Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, Erster Band (von 2) (part 2 of 3)
Bis 818 reicht das =Chronicon Moissiacense=[29], eine große unverarbeitete Compilation, welche aus der vorher erwähnten Chronik bis 741, der Compilation bis 805, den Reichsannalen und anderen bekannten Werken geschöpft ist, deren Bekanntschaft, wie Pückert bemerkt, Abt Benedict von Aniane vermittelt haben kann, aber doch hin und wieder auch eigenthümliches aus jetzt verlorenen Quellen hat; darunter hat Dorr[30] Aquitanische Annalen und ein Chronicon Aquitanicum ohne genaue Chronologie auszuscheiden und zu sammeln versucht. Der Verfasser ist so unselbständig und schreibt so gewissenhaft seine Vorlagen wörtlich ab, daß ihm auch der werthvolle letzte Theil der Chronik von 813 bis 818 nicht zuzutrauen ist. Dieser schließt sich vielmehr in der ganzen Weise der Erzählung so genau den bis dahin benutzten Ann. Laureshamenses (s. oben S. 145) an, daß wir mit L. Giesebrecht annehmen müssen, es habe dem Schreiber der Handschrift ein vollständigeres Exemplar vorgelegen, dessen Schluß uns nur hier erhalten ist. Die Herkunft der Chronik ist südfranzösisch, es sind aber, wie G. Monod[31] bemerkt, von ihr zwei ganz verschiedene Bearbeitungen vorhanden, von denen die eine aus Moissac stammt, ihr fehlen die Jahre 716-777. Die andere stammt aus Aniane und hat Zusätze, in denen die Geschichte ganz willkürlich behandelt wird, z. B. 779 und 780 spanische Namen an die Stelle der sächsischen gesetzt sind. Zu einer mit diesen verwandten Chronik gehört nach der wichtigen Entdeckung von Pückert[32] die sog. Notitia de servitio monasteriorum, welche überall arglos benutzt ist, hier aber als eine spätere Fälschung, vermuthlich aus Aniane, nachgewiesen wird.
[29] Bis auf Honorius ungedruckt: von da an MG. I. 280-313; vgl. II, 257, wo die Jahre 804 bis 813 nach einer neugefundenen Hs. verbessert sind. Pückerts oben erwähnte Abh. enthält viele beachtungswerthe Bemerkungen darüber.
[30] De bellis Francorum cum Arabibus gestis (Diss. Regiom. 1861) p. 39-48. Die von ihm hier zuerst nachgewiesene Compilation von 805 ist seitdem genauer bestimmt, s. oben S. 202. Herstellung des Chron. Aquit. von Witiza bis 812, S. 43-48. Vgl. Waitz, NA. V, 483, über die Zusammensetzung des Berichts von 725 aus 2 Quellen; 711, 737, 752 sind jener Compil. zu überweisen, Forsch. XX, 393. Nach B. Simson, Forsch. XIV, 134, sind verwandte Nachrichten in Labbe's Chron. S. Victoris, jetzt als Ann. S. Victoris Massil. gedr. SS. XXIII, 1-7. Er vermuthet Benutzung des Chron. Moissiac. in diesen. Ein späteres kurzes Chron. Aquitanicum (eigentlich Annales) 830-886. 930. 1025, MG. II, 252.
[31] Revue critique 1873, II, 262.
[32] Bericht der K. Sächs. Ges. d. Wiss. 1890, S. 45-74.
So stellt sich uns also eine lebhafte litterarische Thätigkeit dar, bei welcher zunächst die Sorge für die bis dahin in so hohem Grade vernachlässigte Form der Darstellung in den Vordergrund tritt, mit welcher sich aber nicht minder auch das Streben nach Ergänzung der geschichtlichen Thatsachen verbindet. Am Ende des Jahrhunderts werden die Annalen bis 801 von dem sog. =Poeta Saxo= sogar in Verse gebracht.
Die Fortführung der Annalen bis 829 ist vom höchsten Werthe und gewährte ein noch lange befolgtes klassisches Vorbild der gleichmäßigen Darstellung der Zeitgeschichte. Hatte schon Einhard den früheren Theil der Annalen für sein Leben Karls zu Rathe gezogen, so finden wir den folgenden Abschnitt von 814 an zu einer Biographie Ludwigs verwandt, nicht unbedeutend verändert, aber nicht verbessert, mit Einhards Werk gar nicht zu vergleichen[33].
[33] Der Einsiedler Codex einer Compilation über Karls Leben ist nach B. Simson, Forsch. XIV, 135 auf eine Benutzung des Regino zurückzuführen.
§ 10. Ludwig des Frommen Zeit.
Funck, Ludwig der Fromme, Frankfurt a. M. 1832. B. Simson, Jahrbücher des Fränkischen Reichs unter Ludwig dem Frommen. 2 Bde. Leipz. 1874. 1876.
Ein Jahrhundert lang hatte das karolingische Haus daran arbeiten müssen, das zerfallende merowingische Reich wieder zur Ordnung und Festigkeit zu bringen, bevor Karl daran denken konnte, auch den Wissenschaften hier eine neue Heimath anzuweisen. Als dann Ludwigs ungeschickte Hände den stolzen Bau im Laufe weniger Jahre in seinen Grundfesten erschütterten, als von neuem Raub und Gewaltsamkeit aller Art ungehindert geübt wurden, da wurde auch diese zarte Blüthe geknickt. Es half nichts, daß Ludwig persönlich litterarischen Bestrebungen geneigt war[1], daß er die Klosterzucht herstellen half, was auch den Schulen zu Gute kam; wir wollen ihm nicht den Ruhm schmälern, das schöne altsächsische Gedicht des Heliand veranlaßt zu haben, aber unter dem Waffenlärm konnte die Wissenschaft nicht gedeihen, und über ihre Mißachtung wird schon bald nach Karls Tod geklagt[2]. Schon 829 baten die zu Worms versammelten Bischöfe dringend um die Errichtung von mindestens drei öffentlichen Schulen, um dem Verfall Einhalt zu thun: die Ausführung wird bei der wachsenden Zerrüttung des Reiches unterblieben sein[3].
[1] Aus den Kanzleiformeln der Urkunden verschwanden unter ihm die herkömmlichen Barbarismen, oben S. 160.
[2] Walahfridi Praef. ad Einh. V. Caroli: „Nunc relabentibus in contraria studiis, lumen sapientiae quod minus diligitur, rarescit in plurimis.“ Lupus an Einhard: „Nunc oneri sunt, qui aliquid discere affectant.“ Ep. 1 ed. Baluze. Auch bei Ideler, Leben Karls d. Gr. II, 138. Die ganze Stelle ist lesenswerth. Aehnliche Stellen von Claudius Taurinensis (über ihn s. Ebert II, 222-224; Laville, Claude de Turin. Essai sur le protestantisme du IX. siècle (Thèse). Toulouse, Chauvin.) giebt Reuter, Gesch. d. Aufkl. I, 267. Dümmler, Ostfr. III, 649-652, wo die Hofschule ausführlich behandelt ist. Ueber diese auch B. Simson II, 255-260.
[3] „Similiter etiam obnixe et suppliciter vestrae celsitudini suggerimus, ut morem paternum sequentes, saltim in tribus congruentissimis imperii vestri locis scholae publicae ex vestra auctoritate fiant, ut labor patris vestri et vester per incuriam quod absit labefactando non depereat.“ MG, Legg. I, 339. Der Vorschlag kam von der Pariser Synode.
Die Hofschule blieb jedoch bestehen, der Ire Clemens und andere Lehrer wirkten daran, und unter Karl dem Kahlen gewann sie noch einmal einen glänzenden Aufschwung. Auch die =Reichsannalen= wurden nicht unterbrochen, sondern in gleichmäßiger Weise weiter fortgeführt. Es sind die nach ihrem Fundort genannten =Bertinianischen= Annalen, deren Schreibart den amtlichen Charakter nicht verkennen läßt; wir werden auf dieselben noch später zurückzukommen haben. Alle die traurigen Vorfälle der Zeit werden hier mit möglichster Schonung berührt; der Herr Kaiser erscheint stets in seinem Rechte, aber auch gegen die Gegner, welche ja ebenfalls seinem Hause angehörten, wird anständige Mäßigung beobachtet. Im Jahre 835 übernahm der Bischof =Prudentius von Troyes= die Fortsetzung, und führte sie bis zum Jahre 861, wo der Erzbischof =Hinkmar= die Arbeit aufnahm; schon war nicht mehr der königliche, sondern der erzbischöfliche Hof zu =Reims= der wahre Mittelpunkt des Reiches. Der genaue Zusammenhang der karolingischen Reiche aber tritt in diesen Jahrbüchern noch deutlich hervor, indem auch die italienischen und die deutschen Begebenheiten sorgfältig berücksichtigt werden.
Der vornehmen Kürze der Reichsannalen treten für die frühere Zeit Ludwigs die Gedichte des =Ermoldus Nigellus=[4] zur Seite; schmeichlerische Lobgedichte, die zwar als solche kaum zu den eigentlichen Geschichtsquellen gerechnet werden können, aber doch von mancher Einzelheit uns Kunde geben, und durch ihre Schilderungen vielerlei Aufschluß gewähren über Zustände und Personen der Zeit. Aquitane von Geburt, war Ermold ein Günstling des Königs Pippin; er geleitete ihn, obwohl Mönch, auf der Heerfahrt des Jahres 824 gegen die Bretonen mit Schild und Speer: doch scherzt er darüber selbst, und sein Herr lachte ihn aus. Der Kaiser aber gab ihm Schuld, daß er Pippin verführe, und verbannte ihn deshalb nach Straßburg, wo Bischof Bernald ihn unter seine Aufsicht nahm. Hier nun schrieb er seine vier Bücher, in Distichen, über die Thaten des Kaisers, mit Ludwigs aquitanischem Königthum beginnend bis auf Heriolds Taufe 826, und es liegt in der Natur der Dinge, daß er ihm sowohl wie der Kaiserin Judith um so ärger schmeichelte, je mehr er sich seiner Verbindung mit ihren Gegnern bewußt sein mochte; er erreichte jedoch seinen Zweck nicht, und sandte deshalb noch zwei Elegien an König Pippin, deutlich Ovid nachahmend, hinter dem er doch in Sprache und Versbau unendlich weit zurückbleibt[5]. Seine Befreiung aber mag er wohl dem Siege der Verschworenen im Jahre 830 verdankt haben[6].
[4] Ausgabe von Pertz, MG. SS. II, 464-523. Migne CV, 551-640 nach Bouquet. Dümmler, Poet. Lat. II, 1-92. Verbesserungen von Traube, Karol. Dicht. S. 65. Uebersetzung von Pfund, Berl. 1856. 1889 (Geschichtschr. 18. IX, 3). Henkel: Ueber den hist. Werth der Gedichte des Ermoldus Nigellus, Progr. der höheren Bürgerschule zu Eilenburg 1876. Ebert II, 170-178. Simson, Karl d. Gr. II, 258 ff. Theilw. übers. v. Th. Reinhart im Jahrb. f. Gesch., Sprache u. Litt. Elsass-Lothr. II. 1886.
[5] Anklänge an Vergil, das allgemeine Schulbuch, fehlen natürlich auch nicht, zuerst gesammelt von Dorr, De bellis Francorum cum Arabibus gestis, Diss. Regim. 1861, p. 53-55, dann vollständiger bei Dümmler, nebst anderen, besonders auch an Theodulf u. Naso, vgl. NA. XI, 80. 554.
[6] Die früher vermuthete Identität mit einem Abt Hermold 834 u. dem Abt Ermenald von Aniane kann als beseitigt gelten; vielleicht aber war er der Hermold, der 838 als Pippins Kanzler erscheint.
Kaum minder lobrednerisch für Ludwig, als die Verse Ermolds, sind die beiden Lebensbeschreibungen, welche wir von ihm besitzen. Die eine, welche nur bis 835 reicht, ist schon zu seinen Lebzeiten verfaßt, von =Thegan= oder =Degan=, einem vornehmen Franken und Landbischof der Trierer Kirche, auch Probst des Cassiusstifts in Bonn, von welchem sonst nichts bekannt ist, als sein freundschaftlicher Verkehr mit Walahfrid und einigen anderen, den ein Paar noch erhaltener Briefe und Verse bezeugen. Er ist von ganz besonderem Eifer gegen die aus unfreiem Stande erhobenen und dann übermüthig gewordenen Bischöfe erfüllt, von denen er jedoch nur Ebo von Reims nennt; man vermuthet deshalb, daß er vielleicht in dessen Sprengel ansäßig war und persönlich von ihm zu leiden gehabt hat. Walahfrid rühmt (um 825) seine stattliche Erscheinung, seine gigantische Statur, und seine Gelehrsamkeit. Jene Schrift nun ist vielleicht durch Einhards Werk über Karl angeregt, verfolgt aber, wie es B. Simson wahrscheinlich macht, einen bestimmten politischen Zweck, indem wohl nicht ohne Absicht neben scharfem Tadel Lothars und seiner Anhänger die Verdienste Ludwigs des Deutschen sehr hervorgehoben werden. In der Form sehr unvollkommen, und größtentheils in magerer annalistischer Weise verfaßt, gewährt sie uns doch einige gute Nachrichten; der Aufgabe einer wirklichen Biographie aber konnte der Verfasser schon deshalb nicht genügen, weil er von Leidenschaftlichkeit gegen Ludwigs Gegner, vorzüglich gegen Ebo von Reims, erfüllt war, und die wahren Ursachen der Unruhen und inneren Kriege verschweigt[7]. Walahfrid freilich, ein ebenso eifriger Anhänger Ludwigs, lobt, indem er die Mängel des Ausdrucks mit der seelsorgerischen Thätigkeit des Mannes entschuldigt, gerade die Wahrhaftigkeit desselben; er theilte das Büchlein in Capitel und versah diese mit Ueberschriften, um sich und andere an den Thaten des Kaisers Ludwig, heiligen Andenkens, um so besser und häufiger erbauen zu können.
[7] Am Schluß folgen noch Nachrichten über die Jahre 836 u. 837, in welchen die Uebertragung des h. Castor nach Coblenz (daraus entnommen, doch mit richtigem Datum, Anal. Boll. I, 119, vgl. NA. XII, 603) auffallend hervortritt. Ausgabe von Pertz, MG. SS. II, 585-604. Uebersetzung von Jasmund, 1850. 1889 (Geschichtschr. 19. IX, 4). Ebert II, 359-361. Eine Erwähnung unter dem Namen =Theganbert= in der Transl. Chrysanti et Dariae a. 844; Urkk. v. 842 u. 847 NA. XIII, 154, 157, wo er Theigenbert heisst. Obitus Thegani ep. im Necrol. S. Maximini zum 20. März. Ueber Walahfrids Vorrede in derselben Kopenhagener Handschrift, welche auch dessen Vorrede zu Einhards Vita erhalten hat, s. Archiv VII, 373; im St. Galler Catal. s. IX. erscheint das Buch als ‚De bonitate Hludouuici imp. in quaternulis‘. Weidm. S. 400. Vgl. B. Simson: Ueber Thegan, Forsch. X, 325-352. Benutzt ist die Vita in der Domus Carolingicae Genealogia (SS. II, 309, vgl. Forsch. X, 338), den Ann. Lobienses und Flodoardi Hist. Remensis.
Mit geringerer Heftigkeit, doch mit nicht minderer Parteilichkeit für Ludwig, ist die zweite größere Lebensbeschreibung desselben[8] geschrieben, welche ein unbekannter Geistlicher vom Hofe bald nach dem Tode des Kaisers verfaßt hat; man pflegt ihn den =Astronomen= zu nennen, wegen einiger Bemerkungen, welche sich auf diese Wissenschaft beziehen. Tiefere geschichtliche Einsicht dürfen wir bei einem Anhänger Ludwigs überhaupt nicht suchen, und auch der Stil dieses Biographen ist entstellt durch übertriebenes Streben nach phrasenhaftem Schmuck. So hat er in dem mittleren Theile seines Werkes von 814 bis 829 fast nur die Reichsannalen ausgemalt und durch seine Schönrednerei entstellt[9]. Schätzbarer ist der erste Abschnitt, wo Ludwigs Jugendzeit nach den Erzählungen oder, wie Ebert vermuthet, nach einer schriftlichen Aufzeichnung des Mönches Adhemar geschildert ist, der mit dem Kaiser auferzogen war. Im letzten Theile endlich giebt der Verfasser aus eigener Kenntniß Nachricht von dem was er erlebt, und wenn auch seine Darstellung wenig zu loben, die Chronologie sehr verwirrt ist, so ist doch der Inhalt von großem Werthe für uns.
[8] Mg. SS. II, 604-648. Uebers. mit Thegan. Ebert II, 361-364. Ueber die Steinfelder Handschrift, jetzt Mus. Brit. 21 109, Archiv VII, 365; über die Petersburger NA. V, 221. Ueber stilistische Anklänge Manitius, NA. XI, 70-73.
[9] Zuletzt hat G. Meyer von Knonau in d. Abh. über Nithard ausführlich nachgewiesen, S. 132-135, wie der Astr. c. 23-43 die Ann. Lauriss. 814-829 benutzend sie entstellt; S. 129-132. 135, wie er c. 59-62 Nithard c. 6-8 in ähnlicher Weise behandelt hat, dessen Benutzung mir jedoch zweifelhaft ist; S. 129-132 ist die Verwirrung der Chronologie c. 54-61 beleuchtet. Für den hohen Werth des ersten Theils ist daher das Hauptverdienst Adhemar zuzuschreiben. Diesen hält Dorr, De bellis Francorum cum Arabibus gestis (Diss. Regim. 1861) p. 51, nach einer Vermuthung Giesebrechts für den wiederholt genannten Heerführer Hadhemar, der im Alter Mönch geworden sei. Allein die verschiedene Schreibart in demselben Buch, der Mangel jeder Hindeutung darauf und die Häufigkeit des Namens in Aquitanien sprechen dagegen. B. Simson, Lud. d. Fr. II, 294-301 behandelt das Werk ausführlich und vermuthet, daß es unvollständig überliefert sei. Benutzte Verse von Vergil weist Manitius nach, NA. IX, 618, andere Anklänge XI, 70-73.
Diesen Schriften reihen wir noch das Leben des Abtes =Benedict= an, des Stifters des Klosters =Aniane= († 821), der das Vertrauen des Kaisers in so hohem Grade besaß; zuletzt Abt des für ihn erbauten Klosters Inden oder Cornelimünster, wurde er zugleich Obervorsteher aller Klöster im Frankenreich, und entfaltete eine große Wirksamkeit für die Reform des Mönchswesens und Herstellung der Schulen. Sein Leben wurde ein Jahr nach seinem Tode (821) von =Ardo=, genannt =Smaragdus=, seinem Nachfolger als Abt von Aniane, in anschaulicher Weise liebevoll geschildert, mit besonders genauer Kenntniß der früheren Zeit, wie er, damals Witiza genannt, ein edler Gothe, Sohn des Grafen von Maguelonne, ein tapferer Kriegsmann, Mönch wurde und sich zuerst einer ganz übertriebenen Askese hingab, bis das Leben ihn erzog, und nun seine reformatorische Thätigkeit weithin wirksam wurde. Auch die Bekehrung des Grafen Wilhelm von Toulouse wird darin berichtet, dessen Leben später fabelhaft ausgeschmückt ist[10].
[10] Mab. IV, 1, 191. S. XV, 198-220 von Waitz. mit Exc. der Vita Willelmi monachi Gellonensis. Ebert II, 346-348. Hauck II, 528-545. Ueber das Leben des Adalhard und Wala s. unten § 16.
Ein merkwürdiges Denkmal aus dieser Zeit ist der liber manualis Dodanae, die von Dhuoda, der Witwe des Grafen Bernhard von Septimanien, im J. 841 für ihren Sohn Wilhelm verfaßten Rathschläge und Unterweisungen, woraus einst Mabillon und Baluze Auszüge gegeben haben, welche jetzt mit Benutzung einiger neugefundenen Fragmente von E. Bondurand neu herausgegeben sind[11].
[11] L'Éducation caroline. Le manuel de Dhuoda. Paris 1887.
In einer Zeit der erbittertsten Parteiungen konnte die Geschichtschreibung nicht den Charakter ruhiger, unparteilicher Schilderung bewahren, den wir in den Reichsannalen wahrnehmen; jede Erzählung nimmt eine bestimmte Farbe an nach dem Standpunkt des Verfassers, und es treten nun auch die politischen Streitschriften hinzu, in welchen die Gegner ihr Verfahren zu rechtfertigen, die Widersacher anzuschuldigen sich bemühen. Dahin gehört aus dieser Zeit namentlich das beredte Manifest des Erzbischofs =Agobard= von Lyon, welches das Auftreten der Söhne gegen ihren Vater rechtfertigen sollte[12], und von der anderen Seite die =Klage des Herrn Kaiser Ludwig=, angeblich von ihm selbst verfaßt, in Wahrheit aber doch wohl nur eine Stilübung aus dem Kloster des h. Medardus[13].
[12] Apologeticus pro filiis Ludovici Pii imp. adv. patrem, Bouq. VI, 248 u. a. m. Eigentlich zwei verschiedene Schriften, s. B. Simson I, 398. II, 67, u. als solche SS. XV, 274-279 ed. Waitz als: Libri duo pro filiis et contra Judith uxorem Lud. Pii. Er war einer der bedeutendsten theologisch-politischen Schriftsteller, und seine Schriften (ed. Baluze 1666, Migne CIV) berühren vielfach die Zeitverhältnisse. S. über ihn Baehr S. 98. 383-388. C. v. Noorden, Hinkmar S. 39. B. Simson I, 397-399. Reuter, Gesch. d. Aufklärung I, 24-41. Ebert II, 209-222. Dümmler, NA. IV, 263, und die Gedichte an ihn, Poet. Lat. II, 118. 356. J. F. Marcks, Die politisch-kirchliche Wirksamkeit A. Progr. d. Realprogym. zu Viersen 1888. Enge, De Agobardi cum Judaeis contentione, Lips. 1888. Er starb 840 Juni 6, Ann. Lugdun. MG. I, 110.
[13] Sie findet sich in der Translatio S. Sebastiani (oben S. 199), ist aber auch unter dem Titel Conquestio domni Chludovici imperatoris et augusti piissimi de crudelitate et defectione et fidei ruptione militum suorum et horrendo scelere filiorum suorum in sui dejectione et depositione patrato abgesondert überliefert. Ausg. v. Holder-Egger SS. XV, 388. -- Dahin gehört auch die gegen Ebo gerichtete, von Flodoard aufgenommene Visio Raduini, NA. XI, 262.
Den Tod des Kaisers und die darauf folgende Zwietracht beklagte in einer Elegie =Florus=, der bekannte Diakonus von Lyon[14].
[14] Querela de divisione imperii post mortem Ludovici Pii, bei Mab. Anal. I, 388, ed. II p. 413. Bouq. VII, 301. Poet. Lat. II, 559-564. Vgl. über ihn Ebert II, 268-272. Dümmler, NA. IV, 296-301. 581. 630. Poet. Lat. II, 507-566. Ueber seine Canonensammlung M. Conrat, Gesch. d. Quellen u. Litt. d. Röm. Rechts (1889) I, 253; vgl. auch NA. XI, 436.
§ 11. Der Streit der Söhne. Nithard.
Nithardi Historiarum libri IV. ed. Pertz, MG. SS. II, 649-672. Besonderer Abdruck Hann. 1839; 2. Ausg. mit neuer Benutzung der Pariser Handschrift, sonst ohne Zusatz, 1870; von Holder mit wiederholter Benutzung derselben 1880. Uebersetzung von Jasmund, Berl. 1851. 1889 (Geschichtschr. 20. IX, 5; S. 67 l. fünften statt 15). -- Die Eidesformeln jetzt auch bei Müllenhoff und Scherer S. 197 (3. Ausg. I, 231), vgl. S. 479 (II, 365). Brakelmann in Hoepfners und Zachers Zeitschr. f. d. Philol. III, 85-95. Arbois de Jubainville: Le Text Franc etc. Bibl. de l'École de chartes XXXII, 321-340. Facs. bei G. Paris: Les plus anciens Monuments de la langue Française (1875) pl. 1. Chr. Pätz, De vita et fide Nithardi, Diss. Hal. 1865. Gerold Meyer von Knonau, Ueber Nithards 4 Bücher Geschichten, Leipz. 1866, 4. O. Kuntzemüller, Nithard u. sein Geschichtswerk, Diss. Jen. 1873. Ebert II, 370-374. Die Handschrift stammt aus Saint-Magloire in Paris, Hist. Zeitschr. XXXI, 220. Delisle, Note sur le Catalogue général p. 37. Manitius, Parallelstellen, NA. IX, 618. XI, 69-73.
Wir haben schon früher gesehen, wie am Anfang des Mittelalters diejenigen Männer, welche sich durch litterarische Bildung auszeichneten, wenn sie auch ihre Bildung noch nicht der Kirche verdankten, doch zuletzt dieser sich zuwandten, und dasselbe wiederholt sich auch in Karls Zeit. Die fränkischen Ritter verschmähten jede gelehrte Bildung, und die Bemühungen Karls in dieser Beziehung blieben ohne dauernde Wirkung. Die Kirche war gar bald wieder alleinige Hüterin des Griffels und der Feder. Auch Einhard hatte sich klösterlichem Leben zugewandt, wenn er auch nicht in den geistlichen Stand getreten war, und kriegerische Waffen hatte er nie geführt. Auch Angilbert, wenn er jemals, wie man später erzählte, ein Kriegsheld gewesen war, zog doch die Kutte an; sein Sohn Nithard aber bietet uns das einzige Beispiel eines vornehmen und tapferen Streiters, der wirklich das Schwert aus der Hand legte, um auch mit der Feder die Sache seines Herrn zu vertheidigen. Freilich hat seine Rede nicht mehr den Wohlklang von Angilberts Muse; man fühlt ihr die Zeit an, wo schon über den Verfall der Schulen geklagt wird, sie ist rauh und hart, aber dafür entschädigt der tüchtige Sinn des Mannes, seine Einsicht und Kenntniß der Dinge. Daß auch seine Schrift durchaus parteiisch ist, versteht sich von einem Manne, der mitten in den heftigsten Kämpfen stand, von selbst; es konnte nicht anders sein[1].
[1] Kuntzemüller bekämpft diese Auffassung, allein es war gar nicht anders möglich und ist, da seine Wahrheitsliebe allgemein anerkannt ist, auch kein Vorwurf.
Nithard war ein eifriger Anhänger Karls des Kahlen, und theilte mit ihm alle Wechselfälle des Kriegs. Im Jahre 840 übernahm er eine Gesandtschaft an Lothar, und als diese vergeblich blieb, zog er mit Karl dem Heere Lothars entgegen; da, als sie eben im Begriff waren, in Châlons-sur-Marne einzureiten, gab Karl ihm den Auftrag, die Geschichte seiner Zeit zu schreiben, um sein Recht aller Welt darzulegen. Doch war ihm zunächst noch Nithards Schwert wichtiger, als seine Feder; am 25. Juni 841 wurde die Entscheidungsschlacht bei Fontenoy geschlagen, wo auch Nithard, wie er selbst erzählt, tapfer kämpfte. Dann griff er wieder zur Feder; im ersten Buch stellte er einleitend die Ereignisse dar, welche zu diesen Kämpfen geführt hatten, die Reichstheilungen, und die Verwirrung, welche daraus entstanden war, zweckmäßig und übersichtlich erzählt[2]. Mit Ludwigs Tode hebt im zweiten Buch die ausführliche Darstellung an; das Unrecht Lothars und die Verwerflichkeit seines Benehmens gegen die Brüder sind der vorzügliche, auch in dem an Karl gerichteten Vorwort ausdrücklich bezeichnete Gegenstand. Die Schilderung des entscheidenden Kampfes, mit dem das Buch schließt, unterbricht Nithard durch die Bemerkung, daß eben jetzt, während er schreibe[3], am 18. October desselben Jahres, die Sonne sich verfinstere. Das dritte beginnt er voll Unmuth: er habe gar nicht weiter schreiben wollen, weil es ihn schmerze und ihm zuwider sei, von seinem Volke schmähliches zu berichten; doch damit nicht etwa jemand sich erkühne, die Sachen anders zu berichten als sie sich ereignet hätten, habe er sich entschlossen, noch ein drittes Buch hinzuzufügen über dasjenige, woran er selber Theil genommen, die Verhandlungen nämlich, die ihn fortwährend in Anspruch nahmen. Mit ähnlichen Worten beginnt er auch das vierte Buch, das letzte, welches leider nur bis zum Anfange des Jahres 843 reicht; dann scheint er in sein Kloster zurückgekehrt zu sein, vermuthlich eben deshalb, weil es ihm als Laienabt verliehen war. Ich hatte früher ganz bezweifelt, daß er Abt gewesen sei, allein da die Grabschrift wirklich von dem Zeitgenossen Mico zu sein scheint, so müssen wir ihm glauben, daß Nithard kurze Zeit (paucissimis diebus sagt Hariulf) Abt gewesen und als solcher im Kampf gefallen sei. Da schon im Sept. 844 Ludwig Abt ist, so muß er vor diesem eingeschoben werden, und es mag die Vermuthung von Traube richtig sein, daß Richbod, nachdem er noch 842[4] die feierliche Erhebung Angilberts besorgt hatte, ihm den Platz hat räumen müssen, was in diesem Kloster mehrmals vorkam. Wir hören nichts weiter von ihm, als daß im elften Jahrhundert, als Angilberts Grab in St. Riquier eröffnet wurde, man darin die Leiche Nithards fand, in Salz gelegt, in dem hölzernen, mit Leder bedeckten Sarge, worin er einst vom Schlachtfelde heimgetragen war, an seinem Haupt die Wunde, welche ihm den Tod gegeben. Damals hat man ihn als Abt gemalt, und der Klosterdichter Mico verfaßte dazu ein Epitaph[5]. Als Todestag wird XVIII. Kal. Jun. angegeben, was richtiger durch Id. Mai bezeichnet wäre. Dümmler schlägt deshalb vor, Jul. zu setzen, und so kämen wir auf den 14. Juni. Merkwürdiger Weise aber ist nach Prudentius der Abt Richbodo von St. Riquier am 14. Juni 844 am Agout gefallen, und ist auch dieser ein Enkel Karls des Großen gewesen. Leider fehlt es uns an jeder zuverlässigen Nachricht zur Aufklärung dieser Verhältnisse; wenn Nithard mit ihm zugleich gefallen wäre, so muß man doch annehmen, daß er sicherlich auch hätte erwähnt werden müssen. Wir beschränken uns also darauf, das Epitaph hier mitzutheilen. Es lautet:
EPYTAFIUM.
Hic rutilat species Nithardi picta sagacis, Nomen rectoris qui modico tenuit, Eheu! quod subito in bello rapuit gemebundo Mors inimica satis seu furibunda nimis: Invidia siquidem multatus hostis iniqui, Qui primus nocuus perstitit innocuis. Astu nam belli viguit quasi fortis Asilas[6], Nec non ex sophia floruit ipse sacra. Extitit elatos rigidus mites humilisque Contra commissum pacificusque gregem. Cujus de Caroli genio[7] processit origo Nobilis ac celsa caesaris egregii. Occubuit Junii octavo decimoque Kalendas Hostili gladio: hac requiescit humo. Hos quicumque legis versus, miserere suique Dic: Animae ipsius det veniam Dominus, Jam quia sublatus terris regione locatus Sit, precibus, sancta, hocque frequens rogita. Donec e tumulo salient cineres quoque vivi, Corpore suscepto quo reparatus eat Ad loca sanctorum, fultus hinc inde maniplis Angelicis sanctis cum patribus reliquis.
[2] Gegen Pertz haben Pätz und G. Meyer v. Knonau Benutzung des Nithard beim Astronomus nachzuweisen gesucht, die mir doch noch zweifelhaft ist.
[3] Wahrscheinlich im Lager Karls zu St. Cloud, s. Funck S. 274, Dümmler, Ostfr. I, 169.
[4] Am 24. Oct. nach Meyer v. Knonau, Anm. 292, dem Traube (für den 5. Nov.) ohne Angabe von Gründen widerspricht.
[5] Jetzt auch Poet. Lat. III, 310 von Traube herausgegeben.
[6] Der in Verg. Aen. IX, 571 u. X, 175 gefeierte Held und Weissager.
[7] Diese Correctur von Dümmler statt gemino hat Traube angenommen mit Hinweis auf den ähnlichen Ausdruck im Carm. CL, 2.
Ungern trennen wir uns von diesem Büchlein, dem Werke eines wackern Kriegshelden und einsichtigen Staatsmannes, welcher so recht aus der Mitte der Begebenheiten mit Ernst und Wahrheitsliebe berichtet, was er selbst durchlebt, woran er selbst den bedeutendsten Antheil genommen hat. Unwillkürlich knüpft sich daran der Gedanke, wie ganz anders die Geschichtschreibung sich hätte entwickeln können, wenn die Laien der folgenden Jahrhunderte es nicht verschmäht hätten zu schreiben, wenn nicht die Feder ausschließlich der Geistlichkeit überlassen wäre, der wir zwar viel schöne und treffliche Werke zu danken haben, die aber mit Nothwendigkeit ihre kirchliche Auffassung in alle Verhältnisse übertrug. Wir möchten ihre Werke nicht missen, aber gar gerne hätten wir daneben auch die Stimmen einsichtiger Laien.
Doch ist Nithard nicht der einzige von den Kämpfern in der Schlacht bei Fontenoy, dessen Worte uns vorliegen; auch von Lothars Seite ist uns eine Schilderung der Schlacht erhalten in dem Klagelied jenes =Angilbert=, der, im ersten Treffen kämpfend, von Vielen allein übrig geblieben war. Voll tiefen Grames sind seine Worte, nirgends tritt uns so lebendig der bittere Schmerz entgegen über diese allzu harte Nacht, in welcher die Tapfersten gefallen sind, die Kundigsten des Krieges[8]. Die Form dieser Verse ist rhythmisch, die Sprache diejenige, welche uns schon aus der merowingischen Zeit bekannt ist, lateinisch wie es ein Romane sprechen und schreiben konnte, ohne es schulmäßig erlernt zu haben. Daher haben wir auch dergleichen Dichtungen nur aus Frankreich[9] und Italien[10], aus Deutschland nur Kunstpoesie gelehrter Geistlicher[11]. Daneben sang das Volk seine deutschen Lieder, die wohl gelegentlich erwähnt werden, die aber niemand aufschrieb. Nur der =Ludwigsleich=, gedichtet auf die Normannenschlacht bei Saucourt (881), bildet davon eine Ausnahme[12].
[8] „Ubi fortes ceciderunt, proelio doctissimi.“ Anf. Aurora cum. Gedruckt in der Octavausgabe des Nithard S. 55 f. und sonst häufig. Coussemaker, Hist. de l'harmonie (1852) 86 u. Facs. pl. I, 3. Erste vollständige Ausg. (2 neue Strophen) bei Dümmler in den philol. Abh. zu Ehren Th. Mommsens, 1877. Poet. Lat. II, 138. Die Verse fangen nach der Reihe mit den Buchstaben des Alphabets an, reichen aber nur bis P. Eine Uebersetzung mit Erläuterungen bei Meyer von Knonau S. 139, und nebst anderen im Anhang zu dessen Schrift: Die schweizerischen hist. Volkslieder des 15. Jahrh. (Zürich 1870) S. 66. Ebert II, 313.
[9] Bei Duméril, Poésies populaires Latines antérieures au douzième siècle finden sich S. 251 ein Klagelied um den Tod des Abtes Hugo 844 Hug dulce nomen (auch bei Coussemaker 92 mit Facs. pl. II, 2, Poet. Lat. II, 139; s. über ihn Sickel, Acta Karol. I, 96), S. 253 eine Klage Gotschalks in seiner Verbannung (846 oder 847 O quid jubes, Couss. 49 u. pl. II, 3; vgl. Dümmler, NA. IV, 320. Ebert II, 166), S. 255 Verse auf die Zerstörung des Klosters Montglonne oder Saint-Florent-le-Vieil durch die Bretonen 853, Dulces modos (neue Ausgabe nach dem MS. von Midlehill von Dom Pitra, Archives des Missions scientifiques IV, 182 a. 1856; Poet. Lat. II, 147), S. 266 Sigloards Klagelied um Fulko von Reims O Fulco (900). Anderer Art sind Theodulfs Oden auf Ludwig des Frommen Ankunft in Orléans und in Tours, Poet. Lat. I, 529. 578.
[10] Rhythmische Beschreibung von Verona aus Pippins Zeit, von Rather mitgebracht und nebst einem Stadtplan von Verona in eine (verschollene) Handschrift des Klosters Lobbes eingetragen, Magna et praeclara, Poet. Lat. I, 119. Traube, Karol. Dicht. S. 122-129. Verse auf K. Pippins Sieg über die Avaren 796 (Omnes gentes) in Pertz' Octav-Ausgabe von Einhards V. Caroli p. 35, Poet. Lat. I, 116. Paulinus Klage über Herzog Erichs Tod (799 Mecum Timavi) ib. p. 37, Duméril S. 241, Coussemaker, S. 87 u. Facs. pl. I, 4. Sinner, Catal. Bern. I, 148-157 mit Erläuterungen, Poet. Lat. I, 131. =Planctus Caroli= (814, A solis ortu) vermuthlich aus Bobio, bei Einhard S. 41, Duméril S. 245, Coussemaker S. 91 mit Facs. pl. II, 1, Poet. Lat. I, 435; darauf bezieht sich, wie Dümmler bemerkt, Thietm. VIII, 15, indem er den darin als Patron des Klosters angeredeten Columban für den lebenden Abt zu halten scheint. Ganz verschieden davon ist das viel jüngere oft gedr. Kirchenlied Urbs Aquensis, welches auch auf Zürich und Frankfurt angewandt ist. -- Klage um Aquileja, Ad flendos, Paulinus zugeschrieben, Poet. Lat. I, 142. Spottverse auf dasselbe, Aquilegia gloriosa, ib. II, 150. Ueber Ludwigs II Gefangenschaft (871, Audite omnes) Duméril S. 264. Poet. Lat. III, 404; ib. p. 405 sein Epitaph Hic cubat. Das Wächterlied aus Modena während der Belagerung durch die Ungarn 904 O tu qui bei Duméril S. 268; vgl. Dümmler, NA. IV, 559; Joh. Merkel NA. I, 572 hält es für älter. -- Das von Baronius auf Lothar (855) bezogene Epitaphium Caesar tantus eras ist von Dümmler NA. I, 179 auf Heinrich III bezogen, auf Lothar wieder von De Rossi, Inscriptt. christ. II, 1, 302, u. von Traube, der den Vf. für einen Nachahmer des Sedulius hält, mit Beziehung auf Poet. Lat. III, 158 u. 234.
[11] Ueber diese rhythmische Poesie überhaupt s. Ebert II, 311-328.
[12] Müllenhoff und Scherer I, 24, vgl. II, 71 ed. III, übersetzt bei Dümmler, Ostfr. III, 155. Denselben Ludwig feierte nach Mabillon in lateinischen Versen Abt Angilbert von Corbie bei Uebersendung einer Abschrift von Augustin de doctrina christiana, aber Traube hat dieselben für Angilbert von St. Riquier u. Ludwig d. Fr. in Anspruch genommen, O Roma nobilis, S. 322 ff.
Ein höchst eigenthümliches Product jener traurigen Zeiten, wo durch die Zwietracht der Brüder alle Ordnung gestört war und besonders die Kirchen fortwährender Beraubung und Mißhandlung ausgesetzt waren, wo dann auch Karl der Kahle die anfangs noch an ihn geknüpften Hoffnungen in zunehmender Weise täuschte, sind die Schriften und vorzüglich die Revelationen des =Audradus Modicus= aus dem Martinskloster zu Tours, der 847 vom Erzbischof Wanilo zum Landbischof von Sens eingesetzt wurde, im Nov. 849 aber mit seinen meisten Collegen diese Stelle wieder verlor. Im März 849 überreichte er seine gesammelten Schriften in Rom dem Pabst Leo IV, welcher sie im Archiv von St. Peter niederlegte; die angeblichen Visionen aber setzte er noch bis 853 fort. Diese nur fragmentarisch erhaltenen Schriften sind kürzlich durch neugefundene Fragmente verständlicher geworden und von L. Traube in scharfsinniger Weise erläutert; sie enthalten nicht unbedeutende Beiträge zur Geschichte der Zeit[13].
[13] Audradi Modici Carmina ed. Traube, Poet. Lat. III, 67-122. Ders. O Roma nobilis, p. 374-391, wo die Revel. gesammelt u. erläutert sind. Bedeutende Fragmente hat Albricus gerettet. S. 377, 1 l. judicat statt indicat.
§ 12. Frechulfs Weltchronik.
Wir haben oben § 10 die ersten, noch recht unvollkommenen Versuche betrachtet, die fast verlorene Verbindung mit der Vergangenheit herzustellen. Die Ereignisse der Gegenwart nahmen zunächst die Aufmerksamkeit in Anspruch und mit ihrer Aufzeichnung begann man; doch regte sich auch bald das Bedürfniß in den größeren Zusammenhang einzutreten und einen Ueberblick über die Weltgeschichte zu gewinnen. Bei der raschen Ausbildung formaler Gewandtheit konnten die in der Form noch halb barbarischen und innerlich unverarbeiteten Compilationen sehr bald nicht mehr genügen, und es ist begreiflich, daß man sich dieser großen und schwierigen Aufgabe von neuem und mit besserem Erfolge zuwandte.
Ganz anderer Art nun, als jene Compilationen, und das Werk eines wirklich bedeutenden Mannes ist die Weltchronik des Bischofs =Frechulf von Lisieux=. Unbekannter Herkunft nennt er Helisachar, den vielvermögenden Kanzler Kaiser Ludwigs[1], seinen Lehrer, und die Freundschaft, welche ihn mit Hraban verband, wird wohl schon damals geschlossen sein, als dieser zu Alcuins Füßen saß[2]. Vermuthlich aus dem Kreise der Hofgeistlichkeit wurde Frechulf auf den Bischofstuhl erhoben; in Lisieux fand er eine in tiefe Unwissenheit versunkene Herde zu weiden, und einen solchen Büchermangel, daß nicht einmal die Bibel vorhanden war. Er wandte sich deshalb an seinen Freund Hraban, seit 822 Abt von Fulda, mit der Bitte um einen Commentar zum Pentateuch, der die Erklärungen der alten Kirchenlehrer mit Beifügung ihrer Namen enthalten sollte, und Hraban erfüllte seine Bitte. Wohl bald nachher sandte der Kaiser ihn 824 an den Pabst Eugen II wegen des damals lebhaft geführten Streites über den Bilderdienst; bis 852 wird noch seine Theilnahme an verschiedenen Synoden erwähnt[3], 853 aber erscheint sein Nachfolger Eirard.
[1] Ueber diesen s. Sickel, Acta Karol. I, 86-88. Simson II, 234. Ein Brief von ihm über Verbesserung des Antiphonars NA. XI, 564-568.
[2] Daß Frechulf ein Sachse und Mönch in Fulda gewesen sei, beruht allein auf dem Trithemischen Meginfrid von Fulda, und ist, da dieser erdichtet ist, wohl nur ein Schluß aus dem Freundschaftsbund mit Hraban. Die Briefe beider enthalten aber nicht die geringste Hindeutung darauf.
[3] 852 erwähnt bei Quantin, Cartulaire de l'Yonne I, 64.
Ohne Zweifel hat Frechulf seine Verbindungen und wohl auch die Reise nach Rom benutzt, um dem Büchermangel abzuhelfen, so daß er bald im Stande war, auf Helisachars Wunsch und Antrieb mit einer für die damalige Zeit nicht unbedeutenden Gelehrsamkeit und Kunst ein Werk über die alte Geschichte zu Stande zu bringen, in welchem die ausgehobenen Stellen der benutzten Autoren zu einer ausführlichen Darstellung nicht ungeschickt verbunden sind. Zu diesem ersten Theile fügte er bald noch einen zweiten, welcher die Geschichte des römischen Reiches von Christi Geburt bis zur Vertreibung der römischen und gothischen Obrigkeiten aus Gallien und Italien und der Aufrichtung völlig selbständiger Reiche durch die Franken und Langobarden fortführt; die Geschichte der christlichen Kirche fand ihren Abschluß durch Gregors des Großen Pontificat. Diese zweite Abtheilung seines Werkes überreichte er 830 oder etwas früher der Kaiserin Judith, deren Gelehrsamkeit auch von Hraban und Walahfrid gepriesen wird[4], um davon für den Unterricht des noch zarten Knaben Karl Gebrauch zu machen. Ueberaus merkwürdig ist es, daß Frechulf hierdurch die sonst so ängstlich festgehaltene Continuität des römischen Reiches gänzlich aufgab, daß er es wagte, die neuen Reiche auf römischem Boden als etwas wirklich neues, ihre Stiftung als den Beginn einer neuen Zeit zu betrachten[5]. Nachfolger hat diese Abweichung von dem herrschenden Systeme nicht gefunden; nur Notker, der Mönch von St. Gallen (I, 1) ist kühn genug, die Bildsäule als zertrümmert, das römische Reich als vergangen zu betrachten, und Kaiser Karl als den Herrscher eines neuen Weltreichs hinzustellen.
[4] Dümmler, Ostfr. I, 41. Acrostichische Verse ihr zu Ehren bei H. Hagen, Carmina Medii Aevi p. 126-128, Poet. Lat. II, 165, von Hraban.
[5] Vgl. Büdinger, Hist. Zeitschrift VII, 115. Ebert II, 381-381. Die gründlichste Untersuchung über Frechulfs Werk mit genauer Analyse desselben nach den von ihm benutzten Quellen hat Emil Grunauer aus Winterthur gegeben in seiner Diss. de fontibus historiae Frechulphi ep. Lixoviensis, 1864. Frechulph und Frechulf ist die Schreibart der ältesten und besten (St. Galler) Handschrift, aus welcher hier nebst Facs. die in den Ausgaben fehlenden Capitel mitgetheilt sind. Sein Todestag (October 8. Frehholfi. ep.) im Würzb. Necrol. ed. Dümmler, Forsch. VI, 117. Eine unvollständige und dem Julius Florus zugeschriebene Hs. in Avranches 2428, s. Ravaisson, Rapport sur les bibl. de l'Ouest (1841) p. 20; die Widmung an Judith S. 361. Vgl. unten §. 20 über die Translatio Ragnoberti. -- Die von Fr. Haase im Breslauer Ind. lectt. hiem. 1860 gedruckte Widmung einer Abschrift des Vegetius an einen König (wiederholt Veget. ed. Lang p. XXIII) kann doch wohl nur von Frechulf sein, nach den Worten: post libros ab inicio mundi usque ad regna Francorum in Gallia a parvitate mea congestos ex hagiographorum sive gentilium historiis, und das wird, wie Dümmler bemerkt, durch übereinstimmende Ausdrücke bestätigt. Der König ist dann Karl der Kahle. Vgl. auch Dümmler, Ostfr. I, 404, und in Haupts Zeitschr. XV, 451, wo 443 bis 450 ein von Hraban für Lothar, wahrscheinlich II, im J. 855 verfaßter Auszug aus Vegetius, mit einigen Notizen über fränkische Sitten, mitgetheilt ist. Den lebhaften praktischen Gebrauch des Vegetius bezeugt auch Salimbene S. 197.
In dem herkömmlichen Geleise blieb auch =Ado=, Erzbischof von Vienne († 874), der Verfasser des Martyrologiums, welcher sich auch an einer Weltchronik versuchte[6]. Er verband zu diesem Zwecke mit der Chronik des Beda Auszüge der gewöhnlichen Quellen, die er jedoch stilistisch zu einer zusammenhängenden Erzählung überarbeitete. Den Faden für die Verbindung des Ganzen gab ihm die Folge der Kaiser; an Constantin und Irene knüpft sich unmittelbar Karl der Große, dann Ludwig, Lothar, Ludwig II: so wird der Gedanke der Einheit des römischen Reiches durchaus festgehalten. Die Erhebungen der Söhne gegen Ludwig den Frommen erscheinen nur als unberechtigte Revolutionen; dann wird Karl der Kahle als trefflicher und weiser Regent gepriesen, alle aber überstrahlt die Hoheit des Pabstes Nikolaus. Es ist die Geschichte vom Standpunkte der Autorität und der vorgefaßten Meinungen, der sie so lange beherrscht hat und eine unbefangene Auffassung der Ereignisse unmöglich machte.
[6] Auszüge, und von 814 an vollständig MG. SS. II, 315-323; die beiden unbedeutenden Fortsetzungen S. 324. 325. Eine weitere, ebenfalls unbedeutende Fortsetzung aus dem elften Jahrhundert S. 326. Die erste Fortsetzung ist großentheils entnommen aus der kurzen Francorum Regum historia 840-869, fortgesetzt bis 885 (gedr. MG. II, 324. 325) u. aus den Ann. Floriacenses; benutzt von Folcuin im Chartul. Sith. nach B. Simson, Ludw. d. Fr. I, 192 Anm. 8. Series episcoporum Vienn. ed. Waitz, SS. XXIV, 811, wo auch die früher ausgelassenen Stellen aus Ado über die ältesten Vienner Bischöfe nachgetragen sind. -- Ebert II, 384.
Auch eine Volksgeschichte der Franken liegt uns vor, wahrscheinlich aus dem Jahre 816, die einem übrigens unbekannten =Erchanbert=, doch ohne genügende Sicherheit, zugeschrieben wird[7]. Doch ist kein großer schriftstellerischer Ruhm daran zu verlieren oder zu gewinnen; sie beruht ganz und gar auf den Gesta Francorum, und der angehängte Schluß ist über alle Maßen dürftig; nur die sagenhafte Erzählung über die Beseitigung des letzten Merowingers zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich, weil sie uns zeigt, wie früh sich eine, der Wirklichkeit nicht entsprechende, stark kirchlich gefärbte Auffassung ausbildete.
[7] Erchanberti Breviarium Regum Francorum ed. Pertz, MG. SS. II, 327; nur der letzte Theil ist abgedruckt nach Ussermann. Uebers. bei dem Mönch von St. Gallen. Die Handschrift (MG. Legg. I, 267. III, 9) ist jetzt in Stuttgart Cod. Jur. qu. 134, s. Haenel in den Berichten der K. Sächs. Ges. d. Wiss. 1865.
Die =Localgeschichten=, welche später zu so bedeutender Entwickelung gelangten, zeigen sich in dieser Zeit noch kaum in ihren ersten Anfängen. Wir erwähnten schon des Paulus Diakonus Geschichte der Bischöfe von Metz; außerdem ist nur noch die Geschichte der Aebte von =St. Wandrille= zu nennen[8], bis zum Jahre 833, mit einer Fortsetzung bis zum Jahre 850. Sie enthält mancherlei merkwürdiges, z. B. über Einhards Stellung als Aufseher der königlichen Bauten, und ist besonders ausführlich über die Thätigkeit des Abtes Ansegis, jenes bedeutenden Mannes, dessen Capitulariensammlung so großes Ansehen gewann.
[8] Gesta abbatum Fontanellensium, ed. Pertz (nach Dachery) MG. SS. II, 270-301, nebst einem Fragmentum Chronici Font. 841-859 S. 301 bis 304. Ebert II, 377. Nach der lange vermißten Hs. im Hâvre neue Ausg. von S. Loewenfeld, Hann. 1886; vgl. dens. Forsch. XXVI, 193-215, u. über die Mängel der Ausg. Holder-Egger, NA. XVI, 602-606. Ueber das Verhalten zu Fredegars Fortsetzern Breysig, Karl Martell, S. 114 u. oben S. 203. Im Münchener historischen Jahrbuch 1865 von P. Roth benutzt, um seine Ansicht über die Säcularisation unter den Karolingern zu unterstützen. Auch die der Vita S. Wandregisili (oben S. 107) angehängten Miracula (Mab. II. 547. Acta SS. Jul. V, 281) von verschiedenen Verfassern bis nach 895 fortgeführt, sind nicht unwichtig; Ausz. SS. XV, 1, 406-409.
§ 13. Deutschland unter den Karolingern. Reichsannalen.
Mit dem äußersten Widerstreben hatten die deutschen Stämme sich der Herrschaft der Franken unterworfen, welche von ihrer niederrheinischen Heimath aus sowohl am Oberrhein wie am Main festen Fuß faßten und in größeren Massen sich ansiedelten, während einzelne Herren dieses herrschenden Stammes überall im ganzen Lande zu finden waren. Mit ihnen kam die fremde, römische Kirche, und die rein deutsche, ureigne Entwickelung wurde durch das Uebergewicht der fremden Bildung erdrückt. Doch ist es fraglich, ob wir überhaupt berechtigt sind, hier von einer Entwickelung zu sprechen; so lange wir von den Deutschen Nachricht haben, ist eine solche, wo sie unberührt blieben, kaum wahrzunehmen, und gerade das am spätesten unterworfene sächsische Heidenthum ist völlig starr und jeder Veränderung widerstrebend; das waren Zustände, die ungestört viele Jahrhunderte ohne merkliche Entwickelung fortbestehen konnten.
Gewaltsam wurden die Schwaben, Baiern, Sachsen dem Frankenreiche einverleibt; aber nachdem bei ihnen die Kirche durch Bonifatius sicher gegründet und durch Karls feste Hand auch über Sachsen ausgebreitet war, nahmen sie nun auch an dem Leben innerhalb derselben, an der Entwickelung aller der durch Karl gelegten und gepflegten Keime, den lebhaftesten selbstthätigsten Antheil. Als das große Reich zerfiel, hatte diese Pflanzung bereits so tiefe Wurzeln bei ihnen geschlagen, daß die Trennung keinen nachtheiligen Einfluß darauf äußerte; auch blieb ja die Einheit der Kirche, welche die einzelnen Glieder schützte gegen das Schicksal jener alten, in ihrer Vereinzelung verkommenden Gemeinden der irischen Glaubensboten.
Ludwig dem Deutschen fehlte es nicht an Bildung[1]; er fand Freude und Geschmack daran und scheint namentlich auch, wie sein Vater, den Wunsch gehabt zu haben, den Deutschen das Christenthum durch Werke in der Volkssprache näher zu bringen. Ihm selber glaubt man die Aufzeichnung des deutschen Gedichtes vom Jüngsten Tage in einer ihm gewidmeten Handschrift zuschreiben zu dürfen[2]; ihm übersandte auch Otfrid um 865 sein Evangelienbuch. Nicht minder nahm aber auch Ludwig, wie sein Vater und seine Brüder, lebhaften Antheil an den Fragen und Untersuchungen, welche die gelehrten Theologen seiner Zeit beschäftigten, in so eingehender Weise, wie es nur bei der gründlichen Schulbildung der Karolinger möglich war. Der Erzbischof Adalram von Salzburg (821-836) übersandte ihm die Abschrift einer Predigt des heiligen Augustin, dieselbe, welcher die eben erwähnten deutschen Verse beigefügt sind; ein Priester Regimar mehrere Schriften des h. Ambrosius[3]. Besonders aber stand er in lebhaftem Verkehr mit Hraban, der ihm mehrere seiner Werke theils aus eigenem Antriebe, theils auf ausdrückliche Aufforderung des Königs überreicht hat; im Prolog zum Daniel erwähnt er peritissimos lectores an seinem Hofe[4]. Auch zu der Unterredung mit seinem Bruder Karl im Jahre 865 führte Ludwig den Bischof Altfrid von Hildesheim mit sich und benutzte die Anwesenheit des gelehrten Hinkmar, um diesen beiden Männern einige schwierige Stellen der heiligen Schrift zur Erklärung vorzulegen. Dadurch veranlaßt, verfaßte Hinkmar seine Auslegung des 17. Verses des 103. Psalmes, welche er dem Könige übersandte[5]. Auch fehlte es am ostfränkischen Hofe wohl nicht ganz an einer Hofschule für die vornehmen Jünglinge, welche nach alter Sitte dort sich auszubilden suchten. Erzkanzler war von 829-833 der gelehrte Abt Gozbald von Nieder-Altaich, welcher später (841-855) das Bisthum Würzburg erhielt. Ihn nennt Ermanrich von Ellwangen seinen Lehrer, vorzüglich aber kann er nicht Worte genug finden zum Preise des weisesten der Lehrer, des Erzkaplans Grimald, der noch an Karls Hofe gebildet war, man sagte sogar, daß er noch Alcuins Unterricht genossen habe, dann in der Reichenau höhere Ausbildung suchte, und von 833 bis 870, wenngleich nicht ohne Unterbrechung, der Kanzlei, bald auch der Kapelle Ludwigs vorstand. Mit drei Abteien, Weissenburg, St. Gallen und Ellwangen[6] bedacht, hielt er sich doch noch immer vorzüglich am Hofe auf, wo die wichtigsten Geschäfte ihm anvertraut wurden. Er war ein Neffe des Erzbischofs Hetti von Trier, und der Bruder von dessen Nachfolger Thietgaud[7]. Zu den bedeutendsten Gelehrten der Zeit stand er in freundschaftlichen Beziehungen; so übersandte Hraban ihm sein Martyrologium mit einer poetischen Widmung[8], und nie versäumte Grimald über den Staatsgeschäften die Pflege der Wissenschaft. Veranlaßt war Hraban zu jenem Werke durch Ratleik, einst Einhards Schreiber, dann dessen Nachfolger als Abt von Seligenstadt und von 839 bis 853 Kanzler an Grimalds Stelle[9]. Auch Witgar, Abt von Ottobeuern, der von 858-860 Kanzler war, dann Bischof von Augsburg wurde, zeichnete sich durch Liebe zu gelehrten Studien aus; nicht minder auch Grimalds Nachfolger Liutbert, der Erzbischof von Mainz[10].
[1] S. Dümmler, Ostfr. II, 417 ff.
[2] Schmeller, Muspilli, München 1832. Wackernagel, Litteraturgesch. S. 56. Vgl. über die vermuthlich auch ihm gewidmete Wiener Handschrift 552 von Karajan in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie XXVIII, 311. Ein wahrscheinlich 850 an ihn gerichtetes theol. Gutachten NA. XI, 457.
[3] Cod. S. Galli 98. S. Dümmler, Ostfr. II, 418. Poet. Lat. II, 480.
[4] Kunstmann, Hrabanus Maurus, S. 212.
[5] Dümmler II, 418. Wenn dieser S. 434 die Existenz einer Hofschule für Laien schon unter Ludwig bestreitet, so ist zuzugeben, dass kein Zeugniss davon vorhanden ist; doch möchte ich glauben, dass für die dem König commendierten Jünglinge einiger Unterricht nicht gefehlt haben wird.
[6] Fast zweifellos nach Bossert, Württemb. Vierteljahrshefte 1889, S. 142-144.
[7] In der Grabschrift seiner Tante Warentrudis, Aebtissin von Pfalzel. Schwester Hetti's, heißt es von Thietgaud: „Cujus germanus vir clarus in omnibus extat, Nomine Grimaldus, ore et honore potens.“ Poet. Lat. II, 661.
[8] Dümmler, Poet. Lat. II, 169; St. Gall. Denkmale (Mitth. der Antiqu. Ges. XII, 6) S. 215; S. 248-250 über Gozbald und Grimald oder Grimold, und über diesen Ostfr. I, 92. II, 434-438. Die Bedenken von L. Delisle, Sacram. p. 258, gegen die ihm beigemessene Fortführung des Sacram. scheinen mir nicht begründet.
[9] An ihn ist eine zweite Widmung gerichtet, verbess. Abdr. Forsch. XXV, 198, vgl. Dümmler, Ostfr. II, 432. Auch Lupus von Ferrières war mit ihm in litterarischem Verkehr, ep. 60 ed. Bal. und sein Epitaph von Hraban (ib. p. 398; Poet. Lat. II, 240) erwähnt, daß er die Schreiber unterwieß und daß er jung starb.
[10] Dümmler. Ostfr. II, 438. Rethfeld, Urspr. d. Fuld. Ann. S. 36.
Allein der Königshof war doch nicht mehr wie in Karls Zeit der Mittelpunkt aller litterarischen Bestrebungen, welche sich nun vielmehr an die Orte anschlossen, wo die bedeutendsten Lehrer der Zeit wirkten, und namentlich bei dem bald nachher eintretenden Verfall des Reiches kann man es nur als eine glückliche Entwickelung betrachten, dass diese Studien in voller Unabhängigkeit an den verschiedensten Orten feste Wurzeln getrieben hatten. Naturgemäß verbreiteten sie sich im ganzen Reiche, erblühten bald hier bald da zu reicher Entfaltung, und folgten so derselben Richtung der Vereinzelung und Absonderung, welche im deutschen Reiche sich überall und immer von neuem geltend macht. Daher ergiebt sich denn auch die Betrachtung nach landschaftlichen Gruppen als die einzige für die deutsche historische Litteratur anwendbare.
Aber wie überhaupt die Zeit der deutschen Karolinger sich aufs genaueste den Zuständen des Frankenreichs anschließt, so finden wir auch unter Ludwig und seinen Söhnen noch eine Fortsetzung der alten Reichsannalen. Denn wenn auch die =Annalen von Fulda=[11] aus einem Kloster hervorgegangen sind und diesen localen Ursprung nicht verleugnen, so umfaßt doch auch ihr Gesichtskreis das ganze Reich, und die Klostergeschichte erscheint ganz als Nebensache. Die Verfasser müssen in naher Verbindung mit dem Hofe gestanden, unter dem Einfluß desselben geschrieben haben, wenn sich auch kein Zeugniß dafür beibringen läßt; sie zeigen sich außerordentlich gut unterrichtet und beobachten auch als officielle Reichshistoriographen dieselben Rücksichten, welche schon in den Fortsetzungen des Fredegar und in den Lorscher Annalen wahrzunehmen sind. Uebrigens haben sie vortrefflich geschrieben in jener schon an Karls Hofe festgestellten Weise; dieselbe, in ruhiger Würde völlig objectiv gehaltene Darstellung, von Jahr zu Jahr fortschreitend, mit der deutlichen Absicht, der Nachwelt Kunde von den Ereignissen zu hinterlassen und zugleich ihr Urtheil zu bestimmen. Nicht jedes Jahr ist daran geschrieben, aber doch immer ziemlich bald nach den Ereignissen, und deshalb haben wir an ihnen eine unschätzbare Quelle ersten Ranges, bei der wir nur die Absichtlichkeit der Darstellung nicht außer Acht lassen dürfen. Die Form ist anspruchslos, und doch muß man bei näherer Betrachtung die Kunst anerkennen, welche dazu gehörte, in diesen wirren Zeiten alles im Auge zu behalten, sich durch Nebensachen nicht abwenden zu lassen, und mit knapper Beschränkung das Wichtigste übersichtlich zusammen zu stellen.
[11] Annales Fuldenses ed. Pertz MG. SS. I, 337-415. Neue Ausg. von Fr. Kurze. Hann. 1891, vgl. dessen Abh. NA. XVII, 83-158. Uebersetzt von Rehdantz, Berl. 1852; 1889 (Geschichtschr. 23. IX, 8). Spuren von Benutzung der Ann. Fuld. 769 bis 814 im Cod. E der angelsächs. Chronik nachgewiesen von R. Pauli, GGA. 1866, S. 1416. Zum Sprachgebrauch M. Manitius, NA. XI, 68. 73. Die Fulder Fortsetzung der Laur. min. bis 817 ist oben S. 205 erwähnt, die Ann. Fuldenses antiqui S. 150. Eine schon um 830 in Fulda entstandene Compilation, welche im Anschluss an eine Vermuthung von Waitz H. Lorenz wegen der Uebereinstimmung der Ann. Hersfeld, mit Marianus Sc. annimmt, ist, wie G. Buchholtz, HZ. LXV, 141, bemerkt, unwahrscheinlich, weil sich in d. Ann. Fuld. keine Spur davon findet, und deshalb eher mit Kurze eine Arbeit des 10. Jh. anzunehmen.
Ein allem Anschein nach fuldischer Mönch war es, der zuerst die Aufgabe übernahm, die 829 abgebrochenen Königsannalen für Ludwigs Reich weiter zu führen. Er besaß jedoch dieselben, wie es scheint, nicht vollständig, sondern wie in der Wiener Handschrift 612 (hist. prof. 989, cod. 6 bei Pertz) nur von 771 an; dazu die Laurissenses minores von 714 an und die Sithienses 741 bis 823. Gewiß war es wünschenswerth, hieraus ein übersichtliches Handbuch zusammen zu stellen, und zu diesem Zwecke empfahlen sich ihm vorzüglich die Sithienses durch ihre knappe und nicht incorrecte Form: die für ihn nothwendige Aufgabe, die alten Lorscher Annalen zugleich zusammen zu ziehen und ihrer rohen Gestalt zu entkleiden, war hier bereits erfüllt; nur für den Anfang hatte er es noch nachzuholen. Der übergroßen Kürze und Dürftigkeit wurde durch Zusätze aus der kleinen Lorscher Frankenchronik, von 771 an überwiegend und bald ausschließlich aus den Reichsannalen abgeholfen; diesen vertraut er sich nun ganz an, ohne doch bis 823 die Führung der Sithienses völlig zu verlassen. Als weitere Quellen weist Kurze sowohl die von ihm construirte Chronik bis 796, wie die nach Saint-Denis benannte Compilation bis 805 nach, der vielleicht schon eine Fortsetzung sich anschloß; auch die Annales Bertiniani zieht er heran. Aus der Translatio SS. Marcellini et Petri (826 und 828) ist einiges zugesetzt[12]; vorzüglich aber verfehlte er nicht, die Hausgeschichte seines Klosters mit Hülfe der alten Annalen in die Reichsgeschichte zu verflechten. Die wenig reichhaltige Fortsetzung bis 838 berührt jedoch nur die allgemeinen Angelegenheiten, aber von einer Einwirkung des Hofes ist noch nichts zu spüren, ein eigenes Urtheil nur leise angedeutet. Der Verfasser hatte wohl nur die Belehrung seiner Klosterbrüder im Auge, und nachdem einmal die völlig ausgebildeten Annalen vorlagen, mußte auch ohne einen äußeren Antrieb überall, wo man eine Abschrift besaß, der Wunsch sich geltend machen, diese werthvolle Quelle wichtiger Belehrung weiter zu führen. Für diese Zeit und in einem Kloster von hervorragender Bedeutung war eine solche Arbeit auch für Mönche nicht mehr zu schwierig.
[12] B. Simson bemerkt Ludw. d. Fr. II, 300 mit Recht, daß die vorhandenen Anklänge an den sog. Astronomus nicht auf Benutzung desselben beruhen können, weil er jünger ist.
Das Verhältniß zu den Annales Sithienses, wie es hier angenommen ist, beruht auf dem von B. Simson gegebenen Nachweis, daß den Annales Sithienses gerade alles dasjenige fehlt, was die Annales Fuldenses wörtlich den Laurissenses minores entnommen haben, da doch unmöglich angenommen werden kann, daß gerade alle diese Zusätze bei einem Auszuge weggelassen wären; zugleich weist der Zusatz zu der Notiz über die Rinderpest 810 auf einen Zeitgenossen im letzten Theile[13].
[13] Vgl. Waitz in Pertz Archiv VI, 739. Simson, Ueber die Ann. Enhardi Fuld. und Ann. Sithienses, Jenaer Habilitationsschrift 1863. Waitz, Gött. Nachr. 1864, N. 3. Simson, Forschungen IV, 575. Waitz, Forsch. VI, 653. Nachr. 1873, S. 587-599. Simson, Ludw. d. Fr. I, 400-404. Waitz, Forsch. XVIII, 354-361. Simson ib. S. 607-611. Bernays, Zur Kritik karol. Ann. S. 109 ff. Simson, Karl d. Gr. I, 655. Holder-Egger NA. XIV, 206. Eine Anzahl abgerissener Sätze ist wörtlich wiederholt in den Ann. Blandinienses.
Ich sehe mich hier leider wieder genöthigt, wie schon in den früheren Ausgaben, von dem sonst immer so schwerwiegenden Urtheil von Waitz abzuweichen, obgleich sich derselbe Forsch. XVIII, 354 ff. speciell an mich gewandt hat, um mich von der entgegengesetzten Sachlage zu überzeugen. Es war auch bei mir nicht etwa eine aus Simsons Paralleldruck hervorgegangene „Täuschung des Auges“; ich hatte mir vielmehr selbst den Text der Fulder Annalen für diesen ganzen Abschnitt in seine Elemente zerlegt, und war dadurch zu demselben Resultate gekommen, welches Simson gewonnen hat, und welches durch Is. Bernays von neuem mit großer Schärfe begründet ist. Die Ueberspringung so vieler sicher aus den Lauriss. min. entnommener Stellen in den Sithienses scheint mir unleugbar, und mit der Annahme, daß diese aus den Fuldenses excerpirt wären, unvereinbar. Die vorhandenen Schwierigkeiten müssen deshalb auf andere Weise erklärt werden, wie es in mehreren Fällen Bernays mit Erfolg versucht hat. Fr. Kurze, welcher sich diesem Standpunkt durchaus angeschlossen hat, vermuthet die Benutzung einer besseren und vielleicht etwas reichhaltigeren Handschrift, welche auch weiter fortgesetzt sein konnte. Uebrigens ist die ganze Frage sachlich ohne Bedeutung.
Die =Annales Sithienses= haben diesen Namen nur deshalb erhalten, weil sie von Mone in einer Handschrift des Klosters Sithiu oder Saint-Bertin entdeckt und daraus veröffentlicht sind[14]. Locale Beziehungen aber fehlen durchaus. Sie beginnen mit Königsnamen von 548 bis 726; von 741 bis 823 liegen fortlaufende Reichsannalen vor, von welchen schon Mone richtig bemerkte, daß sie anfangs zum Theil auf den Ann. Petav. beruhen, übrigens aber durchgehende Verwandtschaft mit den Ann. Lauriss. und Einhardi zeigen. Der Text schwankt zwischen beiden Texten. Das aber, und der Anklang an verschiedene andere Quellen wird von Kurze zurückgeführt auf die Benutzung der oft erwähnten Compilation bis 796. Der Auszug ist nicht ohne Geschick gemacht, aber sehr dürftig, so daß der Fulder Annalist, wie bereits erwähnt, aus anderen Quellen sich reicheren Stoff verschaffte.
[14] Anzeiger für Kunde der teutschen Vorzeit (1836) V, 5-11. Neue Ausg. von Waitz SS. XIII, 34-38.
Ueber die kühnen Hypothesen Dünzelmanns glaube ich jetzt weggehen zu dürfen, da seine Ansicht von einer Theilung der Annales Fuldenses in einen schon um 793 verfaßten und einen späteren Theil widerlegt wird durch die zweifellose Benutzung der Lauriss. min. und den von Waitz geführten Beweis, daß diese erst um 806 verfaßt sind.
Ueber den Verfasser dieser Annalen nun werden wir belehrt durch eine Randnote in dem um 900 geschriebenen Schlettstadter Codex zum Jahre 838: hucusque Enhardus. Daß hiermit kein anderer gemeint ist, als der berühmte =Einhard=, können wir als sichergestellt betrachten; ein Mönch Enhard ist weder in den Fulder Todtenannalen noch im Reichenauer Nekrolog zu finden. Für seine Autorschaft hat sich nun in bestimmtester Weise Kurze erklärt[15], indem er sich besonders darauf stützt, daß zum Jahre 836 in das Itinerar des Kaisers die Angabe eingeschoben ist, derselbe sei „ad sanctos Marcellinum et Petrum“ gekommen. Darum müßten die Annalen in Seligenstadt geschrieben sein. Allein ich denke, der Ruf dieser Heiligen und ihrer Wunderthaten müßte damals weit verbreitet und auch in Fulda wohlbekannt gewesen, der Besuch des Kaisers auch da als sehr denkwürdig erschienen sein. Deshalb erscheinen mir Pückerts (S. 158) Gegengründe gegen die Fulder Ueberlieferung doch überwiegend, die Abfassung nur in Fulda selbst anzunehmen. Und daß derselbe Mann nun auch noch die Ann. Sithienses für seine Genter Mönche verfaßt haben sollte, damit scheint mir ihm wirklich zu viel zugemuthet zu werden. Sieht man in ihm den Verfasser der großen Reichsannalen, so kann man vollends diese annalistische Vielgeschäftigkeit nicht glaubhaft finden.
[15] NA. XVII, 133-138.
Von der Fortsetzung der Annalen war schon längst erkannt worden, daß sie nicht aus dem Kloster Fulda herstammen können, obgleich der Verfasser der ersten Fortsetzung (838-863) =Rudolf= uns als Mönch des Klosters bekannt ist; wir werden noch auf ihn zurückkommen. Er ist aber so sehr in die Denkweise, die Gesichtspunkte und Absichten des Hofes eingeweiht, so gleichmäßig unterrichtet über die wichtigeren Begebenheiten in allen Theilen des Reiches, daß ein näheres Verhältniß zum König nicht zu verkennen ist; er stellt denselben stets in das günstigste Licht, und zählt z. J. 858 sich selbst zu den „consiliorum regis conscii“. Aber andererseits findet sich doch keine Spur eines Aufenthaltes am Hofe, etwa der Zugehörigkeit zur Kanzlei, und wir finden ihn auch später wieder im Kloster. Hatte nun schon Duchesne bemerkt, daß Einige den Mainzer Ursprung dieser Annalen behaupten, und in der That tritt die Beziehung zu Mainz oft sehr stark hervor, so hat doch erst A. Rethfeld in seiner scharfsinnigen Abhandlung[16] die richtige Lösung gefunden. Nachdem eine Urkunde vom 27. Jan. 849 (Mühlb. 1350), worin Rudolf vom König als sein Beichtvater, zugleich aber auch als Vorsteher der Schule zu Fulda bezeichnet ist, schon längst als unecht beseitigt war, zeigen uns die Urkunden des Klosters, daß Rudolf in denselben zwar häufig vorkommt, aber nur bis 841. Unzweifelhaft, dürfen wir wohl sagen, hat er in der Folgezeit sich lange auswärts aufgehalten, und es ist höchst wahrscheinlich, daß Hraban 847 bei seiner Erhebung zum Erzbischof ihn nach Mainz mit sich nahm. Aber für die Zwischenzeit fehlt jeder Anhalt. Kurze hat jedoch auf den Bericht der Annalen von dem Aufenthalt K. Ludwigs 838 in Frankfurt hingewiesen, welcher schon auf eine vertrauliche Beziehung hindeutet: es scheint, daß Rudolf selbst anwesend war, und schon damals nach der löblichen Sitte der älteren Könige den Auftrag erhielt, Reichsannalen zu schreiben. Durch seine gelehrte Bildung, einen lateinischen Stil, der sich mit Einhard wohl vergleichen läßt, und eine besonnene und billige Denkweise war er dazu besonders geeignet; möchten wir allerdings gern sehr viel mehr von ihm erfahren, so darf man nicht vergessen, daß seine Aufgabe eine knappe und übersichtliche Darstellung, verbunden mit vorsichtiger Discretion erforderte. Setzte nun sein Aufenthalt am erzbischöflichen und öftere Berührung mit dem königlichen Hofe ihn in den Stand, vielerlei Nachrichten zu erfahren, so mag ihm doch oft auch die Ruhe zur Ausarbeitung gefehlt haben, denn man brauchte seine Feder auch für andere Aufgaben; nicht jedes Jahr schrieb er seine Fortsetzung, und Kurze hat wahrscheinlich gemacht, daß er gerade, wenn er sich einmal wieder in Fulda aufhielt, seine Notizen sorgfältig ausgearbeitet hat, so 853, wo er die seit 849 gelassene Lücke ausfüllte. Zuletzt 860 zog er sich, wohl durch seine Kränklichkeit veranlaßt, ganz nach Fulda zurück.
[16] Ueber den Ursprung des 2., 3. u. 4. Theiles der sog. fuldischen Annalen v. 838-887, Hall. Diss. 1886. Vgl. dazu Fr. Kurze, NA. XVII, 138-146.
Vermuthlich von dem Fortsetzer rühren die Randnoten her, welche Enhard und Rudolf als Verfasser der früheren Theile nennen; ihn selbst kennen wir nicht, aber es ist höchst wahrscheinlich, daß es =Meginhard= war, der auch Rudolfs anderes unvollendetes Werk vollendete und mit einer gleichlautenden Randbemerkung versah. Die Gegengründe von Pertz sind durch Rethfeld und Kurze widerlegt. Er schrieb ganz in derselben Weise und in demselben Geiste, wie sein Vorgänger, wenn auch mit geringerer Kunst des Ausdrucks, gleichmäßig die Reichsgeschichte nach allen Richtungen verfolgend, auch nicht minder beflissen, die Könige in günstigem Lichte erscheinen zu lassen. Einen merkwürdigen Gegensatz bildet daher eine, wie es scheint, besondere Aufzeichnung, nicht das Fragment eines größeren Werkes, über Ludwigs des Jüngeren Krieg gegen die Söhne Ludwigs des Stammlers, welches Boehmer auf dem letzten Blatt einer aus Augsburg stammenden Handschrift saec. IX. in München fand[17]. Daß Meginhard in Mainz seine Annalen geschrieben hat, ist vollkommen klar; 869 erscheint er zuletzt in den Urkunden von Fulda; 870 wurde der Erzbischof Liutbert Erzkaplan, und damals wird er Meginhard den Auftrag gegeben haben, die Annalen, welche seit Rudolfs Tod liegen geblieben waren, fortzusetzen. Er besorgte zu dem Zweck eine Abschrift von Rudolfs Werk, worin drei Stellen geändert, die nach Rudolfs Tod 864 und 865 in Fulda gemachten Zusätze freier überarbeitet sind, und verfaßte nun den Bericht, über die Zwischenzeit, welcher dürftig und lückenhaft, auch nicht fehlerfrei ausgefallen ist; dann aber schrieb er von Jahr zu Jahr und zeigt sich vollkommen gut unterrichtet. Liutberts Persönlichkeit steht durchaus im Vordergrunde, allein als 882 Ludwig der Jüngere starb, behielt Karl III seinen früheren Erzkaplan Liutward, und Liutbert mußte zurücktreten; das Original der noch immer als königlich betrachteten Reichsannalen wird abgegeben sein. Nun besorgte sich Meginhard, von dem wir wohl als erwiesen ansehen können, daß auch die weitere Fortsetzung von ihm ist, eine Abschrift, in welcher fünf größere Stellen geändert sind (Red. II. bei Kurze), und schrieb weiter, jetzt aber ohne alle höfische Rücksicht, mit scharfem Tadel des Königs und seiner Räthe, vorzüglich Liutwards. Im Jahre 887 wurde dieser gestürzt, aber auch Arnulf hatte schon seinen Erzkaplan, den Erzbischof Theotmar von Salzburg, und Liutbert wurde wieder in den Hintergrund gedrängt. Da ist die Mainzer Annalistik erlahmt; Meginhard selbst starb 888 und im folgenden Jahr auch Liutbert.
[17] Cod. lat. Monac. 3851. Gedr. MG. SS. III, 159.
Aber auch Karl blieb bei dem alten Herkommen, und auch er fand einen Historiographen, der sich kein tadelndes Wort über den Kaiser entschlüpfen läßt, und ihm schließlich seine Belohnung im Himmel anweist. Auch die Absetzung des Kaisers wird von ihm noch mit loyalem Unwillen berichtet, Arnulf jedoch mit großem Geschick geschont, und von dem Augenblicke seiner Erhebung an tritt dieser in die gebührende Stellung des rechtmäßigen Königs ein. Der Verfasser, dem bei dem raschen Verfall der Schulen bereits alles Gefühl für grammatische Correctheit abhanden gekommen ist, muß dem Hofe nahe gestanden haben, seine Heimath aber scheint =Baiern= zu sein. Ueber dieses Land sind seine Nachrichten ausführlich und genau, die Mährer trifft sein leidenschaftlichster Haß. Ungeachtet der rohen Sprache, der Mangelhaftigkeit der Darstellung, wird doch von ihm, und den 897 eintretenden Fortsetzern, so lange Arnulf lebt, die Würde der Reichshistoriographie ungemindert aufrecht gehalten. Man versuchte sogar auch unter dem Kinde Ludwig in alter Weise fortzufahren, allein bei der rasch überhand nehmenden Zerrüttung verschwand auch diese Erbschaft aus dem Reiche des großen Karl, und mit dem Jahre 901 erlischt die Fackel, welche bis dahin unserem Wege so treulich leuchtete. Adam von Bremen hatte eine bis 911 reichende Handschrift, führt jedoch aus dem letzten Theile nichts mehr an.
Dieser letzte Theil ist uns nur in einer aus dem Kloster Niederaltaich stammenden Handschrift erhalten, welche von 897 ab Autograph zu sein scheint. Hier hat merkwürdigerweise der ältere Theil eine ganz besondere Beschaffenheit (Red. III), indem die ursprüngliche Aufzeichnung Rudolfs, welche vielleicht nach Kurze's Vermuthung bei einem Besuch des Klosters Fulda im August 897 dem Hofe bekannt geworden war, mit der 2. Redaction verbunden ist, so daß wir an einigen Stellen nur hieraus den alten Text erkennen können. Da diese Handschrift Pertz noch unbekannt war, konnte mit Hülfe derselben Fr. Kurze seine Ausgabe auf einer besser gesicherten Grundlage ausarbeiten.
§ 14. Fulda, Hersfeld, Mainz.
Kunstmann, Hrabanus Magnentius Maurus, Mainz 1841. Rettberg I, 370-374. 605-633.
Die litterarische Thätigkeit der Mönche zu Fulda beschränkte sich nicht auf die Reichsannalen; sie ist umfangreich genug, um einen eigenen Abschnitt in Anspruch zu nehmen, und die Bedeutung des Klosters für die Anfänge gelehrter Bildung auf deutschem Boden ist so groß, daß wir auch seiner Geschichte eine etwas umständlichere Betrachtung widmen müssen.
Die Gründung Fuldas wurde veranlaßt durch Bonifaz, welcher sich seine Ruhestätte dort erwählte, und wohl auch noch bei Lebzeiten sich dahin zurückgezogen hätte, wenn nicht schon früher die Märtyrerkrone ihm zu Theil geworden wäre. In schmuckloser, aber ausführlicher Erzählung wird uns mit anmuthiger Schlichtheit die Geschichte der ersten Gründung berichtet in dem Leben des ersten Abtes =Sturmi=, der, von Geburt ein Baier, schon als Jüngling Bonifaz übergeben, in Fritzlar von Wigbert unterwiesen war, und nach dreijähriger Wirksamkeit als Pfarrer, von der Sehnsucht nach dem klösterlichen Leben in der Einsamkeit ergriffen wurde. Bereitwillig förderte Bonifaz sein Streben, und sandte ihn, nachdem in Fulda die neue Stiftung begründet war, nach Italien, um an der Quelle die rechte Einrichtung des Klosterlebens kennen zu lernen; er hielt sich deshalb längere Zeit in Montecassino auf[1], welches als des Abendlandes Mutterkloster von fränkischen Pilgern häufig aufgesucht wurde. Unter königlichen und päbstlichen Schutz gestellt und bald auch durch den Leib des hochverehrten Apostels der Deutschen geheiligt, gewann das Kloster Fulda rasch eine kräftige Entwickelung und nahm zu an Glanz und Reichthum. Sturm vertheidigte, nach manchen Wechselfällen doch zuletzt mit glücklichem Erfolge, die Freiheit und Unabhängigkeit des Stiftes gegen den Erzbischof Lull; sein Nachfolger =Baugulf= (779-802) schmückte es mit Bauwerken, und erst jetzt begann auch das wissenschaftliche Leben in seinen Mauern sich zu entwickeln, obwohl es an einer Schule von Anfang an nicht gefehlt hatte. Alcuin hat damals Fulda besucht, und Karls berühmtes Rundschreiben über die Nothwendigkeit gelehrter Bildung für die Geistlichen ist uns gerade in der an Baugulf gerichteten Ausfertigung erhalten; er ist es auch, der Einhards glückliche Anlagen früh erkannte, und ihn deshalb an des Königs Hof sandte. Die ältesten Fulder Annalen (oben S. 150) beginnen mit angelsächsischen Namen und in ihren Handschriften begegnen uns die Schriftzüge der Angelsachsen; es kann nicht ohne günstigen Einfluß geblieben sein, daß diese höher gebildeten Mönche gerne bei den Reliquien ihres gefeiertsten Landsmanns weilten, und auch gelehrte Schotten fanden sich schon bald, des alten Gegensatzes ihrer Kirche vergessend, an Winfrids Grabe ein, wie Probus, der Freund des Lupus und Walahfrids. Baugulfs Nachfolger =Ratgar= (802-817) sandte die fähigsten Mönche seines Stiftes zu den berühmtesten Lehrern der Zeit, Hraban und Hatto nach Tours zu Alcuin, Brun zu Einhard, Modestus nebst mehreren anderen zu dem Schotten Clemens[2]. Vielleicht schon dieser Zeit gehört der =Johannes Fuldensis didasculus= an, welcher in ungeschickten Versen als grämlicher Alter gegen den Heiden Vergil eiferte und dagegen des Arator christliches Gedicht pries[3].
[1] Ruodolfi V. Liobae c. 10. Libellus supplex § 10.
