein anderes Kanu mit einem kleinen Sturzbad zu bedenken. Ununterbrochen fahren die leichten Fahrzeuge wie bei einem Corso hin und her, um Bekannte zu begrüßen und Neuigkeiten auszutauschen, bis die über den Horizont steigende Sonne an den Fang mahnt. Plötzlich sind die Sterne verschwunden und es ist Tag; ein kleiner goldiger Bogen zeigt sich über dem Horizont und gleich darauf beleuchtet auch schon der ganze Sonnenball das urplötzlich veränderte Bild. Die Menschen sind still, die Kanus haben sich gegenseitig Raum gegeben, und mit den Schöpfgefäßen in der Hand lugen alle in die Tiefe. Hier und da ein Ruf, ein Schöpfen und bald ist allgemeine Bewegung in sämmtlichen Fahrzeugen. Ringelnd wie die Schlangen steigen aufrechtstehend die 15-20 cm langen, 30 mm dicken, matt lila gefärbten Thierchen in großen Scharen aus der Tiefe auf, um an der Wasseroberfläche gefangen zu werden und den Eingeborenen später als seltenes und geschätztes Mahl zu dienen. Auch wir betheiligen uns an dem Fang, jedoch nur um einige dieser Würmer in der Nähe genauer betrachten zu können, wobei wir fanden, daß außerhalb des Wassers das mit rauher Haut behaftete Thierchen gleich steif wird und beim Anfassen wie ein dünner Glasstab in mehrere Stücke bricht.

Einen unserer gewohnten abendlichen Spaziergänge dehnten wir auf Vorschlag meines damaligen Begleiters, eines deutschen Herrn, welcher etwas samoanisch spricht, bis zu der Hütte der früher schon einmal genannten Häuptlingstochter Toë, aus, um dieser Dame einen Abendbesuch zu machen. Wir trafen erst gegen 9 Uhr dort ein und fanden die Vorhänge an dem großen Hause zwar schon heruntergelassen, sahen aber doch Licht durchschimmern und traten daher, nachdem wir einen der Vorhänge zur Seite geschoben hatten, ein. Was wir hier sahen, ist für die Lebensart der Samoaner so charakteristisch, daß ich aus diesem Grunde die kleine Episode hier einfüge.

Der innere Raum, welcher nicht durch Vorhänge abgetheilt war, wurde durch eine Petroleumlampe soweit matt erleuchtet, daß man ihn eben noch ganz übersehen konnte. In der Mitte auf abgesondertem freierm Platz lag Toë mit einigen Mädchen in tiefem Schlaf, und der ganze übrige Raum war mit nebeneinander liegenden halbnackten schlafenden Gestalten so ausgefüllt, daß es Mühe machte, bis zur Mitte vorzudringen ohne die Leute zu treten. Interessant war mir, diese Schlafstätte näher zu betrachten, wie immer in einer geraden Linie mehrere lange Kopfkissenhölzer nebeneinander aufgestellt waren und in trauter Gemeinschaft ordentlich ausgerichtet Männlein und Weiblein vielfach in bunter Reihe nebeneinander lagen. Bei unserm Eintreten drehte wol die eine oder andere Gestalt den Kopf zu uns hin, ohne indeß weitere Notiz von uns zu nehmen, und die von uns im Schlaf gestörte Toë nahm uns, nachdem sie sich aufgesetzt und den Schlaf aus den Augen gerieben hatte, freundlich auf, bot uns einige schnell zurechtgedrehte samoanische Cigaretten an und erklärte dann ihr volles Haus damit, daß ein Theil ihres Stammes, welcher keine eigene Hütte habe, hier nächtige und der Rest durchreisende Gäste seien. Nachdem wir die Cigaretten geraucht hatten, empfahlen wir uns wieder, ich ganz befriedigt über den Einfall meines Begleiters, da ich dadurch zufällig einen Einblick in samoanisches Leben thun konnte, den ich sonst wol nicht erhalten hätte.

* * * * *

Die ruhigen Tage der letzten Zeit waren ganz dazu angethan, meine Gedanken wieder auf die Frage der Gründung deutscher Colonien zu lenken, welche mich, seitdem ich hier in der Südsee bin, auf das lebhafteste beschäftigt. Da ich nun glaube, soweit die eigentlichen Südsee-Inseln in Betracht kommen, zu einem abschließenden Urtheil gekommen zu sein, so möge dasselbe hier Aufnahme finden.

Die einzelnen in der heißen Zone liegenden Inselgruppen sind, mit Ausnahme derjenigen der Fidji-Inseln, welche einen bedeutendern Ländercomplex darstellen, so klein, daß eine jede Gruppe für sich keinenfalls einen europäischen Verwaltungsapparat bezahlen kann, und die Gruppen wieder sind unter sich räumlich so weit voneinander entfernt, daß sie sich nicht zusammenfassen lassen, mithin eine Regierungsform nach europäischem Vorbilde stets finanziell ein Fehler sein würde. Dagegen bieten die Inseln im Verhältniß zu ihrer Größe so reiche Hülfsquellen, daß jeder Staat bestrebt sein müßte, sich dieselben zu alleiniger Ausbeute zu sichern. Der Kernpunkt würde daher darin liegen, wie die Verwaltung einzurichten wäre, um allen Anforderungen zu genügen. Hier würde nun als erster Grundsatz festzuhalten sein, daß die Eingeborenen nicht wie in Amerika, Australien und Neu-Seeland absichtlich und mit allen erlaubten wie unerlaubten Mitteln ausgerottet werden, sondern daß dafür Sorge getragen wird, die Menschen zu erhalten, sofern die Bevölkerung nicht zu sehr anwächst, und das ist hier nicht mehr zu befürchten. Die Eingeborenen sollen nicht nur mit der Zeit zweckmäßige Arbeitskräfte abgeben, sondern sollen auch belebend wirken und durch ihre Eigenart den Inseln ihren besondern Reiz und Zauber erhalten, damit das Leben der Pflanzer nicht zu einförmig wird. Namentlich aber sollen sie das Mittel bilden, das Land auf billige Art zu regieren und es dauernd an die Macht zu fesseln, welche Besitz von ihm ergriffen hat. Ich halte daher ein schutzherrschaftliches Verhältniß mit eingeborener Regierung und einem obern Beamten des Schutzherrn, welcher die Regierung hinter den Coulissen leitet und thatsächlich, wenn auch nicht äußerlich, der Regent ist, für das allein Richtige. Einige Unterbeamte, Polizei, Post, Wegebau, Zoll u. s. w. würden, als im Dienst der einheimischen Regierung stehend, die Verwaltung zu vervollständigen haben. Die eingeborenen Herrscher haben kaum andere Bedürfnisse wie ihre Unterthanen, halten die Ordnung ganz schön aufrecht, beanspruchen kein Gehalt und bilden mit ihrem Volk eine sichere Schutzwehr gegen gefährliche Einwanderung. Würden die Eingeborenen ausgerottet sein, so würden an ihre Stelle mismuthige Elemente des europäischen Proletariats treten, weil besitzende Europäer auf solcher Insel nur in verhältnißmäßig geringer Zahl ihr Fortkommen finden können; jene zweifelhafte Einwanderung und die von andern Inseln eingeführten Arbeiter könnten aber nur durch eine kostspielige Truppenmacht in Ordnung gehalten werden, da die auf ihren großen Plantagen verstreut wohnenden Besitzer sich bei einem allgemeinen Aufstand nicht gegenseitig unterstützen könnten und ähnlichen Gefahren ausgesetzt sein würden, wie die Franzosen Ende des vorigen Jahrhunderts auf der westindischen Insel San-Domingo. Einer solchen Möglichkeit ist aber vorgebeugt, solange die Inseln ihre einheimische Bevölkerung behalten, denn diese hält den fremden Arbeitern das Gleichgewicht und für fremde Einwanderung bleibt kein Raum. Zu einer solchen Schutzherrschaft gehört daher nicht viel, nur einige Beamte und das jetzt schon vorhandene zum Schutz des Handels hier stationirte Kriegsschiff. Die Franzosen haben in ihrer Gier nach Colonien jede kleine Insel, welche ihnen in den Wurf kam, annectirt und nach europäischem Muster organisirt, spinnen dabei aber keine Seide. Die Engländer dagegen haben mit ihrem praktischen Verstand bisjetzt nur solche Gebiete annectirt, die durch ihre Größe eine umfangreiche Verwaltung vertragen können, oder deren Lage von politischer Bedeutung ist. Daß sie jetzt neuerdings mit dem Gedanken umgehen, auch von kleinern Inseln Besitz zu ergreifen, kann nur eine Ausgeburt der Misgunst sein, da ihnen die Verhältnisse hier seit langer Zeit genau bekannt sind und sie die Inseln trotzdem vollständig ignorirt haben, solange keine fremde Macht sie des Besitzes werth hielt, weil Schutzherrschaft nicht in den Rahmen ihres Colonialsystems hineinpaßt und dieses, wie schon gesagt, für die kleinen Inseln zu theuer wird. Viel ist hier in der eigentlichen Südsee ja nicht mehr zu haben, da Engländer und Franzosen sich bereits in das meiste getheilt haben, und Neu-Guinea mit Neu-Britannien u. s. w. und den Salomons-Inseln würde ein Gebiet sein, welches nach schon bekannten Mustern regelrecht zu besetzen sein würde, da die dortige Bevölkerung den Colonisten keinen Schutz gewähren kann, sondern eine stete Gefahr für sie sein wird.

* * * * *

Vor Abschluß dieses Briefes habe ich noch eines schönen Zuges von Muth und Nächstenliebe, welcher sich vor einigen Tagen auf unserm Schiffe abspielte, zu gedenken. Ein Matrose fiel morgens während des Deckwaschens durch Unvorsichtigkeit aus einer Höhe von über 30 m aus der Takelage herunter, hakte mit einem Arm über ein horizontal und straff gespanntes Tau und wurde durch dessen elastisches Zurückschlagen in großem Bogen in das Wasser geschleudert, wo ein mit Blut gefärbter Fleck die Stelle zeigte, wo er untergesunken war. Trotzdem schon während des ganzen Morgens drei mittelgroße Haie in der Nähe des Schiffes gewesen waren, sprang mein Gigsteurer, Bootsmannsmaat Lange, ohne Besinnen dem Manne nach, holte ihn vom Meeresgrund herauf und brachte den ohnmächtigen Verunglückten mit Hülfe eines andern Matrosen, welcher auch noch nachgesprungen war, glücklich wieder auf das Schiff. Der Mann hat zwar eine schwere Verletzung davongetragen, da unter dem linken Arm die Muskeln bis auf den Knochen durchschnitten sind und der Arm aus seinem Gelenk herausgebrochen ist, doch hofft der Arzt das Beste und hält es für möglich, daß der Arm wieder ganz gebrauchsfähig wird.

11.

Von Apia nach den Marshall-Inseln.

(Tonga-, Fidji-, Ellice-, Kingsmill-Inseln.)

Am 20. October, an einem schönen Sonntagmorgen, habe ich Apia nach vierzehntägigem Aufenthalte daselbst wieder verlassen, um eine Rundreise durch den westlichen Theil der Südsee anzutreten. Zu meiner großen Freude begleitet mich Herr Consul Weber, welcher sich entschlossen hat, die Reise mitzumachen. Ich habe dadurch nicht nur für längere Zeit einen liebenswürdigen Gesellschafter gewonnen, sondern habe in diesem Herrn auch einen so erfahrenen Kenner aller hiesigen Verhältnisse und namentlich der Charaktereigenschaften der Eingeborenen an meiner Seite, daß ich von seiner Anwesenheit großen Nutzen für die Sache, wegen welcher die Reise unternommen wird, erwarten darf. Außerdem begleiten mich auch zwei Dolmetscher.

Unser Weg führt uns zunächst nach Tongatabu und den Fidji-Inseln, also nach Plätzen, welche in der neuesten Zeit wesentlich in den Bereich der europäischen Civilisation gezogen worden sind; dann aber werden wir vornehmlich Inseln und Häfen anlaufen, welche selten besucht werden und von denen einzelne noch kein deutsches Kriegsschiff gesehen haben. Und hier hoffen wir dann die Südsee-Insulaner noch in ihrer ganzen Ursprünglichkeit studiren zu können -- wenn Wind und Wetter uns gestatten, das vorgesetzte Programm durchzuführen. Ich bin für diese Reise fast allein auf die Segelkraft des Schiffes angewiesen, weil Kohlen auf dem vor uns liegenden Wege nur selten und dann auch nur zufällig angetroffen werden; denn zwischen diesen Inseln (nur Fidji hat eine Dampferverbindung mit Australien) besteht noch kein Dampferverkehr. Da wir nun bis Ende December, wo ich wieder in Apia sein will, 6000 Seemeilen zu durchlaufen und 10-15 Häfen mit dem nothwendigen Aufenthalt zu besuchen haben, so liegt es auf der Hand, daß ich mit den Winden, welche zur Zeit hier wehen sollen, also mit dem ortsüblichen Passatwind rechnen muß. Läßt uns dieser aber im Stich, wie er es gleich zu Anfang schon an der Südküste Upolus gethan hat, zwingt uns ungünstiger Wind schon von vornherein zum Kreuzen, dann allerdings kann ich sagen: „wenn Wind und Wetter uns gestatten, das ganze Programm durchzuführen“.

Am 26. vormittags mußte das Schiff in Sicht der Insel Tongatabu sein, es war aber bei starkem Winde so dicke Luft, daß weder Land noch Brandung zu sehen waren. Ein directer Curs mußte indeß in irgendeiner Richtung zur Orientirung führen und wurde ein solcher daher so lange eingehalten, bis vor uns und gleichzeitig auch zu beiden Seiten die hohe Brandung auf den sehr ausgedehnten Riffen der Insel aus dem Dunst hervorbrach. Bald wurden auch die kleinen, von der Hauptinsel weit abliegenden Inselchen, welche das Fahrwasser markiren, ausgemacht und nun konnte der richtige Curs zum Hafen gewählt werden. Wenige Stunden später, nachmittags 2½ Uhr, wurde vor Nukualofa, der Hauptstadt des kleinen tonganischen Reiches, geankert. Den Eindruck einer Tropenlandschaft machte das vor uns liegende Bild nicht. Am Strande entlang stehen kleine Holzhäuser, wie man sie in Norwegen findet, unter diesen ein größeres in Villenstil, die Wohnung des Königs. Die Häuser sehen kahl aus, da jedes inmitten eines freien Platzes liegt und Baum wie Strauch fehlen. Im Hintergrunde lugen zwischen Kokospalmen einzelne Hütten der Eingeborenen hervor, dieselben können aber nicht als Staffage zur Geltung kommen, weil der kalte Ausdruck der im Vordergrunde liegenden weißen Holzhäuser alles beherrscht und der ganzen Gegend einen frostigen Stempel aufdrückt. Es ist wol wahrscheinlich, daß bei anderer Witterung die Physiognomie des Landes eine ganz andere wird, jetzt aber bei dem stürmischen, dunstigen Wetter sieht die Hauptstadt Tongas kalt aus, und man wähnt bei ihrem Anblick in einer der Polargrenze nahen Zone zu sein.

Am 27., einem Sonntage, wo in diesen von der englischen Mission beherrschten Gegenden alles ruht, wo die Eingeborenen nicht einmal für ihre Mahlzeiten sorgen dürfen und das absolute Nichtsthun den höchsten Grad der Frömmigkeit bedeutet, war in der Stadt nichts anzufangen. Es wurde daher ein Ausflug zu Wagen in das Innere des Landes unternommen. Vortreffliche Wege erleichtern das Fahren und die flinken Pferde mit guten Wagen machen es zu einem großen Vergnügen; ein besonders großer Baum ('Ficus indica' oder 'religiosa', von den Engländern auch 'Banyan' genannt), war das Ziel. Unser Weg führte mehrere Stunden lang an unbebautem, mit Gestrüpp bewachsenem Lande vorbei, wo es ebenso wenig zu sehen gab wie in den einzelnen Dörfern, welche wir passirten; das einzige Vergnügen war eben das Fahren selbst. Endlich, nach nahezu dreistündiger Fahrt waren wir am Ziele angelangt, wo wir leider neben dem sehenswürdigen Baume auch ein Dorf mit neugierigen, zudringlichen Eingeborenen fanden, welche uns zwangen, unser wohlverdientes Frühstück, wollten wir es unbelästigt genießen, noch im Schutze der Wagen zu lassen.

Der Baum ist weniger schön als merkwürdig. An einem tiefen, weit in das Land vordringenden Meereseinschnitt steht dieser Koloß, dessen Stamm eigentlich nur aus dünnen Stämmen, welche wol nur zahllose Luftwurzeln sind, zusammengesetzt ist. Nach Abmessung mit Schritten hat er einen Stammdurchmesser von 17 Schritten oder etwa 13 m und demnach einen Umfang von nahezu 40 m. Die Höhe des Stammes schätzten wir auf etwa 10 m, sie ist also geringer wie der Durchmesser. Die Aeste, welche sich in der ungefähren Länge von 10 m nach oben und den Seiten abzweigen, sind wieder nur Verlängerungen der dünnen Stämme oder Luftwurzeln, welche den Hauptstamm bilden, und vermögen mit ihren dürftig gesäten kleinen Blättern keinen Schatten zu geben, sodaß dieses riesige Gewächs in grauer Rinde weniger einem lebenden Baume denn einer Baumruine gleicht. Merkwürdig sah es aus, als einige Eingeborene in den Stamm eindrangen und dort wie Käfer in den Spalten verschwanden. Nach kurzer Rast bestiegen wir wieder unsere Wagen, um zunächst an einem schattigen, ruhigen Platze unser Frühstück einzunehmen und dann zur Stadt zurückzukehren.

Am 28. October morgens machte ich dem alten Könige in seiner nach europäischem Geschmack vornehm eingerichteten Villa meinen Besuch. Der Großneffe des Königs und Sohn des Thronfolgers, Prinz Wellington Gu (spr. Ngu), empfing uns an der Thüre und führte uns in den Empfangssaal, wo der König, umgeben von seinem Neffen und Thronfolger, Prinz Davita Uga, und einem Adjutanten, uns erwartete. König und Thronfolger trugen schwarze Röcke mit eingewirkten goldenen Kronen auf dem Unterarm, Prinz Wellington Gu war in schwarzer, mit Silber durchwirkter Uniform, der Adjutant trug eine rothe, den englischen Linientruppen ähnliche Uniform, welche für die aus ungefähr 250 Mann bestehende tonganische Armee eingeführt ist.

Der König nahm auf dem Thronsessel Platz. Diesem gegenüber standen zwei gleiche, etwas kleinere mit der Königskrone geschmückte Sessel für den Consul und mich; die Prinzen und der Adjutant setzten sich auf im Kreis aufgestellte Polsterlehnstühle. Der König ist ein Greis von 72 Jahren, der seinen mächtigen Körper noch mit jugendlicher Frische trägt. Seine Gesichtszüge sind die etwas veredelten der Eingeborenen und ohne hervorragende Bedeutung. Sein Neffe, der Thronfolger, ein Mann von etwa 50 Jahren von großer und kräftiger Gestalt hat ein ausdrucksloses Gesicht, in welchem ein Auge fehlt. Prinz Wellington Gu ist 24 Jahre alt, hat schöne intelligente Gesichtszüge und den Körper eines Riesen. Dieser junge Prinz, welcher ein durchaus ehrlicher und anständiger Charakter sein soll, schon eine bessere Erziehung genossen hat und fließend englisch spricht, ist vorzugsweise dem deutschen Wesen zugethan und daher in politischer Beziehung die Hauptstütze des Königs, da dieser in dem Handels- und Freundschaftsvertrage mit dem Deutschen Reiche die sicherste Gewähr für den Fortbestand seines kleinen Reiches sieht.

Es fiel mir noch auf, daß dem König an seinen beiden kleinen Fingern und dem Thronfolger an einem kleinen Finger zwei Gelenke fehlten, und ich wurde dahin belehrt, daß diese Verstümmelung noch aus der Zeit des Heidenthums stamme, wo es Sitte war, sich bei Todesfällen naher Verwandter als Zeichen der Trauer einzelne Fingergelenke abzutrennen. Nach einigen Begrüßungsworten von meiner Seite, welche Prinz Gu verdolmetschte, stand der König mit seinem Gefolge auf, um durch Auflegen des Unterarms auf die Stirn, was nach tonganischer Sitte das Zeichen der größten Ehrerbietung ist, seinem Dank für die Liebe, welche der Deutsche Kaiser dem kleinen tonganischen Reiche entgegentrage, den höchsten Ausdruck zu geben. Damit war der förmliche Theil meines Besuches erledigt. Wir gingen nun nach dem Eßsaal, um dort einige Erfrischungen einzunehmen und den Klängen unserer Schiffskapelle, welche ich zur freudigen Ueberraschung der Anwesenden aus dem Boot heraufholen ließ, zu lauschen.

Auf dem großen Hofe hatten sich inzwischen mehrere hundert Eingeborene versammelt, welche auf der Erde sitzend dem Concert andächtig zuhörten; auch die mit ihren Herren und Herrinnen mitgekommenen Hunde und Schweine betrugen sich anständig. Nur ein Hund schien der Spaßmacher der Gesellschaft zu sein und ein gewisses Vorrecht zu genießen. Er hatte sich einer leeren Kokosnußschale bemächtigt und warf dieselbe, solange die Musik spielte, mit der Schnauze in die Höhe, um sie geschickt wieder aufzufangen und danach mit seinem Spiel von neuem zu beginnen; daß er dabei zwischen den Eingeborenen und zuweilen auch über dieselben hinweg sprang, um sein Spielzeug rechtzeitig zu fassen, wurde ihm von niemand verargt, wenigstens wurde er nicht zur Ruhe verwiesen. Das Volk hatte sich Sonntags- oder doch reingewaschene Kleider angezogen und den schön gewachsenen Frauen standen die kurzen blusenartigen, nur bis zu den Hüften reichenden, weit ausgeschnittenen weißen Hemdchen besonders gut, da die wohlgeformten braunen Schultern und Büsten sich aus ihrem schneeigen Rahmen so vortheilhaft wie nur möglich heraushoben. Sobald die Musik einige Stücke gespielt hatte, empfahlen wir uns bei den tonganischen Herrschaften und kehrten zum Schiffe zurück. Beim Verlassen des Hauses fand ich noch Gelegenheit, der Königin die Hand zu drücken, denn als mir auf dem Hausflur eine der dort auf dem Boden kauernden Frauen ihre Hand entgegenstreckte, wurde mir bedeutet, daß diese sehr gut aussehende und gut gekleidete ältere braune Dame die Frau des Königs sei.

Bei einem spätern Besuch Tongas hoffe ich bessern Einblick in das Leben dieser Insulaner zu erhalten.

Am 29. October früh 8½ Uhr habe ich Nukualofa wieder verlassen.

Nach einer schnellen Reise langten wir am 31. October gegen 10 Uhr abends vor Levuka an, mit der Absicht, während der Nacht unter kleinen Segeln vor dem Hafen zu bleiben, da der Mond das Land so grell beleuchtete, daß die Einfahrt nicht genügend zu erkennen war, denn der Mond ist unter solchen Verhältnissen ein sehr unzuverlässiger und trügerischer Freund und hat schon manchem Schiffe den Untergang gebracht. Als er aber gegen 11 Uhr hinter der hohen Bergwand verschwunden war, traten die Richtfeuer für die Hafeneinfahrt so scharf hervor, daß ich mich doch noch zum Einlaufen entschloß, um am nächsten Tage bei frischen Kräften zu sein. Die Segel wurden daher geborgen und die Maschine, welche vorher schon Dampf gemacht hatte, in Gang gesetzt. Mit langsamer Fahrt ging es vorwärts, und als wir so nahe an die Hafeneinfahrt gekommen waren, daß man unsere Lichter von Land aus sehen mußte, ließ ich verschiedene Fackelfeuer abbrennen, um einen Lootsen heranzusignalisiren, mußte aber schließlich auf diese Hülfe verzichten, weil meine Signale unbeantwortet blieben. So ließ ich nur noch, da der Hafen von Levuka von einem bis zur Meeresoberfläche reichenden Korallenriff umgeben ist, auf welchem immer eine starke Brandung steht, vom Vorschiff aus nach beiden Seiten hin Fackelfeuer abbrennen, um keine Vorsicht außer Acht zu lassen und mit Hülfe dieses grellen Lichtes zu versuchen, die Brandung zu beleuchten, in der Hoffnung, dadurch das ruhige Wasser in der schmalen dunkeln Einfahrt gut erkennen zu können. Dieses Hülfsmittel gab zwar ein schönes Bild, erwies sich sonst aber als ganz unzureichend. Wie mit elektrischem Licht übergossen tritt das hochgetakelte, aus seinem mächtigen Schlot dicke Rauchwolken werfende Schiff in der Mitternachtsstunde aus dem Dunkel der Nacht hervor und spendet so viel Licht, daß das Wasser vorn und zu beiden Seiten gleichmäßig hell beleuchtet wird; aber keine Brandung ist zu sehen, nur plötzlich hören wir zu beiden Seiten ihr grollendes Rauschen und wenige Sekunden darauf liegt sie auch schon hinter uns. Nur einen kurzen Blick werfen wir dahin, ein Commandoruf und die Fackelfeuer zischen ihr Leben im Meere aus. Licht und Schiff sind verschwunden, stockfinstere Nacht überall. Noch einige scharfe Wendungen um verschiedene plötzlich vor uns auftauchende große Schiffe und der Anker fällt kurz nach 12 Uhr in den Grund. Als liebliches Echo auf die deutschen Commandoworte flog uns aus weiblichem Munde ein „Grüß Gott, ihr Brüder!“ entgegen, ein Gruß, welcher, wie sich nachträglich herausstellte, von einem deutschen Dienstmädchen kam, das nach Erfüllung ihres Contracts mit einem in unserer Nähe liegenden deutschen Schiffe die Heimreise macht. Nachdem wir geankert hatten, kam auch noch ein Boot der Hafenpolizei längsseit, um nach dem Zweck unserer Fackelfeuer zu fragen. Von der erhaltenen Antwort jedenfalls wenig befriedigt kehrte es zum Lande zurück, denn man sagte uns nicht, daß wir an gefährlicher Stelle lägen. So blieb es dem wackern Navigationsoffizier, welcher stets treue Wacht hält, vorbehalten, auch diese Gefahr zu entdecken. Schon mit dem ersten Morgengrauen war er an meinem Bett, um mir zu melden, daß dicht hinter dem Schiffe, nur wenige Fuß unter Wasser ein Felsen sei, welcher dem Schiffe schaden müsse, sobald dieses bei aufkommendem Winde nur die lose liegende Kette steif durchhole. So mußten wir gleich am frühen Morgen wieder an die Arbeit -- eine halbe Stunde später lag das Schiff an sicherm Ankerplatze. Wie mir ein deutscher hier ansässiger Herr versicherte, ist dieser Felsen auffälligerweise erst vor ganz kurzer Zeit entdeckt worden und daher noch in keiner Karte verzeichnet. Großes Erstaunen erregt es übrigens hier am Lande, daß wir mit einem so großen Schiffe während der Nacht ohne Lootsen eingelaufen sein sollen, während doch die englischen Kriegsschiffe auch am Tage stets einen solchen nehmen. Man sucht nach dem Lootsen, welcher uns hereingebracht haben muß, kann ihn aber natürlich nicht finden.

Ueber Levuka läßt sich nicht viel sagen. Die kleine Stadt, welche am Fuße der hohen malerischen Berge liegt, hat ein südeuropäisches Gepräge, kleine in Gärten liegende Häuser mit großen Veranden, Restaurationen und Läden. Von den Eingeborenen sieht man so gut wie gar nichts; Levuka ist zur Zeit die Hauptstadt der Fidji-Inseln und ist daher vorzugsweise von Europäern, in erster Reihe natürlich von den englischen Beamten mit ihren Familien bewohnt. So ist es bei der bekannten über alles Lob erhabenen Gastfreundschaft der Engländer im Auslande selbstverständlich, daß unsere Offiziere gleich am ersten Tage so viele Einladungen erhalten haben, daß sie denselben bei unserm kurzen Aufenthalt gar nicht nachkommen können.

Es ist ein eigenes Ding um eine neu gegründete englische Colonie. Der neu ernannte Gouverneur begibt sich mit seiner Familie und seinem Stabe an Ort und Stelle, hohe und niedere Beamte folgen bald, bringen aber auch ihre Familien gleich mit. Bequeme und gesunde Häuser wachsen aus der Erde, Gärten und Spielplätze umgeben die Wohnungen; Wagen, Pferde, Boote und alles was sonst zur Zerstreuung dienen kann, ist in kürzester Zeit beschafft und wir finden urplötzlich eine kleine englische Stadt, wo jeder Bewohner an gleichgesinnten Menschen Stütze und Rückhalt findet, sich sicher, behaglich und wie zu Hause fühlt. Ob wir auch einmal so etwas werden schaffen können? Wie ich früher schon andeutete, dient ja meine jetzige Reise dem Zweck, den dereinstigen deutschen Colonialerwerbungen die Wege zu ebnen, denn die Zeit muß kommen, wo unser Vaterland nach Colonien verlangt, und Colonien sind meines Erachtens nur von nachhaltigem Werth, wenn sie in tropischem Klima liegen. Hier ist aber, abgesehen von Afrika, nur noch in der Südsee etwas zu holen, wenngleich auch dies nur mehr wenig ist. Allerdings sind mir insofern die Hände gebunden, als ich keine darauf zielenden Aufträge habe und auch keine mehr erhalten kann; nach dem, was ich in der letzten Zeit erfahren habe, thut aber die größte Eile noth, wenn nicht alles für uns verloren sein soll. So muß ich auf eigene Verantwortung hin handeln und zunächst wenigstens auf den noch unabhängigen Inselgruppen Verträge zu schließen suchen, welche sie vor der Annexion durch andere Nationen schützen. Damit übernimmt unsere Regierung keinerlei Verpflichtungen, hat es aber doch vielleicht später in der Hand, die deutsche Flagge auf diesen Inseln nachträglich aufzuhissen.

Ganz interessant ist hier in Levuka die im Stil der ortsüblichen Hütten aus sechs bis sieben Häusern bestehende Wohnung des Gouverneurs mit all ihren Kuriositäten aus der frühern Fidji-Zeit. Das Ganze bildet übrigens nur ein Provisorium, da man noch nicht weiß, welcher der beste Platz für den Sitz des Gouvernements ist und man bis dahin ein möglichst billiges Wohngelaß für den Gouverneur schaffen wollte. Ich habe diesem Herrn sogleich meinen Besuch gemacht, welchen er am Nachmittag erwiderte, und war abends bei ihm zu Tisch. Er selbst ist nur für wenige Monate in Stellvertretung des beurlaubten Gouverneurs hier und kommt aus Westindien, um später auch wieder dahin zurückzukehren. Aber trotz der kurzen Zeit seines hiesigen Aufenthalts und trotz der weiten Reise hat ihn als ganz selbstverständlich seine Familie hierher begleitet.

Am 2. November nachmittags 2 Uhr verlassen wir Levuka wieder, um noch einen kurzen Besuch auf Taviuni, einer andern der Fidji-Inseln, zu machen und dort eine neu angelegte Kaffeeplantage zu besichtigen; dann nehmen wir den Curs nach den Ellice-Inseln.

Am 4. November morgens, nachdem wir in der vorangegangenen Nacht zwischen mehrern Inseln und Korallenriffen durchgegangen waren, wodurch meine stete Anwesenheit auf der Commandobrücke bedingt wurde, standen wir vor Taviuni und vor einer wenig befahrenen Gegend, über welche die Seekarten noch sehr ungenau sind. Die vielen Korallenriffe machen es hier nöthig, das Schiff von dem Mast aus zu navigiren, denn aus solcher Höhe kann man die Untiefen leicht an der hellern Farbe des über ihnen stehenden Wassers erkennen und aus dem Ton der Farbe bestimmen, ob die Wassertiefe für das Schiff ausreicht oder nicht. Die einige Stunden währende Fahrt zwischen schönen hohen Inseln hindurch war recht genußreich, doch nach der schlaflos verbrachten letzten Nacht war es für mich genußreicher, nachmittags vor einem größern Dorfe mit Namen Soma-Soma in ganz ruhigem Wasser dicht unter Land, wo die köstlichste Ruhe herrschte, zu ankern und damit die Gewißheit auf eine ungestörte Nacht zu erhalten. Vor Dunkelwerden machten wir noch einen kleinen Spaziergang durch das Dorf, besuchten den hier lebenden Häuptling, einen der ersten und einflußreichsten der ganzen Fidji-Gruppe, ohne ihn indeß zu treffen, fanden aber seine Frau zu Hause, eine Schwester Cakobau’s (das 'C' wird wie das englische 'th' ausgesprochen), des frühern Königs der Fidji-Inseln. Das Haus gleicht von außen einem großen Haufen verwelkten Laubes. Es ist eine Hütte von etwa 16 m Länge, 10 m Breite und 10 m Höhe; 3 m hohe Seitenwände tragen das riesige Dach. Das Gerippe dieses Bauwerks besteht aus starken Pfählen, Balken und Sparren, auf welche Laub auf Laub geschichtet ist, bis Seitenwände und Dach eine Dicke von etwa 1 m erhalten haben und damit sichern Schutz gegen Wind und Regen gewähren. Ob die Pfähle auf Menschenleibern ruhen, konnte ich nicht erfahren, möchte es aber annehmen, da das Haus wol noch aus der Zeit vor der englischen Herrschaft stammt und damals hier beim Bau von Häusern für Häuptlinge, um diesen Glück zu bringen, in jedes für einen Pfahl gegrabene Loch ein lebender Eingeborener (gewöhnlich Kriegsgefangene, wenn solche vorhanden waren) geworfen und auf diesen dann der Pfahl eingerammt wurde. Aus demselben Grunde wurden auch beim Ablauf neu gebauter großer Kanus gewöhnlich acht lebende Eingeborene, über welche das Fahrzeug hinweglaufen mußte, geopfert. -- Die innern Wände des Hauses sind austapeziert und zwar mit Tapa, dem schon öfter genannten Maulbeerbaumrindenstoff, welchen die eingeborenen Frauen selbst anfertigen und mit reicher bunter Malerei verzieren. Das Handwerkszeug zum Malen besteht aus einer Kokosnußschale mit Farbstoff und einem kleinen Stück Holz, mit welchem auf dem Stoff mit unendlicher Geduld so lange herumgefahren wird, bis die mit demselben Hölzchen vorher mit dünnen Linien vorgezeichneten Muster mit Farbe ausgefüllt sind. Eine fußhohe Schicht theilweise mit Matten überdeckter kleiner runder schwarzer Steine, welche vor Sauberkeit strahlen, bedeckt den Fußboden und dient denselben Zwecken wie in den samoanischen Häusern. Ein Tapa-Vorhang schließt ein Sechstel des Raumes als Schlafgemach ab, dessen Einrichtung ziemlich einfach ist; Matten dienen als Betten, kleine auf Füßen stehende, bis zu 10 cm dicke Stücke Bambusrohr bilden wie in Samoa die Kopfkissen. Vor dem Vorhang liegen an einer Seite große Haufen Matten und zusammengerollte Tapa-Stücke, welche das einzige alte Besitzthum bilden und nach deren Masse der Reichthum eines Mannes noch jetzt abgeschätzt wird. -- Soweit entspricht die Hütte dem frühern Comfort und Luxus der Eingeborenen; was nun kommt, ist eine Folge der vorschreitenden Cultur. An den Wänden entlang stehen Gewehre, die Waffen des ganzen Stammes und Eigenthum des Häuptlings, wie vor der Besitzergreifung durch England auch die Menschen des Stammes dem Häuptling gehörten. Der übrige Raum ist mit allen möglichen Sachen ausgefüllt, welche größtentheils schon sehr verkommen aussehen. Auf einem Tisch finden wir buntbemalte Petroleumlampen, eine Spieluhr und Kochtöpfe, Messer, Gabel, Nähzeug und noch verschiedenerlei Sachen. An der Wand hängen einige Uhren, welche nicht mehr gehen. Dort steht ein Waschbecken, hier ein alter Zinkeimer als Gefäß für Trinkwasser, Teller, Kleidungsstücke, alles bunt durcheinander. Der Häuptling ist ein reicher Mann und könnte nach unsern Begriffen sehr angenehm leben, der Sinn für Comfort fehlt hier aber noch vollständig. Diesem Manne gehörte früher ganz Taviuni, mit der Besitzergreifung hat die englische Regierung ihn aber mit einem Jahresgehalt von 600 Pfd. St. oder 12000 Mark abgefunden, ihm außerdem auch noch große Länderstrecken belassen. Für seinen Lebensunterhalt gebraucht er eigentlich nichts, da die Leute seines Stammes ihn mit dem Nothwendigen versehen und für ihn arbeiten müssen; sonst könnte auch ein kleiner Theil seines Landes ihn mit allem im Ueberfluß versorgen.

Wie schon erwähnt, trafen wir den Häuptling selbst nicht, sondern nur seine Gattin, Frau Tui-Kakao. Diese in den mittleren Jahren stehende braune Dame und Prinzessin, gekleidet wie die vornehmen Tonga-Frauen, saß einige Schritte von der Hauptthür entfernt in ihrem großen Salon mit Näharbeit beschäftigt auf einer Matte, ihr gegenüber ein Mann, welcher jedenfalls Diener und Gesellschafter in seiner Person vereinigte. Es herrscht hier, wie überall in Polynesien, die Sitte, daß der gemeine Mann vor einem Vornehmen nie steht, sondern sich ihm nur in gebückter Stellung nähert, sich dann mit gekreuzten Beinen dicht neben ihn auf die Erde setzt, einen Augenblick wartet und nun mit lauter Stimme ohne Scheu frei von der Leber weg redet. Die Häuptlingsfrau und Königsschwester unterhält sich mit ihrem Diener wie mit ihresgleichen, der Diener benimmt sich so frei, als ob er mit seiner Herrin auf gleicher Stufe stände, doch nur so lange als er sitzt. Sobald er einen Auftrag erhält, erhebt er sich vorsichtig, um dabei ja nicht seinen Körper ganz auszustrecken, bewegt sich dann in gebückter Stellung vorsichtig auftretend weiter, bis er eine gewisse Entfernung erreicht hat, um dann seinen Körper zu strecken, den Kopf aufzuwerfen und mit einer Würde zum Wassereimer zu gehen, als ob er dort eine Handlung vornehmen wolle, von welcher das Wohl und Wehe Tausender abhinge. Er füllt das Glas und nähert sich uns mit einem Anstande, daß wir uns fragen, ob wir die Dienstleistung annehmen können. Doch die Würde schwindet in gewisser Entfernung von uns, das Feuer der Augen erlischt, der Kopf senkt sich, der Körper nähert sich der Erde und angekrochen kommt ein unterwürfiger Sklave.

Nach Befriedigung meiner Neugier hatte ich bei Frau Tui-Kakao nichts mehr zu suchen; ich empfahl mich daher, nachdem ich noch ein schönes Stück Tapa von ihr als Geschenk angenommen hatte, und ging nach meinem Boot, um an Bord zurückzukehren. Eine Schar munterer Mädchen, gutgewachsene junge Dirnen, welche ihren schönen nackten Oberkörper mit einer reizenden Koketterie tragen, lenken meine Schritte indeß für kurze Zeit noch ab. Wo ziehen diese lachenden, singenden Kinder, auf der Schulter einen Stock mit daranhängenden Kokosnußschalen und Flaschen tragend, im Gänsemarsch hin? Sie gehen nach dem Strande und füllen dort ihre Gefäße mit Seewasser; manch eine wird dabei durch den Uebermuth der andern in das Wasser geworfen und nimmt so ein unfreiwilliges Bad. Nach kurzer Zeit kehren alle wieder zum Dorfe und zu ihren Hütten zurück.

Bei späterer Nachfrage erfuhr ich, daß die hiesigen Eingeborenen, welche wie alle Südsee-Insulaner das Salz nicht kennen und es beim Kochen nicht verwerthen können, das Seewasser zum Kochen einzelner Speisen benutzen und die Frauen und Mädchen abends stets den Vorrath für den nächsten Tag holen. Diese Gelegenheit wird dann auch als Conversationsstunde benutzt, da die Weiber stets zusammen zum Strande gehen. Die entferntest wohnende macht wol den Anfang und geht bei ihrer nächsten Nachbarin vor, worauf beide zum nächsten Hause und so fort weiter gehen, bis die ganze muntere Gesellschaft beisammen ist.

Diese Ablenkung brachte mich auch noch zu einem Schuppen, wo ein Kanu gebaut wurde und wo ich Gelegenheit fand, zu bewundern, mit welch unvollkommenen Handwerkszeugen diese Leute ihre zierlichen Fahrzeuge herstellen. Ehe ich in mein Boot stieg, sah ich mir auch noch zwei in der Nähe auf dem Strande liegende große Doppelkanus an, die für eine Reise des Häuptlings in Ordnung gebracht wurden und wobei viele Männer beschäftigt waren, um den Proviant für die bevorstehende Reise zurecht zu machen und auf dem Feuer die Brotfrucht und den Yams zu bereiten. Diese interessanten leichten Fahrzeuge, mit welchen die Polynesier oft große Reisen über See machen und die nur durch fortwährendes Ausschöpfen über Wasser gehalten werden, bestehen aus dem eigentlichen Schiffe, welches gewöhnlich 30 m lang, 3 m breit ist und einen 5 m tiefen Schiffsraum hat, sowie einem 15-16 m langen ganz gedeckten kleinern Fahrzeug, das als Ausleger dient. Ob dieses letztere auch als Wohn- oder Lastraum benutzt wird, habe ich nicht erfahren, ich glaube es indeß nicht, sondern bin der Ansicht, daß die für das große Kanu nothwendige Größe und Schwere des Auslegers dazu geführt hat, diesen in Bootsform herzustellen, um ihm die erforderliche Schwimmfähigkeit zu geben. Auf den die beiden Fahrzeuge verbindenden Balken befindet sich eine mit einer Hütte versehene Plattform von etwa 6 m im Geviert, von welcher aus das Segel bedient und das Schiff gesteuert wird. Das Hauptfahrzeug ist an beiden Enden auf ungefähr ein Viertel der Länge mit einem leichten Deck versehen, der übrige Raum ist, soweit er nicht durch die Plattform gedeckt wird, offen. Zur Fortbewegung dient ein für die Verhältnisse des Fahrzeugs riesiges Mattensegel, welches demselben bei entsprechender Windstärke eine außerordentlich große Geschwindigkeit geben soll. Das vollausgerüstete Doppelkanu soll bis zu 200 Mann mit den erforderlichen Proviantvorräthen für 8-10 Tage aufnehmen können. Als eine besondere Eigenthümlichkeit möchte ich noch anführen, daß die Spitze des Mastes hier in Fidji wie in Tonga mit einer halbmondförmigen Verzierung versehen ist, ich weiß indeß nicht, ob diesem Halbmond eine besondere Bedeutung beizumessen ist.

Am nächsten Morgen fuhren wir mit meiner Gig nach einer vier Seemeilen entfernt liegenden Plantage, um uns dieselbe anzusehen. Der Besitzer, ein wohlerzogener, gebildeter junger Engländer, nahm uns liebenswürdig auf und führte uns selbst nach seiner Kaffeepflanzung, welche uns in Levuka sehr gerühmt worden war. Ein strammer Marsch von 1½ Stunden, anfänglich durch eine Baumwollpflanzung hindurch, dann aber, und zwar den größten Theil des Weges, auf engem Pfade durch Urwald, brachte uns zu der 500 m über dem Meeresspiegel gelegenen Kaffeepflanzung. Sehr ermattet langten wir dort an, wurden aber bald durch das viele Interessante, was wir zu sehen bekamen, entschädigt. Zuerst kamen wir an ein geschützt liegendes Terrain, wo lange, schmale und wohlgepflegte Beete zeigten, daß hier schon Menschenhände der Natur nachgeholfen hatten. Hier werden aus den Samenkörnern die ersten Pflänzchen gezogen, um später dann in die eigentlichen Plantagen versetzt zu werden. Alle Beete prangen im schönsten Grün und die ersten Schößlinge des Kaffees, Thees und des Chinarindenbaums zeigen ihre saftigen Köpfchen. Ein kühler Quell unter schattigen Bäumen, welcher sich weiterhin zu einem kleinen Murmelbach ausbreitet, gibt etwas Leben und namentlich uns Erfrischung. Wir gingen dann zu der eigentlichen Kaffeeplantage und waren überrascht, eine so sorgsam gehaltene Anpflanzung zu finden. Gewöhnlich bieten die tropischen Plantagen dem Auge kein anziehendes Bild, da alles wächst, wie es wachsen will, und nur die allernothwendigsten Wege offen gehalten werden. Hier aber ist es anders. Die Kaffeebäume, in Form und Größe kleinen Tannenbäumen ähnlich, sind so regelmäßig gepflanzt wie in einer Baumschule. Von jedem Baum aus laufen die andern Bäume in geraden Linien strahlenförmig nach allen Richtungen aus, sodaß jedes Bäumchen denselben freien Raum und zwar einen Kreis von 4 m Durchmesser erhält. Zwischen den Bäumen sind Gestrüpp und Unkraut entfernt, die reichlich angelegten Wege sind schön gehalten und mit buntfarbigen Blumen und Blattpflanzen eingefaßt. Die sorgsame Anlage scheint den Besitzer aber auch für die große darauf verwandte Mühe zu belohnen, denn die kleinen Kaffeebäume sind so reich mit Früchten behangen, daß eine gute Ernte erwartet werden darf. Sehr lehrreich war es für mich, hier einiges über die für den Kaffeebau nothwendigen Bedingungen zu erfahren. In diesem Klima gedeiht der Kaffee nur in einer Höhe von 400-600 m, da das niedriger liegende Land zu heiß, das höher liegende aber schon zu rauh ist. Ferner muß von den Kaffeepflanzen jeder Wind abgehalten werden, nur ganz leiser Luftzug darf die Pflanzung durchstreifen. Deshalb muß die Plantage in einem von höhern Bergen umschlossenen Kessel angelegt werden; doch auch dies genügt noch nicht ganz, vielmehr muß ein Terrain von gewisser Größe auch noch von einer mehrfachen Baumreihe umstanden sein, damit diese durchbrochene Wand die Hauptkraft eines etwa sich über die Bergkämme in den Thalkessel hinabwälzenden Windfeldes bricht. -- All diese Kenntnisse des Besitzers waren natürlich nicht die Summe seiner eigenen Erfahrungen, sondern er hatte sie von seinem Lehrer, seinem Oberaufseher, einem alten Indier, welchen er von Ceylon hatte kommen lassen. Dieser war auch der Vater der musterhaften Ordnung, welche wir hier oben vorfanden.

Nachdem wir alles gesehen hatten, mußten wir auch noch der Einladung unsers liebenswürdigen Wirthes folgen und einen Imbiß in seiner Wohnung nehmen. Sein Haus besteht aus einer ortsüblichen Hütte, welche innen in drei Räume getheilt ist. Der erste Raum dient als Vorzimmer und Schlafstätte der drei Dienerinnen, Mädchen von einer der Kingsmill-Inseln, welche bei unserm Eintreten damit beschäftigt waren, Ingwerwurzeln zu reinigen. Der zweite mit englischem Comfort ausgestattete Raum wird als Eß- und Wohnzimmer, der dritte als Schlafzimmer benutzt. Wir tranken ein Glas Wein, aßen Biscuit mit Büchsen-Lachs und -Zunge und brachen dann auf. Der Besuch hatte uns sehr befriedigt und wir nahmen daher gern noch die Strapaze des Rückweges ohne Murren auf unsere Beine. Gegen 3½ Uhr nachmittags waren wir an Bord, wo uns das Essen vorzüglich schmeckte und starker Regenfall es uns leicht machte, den Abend in Ruhe auf dem Schiffe zu verbringen. -- Am nächsten Morgen, 6. November, ging es wieder weiter. Während des Tages führte unser Curs zwischen Inseln und Riffen hindurch, abends 7 Uhr waren wir in freiem Wasser.

Ich wollte zunächst die Insel Fotuna anlaufen, welche ich bei den herrschenden Windverhältnissen am nächsten Mittag erreichen mußte. Die Insel hat zwar keinen Ankerplatz, doch genügte es meinen Zwecken, mit dem Consul nur für einige Stunden mit dem Boot an Land zu gehen und das Schiff während der Zeit unter Segel zu belassen. Der Wind spielte mir aber einen seiner launigen Streiche und hätte mich am 7. November erst so spät abends an die Insel herankommen lassen, daß ich an demselben Tage nicht mehr das Land hätte besuchen können. Die Nacht zu opfern, schien mir bei der Kürze der mir zur Verfügung stehenden Zeit nicht angebracht; ich gab das Anlaufen von Fotuna daher auf und setzte meinen Curs direct auf Funafuti, eine der Ellice-Inseln. Am 11. November mittags kam diese niedrige Koralleninsel in Sicht und sollte ich nun endlich Gelegenheit finden, meine Neugierde zu befriedigen, da diese die erste derartige Insel ist, auf welche ich am selben Abend nach dem Ankern meinen Fuß gesetzt habe.

Die Karten dieses Theiles der Erde sind noch sehr unvollkommen, so dürftig, daß sie eben nur als Anhalt dienen können; mit Sicherheit danach navigiren kann man nicht. So zeigt die vor mir liegende Skizze, welche die äußern Umrisse dieses niedrigen Landes wiedergibt, nur =eine= Einfahrt in die Lagune, während die mir zugegangenen Nachrichten gerade besagen, daß dort keine Einfahrt existirt, aber zwei andere vorhanden sind. Ich verlasse mich auf meine Gewährsleute und dampfe zwischen zwei kleine Inseln, wo eine Einfahrt liegen soll. Aus der Takelage wird indeß bald flaches Wasser gemeldet, von dem Schiff aus sieht man schon den Meeresboden, und das Loth zeigt eine so geringe Tiefe, daß es nicht gerathen erscheint, bei dem hohen Seegange ohne vorherige Recognoscirung weiter zu gehen. Drehen kann das Schiff nicht mehr, dazu ist es zu eng, voll Dampf geht es rückwärts und nach wenigen Minuten schwimmt das Schiff wieder in tiefblauem Wasser, wo man auch ohne Versuch weiß, daß das Loth keinen Grund mehr findet. Die beiden Kutter sind bald zu Wasser, um das Fahrwasser auszulothen und sich so hinzulegen, daß das Schiff zwischen den beiden Booten eine sichere Rinne findet. Inzwischen sind auch schon von dem weit entfernten Dorfe zwei Kanus mit Lootsen angekommen, die, wenn sie auch nicht ganz zuverlässig sind, doch immer gern als nützliche, mit der Gegend bekannte Menschen angenommen werden. Nach einer halben Stunde dampft die „Ariadne“ wieder vorwärts, geht zwischen den Kuttern durch in die schöne Lagune, nimmt die Boote wieder auf und ankert nach einer weitern halben Stunde, nachmittags 4 Uhr, vor dem auf blendendem Sande malerisch unter hohen Kokospalmen gelegenen Dorfe.

Es ist ein wahrer Genuß, in dieser regungslosen Flut zu liegen, mit dem Bewußtsein, daß der Anker vortrefflichen Grund gefunden hat und dem Schiffe hier nichts passiren kann. Jenseit des schmalen Landstreifens hört man die hohe Brandung brüllend sich an dem steinernen Fuß der Insel brechen. An den Stellen, wo das Korallenriff unter dem Wasserspiegel liegt, sieht man die Wogen hoch auflaufen und ihren Gischt gen Himmel spritzen. Hier innen aber hat das Wasser Ruhe und auch der auf ihm schwimmende Seefahrer. Nach dem Ankern fuhr ich mit dem Consul noch an Land, um den obersten Häuptling oder König zu besuchen; weiter umsehen konnten wir uns aber nicht, da es schnell dunkel wurde. Wir kehrten daher an Bord zurück, wo ich Ruhe fand zur Vervollständigung meiner Berichte.

* * * * *

Ehe ich auf meine weitern Erlebnisse eingehe, will ich hier die Gründe niederlegen, welche mich zu dem Versuch veranlaßten, mit den unabhängigen Inseln und Inselgruppen Verträge zu schließen oder besser gesagt Abmachungen zu treffen.

Die unabhängigen Inseln und Gruppen sind für den in der Südsee dominirenden deutschen Handel von großer Bedeutung, weil sie sehr viel Copra produciren; für den auf den Samoa-Inseln in großem Maßstabe von den Deutschen aufgenommenen Plantagenbau sind sie aber von unermeßlichem Werthe, weil sie die Arbeiter für die Plantagen liefern. Und um diesen Punkt dreht sich meines Erachtens das Südseegeschäft. Denn wenn der Handel mit Copra auch großen Gewinn abwirft, so darf man doch nicht vergessen, daß der Handel auch vielen Zufälligkeiten unterworfen ist und für Jahre vernichtet werden kann, wenn ein fremdländisches, leistungsfähiges und womöglich von seiner Regierung unterstütztes Kaufmannshaus als Concurrent auftritt und durch zeitweiliges Zahlen übermäßiger Preise dieses Handelsfeld an sich zu reißen sucht. In solchem Falle muß der Kaufmann mit durchhalten und für Jahre Verluste tragen, um durch Ausdauer den fremden Concurrenten zu verdrängen. Dies ist aber leichter durchführbar, wenn der Kaufmann gleichzeitig große Plantagen besitzt, welche mit dem Steigen der Coprapreise in demselben Verhältniß an Werth gewinnen, sodaß der Verlust an dem Handel durch den Gewinn an den Plantagen ausgeglichen wird.

Dies ist das glückliche Princip, welches von der Deutschen Handels- und Plantagengesellschaft in Samoa angenommen worden ist. Der Handel in der Südsee kann in der Jetztzeit nur von sehr großen Häusern oder Gesellschaften mit bedeutenden Kapitalien unterhalten werden und bringt diesen großen Gewinn. Kleine Handlungshäuser mit ungenügenden Mitteln müssen hier zu Grunde gehen, wie die Erfahrung bisher gelehrt hat. Die Südsee bietet also kein Feld für allgemeine Handelsunternehmungen, hat aber in den noch unabhängigen Inseln vorzügliches Plantagenland, welches Landwirthen mit einem Kapital von 30-100000 Mark ein interessantes Feld der Thätigkeit und leichten Erwerb großer Vermögen sichert. Auswanderer ohne Geld (Bauern u. s. w.) hierher zu schicken, würde ein Fehler sein, weil die eigene Arbeit keinen Gewinn verspricht. Es müssen, wie gesagt, Leute mit einem gewissen Kapital sein, die eine Plantage gleich in großem Maßstabe mit Hülfe eingeborener Arbeiter anlegen. Dies ist das von den Engländern befolgte Princip, welches durch die sachgemäßeste Ausnutzung der Colonien dem Mutterlande so große Reichthümer zugeführt hat. Die Engländer schicken keine kleinen Leute in die Colonien, sondern die jüngern Söhne der Aristokratie, und solche junge Leute, welche sich für diese Art Leben interessiren oder in der Heimat kein ausreichendes Fortkommen für ihre Bedürfnisse sehen, werden mit einem Kapital von 3-5000 Pfd. St. dahin entsandt und erwerben sich durch Plantagenbau oder, wie in Australien, durch Viehstationen, in 10-20 Jahren oft sehr bedeutende Vermögen. Ich habe in Australien bei noch jungen Leuten schon die goldenen Früchte gesehen, während wir in Soma-Soma, wie vorher erzählt, solch einen wohlerzogenen jungen Anfänger den Grundstein zu spätern Reichthümern haben legen sehen. Wenn man nun erwägt, daß die Handels- und Plantagengesellschaft allein auf den Samoa-Inseln zur Zeit an 120000 Acker Land besitzt, davon aber selbst nur 10-15000 Acker bearbeiten kann, so liegt es auf der Hand, daß unter Zugrundelegung der nachstehend gegebenen Zahlen der Plantagenbau außerordentlich rentiren muß, wenn die Arbeiterzufuhr gesichert ist, da die Südsee-Insulaner auf ihren heimatlichen Inseln nicht arbeiten. Alle übrigen dazu erforderlichen Bedingungen sind vorhanden. Große nationale Handelshäuser sind sowol im Süden wie im Norden und Westen an Ort und Stelle. Sie sind nicht wie bei andern Nationen der Flagge gefolgt, sondern ihr voraufgegangen. Weitsichtige, muthige und energische Männer, deren Namen schon vielfach genannt sind und in deren Händen noch jetzt die Leitung an den verschiedenen Stellen ist, haben ihren großartigen Geschäftsbetrieben durch eigene Kraft eine durchaus gesicherte Stellung geschaffen, welche unantastbar sein dürfte, sobald die deutsche Flagge diesen Pionnieren folgen sollte. Diese Handelshäuser können jetzt schon als Bankhäuser eintreten, ihr eigenes Land abtreten oder neue Landkäufe vermitteln, mit ihren Schiffen und durch ihre Verbindungen die Arbeiter heranschaffen, die Plantagen mit den europäischen Artikeln versehen und den Pflanzern an Ort und Stelle ihre Producte abnehmen, auch diesen infolge ihrer reichen Erfahrung überall mit Rath und That zur Hand gehen.

Um zu zeigen, wie der Plantagenbau sich zur Zeit auf den Samoa-Inseln rentirt und sich daher auch auf andern etwa zu erwerbenden Inseln rentiren dürfte, will ich die zur Zeit auf Samoa maßgebenden Zahlen sprechen lassen:

Kostenpreis eines Acker Landes Mark 20--

Erste Cultivirungskosten und Bepflanzung mit Baumwolle " 92-- __________ Investirtes Kapital im Lande ohne Gebäude Mark 112--

Die Erfahrung lehrt, daß bei der Baumwollcultur durchschnittlich 3½ Acker von einem Arbeiter, Arbeiterin oder halbwüchsigen Kind bearbeitet werden können, welche Person jährlich an Lohn, Unterhalt u. s. w. kostet Mark 240-260

Demnach stellen sich die Betriebskosten für Arbeitslohn (260 M. für 3½ Acker) für =einen= Acker auf höchstens Mark 76--

Gehalt eines Verwalters und eines Aufsehers, Zinsen auf Kapital investirt für Gebäude, Amortisation für Gebäude, Abnutzung von Geräth u. s. w. per Acker " 16--

Daher jährliche Betriebskosten per Acker hoch gerechnet " 92--

Dieselben sollen im Durchschnitt nicht übersteigen " 80--

Jährlicher Ertrag eines Ackers Baumwolle ist durchschnittlich 1000 Pfd. in Saat gewöhnlicher Sorte zum Werthe von " 120--

oder bessere Sorte mit 800 Pfd. in Saat zum " 148-- Werthe von

Daraus ergibt sich eine Rente von dem im Lande investirten Kapital von 25 Proc. im ungünstigsten, aber von circa 60 Proc. im günstigsten Falle, oder 36-50 Proc. im Durchschnitt.

Wenn nun die Baumwollpflanzungen allmählich in Kokosnußpflanzungen verwandelt werden, dürfte das Resultat des jährlichen Ertrages sich noch günstiger gestalten, sobald dieselben erst vollen Ertrag liefern. Es sind hier von einem Arbeiter gut fünf Acker zu bewältigen und werden auch alle andern Unkosten geringer. Die Berechnung stellt sich dann wie folgt:

Arbeitslohn per Jahr und Acker Mark 48--

Verschiedene Unkosten " 12-- _________ Jährliche Betriebskosten und Auslagen Mark 60--

Jährlicher Ertrag eines Ackers Mark 120-160

gibt einen jährlichen Ueberschuß von 60-100 Mark, ganz abgesehen von dem Nutzen der Viehzucht, welche sich mit Kokosnußplantagen vereinen läßt.

Ein englischer Acker ist gleich 40,468 Ar.

Soll nun aber nur das auf den Samoa-Inseln liegende in deutschen Händen befindliche Land voll ertragsfähig gemacht werden, dann müssen allein dahin 30000 Arbeiter herangezogen werden, und als Arbeiterquellen können nur die Kingsmill-, Marshall-, Salomons-Inseln und Neu-Hebriden in Betracht kommen. Es fällt zur Zeit nicht schwer, die jetzt erforderlichen Arbeiter zu engagiren und wird dies auch fernerhin leicht durchzuführen sein, sofern die genannten Inselgruppen unabhängig bleiben. Und daß dies erreicht werde, dazu will ich zunächst meinen Einfluß geltend machen, weil keine Zeit zu verlieren ist. Denn die Fidji-Inseln verlangen schon so große Arbeitermassen, daß die Colonialregierung versucht, Kulis von Indien einzuführen, und einen Theil der Unkosten trägt, um die Pflanzer zu unterstützen. Diese sind indeß mit dieser Maßnahme nicht ganz zufrieden, weil wegen des langen Seewegs die Arbeiterzufuhr nicht genügend gesichert erscheint und drängen nach Annectirung zunächst der Neu-Hebriden und Salomons-Inseln. Hiermit würde aber jede fremde Arbeiterausfuhr dort ausgeschlossen sein, weil England den Eingeborenen seiner Colonien nur die Auswanderung nach den eigenen Colonien gestattet.

* * * * *

Doch nun zurück nach Funafuti.

Die nebenstehende Skizze gibt den Grundriß der Insel. Die doppelt punktirte Linie ist das Korallenriff, welches in beinahe viereckiger Form die Lagune einschließt; die zwischen den punktirten Linien liegenden schwarzen Körper sind die Inseln, welche über dem Meeresspiegel liegen und mit Bäumen und Strauchwerk bestanden sind; da wo die punktirte Linie unterbrochen ist, soll sehr tiefes Wasser sein, ist aber in Wirklichkeit nicht vorhanden. Die mit Pfeilspitzen versehene ausgezogene Linie ist der Weg des Schiffes in die Lagune und wieder aus derselben heraus, der eingezeichnete kleine Anker gibt den Ankerplatz des Schiffes. Der große Durchmesser der Lagune beträgt acht Seemeilen oder zwei deutsche Meilen, der kleine 4½ Seemeilen; die Länge der großen Insel beträgt fünf Seemeilen, die Breite ¼ Meile oder ungefähr 500 m. Die Tiefe des Wassers in der Lagune ist mit Ausnahme einiger in ihr liegenden Korallenbänke fast durchweg über 30 m; bequemen Ankergrund findet man nur ganz in der Nähe des Landes.

Unser Aufenthalt in Funafuti war nur auf zwei bis drei Tage veranschlagt. Denn wenn ich auch mit der Absicht hingegangen war, mit dem sogenannten König zur Sicherung des deutschen Handels und der deutschen Interessen eine Uebereinkunft abzuschließen, so wollte ich, um mein Reiseprogramm einzuhalten, bei der Unbedeutendheit des Platzes als Arbeiterquelle doch lieber meine Absicht aufgeben, wenn es uns nicht gelingen sollte, in der festgesetzten Zeit zu einem befriedigenden Resultat zu kommen. Dies geschah aber und so konnten wir Funafuti schon am 13. mittags wieder verlassen. Bei meiner Ankunft hatte zwar der Zauber, mit welchem diese Oasen des Weltmeeres den Fremdling umstricken, auch mich gefangen genommen und den Wunsch in mir rege werden lassen, den Aufenthalt auf eine längere Zeit auszudehnen, doch die Pflicht, welche mich nach andern Plätzen rief, ließ dies nicht zu und ich hatte es schließlich auch nicht zu bereuen. Ein zweitägiger Aufenthalt genügte vollkommen, mich in die Prosa des Lebens zurückzuversetzen.

Am Morgen nach unserer Ankunft fuhren wir gleich nach Sonnenaufgang wieder an Land, um an dem schönen Strande ein Bad zu nehmen und danach in der Morgenfrische einen Spaziergang zu machen. Noch weit ab vom Lande, als mein Boot in etwa 8 m tiefes Wasser kam, verwandelt die Flut ihre tiefblaue Farbe in ein helles Grün, das Wasser wird zu Krystall und gestattet dem Auge bis zu dem offen daliegenden Meeresgrunde vorzudringen, wo auf dem grün angehauchten Sande die fleißigen Maurer des Meeres ihre wunderlich und schön geformten Gebilde unregelmäßig angebaut haben. Kleine zarte Korallenstauden mit unzähligen Aesten wechseln ab mit riesigen Korallenblöcken, welche ihr Haupt schon bis nahe an die Wasseroberfläche erhoben haben und das Boot zum Ausweichen zwingen, wenn es nicht an den scharfen Zacken des mächtigen unterseeischen Thurmes schweren Schaden nehmen will. Zwischen und auf den Korallen liegen Muscheln, unter welchen namentlich eine Art sich dem Auge entgegendrängt. In weit klaffender unscheinbarer Hülle von der Größe eines Tellers spreizt sich das im reinsten Indigo schimmernde Thier und läßt seine schöne blendende Farbe nach oben strahlen, wie der Pfau sein Rad der Sonne entgegenbreitet. Auf dem Sande liegen blutegelartige Thiere von 20 cm Länge und 5 cm Dicke, welche einen bedeutenden Handelsartikel nach China bilden. Diese von den Chinesen als große Leckerbissen geschätzten Mollusken werden in getrocknetem Zustande verschifft und später als gallertartige Suppe gegessen; im Handel führen sie die Bezeichnung 'biche-le-mare' oder 'Trepang', der zoologische Name ist 'Holothuria'. Viel gibt es hier auf dem Meeresboden zu sehen, so viel, daß man es in kurzer Zeit nicht zergliedern kann, wie dazu ja auch überhaupt ein vieljähriges Studium gehören dürfte. Heute bin ich froh, kein Naturforscher zu sein, weil ich dadurch der Nothwendigkeit enthoben bin, meine Sinne wissenschaftlichen Beobachtungen zu widmen und daher, in schnellem Lauf über diese eigenartige Welt hinsegelnd, mein Auge mit Entzücken über die kleinen Wunderwerke hingleiten lassen kann, wie über ein schönes Bild.

Die Gig läuft hoch auf den weichen Sandstrand und ein Sprung bringt uns auf das Trockene. Das kleine Dorf ist schon voller Leben, da die Eingeborenen mit den Vögeln aufstehen. Unser Weg führt uns an einer dicht am Strande liegenden Hütte vorbei, welche uns dadurch auffällt, daß die Seitenwände nicht mit Matten behängt sind. Ein Blick in das Innere zeigt uns eine kleine beschriebene Tafel, an welche wir herantreten, da der Consul die Landessprache spricht und schreibt. Sie enthält die Angaben über die Bevölkerungszahl der Insel, welche 156 Seelen beträgt; doch gewiß ein stattliches unabhängiges Königreich. Die Insel war allerdings früher sehr viel stärker bevölkert und vermag auch die zehnfache Zahl gut zu ernähren, sie hat aber den größten Theil ihrer Bewohner Mitte der sechziger Jahre durch einen Schurkenstreich peruanischer Sklavenjäger verloren.

Ein peruanisches Schiff ankerte derzeit in der Lagune von Funafuti und führte sich als Missionsschiff ein. (Die Missionsgesellschaften unterhalten hier eigene Schiffe, um die Verbindung zwischen den von ihnen besetzten Inseln aufrecht zu erhalten und neue Plätze ihrem Wirken zu eröffnen.) Die Funafutier hatten schon von den Missionaren auf den andern Inseln gehört und hegten den Wunsch, auch so etwas Besonderes zu besitzen. Der im Talar mit der Bibel in der Hand an Land kommende Scheinmissionar wurde daher gut aufgenommen und fand es leicht, die Leute zu veranlassen, am nächsten Tage mit Frauen und Kindern an Bord zu kommen, um dort die neue Lehre zu vernehmen. Als das Schiff mit Menschen gefüllt war, wurden sie in das Zwischendeck geführt, wo der Mann im Talar ihrer wartete, sie aber schnell verließ, sobald alle im Raum versammelt waren. Dann wurden plötzlich alle Luken geschlossen, das Schiff ging unter Segel und die schwer getäuschten harmlosen Insulaner blieben für immer verschollen. Das Gerücht sagt, daß nur wenige von ihnen Peru erreicht haben und diese dort auch schnell hingestorben sein sollen, weil die weichlichen Polynesier, wie die Schwalben an ungebundene Freiheit gewöhnt, kein Sklavenleben ertragen können.

Dicht neben der vorhergenannten, als öffentliches Berathungshaus benutzten Hütte, steht die Kirche mit der Wohnung des Missionars, eines als Lehrer ausgebildeten Eingeborenen. Die Kirche sieht ebenso aus, wie alle Kirchen auf diesen Inseln: eine lange breite Hütte mit hohem Dach nach dem Modell der Hütten der Eingeborenen und nur mit dem Unterschied, daß sie sehr viel größer ist und feste, aus Korallenblöcken aufgebaute Seitenwände mit kleinen viereckigen, durch Holzläden verschließbare Fenster hat; außerdem ist sie noch abweichend von den Hütten mit einem weißen Kalkanstrich versehen, wodurch sie weithin sichtbar wird und den Schiffen als Wegweiser zum Ankerplatz dient. Der Missionar oder richtiger Missionslehrer ist nicht anwesend, sondern nach einer im Norden gelegenen Insel gereist, um eine Anklage gegen einen Collegen zu untersuchen, welchem vorgeworfen wird, sich neben seiner Frau noch einen kleinen Harem eingerichtet zu haben.

