Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee
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Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee.
Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee.
Von
B. von Werner, Contreadmiral a. D.
Mit über 100 Abbildungen und 5 Karten.
Zweite Auflage.
Leipzig: F. A. Brockhaus.
1889.
Das Recht der Uebersetzung ist vorbehalten.
Vorwort.
Die nachfolgenden Reisebriefe, welche ich hiermit der Oeffentlichkeit übergebe, wurden ursprünglich nicht zu diesem Zweck geschrieben, sondern sollten nur meinen Angehörigen dasjenige im Bilde vorführen, was ich selbst gesehen und erlebt hatte. Ich hielt mich weder für dazu berufen, die große Menge der vorhandenen Reisebeschreibungen vermehren zu helfen, noch hielt ich eine derartige literarische Thätigkeit vereinbar mit meiner Dienststellung als Schiffscommandant, sodaß ich schon aus diesem Grunde dahin zielende Vorschläge zurückweisen mußte, wenn ich auch fand, daß die vorhandenen Berichte über die Südsee nicht ausreichten, um sich ein einigermaßen getreues Bild von den dortigen Verhältnissen machen zu können. Denn die Südsee mit ihren Bewohnern war nicht nur mir vielfach in ganz anderer Gestalt entgegengetreten, als ich sie mir vorgestellt hatte: auch in Australien und Neu-Seeland, beim Anlaufen neuer Häfen während der Heimfahrt und schließlich auch in Deutschland wurden in Bezug auf die Südsee Fragen an mich gerichtet, die ich vordem ebenfalls gestellt haben würde und welche bewiesen, daß auch in weitern Kreisen die Vorstellung von jenen fernen Inseln und ihren Bewohnern eine unrichtige war.
Hatte ich somit nicht die Absicht, meine Aufzeichnungen einem größern Kreise zugänglich zu machen, so stellte ich sie doch denjenigen Personen gern zur Verfügung, welche sie zu lesen wünschten. Und als ich dann fast stets, und oft von competenter Seite, die Aufforderung erhielt, meine Briefe zu veröffentlichen, machte ich mich mit dem Gedanken vertrauter, wenigstens die auf die Südsee Bezug habenden Theile, als einen Beitrag zur Kenntniß derselben, der Oeffentlichkeit zu übergeben, wenn auch zu der Zeit meine dienstliche Stellung immer noch ein kaum zu umgehendes Hinderniß blieb.
Als dann nach Verlauf von nahezu zehn Jahren einer etwaigen Veröffentlichung nichts mehr im Wege stand, mußte ich mich fragen, ob nunmehr, nachdem neuere Werke über die Südsee oder Theile derselben erschienen waren, meine Aufzeichnungen noch etwas Neues zu bringen vermöchten, und kam zu dem Schluß, daß meine Beobachtungen und Erlebnisse, welche sich vorzugsweise auf dem rein menschlichen Gebiet bewegen, gerade geeignet sein würden, jene vornehmlich das wissenschaftliche Gebiet berührenden Werke in erwünschter Weise zu ergänzen. Denn jene beschäftigen sich, sofern sie nicht Sammelwerke sind, immer nur mit einer bestimmten Inselgruppe, ergänzen und berichtigen die Angaben älterer Berichterstatter, bringen werthvolle Nachrichten für den Anthropologen, Ethnographen, für den Geologen, Zoologen und Botaniker, aber nur wenig für den Menschenfreund. Sie führen uns nicht in das Volksleben jener Stämme ein, und zwar wol deshalb nicht, weil die Berichterstatter keine Gelegenheit fanden, so tief in dasselbe einzudringen, wie sie so leicht einem Kriegsschiffscommandanten geboten wird, wenn er Interesse für die Menschen hat, ihnen wohlwollend entgegenkommt und außerdem noch durch glückliche Nebenumstände begünstigt wird, wie sie mir in so reichem Maße zutheil wurden. Meine Aufzeichnungen dürften daher sowol von diesem Gesichtspunkt aus demjenigen Leserkreis, welcher sich für die Südsee interessirt, willkommen sein, wie auch um deshalb, weil sie einen Einblick in die Vorgeschichte unserer dortigen Colonialerwerbungen gestatten.
So übergebe ich denn dem Leser meine Aufzeichnungen mit der Bitte, sie wohlwollend zu beurtheilen. Sind dieselben, soweit sie die politischen Verhältnisse in der Südsee berühren, theilweise auch schon durch die in den letzten fünf Jahren auf diesem Gebiet stattgefundenen Veränderungen überholt, so wird durch diese Thatsachen andererseits doch bewiesen, daß die seiner Zeit von der „Ariadne“ getroffenen Maßnahmen die richtigen waren und somit die Männer, welche mich belehrten und mir rathend zur Seite standen, die Lage richtig beurtheilt hatten. Derjenige Leser, welchem ein kurzer Ueberblick über die in der Südsee seitdem stattgefundenen Machtverschiebungen erwünscht sein sollte, wird einen solchen im Anhang finden, wo auch einige allgemeine Bemerkungen über die Bewohner der Südseeinseln, sowie Angaben über die am 10. Juni 1886 im Geysir-Gebiet von Neu-Seeland stattgehabte Katastrophe eingefügt sind. Die Briefe, welche nur wahre und selbsterlebte Begebenheiten behandeln, auch sich streng an die wirklichen Zeiten und Oertlichkeiten halten, jede Uebertreibung und poetische Ausschmückung vermeiden, sind, soweit sie die Magelhaens-Straße und die eigentliche Südsee betreffen, an Ort und Stelle, unter dem frischen Eindrucke des eben Erlebten geschrieben und später nur abgerundet und theilweise gekürzt worden, so namentlich auf dem Gebiet der Naturalia, welche bei Naturmenschen ja eine so große Rolle spielen. Und doch fürchte ich, gelegentlich dem Vorwurf zu begegnen, daß ich in dieser Richtung nicht genug gethan hätte, wenngleich nach mir auch Andere noch den Blaustift gebraucht haben. Was aber schließlich davon übriggeblieben ist, scheint mir für die Charakterisirung jener Menschen und zur Gewinnung eines richtigen Urtheils so nothwendig, daß ich mich mit weitern Kürzungen nicht einverstanden erklären konnte.
Die Berichte über die Küste Amerikas, über Australien, Neu-Seeland und die Heimfahrt sind entweder nur Auszüge aus Briefen, oder nachträglich aus Tagebuchnotizen unter Zuhülfenahme des Gedächtnisses zusammengestellt. Die hier berührten, den europäischen Verhältnissen größtentheils so nahe verwandten Ländergebiete sind aber so vielfach und eingehend geschildert, daß ich nicht gewagt habe, meine nur auf ganz oberflächlicher Kenntniß beruhenden Beobachtungen zum Gegenstand einer Veröffentlichung zu machen. Daß sie trotzdem in der Form von Skizzen hier erscheinen, findet seine natürliche Erklärung darin, daß dem Leser, welcher im Geiste doch die ganze Reise mitmachen will, Gelegenheit gegeben werden muß, dem Schiffe dauernd folgen zu können; andererseits es aber auch wünschenswerth erschien, ihm ab und zu durch Vorführung von Bildern aus andern Himmelsstrichen eine Erholung zu gönnen.
Sollte ich nun durch meine Schilderungen ein klein wenig mit dazu beitragen können, daß die Südsee-Insulaner von uns Europäern geschont und in ihrer Eigenart erhalten werden, daß man ihnen nur das nimmt, was die christliche Religion, den dortigen Verhältnissen angepaßt, fordern muß, dann würde mir dies der schönste Lohn für meine vorliegende Arbeit sein.
=Wiesbaden=, im Juni 1889.
$B. von Werner.$
Inhaltsverzeichniß.
Seite
Vorwort. v
1. Die Magelhaens-Straße.
Ziel und Zweck des Schiffes. Warum ich Reisebriefe 1 schreiben will. Von Wilhelmshaven über Madeira und Rio de Janeiro nach der Magelhaens-Straße.
Eintritt in die Straße. Ebbe und Flut. Scenerie des 3 östlichen Theils. Die Wetterverhältnisse.
Wechsel der Scenerie. Etwas über die Eingeborenen. Die 5 chilenische Colonie Punta-Arenas. Das Feuerland. Kannibalismus bei den Eingeborenen. Punta-Arenas. Soldatenemeute. Lage des Ortes. Fisch- und Holzreichthum. Schweizercolonie.
Von Punta Arenas nach Port Angosto. Die Seefahrt in der 11 Straße. Wasserpflanzen und Fische. Wald und Schneefelder. Famine-Kanal. Schweres Gewölk. Walfische. Cap Froward. Froward-Kanal. Alpen und Gletscher. Papagaien und Kolibris. Krummer und Langer Kanal. Eingeborene Feuerländer auf dem Wasser.
Port Angosto. Schwere Pflichterfüllung. Die Straße bei 15 Nacht. Der anbrechende Tag. Smyth-Kanal. Mount Burney. Die Collingwood-Straße. Sarmiento-Cordilleren.
Puerto-Bueno. Fischreichthum. Eine Indianerfamilie. 18 Tauschgeschäft. Die Indianer in europäischer Kleidung.
Von Puerto-Bueno nach dem Gray-Hafen. Der Treppenberg. 24 Wechsel in der Scenerie. Seehunde. Dampfschiffsenten und andere Wasservögel. Begegnung mit fremden Schiffen. Wide-Kanal. Wechsel in der Scenerie. Kleine Eisberge. Der Eiskanal. Der Seehund in der Freiheit. Wie die Seehunde hier gejagt werden. Die 'English narrows'. Ein bedenklicher Augenblick.
Gray-Hafen. Ein kleiner Ausflug. Waldbrand. Halt-Bay. 32 Reicher Fischzug. Verirrte Boote. Schwierige Nachtfahrt in den Hafen Connor-Cove. Inselhafen. Austritt aus der Straße und Einfahrt in den Stillen Ocean.
2. Von Valparaiso nach Panama und Nicaragua.
Valparaiso. Vorsichtsmaßregeln gegen Erdbeben. Ein 41 Ausflug. Pappelpflanzungen.
Callao. Alligator-Birne. Tropische Hitze auf See. 44 Temperatur des Meerwassers. Vereinfachter Gesellschaftsanzug.
Panama. Zusammentreffen mehrerer deutscher Kriegsschiffe 46 zu einem Kriegszug nach Nicaragua. Schlechte Fußbekleidung zum Marschiren in den Tropen. Westküste von Centralamerika. Realejo. Corinto. Nicaragua hat Muth. Die deutschen Forderungen. Fahrt in den Urwald. Amapala. Nicaragua wird nachgiebig und erfüllt schließlich alle Forderungen.
3. Von Panama nach den Marquesas-Inseln.
Abfahrt von Centralamerika. Austausch von Grüßen zwischen 54 passirenden Kriegsschiffen. Was versprechen die Berichte über die Südseeinseln? Wind und Wärme. Schildkrötenfang. Der Malpelo-Fels. Die Temperatur sinkt. Die Galapagos-Inseln. Zuthunliche Thiere. Auf See. Etwas über die Thätigkeit des Commandanten und der Besatzung eines Kriegsschiffes.
4. Die Marquesas-Inseln.
Auszüge aus alten Reiseberichten. Zweck unsers Anlaufens 67 der Inseln. Die politischen Verhältnisse. Werth der Inseln als Colonie. Postverbindung. Der Gouverneur. Steuern. Erwerbung der Inseln durch die Franzosen. Verkehr zwischen den neuen Herren und den Eingeborenen. Die Bodengestaltung der Inseln. Ihr äußeres Bild. Wetterverhältnisse. Ertragfähigkeit. Der beste Standort für die Kokospalme. Handel. Bevölkerung. Tätowirung der Männer. Schamgefühl. Abnahme der Bevölkerung. Vielmännerei. Kriege. Trunksucht. Wie dem Aussterben der Bevölkerung am besten zu steuern wäre. Krankheiten.
Ankunft vor Omoa auf Fatu-hiva. Ansicht des Landes. Cap 82 Venus. Ein Kanu kommt vom Lande. Der Häuptling von Omoa kommt zum Schiff. Aeußere Erscheinung der Marquesaner. Das Kanu. Speisung der zum Schiff gekommenen Eingeborenen. Deren angeborene Würde. Das Schiff ankert. Die Wilden vor einigen Statuetten und Bildern in meiner Kajüte.
Das Landen mit Booten und Kanus. Beschwerlicher Weg nach 91 Omoa. Sorgsamkeit unserer Führer. Empfang am Lande. Brennender Durst. Die Wohnung des Häuptlings. Schöne Menschen. Schmuck. Verkehr der Eingeborenen untereinander. Kindesliebe. Geschenke. Die Wohnungen der Eingeborenen. Fliegenplage. Die Frauen. Tätowirung der Frauen. Die Ausführung der Tätowirung bei beiden Geschlechtern. Die Ohrläppchen als Blumenhalter. Ehrliche Träger. Die große Branntweinflasche. Der Rückweg zum Schiff. Etwas über Sitten. Warum die Frauen nicht aufs Schiff kommen wollen.
Bootfahrt nach Hanavava. Vergleich zwischen Hanavava und 103 Omoa. Deutscher Missionar. Französische und deutsche Missionare. Ihr vergebliches Wirken. Der Häuptling von Hanavava. Köstliches Landschaftsbild. Naturandacht. Der heidnische Tempel- und Opferplatz. Frühere Menschenopfer. Rückkehr nach Omoa.
Besuch der Eingeborenen an Bord. Sie nehmen für ihre 110 Waaren nur alte Kleidungsstücke an Zahlungsstatt. Eingeborene Frauen in meiner Kajüte. Schönheitssinn der Eingeborenen. Die Insulanerinnen in der Offiziersmesse. Spucknäpfe als Beruhigungsmittel. Tanz. Meine Ansicht über die Sitten der Eingeborenen. Das Leben auf dem Schiffsdeck. Ein halbwüchsiger Junge in meiner Kajüte. Die Eingeborenen verlassen das Schiff. Das Landen der Eingeborenen. Arbeit, Mahlzeiten, Trunksucht, Tödtung unliebsamer Genossen. Sittenlosigkeit oder Freiheit der Sitten? Sünden der Europäer. Abfahrt von Omoa nach Port Anna-Maria auf Nuka-hiva.
5. Von den Marquesas-Inseln nach Tahiti.
Die Südküste von Nuka-hiva. Wasserfall bei Port 122 Tschitschakoff. Der Archipel der Niedrigen Inseln. Laguneninseln oder Atolle. Die Seefahrt zwischen Koralleninseln. Die wahrscheinliche Entstehungsart der Koralleninseln. Ein Landschaftsbild derselben. Die Kokospalme hat stets reife Früchte. Südwest-Dünung. Auslug nach Tahiti. Insichtkommen des obersten Berggipfels. Das Mittagsbesteck verursacht Enttäuschung. Rein Schiff. Werth des Süßwassers auf See. Schiffsleben. Haifischfang. Allgemeines Matrosenbad auf dem Schiff. Abendruhe. Träumereien.
6. Tahiti.
Das Leuchtfeuer von Point Venus kommt in Sicht. 137 Ortsbestimmung des Schiffes nach einem Leuchtfeuer. Etwas über Seefahrt. Das Schiff wird für kurze Zeit beigedreht. Die Fahrt wird wieder aufgenommen. Der anbrechende Tag enthüllt unsern Blicken Tahiti. Unbewußte Morgenandacht. Kampf zwischen Fischen und Vögeln. Die Sonne steigt schnell. Tahiti hüllt sich in Wolken.
Entdeckungsgeschichte von Tahiti. Die ersten Missionare. 142 Französische Missionare auf dem Eroberungswege. Vergewaltigung Tahitis durch französische Kriegsschiffe. Beschreibung von Tahiti. Der Hafen und die Stadt Papeete. Die Bodengestalt. Productionsfähigkeit des Landes. Gefälschtes Speiseöl. Früchte und Thiere. Die Bevölkerung. Die politischen Verhältnisse. Der König von Tahiti. Gütergemeinschaft unter Verwandten. Die Grenzen des französischen Protectorats. Wunderliche Gesetze. Etwas über Ein- und Ausfuhr. Die Zölle. Der Gouverneur. Der französische Admiral des Südseegeschwaders als Oberregent aus eigener Machtfülle. Der Gouverneur im Arrest. Französische Beamte. Handhabung der Gesetze. Straßenfegerinnen. Etwas über das Missionswesen. Der Bischof von Tahiti als Handelsherr. Noch einmal der König von Tahiti. Die Hauptstadt. Die Europäer in Papeete. Einheimisches und europäisches Leben.
Ausflug von Papeete nach dem See Waihiria. Der Fahrweg an 165 der Küste entlang. Noch etwas über den besten Standort der Kokospalme. Tabu. Befestigungswerke der Franzosen auf Tahiti. Vanillepflanzungen. „Das schnell über das Land laufende Schwein.“ Klimatischer Kurort. Vorzügliches Frühstück. Die Tahitierin als Dienerin und als Gast. Fröhliche Gesellschaft in zeitweiser Verbannung. Ein Strandbild. Süßwasserquellen in der See. Wie der Eingeborene von der Kokospalme die Nüsse herunterholt. Unser Mittagessen. Französische Aufpasser. Unsere Führer und Träger. Beschwerliche Wanderung durch das Thal eines Bergflusses. Wir werden müde. Das letzte Stück des Weges.
Der Waihira. Allgemeine Ermattung. Bewundernswerthe 178 Ausdauer der Tahitier. Einige Eingeborene schwimmen über den See auf den Aalfang. Bad im See. Ein großer Aal. Wie die Eingeborenen kochen. Der Proviant trifft zu rechter Zeit ein. Vortreffliches Mahl. Verschiedenartigster Wechsel in unserer Stimmung. Abend am See. Gesang der Eingeborenen. Die tahitische Nationalhymne. Unser Nachtlager. Nacht am See. Träume. Der anbrechende Morgen sieht uns in trauriger Verfassung. Rückkehr nach Papeete.
Die Königin von Tahiti. Französische Intriguen. Besuch der 187 Königin auf der „Ariadne“. Abfahrt von Papeete.
7. Die Gesellschafts-Inseln.
Die Insel Morea oder Eimeo. Taloo-Hafen oder Papetoaï. Das 192 Dorf Oponu. Die Insel Huheine. Der Owharre-Hafen. Anmeldung bei der Königin. Eine Bootfahrt. Volksansammlung am Lande. Besuch bei der Königin. Die Königin und ihre Familie. Die Eingeborenen bei uns an Bord. Huttausch.
Von Huheine nach Bora-Bora. Sturm an der Küste von 198 Bora-Bora. Gefährliche Fahrt. Die kleine Königin von Bora-Bora. Förmlicher Besuch bei der Königin. Begrüßung mit dem Volk. Die kleine Königin bei uns. Das polynesische Königsthum. Ein kleiner Zwischenfall. Eigene Sitten.
Von Bora-Bora nach Raiatea. Raiatea und Tahaa. 205 Formenübereinstimmung zwischen den verschiedenen Inseln der Gruppe. Der Hafen Uturua. Die Königin von Huheine läßt ihren Hut zurückfordern. Beschwerden des deutschen Agenten gegen das im Hafen liegende französische Kriegsschiff. Die deutsche Faktorei. Unser Besuch bei dem König. Stürmische Verhandlung. Die Eingeborenen auf unserm Schiff. Die Töchter des Königs. Etwas über Perlen und Perlenfischerei. Sociale und religiöse Verhältnisse. Die Stellung der Missionare auf diesen Inseln. Abfahrt von Raiatea nach Papeete und von da nach den Samoa-Inseln.
8. Samoa. I.
Die Nordküste von Upolu und Ansicht des Landes. Ankunft im 214 Hafen von Apia. Die Samoa-Gruppe. Lebensweise unserer Landsleute. Consul Weber. Entwickelung des deutschen Südsee-Geschäfts. Die ersten deutschen Plantagen. Die Kopra. Die Regierung von Samoa. Alte Geschichten. Die deutschen Interessen. Deutsche Klagesachen gegen die samoanische Regierung. Besuch bei den Regierungsmitgliedern. Kawabereitung. Der Kawatrunk. Theilweise Erledigung der Klagesachen. Ankunft der Amerikaner in Apia. Amerikanische Landcompagnie. Samoanisch-amerikanischer Freundschaftsvertrag. Die Regierungsmitglieder erwidern meinen Besuch. Niederbrennen eines Dorfes. Amerikanische Intriguen. Erledigung der letzten Klagesache. Ratificirung des samoanisch-amerikanischen Vertrags. Alte Rechte Deutschlands. Beabsichtigte Abtretung der Samoa-Inseln an die Vereinigten Staaten von Nordamerika. Einladung zu einem samoanischen Fest und Ablehnung.
Nach Saluafata. Kampfesmuth der Samoaner. Ein weiser 238 Häuptling. Unsere armen Halbweißen. Das Schiff ist gefechtsklar. Der Consul und ich gehen allein an Land. Beschlagnahme von Saluafata. Von da nach Falealili. Wir werden am Lande nur von Damen empfangen. Die Beschlagnahme dieses Hafens geht ohne weitere Umstände vor sich. Die Damen werden handgreiflich und verschenken ihre Blumen. Zurück nach Apia. Große Aufregung unter den Samoanern. Am Lande wird auf mich geschossen, ich antworte mit Stockschlägen. Die Aufregung legt sich.
Amerikanische Geldforderungen. Noch einmal die 246 amerikanische Landcompagnie. Amerikanische Bewerber um die Regierungsgewalt in Samoa. Auf Manono.
Die Samoaner als Menschen. Ihre Formen. Die 248 Häuptlingsfamilien. Kleidung. Tätowirung. Hautfarbe. Schmuck. Körperpflege. Fischfang. Schwimmkunst. Mahlzeiten. Eintheilung des Landes in Districte. Abgaben. Gastfreiheit. Reiselust. Dörfer bezw. Städte. Der Berathungs- und Festplatz. Die älteste Tochter des Häuptlings. Bauart der Häuser und deren innere Einrichtung. Hausrath. Kanu. Der Samoaner auf dem Wasser. Das häusliche Leben. Selbständigkeit junger Mädchen. Sitten. Die ehelichen Verhältnisse. Die Eingeborenen als Christen. Besitz. Alte Matten. Künstliche Erzeugnisse. Waffen. Krankheiten. Wirkliche und sagenhafte Wasserthiere. Tauchkunst. Tanz. Toë als Tänzerin.
Ausflug nach der Plantage Vaitele. Beliebter Badeplatz. 269 Tonganischer Talolo. Deutsch sprechender Samoaner.
9. Sydney.
Port Jackson. Nach langer Zeit einmal wieder in 273 civilisirten Verhältnissen. Beförderung der Post durch Kriegsschiffe und Kauffahrer. Schwere Bö. Walfische. Einfahrt in den Hafen. Der Hafen. Sydney. Der Gouverneur von Neusüdwales. Geld macht nicht immer frei. Bei dem Gouverneur zu Tisch. Selbständigkeit der australischen Colonien. Die Stadt. Der botanische Garten. Vergnügungen. Der Rennsport. Das Klima. Wohnungen außerhalb der Stadt. Gastfreundschaft. Merkwürdige Vögel. Die Blue-Mountains. Eukalyptenwälder. Geselligkeit.
10. Samoa. II.
Vergebliches Suchen nach einem Korallenriff. Tod meines 290 frühern Dolmetschers. Die politische Lage. Thätigkeit der Amerikaner während unserer Abwesenheit. Stand unserer Vertragsangelegenheit. Der Palolo. Seine Aufsteigezeit vom Meeresboden. Ausfahrt zum Fang. Der Fang selbst. Abendbesuch bei Toë. Wir stören sie in ihrer Nachtruhe. Gemeinsamer Schlafraum. Betrachtungen über den Werth der Südseeinseln als Colonialbesitz. Nothwendigkeit, die einheimische Bevölkerung zu schonen und zu erhalten. Ein Lebensretter.
11. Von Apia nach den Marshall-Inseln.
(Tonga-, Fidji-, Ellice-, Kingsmill-Inseln.)
Abfahrt von Apia nach den Tonga-Inseln. Einige Angaben 299 über die vor uns liegende Reise. Das Ansteuern von Nukualofa. Die Stadt. Ihr äußerer Eindruck. Ausflug nach einem Baumriesen ('Ficus indica'). Besuch bei dem König von Tonga. Er selbst und die Prinzen Davita Uga und Wellington Gu. Aus der Heidenzeit stammende Trauerzeichen. Tonganisches Zeichen der größten Ehrerbietung. Unsere Musik spielt am Lande. Ein Blick auf das Volk. Hunde und Schweine.
Von Nukualofa nach Levuka. Einfahrt in den Hafen von 305 Levuka während der Geisterstunde. Ein deutscher Gruß. Gefährlicher Ankerplatz. Levuka. Entwickelung einer englischen Colonialstadt. Wir müssen doch auch einmal in den Besitz von Colonien kommen. Die Wohnung des Gouverneurs. Beweglichkeit der englischen Beamten. Von Levuka nach Taviuni. Vor Soma-Soma. Besuch bei dem Häuptling. Seine Frau und sein Haus. Glück bringende Menschenleiber. Das Innere der Häuptlingswohnung. Merkwürdiges Gemisch an Hausrath. Frau Tui-Kakao mit ihrem Diener. Polynesische Sitte. Wasser holende Mädchen. Ein großes Doppelkanu. Besichtigung einer Kaffeepflanzung. Der Besitzer. Etwas über Kaffeeplantagen. Zu Gast bei dem Besitzer der Pflanzung.
Abfahrt von den Fidji-Inseln nach Fotuna. Das Anlaufen von 314 Fotuna aufgegeben. Funafuti. Einfahrt in eine Laguneninsel. Eingeborene als Lootsen. In der Lagune zu Anker. Bedeutung der Laguneninseln für den Handel und Werth der Verträge mit solchen Inseln. Handel und Plantagenbau müssen sich gegenseitig ergänzen. Etwas über Plantagenbau und den derzeitigen Ertrag desselben. Nothwendigkeit der Arbeiterzufuhr nach den Samoa-Inseln. Grundriß von Funafuti. Poesie und Prosa. Bootfahrt durch die Lagune. Das Leben auf dem Meeresboden. Biche-le-mare, Trepang oder 'Holothuria'. Ich freue mich, daß ich kein Naturforscher bin. Bevölkerungszahl der Insel. Peruanische Sklavenjäger. Die Kirche und die Hütten. Unsauberkeit. Hautkrankheiten. Kleidung der Eingeborenen. Ertragfähigkeit der Insel. Träge Menschen. Fliegenplage. Ein Bad. Im Innern der Insel. An dem äußern Ufer. Etwas über die Entstehung der Koralleninseln. Contrast zwischen dem äußern und innern Ufer. Kanakerkinder. Schweine, Hühner, Schmetterlinge und Fliegen. Versuchter und misglückter Schildkrötenfang. Der König an Bord. Abschluß einer Uebereinkunft. Die Eingeborenen beschließen ihr Tagewerk mit geistlichen Liedern.
Von Funafuti nach Baitupu. Starke Nervenerschütterung. Vor 326 Baitupu. Beschwerliche Landung. Ein kleines Kanakermädchen. Deutsche Beschwerden. Besuch bei dem König. Ich erkenne den mit der Absetzung Bedrohten als König an und damit werden seine Widersacher machtlos. Verhandlungen mit dem König. Baitupu, eine volle Koralleninsel ohne Lagune. Das Dorf, die Eingeborenen und ihre Wohnungen. Die Ohrläppchen als Taschen. Bevölkerungszahl. Besuch bei dem eingeborenen Missionslehrer. Geschenke. Der König auf dem Schiff.
Von Baitupu nach Tapituwea. Meeresströmungen. Tapituwea. 331 Die Art der Anwerbung von Plantagenarbeitern. Werth der Insel als Arbeiterquelle. Wildheit der Eingeborenen. Narben auf den nackten Leibern. Haifischzahnwaffen. Vorsichtsmaßregeln im Verkehr mit den Eingeborenen. Fahrt an Land. Nur wenige Menschen zeigen sich, wo sind die andern? Die Eingeborenen in Kleidung, Hautfarbe, Haartracht, Gesichtstypus und Körperformen. Wozu die Kokosnuß nicht gut ist. Besuch der Wohnstätten. Betragen der Eingeborenen. Die Wohnungen. Ueberraschende Sauberkeit und Ordnung allenthalben. Das Hauptberathungshaus mit dem Allerheiligsten. Baukunst der Eingeborenen. Erwerbung einiger Waffen. Taback als Geld. Ein wunderlicher Tänzer. Ein gekentertes Kanu wird von den Eingeborenen ohne weiteres preisgegeben. Gefährliche Meeresströmung.
Von Tapituwea nach Apamama. Unzuverlässigkeit der Karten. 340 Warum wir nach Apamama gehen. Vergeblicher Versuch, mit Booten das Haus eines Deutschen zu erreichen. Schöne Bootfahrt. Im Hause des deutschen Agenten. Die Fahrt zum König ein Märchen. Der König von Apamama. Sein Kanu. Seine Residenz. Sein Vater. Die Eingeborenen. Tätowirung der Frauen. Die Mutter und die Schwester des Königs. Großer Tanz. Ein Albino. Die Töchter des Königs. Die mir gemachten Geschenke. Einschiffung des Königs. Sein Besuch auf der „Ariadne“. Wirkung eines Scheingefechts auf ihn und auf die Eingeborenen überhaupt. Der König als Herrscher.
Von Apamama nach Taritari. Ankunft daselbst. Zweck des 355 Anlaufens. Besuch an Land. Die Eingeborenen und ihre Wohnungen. Allgemeine Trunkenheit. Wasser tragende Mädchen. Der König von Taritari. Lange Fingernägel.
12. Die Marshall-Inseln.
Jaluit kommt in Sicht. Herr Franz Hernsheim kommt dem 360 Schiff entgegen. Ankunft in Jaluit. Die deutsche Ansiedelung. Die Wohnungen. Die Eingeborenen. Haartracht. Ohrlappenring. Tätowirung. Körperbildung. Kleidung. Körperpflege. Sauberkeit. Sociale Verhältnisse. Die Stellung der Frauen. Der König Lebon in seinem Hause. Kriegstanz. Unser Landungscorps landet und exerciert im Feuer. Wirkung auf die Insulaner. Die Eingeborenen bei uns an Bord. Eine Uebereinkunft wird unterzeichnet und der Hafen von Jaluit wird deutsche Kohlenstation. Wir salutiren die neue Landesflagge der Marshall-Inseln. Abfahrt nach Ebon. Bedeutung dieser Insel. Den Häuptlingen wird ihr Standpunkt klar gemacht. Abfahrt von Ebon.
13. Im Bismarck-Archipel.
Die Fahrt von den Marshall-Inseln bis zum südlichsten Cap 379 von Neu-Irland. Die Inseln Bougainville und Sir Charles Hardy werden passirt. Die Süd- und Westküste von Neu-Irland. Heißes Wetter. Eingeborene von Neu-Irland. Die Blanche-Bai und die Duke of York-Inseln. Allgemeines über die letztern Inseln. Die deutschen Kaufleute als Geschäftsleute und als Menschen. Etwas über frühere Kämpfe mit den Eingeborenen. Die englischen Missionare. Besondere Geschmacksrichtung der Menschenfresser. Schwierige Lage eines Missionars.
Aeußere Erscheinung der Duke of York-Inseln. Die Inseln 391 Meoko, Muarlin und Amakada. Zwischen Korallen. Ankunft vor Meoko. Die Reize der Landschaft. Klarheit des Meerwassers. Echte Menschenfresser in harmloser Gestalt. Die deutsche Faktorei. Ein braver alter Mann. Widerstandsfähigkeit der Europäer in den Tropen. Ich sehe mir die Wilden an. Erwerbung einiger Waffen. Besichtigung und Prüfung des Hafens in Bezug auf seinen Werth als deutsche Kohlenstation. Morgenspaziergang auf Meoko. Die Eingeborenen bei Tagesanbruch. Ihre Bewaffnung.
Abfahrt von Meoko nach Makada. Etwas über Korallen. Noch 398 einmal Klarheit des Meerwassers. Ankunft in Makada. Herr Eduard Hernsheim. Gründung von Handelsstationen durch Deutsche. Der deutsche Kaufmann. Herr Robertson. Kapitän Levison. Deutsches Wohnhaus auf Makada. Deutsche Faktorei. Topulu oder King Dick. Politische Verhältnisse. Wie Topulu König wird. Achtung vor fremdem Eigenthum. Topulu’s Haus. Seine Frauen. Paradiesische Kleidung und paradiesische Ungenirtheit. Die Schatzkammer. Geld. Topulu’s Dug-Dug-Masken und Fischereianlagen. Der englische Missionar Herr Brown. Erledigung einer Klagesache. Auf dem Hafen von Makada. Ich entschließe mich, den Hafen für das Reich zu kaufen. Besuch bei Herrn und Frau Brown. Des Königs Dug-Dug-Kanu. Torragud, das Urbild eines Menschenfressers und Menschenjägers. Menschenjagd. Die Eingeborenen. Mästung von Mädchen auf Neu-Irland. Menschenfleisch. Hautzierathe. Halsbänder. Das Armband als Tasche. Körperpflege. Die Waffen und die Kampfweise. Werkzeuge. Musikinstrumente. Künstliche Erzeugnisse. Tanzstöcke. Schädelmasken. Dug-Dug-Masken. Nahrungsmittel. Noch einmal Menschenfleisch. Topulu schickt mir eine Einladung zu einem Tanz. Im Urwald bei Urakukua. Edles Wild. Bei Torragud. Verkauf der Mädchen. Entwickelung der Gemeinwesen. Ein seltenes Schmuckstück. Tanz. Deutsche Klagen gegen Eingeborene. Der Dug-Dug und sein wahrscheinlicher Zweck.
Abfahrt von Makada nach Ruluana. Das Schiff läuft auf 434 einen Korallenblock. Vorbereitungen zur Landung. Landung in Ruluana. Wirkung unserer Musik auf die Eingeborenen. Die Eingeborenen geben ein Geldpfand. Verängstigte Eingeborene. Tanz. Aeußere Trauer der Frauen. Gestrafte Frau. Neu entstandene Insel. Port Weber. Ein Handelsagent. Waffen-Attrape.
Wieder in Makada. Erwerbung des Hafens für das Reich. Der 443 Kaufbrief. Ein großer Dug-Dug. Die Dug-Dugs auf dem Wasser und im Walde. Der eigentliche Dug-Dug. Scheingefecht unserer Landungstruppe. Abschied von der Familie des Missionars und den deutschen Herren. Abfahrt nach Meoko. Kauf des Hafens. Besuch bei einem kranken Häuptling. Abfahrt von Meoko.
14. Samoa. III.
Im Heizraum eines Kriegsschiffes. Ungeziefer. Verschiedene 452 Inseln der Salomons-Gruppe. Savo. Ein Engländer. Die Eingeborenen. Das Ei des Buschhuhns. Künstliche Erzeugnisse. Folgen eines Tabu-Bruches. Wetterverhältnisse. Rührei von Buschhuhneiern. Apolima als natürliche Festung. Durchfahrt zwischen Apolima und einer Felsenklippe. In Apia finden wir unser Kanonenboot „Albatros“ vor. Die politischen Verhältnisse. Die beiden samoanischen Königsparteien. Wirkung unserer Durchfahrt bei Apolima auf die Samoaner. Vertragsverhandlungen. Abschluß des Freundschaftsvertrages. Voraussichtliche Wirkung des Vertrages auf andere Inselgruppen. Landverkauf der Samoaner bei Kriegswirren.
15. Neu-Seeland.
Auckland. Geselligkeit. Ausflug nach dem Seen- und 468 Geysir-Gebiet. Kosten des Ausflugs. Die Ueberfahrt nach Tauranga. Tauranga. Landbesitz der Eingeborenen und Landtage. Maoris im Rausche. Abfahrt nach Ohinemutu. Urwald auf Neu-Seeland. Ein Blick auf die Seen. Der Roto-rua. Ohinemutu. Heiße Quellen. Alte Schnitzereien. Abfahrt nach Wairoa. Der Whakarewarewa. Wieder heiße Quellen. Durch den Tikitapu-Wald nach dem Tikitapu-See. See und Berg Tarawera. Wairoa. Nach dem Roto-mahana. Unsere Führerin. Der Roto-mahana. Die weiße Sinterterrasse. Verschiedene Wärme des Wassers. Das Teufelsloch. Fahrt über den See. Die rosafarbene Sinterterrasse. Bad in einem Becken der Rosa-Terrasse. Von Wairoa zurück nach Ohinemutu. Erwerbung einiger alter Schnitzereien. Zurück nach Tauranga. Begegnung mit der Postkutsche. Rückkehr nach Auckland.
16. Die Tonga-Inseln.
Hohe Dünung als Vorbote eines heranziehenden Cyklons. 483 Erwägung der Möglichkeit, ob dem Orkanfeld noch auszuweichen ist. Gewöhnlicher Weg der bei den Tonga-Inseln auftretenden Cyklone. Das Orkancentrum nähert sich uns. Im Orkan und Flucht vor ihm.
Ankunft in Nukualofa. Zusammentreffen mit dem „Albatros“. 486 Durch den Orkan verursachte Verwüstungen am Lande. Gefährliche Lage des „Albatros“ während des Orkans. Ueberreichung der dem Könige von Tonga und den beiden Prinzen verliehenen preußischen Orden. Der König beehrt unser Schiff mit seinem Besuch. Zu Gast bei dem englischen Missionar. Raubanfall auf einen unserer Unteroffiziere durch Tonganer. Forderung der Bestrafung der Thäter. Schwierigkeiten von Seiten der tonganischen Regierung. Entdeckung der Räuber und Bestrafung des einen. Tod eines unserer Matrosen. Prinz Gu macht als mein Gast die Reise nach Vavau mit. Ankunft in Vavau. Beerdigung des verstorbenen Matrosen.
Neiafo. Prinz Gu als tonganischer Häuptling. Des Prinzen 490 Wohnhaus in Neiafo. Seine Dienerschaft. Zu Gast bei dem Prinzen. Tonganische Häuptlingstöchter. Kawa auf tonganische Art. Gesang. Eigenthümliche Sitten. Prinz Gu’s Liebe. Tonganische Rechtspflege, Denunciantenthum und Folter. Tonganische Damen in meiner Kajüte. Ein Tanz und seine Folgen. Unerwarteter Morgenbesuch. In großer Versuchung. Besuch der blauen Grotte bei Neiafo unter Führung des Prinzen Gu. Die Tonganerinnen zeigen sich in neuem Reiz. Laubkränze.
17. Samoa IV.
Ankunft in Apia. Kaisers Geburtstag. Samoanische 500 Regierungsangelegenheiten. Saluafata. Verkehr mit den Eingeborenen. Sangapolutele und Loau. Gegenseitige Freundschaft. Der Hafen. Spottlieder. Einladung zu einem Talolo. Empfang am Lande. Auftreten der Buschmänner, der Häuptlinge und sonstigen Festtheilnehmer. Loau als commandirender Häuptling. Der Redner. Das Volk. Der Festplatz. Die äußere Erscheinung Loau’s, der andern Häuptlinge, des Volks und des Redners. Ansprache und Antwort. Ueberreichung der Geschenke. Tanz. Kawatrunk. Ceremoniell bei solch feierlichem Trunk.
Meine Abendbesuche am Lande. Etwas über die politischen 506 Verhältnisse. Verkehr der Samoaner unter sich. Häusliche Spiele. Samoanische Kriegführung. Meine mittäglichen Besuche im Faletele. Lolle als Kopfkissen. Badeplatz bei Lufi-lufi. Die Fahrt dahin. Ein Höhlenfluß.
Ein samoanisches Festmahl. Die Vorbereitungen dazu. Die 512 Kleidung der Häuptlinge und ihrer Damen. Das Faletele als Festhalle. Die Speisen und ihre Anordnung auf dem Fußboden. Sitzordnung. Schwierigkeiten beim Essen. Die Häuptlingstöchter als Kinderfrauen. Lebende Raupen als besondere Delikatesse. Die Speisung der Damen und des Volks. Samoanische Spiele. Festessen auf der „Ariadne“ für unsere samoanischen Freunde.
Ausflug in das Innere. Führer und Gepäckträger. Der 517 Dolmetscher schützt Fieber vor und schickt Sa, hat aber nur Katzenjammer und muß doch mit. Die schließliche Reisegesellschaft. Das Gepäck. Abmarsch. Erste Rast. Menschen, Katzen, Hunde, Hühner und Ferkel. Kokosnußfleisch als Viehfutter. Verschiedenartiger Nutzen der Hausthiere. Durch den Wald. Fliegende Hunde und fehlende Vögel. Brennnesselbaum. Ein Klippensprung. Zweite Rast in Sanga. Die beste Kleidung für den Europäer in den Tropen. Bad im Fluß. Sa macht sich nützlich. Besichtigung einer Höhle. Mittagsmahl. Passiren einer dritten Stadt. Dritte Rast. Bad im Fluß. Sa spielt Aal. Abendandacht der Eingeborenen. Die Häuptlinge trinken zu viel. Einsamer Spaziergang. Ein Naturkind. Durchtriebene Mädchen. Der Weg nach Falifa. Reizvolle Scenerie und Wasserfall. Bad unter weiblicher Aufsicht. Ein Albino. Sa begrüßt ihren Onkel mit Nasenreiben. Rückkehr nach Saluafata. Kosten des Ausflugs.
Tanz. Tanzschmuck. Die Hütte. Allgemeines über den Tanz. 525 Die Mitwirkenden. Die Gruppirung. Der Tanz selbst. Ein Festtanz nach altem Brauch. Kanufahrt. Das Kanu kentert. Im Wasser. Wieder am Lande. Geisterfurcht.
Abfahrt von Saluafata nach Safune. Der Häuptling Mulitalo. 533 Kawarausch. Wie der Häuptling Recht spricht. Safune. Bei Mulitalo zu Gast. Besuch bei einigen Häuptlingen. Savai’i hält am zähesten an den alten Gebräuchen fest. Schmackhafte Speisen. Noch ein Talolo. Schöne Gruppen- und Einzeltänze. Drei schöne Mädchen. Ich verzichte auf eine mir zugedachte Ehre. Ende meiner Schilderungen samoanischer Art und was ich mit denselben bezwecke. Besuch des See Lauto.
18. Die Heimfahrt.
Ankunft der Fregatte „Bismarck“. Der Heimatswimpel. 541 Abschied von den Samoa-Inseln. Bei den Neu-Hebriden. Die Fahrt von hier bis zur Torres-Straße. Segelpressen. Die Besatzung wittert die Heimat. Auf hoher See. Etwas über die Seefahrt.
Eintritt in die Torres-Straße. Fahrt durch dieselbe. Die 545 Scenerie der Straße. Mount-Ernest-Insel. Vergeblicher Landungsversuch. Prince of Wales-Kanal. Ausfahrt aus der Straße.
Die Arafura-See. Die Booby-Insel als selbstthätiges 548 Postamt. An Timor, Sumba und Sombawa vorbei. Durch die Lombock-Straße. Ankunft vor Batavia. Die Stadt. Die Europäer in Batavia. Der Gecko. Lebende Bäume als Telegraphenstangen. Buitenzorg. Ein Ausflug in die Umgebung. Fuhrwerk und Läufer. Eingeborene. Ihre Gier nach dem Besitz von Brillanten. Ein schöner Badeplatz. Skorpione.
Von der Sunda-Straße nach der afrikanischen Küste. Die 552 Somali-Küste. Ein hehrer Morgen auf dem Meere. Ansteuerung der Küste mit Hülfe des Thermometers. Große Temperaturschwankungen. Starke Meeresströmung. Auf dem Auslug nach dem Lande. Die Küste kommt in Sicht.
Ankunft vor Aden. Die Stadt und ihre Umgebung. Großes 556 Wasserwerk. Etwas über Kamele. Das Rothe Meer. Hitze. Gesundheitliche Vorsichtsmaßregeln.
Ankunft vor Djidda. Ansicht des Landes. Die Stadt. 559 Mekkapilger. Beduinen. Besuch bei dem türkischen Pascha. Arabische Frauen. Ein Fall von Hitzschlag. Wieder in der Heimat.
Anhang.
1. Die in den letzten fünf Jahren in der Südsee 563 vorgekommenen Machtverschiebungen.
2. Allgemeine Bemerkungen über die Bewohner der 567 Südseeinseln.
3. Die Katastrophe im Geysir-Gebiet Neu-Seelands. 576
4. Erklärung einiger seemännischer Ausdrücke. 579
5. Aussprache polynesischer Namen. 583
6. Namen- und Sachregister. 584
Abbildungen im Texte.
Seite
Hütte der Feuerländer 7
Alte Feuerländerin 21
Kreuzerfregatte „Leipzig“ 53
Malpelo-Fels (Vorderansicht) 56
Malpelo-Fels (Seitenansicht) 57
Nordküste der Insel Albemarle (Galapagos-Inseln) 59
Grundriß einer Marquesas-Insel 73
Marquesas-Insulaner 87
Boot mit Auslieger, Bootsriemen, Querschnitt des Bootes 89
Tätowirungsmuster 100
Tätowirungsmuster 101
Koralleninseln (Atoll, Volle runde Insel, Langgestreckte 125 Insel)
Allmähliches Auftauchen einer Koralleninsel über dem 127 Horizont
Laguneninsel (Atoll) 129
Ortsbestimmung durch Leuchtfeuer 138
Junge Tahitier, Feuer anmachend 151
Taloo-Hafen auf der Insel Morea oder Eimeo 193
Königshaus in Huheine 195
Prinzessinnen von Huheine 197
König und Prinz von Raiatea 207
Haus eines Europäers (das jetzige deutsche Consulat) 215
Deutsche Handels- und Plantagen-Gesellschaft in Apia 219
Katholische Kirche in Apia 221
Altes Häuptlingsgrab 241
Samoaner, dienende Klasse 250
Samoaner, dienende Klasse 251
Samoanerin mit gekalktem Kopfhaar 252
Samoanische Häuser 255
Einfahrt zum Hafen von Sydney 277
Die Universität in Sydney 283
Im Botanischen Garten von Sydney 285
'Ficus indica' oder 'religiosa' 301
George, König von Tonga 302
Prinz Wellington Gu 303
Grundriß der Insel Funafuti 319
Der Hafen von Jaluit 361
Marshall-Insulaner 364
Lebon (Kabua), König der Marshall-Insulaner 367
Trommel der Marshall-Insulaner 369
Kanu der Marshall-Insulaner im Wasser 374
Im Hafen von Jaluit 375
Matte der Marshall-Insulaner 378
Blanche-Bai, Mutter und Südtochter 381
Eingeborener von Meoko 397
Tellerartiger Halsschmuck 413
Armbänder 415
Speerschmuck 417
Keulen und Kriegsaxt 419
Steinaxt. Pfeife. Trommel 420
Tanzstock. Schädelmasken. Oberste Spitzen der 421 Dug-Dug-Masken
Dug-Dug-Tänzer 445
Die Kraterinsel Apolima 461
Auckland vom Süden, von Mount Eden aus gesehen 469
Baumfarrn auf Neu-Seeland 471
Ohinemutu am Roto-rua 473
Berathungshaus der Maori bei Wairoa 475
Maori-Weib 477
Die rosafarbene Sinterterrasse am Roto-mahana 481
Landschaft auf Tongatabu 491
Haus in Vavau 492
Tonganerin 493
Küstenbild zwischen Apia und Falifa 502
Samoanischer Häuptling mit Familie 505
Sitzende Samoanerinnen mit nach vorn durchbogenen Armen 526
Eingeborenen-Dorf unter Palmen 540
Fregatte „Bismarck“ 542
Separatbilder.
Seite
Die Corvette „Ariadne“ unter Segel vor der Passage von Titelbild Jaluit.
Küste des Feuerlandes in der Magelhaens-Straße 7
Der Berg Sarmiento auf dem Feuerland, Magelhaens-Straße 14
Cap Venus mit Thal Omoa auf Fatu-hiva 85 (Marquesas-Inseln)
Mit dem Speer fischende Eingeborene von Tahiti 152
Der Waihiria (Bergsee auf Tahiti) 179
Die Corvette „Ariadne“ unter Dampf vor dem Hafen 199 Otea-Banua
Otea-Banua auf Bora-Bora (Gesellschafts-Inseln) 202
Haus des Königs von Raiatea in Uturua 207
Arbeiterhäuser der deutschen Plantage Vaitele auf Samoa 270
Ovalau und Nachbarinseln, von Viti-Levu aus gesehen 305
Deutsche Kokospalmen-Plantage Vailele bei Apia 318
Waffen aus Apamama und aus Tapituwea 332
Kingsmill-Insulaner 353
Kingsmill-Insulanerinnen 357
Die Kraterinsel Apolima 460
Ansicht von Apia. Die Corvette „Ariadne“ die 466 Samoaflagge salutirend nach erfolgter Ratificirung des Vertrags durch die Regierung von Samoa
An den heißen Seen auf Neu-Seeland 474
Die weiße Sinter-Terrasse am Roto-mahana (Neu-Seeland) 479
Samoanische Mädchen vor Beginn des Tanzes 529
Karten.
Uebersichtskarte der Magelhaens-Straße 39
Karte der Gesellschafts-Inseln 149
Karte der Duke of York-Inseln und Gazelle-Halbinsel auf 383 Neu-Britannien.
Karte der Samoa- oder Schiffer-Inseln.
Uebersichtskarte der Fahrten der „Ariadne“ in der Südsee.
1.
Die Magelhaens-Straße.
An Bord S. M. S. „Ariadne“, 14. Januar 1878.
Die Südsee ist das Ziel unsers Schiffes. Dort von der Hauptstation, den Samoa-Inseln aus, soll ich als Commandant des Schiffes mit diesem die weitverzweigten, sich über ein schier endloses Gebiet erstreckenden deutschen Handelsinteressen schützen und fördern, unsern dort wirkenden tapfern Landsleuten Schutz und Schirm geben. Ich kann mir allerdings noch kein Urtheil darüber bilden, was ich dort finden werde, wie ich die mir gestellte Aufgabe lösen kann und lösen werde, denn die Südsee ist mir trotz der Vorstudien, welche ich bisher gemacht habe, noch immer ein so unbekanntes Gebiet voller Räthsel, daß ich das Grübeln aufgegeben habe und geduldig der Zeit warten will, wo ich mit eigenen Augen sehen und nach Selbsterlebtem urtheilen kann.
Die sich so häufig widersprechenden Berichte über jene fernen Inseln haben aber in mir den Entschluß zur Reife gebracht, auf dieser Reise von meiner Abneigung, Reiseschilderungen zu verfassen, abzusehen und meinen Angehörigen über meine eigenen Erlebnisse getreulich Bericht zu erstatten, damit sie Gelegenheit finden, ihre Kenntniß von Land und Leuten zu erweitern. Und so will ich denn schon mit der Magelhaens-Straße, der Pforte zu dem südlichen Theil des Stillen Oceans oder der Südsee, in die ich noch heute einzulaufen hoffe, den Anfang machen und vorher der rückliegenden Zeit nur soweit gedenken als nothwendig, daß der Kreis unserer Erdumsegelung am Schluß der Reise auch wirklich geschlossen ist.
Am 3. November v. J. haben wir den heimatlichen Strand verlassen, durch Sturm und Regen, Kälte und Nebel unsern Weg durch die unwirthliche Nordsee und späterhin auch durch die nicht minder unfreundliche Bai von Biscaya gesucht und gefunden.
Am 20. morgens 8 Uhr passirten wir das östliche Cap von Madeira und hielten damit gewissermaßen unsern Einzug in die Tropen. Der nordische Spätherbst mit all seinen Unannehmlichkeiten lag hinter uns; wie durch Zauberschlag waren wir in eine andere Welt versetzt. Ein weicher, warmer, mit Blumen- und Waldesduft gesättigter Hauch umfing uns; das Meer mit seiner wunderbaren blauen Farbe war ein anderes; statt der niedrigen, in Nebel und Regen gehüllten deutschen und englischen Küsten lag, von den Strahlen der niedrig stehenden Sonne goldig überhaucht, die hohe, mit ihren Berggipfeln in den Wolken verschwindende Südküste Madeiras vor unsern entzückten Blicken, so schön wie nur diese Perle unter den Inseln es sein kann. Am 21. abends 10 Uhr, nach Einnahme von Kohlen und Proviant in Funchal waren wir wieder unter Segel, auf dem Wege nach Rio de Janeiro.
Die schöne Fahrt unter Segel durch die berauschende Passatzone des Atlantischen Oceans nahm auch ihr Ende. Am 16. December morgens mit Tagesanbruch lag der Schlafende Riese, jener das Wahrzeichen von Rio de Janeiro bildende mächtige Gebirgszug, vor unsern Blicken, und um 12 Uhr mittags ankerten wir in der herrlichen Bai zu Füßen der großen Stadt.
Unser Aufenthalt in Rio, welcher auf 4 bis 5 Tage berechnet gewesen war, dehnte sich infolge besonderer Verhältnisse zu einem elftägigen aus, wodurch ich Gelegenheit fand, von der liebenswürdigen Gastfreundschaft unsers Consuls Gebrauch zu machen und unter seiner Führung auch die großen Naturschönheiten der Umgebung der Stadt kennen zu lernen und mit Entzücken zu genießen.
Am 27. December verließen wir Rio und damit die heiße Zone wieder, denn schon am 30. fing es an zu wettern und zu stürmen, und am 1. Januar schon trugen wir wieder warme Kleider, obschon wir uns im Sommer der südlichen Halbkugel befanden.
Nach mancherlei Fährlichkeiten sind wir nun hier an der südlichsten Spitze Südamerikas angelangt, und die Besatzung ist damit beschäftigt, die Takelage unsers Schiffes für die Fahrt durch die Magelhaens-Straße zu erleichtern, um dem Wind, welcher uns nach allen Erfahrungen wahrscheinlich während der ganzen Fahrt mit Sturmesstärke entgegenwehen wird, möglichst wenig Widerstand zu bieten.
Magelhaens-Straße, 23. Januar 1878.
Da wir jetzt am Ende unserer Fahrt durch die Magelhaens-Straße stehen, will ich einen Rückblick auf dieselbe werfen.
* * * * *
Am 14. Januar abends liefen wir von dem Atlantischen Ocean aus in die Magelhaens-Straße ein, mußten aber wegen der eingetretenen Dunkelheit und der unberechenbaren starken Strömungen (der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser beträgt hier 13 m) dicht an deren Eingang ankern und konnten erst am 15. morgens 2½ Uhr mit dem ersten Morgengrauen die Fahrt fortsetzen. Der Morgen war klar und schön, wenn auch kalt, denn wir hatten, da der hiesige Januar unserm Juli entspricht, im Hochsommer auf einer gleichen Breite wie Leipzig nur 6-7° C. Das in Sicht befindliche Land ist ohne Reiz, niedriges Sandland ohne Baum und Strauch, eine endlose Wüste, welche nicht eine Spur von Menschen aufweist und nur an der Meeresküste von unzähligen Scharen der verschiedensten Arten Wasservögel bewohnt wird. So reizlos die ganze Umgebung für das menschliche Auge ist, so interessant wird die Fahrt als solche für den Seemann. Jeder Augenblick bringt Abwechselung, weil die Straße nicht nur fortgesetzt ihre Richtung ändert, sondern auch noch viele Untiefen eine öftere Cursänderung nothwendig machen, sodaß die gespannteste Aufmerksamkeit erforderlich ist, zumal wenn das Schiff mit einer Geschwindigkeit von 12 Knoten oder 3 deutschen Meilen in der Stunde durch das Wasser eilt. Zeitweise befindet es sich auf einer großen Wasserfläche; nach einer halben Stunde steuert es durch einen engen Kanal von nur 500 m Breite; dann wieder zwischen dicht beieinander liegenden Inseln hindurch, geht danach mit einem scharfen Bogen dicht unter die Küste des Festlandes und verläßt nach einer kurzen Weile diese Seite wieder, um eine Insel anzusteuern, unter deren Küste der Curs so nahe vorbeiführt, daß man ohne Anstrengung einen Stein ans Land werfen könnte; und so geht es stunden-, in der Folge gar tagelang fort. Der Seemann muß hier auf dem Platze sein, er findet aber ein so reiches Feld vollster Thätigkeit und Aufregung, daß die mit einer solchen Fahrt verbundenen Strapazen in den Hintergrund gedrängt und nicht weiter beachtet werden. Denn eine Strapaze ist es wahrlich, wenn man morgens um 2½ Uhr bei noch kaum durchbrechendem Tageslicht den Ankerplatz verläßt und mit schneller Fahrt in ein unbekanntes Fahrwasser hineinsteuert, welches mit dem Vorschreiten des Tages immer schwierigere Passagen bringt, die dem Commandanten verbieten, die Commandobrücke auch nur auf Augenblicke zu verlassen, und ihn zwingen, dort bis zum Einbruch der Nacht, wo in irgendeinem kleinen Hafen geankert wird, auszuharren. So steht man, ohne sich von der Stelle zu rühren, viele Stunden ununterbrochen in ungewohnt frischer Luft, welche den in den Tropen verweichlichten Körper stark angreift; die Augen ruhen entweder auf dem fortwährend wechselnden Landpanorama oder auf der in einem Glaskasten sicher untergebrachten Karte; alle Sinne sind in Thätigkeit, um den richtigen Curs zu wählen, der Maschine den zweckmäßigsten Gang anzuweisen und dem Ruder die richtige Lage zu geben. Die Mahlzeiten müssen auch auf der Commandobrücke eingenommen werden, schmecken allerdings vortrefflich, wenngleich man hierbei erst bemerkt, daß die Lippen von der scharfen Luft schon aufgerissen sind, ohne dabei indeß zu ahnen, daß das ganze Gesicht bereits halb wund ist. Ein scharfer Sturm weht uns entgegen und peitscht uns den von dem Schiffe aufgeworfenen Salzwassergischt in das Gesicht; glücklicherweise regnet es aber nicht, trotzdem es in dieser Gegend immer regnen soll. Doch dies ist nicht richtig, es regnet allerdings vor uns, hinter uns, links und rechts; nur wo die „Ariadne“ fährt, lacht die Sonne, als ob sie wie bisher uns auch in dieser verrufenen Gegend nicht verlassen wolle.
Um zu zeigen, daß das Wetter es wirklich gut mit uns meint, will ich hier einige Stellen aus den Segelanweisungen, welche alle bisher gesammelten Erfahrungen enthalten, ausziehen und einfügen; ein Vergleich zwischen diesen Notizen und dem weitern Verlauf unserer Reise wird dann am besten die Richtigkeit meiner Behauptung beweisen.
1. „August, September und October sind die kältesten Monate; westliche Winde, Regen, Hagel und Schnee sind dann vorherrschend. December, Januar und Februar sind die wärmsten Monate, die Tage sind lang und es kommt zuweilen etwas gutes Wetter vor; aber westliche Winde, welche häufig zu starken Stürmen anschwellen, mit heftigem Regen sind selbst während dieser Jahreszeit vorherrschend, welche weniger Sommer mit sich führt wie irgendein anderer Theil unserer Erde.
2. „Der Gipfel dieses ausgezeichneten Berges (Mount Burney), welcher gegen 1850 m hoch und mit ewigem Schnee bedeckt ist, ist selten sichtbar; sollte aber ein Vorbeireisender glücklich genug sein, einen klaren Tag zu finden, so wird er schwerlich je die Pracht dieses Panoramas vergessen.
3. „Das Charakteristische in dem Wetter dieser Kanäle ist weniger die Stärke des Windes, als der fast unaufhörliche Regen. Tag um Tag, wenn der Seemann unglücklicherweise länger hier verweilen sollte, wird er diesen stetigen Niederfall zu erdulden haben, es sei denn, daß er so glücklich ist, in einem jener seltenen Durchbrüche von lieblichem Wetter anzukommen, welches zuweilen vorkommt. Dann allerdings wird er die interessanteste Fahrt finden mit ruhigem Wasser, guten Ankerplätzen, umgeben von der großartigsten ('most glorious') Scenerie; doch diese Fälle sind gar selten, und er wird schon glücklich zu nennen sein, wenn er überhaupt einmal den Regenrock ablegen kann, welchen er anzog, als er um Cap Tres Montes ging. Eine Jahreszeit ist so gut, oder besser gesagt so schlecht wie die andere, immerhin aber ist der Sommer wegen seiner geringern Kälte und der längern Tage für diese Passagen vorzuziehen.“
Diese Schilderung verspricht gewiß viel, und ebenso läßt die „Vineta“, welche vor zwei Jahren dieselbe Tour in beschränkterer Ausdehnung machte, sich vernehmen und klagt über das anhaltend schlechte Wetter, das sie zu erdulden hatte. Ein Vergleich dieser beiden Reisen zeigt auch in eclatanter Weise, von welchem Einfluß das Wetter auf derartige Reisen ist; denn zu derselben Strecke, welche die „Ariadne“ unter den günstigsten Wetterverhältnissen in 6 Tagen zurücklegte, gebrauchte die „Vineta“ mühsam gegen Wind und Wetter anringend 21 Tage. Doch zu unserer Reise.
Nachdem am 15. Januar etwa 80 Seemeilen zurückgelegt waren, vollzog sich allmählich ein Wechsel in der Scenerie. Wir waren den Ausläufern der Anden, des mächtigen Gebirgszuges, welcher mit seinen 7000 m hoch gelegenen Felsen- und Schneerücken das platte Land Patagonien von Chile und Peru trennt, näher gekommen und zeitweise entwickelten sich schon aus den vorbeijagenden Wolkenfeldern einzelne schneebedeckte Gipfel. Das untere Land zeigt jetzt auch einen andern Charakter: einzelne mit grünem Gestrüpp bewachsene Hügel und Felsen werden sichtbar, das Land hebt sich immer mehr und wächst langsam zunehmend bis zu 300 m hohen Bergen an, welche mit dichtem Wald bedeckt sind. Auffallend ist, daß in diesen frisch-grünen Wäldern kaum 150 m über dem Meeresspiegel große Schneefelder verstreut liegen, und daß trotz der geringen Kraft, welche die Sonne demnach im Hochsommer hier nur hat, große Scharen von Papagaien und Kolibris in den Sommermonaten ihren Wohnsitz in dieser Gegend aufschlagen. In Punta Arenas fanden wir diese Vögel allerdings noch nicht, da sie erst 14 Tage später erwartet wurden, in einem der nächsten Häfen trafen wir sie aber schon an. Würde man nur nach den hier lebenden Eingeborenen, ohne Rücksichtnahme auf die herrschende rauhe Witterung zu urtheilen haben, so wäre das Räthsel, wie diese buntgefiederten Bewohner der brasilianischen Urwälder hierherkommen, leicht gelöst, denn diese Menschen gehen ohne jede Kleidung vollkommen nackt, besitzen kein Heim, leben in einem elenden offenen Boot oder tragen sich an dem Fleck, wo sie gerade landen, aus Reisern eine Hütte in der Größe eines runden Tisches von etwa 1½ m Durchmesser zusammen, wo Mann, Frau oder Frauen (es herrscht Vielweiberei), große und kleine Kinder, oft 10-12 Personen, Unterkommen für die Nacht finden, wie ein Rudel Thiere zusammengeschachtelt und sich mit ihren Körpern gegenseitig erwärmend. Kälte, Wind und Regen machen keinen Eindruck auf ihre Nerven, eine wunderbare Menschenrasse in ihrer Art, da alle sonst in kalten Klimaten wohnenden Menschenstämme stets warm bekleidet sind. Ich werde später noch Gelegenheit finden, auf diese Eingeborenen zurückzukommen.
Bald nachdem das flache Land hinter uns lag, näherten wir uns der chilenischen Colonie =Punta Arenas=, welche, früher als Verbrechercolonie gegründet, in der Neuzeit durch den regern Dampfschiffsverkehr eine andere Bedeutung erlangt hat. Die an der Küste steil aufsteigenden niedrigern Gebirgszüge von 300-400 m Höhe versagen dem Auge zwar noch den Blick auf die dahinter liegende mächtige Alpenwelt des Festlandes, das Auge kann nun aber frei über die düstern, unfruchtbaren, bis zu 2000 m Höhe aufsteigenden schwarzen Felsmassen des Insellandes Feuerland, welches sich auf der andern Seite der Wasserstraße unheimlich aus der See erhebt, schweifen: schwarzes, kaltes, zerklüftetes Gestein ohne eine Spur von Leben und Pflanzenwuchs, welches dem Auge nirgends Ruhe gönnt, da keine Linie zu finden ist, welche man festhalten könnte. Ein Pic steigt neben dem andern empor, erhebt seinen Gipfel immer noch wilder und trotziger wie sein Nachbar und erweist dem menschlichen Auge dann eine wahre Wohlthat, wenn er mit Schnee bedeckt ist. So frostig der Anblick des Schnees sonst macht, hier, inmitten dieses schwarzen Höllengesteins, um welches unermeßliche schwere Wolkenbänke von tiefgrauer Farbe sich lagern und, von dem heulenden Sturme getrieben, ihre Wasserballen in die unzähligen tiefen Schluchten hineinzwängen, hier ist der Schnee erwärmend. Hätte Dante dieses Stück Erde gekannt, seine Hölle wäre nach diesem Feuerland gebildet worden, welches ja auch richtige Teufel in sich birgt. Der Name „Feuerland“ ist allerdings nicht von vulkanischem Feuer hergeleitet, sondern hat einen harmlosen Ursprung; er ist dem Umstande zuzuschreiben, daß die ersten Entdecker überall am Lande kleine Rauchsäulen sahen, welche nie erloschen. Die Eingeborenen dieses nassen Landes, wo die Erzeugung des Feuers so sehr schwer ist, sind gezwungen, wo sie gehen und stehen, stets ein Feuer zu unterhalten, wenn sie dieses wichtige Element nicht zeitweise verlieren wollen; es wird also immer da, wo Menschen sich aufhalten, auch die unentbehrliche Rauchsäule zu sehen sein. Daß hier, wie ich vorhin sagte, auch wirkliche Teufel in Menschengestalt hausen, dürfte vielleicht aus dem nachfolgenden Auszuge aus Darwin’s Reise um die Erde hervorgehen:
„Die verschiedenen Stämme sind Kannibalen, sobald sie miteinander in Fehde leben. Dies beweist auch die Aussage Jemmy Button’s (ein Junge, welcher während zweier Jahre auf Kosten eines englischen Seeoffiziers in England erzogen und mit dem Schiffe, auf welchem Darwin war, dann zurückgebracht wurde), wonach die Eingeborenen im Winter, wenn sie sehr unter dem Hunger leiden, erst die alten Frauen schlachten und verschlingen, bevor die Hunde an die Reihe kommen, denn die Hunde fangen Ottern, alte Frauen aber nichts. Die Frauen werden derart getödtet, daß sie über Rauch gehalten werden, bis sie erstickt sind. Der Junge ahmte auch mit sichtlichem Vergnügen in spaßhafter Weise das Geschrei der Opfer nach und beschrieb die Körpertheile, welche am besten schmecken. Oft sollen die alten Frauen, sobald sie den Zeitpunkt gekommen wähnen, in die Berge flüchten, sie werden aber von den Männern dann gejagt, um in ihre Hütte gebracht und geschlachtet zu werden. -- Schrecklich, wie solch ein Tod durch die Hand der Freunde und Verwandten sein muß; schmerzlicher noch ist es daran zu denken, was diese Frauen empfinden müssen, wenn der Hunger sich einzustellen beginnt.“
Nachmittags 3 Uhr am 15. Januar, nach Zurücklegung von 120 Seemeilen an diesem Tage, ankerten wir vor Punta Arenas, dessen kleine Holzhäuser kurz vorher als erste Zeichen menschlichen Lebens hinter einer kleinen Landzunge zum Vorschein gekommen waren. Dieser weit vorgeschobene Posten menschlichen Unternehmungsgeistes zeigte allerdings ein anderes Bild, als wir nach den vorhandenen Beschreibungen erwarten konnten. Eine vor wenig Wochen stattgehabte Soldatenemeute hatte traurige Spuren hinterlassen. Die aus 100 Soldaten gebildete Garnison soll von ihrem Commandanten so barbarisch behandelt worden sein, daß sie schließlich zum Aufstand getrieben wurde. Sie tödteten und verstümmelten den Commandanten, rissen ihm Augen und Zunge aus, schnitten Nasen und Ohren ab und zerstückten den ganzen Körper. Darauf befreiten sie die Gefangenen (der Platz ist noch Strafcolonie), etwa 80 an der Zahl, und fingen dann an zu brennen und zu morden. Alle größern Gebäude wurden eingeäschert und etwa 80 Personen verloren ihr Leben. Nachdem die Meuterer auf diese Weise zwei Tage gehaust hatten, wurden sie unsicher, da täglich ein in der Nähe befindliches chilenisches Kanonenboot eintreffen konnte, und verließen den verwüsteten Platz. Vorher aber bemächtigten sie sich aller Frauen und Mädchen, deren sie habhaft werden konnten, und schleppten diese mit Gewalt mit sich in die Pampas Patagoniens, wo ihnen mit den dortigen Indianern jedenfalls ein Krieg bis aufs Messer bevorsteht. -- Wenige Tage vor unserm Eintreffen hatte ein chilenisches Kriegsschiff die neue Garnison und eine Untersuchungscommission gebracht.
Der kleine Ort liegt recht hübsch dicht am Ufer des hier stets wellenlosen Meeres, lehnt sich im Rücken an den Fuß eines Berges an und ist umsäumt von jungfräulichem Urwalde. Die in den Gebirgen lagernden großen Schneemassen führen in kleinen Flüssen vorzügliches Wasser zum Strande, wo in den geringern Tiefen des Meeres ein unerschöpflicher Reichthum an wohlschmeckenden Fischen herrscht. Rindvieh und Schafe gedeihen vortrefflich und finden auf dem herrenlosen Lande die saftigste Nahrung im Ueberfluß. Auch Pferde sind fast mehr wie Menschen vorhanden, denn hier in diesem kleinen Dorfe ist sogar der Bäckerjunge zu faul, das Brot zu Fuße auszutragen, er setzt sich dazu aufs Pferd. Der Wald liefert ein vorzügliches Holz, das vorläufig noch als werthlos betrachtet wird. Die mächtigen Stämme -- ich habe solche von 4 Fuß Durchmesser gesehen -- haben einen vollständigen Eisenkern; schwere Schmiedehämmer, welche als Keile zum Auseinandertreiben des Holzes benutzt wurden, zersprangen unter den wuchtigen Hieben eines noch schwerern Hammers in dem Holze, ohne es zu spalten. Jeder kann sich soviel Holz nehmen wie er will; wir haben an einem Tage 40 cbm Kernholz gefällt und an Bord geschafft, ohne Zahlung dafür zu leisten, weil den Ansiedlern auf diese Weise das Land ohne eigene Mühe urbar gemacht wird. Die Häuser, oder besser Holzhütten bestehen selten aus mehr als zwei kleinen Zimmern; Comfort ist nirgends zu finden. Ackerbau und Gartencultur fehlen vorläufig noch ganz, die Leute leben nur von den durchkommenden Schiffen, denen sie vornehmlich Fleisch verkaufen. Einige Meilen von diesem Ort entfernt ist noch eine kleine Schweizercolonie, welche sich mit Landwirthschaft beschäftigt und ihre Erzeugnisse hierher abliefert. Von diesen Producten erhielten wir recht gute Butter und namentlich ganz vorzüglichen Kopfsalat. Für die übrigen Erzeugnisse der Schweizercolonie, Gemüse und Kartoffeln, war die Zeit der Reife noch nicht gekommen, sodaß wir uns von ihrer gerühmten Vortrefflichkeit nicht selbst überzeugen konnten.
Der Totaleindruck dieses Ortes ist, von innen gesehen, ein öder, schmutziger und wüster. Die Straßen sind allerdings regelmäßig und breit, ja so großartig angelegt, daß sie einer großen Stadt Ehre machen würden, die menschlichen Wohnungen zeigen aber sofort, daß nur mittellose Abenteurer, welche kein anderes Streben als ihr Leben zu fristen kennen, ihr zeitweiliges Heim hier aufgeschlagen haben. Natürlich sind die Deutschen wie überall auch hier vertreten, bilden aber das beste Element.
In Punta Arenas wurde mir die große Enttäuschung zutheil, daß ich keine Kohlen, auf die ich sicher gerechnet hatte, erhalten konnte. Es ist eine Kohlengrube, welche sich in soliden englischen Händen befindet, in nächster Nähe, die Meuterei hatte aber auch hier störend eingegriffen, da die Soldaten, die mit Genehmigung der Regierung die Grubenarbeiter gewesen waren, jetzt fehlten. So blieb mir nur übrig, mit meinen Kohlen hauszuhalten und das Brennmaterial durch Holz zu ergänzen. Auch meine Reisedisposition für die Straße erhielt dadurch eine Abänderung; ich hatte vorher auf einen drei- bis viertägigen Aufenthalt in Punta Arenas gerechnet, ließ mich aber jetzt nicht länger aufhalten, da ich in dem herrenlosen Lande, durch welches ich noch 600 Seemeilen zurückzulegen hatte, überall Holz schlagen konnte. Ich blieb daher nur noch den 16. in Punta Arenas und benutzte diesen Tag zum Holzschlagen. Nachts 12 Uhr war das Holz an Bord, am 17. morgens 2 Uhr war das Schiff fertig und weiter ging die Reise aus der Nacht zum Tage.
Ich hatte einige Stunden geschlafen und stand nun in der rauhen Nachtluft mit der Gewißheit auf der Commandobrücke, dieselbe vor 9 Uhr abends nicht wieder verlassen zu können. Die Aufgabe, welche ich mir gestellt hatte, war, bis zum Eintritt der Dunkelheit einen Hafen zu erreichen, welcher von unserm Ausgangspunkt 170 Seemeilen entfernt lag. Der Weg dahin führte durch eine enge Felsenstraße, in welcher der Sturm stets mit der Gewalt eines Orkans wüthen soll; die in ihrer Großartigkeit auf dieser Welt einzig dastehende Gebirgswelt soll fast immer bis zum Wasserspiegel herunter in dichtes grauschwarzes Gewölk gehüllt sein, aus welchem der Regen in Strömen herniederfällt; die Navigirung soll nur dadurch möglich werden, daß der Sturm ab und zu das Gewölk auf Augenblicke zertheilt und so dem Auge Gelegenheit gibt, den Curs bis zur nächsten Zertheilung der Wolken festzustellen. Dies war der vor mir liegende Tag mit seinen Aussichten. Fand ich wirklich solches Wetter, dann war die Erfüllung meiner Aufgabe unmöglich und ich konnte höchstens zwei Drittel des vorgenommenen Weges zurücklegen, mußte dann aber auch für die ganze Passage etwa die doppelte der in Ansatz gebrachten Zeit rechnen. Einigermaßen gruselig war mir zu Muthe, als ich meine Fahrt in der dunkeln Nacht mit 10 Seemeilen Geschwindigkeit und mit der Aussicht begann, nun während etwa 10 Tagen, wenn auch in sicherm Fahrwasser, täglich 12-15 Stunden dem Regen und Sturm voll ausgesetzt auf der Commandobrücke zuzubringen. Immerhin vertraute ich aber meinem guten Glück und gab zunächst keinem Zweifel an dem Gelingen des festgesetzten Planes Raum. Allerdings hatte ich noch einen vertrauenerweckenden Führer zur Seite, nämlich den Bericht unserer Corvette „Vineta“, welche als erstes deutsches Kriegsschiff die Passage durch die Magelhaens-Straße gemacht hat. Wenn auch dieser Bericht die vorzüglichen englischen Segelanweisungen als durchaus zuverlässig anerkennt, so vertraut man dem, was Kameraden gesehen und erfahren haben, doch immer mehr; man fühlt sich dort, wo ein Bruderschiff schon gewesen ist, eher heimisch.
Bis gegen 8 Uhr morgens bleibt der Curs in offenem Fahrwasser südlich und durch die an der Westseite liegenden Berge gegen den erwarteten Weststurm geschützt. Der Morgen läßt sich gut an, der Sonnenaufgang war zwar nicht sehr vertrauenerweckend gewesen, die Sonne zeigt aber doch wenigstens ab und zu ihr erwärmendes Gesicht. Zu unserer Rechten liegen weich geformte Berge mit dichtem frischen Wald bestanden, aus dessen grünem Laub hier und dort verstreut blendend weiße Schneefelder hervorlugen. Die Berge steigen direct aus dem Wasser auf, bilden aber doch hin und wieder freundliche kleine Einbuchtungen, welche den vorbeifahrenden Schiffen gute Ankerplätze bieten, aber auch einen grell in die Augen springenden Beweis liefern, wie alles Lebende, was die Natur hervorbringt, dazu dient, von dem Stärkern wieder vernichtet zu werden. Hier in diesen geschützten lieblichen Baien steigen die der Magelhaens-Straße eigenthümlichen mächtigen Wasserpflanzen tief von dem Meeresgrunde bis zu einer Höhe von 10 m hoch aus und geben mit ihren 6-7 dcm langen und 2 dcm breiten Blättern den kleinen niedern Wasserthieren Schutz und Nahrung. In diesem Wasserpflanzenwald lebt aber auch die junge Fischbrut, welche ihr Leben mit den kleinern Thieren erhält, dieses aber auch sofort hingibt, sobald sie das schützende Dach verläßt, denn außerhalb der Pflanzen stehen Scharen von Raubfischen, welche jeden kleinen Wasserbewohner ihresgleichen erbarmungslos verschlingen, sobald er sich aus seinem Versteck hinauswagt. Wieviel Mord und Vernichtung spielt sich nicht an einem Tage in einem solch kleinen Stück Wasser ab?
Zu unserer Linken liegt eine weite Wasserfläche, begrenzt durch in blauen Dunst gehülltes Bergland, durch dessen weite Schluchten die noch hinter den Bergen niedrig stehende Sonne ihre Strahlen wirft und das wild geklüftete Alpenland magisch beleuchtet. Vor uns haben wir den Eingang zu der berüchtigten Felsenpassage mit einem Aussehen, welches einen schlimmen Tag verspricht. Das aus dem Wasser steil aufsteigende nackte Gestein ist infolge des ewigen Regens von tiefschwarzer Farbe, welche nur selten durch einige hellere Flecke unterbrochen wird. Sichtbar ist das Land dort überhaupt nur bis etwa 100 m über dem Wasser, von da ab ist alles in dicht übereinander geschichtete feste Wolkenmassen von tief blaugrauer Färbung gehüllt, in Wolkenbänke, welche so tief liegen, daß man sie mit den Mastenspitzen zu berühren glaubt und damit ihre Entladung herbeizuführen befürchtet. Regen erwartet man von ihnen aber nicht, sondern das schärfste Schneegestöber. Das Gewölk eines schweren Schneesturmes unserer Gegenden ins Vielfache übertragen gibt ein ungefähres Bild von der vor uns liegenden Wolkengestaltung und dem Aussehen der Luft. In diesen Sturm- und Regenkessel muß man hinein. Was hilft’s! Mehr wie naß werden kann man ja nicht, also frisch drauf los.
Einige mächtige Walfische von 14 bis 18 m Länge -- ich sehe im ganzen vier -- spielen so harmlos in der Nähe des Schiffes, daß das Behagen, welches sie athmen, sich unwillkürlich dem Menschen mittheilt und sein Gemüth beruhigt. Hoch werfen sie aus ihren Spritzlöchern das Wasser in die Luft, strecken ihren mächtigen Kopf aus dem Wasser oder heben ihren kolossalen Rücken wie eine kleine Insel über die Wasserfläche, tauchen dann in die Tiefe und schnellen dabei den riesigen Schwanz aus dem Wasser, daß das hinterste Drittheil des Fisches für einen Augenblick senkrecht in die Luft ragt. Solch ein harmloses Spiel übt eine beruhigende Wirkung auf uns Zuschauer aus, die Gegend vor uns sieht sich schon gar nicht mehr so erschreckend an. Ein tüchtiges warmes Frühstück war oben in der frischen Luft mit köstlichem Appetit eingenommen; der kurze Rock, unter welchem eine warme wollene Weste sitzt, wird fest zugeknöpft, die Mütze fest in die Stirn gedrückt, der Kneifer auf der Nase zurechtgerückt und dann um 8 Uhr um das verschriene Cap Froward herumgejagt. Jetzt soll es kommen, Sturm und peitschender Regen! Ein frischer Sturm, welcher in diese 100 Seemeilen lange unabsehbare Felsenstraße eingekeilt an Stärke gewinnt, weht uns zwar in die Zähne, die Wolken über uns bilden eine feste undurchdringliche Decke; unten aber ist es schön klar, kein Hagel und kein Regen, kalte frische Luft und überall viel zu schauen. Was es zu sehen gibt läßt sich aber nur schwer schildern.
Die Gestaltung des Landes ändert unausgesetzt. Hier springt ein hohes, steiles Cap trotzig in die Straße vor und deckt die hinter ihm liegende tiefe Bucht; dort läuft das Land in eine weit vorgeschobene flache Spitze aus; an jener Stelle brechen aus den vorbeijagenden Wolken für Augenblicke scharf gezackte Bergkämme hervor; hier steigt senkrecht aus dem Wasser eine Felsenwand von dem Aussehen einer von Menschenhand sorgsam aufgebauten Riesenmauer auf; dort ziehen sich mächtige Kanäle, welche große Wasserstraßen nach einem andern Theil des Weltmeeres bilden, hin; hier liegen kleine, in frischem Laub prangende Inseln oder einzelne nur mit ihrer Spitze aus dem Wasser hervorragende Klippen, dort mehrere Quadratmeilen umfassende Inseln. Das alles vermag das Auge wol für Stunden und Tage, ja Wochen unausgesetzt zu fesseln, da es in seiner natürlichen Großartigkeit immer Neues und Interessantes bietet, in der Beschreibung wird es aber immer nur ein sehr verblaßtes Bild geben.