[2] Catalogus abbatum in Böhmers Fontes III, 162; MG. SS. XIII, 272. Clemens wird als Lehrer an Ludwigs des Frommen Hofe erwähnt, er widmete in recht guten Versen dem jungen Lothar ein grammatisches Werk, Grammatici Lat. ed. Keil I p. XXI; cf. Dümmler, Ostfr. II, 649, Hauréau, Singularités p. 23. Keil, de grammaticis quibusdam latinis inf. aet. (Erlanger Univ.-Progr. 1868), p. 9-17. Dümmler, NA. IV, 258; Poet. Lat. II, 670.
[3] MG. Poet. Lat. I, 392. Trithemius nennt als Schüler Hrabans (Vita I, cap. 3): „Joannes monachus Fuldensis, patria Francus orientalis, poeta et musicus insignis; qui et plura scripsit et cantum ecclesiasticum primus apud Germanos varia modulatione composuit.“ Angef. v. Gerbert, De cantu et musica sacra I, 282. Leider eine ganz unzuverlässige Quelle. -- Caspar Barth, Advers. l. XXXII, c. 12, col. 1486, führt die Verse an: „Felicitatis regula Hac fine semper constitit“ von einem Fulder Mönch =Erinfrid= „a. 806 ut vita ejus testatur“. Die Hs. „e bibl. Martispurg.“ enthielt „alia talia“ u. Briefe. Leider habe ich keine weitere Spur davon finden können.
Es zeigt sich uns hier der Gegensatz, in welche die der Geistlichkeit zu ausschließlicher Pflege überwiesene Gelehrsamkeit zu dem ursprünglichen Zweck des Klosterlebens trat, und nicht minder litt die stille Beschaulichkeit desselben durch den fürstlichen Hofhalt, den Fremdenverkehr, die Unruhe und den Lärm der Bauten. Ratgar warf man ungemessene Baulust, Härte und Hoffart vor; heftige innere Zerwürfnisse waren die Folge[4], und der Frieden kehrte erst wieder, als 817 Ratgar abgesetzt wurde. Es war das Jahr, in welchem der Kaiser sich ernstlich der Reform der Klöster annahm und auf der Aachener Versammlung die Kapitel verordnete, welche lange Zeit fast gleiches Ansehen mit der Regel selber genossen. Zwei westfränkische Mönche, Aaron und Adalfrid, führten diese Reform auch in Fulda ein; als sie sich hinlänglich befestigt hatte, erlaubte der Kaiser eine neue Wahl, und =Eigil= übernahm die Leitung des Stiftes. Dieser, den wir aus Einhards Briefen als dessen Freund kennen lernen, war noch ein Schüler Sturms; ein Baier, wie er, und sein Verwandter, war er schon als Kind nach Fulda gebracht und der Klosterschule übergeben: über 20 Jahre hatte er unter Sturms Zucht gelebt, und in dankbarer Erinnerung schrieb er das Leben seines Meisters[5], auf Bitten der Angildruth, vielleicht einer Nonne von Bischofsheim, dem ebenfalls von Bonifaz gestifteten großen Nonnenkloster. Die Sprache Eigils ist nicht frei von Germanismen, sie trägt noch den Stempel der älteren, vor Alcuins Wirksamkeit liegenden Zeit. Doch verletzt sie nicht mehr durch die groben Fehler der merowingischen Zeit, und reichlich entschädigt für die Mängel des Stils der einfach fromme Sinn des Mannes, seine ansprechende und ungesuchte Erzählung dieser Begebenheiten, welche er theils noch selbst erlebt, theils aus dem Munde der älteren Brüder und seines Meisters erfahren hatte. Nach seiner Anordnung wurde diese Legende jährlich an Sturms Gedenktage (17. Dec.) während der Mahlzeit den Mönchen vorgelesen.
[4] Libellus supplex Monachorum Fuldensium, Carolo Magno Imperatori porrectus. Broweri Antt. Fuld. p. 212. Schannat, Cod. Probb. p. 84. Mab. IV, I, 260-262. Vgl. über diese Vorgänge B. Simson, Lud. d. Fr. I, 371 bis 374. Die S. 373 Anm. 9 angef. Stelle des Libellus kann ich aber nur darauf beziehen, daß keine Acte weltlicher Gerichtsbarkeit und kein Marktverkehr auf dem Klosterplatz stattfinden sollen. Die Worte des Cod. Fuld. Ann. Lauriss. min. a. 807: ‚Aufugiunt pueri puerorum et pessime custos Consiliis pravis‘ sind, wie Simson bemerkt, vielleicht aus einem verlorenen Gedicht.
[5] Vita S. Sturmi ed. Pertz MG. SS. II, 365-377. Bei Migne CV, 421-444 nach Mabillon. Uebersetzt von W. Arndt mit dem Leben des heiligen Bonifatius; von K. Schwartz mit beachtenswerthen Erläuterungen in 2 Fulder Programmen, 1856 und 1858. Ebert II, 104-106. Die vermißte Bamberger Hs. ist in Würzburg, Arch. VII, 109.
Das Leben des zweiten Abtes =Baugulf= schrieb, durch Eigil veranlaßt, =Bruun=, mit dem Beinamen =Candidus=, wohl derselbe, den Ratgar zu Einhard gesandt hatte, noch in seiner ersten, guten Zeit, als er erst kürzlich in wunderbarer Einigkeit von den Brüdern zum Abt erwählt war, wie Bruun berichtet. Leider ist dieses Leben Baugulfs verloren[6]; erhalten aber ist uns das =Leben Eigils=[7], von demselben Verfasser auf Hrabans Veranlassung geschrieben, als dieser noch Abt war, also vor 842. Der Verfasser war schon hochbetagt, 845 ist er gestorben. Er befand sich auf einer einsamen Pfarre, und Hraban hatte ihn ermahnt, sich im Lesen zu üben und etwas Nützliches zu schreiben. Die Lebensbeschreibung ist nicht ohne Geschick verfaßt, und wenn auch nicht fehlerfrei, lässt sie doch in der anspruchsvolleren Form den Schüler Einhards wohl erkennen. Besonders gelungen ist die sehr lebensvolle Schilderung der Bewegung, welche die Abtswahl im Kloster hervorruft; die Ansichten und Aeußerungen der verschiedenen Wortführer werden in der gewöhnlichen Umgangsprache wiedergegeben, und ein Kampf der Meinungen und Wünsche, wie er sich ohne große Veränderungen noch heutiges Tages bei solcher Gelegenheit beobachten läßt, stellt sich uns mit großer Lebendigkeit dar. Darauf versucht sich der Verfasser in langen Reden, die man nun einmal nach dem Vorbilde des Alterthums als nothwendig betrachtete, wenn man schön schreiben wollte, Reden des Kaisers und des Erzbischofs von Mainz, in denen Bruun die Betrachtungen niedergelegt hat, zu welchen ihn Ratgars Amtsführung und die dadurch hervorgerufenen Wirren veranlaßten. Zu Grunde gelegt sind hier nach Eberts Ansicht wirkliche Ansprachen des Kaisers. Der Verfasser sagt es im Vorwort, und auch, daß er sie so, wie sie gehalten wurden, doch nicht wiederzugeben vermöge. Vollkommen zutreffend hat aber dagegen Waitz bemerkt, daß eine solche Rede voll gelehrter Citate der Kaiser nicht halten konnte, daß ferner Bruun nicht zugegen und Jahrzehnte seitdem vergangen waren. Den Hauptinhalt dessen, was er dann von Eigils eigener Thätigkeit berichtet, bilden wiederum dessen Bauten, namentlich die noch jetzt stehende achteckige Rotunde, die uns wieder an die Freundschaft mit Einhard erinnert; Bruun, Einhards Schüler, nahm selbst an diesen Arbeiten Theil: die Apsis über dem Grabe des h. Bonifaz hatte seine Hand mit Gemälden geschmückt.
[6] Waitz bezweifelt, ob es überhaupt vollendet war. Vgl. O. Cl. Th. Richter: Wizo u. Bruun, 2 Gelehrte im Zeitalter Karls d. Gr. und die ihren gemeinsamen Namen Candidus tragenden Schriften, Progr. d. Leipz. städt. Realgymn. 1890.
[7] Vita Eigilis, Broweri Sidera Germaniae, Schannat, Cod. Probb. 88 bis 114. Daraus Mab. IV, 1, 217-246; Migne CV, 381-422. Waitz (nur die Prosa) SS. XV, 221-233, aber auch ohne handschriftliche Hülfsmittel. Uebers. v. Grandaur 1888, Geschichtschr. 25 (IX, 10). Ebert II, 330. In der Würzb. Bibliothek ist eine von Bruun geschriebene Regula S. Benedicti, Forsch. VI, 119.
Der prosaischen Biographie schließt sich eine zweite in Hexametern an, welche früher geschrieben zu sein scheint[8]; der Inhalt ist fast ganz derselbe, und die Form giebt ein neues Zeugniß von der im früheren Mittelalter so sehr verbreiteten Fertigkeit in dieser Kunst, deren wir schon bei Karls Zeitgenossen häufig zu gedenken hatten. In jeder Schule bildete die Hebung im Versemachen einen stehenden Theil des Unterrichts, und dadurch entstand die Vorliebe für die poetische Einkleidung, die so oft dem inneren Gehalte nachtheilig geworden ist.
[8] Auch bei Dümmler, Poet. Lat. II, 94-117.
Zugeeignet hat Candidus oder Bruun sein Werk dem =Modestus=, oder mit deutschem Namen Reccheo, der die Unthaten des Ratgar, des Einhorns, welches in die fromme Herde eingebrochen war, durch beigefügte Zeichnungen noch anschaulicher machte; leider ist die Handschrift verloren und wir kennen nur die Abbildungen in Brauers sehr dankenswerthem Buch[9].
[9] Daraus wiederholt bei Jul. v. Schlosser: Eine Fulder Miniat. Hs. d. Hofbibl. Jahrb. d. kunsthist. Sammlungen d. A. H. Kaiserh. XIII. mit Studien über die Fulder Kunstschule.
Am 15. Juni 822 starb Eigil; ihm folgte sein Freund =Hraban=, der bis dahin der Klosterschule vorgestanden hatte, einer der größten Gelehrten seiner Zeit[10], dessen Ruhm sich schon durch das ganze Frankenreich verbreitet hatte. Man bewunderte namentlich auch seine Verse, obgleich sie gegen diejenigen mancher Zeitgenossen sehr zurückstehen, arm an Inhalt sind, und voll von grammatischen und metrischen Fehlern, wie man sie bei ihm nicht erwarten sollte, voll auch von Plagiaten, die er u. a. auch an seinem Lehrer Alcuin verübt hat. Er war ein Schüler Alcuins; Ratgar hatte ihn, wie oben erwähnt, nach Tours gesandt, nachdem er im Jahre 801 zum Diaconus geweiht war[11]; und kurze Zeit genügte, um ein warmes Freundschaftsband zwischen ihm und dem allverehrten Lehrer zu knüpfen. Alcuin nannte ihn Maurus nach dem Lieblingsjünger des heiligen Benedict, und nach seiner Heimkehr schrieb er ihm einen Brief, in welchem er erwähnt, dass er einst (olim) eine Schrift unter seinem und seines Mitschülers Samuel Namen verfaßt habe[12]: sehr bald darauf (19. Mai 804) muß Alcuin gestorben sein. Mit Hatto, seinem Nachfolger als Abt, damals seinem Mitschüler in Tours, noch erfüllt von Verehrung gegen Alcuin, der auf dem Widmungsbild für den h. Martin segnend neben ihm steht, verfaßte Hraban in seinem dreißigsten Jahr sein Werk zum Preise des h. Kreuzes, dessen versbildliche Spielereien im Mittelalter viel bewundert wurden. In Prachthandschriften schickte er es dem Pabste, Erzbischof Otgar u. a. und es haben sich deren mehrere erhalten[13]. Als Alcuin ihm zuletzt schrieb, stand Hraban bereits der Klosterschule in Fulda vor, welche nun eine Pflanzstätte gelehrter Bildung für ganz Deutschland wurde, denn ungestört durch die Bedenklichkeiten seines alternden Lehrers erklärt Hraban in seiner Schrift de institutione clericorum auch das Studium der heidnischen Autoren für unentbehrlich zum Verständniß der heiligen Schrift; bei Lupus und in den Annalen von Fulda findet sich nach Vogel zuerst wieder nach langer Zeit Bekanntschaft mit den Schriften Sallusts, welche jetzt einen rasch wachsenden Einfluß auf den Stil gewannen[14]. Auch durch die Ungunst der Zeiten unter Ratgar wurde die Schule nur theilweise in ihrer segensreichen Wirksamkeit gehemmt. Fuldische Mönche finden wir bald in den angesehensten Stellungen; so wurde Baturich (817-848) Bischof von Regensburg und Erzcaplan, Haimo (840-853) Bischof von Halberstadt; Hrabans Schüler war Otfrid, der Mönch von Weißenburg, mit seinen Gefährten Werinbert und Hartmut aus St. Gallen[15]. Einhard sandte ihm den Vussinus, den er seinen Sohn nennt, doch vielleicht nur in kirchlichem Sinn; Alderich, Abt von Ferrières, später (829-841) Erzbischof von Sens[16], den =Lupus=, der später als Abt von Ferrières im Sprengel von Sens einen großen Namen gewann, und von dem eine Briefsammlung[17] voll reicher Belehrung sich erhalten hat; auf seine Bitte schrieb Hraban ein Collectarium in epistolas Pauli. Auch Frechulf von Lisieux war mit Hraban befreundet, doch vermuthlich schon seit seiner Lehrzeit in Tours (oben S. 217). Ermanrich von Ellwangen übersandte seinem Lehrer Rudolf, der Hraban zur Seite stand, das von ihm verfaßte Leben des heiligen Solus. Vor allem aber glänzt unter Hrabans Schülern Walahfrid, der Abt von Reichenau, der bald selbst das Haupt einer neuen Schule wurde. Auch Bernhard, der unglückliche König von Italien, war ihm zur Erziehung übersandt worden. Nicht zu den unbedeutendsten Schülern des Hraban gehört endlich auch der Mann, der ihm und der ganzen Reichsgeistlichkeit in der Folge so viel zu schaffen machte, der Mönch Godschalk, der ungeachtet seines Standes den Muth hatte, eine unabhängige Ueberzeugung auszusprechen und zu verfechten[18].
[10] Kunstmann I. l. Wackernagels Litteraturgeschichte S. 52. Bach, Hrabanus Maurus der Schöpfer deutschen Schulwesens, Zimmermanns Zeitschrift für Alt. II, 636. Ebert II, 120-146. Hauck II, 562 ff. Will, Regesten d. Mainzer Erzbb. I, p. XIX-XXIV. Opera ed. Colvener. 1627. Migne CVII-CXII. Seine Gedichte, unter denen manche von geschichtlicher Bedeutung, gab Chr. Brower 1617 als Anhang zum Venantius Fortunatus; daraus schöpften die Späteren; jetzt Poet. Lat. II, 154-258. Vgl. NA. IV, 286-294. 581. Dümmler, Ostfr. I, 315-320. 404-410. Allg. D. Biogr. XXVII, 66-74. Derselbe über eine verschollene =Fuld. Briefsammlung= des neunten Jahrhunderts, Forsch. V, 369-395 (Nachtr. XXIV, 421-425), eine Sammlung der von den Magd. Centuriatoren erhaltenen Fragmente einer wichtigen Fuldischen Briefsammlung von c. 818 bis 870. S. auch oben S. 219 über Vegetius. -- Ueber die von Koeberlin bekannt gemachte Würzb. Hs. seines Comm. zum Matthaeus s. L. Traube, NA. XVII, 458. Ueber seine Briefe an Hinkmar Schepss, NA. XI, 130.
[11] Dieses Datum der Ann. Laur. min. in der Fulder Handschrift stimmt gut zu seiner Absendung durch Ratgar, denn daß dieser schon 802 Abt wurde, müssen wir doch wohl den Ann. Fuld. und ant. Fuld. glauben, und also in den Urkunden bei Dronke S. 100. 101 vom 1. und 5. Mai 803, welche noch Baugulf nennen, einen Fehler annehmen; sie sind aus dem Elsaß, wo man vielleicht den Wechsel noch nicht erfahren hatte. Ebert glaubt annehmen zu müssen, daß er schon vorher lange Zeit bei Alcuin gewesen sei.
[12] Daß dieser Brief an Hraban gerichtet sei, beruht freilich auf Vermuthung, s. Bibl. VI, 876. Sicher an ihn ist gerichtet der Brief Frob. 111, Bibl. VI, 801, mit Jaffé's Anmerkung. Samuel wird, was Dümmler jetzt selbst vorzieht, der unter diesem Namen vorkommende Erzbischof Beornrad von Sens ein. Hraban richtet (Poet. Lat. II, 188) mehrere Gedichte an den Presb. Samuel, seinen sodalis. Das mag der Abt von Lorsch, 841 Bischof von Worms sein, der, wie Pf. Falk bemerkt, im Chron. Lauresh. „a puero ibidem educatus“ heißt, und ohne Grund für Fulda in Anspruch genommen ist. Er starb nicht 859, wie Schannat nach den Urkunden Reg. Kar. 773, 774, 777 annahm, aber die Urkk. sind unecht, s. Sickel, Wiener SB. XXXVI, 396. Das Chron. Lauresh. hat 855, Ann. Fuld. steht die Notiz am Rande bei 856 am Ende des Jahres, Ann. necrol. cod. 2 (SS. XIII, 177) 856. Als Todestag wird der 6. u. 7. Feb. bezeichnet.
[13] S. die oben angef. Abh. von J. v. Schlosser, mit schönen Abbildungen. Er hält Hatto für den ausschmückenden Künstler.
[14] Fr. Vogel, Acta sem. Erlang. II, 416. Manitius, NA. VII, 197, sucht auch bei Einhard die Bekanntschaft nachzuweisen.
[15] Von den beiden letzteren ist es freilich zweifelhaft, ob sie auch in Fulda waren. Otfrid bezeichnet als seinen Lehrer, vielleicht in Fulda, auch Salomon I von Constanz, s. Dümmler, Formelbuch Salomons III, S. 138. Vgl. auch Meyer v. Knonau, Die Beziehungen O.'s zu St. Gallen, Forsch. XIX, 187-191.
[16] Er war Lehrer der Hofschule unter Ludwig dem Frommen nach seiner Vita, Mab. IV, 1, 568-575. Acta SS. Jun. I, 753-758. Vgl. oben S. 154 und Sickel, Acta Kar. I, 84.
[17] Servati Lupi Opera ed. Baluzius, Par. 1664, Antv. 1710. Lettres de Servat Loup. Texte, notes et introd. par Desdevises du Dezert, Paris 1888 (Bibl. de l'École des hautes ét. T. 77). Er verfaßte 836 auf den Wunsch des Abts Bun von Hersfeld die Vita Wigberti (s. unten). Ferner 839 auf Bitten des Abts Waldo (wahrsch. von Schwarzach im Straßb. Sprengel, der 861 entsetzt wurde, 869 als Abt von St. Maximin vorkommt) die Vita S. Maximini. Er war Jugendfreund des Abts Hilduin von Saint-Denis, ep. 97 (über dessen V. Dionysii s. Ebert II, 348). Nach der Rückkehr aus Deutschland wurde er 837 Sept. 22 durch die Kaiserin Judith dem Kaiser vorgestellt, 842 erhielt er nach Odo's Absetzung die Abtei Ferrières und ist nach 861 gestorben. Nach ep. 93 hat er K. Karl Imperatorum gesta brevissime comprehensa überreicht, wobei er vorzüglich auf Trajan und Theodosius hinweist. Vgl. Dümmler, NA. IV, 314. Ebert II, 203-209. Sprotte, Biographie des S. L. Regensb. 1880. Ueber die Vermuthung Langens, der ihm den Ps. Isidor zuschreibt, s. NA. VIII, 412. Ueber seine philologischen Studien L. Traube, Münch. SB. 1891, S. 389 ff. Sein und Haimons Schüler war Herich von Auxerre.
[18] S. über ihn Dümmler, Ostfr. I, 327-336. 405-409. NA. IV, 320. Ebert II, 166-169.
Wie glückliche Erfolge für das eigene Kloster Hrabans Wirksamkeit hatte, haben wir schon an den Verfassern der Annalen gesehen. Unter seinen eigenen Werken sind keine geschichtliche, wenn man nicht etwa das schon früher erwähnte Martyrologium so bezeichnen will; wohl aber enthalten seine Vorreden, Widmungen[19] und Gedichte viele schätzbare Nachrichten über sein Kloster und über seine mitstrebenden Zeitgenossen, und mehrere seiner Schriften stehen in Verbindung mit den Zerwürfnissen der kaiserlichen Familie. Nach Eigil wurde er Abt des Stifts; da er aber dem Kaiser Ludwig treu ergeben, Lothar befreundet war[20], verließ er 842 sein Kloster, wo statt seiner Hatto, genannt Bonosus, einst sein Mitschüler in Tours, erwählt wurde, und widmete sich nun ungestört seinen wissenschaftlichen Arbeiten, die ihm ohnehin mehr zusagten. Mit den Fuldern blieb er in freundschaftlichem Verkehr, und söhnte sich bald auch mit König Ludwig aus, der ihn gegen seine Neigung nach Otgars Tod zum Erzbischof von Mainz (847-856) erhob. Wie diese Beförderung den Reichsannalen zugute gekommen ist, haben wir oben schon gesehen.
[19] Ein Bericht von ihm über die am 1. Nov. 819 vollzogene Einweihung der Fulder Kirche steht in Broweri Antiq. Fuld. p. 110-112; vgl. NA. IV, 260, 290.
[20] Ihm widmete er sein Werk über Jeremias; ein auf Anordnung des Abts Majolus von Cluni geschriebenes Exemplar ist im Brit. Mus. Add. 22,820, nach Zangemeister, Wiener SB. LXXXIV, 530. Catal. p. 739. Facs. in Libri's Mon. inédits pl. XVI. Verse an die Kaiserin Irmingard vor dem Commentar zu Judith u. Esther u. Begleitbrief des letzteren e cod. Darmst. 749, Poet. Lat. II, 167. Lothar II widmete er ein Gegenstück gegen die 'Coena Cypriani' zur Uebung für Schulzwecke, wo alle Anspielungen auf den Kreis der h. Schrift beschränkt sind, ed. H. Hagen 1884 in Hilgenfelds Zts. f. wiss. Theol. XXVII, 164-187; vgl. NA. IX, 657. Auch der Verf. der Visio Caroli (oben S. 188) beruft sich auf eine Mittheilung Hrabans.
In hohem Grade theilte Hraban das eifrige Streben der deutschen Geistlichkeit, den an solchen Schätzen noch armen Boden dieses Landes mit Gebeinen der Heiligen zu bereichern; die italienischen Reliquienkrämer hatten an ihm ihren besten Kunden. Seit alter Zeit bewahrte Fulda den Leib der heiligen =Lioba= oder =Leobgyth=; diesen ließ Hraban nach dem Petersberge bringen, und veranlaßte schon vorher =Rudolf=, ihr Leben zu beschreiben[21]. Ihm standen dazu die Aufzeichnungen des fünf Jahre vorher (831) verstorbenen Priesters Mago zu Gebote, welche die Erzählungen von Schülerinnen der Heiligen enthielten. Anderes hatte sich noch in mündlicher Tradition erhalten. Leobgyth war eine Verwandte des Bonifaz, und von ihm aus England berufen, um in dem Kloster Bischofsheim (oben S. 137) einen Mittelpunkt geistlicher Belehrung für Nonnen zu errichten; auch ihnen waren die lateinische Sprache und mancherlei andere Kenntnisse unentbehrlich zum Verständniß der heiligen Schriften und des Gottesdienstes. Rudolfs Nachrichten geben daher eine erwünschte Ergänzung für die Kenntniß von der Wirksamkeit des Bonifaz; später war Leobgyth auch mit der Königin Hildegard befreundet. Diese Nachrichten sind nun verbunden mit einer Fülle von Wundergeschichten; so wenig in Rudolfs Annalen der kirchliche Standpunkt hervortritt, so sehr zeigt er sich hier von der die Zeit beherrschenden Richtung erfüllt. In noch höherem Grade tritt das hervor in seiner Schrift über die Wunder der unter Hraban nach Fulda gebrachten Reliquien[22], welche auch einige geschichtliche Nachrichten enthält, übrigens aber eine Fülle jener sich immer und überall in ermüdendster Eintönigkeit wiederholenden Wundergeschichten, welche nur durch die Namen der Personen und Ortschaften und gelegentliche Angaben über Sitten und Gebräuche der Zeit einigen Werth erhalten. Die Zeit der berichteten Geschichten fällt in die Jahre 835 bis 838; geschrieben ist das Buch zwischen 842 und 847, als Hraban in seiner Zelle auf dem Petersberge lebte; vielleicht jedoch etwas später, da die Schilderung von Hrabans litterarischer Thätigkeit daselbst im letzten Capitel im Praeteritum gehalten ist, und der letzte Schluß fehlt.
[21] Rudolfi Vita S. Leobae, ed. Waitz, SS. XV, 118-131. Sie starb nach dem Necrol. Fuld. (SS. XIII, 167) am 23. Sept. 780, nach d. Vita am 28. Sept. u. wird urkundlich noch 782 als lebend erwähnt. Im Auszug übersetzt von W. Arndt hinter der V. Bonifatii. Zell, Lioba u. die frommen angels. Frauen, Freib. 1860. Hahn, Bonifaz u. Lull, S. 131 ff.
[22] Schannat, Cod. Probb. p. 117-132 aus Browers Antiquitates Fuldenses, der einzigen Originalausgabe, da die Handschrift verloren ist. Unter dem falschen Titel V. Rabani auch bei Mab. IV, 2, 1. Acta SS. Feb. I, 500. SS. XV, 328-341, von Waitz, als Miracula Sanctorum in Fuldenses ecclesias translatorum.
Dieses Werk Rudolfs war es wohl, welches Waltbraht, den Enkel Widukinds, der im Jahre 851 den Leib des h. =Alexander= von Rom nach Wildeshausen brachte, zu dem Wunsche und der Bitte veranlaßte, daß Rudolf auch diesen Gebeinen eine ähnliche Schrift widmen möchte[23]. Aber erst, als er im Alter sich wieder in sein Kloster zurückzog, kam er zur Ausführung. Die Art, wie er diese Aufgabe erfaßte, zeigt seinen geschichtlichen Sinn; erfüllt davon, daß hauptsächlich diese Uebertragungen von Reliquien das Christenthum unter den Sachsen ausbreiteten und befestigten, ging er zurück auf die alte Heidenzeit, um zu zeigen, von welchen Irrthümern das Volk durch die Einführung des Christenthums befreit sei. Er begann mit einem kurzen Abriß der Stammsage, die Widukind von Corvey ausführlicher erhalten hat; dann aber entlehnt er die näheren Angaben über Glauben und Sitten der Sachsen aus der Germania des Tacitus[24]. Das ist ein guter Beweis für die gelehrten Studien der Fuldischen Klosterschule; zugleich aber ist es auch charakteristisch für Rudolf nicht allein, sondern für die mittelalterlichen Gelehrten überhaupt, daß er in Fulda, wo doch noch kürzlich das Hildebrandslied aufgeschrieben war, über das sächsische Heidenthum nichts aus eigener Kunde und Beobachtung mittheilt, sondern sich genau an die Worte des Tacitus hält.
[23] Translatio S. Alexandri ed. Pertz, SS. II, 673-681. Uebers. von Richter, 1856, 2. Ausg. 1889 (Geschichtschr. 21. IX, 6). Vgl. dazu R. Wilmans, Kaiserurkunden der Prov. Westf. I, 388 ff. Ohne Grund verdächtigt von Wetzel: Die Tr. Al. Kiel 1881, aber mit einem wichtigen Nachtrag zum Text; vgl. NA. VII, 228 u. Waitz, GGA. 1831, Juni. -- Ein Brevier saec. XV. viell. aus Wildeshausen, NA. XV, 208.
[24] Die einzige nachweisbare Benutzung derselben im Mittelalter, nach Waitz, Forsch. X, 602.
Rudolf fügte noch eine kurze Uebersicht der Bezwingung der Sachsen durch Karl den Großen nach Einhard hinzu; dann rief ihn der Tod am 8. März 865 ab von dem wohlangelegten Werke. In den Annalen ist ihm ein kurzer Nachruf gewidmet, wo er als Historiker und Dichter gefeiert wird, und man vermuthet, daß auch der Maler Rudolf, dessen Werk Hraban in einem Epigramm rühmt, kein anderer gewesen ist. Die Fortsetzung des begonnenen Werkes übernahm sein Schüler =Meginhard=. Die Taufe Widukinds, mit der Rudolfs Erzählung abbricht, gab diesem den Uebergang auf dessen Enkel Waltbraht, der, an Lothars Hofe erzogen, sich mit vollem Eifer dem Christenthume zuwandte, und um das Christenthum in Sachsen besser zu befestigen, auszog, um aus Rom Reliquien zu holen. Die Empfehlungsbriefe, welche ihm Kaiser Lothar mitgab, hat Meginhard vollständig aufgenommen, hält sich dann aber bei den Vorfällen der Reise nicht lange auf, sondern geht bald zu seinem eigentlichen Gegenstande, den Wundern, über. Eine zweite Schrift ähnlicher Art, über den heiligen =Ferrutius= und dessen Uebertragung von Castel nach Bleidenstadt, nördlich von Wiesbaden, durch den Erzbischof Lull[25], ist eine Predigt und hat deshalb einen ganz überwiegend erbaulichen Charakter; eine große Fülle von Phrasen verdeckt den Mangel an geschichtlichem Inhalt, der nur aus den Inschriften von Bleidenstadt stammt.
[25] Sermo de S. Ferrutio, bei Surius zum 28. October, Acta SS. Oct. XII. 538-542. Exc. ed. Holder-Egger, MG. SS. XV, 148-150. Vgl. C. Will, Mon. Blidenstat. Innsbr. 1874, 4. Dümmler, Poet. Lat. I, 431. II, 225.
Meginhard, der sich in der Widmung einer theologischen Abhandlung an den Erzbischof Gunther von Coeln als Schulmeister bezeichnet[26], ist, wie wir schon oben sahen, ohne Zweifel auch der Fortsetzer der Reichsannalen gewesen. Nur aus diesen sehen wir, daß die litterarische Thätigkeit in diesem Kloster noch nicht ganz erstarb. Nur aus dem Anfange des folgenden Jahrhunderts haben wir noch eine kurze =Geschichte der Aebte von Fulda=[27], einen sehr kurzen und gedrängten, aber recht hübsch geschriebenen Bericht, der jedoch nur mit Vorsicht zu benutzen ist, da er durchaus panegyrischer Natur und keineswegs geschichtlich wahrhaftig ist. Der Abt Huoggi (891-915) erlangte von Kaiser Arnulf die berühmte, noch jetzt erhaltene Evangelienhandschrift, deren Randglossen Bonifatius zugeschrieben werden[28]. Sonst aber ist von litterarischer Thätigkeit in diesem Kloster nichts auf uns gekommen. Es hat jedoch schon Waitz[29] erkannt, daß den Hersfelder Annalen bis in die Mitte des neunten Jahrhunderts eine in Fulda verfaßte Compilation zu Grunde liegt, welche aus den ältesten Lorscher Annalen, der kleinen Frankenchronik (Lauriss. min.) und einheimischen Aufzeichnungen zusammengesetzt war, und auch von Marianus Scotus benutzt wurde. H. Lorenz hat das weiter ausgeführt und glaubte das Endjahr zwischen 830 und 840 ansetzen zu können[30], wogegen G. Buchholz[31] geltend machte, daß dann der Mangel einer Verwandtschaft mit dem älteren Theil der sog. Ann. Fuld. nicht zu erklären sei. Fr. Kurze bemerkte, daß die Uebereinstimmung mit Marianus sich noch weiter erstrecke, und andererseits, daß für die erste Hälfte des zehnten Jahrhunderts dem Fortsetzer des Regino eine Fulder Quelle vorgelegen habe; beide schienen zusammen zu gehören[32]. So kommen wir auf eine Fulder Compilation des ausgehenden neunten oder des zehnten Jahrhunderts mit annalistischer Fortsetzung, Klosterannalen, in denen, wie es bei diesen Jahrbüchern der Fall zu sein pflegt, einzelne geschichtliche Nachrichten mit Begebenheiten aus der Hausgeschichte verbunden waren. Dafür wird der erste Theil der Annales S. Bonifacii von 716 bis 830 in Anspruch genommen[33]. Eine ausführlichere Geschichte des Klosters, die spurlos verschwunden ist, erwähnt und lobt Lambert in der Vorrede zu seiner Hersfelder Geschichte, SS. V, 137.
[26] in Caspari's Kirchenhist. Anecd. (1883), S. 251.
[27] Acta vetusta Abbatum Fuldensium a. 744-916. Schannat, Cod. Probb. 1-3. Böhmers Fontes III, XXVIII und 161-164 aus Dronke, Traditt. Fuld. p. 162-164. MG. SS. XIII, 272 als _Catalogus abb. Fuldensium_. Das kurze Verzeichniß SS. III, 117 n. ist berichtigt XIII, 340. -- Acta abb. bis ins 15. Jahrh. und auch annal. Aufzeichnungen bei Brouwer sind nachgewiesen von Pflugk-Harttung, Forsch. XIX, 397-442.
[28] Schannat, Vind. lit. I, 226. Codex Fuld. ed. E. Ranke, Marb. et Lips. 1868.
[29] Archiv VI, 681.
[30] Die Annalen von Hersfeld, S. 70.
[31] HZ. 65, 141.
[32] Die Hersfelder u. die größeren Hildesh. Jahrbücher bis 984, S. 8.
[33] MG. SS. III, 117; der zweite Theil 910-1024 ist fast ganz identisch mit den Ann. Lobienses. Berichtigungen e cod. Lugd. Bat. von Dümmler, Forsch. XVI, 169. -- Ann. S. Bon. brevissimi 936-1011 ib. S. 118. Notae dedicationum Fuldenses 812-1168, SS. XV, 2, 1287.
Litterarische Thätigkeit finden wir auch in dem nahe gelegenen, ebenfalls hessischen Kloster =Hersfeld=, welches um 770 von Lullus begründet wurde, als Fulda mit Erfolg seine Selbständigkeit gegen ihn behauptete, und bald zu kräftiger Entwickelung gelangte[34]. Auch von seiner Schule, seinen gelehrten Mönchen würde wohl manches zu berichten sein, wenn nicht die Ueberlieferungen dieses Klosters ein besonders ungünstiges Geschick betroffen hätte; die Hersfelder Annalen, Lamberts Geschichte von Hersfeld, sind verloren, und auch von Lamberts Jahrbüchern ist keine alte Handschrift vorhanden; da mag noch anderes spurlos für uns verschwunden sein. Der Abt Balthard († 796) kann vielleicht derselbe sein, an welchen zwei Briefe seiner Schwester Berthgyth in der Bonifazischen Sammlung sich erhalten haben[35]. Abt Bun bewog 836 den gelehrten Lupus, ein Leben Wigberts zu schreiben[36], den Bonifaz als Abt von Fritzlar eingesetzt hatte; seine Gebeine waren nach Hersfeld übertragen, und in den Wundergeschichten finden sich einige geschichtliche Nachrichten. Eine Handschrift, welche leider verschollen ist, enthielt auch eine poetische Bearbeitung dieser Vita in sehr barbarischer Sprache, von einem Hersfelder Mönch, welcher sie Buns Nachfolger Brunwart (843-875) gewidmet hatte[37]. Dieser Brunwart war befreundet mit Hraban, welcher an ihn, als er noch Chorepiscopus war, Verse richtete[38]. Die Annalen, welche von besonderer Wichtigkeit für uns sind, gehören erst der folgenden Periode an.
[34] Rettberg I, 602-605. Hafner, Die Reichsabtei Hersfeld, 1889.
[35] Bibl. III, 312.
[36] Vita Wigberti, ed. Holder-Egger, MG. SS. XV, 36-43.
[37] So berichtet der Jesuit Busaeus, erster Herausgeber der V. Wigberti, s. Hincmari epp. ed. Busaeus, Mog. 1602. NA. IV, 314.
[38] Poet. Lat. II, 184; vgl. p. 111.
Beide Klöster, Fulda und Hersfeld, blieben in engster Verbindung mit dem Erzbisthum =Mainz=; ihr Theil war die Pflege der Wissenschaft, während die Metropole zu sehr in die politischen Händel verwickelt wurde, um in litterarischer Beziehung eine hervorragende Stelle einzunehmen, wenn wir von den Reichsannalen absehen. Auf Lulls Nachfolger Riculf (786 bis 813), den der Mönch von St. Gallen als dumm und hochmüthig schildert, wohl übertreibend, da er unter dem Namen Damoetas zu Karls Hofgelehrten gehörte[39], folgte zuerst Lulls Schüler Haistulf (813-825), dann bis 847 =Otgar=, ein Verwandter Riculfs und eifriger Parteimann. Er ist es, welcher den Diaconus Benedict zur Ergänzung der Capitulariensammlung des Ansegis veranlaßt haben soll, und man hat ihn deshalb für den Mitschuldigen der hierin enthaltenen Fälschungen gehalten, eine Ansicht, welche jetzt von P. Hinschius als unbegründet widerlegt ist, da Benedicts Werk erst nach Otgars Tod vollendet worden ist, und die ganze Notiz ist vielleicht nur betrüglich erfunden. Zu verdanken haben wir ihm wahrscheinlich den Abschluß der Mainzer Briefsammlung, in welcher der Correspondenz des Bonifatius Briefe von Lull und Otgar sich anschließen[40]. Für seine Metropole brachte Otgar von seiner Gesandtschaft an Lothar nach Pavia 836 die Reliquien des =h. Severus=, Bischofs von Ravenna, nebst Frau und Tochter heim; ein französischer Speculant, der solch kostbare Waare durch Lug und Trug sich diebischer Weise zu verschaffen und dann theuer zu verkaufen pflegte, fand an Otgar einen Kunden, denn um so heiligen Besitz zu gewinnen, galt auch den frömmsten Männern Meineid und Diebstahl für zulässig[41]. Groß war die Freude in Mainz und in Erfurt, wohin zur Beförderung des Christenthums in Thüringen S. Severus abgelassen wurde, allein man hatte noch keine Kunde von dem Leben des Heiligen, bis der Priester =Liudulf= eine Pilgerfahrt nach Rom mit einem Besuche in Ravenna verband, und die dort gewonnene Auskunft mittheilte; hinzugefügt ist von ihm die geschichtlich nicht ganz unwichtige Erzählung von der Erwerbung der Reliquien durch Otgar[42]. Er schrieb unter Hrabans Nachfolger Karl (856-863), dem aquitanischen Prinzen, von dessen gelehrten Studien nichts bekannt ist. Die Bedrängniß der Kirchen durch die Vertheilung ihrer Güter an Kriegsleute veranlaßte einen Mainzer Geistlichen zur Aufzeichnung der Visio Caroli (S. 188), welche er noch mündlich von Hraban erfahren haben wollte. Nach Karl verwaltete Liutbert 26 Jahre lang das Erzbisthum, ein wohlgesinnter und nicht ungelehrter Herr, der sich auch der Reichsannalen wieder annahm, aber die wirren Zeiten, die immer schrecklicheren Einfälle der Normannen, drängten alle wissenschaftliche Beschäftigung in den Hintergrund: im Kampfe gegen diese Unholde verlor 891 Liutberts Nachfolger Sunderold oder Sunzo nach kurzer Amtsdauer das Leben, ein Fulder Mönch, dem einst, da er noch einfacher Priester war, Meginhard die Erzählung von der Uebertragung des h. Alexander gewidmet hatte. An seiner Statt erhob Kaiser Arnulf Hatto, den Abt von Reichenau, berühmt durch seine Klugheit und Thatkraft, auch wegen seiner kirchlichen Gelehrsamkeit hoch gefeiert, aber die äusseren Sorgen für Kirchenzucht und Reichsregierung nahmen ihn vollständig in Anspruch; diesen Zwecken diente auch das Werk de synodalibus causis, welches Regino ihm gewidmet hatte[43].
[39] Vgl. Dümmler NA. IV, 150. Poet. Lat. I, 431. 432 u. II, 694.
[40] H. Hahn, Forsch. XV, 113.
[41] Diese Aeußerung ist wiederholt gerügt worden, zuletzt Katholik 1875 S. 443, aber sie ist wahr; ich habe einige Beispiele in d. SB. d. Berl. Akad. vom 4. Dec. 1884 zusammengestellt.
[42] Vita et Translatio S. Severi auct. Liudulfo presbytero, Acta SS. Feb. I, 88-91. Jaffé, Bibl. III, 507-517. MG. SS. XV, 289-293, ed. L. v. Heinemann.
[43] S. über Liutbert und Sunzo Dümmler, Ostfr. III, 328-331; über Hatto S. 352. 497. Vgl. auch desselben S. 234 angeführte Abhandlung über die Fulder Briefsammlung, und die betr. Abschnitte in Will's Regesten.
§ 15. Sachsen. Münster, Bremen, Hamburg.
Als Sturm zuerst in Hersfeld sein neues Kloster gründen wollte, verwarf Bonifaz diesen Vorschlag wegen der Nähe der heidnischen Sachsen. Karl aber zog auch dieses Volk in den Kreis der christlichen Bildung, und so gewaltsam auch die neue Pflanzung begründet wurde, sie schlug doch bald kräftige Wurzeln, und die Söhne der Bekehrten gaben sich bereits mit regem Eifer der neuen Lebensrichtung hin. Lange schon hatten die Angelsachsen sich danach gesehnt, hin und wieder auch versucht, ihren alten Stammesbrüdern das Evangelium zu bringen; jetzt drangen sie unter dem Schutze Karls vor, und pflanzten den Baum der neuen Lehre, der in dem frischen Erdreich bald kräftig und segensvoll gedieh.
Einer der hervorragendsten unter ihnen war =Liudger=, von Geburt zwar ein Friese, aber ein Schüler der angelsächsischen Glaubensboten. Er selbst hat uns in dem Leben seines Lehrers, =Gregor von Utrecht=[1], die Werkstatt geschildert, wo ein großer Theil der Lehrer für das Sachsenvolk ausgebildet wurde; ergänzt werden seine Nachrichten durch seine eigene Lebensbeschreibung von Altfrid.
[1] Erste kritische Ausgabe von Holder-Egger, SS. XV, 63-79. Uebers. v. Grandaur, Geschichtschr. 14, nach V. Willibrordi. -- Vgl. Ebert II, 106 bis 108. Hauck II, 313-315. -- Die Liudger bei Rettberg I, 333, zugeschriebene V. Bonifacii ist Mißverständniß der Stelle V. Liudg. II, 6 über die in der V. Gregorii enthaltenen Nachrichten von Bonifaz.
Liudgers Großvater Wursing, ein reicher und vornehmer Friese, hatte sich, von Radbod vertrieben, zu den Franken geflüchtet und die Taufe angenommen; als dann Karl Martell nach der Besiegung des Landes das Bisthum Utrecht begründete, siedelte er auch Wursing mit den Seinen dort an, und an ihnen fand Willibrord die kräftigste Stütze. Nach Willibrords Tode nahm Bonifaz sich des verwaisten Bisthums an; dann ward es der Pflege Gregors übergeben, der lange Zeit ein treuer Begleiter und Gehülfe seines Lehrers Bonifaz gewesen war und nun als Abt dem Martinstifte vorstand. Die bischöflichen Geschäfte versah neben ihm der Angelsachse Aluberht. Dieser war wie so viele seiner Landsleute zur Mission gekommen, und kehrte auf Gregors Wunsch mit Utrechter Geistlichen heim nach York, wo er 767 vom Erzbischof Aethelberht ad Ealdsexos zum Bischof geweiht wurde, mit ihm Liudger zum Diaconus. Durch diese Verbindung sind, wie R. Pauli nachgewiesen hat, Nachrichten über Karls des Großen Sachsenkriege, dann auch durch Alcuin andere nicht unwichtige Angaben, in die nordenglischen Annalen gekommen[2].
[2] S. R. Pauli: Karl d. Große in northumbrischen Annalen, Forsch. XII, 137-166. 441. Vgl. L. Theopold, Krit. Untersuchungen über die Quellen zur angels. Gesch. d. 8. Jahrh. (Lemgo 1872) S. 102. R. Pauli hat in d. Gött. Nachr. 1878, S. 1-15, neben den nordengl. Nachrichten andere aus Winchester nachgewiesen; nach der Eroberung sind auch die Sanct-gallisch-Cölner Annalen über die Normandie nach England gekommen. -- Gegen Hahns Hypothesen, Forsch. XX, 553-569, W. Diekamp, ib. XXII, 425-432.
Liudger hatte sich, wie mehrere von Wursings Nachkommen, der Kirche gewidmet, er genoß schon damals Alcuins Unterweisung, und kehrte später dieses Unterrichtes wegen noch einmal nach York zurück, bis ihn nach drei Jahren und sechs Monaten ein Streit zwischen den Friesen und Angeln nöthigte, nach Utrecht heimzukehren, wo Gregor zahlreiche Schüler aus allen deutschen Stämmen, nach Liudgers Angabe auch Sachsen, um sich versammelte. Unter Gregors Neffen und Nachfolger Alberich war die Leitung dieser Schule in solcher Weise vertheilt, daß abwechselnd Alberich selbst, Liudger, Adalgar und Thiatbrat[3], jeder ein Vierteljahr, derselben vorstanden. Die übrige Zeit verwandten sie auf die Seelsorge und die weitere Ausbildung des Volkes. Der Aufstand der Sachsen unter Widukind 782 brachte auch in Friesland das Heidenthum wieder zum Siege, und Liudger begab sich damals nach Montecassino, dessen klösterliche Einrichtung er später auf seine Stiftung Werden übertrug. Karl der Große aber vertraute ihm die geistliche Leitung von fünf friesischen Gauen an und verband damit im Anfange des neunten Jahrhunderts das neu errichtete Bisthum Mimigardeford in Westfalen, für welches seit dem 11. Jahrh. der Name Münster üblich wurde. Am 30. März 804 geweiht[4], wirkte er hier für die Befestigung der neuen Lehre bis zu seinem Tode am 26. März 809.
[3] Dieser scheint der Besitzer des später nach Lorsch gekommenen Wiener Livius gewesen zu sein, nach der Inschrift: „Iste codex est Theatberti episcopi de Dorostat“. Nach Gitlbauer wäre er Vorsteher der Kirche zu D. gewesen und nach dem damals noch schwankenden Gebrauch Bischof genannt, weil er bischöfliche Rechte übte. Denselben hält G. für den Nachfolger Alberichs, der Theodard genannt wird. Gitlbauer de cod. Liv. (Vind. 1876) p. 2-21.
[4] Diekamp im Hist. Jahrbuch V, 257. Ueber Liudger vgl. Hauck II, 317 ff.
Die von ihm verfaßte Biographie Gregors ist in dem gewöhnlichen Legendenstil geschrieben, aber die stereotypen Phrasen sind hier von wirklicher Wärme erfüllt, von inniger Liebe zu seinem Lehrer und einer kindlichen Demuth, wo er seines eigenen Wirkens gedenkt. Es finden sich darin einige schätzbare Nachrichten über Bonifaz sowie über das Bisthum Utrecht; geschichtlicher Sinn zeigt sich jedoch wenig, es kommen arge Fehler vor, und auch die Sprache ist schwerfällig und gesucht. Als Geschichtsquelle ist Liudgers eigenes Leben von =Altfrid=[5] weit vorzuziehen, obgleich auch dieses von dem Verfasser, Liudgers Verwandtem und zweitem Nachfolger (839-849), auf Bitten der Mönche von Werden zunächst zum Zweck der Erbauung geschrieben wurde. Die Darstellung ist einfach und ansprechend, und die ganze Missionsthätigkeit tritt hier mit besonderer Anschaulichkeit uns entgegen. Noch in demselben Jahrhundert wurden in Werden zwei neue Bearbeitungen derselben verfaßt. Auch von Altfrids Vorgänger =Gerfrid= hat man eine Biographie gehabt, von welcher aber eine Erwähnung in der Bisthumschronik die einzige Spur ist[6]. Altfrids Nachfolger =Liutbert=, ein geborner Lothringer († 871), war vielleicht der Bischof Leutbert, welchem =Sedulius= eine sapphische Ode gewidmet hat[7].
[5] V. Liudgeri auct. Altfrido ed. Pertz, MG. II, 403-425 mit Zusätzen und Mirakeln aus den späteren Biographieen. Vitae S. Liudgeri ed. Diekamp, 4 Bd. der Geschichtsquellen d. Bisth. Münster, 1881, mit Benutzung des von Pertz nicht verglichenen Cod. Vossianus. Uebersetzung in: Hüsing, Der h. Liudger, Münster 1878, S. 174-200, und Pingsmann, Der h. Ludgerus, Freiburg 1879, S. 199-228; von Grandaur bei V. Willibrordi. Vgl. Ebert II, 338. -- Catal. abb. SS. XIII, 288.
[6] Diekamp. Vitae Liudgeri, p. XXI. Anm. 1. Zu unterscheiden ist ein älterer Gerfrid, welcher eine Bibel schreiben ließ, deren Widmungsverse sich erhalten haben, Poet. Lat. I, 285.
[7] Dümmler, Sedulii Scotti Carmina XL p. 28. Poet. Lat. III, 219.
Dem Kreise dieser Männer gehört auch =Liafwin= oder =Lebuin= an, ein Angelsachse, der zu Gregor nach Utrecht kam und sich, nachdem er eine Zeit lang an der Yssel gewirkt hatte, nach Sachsen begab, wo er auf dem Landtage zu Marklo unerschrocken das Christenthum verkündete. Seine Legende, welche besonders durch die Nachricht über diese Landtage und die Verfassung der Sachsen merkwürdig ist, wurde jedoch erst am Anfange des zehnten Jahrhunderts von =Hucbald= von St. Amand verfaßt, nicht in Münster, dessen wir nach diesen so viel versprechenden Anfängen nicht wieder zu gedenken haben werden[8].
[8] Zu diesem Kreise gehört auch die Legende über die Stiftung des Klosters =Freckenhorst= oder Vita S. Thiadildis, ed. Jo. Gamans, Acta SS. Jan. II, 1156-1160 (Kindlinger, Münst. Beitr. II, 9; deutsch in Dorows Denkm.), welche aber erst im 15. Jahrh. aufgezeichnet und von geringem Werth ist. Vgl. Wilmans, Kaiserurkunden der Provinz Westfalen I, 416. W. Diekamp, Forsch. XXIV, 629-653.
Ueber die Stiftung des Klosters =Werden= an der Ruhr ist eine eigenthümliche Aufzeichnung vorhanden, welche trügerisch zwei Begleitern Liudgers in den Mund gelegt, in den wesentlichen Thatsachen aber richtig, und in ihrem ältesten Theil vielleicht schon um die Mitte des 9. Jahrhunderts geschrieben ist, als nach Altfrids Tod die Familie des Stifters vom Bisthum abkam und die Unabhängigkeit des Klosters bedroht war[9].
[9] Fundatio monasterii Werthinensis bei Ficker, Die Münsterischen Chroniken (1851) S. 352-355. Diekamp, Vitae Liudgeri, p. 286-294, mit neuen Hülfsmitteln; vgl. Al. Schulte, Mittheil. II, 637. Diekamp in d. Zts. f. Westf. Gesch. u. Alt. XLI, 148-164, u. Erläuterung einer Urk. K. Arnulfs. Mitth. d. Inst. V. 622. Ausg. v. Waitz MG. SS. XV, 164-168. -- Eine von Liudgers Neffen Hildegrimus diaconus, 853-888 Bischof von Halberstadt, geschriebene Hs. NA. X, 336.
Ein anderer Angelsachse war =Willehad= aus Northumberland, der ebenfalls seine Missionsthätigkeit in Friesland begann und 780 von Karl dem Großen über den Gau Wihmodia gesetzt wurde. Auch ihn vertrieb der Aufstand Widukinds 782, dem ein großer Theil seiner Schüler und Gehülfen zum Opfer fiel. Er selbst flüchtete nach Friesland und pilgerte nach Rom; dann lebte er eine Zeit lang in stiller Zurückgezogenheit in Echternach; Karl aber rief ihn nach der Besiegung der Sachsen zu seiner früheren Thätigkeit zurück, und erhob ihn 787 zum Bischof von Bremen, wo er am 8. November 789 gestorben ist. Sein Leben[10] ist in einer kurzen und einfachen Darstellung beschrieben, welche von seinem berühmteren Nachfolger =Anskarius=, dem Apostel des Nordens, verfaßt sein soll, wie Adam von Bremen berichtet. Doch hat G. Dehio[11] darauf aufmerksam gemacht, daß die beiden Bücher (Vita und Miracula) nicht von einem Verfasser sein können, und nur das zweite von Anskar sein wird. Er hat ferner nachgewiesen, daß die einzigen chronologisch bestimmten Nachrichten 787 und 789 wörtlich ebenso im Chron. Moissiacense stehen, einige Worte über Widukind aber nicht nur da, sondern auch in den Ann. Laureshamenses. So ergiebt sich auch hieraus, daß dem Chron. Moissiac. ein vollständigerer Text der Ann. Lauresham. vorgelegen hat; die Herkunft der speciellen sächsischen Nachrichten aber vermuthet Dehio in einer Aufzeichnung, welche auch in den von Adam angeführten =liber donationum Bremensis ecclesiae= aufgenommen sein möchte, ein Buch, welches nach V. Ansk. c. 41 von Anskar angelegt sein dürfte. Doch vermuthet Simson, Forsch. XIX, 134, einfach die Lauresham. in vollständigerer Form als Quelle.
[10] V. Willehadi auct. Anskario ed. Pertz, MG. SS. II, 378-390. Uebersetzt von Laurent, 1856. 1888. Geschichtschr. 14 (VIII, 3). Hs. in einem alten Sanctgaller Catalog, NA. X, 169. Ebert II, 340. Hauck II, 318 bis 320.
[11] G. Dehio, Gesch. des Erzb. Hamburg-Bremen bis zum Ausgang der Mission (Berl. 1877) I^b S. 51-53. Alcuin läßt 789 „dilectissimum meum Uilhaed episcopum“ grüßen, ep. 13 Jaffé.
Wir gedachten schon oben der großartigen Idee Kaiser Karls, an den äußersten Grenzen seines Reiches Metropolen zu errichten, welche das Christenthum weit über die Marken hinaus tragen und den geistlichen Einfluß des Kaiserthums dahin erstrecken sollten, wo man seine Waffen nicht mehr fürchtete. Das Heidenthum war der christlichen Kirche unversöhnlicher Feind, es hing genau zusammen mit der alten freien Gemeindeverfassung, und aus beiden entsprangen die unablässigen Raubzüge, von denen die germanischen Nationen jetzt abgelassen hatten, vor denen sie nun aber in ihren gefährdeten Grenzen keine Ruhe fanden, bis die Ausbreitung des Christenthums dem alten Unwesen ein Ende machte.
=Hamburg= war dazu bestimmt, der kirchliche Mittelpunkt des Nordens zu werden[12]. Ludwig achtete nicht auf den unausgeführt gebliebenen Gedanken seines Vaters; als aber der flüchtige Dänenkönig Harald die Taufe verlangte und =Anskarius= oder =Ansgarius=, der ihn als Lehrer der Seinen begleitete, bald auch auf Schweden seine Wirksamkeit ausdehnte, da wurde der alte Plan wieder aufgenommen und Anskar 831 zum Erzbischof von Hamburg geweiht. Doch fehlte Karls starke Hand zum Schutze der neuen Schöpfung, welche dem in Dänemark und Schweden neu erstarkten Heidenthume gegenüber keine erhebliche Wirksamkeit gewinnen konnte. Die Reichstheilung entzog Anskar die Einkünfte der ihm angewiesenen Zelle Turholt in Flandern, und 845 wurde Hamburg selbst von den Dänen verwüstet. Da vereinigte Ludwig der Deutsche 847 das erledigte Bisthum Bremen mit dem Erzbisthum und sicherte dadurch dessen Bestand. Anskarius konnte nun mit ausreichenden Mitteln seine Wirksamkeit fortsetzen und starb nach einem Leben voll rastloser Thätigkeit am 3. Febr. 865. Einst hatte er in seiner Zelle Turholt in Flandern einen Knaben bemerkt, der ihm besonders hoffnungsreich erschien: es war =Rimbert=, den er zum Geistlichen erziehen ließ, und der dann bald als sein treuester und liebster Jünger sein unzertrennlicher Gefährte, zuletzt sein Nachfolger wurde. Dieser ist es, der mit einem andern Schüler Anskars zusammen[13] in Hamburg das Leben des Meisters bald nach dem Tode desselben geschrieben hat[14], voll warmer und inniger Liebe, zugleich aber reicher an Inhalt als die Mehrzahl der übrigen Biographieen ähnlicher Art. Anskars Leben gehört ohne Frage zu den bedeutendsten Quellenschriften des Mittelalters; die ganze reiche Wirksamkeit des glaubensstarken Erzbischofs, das volle Bild seiner großartigen, kindlich demüthigen und doch so verständigen Persönlichkeit tritt uns lebensvoll darin entgegen, und über die Zustände des Nordens verbreiten die einfachen und zuverlässigen Aufzeichnungen Rimberts das erste Licht. Daß auch Träume, Visionen, Wunder einen großen Raum darin einnehmen, liegt in der Natur der Verhältnisse; geschrieben wurde das Buch für die Mönche des Klosters Corbie, aus dem Anskar hervorgegangen war, dessen Mönche ihn begleitet hatten, und diesen lag mehr daran, ihren großen Klosterbruder als einen Heiligen geschildert zu sehen, als von den nordischen Heiden genaue Nachrichten zu erhalten. Man darf es bei der Beurtheilung dieser Litteratur nie vergessen, daß, was wir am meisten darin zu finden wünschen, gewöhnlich von den Verfassern wie von den Lesern als Nebensache betrachtet wurde.
[12] Rimberts bestimmte Angaben über Karls Absicht zu bezweifeln, sehe ich keinen Grund, wenn auch zuzugeben ist, daß sie keine völlig genügende Sicherheit gewähren.
[13] Diese Angabe der V. Rimb. c. 9 bekämpft Koppmann: Die mittelalterlichen Geschichtsquellen in Bezug auf Hamburg (1868) S. 25. 36-38. Doch scheint mir der Verfasser jener Vita noch eine bestimmte Ueberlieferung gehabt zu haben, und eine Ungleichheit im Stil braucht deshalb nicht hervorzutreten.
[14] V. Rimb. c. 9. Adam Br. I, 36. V. Anskarii, MG. II, 683-725, herausgegeben von Dahlmann, der in den Anmerkungen leider noch das unechte Chron. Corbejense benutzt hat. Octavausgabe v. Waitz 1884; vgl. die Bemerkungen von Kunik, Forsch. XXIV, 191-197. Uebersetzt von Laurent, 1856. 1889. Geschichtschr. 22 (IX, 7). Ueber die neueren Bearbeitungen s. H. A. Schumacher im Brem. Jahrbuch II, 444-468, und jetzt ausführlich über diese und über A. überhaupt G. Dehio a. a. O. Ebert II, 341-343. Anskars Pigmenta (Gebete zu den Psalmen) hat Lappenberg herausgegeben, Ztschr. f. Hamb. Gesch. II, 1 ff. Vgl. Koppmann, Allg. D. Biogr. I, 480-483. Hauck II, 617 ff.
Hier aber brachte es die ganze Art der Thätigkeit Anskars mit sich, daß auch die äußeren Verhältnisse, in denen er sich bewegte, geschildert werden mußten, und uns zum Glück hat Rimbert vieles von dem, was er berichtet, selbst mit durchlebt und gesehen. Darum reiht sich dieses Leben dem früheren Severins, dem späteren des Otto von Bamberg an. Unbedeutend dagegen ist des wackeren Rimbert eigene Lebensbeschreibung[15], von unbekanntem Verfasser. Geschrieben ist sie zu Lebzeiten seines Nachfolgers Adalgar, der von 888 bis 909 Erzbischof war.
[15] V. Rimberti ed. Pertz, MG. II, 764-775. Ausg. von Waitz mit der V. Anskarii. Uebersetzt von Laurent 1856. 1889 mit Anskars Leben. Brief von Ratramnus an Rimbert über die Hundsköpfe in Hilgenfelds Zts. f. wiss. Theol. 1881. Ein zweiter bei Wilmans Kaiserurkk. I, 566.
§ 16. Fortsetzung. Corvey. Gandersheim.
In Fulda, wie in Friesland, in Münster und Bremen, waren es Angelsachsen, welchen die Grundlagen der neuen Entwickelung verdankt wurden; bei Anskar aber war ein solcher Einfluß nicht nachzuweisen. Von Kindheit an im Kloster Corbie an der Somme erzogen, übernahm er dort schon früh die Leitung der Klosterschule und wurde dann der erste Vorsteher der Schule in dem neu gegründeten Tochterkloster =Corvey= in Sachsen.
Diese Stiftung war eine Frucht der nicht bloß äußerlich durch Zwang und Eroberung, sondern auch innerlich vollzogenen Einigung des fränkischen und des sächsischen Stammes. Schon König Pippins Bruder Bernhard hatte eine sächsische Gemahlin und Bernhards Söhne, =Adalhard= und =Wala=, nahmen sich eifrigst der Bekehrung und Belehrung ihres Volkes an.
=Adalhard= hatte Karls Hof verlassen, als dieser die Tochter des Königs Desiderius verstieß, war in Corbie Mönch geworden, und weil hier die Besuche seiner vornehmen Verwandten die klösterliche Ruhe störten, nach Montecassino entwichen. Aber Karl rief ihn von da zurück; er wurde Abt von Corbie und mußte von neuem an den Reichsgeschäften Theil nehmen. Namentlich hat er längere Zeit hindurch eine sehr bedeutende Stellung in Italien eingenommen. Wala aber war, als Karl starb, über Sachsen gesetzt.
Karl wünschte aus den Sachsen selbst Lehrer des Christenthums zu erziehen, und deshalb hatte er gefangene und als Geiseln übergebene Sachsenknaben in verschiedene Klöster vertheilt; viele derselben waren Adalhards Obhut in Corbie übergeben, und dieser gedachte in Sachsen selbst ein Kloster zu gründen, aber seine Sendung nach Italien verhinderte die Ausführung. Als Ludwig zur Regierung kam und mit dem kleinlichsten Hasse die Staatsmänner seines Vaters verfolgte, wurde Adalhard nach Noirmoutiers verbannt[1], Wala aber Mönch in Corbie. Dieser betrieb nun mit dem größten Eifer die Stiftung eines Klosters unter dem Volke, dem er durch seine Mutter angehörte; schon 815 wurde zu Hethis im Solling[2] eine Celle erbaut, aber der Ort war ungünstig und das neue Kloster fing erst an zu gedeihen, als Adalhard wieder Einfluß gewonnen hatte und Kaiser Ludwig 822 die Stiftung und den Neubau auf dem Königshofe Höxter gestattete[3]. Hier erblühte nun die neue Corbeja, wohin auch Ansgar damals als Lehrer ging, rasch und kräftig; nach Adalhards Tod (2. Januar 826) wurde Warin[4] zum Abt erwählt. Auch er hatte bereits das Schwert geführt und erst im späteren Alter mit der Mönchskutte vertauscht. Im Jahre 830 empfing er in seinem Kloster einen vornehmen Gast, Hilduin, den Abt von St. Denis, der nach Corvey verbannt war. Die liebevolle Aufnahme, welche dieser bei Warin fand, dankte er ihm später nach seiner Rückkehr durch ein kostbares Geschenk, den Leib des heiligen Veit, der 836 nach Corvey gebracht und hinfort als der Hort und Schutz des sächsischen Volkes betrachtet wurde.
[1] Dort ließ er die Historia tripartita abschreiben: „Hic codex Hero insula scriptus fuit jubente sancto patre Adalhardo dum exularet ibi“. Mab. de re dipl. tab. V. Jetzt ist die Hs. in Petersburg, NA, V, 248; eine andere S. 252. -- Ein prächtiges, auf Befehl Rodrads von Corbie 853 für B. Hilmerad von Amiens geschriebenes Sacramentar beschreibt Delisle, Sacram. p. 123.
[2] Dahin gehört das in Pfeiffers Germania e cod. Vat. gedr. Mönchsverzeichniß s. IX, nach Enck in der Zts. f. vat. Gesch. Bd. 37, Münster 1879.
[3] So Simson, Ludw. d. Fr. II, 266. Wilmans Kaiserurkunden I, 463 ff., scheint der V. Adalhardi zu viel Glauben geschenkt zu haben, und überschätzte Alter und Autorität der Fundatio Corbejensis, gedr. ib. I, 507. Vgl. Rodenberg, Die Vita Walae, S. 97-104. Gegen beide verwirft Holder-Egger in der neuen Ausg. SS. XV, 2, 1013-1045, die Annahme einer älteren Gründungsgeschichte, er sieht in der 2. Form nur eine Erweiterung der ersten. Diese, kurz vor 1158 geschrieben, wurde zu den Zusätzen zu Thietmar benutzt, welche der Annalista Saxo aufnahm.
[4] Ihm widmete Paschasius Radbertus zwei seiner Schriften, Ebert II, 232. 235. NA, IV, 304.
Ueber diese Ereignisse berichtet uns ein ungenannter Mönch von Corvey in der Erzählung von der =Uebertragung des heiligen Veit=[5], der er selbst beigewohnt hatte. Es kann wohl, obgleich Jaffé es nicht gelten lassen wollte, nicht zweifelhaft sein, daß dem Bericht von der Uebertragung und den Wundern die Erzählung der Stiftung des Klosters erst nachträglich vorangestellt ist, doch vermuthlich von demselben Verfasser oder mindestens einem Zeitgenossen. In Corbie dagegen schrieb =Radbert=, mit dem Beinamen =Paschasius=, einer der bedeutendsten unter den gelehrten Theologen dieser Zeit[6], das Leben der Brüder Adalhard und Wala, jedoch so überladen mit rednerischem Schmuck, daß die Thatsachen nur mühsam herauszufinden sind. =Adalhards Leben=[7] ist bald nach seinem Tode, noch bei Lebzeiten des Wala geschrieben; es ist eigentlich nur eine Todtenklage, nach Traube's Vermuthung mit dem Rotulus an die verbrüderten Klöster versandt, und nachträglich, als Wala nicht, wie er gewünscht, Abt von Corvey geworden war, mit Zusätzen versehen. Die hinzugefügte Egloga, ein Wechselgesang der alten und der neuen Corbeja, ist ohne die Vita unverständlich und gehört nothwendig dazu. Schwülstiger und schwer verständlich ist das =Leben= des =Wala=[8] († 836), welches in Nachahmung des Cicero[9] in Gesprächsform verfaßt und aus Furcht vor dem Kaiser und Karl dem Kahlen in absichtliche Dunkelheit gehüllt ist; außerdem war der Verfasser nichts weniger als unbefangen und folgte zur Verherrlichung seines Helden und zur Erbauung seiner Leser, wie billig, kirchlichen Gesichtspunkten, politische lagen ihm fern.
[5] Historia Translationis S. Viti ed. Papebroch, Acta SS. Jun. II, 1029 bis 1037. Pertz MG. II, 576-585 wiederholte die ältere Ausgabe Mabillons, welcher der Prolog fehlt; Handschriften fehlen. Neue kritische Ausgabe von Jaffé, Bibl. I, 1-26. Uebers. v. Grandaur 1888 nach V. Eigilis. Vgl. Enck: De S. Adalhardo abb. (Diss. Monast. 1873) S. 60: Translatio S. Viti quo tempore scripta quaeque ei fides tribuenda esse videatur. Ebert II, 336-338. Der Verfasser hat die V. Adalhardi schon benutzt. Späten Ursprungs und kaum brauchbar ist S. Justini translatio Roma Corbejam 891, wozu 949 sein Kopf von Magdeburg kam, ed. Meibom SS. I, 769; cfr. Acta SS. Aug. I, 33.
[6] Ueber ein Citat aus Senecas ludus de morte Claudii s. F. Jonas im Hermes VI, 126. Dümmler, NA. IV, 301-305. Ebert II, 230-244; ib. 244-247 über Ratram, Mönch von Corbie. Epitaph des Abts Ratold (986) NA. V, 622. -- V. Pascasii Radberti aus d. 12. od. 13. Jahrh. ed. Holder-Egger, SS. XV, 452-454.
[7] Acta SS. Jun. I, 96-111. Mab. IV, 1, 308-344. Excerpte MG. II, 524-532. Die Egloga mit anderen Versen Radberts ed. Traube, Poet. Lat. III, 38-53; vgl. dens. O. Roma nob. S. 310-312.
[8] Mab. IV, 1, 455-522. Excerpte MG. II, 533-569. Vgl. Himly, Wala et Louis le Débonnaire, Paris 1849. C. Rodenberg: Die Vita Walae als hist. Quelle, Gött. 1877. Dass I, 9 unter „Virgilius ille tuus“ Ausonius zu verstehen sei, hat B. Simson nachgewiesen, s. NA. XII, 428. -- Gedichte des Engelmod von Corbie ed. Traube, Poet. Lat. III, 54-66.
[9] Nach Traube, Poet. Lat. III, 42.
Natürlich begannen schon unter Adalhard Schenkungen dem neuen Kloster zuzuströmen; diejenigen =Traditionen=, über welche eigene Urkunden nicht ausgestellt waren, was damals noch selten geschah, wurden bis 1037 auf eine Rolle geschrieben und von dieser durch den Bruder Johannes abgeschrieben. Es begegnete ihm aber dabei das Unglück, daß er mit der Rückseite anfing, weshalb die ältesten Traditionen unter Adalhard erst § 225 beginnen[10].
[10] Nachgewiesen von H. Dürre: Ueber die angebliche Ordnungslosigkeit und Lückenhaftigkeit der Traditiones Corbejenses, im Progr. d. Gymn. in Holzminden, 1877, und Zts. f. Westf. Gesch. Bd. 36. Ausgabe von Wigand 1843.
Verloren sind uns leider Adalhards Briefe, und nur in einem Auszuge Hinkmars erhalten seine Schrift über die =Hofordnung Karls des Großen=[11], welche auch so noch zu den lehrreichsten Denkmälern dieser Zeit gehört, deren Zuverlässigkeit aber durch die Ueberarbeitung ungewiß geworden ist. Hinkmar war nämlich damals aus seiner einflußreichen Stellung verdrängt und sehr unzufrieden; er kämpfte vergeblich für die Unabhängigkeit der Bischofswahlen und klagte über den ungeordneten Einfluß von Günstlingen. Deshalb stellte er hier Karlmann, dem Sohne Ludwigs des Stammlers, 882 ein ideales Bild der guten alten Zeit vor Augen. Mit der Wahrheit nimmt Hinkmar es auch sonst nicht eben genau, und Vorsicht ist daher dringend geboten. Im allgemeinen aber entspricht die Darstellung den wirklichen Verhältnissen, wie sie uns, freilich unvollkommen genug, aus Karls Zeit bekannt sind.
[11] Hincmari epistola de ordine palatii, gedr. u. a. in Walters Corp. Jur. Germ. III, 761-772. Gengler, Germ. Rechtsdenkmäler, S. 692. Migne CXXV. Ausg. v. Prou, Bibl. de l'École des hautes études 58. 1884. Vgl. Pernice, De Comitibus palatinis (1863) p. 47-50. C. v. Noorden, Hinkmar S. 385. Waitz, Verfassungsgesch. III, 412.
Das Andenken Wala's hat sich, wie R. Wilmans sehr scharfsinnig nachgewiesen hat, in dem Nonnenkloster =Herford=, einer von derselben Familie ausgegangenen Stiftung, erhalten. Man nannte ihn =Walder= oder =Waltger=, und =Wigand=, ein Landpfarrer, vielleicht von Kirchdornberg, schrieb im 13. Jahrh. seine Legende, in welcher freilich von der wirklichen Geschichte nur noch schwache Spuren geblieben sind[12].
[12] Vita Waltgeri, im Auszug bei Heinrich von Herford. Neue, erste krit. Ausg. bei R. Wilmans Kaiserurkk. 488-501; dazu S. 275-318 wichtige Untersuchungen über die merkwürdige Familie und ihre Stiftungen.
Das =Leben= der =Ida=, der Mutter Warins (welche Verwandtschaft aber sehr zweifelhaft ist), ist erst auf Anlaß ihrer Erhebung 980 durch den Bischof Dodo von Münster unter Abt Liudolf von =Uffing=, einem Werdener Mönche, geschrieben und erscheint wenig glaubwürdig[13].
[13] Erste zuverlässige Ausgabe von R. Wilmans a. a. O. 409-488. Vgl. Hüsing, Genealogie der h. Ida, Zts. f. vaterl. Gesch. 38, Münster 1880.
Einige Nachrichten über diese ersten geistlichen Stiftungen im Sachsenlande sind uns ferner noch erhalten in den Berichten über die Erwerbung und Uebertragung der Reliquien, welche zu ihrem Gedeihen nun einmal unerläßlich waren; so erhielt =Herford= 860 die heilige =Pusinna=[14], =Paderborn= schon 836 aus Le Mans den h. =Liborius=[15]; die Erzählungen davon sind aber erst gegen das Ende des neunten Jahrh. verfaßt, die letztere durch den Bischof =Biso=, einen Zeitgenossen des Kaisers Arnulf veranlaßt, während die Uebertragung ein Werk des Bischofs Badurad war. Ein gleiches Verhältniß beider Bischöfe begegnet uns darin, daß zu Badurads Zeit =Mainulf=, ein vornehmer Sachse, Canonicus in Paderborn geworden war und das Nonnenkloster =Boeddeken= gestiftet hatte, Biso aber dessen Leib feierlich erheben ließ, vermuthlich auch eine Lebensbeschreibung veranlaßte. Diese ist jedoch verloren; wir besitzen nur eine Ueberarbeitung, welche von dem Verfasser =Sigeward= einem nicht näher bezeichneten =Albinus= zugeeignet ist. Der Herausgeber C. Byeus vermuthet in jenem den Abt von Fulda (1039 bis 1043) vor seiner Erhebung zur Prälatur, wofür, wie Holder-Egger bemerkt, keinerlei Gründe vorhanden sind, in Albin den berühmten Lehrer Albwin von Hersfeld, welcher 1043 Abt von Nienburg wurde. Die Sprache ist jener Zeit angemessen, Reimprosa mit übertriebenem Streben nach Schönrednerei, mit Brocken aus Horaz und Vergil geschmückt; es war nicht des Verfassers Schuld, daß ihm geschichtliche Thatsachen fast gar nicht vorlagen, und die Wundergeschichten, welche er zu berichten hatte, noch alberner waren als gewöhnlich[16]. Auch das Leben der heiligen =Liutbirg=[17], einer Klausnerin bei Halberstadt, die bis zu den Zeiten König Ludwig des Jüngeren (876-882) lebte, giebt Kunde von dem Eifer, mit welchem die Neubekehrten sich der Kirche zuwandten, und ist merkwürdig durch die darin enthaltenen Angaben über die Nachkommen jenes Hessi, des Fürsten der Ostfalen, welcher sich 775 Karl dem Großen unterworfen hatte.
[14] Translatio S. Pusinnae, in berichtigtem Abdruck bei Wilmans a. a. O. 541-546. Auszug SS. II, 681. Bei Henr. de Hervordia ed. Potthast p. 59 sind noch mehr Wunder.
[15] Translatio S. Liborii, MG. SS. IV, 149-157. Uebers. von Grandaur bei V. Eigilis. Vgl. Conr. Mertens: Der h. Liborius. Sein Leben, seine Verehrung u. seine Reliquien. Paderborn 1873.
[16] Vita S. Mainulfi ed. Corn. Byeus, Acta SS. Oct. III, 209-216. Dann folgt die neue Bearbeitung, welche von Gobelinus Persona verfaßt ist, wie Holder-Egger durch die Trierer Hs. sichert. Ausg. d. älteren Vita SS. XV, 411-417.
[17] Bei A. Lang, De Sanctis O. S. Benedicti. B. Pez Thes. II, 3, 146. MG. SS. IV, 158-164 im Auszuge.
Aus =Corvey= aber sind uns noch Ostertafeln erhalten, im achten Jahrhundert von angelsächsischer Hand geschrieben und mit wenigen Bemerkungen versehen, zu welchen die Mönche des Klosters im Laufe der Zeiten andere hinzugefügt haben; als Geschichtswerk kann man diese kurzen Notizen nicht betrachten, und auch der materielle Inhalt ist für die vorliegende Periode fast ohne Bedeutung[18]. Dagegen hat der Abt =Bovo= (879-890), ein Neffe Warins, oder nach Wilmans' Vermuthung vielmehr Bovo II (900-916) ein Werk geschrieben, aus welchem Adam von Bremen (I, 41) ein werthvolles Bruchstück über die Normannenschlacht von 884 erhalten hat[19]. Er führt es ein mit den Worten: „de sui temporis actis scribens non reticuit dicens“, und danach möchte man an ein Werk über die Geschichte seiner Zeit denken, doch fällt es auf, daß nirgend sonst sich eine Spur davon findet, auch Adam nur diese eine Anführung hat. Die Hauptsache ist das Verdienst des Erzbischofs Rimbert, von welchem ein Brief über denselben Vorfall in die Fulder Annalen aufgenommen war, aber leider in unserer Handschrift ausgelassen ist. Adam bezeichnet den Vorgang als ein Wunder, und vielleicht waren Wundergeschichten der Inhalt des Werkes. Derselbe Bovo II zeichnete sich durch seine Kenntniß des Griechischen aus, und erregte allgemeines Erstaunen, als er dem König Konrad ein griechisches Schreiben auszulegen vermochte, vermuthlich 913, als der König das Kloster besuchte[20]. Wir besitzen aber noch ein Werk von ihm, welches durch Gelehrsamkeit und vortreffliche Latinität der besten karolingischen Schule vollkommen würdig ist, und auch griechisch geschriebene Wörter enthält, welche Kenntniß der Sprache zeigen, nämlich einen Commentar zu Boeth. de consol. phil. III metr. IX. Diesen schrieb er auf den Wunsch des Bischofs Bovo, seines viel jüngeren Blutsverwandten, der unter ihm in Corvey Mönch geworden[21], und jetzt durch weite Länderstrecken (longinqua nimis terrarum intercapedine) von ihm getrennt war; er schrieb ihm trotz schwerer Sorgen, „inter miserias et aerumnas, quas inter civilia bella et paganorum, ut prophetice loquar, velociores aquilis incursiones sine cessatione patimur“[22].
[18] Annales Corbejenses, MG. SS. III, 1-18; berichtigte Ausgabe von Jaffé, Bibl. I, 28-65, wo 7 Notizen 809-840 als Ann. aut Monasterienses aut Werthinenses ausgeschieden sind. Von anderer Hand sind Ann. Corb. 822-879 eingetragen, dann gleichzeitige Fortsetzungen 880-1117. Vgl. oben S. 150. Zu warnen ist vor der Verwechselung mit dem unechten Chron. Corbejense. Ueber die werthvolle ausführlichere Eintragung zu 1046 s. Steindorff, Heinrich III, I, 480. Größeres Facs. mit den Veränderungen der Schrift vom 7. bis 12. Jahrh. in Wigands Arch. f. Gesch. Westf. V.
[19] Abgesondert als Bovonis de sui temporis actis fragmentum, herausgegeben von Jaffé, Bibl. I, 27, vgl. Wilmans a. a. O. S. 304.
[20] „Qui Graecas litteras coram Cuonrado rege legendo factus est clarus.“ Cod. Steinveld. ad Widuk. III, 2.
[21] Nach dem sehr werthvollen, vom Beginn des Klosters bis 1146 fortgeführten Verzeichniß der Aebte und der unter jedem aufgenommenen Mönche, neu herausgegeben bei Jaffé, Bibl. I, 66-72, MG. SS. XIII, 274. Bovo war wahrscheinlich Bischof von Châlons-sur-Marne, † 947, Bruder der Königin Frideruna, Oheim des B. Berengar von Cambrai, s. MG. SS. VII, 431, im Necr. Merseb. zu Dec. 20, Neue Mitth. XI, 250.
[22] Herausgegeben von A. Mai, Class. Auct. III, 332-342. Der Abt ist nur durch B. bezeichnet, kann aber kaum ein anderer sein.
Begreiflich ist es, daß bei noch wachsender Bedrängniß auch hier die Feder ruhen mußte, daß von Bovo's Ruhm und seinen Werken nur eine dunkle Erinnerung blieb, und daß eine neue Zeit erst anbrach, als die Thaten der Ottonen neuen Anstoß zu schriftstellerischer Thätigkeit gaben.
Dasselbe war der Fall in einem andern Kloster, welches den Ludolfingern noch näher stand als Corvey, in =Gandersheim=, wo Graf Ludolf selbst um 850 eine ältere Stiftung erneuert hatte und Prinzessinnen seines Hauses als Aebtissinnen walteten. Die erste, bis zum Jahre 874, war Ludolfs Tochter =Hathumod=, deren Leben von ihrem Bruder =Agius= beschrieben wurde, der nach einer Vermuthung von Pertz wahrscheinlich Mönch in dem nahe gelegenen Kloster Lammspring war, aber, wie Dümmler bemerkt, ebenso gut Corvey angehört haben kann. In der Form ahmte er, wie Traube bemerkt[23], das Vorbild des Paschasius Radbertus nach, indem er zu der in Prosa geschriebenen Biographie Elegieen hinzufügte, die eine tiefgefühlte rührende Todtenklage enthalten[24]. Sowohl die reine und fehlerfreie Sprache, die gewandte Ausdrucksweise, der fließende, wenn auch nicht ganz correcte Versbau, wie das zarte und sinnige Gemüth des Verfassers, den die innigste Liebesgemeinschaft mit seiner Schwester verbunden hatte, verleihen diesen Schriften einen ganz besonderen Reiz; die mancherlei Nachrichten über die verschiedenen Mitglieder dieser zahlreichen und ausgezeichneten Fürstenfamilie geben ihnen außerdem noch einen größeren Werth für den Geschichtsforscher.
[23] O Roma nobilis, S. 310.
[24] Agii Vita Hathumodae ed. Pertz, MG. SS. IV, 165-189. Uebersetzung von Rückert, Stuttg. 1845, von Grandaur bei Vita Eigilis. Benutzung des Fortunat, NA. IV, 527; in der Prosa der V. Martini ib. XIV, 166. -- Ausg. des Dial. von Traube, Poet. Lat. III, 2, 369-388.
Pertz hat die Vermuthung ausgesprochen, daß wohl derselbe Agius jener sächsische Dichter sein möge, welcher Einhards Jahrbücher metrisch bearbeitete. Dieselben Vorzüge des Ausdruckes finden sich darin wieder, und die einzige vorhandene Handschrift stammt aus dem Kloster Lammspring[25]. Doch ist sie kein Original, und jene Annahme nicht ohne Bedenken. Deutlich aber bezeichnet der ungenannte Dichter sich als einen Sachsen, den in den ersten Jahren der Regierung Königs Arnulfs die Dankbarkeit gegen den großen Sachsenbekehrer, welchem er nicht allein den Glauben, sondern auch die litterarische Bildung allein verdankte, zu dem Unternehmen getrieben habe, Karls Leben und Thaten in Versen zu verherrlichen. Er hält sich dabei ganz genau an die Einhardischen Annalen und an das ausdrücklich citirte Leben Karls von Einhard, welchem das letzte, in Distichen verfaßte Buch entnommen ist; nur wenige Schilderungen aus eigener Kenntniß beleben die reizlose Paraphrase. Von 801 an haben ihm jedoch, wie Bernhard Simson nachgewiesen hat, jene Annalen nicht mehr vorgelegen, sondern dürftigere, den Hersfelder verwandte, vermuthlich Halberstädter Annalen, aus welchen die falsche Angabe über den 803 zu Salz mit den Sachsen abgeschlossenen Frieden sich erklärt[26]. Pückert (S. 172 bis 180) nimmt Benutzung des verlorenen Werkes (oben S. 226) in einer Metzer Bearbeitung und Angehörigkeit des Verfassers zu St. Arnulf in Metz an.
[25] Die nachträglich gefundene Brüsseler Handschrift (Archiv III, 379) scheint der Lammspringer zu entstammen, wenigstens hat sie dieselben Lücken. Zur Zeit des Probstes Gerhard u. der Aebt. Judith (1178-1191) schrieb hier die Nonne Ermengarde einige Schriften des h. Augustin ab, Cod. Helmst. 204, s. O. v. Heinemanns Wolfenb. Catalog I, S. 185.
[26] Poetae Saxonis Annales de Gestis Caroli magni imperatoris, ed. Pertz, MG. I, 225-379. Wieder abgedruckt bei Migne XCIX, 683-736. Jaffé, Bibl. IV. 542-627. Ebert III, 125-129. Simson, Der Poeta Saxo und der Friede zu Salz, Forschungen I, 301-326. Pannenborg vermuthet, daß der Verfasser der Gesta Heinrici IV dieses Werk gekannt und nachgeahmt habe. Brieden, Geschichtl. Werth des Poeta Saxo. Progr. d. Laurentianums zu Arnsberg, 1878.
§ 17. Lothringen.