Einige Schritte bringen uns zu den Hütten der Eingeborenen, welche ohne Plan verstreut unter den Kokosnußbäumen liegen. Es ist auffällig, hier so schlechte und schmutzige Wohnungen zu finden, da die Eingeborenen reiner samoanischer Rasse sind und die Samoaner doch großen Werth auf ihre Wohnungen und die Körperpflege legen. Die Hütten sind eigentlich nur zusammengetragene Reiser, welche von Schmutz starren. Der Fußboden besteht nur aus Erdstaub, welcher Menschen und Sachen mit einer Schmutzkruste überzieht; saubere Steine und Matten sind nicht vorhanden. Die Menschen sind fast durchweg mit einer ekelerregenden Hautkrankheit behaftet, der Körper scheint mit kleinen Schuppen bedeckt, die Haut hat sich überall gelöst und macht die Körperoberfläche rauh, die kleinen Ritzen sind mit Schmutz angefüllt. Ob die Hautkrankheit von der allgemeinen Unsauberkeit herkommt oder andern Ursachen zuzuschreiben ist, ist wol noch nicht aufgeklärt. Die Männer sind im Durchschnitt mehr bekleidet wie die Samoaner, die Weiber tragen meistens den Blätterschurz, welcher von den Hüften bis zu den halben Oberschenkeln reicht. So führen diese Menschen in thierischer Trägheit ein klägliches Leben, ohne die großen Hülfsquellen auszunutzen, welche die Natur in den Kokosnußbäumen ihnen gegeben hat. Diese doch immerhin kleine Insel liefert jetzt jährlich 50 Tonnen Copra (getrockneter Kokosnußkern) und nimmt dafür 10000 Mark ein. 2-300 Tonnen Nußkerne lassen die Leute verfaulen, weil sie zu träge sind, die abgefallenen Nüsse aufzusammeln, und lassen somit jährlich ein Kapital von 40-60000 Mark verkommen. Bei sachgemäßer Bearbeitung könnte diese Insel nach Ansicht des sachverständigen Consuls jährlich sogar 5-600 Tonnen Copra produciren und dafür nach dem jetzigen Preise 100-120000 Mark erlösen. Diese Menschen haben aber keine Bedürfnisse und sind deshalb vielleicht gerade glücklich.

Von dem Dorf und seinen Bewohnern haben wir genug gesehen; die Aussicht auf ein schönes Bad lockt uns mehr, und bald haben wir eine passende Stelle gefunden, wo wir uns in der krystallklaren Flut erfrischen und wenigstens für kurze Zeit den lästigen Angriffen der unzähligen Fliegen entgehen. Die schnell steigende Sonne mahnt uns indeß an den beabsichtigten Spaziergang, und nach kurzer Zeit stehen wir vor dem Kokosnußwald ohne jedoch eindringen zu können. Der schöne Rasen, welchen man aus der Ferne um den Fuß der Palmenstämme zu sehen wähnt, ist ein dichtes mannshohes Gebüsch aus einer Art Eisenholz, welches zwar den Kanakers[B] ein Durchkommen gestattet, dem Europäer aber den Weg doch zu mühsam macht. Wir gehen daher an dem Waldessaum entlang dem Dorfe wieder zu und finden dann auch bald einen der vielen Pfade, welche quer durch die Insel nach dem entgegengesetzten Ufer führen. Nach wenigen Schritten ist die Lagune mit ihren sandigen Ufern unsern Blicken entschwunden und wir sind auf einem Wege, wo wir doch mehr Leben finden, als wir erwartet hatten. In einer Lichtung stoßen wir auf eine schmutzige Pfütze, welche auf der ganzen Insel das einzige süße Wasser enthält. Ein altes Weib sitzt in dem Wasser, auf einem andern Pfade kommt, nach ihrem Anzug zu urtheilen, eine vornehmere Dame mit mehrern Dienerinnen, um ebenfalls ihr Morgenbad zu nehmen. Demnach scheint bei diesem schmutzigen Stamme die Vorliebe der sonst reinlichen Polynesier für das Baden doch noch nicht erloschen zu sein, sofern es sich um ein Bad in süßem Wasser handelt. In einer zweiten Lichtung finden wir von fernen Inseln hergebrachte gute Erde in regelmäßige Beete eingetheilt, um in derselben Bananen zu ziehen. Weiterhin treten wir aus dem Walde und kommen an einen mit dem Meere in Verbindung stehenden kleinen Salzwassersee, an dessen Ufern Strandschnepfen in ungestörter Ruhe Würmer suchen. Noch einmal treten wir in den Wald und sind nach wenigen Schritten an dem jenseitigen Ufer angelangt. Hohe Brandung überspült hier den felsigen Fuß der Insel und hält einen breiten Gürtel frei von allem vegetabilischen Leben. An dem Saum der auflaufenden Wogen ist das Ufer eine feste Steinmasse, weiter oben hin ein wüstes Durcheinander von Korallensteingeröll, welches das Gehen sehr erschwert. Das unruhige und gewaltthätige Treiben der Brandung, das graue, zackige, rauhe Steinufer, große Steinblöcke mit dem Geröll zerbröckelter Steine, das Brausen des kräftigen Windes und die düstere Färbung der weiter abliegenden, eine feste Wand bildenden grauen Palmenstämme, deren Kronen sich in eintönigem Rauschen nach der ruhigern Seite neigen, geben zusammen der Insel auf dieser Seite einen wesentlich andern Charakter, als man ihn beim Einlaufen in die Lagune gefunden hat.

[B] Kanaker oder Kanaka ist die polynesische Bezeichnung für „Mann“.

Die auffallende Höhe des obersten Kammes der Insel über Wasser (etwa 3 m) und der Umstand, daß der ganze über Wasser liegende Theil aus einem fest zusammengefügten Korallengebilde besteht, verleitet uns zu oberflächlichen Untersuchungen über die wahrscheinliche Entstehungsart dieser Insel. Es ist ausgeschlossen, daß die Korallen selbst so hoch gebaut haben, weil sie bekanntlich an der Wasseroberfläche absterben; ebenso ist es ausgeschlossen, daß angeschwemmte fremde Körper diesen hohen Rücken gebildet haben, denn das Land ist eine geschlossene Korallensteinmasse, auf welcher nur lose Steine liegen und wo jede Erdschicht fehlt; diese Korallenbank kann also nur durch wachsendes Land über Wasser gehoben worden sein, die Insel muß daher ihr Dasein vulkanischen Einflüssen verdanken. Beim Suchen von Muscheln und kleinem Gethier finden wir an der Wassergrenze eine dicke Schicht von angeschwemmtem Bimsstein. Schon mehrere Tage vorher hatte das Schiff auf hoher See große Bimssteinfelder durchschnitten, welche jedenfalls von den zu Anfang dieses Jahres in Neu-Britannien stattgehabten starken Kraterausbrüchen herrühren und durch die Meeresströmungen bis hierher geführt worden sind. Dieser Bimsstein wird in wenig Jahren verwittert guten Boden abgeben, und so zeigte uns ein Zufall, wie wahrscheinlich die Koralleninseln die Erdschicht erhalten haben, welche den Menschen die Anpflanzung der für ihr Leben nothwendigen Früchte möglich gemacht hat.

Derselbe Weg, welchen wir gekommen, führt uns in kurzer Zeit von der eben beschriebenen herbstlichen Scenerie nach dem innern Ufer zurück, wo die heiße Sonne über der schönen ruhigen Lagune steht, von deren blendender Wasserfläche die schwarze kriegstüchtige „Ariadne“ sich scharf abhebt. Die Kokospalmen entfalten ungehindert ihr duftiges, von dem Winde unberührtes Laub in dem Sonnenschein, die Eingeborenen sitzen träge vor und in ihren Hütten, zwischen welchen Schweine und Hühner ebenso munter umherlaufen, wie die kleinen nackten braunen Kanakerkinder ihre rohen selbstverfertigten Drachen auf dem weißen Sande des Strandes in der leichten Brise steigen lassen und durch schnellen Lauf dem Winde nachhelfen. Einige Schmetterlinge schweben über den dürftigen Blumen, welche zwischen den Gräsern stehen, und ungezählte Massen von Fliegen peinigen Menschen und Thiere.

Wir fuhren an Bord zurück, nahmen unser Frühstück ein und segelten dann in der Gig quer durch die Lagune nach einer sieben Seemeilen entfernten kleinen Insel, um dort nach Schildkröten zu suchen. Unsere Absicht erreichten wir indessen nicht. Die kleine Insel war von einem so weitauslaufenden Riffe umgeben, daß wir viel Zeit gebraucht hätten um durchzuwaten, Mittag war auch schon nahe und der Rückweg weit. Wir traten daher gleich die Rückfahrt wieder an und kehrten eben zeitig genug an Bord zurück, um noch etwas zu essen und dann den an Bord bestellten König mit seinen Räthen zu empfangen. Der König trug heute die Hose, welche gestern der eine der Lootsen, und das Hemd, welches der andere anhatte. Nachdem der Besuch das Schiff besichtigt hatte, wurden die Herrschaften in die Kajüte geführt, bekamen je eine Cigarre und ein Glas Aepfelwein, und es wurde ihnen dann erklärt, daß die zeitweise gegen Deutsche und deutsche Schiffe vorgekommenen Unordnungen sich nicht mehr ereignen dürften. Das beste Mittel, solchen Unannehmlichkeiten auf friedlichem Wege vorzubeugen, sei der Abschluß einer Uebereinkunft, welche die gegenseitigen Rechte und Pflichten scharf begrenze. Darauf las der Consul ihnen die vorher fertiggemachte Uebereinkunft in ihrer eigenen Sprache vor, die Sache wurde berathen und nach einer Stunde waren die beiden in Deutsch und Samoanisch ausgefertigten Originale von dem König von Funafuti und seinen Räthen, sowie von mir unterzeichnet und abgeschlossen. Das Wesentliche der Uebereinkunft besteht darin, daß die Deutschen vollständige Handelsfreiheit haben, Land kaufen und miethen können; daß gescheiterten deutschen Schiffen jeder Beistand geleistet und Leben wie Eigenthum gewährleistet wird; daß Deserteure von deutschen Schiffen auszuliefern sind; daß Gesetze, welche Fremde berühren, nur dann für Deutsche Geltung haben, wenn sie vorher mit dem deutschen Consulat vereinbart sind; Anordnung, wie Streitigkeiten zwischen Eingeborenen und Deutschen zu schlichten sind; sowie schließlich die Verpflichtung, daß die Deutschen auf Funafuti stets dieselben Vorrechte genießen sollen, welche später etwa andern Nationen gewährt werden sollten.

Abends nach dem Essen gingen wir noch einmal an Land, um dem König Lebewohl zu sagen. Während wir zum Boot zurückkehrten, wurde an Land die Trommel geschlagen als Zeichen, daß nunmehr (7 Uhr abends) alle Eingeborenen ihre Hütten aufzusuchen hätten. In diesen wurde es hell, um das in der Mitte angezündete Feuer saß die Familie und beschloß das Tageswerk durch Absingen einiger geistlicher Lieder. Wir kehrten an Bord zurück und schlossen auch mit Funafuti ab.

Am nächsten Tage, am 13. nachmittags 2 Uhr, lichteten wir den Anker, dampften durch die Lagune und verließen dieselbe durch die nördliche Einfahrt, unsern Curs nach Vaitupu, einer andern Insel der Ellice-Gruppe, nehmend. Bei dieser Gelegenheit hatte ich übrigens noch eine starke Nervenerschütterung zu ertragen. Als wir zur Durchfahrt, welche nach Angabe der Lootsen 15 m Wassertiefe haben sollte, und dort in die hochgehende See kamen, wurden plötzlich nur 8 m Tiefe gemeldet und bei dieser Wassertiefe lag ein Durchstoßen des Schiffes nahe. Ein Zurückgehen war nicht mehr möglich; das Herz stand mir momentan still, dann aber gab ich der langsam gehenden Maschine den Befehl, mit Volldampf vorwärts zu gehen, weil dies die einzige Möglichkeit war, das Schiff vor dem tiefen Einstampfen zu bewahren. Es mag sein, daß keine Gefahr für das Schiff vorlag, hätte es aber in diesem hohen Seegang auf das Korallengestein aufgestoßen, dann wäre es wahrscheinlich verloren gewesen, und mit dieser Gefahr mußte ich in dem Moment rechnen. Was solche Augenblicke bedeuten, kann nur derjenige ermessen, welcher die Verantwortung für ein Schiff und so viel Menschenleben zu tragen gehabt hat. Wenige Minuten, während welcher die anstürmenden Wellen über den Bug des mit voller Dampfkraft arbeitenden Schiffes hinwegbrachen, brachten uns in freies Wasser, die Feuer in der Maschine wurden gelöscht und das Schiff setzte die Reise unter Segel fort.

Am nächsten Tage, am 14. nachmittags 3 Uhr, drehte ich dicht unter der Insel Vaitupu bei dem Hauptdorfe bei und fuhr an Land, um dem König meinen Besuch zu machen und dort ebenfalls den Abschluß einer Uebereinkunft vorzubereiten, da bei der Kürze der uns zur Verfügung stehenden Zeit der wirkliche Abschluß nicht erfolgen konnte, denn ich wollte vor Anbruch der Dunkelheit schon wieder auf dem Wege nach einer andern Insel sein. Das Landen war beschwerlich, weil das Riff der Insel hier nicht steil abfällt, sondern sich nur wenige Fuß unter Wasser weit hinaus erstreckt und so eine große Bank bildet, auf welcher die Wellen überbrechen und als Brandung nach dem Ufer zulaufen. Da keine andere Landungsstelle vorhanden ist, so mußten wir hier durch, ob wir nun naß wurden oder nicht. Es ging besser als ich dachte; die Brandung schäumte an beiden Seiten des langen Bootes vorbei und bedachte uns nur ab und zu mit einem kleinen Spritzer, sodaß wir trocken so weit an das Ufer herankamen, um auf dem Rücken eines Matrosen an Land reiten zu können. Der erste Gruß an Land wurde mir von einem kleinen reizenden, 4-5 Jahre alten Kanakermädchen zutheil. Als ich von dem Rücken des Matrosen herabsprang, stand das Kind in einem saubern Waschkleidchen neben mir, streckte mir seine kleine Hand entgegen und ließ aus seinen schönen großen Augen ein so herzliches Willkommen entgegenleuchten, daß mir ordentlich warm ums Herz wurde. Ein Schatten fiel allerdings gleich auf das Kind, denn die Umstehenden erzählten sofort, daß es das Kind des verklagten Missionslehrers sei, von dem ich vorher erzählt habe, und sich nur zufällig hier aufhalte. Natürlich verstand das kleine barfüßige Mädchen davon nichts, kümmerte sich auch nicht weiter um die andern, sondern sah, meine Hand festhaltend, nur mich an. Ich behielt das kleine süße Ding während meines Aufenthalts am Lande bei mir und schenkte ihr nachher einen blanken halben Dollar, um ihn als Andenken um den Hals zu tragen, da Geldstücke in dieser Weise als Schmuck verwendet werden.

Eine große Menschenmenge stand am Ufer, um uns ankommen zu sehen, darunter ein samoanischer Missionslehrer und ein Deutscher, Agent der Handels- und Plantagengesellschaft in Apia. Diese beiden waren unsere Leute, mit welchen wir zunächst zu verhandeln hatten, und von ihnen hörten wir auch gleich, daß große Aufregung auf der Insel herrsche, weil eine starke Partei den jetzigen König in den nächsten Tagen stürzen wolle. Auch klagte der Deutsche, welcher mit einer Vaitupu-Eingeborenen verheirathet ist, daß ihm verwehrt würde auf einem Grundstück seiner Frau ein Haus zu bauen, weil diese durch ihre Heirath mit einem Fremden alle Ansprüche auf das Land verloren habe. Ferner wurde mir ein Brief eines deutschen Schiffskapitäns übergeben, worin derselbe darüber Beschwerde führt, daß die Eingeborenen die Desertionen von Schiffsmannschaften begünstigen und er dadurch bei seinem letzten Aufenthalte hierselbst wieder einen Mann seiner Besatzung verloren habe. Die am Ufer befindliche Menschenmenge war in sichtlicher Aufregung und schien sehr besorgt zu werden, als sie aus dem in Samoanisch geführten Gespräch hörte, wovon die Rede war. Wir waren nun orientirt und ich sah von neuem ein, wie nöthig es ist, zwischen diesen außer der Welt liegenden Inseln Ordnung zu schaffen, und wie die in Funafuti abgeschlossene Uebereinkunft den Interessen der auf diesen Inseln lebenden Deutschen entspricht. Ich kann dieses Lob ohne Anmaßung aussprechen, weil jene Uebereinkunft nicht von mir entworfen ist, sondern von einem Herrn, welchen ich hier ja nicht weiter zu nennen brauche, und ich nur meinen Namen darunter zu setzen hatte. Wir gingen demnächst zu dem Hause des in der Nähe wohnenden Königs, um ihm unsern Besuch zu machen, wodurch allein nach Ansicht des Missionslehrers sein Ansehen schon so weit gekräftigt wurde, daß die Umsturzpartei alle Chancen verlor. Der König empfing uns, umgeben von seinen Räthen, in seinem Hause, das Volk gruppirte sich um die offene Hütte, die Frauen besetzten die zunächst gelegenen Hütten und mein kleines Mädchen kauerte sich neben mich. Es wurde nun von uns zunächst erwähnt, daß wir zwar von den beabsichtigten Unruhen gehört hätten, dieselben aber jetzt gegenstandslos geworden seien, weil ich hierdurch den König als solchen anerkenne. Das Resultat einer kurzen Berathung der Eingeborenen war, daß die anwesenden Führer der Umsturzpartei erklärten, von jeder Gewaltthätigkeit absehen zu wollen, weil nach meiner Anerkennung des Königs ihr Plan aussichtslos geworden sei. Demnächst wurde dem Deutschen das Besitzrecht des seiner Frau gehörigen Landes zugesichert und ferner feierlich versprochen, alles aufzubieten, um in der Folge Desertionen von den Schiffen zu steuern. Hiernach erklärte der König, daß er am nächsten Tage alle Häuptlinge zu einer Berathung zusammenrufen wolle und daß dann von ihnen eine Uebereinkunft unterschrieben werden würde, sobald ihnen dieselbe von mir zugegangen sei.

Da es Zeit wurde an Bord zurückzukehren, zumal ich auch dem König erlaubt hatte, noch das Schiff für kurze Zeit zu besuchen, so machten wir uns auf den Weg und besichtigten dabei noch das Dorf. Die Insel Vaitupu ist, wenngleich von Korallen aufgebaut, keine Laguneninsel, sondern wie Tongatabu eine über Wasser gehobene, fest zusammenhängende Korallenbank und bietet so eine größere Grundfläche, mithin den Bewohnern mehr Raum. Diesem Umstande ist es wol zuzuschreiben, daß das Dorf einen städtischeren Eindruck macht und man hier, abweichend von der sonst üblichen Anlage derartiger Dörfer, breite Straßen findet, an welchen die geräumigen und saubern Hütten in regelmäßigen Abständen aufgebaut sind. Die Frauen sind fast alle mit langen Gewändern bekleidet, die Männer tragen europäische Kleidung oder doch Hüfttücher aus europäischen Stoffen und das Ganze macht den Eindruck einer gewissen Wohlhabenheit. Tätowirte Leute sieht man nur ganz vereinzelt, hier ist aber wie auf all den nördlicher gelegenen Inseln und auch schon in Funafuti die Sitte vorhanden, die Ohrläppchen zu durchbohren und dann das untere Fleisch so lange nach unten zu ziehen, bis der Lappen als großer Ring bis fast auf die Schulter herabhängt, wenn er nicht vorher schon gerissen ist und dann nur aus zwei Zipfeln besteht. Diese Verunzierung des Ohres hat sich jedenfalls aus der noch nicht fernliegenden Zeit erhalten, wo die Leute noch nackt gingen und kein Mittel hatten, kleine Gegenstände auf bequeme Art bei sich zu führen. Sie richteten daher das Ohr als Tasche ein, indem der lange Ohrlappenring zu einer 8 geschlungen die Pfeife oder sonst einen kleinen Gegenstand aufnahm und der Eigenthümer seine Hände frei behielt. Daß diese Sitte, welche wol bald verschwinden wird, jetzt noch so allgemein besteht, kann nicht verwundern, wenn man bedenkt, daß diese Eingeborenen vor zwölf Jahren den Gebrauch von Kleidern irgendwelcher Art noch nicht kannten.

Die Bevölkerung von Vaitupu beträgt zur Zeit 490 Seelen, eine große Zahl für eine der Ellice-Inseln, weshalb sie auch die wichtigste für den Handel in der Gruppe ist. Die Bewohner stammen von den Samoanern ab, sprechen deren Sprache und gleichen ihnen in Körperbildung und Hautfarbe, haben aber vielfach andere Sitten angenommen, welche sich äußerlich auch darin zeigen, daß die Männer das Haar kurz, die Frauen es lang tragen und beide Geschlechter das Färben des Haares vermeiden. Die bei Funafuti erwähnte Hautkrankheit kommt, wenn auch nur vereinzelt, hier ebenfalls vor.

Zwischen dem Dorfe und der Landungsstelle liegt ein großer freier Platz, in dessen Mitte sich eine große mit Korallensteinen ausgemauerte Grube befindet, welche zum Auffangen des Regenwassers dient und die Stelle eines öffentlichen Marktbrunnens versieht, wenn überhaupt dieser Himmelsstrich durch Regen beglückt wird. Dies kommt nicht allzu häufig vor und die Cisterne war auch jetzt leer und trocken. Auf demselben Platze befinden sich auch die Kirche und die Wohnung des Missionslehrers, in welch letztere wir nach erhaltener Aufforderung eintreten mußten, wollten wir nicht unhöflich sein. Ein Besuch von solchen Persönlichkeiten, wie sie der Commandant eines Schiffes und der Consul vorstellen, gilt hier sehr viel und es ist daher begreiflich, daß die Leute sich nach solcher Auszeichnung drängen. Für den nur wenige Minuten währenden Besuch wurde ich übrigens dadurch belohnt, daß die Frau des Lehrers mir der Landessitte entsprechend zwei schöne Matten und einige Fächer schenkte, welche ich natürlich annehmen mußte. Beim Besteigen meines Bootes fand ich auch noch weitere Geschenke von dem König vor, nämlich ein lebendes Schwein und ein halbes Hundert frischer Kokosnüsse. Beim Passiren der Brandung hatten wir wieder ebenso viel Glück wie auf dem Hinwege und waren nach weitern 15 Minuten, ohne naß geworden zu sein, wieder auf unserm Schiff, wo ich den kurz nach uns eintreffenden König bewirthete. Mit Dunkelwerden schickte ich ihn nebst Gefolge wieder an Land und trat dann die Weiterreise durch dieses unbehagliche Inselgebiet an.

Jetzt (16. November) haben wir zwar die Ellice-Inseln hinter uns, und vor uns bis zu der Gruppe der Kingsmill-Inseln 150 Seemeilen freies Fahrwasser, es ist aber sehr die Frage, ob dieses freie Wasser nicht noch schlimmer ist wie die Inselpassagen, da zwischen den Inseln doch schon viel gefahren wurde und daher die Untiefen bekannt sind, während die Karten in diesen noch wenig durchforschten Meeren hier außerhalb der Inselgruppen nur große blanke Stellen aufweisen. Unser nächstes Ziel ist Tapituwea (in der Karte Taputeouea oder Drummond-Insel genannt), wo ich wegen der dort herrschenden anarchischen Zustände mich zwar auf keinerlei Verhandlungen werde einlassen können, aber doch dadurch Gutes stiften kann, daß dieser wilden und zu Gewaltthätigkeiten stets aufgelegten Bevölkerung das Vorhandensein deutscher Kriegsschiffe vor Augen geführt wird und dadurch die hier anlaufenden deutschen Schiffe Schutz für Leben und Eigenthum erhalten.

20. November 1878.

Am 17. traten wir in die Gruppe der niedrigen Kingsmill- oder Gilbert-Inseln ein, von welchen ich drei anlaufen will und zwar Tapituwea, demnächst Apamama und Taritari.

Ich hatte gehofft, gestern Morgen schon mit Tagesanbruch Tapituwea zu sehen und gegen 8 Uhr dort zu Anker zu sein, hier schlagen aber alle Berechnungen fehl. Die Karten sind vielfach falsch und die Strömungen zwischen diesen Inseln so stark und unberechenbar, daß man sich während der Nacht nicht zu nahe an die Stelle heranwagen darf, wo das Land liegen soll, weil man sonst durch Auflaufen auf die weitausgedehnten Riffe leicht sehr viel früher als man erwartet unangenehme Bekanntschaft mit diesen Inseln, welche gestrandete Schiffe von ihren Riffen nicht mehr freigeben, machen kann. Anstatt uns Tapituwea zu zeigen, brachte die aufsteigende Sonne nur steifen Wind mit dickem Wetter. Erst gegen 10 Uhr sichteten wir das Land -- so weit hatte der Strom das Schiff versetzt -- und kurz vor 12 Uhr ankerten wir vor Uturoa, der Hauptstadt der Insel. Da hier weiter nichts zu thun war, als die Flagge zu zeigen, hatte ich den Besuch nur auf wenige Stunden angesetzt.

Tapituwea ist von langgestreckter Form ohne Lagune, ziemlich groß und sehr stark bevölkert. Wenn der Rücken des bewohnbaren Landes auch nur schmal ist, so beträgt die Länge desselben doch 30 Seemeilen, und dieser lange schmale Landstreifen ernährt nach zuverlässiger Schätzung über 6000 Menschen. Allerdings werden die Nahrungsmittel, welche hauptsächlich in Kokosnüssen bestehen, häufig und namentlich bei anhaltender Dürre so knapp, daß die Leute dann zum Theil versuchen müssen, auf andere Inseln zu gelangen, um nicht zu verhungern. Dies ist dann die günstige Zeit für die Anwerbung von Arbeitern für die Plantagen auf den Samoa-Inseln, weil sich zu dieser Zeit ganze Familien, ja ganze Verwandtschaften und namentlich solche, welche auf den deutschen Plantagen in Samoa schon waren, zum Schiffe drängen, um sich gegen leichte Arbeit satt essen zu können und noch geringen Lohn obendrein zu erhalten. Auch nur aus diesem Grunde hat die Insel Bedeutung für die deutschen Interessen, weil sie als Handelsobject nicht in Betracht kommt, da sie alles, was sie producirt, zur Ernährung der eigenen starken Bevölkerung gebraucht. Trotzdem nun die Eingeborenen von Tapituwea die anlaufenden Schiffe eigentlich immer als die Erretter aus bitterer Noth ansehen müssen, zeigen sie sich doch häufig so feindlich, daß die Fremden stets bereit sein müssen, für ihr Leben einzustehen. Diese Eingeborenen sind ganz wilde Gesellen, welche keinerlei Oberhaupt anerkennen und im ausgeprägtesten Communismus leben. Alles Eigenthum auf der Insel ist Gemeingut, jeder Streit wird von den Betheiligten sofort mit der Waffe ausgefochten, und daß solche Kämpfe häufig vorkommen, zeigen die vielen Narben auf den nackten Körpern dieser Leute. Dieselben werden ihren Ursprung zwar größtentheils den häufigen Trinkgelagen zu verdanken haben, bei welchen die ihrer Sinne nicht mehr mächtigen Männer wol mit ihren Haifischzahnwaffen wüst um sich schlagen und jeden verwunden, der in den Bereich der gefährlichen Waffe kommt. Anders kann ich es mir nicht erklären, daß so viele Weiber und kleine Kinder die Spuren solcher Wunden auf ihren Körpern tragen; ja, ich habe bei einem kleinen Kinde, das noch getragen wurde, eine solche Narbe von 10 cm Länge und 3 cm Breite über den Rücken und die Seite hinlaufen gesehen. Ich denke mir, daß die Weiber häufig versuchen, ihre tobenden Männer von dem Gelage wegzuholen, und daß dabei dann zuweilen sie selbst, wie die von ihnen auf der Hüfte getragenen kleinen Kinder Wunden erhalten, welche ihnen nicht zugedacht waren. Das Getränk bereiten diese Leute sich selbst aus dem Saft der Kokospalme, ebenso wie die Marquesaner es thun. Da nun die Eingeborenen ebenso leicht wie gegen sich selbst zu Gewaltthätigkeiten gegen Fremde neigen, sah ich mich veranlaßt, diese Insel anzulaufen, weil häufig deutsche Schiffe hierher kommen, um Arbeiter nach Ablauf ihres Contracts von Samoa zurückzubringen und neue anzuwerben. Bei solchen Gelegenheiten soll es immer bunt hergehen, weil dann stets solche Massen von Eingeborenen zum Schiffe kommen, daß sie leicht die kleine Mannschaft überwältigen und ermorden könnten, um sich des Schiffes zu bemächtigen. Es ist daher bei solchen Gelegenheiten geboten, nicht zu viel auf einmal auf das Schiff zu lassen, und dies wird dadurch erreicht, daß die Mannschaft des Schiffes die Kanus mit geladenen Feuerwaffen in respectvoller Entfernung hält. Das Weggehen von ihrer heimatlichen Scholle wird diesen Menschen leicht, weil sie nichts besitzen. Wie sie gehen und stehen, kommen ganze Familien, Mann, Frau und Kinder, und häufig noch Aeltern und Verwandte auf das Schiff, um den Contract durch ihr Handzeichen zu vollziehen und dann auf mehrere Jahre in die Fremde zu gehen. Der Contract lautet gewöhnlich auf drei Jahre; Männer, Frauen und größere Kinder erhalten gleichen Lohn, Kinder unter sieben Jahren die Hälfte, und alle freie Rückfahrt nach Ablauf der contractlichen Zeit.

Gleich nach dem Ankern fuhr ich mit dem Consul an Land, um die kurze Zeit möglichst auszunutzen; ein Boot mit beurlaubten Offizieren folgte. Die weit vom Ufer abliegenden großen Korallenbänke, auf welchen die hochgehende See bricht, zwingen zu großer Vorsicht, weil ein Aufstoßen auf einen der vielen Korallenblöcke gleichbedeutend mit dem Verlust des Bootes ist, da dieses sofort zertrümmert werden würde. Hat man diese Bänke aber erst passirt, dann findet man wieder tiefes und von den Riffen geschütztes, ruhiges Wasser bis zum Strande hin. Obgleich unter den Bäumen Hütte neben Hütte liegt und am Morgen in noch weiter Ferne ungezählte Rauchsäulen uns gesagt hatten, daß all diese Hütten bewohnt sein müssen, zeigen sich bei unserer Annäherung doch nur wenig Leute, welche zum Strande herunter kommen, sobald wir landen. Die Hütten sind fast sämmtlich leer. Die uns begleitende Schar wächst zwar im Laufe der Zeit bis zu etwa 40 Personen an, doch wo sind die andern? Entweder rotten sie sich zu einem Angriff, resp. zur Gegenwehr zusammen oder sie haben nur die Flucht ergriffen. Ich glaube das letztere, denn ein Kriegsschiff ist für diese Wilden, welche häufig ein böses Gewissen haben, ein sehr unbehagliches Ding.

Wir steigen an Land und die mit scharfer Munition versehenen Boote werden in tiefem Wasser verankert, damit während unserer Abwesenheit zwischen den Bootsmannschaften und den Eingeborenen kein Streit entstehen kann. Wir selbst (sieben Personen) sind mit Säbel und geladenem Revolver bewaffnet. Die uns am Strande empfangenden Menschen sind nur Männer und Jungen, alle vollständig nackt, da man den aus Glasperlen und Muschelstücken bestehenden Halsschmuck wol nicht als Kleidungsstück gelten lassen kann; etwas weiter ab und in nächster Nähe ihrer Hütten stehen einige Weiber. Diese tragen nur einen schmalen, etwa 20 cm breiten Gürtel aus Blättern oder Gräsern, welcher in besonders charakteristischer Weise umgebunden wird. Männer und Weiber sind schöne Menschen von dunkelbrauner Hautfarbe, und die Männer zeichnen sich namentlich vor denjenigen Polynesiern, welche ich gesehen habe, dadurch aus, daß ihr Gesichtstypus nicht so gleichartig ist, sondern daß man mehr charakteristische Köpfe mit vorzugsweise schmalen Nasen sieht. Diese Gesichter sind allerdings nicht so ansprechend, wie die geistig durchgebildetern der Polynesier, denn in den Zügen dieser Mikronesier kann man deutlich lesen, wie die Leidenschaften des Urmenschen hier noch ungezügelt arbeiten und dadurch dem oft wirklich schönen Gesichtsschnitt das abgeht, was die Züge des veredelten Menschen wirklich schön macht. Die Körperformen sind fast durchgehends tadellos, die Männer groß und schlank, die Weiber mittelgroß mit zierlichen eleganten Formen. Die glänzend schwarzen, schlichten Haare werden von beiden Geschlechtern gleich getragen; vorn auf der halben Stirn kurz abgeschnitten, an den Seiten und hinten bis auf die Schulter herabhängend; das Haar wird nicht gefärbt, sondern nur mit Kokosnußöl eingerieben.

Die Kokosnuß ist hier überhaupt alles, wie sie es ja auch auf allen niedrigen Inseln der Südsee ist. Die junge grüne Nuß gibt mit ihrer Milch das einzige Getränk, da Wasser fehlt; der weiche Kern der halbreifen und der harte Kern der alten Nuß gibt die Nahrung; das aus dem Kern gepreßte Oel wird als Hautsalbe, Haaröl und als Leuchtstoff benutzt, da die primitiven Lampen auch mit diesem Oel gespeist werden; die innere harte Schale der alten Nuß gibt Trink- und sonstige Gefäße, wie z. B. die Becken für die Lampen; die äußere Faserschale gibt den Stoff zur Anfertigung von Bindfaden, aus welchem wieder Kriegsrüstungen und vielerlei andere Gegenstände geflochten werden, so auch den Docht für die Lampe. Vorzugsweise findet der so gewonnene Bindfaden bei Herstellung der nachfolgenden Gegenstände Verwendung. Die einzelnen Pfähle und Dachsparren des Hüttengerüstes werden zusammengebunden und auf dieselbe Art wird auch das Laubdach auf dem Gerüst befestigt. Die schönen, scharfen und sehr tiefgehenden Kanus, mit welchen die Eingeborenen große Reisen über See machen, können, weil hier die dazu erforderlichen dickstämmigen Bäume fehlen, nicht aus großen Stücken zusammengesetzt werden, sondern müssen nach unserer Art aus schmalen Planken über Spanten gebaut werden, und da den Leuten Nägel fehlen, müssen sie die einzelnen Planken mühsam mit Bindfaden aneinander nähen. Die Takelagen der großen Segelkanus sind ebenfalls aus diesem Bindfaden gefertigt, und derselbe wird auch als Angelschnur benutzt. Das schwere harte Holz des Stammes der Kokospalme gibt Brennholz, das Material für die Kriegsspeere und theilweise auch für die Hauptpfähle der Hütten. Die Blätter werden zu Körben, Dächern und Matten zusammengeflochten. Der dem jungen Stamm entquellende Saft, wenn die Blattkeime oben abgeschnitten worden sind, gibt Branntwein, doch stirbt ein so mishandeltes Bäumchen dann ab.

Dies zeigt in kurzen Umrissen, daß ohne die Kokospalme auf diesen Inseln das Leben für Menschen nahezu unmöglich wäre. Wie dieses Leben, welches sich neben Fischen und Schalthieren nur auf die Kokosnuß stützt, für die Menschen sich gestaltet, mag jeder sich selbst ausmalen.

Ich lasse durch den von Apia mitgebrachten Dolmetscher unsere Absicht kundgeben, das Dorf zu besehen, worauf der ganze Trupp sich in Bewegung setzt, um uns zu führen und zu begleiten. Die Leute betragen sich anständig, wie das einem so großen Kriegsschiffe gegenüber nicht anders zu erwarten ist, sind sehr gefällig im Wegräumen von in den Wegen liegenden Hindernissen und im Durchbrechen einiger Zäune, um uns bei der großen Hitze unnöthige Umwege zu ersparen. Bei alledem sieht man aber doch an ihren schnellen und jähen Bewegungen, an der Art zu sprechen, zu lachen und zu beobachten, daß viel Tigernaturell in ihrem Blute liegt und es wol nicht gerathen ist, wehrlos in ihre Hände zu fallen.

Der schmale, wohlgehaltene Pfad führt von Ansiedelung zu Ansiedelung, denn von einem Dorf oder einer Stadt kann man nicht sprechen, da das ganze Land an der Leeseite der Insel mit Hütten, bezw. Ansiedelungen, übersäet ist. Der die Insel der Länge nach durchschneidende Pfad liegt etwa in der Mitte des schmalen Landstreifens; an der Luvseite des Pfades stehen nur Kokosnußbäume, während die Niederlassungen sämmtlich an der Leeseite liegen. Ich spreche hier von Ansiedelungen, weil immer innerhalb eines aus Aesten und Reisern hergestellten Zaunes mehrere Hütten liegen, welche jedenfalls zusammengehören. Ich habe mich leider nicht danach erkundigt, ob solch eine Hüttengruppe eine bestimmte Gemeinschaft bildet oder innerhalb der Grenzen eines jeden Zaunes eine zusammengehörige Familie wohnt; nach der geringen Zahl der jeweiligen Hütten möchte ich das letztere annehmen. Auffallend ist die Sauberkeit und Ordnung, welche hier herrscht und leicht zu der Annahme verleiten kann, daß in diesem Theil der Erde die Menschen um so reinlicher werden, je tiefer sie stehen, denn es ist z. B. kein Zweifel, daß die Leute auf Funafuti schon seit 10-12 Jahren einen ununterbrochenen Verkehr mit Europäern unterhalten, während diese nur sehr selten hierher kommen und dann auch immer auf ihren Schiffen bleiben.

Zunächst am Strande stehen die zur Aufnahme der Kanus bestimmten Hütten, welche ebenso sorgfältig gebaut und sauber gehalten sind wie die Wohnungen der Menschen und nur darin von den Wohnhäusern abweichen, daß die Stirnwände offen sind, um die Fahrzeuge leicht ein- und ausbringen zu können. Jedes Kanu, ob groß oder klein, hat sein eigenes Haus. Weiter zurück unter Bäumen, welche hier allerdings gelichtet stehen, liegen die vorher genannten Ansiedelungen. Die Hütten selbst, wenngleich vielfach von verschiedener Größe, sind in ihrer Bauart ganz gleich. Auf kurzen, zwei Fuß hohen Pfählen oder blendend weißen Korallensteinen liegen die Hauptbalken und Träger für die Dachsparren, welche ihre obere Stütze auf einem durch die Mittellinie der Hütte laufenden Kammbalken finden, der auf 10-15 Fuß hohen Pfählen ruht; auf die Sparren ist so viel Laub geschichtet, bis das Dach sicher gegen Regen geworden ist. Die Hütte ist an allen vier Seiten geschlossen, und das Dach reicht so weit über den eigentlichen Wohnraum hinaus, daß schräg einfallender Regen bis zu diesem nicht vordringen kann, wodurch die Seitenwände überflüssig werden und auch fehlen. Das Eintreten in die Hütte wird durch diese Bauart allerdings etwas unbequem, weil man sich fast auf den Bauch legen muß, um zwischen Unterrand des Daches und dem Fußboden hindurchzukommen. Der Grundriß der Hütte ist ein längliches Viereck, bei welchem die Länge etwa doppelt so groß ist wie die Breite, das Dach fällt nach allen vier Seiten schräg ab. Der zwischen den einzelnen Hütten einer Ansiedelung liegende Raum ist sorgfältig mit kleinen weißen Korallensteinen bestreut, zwischen welchen kein Gras, kein Unkraut zu finden ist, sodaß diese Stellen den Eindruck sorgfältig gepflegter Straßen und Plätze machen und dadurch den saubern Eindruck der Wohnungen noch mehr heben. Die Hütten sind zur Zeit fast alle leer, nur hin und wieder sitzt in einer derselben ein alter Mann oder eine Frau mit einem kleinen Kinde.

Endlich nach einem langen Marsche, welcher uns auch an Gruben mit besserer feuchter Erde vorbeiführte, in welcher Taro (eine Erdfrucht) wächst, kommen wir zu einer sehr großen, ganz besonders sauber und schön gehaltenen Hütte. Der große freie Platz, auf welchem sie steht, ist ebenfalls mit kleinen weißen Steinen bestreut. Die Hütte selbst erhebt sich auf einer etwa zwei Fuß hohen, aufgeschütteten Plattform. Sie stellt das Hauptberathungshaus der ganzen Insel vor und beherbergt in ihrer Mitte das Allerheiligste. Trotzdem dieses Gebäude eine Länge von etwa 40 m, eine Breite von 16 m hat und der Mittelkamm des Daches 13-16 m über dem Fußboden liegt, sind die Seitenpfähle, welche das Dach tragen, doch nicht höher als bei den gewöhnlichen kleinen Hütten, weshalb das Dach ebenfalls fast bis zum Fußboden reicht und man auch nur hineinkriechen kann. Wir werden aufgefordert einzutreten, und man konnte in den Gesichtern unserer wilden Freunde, denen sich hier noch einige Dutzend Eingeborene beiderlei Geschlechts zugesellt hatten, lesen, wie stolz sie auf dieses Staatsgebäude sind und wie sie auf den Ausbruch unserer Verwunderung über dieses Bauwerk warten. Natürlich treten wir ein, sowol aus Neugierde als auch um wenigstens eine kurze Rast in einem schattigen Raume zu halten. Das Haus ist wirklich sehenswerth und man muß staunen, in welch sinnreicher Weise diese Naturmenschen das riesige Dach nahezu freitragend aufgerichtet haben, denn in der Mittellinie stehen nur drei in die Erde gerammte schwache Dachträger. Mit derselben Akuratesse, wie bei uns freitragende Dächer (welche nicht auf Säulen ruhen, sondern durch seitwärts geneigte Träger ihren Stützpunkt in den Seitenwänden erhalten) durch studirte Baumeister construirt werden, haben diese Eingeborenen ihre Dächer angeordnet. Von den Seitenwänden nach den gegenüberliegenden Dachsparren laufende Balken, welche in ihrer ganzen Länge mit schwarzen Figuren sorgsam und geschmackvoll verziert sind, tragen das schön geflochtene dicke Laubdach. Von den in der Mittellinie stehenden drei Dachträgern trägt der mittelste den Götzen, oder richtiger gesagt das Allerheiligste. Es ist dies eine aus Holzstäben gefertigte Pyramide von 5-6 Fuß Höhe und 3-4 Fuß unterm Durchmesser, deren horizontal laufende Verbindungsstäbe 1½-2 Fuß auseinander liegen. Die Bedeutung dieses merkwürdigen Götzenbildes muß in der Form und Zusammensetzung liegen, da der Schmuck, welchen es trägt, nur aus Opfergaben besteht, und zwar nur aus Hühner- und Hahnenfedern, unter welchen schwarze Hahnenfedern die besonders bevorzugten zu sein scheinen. Soviel ich herausbekommen konnte, werden diese Spenden nur von solchen gegeben, welche längere Zeit von der Heimatsinsel entfernt waren und glücklich zu derselben zurückgekehrt sind. Wir setzen uns auf die hier sauber ausgebreiteten Matten, unsere Freunde sich an dem andern Ende der Hütte uns gegenüber; wir betrachten die innere Einrichtung, die Eingeborenen uns. Nach kurzer Rast lassen wir unsern Wirthen sagen, daß wir dieses Berathungshaus außerordentlich schön fänden, und machen uns dann, befriedigt von dem Gesehenen, wieder auf den Rückweg. Unsere braunen Freunde wollen uns zwar noch immer weiter führen, doch sind wir schon so weit von unsern Booten entfernt, daß mir die Sache nicht ganz geheuer scheint und ich daher ein weiteres Vordringen nicht zugebe, sondern unsere Herren veranlasse, mit mir zurückzukehren.

Bei den Booten wieder angelangt und damit im Bereich unsers Geldes, sprach ich noch den Wunsch aus, einige Waffen zu erwerben, worauf bald einige mit Haifischzähnen versehene alte Speere zur Stelle gebracht wurden. Da nichts Besseres zur Zeit zu haben war, so entschloß ich mich diese wenig schönen Waffen dennoch für einige Stücke Taback einzutauschen, weil sie immerhin doch besser wie nichts sind. Da die Eingeborenen von den Weißen bisjetzt nur Taback beziehen und noch alles andere verschmähen, so versieht dieser hier die Stelle des Geldes. Ein Stück von etwa 15 cm Länge und 1½ cm Dicke bildet die Einheitsmünze, nach welcher gerechnet wird. Ich bezahlte für beide Speere zusammen acht solcher Stangen Taback und für einen Halsschmuck, wie die Männer ihn tragen, eine Stange.

Bei den Booten entwickelte sich übrigens jetzt ein regeres Leben, denn sobald dieselben zum Strande kamen, um uns aufzunehmen, liefen die eingeborenen Männer ihnen in das Wasser entgegen und hingen sich wie Kletten an dieselben an, wahrscheinlich hoffend, irgendetwas erhaschen zu können. Zwischen den mit braunem nackten Fleisch dicht behangenen Booten trieb ein drolliger Kerl sein wunderbares Spiel. Bis an die Hüften im Wasser stehend tanzte er dort herum als ob sonst niemand in seiner Nähe wäre. Mit den Beinen machte er das Wasser hoch aufspritzen, mit den Armen gesticulirte er wild in der Luft, den Kopf aber, und in diesem die räthselhaften Augen, hielt er unbeweglich, während die Gesichtsmuskeln das Gesicht in die merkwürdigsten Verzerrungen versetzten. Die Augen waren das Merkwürdigste an dem Manne. Die Lider hatten sich so weit geöffnet, daß die Augenhöhlen in der Größe eines Zweimarkstücks rund erschienen; die Hornhaut des Augapfels schien durchsichtig zu sein, ohne einen Hintergrund sehen zu lassen, und in diesen scheinbar durchsichtigen Kreisen schwebten die dunkeln Augensterne, in deren Mitte wieder die Pupillen einen Blick in eine unergründliche Tiefe gestatteten. Es machte den Eindruck, als ob der Kopf nur eine Ebene, d. h. das Gesicht nur eine Maske sei und man durch die offenen Augenhöhlen und Pupillen die hinterliegende farblose Luft sähe. Der dicht neben mir befindliche Mann war so mit seinem Tanz beschäftigt, daß er den sonst so begehrten Taback, welchen ich ihm als Belohnung hinhielt, gar nicht sah. Erst von andern gestoßen und aufmerksam gemacht, kam er zu mir, nahm mit angenehm freundlichem und ganz natürlichem Gesicht meine Gabe in Empfang, sprang aber dann wie eine Tigerkatze aus dem Wasser nach dem Lande zu, weil andere ihm den Taback wieder rauben wollten. Wir waren fertig mit dem Lande. Um die Eingeborenen auf gute Art loszuwerden, warfen wir einige Hände voll Taback auf das Land, worauf die meisten sich dorthin stürzten und in einem wüsten Knäuel um den Besitz sich balgten; die Zurückgebliebenen, welche bei den Booten mehr zu erhalten hofften, wurden weggewiesen und, als sie nicht gingen, mit den Füßen weggestoßen, worauf wir dann den Rückweg durch die hohe Brandung über das unbehagliche Riff antraten. Eine große Zahl vom Schiffe kommender Kanus der großen Sorte (wol 20-30) sagte uns, daß wir schon gesehen und die Eingeborenen daher schon weggeschickt waren. Um 3 Uhr nachmittags waren wir wieder an Bord und sahen dort noch, wie in der Nähe unsers Schiffes ein großes werthvolles Kanu kenterte, aber niemand den Versuch machte, dieses Fahrzeug zu retten, nachdem dessen Insassen von einem andern Kanu aufgenommen worden waren. Wahrscheinlich würden sie bei einem solchen Bergungsversuch infolge des starken Stromes so weit weggetrieben worden sein, daß sie die heimatliche Insel vielleicht überhaupt nicht mehr erreicht hätten, und gaben deshalb das verunglückte Fahrzeug gleich auf. Dies erinnert mich daran, daß vor Jahresfrist ein Boot eines deutschen Schiffes mit sechs Personen hier abends von Land absetzte, aber das Schiff nicht erreichte und Boot wie Insassen seitdem verschollen sind. Jedenfalls hat der starke Strom das Boot in die offene See getrieben.

Eine Viertelstunde nach unserer Rückkehr zum Schiffe waren wir wieder unter Segel und auf dem Wege nach Apamama. Hinter uns senken die Kokospalmen sich allmählich unter den Horizont, vor uns steigen die Laubkronen einer andern Insel auf und rufen uns eine ernste Warnung zu, denn das so frühe Insichtkommen sagt uns, daß diese Insel in der Karte um etwa 20 Seemeilen falsch niedergelegt ist. Die Nacht verhüllt auch dieses Bild wieder, und die „Ariadne“ ist in dieser unsichern Gegend bei steifem Winde wieder allein.

Den Entschluß, nach Apamama zu gehen, hatte ich bei meinem letzten Aufenthalt in Sydney gefaßt. Dortige Zeitungen hatten die Nachricht gebracht, daß der König von Apamama einen auf seiner Insel lebenden Deutschen habe ermorden lassen, und da diese Insel in meinem Stationsbereich liegt, so fiel mir von selbst die Aufgabe zu, die Sache zu untersuchen bezw. zu ahnden. Es war eine eigene Sache, denn da nach dem Gerücht der König der Hauptschuldige war, so konnte ich nicht von ihm die Bestrafung der Schuldigen fordern, sondern mußte mich an seine Person halten, wenn das Gerücht sich bewahrheiten sollte. Hier liegt nun die Schwierigkeit, daß einem Schiffscommandanten selbstverständlich keine Strafbefugnisse über Leben und Tod zustehen, wenngleich er unter Umständen aus solcher Veranlassung einen Kampf aufnehmen muß, bei welchem vielleicht Hunderte von Menschen ihr Leben lassen müssen. Ich hatte mich schließlich für den Fall, daß die australische Zeitung wahr gesprochen haben sollte und mir auf Apamama kein bewaffneter Widerstand entgegengesetzt würde, entschlossen, den König zu fangen und ihn später in Neu-Irland, von wo aus er den Rückweg keinenfalls finden konnte, an Land zu setzen.

So segelte ich in ernster Stimmung auf Apamama zu und ließ dort am 20. November in der Einfahrt zur Lagune den Anker fallen. Ein als Lootse dienender, vom König uns entgegengeschickter eingeborener Missionslehrer erzählte gleich, daß das über die Ermordung des Deutschen in Umlauf befindliche Gerücht falsch sei; doch erzählte er auch, daß der betreffende Deutsche zur Zeit nicht anwesend sei, sondern sich vorübergehend auf einer andern Insel aufhalte. Dies letztere war nun allerdings verdächtig und mußte auch die Erinnerung, daß der noch lebende frühere König und Vater des jetzigen vor sechs Jahren die ganze Mannschaft eines gestrandeten englischen Schiffes hatte ermorden lassen, diesen Verdacht nur bestärken. Der König von Apamama hat sich bisher dem Eindringen der Europäer so entschieden widersetzt und ist ein so despotischer und absoluter Herrscher, daß man ihm solchen Mord schon zutrauen kann. Schnelles Handeln war jedenfalls nothwendig, und ich mußte daher auch suchen, möglichst rasch die Wahrheit zu erfahren, welche mir nur die acht Seemeilen von unserm Ankerplatz entfernt wohnende Frau des Deutschen (eine Samoanerin) geben konnte. Ich richtete mich daher so ein, daß ich um 4 Uhr nach meinem Mittagessen abfahren konnte, hoffte dann vor Dunkelwerden dort einzutreffen und machte die weitern Dispositionen von den daselbst zu empfangenden Nachrichten abhängig. War unser Landsmann wirklich ermordet, dann wollte ich noch während der Nacht an Bord zurückkehren, um mit dem ersten Tagesgrauen den geplanten Kriegszug zu unternehmen; beruhte die ganze Sache auf Erfindung, dann wollte ich während der Nacht in dem Hause des Deutschen bleiben und gleich am nächsten Morgen dem noch sechs Seemeilen weiter entfernt wohnenden König meinen Besuch machen. Ich hatte für die Fahrt auf die Dampfpinnasse als Schlepper gerechnet, sie hatte indeß nicht genügende Dampfkraft, um uns gegen den Strom zu schleppen, und ich mußte daher, als wir nach See hinaustrieben, die Gig vor das Dampfboot spannen und uns mit dem kräftigen Ruderschlag meiner sechs Gigsgäste zum Schiff zurückbringen. Ich versuchte nun, die Reise mit der Gig allein unter Segel zu machen, doch blieben uns bei Sonnenuntergang noch sechs Seemeilen aufzukreuzen, wozu ich vier Stunden rechnen mußte. Mondschein hatten wir nicht, das Land war nicht zu sehen und daher die Fahrt ein solches Wagniß, daß ich dieselbe trotz Widerstrebens für heute aufgeben mußte und an Bord zurückkehrte.

Am 21. morgens gleich nach dem Frühstück machten wir uns wieder auf die Reise und konnte die Dampfpinnasse, da der Strom zur Zeit schwach war, die Gig heute schleppen. Offiziere und Mannschaften waren bewaffnet, mit Proviant, Wasser, wollenen Decken und Kleidern so versehen, daß wir mehrere Tage in den Booten aushalten konnten. So fuhren wir, durch Sonnensegel gegen die Sonne geschützt, in die schöne Lagune und in den lachenden Morgen hinein. Es war eine köstliche Fahrt. Die Boote durchfurchen einen großen, nur leicht gekräuselten See, dessen je nach der Tiefe abwechselnd azurblaues und smaragdgrünes Wasser von solcher Klarheit und Durchsichtigkeit ist, daß das Auge, solange die Wassertiefe nicht 10-14 m übersteigt, bis zum Meeresgrunde dringen und dort alles klar erkennen kann. Das große Wasserbecken ist von einem niedrigen schmalen Landstreifen umrahmt, der allerdings größtentheils unter unserm Horizonte liegt und sich nur durch den weiten Kranz von Palmen, welche für uns direct aus dem Wasser aufsteigend die Lagune begrenzen, markirt. An denjenigen Stellen, wo die Palmen gelichtet stehen, sieht man zwischen ihnen den Gischt der von außen an das Korallenland anprallenden Brandung, und dieser sagt deutlich, daß der frische Passat, welcher unsere Schläfen umfächelt, die Temperatur zu einer sehr angenehmen macht und die geschützte Lagune nicht aufwühlen kann, mit den unendlichen Wassermassen des Großen Oceans nach seinem Belieben spielt. Wie vortrefflich schmeckt unter solchen Verhältnissen die Cigarre, namentlich wenn sie gut ist und man vorher lange nichts Ordentliches mehr zu rauchen gehabt hat. Mit heiterm und ernstem Geplauder verkürzten wir uns die Zeit und erreichten endlich um 11 Uhr vormittags in bester Laune unser nächstes Ziel, das Haus des Deutschen. Nach der langen Fahrt war es eine wahre Wohlthat, die Beine wieder rühren zu können. Mit einem Sprung waren wir aus dem Boot und nach wenigen Schritten in dem Hause, einem Mittelding zwischen europäischem Schuppen und Eingeborenenhaus, wo die liebenswürdige Wirthin uns mit sichtlicher Freude empfing. Unsere Wirthin ist, wie vorher schon bemerkt, eine Samoanerin und damit ist ja eigentlich schon gesagt, daß sie ein liebenswürdiges Geschöpf sein muß. In dem Hause ist es kühl und vor allen Dingen tadellos sauber, der Boden ist mit reinen Matten belegt, Bänke und Tische sind mit ebensolchen Matten oder mit Decken aus Tapa bedeckt; bequeme Lehnstühle gestatten uns, unsere Glieder nach Herzenslust auszustrecken und so kann ja nun das Verhör beginnen. Es bewahrheitet sich, daß der Mann noch am Leben ist, überhaupt niemand versucht hat, ihm ein Leid zuzufügen, und daß er wie seine Frau mit dem König und allen Eingeborenen in guter Freundschaft leben. Der Consul und ich sehen uns einen Augenblick an, lachen dann hell auf über das klägliche Ende unsers Kriegszuges, ich schnalle Säbel und Revolver ab, vertausche meinen Waffenrock mit einer weißen Jacke und lasse durch meine Bootsgäste unsern Proviant heraufbringen, da wir gar keinen bessern Frühstücksplatz, als ihn dieses kühle Haus uns bietet, finden können. Wir laden unsere Wirthin ein, an unserm Frühstück theilzunehmen, erhalten aber eine abschlägige Antwort, weil die echte Samoanerin immer erst nach den Häuptlingen speist, wenn sie auch wie diese hier eine Königstochter ist. Wir lassen es uns gut schmecken, sehen nachher zu, wie unsere Wirthin und mein Dolmetscher das, was wir übriggelassen, verzehren, und berathen dann, was nunmehr am besten zu thun ist. Unsere Wirthin theilt uns mit, daß der König sich auf einem in der Nähe zu Anker liegenden englischen Schooner befinde und eine seiner Töchter gerade in dem nächsten Dorfe anwesend sei, um die dortigen Frauen und Mädchen tanzen zu lassen und sich über ihre erlangte Fertigkeit zu informiren. Dem Vorschlage unserer Wirthin, den König ebenfalls nach dem Dorfe kommen zu lassen und dann gleichzeitig einen großen Tanz zu sehen, stimmen wir zu, sind aber gezwungen unsern Entschluß zu ändern, als wir nach einer halben Stunde sehen, daß der von uns zum König geschickte Bote eben erst anfängt, sein Kanu zur Fahrt zurecht zu machen. Um unsere Zeit möglichst auszunutzen, machen wir uns daher selbst auf die Reise, denn da kein Krieg hier zu machen war, wollte ich noch an demselben Abend mit dem Schiffe die Weiterreise antreten. Nachdem ich verschiedene Geschenke, Matten und bunte Korallen, von unserer Samoanerin angenommen und diese ihr Haus versorgt hatte, bestiegen wir alle meine Gig, die Dampfpinnasse spannte sich vor, und weiter ging es nach dem einige Seemeilen von uns abliegenden Schooner, bei welchem noch des Königs Kanu lag, wie wir mit dem Fernrohr erkennen konnten.

Die Fahrt selbst würde in ein Märchen hineinpassen. Gleich einem Schwan, der von einem Kobold geführt die Fremdlinge auf seinem gefiederten Rücken über den Zaubersee trägt, bringt uns die von der schwarzen, dampfspeienden Pinnasse geschleppte, leicht über das Wasser weggleitende weiße Gig zu dem Beherrscher dieses Feenlandes hin. Der unter der Mittagssonne liegende spiegelglatte See wird zur Linken von dem Horizont begrenzt, zur Rechten von einem Gürtel blendend weißen Sandes umrahmt. An diesen weißen Rahmen schließt sich nach oben eine grüne Matte an, über welcher ein Wald schlanker, graziöser Palmen steht, der in seinem Schatten die Hütten der Eingeborenen birgt. Um uns herum sucht die Natur ihre prachtvollsten Farbeneffecte zur Geltung zu bringen. Der Himmel strahlt im schönsten, reinsten Blau, welches dadurch noch brillanter hervortritt, daß hin und wieder kleine festgeballte Wölkchen wie Himmelskörper am Firmament stehen und mit ihrem reinen Weiß der Himmelsfarbe erst ihren richtigen Ton geben. Die Verbindung zwischen Himmelszelt und der Lagune würde, da diese in der Ferne genau die Farbe des Himmels hat, unkenntlich sein, wenn nicht der Horizont sich durch einen feinen dunklern Streifen markirte. Da, wo wir das Wasser durchfurchen (wir halten uns auf geringeren Wassertiefen), hat der See bereits andere Schattirungen angenommen und wetteifert hier mit den schönsten Farben des Saphir und näher dem Lande mit denen des Smaragd. Diese schönen matten Farben werden dann plötzlich von dem weißen Sandgürtel unterbrochen, auf dessen anderer Seite alle Nüancen zwischen Grau und Grün zu finden sind. Die Mittagssonne hat alles Leben in die Hütten und in die Schatten der Bäume getrieben, wir wähnen das einzig Lebende zu sein -- da plötzlich beginnen die Nixen ihr Spiel. Die Boote durchschneiden die Zufluchtsstätte junger Fischbrut und die fingerlangen jungen Fische springen heerdenweise aus dem Wasser, um sich vor dem vermeintlichen Feind, welchen sie in den Booten wittern, zu retten. Zu beiden Seiten von uns schnellen fortwährend in hohen Bogensätzen diese silberschillernden Thierchen in großen Heerden bis zu vier Fuß hoch aus dem Wasser hervor und geben das Bild eines auf- und abwogenden Aehrenfeldes. Und kann eine Nixe wol einen schönern Acker haben, wie solche farbenreiche krystallklare Furchen mit solchen silbernen Garben? Der Zauber schwindet, die Wirklichkeit tritt in ihr Recht -- wir sind bei dem Schiffe angelangt. Ich lege an und schicke unsere Samoanerin hinauf, um den König zu rufen. Gleich darauf wälzt sich eine unförmliche Masse in schwarzem europäischen Anzuge mit Lackstiefeln und grauem Cylinderhut das Fallreep hinunter. Zunächst sehe ich von unten aus über mir an zwei kurzen Beinen nur ein ganz ungeheueres Gesäß, welches den ganzen übrigen Menschen verdeckt und für dessen enorme Fleischmassen mir kein Raum in der Gig zu sein scheint. Doch der dicke Herr findet wirklich Platz in dem Boote, setzt sich neben mich, zeigt ein sehr verängstigtes Gesicht und wartet schweigend, bis auch unsere Samoanerin bei uns ist und ihn als König von Apamama vorstellt. Der Mann ist noch jung, Anfang der Zwanziger, hat kluge Augen, eine etwas gebogene fleischige Nase und herunterhängende Unterlippe. Er hat kaum Mittelgröße, aber einen mächtigen Umfang; Hände und Füße sind klein, das Haar trägt er nach europäischem Schnitt; sein Anzug ist gut und sauber.

Die Schnelligkeit, mit welcher der Mann in das Boot gekommen war, sagt deutlich, wie sehr er trotz seines guten Gewissens uns fürchtet; ich mache die Sache daher kurz und lasse ihm sagen, daß ich mit der Absicht hergekommen sei, ihn wegen der Ermordung eines Deutschen zur Rechenschaft zu ziehen, mich aber freue zu hören, daß die betreffende Nachricht falsch gewesen sei und ich ihn daher jetzt nur aufsuche, um ihm meinen Besuch zu machen. Die ihm gewordene Mittheilung veränderte schnell seinen Gesichtsausdruck, die Angst schwand und machte lachender Heiterkeit Platz, indem er mir gleichzeitig in gebrochenem Englisch sagte, daß ich ein gutes Kriegsschiff sei, weil ich nach meinen Landsleuten sähe. Danach ließ er mir durch den Dolmetscher mittheilen, daß der Urheber jenes Gerüchts ein wegen Unfug von der Insel gewiesener Samoaner sei, und ließ mich noch bitten, denselben einzufangen und ihm zu überliefern, damit er ihn todtschlagen lassen könne. Wir fuhren nun in meinem Boote zur nächsten Stadt, damit der König mich in einem seiner Häuser empfangen könne. Sein großes Segelkanu, welches in der Takelage als besonderes Abzeichen dieselben schwarzen Hahnenfedern wie das Allerheiligste in Tapituwea trägt, folgte uns. Nach kurzer Zeit waren wir an unserm nächsten Ziel angelangt und wurden dort von dem in ein langes Frauengewand gekleideten Vater[C] des Königs empfangen. Dieser führte uns in eine große Hütte, wo wir uns auf Matten lagerten. Die Bauart der Häuser hier ist dieselbe wie in Tapituwea, doch liegen dieselben nicht einzeln verstreut, sondern sind in Reihen und Viertel regelmäßig aufgebaut, sodaß zwischen den Häuserreihen sich gerade und gutgehaltene Straßen hinziehen. Man sieht gleich, daß hier Ordnung herrscht, daß nur Ein Wille regiert, welcher die Bewohner zur Ordnung zwingt. Die Hütten sehen durchweg ebenso ordentlich und sauber aus wie die Menschen. Wunderbar wirkt der Contrast zwischen der nicht weit abliegenden Insel Tapituwea und dieser Insel, dort die schrankenloseste Anarchie, hier Gesetz und Ordnung. Die Frauen, oder doch wenigstens die Mädchen scheinen von den Männern getrennt zu wohnen, denn als meine Bootsgäste nach einem bestimmten Stadtviertel hingingen, wurde ich gebeten, sie von dort wegzurufen, weil jenes Viertel die Wohnung der Frauen sei.

[C] Der Vater des Königs ist ein Mann von etwa 45 Jahren und hat auf die Königswürde verzichtet, sobald sein Sohn erwachsen war. Genügender Grund für diese Abdankung war, daß die Mutter seines Sohnes, also seine eigene Frau, edleres Blut hat wie seine Mutter hatte.

Die Männer tragen als Kleidung eine um den Körper geschlungene steife Matte, welche von dem Magen bis zu den Knien reicht und über den Hüften mit einer umgelegten Schnur zusammengehalten wird. Die Frauen tragen denselben schmalen Gürtel von schwarzem Gras, wie ihre Schwestern in Tapituwea. Die Hautfarbe ist ein schönes Braun, zwar sehr viel dunkler als das der Samoaner, als Farbe aber schöner, auch sieht die Haut dieser Menschen weicher und sammetartiger aus als diejenige der hellergefärbten Polynesier. Das glänzend schwarze, schlichte Kopfhaar wird auch, ebenso wie in Tapituwea, von beiden Geschlechtern gleich lang getragen, nach altdeutscher Art vorn an der Stirn kurz abgeschnitten und an den Seiten wie hinten bis zur Schulter herabhängend, doch haben die Männer hier das Haar vielfach noch in der Mitte gescheitelt. Schmuck wird nur von den Männern in der Form von Halsketten getragen. Tätowirt sind vorzugsweise die Frauen und zwar merkwürdigerweise ausschließlich auf dem Rücken. Dieser ist von dem Hals bis zu den Hüften mit einem Muster versehen, welches demjenigen einer mit Holznadeln gestrickten blauen Jacke täuschend ähnelt; das Muster schneidet an beiden Seiten in einer geraden Linie von der Achselhöhle bis zum Hüftknochen ab, sodaß genau der halbe Oberkörper auf seiner Rückseite tätowirt ist und auf seiner Vorderseite die natürliche Hautfarbe zeigt. Außer dieser Malerei haben die Frauen noch auf beiden Armen einen ½ cm breiten blauen Strich eingeätzt, welcher genau in der Mitte auf dem halben Oberarm und zwar an der Außenseite beginnt, sich nach innen über das innere Ellenbogengelenk hinzieht und auf der Innenseite in der Mitte des halben Unterarms abschneidet. Dieser Strich ist beim Tanzen von großem Effect und hebt die graziösen Bewegungen des Armes besonders hervor, weil er hierbei fortwährend seine Zeichnung verändert und dadurch die Stellung des Armes schärfer hervortreten läßt. Ich glaube, daß ein solcher Armstrich bei unsern Damen modern werden würde, wenn sie den Reiz, welcher in ihm liegt, kennen würden. Zur Vervollständigung des Vorstehenden sei noch bemerkt, daß die vornehmen Frauen eine sehr viel hellergefärbte Haut als das niedere Volk haben, weil sie zur Erhaltung der als schöner geschätzten hellen Hautfarbe sich nie den Sonnenstrahlen aussetzen und am Tage eigentlich immer im Hause bleiben.

In dem Hause des Königs fanden wir noch seine aus einem alten Thonpfeifenstummel rauchende Mutter und seine Schwester. Die letztere hatte eine auffallende Aehnlichkeit mit dem König und war, wenn auch nicht ganz so stark wie er, doch eine gehörig schwere Person, deren Fleischmassen wol nur deshalb nicht so auffielen, weil sie eben so ziemlich unbekleidet war. Bei dieser Gelegenheit, wie auch nachher bei dem großen Tanz, lernte ich kennen, mit welcher Geschicklichkeit die Weiber mit dem dünnen, fast durchsichtigen Grasgürtel stets decent bedeckt bleiben. Beim Gehen schweben die Gräser so schnell hin und her, daß sie undurchsichtig bleiben, beim Hinsetzen werden mit großer Geschicklichkeit die Grashalme von den Seiten weg gleichmäßig nach hinten und vorn gestreift, sodaß die mit gekreuzten Beinen sitzenden Frauen eigentlich nackter wie vorher, aber dennoch schicklich verhüllt sind.