Ab und zu fegt der Sturm das Gewölk stellenweise fort und gestattet dann einen Blick in dieses eigenartige Gebirgsland, das noch im Hochsommer seine ewig starren Gletscher bis zum Meeresrand hinabsendet und gleichzeitig den an die Tropensonne gewöhnten Zugvögeln ein begehrenswerthes Asyl gewährt. Der Grundton des sich entrollenden Bildes ist Grau in Grau: eine grau erscheinende Wasserfläche als Vordergrund, graues Gewölk als Hintergrund. Aus diesem unbestimmbaren, farblosen und doch auf das Auge so mächtig wirkenden Grundton treten riesige Steinmassen, tiefschwarz gefärbte oder mit einer blendenden Schneedecke überzogene hohe Berge mit ihren entschiedenen und wilden Contouren scharf heraus. Das massige Unterland entsendet ungezählte scharfgeschnittene Pics in die Lüfte, welche bei annähernd gleicher Höhe scheinbar ganz willkürlich theilweise mit ewigem Schnee überzogen sind, theilweise mit vollkommenster Nacktheit prahlen und ebenso allen Unbilden des Wetters trotzen, wie die an ihrem Fuß lebenden Eingeborenen, mit welchen sie so große Charakterähnlichkeit haben. Zwischen jenen blendend weißen, zart überhauchten Berggipfeln und diesen schwarzen rauhen Gesellen liegen in tiefen unheimlichen Schluchten große, in ihrer ganzen Ausdehnung wol noch von keinem Menschenauge berührte Schneefelder, welche sich bis zum Meeresspiegel, bis dicht an die vorbeipassirenden Schiffe hinabsenken und auf ihrer Wanderung dahin sich allmählich aus duftiger Schneedecke von dem reinsten Weiß in starrende zerklüftete Gletscher von heller, bläulich-grüner Farbe umbilden, deren Mächtigkeit nach unserer Schätzung 5-8 m beträgt. Und neben diesen Gletschern findet das Auge an geschützten Stellen die üppigste Vegetation, den Urwald in seiner ganzen Schönheit mit seinen herrlichen Laubkronen, seinen Schlinggewächsen, Parasiten, elastischen Moosdecken und farbenprächtigen Blumen, über welchen in denselben Sommermonaten, die den nebenliegenden Schnee nicht zu schmelzen vermögen, nach glaubwürdigen Berichten die Kolibris über den Blumenkelchen schwirrend ihr Vernichtungswerk gegen die Insekten betreiben. Weiterhin öffnet sich die Wasserstraße, das Land tritt zurück, und man glaubt auf einem großen Binnensee zu sein, welcher keinen Ausgang zeigt. Einige Inseln vor uns scheinen den Abschluß zu bilden, auf diese ist der Bug des Schiffes gerichtet. Dort angekommen geht das Schiff in scharfem Bogen um eine derselben herum und läuft in einen von hohen Felswänden gebildeten Hohlweg ein. Der größte Theil der Straße behält jetzt den Charakter eines Hohlwegs von vorherrschend enormen Dimensionen.
Während der Fahrt versucht ein Boot mit Feuerländern das Schiff zu erreichen, jedenfalls um gegen Bogen, Pfeile und Felle andere Sachen, Taback und Eßwaaren einzutauschen. Da es die ersten Eingeborenen sind, welche wir zu Gesicht bekommen, so entsteht eine allgemeine Aufregung in dem Schiffe; die Offiziere drängen mich, auf das Boot zu warten, ich kann ihnen aber, so groß auch meine eigene Neugierde ist, nicht willfahren, da das Reiseprogramm in so enge Grenzen gezogen ist, daß ein kleiner Aufenthalt das ganze Gebäude umwerfen kann. Ich lasse indeß das Schiff an das Boot heranscheeren, um es dicht zu passiren und so einen flüchtigen Blick zu erhalten. Zwei junge nackte Männer führen die Ruder, eine nackte Frau das Steuer, die übrigen Insassen, mehrere Erwachsene und eine größere Zahl kleiner Kinder sitzen oder vielmehr kauern in der Mitte des Bootes, wo auch auf Steinen das nie fehlende Feuer unterhalten wird. Alle zusammen schreien und heulen, mit den Armen gestikulirend, aus Leibeskräften, um das Schiff zum Anhalten zu bewegen, aber wie schon erwähnt ohne Erfolg.
Abends 8 Uhr scheint es mir doch zweifelhaft, daß wir vor Eintritt der Nacht den als Ziel gesetzten Hafen noch erreichen können; die Entfernung ist zwar nicht zu groß, aber vor uns sieht es so dick und drohend aus und der Seegang nimmt in der nun nach dem Stillen Ocean hin offenen Straße so merklich zu, daß ich mich entschließe, nach dem kleinen Hafen Port Angosto, welchen wir vor einer Viertelstunde passirt haben, zurückzulaufen. Der Eingang, keine 40 m breit, ist bald gefunden, und die „Ariadne“ geht, oft nur wenige Fuß von den Klippen entfernt, durch eine schmale Gasse in einen Kessel, welcher gerade genug Platz bietet, daß das Schiff ohne den Grund zu berühren sich vor dem Anker drehen kann. Die steilen Bergwände sind dicht bewaldet, einige kleine und ein größerer Wasserfall ergießen mit anheimelndem Geplätscher das geschmolzene Schneewasser von den Höhen hinab. Der Abend ist schön und ruhig, aber ohne Anziehungskraft für einen Mann, welcher 19 Stunden auf der Commandobrücke zugebracht hat und nach Verlauf von 5 Stunden Ruhe wieder dahin berufen wird, um das eben überstandene Tagewerk noch einmal durchzumachen.
Abends ging ich gleich, nachdem ich schnell einige Bissen zu mir genommen hatte, zu Bett, um sofort in einen tiefen traum- und bewußtlosen Schlaf zu verfallen. Um 2½ Uhr morgens wurde ich wieder geweckt -- ein kritischer Moment. Niemand kann mich hier zur Eile treiben, mir vorschreiben, an diesem Tage weiter zu gehen oder eine so große Distanz abzulaufen, wie ich sie mir gesteckt habe; auch zwingen mich die natürlichen Verhältnisse nicht zu einem so großen Pensum, da in den vor uns liegenden Kanälen alle 20-30 Meilen Häfen zu finden sind. Durch das Wetter begünstigt habe ich an dem gestrigen Tage ein besonders großes Stück Weg zurückgelegt, ich bin über alle Begriffe müde -- ein Wort und der Aufbruch wird verschoben oder ganz aufgehoben. Der Gedanke „beschleunigte Segelordre“ durchzuckt traumhaft mein Hirn und -- „Reveille und Ankerlichten“ ist die Antwort auf den vielleicht schon mehrmals wiederholten Weckruf. Ich verlasse mein Lager, mache unter Absehung von dem gewohnten kalten Bade die den Verhältnissen entsprechende Toilette, nehme schnell ein warmes Frühstück ein, welches mein vortrefflicher, aber im Punkte des Schlafens sonst unverbesserlicher Diener heute ausnahmsweise schon bereit hat, und stehe nach 15 Minuten auf der Brücke, um in dem Dunkel der noch herrschenden Nacht die meinem Ruf willig gehorchende „Ariadne“ aus diesem kleinen Felsenlabyrinth hinaus in ein 500 Meilen langes hineinzuführen. Die Nachtluft ist kalt; die todten Bergmassen, von welchen her kein Ton eines lebenden Wesens zu hören ist, werfen tiefe Schatten auf die unter Windstille regungslos daliegende schwarze Flut und machen es unmöglich, die schwarze Wasserfläche von dem schwarzen Lande zu unterscheiden. Nichts ist zu hören als das dumpf nach oben schallende Arbeiten der rastlosen mächtigen Schiffsmaschine und das monotone Rauschen des von dem Schiffsbug aufgeworfenen Wassers, nur ab und zu unterbrochen von einem kurzen Rudercommando aus meinem Munde, welches von den Leuten am Ruder ebenso kurz erwidert wird. Die durchbrechende Tagesdämmerung nimmt dieser Fahrt bald das Geisterhafte des Anfangs. Zur Linken liegt die jetzt schon breite westliche Oeffnung der dort ihr Wasser mit dem des Stillen Oceans bereits mischenden Magelhaens-Straße; vor uns öffnet sich der Smyth-Kanal, in welchen unser Weg uns führt, theilweise noch versteckt im Morgendunst, welcher auch das umliegende Land verhüllt. Eine halbe Stunde später -- die Sonne bricht mit einzelnen Strahlen durch die Wolken, gewinnt immer mehr an Macht, hat bald die Nacht- und Morgennebel verzehrt und beschert uns einen selten schönen Tag. Der über 1800 m hohe Mount Burney erhebt sich als regelmäßiger Kegel mit abgestumpfter Spitze, welche jedoch mit mehrern kleinen Pics geziert ist, majestätisch aus einer Ebene, die halbkreisförmig von einem hohen Gebirgszuge umrahmt ist, dessen Gipfel in ungezählte schneebedeckte Pics auslaufen. Die jetzt durch den wolkenlosen Aether ungehindert durchstrahlende, noch tiefstehende Sonne übergießt das vor uns liegende Bild mit einem seltenen Duft. Die in goldigem Schimmer erglänzenden Lichtseiten der untern Partien heben sich nur unmerklich von den Schattenseiten ab, da die Sonne kurz nach ihrem Aufgange nur zarte Schatten zu erzeugen vermag. Die von ihrer erhabenen Höhe aus weithin strahlenden jungfräulichen Gipfel spiegeln die Färbung des Aethers wieder und schimmern in einem fast ins Weiße übergehenden duftig zarten Grün. Die höher steigende Sonne bringt uns einen prachtvollen, windstillen und wolkenlosen Sommertag, wie er für eine Vergnügungsreise nicht schöner gewünscht werden könnte. Die Fahrt geht rastlos weiter, immer neue Bilder vor uns aufrollend, enge Hohlwege, Klippenstraßen, mit Inseln gezierte Alpenseen, freiere Passagen, welche den Blick weiter schweifen lassen -- nur eins bleibt bis gegen Abend unverändert, das ist der herrliche Mount Burney, welcher über alles hinwegragend in fortwährend wechselnder und immer erhebend schöner Umgebung uns den Anblick seiner edeln Gestalt gönnt.
Es ist zwecklos, auf die Fahrt dieses Tages näher einzugehen, da jede neue Schilderung doch nur eine Wiederholung sein würde; aber ein uns an diesem Tage in der Collingwood-Straße und dem Sarmiento-Kanal noch gebotener Blick auf diese große Natur verdient doch besondere Beachtung. Das Bild war das schönste unserer ganzen bisherigen Reise und von so großartig wilder Schönheit, wie sie schwerlich in irgendeinem Theil unsers Erdballs wiedergefunden wird. Obwol meiner Schwäche bewußt, will ich dennoch versuchen, eine oberflächliche Skizze dieses erhabenen Naturbildes zu entwerfen.
Vor uns und zu unserer Rechten liegen die Sarmiento-Cordilleren, zwei regelmäßig hintereinander gereihte Gebirgsketten von etwa 25 Seemeilen Länge und 1000-1500 m Höhe. Die uns zugekehrte vordere Kette steigt direct aus dem Wasser auf, die zweite liegt so weit verschoben hinter der ersten, daß man einen ziemlich weiten Blick in das von den beiden Bergzügen gebildete Thal erhält. Die vielen Gipfel dieser mächtigen malerischen Bergreihen streben in schönen und edeln Formen zu dem reinen Blau des Himmelsgewölbes empor und sind mit ewigem, tadellos weißen Schnee bedeckt, welcher nach unten hin unmerklich sich verändernd allmählich Gestalt und Farbe eines Gletschers annimmt, sich auf den Thalseiten bis zur Thalsohle hinabsenkt und dort ein ebenso unwegsames Eisfeld bildet, als die mit Wasser angefüllten Thäler der tieferliegenden Bergketten dem Menschen nutzbare Wasserstraßen bieten. Zu unserer Linken liegen niedrigere, steile und nackte Felswände, und vor denselben dicht bewaldete Inselgruppen mit saftigen, frischgrünen Bäumen, zwischen denen farbenreiche Blumen hervorlugen. Dieses von der warmen Sonne mit einem eigenen Reiz übergossene Bild erhält seinen würdigen Abschluß durch den Mount Burney, welcher, seine Umgebung weit überragend, sich in unserm Rücken aus der von ihm beherrschten Ebene, die mit Ausnahme der uns zugekehrten Seite jetzt vollständig von hohen schneebedeckten Gebirgszügen umrahmt ist, gigantisch emporhebt und in seiner majestätischen Größe das um ihn liegende gezackte, mit unendlich vielen kleinen Pics gekrönte Berggewirre verspottet. Dieser ausgezeichnete Berg, welcher nur ein riesengroßer Kegel ist, aber durch seine einfachen edeln Linien alles Plumpe von sich weist und voll Grazie nach dem unendlichen Weltall zeigt, muß auf dieser Erde einzig in seiner Art sein und kann wol als ein würdiges Denkmal der urkräftigen Allgewalt der Weltenschöpfung angesehen werden. Der in Japan auf der Insel Nipon liegende und als heilig verehrte Berg Fusijama, welcher wegen seiner reinen Formen einen hohen ihm auch gebührenden Ruf genießt, kann sich in Bezug aus großartige Schönheit mit diesem Mount Burney nicht messen und muß nach meinem Geschmack, trotz seiner doppelten Höhe, vor seinem hiesigen Rivalen zurücktreten.
Abends gegen 9 Uhr, nach einem herrlichen, an Naturgenuß so reichen Tage ankern wir in Puerto-Bueno, dem Hafen, welcher bei Aufstellung des Reiseprogramms als Ziel des zweiten Tages in Aussicht genommen war; wir haben somit die am gestrigen Tage verlorenen 20 Seemeilen wieder eingeholt. Der kreisförmige kleine Hafen Puerto-Bueno, in welchen man durch eine schmale Oeffnung einsteuert, bietet gerade ausreichenden Platz für ein großes Schiff und ist rundherum von niedrigem Land eingeschlossen. Er weist einen außerordentlichen Fischreichthum auf; auch kommt eine eßbare sehr schmackhafte Muschel, welche wol mit der Kieler Mießmuschel verwandt ist, häufig vor und kann bei Niedrigwasser ohne weitere Mühe in großen Massen eingesammelt werden. So brachten vier Mann in einer halben Stunde ein ausreichendes Gericht für die 200 Köpfe zählende Besatzung des Schiffes zusammen. In zwei dicht aufeinander folgenden Fischzügen in einer kleinen Bucht von etwa 12 m Breite und 10 m Tiefe des Hafens wurden mit jedem Zuge in dem Netze je 120 Fische im Totalgewicht von 105 resp. 108 kg gefangen. Die große Mehrzahl der Fische bestand aus vorzüglichen fetten, bis zu 1¾ kg schweren Makrelen, der Rest aus einer Lachsforellenart bis zu 2¾ kg Schwere. An der einen Seite des Hafens mündet cascadenartig über Felsblöcke hinwegspringend ein Wasserlauf, welcher sich aus einem dicht dahinter liegenden Süßwassersee ergießt. Leider ist das Wasser aber wegen des moorigen Bodens im See schlecht und zum Trinken nicht recht geeignet. Eine Recognoscirung des Sees, welche mit einem beschwerlichen Wege durch den Urwald, über umgefallene Baumstämme und große Felsblöcke, über Moosdecken, in die man oft bis unter die Arme einsinkt, durch dichtes Gestrüpp u. s. w. verbunden ist, ließ uns auch die Spuren und die Losung von Guanacos auffinden. Natürlich wurde in der nächsten Nacht von den Jägern ein Jagdzug unternommen, um womöglich eins dieser seltenen Thiere, welche zwischen dem Kamel und dem Lama liegen und ein vielbegehrtes schönes Fell haben, zu erlegen, doch verlief die Jagd resultatlos.
Dieser Tag verschaffte uns auch die interessante Bekanntschaft mit einer Indianerfamilie. Einer der hier gebräuchlichen großen, aus drei Bretern zusammengesetzten Kähne kam in der gewöhnlichen Weise längsseit des Schiffes, d. h. zwei Männer ruderten, eine Frau steuerte und die übrigen Personen hockten in der Mitte. Der ganze Inhalt des Boots bestand aus folgenden Personen: ein älterer Mann, durch ein weißbemaltes Gesicht als Familienhaupt gekennzeichnet; zwei ältere Frauen, jedenfalls die Gattinnen des Häuptlings; ein Mann von etwa 25 Jahren; ein halbwüchsiger auffallend hübscher Bursche von 16-17 Jahren; ein ebenso hübsches gleichalteriges Mädchen oder junge Frau, dem Burschen wie aus dem Gesicht geschnitten; ein Junge von 12-13 Jahren; 5 oder 6 Kinder zwischen 5 und 10 Jahren. Sämmtliche Personen waren von dunkler Kupferfarbe, mit einer dicken Schmutzkruste überzogen, hatten hübsche regelmäßige Gesichter, schöne sanfte dunkle Augen, großen Mund und waren von guter Mittelgröße. Die Körperformen der Männer waren gut; die Frauen hatten schöne Nacken und Schultern, schöne Arme, Hände und Fingernägel, und wußten Arme und Hände mit Grazie zu gebrauchen. Der Leib der Frauen war stark, die Hüften traten nicht hervor, waren daher ohne jede Taille, die Oberschenkel waren auffallend schwach, Unterschenkel und Füße jedoch wohlgeformt. Die Brüste der ältern Frauen hingen lang und schlaff herab, die des jungen Frauenzimmers dagegen waren sehr üppig, aber doch nicht so fest wie es ihrem Alter zukam. Der Leib des jungen Frauenzimmers war sehr stark, es blieb aber fraglich, ob dies ein Zeichen noch großer Jugend war, da der Leib aller Kinder infolge der mangelhaften Ernährung (die Leute leben nur von Fisch, Kräutern und einer bestimmten Erdart) stark aufgetrieben war. Die tiefschwarzen Haare waren nicht gepflegt, struppig, reich mit Ungeziefer bevölkert und bei beiden Geschlechtern gleich lang bis auf die Schultern herabreichend; Bartwuchs fehlte bei den Männern ganz. Der Häuptling trug ein Seehundsfell auf dem Rücken und eins um die Hüften geschlungen, die andern Personen hatten gleichmäßig nur ein Fell auf dem Rücken und waren sonst ganz nackt, den kleinsten Kindern fehlte auch das Rückenfell.
Gleich nach ihrer Ankunft begann das Tauschgeschäft. Für eine Cigarre, etwas Taback, ein Stück Brot oder eine Schachtel Zündhölzer wurde aus dem Boot eine aus Seehundsknochen gefertigte Lanzenspitze, ein ebensolcher Dolch oder ein Albatros-Schnabel hinaufgereicht. Geschenkt nehmen diese Leute, solange sie noch etwas zu geben haben, nichts, sondern reichen für jede Gabe, wenn sie auch als Geschenk bezeichnet wird, einen Ersatz hinauf und ruhen nicht eher, als bis ihnen der Gegenstand abgenommen ist. Nach Erschöpfung des Vorraths der Indianer richtete sich der Sinn unserer Offiziere auf die Seehundsfelle, und nun entwickelte sich eine höchst lächerliche Scene. Mit Ausnahme des Häuptlings, welcher seine Kleidung nicht hergab, haben die Männer ihre Kleidung bald gewechselt. Der Eine trägt an Stelle seines Fells zwei alte Civilröcke übereinandergezogen, ist unten aber nackt; der halbwüchsige Bursche hat eine Hose an und eine zweite als Mantille über die Schultern gehängt; der dreizehnjährige Junge prangt in einer alten blauen Cadettenjacke, unter welcher der braune Unterkörper sich komisch ausnimmt. Das Verlangen nach Seehundsfellen ist aber noch nicht gestillt, ein Offizier hat noch einen alten Unterlieutenants-Frack zur Hand und will für diesen ein Fell haben. Das europäische Schicklichkeitsgefühl verbietet ihm, eins der Frauenfelle zu begehren, wenngleich diese gerade das nicht bedecken, was bei uns als bedeckungswürdig angesehen wird, er zeigt daher auf ein mit noch einem Fell versehenes Kind. Der Alte, welcher unmöglich glauben kann, daß für den schönen Frack nur ein elendes Fell verlangt wird, nimmt den von der Mutter bereits weggestoßenen Jungen am Wickel, macht ihm mit einer Holzkohle einen schwarzen Strich quer über Backen und Nase und stellt ihn zum Tausch. Als nun der Offizier, um sich verständlicher zu machen, auf das Fell des jungen Frauenzimmers und dann wieder auf das des Jungen zeigt, glaubt der Alte, er wolle beide haben, packt sie daher auch am Genick, macht ihr auch einen schwarzen Strich über Backen und Nase und stellt sie für den Frack ebenfalls zur Verfügung. Während dieser Manipulation ist in den Gesichtern der Betheiligten keinerlei Erregung zu bemerken; so wie alle gleichzeitig zu dem Schiff hinaufschwatzten, plappert auch das junge Frauenzimmer, während der Alte sie zeichnet, ohne Unterbrechung weiter fort und scheint mit demselben Gleichmuth in den Besitz eines neuen Herrn übergehen zu wollen, mit dem sie vorher die ihr zugeworfenen Brosamen auffing, und kokettirt mit ihren schönen sanften Augen ohne wechselnden Ausdruck nach wie vor zu dem jungen Lieutenant hinauf. Endlich fangen die Wilden an zu verstehen, um was es sich handelt, und nun muß das Mädchen ihr Fell hergeben. Höchst lächerlich ist es zu sehen, wie nun auf einmal ein gewisses Schamgefühl bei der Person durchbricht. Da das Schamgefühl wol in dem Körpertheil sitzt, welcher gewöhnlich bedeckt getragen wird, wie es ja bei den türkischen Frauen z. B. im Gesicht liegen soll, so wird das Ding plötzlich unruhig, zieht sich mit verängstigtem Gesicht hinter die andern im Boot befindlichen Personen zurück und läßt sich erst dort ganz zusammengekauert das Fell von ihrem uns abgewandten Rücken abnehmen. Das Fell kommt nach oben, der Frack geht hinunter; nach einigen vergeblichen Versuchen gelingt das Anziehen dieses fremden Kleidungsstücks endlich, und nun haben wir das seltene und prächtige Vergnügen, diese junge, nunmehr wieder vergnügte Schönheit der Wildniß mit nur einem offenen Unterlieutenants-Frack bekleidet vor uns stehen zu sehen. Die Erscheinung wird aber noch lächerlicher, als die Kinder die für sie höchst merkwürdigen Taschen in den Frackschößen entdecken; sie graben ihre Arme tief hinein, strecken beide Frackschöße nach oben und seitwärts hoch hinaus und die Person steht vor uns wie ein Pfau mit ausgespreiztem Rad.
Alle Gegenstände, welche von dem Schiffe aus in das Boot gelangten, wurden mit Ausnahme der Kleidungsstücke, ohne lange betrachtet zu werden, gleich der am Steuer sitzenden Frau zugereicht, welche sie in Verwahrung nahm. Nur etwas Hartbrot und Zucker behielt die zweite ältere Frau für sich, um ab und zu daran zu naschen. Eine Handvoll Rosinen, welche ich in das Boot warf, wurde aufgesammelt, die Kinder naschten wol eine, den Rest aber gaben sie ab. Das junge Frauenzimmer biß eine Rosine an, gab die zweite Hälfte ab, griff in ihre Haare und verzehrte an Stelle der Rosine einen ihrer Kopfbewohner, welchen sie wie ein Affe vorher genau betrachtete und wol für essenswerther hielt. Ein als Geschenk hinuntergereichter kleiner Spiegel ließ jeden, der hineinsah, ein so urkomisch dummes Gesicht machen, daß man annehmen muß, daß Spiegel etwas bisher Unbekanntes waren. Die zwei jungen Männer mußten auf Deck antreten; es wurde ihnen ein Cognak vorgetrunken, worauf sie es nachmachen mußten. Der Cognak wurde getrunken und beide standen gleichmäßig wie Statuen vor uns mit offenen Mäulern, gehobenen Nasenflügeln und so sprechend lachenden Augen, daß wir uns Gewalt anthun mußten, um nicht jedem eine derbe Ohrfeige zu geben und sie damit aus ihrer Verzauberung zu reißen. Sie erhielten den zweiten Cognak -- dieselbe Wirkung, den dritten Cognak -- der gleiche Erfolg; dann ließen wir es genug sein.
Gleich zu Anfang während des Tauschgeschäfts kroch ein etwa 6 Jahre alter Junge an seine Mutter heran, nahm die eine Brust, saugte daran, warf sie aber zur Seite und nahm die zweite, welche ihm das Gesuchte zu geben schien. Die Mutter, deren Gedanken nur nach dem Schiffe gerichtet waren, schien diesen Vorgang gar nicht zu bemerken; ohne nur den Kopf zu drehen oder ihre erhobenen Arme zu senken, schrie sie in derselben Weise nach dem Schiff hinauf. Wir sehen doch unwillkürlich nach der Stelle hin, wo eine Fliege uns belästigt, geschweige denn wenn ein Kind uns unerwartet auf den Leib rückt, hier aber scheint fast jedes Gefühl am Körper zu fehlen.
Als ich abends in meinem Boote noch etwas segelte und zu der Hütte unserer Indianerfamilie kam, sah ich die beiden jungen Männer auf einem Steine sitzend in das Wasser stieren, der eine immer noch mit seinen zwei Röcken, der andere mit seinen zwei Hosen; der dreizehnjährige Junge stolzirte in seiner Jacke auf einem im Wasser liegenden großen Stein umher, beide Hände in den Seitentaschen und damit die Jacke so knapp an den Rücken holend, daß die untere nackte Partie um so besser hervortrat. Das Mädchen stand am Ufer, aber wieder mit einem Fell auf dem Rücken; der Frack ziert jedenfalls schon den alten Häuptling, welcher sich in diesem Staatskleid in seinem Wigwam wol von seinen Frauen bewundern läßt.
Als Curiosum führe ich noch an, daß auf der „Leipzig“ in der eigentlichen Magelhaens-Straße ein Besuch der Wilden den Matrosen Veranlassung gab, ein junges Frauenzimmer in eine große Bütte mit Wasser zu setzen und sie mit Bürsten und Seife gründlich zu waschen. Sie soll nach Schluß der Wäsche ordentlich hell gewesen sein und ganz appetitlich ausgesehen haben.
Morgens 3½ Uhr setzen wir die Reise nördlich fort, mit der Absicht gegen Abend in dem 150 Seemeilen entfernten Gray-Hafen zu ankern. Der vor uns liegende Tag schließt den schwierigsten Theil der ganzen Fahrt durch die Straßen in sich, da gerade hier zusammengedrängt die engsten Stellen liegen und ein Theil der Straße noch dazu mit sehr vielen blinden wie sichtbaren Klippen übersäet ist. Auch führt der vor uns liegende Weg durch einen langen Kanal, welcher oft mit Treibeis, welches die Navigirung erschwert, angefüllt sein soll. Die Morgenluft sieht gut aus und wir dürfen wieder auf einen schönen Tag rechnen. Schon gegen 6 Uhr morgens stehen wir vor einer der hervorragendsten Engen und sind von einer Scenerie umgeben, welche lebhaft an die der schönen norwegischen Fjorde erinnert. Das Schiff befindet sich bereits in einem ziemlich engen Kanal; vor uns liegt eine Insel, welche sich in ihrer Grundform als regelmäßiger Kegel aus dem Wasser erhebt, deren kahles Gestein nach oben zu aber stufenförmig einfällt, sodaß der Berg den Namen Treppenberg erhalten hat. Dieser mächtige Felsblock scheint den Weg zu verschließen, denn er lehnt sich von unserm Standpunkt aus gesehen direct an die hinter ihm liegenden 800-1000 m hohen Felswände an. Das Schiff macht einen Bogen nach rechts und läuft dann zurückdrehend um den Treppenberg in die sich links öffnende und immer mehr verengende Straße ein, erreicht nach Zurücklegung von etwa 3 Seemeilen die engste Stelle und steuert dann nach Passirung derselben in ein weites Wasserbecken von etwa 20 Seemeilen Breite. Hiermit ändert sich auch ganz plötzlich der Charakter unserer Umgebung. Während wir vorher zwischen hohen dunkeln Felswänden, welche mit ihren Schatten die ganze Straße beherrschten, eingekeilt waren, befinden wir uns jetzt auf freiem, von der Sonne hell beschienenen Wasser. Die Berge sind in weite Ferne gerückt, das Land in unserer Nähe wird nur durch kleine niedrige, mit dichtem Wald bewachsene Inseln repräsentirt. Das Wasser, welches vorher keine Bewohner zu haben schien, ist auf einmal reich bevölkert, die ganze Flut lebt. Große Scharen von Möven, Tauchern und Enten der verschiedensten Gattungen schweben und fliegen kreuz und quer über das Wasser hin oder sonnen sich, ruhig auf demselben schwimmend, um nur dann aufzufliegen, wenn das Schiff nahe an sie herankommt. Große Heerden von Seehunden folgen, wie in unsern Meeren die Delphine, hoch aus dem Wasser herausspringend mit eleganten Sätzen dem Schiffe. Und trotz dieses Lebens -- welche Grabesstille! Bei der herrschenden Windstille kann die Takelage ihren uns so wohlbekannten Gesang nicht anstimmen; die spiegelglatte Flut ist frei von dem Geräusch sich überstürzender Wellen, welches uns sonst fast immer begleitet; alle Thiere gehen, ohne einen Laut von sich zu geben, stumm ihrer Beschäftigung nach; alles ist stumm, denn auch vom Lande her lassen weder Vögel noch anderes Gethier ihre Stimme vernehmen. Diese sonntägliche Stille wird nur unterbrochen, wenn das Schiff in zu große Nähe von Dampfschiffs-Enten kommt, welche in diesem Falle mit geräuschvollem Geplätscher das Weite suchen.
Dieser Vogel kommt meines Wissens nur in den Gewässern der Magelhaens-Straße vor; er gehört zu den Enten, ist klein, von sehr zierlichem Bau und hat einen reizenden Kopf. Die Thierchen nehmen auf dem Wasser dieselbe Stufe wie der Strauß auf dem Lande ein, d. h. sie können nicht fliegen, sondern sind nur vorzügliche Schwimmer und Taucher. Wie der Strauß beim schnellen Lauf seine kurzen Flügel mit benutzt, so thut diese Ente dasselbe beim schnellen Schwimmen; wie die Schaufelräder eines Schiffes schlagen die kleinen unentwickelten Flügel auf und in das Wasser. Es sieht höchst possirlich aus, wenn sich eine Heerde dieser zierlichen Thiere in schnelle Bewegung setzt. Die Köpfchen sind weit aus dem Wasser gestreckt, die Flügel schlagen immer abwechselnd so schnell und kräftig auf das Wasser, daß es hoch aufspritzt, von dem Arbeiten der Füße wird das Wasser hinten ebenso wie von einer Schiffsschraube aufgeworfen. Sowol aus diesem Grunde, wie auch wol wegen ihrer Schnelligkeit, hat man ihnen ihren Namen gegeben; trotzdem wir mit 10 Knoten Geschwindigkeit gingen, liefen uns diese kleinen plätschernden Dinger doch in ziemlich raschem Tempo vorbei.
Hier will ich auch noch eines absonderlichen Vogels erwähnen, den wir am 17. Januar an einer Stelle in der Magelhaens-Straße in großen Scharen sahen. Es ist ein ganz kleiner Wasservogel von der Größe eines Sperlings oder vielleicht besser gesagt der eines Reisvogels, weil er auch dessen Farbe hat. Da man nicht gewohnt ist, so kleine Wasservögel zu sehen, so kamen diese Thiere uns vollständig märchenhaft vor. Wir hatten uns kurz vorher mit den riesigen Walfischen beschäftigt, hatten große Möven in der Nähe, waren von mächtigen Gebirgszügen umgeben und sahen uns inmitten dieser großartigen Natur, wo alles sich in großen Dimensionen hält, nun plötzlich bei dem Einlaufen in einen großen Kessel von diesem kleinen Volk umgeben, das wie die Heinzelmännchen in zauberartiger Schnelligkeit das ganze Wasserfeld bedeckte und an der nächsten Ecke ebenso plötzlich wieder verschwand. Höchst putzig sah es aus, wenn dieses winzige Gethier von dem Schiffe aufgescheucht sich scharenweise gleichzeitig erhob, in geschlossener Truppe einen großen Bogen abflog und dann plumps! wieder regungslos auf dem Wasser saß, geradeso wie eine Heerde frecher Sperlinge, welche von einem Kirschbaum aufgescheucht schnell und ohne weiteres Besinnen sich auf dem nächsten niederläßt.
Als wir in das freiere Wasser einsteuern, steht vor uns fern am Horizont dickes Gewölk, welches wol zu der Sorge berechtigt, ob uns das gute Wetter erhalten bleibt. Bald wird in der verdächtigen Wolkenbank ein großes uns entgegensteuerndes Schiff entdeckt, was mir zu der übermüthigen Bemerkung Veranlassung gab, daß jetzt in Betreff des Wetters nichts mehr zu befürchten sei, da es ja genug sei, wenn =ein= Schiff den Regen zu tragen habe; denn ich konnte gar nicht daran glauben, daß das hier so seltene herrliche Wetter nun auf einmal ein Ende haben sollte. Merkwürdig genug, daß es wirklich so kommt. Um 7 Uhr morgens passiren wir unter trübem Himmel dicht aneinander vorbei, um 8 Uhr schwimmen wir bereits wieder unter wolkenlosem Himmel und erfreuen uns eines prächtigen, windstillen Tages, während die amerikanische Corvette, mit welcher wir die übliche Höflichkeitsform des Flaggenzeigens ausgetauscht hatten, in dickem Regen hinter uns verschwindet. Da sich zur selben Zeit in unserer Nähe noch ein kleines Segelschiff, welches wahrscheinlich auf Seehundsjagd ist, befindet, so feiern wir ein gewiß seltenes Zusammentreffen in einer Gegend, wo oft monatelang kein Schiff passirt. Gegen 10 Uhr vormittags, nach Zurücklegung von etwa 30 Seemeilen seit dem Verlassen der Enge, rückt das Land allmählich wieder zusammen, und bereits um 11 Uhr steuern wir in den Wide-Kanal ein. Es ist dies ein 25 Seemeilen langer und 2-2½ Seemeilen breiter Hohlweg, welcher durch fast senkrecht aus dem Wasser aufsteigende nackte Felswände von etwa 300 m Höhe gebildet wird. Wie die ganze Magelhaens-Straße mit ihren angrenzenden Kanälen reich an Ueberraschungen ist, so stand uns auch hier eine bevor.
Mit dem Einlaufen in diesen Kanal kamen wir plötzlich in eine ganz andere Welt. Die Landschaft, durch welche während der letzten Tage unser Weg führte, hatte gewiß einen winterlichen Anstrich, die Temperatur war verhältnißmäßig niedrig, so niedrig, daß wir trotz Sonne und Windstille Winterkleider trugen; der empfangene Eindruck mahnte aber nicht an den Winter, wir waren vielmehr uns dessen wohl bewußt, daß wir in dem Sommer einer hohen Breite waren. Jetzt treten die schneebedeckten Gipfel zurück, wir sehen nur die Felswände des Hohlwegs, welche ebenso wie die unter Windstille liegende Flut von der vor und über uns im Mittag stehenden Sonne warm beschienen werden; die Temperatur ist höher als während der letzten Tage und hält sich auf 14° R.; wir befinden uns im Hochsommer auf einer Breite, welche Heidelberg entspricht, sind heute auch leichter bekleidet und trotzdem ist der Eindruck auf Auge und Gefühl eines jeden von uns der eines schönen, sonnigen Wintertages. Die Umgebung bietet nur wenig Abwechselung, und nur hin und wieder gestattet eine Schlucht einen Blick auf die ferner liegenden Schneeberge. Wie im Schiffe so herrscht überall sonntägliche Ruhe; einzelne hervortretende Punkte, welche das Schiff in seinem gleichmäßigen raschen Laufe passirt, werden zur Ortsbestimmung benutzt, die übrige Zeit gehört den Gedanken. Wo meine Gedanken weilen ist nicht schwer zu errathen: in der Heimat bei Weib und Kindern, welche nach ihrem Tageswerk jetzt wol beim Abendbrot sitzen. Meine Augen ruhen ohne zu sehen und ohne sehen zu wollen auf dem vor uns liegenden Bilde, das in seiner melancholischen Eintönigkeit den Menschen abstößt und ihn auf seine Gedanken allein verweist. Ein schnurgerader Hohlweg von solcher Länge, daß der Wasserhorizont noch vor den in weiter Ferne für das Auge zusammenstoßenden Seitenwänden liegt, unter uns ein schmaler Streifen blau-grauen spiegelglatten Wassers, zu beiden Seiten nackte und düster gefärbte Felswände von gleicher Höhe, über uns ein schmaler Streifen des wolkenlosen Himmels und in diesem die heißstrahlende Sonne. Auf solcher Scenerie kann das Auge wol ruhen ohne zu sehen, und doch ist plötzlich der Blick gefesselt, meine Gedanken kehren zum Schiffe zurück. An der Wassergrenze vor uns tauchen weiße Flecken auf, welche in grellem Contrast zu der hinter dem Horizont liegenden dunkeln Felsenwand stehen; wir sind in dem Kanal, welcher häufig Treibeis haben soll, und die neue Erscheinung kann nur Eis sein. Mit unserm Vorschreiten verwandeln sich denn auch die Flecken in Eisschollen, und bald läuft das Schiff in ein großes Eisfeld hinein, wirft die kleinen Schollen zur Seite, geht den großen aber vorsichtig aus dem Wege. Der ganze Kanal ist hier mit Treibeis der verschiedensten Formation bedeckt; einige Stücke sind krystallklar, andere milchig; die große Mehrzahl allerdings hat die schöne hellgrün-blaue Farbe der Gletscher. Einzelne dieser in phantastische Formen zusammengeballten Eisschollen sind kleine Eisberge von 6-10 m Dicke und wahre Prachtstücke in Bezug auf Formen und Schönheit ihrer Farben; ja sie suchen mit dem Glanz eines Edelsteins zu wetteifern, sobald sie von den Strahlen der Sonne getroffen werden.
Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß das uns umgebende Eis sich von einem in der Nähe befindlichen Gletscher losgelöst hat; wir finden diesen auch bald in einer großen Bucht, welche er von den Bergen herunterkommend ganz mit Eis angefüllt und dieses in einer gewiß 5 m dicken Lage bis an den Hauptkanal vorgeschoben hat. Da wir nach Passirung dieses Gletschers kein Eis mehr im Wasser finden, so muß er naturgemäß auch die Quelle der treibenden Eisfelder gewesen sein.
Um 2½ Uhr nachmittags läuft das Schiff rechts in den Eiskanal ein und um 3½ Uhr mit einer scharfen Wendung nach links in den von hohen Felsen eng eingeschlossenen Grappler-Kanal. In den Eiskanal mündet ein 40 Seemeilen langer Sund, welcher, von ausgedehnten Gletschern umgeben, jedenfalls infolge der dort lagernden kolossalen Eismassen die Ursache ist, daß in dem Eiskanal eine von dem Sund herkommende regelmäßige kalte Luftströmung beobachtet wird, wegen welcher er seinen Namen erhalten hat. Als wir in den Eiskanal einsteuern, kommt uns ein leichter kalter Wind entgegen, die Temperatur fällt um 1,2° und steigt sofort wieder um 1,5°, sobald wir von hier in den Grappler-Kanal einlaufen.
Kurz nach 5 Uhr dampft die „Ariadne“ in eine Straße ein, die so voll sichtbarer und blinder Klippen ist, daß die größte Vorsicht nothwendig wird; die Fahrt des Schiffes wird daher sehr vermindert, um ein eventuelles Auflaufen auf eine Klippe nach Möglichkeit unschädlich zu machen. Hier im Indian-Kanal strandete auch vor Jahresfrist ein deutscher Dampfer.
Endlich finden wir auch Gelegenheit, den Seehund dieser Gewässer, welcher wegen seiner Größe gewöhnlich wol Seelöwe oder richtiger Seebär genannt wird, aus nächster Nähe in seiner Freiheit zu beobachten. Zwischen den vielen über Wasser liegenden Klippen, an welchen wir jetzt dicht vorbeidampfen, hausen ganze Heerden dieser Thiere, zeigen keinerlei Scheu vor dem Schiffe und lassen sich durch dasselbe nicht in ihrer Beschäftigung stören. Etwa 200 Schritt von uns entfernt wälzt sich im wahren Sinne des Wortes eine große Heerde in dem flachen Wasser, welches die Klippen umgibt, während ein kleineres Rudel, neugierig nach dem Schiffe hinsehend, unbeholfen auf den Klippen herumkriecht und kleine Trupps sich in tiefem Wasser und auch dicht beim Schiffe herumtummeln. Die in dem flachen Wasser spielenden Thiere bilden einen großen Knäuel von Köpfen und Schwänzen, da sie wegen der zu geringen Wassertiefe immer mit einem Theil ihres Körpers aus dem Wasser hervorschnellen müssen; die in dem tiefen Wasser befindlichen Thiere wetteifern, wie schon früher beschrieben, mit der Kunstfertigkeit der Tümmler; mit gekrümmten Rücken springen sie hoch aus dem Wasser hinaus und in elegantem Bogen wieder hinein. Waren wir vorher über die Identität dieser Thiere noch im Zweifel, trotzdem wir den Seehundskopf mit dem Fernrohr deutlich erkannt hatten, so mußten jetzt alle Zweifel schwinden; diese gelenkigen und eleganten Wasserbewohner sind dieselben Seehunde, welche auf den Klippen so grenzenlos plump und ungeschickt sind. Hier will ich noch anführen, daß der Seehund der Magelhaens-Straße, welcher den unsrigen so sehr an Körpergröße übertrifft, sich von diesem noch dadurch wesentlich unterscheidet, daß er ebenso neugierig wie dieser scheu ist. Auf diese stark ausgebildete Neugierde haben auch die Robbenschläger ihr eigenthümliches Jagdsystem gegründet. Sie betreiben die Jagd nur in kleinen Fahrzeugen, mit welchen sie dicht an und zwischen die Klippen kommen können. Werden sie nun einer Seehundsheerde ansichtig, dann steuern sie direct auf dieselbe los und machen dabei mit Pauken und Gongs so starken Lärm als sie überhaupt hervorbringen können, während ein Theil der Besatzung mit Repetirgewehren zum Schuß bereit steht. Der Seehund läßt sich merkwürdigerweise von dem ankommenden lärmenden Fahrzeuge nicht verjagen, sondern die ganze Heerde sammelt sich auf den Klippen, um das kuriose Ding, was da ankommt, anzuschauen, und gibt den Jägern so Gelegenheit, aus nächster Nähe so viele von ihnen niederzuschießen, als Patronen in den Gewehren vorhanden sind.
Um 7 Uhr abends langt das Schiff vor dem schwierigsten Theil unserer ganzen Kanalfahrt an. Wir stehen dicht vor der berüchtigten Enge ('English narrows'), welche allein viele Schiffe abhält diese Kanäle zu benutzen und in jedem Neuling ein wahres Grauen hervorbringen muß, da alle Bücher Vorsicht über Vorsicht empfehlen und mündliche Nachrichten mit Achselzucken begleitet werden, als ob der Berichterstatter sagen wolle: „Versuchen Sie es, es geht, ich übernehme aber keine Verantwortung.“ Mit einem chilenischen Corvetten-Kapitän und dem deutschen Kapitän eines chilenischen Dampfers, welch letzterer erst vor wenigen Tagen dort mitten zwischen Klippen gelegen hatte und es nur einem glücklichen Zufall zuschrieb, daß er ohne Schaden wieder freikam, hatte ich gesprochen. Beide führten nur kleine Schiffe und hielten die Passage schon für sehr bedenklich. Neuerdings ist sie auch den Postdampfern von ihren betreffenden Gesellschaften verboten worden, und doch kann es nicht so schlimm sein, da sie von englischen, französischen und amerikanischen Kriegsschiffen jeder Größe schon benutzt worden ist und noch benutzt wird.
Hier tritt nun einer jener Momente ein, welche im Seeleben häufiger vorkommen, als man vielleicht gemeinhin annimmt. Ein Moment, in welchem der Commandant eines Kriegsschiffes etwas wagen muß, was ihn in Conflict mit dem Strafgesetz bringt, sobald das unternommene Manöver unglücklich ausfällt. Die mit der Stellung verknüpften Pflichten sind aber höhere und verlangen die Uebernahme einer Verantwortung, welche man ablehnen könnte. Denn wie sollen die Offiziere die wirkliche Leistungsfähigkeit des Schiffes kennen lernen, wenn sie nicht Proben von derselben gesehen? Wie soll die Mannschaft das für den Moment der wirklichen Gefahr durchaus nothwendige Vertrauen zu ihrem Commandanten und ihren Offizieren erhalten, wenn sie nicht vorher schon gesehen hat, daß ihre Befehlshaber auch in schwierigen Lagen ihrer Aufgabe gewachsen sind?
Vor uns liegen durch eine kleine Insel getrennt zwei Passagen, die linke nahezu 300 m breit und frei von Untiefen, die rechte nur 70 m breit und durch eine unter Wasser liegende Sandbank so eng gemacht; mithin doppelt gefährlich, weil man den Feind nicht sehen kann. Auch liegen jenseit der engern rechten Passage Klippen in so geringer Entfernung, daß das Schiff gleich hinter der Passage fast auf der Stelle drehen muß, während die linke Seite einen bequemen Bogen gestattet. So sollte man meinen, daß zweifellos die linke Passage zu wählen ist, und doch neigt sich aus den vorher angegebenen die Wagschale nach der rechten Seite.
Mir ist höchst unbehaglich zu Muthe, denn es ist ein eigen Ding mit der Verantwortung über ein Kriegsschiff. Mein Herz pulsirt schneller -- jetzt muß es kommen. Mit einem kleinen Bogen sind wir plötzlich vor einem aus vielen kleinen Inseln bestehenden Inselgewirre, welche sich an hohe, die Natur hier abschließende Bergketten anlehnt. Die Sonne steht schon so tief, daß sie die Schatten der Berge auf die Fluten wirft, wodurch alles vor uns Liegende, die Inseln, der auf den Klippen wachsende Seetang und das Wasser, eine übereinstimmende dunkelgrüne Farbe erhält: eine Beleuchtung, welche jede Distanzschätzung außerordentlich erschwert. Das Schiff dringt ganz langsam vorwärts; alles was gehen kann, ist auf Deck und lugt über die Brustwehr, um die Fahrt durch dieses Labyrinth mitanzusehen; die Offiziere schauen mehr nach der Commandobrücke als nach der Umgebung; ich blicke nach der noch 1½ Seemeilen entfernten kleinen Insel aus, welche als Wegweiser dient, und suche sie weit ab. Die Beleuchtung mahnt zur Vorsicht, die Insel ist in der Ferne nicht zu sehen, der scheinbar vor uns liegende kleine Humpel kann sie nur sein. Hier heißt es schnell und entschieden handeln; die kleinste Verzögerung kann die bedenklichsten Folgen haben. Der Mann, welcher eine Secunde vorher mit gebeugtem Kopfe unruhig und sorgenvoll auf der Commandobrücke hin- und hertrippelte, ängstlich nach der Karte schaute und dann wieder das umliegende Land studierte, fühlt jetzt seinen Herzschlag nicht mehr, die Beklemmungen sind geschwunden, er steht mit gehobenem Kopfe, gibt ein kurzes Commando nach dem Ruder, ein Avertissement nach der Maschine und ruft sorglos lachend den Offizieren zu: „Meine Herren, passen Sie auf, wie das Schiff sich durchzwängen wird!“ Das Ruder wird gedreht, der Bug wendet sich nach rechts, nach dem Fahrwasser, wo die Besatzung sehen kann, was ein gutes Schiff zu leisten vermag. Wir laufen so dicht an der kleinen Insel vorbei, daß die Raaen über dem Lande hängen; die Schiffsseite ist nur 3-4 m von der steinigen Küste entfernt, die Zweige der überhängenden Bäume können fast von dem Schiffe aus erreicht werden. Die Insel ist nur klein, viel Zeit zum Nachdenken ist nicht gegeben; noch während das Schiff an der Insel liegt, muß das Ruder schon gedreht werden, um sobald das Hinterschiff frei von der Küste ist, seine volle Kraft zur Geltung bringen zu können. Alles geht schnell und concentrirt sich auf Augenblicke; die Maschine erhält den Befehl, mit voller Kraft zu gehen, noch ehe das Schiff frei ist, hier müssen aber die Secunden, welche bis zur Ausführung des Befehls verstreichen, mit in Berechnung gezogen werden. Die Maschine schlägt mit voller Kraft an, das Schiff dreht sich wie ein Kreisel, das Ruder wird zurückgelegt und das Schiff schießt an den Klippen vorbei, um nach wenigen Minuten einen gleich scharfen Bogen zurückzumachen und dann in freiem Fahrwasser nach dem naheliegenden Hafen zu dampfen. Freies Fahrwasser? Unter gewöhnlichen Umständen würde man hier stets einen Lootsen nehmen, wenn man einen bekommen könnte, und würde nur mit langsamer Fahrt gehen. Nach dem, was heute hinter uns liegt, ist jedoch das vor uns liegende Fahrwasser so frei, daß es mit Volldampf nach dem Gray-Hafen geht, wo um 8½ Uhr abends unter einer dicht bewaldeten 6-700 m hohen Felsenwand geankert wird.
Es ist ein wahrhaft poetischer Abend. Vor uns liegt die mit dichtem Urwald bestandene hohe Felsenwand, welche das Himmelsgewölbe zu berühren scheint, sie sendet uns lange nicht mehr genossenen Blumenduft entgegen. Eulen lassen ihr geisterhaftes Geschrei vernehmen; mehrere über Felsen steil herabfallende Bergbäche ergießen sich mit einschläferndem Gemurmel in den Hafen, welcher, trotz der noch hellen Dämmerung, von der sich in den Fluten spiegelnden Felsenwand schon in dunkle Schatten gelegt ist. Zur Rechten öffnen sich die Berge und gestatten einen Blick auf einen weit abliegenden schneebedeckten hohen Vulkan, dessen Gipfelgestalt deutlich einen Krater erkennen läßt und dessen Schneedecke, wol durch übergestreute Asche, grau gefärbt ist. Hinter uns wird der Hafen durch eine niedrige dicht bewaldete Landzunge abgeschlossen, und über diese hinweg blickt das Auge auf einen von hohen Bergen eingeschlossenen, in tiefem Schlaf liegenden Alpensee, in welchem mit Genugthuung die Stelle erkannt wird, welche vor einer Stunde mit so banger Sorge passirt werden sollte und mit so frohem Gleichmuth passirt worden ist. Köstlicher Friede lagert über diesem anziehenden, in großartiger Ruhe daliegenden Bilde. Wir wissen, daß wir Hunderte von Meilen von menschlichen Ansiedelungen entfernt sind, daß wir, ebenso wie während der letzten Tage, uns in vollkommenster Einsamkeit befinden, und doch ist es hier anders -- die Natur lebt, Blumenduft, Vogelstimmen und plätschernde Waldbäche athmen ein Leben aus, welches dem Menschen das Gefühl des vollständigen Verlassenseins benimmt und der Umgebung einen Zauberreiz verleiht, welcher sich wol empfinden aber nicht beschreiben läßt. Dieser kleine Hafen, welcher mit seinen Reizen zum Bleiben einladet, soll der letzte Halteplatz in diesen Straßen sein und ich habe für denselben einen Aufenthalt von drei Tagen in Aussicht genommen. Das noch vor uns liegende Fahrwasser bis zur freien See ist einfach und klar, alle schwierigen Stellen liegen hinter uns, die Distanz bis zum Ocean ist so gering, daß ein überfrühes Aufstehen nicht mehr nöthig wird; so kann ich also mit dem Bewußtsein zu Bett gehen, daß die Strapazen ihr Ende erreicht haben und einige Tage wohlthätiger Ruhe vor mir liegen.
Schon früh am Tage am 21. geht ein Theil der Mannschaft zum Holzfällen an Land. Ich beabsichtigte nach dem Frühstück auf den nächstgelegenen höchsten Berggipfel zu steigen, um von dort einen freiern Ueberblick über dieses noch so wenig erforschte, eigenthümlich wilde Land zu erhalten. Eine nähere Untersuchung ließ indeß alle Hoffnung schwinden. Die Bergwände sind so steil, daß sie nur mit Lebensgefahr und dann auch erst nach mehrtägiger Anstrengung zu erklimmen sind; daneben sind sie mit so dichtem Urwald, Gestrüpp und Schlingpflanzen bedeckt, daß ein Versuch, ohne Gebrauch der Axt nur wenige Schritte vorzudringen, als unausführbar aufgegeben werden muß. Ich entschließe mich daher, einen andern in Aussicht genommenen kleinen Ausflug zur Ausführung zu bringen. Einige Offiziere schließen sich an und bald sind wir in zwei Booten unterwegs. Von dem Hafen aus gelangen wir in einen Süßwassersee von einer Seemeile Ausdehnung, welcher sein Wasser von einem kleinen Fluß erhält, der wiederum von einem großen Wasserfall gespeist wird, welcher das Schneewasser von den Bergen in das Thal führt. Der See ist in Uebereinstimmung mit dem Charakter des ganzen Landes mit kleinen bewaldeten Inseln angefüllt, zwischen welchen einige Taucher hin- und herfliegen. Bald gelangen wir in den kleinen Fluß, wo auf den mit saftigem Laub bedeckten Ufern sich über hochrothen Blumen Schmetterlinge wiegen, ein vereinzelter Kolibri umherschwirrt und aus dem Gebüsch einige Papagaien ihre heisere Stimme vernehmen lassen. Auch finden sich hier die gemeine Pferdefliege sowie eine kleine schwarze Stechfliege ein und lechzen nach unserm Blute. Nach einer weitern Viertelstunde langen wir an dem schönen, zwischen Felsen aus dichtem Baumgewirre sich ergießenden Wasserfalle und damit an dem Ende unserer Fahrt an, da der Urwald ein weiteres Vordringen unmöglich macht. Eine leere Sardinenbüchse und ebensolche Mixed-Pickles-Flasche sind die einzigen menschlichen Spuren in dieser Wildniß.
Unsere Rückkehr bringt mir eine sehr unangenehme Ueberraschung. Einer der beim Holzfällen beschäftigten Leute hatte seine brennende Pfeife ausgeklopft und damit einen Waldbrand angefacht, welchen wir nicht mehr löschen konnten, diese Arbeit daher dem nächsten mitleidigen Regen überlassen mußten. Das Moos und Gestrüpp, sowie die aus früherer Zeit vom Holzfällen zurückgelassenen Astreste sind von einer solchen Dürre, daß, nachdem der brennende Taback das Moos erst entzündet hatte, ein Löschen schon nicht mehr möglich war. Das Feuer war zwar an der ersten Stelle gleich gelöscht worden, hatte sich aber in der 1-2 m dicken dürren Moosschicht so schnell fortgepflanzt, daß es gleichzeitig an zehn andern Stellen hervorbrach. Jetzt, eine halbe Stunde nach der ersten Entzündung, stand bei unserer Rückkehr zum Schiffe schon die ganze Landzunge in hellen Flammen. Die noch am Lande befindlichen Leute wurden sogleich zurückbeordert; eine kurze Ueberlegung sagt mir, daß das Schiff hier nicht bleiben darf. Springt der Wind um, was jeden Augenblick geschehen kann, dann wird der Aufenthalt hier wegen des Rauches nicht nur unleidlich, sondern bei der geringen Entfernung des Ankerplatzes von dem Herd des Feuers kann auch die größte Gefahr für das Schiff entstehen. Ich lasse daher Dampf machen, um nach dem nächsten nur drei Seemeilen entfernten Hafen zu gehen. Was ist aus der gestern erträumten dreitägigen Ruhe geworden?
Die Dampfpinasse wird mit einem andern Boot im Schlepptau vorausgeschickt, läuft zwar an dem ihr bezeichneten Eingange vorbei, hört die Signalschüsse nicht mehr und verschwindet um die nächste Ecke, sie wird aber zurückkehren, wenn sie das Schiff nicht folgen sieht, da dem Führer die erhaltenen Ordres ja bald sagen müssen, daß er zu weit gegangen ist. Um 4 Uhr nachmittags wird in dem nächsten, „Halt-Bay“ genannten Hafen geankert und dort gleich wieder mit Holzfällen und Wassereinnehmen begonnen. Dieser Hafen ist auch wieder eine köstliche kleine Idylle, das Ausbleiben der Dampfpinasse macht mir aber so viel Sorge, daß die Naturschönheiten jetzt ohne Reiz für mich sind. Das Holz ist gut, das Trinkwasser vorzüglich, ein Fischzug ergibt 146 Stück großer fetter Makrelen. Die Nacht bricht herein, der Himmel über dem Gray-Hafen ist von dem mächtigen Waldbrande blutroth gefärbt, und die Sorge um die verirrten Boote raubt mir den Schlaf. Das Schiff ist so mit Signallaternen behängt, daß es von außerhalb des Hafens gesehen werden muß, zum Ueberfluß lassen wir noch in gewissen Zwischenräumen eine Rakete steigen.
Beim ersten Tagesgrauen wird mir die Meldung gemacht, daß die Boote nicht zurückgekehrt seien; ich muß also mit dem Schiffe sie suchen gehen, da sie ohne Waffen und ohne Proviant zweifellos in Gefahr sind. Ich bin in sehr großer Sorge. Es ist zu häufig schon vorgekommen, daß in diesen Gegenden einzelne Boote von Indianern angegriffen, die Insassen ermordet und die Boote dann, um alle Spuren zu verwischen, vollständig vernichtet wurden; dies konnte also auch unsern Booten passiren. Um 4 Uhr morgens verläßt das Schiff den Hafen wieder und befindet sich in einer Stunde vor der nächsten tiefen Bucht, von welcher keine Karten existiren, in die ich daher ohne großen Zeitverlust und mögliche Gefahr für das Schiff auch nicht einlaufen kann. Der erste Offizier erhält daher den Auftrag, mit zwei bewaffneten Booten die Bucht abzusuchen, und das Schiff geht, nachdem Zeit und Ort der Wiedervereinigung angeordnet ist, weiter, um an der nächstgelegenen Küste nach den Verirrten zu suchen. Ich bin in wirklich ernster Sorge; sechs Menschen und zwei Boote auf solche Weise zu verlieren ist wahrlich keine Kleinigkeit. Das Schiff läuft kreuz und quer, alle Ferngläser sind in Thätigkeit, die obersten Sitze auf den Masten sind mit zuverlässigen und wegen ihrer scharfen Augen bekannten Männern besetzt, halbstündlich wird ein Signalschuß abgefeuert; doch alles ist vergebens, um 10 Uhr sind wir wieder ohne Resultat vor der erstgenannten Bucht, aus welcher auch bald die dahin entsandten Boote zurückkehren, ohne eine Spur von den Vermißten gefunden zu haben. Es waren zwar Fußspuren und verlassene Hütten von Indianern gefunden, die Fußspuren auch in das Innere verfolgt worden, doch wurden keinerlei Anzeichen gefunden, welche auf unsere Boote oder auf einen stattgehabten Kampf hätten deuten können. So blieb denn kein Zweifel, daß unsere verlorenen Boote hier und in dem Umkreis von 10 Seemeilen, welche das Schiff durchsucht hatte, nicht waren. Nun kam eine neue Sorge, nämlich die, daß, wenn die Boote weiter gegangen waren, sie leicht in ein 25 Seemeilen von Halt-Bay entferntes Labyrinth von unerforschten Kanälen eingelaufen sein konnten, weil von unserm Standort aus die Küste bis dahin keine Buchten mehr aufwies, die Boote also nur dort einen Liegeplatz finden konnten. Waren sie wirklich bis dahin gekommen und in jene unbekannten Straßen eingelaufen, dann waren sie meiner Ansicht nach verloren und mir blieb dann nur die Alternative, entweder mit großer Vergeudung von Zeit ein hoffnungsloses Suchen fortzusetzen, oder aber Menschen und Boote im Stich und ihrem Schicksal zu überlassen, weil ihnen meiner Ueberzeugung nach keine Rettung mehr zu bringen war. Nur eine Hoffnung war übrig. Der in der Dampfpinasse gewesene Kohlenvorrath konnte nach der Berechnung und unter Zugrundelegung der günstigsten Stromverhältnisse nur bis zum Eingang jenes Labyrinths gereicht haben, Holzfeuerung ist für diese Art Dampfkessel nicht geeignet; hat also nicht etwa ein tückischer Zufall die Geschwindigkeit der Boote beschleunigt, dann müssen sie noch vor der gefürchteten Stelle bewegungslos geworden sein und in irgendeinem kleinen Winkel an der Küste liegen.
Zu meiner Stimmung, welche ich wol nicht näher zu schildern brauche, paßt auch das Wetter. Im Laufe des Vormittags hat sich die ortsübliche Witterung eingestellt, es weht ein Sturm. Die ganze Straße ist in Wasserdampf eingehüllt; die vor dem Sturm hinjagenden Wolken legen sich schwer bis aufs Wasser und hüllen alles in dichten Nebel. Der Wind fegt die Straße allerdings so oft auf Augenblicke rein, daß man mit dem Schiffe sicher vorwärts gehen kann, immerhin ist solches Wetter aber schlecht geeignet, um weite Strecken, in welche das Schiff nicht eindringen kann, durch Boote absuchen zu lassen. Endlich um 12 Uhr mittags bin ich an der Stelle angelangt, wo es sich entscheiden soll, ob die verlorenen Boote gefunden oder aufgegeben werden. Die beiden Kutter werden fertig gemacht, mit Proviant und Waffen versehen und sollen eben von dem Schiffe absetzen, als aus der Takelage ein Boot unter Land in Sicht gemeldet wird und zwar in der Richtung zum Eingang in die unerforschten Kanäle. Das Schiff dampft gleich, soweit die Sicherheit dies erlaubt, näher heran und bald wird in dem Boot unsere Jolle recognoscirt, welche mit aller Anstrengung aber ohne Erfolg gegen Wind, Wellen und Strom anrudert. Hier waren also richtig die Boote festgelegt! Es ist keine Möglichkeit, daß die Jolle auf diese Weise zum Schiff herankommen kann; die Manöver des Schiffes, um das Boot zum Abhalten zu bewegen, werden auch nicht verstanden; so muß denn ein Kutter unter Segel hin, um das Boot zu holen und mit ihm, der empfangenen Weisung gemäß, mit dem Wind und dem Strom hinter eine Insel in ruhiges Wasser zu laufen, wo das Schiff sie aufnehmen wird.
Ich enthalte mich einer nähern Beschreibung der Mühen mit welchen die Herbeischaffung der Boote bei dem schlechten Wetter verknüpft war; der Umstand, daß die Jolle erst um 3 Uhr und die Dampfpinasse erst abends um 6 Uhr im Schlepptau eines Kutters zum Schiff zurückkehrte, sagt wol genug. Boote und Leute habe ich also gottlob! unversehrt wieder, nach dem in Aussicht genommenen Hafen kann ich aber wegen der vorgerückten Tageszeit nicht mehr kommen. Vielleicht ist es möglich, vor vollständiger Dunkelheit noch einen näher gelegenen Ankerplatz (Connor-Cove) zu erreichen. Also vorwärts mit dem Schiffe!
Bei Dämmerung wird noch die Stelle festgestellt, wo der Eingang zu dem kleinen Hafen liegen muß, und mit Volldampf geht es darauf los. In dunkler Nacht stehen wir vor einer hohen Wand, weder ein Eingang ist zu sehen, noch die am Eingang liegende, noch die in dem Hafen liegende kleine Insel. Soll ich umdrehen? Eine im Fahrwasser verborgene blinde Klippe macht den Aufenthalt dort bei Nacht gefährlich; noch ein Blick auf die dunkle Wand läßt eine leichte Senkung in den obern Contouren erkennen, darunter wird der Eingang wol liegen. Der Navigationsoffizier sitzt auf dem Bugspriet, um zu melden, wenn dieses die vor uns liegende Felsenwand berühren will. Das Schiff geht langsam vorwärts, immer dunkler wird es, das Vordertheil des Schiffes scheint sich schon in die Felsenwand einzubohren, zu beiden Seiten haben wir schon feste schwarze Massen: da meldet der Navigationsoffizier die kleine Insel am Eingang dicht voraus. Ich schaue mich um und sehe hinter uns in der Dunkelheit einen dunkler schattirten kleinen Fleck, welcher die Insel am Eingang, mithin die vorn gemeldete die im Hafen liegende sein muß. Ein Rundblick sagt mir, daß die Dunkelheit rund um uns her gleich tief ist, daß wir also nach allen Seiten hin annähernd gleich weit vom Lande abliegen -- Fallen Anker! Der Navigationsoffizier mißt noch in einem Boote mit einer Leine die Entfernung nach vorn, hinten und beiden Seiten aus und bestätigt, daß das Schiff ohne Gefahr so liegen bleiben kann, da es sich ziemlich in der Mitte des Hafens befindet. -- Die Seefahrt in der Magelhaens-Straße hat doch ihre ganz eigene Seite!
Stiller Ocean, 24. Januar.
Gestern morgens 5 Uhr verließen wir Connor-Cove wieder und ankerten nach drei Stunden im Inselhafen, um dort noch etwas Holz zu fällen und unsern Wasservorrath zu ergänzen. Heute nachmittags 3 Uhr war das Schiff nach Beendigung der Arbeiten wieder seeklar, verließ den letzten Hafen in der Magelhaens-Straße und steuerte abends 6 Uhr in den Stillen Ocean ein. Die große Wasserfläche vor mir berührt mich fremdartig, es ist mir als gewänne ich nach langer Einschließung die Freiheit wieder. Vor uns und zu beiden Seiten freies Wasser, keine Aufregung, keine besondere Anstrengung mehr, und hinter uns verschwindet in der hereinbrechenden Nacht allmählich das mächtige Felsenthor, aus welchem wir vor wenig Stunden wieder in das freie Leben eintraten.
Ein steifer Südwind treibt uns unter Segel mit 12 Seemeilen Geschwindigkeit in der Stunde unserm nächsten Ziele entgegen; aber weder diese schöne Fahrt, noch die auf ihren riesigen Schwingen hinter uns herschwebenden Albatrosse haben mich an den Schreibtisch geführt, sondern ein eigenthümlicher Wahn, welchem ich Ausdruck geben muß. Die Fahrt durch die Magelhaens-Straße hat die fixe Idee in mir hinterlassen, daß wir uns nunmehr schon auf dem Heimwege befinden. Die acht Tage, welche ich in jenen Straßen zubrachte, fassen eine solche Fülle von Anstrengung und Aufregung in sich, haben den für Erinnerung bestimmten Theil des Gehirns mit so viel großartigen Naturschönheiten und interessanten kleinen Zufällen angefüllt, daß es sorgsam vertheilt für ein ganzes Jahr ausreichen würde. So nahe die Zeit noch liegt, so fern ist sie mir schon gerückt; sie erscheint mir wie ein langes Ringen, nach welchem die Ruhe folgen muß. Ich habe 11000 Seemeilen oder nahezu 3000 deutsche Meilen jetzt schon zurückgelegt, der Weg durch den Stillen Ocean über Australien, Indien, Suezkanal, durch das Mittelmeer, weist nur noch 18000 Seemeilen auf, auf meiner eigentlichen Station werde ich höchstens sechs Monate sein: so macht das vor mir Liegende auch fast nur den Eindruck einer ununterbrochenen Reise nach der Heimat zu.
2.
Von Valparaiso nach Panama und Nicaragua.
Stiller Ocean, 9. Februar 1878.
Seit heute Mittag liegt auch Valparaiso hinter uns und damit eine ununterbrochene Kette von Festlichkeiten und Vergnügungen, welche uns dort während unsers neuntägigen Aufenthalts geboten wurden. Am letzten Januar hatten wir vormittags im Hafen geankert. Schon mit Tagesanbruch war das hohe, die Bai von Valparaiso umrahmende Bergland zu sehen, welches allerdings im Vergleiche zu den im Hintergrunde liegenden Anden so ziemlich verschwindet, obgleich wir diese nicht einmal in ihrer ganzen Größe und Majestät zu Gesicht bekommen haben, da sowol auf dem 7000 m hohen Aconcagua wie den übrigen Bergriesen während der ganzen Dauer unsers Aufenthalts Wolken lagen, welche die Kuppen und Gipfel dieses mächtigen Gebirgszugs unsern Augen entzogen.
Valparaiso bedeutet bekanntlich „das paradiesische Thal“, eine Benennung, welche schwer zu verstehen ist, da die Stadt weder in einem Thale liegt, noch der kahle Bergrücken, auf welchem sie erbaut ist, den Vergleich mit einem Paradies beanspruchen kann. Allerdings soll in der Regenzeit das ganze Land um die Stadt herum, der ganze Berg bis zu seinem Kamm, von einer dichten Decke frischer saftiger Gräser, Moose und Kräuter überzogen sein, welche die Feuchtigkeit aus der Erde hervorzaubert; jetzt aber war alles kahl und dürr, da Wälder ganz fehlen. Deshalb verdankt der Name seinen Ursprung wahrscheinlich den verschiedenen in der nächsten Umgebung der Stadt gelegenen schönen und fruchtbaren Thälern, wenngleich auch sie eine so überschwengliche Bezeichnung kaum verdienen.
Die Stadt ist am Fuße eines 400 m hohen, steilen Gebirgszuges, welcher, wie schon angeführt, die Bai von Valparaiso umschließt, angelegt und zwar auf Hügelwellen, welche dicht nebeneinander und rechtwinkelig zum Ufer liegend nach oben zu allmählich mit der Hauptwand des Bergrückens verlaufen. Die Stadt kann, wenngleich sie unten am Strande einige schöne breite Straßen und einen großstädtischen Verkehr hat, doch nie den vollen Eindruck einer Großstadt machen, weil die dazu erforderlichen Gebäude fehlen. Denn Valparaiso steht auf einem so unsichern Boden, daß die Regierungsgebäude, Kirchen und Privatpaläste niedrig gehalten und, in der Regel nur aus einem Erdgeschoß bestehend, leicht gebaut sind, um den häufigen Erdbeben besser widerstehen zu können oder beim Einsturz möglichst wenig Schaden anzurichten. Einige stets vorhandene Häusertrümmer und klaffende Risse in einzelnen Straßen zeigen, daß eigentlich ununterbrochen solch kleinere Katastrophen eintreten. Die Menschen sind sich der sie stets bedrohenden Gefahr auch wohl bewußt, gehen allabendlich nur mit Sorge zu Bett, weil sie nicht wissen, was die Nacht ihnen bringen wird. Wie der Soldat sich im Felde, ehe er zur Ruhe geht, stets versichert, daß seine Waffe in Ordnung und ihm zur Hand ist, so geht in Valparaiso niemand zu Bett, ohne sich vorher sein eigens für den Zweck angefertigtes Erdbebengewand, in welches er nur hineinzuschlüpfen braucht, an seinem Lager zurechtgelegt zu haben, um bei dem ersten Alarm gleich auf den vor dem Schlafzimmer liegenden freien Hof eilen zu können. Diese Umstände machen die Wohnungsverhältnisse trotz der leichten Bauart der Häuser äußerst kostspielig, weil die vielen reichen Leute sich in der Zahl ihrer Wohnräume nicht beschränken wollen und daher sehr viel Baugrund für ihre Häuser beanspruchen. Oft ist ein solches Wohnhaus ein kleines Stadtviertel für sich, und selten liegen mehr als vier Häuser, je von einer Familie bewohnt, in einem von vier Straßen begrenzten Viertel.
Solche Wohnungen haben nun zwar den großen Vortheil, daß man innerhalb seines Hauses keine Treppen zu steigen braucht, derselbe wird aber dadurch aufgehoben, daß man bei dem Verkehr mit der Stadt fast immer treppauf und treppab muß. Die untern am Strande gelegenen Straßen haben allerdings gute Pferdebahn und auch eine Ringeisenbahn für den innern Personenverkehr; da aber in diesen Straßen vorzugsweise nur öffentliche Gebäude und Geschäftshäuser stehen und die Privatwohnungen höher hinauf auf den Hügelwellen liegen, so kann man die Bahnen wol benutzen, um zu dem Fuß der verschiedenen Hügel zu gelangen, muß aber von der Bahn bis zur Wohnung, oder umgekehrt, Straßen passiren, die so steil sind, daß sie vielfach in Treppen umgewandelt wurden, weil sie sonst überhaupt nicht begangen werden könnten.
Einen durchaus großartigen Anblick bietet dagegen der Verkehr auf dem Hafen, da Valparaiso wol mit zu den bedeutendsten Handelsplätzen der Erde gerechnet werden muß. Die großen einheimischen und fremden Kriegsschiffe, die vielen fast täglich hier ankommenden und abgehenden Passagier- und Fracht-Dampfer, die große Zahl der Segelschiffe, welche noch immer den Weg um das gefürchtete Cap Horn nehmen müssen und daher nur aus großen und guten Schiffen bestehen, die vielen an der Landungsbrücke sich drängenden Boote, der durch die dort versammelten Menschen verursachte Lärm, die vorbeipassirenden Pferdebahnwagen und Eisenbahnzüge geben hier das Bild des Getriebes einer Weltstadt.
Von der Stadt und ihren Bewohnern weiß ich sonst nichts zu erzählen, weil ich von beiden zu wenig gesehen habe. Dienstgeschäfte am Tage und die nicht zu umgehende Geselligkeit an den Abenden nahmen meine Zeit ganz in Anspruch. Reizend waren die kleinen Feste in dem gastfreien Hause unsers Generalconsuls, welches den geselligen Mittelpunkt für die deutschen Familien bildet.
Eine Partie nach einem beliebten Ausflugsort, zu welcher unser Generalconsul mich eingeladen hatte, führte uns in die Ebene, welche zwischen dem Höhenzug an der Küste und dem Fuß der Anden liegt. Erst hat man etwa eine Stunde mit der Eisenbahn zu fahren und dann noch ein größeres Stück Weg zu Pferde oder Wagen zurückzulegen. Ein sehr geräumiges gutes Gasthaus mit schönen Gartenanlagen bietet vielen Fremden Unterkunft, und zur Zeit war das Haus gut besucht. Den Hauptanziehungspunkt bildet wol die Bade- und Schwimmanstalt in dem kleinen Flusse, denn da Valparaiso nur See- und keine Frischwasserbäder hat, der Mensch aber immer dasjenige begehrt, was er nicht täglich haben kann, so geht jeder, der es ermöglichen kann, auf einige Zeit hierher um zu baden.
Als eine Eigenthümlichkeit der Landschaft außerhalb der Stadt möchte ich noch die vielen Pappelpflanzungen bezeichnen. Der Baum, welcher bei uns in Acht und Bann gethan ist, gilt hier als eine gute Kapitalanlage und wird daher mit Vorliebe in ganzen Wäldern angepflanzt.
Es war eine schöne, Körper und Geist erfrischende Zeit, die der letzten vier Wochen, da wir auch in Valparaiso nur eine Temperatur fanden, welche unserm deutschen Sommer entspricht, am Tage in den heißesten Stunden zwischen 18 und 27° C. im Schatten und nachts stets nur zwischen 15 und 17°. In zwei bis drei Tagen allerdings werden wir uns wieder in den Tropen und zwar in dem tropischen Hochsommer befinden, welcher an dieser Küste unleidlich heiß ist, sodaß die inzwischen gewonnenen Kräfte bald wieder dahingeschwunden sein werden.
Vor unserer Abreise von Valparaiso hatten wir übrigens noch die Freude, unsere Fregatte „Leipzig“, welche ebenso wie wir nach Panama geht, zu begrüßen.
Bai von Panama, 7. März 1878.
Das ganze Südamerika haben wir nun umschifft. Eine weite, von bewaldeten Höhen umrahmte Wasserfläche liegt vor uns; heiß brennt die Sonne auf die große Bai von Panama, welche, wie fast immer so auch heute, unter vollständiger Windstille liegt. Die Hitze ist kaum zu ertragen und doch muß dies geschehen; es ist unbeschreiblich, was wir in den letzten vierzehn Tagen in dieser Beziehung auszustehen hatten. Am 14. Februar traten wir mit einer Tageswärme von 27°-29° und einer Nachttemperatur nicht unter 23° wieder in die Tropen ein und hatten, was das unangenehmste war, anhaltend Windstille oder nur ganz leichten südlichen Wind, welchem wir unter Dampf wegliefen, sodaß kein Lufthauch das Schiff durchstreichen konnte. Eine kleine Erfrischung fanden wir allerdings in Callao, welches wir anliefen, um frischen Proviant einzunehmen. Am 18. März nachmittags kamen wir dort an, setzten aber schon am 21. morgens die Reise wieder fort. Die kurze Zeit habe ich benutzt, um unserm Consul in Callao und dem Ministerresidenten in Lima Besuche abzustatten. Da der letztere eben in seine Villa in Miraflores am Meeresstrand übersiedelte, habe ich von Lima nur wenig gesehen.
Eine wunderbare Frucht, von den Engländern „Alligator-Birne“ genannt, von welcher ich schon viel gehört und die ich auch schon in Valparaiso gegessen hatte, lernte ich hier recht schätzen. Nachdem man mit einem Löffel das weiche gelbe Fleisch aus der kürbisartigen Hülle herausgeschält und stark mit Pfeffer und Salz gewürzt hat, erinnert der Geschmack sehr an gequirlte, ebenfalls mit Pfeffer und Salz gewürzte rohe Eier. Ich zog diese Früchte bald allen andern hiesigen vor und bedauerte nur, daß sie sich nicht lange genug halten, um in größern Mengen mitgenommen werden zu können.
Die auf Callao folgenden Tage brachten uns das schlimmste an tropischer Hitze, was ich je erlebt habe. Der gefürchtete trockene heiße Nordwestwind an der brasilianischen Küste, welcher das Thermometer auf 34° treibt, ist weniger angreifend als die feuchte Wärme, in welcher wir uns vom 23. Februar bis zum 2. März befunden haben. In der Luft hatten wir während der Tagesstunden durchschnittlich 33° und während der Nacht nicht unter 27°, während das Thermometer die Meereswärme Tag und Nacht dauernd zu 31° angab. Schweres bleiernes Gewölk, das nach meiner Schätzung höchstens 200 m über dem Wasserspiegel lag, hing als feste Decke, welche keinen Sonnenstrahl durchließ, über uns und verhinderte auch eine stärkere Abkühlung während der Nächte. Die Luft war so mit Feuchtigkeit gesättigt, daß der unaufhörlich aus unsern Poren strömende Schweiß nicht verdunsten konnte, sodaß Haut und Kleidungsstücke während der ganzen Zeit triefend naß blieben. Der erträglichste Platz war eigentlich im Heizraum vor den Feuern. War die Hitze dort auch sehr viel größer als oben, so bewirkte das Feuer doch eine Verdunstung und erfrischte in gewisser Beziehung den Körper, und diesem Umstand schreibe ich es zu, daß die Heizer in diesen Tagen nicht mehr und sogar vielleicht weniger litten als die übrige Besatzung. Ich ließ den Leuten in dieser Zeit in Betreff ihrer Kleidung volle Freiheit, da ich ihnen keine andere Erleichterung verschaffen konnte, denn die Dampfspritzen konnten auch keine Erfrischung mehr gewähren. Das 31° warme Wasser floß in der warmen Dunstatmosphäre über den Körper hin, ohne irgendeine erfrischende Wirkung auf die Haut auszuüben, und der Salzgehalt desselben reizte nur den Rothen Hund, welchen wir alle hatten, bis zur Unerträglichkeit. Ich trug in meiner Kajüte bei offenen Thüren und Fenstern auch nur ein Handtuch um die Hüften geschlungen, weil ich kein Kleidungsstück auf dem Körper vertragen konnte. Auch nicht einmal der ab und zu leicht niederrieselnde Regen brachte uns Erfrischung, weil die auf den Körper fallenden Tropfen, deren Wärmegrad ich leider nicht gemessen habe, im Vergleich zu der sonstigen Hitze so kalt erschienen, daß sie auf der gereizten Haut die Wirkung von leichten Peitschenschlägen hatten. Ich habe es wiederholt versucht, ein solches Regenbad zu nehmen, mußte mich aber immer sogleich wieder zurückziehen, weil der Schmerz auf der Haut zu groß war.
Am ersten Tage dieser fürchterlichen Zeit hatte ich auch noch einige Offiziere, welche ich schon vorher geladen hatte, zu Tisch. Ich wollte den Herren anfänglich absagen lassen, bedachte aber doch noch, daß es in ihrer Messe noch schlimmer sei als in meiner an und für sich luftigen Kajüte, und sodann hatte mein Eisschrank für den Tag auch noch so viel Vorrath an Eis, daß ich wenigstens kalte Getränke anbieten konnte. Doch bat ich die Herren, ehe wir uns zu Tisch setzten, um die Erlaubniß, uns aller überflüssigen Kleidungsstücke entledigen zu dürfen, welchem Vorschlag sie freudig zustimmten. So ging es mit Hülfe von Fächern einigermaßen.
7. März abends.
Bei unserer um 4 Uhr nachmittags erfolgten Ankunft fanden wir schon unsere von Japan gekommene Fregatte „Elisabeth“ hier vor. Der Commandant dieses Schiffes wird den Oberbefehl über ein hier zusammentretendes deutsches Geschwader, zu welchem auch wir gehören, übernehmen, um von dem Freistaat Nicaragua eine Genugthuung für die dem deutschen Consul in der Stadt Leon vor einiger Zeit zugefügte Gewaltthat zu erzwingen, da Nicaragua die Gewährung der von unserer Regierung geforderten Genugthuung verweigert hat. Außer „Elisabeth“ und uns wird noch die „Leipzig“ hier erwartet, während unsere Corvetten „Freya“ und „Medusa“, von denen die letztere auch schon in Colon anwesend ist, von der atlantischen Seite aus gegen Nicaragua operiren sollen. Da nun der Zweck unsers Hierseins schon am Lande bekannt ist oder doch soweit vermuthet wird, daß unserm Geschwaderchef bereits die Warnung vor einigen Abenteurern, welche im Auftrage Nicaraguas unsere Schiffe hier mit Torpedos angreifen sollen, zugehen konnte, so ist die Geheimhaltung unserer eigentlichen Mission nicht mehr geboten, zumal wir uns jetzt schon zur Abwehr eines etwaigen feindlichen Handstreichs in Kriegszustand befinden.
