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Auszug aus der Alten, Mittleren und Neueren Geschichte (part 2 of 3)

Part 2 of 3 · Ploetz, Carl · Public domain text

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Auszug aus der Alten, Mittleren und Neueren Geschichte (part 2 of 3)

Eduard III. †1377. _____________________|__________________________________... | | | | Eduard, Lionel Johann von Gent, Edmund, (der Schwarze Prinz) Hz. v. Clarence Hz. ~v. Lancaster~, Hz. ~v. York~, †1376. †1368. †1399. †1402. | | ____|__________ ~Richard II.~, | | | abgesetzt 1399, | ~Heinrich IV.~ John Bedford. †1400. | †1413 | | | | | | | | ~Heinrich V.~ John Bedford. | †1422 Gem. Kath. | | v. Frankreich | | | | Seine ~Heinrich VI.~ ~Margarete.~ Urenkelin -- 1461, Gem. Edm. ~Tudor~ Anna ermordet (Sohn v. Owen Tudor Mortimer, 1471. u. Kath. v. Gem. v. | Frankreich, Richard v. Eduard, Witwe Cambridge Prinz v. Wales, Heinrichs V.). ermordet 1471. | | ~Heinrich VII.~ †1509. Tudor. ___________|________ | | ~Heinrich VIII.~ Margarete, †1547. Gem. Jakob IV. Stuart | v. Schottland. ___|______________________ | | | ~Maria~ die ~Elisabeth~ ~Eduard VI.~ Katholische †1558. †1603. †1553.

... Edmund, Hz. ~v. York~, 1402. ________|_______ | | Eduard, Richard, Hz. v. York Gr. v. Cambridge. Gem. Anna Mortimer. | _________________________ Richard, Hz. v. York, 1460 ________|________ | | ~Eduard IV.~ ~Richard III.~ 1483 (Hz. v. Gloucester) | 1485 |_______________________________________ | | | Elisabeth, ~Eduard V.~ Richard. Gem. Heinr. Tudor. ermord. ermord. 1483 1483

[1461–1485.]

~Haus York~ (Nebenlinie des Hauses Plantagenet).

[~1461–1483.~]

~Eduard IV.~ sichert seine Herrschaft durch die Siege bei +Towton+ 1461 und +Hexham+ 1464, nimmt Heinrich VI. gefangen, doch wird er 1470 von +Margarete+ und Graf +Warwick+ (dem »Königsmacher«), der früher das meiste zu seiner Erhebung beigetragen hatte, vertrieben und Heinrich VI. wieder auf den Thron gesetzt. Eduard IV. kehrt bald zurück, besiegt das Haus Lancaster bei +Barnet+ (Warwick †) und +Tewkesbury+ 1471 und rottet es fast aus; nur +Heinrich Tudor+ entkommt. König Heinrich VI. im Tower ermordet 1471.

[~1483.~]

~Eduard V.~, Sohn Eduards IV., mit seinem jungen Bruder +Richard+ im Tower erstickt auf Befehl seines Oheims, des grausamen +Richard von Gloucester+ (spr. Gloster), welcher den Thron besteigt als

[~1483–1485.~]

~Richard III.~ Er wird bei +Bosworth+ 1485 besiegt von einem Sprößling des Hauses Lancaster, ~Heinrich Tudor~, Grafen von Richmond, welcher durch seine Heirat mit +Elisabeth von York+, Tochter Eduards IV., die Ansprüche beider Häuser vereinigt. Nach Beendigung der blutigen Adelskriege erstarkt das +Königtum+ unter dem Hause +Tudor+ (1485–1603).

§ 5. Die Pyrenäische Halbinsel.

Den vier christlichen Königreichen steht noch immer das durch Ackerbau und Kunstfleiß blühende arabische (maurische) Königreich +Granāda+ gegenüber (S. 194).

~Navarra~, 1285–1329 mit Frankreich vereinigt (s. S. 207), 1425–1431 mit Aragon, bleibt ein unbedeutendes Grenzland.

König Pedro III. von ~Aragon~ (S. 190) unterstützt die Sicilianische Vesper, gewährt 1283, um die Kriegskosten zu bestreiten, den Reichsständen (Cortes) große Rechte durch das Privilegium von Saragossa. Pedro IV. erhöht 1348 die Macht des Königtums und erobert die Balearen, bewilligt aber die Einsetzung eines Oberrichters (Justicia), der Streitigkeiten zwischen König und Reichsständen zu entscheiden hat.