Während wir in der schattigen kühlen Hütte lagen, rauchten und die Königsfamilie mit Aepfelwein tractirten, entfernte sich der König auf kurze Zeit, um Befehle für einen Tanz zu geben und sich schön zu machen, denn bald kam er schmunzelnd in einem ganz neuen feinen grauen Tuchanzug wieder. Um uns herum wurde es in den Hütten lebendig, die Vorbereitungen für den Tanz nahmen ihren Anfang. Nach einer Stunde wurden wir nach einem andern Theil der Stadt in das dort liegende große Berathungshaus geführt. Dasselbe hat ungefähr dieselben Dimensionen und dieselbe Einrichtung wie das auf Tapituwea, nur daß hier an den Seiten unter dem Dach mehrere Todtenschädel in gleichmäßigen Abständen aufgestellt sind; dieselben sollen von erschlagenen Feinden herrühren, doch vermuthe ich, daß es die Schädel der vor sechs Jahren erschlagenen Schiffsmannschaft sind. In und bei dem Hause ist die ganze Bevölkerung des Platzes anwesend: die Tänzer und Tänzerinnen in dem Hause, die Zuschauer außerhalb desselben. Die tanzenden Männer stehen auf der einen schmalen Seite des Hauses, das Gesicht dem Allerheiligsten zugekehrt, die tanzenden Frauen ihnen gegenüber auf der andern Seite, sodaß sie sich gegenseitig ansehen. Beide Parteien sind in der Front je 16 Köpfe stark, in der Tiefe jedoch haben die Weiber neun Glieder, die Männer dagegen nur fünf. Es sind demnach bei dem Tanz etwa 140 Weiber und 80 Männer betheiligt. Der König lagert sich, mit dem Gesicht den Frauen zugekehrt, vor dem Allerheiligsten, wir nehmen mit dem Vater des Königs in der Mitte zwischen beiden Parteien an der einen Langseite des Hauses Platz. Weder der König noch wir werden bei unserm Eintreffen begrüßt, die Tänzer stehen in bequemer Haltung auf ihren Plätzen, verhalten sich ruhig und betrachten nur neugierig uns Fremdlinge. Ehe der Tanz beginnt verstreichen einige Minuten, welche uns gestatten, die vor uns stehenden Menschenreihen in Ruhe oberflächlich zu mustern. Die Männer unter sich, wie die Weiber sind ganz uniform bekleidet; die Männer tragen reine hellgelbe Matten, wie vorher schon beschrieben, die Weiber haben um den Hals und über ihrem schwarzen Grasgürtel einen grünen Blätterschmuck angelegt, welcher ihnen gut steht. Dieser Schmuck ist in der Weise aus dem Blatt der Kokospalme gewonnen, daß das Blatt in der Mitte seiner Rippe der Länge nach getheilt wird und je ein halbes Blatt als Gürtel oder als Halsband dient, indem die langen schmalen Blätter strahlenförmig herabhängen. In beiden Lagern sind die ältern Mitglieder in den ersten Reihen, die jungen und hübschen stehen hinten, wol weil sie noch nicht sicher genug sind, und ganz hinten stehen die Kinder, für welche eine derartige Aufführung gleichzeitig eine Unterrichtsstunde ist.

In den Reihen der Männer fällt mir, noch mehr als dies in Tapituwea der Fall war, die große Verschiedenheit in den Gesichtszügen auf. Da stehen gerade vor mir drei Männer mit so charakteristischen Köpfen, daß ich nicht umhin kann, sie mit europäischen Männern und zwar mit solchen ganz bestimmter Berufsklassen zu vergleichen. Der eine ist ein großer, stattlicher, starker Mann, 40-50 Jahre alt, mit kurzer dicker Nase, langem bis unter die Ohren reichenden Haupthaar und kurz geschnittenem Bart, welcher, als schmale Krause von den Ohren unter das Kinn laufend, das sonst sorgfältig rasirte breite Gesicht einrahmt. Der Mann gibt das getreue Abbild eines in guten Verhältnissen lebenden Pädagogen. Neben diesem steht in gebückter Haltung ein altes dürres Männchen mit schmalem Gesicht, feiner, schmaler, schön geformter Nase und stechenden Augen, welcher das dünne graue Haar von der hohen Stirn und aus den Schläfen nach hinten gestrichen hat, ein langer grauer Bart fällt bis auf die Brust herab. Bei uns würde der Mann als tiefer Denker und Gelehrter passiren. Der dritte ist eine merkwürdige Erscheinung, wie sie im Leben nur selten angetroffen wird und die man dann als etwas Räthselhaftes betrachtet. Auf Bildern aus der Biblischen Geschichte figuriren solche Gestalten als Apostel oder als Märtyrer aus der ersten Christenzeit. Der Mann ist über sechs Fuß groß mit auffallend schmalen Schultern, das in der Mitte gescheitelte und bis auf die Schulter herabfallende Haar umrahmt ein schmales feines Gesicht, die tiefliegenden Augen strahlen ein fanatisches Feuer aus, eine auffallend feine, etwas gebogene Nase veredelt das nur mit einem kleinen dünnen Schnurrbart versehene Gesicht, aus welchem über den eingefallenen fleischlosen Backen die Backenknochen scharf hervortreten. Der ganze Körper, welchem jede Rundung fehlt, zeigt nur Muskeln und Sehnen und gibt so das Bild eines zähen, widerstandsfähigen Menschen, dessen Gesichtsausdruck zu sagen scheint, daß die in dieser zähen Hülle wohnende Seele auch den Körper zu jeder That zu zwingen weiß, wenn es gilt, einen gefaßten Entschluß durchzuführen.

Wenn es mich nicht zu weit führte, könnte ich noch ein halbes Dutzend solcher charakteristisch aussehender Menschen beschreiben, doch genügen wol diese drei Beispiele allein zum Verständniß der merkwürdigen Empfindung, welche mich beschlich, als ich bedachte, daß diese Männer nun vor uns einen sinnlosen Tanz aufführen sollten.

Die Reihen der Weiber zeigen auf den ersten Blick, daß hier die ganze Stadt zu dem Tanze aufgeboten ist, denn in denselben ist nicht nur jedes Alter vertreten, sondern auch die alte Mutter und die Schwester des Königs füllen ihren Platz unter den Tänzerinnen aus.

Die Weiber beginnen den Tanz, ihnen folgen nachher die Männer, und so geht es abwechselnd eine Stunde lang fort, indem immer eine Partei tanzt und die andere währenddessen ruht. Hätten wir die Zeit, Geduld und Lust gehabt, dem Tanze länger zuzusehen, dann würden die Leute wol mehrere Stunden mit diesem Vergnügen ausgefüllt haben, welches keine Abwechselung bietet, da der Tanz auf beiden Seiten immer in denselben Bewegungen besteht und die kleinen Abweichungen, welche durch den Sinn des Darzustellenden bedingt werden, kaum in die Augen fallen oder doch von uns nicht verstanden wurden. Zu jedem Tanz werden einige sich stets wiederholende Strophen gesungen, deren Worte die Erklärung des Tanzes, die Töne die erforderliche monotone Musik geben. Die Durchführung des Tanzes ist im ganzen tadellos, Gesang und Bewegungen halten sich in so vollkommenem Rhythmus, daß die ganze Masse nur von =einem= Willen geleitet zu sein scheint und sich in Bezug auf Gleichmäßigkeit der ganzen Handlung mit dem besten europäischen Ballet messen kann. Die Darstellungen beziehen sich natürlich nur auf Episoden, welche in dem Leben dieser Insulaner vorkommen. Der Tanz der Männer soll vorzugsweise den Krieg, Walfisch- und Haifischfang u. dgl. vorstellen; der der Weiber gibt im Bilde die Begrüßung von Gästen, Fischfang, Nachhut im Kriege, Bootsfahrten u. s. w. wieder. Der Tanz der Männer besteht hauptsächlich darin, daß sie auf ihrem Platze ein Bein nach dem andern schnell aufheben, sich jäh von einer Seite zur andern drehen und dabei mit der flachen linken Hand auf die steife Matte, mit der hohlen rechten sich unter die linke Brust schlagen und so den Lärm des Gesanges noch durch ein geräuschvolles Geklapper und Geklatsche unterstützen. Ein oder zwei Vorsänger, welche nur mit den Armen gesticuliren, singen erst eine Strophe, auf welche dann die ganze Masse mit den obengenannten Bewegungen, mit Gesang, Geklapper und Geklatsche einfällt. Beim Walfischfang treten noch Bewegungen des Oberkörpers hinzu, welche das angestrengte Ziehen verbildlichen sollen, das zum Aufschleppen des Fisches auf das Land erforderlich ist. Beim Kriege werfen sich plötzlich alle bis auf zwei Führer als todt nieder, bis sie von diesen wieder zum Leben zurückgerufen werden. Der Haupteindruck eines solchen Tanzes auf den Europäer ist der eines ganz ungeheuern Lärmens.

Der Tanz der Weiber unterscheidet sich insofern auffallend von demjenigen der Männer, als er in sanften und ruhigen Bewegungen besteht, während dieser einen durchaus jähen und wilden Charakter hat. Dies ist deshalb merkwürdig, weil auf den Südsee-Inseln sonst die Weiber nicht nur die Männer in feuriger und leidenschaftlicher Ausführung des Tanzes zu übertreffen suchen, sondern sie auch wirklich übertreffen, wenigstens ist dies auf den Gesellschafts- und Samoa-Inseln der Fall. Der Tanz der Frauen besteht hier eigentlich nur in graziösen Armbewegungen und die Beine treten nur in Action, um den Körper in gemessenem Tempo nach rechts und links zu drehen, einige Schritte zurückzugehen und dann wieder den alten Platz einzunehmen, wobei das Ganze ohne Commando so exact arbeitet, wie es eine gut einexerzirte Truppe auf dem Paradeplatz nicht besser machen kann. Zuweilen allerdings wird auch der Plan insofern verändert, als die vordern Reihen nach hinten gehen und die hinten stehenden nach vorn durchpassiren lassen, und dies ist dann der Zeitpunkt, wo man einen Blick auf die jugendlichen Gestalten werfen kann. Der Gesang, welcher mit vollen Lungen und so kräftig wie möglich gegeben wird, erhält auch noch eine Verstärkung durch Klatschen, doch lassen die Frauen ihre linke Hand nur leicht auf den raschelnden Grasschurz fallen, was ein leises Rauschen verursacht; mit der hohlen rechten Hand schlagen sie sich aber auch ganz kräftig unter die linke Brust, doch immerhin etwas zarter als die Männer dies thun. Eine Darstellung, welche für uns wahrhaft ohrenzerreißend war, scheint in besonderm Ansehen zu stehen; bei dieser bemüht sich jedes Frauenzimmer, von dem ältesten Mütterchen bis zum kleinen Kinde, im höchsten Discant so laut wie möglich zu kreischen, und was das in solch geschlossenem Hause von über 140 kräftigen Lungen ausgeführt zu bedeuten hat, kann jeder sich gewiß denken. In grellem Gegensatz zu diesem Höllenlärm, welcher wahrscheinlich im Kampfe den Gegner schrecken und die streitenden Männer der eigenen Partei unterstützen soll, steht die Schilderung einer Bootsfahrt. Mit leisem Gesang und ganz leisem Geklatsche beginnt die Gruppe sich nach rechts und links, vorwärts und rückwärts zu bewegen; das Ganze wogt in schönster Gleichmäßigkeit auf und ab und die Intervalle zwischen den einzelnen Personen sind mit schönen Armen ausgefüllt, welche die Ruderbewegungen nachahmen. Gesang und Klatschen werden immer leiser, nur ein leises Summen ist noch zu hören, auch dieses verstummt, und der Zuschauer, welcher vorher durch den Lärm zu sehr in Anspruch genommen wurde, findet jetzt erst Gelegenheit, die schönen hin- und herschwebenden Gestalten zu bewundern und sich an dem vortrefflichen Beinwerk zu erfreuen, welches die Natur diesen Menschen geschenkt hat. Es ist wirklich ein Genuß, dieses leichte Spiel der schönen Glieder zu sehen.

Als abweichend von den Tänzen anderer Inselvölker, wo die ganze Leidenschaft sich in den Gesichtszügen abspiegelt, fiel mir hier auf, daß Männer wie Frauen ihren Gesichtsausdruck an dem Tanze nicht theilnehmen ließen und diesem nach unsern Begriffen somit einen höhern Kunstwerth verleihen, indem der Zuschauer sich eben ganz in die mimische Darstellung der durch die Körperbewegungen angedeuteten Bilder vertiefen kann.

Der König zeigte anscheinend, ebenso wie die andern Zuschauer, wenig Interesse an dem Tanz und beschäftigte sich während der ganzen Zeit mit einem etwa sieben Jahre alten weißen Kinde, welches ihm kurz nach dem Beginn des Tanzes gebracht worden war. Auf meine erstaunte Frage, wie das weiße Kind hierher käme, wurde mir geantwortet, daß es ein Kind einer Schwester des Königs und ein Albino sei, welche hier wie in Polynesien häufig vorkommen. Sobald man erst darauf aufmerksam gemacht war, konnte man aus dem scheuen Wesen des Kindes auch schon aus der Entfernung den Albino erkennen. Der König selbst ist kinderlos und hat nur adoptirte Töchter, da hier wie auch bei den Samoanern jeder hohe Häuptling zur Aufrechterhaltung seiner Stellung eine erwachsene Tochter haben muß. Dieselbe ist gewissermaßen eine unentbehrliche Hofcharge.

Als wir genug gesehen hatten, ließ ich dem König mittheilen, daß ich jetzt auf mein Schiff zurückfahren würde, und lud ihn gleichzeitig ein, mit mir zu kommen, um sich das Schiff anzusehen. Er nahm die Einladung an, wir gingen zu meinem Boot, wurden dort indeß noch etwas zurückgehalten, weil der König mir als Geschenk Waffen und Kokosnüsse zugedacht hatte, welche noch nicht zur Stelle waren. Ich erhielt einige sehr schön gearbeitete Speere, eine kurze dolchähnliche Waffe, einen Panzer aus Kokosnußfasern und mehrere hundert Kokosnüsse, im ganzen so viel, daß in der Gig für uns kaum Platz übrigblieb und wir für die lange Fahrt nur sehr unbequeme und harte Sitze fanden. Endlich gegen 4 Uhr kamen wir fort, nachdem die Einschiffung des Königs noch einige Schwierigkeiten gemacht hatte. Er erwies sich als zu schwer, um von zwei Matrosen durch das Wasser bis zum Boot getragen zu werden, der Versuch wurde daher aufgegeben und auf Zuruf kamen dann aus seinem Kanu vier Eingeborene mit einer Art tragbarer Brücke, auf welcher der König stehend bis zum Boot getragen wurde. Die Dampfpinnasse spannte sich vor mein Boot, wir dampften ab, des Königs Kanu folgte unter Segel; so kamen wir kurz nach 5 Uhr auf der „Ariadne“ an. Der dicke König war durch die Seefahrt, durch das unbequeme Sitzen und schließlich durch die Angst bei dem nicht ganz gefahrlosen Aussteigen, das für einen so beleibten Herrn bei dem hohen Seegang und dem starken Strom äußerst schwierig war, so angegriffen, daß ich ihn vor allen Dingen speisen und tränken mußte. Ein kaltes gebratenes Huhn beschrieb, von seinen Händen gefaßt, vor seinem Gesicht die wunderlichsten Linien und wurde zusehends dünner, die halbe Flasche Champagner war so schnell leer, daß der königliche Herr mit strahlendem Gesicht um eine zweite bat. Die Befriedigung, welche Essen und Trinken hervorgebracht, hielt allerdings nicht lange an, denn die dem König vorgemachten Exercitien mit blindem Schießen und Kleingewehr-Schnellfeuer waren bei ihm von so durchschlagender Wirkung, daß der arme Mann bleich und zitternd sich kaum zu halten vermochte und sich so scheu nach allen Seiten umsah, daß ich es für räthlich hielt, ihn schleunigst in ein geheimes Cabinet zu führen. Was er da gemacht, weiß ich nicht, nur so viel weiß ich, daß er nach einiger Zeit, wenn auch noch bleich, doch mit beruhigten Mienen wieder zum Vorschein kam. So viel steht aber fest, daß er an die Freude, welche er vorher beim Essen und Trinken empfunden hatte, nicht mehr dachte.

Wenn ich es wegen der vorgerückten Tageszeit auch schon aufgegeben hatte, noch an demselben Tage die Weiterreise anzutreten, so wollte ich doch den König nicht länger an Bord behalten, weil ich ihn wegen der in Ansehung des starken Stromes gefährlichen Passage noch vor Dunkelwerden sicher an Land sehen wollte. Der dicke Herr erhielt daher seine Geschenke, eine von dem Consul zu dem Zweck mitgebrachte Wanduhr, sowie sechs halbe Flaschen Champagner, und wurde dann in sein Kanu befördert.

Unsere samoanische Dolmetscherin, welche mit ihrem schneeweißen Bündelchen in der Hand dem König an Land folgte, hatte ein Kistchen Cigaretten erhalten. Beim Weggehen sagte noch der König, sich scheu umsehend, daß solch ein Schiff denn doch zu stark wäre, um dagegen kämpfen zu können; der Zweck, ihm Furcht vor den überlegenen Waffen der Europäer zu machen, war somit erreicht. Solche militärische Schaustellungen versehen den Eingeborenen gegenüber denselben Zweck wie ihre Tänze und werden von den Kriegsschiffen daher benutzt, um die von den Eingeborenen gegebenen Festlichkeiten zu erwidern, dabei gleichzeitig aber auch den Wilden die Macht einer solchen Kriegsmaschine zu zeigen und sie dadurch von Gewaltthätigkeiten gegen Angehörige derselben Flagge abzuhalten. Häufig allerdings begehen die Kriegsschiffe den Fehler, diesen Wilden mit den großen Kanonen etwas vorzuknallen, was verhältnißmäßig wenig Eindruck macht, weil sie dies schon oft gehört haben. Ein Schnellfeuer mit den Gewehren ist das, was die Wilden erzittern und erbeben macht, denn dieses fortwährende Geknatter ohne Aufhören, benimmt ihnen vollständig die Besinnung.

Während der Fahrt von der Stadt nach der „Ariadne“ zurück hatte der König mich wiederholt um eine Bescheinigung gebeten, daß ich auf seiner Insel alles in der besten Ordnung vorgefunden habe. Ich konnte ihm der Wahrheit gemäß antworten, daß ich, soweit die kurze Zeit mir einen Einblick gestattet habe, allerdings die beste Ordnung anerkennen müsse, ich aber trotzdem zur Ausstellung eines derartigen Zeugnisses mich nicht für befugt hielte. Würde er indeß in ein ähnliches Vertragsverhältniß wie der König von Funafuti zu uns treten, dann läge die Sache anders und ich würde dann gern seiner Bitte entsprechen. Ich wollte hierdurch den Boden für den Abschluß einer ähnlichen Uebereinkunft ebnen, weil der Mangel eines der Apamama-Schriftsprache mächtigen Dolmetschers mir nicht gestattete, schon jetzt in der Sache vorzugehen. Der König ließ sich erklären, um was es sich bei solcher Uebereinkunft handle, und war dann gleich zu dem Abschluß einer solchen bereit. Ich hätte nun im Beisein von Zeugen ihn eine in deutscher Sprache ausgefertigte Verhandlung mit seinem Handzeichen versehen lassen können, doch werden derartige Abmachungen so oft von böswilliger Seite als erschwindelt bezeichnet, daß ich ablehnte, unter dem Vorwande, er müsse selbst erst lesen und schreiben lernen, damit er auch selbst den Inhalt der niedergeschriebenen Abmachung beurtheilen könne. Hierbei kam denn nun heraus, daß der König schon mit dem Studium des Lesens und Schreibens begonnen hat und zwar, um den Unterricht seiner Unterthanen zu ermöglichen. Er will nicht zugeben, daß seine Unterthanen mehr wissen wie er selbst, und hat sich als tüchtiger Landesvater daher dazu entschlossen, selbst sofort das Nothwendige zu lernen, um der Fortbildung seiner Unterthanen nicht im Wege zu stehen. Nach allem, was ich hier gesehen habe, komme ich zu dem Schluß, daß der König von Apamama in seiner Sphäre ein hervorragender Mann ist und entschiedene Herrschertugenden besitzt.

Am nächsten Morgen, am 22., verließ ich Apamama wieder und langte am 23. nachmittags vor der Insel Taritari an, welche im Verein mit Makin das nördlichste Königreich der Kingsmill- (Gilbert-)Inseln bildet. Ich hatte die Absicht in die Lagune einzulaufen, fand aber die Karte so falsch, daß ich mich an die Einfahrt mit dem Loth erst hinanfühlen mußte und das kostet viel Zeit. Da wir außerdem auch noch vielfach durch Gewitterböen, welche alles in dichten Regen hüllten und somit jedes Erkennen des Landes und der Untiefen unmöglich machten, belästigt wurden, so rückte der Abend heran, die Dunkelheit überraschte uns in der Einfahrt und ich mußte gezwungenermaßen da, wo ich mich gerade befand, ankern, weil wir andererseits wieder zu weit vorgedrungen waren, um noch bei Tageslicht die offene See zurückgewinnen zu können. Unser Zweck war hier nur eine Recognoscirung, ob diesem Platze oder Apamama der Vorzug als Centralstation für den Handel zwischen diesen Inseln zu geben sei, um danach beurtheilen zu können, welches die bessere Kohlenstation sei, für den Fall, daß unsere Regierung eine solche hier zu erwerben wünsche; ich hatte daher unsern Aufenthalt hierselbst auf nur 24 Stunden angesetzt.

Zu guter Zeit machten wir uns am nächsten Tage bei trübem Wetter mit den Booten auf den Weg nach dem mehrere Seemeilen entfernten Wohnort des Königs. Nach einer zweistündigen Fahrt, während welcher auch das Fahrwasser daraufhin untersucht wurde, ob es brauchbar für größere Schiffe sei, langten wir endlich bei der sogenannten Stadt an und hatten, da es gerade Niedrigwasser war, einen weiten Weg durch nassen Sand zu machen. Der erste Eindruck, welchen wir beim Landen empfingen, war grundverschieden von dem, welchen wir von den letztbesuchten Inseln mitgebracht hatten. Obgleich diese Insel von derselben Formation und Bodenbeschaffenheit wie Apamama ist, von derselben Menschenrasse bewohnt wird und nur eine Tagereise von dieser entfernt liegt, ist hier doch alles anders und findet sich die einzige Uebereinstimmung nur in der Tracht der Frauen.

Die Wohnungen bestehen entweder in kleinen Hütten mit geschlossenen Seitenwänden, welche auf Pfählen ruhen und bei Hochwasser von der See unterspült werden, oder aus Hütten nach Art der Samoahäuser, d. h. aus hohen Laubdächern, die von vier Fuß hohen Pfählen getragen werden. Die erstere Art soll jedenfalls Schutz gegen die hier wie auf allen Südseeinseln herrschende Rattenplage gewähren. Die Frauen tragen, wie schon bemerkt, als Kleidung einen schmalen Grasschurz, die Männer ein Hüfttuch aus buntem Baumwollstoff, die Kinder beiderlei Geschlechts gehen bis zu einem ziemlich reifen Alter ganz nackt. Die Frauen tragen das Haar hinten länger, die Männer kürzer als auf den südlicher gelegenen Inseln. Tätowirung habe ich nicht wahrgenommen. Bei unserer Ankunft fanden wir so ziemlich die ganze männliche Bevölkerung betrunken und damit beschäftigt, der Branntweinflasche noch weiter zuzusprechen. Ob ein vor wenigen Tagen hier gewesener englischer Schooner die empfangenen Waaren mit diesem Gift bezahlt hatte oder ob das Getränk von hier wohnenden Chinesen gekauft war, um ein Fest zu feiern, weiß ich nicht; ich vermuthe aber das erstere. Um zum König zu gelangen, mußten wir einen Weg von etwa drei Viertelstunden zurücklegen, wobei wir ununterbrochen zur Rechten und Linken an Gruppen betrunkener Männer vorbeikamen. Hier und da versuchten zwei oder drei Weiber einen Mann wegzuschaffen; es werden wol seine Frauen gewesen sein. Trotzdem auf diesen Inseln ein Mangel an weiblicher Bevölkerung vorhanden ist, herrscht doch Vielweiberei. Nur die höhere Kaste darf sich den Luxus einer oder mehrerer Frauen gestatten, die Männer der niedern Kaste gelten als Sklaven und sind zur Ehelosigkeit verurtheilt.

Als wir etwa zwei Drittel des Weges zurückgelegt hatten, trafen wir bei einer Frischwassercisterne, deren es viele auf der Insel gibt und welche wahre Brutstätten der Mosquitos sind, zwei Frauen, welche hier in Flaschen und Kokosnußschalen Wasser geholt hatten und eben den dicken Stock, in dessen Mitte der Korb mit dem Wasser hing, auf ihre nackten Schultern hoben. Auf unsere Frage, ob wir auf dem richtigen Weg zum König seien, erhielten wir eine bejahende Antwort und wurden bedeutet, ihnen nur zu folgen, da sie auch dorthin gingen. Dann gesellte sich auch noch ein nüchterner Mann zu uns, mit dem Anerbieten, uns zu führen. Ich erwähne die vorgenannten beiden Frauen hier, weil ich die eine näher beschreiben muß, da sie sowol durch ihr ungewöhnliches Gesicht, wie ihren feinen elastischen Körper jedem auffallen mußte. Da sie ferner das hintere Ende des Stockes trug, so ging sie gerade vor mir und ich hatte auf diese Weise genügende Zeit, sie zu beobachten. In dem feinen ovalen Gesicht, welches sich nach dem Kinn hin in schönen Linien verjüngt, fesseln unwillkürlich die großen mandelförmigen Augen, deren tiefschwarze Augensterne ein mildes Feuer ausstrahlen. Die von der schönen feinen Stirn auslaufende feine, etwas scharf gebogene Nase macht durch ihre Größe das Gesicht interessant. Der kleine Mund mit seinen frischen schwellenden Lippen, welche dem scharfgeschnittenen Gesicht wieder etwas außerordentlich Kindliches gaben, sowie zwei Reihen schöner Perlenzähne passen zu dem feinen schmalen Kinn. Einige dunkle Leberflecke von der Größe einer Linse heben sich von den braunen Wangen scharf ab und passen so vollkommen in dieses Gesicht 'à la' Marie-Antoinette, daß man sich dasselbe ohne sie gar nicht denken kann. Auch das starke Haar gibt dem Kopf noch etwas Apartes, denn dasselbe ist nicht, wie sonst hier, schlicht, sondern fällt in scharf gekräuselten Wellen wie eine Mähne bis auf den halben Rücken herab. Der Hals ist schlank und sitzt tadellos auf den vollen nicht zu breiten Schultern; die übrigen Körperlinien sind von zweifelloser Schönheit, wie auch Arme, Hände und Füße. Der ganze Körper zeigt die reizende Fülle und Rundung der eben vollaufgeblühten Jungfrau; das reizende Geschöpf ist mit einer aufbrechenden Knospe zu vergleichen, welche mit unwiderstehlicher Jugendfrische dem Leben entgegenquillt. Die kleine zierliche, dicht vor mir gehende Person trägt ihre schwere Last mit beneidenswerther Leichtigkeit. Der elastische Oberkörper paralysirt das auf die Schultern drückende schwere Gewicht durch schlangenartige Bewegungen, in den runden Hüften findet man den Abschluß der über ihnen liegenden Anstrengung, darunter schreiten die zierlichen Beine so leicht aus, als ob sie gar nichts zu tragen hätten. Hiermit harmonirt auch das Gesicht, welches die kleine Insulanerin jedesmal nach Zurücklegung einiger Schritte uns zuwendet, um sich sorglos lachend nach uns umzusehen.

Der Weg ist mir trotz der drückenden Hitze außerordentlich kurz geworden, ein vor uns liegendes Haus wird uns als die Wohnung des Königs bezeichnet, der Eintritt aber noch verwehrt mit dem Ersuchen, etwa 20 Schritte davon entfernt noch etwas zu warten. Das offene Haus gestattet uns zu sehen, daß mehrere Weiber damit beschäftigt sind, dem König ein Hemd anzuziehen, und darin finden wir die Erklärung der Verzögerung. Nach Beendigung der Toilette werden wir ersucht näher zu treten und nehmen auf ausgebreiteten Matten neben dem jungen, auf dem Todtenbette liegenden Manne Platz. Der König liegt auf Matten, ist durch Kissen unterstützt und durch leichte Vorhänge gegen die Sonne geschützt. Sechs seiner Frauen sind fortwährend um ihn beschäftigt, ihm kleine Handreichungen zu leisten, Kühlung zuzufächeln und die lästigen Fliegen und Mosquitos von ihm fern zu halten. Er muß früher ein schöner Mann gewesen sein, liegt jetzt an einer von den Europäern hierher verpflanzten, hier nicht näher zu nennenden Krankheit hoffnungslos darnieder und sieht in einem Alter von 35 Jahren täglich seiner Auflösung entgegen. An ihm fiel mir als merkwürdig auf, daß seine Fingernägel etwa 5 cm lang waren. Ich war bisher in dem Glauben befangen, daß diese Sitte nur in China zu Hause sei, mußte aber hier hören, daß auf Taritari und Makin schon seit alters her und jedenfalls seit länger als man hier Kenntniß von China hat, von den Vornehmen dieses Abzeichen der Herren, welche nicht zu arbeiten brauchen, getragen wird.

Bei dem körperlichen Zustand des Königs war weder daran zu denken, irgendwelche Abmachungen zu treffen, noch konnten die wüste Wirthschaft hier und auch nicht die örtlichen Verhältnisse diesen Platz als geeignet für eine Centralhandelsstation erscheinen lassen. Ich beschränkte mich daher darauf, dem König eine anständige Behandlung der etwa hier verkehrenden Deutschen zur Pflicht zu machen. Eine halbe Stunde nach unserm Eintreffen waren wir wieder auf dem Rückwege zu unsern Booten, trafen kurz nach 12 Uhr nachmittags auf der seeklarliegenden „Ariadne“ ein und suchten gegen 1 Uhr wieder die offene See auf, unsern Curs nach den Marshall-Inseln nehmend.

12.

Die Marshall-Inseln.

4. December 1878.

Nun liegen auch die Marshall-Inseln wieder hinter mir und mit diesen eine ereignißreiche kurze Zeit. Die deutschen Handelsinteressen sind hier so bedeutende, daß ich mich, um die Inseln vor der Begehrlichkeit anderer Nationen zu schützen, zu weitergehenden Maßregeln veranlaßt sah, als ich ursprünglich beabsichtigte. Möge das, was ich gethan habe, dereinst dazu führen, daß diese Inseln dem Deutschen Reiche einverleibt werden können.

Am 26. November kam mit Tagesanbruch Jaluit (spr. Dschalúit), die Hauptinsel der westlichen Marshall-Gruppe, welche die Ralickkette genannt wird, in Sicht. Eine kräftige Regenbö brachte das unter schwerem Segeldruck sich schüttelnde Schiff bald vor die schmale Einfahrt zu der Lagune dieser großen Koralleninsel, wo ihm die weißen Fittiche genommen wurden und an deren Stelle der rauchende Schlot trat, um die enge Passage nach dem Ankerplatze unter Dampf zu machen. Dicht vor der Einfahrt kam ein europäisches Boot heran und in diesem der Chef eines der beiden hiesigen deutschen Häuser, Herr Hernsheim, um uns zu begrüßen und mir einen seiner Schiffsführer als Lootsen zur Verfügung zu stellen, was ich dankbar annahm. Gegen 10 Uhr vormittags fiel der Anker, und es war meine Absicht, einen ungewohnt langen Aufenthalt hier zu nehmen, um mir selbst, wie der ganzen Besatzung nach langer Zeit wieder einmal etwas Ruhe zu gönnen. Denn wenn der Aufenthalt auch nur auf vier Tage, woraus nachher fünf wurden, angesetzt war, so bedeutete dies nach den hinter uns liegenden fünf Wochen doch immerhin eine langentbehrte Erholung, welche für das ganze Schiff eine große Wohlthat wurde. Kaum zu Anker mußte ich selbst allerdings gleich an die Erledigung meiner Geschäfte und an deren Ausführung denken. Der Consul nahm mir zwar die Hauptarbeit ab, indem er die endgültige Redaction der in Aussicht genommenen Uebereinkunft, welche vorher besprochen und durchberathen war, übernahm und deren Uebersetzung in die Landessprache beaufsichtigte. Trotzdem blieb aber für mich noch genug zu thun übrig, um meine Zeit mit Besuchen, mündlichen Verhandlungen, Versorgung des Schiffes mit Proviant, Wasser und Kohlen, Anordnungen von Festlichkeiten, Einziehung von Nachrichten über die hiesigen Verhältnisse u. s. w. auszufüllen.

Jaluit ist eine große Laguneninsel, also ein schmaler Ring niedrigen Korallenlandes, welches einen großen See umschließt. Das den Deutschen (andere besitzende Europäer sind nicht auf der Insel) gehörige Land trägt eine reiche Auswahl von Früchten, Gemüsen und Blumen, was dadurch ermöglicht wurde, daß mit großen Kosten von andern Inseln guter Mutterboden hierher gebracht und das Korallenland damit bedeckt worden ist. Das Land der Eingeborenen trägt nur Kokosnußbäume und hier und da kleine Anpflanzungen von kartoffelähnlichen Erdfrüchten. Die deutsche Ansiedelung macht mit ihren bequemen Wohnhäusern und großen Vorrathsmagazinen, mit ihren herrschaftlichen Umzäunungen, gut gehaltenen Wegen und weithin sichtbaren mastenartigen Flaggenstangen einen sehr stattlichen Eindruck; die Dörfer der Eingeborenen, aus elenden schmutzigen Hütten bestehend, liegen verstreut unter den Kokosnußbäumen. Nur der König hat ein ganz nettes kleines, hölzernes Haus, welches luftig und sauber gehalten ist. Es besteht aus einem Wohn- und einem Schlafzimmer, die Dielen sind mit Matten belegt, die Wände mit einer Uhr und einigen einfachen Bildern verziert; ein hölzernes Bett, ein ebensolcher Tisch und einige Stühle bilden das Mobiliar. Die Küche liegt neben dem Hause in einer ortsüblichen Hütte. Die Hütten der Eingeborenen bilden einen mit einem niedrigen Laubdach bedeckten und rundherum mit trockenen Blättern und Reisern geschlossenen Raum, welcher eben Platz genug bietet, daß die Familie auf dem unbedeckten Boden liegen kann. Die Küche befindet sich hier ebenfalls in einem Nebenraume. Die Häuser der Weißen sowol wie die Hütten der Eingeborenen liegen alle an der gegen den vorherrschend starken Passat geschützten Innenseite der Insel, an der Lagune, wo die Ankerplätze der Schiffe sich befinden, wo gegen den Wind geschützt überhaupt nur Pflanzen gedeihen, die Eingeborenen fischen und von wo aus sie mit ihren leichten Kanus ohne Gefahr Reisen nach einem andern Theile der Insel machen können. Allerdings findet man auch an der Windseite der Insel noch Wohngelasse, doch nur solche zu ganz besondern Zwecken. Die beiden deutschen Häuser haben jedes dort ein kleines Lusthäuschen mit regenfestem Dach und durchbrochenen gitterähnlichen Wänden, von wo aus man einen freien großartigen Ueberblick auf das weite unbegrenzte Weltmeer und auf die am Strande wenige Schritte vom Beschauer hochauflaufende majestätische Brandung hat. Hier ist es, wo man zu jeder Tageszeit und namentlich des Abends, wenn der abgeflaute Wind nicht mehr die Kraft besitzt bis zu den Wohnhäusern vorzudringen und sie zu durchstreichen, Ruhe und Erfrischung findet, wo man gegen die Mosquitos, welche sich dann in den Wohnhäusern sehr unangenehm bemerkbar machen, geschützt ist.

Die an der Windseite gelegenen Hütten der Eingeborenen bieten nur Platz für je eine Person und werden nur von Frauenzimmern bezogen. Jede Familie hat dort, je nach ihrem Bedürfniß, ein oder mehrere solch kleiner Hütten, wo die erwachsenen weiblichen Familienmitglieder allmonatlich einige Tage absitzen, woraus wol gefolgert werden darf, daß die Frau während dieser Zeit für unrein gehalten wird und deshalb fern von der eigentlichen Wohnung, dem Winde ausgesetzt, den Abschluß dieses Zustandes abwarten muß. Es mag hier eingefügt werden, daß auf den Marshall-Inseln Vielweiberei besteht und das Christenthum nach dieser Richtung noch keinen Wandel geschaffen hat.

Der hiesige Menschenschlag ist sehr verschieden von demjenigen der südlich vom Aequator liegenden Inseln. Mit wenigen Ausnahmen sind die Männer durchweg klein, die Frauen sehr klein. Besonders auffallend sind die winzigen Köpfe dieser Insulaner, deren lange schmale Gesichter sich von den runden der Bewohner der Kingsmill- und andern Inseln vornehmlich durch eine sehr schmale Stirn und geschlitzte Augen unterscheiden, mithin dem Malaientypus näher kommen. Die Männer tragen das Kopfhaar kurzgeschnitten oder 'à la Chinois', flechten den Schopf aber nicht in einen Zopf, sondern binden das Haar nur kurz ab, sodaß es über dem Band wie ein Roßschweif lose nach hinten oder als ein kurzer Stummel nach oben wegsteht. Das Haar der Frauen ist in der Mitte gescheitelt und hängt schlicht bis auf die Schultern herab. Hier tritt auch die in der Ellice-Gruppe gefundene Sitte, die Ohrlappen zu durchbohren und zu einem großen Ring zu erweitern, welche wir in der Kingsmill-Gruppe nicht beobachtet haben, wieder auf. Die Männer sind in der Regel im Gesicht und auf dem Oberkörper in der Weise tätowirt, daß gezackte Linien in gleichen Abständen horizontal quer über Gesicht und Brust laufen und der Haut ein Ansehen geben, als ob sie damascirt sei; die Frauen sollen sich auch tätowiren, doch habe ich es nicht gesehen. Die Körperbildung ist bei beiden Geschlechtern schmächtig, wohlgenährte runde Glieder ohne auffallende Formenschönheit. Ganz eigenartig ist die Kleidung, denn wenn die Frauen hier in der Hauptstadt, infolge des Einflusses der hier lebenden Europäer, vielfach auch lange Gewänder tragen, so ist dies doch nur eine Zugabe zu ihrer eigentlichen nationalen Tracht, welche sich stets noch unter diesem Gewand auf dem Körper befindet. Als das Hauptstück der Kleidung, welches das kunstreichste ist und von beiden Geschlechtern gleich getragen wird, möchte ich den Gürtel bezeichnen, an welchem die eigentliche Kleidung befestigt wird. Dieser Gürtel, welcher nur zum Baden, sonst nie von dem Körper gelöst wird, ist eine Schnur, ¾ cm dick, und so lang, daß sie 10-12 mal um den Leib geschlungen dort eine Wulst von der Stärke eines dünnen Armes bildet. Um die Seele von Bast ist aus feinen schwarz und weißen Fäden desselben Materials ein kunstvolles Gewebe gelegt. Das Kleid der Männer ist ein aus ½ cm breiten, gewöhnlich weißen, zuweilen aber auch schwarzen Baststreifen zusammengesetzter Rock, welcher durch die Masse der verwendeten dünnen Streifen eine erhebliche Dicke und Fülle erhält. Der Rock ist so lang, daß er von der Taille bis zum Fußboden reicht, bedeckt aber in der ortsüblichen Weise auf den Körper gelegt unterrockartig nur den Theil vom Magen bis zu den Knien und gibt diesen Leuten nach meinem Geschmack ein ebenso unschönes weibisches Aussehen, wie die so vielgefeierten Nationalunterröcke der modernen Griechen es diesen Männern geben.

Die Befestigung dieses Bastrockes auf dem Körper geschieht in der Weise, daß zwei von dem Leibband des Rockes auslaufende Tragebänder von oben durch den vorher beschriebenen Gürtel nach unten durchgesteckt und zwischen die Beine genommen werden, dann der Rock bis auf die richtige Höhe nach oben gezogen und nun unter denselben ein zweiter dicker Gürtel gelegt wird, welcher den Rock in seiner richtigen Lage hält und ihm ein tischartiges Aussehen gibt. Dieser Rock bildet die ganze Bekleidung, da Kopf wie die übrigen Körpertheile unbedeckt bleiben.

Die Kleidung der Weiber, welche nur ebensoviel bedeckt wie die der Männer, besteht aus zwei schmalen Matten, von welchen eine vorn, die andere hinten getragen wird. Diese feingelegten weißen Matten mit eingewebten rothbraunen Figuren, gewöhnlich in Form einer breiten Borte um den weißen Grund, werden in einfacher Weise nur von oben und außen in den mehrgenannten Gürtel eingesteckt, sodaß dieser unter den Matten liegt und nicht sichtbar ist. Auffällig war mir, daß die hintere Matte zuerst aufgelegt wird und die vordere daher die erstere zum großen Theil bedeckt, sodaß zum Abnehmen des Kleides auch stets die vordere zuerst abgelegt werden muß. Dies ist eine merkwürdige Sitte, denn da die Matten ziemlich steif sind, so müssen die Frauen zu gewissen körperlichen Verrichtungen sich stets ganz entkleiden.

Die Nahrung auf diesen Inseln besteht in dem, was Boden und Meer liefern, mithin, wie auf allen Koralleninseln, vornehmlich aus Kokosnuß und Fischen, Krebsen und Muscheln.

So unsauber die Wohnungen aussehen, so reinlich sind die Leute doch an ihrem Körper, und es muß namentlich hervorgehoben werden, daß keinerlei Auswurf des menschlichen Körpers in der Nähe der Hütten geduldet wird. Aborte existiren hier nicht, ihre Stelle vertritt der Strand. Des Morgens, und wenn der Wasserstand es irgend erlaubt bei Niedrigwasser, gehen die Leute nach dem Strande und verrichten dort eins der natürlichsten menschlichen Geschäfte in der ungenirtesten Weise. Da hockt groß und klein, jung und alt unbekümmert um das Geschlecht nebeneinander. Das steigende Wasser der Flut übernimmt die Abfuhr und gibt dem Strande die frühere Reinheit wieder. Die Reinlichkeit wird in diesem Punkte auf das strengste beachtet, wie ich zu sehen Gelegenheit hatte. Als ich eines Abends spät gegen 1 Uhr einen der deutschen Herren verließ, um zum Schiffe zurückzukehren, wurde ich bei dem Dorfe durch ganz jämmerliches Kindergeschrei aufmerksam gemacht. Ich ging zu der Stelle hin und sah einen Mann mit einem Kinde auf dem Arm aus einer Hütte treten und nach dem Strande zu gehen. Das Kind schrie, als ob es ertränkt werden sollte, und ich folgte daher in einiger Entfernung. Am Strande angelangt setzte der Mann das Kind auf den Sand und blieb neben ihm stehen, bis dieses allmählich verstummend Erleichterung gefunden hatte, nahm es dann wieder auf den Arm und kehrte zu seiner Hütte zurück.

Wie schon erwähnt, besteht hier Vielweiberei, doch können nur solche sich diesen Luxus gestatten, welche mehrere Frauen zu ernähren im Stande sind. Eine besondere Gerechtsame der Vornehmen ist auch, daß der Höhere dem Niedern seine Frau wegnehmen und diese seinem Hausstande zuführen kann. So hat der frühere König einem kleinen Häuptling dessen Frau weggenommen und sie zu seiner Hauptfrau gemacht. Nach dem Tode des Königs ging die Frau aber zu ihrem frühern Mann, einem hübschen Kerl, zurück und hierdurch wurde der kleine Häuptling nun so gehoben, daß ihm die Königswürde zufiel und er jetzt der König Lebon (oder Kabua wie er auch genannt wird) ist.

Die Stellung der Frauen auf den Südseeinseln ist eine ganz eigenthümliche, denn wenn sie auch auf vielen Inseln nicht für voll angesehen werden, so spielen sie doch überall durch die Ehe eine hervorragende Rolle, ja es geht so weit, daß ein König zu Gunsten seines Sohnes zurücktritt, sobald dieser eine Frau heirathet, welche edleres Blut hat wie seine Mutter. So war auch hier die Frau des Lebon durch die Ehe mit dem frühern König so geadelt worden, daß nach dessen Tode nicht ihr mit diesem gezeugter Sohn Letabalin, sondern ihr neuer Mann die Königswürde erhielt. Andererseits wird nun wieder nach dem Tode Lebon’s nicht sein Sohn, sondern sein Stiefsohn Letabalin in die Rechte seines früher verstorbenen Vaters eintreten. Spaß machten mir die ehelichen Verhältnisse dieses jungen siebzehnjährigen Königssohnes, welcher schon zwei Frauen hat, vorläufig aber nur die ältere als solche ansieht und die jüngere, obgleich er schon seit einem Jahre mit ihr verheirathet ist, in ihrem jungfräulichen Stande gewissermaßen als Reserve behandelt. Er kommt mir vor wie ein Kind, welches sich ein besonders schönes Stück Zuckerzeug aufhebt, um beim Genuß weniger guter Sachen sich durch die Aussicht auf Besseres zu entschädigen.

Der König Lebon kleidet sich sonst auch in die landesübliche Tracht, in welcher er auf unserm Bilde erscheint, doch hatte er sich uns zu Ehren einen neuen schwarzen Anzug gekauft und trug zum ersten mal in seinem Leben Schuh und Strümpfe. Er empfing mich, als ich ihm meinen Besuch machte, an der Thüre seines Hauses; in dem Zimmer saßen seine fünf Frauen in ihren besten Kleidern halbkreisförmig um unsere Stühle gruppirt. Lebon sah sehr verängstigt aus, weil er fürchtete, daß ich wegen verschiedener rückständiger Schulden über ihn zu Gericht sitzen würde; da die Gläubiger aber keine Reclamationen vorgebracht hatten, so blieb mir die Berührung dieser Sache erspart. Lebon thaute daher am nächsten Tage, nachdem die deutschen Herren ihm gesagt hatten, daß sie mir von ihren Forderungen keine Kenntniß gegeben hätten, auf und zeigte sich als ein ganz umgänglicher Mensch von verhältnißmäßig guten Umgangsformen. Der Landessitte gemäß erhielt ich von Lebon bei meinem ersten Besuch verschiedene Geschenke, einige schöne Matten und einen umsponnenen Speer; seine Frauen schenkten mir etwas von ihrem Schmuck, welcher als Halskette oder Stirnband getragen wird und aus Korallen- oder Schildpattstücken besteht, welche sorgsam bearbeitet durch Schnüre sauber und nett zusammengefügt sind.

Nach diesen allgemeinen Bemerkungen glaube ich zu meinen eigenen Erlebnissen zurückkehren zu können. Die Vormittage waren den Geschäften, die Nachmittage Festlichkeiten und die Abende zwanglosen Zusammenkünften in einem der deutschen Häuser oder an Bord der „Ariadne“ gewidmet. Hierbei spielte auch ein Kalb, welches ich von Apia aus mitgebracht und den Herren an Land zur Verfügung gestellt hatte, insofern eine Rolle, als die hier lebenden Deutschen seit langer Zeit kein ordentliches Stück frisches Fleisch zu Gesicht bekommen hatten. Die Geschäfte brauche ich hier nicht weiter zu berühren, kann daher gleich zu den Festlichkeiten übergehen.

Am Tage unserer Ankunft wurden von Lebon gleich die Vorbereitungen für einen am nächsten Tage abzuhaltenden Kriegstanz getroffen, welcher programmmäßig am 27. nachmittags stattfand. Nachdem wir uns an einem schönen schattigen Platze unter Kokospalmen versammelt und Platz genommen hatten, setzten sich die mit Trommeln und ihren Naturstimmen das Orchester bildenden Frauenzimmer in zwei Gliedern neben uns auf die Erde, während das Volk in respectvoller Entfernung unter den Bäumen Aufstellung nahm. Dann erschienen die tanzenden Krieger, etwa 18 an der Zahl, sämmtlich Häuptlinge. Dieselben waren in dem eingangs beschriebenen Nationalcostüm und hatten demselben als Festschmuck noch mancherlei hinzugefügt. Hahnenfedern im Haarschopf, aus einzelnen Blättern zusammengefügte Laubketten um den Hals, Stirnbänder aus Korallenstücken oder getrocknetem Zuckerrohrblatt, Band von Zuckerrohrblatt mit Federn um Oberarm und Knöchel und ein etwa 15 cm langes aufgerolltes Blatt in den Ohrlappen; der Oberkörper war mit Kokosnußöl gesalbt, glänzend blank, die Waffe vertrat ein armlanger Stock. Besonders auffallend sah Lebon aus, welcher zuletzt, nachdem alle versammelt waren, erschien und allein auf den Kampfplatz trat. Er hatte einen besonders reichen Federschmuck aus schwarzen Hahnenfedern, welcher sich gut ausnahm; dicke Federbüschel auf Ober- und Unterarm, kleine Büschel auf den Rücken der beiden Mittelfinger und einen Federkranz um die Knöchel, welche muffähnlich dem Bein einen guten Abschluß gaben.

Das Erscheinen Lebon’s ist das Signal für den Beginn des Tanzes. Die Frauenzimmer stimmen, sobald Lebon sich ihnen bis auf etwa 20 Schritte genähert hat, begleitet von dem einförmigen Tam-Tam ihrer Trommeln einen monotonen Gesang an; die Trommel, ein ausgehöhltes Stück Holz in Form eines Stundenglases, auf der einen Seite mit Fischhaut überspannt, auf der andern offen, wird mit der einen Hand auf dem Schos gehalten und mit der flachen andern Hand geschlagen; der Gesang enthält nur wenige sich stets wiederholende Strophen, welche auf den König Bezug haben. Der König kommt in raschem Schritt und guter Haltung würdevoll angegangen, hält in der Mitte vor den Reihen der singenden Frauenzimmer, sieht sich mit muthigem Blick nach allen Seiten um, als ob er den Feind suche, nimmt ihn in dem Orchester an, wendet sich diesem zu, stößt einen Schrei aus, welcher furchtbar sein soll und nur mit dem Quitschen eines in den Schwanz gekniffenen Schweines verglichen werden kann, und beginnt nun seine Darstellung, welche ihn in seinem ganzen Grimm und seiner ganzen Furchtbarkeit zeigen soll. Die Augen rollen in dem alle möglichen Linien beschreibenden Kopfe hin und her, das Gesicht wird verzerrt, wobei Mund und Unterkiefer in krampfhafter Thätigkeit sind und dem Gesicht einen kläglichen Ausdruck geben, welcher schreckenerregend sein soll, in Wirklichkeit aber jeden Augenblick den Ausbruch ganz jämmerlichen Weinens erwarten läßt und lebhaft an die japanischen Abbildungen grimmer Krieger erinnert. Mit dem Stock werden Stoß- und Wurfbewegungen des Speeres angedeutet, der ganze Körper windet sich in krampfhaften Bewegungen, welche ein lebendiges Bild von kraftvollem Ringen geben. Lebon macht seine Sache sehr schön, das zeigen die Gesichter der Zuschauer, aber er weiß auch, vor wem er sich als Krieger zu zeigen hat, gibt daher sein Bestes und tritt gewissermaßen als Schauspieler auf. Nicht so die singenden Frauenzimmer, welche der Zuschauer nicht gedenken, sondern den ersten und tapfersten Mann ihres Stammes vor sich sehen, in seinem Anschauen ganz aufgehen und sich geben wie sie sind, nicht wie sie scheinen wollen. Diese interessirten mich daher mehr, obgleich sie nur das Beiwerk bildeten. Da sitzen sie in Reih und Glied mit steifem Körper, schlagen mit der rechten Hand die Trommel und singen mit gewöhnlicher Stimme ihren Gesang. Doch währt dies nicht lange, ein schnelleres Tempo zwingt den Tänzer zu raschern Bewegungen, der Gesang wird lauter, die Reihen werden unruhig, die Köpfe schwanken hin und her, die Körper bewegen sich und nähern sich rutschend, ohne es zu wollen, dem köstlichen Krieger, die Augen treten weit hervor, stieren nur nach dem Gesicht des gefeierten Mannes und erhalten einen ganz eigenthümlichen Glanz. Die Körper, dem Tänzer nahe genug, fassen wieder festen Fuß, die Stirn fällt zurück, damit der die Thaten des mit dem Feinde ringenden Beschützers besingende Mund diesem näher ist, die Köpfe mit ihren gläsernen Augen wackeln jetzt gleichmäßig nach dem Takte der Musik hin und her, die ganze Gruppe sieht aus wie ein Haufen chinesischer Porzellanpuppen mit langsam hin- und herwiegenden Köpfen. Da glaubt Lebon genug gethan zu haben, er wirft seinen Stock weit weg, welcher von einem Häuptling aufgehoben und ihm nachher wieder zugestellt wird, wendet sich von dem Orchester ab und geht auf die ihn respectvoll erwartenden Häuptlinge zu. Die Frauenzimmer verstummen, scheinen aus einem Traum in das Leben zurückzufallen, erholen sich aber schnell genug, um rechtzeitig mit der Ankunft des Königs vor seinen Häuptlingen diese zu einem ähnlichen Tanze zu begleiten, welchen sie nunmehr vor ihrem König aufführen.

Nach diesem Tanz kommt eine balletartige Schaustellung zur Aufführung, welche mit einem Kriegertanz nichts gemein hat und durch die Gleichmäßigkeit der complicirten und vielfach schwierigen Figuren, durch die tadellose Durchführung des Ganzen das Interesse des Zuschauers erweckt. Die Darsteller treten in zwei Reihen an, von welchen Lebon die eine, der nächst angesehenste Häuptling die andere führt. Die monotone Musik beginnt, das Hin- und Herschwanken der dicken Baströcke zeigt, daß die Reihen in Bewegung kommen, die Stöcke der einen Partei schlagen gegen die der andern und sollen wol ein Fechten vorstellen, ohne es indeß zu thun, weil die Tänzer, um keine Fehler zu machen, so angestrengt aufpassen müssen, daß die Verbildlichung der Kraft und des Kampfes diesem Spiel versagt bleibt. Die Reihen wandern mit tänzelndem menuetartigen Schritt aneinander vorbei, passiren durcheinander durch, immer die Stöcke mit dem Gegner kreuzend; die Bewegungen werden schneller, das Geklapper wird stärker, die Stöcke werden durch die Beine, über den Kopf, von einer Hand zur andern geworfen, vor der Brust und hinter dem Rücken gekreuzt; von den beiden Reihen brechen so viele ab, um eine dritte zu bilden und hiermit das Spiel verwickelter zu machen. Kein Fehler kommt vor, die ganze Gruppe bewegt sich nach dem Takte der Musik wie ein kunstvoll gearbeitetes Räderwerk, bückt sich und streckt sich, geht vor- und rückwärts, schiebt sich durcheinander durch, füllt wie mit einem Schlage die Zwischenräume mit den Armen und Stöcken aus und macht sie ebenso plötzlich wieder frei. Unser Beifall, welcher mit ungetheilter Anerkennung gegeben wurde, war der Lohn für dieses schöne Spiel. Das Orchester hatte sich, obgleich es durch die Frauen der Tänzer gebildet wird, bei diesem wie bei dem vorher aufgeführten allgemeinen Tanz merkwürdigerweise ziemlich theilnahmlos verhalten und kam erst wieder in die größte Aufregung bei den nachher folgenden Einzeltänzen. Ich vermuthe, daß die Aufmerksamkeit auf ihre eigenen Männer die einzelnen Frauen zu sehr beschäftigte und die Gruppe davon abhielt, in gleichmäßige Ekstase zu kommen.

Im Anschluß an diese Tänze wurde uns eine große Ehre dadurch erwiesen, daß nunmehr Lebon, seinen Stock schwingend, in raschem Laufe auf uns zurannte, dicht vor uns stutzte, dann den zuerst aufgeführten Tanz in wilderem Tempo noch einmal wiederholte und mit demselben das Orchester in wahre Begeisterung brachte; ja ein Frauenzimmer warf ihre Trommel weg, um in wilden Sprüngen sein Spiel zu begleiten. Als Beendigung des Tanzes drehte Lebon uns mit einer jähen Bewegung den Rücken zu und entfernte sich schnellen Laufes von dem Festplatze. Nach ihm producirten sich vor uns noch in derselben Weise sein Stiefsohn Letabalin und sein eigener zehnjähriger Sohn, welcher, in diesem Kriegsspiel schon wohlbewandert, bei allen Tänzen überhaupt als volle Person mitgewirkt hatte; dann noch zwei der bedeutendsten Häuptlinge, womit das Fest seinen Schluß erreicht hatte und die Bevölkerung befriedigt über den seltenen Festtag, da durch den Einfluß der Missionare die Tänze immer mehr abkommen, den Platz verließ. Die Tänze der Frauen sollen infolge dieses Einflusses, wenigstens als öffentliche, schon ganz der Vergangenheit angehören, und es war mir in der kurzen Zeit nicht möglich, einen solchen zusammenbringen zu lassen. Die Missionare bezeichnen diese Tänze als heidnisch und benehmen mit denselben den Eingeborenen all und jedes Vergnügen, womit sie in religiöser Beziehung eine Gefahr heraufbeschwören, welche diese Herren entweder nicht vermuthen oder für unbedeutend halten. Anstatt das in den Tänzen etwa gegen die christliche Moral Laufende vorsichtig und allmählich zu entfernen, verbieten sie dieselben ganz und können sicher darauf rechnen, daß diese Tänze bei dem nicht zu besiegenden Drang nach Lustbarkeiten erst im geheimen wieder entstehen und dann schließlich in wüsterer Form denn je an die Oeffentlichkeit treten, um sich nicht wieder verbannen zu lassen.

Am 28. landete ich meine Mannschaft, um dieselbe im Feuer manövriren und danach das Eingeborenendorf im Sturm nehmen zu lassen. Dieses Manöver sollte sowol eine Revanche für den uns gegebenen Kriegstanz sein, wie auch den Insulanern, welche Derartiges noch nicht gesehen hatten, die Macht der Europäer zeigen. Um einem falschen Alarm vorzubeugen, war vorher an Land bekannt gegeben worden, daß auch geschossen werden würde, jedoch nur mit blinden Patronen, sodaß nichts zu fürchten sei. Bei unserer Landung war alles, was nur irgend konnte, auf den Beinen, um der mit Musik abmarschirenden geschlossenen Truppe zu folgen und sich nachher neugierig die Gefechtsaufstellung zu beschauen. Als aber das Landungsgeschütz aus einem Hinterhalt und gewissermaßen zwischen ihnen anfing zu brummen, wurden die Leute unruhig, und als nun gar das Geknatter der Tirailleure begann, zogen sie sich schnell nach den Seiten und dann hinter die zuschauenden Weißen zurück, ängstlich sich umsehend, ob dies Ernst oder wirklich nur Spaß sei. Nun rückt die Sturmcolonne an, macht halt, gibt einige Salven Schnellfeuer und das Publikum ergreift theilweise die Flucht; eine allgemeine Panik bricht aber aus, als die Colonne mit gefälltem Bajonette angestürmt kommt mit Marsch-Marsch-Hurrah! Der Platz ist gesäubert; ich sehe mich nach Lebon um und finde, daß dieser tapfere Mann ausgehalten hat -- aber wie? Bleich steht er hinter einem der deutschen Herren und hält sich an dessen Rockschoß fest; sprechen kann er nicht mehr, sondern findet seine Sprache erst wieder, nachdem er in dem in der Nähe gelegenen Hause des Herrn Hernsheim ein Glas Wein getrunken hat. Lebon, wie der größte Theil der Bevölkerung sind krank; die mit klingendem Spiel abmarschirende Truppe kann den Schreck, welchen sie verursacht, nicht so schnell wieder verwischen, wird vielmehr mistrauisch betrachtet. Lebon folgt daher auch nicht der Einladung zum Essen zu Herrn Hernsheim, sondern kommt erst nach Tisch, setzt sich still in eine Ecke und entschuldigt sich damit, daß das Schießen ihn krank gemacht habe. Meiner Einladung zum nächsten Tage folgte er zwar, doch rührte er die Speisen, welchen er sonst bei den deutschen Herren tapfer zuspricht, kaum an und erklärte, von dem gestrigen Schießen noch immer einen kranken Magen zu haben.

Dieser Kriegstanz des deutschen Kriegsschiffes, welcher somit unsern Gästen nicht gut bekommen ist und zu den andern Inseln jedenfalls in noch übertriebenen Schilderungen hinwandert, wird wahrscheinlich für Jahrzehnte Früchte tragen und einen sichern Schutz für deutsches Leben und Eigenthum gewährleisten.

Am 29. November war die in Aussicht genommene Uebereinkunft soweit vorbereitet, daß die Unterzeichnung erfolgen konnte; Lebon, wie sein Nachfolger Letabalin, hatten alle unsere Forderungen, welche vorzugsweise Maßnahmen zum Schutze der deutschen Reichsangehörigen und des deutschen Handels enthielten, erfüllt und sich auch bereit erklärt, den Hafen von Jaluit als deutsche Kohlenstation abzutreten. Mehr konnten wir nicht verlangen. Ich setzte daher die Unterzeichnung der Uebereinkunft für den Nachmittag dieses Tages fest und lud sämmtliche Weiße wie das ganze Volk dieses Platzes zur Beiwohnung der Feierlichkeit auf die „Ariadne“ ein. Nachdem das Volk an Bord versammelt war, setzte Lebon mit seinen Frauen und seiner nähern Verwandtschaft in zweien unserer Schiffsboote vom Lande ab, indem gleichzeitig die neue von ihm adoptirte Landesflagge, welche nach erfolgter Unterzeichnung des Vertrages durch einen Salut anerkannt werden sollte, gehißt wurde. Lebon mit seiner Familie und die Chefs der beiden deutschen Häuser wurden in der Kajüte, die andern Weißen und die Häuptlinge in der Offiziersmesse bewirthet, das Volk trieb sich im Schiffe umher. Ein Bruder Lebon’s, mit Namen Lagadjimi, war an Land zurückgeblieben, um den Erwiderungssalut aus einigen von einem deutschen Hause erborgten Böllern zu feuern; zum Laden hatten wir einige Mannschaften zur Verfügung gestellt.

Der Text der Uebereinkunft wurde noch einmal sorgsam durchgenommen und diese dann gegenseitig in zwei Exemplaren unterzeichnet. Darauf traten wir auf das Deck, um dem nunmehr für die Landesflagge der Ralick-Inseln zu feiernden Salut beizuwohnen, von welchem Lebon den ersten, Letabalin den zweiten Schuß vor ihren versammelten Unterthanen abfeuerten. Der Salut wurde von Land aus Schuß für Schuß erwidert. Die Eingeborenen verließen mit anrückender Dunkelheit in ihren Kanus scharenweise das Schiff, die deutschen Herren und Lebon blieben am Abend noch bei mir zu Tisch und der geschäftliche Theil meiner Anwesenheit in Jaluit hatte seinen Abschluß gefunden.

Am 1. December verließ ich Jaluit wieder. Die am Lande und auf den Kauffahrteischiffen wehenden Flaggen senkten sich langsam zum Gruß, die am Strande in Festkleidern versammelte Bevölkerung stimmte unter Tücherschwenken ein mehrfaches Hurrah an, während die den Flaggengruß und die Hurrahs erwidernde imposante „Ariadne“ sich unter den Klängen eines flotten Marsches langsam drehte, dann schnell von der ruhigen Lagune in die schmale Einfahrt und von dieser in die bewegte See steuerte, um bald unter neuen Eindrücken den schönen sonnigen letzten Nachmittag bei unsern gastfreien Landsleuten in Jaluit vorläufig wieder zu vergessen.

Ich hatte ursprünglich die Absicht, von Jaluit aus direct nach Neu-Britannien zu segeln; veränderte Verhältnisse bringen aber auch andere Dispositionen. Die durch die abgeschlossene Uebereinkunft mit den Ralick-Inseln angeknüpften Verbindungen machten es mir zur Pflicht, auch noch Ebon anzulaufen, weil diese Insel bislang immer der Königssitz gewesen war und von den Eingeborenen, wie auch von den amerikanischen Missionaren auch noch jetzt vielfach als die Hauptinsel betrachtet wird. Dies und noch einige andere Rücksichten ließen es mir nicht nur zweckmäßig, sondern auch nothwendig erscheinen, mit den dortigen Häuptlingen eine Aussprache zu halten.

Ebon ist Hauptsitz der in diesem Theil des Stillen Oceans thätigen amerikanischen Missionsgesellschaft. Diese Missionare säen hier vornehmlich nur Unfrieden, um ihre eigene Macht zu verstärken, suchen das Ansehen der Häuptlinge zu erschüttern und verlangen nur Gehorsam für sich. Auch sollen sie daran arbeiten, diese Inseln zu einer Republik zu machen, um sie dann ganz in ihre Hände zu bekommen und demnächst dem Protectorat der Vereinigten Staaten zu unterstellen. Sollte dieser Versuch glücken, dann wäre all die bisher auf diese Insel verwendete deutsche Arbeit verloren. An der Hand unserer Uebereinkunft mußte ich demnach versuchen, diesen Bestrebungen ein Ziel zu setzen. In Uebereinstimmung mit dem Vorstehenden war mir auch mitgetheilt worden, daß die Häuptlinge Ebons danach strebten, sich von der Oberhoheit Lebon’s und Letabalin’s loszumachen. Schließlich schuldeten einige Häuptlinge den Deutschen größere Summen, können bezahlen, wollen aber nicht, auch hat ein dortiger Häuptling einen deutschen Agenten zweimal mit dem Tode bedroht. Das alles klingt nun so, als ob man viel Zeit zur Erledigung gebrauche, hier in der Südsee werden derartige Sachen aber auf so einfache Weise erledigt, daß ich von vornherein nur wenige Stunden für diese Geschäfte ansetzte und von einem Verankern des Schiffes absah. Allerdings gehört zu derartigem kurzen Verfahren, daß man die richtigen Leute zur Hand hat; ich hatte deshalb von Jaluit aus Letabalin, welcher als der größte Grundbesitzer auf Ebon und Sohn des frühern hier residirt habenden Königs der angesehenste Häuptling dieser Insel ist, mit einigen Dienern mitgenommen; ferner begleitete mich von Jaluit aus ein in deutschen Diensten stehender Engländer als Dolmetscher, welcher, schon lange auf diesen Inseln wohnhaft, als der beste Sprachkenner gilt und die Häuptlinge sämmtlich von Person kennt.

Am 2. December vormittags 11 Uhr drehte ich das Schiff vor der Einfahrt zur Lagune von Ebon bei und fuhr mit dem Consul und Letabalin an Land; zwei armirte Boote folgten uns. Auf dem Wege dahin passirte uns ein nach dem Schiffe fahrender Missionar, welcher sich uns nicht anschloß, sondern seinen Weg fortsetzte, wahrscheinlich in dem Wahn, daß wir ohne ihn als Uebersetzer doch nichts anfangen könnten. An Land gekommen, lagerten wir uns in dem Schatten der Bäume, die Bootsmannschaften bei ihren zusammengestellten Gewehren, um die Ankunft der Häuptlinge, nach welchen der Dolmetscher geschickt hatte, abzuwarten. Die Leute waren auffallend schnell zusammengerufen, denn nach einer halben Stunde schon wurde gemeldet, daß sie vollzählig versammelt seien; es waren 15-20 meistentheils junge Männer in Hosen und bunten Hemden, welche dicht bei uns stehend uns sowol, wie ihren in feinem schwarzen Anzug steckenden Stammesgenossen Letabalin scheu und mit unsteten Blicken musterten. Daß es etwas geben würde, konnte ihnen umsoweniger zweifelhaft erscheinen, als inzwischen auch der mehrfach mit dem Tode bedrohte deutsche Agent angekommen war und der alte Mann denjenigen, welcher ihn bedroht hatte, nicht aus den Augen ließ. Die Häuptlinge mußten sich nun vor uns aufstellen; ihnen gegenüber traten, uns in die Mitte nehmend, die Bootsmannschaften mit Gewehr bei Fuß und aufgepflanztem Bajonett an. Zunächst wurde bekannt gegeben, daß jeder Mord an einem Deutschen dem Thäter den Kopf kosten, wie jeder Mordversuch und darauf hinzielende Drohung streng bestraft würde. Als dann der betreffende Häuptling vortreten mußte, riefen mehrere aus der Versammlung, daß sie nicht kämpfen wollten, was in der wortarmen Sprache gleichbedeutend mit Unterwerfung ist. Demnächst wurde den Schuldnern nach Aufruf ihrer Namen aufgegeben, baldigst ihre Schulden zu bezahlen. Den Schluß unserer Ansprache bildete die Mittheilung von der in Jaluit abgeschlossenen Uebereinkunft; dieselbe wurde im Beisein des inzwischen auch hinzugekommenen amerikanischen Missionars vorgelesen und mit dem Bedeuten erklärt, daß die Leute von Ebon nunmehr ebenfalls nach derselben zu handeln hätten. Die Mannschaften präsentirten das Gewehr; der Missionar wußte, nach seinem Gesicht zu urtheilen, nicht, ob er wache oder träume; die Eingeborenen, vorläufig unfähig all das zu begreifen, was ihnen in der kurzen Zeit mitgetheilt worden war, sahen sich gegenseitig dumm an, und wir gingen für kurze Zeit nach dem in der Nähe befindlichen Hause des deutschen Agenten, wo sich auch der Missionar, welchem wir eine langentbehrte Post mitgebracht hatten, gute Miene zum bösen Spiel machend, einstellte. Nachdem ich noch einige hundert Kokosnüsse für meine Mannschaft gekauft hatte, verließen wir wieder den Strand von Ebon unter den freundlichen Grimassen seiner Bewohner, welche auf alle erdenkliche Weise versuchten, ihrer Freundschaft für uns Ausdruck zu geben. Wir hatten natürlich die von Jaluit aus mitgenommenen Personen in Ebon zurückgelassen und kehrten so früh zum Schiffe zurück, daß die „Ariadne“ um 1½ Uhr schon ihren Curs nach dem Westen weiter verfolgen konnte.