12. März.
Das Geschwader ist nach erfolgter Ankunft der „Leipzig“ beisammen. Kohlen und Proviant sind eingenommen, ein Dampfer mit Kohlen und Proviantvorräthen ist gemiethet und alle militärischen Vorbereitungen sind beendet, sodaß wir gleich nach Ankunft unsers Ministerresidenten aus Guatemala, welcher von dort aus noch den letzten Versuch macht, die Streitfrage auf diplomatischem Wege zu lösen, vorgehen können.
Unter den obwaltenden Umständen haben wir von dem hiesigen Aufenthalt wenig oder nichts gehabt, aber auch nichts verloren. Bei einem Gang durch die Stadt sieht man wol alles, was zu sehen ist. Die Stadt, welche zur Zeit der spanischen Herrschaft blühend, mächtig und reich war, wie noch die imposanten Straßen mit den übriggebliebenen palastartigen Gebäuden zeigen, glänzt jetzt nur noch durch großartige Ruinen. Die einheimische Bevölkerung besteht aus alten spanischen Familien, Mischlingen und Negern; dazu kommen die wenigen Fremden, von welchen die Engländer (die Besitzer der großartigen Kohlenlager, die Directoren der Eisenbahn und Agenten der Dampfschifflinien) wol die erste Stelle einnehmen. Unser Consul und der Photograph, ein früherer bairischer Unteroffizier, sind die einzigen Deutschen; das Gasthaus ist in französischen Händen.
Sollte Nicaragua nicht doch noch im letzten Augenblicke nachgeben, dann sehe ich übrigens mit einiger Sorge der Entwickelung der Dinge entgegen, weil es mir sehr fraglich erscheint, ob unsere Leute wegen ihrer ungeeigneten Fußbekleidung im Stande sein werden, den weiten Marsch nach der Hauptstadt von Nicaragua zu machen, wenn sie nicht etwa schließlich den Weg barfüßig zurücklegen können. Die uns zugegangenen Warnungen vor Giftschlangen und Sandflöhen und die damit verbundenen Rathschläge haben zur Folge gehabt, daß für den Marsch das Tragen hoher Stiefeln angeordnet wurde. Da nun aber unsere Leute gewohnt sind, auf dem Schiff barfuß zu gehen, und die Stiefel, wie alles Lederzeug auf den Schiffen, so von Salzwasser durchzogen sind, daß sie trotz aller Bemühungen hart bleiben, so ist ein weiter Marsch in ihnen, und zwar in diesem Klima, meiner Ansicht nach ein Ding der Unmöglichkeit. Mein Vorschlag, Segeltuchschuhe zu beschaffen oder doch wenigstens die leichten Lederschuhe zu wählen, ist zurückgewiesen worden, und so müssen die Leute, um sich an die Stiefel zu gewöhnen, dieselben jetzt schon über eingefetteten Füßen und wollenen Strümpfen tragen. Ein gegen die Natur laufender ärztlicher Rath ist aber auch nicht immer der beste, und das vorläufige Resultat ist, daß nach dreitägiger Probe nahezu ein Viertel des ganzen Landungscorps mit kranken Füßen im Lazareth liegt. Ich sollte meinen, daß man von den hiesigen einheimischen Truppen auch etwas lernen kann, und da diese Leute, bei möglichst leichter Bekleidung, nur Sandalen unter den Füßen tragen, so kann die Gefahr vor den Schlangen und Flöhen keine so große sein, zumal wenn eine Truppe von nahezu 1000 Mann zusammen ist. Schließlich würden aber auch Segeltuchgamaschen die Flöhe abhalten, und die Schlangen werden schwerlich ein so großes Lager, wie wir es während der Nacht bilden würden, aufsuchen.
16. März.
Vorgestern haben wir mit dem Geschwader Panama verlassen und dampfen seitdem mit Nordcurs in Sicht des Landes an der Küste von Centralamerika entlang. Gestern haben wir die Grenze zwischen Columbien und Costa-Rica passirt, morgen werden wir die Küste von Nicaragua sehen.
Welch märchenhafte Erinnerungen aus der Jugend tauchen bei diesen Namen auf und wie prosaisch ist doch die Gegenwart! Großartig zwar ist die Umgebung, die von der hoch oben im Zenith stehenden Sonne beschienene weite Meeresfläche und das mit unendlichen Wäldern dicht bedeckte hohe gebirgige Land; aber Land und Wasser sind ohne Leben und ohne besondern Reiz. 32° haben wir in der Luft und 31° im Wasser; keine Stadt, kein Dorf, keine Hütte ist zu sehen, nur Wald, Strand und Brandung. Kein fremdes Schiff ist in Sicht -- die diese Länder begrenzenden Fluten werden nur von den drei mächtigen deutschen Kriegsmaschinen durchfurcht, welche in eiligem Laufe dem Haupthafen Nicaraguas zustreben, um dieses Land mit Schrecken zu überziehen. Uebermorgen, Montag den 18., sollen wir auf der Rhede von Realejo eintreffen, die nächsten vier Tage werden also die Entwickelung bringen.
8. April.
Nicaragua hat nachgegeben, das Geschwader ist aufgelöst und unsere Schiffe haben ihren Curs nach den verschiedensten Himmelsrichtungen gesetzt. Von den im Atlantischen Ocean befindlichen bleibt „Medusa“ noch in Westindien, während „Freya“ um das Cap der Guten Hoffnung nach China geht; wir sind auf dem Wege nach Panama, um die Geschwaderpost dort abzugeben und dann nach den Samoa-Inseln zu gehen. Die „Leipzig“ hat die Reise nach Japan angetreten, und die „Elisabeth“ wird nach einem kurzen Aufenthalt in Guatemala, wohin sie den Ministerresidenten bringt, nach Europa zurückkehren.
Am 18. März vormittags kam das Geschwader auf der Rhede von Realejo an und lief, nachdem die Einfahrt zum Hafen von Corinto und der Hafen selbst daraufhin untersucht waren, daß sich keine künstlichen unterseeischen Hindernisse und Minen dort befanden, am 19. vormittags in den Hafen ein. Derselbe ist groß und gut, während der Ort nur unbedeutend ist und eigentlich nur eine Zollstation darstellt. Zwei deutsche Kauffahrer befanden sich dort, welche edle Nutzhölzer, vorläufig noch der Hauptausfuhrartikel, luden.
Es wurden der Regierung von Nicaragua sogleich noch einmal, und zwar jetzt mit dem Nachdruck von fünf Kriegsschiffen, die deutschen Forderungen zugestellt, welche in Folgendem bestanden:
1. Die Regierung von Nicaragua spricht ihr Bedauern über den Vorfall aus;
2. Nicaragua zahlt an den Consul für die ihm widerfahrenen Unbilden ein Sühnegeld von 30000 Dollars;
3. Nicaragua salutirt in noch näher festzusetzender Form die deutsche Flagge;
4. die an dem Vorfall schuldigen Beamten und Civilpersonen werden bestraft.
Wenn bisher der Freistaat die deutschen Forderungen in der überhebendsten Weise zurückgewiesen hatte und die uns anfänglich zugehenden Nachrichten auch anzudeuten schienen, daß Regierung und Volk entschlossen seien, es zum Kampf kommen zu lassen, weil sie vertrauensvoll auf leichten Sieg hofften, so änderte sich die Lage doch sehr bald. Nachdem nach drei Tagen keine Antwort eingegangen war, überbrachte ein Offizier von uns das deutsche Ultimatum nach Leon und alle Vorbereitungen für die Eröffnung der Feindseligkeiten wurden getroffen. Hierzu gehörte auch die Recognoscirung des in Aussicht genommenen Marschweges, welche der Geschwaderchef mit uns Commandanten vornahm. Wir fuhren morgens, von einer Dampfpinasse geschleppt, zunächst einen Fluß hinauf, bis wir ziemlich weit oben mitten im Urwald an die Landestelle kamen, wo der Weg seinen Anfang nimmt. Anfänglich ist der Fluß, oder hier wol richtiger Meeresarm genannt, ziemlich breit, an beiden Ufern mit dichtem Mangrovegebüsch bestanden, über welches die mächtigen Laubkronen der Baumriesen des Urwaldes hervorragen. Taucher und Möven beleben das Wasser, Scharen krächzender Papagaien, von denen ab und zu ein Geschwader mit lautem Geschrei über unsern Köpfen von Ufer zu Ufer fliegt, den Wald. Zwischen den Wurzeln der Mangroven nach Würmern suchende Schnepfen und in kleinen Einbuchtungen fischende Reiher, sowie andere uns unbekannte hochbeinige große weiße Vögel werden aufgescheucht und suchen fliegend das Weite. Ein üppiges, echt tropisches Bild umgibt uns. Der Fluß wird enger, niedrige Sträucher, Wasser- und Schlingpflanzen treten an Stelle der Mangroven und zeigen an, daß wir die Scheide, bis zu welcher das Seewasser vordringt, überschritten haben. Die Laubkronen rücken zusammen und bilden schließlich einen hohen, prächtigen, grünen Dom, unter dessen Decke wir hinfahren, begleitet von dem Leben des Waldes, zu welchem sich hier ab und zu auch schon ein kleiner vorwitziger Affe gesellt.
Endlich sind wir am Ziele angelangt und betreten das Ufer. Die beiden andern Herren, von welchen der eine bis zu den Knien reichende Ledergamaschen, der andere hohe Wasserstiefel trägt, betrachten mitleidig meine leichten Segeltuchschuhe und freuen sich auf den Augenblick, wo ich, von Insekten zerstochen und vielleicht auch von einer Schlange gebissen, zugeben muß, daß nichts über hohe Lederstiefel geht.
Der Weg ist breit und gut, der Spaziergang in dem herrlichen Urwald köstlich und einzig in seiner Art. Nach einer halben Stunde stießen wir auf eine kleine Lichtung, wo wir eine kurze Rast machten und danach den Rückweg antraten, weil die Straße sich bis hierher als brauchbar erwiesen hatte und nach zuverlässigen Nachrichten der Weg in seiner ganzen Folge von gleicher Güte ist. Aus der Rast wurde allerdings nicht viel, weil die beiden andern Herren leidenschaftliche Jäger sind und die mitgenommenen Jagdgewehre doch benutzen wollten. So verschwand unser Commodore sehr bald im Walde, während der andere Herr von der Lichtung aus einen Papagai nach dem andern aus den hohen Bäumen herunterholte und nur gelegentlich zu mir kam, um etwas mit zu frühstücken. Ich hatte es mir auf einem umgestürzten Baum bequem gemacht und verfolgte von hier aus bei dem Duft einer guten Cigarre die Jagderfolge meines Freundes. Unser Commodore brachte uns schon in einige Unruhe, weil wir fürchteten, daß er sich verirrt habe, doch schließlich kam er auch wieder zurück mit zerrissenen Kleidern und verschiedenen kleinen blutenden Rißwunden. Er hatte eine Tigerkatze angeschossen und sie dann vergeblich in das Dickicht verfolgt.
Zum Boot zurückgekehrt, nahm ich noch im Fluß ein Bad, weil der Staub auf dem trockenen Wege doch ziemlich lästig gewesen war, und dies wurde von den beiden andern Herren dazu benutzt, ihr Müthchen an mir zu kühlen, da ich trotz meiner leichten Schuhe weder gestochen noch gebissen worden war. Sie suchten nun wenigstens die Nothwendigkeit des Bades auf meine Schuhe zurückzuführen und gingen dann dazu über, mir mit Krokodilen Angst zu machen, was mich allerdings bald veranlaßte, zu allgemeiner Heiterkeit das Baden aufzugeben. Denn wenn man auch an der afrikanischen Küste behauptet, daß der Haifisch keinen Neger und das Krokodil keinen Weißen angreift, so bleibt es doch fraglich, ob die Krokodile auch hier einen so ausgebildeten Geschmack haben. Nachmittags waren wir wieder in Corinto.
Das Ultimatum brachte die Regierung von Nicaragua zur Besinnung und zur Nachgiebigkeit. Am 26. vormittags waren zwar erst die Forderungen 1 und 2 erfüllt, und das in guten mexicanischen Silberdollars richtig eingezahlte Geld wurde zunächst in unsern Kassen deponirt, die Erfüllung der beiden andern Forderungen, wegen welcher noch Schwierigkeiten gemacht wurden, durfte danach aber auch zuversichtlich erwartet werden. Der sprichwörtliche Stolz des Spaniers bäumte sich eben noch etwas auf. So konnte mein Schiff am 27. für einige Tage nach Amapala, dem einzigen Hafen der Republik Honduras an der Küste des Stillen Oceans, geschickt werden, um dort lagernde von uns gekaufte Kohlen einzunehmen.
Interessant war es mir, auch diesen reizlosen Platz kennen zu lernen, aber nur um dagewesen zu sein. Amapala ist ein kleiner Ort, wo als einziger Europäer nur ein Deutscher, ein Kaufmann aus Hamburg, wohnt, welcher nicht einmal unter den Einheimischen einen passenden Umgang finden kann und in dieser Beziehung allein auf die hier anlaufenden englischen Passagierdampfer angewiesen ist, mit welchen er als englischer Viceconsul auch geschäftliche Beziehungen hat. Sogar die nähere Umgebung Amapalas bildet noch eine solche Wildniß, daß auch Spaziergänge außerhalb der Stadt, wie dieser kleine Häusercomplex sich nennt, ausgeschlossen sind. Verhältnißmäßig großartig ist die am Ufer erbaute hölzerne Halle, wo die von andern Küstenpunkten kommenden Boote anlegen und ihre Früchte u. s. w. zum Verkauf stellen. Der Beobachtung werth ist hierbei die Grandezza, mit welcher sich die braunen Insassen der Boote bewegen und wie sie in ihrem Wesen das bischen „spanisches Blut“, welches vielleicht in ihren Adern rollt, zur Geltung bringen wollen. So war namentlich das Landen mit besonderer Würde verbunden, denn da die Boote wegen des zu flachen Wassers am Ufer nicht direct am Quai anlegen können, ließen sich die weiblichen Insassen von den Männern ans Land tragen. Diese bildeten dazu aus ihren Armen in der Weise einen Sessel, daß der rechte wagerecht gehaltene Unterarm als Sitz und der linke Arm als Rückenlehne diente. Mit einer Verbeugung trat der im Wasser stehende Mann zu der im Boot stehenden Dame, welche mit Würde ihr Kleid ordnete, sich vorsichtig und zimperlich auf den einen Arm setzte, sich gegen den andern lehnte und sich so, ohne den Träger zu umfassen, wie eine Glaspuppe vorsichtig ans Land tragen und dort absetzen ließ.
Am 31. nachmittags waren wir wieder in Corinto, und am 4. April erklärte endlich Nicaragua, auch die Forderungen 3 und 4 erfüllen zu wollen. Am 6. vormittags fand dann, nachdem vorher die erfolgte Erledigung der Forderung 4 angezeigt worden war, im Beisein einer nicaraguensischen Truppenmacht und unsers Landungscorps auf einem großen Platz am Lande angesichts unserer Schiffe die feierliche Hissung der deutschen Flagge statt. Nicaragua feuerte den Salut von 21 Schüssen, die Flagge wurde wieder niedergeholt, von unserer Seite wurde die Flagge von Nicaragua salutirt, der Salut vom Lande erwidert, und nach einem Vorbeimarsch unserer Truppen kehrten wir auf unsere Schiffe zurück, um am 7. morgens Corinto wieder zu verlassen.
Erwähnt sei noch, daß der beleidigte Consul die Annahme des Sühnegeldes abgelehnt und dasselbe einer Wohlthätigkeitsanstalt geschenkt hat.
3.
Von Panama nach den Marquesas-Inseln.
„Ariadne“, 17. April 1878.
Vor wenigen Stunden hat unser Anker sich 12 Uhr mittags von dem Boden Panamas gelöst, um sich während dieser Reise hoffentlich nicht mehr in denselben einzugraben. Panama und die ganze Küste Centralamerikas sind, um einen Volksausdruck zu gebrauchen, eine von Gott verlassene Gegend. Weder Natur noch Menschen vermögen dem Fremdling etwas zu bieten; das Land ist am schönsten, wenn man es aus möglichst weiter Ferne beschauen kann, die Leute, wenn sie dem Auge erst wieder entschwunden sind. Wie Land und Leute hier unerträglich sind, so ist es auch die Sonne. Tag für Tag sendet sie ihre versengenden Strahlen fast senkrecht auf die Schädel der Bewohner dieser Länderstrecken herab mit einer Glut, daß man darüber wahnsinnig werden könnte. Doch wozu jetzt noch der Aerger! Lacht uns doch aus weiter Ferne das Paradies der Seeleute entgegen; das Land, wo nach dem Urtheil mancher Reisenden die schönsten und besten Menschen unsers Erdballs wohnen sollen.
Panama mit seinen Ruinen verschwindet langsam unsern Blicken. Vor dem Verlassen der Rhede hatten wir mit den dort liegenden englischen Kriegsschiffen noch durch Austausch von drei Hurrahs einen letzten Gruß gewechselt und eine Stunde später erkannten wir in einem uns entgegenkommenden Kriegsschiff unsere „Elisabeth“, welche von Guatemala kommend nach Panama ging, um von dort aus die Heimreise anzutreten. Wir passirten uns auf Spruchweite, tauschten einige Grüße aus, wechselten drei Hurrahs, und die „Elisabeth“ ging dahin, wo wir herkommen, während wir frohen Muthes den schönen Inseln der Südsee entgegensteuern, wo sich prächtige Natur mit herrlichem Klima vereinigt, um dem Seefahrer die liebenswürdigen und schönen Bewohnerinnen jener Inselperlen noch anziehender erscheinen zu lassen, als sie in Wirklichkeit sind. So sagen wenigstens die über die Südsee-Inseln erschienenen Bücher.
Ich habe die Absicht, auf unserm Wege nach den Samoa-Inseln einen Abstecher nach den Marquesas-Inseln und Tahiti zu machen, um dort die dann jedenfalls schon sehr zusammengeschmolzenen Vorräthe an Proviant, Wasser und Kohlen zu ergänzen. Ob ich dort wol so viel Interessantes finden werde, wie andere gefunden haben?
Die Marquesas-Inseln sind von allen Reisenden so sehr gepriesen worden, daß man sich fast scheuen muß hinzugehen, um nicht zu sehr enttäuscht zu werden. Ueber die Pracht der Natur und die Schönheit der dortigen Eingeborenen sind fast alle einer Ansicht, nur bestehen Meinungsverschiedenheiten über den Grad der Schönheit der Frauen; denn während einige ihnen die Palme der Schönheit und Grazie zuerkennen, behaupten andere, daß sie nur auf der Höhe der Rasse stehen und sich vor den Männern nicht auszeichnen. Auch im Urtheil über den Charakter dieser Eingeborenen stimmen die Reisenden darin überein, daß Zügellosigkeit der Hauptzug sei, was auch für Tahiti gelten soll, obwol sich dort schon civilisirtere Zustände eingebürgert haben.
Im Stillen Ocean, 18. April 1878.
Panama liegt zwar schon weit hinter uns, die Küste oder vielmehr die Gebirge Centralamerikas sind aber immer noch in unserm Gesichtskreise. Wir haben heute einen bösen heißen Tag, kein erfrischender Lufthauch, 32,5° C. in der Luft im Schatten, 33° C. in dem spiegelglatten Wasser. Mit Dampf muß hier gefahren werden, denn mit Segel allein hier durchzukommen ist oft eine Unmöglichkeit, wenigstens ist thatsächlich festgestellt, daß Schiffe, welche dieses Stück Meer zu durchsegeln versuchten, nach 2½ Monaten wieder in der Bai von Panama ankerten, weil es sich als unmöglich herausstellte, weiter zu kommen. Das von uns zu durchdampfende Stück Weges beträgt 700-800 Seemeilen; keine angenehme Aussicht bei dieser Hitze! Man muß aber immer suchen, das Beste aus dem zu machen, was Einem geboten wird; so legten wir uns denn heute auf den Schildkrötenfang.
Diese Thiere sind hier sehr häufig, schwimmen, wenn sie ruhen, an der Oberfläche und zwar mit etwa ein Drittel des Schildes über Wasser, sodaß sie schon von weitem zu erkennen sind. Sehr häufig dienen sie auch den Wasservögeln als Ruhestätte und geben diesen wol auch Nahrung, da die Schildkröten an ihrem Schilde gewöhnlich Saugefische und Muscheln, beides Nahrungsmittel der Vögel, tragen. Schildkröten wie Vögel lassen sich durch das ankommende Schiff in ihrer Ruhe sehr wenig stören; die Vögel fliegen auf, wenn das Schiff auf etwa fünf Schritte herangekommen ist, die Schildkröte dreht dann dem Schiffe den Kopf zu, entweder um es neugierig zu betrachten oder dem Feinde muthig in die Augen zu sehen, denn die Thiere lassen sich außerordentlich leicht fangen. Das spiegelglatte Wasser gestattete, ein Boot neben dem Schiffe zu schleppen, und so wurde auf jede Schildkröte, welche in dem Curs des Schiffes in Sicht kam, hingehalten, die Maschine einen Augenblick gestoppt und von dem Boote aus das Thier an einer Flosse gepackt und aus dem Wasser herausgehoben. In Zeit von zwei Stunden waren acht Schildkröten im Gewicht von je 25-35 kg an Bord, genügend, um der ganzen Mannschaft morgen eine schmackhafte Mahlzeit zu bereiten. Mit diesem Fang gaben wir uns zufrieden, heißten das Boot wieder und dampfen nun einem einsamen Felsen zu, um an demselben unser Besteck zu corrigiren und von da aus dann unsern Curs nach den Galapagos-Inseln zu nehmen.
25. April 1878.
Der einsame Fels, Malpelo-Insel genannt, ein mächtiger 400 m hoher Felsblock ohne irgendwelche Vegetation, von derjenigen Seite aus gesehen, welche sich uns zuerst darbot, in Form und Farbe einer alten Burgruine ähnlich, wurde am Charfreitag passirt und die Reise bei anhaltender Windstille in derselben Weise unter Dampf fortgesetzt. Allmählich fing die Wassertemperatur an zu sinken, leichte südliche Winde brachten ab und zu etwas Kühlung und seit zwei Tagen haben wir sogar ordentlich frisches Wetter, trotzdem wir uns noch immer unter dem Aequator befinden. Am Tage kann man schon eine Jacke aus ganz leichtem Tuch vertragen, während dies vorher kaum möglich war; es kommt sogar vor, daß man während eines ganzen Tages keinen Tropfen Schweiß verliert. Wenn auch infolge der starken Abkühlung -- die Temperatur hält sich am Tage in der Luft im Schatten zwischen 27 und 28° und in der Nacht zwischen 25 und 26° C. -- viele Erkältungen (Darmkatarrh mit Fieber, Schnupfen u. s. w.) zum Ausbruch gekommen sind, so macht sich doch im ganzen ein anderes Leben im Schiffe breit. Eine gewisse Elasticität durchdringt den Körper, die Lust zur Bewegung und zur Arbeit bricht wieder hervor. Diese Temperatur werden wir nun wol für den Rest der Reise ziemlich gleichmäßig behalten und sie wird nur dann sich noch einmal bis zur Unerträglichkeit steigern, wenn wir, wie es vorläufig von uns angenommen wird, auf der Rückreise durch das Rothe Meer fahren. Da läßt sich aber schon manches ertragen, lacht uns doch dann ein neues, altgewohntes und langentbehrtes Leben entgegen, welches schon werth ist, daß man vorher einige Unbequemlichkeiten überwindet.
Gestern und heute haben wir die Gruppe der Galapagos-Inseln durchschnitten und sind heute vier Stunden lang dicht an der größten Insel der Gruppe vorbeigefahren, sodaß wir einen oberflächlichen Einblick in dieses merkwürdige Land bekamen. Ich hatte ursprünglich die Absicht, hier einen mehrtägigen Aufenthalt zu nehmen, die letzte Segelordre empfahl mir aber wieder so sehr Eile, daß ich Verzicht leisten mußte.
Dieses Inselland, bei dessen Schilderung ich auch Darwin benutze, ist deshalb so interessant, weil es in seiner ganzen Erscheinung, in seinem Thier- und Pflanzenleben von der übrigen Erde wesentlich abweicht und ganz für sich dasteht. Auch sind wieder Thiere und Pflanzen auf den verschiedenen dicht nebeneinander liegenden Inseln durchaus voneinander abweichend, wenngleich sie derselben Gattung angehören. Außer Insekten ist das Thierreich vertreten durch Landschildkröten von riesigen Körperverhältnissen, welche bis zu 400 kg schwer werden sollen, durch eine Art Landeidechsen und eine Art Wassereidechsen von 1-1½ m Länge, 26 Vogelarten; das Pflanzenreich durch eine größere Anzahl von Pflanzen; Bäume sind ursprünglich nicht vorhanden.
Früher waren diese Inseln gar nicht von Menschen bewohnt, seit einigen Jahren sind auf zwei derselben Ansiedelungen gegründet worden. Im vorigen Jahrhundert dienten sie den Seeräubern (Buccaniere) als Schlupfwinkel, in diesem Jahrhundert sind sie vielfach von Walfischfängern besucht worden, welche auch auf die Schildkröten Jagd machten, aus denen sie ein sehr feines Fett gewannen. Immerhin müssen Menschen aber sehr seltene Gäste gewesen sein, da die Thiere noch jetzt auf diesen Inseln untereinander in dem glücklichsten Frieden leben und keine Scheu vor Menschen kennen. Schildkröten, Eidechsen, Vögel fressen von demselben Blatt, ohne daß ein Thier nach dem andern hackt, eins das andere verdrängt. Alle Thiere lassen sich mit Leichtigkeit fangen, die Vögel fliegen dem Menschen auf den Finger und picken ihn verwundert in die Nase, welche sie wahrscheinlich für eine edle Frucht halten. Alle Thiere sind oder waren doch in großen Massen vorhanden, wie z. B. daraus zu ersehen ist, daß die Mannschaft eines englischen Kriegsschiffs in der nächsten Umgebung des Ankerplatzes an einem Tage über 200 große Schildkröten an Bord schaffte. Wozu? ist mir allerdings unklar, da das Schild werthlos ist, die Mannschaft höchstens 1/10 von dem Fleisch essen konnte und Kriegsschiffe sich mit Thrangewinnung nicht abgeben.
Beim Vorbeilaufen an jenen Inseln glaubte ich den Mond vor mir zu haben; ich denke mir seine Oberfläche so und vermuthe, daß vor vielen Jahrtausenden die Erdoberfläche das Aussehen der jetzigen Galapagos hatte. Die Inseln bestehen eigentlich nur aus Vulkanen, welche sich bis zu 1430 m über das Meer erheben. Die Wände dieser Riesen bestehen wieder aus lauter kleinen Vulkanen. Von der Ferne gesehen hält man das Land für mit Lehmhütten übersäet; in der Nähe findet man, daß diese Hütten kleine Krater sind, welche in ihrem braunen Kleid auf Lavageröll stehen. Man kann sich in eine weit ausgedehnte Ziegelei oder Räucheranstalt versetzt wähnen, da diese Krater durchschnittlich nicht größer wie ordentliche Back- oder Räucheröfen sind. Ich habe an einer Strecke von ½ deutschen Meilen auf dem Kamme eines ganz niedrigen Höhenzugs über 40 solcher Kraterchen gezählt. In der Außenwand eines großen Kraters, welcher den vorgenannten Höhenzug abschließt, sahen wir eine andere Art Krater, vier dicht nebeneinander liegende runde Löcher von 5-7 m Durchmesser, welche wieder selbständige Krater sind, wie die von ihnen auslaufenden Lavaströme deutlich zeigen.
Ich will versuchen, das vor uns vorüberziehende merkwürdige Bild etwas näher zu schildern.
Aus dem tiefblauen, von Delphinen (wir prosaischen Seeleute nennen diese Fische nur Tümmler oder Schweinsfische) reich bevölkerten Meere erheben sich in sanften Linien aufsteigend große Ländermassen, deren 1430 m hohe Gipfel sich in den Wolken verlieren. Nichts läßt zunächst den vulkanischen Ursprung erkennen; erst in größerer Nähe fängt das Land an sich zu zergliedern, um bald dem menschlichen Auge zu offenbaren, mit welcher Kraft das allgewaltige innerirdische Feuer hier gewirkt hat. Die sanften Linien verschwinden, man sieht nur noch eine wildzerklüftete nackte Erdrinde, welche in den höhern Regionen allerdings größtentheils einen grünen Ueberzug von Gras, niedrigem Gestrüpp und Cacteen hat. Hohe Berge wechseln mit niedrigen Hügeln ab, die Wände der hohen Berge tragen ebenso wie die der kleinern Hügel wieder ganz kleine Berge, welche genau dieselben Formen haben wie diejenigen, auf welchen sie scheinbar erwachsen sind. Von dem größten Naturgebilde bis zu dem kleinsten, alles zeigt dieselbe Form, denselben Ursprung. Der brodelnde Feuerherd, welcher die Erdrinde hier in fast senkrechten Wänden bis zu 1430 m hohen Bergen über das Meer erhob, entsendete gleichzeitig unzählige schwächere Strahlen, welche wiederum die Bergriesen durchbrachen, um kleine niedrige Krater zu bilden, die ihren scharf geränderten Kamm mit ebenso viel Zierlichkeit tragen, wie ihre colossalen Genossen mit Majestät. Eine Abwechselung in diesen Gebilden tritt nur dadurch ein, daß der eine Theil unergründliche Oeffnungen zeigt, während der andere seine ehemaligen Feuerschlünde bereits mit Lava ausgefüllt hat und dem Auge an Stelle des unheimlichen Schlundes den Anblick einer grünbematteten Grube bietet. Nur einige wenige der Hauptkrater sollen noch thätig sein; die Krater, welche wir sehen, sind bereits mehr oder weniger zerstört. Die Kämme sind im Zerfallen begriffen, viele der kleinen Krater sind nur noch schwer zu erkennen, mit der Zeit werden diese ganz verschwinden und ihr verwittertes Gestein wird zu fruchtbarem Land geworden sein. Es ist interessant zu sehen, wie die Lavaströme sich von den Krateröffnungen aus ihren Weg gebahnt haben. An den grünen Bergwänden sieht man oben an ihrem Kamm feine braunrothe Striche, welche, sich nach unten immer mehr verbreiternd und noch deutliche Flußlinien zeigend, schließlich als mächtige Ströme in das Meer fließen. Der ganze Strand besteht nur aus Lavamassen, und alle Thäler sind damit angefüllt. Das Land macht den Eindruck, als ob auf einem enormen Lavahaufen große Gebirge aufgebaut seien. Trotz des großen Gegensatzes der Farben weiß ich für die vor mir liegende Landschaft kein passenderes Bild zu finden, als ein in tiefem Schnee liegendes Gebirgsland. Der Schnee wird hier durch die abgelagerte Lava vertreten, die Gletscher durch die Lavaströme, die nackten schwarzen Felswände durch die grünbewachsenen Berge. Wie sich aus einem großen Schneefeld die nackten Gebirge erheben, deren Wände nur in ihren Gruben ewigen Schnee beherbergen, wie aus den tiefen Schluchten Gletscher zu Thal fließen, aus deren Strombett Steinoasen sich erheben, so erheben sich hier auf dunkelm Steingeröll grüne Bergmassen mit Lavagruben und dunkeln Kratern, mit mächtigen Lavaströmen, aus denen hier und da freundliche grüne Flecken hervorleuchten. Im Laufe der Jahrhunderte werden all die scharfen Kämme vor der Einwirkung von Wind und Wetter verschwinden, um das Land zu einem sanftwelligen Gebirgs- und Hügelland zu machen, der Fels wird verwittern, der Mensch wird urbares Land finden und kann dann hier Hütten bauen.
8. Mai 1878.
Seit dem Passiren der Galapagos haben wir 1855 Seemeilen zurückgelegt, 1130 liegen bis zu den Marquesas noch vor uns. Der steife Passat bläst mit vollen Backen in unsere Segel und zwar häufig so stark, daß die leichteren Segel geborgen und die Marssegel gereeft werden müssen, obgleich ich kein Freund vom Reefen bin, denn wer segeln will, muß Segel führen, sagt ein alter weiser Seemannsspruch. Die schweren Böen bringen in der Regel auch Regen mit, etwas ganz Ueberflüssiges auf dem Meere, wenn man den Regen nicht gerade nach langem Dampfen zum Abwaschen der Takelage gebraucht. Dazu pfeift der Wind immer aus derselben Richtung in das Schiff; eine nicht zu umgehende Naturnothwendigkeit, wenn man eine Strecke von 2000 Seemeilen mit geradem Curs im Passat zurückzulegen hat. Die See geht hoch, thut uns aber nicht viel, weil Wind wie Wellen fast quer von der Seite kommen, mithin die Wellen uns in unserm Lauf nicht aufhalten und der Wind das Schiff gegen schweres Rollen stützt. Unaufhaltsam geht es vorwärts. Leicht sich hin- und herwälzend, zertheilt das brave Schiff mit seinem scharfen Bug das Wasser, steigt vorn höher aus seinem Bette heraus und senkt sich dann wieder so tief ein, daß man hinten von der Commandobrücke aus sieht, wie der breite Schaumgürtel des Bugwassers weit nach vorn und zur Seite geworfen wird. Das Schiff wird in seiner ganzen Masse von den es unterlaufenden mächtigen Wellen auf ihren breiten Rücken gehoben, indem es beim ersten Anprall 5-6° mehr nach Lee übergedrückt wird als die Segel dies schon thun, und neigt sich ein klein wenig nach der Luvseite, wenn es wieder in das Wellenthal hinabgleitet. Der vom Schiffsbug aufgewühlte Meeresschaum treibt als breites Band von Schaum- und Wasserblasen wie geschlagener Rahm auf der weder durch Farben noch Beschreibung wiederzugebenden Meeresflut unaufhörlich an dem Schiffe vorbei; sein Spiel hat den Seemann auf seinen vielen und langen Seefahrten schon hunderte mal entzückt und will ihn doch jedes neue mal glauben machen, ihm etwas noch nie Gesehenes zu bieten. Das Wasser rauscht, das Tauwerk singt, die Spieren ächzen, die Decksbalken knarren. Posten stehen an den Haupttauen der Segel bereit, um jedem unerwarteten Zufall begegnen zu können. Der Wachoffizier hält sorgsame Wacht auf Wind, Wetter und Schiff, faßt den ganzen Horizont und das ganze Schiff ins Auge, ist ständig auf der Brücke, geht aber auch zuweilen nach dem Vorschiff, um zu sehen, ob bei dem starken Segeldruck, unter welchem das Schiff liegt, dort auch noch alles in Ordnung ist. Der erste Offizier ist, wie immer, überall. Einzelne Abtheilungen der Wachmannschaft haben Dienstinstruction und stehen unter der Luvreling; andere bessern unter der Leitung des Bootsmanns kleine Schäden an der Takelage aus; die Zimmerleute repariren eine kürzlich gebrochene Raa, die Segelmacher schadhaft gewordene und ausgewechselte Segel; aus der Maschine klingt Eisen- und Metallarbeit nach oben. Unteroffiziere revidiren vor dem Schluß der Wache die ganze Takelage, um etwaige kleine Schäden an dieser wie an den Segeln gleich zur Anzeige zu bringen. In der Vorbramsaling, 40 m über dem Wasser, sitzt auf schmalem Stück Holz, angeklammert an ein Tau, der Ausguckposten, um nach Brandung und Felsen auszusehen, weil dieses spärlich befahrene Meer noch sehr wenig erforscht ist und man überall eine Gefahr finden kann, welche, wenn zu spät entdeckt, uns allen sichern Tod bringen muß. Aber auch der Commandant, welcher nach der Ansicht so vieler Leute nichts zu thun hat, steht auf der Commandobrücke und thut -- nichts. Er sieht nur ins Wasser, nach den Wolken, ins Schiff, nach der Takelage. Seine ganze Beschäftigung ist ja nur die Verantwortung für Schiff und Mannschaft, und diese Verantwortung verläßt ihn keine Secunde. Er muß jedem einzelnen Mann im Schiff, vom ältesten Offizier bis zum letzten Matrosen von der Frucht seiner größern Erfahrung zu kosten geben, muß fortwährend belehrend eingreifen und zeigen, daß von den vielen hundert Tauen dies oder jenes nicht straff genug gespannt ist und dadurch Gefahr entstehen kann; daß die Segel nicht mehr richtig stehen, die Zurrung eines schweren Gegenstandes sich zu lockern beginnt u. s. w. Er beobachtet wie die Leute am Ruder steuern; wie die andern instruirt werden und wie sie antworten; wie die Leute in der Takelage sich bewegen und ob sie dabei den Vorschriften entsprechen, denn jeder Fehltritt dieses leichtsinnigen, übermüthigen Matrosenvolks kann ein Menschenleben kosten und der Commandant hat in seiner langen Dienstzeit schon viele mit zerschmetterten Gliedern auf dem Deck liegen und im Wasser mit dem Tod ringen, aber nur wenige von ihnen retten sehen, und jeder durch Leichtsinn oder Unachtsamkeit Verlorene fordert sein Leben von seinem Commandanten zurück. Er beobachtet den Posten in der Vorbramsaling, denn wenn das Schiff unten einen Bogen von nur 10-15° hin- und herschlingert, beschreibt der Mann oben einen sehr großen Bogen, und das in sehr kurzer Zeit, was selbst manch alter Seebär nicht vertragen kann. Er sieht neugierig mit dem Fernrohr -- denn er kann auch neugierig sein -- nach dem Horizont vor dem Schiff und überzeugt sich doch nur davon, daß ein blendender Schein auf dem Wasser keine Brandung, sondern nur ein Sonnenreflex ist. Er beobachtet wie der Wachoffizier seine Befehle gibt, denn dieser ist erst ein Anfänger und weiß noch nicht, daß ein wesentlicher Unterschied zwischen Befehlen und Befehlen, wie zwischen Gehorchen und Gehorchen ist, er meint Befehl sei Befehl und damit basta. Der Commandant kann ihn mit Worten nicht überzeugen, da muß die Probe gemacht werden. Es wird ein Manöver ausgeführt, dasselbe mit wirkungsloser Stimme commandirt, und darauf noch einmal mit einem Ausdruck, welcher zeigt, daß der Befehlende den Befehl am liebsten selbst ausführen möchte. In dem ersten Falle kommen die Leute nur langsam vorwärts, in dem zweiten sind sie wie elektrisirt und fliegen. Mancher versteht auch das nicht und ist dann eben nicht im Stande zu begreifen, wie der Offizier sich nur nach der Art seines Auftretens den Grad seines Erfolgs sichert. -- Eine Bö ist im Anzuge, der Wachoffizier will Segel bergen; der Commandant hat ein erfahreneres Auge; er sieht, daß das Schiff sie vertragen kann und verweigert seine Zustimmung zum Segelbergen. Die Bö setzt ein, das Schiff legt sich ächzend auf die Seite, schüttelt sich, bäumt sich auf, hält durch und die Bö ist abgewettert. Der nächste Wachoffizier will das nachmachen, obgleich er weiß, daß er nach den Bestimmungen den durch Leichtsinn oder Unachtsamkeit verursachten Schaden bezahlen muß, aber sein Commandant liebt das Segelbergen nicht und freut sich, wenn die Offiziere Selbstvertrauen zeigen. Er hat sich in der Bö verrechnet, der Commandant hört in seiner Kajüte, daß die Bramstängen knacken, springt schnell auf die Commandobrücke und sieht sein Schiff oben rasirt, Bramstängen mit den Bram- und Oberbram-Raaen und -Segeln baumeln an dem Tauwerk vor den Marssegeln herunter. Der Wachoffizier sieht seinen Commandanten entsetzt an und dieser sagt lächelnd: „Das habe ich nicht gut gemacht, ich hätte Ihnen doch sagen sollen, die Bramsegel zu bergen; ich habe nämlich hinter Ihnen gestanden. Es ist mein Fehler, und dem ist in dem Verlustprotokoll Ausdruck zu geben, damit ich für den Schaden aufkommen kann.“ Der Wachoffizier versteht nicht recht, muß seinem Commandanten aber doch Glauben schenken. -- So hat der Commandant eines Kriegsschiffes keine ruhige Minute; das Gefühl der Verantwortlichkeit beherrscht jeden deutschen Offizier ununterbrochen bei Tag und bei Nacht, und der Commandant eines Kriegsschiffes hat eine gar große Verantwortung zu tragen.
Die Nacht bricht schon um 6 Uhr abends an, der Ausguck oben im Mast kann von dort aus nichts mehr sehen, dafür treten zwei Mann auf die Back des Schiffes und zwei in die Fallreeps, werden aber, wenn sie auch zu Vieren sind, von ihrem Standpunkt aus keine Brandung so rechtzeitig sehen, daß das in schneller Fahrt befindliche Schiff ihr noch ausweichen kann, wenn sie recht im Curse des Schiffes liegt und von einem größern Korallenriff herrührt. Am Tage würde sich bei einem etwaigen Verlust des Schiffes durch irgendwelche Ursache ein Theil der Mannschaft zunächst vielleicht in den Booten retten können, um nachher zu verhungern und zu verdursten, denn auf vorbeipassirende Schiffe ist hier nicht zu rechnen und die Entfernung vom nächsten Lande ist zu groß, um dasselbe vor dem eintretenden Hungertod erreichen zu können. Bei Nacht aber ist die Sache für alle schnell zu Ende: beim nächsten Morgengrauen bedeckt die See mitleidig alles, was sie verschlungen hat. Der Commandant sieht noch einmal die Karte an, ob nicht irgendeine auf seiner Curslinie eingezeichnete Tiefenangabe andeutet, daß schon einmal ein Schiff denselben Weg genommen hat. Nichts -- eine weiße Fläche und weiter nichts in der Karte. Er bleibt auf der Commandobrücke, anscheinend um die Abendkühle zu genießen, so glauben wenigstens alle, denn niemand, der nicht diesen Posten schon bekleidet hat, kann sich in seine Lage hineindenken; er bleibt aber, um im Falle der Gefahr, auf seine Geistesgegenwart bauend, sogleich den richtigen Entschluß zu fassen. Er ist voll Sorgen und um ihn herum alles voll Jubel. Die Musik spielt, die Mannschaft singt und lacht in den Pausen und treibt ihre Späße; aus der Offiziermesse klingt Gläserklang und frohes Lachen herauf, und nur der Commandant ist allein, allein mit seinen Gedanken und Sorgen. Sein Diener ruft ihn zum Abendbrot; dasselbe ist in wenig Minuten eingenommen und der einsame Mann steht wieder auf der Brücke, die freie Wache geht zur Koje, in der Offiziermesse wird es still, und man hört nur noch das Rauschen des Wassers, das Singen der Takelage, das Aechzen der Spieren, das Knarren der Decksbalken und jede halbe Stunde den geisterhaften Ruf der vier Posten, daß sie wach und wachsam sind. Nach 11 Uhr geht der Commandant zu Bett, weil er doch nicht wochenlang Nacht für Nacht aufbleiben kann und der Tag doch auch so vielerlei Pflichten verlangt, doch läßt er sich um 12 und um 4 Uhr von dem abgelösten Wachoffizier Meldung über Wind und Wetter machen, wird auch geweckt, wenn der Wind stärker wird oder sich ändert, um wegen der Segelführung oder Cursänderung Bestimmung zu treffen. Weiß er aber einen Offizier auf Wache, auf dessen Geistesgegenwart er nicht fest zu bauen vermag, dann bleibt er auch einmal die ganze Nacht auf, um Berichte oder Briefe zu schreiben, oder wegen erheuchelter Schlaflosigkeit dem Offizier Gesellschaft zu leisten.
4.
Die Marquesas-Inseln.
18. Mai 1887.
Die Marquesas-Inseln liegen hinter uns und haben uns neben viel Schönem und Interessantem in der Hauptsache doch das gebracht, was wir erwartet hatten, nämlich -- Enttäuschung. Die mit so großer Ueberschwänglichkeit geschriebenen Reiseberichte lassen von vornherein einige Uebertreibungen vermuthen; hier ist aber zu viel erdichtet, und man kann nicht anders annehmen, als daß die Reisenden infolge der fast übermenschlichen Entbehrungen, welche zu ihrer Zeit mit diesen langen Reisen in kleinen, übermäßig stark bemannten Segelschiffen verknüpft waren, beim Landen an diesen Inseln vollständig geblendet waren. Namentlich gilt dies für die Beurtheilung des weiblichen Geschlechts, denn man muß selbst monatelang von dem schönen Geschlecht abgesperrt gewesen sein, um zu verstehen, daß fast jeder Seemann nach jeder langen Seetour zunächst in jeder Schürze einen Engel sieht. Meines Erachtens hatten die Reisenden aber trotzdem keine Veranlassung mit so grellen Farben zu malen, weil das, was hier gefunden wird, immerhin interessant genug ist, um auch ohne Schönfärberei zu fesseln.
Ich wollte ursprünglich nur den Haupthafen Port Anna-Maria auf Nuka-hiva besuchen, änderte aber meine Disposition, als ich aus den Segelanweisungen ersah, daß die Franzosen, denen die Marquesas-Inseln nominell gehören, praktisch alle Controle über die Einwohner der Marquesas-Inseln aufgegeben haben und nur noch die Insel Nuka-hiva besetzt halten sollen. Da ferner die Berichte besagen, daß die Einwohner der Marquesas-Inseln am zähesten an ihren alten Gebräuchen festhalten, daß dieselben noch ziemlich auf demselben Standpunkte stehen wie vor hundert Jahren, und alle Missionare ihr Bekehrungswerk aufgeben mußten, entschloß ich mich, da es mir nur darauf ankam, zur Auffrischung unsers Speisezettels Früchte, Eier und Hühner einzunehmen, nach Omoa auf Fatu-hiva, der südöstlichsten Insel, zu gehen, um dort einen Einblick in die als so interessant geschilderten Verhältnisse zu erhalten und dann nur in Port Anna-Maria dem dortigen Gouverneur meinen Besuch zu machen, um seinen Machtbereich nicht besucht zu haben, ohne der Höflichkeit zu genügen. Erst hatte ich daran gedacht, auch die mittlere Insel Tahu-ata oder Santa-Cristina anzulaufen, weil sie früher von den Franzosen für der Befestigung werth gehalten worden war, gab diese Absicht aber auf, weil der Besuch doch zu viel Zeit gekostet hätte; ebenso verzichtete ich auf Dominica, weil dort nach den Segelanweisungen nichts zu holen ist, wogegen ich in Nuka-hiva allerdings erfuhr, daß die einzige größere Plantage in der ganzen Gruppe gerade auf dieser Insel liegt und -- merkwürdig genug -- in deutschen Händen ist.
In Bezug auf die politischen Verhältnisse ist zu bemerken, daß, wie schon gesagt, die Marquesas-Gruppe nominell französische Colonie ist, doch bekümmern sich die Franzosen mit Ausnahme von Nuka-hiva und ganz neuerdings auch Dominica aber so gut wie gar nicht um Land und Leute. Die Hoheitsrechte erwarb Frankreich im Jahre 1842 durch Ablösung, indem es Besitz von den Inseln nahm und dem ersten Häuptling von Nuka-hiva und dessen Erben eine monatliche Leibrente von 50 Frs. aussetzte, womit indeß ein Besitzrecht auf die andern Inseln nicht erworben werden konnte, weil nicht nur die einzelnen Inseln, sondern auch die verschiedenen Stämme auf jeder Insel ganz unabhängig voneinander sind. So kam es denn wol auch, daß die Franzosen überhaupt nicht versuchten, auf den verschiedenen Inseln festen Fuß zu fassen, sondern sich damit begnügten, nur auf Nuka-hiva eine Art von Regierung zu errichten und sich auf Tahu-ata zu befestigen, weil sie fürchten mußten, von dort ebenso vertrieben zu werden, wie sie von Huheine (eine der Gesellschafts-Inseln) durch die Eingeborenen vertrieben worden sind. An die andern Inseln haben sie sich wol zunächst überhaupt nicht herangewagt, denn wenn Dominica z. B. die bei weitem wichtigste und größte ist, so ist sie aber auch die am stärksten bevölkerte und zwar mit einem schwer regierbaren Menschenschlag.
Warum Frankreich diese Colonie überhaupt erworben hat, ist mir unverständlich geblieben. Wie aus der noch folgenden Beschreibung des Landes ersichtlich werden dürfte, war auf die Gewinnung von Landesproducten nicht zu rechnen, auch konnte bei der schwachen und namentlich armen Bevölkerung hier kein Absatzgebiet für französische Waaren vermuthet werden; somit bleibt der militärisch-politische Gesichtspunkt übrig. Die Inselgruppe ist aber geographisch so ungünstig gelegen, daß sie auch für militärische Operationen nie eine Basis abgeben kann, weil von hier bis zu dem nächsten Lande Distanzen zu durchlaufen sind, welche alle Dispositionen über den Haufen werfen müssen. Auch können die Inseln zu derartigen Zwecken schon deshalb keine Verwendung finden, weil für eine größere Zahl von Schiffen die Häfen fehlen; aber wären auch Häfen für große Flotten vorhanden, so bliebe immer noch die Frage zu beantworten, was die Flotten hier sollen, da in diesem unermeßlichen Wasserbecken, dessen Mittelpunkt die Marquesas-Inseln bilden, alle Angriffsobjecte fehlen. Die Inseln sind wegen ihrer abgeschiedenen Lage allerdings gut für Kaperschiffe gelegen, doch gibt es wiederum hier nichts zu kapern, weil dieses Meer so gut wie gar nicht befahren wird. Es bleibt daher für die Erwerbung dieser Colonie nur die Wahrscheinlichkeit übrig, daß es in jener Zeit für die großen Seemächte zum guten Ton gehörte, möglichst viele Colonien zu besitzen.
Die Marquesas-Inseln haben den Franzosen denn auch keinerlei Nutzen gebracht. Schiffahrt existirt hier nicht, weil die französischen Gesetze die Walfischfänger, welche nur allein und allerdings häufig hier anliefen, vertrieben haben. Diese Schiffe wurden mit so hohen Lootsengebühren belegt, daß sie das Anlaufen dieser Häfen aufgeben mußten. Dieses Ziel lag wol in der Absicht der Colonialregierung, denn es wurden französische Walfischfänger subventionirt, der Fang wurde auch mit schönen und guten Schiffen begonnen, bald aber wieder aufgegeben, wol weil dieser Erwerbszweig dem französischen Naturell nicht zusagt. Es gibt jetzt keine französischen Walfischfänger mehr, und diejenigen anderer Nationalität, welche wenigstens etwas Handel und Wandel brachten, sind verscheucht. Der einzige Schiffsverkehr wird zur Zeit durch den monatlich einmal hier anlaufenden Postschooner (Segelschiff), welcher zwischen San-Francisco und Tahiti fährt, hergestellt. Derselbe wird von Frankreich subventionirt und läuft die Marquesas nur auf dem Wege von Amerika nach Tahiti an; Briefe nach Europa müssen daher den großen Umweg über Tahiti machen und bleiben außerdem noch 14 Tage dort liegen, bis der Schooner wieder befrachtet ist. Die großen Geldzuschüsse, welche Frankreich an diese Colonie gezahlt haben soll, sind vermuthlich die Ursache einer später erfolgten Einschränkung gewesen. Die Regierung in Nuka-hiva wurde soweit vereinfacht, daß als Gouverneur nur ein 'lieutenant de vaisseau' übrigblieb. Die Befestigungen auf Tahu-ata wurden verlassen und die Truppen zurückgezogen. Das Personal, welches jetzt übrig ist, wohnt auf Nuka-hiva und besteht aus dem genannten Gouverneur, einem untergeordneten Verwaltungsbeamten, einem frühern Bombardier als Wegebaumeister, einem gleichzeitig Lootsendienste versehenden Hafenmeister und vier Gensdarmen, welche zur Zeit auf Dominica sind, um die mit Chinesen bearbeitete deutsche Plantage zu beschützen, wie sie sagen. Da sie sich aber früher auf diese Insel nicht wagten, so glaube ich nicht an die gute Absicht, sondern eher daran, daß die Deutschen beaufsichtigt werden sollen, oder daß man ihnen eine hohe Steuer auferlegen und, durch den breiten deutschen Rücken gedeckt, auf der Insel sich überhaupt festsetzen will.
Der Gouverneur der Marquesas-Inseln steht unter dem Gouverneur von Tahiti, einem Stabsoffizier der französischen Marine, obgleich hier und dort ganz verschiedene Rechtszustände bestehen. Tahiti mit der Paumotu-Gruppe steht unter französischem Protectorat, während, wie erwähnt, die Marquesas-Inseln französische Colonie sind.
Der Unterschied besteht darin, daß der Gouverneur von Tahiti absoluter Herrscher ist, Gesetze nach augenblicklicher Laune erläßt und aufhebt, sofern nicht der etwa gerade anwesende Admiral des Südsee-Geschwaders ihm ins Handwerk pfuscht, während in der Colonie französisches Gesetz waltet.
Auf Nuka-hiva wird, um die Kosten der Verwaltung zu verringern, eine Kopfsteuer erhoben, von welcher die andern Inseln befreit sind, weil auf ihnen keine Autorität besteht, welche sie erheben könnte. Diese Kopfsteuer ist außerordentlich hoch und beträgt für jeden Mann 20 Frs. und für jeden Hund, obgleich derselbe seinem Herrn keinerlei Nutzen bringt, sondern nur aus alter Gewohnheit als Hausgefährte gehalten wird, 10 Frs. Ganz abgesehen davon, daß diese letztere Steuer die Eingeborenen sehr verbittert, werden sie aber dauernd noch durch die Art der Eintreibung der Steuer gereizt, durch welche der Gewinn der Steuer fast zu einem Nichts wird. Da der Eingeborene in der Regel kein Geld besitzt, muß er die Steuer abarbeiten, und wir sehen so die alten Frondienste hier wieder aufleben. Die Eingeborenen werden zum Straßen- und Brückenbau beordert und wird ihnen das Tagewerk zu 2 Frs. angerechnet; arbeiten müssen sie dann solange bis der Betrag ihrer Steuer und auch der ihres Hundes gedeckt ist. Die Arbeit wird von dem vorhergenannten Bombardier geleitet, welcher, wol infolge seines Unvermögens, die Arbeit richtig zu beurtheilen, keinerlei Autorität über die Eingeborenen zu haben scheint, und so kommt es, daß wenig gearbeitet und viel geschwatzt wird. Ich habe längere Zeit dem Wiederaufbau einer sehr nothwendigen, durch den starken Regen weggeschwemmten Brücke, bei welchem 10 Mann beschäftigt waren, zugesehen und konnte keinen Fortschritt der Arbeit wahrnehmen. Die Leute saßen zusammen, rauchten und unterhielten sich, während der Bombardier (ein Elsässer) mit uns eine deutsche Unterhaltung anfing. Ab und zu gingen 2 oder 3 Mann nach einem Stein, welchen bequem ein Mann hätte tragen können, und legten ihn behutsam mit viel Zeitaufwand in den Bergbach, anstatt ihn an seine Stelle zu werfen, und nahmen dann ihren alten Platz wieder ein. Ich bin der Ueberzeugung, daß dies auf 20 Frs. zu veranschlagende Tagewerk von einem fleißigen Arbeiter in einem halben Tage geschafft worden wäre.
Tahu-ata ist, wie schon erwähnt, seit vielen Jahren von den Franzosen wieder aufgegeben worden; von den Befestigungen und Blockhäusern konnte ich beim Passiren nichts mehr entdecken. Die Bauwerke sollen von den Eingeborenen längst abgetragen und das Material von ihnen zum Bau ihrer Hütten verwendet worden sein.
Das Besitzrecht auf diese, wie auf die andern thatsächlich unabhängigen Inseln wird dadurch aufrecht erhalten, daß alljährlich einmal ein französisches Kriegsschiff die verschiedenen Ankerplätze für ein bis zwei Tage anläuft. Eine Verbindung mit den Eingeborenen scheint aber auch dann nicht stattzufinden, wenigstens gehen in Fatu-hiva, nach Aussage der Eingeborenen, die französischen Offiziere und Mannschaften weder an Land, noch kommen die Eingeborenen auf das Schiff. Ein englisch sprechender Eingeborener in Omoa gab mir als Grund die Unmöglichkeit einer Verständigung an, weil auf den französischen Schiffen niemand englisch und von den Eingeborenen keiner französisch verstände; die Ursache liegt aber tiefer, da die französischen Seeoffiziere größtentheils so viel englisch verstehen, um sich verständlich machen zu können. Der Grund liegt einfach in dem ausgeprägten Haß, welchen die Insulaner gegen die Franzosen hegen und welchem sie auf den andern Inseln auch ungescheut Ausdruck geben. Der Sohn der sogenannten Königin von Nuka-hiva, ein Mann von etwa 25 Jahren, welcher in Paris erzogen worden ist, sprach sich einigen unserer Offiziere gegenüber dahin aus, daß sie das französische Joch sofort abwerfen würden, sobald sie auswärtiger Hülfe gewiß seien. Auch bestätigte ein dort lebender Däne, welcher wol nationaler Ueberlieferung gemäß mit französischem Wesen sympathisiren muß, das Vorhandensein einer sehr feindlichen Stimmung gegen die Franzosen; des abfälligen Urtheils eines Engländers will ich hierbei gar nicht Erwähnung thun.
Die Bodengestaltung der Inseln ist eine ganz merkwürdige und bei allen eine auffallend übereinstimmende. Die Marquesas-Inseln erheben sich nicht, wie dies in der Regel bei derartigen Inseln der Fall ist, kegelförmig aus dem Meere, sondern auf einer länglichen, nach den Enden spitz zulaufenden Basis steigt ziemlich genau in der Mittellinie ein Gebirgsrücken von 1000 bis 1250 m Höhe mit scharf gezacktem steilen Kamm an, welcher die Insel ihrer ganzen Länge nach in zwei voneinander vollkommen abgeschiedene Hälften theilt, da ein Uebersteigen dieses an seinen Endpunkten fast senkrecht nach dem Meere abfallenden Bergrückens unmöglich scheint und wol auch unmöglich ist. Nimmt man an, daß der Fuß des eigentlichen Bergrückens da beginnt, wo zwischen den nachher genannten Rippen, welche sich rechtwinkelig an den die Insel durchschneidenden Bergrücken anlehnen, das ebene Gebiet der kleinen Thäler aufhört, dann erhält man für diese obere Felsenwand eine Basis, welche an den schmäleren Stellen der Insel etwa gleich der Höhe ist, an den äußersten Enden die Höhe des Bergrückens lange nicht erreicht. Dies gibt der Insel das äußere Ansehen eines langgestreckten Keils, der für das Auge so scharf erscheint, daß man ihn unwillkürlich mit einer auf dem Rücken liegenden Messerklinge vergleicht, zumal der obere Kamm eine so geringe Dicke zu haben scheint, daß man nicht versteht, wie dieses Gestein Jahrtausenden trotzen konnte. Man hat das Gefühl, als ob ein Geschoß diese Felsenwand durchschlagen müßte, und wird in dieser Anschauung dadurch noch bestärkt, daß an verschiedenen Punkten nahe dem Gipfel sich dem Auge in der Felsenwand Durchbrüche oder Löcher bieten, an welchen man keine für das Auge meßbare Dicke des Gesteins feststellen kann. Selbst die Natur scheint sich dessen bewußt gewesen zu sein, wie künstlich das von ihr hier aufgeführte Bauwerk ist, denn sie hat den Mittelrücken mit rippenähnlichen Strebepfeilern versehen, wie der Baumeister große Steinwände abstrebt. Diese Seitenrippen lehnen sich an den schmalen Enden der Insel unter sehr steilem Winkel an das Hauptgebirge an und reichen hier, wo der Mittelkamm eine geringere Höhe hat, bis zu dessen Gipfel hinan. Im allgemeinen indeß zweigen sie sich von der halben Höhe aus ab und laufen dann unter einem Winkel von etwa 45° nach dem Meere zu aus, wo sie kleine Buchten mit fruchtbaren Thälern bilden, wenn sie sich, allmählich abfallend, in das Wasser senken, aber sich in steile Klippen umwandeln, wenn sie plötzlich, wie absichtlich jäh unterbrochen, eine senkrecht nach dem Wasser abfallende Wand als Abschluß erhalten. In diesem letztern Falle hat man dann das äußere Bild der Giebelwände einer Reihe dicht nebeneinander gestellter Schuppen, da die Oberfläche der Rippen fast überall wellenartig gebildet ist, und die einzelnen Wellen fast gleiche Form und Höhe mit spitzem Winkel sowol am Kamme wie im Thale zeigen. Dieser Wechsel gibt der Landschaft großen Reiz, welcher noch dadurch erhöht wird, daß aus den Einschnitten der oft hoch über der Meeresfläche liegenden Giebel häufig sich kleine Bäche oder Wasserfälle ergießen und ihr Wasser direct in das Meer hinabstürzen lassen, ohne die senkrechten Felswände zu berühren.
Das Bild, welches sich dem Beschauer an der Leeseite der Inseln als Ganzes bietet, ist etwa das folgende.
An eine mächtige Felsenwand, welche in der Höhe nur mit Gräsern und kleinen Sträuchern bewachsen ist, zwischen denen hier und da eine vereinzelte Kokospalme, von welcher man nicht weiß wie sie dorthin kommt, sich erhebt, lehnen sich Bergabhänge, welche auf ihrem Rücken in der Regel keinerlei Cultur zeigen, daher auch wol nicht culturfähig sind, wahrscheinlich aus Mangel an Erde und Wasser, sowie wegen Ueberfluß an Sonne. Die zwischen den Abhängen liegenden Thäler, welche selten eine große Tiefe haben, zeigten zu unserer Zeit eine Ueppigkeit der Vegetation, wie sie nicht reicher gedacht werden kann. Die Thäler waren mit solchen Laubmassen angefüllt, daß man hätte wähnen können, die hohen Bergwände seien eines reichen Laubschmucks entkleidet worden und das ganze abrasirte Laub habe sich in dicken Wolken in den Thälern abgelagert. Auch am Lande konnte dieser Eindruck keine wesentliche Aenderung erfahren, weil der aus Brotfruchtbäumen, Kokospalmen, Orangen- und andern Fruchtbäumen verschiedener Art gebildete Wald ein so dichtes Laubdach hatte, daß die Sonnenstrahlen nur sehr vereinzelt Durchgang fanden. Immer wird hier die Vegetation jedoch nicht in so überreicher Fülle prangen -- glücklicherweise, darf man sagen, denn die letzten zehn Monate waren eine ununterbrochene scharfe Regenzeit, welche das Laub zu seltener Kraft und Schönheit getrieben, die Früchte aber vom Reifen abgehalten hatte. So haben wir, die wir zur richtigen Reifezeit hier waren, nur halbreife Früchte erhalten können. In der Regel sollen die Marquesas-Inseln vorzugsweise an Dürre, welche oft einen an Hungersnoth grenzenden Zustand erzeugt, leiden, doch sollen geregelte Jahreszeiten überhaupt selten sein. Entweder herrschen unaufhörliche schwere Niederschläge, oder das Wasser fehlt ganz.
Ich kehre zu meinem Bilde zurück. Von den höhern Regionen des Mittelgebirges stürzen Wasserfälle in die Thäler hinab, welche während der wolkenbruchartigen Regengüsse oft von großer Schönheit sind, ihre Kraft und ihr ganzes Ansehen aber sofort verlieren, sobald der Regen aufgehört hat. An der Südküste von Nuka-hiva, welche ich in ihrer ganzen Länge passirte, habe ich mit Ausnahme des einen besonders großen Wasserfalls keinen der von Krusenstern enthusiastisch geschilderten Wasserfälle entdecken können, obgleich wir in der stärksten Regenzeit dort waren.
Die schmalen Enden der Inseln werden durch steilabfallende Felswände gebildet und man sieht hier häufig schroffe, dunkelgefärbte Steingebilde, welche, von dem Hauptlande abgelöst, der Landschaft an diesen Stellen ein wildzerrissenes Ansehen geben, während die Inseln im allgemeinen und für die Hauptmasse des Landes diese Bezeichnung nicht verdienen.
Ueber die Ertragfähigkeit des Landes glaube ich mich erschöpfend dahin aussprechen zu können, daß das Land wol im Stande wäre, viele Kokosnüsse zu liefern, weil der Baum insofern sehr genügsam ist, als er eigentlich nur Seeluft beansprucht. Je näher am Strande, desto besser für ihn; ob er dort fetten Boden oder magern Sand findet, ist ihm gleichgültig; ja es wird sogar behauptet, daß der unvermischte Korallensand ihm am zuträglichsten sei. Die Eingeborenen arbeiten aber nicht und so bleibt diese Ertragsquelle unausgenutzt. Baumwolle wird auch in guter Qualität gewonnen, es ist aber mit Ausnahme von Dominica und in beschränkterm Maße auch Nuka-hiva nicht genügend Land verfügbar, um nutzbringende Baumwollpflanzungen anlegen zu können, weil das vorhandene Land ganz für die den Lebensunterhalt der Eingeborenen bildenden Früchte in Anspruch genommen wird.
Handel wird zur Zeit eigentlich nicht getrieben, weil man die jährlich nur aus einigen kleinen Schoonerladungen bestehenden Producte wol nicht als solchen rechnen kann.
Die Bevölkerung der Marquesas-Inseln zeigt keinen einheitlichen Typus, man findet vielmehr auf jeder Insel, ja sogar in jedem Thal einen andern Menschenschlag, und wenn der Unterschied zuweilen auch nur gering ist, so ist er immerhin doch in die Augen fallend. Ich selbst kann allerdings nur von den Eingeborenen von Nuka-hiva und Fatu-hiva sprechen, doch wurde mir berichtet, daß die Eingeborenen von Dominica einer ganz andern Rasse angehören. Auf Fatu-hiva habe ich die beiden Hauptthäler besucht, auf Nuka-hiva nur oberflächlich die Bewohner von Port Anna-Maria gesehen, wie denn ja meine Beobachtungen überhaupt nur ganz oberflächliche sind und keinen Anspruch auf wissenschaftlichen Werth erheben können. Wäre die Annahme richtig, daß die Inseln der Südsee, wie von verschiedenen Seiten behauptet wird, Ueberreste eines versunkenen Continents und die Bevölkerungen der verschiedenen Inseln die Nachkommen derjenigen sind, welche sich bei der Katastrophe auf die Berggipfel gerettet haben, dann könnte man behaupten, daß in altersgrauer Zeit ein fremder Volksstamm einen Einfall in das jetzige Gebiet der Marquesas-Inseln gemacht habe, von der Katastrophe überrascht worden sei und sich mit den Einheimischen auf die Berge rettete, um sich später mit ihnen in die übriggebliebenen Inseln zu theilen. Andernfalls bleibt nur die Annahme übrig, daß die Ursache der Verschiedenheiten in vielfachen Kreuzungen mit hierher verschlagenen Bewohnern anderer Inseln, sowie mit den früher hier verkehrenden Walfischfängern liegt, weil Frauen wie Mädchen dieser Inseln dem Fremden als ein Gebot der Gastfreundschaft zur Verfügung gestellt werden.
Was das Aeußere betrifft, so haben mir die Bewohner von Omoa am besten gefallen; ich bemerkte unter diesen einige wirklich schöne Menschen, doch fand ich im Widerspruch mit den frühern Berichten die Männer schöner wie die Frauen. Unter ihnen waren viele wirklich auffallend hübsche Gestalten mit schön geformten und muskelkräftigen Gliedern. Die Gesichter zeigten auch schöne Züge, und so wild und verwegen diese Leute infolge ihrer reichen Tätowirung auch aussahen, so entdeckte man doch, wenn man sie schärfer betrachtete, die gutmüthigsten Züge. Auf die Tätowirung wird hier außerordentlich viel Werth gelegt, und ich muß gestehen, daß diese fast ganz nackten Menschen durch ihre eingeäzte reiche Malerei eigentlich anständig angezogen sind. Ich hatte das Gefühl, daß diese Leute in ihrer Nationaltracht sich in jeder europäischen Stadt auf der Straße zeigen könnten, ohne daß der Mangel an Kleidung auffallen würde; jedenfalls verhüllt diese musterreiche Malerei mehr, wie ein einfarbiges Tricot dies zu thun vermag. Ich kann nicht leugnen, daß diese tätowirten Menschen einen tiefen Eindruck auf mich gemacht haben und ich es bedauern würde, wenn diese Sitte abkäme; ich kann daher auch nicht verstehen, wie der Commodore Powell diese Leute als durch Tätowirung entstellt bezeichnen kann, doch dies ist Geschmackssache. Ich kann mir wol denken, daß man mit diesen bunten, wild aussehenden Gesichtern unsere Kinder schrecken kann, scheußlich sehen die Köpfe deshalb aber noch nicht aus. Daß die hier lebenden Europäer gegen das Tätowiren eifern, hat den einfachen praktischen Grund, daß mit dem Aufhören dieser Sitte die Sitte des Kleidertragens einzieht und die Kleider nur von den Weißen bezogen werden können. Die englischen Missionare und die Kaufleute ziehen hier an demselben Strang, denn beide leben vom Handel. Der Eingeborene hat keine Verwendung für Geld; Taback und gleichartige Genußmittel schaffen zu wenig, Eisenwaaren haben einen zu langen Bestand, Branntwein geht gegen die eigenen Interessen, weil man den Eingeborenen arbeiten sehen will, um die Früchte seines Fleißes einzuheimsen. Da sind nun Kleider das beste Tauschobjekt. Für wenig Geld erhält man von Europa ein großes Stück leichten Stoffes, und ist die Sitte der Bekleidung allgemein eingeführt, dann bringt diese durch die Masse den Gewinn, weil Männer, Frauen und Kinder dieser bald sehr strengen Sitte gleichmäßig unterworfen sind. Soll ein Handelsartikel gefunden werden, welcher den Europäern Gewinn bringt und die Eingeborenen gleichzeitig zur Arbeit erzieht, dann ist der eingeschlagene Weg wol richtig; aber eine religiöse Nothwendigkeit zum Kleidertragen liegt für diese Menschen nicht vor, weil das Schamgefühl in so hohem Grade ausgebildet ist, daß es uns Europäern geradezu lächerlich vorkommt. Denn es werden z. B. zwei gleichalterige Männer, wenn sie auch ganz allein unter sich sind, nie beim Baden sich ganz entkleiden, wie es bei uns doch sehr häufig vorkommt. Ich beobachtete einmal in Omoa zwei Männer, welche in ihrem Kanu vom Fischfang kamen und in ziemlich großer Entfernung von dem Dorfe, wo ich mich befand, mit der Brandung auf den Strand liefen, um das leichte Fahrzeug nach dem ersten Auflaufen auf den Strand schnell vor der Rückkehr der Brandung ganz aufs Trockene zu ziehen. Da die Brandung fortwährend über das Kanu und dessen Insassen hinwegbrach, so hatten die beiden Männer sich ihrer dürftigen Kleidungsstücke auch noch entledigt und dieselben um den Kopf gewunden. Der hinten im Boot sitzende Mann hatte sich aber einen Lappen vorgebunden und der vorn Sitzende kehrte dem andern während der ganzen Landung stets den Rücken zu, sofern er nicht anderweit gedeckt war, bis sie ihre Kleidung wieder angelegt hatten. Wenn somit aus moralischen Gründen die Sitte des Kleidertragens nicht erforderlich ist, so würde es doch ein gutes Werk sein, wenn man die Eingeborenen hierfür gewinnen könnte, weil meiner Ansicht nach der Mangel an Kleidung die Hauptursache des Aussterbens dieses Menschenstammes ist. Ich will dies zu beweisen versuchen.
Es wird behauptet, daß an der rapiden Abnahme der Bevölkerung der Marquesas-Inseln die folgenden Ursachen Schuld tragen:
1. Die Sitte der Vielmännerei bei den Frauen. Dieselbe ist nicht in der Weise vorhanden, wie nach Berichten angenommen werden muß. Die Leute leben vielmehr in unserer Ehe ähnlichen Verhältnissen, d. h. ein Mann und eine Frau leben in der Regel zusammen und sorgen für ihre oder für fremde Kinder. Die Ehe wird indeß nicht auf Lebenszeit geschlossen, sondern kann jederzeit dadurch gelöst werden, daß entweder der Mann seine Frau wegschickt oder die Frau ihren Mann verläßt. Beide Theile sind in dieser Beziehung frei und ganz gleichberechtigt. Die Frau kann sich weder der Ausweisung widersetzen, noch kann der Mann seine weggegangene Frau zurückfordern oder mit Gewalt zurückholen. Eheliche Treue ist keine Tugend, weil das Verhältniß jederzeit gelöst werden kann, wenn der eine Theil dies wünscht. Die Kinder scheinen, sobald sie ein gewisses Alter erreicht haben, Gemeingut zu sein, jedenfalls werden sie von jedermann gut behandelt und beschützt. Die Leute eines Dorfes oder Thales bilden somit gewissermaßen eine große Familie, in welcher die einzelnen Glieder gewohnheitsmäßig paarweise zusammenleben, solange Neigung sie zusammenhält. Vielmännerei kommt zwar insofern vor, als die nicht verheiratheten Männer zeitweise mit der Frau eines Andern und zwar mit dessen Einwilligung für eine bestimmt verabredete Zeit zusammenleben, aber nur dann, wenn keine Mädchen vorhanden sind, welche mit diesen Junggesellen die Probe machen, wie es im Ehestande hergeht. Ob diese Freiheit der Sitten nun wirklich von nachtheiligem Einfluß auf das Wachsthum der Bevölkerung ist, wird schwer zu entscheiden sein, da die Zahl der prächtig aussehenden Kinder zur Zeit eine recht große ist. Muß der nachtheilige Einfluß aber nach unumstößlichem Naturgesetz vorliegen, dann wird eben von der bestehenden Freiheit sehr wenig Gebrauch gemacht, und ich glaube das letztere. Es ist allerdings eine Thatsache, daß die Männer ihre Frauen auf die früher hier häufiger zu Anker kommenden Walfischfänger geschickt und sie zwei bis drei Tage auf dem Schiff belassen haben, weil sie dann manches Werthvolle für die Gemeinde mit ans Land gebracht haben, die Schiffe kamen aber doch immerhin so selten und sind so schwach bemannt, daß dieser Einfluß kein einschneidender gewesen sein kann.
2. Die fast ununterbrochenen Kriege zwischen den benachbarten Thälern. Wie mir ein deutscher katholischer Missionar und ein englisch sprechender Eingeborener übereinstimmend versicherten, kommen diese sogenannten Kriege, wenn auch nicht häufig, zwar immer noch vor, verlaufen aber stets unblutig. Die ursprünglichen Waffen existiren gar nicht mehr und es werden nur noch Feuerwaffen gebraucht, zu denen aber entweder die Munition fehlt, oder die Waffen sind in so verkommenem Zustande, daß sie kaum noch gebrauchsfähig sind. Die Kriege entstehen gewöhnlich durch Landstreitigkeiten und werden in der Weise durch Verrath entschieden, daß die eine Partei die andere überrascht und Sieger wird, mithin die Bedingungen stellen kann, welche die unterliegende Partei annehmen muß. Diese Kriege können daher unmöglich die Ursache der allmählichen Entvölkerung sein.
3. Der übermäßige Genuß von Branntwein. Der Trunk scheint hier allerdings das alles beherrschende Laster zu sein, welchem vorzugsweise die rasche Abnahme der Bevölkerung zugeschrieben werden muß, wenn eine Abnahme wirklich stattfindet; letzteres kann noch angezweifelt werden, da der deutsche Missionar, dessen Angaben ich vollen Glauben schenke, vor sechs Monaten auf Fatu-hiva über 700 Seelen gezählt hat, während der englische Commodore Powell im Jahre 1867 nur 500 als die Einwohnerzahl dieser Insel angibt. Aber wirklich angenommen, daß die stets sich wiederholenden Klagen über das Aussterben dieser Eingeborenen begründet sind, so liegt die Ursache hier nicht in den directen Folgen der Trunksucht, sondern der Trunk tödtet meiner Ansicht nach nur auf indirectem Wege. Vor allen Dingen muß hervorgehoben werden, daß die Leute auf diesen Inseln, wo keine Europäer leben, sich ihren Rausch nicht in europäischem oder amerikanischem Schnaps, von welchem in Port Anna-Maria die ganze Flasche nur 10 Pfennig kostet, antrinken, sondern in einem selbstbereiteten berauschenden Getränk, welches aus gegorener Kokosmilch gewonnen wird und wegen fehlender Beimischungen der Gesundheit sehr viel weniger schädlich ist, als die billigen, von den klugen Weißen zusammengebrauten Höllentropfen es sind. Erwägt man, daß die Männer sich allabendlich gemeinsam bis zur vollsten Besinnungslosigkeit betrinken, so müßte man nach unsern Erfahrungen über Säufer jedenfalls annehmen, daß die große Mehrzahl der Männer die äußern Merkmale des Säufers tragen müßte, daß sie nicht nur des Abends sondern auch am Tage trinken würden, und schließlich, daß jede Nachkommenschaft ausgeschlossen wäre. Von alledem ist hier aber nichts zu merken. Die äußerlichen Merkmale des Säufers habe ich bei keinem entdecken können, wenngleich mein Gewährsmann, der englisch sprechende Eingeborene, mir sagte, daß er arbeite und dies nur könne, weil er sich nicht betrinke, obgleich er auch ganz gern trinke, aber stets Maß halte, während die andern so viel tränken, daß sie am andern Tage nicht arbeiten könnten. Ferner trinken die Leute nur des Abends und bleiben am Tage der Flasche fern, können aber auch am Abend enthaltsam sein, wie sie es während unsers Aufenthalts in Omoa durchgeführt haben, und zwar aus einem gewissen Schamgefühl vor uns, wie zwei zu verschiedenen Zeiten befragte Eingeborene übereinstimmend versicherten. Sei es nun, daß wirklich Scham sie vom Trinken abgehalten, oder daß die Ankunft des Schiffes die Geister so angeregt hatte, daß sie auf das gewohnte Gelage verzichteten, Thatsache bleibt es, daß das Trinken noch nicht die Form des gewohnheitsmäßigen Betrinkens angenommen hat. Ich glaube überhaupt nicht, daß die Leute trinken um zu trinken, sondern nur um den langen Abend zu verkürzen und einen Schlaftrunk zu nehmen -- sie trinken aus Langeweile. Man muß bedenken, daß hier tagaus tagein die Nacht um 6 Uhr abends und der Tag erst 6 Uhr morgens beginnt, also Tag für Tag 12 Stunden Nacht. Da nun Arbeit unbekannt ist und die Leute den ganzen Tag träge im Nichtsthun hinbringen, so fehlt ihnen am Abend die körperliche Abspannung, um 12 Stunden schlafen zu können. Da ferner die Eingeborenen jedes Thales auf sich angewiesen sind, Schiffe hier nicht anlaufen, Kindererziehung überflüssig ist, keine Person etwas thun kann, was nicht jeder sieht, so fehlt aller Unterhaltungsstoff, nicht einmal klatschen können sie. Schließlich fehlt ihnen auch noch der Taback, um die Zeit mit Rauchen zu vertreiben, und so bleibt diesen bedauernswerthen Menschen, solange die französische Regierung nicht für Handel und Wandel sorgt, weiter nichts übrig als das Trinken. Daß der Abendtrunk nur als Schlafmittel gebraucht wird, kann vielleicht auch daraus gefolgert werden, daß das Getränk nahezu geschmacklos ist, also auch der Kitzel der Geschmacksnerven nicht in Rechnung zu ziehen ist.
Das Getränk wird gleich für das ganze Gemeinwesen bereitet und in einem großen Bambusrohr aufbewahrt, welches am Strande liegt und jedermann zugänglich ist. Das Herausziehen eines Stöpsels genügt, um sich die neben der großen Flasche liegende Kokosnußschale füllen zu können. Abends nach Sonnenuntergang versammeln die Männer sich um ein Feuer, und auch die Frauen kommen, um ihnen für einige Zeit Gesellschaft zu leisten; die Männer trinken solange bis sie liegen bleiben, während die Frauen Maß halten und sich nach einiger Zeit zurückziehen, um die Nacht in ihren Hütten zu verbringen. Hierbei wird nun meines Erachtens der Keim zu vielen unheilbaren Krankheiten gelegt. Das Klima, welches in der trockenen Jahreszeit ja so heiß ist, daß man froh sein muß, wenn man möglichst leicht bekleidet herumlaufen kann, ist in der Regenzeit frisch und während der Nacht viel zu rauh, um unbekleidet schlafen zu können. Die Leute müssen bei dem Mangel an Kleidung und dem Fehlen aller schützenden Hüllen, wie Decken oder Matten, daher des Nachts schon in ihren Hütten unter der Kälte leiden, und müssen geradezu frieren, wenn der Rausch sie verhindert, das wenigstens etwas schützende Dach aufzusuchen, und sie statt dessen unter freiem Himmel liegen bleiben, wo ihre nackten Körper nicht nur dem kalten Regen, sondern auch der rauhen Nachtluft voll ausgesetzt sind. So wird der innere Organismus dieser Menschen nicht direct durch den Trunk zerstört, sondern dadurch, daß durch häufige Erkältungen und danach durch mangelnde Pflege lebensgefährliche Krankheiten und in erster Reihe viele Fälle von Lungenschwindsucht entstehen. Zu unserer Zeit war die ganze Bevölkerung erkältet, Weiber und Kinder hatten den Schnupfen, die Männer husteten stark, und der Schiffsarzt will aus dem von allen Seiten ertönenden Husten vornehmlich Schwindsuchtshusten herausgehört haben. Nach allen Berichten soll Lungenschwindsucht hier auch sehr verbreitet sein.