Richbod von =Trier= (795-804) ist als Schüler Alcuins bekannt, und wird als ein Mann von gründlicher Gelehrsamkeit und Bildung gerühmt; Alcuin warf ihm vor, daß er die Aeneide besser kenne, als die Evangelien. Ohne Zweifel wird er sich um die Schulen in seinem Sprengel verdient gemacht haben. Auch Amalarius (809 bis 814) machte sich als Schriftsteller bekannt[1]; an seinen Nachfolger Hetti (814-847) schickte Einhard mit einem freundschaftlichen Briefe (ep. 10, bei Jaffé 23) einen Theil seiner kostbaren Reliquien, vermuthlich für die von ihm gestiftete und 836 eingeweihte Castorkirche zu Koblenz. Von ihm hat sich eine Anleitung zum kirchlichen Unterricht in Gesprächform erhalten[2]; ihm zur Seite stand als Landbischof Thegan, der schon erwähnte Biograph Ludwigs des Frommen. Sein Neffe und Nachfolger war Thietgaud (847-863), Grimalds Bruder, aber sehr unvortheilhaft bekannt durch seine Mitschuld an Lothars II Scheidungsgeschichte. Am Ende des Jahrhunderts, nach der entsetzlichen Verheerung durch die Normannen 882, war =Ratbod= Erzbischof (883-915), welcher den vertriebenen Abt von Prüm, =Regino=[3], zu gelehrten Arbeiten veranlaßte.
[1] Außer verschiedenen Schriften kirchlichen Inhalts (s. NA. XIII, 305-323, XVII, 456) schrieb er nach der Gesandtschaftsreise, die er 813 mit Abt Peter von Nonantula nach Constantinopel unternahm, die dunkeln und in der Ueberlieferung verderbten Versus marini, gedruckt in Alcuins Werken, ed. Froben II, 525; Jaffé, Bibl. IV, 426; Dümmler, Poet. Lat. I, 426.
[2] Herausgegeben von Dr. Nolte im Jahresbericht d. Ges. f. nützl. Forsch. in Trier f. 1872/73 (1874) S. 50-58.
[3] Baehr S. 184-186. 535-538. Dümmler in der Vorrede zur Uebersetzung der Chronik. H. Ermisch, Die Chronik des Regino bis 813, Gött. 1872. Vergl. unten S. 260.
Dieser Regino war von Jugend auf im Kloster Prüm erzogen, wo schon unter dem Abte =Markward= (829-853) litterarische Thätigkeit bemerkbar wird. Verwandt mit Lupus, war nämlich auch Markward in Ferrières Mönch geworden, wo damals Alderich, später Erzbischof von Sens, Abt war, und nach Markwards Erhebung zum Abt von Prüm folgte sein Klosterbruder Ado, der als Erzbischof von Vienne seine Neigung zur Geschichtschreibung bewährt hat, der Einladung, eine Zeit lang in Prüm zu wirken. Markward selbst war Hüter und Lehrer Karls des Kahlen gewesen, als dieser 833 nach dem Siege Lothars nach Prüm verwiesen war[4]; Lupus (ep. 85) sendet ihm Grüße von demselben und schickte ihm Knaben zur Ausbildung. Schon bevor er Abt wurde, hatte Lupus 839 das Leben des h. Maximin verfaßt und seinem Freunde Waldo gewidmet, vielleicht demselben, welcher später Abt von St. Maximin wurde (oben S. 236).
[4] Vgl. darüber B. Simson, Ludwig d. Fr. II, 63 Anm. 2.
In Prüm verfaßte auf Markwards Veranlassung =Wandalbert= (geb. 813) 839 die geschichtlich nicht ganz unwichtigen Wunder des heiligen Goar, welche er zu der Ueberarbeitung der alten Legende hinzufügte; den Schluß bildet ein ausführlicher Bericht über die Erwerbung der Cella S. Goaris durch Verleihung Pippins und Bestätigung Karls des Großen[5]. Auch besitzen wir von Wandalbert das schon oben (S. 60) erwähnte metrisch bearbeitete Martyrologium, welches er auf Antrieb eines sonst nicht bekannten Otricus begann, als er sich in Cöln aufhielt, und nachdem es vollendet war, mit einer Commendation an Lothar versah, 5 lustra nachdem dieser Kaiser geworden, also 848. Die künstlichen Versmaße der dazu gehörigen Gedichte zeugen von seiner Gelehrsamkeit, und während die Hauptmasse ihrer Natur nach fast reine Prosa ist, bieten uns namentlich die Beschreibungen der Monate anziehende Schilderungen ländlicher Beschäftigung in leicht fließenden Versen[6]. Markward aber übertrug im Jahre 844 die Gebeine der heiligen Chrysanthus und Daria nach Münstereifel, welches damals zu Prüm gehörte; Theganbert oder Thegan war es, der sie hier am 25. October feierlich beisetzte, und der Abt versäumte nicht, für die Aufzeichnung dieser Begebenheit zu sorgen oder, wie Holder-Egger vermuthet, sie selbst aufzuzeichnen[7]. Unter Abt Eigil (853-860) brachte der Tod des Kaisers Lothar in der Kutte eines Prümer Mönches dem Kloster hohen Ruhm und reiches Gut; Eigil selbst, ein gelehrter Mann, an den Hraban eine Abhandlung gerichtet hat, entsagte 860 seiner Würde, vielleicht, wie Mabillon vermuthete, weil er die Entscheidung gegen Thietberga unterzeichnet hatte. Er folgte dann einer Einladung Karls des Kahlen und erhielt die Abtei Flavigny, wohin er 864 von Alise-Sainte-Reine die h. Regina übertrug; die Geschichte der Uebertragung sammt den Wundern ließ er aufzeichnen, nachdem er 865 Erzbischof von Sens geworden war[8].
[5] Die werthlose alte Vita S. Goaris bei Mab. II, 276-280; dann folgt die von Wandalbert mit den Wundern. Miracula S. Goaris, ed. Holder-Egger, SS. XV, 361-373, mit der Vorrede der Vita.
[6] S. über ihn Dümmler, NA. IV, 305-312; Ebert II, 185-191; das Martyrol. Poet. II, 567-622. Die von Rettberg bezweifelten Verse über die Cölner Märtyrerinnen sind sicher echt. Uebersetzung der Verse über die Monate von Paul Herzsohn in d. Westd. Zts. 1, 277-290.
[7] Historia translationis Chrisanthi et Dariae, Mab. IV, 1, 611-618. Acta SS. Oct. XI, 490-495 ed. B. Bossue, Annalen f. d. Gesch. d. Niederrheins XX, 96-217, Ausg. u. Abhdlg. von Floß. Auszug MG. SS. XV, 373. 374.
[8] Translatio S. Reginae bei Mab. IV, 2, 238, Acta SS. Sept. III, 40, nebst einer Urk. Eigils über eine daran sich schließende Stiftung zu Corbiniacum. Auszug v. Holder-Egger SS. XV, 1, 449-451.
Auch Annalen sind um diese Zeit in Prüm geschrieben; anfangs aus älteren Annalen ausgezogen, bringen sie locale Nachrichten bis 860, bis zu welchem Jahre sie in Stablo ausgeschrieben sind, und wurden dann in Prüm bis 922 fortgeführt; damals hat sie, wie es scheint, der zum Bischof von Lüttich erhobene Abt Richarius nach Lüttich mitgenommen, wo sie weiter fortgesetzt wurden. Aus der Chronik des Regino sehen wir, daß es ein ausführlicheres Exemplar dieser Annalen gegeben haben muß, welches Regino benutzte[9].
[9] Annales Prumienses a. 122-1044 ed. O. Holder-Egger, SS. XV, 2, 1289-1292. Es folgen noch Ann. Prum. brevissimi a. 906-919. 1226 bis 1238. Vgl. F. Kurze, NA. XV, 318.
Allein im Jahre 882 und noch einmal 892 erlag auch dieses herrliche Kloster den räuberischen Dänen; der Abt Farabert legte nach der Zerstörung desselben sein Amt nieder, und zu seinem Nachfolger wurde =Regino= gewählt. Aber die Parteikämpfe, welche damals Lothringen zerrissen, ließen auch ihm keine Ruhe; er mußte 899 seinen Gegnern weichen, und fand eine Zuflucht in Trier, wo er im Kloster St. Maximin 915 bestattet ist[10]. Der Erzbischof übergab ihm das ebenfalls von den Normannen verwüstete Martinskloster, welches unter seiner Leitung hergestellt sein soll[11]; vorzüglich aber scheint er sich seiner Gelehrsamkeit bei der Verwaltung seines kirchlichen Amtes bedient zu haben. Oft, sagt Regino, habe er gesehen, wie der Erzbischof sich erzürnt habe über den unmelodischen und fehlerhaften Gesang in den Chören seiner Sprengel, zu welchen er ihn also vermuthlich auf Visitationsreisen begleitet hat. Und wie er diesem Mangel durch seine Schrift de harmonica institutione[12] abzuhelfen suchte, so verfaßte er auf Ratbods Wunsch sein umfassendes und lehrreiches Werk über die Kirchenzucht zu dem praktischen Zwecke, bei Visitationen, welche wegen der argen Verwilderung der Geistlichkeit wie der Laien dringend nothwendig waren, alle erforderlichen Vorschriften des canonischen Rechtes in mäßigem Umfang darzubieten[13]. Diese um 906 unternommene Schrift widmete er Hatto von Mainz, dem damaligen Regenten des Reichs; an den Erzieher des jungen Königs, den gelehrten Bischof Adalbero von Augsburg, sandte er 908 seine Chronik von Christi Geburt bis zum Jahre 906. Dieses Werk verdient unsere Beachtung als einer der frühesten Versuche die Weltgeschichte in einer ziemlich ausführlichen Erzählung zusammenzufassen, eine Aufgabe, an welche sich damals nicht leicht jemand wagte und deren Schwierigkeiten außerordentlich groß waren. Die Ausführung ist freilich auch sehr mangelhaft geblieben und namentlich die Chronologie in der höchsten Verwirrung; auch versucht er gar nicht wie Frechulf eine Verarbeitung seiner Quellen, sondern begnügt sich mit wörtlichem Ausschreiben, was von nun an immer mehr üblich wurde. Beda, die Thaten der Frankenkönige, und andere bekannte Quellen bilden die Grundlage seines Werkes, welches anfangs nach den Regierungen der Kaiser angeordnet ist; weiterhin geht er, der Natur seiner Quellen folgend, in die annalistische Form über und fährt auch selbst in dieser Weise fort. Darin ist seine Chronik den auch von ihm benutzten Reichsannalen ähnlich, aber sie unterscheidet sich sehr wesentlich dadurch, daß er nicht gleichzeitig mit den Begebenheiten schrieb und deshalb auch gerade in der chronologischen Anordnung derselben wenig zuverlässig ist[14].
[10] Weil sein Grabstein da gefunden ist, hat man geglaubt, daß er in diesem Kloster Aufnahme gefunden habe, aber es lag damals nach der Verwüstung durch die Normannen in Trümmern.
[11] Vita S. Magnerici, MG. SS. VIII, 208; vgl. Archiv III, 291. Regino soll nach späteren Aufzeichnungen aus Altrip am Rhein gebürtig sein.
[12] Gedruckt, doch ohne den tonarius, bei Gerbert, SS. eccl. de musica sacra I, 230-247. Neue Ausg. mit Facs. des tonarius bei Coussemaker, Scriptores de Musica Medii Aevi Paris (1867) II, 1-73. Hs. s. X. in Brüssel 2751, nach Dümmler. Die Schrift war für den Erzbischof, als gelehrten Musiker, und für tüchtige Sänger bestimmt, nicht für Walcaud: frustra enim lyra asino canitur. -- Walcaud presb. im Cal. S. Maximini zum 10. August, Archiv XI, 290. Vgl. W. Brambach: Die Musiklitteratur des Mittelalters bis zur Blüthe der Reichenauer Sängerschule (500-1050) 1883.
[13] Reginonis libri duo de synodalibus causis et disciplinis ecclesiasticis, ed. Wasserschleben, Lips. 1840.
[14] Reginonis Chronicon, ed. Pertz, MG. I, 536-612. Ausg. von Fr. Kurze 1890, 8. Vgl. von dems. Ueberlieferung u. Quellen der Chronik Regino's u. seines Fortsetzers, NA. XV, 293-330. Uebersetzung von Dümmler, 1857. 1890. Geschichtschr. IX, 12, Bd. 27. Ueber Benutzung des Justin s. Rühl, Verbreitung des Justin im Mittelalter, S. 12-14. Von der Fortsetzung s. unten III, 6.
In dieser Beziehung hat bei ihm wie bei manchem anderen das Vorbild der Annalen nachtheilig gewirkt; denn für die Aufzeichnung unbestimmt gewordener Ueberlieferungen ist die annalistische Form nicht nur hinderlich, sondern die scheinbare Bestimmtheit verleitet auch dazu, den Angaben mehr Gewicht beizulegen, als ihnen zukommt. Bis zum Jahre 814 hat Regino die Lorscher Annalen benutzt; von da an aber fehlten ihm außer den oben erwähnten kurzen Annalen seines Klosters schriftliche Hülfsmittel, was wohl nur durch die Verheerungen der Normannen zu erklären ist, und er mußte sich zur Ausfüllung der großen Lücke von Karls des Großen Tode bis auf seine Zeit allein auf die so unsichere mündliche Tradition verlassen; nur über die Händel, welche Lothars II ärgerliche eheliche Verhältnisse veranlaßten, standen ihn Urkunden zu Gebote[15].
[15] Die Actenstücke hierüber und besonders über die nach Gunthars Absetzung am 7. Jan. 870 vollzogene Wahl Williberts von Cöln sind vermehrt durch die von Floß, Die Pabstwahl unter den Ottonen, Urkunden S. 24-102 herausgegebenen Schreiben. -- Dümmler, Ostfr. III, S. 170, giebt aus einer Londoner Handschrift der Chronik des Regino die von Lappenberg entdeckte Grabschrift des Grafen Heinrich († 886); jetzt auch in d. Ausgabe v. Kurze. S. 126.
Auffallend und für die Stellung Lothringens charakteristisch ist es dabei, wie wenig Regino von dem Ostfrankenreiche zu sagen weiß, während er von den Westfranken viel und eingehend erzählt, und namentlich die Bretagne besonders berücksichtigt, ein Umstand, den Dümmler durch die dort gelegenen Besitzungen der Mönche von Prüm erklärt. Ueber das, was er selbst mit erlebt hat, giebt Regino sodann ausführliche und schätzbare Nachrichten. Daß er von den entfernteren Ereignissen nur unsichere Kunde erhalten hat, wird man ihm nicht zum Vorwurfe machen; über Lothringen aber war er genau und zuverlässig unterrichtet, und würde gewiß noch tiefer in die dortigen Verhältnisse blicken lassen, wenn ihn nicht die Besorgniß vor dem Zorne der Machthaber verhindert hätte, die ganze Wahrheit zu sagen. Als diesen Machthaber, welchen er fürchtet, hat Harttung mit Wahrscheinlichkeit Karl den Einfältigen nachgewiesen, der nach einer Angabe des Trithemius seine Absetzung veranlaßte, weil er ein Anhänger von K. Odo's Bruder Robert war. Sein Rival war Richar, der Bruder von Gerhard und Matfrid, später Bischof von Lüttich; durch verleumderische Angaben über schlechte Verwaltung soll er ihn verdrängt haben, nach Inhalt eines Briefes von Regino, der den Magdeburger Centuriatoren noch bekannt und wahrscheinlich in einem Exemplar der Chronik abgeschrieben war. Zur Zeit aber, als Regino seine Chronik schrieb, gehörte Lothringen zu Karls Reich[16]. Seine Zurückhaltung hat Regino jedoch nicht davor schützen können, daß aus seinem Werke z. J. 892 ein bedeutendes Stück, in welchem er von seinen eigenen Schicksalen erzählte, ausgeschnitten und vernichtet wurde.
[16] Harttung, Forsch. XVIII, 362-368.
Seine Schreibart ist einfach und dem Gegenstande angemessen, und wenn es ihm auch keineswegs gelungen ist, die Weltgeschichte in wirklich historischer Weise zu bearbeiten, so zeigt er doch für die ihm näher liegenden Zeiten und Verhältnisse einen freien Blick und gesundes Urtheil; die eigenen Erfahrungen und die freundschaftliche Beziehung zu einem hochstehenden Kirchenfürsten erhoben ihn über die gewöhnlichen Annalisten, und sein Werk steht am Ende der karolingischen Zeit als eine bedeutende Erscheinung da, der sich wohl weitere Fortschritte angeschlossen haben würden, wenn nicht gerade jetzt die äußere Noth für lange Zeit alle wissenschaftlichen Bestrebungen erdrückt hätte.
Als die bei allen ihren Mängeln doch bei weitem beste umfassende Behandlung der Weltgeschichte ist Regino's Chronik bis ins zwölfte Jahrhundert viel benutzt worden und hat große Verbreitung gefunden, wobei denn auch seine großen chronologischen Irrthümer manchen irre geleitet haben.
Man kann wohl nicht bezweifeln, daß Lothringen mit seinen bedeutenden Kirchen und Klöstern noch manches andere Geschichtswerk hervorgebracht hat, welches in den furchtbaren Verheerungen des Landes durch Normannen und Ungarn zu Grunde gegangen ist; die blühendsten Klöster verödeten und kamen in Laienhände, so daß eine Periode tiefer Dunkelheit eintrat, welche später der kecken Erdichtung freien Spielraum darbot. Merkwürdig sind auch in dieser Beziehung die =Annalen von Xanten=[17], weil sie nirgends erwähnt oder benutzt sind, und völlig spurlos verschollen sein würden, wenn nicht Pertz sie 1827 in einer angebrannten Handschrift der Cottonschen Bibliothek entdeckt hätte. So war auch dieser vereinzelte Rest der höheren Ausbildung jener Periode dem gänzlichen Untergange schon ganz nahe gewesen. Nach Xanten sind diese Annalen benannt, weil die Zerstörung des Stiftes durch die Normannen 863 ausführlich erzählt ist, aber sonst ist gar nicht von Xanten die Rede, und auch hier findet sich die falsche Jahreszahl 864, wie überhaupt eine Verschiebung der Jahreszahlen, welche annehmen läßt, daß nur eine Compilation uns vorliegt. Einem Auszug aus den Reichsannalen schließt sich hier eine selbständige Fortsetzung von 831 bis 873 an, von verschiedenen Verfassern gleichzeitig aufgezeichnet, hin und wieder ziemlich ausführlich. Reichsgeschichte zu geben war die Absicht, aber es fehlte die Verbindung mit dem Hofe; Zusammenkünfte der Könige werden erwähnt, aber die Beschlüsse bleiben dem Schreiber unbekannt; zu gleichmäßiger Berichterstattung fehlen ihm die Hülfsmittel. Viel ist von Himmelserscheinungen, Ueberschwemmungen, Heuschrecken die Rede, vom Elend der Zeiten sind die Verfasser sehr erfüllt. Der Cölner Sprengel wird vorzüglich berücksichtigt, daneben der benachbarte von Münster. Vielleicht hat einer der vertriebenen Xantener Chorherren, die nach Cöln flüchteten, dort Aufzeichnungen vorgefunden und fortgesetzt.
[17] Annales Xantenses ed. Pertz, MG. II, 217-235. Uebers. bei den Fulder Annalen. Hans Steffen: Beiträge zur Kritik d. X. Annalen, NA. XIV, 87-109. Der Anfang 640 bis 789 ist jüngeren Ursprungs, von einem Mönch des Klosters Egmond, von wo die Hs. stammt, und nach Bonnell, Anfänge S. 149, aus Sigebert genommen, mit Einschaltungen aus Regino und Legenden. Bestätigend Oelsner, Pippin S. 518. Doch vgl. B. Simson, NA. II, 628; Waitz ib. V, 493. Ueber die Ortsbezeichnung Gronneorum s. Meyer von Knonau über Nithard S. 143. -- Kirchweihnotizen aus Xanten 1081-1411 als Notae S. Victoris Xant. MG. SS. XIII, 43-45.
In =Cöln= hat Karls des Großen Erzkaplan Hildebald[18], der von Theodulf unter dem Namen Aaron gefeiert wird, wissenschaftliche Studien begründet. Er ließ die vom Pabst an Karl geschickten Manuscripte für seine Kirche abschreiben; viele davon sind noch vorhanden und jetzt dem Cölner Domcapitel zurückgegeben[19]. Es sind auch kurze Annalen daraus gewonnen[20]. Die Erzbischöfe Hilduin (842-849) und Gunthar (863 entsetzt) werden von Sedulius gepriesen, Gunthar machte selbst Verse und bei ihm erhielt sein Neffe Radbod, später Bischof von Utrecht, den ersten Unterricht[21]. Willibert (870-889) ließ für sich den Codex Carolinus abschreiben[22], und sorgte auch für die Aufbewahrung der Correspondenz, welche durch Gunthars Entsetzung und die folgenden Ereignisse veranlaßt war[23]. Aber von litterarischen Erzeugnissen, wozu jene kleinen Annalen kaum zu rechnen sind, ist nichts auf uns gekommen, wenn nicht vielleicht die Xantener Annalen hierher gehören.
[18] Die Angaben über sein Sterbejahr schwanken zwischen 818 u. 819, Sept. 3. B. Simson, Ludw. d. Fr. S. 232 für 818.
[19] Hartzheim, Catal. bibl. Colon. (Col. 1752); cf. Archiv VIII, 617 ff. Rettberg I, 540. Jaffé et Wattenbach, Ecclesiae Colon. Codices manuscripti, Berol. 1874; vgl. das Verz. der „libri praestiti de armario S. Petri“ saec. XI, ed. Dümmler e cod. Ampl. 64, Zeitschr. f. D. Alt. XIX, 466.
[20] Davon gehören hierher Ann. S. Petri Coloniensis 798. 810-818, nur einzelne Notizen e cod. 83 II, MG. SS. XVI, 730, Codd. p. 29. 30, und bei Krusch, Studien zur christlich-mittelalterlichen Chronologie (Leipz. 1880) S. 197. Ann. Col. brevissimi 814-870, I, 97 aus Eckh. Comm. de rebus Franciae orientalis.
[21] Dümmler, Ostfr. II, 10. Höchst wahrscheinlich ist er der Gunthar, dem Meginhard ein Werk widmete, s. oben S. 240. Ein gleichzeitiges Gedicht in roher Form zum Preise Gunthars e cod. S. Galli 904 ed. Dümmler im Anz. d. Germ. Mus. XVIII, 10; vgl. NA. IV, 319; wiederholt von Traube, Poet. Lat. III, 239.
[22] Jaffé, Bibl. IV, 2. Auch im Wiener Cod. der Bonifaz. Briefe ist eine auf Williberts Weihe bezügliche Notiz, Bibl. III, 11.
[23] S. oben S. 261 Anm. 1. Zu der bei Floß, Urkk. S. 124, erwähnten Verwüstung durch die Normannen 881 ist zu bemerken, daß nomina die Reliquien sind.
Etwas mehr hat sich aus =Lüttich= erhalten, dessen später so berühmte Schule in ihren ersten schwachen Anfängen schon jetzt hervortritt. Noch war es ein unbedeutender Ort, als ihm der Leib des um 672 erschlagenen Bischofs Theodard von Mastricht, welchen sein Nachfolger =Landebert= oder =Lambert= dort bestatten ließ, ein höheres Ansehen gab. An seinem Grabe wurde Lambert selbst 708 (?) erschlagen: er hatte Pippin und seiner Concubine Alpais Vorwürfe gemacht, Pippin war erschüttert und dachte daran, seine rechtmäßige Gemahlin Plectrudis wieder zu sich zu nehmen, da vollbrachte Dodo, der Bruder der Alpais, die Blutthat. Nachdem eine Kirche dort erbaut und die Gebeine des Märtyrers feierlich erhoben waren, mußte eine Legende geschrieben werden, aber noch fehlte es an geeigneten Kräften. Der Autor, welcher die Ausführung nach dem Maße seiner schwachen Kräfte in barbarischem Latein unternahm, griff zur Vita Eligii und brachte mit starker wörtlicher Ausnutzung derselben sein Werk zu Stande[24]. Der erbauliche Zweck ist durchaus vorherrschend. Aber noch regierte Karl Martell, der Sohn der Alpais, und aus Furchtsamkeit verschwieg er den wahren Anlaß des Todes. Auch =Godesscalc=, ein Lütticher Domherr, welcher auf Befehl des Bischofs Agilfrid sein Werk um 770 überarbeitete, folgt einfach seiner Vorlage und beschränkt sich auf stilistische Verbesserung. Aber im Volke erhielt sich die Erinnerung der That, und Ado in seinem Martyrologium hat sie kurz berichtet, vielleicht kannte er schon eine Aufzeichnung, deren später Anselm von Lüttich gedenkt, und deren Inhalt durch ihn überliefert, nun auch in die späteren Bearbeitungen überging; auch schon der Verfasser einer poetischen Version im Anfang des 10. Jahrh. deutet darauf hin. Lange Zeit ist der Hergang in entgegengesetzter Weise aufgefaßt; man glaubte hier ein recht deutliches Beispiel davon zu haben, wie die Legenden mit der Zeit wachsen und tendenziös entstellt werden, bis God. Kurth in, wie mir scheint, durchaus schlagender Weise, gestützt auf den aus einer neugefundenen Handschrift ergänzten Text des Anselm[25], den richtigen Sachverhalt nachgewiesen hat[26]. Dieselbe Reticenz finden wir auch in der =Vita Theodardi=, obgleich sie erst um die Mitte des 8. Jahrhunderts geschrieben wurde[27].
[24] Nachgewiesen von Kurth in der gleich zu erwähnenden Schrift, S. 102-112; es ergibt sich daraus auch, daß die Translation und Mirakel von dems. Vf. sind. Als diese älteste _Vita Lamberti_ betrachtet Kurth die bei Mabillon, Act. III, 1, 69-76, gedruckte, welche bisher Godesscalc zugeschrieben wurde. Vgl. Fr. Scheibelberger: Die älteste Vita S. Lantperti, Oest. Vierteljahrsschrift f. Kath. Theol. (1871) X, 222-224, über den älteren einfacheren Text eines Linzer Codex. NA. II, 256 über den Brüsseler Cod. 9368. -- Ein Plagiat der V. Lamberti ist die älteste V. Remaeli, wie Kurth nachgewiesen hat im Bulletin de la Commission roy. d'histoire, 4. Série, tome III, n. 3.
[25] In Anselms c. 8, MG. SS. VII, 195, muß es am Schluß der aus Regino (der aus Ado schöpfte) entlehnten Stelle: „ab iniquissimo Dodone et aliis viris de palatio missis improvise conclusus intra domum ecclesiae in Leodio vico occiditur“ heissen: Qua vero de causa regiam domum increpaverit, sic habet adhuc alterius scripturae relatio nobis a prioribus relicta u. s. w. Notice sur un manuscrit d'Hariger et d'Anselme conservé à l'abbaye d'Averbode. Bull. de la Comm. roy. 4. Série, II, n. 7. Kurth vermuthet eine Aufzeichnung in Stablo, wo Lambert früher, als er aus Mastricht vertrieben war, eine Zuflucht gefunden hatte; keine Vita Lamberti.
[26] Étude critique sur S. Lambert et son premier biographe. Mém. couronné. Anvers 1876.
[27] Kurth, Étude, p. 67 ff.
Lambert aber wurde nun der Schutzheilige von Lüttich, wohin von Mastricht der Sitz des Bisthums verlegt wurde. Auch das Leben seines Nachfolgers, des 727 verstorbenen Bischofs =Hugbert= oder =Hubert=, ist von einem Zeitgenossen beschrieben und noch in seiner ursprünglichen, sehr barbarischen Form vorhanden[28], nebst dem Bericht über seine erste Translation 743. Wie darin die Vita Arnulfi und Vita Lamberti ausgeplündert sind, haben Demarteau und Krusch gezeigt.
[28] W. Arndt, Kleine Denkmäler aus der Merowingerzeit (1874) S. 52 bis 70. Ausg. von De Smedt, Acta SS. Nov. I; vgl. Krusch, HZ. LXV, 103-105.
Bischof =Waltcaud= (810-831) übertrug 825 den h. Hubert nach dem neugestifteten Kloster Andagium, später =Saint-Hubert= in den Ardennen, und nun bedurfte man einer Biographie, welche den gesteigerten Anforderungen der karolingischen Zeit genügte. Dazu gelang es ihm, den Bischof =Jonas von Orléans= zu bewegen, der zugleich auch diese neue Translation beschrieb[29]. In der Widmung sagt Jonas zu ihm: cum assit vobis palatina scolasticorum facundia. Doch ist das vielleicht nur Phrase, oder bezieht sich, wie Dümmler, Ostfr. III, 650 annimmt, auf die Hofschule. Lüttich war eine Station für die nach Rom pilgernden Irländer, und es haben sich noch Bittschreiben solcher Wanderer erhalten[30]. Wenn aber in dem einen der Bittsteller, auf die Empfehlung des Kaisers, vermuthlich Karls des Kahlen, sich berufend, mit bitterer Klage über die allzu schmale Kost, den Brüdern der Kirche gleichgestellt zu werden wünscht, so ist auf einen dauernden Aufenthalt und Verwendung der gelehrten Fremdlinge für den Unterricht zu schließen.
[29] Translatio S. Huberti, Mab. IV, 1, 295 (278 ed. Ven.). Vorrede zu dem ganzen Werk Forsch. VI, 126, und bei Arndt a. a. O. nebst Inhaltsverzeichniß u. Translatio, S. 70-82; Transl. MG. SS. XV, 234-237, von L. v. Heinemann. Ueber Jonas s. Ebert II, 225-230. Seine Schriften de institutione laicali und de institutione regia (834 für K. Pippin verfaßt) sind sehr lehrreich für die Kenntniß der damaligen Zustände; vgl. darüber B. Simson, Ludwig d. Fr. I, 381; K. Amelung, Leben u. Schriften des Bisch. Jonas v. Orléans, Progr. d. Vitzthumschen Gymn. zu Dresden 1888 (NA. XIV, 219).
[30] Dümmler, NA. XIII, 360-369, aus d. Zeit d. Bischofs Franco.
Schon Bischof =Hartgar= (840-854), der Erbauer eines neuen, mit Gemälden schön geschmückten Bischofshofes, nahm in Lüttich den Iren =Sedulius= und mehrere seiner Landsleute auf; wir werden sie oder ihre Genossen in Mailand wiederfinden, und vielleicht machten sie unterwegs Station in Salzburg. Sedulius, der Verfasser verschiedener theologischer Werke und eines Fürstenspiegels[31], war nicht ohne mancherlei Gelehrsamkeit und metrische Gewandtheit, des Griechischen kundig, aber doch incorrect, oft schwülstig und dunkel, ein Freund willkürlich neugebildeter Worte. Seine adulatorische Hofpoesie, der es zuweilen nicht an ergötzlichem Humor fehlt, feiert Hartgar und seinen Nachfolger =Franco= (854-901), Gunther von Cöln, bei dem er sich auch einige Zeit aufgehalten hat, Adventius von Metz, den gelehrten Markgrafen Eberhard von Friaul und andere Zeitgenossen; auch Kaiser Lothar und dessen Familie. Ohne Zweifel gebührt ihm und seinen Genossen ein Antheil an der späteren Blüthe der Lütticher Schule, aber auch an der gesuchten und verkünstelten Schreibart, welche dort lange herrschend blieb[32].
[31] Sedulii liber de rectoribus christianis, ed. A. Mai, Spicil. Rom. VIII, 1-69. Nach Dümmlers Vermuthung vielleicht für Lothar II bestimmt; ältere Hss., welche die Entstehung nach Ludwigs d. Fr. Tod bestätigen, NA. III, 188. Entlehnungen aus der Hist. Aug. stammen nach Mommsen im Hermes XIII, 298-301, aus der Sammlung von Excerpten, welche sich in einer Cusaner Hs. erhalten hat. -- Vgl. Ebert II, 191-202; Dümmler, NA. IV, 315-320.
[32] Nachdem die Gedichte des Sedulius von Dümmler, Grosse, Pirenne einzeln herausgegeben waren, sind sie jetzt vereinigt von Traube, Poet. Lat. III, 151-237, und über die sehr merkwürdige Persönlichkeit des Sedulius handelt ders. in O. Roma nobilis, S. 338 ff.
Bischof Franco erhob in =Eika= (Alteneyk bei Maaseyk) die ersten Aebtissinnen =Harlindis= und =Reinila=, welche angeblich von Willibrord und Bonifatius geweiht waren, deren Leben bald darauf, noch vor der Verwüstung durch die Normannen, beschrieben ist, und für den Mangel an geschichtlichem Inhalt durch culturhistorische Züge entschädigt[33].
[33] Acta SS. Mart. III, 386-392, und daraus Mab. III, 1, 654-663. Ueber die Bestätigung der Nachrichten durch Denkmäler Friedrich, Kirchengeschichte II, 346.
Einen merkwürdigen Mann finden wir in der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts in der Brüderschaft der Klöster Stablo und Malmédy, =Christian=, nach Sigebert aus Aquitanien stammend, einen würdigen Vertreter karolingischer Bildung. Mit umfassender Gelehrsamkeit, auch der griechischen Sprache nicht unkundig, hat er mit merkwürdig freier Denkweise und nüchterner Verständigkeit einen Commentar zum Matthaeus geschrieben, aus welchem Dümmler allerlei für die Zeitgeschichte lehrreiche Aeußerungen zusammengestellt hat[34]. Ausserdem besitzen wir eine bald nach 850 geschriebene Beschreibung der Wunderthaten des h. Remaclus, zu welcher, nachdem das Kloster von der Zerstörung durch die Normannen 881 sich erholt hatte, weitere Zusätze gemacht sind[35].
[34] Ueber Chr. von Stavelot u. seine Auslegung zum Matthaeus, Berl. SB. 1890, S. 935-952.
[35] Ex Miraculis S. Remacli Stabulensibus, ed. O. Holder-Egger, SS. XV, 1, 431-443.
Außer der kurzen, vom Probst =Liuthard= verfaßten Erzählung von der =Uebertragung des h. Justus= bald nach 900 nach =Malmédy=[36] ist schließlich nur noch die =Bisthumsgeschichte von Verdun=[37] zu erwähnen, von =Berthar=, der erste Versuch einer Localgeschichte, an denen später Lothringen so reich war, nach der traurigen Zeit der feindlichen Verwüstungen, denn der Verfasser schrieb erst nach dem Brande der Domkirche im Jahre 916 oder 917; sein Werk reicht aber nur bis in die Zeit des Kaisers Arnulf und ist wegen des fast gänzlichen Mangels an älteren Quellen sehr dürftig[38]. Veranlaßt war er zu seinem Unternehmen durch den Bischof =Dado= (880-923), den Freund Salomons III von Constanz, von dessen eigenen Aufzeichnungen über seine und seiner Vorgänger Geschichte ein Fragment sich erhalten hat. Aus Metz besitzen wir Briefe und ein Epitaphium des Bischofs =Adventius= (858-875), den auch Sedulius gepriesen hat[39]; aus Toul sind uns einige Briefe des Bischofs =Frothar= (813-848) erhalten[40].
[36] Martene. Coll. VI, 833; MG. SS. XV, 1, 566. Spät geschrieben und fabelhaft ist die Translatio S. Quirini Malmundarium, angeblich 808, mit einem fingirten Briefe Hildebalds von Cöln an Karl den Großen. Mart. Thes. III, 1685-1690.
[37] Bertharii Gesta episcoporum Virdunensium, ed. Waitz, MG. SS. IV, 36. Benutzung von Fortunats Gedichten NA. XII, 591. _Nomina epp. Virdun._ SS. XIII, 307.
[38] Ueber die fabelhafte Vita S. Mengoldi s. oben S. 174.
[39] Poet. Lat. III, 225. Ueber Adventius s. Baehr S. 110; aus einer Briefsammlung, die sich auf Lothars II Ehehandel bezieht, sind bei Baronius noch mehr Briefe, alle von Dümmler sorgfältig benutzt und angeführt. -- NA. IV, 526.
[40] Du Chesne II, 712-723. Bouquet VI, 386-397. Vgl. Ch. Pfister in Annales de l'Est 1890, S. 261 ff.
§ 18. Schwaben.
Stälin I, 235-240. Baehr S. 118-122. Ild. v. Arx, Geschichte von St. Gallen. Weidmann, Geschichte der Bibliothek von St. Gallen, 1841. G. Scherrer, Verz. der Handschriften d. Stiftsbibl. Halle 1875. F. Keller, Bilder und Schriftzüge in den irischen Manuscripten der Schweizer Bibliotheken, in den Mittheilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich VII, 3. 1851. Dümmler, Das Formelbuch des Bischofs Salomo III von Constanz, 1857. Derselbe, St. Gallische Denkmale aus der Karolinger Zeit, Mittheilungen der Antiquarischen Gesellschaft XII, 6. 1859. G. Meier, Gesch. d. Schule von St. G. im Mittelalter, im Jahrb. f. Schweizer Gesch. X. St. Gallische Geschichtsquellen, neu herausgeg. v. G. Meyer von Knonau. 1870-1877. Rec. von Dümmler, HZ. XXXVIII, 327-343. Uebers. von Ekk. Casus nebst Proben aus den übrigen Theilen, von M. v. Knonau, 1878, Geschichtschr. 38 (X, 11). Ueber Sanct-gall. Formelsammlungen Zeumer, NA. VIII, 505-553.
Wenden wir unsern Blick nach dem Süden Deutschlands, so zieht vor allem =St. Gallen= unsere Aufmerksamkeit auf sich, nebst dem nahe gelegenen =Reichenau=. Hatten wir früher schon in dem alten Leben des heiligen Gall wenigstens einen ersten Versuch litterarischer Thätigkeit zu erwähnen, so finden wir nun auch hier einen Schüler Alcuins, Grimald, als Abt (841-872); Sanctgaller Mönche, wie Werinbert und Hartmut, Otfrids Mitschüler, besuchen, wie es scheint, die berühmte Schule des Klosters Fulda, und Hrabans Schüler Walahfrid wird Abt von Reichenau (842-849). Hierzu kommt noch der Unterricht gelehrter Iren, welche auch die Kenntniß des Griechischen hier heimisch machen, während der lebhafte Verkehr mit Italien nicht minder anregend wirkt. Die Sanctgaller Schule war vielleicht von allen die bedeutendste, und glücklicher Weise besitzen wir zugleich von ihr das lebendigste Bild in der reichhaltigen Klosterchronik[1], welche von verschiedenen Verfassern bis 1330 fortgeführt wurde. Die Schule war hier lange Zeit der Mittelpunkt des Klosterlebens, der Stolz und die Freude der Sanctgaller Mönche, und die Lebensnachrichten von den bedeutenderen Lehrern nebst mannigfachen Schulgeschichten verschiedener Art nehmen einen sehr hervorragenden Raum in der Chronik ein. Doch die Aufzeichnung dieses Theiles derselben gehört einer späteren Zeit an; von Ekkehard (IV) im elften Jahrhundert nach mündlicher Ueberlieferung aufgezeichnet, ist er in allen Einzelheiten unzuverlässig, giebt aber doch ein culturhistorisch unschätzbares, im Gesammteindruck auch sicher zutreffendes Bild. Der erste Theil dagegen bis zum Jahre 883, von Ratpert verfaßt, ist erfüllt von den äußeren Schicksalen des Klosters, den langen Kämpfen um seine Unabhängigkeit und Selbständigkeit, welche den Bischöfen von Constanz nur mit Mühe abgerungen war, und gegen verschiedene Anfechtungen vertheidigt wurde. Das Verhältniß zu den Bischöfen, welche formell völlig im Rechte waren, hat Ratpert, der schon ganz entstellten Klostertradition folgend, durchaus umgekehrt dargestellt, wie kürzlich Sickel auf die Urkunden gestützt nachgewiesen hat[2]; seine Aufmerksamkeit aber war diesem Gegenstand so vorwiegend zugewandt, daß er auch aus der späteren Zeit der Blüthe wenig über das innere Leben des Klosters berichtet.
[1] Casus S. Galli ed. Ild. v. Arx, MG. SS. II, 59-183 (bis zum Jahre 1233). Zwischen 833 und 890 ist ein Stück verloren, auf welches sich Ekkehard in seiner Fortsetzung MG. II, 83 mit den Worten bezieht: Kerhaldo (corr. Bernhardo) itaque abbate, ut alias in alio libro relatum est, deposito (890). In d. neuen Ausg. c. 11 S. 37 fehlen die Worte in alio libro. Nach G. Scherrer, Verz. S. 9 u. 166, hat Jod. Metzler († 1639) noch eine verlorene Quelle gehabt. -- Ratperti Casus S. Galli nach obiger Ausgabe bei Migne CXXVI, 1055-1080. Neue Ausg. von G. Meyer von Knonau in den St. Galler Mittheilungen zur vaterl. Gesch. XIII. mit ausführl. Commentar u. Excursen. Desgleichen Ekkeharti (IV) Casus S. Galli ebenda XV. XVI. 1877. Mit den Vitis et miraculis Galli et Otmari auch besonders ausgegeben als St. Gall. Geschichtsquellen. -- Catal. abb. S. Galli, Augiensium, epp. Constantt. MG. II, 34-39; ersterer neu herausgegeben u. bearbeitet von G. Meyer von Knonau, Mittheil. XI, 125-138; v. Holder-Egger SS. XIII, 326-330; Aug. ib. p. 331; Const. p. 324. -- Mitth. XI, 1-124 St. Galler Todtenbuch und Verbrüderungen, von E. Dümmler und H. Wartmann; S. 6 über das um 817 angelegte Verbrüderungsbuch. Dieses ist jetzt von P. Piper herausgegeben, MG. Libri Confraternitatum, 1884, 4. Verz. d. Constanzer Domgeistlichkeit s. XI. NA. XI, 408.
[2] Th. Sickel, St. Gallen unter den ersten Karolingern, in den Mittheilungen zur vaterl. Gesch. IV. 1865. Daß die Bischöfe doch auch über ihre formelle Berechtigung hinaus sich, wie es fast immer geschah, Uebergriffe erlaubt haben mögen, hebt Monod zu Ratperts Gunsten hervor, Revue crit. 1873, II, 409-413.
Die ersten Zeiten des angestrengten und oft unglücklichen Kampfes waren der litterarischen Entwickelung nicht günstig. Eine Zierde des Klosters war jedoch schon damals =Waldo=, der zum Abt erhoben, nach Ratperts Darstellung wegen der Bedrängung durch den Bischof nach 1-1/2 Jahren (784) die Abtei Reichenau erhielt, welcher er 22 Jahre vorstand, endlich aber als Abt von Saint-Denis bis an seinen Tod 813 an dem litterarischen Treiben des Hofes Theil nahm[3].
[3] Verse von König Ludwig und von dem Schotten Dungal an Baldo hat Dümmler herausgegeben im Arch. d. W. Ak. XXII, 289, vgl. S. 283, u. (mit Froben) auf ihn bezogen, folgt jedoch Poet. Lat. I, 412 Foltz, Gesch. d. Salzb. Bibl. S. 13, welcher den Salzburger Lehrer Baldo unterscheidet; s. unten S. 292.
Die neugewonnene Freiheit unter dem selbständigen Abte =Gozbert= (816-837) erwies sich für das Gedeihen des Klosters sehr förderlich; 830 begann Gozbert den Bau der neuen Kirche, zu welcher er den noch vorhandenen Grundriß[4] entwerfen ließ; der Urheber desselben, welcher den Musterplan eines großen Benedictinerklosters darstellt, ist unbekannt, eine Widmung, gerichtet, wie es scheint, an den jüngeren =Gozbert=, des Abtes gleichnamigen Neffen. Dieser beschrieb um diese Zeit das Leben des ersten Sanct Galler Abtes Othmar, welcher am 16. November 759 in der Verbannung gestorben war, und fügte auch zum Leben des heiligen Gallus, welches der Reichenauer Wetti für Gozbert bearbeitet hatte (oben S. 120), ein Buch über die Wunder desselben hinzu. Doch genügten ihm selber diese Arbeiten nicht, und er bat den berühmten Abt von Reichenau, Walahfrid, beide zu überarbeiten[5]. Uns liegt daher das Leben Othmars nur in Walahfrids reiner Sprache vor; es enthält einige schätzbare Nachrichten über die damaligen Verhältnisse von Alamannien, doch tilgte leider Walahfrid die Namen der Gewährsmänner als zu barbarisch. Begreiflich ist es, daß man daneben auch des heiligen Gallus Leben in seiner schlichten unsauberen Gestalt nicht mehr ertragen konnte: wenn es bei der Mahlzeit oder am Gedächtnißtage des heiligen Mannes verlesen wurde, störten die Germanismen und Sprachfehler die Andacht der Zuhörer. Walahfrid mußte deshalb auch dieses Buch nebst den dazu gefügten Wundergeschichten in eine zeitgemäße Form bringen[6]; doch hat sich auch Wettins Arbeit erhalten. Auch in Versen wollte Walahfrid denselben Gegenstand behandeln, ist aber nicht mehr dazu gekommen. Dagegen hat es auf das ungestüme Andrängen des jüngeren Gozbert, des Kahlkopfs, ein ungenannter Mönch unternommen und in der That Walahfrids Werk im Jahre 850 in Hexameter umgesetzt, doch stand sein Können bei weitem tiefer und entsprach nicht seinem guten Willen[7].
[4] F. Keller, Bauriß des Klosters St. Gallen vom Jahr 820. Zürich 1844. Von dem etwas späteren Bau Grimalds heißt es im cod. 397: Aula palatinis perfecta est ista magistris, Insula pictores transmiserat Augia clara.
[5] Sie sind nur in dieser Form vorhanden, V. S. Othmari MG. II, 41 bis 47, und von G. Meyer von Knonau Mitth. XII, 94-113. Uebers. v. Potthast mit Vita S. Galli. Miracula S. Galli ib. 21-31 u. 62-93.
[6] Gedruckt bei Mabillon Act. II, 227-250. Neue Ausg. von R. Thuli, St. Gall. Mitth. XXIV (1890) S. 1-76. Daran knüpft sich eine Kritik in dem wunderlichen Dialog, welcher Notker u. Hartmann in den Mund gelegt, aber viel jünger ist, höchst confus u. voll chronolog. Widersprüche, bei Weidmann, Gesch. d. Stiftsbibl. S. 483-493 (S. 486 l. stropha statt scropha).
[7] Nur der Anfang MG. II, 31. Vollständig zuerst herausgegeben von Dümmler, Poet. Lat. II, 428-473, vgl. p. 266.
Nach dem Bürgerkriege verlieh Ludwig der Deutsche die Abtei seinem Erzkaplan =Grimald= (841-872), der sich das Wohl derselben sehr angelegen sein ließ, so daß jetzt die rechte Blüthezeit des Klosters und namentlich der Schule beginnt[8]. Da er selbst nicht Mönch war und in der Regel am Hofe lebte, vertraute er Hrabans Schüler Hartmut die unmittelbare Verwaltung des Klosters an, und nach Grimalds Tod stand dieser demselben bis 883 als Abt vor. Beide sorgten eifrig für die Bereicherung der Bibliothek, und als der erste bedeutende Lehrer wird unter ihnen =Iso= genannt[9]; ihm zur Seite der Schotte =Moengal=, auch =Marcellus= genannt[10], welcher in der inneren Schule die für das Mönchskleid bestimmten Knaben unterwies, während jener in der äußeren Schule die Söhne des Adels für ihren Beruf als Domherrn und Bischöfe vorbereitete.
[8] Vgl. oben S. 222. Gegen Scherers einseitige Hervorhebung des Einflusses der Fulder Schule, s. Dümmler Ostfr. III, 655. Ein für Grimald scotice geschriebener Priscian bei F. Keller l. c. tab. XI, 2. Libri quos Gr. de suo dedicavit, bei Weidmann S. 396-400. Ein Recept de libro Grim. Zeitschr. f. D. Alt. XX, 214.
[9] Urkundlich in St. Gallen erwähnt von 852-868.
[10] Von 848-865 urkundlich erwähnt. Er war vorher Abt von Bangor in Ulster u. starb 871. NA. XVII, 211. -- Sehr barbarische Verse von =Dubduin= zum Preise seiner Landsleute NA. X. 341.
Im Jahre 864 wurde Othmars Leib erhoben und in der neuen Kirche des heiligen Gallus feierlich beigesetzt, bis 867 die ihm bestimmte eigene Kirche vollendet war, welche auch Grimalds Ruhestätte wurde, der 870 zuletzt als Kanzler erscheint, und den Rest seiner Tage in St. Gallen zubrachte. Von jener Erhebung Othmars mit den Wundern, die dabei natürlich nicht fehlten, berichtet uns eine bald nachher verfaßte Schrift Iso's[11]. Später soll dieser jedoch das Kloster verlassen, und als Lehrer im Kloster Grandval eine große Wirksamkeit und außerordentlichen Ruf erlangt haben, bis er am 14. Mai 871 starb.
[11] Ysonis de miraculis S. Othmari libri II, MG. SS. II, 47-54. Mitth. XII, 114-139 im Auszug. Ekkehards Erzählung von Iso's Wirksamkeit in Burgund bezweifelt Dümmler Denk. S. 260, weil er 868 noch in St. Gallen war. M. v. Knonau jedoch, der zum Ekkeh. S. 116-126 über Iso handelt, hält seine Thätigkeit in Moutier-Grandval für gesichert durch die Tradition, nur kann nicht Rudolf von Burgund ihn eingeladen haben, sondern der Bischof von Basel.
Die volle geistliche Bildung der inneren Schule erhielten zwei Schüler des Iso, welche Marcellus von ihm übernahm, und nicht minder als in der Wissenschaft, auch in der Musik und anderen Künsten unterwies, deren er als Irländer Meister war. Diese waren der berühmte Erfinder der Sequenzen, Notker der Stammler[12], später Marcellus' Gehülfe, Verfasser des oben erwähnten Martyrologiums und anderer Werke, die wir gleich zu erwähnen haben werden, und der kunstreiche Tutilo[13]. Als dritten nennt Ekkehard auch =Ratpert=, einen Züricher, der aber vielmehr sein Zeitgenosse war, und bis an das Ende des neunten Jahrhunderts der Klosterschule vorstand. Dieser hat, wie schon erwähnt, den ersten Theil der Klosterchronik verfaßt. Die Einweihung der von der Aebtissin Bertha, Ludwig des Deutschen Tochter, neu erbauten Fraumünsterkirche in Zürich verlockte ihn zu einer Wallfahrt, die er in Versen ausführlich beschrieb[14]; übrigens aber war er so eifrig in seinem Amte, daß er jede Entfernung vom Kloster dem Tode gleich achtete, und nicht mehr als zwei Schuhe im Jahre verbrauchte; selbst die Messen und Gebete versäumte er darüber, denn sagte er, wir hören die besten Messen, wenn wir andere lehren sie zu feiern. Unnachsichtig handhabte er den Stock, der überhaupt in diesen Jahrhunderten eine große Rolle in der Erziehung spielte, und doch wußte er sich durch seine Berufstreue und wahres Wohlwollen auch die Liebe seiner Schüler zu gewinnen. Als er auf seinem Todbette lag, hatte gerade das Fest des heiligen Gallus (Oct. 16) die Geistlichkeit Alamanniens im Kloster versammelt, und 40 seiner Schüler umgaben das Sterbelager ihres Lehrers[15].
[12] S. über ihn Dümmler Denkm. S. 244 ff. 258 ff. NA. IV, 546. Meyer v. Kn. zu Ekk. S. 126 ff. und Der h. Notker v. St. Gallen, Neujahrsbl. 1877. Er starb 912. Autograph von ihm bei W. Arndt, Schrift. 15^b.
[13] Dessen berühmtes Diptychon abgebildet in: Das Kloster St. Gallen I. Herausgegeben vom historischen Verein in St. Gallen, 1863, und bei Alwin Schultz: Tuotilo von St. Gallen in: R. Dohme, Kunst und Künstler des Mittelalters und der Neuzeit, I, 1877; doch vgl. dazu Rahn: Nachlese zur Gesch. der bildenden Künste in der Schweiz, S. 787-790. u. M. v. Knonau zu Ekkeh. S. 93 u. 129. Jul. v. Schlosser, Wiener SB. CXXIII, S. 180 bis 185.
[14] Erhalten ist nur ein Bruchstück, die Beschreibung der neuen Kirche und der Uebertragung von Reliquien der hh. Felix et Regula vom Großmünster nach Fraumünster, herausgegeben v. G. von Wyß, Geschichte der Abtei Zürich (Mittheil. VIII), Beilagen S. 11; vgl. Dümmler Denkm. S. 255. Ostfr. II, 427. G. Meyer von Knonau in d. Vorrede der Casus. Sein Lobgesang auf den heiligen Gallus in Ekkehards lat. Uebersetzung bei Müllenhoff und Scherer I, 217. II, 78. Vgl. Dümmler, NA. IV, 541. G. R. Zimmermann, Ratpert der erste Zürchergelehrte (Basel 1878) ohne wissensch. Werth nach Dümmler im Centralbl. Sp. 1314.
[15] Das Jahr des Todes ist wegen der vielen gleichnamigen Mönche ganz ungewiß.
Als Karl III 883 das Kloster besuchte[16], fand er in St. Gallen einen alten Mönch, dessen Gedächtniß noch in die Zeit des großen Karl reichte und der die Geschichten zu erzählen wußte, welche er einst von des tapferen Gerolds Waffengefährten, von Adalbert und dessen Sohne, dem Priester Werinbert, gehört hatte. Karl III, von dem sonst wenig löbliches zu berichten ist, hatte an diesen Geschichten solche Freude, daß er den guten Alten veranlaßte, sie aufzuschreiben; emsig ging er an die Arbeit, scheint sie aber nicht vollendet zu haben. In diesem Mönche hat man schon früh =Notker= den Stammler erkannt, aber Pertz widersprach dieser Annahme, weil der Stil gar zu roh und grammatisch fehlerhaft ist, und weil Notker damals noch nicht alt genug war, um durch Zahnlosigkeit zum Stammler geworden zu sein. Es scheint jedoch, daß er durch einen Naturfehler gestammelt hat, und die Vergleichung der Ausdrucksweise hat den vollkommen überzeugenden Nachweis gestattet, daß wirklich Notker der Verfasser dieses anmuthigen Buches gewesen ist, an welchem man schon früh und vielfach Gefallen gefunden und es trotz seiner mangelhaften Form mit Einhards Meisterwerk verbunden hat.
[16] Hierhin gehören wohl die Verse von Ratpert, Hartmann, Notker Balbulus u. a., die sich vielleicht alle auf diese Gelegenheit beziehen, neu herausgegeben von Dümmler, Denkm. S. 218-221, vgl. 255 ff. und ein späteres vielleicht von 887 S. 221, vgl. 257. Das von Waldram verfaßte Rex benedicte S. 220, ist aber Weihn. 911 an Konrad gerichtet, nach Heidemann S. 454, vgl. M. v. Knonau, Jahrbuch 1867 S. 129. Litanei aus König Konrads Zeit bei Dümmler, Denkm. S. 222, vgl. 258. NA. IV, 510. 551.
Ferner aber ist es wegen der auffallendsten Uebereinstimmungen in Ausdruck und Auffassung als vollkommen sichergestellt anzusehen, daß Notker auch der Fortsetzer der oben S. 219 erwähnten Chronik Erchanberts gewesen ist[17]. Er fügte nämlich eine kurze Uebersicht über die Theilungen und die Regentenfolge im karolingischen Reich hinzu, bald nach der Kaiserkrönung Karls III (881), von dem er mit lebhafter Verehrung spricht, wie denn auch damals noch kein Grund war, an seinen guten Erfolgen zu zweifeln.
[17] MG. SS. II, 329. Uebers. bei dem Mönch von St. Gallen. Notkers Autorschaft nachgewiesen von B. Simson u. Zeumer, s. Waitz-Aufsätze S. 113; NA. XII, 428.
Des Kaisers Besuch erschien als ein Höhepunkt der Blüthe des Klosters, und nicht ohne Wahrscheinlichkeit vermuthet Meyer von Knonau, daß eben hierdurch Ratpert zur Abfassung der Gesta veranlaßt sei, welche mit diesem Besuche abschließen. Auch mit des Kaisers Günstling, Bischof Liutward von Vercelli, einem geborenen Schwaben, standen die Mönche in gutem Vernehmen und Notker widmete ihm seine Sequenzen[18].
[18] Vgl. Meyer v. Knonau, Mitth. XIII, 60. XV, 161.
Am Schlusse dieser Periode steht Notkers berühmtester Schüler[19] =Salomo= III, von 890-920 Bischof von Constanz und zugleich Abt von St. Gallen, ein Mann von den glänzendsten Geistesgaben, der kluge und gelehrte Freund Hatto's von Mainz, der das schöne und blühende Kloster wie seinen Augapfel liebte und hegte. Mehrere uns erhaltene Briefe und Gedichte zeugen von Notkers Liebe zu ihm und zugleich von der Sorge des treuen Lehrers um das Seelenheil seines Schülers in den Gefahren der Welt, denen er am Königshofe ausgesetzt war. Eine Mustersammlung von Urkundenformeln und Briefen[20], in welcher uns einige auch für die Geschichte der Zeit wichtige Briefe aufbewahrt sind, während die Urkunden über mannigfache Verhältnisse reichen Aufschluß gewähren, schrieb Dümmler Salomo um das Jahr 896 zu, während nach Zeumers Ansicht Waldo mit seinem Bruder Salomo sie 877 und 878 während ihres Aufenthalts bei Salomo II von Constanz und Liutbert von Mainz zusammengebracht haben, Notker nachträglich noch einige Briefe hinzugefügt hat. Schon war man in Reichenau[21] und an andern Orten mit ähnlichen Sammlungen vorangegangen, aber die Sanctgaller Sammlung läßt sie durch ihren Inhalt wie durch ihre Form weit hinter sich. Aus der späteren Zeit besitzen wir von Salomon zwei schöne poetische Episteln an den Bischof Dado von Verdun, deren ansprechender, von wahrem Gefühl getragener Inhalt die ziemlich incorrecte Form übersehen läßt; die Ueberschrift „Versus Waldrammi ad Dadonem episcopum a Salomone episcopo missi“ läßt jedoch vermuthen, daß sie nur im Auftrag und nach Anweisung Salomons in dessen Namen von =Waldram= verfaßt sind. In der einen[22] beklagt der Bischof in elegischer Form voll tiefer Trauer den Tod seines letzten Bruders, des Bischofs Waldo von Freising (906), an den nach Zeumer mehrere der Briefe in der Formelsammlung gerichtet sind; in der anderen[23], schon früher geschriebenen, schildert er mit den lebhaftesten Farben das Unglück des Vaterlandes, dessen König ein Kind ist, dessen Gaue erfüllt sind von allgemeiner Zwietracht, von innerem Kampfe in allen Ständen des Volkes, während die Ungern ungehindert das Land verheerend durchziehen. Auch St. Gallen wurde von ihnen 926 verheert.
[19] Diese Ansicht Dümmlers bekämpft Dammert, Forsch. VIII, 327 bis 366 u. will vielmehr Roudker, den Ekkehard als Mentor Salomons bezeichnet, auch die Briefe zuschreiben. Meyer v. Knonau hat diese Ansicht S. 21 als chronologisch unmöglich widerlegt. Ebenso bekämpft er S. 4 auch Notker, aber hier ist die Chronologie ganz unsicher, und mir erscheinen die Gründe für Notker auch jetzt noch überwiegend, u. so auch Zeumer, NA. VIII, 513-517. -- Ueber Salomons Familie s. Graf Zeppelin, Thurgauische Beitr. XXX, 42.
[20] Früher Formulae Alsaticae genannt. Zum ersten Mal kritisch und vollständig herausgegeben von Dümmler: Das Formelbuch des Bischofs Salomo III, Leipzig 1857. Verbesserungen St. Gallische Denkm. S. 261. Verse von Notker (?) an Salomo S. 225. Ueber Salomo Formelbuch 103 ff. Denkm. 262 ff. Eine populäre Schilderung in: Das Kloster St. Gallen, vom historischen Verein, II, 1864, mit schöner Abbildung seines grossen C in Sintrams Evangelium longum. Das Formelbuch nach der Münchener Handschrift ed. Rockinger, Quellen zur bayerischen und deutschen Geschichte VII, und in De Rozière's Sammlung. Vgl. auch Heidemann, Salomon III von Constanz vor Antritt des Bisthums, Forsch. VII, 425-462. Dammert ib. VIII, 327-366. Vorzüglich aber jetzt Zeumer, Formulae Salomonis, NA. VIII, 506-540, u. seine Ausgabe MG. Form. p. 390-437. Ein merkwürdiges Denkmal der St. Galler Gelehrsamkeit und Schreibkunst ist das Psalterium, welches Salomo 909 schreiben ließ, mit 3 lateinischen Versionen und dem griechischen Text in lateinischen Buchstaben, mit einem einleitenden Gedicht; dieses neu herausgegeben von Dümmler, Ostfr. (1. Ausg.) II, 681, von Hamann: Canticum Moysi ex psalterio quadruplici Salomonis III (Lips. 1874), p. 18. Frühzeitig ist eine um 6 Verse am Anfang verstümmelte Abschrift der Verse verbreitet, s. Bianchini, Vindiciae p. CCLI, Codd. Colon. p. 3. 4.
[21] Zeumer, Reichenauer Formeln, NA. VIII, 481-505. Daselbst S. 547 ff. Nachweis, daß Iso nur irrthümlich Formeln zugeschrieben sind.
[22] Nach Canis. (II, 3, 245) berichtigt nach der Handschrift von Dümmler, Denkm. S. 239, mit dem größtentheils aus Reminiscenzen von Venantius bestehenden Trostgedicht von Waldram, und anderen Gedichten desselben. Vgl. Scherrers Verz. 73 über den Cod. 197. NA. IV, 550-554.
[23] Bei Dümmler, Denkm. S. 230-239 (v. 9. l. iterare, v. 42: si domui conjuncta domus primordia sumpsit.); vgl. W. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit I, 174, Dümmler, Ostfr. III, 527. Ueber die Salomo zugeschriebene Encyclopädie (Glossae Salomonis) s. Stälin I, 404, Scherrers Verz. S. 321 bis 323. Sie ist von älterem Ursprung und die Benennung ungerechtfertigt, doch könnte S. vielleicht diese Sammlung veranlaßt haben. Als Ableitung eines älteren Glossars nachgewiesen von G. Götz: Der liber glossarum, Leipz. 1891 (Abh. d. philol.-hist. Cl. der K. Sächs. G. d. W. XIII).
Ekkehards lebendige Schilderung hat die Sanctgaller Schule unsterblich gemacht; ohne ihn würden wir nicht so gar viel davon wissen, und ohne Zweifel herrschte in manchem andern Kloster ein ganz ähnliches Treiben, von dem nur niemand uns Nachrichten aufbewahrt hat. So vor allem in =Reichenau=, welches schon in hoher Blüthe stand, als St. Gallen noch schwach und unbedeutend war[24]. Abt =Waldo= (784-806), ein vornehmer Herr, mit Grimald nahe verwandt und vorher Abt von St. Gallen (oben S. 269), hatte schon den Mönch Wadilcoz nach dem Martinskloster zu Tours geschickt, der von dort Bücher für die Bibliothek übersandte, welche Waldo mit großem Eifer zu bereichern bestrebt war[25]; unter ihm begann der fleißige =Reginbert= seine musterhafte Thätigkeit für dieselbe, welche er bis an seinen Tod 846 rastlos fortsetzte, theils durch eigene Arbeit, theils durch Geschenke die Sammlung zu sehr ansehnlichem Umfang vermehrend[26]. Ihm übersandten seine Schüler Grimald und Tatto die Klosterregel nebst den Beschlüssen des Reichstages von 817, der wohl ihre Aussendung veranlaßt hatte[27]. Auf seinen Antrieb schrieb Walahfrid das bedeutende Werk de rebus ecclesiasticis, wie dieser es in den Worten ausspricht: Dura Reginberti jussio adegit eum. Als Lehrer war neben ihm =Heito= thätig, ein Bruder jenes Wadilcoz, Waldo's Nachfolger als Abt und Bischof von Basel, welches Bisthum Waldo ebenfalls verwaltet hatte. Karl der Große sandte ihn 811 nach Constantinopel, und über diese Sendung verfaßte er eine Reisebeschreibung[28], die leider verloren ist; 823 entsagte er seinem Bisthum und zog sich in sein altes Kloster zurück, wo er 836 gestorben ist. Die Abtei übergab er =Erlebold= (823-838), der bei einem leider ungenannten Schotten große Gelehrsamkeit erworben, und Heito auf seiner Reise begleitet hatte. Der Schule standen jetzt =Tatto= († 847) vor, den Walahfrid seinen Lehrer nennt, in dessen Namen er Verse an Ebo von Reims und an Thegan richtete[29], und =Wetti=, ein naher Verwandter Grimalds und Waldo's. Wie mangelhaft jedoch noch seine grammatische und metrische Bildung gewesen ist, haben wir jetzt erst mit Verwunderung erfahren, da durch das von Bücheler entdeckte Akrostichon (oben S. 120) festgestellt ist, daß er der Verfasser der Vita S. Galli und ihrer Widmung in ganz barbarischen Hexametern ist, welche man für viel älter gehalten hatte. Wetti hatte kurz vor seinem Tode am 3. November 824 eine Vision, indem er, wie so viele andere vor und nach ihm, Himmel und Hölle zu durchwandern glaubte, und was er in diesen Regionen gesehen zu haben vermeinte, den gläubigen Brüdern berichtete. Heito hatte diese Vision in Prosa[30], Walahfrid in Versen bearbeitet[31], und der Eindruck derselben auf die Zeitgenossen war außerordentlich groß; hatte er doch sogar den großen Kaiser Karl im Fegefeuer Schlimmes leiden gesehen, auch Waldo. Beide werden, nebst einigen anderen, von Walahfrid nur durch Acrosticha bezeichnet. Unter den Märtyrern dagegen erscheint darin =Gerold=, der Königin Hildegard Bruder, welcher im Kampfe gegen die Avaren gefallen war, ein geborner Alamanne, und des Klosters Hort und Beschirmer. Eine vielleicht von Walahfrid verfaßte Grabschrift auf ihn[32] findet sich in einer Handschrift neben dem Epitaph des =Bernald=, an den die Reichenauer ebenfalls mit Stolz zurückdachten. Dieser Bernald war nämlich ein geborner Sachse, aber in Reichenau erzogen; er kam dann in die kaiserliche Capelle, und erhielt um das Jahr 821 das Bisthum Straßburg. Zu den treuen Anhängern des alten Kaisers gehörend, wurde er 825 als Gewaltbote nach Rätien, 832 nach Rom gesandt, und starb am 17. April 840. Man rühmte ihn als einen klugen und gelehrten Mann, der auch die deutsche Sprache zur Unterweisung des Volkes verwandte[33].
[24] Die älteste Lebensbeschreibung des Stifters, =S. Pirmin=, mit der Gründungsgeschichte von Reichenau (um 724) zuerst gedr. von Mone, Quellens. I, 30-36, ist nach Mone im neunten Jahrhundert in Reichenau verfaßt; in den Nachträgen S. 528 verlegt jedoch derselbe den Ursprung nach Hornbach und trifft darin zusammen mit Rettberg (II, 51), welcher ihre geschichtliche Werthlosigkeit nachweist, Dümmler verweist auch auf Wal. Visio Wett. v. 30 für den Ursprung in Hornbach. Dafür auch Holder-Egger in der Ausg. Vita Pirminii I. et II. cum miraculis MG. SS. XV, 17-35; vgl. p. 574^a. Vgl. O. Breitenbach im NA. II, 170-174 über die von Gallus Oehem benutzte Bearbeitung. Sehr merkw. Predigt von ihm bei Caspari, Kirchenhist. Anecdota (1883) S. 151-159 (Dicta Priminii).
[25] Neugart Ep. Const. I, 142 aus Oheims Chronik, und jetzt Gallus Oheims Chronik von Reichenau ed. Barack (1866) S. 43. Oheim muß über die Bereicherung der Bibliothek und eingetretene Mönche in dieser Zeit, von Waldo bis Rudhelm, eine jetzt verlorene Quelle gehabt haben, die bis c. 840 reichte und vielleicht von Reginbert herrührte, s. O. Breitenbach, NA. II, 201. Waldo hat danach eine Zeit lang auch das Bisthum Pavia verwaltet. In der Visio Wettini büßt er für die Sünde des Geizes. Das Diptychon aus Erlebalds Zeit NA. IV, 72, ist das von Piper herausgegebene Verbrüderungsbuch.
[26] S. den 821 begonnenen Catalog bei Neugart I, 536-552, vgl. S. 152 und Mommsen, Die Chronik des Cass. Senator S. 573-585 über die von ihm angelegte hist. mathematische Sammlung. Auch die Carlsruher Vita Bonif. stammt daher, s. d. Inschrift MG. II, 332, Jaffé Bibl. III, 425. Fragment des Liber sextus in Libri's Auctionscatalog (1859) S. 246 mit Facsimile. Die Verse, welche er in die Bücher eintrug, Poet. Lat. II, 424, vgl. NA. XIII, 665.
[27] Baluzii Capit. II, 1382. Reginbert wird von ihnen flos juvenum forma speciosus amoena genannt. Das Buch nebst einem zweiten von denselben geschenkten im Catalog S. 550. Das Martyrologium ed. A. Holder, Röm. Quartalschrift III, S. 204-261. Oben S. 60.
[28] Herm. Contr. a. 811, vgl. über ihn Neugart I, 142-148, Rettberg II, 93-96, und die Reichenauer Inschriften bei Mone, Quellens. III, 133. Dümmler, NA. IV, 284. Poet. Lat. II, 425. O. Seebass vermuthet in ihm den Vf. der Statuta Murbacensia, Zts. f. Kirchengesch. XII, 322 (NA. XVI, 645). -- Gleichzeitige Aufzeichnung darüber, daß am 21. Dez. 823 das Bisthum Basel Odalrich commendirt wurde, in Mone's Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrheins II, 384; MG. SS. XIII, 374 cum catal. epp. Basil.
[29] Poet. Lat. II, 350. Ein Brief von Tatto Bibl. III, 323.
[30] Heitonis Visio Wettini, abgedr. mit dem früher hier mitgetheilten Prolog bei Dümmler, Poet. Lat. II, 267-275. Walahfrids Bearbeitung ist durch seine Zuthaten besonders wichtig für die Geschichte des Klosters. Vgl. über die Anspielungen auf Bedränger desselben, und über die Nachahmung des Prudentius, Bock im Jahrb. d. Alterthumsfr. im Rheinland L, (1871) S. 7. -- Meistens mit dieser Vision verbunden, findet sich im Cod. S. Galli 573, Lambac. qu. 77, Monac. Lat. 536 u. 18 546, Brux. 10 687, Run. 51, folgende:
VISIO CUIUSDAM PAUPERCULAE MULIERIS.
Fuit namque in Laudonico pago quaedam mulier paupercula, quae in extasi rapta rediens multa ac miranda narravit. Ducebat autem illam, ut ipsa referebat, quidam homo in monachico habitu constitutus, ubi requiem sanctorum et poenam iniquorum cernebat, talem qualem Paulus apostolus in epistola sua scribit: quod oculus non vidit nec auris audivit nec in cor hominis ascendit. Ibi etiam videbat quendam principem Italiae (Karl d. Gr. ganz ähnlich wie in der Visio Wettini) in tormentis, multosque alios notos, quosdam in poena, quosdam in gloria. Interrogavit illa eundem ductorem illius, si ille ad aeternam ultra vitam redire debuisset. At ille: Utique debet. Nam si Hlodouuicus, inquit, imperator, natus ejus, septem agapes pro illo pleniter dispensat, resolutus est. Pichonem (al. Picconem) vero hujus regis qui quondam fuit amicus, supinum jacere in tormentis, taetrosque spiritus duos aurum liquefacere et in os ejus infundere dicentes: Hinc sitisti in saeculo nec saturari potuisti; modo bibe ad saturitatem! Irmingartam namque reginam aeque in tormentis, quae super se habebat cautes tres quasi molares, unum super caput, alterum super pectus, tertium super dorsum, qui semper eam in profundum mergebant. Mira namque dicturus sum. Clamavit namque ad istam dicendo: Vade et dominum meum roga imperatorem, ut me misellam adjuvare dignetur. Et da ei signum ut sciat a me missam te fore, istud quod meae depositionis (desponsationis?) tempestate sola cum ipso loquebar in uno pomerio, et hoc statim bene cognoscet, quia adhuc hodie cunctos latet eadem locutio nisi nos tantum. Cumque inde pergerent, ostendit ei ductor illius murum cujus cacumen coelum usque tendebat, et post eum alterum qui totus scriptus erat aureis caracteribus. Interrogavitque illa quid hoc esset. Terrestris, inquit, paradisus est, ubi nullus intrabit nisi qui hic scriptus reperitur. Imperavitque illi ut legeret. At illa ait: Non didici litteras. Scio inquit, sed tamen lege. Legit namque illa, et invenit nomen Bernharti quondam regis tam luculentis litteris exaratum sicut nullius ibidem fuit. Postea Hlodouuici regis tam obscurum et oblitteratum, ut vix agnosci potuisset. At illa: Quid est, inquit, quod istud nomen tam oblitteratum est? Antequam, ait, in Bernhartum homicidium perpetrasset, nullius ibi nomen clarius erat. Illius interfectio istius oblitteratio fuit. Vade et cave diligenter, ne horum quid regem celaveris. Illa vero non ausa conticuit. Non post multum rursum ammonuit eam, que ut prius conticuit. Tertia vero vice venit et dixit: Quid est quod non gestis obsecundare verbo Domini? Quae respondit: Domine, vilis sum persona, et ista non audeo in medum proferre. Ex hoc ait illi: Luminum tuorum non gaudebis, donec ea coram rege exponis. Cujus ilico pupilla caligine obducta est. Post dies multos venit in praesentiam regis, cuncta tradidit, lumenque recepit.
Diese Visio ist wieder abgedruckt bei Malfatti: Bernardo rè d'Italia, Firenze 1876 (Nuova Antologia). Irmgard st. den 3. October 818; ihr schreibt auch Andreas Berg. c. 8. Bernhards Tod zu, der in den Ann. Aug. 817 und im Necrol. zum 17. Apr. verzeichnet ist. Daß Irmgard sich zur Zeit ihres Todes mit Ludwig gerade in einem Baumgarten unterhalten habe, scheint mir kaum wahrscheinlich. Ueber Picho oder Bego s. B. Simson, Ludwig d. Fr. I, 11 Anm. 8. Nach freundl. Mittheilung des H. Prof. Sievers in Jena steht die Visio auch im cod. Aug. 111 (Carlsr. 185) saec. X mit dem Schluß: Hinc quedam que mihi narravit minus commoda supersedenda sunt, ut ea introducantur, unde tota oratio sumpsit exordium. Danach scheint es ein Bruchstück aus einem unbekannten Werk zu sein. Es folgt auch hier die Visio Wettini, im cod. Sangall. die Visio Baronti von 680 (Acta SS. Martii III, 570). Mit dieser ist in einer Petersb. Hs. verbunden die Visio Rotcharii, viell. aus Fleury, worin Karl unter den Seligen erscheint, s. Anz. d. Germ. Mus. XXII, 73; Auszug bei Mabillon, Act. IV, 1, 667. Aehnlicher Art ist die Visio Bernoldi von Hincmar, s. Ebert II, 256, der, wie Dümmler bemerkt, bei der Aufzählung der Visionen Alcuin de Sanctis Euboric. eccl. v. 875-1006 übersehen hat. -- Inhaltsangaben bei C. Fritzsche, Die lat. Visionen des Mittelalters, in Vollmöllers Roman. Forsch. II.
[31] Poet, Lat. II, 301-334.
[32] Herausgegeben von Mommsen im Rhein. Museum 1854, IX, 299. Poet. Lat. I, 114.
[33] Vgl. Dümmler, Ostfr. I, 322. Poet. Lat. II, 420.
Den größten Glanz aber verbreitete über Reichenau der Abt =Walahfrid=, mit dem Beinamen Strabo oder Strabus, einer der besten Lateiner seiner Zeit, ein viel bewunderter Gelehrter und gewandter Dichter[34]. Ueber sein Leben haben wir leider nur wenig sichere Nachrichten, und so befreundet er auch mit den Sanctgaller Gelehrten war, wird er doch in der Klosterchronik gar nicht genannt; doch ist nach und nach durch neugefundene Verse mehr Licht über ihn gewonnen. Er war ein Schwabe von armer und geringer Herkunft, um 807 geboren; früh ins Kloster gekommen, dichtete er schon mit 15 Jahren eine Epistel an Ebo von Reims im Namen seines Lehrers Tatto[35], aber dieser war hart und strenge, und auch der Abt Erlebold war ihm nicht gewogen. In Wetti verlor Walahfrid seinen väterlichen Freund und Wohlthäter; nach dessen Tod (824) litt er sogar an Nahrung und Kleidung Mangel, und hatte häufig Schläge zu erdulden. Er klagte seine Noth an Grimald, dessen Wohlwollen er schon früher gewonnen hatte, und dieser forderte ihn auf, die Vision Wettins, welche wahrscheinlich er selbst auf Wachstafeln aufgezeichnet hatte, dichterisch zu bearbeiten. Dieselbe Aufforderung kam auch von dem Priester Adalgis, wie wir wissen, seitdem K. Plath das Akrostichon der seiner Antwort[36] zugefügten Verse: Adalgiso danda erkannt und die ganze Sachlage scharfsinnig entwickelt hat[37]. Walahfrid bat ihn um bessere Kleidung und um Pergament, da er das Werk heimlich ausführen müsse; er bat ihn, selbst zu kommen, und Adalgis kam. Unter hartem Drängen vollendete er sein Werk[38], in welchem er reichliche Lobsprüche auf Haito, Erlebold und Tatto anbrachte, und übersandte es Grimald. Nach solcher Leistung und mit solchen Fürsprechern wird er nun auch im Kloster, und bei dem Abt, obgleich dieser kein Freund von Visionen war, mehr Anerkennung gefunden haben. Grimald hat er auch das anmuthige Gedicht de cultura hortorum gewidmet, und in dem Gedicht de imagine Tetrici (v. 228) feiert er ihn unter dem Namen Homer. Später hat er in Fulda Hrabans Unterricht genossen. Im Sommer 829 finden wir ihn am Hofe zu Aachen; von Kaiser Ludwig, sagt er einmal, sei er „paupere de fovea protractus“[39], mag sich das nun auf diese Zeit seines Hoflebens oder auf die Verleihung der Abtei Reichenau 839 beziehen. In Aachen beschrieb er damals in einem merkwürdigen Gedichte die aus Ravenna hingeführte Reiterstatue Theodorichs[40], der hier als Tyrann aufgefaßt wird im Gegensatz zu Ludwig, feiert Hilduin, Grimald, Einhard, widmet aber vor allem dem Kaiser, der Kaiserin Judith und dem kleinen Karl überschwengliches Lob; er wird als Caplan der Kaiserin und als Lehrer des kleinen Karl bezeichnet. Den Rodbern, welcher 834 dem Kaiser zuerst Nachricht von der in Tortona gefangenen Judith unter großen Gefahren brachte, feierte er in einem längeren Gedicht[41]. Mit Thegan, dem Diacon Florus und anderen der classisch und kirchlich gebildeten Männer jener Zeit war er befreundet, Prudentius rühmt er als seinen Lehrer, bittet ihn aus der Ferne um Bücher und eigene Gedichte; zugleich übersendet er ihm Gedichte „Modoini magni“, den er auch in andern an ihn selbst gerichteten Versen feiert[42]. Kaum hatte er die Abtei Reichenau erhalten -- bei seiner geringen Herkunft eine ganz ungewöhnliche Auszeichnung --, so wurde er auch in die politischen Wirren hineingezogen; als eifriger Anhänger Lothars und der Reichseinheit, deren Herstellung er noch von ihm hoffte, flüchtete er nach Ludwigs Tod und der Ueberwältigung Alamanniens durch Ludwig den Deutschen nach Speier, wo er ein Gedicht voll Lobpreisung an Lothar richtete, in welchem er seinen Klagen und seinen Hoffnungen Ausdruck gab[43]. Lothar hatte in früheren Zeiten einmal persönlich den vermeintlichen Leib des h. Januarius nach Reichenau gebracht, was merkwürdiger Weise im Kloster ganz vergessen wurde und nur durch eine sehr schöne Sapphische Ode Walahfrids bekannt ist[44].
[34] S. über ihn Dümmler, NA. IV, 270-286. 580 und die gesammelten Gedichte Poet. Lat. II, 259-423. Ebert II, 145-166. Hauck II, 600 ff. Opera Migne CXIII. CXIV. Eine Anleitung zur Metrik mit Beispielen, v. Huemer, NA. X, 166-169. Der von ihm besungene Blaithmaic st. 827; es kamen flüchtige Mönche von Hy nach Reichenau. NA. XVII, 210. -- Dümmler, NA. VII, 402, Zeumer ib. VIII, 496-507, über die Reichenauer Briefformeln, aus Erlebolds u. Walahfrids Zeit mit geschichtlich nicht unwichtigen Briefen. -- Im Jahresbericht über die Erziehungsanstalt des Benedictinerstifts Maria-Einsiedeln 1856/7 ist ein Versuch gemacht, die Jugendgeschichte Walahfrids von ihm selbst schildern zu lassen, welcher zuweilen irregeführt hat, als ob ein Original von ihm zu Grunde liege. Eine angebl. Urk. von W. von 843 ist Fälschung d. 12. Jhs. Brandi, Die Reichenauer Urkundenfälschungen, Heidelb. 1890.
[35] Poet. Lat. II, 350; eine andere, auch in Tatto's Namen, an den Landbischof Degan, S. 351.
[36] Formulae ed. Zeumer p. 376 n. 25.
[37] NA. XVII, 261-279.
[38] Poet. Lat. II, 301-333.
[39] Ad. Loth. v. 31. Zeitschr. f. D. Alt. XIX, 463. Poet. II, 414, und S. 259 weitere Belege für seine geringe Herkunft.
[40] Versus de imagine Tetrici, Poet. Lat. II, 370-378. Früher von C. P. Bock in den Jahrbüchern des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinland V (1844), von Dümmler in d. Zeitschr. f. D. Alt, XII, 461-470, vgl. XIX, 466. Sehr gewagte Hypothesen von H. Grimm: Das Reiterstandbild des Th. zu Aachen und das Gedicht des W. darauf, Berlin 1869. Dagegen die lehrreiche Abh. von Bock im angef. Jahrbuch L (1871) S. 1-52. Wieder abweichend Jul. v. Schlosser, Wiener SB. CXXIII (1891) S. 164-175.
[41] Bouq. VI, 269; vgl. B. Simson, Lud. d. Fr. II, 99. Dümmler, Hist. Zeitschr. XXXVII, 134; Poet. II, 388. Judith, hier Ioda genannt, schmückte für Ludwig ein Prachtgewand, welches Karl der Kahle der Röm. Paulskirche schenkte, seine Gemahlin Irmintrud vollendete mit gepriesener Kunstfertigkeit dieses und andere Gewänder, ähnlich Lothars Gemahlin Ermengarde, s. die von Dümmler mitgetheilten Verse, Zeitschr. f. D. Alt. XLX, 146-148.
[42] Dümmler in d. Zeitschr. f. D. Alt. XXI, 82-86. Poet. II, 403. 355.
[43] Dümmler in d. Zeitschr. f. D. Alt. XXI, 462-466. Poet. II, 413.
[44] Dümmler im Anz. d. Germ. Mus. XXIII (1876) 177-188. Poet. II, 415.
Sehr bald hat sich Walahfrid doch auch mit Ludwig dem Deutschen ausgesöhnt, und vielleicht durch Grimalds Einfluß erhielt er 842 die Abtei Reichenau von neuem; im Jahre 849 wurde ihm eine Botschaft des Königs an dessen Bruder Karl anvertraut. Auf dieser Reise starb er, kaum vierzigjährig, am 18. August durch einen Unfall beim Ueberschreiten der Loire[45].
[45] Epitaphium ed. Dümmler, Zeitschr. f. D. Alt. XIX, 113. Poet. II, 423.
Die von Walahfrid überarbeiteten Lebensbeschreibungen des Gallus und Othmar, sein Vorwort zu Einhards und zu Thegans Werken erwähnten wir schon; selbständige geschichtliche Werke hat er so wenig wie Hraban verfaßt, aber sein Buch über Ursprung und Entwickelung der kirchlichen Einrichtungen enthält viel beachtenswerthes über die Verfassung der Kirche in jenen Zeiten, ähnlich dem Werke Hrabans, aber noch lehrreicher, weil er durchgängig die kirchlichen Einrichtungen mit den weltlichen vergleicht[46].
[46] Das sprachlich interessante Cap. 7 theilt Dümmler in d. Zts. f. D. Alt. XXV, 99, berichtigt mit. Neue Ausg. v. Al. Knoepfler, München 1890, vgl. Dümmler, NA. XVII, 224. Eine andere wird für MG. Capitularia II vorbereitet.
Eines der merkwürdigsten Zeugnisse für den ernstlichen Eifer, mit welchem man in diesen Klöstern damals das Studium des classischen Alterthums betrieb, bietet uns die durch Mabillon bekannt gewordene =Handschrift von Einsiedeln=, deren Urschrift aus Reichenau zu stammen scheint. Wohl ein Schüler Walahfrids, im vollen Besitz der damaligen Schulbildung und auch des Griechischen kundig, hat mit einer Beschreibung des damaligen Rom und des Ceremoniels der kirchlichen Feste auch antike Inschriften aus Pavia und Rom mit größter Genauigkeit und Sorgfalt nach älteren Vorlagen hier zusammengestellt[47].