So sind wir denn jetzt auf dem Wege nach Neu-Britannien und zu den Menschenfressern, wo ich in etwa sechs Tagen einzutreffen hoffe.

13.

Im Bismarck-Archipel.[D]

22. December 1878.

Nicht drei Wochen liegen zwischen heute und dem vorstehenden Bericht über meinen Besuch der Marshall-Inseln und was hat sich in diese kurze Spanne Zeit nicht zusammengedrängt? Wenn ich diese letzten Wochen an meinem Geiste vorüberziehen lasse, dann scheint es mir kaum faßlich, daß diese Zeit so vielerlei in sich bergen kann, theilweise selbst heraufbeschworene Ereignisse, welche den Fernerstehenden kaum berühren, für den verantwortlichen Commandanten eines Kriegsschiffes aber doch von Bedeutung sind.

[D] Die Bezeichnung „Bismarck-Archipel“ ist erst nach der Zeit, wo die hier geschilderte Reise stattfand, eingeführt worden; da der Name aber officiell angenommen, so wähle ich denselben für diese Ueberschrift. Die Namen der in diesem Kapitel genannten Inseln sind seitdem auch verändert, und zwar: Neu-Irland = Neu-Mecklenburg; Duke of York-Gruppe = Neu-Lauenburg; Neu-Britannien = Neu-Pommern.

Die Fahrt von den Marshall-Inseln bis zum südlichsten Cap von Neu-Irland ist charakteristisch durch Windstillen und sonniges heißes Wetter, sodaß trotz des mir gebliebenen nur geringen Kohlenvorraths und trotz der herrschenden Hitze häufig die Maschinenkraft des Schiffes herangezogen werden mußte, um das Reiseprogramm einhalten zu können. Das wenig befahrene Fahrwasser scheint zwar frei von Untiefen zu sein, der Schein allein kann aber natürlich die Sorgen eines Commandanten nicht bannen, welche gewissermaßen ihre Berechtigung finden, als die ersten in Sicht kommenden, zur Salomons-Gruppe gehörigen kleinen Inseln sich als in der Karte falsch liegend erweisen.

Am 9. December wird die in Sicht befindliche Insel Bougainville (die nördlichste der Salomons-Gruppe) auf 28 Seemeilen Distanz, auf geringere Entfernung die östlich von Neu-Irland liegende kleine Insel Sir Charles Hardy passirt; am 10. December morgens gegen 8 Uhr kommt die Südküste der Insel Neu-Irland mit dem südlichsten Cap St.-George in Sicht. Soll das Schiff noch vor Dunkelwerden den nächsten Bestimmungsort erreichen, dann muß die Fahrgeschwindigkeit wesentlich erhöht werden; ein Ueberschlag des noch vorhandenen Kohlenvorraths ergibt, daß derselbe bei einer Geschwindigkeit von 9 Knoten noch für 15 Stunden ausreicht, es wird daher zu den beiden im Betrieb befindlichen Kesseln ein dritter hinzugenommen, um diese Geschwindigkeit aufnehmen zu können.

Das hohe, dichtbewaldete Gebirgsland tritt bald aus dem leichten Nebelschleier, von welchem es umgeben ist, hervor; die tiefer liegenden Gebirgsrücken und Thalsenkungen heben sich plastisch von dem Hauptlande ab; neues, theilweise wild zerrissenes Land mit malerischen Vorsprüngen und tiefen Einbuchtungen, sowie kleine vor dem Hauptlande liegende wunderlich geformte Inseln steigen langsam über den Horizont, um das dem schnell vorwärts strebenden Schiffe näher rückende Panorama zu einem Bilde zu vervollständigen, welches in Bezug auf Farbeneffecte und reichen Wechsel der Scenerie den Anspruch auf große und seltene Schönheit erheben darf.

Die auf die Süd- und die Westküste Neu-Irlands Bezug habende Karte kann als gut und ziemlich genau angenommen werden; die dort verzeichneten Wassertiefen gestatten dicht unter dem Lande vorbeizulaufen, der Curs wird daher so gesetzt, daß „Ariadne“, das Cap auf eine halbe Seemeile Entfernung passirend, um 11 Uhr vormittags in den St.-George-Kanal, die zwischen Neu-Irland und Neu-Britannien liegende Wasserstraße, einsteuert und uns damit den ersten Blick auf das letztgenannte Inselland, welches nebelgrau gefärbt noch in weiter Ferne liegt, eröffnet. Die jetzt vor uns liegende Westküste Neu-Irlands bietet dem Auge ebenso viel Schönheiten, wie die eben verlassene andere Seite es that, und da die Richtung der Uferlinie für längere Zeit mit der Cursrichtung des Schiffes übereinstimmt, so liegt es auf der Hand, daß das Schiff dicht unter dem Lande gehalten wird, um unserer Neugierde Befriedigung und unsern Augen einen wohlthuenden Ruhepunkt zu verschaffen, denn die von uns nun befahrene große Wasserstraße ist zur Zeit geradezu fürchterlich. Ueber uns steht eine schillernde Dunstmasse, wie sie sehr heißer Luft eigen ist, welche dem wolkenlosen Himmelsgewölbe eine ebensolche graublaue Färbung gibt, wie die unter Windstille liegende wellenlose, ganz spiegelglatte Flut sie nach oben ausstrahlt. Die Luft blendet, das Wasser blendet; das Auge findet nach vorn und nach links überall dieselbe Farbe, denselben grellen Schein, überall gleich grobe Zurückweisung bei einer Temperatur von 29° C. im Schatten. Da ist nun die zu unserer Rechten liegende, in saftigem Grün prangende hohe Bergwand mit ihren reichen Naturschönheiten eine wahre Erquickung für den Beobachter, welcher vielleicht, während seine Augen hier auf einem von der Natur überreich beschenkten und von den passionirtesten Menschenfressern bewohnten Lande ruhen, in Wirklichkeit mit seinen Gedanken in der fernen Heimat weilt auf traurigen Sanddünen, die durch die Erinnerung an die Kindheit und die dort zurückgelassenen lieben Menschen doch von süßem Zauber umweht werden. Solche Träumereien passen vortrefflich zu der herrschenden Stille, zu dem unter der heißen Mittagssonne liegenden scheinbar schlafenden Lande, wo weder menschliches Leben, noch solches in der Natur sich regt, wo nicht einmal die Steine des Strandes von dem sie berührenden Wasser umspielt werden.

Um 1 Uhr ist das Schiff nicht mehr weit von demjenigen Cap entfernt, von welchem aus der Curs nach der Mitte der Straße gerichtet werden muß, und wir glauben schon diese Küste wieder verlassen zu müssen, ohne etwas von ihren Bewohnern gesehen zu haben. Da treten in der letzten, dicht vor jenem Cap liegenden kleinen Bucht aus dem Gebüsch am Strande einige Hütten hervor und zwei Kanus setzen vom Lande ab, um dem Schiff entgegenzufahren. Die „Ariadne“ geht näher heran, passirt kurze Zeit darauf die beiden Fahrzeuge, deren nackte Insassen durch lautes Geschrei und Vorzeigung eines Stücks Papier (wahrscheinlich die Bescheinigung eines früher hier gewesenen Schiffes, daß die Leute den Ankerplatz zu zeigen wissen) das Schiff zum Stoppen zu bewegen suchen. Dicht am Lande wird die Maschine für kurze Zeit zum Stillstand gebracht, um die wenigen am Strande befindlichen Menschen durch das Fernrohr zu mustern, und dann geht es weiter nach Duke of York. Da die Leute hier demselben Menschenschlag wie auf dieser Insel und Neu-Britannien angehören, so sehe ich vorläufig von ihrer Beschreibung noch ab, nur sei erwähnt, daß die Weiber hier nicht, wie sonst berichtet wird, ganz nackt gehen, sondern einen handgroßen Laubbüschel als Schürze tragen.

Im Laufe des Nachmittags treten in erst schwachen, dann schärfern Umrissen die schön geformten Vulkane, welche, dicht bei den Duke of York-Inseln liegend, die zu Neu-Britannien gehörige Blanche-Bai im Norden begrenzen, aus dem Dunst hervor. Sichtbar sind nur die Mutter und eine Tochter. Die zweite Tochter, welche mit ihren kräftigen Ausbrüchen im Februar 1878 die ganze Umgegend in Unruhe versetzte und lange Zeit in Unruhe hielt, eine neue Insel über das Wasser hob und stellenweise durch Hebung des Meeresbodens die Wassertiefen verringerte, welche mit dem von ihr ausgespieenen Bimsstein den St.-George-Kanal mit einer mehrere Fuß dicken Schicht bedeckte, zu deren Beseitigung Wochen und Monate gehörten, bis die Meeresströmungen diese Massen vertheilt und weit weggeführt hatten, wie wir ja auch bei den Ellice-Inseln sahen -- diese interessante zweite Tochter ist wegen ihrer geringen Höhe und versteckten Lage noch nicht zu sehen. In der Mitte der Straße steigen Laubkronen über den Horizont, welche das baldige Insichtkommen der nur 100 m hohen York-Inseln anmelden.

Hier ist nun vielleicht der Platz, wo zum spätern bessern Verständniß einige allgemein gehaltene Bemerkungen über die Inselgruppe angebracht sind.

Soweit bekannt, ist ein englischer Seefahrer Carteret (1767) der Entdecker, welcher die Gruppe für nur eine Insel ansah und ihr den Namen Duke of York-Island beilegte, ein Name, welcher sich zwar bisjetzt erhalten hat, in der Folge aber jedenfalls wieder der Vergessenheit anheimfallen wird, da die Eingeborenen eigene Bezeichnungen haben, welche naturgemäß wieder in ihr Recht eintreten müssen. Die nächste Nachricht stammt von einem Engländer Hunter vom Jahre 1791, welcher eine kleine Bucht vermessen und nach sich benannt hat, auch eine längere Beschreibung der Insel gab. Auffallend ist, daß dieser Mann, welcher längere Zeit in Port-Hunter gelegen haben muß, sich keine eingehendere Kenntniß von dem trefflichen Makada-Hafen, von welchem er nur durch einen etwa 200 Schritt breiten Landstreifen getrennt war, verschafft hat, da er eine Karte von der Insel gibt, in welcher er die Ufer dieses letztern Hafens genau bestimmt haben will, die aber ganz unrichtig sind. Hiernach läßt sich denn auch der Werth seiner übrigen Angaben ermessen. Hier verweise ich nun auf die umstehende Uebersichtskarte, welche nach den Aufnahmen von deutschen Schiffskapitänen aus den letzten Jahren entworfen ein ziemlich richtiges Bild gibt, unter der aber auch zur Vergleichung eine Darstellung des St.-George-Kanals nach der neuesten englischen Admiralitätskarte beigefügt ist, welche die Inselgruppe noch als eine Insel und wahrscheinlich in den von Hunter mitgetheilten Umrissen wiedergibt. Ein oberflächlicher Blick auf diese beiden Karten ist eine Erzählung für sich, welche berichtet, wie selten fremde Schiffe hierhergekommen und wie oberflächlich deren Besuch gewesen sein muß, wie abgeschlossen die Eingeborenen von fremdem Wesen geblieben sind. Neu-Irland und Neu-Britannien wurden besucht und theilweise vermessen, Duke of York aber nicht.

Auch unsere „Gazelle“, welche vor wenigen Jahren zur Rechten und zur Linken sich um die Vermessung der Küsten Neu-Irlands und Neu-Britanniens so verdient gemacht hat, mied das inmitten der Straße liegende Kleinod, welches mit zwei vorzüglichen Häfen den Schlüssel zur Straße bildet und der gegebene Platz für die Residenz dieses großen Inselreichs ist, wenn die großen Nachbarinseln im Laufe der Zeiten einmal zu einem einzigen Reiche verschmolzen werden sollten. (Die beiden Häfen waren von Engländern vor wenigen Jahren Fergusson-Harbour und Port-Wesley getauft worden, ich habe ihnen indeß ihre richtigen Namen wieder zurückgegeben; wodurch ich das Recht dazu erhielt, wird der weitere Verlauf meiner Darstellung ergeben.)

Die Duke of York-Gruppe ist schon jetzt der Centralpunkt des Handels, welcher sich in den letzten Jahren hier entwickelt hat. Derselbe befindet sich in den Händen zweier deutscher Häuser, diese sind die Handels- und Plantagengesellschaft auf Samoa, vormals J. C. Godeffroy, und die Brüder Hernsheim, welche mit großer Energie und Ausdauer Verbindungen mit diesem gefürchteten Menschenschlage anknüpften, sich durch immer wiederkehrende Brandlegungen und Ermordung eines Handelsagenten nicht abschrecken ließen, sondern ausdauerten und jetzt, soweit eine richtige Beurtheilung möglich ist, endgültig gesiegt haben, allerdings schließlich mit Hülfe der Kriegsmarine, deren Unterstützung ihnen vorher gefehlt hatte. Die deutschen Kaufleute haben auch hier, wie schon an manch anderm Platze, den Missionaren den Weg geebnet und diesen das Eindringen überhaupt erst möglich gemacht. Nicht die Missionare sind in diesen Gegenden die Mauerbrecher, wie sie mit ihren pomphaften Veröffentlichungen das Publikum glauben machen, sondern der Handel ist es, welcher zur Fernhaltung der Concurrenz in aller Stille arbeiten muß. Ehe die Verhältnisse auf dieser Gruppe, wie auf der großen Nachbarinsel Neu-Britannien, den jetzigen verhältnißmäßig geordneten Stand erreichen konnten, ist allerdings manches Blut geflossen. Die hiesigen Handelsagenten sind keine schmächtigen Jünglinge, welche den ganzen Tag hinter dem Schreibtisch sitzen, sondern wetterfeste und verwegene Männer, die, zum größten Theil aus dem Seemannsstande hervorgegangen, besser mit dem Revolver und dem Messer, als wie mit der Feder umzugehen wissen -- Leute, die selten im Hause sind und auf beschwerlicher Reise von einem Platz zum andern, von einer Insel zur andern den größten Theil des Jahres in kleinen Fahrzeugen und offenen Booten zubringen -- Leute, die ihre persönliche Sicherheit in der eigenen Hand halten und daher, wenn es gilt, nicht nur ihr Leben zu vertheidigen haben, sondern zur Sicherung ihrer Stellung auch unter Umständen zum Angriff übergehen müssen, da keine Behörde zur Stelle ist, welche ihnen Schutz gewähren könnte; sie müssen leben wie der Volksstamm, auf dessen Grund und Boden sie sich befinden, d. h. jeder hat für sich selbst zu sorgen und darf nie ohne Waffe sein; wer sich nicht selbst schützen kann, wird von dem andern vernichtet. Einige Beispiele aus dem hiesigen Leben werden das Vorstehende am besten illustriren.

An der Nordküste Neu-Britanniens erschießt vor zwei Jahren ein Engländer, Agent eines deutschen Hauses, den Hund eines Eingeborenen, wofür die Eingeborenen ihm sein Haus anstecken und dann ihn selbst erschlagen. Der Kapitän eines in der Nähe befindlichen zu demselben Hause gehörigen deutschen Kauffahrteischiffes verbindet sich darauf mit einem an derselben Küste seßhaften ihm befreundeten Stamme und unternimmt gegen die Mörder einen Kriegszug, welcher mit der Besiegung derselben endet, nachdem auf beiden Seiten mehrere Eingeborene gefallen waren. Der Schiffskapitän konnte allerdings seinen Sieg nicht zu einer exemplarischen Bestrafung der Mörder ausnutzen, da seine Macht dafür zu gering war, sondern mußte sich mit dem ihm gebotenen Strafgelde von einigen hundert Faden (je 6 Fuß) Muschelgeld und der Genugthuung begnügen, daß der seitdem an derselben Stelle wieder eingesetzte neue Agent unbehelligt gelassen wird. Aus diesem Kriegszuge stammen auch die mir von demselben Kapitän gemachten, später noch anzuführenden Angaben über die Zubereitung von Menschenfleisch, da die Gefallenen nicht begraben, sondern gegessen wurden.

Ein zweiter Fall. Ende vorigen Jahres schloß der Steuermann eines im Meokohafen liegenden deutschen Schiffes mit einem Häuptling der kleinen Insel Meoko ein Kaufgeschäft ab und entrichtete den Kaufpreis im voraus. Als er dann das Kaufobject fordert, wird ihm dasselbe vorenthalten und hieraus entspinnt sich ein Streit, welcher in einen allgemeinen ernsten Conflict ausartet. Die Eingeborenen machen von ihren Waffen Gebrauch, die Europäer (darunter ein deutscher Naturforscher mit Frau) begaben sich alle auf das Schiff, die Eingeborenen machen einen Angriff auf dasselbe, werden blutig zurückgewiesen, an Land verfolgt und dort besiegt. Der Kriegszustand währte mehrere Tage, während welcher vielfach unterhandelt wurde, ohne zu einem Resultat kommen zu können. Der Kapitän hatte diese Zeit auch dazu benutzt, um den in Port-Hunter residirenden englischen Missionar, welcher über eine große Zahl Männer (samoanische und fidjianische Missionslehrer) verfügt, um Beistand zu bitten, wurde indeß mit der Antwort zurückgewiesen, daß die Waffen des Missionars nur geistige seien. Denselben Standpunkt nahm auch die in Sydney befindliche oberste Missionsbehörde der Wesleyaner ein und äußerte sich nach Empfang der Berichte von der Station in Port-Hunter in einer keineswegs anerkennenden Weise über die deutschen Barbaren. Hätte der englische Missionar in Port-Hunter allerdings damals geahnt, welche Schritte er wenige Wochen später ergreifen und wie er den zurückgewiesenen deutschen Kapitän nun selbst um Beistand anrufen würde, dann hätte er jedenfalls anders gehandelt und anders berichtet; hätte die Missionsgesellschaft in Sydney geahnt, welche Berichte ihr wenige Wochen später von ihrer Station in Port-Hunter in Aussicht standen, dann hätte sie gewiß klug geschwiegen. Eigene Schicksalsfügung war es, daß gerade derselbe, von den englischen Missionaren so hart angegriffene deutsche Kapitän während meiner Anwesenheit in Sydney dahin die erste Nachricht von dem Kriegszug des englischen Missionars Brown gegen die Eingeborenen von Neu-Britannien bringen mußte, und zwar die eigenen Berichte des genannten Missionars, nach welchen über 150 Eingeborene gefallen waren, während in dem Scharmützel des deutschen Schiffes nur 5 oder 6 Eingeborene das Leben verloren hatten. Nun war natürlich die Noth groß, denn da die Missionare die Handlungsweise des deutschen Kapitäns so hart verdammt hatten, konnten sie ihren Bruder nicht in Schutz nehmen, sondern mußten über ihn in derselbe Weise abfällig urtheilen, was sie denn auch mit solchem Erfolg gethan haben, daß der Gouverneur von Fidji die Sache in die Hand nehmen mußte, und nach allgemeiner Ansicht in Levuka wird der Missionar Brown mit mindestens fünf Jahren Gefängniß bestraft werden. Eigene Schicksalsfügung ist es wiederum, daß der Commandant eines deutschen Kriegsschiffes trotz der allgemein gegen Brown sprechenden öffentlichen Meinung der Erste ist, welcher diesem braven Manne die rettende Hand reicht, denn ich hoffe sicher, daß die von mir zu seinem Schutz ergriffenen Maßnahmen ihn vor der drohenden Schande bewahren werden.

Dieser letzte und bedeutendste blutige Conflict fand im Februar 1878 statt. Die Entwickelung der Sache war die folgende.

Die englische Mission ward damals gebildet von dem Missionar Mr. Brown und etwa 80 Samoanern und Fidji-Leuten, welche, in den Missionsschulen als Lehrer ausgebildet, vorzugsweise dazu bestimmt sind, die vorbereitende Arbeit des Missionars zu übernehmen, d. h. die Heiden mit dem Inhalt der Bibel bekannt zu machen und später dann den Schulunterricht der Kinder zu überwachen. Ohne diese Leute würde in diesen Gegenden überhaupt nichts zu machen sein, da die Entsendungs- und Unterhaltungskosten für europäische Geistliche ungeheuere Summen verschlingen würden, wenn solche Persönlichkeiten überhaupt in genügender Zahl gefunden würden, während die polynesischen sogenannten Missionslehrer wie die Eingeborenen leben, mit einer kleinen Hütte und derjenigen Nahrung zufrieden sind, welche sie sich selbst von den Bäumen oder aus dem Wasser holen. Von diesen Missionslehrern, deren größter Theil sich bei Mr. Brown aufhält und gewissermaßen dessen Leibgarde bildet, war ein Theil in verschiedenen Plätzen der Duke of York-Gruppe untergebracht, vier derselben waren nach Neu-Britannien geschickt, um dort die ersten Bekehrungsversuche zu machen. Ob nun die Leute mit den Eingeborenen Neu-Britanniens in Streit gerathen sind, oder ob die letztern den Anblick so vortrefflichen Wildes nicht länger ertragen und schließlich ihre Gier nach dem begehrten Menschenfleisch nicht mehr zügeln konnten, ist wol nicht aufgeklärt. Thatsache ist, daß eines Tages die Nachricht von der erfolgten Verspeisung der vier Missionslehrer durch neubritannische Eingeborene auf Duke of York anlangte.

Hier will ich gleich einschalten, daß nach allen mir zugegangenen Nachrichten die Menschenfresser in diesem Theil der Erde sich aus weißem Menschenfleisch nichts machen, sondern nur braunes Fleisch gern essen. Sie sagen, daß das Fleisch der Weißen zu salzig sei, und dies legt die Vermuthung nahe, daß die großen Quantitäten Salz, welche wir fortwährend verzehren, sich dem Blut und Fleisch so sehr mittheilen, daß wir gewissermaßen lebendig gepökelt sind. Da nun die Wilden das Salz gar nicht kennen, so erscheint es erklärlich, daß sie ihre süßen braunen Brüder den salzigen weißen Fremdlingen vorziehen.

Die Nachricht von dem traurigen und schmählichen Ende der vier Polynesier versetzte naturgemäß die ganze Fremdencolonie in die größte Aufregung; die braunen Mitglieder riefen nach Rache und verlangten harte Züchtigung der entmenschten Mörder; die Weißen mußten sich sagen, daß diesem blutigen Vorspiel in kürzester Zeit eine allgemeine Niedermetzelung folgen würde, wenn nicht der Schandthat eine gehörige Züchtigung auf dem Fuße folge, welche mit ihren Schrecken den ganzen Volksstamm in die größte Furcht vor den Fremden versetze. Es herrschte daher nur die eine Ansicht, daß alle Fremden einen Kriegszug gegen die Menschenfresser unternehmen mußten, und an Mr. Brown wurde die Forderung gestellt, die Führung zu übernehmen. Der Geistliche glaubte mit Rücksicht auf seinen Stand von einem derartigen Beginnen abrathen und die Führerschaft ablehnen zu müssen, ob aus Ueberzeugung, oder nur um sich zu der Führerschaft zwingen zu lassen, ist allerdings eine offene Frage. Jedenfalls stimmte dieser Herr in einer Unterhaltung mit mir darin überein, daß diese Wilden nur durch blutige Rache zu züchtigen und in dem erforderlichen Respect zu erhalten seien, und daß unzureichende Maßregeln, wie Tödtung einiger Wenigen, wie dies so vielfach für das Richtige gehalten wird, eher schade wie nütze. Ergreift man erst die Waffen, dann müssen bei dem ersten Zusammenstoß so viele wie möglich fallen, da nur dadurch der klare Beweis der wirklichen Stärke und Macht nachhaltig bewiesen wird. Auch muß man hier mit in Betracht ziehen, wie wenig bei diesen Leuten ein Menschenleben gilt und daß nur die Masse der Opfer einen tiefern Eindruck macht. Bei der Auseinandersetzung, welche ich mit Herrn Brown über diesen Fall hatte, gab er mir nun folgende Rechtfertigung über sein damaliges Verhalten und will ich ihn selbst sprechen lassen:

„Als von mir die Führung des Unternehmens gefordert wurde, war ich in einer verzweifelten Lage. Meine innerste Ueberzeugung sagte mir, daß unser aller Leben nur noch auf wenige Tage zu veranschlagen war, wenn der geplante Rachezug unterblieb; mein geistlicher Stand zwang mich, nicht nur die Führung abzulehnen, sondern auch mit meinem ganzen Einfluß gegen das Unternehmen aufzutreten. Doch ich mußte mir sagen, daß an die hiesigen Verhältnisse ein besonderer Maßstab anzulegen sei, und so gab ich zunächst meinen Widerstand gegen das Unternehmen selbst auf. Bei Erwägung der Frage, inwieweit ich mich persönlich betheiligen solle, traten nun Momente auf, welche mir keine Wahl ließen. Es war zweifellos, daß ich der einzige Mann war, welcher von allen Betheiligten Gehorsam erwarten, daher auch der einzige war, welcher die nothwendige Ordnung aufrecht erhalten konnte. Ferner war als sicher anzunehmen, daß sämmtliche Betheiligte den Charakter von Würgengeln annehmen und kein Ende im Morden und Brennen finden würden, und daß sie dadurch den Nutzen des ersten Erfolgs wieder aufs Spiel setzen und das ganze Volk zum Aufstand bringen und uns allen sichern Untergang bereiten würden. Auch durfte ich nicht außer Betracht lassen, daß mein Zurückbleiben mir als persönliche Feigheit vorgeworfen würde, womit der Verlust meiner eigenen Position und der der ganzen Mission verbunden war. So entschloß ich mich denn mit schwerem Herzen das mir angetragene Amt zu übernehmen, aber nur um die Leidenschaften der kaum zu bändigenden Truppe zu zügeln und unnöthigem Blutvergießen vorzubeugen. Wenn nachher auch für die vier Missionslehrer etwa 150 Neubritannier ihr Leben haben lassen müssen, so bleibt mir doch die Genugthuung, daß ich schließlich dem Blutvergießen Einhalt thun konnte und damit ermöglichte, daß neben der Sicherheit, welche wir für unser Leben und Gut erkämpft haben, wir auch jetzt mit unsern damaligen Feinden in bester Freundschaft leben.“

Wie aus dem Vorstehenden schon erhellt, wurde der geplante Zug nach Neu-Britannien unternommen und zwar mit etwa 80 Mann unter der Führung von Mr. Brown, während ungefähr 20 Männer in Duke of York zurückblieben, um die dort zurückgelassenen Frauen und Kinder zu beschützen. In Neu-Britannien angelangt, wurde sofort der Kampf begonnen, die Eingeborenen wurden weit in das Innere verfolgt und vollständig besiegt, nachdem sie etwa 150 Mann verloren hatten; auch wurde ihnen die noch in ihrer Gewalt und am Leben befindliche Frau eines aufgefressenen samoanischen Missionslehrers wieder abgejagt. Für dieses arme Geschöpf wäre es auch besser gewesen, sie hätte vorher den Tod gefunden, denn die wenigen Tage hatten sie wahnsinnig gemacht.

Dies waren die drei in der letzten Zeit vorgekommenen blutigen Conflicte, welche nach Ansicht der dort lebenden Weißen zunächst Sicherheit für Leben und Eigenthum geschaffen hatten. Meine Aufgabe war es nun, die bereits errungenen Erfolge nach Möglichkeit zu sichern, den Eingeborenen die Macht eines Kriegsschiffes vor Augen zu führen und ihnen damit den Beweis zu liefern, auf welch mächtigen Schutz die Weißen unter allen Umständen rechnen können. Hierzu war es aber nöthig, daß ich mit den Menschenfressern in nähere Berührung trat, daß ich sie in ihren Niederlassungen aufsuchte, sie an Bord des Schiffes empfing, alle vorliegenden Klagesachen durch Auferlegung von Strafen erledigte und durch Feste einen engern Verkehr herbeiführte. Diesem Zwang muß ich es jetzt nachträglich dankbar zuerkennen, daß ich mehr gesehen und gehört habe, als ich vorher ahnte, und daß ich wol einen tiefern Einblick in die hiesigen Verhältnisse erhalten habe, als irgendein Seefahrer vor mir. Es kam mir allerdings zu statten, daß ich mir Herrn Brown verpflichtet hatte, sowie daß mir zwei deutsche Herren zur Seite standen, welche durch jahrelangen Aufenthalt hierselbst mit den Verhältnissen ebenso vertraut sind wie Herr Brown. Ohne diese drei Herren würde ich wol sehr wenig erfahren und dieses interessante Land mit seinen Leuten nicht kennen gelernt haben, und wie nothwendig der directe Verkehr mit diesen Eingeborenen ist, wird vielleicht das folgende Beispiel ergeben.

Die „Gazelle“ war drei Jahre vor mir in Matupi (Neu-Britannien), hat dort einige Tage gelegen und den Hafen vermessen. Das Eine, was die Leute von ihr wußten, war, daß sie sich der Anwesenheit eines großen Schiffes mit vielen Leuten entsannen, welches auch furchtbare Thiere an Bord hatte, auf denen einzelne Leute ab und zu an Land kamen. An diesen furchtbaren Thieren wurde von uns die „Gazelle“ erkannt, da sie von Timor einige kleine Ponies mitgebracht hatte, welche zuweilen ausgeschifft und dann auch zum Reiten benutzt wurden. Die Nationalität der „Gazelle“ kannten sie ebenso wenig, wie das Erscheinen dieses Schiffes sie davon abhielt, einige Zeit später in nächster Nähe eine deutsche Niederlassung niederzubrennen. Die „Ariadne“ war nur einen Nachmittag in Matupi, wird aber sobald nicht vergessen werden, da das Schiff vorher angemeldet war, sein Name wie seine Nationalität bekannt ist und die sämmtlichen Einwohner von Matupi vor den Offizieren und Mannschaften des Schiffes einen Tanz aufführten, zu welchem schon vorher die Vorbereitungen getroffen waren; auch kam das Schiff direct von dem vorhergenannten, nur wenige Seemeilen entfernten Platze, wo die Eingeborenen wegen jener Brandlegung mit Erfolg zur Verantwortung gezogen worden waren und ein nach dortigen Verhältnissen hohes Strafgeld hatten erlegen müssen, welch letzteres von der „Ariadne“ in Matupi in dem Hause eines deutschen Agenten deponirt wurde.

Nach dieser Abschweifung will ich jetzt zu unsern eigenen Erlebnissen zurückkehren und auf die S. 383 enthaltene Kartenskizze der Duke of York-Inseln hinweisen. Schon im Laufe des Nachmittags wurde festgestellt, daß das Schiff nicht mehr vor Eintritt der Dunkelheit das Reiseziel, den Hafen von Makada (spr. Makadá), erreichen konnte; es wurde daher beschlossen, für die Nacht den im Süden liegenden Hafen von Meoko anzulaufen und dadurch das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden. Wie vorher erwähnt, war dieser Hafen vor kurzem der Schauplatz eines blutigen Conflicts zwischen Deutschen und Eingeborenen gewesen, es war daher auf alle Fälle nothwendig diesen Platz zu besuchen; dann war hier der Centralpunkt eines der beiden hier vertretenen deutschen Kaufmannshäuser und nur von hier aus konnte ich mich mit einem deutschen Schiffskapitän, dessen Gegenwart für die volle Ausnutzung der Anwesenheit des Kriegsschiffes durchaus nothwendig war, in Verbindung setzen. Schließlich hätte ein Verbleiben des Schiffes außerhalb des Hafens während der Nacht mich gezwungen, die Nacht schlaflos zuzubringen, und es würde mir dann am nächsten Tage die nothwendige Frische für die in Aussicht stehenden Dienstgeschäfte gefehlt haben. So war es nicht schwer, den Entschluß zu fassen, die Nacht in einem sichern Hafen vor dem Anker zu verbringen. Kurz vor Sonnenuntergang stand das Schiff vor der Südküste der York-Inseln, welche sich auch von hier aus dem Beobachter noch als eine zusammenhängende Ländermasse zeigt. Für den Kenner dieses Landes heben sich allerdings die im Süden liegenden schmalen und langgestreckten niedrigen Inseln, welche unter sich wieder durch Korallenriffe verbunden sind, scharf von der Hauptinsel Amakada (spr. Amakáda) ab, der Neuling glaubt aber hier an der Südküste nur allmählich abfallendes Land zu sehen, während die Ostküste der Hauptinsel senkrecht und steil aus dem Wasser aufsteigt.

Das vor uns liegende Bild ist, trotzdem ihm wirkliche Effecte fehlen, dennoch schön. Die ein niedriges Hochplateau bildende Inselgruppe, welche die Höhe von 100 m nicht übersteigt, macht, wie dies auch von frühern Reisenden behauptet wird, unwillkürlich den Eindruck eines schönen Gartens, trotzdem sie auf ihrem Rücken nur undurchdringlichen Urwald trägt. Die zu unserer Rechten liegende steil aufsteigende Ostküste ist von der niedrig stehenden Sonne schon in tiefe Schatten gelegt, zu unserer Linken glänzt die Flut noch in dem prächtigsten Blau und sendet ihre kleinen von der leichten Brise aufgewühlten Wellen gegen die Ufer der Inseln, um dort auf den Korallenriffen zu überstürzen, als blendend weiße Brandung nach der andern Seite hinüberzulaufen und dort Ruhe zu finden. Innerhalb der Riffe segelt ein europäisches Boot und verschwindet bald in dem Landeinschnitt zwischen Meoko und Utuan (spr. Utuán), wie wir vermuthen um uns durch die eigentliche Hafeneinfahrt zur Leistung von Lootsendiensten entgegenzukommen, da dies der kürzeste Weg ist.

Der schmale Strand der niedrigen Insel Meoko wird von dem üppigen Laub dichter Büsche und hochstämmiger mächtiger Bäume überschattet, Baumäste und Schlingpflanzen neigen sich bis zum Wasserspiegel und bilden über dem Strande einen natürlichen Laubengang. Hier und da zeigt sich eine Höhle oder eine kleine malerische Schlucht, welche Kanus beherbergen und damit anzeigen, daß die Insel bewohnt ist, wenngleich Menschen noch nicht zu sehen sind; dieselben sind jedenfalls schon in ihren nach der andern Seite zu gelegenen Hütten.

Wir stehen dicht vor der Einfahrt; links liegt die niedrige Insel Meoko, rechts die kleine hohe, steil abfallende Felseninsel Muarlin vor dem Festlande, wie man hier wol die große Insel Amakada nennen kann. Bei der vorgerückten Tageszeit scheint es mir nicht räthlich, auf die Ankunft des Lootsen zu warten, auch haben wir eine anscheinend gute, erst im vorigen Jahre von einem deutschen Schiffskapitän aufgenommene Karte in Händen, welche ein tiefes klares Fahrwasser gerade in die Mitte der Einfahrt legt. Ich neige mich allerdings dahin, das Schiff dicht an die hohe Insel Muarlin zu steuern, weil das Wasser an felsigem Ufer in der Regel tiefer ist, lasse mich aber von meinem Berather bewegen, die Karte als richtig anzusehen und die Mitte des Fahrwassers zu halten, gebe indeß dem Schiffe doch die geringst mögliche Fahrt. Nur wenige Minuten und von beiden Seiten des Schiffes melden die Matrosen am Loth nur 4½ m Wasser. Das Schiff geht 5½ m tief und hat noch Vorwärtsbewegung, kann den Grund also noch nicht berührt haben, ein Blick auf die frisch ausgeworfene Lothleine zeigt, daß die Lothgänger die richtige Tiefe angegeben haben, wir befinden uns mitten zwischen den Korallen. Was thun? „Zaudern“ ist ein Wort im Sprachschatze der Seeleute, welches, wenn auch nicht immer, doch häufig gleichbedeutend mit „Unfall“ und durch Zwang wie Gewöhnung dem Seemann abhanden gekommen ist, der Entschluß ist daher schnell gefaßt. Das Schiff muß weiter gehen, entweder um sich wie bis hierher zwischen den Untiefen durchzuschlängeln oder vorn mit dem Steven auf dem Meeresgrund einen Stützpunkt zu finden und dann schnell hinten durch einen Anker festgelegt zu werden, damit die Strömung es nicht seitwärts auf die Korallen wirft und dadurch das spätere Abbringen wesentlich erschwert wird. Ist das Schiff dann so erst fixirt, dann kann man es wenigstens mit Hülfe von Ankern denselben Weg wieder zurückholen, den es gekommen ist. Das Glück bleibt uns aber auch hier wie bisher hold, das Wasser wird tiefer, die unheimlich dicht unter der Wasseroberfläche uns anstarrenden Korallen verschwinden und wir können in tiefem Wasser nahe an Muarlin heranlaufen, dort einen scharfen Bogen schlagen und nach weitern wenigen Minuten vor der deutschen Factorei in dem Augenblick ankern, wo das vorhergenannte Boot auch dort eintrifft.

Unser Ankerplatz mit seiner Umgebung ist ein kleines Stück Paradies. Rund eingeschlossen von hohem und dicht belaubtem Lande ist der schöne sichere Hafen mit seinem wunderbar klaren Wasser, welches die Täuschung hervorruft, als ob der Meeresboden handbreit unter dem Wasserspiegel läge. Die Ufer des Landes werden stellenweise durch vorspringendes Felsengestein und zurücktretende Meeresbuchten unterbrochen; hier schiebt sich das Land dichter an uns heran, dort gestattet eine lange Wasserstraße nach dem westlichen Ausgang eine größere Fernsicht. Auf dem Lande stehen nicht nur Kokosnußbäume, sondern endlich auch einmal wieder Laubhölzer, darunter mächtige Baumriesen mit bis zu 2 m dicken Stämmen und diesen entsprechenden, nach unsern heimischen Begriffen proportionalen Laubkronen. Die großen Blätter der Bananenstauden, die saft- und kraftstrotzenden Sträucher, Schlingpflanzen, Gräser und Blumen, die Vögel, summenden und zirpenden Insekten geben uns die Erinnerung zurück, daß es auf der Erde auch noch etwas anderes gibt, als nur Kokospalmen und immer wieder Kokospalmen. Die Wasseroberfläche im Hafen ist spiegelglatt; draußen rauscht leise die schwache Brandung, als ob sie mit der untergehenden Sonne, welche tiefer sinkend das vor uns liegende Bild in die Schatten der Nacht legt, auch schlafen gehen wolle. Wohnungen der Eingeborenen sind nicht zu sehen, aber einzelne Vertreter dieser Rasse zeigen sich in ihrer classischen Nationaltracht, welche nur im Färben der Kopf- und Körperhaare besteht, mit Speeren und Keulen bewaffnet am Strande. Dicht vor uns, nur etwa 100 Schritte ab, führt vom Strande ein sauber gehaltener und mit kleinen Steinen bestreuter gerader Weg zu der deutschen Factorei, einem kleinen Holzbau mit daran stoßendem steinernen Waarenhaus, das Ganze von einer steinernen Mauer umwehrt. Der deutsche Agent kam an Bord, um sich vorzustellen und uns die wenig angenehme Nachricht zu bringen, daß der in Diensten der Handels- und Plantagengesellschaft stehende deutsche Schiffskapitän Levison, den wir zur Ausführung unserer Pläne als Kenner der Landessprache und aller einschlagenden Verhältnisse nicht entbehren konnten, mit seinem Schiff in einem 30 Seemeilen entfernten Hafen läge und vorläufig nicht herzukommen beabsichtige. Da andererseits ich ihn jetzt nicht aufsuchen konnte, weil ganz bestimmte Aufträge mich nach Makada führten, wo ich einige Eingeborene wegen Niederbrennung einer deutschen Station zur Verantwortung ziehen sollte, so sprach ich den Entschluß aus, gleich am nächsten Morgen nach Makada weiter zu gehen und die dortigen Geschäfte zuerst zu erledigen. Bei der Besprechung, auf welche Weise Levison am besten herzurufen sei, warf sich ein ebenfalls in deutschen Diensten stehender 60 Jahre alter Engländer ins Mittel und erbot sich, obgleich er eben erst mit seinem Boot von dem in Rede stehenden Hafen gekommen war, sofort wieder abzufahren, mit seinen beiden Leuten (Eingeborenen) bei dem stillen Wetter die 30 Seemeilen während der Nacht abzurudern und den Kapitän am nächsten Vormittag mit frischen, von dessen Schiff genommenen Leuten zu uns nach Makada zu bringen. Meinen Einwand, daß er dies bei seinem Alter, nachdem er bereits den ganzen Tag der heißen Tropensonne ohne Sonnensegel und Schirm ausgesetzt gewesen sei, wol nicht aushalten würde, wies er lächelnd von der Hand, und so ließ ich ihn ziehen in der Ueberzeugung, daß er die Aufgabe nicht lösen könne; aber er hat sie gelöst. Dieser Mann gab mir auch wieder den Beweis, welchen ich nicht nur an verschiedenen Beispielen hier in der Südsee, sondern auch an mir selbst wiederholt gefunden habe, daß auch der Europäer außerordentlich widerstandsfähig gegen das Klima ist, sofern er nur immer mäßig lebt.

Obgleich es inzwischen dunkel geworden war und es vermuthlich an Land auch nichts zu sehen gab, konnte ich dem Drang dahin doch nicht widerstehen. Die Eingeborenen hatten es mir angethan, längst vergangene Zeiten machten sich geltend und Anklänge an die Empfindungen, welche ich als Kind beim Lesen der Indianer- und Wildengeschichten hatte, brachen aus meinem Erinnerungsschatz hervor, als ich bei unserer Ankunft diese chokoladenbraunen urwüchsigen Gestalten mit ihren phantastischen Waffen am Strande sah. Ich fuhr daher noch für kurze Zeit an Land, um mir wirkliche und leibhaftige Wilde und Menschenfresser aus nächster Nähe zu betrachten, bei welcher Gelegenheit ich mir auch gleich durch Vermittelung des deutschen Agenten einige Waffen direct aus den Händen der Wilden eintauschte. Sehr verwundert war ich, nachher das Gewicht einer erworbenen Streitaxt federleicht zu finden und zu erkennen, daß nicht nur der Stiel, sondern auch die Axt selbst aus dem leichtesten Holz verfertigt war. Später erst lernte ich die Bedeutung dieser Täuschung erkennen.

Am folgenden Morgen fuhr ich mit Tagesanbruch an Land, um die Situation des Hafens und des daran stoßenden Terrains in Ruhe zu besichtigen und auf seinen Werth zu prüfen. Herr Weber, welcher sich bisher gewissermaßen als unfehlbar erwiesen hatte, war mit dem Vorschlage hervorgetreten, kurzer Hand die hier liegenden wichtigsten Häfen auf die eine oder andere Weise für das Reich zu erwerben, weil ich nur dadurch meine Absicht, die deutschen Interessen dauernd zu sichern, erreichen könne. Ich hatte im Laufe der letzten Monate ja viel und reiflich über diese Sache nachgedacht, mich aber noch nicht schlüssig gemacht; jetzt auf diesem einsamen Spaziergang wollte ich zu einem Ende kommen. Bei meiner Anwesenheit in Sydney, wie auch später in Levuka, hatte ich sowol aus dem energischen Drängen aller Zeitungen, wie aus Gesprächen mit maßgebenden und einflußreichen Personen ersehen, daß die Annectirung Neu-Guineas durch England nur eine Frage der Zeit sein könne, und daß muthmaßlich der Tag der Einverleibung sehr nahe liege. Weht aber erst die Flagge Großbritanniens auf diesem Erdtheil, dann breitet sie sich wie unter dem Einfluß des Windes auch über die großen Nachbarinseln Neu-Britannien und Neu-Irland aus, um mit diesen werthvollen Ländermassen gleichzeitig die Herrschaft über den St.-George-Kanal zu erhalten, welcher meines Erachtens dermaleinst die Straße für den Dampferverkehr zwischen Australien und China werden wird. Und dieser Möglichkeit mußte ich auf alle Fälle zuvorzukommen suchen, damit das Deutsche Reich bei der nahe bevorstehenden Theilung der Südsee unter die europäischen Staaten auch ein Wort mitzureden hätte.

Meine Gig fährt auf den Strand, ich springe, in der Hand einen Stock und in der Tasche einen Revolver, an Land und das Boot geht in tieferes Wasser zurück, um mir mit leichtem Ruderschlag auf Rufweite zu folgen. Lang entbehrter Genuß, auf festem Boden ordentlich ausschreiten zu können und noch dazu in so herrlicher Umgebung, an solch thaufrischem Morgen!

Mein Weg führt dicht am Waldessaum entlang, auf schönem festen Sand, nur wenige Schritte von dem Meeresufer entfernt. Eine leichte Brise bringt angenehme Kühlung und spielt in dem leisen Rauschen der Blätter das Präludium zu dem Concert, welches bald die erwachende Thierwelt anstimmt. Hier und da treten eingeborene bewaffnete Männer einzeln oder paarweise aus dem Busch, welche mich einsamen Wanderer neugierig und, wie mir scheinen will, lüstern betrachten und dann weiter gehen, um, wie das Gethier, am neuen Morgen ihrer Nahrung nachzugehen oder nur, ihren dumpfigen Hütten entfliehend, unbewußt das köstliche Geschenk einzuathmen, welches Gottes Gnade ihnen in dieser wunderherrlichen Natur beschert hat. Unser Schiff liegt von hier aus versteckt; ob sie mich vielleicht als jagdbares Wild ansehen und nur mein mit sechs Matrosen bemanntes Boot sie zur Enthaltsamkeit veranlaßt? Vielleicht werden sie auch durch hier am Strande liegende Brunnen -- in den Sand gegrabene Löcher, welche süßes Wasser enthalten -- angelockt. Diesen Menschen kann man es beinahe verzeihen, Menschenfresser zu sein, wenn man sie so in der Freiheit sieht. Wenigstens auf mich machen sie den Eindruck von bewehrtem Edelwild, obgleich ich kein Jäger bin. Liegt es in dem Gesichtsausdruck oder in der Hautfarbe des nackten Körpers? In der scheuen Vorsicht ihrer Bewegungen oder in der nie fehlenden Waffe, weil keiner dem andern traut, jeder bereit ist, einem andern das Leben ebenso leicht zu nehmen, wie es ihm genommen werden kann? Ich weiß es nicht, aber wahr ist es, daß man hier verlernen kann, in dem „Mord aus Vergnügen“ noch ein Verbrechen zu sehen. Wie gesagt, bewaffnet ist jeder, und hat er keinen Speer, keine Keule, keine Axt, so hat er doch die wurffertige Steinschleuder in der Hand, mit welcher er auf 30 Schritte und weiter seinen Gegner oder sein Opfer sicher tödtet, oder durch einen Knochenbruch, bezw. eine lebensgefährliche Verwundung in den Weichtheilen kampfunfähig macht.

Ich umschreite eine kleine Meeresbucht, welche so tiefes Wasser hat, daß große Schiffe hineinholen und direct an Land anlegen können, die daher nach etwaiger Anlage einiger Werkstätten einen guten natürlichen Platz für Schiffsreparaturen abgibt. Etwas weiter komme ich zu der am Strande gelegenen Hütte eines samoanischen Missionslehrers, welcher mit seiner auffallend hübschen Frau damit beschäftigt ist, in seinem Hause Tag zu machen. Es war inzwischen, nachdem ich einen dreiviertelstündigen Spaziergang hinter mir hatte, Zeit geworden, an Bord zurückzukehren, und ich bestieg mein herangerufenes Boot mit dem Entschluß, nach Erledigung meiner übrigen Geschäfte hierher zurückzukehren, um den Hafen auf irgendeine Weise für uns zu sichern.

Um 9½ Uhr waren wir wieder unter Dampf, um durch die westliche Passage auf dem kürzesten Wege nach Makada zu gelangen. Die Karte gibt zwar für das äußere Fahrwasser keine nähern Tiefenangaben, sondern sagt nur, daß alles voller Korallenriffe mit genügend tiefen Rinnen zwischen den Korallen sei, indeß war mir mitgetheilt worden, daß die Passage mit gutem Ausguck von dem Mast aus vollständig sicher ist. Da wir nun an diese Art Seefahrt mit der Zeit gewöhnt sind und die Meeresfläche infolge andauernder Windstille auch spiegelglatt war, so wählte ich der erheblichen Zeitersparniß wegen diese Straße. Die vier Seemeilen lange Fahrt bis zum Ausgang des Hafens an dieser Seite machte den Eindruck, als ob wir über Land führen, denn da, wie schon erwähnt, bei der außerordentlichen Klarheit des Wassers der ganze ebene und nur mit feinem weißen Korallensand ganz gleichmäßig bedeckte Meeresboden scheinbar wie die Silberunterlage eines Spiegels dicht unter der Meeresoberfläche liegt, so sah es aus, als ob wir uns auf dem Sande fortbewegten. Bei jedem neuen Lothwurfe fürchtete ich eine erhebliche Abnahme der Wassertiefe ausrufen zu hören, dieselbe blieb aber gleichmäßig zwischen 10 und 12 m. Es mag auffallen, daß der Meeresboden hier innerhalb des Hafens ganz frei von Korallen ist, dies wird aber dadurch zu erklären sein, daß jetzt die dicke Schicht fließenden Sandes den Korallen verwehrt festen Fuß zu fassen, wie es vordem der zweifellos unter dem Sande liegende weiche Mudboden gethan.

Nach zwei Stunden, welche wenigstens für mich ziemlich anregend, um nicht zu sagen aufregend waren, da das Schiff fortgesetzt seine Richtung ändern mußte, um im Zickzack seinen Weg durch dieses ausgedehnte Korallenfeld zu finden, langten wir gegen 11½ Uhr vormittags vor Makada an. Wir waren lange durch vorspringendes Land verdeckt gewesen und wurden daher erst bemerkt, als wir unserm Ankerplatz schon ziemlich nahe gerückt waren, deshalb traf uns das entgegenkommende europäische Boot auch erst kurz vor dem Hafen. Der in demselben befindliche Europäer stellte sich mir als Herr Hernsheim, Bruder des in Jaluit lebenden Herrn gleichen Namens vor, was mir große Befriedigung gewährte, weil ich nun infolge seiner Anwesenheit meine dienstlichen Geschäfte hier am Platze ohne Zeitversäumniß gleich erledigen konnte. Er war mit seinem kleinen Dampfer von Australien kommend erst am Tage vorher hier eingetroffen und brachte mir auch die angenehme Nachricht, daß der von mir bei meiner letzten Anwesenheit in Sydney nach hier bestellte Proviant für die Korvette bereits angekommen sei und jederzeit zu meiner Verfügung stehe. Dagegen mußte ich allerdings leider hören, daß das seinerzeit als hier lagernd angemeldete Kohlenquantum inzwischen erheblich herabgeschmolzen sei, wodurch ich gezwungen wurde, zum Theil wieder auf Holzfeuerung zurückzugreifen, welche ich mit dem Verlassen der Magelhaens-Straße für die fernere Dauer meiner Reise als abgethan betrachtet hatte.

Hier will ich einschalten, daß dieser Herr Hernsheim es ist, welcher in diesem Theile der Südsee die ersten Niederlassungen errichtet hat. Er hat als Seemann vor Jahren mit einem eigenen kleinen Schiffe diese Gegend befahren und erforscht und dann seinen Bruder, welcher in überseeischen Ländern Kaufmann war, bewogen, mit ihm zusammen dieses große Gebiet kaufmännisch ebenso auszubeuten, wie das Haus J. C. Godeffroy die weiter östlich belegenen Inseln vornehmlich dem Handel erschlossen hatte. Dem Kaufmann fiel naturgemäß anheim, auf den Marshall- und Carolinen-Inseln, wo das Haus Godeffroy bereits Anfänge gemacht hatte, Factoreien zu gründen und dieselben in directen Verkehr mit dem Mutterlande zu bringen, während der Seemann Neu-Irland und Neu-Britannien übernahm, weil hier zunächst nur unter dem Schutze eines oder mehrerer Schiffe am Lande fester Fuß gefaßt werden konnte. So werden, wenn der noch unabhängige Theil der Südsee dermaleinst an Deutschland fallen sollte, die Namen Weber, welchem Herrn das Hauptverdienst an den Erfolgen des Hauses Godeffroy zuzuschreiben ist, und Gebrüder Hernsheim wol verdienen, einen hervorragenden Platz in der Geschichte der Colonialbestrebungen des Deutschen Reiches einzunehmen.

An Land gekommen, hatte ich die Freude, einem jungen Herrn Robertson die Hand drücken zu können, einem Kaufmann aus Hamburg, welchen ich in Sydney kennen gelernt hatte. Dieser Herr hat, in der Absicht, sich mit seinen beiden Vettern Hernsheim zu associiren, die Reise von Deutschland hierher gemacht, um sich vorher einen Einblick in die hiesigen Verhältnisse zu verschaffen. Wenn man solche junge Herren sieht, die, im Wohlleben aufgewachsen, sich hier in den engen kleinen und keineswegs besonders seetüchtigen Fahrzeugen, mit welchen sie ihre großen Reisen zwischen den oft über 1000 Seemeilen auseinanderliegenden Inseln machen müssen, den größten Entbehrungen, Strapazen und vielfachen Gefahren auf See wie am Lande aussetzen, dann muß man hohe Achtung vor dem Großkaufmannsstand der Hansestädte und namentlich Hamburgs erhalten, ein Stand, dessen Angehörige, jeder Verweichlichung fern, mit Muth und Energie unter Daransetzung ihres eigenen Lebens ihrem Beruf nachgehen, dessen eigentlichstes Wesen im Innern des Deutschen Reiches häufig kaum verstanden wird.

Kurze Zeit nach unserer Ankunft war richtig Kapitän Levison auch eingetroffen, der alte Engländer hatte also Wort gehalten.

Als Wohnplatz der Herren fand ich am Lande eine höchst dürftige hölzerne Hütte mit einem Wohn- und zwei Schlafzimmern; das Beste an ihr war eine große gedeckte Veranda. Die Einrichtung beschränkte sich auf die allernothwendigsten Möbel, die zur Vertheidigung erforderlichen Waffen und die zum Leben nöthigen Nahrungsmittel und Getränke. Mit den beiden letztern sah es zur Zeit aber so kläglich aus, daß ich die Herren für die Dauer unsers Aufenthalts als meine Gäste verpflichtete. Hinter dem Hause war ein großes Waarenlager und ein Schweinestall mit zwei Thieren von solcher Größe, daß sie von den Besitzern nicht geschlachtet werden konnten, weil sie nicht gewußt hätten, wo mit dem vielen Fleisch zu bleiben, weshalb es am besten war, daß ich sie als Geschenk für meine Mannschaft übernahm. Die ganze Anlage war von einem Zaun umgeben und weiterhin von großartigem Urwald, aus welchem der Platz für die Factorei herausgehauen war.

Auf der Veranda saß ein schmächtiges eingetrocknetes Männchen in grauer Hose und gleichem Hemde, welches mir als Herr Topulu oder King Dick, Oberhäuptling und Hoherpriester der Duke of York-Gruppe vorgestellt wurde. Dieser Mann verdient wegen seiner eigenartigen socialen Stellung besondere Erwähnung und muß ich hierbei auch auf seinen verstorbenen Vater zurückgreifen.

Während in diesem ganzen Archipel all die verschiedenen Stämme, ja eigentlich die einzelnen Familien selbständig und voneinander unabhängig sind, hat sich hier im Norden von Duke of York, und nur hier, ein politisches Gemeinwesen dadurch gebildet, daß der Vater des Topulu früher allein den Handel zwischen den Weißen einerseits und Neu-Britannien und Neu-Irland andererseits vermittelte, dadurch viel Geld verdiente und infolge seines Reichthums ein so hohes Ansehen gewann, daß er als der einzige ungefährdet die früher höchst gefährlichen Gebiete der großen Nachbarinseln bereisen konnte. Geld ist hier alles; für Geld werden Weiber und Kinder wie Vasallen gekauft; nur für Geld gibt der eine dem andern, der Bruder dem Bruder Feuer zum Anzünden seiner Pfeife; mit Geld wird ein Höflichkeitsbesuch bezahlt; sogar der Mann muß der von ihm gekauften Frau, deren unumschränkter Herr er ist, eine geforderte Liebkosung bezahlen. Da nun das meiste Geld dem Besitzer auch die Würde des Hohenpriesters verleiht und er in dieser als gefeit gegen die Angriffe seiner Feinde angesehen wird, so war es dem klugen Vater des Topulu leicht, sich alle in seiner Nähe liegenden Stämme zu unterwerfen und botmäßig zu machen, was er denn auch ausführte. Als er starb, war Topulu von drei Brüdern der erste, welcher seine Hand auf das Geld des Vaters legte und damit der Besitzer wurde, denn in diesem gesetzlosen Lande steht die Achtung vor fremdem Eigenthum so hoch, daß die beiden andern Brüder es nicht wagten, den Topulu zu erschlagen und sich dadurch in den Besitz der Hinterlassenschaft ihres Vaters zu setzen. So wurde Topulu der anerkannte Erbe seines Vaters und von dessen Ansehen, sowie Besitzer des Handelsmonopols. Sein schon hohes Ansehen wird aber immer mehr wachsen, da er mit Verschlagenheit schon einen gewissen Schliff verbindet und den Werth freundschaftlichen Verkehrs mit den Weißen wohl zu beurtheilen vermag, zumal wenn dieser Verkehr sich vorzugsweise auf seine Person stützt. So wird, wenn nicht vorher ein europäischer Staat seine Hand auf diese gesegneten Gefilde legt, nur von hier aus Duke of York allmählich unterworfen werden können. Dies war ausreichender Grund für mich, den Versuch zu machen, auch diesen Hafen in meine Hände zu bekommen.

Im Laufe des Nachmittags fuhr ich mit Herrn Hernsheim und Topulu in meinem Boote dicht am Ufer entlang zu des letztern Wohnstätte, um mir dieselbe anzusehen. Der Wald tritt an unserm Wege bis dicht an den Saum des steilabfallenden 4-5 m hohen Ufers, und die weit überhängenden Aeste und Zweige der Bäume geben uns Schatten; an einer Einsenkung mit einem kleinen Wassereinschnitt in das Land sind wir an dem Landungsplatz King Dick’s angelangt und verlassen hier das Boot. Wenige Schritte auf einem engen, oben durch Laub dicht geschlossenen Fußpfade bringen uns zu einer Lichtung, wo sich vor meinen erst geblendeten Augen ein eigenartiges Bild entrollt. Vor zwei großen, an den Wald sich anlehnenden Hütten liegt ein freier bis zum Ufer reichender Platz mit einer wunderherrlichen Fernsicht. Inmitten des Platzes sind mehrere Frauen und einige Kinder damit beschäftigt, aus großen Stücken eines heute erst gefangenen Haifisches ein Mahl zu bereiten und einzelne Theile wol auch zu dörren, da der Haifisch hier wie auch sonst in der Südsee als große Delikatesse betrachtet wird. Das Eigenartigste für mich aber sind die Frauen, denn wenn ich in dem letzten Jahre auch viel Nacktes gesehen habe, so treten mir doch hier, abgesehen von der Magelhaens-Straße, deren Bewohner kaum einen menschlichen Eindruck machen, zum ersten mal ganz unbekleidete Frauen entgegen; nicht die Nacktheit ist aber das Frappirende, sondern die paradiesische Ungenirtheit, mit welcher die Frauen sich bewegen und der sittige Hauch, welcher trotz alledem über ihnen liegt. Die eine Person, eine jugendliche anmuthig gerundete Gestalt mit einem verhältnißmäßig hübschen Kindergesicht, mit eingeschnittenen wunderlichen Figuren auf allen möglichen und unmöglichen Körpertheilen, ist mit ihrem bunten Glasperlenhalsband trotz ihrer Häßlichkeit geradezu zum Küssen, wie sie mit den Händen auf dem Rücken so vor uns steht und mit zur Seite geneigtem Kopf zuhört, was eine ihrer Mitfrauen dem gemeinschaftlichen Eheherrn erzählt. Hier sieht man keine Nacktheit mehr, sondern nur Menschen, welche, von dem ersten Sündenfall unberührt, noch nicht das Bedürfniß nach Feigenblättern empfinden. Schamhaftigkeit ist in Uebereinstimmung mit dem vorher Gesagten auch diesen Frauen eigen, denn während die Weiber überall da, wo sie Hüfttücher oder Blätterschurze tragen, sich wie die Türken mit gekreuzten Beinen hinsetzen, beim Bücken und Tanzen die Beine spreizen oder sonst gelegentlich breitbeinig stehen, sind bei diesen Wildinnen die Beine immer dicht zusammen, beim Gehen, Stehen, Sitzen und sogar beim Tanzen, obgleich sie hierbei eine kleine Schürze tragen. Das Merkwürdigste aber bleibt die Sitzstellung; mit geschlossenen Oberschenkeln ducken sie sich, heben dann einen Unterschenkel nach hinten und setzen sich auf den platt hingelegten Fuß, während der andere Unterschenkel je nach Bequemlichkeit untergebracht wird, aber immer so, daß die Knie dicht aneinander bleiben. Dieser Gewohnheit mag es auch zuzuschreiben sein, daß die Frauen eine so wunderliche Beinstellung haben, welche gemeinhin „negerartig“ genannt wird, während doch die gute Form des Beines an den Negertypus nicht erinnert.

Der Hausherr forderte mich auf, einen Blick in seine Wohnung zu werfen, wir treten daher in die erste, als Wohn- und Schlafraum benutzte Hütte ein. Dieselbe ist groß und geräumig und innen durch einen eingelegten Boden in zwei durch eine Leiter verbundene Etagen getheilt, deren jede nur in je einem vollständig leeren Raum besteht. Der Fußboden des untern Raumes ist bedeckt mit feinem schwarzen, abfärbenden Sand, welchen ich erst für Eisenfeilenspähne hielt. Die zweite Hütte, von gleicher Größe und Bauart wie die erste, dient als Schatzkammer und birgt die Schätze des reichsten Mannes der ganzen Gegend. Neben mancherlei von den Europäern neu erworbenen Sachen sind beide Etagen mit Diwarra, dem landesüblichen Muschelgeld, angefüllt. Dasselbe, kleine auf Bambusreisern aufgereihte Muscheln, bedeckt nicht nur in Haufen zusammengeschichtet und abgezählt die Fußböden, sondern hängt auch, immer in eine ganz bestimmte Form zusammengebunden, in großer Zahl an den Wänden und bezeichnet umso mehr den Reichthum des Eigenthümers, als es gerade in dieser Form erheblich an imaginärem Werth gewinnt. Es bedeutet in dieser Gestalt nicht nur Geld, sondern einen Schatz, welcher nicht allein dem Besitzer selbst, sondern seiner Familie und auch dem ganzen Stamme ein Ansehen verleiht, welches verloren geht, sobald die Form des Schatzes zerstört und derselbe zerkleinert wird. Es ist ein Ring von etwa 90 cm Durchmesser und 20 cm Dicke in Form der auf den Schiffen gebräuchlichen Kork-Rettungsbojen, welcher 80 Faden Muschelgeld, den Faden zu 6 Fuß englisch gerechnet, enthält. Er gilt gewissermaßen als größtes Geldstück, während einzelnes Diwarra als Scheidemünze dient, und wird, wie bei uns das Gold, stets als vollwerthig gerechnet und daher immer zu 80 Faden angenommen. Ich möchte diese Ringe mit den wenigen großen Banknoten, welche die Bank von England ausgegeben hat und von denen jede ein großes Vermögen repräsentirt, vergleichen, um so mehr als z. B. schon drei solcher Ringe das ganze bewegliche Besitzthum eines Länderstriches von mehrern Quadratmeilen bilden. Gegen Diebstahl ist die Hütte weiter nicht versichert, ein solcher muß also, wie ich vorher schon gesagt habe, nicht befürchtet werden.

Demnächst gingen wir ein kleines Stück in den Wald und kamen dort zu einem versteckten Platz, wo in einer langen schmalen Hütte acht sehr schön geschnitzte Dug-Dug-Masken mit den zugehörigen Laubkleidern aufbewahrt und Tag und Nacht von einem Mann bewacht werden, dessen Hauptaufgabe es ist, die Weiber von dem Platze fern zu halten, weil diese von dem Vorhandensein der Masken nichts wissen dürfen, sondern in dem Glauben erhalten werden, daß die Dug-Dugs Geister seien, welche sich nur an bestimmten Tagen den Augen der Menschen zeigen. Daß die Weiber heutzutage noch daran glauben, bezweifle ich, doch wird wenigstens der Schein gewahrt.

Hiernach mußten wir dem eifrigen, auf seinen großen Besitz stolzen Topulu auch noch zu seinen Fischereianlagen folgen, welche etwa zehn Minuten weiter am Ufer auf einem freien Platz mit Sandstrand liegen. Eine große offene Hütte mit Fußboden, welcher auch mit dem schwarzen Sande bestreut ist, schien mir eine Art Festhalle und Berathungshaus zu sein; in einer andern gleichfalls offenen noch größern Hütte hing ein außerordentlich sauber gearbeitetes, sehr großes, kunstgerecht geknüpftes und auch nach unsern Begriffen werthvolles Fischernetz; ferner waren da Fischreuse und Angelleinen mit aus Perlmutter oder Schildkrot gefertigten Angelhaken. Die ganze Anlage machte einen höchst saubern und netten Eindruck. Die Fischereigeräthe stehen durchaus auf der Höhe der Zeit, da wir Europäer auch nichts Besseres liefern können.

Es war für mich inzwischen Zeit geworden, an Bord zurückzukehren, da der englische Missionar Mr. Brown mir seinen Besuch zu 5 Uhr hatte ansagen lassen und ich den Herrn doch gern persönlich empfangen wollte. Unsere erste Unterhaltung ist in der Hauptsache am Anfange dieses Berichts wiedergegeben und drehte sich vorzugsweise um die Person meines Gastes, welchem ich leider auch nur ernste Nachrichten überbringen konnte. Ich hielt es für meine Pflicht, ihm zu sagen, daß der Oberrichter der Fidjigruppe, zu welcher alle in diesen herrenlosen Ländern lebenden englischen Unterthanen gehören, mir mitgetheilt habe, daß er persönlich Anfang Januar mit einem englischen Kriegsschiff hier eintreffen würde, um ihn (Mr. Brown) vorläufig in Haft zu nehmen und zur Aburtheilung nach Levuka zu bringen, und wie die dortige öffentliche Meinung dahin ginge, daß das Urtheil auf mindestens fünf Jahre Gefängniß wegen Todtschlags lauten würde. Des weitern bot ich dem bedrängten Manne meine Hülfe nach jeder Richtung hin an und machte ihn mit Maßregeln bekannt, welche ich in Anerkennung seiner um die deutschen Unterthanen erworbenen Verdienste zu seiner Entlastung bereits getroffen hatte. Diese scheinen ihm zu seiner Sicherung so ausreichend zu sein, daß er mir unter Verzichtleistung auf jede fernere Unterstützung tief bewegt und um vieles erleichtert dankte. Auf die Klagesache des Herrn Hernsheim wegen der niedergebrannten Station übergehend, trat er der von diesem Herrn ausgesprochenen Ansicht dahin bei, daß bei dem geringen Geldwerth des in Frage stehenden Objects und bei dem augenblicklich bestehenden guten Einvernehmen zwischen Weißen und Eingeborenen es politisch sei, auf eine ernste Sühne dieser vor Jahresfrist stattgehabten Brandstiftung zu verzichten. Ich schloß mich dieser Auffassung nach Erörterung aller einschlagenden Punkte auch an, mußte aber immerhin auf dem äußern Zeichen einer Strafe bestehen und bat daher Herrn Brown, am nächsten Vormittag 9 Uhr ebenfalls wieder an Bord zu kommen, um bei der zu dieser Stunde anberaumten Verhandlung mit den Brandstiftern als Dolmetscher einzutreten.