Alte Männer habe ich in den beiden von mir besuchten Thälern auf Fatu-hiva nur drei gesehen, alte Frauen mehrere; ich glaube daher, daß die Weiber, welche mehr bekleidet sind und sich nachts in ihren Hütten aufhalten, den schädlichen Witterungseinflüssen weniger unterworfen sind und aus diesem Grunde ein höheres Alter erreichen. So wird aller Voraussicht nach dieser in sich abgeschlossene Menschenstamm in nicht zu langer Zeit infolge der Erblichkeit der Lungenschwindsucht ausgestorben sein. Wie sehr diese Menschen zeitweise unter der rauhen Witterung leiden, dürfte auch daraus hervorgehen, daß diese Leute, welchen die größte Gleichgültigkeit gegen das Tragen von Kleidern nacherzählt wird, während unserer Anwesenheit nur danach trachteten, alte Kleider zu erwerben. Für Geld war nichts, für alte Kleider alles zu haben. Ein nackter Eingeborener kam mit seinem ganzen, aus nahezu 100 Dollars bestehenden Vermögen an Bord, um dafür alte Kleider zu erwerben, und daß er gleich eine so große Summe mitbrachte, zeigt jedenfalls, welch geringen Werth er auf das Geld und welch hohen er auf Kleidungsstücke legte. So könnte eine wohlwollende Regierung oder Missionsgesellschaft gewiß leicht die Sitte der Bekleidung einführen, wenn zur richtigen Zeit eine verhältnißmäßig unbedeutende Summe gespendet und versucht würde, die Eingeborenen zunächst zur Arbeit zu erziehen, anstatt sie mit Lesen und Schreiben zu belästigen, was sie nicht gebrauchen, und ihnen christliche Lehren zu predigen, welche sie noch nicht verstehen. Da aber voraussichtlich aus dieser Insel Fatu-hiva, von welcher ich hauptsächlich spreche, nie ein Gewinn zu ziehen sein wird, läßt man die Eingeborenen verkommen, anstatt ihnen aus christlicher Liebe zu helfen. --
Ich will nun zu meinen eigenen Erlebnissen übergehen, bei deren Erzählung noch mancherlei zu Tage treten wird, was das Vorstehende ergänzt.
Nach ziemlich vierwöchentlicher Fahrt waren wir am 13. Mai abends der südlichsten der Marquesas-Inseln so nahe gekommen, daß es nöthig wurde, während der Nacht mit kleinen Segeln zu laufen, um das Land nicht vor Tagesanbruch zu erreichen. Vorsicht war um so mehr geboten, als es stürmisch war, die See hoch ging und der Mond durch dickes Gewölk verdeckt wurde. Mit Tagesanbruch am 14. wurden die Segel wieder gesetzt, und gegen 8 Uhr vormittags traten aus dickem Regengewölk die Umrisse der Insel hervor. Unsere Position war genau richtig, was bei einer Reise von 3000 Seemeilen, ohne Land gesehen zu haben, immer etwas zweifelhaft ist, weil die Chronometer doch auch zuweilen ihre Mucken haben und man so ziemlich auf diese allein angewiesen ist, wenn es sich um die Richtigkeit der Länge handelt. Wir waren zunächst an der Wetterseite der Insel, welche mit ihren 1200 m hohen Bergwänden die von dem Passatwind angetriebenen Wolkenmassen auffängt und hierdurch an dieser Seite fast bis zum Wasserspiegel in dichtes Gewölk eingehüllt ist, eine Erscheinung, welche sich bei allen in der Passatregion liegenden hohen Inseln während der Regenzeit wiederholt. Mit dem Näherkommen wird der Wolkenschleier allerdings durchsichtiger, doch nicht genügend, um eine Totalansicht der Insel erhalten zu können. Immerhin löst sich wenigstens die Südspitze der Insel aus dem Gewölk heraus und bietet uns einen schönen Blick. Wie die Ansicht der Südspitze von Fatu-hiva mit dem Thal Omoa zeigt, erhebt sich hier der Mittelkamm der Insel nahezu senkrecht aus dem Wasser, steigt in seltsam gezackter Linie beinahe 700 m hoch und zieht sich, allmählich bis zu einer Höhe von 1200 m anwachsend, durch die ganze Insel hindurch. Es ist ein außerordentlich fesselndes Bild.
Aus den schönen blauen Fluten, welche in hohen Wogen mit mächtigen weißen Schaumköpfen gegen das Land heranrollen, erhebt sich in majestätischer Ruhe diese wunderlich geformte Klippenwand. An ihrem Fuße bricht sich die Kraft der Wogen, welche zu weißem dampfenden Gischt gepeitscht an diesem ehernen Wunderwerk hinauflecken und brodelnd und schäumend den Fuß zu unterwühlen suchen. Unten ewige Unruhe, fortwährendes Anstürmen der Meeresgewalten, oben feierliche Ruhe. Hier steht diese Felsenwand, wie sie schon seit Jahrtausenden dagestanden hat, überall, wo überhaupt nur etwas wachsen kann, mit grünem Gras und Moos bewachsen, und nur dort kahl und finster, wo von den vorspringenden Steinrücken der jahraus jahrein wehende Passatwind jedes Stückchen Erde, jedes Samenkorn wegfegt und sie in die geschützteren Schluchten schleudert, wo die Erdkrumen Ruhe, die Samenkörner Gedeihen finden. So kommt es, daß die Steinpfeiler sich besonders scharf aus dem Landschaftsbilde herausheben, weil ihre Rücken schwarz sind, die umliegenden Wände aber ein grünes Kleid haben. Oben auf den einzelnen Zacken der Felsenwand stehen Sträucher, auf dem Kamm einige Kokospalmen, welche sich scharf von dem blauen Himmelshintergrunde abheben und ihre großen Blätter in dem frischen Winde spielen lassen. Dieses an saftigen frischen Farben, sowie an schönen und kühnen Linien so reiche Bild wird noch anziehender durch den Contrast, welchen es mit seiner nächsten Umgebung zeigt. Denn während dieses Stück Land von der Sonne hell beschienen wird, der blaue Himmel sich über ihm wölbt, wird das dicht daneben liegende Land von Regenwolken vollkommen eingehüllt und der ganze Horizont ist mit festen Wolkenmassen, welche an verschiedenen Stellen wolkenbruchartige Regengüsse entsenden, umlagert.
Der Passat weht frisch, unser Schiff hat schnellen Lauf, das Land rückt rasch näher, es ist nicht mehr weit bis zu der Cap Venus genannten Südspitze der Insel, und der Ankerplatz liegt gleich auf der andern Seite des Caps, unsern Augen fast bis zu dem Augenblick des Ankerns verborgen. Von Menschen ist vorläufig noch nichts zu sehen, weil dieselben die Wetterseite der Inseln nicht bewohnen und Cap Venus die ganze Südseite von Fatu-hiva nach der Seite, von welcher wir kommen, abschließt, sonst auch kein Weg und Steg um dieses Cap herumführt, weil die Natur hier die Anlage eines Weges verbietet. Den Bewohnern bleibt daher auch die Ankunft eines von Osten kommenden Schiffes bis zum letzten Augenblick verborgen. Ich hätte dem Schiff vorher so viel Fahrt geben können, um von dem Cap an ohne Segel bis auf den Ankerplatz zu schießen; die Karten sind aber noch nicht ganz zuverlässig, auch ist es nicht gerathen, ohne Lootsen einen ganz fremden Platz anzulaufen, ohne ihn zuerst aus gewisser Entfernung zu besichtigen und sich zu orientiren. So ging ich nicht dicht unter das Land, sondern blieb weiter ab und versuchte mit kleinen Segeln den noch auf tiefem Wasser liegenden Ankerplatz zu erreichen. Ich lief damit Gefahr, nicht sofort zu Anker zu kommen, da man an der Leeseite solch hoher Inseln gewöhnlich unstete Winde trifft, doch blieb mir mit Rücksicht auf die Sicherheit des Schiffes keine Wahl. Das Cap wird umschifft, ein köstliches Thal öffnet sich vor unsern Blicken, dessen genauere Besichtigung mir aber noch nicht erlaubt ist, weil die Führung des Schiffes mich ganz in Anspruch nimmt. Langsam geht es dem Ankerplatz zu, die Segel sind schon weggenommen, da stößt der Wind von vorn und drängt uns wieder hinaus. Es ist gerade 12 Uhr mittags und keine Aussicht bleibt, unter Segel allein den Ankerplatz vor dem Abend zu erreichen. Ich lasse daher in einem Kessel Dampf machen, das Schiff wird unter den wieder gesetzten kleinen Segeln beigedreht und die Mannschaft zum Essen geschickt. Nun wird mir Gelegenheit, das Thal Omoa oder Bon Repos-Bai, wie die Franzosen es nennen, mit Muße zu betrachten.
Die das Cap Venus bildende Klippe fällt an dieser Seite ebenso steil ab wie an der andern, zeigt auch dieselben Umrisse, zieht sich aber halbkreisförmig zurück und bildet einen Kessel, welcher durch malerisch gruppirte Höhenzüge, schöne Thäler und überreiche Vegetation ausgefüllt, ein Bild abgibt, welches jeden packen muß. Besonders malerisch treten auf einem Höhenzuge einige Felsnadeln hervor, welche in ihrer Form so sehr den Pappeln ähneln, daß man sie für riesige Bäume dieser Art halten könnte, zumal das auf ihnen wachsende Gras und Moos ihnen auch das grüne Kleid gibt. Unten im Thal öffnet sich der Strand, einige Hütten leuchten aus dem überreichen Pflanzenwerk hervor, mit dem Fernrohr sind auch Eingeborene am Strande zu erkennen, sie können indeß das vor uns liegende Bild nicht beleben, weil unsere Entfernung von ihnen zu groß ist.
Während wir angesichts des Ankerplatzes liegen und darauf warten müssen, daß die Maschine Dampf bekommt, stößt ein Kanu vom Lande ab und kommt auf uns zu. In demselben befinden sich sechs Personen, welche alle hintereinander sitzen, weil das Fahrzeug so schmal ist, daß in der Breite nur ein Mensch Platz findet. Das Fahrzeug nähert sich schnell, die muskulösen Ruderer geben ihm durch das Arbeiten mit den kurzen Rudern, welche mit beiden Händen gefaßt senkrecht in das Wasser eingetaucht und dicht an dem Bootskörper entlang durch das Wasser gezogen werden, eine große Geschwindigkeit. Wie ein Seevogel schießt das zierliche elegante Fahrzeug über die hohen Wellen hinweg. Die vordere Hälfte liegt in der Luft, wenn es oben über den Wellenkamm klettert, kippt dann nach vorn herunter, und bergab schießt das gebrechliche Ding, um für kurze Zeit im Wellenthal zu verschwinden. Die Ruderer bücken sich mit kurzer schneller Bewegung weit nach vorn, die Ruder senken sich ins Wasser, die Männer heben sich wieder und das von den Rudern nach hinten geworfene Wasser spritzt hoch auf; der Vordertheil des Fahrzeugs ist in Wasserstaub eingehüllt, wenn er aus der Luft in das Wasser zurückfällt, sonst sieht man an dem Bug nur eine leicht gekräuselte, nach hinten verlaufende Linie, an welcher der Kenner sieht, daß das Fahrzeug sich außerordentlich schnell durch das Wasser bewegt und wol eine Geschwindigkeit von 1½ deutschen Meilen und mehr in der Stunde hat. Die in demselben befindlichen Personen sind anscheinend vier Europäer und zwei Eingeborene, denn vier sind bekleidet und zwei sind nackt.
Mit den Europäern hatte ich mich indeß getäuscht. Das Kanu kommt längsseit und wir sehen schon an den Gesichtszügen, daß alle Insassen Polynesier sind. Ein Mann steigt als erster aus und kommt an Bord, eine große kräftige Gestalt in dunkeln Hosen, darüber flatternd ein reines, mit braunen Blumen besprenkeltes weißes Hemd, ein schwarzer Filzhut auf dem Kopf und unten barfüßig. Er hat angenehme Gesichtszüge, sein Nasenschnitt erinnert an denjenigen der nordamerikanischen Indianer, sein langes Haar ist sehr voll und leicht gekräuselt, das Gesicht bartlos, die Hautfarbe braungelb und ziemlich hell, und vor allem ist der Mann sauber. Ein zweiter folgt, ist ähnlich gekleidet, hat kürzeres Kopfhaar, etwas Bart, einen schwermüthigen Zug im Gesicht, gebogene schmale Nase, spricht englisch und gibt sich als geborener Tonganer zu erkennen, welcher längere Zeit in San-Francisco gewesen ist und die deutsche Flagge kennt. Diesem haben wir wol den freundlichen Empfang zu verdanken, welcher uns später wurde. Er stellt den zuerst aufs Schiff Gekommenen als den Häuptling von Omoa vor. Der dritte ist ein kleiner, pfiffig aussehender Geselle, welcher sein Hemd schon in die Hosen eingesteckt trägt. Er ist Kajütsjunge auf einem amerikanischen Walfischfänger gewesen und spricht ebenfalls englisch. Der vierte, etwas reducirt in seiner Kleidung, schon älter an Jahren, mit intelligentem Gesicht, ist ein Sandwich-Insulaner und spricht auch englisch. Der fünfte und sechste sind prächtige nackte Kerle, nur mit dem Maro bekleidet, einem Kleidungsstück, welches auch von den japanischen Kulis getragen wird. Ein als Gürtel zusammengedrehtes Stück Zeug ist um die Hüften geschlungen und dient zur Befestigung eines zweiten Zeugstücks, das vom Nabel ausgehend, zwischen den Beinen durchgenommen und hinten an dem Gürtel wieder befestigt wird. Bei diesen Leuten, welche die richtigen Repräsentanten des hiesigen Menschenschlags sind und zwei ausgesucht schöne Exemplare zu sein scheinen, muß ich etwas länger verweilen.
Die Haare sind seitlich gescheitelt und werden, mit Ausnahme zweier Zöpfe, welche von den Ohren aus herabhängen, lang und weit abstehend getragen. Der ganze Körper ist tätowirt und theilweise mit wirklich künstlerischen Mustern versehen, welche dem Menschen ein ganz eigenartiges Aussehen geben. Namentlich tritt dies grell bei dem Gesicht hervor, weil die Malerei hier ganz unsymmetrisch angeordnet ist. Scheinbar zwischen den Haaren herauskommend, bedeckt ein blaues Dreieck die eine Seite der Stirn; unter diesem Dreieck läuft ein blaues Band horizontal über die Augen, welches oberhalb der Augenbrauen beginnt und sich bis zum halben Nasenrücken erstreckt. Innerhalb dieses Bandes ist mit Ausnahme der gelblich-weißen Hornhaut des Auges kein heller Fleck zu finden, weil sogar die Augenlider mit großer Sorgfalt ganz blau gebeizt sind. Daß die aus solch blauer Umgebung keck und frisch hervorleuchtenden großen schwarzen Augensterne beim ersten Anschauen einen wilden Ausdruck zu haben scheinen, liegt auf der Hand; das erste Befremden schwindet aber, sobald man sich erst gewissermaßen eine geistige Brille aufgesetzt hat, um die eigentlichen Augen herauszufinden, und hat man sie gefunden, dann lacht einem ein gutmüthiger Schalk entgegen. Etwas oberhalb der Nasenspitze beginnt ein zweites Band, welches bis unter die Unterlippe reicht. Dieses ist jedoch nicht ganz blau, sondern hat willkürlich offen gelassene helle Flecken, welche kleinere Muster in sich tragen, wie denn auch das in der Mitte des Gesichts quer über die Nase laufende helle Band mit kleinen Mustern verschiedener Art ohne bestimmte Ordnung ausgefüllt ist. Die Malerei des Gesichts erhält ihren Abschluß am Kinn durch ein dem Stirndreieck diametral gegenüberliegendes kleines Dreieck. Es liegt auf der Hand, daß ein solches Gesicht, welches durch seine natürliche hellbraune Farbe, durch frisch-rothe Lippen und schöne weiße Zähne noch bunter wird, das äußerste Befremden erregt, zumal wenn der Eigenthümer einer solch bunten Musterkarte dieselbe noch zum Lachen verzieht und seine Augen fröhlich hin- und herlaufen läßt. Das Auge des Beschauers findet in solchem Gesicht nirgends Ruhe, alles ist darin unregelmäßig und daher sowol scheinbar, wie auch in Wirklichkeit in fortwährender Bewegung. Während in einem natürlich gefärbten Gesicht Muskelbewegungen schon stärker sein müssen, um einen andern Ausdruck hervorbringen zu können, genügt hier die geringste Bewegung, um die Malerei zu verändern und das Gesicht zu einem andern werden zu lassen. Ueber die Tätowirung des übrigen Körpers ist nur zu sagen, daß sie mit großer Sorgfalt durchgeführt ist und manch schönes Muster enthält. Besonders bevorzugt sind dabei Arme und Hände, Unterschenkel und Füße; auf den Armen findet man in der Regel auch noch den eigenen Namen, sowie solche naher Freunde.
Das Kanu, in welchem die Leute gekommen sind, ist ein außerordentlich zierliches, leichtes Fahrzeug. Es ist aus zwei Stämmen des Brotfruchtbaumes zusammengesetzt; der eine Stamm gibt den Boden, der andere auseinandergeschnitten die Seitenwände. Da dieses lange, schmale und flache Fahrzeug nun aber gar keine Stabilität hat und daher auf See stets umschlagen würde, so haben diese Naturvölker sich eine sehr sinnreiche Sicherung angebracht. Auf ein Viertel der Länge von vorn und ein Viertel von hinten ist je ein leichter Baumstamm quer über dem Boot befestigt, welcher an der einen Seite etwa 1 m über das Boot hinausreicht, an der andern mit der Seitenwand des Fahrzeuges abschneidet. An den Enden der über das Boot hinausreichenden Arme sind (meistens senkrecht) nach unten Stäbe befestigt, welche ebenso lang wie das Boot hoch sind und an ihren untern Enden einen mit dem Boot nahezu parallel laufenden, nach vorn etwas divergirenden Balken von ungefähr zwei Drittel der Bootslänge tragen. Die Schwimmkraft dieses Balkens ist so groß, daß das Boot nach der Seite, welche den Schwimmer trägt, nicht umschlagen kann, andererseits ist das Gewicht des Schwimmers ausreichend, um das Umschlagen desselben nach der andern Seite zu verhindern, solange es nicht gar zu ungeschickt behandelt wird und die Befestigung des Hebelbalkens hält. Die Arbeit an dem Kanu ist roh, alle die schönen Zierathen, welche man häufig auf Bildern findet, fehlen hier, die Formen des 10 m langen und 1 m breiten Fahrzeuges sind aber sehr gefällig und das ganze Kanu sieht aus einiger Entfernung zierlich und elegant aus.
Nachdem wir uns gegenseitig begrüßt hatten, gingen die Eingeborenen zunächst durch das ganze Schiff, um sich dasselbe anzusehen, und bekamen dann, als sie auf das Deck zurückgekehrt waren, etwas zu essen. Eine große Schüssel voll Bohnen wurde auf eine auf dem Deck ausgebreitete Presenning gesetzt, Corned-beef und Brot dazu gethan, die Insulaner herbeigeholt und jedem von ihnen ein Löffel in die Hand gegeben, nachdem vorher einige Aufpasser bestellt waren, welche diese als diebisch bezeichneten Menschen stets unter Aufsicht halten sollten. Hätte ich bei dieser Gelegenheit schon, wie wenige Stunden später, gewußt, welch großen Werth die Leute auf äußere Formen legen, ich hätte ihnen zu dem Zweck einen abgeschlossenen Raum angewiesen, so aber stand ich noch unter dem Eindrucke der Reiseberichte und glaubte, diese Leute dementsprechend behandeln zu müssen. Sie gruppirten sich hockend um die Schüssel, ließen dem Häuptling ziemlich viel Platz, indem die andern dicht zusammenrückten, und schienen sich an dem Gericht recht zu erlaben. Ohne Gier, mit Würde und Anstand aßen sie die für zehn Mann berechnete Portion ziemlich schnell auf, ließen aber doch von jeder Speise etwas zurück, legten dann die Löffel, welche sie mit Geschick gebraucht hatten, ordentlich zusammen und verließen den Speiseplatz. Die vier bekleideten Honoratioren kamen auf die Commandobrücke, um sich zu bedanken; die beiden andern kletterten wieder in ihr Kanu.
Gegen 1½ Uhr hatte die Maschine Dampf, die Segel wurden festgemacht, und unter Annahme der Lootsendienste, welche die Eingeborenen anboten, ging es nach dem Ankerplatz, wo wir gegen 2 Uhr ankerten. Ich entschloß mich, sogleich an Land zu gehen, um den Ort zu besichtigen und namentlich zu versuchen, für meine Mannschaften einigen frischen Proviant zu erhalten. Vorher wollte ich dem Häuptling noch eine Freude machen und rief ihn in die Kajüte, um ihm ein wollenes Hemd zu schenken. Die drei andern kamen natürlich mit und ich mußte nun, ehe ich mein Geschenk los werden konnte, Zeuge einer sehr komischen und doch zu ernstem Nachdenken anregenden Scene sein.
In der Vorkajüte stehen an einer Wand auf Sockeln drei Statuetten nebeneinander, in der Mitte die Ariadne von Dannecker, in ein Drittel Lebensgröße, rechts die Venus Kallipygos, links die Mediceische Venus, beide in ein Viertel Lebensgröße. Die Blicke der Insulaner schweifen an den Wänden entlang, über die dort hängenden Bilder hinweg und bleiben dann beim Umwenden plötzlich an diesen Statuetten hängen. Mit offenem Mund und weit geöffneten Augen stehen die Leute stumm da, sehen mich einen Augenblick an, richten aber ihre Blicke wieder schnell auf die Bildwerke und stoßen, mit halberstickter Stimme nach Athem ringend, nur den Staunensruf „'Ai! A-i!'“ aus. Die einzige Frage, welche sie noch zu stellen wagen, ist die, ob das Thier, auf welchem die Ariadne sitzt, wirklich ein Bär sei. Von den Männern wilder oder halbcivilisirter Völkerschaften darf man ja nie äußere Zeichen des Staunens erwarten, weil es bei ihnen zum guten Ton gehört, gegen Fremdes Gleichgültigkeit zu heucheln; die Sinne dieser Männer mußten daher sehr gefesselt sein, wenn sie sich soweit vergaßen, wie sie es gethan haben. Ich war nun aber nicht sicher, ob das Erstaunen nur der künstlerischen Arbeit oder den schönen classischen Formen galt, wollte jedoch Gewißheit haben. Ich rufe die Leute daher in mein Arbeitszimmer, wo zwei colorirte Bilder hängen, welche zwei duftige leichtbekleidete Mädchengestalten mit bunten Bändern im Haar darstellen. Auf den Zehenspitzen folgen sie mir, das ganze Gesicht nur Staunen und Verwunderung. Ich fordere sie auf sich umzudrehen, und in stiller Andacht bleiben sie vor diesen zarten Mädchenblumen stehen, welche durch weiter nichts als durch ihre feinen Farben zur Geltung kommen. Kein Auge wenden sie von den Bildern, als ob sie dieselben sich für immer einprägen wollten, und ich muß sie schließlich hinausdrängen. Nur mit Widerstreben folgen sie, und ihre etwas verdüsterten Mienen hellen sich erst wieder auf, als sie in der Vorkajüte die Puppen wiederfinden und ich sie auffordere, dort solange Platz zu nehmen, bis ich meinen Anzug für den Landgang in Ordnung gebracht habe. Ich unterließ aber nicht, die Thüre zwischen uns offen zu halten, um diese angeblich diebischen Menschen beobachten zu können, obgleich die offenen, ehrlichen Gesichter eigentlich jeden Verdacht beseitigen müssen. Die Statuetten haben es den Naturkindern aber so sehr angethan, daß sie heute keine Zeit zum Stehlen finden, wenn sie auch sonst Neigung dazu verspüren sollten -- nur diese ziehen magnetisch ihren Blick an, alles andere ist für sie nicht vorhanden.
Als ich fertig war, rüttelte ich meine Gäste auf, gab dem Häuptling das ihm zugedachte Hemd, welches er kurzer Hand über sein anderes zog, und nun ging es in mein Boot, nachdem die Eingeborenen jede Vergütung für die dem Schiffe geleisteten Lootsendienste entschieden abgelehnt hatten. Einige Offiziere schlossen sich dem Landgange noch an und wir mußten eilen, wenn wir noch etwas am Lande sehen wollten, weil der Weg zum Dorfe weit war und bei Dunkelheit unpassirbar sein soll, wir aber jedenfalls vor Abend wieder auf dem Schiff sein mußten, wollten wir nicht mit einem sehr unbequemen Nachtlager vorlieb nehmen. Das Landen mit schweren Schiffsbooten ist hier stets sehr beschwerlich, weil man nur an einer Klippe landen kann und hier die See immer hoch geht. Die leichten Kanus laufen einfach auf den beim Dorfe liegenden Sandstrand, lassen sich von den hoch auflaufenden Wellen wie eine Blase auf den Sand werfen und werden dann schnell ganz aufs Trockene gezogen; die Leute sind dabei aber auch gewöhnlich ganz im Wasser, weil die Brandung so stark ist, daß das Fahrzeug, ehe es das Land erreicht, durch den Gischt der Brandung hindurch muß. Mit den Schiffsbooten kann man eine solche Landung nicht wagen und für diese liegt die Landungsstelle weitab vom Dorfe an den Felsen, wo an der am weitest vorspringenden Stelle ein platter Stein aus dem Wasser hervorragt. Die See bricht merkwürdigerweise nur sehr selten über diesen Stein weg, sondern zertheilt sich vor demselben und läuft an beiden Seiten vorbei. Diese Eigenthümlichkeit gestattet den Booten so dicht heranzugehen, daß man vom Boot aus auf den Stein springen kann, doch ist auch hierbei Vorsicht nöthig, weil das Auf- und Niederwogen des Wassers immerhin so stark ist, daß das Boot, wenn es durch eine ungeschickte Bewegung an den Felsen geworfen wird, auch an ihm zerschellt. Ohne die Hülfe der Eingeborenen hätten wir an diesem Tage, weil der Seegang infolge des starken Windes der letzten Tage sehr hoch war, überhaupt nicht landen und auch kaum den Weg nach dem Dorfe machen können, denn wahrscheinlich wären wir sehr bald durch die Brandung von den Felsen heruntergerissen worden. Die Leute waren wirklich rührend sorgsam mit uns und führten und leiteten uns, wie die Mutter ihr Kind, wobei man es ihren Gesichtern ordentlich ansah, wie besorgt sie waren, daß wir nicht zu Schaden kämen.
An der Landungsstelle angekommen, sahen wir wol, daß mit einem geschickten Sprung ans Land zu kommen ist, wir fanden aber auch, daß ein Fehlsprung sicher ins Wasser führt und daß man bei dem Sprung auf den glatten Stein auch nicht das Gleichgewicht verlieren darf, denn sonst schlägt man auf die scharfen Felsen und kann sicherlich auf eine erhebliche Verwundung rechnen. Unsere Freunde wissen das auch zu beurtheilen, denn als ich von dem bei solchen Gelegenheiten etwas zweifelhaften Vorrecht des Aeltesten, als erster den Vortritt zu nehmen, Gebrauch machen will, werde ich festgehalten und neben mir springt der Sandwich-Insulaner zwar nicht auf den Stein, aber mit seinem einzigen Anzug auf dem Körper in das Wasser und schwimmt wassertretend wie ein Frosch vor dem Felsen. Ich verstand nicht, was der Mann beabsichtigte, der Stein hat vollkommen senkrechte glatte Wände und das Niveau des Wassers liegt etwa 1½ m unter der Plattform des Steins, sodaß ein Erreichen des Steins vom Wasser aus unmöglich erscheint. Der Mann kennt die Situation aber besser. Nach kurzer Frist steigt das Wasser plötzlich 2-3 m, flutet über den Stein weg, fließt ab und unser Insulaner steht auf dem Stein, um uns nunmehr die Hand zu reichen. Nach und nach, je nachdem das Auflaufen der Wellen das Boot zum Abrudern zwingt oder ihm gestattet nahe heranzukommen, werden alle Personen glücklich gelandet und wir betreten einen Weg, wie man ihn nicht oft in seinem Leben geht. Da die Bergwände zu steil sind, um auf ihnen ohne gebahnten Pfad gehen zu können, die Eingeborenen in einem solchen Weg aber keinen Nutzen sehen, weil die vorhandenen ihnen genügen, so war für uns auch nur der eine Weg am Strande entlang über die Klippen vorhanden. Das Stück, welches wir auf diese Weise zurückzulegen hatten, betrug etwa 40 Minuten, weit genug, um ohne Zaudern loszumarschiren, wenn wir vor Eintritt der Dunkelheit zurück sein wollten.
Ein solcher Klippenweg hat die Eigenthümlichkeit, daß man nicht eben weggehen kann, sondern unausgesetzt die Richtung ändern muß. Einmal muß man sich nach links wenden, dann nach rechts, wie die vorspringenden Steinspitzen gerade am bequemsten liegen, oft muß man mehrere Fuß tief hinunterspringen und dabei gut darauf achten, den richtigen Stein zu treffen, dann muß man das wieder mühsam hinaufklettern, was man vorher hinuntergesprungen ist. Hat man nun hierbei nur auf den Weg zu achten, dann geht es noch, hier heißt es aber noch unausgesetzt die Brandung im Auge zu behalten. Dieses Zusammentreffen der ruhelos auflaufenden Brandung mit einem an sich schon beschwerlichen Wege macht diesen geradezu gefahrvoll, und hier erwiesen sich die Eingeborenen in so sorgsamer Weise nützlich. An diesen Weg gewohnt und mit ihren nackten Füßen sehr viel sicherer auf den Beinen, sind sie mehr befähigt, auf Weg und Brandung zugleich zu achten, und verstehen auch zu beurtheilen, wie weit das Wasser jedesmal steigt. So lassen sie uns zeitweise plötzlich halten, und dicht vor uns werden höher liegende Felsen als diejenigen, auf welchen wir stehen, von der hellen klaren See überspült; dann wieder lassen sie uns auf einen andern Stein springen oder gar in eine Vertiefung, und um uns herum steht alles in voller Brandung, während wir trocken bleiben, müssen dann aber schnell auf einen der eben erst bespülten Steine flüchten, weil das abfließende Wasser nun unsern letzten Zufluchtsort ausfüllt. So kommen wir endlich zu dem Dorfe, zwar ohne von dem Seewasser durchnäßt zu sein, trocken sind wir aber nicht, denn die Anstrengung des Weges hat allen Schweiß aus unserm Körper herausgepreßt, den er überhaupt abgeben konnte. Trotz des einsetzenden starken Regens benutzen wir unsere Regenschirme nicht, weil wir ja doch schon durch und durch naß sind. Das Anerbieten unserer Führer, uns durch einen ein Fuß tiefen Fluß zu tragen, lehnen wir auch ab, weil es für unsere brennenden Füße eine Wohlthat ist, dieselben in dem kühlern Wasser zu erfrischen. Von dem Dorf und seinen Bewohnern sehen wir zunächst nichts, weil ein wüthend brennender Durst erst nach irgendwelchem Getränk verlangt.
Der Häuptling führt uns zunächst in seine Wohnung, wo seine Frau uns empfängt. Um uns herum kribbelt und krabbelt es, mit der Gesellschaft in Ordnung kommen können wir aber erst, nachdem wir mit großer Gier die Milch einiger frischer Kokosnüsse getrunken haben. Endlich sind wir wieder Menschen und können nun Umschau halten. Wir sind in einem Holzhäuschen, welches aus einem Flur mit zwei daranstoßenden Zimmern besteht; die drei obersten von uns sitzen auf Stühlen, ein Holztisch ist vorhanden, an der Wand hängt ein Crucifix. Auf unsere Verwunderung über dieses behagliche Häuschen wird uns die Antwort, daß es das Haus des frühern Missionars ist und nach dessen Abgang mit sämmtlichem Inventar in den Besitz des Häuptlings übergegangen ist. Der Häuptling sitzt, nur mit Hosen bekleidet, auf einer Kiste, die beiden Hemden hat er also inzwischen schon ausgezogen; sein Oberkörper ist nur wenig tätowirt. Des Häuptlings Frau sitzt neben mir; sie ist von mittlerer Statur, hat eine schmale gebogene Nase, brennende Augen, bis zur Schulter reichendes schlichtes Haar und eine hellbraune Hautfarbe; ihr angenehmes und hübsches Gesicht hat einen schmerzlichen Zug. Ihre Kleidung besteht aus einem langen, bis zu den Knöcheln reichenden und mit Aermeln versehenen rothen Gewand, unter welchem sie noch ein gelbes, hemdartiges Kleidungsstück und darunter den Maro hat, welchen die Frauen ebenso wie die Männer, Mädchen und Kinder tragen. Ihre Beine und Arme sind tätowirt; Arm und Schulter zeigt sie uns auf Verlangen und würde uns wol auch ihr Bein gezeigt haben, wenn wir danach verlangt hätten. Als Begrüßung reicht sie uns die Hand, nickt graziös mit dem Kopf und verzieht das Gesicht zu einem angenehmen Lächeln; die ganze Begrüßung ist nach europäischem Geschmack so vornehm und fein, daß manche europäische Dame sich ein Beispiel daran nehmen könnte. Ich biete meiner freundlichen Nachbarin meinen ganzen Cigarrenvorrath an, welches Geschenk sie aber erst nach erfolgter Aufforderung ihres Mannes annimmt; sie zündet sich eine an und vertheilt die übrigen an die Anwesenden, welche nur aus Männern und Jungen bestehen, aber was für Männer und Jungen! Ein Maler würde in dieser Modellsammlung schwelgen. Die Erwachsenen sind durchweg kräftige, aber elegante schlanke Gestalten von über Mittelgröße, alle Glieder schön und ebenmäßig; die Gesichtszüge sind wegen der Tätowirung schwer zu erkennen, doch sieht man so viel, daß dieselben im Durchschnitt hübsch sind und Intelligenz verrathen, jedenfalls in der letztern Beziehung hoch über dem Ausdruck der Gesichter unserer niedern Volksklassen stehen, obgleich die Leute keine Schulzeit durchgemacht haben. Die Tätowirung des Körpers ist so stilvoll durchgeführt, daß man, wie früher schon erwähnt, die mangelnde Kleidung nicht vermißt; die Leute sind entschieden, so wie sie sind, anständig angezogen. Die Männer tragen auch noch Schmuck, entgegengesetzt unserer Sitte, während die Frauen sich hier nur mit Blumen zieren. Der Schmuck besteht aus Halsketten von bunten geschliffenen Glasperlen, nachgeahmten Korallen, auch zusammengereihten bunten Früchten, aus goldenen Ringen und Ohrringen, Blumen im Haar und in den an 1 cm großen Löchern der Ohrläppchen; als besonderer Schmuck wird auch noch ein Schlüssel angesehen, der um den Hals gehängt wird. Einige tragen Matrosenmesser; Waffen sind sonst nicht zu sehen, weil sie, wie schon erwähnt, einheimische Waffen nicht mehr besitzen. Die anwesenden Jungen im Alter von 6-14 Jahren sind wahre Prachtbengel, nur mit dem Maro bekleidet, daher ziemlich nackt, weil sie noch nicht tätowirt sind. Sie sind von heller braun-gelber Hautfarbe und haben offene, freundliche und hübsche Gesichter, in welchen sich schon ein gewisses Selbstbewußtsein ausspricht, denn sie dürfen mit den Männern zusammen sein, zu denen sie gehören und mit welchen sie schon alles theilen. Man sieht es diesen Jungen an, daß sie gut behandelt werden; unsere Dolmetscher bestätigen auch, daß die hiesigen Eingeborenen viel auf Kinder halten und sie gern haben. Ich stelle sie auf die Probe und frage, ob ich nicht einen Jungen kaufen oder eintauschen könne, erhalte aber nur eine freundliche, jedoch ganz bestimmte Abweisung. Da sich unter den Knaben auch einer mit hellerer Hautfarbe und blondem Haar befindet, welcher nach Angabe des Dolmetschers einen Weißen zum Vater hat, so frage ich, ob ich denn nicht diesen Bastard einhandeln könne. Die Antwort war, daß schon der Kapitän eines Walfischfängers sich alle erdenkliche Mühe gegeben habe, dieses Kind zu erhalten, der Adoptivvater (augenblicklicher Mann der Mutter) wolle es aber nicht hergeben und halte mehr von ihm wie von seinen eigenen Kindern.
Im allgemeinen fällt mir der nette, liebenswürdige Verkehr unter diesen Eingeborenen auf. Man sieht nur freundliche Gesichter; eine freundlich gestellte Bitte von einem Erwachsenen an einen andern, von einem Erwachsenen an einen Jungen, oder umgekehrt, wird sofort ohne Zaudern mit freundlichem Gesicht gewährt. So stehen und hocken die Männer und die Jungen an den Wänden, verhalten sich anständig und im ganzen ruhig, weil wir ja ihr Interesse vornehmlich erwecken.
Während wir hier im Hause des Häuptlings sitzen, werden Geschenke für mich herbeigebracht. Der Häuptling und der Tonganer schenken mir jeder einen Strauch Bananen; von dem kleinen Pfiffigen erhalte ich zwei Hühner, fünf Eier und einige Apfelsinen. Auf meine Frage, welches Gegengeschenk ich zu geben habe, wird mir die Antwort, daß sie kein solches erwarten; wolle ich ihnen aber etwas schenken, dann würde alles, was ich nicht mehr gebrauchen könne, dankbar angenommen. Ich schenkte später den Leuten ein Messer, eine Flasche Rum, einen Sack Hartbrot, Cigarren, Streichhölzer und noch einige Kleinigkeiten.
In dem Hause war es mittlerweile unerträglich warm geworden, und da wir auch noch etwas sehen wollen, entschließen wir uns zum Aufbruch und werden nun, infolge des anhaltenden Regens, vorläufig in ein anderes Haus, eine unverfälschte ortsübliche Hütte geführt, wo wir auch Damengesellschaft finden. Die Hütten sind alle gleich, und so genügt es eine zu beschreiben.
Auf eingegrabenen Pfählen ruht ein Dach, dessen Sparren aus Bambusstäben bestehen und dessen Decke durch eine aus Palmblättern geflochtene Matte gebildet wird, welche ziemlich regendicht ist und 5-6 Jahre vorhalten soll. Mit ebensolchen Matten sind die Längswände der Hütte geschlossen, die Schmalseiten sind offen. Die Hütte ist ungefähr 10 m lang, 3 m breit und in der Mittellinie 4 m hoch. Der Fußboden der Hütte liegt etwas mehr als 1 m über dem ihn umgebenden Erdboden und wird in der Weise hergestellt, daß der innerhalb der Pfähle liegende Raum bis zu der genannten Höhe mit großen glatten Steinen ausgefüllt wird, sodaß das etwa durch das Dach sickernde Wasser zwischen den Steinen ablaufen kann; auch wird das Ungeziefer, wie Ameisen u. s. w., wol die glatten Steine meiden. In solcher Hütte sitzt man luftig, kann aber die andachtvolle Ruhe und die herrliche Scenerie nicht genießen, denn der Schöpfer hat dafür gesorgt, daß diese Menschen, welche sonst in paradiesischer Trägheit ihr Leben verbringen, auch Bewegung finden. Denn wie bei uns die Thiere im Walde und auf der Weide durch allerlei Geschmeiß zu fortwährender Bewegung getrieben werden, so peinigen hier ungezählte Massen von Fliegen die Menschen. Sie sind eine wahre Landplage, und alles Fächeln unserer braunen Freunde hält sie von ihren eigensinnig wiederholten Angriffen nicht ab. So begrüßen wir es als eine wahrhafte Erlösung, als es endlich aufhört zu regnen. Das Anerbieten des Tonganers, mich auf die nächste Höhe zu führen, um von dort aus einen Ueberblick über das ganze landschaftliche Bild zu erhalten, mußte ich der vorgerückten Zeit wegen ablehnen und wir gehen statt dessen an den Strand zu den dort liegenden Hütten und der dort in größerer Zahl versammelten Damenwelt. Wir werden überall freundlich empfangen, die Verständigung erfolgt durch Zeichen und Lachen, und die so geführte Unterhaltung hält sich in den Grenzen feinen Anstandes; die berichtete Schamlosigkeit und Gemeinheit können wir hier nicht entdecken.
Der Anzug der Frauen besteht theilweise, und wol nur bei den Wohlhabenderen, aus dem bei der Häuptlingsfrau schon beschriebenen langen Hemde, in der Regel aber nur aus einem Stück Zeug aus Baumwolle oder selbstfabricirtem Stoff, welcher aus der Rinde des Maulbeerbaumes gefertigt wird. Der Anzug wird mit diesem in der Weise hergestellt, daß das Zeug unter den Armen um den Leib geschlungen wird und dann bis zur Erde reicht, beim Sitzen aber bis zu den Hüften heruntergleitet.
Ich unterscheide unter den hier versammelten Frauen vier verschiedene Typen, welche wahrscheinlich durch wiederholte Kreuzung entstanden sind. Die große Mehrzahl hat stark krauses schwarzes Haar, welches bis zur Schulter reicht und nach allen Seiten ungefähr 15 cm weit absteht, große schwarze brennende Augen, breite aber wohlgeformte Nase, großen Mund und hellbraune Hautfarbe. Eine zweite Klasse hat dasselbe Haar, jedoch mit röthlichen Strähnen durchzogen, kleinere Augen und Nase und ist kleiner an Körper. Die dritte Klasse hat schlichtes schwarzes Haar, welches auch nur bis zur Schulter reicht und wol der Mode halber abgeschnitten ist, eine schmale schöne Nase, stimmt jedoch sonst mit der ersten Klasse überein. Die vierte Klasse hat nur einige wenige Vertreterinnen; sie haben schlichtes schwarzes Haar, große schwarze sinnende Augen, feine leicht gebogene Nase, kleinen Mund und eine ganz hellgelbe Hautfarbe. Bis auf die zweite Klasse sind alle über Mittelgröße, einige sind sehr groß. Die Körperformen sind bei allen ebenmäßig und schön; alle sind gut gewachsen und haben volles üppiges Fleisch. Die der Insel ursprünglich angehörige Rasse glaube ich in der ersten Klasse zu finden, wogegen die vierte Klasse, welche man für Südeuropäer halten kann, wahrscheinlich viel weißes Blut hat. Ehe ich zu beweisen suche, weshalb man bei den Männern nicht so scharf ausgeprägte Typen unterscheiden kann, muß ich noch einer Frau der vierten Klasse Erwähnung thun. Auf dem hochgelegenen Fußboden eines Hauses saß halb mit dem rechten Bein, das linke auf dem Erdboden, an dem äußern Rand eine lichte Gestalt in unnachahmlicher Grazie, den rechten gekrümmten Arm gegen einen Pfahl lehnend, den schön tätowirten linken Arm mit der Hand im Schoß, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Der obere Theil ihres Gewandes ruhte auf den Hüften. Sie war eine vollendete Schönheit und sollte, soweit die Eingeborenen rechnen können, 35 Jahre alt sein. Ich konnte dem von ihr ausgehenden Zauber nicht widerstehen und trat mit dem Dolmetscher näher heran, zumal ich auch nicht glauben konnte, daß dieses zarte feine Gesicht und der jugendlich üppige Körper in diesem Klima schon 35 Sommer gesehen haben sollen. Trotz ihrer freundlichen Begrüßung lag im Auge der Frau so viel Abweisendes, als ob sie sagen wollte: „Rühre mich ja nicht an!“ Ich ließ ihr durch den Dolmetscher sagen, daß ich mir gern ihren tätowirten Arm ansehen möchte, worauf sie mir mit zufriedener Miene ihre kleine, schön geformte Hand reichte, damit ich mir das Muster, welches ich weiter unten beschreiben werde, genau ansehen konnte.
Daß man in dem Aussehen der Männer so wenig Verschiedenheit findet, liegt wol hauptsächlich in der Tätowirung. Die früher genannten vier Insulaner in europäischer Kleidung, welche sämmtlich nicht im Gesicht tätowirt sind, haben dagegen ganz verschiedene Gesichtszüge, doch gehören nur zwei von ihnen dieser Insel an, und von diesen ist der Häuptling groß mit breiter gebogener Nase, der Pfiffige klein mit langer schmaler Nase. Dies beweist aber auch noch nichts, weil auf den Südsee-Inseln die Häuptlinge immer größer an Gestalt sind und andere Gesichtszüge haben, als ob sie einer andern Rasse angehörten. Als besonders auffällig erschien mir bei unserm kurzen Besuch, daß sowol die nackten tätowirten Männer als auch die Jungen unter sich alle gleich aussehen. Die Männer haben durchgehends krauses schwarzes Haar, dunkle Augen, theilweise gebogene, theilweise breite Nasen, und man muß sehr genau hinsehen, um aus diesen bunten Gesichtern überhaupt bestimmte Formen herausfinden zu können. Die Jungen haben schlichtes kurzes Haar, große Augen, großen Mund und ebenfalls theilweise gebogene, theilweise breite Nasen.
Noch einmal auf die Frauen zurückkommend muß ich erwähnen, daß sie das Haar in der Mitte gescheitelt tragen und anscheinend in guter Pflege halten, denn bei ihnen waren ebenso wenig wie bei den Männern Spuren von Ungeziefer zu entdecken. Die Frauen tätowiren sich in die Lippen senkrechte blaue Striche ein, welche so unmotivirt sind und mit keinerlei Gesichtszügen in Verbindung stehen, daß sie das Gesicht entschieden verunstalten. Während die frühern Reisebeschreibungen sagen, daß die Frauen nur auf den Lippen tätowirt sind, haben wir diese Sitte bei ihnen auch auf andere Körpertheile ausgedehnt gefunden. Wie ich schon erzählt habe, hat die Frau des Häuptlings Arme und Beine tätowirt, wir finden dasselbe hier am Strande noch bei mehrern andern Frauen. Die Tätowirung des Armes reicht in der Regel von den Mittelgelenken der Finger bis zu dem halben Unterarm, besteht aus sich kreuzenden feinen Linien, welche ziemlich dicht zusammenliegen, auf dem Rücken der Hand und vor dem Abschluß am Arm aber ein offenes spitzenähnliches breites Band bilden, sodaß es aussieht, als ob die betreffende Person fein gewirkte lange Filethandschuhe anhabe; bei der Häuptlingsfrau geht das Muster bis zur Schulter. Die Tätowirung des Beines erstreckt sich von den Zehen über den Fuß und das ganze Bein bis zu den Hüftgelenken, bei einzelnen jedoch nur bis etwas über das Knie, und hier konnte man wähnen, feine Filetstrümpfe nach französischem Modell vor sich zu haben. Als wir den Wunsch äußern, ein solches Bein zu sehen, zaudert das betreffende Mädchen erst, schlägt aber nach Aufforderung der umstehenden Männer sichtlich verschämt das Tuch so weit zurück, daß man das Bein sehen kann. Es hat schöne Formen, reiche und schöne Muster, die Haut ist zart und weich.
Das Tätowiren der Männer nimmt viele Jahre in Anspruch, denn es beginnt mit dem 14. Lebensjahr und wird so ziemlich bis zum Lebensende fortgesetzt. Eine solche Procedur auf einmal ohne Unterbrechung ausgeführt würde vielleicht ebenso den Tod nach sich ziehen, als wenn ein Mensch bis zu zwei Drittel seiner Hautfläche verbrüht wird. Die ersten Linien werden im Gesicht, an Händen und Füßen angelegt, und die Arbeit, welche nach meiner Schätzung mehr als 30 Jahre in Anspruch nimmt, wird mit dem vorschreitenden Alter weiter durchgeführt; wenigstens habe ich nur einen Mann gesehen, welcher in dieser Beziehung als fertig angenommen werden konnte, und dieser war etwa 50 Jahre alt.
Bei den Mädchen ist es wegen der geringern in Betracht kommenden Hautfläche angängig, die ganze Procedur auf einmal auszuführen und diese soll auch nach dem 14. Lebensjahr bei Gelegenheit von Festen in einem Act ausgeführt werden. Ob es für die Mädchen wirklich ein Fest? Ich habe es in meinen jungen Jahren auch gekostet, wie das Tätowiren thut, und kann nur sagen, daß ein ganz kleines Stück schon schmerzhaft genug ist.
Die Füße und Hände der Frauen sind klein und gut geformt. Die Ohrläppchen haben sehr große Löcher, dieselben sind aber nicht für Ohrringe bestimmt, sondern nehmen Blumen und kleine Sträuße auf. Das Gebiß ist, soweit ich sehen konnte, durchweg gesund, schneeweiß und wird sauber gehalten.
Mit zwei oder drei Ausnahmen habe ich keine kleinen Mädchen gesehen. Meine Frage, ob sie die Mädchen als überflüssig gleich nach der Geburt erwürgten, wurde mit Entrüstung verneint und behauptet, daß diese alle weiter oben in dem sich durch das ganze Thal erstreckenden Dorf seien, wo noch 400 Menschen wohnten. Leider konnte ich mich nicht lange genug auf dieser Insel aufhalten, um noch Zeit für einen Ausflug nach dem obern Dorf zu finden.
Allmählich wird es Zeit, an den Rückweg zu denken, und ich schaue mich nach meinen Sachen um, an die ich gar nicht mehr gedacht hatte. Zu meiner Ueberraschung sehe ich einen ganzen Trupp Männer und Jungen, welche mir dieselben nachtragen. Einer hat meinen Rock, welchen ich der Hitze wegen ausgezogen hatte, ein anderer meinen Schirm, wieder einer meine Bananen u. s. f. Wir nahmen nun Abschied von den Damen, ich ziehe meinen Rock an und entdecke zu meiner Verwunderung, daß kein Stück der in den Taschen vertheilten Kleinigkeiten fehlt, nicht einmal die Schachtel mit Zündhölzern, welche in der jetzigen Regenzeit fast der begehrteste Artikel ist. Die andern Sachen lasse ich den Trägern noch und wir begeben uns nun, nachdem wir der großen Branntweinflasche noch einen Besuch abgestattet hatten, zurück auf den bedenklichen Klippenweg, wo es uns diesmal nicht so gut gehen sollte wie auf dem Herweg, denn als ich an einer Stelle, welche mir durchaus sicher erschien, einen Augenblick stehen blieb, um mit dem mir nachfolgenden Offizier einige Worte zu wechseln, hörten wir beide den Warnungsruf unsers Führers zu spät, standen plötzlich bis unter die Arme im Wasser und lagen dann zwischen den Klippen; dasselbe passirte auch dem größten Theil der Offiziere, weil alle auf dem Rückweg zu unaufmerksam waren. Glücklicherweise nahm indeß keiner größern Schaden; einige Risse in den Hosen und in der Haut waren das ganze Opfer.
Ehe wir das Dorf verließen, fragte mich der kleine Pfiffige, ob ich denn vorher nicht noch eine Frau haben wolle? Als ich darauf die Gegenfrage stelle, ob dies denn angängig sei, sagte er, ich solle mir nur eine aussuchen, denn mit Ausnahme der Häuptlingsfrau ständen alle Frauen und Mädchen des Dorfes zu meiner Verfügung. Um den Mann nicht zu verletzen und die Sache doch kurz abzubrechen, gab ich ihm zur Antwort, daß es dafür heute schon zu spät sei, weil ich auf das Schiff zurück müsse. „Gut“, sagte mein Freund, „ich werde dann zu morgen die Schönsten aussuchen.“ Diese kurze Unterhaltung brachte mich auf den Gedanken, mit den uns begleitenden Männern einige Frauen mit an Bord zu nehmen, damit sie sich das Schiff ansehen und etwas Musik hören könnten. Kaum ausgesprochen -- und mein Führer ist schon auf dem Wege, die Einladung weiter zu befördern. Wir gingen weiter nach dem Boot, wo ich den eben wieder eintreffenden Eingeborenen frage, wie es denn mit den Frauen sei, da ich noch keine auf dem Wege sähe. Er sagt nun kleinlaut, daß sie nicht kommen wollten, da sie sich nicht auf ein so großes Schiff trauten. Als ich eine nähere Erklärung dieser mir unverständlichen Rede forderte, erzählte er, daß vor mehrern Jahren einmal alle Frauen auf einem französischen Kriegsschiff gewesen und dort so mishandelt worden seien, daß sie auf kein Kriegsschiff mehr gingen. Da es heute zu spät geworden war, in der Sache noch etwas zu thun, wiederholte ich meine Einladung für morgen mit dem Bemerken, daß alle Eingeborenen, Männer, Frauen, wie Kinder meine Gäste seien, und diese Einladung wurde mit Freuden angenommen.
Die Einschiffung in das Boot ging ohne weitere Beschwerden vor sich, weil es leichter war, von dem Stein in das tiefer liegende Boot zu springen, doch galt es auch hier gut aufzupassen und den Sprung dicht vor dem Moment zu machen, wo das von einer Welle gehobene Boot einen Augenblick ruhte. Gegen 6 Uhr abends waren wir wieder an Bord.
Den nächsten Vormittag benutzte ich dazu, in meiner Gig nach einer andern kleinen Bai, welche drei Seemeilen von uns entfernt lag, zu fahren, um mir den dortigen Ankerplatz anzusehen und das Dorf, in welchem sich seit kurzem ein deutscher Missionar angesiedelt haben soll, zu besuchen. Bei schönem Wetter erreichen wir bald diese Bai, Hanavava- oder Vierges-Bai genannt. Den Hintergrund derselben bildet ein schönes zerklüftetes Thal, welches, von hohen Bergwänden eingeschlossen, in üppigster Vegetation prangt; wunderlich geformte alleinstehende steile Felsen wachsen scheinbar aus dem dichten Laubdach heraus. Nach der See zu öffnet sich das Thal; schöner Sandstrand, welcher bequemes Landen erlaubt, verbindet Land und See; an den Strand schließen sich schroffe Felsmassen an, welche halbkreisförmig nach der See auslaufen und so nahe aneinander rücken, daß sie hier gewissermaßen ein Felsenthor für den von ihnen eingeschlossenen kleinen Hafen bilden. Das Auge ist entzückt von dem vor ihm liegenden Bilde, findet an Land gekommen aber nichts mehr. Die schönen Bilder, welche durch Berg, Thal und Laub, durch Fels und Meer gebildet werden, entschwinden; ein undurchdringliches grünes Laubdach verwehrt dem Auge jede Fernsicht und zwingt es, zwischen den Hütten der Eingeborenen zu bleiben, welche, ebenso wie ihre Bewohner, im Vergleich zu Omoa einen recht reducirten Eindruck machen; Hütten und Menschen können sich mit denen von Omoa nicht messen. Traurige Fußsteige, welche jetzt, bei dem herrschenden Regen, kaum zu benutzen sind, stellen die Verbindung in dem untern Theil des Dorfes her; weiter hinauf in das schöne Thal, auf die einladenden Berge ist wahrscheinlich gar nicht zu kommen.
In Hanavava angekommen begrüßte uns -- ein Offizier hatte mich begleitet -- der Missionar in französischer Sprache, welchen Gruß ich ebenso erwiderte, weil ich nicht an das Deutschthum dieses Mannes glaubte. Als mein Kamerad aber den Gruß deutsch erwiderte, war das Erstaunen des Missionars groß; mein Erstaunen aber noch größer darüber, daß der deutsche Priester, welcher schon sechs Jahre in überseeischen Ländern gelebt hat, die deutsche Flagge noch nicht kannte. Der Pater war ein geborener Westphale, etwa 30 Jahre alt und der einzige Weiße auf der ganzen Insel. Der Einladung, in sein Haus einzutreten, leisten wir Folge, finden dort ein übermäßig bescheidenes Wohngelaß, in welchem geniale Junggesellenunordnung herrscht. Nur ein Stuhl ist vorhanden, die Schubladen des Tisches beherbergen in trauter Gemeinschaft die verschiedenartigsten Dinge; die wenigen Bücher scheinen hier noch nicht benutzt worden zu sein, einzelne Koffer stehen noch unausgepackt mitten in der Stube. Man sieht an allem, daß der Mann nicht weiß, was er soll und was er will; er ist in eine fremde Welt versetzt, in welcher er nicht zurechtkommt, wahrscheinlich nicht einmal etwas Ordentliches zu essen findet, weil er selbst nicht kochen kann und die Eingeborenen sich von ihm fernhalten. Da er nach dem Inhalt seiner Schubladen nur von Hartbrot zu leben scheint, sein Taback auch verdorben aussieht, so bieten wir ihm das als Theil unsers Frühstücks mitgebrachte frisch gebackene Brot, einige Cigarren und etwas Taback an, damit er doch einmal eine, wenn auch sehr bescheidene Abwechselung habe. Dieses in entsprechender Form gemachte Anerbieten wird auch in freimüthiger, verständiger Weise aufgefaßt und angenommen und durch frische Kokosmilch erwidert.
Der Pater gehört, soweit wir haben herausbekommen können, zu der französischen katholischen Missionsgesellschaft, welche ihren Hauptsitz in Papeete auf Tahiti hat. Die französischen Geistlichen bleiben, wie ich namentlich von anderer Seite gehört und auch selbst beobachtet habe, in Papeete und Port Anna-Maria in bequemen Wohnungen und durchaus civilisirten Verhältnissen, während die ziemlich zahlreich vorhandenen und noch immer nicht klug gewordenen Deutschen auf die verlorenen Posten geschickt werden. Der Pater in Papeete ist der vornehme feine Mann in eleganter Kleidung, der Pater hier ein Tagelöhner im Arbeitskittel. Märtyrerthum ist hier nicht mehr zu holen; kein Eingeborener krümmt irgendeinem weißen Manne mehr ein Haar; aber schlechte Nahrung, weil die Patres von ihren in Papeete im Wohlleben schwelgenden Amtsbrüdern vollständig vergessen werden, schlechte Betten, Mangel einer jeden Geselligkeit und das niederdrückende Gefühl, nichts leisten zu können, sondern eine Null im Weltall zu sein, sind im Ueberfluß vorhanden. Denn ebenso wie die französischen Geistlichen auf Tahiti und Nuka-hiva nichts thun, dafür aber gut leben, thun die deutschen auf den andern Inseln auch nichts, weil die Eingeborenen sich dem Einfluß der Missionare durchaus entziehen, leben aber recht schlecht. Früher war auf dieser Insel ein englischer Missionar, welcher, da er keinen Einfluß auf die Eingeborenen ausüben konnte, seine Missionsarbeit aufgab und sich mit Erfolg auf die Cultur der Baumwolle legte, bis er auch dessen überdrüssig wurde. Er verkaufte sein Besitzthum an die französische Missionsgesellschaft und fuhr nach Hause; jetzt seit sechs Monaten sitzt unser Westphale hier, versucht Unterricht zu geben und sammelt für die Herren in Papeete die Baumwolle ein, weil er keine Eingeborenen dazu bekommen kann. Mit den Erwachsenen hat er allen Verkehr aufgegeben, weil mit diesen doch nichts mehr anzufangen ist, und bei den Kindern, mit welchen er sich noch beschäftigt, hat er auch wenig Hoffnung, weil die Eingeborenen den Nutzen von Lesen und Schreiben durchaus nicht einsehen wollen, im übrigen sich jedem Zwang bis zum äußersten entgegenbäumen. Der Pater will eine Abtheilung Soldaten haben, um gewissermaßen mit dem französischen Bajonette zu taufen, anders sieht er keinen Erfolg. Solch ein Missionar sieht in der Phantasie in Europa ganz anders aus, als hier an Ort und Stelle in der Wirklichkeit. Alle die überspannten, dem Menschenwohl gewidmeten Ideen, welche den Mann in die Fremde getrieben haben, gehen sehr schnell verloren; er findet das alltägliche Leben in der trübsten Gestalt, ohne helfen zu können, und hat dafür einen dankbaren Wirkungskreis aufgegeben. Er sieht, daß sein Wort, seine Begeisterung an der Indolenz dieser Leute wirkungslos abprallen, findet nirgends Befriedigung, wird mismuthig und geht geistiger Umnachtung entgegen, wenn er nicht Lust an der Landwirthschaft findet. Nur einmal noch kommt er wieder zum Aufleben, wenn es ihm gelingt, sich hier loszureißen und nach Hause zurückzukehren. Dort wird er dann als ein Märtyrer betrachtet, welcher die größten Gefahren überstanden hat, und wenn der ehrliche Mann die Verblendeten aufzuklären sucht, wird ihm dies als Bescheidenheit ausgelegt und ihm nicht geglaubt.
Als wir in das Haus des Missionars eintreten, folgen uns, wie das ja auch nicht anders sein kann, so viele Eingeborene -- aber wieder nur Männer und Jungen -- wie nur überhaupt in den Flur des kleinen Hauses hineingehen, ohne indeß das Zimmer, in welchem wir sitzen, zu betreten. Im Laufe der Unterhaltung lenkt der Pater unsere Aufmerksamkeit nach der Thür des Zimmers, in welcher ein alter Herr in europäischer Kleidung steht, den der Pater uns als den Häuptling des Ortes vorstellt und welchem wir die Hand schütteln. Er ist jedenfalls erst so spät gekommen, weil seine Toilette ihn so lange in Anspruch genommen hat, dafür ist dieselbe aber auch so wohl gelungen, daß ich sie näher zeichnen muß. Wo aber anfangen, beim Hut oder bei den bloßen Füßen? Ich werde den Hut wählen. Unter einem alten und altmodischen, anscheinend öfters eingetriebenen schwarzen Cylinderhut steckt ein altes, runzeliges, von einem kurzgeschnittenen weißen Bart eingerahmtes Gesicht voll blauer Malerei. An den Kopf schließt sich ein fest zugeknöpfter, langer, blauer Marine-Offiziersrock an, welcher jedenfalls direct auf die bloße Haut übergezogen ist, weil bei dem Vorhandensein eines Hemdes der Schluß nicht so hermetisch zu sein brauchte. Der Rock ist alt, sehr alt, vielleicht so alt wie sein jetziger Besitzer, obgleich dieser ihn noch nicht sehr lange hat. Als besondere Zierde hat dieses Galakleidungsstück vier Reihen Knöpfe erhalten, zwei Reihen Civilknöpfe und zwei Reihen englische Marineknöpfe, alle vier Reihen sind indeß stark gelichtet, kaum die Hälfte der Knöpfe ist noch vorhanden, man sieht aber wenigstens noch wo die fehlenden einst gesessen haben. Aus den Rockärmeln sehen zwei große Hände hervor, welche in gewirkten weißbaumwollenen Handschuhen stecken; die Handschuhe sind nicht sehr rein, vielleicht aus Furcht, daß ein zu häufiges Waschen ihnen schaden würde. Unter dem Rock kommen die in schmutzigen weißen Hosen steckenden Beine hervor, die Füße sind bloß. So steht der Gebieter über dieses schöne Thal in der Thür vor uns, den Hut auf dem Kopf, die Hände in fortwährender Bewegung, weil er nicht weiß, wo er mit ihnen bleiben soll, und mit einem Gesichtsausdruck, welcher nichts anderes bedeuten kann als den Zuruf an uns: „Seht hier einen, welcher euch stolzen Europäern ebenbürtig ist, welcher weiß, was sich schickt, und zeigen kann, was er besitzt!“ Der arme Mann, welcher nackt in seinem bemalten Körper jedenfalls ein ehrwürdiger Greis ist, gibt so das Bild eines europäischen Bettlers, eine Jammergestalt; doch er ist glücklich, er wähnt sich würdevoll und uns gleichstehend, weil nach seiner Ansicht wol auch die Kleider oder überhaupt Kleider die Leute machen. Der Pater erzählt uns, daß dieser Häuptling auch der Oberpriester des Thales und somit sein größter Widersacher sei, daß er aber im allgemeinen gut mit ihm stehe.
Die für den Besuch dieses Thales bemessene Frist ging ihrem Ende entgegen; es wurde daher Zeit aufzubrechen, wenn wir noch etwas sehen wollten. Die Wege sind zwar schlecht, weil der schon monatelang währende Regen den fetten Lehmboden in einen wahren Schlammpfuhl umgewandelt hat, allein dies kann uns doch nicht abhalten. Als wir aus dem Hause treten, finden wir den ganzen Weg mit Menschengruppen besetzt, welche uns sehen wollen und uns dadurch die beste Gelegenheit geben, sie zu sehen. Wir finden hier ziemlich denselben Menschenschlag wie in Omoa, nur sind die Leute weniger schön. Unser Weg hält sich anfangs unter dicht belaubten Bäumen, meist Brotfruchtbäumen; bald wird es lichter und wir kommen an eine etwas verwilderte, mit Unkraut durchsetzte Baumwollpflanzung, welche der Missionsgesellschaft gehört. Es fehlen aber die Arbeitskräfte, weil der Eingeborene nicht arbeitet und sich nur gegen Zahlung von Kleidungsstücken zuweilen bewegen läßt, die reife Baumwolle zu pflücken.
Die ganze Landschaft um uns herum prangt im saftigsten Grün, über uns wölbt sich das tiefblaue Himmelszelt, da es ausnahmsweise nicht regnet. Von jedem Blatt, jedem Halm strahlen die Regentropfen wie die schönsten Diamanten, auf den duftigen hellgelben großen Blüten mit dunkelm rothbraunen tiefen Kelch der in voller Blüte stehenden Baumwolle wiegen sich in graziösen lautlosen Schwingungen schöne dunkelgefärbte Schmetterlinge. Die feierliche Ruhe, der stille Friede, welche auf diesem anziehenden Bilde ruhen, stimmen zur Andacht. Wir bleiben unwillkürlich stehen, um mit den Augen, mit allen Sinnen das ganze Bild in seiner großartigen Schönheit zu erfassen. Hohe, wunderlich geformte und selten schöne Felsen umgeben uns; sie erheben sich von der Thalsohle wie künstliche Bauwerke, weil sie mit den das Thal begrenzenden Bergwänden nicht zusammenhängen und ihre Oberfläche auch auffallend von derjenigen der andern Berge abweicht. Denn während diese dicht bewachsen sind, zeigen jene malerische Figuren in allen Nüancen der dem Auge so wohlthuenden grünen Farbe und in so reichen und verschiedenartigen Mustern, daß man Gebilde von Künstlerhand vor sich zu sehen wähnt. Zwischen diesen herrlichen Naturwerken hindurch verfolgt das Auge den Lauf des fruchtbaren Thales, wie es zwischen hohen Bergen eingeengt sich allmählich zur Höhe hinaufzieht, um urplötzlich und doch wieder unmerklich in einer steilen Bergwand sein Ende zu finden. Das Auge kehrt zurück. Dort liegen unter hohen Bäumen, theilweise in dichtem Laub versteckt die Hütten, dazwischen heben sich von dem weichen grünen Hintergrund effektvoll die regungslosen Gruppen der Eingeborenen ab, die Frauen größtentheils in grellbunten Gewändern auf der Erde hockend, die nackten bunten Körper der Männer leicht und in gefälliger Stellung an Baumstämme gelehnt. Dazwischendurch sieht man an einzelnen Stellen auch den Strand mit den auf ihm stehenden Kanus hindurchschimmern und dahinter das in ewiger Bewegung befindliche Meer, auf dessen Wellen man auch meine Gig sich wiegen sieht. Die Bewegungen dieses Bootes sind aber so sanft, die Musik der bis hierher vernehmbaren rauschenden Brandung ist so weich und stimmungsvoll, daß dieses sichtbare und hörbare Leben keine Dissonanzen in die Naturandacht, in dieses Bild paradiesischen Friedens zu bringen vermag. Die köstliche Ruhe, welche auf dieser wahrhaft schönen und seltenen Scenerie liegt, der herrliche Blumen- und Blütenduft, das Rauschen der sanft auflaufenden Brandung, die Gruppen der trägen Menschen, welche leblos erscheinen, das Fehlen aller Vogelstimmen und überhaupt aller Laute, welche die Sinne beschäftigen können, geben zusammen ein Ganzes, welches einen von einer langen Reise und dazu noch von einem geräuschvollen Kriegsschiff kommenden Seemann vollständig gefangen nehmen muß. Doch für diesen gibt es nirgends ein Bleiben, und so müssen auch wir heute nach kurzer Rast wieder weiter. Schade nur, daß ich nicht die Kraft besitze, dieses herrliche ergreifende Bild auf der geduldigen Leinwand in wahrheitsgetreuer Wiedergabe mit nach Europa zu bringen, wo es gewiß allgemeines Aufsehen erregen würde.
Wir gehen weiter nach dem heidnischen Opfer- und Tempelplatz, wo vor sechs Jahren der letzte Mensch geopfert, gebraten und verzehrt wurde, und wo der Häuptlingpriester noch jetzt zeitweise seinen harmlos gewordenen Hokuspokus treibt. Der Platz ist viereckig und von einer niedrigen Steinmauer umgeben, der Fußboden ist ebenso wie in den Hütten mit großen Steinen belegt. Zwei große Bäume, von denen einer an dem einen Ende, der andere am andern Ende innerhalb des Platzes steht, beschatten diesen vollkommen, und in der Mitte zwischen ihnen sind die Steine zu einer Feuerstelle hoch aufgeschichtet. Ein ausgehöhltes Stück Baumstamm, welches nach Angabe des Paters die Festtrommel ist, liegt an der Erde. Die Benutzung dieses Platzes bei der Vornahme von Menschenopfern geschah in der Weise, daß die Männer sich um den einen Baum gruppirten und das Opfer an dem andern Baum aufgehängt wurde. Im weitern Verlauf wurden dann von dem Opfer einzelne Stücke abgeschnitten, in dem in der Mitte befindlichen Feuer gebraten, gegessen und dies so lange fortgesetzt, bis das Opfer in dem Magen der Menge lag. Die Weiber durften den Opferplatz nicht betreten, es war ihnen aber erlaubt, außerhalb der Mauer stehend zuzusehen, wohin ihnen auch einige Stücke des heidnischen Mahles gereicht wurden.
Wir besehen uns noch die ganz in der Nähe liegende Hütte des Häuptlings, welche genau den andern gleicht und als einziges Ausstattungsstück die große Alarmmuschel des Häuptlings in sich birgt. Durch ein in die Spitze eingebohrtes Loch wird es möglich, einen hellen durchdringenden Ton auf der Muschel zu erzeugen.
Wir hatten nun alles gesehen und kehrten zu meinem Boot zurück. Auf dem Wege wurde mir von einer alten Frau noch ein altes, auf ein Stück Knochen geschnitztes Idol zum Kauf angeboten. Gegen Mittag sind wir wieder an Bord und finden auf dem Schiffe bereits reges Leben. Wie es scheint, ist die ganze männliche Bevölkerung von Omoa zum Theil auf dem Schiff, zum Theil in den vielen Kanus neben demselben. Das ganze Schiff ist von Kanus umschwärmt, deren Insassen lachen und schwatzen und durch geschickte Wendungen den spaßhaft gemeinten Angriffen anderer Kanus ausweichen; alles ist in fortwährender, freudetrunkener Bewegung. Auf dem Deck des Schiffes, in der Takelage, in den untern Räumen sieht man eingeborene bunte Männer und Jungen, welche eine Verständigung mit unsern Leuten versuchen; viele haben Früchte, Hühner, Eier und Muscheln, für welche sie alte Kleider einzuhandeln suchen. Während ich auf der Commandobrücke stehe, um mir von erhöhtem Standpunkt aus dieses buntbewegte Treiben anzusehen, klettert dicht bei mir an der Schiffswand ein älterer Mann herauf, klammert sich an der Takelage an, nickt mir einen freundlichen Gruß zu und nimmt dann zwei ihm aus seinem Kanu gereichte kleine Beutel in Empfang, welche er, mich lachend ansehend, zärtlich streichelt und dann im Schiffe verschwindet. Wie ich nachher hörte, hatte der Mann in diesen Beuteln 100 Dollars, für welche er sich auf dem Schiff alte Kleidungsstücke kaufen wollte. All die andern Sachen, welche die Leute mitgebracht hatten, wurden auch nicht gegen Geld verkauft, sondern gegen alte Kleider ausgehandelt. So kam es, daß am Abend, als die Leute wieder an Land geschickt wurden, Omoa eine ganz andere Physiognomie erhielt, weil kaum noch ein ganz nackter Mann zu sehen war, denn wenn auch nur wenige einen vollständigen Anzug erlangt hatten, so hatte doch jeder irgendein Stück, wodurch die Gesellschaft noch bunter wurde, als sie vorher gewesen war. Bei meiner Rückkehr zum Schiff waren auch schon einige Damen an Bord und zwar in der Offiziermesse, wo sie unter männlicher Begleitung mit den Herren frühstückten; es waren die Häuptlingsfrau mit ihren drei Schwestern. Ich erfrischte mich zunächst auch mit Speise und Trank und forderte dann die Herren auf, mit den vier Frauen so lange in meine Kajüte zu kommen, bis ihre Messe für das uns zugesagte Tanzfest hergerichtet sei.
Die vier Insulanerinnen in meiner Kajüte zu sehen, war wirklich ein seltenes Vergnügen. Ehe sie überhaupt eintreten, stellen sie sich hintereinander in einer Reihe auf, eine hält sich am Kleid der andern fest, in den Gesichtern liegt theils Entsetzen über das was jetzt nun wol kommen wird, theils Neugierde. Im Gänsemarsch treten sie ein, um sich in der Kajüte selbst auch in derselben Ordnung zu bewegen. Die Sonne scheint hell durch die Fenster und beleuchtet grell die bunten Farben des Teppichs, des rothen Plüschsophas und der rothen Fenstervorhänge. Von dieser Pracht geblendet, bleiben unsere Freundinnen zunächst stehen, um in den wiederholten Ruf: „'A--i! A--i!'“ auszubrechen. Die vorher etwa dagewesene Angst ist verschwunden, die Sinne concentriren sich in den Augen, um mit diesen alles zu erfassen, und es ist doch so viel zu sehen. Der Teppich, das Sopha, der schwere blankpolirte Tisch, die vielen Stühle, die goldglänzende große Hängelampe, die kleinen polirten Eckspinde, die vielen Bilder. Plötzlich stößt die eine ein mehrmals schnell wiederholtes „'Ai!'“ aus, reißt die andern an den Kleidern herum, daß sie ordentlich herumwirbeln, und alle vier stehen vor den Statuetten, die Hände hinter den Ohren, Mund und Augen weit aufgerissen. Ich weiß nicht, ob dieses Erstaunen den Bildwerken oder ihren eigenen dummen Gesichtern gilt, welche sie in dem hinter den Puppen hängenden Spiegel sehen, doch ein Blick überzeugt mich, daß ihre Augen auf die Puppen gerichtet sind. Wir sind für die vier Frauen nicht mehr vorhanden, denn bald ist alle Scheu geschwunden und sie fangen an sich zu unterhalten, als ob sie allein bei sich zu Hause wären. Die eine ruft die andern, hält den Rücken ihrer rechten Hand unter ihre Nase und zeigt mit dem ausgestreckten Zeigefinger und verschmitztem Blick auf die Figuren. Eine andere zeigt auf die aus dem Spiegel zurückgeworfene Rückseite der Venus und kann nicht widerstehen, die Puppe an der Originalseite zart zu streicheln; dann kommt sie aber plötzlich zur Erkenntniß, wo sie eigentlich ist, denn sie zieht entsetzt ihre Hand zurück, steckt sie schnell in den Mund und sieht mich mit einem wahrhaft rührenden, halb entsetzten halb bittenden Blick an, was ich zu dieser Kühnheit wol sagen werde. Als ich ihr dann lachend zunicke, sind alle wie von einem Alp befreit und beginnen nun sämmtlich zu streicheln, dabei fortwährend schwadronirend und kichernd; nur eine bleibt ernst, sie steht mit geneigtem Kopf vor der Ariadne und streichelt mit ganz besonderer Andacht deren Büste, auch die andern streicheln nicht die Masse, aus der die Puppen gebildet sind, sondern suchen sich ihre Stellen aus.
Da es noch mehr zu sehen gibt, fordere ich sie nun auf, mir in die Achterkajüte zu folgen; sie rangiren sich wieder eine hinter die andere und betreten, auf den Zehenspitzen gehend, diesen Raum. Doch kaum haben sie einen Blick um sich geworfen, so fahren sie auseinander wie eine Heerde aufgescheuchter Schwaben. Eine steht vor dem Bild meiner Frau, eine andere vor der „Büßenden Magdalena“, die andere vor den früher schon genannten Mädchenbildern, doch ohne Ruhe, weil keine sich schlüssig machen kann, welches Bild eigentlich das schönste ist. So fahren sie fortwährend herum, vertauschen ihre Plätze und vollführen dabei einen Heidenlärm. Sie müssen sich sehr viel zu erzählen haben, weil sie mit ernsten Gesichtern laut und in sichtlicher Erregung sprechen. Platzen wir dann einmal mit einem tüchtigen Lachen dazwischen, dann sehen sie uns einen Augenblick vorwurfsvoll fragend an, lachen auch einmal auf, setzen dann aber gleich wieder ihr Gespräch mit ernsten Gesichtern fort. Um sie noch verwirrter zu machen, lasse ich meine Spieluhr spielen; das geht ihnen aber doch über den Spaß, wie der hübsche Kasten anfängt zu singen, und noch größer wird ihr Staunen, als sie das Werk so selbstthätig arbeiten sehen. Ich lasse sie dann auf meinem Schreibtisch und in dessen Schublade etwas herumkramen, wo die verschiedensten Sachen ihre Aufmerksamkeit fesseln und ihre aufgeregten Nerven doch etwas beruhigen: Uhren, Ringe, Messer, Schere, Tintenfaß, Cigarrentaschen, silberne Becher, loses Geld und was sonst noch für den ersten Griff bereit liegt. Hierbei bezeichneten sie alle goldenen und silbernen Gegenstände mit dem Ausdruck „'money'“. Diese Ablenkung hatte die beabsichtigte Wirkung, daß die Ruhe wieder über sie kam und daß die Richtung ihrer Augen zeigte, was für sie das schönste war, nämlich die beiden Mädchen, welche es am Tage vorher auch den Männern angethan hatten. Ihre Frage, ob diese Bilder meine beiden Töchter vorstellen, welche sie auf dem Schreibtisch als vier und sechs Jahre alte Kinder gesehen haben, bejahe ich belustigt. Die zum Essen angebotenen Rosinen finden keinen Anklang, dagegen scheinen die Mandeln ihnen außerordentlich gut zu schmecken, wenigstens schmatzen sie beim Essen wie eine Heerde kleiner Schweinchen, auch nimmt die eine sich mit meiner Erlaubniß einige mit, um sie an Land zu pflanzen.
Wenige Tage vor meiner Ankunft in Omoa hatte ich mich, um neben den ältern Reiseberichten auch ein wissenschaftlich begründetes Urtheil zu hören, durch Waitz’ „Anthropologie“ belehren lassen. Da steht geschrieben, daß diese Naturvölker die von den Kaukasiern als ideal anerkannten Körperformen und Hautfarben den ihrigen nachstellen und namentlich die weiße Haut für krankhaft halten. Ich bin jetzt gar nicht geneigt, dies zu glauben. Die bildlich dargestellten beiden Mädchengestalten gefielen besser als die Statuetten, weil ihnen ein außerordentlich zarter Teint gegeben ist; an den Statuetten wurden die classischen Formen bewundert. Bei den Männern zeigte kein Blick, keine Bewegung das Auftauchen von Begierden, sie waren eben nur von der Schönheit hingerissen und müssen dieselben Empfindungen gehabt haben, welche uns beim Anblick der classischen Gebilde des Alterthums beherrschen. Ich halte mich daher zu dem Schluß berechtigt, daß die Reisenden sich bisher nicht die Mühe gegeben haben, diese Eingeborenen eingehend zu studiren, oder sie hatten die zu diesem Studium erforderlichen Hülfsmittel nicht an der Hand.
Wir verlassen meine Kajüte wieder, weil inzwischen zwei Bootsladungen mit Frauen und Mädchen angekommen sind, welche nach Versicherung der Dolmetscher uns auch einen Tanz vorführen werden. Die neuangekommenen Vertreterinnen des schönen Geschlechts, 14 an der Zahl, stehen scheu in einer Ecke der Messe, sich wie eine Heerde Schafe ineinander verkriechend, während die Offiziere im Verein mit den mitgekommenen Männern sie umgeben und ihnen gut zureden. Der Versuch, diese leicht bekleideten Nymphen in dem Raum zu vertheilen und bunte Reihe herzustellen, misglückt aber, trotzdem sie sehen, daß die vier vorher genannten Damen sich ganz frei unter uns bewegen. Es scheint, daß eine gewisse Zeit dazu gehört, die erste Scheu zu überwinden. Wird eine an der Hand aus dem Knäuel herausgeführt, so kommt sie ängstlich und zagend mit, schießt aber sofort wieder in den Knäuel hinein, sobald ihre Hand losgelassen wird. Es bleibt daher nichts anderes übrig als sie zusammen zu lassen, und nun gelingt es auch, sie wenigstens zum Sitzen zu bewegen. Ein Theil setzt sich auf die gepolsterte Bank, ein anderer Theil auf Stühle, die meisten ziehen den Fußboden vor, und nun beginnt ein ohrenzerreißendes Concert. Wol infolge des seit zehn Monaten ununterbrochen währenden Regens und der damit verbundenen rauhen Witterung haben die Leute fast alle den Schnupfen, und da sie Taschentücher nicht kennen, helfen sie sich damit, daß sie den Schleim mit großem Getöse einziehen und ihn dann ausspucken. Bisher hatten sie sich noch beherrscht; jetzt aber behaglich gruppirt, glaubten sie, sich diese Erleichterung auch gönnen zu dürfen, nachdem ihnen einige Spucknäpfe, deren Nothwendigkeit bei dem vorhergegangenen Besuch von den Offizieren schon erkannt worden war, hingeschoben worden sind. Spucknäpfe sind allerdings nur zwei in der Messe vorhanden, und ich wollte schon bitten, noch einige herbeibringen zu lassen, als die sich entwickelnde Scene mich davon abhält. Mit großer Sorgfalt werden diese beiden Näpfe zur gefälligen Benutzung von Hand zu Hand gereicht und so gewissenhaft benutzt, daß weitere Zufuhr überflüssig erscheint. Nachdem so für den nothwendigsten Comfort Sorge getragen ist, wird an die Bewirthung gegangen, welche in Liqueur, Kakes und Cigarren besteht. Dies hebt bald die Stimmung, die Scheu schwindet mehr und mehr, eine allgemeine Unterhaltung bricht sich Bahn und bald fühlen sich unsere Gäste sichtlich wohl. Jetzt kann auch die Aufforderung zum Tanzen erlassen werden, doch finden wir noch keine Gegenliebe. Alle Aufforderungen der Dolmetscher scheitern an einem starren Eigensinn, und dieselben wiederholen uns immer wieder, daß die Nymphen sich zu sehr schämen. Da endlich schreiten mit Energie die drei Schwestern der Häuptlingsfrau ein, die Tänzerinnen stellen sich in einen Kreis, uns ihren sehr knapp in das Umschlagetuch eingehüllten Rücken zuwendend. Na -- nun endlich geht es los. Ja, Prosit! -- Die Mädchen sind hier gerade so wie bei uns, in richtigem Alter eine richtige Gänseheerde. Anstatt zu tanzen, stecken sie die Köpfe zusammen und kichern, schmiegen sich aneinander an und laufen wieder auseinander, wie dies bei uns Mädchen im reifern Backfischalter thun, wenn sie nicht recht wissen, wie sie sich benehmen sollen. Der einzige Unterschied liegt nur darin, daß man in solchem Falle bei uns bei dem dabei stets stattfindenden Bücken des Körpers faltenreiche, wogende Roben sieht, während man hier bei jedem Bücken mit Entsetzen das Unglaubliche sich zu vollziehen wähnt, daß der keineswegs zähe aber überstraff gespannte Stoff platzen wird. Ich sehe mich besorgt nach irgendetwas um, womit man den etwaigen Schaden schnell repariren könnte, das Unglaubliche passirt aber nicht, der Stoff hält die Anstrengung aus. Dieses kindische Benehmen wiederholt sich mehrere male, endlich reißt allen Zuschauern die Geduld, eine der drei Schwestern geht als Vortänzerin mit in den Kreis, wir alle klatschen mit den Händen und endlich -- erst zag, dann aber energisch kommt der Tanz zu seiner Vollendung.