[47] Mab. Anal. p. 358. Hänel in Jahn und Seebode's Archiv, 5. Supplementband, S. 115. Mommsen in den Berichten über die Verhandlungen d. K. Sächs. G. d. W. Phil. Cl. 1850, IV, 287. Rhein. Museum 1854, IX, 296. Urlichs, Codex urbis Romae topographicus, Wirceb. 1871, S. 59-78. H. Jordan, Topogr. d. Stadt Rom II behandelt den topographischen Theil. De Rossi, Inscriptt. christt. II, 1. 1888.
Durch besondere Lernbegierde zeichnete sich auch =Ermenrich= aus, ein Ellwanger Mönch, dessen Leben uns recht anschaulich die Beweglichkeit der jungen mönchischen Studenten in jener Zeit vor Augen führt[48]. Wie Walahfrid, ging auch er nach Fulda, wo er Hrabans und Rudolfs Schüler wurde. Besondere Freundschaft verband ihn mit Hrabans Neffen, dem Diacon und königlichen Caplan Gundram, welcher der fuldischen Zelle Solenhofen an der Altmühl im Eichstädter Sprengel vorstand, und diesem, der den Stifter seiner Kirche, =Sualo=, feierlich erhoben hatte, zu Liebe, schrieb er das Leben desselben und übersandte es Hraban zur Durchsicht[49]; Rudolf, den er als seinen Lehrer preist, sollte die Fehler verbessern. Sualo, den Ermenrich willkürlich =Solus= nannte, gest. 3. Dec. 794, gehörte zu den Begleitern des h. =Bonifaz=; Ermenrich standen aber nur mündliche Erzählungen über ihn zu Gebote, und der geschichtliche Werth seiner Nachrichten ist daher unbedeutend. Wo er, damals noch Diaconus, dieses Werk geschrieben hat, wissen wir nicht; es ist sehr wahrscheinlich, daß er auch zu den Hofcaplänen gehört hat, und von dieser Zeit her den Erzkanzler Gozbald (829-833) als seinen Lehrer bezeichnet, sowie er auch Grimald als seinen Herrn und Meister verehrt[50].
[48] Vgl. über ihn E. Dümmler: Ueber Ermenrich von Ellwangen u. seine Schriften, Forsch. XIII, 473-485. XIV, 403. 404. NA. IV, 321. Er schrieb den Stiftungsbrief Salomons für Wiesensteig nach Bossert, Württ. Vierteljahrshefte 1889, S. 142.
[49] Als Hraban noch Abt war, also vor 842. Erm. Sermo de Vita S. Sualonis, ed. Holder-Egger SS. XV, 151-163. Im Anfang ist Sedulii Carmen paschale benutzt, nach Manitius, Wiener SB. CXXI, 6.
[50] Dümmler, St. Gall. Denkm. S. 248. Gundram nennt er eximii ministerii conlevita.
An Gozbald, jetzt (841-855) Bischof von Würzburg, sandte er, schon als Priester, eine kleine Schrift, in Form eines Dialoges der Consolatio des Boethius nachgebildet, dem Inhalt nach völlig sagenhaft, über die Gründung seines Klosters =Ellwangen=, das Leben des Stifters =Hariolf=, König Pippins Zeitgenossen, Bruders und später Nachfolgers des Bischofs Erlolf von Langres, und die Wunder, welche man ihm zuschrieb[51]. Er gehörte nämlich zu Gozbalds Familie.
[51] Vita Hariolfi ed. Pertz, MG. SS. X, 11-15. Ermanrich u. Mahtolf, die Träger des Dialogs, sind beide im St. G. Verbrüderungsbuch ed. Piper, p. 44, col. 111. -- Ausg. v. Giefel, Württ. Geschichtsqu. II. 1888.
Im Jahre 849 finden wir Ermenrich wieder im Kloster Reichenau als Schüler Walahfrids; als dieser seine unglückliche Reise nach Frankreich antrat, schickte ihn Grimald nach St. Gallen, um dort seine Studien fortzusetzen. Hier verfaßte er zum Dank für die gute Aufnahme, die er in beiden Klöstern gefunden und zum Preise Grimalds ein Sendschreiben an denselben, geschrieben zwischen 850 und 855, in welchem er seine ganze Gelehrsamkeit, die nicht unbedeutend, aber schlecht verarbeitet war, zur Schau trägt, von Philosophie, Grammatik und vielen anderen Dingen handelt, in der schwülstigen, gezierten Weise vieler Gelehrten der damaligen Zeit; eine Schreibart, die auch das Leben des h. Solus entstellt und am wenigsten in dem Leben Hariolfs hervortritt[52]. Er prahlt mit Griechisch, das er aber offenbar nicht versteht, und eignet sich aus Alcuin, Priscian und Ausonius falsche Gelehrsamkeit an, kennt aber Pindarus Thebanus und Lucretius nebst vielen anderen Schriften. Verse von Theodulf und Naso verwendete er ohne Scheu. Es enthält aber dieser Brief auch einige wichtige geschichtliche Daten und eine Lobpreisung Grimalds und der gelehrten und kunstreichen Sanctgaller Mönche, welche zur Ergänzung der dortigen Klosterchronik dient. Am Schluß geht er in Verse über, und feiert den h. Gallus, wozu auch ihn Gozbert, der Kahlkopf, gedrängt hatte. Doch ist dieser Theil mehr entworfen und begonnen als wirklich ausgeführt[53].
[52] Dieses erwähnt Ermenrich in dem Briefe mit folgenden Worten: „Adjunxi autem et huic operi breve opusculum, quod de inceptione nostri coenobii et fratrum ibidem Deo famulantium vita conscripsi ipsaque dicta viro per omnia doctissimo Gozbaldo episcopo vel approbanda seu refutanda commendavi.“ Diese Worte lassen kaum daran zweifeln, daß die Vita Hariolfi gemeint ist, obgleich von den Ellwanger Mönchen nur wenig darin vorkommt; es spricht auch, wie Dümmler bemerkt, dafür die Stelle der Vita l. c. p. 11: „quis primus hujus loci cum Deo inceptor fuerit, quantique viri Deo amabiles sub eo exstiterint“. Daß ein anderer Ermenrich aus Reichenau zu derselben Zeit eine Geschichte dieses Klosters verfaßt und ebenfalls an Gozbald gesandt haben sollte, ist unglaublich.
[53] Das Sendschreiben ist vollständig zuerst herausgegeben von Dümmler im Haller Preisvertheilungsprogramm von 1873, und bes. Abdruck. Es ist voll von grammatischen Fehlern, die zum Theil vom Abschreiber herrühren mögen. Vgl. M. Haupt im Hermes I, 403 und Dümmler in d. Forsch. a. a. O.
In der Aufschrift dieses Briefes hat eine etwas spätere Hand zu dem Namen Ermenrich das Wort Bischof gesetzt, und man hat deshalb nicht ohne Wahrscheinlichkeit geschlossen, daß der Verfasser identisch ist mit dem gleichnamigen Bischof von Passau, den Ludwig der Deutsche 867 zu den Bulgaren sandte, und dessen Tod am 26. Dec. 874 sich in alamannischen Jahrbüchern und im Todtenbuche von Reichenau verzeichnet findet[54].
[54] Dümmler, Piligrim von Passau S. 144.
Ermenrichs Name ist auch gemißbraucht in einer häßlichen Betrügerei, dem angeblichen =Leben des h. Magnus=, eines der Genossen von Columban und Gallus, von Theodorus, das bei der Uebertragung der Gebeine in der Mitte des neunten Jahrhunderts in St. Magnus Grab soll gefunden sein. Der Bischof Lanto von Augsburg soll dann den Ellwanger Mönch Ermenrich veranlaßt haben, das kaum noch lesbare Denkmal zu erneuern. So wird dort erzählt; die Art, wie Ermenrichs Name erwähnt wird, macht es aber nicht wahrscheinlich, daß wirklich er selbst zu dieser Fälschung seine Hand geboten habe. Dümmler vermuthet, Forsch. XIII, 475, daß doch etwas daran sei und Ermenrich an der formalen Bearbeitung Theil habe, doch bemerkt er selbst, daß die Legende nichts von dem ihm eigenthümlichen Gepräge zeige. Ich halte die angebliche ältere Legende überhaupt für leeres Vorgeben des Fälschers, welcher ein von den gröbsten chronologischen Fehlern erfülltes Plagiat aus den Vitae Columbani und Galli für das Werk eines Zeitgenossen ausgab[55].
[55] Mabillons treffliche Kritik ist bestätigt und ergänzt durch Rettberg II, 147-151, wo Plac. Brauns Versuch, den zweiten Theil zu retten, widerlegt ist. Für denselben sind neuerdings eingetreten Fr. Pfeiffer, Freie Forschung S. 295 aus Germania I, und Friedrich KG. II, 351-366. Das letzte Stück mit der Translationsgeschichte MG. SS. IV, 382. 425-427. Ueber eine jüngere Bearbeitung Archiv XI, 270. Nach einer Mittheilung von Baumann ist dessen Ansicht, daß man bei der Erhebung der Magnusreliquien um 851 im Kloster Füssen durch einen Ellwanger Mönch die Volksüberlieferung, wie sie bis dahin sich entwickelt hatte, niederschreiben ließ; in St. Gallen wollte man, als die Magnuskirche um 890 gebaut wurde, auch eine Legende haben, verwechselte ihn mit dem Maginold der Vita S. Galli und brachte so den Wechselbalg zu Stande.
Auch Reichenau bezog wie Fulda seine Reliquien aus Italien, doch scheint man damit wenig Glück gehabt zu haben. Die älteste dieser Geschichten (=Miracula S. Genesii=) ist von Dr. A. Holder in Carlsruhe in einem von Reginbert herrührenden Codex entdeckt, und von mir in der Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins XXIV, 1-21 herausgegeben[56]. Sie berichtet von der Uebertragung der heiligen Genesius und Eugenius aus Jerusalem durch den Grafen Gebahard von Treviso, der 798 seine Boten aussandte, aber vor deren Rückkunft starb. Der heimkehrende Diacon fand in Porto seinen Bruder, der den Grafen Scrot von Florenz[57] nach Rom begleitet hatte; mit Einwilligung des Pabstes Leo erhält Graf Scrot den rechten Schenkel des Genesius, während der Rest nach dem bei Treviso dafür schon bereiteten Kloster gebracht wird. Graf Scrot aber bringt seinen Theil in seine Heimath am Bodensee, und stiftet hier das Kloster =Schienen=, welches durch Ludwig das Kind an Reichenau gekommen ist. Da Wunder nicht ausblieben, veranlaßte Abt Erlebold (822-838) einen ungenannten Mönch zur Aufzeichnung dieser denkwürdigen Begebenheiten. Während nun aber von diesen Reliquien weiterhin nicht mehr die Rede ist, behauptete man später in Reichenau, daß die ganzen Leiber der hh. Senesius und Theopompus, welche in unklarer Weise an die Stelle von Genesius und Eugenius getreten sind, 830 durch Bischof Ratolf von Verona nach Radolfzell übertragen seien, da doch ganz unbekümmert darum dieselben 911 von Treviso aus dem inzwischen durch die Ungern zerstörten Kloster nach Nonantula übertragen wurden. Ebenso wenig wollte man ihnen glauben, daß der heilige Valentin, von dem ihre alten Annalen noch allein reden, der heilige =Marcus= selber sei, welcher, wie sie behaupteten, in demselben Jahr 830 aus Venedig zu ihnen gebracht sein sollte; und ihre eigene Erzählung läßt den Betrug deutlich genug erkennen[58]. Den h. =Januarius= sollte, wie wir oben S. 281 sahen, Kaiser Lothar selbst gebracht haben; davon verlautet weiter nichts, dagegen aber ein Bericht, nach welchem ihn und seine Genossen im Jahre 871 ein wackerer Reitersmann aus Schwaben auf einer Heerfahrt unter Kaiser Ludwig II aus einer verödeten Kirche geraubt und nach der Reichenau gebracht haben sollte. Man traute ihm aber dort vermuthlich selbst nicht, da in jüngeren Handschriften anstatt ihrer die h. =Fortunata= mit ihren Brüdern in derselben Erzählung erscheint. Aber auch diese waren bereits 780 nach Neapel in das Nonnenkloster des h. Gaudiosus übertragen, wo sie fortfuhren die schönsten Wunder zu thun[59]. Unbestritten blieb den Reichenauern nur ein Krug von der Hochzeit zu Cana, den ein griechischer Mönch ihnen aufgeschwatzt hatte[60].
[56] Im Sanctgaller Catalog saec. IX bei Weidmann S. 385 erwähnt als Commemoratio de miraculis S. Genesii. Als Ex Miraculis S. Genesii ed. Waitz, SS. XV, 169-172.
[57] Dieser wird, wie Dümmler bemerkt, bei Herrgott, Geneal. III, 832, als Wohlthäter von Reichenau erwähnt. Er erscheint im Verbrüderungsbuch S. 294, col. 466.
[58] Miracula S. Marci bei Mone, Quellens. I, 62-67: im Auszug MG. SS. IV, 449-452. Vgl. auch Quellens. III, 135.
[59] Mone, Quellens. I, 232 cf. Acta SS. Sept. VI, 787. Auf Fortunata und das Jahr 874 angewandt auch in der ersten Ausgabe dieses Buches S. 150 aus 2 Münchener Handschriften, da ich sie für ungedruckt hielt; vgl. Acta SS. Oct. VI, 456. Beide MG. SS. XV, 473, v. Holder-Egger.
[60] Auszüge aus der gänzlich fabelhaften Vita Simeonis Achivi ed. Waitz MG. SS. IV, 459. Annales Aug. breviss. 541-817 ib. III, 136 sind ohne Werth.
Sehr deutlich tritt uns in diesen Geschichten die lebhafte Verbindung mit Italien entgegen, welche in hohem Grade anregend wirken mußte[61]; Reichenau lag gerade an einer der besuchtesten Pilgerstraßen nach Rom, und auch Schottenmönche werden nicht gefehlt haben, wenn sie auch in Reichenau selbst kein Andenken hinterlassen haben. Dagegen wurde in =Rheinau= gegen das Ende dieses Jahrhunderts das Leben eines Schottenmönches, des h. =Findan=, aufgezeichnet († 878), welches für das Treiben dieser fremden Pilger charakteristisch und durch einige Stellen in irischer Sprache merkwürdig, übrigens aber sehr fabelhaft und geschichtlich wenig bedeutend ist[62]. Größerer Ruhm ist dem h. =Meginrat= zu Theil geworden, dessen Leben, wie aus dem Alter der Handschriften hervorgeht, schon im zehnten Jahrhundert ein Reichenauer Mönch beschrieben hat[63]. Er wurde nach dessen Bericht in Reichenau von Erlebold unterrichtet, und als dieser als Abt auf Heito folgte, als Mönch eingekleidet. Der Abt schickte ihn nach einer Reichenauer Zelle am Züricher See, nach der Tradition Bollingen, um da Schule zu halten. Er aber ging statt dessen als Eremit ins Gebirge, wo Räuber ihn 861 erschlugen. Das noch jetzt blühende Kloster Meinradszell oder Einsiedeln bewahrt sein Andenken.
[61] Vgl. darüber das schöne Werk des Prof. F. Adler: Baugeschichtliche Forschungen in Deutschland. I. Die Kloster-und Stiftskirchen auf der Insel Reichenau, Berlin 1870 folio. Marmor: Kurze Geschichte der kirchlichen Bauten und deren Kunstschätze auf der Insel Reichenau, Konstanz 1873. Der Text ist selbst für einen praktischen Arzt zu schlecht.
[62] Vita Findani ed. Holder-Egger, SS. XV, 502-506. Vgl. Zeuss, Gramm. Celt. ed. II, p. 1003.
[63] Vita S. Meginrati ed. Holder-Egger, SS. XV, 444-448.
Fast überall finden wir theils die ascetische, theils die formale Richtung vorherrschend in der Litteratur dieser Zeit, den historischen Sinn aber noch wenig entwickelt.
Doch fehlte es auch in St. Gallen und Reichenau nicht ganz an Annalen. Die in ihrem älteren Theil aus Murbach stammenden =Annales Alamannici= (oben S. 147) enthalten 802-858 dürftige Reichenauer Notizen; 860-926 werden sie mit zunehmender Reichhaltigkeit in St. Gallen fortgesetzt. Die aus denselben Annalen entnommenen =Annales Sangallenses breves= 708-815[64] gewährten den Anfang (bis 791) der =Annales Augienses=, welche bis 939 in Reichenau fortgesetzt wurden. Sie waren auf den Rand der Ostertafeln geschrieben, welche =Reginbert= in seine oben S. 276 erwähnte historisch-mathematische Sammlung aufgenommen hatte, die er von 820 bis gegen sein Todesjahr 846 zusammengebracht hat. Diese jetzt verlorene Handschrift benutzte Hermannus Contractus. Für Friedrich von Mainz abgeschrieben, wurde sie zu 937 mit einer Notiz über Friedrichs Weihe, 953, 954 mit Aufzeichnungen des Erzbischofs Wilhelm vermehrt; benutzt wurde diese Handschrift vom Fortsetzer des Regino, von Marianus Scottus, und nebst den eingehefteten Annales S. Albani vom Verfasser der Disibodenberger Annalen[65]. Wir finden ferner die Annales Augienses bis 939 benutzt in den Annales Colonienses, jedoch so, daß einzelne Eintragungen vielmehr auf die Ann. Alamannici, Sangallenses und Hermann deuten, wodurch die Vermuthung entsteht, daß eine reichhaltigere Aufzeichnung allen zu Grunde liegt[66].
[64] Edd. Ild. v. Arx et G. H. Pertz, MG. I. 63-66; ed. Henking, St. Gall. Mitth. XIX, 220-223. Local, aber sehr dürftig sind (MG. I, 69. 70), die Annales brevissimi Sangallenses 768-889 (ed. Henking, ib. p. 206 bis 209; Vf. nach S. 208 =Albrich=) und 814-961 (ib. S. 210-212), während die Fortsetzung der _Ann. S. G. Baluzii_ (oben S. 141) 768-814 allgemeiner Art ist. Kurze Aufzeichnungen an Ostertafeln 690-856 ed. Dümmler, NA. V, 428.
[65] S. die berichtigte Ausgabe von Jaffé, Bibl. III, 700-706.
[66] Ecclesiae Colon. Codd. p. 127. Mit dieser beschäftigt sich W. Erben, NA. XVI, 613 ff.
Auch in der Bischofstadt =Augsburg= war ein gelehrter und ausgezeichneter Bischof, =Adalbero= (887-910), der Erzieher Ludwigs des Kindes, ein vertrauter Freund der Sanctgaller Lehrer, und ohne Zweifel derselbe, welchem Regino, der seiner mit großem Lobe gedenkt, seine Chronik widmete; wir haben eine Biographie von ihm, sie ist aber erst im zwölften Jahrhundert von Udalschalk geschrieben und gewährt uns keine Belehrung[67].
[67] S. unten IV § 8. Ueber Adalbero's Besuch in St. Gallen 908 und seine reichen Schenkungen s. das Verbrüderungsbuch S. 15. Jul. Hans, Beiträge zur Geschichte des Augsburger Schulwesens in der Zeitschrift des hist. Vereins f. Schwaben u. Neuburg II, 1 (1875) stellt die dürftigen Nachrichten darüber zusammen.
Im =Elsass= beschrieb ein ungenannter Mönch von =Neuweiler= bei Zabern die Uebertragung des Bischofs =Adelphus= von Metz, den ihnen Erzbischof Drogo abgelassen hatte, mit Wundern, worin viele Ortsnamen vorkommen[68].
[68] Translatio et Miracula S. Adelphi ed. L. v. Heinemann, SS. XV, 293-296, mit einem Wunder von 1198 aus der Fehde zwischen Heinrichs VI Bruder Otto u. B. Conrad v. Straßburg.
§ 19. Baiern und Franken.
Baiern, wo schon unter den Agilolfingern eine rege litterarische Thätigkeit begonnen hatte, zeigt auch in diesem Abschnitte Spuren derselben, und es wird an geschichtlichen Aufzeichnungen in den zahlreichen und blühenden Klöstern des Landes nicht gefehlt haben, obgleich im ganzen die Bedürfnisse des praktischen Lebens, der Geschäftsthätigkeit und des Schulunterrichts die Kräfte überwiegend in Anspruch nahmen. Doch ist in den Verheerungen des Landes durch die Ungern ohne Zweifel vieles zu Grunde gegangen.
In =Freising= zeugen die zahlreichen grammatischen Handschriften aus dem neunten und zehnten Jahrhundert[1] von eifrigen Studien. Nach Aribo, dessen wir schon früher gedachten, machte sich hier der Bischof =Hitto= (810-835) sehr verdient; er veranlaßte seinen Notar =Cozroh=, das höchst schätzbare Traditionsbuch der Kirche anzulegen, welches von demselben unter seinem Nachfolger Erchanbert (bis 853) fortgesetzt wurde[2]. An seinem Bischofsitz gründete Hitto das Kloster =Weihenstephan=, dem er aus Rom 834 den h. Alexander zuführte; die von einem Genossen dieser Uebertragung in recht gutem Latein und nicht ohne Kenntniß profaner Autoren verfaßte Geschichte derselben habe ich, von Dümmler darauf aufmerksam gemacht, herausgegeben[3]. Wenig später hielt dort der Pfalzgraf =Timo= Gericht, wobei sein Hund den Frevel beging, aus dem heiligen Quell zu trinken. Rascher Tod war die Strafe, und dieses Wunder feiert ein Gedicht, welches merkwürdig ist durch Beschreibung des Gerichtsverfahrens, der strengen Justiz, die dort geübt ward, und durch sehr entschiedene Bekämpfung der Ordalien[4]. Als man es im 11. Jahrhundert von der Rolle, auf welche es geschrieben war, in ein Buch übertrug, war leider der Anfang derselben schon beschädigt und verloren. Auch Bischof Anno (854 bis 875) ließ ein Werk für die Bibliothek abschreiben[5]; Waldo (884 bis 906), ein Bruder Salomons III von Constanz, zeichnete sich durch seine wissenschaftliche Bildung aus, und scheint auch als Bischof in dieser Richtung thätig gewesen zu sein[6].
[1] B. Pez. Thes. I, Praef. p. XXVII.
[2] Meichelb. Hist. Fris. I, 1, 115. 116. Jos. Zahn im Archiv d. W. Ak. XXVII., 200 f., wo auch K. Roths Arbeiten über Cozroh aufgezählt sind. MG. SS. XXIV, 314 seine Vorrede, p. 316 Notae de privilegiis. Ausserdem ließ Hitto viele theologische Schriften für die Bibliothek abschreiben.
[3] SB. d. Berl. Akad. 1884, Dec. 4. MG. SS. XV, 286-288. Andere schlechtere Hs. NA. XIII, 584.
[4] Neue Ausgabe von Dümmler, Poet. Lat. II, 120-124.
[5] Cod. lat. Mon. 6262, s. Catal. I, 3, 81.
[6] S. Dümmler, Formelbuch Salomons III, S. 154. Müllenhoff und Scherer S. 297. 451 (3. Ausg. II, 90. 335) und oben S. 275. Der Priester Sigihard schrieb für ihn den Otfrid ab.
In =Regensburg= war =Baturich= (817-848) Bischof und Abt zu St. Emmeram, zugleich Erzcaplan des Königs, ein geborener Baier, der in Fulda Hrabans Unterricht genossen hatte, und durch die Besorgung von Abschriften kirchlicher Werke seinen wissenschaftlichen Eifer bewies[7]. Schon unter Ambricho (864-899) begann hier =Anamod= die Urkunden über Schenkungen an das Kloster St. Emmeram zu sammeln, und eignete das vollendete Werk dessen Nachfolger Aspert (891-893) zu, welcher Kaiser Arnulfs Kanzler gewesen war[8]. Hier verwahrte man auch jene merkwürdige Aufzeichnung über die Gaue der Slaven, bekannt als =Geographus Bawarus=, welche aus einer Handschrift von St. Emmeram durch Hormayr zuerst bekannt gemacht ist[9].
[7] Dümmler, Ostfr. II, 433. Müllenhoff und Scherer S. 448. 460. (II, 331. 344.) Facs. des Cod. lat. Monac. 14,468 a. 821. Palaeograph. Soc. 122; von 14,437 a. 823 ib. 123; 14,288 schenkte ihm Hiring. Eine Benedictio Dei betitelte Schrift über den Gebrauch der Psalmen, mit einer Vorrede an Baturich, Bibl. Patr. Lugd. XXVII. Suppl. Migne CXXIV, 1399. K. Ludwig ertauschte später für seine Kapelle von der Regensburger Kirche den Cleriker Gundpert wegen seiner litterarischen Bildung, B. Pez Thes. I, 3, 199. Die unbedeutenden Annalen s. oben S. 149.
[8] Ueber ihn S. Dümmler, Ostfr. III, 482. Der Codex Traditionum gedr. bei B. Pez Thes. I, 3, 191-286; Migne CXXIX, 900. Vgl. Bretholz, Die Traditionsbücher von St. Emmeram, Mitth. d. Inst. XII, 1 ff. (NA. XVI, 648). S. auch Karl Roth, Tauschverträge der Abtei Sanctemmeram (Beitr. IV. 1865), wo S. 42-46 Cat. abb., S. 47-50 Cat. epp. Ratisponensium; alii SS. XIII, 359. Ein Distichon mit Lob des Bischofs Tuto (894-930) NA. I, 185.
[9] Archiv für österreichische Geschichte 1827, S. 282. Boczek Cod. Dipl. Moraviae I, 67. Zeuß, die Deutschen und die Nachbarstämme S. 600. Bielowski's Monumenta Poloniae I, 10. Die Hs. ist Cod. lat. Monac. 560 saec. XI. Facs. bei Schiemann, Rußland etc. (Berl. 1886) zu S. 29.
In =Nieder-Altaich= und =Würzburg= wird =Gozbald= (841 bis 855), einst Erzkanzler Ludwigs des Deutschen und immer in hoher Gunst bei ihm, ein gelehrter Mann, den Ermanrich von Ellwangen seinen Lehrer nennt, ohne Zweifel die Studien befördert haben, wenn uns auch nichts darüber bekannt geworden ist. Einer Handschrift von Nieder-Altaich verdanken wir jene geschichtlich wichtige, wenn auch in der Form verwilderte Fortsetzung der Fulder Annalen von 882-901, welche in Baiern, aber schwerlich in einem Kloster, geschrieben ist[10]. Für seine Kirche in Isarhofen bei Nieder-Altaich erbat Gozbald von Gregor IV die Gebeine der Märtyrer Agapitus und Felicissimus, und vielleicht ist es ihre Translation, wovon sich ein Fragment erhalten hat, merkwürdig durch die Erwähnung der Aufschriften des P. Damasus „rotundis litteris“ und der von Karl dem Großen gestifteten Schola Francorum in Rom[11].
[10] S. oben S. 229. 230. Ueber Gozbald Dümmler, Ostfr. II, 428. Forsch. VI, 122. Handschriften, die er für seine Kirche schreiben ließ, sind jetzt in Oxford, s. Zangemeister, Wiener SB. LXXXIV, 59. 61; Facs. von Aug. de civ. Dei Pal. Soc. II, 67. 68. Eine andere in Würzb. s. Schepss in Briegers Zts. f. Kirchengesch. 1886, S. 458, Anm. Seinem Vorgänger Humbert von Würzburg (832-841) widmete Hraban den Commentar zu den Büchern der Richter und Ruth; auch er ließ eine Hs. abschreiben. Der Nachfolger Arn wird Gozbalds Schüler genannt; s. über ihn Dümmler Ostfr. II, 430, und denselben Forsch. VI, 123 über die gelehrten, aber nicht der Geschichte zugewandten Studien in Würzburg.
[11] NA. XIII, 295.
Zum Würzburger Sprengel gehört Laufen am Neckar, wo man S. =Reginswind= verehrte, Tochter des Markgrafen Ernst, welche als siebenjähriges Mädchen 837 von ihrer Wärterin aus Rache im Neckar ertränkt sein soll; ihre sagenhafte Geschichte ist aber erst im zwölften Jahrhundert aufgezeichnet[12].
[12] V. Reginswindis Acta SS. Jul. IV, 90-96. MG. SS. XV, 359.
In =Eichstedt= ließ B. =Erchanbald= (882-912) nicht nur viele Bücher abschreiben, sondern er veranlaßte auch den Priester =Wolfhard=, das Leben der h. =Walburga=[13] zu schreiben, deren Reliquien er 893 nach Monheim übertragen hatte, der Schwester Willibalds -- eine der zahlreichen Aufzeichnungen solcher Art, welche diese Zeit mit ihrer immer wachsenden Heiligenverehrung hervorbrachte, weniger durch geschichtlichen Sinn als durch das Bedürfniß einer Legende veranlaßt und mit Wundergeschichten ausgestattet. In ausgedehntestem Maße sorgte aber Wolfhard für die Befriedigung dieses Bedürfnisses durch das ebenfalls auf Veranlassung des Bischofs Erchanbald von ihm gesammelte, schon früher (S. 61) erwähnte große Legendarium.
[13] Acta SS. Feb. III, 523. Mab. III, 2. 787. Vgl. den Anon. Haser. c. 3. 10, MG. SS. VII, 255. 256. Rettberg II, 359. Die 893 beginnenden Mirakel sind geschichtlich nicht unwichtig. Ausg. v. Holder-Egger, MG. SS. XV, 535-555.
Die =Passauer= Kirche erwarb 904 durch Tausch die ansehnliche Bibliothek des Landbischofs Madalwin[14]; vielleicht auf =Ermenrich= zurückzuführen ist das vorzüglich aus Hrabans Schriften geschöpfte Lehrbuch, welches sich in einer Tegernseer Handschrift erhalten hat[15]. Einem Abt =Engilmar=, den er als „venerabilis doctor et grammaticae rethor“ bezeichnet, widmete ein ungenannter Verfasser in ziemlich mangelhaften Versen eine Versification der Vita S. Herasmi; vielleicht könnte dieser später Bischof von Passau geworden sein, wo wir von 874-899 einen Engelmar finden[16].
[14] Mon. B. XXVIII, 2, 200-203.
[15] Einige Formeln mit der Ueberschrift Epistolae Alati ed. Rockinger, Quellen zur baierischen Geschichte VII, 169-185, cf. 21-29, und E. de Rozière, Revue hist. de droit français et étranger, IV; Zeumer, Form. S. 456 ff. Nach Passau weist die bischöfliche Kirche des heiligen Stephan. Vgl. Müll. u. Scherer, 3. Ausg. II, 355.
[16] Dümmler, NA. V, 429.
Aus =Salzburg= endlich ist uns, außer urkundlichen Aufzeichnungen und der Erzählung von der =Uebertragung des h. Hermes=[17] aus Rom vom Jahre 851, ein überaus werthvolles Denkmal erhalten, eine Denkschrift, welche durch die Errichtung eines selbständigen mährischen Erzbisthums veranlaßt, vermuthlich 870 verfaßt wurde[18], in demselben Jahr, in welchem die Verfolgung gegen Methodius begann. Die Verdienste und Berechtigungen der Salzburger Kirche sollten darin dargestellt werden, und wie billig steht an der Spitze das Leben des h. =Rupert= (oben S. 122). Die weitere Erzählung stützt sich durchweg auf Urkunden und andere Aufzeichnungen der Kirche, es ist mehr eine rechtliche Deduction, als ein eigentliches Geschichtswerk, und weil der Verfasser sich streng auf das beschränkt, was für seinen Zweck von Wichtigkeit war, anderes, wie namentlich die ganze Wirksamkeit des Bonifaz, völlig mit Stillschweigen übergeht, genügt die Schrift unseren Wünschen nicht, aber was sie giebt, ist unschätzbar, und bei dem fast gänzlichen Mangel anderer Quellen über die Verhältnisse dieser südöstlichen Lande, bei dem Verlust der Annalen, von denen nur geringe Reste übrig geblieben sind, ist jedes Wort des Verfassers von hohem Werth für uns[19].
[17] Translatio S. Hermetis, ed. Holder-Egger, MG. SS. XV, 410. Auch in Bamberg glaubte man den h. Hermes zu besitzen, V. Ott. II, 14 bei Jaffé, Bibl. V, 639.
[18] Ich lasse dahingestellt, ob sie, wie ich annahm, für den König bestimmt war, oder für den Pabst, wie Dümmler, Ostfr. II, 379, aufrecht hält, ungeachtet der gänzlichen Verschweigung aller päbstlichen Anordnungen. Sicher ist sie ihrer Form nach nicht an den Pabst gerichtet.
[19] Ausgabe von Wattenbach, MG. SS. XI, 1-17, mit den Computationes saec. XII. de tempore S. Rudberti, auf welchen die fehlerhafte sogenannte Tradition beruht. Ueber das Fehlen einer älteren Tradition s. auch Meiller, Salzb. Regesten, S. 439. Wie Dümmler bemerkt, ist der erste, von mir übersehene Herausgeber Flacius Illyricus, Catalogi testium veritatis (1597) II, 121-129 aus der Wiener Handschrift hist. eccl. 73. Wegen der weiteren Litteratur begnüge ich mich, auf die 2. Aufl. von Dümmlers Ostfr. zu verweisen. Nach Jar. Goll, Mitth. d. Inst. XI, 443 bis 446, hätte er seine Angaben über Samo nur aus Fredegar geschöpft, ohne locale Tradition.
Unter den Nachfolgern des ersten Erzbischofs Arn wird =Adalram= (821-836) sehr gepriesen, und =Liuphram= (836-859) folgte Arns Vorgang, indem er durch Abschriften die Bibliothek zu bereichern bemüht war[20]. Aus seiner Zeit stammt auch eine Sammlung, in welcher formelartig zugerichtete Briefe Alcuins, die meistens an Arn gerichtet waren, mit allerlei Versen verbunden sind, nach Dümmlers Ansicht für den Zweck des Unterrichts bestimmt[21]. Am Anfang stehen Verse von Dungal an einen „clarus magister“ Baldo, von welchem man in Salzburg auch eine Handschrift hatte mit der Inschrift: „Hunc humilis librum fecit perscribere Baldo, Reddat in aeternum mitis cui praemia Christus“. Aehnliche Verse finden wir in den Unterschriften der von Liuphram besorgten Bücher. Mit Dümmler hatte ich diesen Baldo für den Abt Waldo von Saint-Denis gehalten, aber später hat Dümmler sich mit Foltz[22] für eine Unterscheidung beider Personen ausgesprochen, wofür sich auch Traube erklärt[23], und es wird, wenn Baldo damals in Salzburg thätig war, vielmehr anzunehmen sein, daß wir unter Dungal nicht den alten berühmten Lehrer (oben S. 153) verstehen dürfen. Auch König Ludwig dankte ihm in Versen für übersandte Schriften, wünschte aber über die zuletzt erhaltenen, die er nicht verstehen könne, Aufschluß. Andere Stücke jener Sammlung verherrlichen den alten Bischof Virgilius, Arn, Adalram, Liuphram; eine besondere Classe stellt sich uns dar als Inschriften für einen Bischofshof, der vermuthlich damals (zwischen 855 u. 859) in Salzburg gebaut wurde, und erinnert dadurch an die oben S. 266 erwähnten Lütticher Gedichte, wie denn auch hier (III, 11) der Dichter sich als einen armen Fremdling bezeichnet; es liegt die Vermuthung nahe, daß Genossen jener Lütticher Schottencolonie auf ihrer Reise nach Mailand in Salzburg einige Zeit sich aufgehalten haben. Die einzelnen Suffragane gaben, wie es scheint, verschiedenen Hallen ihren Namen, deren Wände mit Darstellungen ihrer Bischofsitze geschmückt sein mochten, und hier waren auch Verse über die Folge dieser Bischöfe angebracht, welche aber bei Passau und Saeben nicht vollständig ausgeführt sind[24].
[20] S. darüber Karl Foltz, Geschichte der Salzburger Bibliotheken, Wien 1877.
[21] Beiträge zur Geschichte des Erzb. Salzburg, Archiv der Wiener Ak. XXII, 279-304. Die Verse bei Traube, Poet. Lat. III, 238.
[22] a. a. O. S. 13: vgl. Dümmler, Poet. Lat. I, 412.
[23] O Roma nobilis, S. 336.
[24] Versus de ordine comprovincialium episcoporum bei Dümmler a. a. O. S. 283-285. MG. SS. XIII, 341-343. Poet. Lat. II, 637-648 mit anderen Versen der Sammlung. Vielleicht rühren jene aus Karls d. Gr. Zeit her, und wurden nur fortgesetzt; dann hätten wir Erneuerung älterer Darstellungen anzunehmen.
§ 20. Frankreich.
Der Vertrag von Verdun besiegelte die politische Theilung des karolingischen Reiches, aber er zerstörte nicht die Gemeinsamkeit der litterarischen Entwickelung. Diese beruhte, besonders in Deutschland und Frankreich, Jahrhunderte lang ausschließlich auf der Geistlichkeit, die von dem Gefühl erfüllt war, eine große Corporation zu bilden, deren Mitglieder in den verschiedenen Ländern sich, wie noch heute, einander näher verbunden fühlten als mit den Laien ihres Volkes. Dieses Gefühl der Gemeinschaft tritt auch in späterer Zeit häufig außerordentlich stark hervor; ganz besonders lebhaft aber war es, so lange die Karolinger herrschten, und die Erinnerung an die Einheit des Kaiserreiches noch die Gemüther erfüllte. In der Litteratur sind es jedoch die kirchlichen Fragen, in denen die Gemeinsamkeit der Bildung wie der Interessen sich vornehmlich zeigt; die überaus reiche und bedeutende theologische Litteratur des neunten Jahrhunderts läßt sich gar nicht getrennt behandeln. In der historischen dagegen verhält es sich anders; diese wird naturgemäß von der politischen Trennung weit stärker berührt und sondert sich rascher in verschiedene Zweige. Alles was die Localgeschichte betrifft, gewinnt nur noch in einzelnen Fällen Bedeutung für das Nachbarland; die bedeutenderen Werke allgemeiner Art aber dürfen nicht außer Acht gelassen werden, und bei der engen Verbindung der karolingischen Theilreiche finden wir in diesen immer auch die Nachbarländer, wenn nicht gleichmäßig, so doch mit wenig geringerer Sorgfalt berücksichtigt, als das eigene. Vor allem gilt das von der Reichshistoriographie der =Annalen=. Wie die Fulder Annalen auch für Frankreich von Wichtigkeit sind, so die =Bertinianischen=[1] für Deutschland.
[1] Annales Bertiniani ed. Pertz, MG. SS. I, 419-515. Neue Ausg. v. G. Waitz, Hann. 1883, 8; vgl. dens.: Ueber die Ueberlieferung der Ann. Bertiniani, Berl. SB. 1883, S. 113-121. Benutzt sind außer den Hss. das Chron. Vedastinum, Cont. Aimoini, der einige Zusätze von zweifelhaftem Ursprung hat, Ann. Mettenses, über deren jetzt in Berlin befindl. Hs. ich NA. XVI, 607 berichtet habe. Wenig Hülfe bietet das fast ganz aus Ann. Bertin. u. Vedastini geschöpfte Chronicon de gestis Normannorum in Francia, MG. I, 532-536, in ganz unbestimmter Zeit in St. Omer verfaßt. Uebers. der Ann. Bertin. v. Jasmund 1857. 1890. Geschichtschr. Bd. 24 (IX, 9).
Die alten Reichs-Annalen bilden für beide Reiche gleichmäßig den Ausgangspunkt; während man aber am ostfränkischen Hofe diese Aufgabe erst nach einiger Zeit wieder aufnahm, trat im westlichen Franken keine Unterbrechung ein, und wir finden schon in den Jahren 830-835 eine gleichzeitige Fortsetzung. Das Kloster St. Bertin hat nur deshalb den Namen dazu hergegeben, weil diese Annalen zuerst aus einer Handschrift desselben bekannt wurden; sie tragen einen durchaus universellen Charakter und haften an keinem bestimmten Orte.
Die Hofschule bestand unter Ludwig dem Frommen, wie unter seinem Vater. Der Irländer Clemens setzte seine Wirksamkeit fort, und von Alderich und einem sonst unbekannten Thomas, den Walahfrid preist, ist es, wenn auch nicht sicher, doch wahrscheinlich, daß sie eine ähnliche Stellung hatten[2]. Walahfrids Berufung an den Hof bezeugt ebenfalls die Beachtung litterarischer Talente. Die Verdienste der Kaiserin Judith in dieser Beziehung waren schon wiederholt zu erwähnen. An Karls des Kahlen Hof glänzte Johannes Scotus[3]. Ihm widmete auch ein unbekannter Autor ein geographisches Werk, welches ganz aus Stellen alter Schriftsteller zusammengesetzt, und ein Zeugniß für die eifrig betriebenen Studien in jener Zeit ist[4]. Seine Sorge für wissenschaftliche Bildung wird gerühmt, und zu seiner Zeit wird Manno als Vorsteher der Hofschule genannt, welcher als Probst von Saint-Oyan (später Saint-Claude) im Jura am 16. Aug. 880 gestorben ist, nachdem er diesem Stifte mehrere noch jetzt erhaltene Handschriften dargebracht hatte[5].
[2] Simson, Ludwig d. F. 256-261; vgl. Dümmler, Hist. Z. XXXVII, 134. Ostfr. III, 651. 652.
[3] Reuter, Gesch. d. Aufklärung I, S. 51-64.
[4] Anonymi de situ orbis libri duo, ed. M. Manitius, Stuttg. 1884. Der Prolog NA. IV, 176.
[5] „Voto bonae memoriae Mannonis liber ad sepulcrum sancti Augendi oblatus.“ S. Dümmler, Ostfr. III, 652. Probst war er schon 870. Ueber seinen Collegen Joseph s. unten S. 300. Merkwürdige Verse und Briefe aus Karls d. K. Zeit, worin auch Manno erwähnt wird, NA. XIII, 343 bis 357, von Dümmler.
In dieser Schule ist auch der Spanier Galindo ausgebildet, welcher den Namen =Prudentius= annahm[6]; ein vornehmer Jüngling, welcher frühzeitig ins Frankenreich gebracht war. Aus dieser Zeit, noch vor 817, haben sich an ihn gerichtete Verse eines unbekannten Dichters erhalten, leider nur theilweise verständlich[7]. Theodulf, Clemens und Thomas werden darin erwähnt. Als die Kaiserin Judith sich einst in Gefahr befand, hat er für sie auf ihren Wunsch Flores psalmorum zusammengestellt[8]. Die Verse Walahfrids ad Prudentium magistrum (oben S. 280) werden doch wohl sicher an denselben Galindo gerichtet sein, welcher zwischen 843 und 846 Bischof von Troyes geworden, am 6. April 861 gestorben ist. Von ihm selbst haben wir Verse aus einem von ihm seiner Kirche gewidmeten Evangelienbuch, und kirchliche Schriften.
[6] Ebert II, 267, u. S. 365-368 über die Annalen. Dümmler, NA. IV, 314.
[7] Poet. Lat. I, 579. Daß der Verf. Prudens geheißen, widerlegt L. Traube, Karol. Dicht. S. 65, u. gibt Verbesserungen zum Text.
[8] Poet. Lat. II, 701. Der Prolog gedruckt bei A. Mai, Nova Coll. IX, 369.
Dieser Prudentius wird von Hincmar als der Fortsetzer der Annalen genannt, auch 861 von ihm der Tod desselben mit scharfem Tadel seiner in den letzten Jahren ketzerischen Haltung angemerkt. J. Girgensohn[9] hat sich bemüht zu erweisen, daß der Inhalt der Annalen genau zu dem stimmt, was wir von Prudentius wissen, indem er 835-840 dem alten Kaiser treu ergeben ist, bis 853 Karls des Kahlen Handlungen bestmöglichst zu beschönigen sucht, nach der Synode von Quierzy aber, wo er die seiner früheren Lehre widerstreitenden Artikel unterschreiben mußte, auch rücksichtslosen Tadel nicht scheut. Der Brief Hincmars, welcher allein uns die Kunde von Prudentius Autorschaft erhalten hat, zeigt zugleich, daß die Urschrift des Werkes, welches schon Vielen bekannt geworden war, sich in des Königs Händen befand, und bestätigt dadurch den officiellen Charakter desselben. Nur darf man nicht vergessen, wie selbständig die Bischöfe Frankreichs ihrem Könige gegenüber standen, und es ist deshalb nicht zu verwundern, daß Prudentius seine eigene Meinung mit einer Entschiedenheit ausspricht, welche Rudolf von Fulda ganz fern liegt. Noch weit unabhängiger erscheint die Fortsetzung, welche der Erzbischof =Hincmar= von Reims bis zum Jahre 882, dem Jahre seines Todes, fortgeführt hat. Sie bietet uns die Reichsgeschichte aus dem Standpunkte des Verfassers, des bedeutendsten Staatsmannes im Reiche Karls des Kahlen, der unablässig bis an seinen Tod für das Wohl des Reiches und die Selbständigkeit der westfränkischen Kirche auch gegen König und Pabst gearbeitet und gekämpft hat, nicht immer mit redlichen Mitteln allein, obgleich freilich Schrörs (S. 307, 507-512) ihn von dem Verdachte zu befreien sucht, daß er zur Erreichung seiner Zwecke auch Fälschungen und Erdichtungen nicht verschmäht habe; ein sicheres Beispiel kecker Fälschung hat Krusch in der Vita Remigii nachgewiesen[10]. Sicher aber sind seine Annalen von solchen Flecken rein, wenngleich an manchen Stellen nicht frei von Parteilichkeit, und als die hervorragendste Geschichtsquelle dieser Zeit zu betrachten[11].
[9] Prudentius und die Bert. Annalen, Riga 1875. Vgl. die Rec. von F. Dahn in Lit. Centralblatt 1876 S. 848. Baehr S. 453-456. C. v. Noorden, Hincmar S. 152. Sein Latein ist mangelhafter, als man von Pr. erwarten sollte. Aber auch Hincmar hat auf die Form wenig Sorgfalt verwandt.
[10] Auctt. antt. IV, 2, p. XXII, anerkannt v. Dümmler, Ostfr. III, 683.
[11] Als Verfasser der Annalen nennt ihn Richer im Prolog seiner Geschichte. Ueber deren Glaubwürdigkeit v. Noorden S. 153. E. Büchting, Glaubwürdigkeit Hincmars v. R. im 3. Theil der Ann. Bert. Hall. Diss. 1887. -- Hincmari Opuscula et epp. ed. Cordesius, Par. 1615, 4. Opera ed. Sirmond 1645, f. Neuer Abdruck bei Migne Vol. CXXV. CXXVI. Seine Gedichte Poet. Lat. III, 406-420. Verz. bei Schrörs, S. 512-588. Zwei neue entdeckte hat Gundlach herausgegeben, Zts. f. Kirchengesch. X, S. 92-145. 258-310, das Gutachten gegen Rothad, Schrörs n. 134, und die erste Schrift gegen Gotschalk (849 od. 850) an die „filii simplices“ seiner Gemeinde. Vgl. C. v. Noorden, Hincmar Erzb. v. Rheims 1863, rec. von Wenck, Hist. Zts. XI, 222, von Dümmler im Litt. Centralbl. 1864 Sp. 1197. Dümmler, Ostfr. III, 210-213; auch NA. IV, 536-538. Heller, Allg. D. Biogr. XII, 438-456. Schrörs, H. v. R. Sein Leben u. seine Schriften, Freib. 1884, rec. v. Dümmler im Centralbl. 1884, Sp. 1197. In diesen Werken sind auch die übrigen geschichtlich wichtigen Schriften Hincmars besprochen und ausgebeutet. Seine für Karlmann geschriebene Darstellung der Regierungsweise Karls des Großen ist oben S. 252 erwähnt. Vgl. Dirksen, Hinterlassene Schriften II, 130-841: H. als Kenner der Quellen des römischen Rechts. Hincmar befahl seinem Clerus 852 § 8, den compotus d. h. die Osterberechnung zu lernen (Marlot, Hist. Rem. I, 418). Damit verbindet Bock bei Weiß, K. Alfred S. 31, die Inschrift bei Varin, Archives admin. de Reims I, 334, wonach der Probst Sicfarius von Saint-Remi, der kurz vor Hincmar dem Kloster vorstand und Gregors Moralien abschreiben ließ, eine Schule baute: „Huic claustro pollent studio loca compotis apta“ etc. Compotis als Gen. nach Traube, O Roma p. 373. 847 war Sigloardus presb. caput scholae S. Remensis ecclesiae, Marlot I, 390. Polyptyque de l'abb. de St. Remi ed. Guérard p. 57. -- Geschichtlich wichtig sind auch die Parteischriften: Narratio clericorum Remensium, qualiter Ebbo Rem. archiep. depositus, mox restitutus ac iterum dejectus est, bei Duchesne II, 340. Bouquet VII, 277, und Apologeticon Ebbonis, Bouquet VII, 281. -- Die Translatio S. Remigii, der 882 wegen der Normannen nach Epernai, von da nach Orbais, 883 von Fulco zurückgebracht wurde (Acta SS. Oct. I, 170) enthält fast nichts, was nicht auch bei Flodoard steht. Die griech. Verse im cod. Laudun. 444 sind an Hincmar von Laon gerichtet nach L. Traube, O Roma nob. p. 363.
Von dem einflußreichsten, nur vorübergehend bei Seite gedrängten Staatsmanne herrührend, unterscheiden Hincmars Annalen sich noch wesentlich von einfachen Privatarbeiten; mit seinem Tode versiegte in Frankreich noch früher als in Deutschland diese Art der Geschichtschreibung, wie denn auch der Verfall des Reiches hier noch rascher und unaufhaltsamer eintrat.
Allein in ganz ähnlicher Weise, wie wir in Deutschland neben den Reichsannalen die Jahrbücher von Xanten finden, wie auch nach dem Uebergange der amtlichen Geschichtschreibung an die Baiern die Jahrbücher von Fulda unabhängig aus freiem Antriebe weiter fortgesetzt wurden, so stehen auch in Frankreich den Annalen Hincmars die Jahrbücher von St. =Vaast=[12] bei Arras zur Seite. Sie reichen von 874-900; vielleicht ist aber was uns vorliegt nur ein Bruchstück. Auf das Kloster des heiligen Vedast weisen mehrere Stellen hin, aber die Absicht des Verfassers war, die Geschichte des westfränkischen Reiches zu schreiben; die Darstellung ist ausführlich und umfassend, und dabei frei von den Rücksichten, welche in den Bertinianischen Annalen unverkennbar sind. Die Zwietracht im Reiche und die Heimsuchungen durch die Normannen werden mit lebhaften Farben geschildert. Wie in Deutschland die Xantener Annalen, so blieben auch hier die Vedastiner fast unbekannt; in Reims wußte man nichts von ihnen, als Richer seine Geschichte schrieb, und wir haben ihre Erhaltung als einen besonderen Glücksfall zu betrachten. Außerdem beschäftigte man sich hier angelegentlichst mit dem Schutzheiligen, dessen Wunder um 850 der Küster und Schulvorsteher =Haimin= beschrieb, ein gefeierter Gelehrter, welchem sein Schüler Milo das metrische Leben des h. Amandus widmete. Bei der wachsenden Kriegsgefahr wurde der h. Vedast 852 feierlich erhoben und wieder wurde ein Buch über seine Wunder geschrieben. Die Normannen jedoch fürchteten sich nicht vor ihm, 880 wurde er nach Beauvais geflüchtet, 893 heimgeführt, und auch darüber von =Ulmar= eine Schrift verfaßt; allerlei für die Zeitgeschichte nicht unerhebliche Nachrichten hat daraus Holder-Egger ausgehoben[13].
[12] Annales Vedastini ed. Pertz, MG. SS. I, 516-531, und nach Auffindung der Brüsseler Handschrift in verbessertem Abdruck II, 196-209; Facs. in Arndts Schriftt. 18. Vgl. Dümmler, de Arnulfo rege p. 176. Uebersetzt von Jasmund bei den Ann. Bert.
[13] Monumenta Vedastina minora, SS. XV, 396-405: I. Ex Miraculorum l. I. auct. Haimino. II. Ex libro II auct. Ulmaro aliisque (vgl. aber S. 1315). III. Sermo de relatione S. Vedasti. IV. Ex Apparitione S. Vedasti auctore Huberto presbytero, Haimin gewidmet.
Die Annalen kannte man im eigenen Kloster wohl, und muß auch eine große Fülle von historischem Material gehabt haben, denn gegen das Ende des 11. Jahrhunderts ist hier eine große weltgeschichtliche Compilation bis 899 aus vielerlei Quellen ohne viel Geschick zusammengearbeitet, welche sich in einer jetzt in Douai befindlichen Handschrift erhalten hat, aus der sie erst kürzlich bekannt geworden ist; jetzt hat den wesentlichen Inhalt mit Fortlassung des Anfangs und der wörtlich entlehnten Stellen Waitz (SS. XIII, 674-709) als Chronicon Vedastinum herausgegeben[14]. Außer Hieronymus, Orosius, Beda, Isidor, Nennius, Jordanis, Gregor von Tours ist Fredegar mit seinen Fortsetzungen benutzt, und die Reichsannalen mit den Bertin. und Vedast., welche fast ganz aufgenommen sind, so daß die Handschrift zur Verbesserung des Textes benutzt werden kann. Von besonderer Wichtigkeit ist die Benutzung der oben S. 202 erwähnten Compilation bis 805, von der Waitz vermuthet, daß sie noch höher hinaufgereicht habe, da schon im 7. und 8. Jahrhundert gleiche Quelle mit den Ann. Mett. wahrzunehmen ist; doch muß für die Zeit Karl Martells die Vorlage eine Lücke gehabt haben. Einige Stellen stimmen mit der Bisthumsgeschichte von Cambrai überein, was für die Zeit der Abfassung entscheidend sein würde; doch nennt er diese Quelle Gesta Remensium, und ganz sicher ist die Benutzung nicht. Er giebt aber manchmal seinen Quellen falsche Benennungen, weicht auch im Wortlaut ab, und hat allerlei Nachrichten, deren Herkunft nicht festzustellen und deren Werth zweifelhaft ist. Guiman von St. Vaast um 1170, Hermann von Tournai und Andreas von Marchiennes haben das Werk benutzt; früher als ins 11. Jahrhundert kann es nach der Beschaffenheit der allem Anschein nach erhaltenen Originalhandschrift unmöglich gesetzt werden.
[14] S. 682, 32 l. campi suda; der angeführte Vers ist, wie ich von Dümmler erfahren, Prudentii Psychom. 637. Die Ausgabe von Dehaisnes, Les Annales de Saint-Bertin et de Saint-Vaast, suivis de fragments d'une chronique inédite, 1871, war verfehlt, s. Monod, Revue crit. 1872, I, S. 242 bis 254; G. Waitz, GGA. 1873, S. 1-9; W. Arndt, HZ. XXXI, 167-171. Eine ältere Compilation bis zum 6. Jahr des Heraclius, welche hierin benutzt scheint, beschreibt Mommsen NA. XVI, 430. -- MG. SS. XIII, 710: Ex Guimanni libro de possessionibus S. Vedasti; p. 750: Catal. epp. Atrebatensium; p. 382: Series abbatum S. Vedasti, e cod. sacc. IX. abweichend von der sonst überlieferten Folge.
Gehört nun diese Bearbeitung schon späterer Zeit an, so stammen dagegen die oben S. 109 erwähnten Gesta Dagoberti aus dem Ende des neunten Jahrhunderts, und um 900 war nach B. Krusch auch schon die Bearbeitung vollendet, welche aus Gregor von Tours mit der unter Fredegars Namen bekannten Sammlung und deren Fortsetzern eine einigermaßen lesbare Frankengeschichte herstellte (S. 203).
Wir finden also auch in Frankreich eine nicht unbedeutende Beschäftigung mit der Geschichte, und namentlich die annalistische Form der gleichzeitigen Geschichtschreibung reich entwickelt, bis sie durch den Verfall des Reiches erstickt wird[15]. Von Aufzeichnungen anderer Art ist nur noch die poetische Behandlung der Belagerung der Stadt Paris durch die Normannen vom November 885 bis 886 und der weiteren Kämpfe bis 896 zu erwähnen, verfaßt von =Abbo=[16], einem Mönche von St. Germain-des-Prés, zur Verherrlichung seines Heiligen; schätzbar durch ihren Inhalt, da der Dichter diese Ereignisse selbst mit durchlebt hatte, aber kaum als Geschichtswerk zu rechnen, in sehr gezierter und gesuchter, oft kaum verständlicher Sprache. Im allgemeinen überwog in Frankreich noch mehr als in Deutschland die Richtung auf theologische und philosophische Gelehrsamkeit; die kirchlichen Fragen beschäftigten die Geister im höchsten Grade und die wissenschaftliche Thätigkeit, welche Karl der Kahle bei aller Schwäche seiner Regierung lebhaft begünstigte[17], kam der Geschichte wenig zu Gute. Denn die Ueberarbeitung oder auch neue Aufzeichnung älterer Heiligenleben, welche auch hier vielfach vorkommt, hatte mehr einen liturgischen oder doch erbaulichen Zweck; die Form ist die Hauptsache dabei und von ernstlicher geschichtlicher Forschung nicht die Rede.
[15] Von den unbedeutenderen kleinen Annalen, welche doch häufig einzelne schätzbare Nachrichten enthalten, erwähne ich Ann. S. Quintini Veromandenses ed. Bethmann SS. XVI, 507, von 793-994 meist gleichzeitig, aber dürftig; Engolismenses ed. Pertz SS. XVI, 485, von 815-870 und noch dürftiger fortgesetzt 886-930. 940-991 (daraus mit einigen Zusätzen Chron. Aquitanicum SS. II, 252, und Ann. Engolismenses SS. IV, 5); Lugdunenses I, 110 von 769-841 (Catal. archiepp. Lugd. s. IX. s. NA. VIII, 624); Masciacenses SS. III, 169 von 732-821 und fortgesetzt 832-1013, von Massai im Berry; Verse auf dieses Kloster unter dem Abt Odo (935 bis 967) verfaßt, bei Senebier, Catal. des Manuscrits de Genève p. 130; H. Hagen, Carm. med. aevi, p. 112; Ann. Floriacenses II, 254 von 864 bis 1060; Nivernenses a. 509-1188, SS. XIII, 88-91; S. Victoris Massilienses (darin Barcinonenses) 538-1542, SS. XXIII, 1-7; vgl. Arnold S. 61; Kritik d. Ausgabe, u. Ausgabe v. Albanès, Mélanges d'Arch. et d'hist. VI. de l'École franç. de Rome. Dazu Todtenklage um den 1017 gest. Grafen Raimond von Barcelona, NA. III, 407. Zwischen 1330 und 1338, angeblich nach einer verlorenen Chronik über und aus Karls des Kahlen Zeit verfaßt, in der That aber ganz fabelhaft, begründet auf ein zur Bewirkung der Canonisation spät verfaßtes Leben ist: Le roman en vers de très excellant, puissant et noble homme Girard de Rossillon, jadis duc de Bourgogne, publié par Mignard, à Paris 1858; vgl. Revue hist. VIII, 216; Paul Meyer: La Légende de Girart de R. in d. Zts. Romania, 1879. Uebers. mit Einl. von dems. 1884. A. Stimming: Ueber d. provenz. G. de R. 1888.
[16] Abbonis de bellis Parisiacae urbis libri III ed. Pertz, MG. SS. II, 776 bis 805. Sep. Abdr. 1871. Vgl. E. A. Freemann's Essay: The early sieges of Paris. Dümmler, NA. IV, 556. Das dritte Buch, hinzugefügt, um der heiligen Dreizahl zu genügen, ist nur allegorisch gramm. Inhalts und besteht fast ganz aus seltenen, schwer verständlichen Worten. Doch ist es mit Glossen für den Unterricht versehen u. auch abgesondert abgeschrieben, gedr. in Mangearts Catal. de Valenc. S. 656-659. Abbo's Klosterbruder =Aimoin= giebt in seinen zwei Büchern de S. Germani miraculis ebenfalls Nachrichten über frühere Verheerungen der Normannen; s. über seine Schriften Baehr S. 243; Ebert II, 352, NA. IV, 543. Vgl. NA. XII. 447, über eine K. Odo gewidmete poet. Bearbeitung. Die von Aimoin aufgenommene Translatio S. Germani a. 845 Anal. Boll. II, 69-98, MG. SS. XV, 10-16. Translatio S. Mederici (Mab. III, 1, 14. Acta SS. Aug. II, 524) in Paris 884 durch Bischof Gauslin, Abt von St. Germain und St. Denis, enthält sonst keine Nachrichten. Translatio S. Bertae (Mab. III, 1, 454. Acta SS, Jul. II. 54) von Blangi bei Amiens 895 nach Erstein im Elsaß, um sie vor den Normannen zu retten, gedenkt einer Synode zu Tribur, wo die Aebtissin Rotrudis von Erstein anwesend war. Auszug Ex Miraculis et transl. S. B. ed. L. de Heinemann, SS. XV, 564.
[17] Graf =Vivian= Laienabt von St. Martin und Marmoutiers, widmete ihm die herrliche Metzer Bibel Lat. 1. mit den Versen bei Traube, Poet. Lat. III, 243. Versus Johannis Sapientissimi (A. Mai, Auctores Class. V, 426-450, wiederholt hinter Joh. Scotus de divisione naturae ed. Schlüter, Monast. 1838 S. 593-610 und Migne CXXXII ed. Floß p. 1221-1240 ex. cod. Vat. Chr. 1587) voll Verherrlichung Karls und der Irmintrud von einem Iren, wahrscheinlich dem bekannten Philosophen; vgl. NA. IV, 531, Ebert II, 257-267. (Bei Floß S. 1194 die Spottverse auf Rom: Nobilibus quondam etc. auch Murat. Antt. II, 147. Bedae Opp. ed. Col. I, 449. Jaffé Bibl. V, 457 im Cod. Udalrici, cit. schon in der Invectiva, Dümml. Gesta Bereng. p. 138). =Joseph=, in Tours unter Erzbischof Amalrich (von vor 849-855), der früher Vorstand der Schule gewesen war, gebildet mit Paul, 849-855 Erzbischof von Rouen, war 847 und 848 Kanzler Pippins II von Aquitanien, dann „inclyti regis Ludowici (des Stammlers) liberalium litterarum praeceptor atque ejusdem sacri palatii cancellariorum ministerio functus“. Er schrieb auf Bitten jenes Paul Translatio S. Ragnoberti, der 847 von Bayeux mit Frechulfs Rath nach St. Victor d. Lexov. und dann in die neugebaute Kirche in Suiacum, vermuthlich Notre-Dame-d'Épines, gebracht wurde, wo Frechulf den Hauptaltar weihte; gedr. bei d'Achery Spicil. XII, 600-621. II, 127 bis 133 ed. II. Acta SS. Mai III, 620-624. Er erwähnt den Tod beider Erzbischöfe gleich nach Beginn seiner Arbeit. Vermuthlich schrieb er auch die betrüglich dem =Lupus= untergeschobene Vita S. Ragnoberti, ein Plagiat der Vita S. Reverentii; ed. Jules Lair, Bibl. de l'École des chartes V, 3, 89-124.
In =Chelles= ließ die Aebtissin Hegilwich, die Mutter der Kaiserin Judith, 833 den Leib der Königin =Baltechildis= erheben, worüber bald nach 856 berichtet wurde[18]. Etwas später finden sich hin und wieder Nachrichten über die Unthaten der Normannen in den Sammlungen von Wundergeschichten und den Berichten über die Irrfahrten der vor den gottlosen Feinden geflüchteten Reliquien. So in des Abts =Odo= von =Glanfeuil= Geschichte der Uebertragung des h. =Maurus= von Saint-Maur-sur-Loire nach Saint-Maur-des-Fossés bei Paris[19] 868, welche wohl etwas, doch nicht viel mehr Glauben verdienen mag, als desselben Odo angeblich nach einem gleichzeitigen Werk des Faustus erneuertes Leben des h. Maurus[20], und mit besonderer Lebhaftigkeit und Anschaulichkeit in den Wundergeschichten vom heil. =Bertinus=[21].
[18] Ex translatione S. Baltechildis, ed. Holder-Egger, SS. XV, 284.
[19] Translatio S. Mauri. Mab. IV, 2, 165-183. Ex Odonis miraculis S. Mauri sive restauratione mon. Glannafoliensis, SS. XV, 461-472. Vgl. Ebert II, 351.
[20] Schon von Papebroch aufgegeben, doch noch häufig benutzt; s. P. Roth, Gesch. des Beneficialwesens, S. 438; Bonnell, Die Anfänge, S. 200. Zeumer, NA. XI, 316.
[21] Miracula S. Bertini bis 891, mit späteren Fortsetzungen, MG. SS. XV, 507-534, von Holder-Egger. Daselbst auch _Ex miraculis S. Martialis_, S. 280-283.
Hierher gehören auch die schon oben S. 164 erwähnten Aufzeichnungen aus dem Kloster =Saint-Riquier= oder Centulum. Aus diesem aber hat sich auch noch eine nicht unwichtige Sammlung von Gedichten erhalten, mit welchen ja die Mönche des neunten Jahrhunderts sich überaus gerne beschäftigten; sie beziehen sich großentheils auf Aebte des Klosters, welche, ohne Ausnahme Laienäbte, der kaiserlichen Familie angehörten, und dienen zur Berichtigung der chronologischen Angaben Hariulfs. Die Hauptmasse rührt von dem Diaconus =Mico= her und umfaßt die Jahre 825-853; er wirkte als Lehrer und hat auch eine Zusammenstellung von Versen älterer Dichter zu prosodischen Zwecken auf überlieferter Grundlage verfaßt. Verbunden sind damit Gedichte des Spittlers =Fredigardus= aus den Jahren 861-871 und vermuthlich auch seines Zeitgenossen, des Custos =Odulfus=, welchem Traube einen von Hariulf in seine Chronik (III, 11, 12, 14) aufgenommenen Bericht über die von ihm gesammelten Reliquien zuschreibt. Nachdem einzelne dieser Gedichte an verschiedenen Orten veröffentlicht waren, die ganze Sammlung vor 50 Jahren von Bethmann abgeschrieben, ist sie jetzt von L. Traube vollständig herausgegeben und scharfsinnig erläutert[22].
[22] Carmina Centulensia, Poet. Lat. III, 265-368.
Zu den berühmtesten Gelehrten dieser Zeit gehörte =Heirich= aus Auxerre, 841 geboren und seit 850 zum Diener des heiligen Germanus geschoren; 859 wurde er zum Subdiaconus geweiht, und hat dann, nach der Sitte der lernbegierigen jungen Mönche jener Zeit, verschiedene Lehrer aufgesucht, namentlich auch Schottenmönche, nach Traubes wahrscheinlicher Vermuthung in Laon. Eine alte Aufzeichnung nennt ihn einen Schüler des Schotten Elias, Bischofs von Angoulême († 860) und als seine Schüler wieder Remigius, der die Reimser Schule herstellte[23], und Hucbald den Kahlkopf von St. Amand[24]. Er selbst nennt Lupus, den Abt von Ferrières, und Haimo, vermuthlich in Auxerre, seine Lehrer, in den Versen, mit welchen er dem Bischof Hildebold von Soissons die Collectaneen überreichte, die er jenen verdankte, Auszüge aus Valerius Maximus und anderen Schriftstellern[25]. Sogar den unsauberen Petronius hat er studiert, und Verse von ihm zum Preise des heiligen Germanus benutzt[26]. Denn dessen Legende in Verse zu bringen, das war die große Aufgabe, welche ihm der jugendliche und früh (865) verstorbene Abt Lothar, Karls des Kahlen Sohn, gestellt hatte, als er eben der Schule entwachsen war. In langer Arbeit hat er das Werk vollführt, und dem Kaiser Karl (also zwischen 875 und 877) mit vielen Lobsprüchen überreicht; hinzugefügt sind zwei Bücher in Prosa über die Wunder des heiligen Germanus, welche auch geschichtlich brauchbare Angaben enthalten[27]. Später war er selbst ein gefeierter Lehrer, und hat nach einer Vermuthung von Traube, der ihn für den Verfasser des bisher dem Helpericus zugeschriebenen Computus hält, eine Zeit lang mit schlechtem Erfolg in Granfelden gelehrt. Seine ungewöhnliche Gelehrsamkeit hat Heirich auch durch seine in tironischen Noten geschriebenen Bemerkungen zu astronomisch-chronologischen Schriften von Beda und anderen bewiesen, während die kurzen Annalen von 826-875 in derselben Handschrift wenig Sinn für geschichtliche Aufzeichnungen verrathen[28]. Doch hat Heirich sich auch an der Geschichte der Bischöfe von Auxerre betheiligt, die er in Gemeinschaft mit den Domherren Rainogala und Alagus verfaßte, ein Werk, das als einer der frühesten Versuche der Art Beachtung verdient, übrigens aber für die ältere Zeit unzuverlässig, für die näher liegende dürftig ist[29].
[23] Ueber ihn s. Huemer, Wiener SB. XCVI, 505-551.
[24] Bethmann, Archiv X, 333; ohne Kenntniß dieses Abdrucks wiederholt von Lucian Müller im Rhein. Mus. NF. XXII, 635. Quelle des Ademarus Caban. III, 5. Der Codex stammt von einem Mönch S. Martialis Lemovicensis, wo Ademar studiert hat, Arch. VIII, 575. Waitz, SS. IV, 110, n. 44, unterscheidet den hier genannten Ademar: Dümmler, Litt. Centralbl. 1878. Sp. 940, hält beide für identisch.
[25] Mab. Anal. p. 422. Commentar zu Mart. Capella, Bandini II, 538, soll von Remigius sein. Vgl. über Heirichs Gelehrsamkeit auch Prantl, Gesch. d. Logik II, 41-44, vorzüglich aber L. Traube in der Einleitung zur Ausgabe seiner Gedichte, Poet. Lat. III, p. 421 ff.
[26] Petronius ed. Buecheler, p. XI.
[27] Labbe, Bibl. I, 531-569. Acta SS. Jul. VII, 221, die Wunder S. 255-283. Daraus Duru, Bibl. hist. de l'Yonne II (1863) S. 1-248. Ex Heirici Miraculis S. Germani, MG. SS. XIII, 401. Vgl. Dümmler, NA. IV, 529.
[28] Sickel, Lettre sur un Manuscrit de Melk, Bibl. de l'École des chartes, 5 Série, Tome III, p. 35. MG. SS. XIII, 80.
[29] Gesta episcoporum Autisiodorensium fortgesetzt bis 1593, bei Labbe, Bibl. I, 411-526, neue Ausgabe von Duru, Bibl. hist. de l'Yonne, I, Auxerre 1850. Excerpte MG. SS. XIII, 393; Forts. XXVI, 584. Vgl. P. Roth, Beneficialwesen S. 444-450. Für ihren Werth als gleichzeitige Quelle im 10. Jahrh. Wold. Lippert, König Rudolf v. Frankr. (Leipzig 1886) S. 123.
Eine zweite Bisthumsgeschichte haben wir aus =Le Mans=, wo 832-856 Aldrich Bischof war, von vornehmer Herkunft aus Sachsen, wodurch es sich erklärt, daß er seinen Vorgänger, den h. Liborius, nach Paderborn abließ. In der Hofschule und im Metzer Clerus hatte er seine gelehrte Bildung erhalten, und sein Wirken in Le Mans, zu dessen Bischof Ludwig der Fromme ihn erhoben hatte, wird sehr gerühmt, sowohl in Prosa, wie in Versen, die ein eifriger Verehrer mit fleißiger Benutzung älterer Dichter leidlich correct, wenn auch nicht fehlerfrei, ihm zu Ehren verfaßte[30]. Beide schrieben bei seinen Lebzeiten und überschreiten nicht das Jahr 841. Verbunden ist mit der Biographie die Geschichte seiner Vorgänger; leider steht dieses Werk einzig in seiner Art da durch die erstaunliche Fülle gefälschter Urkunden, welche es enthält. Vorzüglich gilt es dem Besitz der Abtei Anisola oder Saint-Calais, welcher mit diesen Mitteln erstrebt wurde; dann aber auch der Sicherung Aldrichs, welcher eine Zeit lang entsetzt war, gegen weitere Anfechtung. Aus diesen Verhältnissen ist nach einer besonders von B. Simson verfochtenen Ansicht die pseudo-isidorische Fälschung hervorgegangen, und Aldrich der Betheiligung an dieser horrenden Fälscherei mehr als verdächtig[31].
[30] Zuerst von D. Piolin in d. Gesch. des Bisthums, II, 535-546, herausgegeben, dann von Dümmler, Poet. Lat. II. 623-636.
[31] Acta episcoporum Cenomanensium; s. darüber P. Roth, Gesch. des Beneficialwesens, S. 451-461; Sickel, Acta Karol. II, 286-290. Ausg. der Gesta Aldrici, auszugsweise von Waitz. SS. XV, 304-327: vollst. von Charles und Froger, Mamers 1890. B. Simsons letzte Aeusserung HZ. LXVIII, 193-210.
§ 21. Italien.
W. Giesebrecht, De litterarum studiis apud Italos, 1845, 4. Kaisergesch. I, 343-361. 817. Ozanam, Des écoles en Italie aux temps barbares, Oeuvres compl. II, 353. Balzani, S. 190-221.
In auffallendem Gegensatze gegen die beiden fränkischen Reiche steht Italien. Hier war die Geistlichkeit unberührt von der Bonifazischen Reform; ihr fehlte der wissenschaftliche Sinn, welcher vornehmlich von den Angelsachsen ausgehend, die fränkische Kirche durchdrungen hatte, und an den theologischen Fragen, die dort im neunten Jahrhundert so eifrig erörtert wurden, nimmt sie keinen Antheil. Eben so wenig übt der königliche Hof hier eine bedeutende Einwirkung, und niemand machte auch nur den Versuch, die Reichsgeschichte in zusammenhängender Darstellung für die Nachwelt aufzuzeichnen. Weit bedeutender tritt der römische Hof hervor, wo die amtlichen Aufzeichnungen über die Thätigkeit der einzelnen Päbste, deren wir schon früher gedachten, immer fortgesetzt[1], und gerade in diesem Jahrhundert ausführlicher und reicher wurden, so daß sie sich mit den Reichsannalen vergleichen lassen. In Bezug auf die Darstellung und historische Kunst stehen sie aber weit dagegen zurück; es scheint den Verfassern ein solches Bestreben ganz fern gelegen zu haben. Doch finden wir auch hier in der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts eine nicht unbedeutende wissenschaftliche Thätigkeit, einen Kreis von gelehrten Geistlichen, wie er uns lange nicht wieder begegnet. Der Bibliothekar =Anastasius=[2], dem man früher die ganze Sammlung der Pabstleben zuschrieb, ein gelehrter Mann, der verschiedene Werke aus dem Griechischen übersetzt hat, ist vielleicht der Verfasser des Lebens Nikolaus I, jenes gewaltigen Pabstes, der den schwachen Karolingern gegenüber die Weltherrschaft des römischen Stuhles schon dem Ziele nahe führte. Auf den Wunsch eines =Diaconus Johannes=, der eine Kirchengeschichte schreiben wollte, stellte er nach dem Vorgang des Cassiodor, den er jedoch nicht nennt, aus griechischen Quellen eine neue Historia tripartita zusammen[3]. Dieser Johannes ist vermuthlich derselbe, welcher auf Befehl Johannes VIII mit Benutzung der schon früher gemachten Auszüge aus dem Registrum die Vita Gregorii Magni verfaßte. Die von ihm begonnenen Gesta S. Clementis vollendete Bischof =Gauderich= von =Velletri=[4].
[1] Oben S. 59. Liber pontificalis oder Gesta pontificum Romanorum bis auf Hadrian II (867-872), nebst einer unvollständigen Vita Stephani V. (885-891) ed. Bianchini, Romae 1718, 4 Voll. fol. Vignolius, Romae 1724, 3 Voll. 4. unvollendet. Murat, SS. III nach Bianchini: vgl. Baehr S. 261-271. Nach Schürer, Hist. Jahrb. XI, 425 ff. ist die V. Stephani II von dem Primicerius Christophorus verfaßt, welcher den Pabst als Notarius regionarius auf seiner Reise in Frankreich begleitet hat. Nach Kr. in der Rec. von Mock de donatione Caroli Magni (Centralbl. 1862 Sp. 76) ist die V. Hadriani I (772-795) erst 20-30 Jahre nach dessen Tod abgefaßt und scheint von demselben Vf. wie die V. Leonis III (795-816); nach F. O. Krosta de donationibus a Pippino et Carolo Magno sedi apostolicae factis, Königb. Diss. 1862 S. 46 erst nach 829. Vermuthungen über Interpolation der V. Hadr. (c. 41-43) s. NA. VII, 228. X, 201. XIII, 236. Scheffer-Boichhorst hält die Vita für gleichzeitig, aber die Grenzbestimmung „id est a Lunis-Beneventanum“ für Interpolation; zustimmend Diekamp, Hist. Jahrb. VI, 637. Stücke der verlorenen V. Eugenii II (824-827) vielleicht in Pauli D. Cont. Romana ed. Waitz 200-203, vgl. B. Simson, Ludwig d. Fr. I, 230, Waitz S. 200 über die in d. Cont. benutzten, aus Lauresh. u. Lauriss. gemischten Annalen, ähnlich denen im cod. Christ. 213. Die von Wido von Osnabrück im Cod. Udalr. (Bibl. V, 340) erwähnte Scriptura de querimonia Romanorum über Ludwigs II Gewaltthaten 864 scheint verloren zu sein.
[2] Ueber ihn vgl. Hergenröther, Photius II, 230-240.
[3] Ueber sein Verhältniß zu Theophanes Car. De Boor, Theophanis Chronologia II, 400.
[4] Mab. Mus. Ital. I, 2, 78. Acta SS. Mart. II. p. *15. Vorrede und Varianten im Floril. Bibl. Casin. IV, p. 373-390, e cod. Casin. 234.
Vorzüglich besaß man am römischen Hofe, wo man sich nie durch ideale Bestrebungen von den praktischen Zwecken ablenken ließ, eine außerordentliche Sicherheit in der Behandlung der kirchlich-politischen Angelegenheiten, und der Geschäftsstil der Curie gewann eine ungemeine Ausbildung und Festigkeit. Die Briefe der Päbste geben davon Zeugniß, und die erhaltenen größeren Sammlungen aus den Zeiten Nikolaus I und Johannes VIII sind in ihrer Art wahrhaft bewunderungswürdig. Davon erhielt sich auch später bei zunehmender Barbarei die Tradition, obgleich mit dem Ende des neunten Jahrhunderts die Einwirkung des päbstlichen Hofes auf die Kirche diesseit der Alpen fast ganz verschwand, und wie hier die Annalen, so verstummten auch in Rom die Pabstleben mit dem Jahre 891.
In der nächstfolgenden Zeit veranlaßten noch die Streitigkeiten über die Besetzung des päbstlichen Stuhles und die Geschicke des Pabstes Formosus, vornehmlich über die Gültigkeit der von ihm ertheilten Weihen, die höchst merkwürdigen Streitschriften des Auxilius und Vulgarius. Sie berühren eine der dunkelsten Seiten der Pabstgeschichte, die unheilbarsten Widersprüche infallibler Kirchenfürsten[5]. =Auxilius= war ein von Formosus geweihter fränkischer Priester, der in Neapel lebte, vielleicht als Mönch in Montecassino gestorben ist. Freimüthig und mit tüchtiger gelehrter Bildung ausgerüstet, vertheidigte er ca. 908-912 Formosus und die von ihm geweihten Priester in verschiedenen Schriften. =Eugenius Vulgarius= hat in demselben Sinn geschrieben, später aber Sergius III, der Theodora u. a. kriechend geschmeichelt, endlich in der Invectiva in Romam (wenn sie von ihm ist) unter Johann X (914-928) noch einmal für Formosus geeifert. Er war ein italienischer Grammatiker, der wahrscheinlich auch in Neapel lebte; sein Latein und vorzüglich seine Verse sind unerträglich gesucht und verkünstelt.
[5] Volles Licht ist über diese schmählichen Vorgänge und die betreffende Litteratur verbreitet durch die ausgezeichnete Schrift: Auxilius und Vulgarius. Quellen und Forschungen zur Geschichte des Pabstthums im Anfange des 10. Jahrhunderts, von E. Dümmler, Leipz. 1866, wo auch aus der Bamberger Handschrift ungedruckte Schriften von beiden mitgetheilt sind. Die Invectiva in Romam giebt Dümmler zu den Gesta Berengarii S. 137-154, vgl. 66-72, in neuer Ausgabe nach der Veroneser Handschrift. Ausbeutung der Tragödien des Seneca weist dem Vulg. R. Peiper nach, Rhein. Mus. f. Philol. N. F. XXXII, 536.
Nach diesen letzten Regungen versinkt nun hier, während die Factionen der römischen Großen über den Stuhl Petri streiten, alles in Schweigen, und für lange Zeit geht keine Erscheinung der Litteratur von Rom aus[6].
[6] Die Fortdauer einer Rechtsschule in Rom behauptet Fitting: Zur Geschichte der Rechtswissenschaft am Anfang des Mittelalters, Halle 1875; Juristische Schriften des früheren Mittelalters, Halle 1876.
Nicht auf den Vorrang in wissenschaftlicher Ausbildung begründete man in Rom den Anspruch auf Beherrschung der Kirche; die grammatischen Studien betrachtete man hier wegen ihrer heidnischen Antecedentien und der Beschäftigung mit den heidnischen Schriftstellern stets mit Abneigung, und völlig bewußt verachtete man die feinere litterarische Bildung. Es giebt nichts charakteristischeres dafür, als die Worte des päbstlichen Legaten Leo, mit denen er bald nach 991 der gallischen Kirche entgegentrat. Diese hatte durch Gerbert ausgesprochen, es sei in Rom niemand, der eine litterarische Bildung empfangen habe, und folglich auch niemand, der nach den kanonischen Vorschriften auch nur die Weihe zum Thürhüter erhalten dürfe. Leo erklärt das kurzweg für Ketzerei; auch Petrus habe sich um das Vieh von Philosophen nicht bekümmert und sei doch Pförtner des Himmels geworden[7].
[7] „Et quia vicarii Petri et ejus discipuli nolunt habere magistrum Platonem neque Virgilium neque Terentium neque ceteros pecudes philosophorum, qui volando superbe ut avis aerem et emergentes in profundum ut pisces mare, et ut pecora gradientes terram descripserunt: dicitis eos nec hostiarios debere esse, quia tali carmine imbuti non sunt. Pro qua re sciatis eos esse mentitos, qui talia dixerunt. Nam Petrus non novit talia, et hostiarius coeli effectus est.“ MG. SS. III, 687. Vgl. Baxmann, Politik der Päbste II, 144. Aehnlich schreibt Alexanders VIII Secr. Sergardi 1690 an Mabillon: „Pauci sunt, qui in hac aula operam dent inutilibus, ut ajunt, studiis. Nostrorum ingeniorum occupatio forum est clientumque defensio, quique ab infelici pupillo plus auri corrodit, litteratior habetur.“ Valery, Correspondance inédite de Mabillon et de Montfaucon avec l'Italie (Paris 1847) II, 240.
Die blühendsten Klöster Italiens erlagen alle gegen das Ende des neunten Jahrhunderts den Sarazenen oder verkamen durch die inneren Kriege und die allgemeine Unsicherheit und Verwilderung; bis dahin finden wir auch in ihnen einige Pflege der Wissenschaft, welche sich jedoch mit der litterarischen Bedeutung der transalpinischen Klöster nicht vergleichen läßt. Von einem angeblich im Mutterkloster Montecassino zur Zeit des Fürsten Sico (ca. 830-833) verfaßten Bericht über die Translation der hh. Benedict und Scholastica nach Frankreich[8] hat O. Holder-Egger nachgewiesen, daß er eine Fälschung des Ps. Anastasius ist[9].
[8] Translatio S. Benedicti, Anal. Bolland. I, 75-84.
[9] NA. XII, 129-141.
In der Folgezeit wurden hier Nachrichten über die Geschichte des Klosters und der Fürsten von Benevent aufgezeichnet[10], welche bis 872 und in den Regententafeln auch weiter reichen, gesammelt vom Abt =Johannes= (914-934) und deshalb auch von Leo nach ihm benannt. Die Nachrichten sind materiell für uns sehr wichtig, aber die Form ist in hohem Grade roh und mangelhaft[11]. Im Jahre 883 wurde, wie schon früher St. Vincenz am Volturno, so auch Montecassino von den Sarazenen verwüstet, und die Cassinesen flüchteten nach Capua; hier schrieb =Erchempert= eine Geschichte der langobardischen Fürsten von Benevent seit Arichis[12], an das Werk des Paulus Diaconus und dessen Cassineser Fortsetzung[13] anknüpfend, bis zum Jahre 889. Die weitere Fortsetzung ist verloren. In schlichter und zuverlässiger Erzählung berichtet er von den Schicksalen dieser Lande, von den Kriegen, durch welche sie verheert wurden, und den Verwüstungen der Sarazenen; sein eigenes Urtheil über die Anstifter des Uebels hält er nicht zurück, sondern spricht es häufig mit biblischen Worten aus. Die feinere karolingische Bildung ist ihm fremd, aber seine Sprache ist doch reiner, als wir sie sonst bei den Italienern dieser Zeit zu finden gewohnt sind, und sein Werk zeichnet sich daher sehr vortheilhaft aus. Der Salernitaner Chronist, Johann von St. Vincenz, und Leo von Ostia haben ihn gekannt und benutzt.