Der 12. December sah zu der vorgenannten Zeit die Betheiligten bei mir versammelt. Die mit Herrn Brown gekommenen beiden angeklagten Häuptlinge, welche nicht gewagt hatten allein zu kommen, betraten zitternd und kaum der Sprache mächtig meine Kajüte, um hier wenigstens den Versuch zu machen, die Urheberschaft von sich abzuwälzen, was ihnen jedoch nicht gelang. Das für die Missethäter sehr glimpfliche und sie sichtbar befriedigende Resultat der langwierigen Verhandlung war, daß jedem von ihnen aufgegeben wurde, auf dem Platze des Herrn Hernsheim ein Haus in Form und Größe der niedergebrannten aufzubauen, mit der Bedingung, daß beide Häuser bis zum 19. d. M. fertig sein müßten, damit ich sie noch vor meiner Abreise sehen könne. Die Häuser oder besser Hütten haben an sich keinen Werth und werden vielleicht bald, ohne benutzt worden zu sein, wieder eingerissen; der zwangsweise Bau im Angesicht der ganzen Bevölkerung wird aber einen großen moralischen Eindruck machen und sich somit als nutzbringend erweisen.

Nach Erledigung dieser Sache fuhr ich mit Herrn Brown über den Hafen, um ihm und seiner Gattin meinen Besuch in seinem Hause zu machen. Der Hafen hat heute ein anderes Gesicht als gestern. Die sonntägige Ruhe hat einer herzerquickenden Rührigkeit Platz gemacht, überall in unserer nächsten Umgebung sind die Menschen in voller Arbeit.

Bei der deutschen Factorei liegen meine Boote mit etwa 60 Matrosen, um die an Land lagernden für uns bestimmten großen Massen von Proviant zu holen, dicht daneben sind 50 Eingeborene damit beschäftigt, Kohlen in große Prähme zu bringen, und von allen Seiten hallt die Luft wider von den dröhnenden Axtschlägen der Eingeborenen, welche in der Zahl von mehr denn hundert für mich Holz schlagen. Unsere Dampfpinasse fährt fortgesetzt zwischen Schiff und Land hin und her, um Boote oder Kohlenprähme zu schleppen, Offiziere und Aufsichtspersonal zum Lande zu bringen oder von dort abzuholen. Auch auf dem Schiffe selbst ist die ganze Besatzung in voller Thätigkeit, um die ankommenden Sachen in Empfang zu nehmen, die Takelage auszubessern und für die fernere Seereise wieder bereit zu machen, die einzelnen Maschinentheile nachzusehen und hier und da im ganzen Schiffe kleine Schäden zu beseitigen. Kanus mit Eingeborenen, aber immer nur mit Männern, kreuzen den Hafen nach allen Richtungen, um sich aus größerer Entfernung oder mehr aus der Nähe das mächtige Schiff anzusehen, welches dieses ungewohnte Leben verursacht und es fertig gebracht hat, so viele ihrer Stammesgenossen für sich arbeiten zu lassen; einzelne Kanus wagen sich auch bis zum Schiffe, einzelne Männer sogar bis auf dasselbe.

Großes Wohlbehagen durchzieht mich während der Bootfahrt in dieser herrlichen Natur unter dem eigenartig melodischen Geräusch eifriger Thätigkeit bei dem Gedanken, daß dieser schöne Hafen wahrscheinlich in wenig Tagen in meinem Besitz, oder wenn das Deutsche Reich ihn haben will, in den Händen Deutschlands sein wird. Denn da es keinem Zweifel mehr unterliegt, daß bei den Rechtsbegriffen der hiesigen Eingeborenen nur die Uebertragung durch Kauf verstanden und als rechtsgültig angenommen wird, so habe ich mich zum Kauf entschlossen und werde den Hafen, soweit sich bisjetzt übersehen läßt, wol auch erhalten. Wie das kaum Erhoffte so schnell und leicht gekommen ist, möchte der Leser vielleicht gern wissen, doch gehört das nicht hierher.

Nach Zurücklegung von 2½ Seemeilen landeten wir an der Westseite der nördlichen Halbinsel von Amakada, gingen etwa 20 Minuten auf schmalem Fußpfade durch herrlichen Urwald bis zum jenseitigen Ufer, wo in einer größern Ansiedelung die sogenannten Missionslehrer mit ihren Familien in saubern Häusern leben, und stiegen dann auf ziemlich steilem breitern Wege bis zu dem nahezu 30 m hochliegenden Rücken einer zum östlichen Ufer steil abfallenden Klippe, wo das geräumige und bequem eingerichtete Holzhaus der Mission mit einer großartigen Fernsicht auf das Meer und die gegenüberliegende bergige Insel Neu-Irland liegt. Frau Brown, eine mittelgroße, etwas hagere Dame von vielleicht 40 Jahren, welche schon viele Jahre der Entbehrung und mancherlei Gefahren mit ihrem Gatten tapfer getheilt und bisher glücklich überstanden hat, empfängt uns. In ihrer Gesellschaft finden wir meinen Schiffskameraden, den nimmer rastenden Herrn Weber, welcher auch hier mancherlei zum Nutz und Frommen seiner Landsleute zu thun hat, sowie noch einen jüngern Geistlichen mit seiner ihm vor wenigen Monaten angetrauten jungen Frau, einer 20 Jahre alten Engländerin. Dieses junge Ehepaar ist erst seit wenigen Wochen hier, um demnächst nach Neu-Britannien überzusiedeln und die dortige Mission unter der Oberleitung von Herrn Brown zu übernehmen. Zwei kleine Browns, Kinder zwischen 6 und 10 Jahren, und ein noch ganz kleiner Brown vervollständigen das Familienbild. Die größern vier Kinder befinden sich bei Verwandten in Auckland zu ihrer Ausbildung und um sie den hiesigen urwüchsigen Zuständen zu entrücken. Frau Brown macht einen sehr gedrückten Eindruck, weil sie voll Sorgen der Zukunft entgegensieht und die Hoffnungsfreudigkeit ihres Mannes nicht theilen kann. Gebe Gott, daß diese schwergeprüfte Frau bald von dem Alp, welcher auf ihrer Familie lastet, befreit sein möge![E]

[E] Gegen Mr. Brown ist, wie ich später erfahren habe, die Anklage nicht erhoben worden, vielmehr hat er, wenn auch spät, von competenter Stelle eine Anerkennung für sein braves und richtiges Auftreten erhalten.

Auf dem Rückwege nahm ich noch Gelegenheit, mit Herrn Hernsheim in den am Wege liegenden Häusern der beiden Häuptlinge, mit welchen wir am Morgen bei mir an Bord zu thun hatten, vorzusprechen, um diesen Leuten zu zeigen, daß ich ihren Schlupfwinkel kenne. Sie versicherten gleich, daß schon alle Anordnungen für den Häuserbau getroffen seien, und sie mit der Arbeit sofort vorgehen würden, sobald ihre Leute, welche jetzt für mich Holz schlügen, frei geworden wären. Weiter unten dicht am Strande besichtigte ich dann noch das in einem verschlossenen Hause aufbewahrte Staatskanu von Topulu, welches merkwürdigerweise nicht im Wasser, sondern nur auf dem Lande Verwendung findet. Dieses Fahrzeug ist ein wahres Meisterstück der Holzschnitzerei und um so mehr des Anstaunens werth, als die ganze Schnitzarbeit mit den unvollkommensten Werkzeugen, mit Muschelscherben und geschärften Steinen, hergestellt ist. Ich nenne es ein Meisterwerk, denn wenn die rund um das Fahrzeug auf dem Dollbord dicht aneinander stehenden und aus einem Stück Holz herausgeschnittenen 60 cm hohen Figuren, welche Menschen und Thiere darstellen, auch keinen Anspruch auf richtiges Ebenmaß der einzelnen Körpertheile machen können, sondern nur als Caricaturen zu betrachten sind, so ist die Arbeit doch eine so saubere und in ihrer Art vollendet künstlerische, daß ich nur die vorstehende Bezeichnung gebrauchen kann. Dieses zerbrechliche, buntbemalte, wie aus Filigran hergestellte, an 5 m lange Boot wird nur zu dem einmal jährlich stattfindenden großen Dug-Dug-Fest hervorgeholt und dient dann, von mehrern Männern getragen, dem in ihm sitzenden Topulu gewissermaßen als Thron.

Zur deutschen Niederlassung zurückgekehrt, um mich dort von dem Stand der Arbeiten zu unterrichten, fand ich auf der Veranda des Hauses ein wahres Prachtexemplar von einem Eingeborenen, eine athletische Gestalt von solchem Ebenmaß der Glieder, daß ich mit wahrem Entzücken dieses Wunderwerk der Natur betrachten mußte und zum ersten mal in meinem Leben von der Wahrheit der classischen Darstellung des Hercules durch das griechische Alterthum wirklich überzeugt wurde. Leider trug der Mann eine wollene, eng anschließende himmelblaue Unterjacke ohne Aermel, welche, vom Hals bis zu den Hüften reichend, im Verein mit den dunkelbraunen unbedeckten Körpertheilen ein so merkwürdiges Bild abgab, daß man zum Lachen gereizt worden wäre, hätte der Kerl nicht so ideal schöne Formen gehabt. Er ist nach Topulu der angesehenste und reichste Häuptling der Duke of York-Inseln, heißt Torragud und war bis vor kurzem der gefürchtetste Menschenjäger und Menschenfresser. Das letztere hat er, beeinflußt von der Mission und den hier lebenden Europäern aufgegeben, das erstere aber konnte ihm bisher nicht abgewöhnt werden, und allem Anschein nach wird er dieser Forderung auch fernerhin energischen Widerstand leisten. Er macht auf die im Innern von Amakada lebenden Eingeborenen, welche von den Küstenbewohnern durchgängig als jagdbares Wild angesehen werden, regelmäßige Treibjagden und verkauft die erlegten Menschen nach Neu-Irland, wo der Kannibalismus am ausgebreitetsten sein soll. Am liebsten tauscht er für die seltene Waare Weiber oder Kinder beiderlei Geschlechts ein -- weshalb? werde ich weiterhin auseinandersetzen. Torragud ist, wie er kraftstrotzend mit dem Speer in der kernigen Hand so vor uns steht, mit dem mächtigen Kopfe und dem großen Mund, mit den zwischen den wulstigen Lippen vorleuchtenden, vom Betelkauen schwarz gefärbten gesunden Zähnen der wahre Typus eines Menschenfressers, wie man ihn sich in Europa vorstellt. Der angenehm freundliche Zug, welcher sein häßliches Gesicht bei unserer Begrüßung verschönt, kann diesen Eindruck ebenso wenig verwischen, wie sein eigenartiges herrisches Lachen, denn in dem ganzen Gesicht zeigt sich doch ein Ausdruck von solch überlegener Hoheit, daß er immer der über Leben und Tod gebietende Herr bleibt.

Es würde ermüden, wollte ich meine weitern hiesigen Erlebnisse den Tagen und Stunden folgend niederschreiben, ich werde sie daher in sich zusammengefaßt wiedergeben.

Die Männer, welche ich gesehen habe, sind durchweg sehnige, kräftige Gestalten von ebenmäßigen Formen, ohne viel Fleisch, eher etwas schmächtig und über Mittelgröße, durchschnittlich 1,65-1,70 m groß. Die Frauen sind ebenfalls von gutem Körperbau, voller in den Formen als die Männer und vorwiegend klein, etwa 1,45 m groß, doch findet man hin und wieder auch einzelne hohe, schlanke Gestalten, welche aber, soweit mir aufgefallen ist, feinere Nasen, kleinern Mund und hellere Hautfarbe haben. Die Farbe der Männer habe ich ziemlich gleichmäßig chocoladenbraun gefunden, während die der Frauen von hellem Braun bis zu tiefem Schwarz wechselt. Dies mag daher kommen, daß die Frauen als lebende Waare vielfach von andern Inseln eingehandelt werden. So wurde mir auch von glaubwürdiger Seite versichert, daß in Neu-Irland die Mädchen, um sie im Preise steigen zu lassen, künstlich gemästet und gebleicht werden. Dazu werden sie in einen kleinen dunkeln, nur für eine Person bestimmten und als Käfig zu bezeichnenden Raum gebracht, welcher nur eben so groß ist, daß die Person stehen und liegen kann. Täglich mehrere mal wird sie dann, um das Bauer nicht zu verunreinigen, von zwei Männern herausgetragen und, ohne ihr irgendwelche körperliche Bewegung zu gestatten, gleich wieder zurückgebracht; im übrigen bekommt sie gute Nahrung und wird sorgfältig gepflegt, um, sobald sie genügend fett geworden und gebleicht ist, zum Verkauf gestellt zu werden. Zur Verwendung als Nahrungsmittel werden sie aber nicht gemästet, weil in diesem ganzen Archipel Frauen als viel zu nützliche Geschöpfe überhaupt nie gegessen werden sollen, wie denn auch getödtete Männer nur dann Käufer finden sollen, wenn der Verkäufer an dem Körper eine frische Speerwunde vorweisen, also die weidgerechte Erlegung nachweisen kann.

Ich muß hier einflechten, daß meine Quellen für all das, was ich nicht selbst gesehen habe, die Herren Brown, Hernsheim und Kapitän Levison sind, ernste Männer, denen ich rückhaltslos vertraue. Aber auch weniger glaubwürdige Männer würden in Anbetracht des durchweg ernsten Verkehrs zwischen uns, wie in Rücksicht auf die Stellung, welche ich gerade in dieser gewitterschwülen Zeit hier einnahm, sich jeder launigen Aufbinderei enthalten haben, wenn sie vielleicht auch sonst dazu Neigung gehabt hätten. Auch lag es ja, da die Herren meine weitern Dispositionen nicht kannten und auch aus verschiedenen Gründen nicht zu erfahren brauchten, daß der in Aussicht stehende Vertragsschluß mit den Samoa-Inseln mich dahin zurückdrängte, ganz in meiner Hand, mich durch einen kleinen Abstecher von der Richtigkeit der mir gewordenen Mittheilungen zu überzeugen. Nach Neu-Irland war sogar eine kleine Reise zur Besichtigung der dortigen Eigenthümlichkeiten geplant und der Tag der Abreise dahin festgesetzt worden.

Die besondern Merkmale des Gesichts sind: dicht zusammenstehende Augen, breite fleischige, platte Nase, sehr großer Mund mit vom Betelkauen schwarz gefärbten Zähnen und wulstige, vom Betel ziegelroth gefärbte Lippen. Das wollige Haar wird von den Frauen kurz geschnitten und von den Männern in ungefähr 10 cm langen den Pudelhaaren ähnelnden Zotteln getragen. Der Bart der Männer rahmt das Gesicht als schmale, ebenfalls zottige Krause ein, der übrige Bart ist gewöhnlich wegrasirt.

Verzierungen in oder auf der Haut, wie man es nun nennen mag, haben nur die Frauen, doch sind dieselben nicht durch Tätowirung eingeäzt, sondern bestehen in dicken, bis zu 1 cm breiten und ½ cm hohen Narben, welche künstlich in Gestalt verschiedenartiger Figuren durch Einschnitte in die Haut vermittelst geschliffener Lavaschlacke oder Muschelscherben hergestellt werden. Schmuck wird im alltäglichen Leben von beiden Geschlechtern übereinstimmend getragen und besteht zunächst im Färben der Kopf- und Körperhaare. Die gewöhnliche Farbe hierfür ist die rothe, doch sieht man zuweilen auch weiße Köpfe; ob dies nun eine höhere Zierde darstellt oder nur, wie auch in Samoa und Tonga, dazu dient, den Kopf von Ungeziefer zu reinigen, mag dahingestellt bleiben, da ich es nicht weiß. Dann haben beide Geschlechter am untern Rande der beiden Nasenflügel je ein oder zwei kleine Löcher von nahezu 2 mm Durchmesser und die Männer vielfach auch noch ein Loch durch die Nasenscheidewand. Diese Löcher, welche zur Aufnahme von mancherlei Zierath bei festlichen Gelegenheiten dienen, sind mit kleinen Holzstückchen ausgefüllt, damit sie in der Zwischenzeit nicht zuwachsen oder sich verengern. Mit einem Halsband schließt dann der Schmuck und die Bekleidung des Körpers ab, da das von den Männern getragene Armband, wie ich weiter unten auseinandersetzen werde, wol nicht als Schmuck bezeichnet werden kann.

Auf das Halsband, in welchem sich so ziemlich der ganze Kunst- und Schönheitssinn dieser Menschen wiedergibt, wird so viel Mühe und Sorgfalt verwendet, daß dasselbe eine nähere Beschreibung verdient. Bei den Männern besteht es vorzugsweise aus dicht aneinander gereihten Schweins- oder Walfischzähnen, doch tragen Häuptlinge auch gern einen tellerartigen Halsschmuck, welcher in Größe, Form und auch Farbe wohl am besten mit einem Pichel, wie er bei uns den Säuglingen vorgebunden wird, zu vergleichen ist und aus einem steifen Bastgewebe besteht, auf welches dicht aneinander Diwarra aufgenäht ist, wodurch das Stück auch einen reellen Werth erhält.

Das Halsband der Frauen ist in der Hauptsache aus kleinen böhmischen Glasperlen und Opossumzähnen zusammengesetzt und hat an herunterhängenden kurzen Schnüren vielerlei kleine Zierstücke. Je nach dem Reichthum des Mannes wachsen auch diese Frauenhalsbänder von einer einfachen Perlenschnur bis zu 6 cm breiten Bändern mit einem Mittelstück aus Opossumzähnen, welch letzteres hauptsächlich dem Schmuck Werth verleiht und zwar deshalb, weil jedes Opossum nur zwei der hierzu verwendbaren Zähne besitzt, mithin zur Herstellung eines solchen Stücks oft 50 dieser Thiere erforderlich sind. Ein besonders schönes Band, welches die mit so reichen Narbenmustern gezierte Lieblingsfrau King Dick’s trug und die es von ihrem Hals lösend mir schenkte, besteht aus einem gewissermaßen das Schloß bildenden 6 cm hohen und 4 cm breiten Mittelstück von über 100 Opossumzähnen. An dieses schließen sich nach beiden Seiten je 12 Perlenschnüre an, welche durch je zwei senkrecht stehende feine Schildkrotstäbchen geführt sind, wodurch sie in der Bandform erhalten werden. Vorn an dem Schloß hängen 12, und hinten an den beiden Bindeschnüren vier und acht 6-10 cm lange einfache Perlenschnüre, an welchen je eine kleine Muschel, ein Stück geschnittenes Perlmutter (die Halbmondform ist sehr beliebt), ein alter Knopf, eine ausgehöhlte halbe Bohne mit daraus hervorstehendem Schweinezahn, ein Stückchen spiralförmig gedrehter Rinde, eine große bunte Perle u. a. m. befestigt ist. Einzelne Schnüre sind mit solchem Zierath noch nicht versehen und ich vermuthe, daß diese noch auf die Geschenke warten, welche der Gatte gelegentlich zu geben hat. Bei einem zweiten, mir von einer andern Frau Dick’s geschenkten Halsband, schließt sich an das Mittelstück statt der 12 Schnüre ein aus Perlen gewebtes breites Band mit zierlichen Mustern an, auch sind die nach unten hängenden einzelnen Schnüre nicht direct am Schloß befestigt, sondern es hängt an diesem zunächst ein 10 cm langes und 3 cm breites Perlenband, dessen Verlängerung die einzelnen Schnüre erst bilden. Die Halsbänder mit ihren weißen, blauen und rothen Farben, stehen, fest um den Hals gelegt, den braunen Gestalten entschieden gut. Hier mag angeführt werden, daß diese Eingeborenen eigentlich nur drei Farben kennen: das aus einer Erdart gewonnene Roth, das aus Ruß und Palmöl hergestellte Schwarz und das aus gebrannten Korallen hervorgehende Weiß. Blau kommt allerdings auch vor, doch ist dies jedenfalls von den Europäern eingeführtes Indigo. Andere Farben habe ich auf Duke of York und in Neu-Britannien nicht angewendet gesehen. In Neu-Irland muß nach der Bemalung der dort gefertigten Masken auch Gelb bekannt sein. Die weiße Farbe scheint die beliebteste und geschätzteste zu sein, weil beim Tauschhandel die weißen Glasperlen am höchsten im Preise stehen.

Auf den Schmuck, welcher bei Festen getragen wird, werde ich bei der Beschreibung der Tänze zurückkommen.

Das von den Männern auf dem linken Oberarm getragene Armband ist ursprünglich kein Schmuckstück und kann auch jetzt wol noch nicht als solches gelten, weil es nur sehr vereinzelt in einer andern als der ursprünglichen Form vorkommt und dann doch auch immer seinem eigentlichen Zwecke dient. Das gewöhnlichste Armband ist ein einfaches Stück Bast, welches so fest um die Mitte des Oberarms gebunden ist, daß es in das Fleisch einschneidet und so in ähnlicher Weise als Tasche dient, wie die Ohrlappen der Ellice-Insulaner, denn in Blätter gewickelte Betelnuß, ein Stück Taback, die Pfeife und andere kleine Gegenstände sind, zwischen Band und Fleisch geschoben, sicher untergebracht. An Stelle des einfachen Baststreifens findet man auch, aber wie gesagt nur vereinzelt, breitere aus ganz feinen Bast- und Rohrstreifen sauber und theilweise mit eingefügten Figuren geflochtene Bänder, welche an den Rändern wol auch mit Diwarra eingefaßt sind; dieselben bilden aber nie einen Ring, sondern sind stets zum Binden eingerichtet. Ein in meinem Besitz befindliches derartiges Band ist 5 cm breit. In Uebereinstimmung mit Vorstehendem sind auch die aus Muscheln hergestellten Armbänder zum Binden eingerichtet und bestehen daher aus drei bis vier charnierartig mit Bindfaden zusammengefügten schmalen Stücken. Die auf andern und namentlich den Salomons-Inseln vorkommende Sitte, aus einem einzigen Muschelstück geschnittene geschlossene Armbänder in größerer Zahl über den Arm gestreift als Schmuck zu tragen, besteht daher hier nicht, wenngleich solche Armbänder bei den Weißen hier zu haben sind. Danach, ob dieselben durch die weißen Händler von andern Inseln hierher gebracht werden, oder ob die Eingeborenen sie als Tauschobject selbst anfertigen, habe ich mich nicht erkundigt. Gegen die Verwendung der hiesigen Armbänder als Schmuck spricht übrigens auch noch der Umstand, daß sie nur auf dem linken Arm getragen werden, weil der Arm infolge des starken Drucks auf den obern Muskel an der Entfaltung seiner vollen Kraft gehindert wird und diese Wilden für ihre Waffen (Speer, Schleuder und Keule) der ganzen Kraft des rechten Armes bedürfen, sie also hier nur ein lose sitzendes Schmuckstück verwenden könnten.

Eine bewußte Pflege des Körpers ist wol kaum bekannt, da Reinlichkeit kein Bedürfniß, sondern nur eine natürliche Folge der Lebensweise ist. So habe ich die Frauen, welche allein die Arbeiten auf dem Lande verrichten, durchweg schmutzig gefunden, während die viel im Wasser lebenden Männer naturgemäß ziemlich rein sein müssen, denn sie gehen beim Fischfang nicht nur bis an die Brust ins Wasser, sondern holen tauchend für sie nützliches Gethier und Muscheln auch von dem Meeresboden herauf, wobei ihnen die mehrerwähnte Klarheit des Wassers hülfreich zur Hand geht. Dieselbe ist hier so groß, daß man auf 13 m Wassertiefe jeden kleinen Stein auf dem Meeresboden unterscheiden kann, und daß ein Eingeborener, dessen Taucherkunst wir prüfen wollten, uns aus dieser Tiefe eine ihm vom Schiffe aus bezeichnete, nur 4 cm im Durchmesser messende Muschel ohne Zaudern und schnell vom Meeresgrund heraufbrachte. Ja, das Wasser ist so klar, daß wir sogar 10 Uhr abends bei allerdings hellem Mondschein bis zu 10 m Wassertiefe größere Steine und Muscheln deutlich erkennen konnten.

Die Waffen sind vorläufig noch die ursprünglichen und bestehen in Speeren, Steinschleudern und Keulen, da die Europäer aus gewichtigen Gründen mit dem Verkauf von Feuerwaffen sehr zurückhaltend sind und in den einzelnen Fällen, wo sie die Forderung eines einflußreichen Häuptlings nicht gut zurückweisen konnten, das Gewehr ohne oder nur mit für wenige Schuß reichender Munition abgegeben haben. Weshalb die Leute sich mit einer solchen doch werthlosen Waffe begnügen, werde ich weiterhin noch auseinandersetzen.

Der Speer ist die verbreitetste Waffe und kann wol als die nationale bezeichnet werden. Der gewöhnliche Mann trägt nur den eigentlichen 2½ m langen Kriegsspeer, welcher im Kampf allein zur Anwendung kommt. Er ist aus dem schweren, fast unelastischen Kokospalmenholz gefertigt, hat eine 40-50 cm lange rothgefärbte Spitze, welche an ihrem untern Ende in den dicksten Theil des Holzes ausläuft. Von hier ab wird das Holz wieder schwächer und endet in einem an der untern Fläche platten Knopf von 30 cm Dicke. Dieser Speer wird mit der scharfen Spitze nach oben getragen und gehalten. Die beiden andern vorkommenden Arten, bis zu 3 m lang, sind nur Luxuswaffen und werden aus einem röthlichschwarzen, ebenholzartigen Holze gefertigt. Als Zierde trägt die eine Art an dem untern Ende, wenn die Spitze als oberes gelten soll, einen kunstvoll gefertigten Strauß von bunten Vogelfedern, deren diese Ländergebiete ja eine große Auswahl besitzen. Die Manschette, wenn ich so sagen darf, ist dicht mit kleinen Federn umhüllt, der eigentliche Strauß besteht aus längern Federn, von welchen die mittelsten am meisten hervorstehen. Bei der Anordnung dieses Federschmucks entwickeln die Eingeborenen zuweilen einen auch nach unsern Begriffen feinen Geschmack, denn ein von einem Häuptling an der Nordküste von Neu-Britannien mir als ein besonders schönes Stück geschenkter Speer hat an der Manschette nur matt gefärbte Federn, während der eigentliche Strauß aus tiefschwarzen mit einzeln dazwischengestreuten gelblichbraunen Federn besteht; diese Zusammenstellung ist von ganz ausgezeichneter Farbenwirkung. Die andere Speerart trägt am untern Ende als Schmuck einen Knochen, aber nicht, wie so vielfach behauptet wird, einen Menschenknochen, sondern den Oberschenkelknochen des Kasuar, ein schlankes, feines, schneeweißes Bein. Unser Stabsarzt hat sich auf meine Bitte hin der Mühe unterzogen und alle die uns unter die Augen gekommenen vielen alten und neuen Waffen dieser Art, welche wir in den Händen der Eingeborenen, der Händler, im Privatbesitz hier wie an vielen andern Plätzen sahen, untersucht und festgestellt, daß der Knochen stets vom Kasuar stammt, oder doch jedenfalls kein Menschenknochen war. Die Eingeborenen bestreiten auch entschieden, andere als Kasuarknochen zu ihrem Speerschmuck zu verwenden. An der Stelle, wo der Knochen mit dem Holz zusammenstößt, ist in der Regel ein rothes, mit Diwarra eingefaßtes Stück Baumrinde umgelegt, an welchem häufig auch noch kleiner Zierath, wie ihn die Halsbänder der Frauen haben, hängt. Diese Luxusspeere werden stets mit der Spitze nach unten getragen, wodurch diese natürlich sehr bald stumpf wird und den Gebrauch des Speers als eigentliche Waffe an sich ausschließt.

Die Steinschleuder ist die nächst wichtige Waffe. Sie besteht aus einem 6 cm langen, 4 cm breiten und 3 cm tiefen bootförmigen Körper aus Bast, an dessen beiden spitzen Enden zwei gleiche, etwas mehr als 1 m lange zweidrähtige Schnüre befestigt sind. Die eine Schnur endet in eine Schleife, die andere in einen konischen, nach oben breiter werdenden, zierlich aus Bast geflochtenen Knopf von 1½ cm Dicke. Der abgerundete Stein wiegt zwischen 100 und 150 gr. Beim Gebrauch wird die Schleife der einen Schnur um den Daumen, der Knopf der andern zwischen Mittel- und Ringfinger genommen und dieser Knopf dann von den ihn haltenden Fingern losgelassen, sobald der Schleuderer sein Ziel zu haben glaubt. Wie gefährlich diese Waffe in den Händen der Eingeborenen ist, habe ich früher schon gesagt; ich habe sie zwar nicht anwenden sehen, habe aber zwei Leute gesehen, von denen der eine durch die Schleuder einen Knochenbruch am Oberschenkel erlitten, der andere in der Hüfte ein verwachsenes 2 cm breites und tiefes Loch hatte.

Die Keule vertritt in gewissem Sinne die Stelle unsers Seitengewehrs, wird im Massenkampf wol kaum benutzt und dient im alltäglichen Leben als Vertheidigungswaffe, hauptsächlich aber wol als Schutzwehr, da jeder waffenlose Mann als vogelfrei gilt und von jedem, welcher Lust dazu verspürt, erschlagen werden kann. Mit der Bildung von größern Gemeinwesen indeß, mit dem Zusammenfassen ganzer Stämme unter die Gewalt eines Häuptlings ist die Waffe innerhalb der eigenen Grenzen als Schutzwehr überflüssig geworden und dient, wenn sie nicht zur Jagd gebraucht wird, nur noch als Symbol, ist das Abzeichen des freien Mannes. So ist es möglich geworden, daß an Stelle der Waffe die Attrape treten konnte, ein der Waffe nachgebildetes, als solche unbrauchbares Stück Holz, oder das Gewehr ohne Munition, denn der Träger genügt der Landessitte, hat das äußere Abzeichen und kann mit diesem sogar andern Stämmen ungefährdet entgegentreten. Die Keulen wurden vor dem Verkehr mit den Europäern nur in zwei Mustern hergestellt, entweder aus hartem, gewöhnlich Eisenholz allein, oder aus solchem Holz in Verbindung mit Stein. Die Holzkeule hat unten einen, das Abgleiten der Hand verhindernden Griff und oben eine Verstärkung, welche nach den Seiten in eine scharfe Kante und nach oben in eine Spitze ausläuft. Sie ist gewöhnlich roth bemalt und hat am Griff mancherlei eingeschnittenen und lose hängenden Zierath. Die Steinkeule besteht aus einem glatten Holzstock, über welchem oben ein bis zu 15 cm dicker, ausgehöhlter Stein gestreift und mit einer Pechart, in welches häufig noch Diwarra eingedrückt wird, befestigt ist. Das dritte Muster ist erst entstanden, nachdem die Eingeborenen durch die Europäer in den Besitz von Beilen gekommen waren. Diese Keule ist mit mehr Sorgfalt angefertigt und kann wol auch nur als Luxuswaffe bezeichnet werden. Das Beil sitzt auf einem flachen, mit eingelegtem Perlmutter verzierten Stiel, dessen unteres Ende die Form der von den Eingeborenen gebrauchten Ruder annimmt und hier reich geschnitzt, bemalt und mit einer großen Zahl angebundener Berloques schön gemacht ist. Dieses Keulenmuster wird vorzugsweise als Attrape benutzt.

Die Kampfweise entspricht selbstverständlich den vorhandenen Waffen. Die Steinschleuderer bilden das erste Treffen und beginnen den Kampf in größerer Entfernung, wo ihre Waffe zwar noch nicht zur vollen Geltung kommt, aber immerhin doch den einen oder andern Mann außer Gefecht setzen kann. Sobald nun die eine Partei ihren Steinhagel entsendet, dreht sich die angegriffene Colonne für einen Augenblick schnell um, neigt den Oberkörper zur Erde und streckt den ankommenden Steinen den fleischigsten Theil des Körpers entgegen, weil hier auftreffende Steine aus der großen Entfernung nur quetschen, aber keinen Knochenbruch erzeugen können. Dieses Manöver, welches auf den Unbetheiligten einen höchst lächerlichen Eindruck machen muß, sollen sie auch bei dem ersten ernstem Zusammenstoß mit den Weißen gegen deren Flintenkugeln angewendet haben, ergriffen dann aber, als die Kugeln schlank durchgingen, die Flucht, ohne ihr Gesicht wieder zu zeigen, und versuchten diesen Kniff später gegen Feuerwaffen nicht mehr. Sobald die feindlichen Colonnen in langsamem Schritt auf Speerwurfweite aneinander gekommen sind, ziehen die Schleuderer sich zur Seite, das erste Glied des Haupttreffens wirft seine Speere und eilt hinter die Front, um dem zweiten Gliede Platz zu machen oder aber sämmtlich die Flucht zu ergreifen. Denn bis zum Aufbrauch sämmtlicher Waffen soll es nie kommen, weil eine Partei gewöhnlich den Kampf aufgibt, sobald zwei bis drei von ihnen gefallen sind, und dies ist in der Regel schon nach dem ersten Speerwurf der Fall.

An Werkzeugen findet man die Steinaxt, ein Stück Knieholz, dessen langer Schenkel den Stiel bildet, während an dem kürzern ein harter, grünlicher, geschärfter Stein angebunden ist; dann, wie schon angegeben, Muschelscherben und Lavaschlacke. Eisen war vor dem Eindringen der Europäer nicht bekannt und in der ersten Zeit des Verkehrs wurden für kleine Stücke von alten Fässern gewonnenem Bandeisen die werthvollsten Producte eingehandelt. Nachdem aber, und zwar erst in der allerneuesten Zeit, Beile und Messer zum Kauf gestellt werden, hat das Bandeisen, welches doch nur mangelhafte Geräthe liefert, sehr an Werth verloren, obgleich Beile und Messer noch so hoch im Preise stehen, daß nur Häuptlinge sie erwerben können.

An Musikinstrumenten habe ich nur eine aus Bambus hergestellte Pfeife, die Trommel und die Maultrommel gefunden.

Die Pfeife, etwa 40 cm lang und mit eingebrannten Mustern verziert, ist am Mundstück einfach offen mit einem kleinen halbrunden Ausschnitt und unten geschlossen mit zwei oder drei Tonlöchern vor dem Abschluß.

Die Trommel, welche mit der Hand geschlagen wird, ist ein Cylinder von Bambus oder anderm Holz, unten offen, oben mit Fisch- oder Schlangenhaut bezogen, mit Schnitzwerk und Berloques verziert.

Die Maultrommel, in deren obere Seite zierliche Muster eingeschnitten sind, ist aus einem Stück Bambus gefertigt, 20 cm lang, 6 cm breit und wie eine große zweischneidige Messerklinge geformt. In dem 18 cm langen und ¾ cm breiten Schlitz liegt die aus dem ganzen Stück herausgeschnittene Tonzunge.

An künstlichen Erzeugnissen habe ich außer den bereits genannten Fischereigeräthen, Kanus, Dug-Dug-Masken, Schmuckgegenständen, Waffen, Werkzeugen und Musikinstrumenten nur noch sehr schön aus feinem Rohr geflochtene Körbchen, Tanzstöcke und Schädelmasken gefunden.

Die Tanzstöcke bestehen aus einem flachen Stock, welcher unten einen Griff bildet, an welchem sich zwei nach oben zeigende und in einen Winkel von 30° nach beiden Seiten neigende, mit der flachen Seite des Stocks in einer Ebene liegende und mit bunten Federn verzierte kürzere Stöcke anschließen; unten am Griff ist außerdem noch ein kleiner Federstrauß angebracht. Die bessern Stöcke sind bis 1½ m lang, aus schwarzem glänzenden Holz gefertigt und haben an den Außenrändern schön gewundene Linien.

Die Schädelmasken haben diesen Namen von den Europäern erhalten, weil die vordere Hälfte eines Menschenschädels den Kern der Maske bildet. Auf diesen Kern ist mit Lehm die treue Maske der hiesigen Eingeborenen geformt. Die Oberkiefer sind innerhalb durch ein fingerdickes Stück Holz verbunden, welches der Träger in den Mund nimmt und so sein eigenes Gesicht verdeckt.

Von den Dug-Dug-Masken kann ich keine eingehendere Beschreibung geben, weil ich keine Gelegenheit mehr fand, mir dieselben näher anzusehen, doch wird das Nachfolgende vielleicht auch genügen. Den untern Theil bildet ein dicker, aus langen schmalen getrockneten Blättern hergestellter Rock, welcher von der Brust bis fast zu den Knien reicht. Auf diesen Rock legt sich ein ebensolcher Laubkranz bis zum Hals hinauf, sodaß der Träger des Anzugs zwischen diesem Kranz und dem Rock seine Hände und Arme hindurchstecken kann, sowol um dieselben, wenn nöthig, überhaupt gebrauchen, wie auch Geschenke in Empfang nehmen zu können; Hände und Arme dürfen aber eigentlich nie gezeigt werden, weshalb man bei der Darreichung eines Geschenks dicht an die Maske herantreten muß und die Gabe dann dahin reicht, wo zwischen dem Laub die dunkeln Finger sich bemerkbar machen. Auf den Kranz endlich kommt der oft über 2 m hohe thurm- oder pyramidenartige Oberkörper mit Kopf. Derselbe ist ein Gitterwerk von ganz leichten Rohrstäben und so mit Federn, Laub und schwarz-weiß-rother Malerei verziert, daß man nicht in das Innere sehen kann. Ganz oben auf der Spitze ist das eigentliche, scharf karikirte Gesicht angebracht, dessen Augen aus den unter dem Namen „Katzenaugen“ bekannten Verschlußstücken einer bestimmten Muschelart bestehen. Das Merkwürdigste an dieser Figur sind die durch die Vermummung hervorgebrachten wunderlichen Körpermaße. Ganz oben, 3-4 m über dem Erdboden, der kleine spitze Kopf, an welchen sich der schmale armlose Oberkörper anschließt, dann die riesige Hüftenpartie, welche bei dem Hals des Trägers anfängt und bis zu dessen Knien reicht, und schließlich die kurzen Beinchen von den Knien bis zu den Füßen.

Die Nahrungsmittel der Eingeborenen bestehen in der Kokosnuß, Bananen, Erdfrüchten (Yam, Taro, süße Kartoffeln), Fischen und Seethieren, Vogeleiern (Hühner sind nicht bekannt), Menschen- und schließlich seit zwei Jahren auch Schweinefleisch. Der Genuß des Schweinefleisch war vordem, obwol das Schwein wild vorkommt, nicht bekannt und ist wol diesem Umstand allein der Brauch der Menschenfresserei zuzuschreiben, da die menschliche Natur doch nun einmal Fleischnahrung verlangt. Seitdem die Weißen den Eingeborenen gebratenes Schweinefleisch vorgesetzt hatten, welches sie für Menschenfleisch aßen, und nachdem dann vor ihren Augen ein Schwein geschlachtet war und sie dieses Fleisch ebenso gut wie das vorher genossene fanden, greift die Verwendung der Schweine als Nahrungsmittel immer mehr um sich und die Menschenfresserei nimmt zwar langsam aber stetig ab. Sind die Verhältnisse aber erst so geordnet, daß die Weißen daran denken können, Rindvieh einzuführen und zu züchten, dann wird die Menschenfresserei sicher bald ganz der Vergangenheit angehören.

Bei dem Kapitel Menschenfleisch werde ich mich nun, fürchte ich, theilweise in unlösbaren Widerspruch mit den Angaben früherer Berichte setzen, ich halte aber meine Gewährsleute für zuverlässig. Wie ich früher schon gesagt habe, werden nicht nur erschlagene Feinde verzehrt, sondern das menschliche Wild wird auch regelrecht gejagt. Die Zubereitung ist eine höchst einfache; der stets vorher getödtete Mann wird in zwei große trockene Bananenblätter ganz eingewickelt, dann mit dem Kopf nach oben an einen Baum gehängt, die Blätter werden angesteckt und das Mahl ist fertig, sobald die Blätter abgebrannt sind. Der Körper wird nun heruntergenommen und mit den Händen das rohe Fleisch heruntergerissen und von den Männern gegessen, während die im Hintergrunde sitzenden Frauen die Eingeweide erhalten. Aehnlich wird das Schwein zubereitet, doch wird das gebundene lebende und in trockene Blätter eingewickelte Thier, welchem auch noch die Schnauze zugebunden ist, damit es nicht schreien kann, mit den Beinen nach oben aufgehängt und erhält, ehe die Blätter angesteckt werden, mit der Keule einen Schlag auf den Kopf. Nach Abbrennung der Blätter wird es dann ebenso, wie vorher angegeben, verzehrt. Kapitän Levison war Augenzeuge eines solchen Mahles, als er mit vier seiner Leute unter dem Beistand eines befreundeten Stammes den bereits erwähnten erfolgreichen Kriegszug gegen die Mörder eines deutschen Agenten unternahm. In ihrem Siegesrausch warfen die Wilden ihre sonstige Zurückhaltung ab und gaben sich in seinem Beisein dem Genusse hin, welchen sie sonst vor den Weißen ängstlich verbergen. Hiernach kann ich die Berichte, welche von sorgsam zerlegten Gliedern und nach unsern Begriffen hergerichtetem saftigen Menschenbraten erzählen, nur als Phantasiegebilde betrachten, zumal die Eingeborenen bisher überhaupt noch keine Werkzeuge besitzen, um einen Körper in dieser Weise zu zerlegen, denn die wenigen erst seit kurzem in ihrem Besitz befindlichen Messer und Beile können bei der weiten Verbreitung der Menschenfresserei noch gar nicht in Betracht kommen. Doch schöner liest es sich entschieden, wenn der Leser bei der Schilderung der einzelnen Manipulationen ein gewisses Gruseln empfindet. Das Menschenfleisch wird aber roh gegessen und dazu bedarf es keiner Zerlegung, denn das Abbrennen der Blätter auf dem Körper der Menschen wie dem der Schweine hat nur den Zweck, die Haare und Borsten abzusengen und die Haut mürbe zu machen. Dem Einwand, daß es eine noch größere Ungeheuerlichkeit sei, rohes Menschenfleisch zu essen, begegne ich damit, daß es wenigstens nach meinem Gefühl weniger scheußlich ist, dem thierischen Trieb folgend das Opfer einfach zu zerreißen, als mit bewußter Wollust mit den einzelnen Gliedern zu liebäugeln und stundenlang vor dem allmählich gar werdenden und brodelnden leckern Mahl zu hocken. Im übrigen sind die Leute an diese Art der Nahrung von Kindesbeinen an ebenso gewöhnt, wie wir an den Genuß von rohen und lebenden Austern, Land- und Wasserschnecken, an rohes Rindfleisch 'à la tartare', wie die Samoaner an den Genuß lebender Raupen und die samoanischen Katzen an den von Kokosnußkern, was doch wahrlich gegen die Natur der Katze geht.

Daß hier allmählich Wandel geschaffen wird, ist hauptsächlich dem Einflusse der Mission zuzuschreiben, da die Kaufleute bisher keine Zeit hatten, sich der Verbesserung der Sitten zuzuwenden, sondern zunächst nur daran denken konnten, festen Fuß zu fassen und ihr eigenes Leben zu sichern; andererseits aber konnte die Mission, welche noch keine weitern Erfolge zu verzeichnen hat, ihr Werk überhaupt nur unter dem Schutze der Kaufleute, und zwar hier nur unter dem Schutze deutscher Kaufleute beginnen.

An einem Vormittag überbrachte mir Herr Hernsheim eine Einladung Topulu’s, auf seinem Fischereiplatze einen Tanz entgegenzunehmen, welchen er auf mein Ersuchen arrangirt hätte, ich möchte aber sonst niemand mitbringen. Wir fuhren daher zu seinem Wohnplatze, um zunächst hier unsern Zahlmeister-Aspiranten, welcher mir mit Genehmigung des Eheherrn die Narbenmuster auf der Haut der einen Frau abzeichnen wollte, abzusetzen und auch mein Boot hier zurückzulassen. Am Ziel angelangt, fanden wir in der großen offenen Hütte unsern Freund Topulu mit zwei seiner Frauen, allerdings nicht gerade den ältesten, aber auch nicht den hübschesten. Die eine ist ein murksiges ältliches Geschöpf von ziemlich heller Farbe, die andere ebenfalls sehr klein, noch jung, wohlgenährt, aber tief schwarz; sie hat eine Nase, welche so ziemlich die ganze Breite des Gesichts einnimmt, dazu ist sie noch auf einem Auge blind, was in dem schwarzen Gesicht noch mehr zur Geltung kommt. Beide sind schön geputzt, aber nicht gewaschen. Die Haare sind frisch roth gefärbt, auf dem Kopfe sitzt eine große bunte Feder, die Halskette ist fest und ordentlich umgebunden, und beide haben in jedem Nasenflügel zwei, also jede vier 5 cm lange, nach oben und trotzig aus dem Gesicht herausstehende dunkelbraune Stacheln. Als wir zur Hütte kommen und uns verwundert umsehen, wo denn die andern sind, raunt King Dick Herrn Hernsheim in seinem Kauderwelsch etwas zu und ist verschwunden. Auf meine Frage: „Was nun?“ bekomme ich die Antwort: „Topulu stellt Ihnen diese beiden seiner Frauen zur Verfügung.“ Auf die Frage: „Was soll ich denn mit ihnen?“ die Antwort: „Sie können mit ihnen machen was Sie wollen; nur dürfen Sie sie nicht essen.“ Lachend gaben wir den ängstlich aneinandergeschmiegten Gestalten, welche uns wie scheue Rehe anblicken, die von Herrn Hernsheim vorsorglich mitgebrachten weißen Perlenschnüre und machen uns, befriedigt über die beabsichtigte Freigebigkeit Dick’s, welche in diesem Lande wirklich etwas bedeuten will, auf den Rückweg.

An einem Nachmittag holte mich Herr Hernsheim ab, um einen Besuch bei Torragud zu machen. Ein schon längere Zeit auf einem Hernsheim’schen Schiffe in Diensten stehender hiesiger Eingeborener dient uns als Führer. Wir legen den 2½ Seemeilen langen Wasserweg bis Urakukua auf Amakada in meiner Gig zurück und betreten dann den Wald. Bewaffnet sind wir nur mit einem Stock, weil Herr Hernsheim Waffen für überflüssig hält und ich nach meinen bisherigen Erfahrungen dem auch beistimme. Der sanft ansteigende Weg in dem herrlichen, schönen Wald ist so breit, daß wir bequem nebeneinander gehen können, in der Unterhaltung also nicht gestört sind. Ungefähr auf dem halben Wege stoßen wir auf eine Lichtung, wo unter hohen mächtigen Bäumen eine große Hütte liegt, auf deren geräumigem Vorplatz zwei große, schwere Schweine sich ergehen; Menschen sind nicht zu sehen. An diesen Platz schließt sich ein großes umzäuntes und sorgfältig gepflegtes Stück Land, welches mit Erdfrüchten bestanden ist. Etwas weiter bei einer Krümmung des Weges stehen plötzlich wenige Schritte vor uns zwei prächtige, rehfarbene Mädchen, jugendlich üppige, schöne hohe schlanke Gestalten, welche frei von allem Tand nur eine lange bunte Feder im Haar haben. Einen Augenblick stutzen sie wie wir, dann mit einem hellen Jauchzer brechen sie wie leichtfüßiges Wild mit leichten Sprüngen in das Dickicht und machen erst in größerer Entfernung halt, wo wir nur über dem Laub ihre Köpfe sehen und von wo sie mit ihren klaren Augen uns beobachten und passiren lassen. Unwillkürlich entschlüpft mir, wie sie so dahin eilen, der Ausruf: „Schade, daß wir kein Gewehr haben, um ihnen eins aufzubrennen!“ und wieder zur Besinnung gekommen füge ich hinzu: „Es ist gut, daß ich nicht länger hier bleibe, ich könnte sonst bei diesem edlen Wild vielleicht noch selbst Geschmack an der Menschenjagd finden.“ Nach drei Viertelstunden Gehens sind wir auf der Höhe und bei dem groß angelegten Besitz Torragud’s angelangt. Er empfängt uns, umgeben von seiner Familie und einigen Ferkeln. Er selbst in seinem Naturkleid schön wie immer, doch leider wieder mit der blauen Unterjacke, welche er auf meinen Wunsch allerdings nachher für kurze Zeit ablegt. Einige Frauen, darunter eine alte, häßliche, schwarze und spindeldürre Gestalt, die sich uns grinsend nähert und auf der Brust einen Schmuck trägt, welcher sofort meine Begierde erweckt. Noch ein Mann und mehrere Kinder, von denen ein 11-12 Jahre altes ziemlich dunkles mageres Mädchen von allen Personen allein ein Hüfttuch trägt. Sie ist eine muntere, durchtriebene kleine Person, welche mit ihrem neckischen Wesen das ganze Haus zu beherrschen scheint und entschieden der allgemeine Vorzug ist. Torragud nimmt sie an der Hand und sich in die Brust werfend stellt er sie vor: „'Tintamon, Missi Brown he make him.'“ Sehr belustigt war ich, als wir herausbekamen, daß Tintamon „King Salomon“ bedeuten solle. Welcher Witzbold aber dem Mädchen diesen Namen gegeben hat, konnten wir nicht erfahren. Die Worte, daß Mr. Brown ihn gemacht hätte, konnte nur dieser Herr mir erklären, was er später auf einfache Weise mit der Erklärung that, daß er das Kind vor kurzem getauft habe. Tintamon wird, wie ich noch herausgebracht habe, so gehätschelt und gepflegt, weil sie schon an einen andern großen Häuptling verkauft ist, aber nicht eher an den Käufer übergeht, bis sie die volle Reife zur Frau erlangt hat, denn die Erhaltung bis zu diesem Zeitpunkt ist Sache des Verkäufers. Aus dieser Sitte werden in Reisebeschreibungen nun wol häufig Verlobungs- und Heirathsceremonien gemacht, welche aber meines Wissens nicht existiren. Verlobung und Heirath kennt man hier nicht, sondern nur den einfachen Kauf, bei welchem allerdings Zweckmäßigkeitsgründe in der Weise unterlaufen, daß ein Häuptling die Tochter eines andern, um sich mit diesem näher zu verbinden, schon im frühesten Alter kauft und je nach dem Werth der Verbindung einen höhern oder niedrigern Preis zahlt. Das Kaufobject ist hierbei nur der Strohmann, um dem gezahlten Preise den Sinn des Tributs zu nehmen.

Nachdem wir Torragud’s Wohnhaus besichtigt haben, treten wir auch noch in die Schatzkammer, welche, wenn sie auch nicht so große Reichthümer wie die des King Dick aufweist, doch nach hiesigen Begriffen ein stattliches Vermögen in sich birgt. Zur Familie zurückgekehrt äußere ich den Wunsch, den Schmuck der Alten zu besitzen, doch diese rückt mir drohend auf den Leib, schreit und keift und schützt das Kleinod mit ihren magern Armen. Torragud bringt sie zur Ruhe, sieht sie mit ernstem prüfenden Blick an, nickt einmal bedeutungsvoll mit dem Kopfe, als ob ihm ein guter Gedanke gekommen sei, und wendet sich wieder uns zu. Nachdem wir noch aus einer uns dargebotenen frischen Kokosnuß die Milch getrunken und verschiedene kleine Geschenke vertheilt haben, verließen wir diese Waldidylle wieder.

Bei dem Besuche Torragud’s konnte ich beobachten, wie heutzutage noch Gemein- und Staatswesen entstehen und sich entwickeln. Der Mann erwirbt Geld oder ähnliches Gut und wirft sich, wenn er überhaupt das Zeug dazu hat, durch das damit verbundene Ansehen zum Häuptling auf, vergrößert seinen Hausstand durch Ankauf von Frauen, welche gleichzeitig auch für ihn arbeiten müssen, siedelt dann seine erwachsenen Söhne, nachdem er ihnen eine Frau geschenkt hat, in seiner Nähe an, ergänzt den Abgang in seinem Hause wieder durch Ankauf von Knaben, sowie auch Mädchen, welch letztere wiederum später als Frauen an die gekauften männlichen Mitglieder abgegeben oder anderweit veräußert und namentlich gegen andere Kinder ausgetauscht werden. So bildet sich in verhältnißmäßig kurzer Zeit ein Stamm, welcher durch Verkauf der Mädchen aus eigenem Blut und vielleicht auch durch einmalige Zahlung einer gewissen Summe eine andere Familie oder einen kleinern Stamm in sich aufnimmt und mit sich verschmelzt. Ist der Stamm nun stark genug, dann breitet er sich leicht weiter aus, indem er die Nachbarfamilien und Stämme nicht mehr kauft, sondern mit Gewalt unterwirft und so allmählich immer mehr wächst, wenn er neben der Gewalt auch noch Staatskunst zur Anwendung bringt, wie wol der Vater des Topulu dies dadurch gethan hat, daß er den läppischen Dug-Dug in seinem Interesse umgebildet und zu einer Ceremonie gemacht hat, mit welcher er seine Unterthanen an Gehorsam und an seine Macht gewöhnte. Denn in ältern Reisebeschreibungen findet man den Dug-Dug nur als hüpfenden Popanz und nicht in der Form, wie er hier jetzt und zwar alljährlich nur einmal abgehalten wird.

An dem auf den Besuch bei Torragud folgenden Vormittag brachte Herr Hernsheim mir den seltenen Schmuck der Alten und bat mich, denselben als ein Andenken an die gemeinsam unter den Menschenfressern verbrachte Zeit anzunehmen. Obwol es gerade nicht höflich war, mir die Erwerbungsgeschichte des Schmuckes erzählen zu lassen, konnte ich dem Reiz nicht widerstehen, zu erfahren, wie er es möglich gemacht hatte, das Stück zu erhalten, und ich stellte daher die Bitte, welche mir auch gewährt wurde. Das von mir „bedeutungsvoll“ genannte Kopfnicken Torragud’s hatte also wirklich einen tiefern Sinn und besagte, daß er, Torragud, nun wisse, wie er in Besitz eines Hinterladers gelangen könne. Was diesem schlauen Heiden dabei durch den Sinn ging, kann ich natürlich nicht wissen, doch läßt es sich meines Erachtens leicht combiniren. Es war schon seit lange sein Wunsch, ein Gewehr zu besitzen, er wurde aber stets, wenn er am Schluß seines jedesmaligen Besuches mit dem betreffenden Wunsche zum Vorschein kam, abgewiesen. Hier kam ihm nun endlich der Zufall zu Hülfe. Der mächtige Häuptling (nämlich ich), welcher ein so großes Schiff mit so vielen Männern, so großen Kanonen und so vielen Gewehren besitzt (in den Augen dieser Leute gehört mir das Kriegsschiff, wie die Kauffahrteischiffe das Eigenthum der Kaufleute sind), welcher über die eingeborenen Häuptlinge zu Gericht sitzt, welcher unter den Weißen eine Ausnahmestellung einnimmt, weil sie alles thun, was er haben will, und der überhaupt die ganze Umgebung in Unruhe versetzt, wünscht etwas zu besitzen, was nur er, Torragud, geben kann. Dem Missi Hernsheim muß es daher eine wahre Freude sein, dem Schiffscommandanten diesen Wunsch erfüllen zu können, und er wird nun das von Torragud ersehnte Gewehr gewiß gern geben, wenn er von diesem dafür den Schmuck erhalten kann. So macht Freund Torragud sich am nächsten Morgen mit dem Schmuck auf den Weg nach der deutschen Niederlassung. Er hat sich nicht getäuscht, er erhält schließlich das Gewehr, welches ihm nach Lage der augenblicklichen Verhältnisse doch nicht mehr lange vorenthalten werden konnte, aber allerdings ohne Munition. Auf die Frage, ob die Alte denn den Schmuck gutwillig hergegeben habe, antwortet er lachend: „Nein, sie hat erst ordentlich Prügel bekommen müssen.“ So hat die arme Alte ihr Kleinod verloren, noch obendrein eine Tracht Prügel erhalten und kann nicht einmal von dem Erlös etwas abbekommen. Und ich habe ein sehr seltenes, vielleicht einziges, an sich werthloses Schmuckstück, welches nach dem hiesigen Preis des Hinterladers mit 200 Mark bezahlt worden ist. Es hat die Form einer der Länge nach getheilten halben Melone, ist 20 cm lang, 9 cm breit und hat am untern Rand der langen Seite zwei bäffchenartige Lappen von 12 cm Länge und 6 cm Breite. Das Hauptstück wird aus einem Holzreifen gebildet, auf welchen ein festes Gewebe aus Opossumzähnen so übergespannt ist, daß es ohne weitere Unterlage in kräftiger Wölbung die Form der Melone annimmt. Auf den Bindfaden, welcher die Zähne im Innern der Wölbung zusammenhält, sind noch kleine perlenartige Muschelstückchen in regelmäßigen Abständen aufgereiht, sodaß die Arbeit auch auf ihrer Kehrseite Sinn für Ordnung zeigt. Die sich an das Hauptstück anschließenden Bäffchen sind an ihren Rändern mit einem Kranz von Opossumzähnen und einem schmalen Band aus rother Baumrinde eingefaßt; innen laufen wie die Saiten einer Harfe von oben nach unten Schnüre aus Glasperlen und kleinen selbstverfertigten Perlen, welche aus einem wie Schildkrot aussehenden Gemenge von balsamischem Harz und Thonerde hergestellt sind. Oben auf diesen Schnüren sind noch je zwei nebeneinanderliegende kleine Ringe aus weißen Glasperlen aufgenäht und schließlich an der obern Langseite des Hauptstücks zwei Schnüre aus dickern Glasperlen befestigt, welche über den Hals gestreift so lang sind, daß der Schmuck gerade auf den Brüsten ruht. Der Werth dieses eigenartigen Kunstwerks für die Eingeborenen ergibt sich daraus, daß an demselben nach oberflächlicher Schätzung (zählen kann man die Zähne nicht ohne sie auseinanderzureihen) an 1500 Opossumzähne und an 1000 mühsam mit der Hand gearbeitete kleine Harzperlen sind.

Ehe Torragud mit seinem Gewehr die deutsche Niederlassung verlassen hatte, hatte er noch gesagt, daß nachmittags 4 Uhr bei Urakukua ein Tanz für uns bereit sei.

Dort angekommen finden wir einige Frauen und, wenn ich nicht irre, 17 Männer uns erwartend vor. Von den Frauen hat eine ein unsauberes Tuch um die Hüften gebunden, die andern haben nur einen Bindfaden um den Leib, an welchem vorn und hinten in der Mitte des Körpers ein kurzer Faden mit einem ganz kleinen Laubbüschel am untern Ende herunterhängt und welcher, wie ich früher schon gesagt habe, wol die Stelle einer Schürze vertreten soll. Im übrigen sind sie nur mit Halsbändern und Nasenstacheln geschmückt, im Gesicht und auf dem Oberkörper weiß angestrichen, jedoch so dünn, daß die natürliche Hautfarbe durchschimmert. Die Männer sind mit mehr Sorgfalt herausgeputzt und haben zunächst Gesicht, Oberkörper und die Innenseite der Oberschenkel weiß, roth und schwarz bemalt, das Kopfhaar ist weiß gefärbt. In den Nasenflügeln sind Stacheln und Opossumzähne, in der Nasenscheidewand kleine Ringe aus Schildkrot, Perlmutter oder aufgereihten Glasperlen, um den Hals die pichelartigen Teller oder andere Halsbänder, um den linken Oberarm das Armband und um den Leib haben sie ebenso wie die Weiber den Bindfaden, welcher hinten ein untergeschobenes mit dem Stil nach oben gekehrtes großes Blatt, das von dem Rücken bis unter das Gesäß reicht, hält, vorn hängt ein Faden mit einem etwas größern Laubbüschel als bei den Frauen; ein Laubband um die Knöchel vervollständigt den Anzug. Männer wie Frauen haben in jeder Hand einen frischen Baumzweig mit Blättern, der Vortänzer der Männer hält in jeder Hand einen Tanzstock. Die Kerle sehen bunt und unternehmend aus und würden einen harmlosen Europäer, welcher unvorbereitet ihnen hier im Walde begegnet, sicherlich erschrecken.

Die Frauen beginnen zuerst mit dem Tanze, stellen sich hintereinander in einer Reihe auf und machen dieselben Bewegungen wie nachher die Männer, aber mit einwärts gedrehten Füßen, geschlossenen Knien und eingeknickten Beinen, so täppisch und unschön, daß wir schon nach wenigen Minuten genug davon hatten. Die Männer stellen sich darauf in zwei Reihen nebeneinander auf, und zwar die Reihen so weit voneinander ab, daß der Vortänzer, welcher in der Mitte zwischen den beiden Reihen steht, bequemen Platz zwischen ihnen findet. Alle nehmen eine ziemlich stramme Haltung an, der Vortänzer hebt seine Stöcke, die andern folgen sofort mit derselben Bewegung, stimmen einen einförmigen Gesang an und setzen ihre Beine in Bewegung. Der Gesang besteht aus mehrern mit tiefer Stimme in demselben Tone laut gesprochenen Worten, welchen dann einige in höherm Ton folgen. Die Beinbewegungen sind leicht und tänzelnd und erinnern an das Traben auf der Stelle, die Füße sind dabei auswärts gekehrt, die Knie geöffnet und biegsam. Alle Bewegungen des Vortänzers werden von den andern sofort aufgenommen und mitgemacht, die Stöcke und Zweige werden nach oben gekehrt vor die Brust gehalten und die Köpfe liegen zurückgebogen zwischen den Schultern, als ob die Leute krähen möchten; die Stöcke werden nach oben gestreckt, die Köpfe gereckt und dabei im Gesang der höhere Ton angenommen; die Stöcke gehen zur Brust zurück, wobei der Gesang den alten Ton wieder aufnimmt, neigen sich nach vorn, der Kopf folgt, auch der Oberkörper etwas, und es sieht aus, als ob die Tänzer ihre eigenen Füße und deren Bewegungen betrachteten. Und so geht es auf- und abwärts, wobei die Tänzer sich auch zuweilen durch einen Blick nach ihrem Nebenmann vergewissern, daß sie noch gut ausgerichtet sind. Der Vortänzer tänzelt vor, bis er zwischen den ersten Tänzern steht, schiebt sich in der schmalen Gasse rückwärts bis zum Ende, die Führer der Reihen schwenken nach beiden Seiten ab und alle schlagen im Gänsemarsch einen Bogen, bis die Spitzen wieder bei dem Vortänzer angelangt sind, worauf das Ganze in der alten Ordnung in gleichmäßigem Takt und gut ausgerichtet mit den borstigen Nasen und den vor dem Leib hin und her wedelnden Laubbüscheln auf uns zutrabt, bis es den alten Platz wieder erreicht hat. Die großen Mäuler klappen auch gleichmäßig auf und zu, öffnen sich bei den höhern Tönen mehr und werden dann so entschieden zugeklappt, als ob sie eine gebratene Taube gefangen hätten.

Da es keine weitere Abwechselung gab, so hatten wir bald genug von dem Vergnügen, vertheilten ein Geschenk an Taback und Glasperlen und machten uns wieder auf den Heimweg.

* * * * *

Am 15. December nachmittags waren Kohlen, Proviant und Wasser übernommen, auch die Vorbesprechungen wegen Ankauf des Hafens von Makada abgeschlossen, das Schiff war seeklar, es wurde daher der nächste Morgen zur Abfahrt nach Neu-Britannien, wo ich mich zwei Tage aufzuhalten gedachte, festgesetzt. Mein Besuch dort diente hauptsächlich der Erledigung von zwei Klagesachen, welche ich zum Abschluß bringen wollte. In dem einen Falle hatten die Eingeborenen des Districts Ruluana (spr. Ruluánna) vor etwa zehn Monaten die dort gelegene Station der Firma Hernsheim u. Comp. ohne Veranlassung niedergebrannt, kamen aber gleich nach Ausführung der That zu dem Bewußtsein, daß sie ihnen doch schlecht bekommen könne, und erboten sich freiwillig den Schaden zu ersetzen. Um die dargebotene Hand nicht zurückzuweisen, erklärte sich die geschädigte Firma, welche bei dem Brand Haus und Waaren im Verkaufswerth von 2800 Mark verloren hatte, bereit, das Gebot, welches in 300 Sack Copra im Ankaufswerth von etwa 1200 Mark bestand, anzunehmen. Es erfolgte indeß trotz des freiwilligen Anerbietens keine Copralieferung und die Mahnungen wurden von den Eingeborenen durch verschiedene Ausflüchte und schließlich damit erwidert, daß sie keine Säcke hätten, um die Copra hineinzupacken. Zuletzt, etwa vor zwei Monaten, hatten sie wiederholt versprochen zu liefern, die Lieferung war aber, trotzdem ihnen Säcke gegeben worden waren, bis zum heutigen Tage immer noch nicht erfolgt. Ich erklärte mich bereit, für die Sache einzutreten, aber nur unter der Bedingung, daß die Herren sich mit einer ausgiebigen Verwüstung des Terrains bei Ruluana einverstanden erklärten für den Fall, daß ich der betreffenden Häuptlinge nicht habhaft werden könne. Ich glaubte mich dieses Einverständnisses versichern zu müssen, weil der deutsche Handel durch das Niederhauen der Kokosnußbäume eine sehr empfindliche Einbuße an seinen Einnahmen erleiden mußte, gegen welche das vorliegende Streitobject in gar keinem Verhältniß stand. Absehen konnte ich von dieser Forderung aber nicht, weil es undenkbar war, daß ein Kriegsschiff, wenn es die Sache überhaupt aufnahm, ganz unverrichteter Sache wieder abziehen sollte, um die Eingeborenen dadurch auch noch in ihrer Anschauung, daß die Schiffe ihnen auf dem Lande nichts anhaben könnten, zu bestärken. Herr Hernsheim war mit allem einverstanden, und so sollte unser nächstes Ziel Ruluana sein.

Der zweite Fall betraf eine Bedrohung des in Port-Weber stationirten Agenten der Handels- und Plantagengesellschaft und zwar eine Todesandrohung durch denselben Häuptling, welcher früher als Rache für seinen erschossenen Hund an demselben Orte den deutschen Agenten getödtet hatte und dafür von Kapitän Levison gezüchtigt worden war. Ob hier etwas zu erreichen sei, war mir sehr zweifelhaft, doch wollte ich wenigstens den guten Willen zeigen und für den Fall, daß ich keinen Erfolg haben sollte, den Eingeborenen wenigstens das Vorhandensein von deutschen Kriegsschiffen, welche hier noch nicht gewesen waren, vor Augen führen.

So war also alles zur Abfahrt bereit, ohne daß ich es während meines mehrtägigen Aufenthalts hatte durchsetzen können, einen Dug-Dug zu sehen. Auf mein wiederholtes Drängen bekam ich immer dieselbe Antwort, daß es nicht angängig sei, und zwar aus dem Grunde, weil der alljährlich nur einmal hier stattfindende Dug-Dug erst vor sechs Wochen abgehalten worden sei. Mit demselben ist aber eine sechswöchentliche Fastenzeit in der Weise verbunden, daß im Anschluß an das Fest weder Mann, Frau noch Kind irgendetwas von der Kokosnuß genießen darf, weder die Milch, noch das Fleisch; und was das bedeutet, kann nur der ermessen, welcher weiß, welch große Rolle die Kokosnuß hier überall in der Ernährungsweise spielt und welch erfrischendes Getränk die kühle Milch aus der frischen Nuß ist. Die Kokosnuß ist während dieser Zeit Tabu, und wer die Hand nach ihr ausstreckt, ist unrettbar dem Tode verfallen, weil überall Wächter aufgestellt sind, welche die Innehaltung des Gebotes überwachen und an jedem Uebertreter ohne Urtheilsspruch auf der Stelle das Todesurtheil vollziehen. So war es auch uns in den ersten zwei Tagen unsers Aufenthalts unmöglich, eine Kokosnuß zu erhalten, weil diese Tage noch in die Tabuzeit fielen. Es wäre unter diesen Verhältnissen daher grausam von mir gewesen, noch fernerhin auf meinem Willen zu beharren, da die Befriedigung meiner Neugierde eine wahre Marter für die Eingeborenen werden mußte, weil sie jedenfalls eine neue sechswöchentliche Fastenzeit hätten auf sich nehmen müssen. Daneben aber würde es auch für die Kaufleute einen großen Verlust bedeutet haben, weil mit dem Dug-Dug eine neue sechswöchentliche Handelsstockung in dem Nordtheile der Duke of York-Gruppe verbunden gewesen wäre. So mußte ich mich bescheiden, ohne zu ahnen, daß schließlich Topulu mit seinen Häuptlingen mir aus eigenem freien Willen doch noch den Dug-Dug anbieten würde.