Alfons XI. von ~Kastilien~ besiegt 1340 die Araber, bringt aber den Krieg nicht zu Ende. Zwiespalt unter seinen Söhnen +Pedro dem Grausamen+ und +Heinrich von Trastamara+; letzterer findet bei Aragon Hilfe und vertreibt mit französischen Söldnern den Gegner. Pedro wird 1367 durch einen Kriegszug des Schwarzen Prinzen (S. 208) zurückgeführt, aber nach Erneuerung des Kampfes 1369 besiegt und getötet. Heinrich herrscht darauf bis 1379 in Freundschaft mit Frankreich. Sein Sohn +Johann I.+ versucht vergebens 1385 ~Portugal~ zu erobern. Unter +Johann II.+ tritt der Connétable +Alvaro de Luna+ der großen Macht des Adels entgegen, wird aber 1453 gestürzt. Johanns Tochter +Isabella+ vermählt sich 1469 mit +Ferdinand+, dem Thronfolger von +Aragon+, wird 1474 Königin von Kastilien.

[1479–1516.]

Ferdinand II., der Katholische, von Aragon. Vereinigung der beiden Reiche +Kastilien+ und +Aragon+, doch regiert Isabella in Kastilien selbständig. Die Großmeisterwürde der drei Ritterorden (S. 194) wird mit der Krone vereinigt, die Willkür des Adels durch Erneuerung des Friedensbundes der Städte (+Hermandad+) eingeschränkt. Mit päpstlicher Genehmigung Erneuerung der ~Inquisition~ (S. 186) zur Verfolgung der Ketzer, besonders gegen die Moriscos (Nachkommen der Mauren, span. Moros) und Juden gerichtet. Der Dominikaner +Torquemada+ 1483 zum Großinquisitor ernannt; Tausende zum Feuertode verurteilt (Autos da fé).

[1492.]

Eroberung von ~Granada~; der letzte König Abdallah (Boabdil) zieht sich nach Afrika zurück.

~Portugal~ im Aufblühen unter der unecht burgundischen Dynastie seit 1385. Unter König Johann I. wird +Ceuta+ erobert 1415; sein Sohn +Heinrich der Seefahrer+ fördert die Entdeckungsfahrten längs der afrikanischen Küste. 1455 wird +Cap Verde+ erreicht, 1482 die Kongomündung: an dieser Fahrt nahm der um die Nautik und Geographie (sein Globus in Nürnberg) sehr verdiente Nürnberger Kaufmann Martin Behaim teil, Freund des Columbus und Magelhães, († 1506 in Lissabon). 1487 umfährt ~Bartolomeo Diaz~ das +Cabo tormentoso+, von König Johann II. +Cabo de boã esperanza+ (Kap der guten Hoffnung) genannt.

§ 6. Der Norden und Osten.

~Dänemark~, seit +Knud+ dem Großen (S. 170) ein christliches Reich, entfaltet seine Seemacht unter +Waldemar I.+, der 1168 Rügen erobert, und Waldemar II., dem Sieger, der 1219 Estland gewinnt, auch bis 1227 über Holstein und den angrenzenden Teil von Mecklenburg herrscht (S. 187). Dann folgen schwächere Könige; erst +Waldemar IV.+ beseitigt die innere Zerrüttung. Er überläßt 1346 Estland dem Deutschen Orden, gewinnt 1360 von Schweden die Landschaft Schonen zurück, muß dann vor der Seemacht der deutschen Hanse weichen (S. 201).

+Margareta+, Tochter Waldemars IV., Gemahlin Hakons VI. von Norwegen, regiert seit 1375 in Dänemark für ihren unmündigen Sohn Olaf († 1387), nach Hakons Tode 1380 auch in ~Norwegen~, wird 1388 von einem Teil des schwedischen Adels zur Regentin ~Schwedens~ erwählt. Sie besiegt ihren Gegner Albrecht von Mecklenburg (seit 1364 König von Schweden), dessen Anhänger sich mit Hilfe der seeräuberischen +Vitalienbrüder+ noch einige Jahre in Stockholm behaupten, bis die deutsche +Hanse+ dagegen einschreitet.

[1397.]

~Kalmarische Union~. Die Stände der drei Reiche beschließen zu +Kalmar+ die Vereinigung unter einem gemeinsamen Wahlkönigtum. +Margareta+ regiert mit hohem Ansehen, † 1412.