[10] Nach Traube, O. Roma nob. S. 360 im J. 867 verfaßt.
[11] Nach früheren mangelhaften und zerstückten Ausgaben SS. III. u. sonst, als Chronica Sancti Benedicti Casinensis bei Waitz, SS. Rer. Langob. et Ital. p. 467-488. Beschreibung der Hs. 353, jetzt 175, Bibl. Casin. IV, 17-31, u. v. Bethmann, Arch. X, 389 ff., wo auch von den übrigen Geschichtsquellen des langobardischen Italiens aus dieser Zeit Nachricht gegeben ist, die sich jetzt bei Waitz gesammelt finden.
[12] Hystoriola Langobardorum Beneventum degentium ed. Pertz, MG. SS. III, 240-264. Vgl. Bethmann S. 374. Als Erchemperti historia Langobardorum Beneventanorum bei Waitz, S. 231-264, wo die Sprache nach der ursprünglichen Lesart der überarbeiteten Handschrift fehlerhafter erscheint. Er war vermuthlich der Vf. des S. 61 erwähnten Martyrol. u. eines computus von 904 (Arch. VIII, 768).
[13] SS. Langob. p. 198; sie ist meist den Gestis Pontificum entnommen und von Leo Ost. und im Chron. Vulturn. benutzt.
In =Neapel= versuchten sich verschiedene Verfasser an einer Bisthumsgeschichte. Von einem wohlbelesenen Geistlichen, der noch dem achten Jahrhundert zugerechnet werden kann -- sein Werk ist noch in Uncialschrift abgeschrieben --, wurden die dürftigen Notizen des alten Cataloges durch Auszüge aus den römischen Pabstleben, Paulus Diaconus u. a. angeschwellt; bis 754 ist die Arbeit erhalten, dann fehlt ein Blatt, und es schließt sich von 762 beginnend die Fortsetzung des =Johannes Diaconus= bis 872 an, welcher aus Tradition und eigener Kenntniß schöpfte; seine Darstellung ist lebhaft und wahrhaftig, nicht ohne Freimuth. Von der weiteren Fortsetzung des Subdiaconus =Petrus= ist nur ein kleines Fragment erhalten, die einzige Handschrift auch vorher lückenhaft[14]. Von dem letzten Bischof Athanasius (850-872) ist auch eine ausführlichere Biographie[15] vorhanden, mit welcher die in unbestimmter Zeit geschehene Translation verbunden ist, etwa im X. Jahrhundert geschrieben; was in den Gesten und bei Erchempert zu lesen ist, wird hier rhetorisch ausgeschmückt, zugleich aber doch einige neue Umstände mitgetheilt. Jener =Johannes Diaconus= aber verfaßte auch eine Geschichte der Uebertragung des h. Severin im Jahre 902 von dem Castrum Lucullanum, welches aus Furcht vor den Sarazenen zerstört war, nach dem neuen Kloster in Neapel[16], eine Schrift, welche werthvoll ist durch ausführliche Nachrichten über den furchtbaren Angriff des Emir Ibrahim, welcher Taormina zerstörte, wobei der Bischof Procop den Märtyrertod erlitt; durch Ibrahims plötzlichen Tod wurde von Neapel die drohende Gefahr abgewandt. Nach demselben Kloster wurde auch aus dem von den Sarazenen zerstörten Misenum im Jahre 910 der h. Sossius gebracht, wobei Johannes zugegen war, und er berichtet darüber in seiner Schrift über das Leben des h. Januarius[17].
[14] Gesta epp. Neap. Waitz, SS. Langob. p. 398-439. Capasso, Monumenta ad Neapolitani ducatus historiam pertinentia, 1881.
[15] Vita et Translatio Athanasii ep. Neap. Waitz, SS. Langob. p. 439 bis 452. Ed. Gu. Cuper, Acta SS. Jul. IV, 77-89.
[16] Translatio S. Severini, ib. p. 452-459.
[17] Nur diese Translatio S. Sosii abgedr. bei Waitz, p. 459-463. Im Text heisst er Sossius.
Der =Petrus subdiaconus=, von welchem nur der Anfang einer Fortsetzung der Gesta noch vorhanden ist, war bei der Uebertragung des Sossius 910 zugegen, und erwähnt in den Wundern des h. Agrippinus den Angriff der Sarazenen auf Neapel vom Jahre 960[18]. Auch verfaßte er noch andere Wundergeschichten. Sehr merkwürdig ist der wissenschaftliche Eifer des Herzogs =Johannes= (928 ff.), von dem der Archipresbyter =Leo= im Vorwort zu seiner Vita Alexandri Magni berichtet[19].
[18] Ex Miraculis S. Agrippini, Waitz p. 463. Eine Anzahl anderer dort und bei Capasso gesammelter kleinerer Stücke zur Geschichte von Unteritalien übergehe ich hier, ohne sie einzeln aufzuführen. -- Zu unterscheiden ist ein anderer Petrus subdiac. Neap., welcher für den Bischof Petrus von Neapel (1094) u. dessen Nachf. Gregor (1116) Legenden aus dem Griechischen übersetzte und bearbeitete, s. De Rossi zur Passio SS. IV Coronatorum.
[19] Arch. IX, 692. Die Vita selbst hat Landgraf herausgegeben, Erlangen 1885. Vgl. O. Hartwig: Die Uebersetzungslitteratur Unteritaliens (1886) S. 6.
Auch in =Ravenna= verfaßte gegen die Mitte des neunten Jahrhunderts =Agnellus= eine Bisthumsgeschichte[20], in welcher schwülstiger Bombast mit treuherzig einfältiger Erzählung abwechselt; die Sprache ist voll von Soloecismen. Der Inhalt liegt der deutschen Geschichte fern, doch sind über Kaiser Karl und seine Nachfolger, besonders über die Schlacht bei Fontenoy, einige merkwürdige und wichtige Stellen darin. Den römischen Päbsten gegenüber äußert Agnellus sich sehr freimüthig, was vielleicht Anlaß gegeben hat, die Chronik schon frühzeitig zu verstümmeln. Agnellus war um 805 aus vornehmer und reicher Familie geboren, und erhielt schon mit 11 Jahren eine Abtei; für die frühere Zeit benutzte er, außer vielen Inschriften, Gefäßen und anderen Denkmälern, die er sorgfältig beschreibt, der Langobardengeschichte des Paulus Diaconus und den Consularfasten auch die oben S. 57 erwähnte Chronik des Maximian, welcher 498 geboren, durch Justinian 546 Bischof von Ravenna geworden war, und eine Chronik bis auf seine Zeit schrieb.
[20] Neue Ausg. von Holder-Egger, SS. Langob. 265-301. Ueber die besondere Bedeutung von monasterium bei ihm s. F. Wickhoff, Mitth. des Inst. IX, 34-45. Aus Ravenna stammen auch die aus dem Rotulus gewonnenen 8 Briefe aus K. Berengars Zeit, NA. IX, 513-539, vgl. XI, 599-603.
Im mittleren Italien war im Anfange des neunten Jahrhunderts das Kloster =Farfa= in blühendem Zustande, bis auch hier die Sarazenen alles wüste legten. Von Franken gestiftet, hatte es auch immer fränkische Aebte. Die Geschichte der Gründung des Stiftes und seiner Aebte bis zum Jahre 857 glaubte Bethmann gefunden zu haben[21], doch ist neuerdings von I. Giorgi nachgewiesen, daß diese einem Lectionarium entnommenen Stücke wohl aus derselben herstammen, unmöglich aber das ursprüngliche Werk selbst sein können, über dessen sprachliche Beschaffenheit wir deshalb nicht unterrichtet sind.
[21] Constructio Farfensis, ed. Bethmann, MG. SS. XI, 520-530. Vgl. Giorgi im Archivio della Società Romana di storia patria, II, 409-473. Von dem Registrum Farfense ist in Rom eine Ausgabe von I. Giorgi und U. Balzani erschienen.
Ganz außerordentlich barbarisch dagegen und an die Werke des achten Jahrhunderts erinnernd ist die Langobardengeschichte des Priesters =Andreas von Bergamo=, welcher 877 einen Auszug aus der Geschichte des Paulus Diaconus machte und ihn bis auf seine Zeit fortsetzte[22]. Nach der Mitte des neunten Jahrhunderts sind seine Nachrichten durch Genauigkeit werthvoll; das Ende ist leider unvollständig erhalten. Und dieses ist fast das einzige litterarische Erzeugniß der Lombardei im neunten Jahrhundert, da Claudius von Turin und Dungal als Ausländer nicht zu rechnen sind[23]. =Schottenmönche=, mit jenen, die in Lüttich hausten, gleicher Art, und mit des Sedulius Gedichten vertraut, fanden auch in =Mailand= Aufnahme und feierten ihre Herren und Wohlthäter in sapphischen Oden und in Distichen von ungewöhnlicher Correctheit. Vorzüglich der Erzbischof =Tado= (860-868) wird von ihnen verherrlicht und ihm werden ihre Bitten und Wünsche vorgetragen, dazu der Kaiser Lothar und Herzog Leodfrid, ein Schwager Lothars. Diese einzige Spur ihrer Existenz ist erst kürzlich aufgetaucht, weiteres nicht bekannt[24]. Sehr gerühmt wird in einem Epitaphium der Abt Petrus II vom Ambrosiuskloster[25] (858-899), und dieser wird es wohl sein, zu dessen Zeiten ein mit lateinischen Buchstaben geschriebener griechischer Psalter zu Stande gebracht wurde, als dessen Besitzer (oder Urheber?) sich in höchst barbarischem Griechisch ein Mönch Symeon nennt[26].
[22] Andreae presb. Bergomatis Chronicon, ed. Pertz, MG. SS. III, 231. Bethmann S. 367 ergänzt den Anfang. Neue Ausg. v. Waitz, SS. Langob. 220 bis 230.
[23] Ebenso wenig kann man das sogenannte Chronicon Brixiense, oder wenigstens was uns davon erhalten ist, zu den Geschichtswerken rechnen, MG. SS. III, 238; SS. Langob. 501-503 als Catalogus Brixiensis. -- Die Translatio S. Habundii Mart. von Foligno nach Berceto (Mab. III, 1, 487 ed. Ven.) gedenkt einer Synode zu Pavia unter Lothar.
[24] Carmina Medii Aevi ed. H. Hagen (Bern 1877) S. 1-10. Neue Ausgabe von Traube, Poet. Lat. III, 231-237. S. 7 (236 Tr.) Inschrift eines von Tado's Vorgänger Angelbert erneuten Kelches. -- Ueber Marginalien mit Spuren der gelehrten Thätigkeit dieser Mönche in dem Cod. Bern. 363 s. Gottlieb, Wiener Studien IX, S. 151-159. Traube, O Roma nob. S. 348-353.
[25] Giulini, Mem. di Milano, II, 76.
[26] NA. VIII, 340.
Einige Verse, die zum Preise des Bischofs =Azo von Ivrea= um 876 verfaßt und im folgenden Jahrhundert einer Copie in Goldschrift würdig erachtet wurden, sind fast nur wegen der äußerst barbarischen Form bemerkenswerth[27].
[27] Dümmler, Gesta Berengarii, S. 75 und 159.
Es würde jedoch ein großer Irrthum sein, wenn man nach diesen Proben arger Barbarei den allgemeinen Standpunkt der Bildung in Italien beurtheilen wollte. Gelehrte Studien wurden namentlich in =Verona= gepflegt, wo ein Archidiaconus =Pacificus= († 844), dessen Gelehrsamkeit gepriesen wird, 218 Handschriften zusammengebracht hatte[28]. Von dort besitzen wir ein langes Gedicht zum Preise des Bischofs =Adalhard= in sapphischem Versmaße, aus dem Ende des neunten Jahrhunderts, dessen Correctheit für diese Zeit in Erstaunen setzt, wenn auch einzelne Fehler vorkommen[29]. Und im überraschendsten Gegensatze zu der Barbarei eines Andreas von Bergamo tritt uns aus dem Anfange des zehnten Jahrhunderts (zwischen 916 und 922) ein Werk entgegen, welches in Rücksicht der Form den meisten Dichtungen karolingischer Zeit ebenbürtig zur Seite steht, nämlich das =Lobgedicht auf den Kaiser Berengar=[30], dessen ungenannter Verfasser die Sprache nicht ohne Gewandtheit behandelt und regelrechte Hexameter ohne Anstoß zu fertigen verstand. Andere freilich finden sich darunter, welche holprig genug sind[31], und gesuchte Ausdrücke, verkünstelte Constructionen verdunkeln nicht selten den Sinn. Der Unterschied ist nicht schwer zu bemerken, wenn plötzlich der melodische Wohllaut Vergils oder die kunstvollen Verse des Statius sich vernehmen lassen. Das sind fremde Federn, mit denen der Autor sich geschmückt hat; Bilder und einzelne Schlachtenscenen machte er sich auf solche Weise zu eigen.
[28] Epitaphium Pacifici, Poet. Lat. II, 655, vgl. Traube, O Roma nob. S. 309. Derselbe setzte die antikisierenden Gedichte O Roma und O admirabile Veneris nach Verona ins 10. Jahrhundert.
[29] Bei Baronius ed. Luc. XV, 480; correcter bei Biancolini dei vescovi S. 35-37, und jetzt bei Dümmler, Gesta Berengarii S. 134-136, vgl. 61-65, NA. IV, 558. Traube findet auch hier irischen Einfluss.
[30] Carmen panegyricum Berengarii, ed. Valesius, cum Adalberonis ep. Laudun. carmine ad Rotbertum regem, Paris 1663. MG. SS. IV, 189 bis 210. Jetzt zuerst mit erschöpfender Benutzung der Handschrift in Venedig mit der vollständigen Glosse, und allseitig erläutert in: Gesta Berengarii Imperatoris. Beiträge zur Geschichte Italiens im Anf. des 10. Jahrh. von E. Dümmler, Halle 1871; vgl. NA. IV, 558. Benutzung des sog. Pindarus Thebanus, welcher von Doering dem Silius Italicus zugeschrieben wird (Progr. d. Lyceums in Straßburg 1884), weist Dümmler nach, Forsch. XIII, 415 bis 417.
[31] Oft sind sie auch schon gereimt; vgl. über seine Metrik E. Bernheim, Forsch. XIV, 142.
Die Thaten und Schicksale Berengars, seine Kämpfe um die Krone Italiens sind es, welche er schildert, und allem Anschein nach schrieb er bald nach der Kaiserkrönung seines Helden im Nov. oder December 915. Er war also ein Zeitgenosse, und sein Werk ist in manchen Einzelheiten nicht ohne geschichtlichen Werth. Doch ist er zu sehr Lobredner und zu ungenau, um als eigentliche Geschichtsquelle gelten zu können. Die Verhältnisse sind nicht ohne Geschick, aber mit arger Entstellung, so gewandt, daß Berengar als der allein berechtigte und legitime Herrscher erscheint. Es ist merkwürdig, daß, während thatsächlich die Gewalt allein den Ausschlag gab, doch nachträglich man ängstlich bemüht war, vor der Welt den Anschein einer formellen Berechtigung zu gewinnen. Wir haben ähnliches schon in Bezug auf die Karolinger gesehen und werden es in noch auffallenderer Weise bei den Magyaren wiederfinden.
In der Form der Darstellung schließt sich der Panegyrist durchaus den alten heidnischen Mustern an, so gut er es vermochte. Er zeigt die genaueste Bekanntschaft mit Vergil, Statius und Juvenal, und hat unverkennbar eine gute grammatische Schule durchgemacht. Auch stand er mit diesen Kenntnissen und dieser Kunst keineswegs vereinzelt da: Niemand, sagt er, sich selbst anredend, kümmert sich jetzt um deine Verse; dergleichen wissen die Leute auf dem Lande wie in der Stadt zu machen.
Ob der Verfasser ein Geistlicher oder ein Laie war, geht aus seinem Werke nicht mit Sicherheit hervor; wahrscheinlich ist er Schulmeister in =Verona= gewesen. Für die Schule ist auch dieses Werk bestimmt, und ist deshalb, wie das des Abbo mit einer erläuternden Glosse versehen, welche derselben Zeit angehört[32]. Darin tritt eine ausgebreitete Gelehrsamkeit, und auch Kenntniß der griechischen Sprache, deutlicher als im Gedicht selbst hervor. Einige geschichtliche Erklärungen werden gegeben, vorzüglich aber grammatische, bei denen Servius stark benutzt ist. Bei der Erläuterung der Mythen, welche in allen Commentaren des früheren Mittelalters eine Hauptrolle spielt, übergeht der Glossator vieles, weil das ja allgemein bekannt sei.
[32] Doch kann sie nicht vom Vf. selbst herrühren, s. die Recension von Pannenborg, GGA. 1871, S. 1767-1783, und Dümmlers Nachtr. zu Anselmus Peripatet. S. 107. E. Bernheim hat Forsch. XIV, 138-154 die Glosse genau untersucht, und besonders auf die alten Glossarien als Quellen einer unfruchtbaren Gelehrsamkeit hingewiesen.
Wir begegnen hier einer Bildung, die durchaus nicht von der Kirche herrührt, sondern fortgepflanzt wird durch jene einzeln stehenden Grammatiker, deren Wirksamkeit in Italien niemals aufgehört hat. Es ist W. v. Giesebrechts Verdienst, zum ersten Male nachgewiesen zu haben, daß diese Schulen in Italien immer fortbestanden haben und unter den Laien einen Grad der Bildung verbreiteten, den man diesseit der Alpen nicht kannte. In Italien, sagt Wipo im elften Jahrhundert, geht die ganze Jugend ordentlich zur Schule und nur in Deutschland hält man es für überflüssig oder unanständig, einen Knaben unterrichten zu lassen, wenn er nicht zum geistlichen Stande bestimmt ist. Der italienische Laie las seinen Vergil und Horaz, aber er schrieb keine Bücher, während die Geistlichkeit theils in Rohheit versank, theils zu sehr in den politischen Händeln befangen war, um an den wissenschaftlichen Bestrebungen der Zeit Theil zu nehmen. Daraus erklärt sich der Mangel litterarischer Productivität und die Dürftigkeit der vorhandenen Litteratur, während andererseits bei jenem Panegyristen und etwas später bei Liudprand plötzlich eine überraschende Fülle klassischer Gelehrsamkeit und große Gewandtheit im Ausdruck hervortraten, namentlich im Versemachen, welches ein Hauptgegenstand der Schulbildung war. Denn einzelne vom geistlichen Stande naschten auch von jener verbotenen Frucht; im allgemeinen aber stand der Clerus im Gegensatz zu diesem Treiben, in dem er nicht mit Unrecht ein heidnisches Element erkannte. Die Wissenschaft war hier nicht in den Dienst der Kirche genommen; sie behauptete einen unabhängigen Standpunkt, war aber fast ausschließlich formaler Natur und darum wesentlich unproductiv.
III. Die Zeit der Ottonen.
Von Heinrich I bis zum Tode Heinrich II, 919-1024.
§ 1. Allgemeines.
=Contzen=, Die Geschichtschreiber der sächs. Kaiserzeit. Regensburg 1837. Entstellt durch Benutzung der falschen Corveyer Chronik, und durch die neuen Ausgaben der Quellen unbrauchbar gemacht. -- Stälin Wirt, Gesch. I, 419-426. L. Giesebrecht, Wendische Geschichten III, 294-307. Waitz, Ueber die Entwickelung der deutschen Historiographie im Mittelalter, in Schmidts Zeitschrift für Geschichte II, 97-103. -- W. Giesebrecht, Geschichte der deutschen Kaiserzeit, I, 777-790. II, 557-560. -- Guil. Maurenbrecher de historicis decimi saeculi scriptoribus, qui res ab Ottone Magno gestas memoriae tradiderunt, Bonnae 1861; vgl. Lit. Centralblatt 1862, Sp. 837.
Mit dem Jahre 906 endigt Regino's Chronik, ein Jahr, bevor Herzog Liutpold mit der Blüthe des bairischen Volkstammes von den Ungern erschlagen wurde. Ein schwaches Kind saß auf dem Throne und vermochte nicht das Reich zu schirmen. Es hatte den Anschein, als ob die ganze von Karl dem Großen neu gepflanzte Kultur bereits dahin sinken sollte. Ein Stift nach dem anderen wurde den Normannen zur Beute, und was übrig blieb, rissen die räuberischen Großen an sich, die in ihren gegenseitigen Fehden verheerten, was dem äußeren Feinde noch entgangen war. Die Sitze der Bildung und Gelehrsamkeit verstummten; auch wenn sie der gänzlichen Verödung entgingen, ließ doch die nagende Sorge um die stets gefährdete Existenz keine wissenschaftliche Thätigkeit aufkommen.
Schlimmer noch als in Deutschland, sah es in den Nachbarländern aus; die Normannen, aus Sachsen zurückgeschlagen, hausten in Frankreich und Lothringen, ohne Widerstand zu finden, während der Süden von sarazenischen Seeräubern verheert wurde. Die Bretonen und Waskonen schüttelten das fränkische Joch ab, und die Ungern streiften auf ihren schnellen Rossen bis an den Ocean. In Italien begegneten spanische und afrikanische Sarazenen den Ungern, und die innere Zwietracht war in beiden Ländern noch ärger als in Deutschland.
Allein die Keime, welche einst Karl der Große gelegt hatte, waren bereits so stark und kräftig geworden und hatten so tiefe Wurzeln geschlagen, daß sie auch diese Feuerprobe überdauerten.
Wie einst von Austrasien, so ging jetzt von Sachsen die Rettung aus. Hier hatte man zuerst sich ermannt und unter den Ludolfingern in festem Zusammenhalten die Kraft gefunden, der Feinde Herr zu werden. Reginbern, aus Widukinds Stamm, der Bruder der Königin Mahthild, schlug die Dänen so, daß sie nicht wiederkamen. Die Wenden, welche die Ostgrenze bedrängten, wurden zurückgeworfen. =Heinrich= I stellte, wie einst Karl Martell und Pippin, das Reich her und wies die Ungern zurück; was er begonnen, vollendete sein Nachfolger, bis er die inneren und äußeren Feinde bezwungen hatte. In dieser eisernen Zeit war noch für die Feder kein Raum, aber nach dem Siege konnte =Otto= an die Herstellung der geistigen Bildung denken. Da sehen wir überall die verödeten Klöster aus der Asche erstehen, sie werden den Händen der Laienäbte entrissen und ihrer Bestimmung wiedergegeben. Bald regt sich in ihnen, zunächst in denen, welche von den Stürmen dieser Zeit weniger gelitten hatten, von neuem wissenschaftliche Thätigkeit.
Wie Karl, schätzte auch Otto die Wissenschaften, ohne selbst eine gelehrte Bildung erhalten zu haben; seine Erziehung war kriegerisch gewesen, und erst spät, nach dem Tode der Königin Edid (26. Januar 946), lernte er lateinische Bücher lesen und verstehen[1]; reden konnte er die Sprache der Gelehrten nicht[2]. Auf der Synode zu Ingelheim 948 wurden der Könige wegen die päbstlichen Schreiben in deutscher Sprache verlesen[3], und auch in seinem Alter ließ er sich einen lateinisch geschriebenen Brief von seinem Sohne Otto II übersetzen[4].
[1] Widuk. II, 36. Vgl. Dümmler, Otto I S. 515. Ich glaube nicht, daß man bei litteras discere und libros legere et intelligere an andere als lateinische Bücher denken darf.
[2] Liudpr. Hist. Ott. 11.
[3] Flodoard h. a. MG. SS. III, 396.
[4] Casus S. Galli MG. SS. II, 139. Einen anderen übersetzt die Kaiserin Adelheid, nam litteratissima erat; ib. p. 146.
Wie Karl, suchte auch Otto gelehrte Ausländer ins Land zu ziehen. So bemühte er sich lange vergeblich, den =Gunzo= von =Novara=, einen jener italienischen Grammatiker, nach Deutschland zu bekommen. Dieser Gunzo war Diaconus in seiner Vaterstadt, und schrieb hier, aufgefordert vom Bischof Atto von Vercelli († c. 960) eine Schrift über Ehehindernisse[5]. Bei seiner persönlichen Anwesenheit in Italien gelang es Otto endlich, ihn zu gewinnen[6]. An hundert Bücher behauptet Gunzo mitgebracht zu haben, darunter Schriften von Plato und Aristoteles; doch vermuthlich in lateinischer Uebersetzung. Trotz seiner Gelehrsamkeit geschah es ihm zuweilen, durch das Italienische verleitet, daß er die Casus verwechselte[7] und deshalb wurde er in St. Gallen mit einem Spottliede verhöhnt, denn er hatte statt eines Ablativs einen Accusativ gesetzt. Dagegen rechtfertigte sich nun Gunzo in einem sehr langen und sehr pedantischen Briefe an die Mönche von Reichenau, in welchem er seine ganze gelehrte Schulweisheit zur Schau stellt.
[5] D'Achery, Spicil. I, 437.
[6] So erzählt Gunzo selbst in seiner Epistola ad Augienses fratres bei Martène, Coll. I, 294. Der Codex aus St. Amand ist jetzt in Valenciennes, Mangeart p. 302. Eine zweite Hs. in Maihingen, NA. IX, 286. Man hatte ihn auch in Stablo, Gottlieb, Mittelalt. Bibliotheken S. 440. Obgleich er Otto nur König nennt, zieht doch M. v. Knonau zu Ekk. S. 328 das J. 965 vor. Vgl. Gatterers Commentatio de Gunzone Italo, Norimb. 1756; Bursian, Gesch. d. Philol. S. 43. Daß er der Ebersberger Probst Guntheri oder Gunzo gewesen sei „Graecis ac Latinis litteris doctus, qui fuit conscolasticus Gerberti pape“ (Chron. Ebersp. MG. SS. XX, 18) scheint der Zeit nach kaum möglich, da dieser nach Gr. Hundt von 1002 bis 1013 Probst war.
[7] „Falso putavit S. Galli monachus me remotum a scientia grammaticae artis, licet aliquando retarder usu nostrae vulgaris linguae quae latinitati vicina est.“ M. v. Knonau vermuthet, daß Ekkehard II (palatinus) sein Gegner war.
Einen Landsmann von ihm Namens =Stephan=, der in Pavia gebildet war, in Novara und Pavia gelehrt hatte, beriefen König Otto und Bischof Poppo von Würzburg (941-961) aus Italien, und der Ruf seiner Vorträge über Marcianus Capella zog den jungen Wolfgang aus Reichenau nach Würzburg[8]. Seine Bücher, welche aber nicht zahlreich waren, vermachte er dem h. Kilian[9]. Einige Auskunft über sein Leben und Wirken gewährt die Grabschrift, welche er für sich selbst verfaßt hat[10]. Sie steht in einer Handschrift des Domcapitels zu Novara, einer von Stephan geschriebenen Canonensammlung; denn er hat sich nach 970 wieder in seine Heimath begeben, wo er 985 eine Schenkung des Bischofs Aupald unterzeichnete. Die Grabschrift lautet:
Novariae natus, Papiae moenibus altus, Urbe velut potui, doctor utraque fui. Me rex Otto potens Francorum duxit in urbem, Qua legi multos mente vigente libros. Hinc me digressum, proprium suscepit alumnum Virgo salus mundi, mater et alma dei. Protinus amissam studui reparare sophiam, Erudiens pueros instituensque viros. His igitur cunctis Christo tribuente peractis, Sum pulvis modicus, jussit ut ipse deus. Quisquis hac graderis, Stephani memor esto jacentis, Ac sibi posce poli regna beata dari. Insuper adde diem quae contulit ultima finem. Hanc si scruteris, hinc mage cautus eris.
[8] V. Wolfkangi c. 5.
[9] Nach den Versen bei Schannat, Vind. litt. I, 229 u. Oegg, Versuch einer Korographie der Stadt Würzburg I, 542, die eine Art von Testament enthalten:
Novaria genitus..... prae moenibus alta, Utraque ut patuit, doctor in urbe fui. Ast Popo antistes hanc me perduxit in urbem, Qua sophiae studiis dogmata crebra dedi. Quos habui paucos decrevi tradere libros, Martyr sancte Dei, en Kiliane tibi. Caetera quae restat mihimet sat parva supellex, Cedat fraternis usibus apta nimis. Quisquis ades nostri, rogito, possessor ovilis, Adde diem mortis, quem deus ipse sapit.
Actum anno dom. inc. 970. 17 Kal. Aug.
Das fehlerhafte erste Distichon ist nach dem Epit. zu verbessern.
[10] Nebst einem Epitaph auf seinen Vater Leo, bei Giov. Andres, Lettera al Sig. Abbate Morelli, Parma 1802, u. bei Reifferscheid, Wiener SB. LXVIII, 623 mit Auslassung des ersten Hexameters: „Prodolor hoc parvo claudit sua membra locello“. Dagegen ist der Schluß von Stephans Epitaph fälschlich dazu gezogen.
Die politischen Verwickelungen führten auch den gelehrten Bischof =Rather= von Verona und vor Berengar flüchtend =Liudprand= an Otto's Hof, wo sie gute Aufnahme fanden, und auch =Gerbert= wurde von Pabst Johann XIII im Jahre 971 zum Kaiser gesandt, verweilte aber damals nur kurze Zeit am Hofe, weil er vorher noch in Reims seine philosophische Ausbildung zu vollenden wünschte[11].
[11] Richer III, 44. 45. Vgl. Büdinger über Gerbert S. 44.
Gern gesehen an Otto's Hofe war =Ekkehard= (II) von St. Gallen, den man deshalb im Kloster den Höfling (palatinus) nannte; er war einer der Lehrer =Otto's= II[12]. Dieser hatte unter der Leitung Volcolds, und nach dessen Beförderung zum Bischof von Meißen des Willigis[13], einen vollständigen wissenschaftlichen Unterricht erhalten; er liebte und beförderte die Wissenschaften und nahm lebhaften Antheil an den gelehrten Problemen, welche damals die Menschen beschäftigten[14]. Hrotsuit feiert ihn als einen zweiten Salomo. Er zog =Gerbert= wieder an sich, und noch ist uns ein Fragment der Disputation erhalten, welche dieser 980 vor dem Kaiser zu Ravenna hielt gegen den berühmten Magdeburger Lehrer =Otrich=, den Otto ebenfalls an seinen Hof berufen hatte[15]. Auch der Abt =Adso= von Montier-en-Der, einer der berühmtesten Gelehrten Frankreichs, war dabei zugegen, nebst einer großen Menge von Scholastern oder Grammatikern[16]. Auch von S. Wolfgang wird uns berichtet, daß er vor diesem Kaiser gegen einen Ketzer disputierte. Den Bischof Gumpold von Mantua veranlaßte er, das Leben des heiligen Wenzeslaus zu beschreiben.
[12] Casus S. Galli p. 126. Bei der Unzuverlässigkeit derselben u. den chronol. Widersprüchen ist es unsicher, ob Ekk. nicht erst nach 973 an den Hof kam; s. G. Meyer v. Knonau zu seiner Ausg. p. LXXI.
[13] Tietm. IV, 5.
[14] Richer III, 67.
[15] Richer III, 55 ff. Vgl. Büdinger S. 52 ff.
[16] In Frankreich soll um diese Zeit Fulco bonus von Anjou (938 bis 958) vom König verlacht sein, als er in choro S. Martini mit den Canonikern sang. Er schrieb darauf dem König: „Noveritis domine, quia rex illiteratus est asinus coronatus“. Gesta consulum Andegavensium c. 5; vgl. Doctrina Abaelardi bei Wright und Halliwell, Reliquiae antt. I, 16, und das Schachbuch, Zeitschr. f. D. Alt. XVII, 204.
Kurz vor dem Tode des alten Kaisers, im Jahre 972, besuchten Vater und Sohn das Kloster St. Gallen. Der Vater fragte nach dem alten Notker, dem gelehrten Maler und Arzte, mit dem Beinamen Pfefferkorn; schwach und erblindet saß er auf einem Sessel. Auf das Geheiß des Vaters führte der junge Kaiser ihn herbei, und der Alte leitete ihn nach zärtlicher Umarmung sorgsam ins Kloster und setzte ihn an seine Seite. Otto II aber ließ sich nun hier die Bibliothek öffnen und nahm, von den reichen Schätzen derselben gelockt, eine Anzahl der besten Bücher mit sich fort; einige gab er auf Ekkehards Bitte später zurück[17].
[17] Casus S. Galli, MG. SS. II, 147.
=Otto III= endlich wurde von seiner Mutter Theophano, von dem Calabresen Johannes und Bernward von Hildesheim auf das sorgfältigste erzogen[18], und sein wissenschaftlicher Verkehr mit Gerbert ist weltbekannt; wie es nur zu leicht geschah, wendeten ihn diese ganz auf fremdländischen Grundlagen beruhenden Studien vom vaterländischen Wesen ab, und störten die harmonische Entwickelung seines Geistes[19].
[18] Giesebrecht Kaiserzeit I, 670. 846. Lüntzel, Bernward S. 14. Vgl. H. Düker, Der liber mathematicalis des h. Bernward im Domschatze zu Hildesheim, Hild. Progr. 1875. Dieses Buch, welches B. für den Unterricht gebraucht haben soll, ist die Arithmetik von Boethius mit Glossen. Vgl. die Verse bei Giesebr. I, 889, und über die von Joh. Calaber an Otto III gekommenen Bücher Val. Rose im Hermes VIII, 46; Giesebr. I, 850.
[19] Ueber ein von Liuthar ihm dargebrachtes Evangeliar, und über die Bilder von Otto III und Theophano auf dem kostbaren Einband des goldgeschriebenen Evangeliar in Echternach, jetzt in Gotha, s. Lamprecht, Der Bilderschmuck des Cod. Egberti u. des Cod. Eptern. im Jahrbuch d. Vereins v. Alterthumsfreunden im Rheinland, LX (1881) S. 56-112.
=Heinrich= II war in seiner Kindheit zum geistlichen Stande bestimmt, und erhielt in Hildesheim, später unter Bischof Wolfgangs Leitung in Regensburg eine gelehrte Erziehung[20]; wissenschaftliche Thätigkeit förderte er nicht unmittelbar[21], aber seine Bestrebungen für die Reform verwilderter Klöster kamen auch den Schulen zu Gute, wovon namentlich die Geschichte des Bischofs Godehard von Hildesheim ein Beispiel giebt, und die Stiftung des neuen Bisthums zu Bamberg, welchem er es auch an Büchern nicht fehlen ließ, eröffnete den gelehrten Studien eine neue Stätte[22]. In 54 schwerfälligen und schwülstigen Hexametern pries Abt =Gerhard= von =Seon= zwischen 1012 und 1014 die neue Stiftung[23], und mit nicht minder gesuchten und pedantischen Anreden in Prosa und in Versen begleitete der Bamberger Diaconus =Bebo= Abschriften von Büchern, welche der Kaiser hatte machen lassen; er rühmt darin Heinrichs Bemühungen, den Landfrieden herzustellen, und seine Schilderung von Benedicts VIII Besuch in Bamberg 1020 ist von Adalbert in seiner Biographie Heinrichs II benutzt worden[24].
[20] Hirsch, Heinrich II, I, 90-92. Giesebr. Kaiserzeit II, 78, 604.
[21] Giesebr. II, 605.
[22] Ausführlich handelt darüber Giesebrecht, II, 52-65, vgl. 600, und Hirsch, Heinrich II, Band II. Ein dazu gehöriger Catalog NA. V, 624.
[23] Hirsch, Heinrich II, I, 554. Jaffé, Bibl. V, 482.
[24] Gedr. v. Gutenäcker im 25. Bericht d. hist. Vereins zu Bamberg S. 138. Hirsch a. a. O. S. 545-554. Jaffé, Bibl. V, 484-497. Ergänzt Giesebr. II, 581.
Auch in der Todtenklage um =Constantius= den Scholasticus von =Luxeuil= schildert =Gudinus= den Kummer des Kaisers, daß seines gleichen nicht mehr zu finden sei[25]. Dem Kloster Corvey schenkte ein Kaiser Heinrich, der aber auch ein späterer sein kann, eine Handschrift aus Unteritalien, welche das Autograph von Landolfs Historia miscella (oben S. 166) und Vegetius enthielt[26].
[25] „Heinricus in Romano residens palatio et arcana sapientum comprobans ingenio, dolet nusquam inveniri similem Constantio.“ Mab. Anal. p. 217. Duméril (1843) S. 280; vgl. über Constantius die Unterschrift des Cod. Bern. 87: „Ego Constantius peccator et indignus sacerdos S. Petri Luxov. coenobii scripsi ad serviendum ei hos libros Boetii de geometria diebus tantum XI infra Idus Jun. et VI. Kal. Jul. a. M. IIII. ab inc. Domini, conversionis autem nostrae II. praecepto pii patris Milonis. Sit ergo utenti gratia, scriptori venia, fraudatori anathema.“ Cantor, Mathem. Beiträge (1863) S. 404, und correcter bei Grandidier, Oeuvres hist. (1865) II, 236, Hagen, Catal. Bern. p. 107. Die Handschrift hatte Bischof Werinhar der Straßburger Kirche geschenkt.
[26] Cod. Pal. 909, Arch. XII, 344. Nach Bethmann wäre die Inschrift aus dem elften Jahrhundert, nach H. Droysen im Hermes XII, 387 (Auctt. antiquiss. II, p. LXII) aus dem Anf. des 12. und hätte dieselbe Hand den Text mit Randglossen, wie cave princeps, attende princeps, himitare princeps versehen, welche auf den Unterricht eines Fürsten deuten. Danach wäre ein späterer Heinrich anzunehmen.
Bei den =Frauen= fand man im früheren Mittelalter weit eher als bei den Männern aus dem Laienstande die Anfänge einer gelehrten Bildung, die schwierige Kunst des Lesens und Schreibens, nebst einer Kenntniß der allgemeinen Schriftsprache, welche zum Verständniß des Psalters ausreichte[27]. Leicht knüpfte sich mehr daran, und auch der Einfluß, welchen Geistliche über weibliche Gemüther so leicht erlangen, begünstigte ihre Beschäftigung mit dem besonderen Erbtheile dieses Standes, den Büchern. Die Frömmigkeit der Königinnen =Mahthild=[28] und =Edid= ist bekannt; Heinrichs I Tochter =Gerberga= veranlaßte den Abt Adso zur Abfassung seiner Schrift über den Antichrist; =Adelheid= aber, die Burgunderin, und =Theophano=, die Griechin, zeichneten sich durch eine in Deutschland seltene litterarische Bildung aus, die sich auch in der sorgsamen Erziehung ihrer Kinder erkennen läßt. Ganz besonders wird uns die hohe Bildung der schönen Herzogin =Hedwig= von Schwaben gerühmt, der Tochter von Otto's des Großen Bruder Heinrich von Baiern. Wie man sich in St. Gallen erzählte, war sie als Kind zur Braut eines griechischen Kaisers bestimmt, und wurde durch Kämmerlinge, welche dieser eigens deshalb gesandt hatte, im Griechischen unterrichtet, zerriß aber diese Verbindung, welche ihr mißfiel. Diese Geschichte freilich ist so, wie sie erzählt wird, nicht möglich. Später mit Herzog Burchard vermählt und früh (973) verwittwet, waltete sie auf ihrer Feste Hohentwiel mit männlicher Festigkeit, ja mit Härte, und ihre wechselnden Launen waren sehr gefürchtet. Ihre liebste Beschäftigung aber bestand darin, mit dem Sanctgaller Mönche Ekkehard, den sie sich dazu vom Abte ausgebeten hatte, die alten lateinischen Dichter zu lesen. Den jungen Burchard, der später Abt wurde, lehrte sie selbst griechisch und beschenkte ihn zum Abschied mit einem Horaz[29].
[27] Vgl. Giesebr. II, 546. Weinhold, Die deutschen Frauen S. 91. V. Bardonis maj. c. 1. Der Regensburger Marianus Scottus schrieb „multa manualia psalteria viduis indigentibus ac clericis pauperibus ejusdem civitatis“. Frau Ute in Lorsch „las an ir salter alle ir tagezît“, Diu Klage v. 1840. „Saltere und alle buche, di zu gotis dinste horen, die vrowen phlegen zu lesene“, gehören nach dem Sachsenspiegel I, 24, 3 zur Gerade. Verständniß der Sprache war jedoch mit dem Lesen nicht nothwendig verbunden, so verstand Hildegard vor ihrer Erleuchtung den Inhalt nicht: „solum psalterium legere didicerat more nobilium puellarum a quadam inclusa in monte Dysibodi“. Alberici Chron. ad a. 1141. Im 13. Jahrh. wird einem Scholaren der Rath gegeben: „Si vero grammaticam nequis scire plene, Defectu ingenii, defectu crumene, Horas et psalterium discas valde bene, Scolas si necesse est puellarum tene.“ Peiper in der Zeitschrift f. Deutsche Philologie V, 183.
[28] „Domesticos omnes famulos et ancillas variis artibus, litteris quoque instituit; nam et ipsa litteras novit, quas post mortem regis lucide satis didicit.“ Widuk. III, 74. Anskar schickte der Liutbirg (oben S. 254) junge Mädchen zur Unterweisung im Psalmsingen und Handarbeit.
[29] Casus S. Galli MG. SS. II, 122-126. Vgl. die Anmerkungen von Meyer von Knonau S. 319 ff. u. Allg. Deutsche Biogr. X, 308.
Ihre Schwester =Gerbirg=, die Aebtissin von Gandersheim, war, so sagt Hrotsuit, wie es der Nichte des Kaisers gebührte, von höherer wissenschaftlicher Bildung und unterwies mich in den Autoren, welche zuvor die gelehrtesten Meister mit ihr gelesen hatten[30].
[30] „Gerberga, cujus nunc subdor dominio abbatiae, aetate minor sed ut imperialem decebat neptem, scientia provectior, aliquot auctores quos ipsa prior a sapientissimis didicit, me admodum erudivit.“ Praef. ad vitam b. Mariae.
Auch Heinrichs II Gemahlin =Kunigunde= zeichnete sich durch Kenntniß und Verständniß der kirchlichen nicht nur, sondern auch der weltlichen Schriftsteller aus, und in der späteren Zeit betrachtete man die feine Bildung der vornehmen Frauen als einen besonderen Vorzug dieses Zeitalters[31]. Aber auch über seine Standesgenossen klagte Graf Udalrich von Ebersberg († 1029) in seinen alten Tagen: in seiner Jugend, sagte er, habe jeder Edelmann sich schämen müssen, wenn er die Rechtsbücher nicht zu lesen und anzuwenden gelernt hätte[32].
[31] Im Chron. Gozec. I, 2 (MG. SS. X, 142) heißt es von der Agnes von Weimar, Gemahlin des 1036 verstorbenen Pfalzgrafen Friedrich von Sachsen: more antiquorum tam litteris quam diversarum artium disciplinis apud Quidelingeburg pulchre fuit instructa. Ueber Kunigunde s. unten V § 15. Die Quedlinburger Schatzmeisterin Hazecha verfaßte eine Schrift zu Ehren des h. Christoph, welche sie Bischof Balderich von Speier (970 bis 987) übergab. S. unten S. 324.
[32] Chron. Ebersp. MG. SS. XX, 14. Aehnlich heißt es in der Vita S. Pauli Virodun. (aus dem 7. Jahrh.), in welcher Berthar angeführt wird, Hugo Flavin. aber noch nicht: „liberalium studiis litterarum, sicut olim moris erat nobilibus, traditur imbuendus“. Mab. Act. II, 268. Auch der Vater Odo's von Cluny war nach der Vita auct. Joh. mon. I, 5 ein angesehener Rechtskundiger am Hofe des Grafen Wilhelm von Poitiers.
Finden wir also das Ottonische Kaiserhaus wissenschaftlicher Bildung geneigt und günstig, so überstrahlt doch alle, sowohl durch seine eigene gründliche Gelehrsamkeit, wie durch seine fruchtreiche Thätigkeit für Kirche und Schule, der große Erzbischof =Brun=, Otto's des Großen jüngster Bruder[33].
[33] S. über ihn und seine Wirksamkeit W. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit I, 321-331, vgl. 817; 401-403. 431-436, vgl. 826. 829. Vogel, Ratherius I, 156 ff. Jasmunds Vorwort zur Uebersetzung des Ruotger. Ern. Meyer de Brunone I, Diss. Berol. 1867. Dümmler, Otto I, S. 396 bis 399. Bursian, Gesch. d. Philol. S. 44. K. Martin, Beiträge zur Gesch. Bruns, Diss. Jen. 1878.
Nachdem er in Utrecht unter der Aufsicht des Bischofs Balderich erwachsen war und hier die erste grammatische Bildung erhalten hatte, wurde er noch in früher Jugend (940) zum Kanzler und 953, als er Erzbischof wurde, auch zum Erzcaplan erhoben; bald lag in seinen Händen fast die ganze Verwaltung des Reiches, deren Fäden in der königlichen Kanzlei zusammenliefen, vor allem aber die Leitung der kirchlichen Angelegenheiten. Mit Geschäften aller Art überhäuft, hat er in den Aeußerlichkeiten der Urkunden, den Daten namentlich, eine arge Unordnung einreißen lassen[34]; dagegen fand er doch noch Zeit für seine geliebten Bücher, die ihn überall hin begleiteten, für den wissenschaftlichen Verkehr mit den Meistern der Wissenschaft, die, wie Ruotger sagt, von allen Enden der Welt sich hier zusammenfanden. Ratherius, Liudprand, der Spanier Recemund, Bischof von Elvira, wurden durch politische Ereignisse diesem Kreise zugeführt, nahmen aber während ihres Aufenthaltes daselbst ebenfalls an den wissenschaftlichen Bestrebungen Theil. Die Anwesenheit gelehrter Griechen benutzte Brun, um von ihnen, deren Sprache ihm schon vertraut war, zu lernen; besonders aber verehrte er als seinen Lehrer einen irländischen Bischof Namens Israel, vielleicht denselben, welcher, aus seiner Heimath vertrieben, in St. Maximin Mönch wurde[35].
[34] Sickel, Wiener SB. XCIII, 732.
[35] Hontheim, Prodr. hist. Trev. II, 975. Dümmler in d. Neuen Mitth. XI, 252.
Ungeachtet seiner hohen Stellung verschmähte Brun es nicht, auch selbst als Lehrer zu wirken; wieder gab es, wie zu Karls Zeiten, eine Hofschule[36], wenn auch in anderer Weise, weil für die Grundlage des Lernens jetzt an vielen Orten besser gesorgt war. Aber die Söhne vornehmer Familien, welche nach alter Weise an den Hof gebracht wurden, werden schwerlich ganz ohne Unterricht gelassen sein, und die königliche Kanzlei wurde zu einer Pflanzschule trefflicher Bischöfe, deren Wichtigkeit für das Reich nicht hoch genug anzuschlagen ist, denn mit diesen Bischöfen regierten die Kaiser von nun an bis zu den Zeiten Heinrichs IV ihr Reich, und fast allein in ihnen bildete sich ein Element der Stätigkeit in der Reichsregierung aus, welches von dem Wechsel der Personen unabhängig war.
[36] Mir scheint das aus Ruotgeri V. Brun c. 5-7 hervorzugehen. Freilich darf man kaum an eine dauernde geregelte Organisation denken, aber E. Meyer geht zu weit, wenn er sie ganz leugnet. Ihm stimmt freilich jetzt auch Dümmler bei, Otto I, S. 545, aber wenn Ruotger sagt: „Latialem eloquentiam non in se solum, ubi excelluit, set et in multis aliis politam reddidit et inlustrem“, so muß doch Brun lat. Unterricht gegeben haben. Die eigentliche Schule hatten die Hofcapläne schon hinter sich, aber wenn wir Ruotger irgend glauben dürfen, war doch am Hofe noch viel für sie zu lernen.
Brun selbst wurde im Jahre 953 Erzbischof von Cöln, wo er noch 12 Jahre wirkte, ohne doch darum der kaiserlichen Kanzlei fremd zu werden, bis er am 11. Oct. 965 kaum 40 Jahre alt starb. Die schwierigsten Aufgaben ruhten auf ihm, denn das unruhige, unzuverlässige Lothringen war seiner Leitung anvertraut, und seine Schwester, die Königin von Frankreich, baute fast allein auf seine Hülfe. Aber während man nie in ihm die Thatkraft seines großen Bruders vermißte, vergaß er doch über den weltlichen Sorgen nie seines bischöflichen Amtes. Die ganz zerrütteten Kirchen Lothringens richtete er aus ihrer Versunkenheit auf; kirchliche und klösterliche Zucht wurden erneut, die Schulen mit größter Sorgfalt gepflegt, und bald entfaltete sich hier das rege litterarische Treiben, welches von nun an Lothringen besonders auszeichnet.
Nicht minder erblühten nun auch in den übrigen Reichslanden unter so guter Pflege alle die Keime, welche die vorhergegangenen Stürme noch überdauert hatten; frisches Leben erfüllte die alten Klöster, welche wie Corvey, Gandersheim, St. Gallen weniger gelitten hatten, und neben ihnen erhoben sich zahlreiche neue Stätten litterarischer Bildung[37].
[37] Wohl konnte deshalb Brun zum König sagen:
Deciderat Studium veterum Et vigilancia paene patrum, Caecaque saecula barbaries Saeva premebat et error iners. At tua dextra ubi sceptra tenet, Publica res sibi tuta placet, Exacuit calamos studium Fertque quod apparat ad solium.
Verse hinter einer Abschrift des Frontin, bei Haase, Ind. lectt. Vratisl. hiem. 1860, p. 20. Leider bleibt es ungewiß, ob der Bruno tuus dieser Bruno ist; der Caesar ist nicht genannt. Diese Anrede setzt übrigens nicht nothwendig die Kaiserkrönung voraus.
So verpflanzte nach =Speier=, wo schon Bischof Godefrid (950 bis 961) seiner Kirche ein Werk des Beda geschenkt hatte[38], Bischof =Balderich= (970-987), gebürtig aus Säckingen, die Studien der Sanctgaller Schule, aus welcher er stammte. Sein Wohlgefallen und seine Aufmerksamkeit erregte der Knabe =Walther=, den er zu aller heidnischen und christlichen Wissenschaft anleitete. „Cum primum regno successit tertius Otto“, also 983, übergab er ihm, der nun Subdiaconus war, eine Schrift zu Ehren des h. Christoph, welche die Nonne Hazecha, Schatzmeisterin von Quedlinburg, ihm zur Correctur überreicht hatte; aber entweder wurde sie wirklich verloren, wie Walther an Hazecha schrieb, oder er fand sie zu schlecht: genug, Walther verfaßte ein eigenes Werk über den h. Christoph in Prosa und in Versen, ganz in dem gespreizten, mit Gelehrsamkeit überladenen Stil der Zeit; in zwei Monaten behauptet er beides vollendet zu haben. Voran schickte er ein Buch mit dem Titel Scholasticus, worin er seinen Bildungsgang schildert, dunkel und oft schwer verständlich, aber doch werthvoll für die Kenntniß der damaligen Schulstudien, in welchen eine ansehnliche Zahl classischer Autoren im Vordergrunde steht. Walther schickte später nach des Bischofs Tod sein Werk auch ad collegas urbis Salinarum, d. h. doch wohl nach Salzburg, an Liutfred, Benzo und Friedrich[39]. Damals scheint er demnach die Speierer Schule geleitet zu haben; 1004 ist er selbst wahrscheinlich Bischof von Speier geworden.
[38] Brit. Mus. Addit. 23,931, wo nach dem Catalog von 3 Widmungsversen der erste lautet: „Me Godefrid sanctae praesul dedit ecce Mariae“.
[39] Waltherus Spirensis de passione S. Christophori, bei B. Pez, Thes. II, 3, 29-122. Prantl, Gesch. d. Logik II. 52 hat auf dieses Werk aufmerksam gemacht; Remling in seiner Geschichte der Bischöfe von Speier erwähnt es I, 252 unter Bischof Walther, Mabillon sah die Hs. in St. Emmeram, jetzt Cod. lat. Monac. 14,798. Vgl. W. Harster: Walther v. Speier, ein Dichter des 10. Jahrhunderts. Speier 1877. Beigabe zum Jahresbericht der K. Studienanstalt. Da ist nachgewiesen, daß aus einer vielfach mißverständlichen Bearbeitung des griech. Textes sich die spätere Form der Legende entwickelt hat; doch hat Schönbach, Zeitschr. f. D. Alt. XXIV, Anz. S. 155-172, Einwendungen dagegen erhoben. Ausgabe von Harster als Beigabe zum Jahresbericht 1878. Anz. v. Pannenborg, GGA. 1879, No. 20; von Nolte, Zeitschr. f. öst. Gymn. 1879, XXX, 617-629. Acta Graeca, Anal. Boll. I, 121.
In besonderer Ausführlichkeit tritt uns hier eine Richtung der Studien entgegen, welche wir noch an vielen Orten, wie z. B. in Lüttich, zu berühren haben werden.
Sehr bald aber ließen sich auch schon Stimmen vernehmen, welche die heidnische Gelehrsamkeit als sündlich verwarfen und gegen die classischen Studien eiferten. Hatte schon Hieronymus im Traume für die Vorliebe büßen müssen, womit er Plautus und Cicero gelesen[40], ein Geschichtchen, welches immer wieder benutzt wird und noch bei der Bekämpfung der Humanisten eine Rolle spielt, so finden wir in karolingischer Zeit den alt gewordenen Alcuin in gleichem Sinne eifernd; so auch jenen alten Schulmeister Johannes zu Fulda (oben S. 231). Ermenrich sah, wenn er den Vergil unter sein Kopfkissen gelegt hatte, im Traume den Dichter als Teufel, in der Hand ein Buch, hinterm Ohr die Feder, der ihn triumphirend verhöhnte; doch meinte er, daß man, wie für den Ackerbau den Dünger, so auch den Koth der heidnischen Poesie mit Nutzen verwerthen könne[41]. Notker dagegen empfahl dem jungen Salomo den Prudentius: non sunt tibi necessariae gentilium fabulae[42]. Abt Odo von Cluni wurde durch einen Traum von der Beschäftigung mit Vergil abgeschreckt[43], und ebenso verwarf, der Tendenz dieser Congregation entsprechend, Majolus die einst auch ihm lieb gewesenen Studien[44], und ähnliches wird vom Abt Hugo berichtet[46].
[40] Hieron. ad Eustochium, Opp. ed. Vall. I, 113. Vgl. im allg. Comparetti, Virgilio nel Medio Evo I, cap. 6.
[41] Dümmler, St. Gall. Denkm. S. 207. Ermenrici ep. p. 29. 31.
[42] Dümmler, Formelbuch S. 73.
[43] Vita auct. Joh. mon. I § 12.
[44] „Legerat isdem vir Domini libros olim antiquorum philosophorum Virgiliique mendacia, que nolebat nec ipse jam audire nec alios legere: Sufficiunt, inquiens, divini poetae vobis, nec egetis luxuriosa Virgilii vos pollui facundia“, Vita S. Majoli I, c. 14.
[45] R. Lehmann über die Vitae Hugonis S. 48.
Auch Hrotsuit schrieb ihre Dramen über Gegenstände aus der heiligen Geschichte, um den Terenz aus den Händen der Christen zu verdrängen[46]. Etwas später wurde der sterbende Schüler Gozo von Dämonen in der Gestalt des Turnus und Aeneas beunruhigt[47], und als ein Mönch des Lütticher Lorenzklosters mit seinen Schülern den Terentius las, bemühte sich S. Laurentius selber, um ihn zu züchtigen[48].
[46] Die fleißige Beschäftigung mit Terenz wird auch bezeugt durch das wunderliche Gedicht, welches Riese in der Zeitschr. f. österr. Gymnasien 1867, S. 442-446, e cod. saec. X. herausgegeben hat, und schon 1840 Magnin in d. Bibl. de l'École des chartes, I, 524-531.
[47] Vita Popponis c. 32. MG. SS. XI, 314.
[48] Reineri Palmarium Virginale bei B. Pez, Thes. IV, 3, 85.
Wer könnte auch in Abrede stellen, daß in den römischen Dichtern vieles zu lesen ist, was sich namentlich für Klosterschulen nicht eignet. Besonders beliebt war Ovid, und nach einigen Citaten könnte man sich versucht fühlen anzunehmen, daß seine Ars amandi das gelesenste Buch in den Klöstern war, wobei jedoch in Anschlag zu bringen ist, daß viele einzelne Sentenzen gelehrt und gelernt wurden, ohne daß man wußte, woher sie stammten. Doch war auch die ganz übermäßige Beschäftigung mit der unübersehlichen Fülle von Mythen, um jede Anspielung erklären zu können, für Mönche wenig förderlich, und selbst Boethius und Cicero stimmten nicht immer mit den Kirchenlehrern überein. Sogar den Erzbischof Bruno sah der Hofcaplan Poppo in einer Vision wegen seiner eifrigen Beschäftigung mit der Philosophie verklagt, aber S. Paulus trat für ihn ein[49].
[49] Thietmari Chron. II, 10.
Der Abt Smaragdus, der 819 das Kloster Castellio nach Saint-Mihiel-sur-Meuse verlegte, bekämpfte den Widerstand gegen die grammatischen Studien; in seiner Grammatik aber nahm er die Beispiele aus kirchlichen Schriftstellern[50]. Doch fühlte man allgemein, daß man die heidnische Litteratur nicht entbehren könne, ohne in Barbarei zu verfallen; Hraban trat sehr entschieden dafür ein, und selbst Anselm von Canterbury (ep. I, 55) hat einem Mönche gerathen, den Vergil zu lesen. War der geistliche Stand einmal der allein lehrende, so mußte er auch diesen Gefahren sich aussetzen. Nur an einzelnen Orten und bei einzelnen Männern drang jene ascetische Richtung durch; in den Schulen behaupteten sich bis ins dreizehnte Jahrhundert Vergil und Horaz, Terenz, Ovid, Sallust, und verlockten immer von neuem die jugendlichen Gemüther durch den Zauber ihrer Anmuth von den trockneren Vätern der Kirche.
[50] S. über ihn Hauréau, Smaragdus (Singularités p. 100-128); NA. IV, 250-253; Ebert II, 108-112. Seine Gedichte sind gedruckt Poet. Lat. I, 605-619; sie sind ausgeschrieben von Angelomus, ib. II, 675-677. Die Vorrede des Smaragdus zu seiner Via regia ist, wie Dümmler bemerkt, gedruckt bei Denis, Codd. bibl. pal. I, 1050.
Die Gewandtheit im Ausdruck, der leichte Fluß der lateinischen Rede, im karolingischen Jahrhundert so allgemein verbreitet, waren jedoch in der fünfzigjährigen Unterbrechung schriftstellerischer Thätigkeit verloren gegangen; mit großer Anstrengung mußte man wieder von neuem beginnen. Die mühsam erworbene gelehrte Bildung ist fast überall kenntlich; man war stolz auf die neue Kunst und trug sie gern zur Schau. Die schwerfälligen Phrasen sind erfüllt von ungeschickt eingefügten Ausdrücken der alten Schriftsteller, man prunkt gern mit Citaten und bringt die gelehrten Reminiscenzen auch da an, wo sie am wenigsten passend sind, wie z. B. Liudprand die Ungern in ihrem Kriegsrath mit pedantischer Affectation griechische Worte einmischen läßt. Schulmäßig gekünstelte Reden sind besonders beliebt, und nur zu häufig erschwert der gesuchte Ausdruck das Verständniß des Inhaltes. Aber die frische Lebenskraft, welche jetzt wiederum die von jugendlichem Aufschwung erfüllte Generation durchdrang, ist auch in dieser Vermummung nicht zu verkennen[51].
[51] Vgl. über den Charakter der Litteratur dieser Zeit W. Giesebrecht, Kaiserzeit I, 309.
Leicht genug scheinen der Nonne Hrotsuit ihre Hexameter entströmt zu sein, aber die reiche Fülle lateinischer Gelegenheitsdichtung, welche in der karolingischen Zeit überall uns begegnet, fehlt der ottonischen. Wohl finden wir den Streit der Brüder Otto I und Heinrich in einem halb lateinischen, halb deutschen Gedicht behandelt[52], und auch die Schlacht auf dem Lechfeld verherrlicht[53], beide aber (in Bezug auf das erste freilich jetzt bezweifelt) den Ereignissen schon so fern stehend, daß wir hinter ihnen uns eine Fülle deutscher Lieder zu denken haben, von jenen Mimi gesungen, deren Widukind gedenkt[54].
[52] Leich von den beiden Heinrichen, ed. Lachmann bei Koepke, Jahrbb. Otto's I S. 97. W. Wackernagel, Lesebuch 4. Aufl. I, 110. Müllenhoff u. Scherer 3. Ausg. I, 39, vgl. II, 99-106. Seelmann im Niederd. Jahrb. XII, 75-89, bezieht es auf den Augsb. Reichstag von 952; Bedenken dagegen von Steinmeyer a. a. O. S. 105.
[53] =Modus Ottinc=, Magnus caesar, auch Otto II u. III feiernd, Lachm. im Rhein. Mus. III, 432. Coussemaker, Hist. de l'harm. 106 u. pl. VIII, 1. Müll. u. Scherer 3. Ausg. S. 46.
[54] Ueber die lat. Hof- u. Klosterpoesie vgl. Wackernagels LG. S. 70 bis 74, über Volkslieder S. 75. Ueber die modi des Cod. Cantabr. Bartsch, Die lat. Sequenzen des MA. S. 145-165. Auf Heriger von Mainz (913 bis 926) Heriger urbis, nicht historisch, Jaffé in d. Zeitschr. f. D. Alt. XIV, 455. Müll. u. Scherer, 3. Aufl. S. 53. -- Kirchliche Lieder auf Heinrich II, Lamentemur u. Judex summe, bei Jaffé a. a. O. 458-461; Summe Caesar NA. IV, 399. Anspielungen auf Heinrichs II Zusammenkunft mit K. Robert von Frankreich im =Ruodlieb=, bei Grimm u. Schmeller, Lat. Gedichte des 10. u. 11. Jahrh., vgl. Giesebr. II, 624. Jahrbb. Heinrichs II, II, 225. III, 261. Ausgabe von F. Seiler, Halle 1882. Ueber Ecbasis captivi s. unten § 6. Verse auf Heribert von Cöln zur kirchlichen Feier, doch noch saec. XI, Qui principium bei Jaffé S. 456.
Wie nun unter den ersten Karolingern die kräftige Neugestaltung des Reiches naturgemäß dahin geführt hatte, die Begebenheiten der Gegenwart aufzuzeichnen, weil man wieder Lust und Bedürfniß empfand, sie festzuhalten, so geschah es auch nach langer Pause unter den Ottonen. Auch jetzt suchte man zunächst die Zeitgeschichte festzuhalten; die Weltgeschichte zu umfassen, versuchte man noch kaum. Aber überall begann man um die Mitte des Jahrhunderts, die Zeitereignisse aufzuschreiben. Beziehungen zum kaiserlichen Hofe wirkten auch hier anregend, aber nirgends erhob man sich doch zu einem so klaren Ueberblicke der Verhältnisse, wie ihn die karolingischen Reichsannalen zeigen; nur der Fortsetzer des Regino reiht sich denselben an. Der Königshof übte wieder einen kräftigen Einfluß, die Reichsgeschichte ist überall im Vordergrunde, aber weit mehr als in karolingischer Zeit herrschen doch locale Gesichtspunkte vor, und es entwickeln sich selbständige Mittelpunkte gelehrter Thätigkeit. Deshalb betrachten wir nach einander die einzelnen Reichslande und beginnen mit demjenigen, von welchem die Herrschaft der Ottonen ausging, mit Sachsen.
§ 2. Sachsen. Corvey.
Das Kloster Corvey, von Anfang an in enger Verbindung mit dem Hause der Ludolfinger und ihrer Gunst und ihres Schutzes sich erfreuend, hatte von der Ungunst der Zeiten weniger gelitten als andere Stifter. Doch verschwand auch hier nach Bovo II, mit Ausnahme der dürftigen Annalen[1], jede Spur litterarischer Thätigkeit, bis der Glanz von Otto's des Großen Thaten ein Geschichtswerk aus diesem Kloster hervorrief, wie noch keines in Sachsen ans Licht getreten war, dessen Form aber zugleich einen bedeutenden Verfall der grammatischen Schulbildung bekundet.
[1] Oben S. 254. Durch ihren Inhalt sind sie bei dem Mangel anderer Nachrichten wichtig.
$Widukind.$
Widukindi Res gestae Saxonicae ed. Waitz, MG. SS. III, 408-467. Bes. Abdruck, neue Ausg. 1882. Uebersetzung von Schottin, mit Einleitung von Wattenbach 1852, 1882, mit Nachtr. 1891. Geschichtschr. 33 (X. 6). Facs. d. Dresd. Hs. in E. Berners Gesch. d. Pr. Staats I, 1890. Waitz in Schmidts Zeitschrift II, 100. L. Giesebrecht, Wend. Geschichten III, 295. W. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit I, 779. Maurenbrecher S. 32-43. W. v. Korvei (Ottonische Studien I) von R. Koepke, 1867. Vgl. Waitz, GGA. 1867 S. 1429-1438. Waitz: Ueber das Verhältniß von Hrotsuits Gesta Oddonis zu Widukind, Forsch. IX, 335-342. Alfred Kirchhoff: Ueber den Ort der Ungarnschlacht. Forsch. XII, 573-592; Wyneken, ib. XXI, 239-250; Grandaur zur V. Uldalrici. Vgl. auch Jul. Voigt, Die Pöhlder Chronik und die in ihr enthaltenen Kaisersagen, Diss. Hal. 1879 (NA. V. 468). Zu I, 12 (Hirmin) Krause, NA. XVI, 611; zu I, 16 O. v. Heinemann: Die Niederlage der Sachsen durch die Normannen 880, Mitth. d. Vereins f. Hamb. Gesch. 1880, S. 58-65 (NA. VI, 203). Zu I, 36 (Lunkini) Virchow, Verhandl. d. Berl. Anthropol. Ges. 1886, S. 422 ff. Zu I, 40 (Chnuba) R. v. Liliencron, Der Runenstein von Gottorp, Kiel 1888 (NA. XIII, 654). Zu II, 1 (Krönung Ottos) Beissel über den Aachener Königstuhl, Ann. d. Aach. Geschichtsvereins, 1888, S. 14 ff. Zu II, 10 (Schöppenkampf) B. Simson, Forsch. XXV, 369-373. Planck, Münch. SB. 1886, S. 155-180.
Im Jahre 967, als Kaiser Otto auf der Höhe seiner Macht stand, unternahm es Widukind, Mönch im Kloster Corvey, die Geschichte seines Volkes zu schreiben, nachdem er vorher sich mit der Bearbeitung von Heiligenleben beschäftigt hatte[2]. Dadurch, so sagt er selbst, habe er seinem Berufe genug gethan; jetzt erfülle er die Pflicht gegen seinen Stamm und sein Volk, indem er die Thaten ihrer Fürsten niederschreibe. In der Widmung an die Aebtissin von Quedlinburg, des Kaisers Tochter Mahthild, bezeichnet er genauer als seinen Gegenstand die Thaten Heinrichs und Otto's; die Ueberschrift aber bezeichnet sein Werk als die Geschichte der Sachsen. Denn Volk und Herrscher waren auf das innigste verbunden, und in dem Ruhme des Kaisers fühlte das ganze Volk sich gehoben, wie es denn auch seinen reichen Theil daran hatte. Gänzlich fern lag es Widukind, nach der Weise der Chronisten an das römische Reich anzuknüpfen, sondern völlig dem Verlaufe der geschichtlichen Entwickelung entsprechend, nimmt er zum Ausgangspunkte seiner Erzählung die Urgeschichte der Sachsen. Ihre alten Sagen zeichnet er auf, und obgleich er es nicht lassen kann, sie durch übel angewandte Schulgelehrsamkeit zu entstellen, so erkennt man doch in jedem Worte die Freude des Mönches an seinen alten heidnischen Vorfahren, an diesem kraftvollen Geschlechte, vor dem schon damals die Franken sich fürchteten. Heiden freilich durften sie nicht bleiben, und darum mußten sie nach tapferer Gegenwehr den Franken unterliegen, um durch die Taufe nun mit ihnen ein Volk zu werden. Aber das Gefühl der Unterdrückung lastet dennoch auf ihnen, bis nun S. Veit zu ihnen kommt, und mit ihm das Glück, welches die Westfranken jetzt verläßt. Unter seinem Schutze gedeihen und erstarken die Sachsen und werden unter ihrem großen König Heinrich aller übrigen Völker und selbst der Franken Herr; kein fremder Gebieter beschränkt hinfort ihre Freiheit.
[2] Es sind alte Legenden, die er nur stilistisch umformen konnte. Er muss sich also darin mehr zugetraut haben, als wir ihm zugestehen können. Leider sind sie nicht bekannt und wir wissen also nicht, ob sein Stil darin nicht ein ganz anderer war.
Gegen Otto erheben sich noch einmal alle Stämme, schon schwindet die Hoffnung, daß das Reich ferner bei den Sachsen bleibe, aber mit Gottes Hülfe überwindet Otto alle seine Widersacher, er bändigt die Slaven, die Ungern, die Westfranken, bringt auch Italien wieder ans Reich, und beherrscht nun, von Gott und S. Veit beschützt, mit seinen Sachsen die Christenheit.
Durch diese durchgehende Einheit der Auffassung und durch die naturfrische Lebendigkeit der Darstellung hat das ganze Werk eine epische Färbung; was in der Ferne vorgeht, berührt Widukind nur kurz, und ist darüber auch wenig genau unterrichtet, so wie er für die älteren Zeiten freilich auf Beda und die Geschichte der Franken und Langobarden hinweist, auch Jordanis über den Ursprung der Hunnen ausschreibt, Einhards Leben Karls benutzt, aber von ernstlicher kritischer Forschung doch kaum eine Vorstellung hat. Für näher liegende Zeiten wird es ihm nicht ganz an annalistischen Aufzeichnungen gefehlt haben, an welche die noch erhaltenen Corveyer Annalen anklingen. Die Translatio S. Viti kannte er, und doch wohl auch Bovo's Werk. Aber die mühsam und geistlos compilirende Arbeit anderer Chronisten liegt seiner Weise ganz fern. Dem Epos steht er auch darin nahe, daß er vorzüglich bei der Schilderung der Schlachten und anderer Begebenheiten verweilt, über ihre geschichtliche Verknüpfung aber rasch hinwegeilt. Die Composition des Werkes ist von R. Koepke genau untersucht und dargelegt: recht deutlich stellt sich daraus die ganz einheitliche ursprüngliche Aufzeichnung dar, welche durch das gewissenhafte Bestreben, auch anderen Thatsachen ihre Stelle anzuweisen, zerstückt und oft unklar geworden ist. Am auffallendsten ist in solcher Weise die Schilderung der Schlacht auf dem Lechfelde zerrissen. In dem Autograph des Leo von Ostia sehen wir ein solches Verfahren noch deutlich vor uns, doch ist ohne Zweifel Koepke in seinen Folgerungen und Behauptungen vielfach zu weit gegangen: an einen fertig geschriebenen Entwurf des ganzen Werkes in dieser Weise ist gewiß nicht zu denken. Eingehend kritisirt und zurückgewiesen ist Koepke's Hypothese von J. Raase[3].
[3] Widukind von Korvei, Rost. Diss. 1880.
Einen seltsamen Gegensatz zu dem ganz volksthümlichen Inhalt bildet der gesuchte sallustische Ausdruck[4], gemischt mit den Worten und Wendungen der lateinischen Bibel. Mühsam zieht er dem widerstrebenden Gedanken ein altrömisches Kleid an, das oft nur schwer und unvollkommen erkennen läßt, was er eigentlich sagen will. Die Nachahmung der antiken Redeweise beherrscht ihn so sehr, daß er sogar Heinrich wie Otto nach dem Siege über die Ungern vom Heere als Imperator begrüßen läßt, und Otto auch von da an so nennt, die Kaiserkrönung in Rom aber ganz übergeht, wie denn überhaupt der Pabst in der eigentlichen Geschichtserzählung gar nicht genannt wird[5].
[4] Daß er auch Livius gekannt habe, weist Koepke S. 175 nach. Benutzung des Tacitus u. a. sucht Manitius nachzuweisen, NA. XI, 45-90.
[5] Maurenbrecher S. 40 bemerkt, daß Widukind einem im Mittelalter häufigen Sprachgebrauch folgend unter Imperator den Herrscher über mehrere Völker versteht, weshalb er auch Theuderich so nennt, vgl. Ann. Fuld. a. 869: Mon. Sangall. II, 11 und die Titel des angelsächsischen Königs Eadgar, die Krönung Alfons von Spanien 1135. Doch betrachtet er Theuderich ganz nach der Analogie des karol. und sächs. Kaiserthums, und das gänzliche Schweigen von der Kaiserkrönung ist darum nicht minder auffallend. In Bezug auf sein Verhalten zum Wunderglauben seiner Zeit ist zu bemerken, daß probare bei ihm nicht =billigen=, sondern =erproben= bedeutet, und er deshalb über S. Wenzels Wunder keine Mißbilligung, sondern nur einen kritischen Zweifel ausspricht.
Betrachten wir Widukinds Buch als eigentliches Geschichtswerk, so können wir nicht umhin, es für sehr mangelhaft zu erklären; seine Auffassung der Dinge und namentlich seines großen Kaisers ist keineswegs richtig; so wie der Kaiser selbst den Standpunkt eines Sachsenfürsten verließ, wurde er dadurch dem Gesichtskreise Widukinds entrückt. Obgleich Mönch, übersieht dieser fast ganz die so überaus wichtige kirchliche Wirksamkeit Otto's, und besonders auffallend ist sein Schweigen über die Stiftung des neuen Erzbisthums in Magdeburg. Er stand dem kaiserlichen Hause nicht ganz ferne, wie seine Widmung an Mahthild zeigt -- ein zwölfjähriges Mädchen, dem er fast ärger schmeichelt, als die Devotion gegen das Haus der Ottonen entschuldigen kann -- und es kamen ihm gute Nachrichten zu, aber er blieb doch als Mönch in seinem Kloster, und war daher nicht im Stande, sich diejenige Uebersicht der Verhältnisse zu verschaffen, welche damals wohl nur am kaiserlichen Hofe zu erlangen war. Deshalb kann ich auch nicht der Auffassung Koepke's zustimmen, welcher einen längeren Aufenthalt am Hofe annimmt, und Erzbischof Wilhelm einen bestimmenden Einfluß auf das Werk beimißt: wir müßten dann ganz andere Gesichtspunkte hervortreten sehen. Wohl hat er den Kaiser und seinen Hof gesehen, wenn sie das heimathliche Sachsen aufsuchten, aber von dem, was jenseit der sächsischen Grenze liegt, scheint ihm aus eigener Anschauung kaum etwas bekannt zu sein. Selbst in Magdeburg muß er ganz fremd gewesen sein, da er sonst doch wohl nothwendig für die so wichtige Stiftung der wendischen Bisthümer und die viel bestrittene Errichtung des Erzbisthums einige Theilnahme gewonnen hätte.
Daß Widukind Hrotsuits Gedicht gekannt, daß er dazu eine Art von Ergänzung hätte geben wollen, ist ein Phantasiegebilde von Koepke, welches G. Waitz hinlänglich widerlegt hat.
Bleibt nun auch Widukind in seiner Darstellung hinter dem seinem Gesichtskreis entrückten Reich zurück, so verleiht ihm dagegen gerade seine Einseitigkeit und die lebendige Wärme des Volksbewußtseins einen Reiz, der den objectiver gehaltenen Annalen fehlt, und stofflich betrachtet sind seine Mittheilungen für uns von dem unschätzbarsten Werthe. In allem, was ihm nahe lag, zeigt er sich durchaus zuverlässig, unbefangen und wahrheitsliebend in der Schilderung der handelnden Personen, und so sehr er auch für das Ottonische Haus begeistert ist, liegt eine absichtliche Entstellung der Thatsachen zu ihren Gunsten ihm jedoch gänzlich fern. Sogar für jene kühnen Recken, die im unbändigen Trotze lieber alles erdulden, als der Herrschaft ihres Vetters sich fügen wollten, bezeugt er eine offenbare Theilnahme, ja Vorliebe, wie auch beim Volke solche Naturen immer Anklang finden; zuletzt, wo er schon zum Schluß eilt und selbst das Näherliegende oberflächlich behandelt, zieht ihn doch noch Wichmanns Trotz und Untergang übermächtig an. Widukind ist eben mit seinen Vorzügen, wie mit seinen Mängeln ein ganzer Sachse des zehnten Jahrhunderts, und in ihm spiegelt sich die Natur seines Stammes treu und wahr. Es konnte daher auch nicht fehlen, daß sein Werk gern und viel gelesen wurde; es findet sich bei den späteren Schriftstellern überall benutzt, jedoch seit dem zwölften Jahrhundert nicht mehr unmittelbar, sondern nur durch die Vermittelung Ekkehards, der es fast ganz in seine große Weltchronik aufgenommen hatte[6]. Daraus erklärt es sich wohl, daß uns nur drei Handschriften davon erhalten sind. Wie es scheint, enthält von ihnen die eine, jetzt Dresdener (A), das Werk in seiner ursprünglichen Gestalt[7]; später hat Widukind am Schlusse noch einiges in loserer Verknüpfung hinzugefügt, den so sehr merkwürdigen Brief des Kaisers aus Capua und die schöne Schilderung vom Tode der Königin Mahthild und von des Kaisers Heimkehr und Tod. Zugleich veränderte er einige Ausdrücke; vielleicht auch die Stelle über des Erzbischofs Hatto Nachstellungen gegen Heinrich (I, 22), in welcher die Dresdener Handschrift von der Schuld des Erzbischofs schweigt. Doch ist auch möglich, daß vielmehr in der an Fremde hinausgegebenen Abschrift jene bedenkliche Stelle geändert war, denn sie macht den Eindruck einer Abkürzung, und es sind Worte darin, welche nur durch die Vergleichung mit Cod. 1 ihre Erklärung finden[8]. Die in Corvey gebliebene Handschrift wurde abgeschrieben (Cod. 1 in Montecassino) und vielleicht etwas später in Corvey interpolirt, um eine Notiz über den Abt Bovo und eine ausführliche Erzählung der beliebten Volkssage von dem Untergange des Grafen Adalbert von Babenberg durch Hatto's Verrath anzubringen[9]. Doch schreibt jetzt Waitz auch diese Stücke Widukind zu. In dieser Gestalt findet sich das Werk in der Steinfelder Handschrift (Cod. 2, jetzt im Brit. Museum Add. 21109) und in der Frechtschen Ausgabe, und so lag es schon Ekkehard und dem Annalista Saxo vor. Man möchte glauben, daß Widukind selbst mancherlei geändert und auf die Ränder geschrieben hat, und daß die Abschreiber bald die ursprüngliche Schrift und bald die Aenderungen und Zusätze aufnahmen.
[6] Benutzung durch Dietrich von Niem zeigt Lindner, Forschungen XXI, 90.
[7] Vgl. über diese Handschrift NA. II, 450, und die neue Ausgabe von Waitz.
[8] Namentlich: „Hatho videns suis artibus finem impositum“. Daß die Darstellung der Dresdener Handschrift nicht in Widukinds Stil geschrieben wäre, und man deshalb mit Waitz die Hand eines Fremden erkennen müßte, möchte ich nicht mehr behaupten. Auch Waitz ist davon zurückgekommen. Für die Halsbandgeschichte findet sich ein merkwürdiges Seitenstück in Walkenried, welches Leibniz, Ann. Imp. II, 263 erzählt, und in Konrad Stolle's Erfurter Chronik, herausgegeben von Hesse, S. 177. Zu I, 12 vgl. noch Mich. Lindener ed. Lichtenstein, S. 130: „vermeinet auch, unser Herrgott hieß Herman“.
[9] B. Simson bemerkt hiergegen, daß 2 an mehreren Stellen A näher steht, was richtig ist. Dem Schreiber derselben kann das überarbeitete Original selbst vorgelegen haben. Auch Waitz bemerkt, daß der Text in 2 besser sei als in 1. In der Oratio S. Viti I. 34 steht 2 dem Original am nächsten, 3 aber stimmt mit A und 1. B. Simson, NA. XII, 597. Vgl. dens. NA. XV, 565-575. Wenn Giesebrecht I, 810 Glossen im Text erkennen will, so ist dagegen doch zu bemerken, daß diese Stellen sich schon in A finden, also älter sind als die Vollendung des Werkes, und deshalb nur von Widukind selbst herrühren könnten.
Die sagenhafte Erzählung Widukinds von der Theilnahme der Sachsen an dem Kampfe der Franken und Thüringer ist, auch hier durch Ekkehard vermittelt, im zwölften Jahrhundert benutzt worden für die seltsame Geschichte =von der Herkunft der Schwaben=, in welcher an die Stelle der Sachsen die Schwaben gesetzt sind, die wegen Hungersnoth aus Schweden auswanderten. Diese von Goldast 1604 als Anonymus de Suevorum origine zuerst veröffentlichte Fabel, welche aber Spuren wirklicher alter Sage enthält, ist von Müllenhoff nach einer ziemlich gleichzeitigen Handschrift neu herausgegeben[10], der zugleich nachgewiesen hat, daß sie nur im sächsischen Schwabengau an der Bode entstanden sein kann, aber in Schwaben aufgezeichnet ist.
[10] Zeitschrift f. D. Alt. XVII, 57-71 mit Nachtrag XIX, 130. Uebers. bei der 2. Ausg. des Widukind, S. 131-137.
Unerwarteter Weise sind unsere Nachrichten über diese Zeiten, ganz vorzüglich aber über die Zustände der Wendenländer, durch einen sehr werthvollen Fund vermehrt worden, nämlich den in einem arabischen Sammelwerke enthaltenen Bericht des Juden =Ibrahîm-ibn-Jakûb=, d. i. auf deutsch =Abraham Jakobsen=, über die Slaven. Er hat, wie er selbst erwähnt, Kaiser Otto gesprochen und Gesandte der Bulgaren in Merseburg getroffen. Man hat das auf das Jahr 973 bezogen, allein von Herrn Kunik habe ich jetzt erfahren, daß seiner Ueberzeugung nach Ibrahîm seinen Bericht vor 970 abgefaßt hat, was allerdings besser zu der Thatsache stimmt, daß schon 971 das Königthum der Bulgaren sein Ende fand. Eine Untersuchung über diesen Bericht, in vielen Stücken von früheren Deutungen abweichend, hat Fr. Westberg verfaßt; dieselbe ist aber noch nicht gedruckt, und ich verdanke dem Verf. die Mittheilung seiner Resultate in der neuen Ausgabe der Uebersetzung des Widukind[11].
[11] Da dieser Bericht der deutschen Historiographie fern liegt, begnüge ich mich, auf meine Bearbeitung nach De Goeje zu verweisen, hinter der Uebersetzung des Wid. (2. Ausg.) S. 138-147. Merkwürdig ist auch: Ein arabischer Berichterstatter aus dem 10. oder 11. Jahrhundert über Fulda, Schleswig, Soest, Paderborn u. a. deutsche Städte. Zum ersten Mal aus dem Arab. übertragen, komm. u. mit einer Einleitung versehen von Georg Jacob. Berlin, Mayer u. Müller 1890.
§ 3. Fortsetzung. Gandersheim. Quedlinburg.
Während die schwerfällige, von Fehlern keineswegs freie Sprache Widukinds von den gelehrten Studien in Corvey eben kein günstiges Zeugniß ablegt, überrascht im Kloster Gandersheim die Nonne =Hrotsuit=, wie sie selbst übersetzt: clamor validus Gandeshemensis, durch ihre klassische Bildung und ihre große Herrschaft über die Form des Ausdruckes; ihr bedeutendes Talent war durch eine sorgfältige Schulbildung unter der Leitung der Rikkardis entwickelt, und sie hatte dann diese Studien unter der Leitung der Nichte des Kaisers, Gerberga, fortgesetzt. Sie bearbeitete verschiedene Gegenstände aus der älteren Kirchengeschichte in metrischer Form und verfaßte darauf auch sechs Komödien über verwandte Stoffe, weil es ihr anstößig war, daß der leichtfertige Terenz überall mit so großem Vergnügen gelesen wurde. Doch diese Seite ihrer dichterischen Thätigkeit, in anderer Beziehung weitaus die wichtigste, liegt unserer Aufgabe fern.