Hier will ich gleich anschließen, daß meiner Ansicht nach der Dug-Dug jedes religiösen Untergrundes entbehrt, weil diese Wilden überhaupt den Begriff der Religion nicht kennen, und daher die auch von mir gebrauchte Bezeichnung „Hoherpriester“ für den Herrn des Dug-Dug eine von den Europäern erfundene willkürliche ist. Würde der Dug-Dug etwa kurz vor die Reifezeit der Kokosnuß fallen, dann würde ich ihm einen praktischen Werth beimessen, um durch die sechswöchentliche Tabuzeit die Frucht zur vollen Reife kommen zu lassen, wie ja bei uns auch die Weinberge einige Zeit vor der Lese sogar für den eigenen Besitzer Tabu erklärt werden; da aber, wie schon früher erwähnt, die Kokospalme jahraus, jahrein stets gleichzeitig alles, von der Blüte bis zur reifen Frucht trägt, so kann hier nur ein politisches Motiv gesucht werden und ich finde nur =eine= Erklärung für sein Bestehen. Hier in diesem Lande, wo weder Gesetz noch Religion zu finden sind, steht jeder Mann in erster Reihe nur auf sich selbst angewiesen und ist nur das werth, was er mit der Kraft seines Armes erreichen kann. Um aber unabhängig von der körperlichen Kraft das Ansehen der Häuptlinge zu wahren und ihre Stellung zu sichern, haben sie den Dug-Dug und namentlich die sechswöchentliche Fastenzeit erfunden. Diesem Gebote fügt sich jeder, jeder muß sich daher fügen, und da die Häuptlinge das Gebot sowol erlassen, wie auch auf dessen Befolgung achten, so sind sie die Herren und werden daher auch als solche angesehen.

* * * * *

Am 16. morgens 6 Uhr, nachdem noch die verschiedensten für die Reise nothwendigen Passagiere an Bord gekommen waren, wurde Anker gelichtet und dieselbe Ausfahrt gewählt, durch welche wir hergekommen waren. Ich wollte eigentlich einen andern Weg nehmen, weil ich bei der Herfahrt doch zur Erkenntniß gekommen war, daß bei den vielen Korallenriffen eine Grundberührung sehr leicht möglich sei; da indeß drei unserer Passagiere erklärten, mit dem Fahrwasser so vertraut zu sein, daß keinerlei Gefahr für das Schiff vorläge, gab ich nach. Zwei dieser freiwilligen Lootsen begaben sich in den Vormars, um aus der Höhe das Fahrwasser besser erkennen zu können, und der dritte blieb bei mir auf der Commandobrücke. Aber trotz dieser drei Lootsen saßen wir schon um 7 Uhr fest. Rings um das Schiff war tiefes Wasser, wir mußten daher mit dem Kiel auf einem einzelnen Korallenblock sitzen, und so war es auch, wie ich mich von einem schnell zu Wasser gelassenen Boot aus überzeugte; das Schiff saß gerade unter dem Großmast mit dem Kiel auf einem Blocke von höchstens 1 m Durchmesser. Der Versuch, durch Rückwärtsschlagen der Maschine und künstlich erzeugte Schlingerbewegungen loszukommen, blieb erfolglos; zum Ausbringen eines Ankers blieb keine Zeit, weil bei dem fallenden Wasser (es war Ebbe) das Schiff schon anfing, sich etwas auf die Seite zu neigen und somit die ernsteste Gefahr für ein Umfallen des Schiffes vorlag. So blieb nur übrig, mit Verlust eines Stückes Kiel das Schiff mit Gewalt loszubrechen; es wurde daher das Ruder hart zu Bord gelegt und die Maschine mit voller Dampfkraft vorwärts in Gang gebracht. Das starke Schiff erzittert in seinen Grundfesten, neigt sich mehr zur Seite, fängt an zu drehen, dreht schneller, ein Ruck und wir schießen den Weg zurück, welchen wir gekommen sind, um den allerdings weitern aber sichern Weg nördlich um Makada zu nehmen. Schaden hatten wir merkwürdigerweise nicht genommen, denn der nachmittags heruntergeschickte Taucher fand nur, daß einige Kupferplatten fehlten, der Kiel selbst aber unversehrt war.

Auf dem Wege nach Ruluana wurden die erforderlichen Vorbereitungen getroffen, um für alle Fälle gerüstet zu sein. Von dem Landungscorps wurden die 60 kräftigsten und zuverlässigsten Leute ausgewählt, weil darauf gerechnet werden mußte, daß jeder selbständig zu handeln hätte. Scharfe Munition für Gewehr und Revolver, sowie Zündmaterial zum Anbrennen der Häuser wurde ausgegeben, ebenso wurden alle im Schiffe vorhandenen Aexte, Beile, Eisenkeile, schwere Hämmer und Sägen vertheilt, nachdem die Zimmerleute versorgt waren. Den Offizieren und Unteroffizieren wurden bestimmte Leute zugetheilt, und diese wieder so eingetheilt, daß stets zwei Mann zusammen zu operiren hatten. Um 10½ Uhr vormittags wurde das Schiff vor Ruluana beigedreht und ein in Hernsheim’schen Diensten stehender Deutscher, welcher von den hiesigen Europäern am besten in diesem Districte bekannt und mit der Landessprache einigermaßen vertraut ist, wird allein mit einem Boot an Land geschickt. Es war dies die einzige Möglichkeit, an die Eingeborenen überhaupt heranzukommen, weil sie bei der Landung bewaffneter Mannschaften zweifellos sofort die Flucht ins Innere ergriffen hätten. Ich wollte aber gern eine directe Verständigung erreichen, um die Sache nicht auf die Spitze zu treiben und somit vor unnöthigen Gewaltmaßregeln bewahrt zu bleiben. Unser Unterhändler hatte den Auftrag, die 300 Sack Copra oder ein gleichwerthiges Geldpfand zu fordern und den Eingeborenen von den beabsichtigten Maßnahmen Kenntniß zu geben, welche im Falle der Ablehnung unserer Forderung zur Ausführung kommen sollten. Das Boot kehrte bald mit der Nachricht zurück, daß unser Abgesandter mit einigen Häuptlingen nach einer drei englische Meilen im Innern gelegenen Stadt gegangen sei, um das angebotene, in Muschelgeld bestehende Pfand zu holen. Ich landete darauf mit den vorgenannten 60 Mann und dem Musikcorps gegen 12 Uhr mittags an dem mit einem hohen dichten Bambuszaun eingefriedigten Hernsheim’schen Platze, um durch eine gewisse Machtentfaltung die Eingeborenen zu schrecken. Da bei unserer Annäherung an das Land die uns von dort beobachtenden Wilden sich schnell zurückzogen und im Waldesdickicht verschwanden, fürchtete ich, daß auch die Häuptlinge vielleicht vorziehen würden, das Geldpfand nicht persönlich abzuliefern, wodurch aber die eigentliche Absicht meiner Landung vereitelt worden wäre. So bat ich Herrn Hernsheim, welcher den Weg ebenfalls kannte, seinem Angestellten entgegenzugehen und alles aufzubieten, daß die Häuptlinge persönlich kämen, oder aber die Annahme des Geldes sonst zu verweigern. Hierauf machten wir es uns innerhalb des Zaunes bequem, nachdem noch Doppelposten weit vorgeschoben und Verbindungspatrouillen aufgestellt waren; die Gewehre wurden zusammengestellt, die Leute lagerten sich und die Musik spielte einige Stücke. Gegen 1 Uhr meldeten die Posten die Annäherung von Menschen und gleich darauf, daß Herr Hernsheim, sein Agent und einige Eingeborene angehalten seien, worauf dieselben innerhalb des Zaunes geleitet wurden. Herr Hernsheim erzählte mir dann gleich, daß ohne sein Eingreifen wahrscheinlich keiner der Eingeborenen hier sei, weil sie, als die unbekannte Musik zu ihnen drang, sofort fliehen wollten und von ihm nur wegen des dichten Gestrüpps zu beiden Seiten des schmalen, nur mannsbreiten Pfades hätten festgehalten werden können. Und was wäre geworden, wenn sie nicht gekommen wären? Unter Voraussetzung böswilliger Absicht wäre der Platz verwüstet worden, obgleich die Eingeborenen thatsächlich unschuldig waren, und das alles wegen der Musik, deren Wirkung auf die Naturmenschen von mir nicht in Berechnung gezogen worden war. Aus ähnlichen Ursachen mag schon manches Unrecht von den Europäern verübt worden sein.

An Eingeborenen erschienen drei Häuptlinge, ein älterer und zwei jüngere Männer, sowie einige Träger, welche drei Ringe Muschelgeld zu je 80 Faden, das ganze bewegliche Besitzthum des Districts, trugen; auch einige Neugierige folgten nach, welchen der Eintritt ebenfalls gestattet wurde. Die zitternden Häuptlinge legten ihren Schatz vor mir nieder und schienen, ängstlich um sich blickend und die vielen bewaffneten Männer musternd, noch weitere Unannehmlichkeiten zu erwarten. Wenn diese 240 Faden Diwarra nach dem augenblicklichen Stand des Geldes auch nur den halben Werth der 300 Sack Copra hatten, so bedeuteten sie nach der früher gegebenen Erklärung in ihrer Form doch mehr und waren nach den Angaben des deutschen Agenten thatsächlich der ganze bewegliche Schatz des Districts Ruluana. Ich konnte das Pfand daher um so mehr annehmen, als alle Eingeweihten mir versicherten, daß die Leute schon denselben Tag mit dem Einsammeln der Copra beginnen würden, weil sie mit dem Verlust ihres Schatzes jeden Einfluß an der ganzen Küste verloren hätten und dieser Einfluß auf Matupi übergehen würde, wo das Geld in der dortigen Hernsheim’schen Niederlassung vorläufig aufbewahrt werden sollte. Denn Matupi brauche das Geld gar nicht zu besitzen, vielmehr genüge die einfache Thatsache der Lagerung daselbst, um für die Dauer derselben der Insel ein besonderes Ansehen zu verleihen. Unter solchen Umständen war die möglichst schnelle Ablieferung der Copra ja gesichert, da es im Interesse sämmtlicher Bewohner von Ruluana lag, ihren Schatz in kürzester Zeit zurückzuerhalten. Das Pfand wurde also mit der Gegenversicherung angenommen, daß die Rückgabe bei der Ablieferung des letzten Sackes Copra erfolgen würde, wobei natürlich auch ernste Mahnworte, in Zukunft deutsches Eigenthum stets als Tabu zu betrachten, gesprochen wurden. Nach Erledigung dieser Sache und nachdem noch einer der Häuptlinge mir ein besonders schönes Exemplar einer Keule mit Beil angeboten hatte, wofür er ein anderes Beil und noch ein entsprechendes Geschenk erhielt, waren wir fertig und ich gab, froh über den durchschlagenden Erfolg, den Befehl zum Abmarsch. Als nun das Signalhorn sein „Sammeln“ in den Wald schmetterte, um die Vorposten und Patrouillen zurückzurufen, wurden die Menschenfresser schon ganz scheu, als aber auf das Commando „An die Gewehre“ die Mannschaften aufsprangen und zu ihren Waffen eilten, gab es kein Halten mehr, mit Blitzesschnelle war der ganze Platz von Eingeborenen gesäubert; einzelne verschwanden, große Löcher in den Zaun brechend, wie ein Schattenbild durch denselben, als ob er nur aus Papier bestände; andere braune Gestalten gewahrte man einen Augenblick oben auf dem 4 m hohen Zaun, um sie gleichzeitig nach der andern Seite hin verschwinden zu sehen, nur der alte Häuptling, welchen ich am Arm schnell festhielt, mußte zurückbleiben und brach zitternd und laut keuchend in die Knie und konnte sich während unsers noch kurzen Aufenthalts trotz allen guten Zuspruchs von seinem Todesschreck nicht erholen. Daß diese nackten Menschen in ihrer Todesangst nur mit dem Gewicht ihres Körpers durch den dicht zusammengefügten, starken und für einbruchsicher gehaltenen Zaun durchgebrochen sind und namentlich, daß sie an dem glatten Bambusholz, wo sie keine Handhabe für Hände und Füße fanden, hinauf und über den Zaun gekommen sind, erscheint mir nur darum glaublich, weil ich es selbst gesehen habe. So konnte ich diesen Strand mit dem Bewußtsein verlassen, für die Folge deutschem Leben und Eigenthum einen sichern Schutz hier zurückgelassen zu haben.

Um 2 Uhr nachmittags waren wir wieder an Bord, wenige Minuten später die Boote eingesetzt und weiter ging es nach Matupi, wo wir um 3 Uhr ankerten. Den hiesigen Verhältnissen Rechnung tragend, ging ich nicht gleich ans Land, sondern es wurde erst dem hiesigen Hernsheim’schen Agenten von der in Aussicht stehenden Ueberführung der drei Muschelgeld-Ringe Kenntniß gegeben, um dies einigen Eingeborenen mitzutheilen in der Voraussicht, daß sich diese wichtige Nachricht wie ein Lauffeuer über die ganze Insel verbreiten würde, und so war es auch. Als wir um 4 Uhr mit dem Schatz an Land kamen, fanden wir die ganze Bevölkerung zu unserm, oder wol richtiger zum Empfang des Geldes am Landungsplatze auf den Beinen. Ueber uns stand Leib an Leib, als wir die steile Treppe, welche auf den Rücken der kleinen Insel führt, hinanstiegen; eine schmale Gasse öffnete sich vor uns, aber nur wenige Blicke fielen auf die Fremdlinge, dagegen alle auf den Schatz. Wir hatten der ganzen Insel einen Festtag bereitet, was dadurch noch deutlicher hervortrat, daß wir nach einer halben Stunde zu einem freien Platz gebeten wurden, wo über 30 Frauen zum Tanz angetreten standen. Anzug und der Tanz selbst waren wie in Urakukua, daher nicht weiter erwähnenswerth, doch spielten sich abseits für mein Auge zwei kleine Scenen ab, welche ich erwähnen möchte.

Nicht weit von mir, an einer Stelle, wo der um uns gebildete Kreis der Eingeborenen etwas gelichtet war, stand ein kleiner, vollentwickelter, reizender Backfisch mit den Händen auf dem Rücken und schaute so unverwandt nach mir hin, daß ich zu ihm trat, um ihm ein kleines Geschenk zu geben. Bei meiner Annäherung blieb das nackte Mädchen ruhig stehen, bis ich dicht vor ihm war, dann aber drehte es sich schnell um und nahm die Arme so geschwind nach vorn, als ob es Angst hätte, mit denselben etwas zu verdecken, lief rasch einige Schritte, blieb dann wieder stehen, um sich zurückzuwenden und ihre Hände schnell wieder auf dem Rücken zu verbergen. Lag bei ihr das Schamgefühl in den Händen? Ich mußte lachen und kehrte auf meinen Platz zurück.

Den Mittelpunkt des andern Bildes gaben zwei junge Burschen ab, Jünglinge in gleichem Alter, welche Arm in Arm untergefaßt und in der freien Hand den Speer tragend auf einem seitlich von uns freigebliebenen Raume mit ernsten Mienen in eifrigem Gespräch auf- und abgingen, ohne uns aus den Augen zu lassen. Ich glaube in ihren Gesichtern lesen zu können und zu errathen, was ihre Seele bewegt. Sie bauen, wie wir es in gleichem Alter gethan haben, Luftschlösser, in welchem sie die Helden sind und sich zu Herren meines Schiffes machen, wenn zwei Voraussetzungen zutreffen, nämlich wenn sie einen engen Hohlweg mit einer großen Fallgrube am Ende finden und es ihnen gelingt, uns Fremdlinge hineinzulocken. Sie stehen gedeckt am Ende des Weges und warten auf unser Kommen, um jeden aus dem Wege Heraustretenden mit sicherm Stoß so ins Herz zu treffen, daß er lautlos und von den Nachfolgenden ungesehen in die Grube stürzt. Ihr Arm erlahmt nie, einer nach dem andern von uns fällt, und nur die zwei letzten werden als lebende Trophäen und ihre nunmehrigen Sklaven von ihnen zum Heimatsdorfe gebracht. Mit dem jetzt ihnen gehörenden Schiffe machen sie sich dann zu Königen von Neu-Britannien und von noch viel anderm Land, welches sie erreichen können.

Nach dem Tanz machten wir noch einen Spaziergang durch den Ort, in welchem es laut herging, da meine beurlaubten Mannschaften alle Straßen belebten und in dem Wunsche, auch ein Andenken an ihren Besuch bei den Menschenfressern mit nach Hause zu bringen, die Ursache eines regen Tauschhandels geworden waren. Durch die Freigebigkeit des Herrn Weber, welcher mir für meine Mannschaft einen großen Ballen Taback geschenkt hatte, war es mir möglich geworden, die Leute auch mit gangbarer Münze (einige Stangen Taback) zu versehen und ihnen so die Möglichkeit zur Erwerbung eines Andenkens zu geben.

Ganz Matupi ist eigentlich nur ein großes Dorf mit vielen Straßen. Jeder selbständige Eingeborene hat sein Haus nebst daran gelegenem Land mit einem Zaun umgeben, und da das Land gut bebaut und bepflanzt ist, so macht das Ganze den Eindruck vieler ordentlich gehaltener Gehöfte mit dazwischenliegenden Straßen. Vor einem Hause sahen wir Frauen in Trauerkleidung, die darin besteht, daß das Gesicht mit einem aus Ruß und Oel hergestellten schwarzen Anstrich bedeckt ist, welcher über den Augenbrauen beginnt, beinahe bis zu den Ohren reicht und unter dem Munde abschneidet. Bei Männern habe ich ein solches oder ähnliches äußeres Zeichen der Trauer nicht gesehen. Vor einem andern Hause fanden wir zwischen mehrern Frauen eine, welche laut schrie, aber verstummte, als wir vor ihr stehen blieben, und ihr Geheul wieder anstimmte, sobald wir zurücktraten. Ich bat einen Herrn, sich zu erkundigen, was dies bedeute, und wir erhielten die Antwort, daß die Frau von ihrem Manne Prügel bekommen habe. Da sie keine Thränen vergoß und die Execution wol auch schon vor einiger Zeit stattgefunden hatte, so bleiben nur zwei Möglichkeiten für diese Schmerzäußerung bestehen. Entweder gehört es mit zur Strafe, daß sie der ganzen Nachbarschaft durch ihr Geheul die Thatsache persönlich mittheilen muß, oder aber sie will Aufsehen erregen und sich zum Gegenstand der Neugierde und Bemitleidung machen.

Am nächsten Morgen fuhr ich in aller Frühe in meinem Boote noch nach der in der Nähe liegenden kleinen Insel, welche ihren Ursprung dem am 9. Februar 1878 stattgehabten vulkanischen Ausbruch der einen Tochter verdankt. Sie bildet einen schmalen, fast kreisrunden Sandring von 10 m Höhe und einem ganzen Durchmesser von etwa 90 m; hat innen eine Lagune mit noch heißem, sehr schwefelhaltigem Wasser, welche durch einen kleinen Durchbruch mit dem Meere in Verbindung steht. Die Insel hat also genau die Gestalt der mit Atoll bezeichneten Koralleninseln und würde eine solche geworden sein, wenn der obere Rand des Ringes unter der Wasseroberfläche geblieben und später noch einmal der ganze Meeresboden ebenso gehoben worden wäre, wie es bei dem jetzigen Kraterausbruch der Fall war. Die im Innern aufsteigenden Schwefeldämpfe vernichten die sich hierher verirrenden Korallenthierchen, wenn der Boden innerhalb der Lagune ihnen sonst den Anbau gestatten sollte, und ich komme hiernach immer mehr zu der Ueberzeugung, daß die von mir gegebene Erklärung der Entstehung der Koralleninseln den größten Anspruch auf Wahrscheinlichkeit hat.

Um 8½ Uhr vormittags verließ ich Matupi wieder, ging um die Gazelle-Halbinsel und steuerte an der Nordküste Neu-Britanniens entlang, wo ich für kurze Zeit auch an einer deutschen Station stoppte, um einen zum Schiffe gekommenen Häuptling zu empfangen, welcher frische Kokosnüsse als Geschenk brachte und mir persönlich auch noch seinen schönen, mit einem Strauß aus schwarzen Federn gezierten Speer schenkte. Um 2½ Uhr nachmittags ankerten wir in Port-Weber, wo der Consul sein Pathenkind, den nach ihm benannten Hafen, zum ersten mal sehen sollte. Der deutsche Agent kam an Bord und erzählte, daß kurz vor unserer Ankunft dicht bei seinem Hause ein größerer Kampf zwischen Eingeborenen stattgefunden habe und etwa 100 Schritte entfernt im Busch noch zwei Leichen lägen, welche die Eingeborenen jedenfalls aus Furcht vor dem ankommenden großen Schiffe zurückgelassen hätten. Unser Zweck war hier, wie schon erwähnt, denjenigen Häuptling, welcher den Agenten bedroht hatte, zur Vernunft zu bringen; es wurde deshalb ein in Diensten des Agenten stehender Eingeborener abgeschickt, ihn zum Schiffe zu bestellen. Der Mann war infolge der Aufregung des kürzlich erst beendeten Kampfes nicht geneigt, den Auftrag auszuführen, seine Bedenken schwanden aber, als der Agent seine eigene Büchse ihm zum Schutze mitgab. Nun war er bereit, nahm das ungeladene Gewehr mit dem Kolben nach oben über die Schulter und zog stolzen Schrittes ab. Auf meine Frage, was das Gewehr ihm nützen solle, wurde mir die Antwort, daß das Gewehr an sich ihm ausreichenden Schutz gebe, mithin die Attrape also genügend war. Ich rechnete übrigens nicht darauf, daß der Mann kommen würde, und wollte mich daher mit der Thatsache, hier gewesen zu sein, begnügen.

Ich bekam hier einen Einblick in das Leben dieser Agenten und verstehe danach kaum, wie sich zu solchem Leben überhaupt noch Männer finden. Diese Station ist vorläufig die am weitest vorgeschobene, ist auf dem Seewege 40 Seemeilen sowol von Matupi wie von Makada entfernt, und nur auf diesen Weg ist zu rechnen, da der Landweg den Europäern vorläufig noch verschlossen ist. Allerdings hat die Handels- und Plantagengesellschaft ein größeres Segelschiff zum Schutze ihrer Agenten an der Küste dauernd stationirt. Hier lebt nun der Mann fern von Menschen, umgeben von dichtem Urwald in einem kleinen Blockhaus mit einem Eingeborenen als Diener, auf dessen Zuverlässigkeit er auch keineswegs bauen kann, ganz allein, fortwährend von den in der Nähe wohnenden Stämmen bedroht. Von hier aus macht er in steter Lebensgefahr seine kleinen Geschäftsreisen in das Innere, hier empfängt er die Eingeborenen, welche gegen Copra, Schildpatt u. dgl. europäische Waaren eintauschen wollen, und hier im eigenen Hause muß er noch vorsichtiger sein als außerhalb desselben, weil der Anblick der begehrten Artikel so leicht zum Mord reizen kann. Allein muß er sein Haus und Leben bewachen und vertheidigen; seine Nahrung besteht nur in Conserven, wenn ihm sein Diener nicht ab und zu Fische fängt oder Früchte bringt. Diese Wohnstätte machte auf mich einen so trübseligen Eindruck, wie ich nur je einen gehabt habe, und dies um so mehr, als der Mann auch noch häufig am Fieber leiden soll und dann keinerlei Pflege hat.

Da es inzwischen Abend geworden war und wir die nächste Umgebung und den Kampfplatz nicht mehr besichtigen konnten, kehrten wir an Bord zurück, um hier bei einem Glase guten Weins das Abendconcert unserer Kapelle zu genießen und dabei zu finden, daß ein Kriegsschiff doch nicht der schlechteste Aufenthaltsort ist, wenn man auch schon seit Wochen keinen frischen Proviant mehr gesehen, sondern nur von Conserven gelebt hat. In Matupi war es mir allerdings gelungen, dem dortigen Hernsheim’schen Agenten zwei sorgsam gehütete magere Enten, welche er Gott weiß woher erlangt hatte, abzujagen, da man hier sagen kann: „Noth bricht Eisen“, aber diese reichen eben nur für meinen Gast und mich, und die armen Offiziere gehen auch hier leer aus, während die Mannschaft ja kürzlich durch die geschenkten zwei Schweine einmal wieder frisches Fleisch zu essen bekommen hatte.

Der Morgen des 18. fand uns wieder reisefertig, doch entschloß ich mich auf die Mittheilung des Agenten hin, daß der hierherbefohlene Häuptling kommen wolle, noch bis 9 Uhr zu warten. Als sich zu dieser Stunde noch nichts sehen ließ, gab ich den Befehl zum Ankerlichten und gerade, als der Anker eben aus dem Grund gebrochen werden sollte, stieß ein Kanu vom Lande ab. Ich ließ daher halten und sah bald zu meiner Befriedigung den gesuchten Mann bei mir an Bord. Es war viel, daß er gekommen war, und dies zeigte sowol, daß er Vertrauen zu uns hatte, wie auch, daß seine Drohungen nicht ernst gemeint oder falsch verstanden waren. Wir schieden als gute Freunde und nun wurde unter Segel und Dampf die Rückfahrt nach Makada angetreten, wo wir um 4 Uhr nachmittags eintrafen und gleich mit dem Uebernehmen des inzwischen geschlagenen Holzes begannen. Von Herrn Hernsheim, welcher direct von Matupi in einem offenen Boot hierher zurückgekehrt war, erfuhr ich mancherlei Angenehmes. Zunächst, daß die Leute in Ruluana fleißig beim Copraeinsammeln seien und der heute von dort hierher zurückgekehrte Agent versichert habe, wie ihm seit seinem Hiersein noch nie von den Eingeborenen eine so zuvorkommende Behandlung zutheil geworden sei, als in Ruluana nach unserer Landung daselbst. Ferner bat er, von einer weitern Verfolgung der Häuserbauangelegenheit abzusehen, weil alle Leute der betreffenden Häuptlinge für mich hätten Holz schlagen müssen. Mit dem Bau sei aber begonnen und derselbe nur noch nicht fertiggestellt. Ich erklärte mich damit einverstanden und konnte von dem beabsichtigten nächtlichen Streifzug, bei welchem ich die Häuptlinge im Falle der Nichterfüllung ihres Versprechens aufheben wollte, absehen. Weiter, und dies war die Hauptsache, theilte er mir mit, daß am nächsten Morgen die neun Häuptlinge, welchen der Hafen von Makada gehörte, zu mir kommen wollten, um mir ihren Hafen zu verkaufen, und schließlich hörte ich noch zu meiner Freude, daß King Dick uns zu Ehren doch noch einen Dug-Dug für den nächsten Nachmittag angeordnet habe und er mir dies am nächsten Morgen selbst mittheilen wolle.

Am 19. morgens 9 Uhr war meine Kajüte zum Empfang der Häuptlinge bereit. Unparteiische, Zeugen und Dolmetscher waren anwesend, die in Englisch und Deutsch ausgefertigten Kaufbriefe lagen auf dem Tische. Wir brauchten nicht lange zu warten, denn bald erschienen neun Eingeborene, an ihrer Spitze King Dick mit einer schwarz-weiß-roth angestrichenen Blechkrone auf dem Kopfe, welche, wie ich nachher erfuhr, die Offiziere hatten anfertigen lassen und ihm beim Betreten des Schiffes aufgesetzt hatten. Mit Ausnahme von King Dick und Torragud, welcher wieder seine blaue Jacke trug, waren alle in ihrer Nationaltracht, nackt mit dem Speer in der Hand. Nach kurzer Begrüßung nahmen die Häuptlinge in der landesüblichen Weise auf meinem Teppich in einem Halbkreise um uns Platz, d. h. halb hockten sie und halb saßen sie. Die Füße bleiben dabei dicht am Körper, die Knie stehen hoch und sind soweit geöffnet, daß der Kopf zwischen ihnen liegt. Das Geschäftliche war bald erledigt. Nach nochmaliger Frage erklärten die Häuptlinge genau zu wissen, um was es sich handele und daß sie bereit seien, gegen den verabredeten Kaufpreis ihren Hafen an mich zu verkaufen, baten aber, daß es ihnen doch erlaubt werden möge, in dem Hafen fernerhin zu fischen, solange ich nicht fischen wolle. Dieser Punkt war von uns übrigens vorher schon erwogen und in den Kaufbrief aufgenommen worden, weil der Besitzer des Hafens nach hiesigen Rechtsbegriffen auch nur allein das Recht zum Fischen hat und es mir fern lag, die Leute in dieser Beziehung beschränken zu wollen. Als ihnen daher der Kaufbrief vorgelesen und übersetzt worden war, nach welchem sie nur das Wasser und den Strand verkaufen, das Fischereirecht dagegen behalten und ferner auch den Schiffen anderer Nationen das Anlaufen des Hafens freigestellt bleibt, sprangen sie sofort auf, um den Brief durch ihr Handzeichen zu vollziehen und demnächst ihr Theil an dem Kaufgeld, welches vornehmlich in Kleidungsstücken, Beilen, und Messern bestand, zu empfangen. Topulu brachte danach noch seine Dug-Dug-Einladung an und dann trennten wir uns bis zum Nachmittag, bis zu welcher Zeit auch das Holz übernommen und verstaut sein mußte, sodaß ich meiner Besatzung dieses seltene Schauspiel auch zugängig machen konnte. Unten im Schiff waren schon alle disponiblen Räume mit Holz ausgefüllt und das Oberdeck war vorn bis auf einen offengehaltenen schmalen Weg auch schon bis zur Reling vollgepackt.

Nach dem Mittagessen der Mannschaft wurden die großen Boote ausgesetzt und das aus 130 Mann bestehende Landungscorps machte sich zur Ausschiffung bereit. Noch ehe wir vom Schiffe absetzen, wird es auf dem Hafen schon lebendig, von allen Seiten strömen Kanus nach dem Nordende von Amakada, weil der Dug-Dug bei dem Hause des Herrn Brown stattfinden soll. Auch zeigen sich schon einzelne Dug-Dug-Tänzer, welche immer einer mitten in einem von mehrern Männern geruderten Kanu stehen und unter dem Singen der Ruderer und Schlagen der Trommel fortwährend in Bewegung sind, weil sie nie stehen, im Boot aber auch nicht sitzen dürfen. Unter fortwährendem Hopsen wiegen die Masken auf und nieder, nach vorn und hinten. Wir sind auch bald an unserer Haltestelle angelangt, einer kleinen, von reicher Vegetation eingerahmten Bucht, wo alle Boote gleichzeitig anlegen können und wo auf dem Strande eben Platz genug ist, daß die Mannschaften antreten und sich ordnen können. Der dort einmündende Pfad ist aber so schmal, daß wir auf ihm zu zwei und zwei hintereinander marschiren müssen. Diesen Marsch auf dem weichen, mit saftigem Gras bewachsenen Pfad werde ich nie vergessen. Ueber uns das dichte Laub der mächtigen Baumriesen, welche nur hier und da den Sonnenstrahlen ein zeitweises Durchflimmern gestatten, zur Rechten und Linken den Blick in den herrlichen, majestätischen Ur- und Hochwald, welcher nur unten mit 1 m hohem Gestrüpp bestanden ist, und dabei rund um uns, vorn, hinten, rechts und links ein unsichtbares Leben von gar eigenartiger Wirkung, welches uns unwillkürlich verstummen macht. Der ganze Wald scheint mit Waldgeistern bevölkert, welche laute Jauchzer, dumpfe Trommelschläge und merkwürdig metallische, durch Blasen auf grünen Blättern erzeugte Töne zu uns herübersenden, ohne daß wir deren Urheber sehen. Es sind alle die, welche zum Dug-Dug eilen, um ihn zum Festplatz zu geleiten.

Oben beim Hause des Herrn Brown angelangt finden wir eine Reihe Stühle aufgestellt, mit den Lehnen dem freien Platze vor dem Hause zugekehrt. Die Stühle sehen daher nach dem Platze, auf welchen der Hohlweg, den wir gekommen, mündet und welcher an einer steil abfallenden Felsenwand vorbeiziehend rechts wieder als tiefer Hohlweg weiter nach oben steigt. Meine Mannschaften nehmen hinter der Stuhlreihe Aufstellung; wir eigentlichen Gäste werden gebeten auf den Stühlen Platz zu nehmen, und ich erhalte den Ehrenplatz in der Mitte, zu meiner Rechten Frau Brown, zu meiner Linken die junge Missionarsfrau. Im Walde ist es inzwischen still geworden, von Eingeborenen sind nur drei mit Hüfttüchern bekleidete Frauen bei uns, darunter auch die einäugige von Topulu. Es waren nämlich von Frau Brown nur solche Frauen zugelassen worden, welche im Stande waren, sich etwas zu bekleiden; auf die Männer aber erstreckte sich, wie wir nachher sahen, ihr Einfluß nicht. Kurze Zeit nachdem wir Platz genommen, hören wir rechts aus dem Hohlweg von der Höhe ein dumpf grollendes Brüllen, wie das eines Löwen, welches links aus dem Hohlweg aus der Tiefe beantwortet wird und nun ununterbrochen Schlag auf Schlag folgt; es ist ein von mehrern hundert Kehlen gleichzeitig ausgestoßener, tiefer, langgezogener Ton, welcher mit einem in der Quint liegenden kurz herausgestoßenen höhern Ton jäh abschließt. Das Brüllen wird stärker und stärker, in den Hohlwegen werden Menschen sichtbar, braune dicht aneinandergedrängte nackte Männer, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, in der erhobenen Rechten den wurffertigen Speer. Wie der Heerwurm wälzen und schieben sich diese Menschenströme langsamen Schrittes in dem Takte des Brüllens nach dem vor uns liegenden Platze zu, quellen wie gestautes Wasser aus den schmalen Gassen heraus und überfluten schließlich den ganzen Platz. An 1000 Krieger dringen mit erhobenen Speeren aufeinander ein, für das Auge wie ein träger, aber alles vor sich niederwerfender Lavastrom, bleiben aber wie angewurzelt stehen und verstummen, als die Reihen der linken Partei sich öffnen und aus ihrer Mitte das schöne Dug-Dug-Kanu herausgetragen wird und neben diesem auf den Schultern zweier Männer King Dick mit seiner Blechkrone auf dem Kopfe erscheint. Daß Topulu nicht in dem Kanu sitzt, sondern sich nebenhertragen läßt, ist die einzige Abweichung von dem wirklichen Dug-Dug. Topulu läßt sich neben dem Kanu einmal die Reihen auf- und abtragen, dann treten die Eingeborenen zurück und stellen sich an der uns gegenüberliegenden Felsenwand auf. Das Kanu wird zur Seite hingestellt und die Führer der beiden Parteien, Topulu und Torragud, kommen zu uns. Kaum ist der Platz frei, so brechen aus dem umliegenden Buschwerk die Dug-Dugs einzeln hervor, vereinigen sich hüpfend in der Mitte des Platzes, schweben wie Irrlichter richtungslos hin und her und sinken zu beiden Seiten ihrer Krieger wie ein eingeschobenes Fernrohr zusammen. Sie haben sich nur gesetzt, da aber jetzt der Laubrock noch so unverhältnismäßig hoch ist, sieht es aus, als ob sie bis über die Knie in die Erde eingesunken wären, und sie geben so einen noch wunderlichern Anblick als vorher. Jetzt ist die Zeit für die Haupthandlung gekommen. Topulu tritt mit einem sogenannten Ziegenhainer, einem 3 cm dicken Stock vor, ruft einen Namen, ein Häuptling springt vor, stellt sich, uns den Rücken zukehrend, drei Schritte vor uns auf; Topulu holt aus und zieht dem Manne einen Hieb über den Rücken, daß wir die Knochen knacken zu hören glauben und der Mann halb zusammenbricht, wendet sich dann zu uns, zeigt mit der rechten Hand nach seinen Leuten, ruft mit grinsendem Gesicht aus: „'me look out!'“ und verschwindet dann mit einigen Sprüngen wieder in dem Menschenknäuel. Darauf ruft Torragud einen Häuptling aus seiner Partei und dieselbe Scene wiederholt sich. Der Sinn dieser drastischen Schaustellung ist, daß die beiden Häuptlinge berufen sind, die Innehaltung des Tabu-Gesetzes zu überwachen, und der Schlag soll sie stets an ihre Pflicht erinnern. Damit ist der Dug-Dug für heute, oder doch wenigstens für uns beendet, ich kann aber mit demselben noch nicht abschließen, ohne der merkwürdigen Thatsache, daß die beiden Missionsdamen dieser Schaustellung in unserer Mitte beigewohnt haben, einige Worte zu widmen. Diese Thatsache gibt mir eben den Beweis, wie wenig das moralische Gefühl durch die Kleidung bedingt wird, und wie schon eine Gewöhnung von wenig Wochen ausreicht, sogar dem Auge einer der sonst als ziemlich prüde bekannten Engländerinnen der bessern Stände das vertraut zu machen, was die Natur geschaffen hat, sofern wir es in ungekünstelten Verhältnissen sehen.

Als Erwiderung des uns von den Eingeborenen gegebenen Festes ordnete ich an, daß unsere Mannschaften einen Scheinangriff auf das Missionshaus machen und den Platz im Sturm nehmen sollen. Unsere Truppe marschirte ab und während dessen werden die Stühle weggeräumt. Die Damen und die Herren vom Civil werden gebeten, auf der Veranda des Hauses Aufstellung zu nehmen, wo sich dann auch noch die Brown’schen Kinder einfinden. Die Eingeborenen werden da aufgestellt, wo die Stühle gestanden hatten, und die nicht beim Manöver betheiligten Offiziere stellen sich mit mir vor die Eingeborenen, um sie vor der Furcht zu bewahren, daß der Angriff etwa ernst gemeint sein könne. Hornsignale belehren uns, daß die Truppe im Anzuge ist, bald hören wir Gewehrfeuer und sehen an den Pulverwölkchen, daß die Teufelskerle von Tirailleuren theilweise wahrhaftig die steile Klippe genommen haben und eben mit ihren Köpfen über deren Rand zum Vorschein kommen, um den ganzen Platz einzuschließen. Huschende und wieder im hohen Gras verschwindende Gestalten, langsames und bedachtsames Feuer von zwei Seiten, dann tritt die Sturmcolonne aus dem Waldessaum, ordnet sich schnell vor demselben, eine Salve, kurzes Avanciren, noch eine Salve, dann Gewehr zur Attake rechts, die Tamboure schlagen an, die Sturmcolonne geht vor und unter den rauschenden Klangwellen des Avancirmarsches stürmt sie, eine feste Wand in der Sonne glitzernder Bajonette, mit Hurrah auf das Haus. Ein Hornsignal! und wie vom Blitz getroffen stehen unsere Matrosen in Reih und Glied vor dem Hause, weitere Befehle erwartend. Ein Schauer durchrieselt den Körper wol eines jeden Zuschauers bei diesem schönen militärischen Spiel, welches durch sein lebendiges Tempo, durch die entwickelte muthige Kraft und die Schnelligkeit der ganzen Aktion in so lebhaftem Gegensatz zu dem furchtsamen, bedächtigen Vorschreiten der Eingeborenen steht. Diese scheinen verzaubert, mit starren Blicken und offenem Munde stehen sie da wie aus Stein gehauen. Unsere Truppen marschiren ab, die Eingeborenengruppen lösen sich auf, und wir nehmen noch eine kleine Erfrischung im Hause ein, während unsere Musik vor demselben einige Stücke spielt.

Da ich am nächsten Vormittag Makada für immer verlassen wollte, so mußten wir heute von der Familie Brown Abschied nehmen, und dies veranlaßte mich bald aufzubrechen, da man sah, wie plötzlich allen der Trennungsschmerz in den Gliedern lag. Es mag sonderbar scheinen, daß diese wenigen Tage des Beisammenseins solche Gefühle erzeugen konnten, aber wenn Menschen von annähernd gleicher Gesinnung sich an solch isolirtem Punkte der Erde begegnen, dann arbeiten die Gefühle anders als in einer unter dem Segen der Civilisation liegenden Stadt. Mir wurde der Abschied von diesen guten Menschen schon schwer, wie viel schwerer mußte ihnen derselbe sein, die mit unserm Weggehen wieder alles verloren, was sie in körperlicher Gestalt für kurze Zeit an die ferne Heimat, an das Vorhandensein gleichgesinnter Menschen erinnert hatte. Ich machte die Sache kurz; die Art des letzten Händedrucks und die in den Augen der Damen schimmernden Thränen sagten uns allen, daß es nach menschlicher Berechnung ein Scheiden auf Nimmerwiedersehen war. Auf dem Rückweg lagen wir so sehr unter dem Bann des Abschieds, daß wir keinen Sinn hatten für das Leben im Walde, welches die heimkehrenden Dug-Dugs begleitete. Den Strand fand ich auch vereinsamt, da unsere Boote ja längst zum Schiffe zurückgekehrt waren und meine vereinsamte Gig sich im Gegensatz zu dem Leben und Treiben bei unserer Landung fast trübselig ausnahm. Auf dem Wasser allerdings fanden wir wieder Leben, da wir während des Rückweges zu unserm schwimmenden Heim von Kanus und heimkehrenden wiegenden Dug-Dugs umschwärmt waren. Der Abend fand alle deutschen Herren bei mir an Bord, um den letzten Abend an diesem weit vorgeschobenen Posten deutschen Unternehmungsgeistes noch gemeinsam zu verbringen, denn am nächsten Morgen sollten wir ja auch voneinander Abschied nehmen; wenn auch nicht für immer, so doch sicher für viele Jahre.

Am 20. vormittags 10 Uhr, nachdem Herr Brown mir noch einige Andenken geschickt hatte, schlossen wir mit dem Lande ab; die deutschen Herren verließen das deutsche Kriegsschiff, als der Anker gelichtet war. Tiefbewegt war ich, als die „Ariadne“ den ersten deutschen Hafen in diesem Theil der Erde -- da ich hoffe, ihn schon jetzt so nennen zu dürfen -- verließ. Wenn man vorwärts eilt, bieten sich dem Auge stets neue Bilder, dem Geiste andere Eindrücke, und so wurden auch gar schnell meine Sinne anderweit gefesselt. Oben auf der Klippe weht die englische Flagge an Herrn Brown’s Flaggenmast, um den Fuß desselben und am Rande der Klippe ist alles, was in der Nähe lebt, versammelt. Ich halte nach dem Lande ab und laufe mit langsam gehender Maschine so dicht an der steilabfallenden Küste entlang, daß man von oben in das Schiff hineinsehen kann. Die Flagge oben senkt sich zum Gruße, unsere erwidert den Gruß, Tücher und Hände winken uns ein letztes Lebewohl, unsere Matrosen entern in die Wanten und antworten mit drei jauchzenden Hurrahs, in welchen keine Trauer liegt, sondern nur reine Freude, denn mit dem Verlassen dieses Himmelsstriches rücken wir der Heimat wieder eine Etappe näher, wenngleich wir uns räumlich mehr von ihr entfernen. Die Musik stimmt einen fröhlichen Marsch an, die Maschine arbeitet mit voller Kraft und nach zehn Minuten biegen wir um eine Ecke und sind gegenseitig unsern Blicken entrückt.

Um 1 Uhr mittags lagen wir wieder im Hafen von Meoko, wo sofort die ganze Bevölkerung zusammengetrommelt wurde, um noch, Tag und Nacht durcharbeitend, soviel Holz wie möglich für mich zu schlagen. Herr Weber begab sich sogleich an die Arbeit, um mit den durch Agenten darauf vorbereiteten Häuptlingen das Kaufgeschäft über den Hafen endgültig zu vereinbaren, während ich mit einem hier bekannten Herrn einen Spaziergang in das Innere der Insel machte. Hierbei kamen wir auch an eine schmutzige Hütte, in welcher, wie mein Begleiter mir sagte, einer der ersten Häuptlinge von Meoko schwer krank darniederlag. Ich wollte den Mann gern sehen, ihm aber auch durch unsern Arzt womöglich Hülfe oder Linderung bringen lassen. Wir klopfen daher an, ein altes häßliches Weib öffnet uns, springt uns aber dann laut kreischend mit solchem Geifer entgegen, daß wir scheu zurücktreten. Mein Begleiter gibt mir gleich die Aufklärung, daß jeder unerbetene Besuch eines Häuptlings, zu welchen alle Weißen rechnen, mit Diwarra bezahlt werden muß und daß diese Sitte schon manchem harmlosen Europäer das Leben gekostet habe. Denn da der Eingeborene diese Sitte nicht umgehen könne, so bleibe ihm nur die Wahl, entweder zu zahlen oder zu tödten, und bei der allgemein verbreiteten Geldgier zöge er, wenn irgendmöglich, lieber das letztere vor, als ein fingerlanges Stück Diwarra herzugeben. Und aus solchem Todtschlag wird dann gar häufig die Blutdürstigkeit des Menschenfressers gefolgert, während er sich selbst als in der Nothwehr befindlich betrachtet. In Wirklichkeit sind diese Eingeborenen, wenn man sie unbehelligt läßt, arbeitsame und im allgemeinen harmlose Geschöpfe. Die Alte war übrigens bald beruhigt, als mein Begleiter ihr Taback versprach, welchen sie sich von der Factorei holen könne. Sie schenkte mir nun ein 20 cm langes Stück Diwarra, während sie mir erst ein 50 cm langes zugedacht hatte. Aber ehe es in meine Hand gelangte, zog sie es schnell zurück, sah mich an und schnitt gierig noch ein kleines Stück ab und wiederholte dieses Manöver so lange, bis wir ungeduldig wurden und mein Begleiter ihr das schon auf 20 cm eingeschrumpfte Stück entriß. Jetzt ließ sie uns eintreten und in einem Winkel fanden wir den weiß angestrichenen armen alten Teufel, welchem ich nach dem Rath meines Begleiters leider nicht helfen durfte, denn wenn unser Arzt ihm etwas gäbe und der Mann stürbe doch, dann würden wir der Vergiftung bezichtigt und die Folge würde wahrscheinlich die Ermordung eines Weißen sein; ja, schon der Besuch des weißen Medicinmannes würde im Falle des eintretenden Todes als Zauberei hingestellt werden. So mußte ich den armen Kerl seinem Schicksal überlassen.

Gestern Morgen, am 21. December, habe ich den Hafen von Meoko in derselben Weise wie den von Makada gekauft, und da um 10 Uhr auch das Holz an Bord war, konnten wir um 10½, Uhr den zweiten deutschen Hafen verlassen und streben jetzt mit Macht den Samoa-Inseln wieder zu, weil es für die dortigen Interessen die höchste Zeit ist, daß der Consul und ich dahin zurückkehren. Deshalb habe ich auch das beabsichtigt gewesene Anlaufen einiger Inseln der Salomons-Gruppe aufgegeben und will mich mit nur einem zwei- bis dreistündigen Aufenthalt auf Savo begnügen.

14.

Samoa.

III.

15. Januar 1879.

Die Samoa-Inseln sind wieder einmal in Sicht. Schon heute Morgen 8 Uhr sahen wir für kurze Zeit Savai’i, als wir noch 70 Seemeilen davon abstanden, doch es verschwand bald wieder hinter Wolken und ist erst vor zwei Stunden, um 4 Uhr nachmittags, wieder zum Vorschein gekommen. Wir werden wol morgen Vormittag in Apia eintreffen und wenn dies auch nicht am 1. Januar, wie ursprünglich geplant, geschehen ist, so wird die Verzögerung doch nicht viel ausmachen, da Herr Weber während der Reise genügende Muße gefunden hat, das Vertragsinstrument soweit auszuarbeiten und in Deutsch, Samoanisch und Englisch (das letztere Exemplar für den zu den Verhandlungen mit heranzuziehenden Dolmetscher bestimmt) fertig zu stellen, daß es von den beiderseitigen Bevollmächtigten nach einer nur kurzen Prüfung unterschrieben werden kann.

Die Reise hierher ging durch den tropischen Hochsommer, welcher durch windstilles schwüles Wetter und häufige Regenfälle gekennzeichnet ist. Die Folge der Windstillen war, daß wir den größten Theil unter Dampf zurücklegen mußten und das Maschinenpersonal somit die Hauptarbeit zu tragen hatte, welche namentlich für die Heizer vor dem Feuer sehr schwer war, aber auch von dem Commandanten empfunden wurde, da dieser bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich mit viel Unverstand zu kämpfen hat. So wurde mir eines Tages, bald nach unserer Abfahrt von Meoko, die Meldung gemacht, daß die Heizer vor den Feuern umfielen, und die Forderung an mich gestellt, diesen Leuten regelmäßige Branntweinrationen verabfolgen zu lassen, trotzdem man wußte, daß ich ein entschiedener Gegner dieses Genußmittels während regelmäßiger Arbeit bin und ich auch die Gründe für meine Auffassung oft genug auseinandergesetzt hatte. Anstatt die Forderung zu erfüllen, ging ich mit den betheiligten Personen in den Heizraum, um ihnen an Ort und Stelle zu zeigen, daß die Hitze dort nicht viel höher wie unter andern Verhältnissen war, mithin die Ursache der Schwächezustände anderweit und zwar darin zu suchen sei, daß die Leute bereits geschwächt zum Dienst erschienen waren. Meine Vermuthung war gleich, daß die von mir für das körperliche Wohl dieser Leute getroffenen Anordnungen, welche darin bestehen, daß die von Wache kommenden Heizer sofort ein Bad nehmen müssen und im Anschluß daran gezwungen werden, sich auf dem Deck in frischer Luft aufzuhalten, an möglichst kühlen Plätzen zu schlafen und ihren eigentlichen Wohnraum, welcher über dem Kesselraum liegt, nur zur Aufbewahrung ihrer Sachen zu benutzen, nicht streng genug befolgt würden. Ich ging daher von dem Heizraum in das genannte Wohngelaß und fand die Leute, wie ich befürchtet hatte, berußt wie sie von den Feuern gekommen waren, in dem heißen schwülen Raum auf der Erde liegend. Daß sie in solcher achtstündigen Ruhe nicht die Kräfte finden konnten, um nachher wieder vier Stunden vor den Feuern aushalten zu können, liegt auf der Hand; aber den Leuten selbst, welche nach ihrem Dienst aller Willenskraft bar sich an dem ersten Ort, wo sie sich ungestört wähnen, hinwerfen und in einen halb ohnmächtigen Zustand verfallen, konnte ich deshalb nicht zürnen, sondern nur dem Aufsichtspersonal, welches die ertheilten Befehle auszuführen hatte. Ich trug natürlich Sorge, daß die getroffenen Anordnungen nunmehr auch Beachtung fanden, die Leute gebadet, frisch gekleidet und an luftigen Orten untergebracht wurden, worauf, trotzdem die Heizer keinen Branntwein, sondern nur den vorgeschriebenen Haferschleim- und Theeaufguß erhielten, keine der vorerwähnten Schwächezustände mehr vorkamen. Es ist doch eine wunderbare Thatsache, daß immer und immer wieder von dem „Schnaps“ alles Heil erwartet wird.

Die ersten Tage dieser Reise waren auch noch in anderer Beziehung sehr unbehaglich, da das als Feuerungsmaterial mitgenommene Holz, welches ja alle freien Theile des Schiffes ausfüllte, uns so viel Ungeziefer mitgebracht hatte, daß wir uns desselben in den ersten Tagen gar nicht erwehren konnten. Namentlich die Ameisen und 10 cm lange, 1 cm dicke Tausendfüßler, welche eine sehr schmerzhafte Bißwunde hinterlassen, waren uns höchst unangenehm und wir hatten nach dem Aufbrauch des Holzes noch mehrere Tage einen eifrigen Vernichtungskrieg zu führen gehabt, ehe wir von diesen lästigen Gästen wieder befreit waren.

Am 22. December morgens mit Tagesanbruch lag Bougainville, die über 3000 m hohe nördlichste Insel der Salomons-Gruppe vor uns und blieb auch während des ganzen Tages in Sicht, da unser südöstlicher Curs in einer Entfernung von etwa 30 Seemeilen an der langgestreckten in nordwestlich-südöstlicher Richtung laufenden, 130 Seemeilen langen Insel vorbeiführte.

Am 23. morgens sahen wir die kleine Insel Treasury-Island, welche ihren Namen nach einem hier früher von Seeräubern vergrabenen großen Schatz, der immer noch seiner Hebung wartet, führen soll. Sie hat einen ziemlich guten Hafen, liegt selbst an der großen Straße und kann daher von vorbeisegelnden Schiffen leicht als Nothhafen benutzt werden. Dies bestimmte mich, in den Hafen einzulaufen, weil den dortigen noch wirklich wilden Eingeborenen nie oft genug das Vorhandensein von Kriegsschiffen als Warnung vor Augen geführt werden kann, um sie vor feindlichen Angriffen auf Kauffahrteischiffe abzuhalten.

Die gegenüber der Südküste von Treasury-Island liegende kleine Insel Stirling bildet mit dieser eine schöne, 1800 m lange und 600 m breite Bucht, in welcher bei einer kleinen, „Watson“ genannten Insel der Ankerplatz liegt. Um 9½ Uhr vormittags liefen wir in die Bucht ein und fanden dort ein außerordentlich malerisches landschaftliches Bild, zwar wieder nur Wasser, Höhen, Wald, Wolken und Menschen, aber doch so verschieden von anderm, was wir bisher gesehen. Die Natur weiß auch mit diesen geringen Mitteln ebenso wunderbar verschiedene Effecte zu erzielen, wie mit den wenigen Linien im menschlichen Angesicht.

Auf graublauem, von dickem Regengewölk gebildeten Hintergrund liegen zu beiden Seiten die die Bucht bildenden, bis etwa 120 m ansteigenden bewaldeten Höhen, deren saftiges dunkles Grün die tiefblaue Wasserfläche umschließt. Das Land zur Linken, die Südküste von Treasury-Island, bildet eine geradlinig laufende Wand, an deren Ende Watson liegt; das Land zur Rechten bildet eine gezackte Linie, vor welcher kleine bewaldete Inseln als grüne Hügel aus der blauen Grundfläche hervortreten und in Verbindung mit den zwischen ihnen liegenden kleinen Meeresarmen besonders malerisch wirken. Als wir bis zur Mitte der Bucht gekommen waren, fanden sich auch die Eingeborenen, sämmtlich mit Speeren oder Pfeilen und Bogen bewaffnet, in großen Massen bei dem Schiffe als belebendes Element ein, obgleich man an der ganzen Küste keine Hütten sehen konnte. Unserer Aufforderung, an Bord zu kommen, wagten sie nicht zu entsprechen, würden aber bei einem Kauffahrer eine derartige Aufforderung wol gar nicht erst abgewartet, sondern versucht haben, sich einen solchen Besuch zu erzwingen. Ich halte diese Eingeborenen noch für außerordentlich gefährliche Gäste und glaube, daß Handelsschiffe gut thun, diese Häfen nur unter Beobachtung größter Vorsichtsmaßregeln für kurze Zeit und zwar mit den Waffen in der Hand anzulaufen.

Nach einstündigem Aufenthalt dampften wir wieder aus der Bucht, trafen am 25. December vormittags bei der Insel Russell ein, liefen zwischen dieser und Guadalcanar durch und drehten nachmittags 1½ Uhr vor der kleinen Insel Savo bei. Der Besuch der Insel galt nur kaufmännischen Interessen, weil hier ein Engländer, einer der wenigen Europäer, welche es überhaupt bisjetzt gewagt haben sich auf den Salomons-Inseln niederzulassen, leben sollte, und es Herrn Weber darauf ankam, etwas über die hiesigen Handelsverhältnisse und die Möglichkeit der Gewinnung von Plantagenarbeitern zu erfahren. Die Insel ist eirund, 6 Seemeilen lang, 3½ Seemeilen breit, 600 m hoch und dicht bewaldet; Hütten waren nur am Strande zu sehen und wird wol auch nur dieser bewohnt.

Ich fuhr gleich mit dem Consul in meiner Gig an Land, einige beurlaubte Offiziere u. s. w. folgten in den beiden bewaffneten Kuttern, sämmtliche Bootsgasten waren mit scharfen Patronen versehen. Am Strande hatte sich schon während unserer Annährung eine große Menschenmenge, Männer, welche Bekleidung noch für etwas Ueberflüssiges hielten, angesammelt, unter welcher wir auch bald den gesuchten Engländer entdeckten. Das Schiff lag so nahe am Lande, daß wir nur wenige Minuten bis dahin zu rudern hatten, und bei unserer Landung trat der Engländer gleich an mich heran, um seine Dienste anzubieten. Da wir vorerst nur mit ihm zu thun hatten, so gingen der Consul und ich mit zu seiner von dem Dorfe weit abliegenden Behausung, nachdem ich vorher den Beurlaubten noch die größte Vorsicht für den Verkehr mit den Eingeborenen anempfohlen hatte. Unser Weg führte am Strande entlang, wo wir auch an mehrern Hütten vorbeikamen, welche bei der flüchtigen Besichtigung, die wir ihnen nur widmen konnten, einen peinlich saubern Eindruck machten, wie auch die in den Hütten befindlichen, mit Grasschurz bekleideten Frauen, welche angenehme Gesichtszüge und eine hellbraune Hautfarbe hatten, einen reinen gepflegten Körper zu haben schienen. Als ich während unsers Marsches den Wunsch äußerte, Hühnereier zu kaufen, wurde mir der Bescheid, daß solche nicht zu haben seien, ich aber die Eier eines Vogels, welcher dieselben in den Sand legt und dort von der Sonne ausbrüten läßt, erhalten könne. Ein entsprechender Auftrag an einige der uns begleitenden Eingeborenen hatte zur Folge, daß mir schon nach einer halben Stunde ein ziemlich großer Korb voll braunrother, hell ziegelfarbener Eier von 9 cm Länge und 6 cm Dicke gebracht wurde, von welchen behauptet wird, daß der Leib des Vogels, welcher diese Eier legt, nicht viel größer wie das Ei selbst sei. Thatsächlich ist der Vogel, welcher zur Klasse der Megapodien, Großfußhühner oder Wallnister gehört und hier gemeinhin Buschhuhn genannt wird, nicht größer wie eine Fasanenhenne, das Verhältniß des Eies zum Vogel muß also ein ganz ungewöhnliches genannt werden.

Bei dem Hause des Engländers angekommen, fanden wir eine scheunenartige große Hütte, in welcher mehrere Frauen damit beschäftigt waren, Kokosnüsse handelsfertig zu machen. In einer Ecke lagen die faserigen Nußhüllen, in einer andern fertige Copra, in einer dritten wurden die frischen Nußkerne geschnitten und zum Trocknen vorbereitet. Was wir hier über die Handelsverhältnisse erfuhren, war nicht sehr verlockend, weil die Sicherheit des Lebens der Fremden vorläufig noch eine sehr zweifelhafte ist. Die Eingeborenen sind passionirte Menschenfresser und stets auf Raubzügen begriffen, um sich das begehrte Menschenfleisch, Siegestrophäen und Sklaven zu verschaffen. Wenn nun auch ein fremder Händler, solange er nicht gegen die Gebräuche des Landes verstößt, was er unbewußt sehr leicht thun kann, im allgemeinen sein Leben für gesichert halten kann, weil die Eingeborenen gern handeln und lüstern nach europäischen Handelsartikeln sind, so ist sein Leben doch keinen Pfifferling werth, sobald einem andern Stamm ein Ueberfall auf das Dorf, in welchem er lebt, gelingen sollte, und dies kann jederzeit geschehen. Bewundernswerth ist es daher, daß sich immer wieder Leute finden, die verhältnißmäßig geringen Gelderwerbs wegen ihr Leben derart in die Schanze schlagen. Ob es mit der Zeit gelingen wird, hier für die Samoa-Inseln Plantagenarbeiter zu gewinnen, muß die Erfahrung lehren, eine schwierige Sache dabei bleibt aber immer die große Entfernung zwischen den beiden Inselgruppen und für Segelschiffe namentlich die ungünstigen Windverhältnisse.

Wir machten uns bald wieder auf den Rückweg, um auch noch einen Blick in das Dorf zu werfen, doch fanden wir an unserer Landungsstelle die Brandung so hoch geworden und das Einsteigen in die Boote bereits so gefährdet, daß ich mich zum sofortigen Verlassen des Landes entschloß, weil eine Zunahme des Seegangs noch zu erwarten war und bei weiter auffrischendem Winde auch die Lage des Schiffes mir gefährdet schien. Zwar hätte ich mich gern noch überzeugt, was die Ansammlung von vielleicht 200 bewaffneten Eingeborenen bei unsern andern Booten zu bedeuten habe, ließ mich aber durch die gefährliche Lage meiner Gig bestimmen, davon abzusehen, weil sich an den Booten selbst nichts Auffälliges zeigte und unser Schiff auch so nahe bei denselben lag, daß man von dessen erhöhtem Standpunkt aus mußte übersehen können, was an Land vorging. Der Consul und ich kamen mit etwas geschundenen Schienbeinen in das Boot, der Diener des Consuls aber, ein Marshall-Insulaner, kam schon nicht mehr hinein, sondern verschwand unter demselben und mußte schwimmend außerhalb der Brandung aufgenommen werden. Dem Offizier, welcher die beiden Kutter befehligte, rief ich dann zu, die Beurlaubten zu sofortiger Einschiffung zu veranlassen, was denn auch kurze Zeit darauf geschah, sodaß wir um 3½ Uhr schon wieder auf der Weiterreise waren, aber doch noch einmal stoppten, als von dem Punkt aus, wo die Hütte des Engländers liegen mußte, ein Kanu, in welchem sich zwei Leute befanden, von denen einer, wie durch das Fernrohr zu erkennen war, mit Hemd und schwarzem Filzhut bekleidet war, mit aller Macht auf uns zuruderte. Ich hielt es nicht für unmöglich, daß der Engländer vielleicht durch irgendeinen Umstand gefährdet worden sei und bei uns Schutz suchen wollte, hielt daher auf das Fahrzeug ab, sah aber bald, daß der Bekleidete auch ein Eingeborener war. Die Leute wollten nur einige Sachen zum Verkauf stellen, und da sie einmal den weiten Weg gemacht hatten, wartete ich so lange, bis sie ihre Sachen losgeworden waren. Ich erstand mir auch etwas, eine mit gelbem und rothem Stroh außerordentlich schön umflochtene Keule, einen in ähnlicher Arbeit ausgeführten kleinen Holzkamm, sowie einen reizenden kleinen Kakadu, wie sie nur auf den Salomons-Inseln vorkommen.

Die Salomons-Insulaner sind dafür bekannt, besonders feine Handarbeiten auszuführen, und die von mir gekauften Sachen bestätigten diesen Ruf. Speere, Pfeile, Armbänder aus Muscheln, und ein aus einer Muschel mit Schildkrotverzierung hergestelltes Stirnschild, welche sämmtlich von der Geschicklichkeit und dem guten Geschmack dieser Eingeborenen Zeugniß ablegten, besaß ich schon, die hier erworbenen Sachen übertrafen aber die letztgenannten noch an zierlicher, geschmackvoller und sauberer Ausführung. Der Kakadu ist dadurch merkwürdig, daß er wesentlich von den sonst vorkommenden Arten abweicht, einen besonders geformten Schopf, kleinen, scharf gebogenen weißen Schnabel, weiße Füße und auffallend weite Schwingen hat. Sein Gefieder ist außen schneeweiß, unter dem Schopf dagegen orangefarben und unter den Flügeln hellgelb. Die Augen sind tief braunroth und die feine Haut um die Augen hat eine hell-wasserblaue Farbe.

An dem auf unsern Besuch Savos folgenden Tage hörte ich, daß die Ansammlung der Eingeborenen bei unsern Booten doch eine ernstere Bedeutung gehabt hatte und ohne das entschlossene Eingreifen eines jungen Offiziers wahrscheinlich zu einem ernsten Conflict geführt haben würde. Einige der von unsern Schiffen an Land gegangenen Personen hatten auch das Tabu-Haus des Dorfes besucht und die dort ausgestellten Sachen besichtigt, von welchen einem der Unserigen ein besonders schöner Speer so gut gefiel, daß er ihn durchaus haben wollte. Als der Hüter des Hauses jedes Gebot unter dem Hinweis darauf, daß der Speer „Tabu“ sei, zurückwies, nahm der Mann trotz der ausdrücklichen Warnung seiner Begleiter dennoch den Speer an sich, indem er einige Stücke Taback als Gegenleistung auf den Boden warf, da der anwesende Eingeborene sich standhaft weigerte, irgendetwas entgegenzunehmen. Als die Unserigen sich nun mit dem Speer auf der Straße zeigten, gesellten sich gleich Eingeborene zu ihnen, welche wiederholt das Wort „Tabu“ hören ließen. Die Zahl der Eingeborenen wuchs und ihre Haltung wurde bald so drohend, daß der Speerträger es nunmehr doch gerathen fand, das Streitobject an seinen ursprünglichen Platz zurückzubringen und im Anschluß daran gleich unsere in der Nähe befindlichen Boote aufzusuchen, wo die andern Beurlaubten sich bereits zu deren Besteigung anschickten. Doch ehe sie dies ausführen konnten, waren sie plötzlich von bewaffneten Eingeborenen eingeschlossen, von denen einer in gebrochenem Englisch sagte: „Wir wollen den Mann haben, welcher den Speer gestohlen hat; wir müssen ihn tödten, weil er Tabu gebrochen hat.“ Gleichzeitig trat er vor und legte die Hand an den, welcher so unvorsichtig gewesen war, doch in demselben Augenblick sprang auch ein junger Offizier hinzu und versetzte dem Angreifer einen so heftigen Schlag ins Gesicht, daß er taumelnd zur Seite fiel und die andern Eingeborenen im ersten Augenblick der Ueberraschung so weit zurückwichen, daß die Unserigen Gelegenheit fanden in die Boote zu springen, worauf die Eingeborenen keinen weitern Angriff wagten, sondern sich zurückzogen.

Daß mir von diesem Vorfall, welcher zeigt, wie streng die Eingeborenen an der Heiligkeit ihres Tabu festhalten und wie sie in ihrem Drang nach Rache weder unserer bewaffneten Boote noch des in allernächster Nähe liegenden Schiffes achteten, so spät erst Kenntniß gegeben wurde, bedaure ich deshalb lebhaft, weil ich sonst gleich dem Engländer anheimgegeben hätte, mit auf unser Schiff zu kommen und die Insel zu verlassen, da ich es nicht für unmöglich halte, daß die Eingeborenen, um den Bruch des Tabu zu sühnen, auf ihn als Opfer zurückgreifen, wenngleich andererseits aus dem Umstande, daß sie nur die Ueberlassung des Schuldigen forderten und keinen allgemeinen Angriff ausführten, gefolgert werden dürfte, daß sie einen Unschuldigen nicht zur Verantwortung ziehen werden. Nachträglich nach Savo zurückzukehren, hatte aber keinen Zweck, da die Gewaltthat, wenn sie überhaupt geschehen sein sollte, sich jedenfalls gleich nach unserer Abreise abgespielt hat und es mir unmöglich gewesen wäre, in der mir zur Verfügung stehenden Zeit die Wahrheit zu erfahren. Ist der Mord geschehen, dann würde ich bei unserer Rückkehr das Dorf verlassen gefunden haben und hätte bei einem Streifzug durch die dichtbewaldete Insel wahrscheinlich keinen andern Erfolg gehabt, als noch einige Menschenleben auf das Spiel zu setzen ohne etwas Wesentliches zu erreichen.

Die weitere Reise bis hierher zeichnete sich durch Einförmigkeit des regnerischen windstillen Wetters aus; nur unser Tisch fand eine kleine Abwechselung durch die mitgenommenen Buschhuhneier, wenn dieselben auch gerade keine besondere Delicatesse waren. Hart oder weich gekocht sind sie für unsern Gaumen überhaupt ungenießbar, und die einzige Form, in welcher das Gericht angenommen wurde, war die eines stark gepfefferten Rührei, aber auch in dieser genügten wenige Bissen der tiefrothen Speise zur vorläufigen Sättigung.

16. Januar vormittags.

Wegen des uns gebliebenen nur geringen Kohlenvorraths habe ich während der Nacht einen Umweg gemacht und bin an der Südküste von Savai’i entlang gesegelt, um den dort stehenden Passatwind zu benutzen; derselbe brachte uns auch bis zur Ostspitze der Insel, starb aber dann in der Nähe des Landes ab, sodaß wir seit heute Morgen 5½ Uhr wieder unter Dampf sind. Dieser Umweg führte mich übrigens heute Morgen dicht an die kleine Insel Apolima, welche auch einer kurzen Erwähnung werth ist.