Unter dem Händeklatschen der Zuschauer setzt sich der Kreis in Bewegung, und die Tänzerinnen beginnen einen grabesstimmenähnlichen Gesang mit folgenden Worten:
'Wat taë de hi a oë Tutu a u A ne nikke-he nikke-he hé A nu rukke-hu rukke-hu hú.'
Der Tanz selbst liegt nur in den Hüftgelenken. Oberkörper und Beine bleiben in Ruhe, während der Mittelkörper Bewegungen macht, welche an den spanischen Tanz Habanero, wie er von dem niedern Volke getanzt wird, erinnern und bei uns kurzweg unanständig genannt werden würden. Um den Kreis der Tänzerinnen herum tanzt ganz niedrig auf dem Boden mit weit ausgespreizten Beinen der Sandwich-Insulaner, macht mit seinem Mittelkörper die wunderlichsten Verrenkungen und mit seinen Armen und Händen verständliche Gesten, Bewegungen, welche alle in dasselbe Gebiet fallen, wie diejenigen der Weiber.
Da ich gelesen hatte, daß die Frauen bei diesen Tänzen gewöhnlich das bischen Kleidung, was sie haben, auch noch abwerfen sollen, und die Marquesaner sowieso wegen ihrer Sittenlosigkeit berüchtigt sind, auch der Pater in Hanavava mir gegenüber das erstere behauptet hatte, was er übrigens nicht aus eigener Anschauung, sondern nur von Hörensagen wissen konnte, so fragte ich den Dolmetscher, ob dies auch noch kommen würde, um die Sache vorher zum Abschluß bringen zu können. Die Antwort, welche ich bekam, war recht beschämend für die Europäer überhaupt und namentlich für diejenigen, welche den schlechten Ruf dieses Völkchens begründet haben und zwar zweifellos auf die oberflächlichsten Beobachtungen oder zweifelhafte Berichte hin. Ich will den englisch redenden Marquesaner selbst sprechen lassen:
„Bei uns an Land wird stets die Sitte gewahrt, und die Frauen sind auch bei den Tänzen stets theilweise bekleidet; nur im directen Verkehr zwischen Mann und Frau schämt sich die letztere nicht und ist es dabei gleichgültig, ob der Mann ihr Gatte oder ein Fremder ist. Es ist allerdings richtig, daß Frauen von uns auf den Walfischfängern nackt getanzt haben und es vielleicht auch wieder thun, aber nie, solange noch ein Mann des Dorfes auf dem Schiffe war oder dort sein wird, weil sie sich viel zu sehr schämen. Auch thun sie es dann nur, weil sie von den weißen Männern dazu gezwungen werden und glauben, daß das bei diesen Sitte ('fashion') ist.“
Als ich von dem Tanz genug gesehen hatte, was sehr bald der Fall war, ging ich wieder nach oben, um mir das dort herrschende Leben und Treiben zwischen den eingeborenen Männern und Jungen einerseits und unsern Matrosen andererseits anzusehen. Die Insulaner sind in dem Schiffe schon vollständig zu Hause und bewegen sich so frei, als ob sie an Bord gehörten, mit vielen ist auch schon eine äußerliche Veränderung vorgegangen, da sie die erhandelten oder geschenkt erhaltenen Kleidungsstücke gleich angezogen haben.
Es ist ein buntbewegtes interessantes Bild, was von meinem Standpunkte auf der Commandobrücke aus da vor mir sich entfaltet. Zu meinen Füßen liegt das blinkend weiße Deck mit seinen blanken Kanonen und all den schön geputzten, in der Sonne glitzernden Messing- und Eisentheilen. Auf dem Deck, wo an 400 Menschen sich bewegen, ist ein Leben wie auf einem Jahrmarkt: Matrosen, halb angezogene und nackte bunt bemalte Eingeborene, diese theilweise mit Früchten und andern Handelsartikeln beladen, schieben sich hin und her, dazwischen treiben die nackten gelben Jungen ihr Spiel; die ganze Reling ist mit Menschen beider Hemisphären besetzt, welche theils dem Treiben zusehend dort sitzen, theils unter Lachen versuchen, sich miteinander zu verständigen. Die Takelage des leicht hin- und herwiegenden Schiffes beschreibt regelmäßige Bogen auf dem feenhaften Hintergrunde, und das Wasser ist durch die vielen fortwährend in Bewegung befindlichen Kanus belebt. -- Stundenlang hätte ich dort stehen können, um diesem interessanten, wechselvollen und harmlosen Leben und Treiben zuzuschauen.
Unter den sich umhertreibenden Jungen fiel mir ein besonders hübscher, etwa 12 Jahre alter Bengel auf; ich rief ihn heran, um ihm in der Kajüte etwas Naschwerk zu geben. Freimüthig, ohne Zaudern folgt er meinem Wink; das Innere der Vorkajüte fesselt ihn aber mehr als die Mandeln es thun. Als er sich genügend umgesehen hat, bittet er um die Erlaubniß, auch die Achterkajüte betreten zu dürfen, was ich ihm erlaube. Da er nicht wiederkommt und es hinten mäuschenstill ist, muß ich doch nachsehen, was er dort eigentlich thut; ich trete in die Thüre und finde nun die Bescherung. Da steht, zwei Schritte von mir entfernt, der halbwüchsige Junge mir gegenüber vor den hier schon so oft genannten beiden Mädchenbildern, mit offenem Munde, stieren Blickes. Er hört mich nicht und sieht mich nicht, trotzdem seine Blicke mehreremal über mich hinweggleiten, wenn er mit jähen Bewegungen seinen Kopf nach der Seite wirft, um etwa noch schönere Bilder zu entdecken, was aber nicht zuzutreffen scheint, da seine Augen stets schnell wieder nach den erstern Bildern zurückkehren. Nach einiger Zeit trete ich an ihn heran, fasse ihn leicht am Ohrläppchen, und nun kommt er erst wieder zur Besinnung. Er scheint aus einem tiefen Traum zu erwachen, sieht noch einmal nach den Bildern hin und läßt sich, verschämt lächelnd, am Ohr hinausführen. So hatte ich, im Gegensatz zu Waitz, in der Zeit von 24 Stunden alte und junge Männer, ältere und jüngere Frauen und ein Kind in meiner Kajüte, welche als das Schönste alles Sehenswerthen die zarte Hautfarbe der Kaukasierin betrachteten.
Es war inzwischen 5 Uhr nachmittags geworden, die Zeit, welche für das Wegschicken der Insulaner festgesetzt worden war, weil ich am nächsten Morgen mit Tagesanbruch weiter gehen wollte und das Schiff am Abend vorher seeklar gemacht werden sollte. Vor meiner Kajüte sitzt der weibliche Theil unsers Besuchs auf Deck, bereit in die Boote geschickt zu werden, jedenfalls verwundert darüber, daß sie in ihrem Leben zum erstenmal ein Schiff ohne weitere Abenteuer verlassen werden. Ich begleite sie noch zum Fallreep, um der Häuptlingsfrau und den Dolmetschern Adieu zu sagen, und finde bei meiner Rückkehr den Raum des schönen weißen Decks vor meiner Kajüte, wo die Frauen gesessen hatten, ganz schwarz aussehend; bei meinem Näherkommen fliegen Tausende von Fliegen auf und das Deck ist wieder weiß wie vorher. Eine höchst merkwürdige Erscheinung, da diese Leute keine andere Körperausdünstung haben als wir. Hätten Neger dagesessen, dann wäre mir die Sache erklärlich gewesen, so aber fehlt mir jede Erklärung dafür.
Da mein Interesse für das ganze Treiben um uns herum, sowie für das schöne Landschaftsbild mich noch einmal auf die Commandobrücke trieb, wurde ich noch Zeuge einer höchst putzigen Scene, nämlich wie die Jungen landen, wenn sie nicht bei dem Aufschleppen der Kanus helfen müssen, und diesmal wurden sie größtentheils mit unsern Booten, welche nach dem früher genannten Stein fuhren, an Land befördert. Sobald die Boote in die Nähe des Landes kamen, ging es hops aus den Booten heraus; all die Knirpse, an die 50 Kinder zwischen 4 und 12 Jahren, sprangen in das Wasser und schwammen, unbekümmert um die Brandung und ohne Rücksicht auf den bevorzugten Stein zu nehmen, nach den ihnen zunächst gelegenen Steinen und schwammen so lange vor denselben, bis eine Welle hoch auflief. Dann tauchten sie schnell unter, um aus dem überbrechenden Wellenkamm herauszukommen, und als das Wasser ablief, lagen die kleinen gelben Gestalten wie die Frösche, mit allen Vieren sich anklammernd, auf den Steinen, sprangen dann schnell auf, schüttelten das Wasser ab und waren mit einigen leichten Sprüngen aus dem Wasser. -- Es ist doch beneidenswerth, solche Körpergewandtheit und auch den zu solchen Späßen wol erforderlichen Muth zu besitzen.
Ehe ich das liebliche Thal Omoa verlasse, will ich noch einige, den vorstehenden Bericht ergänzende Bemerkungen beifügen.
Wie ich schon angeführt habe, ist Arbeit eigentlich nicht bekannt und erstreckt sich nur auf das fürs Leben durchaus Nothwendigste. Dieses beschränkt sich auf den Hüttenbau, die Herstellung des Baumrindenstoffs, den Fischfang nebst dem Bau der dazu erforderlichen Kanus, auf das Abpflücken der reifen Früchte und auf das Kochen, schließlich auch noch auf das Tätowiren, wenn man dies eine Arbeit nennen will.
Bestimmte Mahlzeiten haben diese Menschen nicht, sie essen vielmehr sobald der Sinn ihnen danach steht.
Jedes Stück Land, jeder Fruchtbaum hat seinen Besitzer, und dieser Besitz vererbt sich von dem Vater auf die Söhne, beziehentlich die von ihm als solche anerkannten Kinder. Diebstahl soll nach übereinstimmender Aussage des Missionars und unserer Dolmetscher nur äußerst selten vorkommen, weil Stehlen als ein schweres Verbrechen betrachtet wird. Mit Bezug hierauf hatten wir auch Gelegenheit, ein gleiches eigenes Urtheil zu gewinnen, denn trotz der vielen Eingeborenen, welche bei uns an Bord gewesen waren, ist nichts abhanden gekommen, wie die ganze Mannschaft auf Befragen versichert hat; sogar all die Kleinigkeiten, welche den Weibern für ihren Tanz geschenkt worden waren, fanden sich nach ihrem Abgange auf dem Schiffe wieder vor.
Während unsers Aufenthalts ist, wie ich dies auch schon angedeutet habe, kein Fall von Trunkenheit bei den Eingeborenen beobachtet worden, und ich führe dies nur noch einmal an, um daran anknüpfend zu erwähnen, daß die Trinkgelage zuweilen mit der Ermordung eines Mannes enden sollen. Da diese Fälle aber stets dieselbe Entwickelung und denselben Verlauf haben sollen, so bin ich der Ansicht, daß das Trinkgelage in solchem Falle nur Mittel zum Zweck und eine Art Vehmgericht ist, daß die Ermordung zu einer Zeit erfolgt, wo die Leute noch nüchtern sind, und zwar mit der bestimmten Absicht, das Gemeinwesen auf einfachste Art von einer allgemein misliebigen Persönlichkeit zu befreien. Die Sache fängt stets damit an, daß während des Gelages zwei Männer in Streit kommen, dann aber sofort die ganze Gesellschaft ohne jedes Besinnen für den einen Streiter Partei nimmt, über den andern herfällt und ihn mit Messern und Aexten zerfleischt. Ein derartige Lynchjustiz muß ein abgekartetes Spiel sein, weil Trunkene sich wol in eine Schlägerei mischen, sich aber nicht sofort gegen eine Person vereinen können.
Bei dem Kapitel „Sittenlosigkeit“ oder „Freiheit der Sitten“ bleibt noch festzustellen, welches eigentlich die richtigste Bezeichnung ist. Der obenerwähnte kleine Pfiffige (ich muß schon bei dieser Bezeichnung bleiben) erzählte mir, daß er sich keine Frau nähme, weil er ja doch immer eine auf Zeit haben könne, wenn er Lust dazu habe, und das käme ihm billiger wie fortgesetzt eine Frau mit deren Kindern zu unterhalten. Dafür wird er allerdings in seinem Alter keine Söhne zu seiner Unterstützung haben, wenn es ihm nicht gelingen sollte, vorher ein größeres Besitzthum zu erwerben und dann darauf lüsterne junge Männer zu adoptiren. Dieser Zustand ist ja nach unsern Begriffen entschieden unmoralisch, demnach eine Sittenlosigkeit. Dieselbe wird aber dadurch sehr gemildert, daß die Kinder nicht darunter leiden, sondern in jedem Manne einen Vater, in jedem Jüngling einen sie schützenden Bruder finden. Was ist Liebe der Aeltern zu ihren Kindern? fragt man sich unwillkürlich, wenn man diese paradiesischen Zustände sieht. Die Kinder finden hier entschieden ebenso viel Liebe wie bei uns, obgleich oft nicht einmal die Mütter deren Vater zu bezeichnen wissen. Hier wird die Kinderliebe also nicht durch die Stimme der Natur bedingt, sondern einfach durch Gewöhnung.
Das aber, was sonst in den Reiseberichten als Sittenlosigkeit hingestellt wird, kann ich nicht als solche bezeichnen. Der Satz ist wol nicht anzugreifen, daß bei uncivilisirten Menschen, welche so abgeschieden von aller Welt und sich selbst überlassen leben, wie die Marquesaner, die Sittenlosigkeit und die davon gar nicht zu trennende Schamlosigkeit immer mehr um sich greifen müssen, wenn sie überhaupt einmal bestanden haben. Da die Leute nun aber nach dem früher Gesagten nur im Verkehr mit solchen Weißen, welche sie zur Abwerfung jedes Schamgefühls zwingen, sich nach unsern Begriffen sittenlos zeigen, bei ihrer Rückkehr an Land aber sofort wieder relativ strenge Sitten beobachten, so kann ich dem harten Urtheil, welches über diese Leute gefällt worden ist, nicht beipflichten, sondern kann nur das Bestehen einer großen Freiheit der Sitten anerkennen. Man wird nach all dem Gesagten sogar zu der Vermuthung verleitet, daß jene Berichterstatter womöglich mit dazu beigetragen haben, den schlechten Ruf der Marquesaner mit zu begründen. Nach langer Seereise kamen sie zu diesen Menschen, welche ihnen nach landesüblicher Sitte ihre hübschen Weiber anboten. Nahmen sie das Anerbieten an, dann suchten die Weiber natürlich sich so angenehm wie möglich zu machen und glaubten das Beste zu thun, wenn sie das von den rüden Gesellen der Walfischfänger (denn diese waren vor allen andern hier) Erlernte von sich gaben, weil die weißen Männer des einen Schiffes doch denselben Geschmack haben mußten, wie diejenigen des andern. Ihrem Gefühl nach lag den Weibern aber nach meiner Ueberzeugung ein solches Benehmen unendlich fern, weil ich sonst doch irgendeinen Anhalt dafür hätte finden müssen, und daß ich fleißig gesucht habe, dürfte aus der ganzen Darstellung hervorgehen. Und so komme ich zu dem Schluß, daß die Missionen auf den andern Inseln sich glücklich schätzen müssen, wenn sie dort je so moralische Zustände erreichen, wie sie auf dieser Insel zur Zeit herrschen, wo bisher kein Missionar sich auf die Dauer halten konnte, und daß europäische und amerikanische Hafenstädte froh sein dürften, wenn ihr niederes Volk so anständig wäre, wie diese Leute es sind.
Nebenbei sei bemerkt, daß Eifersucht hier eine unbekannte Leidenschaft ist. Doch auch ein echt paradiesischer Zustand.
* * * * *
Am 16. Mai morgens verließ ich Omoa wieder und langte nach einer schönen Fahrt an den schönen Inseln dieser Gruppe vorbei gestern Mittag in Port Anna-Maria auf Nuka-hiva, der nördlichst gelegenen Insel der Marquesas-Gruppe, an. Ich machte dem Gouverneur meinen Besuch, einen Spaziergang durch den Ort, trotz des anhaltend strömenden Regens, fand aber nichts Besonderes, weil dieser Platz wegen der hier lebenden Europäer seinen ursprünglichen Charakter schon verloren hat. Heute Nachmittag, nach Einnahme von frischem Fleisch für die Mannschaft, geht es weiter nach Tahiti.
5.
Von den Marquesas-Inseln nach Tahiti.
18. Mai 1878.
Heute Nachmittag haben wir Port Anna-Maria wieder verlassen und damit von den Marquesas-Inseln Abschied genommen. Der Regen hatte für heute seine Herrschaft verloren und war von der Sonne und einem lachenden Abend verdrängt worden, wodurch es uns, dicht unter der Südküste von Nuka-hiva entlang segelnd, vergönnt wurde, das schöne Bild zu genießen, an welchem wir langsam vorüberzogen. Auf einzelnen Spitzen der Berge und in einigen Thälern lagerten zwar noch bleifarbene, dicht geballte Wolken, sie konnten dem Lande aber nicht mehr ihre Regenphysiognomie aufdrücken, sondern ließen die von hellem Sonnenschein überhauchten, mit üppigster Vegetation bedeckten Bergrücken und Thalgelände nur in um so prächtigern Farben erscheinen. Das vor uns liegende Panorama war schön und von demjenigen Zauber umgeben, welcher auf allen Inseln vulkanischen Ursprungs ruht. Es würde mich zu weit führen, wollte ich hier eine nähere Beschreibung des Landes geben, doch glaube ich trotzdem eines schönen Punktes besonders erwähnen zu müssen.
Von dem Ausgang des Hafens von Port Anna-Maria nach Westen segelnd, befanden wir uns bald vor dem kleinen, von hohen steilen Bergen und Felsmassen eingeschlossen in einem Gebirgskessel liegenden Port Tschitschakoff. Vor der schmalen Einfahrt stehend, übersieht man den ganzen wildromantischen, malerischen Hafen, dessen Hintergrund durch seine düstere Großartigkeit jeden Beobachter unwillkürlich fesseln muß. Hier inmitten des üppigsten Tropenbildes liegt, rechts und links eingerahmt von der ganzen Fülle tropischer Vegetation, ein Stück Magelhaens-Straße der südlichsten Breite. In grünem Rahmen steigt eine von dem Regen schwarz gefärbte, wild zerklüftete Felsenwand fast senkrecht bis zu einer Höhe von 700 m empor, ein ebenbürtiges Bett für den prächtigen Wasserfall, welcher über den obersten Felsenkamm hinwegschäumt. Dort oben, in schwindelnder Höhe, steigt die 7 m breite, mächtige Wassermasse mit berauschender Gewalt über den scharfen Gebirgskamm hinweg, ohne daß man von unserm doch immerhin weit abliegenden Standpunkte die höher liegenden Berge, von welchen das Wasser kommen muß, sehen kann. Senkrecht stürzt die wilde Flut in einen düstern, im Verhältniß zu seiner Höhe engen Felsenschlund hinab, welcher unten durch Verschiebung des Gesteins für das Auge geschlossen wird, während er sich von der halben Höhe ab nach oben hin callakelchartig öffnet. Die in eiliger Hast sich überstürzenden gelben, schmutzigen Wassermassen verlieren bald ihr festes Gefüge, ein gelblicher Staubregen von großer Dichtigkeit, dessen auf- und abwogende Dunstmassen mit ihrem Spiel das Auge fesseln, füllen den ganzen tiefen Schlund aus und müssen einem untenstehenden Beschauer ein noch großartigeres Schauspiel gewähren. Leider konnte ich Port Tschitschakoff nicht anlaufen und daher diese Naturschönheit, welche erst in größerer Nähe zur vollen Entfaltung kommen kann, nicht eingehender besichtigen.
Nuka-hiva lag bald hinter uns. Zu unserer Linken hoben sich, von der Abendsonne goldig überhaucht, einige andere Inseln der Gruppe scharf von dem blauen Himmelshintergrunde ab und tauchten allmählich unter den Horizont. Die anbrechende Dämmerung verhüllte dieses langsam sich senkende Bild. Jetzt ist der Tag ganz entschwunden, wir sind wieder allein und eilen mit frischem Winde und vollen Segeln einem Theil unserer Erde zu, welcher noch vor wenig Jahren von den Seeleuten allgemein gefürchtet wurde, jetzt aber, infolge sorgsamer Vermessungen der letzten Jahre, nicht mehr zu schrecken vermag. Es ist dies der Archipel der „Niedrigen Inseln“, von den Eingeborenen sehr bezeichnend Paumotu oder „Inselgewölk“ genannt. Dieses Inselgewölk erstreckt sich in der Richtung von Südost nach Nordwest von 22° bis zu 14° Südbreite, also über einen Flächenraum von etwa 1500 Seemeilen, und zählt nahezu 100 Koralleninseln, die so dicht zusammenliegen, daß die eine immer in Sicht der andern liegt. Keine dieser Inseln erhebt sich mit ihrem festen Rücken mehr als 3 m über den Wasserspiegel, die meisten überragen denselben nur mit einem Theil ihrer Peripherie, während der andere Theil sich noch unter Wasser befindet und für die Schiffahrt gefährliche Riffe bildet. Denn wenn auch bei Tage und klarem Wetter die Brandung auf diesen Riffen weithin sichtbar ist, so weit, daß für ein Schiff keine Gefahr entstehen kann, so ist eine solche bei Nacht, wo das Auge den Dienst verweigert und man auf das Gehör allein angewiesen ist, doch vorhanden, da das Ohr ein sehr unvollkommener und namentlich ein trügerischer Führer ist. Die Inseln dieses Archipels sind durchweg sogenannte Laguneninseln (von den Engländern mit dem indischen Ausdruck „Atoll“ benannt), Steinringe, welche einen See (Lagune) umschließen, der fast stets durch eine oder mehrere Einfahrten von geringer Breite mit dem Meere in Verbindung steht. Die Größe dieser Atolls ist nach der Karte sehr verschieden, ihr Durchmesser schwankt zwischen 5 und 30 Seemeilen. Früher war man auch noch der Ansicht, daß die verschiedenen Inseln unter sich durch unterseeische Korallenriffe miteinander verbunden seien, weshalb die Schiffe es vermieden, diese Gruppe zu durchschneiden, und in der Regel einen großen Umweg wählten. Da indeß die neuesten Vermessungen ergeben haben, daß derartige Verbindungsriffe nicht vorhanden sind, sondern zwischen diesen Korallengebilden freies tiefes Wasser liegt, so kann die Passage durch den Archipel als eine relativ sichere gelten. Die einzig zu beachtende Vorsicht ist nur die, daß man den Curs zwischen solche Inseln legt, welche an der Passage sich über das Wasser erheben, und daß man sorgsame Rücksicht auf die hier herrschenden starken und unregelmäßigen Strömungen nimmt.
Ueber die Entstehung der Koralleninseln schwanken die Ansichten noch insofern, als die einen behaupten, daß die Korallenthierchen, welche nur bis zu einer gewissen Wassertiefe bauen, ihre Bauten auf allmählich sich senkendes Land errichten und sich so immer mit ihrem obern Kamm in dem Wasserniveau halten, während andere dies verneinen und die Entstehung dieser Inseln vulkanischen Erhebungen zuschreiben. Es ist wol zweifellos, daß die erstere Ansicht da zutrifft, wo das Kalkgemäuer sich bis zu einer Wassertiefe erstreckt, in welcher die Korallenthierchen nicht mehr zu leben vermögen, während bei den bewohnten Koralleninseln nur die letztere Auffassung zutreffen dürfte.
Ich will hier eine kurze Erklärung über die Entstehung dieses merkwürdigen künstlichen Landes folgen lassen und zum bessern Verständniß die nebenstehende Skizze beifügen. Vulkanische Erhebungen des Meeresbodens bilden das Fundament. Vereinzelte Koralleninseln findet man sehr selten und dann auch nur umgeben von ausgedehnten Korallenriffen; meistentheils liegen sie gruppenweise zusammen, ebenso wie die in der Nähe liegenden Gruppen hoher vulkanischer Inseln. Ja, sie geben in ihren Contouren und ihrer äußern Erscheinung das Bild der Gipfel einer hohen Inselgruppe wieder. Die Laguneninsel mit tiefem Wasser in dem Innensee zeigt uns das Bild eines noch actionsfähigen Kraters; diejenige, deren Lagune nur seichtes Wasser hat, sagt uns, daß der Krater verschüttet ist und in demselben Schlamm und fließender Sand liegt, worauf die Korallen keinen festen Fuß fassen können, wenn nicht etwa, wie in ausgebrannten Kratern, auch hier Schwefeldämpfe die Korallenthierchen abhalten. Die vollen, in der Mitte höher sich hebenden Koralleninseln lassen keinen Zweifel, daß ihr Fundament ein fester Berggipfel ist. Wie schon angedeutet, vermögen die Korallen nicht über eine bestimmte Wassertiefe hinabzugehen (ich glaube, die äußerste Grenze ist 60 m von der Oberfläche entfernt). Sobald die Thierchen mit ihrem kunstvollen Bauwerk die Wasseroberfläche erreicht haben, sind sie an ihrem Ziele angelangt, sterben, da sie ohne Seewasser nicht mehr leben können, auf dem Kamme ab, und nun ist es nur eine Frage der Zeit und günstiger Umstände, daß das Riff sich zu einem Körper bildet, welcher Pflanzen und Menschen zu leben gestattet. Korallenriffe, welche auf fallendem Lande erbaut sind, könnten sich daher nur durch Ablagerungen und Anschwemmungen unendlich vieler kleiner, fester Körper aus dem Meere zu einer Insel entwickeln, und zu solch einer Entwickelung würden Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende gehören. Daß aber eine solche Entwickelung überhaupt nicht möglich ist, zeigen die vor hohen Inseln und überhaupt festem Lande liegenden Korallenriffe, welche, wie im Rothen Meere und Indischen Ocean, schon seit Jahrhunderten, um nicht zu sagen Jahrtausenden, immer dieselbe Gestalt zeigen. Der in der Meeresoberfläche liegende Rücken der Korallenbank wird ununterbrochen so stark von der Brandung gepeitscht, daß nichts dort festen Fuß fassen kann, was nicht direct aus den Korallen herauswächst und das wieder kann nicht an der Luft leben. So können nur diejenigen Korallenriffe, welche durch Hebung ihres Fundaments über das Meeresniveau gestiegen sind, nach erfolgter Verwitterung des Korallengesteins oder nach erfolgter Anschwemmung in verhältnißmäßig kurzer Zeit culturfähig werden, wenigstens culturfähig für die Kokosnußpalme und eine Art Eisenholz, welche zu ihrem Gedeihen gerade den Korallensand und keinen Humus verlangen. Ich muß übrigens an dieser Stelle darauf verzichten, eine nähere Beschreibung dieser Inseln zu geben, da die Verhältnisse mir nicht gestatten, auf dieser Tour eine derselben anzulaufen; ich werde indeß im weitern Verlauf der Reise im westlichen Theil der Südsee noch in vielfache Berührung mit ihresgleichen kommen, dann also competenter zu solcher Aufgabe sein. Hier will ich nur noch einmal auf die umstehende Skizze hinweisen, um durch dieselbe zu zeigen, warum außerhalb der von den stets senkrecht bauenden Korallen errichteten Inseln in der Regel tiefes Wasser ist.
24. Mai.
Gestern vormittags 11½ Uhr kamen einige der Koralleninseln in Sicht, d. h. nur die auf ihnen wachsenden Kokospalmen, welche ihre Wurzeln scheinbar in den Ocean geschlagen haben, da das niedrige Land erst sichtbar wird, nachdem das Schiff sich der Insel einige Seemeilen mehr genähert hat. Da ich bisher noch keine Koralleninseln gesehen hatte, so lief ich dicht heran, um, an der niedrigen Küste entlang segelnd, einen Einblick zu erhalten. Es macht einen eigenthümlichen Eindruck, diese schmalen Landstreifen zu sehen, welche, dicht mit schattigen Bäumen bewachsen, hier in dem unendlichen Weltmeere wie Oasen unter dem farbenprächtigen Tropenhimmel liegen und, von der hier ewig heißen Sonne beschienen, von einem merkwürdig sonntägig melancholischen Hauch umweht sind. Hier und da sieht man zwischen den Bäumen einige Hütten hervorlugen, Menschen gewahrt man aber nicht. Wozu sollten diese Leute auch in der heißen Mittagszeit ihre Hütten verlassen? Was sie zum Leben gebrauchen, geben ihnen die Kokosnüsse und die in den Morgenstunden unternommenen Fischzüge; andere Nahrung kennen sie nicht, sogar das Wasser fehlt ihnen. Kokosnußkerne und Fische bilden die Speise, Kokosnußmilch das Getränk. Das Leben auf diesen Inseln würde daher unmöglich sein, wenn die Kokosnußpalme nicht ununterbrochen, unabhängig von der Jahreszeit, stets Blüten und Früchte jeden Alters, von der ersten Anlage bis zur vollkommenen Reife, trüge. Arbeit bringt den Leuten keinen Nutzen, ihr ganzer Lebenszweck besteht daher in Essen, Trinken, Schlafen und in der Sorge für ihre Fortpflanzung.
Da die hohen Bäume einen Blick auf die andere Seite des schmalen Landstreifens von dem Deck aus nicht zulassen und nur ab und zu dem Auge erlauben, für Momente die schöne, hellgrüne Farbe des Inselsees zu erhaschen, so stieg ich mit einigen Offizieren, denen sich sogar der Schiffsarzt anschloß, in die Takelage, um von diesem erhöhten Standpunkte aus einen freien Ueberblick zu erhalten. Jetzt liegt die ganze Insel vor uns -- zu unsern Füßen der schmale, mit saftigem Laub bedeckte Landstreifen, an den sich in der Ferne die noch im Wasserspiegel liegenden Riffe anschließen, welche sich wol nie zu fruchtbarem Boden entwickeln können, da die jahraus jahrein von derselben Richtung auflaufenden Wogen das Riff mit einer so gewaltigen Brandung überspülen, daß die kleinen Keimchen, welche sonst unter Umständen eine so starke Brustwehr zu bilden vermögen, hier doch keinen festen Fuß fassen können. Merkwürdigerweise müssen hier in der Südsee die von dem Passat aufgewühlten Wellen in Bezug auf Höhe und Kraft vor einem Nebenbuhler zurücktreten, welcher in einer Entfernung von etwa 2000 Seemeilen von den in den südlichen Breiten herrschenden schweren Südweststürmen erzeugt ist und in Form einer gewaltigen Dünung seinen Weg bis zu unserm augenblicklichen Standpunkt zu finden weiß.
Die Insel würde ein lohnendes, aber sehr schwieriges Thema für einen geschickten Maler abgeben; schwierig, weil nur die vollendetste Kunst die großen Contraste, welche sich hier dem Auge bieten, im Bilde wird wiedergeben können. Die tiefblaue Meeresflut, welche hier in Lee der Insel von der vorher genannten Südwestdünung nicht beunruhigt wird, ist nur leicht bewegt von dem kühlenden Passat, dessen kosendes Spiel die Wasserfläche mit unzähligen Schaumköpfen bedeckt. Sanfte niedrige Brandung bespült weich diesen blendend weißen Streifen Landes, auf dem die Kokospalmen mit ihren schlanken, graugrünen Stämmen gen Himmel streben und ihre duftigen saftig-grünen Laubkronen in dem frischen Winde spielen lassen. Niedriges Buschwerk und Gräser bedecken den Rücken des Landes und überziehen den grellen Korallensand mit einer dem Auge wohlthuenden Farbe. Auf der andern Seite des Landes liegt die smaragdfarbene Lagune, welche regungslos, von dem Winde unberührt, der Sonne wie ein riesiger Edelstein entgegenstrahlt, während dieses erhabene Gestirn glänzend in dem durchsichtigen Aether steht und seine warmen Strahlen auf dieses in stillem Frieden daliegende Stück Erde hinabsendet. Doch welche Veränderung sieht das Auge, sobald es weiter schweift! Zur Linken und Rechten verläuft das Land in Riffe, über welche die schweren Südwestwogen brüllend hinwegbrechen und ihren Gischt bis zu 15 m Höhe hinaufschleudern. Der ganze See ist in der Ferne von einer dichten Dunstmasse umrahmt, denn jenseit der Lagune sieht man nur noch den Wasserstaub der sich brechenden Wogen, da die Brandung selbst schon weit unter dem Horizonte liegt. Dieser Dunstkreis gibt dem Himmel an jener Seite eine graue Färbung und ein stürmisches Aussehen; man glaubt dort an einem rauhen Herbsttage die entfesselten Elemente kämpfen zu sehen, während hier das Schiff im schönen Hochsommer sanft die Wogen des majestätischen Weltmeers durchschneidet.
Im Laufe des gestrigen Nachmittags wurden noch einige dieser Inseln passirt, welche indeß ein trauriges Bild wüster Zerstörung zeigten. Vor einigen Monaten hat ein schwerer Orkan seinen Vernichtungsweg über einen Theil dieser Inselgruppe genommen, dort, wo er einkehrte, fast alle Bäume entwurzelt und die Menschen in die salzige Flut geschleudert, wo Hunderte ihren Tod fanden. Nur wenige, welche sich an Baumstämme angeklammert hatten, wurden gerettet.
Während der letzten Nacht befand sich das Schiff inmitten dieses Inselgewölks, wurde mit großer Sorgfalt in freiem Wasser gehalten, passirte heute Morgen die letzten Inseln und hat nun, den Curs nach dem schönen Tahiti gerichtet, diese doch immerhin unbehagliche Gegend hinter sich.
Der heutige Tag sollte uns nach Papeete, der Hauptstadt von Tahiti, bringen. So durfte es wenigstens angenommen werden, wenn die Meeresströmungen das Schiff seit gestern Mittag nicht zu sehr aufgehalten hatten. Die Insel ist so hoch (etwa 2240 m), daß die höchste Spitze bei klarem Wetter auf 90 Seemeilen Entfernung sichtbar ist; es wurde daher schon mit dem anbrechenden Tage nach dem ersehnten Lande ausgesehen, um seine schwachen Umrisse möglichst früh zu erspähen. Die höher steigende Sonne schichtete aber dort, wo die schöne Insel liegen mußte, Wolken auf, gab dem Lande das feuchte Tagesgewand, welches dem Erdreich Segen, dem Seefahrer aber so bittere Enttäuschung bringt. Wenn nun auch wenig Hoffnung war, das Land vorläufig zu sichten, so ging es hier doch wieder wie immer. Die Ferngläser wichen nicht von jener Wolkenbank, jeder wollte Tahiti zuerst sehen, wollte seinem erfahrenen Auge den Triumph gönnen, in dem Wolkenschleier einige schwache Contouren zu entdecken, welche zweifellos dem Lande gehörten und nicht die Ränder einer Wolke bildeten. Es mag auffällig erscheinen, daß ältere Leute sich so abquälen und ihre Augen so unnütz anstrengen, da sie doch den Stand des Schiffes genau kennen und wissen, was jenes Gewölk in sich birgt. Wer aber weiß, wie oft das geübteste Auge durch Wolkenbildungen, die fernem Lande täuschend ähneln, angeführt wird, der wird auch den Reiz verstehen, welcher in solcher Augenübung liegt. Stunden vergingen, und erst 11½ Uhr vormittags brach hoch über dem Horizont aus dem Gewölk der höchste Pic von Tahiti hervor. Noch war die Möglichkeit, den Hafen vor Einbruch der Nacht zu erreichen, vorhanden; das eine Stunde später festgelegte Mittagsbesteck ergab aber noch eine Entfernung von 70 Seemeilen, ein Stück Weges, das unter den obwaltenden Verhältnissen in sechs Stunden nicht mehr zurückgelegt werden konnte.
Der Tag war herrlich und so recht geeignet, das Schiff nach der langen Seereise von Panama aus, vor Ankunft in dem fremden Hafen wieder in einen Zustand der Ordnung und Reinlichkeit zu bringen, wie man im Auslande die deutschen Kriegsschiffe zu sehen gewohnt ist. Während in dem gewöhnlichen Alltagsdienst auf See nur die Wache, also die Hälfte der Mannschaft, zum Dienst herangezogen wird, müssen heute alle Mann heran, da nur auf diese Weise die umfangreiche Arbeit bewältigt werden kann. Denn es gilt, die ganze Außenseite des großen Schiffes bis zum Wasserspiegel und die ganze Takelage bis zum Blitzableiter zu waschen, zu säubern und mit frischer Farbe zu versehen. Diese Theile des Schiffes lassen sich auf hoher See nicht so parademäßig halten, wie sie im Hafen sein müssen. Die Wellen, welche die Außenseite des Schiffsrumpfes fortgesetzt bespülen, lösen die Farbe mit der Zeit ab; ihr Wasser überzieht die Schiffswände, ihr Gischt die untern Theile der Takelage mit einer festen Salzkruste; der aus dem Schornstein entströmende Rauch schwärzt Masten, Segel und Tauwerk; es würde daher ein vergebliches Beginnen sein, die vorgenannten Theile des Schiffes auf hoher See in der gewünschten Sauberkeit erhalten zu wollen. Den Wellen läßt sich ebenso wenig gebieten Ruhe zu halten, wie der Windstille, ihre Ruhe aufzugeben; die Wellen treiben unaufhörlich ihr Versalzungswerk, die Stille verlangt den Dampf, wenn, wie es bei uns der Fall war, das Schiff beschleunigte Segelordre hat. Könnte aber auch zeitweise mit Sicherheit auf ruhiges Wasser und auf leichten Wind gerechnet werden, so würde doch zur Reinigung das Wasser fehlen, auf dem endlosen Meere -- das Wasser. Soll die neue Farbe auf den Schiffswänden haften, soll das Tauwerk geschmeidig bleiben, dann darf zu dem Waschen nur süßes Wasser verwendet werden, ein Artikel, welcher in dem heißen Klima den durstigen Menschen wegen ungenügenden Vorraths nur so knapp zugewendet werden darf, daß an eine Vergeudung in der vorher angedeuteten Weise auf hoher See nicht gedacht werden kann. Erst in nächster Nähe des Hafens, und auch nur vor einem solchen Hafen, wo mit Sicherheit gutes Trinkwasser erwartet werden kann, darf die Verschleuderung dieser meistentheils so gering geachteten und doch so edeln Flüssigkeit erlaubt werden.
Die Befehle waren ertheilt, und die Mannschaft eilte, sich für den halben Festtag zweckmäßig zu kleiden. Eine solche Generalreinigung ist für den Matrosen gewissermaßen ein Fest, denn es gehört zu seinen liebsten Beschäftigungen, bei gutem Wetter mit dem Farbenquast hantieren zu können; auch ist ihm bei solcher Arbeit eine leise Unterhaltung mit seinem Nachbar erlaubt, was den Reiz noch erhöht. In kurzer Zeit ist die Toilette, welche aus dem schlechtesten Zeuge und umgekrempelter, mit dem Futter nach außen gekehrter Mütze besteht, beendet, das Deck füllt sich wieder mit Menschen, welche Stellagen für die äußern Schiffswände und Fahrstühle für die Masten herrichten, Eimer, Schwämme und die zum Malen erforderlichen Requisiten herbeischaffen. Der Erste Offizier, erfreut, endlich sein Schiff wieder durchweg schmuck machen zu können, ist überall, wird gewissermaßen zur selben Zeit aller Orten, hinten und vorn, oben und unten, außenbords und in der Takelage gesehen. Die Takelage belebt sich mit Menschen; vom obersten Flaggenknopf bis zum Fuß des Mastes, auf den Raaen, überall ist reges Treiben. Die Stellagen werden an der Schiffsseite herabgelassen, so weit, daß die auf ihnen sitzenden Leute mit ihren Füßen eben frei von der Wasseroberfläche bleiben; die zu diesem Dienst beorderten Leute schlingen jeder sich ein Sicherheitstau um den Leib, welches, obgleich oben am Schiff befestigt, doch außerdem noch in der Hand eines als Wächter postirten Matrosen ruht. Die Vorbereitungen sind, da jedermann seinen Dienst genau kennt, in wenigen Minuten beendet, und spätestens eine halbe Stunde nach dem ersten Befehl ist die Arbeit in vollem Gange. Schwanengleich gleitet das Schiff bei dem leichten Winde unter vollen Raasegeln durch das nur wenig bewegte Wasser; von dem Vorschiff dringt das leise Rauschen des von dem Schiffsbug aufgewühlten Wassers eintönig und doch so melodisch nach hinten; leises Summen durchweht die Takelage, scheinbar aus der Tiefe des Meeres kommend klingt das Gemurmel der außerhalb beschäftigten Leute auf das Schiff herauf. Eine auffallende Ruhe ist über das Schiff gebreitet, und doch ist das ganze Schiffsvolk in emsiger Thätigkeit. Die Matrosen hängen in der Takelage wie Bienen, die eine blühende Linde umschwärmen; die Schanzkleidung ist rundherum garnirt mit den Wächtern der Sicherheitstaue, welche, träumerisch in die Ferne schauend, nur ab und zu einen Blick auf ihre Schützlinge werfen.
So steuert das Schiff, ein Bild innern Friedens, dem jetzt schon deutlich sichtbaren Lande zu. Da plötzlich ertönt hinten von der Außenseite des Schiffes her der Ruf: „Hai achterraus!“ Das Schiff ist sofort ein anderes. Das Commando des wachthabenden Offiziers: „Alle Mann innenbords!“ gibt dem Ersten Offizier einen Stich ins Herz, da er nun keine besonderen Vorbereitungen für den Empfang der mit schwarzer Farbe beschmierten Malkünstler treffen kann. Anstatt auf sorgsam ausgebreitete Matten zu treten, springen diese Leute mit ihren bemalten Füßen auf das schneeweiße Deck, um dasselbe fast ebenso schwarz wie die Schiffswand zu machen; es gilt ja aber nicht blos, den eben empfangenen Befehl zu befolgen, sondern auch theilzunehmen an dem Haifischfang. Der Ruf: „Hai achterraus!“ ist für alle zur Zeit nicht beschäftigten Leute eine unausgesprochene Erlaubniß für die Theilnahme an dem Fang, da 20-30 Mann zu einem glatten Aufziehen des Fisches gehören und die andern zusehen dürfen. Es kann wol als Regel gelten, daß jedes Schiff versucht, jeden in die Nähe kommenden Hai zu fangen, da kaum ein anderes Thier so aufrichtig gehaßt wird, wie dieser Fisch von dem Seemanne; deswegen springen auch immer einige Leute gleich zu, um die erforderlichen Vorbereitungen zu treffen. Im Umsehen sind der Haken und ein 1 kg schweres Stück Speck zur Stelle, die Taue für den Haken und für die Schlinge, welche dem Hai, sobald er angebissen hat, übergeworfen wird, bereit. Ich will hier einfügen, daß jeder Hai, welcher sich bei mäßigem Winde einem unter Segel befindlichen Schiffe nähert, in der Regel seinem sichern Verderben entgegengeht, wenn der Fang richtig geleitet wird. Diese Wasserhyäne ist so gefräßig, daß sie stets auf den zugeworfenen Köder beißt. Auch wenn sie schon ein- oder zweimal von der Angel losgekommen ist, beißt sie mit zerrissenen Kiefern zum dritten mal an, wenn noch ein ganzer Angelhaken für den dritten Wurf vorhanden ist. Das Thier ist so stark, daß es fast immer, wenn es nur an der Angel aus dem Wasser gezogen wird, mit seinen heftigen Schlägen den stärksten Haken oder dessen Kette bricht; ein sicherer Fang wird daher nur gewährleistet, wenn man eine Tauschlinge an dem Angeltau herabgleiten läßt, die Schlinge dann über den an kurzer Leine gehaltenen Fisch bis zur Schwanzflosse streift und den Fisch nun mit dem Schwanz zu oberst aufhißt, um ihn schließlich an Kopf und Schwanz gefesselt auf das Schiff zu holen. So konnten wir also auch darauf rechnen, das signalisirte Raubthier bald auf dem Schiffe zu haben. Doch stellte sich inzwischen heraus, daß heute die Hauptsache fehlte, nämlich der Haken. Vor kurzem waren bei ähnlicher Gelegenheit die beiden Haihaken des Schiffes unbrauchbar geworden; wir fürchteten daher schon, unserm Feinde die Freiheit lassen zu müssen, als der Erste Offizier lächelnd das Deck verließ, um kurze Zeit darauf wieder mit einem in seinem Privatbesitz befindlichen wahren Prachthaken zu erscheinen. Während nun die Angel zurechtgemacht wurde, folgte der Fisch uns in einer Entfernung von dreißig Schritten mit bewunderungswürdiger Gleichgültigkeit.
Das Wasser ist hier so klar, daß das dicht unter der Oberfläche befindliche Thier in Krystall zu schwimmen schien, und wäre das Schiff nicht in Fahrt gewesen, dann hätte man dem Thier jede Bewegung absprechen müssen. Der Körper war deutlich zu sehen, keine Flosse schien sich zu bewegen, nur das bei scharfem Hinsehen erkennbare leichte Aufkräuseln des Wassers an der über die Oberfläche hervorragenden Rückenflosse zeigte, daß der Fisch in Bewegung war. Die Angel plumpste ins Wasser -- sie wird absichtlich stets mit möglichst großem Geräusch geworfen -- und sofort schwenkten die beiden Lootsen, denen der Hai gehorsam folgte, nach dem Schiffe hin. Diese Lootsen sind kleine Fische, von denen stets zwei den Hai begleiten, um, vor ihm schwimmend, ihn zur Beute zu führen, und aus deren Vorhandensein man schließt, daß ihr Herr mit sehr schwachen Gesichts- und Geruchsorganen ausgestattet ist. In geringer Entfernung von dem Köder ließ das plötzlich entschiedene Vorgehen des Haies erkennen, daß er nunmehr die Witterung hatte; die Lootsen nahmen jetzt ihren Standort zu beiden Seiten ihres Herrn, welcher noch etwas vorschoß, sich halb auf die Seite legte und dann mit seinem auf der Bauchseite befindlichen und mit zwölf Reihen Zähnen bespickten mächtigen Rachen zuschnappte. Gleichzeitig wurde so kräftig an der Angelleine gezogen, daß der scharfe Haken tief in den Kiefer eindrang, und unser Opfer war vorläufig an die Kette gelegt. Mächtige Schläge des Schwanzes wühlten das Wasser auf und sagten den Lootsen, daß ihr Beschützer verloren war, denn als das Thier mit dem Nachlassen der Leine wieder ruhig wurde, waren sie verschwunden. Sobald die Ueberzeugung gewonnen war, daß die Angel gefaßt hatte, wurde die Leine soweit nachgelassen, daß der Fisch wieder ohne Schmerz schwimmen konnte, und nun folgte er geduldig dicht am Schiffe, bis die Schlinge richtig placirt war. Dann wurde kräftig angezogen und im nächsten Augenblick wand sich der Fisch -- zappeln kann man hier nicht sagen -- mit dem Kopf nach unten hängend, in kräftigen Zuckungen über der Schanzkleidung des Schiffes; noch einige Augenblicke und er lag, wüthend um sich schlagend, auf dem Deck, wo jeder ängstlich dem Schwanze auswich, während der Matador, ein mit einer Handspake bewaffneter Unteroffizier, an seinem Kopfe zum Stoß bereit stehend auf den Augenblick wartete, wo das Opfer nach Luft schnappen würde. Der Rachen öffnete sich, hinein fuhr die Spake bis zum Magen und machte den Fisch steif. Nun war der Schwanz unschädlich gemacht, die Matrosen sprangen zu und mit Hurrah ging es nach dem Vorschiff, wo die Schlachtbank bereits bereitet war. Erst wurde der Schwanz vom Körper getrennt, da zum Ablösen des Kopfes vorher die Spake entfernt werden muß, das Thier aber ohne Kopf noch lange Zeit kräftige Muskelzuckungen behält, mit welchen es schlimme Verletzungen schlagen kann, wenn die Schwanzflosse noch am Körper ist. Dann wurde der Magen untersucht, welcher nichts Auffälliges enthielt, und danach ging es an die weitere Zerlegung, welcher ich aber nicht folgen, sondern nur kurz anführen will, was aus den einzelnen Theilen wird. Die Schwanzflosse wird an den äußersten Punkt des Bugspriets angenagelt, weil sie nach einem Matrosenaberglauben an jener Stelle angebracht dem Schiffe Glück bringt; die Schwanzstücke werden von der Mannschaft gekocht oder gebraten gegessen; das Rückgrat und das Gebiß werden sorgsam gereinigt und als Raritäten mit nach Hause gebracht.
Sobald der Hai auf dem Schiffe war, gingen die Leute, bis auf wenige, welche den Fisch zerlegten, wieder an die Arbeit, doch die Stimmung, welche vorher auf dem Schiffe gelegen, kehrte nicht wieder. Die Aufregung der Jagd hatte alle unruhig gemacht und dies theilte sich dem ganzen Schiffe mit. Diese Unruhe äußerte sich nicht in größerm Geräusch, denn es war fast noch lautloser wie vorher, sondern zeigte sich in den Mienen und Bewegungen der Leute. Die Arbeit wurde beendet, das beschmutzte Deck mit Messern, Schrapern, Sand und Steinen wieder gereinigt, und erst dann trat mit der Selbstreinigung der Mannschaft wieder die alte Stimmung ein. Schon vor Beendigung der Arbeit ist das Verdeck für die große Waschung vorbereitet worden. Das Tauwerk ist aufgehängt, etwa dreißig große, mit süßem Wasser gefüllte Bütten stehen bereit, die Spritzenschläuche sind an die Pumpen angeschraubt. Die Mannschaft strömt herbei und hat, da wir auf dem Kriegsschiffe ja immer unter uns Männern sind, schnell sich aller Kleider entledigt. Die Gelegenheit wird ausgiebig benutzt, da ein solches Süßwasserbad nicht oft geboten wird; in kurzer Zeit ist die ganze Mannschaft in Seifenschaum gehüllt. Dort steht ein Kranz Matrosen in gebückter Stellung um ihre Bütte; die nächste Gruppe ist schon weiter vorgeschritten, indem die Leute aufrecht stehen und einer dem andern den Rücken abseift; weiterhin ragt aus der Mitte eines Kranzes über die gebeugten Rücken die zusammengekauerte Gestalt eines Mannes hervor, welcher in dem Waschfaß sitzt; daneben sitzen in einem größern Gefäß sogar zwei sich gegenüber, welche sich gegenseitig abseifen, aber bald mitsammt ihrer Wanne von den Kameraden umgeworfen werden, weil sie sich zu unnütz machen. Kleine Scherze der verschiedensten Art beleben und erheitern das Bild, die allgemeinste Lustigkeit bricht aber durch, sobald die Spritzen zu spielen beginnen. Alles strömt herzu und ballt sich zu einem lebenden Knäuel zusammen, auf welchen von erhöhtem Standpunkte aus die kräftigen Wasserstrahlen fallen. Da wogen 200 kräftige, muskulöse Gestalten als ein Bild der üppigsten Kraftfülle unter Lachen und Gejauchze hin und her, sich gegenseitig verdrängend und verschiebend; in der Mitte die größere Masse aufrecht stehend, und um diesen Kern herum ein Kranz theils auf dem Gesicht, theils auf dem Rücken liegender Gestalten, welche das Bad in dem langsam abfließenden Wasser dem kräftigen Strahl vorziehen. Die Abendbrotzeit nahte, dem Baden mußte ein Ende gemacht werden, und eine Stunde später saß die Mannschaft wieder auf dem Vordeck, um die Freizeit nach dem Abendbrot zu genießen und, auf dem vom Monde hell beschienenen Deck behaglich ausgestreckt, rauchend den Klängen der Musik zu lauschen, welche mit ihren deutschen Weisen uns der Heimat näher rückte.
Das köstliche Wetter, der schöne Sonnenuntergang, bei welchem wir vor drei Stunden für heute den letzten Blick auf das in weiter Ferne sich von dem Himmel abhebende Inselland warfen, welches sein aus Wolken gewebtes Tageskleid wieder abgelegt hatte, das magische Bild des von dem Monde silbern überhauchten Schiffes, rufen in mir die märchenhaften Erinnerungen wieder wach, welche mein Gemüth so mächtig bewegten, als ich vor 22 Jahren als Knabe zum ersten mal Madeira in weiter Ferne sah und auf der längst verschollenen „Amazone“ in einer ähnlichen Zaubernacht mit leichtem Winde dieser schönsten aller Inseln entgegensegelte. Damals der vierzehnjährige Knabe als preußischer Cadet auf seiner ersten Seereise, jetzt der Mann als Commandant eines deutschen Schiffes vor einer ähnlichen Inselperle, welche 15000 Seemeilen weiter von der Heimat entfernt ist. Was liegt nicht alles in dieser verhältnißmäßig kurzen Spanne Zeit? Welche großartigen politischen Umwälzungen haben sich nicht vollzogen, wie hat mein eigenes Leben sich gestaltet? -- Es ist Zeit für mich, das Bett aufzusuchen, weil ich um 3 Uhr morgens wieder auf dem Posten sein muß, da nach der dem Schiffe gegebenen Segelführung dann das Land angesteuert wird, um bei guter Zeit in Papeete eintreffen zu können.
6.
Tahiti.
Tahiti, 25. Mai.
Nach kurzer Ruhe wurde ich heute Nacht 1 Uhr wieder geweckt mit der Meldung, daß das Leuchtfeuer von Tahiti in Sicht gekommen sei. Der Thurm dieses Feuers ist auf derjenigen Landspitze erbaut, wo der berühmte englische Seefahrer und Entdecker Cook im Jahre 1769 den Durchgang der Venus beobachtet und danach diese Landspitze „Point Venus“ benannt hat.
Das Auftauchen eines Leuchtfeuers über den Horizont gibt die schnellste und eine absolut sichere Ortsbestimmung für ein Schiff, spielt daher bei der Navigirung eine große Rolle und erfordert stets die Anwesenheit des Commandanten auf dem Deck, damit er sich persönlich von der Richtigkeit aller Umstände überzeugen, den Ort des Schiffes in der Karte festlegen und danach den neuen Curs bestimmen kann. Hier in diesem Theil der Südsee, wo es mit Ausnahme dieses einen Punktes keine Leuchtthürme gibt, lernt man so recht erkennen, welcher Unterschied zwischen der Seefahrt an den Küsten civilisirter Staaten und den Küstenstrichen wilder Völkerschaften besteht.
Auf der See liegen vornehmlich alle Gefahren in der Nacht und im Nebel verborgen, weil die meisten Collisionen, Strandungen, Kenterungen u. s. w. dem Umstande zuzuschreiben sind, daß die Gefahr nicht früh genug erkannt, daher nicht mehr vermieden werden konnte. Deswegen muß man sich bei Nacht von solcher Küste, welche keine Leuchtfeuer zeigt, fernhalten; muß um einsame Klippen, welche man bei Tage auf Steinwurfweite passiren könnte, meilenweite Umwege machen. Ist die Küste aber mit Leuchtfeuern versehen, trägt der einsame Fels einen Leuchtthurm oder ist auf der gefährlichen Sandbank ein Leuchtschiff verankert, dann werden diese Punkte, welche vordem der Schrecken der Seefahrer waren, auch bei Nacht aufgesucht, werden zu sichern, gern gesehenen Führern, weil, wie ich nachher zeigen will, das Feuer bei Nacht den Ort des Schiffes leichter bestimmen läßt, als es bei Tage an dem Thurm, dem Träger des Feuers möglich ist.
Auf hoher See allerdings ist es auch den civilisirten Staaten versagt, der Schiffahrt derartige Erleichterungen und Sicherheitsmaßregeln zu schaffen. Da heißt es in seligem Gottvertrauen drauf los fahren; trifft das Schiff bei hohem Seegang oder schneller Fahrt auf eine noch unbekannte Klippe, auf das treibende Wrack eines verunglückten Schiffes, oder wird es unvorbereitet von einer schweren Bö erfaßt, dann wird es in den erstern Fällen in der Regel, in dem letztern Falle häufig mit Mann und Maus verloren sein. Das sind eben die Chancen des Seelebens, welche man mitnehmen muß, weil es unmöglich ist, während der Nacht still zu liegen, denn sonst würde man mehr als die doppelte Zeit für die Reisen gebrauchen, würde, ganz abgesehen von der verlorenen kostbaren Zeit, so große Quantitäten an Proviant und Wasser mitnehmen müssen, daß die Schiffe der Jetztzeit sie nicht zu fassen vermöchten.
Um die Ortsbestimmung durch ein Leuchtfeuer leichter verständlich zu machen, muß ich auf die bekannte Thatsache zurückgreifen, daß infolge der Kugelgestalt der Erde die Sehweite eines Gegenstandes von seiner Höhe über dem Meeresniveau abhängt, und daß es bei zwei sich nähernden Gegenständen einen Punkt gibt, wo sie sich in dem Horizont zuerst treffen und sich gleichzeitig zu Gesicht bekommen. Daher werden die in der obenstehenden Figur mit 'a' und 'b' bezeichneten Gegenstände in den gegenseitigen Gesichtskreis kommen, wenn sie z. B. mit ihrer obersten Spitze die Linie 'A--B' berühren, und in diesem Falle wird der Treffpunkt in 'C' liegen. Es ist hierbei natürlich gleichgültig, ob beide Gegenstände in Bewegung sind oder nur einer, da, wenn 'a' einen bei 'x' errichteten Leuchtthurm vorstellen soll, seine Sehweite bis 'C' reicht, seine oberste Spitze oder sein Feuer also von dem Schiffe 'b' gesehen werden kann, sobald dieses bei 'y' angekommen ist.
Zur Bestimmung der Sehweite eines Gegenstandes gibt es eine einfache Formel, welche für die praktische Seefahrt ein hinreichend genaues Resultat liefert. Es wird die in Fuß bekannte Höhe des Gegenstandes (diese Formel ist nur anzuwenden, wenn die Höhe bekannt ist und dies ist bei allen Leuchtfeuern natürlich der Fall) mit 4 multiplicirt, das Product durch 3 dividirt und aus dem Quotienten die Quadratwurzel gezogen; das Endresultat ergibt die Sehweite in Seemeilen. Beträgt also z. B. die Höhe eines Leuchtfeuers über der Meeresoberfläche 108 Fuß, dann wird es von einem im Wasserniveau befindlichen Beobachter auf Wurzel aus 4/3 x 108 also 12 Seemeilen gesehen werden; steht aber der Beobachter auf einem Schiffe 19 Fuß über dem Meere, dann wird seine eigene Sehweite Wurzel aus 4/3 x 19 oder 5 Seemeilen betragen, er wird also in dem Moment, wo sein Auge bei 'C' das über den Horizont hervorbrechende Licht sieht, 12 + 5 oder 17 Seemeilen von dem Standort des Leuchtthurmes entfernt sein. Peilt der Beobachter nun gleichzeitig das Feuer mit dem Kompaß, d. h. stellt er beim Insichtkommen die Himmelsrichtung, in welcher es zum Schiffe steht, genau fest, dann ist er in der Lage, mit Hülfe eines Zirkels und eines Lineals in wenig Augenblicken auf der Karte den Punkt zu bestimmen, wo das Schiff sich befindet. Man sollte nun meinen, daß ein solches Verfahren ebenso gut bei Tage möglich wäre, dies ist aber nicht der Fall. Es kann als Regel angenommen werden, daß die Luft nie so klar ist, um das Hervorbrechen der Spitze eines Thurmes über den Horizont genau feststellen zu können, vielmehr wird ein im Lande stehender Thurm auch mit Hülfe eines guten Fernrohres erst gesichtet werden, wenn er ganz oder doch zum größern Theil über dem Horizont steht, während in einer mäßig klaren Nacht das Feuer sich so scharf markirt, daß man es im Augenblick des Auftauchens sogar durch ein Einziehen des Kopfes zwischen die Schultern wieder unter den Horizont verschwinden lassen kann.
Nachdem der Stand des Schiffes bestimmt war, wurde beigedreht, d. h. das Schiff mit kleinen Segeln so zum Winde gelegt, daß es sich nur unbedeutend von seinem Platze fortbewegte, weil es wegen der nur noch geringen Entfernung bis Papeete nutzlos war, vor Tagesanbruch den Curs fortzusetzen. Ich konnte mir daher noch zwei Stunden Schlaf gönnen, stand um 4 Uhr wieder auf der Commandobrücke und ließ nun dem Schiffe volle Segel geben, um mit Tagesanbruch dicht unter der Küste zu sein.
Kurz nach 6 Uhr -- die Tropen kennen ja keine Dämmerung -- bricht der volle Tag in seiner ganzen Glorie aus der Nacht hervor, die Sonne steigt als rothglühender Ball aus den Fluten und wirft ihr noch mattes tiefrosiges Licht auf das ziemlich plötzlich und schnell aus der Dunkelheit hervortretende, hoch zum Himmel strebende Tahiti. Ein aus dünnem Nebel gewobenes Nachtgewand umhüllt das Land und schmiegt sich weich wie ein Schleier seinen Formen an, ist durchsichtig, wo es auf den Bergrücken glatt aufliegt, verdichtet sich zu fester Hülle, wo in den Thälern Falte auf Falte geschichtet liegt. Eigenthümlich! Das Land scheint beim Erwachen des Tages sich zu beleben. Schlaftrunken und leblos wird es in seinen höhern Regionen von den ersten Strahlen der für uns noch unter dem Horizont stehenden Sonne getroffen, während das Unterland noch in tiefem Schatten liegt. Schnell überläuft das Licht mit dem Höhersteigen der Sonne das Land von dem obersten Berggipfel herunter bis zum Strande; die Insel bewegt und reckt sich, ermannt sich und blickt fest auf den Füßen stehend dem jungen Tage mit klarem Blick entgegen, sobald die warmen Strahlen des mächtigen Tagesgestirns den untersten Saum des Landes erreicht haben. Aus dem duftigen Nachtgewand, welches unter den Sonnenstrahlen langsam verdunstet, tritt der schöne unverhüllte Leib hervor, um sich im frischen Morgenthau zu baden, läßt sich von den Licht- und Wärmestrahlen tosend umarmen, um von ihnen Nahrung für sein animalisches und vegetabilisches Leben zu empfangen. Frei von jeder Hülle steht das aus einem blau und weißen Rahmen heraustretende hohe Bergland dicht vor uns in dem Meere. Die Brandung auf dem Korallenriff, welches die Insel umrahmt, gleicht einem blendend weißen Schaumkranz, hinter welchem bis zum Strande ein Gürtel spiegelglatten azurblauen Wassers liegt. Am Lande steigen dünne Rauchsäulen auf, einzelne Kanus stoßen vom Strande ab, um auf den Fischfang zu gehen, Vögel ziehen lautlos über die Wasserfläche hin, und lautlos wie ein Riesenvogel segelt die „Ariadne“ mit aufgeblähten Segeln dicht an der Riffbrandung entlang. Der aus blauem Krystall und Schneeschaum gewundene Gürtel, die duftigen Palmen am Strande, das rothe, braune, graue und schwarze Gestein der felsigen Bergrücken, die saftigen Thäler und die üppigen Wälder auf den fruchtbaren Bergabhängen, die langen tiefen Schluchten und die mächtigen Bergkegel: dies alles scharf heraustretend aus dem durchsichtig blauen Hintergrunde, von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne erwärmt und durch die erwachende Natur belebt, gibt ein wahrhaft ergreifendes Bild von der Größe der Schöpfung. Unbewußt zieht tiefe Andacht in das Herz des Menschen ein, seine Seele will sich von dieser Erde lösen und einen Flug beginnen, der ihr versagt bleiben muß. Ein Blick nach der offenen See -- und die tiefe Andacht, welche den Menschen erfaßt hatte und durch die mit ihr verbundene Unachtsamkeit dem Schiffe unter Umständen hätte Gefahr bringen können, ist dahin, der Mensch denkt nur wieder allein an seine Pflicht, läßt zwar ab und zu noch mit Wohlgefallen seine Blicke über das köstliche Bild schweifen, ist aber doch gegen nochmalige Verzauberung gefeit. Und was brachte diesen plötzlichen Umschwung? Ein erbitterter Kampf um das Dasein zwischen Fischen und Vögeln, ein Kampf, wie er sich dem aufmerksamen Beobachter in dem Thierreich zu jeder Zeit und an jedem Ort bietet, wenn auch nur selten in so häßlicher Form wie in diesem Falle. Ein lautes Gekreisch und Geplätscher lenkt unsere Blicke nach der offenen See hin, dort, nicht weit von uns, ist ein kleiner Fleck im Wasser im vollsten Aufruhr. Armlange Fische springen scharenweise aus dem hochaufspritzenden Wasser, um einem größern Raubfisch zeitweise zu entgehen, doch über ihnen, dicht über dem Wasser, flattern Scharen von kleinen weißen krächzenden Seevögeln, welche heißhungerig sich auf die aus dem Wasser springenden Fische stürzen und diesen mit ihren kleinen scharfen Schnäbeln große Stücke Fleisch aus dem lebenden Körper reißen. Vernichtung unter der Wasseroberfläche, Verstümmelung über derselben: das ist das Los der so oft als die glücklichsten Thiere gepriesenen Fische, welche erst dann wieder Ruhe finden, wenn der Feind aus dem eigenen Geschlecht gesättigt ist und ihnen gestattet, in tieferm Wasser Schutz gegen die unbarmherzigen Bewohner der Lüfte zu suchen.
Inzwischen ist der Tag weiter vorgeschritten; die Sonne, welche hier in sechs Stunden fast bis zum Zenith steigen muß, hat um 8 Uhr schon eine solche Höhe erreicht, daß ihre Strahlen das Land zu versengen drohen und es zwingen, wieder unter dem Wolkenkleid, welches am vorhergehenden Abend nach Sonnenuntergang abgelegt wurde, Schutz zu suchen. Kleine Wölkchen lehnen sich an die Bergspitzen an, verdichten sich und schwellen an, umlagern dann die obern Bergkuppen und wachsen so lange, bis sie, allmählich sich senkend, die ganze obere Hälfte der Insel mit einer dichten Wolkenhaube bedecken, welche das nach Feuchtigkeit lechzende Land in so ergiebiger Weise mit Wasser versieht, daß trotz des in jetziger Jahreszeit seltenen Regens die Vegetation in köstlichster Frische prangt und die in den Thalschluchten von den Höhen nach unten eilenden Bergflüsse nie versiegen. Hier unten bei uns ist es aber heiß, sehr heiß; der kühlende Landwind ist wieder abgestorben, die Seebrise noch nicht erwacht. An Stelle der Segel ist vor kurzem die Schraube getreten, und in einer halben Stunde, gegen 9 Uhr, werden wir in Papeete ankern, um das Schiff schnell auszurüsten und in zwei bis drei Tagen dann nach unserm eigentlichen Bestimmungsort weiterzugehen.
11. Juni.
Seit einigen Stunden befinden wir uns nun endlich auf dem Wege nach den Samoa-Inseln.
Ehe ich die Ereignisse der letzten vierzehn Tage bespreche, will ich in kurzen Umrissen ein Bild des Landes und der Bewohner von Tahiti geben, zuvor aber einen kurzen Abriß der Entdeckungsgeschichte dieser Insel, wie sie in den englischen Segelanweisungen von A. G. Findlay enthalten ist, einfügen. Diese Entdeckungsgeschichte wird gleichzeitig auch zeigen, warum so viele Inseln des Stillen Oceans so verschiedene Namen tragen und wie schließlich doch die Bezeichnungen der Eingeborenen wieder in ihr Recht treten.
Tahiti ist zweifellos zuerst von einem Spanier Pedro Fernandez de Quiros am 10. Februar 1606 entdeckt und von ihm La Sagittaria genannt worden, ohne daß in damaliger Zeit diese Entdeckung weiter verfolgt oder in weitern Kreisen bekannt geworden wäre, denn Thatsache ist es, daß eine 160 Jahre später von dem König Georg III. von England zu Entdeckungen nach der Südsee ausgeschickte Expedition von dem Vorhandensein dieser Insel nichts wußte. So konnte Wallis, der Führer dieser Expedition, sich auch das Verdienst zuschreiben, Tahiti am 19. Juni 1767 entdeckt zu haben und das Recht in Anspruch nehmen, einem bis dahin unbekannten Lande einen Namen zu geben. Er nannte es King George-Island und nahm es durch Aufhissen der englischen Flagge für seinen König in Besitz. Doch die Eingeborenen holten die Flagge bald wieder herunter und benutzten sie in spätern Jahren als ein Zeichen ihrer eigenen Unabhängigkeit.
Noch ehe diese zweite Entdeckung bekannt wurde, erfuhr Tahiti im folgenden Jahre am 2. April 1768 diese Ehre zum dritten mal und zwar durch den rühmlich bekannten französischen Seefahrer de Bougainville in dem Schiffe „Boudeuse“, welcher die Insel 'Nouvelle Cythère' benannte. Am 12. April 1769 langte Cook in Tahiti an, um von hier aus den Durchgang der Venus durch die Sonne zu beobachten. Das Gelingen der Beobachtung am 3. Juni desselben Jahres, die in derselben Zeit erfolgte Aufnahme des Landes und der Häfen, welche bislang noch immer unübertroffen dasteht und die noch jetzt maßgebende Karte lieferte, sowie die gleichzeitige Entdeckung der nordwestlich gelegenen Gesellschafts-Inseln haben diese Reise zu einer besonders werthvollen für die Wissenschaft gemacht. Cook war auch der erste, welcher der Insel ihren einheimischen Namen wiedergab, nachdem sie vorher drei Namen erhalten hatte, die heutzutage so gut wie vergessen sind. In derselben Zeit fürchteten die Spanier, daß der englische Einfluß in der Südsee zu sehr wachsen könne; der Vicekönig von Lima erhielt daher den Befehl, von Tahiti Besitz ergreifen zu lassen, woraufhin eine spanische Expedition unter Don Domingo Bonecheo entsandt wurde, welche am 10. November 1772 in Tahiti anlangte und es Amat oder Tagiti benannte. Der Bericht Bonecheo’s nach seiner Rückkehr hatte zur Folge, daß er im September 1774 wieder dahin geschickt wurde, um nunmehr von der Insel Besitz zu ergreifen. Er durchforschte zunächst das Land, starb aber schon am 26. Januar 1775, worauf die spanischen Schiffe unverrichteter Sache nach Lima zurückkehrten. Im August 1777 besuchte Cook noch einmal Tahiti als das letzte europäische Schiff für den Zeitraum von 11 Jahren.
Im Jahre 1788 schickte König Georg III. von England das Schiff „Bounty“ unter dem Commando eines Lieutenant Bligh, welcher schon mit Cook Tahiti besucht hatte, dahin, um den werthvollen Brotfruchtbaum der Südseeinseln nach Westindien zu verpflanzen. Die Geschichte dieses Schiffes ist so abenteuerlich, daß sie kurzer Erwähnung verdient. Die „Bounty“ langte am 26. October 1788 in Tahiti an, kehrte aber nicht mehr nach England zurück, sondern blieb in den Händen einer meuterischen Mannschaft und fand in der Südsee ihr Ende. Als das Schiff mit den Brotfruchtbäumen Tahiti verlassen hatte, brach eine Meuterei auf demselben aus; nach einzelnen Angaben, weil der größte Theil der Mannschaft die in Tahiti angeknüpften Liebesverhältnisse nicht aufgeben wollte, nach der wahrscheinlichern Angabe aber, weil der Commandant die Mannschaft zu hart behandelte. Thatsache ist, daß das Schiff in den Händen der meuterischen Mannschaft blieb und die Führung einem mit Gewalt zurückbehaltenen Seecadetten übertragen wurde. Der Commandant, die Offiziere und ein kleiner Theil der Mannschaft, welcher treu zu den Offizieren gestanden hatte, wurden dann am 26. April 1789 auf hoher See in Schiffsbooten ausgesetzt und ihrem Schicksal überlassen; sie landeten nach langen Irrfahrten und infolge der erlittenen Entbehrungen sehr zusammengeschmolzen auf Timor und fanden von dort ihren Rückweg nach England, um Kunde von ihrem Schicksal zu geben. Die Meuterer kehrten mit dem Schiffe „Bounty“ nach Tahiti zurück, welches sie, wenn auch auf Umwegen, wohlbehalten wieder erreichten. Sie versicherten sich dort wieder ihrer Frauen, flüchteten unter Zurücklassung von 14 Mann weiter und galten lange Zeit als verschollen. Als die Nachricht von der Meuterei nach England gedrungen war, wurde die Fregatte „Pandora“ ausgeschickt, um die „Bounty“ zu jagen, langte am 23. März 1791 in Tahiti an, nahm die dort zurückgebliebenen 14 Mann gefangen und kehrte dann nach erfolglosem Suchen nach dem Meutererschiff nach England zurück, woselbst drei der 14 Gefangenen hingerichtet wurden. Die „Bounty“ mit ihrer Mannschaft war längst vergessen, als im Jahre 1808 ein Walfischfänger nach Pitcairn-Island (südöstlich der Paumotu-Inseln) kam und dort auf der bis dahin für unbewohnt gehaltenen Insel die Meuterer fand. Ehe diese Nachricht nach England kam, hatte auch das englische Kriegsschiff „Briton“ Pitcairn angelaufen und einen Bericht über die aus der weißen Mannschaft der „Bounty“, ihren braunen polynesischen Frauen und Mischlingskindern bestehende Bevölkerung dieser kleinen Insel nach England gesandt, welcher das allgemeinste Interesse erweckte. Die Schilderung von dem Glück, der Reinheit der Sitten, der harmlosen Einfachheit und den nahezu paradiesischen Zuständen auf dieser kleinen Insel wirkte so mildernd auf die englische Regierung, daß dieselbe unter Zulassung der Verjährung nicht nur volle Verzeihung gewährte, sondern auch die Leute unter ihren besondern Schutz nahm und so weit ging, daß sie im Jahre 1856, als Pitcairn für die Bevölkerung zu klein geworden war, ihnen die bei Australien gelegene schöne Insel Norfolk, welche bis dahin Verbrechercolonie gewesen war, mit allen Gebäuden, 2000 Schafen, 300 Pferden, Schweinen, Federvieh u. s. w. als freies Eigenthum schenkte. Die ganze aus 194 Personen (92 männlichen, 102 weiblichen Geschlechts) bestehende Bevölkerung wurde auch auf Regierungsschiffen kostenfrei nach der neuen Heimat übergeführt.
Die von England aus im vorigen Jahrhundert nach der Südsee unternommenen Reisen hatten die öffentliche Meinung so in Anspruch genommen, daß sich in London eine Missionsgesellschaft bildete, um durch die Verkündigung des wahren Glaubens in Polynesien festen Fuß zu fassen. Schon am 10. August 1796 segelte das Schiff „Duff“ von London ab und langte am 5. März 1797 in Tahiti an, wo die Missionare zunächst viel Gutes stifteten und in verhältnißmäßig kurzer Zeit ganz Tahiti dem Christenthume gewannen. Zu diesem Erfolg soll namentlich der Umstand wesentlich beigetragen haben, daß die Männer, welche zuerst hierher kamen, in den bestehenden freien Sitten nicht gleich Sittenlosigkeit vermutheten, sondern mit Geduld prüfend bald erkannten, daß diese Freiheit nicht eines gewissen moralischen Haltes ermangele, welchen mit der neuen Religion in Einklang zu bringen diesen erleuchteten Männern wol gelungen sein soll, wenngleich jetzt nach 35jähriger französischer Herrschaft von Sittenreinheit auf Tahiti wol nicht mehr gesprochen werden kann. Wenn auch von einer Seite behauptet wird, daß die Unduldsamkeit der englischen Missionare die Ursache gewesen, daß Tahiti unter französisches Protectorat gekommen sei, weil sie zu Anfang der vierziger Jahre zwei französische katholische Priester mit Gewalt von der Insel hätten vertreiben lassen und diese gezwungen worden wären, sich in einem kaum seefähigen kleinen Fahrzeug nach der 2000 Seemeilen westlich von Tahiti liegenden Insel Uea (Wallis-Island) zu flüchten, so gibt eine andere, und zwar meines Erachtens durchaus competente Quelle den Verlauf dieser Vergewaltigung anders an.
Als Ende der dreißiger Jahre die auf den südöstlich von Tahiti liegenden Gambier-Inseln ansässigen französischen Missionare dort festen Fuß gefaßt hatten, schickten sie zwei ihrer Mitglieder nach Tahiti ab, um diese werthvolle Insel für ihre Interessen zu gewinnen. Da nun Tahiti bereits lange dem Christenthum und zwar dem protestantischen Glauben gewonnen war und die Bevölkerung, wie es bei halbcivilisirten Völkern so leicht der Fall ist, außerordentlich orthodox war, so sah die Königin Pomare in der Ankunft dieser beiden Priester eine große Gefahr für ihr Land und erklärte den Herren, weder das Bedürfniß zu einem erneuten Glaubenswechsel zu empfinden, noch die Macht zu haben, sie vor etwaiger Unbill seitens ihrer Unterthanen zu schützen, weshalb sie sie ersuchen müsse, die Insel wieder zu verlassen. Aber die Priester befolgten diesen Rath erst, nachdem die von ihnen bewohnte Hütte durch einige Eingeborene zerstört worden war, und gingen freiwillig, aber wol nur, um diese Gewaltthat, auf welche sie wahrscheinlich gewartet hatten, wenn sie dieselbe nicht, wie es nach anderer Lesart heißt, provocirt hatten, als Handhabe für eine Einmischung der französischen Regierung zu benutzen. Die französische Regierung fand denn auch hierin eine erwünschte Gelegenheit, ihre Hand auf Tahiti zu legen, und im Jahre 1842 langte der französische Admiral Du Petit Thouars mit der Fregatte „La Venus“ in Tahiti an, um Satisfaction zu fordern. Er verlangte 2000 Dollars Schadenersatz, eine Summe, welche die Königin nicht bezahlen konnte, sodaß sie nun darauf einging, das französische Protectorat anzunehmen, nachdem die englische Regierung, unter deren Schutz sie sich gestellt hatte, sie preisgegeben hatte. Die Verhandlungen fanden im September 1842 ihren Abschluß, und seit dieser Zeit kann Tahiti als französische Colonie betrachtet werden.
Naturgemäß verloren die englischen Missionare unter der französischen Herrschaft ihren Einfluß vollkommen und trotz der vielfach aufgestellten Behauptung, daß sie noch viele Anhänger haben, besagen die mir gewordenen Mittheilungen, daß es auf Tahiti keine protestantischen Eingeborenen mehr gibt und die dort noch ansässigen englischen Missionare nur die Seelsorger der dort lebenden Europäer sind. Auch diese letztern müssen ihre Kinder, wenn sie dieselben nicht schon im zartesten Alter zur Erziehung nach Europa, Amerika oder Australien schicken wollen, der Obhut der französischen Priester und Nonnen anvertrauen, weil die Schulen sich in deren Händen befinden.
Tahiti besteht aus zwei nahezu kreisrunden kegelförmigen Inseln, welche durch einen Isthmus von 2000 m Breite und 14 m höchster Höhe über dem Meere verbunden sind. Die größere wird Tahiti-Nui (Groß-Tahiti) oder kurzweg Tahiti, die kleinere Tahiti-Iti (Klein-Tahiti) oder gewöhnlich Taiarabu genannt. Tahiti hat einen Durchmesser von 18, Taiarabu einen solchen von 9 Seemeilen, die größte Höhe des erstern beträgt 2240, die des letztern 1140 m. Diese beiden durch den genannten Isthmus verbundenen Inseln sind sich in jeder Beziehung so gleich, daß die folgenden Angaben über Tahiti auch auf Taiarabu passen.