In ähnlicher Weise wie Widukind wurde aber auch Hrotsuit durch die glänzenden Thaten Otto's des Großen der Geschichte der Gegenwart zugeführt; ihre Aebtissin Gerberga (959-1001), Herzog Heinrichs von Baiern Tochter, forderte sie auf, ein Heldengedicht zum Preise ihres Oheims zu verfassen[1], welches dem Erzbischof Wilhelm von Mainz, dem Sohne des Kaisers, überreicht werden sollte. Im Jahre 968 war es vollendet, und die Dichterin übersandte es mit einer poetischen Widmung nicht nur dem jüngeren Kaiser, welcher ein Exemplar davon verlangt hatte, sondern auch dem alten Kaiser selbst. In keinem Buch, so sagt sie, sei bisher derselbe Gegenstand behandelt, keinem sei sie gefolgt; es sind die Mitglieder der kaiserlichen Familie, welche ihr den Stoff gegeben haben, und so ist es denn nicht zu verwundern, daß verschiedene Rücksichten auf die Darstellung eingewirkt haben. Ueber die Vergangenheit Heinrichs von Baiern konnte hier nur mit der äußersten Vorsicht gesprochen werden. Es war nur zu viel in der kaiserlichen Familie vorgefallen, dessen man ungern gedachte. Widukind hatte ohne Scheu davon gesprochen, und es ist sehr wahrscheinlich, dass einige ihrer Aeußerungen direct gegen sein Geschichtswerk gerichtet sind. Mit der Wahrheit hat sie es hier eben nicht genau genommen: sie oder ihre Berichterstatter, deren abweichenden Angaben über schon fernliegende Dinge sie in gutem Glauben trauen mochte. Daneben aber gab es doch auch sonst des Stoffes noch reichlich genug, und hier hat Hrotsuit nicht nur manches, wie namentlich die Flucht der Kaiserin Adelheid, in hübscher und ansprechender Weise behandelt, sondern sie hat auch geschichtlich wichtige Thatsachen und Umstände aufbewahrt. Gerade die von Widukind vernachlässigten Vorgänge in Italien und die uns leider nicht erhaltene Kaiserkrönung hat sie ausführlich behandelt. Die Familiengeschichte ist ihr die Hauptsache, Schlachten zu schildern weist sie ausdrücklich als ihr nicht zukommend ab. Ausdrücklich hebt sie hervor, daß sie nur wiedergebe, was man ihr berichtet habe, und wie in ihren übrigen Werken, so hält sie sich auch hier ganz genau an den ihr überlieferten Gegenstand, und erlaubt sich nie, ihn der poetischen Darstellung zu Liebe umzugestalten. Die metrische Form bleibt bei ihr nur ein äußerliches Gewand, und wir können daher ihre Erzählung geradezu als Geschichtswerk benutzen. Um so mehr ist es zu bedauern, daß etwa die Hälfte ihres Werkes verloren ist, und zwar gerade die so inhaltreichen Jahre 953-962; nur ein kleines Bruchstück daraus ist vorhanden, und keiner der uns bekannten mittelalterlichen Schriftsteller hat ihr Werk benutzt.
[1] Hrotsuithae Carmen de gestis Oddonis I imperatoris ed. Pertz, MG. SS. IV, 317-335. Die Werke der Hrotsvitha, herausgegeben von Dr. K. A. Barack (mit Verbesserungen aus der Pommersfelder Handschrift), Nürnb. 1858. Uebersetzung der beiden historischen Gedichte von Pfund, 1860; Geschichtschr. 2. Ausg. 1888, Bd. 32 (X, 5). Vgl. W. Giesebrecht, Gesch. d. Kaiserzeit I, 780; Maurenbrecher S. 57-62; R. Koepke, Hrotsuit von Gandersheim, (Ott. Studien II) 1869 mit Facs. der Handschrift. Auf der Rückseite des letzten Blattes ist nach C. Hoefler altglagolitische Schrift, was in St. Emmeram nicht auffallen kann; Pfeiffers Germania XV, 194. Vgl. über das Verhältniß zu Widukind die oben S. 328 angeführten Aufsätze von Waitz. Aschbachs Angriffe gegen die Echtheit der Werke bedürfen kaum der Erwähnung; Koepke hat endgültig damit aufgeräumt, wenn auch A. selbst in seinem neuesten Werke es nicht zugeben wollte. Hugo Graf von Walderdorff hat in den Verhandlungen d. hist. V. v. Oberpfalz u. Regensb. XXIX, 16 die Inhaltsangabe der Handschrift aus dem Catalog der Bibl. v. St. Emm. von 1500 mitgetheilt, die wohl schon vor der Verleihung an Celtis geschrieben war. -- M. Haupt im Hermes VII, 189 zeigt, daß Hrotsuit den Plautus nicht gekannt hat. Nach Günther, Gesch. d. math. Unterrichts (1887) S. 83 ff. kannte sie Boethius de arithmetica.
Lange Zeit hat Hrotsuit an der Dichtung, die ihr offenbar große Mühe machte, gearbeitet, denn im Anfang erwähnt sie den 965 gestorbenen Erzbischof Brun noch als lebend. Bruno Zint[2] hat die Ansicht aufgestellt, daß sie, als sie die Widmungen an Gerberga und an Otto I schrieb, auch die Absicht hatte, ihr Werk in gleich ausführlicher Weise bis zum Schluß zu führen, worauf der Wortlaut allerdings führt; später habe sie, als Otto II ein Exemplar verlangte, die Darstellung der Kaiserzeit aufgegeben und den summarischen Schluß hinzugefügt. In der Zwischenzeit könnte ihr Widukind bekannt geworden sein, der bei der eigentlichen Arbeit ihr nicht vorlag. Dagegen tritt Zint sehr bestimmt für die schon früher aufgestellte Behauptung ein, daß Liudprands Antapodosis ihr bekannt gewesen und von ihr benutzt sei, und bringt dafür sehr erhebliche Gründe bei. Mit den von ihr in der Widmung gebrauchten Ausdrücken läßt sich das wohl vereinigen, da Liudprands Werk doch ganz anderer Art war.
[2] Bruno Zint: Ueber Roswitha's Carmen de gestis Oddonis, Königsb. Diss. 1875.
Später behandelte Hrotsuit in ähnlicher Weise auch die Anfänge ihres Klosters und dessen Geschichte bis zum Jahre 919, bis zum Tode der Christina, der letzten von den drei Töchtern Ludolfs, welche nach einander dem Stifte vorstanden[3]. Da diese Dichtungen sich von der Prosa fast nur durch die äußere Form unterscheiden, so lassen sie sich den später so beliebten Reimchroniken vergleichen; sie schließen sich nicht dem Epos Angilberts, sondern den versificirten Annalen des sächsischen Dichters an.
[3] De primordiis coenobii Gandersheimensis. MG. SS. IV, 306-317. Die nach einer von Waitz, Arch. VIII, 266, angef. Notiz in Koburg befindliche Copie habe ich dort vergeblich gesucht, dagegen ein altes Verzeichniß des Gandersheimer Kirchenschatzes gefunden und im Anz. d. Germ. Mus. XX, 345-347 mitgetheilt.
Die Gandersheimer Nonnen sind dem gewöhnlichen Geschick reicher und vornehmer Stifter verfallen; von ihren Studien ist nach diesen vielversprechenden Anfängen ferner nicht die Rede. Ueber den Kirchenstreit, welcher so viel Unruhe erregte, haben wir der Hildesheimer Darstellung eine Gandersheimer nicht gegenüber zu stellen. Von der Aebtissin Sophie (1002-1039), Otto's II Tochter, heißt es zwar noch:
Danken, word unde werk wande se all to gode, Under der ebtissen or nichteln hode Lernde se clostertucht unde ok landrecht darto; De scrift to lernde was se vlitich spade unde vro. Dat bok secht, dat se so vele wisheit konde, Dat se ok wolgelarden meistern wedderstunde.
Aber gerade unter ihr scheint die Hoffart dort eingezogen zu sein. Das Buch war wohl sicher von keiner Nonne verfaßt. Es behandelte die Stiftung des Klosters und dessen Geschichte bis zu der Kirchweih von 1007 und der Schenkung von Derneburg, nebst der aufs engste damit verflochtenen, ja an die Pflege des Klosters geknüpften Erhebung des Hauses des Ludolfinger. Im Jahre 993 war das Kloster abgebrannt; nach Beilegung des langen Streites mit dem Erzbischof Willegis wurde der Neubau 1007 durch den Bischof Bernward von Hildesheim eingeweiht, und ohne Zweifel durch diese Vorgänge wurde die Schrift veranlaßt. Von Hrotsuit scheint der Verfasser nichts mehr gewußt zu haben. Dagegen benutzte er Widukind, vorzüglich für die Geschichte des Königs Heinrich, und verband damit eine schon sagenhaft entstellte Ueberlieferung vom Ungernkrieg. Die Aebtissinnen Gerbirg und Sophie werden sehr verherrlicht, aber was von ihnen und ihrem Verhältniß zum Kaiserhaus berichtet wird, trägt schon ein so sagenhaftes Gepräge, daß eine geraume Zeit dazwischen liegen muß. Erhalten ist uns dieses Buch nicht, wohl aber die deutsche Bearbeitung des „papen =Eberhart=“ von 1216 in wortreicher Reimerei[4].
[4] Eberhards Reimchronik von Gandersheim, neue Ausg. von L. Weiland, MG. Deutsche Chroniken II, 385-429. Vgl. P. Hasse: Die Reimchronik des Eberhard von Gandersheim, Diss. Gott. 1872.
Merkwürdig ist vorzüglich, daß uns hier, wie es nach der sorgfältigen Untersuchung von Paul Hasse scheint, der erste Anfang jener sagenhaften Ausschmückung der Geschichte entgegentritt, deren wir noch mehrfach zu gedenken haben werden; noch andere Spuren leiten dabei gerade nach Gandersheim, und die Darstellung des Sieges über die Ungern in der von Heinrich von Herford benutzten Sachsenchronik ist mit dem Bericht bei Eberhart verwandt[5].
[5] Nicht daraus abzuleiten, s. Waitz, Jahrbb. unter Heinrich I, 3. Ausg. S. 259.
In der Zeit der Ottonen scheinen auch andere Frauenklöster Sachsens hinter Gandersheim an gelehrter Bildung nicht zurückgeblieben zu sein, wenn auch gerade keine Hrotsuit ihnen einen so hohen Ruhm vor der Welt verlieh, wie Gandersheim. Der Hazecha von Quedlinburg gedachten wir schon oben (S. 321). Nicht leicht traten die Nonnen als Schriftstellerinnen auf, aber auch die Bildung der Priester, welche wie Agius dem Stifte nahe standen oder auch dem Kloster selbst angehörten, erlaubt einen vortheilhaften Schluß auf den Zustand der Klosterschule.
=Herford= hatten wir schon früher (S. 253) zu erwähnen wegen der Uebertragung der heiligen Pusinna. Hier ward Hathumod erzogen, und es wird von Agius gerühmt. Hier wurde auch die Königin =Mahthild= unter der Aufsicht ihrer gleichnamigen Großmutter, der Aebtissin des Klosters, erzogen und unterrichtet. Als Witwe stiftete die Königin das Kloster =Nordhausen=, und hier wurde im nächsten Jahrzehnt nach ihrem Tode (28. Febr. 968) ihr Leben beschrieben, entweder von einer Nonne des Stiftes oder von einem Priester, der ihr nahe gestanden hatte und von der Aebtissin Ricburg die übrigen Nachrichten erfuhr. An den Kaiser Otto II ist es gerichtet und natürlich ganz panegyrischer Art. Auch die Form ist ungeschickt, aber in dieser Zeit war es noch ein nicht häufiges Verdienst, überhaupt schreiben zu können. Der Inhalt genügt freilich unseren Wünschen bei weitem nicht; die gewöhnlichen Schilderungen klösterlicher Frömmigkeit nehmen den größten Raum ein, und wie Einhard die Worte Suetons benutzt hat, um den Kaiser Karl zu schildern, so finden wir hier ganze Stellen aus Sulpicius Severus und aus dem Leben der Radegunde angewandt. Herzog Heinrich ist von Jaffé entlarvt als der Pamphilus aus Terenz Andria[6]. Das Formelhafte dieser Lobpreisungen tritt dadurch hier noch mehr als sonst hervor, und an einer Stelle ist sogar die Geschichte selbst dadurch sehr wesentlich berührt worden, indem Otto I eine gewaltsame Thronbesteigung zum Vorwurf gemacht wird. Diese Behauptung, welche früher einigen Anstoß erregt hatte, wird nun niemand mehr irren, seitdem Jaffé, der jene fremden Federn überhaupt zuerst entdeckte, hier eine Stelle des Sulpicius Severus nachgewiesen hat, welche den Kaiser Maximus angeht. Seitdem hat nun H. Heerwagen auch noch die Plünderung der Vita S. Gertrudis ans Licht gebracht, und dadurch Koepke's Ansicht von einer Benutzung des Widukind in dieser Biographie die letzte Stütze entzogen. Er hat zugleich auf die zahlreichen Fragmente von Hexametern hingewiesen, welche bedeutende Vertrautheit mit alten Dichtern zeigen, während dagegen der von Loeher angeregte Gedanke an eine ursprünglich metrische Bearbeitung durch die musivische Zusammensetzung mit jenen Plagiaten unmöglich wird[7].
[6] Forschungen IX, 343-345.
[7] Heerwagen: Einige Bemerkungen zu den beiden Lebensbeschreibungen der Königin Mathilde, Forschungen VIII, 367-384. Sehr beachtenswerth für die schablonenmäßige Natur der Legenden überhaupt, und zur Warnung, daß man auf die stereotypen Wendungen derselben kein Gewicht zu legen hat.
Dennoch gewährt uns diese Schrift einige schätzbare Nachrichten, und es ist deshalb sehr erfreulich, daß R. Koepke sie in einer Göttinger Handschrift entdeckte[8]. Früher kannte man nur eine spätere Ueberarbeitung derselben, deren Verfasser, ebenfalls dem Kloster Nordhausen nahestehend, das Werk stilistisch umformte und manches veränderte, namentlich Heinrich von Baiern, Mahthilds Lieblingssohn, ungebührlich hervorhob, dem Enkel desselben, Heinrich II, zu Liebe, welcher ihm diese Arbeit aufgetragen hatte[9]. Daß hierzu Gumpolds Wenzellegende benutzt war, hat zuerst Loeher bemerkt, der jedoch eine gemeinsame Quelle annahm; R. Koepke hat das richtige Verhältniß festgestellt. Die genaueste und sehr lehrreiche Analyse der ganzen Vita hat aber Heerwagen angestellt. Die Bildung ist inzwischen schon bedeutend mehr clerical geworden; nicht mehr vergilische Anklänge herrschen hier, sondern die kirchliche Reimprosa des Chorgesangs. Der Ausdruck ist geglättet, und die wörtlichen Entlehnungen sind mehr verwaschen, dafür aber andere dazugekommen, und wieder ist es derselbe gelehrte Apparat, vermehrt jedoch durch Sedulius (ep. ad Macedonium), mit welchem auch der Ueberarbeiter wirthschaftet. Recht lebhaft tritt uns hier entgegen, wie frei für kirchliche Zwecke und zur verzierenden Ausschmückung die Ueberlieferung behandelt und wie bereitwillig der Schmeichelei für das regierende Haus die Wahrheit geopfert wird. Den Anspruch auf geschichtliche Glaubwürdigkeit hat diese jüngere Vita vollständig eingebüßt.
[8] Vita Mahthildis antiquior ed. Koepke, MG. SS. X, 575-582: vgl. G. Waitz in den Goett. Nachrichten 1852, N. 13. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit, I, 782-784. 835. Uebersetzung von Jaffé 1858, wo die fremden Federn des Verfassers zuerst bemerkt und nachgewiesen sind; 2. A. 1891, Geschichtschr. Bd. 31 (X, 4). R. Koepke, Forsch. VI, 147 bis 171 verficht seine Ansicht, daß der Verf. unter Otto III schrieb. Verbesserungen des Textes von Heerwagen, Forsch. VIII, 382; aus der Handschrift von Jaffé, Forsch. IX, 344. Vgl. auch Wilmans, Kaiserurkk. S. 439 ff. über das Stift Enger.
[9] Vita Mahthildis reginae ed. Pertz, MG. SS. IV, 283-302. Daraus Migne CXXXV. Varianten der älteren und besseren Düsseldorfer Handschrift giebt B. Simson im Archiv f. Gesch. d. Niederrheins VII, 159-163. R. Koepke, Forsch. VI, 170, setzt die Abfassung in das erste Jahr Heinrichs II. Ranke, Weltgesch. VIII, S. 628-634, legt den Angaben der jüngeren Vita über Heinrichs Anspruch auf die Krone grössere Bedeutung bei, als ihnen m. E. Widukind gegenüber zukommt.
Bedeutender als Herford und Nordhausen tritt =Quedlinburg= hervor, ebenfalls eine Stiftung der Königin Mahthild; die erste Aebtissin (966-999) war ihre Enkelin gleiches Namens, die Tochter Otto's des Großen, welcher Widukind seine Geschichte widmete. Hier wurde die Pfalzgräfin Agnes erzogen, und auch der Bischof Thietmar von Merseburg hat hier seine ersten Jugendjahre verlebt, wie denn häufig in damaliger Zeit zum geistlichen Stande bestimmte Knaben die Anfänge des Unterrichts von den Frauen ihrer Familie erhielten[10]. Wir haben schon oben (S. 321) der gelehrten Nonne Hazecha gedacht, von welcher es fast den Anschein hat, als ob sie der Studien wegen sich in Speier aufgehalten habe.
[10] Auch der Pole Sbignew wurde um 1090 (adultus iam aetate) von der Herzogin Judith, seiner Stiefmutter, nach Sachsen geschickt, um in einem Nonnenkloster seinen Unterricht zu erhalten. Chron. Pol. II, 4, SS. IX, 446.
Die bedeutende Stellung, welche die Aebtissin von Quedlinburg im Reiche einnahm, besonders als Otto III ihr während seines Römerzuges die Verwaltung der Geschäfte übertrug, konnte nicht fehlen, hier das Bedürfniß nach geschichtlichen Aufzeichnungen hervorzurufen, so wie an Nachrichten hier kein Mangel sein konnte.
Verschiedene Jahrbücher hatte man zu diesem Zwecke zur Verfügung; als bequemste Grundlage aber erwählte man die =Hersfelder Annalen=. Diese sind uns in ihrer ursprünglichen Gestalt nicht erhalten, aber, während locale Nachrichten die Herkunft feststellen, durch wörtliche Uebereinstimmung als gemeinsame Quelle zu erkennen bei dem Hersfelder Mönch Lambert, in den Annalen von Hildesheim, Quedlinburg und Weißenburg, welche deshalb von Pertz bis 984 neben einander abgedruckt sind[11]. Als fünftes Exemplar kommen die sog. Annalen von Ottobeuern hinzu, welche hessischer Herkunft sind; als sechstes die Altaicher. In den Annalen von Fulda (S. Bonifacii), Lobbes, Ellwangen, Münster im Gregorienthal, bei Marianus Scotus, beschränkt sich die Uebereinstimmung auf den fast werthlosen älteren Theil und wird nur auf Benutzung derselben Fulder Grundlage beruhen, deren wir oben (S. 241) gedachten.
[11] MG. SS. III, 22-66. Vgl. Waitz im Archiv VI, 663-688. In Weißenburg schließt sich eine selbständige locale Fortsetzung 985-1075. 1087. 1147. an, S. 70-72. Andere kurze Ann. Weissenburgenses 763-846, MG. I, 111 aus dem Cod. Weissenb. 81 in Wolfenbüttel, aber ohne Beziehung auf das Kloster, dagegen mit Hervorhebung des B. Drogo von Metz. Berichtigungen von Mone nebst kalendarischen Weißenburger Nachrichten aus derselben Handschrift in der Zeitschrift für Geschichte des Oberrh. XIII, 492. Catal. abb. SS. XIII, 319. Bücherverzeichniß unter Abt Folkmar († 1043) e cod. Weiß. 30 bei Knittel, Ulphilae Fragmenta p. 243-245; der ausgeliehenen p. 246 e cod. 35; dieses berichtigt bei Kelle, Otfrid, II, p. XVI. Becker, Catalogi S. 37 u. 133. Recht unbeholfene Schulverse aus Weißenburg saec. X. hat Dümmler herausgegeben, Zeitschr. f. D. Alt. XIX, 115-118.
Wie man nun auf Grundlage dieser Compilation, nebst einigen Notizen aus älterer Zeit, die am Rande der Ostertafel vorhanden sein mochten, sie fortsetzend das so weit verbreitete Annalenwerk aufgebaut hat, das ist eine schwierige Frage, welche den Scharfsinn mehrerer Forscher beschäftigt hat, unter denen ich nur Ehrenfeuchter in seiner Dissertation über die Annalen von Nieder-Altaich (1870) nenne. Genaueren Nachweis findet man in den gründlichen und sorgfältigen Untersuchungen von Hermann Lorenz[12] und Friedrich Kurze[13]. Begonnen sind sie nach diesem kaum vor 955 und im Anfang aus den Annalen von Corvey, Regino und dessen Fortsetzung geschöpft, sehr dürftig, doch finden sich hin und wieder, und besonders um die Mitte des zehnten Jahrhunderts, neben localen Notizen auch nicht unwichtige Nachrichten; von 960 bis 973 ist die Erzählung gleichzeitig und ausführlicher als vorher.
[12] Die Annalen v. Hersfeld, Leipz. Diss. 1885. S. 83-103 Herstellung der Annalen von 708-973; S. 104-105 von 974-984.
[13] Die Hersfelder und die größeren Hildesheimer Jahrbücher. Progr. d. Gymn. zu Stralsund 1892.
So weit stimmen alle Ableitungen überein, doch ist unverkennbar, daß den Hildesheimer und Quedlinburger Jahrbüchern die vollständige Urform, den übrigen Ableitungen eine abgekürzte Form zu Grunde liegt.
Von hier an nahm man bisher zwei ganz verschiedene Fortsetzungen an, eine in Hersfeld geschriebene bis 984, und eine davon verschiedene Hildesheimer, allein F. Kurze hält beide für identisch und hat (S. 13-25) den Versuch gemacht, den gemeinsamen Ursprung der Nachrichten nachzuweisen, welche in diesem Theile besonders ausführlich und werthvoll, auch in den Altaicher Annalen am besten, wenn auch stilistisch aufgeputzt, uns erhalten sind. Hier endeten die originalen Hersfelder Aufzeichnungen, vielleicht, wie Kurze vermuthet, in Folge von des Abtes Gozbert (970-984) Rücktritt. Von ihm rühmt Lambert in seiner Geschichte von Hersfeld, daß er das Stift mit vielen Büchern bereichert habe, und schildert dann die Verwilderung unter seinem Nachfolger. Dagegen beginnen jetzt die Hildesheimer Eintragungen, welche um 1040 von einem Hersfelder Epitomator in einen Auszug gebracht, den originalen Annalen angehängt, und mit ihnen von Lambert und den Urhebern der Altaicher und Ottobeuerer Annalen benutzt sind.
Außer diesen Annalen sind in Hersfeld auch im Anfang der Regierung Otto's I =Wunder des h. Wigbert= aufgezeichnet worden, welche für Heinrichs I Zeit einige Bedeutung haben[14].
[14] Excerpta ed. G. Waitz, MG. SS. IV, 224-228. Berichtigung in Bezug auf den Abt Megingoz, der schon 935 sein Amt niedergelegt hat, bei H. Lorenz S. 55.
Jene Annalen nun wurden in Quedlinburg als Grundlage einer Compilation benutzt, welche durch andere Materialien aus den Einhardschen Annalen, den Corveyer und Reichenauer, Notizen aus Gandersheim und von 781 an aus einer verlorenen Halberstädter Chronik vermehrt und bereichert wurden[15]; den Eingang bildete hier, wie bei Lambert, ein mageres Excerpt der Weltgeschichte, welche am Anfang der Hersfelder Annalen stand: von 708 an beginnt erst die annalistische Form. So wurde, als Heinrich II schon König war und Otto's III Schwester Adalheid dem Stifte vorstand, eine Compilation verfertigt, welche unter dem Namen =Quedlinburger Annalen= noch zum Theil erhalten ist[16].
[15] S. Lorenz S. 26-32.
[16] MG. SS. III, 22-90. Es gibt nur eine Hs. aus dem 16. Jahrh. mit Lücken von 875-909 u. von 962-983. Uebersetzt (von 984 an) von Ed. Winkelmann, 1862; 2. Aufl. 1891, Geschichtschr. Bd. 36 (X, 9). Vgl. Lappenberg im Archiv VI, 635-653. Waitz S. 686-688. W. v. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit I, 784. II, 557. Sprachliche Anklänge NA. XII, 592.
Der Verfasser wird einer der zahlreichen Geistlichen gewesen sein, welche den Gottesdienst versahen oder als Kapläne der Aebtissin zur Seite standen. Ihm lagen, als er seine Arbeit unternahm, die Thaten der Frankenkönige und Einhards Leben Karls vor; auch Widukinds Werk kann ihm nicht unbekannt gewesen sein. Allein er machte keinen Versuch, nach der Weise dieser Vorgänger die Geschichte der Vorzeit darzustellen, sondern schloß sich einfach der bequemen Form der Hersfelder Annalen an, von welchen er ein Exemplar mit der Fortsetzung bis 990 besaß. Diese excerpirte er in sehr roher Weise, und vermehrte sie wiederum mit zahlreichen Zusätzen, aber es kam ihm doch nicht in den Sinn, auch eine innerliche Verknüpfung zu erstreben.
Auch hier finden wir Stücke aus der alten Heldensage, die zum Theil mit Widukinds Erzählung übereinstimmen, aber sie sind hier nur ganz äußerlich eingeschoben. Es fällt darunter vorzüglich (S. 31) eine Bemerkung über Dietrich von Bern auf, de quo cantabant rustici olim, was zum elften Jahrhundert schlecht paßt, und eine lange Erzählung vom Thüringerkriege, welche ganz aus dem Charakter des übrigen Werkes heraustritt. Hiervon hat nun L. Hoffmann[17] nachgewiesen, daß weder Ekkehard noch der Sächsische Annalist und Chronograph sie in ihrem Exemplar gelesen haben, daß dagegen der Verfasser des Chronicon ducum Brunsvicensium sie gekannt hat. Wenn nun, wie man vermuthet, dieser sie aus den Nienburger Annalen entnommen hat, so muß sie im 12. Jahrhundert vorhanden gewesen sein. Aber zum ursprünglichen Werke gehört sie nicht, und die Bemerkung über Thiderik von Berne ist ein noch viel späterer Zusatz[18].
[17] Jahresbericht über die höhere Bürgerschule zu Rathenow (1872): Zur Geschichte des alten Thüringerreiches. Von Dr. L. Hoffmann. Uebers. dieses Stücks in der 2. Ausg. des Widukind, S. 127-130.
[18] Gegen den Widerspruch von H. Lorenz, Germania XIX (1886) S. 137-150, s. NA. XII, 428.
Gewiß fehlte es in Quedlinburg nicht an Hülfsmitteln, um besseres zu leisten, aber vielleicht eben deshalb und weil der Verfasser gar nicht daran dachte, die ausführlicheren Werke über die Vorzeit durch das seinige ersetzen zu wollen, begnügte er sich mit dem dürftigsten annalistischen Gerippe, welches ihm diente, um nach Bedürfniß hier und da Bemerkungen und Zusätze einzutragen. Mit Heinrichs I Zeit werden die selbständigen Eintragungen häufiger[19], durchweg panegyrisch für die Ludolfinger; nach einer Lücke von 961-983, die sich aus dem späteren sächsischen Chronographen zum Theil ergänzen läßt, finden wir den Verfasser schon 993 als Augenzeugen redend, und von da an beginnt nun eine sehr ausführliche Geschichtserzählung, die von Jahr zu Jahr fortschreitet, und wenn nicht immer gleichzeitig, so doch nicht sehr fern von den Ereignissen aufgezeichnet ist. Von 1004 an tritt eine lebhafte Abneigung gegen Heinrich II hervor, welche sich vorzüglich an seine rücksichtslose Klosterreform anknüpft; noch bis in den Anfang von 1016 scheint dieselbe völlig gleichzeitige Hand kenntlich zu sein. Der weitere Fortsetzer aber ist ein eifriger Bewunderer des Kaisers; die nächsten Jahre sind weit kürzer und nicht fehlerfrei, wohl nachträglich ergänzt von demselben, welcher 1020 mit breitem pomphaften Redefluß fortfährt[20].
[19] Nach H. Detmer, Otto II bis zum Tode seines Vaters. Leipz. Diss. 1878, Excurs, beginnen aus Quedlinburg selbst stammende Notizen nicht vor 913, und können nicht vor 967 (Kaiserkrönung Otto's II) geschrieben sein. Jahresbericht f. Geschichtswissenschaft I, 138.
[20] Ich folge hier jetzt der gegen H. Pabst zu Hirsch's Heinrich II, II, 443-449 gerichteten Ausführung von Usinger, Forsch. IX, 346-360. Der Text von 1014 und 1015 ist S. 351 in Ordnung gebracht mit Hülfe des Chronogr. Saxo, und mit Hinweis auf Zeißberg: Die Kriege Heinrichs II mit Bol. von Polen, SB. LVII, 397.
Vieles erinnert in diesen Jahrbüchern an die alten Reichsannalen, allein es fehlt doch die gleichmäßige Einheit, es fehlt auch der umfassende Ueberblick über das ganze Reich. Wenn man auch die Beziehung der fürstlichen Aebtissin zum Kaiserhofe wahrnimmt an der zuverlässigen Kunde von entfernten Ereignissen, so überwiegt doch das Interesse für die nähere Umgebung, namentlich die Kämpfe mit den Slaven, und die unbedeutendsten localen Vorfälle treten ohne Unterscheidung zwischen die großen geschichtlichen Begebenheiten. Zugleich artet die Sprache häufig in unerträgliche Schwülstigkeit aus, wodurch vollends alles Ebenmaß verloren geht. Doch müssen wir diese Jahrbücher zu den bedeutenderen Erscheinungen der Historiographie zählen, und sachlich sind sie vom höchsten Werthe, ihr plötzliches Abbrechen mit dem Jahre 1025 läßt eine sehr empfindliche Lücke zurück. Ob sie viel weiter gereicht haben, ist sehr zweifelhaft[21]; uns ist nur eine Abschrift aus später Zeit erhalten, und der gänzliche Verlust, der hier so leicht erfolgen konnte, legt den Gedanken nahe, wie manche andere Aufzeichnung der Art spurlos verschwunden sein mag. Namentlich läßt sich das mit Sicherheit von =Halberstadt= annehmen, wo gewiß auch geschichtliches geschrieben wurde. Hier war 840 bis 853 =Haimo= Bischof, ein Schüler Alcuins, Hrabans Freund, ein sehr gelehrter und fruchtbarer theologischer Schriftsteller, der unter anderm aus Rufins Kirchengeschichte einen Auszug in zehn Büchern verfaßte; doch ist es zweifelhaft, ob diese Schriften ihm mit Recht zugeschrieben werden[22]. Von ihm gab es eine Biographie, aber leider ist nur ein kleines Fragment davon erhalten[23]. Der Verfasser, =Rochus=, war jedoch Mönch im Kloster Ilsenburg, welches erst 998 gegründet ist, und schrieb also mindestens anderthalb Jahrhunderte nach dem Tode des Bischofs. Auf den wegen seiner Frömmigkeit sehr verehrten Bischof Bernhard (924 bis 968) folgte (968 bis 996) =Hildeward=, welcher in St. Gallen höhere wissenschaftliche Ausbildung erhalten hatte. Wir besitzen von ihm einen Brief an den Bischof Adalbero II von Metz (984 bis 1005)[24], worin er, eingedenk der mit seinem Vorfahr Dietrich geschlossenen Verbrüderung, ihm ein Buch, um welches er gebeten hatte, überläßt, zugleich aber bittet um ein Theilchen von dem Blute des h. Stephan, und um Reliquien der h. Glodesinde „quatenus pietas divina, quae aliis in Gallia Hunorum devastatione pereuntibus vestram horum interventu civitatem protexit, nos etiam eorundem precibus a prevalidis Sclavorum, quibus undique premimur, infestationibus omnibusque periculis liberare dignetur“. Beide Kirchen verehrten den h. Stephan als ihren Schutzpatron.
[21] H. Pabst de Ariberto p. 10 suchte in Uebereinstimmung mit Waitz und Koepke aus Annalista und Chronographus Saxo Forts. bis 1030 nachzuweisen, aber diese Nachrichten werden jetzt für die Ann. Hild. majores in Anspruch genommen. Daß 1034 nicht dazu gehört, zeigt Steindorff, Forsch. VI, 493.
[22] Hauck II, 597, Anm. 3. Traube, Poet. Lat, III, 422, Anm. 4. Der Lehrer Heirichs von Auxerre kann er nicht gewesen sein.
[23] Archiv XI, 285. Schon Leibniz hatte es Papebroch mitgetheilt, s. Lucä, Der Chronist Fr. Lucae, S. 294.
[24] Labbe, Nova Bibl. MSS. I, 682.
Unter diesem Bischof nun ist nach Weilands Forschungen eine =Bisthumschronik= geschrieben, welche schon Thietmar benutzt hat, da er vielfach nach Jahren der Halberstädter Bischöfe rechnet; auch in den Quedlinburger Annalen soll sie schon benutzt sein. Diese Chronik wurde bis 1140 fortgesetzt, bis 1113 vom Annalista Saxo benutzt. Andere Fortsetzungen folgten; erweitert durch Benutzung von Thietmar, Ekkehard u. a. wurde sie 1209 in den Auszug gebracht, welcher allein uns erhalten ist[25].
[25] Gesta episcoporum Halberstadensium ed. Weiland MG. SS. XXIII, 73 bis 123, vgl. p. VII u. GGA. 1877 S. 786. Scheffer-Boichorst, Forsch. XI, 498-506 wies auf diese alten Halb. Nachrichten hin, die er für Annalen hielt. Vgl. oben S. 256 über vermuthete Spuren Halb. Annalen beim Poeta Saxo.
Hildewards Nachfolger =Arnold= oder =Arnulf= (996 bis 1023) weihte die angeblich von Heinrich II aus Liebe zu dem Einsiedler Wanlef erbaute Stephanskirche zu Wanlefsrode, welche später als Probstei an das nahe Ilsenburg kam[26]. Von ihm besitzen wir einen ausführlichen, vortrefflich geschriebenen Brief, durch welchen er im J. 1007 den Bischof Heinrich von Würzburg zu bestimmen suchte, sich die Stiftung von Bamberg gefallen zu lassen[27].
[26] S. die merkwürdige Urk. des Erneuerers der Kirche, B. Reinhard von Halberstadt, vom 9. Mai 1110 bei Delius. Untersuchungen über die Gesch. d. Harzburg (1826), Urkk. S. 1-5, vgl. Text S. 280-287. Dieselbe jetzt bei Jacobs, Urkundenbuch v. Ilsenburg (Geschichtsquellen der Provinz Sachsen VI) S. 11.
[27] Ussermann, Ep. Bamb. I^{b}, S. 8. Jaffé, Bibl. V, 472-479; vgl. Giesebrecht II, 59.
Zu nennen ist von anderen sächsischen Klöstern nur noch =Werden= an der Ruhr, wo =Uffing= außer einigen Versen zum Preise des h. Liudger und seines Klosters auch das schon oben (S. 253) erwähnte Leben der h. Ida zwischen den Jahren 980 und 983 verfaßte.
§ 4. Hildesheim.
Hildesheim, in der karolingischen Periode noch nicht durch litterarische Leistungen bekannt[1], gewann in der zweiten Hälfte des zehnten Jahrhunderts einen glänzenden Namen unter den Pflanzstätten höherer Bildung, den es dann lange behauptete. Als erstes Denkmal ist uns die Geschichte der =Uebertragung des h. Epiphanius= erhalten[2]. Der Eifer für die Erwerbung von Reliquien, der schon im neunten Jahrhundert so manche kleinere geschichtliche Aufzeichnung veranlaßt hatte, gewann in der folgenden Periode einen neuen Anstoß durch die Römerzüge der Ottonen, und der an solchen Schätzen reiche italische Boden wurde mit allen Mitteln ausgebeutet.
[1] Für Bischof Reginbert (834-835 (?) Feb. 12) wurde eine canonistische Hs. geschrieben, welche später Bischof Biso von Paderborn an B. Sigismund von Halberstadt schenkte. W. Arndt, Schrifttafeln, t. 41. 42.
[2] Translatio S. Epiphanii ed. Pertz, MG. SS. IV, 248-251; vgl. Dümmler, Otto I, S. 343, wo er sich mit Leibniz und Brower gegen Pertz, der 964 vorzog, für 962 erklärt.
=Otwin=, einst Mönch in Reichenau, der zweite Abt des Mauriciusstiftes zu Magdeburg, der 954 den Hildesheimer Bischofstuhl bestiegen hatte, begleitete den Kaiser auf seiner zweiten Heerfahrt nach Italien und benutzte 962 seinen Aufenthalt zu Pavia, um sich durch Einbruch und Kirchenraub den Leib des =h. Epiphanius= zu verschaffen, den er als herrlichste Beute nach Sachsen brachte.
Allein nicht nur an Reliquien, sondern auch an Büchern war Italien noch immer das reichste Land, und auch diesem Schatze stellte Otwin eifrig nach; auch davon brachte er einen großen Vorrath mit nach dem bis dahin bücherarmen Hildesheim, und dadurch legte er den Grund zu der kräftigen Entwicklung der dortigen Schulen[3]. Die erste Frucht dieser neuen Thätigkeit, welche uns bekannt geworden ist, verherrlicht eben jene Uebertragung; es ist eine im schlichten kirchlichen Stil der Zeit geschriebene Erzählung, die jedoch erst nach Otwins Tode (1. Dec. 984) verfasst ist, vielleicht, wie Beelte vermuthet, von =Thangmar=.
[3] „Librorum nihilominus tam divinae lectionis quam philosophicae fictionis tantam convexit copiam, ut qui illorum penuria inerti ante torpebant otio, frequenti nunc studii caleant negotio.“ Transl. c. 2.
Dieser stand damals der Schule vor; später wurde er Domdechant und nahm zugleich als Bibliothekar und Notar eine bedeutende Stellung ein; ein großer Theil der bischöflichen Geschäfte ging durch seine Hand, und namentlich in den Jahren von 1000 bis 1002 führten ihn wichtige Aufträge wiederholt an den päbstlichen und kaiserlichen Hof. Seiner besonderen Leitung wurde der junge =Bernward= anvertraut, ein sächsischer Knabe von vornehmster Herkunft, der schon in früher Kindheit der Hildesheimer Kirche übergeben war. Nicht allein in den Wissenschaften, sondern auch in den Künsten, der Schreibkunst, Malerei, Bildhauerei und Baukunst wurde der junge Bernward unterrichtet, und auch hierin zeichnete er sich bald in hohem Grade aus. Denn wie wir das besonders auch in St. Gallen sahen, die Geistlichkeit pflegte und bewahrte in Deutschland damals in ihrer Mitte alles, was überhaupt von höherer Ausbildung irgend vorhanden war; noch mußte sie fast alles, dessen sie bedurfte um den hohen Anforderungen ihrer Stellung zu genügen, selber leisten.
Später hielt Bernward sich einige Zeit bei dem Erzbischof Willigis auf, bei seinem Großvater dem Pfalzgrafen von Sachsen, und bei seinem Oheim, dem Bischof Folkmar von Utrecht; dann begab er sich 987 an den kaiserlichen Hof, und hier vertraute ihm Theophano die Erziehung des königlichen Kindes Otto III.
Am 7. Dec. 992 starb in Como der Bischof Gerdag von Hildesheim, und Bernward wurde zu seinem Nachfolger erwählt. Dreißig Jahre lang hat er dieses Amt verwaltet, und nicht leicht hat ein Bischof ein besseres Andenken hinterlassen. Unter den trefflichen Bischöfen, an welchen diese Zeit so reich ist, war er einer der hervorragendsten. In ihrer Hand waren zum großen Theil die Reichsgeschäfte; Bernward hatte schon als Hofcaplan an der Regierung Antheil gehabt, und als Bischof nahmen ihn die wichtigsten Angelegenheiten vielfach in Anspruch. Dabei aber sorgte er für seinen Sprengel mit unermüdlicher Sorgfalt. Noch war Sachsen nicht gesichert gegen die Einfälle der Wenden und der Normannen, welche grade damals mit verstärkter Wuth sich erneuten, und erst Bernward verschaffte seinem Gebiete durch Befestigungen und zweckmäßige Einrichtungen ausreichenden Schutz, sowie er auch durch vielfache kaiserliche Begnadigungen die Ausbildung des Stiftes zu einem wirklichen Fürstenthume begründete. Ueberhaupt ließ er keine Eigenschaft eines tüchtigen weltlichen Regenten an sich vermissen und war zugleich ernstlich bemüht, Hildesheim immer mehr zu einer Stätte geistiger Bildung zu machen. Er bereicherte die Bibliothek des Stiftes mit zahlreichen Handschriften; leider wurde aber durch einen Brand 1013 der größte Theil der Bibliothek vernichtet[4]. Talentvolle Knaben ließ er in Wissenschaft und Kunst unterweisen; die begabtesten führte er mit sich an den königlichen Hof, um sie von der vielfachen hier gebotenen Gelegenheit zu höherer Ausbildung Nutzen ziehen zu lassen. Mit herrlichen Kunstwerken hat er seine Bischofstadt geziert[5] und ein bleibendes Denkmal errichtete er sich durch die Stiftung des Michaelisklosters, dessen erster Abt Goderamnus, Probst von St. Pantaleon in Coeln, ein Mann von wissenschaftlicher Bildung war[6].
[4] Vgl. darüber Forsch. XVI, 184.
[5] Im Anschluß an Berthier „La Porte de Sainte-Sabine de Rome“ (Frib. Helv. Ind. lectt. 1892) sucht A. Bertram nachzuweisen, daß der Aufenthalt in Rom 1001 bei dem Kaiser auf dem Aventin ihn zu der Schöpfung der Bronzethüren des Hild. Doms angeregt habe. Die Thüren von St. Sabina in Rom das Vorbild der Bernward-Thüren. Hild. 1892.
[6] Ihm gehörte die alte Vitruvhandschrift, jetzt im Brit. Mus. Harl. 2767, s. Catal. of ancient Manuscripts (1884) S. 72 und das Facs. pl. 55. Auch Thangmar hinterließ dem Michaelskloster 55 Bücher.
Tief betrauert starb Bernward am 20. November 1022, und seinem alten Lehrer Thangmar, der ihn um einige Jahre überlebte, fiel noch die Aufgabe zu, ein Bild seines Lebens zu entwerfen. Die Absicht hatte er schon früher gehabt, und nachdem er mit Mühe Bernwards Einwilligung dazu erlangt, die Materialien dafür gesammelt, wie Beelte nachweist, auch die ersten 10 Capitel schon zwischen 1008 und 1013 geschrieben. Damit verband er nun den Schluß (Cap. 44-56) und schob in die Mitte eine Zusammenstellung seiner gleichzeitig gemachten Aufzeichnungen über den Gandersheimer Streit, weniger deshalb, weil sie für die Biographie nöthig waren, als zum Rüstzeug für den Nachfolger. Einen großen Theil dessen, was er berichtet, hatte er selbst mit durchlebt und an allen Geschäften thätigen Antheil genommen; Bernward aber war, wie Thangmar selbst sagt, von solchem Vertrauen zu ihm erfüllt, wie ein Kind zu seinem Vater, und aus seinem ganzen Leben konnte auch nicht der geringste Umstand ihm verborgen bleiben.
So entstand denn das =Leben Bernwards=[7], eines der schönsten biographischen Denkmale des Mittelalters, welche wir besitzen, und eine der wichtigsten Quellen für einen bedeutenden Zeitraum. Die reichste Fülle des Stoffes tritt hier an die Stelle jener immer wiederkehrenden Phrasen, welche sonst so häufig die Armuth des Schreibenden verdecken; die Sprache ist schlicht und einfach, und während die wärmste Liebe zu dem Verstorbenen das ganze Werk erfüllt, trägt es doch den Stempel der Wahrhaftigkeit. Bernward bedurfte zu seinem Lobe keiner Uebertreibungen. Nur in Bezug auf Heinrichs II Wahl, der Bernward entgegen war, ist Thangmar nicht aufrichtig, und sein Ansehen bei Otto III ist, wie es Biographen zu gehen pflegt, überschätzt. Einen großen Raum nimmt hier, wie im Leben Godehards, der Streit der Hildesheimer mit den Mainzer Erzbischöfen wegen des Diöcesanrechtes über Gandersheim in Anspruch. Leider fehlt es uns darüber ganz an einer Darstellung von der anderen Seite, aber eine gewisse Einseitigkeit und nicht gar zu offenherzige Wahrhaftigkeit werden wir dem Hildesheimer zu gute halten müssen.
[7] Thangmari Vita Bernwardi ed. Pertz, MG. SS. IV, 754-782: Miracula p. 782-786. Acta SS. Oct, XI, 996-1024 von Jos. van Hecke, ohne neue Hülfsmittel, mit ausführlichem Commentarius praevius. Uebersetzt von Hüffer 1858. Einhards V. Caroli benutzt nach Manitius, NA. XIII, 208. Vgl. W. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit I, 786. Der heilige Bernward, von H. A. Lüntzel, Hild. 1856. Ch. Beelte, Thangmar, sein Leben und Beurtheilung seiner Vita Bernwardi. Progr. d. Gymn. Joseph. in Hild. 1881. Ueber die Handschriften im Domschatz Krâtz, Der Dom zu Hildesheim, 1810; vgl. oben S. 318. Ueber eine in V. Bernw. u. Godeh. benutzte Urk. Heinrichs II Bayer, Forsch. XVI, 178-193. Ueber B.'s kunsthistor. Bedeutung Alwin Schultz in dem Werk von R. Dohme: Kunst u. Künstler des Mittelalters, I, 1877. St. Beissel, Die Kunstthätigkeit des h. B. (Stimmen aus Maria-Laach XXVIII, 1885) S. 131 ff. Ders. Die Bilder der Hs. des K. Otto in Aachen (1886) S. 35-39, über das von B. für St. Michael gestiftete Evangeliar Janitschek, Gesch. d. D. Kunst S. 83, 84.
Vieles was im Leben Bernwards steht, findet sich übereinstimmend, aber kürzer, auch in den =Hildesheimer Annalen=[8], einer sehr schätzbaren Geschichtsquelle, welche wir vermuthlich der Anregung Bernwards verdanken. Wenigstens sind sie in der noch erhaltenen Urschrift bis zum Jahre 994, wo sie mit einem unvollendeten Satze schließt, von einer Hand geschrieben und also wohl bald, nachdem Bernward Bischof geworden war, zuerst verfaßt. Die Beschaffenheit dieses ersten Theiles ist ganz dieselbe, welche wir schon bei den Quedlinburger Annalen sahen und überall wiederfinden; der Verfasser hielt eine bis auf Adam zurückreichende annalistische Grundlage für nothwendig, ohne jedoch darauf irgend welche Sorgfalt zu verwenden; er ließ nur auf Rufi Festi breviarium einen Auszug aus der Chronik des Isidor[9] folgen, schon hier mit Benutzung der Hersfelder Annalen; sodann einen Pabstcatalog. Darauf schrieb er die kleinen Lorscher Annalen ab und excerpirte von da an, wo diese aufhören, die Hersfelder Annalen, nicht ohne eigene Zusätze. Daran schließt sich dann die Fortsetzung, welche den Werken dieser Art allein einen Werth verleiht, abgesehen von den einzelnen Notizen, welche durch den Mangel besserer Quellen zufällig Bedeutung erlangen. Die Nachrichten sind gut und zuverlässig, bei weitem nicht so ausführlich wie die Quedlinburger, aber übrigens ähnlicher Art. Die Verfasser haben die großen Begebenheiten der Zeit im Auge und berichten darüber, was sie erfahren; dazu setzen sie alles, was ihnen merkwürdig vorkommt, großes und kleines; von einer eigentlichen Verarbeitung, einer gleichmäßig fortgeführten geschichtlichen Erzählung ist nicht die Rede.
[8] Annales Hildesheimenses ed. Pertz, MG. SS. III, 22-116. Uebersetzt von Ed. Winkelmann 1862. Vgl. Waitz im Archiv VI, 663 ff. L. Giesebrecht, Wendische Geschichten. III, 299. 307. W. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit, I, 784. II, 557. 566. Neue Ausgabe von G. Waitz, 1878.
[9] Ueber die hier benutzte, von anderen abweichende Form s. Waitz NA. IV, 163.
Nur bis zum Jahre 1040 stammen diese Annalen aus Hildesheim und zwar aus dem von Bernward gestifteten Michaeliskloster; der Rest bis 1137 ist den Sanct Albaner und Paderborner Annalen entnommen. Von jenem Theile aber von 995 bis 1040 nahm Pertz an, daß er in dieser Handschrift (Paris 6114) von verschiedenen Händen den Ereignissen gleichzeitig eingetragen sei. Nachdem jedoch mehrere Bedenken diese Annahme als unwahrscheinlich erscheinen ließen, hat nun eine erneute Prüfung der Handschrift ergeben, daß Pertz sich geirrt hat, und daß vielmehr das Stück von 1000 bis 1040 von einem Copisten eingetragen ist[10]. Deshalb steht nun kein Bedenken mehr der Thatsache entgegen, auf welche mit zunehmender Sicherheit die scharfsinnigen Untersuchungen von H. Pabst[11], E. Steindorff[12], W. v. Giesebrecht und H. Breßlau führten, daß es nämlich größere vollständigere Hildesheimer Jahrbücher gegeben hat, von welchen uns nur ein Auszug erhalten ist. Wir werden darauf später zurückkommen; rückwärts hat sie Breßlau bis 1023 verfolgt, H. Lorenz aber und besonders Fr. Kurze, gestützt vorzüglich auf die Annales Altahenses, auch schon für die frühere Zeit. Es sind danach also die Hersfelder Annalen bis 984 in Hildesheim mit Zusätzen[13] und einer Fortsetzung bis 994 versehen, und dieses Werk ist in einen Auszug gebracht, zu welchem später ein weiterer Auszug aus denselben, inzwischen fortgesetzten größeren Jahrbüchern hinzugefügt ist. Zweifelhaften Ursprunges bleiben nur die Jahre 995 bis 997, welche nach Waitz von einer zweiten Hand geschrieben sind, während eine dritte zu 998 eine kurze Eintragung machte, Notizen zu 996 und 999 etwas später geschrieben sind.
[10] S. H. Breßlau im NA. II, 563-566, und die neue Ausgabe von Waitz.
[11] De Ariberto (1864) p. 10-16.
[12] Jahrbücher unter Heinrich III, I, 421 ff.
[13] Merkwürdig ist besonders die Stelle über Bennopolls NA. XIII, 623 (Arch. VIII, 606), verglichen mit dem kurzen Auszug der Ann. Hild. (minores) ad a. Tiberii 6. Ich hatte schon früher auf die offenbar aus solchen Ann. Hild. maj. stammende Nachricht der Ann. Quedl. 992 hingewiesen.
Hildesheim wurde das Glück zu Theil, daß auf Bernward der nicht minder ausgezeichnete Bischof Godehard folgte, und es behauptete auch in der folgenden Periode eine hervorragende Stellung.
§ 5. Magdeburg. Merseburg.
An der Ostgrenze Sachsens hatte Otto, auch hierin Karls Beispiel folgend, Magdeburg ausersehen zum geistigen Mittelpunkte für die wendischen Länder. In das Moritzkloster, welches die Grundlage dazu bildete, berief er 937 Mönche aus St. Maximin bei Trier, einem Kloster, das freilich auch verweltlicht und verwildert, aber schon 934 zur klösterlichen Ordnung zurückgeführt war. Auch der erste Erzbischof =Adalbert= (968-981) war ein Mönch von St. Maximin und Abt von Weißenburg; in beiden Klöstern zeigt sich Sinn für Geschichtschreibung, und von Adalbert, unter dem die Magdeburger Schule einen hohen Aufschwung nahm, vielleicht selbst Verfasser eines ausgezeichneten Geschichtswerkes, möchte man annehmen, er werde auch dafür gesorgt haben, daß die merkwürdigen Ereignisse, deren Mittelpunkt Magdeburg war, nicht in Vergessenheit geriethen, doch ist davon keine Spur vorhanden. =Ohtrich= oder Otrich, der Vorsteher der Domschule[1], galt bei seinen Verehrern für den größten Gelehrten seiner Zeit; er wetteiferte mit Gerbert und disputirte mit ihm (980) vor dem Kaiser Otto II. Denn in Magdeburg hatte er sich mit dem Erzbischof nicht vertragen können; sein Ehrgeiz, wie es scheint, trieb ihn an des Kaisers Hof, wo außer dem Ruhme der Gelehrsamkeit auch Bisthümer zu erhaschen waren: nach Adalberts Tod traf ihn auch wirklich die Wahl, aber Gisiler von Merseburg wußte ihn zu verdrängen, und kurz darauf starb er in Benevent am 7. October 981. In Magdeburg hatten bei seinem Abgang die vielen durch ihn dahin gezogenen Fremden die Stadt verlassen, doch scheint die Schule unter Ekkehard dem Rothen[2] und Geddo immer eine achtungswerthe Wirksamkeit geübt zu haben.
[1] Ueber ihn s. Büdinger, Ueber Gerbert S. 51-60. Oesterreich, Geschichte I, 319. Grosfeld, Disquisitiones historicae de statu rerum ecclesiasticarum in marcis Winedis imp. Ottone II, im Programm des Gymnasiums zu Recklinghausen 1856-1857, S. 10, macht es wahrscheinlich, daß Otrich 979 an den Hof kam. Für 978 Uhlirz, Gesch. d. Erzbisth. Magd. unter den Kaisern aus dem Sächs. Hause (1887) S. 83.
[2] Vgl. Holstein, Gesch. d. Domgymn. in Magdeburg (Magd. 1875) S. 73. Uhlirz a. a. O. S. 80 ff. vermuthet in Ekkehard einen Concipienten kais. Privilegien für Magdeburg.
Nicht ohne Wahrscheinlichkeit ist vermuthet worden, daß bald nach dem Tode Gisilers (1004), dessen Ehrgeiz die kirchlichen Schöpfungen Otto's in betrübender Weise zerrüttet hatte[3], in Magdeburg ein Geschichtswerk entstanden sei, welches nach Urkunden und eigener Kenntniß gearbeitet, über die Stiftung und die nächstfolgenden Schicksale des Stiftes Auskunft gab; daß dieses schon Thietmar vorgelegen habe, und im Chronographus und Annalista Saxo so wie im Magdeburger Chronicon theilweise zu erkennen sei[4]. Darauf hat jedoch F. van Hout behauptet und sehr wahrscheinlich gemacht, daß der erste, bis zu Gero's Tod 1023 reichende Theil des Chronicon Magdeburgense unter dessen Nachfolger Hunfrid im Zusammenhang und mit Benutzung der Chronik Thietmars verfaßt sei, wie wir denn auch diesen Theil allein beim Chronographus Saxo wiederfinden[5]. Wird nun dadurch die Voraussetzung einer älteren Gründungsgeschichte nicht berührt, und bleibt es zweifelhaft, wie weit der Text der Chronik unverändert geblieben sei, so verlieren doch andererseits auch W. Giesebrechts Beweise dadurch theilweise ihre Kraft. Wir werden zu der vorsichtigen Aeußerung Lappenbergs zurückgeführt, daß über die Thietmar vorliegenden Magdeburger Aufzeichnungen ein sicheres Urtheil sich nicht gewinnen lasse, weil in den uns vorliegenden Quellen überall schon Thietmars Chronik wieder benutzt sei. Auf die Existenz einer metrischen Fundatio möchte ich jedoch nicht mit C. Günther, der auch selbst diese Vermuthung wieder aufgegeben hat, aus den eingemischten Hexametern schließen, da dergleichen im elften Jahrhundert so sehr häufig ist. Sie reichen nur bis zu Gisilers Tod, und lassen sich daher als Argument für frühere Abfassung verwerthen[6].
[3] Vgl. Fraustadt: Die Auflösung des Bisthums Merseburg u. dessen Wiederherstellung 1004, Weber's Archiv f. Sächs. Gesch. N. F. IV (1878), S. 133-168.
[4] W. Giesebrecht in den Rankeschen Jahrbüchern II, 1, 157-162, vgl. Kaisergesch. I, 785. L. Giesebrecht, Wendische Geschichten III, 304.
[5] Ferd. van Hout: De Chronico Magdeburgensi, Diss. Bonn. 1867. In einigen Punkten, besonders über das Verhältniß zum Chronogr. Saxo abweichend, C. Günther: Die Chronik der Magdeburger Erzbischöfe, erster Theil bis 1142. Diss. Gott. 1871. Zweiter Theil 1142-1371, Progr. der Albinus-Schule in Lauenburg a. d. Elbe 1877 (S. 5). Schum, Vorr. zu den Gesta archiepp. Magd. SS. XIV, 363. Das angebliche Epitaphium Ottonis I ist entnommen aus der V. Mahometi von Embricho, nach O. Hertel, Magd. Gesch. Bl. 1889 S. 369 ff.
[6] Dem widerspricht F. Kurze, weil er in diesen Versen die sprachliche Eigenthümlichkeit des jüngeren Bearbeiters erkennt.
Mit großer Bestimmtheit hat nun Fr. Kurze[7] wiederum die Abfassung der ältesten Bisthumschronik bis 1004 behauptet, und zwar von dem Erzbischof =Tagino= selbst, gestützt auf die Worte bei Thietmar V, 44 (26), daß dieser vom Pabst persönlich hätte geweiht werden sollen „ut scriptura ejus testatur“. Es ist schwer zu glauben, daß Thietmar, wenn ihm wirklich eine von Tagino verfaßte Geschichte als wichtige und vielbenutzte Quelle vorlag, das nicht irgendwo erwähnt haben sollte, und jene „scriptura“ möchte man lieber auf ein Privileg oder auch auf einen Brief deuten, da eben nur bei diesem einzigen Umstand eine solche Berufung vorkommt. Was aber die andere Stelle des Chronogr. Saxo zu 981 betrifft, daß er sich scheue, bei ausführlicherem Eingehen auf Gisilers Handlungen den Unwillen derer zu erregen, welche wegen durch ihn erhaltener Lehen[8] ihm günstig gesinnt wären, so paßt das allerdings nicht zu der Zeit des Compilators, wäre aber immerhin nach zwanzig bis dreißig Jahren noch denkbar, und vielleicht damals die Gefahr größer als unmittelbar nach der Einsetzung des vom König beschützten neuen Erzbischofs. Die Ueberarbeitung und Fortsetzung bis 1023 in blüthenreicher, oft gereimter Schreibweise und mit eingemischten Versen lag dem Nienburger Annalisten vor, und Kurze vermuthet deshalb als Verfasser oder doch Veranlasser =Brun=, den jüngsten Bruder des Geschichtschreibers Thietmar, Abt der Klöster in Magdeburg und Nienburg von 1025 bis 1034. Den Beschluß der Abhandlung macht ein Versuch der Wiederherstellung dieser Geschichte und der darin enthaltenen ursprünglichen, dem Tagino zugeschriebenen.
[7] Die älteste Magdeburger Bisthumschronik, Mitth. d. Inst. Ergänzungsband III, S. 397-450. Vgl. NA. XVII, 631.
[8] Das ist doch wohl unter „beneficia temporalia“ zu verstehen.
Einer von Otrichs Schülern war =Adalbert=, der schwärmerisch fromme Freund Otto's III, der vergeblich als Bischof von Prag seine Landsleute, die Böhmen, zu lenken versuchte und zuletzt 997 in Preußen den ersehnten Tod als Märtyrer fand. Sein Leib wurde durch Herzog Boleslaw nach Gnesen gebracht, wo man nicht säumte das wunderbare Ereigniß aufzuzeichnen; ganz kurz wird hier der frühere Lebenslauf des Märtyrers berichtet, dann etwas ausführlicher die Umstände seines Todes und die Erwerbung der Reliquien mit den beginnenden Wundern. Kein Wort von des Kaisers Pilgerfahrt nach Gnesen, der Stiftung des Erzbisthums, so daß die Abfassung dieser Legende wohl noch vor das Jahr 1000 zu setzen ist. Schmucklos geschrieben und ungenügend für die Verehrer des Heiligen, welche mehr von seiner Person erfahren wollten, verfiel sie bald der Vergessenheit, nachdem in Italien die ausführliche Biographie geschrieben war, deren wir später noch zu gedenken haben werden. Den Verfasser hält Giesebrecht für einen slavischen Mönch des Klosters Meseritz, ich möchte Gnesen vorziehen; Zeißberg ist geneigt mit W. v. Kentrzynski und Lohmeyer anzunehmen, daß nur der Auszug eines deutschen Geistlichen aus der größeren Arbeit eines Polen vorliege, welche auch der sog. Martinus Gallus benutzt haben könnte. Die Handschrift, welche nach Giesebrechts Vermuthung 1005 durch Heinrich II aus Meseritz nach Tegernsee gekommen sein könnte, ist in München zuerst 1857 von Bielowski, dann unabhängig davon von G. Voigt entdeckt, von W. v. Giesebrecht in ihrem Werth erkannt und herausgegeben worden[9]. Durch jenes in Rom verfaßte Leben Adalberts wurde aber auch einer seiner ehemaligen Genossen auf der Schule zu Magdeburg angeregt, aus eigener Erinnerung und nach den Mittheilungen von Adalberts Freunden und Gefährten Radla und Gaudentius die ihm vorliegenden Lebensnachrichten zu ergänzen, und so eine neue Bearbeitung zu Stande zu bringen, in welcher das Ende des Märtyrers schon von der einfachen Wahrheit sich weiter zu entfernen scheint. Der Verfasser derselben war =Brun=, aus dem Hause der Edelen von Querfurt, welcher von derselben weltverachtenden Frömmigkeit und derselben Sehnsucht nach dem Märtyrertode beseelt war. Er benutzte eine Aufzeichnung des Prager Domprobstes Willico, welche auch Johannes Canaparius (unten § 19) vorgelegen hat.
[9] Eine bisher unbekannte Lebensbeschreibung des heiligen Adalbert (Passio S. Adalberti). Separatabdruck aus den Neuen Preußischen Provinzialblättern, 3. Folge, V. Band 1. Heft, Königsb. 1860. Wiederholt im SS. Rer. Pruss. I, 235-237; vgl. II, 412. Aus demselben Cod. lat. Mon. 18897 in den Mon. Poloniae hist. ed. Bielowski I, 151-156 mit Facsimile. Fontes Rerum Boh. (Pragae 1873) I, 231-234. Ed. Waitz, SS. XV, 2, 705 bis 708. Uebers. von Wattenbach, Geschichtschr. X, 7 (Bd. 34) 1891. Vgl. Zeißberg, Poln. Geschichtschreibung S. 19-22. Giesebr. I, 789. Das erste Wunder der Passio wird, wie Bielowski nachgewiesen hat, in der Chronik von Moyenmoutier SS. IV, 92, doch nicht ganz übereinstimmend, erwähnt.
Dieses Leben Adalberts[10] ist in einer widerlich blumenreichen und salbungsvollen Sprache verfaßt, aber charakteristisch für diese aufs äußerste getriebene Ascetik und in seinem Inhalte lehrreich; Brun verfaßte es in Ungern um das Jahr 1004, als er im Begriffe war, dem Beispiele seines Freundes zu folgen. Zum Erzbischof der Heiden geweiht, ging er zuerst gegen Ende des Jahres 1007 von Ungern aus durch Rußland zu den Petschenegen, und nachdem er diese seiner Meinung nach bekehrt hatte, zu Boleslaw von Polen, von dessen Hofe aus er einen sehr merkwürdigen und lehrreichen Brief an Kaiser Heinrich II schrieb[11]. Auch verfaßte er im Jahre 1008 eine ausführliche Schrift über die fünf Einsiedler, welche am 11. Nov. 1003 in Polen, vermuthlich bei Meseritz, von Räubern erschlagen waren. Die inhaltreiche Schrift, welche für die Geschichte Otto's III und seiner schwärmerischen Freunde mancherlei enthält, ist von R. Kade entdeckt und herausgegeben[12].
[10] Vita S. Adalberti auct. Brunone ed. Pertz, MG. SS. IV, 577. 596 bis 612. Bielowski I, 184-222 mit Benutzung einer Handschrift aus Ochsenhausen in Koenigswart. Fontes Rer. Boh. I, 266-304. Vgl. Giesebr. I, 789. -- Miracula S. Adalberti aus dem dreizehnten Jahrhundert, SS. IV, 613-616 und nach einer Danziger Handschrift verbessert von Toppen SS. Rer. Pruss. II, 412-420, wo c. 4 perterriti statt pertriti zu lesen ist und perstiterant statt des unsinnigen prescierant. Fontes Boh. I, 305-312 mit dens. Fehlern; Versus de Adalberto Quattuor immensi p. 313-334. Hymnus Laudem dignam NA. X, 180-185.
[11] Zuerst von Hilferding in einer russischen Zeitschrift herausgegeben, dann mit Emendationen von Jaffé bei Miklosich und Fiedler, Slav. Bibl. II, 307, und endlich von demselben nach der Handschrift berichtigt in W. Giesebrechts dritter Ausgabe II, 667-670, in d. vierten 689-692, vgl. S. 104-109. Bielowski I, 223-238 mit Facsimile. Erzbischof Brun-Bonifacius, der erste deutsche Missionar in Preußen. Ein Vortrag von W. Giesebrecht, Deutsche Reden S. 29-54. Ausführlich über Brun, Zeißberg: Die Kriege Heinrichs II mit Boleslaw, SB. LVII, 346 ff., vgl. dens. in d. Zeitschr. f. oest. Gymn. 1867 S. 331 ff. über die von Bruno erwähnte heilige Lanze, u. 1868 S. 89 ff., wo S. 96-98 bemerkt wird, daß der Bericht über Miseco's Verheerungen Ann. Magd. 1030 eine direkte Antwort auf den Brief Bruns enthält.
[12] Vorläufige Nachricht in R. Kade's Leipz. Diss. De Brunonis Querfurt. Vita quinque fratrum Poloniae nuper reperta, 1883. Ausg. MG. SS. XV, 2 *709-738.
Von hier aus begab sich Brun zu den Preußen und drang bis zu deren östlichen Grenzen vor, wo er den Tod fand, den er suchte, am 14. Februar 1009. Ein kurzer aber lügenhafter Bericht über seine Predigt, seine Wunder und sein Ende, der nichts als ein Bettelbrief ist, wie dergleichen auch sonst vorkommen, angeblich von seinem Begleiter Wipert, hat sich erhalten[13]; eine andere Schrift über ihn, die als wahrhaft gerühmt wird, kennen wir nur aus der späteren Magdeburger Chronik, wo sie benutzt ist. Vielleicht hat auch schon Thietmar von Merseburg sie vor sich gehabt[14], der letzte Schriftsteller Sachsens, den wir in dieser Periode zu betrachten haben, und der erste, bei dem eine Art gelehrter Forschung vorkommt. Denn bei allen den Schriftstellern, die uns bis jetzt beschäftigt haben, ist die Aufzeichnung der Zeitgeschichte die Hauptsache, sie schrieben, was sie erlebt oder gehört hatten. Die Zusammenstoppelung der älteren Theile der Annalen, Widukinds Berufung auf Bücher am Anfang seiner Geschichte, lassen sich als gelehrte Arbeit kaum in Anschlag bringen. Diesen ganz unvollkommenen Anfängen gegenüber zeigt uns die Chronik Thietmars schon einen bedeutenden Fortschritt.
[13] MG. SS. IV, 579. Bielowski 229. E. Kunik macht mich darauf aufmerksam, daß der angebliche Name des Preußenkönigs Nethimer vielmehr slavisch ist.
[14] L. Giesebrecht, Wendische Geschichten III, 303.
$Thietmar von Merseburg.$
Ausgabe seiner Chronik von Wagener, 1807, 4. mit guten Anmerkungen. Die einzige kritisch zuverlässige von Lappenberg MG. SS. III, 723-871 u. mit weit genauerer Benutzung der Hs. von Fr. Kurze, Hann. 1889, 8. Die Eintheilung in Bücher und Capitel ist hier verändert. -- Uebersetzung von Ursinus, Dresden 1790, mit nützlichen Anmerkungen u. Benutzung des Cod. Dresdensis; von Laurent, mit Vorwort von Lappenberg, 1848; 2. Ausgabe von Strebitzki 1879; Berichtigungen 1892, Geschichtschr. XI, 1, Bd. 39. Nachträgliche Bemerkungen über Thietmars Leben, Archiv IX, 438. Ueber ein Meßbuch und Kalender mit Eintragungen von Thietmars Hand, Hesse ib. IV, 276, und Ausgabe von Hesse in Höfers Zeitschrift für Archivkunde I, 111; Dümmler, N. Mitth. XI, 223-264. Ueber sein Epitaph NA. IX, 246. L. Giesebrecht, Wendische Geschichten III, 305. W. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit I, 785. II, 558. Erklärung von Thietm. Chron. VII, 20 von Waitz, Forsch. XIII, 492-494. Strebitzki: Thietmarus quibus fontibus usus sit, Königsb. Diss. 1870. Zur Kritik Thietmars, Forsch. XIV, 349-366. Ueber VII, 5-8, Zeißberg in d. Mitth. d. Wiener Inst. III, 109-115. -- F. Kurze, Abfassungszeit u. Entstehungsweise der Chronik Thietmars, NA. XIV, 59-86. Nachlese XVI, 459-472.
Thietmar, ein Sohn des Grafen Sigefrid von Walbeck, am 25. Juli 975 geboren, getauft vom Bischof Hilliward von Halberstadt, stammte aus einem der vornehmsten Geschlechter Sachsens; er war mit den bedeutendsten Fürstenhäusern, selbst mit den Ottonen verwandt, und die wichtigsten Ereignisse im Reiche hatten deshalb eine persönliche Beziehung zu ihm, so daß er frühzeitig von allen Kunde erhielt und mit den Verhältnissen des Reiches vertraut wurde. Von Emnilde, einer Nichte der Königin Mahthild, erhielt er als Knabe den ersten Unterricht in dem kaiserlichen Stifte Quedlinburg; vom zwölften Jahre an vollendete er seine Schulbildung im Kloster Bergen und in Magdeburg selbst. An Belesenheit in kirchlichen und profanen Schriftstellern fehlte es ihm nicht, einen guten lateinischen Stil zu schreiben hat er aber nicht gelernt. Im Jahre 1002 wurde er Probst des Klosters Walbeck an der Aller[15], einer Stiftung seines Großvaters, und endlich 1009 Bischof von Merseburg; ein Amt, welches er löblich, aber nur zehn Jahre lang verwaltete, denn er starb schon am ersten December 1018 in seinem dreiundvierzigsten Lebensjahre. Vom König Heinrich II war er schon 1004 in Allstedt bei seiner Priesterweihe beschenkt, von da an verkehrte er viel am Hofe und empfing auch als Bischof den König bei sich in Merseburg.
[15] Ein prachtvolles, aber in den Bildern unvollendetes Evangeliar aus Walbeck saec. XI mit eingeschriebenen Statuten und Urkunden, in Libri's Auctionscatalog (1859) n. 358, Facs. pl. 35. Ein schönes Evangeliar saec. X, das zur Beeidigung diente, in Magdeburg in d. Bibl. d. Domgymn. 275, s. d. Progr. 1880, S. 99-101.
Das Bisthum Merseburg hatte, obschon erst von Otto I gegründet, doch schon mannichfaltige und merkwürdige Schicksale erlebt; zum Gedächtniß der Ungernschlacht auf dem Lechfelde dem h. Laurentius zu Ehren gestiftet[16], wurde es schon durch den zweiten Bischof Gisiler völlig zerstört, um diesem den Weg zum Erzbisthum Magdeburg zu bahnen, und ungeachtet vielfacher Anstrengungen konnte die Herstellung doch erst nach Gisilers Tode (1004) erlangt werden.
[16] Nach Uhlirz, Gesch. d. Erzb. Magd. S. 164 DD. Ott. II 90, hat Thietmar diese Urkunde gefälscht, um dem Bisthum einen strittigen Wald zu erhalten, was nach damaliger Auffassung auch als löblich gelten mochte.
Diese Ereignisse, so lange sie noch in frischer Erinnerung hafteten, für die Nachkommen durch schriftliche Ueberlieferung festzuhalten, war eine dringende Pflicht, die Thietmar zu erfüllen übernahm. Die Geschichte des Ottonischen Hauses, die verschiedenen Wechselfälle des stets fortgesetzten Kampfes mit den Wenden gehörten mit Nothwendigkeit zu einer Geschichte Merseburgs. Thietmar aber beschränkte sich auch darauf nicht, sondern wie das im Mittelalter so häufig war, und sich, da so wenig geschrieben wurde und ein Buch schon ein Schatz war, leicht erklärt: da er überhaupt einmal ein Buch schrieb, so legte er in diesem auch alles nieder, was ihm denkwürdig schien, alle seine Erlebnisse, die kleinsten wie die größten, und was er zu Hause und am Hofe sah und hörte, oder was er in anderen Büchern fand. Noch hat sich seine eigene Handschrift, wenn auch nicht unversehrt, erhalten, und sie zeigt uns am deutlichsten, wie er arbeitete, wie er immer neue Zusätze und Nachträge machte. Bald trug er am Rande nach, was ihm später bekannt wurde, bald erzählt er rückblickend, was eigentlich an eine frühere Stelle gehört. Manchmal ist dadurch der Zusammenhang gestört, es sind Widersprüche entstanden, und die Form ist überall mangelhaft: die letzte Hand fehlt, und auch durch wiederholte Ueberarbeitung hätte der Verfasser aus diesem lose an einander gereihten Stoffe kein einheitliches Geschichtswerk machen können. Aber die ihm vorliegenden Nachrichten des Widukind, der Quedlinburger Annalen, allerlei Notizen aus Necrologien, wahrscheinlich auch eine Magdeburger Gründungsgeschichte[17] und eine Halberstädter Chronik[18], sind doch immer mit verständiger Auswahl in einander gearbeitet, und mit seiner aus mündlicher Ueberlieferung, aus Urkunden und späterhin aus eigener Erinnerung geschöpften Kenntniß verbunden. Wenn man die rohen Excerpte der Annalisten von Hildesheim und Quedlinburg dagegen hält, so kann man einen bedeutenden Fortschritt nicht verkennen, und es hat noch lange gedauert, bis man im Stande war etwas besseres zu leisten.
[17] Vgl. oben S. 329. Die sog. Erectio Magdeburgensis (Stumpf 454. Leibn. Ann. Imp. III, 238), eine in die scheinbare Form der Synodalverhandlungen von Ravenna 968 gebrachte Erzählung, ist von F. van Hout, De chron. Magd. p. 28-33, als in dieser Gestalt unecht nachgewiesen; Dümmler, Otto I S. 445, legt die Entstehung nach Halberstadt, Lindeck, Die Stellung des B. Halberstadt zur Gründung d. Erzb. Magdeb. (Progr. d. Domgymn. zu Halb. 1879) nach Magdeburg. -- Ruotgers Leben des Erzb. Brun und S. Ulrichs Leben kannte er, ohne sie eigentlich zu benutzen.
[18] Diese, schon von Weiland vermuthet, nimmt auch Kurze jetzt anstatt der früher von ihm angenommenen Hild. Ann. maj. von 975 an; Progr. S. 5, und stellt eine Untersuchung darüber in Aussicht.
Als Geschichtsquelle betrachtet hat aber Thietmars Werk gerade einen besonderen Werth dadurch, daß das Gefüge seiner Bestandtheile so leicht zu erkennen ist, wodurch die Kritik wesentlich erleichtert wird; man bedarf der Vorsicht bei ihm, da er nicht selten aus Flüchtigkeit Versehen begangen hat. Andererseits kommt es uns nicht minder zu gut, daß er auch geringfügige Umstände nicht verschmähte und deshalb ein lebendigeres Bild der damaligen Zustände gewährt, in dem wir dergleichen kleinere Züge nur ungern vermissen würden.
Wie er nun eigentlich gearbeitet hat, das ist erst durch Fr. Kurze mit großem Scharfsinn festgestellt worden durch die genaueste Untersuchung der theils von ihm selbst, theils von acht verschiedenen Schreibern geschriebenen und überall von ihm überarbeiteten und vermehrten Handschrift, und dadurch zugleich für die Entwirrung seiner Chronologie und die Aufklärung mancher Schwierigkeiten Licht gewonnen. Hatte schon Bethmann ausgefunden, daß er nicht vor 1012 sein Werk begonnen habe, so hat doch jetzt alles eine ganz andere Gestalt gewonnen durch den Nachweis, daß Thietmar mit VI, 41-46 (VII, 1-15 K.) begann, in demselben Jahr 1012 vielleicht auch schon I, 1-10 (18 K.) schrieb. Im Jahre 1013 schrieb er das zweite und dritte Buch, 1014 IV, 1-8 (9), 10, 11 (15-17), 16 (23-25), 22-24 (31-37), 26-34 (39-54), das fünfte Buch und vom siebenten 1-4 (VIII, 1-3), im J. 1015 das sechste Buch und VII, 5-13 (VIII, 4-20). Er schrieb gleichzeitig was er erlebte, ließ aber Raum für Nachträge und Zusätze, mit welchen im vierten Buch eine ganze Lage ausgefüllt ist; diese entfernen sich häufig ganz von der chronologischen Folge und haben dadurch namentlich im vierten Buch die Ordnung sehr gestört.
Zu solchen Nachträgen gab ihm vorzüglich die Bekanntschaft mit den Quedlinburger Annalen Anlaß, welche er vor 1016 nicht gekannt hat, weshalb auch VII, 1-13 (VIII, 1-20) keine Spur davon zu finden ist. Mit Benutzung derselben schrieb er 1016 die Zusätze zum zweiten und dritten Buch, ferner VI, 46-61 (VII, 16-41) und VII, 13-25 (VIII, 20-35); im Jahr 1017 den Rest des vierten Buches bis auf die erst 1018 geschriebenen Capitel 47-51 (70-75) und VII, 25-50 (VIII, 36-69), auch I, 15-17 (26-28); im Jahre 1018 endlich, was von der Fortsetzung noch übrig war, wobei natürlich die Annalen nicht mehr zu gebrauchen waren.
Möglich, daß nicht alle Einzelheiten richtig sind, aber im wesentlichen ist wohl an der Richtigkeit dieser Ergebnisse nicht zu zweifeln und es lösen sich dadurch viele Schwierigkeiten, um so mehr, da auch alle die zahlreichen Nachträge und Aenderungen zweiter Hand genau verzeichnet sind. Etwas räthselhaft sind Zusätze einer Hand, welche Lappenberg Thietmar selbst zuschrieb, während Kurze sie erst in die Zeit Heinrichs V setzt. Ueberall wo diese Zusätze sich finden, ist zugleich am Rande etwas ausgekratzt und dem Inhalt nach scheinen sie gleichzeitig zu sein.
Für die ersten drei Bücher standen Thietmar wenig Quellen zu Gebote, die wir nicht auch noch besäßen; aber von dem Anfange der Regierung Otto's III an werden seine eigenen Mittheilungen immer reichhaltiger. Er schrieb die Geschichte dieser letzten Jahre gleichzeitig mit den Ereignissen selbst; sein Werk nimmt da fast den Charakter eines Tagebuches an und verbindet deshalb die Zuverlässigkeit der besseren Annalen mit größerer Fülle und Reichhaltigkeit.
Daß es ihm, dem Bischof, der viel am Hofe verkehrte und zum Rathe des Kaisers gehörte, dem nahen Verwandten der bedeutendsten Fürsten nicht an Mitteln fehlte, sich über die wichtigsten Vorfälle und den ganzen Gang der Begebenheiten genau zu unterrichten, erwähnten wir schon; auch entfernte Begebenheiten bei anderen Völkern und an den fremden Höfen verfolgt er mit bemerkenswerter Aufmerksamkeit und Kenntniß. Ebensowenig ist aber auch ein Grund vorhanden, seine Wahrheitsliebe zu bezweifeln. Sich selbst schont er durchaus nicht; mit der rührendsten Bescheidenheit deckt er seine eigenen Fehler und Schwächen auf, und durchgehends bewährt er sich als einen redlichen Mann von biederer Gesinnung und bestem Willen. Dafür können wir ihm denn wohl die Unbehülflichkeit der Darstellung, die große Leichtgläubigkeit, den oft gesuchten Ausdruck und das gelegentliche Prunken mit seiner mühsam erworbenen Gelehrsamkeit verzeihen.
Wegen seines vorherrschend provinziellen Charakters ist Thietmars Werk zwar von sächsischen Schriftstellern viel benutzt worden, hat aber eine weitere Verbreitung nicht gefunden. Vorzüglich fleißig wurde es vom Annalista Saxo ausgebeutet, mit Zusätzen über das Kloster Corvey, die sich in der Brüsseler Handschrift befinden. Daraus ergiebt sich, daß die Urschrift derselben schon im zwölften Jahrhundert in Corvey verfertigt sein muß, doch, wie R. Wilmans nachgewiesen hat[19], erst gegen das Jahr 1160.
[19] Kaiserurkunden der Provinz Westfalen I, 109-112, zu MG. SS. III, 840 und 860.
Wie viel des für uns werthvollsten Materials aber alle diese Chronisten unbeachtet bei Seite gelassen haben, davon giebt uns das von Jaffé entdeckte Aufgebot von 981 zur Heerfahrt nach Italien eine Probe[20].
[20] Bibl. V, 471; vgl. Max Lehmann, Forsch. IX, 435-444. Giesebr. I, 842. G. Matthaei, Klosterpolitik Heinrichs II (Diss. Gott. 1877) S. 91-95.
§ 6. Lothringen. Cöln. Trier. Metz.
Wir haben in Sachsen die neue Entwickelung litterarischer Thätigkeit unter der unmittelbaren Einwirkung des Ottonischen Hauses betrachtet, und auch in Lothringen ist es ein Ludolfinger, der Kirche und Schule zu neuem Leben weckt, unter dessen Pflege überall frische Keime hervorspringen, die bald zu reicher Fülle sich entfalten.
Noch mehr als Sachsen war Lothringen durch innere Zwietracht zerrüttet und durch äußere Feinde verwüstet. Die alten Stätten der Cultur, die reichen Bischofsitze und Klöster lagen großentheils in Asche, und von den Einkünften der Stiftsgüter zehrten die Vasallen, denen sie als Preis ihrer Treue oder Untreue zugefallen waren; kaum bewahrten ein Paar verwilderter und unwissender Geistlicher den kirchlichen Charakter von Klöstern, die man früher weithin mit Ehrfurcht und Bewunderung genannt hatte.
Durch Heinrich und Otto wurde das fast verlorene Land den Westfranken wieder entrissen und mit dem Ostreiche neu vereinigt; aber den innern Frieden herzustellen, Ordnung zu schaffen und die beginnende Reform der verwahrlosten kirchlichen Zustände zu pflegen und zu befestigen, das war die schwere Aufgabe, welche dem Bruder Otto's des Großen, dem Erzbischof =Bruno von Cöln= (953-965), zufiel und von diesem auf das glänzendste gelöst wurde.
Wir haben schon oben S. 321-323 der Wirksamkeit dieses ausgezeichneten Mannes gedacht, und können um so weniger auf eine ausführliche Schilderung derselben eingehen, da er selbst nicht als Schriftsteller aufgetreten ist[1]. Sein Leben hat uns einer seiner Schüler beschrieben, =Ruotger=, der Bruno sehr nahe gestanden hatte und die ihm von dessen Nachfolger Folkmar (965-969) übertragene Aufgabe nicht ohne Geschick gelöst hat[2]. Sein Werk gehört zu den besseren Biographien des Mittelalters, ist reich an Inhalt, wenn auch für unsere Wünsche viel zu kurz und gedrängt, und faßt das wesentlichste von Bruns Leben und Wirken mit richtiger Auffassung und wahrheitsgetreu zusammen. Die Sprache ist nicht eben gewandt, schwülstig und von den üblichen Ausdrücken der kirchlichen Redeweise erfüllt, aber frei von Fehlern; man erkennt die gute Schule darin, von welcher auch die noch zahlreich erhaltenen Handschriften der Cölner Dombibliothek aus dieser und der nächstfolgenden Zeit Zeugniß geben. Dem Prudentius entlehnte er einen Vers zur Charakteristik Otto's I, und auch Citate aus Vergil und Terenz, aus Persius, Juvenal, Cicero und Sallust fehlen nicht[3].
[1] Die von Peiffer aufgewärmte Nachricht von Commentaren zum Pentateuch und zu den Evangelien, die er verfaßt haben soll, ist unglaublich. Man kann Ruotger und der Cölner Kirche den Schimpf nicht anthun, anzunehmen, daß sie das gänzlich vergessen haben sollten. Dagegen auch Cardauns, Städtechroniken XII p. LV.
[2] Ruotgeri Vita Brunonis ed. Pertz, MG. SS. IV, 252-275 und auch besonders abgedruckt. Varianten bei B. Simson im Archiv f. Gesch. d. Niederrh. VII, 167-172. Uebersetzung von Jasmund, 1851. 1890. Geschichtschr. Bd. 30 (X, 3). Ueber alte Abschriften des Testaments Bruno's NA. VIII, 191. -- Vgl. Giesebr. I, 781; Textkritik S. 826 (vgl. Dümmler Otto I S. 220). 830. Dümmler S. 372. Janssen in den Annalen des Niederrhein. hist. Vereins I, 85. Joh. Ph. Peiffer. Hist. krit. Beitr. z. Gesch. Bruns I, Aachen 1870. Strebitzki, Quellenkrit. Untersuchungen zur Gesch. Erzb. Br. im Progr. d. kath. Gymn. v. Neustadt in Westpreussen, 1875. Dierauer in Büdingers Untersuchungen z. mittl. Gesch. II, 1-50. Maurenbrecher S. 24-27, dessen Tadel die ganze Gattung der kirchlichen Biographie trifft, zu welcher diese nun einmal gehört. Seiner künstlichen Deutung der Stellen über die Motive der Empörer kann ich nicht beistimmen; vgl. Rommels Aufsatz in den Forsch. IV, 121-158 und Maurenbrechers Entgegnung ib. 587-598; Dümmler Otto I S. 212. -- Ueber die viel spätere zweite Vita (ib. 275-279) s. Vogel, Ratherius II, 14-18. Peiffer S. 13. Varianten bei Simson S. 163-165. Wie Cardauns, Städtechron. XII, p. LVI bemerkt, muß sie doch schon im 12. Jahrh. entstanden sein, da sie in den Ann. Col. max. benutzt ist. -- Ein Epitaphium Brunonis bei Dümmler, Otto I S. 594. Damit verbunden andere, mit griechischen Worten prunkende Epitaphien aus Bruns Schule, viell. von Ruotger, NA. X, 346: eines wahrscheinlich auf die Aebtissin Hathuwig von Essen († 18. Juli 947), eines auf den Cölner Bürger Wolfrad.