[1409–1435.]

Krieg um ~Schleswig~. Dieses Herzogtum, schon seit 1326 nach der sogen. Waldemarschen Konstitution, nach der es nie wieder mit Reich und Krone von Dänemark vereinigt werden sollte, größtenteils im erblichen Besitz der deutschen Grafen von +Holstein+ (aus dem Hause Schauenburg, S. 179), 1386 von Margareta dem Grafen Gerhard VI. zu Lehen gegeben, wird von seinen Söhnen mit Hilfe der Hanse behauptet gegen Margaretas Nachfolger +Erich VII+.

[1460.]

König +Christian I.+ von Dänemark (aus dem Hause der Grafen von Oldenburg, Schwestersohn Adolfs VIII. von Holstein) wird von den Ständen von +Schleswig-Holstein+ nach dem Aussterben des Schauenburgischen Hauses zum Herzog erwählt, nachdem er die Waldemarsche Konstitution beschworen hat. Personal-Union mit Dänemark bis 1863.

Als Unionskönig kann Christian I. die Herrschaft über +Schweden+ gegen den dort erwählten Reichsvorsteher +Sten Sture+ nicht behaupten, doch wird unter seinem Nachfolger +Johann+ die Union der drei Reiche wieder hergestellt.

[1500.]

Schlacht bei +Hemmingstedt+; die +Dithmarschen+, wie die Stedinger (S. 188), eine Art Bauernrepublik unter dem Schutze des Stiftes Bremen, behaupten ihre Freiheit gegen das dänisch-holsteinische Adelsheer.

~Rußland,~ nach dem Tode Wladimirs des Großen (S. 170) in mehrere Fürstentümer geteilt unter Oberhoheit des Großfürsten von +Kiew+, kommt 1237 unter die Herrschaft der +Mongolen+ (S. 195). Der Chan der »Goldenen Horde« ernennt den Großfürsten und die Teilfürsten, empfängt von ihnen Tribut. Um 1330 wird Moskau Residenz des Großfürsten, als Kiew von den +Litauern+ erobert worden ist.

[~1480.~]

~Iwan III., der Große~, Zar von Großrußland, Begründer der einheitlichen Monarchie, macht der Mongolenherrschaft ein Ende, nachdem er 1478 die mit der deutschen Hanse verbündete Republik +Nowgorod+ unterworfen hat.

~Polen,~ seit etwa 840 unter Fürsten aus dem Hause der Piasten, christlich seit 965, oft in Kampf mit dem deutschen Reiche, mit den heidnischen Preußen (später dem Deutschen Orden) und mit Rußland. An Stelle der Teilfürstentümer begründet +Wladislaw Lokietek+ 1320 ein einheitliches +Königtum+, Residenz +Krakau+.

[1333–1370.]

~Kasimir der Große~, trefflicher Regent, sorgt für den Bauernstand, gründet Städte, zieht deutsche Ansiedler herbei. Ihm folgt sein Schwestersohn +Ludwig der Große+ (s. unten) von Ungarn († 1382); dessen Tochter Hedwig vermählt sich 1386 mit dem bisher noch heidnischen Großfürsten +Jagello von Litauen+. Seitdem Polen und Litauen vereinigt unter den Jagellonen 1386–1572. Ludwigs zweite Tochter Maria, Erbin von Ungarn, mit dem deutschen König Sigismund vermählt (S. 203).

~Preußen~ wird 1230–1283 in langem Kampfe von dem ~Deutschen Orden~ (s. S. 178f.) erobert; durch den Anschluß des in Livland vom Bischof von Riga gegründeten +Schwertbrüder+ordens (1237) erweitert sich das Ordensgebiet über Kurland, Livland, Estland hin. +Königsberg+ 1255 gegründet; seit 1309 die ~Marienburg~ Sitz des Hochmeisters. Blüte des Ordens unter +Winrich von Kniprode+ (1351–1382), dann allmählicher Verfall. Verhängnisvoll für den Orden wurde die Vereinigung Litauens mit Polen 1386.

[~1410.~]

~Schlacht bei Tannenberg,~ Sieg der ~Polen~ über den Orden. +Heinrich von Plauen+ verteidigt die Marienburg, schließt als Hochmeister den noch günstigen +ersten+ Frieden zu Thorn, wird aber 1413 von den Ordensrittern abgesetzt. Unzufriedenheit des Landadels und der Städte mit der Ordensherrschaft, sie treten in Verbindung mit +Polen+. Neuer Krieg 1454, König Kasimir II. erobert 1457 die Marienburg und behauptet sie in heftigem Kampfe 1460; der Hochmeister zieht sich nach Königsberg zurück.