Sie ist ein erloschener Krater, dessen Sohle noch etwas unter der Meeresoberfläche liegt und dessen Ränder sich 100-150 m über dieselbe erheben, jedoch an der Nordseite an einer Stelle einen Einschnitt bilden, durch welchen bei ruhiger See und Hochwasser auch größere Boote in den Krater und in die dort gebildete Lagune fahren können. Die Ufer der Lagune sind mit so üppigem Pflanzenwuchs bedeckt, daß eine große Zahl von Eingeborenen hier alles für sie zum Leben Nothwendige finden kann, wenn auch in der Regel hier nur etwa 100 Menschen leben. Die Insel hat nun für die hiesigen Verhältnisse insofern eine besondere Bedeutung, als die Samoaner sie für eine unüberwindliche Festung halten und ihr Besitz die Eingeborenen gegen fremde Forderungen oft trotziger macht, als sie es sonst wol sein würden. Sie gehört eigentlich zu der kleinen Insel Manono und hat diesem District von jeher in allen politischen Fragen ein gewisses Uebergewicht verliehen. Die Annahme ihrer Unüberwindlichkeit stützt sich darauf, daß Boote oder Kanus an den Außenrändern überhaupt nicht anlegen können, mit Ausnahme einer kleinen Stelle, wo dies aber auch nur bei ganz ruhiger See, welche sich in solcher Gestalt jährlich vielleicht einigemale zeigt, erfolgen kann. Eine Landung hier sichert aber auch noch keinen Erfolg, weil von dem Landungsplatz aus nur ein schmaler Fußpfad nach oben führt und so steil ansteigt, daß einige von oben heruntergeworfene große Steine genügen müssen, den Weg zu säubern oder frei zu halten.

Der Wasserweg durch den Felseinschnitt in die Lagune ist für gewöhnlich nur den leichten Kanus offen, da, wie schon erwähnt, größere Boote hier auch nur bei ganz ruhiger See die Einfahrt wagen können und zum Ueberfluß der Kanal so schmal ist, daß zur Zeit nur ein Boot einlaufen kann und dieses von den hinter den Felsen in sicherer Deckung liegenden Schützen auf kürzeste Entfernungen ein so scharfes Feuer erhalten kann, daß kaum ein Mann den Versuch überstehen dürfte. Schließlich wird der Einschnitt noch durch einen im Meere liegenden Felsen derart gedeckt, daß dieser sich für ein außerhalb vorbeifahrendes Schiff als Schild vor den Einschnitt schiebt und das Schiff daher auch von dort aus keinen Gebrauch von seiner Artillerie machen kann; und hierauf sind die Samoaner ganz besonders stolz, weil bisher noch kein Schiff zwischen Insel und Fels hindurchgefahren ist und sie daher glauben, daß dies nicht möglich ist.

Dies alles war mir bekannt, als ich heute Morgen um die Ostspitze von Savai’i herumdampfend auf Apolima zulief, und deswegen kam mir wol der Gedanke, einmal zwischen Fels und Krater durchzusteuern, um den Samoanern den Glauben an die Unüberwindlichkeit ihrer Festung zu nehmen und mir damit vielleicht ein Druckmittel zur Beschleunigung des Vertragsschlusses zu verschaffen. Die Karte zeigt zwar eine genügende Wassertiefe, ich holte aber doch noch den Rath meines halbweißen Lootsen ein, auf dessen Angaben ich hier sicher bauen konnte. Er erklärte das Fahrwasser als ganz rein von Untiefen, und da die Entfernung zwischen Fels und Apolima auch ausreichend ist, um mit einem gut steuernden Schiff hindurchzufahren, so ließ ich die „Ariadne“ als erstes Schiff diesen Weg nehmen. Die hohe Dünung war mir allerdings etwas hinderlich und die Enden unserer Raaen kamen beim Schlingern des Schiffes in so bedenkliche Nähe der Kraterwände, daß ich nach der andern Seite hin dicht an den Fels bis auf 8 m Wassertiefe herandrehen mußte; doch war dies natürlich nur für einen Augenblick. Um sicher zu gehen, mußte ich das Schiff mit großer Geschwindigkeit durch die Enge laufen lassen, sodaß mir keine Zeit blieb, das Innere des Kraters genauer zu betrachten. Ich sah zur Seite und oben nur eine schwarze Felswand, unten starke Brandung; ein Lichtblick, wo sich dem Auge die ruhige Lagune mit Kokospalmen und Brotfruchtbäumen, Hütten, Kanus, Menschen und blauem Himmel zeigte; wieder eine dunkle schwarze Felswand und das Augenblicksbild lag hinter uns.

Noch heute Vormittag werden wir in Apia sein und ich bin sehr gespannt, wie sich unsere Angelegenheiten dort nun abwickeln werden; aber entschlossen bin ich, die Sache nunmehr zu einem Ende zu führen, sollte ich auch den gordischen Knoten mit dem Schwert durchhauen müssen.

Abends.

Bei unserer Ankunft hierselbst wurden mir zwei Ueberraschungen zutheil, eine sehr angenehme, nämlich unser Kanonenboot „Albatros“ hier vorzufinden, welches zur Verstärkung der Station vor zwei Tagen von Japan aus hier eingetroffen ist und uns die Freude macht, einmal wieder liebe altbekannte Gesichter sehen zu können, mir auch die Möglichkeit gibt, unsere Post von Levuka abholen zu lassen, da ich mit der „Ariadne“ zur Zeit Apia nicht verlassen kann, und wir doch seit vier Monaten ohne alle Nachrichten von der Heimat und Europa überhaupt sind. Die zweite Ueberraschung ist weniger angenehmer Natur und bedeutet wieder einmal innere Unruhen im Samoa-Reich. Die Tuamasanga (mittlerer District von Upolu) hat während unserer Abwesenheit im Verein mit Manono, und heimlich von dem größten Theil von Savai’i unterstützt, Malietoa den Aeltern, Oheim des letzten Königs gleichen Namens, nach Mulinu’u gebracht, ihn dort vor der versammelten Taimua als König ausgerufen und ihn trotz des Widerspruchs der Regierungsgewalten in Mulinu’u eingesetzt, wo er jetzt unter dem Schutz der Regierung lebt, da die Taimua sich nicht stark genug fühlt, den ihr von der Tuamasanga für den Fall der Ausweisung Malietoa’s angedrohten Krieg aufzunehmen, obgleich sie sich auf die im letzten Krieg siegreiche und den Malietoas feindlich gesinnte Partei der Tupuas stützt.

Es bestehen nämlich hier zwei große sogenannte Königsparteien: die Anhänger der Familie Malietoa und die der Familie Tupua. Die letztere ist nach den Ueberlieferungen die ältere (tupu ist der samoanische Begriff für „König“) und glaubt das größere Anrecht an den Thron zu haben, wogegen die Familie Malietoa ihn während der letzten zwei Jahrhunderte, soweit eine derartige Zeitrechnung nach den mündlichen samoanischen Ueberlieferungen überhaupt möglich ist, im Besitz hatte. Die Malietoas entstammen übrigens auch der Familie Tupua. In alten Zeiten hat ein jüngerer Sproß dieser Familie die Samoa-Inseln von der Fremdherrschaft der Tonganer befreit, dafür von dem Volk den Namen „'malietoa'“, welcher gleichbedeutend mit „großer Held“ oder „starker Hort“ ist, erhalten und ihn von da ab als Familiennamen angenommen. Man sollte nun meinen, daß es gleichgültig sei, aus welcher der beiden Familien der König gewählt wird, wenn nur überhaupt eine Wahl dem Hader endlich ein Ende macht, dem ist aber nicht so, denn der Tupuas gibt es so viele, daß fast jedes Dorf den Thron für seinen Tupua in Anspruch nimmt. Dagegen haben die Malietoas den großen Vorzug, daß deren männliche Nachkommen nur noch in zwei Vertretern bestehen und diese sich geeinigt haben, da der frühere König die jetzige Wahl seines Oheims ebenfalls billigt. Doch ich will nicht weiter auf die innern samoanischen Verhältnisse eingehen, die für uns nur soweit Interesse haben, als sie unsere Vertragsangelegenheit berühren, in welcher Beziehung ein neuer König uns allerdings neue Schwierigkeiten machen könnte. Doch sind der Consul und ich dahin übereingekommen, daß wir die alte Regierung, welche immer noch am Ruder ist und den Malietoa nur als Scheinkönig unter sich duldet, als noch zu Recht bestehend ansehen und uns an die von ihr gegebenen bindenden Versprechungen halten.

Zu meiner großen Freude habe ich heute Abend noch gehört, daß hier am Lande unter den Eingeborenen eine hochgradige Aufregung darüber herrscht, daß unser Schiff durch die Enge bei Apolima gegangen ist. Die Samoaner sind deshalb sehr niedergeschlagen und sollen das Stichwort gegeben haben, daß ihre Festung durch uns ihre jungfräuliche Reinheit verloren hat. Ich denke, daß sich dies für unsere Angelegenheiten als nützlich erweisen wird.

26. Januar, morgens 2 Uhr.

Seit einigen Stunden sind wir auf dem Wege nach Auckland, um den mit den Samoa-Inseln abgeschlossenen Freundschafts- und Handelsvertrag noch mit der am 5. Februar von dort abgehenden Post nach Europa senden zu können. Diese für das Reich scheinbar so kleine unbedeutende Sache hat den näher dabei Betheiligten so viel Kopfzerbrechen gemacht, daß es mir ein Bedürfniß ist, der Befriedigung über den schließlichen Erfolg hier schriftlichen Ausdruck zu geben und sogar die Nacht dazu zu benutzen, da ich nur nach Erledigung dieser Arbeit eine Beruhigung meiner aufgeregten Nerven erwarten darf. Leicht wurde es uns nicht gemacht, alle diese Gegenströmungen, welche sich unsern Forderungen entgegenstellten, zu überwinden, aber unser fester Entschluß, die Sache nunmehr zu einem Abschluß zu bringen, und die Gewißheit für die Samoaner, bei fernern Winkelzügen von mir in der Folge noch härter als bisher angefaßt zu werden, ließ sie schließlich, und noch schneller als wir hoffen durften, all unsere Forderungen erfüllen. Da der Verlauf der Angelegenheit einen ganz interessanten Einblick in die Art und Weise der Eingeborenen bei solchen Verhandlungen gewährt, so mag derselbe hier in allgemeinen Umrissen Aufnahme finden.

Als die Taimua am 17. Januar sich bereit erklärt hatte, am 22. in die Verhandlungen über den Abschluß des Vertrags einzutreten, suchten unsere Gegner dies auf alle Weise zu vereiteln, und hierbei spielten der früher genannte Herr Bartlett, welcher noch immer auf seine Ernennung zum Ersten Minister wartet, sowie die französischen Priester eine hervorragende Rolle. Als eine Folge dieser Einflüsse durften wir wol die Mittheilung der Taimua, daß der Herr Bartlett in die samoanische Regierung eintreten und dann als ihr Bevollmächtigter an unsern Verhandlungen theilnehmen würde, betrachten. Wir beantworteten diese Mittheilung mit der Erklärung, daß, solange die Verhandlungen mit uns nicht zu einem Ergebniß geführt hätten oder abgebrochen seien, an der Regierungsform nichts geändert werden dürfe, und fügten die Anzeige hinzu, daß ich am 25. nachmittags Apia verlassen würde, bis dahin also der Vertrag abgeschlossen sein müsse, widrigenfalls die Samoa-Regierung die Verantwortung für die Folgen des stattgehabten Bruchs zu tragen haben würde. Wir waren zu der Erkenntniß gekommen, daß wir nunmehr schnell zum Ziele kommen mußten, wenn wir überhaupt noch auf einen Erfolg rechnen wollten, und setzten daher den kurzen Termin, nachdem die Samoaner sechs Monate Zeit gehabt hatten, sich mit der Sache eingehend zu beschäftigen. Der Herr Bartlett kam nicht in die Regierung, aber die Samoaner wollten auch nicht nachgeben, trotzdem sie uns fürchteten und deshalb nicht mit uns brechen wollten. Eine gewisse Schwüle lag wieder einmal über Apia, Regierungsmitglieder suchten den Consul wie mich auf, sprachen über den Vertrag, fragten, ob wir sie mit Krieg überziehen würden, wenn der Vertrag nicht zu Stande käme, und was sonst noch Ueberflüssiges gefragt und beantwortet werden konnte. Als einen weitern Druck benutzte ich auch einen Besuch von Saluafata, bei welchem mich auf meine Einladung hin zwei Mitglieder der Taimua begleiteten, um den Leuten unser noch bestehendes Besitzrecht an diesen Platz vor Augen zu führen.

Am 22. mittags 1 Uhr sollten die Verhandlungen beginnen, da zu dieser Zeit die erste Zusammenkunft der beiderseitigen Bevollmächtigten im deutschen Consulat anberaumt war, und wir waren einigermaßen überrascht, die Herren Samoaner pünktlich erscheinen zu sehen. Nach zweistündiger Verhandlung baten sie, allein gelassen zu werden, um den Vertragsentwurf noch einmal unter sich durchberathen zu können, und verließen erst gegen Abend das Consulatsgebäude, wobei sie so vorsichtig waren, sich in keiner Weise über das Ergebniß ihrer Berathungen auszusprechen. Als am 23. morgens die Lage wieder für uns bedenklich schien, forderten wir von unsern samoanischen Collegen noch für denselben Tag bis spätestens 5 Uhr nachmittags eine bestimmte Antwort, ob sie den Vertrag annehmen würden oder nicht, oder welche Aenderungen sie vorzuschlagen beabsichtigten, da ich meine auf den 25. angesetzte Reise nicht hinausschieben könne, der Vertrag daher bis dahin angenommen oder abgelehnt sein müsse. Nachmittags 4 Uhr erklärten die samoanischen Bevollmächtigten, keine Aenderungen zu unserm Vertragsentwurf vorschlagen zu können und daß sie denselben in der ihnen vorgelegten Fassung annähmen. Und als ich darauf die Zurückgabe von Saluafata und Falealili noch vor meiner Abreise für den Fall zusagte, daß die in dem Vertragsentwurf vorgesehene gleich zu erfolgende Ratificirung des Vertrags durch die Samoa-Regierung erfolge, auch versprach, die samoanische Flagge zu salutiren, was bisher noch nicht geschehen war und worauf die Bevollmächtigten großen Werth legten, schwanden auch die anfänglich gegen eine vorzeitige einseitige Ratificirung geltend gemachten Bedenken. Am 24. nachmittags 2 Uhr wurden die beiden Originale des Vertrages unterschrieben, am 25. zu gleicher Stunde waren dieselben, von der Taimua und Faipule ratificirt, wieder im Consulat, in der Zeit von 2-4 Uhr wurden die von der deutschen Factorei zur Erwiderung unsers Saluts entliehenen Kanonen nach Mulinu’u geschafft, um 5 Uhr salutirte ich die samoanische Flagge und verließ um 6½ Uhr, nachdem der letzte Erwiderungsschuß vom Lande gefallen war und ich vorher noch den Commandanten des „Albatros“ beauftragt hatte, die Beschlagnahme von Saluafata und Falealili wieder aufzuheben, Apia mit dem Bewußtsein, daß das von deutschem Fleiß und deutscher Energie bisher auf den Samoa-Inseln Erworbene unsern Landsleuten nunmehr gesichert ist und diese keine fremden Abenteurer mehr zu fürchten haben, da der Vertrag sie gegen die Willkür einer jeden Eingeborenen-Regierung schützt und eine fremde Macht jetzt auch nicht mehr ohne die Zustimmung Deutschlands ihre Hand auf diese schönen Inseln legen kann. Vor allem aber ist ein sicherer Wall gegen das Vordringen der ausdehnungslustigen Colonisten von Neu-Seeland nach dem Norden geschaffen und hierin liegt meines Erachtens der Hauptwerth dieses Vertrages. Nachdem Deutschland durch einen Freundschaftsvertrag mit den Tonga-Inseln diese gegen fremde Besitzergreifung gesichert hatte, mußte es das Streben der Neuseeländer sein, Samoa zu gewinnen, um dieses als Zwischenstation für den Handel mit den nördlicher gelegenen Inseln zu benutzen, da diese von Neu-Seeland zu weit abliegen. Wäre ihnen dies rechtzeitig gelungen, dann würden sie die Deutschen mit der Zeit wieder verdrängt haben, was ihnen jetzt nicht mehr möglich ist. Die Bedeutung dieses Vertrages erstreckt sich daher bis zu den Kingsmill- und Marshall-Inseln. Die Ueberlassung des Hafens von Pago-Pago an Amerika zwang uns auch noch, zur Aufrechterhaltung des Princips der Gleichberechtigung für Deutschland ebenfalls eine Kohlenstation zu fordern, und diesem Umstande verdanken wir die Gewinnung von Saluafata, des besten Hafens in der Samoa-Gruppe, da er bei ebenfalls vollständiger Sicherheit gegen alle Winde noch Vortheile besitzt, welche Pago-Pago nicht hat, und außerdem, was von großer Bedeutung ist, in allernächster Nähe von Apia liegt.

So können wir nun mit vollständiger Ruhe den auf den Inseln sich vorbereitenden Unruhen entgegensehen, da es außer Zweifel ist, daß die vorläufige Einsetzung Malietoa’s noch zu weitern Conflicten führen wird. Wir erhoffen nur von der Anerkennung Malietoa’s als König durch ganz Samoa geordnete Zustände auf den Inseln, glauben aber nicht, daß sich diese Anerkennung auf friedlichem Wege vollziehen wird, weil die beiden sich gegenüberstehenden Parteien zu gleich an Kräften sind und jede den Krieg einer freiwilligen Unterwerfung vorziehen wird. Das Bedauerlichste hierbei ist nur, daß die Samoaner durch ihre Art der Kriegführung wirthschaftlich immer mehr herunterkommen, da sie nur durch den Verkauf ihrer Ländereien sich das Geld für Waffen und Munition verschaffen können, und dann kein Zureden zur Festhaltung ihres Landes hilft. Sie geben es um jeden Preis weg und dann müssen natürlich die großen Häuser, obgleich sie schon übergenug besitzen, doch in erster Reihe das angebotene Land zu erwerben suchen, da, wenn das gute Geschäft überhaupt gemacht werden muß, jeder es zu machen suchen wird. Andere Folgen hat der Krieg für die Samoaner nicht, da derselbe während einer mehrmonatlichen Dauer selten mehr als zwei oder drei Menschenopfer fordert.

15.

Neu-Seeland.

2. März 1879.

Gestern Nachmittag haben wir nach vierwöchentlichem Aufenthalt Auckland wieder verlassen und manch schöne Erinnerung mitgenommen. Von dem herrlichsten Wetter und einer verhältnißmäßig niedrigen Temperatur begünstigt, konnten wir die uns von dem deutschen Consul und verschiedenen englischen Familien in so reichem Maße gebotene Gastfreundschaft in vollen Zügen genießen. Segelpartien auf dem herrlichen Hauraki-Golf, Spaziergänge nach dem nur 200 m hohen Mount Eden, wo man von dem Rand des erloschenen Kraters aus eine wunderbare Fernsicht genießt, Nachmittags-Gartenfeste, Tanzfestlichkeiten u. dergl. m. ließen uns die Zeit wie einen Traum dahinschwinden. Und da Auckland oder doch die Gesellschaft, in der wir uns bewegten, außerordentlich reich an schönen und liebenswürdigen jungen Damen ist, bei den veranstalteten Tagesfestlichkeiten in der Regel auch die englischen Herren, welche wol geschäftlich verhindert waren, durch Abwesenheit glänzten, so fanden unsere Herren in dem harmlosen Verkehr mit den prächtigen jungen Auckländerinnen keine Nebenbuhler. Heute wäre dies für die meisten vielleicht besser gewesen, denn wenn der Schein nicht trügt, dann sind sie so ziemlich alle bis über die Ohren verliebt, ohne die Hoffnung auf ein Wiedersehen, da die Post in Auckland uns als Bestes den Rückberufungsbefehl gebracht hat. Nach demselben haben wir gleich nach Eintreffen der Fregatte „Bismarck“ in Apia, deren Ankunft für Mitte April in Aussicht gestellt ist, die Heimreise anzutreten.

Auckland hat das Gepräge einer erst neu entstandenen, aufstrebenden Colonie, erinnert noch vielfach an die früher aus den Goldminen geflossenen, jetzt größtentheils wol wieder verschwundenen Reichthümer und zeigt eine damit zusammenhängende Entwickelung: große breite Straßen, niedrige Holzhäuser, viele Banken und nur Geschäftsleute als Einwohner. Die Umgebung der Stadt bietet landschaftlich durch Berg und Wasser sehr viel Schönes, wenn auch der Wald fehlt.

Durch die Bereitwilligkeit unsers liebenswürdigen Consuls, mich in das Gebiet der heißen Seen, welche er ebenfalls noch nicht kannte, begleiten zu wollen, wurde es mir möglich, auch dieses Weltwunder zu besuchen. Denn allein hätte ich mich zu diesem Ausflug nicht entschlossen und von unsern Herren wollte keiner mitkommen, weil der Kostenpunkt doch immer ein ziemlich bedeutender ist und die Strapazen der Reise auch kaum im Verhältniß zu dem Vergnügen stehen.

Man hat von Auckland aus bis zum Taurangahafen zunächst auf dem Seewege 140 Seemeilen zurückzulegen und von hier aus muß man noch 70 km auf dem Landwege machen, wozu das Annehmen eines eigenen leichten Wagens erforderlich ist. Es geht zwar auch eine Fahrpost, mit welcher man den größten Theil des Weges zurücklegen und die kleinern Ausflüge dann von einem Centralpunkt aus zu Fuß machen kann, doch fährt die Post bei dem geringen Verkehr nach dem Innern so selten und ihre Fahrzeit ist eine so große, daß ihre Benutzung für mich ausgeschlossen war, weil ich mich nur auf sechs Tage freimachen konnte. Der Wagen allein kostet aber für vier Tage schon 200 Mark, sodaß die kleine sechstägige Reise mit den unvermeidlichen Nebenkosten auf 350-400 Mark für die Person zu veranschlagen ist.

Um den Ausflug in den Grenzen der mir zur Verfügung stehenden sechs Tage machen zu können, mußten wir für die Hinfahrt nach Tauranga einen Küstenfrachtdampfer benutzen, weil wir nur so den Passagierdampfer für die Rückfahrt erreichen konnten. Wir fuhren am 14. Februar abends 8 Uhr von Auckland ab und trafen glücklicherweise so gutes Wetter, eine so schöne laue Mondscheinnacht, daß wir die ganze Zeit an Deck verbringen konnten, denn unten in der sogenannten Kajüte war es fürchterlich. Auch verhinderte die spiegelglatte See einige weibliche Passagiere daran, seekrank zu werden, was von uns auch als eine große Annehmlichkeit geschätzt wurde. Wir hüllten uns in mitgenommene Decken ein, schliefen gut und ließen uns erst von der aufgehenden Sonne wecken.

Am 15. mittags waren wir in Tauranga und blieben dort bis zum nächsten Morgen in einem behaglichen guten Gasthaus, wo der Consul auch einige mit den Verhältnissen vertraute Bekannte traf, welche uns gute Rathschläge gaben. Nachdem wir uns noch von dem Posthalter des Districts einen Wagen gesichert hatten, machten wir einen Rundgang durch die kleine Stadt, welche ziemlich belebt war, da die Eingeborenen von außerhalb herzuströmten, um die jährlich wiederkehrende Frage des Landbesitzes in Neu-Seeland auf einem dazu ausgeschriebenen Landtage zu erörtern. Um diese Frage dreht sich zur Zeit, nachdem das Goldfieber keine Berechtigung mehr hat, so ziemlich alles, weil die Eingeborenen noch im Besitz sehr bedeutender Länderstrecken sind und diesen ihren Besitz zähe vertheidigen. Der letzte blutige Krieg zwischen den Engländern und den Maoris ist aus dieser Frage entstanden und nur dadurch beendigt worden, daß die englische Regierung den Eingeborenen das Besitzrecht ihres Landes zugestanden hat. Hiermit sind die englischen Ansiedler aber nicht einverstanden und versuchen nun auf anderm Wege in den Besitz des begehrten werthvollen Gutes zu gelangen, und dazu sollen die jährlichen sogenannten Landtage dienen. Wie die in Anwendung gebrachten Mittel beschaffen sind, ergibt ein Blick auf die Straßen. Es ist der Branntwein. Bei unserm ersten Rundgang durch die Stadt, wie später bei unserer Rückkehr nach Tauranga, sah ich die in großer Zahl anwesenden Eingeborenen nur im Rausche, zu welchem der Branntwein ihnen unentgeltlich geliefert werden soll. Ob die Maoris nun in diesem Zustand leichter ihre Rechte aufgeben, oder ob sie, an den Genuß erst einmal gewöhnt, dem Branntweinteufel verfallen und schneller aussterben, wird im Grunde auf den gleichen Erfolg hinauslaufen.

Am 16. morgens in aller Frühe machten wir uns auf die Reise. Unser Fuhrwerk war ein mit zwei kräftigen jungen Pferden bespannter Jagdwagen; der Sohn des Posthalters kutschierte selbst und benutzte die Fahrt wol mit zur Inspicirung der verschiedenen Pferdestationen.

Die ersten 12 km führt der Weg durch eine Ebene, dann schneidet er in den schönen alten, jungfräulichen Wald ein, geht über Berg und Thal, durch Schluchten und über Brücken und bietet dem Reisenden genußreiche Stunden. Die neu angelegte Straße ist vorzüglich. Die alten Kaurifichten, riesigen Baumfarrn und was sonst alles in der genialsten Unordnung und Vielseitigkeit in dem seitwärts der Straße von Menschenhand noch unberührten Walde wächst, die malerischen Schluchten, Felspartien und kleinen Wasserfälle bieten dem Auge so viel Anziehendes, daß die Zeit unbemerkt dahinfliegt. Immer nach Verlauf von etwa zwei Stunden kommen wir an eine Pferdestation, wo die Pferde gewechselt werden und wir eine kleine Erfrischung finden. So geht es ununterbrochen ohne Peitschengeknall in schlankem Trabe vorwärts durch den schönen Wald bei prächtigstem Wetter. Nach sechsstündiger Fahrt treten wir wieder aus dem Walde heraus und unter uns vor unsern Augen liegt in einer weiten Ebene der im Durchmesser etwa 9 km große Roto-rua (roto ist die Maori-Bezeichnung für See), eine weite blaue Wasserfläche, umrahmt von niedrigen Hügeln. Der Blick umfaßt beinahe das ganze, 350 m über dem Meeresspiegel liegende Seengebiet. Wasser, Hügel und Wald sind zu sehen, aber die uns gerühmte und von uns erwartete Großartigkeit der Scenerie vermögen wir nicht zu finden und zu erfassen. Eine große Ebene ohne Menschen und Städte, nur hier und dort sieht man ein einzelnes Farmerhaus, große Wasserflächen ohne Rahmen und ohne Leben. Kalt und todt sieht alles aus und erinnert mich lebhaft an die ebenfalls von so vielen Seiten gerühmten ostholsteinischen Seen, welche mit Ausnahme einiger kleinern Partien eigentlich durchaus keine besondern landschaftlichen Reize bieten.

Gleich außerhalb des Waldes treffen wir ein einzelnes Haus als erste menschliche Ansiedelung, die Schule für die weitere Umgebung, deren Bewohner freudestrahlend herausstürzen, um einmal wieder andere Menschen zu sehen und Zeitungen zu erhalten, welche unser Rosselenker ihnen mitgebracht hat. Hier scheinen auch die Privatwagen ebenso die Post mitzubefördern, wie die Schiffe es zwischen Australien bezw. Neu-Seeland und den polynesischen Inseln thun.

Noch eine Viertelstunde bergab und wir traben an dem Ufer des Roto-rua entlang nach dem Städtchen Ohinemutu, wo wir nach 1½ Stunden eintreffen. Es war uns zwar empfohlen worden, noch denselben Tag weiter bis nach Wairoa zu gehen, weil wir dadurch einen Tag gewonnen hätten, wir waren nach der nahezu achtstündigen Fahrt aber so durchgerüttelt, daß wir vorzogen, in dem sehr einfachen aber guten Gasthaus zu rasten und über Nacht zu bleiben. Unsere freie Zeit benutzten wir zu einem Besuch des Eingeborenendorfes, wo wir die ersten Zeichen fanden, daß wir uns bereits auf vulkanischem Boden befanden. Dicht am Ufer des Sees kocht und brodelt es überall aus der Erde heraus; vorsichtig muß man sich zwischen den heißen Tümpeln hindurchbewegen, um nicht einmal unversehens in einen solchen zu treten; an einzelnen hocken Eingeborene, welche sich in dem heißen Wasser in eingetauchten Töpfen Fische, Krebse und Kartoffeln kochen. Nur an dieser Stelle des Roto-rua sollen heiße Quellen vorkommen und diese sind wol auch bestimmend für die Wahl des Ansiedelungsplatzes gewesen. Das Dorf selbst macht einen verfallenen unsaubern Eindruck und steht in grellem Gegensatz zu dem schönen großen Berathungshaus, welches mit höchst phantastischen aber erst in neuester Zeit angefertigten Schnitzereien reich geschmückt ist. Der uns führende Polizeidirector des Districts, an welchen wir empfohlen waren, beantwortete meinen Wunsch auf Erwerbung einiger alter Schnitzereien damit, daß nichts mehr zu haben sei, weil seine Landsleute so außergewöhnliche Preise für diese Sachen gezahlt hätten, daß die Maoris bereits alle Zierathe ihrer Häuser heruntergerissen und verkauft hätten, und dies wird wol auch die Ursache des jämmerlichen Zustandes der Behausungen sein. Immerhin gab ich meine Absicht noch nicht auf und versuchte ein altes im Staub liegendes Idol in natürlicher Menschengröße zu erwerben, trotz seiner nach unsern Begriffen etwas gar zu natürlichen Auffassung, doch ohne Erfolg. Lag das Götzenbild auch neben seinem eigentlichen Standort im Schmutz, es blieb doch immer die Dorfgöttin und war unverkäuflich. Auffallend ist an diesen Bildwerken die merkwürdige Aehnlichkeit in der Wiedergabe der menschlichen Formen mit der in Neu-Irland gebräuchlichen.

Am nächsten Vormittag bei guter Zeit setzten wir die Fahrt nach Wairoa fort. Der Weg führt anfänglich durch das interessante Whakarewarewa-Gebiet, welches wir nach dem ursprünglichen Plan erst auf der Rückfahrt besichtigen wollten, aber doch jetzt schon mitnahmen, weil wir durch den Aufenthalt in Ohinemutu Zeit verloren hatten und während des Nachmittags in Wairoa doch nichts hätten vornehmen können. Ein mitgenommener Führer erwies sich hierbei als unentbehrlich, denn der Unkundige kann die sichern schmalen Wege von den gleich zuverlässig aussehenden unsichern nicht unterscheiden. Rund um uns kocht und dampft es in kleinen und größern Wasserlachen, aus kleinen und größern Löchern heraus. Der ganze Boden ist so heiß, daß man die Wärme durch die Doppelsohlen unserer Stiefel spürt. An einzelnen Lachen und Löchern sind die in der Nähe liegenden Gegenstände mit Sinter, an andern mit feinen Schwefelkrystallen überzogen, und an einem Tümpel fanden wir große Sinterblöcke, welche, als wir Stücke von ihnen abschlugen, im Innern lauter kleine Zellen mit eingekapselten Fliegen zeigten, die hier wol ihren Tod finden und dann gleich zu Tausenden, wenn nicht Millionen eingesargt werden. Der Whakarewarewa, ein mächtiger Geysir, welcher dem großen auf Island an Stärke gleichkommen soll, war uns nicht gnädig gesinnt und zeigte sich nicht in seiner ganzen Größe, bei zeitweisem Aufsprudeln stieg er nur einen Meter hoch auf. Als das Merkwürdigste erschien mir ein Wassertümpel von etwa 2 m Durchmesser, dessen dunkelgrüne, tief durchsichtige Wasserfläche wie ein Spiegel vor uns lag und der von den Eingeborenen am meisten gefürchtet werden soll. Trotzdem das Wasser weder wallt noch Siededämpfe von ihm aufsteigen, soll es einen so hohen Hitzegrad haben, daß es sofort alles verbrennt. Als vor noch nicht langer Zeit ein Eingeborener in diesen Brunnen fiel, soll man nach wenigen Stunden nur noch sein Knochengerippe herausgefischt haben, da alles Fleisch bereits abgekocht gewesen sei. Ob es wahr ist, kann ich nicht verbürgen, einen Versuch mit einem meiner Finger habe ich nicht gemacht.

Ich war im ganzen froh, als wir diesen unsichern Boden verlassen hatten und wieder in unserm Wagen saßen. Nach einstündiger Fahrt kamen wir noch einmal in einen schönen Wald, stießen, als wir denselben nach einer halben Stunde wieder verließen, auf den kleinen See Tikitapu und hatten gleichzeitig einen schönen Blick auf den Roto-kakahi, fuhren zwischen diesem und dem Saum eines andern Waldes hin, bogen dann um den letztern nach links und hatten vor unsern Augen den großen See Tarawera, dessen jenseitiges Ufer durch den Gipfel des Mount Edgecombe und durch die 300 m über dem Seespiegel liegenden Krater des Tarawera-Gebirges einen malerischen Abschluß findet. Noch wenige Minuten und wir waren in Wairoa angelangt.

Nachdem wir uns erfrischt hatten, war unsere erste Sorge, uns einen Führer und ein Boot für den nächsten Tag nach dem Roto-mahana zu sichern, da noch einige Fremde hier waren, welche ebenfalls an demselben Tage den See besuchen wollten. Wir konnten indeß nur noch eine Führerin, eine halbweiße junge Frau, erhalten, weil die beiden männlichen Führer bereits vergriffen waren, hatten dies aber nicht zu bereuen, da die Person sich als durchaus zuverlässig und ihrer Aufgabe gewachsen erwies.

Der Reiz von Wairoa liegt vorzugsweise in seiner Abgeschiedenheit und der erhabenen Ruhe der ganzen Umgebung. Am Fuße einer niedrigen bewaldeten Hügelkette gelegen, hat man von der Ansiedelung aus einen freien Ueberblick über den Tarawera-See und kann, auf der Veranda des Gasthauses sitzend, ungestört das allmähliche Schwinden des Tages genießen und nach Herzenslust träumen. Der südliche Sternenhimmel schaut auf uns hernieder und gemahnt uns an die Nachtruhe, um am nächsten Morgen in aller Frühe frisch den neuen Strapazen entgegengehen zu können. Doch da entsendet über uns aus einem offenen Fenster ein Flötenbläser seine seltsamen Weisen in die stille Nacht hinaus und bannt uns noch für eine Weile an unsern Platz. Ein merkwürdiger Zauber liegt in diesen Tönen in dieser Umgebung, und von wahrhaft ergreifender Wirkung müßten die über die Seefläche hinlaufenden Töne eines Hornes sein. Hätte ich vorher an diesen Umstand gedacht, dann hätte ich sicher unsern Kapellmeister, welcher ein vorzüglicher Cornettbläser ist, mitgenommen, um mir diesen zwar etwas kostspieligen aber einzigen Genuß zu verschaffen.

Morgens 6 Uhr verließen wir das Gasthaus und hatten etwa 10 Minuten bis zu der Stelle zu gehen, wo am Seeufer die Boote untergebracht sind. Die Partie wird nämlich so gemacht, daß man von Wairoa aus mit einem Boot einen großen Theil des Tarawera durchfährt, dann in einen flußähnlichen Wasserlauf, welcher den Tarawera-See mit dem Roto-mahana verbindet, einbiegt und in diesem bis zu den dicht am Roto-mahana liegenden Stromschnellen, welche ein weiteres Vordringen verbieten, fährt. Von hier aus muß man zu Fuß gehen.

Unsere Führerin, welche ich noch nicht gesehen hatte, da sie von dem Consul angenommen worden war, machte einen guten Eindruck. Es war eine etwa zwanzigjährige hübsche junge Frau mit schönen großen, fragenden Augen, von hellbrauner Hautfarbe und vollen Formen, welcher der kurze nur eben über die Knie reichende schottische Rock und die bloßen Füße gut standen. Ebenso wie ihre Tracht derjenigen der Eingeborenen entsprach, hatte sie auch ihr Kinn nach Art der eingeborenen Frauen tätowirt, auch zierte ein schönes Schmuckstück aus dem nur auf Neu-Seeland vorkommenden halbdurchsichtigen grasgrünen Halbedelstein ihren bloßen Hals. Ein Plaid umschloß ihre Schultern, wie die hiesigen Eingeborenen es überhaupt lieben, sich als Bergschotten zu kleiden. Ihre gute Herkunft von väterlicher Seite gab die Erklärung für ihr gewähltes Englisch und ihre guten Umgangsformen, ohne daß sie etwas anderes sein wollte als die bezahlte Führerin. Das für uns bestimmte Boot wurde von vier eingeborenen Männern gerudert; der Consul, ich und unsere Führerin nahmen hinten Platz. Wir hatten zunächst dicht an dem Seeufer entlang ungefähr 6 km in östlicher Richtung zurückzulegen, bogen dann um ein vorspringendes Cap nach Süden und befanden uns nun in einer etwa 4 km langen und 1-2 km breiten, von hohen Ufern eingerahmten Straße. War es vorher schon frisch gewesen, so wurde es hier geradezu kalt und zwar so empfindlich, daß ich in meiner leichten Kleidung, welche ich für das spätere Marschiren angelegt hatte, ganz jämmerlich fror. Dies merkte auch Frau Margarate, wie ich unsere Führerin nennen will, denn sie sagte kurz zu mir: „Sie frieren!“ rückte, dem polynesischen Theil ihres Blutes folgend, dicht neben mich, nahm ihren Plaid von den Schultern und ehe ich ahnte, was sie eigentlich wollte, hatte sie ihren linken Arm um meinen Hals geschlungen, meinen Kopf an ihre warme Schulter gebettet und uns beide in den Plaid wieder eingehüllt. Behaglich warm war es an der Seite dieser sauber und nett angezogenen jungen Person, von der Umgebung bekam ich aber nicht mehr viel zu sehen, denn Margarate erzählte mir nun so vielerlei, daß ich mehr auf dieses und unwillkürlich auch auf das Pochen ihres Herzens, welches in regelmäßigen Schlägen an mein rechtes Ohr klopfte, achten mußte. (Ich führe dies übrigens nur als Beitrag zur Charakteristik der Südsee-Insulaner an.) Sie erzählte mir unter anderm, was mir auch sonst bestätigt wurde, daß ihr Vater ein reicher Mann sei, der Aufenthalt im elterlichen Hause für sie aber nach dem Tode ihrer Mutter und nachdem ihr Vater in zweiter Ehe eine Weiße geheirathet habe, unerträglich geworden sei, sodaß sie dem Drang ihres polynesischen Blutes nach Freiheit nachgebend das elterliche Haus mit Einwilligung ihres Vaters verlassen habe, um sich dem Stamme ihrer Mutter wieder anzuschließen. Sie lebe nun wieder als Maori-Frau, habe einen halbweißen Mann geheirathet und würde ganz glücklich sein, wenn ihre Ehe mit Kindern gesegnet wäre; auf dieses Glück müsse sie aber verzichten, weil die Ehen zwischen zwei Halbweißen stets kinderlos blieben.

Die Straße verlief in eine enge Schlucht, wo wir in den zwischen Felswänden eingekeilten Fluß einfuhren und nach Verlauf einer weitern Viertelstunde an dessen Ostufer landeten, um uns nunmehr auf unsere eigenen Füße zu verlassen. Wir hatten nicht weit zu gehen. Schon nach kurzer Zeit deuteten weiße Dämpfe auf halber Höhe der vor uns liegenden Hügel an, daß wir am Ziele seien, und gleich darauf lag auch der 1 km lange und ½ km breite Roto-mahana (der warme See) vor unsern Augen, klein und unscheinbar, mit trübem schmutzig-grünen Wasser und umgeben von niedrigen, theils nackten, theils nur mit niedrigem Buschwerk bedeckten Hügeln, von welchen allenthalben weiße Dämpfe emporstiegen. Dieses wenig anziehende Stück Erde birgt also das Sehenswertheste von Neu-Seeland, Wunder, zu welchen die Menschen jahraus jahrein hinströmen und sogar von Sydney aus hinkommen. Auch wir stehen jetzt vor einem solchen Wunder. Vorsichtig Frau Margarate folgend, gehen wir an dampfenden Pfützen von klarem Wasser und kleinen Gruben, in denen eine kalkartige Masse auf- und niederwallt, vorbei, überschreiten feuchte, durch Eisenoxyd geröthete Stellen, winden uns durch hohes, halbverdorrtes Gras und kommen endlich, nachdem wir (wie später festgestellt) 25 m hoch gestiegen waren, an einen brodelnden, über seinen Rand überlaufenden Brunnen. Wir wenden uns um und -- ja die Landschaft ist reizlos, aber das, was zu unsern Füßen liegt, die weiße Sinterterrasse, ist großartig schön.

In vielleicht zwanzig größern und gewiß ebenso viel oder mehr kleinern Terrassen erstreckt sich in einem Neigungswinkel von etwa 45° und bis zu einer Breite von über 50 m sich ausdehnend ein gar wunderbares Bauwerk bis zu dem Seeufer hin. Aus schneeigem Marmor scheint es geschaffen und von geübter Künstlerhand ausgearbeitet zu sein. Die einzelnen Terrassen bilden kurze und lange, breite und schmale, geradlinig, halbkreisförmig und oval geformte Becken mit breiten wulstigen Rändern und angefüllt mit köstlich blau gefärbtem Wasser. Und was dem Ganzen einen Hauptreiz verleiht, ist der matte weiche Farbenton der Sintergebilde, welcher so wunderbar absticht von dem glänzenden Spiegel der blauen Wasserfläche, den mit frischem Laub grün umsponnenen kleinen Felsrücken, welche an einzelnen Stellen zwischen die Terrassen geschoben sind, und dem theilweise roth gefärbten Boden der äußern Ränder. Die Sintergebilde erscheinen wie feine Filigranarbeit, und man kann es kaum fassen, wie es möglich ist, daß dieses riesige Bauwerk, diese 1 m dicken, oft 2 m hohen und bis zu 6 und 8 m langen Ränder und Wände der einzelnen Becken sich nur aus den kleinen Sintertropfen und Stäbchen zusammensetzen. Der vorher genannte Brunnen ist der eigentliche Bildner dieses Wunderwerks. Ein Geysir, wirft er unausgesetzt das von unten nachströmende dunkelgrüne Wasser aus, in welchem die zur Sinterbildung erforderlichen Kalksalze und nach Dr. von Hochstetter hier vornehmlich Kieselsäure enthalten sind. Siedend heiß strömt es über, füllt, himmelblaue Farbe annehmend, die obern Becken, läuft aus diesen über in die weiter unten gelegenen und kommt, sich allmählich abkühlend, unten im See mit einer Temperatur von vielleicht nur 20° C. an. So hat jedes Becken, von denen einzelne die Größe und Tiefe einer Badewanne haben, andere genügend groß sind, um mehrern Personen gleichzeitig ein Schwimmbad zu gestatten, einen verschiedenen Wärmegrad; oben hat man Siedehitze, in der Mitte ist es noch heiß und weiter unten lauwarm. Sehr verführerisch war es, in diesen schönen Becken und in dem durchsichtig blauen Wasser, für dessen Färbung ich keine Erklärung erhalten und finden konnte, ein Bad zu nehmen; mir wurde aber gesagt, daß das Bad in den Becken der andern Terrasse vorzuziehen sei und so beschied ich mich bis dahin.

Wir wanderten weiter, an verschiedenen merkwürdigen Quellen und Löchern vorbei, und kamen auch an das sogenannte Teufelsloch, eine unschuldig aussehende kleine dunkle Oeffnung im Erdboden, in welcher der hinterlistigste und verderblichste Ueberfall lauern soll, weshalb uns auch nicht gestattet wurde, zu nahe an das Loch heranzutreten. Stets ohne vorherige Warnung irgendeiner Art soll dieser Pfuhl plötzlich so große Massen kochend heißen Wassers und Schlammes ausspeien, daß alles in nächster Nähe befindliche Leben verbrüht, versengt und vernichtet wird. Wir machten, daß das Teufelsloch bald weit hinter uns lag, und bestiegen in der Mitte des östlichen Seeufers ein Kanu, das uns nach der andern Seite und nach der dort gelegenen rosafarbenen Sinterterasse bringen sollte. Sehr merkwürdig ist auf dieser kurzen Fahrt die häufig wechselnde Temperatur des Wassers, welche in dem ganzen See, je nachdem vom Boden aus heiße Quellen aufsteigen oder nicht, zwischen 15 und 40° schwanken soll. Wir umfuhren eine kleine Insel und vor uns lag in glitzerndem Sonnenschein unter dem blauen Himmel, oben und zu beiden Seiten eingerahmt von saftig grünen Hügeln, die 20 m hohe und etwa 30 m breite so duftig hellrosa überhauchte Terrasse, daß ich die Empfindung hatte, kaum je etwas Zarteres und dabei doch Großartigeres gesehen zu haben. Wir landeten am Fuß der Terrasse und hatten hier in der Nähe gleich wieder denselben unangenehmen Anblick wie bei der weißen Terrasse, daß kaum ein Fleck zu finden war, wo nicht die eitlen Besucher ihren höchst unnützen Namen mit Blei auf die zarten Wände gekritzelt hatten. Allerdings gab die unendliche Namenzahl einen Maßstab dafür, wie stark diese weit entlegenen Wunderwerke trotz der Kostspieligkeit der Reise doch besucht werden. Nachdem wir bis zu dem Brunnen, welcher die Terrasse speist, vorgedrungen waren und von dort den merkwürdigen Farbeneffect, welchen das blaue Wasser mit den rosafarbenen Umwandungen bildet, bewundert hatten, stiegen wir wieder hinab, der barfüßigen Frau Margarate folgend, welche leicht von Absatz zu Absatz sprang und ungefähr in halbe Höhe ein geeignetes Becken mit lauwarmem Wasser für unser Bad auswählte. Sie begab sich dann ganz hinunter zum Ufer, sodaß wir uns ungenirt entkleiden und ein höchst eigenartiges und schönes Schwimmbad nehmen konnten, nach welchem wir den Rückweg antraten, durch einen niedrigen Wald oder Busch zu unserm Boot und mit diesem nach Wairoa gelangten, von wo aus wir noch im Laufe des Nachmittags nach Ohinemutu zurückkehrten. Hier gelang es mir noch in dem Dorf der Eingeborenen aus einem Schutthaufen einige alte Schnitzereien auszugraben und zu erwerben, für welche ich dem Besitzer aber einen so hohen Preis zahlen mußte, daß ich denselben lieber verschweigen will.

Am 19. morgens verließen wir Ohinemutu und fanden den Wald nicht ganz so schön wie auf der Hinfahrt, weil stellenweise, wo wir den frischen Wind im Rücken hatten, der von unserm Wagen aufgewühlte Staub so fürchterlich war, daß wir vorzogen, den Wagen vorzuschicken und ein großes Stück zu Fuß zu gehen. Bei dieser Gelegenheit, nachdem wir etwa eine Stunde gegangen waren, begegneten wir auch der Postkutsche, welche sich schwerfällig bergauf bewegte und deren Insassen nebenhergingen, um den Thieren die Arbeit zu erleichtern. Die Kutsche und die Reisenden waren schon weit hinter uns, wir hatten schon mehrere Wegebiegungen passirt, da sahen wir noch zwei jedenfalls zur Post gehörige junge Damen am Waldesrand Blumen suchen. Leichtsinnig wie solche junge Damen sind, waren sie so weit zurückgeblieben, daß ihr Ruf hier mitten im Urwald weder die Mitreisenden, noch sonst irgendein menschliches Ohr hätte erreichen können. Wir sahen auch auf die Entfernung hin keineswegs vertrauenerweckend aus, waren so verstaubt, daß weder an unserer Kleidung noch an unsern schmutzigen Gesichtern jemand unsern Stand hätte errathen können; unser Wagen, welcher an der nächsten Pferdestation auf uns warten sollte, war uns so weit voraus, daß wir auch mit diesem nicht mehr in Verbindung gebracht werden konnten. Als die Damen uns erblickten, mußte ihnen daher die Gefahr klar werden, in welcher sie sich möglicherweise befanden, und sie wurde ihnen auch anscheinend klar. Sie gaben das Blumenpflücken auf und schienen anfänglich in dem Wald Schutz suchen zu wollen, wendeten sich aber doch wieder zur Straße und nahmen eine möglichst harmlose, furchtlose Haltung an. Als sie aber dicht bei uns waren und wir sie grüßten, weil der Consul in der einen eine Dame aus Auckland erkannte, welche erst nach diesem Gruß meinen Begleiter erkennen konnte, da half keine Heuchelei mehr. Die vorbrechende Freude in den Gesichtern der Damen war eine so ungekünstelte, daß diese klar zeigte, welche Angst sie vorher ausgestanden hatten.

Ohne weitere Abenteuer war ich nach Auckland heimgekehrt und stand am 20. nachmittags wohlbehalten wieder auf meinem Schiff.

Die vorstehenden Schilderungen über das Geysir-Gebiet in Neu-Seeland treffen zur Zeit nur noch in beschränktem Maße zu, weil der vulkanische Ausbruch des Berges Tarawera am 10. Juni 1886 sehr bedeutende Veränderungen in landschaftlicher Beziehung im Gefolge gehabt hat. Näheres siehe im Anhang S. 576.

16.

Die Tonga-Inseln.

8. März 1879, vormittags.

Schön ist das Wetter, normal der Barometerstand und leicht der Passatwind, welcher unser Schiff den Tonga-Inseln entgegenführt, und doch will es scheinen, daß wir trotz dieser guten Zeichen heute noch, vielleicht schon in wenigen Stunden von einem verheerenden Orkan überfallen werden. Denn vor einer Stunde kam uns ganz plötzlich, wie von dem Meeresgrund an die Oberfläche gestoßen, ein Sturmbote entgegen, welcher die ernsteste Beachtung verdient -- hohe Dünung aus Nordost, Wellen, welche jetzt schon eine Höhe von etwa 10 m haben und diejenigen des Passatwindes vollständig niederdrücken. Diese Dünung kann nur von einem Nordoststurm herrühren und ein solcher kann wiederum in diesen Regionen nur ein Theil eines Cyklons sein, welcher zur Zeit im Norden von uns bei den Tonga-Inseln stehen muß und dessen Centrum demnach etwa 150 Seemeilen von uns entfernt ist. Es ist allerdings wunderbar, daß Wind, Wetter und namentlich Barometer die Nähe des Orkanfeldes so gar nicht andeuten, sodaß man versucht wird, die Dünung andern Ursachen zuzuschreiben; die Gleichmäßigkeit aber, womit immer wieder in ununterbrochener Folge neue Wellen heranlaufen, sowie deren wachsende Höhe lassen mich das Schlimmste befürchten.

Hätten wir freien Seeraum nach allen Seiten, dann könnte ich die Entwickelung der Dinge vorläufig noch mit einiger Ruhe abwarten, weil ich dann mit Segel und Dampf dem verheerendsten Theil des Cyklons, seinem Centrum, ausweichen könnte; da wir uns aber jetzt schon in unheimlicher Nähe einzelner Korallenriffe befinden und, wenn wir mit unserm jetzigen Curs und der bisherigen Geschwindigkeit weiterlaufen, um 2 Uhr schon in weitem Umkreis so von Korallenriffen umgeben sein werden, daß wir nicht mehr nach unserm Belieben manövriren können, sondern auf dem eingeschlagenen Wege bleiben müssen, so liegt es auf der Hand, daß ich dem Kommenden nur mit großer Sorge entgegensehen kann.

Ich könnte jetzt noch mit einem Umweg von etwa 100 Seemeilen um das Gebiet der Korallenriffe herum allen Gefahren entgehen, wenn der Orkan seinen Weg von den Tonga-Inseln aus südlich oder südöstlich nähme, und wenn ich dies wüßte. Geht er aber, was ebenso möglich ist, etwas über die genannten Inseln westlich hinaus, ehe er seinen südlichen Curs aufnimmt, dann würde ich mich gerade auf jenem Wege in die Gefahr begeben. Sollte das Sturmfeld uns treffen, ehe ich einen genügenden Vorsprung nach Westen gewonnen hätte, so wäre die Gefahr noch viel größer, weil wir uns dann in sehr viel größerer Nähe einiger Riffe befänden, als wir es im Laufe des Nachmittags sein werden, wenn wir mit unserm jetzigen Curse weiterlaufen.

Es ist infolge langjähriger Beobachtungen bekannt, daß die bei den Tonga-Inseln auftretenden und immer von Osten kommenden Cyklone in der Regel nur bis zu diesen Inseln laufen und dann von dort aus in einer schärfern oder flachern Kurve nach Süden oder Südosten ziehen, auch kann man aus dem Fallen und Steigen des Barometers in Verbindung mit der Aenderung der Windrichtung von dem Schiff aus den Weg bestimmen, welchen der Orkan nehmen wird, aber dies letztere nur, wenn Barometer und Wind überhaupt sprechen, und dies ist bisher noch nicht geschehen. Nach der Stetigkeit, mit welcher der Wind aus Südost weht, könnte man zwar folgern, daß das Sturmcentrum sich gerade auf uns zu bewegt; da aber der Barometer unverrückt seinen hohen Stand behält, so ist dies andererseits auch nicht anzunehmen und nur zu vermuthen, daß wir uns noch nicht im Sturmfeld befinden. So bleibt mir zur Zeit nichts anderes übrig, als zunächst zu suchen, das Schiff möglichst schnell aus der unangenehmen Nähe der uns gerade zur Zeit umgebenden Riffe zu bringen, wozu die erforderlichen Anordnungen getroffen sind. Es bleibt mir nach allem keine andere Wahl, als auszuharren und zu hoffen, daß ein gütiges Geschick über uns walten werde.

Ich habe vor vielen Jahren zwei Orkane mit erlebt und jetzt treten die Ereignisse des einen, bei welchem am 2. September 1860 in einem Umkreis von wenigen Meilen nicht nur unser Kriegsschooner „Frauenlob“, sondern auch noch ein englisches Kriegsschiff und zwei englische Pferde-Transportschiffe mit Mann und Maus zu Grunde gingen, auch unsere Fregatte „Arkona“, auf welcher ich mich befand, dem Untergang nahe war, in erschreckender Deutlichkeit wieder vor mein geistiges Auge. Nur Gott weiß, was uns beschieden sein wird!

1 Uhr. Der Wind hat inzwischen die Stärke eines mäßigen Sturms angenommen, der Barometer ist aber nur so unwesentlich gefallen, daß ich mir noch immer kein Bild davon machen kann, was werden wird. Um 10 Uhr stand er 761,75 mm und jetzt hat er noch einen Stand von 760,00 mm.

2 Uhr. Es weht ein voller Sturm aus Südost mit hohem Seegang, während die hohe Dünung aus Nordost gleichzeitig sich noch immer in ihrer bedeutenden Höhe behauptet. Der Barometer steht 759,65 mm.

4 Uhr. Barometerstand noch immer hoch, 758,00 mm (in der Nähe des Centrums eines Orkans fällt er bis auf 700,00) und trotzdem kann es keinem Zweifel mehr unterliegen, daß wir uns bereits innerhalb des Orkanfeldes befinden. Der Wind, welcher dauernd an Stärke zunimmt, bleibt unverändert auf Südost stehen, das Centrum des Orkans rückt also gerade auf uns zu. Ausweichen können wir nicht mehr.

5 Uhr. Ein kleiner Hoffnungsschimmer zeigt sich uns, der Wind ist auf Südsüdost gegangen -- ein Zeichen, daß das Orkanfeld anfängt nach Osten abzudrehen. Das Schiff arbeitet schwer, hält sich aber sonst vorzüglich in der hohen durcheinanderlaufenden See. Schreiben ist nicht mehr möglich.

9. März, vormittags.

Das war eine bange, sorgenvolle Nacht, aber jetzt lacht wieder die Sonne; Wind und Seegang nehmen schnell ab, wenn wir uns auch noch immer in der äußern Peripherie des jetzt südlich von uns stehenden Sturmfeldes befinden.

Gestern Abend 9 Uhr hatte der Wind nahezu die Stärke eines Orkans erreicht, sodaß ich jeden Augenblick das Wegfliegen unserer Sturmsegel befürchtete. Wir mußten in der Nähe des Centrums sein, weil die Windrichtung schnell wechselte, denn um 8½ Uhr hatten wir noch Südsüdost-Wind, um 9 Uhr war er aber schon Süd und um 10 Uhr Südsüdwest, womit das Centrum bereits an uns vorbeigezogen war.

Um 9 Uhr war das Schiff, welches bis dahin noch immer Curs gelegen hatte, beigedreht worden, um das Sturmcentrum an uns vorbeiziehen zu lassen und in dieser Lage den uns drohenden Gefahren besser begegnen zu können; als aber um 11½ Uhr der Wind noch immer auf Südsüdwest stand, ohne an Stärke abzunehmen, und der Barometer, welcher um 6 Uhr seinen niedrigsten Stand mit 757,00 mm erreicht hatte, um 10 Uhr auf 758,40 mm gestiegen war, hielt ich, da ich nun im Norden wieder freie Bahn vor mir hatte, mit dem Schiff wieder ab und ließ es mit so viel Sturmsegeln, als es tragen konnte, einen nördlichen Curs laufen, um unter Hintansetzung jeder andern Rücksicht einen möglichst weiten Raum zwischen uns und unsern Gegner zu bringen. Es war eine tolle Fahrt in der dunkeln Nacht auf der wildtobenden See, deren Wellen von allen Seiten laufend das große Schiff wie einen Spielball hin und her warfen. Jeden Augenblick mußte ich darauf gefaßt sein zu sehen, wie ein Theil der Takelage über Bord geschleudert würde, daß sich die schweren Boote oder Geschütze losreißen oder sonstige Havarien eintreten würden; doch es ging alles gut. Kurz nach Mitternacht schon nahm der Wind etwas ab und nachdem er um 4 Uhr morgens auf Südwest gesprungen war, wurde es schnell flauer. Vor einer Stunde fing auch die See an sich zu glätten, da die gegeneinander laufenden Wellen sich selbst zerstören, und jetzt ist es schon wieder so, daß ich bei ruhig liegendem Schiff schreiben kann.

19. März 1879.

Am 10. d. M. langten wir in Nukualofa auf Tongatabu an und heute Vormittag haben wir Vavau, den nördlichsten Hafen der Tongagruppe, verlassen. Der Zweck unsers Anlaufens der Tonga-Inseln war, dem König und den beiden Prinzen die ihnen verliehenen preußischen Orden zu überreichen, wozu auch der „Albatros“ von Apia aus nach Nukualofa gekommen war und dort schon einige Tage auf uns gewartet hatte.

In Nukualofa sah es traurig aus. Der Orkan, in welchem wir uns in der Nacht vom 8. zum 9. befunden hatten, war in derselben Nacht mit seinem Centrum, wie es auffälligerweise die hier auftretenden Drehstürme in der Regel thun, mit verheerender Gewalt über Tongatabu weggezogen und hatte eine fürchterliche Verwüstung angerichtet, die Kirche abgedeckt, die Hütten weggefegt, Zäune niedergelegt und eine erschreckend große Zahl Kokospalmen wie andere Bäume umgebrochen. Der angerichtete Schaden ist so groß, daß die ganze Bevölkerung vollständig betäubt war und man nur ernste und besorgte Gesichter zu sehen bekam. Der „Albatros“ hatte ebenfalls schlimme Stunden durchgemacht, denn wenn auch am Abend des 8. der König noch einen Lootsen mit der Mittheilung, daß ein Orkan im Anzuge sei, geschickt und dieser das Kanonenboot an einem bessern und wie es schien vollständig sichern Ankerplatz verankert hatte, wo der Commandant drei Anker mit der ganzen Kette ausbringen und die Takelage an Deck nehmen ließ, war die Wucht des Windes doch eine so mächtige gewesen, daß das Schiff, obgleich es außerdem noch mit voller Maschinenkraft gegen den Wind anarbeitete, langsam dem Strande zugetrieben wurde und sicher gescheitert wäre, wenn der Sturm eine halbe Stunde länger angedauert hätte. Die durch die Verwüstungen am Lande hervorgerufene Unordnung war im übrigen so groß, daß ich mit der feierlichen Ueberreichung der Orden nothgedrungen warten mußte, bis wieder einigermaßen Ordnung geschaffen war und dies war erst am Vormittag des 12. März der Fall.

Nach Ueberreichung der Orden folgten der König und die Prinzen einer Einladung zum Frühstück bei mir auf der „Ariadne“ und damit war die Feier beendet, da der König gebeten hatte, unter dem Eindruck der vorliegenden Verwüstungen von einer Festlichkeit absehen zu dürfen. Statt dessen mußten der Commandant des „Albatros“ und ich abends die Gäste des englischen Missionars, welcher eine große Vertrauensstellung bei dem König einnimmt, sein und dort war auch der ebenfalls geladene Prinz Wellington Gu anwesend.

Im Hause des geistlichen Herrn fanden wir zwei liebenswürdige feingebildete Damen, Gattin und älteste Tochter des Hausherrn, welche die an sich behagliche Häuslichkeit nur noch reizvoller machten. Der Tisch war gut, ebenso waren es die Weine, unter denen vorzugsweise einige zum Schluß gebrachte Flaschen wirklich guten edeln Rheinweins unsere volle Anerkennung fanden. Nach einem angenehm verlebten Abend trennten wir uns erst gegen 10 Uhr, nachdem ich vorher noch dem Prinzen Gu versprochen hatte, ihn mit seiner Dienerschaft am nächsten Vormittag nach Vavau mitzunehmen, da ich diesen Platz im Vorbeilaufen sowieso für ein oder zwei Tage besuchen wollte.

Am nächsten Morgen, nachdem „Albatros“ bereits nach Auckland in See gegangen war, trat indeß unserer Weiterfahrt ein Hinderniß entgegen. Der Schiffsarzt meldete mir, daß der Steuerer meiner Gig sich wegen heftiger Kopfschmerzen in ärztliche Behandlung gegeben habe und er wahrscheinlich am vorhergehenden Abend der Gegenstand eines Raubanfalls gewesen sei. Die Untersuchung ergab, daß der Bootsmannsmaat, während er mit dem Boot auf mich wartete, dort in der Dunkelheit zwei Eingeborenen begegnete und gleich darauf bewußtlos war. Später wurde er von den ihn suchenden Bootsgasten nicht weit vom Boot entfernt am Strande liegend gefunden und zum Bewußtsein zurückgebracht, worauf dann festgestellt wurde, daß sein Messer und seine Pfeife fehlten. Da er ein nüchterner, sehr ruhiger Mensch ist, die Bootsgasten weder Wortwechsel noch überhaupt einen Laut gehört haben, obgleich die Sache sich bei der Dunkelheit in nächster Nähe des Bootes abgespielt haben muß, auch die Kleidung des Angefallenen keine Spuren eines Kampfes oder Ringens zeigten, so bleibt eben keine andere Erklärung übrig, als die eines beabsichtigten Raubanfalls und daß die Angreifer ihr Opfer gleich mit dem von hinten geführten ersten Schlag bewußtlos zu Boden gestreckt haben. Der Arzt hatte vor dieser Untersuchung schon festgestellt, daß der Unteroffizier einen schweren Schlag auf den Hinterkopf erhalten hatte, welcher ein mehrtägiges Krankenlager zur Folge hatte, einen gleichen das ganze Gesicht zeitweise entstellenden Schlag von vorn, und daß er außerdem noch ziemlich stark gedrosselt worden sein muß.

Diese Sache durfte ich nicht mit Stillschweigen übergehen, und da nach meiner Kenntniß des Charakters dieser Südseemenschen die That gewiß schon der halben Bevölkerung bekannt war, so mußte ich auch die Ermittelung und Bestrafung der Thäter fordern. Ich ließ daher gleich der tonganischen Regierung von dem Vorfall Kenntniß geben mit der Forderung, die Thäter innerhalb drei Stunden zu ermitteln und zu bestrafen, da ich meine auf 9 Uhr angesetzt gewesene Abreise nur um diese Zeit hinausschieben könne.

Nach einer halben Stunde kam Prinz Gu zu mir, um dem Bedauern des Königs über diesen Vorfall Ausdruck zu geben und zu erklären, daß es wol kaum möglich sein würde, die Schuldigen in dieser kurzen Zeit zu ermitteln. Ich konnte dem nicht zustimmen und nur betonen, daß dies nach meiner Ueberzeugung ein Leichtes sei, wenn man nur den guten Willen habe und ich daher auf meiner Forderung bestehen müsse. Der Prinz fuhr wieder an Land, wo sich am Strande bereits eine große und anscheinend erregte Menschenmenge zusammengefunden hatte. Durch das Fernrohr konnte ich sehen, wie gleich beim Landen des Bootes ein gebundener Mensch in dasselbe gehoben wurde und dieses darauf wieder zu uns kam. Prinz Gu erzählte nun, daß der König bereits einen Verdacht gehabt habe, in die Hütte des Betreffenden gegangen sei und dort in einer verschlossenen Kiste, welche er habe erbrechen lassen, die geraubten Sachen gefunden habe. Die mir dann übergebenen beiden Gegenstände schlossen jeden weitern Zweifel aus, da sie mit dem Namen des Beraubten versehen waren. Gleichzeitig wurde mir auch der Räuber mit dem Bemerken zur Verfügung gestellt, daß derselbe ein früherer Gefangener sei, ich ihn nach Belieben bestrafen könne und nicht mehr zurückzuliefern brauche. Dieses Anerbieten glaubte ich indeß ablehnen zu müssen, wie ich andererseits der Behauptung, daß der zweite Mann als unschuldig befunden worden sei, Glauben schenken mußte. Ich verlangte daher die Bestrafung des Verbrechers nach tonganischem Recht auf öffentlichem Platze und forderte, als ich um Bemessung der Strafe gebeten wurde und nachdem mir das gesetzmäßige Bestehen der Prügelstrafe versichert worden war, 25 Hiebe und das Recht, einen Offizier sowie den mishandelten Unteroffizier als Zeugen zu dem Strafvollzug senden zu dürfen. Nachdem mir dies zugestanden worden war, wurde der an Händen und Füßen gebundene neben mir liegende Missethäter, dessen Körper schon die verschiedensten Spuren bereits erlittener Mishandlungen aufwies, wieder in das Boot und an Land gebracht, wohin unsere Zeugen kurze Zeit darauf nachfolgten. Trommelwirbel riefen bald die Bevölkerung nach dem Königshaus, wo in dem hintern Hof die Strafe vollzogen wurde und zwar nach der mir später gewordenen Meldung in der Weise, daß der Delinquent gebunden auf die Erde gesetzt wurde und dann zwei Männer, der eine mit einer schweren Rippe eines grünen Kokospalmenblattes, der andere mit einem dreifach zusammengedrehten dicken Strick erbarmungslos und ohne Schonung irgendeines Körpertheils auf ihn einhieben. Erst nachdem über 30 Hiebe gefallen waren, wurde es unserm Offizier möglich, dieser barbarischen Strafe Einhalt zu thun, worauf der Verbrecher, dessen Körper nur eine große blutrünstige Schwiele gewesen sein soll, nach dem Gefängniß getragen wurde, da er selbst zum Gehen nicht fähig war. Ich ließ darauf dem König für die prompte Justiz danken, der Prinz Gu nebst Dienerschaft schifften sich auf der „Ariadne“ ein und um 12 Uhr mittags verließ ich ziemlich verstimmt durch die Eindrücke des Vormittags wieder Nukualofa. Im Laufe des Nachmittags traf uns auch noch das Unglück, daß ein Matrose, während er schlief, am Herzschlag verstarb und zwar, wie sich bei der am nächsten Morgen vorgenommenen Obduction ergab, an einem unheilbaren, schon weit vorgeschrittenen Herzfehler.

Mein Gast, welcher die Stelle eines Gouverneurs der Vavau-Gruppe bekleidet und als solcher vielfache Seereisen machen muß, leidet stets so sehr an der Seekrankheit, daß er sich bei mir auch gleich in meine ihm zur Verfügung gestellte Achterkajüte zurückzog und sich dort unter Zurückweisung aller ihm gebotenen Bequemlichkeiten auf eine Matte auf das platte Deck bettete. Die sanften Bewegungen des Schiffes indeß, welche ein besonderer Vorzug der „Ariadne“ sind, ließen keine Seekrankheit aufkommen und so kam der Prinz bald wieder mit der Erklärung zum Vorschein, daß diese Seereise die erste in seinem Leben sei, welche ihm Genuß gewähre.