[3] Dümmler, Forsch. XII, 445. Simson S. 172. Manitius, NA. XII, 369. 370.
Für diese eifrigen Studien zeugen auch die libri prestiti de armamario S. Petri (oben S. 263); unter den Entleihern sind B. Adelbold (von Utrecht 1010-1026) und Abt Elias (von Groß-Sanct-Martin 1010-1026); sehr viele aber, darunter 2 Bibeln, 3 Vergile, 2 Lucane, 3 Prisciane, hat ein Unbekannter, gewiß ein Scholasticus, dessen Name ausgekratzt ist. Eine sehr schöne, reich geschmückte Evangelienhandschrift, auch mit Versen über die Evangelisten und poetischen Widmungen versehen, schenkte der Domkirche ein Diaconus Gerhous, höchst wahrscheinlich identisch mit dem Erzbischof =Gero= (969-976), dem Bruder des Markgrafen Thietmar[4]. Ihm als Erzbischof ist die oben S. 42 erwähnte Ursulalegende gewidmet.
[4] K. Lamprecht im NA. IX, 620-623, vgl. S. 669.
Zu Bruns Gehülfen bei seinen reformatorischen Bestrebungen gehörte =Christian=, der erste Abt des von ihm gestifteten Pantaleonsklosters[5], der ihn bis 1001 überlebte. Der erste eilfertig errichtete Bau stürzte zusammen, man grub zu Erzbischof Folkmars Zeit (965-969)[6] ein tieferes Fundament und fand dabei Gebeine, die einem heiligen Maurinus zugeschrieben wurden. Niemand wußte etwas von ihm, auch =Stephan= nicht, der auf Abt Christians Gebot, als Erzbischof Gero schon todt war, sein Leben beschrieb; die Geschichte der Auffindung aber mit den unvermeidlichen Wundern enthält einige geschichtliche Umstände[7]. Ferner erhielt das Kloster aus Rom durch die Kaiserin Theophano einen h. Albin, von dem man gar nichts wusste, auf ihn aber die fabelhafte Legende des h. Albanus übertrug; diese Schrift ist aber erst aus dem elften Jahrhundert[8]. Erzbischof Everger (985-999) widmete der Domkirche einen mit besonderer Pracht geschriebenen Lectionar[9]. Als er am 10. Juni 999 gestorben war, wurden Boten nach Italien an Otto III geschickt, um sich den Kanzler Heribert auszubitten; von diesen starb der Diaconus Rudolf in Rom und es wurde ihm zu Ehren ein Epitaph gedichtet (NA. II, 601).
[5] Ruotgeri Vita Brun. c. 28. „Compertum quantum praestitistis saeculo, cari invicem et noti, et in verbis prudentiae saepe admirati“, Translatio S. Maurini.
[6] Peiffer hat darauf hingewiesen, daß Poppo-Folkmar in den Fulder Todtenannalen zu 969 eingetragen ist, wie schon Leibniz erkannte. Auch der alte Catalog giebt ihm 4 Jahre. Das Jahr 967 der Cölner Annalen wird also wohl falsch sein. So auch Dümmler, Otto I S. 466.
[7] Inventio et Translatio S. Maurini, Mab. V, 336-341. Acta SS. Jun. II, 279-283. Ausz. MG. SS. XV, 2, 683-686. Noch unbedeutender und später geschrieben sind die Transl. S. Evergisli von Tongern nach der Caecilienkirche und Patrocli von Troyes nach Soest, MG. SS. IV, 279-281; Varianten zu beiden bei Simson l. c. p. 173. In diesen Kreis gehört auch die oben S. 174 erwähnte ganz fabelhafte Vita Reinoldi. -- Die Miracula S. Pantaleonis, Jul. IV, 421-426 sind späteren Ursprungs und unbedeutend.
[8] Translatio S. Albini ed. L. v. Heinemann, SS. XV, 2, 686-688.
[9] Eccl. Colon. Codd. p. 60.
Uebrigens aber haben Bruns Bemühungen in Cöln selbst am wenigsten Frucht gebracht; ausser den unbedeutenden kleinen =Cölner Annalen=[10] ist keine litterarische Erscheinung weiter anzuführen, denn auch die kleine Chronik des Schottenklosters =Groß-Sanct-Martin=, so wie die Gründungsgeschichte von =Gladbach= und das =Leben Heriberts=[11], die ihrem Inhalte nach hierher gehören, sind doch erst in der folgenden Periode verfaßt worden.
[10] Ann. Colonienses 776-1028 e cod. CII, MG. I, 97-99 mit unzulänglichen Berichtigungen SS. XVI, 731. Neue Ausg. im Verz. d. Cölner Handschriften S. 127-131. Ann. Colon. breves 814. 898-964 e cod. Vat. Urb. 290 aus Brauweiler, MG. SS. XVI, 730.
[11] Ihm widmete ein 'Albuinus heremita' einen Sammelband, worin sich u. a. Adso de antichristo befand, s. Catal. Monac. I, 3, 199; W. Meyer, Der ludus de antichristo, S. 4; Schum, Catal. bibl. Amplon. p. 558. -- Verse an Heribert, gekünstelt und ohne Inhalt, NA. XVI, 178.
Jene Annalen aber, die bis 939 auf gemeinsamer Grundlage mit den alamannischen, Reichenauer und St. Galler Annalen beruhen, von da an heimischen Ursprungs sind, haben merkwürdiger Weise einen weitreichenden Einfluß gehabt, indem der erste, von einer Hand aus einer älteren Handschrift überschriebene Theil von 776 bis 957 in die Annalen von Dijon, mit diesen dann in die von Rouen, Caen, und anderen Orten der Normandie, und weiter in die angelsächsische Chronik und in die Annalen von Lund übergegangen ist[12].
[12] Theopold, Kritische Untersuchungen über die Quellen der angelsächsischen Geschichte (1872) S. 83-87. Die betreffenden Stücke aus Annalen der Normandie nebst Auszügen aus den Fortsetzungen bis ins 14. Jahrh. giebt Holder-Egger: Ex Annalibus Normannicis, MG. SS. XXVI, 488-517.
In Cöln war wenig Boden für wissenschaftliche, wenigstens für geschichtliche Thätigkeit. Dagegen regte sich in =Trier=, nachdem wieder bessere Zeiten gekommen waren, der alte Geist aufs neue. Sogar mitten unter den Stürmen, welche das unglückliche Land verheerten, hatte man im Kloster =St. Maximin=, wie in Corvey, es nicht ganz unterlassen, einige geschichtliche Nachrichten aufzuzeichnen[13].
[13] Annales S. Maximini, von 708-987, MG. SS. IV, 6. 7. Sie sind bis 840 von einer Hand, und bis dahin, wie B. Simson bemerkt, aus den Ann. S. Columbae Senon. abgeschrieben.
Im Jahre 882 verwüsteten die Normannen das Stift, und auch hier blieben nur einige Weltgeistliche ohne klösterliche Zucht; im Jahre 933 stürzte die Kirche ein. Aber schon 934 wurde die Klosterzucht hergestellt, und unter dem Abte Hugo oder Ogo[14] gedieh das klösterliche Leben so gut, dass schon 937 König Otto die Mönche für seine neue Stiftung in Magdeburg von hier entnahm. Anno, der erste Abt von St. Moritz, wurde (950-978) zum Bischof von Worms befördert, der zweite Otwin 954 zum Bischof von Hildesheim, während Abt Hugo selbst 945 Bischof von Lüttich wurde. Etwas später (972) wurde Sandrad, der erste Abt von Gladbach, aus St. Maximin entnommen, 975 Ramwold, 978 Hartwich, die Hersteller klösterlicher Zucht in St. Emmeram und Tegernsee[15]. Unter dem Abte Wiker (957-966) verfaßte =Sigehard=, ein Mönch von St. Maximin, eine Schrift über die Wunder ihres Heiligen, welche über den Verfall und die Herstellung der lothringischen Klöster nicht unwichtige Nachrichten enthält[16]. Um 965 wurde daselbst eine Sammlung für kanonisches Recht zusammengestellt[17]. Damit ist die litterarische Thätigkeit von St. Maximin erschöpft, wenn man nicht die kecke Urkundenfälschung in Heinrichs V Zeit dazu rechnen will.
[14] Die Namen der 70 Mönche unter Ogo „qui monasterium reparavit“, MG. SS. XIII, 301. Vgl. Dümmler, Otto I, S. 65. In d. Bibl. de l'École des chartes XLV (1884), S. 578-580 ist Nachricht gegeben von einem Evang. mit Nachrichten über Kirchweihen in St. Maximin, deren erstes Blatt fehlt. Weihe der Krypte 952 unter Willer, einer Capelle am 2. März 1018 unter Winrich. Ausg. von Sauerland SS. XV, 2, 1269: aus der einst von Wilthem benutzten Hs. v. Nick, Stud. u. Mitth. aus d. Bened. Orden X, 82 (NA. XV, 212).
[15] Notizen darüber in einem schönen alten Evangeliar aus Tegernsee, NA. VIII, 377.
[16] Miracula S. Maximini, Acta SS. Mai. VII, 25-33. Excerpta ed. Waitz, MG. SS. IV, 228-234; in Verse gebracht von einem ungenannten Scholasticus, ed. Kraus im Rheinländ. Jahrb. L, 205-210. Vgl. auch Mabillon, De restitutione disciplinae in Trevirensibus Monasteriis, Act. V, 341 bis 344. Zwischen 963 und 965 wurde in St. Maximin das Diptychon mit Namen der Ott. Familie geschrieben, facs. in Papebr. Propyl. Antiq. Acta SS. Apr. II; Ausg. mit Facs. von Fr. X. Kraus, Westdeutsche Zts. IV, 138-156.
[17] M. Sdralek, Wolfenb. Fragmente, Münster 1891. -- Ueber eine Urkundenfälschung aus dieser Zeit Bresslau, Westd. Zts. V, 35; u. daselbst S. 20-65 über ihre ganzen Urkunden-Ueberlieferung u. Fälschung.
Auch =Prüm= erholte sich wieder, doch scheint es in Regino (oben S. 259) seinen einzigen Historiker hervorgebracht zu haben; auch lag es gar fern von der Straße. In den letzten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts, unter den Aebten Hilderich († 993) und Stephan († 1001), wurde hier auf Kosten und Bitten des Mönches Wicking vom Mönche Nother ein sehr schönes Antiphonar geschrieben[18]. Auf Befehl des Abts Wolfram schrieb 1084 der Schüler Arnold die Chronik des Regino, Einhards Annalen und Leben Karls nebst Thegan in einem Bande[19]. Ein Verzeichniß der Aebte ist unter Hizo (1068-1077) geschrieben und weiter fortgesetzt[20], in dem werthvollen Chartular, welches als liber aureus bekannt ist. In demselben sind die Todesdaten der Könige, Kaiser u. a. von 768 bis 1106 zusammengestellt[21] und am Schlusse finden sich sehr schätzbare necrologische Annalen von 1039 bis 1102, wo sich noch einige Notizen anschließen. Der Anfang scheint durch Ausschneiden eines Blattes verloren zu sein. Damit ist auch die historische Litteratur von Prüm erschöpft.
[18] Paris Suppl. Lat. 641 jetzt Lat. 9448, ausgelegt Arm. XIX n. 198. Zwei Miniaturen bei Jules Labarte, Hist. des Arts Industriels, Album II, pl. XC nebst der Inschrift. Waagen III, 276.
[19] MG. I, 539. Ermisch, Die Chronik des Regino S. 26. Kurze den Hersfelder entnommene Annalen 906-919 daraus, Arch. XI, 300.
[20] Fontes IV, 460, MG. SS. XIII, 302. Ein Verz. Prümer Mönche zw. 948 u. 971 ex libro aureo, bei Lamprecht, Deutsches Wirthschaftsleben III, 319-321.
[21] Annales necrologici Prumienses, MG. SS. XIII, 219-223.
Von Erzbischof =Rotger= von =Trier= (917-930) ist eine Sammlung kanonischer Vorschriften für die Priester seines Sprengels zusammengestellt, wovon sich leider nur der Anfang erhalten hat[22]. Irrig ist ihm auch eine etwas spätere Materialiensammlung ähnlicher Art aus Trier zugeschrieben worden[23].
[22] Arch. VIII, 813.
[23] O. v. Heinemann, Cat. d. Wolfenb. Hss. I, 356 nach Wasserschleben; berichtigt von L. Weiland, Zts. f. Kirchenrecht XX.
Der Erzbischof =Rodbert= (930 bis 956), ein Bruder der Königin Mahthild[24], war ein gelehrter Mann, der die Wissenschaft liebte; ein Brief Rathers an ihn zeigt uns, daß er diesem einige Probleme vorgelegt hatte[25], und Flodoard widmete ihm sein großes Gedicht über die römischen Päbste[26]. Unter seinen Nachfolgern[27] hat sich vorzüglich =Ekbert= oder =Egbert= (977-993), ein Sohn des Grafen Dietrich von Holland, ein dauerndes Andenken geschaffen und nachhaltig gewirkt. Sehr merkwürdige von ihm gestiftete Weihgeschenke in Trierer Emailarbeit verwahren die Domschätze in Trier und Limburg[28]. In der Trierer Stadtbibliothek ist ein Fragment einer reichverzierten Abschrift von Gregors I Registrum, die er hat machen lassen, mit Versen zu Otto's II Preise verziert (NA. II, 437). Ihm ist der berühmte Psalter von Cividale gewidmet[29]. Reichenau brachte ihm das prachtvolle Evangelistarium dar, welches sich jetzt in der Trierer Stadtbibliothek befindet[30]. Ekberts Bedeutung zeigt sich auch darin, daß die ältesten Bischofskataloge bis auf ihn reichen[31]. Nach langer Zeit des schweren Drucks und angestrengter Kämpfe regte sich wieder selbstbewußte strebsame Thätigkeit. Mit Gerbert war Ekbert in Verbindung, und überlegte, ob er zu dem Kreise hervorragender Männer, welchen Otto II in Italien um sich sammelte, auch aus Trier Scholastiker schicken sollte[32]. Sehr begreiflich ist es nun, daß man gerade hier vorzüglich dem Alterthum sich zuwandte. Die alte Größe Triers, welche aus den gewaltigen Bauwerken der Römerzeit vernehmlich redete, und die vielfachen Ueberlieferungen aus der früheren Zeit eines blühenden kirchlichen Lebens, forderten zur Erforschung der Vergangenheit auf, für welche es aber, nachdem in der normannischen Verwüstung vieles zu Grunde gegangen war, an zuverlässigen Hülfsmitteln mangelte. Man bemühte sich, Biographieen der alten Trierer Heiligen zu schreiben und überließ sich aus Mangel an echten Nachrichten einer regellosen Phantasie, die zu immer unsinnigeren Fabeleien führte. So entstand in dieser Zeit jene märchenhafte Urgeschichte Triers, welche besonders aus der späteren Bisthumsgeschichte bekannt ist[33]. Nicht viel besser begründet ist auch das Leben des =Diaconus Adalbert=, eines Gefährten des heiligen Willibrord, dem das Kloster =Egmund= gewidmet ist; Erzbischof Ekbert, der Sohn des Stifters[34], ließ um 985 durch den Mönch Ruopert von Mettlach an der Saar diese Arbeit ausführen[35]; von Adalbert wußte er sehr wenig, dieser war aber, wie Holder-Egger nachgewiesen hat, der erste Abt von Echternach. Die in den Wundergeschichten gegebenen Nachrichten über die Klosterstiftung hat gleichfalls Holder-Egger erläutert und als zuverlässig befunden.
[24] S. Waitz, Heinrich I (3. Ausg.) S. 108 und 138.
[25] Vogel, Rather I, 98.
[26] Handschriftlich ist der Erzb. Ruotger genannt († 930), wofür wegen des chronolog. Widerspruchs in Hist. litt. de la France VI, 318 Rodbert gesetzt ist. Vgl. Dümmler, Otto I S. 543.
[27] Erst Sigebert V. Deod. c. 2 nennt Heinrich (956-964) u. Ekbert Schüler des Erzb. Brun, was nach Dümmler, Otto I S. 399, grundlos ist.
[28] Aus'm Weerth, Kunstdenkm. im Rheinland III. Ders. Siegeskreuz Constantin VII. Weih-Inschriften bei Brower et Masen, Ann. Trev. I, 483. St. Beissel, Egbert v. Trier u. die byzant. Frage. Stimmen aus Maria-Laach 1884, II. S. 260 ff. Janitschek, Gesch. d. deutschen Kunst S. 65 ff.
[29] Piper, Kal. u. Martyrol. d. Angelsachsen S. 20. Eitelberger. Jahrb. der Centralcommission II, 254, und daraus F. X. Kraus im Rheinl. Jahrb. XLIV, 166. Archiv XII, 679.
[30] Oberflächl. Nachricht bei Kugler, Kl. Schr. II, 474. Die Inschriften in Mone's Zeitschr. III, 11-13. K. Lamprecht, Der Bilderschmuck des Cod. Egberti u. des Cod. Epternac. im Rheinl. Jahrb. LX (1881) S. 56-112, mit 9 Tafeln. F. X. Kraus, Die Miniaturen des Cod. Egberti in d. Stadtbibl. zu Trier, in unveränderl. Lichtdruck, Freiburg 1884, 4. St. Beissel, Bilder der Hs. des K. Otto in Aachen (1886) S. 9-18; S. 17 gegen Lamprechts Datierung.
[31] Kraus im Jahrb. d. Alterthumsfr. im Rheinland XXXVIII, 27 ff. XLIV, 163-167. Vgl. Boehm. Fontt. IV p. LIII. MG. SS. XIII, 296.
[32] Hontheim, Hist. Trev. I, 323 aus Gerberts Briefen; scholasticos deutet er als Schüler, was mir zweifelhaft ist.
[33] S. die Vorrede zu den Gesta Trevirorum von Waitz.
[34] Ueber die von Kleyn mitgetheilten Bücherverzeichnisse, worin auch die von Ekbert geschenkten, s. NA. XV, 210.
[35] Acta SS. Jun. V, 97-109. Mab. III, 1, 631-646 mit Weglassung der Vita. Nach der Weihe der neuen Kirche 1143 wurden viele Wunder hinzugefügt. Auszug von Holder-Egger, MG. SS. XV, 2, 699-704, vgl. S. 1319 u. NA. XIII, 29-32.
Daneben aber wurde von einem Mönche des Klosters St. =Maximin= auch eine Geschichte der Gegenwart verfaßt, in der Form ausführlicher Jahrbücher, welche wir wohl unbedenklich als die beste Reichsgeschichte dieser Zeit bezeichnen können, ohne damit den eigenthümlichen Vorzügen Widukinds zu nahe zu treten. Es ist die =Fortsetzung der Chronik des Regino=, verfaßt um das Jahr 964, und bis 967 fortgeführt von einem unbekannten Mönche von St. Maximin, der sich nicht allein durch seine Schreibart als einen der besten Schriftsteller seiner Zeit zu erkennen giebt, sondern der auch außerdem eine ungewöhnliche Stellung haben mußte, um einen so klaren Einblick in den Gang der Dinge zu erhalten und so zuverlässige Nachrichten sammeln zu können. Dem Erzbischof Wilhelm von Mainz muß der Verfasser nahe gestanden haben, besonders aber =Adalbert=, dem Mönch von St. Maximin, der 961 als Bischof nach Rußland geschickt wurde, 966 die Abtei Weißenburg im Elsaß erhielt, und endlich 968 auf den neuen erzbischöflichen Stuhl von Magdeburg erhoben wurde, einem Manne also, der kein gewöhnliches Mönchsleben führte[36]. Da nun gerade mit diesem Jahre die Fortsetzung abbricht, so hat W. v. Giesebrecht[37] richtig bemerkt, daß Adalbert ein nahes Verhältniß zu dem Verfasser gehabt haben müsse, eine Ansicht, welche nicht nur allgemeine Zustimmung gefunden hat, sondern auch dahin erweitert ist, daß Adalbert selbst als der Verfasser angenommen ist, besonders wegen des Berichts über sein Geschick in den Jahren 961 und 962, welchen kaum ein anderer so abfassen konnte. Die Ereignisse in Italien sind ihm ebenso gegenwärtig, wie die lothringischen; er theilt wie die Verfasser der alten Reichsannalen, die Gesichtspunkte des Hofes und ist durchaus nicht in provinzieller Einseitigkeit befangen, was bei einem Mönche wie Widukind, der in seiner Zelle blieb, kaum anders möglich war.
[36] Sickel im 1. Ergänzungsband der Mitth. d. Inst. S. 361 hält ihn für den Notar Liutolf A, der 953-958 in der k. Kanzlei gearbeitet hat, und diesen wieder der Schrift nach für identisch mit einem Adalbertus, der 950 in Köln eine Urk. des Erzb. Wiefrid recognoscirt (Facs. Kaiserurkunden in Abbildungen, 7. Lief. N. 30). Er müßte sich dann aus der Kanzlei ins Kloster zurückgezogen haben.
[37] Geschichte der Kaiserzeit I, 778.
Adalbert also kam 962 von seiner gefahrvollen und gänzlich erfolglosen Sendung nach Rußland zurück; er fand jetzt beim Erzbischof Wilhelm eine sehr liebevolle Aufnahme „wie ein Bruder vom Bruder“, und ich habe daran die Vermuthung geknüpft[38], daß er wohl wirklich Wilhelms Bruder oder Halbbruder gewesen sein möge, ein Sohn jener vornehmen Wendin, welche Wilhelms Mutter war. Denn Männer geringer Herkunft erhielten damals nicht leicht ein Bisthum, weil die stolzen Vasallen sich ihnen nicht unterordneten, und wir wissen sonst gar nichts über Adalberts Abkunft. Der Erzbischof befahl ihm, die Ankunft des Kaisers im Palast abzuwarten, und er wird sich dort wohl, trotz seiner Erhebung zum Abt von Weißenburg, viel aufgehalten haben, zuletzt begleitete er, wie Uhlirz wahrscheinlich gemacht hat[39], im Spätherbst 967 den jungen Kaiser Otto II nach Italien, wo er zum ersten Erzbischof von Magdeburg erhoben wurde. Dadurch wird die weitere Fortführung des Werkes verhindert sein.
[38] Einleitung zur Uebersetzung (1890) S. VII.
[39] Gesch. d. Erzbisthums Magdeburg S. 56.
Es liegt nun ferner die Vermuthung nahe, daß der Erzbischof Wilhelm es war, welcher, dem Beispiel seiner Vorgänger folgend, den Anlaß zu diesen Aufzeichnungen gab. Vor der Heimkehr aus Rußland können wir den Anfang nicht ansetzen, weil nirgends vorher die Aufzeichnung als gleichzeitig erscheint, vielmehr die Kenntniß späterer Vorgänge vorausgesetzt wird; ja, wie Werra[40] bemerkt, setzt sogar noch, was zu 964 über den Grafen Udo geschrieben ist, dessen Unternehmen im Jahre 966 voraus. Es bedurfte also zur Anknüpfung an die Chronik des Regino schriftlicher Hülfsmittel und als solches diente vorzüglich ein uns nicht mehr erhaltenes Exemplar der Reichenauer Annalen, reichhaltiger als das uns bekannte, und kenntlich durch die Benutzung desselben Exemplars in Hermanns Chronik[41]. Sonst ist außer St. Maximiner Klosternachrichten u. a. von Fr. Kurze die Benutzung jener oben S. 241 erwähnten Fulder Annalen nachgewiesen, die bis 939 gereicht zu haben scheinen. Die Erzählung wird nun immer ausführlicher und gestaltet sich zu einer wirklichen, wenn auch sehr knapp gehaltenen Reichsgeschichte, ganz in der Weise der alten Reichsannalen. Der Verfasser konnte aus eigener Erfahrung schöpfen, vielleicht auch frühere Aufzeichnungen benutzen. Mittheilungen kundiger Zeitgenossen und Berichte, besonders über die Vorgänge in Italien an den Erzbischof, werden ihm nicht gefehlt haben. Für den Zeitraum von 960 bis 967 ist keine andere Quelle damit zu vergleichen[42].
[40] Jos. Werra, Ueber den Continuator Reginonis. Diss. Lips. 1883.
[41] So nach W. Erben, NA. XVI, 613-622, der wohl mit Recht die Benutzung der Ann. Laubac. u. Sangall. abweist. Besonders beachtenswerth ist die Bemerkung zum J. 938, wo nach Hermann „Arnulf“ statt „Eberhard“ gesetzt wird, und Eberhard v. Baiern ganz aus der Geschichte gestrichen.
[42] Continuator Reginonis ed. Pertz, MG. SS. I, 614-629 und eine Ergänzung zum Jahre 967 SS. VI, 620. Neue Ausg. von Fr. Kurze 1890; vgl. NA. XV, 324-330. Uebersetzung von Büdinger 1857; 2. Ausg. 1890. Geschichtschr. 28 (X, 1). Zu Hugo Isenbart: Ueber den Verfasser und die Glaubwürdigkeit des Cont. Reg. (Diss. Kil. 1889) s. Kurze, NA. XVI, 209. -- In Bern ist ein cod. s. XI. von Augustin de civ. dei aus St. Maximin „quem Hato bibliotecharius fecit“. Catal. codd. von H. Hagen S. 9.
Unter den Suffraganen von Trier ist besonders =Metz= ausgezeichnet durch wissenschaftliche Thätigkeit unter einer Reihe trefflicher Bischöfe, welche den Glanz von Chrodegangs Zeiten erneuten. Schon 883 April 22 weihte Erzbischof Radbod, ein Alamanne, zum Bischof von Metz seinen Landsmann Ruotpert, einen Freund Notkers, also vermuthlich aus der Schule von St. Gallen[43], wie denn auch Radbod 885 das Fest des Schutzheiligen in St. Gallen feierte, und in die Verbrüderung aufgenommen wurde[44]. Ruotpert starb am 2. Januar 917. Nachdem der von König Heinrich 927 eingesetzte Schwabe Benno im folgenden Jahre von seinen Feinden geblendet war, gelang es =Adalbero= (929-962), eine gesicherte Wirksamkeit zu gewinnen. Von hier besonders ging durch eigenen inneren Antrieb die neue Klosterreform aus, hier zuerst faßte sie festen Boden und verbreitete sich dann auch weiter zu entfernteren Klöstern: diese Erneuerung von unten auf und von innen heraus, welche allein für die Wirksamkeit des Erzbischofs Brun eine dauernde Grundlage gewähren konnte. Die Bischöfe Adalbero und Dietrich beförderten diese Richtung und die Thätigkeit der Männer, welche sie hauptsächlich vertraten, auf alle Weise, und bald sehen wir die lothringischen Klöster aus tiefem Verfall sich zu einer neuen und dauernden Blüthe erheben.
[43] Dümmler, St. Gall. Denkm. S. 261.
[44] St. Galler Mitth. XI, 13. In dem oben S. 270 angef. Dialog heißt es S. 489: „Nobilissimo atque scholasticissimo Ruodperto nuper in Metensis ecclesiae sede pontificatus honore sublimato.“
Der Mittelpunkt dieser Bestrebungen war lange Zeit das Kloster =Gorze= in der Nähe von Metz, wo der Abt Eginold (933-959) mit großer Anstrengung und Aufopferung die Zucht hergestellt hatte, und nach ihm sein Freund und Genosse =Johannes= als Abt (960 bis 974)[45] eine sehr einflußreiche Stellung einnahm, und die neue strenge Zucht nach allen Seiten verbreitete. Schon 941 hatte Bischof Adalbero mit König Otto's Hülfe aus dem =Arnulfskloster= zu Metz die zuchtlosen Canoniker vertrieben, und unter dem neuen Abt Arbert, einem Mönche von Gorze, die Benedictiner-Regel eingeführt. Dann war es der Abt =Johannes= von St. Arnulf, welcher lange Zeit der Freund des Abtes Johannes von Gorze und der Genosse seiner Wirksamkeit war, und dieser unternahm es nach dem Tode desselben, sein Leben zu beschreiben, und begann die Ausführung dieser Aufgabe mit besonderer Liebe und gutem Erfolge. Die Regeneration des Klosterwesens in Lothringen liegt uns darin in sehr ausführlicher Schilderung vor; weiterhin gewinnt dieses Werk noch eine ganz eigenthümliche geschichtliche Wichtigkeit dadurch, daß Johannes es war, welcher im Jahre 953 sich bereit finden ließ, für den König Otto als Gesandter zum Kalifen Abderrahman III nach Córdova sich zu begeben. Auch diese Reise ist hier sehr ausführlich beschrieben, leider aber bricht unser Text mitten in dieser ebenso merkwürdigen wie anziehenden Darstellung ab; das Uebrige ist verloren, vielleicht auch die zu ausführlich angelegte Arbeit nie ganz vollendet worden. Schon einmal, im Jahre 978, als ein bedeutender Theil derselben vollendet war, hatte der Verfasser sie unterbrochen, und es bedurfte des Zuspruches der Bischöfe Dietrich von Metz und Folkmar von Utrecht, um ihn zur Fortsetzung zu bewegen; ob er sie aber wirklich zu Ende geführt hat, ist zweifelhaft und kaum wahrscheinlich, zumal da er vor 984 gestorben ist[46].
[45] Nach Dümmler, Otto I, S. 280, starb er am 7. März 974.
[46] V. Johannis Gorziensis ed. Pertz, MG. SS. IV, 337-377. Vgl. W. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit, I, 506 ff. 784. 837; Dümmler, Otto I, S. 302-306, über die Klosterreform. Mathieu, De Joh. Gorz. vita, Nancy (82 S. 8). Daß die Vita unvollendet blieb, sagt der Vf. der Hist. S. Arnulfi aus dem 13. Jahrh., für dessen Glaubwürdigkeit Walther Schultze eintritt, Forschungen zur Gesch. d. Klosterreform (Diss. Hal. 1883) S. 40, NA. IX, 507.
Pertz hat dem Abt Johannes von Gorze verschiedene Werke zugeschrieben, die Miracula S. Gorgonii, Vita et Miracula S. Glodesindis, vielleicht auch Vita Chrodegangi, allein die genaue Untersuchung von Walther Schultze[47] hat ein ganz anderes Verhältniß wahrscheinlich gemacht. Zunächst ist nachgewiesen, daß es schon eine ältere Aufzeichnung gegeben hat, welche in den Miracula S. Gorgonii benutzt und daran kenntlich ist, daß einzelne Erzählungen derselben mit der Vita Johannis Gorziensis, andere mit der Vita Chrodegangi so weit übereinstimmen, daß eine gemeinsame Quelle anzunehmen ist; vermuthlich waren es ältere Miracula S. Gorgonii. Die uns erhaltenen =Miracula S. Gorgonii=[48], die Wunderthaten des Schutzheiligen, der schon von Chrodegang im J. 765 nach Gorze gebracht war, sind um das J. 965 von einem Gorzer Mönch verfaßt, der als Augenzeuge von dem Aufstand des Herzogs Konrad berichtet, zu einer Zeit, da der Abt Johannes in Spanien war. Dagegen sind die =Vita et Miracula S. Glodesindis=[49] von einem Abt Johannes verfaßt, der in der Hist. S. Arnulfi als der von St. Arnulf bezeichnet ist, und es ist kein Grund daran zu zweifeln. In der Vita Joh. Gorz. hat er diese seine frühere Schrift benutzt und die Erzählung etwas erweitert; ebenso die älteren Miracula S. Gorgonii. In beiden finden sich mancherlei historische Nachrichten, namentlich über die Klosterreform im Sprengel von Metz.
[47] War Joh. von Gorze hist. Schriftsteller? NA. IX, 495-512.
[48] MG. SS. IV, 235. 238-247. Gegen diese Datierung sind jedoch Zweifel erhoben von H. Finke, weil B. Milo v. Minden bei Uebersendung der Passio S. Gorgonii an Abt Immo v. Gorze, zw. 987 u. 996, keine Miracula kennt; s. NA. XVI, 209 §26.
[49] Miracula bei Mab. IV, 1, 436. Auszug MG. SS. IV, 236-238. Eine Stelle über Lothar II u. Waldrada nachgetragen SS. XXIV, 506, Anmerkung.
Was endlich die =Vita Chrodegangi=[50] betrifft, welche uns nur unvollständig erhalten ist, so könnte dieselbe allenfalls von Johannes von Gorze herrühren; sie ist aber mit einem großen Phrasenschwall ausgestattet und nach allen Regeln der Rhetorik gearbeitet, was nicht zu dem paßt, was uns von der mangelhaften Schulbildung des Abtes Johannes mitgetheilt wird. Sie ist übrigens nur aus denselben Quellen geschöpft, die auch uns zu Gebote stehen, und reiht sich daher den zahlreichen Paraphrasen alter Heiligenleben an, welche durch die höheren Anforderungen der gebildeteren Nachfolger hervorgerufen wurden.
[50] V. Chrodegangi ed. Pertz, MG. SS. X, 552-572. Pertz, Ueber die Vita Chrodegangi in den Abhandlungen der Berliner Akademie 1852, S. 507 ff. Epitaphium Chrod. Poet. Lat. I, 108.
Eine kräftige Stütze hatte das Kloster Gorze an seinem Schirmvoigt =Sendebald=, Grafen von Toul, dem nach seinem Tode eine ausführliche dankerfüllte Grabschrift in ungewöhnlich guten Hexametern gewidmet wurde[51].
[51] Herausgegeben v. Dümmler, Zeitschr. f. D. Alt. XVIII, 306. Nach Mittheilung desselben ist v. 23 statt Ostendit zu lesen Offendit. Die Hs. aus dem Vincenzstift (Clarom. 659) enthält folgende Eintragung zum Preise des Bischofs Dietrich: „Sanctae matris aecclesiae tripudians auriga necnon summae religionis in omni mundanae adversitatis turbine triumphans gubernaculum, domnus praesul Deodericus, dum divino adprime cultui deditus quaeque ad honestatem, augmentum seu defensionem sibi pastorali jure commissae sedis indefesso nisu enuclearet atque procul posita offensione cuncta votis ejus responderent, inter multa insignia, quae consilio, auctoritate, sententia ad gloriam et laudem summae et individuae trinitatis praesenti in coenobio cum decreto imperatorum et principum necnon totius populi senatu applaudente gloriose gessit, etiam hunc librum Gesta sancti Martini continentem, quo apud futuram posteritatem sempiternae memoriae immortalitatem pro mortali conditione nancisceretur, archivis aegregii martyris et laevitae Vincentii in spem patrocinii sibi electi sub anathematis vinculo votiva manu addidit.“
Zu dem Kreise dieser Reformatoren gehört auch der Schottenabt =Kaddroe=, der zuerst in Waussor unweit Dinant einem Landsmann als Abt folgte, von da aber durch Adalbero an das Kloster der heiligen Felix und Clemens nach Metz berufen wurde. Sein Leben ist auf Veranlassung des Abtes Immo, vermuthlich von Waussor, bald nach seinem Tode beschrieben worden[52]. Ihn und seinen Nachfolger Fingen († 1003) und die Bischöfe, welche die Klöster und die Klosterzucht herstellten, Adalbero I und Adalbero II, preist ein Gedicht in noch recht roher und mangelhafter Form, welches vorzüglich dem Ruhme des h. Clemens gewidmet ist[53].
[52] Vita S. Cadroae, ed. G. Henschen, Acta SS. Mart. I, 474. Mab. V, 489. Auszüge MG. SS. IV, 483 u. XV, 2, 689. Sein Todesjahr ist unsicher, 978 nach Scheffer-Boichorst, Zts. f. Gesch. d. Oberrh. N. F. IV, 286, Anm. 5. Vgl. über ihn Sackur, Die Cluniacenser, S. 182 ff.
[53] Bis jetzt ist nur das Ende gedruckt, von Dümmler, NA. V, 433 bis 437.
Wir erwähnten schon, daß der Bischof =Dietrich von Metz= (965-984), ein Schwestersohn der Königin Mahthild, der aus der Schule des Erzbischofs Brun stammte[54], nicht minder als Adalbero bemüht war, seinen Sprengel in jeder Beziehung zu verherrlichen; er beförderte eifrigst die Klosterreform, und seinen Aufenthalt mit dem Kaiser in Italien 970 benutzte er, um mit unersättlicher Gier und in den Mitteln nicht wählerisch zahlreiche Heiligenleiber für Lothringen zu erwerben. Zugleich nahm er auch in der politischen Geschichte der Zeit eine sehr bedeutende Stellung ein; sein Ruf war auswärts nicht der beste, Habsucht wurde ihm vorgeworfen, und seine Untreue gegen Theophano, sein Abfall von Otto III, befleckten seine letzten Jahre und gaben Gerbert, wenn er der Verfasser ist, Anlaß, sein Verhältniß zu Carl von Lothringen in einem für beide Theile gleich anzüglichen Briefwechsel zu behandeln[55].
[54] Vgl. über ihn Dümmler, Otto I S. 374.
[55] Olleris, Oeuvres de Gerbert, p. 19 ff. u. S. 25-32 d. Ausg. von Hawet, welcher aber nicht an die Autorschaft Gerberts glaubt. Sie finden sich auch im Cod. ep. Lauresham. s. NA. III, 328. 340.
Seinen Aufenthalt in Italien scheint Bischof Dietrich aber auch zu einer anderen Erwerbung benutzt zu haben, nämlich der hinterlassenen Werke des Bischofs Liudprand von Cremona. Dieser soll, was freilich unsicher ist, an der Gesandtschaft theilgenommen haben, welche 971 die Kaiserbraut Theophano in Empfang nahm, und auf dieser Reise gestorben sein. Dietrich, der griechischen Sprache nicht unkundig, war zum Empfang der Prinzessin 972 entsandt. Nun enthält, wie Fr. Koehler nachgewiesen hat[56], eine Handschrift saec. X. aus St. Arnulf Excerpte griechischer Stellen aus Liudprands Schriften mit der Uebersetzung, und es ist wahrscheinlich, daß in Metz auch die Abschrift angefertigt ist, welche bisher als Autograph betrachtet wurde, und in die darin leer gelassenen Stellen hat vielleicht Dietrich selbst die griechischen Worte eingetragen.
[56] Neues Archiv VIII, 78.
Die Stiftung des Vincenzklosters trug Dietrich auch eine Biographie ein[57], welche aber nicht von einem Zeitgenossen, sondern erst ein Jahrhundert später von Sigebert von Gembloux verfaßt ist. Aufgenommen ist darin ein gleichzeitiger Bericht über die von ihm erworbenen Reliquien, welcher sich auch abgesondert erhalten hat.
[57] Vita Deoderici Mettensis ed. Pertz, MG. SS. IV, 461. Vgl. dazu Dümmler a. a. O. S. 466. 483. 491. Außer der oben angef. Inschrift 9 Hexameter zu seinem Preis im Cod. Mett. 215; Schluß: Me referente sciet Francorum regia cortis, Catal. des Bibl. des Dép. V, 95. Im Catal. Clarom. p. 173 (cod. 506) 3 Distichen zu seinem Preis, gefeiert als Verwandter des Kaisers Otto „cujus consiliis jura dedit populis“.
Glücklicher war sein nicht minder ausgezeichneter Nachfolger =Adalbero= II (984-1005), der Dietrichs Wirksamkeit in entsprechender Weise fortsetzte, indem er einen ganz vortrefflichen Biographen fand an =Constantin=, dem Abte des von ihm wiederhergestellten Schottenklosters St. Symphorian zu Metz[58]. Ein poetisches Epitaphium, worin der Bischof gar sehr gepriesen wird, verfaßte =Conrad= im Kloster =Saint-Avold= (Sancti Naboris) und überreichte es mit anderen Versen seinem Abt Ratram; beides steht in einem Codex des Prudentius, den er schön eingebunden und mit Randglossen versehen hatte, wofür er dieses Buch in zierlichen Versen sich bedanken läßt: so schön sei nicht einmal der Lucan geziert, den Constantin binden ließ. Diesen Conrad, von dem es nicht sicher ist, daß er Mönch war, hält L. Delisle für den Metzer Archidiaconus des Namens, welcher auf dem Wege nach Italien die eifrigen Studien der Klosterfrauen in Zürich kennen gelernt hatte und zugleich ihren Kummer, daß der erste Band von Gregors Moralien ihnen fehle; heimgekehrt übersandte er ihn mit einem artigen Briefe[59]. Doch ist das sehr zweifelhaft und nicht wahrscheinlich, da jener Conrad allem Anschein nach identisch ist mit Cuono, Klosterlehrer in St. Avold, von dem sich auch andere Verse erhalten haben[60]. Solche Schullehrer wurden aber nicht Archidiaconen.
[58] Vita Adalberonis II Mettensis episcopi ed. Pertz, MG. SS. IV, 658 bis 672; geschrieben um das Jahr 1015. Ueber ein Sacramentar von dort Delisle, Sacram. p. 222.
[59] Die Verse bei Pertz a. a. O. S. 672; die letzten auch bei Delisle, Cabinet des Manuscrits II, 401. Der Brief bei G. v. Wyß, Gesch. der Abtei Zürich.
[60] S. NA. XIII, 666 über Studemund in den Breslauer Philolog. Abhandl. II, 3.
Um dieselbe Zeit schrieb auch ein Mönch im Kloster =Hornbach= im Sprengel von Metz ein Buch über das Leben des heiligen =Pirmin=[61], der im achten Jahrhundert das Kloster gestiftet hatte, und widmete sein Werk dem Erzbischof Ludolf von Trier (994 bis 1008). Es ist nur eine stilistische Bearbeitung der älteren, schon oben S. 275 erwähnten Vita ohne geschichtlichen Werth, vielleicht, wie schon Mone vermuthete, von dem Abt =Garemann= von Hornbach († 1008) verfaßt. Dagegen enthalten die von Mone zuerst bekannt gemachten Wunder[62] (bis 1012) einige geschichtliche Nachrichten, namentlich über Heinrichs II Zug nach Lothringen im J. 1009; sie sind von einem Hornbacher Mönch hinzugefügt. Hier wurde auch zur Zeit Otto II vom Schreiber Eburnant ein prächtiges Sacramentar für den Abt Adalbert geschrieben, mit guten Dedicationsversen[63].
[61] Gedruckt bei Mab. III, 2, 140-153. Vgl. Mone, Quellens. I, 36-38. Stälin I, 168, Rettberg II, 52. Nur der Prolog MG. SS. XV, 21. Ueber die geschichtl. Verhältnisse s. K. Brandi: Die Reichenauer Urkundenfälschungen (1890) S. 102 ff.
[62] Quellensammlung I, 45-50. MG. SS. XV, 21-31, von Holder-Egger; S. 31-35 Miracula Hornbacensia.
[63] Herausgeg. v. Dümmler, NA. X, 344. Delisle, Sacram. p. 190.
So entwickelte sich in Metz jener den Lothringern besonders eigene Sinn für Localgeschichte, der sich in Biographieen, Klosterchroniken und Schriften zur Verherrlichung der Ortsheiligen in großer Fülle kundgegeben hat, aber erst im folgenden Zeitalter zu voller Entfaltung kommt.
Schließlich ist noch ein Mönch jenes schon erwähnten Klosters des heiligen =Symphorian= zu nennen, der nur zum Theil dem Metzer Sprengel angehört, =Alpert= nämlich, der an das Werk des Paulus Diaconus anknüpfend, =eine Geschichte der Bischöfe von Metz=[64] verfaßte, von welcher jedoch nur ein Bruchstück erhalten ist. Er widmete sie dem Abte Constantin. Später aber kam er in den Utrechter Sprengel, und zwar nach Molls Vermuthung[65] in das um diese Zeit von Bischof Ansfrid (995-1010) gegründete Kloster bei Amersfoort. Es giebt nämlich eine aus Alperts Werk geschöpfte Vita Ansfridi[66], welche einem monachus Ultrajectinus S. Pauli zugeschrieben wird; dahin aber war jenes Kloster verlegt. Sehr möglich ist es, daß die Aussendung einer Mönchscolonie den sonst ungewöhnlichen Ortswechsel veranlaßte. Hier also schrieb er um 1022 sein Buch über den =Wechsel der Zeiten=[67], worin er in bunter Mannigfaltigkeit von allerlei Vorfällen aus diesen Gegenden erzählt: ein Vorrath geschichtlichen Stoffes ohne bestimmte Ordnung, der um so willkommener ist, da wir sonst nur wenig Kunde von diesem entlegeneren Theile des Reiches besitzen. Er übersandte es dem Bischof Burchard von Worms, bei dem sein Bruder Immo Diaconus war. An denselben Immo schickte auch der bald zu erwähnende Custos Tielensis sein Werk; er scheint dann an den Kaiserhof gekommen zu sein und wurde um 1036 Bischof von Arezzo; in der Lorscher Briefsammlung sind Briefe von ihm und an ihn erhalten[68].
[64] Alperti de episcopis Mettensibus libellus ed. Pertz, MG. SS. IV, 697. Bischofsverzeichnisse SS. XIII, 303. Ueber Benutzung von Caesars Bell. Gall. in seinen Werken Manitius, NA. XIII, 203.
[65] Kerkgeschiedenis II, 2, 343.
[66] Acta SS. Maj. I, 428.
[67] Alperti de diversitate temporum libri II ed. Pertz, MG. SS. IV, 700. Mit Uebersetzung und Comment. herausgeg. v. Dederich, Münster 1859. Giesebrecht II, 557. Hieraus mit wenigen kleinen Aenderungen, ist nach Mitth. v. Dümmler das von diesem in Briegers Zts. f. Kirchengesch. I, 446-450 (1877) abgedr. Stück: Jüdische Proselyten im Mittelalter (I, c. 7, II, c. 22-24).
[68] S. P. Ewald, NA. III, 324. Als Bischof von Arezzo wird er erwähnt in der merkwürdigen Capitelschronik, NA. V, 449. Vgl. Bresslau, Konrad II, II, 531-536.
Das Bisthum =Utrecht= war von den Normannen gar arg heimgesucht und zeitweise ganz zerstört. =Radbod=, von mütterlicher Seite ein Abkomme des alten Friesenfürsten Radbod, folgte 899 dem Bischof Odilbald, mußte aber vor den Dänen nach Deventer entweichen. Ein Neffe des Erzbischofs Gunthar von Cöln, war er bis zu dessen Entsetzung 863 bei ihm, dann in der Hofschule Karls des Kahlen und seines Sohnes Ludwig gebildet, ein Schüler des Manno, und hat einige Homilieen und Verse zum Preise von Heiligen verfaßt[69], auch über den heiligen Suidbert; doch hatte er von diesem nur aus Beda Kunde. Trithemius schreibt ihm auch Laudes S. Bonifacii zu, und eine Gothaer Handschrift (fol. 64) nennt ihn als Verfasser der Legende des sogenannten Presbyter Ultrajectensis[70], was entschieden falsch ist[71]. Erhalten hat sich eine Aufzeichnung von ihm über die Schrecknisse des Jahres 900[72], und eine andere über die Belagerung der Stadt Tours durch die Normannen 903, und ihre Errettung durch ein Wunder des h. Martin, des gemeinsamen Schutzheiligen[73]. Zur Feier desselben Ereignisses verfaßte er auch einen cantus nocturnalis, der sich im Antiphonar der Marienkirche erhalten hat[74]. Sein eigenes Leben ist zur Zeit seines Nachfolgers beschrieben worden, und wenn auch nicht eben reichhaltig, doch nicht unwichtig[75]. Er starb 917; sein Nachfolger =Balderich= ist der Hersteller des Bisthums Utrecht[76]; ihm wurde der Königsohn Brun zur Erziehung anvertraut. Er erneute die verwüsteten Kirchen und erhob viele Leiber der Heiligen, holte auch 964 aus Veuves an der Loire Reliquien[77]; seine Grabschrift in der Martiuskirche rühmte von ihm:
Trajectina feris urbs Denis versa latebat, Baldricus priscum reddidit ipse decus, Auspicio cujus jam Pontius, Agna, Benignus Conservant urbem, fulget et ecclesia[78].
[69] S. Moll, Kerkgeschiedenis I, 370, Dümmler, NA. IV, 549. Migne CXXXII, 547-560. Recht schön sind seine Versus de hirundine im Pal. 1564, ed. Dümmler, Zeitschr. f. D. Alt. XIX, 388. Nach der Hds. ist, wie ders. mir mittheilt, v. 4 zu schreiben Formula.... arta, u. v. 40 steht wirklich Ne.
[70] Jacobs u. Ukert, Beiträge III, 262.
[71] Da dieser Biograph noch eine alte Frau, die bei Bonifazens Tod zugegen gewesen war, gesprochen haben will, muß er viel älter sein, s. Rettberg I, 332. Ausg. Acta SS. Junii I, 477-481. Ein Stückchen bei Jaffé, Bibl. III, 506.
[72] MG. II, 218 mit einigen Versen von ihm, Heda, Hist. Ultraj. p. 71. Er veranlaßte 914 zur Confirmation der Privilegien durch K. Konrad die älteste Copie der k. Privilegien, s. S. Muller, Het oudste Cartularium van het Sticht Utrecht, 1892.
[73] Libellus cujusdam ep. Traject. Radbodi nomine de quodam S. Martini miraculo, bei André Salmon, Supplément aux Chroniques de Touraine p. 1-13. MG. SS. XV, 2, 1239-1244. Vgl. Em. Mabille, Les invasions Normandes dans la Loire et les pérégrinations du Corps de S. Martin, Bibl. de l'École des chartes VI, 5, 149-194.
[74] Entdeckt und herausgegeben von W. Moll, im Kerkhist. Archief v. Kist und Moll, III, 213-221. Ein Sermo de S. Servatio von ihm Anal. Boll. I, 104-111.
[75] Vita S. Radbodi, Mab. V, 25-31 aus Sur. Nov. 29. Ausg. v. Holder-Egger (mit der Translatio) SS. XV, 1, 568-571. Aus ders. Hs. Analecta Boll. VI. Benutzt von Adam Brem. I, 40. Vgl. Dümmler, Ostfr. II, 333.
[76] Seinen Brief von 934 an den Erzb. v. Cöln bei Heda S. 75 nimmt Moll I, 271 gegen Zweifel in Schutz. Bei dems. S. 530 u. MG. SS. XV, 571^{a} die Grabschrift seiner Eltern. Unechte Urk. von ihm mit Aufzählung seiner Verdienste um die Herstellung des Stifts bei S. Muller a. a. O. S. 222, vgl. S. LI f. Von Waitz, Heinrich I (3. Ausg.) S. 94 zu günstig beurtheilt.
[77] Translatio Benigni et Agnetis, Acta SS. Jan. II. 357-360. Auszug MG. SS. XV, 1, 571^{e}.
[78] Kraus im Jahrbuch d. Alterthumsfr. im Rheinland L, 201, wo v. 2 illa steht, was nicht angeht. Auch ist irrig Agna in Agnes geändert. Es folgt noch: „Obiit a. 977 cum vixisset (leg. rexisset) 59.“ Aehnlich aus dem alten Catal. in Bijdragen en Mededeelingen XI, 490, wo auch S. 489 das eben erwähnte Epitaph seines Vaters Ricfrid.
Es läßt sich erwarten, daß er in seiner langen Amtsführung (bis 976) wissenschaftliche Thätigkeit begünstigt haben werde, wie ihm auch Hucbald sein Leben S. Lebuins widmete; Wolbodo stand der Schule vor, bis er 1018 Bischof von Lüttich wurde, aber Erzeugnisse von Utrechter Gelehrten aus dieser Zeit haben sich nicht erhalten. Von Bischof Adalbold werden wir bald zu reden haben.
Auch aus =Verdun= verlautet aus dieser Periode nichts, mit Ausnahme der Bisthumsgeschichte von =Berthar=, deren wir schon oben (S. 267) gedachten, weil sie nur bis auf die Zeit des Kaisers Arnulf reicht. Der Bischof Wikfrid (962-984), ein geborener Baier, war zu Cöln in Bruns Schule gebildet, Heimo (991-1024) unter Notker von Lüttich. In dem Kloster St. Mihiel an der Maas lehrte am Anfange dieser Periode der Grammatiker Hildebold, ein Schüler des hochgefeierten Lehrers Remigius. Johannes von Gorze wurde seiner Zucht anvertraut, äußerte sich aber ziemlich ungünstig über die Verdienste seines Lehrers (Vita c. 10).
Auch =Toul= besaß an =Gerhard= (963-994), einem Schüler Bruns, einen jener ausgezeichneten Bischöfe, welche die Zeit der Ottonen zieren; er wurde später als Heiliger verehrt, und der Abt =Widerich= von St. Evre beschrieb sein Leben, jedoch erst lange nach seinem Tode unter der Regierung Heinrichs III. Mit der Klosterreform hatte schon sein Vorgänger Gauzlin (922-963) begonnen; angeregt durch die vom Abt Odo von Cluny zu Stande gebrachte Reform des Klosters Fleury hatte er 936 das Kloster =St. Evre= (S. Apri) hergestellt und eine Schule darin errichtet, zu deren Leitung er den noch jugendlichen Mönch Adso berief, welcher in Luxeuil seine Bildung erhalten, und sich bereits durch seine Gelehrsamkeit einen Namen gemacht hatte. Nicht ohne heftige Kämpfe konnte eine solche Reform durchgeführt werden, und in St. Evre wurden dieselben in einem höchst eigenthümlichen Gedichte dargestellt, der Ecbasis captivi in einer der Thierfabel entlehnten Einkleidung[79]. Bald aber konnten die Mönche von St. Evre schon dem heruntergekommenen Kloster =Montier-en-Der= (Dervense) im benachbarten Sprengel von Châlons-sur-Marne aufhelfen. Dieses war schon einmal nach gänzlichem Verfall unter Ludwig dem Frommen 827 durch den Abt Hauto von Stablo hergestellt, aber nach wiederholter Verwüstung durch Ungern und Normannen wieder völlig verwildert. Jetzt sandte Gauzlin Mönche von St. Evre unter dem Abt Alberich hin, und dieser nahm auch Adso mit sich, welcher ihm spätestens 968 als Abt folgte. Befreundet und im regen Verkehr mit Adalbero von Reims und Gerbert, mit Abbo von Fleury und anderen hervorragenden Männern der Zeit, war er für Herstellung kirchlicher Zucht mit Erfolg thätig, bis er endlich 992 auf einer Pilgerfahrt nach Jerusalem seinen Tod fand. Schon früh (vor 954) hat er auf den Wunsch der Königin Gerberga eine Schrift über den Antichrist verfaßt[80]; auf Bischof Gerhards Wunsch beschrieb er das Leben des heiligen Mansuetus, dessen Kloster Gerhard hergestellt hatte. Werth haben nur die hinzugefügten Wunder durch einige geschichtliche Nachrichten. Dasselbe gilt von dem Leben und den Wundern des heiligen Basolus, welche Gerbert und Adso, Abt von St. Basle, von ihm erbeten hatten, und von einem ähnlichen Werk über den heiligen Aper, dessen Autorschaft Waitz ihm abspricht, das aber um dieselbe Zeit, nach der Translation von 978 geschrieben ist. Ein Buch über die Wunder des heiligen Waldebert, Eustasius Nachfolger, bezeugte seine Anhänglichkeit an Luxeuil. Zuletzt nahm er noch den heiligen Bercharius vor, den Stifter seines Klosters, doch hinterließ er diese Aufgabe unvollendet; die Beschreibung der Wunder wurde auf Veranlassung des vom Pabst Leo IX geweihten Abtes Bruno von einem ungenannten Mönche hinzugefügt und mit einigen schätzbaren Nachrichten über Adso versehen[81]. Für die Klosterschule von St. Evre verfaßte 969 Aynard ein „glosarium ordine elementorum agregatum“[82].
[79] S. die neue Ausgabe von E. Voigt, Straßburg 1875. Ueber Benutzung Fortunats darin Manitius, NA. XII, 592-595.
[80] Ueber die Fortwirkung dieser Schrift, die noch zu erkennen ist in der Sage von der Wiederkunft Friedrichs II, s. Riezler, Hist. Zeitschr. XXXII, 67 ff. Berichtigter Abdruck der Prophezeiung über den Frankenkönig bei Hauréau, Notices et Extraits de quelques manuscrits latins I. 371.
[81] Miracula S. Bercharii, Mab. II, 844-861, ein Stück daraus MG. SS. IV, 487. Vgl. über Adso Hist. litt. de la France VI, 471-492. (Den Catalog seiner Bibliothek vom J. 992 hat Omont in d. Bibl. de l'École des Ch. 42 (1881) herausgegeben.) Miracula S. Mansueti bei Calmet. Hist. de Lorraine I. Pr. p. 86-106. Acta SS. Sept. I, 637. Exc. MG. SS. IV, 509 bis 514. Miracula S. Basoli, Mab. IV, 2, 137-142. Vgl. MG. SS. IV, 517. Miracula S. Apri bei Calmet I. c. p. 107-126. Sept. V, 70. Exc. MG. SS. IV, 515-520. Miracula S. Waldeberti, Mab. III, 2, 452-460. Acta SS. Mai I, 277-282. MG. SS. XV, 2, 1170-1176.
[82] Archiv VII, 1014. Catal. des Départ. V, 157.
Im Anfang des elften Jahrhunderts wird die Schule des Bisthums als blühend und ausgezeichnet gerühmt; Brun, des elsassischen Grafen Hugo Sohn, später als Pabst Leo IX genannt, und Adalbero III, Bischof von Metz, erhielten hier ihre Erziehung. Wir erkennen darin wieder die Einwirkung der beginnenden Blüthezeit Lüttichs, wo Bischof Hermann oder Hezelo (1018-1026) unter Notker gebildet war.
§ 7. Lüttich.
In Lüttich hatte, wie wir sahen (S. 266) die gelehrte Thätigkeit sich lange erhalten; die Verwüstung durch die Normannen 881 wird aber auch hier die Musen zum Schweigen gebracht haben. Am Anfange dieser Periode finden wir dort einen Bischof, der sich als Schriftsteller versucht hat und durch gelehrte Bildung ausgezeichnet war, Stephan (901-920), der in der französischen Hofschule unter Probst Manno ein Mitschüler Radbods, dann Domherr zu Metz gewesen war. Er selbst hat das alte Leben des heiligen Lambert (oben S. 264) neu bearbeitet und eine metrische Bearbeitung desselben veranlaßt[1]; Responsorien verfaßte er und schrieb darüber an Erzbischof Herimann von Coeln, und einen vollständigen Band, mit Lectionen und was zum Kirchendienst gehört, übersandte er Bischof Ruotbert von Metz[2]. Hucbald, der gelehrte Mönch von St. Amand, übersandte ihm 907 zur Prüfung das Leben der heiligen Rictrudis. Nach Vogels Vermuthung war Stephan der Lehrer des Ratherius, jenes unstäten Mönches des Klosters Lobbes, der eben so sehr durch seine wechselnden Schicksale, wie durch seine umfassende Gelehrsamkeit, aber auch durch seine seltsam gesuchte und absichtlich dunkle und verworrene Schreibart merkwürdig ist. Sein Ehrgeiz, sein unverträglicher Charakter, sein beißender Witz, mit dem er unbarmherzig die Fehler seiner Zeitgenossen geißelte, während er in seinen Bekenntnissen eben so schonungslos seine eigenen Sünden beichtete, ließen ihm nirgends Ruhe, und machten es ihm unmöglich, als Bischof von Verona und von Lüttich den Widerstand seiner vornehmeren und mächtigeren Gegner auszuhalten. Seine Schriften, so lehrreich sie sind, können doch nicht als Geschichtswerke betrachtet werden, und auch das Leben des heiligen Ursmar ist nur eine stilistische Ueberarbeitung der älteren Legende[3]. Die Beschäftigung mit grammatischen, philosophischen und theologischen Studien war lange in Lüttich vorherrschend, und erst spät begann man auch hier sich ernstlich mit der Geschichte zu beschäftigen, wenn man es auch nicht ganz unterließ, kurze Notizen am Rande von Ostercyklen einzutragen.
[1] S. über diese unten bei Hucbald, dem sie zugeschrieben wird.
[2] Mabillon sah die Handschrift in Bobio, Mus. Ital. I, 218. Uebrigens s. Ans. Leod. c. 20, 21.
[3] Ueber Rather († 974) Vogel, Ratherius von Verona und das zehnte Jahrhundert, Jena 1854, 2 Bände. Opera edd. Petrus et Hieronymus fratres Ballerini presbyteri Veronenses, Veronae 1765, fol. Neuer Abdruck bei Migne CXXXVI. Die von Pertz SS. III, 451 u. 553 gegebenen Stellen sind aus der Translatio S. Metronis.
So wie Rather immer von neuem in die politischen Wirren hineingezogen wurde, so ließen auch in Lüttich die lothringischen Parteikämpfe lange keine ruhige Entwickelung friedlicher Studien aufkommen. Von 945-947 war ein gelehrter Abt von St. Maximin, Hugo, Bischof, 953-955 Rather, aber dieser konnte nicht zu irgend einer Wirksamkeit gelangen, und unter Balderich, der ihn verdrängte[4], fand die Wissenschaft keine Stätte. Dann aber bestieg auch hier ein Schüler und begeisterter Verehrer Bruns, =Ebrachar= (959-971), den Bischofstuhl, ein vornehmer Sachse, bis dahin Decan zu Bonn; ihn nennt als seinen Lehrer ein sächsischer Priester, von dessen Namen wir nur den Anfangsbuchstaben B. kennen, der sich nach Ebrachars Tod nach Canterbury zum Erzbischof Dunstan begab, nach dessen Tod (988) er der erste Biograph dieses hervorragenden Mannes wurde[5]. Nicht ihm allein, sagt er, sondern einer großen Anzahl habe er zur Wissenschaft verholfen, und in der Vita Balderici wird Ebrachar geradezu als der Begründer der Lütticher Schule gepriesen[6]. Auf Ebrachar folgte 972-1008 =Notker=, bis dahin Probst im Kloster St. Gallen, ein Mann, der in jeder Beziehung höchst ausgezeichnet war[7], und in Lüttich jenen hohen Glanz der Schulen begründete, dessen Ruf sich bald durch die ganze Christenheit verbreitete. Bald strömten lernbegierige Jünglinge von allen Seiten her an der Maas zusammen, während ebenso bedeutende Lehrer von hier ausgingen und den Wirkungskreis der Lütticher Schule immer weiter ausbreiteten; sogar in Paris bei St. Genovefa lehrte der Lütticher Hubald mit außerordentlichem Beifall. Außer diesem, den Notkers Nachfolger Balderich II auch auf einige Zeit nach Prag sandte, nennt Anselm[8] als Notkers Schüler Günther von Salzburg (1024-1025), Ruthard und Erluin von Cambrai (979-995 bis 1012), Heimo von Verdun (991-1024), Hezelo von Toul (1018 bis 1026), Adalbold von Utrecht (1010-1026). Eine Vita Notkeri aus der Mitte des 12. Jahrhunderts, von welcher Gilles d'Orval ansehnliche Stücke erhalten hat, in welchen mehrfach auch Hexameter, Reste eines gleichzeitigen Lobgedichts[10], erscheinen, ist leider verloren[11].
[4] Ein merkwürdiges Fragment einer an Balderich gerichteten Schrift Rathers über seine Verdrängung NA. IV, 177-180.
[5] Nach den scharfsinnigen Untersuchungen von W. Stubbs. Memorials of St. Dunstan. Lond. 1874; vgl. R. Pauli, Hist. Zeitschr. XXXV, 199; Gött. Nachr. 1879, S. 322-324.
[6] S. über ihn Dümmler, Otto I, S. 302 Anm. 1, 374 Anm. 1, 397 Anm. 2, 545 Anm. 2.
[7] Daß er während der Minderjährigkeit Ottos III Italien als Regent verwaltet habe, bestreitet Kehr, HZ. LXVI, 427, Anm. 2.
[8] c. 29, MG. SS. VII, 205.
[9] Nach G. Kurth, s. NA. XVII, 225.
[10] L. Weiland. HZ. XLVI, 496.
Im Jahre 960 war im Kloster =Laubach= oder =Lobbes=, das bis dahin dem Bischof von Lüttich untergeben war und das durch die Kämpfe der Parteien und die rechtlosen Zustände viel gelitten hatte, das regelmäßige Klosterleben unter einem eigenen Abte wieder hergestellt worden, und bald darauf begann man auch hier, wie an so vielen anderen Orten, =Annalen= zusammen zu stellen, vielleicht aber auch nur eine in Lüttich entstandene und fortgesetzte Compilation mit einheimischen Notizen zu vermehren[11]. An Beda und andere alte Chronisten reihen sich Auszüge aus der S. 202 erwähnten Chronik bis 805, verbunden mit Stellen aus den Lauriss. maj. und Laureshamenses; dann ist Thegan benutzt und von 840 an selbständig fortgearbeitet, doch von 874 bis 900 sind die Ann. Vedastini vollständig aufgenommen. Diese ziemlich dürftigen Annalen wurden nicht über das Jahr 982 fortgesetzt; sie dienten aber in Verbindung mit anderen Aufzeichnungen in =Lüttich= im Jahr 1000 zur Abfassung von Annalen, die von nun an fortgesetzt wurden. Sie sind verloren, aber wie Waitz nachgewiesen hat[12], bis 1086 in den Amiales S. Jacobi und Fossenses, bis 1056 auch in den Annales Laubienses kenntlich. Auf diese werden wir später zurückkommen.
[11] Würdtwein, Nova Subsidia dipl. XIII, 151-214, cf. MG. SS. II, 192; p. 209-211 die hieraus genommenen Annales Lobienses von 900-982. Neue Ausgabe von Waitz aus der Bamberger Handschrift saec. X, SS. XIIL, 224-235. Die Sammlung von J. Alexandre: Chronica Lobbiensia etc. enthält nur die Texte und Vorreden der Mon. Germaniae.
[12] Gött. Nachrichten 1870, 302-309.
Bedeutender als jene Annalen von =Lobbes= ist die Klostergeschichte des Abtes =Folcwin=[13], die bis zum Jahre 980 reicht. Ebrachar hatte ihn 965 zum Abte erhoben, und 25 Jahre lang verwaltete er sein Amt in großem Ansehen bei den trefflichen Männern, welche um diese Zeit die verschiedenen Bischofsitze zierten. Daß er nicht, wie Mabillon und Guérard meinten, von dem Folcwin von St. Bertin zu unterscheiden sei, hat Holder-Egger vollkommen überzeugend nachgewiesen (NA. VI, 415-438), und wir wissen daher, daß er aus Lothringen gebürtig, vornehmer Abkunft, selbst den Karolingern verwandt war, stolz auf den Bischof Folcwin von Thérouanne (817-855), dessen feierliche Erhebung sein Vater und Oheim bewerkstelligt haben, und dessen Leben er beschrieben[14] und dem Abt Walter von St. Bertin (c. 970-984) gewidmet hat, als er schon Abt von Lobbes war; damals, als er die darin stark benutzte Vita Brunonis schon kannte, hat er den Entwurf ausgearbeitet, welchen er schon viel früher gemacht hatte, in St. Bertin, wo er 948 als Knabe eingekleidet wurde. Hier hat er auch bereits im Jahre 961 die Urkunden des Stiftes gesammelt und mit Lebensnachrichten der Aebte versehen, auch nicht unwichtige, geschichtliche Nachrichten allgemeinerer Art eingeflochten[15], sehr mangelhaft in der Form und sogar mit groben grammatischen Fehlern. Die Quellen, welche darin benutzt sind, hat Holder-Egger genau untersucht; am wichtigsten darunter sind die Spuren verlorener Annalen von St. Bertin, welche auch in den Ann. Blandin. zu erkennen sind. In ähnlicher Weise, aber grammatisch jetzt besser ausgebildet, machte er sich als Abt auch an die Geschichte von Lobbes, und legte ihr die Urkunden seines Klosters nebst den ihm zugänglichen Werken Einhards, Flodoards, Ruotgers und anderer zu Grunde. Ist ihm nun auch die Verarbeitung dieses Stoffes wenig gelungen, so ist doch schon das Streben nach einer urkundlichen Geschichtschreibung bemerkenswerth, und für die spätere Zeit, wo er die eigenen Erlebnisse zu schildern hat, empfiehlt er sich durch Wahrheitsliebe und Einfachheit, wenn auch die Kürze der Erzählung unbefriedigt läßt.
[13] Folcuini Gesta abbatum Lobiensium ed. Pertz, MG. SS. IV, 52-74.
[14] Vita S. Folquini ep. Morinorum, bei Mab. Act. IV, 1, 624. Vgl. Holder-Egger a. a. O. S. 422, und MG. SS. XV, 423-430. Ein _Catal. epp. Morin._ SS. XIII, 389. 751; abbatum S. Bertini p. 389; praepositorum S. Audomari p. 389, u. epp. Ambian. p. 752, von Lambert von St. Omer.
[15] Cartulaire de l'Abbaye de St. Bertin, herausgegeben von Guérard 1840 in der Collection des Cartulaires de France, III, mit den zum Theil reichhaltigen Fortsetzungen bis 1187. Berichtigungen nach Auffindung einer alten Handschrift in: Appendice au Cartulaire etc. publié par M. François Morand (Documents inédits) 1867. Vollständig (ohne die Urkunden) als Gesta abbatum S. Bertini Sithiensiun von Holder-Egger, MG. SS. XIII, 600 bis 673. Verse aus St. Bertin zu einer Krönungsfeier s. X. hat Dümmler herausgegeben, NA. X, 341. Ueber ein besonders schönes, unter Abt Odbert (989-1008) von Heriveus geschriebenes Psalterium, s. Palaeogr. Soc. 97. Woltmann, Gesch. d. Malerei I, 270.
Folcwins Nachfolger in Lobbes war =Heriger= (990-1007), ein vertrauter Freund des Bischofs =Notker=, den er im Jahre 989 nach Italien begleitete und für den er mit seiner Feder thätig war, während Notkers Name den Schriften größere Autorität verlieh. So namentlich 980 dem von dem Bavokloster zu Gent erbetenen Werk über den h. Landoald, auf welches wir zurückkommen, und ähnlich auch der wohl schon früher verfaßten älteren Geschichte des Lütticher Bisthums[16]. Er gelangte damit aber nicht weiter als bis zum Jahre 667, so daß das Buch als Geschichtsquelle kaum in Betracht kommt, und litterarisch kann man es leider nur als ein ganz verfehltes Werk betrachten wegen der unverständigen Anwendung der Gelehrsamkeit, welche dem Verfasser allerdings in reichem Maße zu Gebote stand. Aber kaum kann man einen übleren Gebrauch davon machen, als wenn man lange Reden aus Stellen der Classiker zusammensetzt und diese dann alten Heiligen der merowingischen Zeit in den Mund legt.
[16] Gesta episcoporum Leodiensium ed. Köpke, MG. SS. VII, 134. Die daraus auch abgesondert herausgegebene Vita Remacli kommt als Notkers Werk mit Widmung an Abt Werinfrid von Stablo vor, ist aber nach Köpke S. 140 von Heriger. Die ältere ist nach der oben S. 264 angef. Untersuchung von Kurth ein Plagiat aus V. Lamberti u. V. Trudonis, mit Nachrichten über die Stiftung von Stablo u. Malmédy. Zugeschrieben wird Heriger auch das Leben der heiligen Berlindis, die man in Meerbecke in Brabant verehrte. Ueber die irrig von M. Haupt vermuthete Benutzung von Tac. Germania bei Heriger s. Waitz, Forsch. X, 602. Die von ihm benutzte V. Servatii hat Kurth herausgegeben: Deux biographies inédites de Saint Servais, Liège 1881, vgl. NA. VII, 409. Er bestreitet eine ältere Quelle als Greg. Tur. u. ebenso W. Arndt. Dagegen Anal. Boll. I, 85 ff. In den Nouvelles recherches sur St. Servais, Liège 1884, vertheidigt Kurth gegen P. De Smedt seine Ansicht, daß auch die älteste V. Servatii nur aus Gregor v. Tours geschöpft sei, dieser keine schriftliche Vita gehabt habe, und weist aus metrischen Resten die Benutzung eines Epitaphs nach, welches er der feierlichen Erhebung durch B. Monulph im 6. Jh. zuweist; Vf. könne dann nur Venantius Fortunatus sein, und von ihm werde Gregor seine Nachrichten erhalten haben. -- Vgl. auch Prost, St. Servais. Examen d'une correction introduite à son sujet dans les dernières éditions de Gr. de Tours (Nogent-le-Rotrou 1891), welches ich nicht gesehen habe.
Mancherlei geschichtlicher Stoff findet sich noch in den Legenden und Wundergeschichten dieser Gegenden; vorzüglich lernen wir daraus die Grafen von Flandern als eifrige Heiligenverehrer kennen. So wurde der Leib des heiligen =Winnoch= vor den Normannen von Wormhout nach St. Bertin geflüchtet und 900 durch Balduin den Kahlen (879-918) nach dem von ihm gestifteten Kloster =Bergh-St.-Vinoc= oder =Winnoxbergen= gebracht, wo ein älteres Leben des Heiligen gegen die Mitte des elften Jahrhunderts überarbeitet und die Stiftungsgeschichte hinzugefügt wurde[17].
[17] Vita S. Winnoci, Mab. III, 1, 302-314. Auszug MG. SS. XV, 2, 775-778. Nach der Translation von 1058 fügte ein Mönch Drogo neue Wunder hinzu, ib. p. 778-782. Derselbe beschrieb in sehr anmuthiger, romanhafter Weise die Transl. S. Lewinnae, welche 1058 aus England gestohlen war, Auszug ib. p. 782-789. Balduinus Barbatus setzte 1022 Mönche von St. Bertin an die Stelle der Canoniker.
Höchst eigenthümlich haben sich die Nachrichten aus den beiden =Genter= Klöstern =Saint-Bavon= und =Blandigny=, auf einem Hügel außerhalb der Stadt, dadurch gestaltet, daß jedes von ihnen höheres Alter in Anspruch nahm, und ein durch Jahrhunderte hindurch mit immer wachsender Erbitterung geführter Krieg sich daraus entspann. Ihre Waffen waren echte und falsche Reliquien und Legenden, Urkundenfälschungen und Verfälschung der handschriftlichen Ueberlieferung, wie das O. Holder-Egger in ebenso ergötzlicher wie belehrender Weise dargestellt hat[18]. Beide Klöster waren vom Grafen Arnulf I im J. 941 nach tiefem Verfall hergestellt und durch den Abt Gerhard von Brogne mit Mönchen neu besetzt. Das veranlaßte in Blandigny schon bald nachher eine Schrift über die ältere Geschichte des Klosters bis auf den berühmten Abt Einhard[19], worin schon gefälschte Urkunden benutzt sind und die Gründung durch den h. Amandus 610, mit keckem Plagiat aus der Vita Wandregisili. Im J. 944 brachte Graf Arnulf hierher auch aus Boulogne, wohin sie aus St. Wandrille geflüchtet waren, die hh. Wandregisil, Ansbert und Wulfram, dessen Besitz aber die Mönche von St. Wandrille ihnen abstritten, und darüber gab es eine Schrift, von der wir aber nur durch eine Predigt Kunde haben, die nicht vor dem zwölften Jahrhundert verfaßt zu sein scheint, und von Feindseligkeit gegen die Bavonianer erfüllt ist[20]. Außer vielen anderen Reliquien erhielten sie auch um 945 aus Haerlebeke, der Heimath der Grafen von Flandern, den h. Bertulf von Renty bei Saint-Omer, wo er in merowingischer Zeit ein Kloster gegründet hatte. Sein Leib wurde 1073 durch den Abt Folcard feierlich erhoben, und nun nach einer älteren, jetzt verlorenen Vita das wenige berichtet, was man von ihm wußte, mehr über die Translationen und über die Grafen von Flandern, nicht ohne Fabeln[21]. Und dazu wollen wir gleich noch hinzufügen, daß, da beide Klöster sich den ersten Abt Florbert zueigneten, beide sein Grab und seinen Grabstein zeigten, im J. 1079 eine gegen die Mönche von Saint-Bavon gerichtete Schrift darüber verfaßt wurde[22].
[18] Waitz-Aufsätze S. 622-665. Daselbst S. 633, Anm. 3, wird die Translatio S. Amalbergae im J. 870 (Acta SS. Jul. III, 103) für ein spätes, unglaubwürdiges Machwerk erklärt. Ueber Graf Arnulf Sackur, Clun. S. 127 ff.
[19] Fundatio mon. Blandiniensis ed. O. Holder-Egger, MG. SS. XV, 2, 621-624. Ich beschränke mich auf Anführung dieser Ausgaben von Holder-Egger.
[20] Ex Sermone de adventu SS. Wandregisili, Ansberti et Vulfranni ed. Holder-Egger, SS. XV, 2, 624-631.
[21] Ex Vita Bertulji Renticensis, ib. p. 631-641.
[22] Lantberti liber de loco sepulturae Florberti abb., ib. p. 641-644, aber nach S. 1317 ist der Autorname Lantbert irrig. S. 644 folgt ein Catalogus abb. Blandin. saec. XII.
Nach =Saint-Bavon= war 940 der h. Bavo aus Laon, wohin er geflüchtet war, zurückgebracht und 946 feierlich bestattet. Gegen das Ende des zehnten Jahrhunderts schrieb ein Mönch, schon im Gegensatz gegen das vom Grafen Arnulf bevorzugte Kloster Blandigny, und gegen die Zweifler, welche ihnen sogar den Besitz des h. Bavo bestritten, in drei Büchern eine Geschichte des Klosters nach schriftlichen Quellen, wozu er vorzüglich auch die Annalen von St. Bertin und St. Vaast benutzte, die er Chronica post Bedam nannte; er scheint auch Aufzeichnungen aus seinem Kloster benutzt zu haben[23]. Vielleicht von demselben Verfasser ist auch das Carmen de S. Bavone[24]. Der Concurrenz der Blandinienser besser begegnen zu können, holten sie 980 aus dem kürzlich erworbenen Wintershoven den h. =Landoald= mit seinen ebenso unbekannten Genossen, legten dem Bischof Notker von Lüttich den Bericht über die Translation und die obligaten Wunder vor, und zugleich was der Ortspfarrer Sarabert von diesen Heiligen zu berichten wußte. Der gelehrte =Heriger= erfuhr zu seinem Erstaunen von dem ihm bis dahin unbekannten Bischof Landoald von Lüttich, buchte aber alles getreulich, und zwar der größeren Autorität wegen unter dem Namen seines Bischofs. So gewannen diese frechen Lügen geschichtlichen Anstrich, und haben viel Verwirrung angerichtet[25]. Die Gegner behaupteten zwar, es seien „malorum defunctorum ossa“, aber die Bavonianer veranstalteten 982 eine neue feierliche Erhebung, und es gelang ihnen, die Autorität des Erzbischofs von Reims dafür zu gewinnen[26]. Der Abt Odwin oder Otwin (982-998), der hier seine Energie bewiesen hatte, erlangte auch aus Rom durch Vermittelung der frommen Engländerin Teta Reliquien des h. Pancratius, welche 985 nach Gent kamen[27]. Bald darauf stellte er nachdrücklich den Abt Adalwin von Blandigny zur Rede, weil er fortfahre, gegen die getroffene Uebereinkunft sein Kloster als „in castro Gandavo“ gelegen zu bezeichnen[28]. Ein neuer Triumph war dann 1007 die Uebertragung der hh. Livin und Brictius aus Holthem nach Gent, worauf 1010 unter Erlembold der h. Bavo noch einmal feierlich erhoben wurde; der Verfasser der Beschreibung[29] scheint derselbe zu sein, welcher auch im J. 1014 über den h. =Macharius= berichtet hat[30], einen griechischen Mönch, der 1011 in St. Bavon Aufnahme fand und nach vielen Kasteiungen schon 1012 starb. Man wußte weiter nichts von ihm, verehrte ihn aber als heilig und wußte von Wundern zu berichten, die man ihm zuschrieb. Doch half das alles nur wenig, und als der Abt Othelbold um 1020 der Gräfin Othgive, Gemahlin Balduins des Bärtigen von Flandern, auf ihren Wunsch über die Reliquien des Klosters schrieb[31], hatte er zugleich bitter zu klagen über den einstigen Reichthum und die bedrängte Lage, seitdem Graf Arnulf zahlreiche Besitzungen des Klosters an seine Dienstmannen vergabt hatte. Es bedurfte stärkerer Heilmittel, und zunächst fand sich =Stepelin=, ein aus St. Trond entlaufener Mönch, bereit, im J. 1049 nicht nur einen angeblich alten Grabstein für den Abt Florbert anzufertigen, sondern auch, nach Holder-Eggers Vermuthung, jene Verse zu machen, in welchen der h. Livin selbst an Florbert ein Epitaph des h. Bavo schickt[32]. Weiter folgte 1058 eine neue Erhebung des h. Bavo, 1067 auch des h. Macharius, und mit kühnerem Fluge wurde nun, während man früher aufrichtig bekannt hatte, über sein Vorleben nichts zu wissen, die vollste Schale abgeschmackter Verherrlichung über ihn ergossen[33]; zur Schilderung seiner Tugenden diente, was im Leben des Erzbischofs Bruno von Köln für diesen Zweck brauchbar erschien. Nach der Vermuthung von Holder-Egger war es derselbe Verfasser, welcher schon um 1050 mit nicht minder frecher Lüge das Leben des bis dahin ganz unbekannten =Livin= beschrieb (oben S. 132); besonders wichtig aber ist der Nachweis, daß fast zweifellos dieser Livin in Wirklichkeit kein anderer ist, als der wohlbekannte, in Deventer bestattete Liafwin oder Lebuin; sein Genosse Brictius scheint nur der Nachbarschaft im Kalender seinen Namen zu verdanken, obgleich hier der Bischof von Tours, Nachfolger des h. Martin, gemeint ist. Nach solcher Verherrlichung aber war es nun Zeit, auch diese Heiligen feierlich zu erheben, was 1083 geschah; aber erst um 1200 wurde über diese Vorgänge eine Schrift verfaßt[34].
[23] Ex Miraculis et Translationibus S. Bavonis, SS. XV, 2, 590-597; dazu S. 598 ein kurzer Auszug von Wundern, die gegen Ende des 11. Jahrh. beschrieben sind. Wie der erste Vf. berichtet, sagten über den Ursprung von Gent Einige, daß Agrippa es gegründet, „alii Hermenricum regem in eo arcem imperii sibi tradunt instituisse“. Aehnlich auch im Carmen.
[24] NA. X, 371 von Holder-Egger herausgegeben.
[25] Translatio S. Landoaldi et sociorum ejus, SS. XV, 2, 601-607.
[26] Adventus et Elevatio S. Landoaldi et sociorum ejus, ib. p. 607-611.
[27] S. den Brief des Abtes Andreas von St. Pancraz, NA. VIII, 376.
[28] Brief im NA. X, 374.
[29] Elevatio S. Bavonis, SS. XV, 2, 597.
[30] Vita S. Macharii prior, ib. p. 615.
[31] Gedr. NA. VIII, 370 ff.
[32] S. oben S. 132.
[33] Elevatio S. Macharii, SS. XV. 2, 616-621. Einzelnes darin, wie die Nachrichten von der Pest des J. 1012, ist historisch brauchbar.
[34] Ex translatione SS. Livini et Brictii, ib. p. 611-614. -- Der Catal. abh. Gandav. MG. SS. XXV, 570, ist nur Auszug der Ann. Gand. u. werthlos, berichtigt Waitz-Aufsätze S. 661.
Diese ganze Litteratur würde nicht verdienen, so viel Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen, wenn sie nicht theils für die Zeit charakteristisch wäre, theils durch die Chronisten des 14. Jahrhunderts, Johann von Thielrode und die Genter Annalen, viele hieraus geschöpfte Fabeln in die Geschichte eingedrungen wären, welche noch nicht vollständig beseitigt sind.