[~1466.~]

~Zweiter Friede zu Thorn~: Westpreußen mit Ermeland an Polen abgetreten, +Ostpreußen+ bleibt dem Orden als +polnisches Lehen+.

In ~Livland~ behauptet ein Teil des Ordens unter dem Landmeister Wolter von +Plettenberg+ (1494–1535) seine Unabhängigkeit gegen Rußland.

~Ungarn~ gegen Ende des 9. Jahrhunderts von den ~Magyaren~ (S. 158, 160) in Besitz genommen, bis 1301 unter dem Regentenhause der +Arpaden+. Einführung des Christentums durch Herzog +Geisa+ und seinen Sohn +Stephan den Heiligen+, ersten +König+ von Ungarn (S. 163). Einwanderung zahlreicher Deutscher, namentlich in +Siebenbürgen+ unter König Geisa II. um 1150. Bildung einer mächtigen Aristokratie (+Magnaten+). Die +Goldene Bulle+, dem Könige +Andreas II.+ 1222 nach seiner Rückkehr von einem Kreuzzuge (S. 177) abgenötigt, bildet die Grundlage der Privilegien des ungarischen Adels.

Nach dem Erlöschen der Arpaden regiert in Ungarn das Haus ~Anjou~ (1308–1382), Blütezeit unter ~Ludwig dem Großen~ (1342–1382, s. oben), der 1370 auch den polnischen Thron besteigt.

Unter König +Sigismund+, Ludwigs d. Gr. Schwiegersohn aus dem Hause Luxemburg (1387–1437), beginnender Verfall des Reiches. Albrecht von Österreich 1438–1439, dann 1440 +Wladislaw III.+ von Polen gewählt, der bei +Varna+ 1444 gegen die Türken fällt, darauf Albrechts unmündiger Sohn +Ladislaus Postumus+ (vgl. S. 206). Der Reichsverweser +Johann Hunyadi+ besiegt die Türken bei Belgrad 1456; sein Sohn ~Matthias Corvinus~ wird zum König erwählt. Nach dessen glänzender Regierung (1458–1490) wird Ungarn unter +Wladislaw+, dem Sohn Kasimirs IV. von Polen, mit Böhmen vereinigt und dem Erzherzog Maximilian (S. 206) die Nachfolge zugesichert.

Reich der ~Osmanischen Türken~, um 1300 durch +Osman I.+ in Kleinasien begründet. Sein Sohn +Urchan+ erobert 1330 +Nicäa+, bildet aus dem Knabenzins unterworfener christlicher Völker das Fußvolk der +Janitscharen+, unternimmt Landungen an der europäischen Küste. +Murad I.+ macht Adrianopel 1365 zu seiner Residenz, unterwirft Bulgarien (S. 194).

[1389.]

Sieg Murads über die +Serben+ auf dem Amselfelde bei +Kossova+; Serbien wird tributpflichtig (S. 172).

[1396.]

Sieg Bajazets I. bei +Nikopoli+ an der Donau über ein großes Kreuzheer ungarischer, deutscher und französischer Ritter unter Führung König Sigismunds. Seitdem Schrecken des türkischen Namens im christlichen Abendlande.

Die weitere Entfaltung der osmanischen Macht wird vorübergehend gehemmt durch eine neue Erhebung der ~Mongolen~ in Asien unter +Timur Lenk+, welcher in gewaltigem Siegeszuge Persien (bei Ispahan 70000 Köpfe erschlagener Feinde zusammengeschichtet), das Indusland, Syrien, Kleinasien unterwirft. Bagdad zerstört. Hauptstadt seines Reiches +Samarkand+.

[1402.]

Schlacht bei +Angora+ in Kleinasien; Bajazet besiegt und gefangen.

Nach Timurs Tode (1405) zerfällt sein Reich; die Osmanen stellen ihre Herrschaft in Kleinasien und der griechischen Halbinsel wieder her. Erste Belagerung von Konstantinopel 1422.