Am 14. abends trafen wir in dem von niedrigen Höhen umschlossenen Hafen von Vavau ein, wo wir vor dem unbedeutenden Dorfe Neiafo ankerten. Wir waren leider gezwungen, den Verstorbenen noch an diesem Abend zu beerdigen, weil der Verwesungsproceß der Leiche schon so weit vorgeschritten war, daß wir dieselbe nicht mehr über Nacht an Bord behalten konnten. Eigentlich hätten wir dieselbe schon im Laufe des Nachmittags auf offener See bestatten müssen, da aber die Ankunft in Vavau gesichert war, so wollte ich dem Manne doch ein ordentliches Grab zukommen lassen. Ehe indeß die erforderlichen Vorbereitungen am Lande getroffen werden konnten, war es Nacht geworden und so konnte der Leichenzug erst gegen 9 Uhr das Schiff verlassen. Am Lande zog sich eine durch Laternen gebildete Schlangenlinie langsam die dunkle Höhe hinauf, die getragene Musik eines Trauermarsches kam wie ein Gebet über die stille Flut zu uns herüber und wir gedachten des armen Kameraden, welcher kurz vor der Heimreise dort drüben auf Bergeshöhe in fremder Erde seine letzte Ruhestätte fand. Die Musik verstummte, ein Choral erzitterte durch die stille Nacht, die Musik verstummte wieder und dann schlängelte sich in raschem Tempo nach den Klängen eines heitern Marsches die flimmernde Schlange wieder den Berg hinunter. Den Lebenden gehört nun einmal das Leben.

In Neiafo war wenig zu sehen, da neben dem umfangreichen mit großer Raumverschwendung erbauten hölzernen Wohnhaus des Gouverneurs die Hütten der Eingeborenen und die kleinen Häuser der wenigen hier lebenden Europäer um so mehr verschwinden, als alle diese Wohnungen sehr verstreut an dem Abhang eines Berges unter Kokospalmen, Brotfrucht- und Orangenbäumen versteckt liegen und man nicht den Eindruck gewinnt, eine Stadt oder ein zusammengehöriges Dorf zu betreten. Doch macht dafür jedes einzelne Wohnhaus an sich einen sehr behaglichen und bei der herrschenden Hitze auch einladenden Eindruck, da die Häuser sowol, wie deren nächste Umgebung angenehm beschattet sind.

Den Gouverneur traf ich am Morgen nach unserer Ankunft, bei Gelegenheit meines ihm gemachten Besuches, vor seinem Hause sitzend als tonganischen Häuptling an, d. h. nur im Lava-lava mit dem Fliegenwedel in der Hand. Ob er dadurch unangenehm berührt wurde, weiß ich nicht, jedenfalls hat er es sich dann nicht merken lassen, da er ebenso unbefangen liebenswürdig wie immer war, mir sein Haus zeigte und sich dann erst umkleidete, um mich in die nächste Umgebung zu fahren und mir dort seine Kaffee-, Baumwoll- und Kokosnußpflanzungen zu zeigen. In seiner Nationaltracht habe ich ihn später allerdings nicht mehr zu sehen bekommen.

Das Haus, nur ein Geschoß zu ebener Erde, scheint vorzugsweise mit Rücksicht auf Repräsentationszwecke erbaut zu sein, da es neben andern Wohnräumen einen besonders großen Speisesaal mit daran stoßendem Anrichtezimmer und dahinter liegender geräumiger Küche hat, auch große Vorräthe an Tischwäsche, Porzellan, Glas und sonstigem Tischzubehör vorhanden sind.

Die Dienerschaft des innern Hauses wird durch jüngere Häuptlingstöchter, welche sich regelmäßig ablösen, und die Küche durch ältere weibliche Personen gebildet. Im Stall sind natürlich Männer.

Ein großes Mittagessen, welches der prinzliche Gouverneur uns gab, unterschied sich von den uns gewohnten nur durch die Bedienung. Denn da wir auf Stühlen an einem mit weißem Damast gedeckten Tisch saßen, wo wir neben Tellern, Gläsern, Messern und Gabeln auch europäische Tafelaufsätze fanden, mit Speisen und Getränken bewirthet wurden, wie der Europäer sie in den Tropen genießt, die eigentliche Bedienung mit uns gewohnter Sauberkeit und Ordnung erfolgte, so blieben nur die bedienenden Personen als etwas Absonderliches übrig, und zwar als etwas so reizend Absonderliches, daß diese uns mehr wie das Mahl fesselten. Neben zierlichen jungen Mädchen, welche unter Aufsicht einer ältern braunen Dame mit großer Sicherheit und Ruhe die Speisen anboten, Teller, Messer und Gabel wechselten, standen hinter uns noch die vornehmern Häuptlingstöchter in ihrem schönsten Staat mit Blumen und Laub geschmückt, um uns Kühlung zuzufächeln und mit ihren Fächern auch die Fliegen und Mosquitos fern zu halten. Während des Essens hatte allerdings mein Gegenüber den besten Platz, weil das schönste der jungen Mädchen nur um meine Person beschäftigt war und daher hinter mir stand, wohin ich nur ab und zu einen verstohlenen Blick werfen konnte. Nach dem Essen änderte sich dies allerdings, da wir uns nun auf dem Fußboden als Gruppe auf Matten niederließen und die Mädchen zu unsern Füßen zwischen uns Platz nahmen, um ihres Amtes walten zu können. Mir schien es kaum möglich, daß die armen Geschöpfe überhaupt noch im Stande waren ihre Arme zu bewegen, aber trotz aller Bitten sich zu schonen, fuhren sie unverdrossen mit dem freundlichsten Gesicht in ihrer anstrengenden Arbeit fort, wofür ich meinem Mädchen wenigstens am nächsten Tage ein schönes Stück Sammt zu einem neuen Leibchen schenkte, worüber sie außerordentlich erfreut war. Sehr bedauert haben wir, daß wir diese Gruppe nicht in einem Bild fixiren konnten, denn wenn auch nicht gerade wir des Anschauens so werth sind, so waren es doch die zierlichen Tonganerinnen in ihren knappen, nur etwas bis über die Knie reichenden leichten Kleidchen aus bunter Seide und buntem Sammt, mit ihren Blumen und Laubgewinden und den frischen, heitern und hübschen Gesichtern. Die Frauen hier in Vavau erinnern in ihrer Gestalt mehr an die Samoanerin als an die große starkknochige Tonganerin, und vor beiden haben sie noch den Vorzug schönerer Gesichtszüge.

Während wir so behaglich hingestreckt lagen und bei einer Tasse Kaffee eine gute Cigarre rauchten, an denen es in diesem gastfreien Hause auch nicht fehlte, traten eine größere Zahl Männer in den Raum, um Kawa zu bereiten, welche hier, abweichend von dem Samoabrauch, durch Männer zubereitet wird, nachdem sie die Wurzel zwischen Steinen zerrieben haben. Dann folgten einige gut einstudirte Gesangsvorträge, in denen die Tonganer einen weitverbreiteten Ruf haben, welche mich aber nicht besonders ansprachen. Tänze sind hier durch die Missionare verboten und werden daher nur im geheimen geübt, dann aber, wie es wol nicht gut anders sein kann, als verbotene Frucht mit den dazugehörigen Ausschreitungen.

Zur Hebung der Moral haben die Missionare hier die schärfsten Bestimmungen durchgesetzt und dadurch die wunderlichsten Auswüchse im Volksleben hervorgebracht. So haben sie, um die sittlichen Zustände zu heben, verboten, daß die hier ansässigen Weißen ihren Hausstand durch eingeborene Frauenzimmer besorgen lassen. Da die Weißen nun keine Männer zur Bedienung erhalten können, so verfielen sie auf das Mittel der Adoption, gegen welchen althergebrachten Brauch die Missionare trotz ihrer sonstigen Macht bisjetzt noch nichts haben ausrichten können. Die Weißen adoptiren also ein junges Mädchen als Tante, Schwester, Tochter oder gar als Mutter, müssen dieselbe dann aber ganz in ihr Haus nehmen. Während nun früher die weibliche Bedienung nur am Tage den Hausstand ihres Herrn versorgte, muß sie jetzt ganz mit ihm zusammenleben, und es belustigte mich sehr, bei einem jungen Deutschen eine blutjunge Tonganerin als seine gesetzliche Tante vorzufinden.

Nicht ganz in Uebereinstimmung mit dieser Verordnung dürfte sich allerdings die weibliche Bedienung des Prinzen Gu befinden, dies hat jedoch zur Zeit keine große Gefahr, da der Prinz, wie man zu sagen pflegt, bis über die Ohren verliebt ist, und zwar in eine ihm an Geburt und Körpergröße ebenbürtige Dame, aber dennoch vorläufig ohne Hoffnung auf eine baldige Verbindung. Der Prinz zeigte mir mit allen äußern Zeichen eines unglücklich Liebenden die Photographie seiner Erwählten und erzählte mir dabei, daß der König bisher seine Einwilligung zu dieser Verbindung versagt habe, weil die Verwandtschaft (wenn ich nicht irre Geschwisterkinder) eine zu nahe sei. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich auch, daß die Tonganer von altersher Ehen unter Blutsverwandten nicht billigen.

Eine merkwürdige Mittheilung wurde mir hier noch gemacht, welche ich anfänglich nicht glauben konnte, aber doch glauben mußte, als der Gouverneur mir die Richtigkeit bestätigte. Die von den Missionaren eingeführten Strafen sind hier, ebenso wie auf den Gesellschafts-Inseln, Geldstrafen, von welchen der Angeber einen Theil als Angeberlohn erhält. Die besonders in Betracht kommenden Vergehen sind Uebertretung der Sonntagsheiligung, Diebstahl und unsittlicher Lebenswandel. Wird nun jemand eines solchen Vergehens angeklagt, dann ist die Beibringung von Zeugen nicht erforderlich, in den meisten Fällen auch nicht möglich, weil die Denuncianten oft aus Rachsucht oder Geldgier eine falsche Anklage erheben sollen, in diesen Fällen also schon das Vorhandensein von Zeugen ausgeschlossen ist. Hier sind nun die Angaben des Angeschuldigten und des Anklägers nicht gleichwerthig, sondern der Angeschuldigte erhält, sofern er nicht Zeugen für seine Schuldlosigkeit beibringen kann, wenn er nicht gleich gesteht, ohne Ansehung des Geschlechts 25 Hiebe und wenn er dann noch nicht gesteht, weitere 10 Hiebe. Darauf wird er entlassen und zum nächsten Tage bestellt, um dann derselben Mishandlung unterworfen zu werden, wenn er nicht vorzieht, die Geldstrafe auf alle Fälle zu zahlen und sich dadurch schuldig zu bekennen. Ein Zeichen der Unschuld gibt es übrigens, und zwar wenn bei der mishandelten Person während der Folter eine Blasenentleerung stattfindet. Der Angeber geht in allen Fällen straflos aus, jedenfalls um diesen Leuten das unsaubere Handwerk nicht zu verleiden. Wie mir versichert wurde, soll diese Art der Justiz auf den Einfluß der Missionare zurückzuführen sein, was mir indeß nicht bewiesen werden konnte. Aber soviel weiß ich, daß die Mission in Tonga, welche einen so bedeutenden Einfluß hat, dieser unwürdigen Rechtspflege in Vavau ein Ende machen könnte, wenn sie wollte und -- wenn sie durch ihre Station in Vavau von diesen Zuständen überhaupt Kenntniß erhalten hat.

Zu gestern war, ebenso wie früher auf andern Inseln, die Bevölkerung zum Besuch des Schiffes eingeladen. Hierbei machte es sich eine ziemlich große Zahl reichgeputzter Frauen, welche ohne Begleitung ihrer männlichen Verwandten auf das Schiff kamen, unter der Führung einer ältern wohlbeleibten Dame in meiner Kajüte bequem. Die ältere Dame, welche neben ihrer reichen Kleidung noch viel werthvollen Schmuck an sich trug, hatte einen jüngern Eingeborenen bei sich, der wol als Dolmetscher mitgenommen war und mir in Englisch seine Herrin als eine der vornehmsten Häuptlingsfrauen, von welcher ich auch schon gehört hatte, vorstellte. Die braune Dame war außerordentlich gesprächig, erkundigte sich nach allem Möglichen, nahm in einem Lehnsessel Platz und beförderte nach einiger Zeit alle Eindringlinge ihres Stammes, welche nicht zu ihrer nähern Umgebung gehörten, in energischer Weise zur Thür hinaus, richtete dann mit den entsprechenden Gesten und dem freundlichsten Gesicht einige Worte an mich, welche ich dahin deuten mußte, daß sie die Thüren geschlossen haben wolle. Dies traf auch zu, denn ehe der Dolmetscher zu Worte kommen konnte, wurde er beauftragt dies auszuführen unter Zuhülfenahme einiger Armbewegungen, welche nur besagen konnten: „Der Herr hat das Schließen der Thüren erlaubt, mach’ sie daher zu!“ Nach diesen Vorbereitungen setzte sie sich noch einmal bequem in dem Sessel zurecht, ordnete ihre Kleider etwas, gab den mit ihr gekommenen Mädchen, von welchen ich einige schon vom Hause des Gouverneurs her kannte, Anweisung, etwas zurückzutreten, sodaß der Platz vor ihr frei war, faßte dann dem Mann, welcher sich inzwischen vor ihr auf die Erde gesetzt hatte, zärtlich in die Haare und sagte etwas zu ihm, worauf derselbe anfing in halb hockender Stellung einen Tanz zu Füßen seiner Gebieterin aufzuführen, welcher an diejenigen der Gesellschafts-Inseln erinnerte. Während mich der Tanz nicht ansprach, waren die versammelten Damen, welche hier ohne Gefahr die verbotene Frucht genießen konnten, ganz entzückt davon, und die dicke Angeberin des jedenfalls vorher geplanten Vergnügens war so außer sich vor Freude, daß sie den Mann ab und zu unterbrechen mußte, indem sie ihn mit der einen Hand an den Haaren faßte, sich schüttelnd vor Lachen in den Stuhl zurückwarf, mit der andern Hand auf den Tänzer wies und mit nach hinten übergebogenem Kopfe -- ich stand ihr zur Seite -- mir etwas zurief, was nur bedeuten konnte: „Ist er nicht köstlich, himmlisch?“ Die Freude der Dame war so urwüchsig und ansteckend, daß ich aus vollem Herzen mitlachen mußte. Nach Beendigung der Vorstellung wurde der Mann zur Thür hinausgeschoben und nun wurde die Gesellschaft erst recht ausgelassen, die dicke Tante nahm ihre sehr hübsche und zierliche Nichte an der Hand und legte sie mir mit einer energischen Bewegung in den Arm. Da war ich nun umringt von einer ausgelassenen fröhlichen Mädchenschar und in meinem Arm lag ein schönes junges Menschenkind, welches mit zurückgebogenem Kopf und halbgeöffneten Lippen mich so glückselig über das hier Erlebte ansah, daß ich ordentlich an mich halten mußte, ihr nicht die frischen Lippen mit einem Kuß zu schließen. Ich schob sie der Tante aber wieder sanft zu und erhielt dann von ihr als Andenken einen schön geschnitzten Kamm, welchen sie aus ihrem Haar nahm.

Zu heute Vormittag 8 Uhr war unsere Abreise festgesetzt und Gouverneur Gu wollte mich ein Stück Weges begleiten, um mir eine an der Wasserstraße liegende Höhle oder Felsengrotte, welche einen weiten Ruf hat, zu zeigen.

Als ich heute Morgen die Augen aufschlug, wußte ich anfangs nicht ob ich träume oder wache; ein starker, eigenartiger, mir übrigens angenehmer Duft, wie ihn die hier und in Samoa von den Eingeborenen getragenen Kränze ausströmen, erfüllte meine Kajüte und vor meinem Bett standen vier geschmückte Mädchen mit Blumen im Haar und Blumen- und Laubketten um Hals und Hüften, unter denen sich auch meine beiden Freundinnen befanden, sowol die, welche beim Gouverneur um mich war, wie die Nichte der dicken Häuptlingsdame, welche am gestrigen Nachmittag das Schiff besucht hatte. Jede trug einen kleinen Korb mit Früchten in der Hand, Bananen, Ananas, Limonen und Orangen, sie zeigten mir die Körbchen, stellten sie dann auf den Tisch und legten ihre Kränze dazu. Als sie zu meinem Bett zurückgekehrt waren, schüttelte ich einer jeden die Hand, in der Erwartung, daß sie nun gehen würden und mich aufstehen ließen. Nach kurzer Zwiesprache gingen sie wol, aber nur drei von ihnen, denn eine blieb bei mir zurück; auch diese ging, aber erst nachdem eine andere hereingekommen war, und als die vierte nicht mehr weichen wollte und meine Zeichen nur dahin verstand, die Verbindungsthür nach der Vorkajüte zu schließen, machte ich kurzen Prozeß und stieg in mein Bad, worauf sie sich dann allerdings lachend entfernte. Aber nur für kurze Zeit. Denn kaum war ich wieder einigermaßen bekleidet, so waren sie alle vier auch wieder da, setzten sich um mich und leisteten mir sowol hier, wie nachher in der Vorkajüte bei meinem Frühstück Gesellschaft.

Um 8 Uhr kam der Gouverneur mit seinem Boot an Bord und war keineswegs erstaunt, die vier Töchter seines Landes hier vorzufinden, sondern hatte zweifellos von dem frühen Besuch Kenntniß gehabt, wie ich aus seiner Andeutung, daß die gesandten Früchte wol bis Apia reichen würden, entnehmen mußte. Er sagte auch, daß die Mädchen mit meiner Erlaubniß die Fahrt nach der Grotte mitmachen und mit ihm dann zurückkehren würden. Nach einer Stunde waren wir an dem Platz angelangt und fuhren in meinem Boot nach einem in der Felswand sich zeigenden kleinen Höhleneingang. Der Gouverneur, welcher eigentlich neben mir sitzen sollte, fand in dem hintern Ende des schmalen Bootes, wo ich des Steuers wegen bleiben mußte, keinen genügenden Raum für seinen mächtigen Körper und mußte daher weiter vorn sitzen, dadurch bekam ich zwei der Mädchen als Nachbarinnen. Bald hatten wir den 4 m breiten Eingang erreicht und mußten uns dort bücken, um nicht mit den Köpfen an die Felsdecke zu stoßen. Noch einige Augenblicke und wir befanden uns in einer wahrhaften Märchenwelt.

Scheinbar im blauen Aether schwebend sind wir in einem Raum, von dem wir nicht wissen, ob er groß ist oder klein. In der Mitte ruht mein weißes Boot und dieses wie die darin befindlichen weißgekleideten Männer und die in buntfarbige leichte Stoffe gehüllten braunen Frauen sind von dem wunderbarsten blauen Farbenhauch umflossen. Zu den Seiten, über uns, im Spiegelbild neben uns und unter uns wölbt sich in blauen Fernen das Gestein, von welchem phantastische Tropfsteingebilde in den Raum hineinragen. Wir wissen nicht was Wasser ist und was Luft, der ganze Raum erglänzt gleichmäßig in der wunderbaren tiefblauen Farbe des tropischen Meeres, denn da keine directen Lichtstrahlen in ihn fallen, so hat die ruhige glatte Wasserfläche keinen Spiegelglanz, sondern verschmilzt unmerklich mit dem Blau der über ihr stehenden Luft. Kein Wort fällt von unsern Lippen. Wir alle staunen andachtsvoll die uns umgebende Pracht an, auch die Leute an den Rudern sitzen lässig da, ohne sich zu rühren. Als ich mich nach meinen Nachbarinnen umsah, merkte ich erst, daß sie sich dicht an mich angeschmiegt hatten und mit strahlenden Augen und stummen Lippen fragten, ob ich dies auch so schön fände wie sie. Ja, es ist wunderbar schön in diesem heiligen Raum, wo man die ganze Welt in Liebe umfassen möchte. Erst das mit den Offizieren uns nachgefolgte Boot brachte wieder Leben, da die Herren nach der ersten Ueberraschung, welcher auch sie ihren Tribut zahlen mußten, im Verein mit mir die Grotte ausmaßen.

Wir fanden die folgenden Zahlen: Länge 14 m, Breite 11 m, Höhe der Wölbung über der Wasserfläche 8 m, Wassertiefe zwischen 10 und 16 m.

Die hauptsächliche Lichtquelle, jedenfalls die, welche der Grotte ihren Zauber verleiht, fanden wir an dem dem schmalen Eingang entgegengesetzten Ende in dem engen obern Durchbruch einer seitlichen schmalen und tiefen Felsspalte.

Nicht weit von dieser Grotte entfernt soll eine noch schönere sein, deren Eingang aber unter der Wasseroberfläche liegt, sodaß man nur tauchend in dieselbe gelangen kann. Also nichts für unsereinen.

Heute Vormittag 11 Uhr hatte ich von Prinz Gu, welcher in seinem Boot nach Neiafo zurückkehrte, Abschied genommen und begab mich dann an die Besichtigung der mir zurückgelassenen Laubkränze. Es ist schade, daß sich dieselben nicht aufheben lassen, denn sie sind wirklich ganz außerordentlich geschmackvoll zusammengestellt, sowol in den Farben, wie in den Formen der dazu verwendeten Blumen, Blätter, Gräser, Früchte und Beeren. Vom tiefsten bis zum hellsten Grün, Roth, Braun, Gelb und Blau; breite und schmale, schlichte und gezackte, weiche und dornige Formen; man möchte glauben, daß von jeder vorkommenden Pflanze in Blüte, Blatt oder Frucht ein Theilchen in dem armdicken und 1½ m im Umfang messenden Gewinde enthalten ist.

17.

Samoa.

IV.

Apia, 18. April 1879.

Am 21. März abends ging ich in Saluafata zu Anker, weil ich vor Dunkelwerden Apia nicht mehr erreichen konnte, brachte aber das Schiff gleich am nächsten Morgen hierher, um den Geburtstag unsers Allergnädigsten Kaisers und Kriegsherrn hier feiern und im Schmuck der Flaggen und Wimpel den Bewohnern durch den ehernen Mund unserer Kanonen die hohe Bedeutung des Tages kundgeben zu können.

Hier fand ich so ziemlich den alten Stand der Dinge vor. Die Taimua und Faipule besitzen noch die Regierungsgewalt und berathschlagen weiter über eine Königswahl, während Malietoa ruhig unter ihnen sitzt. Die einzige Neuerung ist, daß der Amerikaner Bartlett nun doch noch eine Anstellung bei der Regierung gefunden hat, wenn auch nur vorläufig auf zwei Monate als Lehrer der Rechte.

Am 28. März ging ich mit dem Schiff zu einem längern Aufenthalt nach Saluafata, um dort die Schießübungen mit den Kanonen und Gewehren abzuhalten, sonstige Exercitien vorzunehmen, welche uns nach den anstrengenden Reisen, bei denen die militärische Ausbildung etwas zurückstehen mußte, sehr noththaten, und um freundschaftliche Beziehungen mit den Bewohnern unserer neuen Kohlenstation anzuknüpfen, was uns über Erwarten gut gelang.

Saluafata hat mir mancherlei geboten und etwas, was bei dem Interesse, welches ich diesen Naturmenschen entgegenbringe, für mich von besonderm Werth ist: einen Einblick in ihr häusliches Leben. Hierbei kam mir wesentlich der Umstand zu Hülfe, daß dem Halbweißen, welcher mir wiederholt als Lootse gedient und auch die Reise nach Neu-Britannien mitgemacht hatte, von der Handels- und Plantagen-Gesellschaft neuerdings die Handelsstation von Saluafata überwiesen worden war und derselbe mir dadurch gegen ein Geschenk, welches ich ihm später machte, als Dolmetscher zur Verfügung stand. Dies erleichterte mir naturgemäß sehr den Verkehr mit den Eingeborenen, welcher bald ein so freundschaftlicher geworden war, daß die Leute mir volles Vertrauen zeigten und sich so gaben wie sie sind. Dies blieb aber nicht nur auf meine Person beschränkt, sondern schon nach kurzer Zeit war das ganze Schiff, und zwar ohne die Vermittelung eines Dolmetschers, in ein inniges Freundschaftsverhältniß mit dem Lande gekommen, und die Eingeborenen zeigten geradezu rührende Beweise ihrer Liebe zu den neugewonnenen Freunden, wobei das Merkwürdige zu Tage trat, daß jeder Matrose seinen bestimmten Samoaner als Freund hatte und im gegenseitigen Verkehr dann immer diese beiden zusammenhielten. Mein Verkehr beschränkte sich, wie dies nicht anders sein konnte, auf die am Orte ansässigen Häuptlingsfamilien und fand eigentlich nur am Lande statt, während die Besatzung regelmäßig zur Mittagsfreizeit ihre samoanischen Freunde an Bord empfing und den Gegenbesuch am Lande an ihren Urlaubstagen machte. Die Samoaner kamen dann mit ihren vollbeladenen Kanus an Bord und trugen ihren Freunden Früchte und andere Nahrungsmittel, Korallen, Muscheln, zierliche Kanumodelle, Speere, Tapastücke, Keulen und zuweilen auch alte ganz seltene Stücke zu, wogegen unsere Leute ihr Essen mit ihnen theilten. In der ersten Zeit, als ich den Zweck noch nicht kannte, versuchte ich verschiedene male, wenn ich die Samoaner mit den Sachen ankommen sah, etwas davon zu erwerben, wurde aber stets mit dem Bemerken abgewiesen, daß die Sachen für den Freund bestimmt seien. Als ich einmal den Versucher machen wollte und einen ganz übermäßig hohen Preis bot, half es mir auch nichts, der Mann blieb standhaft, so schwer es ihm auch zu werden schien. Wie weit die freundschaftlichen Gesinnungen unserer braunen Freunde gingen, werden am besten meine Erlebnisse zeigen. Ehe ich auf diese aber eingehe, will ich noch eine kleine Skizze von Saluafata entwerfen, weil dadurch das Nachfolgende wol leichter verständlich wird.

Der Hafen wird durch eine halbkreisförmige Einbuchtung der Küste gebildet und durch Korallenriffe gegen die See geschützt. Schmale Korallenriffe liegen auch noch in dem Hafen vor dem Strande, wodurch die vor diesem befindliche Wasserfläche stets ruhig ist und den Anwohnern einen um so bequemern Fischgrund bietet, als bei Ebbe die geringe Wassertiefe das Fischen ohne Kanu gestattet. Auch Boote, wenn sie durch die vorhandenen schmalen Einfahrten hinter die Riffe gekommen sind, können von hier aus hinter die Küstenriffe gelangen und in behaglicher Fahrt weite Strecken zurücklegen und unbehindert von dem draußen stehenden Seegang die nächsten Städte, Apia, Lufi-lufi und Falifa erreichen. An den Strand schließt sich ein schmaler Streifen ebenes Land an und dahinter umschließen mäßig hohe Berge die Bucht, sodaß das Auge überall angenehme Ruhepunkte findet. Der Strand ist schöner weißer Korallensand, dahinter stehen Kokospalmen, Brotfrucht- und Orangenbäume, unter welchen die Hütten, Taro- und Yampflanzungen liegen. An der Ostseite der Bucht liegt die Stadt Saluafata mit freiem Blick über das Meer; südlich davon, der nach uns benannten Ariadne-Huk gegenüber, die kleine, hohe, dichtbelaubte Albatros-Insel, nach unserm Kanonenboot so benannt. An der Südseite liegt noch ein Dorf, welches ebenfalls dem Häuptling von Saluafata gehört. Hinter der Stadt befindet sich ein großes Süßwasserbecken, welches einen angenehmen Badeplatz gewährt und eine große Wohlthat für unsere Besatzung wurde; auch beschattete, in das Innere führende Fußwege sind für Liebhaber vorhanden. Ueber die Lage des Berathungs- und Festplatzes habe ich das Erforderliche bereits bei meinem ersten Besuch der Samoa-Inseln und zwar gelegentlich der Beschlagnahme von Saluafata angegeben.

Als erstes Zeichen, daß das Eis gebrochen war und die auf mich wegen der frühern gewaltthätigen Wegnahme ihres Hafens verfaßten Spottlieder[F] hier keinen hohen Werth mehr hatten, diente eine mir von Loau, dem zweitangesehensten Häuptling, im Namen Sangapolutele’s übermittelte Einladung, am nächsten Nachmittag auf dem Festplatz einige Geschenke entgegennehmen zu wollen. Ich fand mich mit einigen Offizieren pünktlich am Lande ein und bedauerte nachher lebhaft, nicht vorher eine Ahnung von der mir zugedachten Ueberraschung gehabt zu haben, weil ich sonst die entbehrlichen Mannschaften mitgebracht hätte, um auch diesen den Anblick des großartigen Talolo, welches uns geboten wurde, zukommen zu lassen.

[F] Derartige Lieder werden von jungen Mädchen zusammengestellt, irgendeiner alten oder neu erfundenen Melodie angepaßt und bilden einen Haupttheil der geschichtlichen Ueberlieferungen.

Bei meinem Landen wurde ich von dem in eine alte feine Matte gehüllten Sangapolutele am Strande empfangen und zu dem Faletele geleitet, wo seine Frau, die beiden Töchter, sein kleiner Sohn und noch einige Häuptlingsdamen anwesend waren. Um den Platz herum stand viel Volk, aber nur Frauen und Kinder, Geschenke waren nicht zu sehen.

Nachdem wir uns mit Hülfe des Dolmetschers in dem kühlen Hause einige Zeit unterhalten und an frischer Kokosmilch erquickt hatten, wurde ich durch ein fernes Getöse aufmerksam, dasselbe schwoll mehr an und von Süden her, zur Seite der alten Gräber, brachen aus einem Waldweg ganz wunderliche, springende, tanzende und heulende Gestalten hervor, welche mir als des Häuptlings Narren, auch Buschmänner genannt, bezeichnet wurden. Die Kerle, man gestatte mir bei dieser Gelegenheit den Ausdruck, konnten einem gruseln machen. Theilweise sind sie ganz schwarz bemalt mit thalergroßen weißen und rothen Flecken über den ganzen Körper, theilweise sind sie unbemalt, aber alle haben weiße Nasen, Ohren und Augenhöhlen und sind nur mit einer handgroßen Blätterschürze bekleidet. Hinter diesen erscheint Loau, welcher mit eleganten weiten Sprüngen und in geradezu wundervoller Körperhaltung in Zickzacklinien auf den Platz fliegt, dann folgen die andern Häuptlinge und die ganze männliche Bevölkerung, welche auf die reichste Weise und vorzugsweise mit Laub geschmückt, Geschenke tragend aus dem Wald hervortreten und sich an der einen Seite des Platzes aufstellen.

Loau steht auf der dem Volk gegenüberliegenden Seite des Platzes auf einem großen Stein; dicht bei uns ein alter Mann mit den aus einem großen Stab und Fliegenwedel bestehenden Attributen des Redners, sein Gesicht Loau zugekehrt.

Die uns umgebenden einzelnen Personen und Gruppen bieten dem Auge eine solche Fülle des Neuen, Ungewohnten, solchen Farbenreichthum, so viel Leben, Urwüchsigkeit und Ordnung, daß ich fast geblendet von dem Schauspiel nur schauen und staunen, staunen und schauen kann. Die Samoa-Sitte, welche jeder Ueberstürzung abhold ist und bei feierlichen Handlungen gewisse Pausen und würdevolle Langsamkeit erfordert, ließ mir genügende Zeit, das Bild zu erfassen, ehe die Anrede erfolgte.

Der vor uns liegende, mit blendendem Korallensand bestreute viereckige Platz wird an drei Seiten von Waldlehnen, an der vierten von dem Faletele, in welchem wir uns befanden, begrenzt. Aus dem grünen Rahmen der uns gegenüberliegenden Waldlehne tritt das Haus Sangapolutele’s heraus; aus dem zu unserer Linken der Häuptling Loau in der stolzen Haltung einer Minerva; aus dem zur Rechten die andern Häuptlinge und das geschmückte Volk, welches sich um die beiden dort liegenden alten ehrwürdigen Grabstätten gruppirt hat. Ueber dem Platz steht die heiße Sonne an dem wolkenlosen Himmel.

Loau’s Kopf ist mit einem hohen Haarhelm bedeckt, dessen blonde Haarwellen roßschweifartig nach unten fallen und ihn in Verbindung mit mancherlei Zierath zu einem schönen Schmuckstück machen. Ein vorn in der Mitte angebrachter beweglicher kleiner runder Spiegel wirft das aufgenommene Sonnenlicht in weiten Strahlen zurück. Ein Band mit zwei Reihen kleiner Muscheln, deren Schmelz mit dem der Perlen wetteifert, ziert Loau’s Stirn, ein gleiches seinen linken Oberarm. Eine Kette von Schweinszähnen und feinen Gräsern umschließt den Hals; eine feine, hell-braungelbe Matte mit darüber liegendem Gürtel aus langen, schmalen, schwarzrothen Blättern (etwa 20 cm lang, 5 cm breit) die Hüften; feine Grasringe umfassen die Knöchel. Es ist eine edle Gestalt, welche in dem eigenartigen bunten und doch vornehm wirkenden Schmuck gehobenen Hauptes herausfordernd dort steht, mit der rechten Hand den auf den Boden gestützten Speer wie einen Heroldsstab hält und die Linke leicht am Körper herunterhängen läßt.

Aehnlich sind die übrigen Häuptlinge gekleidet, doch haben sie an Stelle des Helms rothe Blumen im Haar und an Stelle der Muschelbänder um Stirn und Oberarm ein schmales rothes Blatt, oder ein rothes Band mit einem Aufputz aus eigenem Haar. Das Volk hat grüne Kränze aus frischem Laub um Kopf und Hals, rothe Blumen im Haar, Lava-lavas von frischen Blättern. Der bei mir stehende Redner ist schlicht gekleidet und gehört eigentlich nicht zu dem Talolo, sondern hat nur die Aufgabe, die an uns gerichtete Ansprache zu erwidern.

Nachdem Loau eine Weile gewartet hat, wir aus dem Hause hinausgetreten sind und lautlose Stille eingetreten ist, ruft er seine Ansprache mit lauter Stimme in kurzen Sätzen zu uns herüber, welche einzeln gleich durch den Redner beantwortet werden. Die Ansprache dauert nicht lange, sie enthält nur die Begrüßung der Fremdlinge und die Bitte um Annahme der Geschenke, wofür der Redner in meinem Namen dankt. Darauf werden die Geschenke gebracht und bei uns niedergelegt; das Volk tritt wieder zurück und Loau führt einen Kriegstanz auf, welcher in hohen, gewagten, kraftvollen Sprüngen besteht und mich an die Solotänze unserer Ballettänzer erinnert. Nach ihm führen die andern Häuptlinge noch einen gemeinsamen Tanz auf, dann begeben wir uns wieder in die Hütte und das Volk zerstreut sich zum Theil, zum Theil bleibt es aus der Ferne Zuschauer, während wir Kawa trinken. Denn wir nehmen mit sämmtlichen Häuptlingen im Kreise Platz und die Mädchen beginnen mit der Kawabereitung. Vor diesem Getränk fürchte ich mich übrigens nicht mehr, ich habe es vielmehr durch die Gewöhnung so schätzen gelernt, daß ich mich auf den Genuß freue und ohne Abscheu der Bereitung zusehen kann. Bei dieser Gelegenheit lernte ich zum ersten mal das Ceremoniell kennen, welches der Samoaner bei solch festlichem Kawatrunk beobachtet. Sobald die Schale gefüllt ist, klatscht die von mir als „Redner“ bezeichnete Person, welche wol auch die Stelle eines Ceremonienmeisters versieht, in die Hände, um Ruhe zu fordern, steht auf, ruft den Namen derjenigen Person auf, welcher nach der Rangordnung der Trunk zukommt, und setzt sich dann wieder, um dasselbe jedesmal zu wiederholen, bis der letzte Anwesende seinen Trunk erhalten hat. Bei den Vornehmern wird immer nur eine Schale zur Zeit gereicht, nachher aber werden gleichzeitig zwei und drei Schalen ausgetragen. Mit welchem Anstand die Mädchen die Schalen anbieten, habe ich früher schon erzählt.

Meine Beziehungen zu den Häuptlingen waren bald so vertraute geworden, daß wir uns abends in dem außerhalb der Stadt auf einer kleinen Anhöhe liegenden Hause des Halbweißen trafen, wo ich die Leute mit Taback und Getränken bewirthete und von ihnen mancherlei erfuhr, was mich interessirte. Die erste derartige Zusammenkunft war aus politischen Rücksichten erfolgt, weil ich mich mit diesen Dingen mehr befassen mußte und noch befassen muß, als mir lieb ist, denn als ich vor vier Wochen hier ankam, hatte unser Consul die Samoa-Inseln für mehrere Wochen verlassen, und so war es, da es hier im Lande fortwährend gährt, meine Pflicht mich über die Vorgänge auf dem Laufenden zu erhalten, um nicht einem etwaigen Aufstande unvorbereitet gegenüberzustehen. Es kam mir hierbei zu statten, daß der hiesige District zu den Malietoas hält und wir, wenn wir auch den jüngern Malietoa keineswegs als eine wünschenswerthe Persönlichkeit betrachten können, doch den ältern, welcher zur Zeit der Erwählte seiner Partei ist, als den einzig möglichen König ansehen. So gestalteten sich diese abendlichen Zusammenkünfte gewissermaßen zu einem politischen Stelldichein, wo die am Abend von außerhalb eintreffenden Boten zuerst vorsprachen und die neuesten Nachrichten hinbrachten. Hier erfuhr ich denn auch, was ich allerdings nicht verbürgen kann, mir aber glaubwürdig erscheint, daß der in Apia residirende französische Bischof vor einigen Monaten nach Europa gereist ist, um die französische Regierung zur Erwerbung alles auf den Inseln verkäuflichen Landes zu bewegen, weil nur dadurch dem stetig wachsenden deutschen Einfluß wirksam begegnet werden könne; daß ferner die französischen Priester von den vier vornehmlich in Betracht kommenden Candidaten der Tupua-Partei einen unterstützen und für diesen auch den pp. Bartlett gewonnen haben, wofür dieser von ihnen in das Amt, welches er jetzt innehat, gebracht wurde. Bartlett soll denn auch, wenn er äußerlich auch nur als Lehrer der Rechte angestellt ist, thatsächlich die Regierung leiten, und unter anderm hat er, wol um seine Befähigung für dieses Amt darzuthun, den erstaunten Bewohnern von Apia das überraschende Schauspiel geboten, unter seiner Leitung die Herren von der Taimua und Faipule die Straßen Apias ausbessern zu lassen, von welcher Arbeit sich nur wenige Mitglieder ausgeschlossen haben sollen. Unter solchen Verhältnissen war mein Verbleiben in Saluafata von größerm Nutzen, als wenn ich die Zeit in Apia zugebracht hätte, denn hier würde ich von diesen Dingen wahrscheinlich nichts erfahren haben. Im übrigen war ich auch nahe genug, um in die Ereignisse eingreifen zu können, wenn es erforderlich geworden wäre.

Diese abendlichen Zusammenkünfte waren mir bald zum Bedürfniß geworden, sodaß ich fast täglich, wenn ich keine andere Abhaltung hatte, abends nach 8 Uhr an Land fuhr und bis gegen 10 Uhr dort blieb. Neben den Nachrichten, welche ich dort empfing, waren diese Abende für mich auch insofern lehrreich, als ich dort einiges von dem häuslichen Leben der Samoaner kennen lernte, da naturgemäß auch sociale Fragen, Familienverhältnisse und dergleichen mehr zur Besprechung kamen. Gewöhnlich fand ich schon Besuch vor, welcher mit der Familie des Halbweißen in der Mitte des Wohnraumes auf Matten unter der Hängelampe saß; dann kam weiterer Zuzug, Häuptlinge mit ihren Frauen und Töchtern erschienen. Die Männer bildeten eine Gruppe, die Frauen die zweite und die jungen Mädchen die dritte. Ich setzte mich gewöhnlich so zur Seite hin, daß ich den ganzen Raum übersehen und mich an dem behaglichen Zusammensein der Leute erfreuen konnte. Der Halbweiße, seine Frau (Samoanerin) oder eine junge ebenfalls zum Hausstand gehörige Samoanerin, welche beide auch etwas englisch sprechen, nahm an meiner Seite Platz, um mir das, was ich wissen wollte, verdolmetschen zu können. Die Männer besprachen dies und jenes und schlugen mit der flachen Hand klatschend auf ihren Körper, wenn ein Mosquito sie stach, was oft genug vorkam. Die Frauen unterhielten sich nach ihrem Geschmack und die Mädchen vergnügten sich mit Spielen. Einige spielten Karten und legten Gewinn und Verlust mit Streichhölzern an, andere machten Fingerverrenkungen, schlugen mit den flachen Händen gegeneinander, versuchten mit den Fingern und Händen Schattenbilder zu formen, machten Figuren aus Bindfaden durch Abheben von den Fingern und trieben auch ein Spiel, welches mich sehr überraschte, da es unser in das Samoanische übertragene Zwirnessen ist, welches zuweilen bei Pfänderspielen geübt wird. Wie bei uns das Zwirnessen in einem Kuß endigt, so mußte dieses Spiel sein Ende im Nasenreiben finden, welches hier noch die Stelle unsers Kusses vertritt. Die eine Person legt ein feines Stäbchen wagerecht so zwischen Oberlippe und Nase, daß ein längeres Ende nach einer Seite vorsteht. Die andere muß nun, ohne die Hände zu gebrauchen, mit Oberlippe und Nase das Stäbchen fassen und es der erstern zu entreißen suchen, oder es aber bei diesem Versuch so weit nach der andern Seite durchschieben, daß sie es schließlich nicht mehr fassen kann, ohne mit ihrer Nasenspitze die des Gegners zu reiben. Da sitzen nun beide mit untergeschlagenen Beinen und aufgestützten Händen einander gegenüber und wackeln mit den Köpfen hin und her, wobei die Besitzerin des Stäbchens durch ein gebrummtes Hm! die andere zum Angriff reizt. Diese hmt wieder und Hm! Hm! geht es, bis schließlich die Zuschauer durch den komischen Anblick der ernsten kämpfenden Gesichter in Lachen ausbrechen, womit das Spiel gewöhnlich sein Ende findet, da die Kämpfenden mitlachen müssen und dann das Stäbchen nicht mehr festhalten können. Die Theilhaber des Spiels sollen eigentlich wol verschiedenen Geschlechts sein, denn die eine oder andere forderte mich gelegentlich auch zum Kampf heraus, welchen ich aber, da mir die erforderliche Gelenkigkeit in Nase und Oberlippe fehlen, gewöhnlich damit endigte, daß ich meine Nasenspitze in die meiner Gegnerin einbohrte, wenn nicht vorher mein Schnurrbart sie zum Niesen gebracht hatte. Der Verkehr der Leute unter sich war auch sonst ein sehr netter, die Unterhaltung spielte oft von einer Gruppe zur andern hinüber, Fragen wurden stets freundlich beantwortet, und beim Aufbruch fanden sich die Familien zusammen und gingen gemeinsam nach Hause, nachdem vorher durch freundlichen Gruß und Händedruck voneinander Abschied genommen war.

Bei diesen Besuchen erfuhr ich auch einiges über die samoanische Art der Kriegführung, was der Wiedergabe werth ist.

Der Krieg erstreckt sich gewöhnlich nicht auf Angriff und Vertheidigung der Städte, sondern beide Parteien ziehen in den Wald, bauen sich aus gefällten Bäumen Festungen oder besser Verhaue, in welchen sich die Krieger mit Frauen und Kindern sammeln. Am Tage ist Ruhe, weil die vorgeschobenen Posten jeden Ueberfall rechtzeitig melden können und die Taktik nur auf dem geschickt auszuführenden Ueberfall beruht, welcher am häufigsten wol durch Verrath ermöglicht wird. Sobald aber die Dunkelheit eintritt, ziehen die Vorposten sich zurück und beide Parteien unterhalten nun während der ganzen Nacht ein heftiges Feuer in den Wald hinein, um sich gegenseitig vor dem gefürchteten Ueberfall zu sichern. Am Morgen tritt wieder Ruhe ein und so geht es fort, bis einer Partei der stets unblutige Ueberfall gelingt oder aber beide Parteien durch Mangel an Munition zu einem Vergleich gezwungen werden. Und daß in der Regel wol beide Theile gleichzeitig mit ihrer Munition fertig werden, dürfte aus einem mir verbürgten Beispiel aus dem letzten Krieg hervorgehen. Als die eine Partei eines Tages mit dem dämmernden Morgen ihre letzte Patrone verschossen hatte, schickte ein Häuptling seine Frau mit noch einigen Weibern zu ihrem Bruder, welcher die Gegenpartei befehligte, um von diesem sich Munition zu erbitten, weil sie die ihrige verschossen hätten. Anstatt die Unterhändlerin als Geisel zu behalten und nun den Ueberfall zu wagen, sah der Bruder das Gerechte des Verlangens seiner Schwester ein, ließ die ganze Munition herbeibringen und theilte ehrlich mit ihr. Die Weiber zogen dann mit ihrer werthvollen Last wieder ab und der Krieg konnte am Abend seinen Fortgang nehmen.

Diese harmlose Art der Kriegführung findet ihre natürliche Erklärung wol in den Verwandtschaften und daher in der Anwesenheit der Frauen und Kinder, denn bei einem ernsten Zusammenstoß wären diese allen Gefahren mit ausgesetzt, und der Samoaner scheut sich bei der verhältnismäßig hohen Bildungsstufe, welche er einnimmt, verwandtes Blut zu vergießen. Das Hauptvergnügen bei diesen Bruderkriegen ist demnach jedenfalls nur das mit großem Geräusch erfolgende Aufbauen der Festungen und das Schießen während der Nacht. Damit ist aber nicht gesagt, daß der Samoaner keinen Muth hat, denn er hat in Kämpfen mit Fremden bewiesen, daß er solchen besitzt.

Ebenso wie des Abends, war es mir auch während der Mittagszeit zur Gewohnheit geworden, ein bis zwei Stunden am Lande zuzubringen. Als eines Tages die Hitze in meiner Kajüte so unerträglich war, daß ich versuchte am Lande auf einem Spaziergang durch den Wald mir Erfrischung zu schaffen, fand ich im Vorbeigehen den Aufenthalt in dem Faletele so angenehm, daß ich es vorzog dort zu bleiben und in dem luftigen Hause, auf den kühlen kleinen Steinen liegend, dem Rauch meiner Cigarre zuzuschauen, dem Rauschen des in den Baumwipfeln spielenden Windes zu lauschen und an die bevorstehende Heimfahrt zu denken, während gleichzeitig meine Sinne von See-, Strand- und Waldesduft, den von frischem und getrocknetem Laub, Blumen und Harzen ausströmenden Gerüchen, welche in ihrer Vermischung charakteristisch für Samoa sind und einen wunderbaren Reiz auf die Geruchsnerven ausüben, so umstrickt wurden, daß ich bald in tiefen Schlaf verfiel. Als ich wieder erwachte, saß Toëtele neben mir, welche wol jede Störung von mir ferngehalten hatte. Die Ruhe, die schöne Lage der Hütte und vor allem die so sehr viel erträglichere Temperatur, als wie die auf dem Schiffe, ließ mich von nun an täglich mit einem Buch oder Papier und Bleistift dahin gehen, um die Zeit von 12-2 Uhr dort zu verbringen. Doch fürderhin wurde ich stets von Toëtele, in Erfüllung ihrer Pflichten, schon erwartet und fand für mich ausgebreitete Matten vor. Zuweilen kam auch Sangapolutele, mit oder ohne Frau, hin. Als eines Tages an Stelle von Toëtele, welche wol eine Reise unternommen hatte, Lolle mich empfing, änderte sich das Bild in etwas. Nachdem die kleine, trotz ihrer nur 17 Lebensjahre äußerst energische Person eine Weile zugesehen hatte, wie ich versuchte, das Kratzen der als Kopfkissen untergeschobenen zusammengerollten Matte durch das Zwischenlegen meines Taschentuchs zu mildern, und mich mit den Händen der Angriffe der Fliegen und Mosquitos erwehrte, runzelte sie die Stirn, kam zu mir heran, nahm mir die zusammengerollte Matte weg und setzte ihre Person dafür hin, indem sie ihr Kleidchen zurückschob und meinen Kopf auf ihr kühles Knie legte. Dann nahm sie ihren Fächer zur Hand, verscheuchte das Geschmeiß und hielt geduldig ein bis zwei Stunden in dieser Stellung aus. Meine Bemühungen, mich von ihr freizumachen, scheiterten an dem eisernen Willen dieses sonst liebenswürdigen Mädchens und für die Folge blieb mir nichts übrig, als mich diesem ihrem Willen zu fügen, oder aber auf den Besuch des Faletele zu verzichten. Als das kleinere Uebel wählte ich das erstere und ließ mir das etwas absonderliche Kopfkissen gefallen, was ich schließlich thun durfte, weil die Hütte stets rund herum offen war und jeder Vorbeigehende sehen konnte, was darin vorging.

Noch einen dritten regelmäßigen Besuch, bei welchem mich gewöhnlich einige unserer Herren begleiteten, stattete ich dem Lande ab, und zwar nachmittags zwischen 4 und 5 Uhr, um an einem köstlichen Platz, welcher auf halbem Wege zwischen Saluafata und Lufi-lufi liegt, ein erfrischendes Bad zu nehmen. Die Fahrt war an sich schon stets ein neuer Genuß, ebenso war es der Aufenthalt an dem Platze, wo man stundenlang hätte sitzen können, sodaß ich eigentlich nicht recht wußte, ob das Bad oder aber das Drum und Dran eine größere Anziehungskraft ausübe. Die Fahrt dahin geht dicht unter der belaubten Küste innerhalb der Riffe unter Segel, und da um diese Stunde stets ein frischer Wind weht und die Sonne in unserm Rücken steht, so athmet man ordentlich auf, wenn man das heiße Schiff verlassen hat und erst in dem Boot sitzt. Lange dauert die Fahrt allerdings nicht, da der Platz nur etwa zwei Seemeilen von Saluafata entfernt an der Küste liegt, wo aus einer Höhle ein unterirdischer Fluß heraustritt, sich zu einem Becken von vielleicht 10 m Breite und 15 m Länge erweitert und dann durch eine schmale Rinne in das Meer fließt. Das Wasser ist so durchsichtig klar, daß, obgleich die Tiefe nahezu 2 m beträgt, der feine Sand des Grundes dicht unter der Oberfläche zu liegen scheint, und so kühl, daß man nicht lange darin bleiben kann. Das Wasserbecken, welches nach der See zu offen ist, wird hinten von dem schwarzen Höhlenschlund mit der darüber liegenden hohen Bergwand und zu beiden Seiten von niedrigen Hügeln begrenzt, welche mit Kokospalmen bestanden sind, unter deren Schatten Sangapolutele für uns eine leichte Hütte zum Aus- und Ankleiden hatte errichten lassen. Zur Vervollständigung des Reizes steht auch zu der von uns zum Besuch gewählten Zeit die Sonne schon so weit hinter den Bergen, daß der ganze Platz beschattet ist. Während des Schwimmens trat oft die Versuchung an uns heran, in die Höhle, an deren Rand die Wassertiefe noch gleich groß war, vorzudringen; die Samoaner hatten uns mit ihren Erzählungen von den dort hausenden großen Aalen aber so scheu gemacht, daß wir am Eingang der Höhle stets kitzlich in den Beinen wurden und wieder umkehrten.

Sangapolutele hatte sich, um uns zu feiern, nicht mit dem uns gegebenen Talolo allein begnügt, sondern gab uns auch noch ein großes Essen. Die Einladung hierzu erfolgte mehrere Tage vorher, weil die Vorbereitungen viel Zeit in Anspruch nahmen und die verschiedenen Gerichte erst durch die Bevölkerung beschafft werden mußten. Sobald wir zugesagt hatten, war ganz Saluafata in der größten Aufregung und Geschäftigkeit. Die vornehmen Frauen gingen in den Wald, um Laub für die Ausschmückung des Faletele, für die Guirlanden und Kränze zu holen. Die Männer gingen mit Frauen und Kindern auf Jagd und Fischfang, holten Früchte und Gemüse, und suchten aus Wald, Feld und Meer alles, was überhaupt genießbar war, für dieses Fest zusammen. Tagelang wurde allenthalben nur gearbeitet und gekocht, sodaß die allgemeine Emsigkeit unsere Erwartungen mit jedem Tage wachsen ließ. Endlich war der Tag da, an dessen Vormittag wir noch gebeten wurden, in möglichst leichter Kleidung zu kommen, weil von den jungen Mädchen unsere Theilnahme an einigen Spielen erwartet würde. Nachmittags 2 Uhr betraten wir das Land, wo Sangapolutele und die andern Häuptlinge mit ihren Familien uns am Strande erwarteten und begrüßten. Sie trugen heute sämmtlich andere Kleidung als bei sonstigen festlichen Gelegenheiten. Die Männer hatten Muscheln oder einen frischen Laubkranz um die Stirn, rothe Blumen im Haar und über den Ohren, und als Lava-lava ein weitbauschiges schleppendes Kleid aus Tapa, welches ihnen eine würdevolle Erscheinung gab und ihnen gut stand. Die Frauen trugen feine Matten als Lava-lava mit um die Hüften geschlungenen Laubgewinden, Blumen im Haar, dicke wohlriechende Kränze, wie ich sie bei Tonga beschrieben habe, und andere kleine um Hals und Schultern.

Als wir den Festplatz betraten, fanden wir ihn umstellt mit der ganzen Bevölkerung und waren überrascht, die große Veränderung zu sehen, welche über Nacht mit dem Faletele vor sich gegangen war. Alle seitlichen Dachstützen und das Mittelgerüst waren zu Blumen- und Laubpfeilern geworden, von dem Dachrand hingen in gefälligen Bogen Laubgewinde herunter und in gleicher Weise war der innere Dachraum geschmückt. Im innern Raum umschlossen hohe Blumenterrassen den Fuß des Mittelgerüsts. Der Fußboden war mit Matten belegt und in drei concentrische Theile getheilt. Der äußere, ein an die Dachträger sich anschließender 1 m breiter Ring diente als Sitz für die Gäste, der nächste gleich breite Streifen gab den Tisch für die Speisen ab, und in dem innern Raum befanden sich Männer mit Messern zum Vorlegen der Speisen, sowie verschiedene kleine Pyramiden aus grünen Kokosnüssen, bei welchen auch je ein Mann mit einem Messer stand, um die Kokosmilch ganz frisch als Getränk anzubieten, wenn sie verlangt werden sollte. Die Speisen waren nicht nur appetitlich angerichtet, sondern erfreuten auch das Auge. Große, frische, saftiggrüne Bananenblätter bildeten die Unterlage, auf welcher sich die Genüsse der heißen Zone aufbauten: ganze Schweine, große und kleine Fische, Hummern, Tauben, Hühner, kleine Krebse, Muscheln, Taro, Yam, Brotfrucht, Gemüse aus Palmenkeimen, jungem Kokosnußkern und was sonst die Leute noch zusammengekocht hatten. Jede Speise lag auf einem grünen Blatt, die breiigen waren in grüne Blätter eingebunden, und zwischen diesen grünen Blättern, weißen Schweinen, Tauben und Hühnern, bläulichen und grauen Fischen, rothen Hummern und Krebsen und schillernden Muscheln leuchteten die goldenen Orangen hervor, gaben die gelben Bananen und schneeigen gekeimten Kokosnüsse, welche mit ihrem sehr feinen Geschmack als besondere Leckerbissen gelten, sowie die zwischengestreuten bunten Blumen dem ganzen Arrangement einen geschmackvollen Abschluß.

Wir nahmen mit den Häuptlingen, die Rücken der Außenseite zugekehrt, in bunter Reihe Platz. Die Frauen durften der Samoasitte gemäß an dem Mahl nicht theilnehmen, stellten sich aber hinter uns auf, um uns Kühlung zuzufächeln. Das Volk nahm um das Haus herum Aufstellung und sah zu. Soweit war alles gut, aber nun beim Essen kam die Schwierigkeit fremder Sitte, denn wenn auch Sangapolutele ganz gut mit Messer und Gabel umzugehen weiß, was er verschiedentlich an meinem Tisch bewiesen hatte, so mußten wir hier doch auf diese nützlichen Gegenstände verzichten, weil der alte Herr uns gerade ein echt samoanisches Mahl hatte vorsetzen wollen und dabei die Finger die Stelle der Gabeln und die Zähne die der Messer versehen müssen. Bei dem Kokosmilchtrinken ging dies wol, auch bei den Hummern und Krebsen, als uns aber der Schinken eines ausgewachsenen Schweines vorgelegt wurde, da war unsere Wissenschaft zu Ende. Wir stellten uns zunächst so dumm an, daß innen und außen allgemeine Heiterkeit entstand. Die energische Lolle aber, und auch Loautele, welche hinter mir standen, konnten dies nicht mehr länger mitansehen und setzten sich ganz gegen die Festordnung zu beiden Seiten neben mich hin und fingen an mich zu füttern, was solchen Anklang fand, daß gleich darauf jeder von uns solch eine Kinderfrau hatte; die andern Herren aber waren besser daran als ich, denn sie hatten nur eine und ich zwei, deren ich mich kaum erwehren konnte. Loautele schälte mir ein Stück Fisch heraus und steckte es mir zierlich in den Mund, Lolle gab mir ein Stück Schweinebraten, Loautele bot mir einen Hummerschwanz und legte den Rest, welchen ich nicht mehr nehmen wollte, weg, Lolle bot mir eine halbe Taube, betrachtete sich den Rest, fand, daß ich davon noch mehr essen könnte, und schob ihn mir wieder in den Mund, Loautele gab mir eine Banane und Lolle schmierte mir gleichzeitig mit dem ernstesten Gesicht einen Finger voll Gemüsebrei in den Mund. Was ich da alles zusammengegessen habe, in welcher Zusammenstellung und in welchen Mengen, das mögen die Götter wissen, ich weiß es nicht. Schließlich aber setzte ich doch meinen Willen durch, nur das zu essen, was ich wollte, worauf Lolle kopfschüttelnd gehorchte.

Als etwas ganz Besonderes wurden mir von einem Manne während des Mahls auf einem Blatt auch vier milchweiße lebende Raupen von der Größe und Dicke eines kleinen Fingers angeboten, welche in hohlen Bäumen gefunden werden und sehr selten sein sollen. Als ich mich schüttelnd gegen den Genuß verwahrte, aß der Mann mir auf Befehl Sangapolutele’s eine vor. Trotzdem sein Gesicht nur Entzücken verrieth, als er das sich windende Thier mit den Fingern zum Mund führte und so herzhaft hineinbiß, daß der Saft herumspritzte, konnte ich mich doch nicht zur Nachahmung verstehen, und da unsere Herren sämmtlich ablehnten, so verblieben sie den Häuptlingen.

Die einzelnen Gerichte waren, wenn auch für unsern Geschmack vielfach das Salz fehlte, durchweg schmackhaft zubereitet, nur für unsere Gaumen etwas zu fett.

Nach uns setzten sich die Häuptlingsdamen zu Tisch, und nach diesen kam das Volk an die Reihe, unter dessen Händen die Speisen schnell verschwanden.

Nachdem das Faletele ausgeräumt war und das Volk sich zerstreut hatte, begannen die Spiele vor Sangapolutele’s Haus, wohin sich die Aeltern der mitwirkenden Mädchen als Zuschauer zurückgezogen hatten. Diese Spiele, für die urwüchsigen Veranstalterinnen berechnet, überschritten schließlich doch etwas unsere Kräfte. Merkwürdigerweise betheiligten sich außer uns keine Männer an denselben, und es ist mir zweifelhaft geblieben, ob dies gegen die samoanische Sitte verstößt, oder ob man bei der beschränkten Zahl der jungen Mädchen, welche ihrer Geburt nach hier zugelassen werden konnten, uns dieselben allein überlassen wollte, oder aber ob die Häuptlingssöhne, die man in den Städten auffälligerweise nur selten sieht und die nur bei Gelegenheit von Festlichkeiten auf der Bildfläche erscheinen, mit den Fremdlingen nichts zu thun haben wollten. Das erstere ist wol das Wahrscheinlichere, da bei den Tänzen in der Regel auch die Geschlechter unter sich bleiben. Ob die Spiele selbst, welche an die unserer Landpartien erinnern, samoanischen Ursprungs oder von den Weißen eingeführt sind, habe ich nicht erfahren; ist das letztere der Fall, dann sind sie jedenfalls durch Einfügung samoanischen Humors nationalisirt worden. Neben Kraft- und Ringproben wurde auch eine Schlange gebildet. Toëtele als das vornehmste der anwesenden Mädchen stellte sich auf, ich mußte hinter sie treten und sie umfassen; hinter mir kam wieder eine Samoanerin, dann wieder einer von uns und so fort in bunter Reihe, bis der Schwanz von einigen Mädchen gebildet wurde, da dieselben in der Mehrzahl waren. Wie ich mich an meinem Vordermann bei ihrer nur dürftigen Kleidung festhalten sollte, war mir nicht recht klar, denn hielt ich mich an dem Lava-lava fest, so mußte dies bei der ersten heftigern Bewegung in meinen Händen bleiben; ich legte meine Hände daher um den Leib vor ihren Magen. Hiermit war sie aber nicht einverstanden, löste vielmehr meine Hände wieder und legte sie unter ihre Brüste, dieselben einmal fest dagegen drückend, als Zeichen, daß sie dort bleiben sollen. Dann ging es in Schlangenwindungen hin und her, bis ein samoanischer, nach europäischen Begriffen sehr derber Scherz das Spiel schloß. Es wurde eine große Stange herbeigebracht, die Mädchen erfaßten das eine Ende, wir das andere, und nun sollte festgestellt werden, auf welcher Seite die größte Kraft sei. Dieses Spiel endete mit einem europäischen Scherz, denn als wir eine Weile hin- und hergezogen hatten, machte aus dem Hintergrunde ein Witzbold von uns den Vorschlag, die Stange plötzlich loszulassen. Auf das leisegesprochene „Los“ entsprachen wir diesem Vorschlag, unsere Gegenpartei fiel hinten über und wir hielten uns verschämt die Augen zu. Der Scherz, von dem ich anfänglich annahm, daß er doch zu derb ausgefallen sei, fand übrigens Anklang, unsere Gegnerinnen lachten, waren schnell wieder auf den Füßen, brachten ihre Kleidung in Ordnung und forderten Fortsetzung. Was die Mädchen planten, sprachen ihre blitzenden Augen aus, wir blieben daher auf unserer Hut. Von beiden Seiten wurde wieder kräftig gezogen, unsere Gegnerinnen ließen los, wir gleichzeitig aber auch, und sie standen mit seitwärts weggestreckten Händen verblüfft und sprachlos da, während wir sie auslachten. Sie kamen aber schnell wieder zu sich, lachten mit, schoben die Stange zur Seite und schlugen ein Spiel vor, welches wol unserm Räuber und Gendarm entspricht. Sie wollten die Räuber sein und wir sollten sie fangen. Von diesem Spiele schloß ich mich aber aus und setzte mich als Zuschauer mit zu Sangapolutele hin. Schnell waren die bar- und leichtfüßigen Räuber in dem Walde verschwunden, die Unserigen folgten. Der Fang gelang aber erst bei der Rückkehr und zwar auch nur theilweise, da er nicht leicht war. Denn da die eingeölten aalglatten Körper nicht zu fassen waren, blieb kein anderer Angriffspunkt als das Haar übrig.

Als Erwiderung hatten die Offiziere und ich die Häuptlingsfamilien zu einem europäischen Essen auf das Schiff eingeladen, zu welchem indeß nur die Frauen und Töchter erschienen, weil die Männer auch auf fremdem Boden an ihrer Sitte, nicht mit den Frauen zusammen zu speisen, festhielten. Hier mußten die Damen nun auf Stühlen sitzen und mit Messer und Gabel hantiren. Mit dem Sitzen ging es, mit Messer und Gabel aber durchaus nicht, sodaß wir unsern Gästen anheimgeben mußten, ihre Finger zu Hülfe zu nehmen, nachdem sie die Suppe mit dem Löffel gegessen hatten, was ihnen auch genug Mühe gemacht hatte. Nun ging es besser, aber geschmeckt hat es ihnen trotzdem wol nicht, da Naturmenschen sich doch schwerer in fremde Kost hineinfinden können, als die Europäer dies thun.

Das in Saluafata vorgefundene samoanische Leben, welches schon so erheblich von demjenigen in Apia abweicht, ließ in mir den Wunsch rege werden, auch noch einige der weiter im Innern liegenden Städte zu besuchen. Der Halbweiße sagte mir seine Begleitung als Dolmetscher zu und Sangapolutele versprach mir einen Führer nebst einigen Gepäckträgern. Als Führer meldete sich der bescheidene Loau mit noch einem kleinern Häuptling, und diese waren an dem festgesetzten Tage mit noch zwei Gepäckträgern bereit, als ich morgens 6 Uhr mit meinem Gigsteurer (nennen wir ihn Lange), welchem ich diesen Ausflug zukommen lassen wollte und der gleichzeitig auch das ziemlich umfangreiche Gepäck mit beaufsichtigen sollte, an Land kam. Von unsern Herren wollte sich mir keiner anschließen, weil die Erinnerung an die Fußtour in Tahiti ihnen noch zu frisch im Gedächtniß war.

Die kleine Reise war von den Samoanern und dem Dolmetscher auf drei Tage veranschlagt worden, wobei der letztere sagte, daß er den beschwerlichen Marsch überhaupt nur mit mir wage, weil er meine Leistungsfähigkeit im Gehen bei einem Aufstieg auf den Berg Apia, bei welchem er mein Führer gewesen war, kennen gelernt hätte. Uebrigens war bei meiner Ankunft der Herr Dolmetscher noch nicht anwesend und ließ auch ziemlich lange auf sich warten. Endlich gegen 6½ Uhr kam die zu seinem Hausstand gehörige junge Samoanerin, um mir zu sagen, daß er nicht kommen könne, weil er Fieber habe, und daher sie schicke, um als Dolmetscher mitzugehen. Das Fieber schätzte ich indeß auf Katzenjammer und machte mich auf den Weg, ihn selbst zu holen. Wie ich vermuthet hatte so war es; Bill (der Vorname des Mannes, womit ich ihn fernerhin bezeichnen will) mußte heraus aus dem Bett und trotz alles Sträubens mit, und als Sa (der Name der jungen Samoanerin) nun sehr traurig wurde, daß sie zurückbleiben müsse, nahm ich sie auch noch mit, da es bei der großen Zahl meines Gefolges nun auf eine Person mehr oder weniger nicht mehr ankam. Uebrigens machte Sa sich nachher vielfach nützlich. Neben meiner Person bestand die Reisegesellschaft also aus Lange, Loau, Bill, dem andern Häuptling, Sa, zwei samoanischen Gepäckträgern und Bill’s Diener, einem Eingeborenen von den Neu-Hebriden, zusammen also aus neun Personen.

Das Gepäck setzte sich zusammen aus meinem Koffer mit reichlicher Wäsche, einem Kopfkissen, Mosquitonetz, Handtüchern u. s. w.; einem kleinen Koffer mit Lange’s Sachen; einem Ballen Stoffe und einer kleinen Kiste Wachholder-Branntwein, als Gegengeschenke für die mir zu erweisende Gastfreundschaft.

Um 7 Uhr waren wir marschbereit. Der Weg führte zunächst hinter Sangapolutele’s Haus in den Wald und in ein enges Thal, auf so schmalem Pfade, daß der auf dem Laub liegende Thau meine leichte Kleidung schon nach den ersten Schritten durchnäßt hatte. Gegen 9 Uhr, nach fortwährendem Steigen, traten wir aus dem Wald auf eine kleine Ebene und in ein dort liegendes Dorf, wo wir in dem Faletele eine kurze Rast machten und von den herzugekommenen Bewohnern mit frischer Kokosmilch bewirthet wurden. Mit den Menschen kamen auch zwei Katzen, ein Hund, einige Ferkel und Hühner mit, welche in dem Faletele ebenfalls ganz zu Hause zu sein schienen und mit dem jungen, opalfarbenen, gallertartigen Fleisch, welches sich in den grünen Nüssen an dem innern Rand der Schale befindet und die erste Entwickelungsstufe des Kerns aus der Milch bildet, gefüttert werden. So ist die Kokosnuß also nicht nur ein Universalnahrungsmittel für die Menschen, sondern auch für das verschiedenartigste Gethier, und mein Erstaunen war wol ein berechtigtes, daß Katzen und Hunde diese Speise nicht nur überhaupt, sondern gern nahmen. Was doch die Gewöhnung nicht alles thut! Zufällig sah ich hier auch, wie nützlich sich die Hühner, außer ihrem Beruf Eier zu legen und als Braten zu dienen, machen, denn als eine große Spinne sich zeigte, war sie auch sofort von einem herzugeflogenen Huhn verzehrt. Die Katzen halten die Wohnungen von Ratten frei, die Hunde werden wol hauptsächlich groß gezogen, um später gegessen zu werden. Die saubern kleinen Ferkel sind vielfach die Lieblinge der Frauen und werden von diesen an die Brust genommen, allerdings nicht aus Liebe, sondern als Schutzmittel gegen zu großen Kindersegen, und während dieser Zeit werden sie wie ein Schoshündchen verhätschelt, trennen sich weder Tag noch Nacht von ihrer Herrin.

Spotted a typo or a problem in this chapter? Tell us