Tahiti, von den Eingeborenen mit Lauten benannt, die zwischen T’aeiti und T’eiiti liegen (bei der Bezeichnung Otaheiti bildet O den Artikel), erhebt sich als flacher ziemlich regelmäßiger Kegel aus dem Meere. Die Basis an der Wasseroberfläche bildet nahezu einen Kreis, in dessen Mittelpunkt die höchste Erhebung der Insel liegt. Die Insel ist vulkanischen Ursprungs und kranzförmig von einem Korallenriff umgeben, welches ihr eine große Zahl guter und sicherer Häfen gibt, da hinter dem Riff in mäßiger Wassertiefe mit gutem Ankergrund ein Schiff so sicher wie in dem besten künstlichen Dockbassin liegt. Der Haupthafen und hauptsächlichste Wohnort der Europäer ist das an der Nordseite gelegene Papeete (sprich: Pape-ete, auf deutsch: „Wasserkorb“). Der Hafen ist vortrefflich und bietet einer großen Zahl der größten Schiffe genügenden Raum, gestattet auch den großen Kauffahrern, dicht an Land zu legen, hat aber den großen Nachtheil, daß er an der Leeseite der Insel liegt, sich daher während des größten Theiles des Jahres unter Windstille befindet, wodurch die Segelschiffahrt sehr erschwert wird und die Temperatur sehr viel höher steigt, als wie an den von dem Passat bestrichenen Theilen der Insel. Es muß auffallen, daß die Franzosen Papeete zu dem Haupthafen gemacht haben, da an der Südostseite von Tahiti in der von Groß- und Klein-Tahiti gebildeten Bai bei den Flüssen Vaiurin und Umiti ein ebenfalls vortrefflicher und geräumiger Hafen liegt, welcher, stets von dem Passat bestrichen, ein verhältnißmäßig kühles und so gesundes Klima hat, daß der dort liegende Küstenstrich von kranken Europäern vielfach als klimatischer Kurort benutzt wird. Zieht man dazu noch in Betracht, daß dieser letztere Hafen wegen seiner bessern Vertheidigungsfähigkeit als Kriegshafen große Vortheile vor Papeete haben würde, so kann die Erklärung für die Wahl des Hafens nur darin zu suchen sein, daß Papeete der Wohnort der tahitischen Königsfamilie war, politische Gründe bei der Uebernahme des Protectorats für die Wahl der Residenz damals maßgebend waren und die Stadt inzwischen so angewachsen ist, daß jetzt an eine Uebersiedelung ohne Schädigung großer materieller Interessen nicht mehr gedacht werden kann.
Die Bodengestalt sichert dem Ackerbauer leichten und reichen Erwerb, da große Flächen Landes vorhanden sind, welche bei dem Reichthum an vortrefflichen Gebirgsflüssen leicht cultivirt werden können und durch vorzügliche Straßen verbunden sind. Nicht allein die sanft ansteigenden Abhänge liefern große Flächen fruchtbaren Landes, sondern Tahiti hat auch noch den seltenen Vorzug, rund um den eigentlichen Inselkern einen breiten Gürtel ebenern Landes zu besitzen, welcher auch ermöglichte, um die Insel herum eine vorzügliche Ringchaussee zu legen, welche alle Küstenpunkte mit der Hauptstadt verbindet.
Tahiti producirt alles, was ein tropisches Land nur hervorbringen kann. Die vielen in üppigster Vegetation prangenden Flußthäler sind wahre Obstgärten, welche ohne Pflege in überreicher Fülle die Eingeborenen mit Früchten aller Art versorgen und nebenbei noch reichen Gewinn durch den sehr bedeutenden Orangenhandel mit San-Francisco bringen. Tahiti ist nämlich bisjetzt der einzige Platz, welcher gerade zu dem Unabhängigkeitsfest der Vereinigten Staaten von Nordamerika seine vortrefflichen Orangen reif nach San-Francisco liefern kann, weil in Amerika wie in Europa die Erntezeit erst in den Winter der nördlichen Halbkugel fällt. In den sich öffnenden Ausläufern der Thäler, auf der Gürtelebene und auf den Bergabhängen wird, ganz abgesehen von der dankbaren Kokosnuß, mit gutem Erfolg Baumwolle, Zuckerrohr und Kaffee gebaut, doch vorzugsweise nur von Engländern und Amerikanern, während der Franzose sich mit Bienenzucht und der Cultur der Vanille befaßt. Die letztere erfordert hier große Geduld, weil auf der Insel diejenigen Insekten fehlen, welche die männlichen Samenstäubchen der weiblichen Blüte zutragen, und daher jede Blüte durch Menschenhand befruchtet werden muß. Der Eingeborene arbeitet überhaupt nicht, weshalb auf den Plantagen Chinesen Verwendung finden.
Hierbei möchte ich auch eines Exportartikels erwähnen, welcher mir bisjetzt als Handelsartikel unbekannt war, es ist dies die Baumwollsaat (Samenkörner der Baumwollfrucht). Dieser Artikel geht vorzugsweise nach den Olivendistricten Südfrankreichs, wird dort ausgepreßt und kommt dann als Olivenöl in den Handel, während die Rückstände zu Kuchen gepreßt ein hochbezahltes Viehfutter geben. Nachdem ich dies erfahren und auch gehört habe, daß sehr viel Kokosöl als Olivenöl verkauft wird, ist mir klar, warum das Speiseöl oft so schlecht ist.
Die in Tahiti vorkommenden Nahrungsmittel sind vorzugsweise die folgenden: Früchte und zwar Kokosnüsse, Brotfrucht, verschiedene Arten Bananen, Guaven, Orangen, Limonen und viele der sonst in den Tropen vorkommenden Früchte, welche nach und nach hierher verpflanzt worden sind; einige Arten Erdfrüchte und Wurzeln, namentlich Yam, süße Kartoffeln und der vortreffliche Taro.
Schweine und Federvieh, vorzügliche Salz- und Süßwasserfische, Hummern, Austern, große Krabben und in den Bergflüssen Süßwasser-Schrimse oder Garnelen, Crevettes, Krabben, wie diese Thiere auch genannt werden. Den vortrefflichen Wasserthieren werde ich noch bei Besprechung eines von uns unternommenen Ausflugs Gerechtigkeit widerfahren lassen.
Rindvieh und Schafe werden meines Wissens auf Tahiti nicht gezüchtet; das erstere kommt vorzugsweise von Honolulu, die Schafe von der Osterinsel und Neuseeland. Jagd ist, wie auf all diesen Inseln, so gut wie nicht vorhanden; nur wilde Tauben und Enten können als eigentliches Wild betrachtet werden, da die auf einzelnen Inseln wild vorkommenden Rinder, Ziegen und Schweine früher eingeführte und im Laufe der Zeit verwilderte Hausthiere sind.
Merkwürdig ist, daß Tahiti kein Nutzholz producirt, sondern dieses von Californien bezieht, während andererseits Tahiti wieder Brennholz nach Californien ausführt.
Ueber die eingeborene Bevölkerung von Tahiti kann ich aus eigener Anschauung leider nur verhältnißmäßig wenig berichten, weil meine Stellung mir in Papeete versagte, einen tiefern Einblick in ihr Leben und Treiben zu erhalten, doch will ich das Wenige, was ich erfahren, hier wiedergeben, glaube allerdings, daß ich, wenn ich die Bewohner der Gesellschafts-Inseln gleich mit bespreche, ein ziemlich getreues Bild gebe. Die Tahitier gehören der polynesischen Rasse an, welche wegen ihrer angenehmen Gesichtszüge und schönen Körperbildung nach europäischen Begriffen eine bevorzugte Stellung unter den sogenannten wilden Völkerschaften einnimmt. Im besondern sind die Bewohner dieses Theils der Südsee (Tahiti mit den umliegenden Inselgruppen) durch auffallende Körpergröße ausgezeichnet, was namentlich von den Frauen gilt, da diese durchschnittlich die Größe der an sich großen Männer erreichen, ja vielfach diese noch überschreiten. Ueber die Körperbildung läßt sich nur sagen, daß sie äußerlich der der kaukasischen Rasse vollkommen entspricht und abgesehen von den großen Füßen (die Leute gehen alle barfuß) von großer Formenschönheit ist. Man sieht fast nur schön gebaute Menschen und wird versucht, diese schöne Gottesgabe dem freien und urwüchsigen Leben dieses Volksstammes zuzuschreiben, wie ja auch wol theilweise angenommen wird, daß die alten Griechen und Römer infolge der freiern Tracht durchschnittlich schöner gebildet waren, als die spätern Geschlechter. Als besonders merkwürdig ist mir noch aufgefallen, daß die Mischlinge beiderlei Geschlechts von weißen Vätern und braunen Müttern eigentlich durchgehends schöne und feine Gesichtszüge haben, wenn auch die Aeltern eher häßlich als schön sind, ja man findet unter diesen Mischlingen sogar wirklich auffallende Schönheiten.
Meine oberflächlichen Wahrnehmungen über die Charaktereigenschaften der Tahitier lassen sich wie folgt zusammenfassen. Von der Verschlagenheit, welche nach einzelnen Berichten dieser Rasse innewohnen soll, habe ich nichts bemerkt, im Gegentheil habe ich diese Menschen freundlich, zuthunlich und zuvorkommend gefunden. Ohne Launen lebt dieses Volk ein glückliches Leben und scheint nur zur Freude geboren; die Männer behandeln ihre Frauen und beide ihre Kinder gut. Die Frauen scheinen die geistig Begabtern zu sein und im allgemeinen die erste Rolle zu spielen, denn wenn sie auch nicht äußerlich herrschen, so führen sie doch im häuslichen Leben das Regiment, wie dies ja auch bei uns Europäern oft der Fall ist. Die Sitte der Bekleidung ist in Tahiti in der Hauptstadt Papeete allgemein durchgeführt, d. h. von oben herab befohlen, wenngleich eine Nothwendigkeit dafür nicht vorzuliegen scheint, da die Oberkleider hier etwa so angesehen werden, wie in civilisirten Ländern der Hut und die Handschuhe; denn ebenso leicht wie die europäische Dame diese Luxusartikel ablegt, entledigt die Tahitierin sich außerhalb der Stadt am öffentlichen Strande, wenn sie baden will, ihres Oberkleides und entblößt damit Oberkörper und Unterschenkel. Das Hauptkleidungsstück bei beiden Geschlechtern und früher das einzige, ist der Pareo, ein Stück Zeug, welches um die Hüften geschlungen bis zu den Knien reicht. Die Männer tragen daneben in der Regel noch ein Hemd, welches über dem Pareo glatt herunterhängt, die Weiber ein langes bis zur Erde reichendes weites Gewand, welches die ganze Gestalt bedeckt, und die Wohlhabendern zwischen Pareo und Obergewand auch noch ein Hemd. Das Obergewand verhüllt allerdings sehr wenig, da der leichte fast durchsichtige Stoff sich bei jeder Bewegung des Körpers und bei jedem Lufthauch so fest anschmiegt, daß die kleinste Erhebung der Haut zu plastischer Entwickelung kommt. Die früher von den englischen Missionaren eingeführt gewesenen geschmacklosen Hauben sind glücklicherweise wieder verschwunden; die Frauen tragen jetzt nur ihr Haar als natürlichen, und Strohhüte oder turbanähnlich um den Kopf geschlungene Tücher oder wohlriechende Blumenkränze als künstlichen Kopfputz. Namentlich der letztere ist vorzugsweise beliebt und verleiht diesen junonischen Gestalten einen besondern Reiz. Schuhzeug wird nicht getragen und wird sich auch wol schwerlich einbürgern. Bis hierher ist alles schön, nun aber kommt die häßliche Kehrseite. Die Sittenlosigkeit in Papeete übertrifft in Masse und Oeffentlichkeit alles bisher von mir Gesehene, und die Thatsache, daß in der Südsee die Sittenlosigkeit an den Plätzen, wo die Missionsgesellschaften ihren Centralpunkt haben, am schlimmsten ist, zwingt wol zu ernstem Nachdenken.
Die politischen Verhältnisse von Tahiti lassen sich kurz dahin zusammenfassen, daß Tahiti unter französischem Protectorat und somit unter französischer Oberhoheit steht. Frankreich verwaltet die Inselgruppe, und alle Europäer wie Fremde stehen unter dem Einflusse der französischen Regierung, während die Eingeborenen der Form nach von ihrem eigenen König regiert werden. Der französische Gouverneur veröffentlicht in dem Amtsblatt die für die Europäer und Fremden erlassenen Verordnungen, der König diejenigen für die eingeborenen Tahitier; französische Polizeibeamte haben die Ordnung unter den Europäern aufrecht zu erhalten und dürfen nur allein Hand an die letztern legen, während Eingeborene nur von eingeborenen Polizisten arretirt werden dürfen. Natürlich ist diese äußerliche Aufrechterhaltung der Autorität des Königs nur ein Spiel, da es ja thatsächlich unmöglich sein würde, wenn zwei derartige Regierungen nebeneinander bestehen wollten. Es ist daher natürlich, daß der König von Tahiti nur solche Verordnungen erläßt, zu welchen er von dem französischen Gouverneur autorisirt wird, resp. welche der Gouverneur ihm zur Unterschrift zuschickt; ebenso natürlich ist es, daß die eingeborene Polizei in Wirklichkeit ebenso direct unter dem Befehl des französischen Polizeidirectors steht, wie die französischen Polizeibeamten. Der jetzige König von Tahiti, Sohn der Ende 1877 verstorbenen Pomare IV., übt somit keine Regierungsthätigkeit mehr aus, sondern bezieht nur von der französischen Regierung eine für die hiesigen Verhältnisse sehr anständige Apanage, von welcher er allerdings dem polynesischen Brauche gemäß auch seine sämmtlichen Verwandten mit unterhalten muß, deren Zahl nicht gering ist. Nach diesem polynesischen Brauch gibt es unter Verwandten keinen sichern Besitz, denn alles was ein Polynesier erworben oder geschenkt erhalten hat, muß er ganz oder theilweise hergeben, sobald seine Verwandten ihn darum angehen; hier besteht also in dem Bereich einer Gemeinschaft von Blutsverwandten die reinste Gütergemeinschaft. Diesem Brauch ist es wol auch zuzuschreiben, daß man unter den Polynesiern keinen hervorragenden Besitz findet, da es zwecklos ist, etwas zu erwerben; einzig und allein diesem Brauch muß meiner Ansicht nach auch die notorische Arbeitsscheu der Polynesier zugeschrieben werden, und es müssen daher alle Versuche, diese Menschen auf den Weg der Arbeitsamkeit zu bringen, so lange fruchtlos bleiben, als es nicht gelingt, durch Beseitigung der alten Sitte den Besitz des Erworbenen zu sichern.
In Bezug auf die politischen Verhältnisse ist zu bemerken, daß, während die Marquesas-Inseln französische Colonie sind, die andern von den Franzosen in diesem Theil der Südsee besetzten Inseln unter französischem Protectorat stehen. Der Unterschied liegt, wie bereits angegeben, vorzugsweise darin, daß die Einwohner der Colonie französische Unterthanen sind, als solche die Rechte französischer Bürger haben oder doch haben sollen und unter französischem Gesetz stehen, während die Bewohner des unter französischem Protectorat stehenden Territoriums mit Frankreich nichts gemein haben, sondern nur das Staatsoberhaupt Frankreichs gleichzeitig auch als das ihrige zu betrachten haben. Diese Stellung ermöglicht es der französischen Regierung, den unter Protectorat stehenden Inseln willkürliche, dem Augenblick angepaßte Steuern und Gesetze aufzuerlegen, was sie in den Colonien nicht kann. Um dieses Verhältniß auch äußerlich klar zu stellen, hat das Protectorats-Territorium eine besondere Flagge erhalten, welche nur in der obern Ecke die französischen Farben führt. Von den Franzosen werden nun als unter Protectorat stehend die folgenden Inseln angesehen:
1. Tahiti und Morea mit einigen kleinern zu dieser Gruppe gehörigen Inseln;
2. die Paumotugruppe oder englisch Low-Archipelago, von den Franzosen „Archipel Tuamotu“ oder „'Les Iles Basses'“ genannt;
3. die Gambier- oder Mangareva-Inseln.
Ehe ich mit der Besprechung dieser Verhältnisse fortfahre, will ich noch erwähnen, daß die gesammelten Angaben aus einem von mir in Tahiti im Buchhandel gekauften Buche „'Annuaire de Tahiti pour 1877'“ und aus den Nachrichten stammen, welche ich von in Papeete lebenden Deutschen und Engländern erhalten habe. Meine amtliche Stellung hat mir keinerlei Einblick in die hiesigen Verhältnisse verschafft. Das vorgenannte Buch enthält natürlich nur das, was man der Oeffentlichkeit übergeben will, und bringt namentlich für das französische Publikum bestimmte Angaben, welche, ohne es bestimmt auszusprechen, den französischen Einfluß in der Südsee viel größer darstellen, als er in Wirklichkeit ist. So lassen die auf Seite 40-46 enthaltenen Angaben, welche alle die unter französischem Einfluß stehenden Inselgruppen namentlich aufführen, vermuthen, daß die Gesellschafts-Inseln ('Iles-sous-le-vent'), die Cook-Inseln, sowie die 'Sporades océaniennes' zu Frankreich gehören, während diese Inseln thatsächlich unabhängig sind. Auch soll dieses Buch andererseits wol auch die fremden Regierungen täuschen, da nach ihm auf Tahiti immer noch das Vertragsverhältniß der Jahre 1842 und 1843 (Seite 47-51) besteht, während in Wirklichkeit der König von Tahiti im Laufe der Zeit zu einer Null herabgedrückt worden ist.
So ist auch das Verhältniß der Gambier-Inseln zu Frankreich ein höchst merkwürdiges und zweifelhaftes. Das auf S. 52 abgedruckte Schriftstück der Mangareva-Häuptlinge vom 16. Februar 1844 verlangt das französische Protectorat und gleichzeitig als Zeichen der Vereinigung mit Frankreich die Flagge der Grande Nation. Diese Inseln führen denn auch nicht die Protectorats-, sondern die französische Flagge und werden von den Kaufleuten daher als französische Colonie angesehen, was die Franzosen indessen nicht gelten lassen wollen. Die Bedeutung der Sache liegt in Folgendem. Die Franzosen sind nicht in der Lage, die aus ungefähr 80 Inseln bestehende Paumotu- und Gambiergruppe so mit Beamten zu besetzen, daß eine Erhebung der Steuern an Ort und Stelle erfolgen könnte. Sie haben daher ein Gesetz erlassen, welches alle Schiffe, die innerhalb der Protectoratsgrenzen Handel treiben wollen, verpflichtet:
1. die Protectoratsflagge zu führen, und
2. stets von Papeete aus ihre Fahrt anzutreten und zur Erlegung der Steuern wieder dahin zurückzukehren.
Sind die Gambier-Inseln nun Colonie, dann fallen diese sehr lästigen Beschränkungen fort und nebenbei werden keine Steuern bezahlt, weil niemand dort ist, der eine Steuer erheben könnte. Was nun die Franzosen dazu veranlaßt, die Gambier-Inseln als zum Protectorat gehörig zu bezeichnen, ist der Umstand, daß von dort viele und namentlich häufig sehr große Perlen, sowie große Massen von Perlschalen (Perlmuscheln) kommen, beide Artikel aber innerhalb der Protectoratsgrenzen mit einer außerordentlich hohen Ausfuhrsteuer belegt sind.
Der Regierungssitz für die sämmtlichen vorgenannten Inseln, zu welchen auch die Marquesas-Inseln gehören, liegt in Papeete auf Tahiti, und diese Stadt muß somit als die Residenz angesehen werden. Ueber die Zusammensetzung der Regierung gibt das „'Annuaire'“ auf den Seiten 55-106 Aufschluß und zeigt, welch starkes Beamtenthum für diese Inseln für erforderlich gehalten wird. Allerdings kommen dieselben Namen häufig bei den verschiedensten Dienstzweigen vor, weil jedem Beamten, wol um sein Einkommen zu erhöhen, stets mehrere Aemter zugewiesen sind; ihre Zahl bleibt aber trotzdem noch eine sehr große. Dieses zahlreiche Beamtenthum, welches eine große Regierung mit allen Zweigen einer großen Staatsmaschine bildet, leistet für Frankreich nichts Nutzbringendes, weil die aus dem durchweg in fremden Händen befindlichen Handel gewonnenen Steuern keinen Ueberschuß ergeben. Nach den Tabellen auf S. 110-115 des „'Annuaire'“ decken sich zwar Einnahmen und Ausgaben, doch wird der Ausgleich nur dadurch erzielt, daß das Mutterland eine hohe Subvention zahlt. Dieselbe besteht einestheils in baarem Gelde, anderntheils darin, daß die Colonie weder die dort stationirten Schiffe noch das Militär bezahlt, denn diese Ausgaben sind in den 'Dépenses' nicht zu finden. Trotzdem die 'Caisse agricole' nur solchen Pflanzern Vorschüsse leistet, welche sich verpflichten, ihre Producte allein nach Frankreich zu exportiren, besteht nach S. 130 die Ausfuhr dahin in nicht mehr als rund 247500 Frcs., während nach S. 131 diejenige nach dem Auslande rund 2,366000 Frcs. beträgt. Hierbei ist indeß in Betracht zu ziehen, daß die im Ganzen mit 2,600000 Frcs. angegebene Ausfuhr nicht allein von den Protectoratsinseln herrührt, sondern in dieser Summe auch all diejenigen Producte mit enthalten sind, welche von den umliegenden nichtfranzösischen Inseln in kleinen Fahrzeugen nach Papeete kommen, um hier in große Schiffe übergeladen zu werden. Aus den Tabellen S. 132 und 133 geht hervor, daß die von Frankreich kommenden, bezw. dahingehenden Schiffe, eine so geringe Zahl aufweisen, daß diese Schiffe für den allgemeinen Handel kaum in Betracht gezogen werden können. Allerdings führen diese Tabellen eine große Zahl unter Protectoratsflagge fahrender Schiffe auf, diese Zahl erleidet aber dadurch eine wesentliche Herabminderung, daß die hier genannten kleinen Fahrzeuge mindestens viermal im Jahre in Papeete ein- und auslaufen, diese Handelsflotille in Wirklichkeit also nur aus vielleicht 20 Fahrzeugen besteht, und diese gehören obenein fast ausschließlich deutschen, englischen und amerikanischen Handelshäusern. Auch sind die in den Tabellen als nach dem Auslande abgegangen verzeichneten französischen Handelsschiffe von Deutschen und Engländern befrachtet worden, und die zwei nach Brest abgegangenen Schiffe waren französische Marine-Transportschiffe, welche leer von Neu-Caledonien kommend zu ermäßigten Preisen Fracht mitnahmen und die ganze nach Frankreich mit 247500 Frcs. angegebene Ausfuhr besorgten, damit doch wenigstens etwas nach dem Mutterlande exportirt wurde. Die über Import und Export gegebenen Zahlen erfahren auch noch eine weitere Richtigstellung durch eine auf S. 136 befindliche Tabelle. Aus dieser scheint mir deutlich hervorzugehen, daß die Angaben dieses Buches darauf berechnet sind, dem großen Publikum in Frankreich Sand in die Augen zu streuen, denn die dort als wieder ausgeführt angegebenen Werthe sind in den S. 132 und 133 aufgeführten Zahlen als wirklicher Import und Export angegeben, während aller Wahrscheinlichkeit nach die Waaren das durchpassirende Schiff nie verlassen oder doch das Land nicht betreten haben. Dies dürfte z. B. aus der Bemerkung hervorgehen, daß Tahiti Guano ein- und ausführt. Guano wird weder in Tahiti gewonnen noch dort gebraucht, er kommt aber in englischen Schiffen von der unabhängigen Insel Flint nach Papeete, weil diese Schiffe hier ihre Ladung vervollständigen.
Ueber die Höhe der Zölle geben die Seiten 115-120 weitern Aufschluß und danach trägt das Ausland bei der außerordentlich hohen Taxe von 12 Proc. auf Factura einen Einfuhrzoll von ungefähr 300000 Frcs., während Frankreich sich nur mit ungefähr 50000 Frcs. daran betheiligt (S. 132 und 133). Von den auf das Ausland entfallenden 300000 Frcs. hat die deutsche 'Société commerciale de l’Océanie' mindestens zwei Drittel zu tragen, und hieraus ist ersichtlich, welchen Ausfall die Einnahmen der Franzosen erleiden müssen, wenn die genannte Gesellschaft ihre Absicht, nach Raiatea überzusiedeln, zur Ausführung bringt.
Der Gouverneur, welcher die Charge eines 'capitaine de frégate' (Corvetten-Kapitän) bekleidet, ist nach seiner Ansicht jedenfalls ein sehr bedeutender Mann, doch steht er trotzdem auf sehr schwachen Füßen, weil der die maritimen Streitkräfte commandirende Admiral nach Belieben mit ihm verfährt. So soll es wiederholt vorgekommen sein, daß der von einer Reise zurückkehrende Admiral mit der Thätigkeit des Gouverneurs unzufrieden war, ihn in Arrest schickte und ihm als äußeres Zeichen auch noch einen Sicherheitsposten vor die Thüre stellen ließ. Dann setzte er den Gouverneur ab, machte sich selbst dazu, hob nach Herzenslust Gesetze auf und erließ neue, bis er der Sache überdrüssig wurde und nun einen Offizier seines Geschwaders zum Gouverneur ernannte. Die heimische Regierung beseitigte allerdings diesen neuen Gouverneur wieder, scheint aber dem Admiral seine Einmischungsthätigkeit nicht untersagt zu haben, weil dieser auch fürder in derselben Weise weiter wirkte.
Die Beamten benehmen sich wie übermüthige Sieger den Besiegten gegenüber, sie treten als die unumschränkten Herren auf. Werden sie zuerst gegrüßt, dann danken sie wol verbindlich und höflich, wissen sonst aber den Weg zu ihrem Hut nicht zu finden, sondern lassen denjenigen ungekannt passiren, mit welchem sie eine halbe Stunde vorher in freundschaftlichster Weise verkehrt haben. Mir ist auch der Vorzug nicht zutheil geworden, von einem jüngern französischen Offizier gegrüßt zu werden, und hierin machte selbst der Adjutant des Gouverneurs, mit welchem ich vielfach dienstlich zu thun hatte, keine Ausnahme. Nur die Unteroffiziere und Gemeinen grüßten mich immer, ob ich in Uniform oder Civil war, und zwar stets in so militärisch strammer Weise, daß es den hier lebenden Ausländern auffiel. Diese behaupteten, nie gesehen zu haben, daß die französischen Offiziere von ihren eigenen Untergebenen in ähnlich strammer Weise gegrüßt worden seien.
Wie das Gesetz hier gehandhabt wird, ist vielleicht am besten aus den nachfolgenden Angaben zu ersehen.
1. Der Admiral befiehlt, daß die am Hafenquai vor den dortigen Häusern stehenden schönen schattigen Bäume, welche Eigenthum der Hausbesitzer sind, aus „Gesundheitsrücksichten“ weggeschlagen werden sollen, ohne Entschädigung dafür zu gewähren. Die Eigenthümer remonstriren vergebens dagegen und es wird vor dem mitten in der Flucht liegenden Hause der deutschen 'Société commerciale', in welchem sich gleichzeitig das deutsche Consulat befindet, der Anfang gemacht. Sobald die zu diesem Besitzthum gehörigen Bäume gefällt sind, wird das Gesetz wieder aufgehoben und die andern Bäume bleiben stehen. So hat das deutsche Haus seine schattigen Bäume verloren, das Consulat aber unbeabsichtigt den Vorzug erhalten, daß die deutsche Flagge als einzige von dem ganzen Hafen aus gesehen werden kann.
2. Die 'Société commerciale' erhält eine große Quantität Dauerproviant, welcher nach den andern Inseln verkauft werden soll. Sobald der Admiral dies erfährt, erläßt er ein bezügliches Ausfuhrverbot wegen auf Tahiti herrschender Hungersnoth. Das deutsche Haus verlangt darauf, daß der von ihm eingeführte Proviant von der Regierung übernommen oder doch für die Lagerung eine Entschädigung gezahlt werden soll. Die Regierung entnimmt aber weder etwas von dem Proviant, noch zahlt sie eine Entschädigung, sondern hebt nach zwei Monaten das Ausfuhrverbot einfach wieder auf. Da zu jener Zeit keine andere Firma Dauerproviant auf Lager hatte und auch keinerlei Anzeichen für eine Hungersnoth in den gesegneten Gefilden Tahitis vorlagen, so kann dieser Act nur als eine Chikane gegen das deutsche Haus angesehen werden.
3. Die Regierung requirirt den der englischen Firma Brander gehörigen Schleppdampfer „Scotia“ zum Schleppen, ohne auch nur die Kohlen und sonstigen Auslagen zu bezahlen.
4. Die Regierung requirirt die dem deutschen Hause gehörigen Leichter-Prähme, ohne dafür Zahlung zu leisten. In einem Fall wurden die Fahrzeuge stark beschädigt abgeliefert; ein Antrag auf Schadenersatz oder Reparatur auf der Regierungswerft wurde zurückgewiesen und keinerlei Ersatz geleistet. Diese Beispiele mögen genügen.
Ein Gesetz, welches wol nur Tahiti eigenthümlich ist, möchte ich hier auch erwähnen, nämlich daß nach S. 120 des „'Annuaire'“ betrunkene Frauenzimmer 5 Frs. Strafe zu zahlen oder im Unvermögensfalle die Straßen zu kehren haben. Für das Kehren der Straßen werden ihnen dann pro Tag 2 Frs. angerechnet, von welchen sie aber bei freier Beköstigung noch 1 Fr. baar erhalten; es will mir fast so scheinen, daß man ihnen absichtlich die Mittel gibt, sich wieder zu betrinken, um auf diese Weise stets ein reichhaltiges Straßenkehrercorps zu haben, welcher Zweck denn auch erreicht wird. Die Straßen werden allerdings wenig gekehrt, und der Fiscus zahlt viel Geld dafür. Es machte mir stets neues großes Vergnügen, jeden Morgen diese schön gewachsenen frischen, von einem eingeborenen Polizisten geführten Straßenkehrerinnen ankommen zu sehen. Laut lachend und singend zogen sie truppweise durch die Straßen, den Besen hinter sich her schleppend und mit diesem und der fliegenden Schleppe ihrer langen bunten Gewänder eine riesige Staubwolke aufwühlend, welche nur deshalb nicht allgemein lästig wurde, weil die fröhlichen Urheberinnen alle paar Schritte Bekannte trafen und dann natürlich ein Schwätzchen hielten, ehe es weiter ging.
Ueber das Missionswesen, welches auch eine politische Rolle spielt, glaube ich die folgenden Angaben machen zu können. Der französische katholische Priester hat innerhalb der Protectoratsgrenzen den englischen Missionar vertrieben, aber eben nur da, wo er die Hülfe seiner Regierung hat, denn die unabhängigen benachbarten Inseln werden nach wie vor von der englischen Mission behauptet. Eine Erklärung für diese auffallende Thatsache wage ich nicht zu geben, doch drängen sich mir zwei Fragen auf, welche ich, ohne sie zu beantworten, hier niederlegen will:
1. Haben die Franzosen die Uebereinkunft vom 9. Sept. 1842, Pos. 4 und 5, nach welcher Gewissensfreiheit garantirt und den englischen Missionaren all und jeder Schutz versprochen wird, gebrochen, oder haben die Engländer Tahiti verlassen, weil mit dem Einzug der Europäer die Pfründe zu schlecht wurde?
2. Fühlen die französischen Priester sich noch nicht stark genug, auf die Nachbarinseln überzugehen, oder fehlen ihnen noch die passenden Leute für schlechte Plätze, z. B. Deutsche? Die letztere Vermuthung scheint mir am Platze zu sein, weil, wie ich bereits früher ausgeführt habe, die französischen Priester nur auf den guten Plätzen zu finden sind und die deutschen nur auf den schlechten. So suchten mich auch während meines kurzen Aufenthalts in Morea die dort stationirten zwei Missionare (beide Deutsche) am Lande auf, um über ihre Stellung zu klagen und vorsichtige Andeutungen zu machen, ob ich ihnen nicht Schutz und Hülfe verschaffen könne. Sie behaupteten, von den französischen Brüdern gehaßt und verfolgt zu werden und schilderten ihre Stellung als eine nahezu unerträgliche. Ihr verbittertes Aussehen und die harte Sprache, welche sie führten, bezeugten die Richtigkeit ihrer Behauptungen. Ich konnte ihnen selbstverständlich keinen andern Rath geben als den, sich von den Franzosen zu trennen.
Der Bischof von Tahiti kann in dieser Gegend als der erste französische Handelsmann bezeichnet werden. Das Missionsschiff besorgt den Handel, welcher hauptsächlich in Baumwolle, Perlschalen und Perlen besteht. Namentlich der Perlenhandel ist vorzugsweise in den Händen der Priester.
Der König von Tahiti, welchem nach den Verträgen noch vielfache Rechte zur Seite stehen sollen, hat in Wirklichkeit nichts mehr zu sagen. Er folgte seiner Ende 1877 verstorbenen Mutter Pomare IV. als Pomare V. in der Königswürde. Er ist vermählt mit Miß Marau Salmon, Tochter eines verstorbenen Engländers und der mit diesem vermählt gewesenen Schwester der verstorbenen Königin. Der König erhält von Frankreich eine jährliche Apanage von 25000 Frs., wovon aber die sämmtlichen Verwandten seiner Familie, von welcher die weiblichen den Hofstaat der Königin bilden, mitleben. Die königliche Familie wird von den Franzosen einerseits recht schlecht behandelt, andererseits aber doch mit großer Sorgfalt und Eifersucht gehütet, weil der Einfluß derselben unter den Eingeborenen immer noch ein sehr großer ist und ein Wort des Königs genügen würde, das ganze Land zum Aufstand zu bringen. Und was das bedeutet, haben die Franzosen in frühern Jahren zu ihrem Schaden genugsam erfahren. Namentlich wird der Umgang der Königin mit den Deutschen sorgsam überwacht, weil zwei ihrer Nichten, welche von den Eingeborenen als Prinzessinnen von Geblüt verehrt werden, an deutsche Herren verheirathet sind. Welche Schwierigkeiten mir gemacht worden sind, mit der königlichen Familie in Verbindung zu treten, entzieht sich der Besprechung an diesem Platze.
Die Hauptstadt Papeete, welche auf dem flachen Lande der Gürtelebene an dem nach ihr benannten Hafen liegt und sich im Rücken an die hochaufstrebenden Berge anlehnt, hat den Charakter der Residenz eines Naturvolkes vollständig verloren. Der Kokospalmenwald ist mit den in ihm verstreut liegenden Hütten der Eingeborenen verschwunden und an seine Stelle sind regelmäßige Straßen mit Häusern nach südamerikanischer Bauart getreten. Die ganze Physiognomie der Stadt deutet an, daß sie vornehmlich von Europäern und deren Bedienung bewohnt wird, wie dies auch die officielle Bevölkerungsziffer angibt. Nach derselben befinden sich unter den 3000 Einwohnern mehr als 1000 Europäer, und da von diesen ein großer Theil chinesische Diener und Köche hat, so kann man annehmen, daß kaum 1000 Eingeborene übrig bleiben.
Zunächst dem Hafen zieht sich an dessen Ufer ein breiter, theilweise durch hohe Bäume beschatteter Quai hin, welcher, vom Wasser aus gesehen, zur Linken durch die französische Kriegswerft, zur Rechten von einer Strandbatterie begrenzt wird und weiterhin nach beiden Seiten in die früher erwähnte Ringchaussee ausläuft. An dem Quai liegen die Geschäftshäuser und einzelne stattliche Wohnhäuser, auf denen hier und da die Flagge eines Consulats weht. Zwischen diesen Gebäuden liegen auch, von hoher Mauer umgeben, die von den französischen Priestern und Nonnen unterhaltenen Schulen, nebst den hierzu erforderlichen Wohnungen und Wirthschaftsgebäuden. Ferner sieht man eine schöne kleine Kirche, einige Regierungsgebäude und das von der französischen Regierung dem König von Tahiti neuerbaute Palais, ein im Villenstil gehaltenes ansehnliches Haus. Von dem Quai aus ziehen sich Querstraßen nach den mit ihm parallel laufenden hinteren Straßen, von welchen aber nur die mit zwei Reihen schöner alter Bäume bepflanzte erste Parallelstraße von gleicher Länge der Quaistraße ist, während die andern mit ihrer Entfernung vom Wasser zusammenschrumpfen und sich schließlich zwischen den verstreut liegenden Hütten der Eingeborenen auflösen. Die Häuser, welche mit Ausnahme der Regierungsgebäude alle aus Holz gebaut sind, werden auch mit der Entfernung vom Wasser kleiner; die Regierungsgebäude sind Steinbauten. In der ersten Parallelstraße schon liegt nur ein größeres Gebäude, und zwar in einem schönen großen Garten das für hiesige Verhältnisse stattliche Palais des Gouverneurs. Diesem gegenüber befindet sich ein öffentlicher Platz, auf welchem abends die aus Eingeborenen zusammengesetzte Musikkapelle spielt. Hier finden sich dann die vergnügungssüchtigen Eingeborenen und namentlich die leichte Welt ein, auch sollen die französischen Offiziere mit ihrem Gouverneur nie fehlen. Das Treiben bei diesen Concerten soll derart sein, daß den europäischen Familien der Besuch abgeschnitten ist. Diesem Umstande wird es auch zuzuschreiben sein, daß diese Concerte für die Dauer unsers Aufenthalts von dem Gouverneur untersagt worden waren, und die ansässigen Deutschen und Engländer behaupteten, daß es entschieden schicklich gedacht gewesen sei, uns diesen wenig erfreulichen Anblick zu ersparen. Aus eigener Beobachtung kann ich also über das Straßenleben der Eingeborenen nichts berichten, zumal auch sonst die Polizei die Straßen außerordentlich scharf überwachte und die leichte Welt für die Dauer unsers Aufenthalts sogar aus der Stadt verbannt und auf die umliegenden Dörfer gebracht hatte, wo sie durch mitgeschickte eingeborene Polizeidiener im Zaume gehalten wurde. Was doch ein schlechtes Gewissen für absonderliche Blüten zu treiben vermag!
Die besser situirten Europäer wohnen außerhalb der eigentlichen Stadt in bequemen, luftigen, nur aus Parterreräumlichkeiten bestehenden Landhäusern, die inmitten großer Gärten liegend wol als gesunde und angenehme Wohnungen betrachtet werden dürfen. Dort findet man auch die französischen Restaurants, welche auch hier, wie überall im Auslande, sich durch gut gehaltene Gärten, vortreffliche Küche und Getränke, aufmerksame Bedienung und mäßige Preise auszeichnen. Europäische Damen von ganz reinem Blut trifft man hier eigentlich nur in den französischen Beamten- und englischen Missionarfamilien, die andern, größtentheils mütterlicher-, groß- oder urgroßmütterlicherseits von Tahitiern herstammend, haben wenigstens ein klein wenig tahitisches Blut in ihren Adern. Dieses tahitische Blut thut aber weder ihrer Schönheit, noch ihrer Liebenswürdigkeit, noch ihrer theilweise vortrefflichen und vornehmlich in England oder Australien genossenen Geistesbildung irgendwelchen Abbruch, im Gegentheil. Ich hatte den Vorzug, zwei dieser Damen kennen zu lernen, welche nicht nur durchaus feingebildete Weltdamen, sondern auch in jeder Beziehung vortreffliche Hausfrauen sind, und schwerlich wird jemand, da auch ihr Teint wol noch heller als der der Italienerinnen ist, auf den Gedanken kommen, sie nicht als Europäerinnen der besten Kreise anzusehen, wenn er nicht ihren Stammbaum kennen sollte. Es hatte für mich einen eigenen Reiz, eine dieser an deutsche Herren verheiratheten Damen, welche fließend tahitisch, englisch, französisch und spanisch spricht, auch das reinste Deutsch sprechen zu hören und zu beobachten, wie ihre Unterhaltung mit ihren kleinen Kindern sich in Ausdrücken bewegte, wie sie nur die deutscheste Mutter in der zärtlichsten Stimmung zu finden weiß. Und sollten Junggesellen diesen Zauber nicht verstehen, dann würden sie sicher durch die feinen Umgangsformen der liebenswürdigen Wirthin gewonnen werden, wenn ihnen der Vorzug zutheil würde, in ihr gastfreies Haus Eingang zu finden.
Eingeborene sieht man in der Stadt, mit Ausnahme der stets heitern herrlichen Mädchengestalten, welche mit duftenden Blumen bekränzt durch die Straßen wandeln und dabei mit ihren fliegenden Gewändern den Staub aufwirbeln, nur solche, welche träge in und vor den Häusern ihrer reichen, an Europäer verheiratheten Verwandtinnen herumlungern. Diese Belästigung geht soweit, daß die Hausfrau in der Regel einen ganzen Kreis von Hofdamen zwischen 16 und 30 Jahren aus der Zahl ihrer weiblichen Verwandten hat, welche oft dem Hausherrn das Leben recht sauer machen, weil sie bei kleinen Differenzen stets auf der Seite der Hausfrau stehen, unter Berücksichtigung ihres liebenswerthen Aeußern auch wol häufig genug Veranlassung zu Eifersuchtsscenen geben. Aber auch sonst machen sie sich unbequem, weil sie überall im Hause Zutritt haben. Denn wenn sie z. B. den Hausherrn nicht zu Hause vermuthen, stürmen sie plötzlich in sein Zimmer, während er beim Umkleiden ist; andererseits, wenn er beim Nachhausekommen seine Frau aufsuchen will, wird er von einem halben Dutzend Mädchen wieder zur Thür hinausspedirt, weil seine Anwesenheit gerade zur Zeit überflüssig ist.
Ebenso wenig wie in der Stadt sieht man auch auf dem Hafen wirklich einheimisches Leben; das bequemere europäische Boot hat hier das zierliche Kanu fast ganz verdrängt. Die Männer, welche die Wäsche von den Schiffen holen und diejenigen, welche Früchte zum Verkauf bringen, sind meistentheils im Besitz irgendeines alten Bootes. Würde nicht ab und zu ein Kanu zum Fischfang auf das Riff fahren, und sähe man nicht zuweilen am Strande einige Mädchen ihre langen Gewänder abwerfen, um, nur mit dem Pareo bekleidet, ein Bad zu nehmen, man käme hier in Papeete nicht auf den Gedanken, auf einer polynesischen Insel zu sein. Im Hafen Kriegs- und Kauffahrteischiffe, deren hin- und herfahrende Boote und nur selten dazwischen ein Kanu; in der Stadt Beamte, Kaufleute, Soldaten und Matrosen, und allerdings häufig genug lustige, lachende Mädchen, aber keine eingeborenen Männer.
Ein flüchtiger Spaziergang durch die Stadt zeigte mir alles, was ich hier überhaupt zu sehen bekam, und das war nicht viel. Um so dankbarer muß ich es anerkennen, daß unser Consul, Mitdirector der 'Société commerciale', mich mit den dienstfreien Offizieren zu einer Partie nach dem Bergsee Waihiria einlud. An diesen Ausflug, zu welchem von Papeete aus gewöhnlich mehrere Tage gerechnet werden, konnte ich bei unserm nur kurzen Aufenthalte nicht denken, weil es mir unmöglich schien, denselben ohne Schädigung anderer Interessen zur Ausführung zu bringen; der liebenswürdige Herr hatte aber alles so vortrefflich arrangirt, daß wir die Partie in anderthalb Tagen machen sollten, und dadurch wurde mir die Zusage möglich.
Um von Papeete aus zu dem 500 m über dem Meere in den Bergen liegenden See gelangen zu können, muß man zunächst auf der Ringstraße einen Weg von 8 deutschen Meilen oder 60 km um die ganze Westküste der Insel nach ihrer Südostseite bis zu dem Groß- und Klein-Tahiti verbindenden Isthmus zurücklegen und dann von hier aus in dem Thal eines Bergflusses den Aufstieg nehmen. Wir waren zusammen acht Personen und verließen Papeete an einem schönen Morgen in zwei offenen, mit Sonnendächern versehenen leichten Wagen; ein dritter mit Proviant, Wein und Eis war schon voraufgegangen. Die flinken Pferde griffen gut aus, die Fahrt in der großartigen Natur, bei dem prächtigen Wetter, war herrlich. Eine vorzügliche, zu beiden Seiten mit Palmen und andern Bäumen besetzte Straße; zur Linken die steilen, mächtigen, rothbraunen Bergmassen, welche in der Regel nur in ihrem untern Theil mit Laub und Holz bestanden sind, häufig aber von fruchtbaren, überaus üppigen, bis zu 700 m Höhe ansteigenden Thälern, auf deren Sohlen Bergflüsse dem Meere zueilen, durchschnitten werden; zur Rechten das weite Meer mit seinen eilig hastenden Wogen, welches uns angenehme Kühlung brachte. Ueber einzelne Flüsse -- wir haben im ganzen acht passirt -- führen Brücken, andere haben dieselben bei Gelegenheit eines Wolkenbruchs zerstört und wir mußten hier durch das Flußbett fahren. Der Weg führt an Landhäusern und Plantagen vorbei, an Gärten und an Vanillepflanzungen, und alle anderthalb Stunden fanden wir ein unter schattigen Bäumen gelegenes gutes Wirthshaus, wo wir einen kleinen vorher für uns bereit gestellten Imbiß einnahmen und unsere Glieder etwas streckten, bis die frischen Pferde, welche schon auf unsere Ankunft warteten, eingespannt waren.
Daß es auf diesem langen Wege viel zu sehen gab, ist natürlich, doch will ich von Naturschilderungen absehen und nur das anführen, was mich besonders interessirt hat.
Zunächst erfuhr ich, als ich mein Befremden darüber aussprach, daß die Kokospalmen nur am Strande und theilweise sogar in Sandboden zu finden seien, daß dieser Baum nur in unmittelbarer Nähe der See Früchte trägt und es noch nicht erwiesen sei, wo die Ertragfähigkeit größer ist, ob in fettem Boden oder im Korallensand. Thatsache soll es sein, daß die Bäume um so reicher Früchte tragen, je näher sie am Strande stehen, und zwar ganz unabhängig von dem Boden, in welchem sie wachsen. Hieraus hat man, da dicht am Strande gewöhnlich nur Korallensand gefunden wird, einerseits gefolgert, daß dieser Boden der Kokospalme am zuträglichsten sei, während andererseits behauptet wird, daß der größere Ertrag nur durch den größern Salzgehalt der Luft, sowie den des Bodens dicht am Strande bedingt ist.
Bei vielen Kokospalmen fiel mir ein aus Rinde oder Bast bestehendes und stets in gleicher Art um den Baumstamm gewundenes Band auf. Dies soll bedeuten, daß der Baum von seinem Besitzer „Tabu“ erklärt worden ist. „Tabu“ ist ein heidnisch religiöses Gesetz, welches merkwürdigerweise über die ganze Südsee, über ein Gebiet von 6000 Seemeilen in der geographischen Länge und 4000 Seemeilen in der geographischen Breite gleichmäßig verbreitet ist und, was am auffälligsten erscheinen muß, überall mit demselben Namen genannt wird, obgleich bei der jetzigen Figuration des Landes eine Verbindung zwischen vielen der Inselgruppen nie stattgefunden haben kann. Das Gesetz bedeutet, daß jeder Tabu erklärte Gegenstand heilig und unantastbar geworden ist und jedermann, welcher sich trotzdem an dem Gegenstand vergreift, dem Tode verfallen ist, ganz gleich ob die Tabu-Erklärung von dem Häuptling, von dem ganzen Gemeinwesen oder von einem einzelnen Individuum ausgegangen ist. Wenn auch dieses Gesetz, welches auf den von europäischem Einfluß unberührten Inseln noch in seiner ganzen Härte besteht, hier auf Tahiti und wol auch auf den mit Europa oder europäischen Colonien in Verbindung stehenden Inseln seine eigentliche Bedeutung verloren hat, so wird es von den inzwischen zu Christen gewordenen Eingeborenen doch noch immer heilig gehalten und dementsprechend geachtet, obgleich der Bruch des Gesetzes, z. B. hier auf Tahiti, nicht mehr bestraft werden kann. So versieht ein Eingeborener, welcher durch irgendwelche Umstände gezwungen wird, sein Besitzthum zeitweise zu verlassen, dieses mit dem Tabu-Zeichen und er kann sicher sein, bei seiner Rückkehr sein Eigenthum unversehrt wieder vorzufinden.
Auf unserm Wege kamen wir auch an mehrern großen, viereckigen, sturmfreien Thürmen vorbei, welche die ersten Befestigungswerke der Franzosen gegen die Eingeborenen gebildet haben. Denn nachdem die französischen Truppen von Huheine durch die dortigen tapfern Eingeborenen vertrieben worden waren und auch ein Aufstand hier auf Tahiti ihnen viel zu schaffen gemacht hatte, hielten sie es für nothwendig, rund um die Insel diese Wachthürme zu erbauen, welche wol genügenden Raum für je 20 Mann nebst dem erforderlichen mehrwöchentlichen Proviant bieten.
Einen sehr netten Eindruck machten die Vanillepflanzungen. Die Vanille ist ja, wie bekannt, ein zur Klasse der Orchideen gehöriges rankendes Gewächs, gedeiht daher nur auf Bäumen und zwar nur auf solchen einiger bestimmter Gattungen. Zu ihrer Cultur ist mithin in erster Reihe die Anpflanzung geeigneter Bäume erforderlich, und so kommt es, daß man dann reizende an der Straße gelegene Haine aus etwa 3 m hohen und 2 m von einander entfernt stehenden Bäumchen findet, zwischen welchen die kostbaren Ranken mit ihren Luftwurzeln sich von Stamm zu Stamm schlingen. Das Ganze sieht so zierlich, sauber und duftig aus, daß man es für ein japanisches Zwerggartenkunstwerk halten könnte.
Etwa auf dem halben Wege zwischen Papeete und unserer Endstation an der Küste fanden wir in einer steil abfallenden nackten Felsenwand von vielleicht 60 m Höhe eine ziemlich kreisrunde Höhle mit einer Wasserlache. Da ihr Durchmesser höchstens 10 m beträgt, so würde ich sie ihrer Unbedeutendheit wegen nicht erwähnen, wenn sie nicht durch ihren äußern Anblick auffiele. An dem Fuße und in der Mitte der grauen, von der Sonne hell beschienenen Felsenwand wölbt sich ein 10 m breites und 8 m hohes, von der Natur regelmäßig geformtes rundbogiges Thor über dem glänzenden regungslosen Wasserspiegel, welcher zu ein Drittel außerhalb der Höhle liegend grell aus seiner dunkeln Umgebung hervorleuchtet und vorn zu beiden Seiten von dichtem grünen Laub eingerahmt wird. Wol jeder, der Sinn für Naturschönheit und Kunst hat, wird beim Vorbeigehen hier eine Rast von einigen Minuten machen.
Gelegentlich erkundigte ich mich danach, mit welchem Ausdruck das Pferd, welches erst seit 60-70 Jahren auf Tahiti bekannt ist, eigentlich benannt wird, und erhielt als Antwort einen so unendlich langen Namen, daß ich um nähere Uebersetzung bat. Es dürfte schwerlich jemand errathen, wie die Eingeborenen sich in dieser Sache geholfen haben. Zunächst waren sie rathlos, dann nahmen sie den größten bekannten Vierfüßler zum Vergleich und nun hatten sie einen Namen und zwar: „das schnell über das Land laufende Schwein“!
Gegen 2 Uhr nachmittags langten wir am Ziel des Tages an und fanden ein bequem eingerichtetes, mit einer großen Veranda umgebenes englisches Gasthaus, welches zwischen schattigen Bäumen liegend nach der einen Seite einen freien Ausblick nach dem Meer und Klein-Tahiti bietet und an der andern Seite sich an einen großen freien Platz anlehnt, hinter welchem die Bergwände der Hauptinsel das Bild abschließen. Das Haus wird vorzugsweise von Kranken als klimatischer Curort benutzt und wir fanden zwei solcher Gäste vor, Herren, welche hier Linderung für ihre kranken Lungen erhofften. Für uns war nicht mehr hinreichend Platz vorhanden und wir mußten daher zu je zwei ein Zimmer theilen, fanden aber sonst alle Bequemlichkeiten, und namentlich erhielt jeder ein großes, gutes Bett für sich allein. Auf die Tafel hatte die Einschränkung indeß keine Rückwirkung, denn wir fanden ein vorzügliches kaltes Frühstück vor, sowie eine mustergültige, lautlose, aus sechs eingeborenen Frauen und Mädchen bestehende Bedienung. Diese war allerdings von Papeete aus besonders für uns hierher gekommen, weil der Wirth einerseits für gewöhnlich so großer Bedienung nicht bedarf und er andererseits uns am zweiten Tage nach unserer Rückkehr von dem See mit einem tahitischen Festmahl überraschen wollte, zu welchem die Tahitierinnen durchaus nothwendig waren. Aus der eigenthümlichen Stellung dieser Eingeborenen, welche den einen Tag die Diener machen, den nächsten Tag als mit dem Gast gleichberechtigt auftreten, bin ich nicht klug geworden. So war die schöne, vielleicht 30 Jahr alte Halbblut-Frau, welche vorzugsweise den Consul und mich bei Tisch bediente, die Witwe eines wohlsituirt gewesenen Engländers und soll in ganz guten Verhältnissen leben.
Außer diesen Dienerinnen sahen wir auch noch auffallend viele Weiber in der nächsten Umgebung des Gasthauses und hörten zu unserer Ueberraschung, daß diese fast sämmtlich nach Papeete gehörten und durch die Polizei mit dem Bedeuten hierhergebracht worden seien, daß sie erst nach der Abreise des deutschen Kriegsschiffes die Erlaubniß zur Rückkehr erhalten würden. Dieses leichtlebige und leichtsinnige Volk war daher voll Jubel, als wir ankamen; eine kleine Schadenfreude konnten wir allerdings auch nicht unterdrücken. Die Bemühungen des eingeborenen Polizeidieners, welcher zur Ueberwachung dieser lustigen Gesellschaft mitgeschickt war, seine Heerde zusammen- und von der Annäherung an uns abzuhalten, blieben erfolglos, und ich glaube, daß er von den ihm anvertrauten Vertreterinnen des schönen Geschlechts, hier fernab von der Hauptstadt, höchst unangenehme Prügel bekommen hätte, wenn er nicht klug und nachgiebig geworden wäre.
Nachdem wir den Reisestaub abgeschüttelt und uns an der reichen Tafel erquickt hatten, was eigentlich nicht nöthig gewesen wäre, weil wir auf dem ganzen Wege bis hierher ja kaum etwas anderes gethan hatten, als uns zu erquicken, trennten wir uns, um erst abends 6 Uhr bei der Hauptmahlzeit wieder zusammenzutreffen. Der Consul und ich gingen nach einer Zuckerplantage, welche der genannte Herr hier besitzt und die er bei dieser Gelegenheit auch besuchen wollte; wir begingen das Terrain und besichtigten die Einrichtungen zur Gewinnung des Rohzuckers, welche mir noch unbekannt waren. Von den andern Herren wollte keiner mit, dem jungen Volk erschienen die fröhlichen, blumenbekränzten Töchter des Landes wol anziehender, wenigstens vermuthe ich dies und verarge es ihnen auch nicht, denn Zuckerplantagen sieht man auch anderswo.
Von der Plantage gingen wir zum Strande, wo ich noch ein Bad nehmen wollte. Ein schönerer und einladenderer Badeplatz ist nicht leicht zu finden, wenn man den Körper eben nur für kurze Zeit erfrischen und im Anschluß daran einige Stunden in süßem Nichtsthun verbringen will. Bis dicht an den schönen weißen Strand reicht der üppige Wald von Fruchtbäumen, deren Zweige unter der Last der reifen Orangen und Brotfrüchte zu brechen drohen, und tritt man aus dem Laubdach heraus, dann liegt ein Bild von so großartiger Schönheit vor uns, daß unsere Augen nicht wissen, wo sie sich hinwenden sollen. Dicht vor unsern Füßen liegt die smaragd- und saphyrfarbene regungslose Flut, welche sich bis zu dem dreiviertel Seemeilen von uns abliegenden Barriere-Korallenriff erstreckt. Auf diesem Riff sieht man, wie einen Wall, die auf- und abwogenden Schneeschaummassen der nicht besonders hohen Brandung und hinter dieser das von dem frischen Passatwind aufgewühlte tiefblaue Meer mit seinen Wogen und deren Schaumkämmen. Zu unserer Rechten und vor uns liegen innerhalb des Riffs in dem klaren Wasserspiegel zwei kleine dicht bewaldete Inseln, welche einen solchen Frieden ausathmen, daß man wähnt, keinen schönern Wohnplatz finden zu können, und zu unserer Linken, in einer Entfernung von 5 Seemeilen, steigt vor uns Taiarabu (Klein-Tahiti) mit seinen steilen Felswänden bis zu einer Höhe von 1130 m aus dem Meere empor. Die zu unserer Rechten schon ziemlich tief stehende Sonne vergoldet das ganze Bild und beleuchtet es für uns um so wirkungsvoller, als unser Standort und ein schmaler Streifen des davor liegenden Wassers beschattet sind. Das leise Rauschen in den Baumwipfeln und das von dem Riff herüberdröhnende Grollen der Brandung vervollständigen die Stimmung. Still setzen wir uns zu Füßen eines großen Baumes auf den weißen Sand und lange schauen wir in die Ferne, ohne zu wissen was uns am meisten fesselt, und doch ist es das ewig ruhelose und doch sich immer gleichbleibende Meer. Wie oft habe ich träumerisch und sehnsuchtsvoll dem Spiel dieser gewaltigen, Segen und Verderben bringenden Wassermassen zugesehen, wie bekannt scheint mir das Weben und Treiben dieser geheimnißvollen Kräfte, wie viel Schöneres liegt zu meinen Füßen, zur Rechten und zur Linken, und doch wie groß ist die magnetische Kraft der unergründlichen Flut, welche wie die Nixe der Loreley nur für sich allein den Menschen fordert. Mein Nachbar weckt mich aus meinem Sinnen und macht mich auf eine Stelle im Wasser aufmerksam, wo ein leichtes Sprudeln, wie das einer kleinen Quelle, und die von dem Sprudel auslaufenden, sich immer weiter dehnenden Ringe zu sehen sind. Er sagt mir, daß dies eine der Tahiti eigenthümlichen Süßwasserquellen im Meere ist, von welchen ich auch schon gelesen hatte und die noch ziemlich weit von der Küste ab zu finden sein sollen. Die Eingeborenen sollen sich an ihnen, wenn sie draußen beim Fischfang sind, in der Weise den Durst stillen, daß sie schwimmend soweit tauchen, bis sie die Stelle finden, wo das Quellwasser noch unvermischt mit dem Seewasser ist. Da das süße Wasser sehr viel leichter wie das Meerwasser ist und deshalb kräftig nach oben steigt, so muß an solcher Quelle allerdings in relativ nicht zu großer Tiefe schon reines Süßwasser gefunden werden.
Probiren geht über Studiren, und wenn ich auch den Eingeborenen das Taucherkunststück nicht nachmachen konnte, so konnte ich mich doch an der Wasseroberfläche davon überzeugen, ob der Quell weniger Salzgehalt wie das übrige Wasser habe. Bald war ich in der See und schwamm nach dem nicht weit entfernten Sprudel, wo ich das Wasser wirklich nur brack fand. Wieder am Lande bekam ich großes Verlangen nach der Milch einer frischen Kokosnuß; aber wie eine solche von den hohen Bäumen herunterbekommen? „Nichts leichter als das, da gerade ein Eingeborener dort des Weges kommt“, sagte der Consul. Der Mann wurde angerufen und schnell hatte er sich einen Riemen um seine Knöchel geschnallt, welcher einen Zwischenraum von etwa 5 cm zwischen den Füßen ließ. Dann griff er mit den Händen um den Stamm einer Palme, schnellte mit den Füßen soweit in die Höhe, daß die Beine möglichst wagerecht standen und die Füße jetzt gegen den Stamm gestemmt waren, wo durch das Gewicht des eigenen Körpers die Füße auf der einen und die Hände auf der andern Seite des Stammes so fest an die rauhe Rinde gepreßt wurden, daß der Körper nicht nach unten gleiten konnte. Mit ununterbrochenen kleinen Sprüngen hatte der Mann den hohen Baum bald erstiegen, löste den Riemen von seinen Füßen, warf einige Nüsse herunter und ließ sich in ähnlicher Weise wieder hinuntergleiten, wie wir es thun.
Als die Essensstunde heranrückte, begaben wir uns wieder in das Gasthaus, legten ein etwas förmlicheres Kleid an und fanden ein ganz vorzügliches Mahl, welches durch die mitgebrachten eigenen Weine, unter denen sich auch gute Marken deutschen Wachsthums befanden, noch wesentlich verbessert wurde. Besondere Anerkennung muß ich den vortrefflichen hiesigen Wasserthieren zollen, welche neben guten Austern und Fischen aus besonders feinschmeckenden großen, scherenlosen Hummern und den früher schon genannten Süßwasser-Schrimsen bestanden. Diese letztern hatten die Größe von ausgesuchten Oderkrebsen, welche sie indeß an Feinheit des Geschmacks nicht ganz erreichen, während die Hummern entschieden den europäischen weit vorzuziehen sind. Die Hummern waren auf dem nächsten Korallenriff gefangen, die Schrimse in dem Bergfluß, an dessen Ufer wir am nächsten Morgen den Weg zum See zurücklegen sollten.
Während des Essens entstand noch eine kleine Aufregung dadurch, daß eine der Dienerinnen in großer Erregung in das Zimmer trat und erzählte, daß in dem wenige Minuten entfernten Dorfe zwei Eingeborene von Papeete mit dem Auftrage angekommen seien, mich zu beobachten. Die Nachricht erstaunte mich weiter nicht, da ich schon gehört hatte, daß jedem unserer Offiziere an Land stets ein Aufpasser folge, weil die Franzosen in dem Wahne befangen waren, daß das Schiff den Auftrag habe, von den nahegelegenen unabhängigen Gesellschafts-Inseln Besitz zu ergreifen, und man wol glaubte, daß auch Tahiti in den Bereich der deutschen Begehrlichkeit gezogen würde. Immerhin schickte unser Wirth einen Vertrauten ab, welcher bald die Richtigkeit der Nachricht bestätigte. Dies veranlaßte denn auch den Consul und mich, die jüngern Herren unserer Gesellschaft, welche gleich nach dem Essen aufbrachen, um einer Einladung der eingeborenen Damen zu einem Abendfest in dem nahegelegenen Dorfe zu entsprechen, nicht zu begleiten, obgleich wir ursprünglich die Absicht hatten, uns die Sache für kurze Zeit anzusehen. Statt dessen begaben wir uns bald zur Ruhe.
Am nächsten Morgen um 6 Uhr wurden wir geweckt und waren um 7 Uhr zum Abmarsch bereit. Als wir aus dem Hause auf den freien Platz traten, fanden wir ein reges Treiben. An zwanzig Eingeborene waren zur Stelle, theilweise schon beladen mit Kisten und Körben, welche unser zweites Frühstück enthielten. Andere waren mit großen Schlagmessern und Aexten versehen, um etwaige Hindernisse aus unserm Wege zu räumen, wieder andere hatten nur Bergstöcke und kleines Fischgeräth in den Händen. Auch eine kleine zierliche Frauensperson war in dem Gefolge, sowie ein Pferd, das einzige, welches für uns hatte aufgetrieben werden können und mir zur Verfügung gestellt wurde. Da ich vor den andern Herren von der Partie indeß nichts voraus haben und nicht allein reiten wollte, so ging das Pferd vorläufig unbenutzt mit, um, falls einen der Herren die Kräfte verlassen sollten, für diesen zur Stelle zu sein. Ich mußte daher auch mit einem der Eingeborenen vorlieb nehmen, welche uns als Reitthiere mit dem Bemerken vorgeführt wurden, daß wir mehr wie achtzig mal den Fluß zu durchschreiten hätten und die Eingeborenen uns hinübertragen sollten. Es entwickelte sich nun eine harmlose nette Scene, denn die aufgeweckten, selbstbewußten Tahitier wollten nicht nur gewählt sein, sondern wollten auch selbst wählen und drängten sich zunächst alle an den Consul und mich, vielleicht weniger, weil wir für die Hauptpersonen gehalten wurden, als darum, weil wir die leichtesten waren. Immerhin stellte sich bald heraus, daß diese kräftigen, zähen Natursöhne sich aus einer ziemlich großen Gewichtsdifferenz nichts machten. Bald hatten Herr und Diener sich zusammengefunden und nun zogen wir aus, jeder von uns von seinem braunen Schatten begleitet. Die kleine junge Frau übernahm die Führung und schritt mit einem Strohhut auf dem Kopf, mit einer kurzen Bluse und einem Hüfttuch (Pareo) angethan, ihren langen Stock in der Hand, mit ihren bloßen Füßen zierlich und schnell aus. Ihr folgten die Leute mit dem Proviant, dann kamen die Wegebahner, dann wir mit unsern Schatten, und schließlich das Pferd.
Der Weg führt die erste halbe Stunde auf einem schattigen Pfade durch eine sanft ansteigende Ebene, dann nähern wir uns den schroffer aufsteigenden Bergwänden, und nach einer weitern Viertelstunde treten wir in eine großartige Felsenschlucht, welche das Bett für den reißenden Bergfluß bildet. Zu beiden Seiten haben wir Felswände von über 100 m, wenn nicht gar 200 m Höhe, welche uns in der schmalen nur 15-20 m breiten Schlucht senkrecht aufsteigend erscheinen. Das Gestein ist aber trotzdem nicht kahl, sondern aus allen großen und kleinen Felsspalten und Ritzen wachsen Gräser, Sträucher und Bäume von oft beträchtlicher Größe, sodaß das Laub stellenweise die Steinschlucht für das Auge in ein liebliches Thal verwandelt. Der Fluß nimmt die ganze Thalsohle ein und es finden sich immer nur auf einer Seite, je nach den Krümmungen des Thales und des Wasserlaufes auf dem rechten oder linken Ufer, etwas erhöhte, schmale und dicht mit wilden Bananen- und Bambussträuchern bestandene Böschungen, auf welchen man gehen kann, wenn vorher ein schmaler Pfad durch das wie Unkraut wuchernde Pflanzengewirre durchgeschlagen ist, was stets vor dem Begehen geschehen muß, weil der See nur selten besucht wird und sonst keine Veranlassung zum Beschreiten dieses Weges vorliegt, denn die Eingeborenen benutzen, wenn sie einmal zum Fischen oder Einsammeln von Früchten hierher wollen, das Flußbett als solchen. Im übrigen schäumt das wilde, schön klare Wasser über Steinblöcke hinweg an den steil abfallenden Felsen vorbei, wo jede Möglichkeit eines Weges ausgeschlossen ist. Und kommt man an die ziemlich häufigen Stellen, wo die Felswände an beiden Seiten den Fluß eindämmen, dann bleibt kein anderer Weg als das Flußbett selbst.
Gleich beim Betreten der Schlucht schon bekommen wir einen Vorgeschmack, was unserer wartet. Der in den letzten zwei Tagen nur für uns ausgehauene Pfad ist so schmal, daß wir, einer hinter dem andern gehend, stets an beiden Seiten das von dem Nachtthau triefende Laub, welches über unsern Köpfen in der Regel auch noch zusammenschlägt, streifen und so nach wenigen Minuten schon unsere nur aus dünner Leinwand bestehende Kleidung von dem abtropfenden Wasser durchnäßt ist. Glücklicherweise habe ich einen wasserdichten Panamahut auf, sodaß ich unter diesem wenigstens mein Taschentuch und meine Cigarrentasche trocken erhalten kann. Der Boden ist auch nicht besser und besteht aus ganz durchweichtem schweren gelben Lehm, weshalb ich mich glücklich schätzen darf, Segeltuchschuhe an den Füßen zu haben, welche ja in der Nässe nur wenig einlaufen und daher nicht drücken können. Außer mir hat nur noch der Consul solche Schuhe, unsere Herren wollen von diesem besten aller Fußbekleidungsmittel noch immer nichts wissen, und wegen ihres Vorurtheils hatten sie auf dieser Partie wahre Folterqualen auszustehen. Die von uns unabhängigen Eingeborenen, nämlich die Träger unsers Frühstücks sowie das Frauenzimmer, wissen jedenfalls auch die Beschwerlichkeit des Weges zu würdigen, denn sie machen gar nicht erst den Versuch ihn zu benutzen, sondern gehen gleich in den Fluß, dessen Wasser ihnen oft bis unter die Arme reicht und wo die kleine Frau sich dann von ihrem langen Mann durchziehen lassen muß, wobei sie schwimmend nachhilft. Trotz der stellenweise reißenden Strömung kommen sie unter Zuhülfenahme ihrer Stöcke doch viel schneller vorwärts als wir, sodaß sie bald unsern Augen entschwunden sind.
Wir treten in den Pfad ein und sind in dem dichten Laub von einem Halbdunkel umgeben. Wir ziehen die Köpfe zwischen die Schultern, als uns das kalte Wasser hinten in den Hals tröpfelt; stecken die Hände in die Hosentaschen, um uns möglichst dünn zu machen und gleichzeitig unsere dort untergebrachten Uhren trocken zu erhalten; die Cigarre ist schon nach wenigen Minuten so naß, daß sie nicht mehr brennt; der Stabsarzt und ich stöhnen darüber, daß unsere Kneifer immer blind werden, ich aber kann den meinigen wenigstens an den lichten Stellen mit meinem aus dem Panamahut hervorgeholten Taschentuch abtrocknen; vor uns hören wir die Messer- und Axtschläge der Eingeborenen, welche den Weg noch freier zu machen suchen, und unter uns geht es quatsch-quatsch, wenn wir mit unsern Füßen in den nassen Lehm hineinstampfen, denn wir haben sehr bald erkannt, daß es hier „Durch“ heißt und das Aussuchen trockener Stellen zwecklos ist. Ein solches Bananenblatt macht sich sehr hübsch, wenn Paul seine Virginie damit gegen die Sonne schützt; wenn die Blätter aber in solchen Massen auftreten, wie hier, und dabei noch naß sind, dann werden sie höchst unangenehm.
Bald treten wir wieder ins Freie und stehen vor einer steilen nackten Felswand, um welche das Wasser herumgurgelt und die ein weiteres Vordringen an dieser Seite unmöglich macht. Uns gegenüber liegt eine grünbehangene hohe Wand, an deren Fuß das graziöse Laub der Bananen mit seinen köstlichen sammetartigen Farbentönen und die duftigen Zweige der Bambussträucher den in ihnen verborgenen beschwerlichen Weg, welcher einen Theil unserer Vorhut schon wieder aufgenommen hat, wie wir an den Schlägen hören, mildherzig bedecken. Der Rest der Vorhut durchkreuzt eben den Fluß, von denen einzelne bis zu den Hüften im Wasser sind, während andere zeitweise auf über Wasser liegenden Steinen stehen, um gleich darauf wieder tieferes Wasser zu durchschreiten. Rechts und links schöne landschaftliche Bilder und über uns die Sonne, welche warm in diesen schönen Kessel hineinscheint. Unsere Träger ducken sich, um uns auf ihre Rücken zu nehmen, doch wir rütteln sie wieder auf, und springen leicht auf die Leute, denn wir fühlen uns noch außerordentlich frisch und geschmeidig. So durchschreiten wir den Fluß und gleiten auf der andern Seite wieder zur Erde, um uns bis zum nächsten Uebergang auf unsere eigenen Füße zu verlassen.
Während der folgenden zwei Stunden hatten wir den Fluß auf diese Weise sechsundachtzig mal zu durchschreiten, beziehungsweise so oft auf den Eingeborenen reitend in den Fluß zu gehen, denn an den Stellen, wo der Weg an beiden Ufern fehlt, mußten wir ja ein längeres oder kürzeres Stück in dem Flußbett selbst zurücklegen, um dann vielleicht an derselben Seite wieder zu landen. Auf dem Hinweg haben wir die einzelnen Uebergänge allerdings nicht gezählt, aber auf dem Rückweg, nachdem wir die Strapazen dieser eigenartigen Wanderung vorher gekostet hatten.
Zunächst war noch alles herrlich und die ganze Gesellschaft in der ausgelassensten Stimmung, fehlte es uns doch an nichts, selbst nicht an komischen kleinen Zwischenfällen.
Umgeben von der wundervollen Natur, welche sich uns bei jedem neuen Flußübergang in stets wechselnden, immer schöneren Bildern zeigt, und beschienen von der heißen Sonne, welche uns hier nicht lästig wird, sondern durch unsere nassen Kleider hindurch höchst wohlthuend unsere Körper wieder aufwärmt, werden wir durch das schöne Bergwasser getragen. Die am Oberkörper nackten, braunen Eingeborenen gehen vorsichtig durch das Wasser und wenden kein Auge von dem Flußbett, um die besten Steine zum Auftreten zu benutzen, finden dabei aber doch Zeit miteinander zu sprechen und zu lachen. Auf den braunen Gestalten hängen und hocken die weiß gekleideten Europäer, welche theilweise die schöne Umgebung betrachten, theilweise mit Vergnügen das unter ihnen eilig laufende Wasser beobachten, das sich bald zwischen großen Steinen durchzwängt, bald über andere hinwegschießt oder aber ruhig über ebeneres Steingeröll fließt. Alle erfreuen sich daran, wie sicher unsere Träger mit ihrer schweren Last in dem nur aus ganz unregelmäßig geschichteten, großen, platten Steinen bestehenden Flußbett von Stein zu Stein vorschreiten. Einzelne allerdings sehen zeitweise auch ängstlich in das Wasser, weil sie an den schwierigeren Passagen erwarten, mitsammt ihrem Träger ein unfreiwilliges Bad zu nehmen, und lassen geduldig die Neckereien ihrer Kameraden über sich ergehen. Wol ist gelegentlich der eine oder andere mit seinem Träger nahe am Fallen, aber nur dann, wenn er unbedacht seine Arme um dessen Hals geschlungen hat und ihn dann halb erwürgt, anstatt sich mit den Händen an den Schultern oder an der Stirn des Mannes zu halten, doch wird das Unglück jedesmal noch rechtzeitig verhütet. Die Träger benutzen ihren Stock nur an den Stromschnellen; wird das Wasser zu tief, dann werfen sie uns wie einen Federball höher auf ihre Schultern hinauf, um uns trocken zu erhalten. Selten setzen sie uns, obgleich einige ganz gewichtige Herren unter uns sind, gleich am jenseitigen Ufer ab, sondern bringen uns im Trabe die gewöhnlich steile Böschung hinauf, allerdings nur ein kurzes Stück Weg, aber ein solches, welches wir auf dem schlüpfrigen Boden in unsern Schuhen nur mit Hülfe eines Stockes zurücklegen könnten. Ist der nächste Uebergang nur 10-20 Schritte von unserm letzten Landeplatz entfernt, dann behalten sie uns gleich auf ihren Rücken und nun entwickelt sich unter lautem Hallo ein Wettlaufen. Nicht lange dauert es, so kommt allerdings die Nachricht, daß der Stabsarzt, ein besonders großer und schwerer Herr, mit seinem Träger zusammengebrochen sei, und er erhält nun das vorsorglicherweise mitgenommene Pferd. Er will aber auch durchaus nichts vor uns voraus haben und benutzt das Thier nur an den Flußübergängen, wodurch er schließlich durch das häufige Auf- und Absteigen noch lahmer wurde als wir andern.
An einer geeigneten Stelle machen sich einige Eingeborene die Gelegenheit zu Nutze und fangen mit kleinen Handnetzen in kurzer Zeit zwei große Körbe voll der früher genannten vortrefflichen Süßwasser-Schrimse, wasserhelle, fast durchsichtige Thiere, welche später gekocht uns noch gute Dienste thaten.
Wir wurden immer steifer und stiller, sprangen bald schon nicht mehr auf die Rücken unserer Träger, sondern krochen langsam auf die niedergeduckten, gutmüthigen Leute hinauf, welche immer eifriger und lustiger wurden. Als wir nach zwei Stunden Flußweg, im ganzen also nach drei Stunden, endlich an einer steilen Wand ankamen, welche wir mit eigenen Kräften zu erklettern hatten, waren wir ganz still, unsere Träger dagegen außerordentlich laut und befriedigt.
Hier ist auf einer kleinen Anhöhe der Platz, wo diejenigen Besucher des Sees in der Regel übernachten, welche die Partie zu Pferde machen und in solchem Fall erst nachmittags von der Küste aufbrechen. Sie gehen dann am nächsten Morgen mit dem ersten Tagesgrauen unter Zurücklassung der Pferde zum See und reiten nachmittags wieder zurück.
Wir machen zunächst eine kurze Rast, um die etwas auseinander gekommene Gesellschaft sich wieder sammeln zu lassen, betrachten noch einmal die vor uns liegende etwa 200 m hohe Wand, welche in einem Winkel von 60-70° zur Ebene steht, mithin uns ziemlich senkrecht erscheint, reiben mit den Händen unsere zerschlagenen steifen Beine und dann geht es weiter, hinauf auf die Wand, nachdem ein Eingeborener angewiesen war, mit dem Pferd hier unsere Rückkunft zu erwarten. Unser Weg ist in der untern Hälfte das trockene Felsenbett eines Gebirgsbaches und in der obern das eines Wasserfalles, welcher bei lang anhaltendem Regen hier herniederstürzt. Diesem Umstand ist es wol auch zuzuschreiben, daß wir überall ausgewaschene Stellen finden, wo wir festen Fuß fassen können, und daß hier kein Steingeröll vorhanden ist, sondern die vorspringenden Steine alle mit dem Felsenkern verwachsen sind und somit zuverlässige Stütz- und Haltepunkte bieten. Die untere Hälfte können wir noch mit Hülfe eines Stockes langsam ersteigen, stillen an den reifen Früchten eines auf halber Höhe in einer seitlichen Einbuchtung stehenden großen Orangenbaumes unsern Durst und dann müssen wir mit Händen und Füßen mühsam von Stein zu Stein klettern.
Endlich nach dreiviertel Stunde sind die ersten von uns oben, wir erblicken aber noch nicht den See, sondern finden zu unserer Enttäuschung vor uns einen mit wilden Bananen dicht bestandenen kleinen Bergrücken. Auch dieser wird erstiegen und wir finden einen ebensolchen zweiten, auf dessen Höhe wir, als ob die Bananen gar kein Ende nehmen wollten, noch einen dritten vor uns sehen. Doch hören wir hier wenigstens schon die Antwort der bereits am See befindlichen Gepäckträger auf die Zurufe unserer Führer. Endlich auf der Höhe des dritten Rückens treten wir aus den nassen Bananen heraus und unter uns liegt der schöne, von hohen stolzen Berggipfeln umgebene Alpensee. Noch hundert Schritte und wir können uns in einer von den Gepäckträgern bereits errichteten Hütte auf dem trockenen Grase ausstrecken, nachdem ich mir vorher aus meinem mit heraufgenommenen kleinen Koffer trockene Wäsche und Kleider angezogen hatte. Hier im Schatten ruht es sich gut nach einem mehr als vierstündigen anstrengenden Wege, dessen größte Strapaze das Getragenwerden war, weil man, ganz abgesehen von dem Auf- und Absteigen auch noch, um den Trägern die Arme frei zu lassen, sich stets mit Schenkeldruck an ihre Rücken hatte anklammern müssen. Die 10 m lange und 3 m tiefe Hütte ist aus Bambusstäben aufgebaut und oben, zu beiden Seiten, sowie an der Rückwand gegen Regen und Sonne mit Bananenblättern sicher eingedeckt, die ganze Langseite nach dem See zu ist offen.
Wir befinden uns an der einen Schmalseite des 1000 m langen und 600 m breiten Sees. Das klare hellgrüne Wasser ist spiegelglatt und wirft aus seiner Tiefe das Spiegelbild der den See umgebenden Berge zurück. Diese sind hoch und niedrig, die hohen kahl, die niedrigen grün bewachsen; einer tritt als steiles Cap in den See vor, die andern liegen mehr oder weniger weit zurück und die Ufer sind hier mit hohem Gras und dichtem Laub bestanden. Ein Ausfluß des in der Mitte 30 m tiefen Sees, in welchen sich viele Gebirgsbäche ergießen, ist nirgends zu sehen, doch soll ein solcher und zwar ein unterirdischer nicht weit von unserm Lagerplatz vorhanden sein, weil die in den See geworfenen Schwimmkörper dort sich alle sammeln und in die Tiefe gezogen werden sollen, um von einem kräftigen Quell, welcher an der Küste in der Nähe unsers Gasthauses aus einer Felswand hervorsprudelt, wieder ausgestoßen zu werden, wie man an gezeichneten Gegenständen sicher wahrgenommen hat. Es ist mir auch gesagt worden, wie lange die Reise eines solchen Gegenstandes dauern soll, doch habe ich dies leider wieder vergessen.
Als ich die Absicht aussprach, in einer Stunde den Rückweg antreten zu wollen, um einer Einladung des Consuls und seiner Gattin zum nächsten Abend in Papeete sicher entsprechen zu können, stieß ich auf entschiedenen Widerspruch. Die anwesenden Herren, mit Ausnahme des Consuls und eines jungen Offiziers, erklärten dies für ein Ding der Unmöglichkeit, weil sie nicht im Stande seien, heute auch nur einen Schritt noch zu gehen. Der eine Stunde später eintreffende Rest unserer Gesellschaft behauptete natürlich erst recht, vollständig fertig und unfähig zu weiterm Marschiren zu sein. Als der Consul dann auch noch zugab, daß wir wol rechtzeitig in Papeete würden eintreffen können, wenn wir am nächsten Tage mit dem ersten Morgengrauen aufbrächen, er auch versprach, für alle Fälle einen Boten mit der Nachricht zur Stadt schicken zu wollen, daß wir uns vielleicht etwas verspäten würden, fügte ich mich, um kein Spielverderber zu sein.
Nun blieb aber noch die große Frage, wie Proviant heraufbekommen? Nach dem ursprünglichen Programm sollten wir um 5 Uhr abends wieder in dem Gasthaus sein, um dort das für uns arrangirte tahitische Nationalmahl, auf welches wir nunmehr verzichten mußten, einzunehmen; unsere mitgebrachten Provisionen waren daher nur für ein zweites Frühstück berechnet, welches nach den hinter uns liegenden Anstrengungen vielleicht nicht einmal für diesen Zweck ganz genügte. Während der Verhandlungen war es inzwischen auch schon 1 Uhr geworden und dunkel wurde es schon um 5½ Uhr; bei Dunkelheit war aber der Weg schlechterdings nicht zu machen. Die abzusendenden Leute hätten daher in 4½ Stunden denjenigen Weg hin und zurück machen müssen, zu welchem die schnellsten von uns auf dem Hinweg allein 4 Stunden gebraucht hatten, und dies schien auch unter Berücksichtigung des Umstandes, daß die Eingeborenen den directen Weg im Flußbett wählen würden, unmöglich. Trotzdem wurde der Versuch gemacht, nachdem die Tahitier es als wahrscheinlich erklärt hatten, rechtzeitig wieder oben sein zu können. Es hatten sich schnell zehn Leute zusammengefunden, welche frischen Muthes in fröhlicher Stimmung den beschwerlichen Weg antraten, nachdem einem von ihnen die erforderlichen Instructionen für den Gastwirth mitgetheilt worden waren, denn zum Schreiben hatten wir nichts.