Die Donaugrenze wird von den ~Ungarn~ heldenmütig verteidigt. Öftere Verhandlungen der oströmischen Kaiser mit den Päpsten über Herstellung der kirchlichen Einheit (S. 176); die Beschlüsse des (in Ferrara 1438 eröffneten) +Unionskonzils+ zu +Florenz+ 1439 werden in Konstantinopel von der Geistlichkeit und dem Volke nicht angenommen. Papst Eugen IV. läßt das Kreuz predigen gegen die Türken, aber die Schlacht bei Varna (s. oben) lähmt den Kriegseifer. Sultan Mohammed II. macht dem oströmischen Reiche ein Ende durch die

[~1453.~]

~Eroberung Konstantinopels.~

[~29. Mai.~]

Tapfere Verteidigung durch den letzten Kaiser +Konstantin XII.+ und den Genuesen +Giustiniani+. Griechische Gelehrte flüchten nach Italien (s. S. 211).

+Athen+ wird 1456 von den Türken besetzt, die Halbinsel +Morea+ 1460 verwüstet. In +Albanien+ leistet Georg Castriota (Skanderbeg) tapferen Widerstand, † 1467. +Bosnien+ und die +Walachei+ werden 1462–1464 unterworfen, bald auch Albanien. Belgrad (S. 218) bleibt noch bis 1521 (s. unten) ungarische Grenzfeste.

[1463–1479.]

Seekrieg der +Venetianer+ gegen die Türken; sie behalten Kandia, Korfu und mehrere Plätze in Morea, verpflichten sich aber zur Tributzahlung, um ihren Handel zu behalten.

[1480.]

Rhodus von den +Johannitern+ rühmlich verteidigt. Sultan Bajazet II. überläßt 1489 den Venetianern die Insel +Cypern+ (Katharina Cornaro, Gemahlin des letzten Fürsten aus dem Hause Lusignan, s. S. 175), vertreibt sie aber 1500 aus Morea. Kriegszug nach der +Moldau+ 1497.

Sultan Selim I. unterwirft 1515–1517 Mesopotamien, Syrien und Ägypten. Die Ausbreitung der Türkenherrschaft versperrt die alten Handelswege nach Indien.

Die von den +Türken+ dem christlichen Europa drohende Gefahr steigert sich unter Sultan Soliman II., der 1521 +Belgrad+ erobert (vgl. S. 230).

In ~Persien~ erst 1505 die Mongolenherrschaft beseitigt und eine einheimische Dynastie wieder eingesetzt. Begründung des neupersischen Reiches. 1582–1627 regiert der Schah Abbas der Große. Residenz Ispahan.

In ~Indien~ begründet Baber, ein Nachkomme Timurs, 1525 das Reich des Großmogul; Hauptstadt Delhi. Blüte dieses Reiches unter Dschelaleddin Mohammed (Akbar) 1556–1605.

In ~China~ unter der Ming-Dynastie (1368–1644) wird die bis 1911 noch geltende Regierungsform ausgebildet. Der Kaiser, »der Sohn des Himmels«, besitzt unumschränkte Gewalt über alle Untertanen, ist geistliches Oberhaupt, höchster Richter und Anführer im Kriege. Er genießt abgöttische Verehrung (Kotau). Strenges Zeremoniell. Gelbe Kleidung äußeres Zeichen seiner Würde. Der Nachfolger von ihm aus seinen Söhnen gewählt, falls diese fehlen, aus den nächsten Verwandten. Dem Kaiser stehen Minister zur Seite, auf deren Anregung und Verantwortung er die Gesetze erläßt. In Wirklichkeit jedoch ist die Regierung des Reiches der Mitte in eine Willkürherrschaft der Provinzvorstände (Vizekönige) ausgeartet.

~Japan~, wohin um die Mitte des 6. Jahrhunderts nach Chr. von China aus (über Korea) der Buddhismus und zugleich chinesische Civilisation gekommen, wird aus einem Geschlechterstaat in einen Beamtenstaat nach chinesischem Muster umgewandelt. Der +Mikado+ wird unumschränkter Herrscher des Reiches. Hauptstadt Kioto. Der Großkanzler (Daijo Daijin) und die Minister führen die Regierung des Landes, die Provinzen von Statthaltern verwaltet. Alle Beamten mit erblichem Landbesitz ausgestattet. Einzelne Familien sichern sich den erblichen Besitz der wichtigsten Ämter. So bildet sich ein Hausmeiertum aus. Der Mikado von den Ministern, die Provinzialstatthalter von den Großgrundbesitzern in den Provinzen, d. h. von den Ministern allmählich bei Seite geschoben. Militär- und Zivilgewalt getrennt. Der Oberfeldherr des aus den Hörigen der mächtigsten Geschlechter hervorgegangenen Soldatenstandes, der +Shogun+, bringt schließlich auch das Amt des Großkanzlers in seinen Besitz. Nach langen erbitterten Kämpfen fällt das Shogunat, d. h. der Inbegriff aller Regierungsgewalt, der Familie der Minamoto zu. Der Kaiser in Kioto in strenger Abhängigkeit gehalten, bleibt nur im Besitz gewisser Ehrenrechte. Residenz der Shogune in Kamakura.