Eine besonders hervorragende Stellung als Reformator vieler Klöster nahm der oben erwähnte Abt =Gerhard= ein, der Stifter des Klosters =Brogne= im Lütticher Sprengel zwischen Maas und Sambre. Er gehörte zur Sippschaft des Hagano (Austrasiorum ducis), jenes bekannten Günstlings Karls des Einfältigen; seine Mutter Plictrudis war eine Schwester des Bischofs Stephan von Lüttich. Im Lommatschgau, wo er heimisch war, setzte er auf seinem Erbgut Brogne zuerst Canoniker ein; als aber Graf Berengar von Namur, dessen vielvermögender Rath er war, ihn zum Grafen Robert nach Paris sandte, machte ein Besuch im Kloster St. Denis solchen Eindruck auf ihn, daß er seine Entlassung erbat und zur großen Verwunderung der Mönche von St. Denis bei ihnen Unterricht nahm und Mönch wurde (919 oder 920 nach Sackur). Es war ihnen ganz erstaunlich, daß ein bärtiger Mann noch die Buchstaben lernen wollte, wie ein fünfjähriger Knabe[35] -- eine Stelle, die uns einmal recht deutlich zeigt, wie unberührt von aller litterarischen Bildung die Laien waren, und wie irrig die weitverbreitete Meinung ist, als ob die scholae exteriores für sie bestimmt gewesen wären. Im Jahre 926 zum Priester geweiht, kehrte Gerhard zurück, und übergab nun die Kirche zu Brogne 12 Mönchen aus St. Denis. Die Leitung des Klosters war seinem auf stille Beschaulichkeit gerichteten Sinn zuwider, er lebte abgesondert als Klausner, aber Herzog Giselbert und Bischof Fulbert von Cambrai ließen ihm keine Ruhe. In St. Ghislain lebten nämlich damals Cleriker von gar schlechtem Wandel, welche sich mit ihrem Heiligen singend und bettelnd herumtrieben, bis endlich dieser des Treibens müde zuließ, daß sein Leib gestohlen wurde. Da wurde das Kloster Gerhard zur Reform übergeben; er fand das Heiligthum in Maubeuge, der Herzog gab die Güter zurück, und trotz des Widerstandes der losen Brüder, stellte Gerhard dieses und andere Klöster her[36]. Auch Arnulf von Flandern, angeblich von einem Steinleiden wunderbar geheilt[37], entäußerte sich seiner Abteien Blandigny (941)[38] und St. Bertin (944), wo die regelmäßige Zucht hergestellt wurde, und übergab Gerhard alle Klöster seines Gebietes; er soll deren 18 geleitet haben, darunter auch Saint-Remi. Durch einen Krieg über die gefährdete Lage seines eigenen Klosters belehrt, kaufte Gerhard Brogne los von der Abhängigkeit von St. Denis und übergab es dem Bischof Farabert von Lüttich (947-953); endlich starb er in hohen Ehren am 3. Oct. 959. Sein Leben ist nicht lange nach seinem Tode ausführlich beschrieben, aber wir besitzen nur eine Ueberarbeitung aus dem Anfange des elften Jahrhunderts, für den Abt Gonter geschrieben, geschmacklos mit Versen gemischt. Daß Raginer von Hennegau noch in der Verbannung lebe, Lietald, Gerhards Nachfolger als Vorstand des Klosters zu Mouson († 997), die Wahrheit der Erzählung bestätigen könne, schrieb er gedankenlos nach, so wenig es auch zu seiner Zeit noch paßte[39]. Daß die alte Biographie sich darin noch erkennen lasse, wie W. Schultze annahm, leugnet L. v. Heinemann; die geltend gemachten Stellen sind entnommen aus der darin benutzten und angeführten gleichzeitigen Schrift über die Wunder des h. Eugenius in Brogne, wohin er von St. Deuis gebracht war, die an den Abt Gerhard gerichtet ist und erst kürzlich von den Bollandisten herausgegeben wurde; unter den Wundern bezieht sich eines auf den Einfall der Ungern in Lothringen[40].
[35] „Quod vir jamdudum barbatus applicari vellet ulterius studiis litterarum puerilibus..... litteratim percurrit prima elementa ceu quinquennis puerulus.“ V. Gerardi c. 9. Die chronologischen Bedenken in diesen Angaben beseitigt Sackur, indem er ihn die Reliquien früher erwerben läßt.
[36] Es wurde 931 hergestellt, verbrannte 938. Nachrichten über die Geschichte des Klosters in der zu Gerhards Zeit aufgezeichneten Inventio S. Gisleni, ed. Holder-Egger SS. XV, 2, 576-579, mit von Augenzeugen aufgezeichneten Wundern. Danach stand Gerhard schon vorher mehreren anderen Klöstern vor.
[37] Diese merkwürdige Geschichte hat auch Folcuinus ed. Guérard p. 143 aus der V. Gerardi, c. 19, doch nur in einer späten Ueberarbeitung.
[38] S. oben. Ein Mönch Adelard von Bland. schrieb einen Brief an Erzb. Elphegus von Canterbury (1006-1012) über Dunstan, der in seiner Verbannung bei Graf Arnulf Schutz gefunden hatte, W. Stubbs, Memorials of Saint Dunstan, p. 53 (Hist. Zeitschr. XXXV, 200). Die Historia Relationis S. Walarici in monasterium Leuconaense, ed. Holder-Egger, SS. XV, 2, 693-696, im elften Jahrhundert geschrieben, berichtet, wie dieser Heilige 952 durch Arnulf von Flandern nach St. Bertin gebracht war und 981 durch Hugo Capet nach St. Valery-sur-Mer zurückkam. Zugleich kam auch S. Richarius von da nach seinem Kloster zurück; s. oben S. 173.
[39] Vita S. Gerardi Broniensis, ed. L. v. Heinemann, SS. XV, 2, 654-673. Capitel 14 sind Stellen aus Liudprands Antapodosis aufgenommen. Aus Italien brachte er ein Saumthier mit lapidibus porphyreticis für den Hauptaltar mit, cap. 21. Die Geschichte seiner Reise nach Rom ist aber wegen der Nennung eines Pabstes Stephan und der Existenz einer zweifellos unechten Bulle von diesem bedenklich. Vgl. über ihn Walther Schultze, Gesch. v. Brogne u. die Klosterreform in Niederlothringen u. Flandern. Forsch. XXV, 221-271. L. v. Heinemann, Die älteren Diplome f. d. Kl. Brogne u. die Abfassungszeit der V.G. NA. XV, 593-596. Sackur, Die Cluniac. S. 121 ff. 365 ff. vgl. NA. XVIII, 350. -- Unbedeutende Notae Bronienses 1102-1175, MG. SS. XXIV, 27. „Cronice abbatis Broniensis“ wurden 1490 an das Kloster Marienstatt geschenkt, Anz. d. Germ. Mus. XXVII, 143.
[40] Analecta Boll. III, 29-57. Ex Virtutibus S. Eugenii Bronii ostensis ed. L. v. Heinemann, SS. XV, 2, 646-652. Dazu S. 653 Wunder, die er schon im 9. Jahrh. in Diogilus (Deuil) verrichtet hatte.
Ein eifriger Verehrer des Grafen Arnulf von Flandern war der Priester =Witger=, welcher zwischen 951 und 959 Arnulfs Herkunft mit der Genealogie der Karolinger verband, und seine Verdienste um Kirchen, namentlich die zu Compiègne, pries[41].
[41] Witgeri Genealogia Arnulfi comitis ed. Bethmann, MG. SS. IX, 302 bis 304.
Ein Schüler Notkers von Lüttich war =Adalbold=, der nach dem vortrefflichen Ansfrid 1010 Bischof von Utrecht wurde, wo er am 27. Nov. 1026 gestorben ist[42]. Seine große Gelehrsamkeit bezeugen theils mathematische Schriften, theils ein Commentar zu derselben Stelle des Boethius, welche einst Bovo von Corvey erläutert hatte[43]. Mit Heriger, Gerbert, Berno war er befreundet und in wissenschaftlichem Verkehr[44]; er nennt sich scholasticus, vielleicht (nach Moll) bei St. Ursmar in Lobach. Ein Mitschüler von ihm, =Egebert=, damals Priester und Schulmeister in Lüttich nach E. Voigt, widmete ihm ein Buch, das er liber prorae et puppis oder Foecunda ratis nennt, Sprichwörter, Geschichten und anderes in recht schlechten Hexametern enthaltend, voll gesuchter und ungeschickter Gelehrsamkeit; es fehlt darin nicht die übliche und immer wiederkehrende Klage über Verfall und Mißachtung der Gelehrsamkeit. Die Franzosen, deren strengere mönchische Askese auch Adalbold begünstigte, kann er nicht leiden, und seine Schüler machen ihm manchen Kummer[45].
[42] S. über ihn Moll, Kerkgeschiedenis van Nederland, II, 50-59; Hirsch, Heinr. II, II, 296-301; Bresslau. Konrad II, I, 204 für 1026 (nicht 1025). Vorher war er Cluniac. Mönch geworden. Monographie von Van der Aa, Groningen 1862.
[43] Oben S. 255. Adalbolds Werk hat Moll entdeckt und mit Einleitung herausgegeben im Kerkhist. Archief v. Kist u. Moll III, 161-213. Sep.-Abdr. 1862.
[44] Die Briefe führt Moll an. Eine „Epistola Adalboldi Ultraj. ep. ad Erchanboldum archiep. Mog.“ im Cod. lat. Mon. 2598 f. 80^b ist nur eine Salutatio.
[45] Den Namen nennt Sigebert de SS. eccl. c. 146. -- Egberts von Lüttich Fecunda ratis ed. E. Voigt, Halle 1889. Ueber die Bedeutung desselben E. Voigt: Das erste Lesebuch des Triviums, Mitth. d. Ges. f. deutsche Erzieh. u. Schulgeschichte I (1891), S. 42-53. -- Klagen über widerstrebende Schüler auch im cod. Col. 188, Catal. p. 79, wo ludrica statt ludicra verdruckt ist.
Einen sonst nicht bekannten =Odbert= hatte Adalbold als Knaben mit nach Utrecht genommen; dieser sah in der alten Salvatorkirche das Grab des 838 erschlagenen =Bischofs Friedrich=; er hörte, daß durch die Dänen mit vielen anderen Büchern auch dessen Lebensbeschreibung verbrannt sei, und beeilte sich, wie er behauptet als zehnjähriger Knabe, aufzuzeichnen, was man von diesem Märtyrer wußte. Man erzählte ihm, wie er angiebt, daß Friedrich, von dem wir sonst nur wissen, daß er mit Hraban in freundschaftlichem und gelehrtem Verkehr stand[46], sich der Ehe Ludwigs des Frommen mit Judith wegen zu naher Verwandtschaft widersetzt habe, und daß ihn deshalb Judith habe ermorden lassen: wohl ohne Zweifel eine spätere Erfindung. In lügenhaftester Weise hat der Vf. die bei Thegan und Regino gefundenen Nachrichten diesem Standpunkt entsprechend ausgeschmückt und verdreht. Die noch erhaltenen Acta Friderici[47] scheinen etwas überarbeitet zu sein, aber eine wesentlich übereinstimmende Erzählung kannte schon Wilhelm von Malmesbury. Von einem Priester =Odulf=, der auf Friedrichs Befehl den Friesen predigte, giebt es eine lange nach seinem Tode verfaßte Lebensbeschreibung mit wenig Inhalt[48]; diese hat jener Otbert benutzt.
[46] Dümmler, Poet. Lat. II, 181.
[47] Mit Einleitung von Gu. Cuper Acta SS. Jul. IV, 452-471: p. 457 der metrische Prolog von Oetbert. Ausg. von Holder-Egger als Passio Frid. MG. SS. XV, 342-356.
[48] Vita Odulfi presb. Traj. Acta SS. Jun. II, 592-595. Auszug MG. SS. XV, 356-358, vgl. 574^b.
Zu =Tiel= an der Waal verwandelte Adalbold ein verfallenes Kloster an der Kirche der h. Walburga in ein Chorherrenstift, und der Custos dieses Stifts widmete ihm eine Schilderung der dort vorgekommenen Wunder, welche geschichtliche Beachtung verdienen. Adalbold preist er als Erbauer der neuen Martinskirche, und als thätig auch in castris imperialibus. Eine Abschrift, der ein neues Wunder beigefügt ist, schickt er an den oben S. 375 erwähnten Wormser Diaconen Immo[49].
[49] Miracula S. Waldburgae Tielensia ed. Holder-Egger SS. XV, 2, 764-766, vollst. von G. Henschen, Acta SS. Feb. III, 546-548. Von einem tobsüchtigen Engländer heißt es: „in corium bovis, quod lingua Britanniorum hudifac (hudisac?) vocatur illigaverunt“.
Alpert erwähnt, daß Bischof Adalbold über die Thaten Heinrichs II bis zur Einnahme von Metz (1012) ein so vortreffliches Werk verfaßt habe, daß er, Alpert, deshalb von diesen Dingen nicht reden wolle[50]. Dieses Werk ist leider verloren; erhalten hat sich der Anfang eines =Lebens Kaiser Heinrichs= II, welches nur bis 1004 reicht, und Adalbold zugeschrieben wird[51]. Es ist gänzlich auf Thietmars Chronik begründet und nur mit rhetorischem Schmuck überladen, ein Verfahren, welches von der Utrechter Schule und Adalbolds gelehrter Bildung nicht befremden darf, während dessen eigene Erfahrung erst im weiteren Verlaufe einwirken konnte. Doch fehlen auch hier schon nicht einige Zusätze, besonders über italische Verhältnisse. Ich sehe deshalb keinen genügenden Grund, das Werk mit Moll Adalbold abzusprechen, noch auch anzunehmen, daß es niemals weiter gereicht habe, als wir es besitzen, wenn auch der sächsische Annalist, bei dem allein eine Spur desselben sich findet, nach mehr als einem Jahrhundert auch schon nicht mehr als dieses Fragment gehabt haben mag. Daß auch bedeutende Werke geringe Verbreitung fanden und frühzeitig verloren wurden, ist leider keine vereinzelte Erscheinung.
[50] De div. temporum I, 5: „quia domnus Adelboldus Traiectensis episcopus haec omnia pleniter in uno volumine luculento sermone comprehendit“. Giesebrecht II, 560 und Hirsch, Heinrich II, I, 297 nehmen es als Praesens, mir scheint es jedoch kaum möglich anzunehmen, daß nicht Alpert von einem ihm schon vorliegenden Buche rede.
[51] Vita Heinrici II auct. Adalboldo ed. G. Waitz, MG. SS. IV, 679-695. Hs. in Halle, NA. VIII, 382.
Später übernahm man in dem von Heinrich gestifteten Bisthum Bamberg die Bewahrung seines Andenkens, und machte hier aus dem tüchtigen und umsichtigen Kaiser, dem wackern Kriegsmanne, der nur selten aus den Waffen kam, einen gewöhnlichen Legendenheiligen; es bildete sich hier ein völlig entstelltes Bild aus, welches auf die richtige Erkenntniß und Darstellung der Geschichte einen sehr nachtheiligen Einfluß geübt hat[52]. Denn was die geistlichen Schriftsteller des Mittelalters gelobt hatten, tadelten die neueren Historiker; die thatsächliche Grundlage aber wurde nirgends genügend untersucht, bis in neuester Zeit W. v. Giesebrecht mit umfassender und eindringlicher Benutzung der echten gleichzeitigen Quellen eine besser begründete Schilderung jenes Kaisers in die Geschichte einführte.
[52] S. darüber unten V § 14. -- Eine von Giesebrecht entdeckte, von Jaffé herausgegebene Nachricht über Dedicatio ecclesiae S. Petri Babenbergensis (1012) MG. SS. XVII, 635. Bibl. V, 479.
Notkers Nachfolger in =Lüttich=, =Balderich= II (1008-1018), früher Vitzthum der Regensburger Kirche, wird als ein trefflicher Mann gerühmt; er stiftete das Kloster St. Jacob und fand hier auch einen Biographen, der jedoch erst um die Mitte des Jahrhunderts schrieb und den Bischof nicht mehr persönlich gekannt hatte[53].
[53] Vita Balderici ep. Leod. ed. Pertz, MG. SS. IV, 724-738.
Ein ausgezeichneter Zögling der Schule zu =Lobbes= wurde von Otto III im Jahre 1000 (-1025) zum Bischof von =Worms= berufen, =Burchard=, der als der gelehrteste Canonist seiner Zeit bekannt und berühmt ist, und der sein gänzlich verfallenes Bisthum zu neuer Blüthe erhob. Freilich wird von dem gelehrten Pabste Gregor V (996-999) gerühmt, daß er in Worms gebildet sei[54], doch fand Burchard nach seines Biographen Schilderung die Stadt noch in Ruinen nach der Verwüstung durch die Ungern, und die Fehden des Adels hinderten jeden Fortschritt zu besseren Zuständen. Durch die Schilderung dieser Verhältnisse und der Art, wie es Burchard gelang den Uebelständen abzuhelfen, ist dessen Biographie sehr lehrreich, so wie andererseits Burchards einflußreiche und angesehene Stellung bei Otto III und Heinrich II ihr auch für die Reichsgeschichte Bedeutung verleiht[55]. Sie ist von einem Zeitgenossen verfaßt und gehört zu den besseren Werken dieser Art; doch hat Manitius nachgewiesen, daß in übermäßiger Weise darin Alpert ausgebeutet, und sogar dessen Lobpreisung Ansfrids auf Burchard angewandt ist, so daß nicht viel Eigenes übrig bleibt[56]. Noch am Anfang des folgenden Jahrhunderts feierte der Cleriker Hermann in seinem Cartular der Wormser Kirche Burchard durch eine kurze, aber inhaltreiche Charakteristik voll warmer Dankbarkeit[57].
[54] „Lingua Teutonicus, Wangia doctus in urbe.“ Epit. bei Baronius ad a. 999 § 1. Die Form Wangia auch in einem Hymnusfragment saec. XII. Geschichtsbl. d. mittelrhein. Bisth. S. 23.
[55] Vita Burchardi Wormat. ed. Waitz, MG. SS. IV, 829-846, nach der alten Ausgabe von 1548. Cod. Pal. 851, Arch. XII, 344. Vgl. W. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit I, 787. H. Grosch, B. v. W. Jena 1890. M. Conrat (Cohn), Gesch. d. Quellen d. Rom. Rechts im MA. I, 261.
[56] NA. XIII, 197-202.
[57] MG. SS. IV, 829. Ueber die Wormser Schule vgl. Kehr, Die Urkk. Ott. III (1890).
§ 8. Alamannien.
Stälins Wirtembergische Geschichte I, 605 ff.
Die Schulen von =St. Gallen= und =Reichenau= bewahrten auch in dieser Zeit ihren alten Ruhm und erhoben sich zu hoher Blüthe; es wurde manches hier geschrieben, aber wie Schwaben damals der Reichsgeschichte ferner stand, wie den Alamannen der sächsische Kaiserhof weit fremder war als der karolingische, so nahm auch das ganze Leben einen provinziellen Charakter an, und während wir in Sachsen und in Lothringen Geschichtswerke von allgemeinerem Gesichtspunkte entstehen sahen, beschränkt sich hier die Litteratur auf Schriften von engerem Gesichtskreise. =Annalen= freilich sind auch hier geschrieben und darin auch, wie überall, von Kaiser und Reich berichtet; ihre Notizen sind als gleichzeitige Aufzeichnungen wichtig, aber sie zeigen kein Streben nach zusammenhängender Darstellung, wie die größeren sächsischen Jahrbücher und der Fortsetzer des Regino. So wurden in St. Gallen die alten Alamannischen Annalen bis 926 fortgesetzt[1]; um die Mitte des Jahrhunderts entstanden dann die größeren =Annalen von St. Gallen=, bis 955 von einer Hand geschrieben und von verschiedenen Schreibern bis 1044 fortgeführt[2], die Sanct Galler Gelehrsamkeit durch Anwendung von Stellen alter Schriftsteller bekundend[3]. Bis 918 sind sie ein Auszug der Alamannici mit einigen Zusätzen, von 919 an selbständig und von erheblichem Werth. Gleichzeitig wurde in derselben Handschrift, welche verschiedene Mönchsregeln u. a. enthält, auch das Necrologium angelegt[4]. Dagegen ließ man in =Reichenau=, wo längere Zeit hindurch die alten Murbacher Annalen fortgesetzt waren, schon mit dem Jahre 939 von dieser Thätigkeit ab; ein Exemplar dieser Annalen, welches für den Erzbischof Friedrich von Mainz bald nach 939 abgeschrieben war, ist merkwürdig durch die von Otto's des Großen Sohn Wilhelm eigenhändig am Schlusse zugesetzte Nachricht von seiner Erhebung zum Erzbischof von Mainz (954) und dem gleichzeitig zwischen dem Kaiser und seinem Sohne Ludolf geschlossenen Frieden[5]. Es hat aber auch noch eine weitere Fortsetzung Alamannischer Annalen gegeben, deren Spuren Giesebrecht bis 985 in den Altahenses findet[6] und die vielleicht auch in den Cölner Annalen noch kenntlich ist.
[1] Neue Ausg. nach dem Original in Zürich in d. Mitth. z. vaterl. Gesch. XIX, 224-265, von C. Henking. Nach der ausführl. Erörterung S. 347 bis 358 ist das Stück 800-876 von einer Hand geschrieben und Reichenauer Ursprungs; 877-881 zweifelhaft, 882-926 in St. Gallen geschrieben.
[2] Ann. S. Galli majores, früher Hepidanni genannt, ed. Pertz, MG. SS. I, 73-85; Henking a. a. O. S. 265-323, vgl. S. 358 ff. (Nach S. 291 sind die J. 965 u. 966 von Ekkeh. IV geschrieben u. also ohne Autorität.) Ueber die Reichsannalen, welche dem Stück von 1025-1040 zu Grunde liegen, werden wir in der folgenden Periode zu reden haben. Ueber Zusätze von Ekkehards IV Hand s. Meyer von Knonau S. 338.
[3] Strehlke, De Heinrici III bellis Ungaricis p. 35.
[4] S. die Ausgabe von Dümmler u. Wartmann in den St. Galler Mittheilungen XI nebst den Historiae de fratribus conscriptis (885 bis 982) S. 13-24. Letztere als Confraternitatum syngraphae MG. Libri Confrat. ed. Piper p. 136-143.
[5] Annales Augienses MG. I, 62. 67-69. Vgl. II, 238. Berichtigte Ausgabe von Jaffé, Bibl. III, 700-706. Vgl. oben S. 287.
[6] MG. SS. XX, 776.
Auch die =Weingarter= Annalen, nur nach dem Fundort benannt, sind bis 918 nichts als ein Auszug der Alamannici, bis 936 fortgeführt[7]. In =Einsiedeln= aber wurden um das Jahr 966 Annalen zusammengestellt, und bis 1057, in einer anderen Handschrift bis 1268 gleichzeitig fortgeführt[8]. Im nahen Elsaß wurde in =Weißenburg= ein Exemplar der Hersfelder Annalen in einen Auszug gebracht und von 985-1075 fortgesetzt[9].
[7] Annales Weingartenses, MG. SS. I, 65-67. Vgl. Henking in den Mitth. z. vaterl. Gesch. XIX, S. 345. Die Sangall. breves (ib. S. 220-227) sind nichts anderes als eine schlechtere Copie desselben Auszuges.
[8] Ann. S. Meginradi, Heremi und Einsidlenses ed. Pertz, MG. SS. III, 137-149. Von den Ann. Heremi vermuthet H. Bresslau im NA. V, 449, daß sie nur ein Auszug d. Schwäbischen Reichsannalen sind. -- G. v. Wyß: „Ueber die Antiquitates monasterii Einsidlensis u. d. Liber Heremi des Aegidius Tschudi“ (Jahrb. f. Schweiz. Gesch. X) behandelt sehr eingehend diese Mss. u. erweist ihren Charakter als Arbeiten von Tschudi. Ihr geschichtl. Werth besteht in der Benutzung einer beim Klosterbrand 1577 verlorenen Annalenhs. u. des alten Liber vitae, im ersten Theil des Liber Heremi, eines Namens, der eigentlich nur dem von Tschudi benutzten Liber vitae zukommt. Daraus werden als Beilagen abgedr. S. 87 kurze Annalen 863-996 als Annales S. Meginradi II, S. 88-110 Ex libro Vitae Einsidl. a. 883-1298, Verz. d. Wohlthäter mit Angabe ihrer Schenkungen, Necrolog ohne Tage, u. noch einige Notizen aus d. 14. Jahrhundert.
[9] Annales Weißenburgenses ed. Pertz, MG. SS. III, 33-65. 70-72. Vgl. oben S. 340.
Bei weitem das bedeutendste Werk für die Geschichte dieser Zeit ist die Fortsetzung der Klosterchronik von St. Gallen, deren wir schon oben (S. 268) gedachten, und die uns das anschaulichste und lebendigste Bild gewährt von einem schön und reich entwickelten Klosterleben, dessen Mittelpunkt die Schule ist. =Hartmann=, der gelehrte Nachfolger (922-924) des Abtbischofs Salomon, hat über die Geschichte seiner Zeit ein Buch hinterlassen, welches uns leider verloren ist[10]. Ein Jahrhundert lang scheint darauf diese Aufgabe unbeachtet geblieben zu sein, bis =Ekkehard= (IV) die Arbeit unternahm, ein Schüler Notkers des Deutschen, des bedeutendsten Sanctgaller Lehrers, an dessen Sterbebett er am 29. Juni 1022 stand; dann ging er, wohl von Aribo berufen, nach Mainz, wo er der Schule vorstand. Auch Trier scheint er aus eigener Anschauung gekannt zu haben[11]. Nach Aribo's Tod (6. April 1031) scheint er heimgekehrt zu sein, und unter den Glossen, mit welchen er viele Handschriften des Klosters versah, findet sich noch der Tod des Pabstes Victor (28. Juli 1057) erwähnt, den nach seiner Meinung ein Abt vergiftet hatte. Für seinen Lehrer Notker[12] hat Ekkehard eine große Menge metrischer Uebungen (dictamina) verfertigt, die, verkünstelt und geschmacklos, wie sie meistens sind, doch von diesem der Aufbewahrung werth erachtet wurden; andere fügte er später aus eigenem Antrieb hinzu, die zum Theil an seinen Bruder Immo, Abt von Münster im Gregorienthal, gerichtet sind. Die im Cod. 393 noch jetzt erhaltene Sammlung unter dem Titel liber benedictionum stellte er zusammen auf Anregung des Staveloter Mönchs Johannes, Neffen des Abtes Poppo, der in St. Maximin Abt wurde und am 11. Juli 1035 gestorben ist[13]. Auf den Wunsch des Abtes Purchard II (1001-1022), der ein eifriger Beförderer der lateinischen Dichtkunst war[14], machte er Verse zu den Bildern aus dem Leben des h. Gallus, welche Abt Immo (975-984) im Kloster hatte malen lassen. Ebenso dichtete er in Mainz auf Aribo's Wunsch Unterschriften zu den Gemälden des Doms[15], und überarbeitete den Waltharius des älteren Ekkehard (I † 973), den dieser für seinen Lehrer Gerald in Verse gebracht, Gerald dem Bischof Erchambold von Straßburg gewidmet hatte[16].
[10] Ekkehard S. 102: „de quo quoniam proprium ejus sui temporis libellum habemus, plura scribere supersedemus“. Vgl. über ihn Dümmler, St. Gall. Denkmale S. 256, NA. IV, 556; Meyers von Knonau Ausg. S. 165 bis 168.
[11] Dümmler, NA. XI, 405, wo er weitere Glossen von ihm zu Adonis Martyrologium mittheilt.
[12] Dessen merkwürdiger Brief über seine Uebersetzungen an Bischof Hugo von Sitten bei J. Grimm, Kl. Schr. V. 190.
[13] S. vorzüglich E. Dümmler, Ekkehart IV, in Haupts Zeitschrift XIV, 1-73, u. G. Meyer von Knonau in der Einleitung zu seiner Ausgabe. Rythmi de S. Othmaro, mit Glossen, worin er dieselben St. Galler Lehrer feiert wie in der Chronik, MG. II, 55-58. Verbesserungen von Dümmler l. c. p. 13. Neue Ausg. im Ekk. ed. M. v. Knonau p. LXXXV-LXXXIX. Benedictiones ad mensas ed. F. Keller, Mitth. d. Antiqu. Ges. in Zürich, III, 97-121.
[14] An diesen Abt ist, als er sich am Hofe befand, ein merkwürdiges Schreiben über einen Kirchendiebstahl und dessen Entdeckung von seinen Mönchen gerichtet, gedr. in Wartmanns Urkundenbuch III, 34. -- Ein im Anschluß an Marcianus Capella gedichtetes Lehrgedicht über die 7 freien Künste, s. XI. aus St. Gallen, NA. V, 627.
[15] Fehlerhaft gedr. bei Fr. Schneider, der h. Bardo, Mainz 1871: besser von Jos. Kiefer im Progr. des Großh. Gymn. in Mainz 1881; vgl. NA. VII, 419.
[16] Ekkehardi I Waltharius ed. Rud. Peiper, Berol. 1873. Waltharius nach der handschriftl. Ueberlieferung berichtigt mit deutscher Uebertragung und Erläuterungen von J. v. Scheffel u. A. Holder, Stuttg. 1874. W. Meyer, Philolog. Bemerkungen, Münch. SB. 1873 S. 361. Ueber die versch. Hypothesen und Controversen s. M. v. Knonau zu Ekk. S. 284-287.
In St. Gallen war inzwischen eine große Veränderung eingetreten. Von Stablo kam als Abt Norbert (1034-1072), um die strengere französische Zucht des Abtes Poppo einzuführen, unter lebhaftem Widerstreben der alten Mönche. Ekkehard war, trotz seiner Freundschaft mit Johannes, ebenso heftig gegen diese Neuerer erbittert, wie jener Priester Egebert (oben S. 389), und die Störung der Verhältnisse, die Vernichtung der alten Harmonie und wohl auch der alten mehr profanen Studien, welche von nun an in St. Gallen verschwinden, mögen ihn vorzüglich veranlaßt haben, die Klosterchronik fortzusetzen und das Andenken der guten alten Zeit zu retten. Mit der anziehendsten Ausführlichkeit erzählt er von dieser, mit einer reichen Fülle von einzelnen Zügen, die uns ganz in das Innerste des Klosters einführen; er schildert die Schicksale desselben, die Thätigkeit der verschiedenen Lehrer und ihr Leben mit einander; aber freilich hatte er dafür keine andere Quelle als das Gedächtniß an eine schon sehr fern liegende Vergangenheit, an Erzählungen, die er in seiner Kindheit gehört hatte. Es ist daher nicht zu verwundern, daß sich ihm in den Einzelheiten vielfache Irrthümer nachweisen lassen; die kulturgeschichtliche Bedeutung der Schilderung wird aber dadurch wenig gemindert, Ton und Färbung des Bildes werden wir als wahrhaft anerkennen können, wenn auch die Umrisse einzelner Gestalten täuschen, die gute alte Zeit zu sehr verherrlicht ist. Leider hat Ekkehard sein Werk nur bis zum Jahre 971 geführt, und weit über ein Jahrhundert verging nach ihm, bevor man wieder an die weitere Fortsetzung dachte.
Schätzbar durch Nachrichten über den verheerenden Einfall der Ungern im Jahre 926 ist die sonst nicht bedeutende Lebensbeschreibung der Klausnerin =Wiborada=, von dem Sanctgaller Mönche =Hartmann= erst gegen das Ende des Jahrhunderts verfaßt[17].
[17] V. S. Wiboradae ed. Waitz, MG. SS. IV, 446. 452-457. Vgl. Stälin I, 424. M. v. Knonau zu Ekk. S. 203.
Das Kloster =Reichenau= erhält eine besondere Bedeutung dadurch, daß es an der Hauptstraße nach Italien lag. Bischöfe von Verona haben hier Kirchen gestiftet; griechische und italienische Pilger und Reisende werden erwähnt, und auch Irländer und Isländer lassen sich hier nachweisen. Durch Nachrichten dieser Art verdienen die =Wunder des h. Marcus= Berücksichtigung, dessen Reliquien angeblich 830 von Venedig nach Reichenau gebracht sein sollten. Die schon damals vielfach lautgewordenen Zweifel an der Echtheit der Reliquien veranlaßten natürlich eine um so viel größere Zahl von Wundern, und auch die Abfassung eines apologetischen Berichtes darüber, welcher noch unter Heinrich I oder gleich nach seinem Tode geschrieben ist[18]. Eine andere Reliquie, die als eine besondere Kostbarkeit betrachtet wurde, war ein Kreuz mit dem =Blute Christi=, das durch einen Araber Hassan an Karl gebracht sein sollte und 925 nach Reichenau geschenkt wurde. Neben vielem fabelhaften, das aber für die Sagengeschichte nicht unwichtig ist, enthält die darüber verfaßte Schrift doch auch einige geschichtliche Nachrichten[19]. Aehnlicher Art sind auch die im Anfange des elften Jahrhunderts in =Zurzach= beschriebenen =Wunder der h. Verena=[20]. Den Abt Liutharius, sonst Liuthard genannt (926-934), feiern einige Verse wegen runder Fenster, durch welche er Licht in ein dunkles Gemach gebracht hatte[21]. Ihm schreibt Stephan Beissel das dem Augustus Otto dargebrachte schön geschmückte Evangeliar zu, welches später dem Dom zu Aachen gewidmet ist[22].
[18] S. oben S. 285.
[19] Historia Sanguinis Domini, gedr. im Auszuge von Waitz, MG. SS. IV, 445. 446-449; vollständig bei Mone, Quellens. I, 671-676. Später wiederholt überarbeitet, auch in deutschen Reimen, von Albert, herausgegeben von Schmeller, München 1844. Vgl. dazu Aronius in d. Zts. f. Gesch. d. Juden in Deutschland II, 76-81 (NA. XIII, 400).
[20] Miracula S. Verenae ed. Waitz, MG. SS. IV, 457-460; Varianten v. Baumann, Anz. f. Schweiz. Gesch. 1877, S. 288. Stälin I, 423. Ihre verschiedenen Vitae sind nur Erweiterungen aus Notkers Martyrologium. Eine in fließenden Hexametern im Cod. lat. Mon. 18628 f. 13 aus Tegernsee.
[21] Dümmler, NA. V, 433.
[22] Die Bilder der Hs. des Kaisers Otto im Münster zu Aachen (1886) S. 60.
Von mehr geschichtlichem Inhalt ist ein Gedicht zu Ehren des Abtes =Witigowo= (985-997), von =Purchard= im Jahre 994 nicht ohne Geschmack und Kunstfertigkeit verfaßt. Er läßt darin die Augia selbst auftreten, trostlos über die häufige Abwesenheit des Abtes, der bald am kaiserlichen Hofe weilt, bald die Stiftsgüter mit Kirchen schmückt; ausführlich berichtet sie von seinen Verdiensten, namentlich dem Neubau des Klosters. Ein Nachtrag vom Jahre 996 berührt die Theilnahme des Abtes an Otto's III Römerzuge[23]. Er brachte Reliquien und Privilegien mit; dann aber scheint es ihm nicht anders ergangen zu sein als dem Abt Ratgar von Fulda: er wurde abgesetzt[24]. Nicht unwahrscheinlich ist es, daß durch die Bauten die Zucht gelockert und dadurch die folgende Katastrophe herbeigeführt wurde.
[23] Carmen Purchardi de Gestis Witigowonis ed. Pertz, MG. SS. IV, 621 bis 632; Berichtigungen aus Gallus Ohem, von O. Breitenbach, NA. I, 176 bis 178. Copie des dazu gehörigen Bildes der Handschrift bei Mone III, Tafel 1. In diese Zeit fällt die Schenkung des Evang. an Ekbert von Trier, s. oben S. 365. Aus seiner Zeit theilweise erhalten: Die Wandgemälde der St. Georgskirche zu Oberzell auf der Reichenau, aufgen. durch Fr. Beer, herausg. v. Fr. Kraus, Freib. i. Br. 1884.
[24] Herim. a. 997: „Witigowone abbate privato Alawicus promotus“. Pertz vermuthet sogar „vita privato“.
Im Jahre 1006 nöthigte nämlich Heinrich II den Mönchen wider ihren Willen den Abt Immo auf, welcher schon den Klöstern Gorze und Prüm vorstand, und die strenge lothringische Zucht mit großer Härte den Mönchen aufzudrängen versuchte, was viele von diesen zur Flucht veranlaßte und dem Kloster großen Schaden that. Davon hat der Mönch =Rudpert= in Prosa und in Versen berichtet[25], sein Werk ist aber verloren. Nach zwei Jahren erlöste der König Reichenau von seinem Zuchtmeister und gab ihnen Bern aus dem Kloster Prüm zum Abte, welcher den früheren blühenden Zustand wieder herstellte[26].
[25] Herim. Aug. Chr. ad a. 1006. Bischof Milo von Minden schrieb an Immo seinen Brief über die Acta S. Gorgonii, Mab. Act. III, 2, 204.
[26] S. unten IV, § 5.
Diese beiden großen Klöster scheinen alles an sich gezogen zu haben, was an litterarischer Thätigkeit noch vorhanden war; =Constanz=, so sehr es durch bedeutende Bischöfe ausgezeichnet war, tritt litterarisch gar nicht hervor, denn Salomo III, dessen Formelbuch und Gedichte oben (S. 274) erwähnt wurden, gehört ganz dem Kloster St. Gallen an, welchem er seine Bildung verdankte und in dem sein Andenken immer fortlebte. Von dem Bischof =Conrad= (934-976) giebt es freilich eine Biographie[27]; sie ist aber erst 150 Jahre nach seinem Tode geschrieben und von geringem Werthe. Das Leben des Bischofs =Gebehard= II (980-995) ist ebenfalls erst viel später, im zwölften Jahrhundert, in seiner Stiftung Petershausen verfaßt; es enthält einige merkwürdige Nachrichten über den Bau des Klosters[28].
[27] Vita Cuonradi Const. ep. ed. Pertz, MG. SS. IV, 436. Seine Verbrüderung mit St. Gallen bei Dümmler u. Wartmann S. 17; Piper, Libri Confrat. p. 188.
[28] Vita Gebehardi ed. Wattenbach, MG. SS. X, 582; vgl. Allg. D. Biogr. VIII, 453, v. G. Meyer v. Knonau.
Wir haben schon gesehen, wie =St. Gallen= auch in die Ferne wirkte durch seinen Probst Notker, der 972 Bischof von Lüttich wurde; zwei Ekkeharde gingen von dort nach Mainz. Mit Weißenburg im Elsaß war vielfacher Verkehr und auch mit =Straßburg=, besonders unter dem Bischof =Erchenbald= (965-991). Dieser, welcher durch die Gunst des zweiten und dritten Otto zuerst wirklich Herr in seiner Stadt wurde, war wissenschaftlich gebildet, machte selbst Verse und nahm sich eifrigst der Bibliothek an, für welche er Abschriften machen ließ. Wimpheling hat noch Aufzeichnungen aus seiner Zeit gehabt, welche später verloren sind[29]. Er ist es auch ohne Zweifel gewesen, dem der Waltharius überreicht wurde[30]. Zur Zeit des Abtes Burchard (958-971) berief er, wie Ekkehard erzählt, den Sanctgaller Mönch =Victor=, einen fähigen und gelehrten, aber unruhigen Mann von vornehmer Abkunft nach Straßburg, wo er mit Erfolg als Lehrer wirkte[31]. Nach dem Tode des Bischofs zog der in früherer Zeit geblendete Victor sich als Eremit in die Einsamkeit zurück. Erchenbald aber hat auch selbst einige Verse über seine Vorfahren im Bisthum verfaßt[32]. Andererseits wirkte auch Frankreich auf Straßburg ein; auch =Constantius=, der berühmte Scholaster von Luxeuil, hat hier gelehrt[33].
[29] Catal. epp. Argent. ed. Moscherosch Argent. 1651 (hier nicht vorhanden). Darin nach Mitth. von Dümmler S. 32 ein Gebet, S. 33-34 ein Verzeichniß von 17 Bischöfen, bei deren Weihe er mitwirkte, nebst Angabe des Orts, wo sie geweiht (abgedr. MG. SS. XIII, 323); S. 35 Verse aus Handschriften und von ihm geschenkte Bücher, die damals noch vorhanden waren; S. 37 eine kurze gleichzeitige Notiz über die Sarazenenschlacht von 982, abgedr. MG. SS. XIII, 43, Anm. 6. Der Schluß lautet „Kalabria Deo vincente“ nach d. Bibliothèque A. Firmin-Didot, Catalogue des livres rares et précieux, Paris, Juin 1882, p. 11-13 in d. Beschreibung der aus Straßburg stammenden Handschrift. -- Ueber die von ihm geschenkte Hs. von Pauli D. Gesta Mett. NA. III, 186.
[30] Oben S. 395; summus pontifex wird der Bischof von Worms genannt in dem Briefe bei A. Mai, Spicil. V^a, 147, Erchanbert von Eichstedt von Wolfhard bei Pez, Thes. VI, 91. Ueber ganz abweichende Vermuthungen von M. Grellet-Balguerie s. NA. XVI, 456.
[31] „Urbem suam doctrinis ejus floridam fecit.“ MG. II, 116; vgl. Meyer v. Knonau z. Ekk. S. 273-275.
[32] Böhmers Fontes III, XII u. 1-4. Vgl. Rettberg I, 214, II, 61. Friedrich, Drei uned. Concilien S. 54. M. v. Knonau a. a. O. Ausführlich handelt über Erch. mit viel Phantasie Grandidier, Oeuvres hist. inéd. I.
[33] In der schon oben S. 319 angeführten Todtenklage um Constantius heißt es, daß Kaiser Heinrich und König Rotbert, Frankreich, Deutschland und Langobardien um ihn trauern. Straßburg und Lyon werden besonders genannt.
Aus der Klosterschule von St. Gallen aber, wo ein großer Theil der jungen vornehmen, zu hohen Kirchenämtern bestimmten Geistlichkeit erzogen wurde, ging auch der ausgezeichnetste Bischof hervor, den Alamannien in der Ottonischen Zeit besessen hat, =Udalrich= aus dem Hause der Grafen von Dilingen[34], der von 924-973 dem Sprengel von =Augsburg= vorstand und ein segensreiches Andenken hinterlassen hat[35]. Ohne Zweifel würde er hier eine reiche Entfaltung geistiger Thätigkeit hervorgerufen haben, wenn nicht die schweren Zeiten, welche Ludolfs Aufstand und der Ungernkrieg über Stadt und Sprengel brachten, seine Wirksamkeit gehemmt hätten. Die Folgen dieser Ereignisse sind gewiß noch lange fühlbar gewesen; doch finden wir zu Bischof Liutolds Zeit (989-996) in einem Briefe des Wigo von Feuchtwangen[36] den blühenden Zustand der Augsburger Schule gerühmt, und zugleich zeigen uns diese zufällig erhaltenen Briefe ein lebhaftes litterarisches Streben in dem Kloster =Feuchtwangen=, im nördlichsten Winkel des Augsburger Bisthums. Wir dürfen daraus wohl den Schluß ziehen, daß noch an vielen Orten eifrig gelehrt und gelernt wurde, ohne daß uns eine Nachricht aufbewahrt ist, daß auch vieles geschrieben worden ist, was später unbeachtet zu Grunde ging. Ueber S. Ulrichs segensreiche Wirksamkeit aber ist uns glücklicherweise ein reichhaltiger und vortrefflicher Bericht zugekommen, dessen Verfasser, der Priester =Gerhard=, ein jüngerer Zeitgenosse des Bischofs, zugleich durch seine gute Schreibart und Darstellung den gesegneten Erfolg von Udalrichs Bestrebungen bezeugt. Die außerordentlich angesehene Stellung dieses Bischofs, sein Einfluß bei Hofe, die mannhafte Vertheidigung seiner Stadt und seines Sprengels gegen die Aufrührer und gegen die Ungern geben seiner Biographie eine besondere Wichtigkeit und stellen sie dem Leben des Erzbischofs Brun zur Seite; doch ist die Sprache sehr gesucht und oft ganz fehlerhaft, griechische und deutsche Worte werden eingemischt. Auch die Zeit seines Nachfolgers =Heinrich= (973-982) zog Gerhard in seine Darstellung[37]. =Liutold= oder Ludolf bewirkte 993 die Canonisation S. Ulrichs, das erste Beispiel eines solchen Actes, und von da an wurde das Leben desselben immer von neuem, später auch in deutscher Sprache überarbeitet; schon Bischof =Gebhard= (996-999), früher Abt von Ellwangen, dem die Zeitgenossen hohes Lob zollen, machte den Anfang damit, aber geschichtlichen Werth hat nur das ursprüngliche Werk. Lehrreich sind diese Bearbeitungen nur, insofern man darin recht deutlich sehen kann, wie das geschichtliche Element sich immer mehr verliert und dafür der rhetorische Schmuck, die herkömmlichen Phrasen überhand nehmen, bis nur noch eine gewöhnliche mit Wundern überladene Legende übrig bleibt[38].
[34] Ueber diese vgl. Steichele, Das Bisth. Augsburg III (1872) S. 31-55.
[35] Waagen, Treasures of Art in Great-Britain I, 196, schreibt seiner Hand das Evangeliar Harl. 2970 und ein anderes in München zu, mit der Inschrift; „Deus propitius esto Udalrico peccatori“; dieses (23,630) ist jedoch jünger und der Schreiber vielleicht der Sammler des Cod. Udalrici; s. NA. X, 410.
[36] B. Pez Thes. VI, 115. Vgl. Hirsch, Heinrich II, I, 127. Diese Briefe sind, nebst einem neuen, nach der Hds. wiederholt bei Steichele a. a. O. S. 341-349 mit Nachrichten über das Kloster, welches sich nicht halten konnte und Collegiatstift wurde. Ueber diese Briefe handelt Bossert in d. Württemberg. Vierteljahrsheften IV (1881), Heft 1-4, „als Quelle für die Geschichte des Württ. Franken“.
[37] Vita S. Oudalrici ed. Waitz, MG. SS. IV, 377-428. Migne CXXXV aus Mabillon. Uebers. v. Grandaur, Geschichtschr. 31 (X, 4, 2) 1891 mit Excurs über die Schlacht auf dem Lechfeld. Zur Ergänzung Ekkehards Excurs MG. II, 107-109; bei M. v. Knonau mit Comm. S. 211-224. Auf S. 225 ist die Correctur ultra in cis citraque nicht zu rechtfertigen, da diese incorrecte Ausdrucksweise im Mittelalter ganz gewöhnlich ist. -- Vgl. Stälin I, 424. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit I, 784. Ruland in Steichele's Archiv für die Geschichte des Bisthums Augsburg I, 7. K. Raftler: Ueber den h. Ulrich, Augsb. 1866. Jul. Koch: Gesch. u. Cult des h. Ulrich, Hall. Diss. 1875. Augsburger Bischofsverz. SS. XIII, 333, und mit d. Aebten von St. Ulrich u. Afra, S. 278.
[38] Eine sehr fabelhafte Version NA. VII, 139.
§ 9. Baiern.
Ein Geschichtswerk aus Baiern ist uns aus diesem Zeitraume nicht aufbewahrt, wohl aber mögen manche Aufzeichnungen vorhanden gewesen sein, welche für uns verloren sind, wie die =Salzburger Annalen= von 835 an, und =Regensburger Annalen=, von denen Spuren sich in späteren Werken nachweisen lassen[1]. Doch hatte auch gerade dieses Land besonders schwer durch die Verheerungen der Ungern gelitten; manches blühende Kloster war zerstört, andere durch Herzog Arnulfs Säcularisationen kaum minder hart getroffen, und erst allmählich begann eine neue Entwickelung und wissenschaftliche Thätigkeit.
[1] S. oben S. 149. Ann. S. Emm. brevissimi 792. 817. 930-1062 und saec. XI (1036-1046) ed. Jaffé SS. XVII, 571 sind sehr unbedeutend.
In =Regensburg= starb am 23. Sept. 972 der Bischof =Michael=, der in seinem Epitaphium[2] sehr gepriesen wird. Als sein Nachfolger wirkte bis 994 der treffliche Bischof =Wolfgang=, ein Schwabe von Geburt, der zuerst in Reichenau die Schule besucht hatte, wo er mit Heinrich, des Bischofs Poppo von Würzburg Bruder, Freundschaft schloß und ihn nach Würzburg begleitete, um die Vorträge des italienischen Grammatikers Stephan zu hören. Als 956 Heinrich Erzbischof von Trier wurde, mußte Wolfgang ihm auch dahin folgen, und theils als Lehrer, theils als Decan für die Herstellung der Zucht thätig sein. Allein nach Heinrichs frühem Tode 964 ließ er sich durch nichts, auch nicht durch die Bemühungen des Cölner Erzbischofs Brun, ihn zu gewinnen, abhalten seinem Herzenswunsch zu folgen und im Kloster Einsiedeln Mönch zu werden. Dann trieb es ihn, den Ungern das Evangelium zu predigen; hier aber trat ihm Bischof Piligrim von Passau entgegen und bewirkte seine Erhebung zum Bischof von Regensburg, wo er nun zu thätigem Wirken in der Welt gezwungen war und sich auch auf diesem Felde ausgezeichnet bewährte. Er hat einen Biographen gefunden, aber nicht in Baiern, sondern in Franken, und auch diese Schrift ist uns leider verloren; nur in der späteren Bearbeitung von Otloh sind Fragmente davon erhalten[3]. Wolfgang war der Erzieher Kaiser Heinrichs II, und auch Poppo, Markgraf Liutpolds Sohn, der 1016 Erzbischof von Trier wurde, war in Regensburg erzogen[4]. Auch Tagino, 1004 bis 1012 Erzbischof von Magdeburg, war vorher Vitzthum der Regensburger Kirche, ein Zögling Wolfgangs und von ihm zu seinem Nachfolger bestimmt, aber damals vom Kaiser nicht bestätigt[5]. Balderich, nach ihm Vitzthum, wurde 1008 Bischof von Lüttich.
[2] Dümmler, Otto I S. 594.
[3] MG. SS. IV, 521-542. Vgl. über Wolfgang Hirsch Heinrich II, I, 112 f. In Verona ist ein schönes Missale mit seinem Namen, in welchem mit Goldschrift zum 25. Oct. 992 die Ordination des Bischofs Otbert eingetragen ist, der es also von ihm erhalten zu haben scheint. Arch. XII, 660. NA. III, 207.
[4] Thietmar l. V, Prol. Gesta Trevirorum, MG. SS. VIII, 175. Notiz über eine 1017 von ihm in Trier vollzogene Altarweihe in einem Missal in Koblenz, Lamprecht, Initial-Ornamentik, S. 29 n. 60. Gedicht d. Cambr. Hs. Sponso sponsa. Der ihm beigelegte Brief an Bened. IX u. dessen Antwort sind Fiction nach Bresslau, Konr. II, II, 514-518, u. Lesser, Erzb. Poppo. Leipz. 1888.
[5] Thietmar V, 25. V. Wolfg. c. 36. Vgl. Hirsch, l. c. I, 172. 275.
Vorzüglich machte Wolfgang sich verdient durch die Herstellung des altberühmten Stiftes zu =St. Emmeram=, welches ganz unter der Herrschaft der Bischöfe gewesen war; jetzt zuerst erhielt es durch ihn einen eigenen Abt an =Ramwold=, den er aus St. Maximin berief, und der mit Ernst und Eifer die klösterliche Zucht herstellte[6]. Er brachte Reliquien mit[7], besorgte für seine Mönche eine Abschrift oder Bearbeitung der Homiliensammlung des Paulus Diaconus[8], und legte ein Güterverzeichniss an, wovon sich nur die Vorrede mit frommen Ermahnungen erhalten hat[9]. Doch hatte auch schon 961 Otto I in einer Urkunde die Frömmigkeit und die Studien der Mönche rühmen können[10]. Ramwold erlangte, nachdem er eine neue Kirche erbaut hatte, vom Abt Winidhar von Ellwangen (978-987) Reliquien der h. Gemini[11]. Er war es auch, der durch Aribo und Adalpert den herrlichen 870 für Karl den Kahlen geschriebenen Evangeliencodex herstellen ließ[12], der durch Kaiser Arnulf aus Saint-Denis dorthin gekommen war, und zu der romanhaften Translatio S. Dionysii den Anlaß gegeben hat. In diesem Kloster hat sich in einer Handschrift ein merkwürdiges Bruchstück über den Herzog Arnulf erhalten, merkwürdig sowohl als vereinzelte Spur verlorener geschichtlicher Aufzeichnungen, als auch durch den heftigen Widerwillen gegen den Sachsenkönig, welcher sich darin ausspricht, und die Verherrlichung des tapferen Herzogs, auf den in späterer Zeit die Geistlichkeit so übel zu sprechen war. Das Fragment ist in Regensburg geschrieben und zwar noch zu Lebzeiten des Herzogs (921-937) oder doch sehr bald nach seinem Tode[13].
[6] Consuetudines S. Emmerammi, aus Einsiedeln stammend nach O. Ringholz, Stud. u. Mitth. a. d. Bened. u. Cist. Orden 1886 (NA. XII, 450).
[7] MG. SS. XV, 2, 1094.
[8] Zeumer, NA. X, 389; der Prolog S. 390.
[9] Holder-Egger, NA. XIII, 562-564.
[10] Dümmler, Jahrbücher unter Otto I, S. 320.
[11] NA. VII, 620, vgl. VIII, 369.
[12] Sanftl, Diss. in aureum etc. codicem, Ratisb. 1786, p. 28. Nach Woltmann, Gesch. d. Malerei I, 260 nachgeahmt in einem Missal Heinrichs II, Monac. 4456.
[13] Fragmentum de Arnulfo duce Bavariae ed. Jaffé, MG. SS. XVII, 570. cf. 568; ib. p. 567 ein Catalog der Bibliothek von St. Emmeram aus Ramwolds Zeit, ein anderer im Serapeum II, 260. -- Vgl. Giesebrecht I, 807. Die entgegengesetzte Auffassung Arnulfs bei Herm. von Altaich in Böhmers Fontes III, 563, MG. SS. XVII, 370. -- Zwei Epitaphien saec. X. aus St. Emm. NA. V, 432. Verse über die Reform von Niedermünster durch die Herzogin Witwe Judith und ihren Sohn Heinrich den Zänker bei Hirsch I, 122. Von der Aebtissin Outa c. 1002-1005 gestiftetes schönes Evangeliar, Woltmann, Gesch. d. Malerei I, 258, NA. X, 410.
In St. Emmeram war =Gozpert= Mönch geworden, nachdem er in der Augsburger Kirche von früher Jugend an seine Ausbildung erhalten hatte; 982 wurde er (nach Hartwich, oben S. 364) Abt von =Tegernsee= und veranlaßte hier zu eifriger Beschäftigung mit dem klassischen Alterthume. Statius, Persius, Horaz, Cicero's Briefe, Boethius wurden gelesen und abgeschrieben; natürlich auch Priscian, aus dem man hier wie überall die lateinische Grammatik lernte. Boethius Schrift vom Troste der Philosophie schrieb Froumund in Cöln ab und sandte sie nach Tegernsee[14]; Glossen zum Priscian in Feuchtwangen und im Pantaleonkloster[15]. Dieser =Froumund= war Scholaster in Tegernsee und sammelte in einer noch erhaltenen Handschrift eigene und fremde Briefe und Gedichte; daraus allein ist uns dieses eifrige Studium in Tegernsee und die lebhafte Verbindung mit den gleich strebsamen Mönchen und Clerikern in St. Emmeram, Feuchtwangen, Augsburg, Würzburg bekannt geworden[16]. Der gezierte und mit Gelehrsamkeit prunkende Stil der Zeit, auf den die italienischen Grammatiker eingewirkt haben mögen, findet sich auch hier in vollem Maaße. Als feingebildeter Bibliothekar in St. Emmeram erscheint hier Reginbald[17].
[14] Pez. Thes. I, Praef. p. XV. Die Handschrift ist jetzt in Maihingen, und zeigt auch Beziehung zum Kl. Blandigny bei Gent, s. Schepss, Handschriftl. Studien zu Boeth. de cons. im Progr. d. k. Studienanst. zu Würzburg 1881, S. 6; NA. VII, 177. Vgl. über die Glossen auch Schepss, NA. IX, 173-194.
[15] Wiener SB. XCVI. 511. Zeitschr. f. D. Philol. XV, 420.
[16] Codex epistolaris Froumundi (Monac. 19412) von 983 bis in Heinrichs II Zeit bei Pez Thes. VI, 110-199. Mab. Anall. p. 435. Vgl. Heinreich II von Hirsch I, 126. II, 225-230. Bei Günthner, Geschichte der litterarischen Anstalten in Baiern I, 170 die Inschrift eines Remigius in Sedulii opus paschale (Monac. 19456): „Ego Froumundus cepi hunc libellum scribere, sed pueri nostri quos docui meo juvamine perscripserunt.“ Ueber den von Schmeller Froumund zugeschriebenen Ruodlieb Giesebr. II, 624. Müll. u. Scherer (3. A.) II, 152. Ausg. v. Seiler 1882. Ders. über den Cod. ep. in Zachers Zeits. f. D. Philol. XIV, Heft 4. G. Schepss: Zu Froumunds Briefcodex und zu Ruodlieb, Zeitschr. f. D. Philol. XV, S. 423 ff.
[17] Schepss in d. angef. Programm, S. 12.
Schon früher, noch in der ersten Hälfte des Jahrhunderts lehrte, vielleicht in =Wessobrunn=[18], ein sehr gelehrter Mönch, Meister =Benedict=, die Grammatik; ihm übergab S. Ulrich seinen Neffen Adalbero zur Erziehung.
[18] Nach der Vermuthung Leutners, Hist. Wessofont. I, 63.
In =Salzburg= lehrte ein hochgefeierter Mönch aus =St. Gallen=, =Chunibert=, den Herzog Berthold (938-947 oder 948) sich vom Abt Kralo (942-948) erbeten hatte; doch meldet davon nur der Sanctgaller Ekkehard, welcher irrig den Herzog Heinrich nennt. Als Abt von Nieder-Altaich, und zwar zu Herzog Bertholds Zeit, kennt ihn aber auch Hermann von Altaich[19]. Etwas später, unter Erzbischof Friedrich (954-990), versammelte in Salzburg ein gewisser =Liudfrit= zahlreiche Schüler[20], und Erzbischof Günther (ord. 1024 Jan. 26, † 1025 Nov. 1) hatte seine gelehrte Ausbildung unter Bischof Notker von Lüttich erhalten[21]. Im Jahre 987 war auch hier das altehrwürdige Stift zu St. Peter durch Erzbischof Friedrich vom Dom getrennt und als selbständiges Kloster erhielt es einen Abt Tito, der bis dahin Domprobst gewesen war. Sein Name findet sich im Necrologium von St. Emmeram als der dortigen Congregation angehörig; vielleicht machte er da sein Noviziat[22]. Die Verse des Abtes =Gerhard= von =Seon= wurden schon oben S. 319 erwähnt. In =Benedictbeuren= erhielt im Anfange des elften Jahrhunderts der Probst Adalbero wegen seiner eifrigen Studien den Beinamen des Bücherfasses[23]. In =Freising= ließ Bischof Abraham[24], von 957-994, vielleicht 993, fleißig Bücher abschreiben, auch in weiter Ferne. Sein Caplan, später Erzcaplan Gotschalk besorgte ihm Abschriften in Metz und in Toul; dann folgte er ihm bis 1006 selbst als Bischof, und nun war es der Schulmeister Antrich, welcher mit seinen Schülern für ihn thätig war[25]. Aus Tegernsee wandte man sich an ihn, um ein Exemplar der Historia tripertita zur Abschrift zu erhalten[26]. Geschichtliche Aufzeichnungen fehlen aber leider gänzlich; nur ein Martyrologium mit nekrologischen Notizen hat sich aus Abrahams Zeit erhalten[27].
[19] Casus S. Galli ed. Meyer v. Knonau S. 333 mit dessen Anmerkung Giesebrecht, Ann. Altah. S. 11. Abweichend Hirsch I, 130.
[20] V. Godeh. ant. c. 6, MG. SS. XI, 172; vgl. oben S. 324. In einer später geänderten Stelle spricht Wolfher von einem celebre studium in Passau, aber wohl nur durch eine Verwechselung; vgl. Hirsch I, 132.
[21] Sermo in purificatione von ihm, Cod. lat. Monac. 18090 aus Tegernsee, Catal. II, 3, 131.
[22] Heinrich II von Hirsch I, 129.
[23] Vas librorum, MG. SS. IX, 219.
[24] Er soll ein Slave gewesen sein; die ihm zugeschriebenen Freisinger Slovenica sind aber älter, nach Miklosich: Die christl. Terminologie der slav. Sprachen, Wien 1875.
[25] „Abrahamo episcopo jubente, archicapellano ipsius Gotesalcho impetrante a Rutberto probabili abbate Tullensi, eo loci famulitio sanctae Mariae sanctique Corbiniani per Durandum liber iste illustrissimus scriptus est.“ Docen in Aretin's Beiträgen VII, 533. Jetzt Cod. lat. Mon. 6294. Vgl. ferner im Catal. I, 3, 80. 82. 84. 91. 100. 105 u. über Cod. lat. 6426 Gr. Hundt, Bayr. Urkk. d. 11. u. 12. Jahrh. in d. Abh. d. Münch. Akad. III. Cl. XIV, 2, S. 49. Die früher hier angeführte „Benedictio in scriptorio“ ist aus Grimalds Sacramentar, bei Günthner I, 190.
[26] Meichelbeck, Hist. Frising I^{b}. p. 472.
[27] Dümmler, Forschungen XV, 165; Berichtigungen von Gr. Hundt a. a. O. S. 47.
Jener Chunibert aus St. Gallen ist, wie erwähnt, auch in =Nieder-Altaich= Abt gewesen, aber bald wieder fortgegangen; später hausten hier nach dem Verfall der klösterlichen Zucht Canoniker. Unter ihnen war ein alter Priester, Namens =Udalgis=, der sich als Lehrer großen Ruhm erwarb. Vornehme Jünglinge wurden ihm gern anvertraut, um sich hier in freierer Weise ohne die strengere Ordensregel in den Wissenschaften auszubilden, und mehrere Bischöfe sind aus seiner Schule hervorgegangen[28]. Der berühmteste unter seinen Schülern aber ist =Godehard= (geb. 961), der in Salzburg seine Studien fortsetzte, die gesunkene Klosterzucht in mehreren Klöstern wieder herstellte und auch Altaich zu neuer Blüthe erhob, nachdem dort im Jahre 990 wieder ein Schwabe, Erchembert, nach Benedicts Regel zum Abt erwählt war.
[28] Vita Godeh. ant. c. 2, MG. SS. XI, 171. In der zweiten Vita Prol. p. 197 wird aber Rumold als Godehards erster Lehrer genannt.
Aus der Altaicher Schule kam auch =Piligrim=, ein Neffe des Erzbischofs Friedrich, aus vornehmer Familie, welcher 971 in =Passau= auf Adalbert folgte, wo er am 22. Mai 991 gestorben ist. Für Passau eröffneten sich nach der Ueberwältigung der heidnischen Ungern große Aussichten; schon Adalbert hatte sich einen Bischof von Lorch genannt, wovon man in der Vita Severini las, Laurentius trat als Schutzpatron dem h. Stephan zur Seite, und dem viel jüngeren Salzburg gegenüber glaubte Pilgrim, der sich ebenfalls Bischof von Lorch nannte, die Errichtung, oder wie er es darstellte, die Herstellung eines Erzbisthums Lorch erreichen zu können. Auch Fälschungen scheute er zu diesem Zwecke nicht, doch blieben seine Bestrebungen erfolglos[29]. Pilgrims Name aber blieb gefeiert in Passau und ist sogar in die Nibelungensage gekommen, über welche er zuerst ein lateinisches Epos durch seinen Sänger Conrad dichten ließ.
[29] Vgl. oben S. 51.
In =Eichstedt= ließ Bischof =Starchand= (933-966), ein Freund Ulrichs von Augsburg, viele Bücher abschreiben und verfaßte selbst Gebete; sein Nachfolger =Reginold= (bis 989) wird wegen seiner Beredsamkeit Chrysostomus genannt; er verstand griechisch und hebräisch, besonders aber war er ein großer Musiker und soll zur Uebertragung des h. Willibald ein gar schönes Gedicht verfertigt haben, auch Wunnibald und Blasius hat er besungen[30].
[30] Anon. Haser. MG. SS. VII, 255. 257.
Bei einer so lebhaften litterarischen Thätigkeit kann es auch an geschichtlichen Aufzeichnungen nicht ganz gefehlt haben; viel ist jedoch nicht vorhanden gewesen, da wir sonst doch bei den späteren Schriftstellern Spuren davon antreffen müßten, und größere Geschichtswerke scheinen hier nicht entstanden zu sein. Jene grammatisch-philosophische Bildung, welche vielfach hochgeschätzt und eifrig erstrebt wurde, befördert durch Italiener wie Gunzo und Stephan, führte zur Geschichtschreibung nur, insofern sie zu dem erforderlichen Bildungsgrade verhalf; eine unmittelbare Beziehung zur Geschichte hatte sie nicht und leitete eher ab von der Beschäftigung mit der eigenen einheimischen Vorzeit, wie wir denn auch gesehen haben, daß die Hauptpunkte dieser gelehrten Studien, wie Reichenau, St. Gallen, Lüttich, keineswegs auch die productivsten für Geschichtswerke waren.
§ 10. Frankreich. Reims.
An gelehrter Thätigkeit hat es in dieser Periode in Frankreich nicht gefehlt; trotz aller Verheerungen und Unglücksfälle erhielt sich ein bedeutender Grad von Bildung, der sich durch eine große Anzahl von Lehrern, Scholastern fortpflanzte. Diese waren in Frankreich wie in Deutschland wohl alle von geistlichem Stande; es scheint jedoch, daß sie dort nicht so allgemein wie hier bestimmten Stiftern angehörten, sondern mehr nach italienischer Weise in unabhängiger Stellung Schüler um sich sammelten. Ihre ganze Richtung ging vorherrschend auf Grammatik, Dialektik und Rhetorik, und trug daher ebenso wenig Frucht für die Geschichte, wie die verwandten Bestrebungen in deutschen Klöstern.
In =Reims= waren die beiden Schulen der Domherren und der Landgeistlichkeit nach Flodoards Angabe (IV, 9) gänzlich verfallen, als Hinkmars Nachfolger =Fulko= (882-900) zu ihrer Herstellung zwei Schüler Heirichs von Auxerre[1] berief, Meister =Remigius= von =Auxerre=, der die jungen Cleriker in den freien Künsten unterwies, während der Erzbischof selbst mit ihnen Theologie trieb, und =Hucbald= den Kahlkopf von St. =Amand=. Dieser war ein Mönch in jenem merkwürdigen Kloster, welches auf der Grenzscheide beider Sprachen im Hennegau gelegen, uns zugleich das deutsche Ludwigslied und das älteste Denkmal französischer Dichtung aufbewahrt hat[2]. Ein Neffe und Schüler des =Milo=, der zu Karls des Kahlen Zeit als Schriftsteller gefeiert war[3], übersandte er diesem um 876 seines Oheims Werk de sobrietate mit einer poetischen Widmung[4] und ließ bald ein eigenes ebenso künstliches wie geschmackloses Gedicht in laudem calvorum folgen, in welchem jedes Wort mit C anfängt[5]. Nachdem Fulko, Abt von St. Bertin, zum Erzbischof von Reims erhoben war, erbat dessen Nachfolger Rodulf ihn vom Abt Gauscelin von St. Amand, um seine mangelhaften Schulkenntnisse zu ergänzen[6]; bald nachher aber muß er jenem Rufe nach Reims gefolgt sein, wo er eine Zeit lang als Lehrer wirkte, bis sein Gönner Fulko starb. Heimgekehrt, hat er außer anderen erbaulichen Schriften 907 ein Leben der h. Rictrudis, der ersten Aebtissin von Marchiennes, verfaßt, welches er dem Bischof Stephan von Lüttich übersandte[7] und, wenn die Vermuthung des Herausgebers richtig ist, auf Veranlassung desselben Bischofs, die metrische Vita S. Lamberti, worin zuerst die von den früheren Biographen verschwiegene Ursache seiner Ermordung berührt wird[8]. Außerdem verfaßte er ein Leben des angelsächsischen Glaubensboten =Liafwin=, welches besonders durch die Erwähnung der altsächsischen Landesversammlung sehr merkwürdig ist[9]. Dieses in Anlehnung an Altfrids Leben Liudgers mit großer Belesenheit und sorgsamem Fleiße ausgearbeitete Werk widmete er dem Bischof Balderich von Utrecht, und theilte es außerdem dem Archidiaconus Peter von Cambrai und Odilo, dem Mönch von St. Medardus, zur Prüfung mit. Neunzigjährig soll er 930 gestorben sein. Um sein Kloster machte er sich auch dadurch verdient, daß er die Gebeine des von seinem Vater Karl dem Kahlen geblendeten und um 876 verstorbenen Karlmann von Echternach nach Saint-Amand brachte, was in einem Epitaph auf seine und Milo's gemeinsame Grabstätte berichtet wird[10].
[1] Ademari Chron. III, 5. Remigius, als theolog. Schriftsteller bekannt, (Hist. litt. de la France VI, 99 f., vgl. Prantl, Gesch. d. Logik II, 44) ging nach Fulko's Tod nach Paris, wo Odo von Cluny sein Schüler war. Andere Schüler von ihm sind die in Vita Joh. Gorz. erwähnten Hildebold (oben S. 377) und Blidulf, Archidiaconus der Metzer Kirche; auch Erzb. Seulf v. Reims, Flod. IV, 18. Vgl. Huemer: Ueber ein Glossenwerk zum Sedulius, Wiener SB. XCVI, 505-551. Von R. scheinen, wie Dümmler mir mittheilt, die 2 Briefe an Dado von Verdun zu sein, worin von der Herkunft der Ungern die Rede ist, Spicil. XII, 349, Mart. Coll. I. 320, auch im Cod. Vindobon. 156, f. 110. Später lehrte in Auxerre zur Zeit des gefeierten Bischofs Robert der ital. Grammatiker Wido, gest. 1095, s. Dümmler im NA. I, 181-183.
[2] Fragmenta Elnonensia, von Hoffmann, Gent 1837, 4. Neue Aufl. 1845. Facs. bei G. Paris, Les plus anciens Monuments de la langue Française, 1875.
[3] S. über ihn Dümmler, NA. IV, 521-526. Ebert II, 277-285.
[4] Diese gedruckt bei Mart. Thes. I. 45. Vollständig herausgegeben von Desplanque, Etude sur un poëme inédit de Milon, moine de Saint-Amand, Lille 1871.
[5] Herausgegeben von J. Desilve, Valenciennes 1875. Dess. Schrift De schola Elnonensi, 1889, habe ich nicht gesehen.
[6] Zur Sicherung seines Unterhaltes wies der Abt ihm 889 ein Landgut an, welches er später den Mönchen von St. Bertin überließ. Folq. ed. Guérard p. 131. MG. SS. XIII, 623.
[7] Vita S. Rictrudis, Mab. II, 939-950. Acta SS. Mai III, 81-89.
[8] Vie de S. Lambert, écrite en vers par Hucbald de Saint-Amand, et documents du X siècle, par J. Demarteau, Liège 1878. Vgl. oben S. 264, u. Dümmler, NA. IV, 555.
[9] Hucbaldi Vita S. Lebuini ed. Pertz, MG. SS. II, 360-364 im Auszug aus Sur. VI, 277-286, doch nach der Handschrift berichtigt. Der Rest ist aus den Lebensbeschreibungen von Willibrord, Bonifaz, Gregor und Liudger erweitert. Uebersetzung des Auszuges von Arndt hinter der Vita Bonifacii. Vgl. über seine Quellen u. besonders die Versammlung zu Marklo, W. Kentzler, Forsch. VI, 343-354 u. Entgegnung von S. Abel 355. 356. Eine Schrift über die Vita u. den Ursprung von Deventer von Verloren wird Revue hist. XXXI, 236 angeführt.
[10] Acta SS. Jun. III, 36. S. über Hucbald Hist. litt. de la France VI, 210-221; Dümmler, NA. IV, 560-563. -- Hans Müller, Hucbalds echte und unechte Schriften über Musik (Leipz. 1884, 4) weist nach, daß die Schrift de harmonica institutione, aber nicht die Musica enchiriadis, von ihm ist.
=Reims= war in diesem Jahrhundert auch der Mittelpunkt der französischen Politik und namentlich für die lothringischen Händel von der größten Bedeutung. Hier konnte man unmöglich ohne geschichtliche Aufzeichnungen auskommen; hier bedurfte man anderer Werke als rhetorisch ausgeschmückter Legenden, und Hinkmar selbst hatte das beste Beispiel gegeben. Er fand einen Nachfolger an =Flodoard= (894-966), der als Archivar der Kirche sowohl, wie durch seine sehr angesehene Stellung ganz besonders zu dieser Aufgabe befähigt war. Begonnen hatte auch er in derselben Weise wie so viele seiner Zeitgenossen. Unter Pabst Leo VII (936-939) besuchte er Rom, wo er vom Pabste sehr gut aufgenommen wurde, und als Denkmal seiner Frömmigkeit, seiner umfassenden Gelehrsamkeit und seiner Dankbarkeit verfaßte er in leidlichen Hexametern ein gewaltiges Werk, dessen erste zwei Theile die Thaten Christi und der ersten Heiligen in Palästina und Antiochien feiern, während der dritte in 14 Büchern die Geschichte der römischen Päbste in Verse bringt, verbunden mit zahlreichen Legenden der Heiligen. Noch bei Lebzeiten seines Gönners Leo VII hat er die Arbeit vollendet, welche er dem Erzbischof Rotbert von Trier widmete[11]; der letzte Theil derselben ist nicht ohne geschichtlichen Werth[12]. Derselbe Erzbischof von Trier war es auch, der zur Zeit des Concils von Ingelheim Flodoard dringend aufforderte und mahnte, die =Geschichte der Reimser Kirche=[13] zu schreiben, mit welcher Flodoard noch 952 beschäftigt gewesen ist. Schon in jenem Gedicht hat Flodoard auch urkundliche Nachrichten der Reimser Kirche benutzt, deren Beziehungen zum päbstlichen Stuhl sorgfältig hervorgehoben werden. Das sind die Anfänge der Studien, aus welchen diese bis 948 geführte Geschichte der Reimser Kirche hervorging, ein Werk, in welchem die Rücksicht auf die Form ganz zurücktritt gegen die Vollständigkeit und Zuverlässigkeit des Inhalts, denn diese Geschichte ist eine urkundliche in so hohem Grade, daß sie für die Zeit der Erzbischöfe Hinkmar und Fulko großentheils geradezu aus Regesten der wichtigsten Urkunden, besonders päbstlicher Schreiben besteht. Auch für die frühere Zeit lag ihm noch einiges urkundliche Material vor, vorzüglich war er hier jedoch auf Hinkmars Vita Remigii und einige andere Legenden angewiesen; Wundergeschichten erzählt er gerne und mit großer Gläubigkeit. Die Verarbeitung des Stoffes muß man als mangelhaft bezeichnen; sie läßt sich oft ganz vermissen, aber der materielle Werth seines Werkes ist dadurch um so größer für uns. Derjenige Theil desselben, welcher die Geschichte seiner Zeit behandelt, findet sich großentheils wiederholt in seinem zweiten Hauptwerke, den =Annalen=, welche von 919-966 reichen[14]. Doch hatte er diese, wie G. Monod (Revue Crit, 1873, II, 263) nachgewiesen hat, schon früher mit den Ereignissen gleichzeitig begonnen und darin Rücksichten zu nehmen gehabt, welche für die Historia Remensis nicht mehr nothwendig waren; er unterbrach sie, um die Historia zu schreiben, und nur der Bericht über 948 scheint dann umgekehrt wieder aus der Historia in die Annalen herübergenommen zu sein. Ob der Anfang der Annalen verloren ist, ob ein anderes Werk vorhanden war, welches die Geschichte bis zum Jahre 919 führte, ist unbekannt; unmöglich wäre es ja nicht, daß der Anfang frühzeitig zu Grunde gegangen wäre, und ohne die Annahme einer bis dahin reichenden Aufzeichnung ist gerade dieser Anfangspunkt unbegreiflich. Sicher aber ist, daß auch Richer nicht mehr Hülfsmittel für die Zeit von 882 an, wo Hinkmars Jahrbücher aufhören, vor sich hatte; nicht einmal die Annalen von St. Vaast waren ihm bekannt. Für jenen Zeitraum nun berichtet Flodoard mit der größten Treue Jahr für Jahr die Ereignisse, wie er sie erfuhr, grosse und kleine, ohne auf ihren inneren Zusammenhang einzugehen, in derselben objectiven Weise, die wir schon bei anderen ähnlichen Werken bezeichneten, in einfacher ungesuchter Sprache. Was ihn aber auszeichnet, ist die Fülle seiner Nachrichten, nicht über Frankreich allein, sondern auch über Lothringen und das ostfränkische Reich, mit dem er manche Berührung hatte, und ferner seine fleckenlose Wahrheitsliebe und Zuverlässigkeit. Er war in höherem Alter in das Kloster Saint-Basle eingetreten, wo 952 wieder Mönche anstatt der Canoniker eingeführt wurden und legte 963 die Prälatur, wie er sagt, siebenzigjährig nieder. Drei Jahre später ist er gestorben, und fast bis an den Tag seines Todes hat er das Werk fortgesetzt, dann ist noch ein Zusatz über die Jahre von 976-978 nachgetragen worden: darauf aber verging lange Zeit, bevor sich ein Nachfolger fand. In den politischen Wirren, von welchen auch die Metropole, lange Zeit ein Zankapfel der Parteien, viel zu leiden hatte, gingen Zucht und Lehre fast zu Grunde, bis der Beginn einer besseren Zeit in dem nahen Lothringen auch hierher seine Einwirkung erstreckte. Zwei Metzer Domherren, welche nacheinander auf den erzbischöflichen Stuhl erhoben wurden, Odelrich, 961-969, und besonders Adalbero von 969-988, ein Zögling der Klosterschule zu Gorze[15], stellten die Ordnung wieder her, und bald zog der neu erwachte Glanz der Reimser Schule Schaaren lernbegieriger Jünglinge zu der alten Kathedrale.
[11] Nach handschriftlicher Ueberlieferung freilich Rotger, s. oben S. 365. Es mag ursprünglich, wie in der Widmung der Reimser Geschichte, nur R. gestanden haben.
[12] Dieser ist gedruckt bei Mab. III, 2, 569-608 und bei Muratori III wiederholt. Stücke bei Mab. II, 30. 127. 1095-1100. Vollst. jetzt bei Migne CXXXV, 494-886. Vgl. über das ganze Werk Hist. litt. de la France VI, 318-321. Entlehnung der Characteristiken aus den Epitaphien der Päbste, NA. XIII, 236.
[13] Flodoardi Historia Remensis ecclesiae, mit Anhang bis auf Adalbero, ed. Sirmond. 1611: Colvener. Duaci 1617, Bibl. Patrum Lugd. XVII, 500: Bouquet VIII, 154-175 unvollständig; edd. Heller et Waitz, MG. SS. XIII, 405-599 (ohne den Anhang). Kritik von Longnon im Répert. des travaux historiques. Die II, 19 aufgenommene Visio Raduini (oben S. 211) kommt abgesondert vor u. ist NA. XI, 262 gedruckt. Der Ausg. von Pithou (1588) sind Visiones Flotildae von 940 angehängt. -- Oeuvres de Flodoard ed. Le Jeune (Text mit Uebersetzung) Reims 1854. -- Series archiepp. Rem. (nur Namen) SS. XIII. 381. 750. Annales Remenses 830-999, nicht gleichzeitig, ib. 81; Ann. S. Dionysii Remenses 845-1190, p. 82-84; Ann. S. Nicasii Rem. 1197-1309, p. 84 bis 86.
[14] Flodoardi Annales ed. Pertz MG. SS. III, 363-408. Baehr, S. 188. Giesebr. I, 779. Ueber den von Pertz nicht benutzten Cod. Paris. Fonds latin 9768, nach Nithard, s. NA. VI, 482. Cod. Christ. 633, NA. X, 224.
[15] Gesta epp. Camerac. I, 102.
Bald nach Flodoards Tod, um das Jahr 967, hatte ein junger Mönch, =Gerbert=, das Kloster Aurillac in der Auvergne verlassen, um in der spanischen Mark Lehrer aufzusuchen, welche namentlich seiner Liebe zu mathematischen Studien genügten. Im Jahre 970 folgte er dem Grafen von Barcelona und dem Bischof Hatto von Vich, seinem Lehrer, nach Rom und wurde hier bereits als ein ausgezeichnet begabter Jüngling vom Pabste dem Kaiser Otto zugesandt. Noch fehlte es ihm aber an philosophischer Ausbildung, und deshalb begleitete er den Reimser Archidiaconus Garamnus[16], einen berühmten Lehrer der Logik, nach Reims, wo er einige Zeit seine Studien fortsetzte, bald aber selbst als Lehrer einen außerordentlichen Ruf gewann[17]. Ganz Gallien, sagt Richer, erglänzte von ihm durchleuchtet, wie von einem strahlenden Lichte. Nachdem er sich später einige Zeit bei Otto II aufgehalten und von ihm die Abtei Bobio erhalten hatte, die er nicht behaupten konnte, kehrte er zurück[18], und nahm während der Minderjährigkeit Otto's III in Reims eine sehr bedeutende politische Stellung ein. Diese Periode ist es besonders, über welche uns seine =Briefsammlung= die wichtigsten Aufschlüsse giebt, obgleich viele der darin enthaltenen Anspielungen uns jetzt unverständlich sind, und durch die absichtliche Dunkelheit der Schreibart die Benutzung sehr erschwert wird[19]. Als später (991) der Erzbischof Arnulf von Reims entsetzt und Gerbert sein Nachfolger wurde, zeichnete dieser selbst die Verhandlungen der Synoden zu St. Basle, Mouson und Coucy auf, welche durch diese Verhältnisse veranlaßt wurden[20], und die außerordentliche Klarheit, Schärfe und Gediegenheit der Darstellung, sowie die Meisterschaft im Ausdruck lassen uns sehr bedauern, daß er uns außerdem keine Werke geschichtlichen Inhaltes hinterlassen hat. Besonders merkwürdig sind die Acten der Synode von St. Basle durch die heftige und rücksichtslose Opposition gegen den römischen Stuhl, welche sich darin ausspricht, und die eine nicht minder heftige und charakteristische Entgegnung von Seiten des römischen Abtes Leo hervorrief[21].
[16] Der Name ist Hypothese, Richer hat nur den Anfangsbuchstaben, und in den Reimser Urkunden der Zeit findet sich nur dieser Name.
[17] Er war auch Lehrer des Königs Robert nach der Satire des Bischofs Adalbero von Laon, wo er Neptanebus genannt ist, was auf Gerbert gedeutet wird. Péchenard de schola Rem. X saeculi Par. 1876 habe ich nicht sehen können.
[18] Vor Otto's II Tod, nach D. J. Witte, Lothringen in der zweiten Hälfte des zehnten Jahrhunderts (Diss. Gott. 1869) S. 43, wo auch viel Widerspruch gegen Olleris neue Anordnung der Briefe ist.
[19] Gerberti epistolae bei Duchesne II, 789-844. Opera ed. Olloris, 1867, 4. Verse von ihm in N. Jahrb. f. Philol. 1867, XCV, 708-710. Die Briefsammlung von Gerbert als eine Geschichtsquelle. Krit. Monogr. Nach den Hss. von N. Bubnow, Petersb. 1888 (russisch). Lettres publ. avec une introd. et des notes par Jul. Havet, Paris 1889 (NA. XV, 223). Anz. beider von Kehr, HZ, LXIV, 274-277. Zur Zeitbestimmung der Briefe auch Sickel, Mitth. d. Inst. XII, 209 ff. Vgl. Wilmans in Ranke's Jahrbüchern II, 2, 141-175. Giesebr. I, 787. Hock, Gerbert oder Pabst Sylvester II und sein Jahrhundert, Wien 1837. M. Büdinger, Ueber Gerberts wissenschaftliche und politische Stellung, Cassel 1851. Cantor, Mathematische Beiträge S. 304 ff. eingehend über seine mathematischen Schriften; Gesch. d. Mathematik I, 728-751; Zts. f. Math. u. Physik, Hist. litt. Abth. XXXIII, 3, 101 ff. gegen die Verwerfung der Geomotria Gerberti von H. Weissenborn, Gerbert. Beiträge zur Kenntniß d. Math. d. MA. Berl. 1888. Prantl, Gesch. d. Logik II, 53-57, H. Reuter, Gesch. der relig. Aufklärung im Mittelalter (1875) I, 78-84. K. Schultess, P. Silv. II als Lehrer u. Staatsmann. Wiss. Beil. zum Osterprogr. d. Wilh. Gymn. in Hamb. 1891. Ders. Die Sagen von P. Silvester II, Hamb. 1893. A. Graf, Die Quellen der Legenden von S., Nuova Antologia 1890 Mz. 16. Daß der Sermo de dignitate sacerdotali nicht von ihm sein kann, erweist Jul. Harttung, NA. I, 587-593. Ders. bezweifelt Forsch. XVII, 390 seinen Aufruf zum Kreuzzug; dagegen H. v. Sybel, Gesch. d. ersten Kreuzzuges (1881) S. 458. Die Questio Girberti papae im Pariser Cod. 10444 enthält eine philos. Untersuchung, NA. II, 625. Cod. Vat, 3101, Arch. XII, 232. Merkwürdige Sagen über Gerbert bei Gualt. Mapes de nugis curialium ed. Wright (Camden Society) 1850. Vgl. auch Döllingers Pabstfabeln. Ein Gedicht über seine Magie e cod. Salem, s. XIII, Ortus remensis, bei Gerbert, Iter Alem. (1765) p. 246. ed. II p. 258. Mone's Anz. II, 188.
[20] MG. SS. III, 658-693.