Unser Lagerplatz hatte inzwischen ein etwas buntes Ansehen erhalten. Unsere Herren hatten bei ihrer Ankunft natürlich nichts Eiligeres zu thun, als sich ihrer zusammengeschrumpften Stiefel und nassen Oberkleider zu entledigen, und saßen nun, da sie keine Wäsche zum Wechseln mitgebracht hatten, trübselig in der Sonne, um sich selbst und ihre um sie herum liegenden Sachen trocknen zu lassen. Doch bald brachten die bei uns zurückgebliebenen Eingeborenen wieder Leben in die Gesellschaft, indem sie das ausgepackte Frühstück herantrugen, welches durch geröstete Yam, Brotfrucht und die am Morgen im Fluß gefangenen Krebse, welche die kleine Frau vortrefflich gekocht hatte, noch vervollständigt worden war. Inzwischen waren die Nachzügler von uns auch aufgetrocknet, wir gruppirten uns in der leichtesten Kleidung und barfüßig in der kühlen Hütte, Essen und Getränke schmeckten vorzüglich, und so war es natürlich, daß die ganze Gesellschaft sich sehr schnell wieder in der allerbesten Laune befand, zumal sich bei dem Gepäck auch trockene Cigarren vorgefunden hatten. Nach dem Essen wurde geruht, d. h. geschlafen, denn erst um 3 Uhr wurde es in der Hütte wieder munter. Das erste allgemeine Bedürfniß war nun, ein Bad in dem schönen See zu nehmen, der Consul dachte aber vorher noch an das Praktische und veranlaßte einige Eingeborene auf den Fischfang zu gehen, damit wir doch für den wahrscheinlichern Fall, daß die abgesandten Leute nicht mehr denselben Abend zu uns zurückkehren würden, wenigstens etwas zu essen hätten. Vier Eingeborene kamen mit den Angelhaken, um sich ein Stück Fleisch als Köder zu holen, und ich war überrascht Haken zu sehen, welche eine Eisenstärke von etwa 8 mm und eine Spannweite von 5-6 cm hatten und von welchen die Eingeborenen behaupteten, daß sie eigentlich noch zu schwach seien. Dann band jeder sich ein kleines Floß aus Bambusstäben zusammen und kurze Zeit darauf sahen wir die Männer mit diesen unter gegenseitigem jauchzenden Zuruf über den See schwimmen. Sie mußten nach einer etwa 500 m von uns entfernt liegenden Stelle, wo ein größerer Gebirgsbach in den See mündet, hin und nahmen trotz ihrer großen Leistungsfähigkeit im Schwimmen die Flöße mit, weil das Wasser für die Eingeborenen etwas zu kalt ist und dies zuweilen die Ursache sein soll, daß ihnen während des Schwimmens die Glieder erstarren und dann das Floß sie tragen muß. Es ist daher Regel, daß kein Eingeborener in diesem See größere Strecken ohne Floß durchschwimmt.
Unser Bad war nicht so schön, wie wir es uns gedacht hatten, denn da das Wasser am Ufer ziemlich seicht ist, so mußten wir in demselben erst eine Strecke gehen, ehe wir genügende Tiefe zum Schwimmen fanden, und das war kein Vergnügen. Sobald wir das feste Ufer verlassen hatten, sanken wir bis zu den halben Knien in den weichen Schlamm ein und machten uns dadurch auch noch das Wasser trübe. Hinein ging es wol noch, aber beim Herauskommen sahen wir aus, als ob wir ein Schlammbad genommen hätten, und es kostete uns viel Mühe, mit Gläsern und Flaschen so viel reines Wasser herbeizuschaffen, um uns wieder rein waschen zu können. So kamen wir nicht zu dem Genuß, welchen uns das Bad in dem frischkühlen Wasser sonst bereitet hätte. Bei dieser Gelegenheit machten wir auch die Entdeckung, daß die Innenseiten unserer Beine von dem scharfen Anklammern an die Rücken unserer Träger braun und blau geworden waren, und hatten damit die Erklärung gefunden für die Schmerzen, welche wir empfanden.
Um 5 Uhr kamen unsere Fischer zurück und brachten einen mächtigen Aal mit. Zwei Angelhaken waren, wie die Leute es vorher befürchtet hatten, von den Thieren abgebrochen worden. Das mitgebrachte Exemplar, von schwärzlicher Farbe auf dem Rücken und weißlich-grüner auf dem Bauch, mit zwei großen Ohren am Kopfe, war 1½ m lang und etwa 15 cm dick, hatte mithin einen Umfang von über 40 cm. Da dieser Fang voraussichtlich das Einzige blieb, aus welchem unsere Hauptmahlzeit hergestellt werden sollte, so interessirten wir uns auch für dessen Zubereitung. Wenige Schritte von unserer Hütte, auf dem Lagerplatz der Eingeborenen, brannte bereits seit einiger Zeit ein großes Feuer, und beim Herantreten sahen wir in der Glut einen kleinen Haufen größerer Steine, welche auf diese Weise erhitzt wurden. Dann wurden die brennenden Holzscheite zur Seite geworfen, die heißen Steine mit nassem frischen Laub vorsichtig gereinigt und hierauf wieder so zusammengeschichtet, daß in der Mitte ein Loch blieb. In dieses wurde der in Stücke geschnittene Aal, nachdem jedes Stück von vielleicht ½ kg Gewicht in den Theil eines Bananenblattes eingewickelt worden war, hineingelegt und dann das Loch oben mit dem Rest der Steine zugedeckt. Dies ist übrigens die Art, wie die Eingeborenen alles kochen. Für das Garwerden beanspruchte die kleine Frau eine Stunde, und so zogen wir uns mit knurrendem Magen wieder in unsere Hütte zurück, wenig erbaut von der Aussicht, wegen Mangel an Licht schon um 6 Uhr ziemlich hungerig schlafen gehen zu müssen, denn ein ausgeschickter Kundschafter war um 5½ Uhr mit der Nachricht zurückgekommen, daß von den abgesandten Leuten noch nichts zu sehen sei.
Die Sonne ging unter, der Mond stand weder am Himmel, noch war er zu erwarten, die Schatten der Nacht legten sich über die Berge und auf den See, dunkle Wolken umsponnen die Berggipfel und senkten sich, immer dichter werdend, fast bis auf den See hinab. Kein Laut rings um uns herum und kein anderes für das Auge wahrnehmbare Leben, als ein großes Feuer, welches seine schwarzen Rauchwolken nach oben sandte und die in seiner Nähe gelagerten Eingeborenen, wie einen kleinen Theil des Sees und unsere nächste Umgebung geisterhaft beleuchtete. Es war 6 Uhr geworden, keine Aussicht auf eine ausreichende Mahlzeit und auf die nothwendigen Decken, deren wir dringend bedurften, um unsere nur sehr leicht bekleideten Körper gegen die rauhe Nachtluft zu schützen. Die Eingeborenen machten sich schon daran, unser frugales Mahl aus dem Ofen hervorzuholen, da klingt ein heller Ruf an unser Ohr, welchen jene aus voller Kehle erwidern und der von uns mit einem kräftigen Hurrah -- es mögen auch mehrere gewesen sein -- beantwortet wird. Wie lebendig war auf einmal die versteinerte Gesellschaft geworden und welcher Jubel brach erst aus, als eine Viertelstunde später die braven Tahitier mit schweren Proviantkörben und Weinkisten, mit Bettzeug und Windlichtern wohlbehalten bei uns anlangten. Nicht einmal mein kleines Kopfkissen hatten sie vergessen, ohne welches ich mit meinen verschiedenen Schädelbruchnarben wahrscheinlich eine schlaflose Nacht verbracht hätte.
Es war dies eine erstaunliche Leistung von den Leuten, wenn man bedenkt, daß sie denselben Weg, zu welchem wir 4-5 Stunden gebraucht hatten, in ebenfalls 5 Stunden, und zwar schwer beladen hin und her zurückgelegt hatten, und das, nachdem sie vorher schon den Weg, welcher uns vollständig niederwarf, als Gepäck- oder unsere Träger mit uns gemacht und dazwischen wol kaum eine Ruhepause gefunden hatten. Ich würde es für unmöglich gehalten haben, wenn die zurückgekehrten Leute nicht sämmtlich als zu unserer Partie gehörig recognoscirt worden wären.
Was nun folgte, war wahrhaft herzerquickend für uns. Erst wurden die Windlichter in Ordnung gebracht und angesteckt und dann ging es ans Auspacken: Schüsseln, Teller, Gläser, Messer und Gabeln, Servietten; ein feister Hammelrücken, ein Roastbeef, gebratene Tauben und Hühner, Hummer, gekochte Eier, Brot, gemahlener Kaffee, condensirte Milch und Früchte; Sherry, Portwein, leichter Roth- und Moselwein, sowie einige Flaschen Champagner, welche in dem auch mitgekommenen Eis gleich kalt gestellt wurden.
Trotz unserer steifen Glieder halfen wir alle an der Herrichtung unserer Tafel und begannen das Mahl mit dem Aal, dessen Stücke uns auf frischen Bananenblättern gebracht wurden. Das Fleisch war außerordentlich wohlschmeckend und zart, nur für unsere Gaumen etwas zu fett, sodaß wir in Ansehung der Genüsse, welche uns noch bevorstanden, gern auf den größern Theil zu Gunsten der Eingeborenen verzichteten.
Wie schon den ganzen Tag über unsere Stimmung auf- und abwogte zwischen himmelhoch jauchzend und zum Tode betrübt, so waren wir jetzt wieder auf dem Gipfelpunkt froher Stimmung angelangt. Gesättigt läßt es sich schon des Nachts am See Waihiria aushalten, namentlich wenn die Reste unsers Mahles ausreichen, auch noch den ganzen Troß zu sättigen und in frohe Stimmung zu versetzen.
Wir liegen in und vor der Hütte behaglich ausgestreckt mit einer guten Cigarre und einem Glas kalten Champagner, all die Fährlichkeiten des verflossenen Tages erörternd und belachend. Die Eingeborenen sitzen um ein großes Feuer und sind ebenfalls in bester Stimmung. Vor uns und um uns ist alles in Nacht gehüllt und zwischen den auf den Bergen lagernden Wolken steht ein Stück des wolkenlosen dunkeln Himmelsdomes mit seinen flimmernden Sternen, deren Spiegelbilder aus dem vor uns liegenden schwarzen See herausstrahlen und woran wir dessen Wasserfläche zu erkennen vermögen. Der Consul verlangt von den Eingeborenen ein Lied, welches sie anfänglich verweigern wollen, weil ihnen die nothwendigen Frauenstimmen fehlten, doch lassen sie sich unter dem Hinweis, daß doch wenigstens eine Frau unter ihnen sei, schließlich erweichen und in die Nacht erschallt ein gewaltiger Gesang, ein geistliches Lied so weihe- und stimmungsvoll, ein Gesang von so packender Wirkung in der eigenartigen Umgebung, wie ich noch keinen gehört hatte. Es war ein wunderbares Orchester aus menschlichen Stimmen, jede Stimme sang ihre eigenen Töne und alle vermischten sich zu einem vollendeten Ganzen, welches ich nur mit dem Klang einer mächtigen Orgel, deren sämmtliche Register geöffnet sind, vergleichen kann. Der Gesang verhallt, und erst nach einer Weile finden wir uns zu rauschendem Beifall zusammen. Ein zweites Lied wird verlangt und gewährt. Schon die ersten Töne kommen uns so bekannt vor, und bald hat einer von uns die richtigen Worte für den Refrain gefunden, in welchen wir alle jubelnd einstimmen: „Vive la, vive la, vive la va! vive la, vive la, hopsasa! vive la Compagneia!“ Die gehobene Stimmung war dahin, die Eingeborenen stutzten einen Augenblick und unter allgemeinem Lachen wurde dann das Lied in dem von uns angegebenen schnellern Tempo beendet. Der Consul fragte danach ganz erstaunt, woher wir die tahitische Nationalhymne kennten. Nun kam es heraus! Ein hoher Herr, welcher vor einigen Jahren hier war, soll den Tahitiern dieses alte deutsche Studentenlied als Nationalhymne geschenkt haben und die Eingeborenen haben sich dann einen passenden Text zu der Composition gemacht. Wahr ist jedenfalls, daß dieses Lied auch von den Franzosen als tahitische Nationalhymne anerkannt wird, denn wir hörten es nachher allabendlich sowol in Papeete wie in Raiatea von einem französischen Kriegsschiff als Zapfenstreich blasen und hatten unsere Freude daran, daß die Franzosen ein so prächtiges deutsches Lied in so hohen Ehren halten.
Doch die Woge unserer Stimmung senkte sich auch wieder. Gegessen hatten wir, getrunken auch, auch geraucht und manches Lied gesungen, auch waren wir müde, und da es 10 Uhr geworden war, so durften wir wol an unsere Nachtruhe denken. Dieselbe zu finden war aber nicht so leicht. Zunächst mußten unsere Kleidungsstücke in die Hütte geschafft werden, um sie gegen den starken Nachtthau zu schützen; die Hütte war aber eben nur so groß, daß wir dicht nebeneinander liegend, die Füße gegen die offene Seite gekehrt, gerade Platz fanden. Außerdem war sie aber auch nur so hoch, daß die oben aufgehängten längern Kleidungsstücke beinahe bis auf unsere Gesichter herunterreichten. Nun ging es ans Aufhängen. Die Röcke wurden als Kopfkissen zusammengerollt, die harten Stiefel, die Uhren, Strümpfe und sonstigen Kleidungsstücke an- und aufgehängt. Ich zog mir vorsorglich als Schutz gegen Mosquitostiche meine Segeltuchschuhe wieder an, und als alles fertig war, krochen wir vorsichtig auf unser hartes Lager unter die ausgebreiteten Decken und unter die hängende Garderobe, von welcher im Laufe der Nacht noch manches Stück herunterfiel, das dann von einem zum andern geworfen wurde, bis es in irgendeinem Winkel Ruhe fand. Zu beiden Seiten unserer Hütte am Seeufer loderte je ein großes Feuer, um welche die Eingeborenen sich gelagert hatten und die sie während der ganzen Nacht unterhielten, um sich daran zu wärmen.
Flußübergänge und braune Eingeborene mit müden Europäern auf ihren Rücken; lodernde Feuer und zerschlagene Glieder; von den Feuern beschienen kriechen ungeheuerliche Aale aus dem schwarzen See und verschlingen das für uns bereitete Mahl, während ihnen nachfolgende rothe Hummer und Krebse sich am Strande ordnen und einen Reigen tanzen, vive la, vive la, hopsasa; einer aus unserer Reihe dreht sich im Schlafe um und bringt alle in Bewegung, sodaß mancher wähnt, den steilen Wasserfall hinuntergestoßen zu werden; Mosquitostiche und herunterfallende Stiefel; festgehalten im tiefen Schlamm; wunderbar großartige Nachtscenerie vor unsern Augen!
Was ist Wahrheit, was ist Traum? Alles vermischt sich, bis auch diese Bilder schwinden und ein fester Schlaf uns bis zum ersten Tagesgrauen umfangen hält.
Fröstelnd suchen wir unsere steifen Glieder zusammen und greifen nach unserm Eigenthum. Doch das ist leichter gesagt wie gethan. Schon am Abend wurden die Sachen wol größtentheils vertauscht und alles, was während der Nacht heruntergefallen ist, muß aus den verschiedenen Winkeln oder außerhalb zusammengesucht werden. Die Stiefel sind in einem Zustande, daß sie kaum über gesunde Füße zu ziehen sind, sie aber über die von Mosquitostichen verschwollenen Füße zu ziehen, muß nach den Gesichtern der Aermsten fürchterlich sein. Unsere weißen Kleidungsstücke sind braun vom Lehm, braun und grün vom Pflanzensaft, hier und da auch zerrissen. Alle Sachen natürlich ohne Stärke und zerknittert. Wir sehen geradezu fürchterlich aus, doch es hilft uns nichts, zurück müssen wir doch.
Nach einem kurzen, die Lebensgeister auffrischenden Frühstück nahmen wir Abschied von dem von den ersten Sonnenstrahlen beschienenen, ernst dreinschauenden See Waihiria und seiner großartigen Umgebung und machten uns gegen 7 Uhr auf den Rückweg, von dem ich nicht viel erzählen will. Die ganze Gesellschaft hielt jetzt zusammen, auch die Gepäckträger blieben bei uns. Der Stabsarzt stieg nicht mehr nach jedem Flußübergang von seinem Pferde ab, sondern blieb bis zum Gasthaus gemächlich im Sattel sitzen. Der Consul und ich zogen es vor, da unser Schuhzeug dies erlaubte, auf unsern eigenen Füßen durch den Fluß zu gehen und bedienten uns nur an den gefährlichern Stellen der Hand unserer Führer. Die kleine Frau, welche wieder die Führung übernommen hatte, schien sich für verpflichtet zu halten, die müden Europäer an den lichteren Stellen etwas aufzumuntern, wenigstens sah sie sich dann immer nach uns um und nickte uns freundlich zu. In verhältnißmäßig schnellem Schritt wurde der Weg zurückgelegt, sodaß wir schon gegen 9½ Uhr in dem Gasthaus anlangten. Dort wuschen wir uns, zogen frische Kleider an, frühstückten, nahmen Abschied von den reichbeschenkten braven Tahitiern und fanden in den bequemen Wagen unsere gute Laune wieder, welche an diesem Tage noch nicht zum Durchbruch gekommen war. Der Rückweg wurde ebenso wie der Hinweg gemacht, und um 5 Uhr abends waren wir wieder auf unserm Schiff.
Um 7 Uhr fand ich mich im Hause unsers Consuls ein, wo bereits die junge Königin von Tahiti, deren Bekanntschaft ich hier machen sollte, anwesend war. Sonst war niemand geladen.
Die Königin, welcher nach Bestimmung der französischen Regierung das Prädicat „Majestät“ zusteht, ist eine stattliche, imponirende Gestalt, über 1,80 m groß und zählt zur Zeit 18 Lebensjahre. Sie wurde, noch nicht 15 Jahre alt, im Januar 1875 mit dem damaligen Erbprinzen, jetzigen König von Tahiti, vermählt; doch dürfte diese Verbindung nur eine leere Form geblieben sein, da der Gemahl, welcher ein wunderlicher Herr zu sein scheint, sich gleich nach der Trauung auf eine seiner Besitzungen auf das Land zurückgezogen haben soll, um dort in sehr zweifelhafter Gesellschaft sein bisheriges Leben fortzusetzen. Er kommt nur zur Stadt, wenn er sich aus Repräsentationsrücksichten mit der Königin zusammen zeigen muß. Die letztere bewohnt daher, nur von ihrem weiblichen Hofstaat umgeben, das Stadtpalais allein. Die Königin hat ihre Erziehung in Sydney genossen, spricht englisch und französisch, ist ziemlich belesen, gewandt in der Unterhaltung und scheint eine liebenswürdige Dame von heiterm Gemüth zu sein.
Der Abend verlief sehr angenehm und fand uns alle in so behaglicher Stimmung, daß ich auch einigen Stadtklatsch zu hören bekam und dabei gleichzeitig erfuhr, wie die hiesigen Damen sich für die fehlende Zeitung Ersatz zu schaffen wissen. Für diese tritt der mündliche Bericht ein, und die Börse hierfür ist der allmorgendlich stattfindende Markt. Die Damen schicken ihre eingeborenen Verwandtinnen oder Vertraute dorthin, alle Begebenheiten von Bedeutung werden ausgetauscht und jede Familie erfährt beim ersten Frühstück schon, was sich in der Stadt und auf dem Lande in den letzten 24 Stunden zugetragen hat. Dies geht so weit, daß mir aus dieser Quelle auch für mich wichtige politische Nachrichten aus dem Hause des Gouverneurs zuflossen, welche von Einfluß auf meinen Besuch der Gesellschafts-Inseln wurden. Der Markt soll aus diesem Grunde das bewegteste Bild in Papeete bieten, und ich bedauerte es sehr, dies nicht früher gewußt zu haben, weil ich zu einem derartigen Besuch keine Gelegenheit mehr fand. Ich hatte es mir bei meinen frühern Reisen stets zum Grundsatz gemacht, den Markt nie zu versäumen, weil man hier immer Interessantes sieht, hier in Papeete hatte ich aber nichts erwartet.
Ehe wir uns trennten, sprach die Königin noch den Wunsch aus, unser Schiff zu sehen, machte aber zur Bedingung, daß sie nur als Tante unserer liebenswürdigen Wirthin empfangen würde, daß ferner der Besuch in die Abendzeit fallen müsse und über denselben vorher nicht gesprochen werden dürfe, weil der französische Gouverneur ihr sonst auf irgendeine Weise die Ausführung dieses Wunsches unmöglich machen würde. Was der Gouverneur nachher etwa zu sagen beliebte, sei ihr gleichgültig. Da unsere Abreise für den 1. Juni morgens festgesetzt war, so blieb nur der nächste Abend zur Verfügung, und ich versprach der Dame, sie 7 Uhr abends mit ihren Verwandten vom Lande abzuholen.
Der heutige Tag, 31. Mai, gehört den Geschäften.
Wie ich schon angedeutet habe, beabsichtigt die 'Société commerciale de l’Océanie' ihren Wohnsitz nach der unabhängigen Insel Raiatea zu verlegen, sowol um den übermäßigen Steuern, Zöllen und Hafenabgaben in Papeete, wie namentlich den unwürdigen Plackereien durch die französischen Machthaber zu entgehen. Diese Absicht ist nicht nur den Franzosen, sondern auch weitern Kreisen bekannt, da mir schon in Panama der Commandant eines amerikanischen Kriegsschiffs erzählt hatte, daß die bisher auf Tahiti ansässig gewesenen Deutschen wegen der seitens der Franzosen gegen die dort lebenden Ausländer getroffenen Maßregeln ihren Wohnsitz nach den unabhängigen Inseln der Gesellschafts-Gruppe verlegt hätten. Im übrigen hat das deutsche Haus seine Absicht auch schon zum Theil ausgeführt, die Waarenlager bereits nach Raiatea verlegt und hofft innerhalb einiger Monate seine ganze Geschäftsthätigkeit dort concentriren zu können. Die unter deutscher Flagge zwischen den Inseln fahrenden kleinern Schiffe löschen und laden bereits auf Raiatea, ebenso laufen die zwischen Hamburg und hier fahrenden großen Schiffe diesen Hafen und nicht mehr Papeete an. Erwähnt sei hier noch, daß die Gesellschafts-Inseln, von welchen Raiatea, Huheine und Bora-Bora (auch Bola-Bola genannt) die bedeutendsten sind und gesonderte selbständige Staatswesen bilden, in unmittelbarer Nähe von Tahiti, d. h. nur etwas über 100 Seemeilen davon entfernt, liegen und die Franzosen früher versucht haben, auch diese in ihre Machtsphäre einzuschließen. Als sie indeß durch Waffengewalt von Huheine vertrieben wurden, legte sich England ins Mittel, und es kam dann zwischen England und Frankreich ein Vertrag zu Stande, welcher den Gesellschafts-Inseln ihre Unabhängigkeit garantirte.
Die Franzosen brachten nun jedenfalls die Anwesenheit der zufällig hierhergekommenen „Ariadne“ mit den Maßnahmen des deutschen Hauses in Zusammenhang und befürchteten zweifellos, daß Deutschland sich in ihrer unmittelbaren Nähe festsetzen wolle, daß unser Schiff den Auftrag habe, von den Gesellschafts-Inseln Besitz zu ergreifen. In Papeete konnte man wenigstens aus jedem Munde hören, daß das deutsche Kriegsschiff zu diesem Zwecke hierhergekommen sei. Der Gouverneur hielt sich nun wol für verpflichtet, Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen, welche mich wieder zwangen, gerade das zu thun, was den Franzosen unbequem war und woran ich vorher gar nicht hatte denken können, weil ich nur das Streben hatte, möglichst schnell nach Apia zu kommen und daher auch die Forderung der deutschen Gesellschaft, zu ihrem Schutze die Gesellschafts-Inseln anzulaufen, anfänglich abgeschlagen hatte. Als ich aber durch die Marktzeitung erfuhr, daß das hier stationirende französische Kriegsschiff den Auftrag erhalten habe, zwei Tage vor meiner bereits bekannten Abreise von Papeete nach den Gesellschafts-Inseln zu gehen, um die Eingeborenen gegen die Deutschen aufzuwiegeln und ihnen mitzutheilen, daß in den nächsten Tagen ein deutsches Kriegsschiff kommen würde, um ihnen ihr Land wegzunehmen, daß die Franzosen ihnen aber beistehen und im Verein mit England und Nordamerika die Deutschen wieder vertreiben würden, wurde ich unschlüssig. Nachdem nun das französische Kriegsschiff gestern wirklich Papeete verlassen hat und heute von Huheine auch bereits durch ein besonders abgeschicktes Segelschiff an das deutsche Haus die verbürgte Nachricht gelangt ist, daß der Franzose dort war und die ganze Insel in Aufruhr sei, um sich mit Waffengewalt unserm Eindringen zu widersetzen, blieb mir keine Wahl. Ich mußte nun die Inseln anlaufen, sowol um die böswilligen Gerüchte zu zerstreuen, wie auch um durch Machtentfaltung die herrschende Aufregung zu bändigen und die heißblütigen Eingeborenen vor Gewaltthätigkeiten gegen Deutsche zu bewahren.
Da ferner Herr und Frau G. sich bereit erklärt hatten, die auf acht Tage veranschlagte Reise als meine Gäste auf der „Ariadne“ mitzumachen, so konnte ich, da die genannte Dame mit den regierenden Familien nahe verwandt ist und als tahitische Prinzessin mit dem Titel einer „Prinzessin der Bienen“ unter den Eingeborenen der ganzen Gruppe ein hohes Ansehen genießt, dieselbe auch im Stande war, die etwas zweifelhaften Dolmetscher zu controliren, darauf rechnen, die gestellte Aufgabe in glatter Weise zu lösen. Schließlich war es mir noch gelungen, den deutschen Capitän eines kleinen in Papeete liegenden Schiffes, welcher schon seit vielen Jahren zwischen diesen Inseln fährt, als Lootsen zu erhalten.
Während des Nachmittags wurde auf der „Ariadne“ für den Besuch der Königin ein Zelt aufgeschlagen und dasselbe mit Flaggen, Laub, sowie allen verfügbaren Lampen und Laternen decorirt. Nach dem Vorschiff zu blieb es offen, um unserer Mannschaft auch Gelegenheit zu geben, die Königin von Tahiti zu sehen.
Abends 7 Uhr, nach Eintritt vollkommener Dunkelheit, wurden die Königin, Herr und Frau G. nebst deren Gepäck und Diener, da diese Herrschaften wegen unsers frühen Aufbruchs am nächsten Tage schon diese Nacht an Bord bleiben sollten, abgeholt. Auf dem Deck waren bequeme Sitzgelegenheiten geschaffen und die Offiziere hatten, da ich mich um das Arrangement nicht hatte bekümmern können, für die Bewirthung gesorgt. Die Königin trug die wenig kleidsame tahitische Nationaltracht, ein langes, faltenreiches, gürtelloses Gewand von schwerem schwarzen Atlas und einige Blumen im Haar. Das Kleid wurde vorn durch eine reiche Brillantbrosche, welche ein Hochzeitsgeschenk des damaligen Präsidenten der französischen Republik sein soll, geschlossen. Als die Dame, uns alle überragend, in der Mitte des bunten Zelts im vollen Lichtschein stehend, wohlgefällig Umschau hielt, um das zu ihren Ehren getroffene Arrangement zu betrachten, war sie in ihrer einfachen schwarzen schillernden Kleidung eine entschieden hoheitsvolle Erscheinung.
Es wurden verschiedene Erfrischungen gereicht, die Musik spielte einige Stücke und gegen 9 Uhr geleitete ich im Verein mit Herrn und Frau G. die Königin wieder ans Land, wo sie von einigen Dienerinnen und Dienern erwartet wurde. Herr und Frau G. machten es sich in meiner Kajüte bequem, während ich ein anderweites Unterkommen für die Zeit gefunden hatte.
Am 1. Juni morgens mit Tagesanbruch verließ unser Schiff Papeete wieder und zwar hoffentlich auf Nimmerwiedersehen, da das Anlaufen französischer Häfen für ein deutsches Kriegsschiff sogar in der Südsee eine wenig angenehme Sache ist.
7.
Die Gesellschafts-Inseln.
Unser Weg führte uns zunächst nach der Insel Morea, auch Eimeo genannt, wo ich einen nur kurzen Aufenthalt von wenigen Stunden nehmen wollte, um im Anschluß daran während der Nacht nach Huheine zu laufen.
Wegen der Erregung in den Gemüthern der Eingeborenen von Huheine hielt ich es für zweckmäßig, nicht abends, sondern erst am nächsten Vormittag bei guter Zeit dort einzutreffen, und so konnte ich den heutigen Tag gar nicht besser zubringen, als unter Segel nach Morea zu laufen und es der Gunst des Windes zu überlassen, wie lange unser Aufenthalt dort währen solle. Unser Ziel war Taloo-Hafen, von den Franzosen jetzt Papetoaï genannt, wo bei dem Dorfe Oponu die einzige auf dieser Insel befindliche und Herrn G. gehörige Plantage liegt. Nebenbei wünschte der Herr auch meiner Mannschaft einige Tausend Apfelsinen, welche dort gerade geerntet waren und nach San-Francisco verschifft werden sollten, zu schenken, ein Geschenk, welches ich gern annahm.
Um 9½ Uhr waren wir vor der Hafeneinfahrt angelangt und hatten von hier aus einen außerordentlich schönen Blick auf die eigenartig gestaltete Insel. Die beiden geradlinig und annähernd parallel nach dem Innern laufenden, mäßig hohen Ufer fallen ziemlich steil nach dem Wasser ab, sind dicht belaubt und wirken mit ihren tiefen Farbentönen, im Gegensatz zu dem hellen Hintergrund, wie die Seitencoulissen auf der Bühne. Den Hintergrund bildet eine im vollen Sonnenschein liegende, sanft ansteigende und sich weit nach rückwärts erstreckende Ebene, welche durch eine hellgrau schimmernde und heiß flimmernde, 900 m hohe, felsige Gebirgswand von merkwürdig zerrissenen und gekünstelten Linien begrenzt wird. Am Fuße dieser Wand liegt links das Dorf Opuno, in der Mitte vor seinem Anker ein großes Segelschiff mit der deutschen Flagge an der Gaffel, und zur Rechten sieht man die Plantage mit ihren Gebäuden.
Als wir unter Dampf in dieses Bühnenbild hineinfuhren, hatte ich die Empfindung, als ob ich mich nach den Zuschauern unserer Gastvorstellung umsehen müsse.
Kurz nach 10 Uhr vormittags kamen wir zu Anker und setzten 5 Uhr abends unsere Reise weiter fort.
Morea gehört zu dem tahitischen Königreich und steht somit ebenfalls unter französischem Protectorat, obgleich seitens der Franzosen zur Zeit keinerlei Controle über die Insel ausgeübt wird, welche wegen ihres vorherrschend steinigen Bodens wol auch nie besondere Bedeutung erlangen wird. Sie liefert vorläufig nur Orangen und soll reich an verwilderten Rindern und Ziegen sein, deren Jagd aber nicht als lohnend betrachtet wird, weil die Thiere nur auf kaum gangbaren Pfaden zu erreichen sind und ihnen nur mit der Kugel beizukommen ist. Daneben gilt es als unmöglich, das erlegte Wild auf den Felsenpfaden bis zu den Wohnstätten der Menschen zu schaffen, und es muß daher da liegen bleiben, wo es gefallen ist. Da ferner die Rinder in der Regel auch selbst zum Angriff vorgehen sollen und namentlich die heerdenlosen Stiere sehr gefürchtet werden, so kann diese Jagd nur als ein Sport betrachtet werden, welchem in frühern Zeiten wol englische Marineoffiziere gehuldigt haben sollen, zu welchem sich in neuerer Zeit aber keine Jünger mehr gefunden haben.
Unser Aufenthalt am Lande beschränkte sich darauf, die Plantage zu begehen, die Unmassen der ein großes Schiff füllenden Orangen anzustaunen, im Schatten der Veranda des Wohnhauses zu ruhen und dabei das schöne Landschaftsbild zu genießen.
Am 2. Juni morgens langten wir vor Huheine an, ankerten im Laufe des Vormittags im Owharre-Hafen und zwar so dicht unter Land, daß das Schiff außerdem auch noch mit Tauen an Bäumen festgebunden werden konnte. Der Hafen ist zu eng, um großen Schiffen ein freies Schwingen um ihren Anker zu gestatten, man muß sich daher auf die angegebene Weise helfen.
Auf dem zwischen dem Ufer des Hafens und dem Königshaus liegenden großen freien Platz lagerten so große Menschenmassen, Männer, Frauen und Kinder, daß die gesammte Bevölkerung der Insel hier zusammengeströmt zu sein schien, wie es auch thatsächlich der Fall war. Ein von Frau G. an die Königin geschriebener Brief, in welchem die Dame unsern Besuch zum nächsten Vormittag anmeldete, wurde gleich an Land geschickt; die umgebend erfolgende Antwort lautete, daß wir zu der von mir in Vorschlag gebrachten Stunde, 9 Uhr vormittags, erwartet werden würden.
Da ich es nicht für angezeigt hielt, vor diesem Besuch schon eine Verbindung mit dem Lande herzustellen, benutzte ich den heutigen Nachmittag zu einer Bootsfahrt. Wir umsegelten innerhalb des Korallenriffs einen großen Theil der Insel und bekamen landschaftlich viel Schönes zu sehen. Die von uns befahrene Wasserfläche wird nach der See hin begrenzt durch das Korallenriff, nach der andern Seite durch die Insel, welche ähnlich wie Tahiti nur an der Küste einen mehr oder minder breiten Gürtel fruchtbaren Landes hat und deren Kern als 700 m hoher nackter Fels in diesem grünen Rahmen steht. Die Ansiedelungen der Eingeborenen, welche in der Regel unter schattigen Bäumen am Fuße des Berges liegen und freien Ausblick über das vor ihnen liegende bebaute Land und über das ruhige Wasser innerhalb des Riffs hinweg auf die offene See und die Insel Raiatea haben, machen einen außerordentlich behaglichen, friedlichen Eindruck, welcher durch die Abwesenheit alles menschlichen Lebens, denn alle Hütten sind zur Zeit verlassen, allerdings etwas abgeschwächt wird.
An einer besonders einladenden Stelle, wo an einer kleinen Einbuchtung dicht am Strande, unter hohen schattigen Bäumen, ein besseres Haus mit gepflegtem Garten stand, legten wir an einer kleinen Brücke an, um den dort wohnenden und meinen Gästen näher bekannten Häuptling zu besuchen. Doch auch dieses Haus war verlassen. Wir erfrischten uns an einigen Apfelsinen und Bananen, setzten dann unsere Fahrt fort und dehnten dieselbe bis zu einer bis unter den Meeresspiegel reichenden Einsenkung aus, welche Huheine eigentlich zu zwei Inseln macht, obgleich die auf diese Weise gebildete Wasserrinne nur sehr schmal ist und eine so geringe Tiefe hat, daß sie nur bei Hochwasser befahren werden kann. Vor Sonnenuntergang waren wir wieder an Bord und bereuten nicht, den schönen, genußreichen und erfrischenden Ausflug gemacht zu haben.
Am Morgen des 3. Juni hatte ich der Königin durch unsere Musik ein Ständchen bringen lassen, und um 9 Uhr vormittags fand in ihrem Hause die verabredete Zusammenkunft statt. Unser Weg dahin führte uns durch das ganze Volk von Huheine, welches hier versammelt uns mit theils drohenden, theils besorgten Mienen musterte.
Bei der Königin befanden sich ihr ältester Sohn, dessen Frau und die den Staatsrath bildenden vornehmsten Häuptlinge. Die Königin, eine ältere Frau, trug ein Waschkleid nach tahitischem Schnitt und einen breitberandeten italienischen Strohhut mit flatterndem grünseidenen Band; ihre Schwiegertochter war ebenso gekleidet, doch ohne Hut; der Sohn und Thronfolger sowie die Häuptlinge waren in Hosen und Hemden. Die Damen hatten Schuhe an, die Herren waren barfuß.
Unser Empfang war ein sehr kühler, alle Gesichter drückten ernste Sorge aus. Der von uns mitgebrachte Dolmetscher, Sohn eines englischen Missionars, übersetzte meine Ansprache, in welcher ich sagte, daß ich gekommen sei, um der Königin meinen Besuch zu machen, und daß das Schiff die Aufgabe habe, die freundschaftlichen Beziehungen, welche zwischen den Deutschen und der Regierung des Landes bisher bestanden hätten, nicht nur fernerhin zu unterhalten, sondern auch noch fester zu knüpfen, aber auch die Interessen der erstern wahrzunehmen, wenn dies nothwendig sein sollte.
Der Sprecher der Königin dankte darauf für den ihr gewordenen Besuch und für die Vertrauen erweckenden Worte, betonte dann aber, daß das Volk von Huheine voller Sorge sei, weil sie von Papeete die bestimmte Nachricht erhalten hätten, daß wir diese Inselgruppe mit Gewalt zu nehmen beabsichtigten. Meine Antwort konnte nur dahin lauten, daß Deutschland vorab nicht an die Erwerbung von Colonien dächte, aber auch nicht wünschen könne, die noch unabhängigen Inseln sich in Colonien anderer europäischer Staaten umwandeln zu sehen, und daher nur als Beschützer solcher Inselgruppen betrachtet werden könne, wie ihnen das Beispiel Tongas zeige, mit welchem das Deutsche Reich einen Freundschaftsvertrag abgeschlossen habe, wodurch das kleine Inselland vor fremder Willkür gesichert sei. Solange daher die deutschen Unterthanen auf den unabhängigen Inseln unter dem Schutz der Landesgesetze sicher leben und Handel treiben könnten, müßten die deutschen Kriegsschiffe immer als die Freunde des Landes angesehen werden, denn ihre Aufgabe sei nur, deutsches Leben und Eigenthum zu schützen.
Nach diesen Worten und einigen ergänzenden freundlichen Bemerkungen der Frau G. an die Königin änderte sich die Scene urplötzlich. Sichtliche Freude strahlte auf allen Gesichtern und der Sprecher hielt eine freudig bewegte Ansprache, worin er erklärte, daß nunmehr die Sorgen von ihnen genommen seien, und wie groß diese gewesen wären, könnten wir daraus ersehen, daß sie alle die drei letzten Nächte schlaflos zugebracht hätten und das ganze Volk während dieser Zeit um seine Königin geschart gewesen sei. Dann trat der Sprecher in die offene Thüre auf die Veranda des Hauses und hielt eine längere Ansprache an das Volk, nach deren Schluß die Leute wegeilten und bald darauf reich beladen mit Geschenken, welche in Schweinen und Früchten bestanden, zurückkehrten und diese vor mir niederlegten. Als die Geschenke in unsere Boote gebracht waren, um meiner Mannschaft mit ihnen einen guten Tag zu machen, lud Frau G. in meinem Namen die Königin mit ihrer Familie, die Häuptlinge und das ganze Volk zum Nachmittag auf unser Schiff ein. Die Einladung wurde mit großer Freude angenommen, und der Nachmittag gestaltete sich zu einem wahren Volksfeste, da alles, was kommen konnte, auch zu uns kam, Jung und Alt, Männer, Frauen und Kinder. Die Vornehmern wurden in meiner Kajüte mit Schaumwein, Fruchtsäften, Kuchen und Marmeladen bewirthet, das Volk in der Offiziermesse mit Punschbowle. Unsere Musik wechselte ab mit den Gesängen und Tänzen der Eingeborenen, Freude und Lust beherrschten das Fest und jede Furcht der Eingeborenen war verschwunden, als sie um 5 Uhr sehr befriedigt das Schiff wieder verließen.
Die Königin, ihre Familienmitglieder und die Häuptlinge wurden von Herrn und Frau G. noch mit Kleiderstoffen beschenkt, worauf die Königin in ihrem Freudenrausch auch noch bat, mit Frau G. die Hüte austauschen zu dürfen, wodurch ich in den Besitz des königlichen Hutes kam, da Frau G. mir denselben als Andenken verehrte. Wie sich später zeigen wird, war mir derselbe aber nicht lange beschieden. Bei den Gesängen der Eingeborenen hatte ich gehofft, etwas Aehnliches zu hören wie am See Waihiria auf Tahiti, aber ich täuschte mich, wenngleich der Gesang auch gut geschult und melodiös war. Von dem Tanz läßt sich auch nicht viel sagen. Die Darsteller waren Frauen, welche einzeln sich zeigten und ohne Grazie jähe Bewegungen mit dem Mittelkörper machten. Ich vermuthe, daß diese Schaustellungen einen etwas wüsten Charakter angenommen hätten, wenn nicht die Königin, welche ein strenges Regiment führen soll, zugegen gewesen wäre.
Am 4. Juni verließen wir mit Tagesanbruch Huheine wieder und gedachten im Laufe des Vormittags in dem Hafen Otea-Vanua auf Bora-Bora ankern zu können. Doch der Wind war wieder einmal anderer Ansicht wie wir, wehte fest aus Südwest statt aus Südost, und entwickelte sich zu einem mäßigen Sturm mit hohem Seegang. So kamen wir unter Dampf nur langsam vorwärts. Schon vom Morgen an lag die nur noch 36 Seemeilen von uns entfernte Insel Bora-Bora scheinbar nahe vor uns, ein 700 m hoher, dräuender, mächtiger Felsblock auf sonst niedrigem, größtentheils üppig belaubten Unterlande, und doch wurde es 3 Uhr nachmittags, ehe wir zum Hafeneingang, und 4 Uhr, bis wir zu Anker kamen. Als wir endlich die Nordspitze der rundum von einem Korallenriff umgebenen Insel, welches abweichend von der sonstigen Regel ziemlich hoch über Wasser liegt und größtentheils mit Kokospalmen bestanden ist, umschifft hatten und dicht an der Küste entlang südlich nach dem Hafeneingang steuerten, bot sich dem Auge wieder ein wunderbares Bild der merkwürdigsten Contraste.
Wir selbst auf der wild aufgeregten, schäumenden See, unser Schiff tief einstampfend, rollend und ächzend. Ueber uns die schnell ziehenden dickgeballten Wolken. Unwirsch mahlt die mit 2000 Pferdekräften arbeitende Schraube im Wasser, weil das Schiff ihrem Druck nicht folgen will, und hochauf spritzt der Gischt, wenn sich das Heck schüttelnd und in allen Verbänden knarrend aus dem Wasser hebt und die Schraube theilweise frei von diesem, in fast doppelten Umdrehungszahlen mit den obern Flügelspitzen durch die Luft schlägt. Tief gräbt der Bug sich dann in die von vorn andrängenden Wellen, sodaß die helle See über die Back bricht und die von dem mächtigen Anprall in Wasserstaub aufgelösten Wogenkämme über das ganze Schiff hinwegstürmen, welches in seinem Lauf plötzlich gehemmt, bis in die obersten Mastspitzen erzittert. Hastend quillt als dicke Wolke der schwarze Rauch aus dem großen Schlot und bildet nach hinten eine breite dunkle Straße, über welcher oben am Hauptmast der lange weiße Wimpel in schlangenähnlichen Windungen flattert. Der Rauch schwärzt alles, was er erreichen kann, und der Seewasserstaub überzieht Schiff, Takelage und Menschen mit glitzernden weißen Salzkristallen. Zur Linken von uns das von der Brandung ganz in blendenden Schaum gehüllte Korallenriff mit seiner Kette belaubter kleiner Inseln, deren Palmen sich widerwillig unter dem Druck des starken Windes zur Seite neigen und dahinter -- hellgrünes Wasser, welches, von dem Winde unberührt, wie ein Spiegel sich unter der Sonne ausbreitet und an dessen anderm Ufer die Hauptinsel fern von dem Toben des Sturmes und des Meeres in erhabener Ruhe emporragt, scheinbar beschützt von dem gigantischen, die ganze Insel beherrschenden Felsblock.
An der Hafeneinfahrt trafen wir mit einem kleinen Schooner zusammen, welcher, mit vollen Segeln vor dem Winde herlaufend, dem schützenden Hafen mit fliegender Fahrt zueilte. Unser Schiff drehte und jagte auch, nun ebenfalls vor dem Winde, mit 12 Seemeilen Geschwindigkeit in die schmale Einfahrt. Was sich meinem Blick darbot, war zum Entsetzen. Unser Lootse, ein durchaus verständiger Mann, hatte sich die zu erwartende Situation vorher jedenfalls nicht klar gemacht, denn sonst hätte er mir vom Einlaufen unter diesen Verhältnissen abrathen und jede Verantwortung für das Wagniß ablehnen müssen. Jetzt war es zu spät, denn an Umdrehen war wegen mangelnden Raumes nicht mehr zu denken, der Lootse war ebenso versteinert wie ich es im ersten Augenblick war, aber zu langem Ueberlegen blieb keine Zeit; wir mußten uns zu helfen suchen, so gut es ging.
Von dem Fahrwasser und den Riffen, welche sonst durch die auf ihnen stehende Brandung oder durch die hellere Wasserfarbe zu erkennen sind, war nichts zu sehen, der vor uns liegende Raum war ein Auf- und Niederwogen wild kämpfender Wasserberge, welche nur aus weißem Gischt bestanden. Die in die 900 m breite und drei Seemeilen lange Einfahrt hineindrängenden hohen Wellen wurden von den seitlichen Riffen zurückgeworfen, prallten gegen die nachstürmenden zurück und erzeugten einen Aufruhr im Wasser, welcher jeder Beschreibung spottet. Es war ein Wallen, Tosen, Sieden und Branden, daß man sein kaltes Blut verlieren konnte. Wir waren mitten in der Brandung und niemand konnte wissen, ob nicht im nächsten Augenblick ein markerschütternder Stoß uns sagen würde, daß das Schiff verloren sei, und daß die durch den Anprall herniederbrechende schwere Takelage den größten Theil der auf Deck befindlichen Personen erschlagen würde. Nach Peilung des Kompasses zu steuern, war auch ausgeschlossen, weil das Schiff in der tobenden See so jähe Bewegungen machte, daß die Kompaßrose in ihrem Gehäuse wild hin- und herlief. So blieb keine andere Wahl, als weiter zu laufen, nach dem Auge den wahrscheinlich richtigen Curs zu halten und es der Vorsehung zu überlassen, ob wir glücklich durchkommen oder das Schiff verlieren sollten. Das Ernsteste war der Entschluß, die Maschine mit Volldampf weiter arbeiten zu lassen, da ein Stoppen derselben die Fahrt nicht genügend verringern konnte, andererseits aber das Schiff bei der größern Geschwindigkeit besser zu steuern war. Hier hieß es Zähne zusammenbeißen, sich gut festhalten, um nicht über Bord geschleudert zu werden, und -- Vorwärts!
Bäumend und sich wälzend, bis zu 30° nach jeder Seite schlingernd, vorn, links und rechts Wasser schöpfend, schnitt das Schiff, nachdem alle entbehrlichen Leute zur Sicherung gegen die etwa fallenden Masten unter Deck geschickt worden waren, durch das brandende Meer neben dem kleinen Schooner her, welcher unter seinen vollen Segeln mit uns die gleiche Geschwindigkeit hielt und entweder hoch oben auf einem Wellenkamm thronend über uns stand, oder im Wellenthal soweit verschwand, daß nur die obersten Spitzen seiner 20 m hohen Masten für uns sichtbar waren. Nach Verlauf von 15 Minuten, welche mir eine Ewigkeit dünkten, liefen wir mit einem Bogen hinter das Riff in ruhiges Wasser und in eine andere Welt. Das Schiff lag plötzlich ruhig -- ich athmete tief auf, stoppte die Maschine und gab den Befehl zum Ankern.
Gleich nach unserer Ankunft wurde, ebenso wie es in Huheine geschehen war, an die Königin ein Brief mit der Anmeldung unsers Besuchs für den nächsten Morgen geschickt. Die unserm Boten mitgegebene Antwort lautete, daß wir willkommen seien, von Geschäften aber nicht gesprochen werden dürfe, weil wegen vieler auf der Insel stattgefundener Todesfälle der nächste Tag als allgemeiner Buß- und Bettag festgesetzt worden sei. Da ich nun keinen ganzen Tag verlieren wollte, so übernahm es Frau G. noch an diesem Abend den Räthen der sieben Jahre alten Königin über den Zweck unsers Hierseins Aufschluß zu geben, damit etwaige Unklarheiten unter der Hand beseitigt werden könnten. Wir fuhren daher an Land und die Dame ging in das Königshaus, während Herr G. und ich einen kleinen Spaziergang machten. Als wir von diesem zurückkehrten, kam Frau G. uns schon entgegen, an der Hand die kleine Königin, welche uns in ergötzlicher Weise auf ihrer Insel begrüßte und mir sagen ließ, daß ihre Räthe zu den Deutschen volles Vertrauen hätten. Die kleine braune Herrscherin, ein hübsches freundliches Kind, trug ein kurzes Kattunkleidchen, hatte hohe weiße Strümpfe an und ging in ihren unförmlichen hohen Schnürstiefeln aus schwarzem Lackleder wie auf Stelzen. Als ich auf ihre Frage, wie es mir auf der Insel gefiele, antwortete, daß ich alles sehr schön fände, mein Diener aber klage, für Geld und gute Worte keine Eier bekommen zu können, meinte sie, daß sie da bald Abhülfe schaffen wolle. Sie lief nun so schnell als die unbequemen Stiefel es erlaubten in ihr Haus zurück, kam bald mit einem Körbchen in der Hand barfuß wieder herausgesprungen, ging in die zunächstgelegenen Hütten, brachte mir dann das inzwischen mit Eiern gefüllte Körbchen und sagte, als ich den Leuten das Geld für die Eier schicken wollte, stolz: „Die Königin kauft von ihren Unterthanen nichts, sondern nimmt denselben das für sie Nothwendige weg.“
Am nächsten Morgen war feierlicher Empfang. Bei unserm Landen fanden wir so große Menschenmengen vor dem Königshause, daß wir wol die Bevölkerung der ganzen Insel hier versammelt annehmen durften. Die für mich bestimmten Geschenke waren auch schon zusammengetragen und lagen geordnet vor dem Hause zu beiden Seiten der Verandatreppe, auf welcher wir von einem braunen Herrn empfangen und in das Empfangszimmer geführt wurden. Hier befand sich bereits die Königin im Kreise der den Staatsrath bildenden Häuptlinge, von welchen einer, ihr Onkel, die Regentschaft führt. Eingeborene Damen waren nicht anwesend. Die vor uns befindliche Gesellschaft machte im Vergleich zu Huheine einen sehr civilisirten Eindruck, denn die Herren waren sämmtlich in guten schwarzen Anzügen und hatten Lackstiefel an den Füßen. Ueber dem zugeknöpften Frack trugen sie eine rothseidene Schärpe um den Leib geschlungen und in der linken Hand einen in Blech- bezw. Lederscheide steckenden Säbel oder Degen, Waffen, welche ihrer alterthümlichen Form nach jedenfalls aus dem vorigen Jahrhundert stammten und den verschiedensten Völkern angehört hatten. Daß die Säbel in der Hand getragen wurden, mag seinen Grund darin haben, daß die zum Anhängen nothwendigen Säbelkoppeln fehlen. Die Königin, welche ein rothseidenes Kleidchen anhatte und deren Kopf mit einem aus künstlichen Strohblumen gefertigten Diadem geschmückt war, kam uns entgegen, bot uns die Hand und lud dann zum Sitzen ein. Das alles machte sie so nett und natürlich, daß ich von der Fertigkeit dieser kleinen Person ganz überrascht war. Frau G. setzte sich auf das vorhandene Sofa und nahm die Königin von Bora-Bora auf ihren Schos, während wir Herren uns der im Kreise aufgestellten Stühle bedienten.
Nachdem einige Höflichkeitsphrasen ausgetauscht waren, wobei Frau G. die Dienste des fehlenden Dolmetschers versah, mußten wir auf die Veranda treten und mit dem Volke Hände schütteln, was in der Weise geschah, daß die Eingeborenen (Männer, Frauen und Kinder) truppweise und in guter Ordnung mit gebeugtem Oberkörper auf die Veranda kamen, uns die Hand gaben und dann ebenso wieder zurücktraten. Ein junger Mann fiel mir dabei dadurch auf, daß er zu diesem Zweck dreimal die Veranda betrat; die den Leuten gewordene Ehre muß also wol sehr groß gewesen sein. Auch dieses Händeschütteln, welches ungefähr eine Stunde währte, nahm sein Ende; die vielen, wieder für meine ganze Besatzung ausreichenden Geschenke, wurden mir übergeben, und dann kehrten wir zum Schiffe zurück.
Am 6. Juni vormittags wurden die geschäftlichen Angelegenheiten erledigt, deren Ergebniß darin bestand, daß die Machthaber von Bora-Bora den deutschen Unterthanen jeden Schutz und volle Handelsfreiheit zusicherten und ich dagegen anerkannte, daß die Deutschen sich den zur Zeit bestehenden Landesgesetzen, von welchen ich vorher Einsicht genommen hatte, unterzuordnen hätten.
Für den Nachmittag wurde auch hier die Bevölkerung auf die „Ariadne“ eingeladen und das Fest nahm denselben Verlauf wie in Huheine. Die kleine Königin schwelgte namentlich in Wonne, nachdem sie sich auf meine Aufforderung hin mit Genehmigung ihres Oheims ihrer Stiefel und Strümpfe entledigt hatte, welche dieser Herr ihr in meiner Kajüte auszog.
Hier kann ich nicht umhin, der wunderbaren Thatsache zu gedenken, daß dieses kleine Mädchen sich nur unter der Obhut von Männern befindet und keine eigentliche weibliche Pflegerin hat, wenn sich in ihrem Hause vielleicht auch einige Dienerinnen befinden mögen, und wie sich dem Beobachter hier bei diesem Kinde, wenn es nicht schon bei dem Besuch der andern Inseln geschehen sein sollte, der Gedanke aufdrängen muß, daß diese Insulaner das Vorbild für ihre Staatsform bei den Ameisen und Bienen gefunden haben. Daß sie die weibliche Erbfolge an der Krone für die natürlichere und richtigere halten, ist ja allbekannt; ebenso sind es die Gründe hierfür, nämlich, daß das Kind immer Blut von der Mutter haben muß, der Gatte der Mutter dem Kinde aber sehr fern stehen kann, ja bei der Ungebundenheit der herrschenden Sitten die Mutter vielleicht selbst nicht einmal im Stande ist, den Vater zu bezeichnen. Weniger bekannt dürfte es aber sein, eine wie hohe, fast göttliche Verehrung alle Polynesier dem edlen Blut ihrer alten Häuptlingsfamilien zollen und wie sie trotz aller Unterwürfigkeit unter jede Laune ihrer Machthaber ängstlich darüber wachen, daß kein ihrer Ansicht nach unedles Blut zur Herrschaft über sie gelangt, daß sie aber dem edlen Blut jede Ausschreitung und jedes Laster verzeihen. Sieht man nun, wie diese kleine Königin in ihrem Hause nur von Männern umgeben lebt, von diesen sonst nichts thuenden und von dem Besitz des Volkes sich nährenden Häuptlingen oder Drohnen bedient, gepflegt und mit ängstlicher Sorgfalt großgezogen wird, und sieht man ferner, wie das Kind sich andererseits wieder in seinem kleinen Reich frei und ungebunden bewegen kann, von jedermann als das schätzbarste Gut des ganzen Staatswesens betrachtet und behandelt wird, und von jedem seiner Unterthanen ohne Murren das erhält, was es für sich verlangt, dann kann sich meines Erachtens bei dem Beobachter der obige Gedanke nur befestigen.
Um 4 Uhr nachmittags verließen die Eingeborenen das Schiff wieder, nachdem die Häuptlinge auch hier mit Geschenken bedacht worden waren. Die kleine Königin schenkte mir beim Abschied ihr Strohblumendiadem als Andenken.
Ein kleiner Zwischenfall hatte sich noch kurz vor Schluß des Festes zugetragen, indem einer unserer Matrosen, welcher zu den an Land Beurlaubten gehörte, von zwei eingeborenen Polizeidienern an Bord gebracht und eines Vergehens gegen die Hafenordnung angeklagt wurde. Da der Mann, ein als ordentlich bekannter Mensch, die Thatsache aber bestritt, auch keine Zeugen herbeigebracht werden konnten, so mußte die Sache fallen gelassen werden. Sie gab mir indeß Veranlassung, den etwas Englisch sprechenden Häuptling, welcher die kurze Verhandlung in Abwesenheit eines Dolmetschers geleitet hatte, zu meiner Belehrung zu fragen, ob diese Polizeiverordnung wirklich streng durchgeführt würde, da man auf den andern Inseln in diesem Punkte doch die weitgehendste Freiheit gestatte und es mir so scheinen wolle, als ob man den Mann nur aufgegriffen hätte, um uns zu zeigen, wie streng man bei ihnen auf gute Sitte hielte. Seine Antwort war, daß das Gesetz nur Geltung für das niedere Schiffsvolk habe und auch nur für solche, welche sich fangen ließen. Er mache sich gar nichts aus dem Gesetz und lade mich in sein Haus ein, wenn ich aber wirklich mit dem Schiff in einer Stunde schon fortgehen wolle, dann würde er einer seiner Frauen den Auftrag geben, auf dem Schiff zu bleiben und ich möchte sie dann später nur mit dem Boot, welches er mit einigen Leuten auch bei mir zurücklassen wolle, von See aus wieder nach Hause schicken, sie würden den Rückweg zur Insel schon finden. Er gab dann auf meine Fragen noch zu, mehrere Frauen zu haben und Christ zu sein und setzte hinzu, daß sie das Christenthum nur soweit angenommen hätten, wie es ihnen gefiele. Nachdem ich sein Anerbieten trotz wiederholten Drängens abgelehnt hatte, schenkte er mir als Ersatz, um mir doch eine Freude zu machen, seine aus Strohblumen gefertigte Halskette.
Um 5 Uhr verließen wir Bora-Bora wieder, um während der Nacht nach Raiatea zu segeln, wo wir denn auch am nächsten Vormittag im Hafen von Uturua eintrafen.
Raiatea mit der Nachbarinsel Tahaa hat denselben landschaftlichen Charakter wie Huheine und Bora-Bora -- der merkwürdige 800 m hohe Felsblock inmitten fruchtbaren Landes, die Insel umgeben von Korallenriffen und kleinen Inseln, hinter welchen gute Häfen liegen. Die äußere, namentlich in dem Mittelkamm zu Tage tretende Formenübereinstimmung in den vier Inseln, von welchen die beiden äußersten 45 Seemeilen auseinander liegen, berührt ganz eigenartig, denn sie entstammen zweifellos einem Guß und man fragt sich staunend, welch ungeheuerer plötzlichen Katastrophe sie ihr Dasein verdanken mögen.
Gleich nachdem wir in nächster Nähe der deutschen Niederlassung, vor welcher drei deutsche Handelsschiffe lagen, geankert hatten, kam ein Boot mit Eingeborenen längsseit, und einer der Leute betrat mit einem Damenstrohhut in der Hand das Schiff, nach Frau G. fragend. Sehr belustigt waren wir zu hören, daß die Königin von Huheine ein Boot den weiten Weg nach Raiatea geschickt hatte, um den früher erzählten Huttausch rückgängig zu machen. Die braune Fürstin war wahrscheinlich der Ansicht, daß ihr früherer Hut doch schöner und werthvoller sei, und so mußte ich die in meinen Händen befindliche königliche Kopfbedeckung wieder herausgeben. Frau G. war zwar entrüstet und wollte von diesem Handel nichts hören, ich hatte aber Wichtigeres zu thun, als um den Besitz eines Strohhutes zu streiten.
Ein Offizier des französischen Aviso, welchen wir hier endlich antrafen, begrüßte das Schiff im Namen seines Commandanten, und dann kam der Vorsteher der deutschen Niederlassung, um Beschwerde gegen die Eingeborenen und indirect gegen das französische Kriegsschiff zu führen. Der Einfachheit halber will ich den Herrn selbst sprechen lassen:
„Der französische Aviso erkundigte sich nach seiner am 1. Juni erfolgten Ankunft gleich bei dem König, ob nicht Zwistigkeiten mit Ausländern vorlägen, bei welchen er ihm seine Dienste leihen könne, und danach erst kam er mit der Sache zum Vorschein, wegen welcher er hergekommen sein muß. Denn ich weiß aus sicherer Quelle, daß er den Eingeborenen sagte, es würde in den nächsten Tagen ein deutsches Kriegsschiff kommen, um ihnen ihre Insel wegzunehmen und er sei zu ihrem Schutze hier. Dann gab er ihnen den Rath, sobald die deutsche Flagge auf unserer Niederlassung gehißt würde, gleich die Forderung an uns zu stellen, dieselbe wieder niederzuholen, und die Forderung zu wiederholen, wenn ihr nicht nachgekommen würde, und wenn auch dies fruchtlos bleiben sollte, den Flaggenmast mit Gewalt niederzureißen. Er fügte noch hinzu, daß die Eingeborenen sich vor den Deutschen nicht zu fürchten brauchten, denn nicht nur er würde sie gegen deutsche Gewalt schützen, sondern auch die Engländer und Amerikaner würden dies thun. Als nun die «Ariadne» in Sicht kam, hißten wir vor einer Stunde zum ersten mal seit unserer Ansiedelung hierselbst unsere deutsche Flagge (Handelsflagge), und richtig kamen einige Abgesandte vom König mit der Forderung, dieselbe wieder niederzuholen, welchem Ansinnen ich indeß nicht entsprach, mich aber erbot, ihnen die Axt zu verkaufen, mit welcher sie etwa Gewalt an dem Mast gebrauchen wollten. Inzwischen war die «Ariadne» näher gekommen, die Eingeborenen verglichen mit ängstlichen Blicken den kleinen Franzosen mit Ihrem mächtigen Schiff, sahen auch keine Engländer und Amerikaner, murmelten etwas von König Wilhelm und Bismarck und zogen ziemlich still wieder ab, ohne bisjetzt ihre Forderung wiederholt zu haben.“
Soweit der Berichterstatter.
Dem König (Raiatea hat ein männliches Oberhaupt) wurde, nachdem etwas Ruhe eingetreten war, unser Besuch zum nächsten Vormittag angemeldet, welcher zu 8 Uhr angenommen wurde. Unsere Bemühungen, einen Dolmetscher zu erhalten, blieben erfolglos, da die beiden ortsanwesenden Engländer, welche allein geeignet gewesen wären, unter nichtigen Vorwänden ablehnten; so mußte denn Frau G. wieder als solcher eintreten. Den Nachmittag verbrachten wir am Lande in dem geräumigen, luftigen deutschen Hause, welches auf direct aus der See aufsteigenden niedrigen Felsen erbaut ist. Unsere Musik spielte auf dem Hofe, wo außerhalb des Zaunes viele Eingeborene zusammengeströmt waren, und wir saßen an einem schönen Platz am Wasser und sahen zu, wie zu unsern Füßen einige eingeborene Diener des Hauses für uns Hummern fingen und Austern von den Felsen abbrachen.
Unser Besuch beim König hatte ein wesentlich anderes Gepräge, als wie seiner Zeit in Huheine und Bora-Bora. Nicht nur, daß wir im Gegensatz zu den dortigen, auf schönen geebneten Plätzen liegenden, wohnlichen und schmucken Königshäusern hier eine von Gestrüpp umgebene schmutzige, baufällige Hütte ohne eigentliches Mobiliar fanden, daß das zusammengeströmte Volk einen unsaubern Eindruck machte und sich ebenso unbotmäßig wie dreist gegen seine Häuptlinge benahm, auch die Verhandlungen, an welchen soviel Volk, als die Hütte fassen konnte, theilnahm, hatten einen ziemlich stürmischen Verlauf und endeten mit der Androhung von Gewaltmaßregeln von meiner Seite. Die Hauptsache blieb, daß der Sprecher des Königs öffentlich zugeben mußte, daß sie an dieser selben Stelle die früher angeführten Mittheilungen über unsere Absichten und die damit zusammenhängenden Rathschläge erhalten hätten. Nachdem den Leuten dann noch von mir die nothwendigen Folgen etwaiger thörichter Gewaltstreiche von ihrer Seite auseinandergesetzt worden waren, ersuchte der Sprecher den König, alles was wir gesagt, genau zu erwägen und zum Besten seines Volkes nach unsern Rathschlägen zu handeln.
Aus Rücksicht für die deutschen Handelsinteressen mußte ich auch hier, so sehr es mir widerstrebte, die Eingeborenen auf das Schiff einladen, und ich bekam dabei einen ungefähren Begriff von dem tahitischen Volksleben, da Tahiti und Raiatea sich hierin ziemlich gleich sein sollen, wenngleich die Tahitier äußerlich einen sehr viel angenehmern Eindruck machen. Schon gewarnt, unterließ ich jede Aufmunterung zu Tänzen, und als ein solcher unter der Leitung eines eingeborenen Missionslehrers doch zu Stande kam, sorgte ich für baldigen Abschluß, da das Gebotene sich so wüst gestaltete und namentlich das Gebahren des Missionslehrers so ausartete, daß es unmöglich auf dem Schiff geduldet werden konnte.
Als ein kleines Beispiel, wie weit die Sittenverderbniß hier geht, möge das Folgende dienen. Als die beiden erwachsenen Töchter des Königs sich in die untern Schiffsräume begaben, folgte ich, einige Schritte hinter ihnen gehend, um sie vor etwaigen Zudringlichkeiten meiner Leute zu schützen. Gleich darauf gesellte sich deren ältester Bruder, welcher etwas Englisch spricht, zu mir, um mich vor seinen eigenen wüsten Schwestern zu warnen. Als ich erwiderte, daß ich sie nur schützen wolle, meinte er, daß sie dessen nicht bedürften, ich aber gut thäte, meine Leute vor ihnen zu schützen.
Gern hätte ich Raiatea noch denselben Abend verlassen, doch bewog mich das Pfingstfest, die beiden Feiertage noch zu Anker zu bleiben, um meinen Leuten während derselben Ruhe zu gönnen, was schließlich auch mir insofern zugute kam, als ich doch noch mancherlei mir Neues hörte und sah. In diese Tage fiel auch die Ankunft eines mit Perlschalen beladenen deutschen Schooners, welcher von den Mangareva- oder Gambier-Inseln kam und auch eine kleine Schachtel mit Perlen mitbrachte, in welcher jede Perle in einem kleinen Fach in Watte lag mit einem beigefügten Zettel des für dieselbe gezahlten Preises. Bei dieser Gelegenheit konnte ich an der Hand von Thatsachen sehen, welche Vortheile dem deutschen Hause aus der Uebersiedelung nach Raiatea erwachsen, denn die aus 80 Tonnen Perlschalen bestehende Ladung hätte in Tahiti neben den hohen Lootsengebühren und Hafenabgaben einen Durchgangszoll von 2560 Mark tragen müssen, während das Schiff hier nur eine geringe Hafenabgabe von im ganzen 25 Mark zu entrichten hatte.
Sehr interessant war es mir, etwas über Perlen und die Perlenfischerei zu hören.
Zunächst wurde ich dahin belehrt, daß die Perlen sich nicht, wie ich bisher annahm, in der Schale bilden, sondern in dem Thier selbst, und daß sie als eine Krankheit desselben betrachtet werden müssen, denn Perlen werden nur in verkümmerten Schalen gefunden und kommen in der eigentlichen Südsee nur in Mangareva häufiger vor, während die Perlmuschel sonst bei fast allen Inseln gefischt werden kann. Man folgert daraus, daß die örtliche Beschaffenheit sowol für die Verkümmerung der Muschel, wie für die Bildung der Perle maßgebend ist. Es werden zwar auch sogenannte Perlen (namentlich sind dies besonders große etwas flache Stücke) in den Handel gebracht, welche aus der Schale ausgelöst oder geschnitten sind und sich dort als Auswüchse und Unebenheiten zeigen, diese sind aber werthlos.[A] Die richtige Perle ist stets abgerundet und auf ihrer ganzen Fläche von dem charakteristischen Schmelz überzogen; sie ist eine feste homogene Masse ohne Hohlraum in ihrer Mitte, hat dort auch keinen fremden Körper gelagert, wie man gewöhnlich annimmt, denn die Perle wird nicht, wie schon angedeutet, dadurch gebildet, daß das Thier einen fremden Körper umspinnt. Sie ist um so werthvoller, je größer ihr specifisches Gewicht und je reiner ihr Wasser ist, das man richtiger mit scheinbarer Durchsichtigkeit bezeichnen könnte. Eine wirklich werthvolle Perle, mag sie noch so klein sein, muß ein so reines Wasser haben, daß man beim Beschauen derselben in ihrer Mitte in weiter Ferne einen kaum festzuhaltenden Punkt zu sehen wähnt, und eine linsengroße Perle von dieser Eigenschaft ist werthvoller, als eine haselnußgroße, welche undurchsichtig scheint. Natürlich ist die äußere Form auch mitbestimmend, ebenso wie die Zahl der in gleicher Größe, Form und Farbe zusammengebrachten Perlen, denn zwei ganz gleiche Perlen haben etwa den vierfachen Werth jeder einzelnen, und zwanzig kosten vielleicht schon das Hundertfache jeder einzelnen, sodaß, wenn eine Perle 5 Mark kostet, der Preis für zwei gleiche 20 Mark und für zwanzig gleiche 500 Mark beträgt. Es wurden mir auch einige der von Mangareva mitgekommenen Perlen zu dem hamburger Marktpreis, welcher etwa 100 % höher wie der hier gezahlte ist, überlassen und ich gab für eine erbsengroße nicht besonders vollkommene 3 Mark, hätte aber für funfzig gleiche, welche ich gern gehabt hätte, etwa 500 Mark zahlen müssen, wenn sie dagewesen wären. Für eine schön geformte graue Perle von reinem Wasser und etwa 1 cm Durchmesser mußte ich 240 Mark geben. Einzelne Prachtstücke, für welche ich allerdings weder Verwendung noch den Kaufpreis gehabt hätte, waren hier unverkäuflich, weil sie einen Liebhaberwerth haben, der hier nicht bestimmt werden konnte und jedenfalls in die Tausende geht, da für eine derselben schon der Taucher an 800 Mark erhalten hatte. Die Perlenfischerei wird in Mangareva übrigens nicht als Geschäft betrieben, sondern die Eingeborenen tauchen nach den Muscheln zur Gewinnung der werthvollen Perlmutterschalen, und etwa gefundene Perlen bedeuten soviel wie einen Lotteriegewinn. Sobald nun der Taucher mit der Muschel wieder nach oben kommt, bricht er sie auf, reißt das Thier heraus und fühlt sofort durch einen Druck auf die weiche Masse, ob ein fester Körper, eine Perle, in ihr enthalten ist oder nicht.
[A] Ich habe im Jahre 1880 in der berliner Fischerei-Ausstellung einen derartigen Schmuck gesehen, welcher von Nichtkennern wegen der Größe und eigenthümlichen Form der gefaßten sogenannten Perlen als besonders werthvoll angestaunt wurde.
* * * * *
Ich lasse noch einige Bemerkungen über die socialen und religiösen Verhältnisse der Gesellschafts-Inseln folgen, nicht, um ein System abfällig zu beurtheilen, sondern um zu zeigen, wie leicht der Mensch Irrungen unterworfen ist und wie die übereilte und mit ungenügenden Mitteln ins Werk gesetzte Durchführung des besten Systems zu Schaden führt.
Wie in Tahiti muß auch auf den Gesellschafts-Inseln jeder Eingeborene das von ihm Erworbene mit seinen Verwandten theilen, wenn sie ihn darum angehen. Der Häuptling erwirbt überhaupt nichts, sondern läßt sich von seinen Unterthanen nur ernähren, auf welche Leistung sich die Lasten dieser so ziemlich beschränken. Jeder dauernde Erwerb wird hierdurch unmöglich gemacht, die eigene Arbeit wird zur Thorheit, und die Thätigkeit der Missionare hat in dieser Richtung noch nicht nach unsern Begriffen bessernd und veredelnd wirken können.
Auf Tahiti und Raiatea kann es als Regel gelten, daß die Männer trinken und die Weiber Prostituirte sind, während auf Huheine und Bora-Bora Nüchternheit und, wenigstens äußerlich, strenge Sitten herrschen. Tahiti steht am längsten unter dem Einfluß der Missionare und seit Mitte der vierziger Jahre nur unter dem der französischen Geistlichkeit; Raiatea und Huheine werden noch von der englischen Mission behauptet, während in Bora-Bora, wo ich die geordnetsten Verhältnisse, die besten Wege und Wohnungen fand, bis vor kurzem ein deutscher protestantischer Missionar wirkte und jetzt nur noch einheimische Missionslehrer thätig sind.
Alle Eingeborenen der Gesellschafts-Inseln sind getaufte Christen, beobachten die vorgeschriebenen kirchlichen Gebräuche, wirkliche Christen sind sie aber wol nicht und werden es nie werden, solange sie nicht unter das Scepter einer europäischen Macht kommen, welche sich der systematischen Erziehung dieser Menschen annimmt, und das wird nie eintreten, weil einerseits keine Macht die Mittel wird aufwenden wollen, welche zur Colonisirung dieser verstreut liegenden Inseln erforderlich sein würden, andererseits die Eingeborenen nach ihrer ganzen Veranlagung ausgestorben sein würden, ehe das Erziehungswerk vollendet wäre. Diese Inseln sind so klein, daß eine einzelne nicht im Stande ist, die Kosten eines europäischen Regierungsapparates mit Kirche und Schule zu tragen, andererseits liegen sie räumlich so weit auseinander, daß sie nicht zusammengefaßt werden können. Die ganzen Kosten müßte also das Mutterland allein tragen, denn der Handel wirft zur Zeit nur dadurch großen Gewinn ab, daß er keine Steuern und Zölle zu tragen hat; er müßte aber zu Grunde gehen, wenn ihm nur ein nennenswerther Theil der Kosten auferlegt würde. Die Eingeborenen sind eine so weiche und an unbedingte Freiheit gewöhnte Rasse, daß sie sich vor den eindringenden Europäern zurückziehen und allmählich hinsiechen würden. Der Zwang der Kleidung, welche sie, einmal auf den Körper genommen, nicht mehr ablegen, entfremdet sie dem Wasser und macht sie unreinlich; der Verlust ihrer Ländereien, welcher mit dem Einzug der Europäer zweifellos verbunden ist, treibt sie dem Hungertod entgegen, die Vorliebe für berauschende Getränke beschleunigt dann das Siechthum.
Der einzige Weg, diese Insulaner geordneten und einigermaßen gesitteten Verhältnissen entgegenzuführen, würde sich daher mit den Interessen des Handels decken und liegt in der Uebernahme der Schutzherrschaft seitens einer europäischen Macht, welche den Eingeborenen ihre Gewohnheiten und überkommene Regierungsform beläßt und diese letztere nur durch einen Commissar in die richtigen Bahnen leiten läßt; in diesem Falle aber werden die Eingeborenen wie bisher nur Christen der Form nach sein, da die christliche Lehre nur in der Schule erworben werden kann und der Polynesier sich ebenso wenig an diese gewöhnen wird, wie die Schwalbe an den Käfig.
Die Missionare gewannen da, wo sie überhaupt festen Fuß fassen konnten, bald die unumschränkte Gewalt über die Eingeborenen und erwiesen sich später als die Gegner der eindringenden Kaufleute, ob aus Fürsorge für die Eingeborenen oder aus andern Gründen mag dahingestellt bleiben. Die Thätigkeit des Missionars nahm, sobald er erst auf der noch von keinem andern Europäer bewohnten Insel heimisch geworden war, einen eigenthümlichen Verlauf. Aus dem Lehrer wurde der Herr, welcher die Regierung leitete und durch Auferlegung harter Geld- und Körperstrafen für die kleinsten Vergehen gegen die kirchlichen Gebräuche bald die Zügel allein in der Hand hatte. Die Schule wurde von den herangebildeten einheimischen Missionslehrern übernommen und beschränkte sich auf Lesen, etwas Schreiben und das Absingen geistlicher Lieder. Zu bekehren war auf der Insel sehr bald nichts mehr und der Missionar übernahm das Handelsmonopol, welches ihm genügende Mittel abwarf, um seine heranwachsenden Kinder zur Erziehung nach Europa schicken zu können. Als nun der Kaufmann kam und höhere Preise an die Eingeborenen zahlte, begann auf Huheine und Raiatea ein stiller Kampf, welcher zunächst in der Einführung von Zwangs-Lootsengebühren für die fremden Schiffe seinen Ausdruck fand, dann folgte ein Gesetz über die Erlegung von weitern Hafenabgaben, und hierauf ein solches, welches den Eingeborenen den Verkauf von Land an Europäer verbietet. Diese Gesetze sind gewiß von Werth für die Eingeborenen, aber von Nachtheil für den Kaufmann, welcher sie dem Einfluß der Missionare zuschreibt, sich aber doch gegen das Landkaufverbot dadurch einigermaßen zu schützen gewußt hat, daß er in neuerer Zeit, wo die alte Macht der Missionare doch so ziemlich gebrochen ist, das für ihn nothwendige Land auf 99 Jahre pachtet.
Man darf nun nicht vergessen, daß die oben geschilderten Zustände sich nach meinen Gewährsleuten nur auf einige bestimmte Inseln beziehen, daß ferner die Missionare auch nur Menschen sind, und sich die obere Missionsbehörde bei der Auswahl der zu entsendenden Persönlichkeiten täuschen kann, sowie daß das Inspectionsschiff der Mission die verstreut und zum Theil Tausende von Seemeilen auseinanderliegenden Inseln alljährlich vielleicht nur einmal besuchen kann und dann schwerlich einen richtigen Einblick erhält, wenn der ansässige Missionar ihn nicht geben will.
Im großen und ganzen bin ich zu der Ueberzeugung gekommen, daß die Mission hier nicht viel Gutes gestiftet hat und das Christenthum hier weder aufrichtige Bekenner gefunden, noch veredelnd auf die Eingeborenen gewirkt hat; im Gegentheil, ich möchte behaupten, daß die Leute jetzt mit Bewußtsein mehr sündigen wie ehedem ohne Bewußtsein. Eine Erklärung für diese Thatsache dürfte schwer zu finden sein, wenn sie nicht etwa darin zu suchen ist, daß entweder die Polynesier in religiöser Beziehung überhaupt nicht erziehungsfähig sind, oder aber daß ihre Lehrer der ihnen gewordenen Machtfülle nicht gewachsen waren und vielleicht beides zusammen dazu beigetragen hat, mehr zu schaden wie zu nützen.
* * * * *
Am 10. morgens verließen wir Raiatea wieder, setzten am 11. morgens an der Einfahrt von Papeete, wohin uns ein Boot des Deutschen Consulats entgegengekommen war, unsere Gäste wieder ab und setzten nach kurzem Abschied unsern Curs westlich nach den Samoa-Inseln.
8.
Samoa.
I.
22. Juni 1878.
So sind wir auf mancherlei Umwegen nach siebenmonatlicher Reise endlich an unserm eigentlichen Ziele, den Samoa-Inseln, angelangt. In etwa zwei Stunden, gegen 4 Uhr nachmittags, werden wir in Apia, dem auf der Insel Upolu gelegenen Haupthafen der Samoa-Gruppe, eintreffen. Wind und Wetter waren uns von Tahiti bis hierher nicht günstig gewesen, häufige Windstillen und ein zwei Tage anhaltender Weststurm haben unsere Reise sehr verzögert. Schließlich nach langem Warten auf den Passat, welcher in dieser Zone eigentlich die Verpflichtung hat zu wehen, mußte doch für den größten Theil des Weges die Dampfkraft zu Hülfe genommen werden, und in diesem Augenblick fahren wir mit Dampf und Segel in beschleunigter Gangart an der Nordküste von Upolu entlang.
Die Insel ist schön, wie all diese herrlichen Naturgebilde; von einer eingehendern Schilderung derselben will ich jedoch hier absehen, es mag daher nur eine flüchtige Skizze des vor uns liegenden Bildes folgen.
An eine niedrige Landzunge schließen sich die, die Mitte der Insel bildenden Berge an, welche eine Höhe bis zu 1000 m erreichen und derart abweichend voneinander geformt sind, daß sie der Insel ein auffallend zerrissenes Aussehen geben. Sie zeigen sich sowol in scharf geschnittenen Pics wie auch in runden Rücken und sind an einer Stelle von einer so weit herunterreichenden Kluft durchschnitten, daß man Upolu aus der Ferne für zwei Inseln halten kann. Zunächst der Küste besteht das Land aus weiten ebenen Flächen, und dieser Bodengestaltung verdankt die Insel ihren hohen Werth für Plantagenbau. Die Küste läuft theils flach nach dem Meere aus, theils springt sie in 50-100 m hohe Caps vor, zwischen welchen kleine Häfen und Buchten liegen, in die sich Bergflüsse ergießen, von denen derjenige bei Falifa sich als schöner Wasserfall in das Meer stürzt. Das ganze Land ist dicht mit Bäumen und zwar an der Küste vorherrschend mit Kokospalmen bestanden, zwischen und unter welchen in der Nähe des Strandes Dorf an Dorf liegt, da die ganze Küste dieser dichtbevölkerten Insel bewohnt ist, während auf einzelnen höher gelegenen Punkten sich stattlichere Häuser, die Wohnungen von Europäern zeigen. Die der Südsee eigenthümlichen Korallenriffe umgeben einen so großen Theil der Insel, daß man innerhalb der erstern mit Booten und Kanus fast um die ganze Insel in ruhigem und sicherm Wasser fahren kann.
22. Juni, abends 10 Uhr.
Nachdem wir mit Hülfe des Lootsen, eines hier ansässigen Amerikaners, nachmittags 4 Uhr zu Anker gekommen waren und der Offizier, welcher das Schiff beim Consulat anmelden sollte, die Nachricht gebracht hatte, daß die deutschen Herren sämmtlich zu Pferde einen Ausflug gemacht hätten und wol erst sehr spät zurückkehren würden, begab ich mich an Land, um mir Stadt und Leute anzusehen, auch dem Sonnabend-Scheuerfest, welches die durch das Ankermanöver verursachten Schäden wieder beseitigen sollte, aus dem Wege zu gehen.