[1275.]

Vergebliche Expedition des Mongolenfürsten Kublai-Chans zur Unterwerfung Japans. Eine zweite Flotte gleichfalls zurückgeschlagen, durch einen Taifun völlig vernichtet (S. 195). Gegen Ende des 15. Jahrhunderts werden die Militärgouverneure in den Provinzen (Shugo) nach Beseitigung der Statthalter unabhängige Territorialherren (Daimyo).

Fussnoten:

[37] so genannt nach den goldenen Siegelkapseln.

[38] Streitig war das Kurrecht zwischen den beiden sächsischen und den beiden nach dem Tode Ludwigs des Strengen 1294 entstandenen wittelsbachischen Linien. Dasselbe ward nun Sachsen-+Wittenberg+ und +Pfalz+ zuerkannt, Sachsen-+Lauenburg+ und +Bayern+ aber abgesprochen (S. 189).

[39] +De terra vero salica in mulierem nulla portio transit, sed hoc virilis sexus acquirit+ (bezieht sich eigentlich auf +Allodial+besitz und weder auf Lehen noch auf die Thronfolge).

[40] Titel des Thronfolgers seit 1349, da der letzte Graf von +Vienne+ sein Gebiet (le Dauphiné) dem französischen Königshause übertrug.

~III. Neuere Geschichte.~

~A. Von der Entdeckung Amerikas bis zum Westfälischen Frieden. (1492–1648.)~

§ 1. Erfindungen, Entdeckungen u. Kolonien.

Drei noch dem +Mittelalter+ angehörige ~Erfindungen~, die mit dem Beginn der neueren Zeit zu allgemeinerer Anwendung kommen, sind auf die Umgestaltung der Welt von großem Einfluß gewesen. 1. Der ~Kompaß~ (um 1310 durch +Flavio Gioja+ von Amalfi erfunden?), fördert Sicherheit der Schiffahrt und ermöglicht die Entdeckungsfahrten. 2. Das ~Schießpulver~, wahrscheinlich aus Asien (China, Indien, Arabien) nach Europa gekommen, nach einer unhaltbaren Überlieferung erfunden durch den Mönch +Berthold Schwarz+ zu Freiburg im Breisgau (1354?), jedenfalls um die Mitte des 14. Jahrhunderts in Europa zuerst angewendet. Durch diese Erfindung eine allmähliche Umgestaltung des +Kriegswesens+ und der Untergang des +Rittertums+ herbeigeführt (S. 226). 3. Die ~Buchdruckerkunst~ (S. 206), allgemeiner verbreitet, seitdem sich nach der Eroberung von Mainz (1462 in der Pfälzer Fehde, s. S 206) die Gehilfen +Fusts+ in verschiedene Länder zerstreut hatten, das wichtigste Mittel zur Verbreitung geistiger Bildung, Förderung des Humanismus und der +Reformation+.

[~1492.~]

~Entdeckung Amerikas~ durch ~Columbus~.

~Cristoforo Columbo~ (er selbst nannte und schrieb sich, seit er Spanier geworden, stets ~Cristobal Colon~), aus +Genua+, seit seiner frühesten Jugend Seefahrer, will einen westlichen Seeweg nach +Indien+ und namentlich nach der Wunderinsel +Zipangu+ (Japan) suchen, welche der Venetianer +Marco Polo+ (Reisen von 1271–1295, S. 206) in dem Buche +Mirabilia mundi+ beschrieben hatte. Vom Könige von Portugal abgewiesen, tritt Colon 1486 in den Dienst der Königin Isabella von +Kastilien+ (S. 214). Erst nach der Einnahme Granādas werden notdürftige Mittel für das große Unternehmen beschafft. Vertrag mit +Colon+, dem der Adel, die erbliche Würde eines Admirals und Vizekönigs und ⅒ der Einkünfte der neuen Länder zugestanden werden. Er unternimmt 4 Reisen.