Die Stadt besteht, da der Berg Apia hier fast bis zum Strande herantritt, nur aus einer sich rings um den Hafen hinziehenden Straße, in welcher größere und kleinere, theilweise in Gärten liegende Häuser der Europäer mit den Hütten der Eingeborenen abwechseln. Sie bietet nichts besonders Sehenswerthes und befriedigte meine Neugierde um so weniger, als sie neben ihrer wenig anziehenden äußern Erscheinung auch noch vollständig ausgestorben zu sein schien.
Samoa schien mir überhaupt ein wunderliches Land zu sein. Die ganze Küste ist mit menschlichen Wohnungen besiedelt und wir sahen beim Vorbeifahren weder am Lande noch auf dem Wasser Menschen, noch bei den Wohnungen den sonst nie fehlenden Rauch des häuslichen Herdes; das Consulat mit dem ganzen Beamtenpersonal des großen Geschäftshauses macht am Wochenschluß einen Ausflug aufs Land; in der Stadt scheint die ganze Bevölkerung am hellen Tage zu schlafen. Was blieb mir anders übrig, als auf mein Schiff wieder zurückzukehren, wo doch mehr Leben war!
Als ich später, 9 Uhr abends, mich eben an den Schreibtisch gesetzt hatte, wird von unsern Posten ein Boot angerufen, welches doch noch die von ihrer Partie zurückgekehrten deutschen Herren brachte. Der Consul, ein Herr Weber, entschuldigte sich, daß er noch so spät komme, er hätte aber heute am Sonntag -- „Was, Sonntag? Heute ist doch Sonnabend!“ unterbrach ich seine Rede. „Nein, Sonntag“, war die Antwort, und die Erklärung ergab, daß in Samoa, obgleich die Inseln noch auf Westlänge (169½° bis 173° W. nach Greenwich) liegen, doch die Kalenderrechnung von Australien und Neu-Seeland angenommen worden ist, weil alle Beziehungen Samoas mit der Außenwelt sich auf diese beiden großen englischen Colonien und die zwischen diesen und Europa laufenden Dampferlinien stützen. Nun war mir alles klar, der Ausflug der deutschen Herren und die Sonntagsheiligung nach der von den englischen Missionaren gegebenen Vorschrift, nach welcher am Sonntag nicht einmal gekocht werden darf, während wir uns zu gleicher Zeit am Sonnabend abgequält haben, unser Schiff für den nächsten Tag recht schön zu machen.
Herr Weber erzählte mir noch so viel über samoanische Verhältnisse und was alles meiner warte, daß mir ganz wirr im Kopfe wurde und ich nur so viel behalten habe, daß ich gleich am nächsten Tage mitten im Kampfgewühl mit den aufsässigen Samoanern sein würde. Dann gingen wir noch für einige Zeit zu den Offizieren und jetzt sitze ich am Schreibtisch und habe soeben in das Befehlsbuch für morgen den wunderlichen Satz geschrieben: „Der heutige Tag ist nicht als Sonntag den 23., sondern als Montag den 24. Juni zu rechnen, doch wird der Dienst nach der Sonntagsroutine gehandhabt.“
So ist nun all die Zeit, welche wir von der Heimat an immer mit dem Laufe der Sonne nach Westen hin segelnd und dampfend auf unserm langen Wege hierher tagtäglich gewonnen haben, mit einem Schlage wie ein Hauch wieder hin, indem ein ganzer Kalendertag aus dem noch vor uns liegenden Leben hinweggewischt ist.
25. Juli 1878.
Heute Morgen haben wir Apia für einige Zeit wieder verlassen, um der Besatzung des Schiffes nach einem nahezu achtmonatlichen Aufenthalt in den Tropen in Sydney für wenige Wochen sowol die Wohlthat kräftigerer Luft, wie auch die besserer Kost zutheil werden zu lassen. Die Samoa-Inseln liegen schon in weiter Ferne hinter uns, das Schiff hat einen klaren Seeweg vor sich, und so finde ich endlich Muße, die Begebenheiten der letzten vier Wochen, welche für mich eine ununterbrochene Kette großer Aufregungen waren, niederzuschreiben. Von Land und Leuten kann ich zwar noch nicht viel erzählen, weil ich nur wenig davon gesehen habe, aber desto mehr von Streit und Hader. Da ich indeß ja nach den Samoa-Inseln zurückkehre, so werde ich dann während eines längern und hoffentlich friedlichern Aufenthalts wol Gelegenheit finden, mich mit dem Leben und Treiben dieses selbstbewußten Völkchens besser bekannt zu machen. Das Wenige, was ich indeß gehört und gesehen habe, mag immerhin schon jetzt hier Platz finden.
Zu der Samoa-Gruppe gehören die Inseln Manua, Tutuila, Upolu und Savai’i, sowie noch eine Zahl kleinerer Inselchen, welche auf der Karte indeß nur als Punkte verzeichnet werden können. Von den erstgenannten ist Manua die östlichste und kleinste, Savai’i die westlichste, größte und höchste (bis zu 1300 m hoch) dieser Inseln.
Nur Tutuila und Upolu haben Häfen und von diesen kommt für den Handelsverkehr wieder nur Apia in Betracht.
Apia muß im Vergleich zu den Städten anderer unabhängiger Inseln ein großer und bedeutender Platz genannt werden, ist Sitz der samoanischen Regierung und Mittelpunkt des deutschen Handels für den westlichen Theil der Südsee. Es erscheint auffällig, daß von den samoanischen Häfen gerade Apia der Hauptplatz geworden ist, wenn man erwägt, daß der kleine Hafen die anlaufenden Schiffe oft kaum alle aufnehmen kann und nur Schutz gegen die gewöhnlich hier allerdings vorherrschenden südlichen Winde gewährt, gegen alle nördlichen aber und namentlich gegen den alle 10-12 Jahre einmal von Norden her über die Insel wegziehenden Orkan ganz offen ist, sodaß die dann von dem Sturm unglücklicherweise im Hafen überraschten Schiffe in der Regel verloren sind. Der vorzügliche Hafen von Pago-Pago (sprich Pango-Pango) auf Tutuila bietet dagegen ganzen Flotten Raum und vollständige Sicherheit gegen alle Winde. Und doch wird die Wahl von Apia verständlich, wenn man berücksichtigt, daß Upolu die fruchtbarste und bevölkertste der Samoa-Inseln ist, in der Mitte zwischen Tutuila und Savai’i liegt, daß hier die einflußreichsten Stämme der Samoaner seßhaft sind, daß Apia wiederum so ziemlich im Mittelpunkt von Upolu liegt und der Hafen bisher immer noch als der beste dieser Insel galt, denn der sehr viel bessere Hafen von Saluafata ist erst seit kürzerer Zeit als solcher bekannt und zwar vorläufig auch nur Herrn Weber, seinen Kapitänen und neuerdings auch uns.
Die Stadt Apia umschließt, wie schon gesagt, den ganzen Hafen. Von diesem aus gesehen rechts, also an dem westlichen Ende, läuft das Land in eine schmale, niedrige, mit Kokospalmen bestandene, Mulinu’u genannte Landzunge aus, auf deren äußerster Spitze sich der Regierungssitz befindet, nämlich einige Hütten und ein kleines Breterhaus, welches früher die Wohnung des Ersten Ministers war, solange der amerikanische Colonel Steinberger, welcher Apia vor etwa zwei Jahren wieder verlassen hat, dieses Amt bekleidete. Jetzt dient das Haus dem derzeitigen amerikanischen Consul gelegentlich zum vorübergehenden Aufenthalt, wenn dieser, wie es scheint etwas wunderliche Herr sich das Ansehen geben will, die Samoaner gegen Gewaltmaßregeln europäischer Kriegsschiffe zu beschützen. Er hißt dann an dem bei dem Hause befindlichen Flaggenstock die amerikanische Flagge und will die Samoaner glauben machen, daß keine Truppe und keine Kugel den Weg zu einem Platz finden könne, in dessen Nähe seine Consulatsflagge weht. Einige Tage nach unserer Ankunft hatte der Herr denn auch das Haus wieder bezogen, ob mit einer bestimmten Absicht oder nur zufällig, kann ich nicht wissen.
An den Regierungssitz schließt sich ein Dorf der Eingeborenen an, dann folgt die großartige Anlage der Deutschen Handels- und Plantagen-Gesellschaft (früher J. C. Godeffroy u. Sohn) mit ihrem stattlichen Wohnhaus, den Lagerräumen, einer Baumwoll-Reinigungsmaschine, Schiffs-Reparaturwerkstätte und großen freien Lagerplätzen. Das nächste inmitten eines großen Gartens von der Straße etwas zurückliegende Gebäude ist ein französisches Nonnenkloster, welches sich der Erziehung samoanischer, halbweißer und weißer Mädchen widmet. Dann kommt der eigentliche europäische Stadttheil, vielleicht richtiger das Fremdenviertel genannt, mit einigen bessern Häusern, zwei fragwürdigen Gasthäusern ('Hôtel International' und Gasthaus zur Stadt Hamburg), einigen Matrosenkneipen, den wieder weiter von der Straße zurückliegenden, aus rothen Backsteinen erbauten Häusern der französischen katholischen Priester und einer hübschen kleinen, aus Stein erbauten katholischen Kirche. Demnächst folgt wieder ein Eingeborenendorf, das nach der andern Seite von einem in den Hafen mündenden ziemlich breiten Fluß begrenzt wird und in welchem das Haus der englischen Mission sowie die einer häßlichen Scheune ähnelnden evangelische Kirche liegen. Eine lange hölzerne Brücke führt über den Fluß an der Anlage des zweiten hier etablirten großen deutschen Hauses von Ruge u. Hedemann aus Hamburg vorbei, wieder zu einigen von Fremden bewohnten Häusern und schließlich zu einem auf einer flach auslaufenden Landspitze liegenden Eingeborenendorf, welches hier im Osten die Stadt ebenso abschließt wie Mulinu’u im Westen.
Apia erhält hierdurch ein auffallend symmetrisches Ansehen. An die von der Brandung überspülten Korallenriffe schließen sich an den beiden äußersten Seiten die niedrigen Landspitzen mit den Dörfern der Eingeborenen an und an diese, wie Wachtposten, die beiden hamburger Häuser mit der deutschen Flagge, zwischen welchen am Fuße des hohen dicht bewaldeten Berges Apia die Fremden wohnen.
Am nächsten Morgen nach unserer Ankunft machte ich unserm Consul meinen Besuch und nahm die liebenswürdige Einladung dieses Herrn, vorläufig der Gast des deutschen Hauses zu sein, an, um die drängenden Angelegenheiten besser besprechen zu können, auch einmal wieder in größerer Gesellschaft zu essen und gleichzeitig die Gelegenheit zu benutzen, meiner Kajüte den ihr durchaus nothwendigen neuen Farbenanstrich geben zu lassen.
Da es wol von Interesse ist zu erfahren, wie unsere Landsleute als unsere Antipoden hier draußen leben, will ich eine kurze Skizze davon geben.
Das stattliche, nur aus einem Parterregeschoß bestehende Wohnhaus umschließt im Viereck einen ziemlich großen Blumenhof. Unter dem breiten Dach läuft außen wie innen eine sehr geräumige Veranda rund um das Haus, welche die Sonnenstrahlen von den Wohnräumen abhält und den Bewohnern zu jeder Tageszeit gestattet, sich gegen Sonne und Regen geschützt zu ergehen. Topfgewächse und Blumen zieren die innere Veranda, im Freien wachsende große Oleander und andere Bäume beschatten die äußere. Bänke und die verschiedensten Arten bequemer Stühle laden zum Sitzen ein, und es ist ein wahrer Genuß, dort während der fast täglich über die Insel ziehenden Regengüsse zu ruhen und die herrliche Natur, Land und Meer zu bewundern.
Die Hauptthür des Hauses liegt in der Mitte der vordern Front und durchschneidet dieselbe ganz, sodaß man beim Betreten des Hauses auf den schön gehaltenen Blumenhof sieht. Rechts liegen die Geschäftszimmer und die Wohnung des Herrn Weber, des Leiters des Geschäftshauses; links ein Empfangszimmer, ein großer Saal, zwei Fremdenzimmer und die Zimmer der Dame des Hauses, einer ältern Witwe aus Hamburg, welche den Haushalt führt und durch ihre Anwesenheit verfeinernd, bezw. erhaltend auf die Sitten der jüngern Herren wirkt. Die Rückseite des Hauses wird von einem großen Speisesaal eingenommen, von welchem man nach hinten ins Freie tritt und zu dem abgesonderten Hause gelangt, in welchem die jüngern Herren, alle Deutsche, wohnen.
Vor dem Hause liegt ein mäßig großer, gut gehaltener Garten, hinten und zu beiden Seiten je ein großer freier Platz, wo die Pferde und Hühner ihr Wesen treiben. An der einen Seite, abgesondert vom Wohnhause, liegt auch die Küche, wo eine hamburger Köchin, eine hagere, ältliche Jungfrau, das Scepter führt und mit aller Welt in Fehde liegt, nicht nur mit den Menschen, sondern auch mit dem Gethier, da Pferde und Hühner gern in die Küche kommen, um dort zu naschen, was sie aber nicht dulden will.
Die Dame des Hauses ist eine wahre Perle, hat aber die Schwäche, daß sie keine Samoanerin ohne Busentuch in das Haus läßt und dadurch die Herren insofern schädigt, als die Verkäuferinnen von Fischen, Schalthieren, wilden Tauben, Gemüsen und Früchten das Haus meiden und der sonst vorzüglich besetzte Tisch an einer gewissen Einförmigkeit leidet. Immer nur Rindfleisch, Schinken, Wurst und eingemachte europäische Gemüse. Dagegen hat sie die liebenswürdige Eigenschaft, Spaß zu verstehen, und ich entsinne mich mit Vergnügen einer Scene, wo ich ihre Kenntniß der Sprachen der verschiedenen Insulaner anzweifelte. Ihr besonderer Liebling ist ein alter humpelnder Kingsmill-Insulaner, welcher die Dienste eines Gärtners versieht und mit dem sie sich in den halsbrecherischsten Zungen verständigt, wo thatsächlich aber wol die Gesten das Verständigungsmittel bilden. Ich hatte sie beobachtet, wie sie dem Manne Anweisung gab, die Blumen zu begießen, und erklärte am nächsten Tage in einer übermüthigen Laune, die Sprache des Mannes auch zu verstehen. Als sie dies bezweifelte, rief ich den Mann bei seinem Namen, redete irgendein unsinniges Kauderwelsch und machte dazu die nothwendigen Zeichen, worauf der Alte lachend weghumpelte; als er aber richtig mit der Gießkanne wiederkam, zog ich mich schleunigst zurück, um dem Zorn der alten Dame zu entgehen.
Die Tischgesellschaft des Hauses besteht aus 10-16 Personen, je nachdem Herren von den Plantagen oder entferntern Stationen in der Stadt anwesend sind oder nicht. Die Mahlzeiten werden stets gemeinsam eingenommen und zwar das erste Frühstück um 8 Uhr, das zweite Frühstück um 12½ und die Hauptmahlzeit abends 6 Uhr. Die Zeit von morgens 8½ bis abends 5½ Uhr gehört, mit Ausschluß einer einstündigen Mittagspause, den Geschäften. Abends nach der Hauptmahlzeit wird ein Spaziergang gemacht und der Rest des Tages mit Rauchen und Plaudern bei einem Glase Bier verbracht. Lesen ist nach Eintritt der Dunkelheit wegen der dann unaufhörlichen Angriffe der Mosquitos ausgeschlossen, wenngleich die geschäftlichen Angelegenheiten oft die Herren zwingen, auch abends noch einige Stunden am Schreibtisch zuzubringen. An den Sonn- und Festtagen werden in der Regel Ausflüge zu Pferde nach den Plantagen, oder Picknick-Partien nach bekannten schönen Punkten unternommen.
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Nach dieser Abschweifung will ich wieder zum 24. Juni zurückkehren. Herr Weber schrieb zunächst an die Regierung, um derselben meinen Besuch für den Nachmittag desselben Tages anzusagen, und orientirte mich dann noch einmal über die hiesigen Verhältnisse und die vorliegenden Streitpunkte. Ehe ich auf diese eingehe, muß ich aber dem genannten Herrn einige Worte widmen, da sich die ganze Samoafrage, wie sie zur Zeit liegt, um diesen thatkräftigen Mann gruppirt und dieser die Säule bildet, welche alles überragend das ganze kleinliche Getriebe beherrscht.
Herr Weber kam im Jahre 1862, 18 Jahre alt, nach Samoa. Anderthalb Jahre darauf, 1864, ging der damalige Leiter des Südseegeschäfts des Hauses Godeffroy auf einer Reise nach den Tonga- und Fidji-Inseln, welche er in einem kleinen Schooner unternahm, während eines Orkans mit dem Schiff zu Grunde und Herr W. mußte zunächst als der Erste der Angestellten sowol die Geschäftsleitung wie auch das Hamburgische Consulat übernehmen und zeigte sich hierbei so befähigt, daß ihm das hamburger Haus nicht nur die Oberleitung beließ, sondern er auch nach einem weitern Jahre von der Freien Hansestadt Hamburg als ihr Consul bestallt wurde. Er wurde dann 1868 zum Consul des Norddeutschen Bundes und 1872 zu dem des Deutschen Reiches für die Samoa- und Tonga-Inseln ernannt. Durch sein selbständiges und geschicktes Auftreten bei den verschiedenen Conflicten zwischen Samoanern und Europäern, welche fast stets durch die Eifersucht auf die fortgesetzt steigende Bedeutung der deutschen Interessen hervorgerufen worden waren, hatte er es bald dahin gebracht, daß ihm die führende Rolle zufiel und in den meisten Fällen die Entscheidung seinen Absichten entsprach. Zur Durchführung dieser Rolle kam es ihm sehr zu statten, daß er die saure Arbeit nicht gescheut hatte, sich die Samoasprache soweit anzueignen, daß er sie nicht nur sprach, sondern auch schrieb und dadurch unabhängig von zweifelhaften Dolmetschern geworden war.
Als Herr W. nach Samoa kam, war das Südseegeschäft des Hauses G. erst im Werden begriffen und beschränkte sich auf den Austausch von europäischen Waaren gegen Landesproducte. Doch erkannte man bald, daß Plantagenbau das zu erstrebende Ziel sein müsse, wozu indeß die Erwerbung von Land erforderlich war. Herr W. begab sich kurz entschlossen an das Kaufgeschäft und hatte dabei solchen Erfolg, daß das von ihm vertretene Handelshaus heute im Besitz von etwa 120000 englischen Acker gleich 50000 Hectaren Land ist, wovon inzwischen ungefähr 4000 Acker zu Plantagen umgewandelt sind, welche letztere einen Werth von 1,800000 M. darstellen und im Jahre 1877 schon einen Ertrag von rund 300000 M. ergeben haben, welcher sich auf das Doppelte steigern wird, wenn die jungen angepflanzten Kokospalmen erst ertragfähig sind.
Es würde mich zu weit führen, wenn ich auseinandersetzen wollte, wie die Thatkraft dieses Mannes es fertig gebracht hat, schließlich die Tonga-, Ellice-, Kingsmill-Inseln und theilweise auch die Fidjigruppe, deren Regierungscontract für Kopra das Haus hat, den deutschen Handelsinteressen zu unterwerfen; erwähnt sei aber noch, daß Herr W. die Koprabereitung in der Südsee eingeführt hat. Früher wurde das Kokosnußöl schon an Ort und Stelle von den Eingeborenen auf rohe Weise gewonnen, wobei etwa die Hälfte verloren ging. Dann wurde das schmutzige Oel in Fässern nach Europa verschifft, wobei wieder viel durch Leckage verloren ging, und dort mußte das Oel sofort umgefüllt und gereinigt werden. Diese außerordentlichen Verluste drängten zu dem Versuch, den Kern der Nuß am Gewinnungsort gleich zu trocknen und so nach Europa zu verschiffen. Der Versuch gelang, und heute kennt man es bereits nicht mehr anders, ohne vielleicht zu wissen, wem das Verdienst dafür zukommt. Die Gewinnung ist jetzt an Ort und Stelle einfacher, dieselbe Nußzahl gibt in den sachgemäß hergerichteten Oelpressen mehr wie den doppelten Ertrag an Oel und zwar reines Oel, die Schiffe laden die Kerne ohne Umhüllung und sparen somit die Fässer, die Rückstände der ausgepreßten Nuß geben ein in Europa theuerbezahltes Viehfutter, die Production auf den Inseln ist durch die einfachere und mit weniger Mühe verknüpfte Bereitungsart verfünffacht, und schließlich kann das Haus in Europa, die Handelsconjuncturen benutzend, die ganze Schiffsladung nach Belieben dirigiren, da die Kopra weder Verlusten noch dem Verderben ausgesetzt ist, oder doch nur in verschwindendem Grade.
Die Regierung in Samoa wird zur Zeit aus zwei Körperschaften gebildet, der Taimua, welche ungefähr dem Senat, und der Faipule, welche der Bürgerschaft der Hansestädte entspricht. Sie ist seit 1874 am Ruder und erwählte zu ihrem Berather unter dem Titel eines Ersten Ministers den amerikanischen Oberst Steinberger, einen Mann, welcher vielfach ein Abenteurer genannt worden ist und dem es unter dem Einflusse der damaligen amerikanischen Regierung gelang, die Wahl auf sich zu lenken. Er wurde von Fremden wie Eingeborenen in der Hoffnung, daß es ihm gelingen würde, endlich einmal geordnete Zustände auf den Samoa-Inseln zu schaffen, gut empfangen, verscherzte aber bald seine anfänglich günstige Stellung, da er sich nicht nur als unfähig erwies, sondern durch seine Handlungen auch noch den Verdacht erweckte, ein falsches Spiel zu treiben und alle übrigen Interessen seinen eigenen unterzuordnen. Eine seiner ersten Handlungen war, Malietoa den jüngern, einen wankelmüthigen, energielosen Mann, zum König erwählen zu lassen, um dadurch den Einfluß der Taimua und Faipule lahm zu legen und sich zum eigentlichen Herrn zu machen. Ungefähr zwei Jahre lang ging die Sache noch gut, doch dann veranlaßten der englische und amerikanische Consul, mit welchen Steinberger sich überworfen hatte, im Verein mit dem König Malietoa, der sich die Anmaßungen dieses Mannes auch nicht mehr gefallen lassen wollte, den Commandanten des englischen Kriegsschiffs „Barracouta“, diesen gewaltsam zu entfernen. Dieser Maßregel setzten die Eingeborenen zwar bewaffneten Widerstand entgegen, erschossen dabei auch mehrere englische Matrosen, doch konnten sie ihre Ausführung nicht verhindern. Das Vorgehen der beiden Consuln, bei welchem der deutsche sich nicht betheiligte, wenngleich von deutscher Seite die Entfernung Steinberger’s nicht bedauert werden konnte, ist vielfach getadelt worden, weil man es auf persönliche Motive zurückführte. Richtiger dürfte wol sein, daß beide Consuln eine Entwickelung wünschten, welche ihren betreffenden Regierungen die Annectirung der Samoa-Inseln ermöglichte oder doch denselben den maßgebenden Einfluß sicherte und beide sich in Steinberger getäuscht sahen. Zur Zeit der gewaltsamen Entfernung Steinberger’s war der deutsche Consul übrigens zufällig nicht in Apia anwesend, sondern befand sich auf den Tonga-Inseln.
Die Entfernung Steinberger’s hatte insofern noch ein Nachspiel, als nunmehr die Taimua und Faipule den König Malietoa absetzten, weil er die Hand zur Beseitigung des von diesen Körperschaften erwählten Berathers geboten hatte, und seit dieser Zeit herrscht auf den Samoa-Inseln in gewissem Sinne wieder Anarchie, weil die verschiedenen Stämme ihre betreffenden Königscandidaten zur Herrschaft bringen wollen und nur den Kampf noch nicht wagen, weil kein Stamm zur Zeit sich zum Losschlagen stark genug fühlt und die Taimua und Faipule als die vorläufig einzig mögliche Regierungsform die Unterstützung der Consuln für sich haben.
Die deutschen Interessen beherrschen ganz Samoa, der Handel ist ausschließlich in deutschen Händen und unsere Kriegsschiffe haben in den letzten Jahren nicht nur wesentlich dazu beigetragen, den deutschen Häusern den Besitzstand ihrer durch regelrechte Kaufbriefe erworbenen großen Ländergebiete zu sichern, sondern auch die Samoaner zu belehren, daß das Deutsche Reich auch über seinen Angehörigen in der Südsee wacht und sie in ihren Rechten schützt. Trotzdem aber geben die Eingeborenen gelegentlich doch immer wieder den Einflüsterungen einiger auf die stetig wachsende Bedeutung der deutschen Interessen neidischer Rathgeber Gehör und versuchen, sich an unsern Landsleuten zu reiben, bis das Eintreffen eines deutschen Kriegsschiffes diesem Treiben wieder ein Ende macht. So hatten sich denn auch jetzt in der Zeit, wo keins unserer Schiffe hier gewesen war, einige Klagepunkte zusammengefunden, welche mir zu regeln blieben, soweit es dem Consul nicht gelang, dies mit dem nunmehrigen Rückhalt an unser Schiff allein zu thun.
Die für mich nur in Betracht kommenden Streitpunkte waren die drei folgenden:
1. Die samoanische Regierung war noch immer im Rückstande mit der vollständigen Begleichung einer alten Schuld, welche von dem letzten Bürgerkriege her datirte und den Deutschen Ersatz für den ihnen durch die Samoaner zugefügten Schaden geben sollte. Die Regierung hatte die Berechtigung und die Höhe der gestellten Forderung anerkannt, hatte in verschiedenen Theilzahlungen auch 2700 Mark abgetragen, den kleinen Rest von 444 Mark wollte sie nun aber nicht mehr zahlen unter dem Vorwande, daß sie kein Geld hätte.
2. Ein seit sechs Jahren in unbestrittenem deutschen Besitze befindliches und an eine größere deutsche Pflanzung grenzendes Stück Land an der Westspitze der Insel Upolu sollte neuerdings in Bearbeitung genommen werden. Als die Arbeiten am 14. Juni begannen, kam ein französischer Priester mit 50 bewaffneten Samoanern von der kleinen Insel Manono herüber und suchte die Arbeiten mit Gewalt zu hindern, da er behauptete, durch einen erst kürzlich abgeschlossenen Kauf der Besitzer des Landes geworden zu sein, obgleich er wußte, daß das Land sich bereits lange in deutschem Besitze befand. Um Blutvergießen zu vermeiden, hatten die Deutschen die Arbeit zunächst eingestellt und die Regierung um Schutz ersucht.
3. Ein Häuptling hatte dem hamburger Hause Godeffroy vor acht Jahren ein größeres Stück Land verkauft, auf welchem sich später auch einige Eingeborene niederließen, denen vom Käufer das Verbleiben in ihren Hütten und die Nutznießung der in der Nähe befindlichen Fruchtbäume bis zu dem Zeitpunkte stillschweigend gestattet wurde, wo das deutsche Haus die Bearbeitung des Landes in Angriff nehmen würde. Dieser Zeitpunkt war jetzt gekommen, und nun behauptete der Verkäufer, daß das kleine Stück Land mit der Niederlassung der Eingeborenen damals von dem Kauf ausgeschlossen worden sei, obgleich der Kaufbrief das Kaufobject genau angibt und das fragliche Stück Land innerhalb dieser Grenzen liegt.
Nachdem ich mich in allen drei Punkten von dem unzweifelhaften Rechte der Deutschen überzeugt hatte, sagte ich meine Unterstützung zur Regelung zu und ersuchte den Consul nur, zunächst noch einmal ohne meine Mitwirkung eine Verständigung zu versuchen. Daß dieser Versuch nur theilweisen Erfolg hatte, wird der weitere Verlauf meiner Darstellung ergeben.
Am Nachmittag machte ich den Regierungsmitgliedern meinen Besuch, wobei der Consul mich begleitete und auch einen Dolmetscher mitnahm, weil er den Grundsatz festhält, bei allen förmlichen und geschäftlichen Angelegenheiten einen solchen mit heranzuziehen, da die Samoaner in derartigen Angelegenheiten ein etwas weites Gewissen haben und dazu neigen, die getroffenen Vereinbarungen abzuleugnen oder zu verdrehen. Die Mitglieder der Taimua und Faipule waren in der Regierungshütte bereits anwesend und in dem täglichen Anzug der Häuptlinge, d. h. sie hatten ein weißes Hemd an und über dieses das Hüfttuch, hier Lava-lava genannt, gebunden; in der Hand trugen sie das Abzeichen der Häuptlinge, einen aus den Rindenfasern der Kokospalme gefertigten Fliegenwedel. Wir setzten uns mit untergeschlagenen Beinen auf die ausgebreiteten Matten so hin, daß unsere Rücken der offenen Seite der Hütte und unsere Gesichter der Mitte derselben zugekehrt waren. Uns gegenüber nahm eine Gruppe Platz, welche mich vorzugsweise interessirte, nämlich die Kawa-Bereiterinnen. Es waren fünf junge nur mit dem Lava-lava bekleidete Leute, drei Mädchen und zwei Männer, welche ein so fremdartiges Bild abgaben, daß ich ihnen mehr Aufmerksamkeit zuwandte, wie den nichtssagenden Phrasen, die mit den Machthabern ausgetauscht wurden.
In der Mitte zwischen den beiden Männern sitzen mit untergeschlagenen Beinen die Mädchen, vor sich die aus einem einzigen Stück Holz geschnittene Kawa-Bowle, eine mit vier kräftigen Füßen versehene runde Schüssel von etwa 50 cm Durchmesser. Ehe die Männer Platz nehmen, reichen sie noch den Mädchen in Kokosnußschalen frisches Wasser, mit welchem diese sich, dabei ihre schönen weißen Zähne zeigend, den Mund ausspülen und die Hände waschen. Dann schneiden die Männer mit einem Messer kleine Stücke von einer weißlichen Wurzel ('Piper methysticum') ab, welche von den bequem und etwas in sich gesunken dasitzenden Mädchen in den Mund gesteckt und gekaut werden. Anfänglich ist die Arbeit des Kauens kaum zu bemerken, die kleinen Stücke mehren sich aber und die Unterkiefer müssen einen immer größern Bogen beschreiben, bis der Mund die Masse nicht mehr bewältigen kann, die während des Kauens geschlossen gehaltenen Lippen sich öffnen, ein breiiger Kloß von über Wallnußgröße in die untergehaltene Hand und von dieser in die Schüssel fällt. Sobald eine genügende Zahl solcher Klöße beisammen ist, waschen die Mädchen sich wieder Mund und Hände, den Mund jedenfalls, um den beißend bittern Geschmack der Wurzel einigermaßen zu beseitigen, und nun beginnt die in der Mitte Sitzende aus dem Brei das Getränk zu bereiten. Nachdem einige Kokosnußschalen Wasser dazugegossen, wird das Ganze mit den Händen solange durchgearbeitet, bis eine vollkommene Vermischung erreicht ist und das Getränk eine hellgraue Farbe angenommen hat. Dann wird ein Bündel zusammengereihter Baststreifen zur Hand genommen und mit diesem, ähnlich wie mit einem Schwamm, die Flüssigkeit in der Weise durchgeseiht, daß die Baststreifen an beiden Enden gefaßt, vorsichtig durch dieselbe gezogen, dann zusammengelegt und ausgerungen werden, und zwar dies letztere mit einer ganz eigenthümlich unnachahmlichen Hand- und Armbewegung. Nach dem Ausringen wird das Bastbündel mit einigen kräftigen Schlägen ausgeschüttelt, um die darin zurückgebliebenen kleinen festen Bestandtheile zu beseitigen, und diese Manipulation wird so oft wiederholt, bis sich keine Rückstände mehr zeigen. Ist dies erreicht, dann ist der Trank, welcher in Samoa für die größte Delicatesse gehalten wird, fertig.
Als der Consul den Samoanern andeutete, daß unsere Zeit abgelaufen sei, wurde den Mädchen ein Zeichen gegeben, worauf die beiden seitlich Sitzenden sich erhoben und der mittlern eine Kokosnußschale hinhielten, um dieselbe füllen zu lassen. Dies wurde auch mit dem Bast bewerkstelligt, indem er eingetaucht und mit einer schnellen Bewegung über die Schale gehalten wurde, sodaß die Flüssigkeit in diese hineinlief. Die ersten Schalen wurden den Gästen, dem Consul und mir, gebracht, dann erst kamen die Samoaner an die Reihe, und ich mußte den Anstand bewundern, welcher bei dieser Bewirthung beobachtet wurde. Die Mädchen kamen nicht direct auf uns zu, sondern durchschritten den leeren Raum der Hütte, verließen dieselbe neben dem letzten unsern Halbkreis bildenden Samoaner, gingen hinter unsern Rücken herum und traten erst bei denjenigen, für welche der Trunk bestimmt war, wieder in die Hütte, beugten vor diesen ein Knie, reichten die Schale und traten dann zur Seite. Als dem Consul und mir die Kawa gereicht wurde, sagte mir der Herr, daß ich nicht zu trinken brauche, wenn ich nicht wolle, ich müsse nur die Schale in Empfang nehmen und sie dann wieder zurückgeben. Als ich aber sah, wie er selbst, an den Genuß schon gewöhnt, die Schale austrank und sie dann als Zeichen, daß sie geleert sei, mit einem besondern Handgriff nach der Mitte der Hütte zu von sich schleuderte, sodaß sie sich mit der Oeffnung nach oben wie ein Kreisel drehte, nahm ich wenigstens einen herzhaften Schluck, ehe ich die Schale der braunen Hebe wieder einhändigte. Da für alle Anwesenden nur zwei Schalen in Gebrauch genommen wurden, so mußten sie immer wieder gefüllt werden und wurden in dem Falle, wo sie nicht ausgetrunken waren, nur nachgefüllt. Die Portionen wurden immer kleiner, da die Personenzahl zu groß war, und für die letzten wurde der Bast schon ausgerungen, um alles herauszupressen. Vor diesem Besuch war mir die Art der Kawabereitung erklärt und die Nothwendigkeit des Trinkens auseinandergesetzt worden, und ich schauderte bei dem Gedanken an diesen ungewohnten Genuß, doch wurde es mir nachher ziemlich leicht, da das ganze Drum und Dran, die würdevolle Haltung der Samoaner, das gedämpfte Sprechen, die graziösen Bewegungen der zierlichen Hände und die prächtigen Zähne der jugendlich frischen, anmuthigen und hübschen Mädchen, die Sauberkeit und Ordnung in der Hütte, die beobachtete Etikette, einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht hatte, daß ich an die eigentliche Bereitung gar nicht mehr dachte, als die hübsche, freundliche Spenderin mir mit ermunterndem, einladendem Blick den Trank reichte, sondern mich nur durch den beißenden Geschmack des Getränks abhalten ließ, die ganze Schale zu leeren.
Die nächsten Tage brachten viel Unruhe für den Consul und mich, die wir für die deutschen Interessen verantwortlich waren, mancherlei Sorge und sogar Aufregung, da auch noch ein amerikanisches Kriegsschiff anfing, sich in unsere Angelegenheiten zu mischen, oder die Anwesenheit desselben doch den auf amerikanischen Schutz rechnenden Samoanern Veranlassung gab, uns Schwierigkeiten zu bereiten. Jedenfalls haben, zunächst absehend von den officiellen Persönlichkeiten, die ortsanwesenden Amerikaner die Samoaner zum Widerstand gegen uns aufgereizt, und diese waren zweifellos der Ansicht, daß ihre Rathgeber nicht ohne Wissen und Zustimmung des amerikanischen Consulatsbeamten und Schiffscommandanten handelten. So kam es, daß nur der zweite Klagepunkt eine glatte Erledigung fand, indem der Plantagenverwaltung der Befehl zuging, die Arbeiten auf dem bestrittenen Stück Land wieder aufzunehmen, und der Regierung mitgetheilt wurde, daß ein fernerer Angriff nicht geduldet werden würde. Der französische Priester stellte sich danach zwar persönlich im Consulat ein, um einen Vergleich zu versuchen, mußte aber abgewiesen werden, da er füglich vor seinem thätlichen Angriffe eine Verständigung hätte versuchen müssen, andererseits ja aber das durch die samoanische Regierung anerkannte deutsche Recht klar zu Tage lag.
In dem Punkte 1, Zahlung der noch ausstehenden 444 Mark, war schließlich, da die Samoaner ohne stichhaltige Gründe dieselbe verweigerten, von dem Consul eine letzte Frist gestellt worden, welche auch nicht eingehalten wurde, worauf die Sache in meine Hände überging. In dem Punkt 3 hatte die samoanische Regierung am 26. Juni dem deutschen Hause das Eigenthumsrecht an dem in Frage stehenden Stück Land erneut zuerkannt, bestritt dasselbe jedoch wieder und forderte für diesen Fall den Rechtsspruch eines amerikanischen Consulatsbeamten, welcher mit dem für die nächsten Tage erwarteten amerikanischen Kriegsschiffe kommen sollte. Diese Zumuthung wurde von uns selbstverständlich zurückgewiesen, worauf die Hütten am 1. Juli zwar geräumt, am 2. aber wieder bezogen wurden.
Am 27. Juni hatte der zwischen San-Francisco und Australien laufende Postdampfer außerhalb des Hafens von Apia und ohne zu ankern mehrere Personen, Amerikaner, abgesetzt, welche aus früherer Zeit in Apia wohlgekannt waren und deren plötzliches Erscheinen von deutscher Seite mit berechtigtem Mistrauen und von einem großen Theil der Samoaner mit Sorge betrachtet werden mußte. Es gab denn auch gleich Unruhe genug, da bald die verschiedensten Gerüchte die Stadt durchschwirrten, welche alle darin gipfelten, daß es nunmehr mit der deutschen Herrlichkeit auf den Samoa-Inseln ein Ende habe, da in den nächsten Tagen ein amerikanisches Kriegsschiff einen zwischen den Vereinigten Staaten von Nordamerika und den Samoa-Inseln abgeschlossenen Vertrag brächte, nach welchem Amerika das Protectorat über die Inseln übernehmen und die Eingeborenen dann all das an die Deutschen verkaufte Land unentgeltlich wieder zurückerhalten würden. Welchen Eindruck diese Gerüchte auf die in Rechtsfragen kindlich denkenden Samoaner machten, sahen wir an dem Auftreten der Regierungsmitglieder, welche sich plötzlich auf das hohe Roß setzten und anfingen, eine gewisse Anmaßung zur Schau zu tragen.
Am 29. traf denn auch schon das amerikanische Kriegsschiff ein und brachte neben einem höhern amerikanischen Consulatsbeamten noch einen Samoaner, Namens Mamea, und einen frühern amerikanischen General mit Namen Bartlett mit. Mamea war ein Abgesandter der samoanischen Regierung, welcher den Auftrag gehabt hatte, mit der amerikanischen Regierung einen Freundschaftsvertrag abzuschließen, und Bartlett war der von Mamea für 24000 Mark jährlichen Gehalt gewonnene neue Berather und erste Minister der Samoa-Regierung. Die Personen, welche für die Zeit der nächsten drei Wochen in Apia nahezu alles auf den Kopf stellen sollten, waren beisammen, und der Tanz, welcher für die Deutschen den Abschluß eines Lustspiels fand, konnte beginnen.
Ehe ich nun auf die Ereignisse selbst eingehe, muß ich dasjenige noch anführen, was in Apia über die Vorgeschichte des amerikanisch-samoanischen Vertrages erzählt wird. Ich sage „erzählt wird“, weil ich selbst ja keinen Einblick in die wirklichen Verhältnisse erhalten konnte.
Es hatte sich in frühern Jahren in Apia eine von Amerikanern, denselben Leuten, welche am 27. Juni von dem Postdampfer gelandet wurden, gegründete Landcompagnie gebildet, welche mit wenig Geld große Ländereien in der Weise ankaufte, daß sie nur kleine Anzahlungen machte, für welche die Verkäufer Interimsquittungen ausstellten, ihr Land aber bis zur Zahlung des ganzen Kaufpreises behielten. Die Gesellschaft hatte sich aber verrechnet, fallirte und die zwei Hauptunternehmer erboten sich später, den Samoanern einen Freundschaftsvertrag mit den Vereinigten Staaten zu erwirken, dessen Hauptzweck sein sollte, den Samoanern ihre Unabhängigkeit zu sichern und sie in der Weise vor fremder Willkür zu schützen, daß dauernd ein amerikanisches Kriegsschiff in Apia stationiren solle. Um dies zu erreichen, sollte Amerika das Protectorat übernehmen. Ein solcher Vertrag, bei dem von einer Gegenleistung seitens der Beschützten keine Rede war, leuchtete den kindlichen Samoanern ein, und sie erwählten zu ihrem Abgesandten den Schreiber Mamea, welcher sich bald darauf mit den beiden Amerikanern, die auch alle seine Ausgaben bestreiten wollten, auf den Weg nach San-Francisco machte. Sehr verdacht wurde es zwar der Regierung, daß sie einen niedrig geborenen Mann zum Gesandten erwählt hatte, doch begründete sie die Wahl mit der Thatsache, daß nur er genügend mit der englischen Sprache vertraut sei, um ohne Dolmetscher durchkommen zu können.
Am Tage nach der Ankunft der amerikanischen Corvette wußte ganz Apia, daß Mamea zwar seine Aufgabe gelöst habe, aber keineswegs nach dem Sinne seiner Auftraggeber, denn das, was diese gewünscht hatten, sollte in dem Vertrage nicht enthalten sein, dafür aber sollten die Samoaner eine Menge Verpflichtungen übernommen und auch ihren Hafen Pago-Pago an die Vereinigten Staaten abgetreten haben, ohne als Gegenleistung irgendwelche Rechte zu erhalten. Von allen Seiten stürmten nun Vorwürfe auf die Regierung ein, welche sich zunächst dadurch deckte, daß sie versprach, den Vertrag nicht ratificiren zu wollen, während von anderer Seite behauptet wurde, daß der von Mamea namens der samoanischen Regierung abgeschlossene Vertrag von der washingtoner Regierung bereits ratificirt sei und den Samoanern daher keine andere Wahl bliebe, als ebenfalls zu ratificiren. Inzwischen schien das sichere und selbstbewußte Auftreten aller Amerikaner allerdings anzudeuten, daß sie die Samoa-Inseln bereits in ihrer Tasche wähnten, und wir Deutsche wurden in den ersten Tagen von den Samoanern kaum noch der Beachtung werth befunden.
Zum 2. Juli nachmittags hatten die Taimua und Faipule mir ihren Gegenbesuch angesagt und ich hatte mich am Vormittag dieses Tages, nachdem mir die Mittheilung geworden war, daß die Hütten auf dem bestrittenen Stück Land (Klagepunkt 3) wieder bezogen worden seien, damit einverstanden erklärt, daß diese Frage zu derselben Stunde, wo die Eingeborenen mich besuchen würden, in der mir vorgeschlagenen Weise ihre Erledigung fände. Die Samoaner kamen in den ihnen von mir zur Verfügung gestellten Booten an Bord, ich bewirthete sie, und während wir bei einer Cigarre oben auf Deck unter dem Sonnenzelt saßen, machte der Dolmetscher mich auf einen großen Feuerschein am Lande, auf ein brennendes kleines Dorf aufmerksam. Als meine Gäste dann unruhig wurden, ließ ich ihnen sagen, daß sie sich nicht zu beunruhigen brauchten, weil das Feuer auf einer deutschen Plantage sei und ich den Auftrag zu der Brandlegung gegeben habe, um damit die mit den Häusern zusammenhängende Streitfrage auf die einfachste Weise zu erledigen. Ich hatte meinen Zweck wol erreicht, denn die Blicke der Eingeborenen, welche von mir zu der dicht neben uns liegenden amerikanischen Corvette und von dieser wieder zu dem brennenden Dorfe wanderten, schienen mir zu sagen, daß die Leute doch zu der Erkenntniß gekommen seien, daß mit den Siamanis (Siamani, aus dem englischen „'German'“ hervorgegangen, ist die samoanische Bezeichnung für Deutscher) nicht zu spaßen sei. Daß das deutsche Haus den geschädigten Eingeborenen, welche von ihrem Häuptling keine Entschädigung zu erwarten hatten, den vollen Werth der niedergebrannten Hütten in Geld ersetzen würde, obgleich es nicht dazu verpflichtet war, brauchten die Machthaber vorläufig noch nicht zu wissen.
Dieser Gewaltmaßregel folgte gleich am Vormittag des 3. Juli die zweite, indem ich der Taimua schrieb, daß ich, wenn die rückständigen 444 Mark bis zum 5. Juli 10 Uhr vormittags nicht bezahlt seien, das Geld mit Gewalt eintreiben würde. Aus bestimmten Gründen wählte ich nicht den nächsten Tag, sondern ließ ihnen zwei Tage Bedenkzeit. Am 5. morgens mit Tagesanbruch wurde ich geweckt und erhielt die Mittheilung, daß auffallend viele bewaffnete Eingeborene, es müßten schon über 300 sein, von ferner gelegenen Küstenpunkten kommend, das Schiff passirt hätten und in Mulinu’u gelandet wären, mithin dort wol etwas im Werke sein müsse. Im Schiff wußte nämlich niemand etwas davon, daß heute möglicherweise eine ernste Entscheidung fallen sollte, nur waren am Tage vorher vom Lande aus Gerüchte zu uns gedrungen, daß die amerikanische Corvette sich verpflichtet habe, die Samoaner gegen etwaige Gewaltmaßregeln von unserer Seite zu schützen, welchen Gerüchten ich indeß aus nahe liegenden Gründen keine Bedeutung beimessen konnte, wenngleich ich auch diese unwahrscheinliche Möglichkeit mit in meine Berechnung ziehen mußte. Da ich den Samoanern bis 10 Uhr Frist gegeben hatte, konnte die Thatsache der Zusammenziehung ihrer Streitkräfte an meinen Dispositionen übrigens nichts ändern.
Der Verabredung gemäß kam der Consul kurz nach 10 Uhr an Bord und brachte die Nachricht, daß das Geld bis zur gestellten Frist nicht gezahlt worden sei und die Samoaner zum äußersten Widerstand entschlossen zu sein schienen. Er betrachte die Lage als ernst, da die Samoaner eine uns an Zahl weit überlegene Streitmacht zusammengezogen und eine ziemlich starke Vertheidigungsstellung eingenommen hätten, auch mit guten Hinterladern versehen seien. Zehn Minuten später waren unsere Boote bewaffnet und das Schiff lag gefechtsklar, nach weitern zehn Minuten waren die Signale für das etwa nothwendige Eingreifen unserer Schiffsartillerie verabredet und kurz vor 11 Uhr wollte ich eben mit dem Consul, welcher sich durchaus nicht zum Zurückbleiben bewegen ließ, sondern darauf bestand, den Waffengang mitzumachen, mein Boot besteigen, um vorzugehen, als an der andern Schiffsseite ein Kanu anlegte und ein in größter Aufregung befindliches Regierungsmitglied an Bord kam, um uns anzuzeigen, daß eine Deputation in dem deutschen Consulat auf uns warte, um den Restbetrag der Schuld zu tilgen. Gleichzeitig bat der Mann uns inständigst, doch ja von Gewalt abzusehen, da sie ja alles thun wollten, was wir wünschten, und sie nur von den Amerikanern zum Widerstand gereizt worden wären, weil diese ihnen Hülfe von der amerikanischen Corvette versprochen hätten. Wir konnten mit diesem Abschlusse ja zufrieden sein und nur die armen Samoaner bedauern, welche, den Vorspiegelungen einiger Abenteurer Glauben schenkend, sich zwischen zwei Feuer begeben hatten. Vorläufig noch in dem Wahne lebend, daß die kleinere amerikanische Corvette unserm Schiff überlegen sei und der amerikanische Commandant uns bei nächster Gelegenheit ohne weiteres aus dem Hafen weisen würde, womit dann die Rückerstattung des den Deutschen früher verkauften Landes verknüpft wäre, warfen diese großen Kinder sich den Amerikanern ganz in die Arme. Bei dieser Gelegenheit wie für das Folgende betone ich übrigens, daß ich die officiellen amerikanischen Persönlichkeiten von meiner Darstellung ausgeschlossen sehen will, sofern ich sie nicht jedesmal ausdrücklich nenne. Inwieweit und ob überhaupt die Haltung dieser Herren auf den ganzen Verlauf der fernern Ereignisse von Einfluß gewesen ist, entzieht sich der Besprechung durch mich; nur so viel kann ich sagen, daß sie nichts gethan haben, um der durch ihre Landsleute hervorgerufenen und fortgesetzt geschürten feindlichen Stimmung gegen Deutschland zu steuern, weshalb man in Apia allgemein annahm, daß das amerikanische Kriegsschiff die Aufgabe habe, von den Samoa-Inseln Besitz zu ergreifen. Wegen meiner amtlichen Stellung enthalte ich mich daher mit Bezug auf die Amerikaner jeder Ansichtsäußerung und gebe nur das, was man sich auf den Straßen erzählte.
Durch den friedlichen Abschluß dieser Angelegenheit und die entgegenkommenden Versicherungen der Samoaner ließen wir uns indeß nicht einschläfern, denn die uns am Abend vorher durch ein Regierungsmitglied zugegangene Nachricht, daß die Taimua und Faipule den amerikanisch-samoanischen Vertrag bereits am 3. Juli im geheimen ratificirt habe, sagte uns, daß die Hauptarbeit für uns nun erst beginnen würde. Daß der Vertrag überhaupt ratificirt werden würde, hatten wir nie bezweifelt; daß dieser Act aber von der augenblicklichen Regierung allein und nicht dem samoanischen Brauche gemäß unter Mitwirkung der verschiedenen Landesbezirke ausgeführt worden war, mußte unsere Bedenken erregen, weil bei den zerfahrenen politischen Verhältnissen auf den Inseln innere Unruhen zu befürchten waren. Auch trat an den deutschen Consul nunmehr die Nothwendigkeit heran, auf Grund einer in seinen Händen befindlichen schriftlichen Verpflichtung der jetzigen Regierung vom Jahre 1877, daß dem Deutschen Reiche stets dieselben Rechte zuzugestehen seien, welche einer andern Macht etwa gewährt würden, für Deutschland einen gleichen Vertrag zu fordern, wie er mit den Vereinigten Staaten von Nordamerika abgeschlossen worden war. Diese Forderung konnte aber nicht eher gestellt werden, bis die erfolgte Ratificirung auf legalem Wege bekannt geworden war, und dies geschah erst am 8. Juli, worauf noch an demselben Tage die entsprechende deutsche Forderung der samoanischen Regierung zugestellt wurde. Mündliche Angaben einiger Regierungsmitglieder besagten dann, daß der von unserm Consul geforderte Vertrag in den nächsten Tagen abgeschlossen werden könne, die schriftliche Antwort lautete aber nicht nur ausweichend, sondern auch noch herausfordernd, indem die Samoaner die frühere Abmachung für nicht bindend erklärten und die Meinung äußerten, daß sie allein zu bestimmen hätten, mit wem sie Verträge abschließen wollten. Wer hinter dieser kühnen, den Samoanern gar nicht ähnlichen Sprache steckte, war uns nicht zweifelhaft.
Die nächsten Tage brachten nun viel Verwirrung in Apia, viel Lug und Trug, wobei sich nur eins klar herausstellte, daß die Taimua und Faipule eine durchaus würdelose Gesellschaft waren, von deren Mitgliedern ein Theil abends spät im deutschen Consulat vorsprach, Mittheilungen über das Treiben der Amerikaner brachte, einer den andern verdächtigend und alle versichernd, daß sie nur deutschen Einfluß auf den Samoa-Inseln wünschten und von den Amerikanern bald wieder befreit zu werden hofften. Die amerikanische Corvette wollte nach Ratificirung des Vertrages gleich wieder nach San-Francisco zurückkehren, während von anderer Seite behauptet wurde, daß das Schiff noch Monate lang hier bliebe, um erst nach unserm Weggange seine eigentliche Aufgabe zu lösen; hatten die Amerikaner wirklich besondere Absichten, dann waren sie jedenfalls unklug gewesen, sich mit ihren abenteuernden Landsleuten so weit einzulassen, wie sie es gethan haben, denn diese konnten nicht schweigen. Der General Bartlett wurde von den Samoanern als erster Minister nicht anerkannt, schrieb dies dem Einfluß seiner eigenen Landsleute zu und fing an, gegen diese zu wühlen. Einer der von den Amerikanern angenommenen Dolmetscher stand unter deutschem Einflusse und brachte uns die bedenklichsten Nachrichten. Der amerikanische Consulatsbeamte, welcher dem bisherigen hiesigen amerikanischen Consul seine Versetzung nach den Fidji-Inseln, anzutreten nach Eintreffen seines Nachfolgers, mitgebracht hatte, trat als Herr der Lage auf. Die Engländer fanden, da keins ihrer Schiffe anwesend war, Anlehnung an uns. Und die Samoaner wußten weder ein noch aus, waren an dem einen Tage unsere Feinde und suchten am nächsten unsere Freundschaft.
Endlich am 14. Juli fing die Lage an sich zu klären. Die Samoaner hatten ihre Vorbereitungen beendet und für die Tage des 17., 18. und 19. Juli ein großes Fest ausgeschrieben, an welchem die Abgesandten aller Bezirke der Samoa-Inseln theilzunehmen hatten und welches den Amerikanern und uns zu Ehren gegeben werden sollte. Doch war es außer Zweifel, daß das Fest nur für die Amerikaner bestimmt war und bei dieser Gelegenheit die feierliche Bekanntgabe des zwischen Samoa und Amerika abgeschlossenen Vertrages erfolgen sollte; außerdem aber sollte, nach uns zugegangenen und von uns für durchaus zuverlässig gehaltenen Nachrichten, den von den Tänzen und der Aufregung der Festlichkeiten berauschten Samoanern von ihrer Regierung der Vorschlag gemacht werden, sich unter den Schutz der amerikanischen Regierung zu stellen, worauf die Taimua und Faipule dann den amerikanischen Consulatsbeamten bitten sollten, von den Samoa-Inseln namens seiner Regierung Besitz zu ergreifen. Gründete dieses Gerücht sich wirklich auf Thatsachen und ließen die Samoaner sich im Rausche zu dem geplanten Schritte verleiten, dann hing es nur von dem Gutdünken des genannten Herrn ab, ob er den Staatsstreich wagen wolle oder nicht. Jedenfalls lag in diesem Falle die Befürchtung nahe, daß die ganze Regierungsgewalt unter äußerlicher samoanischer Hoheit in amerikanische Hände übergehen und der deutsche Handel dann bald vernichtet sein würde. Die Sandwich-Inseln geben ja ein ziemlich klares Bild von den wahrscheinlichen Folgen einer eingeborenen Regierung unter amerikanischen Ministern. Es war daher durch einen Gewaltstreich der angedeuteten Art für die Deutschen so viel zu verlieren, daß wir möglichem Unheil vorbeugen mußten.
Unter solchen Verhältnissen war eine Betheiligung an den Festen von unserer Seite ausgeschlossen, und wir würden denselben auch in dem Falle, daß unsere Forderungen erfüllt worden wären, fern geblieben sein, da wir nach der Vorgeschichte dieser Veranstaltungen dabei nur eine zweifelhafte Rolle hätten spielen können. Am 14. Juli traf auf dem deutschen Consulat die förmliche Einladung der Samoa-Regierung zu den Festen für uns ein, und damit war uns die Handhabe zur Erneuerung unserer Forderungen gegeben. Unsere Antwort lautete, daß wir die Einladung nur dann annehmen könnten, wenn dem Deutschen Reiche vorher ein Vertrag mit denselben Rechten, wie sie der amerikanischen Regierung zuerkannt seien, zugesichert und bis zum nächsten Vormittag der Zeitpunkt für die Vertragsverhandlungen genau und schriftlich bezeichnet würde. Als nun im Laufe des Nachmittags des 14. dem Consul das vorstehend erwähnte Gerücht über die von den Samoanern beabsichtigte Abtretung der Samoa-Inseln an Amerika zuging, hielt dieser Herr es für nothwendig, unsererseits sichernde und vorbeugende Maßregeln zu ergreifen, und machte den kühnen Vorschlag, zwei samoanische Häfen mit Beschlag zu belegen und als Faustpfand zu behalten, bis die Samoaner ihre Verpflichtungen gegen Deutschland erfüllt hätten. Nach kurzer Bedenkzeit, welche ich mir erbeten hatte, stimmte ich dem Vorschlage zu, weil ich ihn für gut und wahrscheinlich ausführbar hielt, und in der erfolgten Ausführung die deutschen Interessen vorläufig geborgen sah.
Am 15. Juli, mittags 12 Uhr, war von den Samoanern noch keine Antwort eingetroffen; um 1 Uhr fing unser Schlot an zu rauchen; das Schiff wurde seeklar gemacht; der Consul, sowie zwei Halbweiße, ein Dolmetscher und ein Lootse für die als Faustpfand in Aussicht genommenen Häfen Saluafata und Falealili, kamen an Bord, und um 3 Uhr dampften wir in See. Um 5 Uhr ankerten wir vor Saluafata in einem vorzüglichen, gegen alle Winde geschützten Hafen; einige Eingeborene kamen noch an Bord, Früchte zum Kauf anzubieten, und kurz vor Eintritt der Dunkelheit wurden unser Dolmetscher und Lootse an Land geschickt, um den Häuptling auf das vorzubereiten, was er am nächsten Morgen zu erwarten habe. Einerseits mußte, um nach unserer Ansicht die Beschlagnahme rechtsverbindlich zu machen, der Besitzer des Hafens bei dem Acte zugegen sein, oder aber den Platz, nachdem er vorher von allem unterrichtet worden war, verlassen haben, andererseits war die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, bewaffneten Widerstand zu finden, sobald wir eine bewaffnete Truppe ohne vorherige Ankündigung landeten. Der Dolmetscher hatte den Auftrag, dem Häuptling mitzutheilen, daß die Samoa-Regierung sich neuerdings weigere, alte, den Deutschen früher zugestandene Rechte anzuerkennen, und wir daher gezwungen seien, vorläufig und so lange den Hafen von Saluafata für die deutsche Regierung in Besitz zu nehmen, bis diese Rechte anerkannt seien. Ich hätte nicht die Absicht, sonst irgendwelche Gewalt zu brauchen, und hoffe, daß sein Benehmen so verständig sein würde, daß ich an meiner Absicht festhalten könne. Im übrigen würde die Rückerstattung des Hafens seinerzeit sicher erfolgen und irgendein Schaden könne daraus für ihn nicht erwachsen.
Bald nach dem Landen unserer Abgesandten wurde es in Saluafata lebendig und sehr geräuschvoll, mehrere Trommeln wurden unermüdlich bis um 2 Uhr nachts geschlagen und viel Geschrei drang bis zu uns herüber. Nach Ansicht des Consuls bedeutete dies eine Alarmirung aller streitbaren Männer; er vermuthete, daß eine große Zahl bewaffneter Eingeborener, welche auf dem Wege nach Apia zur Theilnahme an den geplanten Festlichkeiten seien, sich hier zusammengefunden und Nachtquartier genommen hätten. Um gegen einen etwaigen Ueberfall gesichert zu sein, ließ ich das Schiff in Vertheidigungszustand setzen, und die halbe Mannschaft war während der Nacht stets gefechtsbereit auf Deck. Als es um 2 Uhr an Land ruhig geworden war und sich dann bis 4 Uhr nichts Verdächtiges zeigte, legte ich mich noch etwas hin, wurde aber schon um 6 Uhr wieder geweckt, da unser Dolmetscher und der Lootse in einem Kanu von Land gekommen waren und mich augenblicklich zu sprechen forderten. Ich ließ die Leute in die Kajüte kommen und wir hörten -- der Consul hatte auch sein Bett verlassen --, daß, wie letzterer richtig vermuthet hatte, an 1000 mit Hinterladern bewaffnete Eingeborene in Saluafata anwesend und entschlossen seien, uns nicht an Land zu lassen. Sie selbst wären während der Nacht in größter Lebensgefahr gewesen, trotzdem ihre Mütter und Frauen Häuptlingstöchter seien, und hätten noch vor Tagesanbruch das Land heimlich verlassen. Der größte Theil der Eingeborenen hätte schon während der Nacht einen Angriff auf das Schiff machen wollen, weil ihre Spione, die am Abend vorher als Fruchtverkäufer an Bord gewesenen Leute, die Nachricht an Land gebracht hätten, daß das Schiff keine Kanonen habe. Diese waren nämlich für die Nacht mit ihren Bezügen zugedeckt gewesen und wurden deshalb von den Eingeborenen nicht als solche erkannt. Nach langen Verhandlungen wäre dieser Plan aber fallen gelassen worden, weil ein alter weiser Häuptling den Ausspruch gethan habe, daß sie vollkommen recht hätten, wenn sie die Wegnahme unsers Schiffes als eine Kleinigkeit betrachteten; er wisse aber noch etwas Leichteres und schlüge vor, gleich damit vorzugehen, nämlich den Hafen erst auszuschöpfen und das Schiff zu nehmen, wenn es auf dem Trocknen läge. Nach diesem Vorschlage sei ernüchternde Ruhe eingetreten und der Plan eines nächtlichen Angriffes aufgegeben worden.
Inzwischen hatte der Dolmetscher, welcher äußerlich ein bejammernswerthes Bild abgab und sich kaum auf den Füßen halten konnte, erklärt, daß er gleich zum Arzt müsse, weil der während der Nacht ausgestandene Schreck ihn so krank gemacht habe, daß er sterben würde. Nachdem ich den Mann dem Schiffsarzt überwiesen hatte, verhandelten wir mit dem Lootsen, welcher seine Fassung einigermaßen bewahrt hatte, weiter und kamen zu dem Schlusse, daß Saluafata möglicherweise nicht ohne Blutvergießen zu nehmen sein würde. Besonders ernst stimmten uns der Zustand unserer beiden Halbweißen und ihre Auffassung der Lage, denn da sie in samoanischen Verhältnissen aufgewachsen und mit angesehenen Häuptlingsfamilien verwandt waren, vermochten sie wohl zu beurtheilen, wie weit die Eingeborenen gehen würden, andererseits waren gerade diese beiden Leute als muthige, unerschrockene Männer bekannt und hatten diese Charaktereigenschaften schon in verschiedenen Lagen bewiesen.
Da wir uns erst zu 9 Uhr vormittags bei dem Häuptling angesagt hatten, blieben mir noch zwei Stunden Zeit zur Ueberlegung, wie die Landung am besten auszuführen sei. Soviel ich auch hin und her dachte, alle Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten erwog, ich kam immer wieder zu dem Schlusse, daß es am besten sei, wenn der Consul und ich zunächst nur allein das Land beträten und die zu dem feierlichen Acte der Beschlagnahme erforderliche Truppe erst nachfolge, wenn unsere mündlichen Verhandlungen mit dem Häuptling zum Abschluß gekommen seien. Wir durften nicht einmal eine kleine Bedeckung mitnehmen, da diese die Samoaner zum Angriff reizen konnte. Der Consul stimmte mir darin bei, daß, da wir den einmal betretenen Weg einhalten müßten, ein ernstlicher Zusammenstoß auf diese Weise am ehesten vermieden werden könne und unser eigenes Leben in diesem Falle nicht mehr gefährdet sei, als wenn wir an der Spitze unsers ganzen aus 120 Mann bestehenden Landungscorps das Land beträten, und erklärte sich bereit, mit mir allein zu gehen. Im übrigen mußte die Beschlagnahme ja noch heute ausgeführt werden, da der morgende Tag, an welchem in Apia die Feste begannen, schon eine für uns ungünstige Entscheidung bringen konnte. Es blieb mir also keine Zeit zur regelrechten Belagerung und Säuberung des Platzes.
Der Schauplatz an Land war so, daß wir einen etwa 100 Schritt breiten und 200 Schritt tiefen Platz betreten und ganz durchmessen mußten, um bis zu dem im Hintergrunde sich an den Wald anlehnenden Hause des Häuptlings zu gelangen. Der Platz wird mit Ausnahme eines kleinen Stücks am Strande von dichtem Wald und Busch umrahmt, durch welchen nur schmale Fußpfade gehen. Hinter der Häuptlingswohnung im Walde öffnet sich eine enge Schlucht, auf welche mehrere in das Innere führende Fußpfade münden. Auf dem Platze selbst liegt in der Mitte noch ein der ältesten Tochter des Häuptlings gehörendes Haus und an der einen Seite am Waldesrande befinden sich zwei alte Häuptlingsgräber, denen die Samoaner eine große Verehrung zollen und welcher Umstand den Consul bestimmt hatte, gerade Saluafata als Beschlagsobject zu wählen. Landeten wir nun gleich mit einer größern Truppe, so war anzunehmen, daß die Samoaner, in der Befürchtung eines Angriffs von unserer Seite, aus ihrem Hinterhalte auf 50-100 Schritt Entfernung mit ihren Schnellladern ein verheerendes Feuer auf uns richteten, welches etwa die Hälfte unserer Leute hinraffen mußte, worauf die Angreifer ohne einen Schuß zu erhalten, auf gedeckten Pfaden nach den verschiedensten Richtungen in das Innere entfliehen konnten, ohne daß es uns möglich gewesen wäre, ihnen zu folgen, weil wir nicht wissen konnten, wohin uns zu wenden. Von unserer Seite den ersten Angriff zu machen, war ausgeschlossen, da uns jede Veranlassung dazu vorläufig noch fehlte, im übrigen wir ja auch kein Angriffsobject gefunden haben würden. So blieb bei der Kürze der uns zur Verfügung stehenden Zeit nur der von uns gefaßte Plan als einziger Ausweg möglich, indem wir hofften, daß die moralische Wirkung unsers Auftretens uns den gewünschten Erfolg bringen würde. Wenn wir uns auch mit Revolvern versahen, so setzten wir für den Fall eines Angriffs unsere einzige Hoffnung doch nur auf die blanke Waffe, weshalb der Consul meinen zweiten Säbel nahm. Denn wenn auf uns geschossen wurde, konnte unsere Erwiderung der Schüsse in den dichten Wald hinein keinerlei Erfolg haben, und wir nahmen uns für diesen Fall vor, wenn wir nicht getroffen werden sollten, mit blankem Säbel unsern Angreifern in den Wald entgegenzustürmen, darauf rechnend, daß die Eingeborenen dann vor uns fliehen würden.
Nachdem ich für alle Fälle dem ersten Offizier des Schiffes Aufschluß über die ganze Lage gegeben hatte, wurden gegen 8½ Uhr die Boote gerüstet. Der Befehlshaber des Landungscorps hatte den Auftrag, 400 Schritt vom Lande die Boote aufmarschiren zu lassen und nach den verabredeten Signalen zu handeln. Kurz vor 9 Uhr lief mein Boot knirschend auf den Sand, und der Consul und ich traten unsern ernsten Weg an. Den Dolmetscher, welchen der Arzt für befähigt erklärt hatte uns für eine Stunde zu begleiten, mußten wir in meiner Gig zurücklassen, da der Mann unser Vorhaben als sichern Tod bezeichnete und nicht zum Mitgehen bewogen werden konnte. Zwei Leute meiner Bootsbesatzung sollten, nachdem wir einen Vorsprung gewonnen hatten, uns vorsichtig in Sicht- und Rufweite nachfolgen, um einen etwaigen Ueberfall sofort an das Landungscorps melden zu können, da ja auch nicht ausgeschlossen war, daß die Samoaner versuchen würden, sich unserer Personen zu bemächtigen, um uns vorläufig als Geiseln zu behalten. Wir durchschritten eine Palmenlichtung und fanden die dort zerstreut liegenden Hütten, soweit wir sehen konnten, sämmtlich verlassen, was kein gutes Zeichen war. Wir betraten den Platz und gingen, ohne eine Menschenspur zu entdecken, die Hand an dem gelockerten Säbel, etwa zwei Schritte voneinander entfernt, in ruhigem festen Schritt vor, jeden Augenblick den ersten verhängnißvollen Schuß erwartend. Denn wenn nur ein aufgeregter unbedachter Samoaner losdrückte, so war dies zweifellos das Signal für eine mörderische Salve auf uns. Es war eine eigenthümlich ernste Lage, welche den Mund verstummen machte und den Gedanken den weitesten Spielraum ließ. Was wurde, wenn das tödliche Blei uns traf, oder wir lebend überwältigt den unberechenbaren Mishandlungen einer fanatisirten Menge preisgegeben waren?
Erst als wir die Hütte der Häuptlingstochter umgangen hatten, änderte sich das Bild. Geputzte und mit Blumen geschmückte Menschen, Männer, Frauen und Kinder kamen uns entgegen und geleiteten uns zu dem Hause des Häuptlings, wo wir von sämmtlichen Häuptlingen des Bezirks, denen sich ihre Familien theilweise angeschlossen hatten, empfangen wurden. Nachdem wir die uns gereichte Kawa getrunken hatten, wurde der Dolmetscher herbeigerufen und der Zweck unserer Anwesenheit kundgethan, worauf Sangapolutele, der erste Häuptling und Besitzer von Saluafata, erklärte, der Gewalt weichen und uns vertrauen zu wollen. Nachdem dann die Ehrenwache heransignalisirt war und vor dem Hause Aufstellung genommen hatte, wurde die deutsche Flagge mit den entsprechenden militärischen Ehrenbezeugungen aufgepflanzt, von dem Consul die in samoanischer Sprache verfaßte, die Beschlagnahme aussprechende Proclamation verlesen und Sangapolutele darauf eingehändigt; die Flagge wurde wieder gesenkt, unsere Truppe marschirte mit klingendem Spiel ab und wir verweilten noch einige Minuten, um die vorher fertig gemachten Briefe, welche der Samoa-Regierung und den fremden Consuln die erfolgte Beschlagnahme von Saluafata anzeigten, durch einen Boten abzusenden. Während dieser Zeit erfuhren wir auch noch, daß wirklich 600 Samoaner um den Platz herum auf uns im Anschlag gelegen hatten, aber zurückgezogen wurden, als wir nur allein den Platz betraten und das Stoppen unserer Boote weiter außerhalb ihnen die Gewißheit gab, daß wir keinen gewaltthätigen Angriff beabsichtigten. Wir kehrten zum Schiffe zurück und waren schon um 10 Uhr wieder unter Dampf auf dem Wege nach Falealili.
Gegen Abend langten wir dort an und der Lootse wurde an Stelle des Dolmetschers, welcher wirklich ernstlich erkrankt war, an Land geschickt, um die Häuptlinge des Platzes ebenso vorzubereiten, wie es in Saluafata geschehen war. Er brachte am 17. morgens indeß die Nachricht, daß der Ort von Menschen entblößt sei und die wenigen Zurückgebliebenen nicht wagten, in Abwesenheit ihrer Häuptlinge mit uns zu verhandeln, daher vor unserer Landung den Ort verlassen würden. Da es somit wahrscheinlich war, daß der Act der Beschlagnahme in einer verlassenen Stadt erfolgen würde, so nahmen wir einen Zimmermann mit, um die Proclamation in der Hütte des Häuptlings annageln zu lassen. Um 7½ Uhr morgens landeten wir mit der Ehrenwache, nachdem, um keine Vorsicht außer Acht zu lassen, die bewaffneten Boote ebenso wie in Saluafata in einiger Entfernung vom Lande Aufstellung genommen hatten; wir fanden aber, entgegen unserer Annahme, den Platz nicht verlassen, sondern voller Menschen, welche sich zum Theil in der uns vom Lootsen als solche bezeichneten Hütte des Häuptlings, zum größern Theil in deren nächster Umgebung befanden. Beim Näherkommen erkannten wir allerdings, daß wir nur geputzte Frauenzimmer vor uns hatten, in deren Mitte sich ein eingeborener Missionslehrer befand, welchen sie wol zur Wahrung des Anstandes bewogen hatten, an unserm Empfang theilzunehmen. Die munter aussehende Schar benahm sich sehr artig und schien sich der Würde, die Männer zu vertreten, wohlbewußt zu sein. Wir mußten zunächst mit den im Hause befindlichen Häuptlingsdamen die Hände schütteln, der Consul wechselte mit dem Lehrer einige Worte, und dann erfolgte die Beschlagnahme, welche mit der Annagelung der Proclamation im Häuptlingshause abschloß.
Die Damen verhielten sich still und zurückhaltend, bis unsere Wache bei ihrem Abmarsch ungefähr die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, dann ging ihnen jedoch ihr Temperament durch, die in dem Hause befindlichen traten aus demselben heraus und liefen, von den andern gefolgt, unsern Leuten nach, um sie bis zum Strande zu begleiten. Dort erfolgte sogar, nachdem die Wache in ihren Booten abgesetzt hatte und das Boot für die Musik herankam, schließlich unter großem Jubel und fröhlichem Gelächter seitens der jungen Mädchen, ein regelrechter Angriff auf die Musiker. Denn während diese, um ihr Schuhzeug nicht naß zu machen, auf andern Matrosen reitend durch das seichte Wasser zum Boote getragen wurden, folgten ihnen die Mädchen, von den ältern Frauen angespornt, in das Wasser nach, kniffen die Reiter in die Beine, theilten zarte Schläge aus und schenkten den Geschlagenen dann ihre Blumen. Doch damit nicht genug, versuchten sie noch den Paukenschläger zu entführen und benutzten dazu den Moment, wo er, nachdem er seine Pauke untergebracht hatte, mit dem Leib auf dem Bootsrand liegend, versuchte, in dasselbe sich hineinzuarbeiten. Einige Mädchen packten ihn an den Beinen, zogen ihn wieder aus dem Boot und hoben ihn auf ihre Schultern, doch machte der Offizier des Bootes diesem liebenswürdigen Unfug ein Ende, als sie versuchten, den Mann an Land zu tragen. So endete die Wegnahme von Falealili als ein Festtag für seine Bewohnerinnen.
An Bord zurückgekehrt, ließ ich gleich Anker lichten, um unter Segel und Dampf schleunigst nach Apia zurückzukehren und dort noch vor Dunkelwerden einzutreffen, da ich doch nicht sicher war, ob die aufgeregten Samoaner nicht etwa Feindseligkeiten gegen die Deutschen unternehmen würden. Kurz vor Sonnenuntergang langten wir in Apia an und erfuhren von dem uns entgegengekommenen Lootsen, daß in der Stadt zwar eine hochgradige Aufregung herrsche, weil das Gerücht, wir hätten die beiden beschlagnahmten Plätze dem Erdboden gleichgemacht, im Umlauf sei, unsere Landsleute seien aber bisjetzt unbehelligt geblieben; dagegen habe die amerikanische Corvette seeklar gemacht, um uns am nächsten Tage zu folgen. Der Consul fuhr gleich an Land und ich folgte etwas später, um den Abend in dem gastlichen deutschen Hause zu verbringen und mich über die Lage in Apia zu unterrichten. Auf meinem Wege dorthin kam mir gerade der ganze Zug der von Mulinu’u zurückkehrenden lärmenden und bunt herausgeputzten Festtheilnehmer entgegen, sodaß ich mich zur Seite stellte, um die Leute vorüber zu lassen, da ich mich nicht dem Menschenstrom entgegendrängen wollte. Doch schon nach kurzer Zeit fielen mehrere Schüsse und eine Kugel sauste dicht an meinem Kopfe vorbei. Nun mußte ich meinen Platz verlassen und schaffte mir mit einigen kräftigen Stockschlägen auf die Köpfe der Eingeborenen freie Bahn, sodaß mir Raum gemacht wurde und ich bis zum Consulat gelangen konnte. Nicht lange darauf kam auch noch eine Botschaft von meinem Schiffe, daß auf unsere Boote geschossen worden sei, und nun schickte ich noch an demselben Abend eine Beschwerde an die Regierung mit der gleichzeitigen Androhung, für jeden getödteten oder verwundeten Deutschen zwei Samoaner aufhängen zu lassen. Aehnliche Ausschreitungen kamen indeß nicht mehr vor. An diesem Abend erfuhren wir noch über die politische Lage, daß bei den Festen, zu welchen ungefähr 3000 Theilnehmer erschienen waren, der größte Theil der Bezirke Upolus vertreten war und somit angenommen werden darf, daß diese Insel den Vertrag zwischen Samoa und den Vereinigten Staaten anerkannt hat, während Savai’i ferngeblieben ist und erklärt hat, den Vertrag nicht anerkennen zu wollen. Tutuila dagegen war wieder durch einige Abgesandte vertreten, aber nur um gegen die Ueberlassung des Hafens von Pago-Pago an eine fremde Macht zu protestiren. Da die samoanischen Häfen Privateigenthum der betreffenden Häuptlinge sind, so konnte seinerzeit Mamea nicht bevollmächtigt werden, einen Hafen abzutreten, und hatte diese Vollmacht auch nicht erhalten. Immerhin hat die jetzige samoanische Regierung den Vertrag mit der Ueberweisung Pago-Pagos als Kohlenstation ratificirt.
Die Aufregung unter den Samoanern schwand am nächsten Tage, als unsere getroffenen Maßnahmen der Wahrheit gemäß bekannt wurden; unter den Amerikanern aber wuchs sie und führte zur vollständigen Veruneinigung aller Betheiligten, welche nach wenigen Tagen zum größten Theil ebenso schnell aus Apia verschwanden, wie sie meteorartig dahingekommen waren. Zunächst versuchten die Amerikaner zu retten, was noch zu retten war, wobei die wunderlichsten Sachen zu Tage kamen. Als sie alle ihre Bemühungen, festen Fuß zu fassen, scheitern sahen, vereinigten sie sich noch einmal zu einem großen Schlage, indem sie der Samoa-Regierung eine Rechnung zur Begleichung vorlegten, welche die Höhe von 105800 Dollars oder 423200 Mark erreichte.
Die kurze Geschichte dieser Rechnung ist, wie sie in Apia erzählt wird, die folgende.
Die beiden zur frühern Landcompagnie gehörigen Amerikaner, welche den samoanischen Abgesandten Mamea nach Amerika bringen wollten, erklärten diesem gleich nach der Ankunft in San-Francisco, daß sie ihn ohne Geldmittel in Stich lassen würden, wenn er nicht namens der Samoa-Regierung Schatzbons im Betrage von 100000 Doll. ausschriebe und ihnen aushändige, wogegen sie dann auf ihre Landansprüche in Samoa verzichten würden. Mamea, welcher übrigens die Tragweite einer solchen Maßregel gar nicht ermessen konnte, zumal ihm, wie jedem Samoaner, das Verständniß dafür fehlte, was eine solche Summe überhaupt zu bedeuten hat, fertigte die Schatzbons nach einigem Sträuben aus. Die Sache wurde vorläufig geheim gehalten und erblickte das Tageslicht erst am 20. Juli, nachdem durch die Feste in Mulinu’u der Vertrag mit den Vereinigten Staaten öffentliche Anerkennung gefunden hatte; die Leute stellen jetzt die Behauptung auf, daß Mamea zur Ausgabe der Schatzbons berechtigt gewesen wäre, weil er vollgültige Vollmacht zur Abschließung des Vertrags gehabt habe. Die Samoaner aber wollen diese Beweisführung nicht gelten lassen und weigern sich zu zahlen. Ferner sollen die erwähnten beiden Herren eine Rechnung von 4800 Doll. für den Unterhalt des Mamea während seines sechsmonatlichen Aufenthalts in Amerika vorgelegt haben. Mamea sagt aber, daß er schlecht verpflegt worden sei, nie baares Geld gesehen habe und San-Francisco überhaupt nicht hätte verlassen können, wenn nicht der von ihm angeworbene Bartlett ihn aus dem Gasthof ausgelöst hätte, worüber dieser Herr eine Rechnung von 1000 Doll. vorgelegt haben soll, sodaß hiernach die für Mamea’s Reise geforderten Gesammtausgaben 5800 Doll. betragen würden. Die Samoaner, welche in dem Glauben leben durften, daß die Entsendung Mamea’s ihnen überhaupt nichts kosten würde, verweigern auch hier die Zahlung der ganzen Summe und wollen nur von ihnen in aller Eile gesammelte 1000 Doll. geben.
Die Weigerung der armen Samoaner, welche überhaupt kein baares Geld in größern Summen besitzen, soll nun veranlaßt haben, daß dem amerikanischen Commandanten die Sache übergeben worden ist, welcher aber auch schwerlich die Zahlung wird erzwingen können, wenn er wirklich diese etwas zweifelhafte Angelegenheit sollte weiter verfolgen wollen. Und vor einer Vergewaltigung, wie Tahiti sie seinerzeit durch die Franzosen erfahren hat, sind die Samoaner ja gesichert, seitdem Saluafata und Falealili schon in fremden Händen sind, sodaß sie unter Umständen für diesen Gewaltstreich noch dankbar sein müßten, welche Auffassung sich in dem größten Theile des Landes und bei der Minderheit der Regierungsgewalten übrigens auch schon Bahn brechen soll. Um dem Wirrwarr die Krone aufzusetzen, soll nun auch noch der mehrerwähnte Consulatsbeamte sich ebenfalls um die Stelle eines ersten Ministers der Samoa-Regierung beworben und zu diesem Zwecke einen vom 24. Mai datirten Empfehlungsbrief Steinberger’s vorgelegt haben. Diesen Brief will einer der Herren von der Landcompagnie, welcher seine Sache hier verloren gibt und mich um eine Passage nach den Fidji-Inseln bat, gesehen haben. Die Folge davon ist, daß Bartlett nun sucht, mit uns Fühlung zu bekommen, um mit deutscher Hülfe den ihm in Aussicht gestellten Posten zu erlangen. Das kurze Ende der langen Geschichte ist, daß wir meines Erachtens das Spiel gewonnen haben und ich, trotzdem die Samoaner vorläufig noch abgelehnt haben, zur Wiedererlangung ihrer beiden Häfen mit uns den Deutschland verbrieften Vertrag abzuschließen, glaube ruhig die Reise nach Sydney wagen zu können, da der Consul allen Schwierigkeiten allein gewachsen sein dürfte, solange die erfolgte Beschlagnahme der Häfen zu Recht besteht und sofern sie von zuständiger Stelle gebilligt werden sollte.