~Erste Reise~ 1492. Abfahrt von Palos mit 3 kleinen Schiffen am 3. Aug. 1492, von den Kanarischen Inseln am 6. September. Am 12. Oktober Landung auf +Guanahani+ (San Salvador), einer von den Bahama-Inseln. Entdeckung von +Cuba+ und +Haïti+; erste Kolonie Española auf Haïti gegründet.

~Zweite Reise~ 1493–1496 von Cadiz aus. Entdeckung der Kleinen +Antillen+ und der Insel +Jamaika+; Niederwerfung des Aufstandes in Española.

~Dritte Reise~ 1498–1500. +Trinidad+ und das Festland von Südamerika[41] (die Mündung des +Orinoko+) entdeckt; dann Fahrt nach Española. Colon, als Ausländer, auch durch Härte und nicht abzuleugnende Habsucht verhaßt, wird bei Hofe angeklagt. +Bobadilla+, mit Vollmacht als Oberrichter nach der Kolonie gesendet, schickt ihn in Ketten nach Spanien. Dort wird Colon sofort in Freiheit gesetzt und mit Auszeichnung behandelt, behält auch die +Admirals+würde, wird aber als +Statthalter+ durch +Ovando+ ersetzt.

~Vierte Reise~ 1502–1504. Küste von Honduras entdeckt, Schiffbruch, trauriger Aufenthalt bei den Wilden auf Jamaika, endlich Rückkehr von Haïti aus.

Columbus stirbt in Valladolid 1506, ohne zu wissen, daß er einen +neuen Erdteil+ entdeckt hat; er hielt jene Länder für Teile Asiens (Indien). Sein Sohn +Diego Colon+, 1509 Admiral und Vizekönig von Española († 1526). Die Admiralswürde vererbt sich auf seinen Enkel und Urenkel.

Der gelehrte Florentiner ~Amerigo Vespucci~ gibt nach mehreren Fahrten mit den Portugiesen nach Südamerika (die Küste von Venezuela durch den Spanier +Hojeda+ entdeckt) Karten und Beschreibungen der neu entdeckten Länder heraus. +Nach+ ihm, nicht durch ihn erhält der neue Erdteil den Namen ~Amerika~.

[~1498.~]

~Seeweg nach Ostindien~ von ~Vasco da Gama~ entdeckt. Die Portugiesen behalten die schon seit längerer Zeit von ihnen verfolgte Richtung der Entdeckungsfahrten (S. 215) bei; +Vasco da Gama+ landet um Weihnachten 1497 an der +Costa Natal+, dann in +Melinde+; von da gelangt er unter Führung eines arabischen Lotsen nach +Calicut+ an der Küste +Malabar+.

[~1500.~]

~Brasilien~ entdeckt von ~Cabral~, dessen Schiffe bei der zweiten Fahrt nach Indien in die westliche Meeresströmung geraten; er landet dann in Calicut und Cotschin.

[1505–1515.]

Begründung portugiesischer Kolonien in Asien durch die Vizekönige +Almeida+ und +Albuquerque+. Hauptort +Goa+, andere Ansiedlungen in Diu, Malakka, Ceylon, Macao (der Dichter +Camoëns+ 1555).

[1513.]

Der Spanier +Balboa+ dringt vom Meerbusen von +Darien+ aus zum +Stillen Ozean+ vor.

[1515.]

Der Spanier +Diaz de Solis+ erreicht die +La Plata+-Mündung.

[~1519–1522.~]

~Erste Erdumsegelung~ unter ~Ferdinand Magalhães~ (spr. Magaliängs), einem in spanische Dienste getretenen Portugiesen. Durchfahrt nach dem Stillen Ozean durch die +Magalhães+straße. Er selbst wird 1521 auf einer der Philippineninseln erschlagen (S. 215).

[1519–1521.]

Eroberung von ~Mexiko~ durch ~Hernan Cortez~. Dieser segelt mit 600 spanischen Soldaten von Cuba nach dem Hafenort Veracruz, wo er seine Schiffe versenkt. Dann marschiert er mit den Tlaskalanern verbündet auf +Mexiko+, die Residenz des Königs der Azteken, +Montezuma+, der ihn in die Stadt einläßt. Er nimmt den König in seinem Palast gefangen. Infolgedessen Aufstand der Mexikaner, Tod Montezumas. Die Spanier verlassen die Stadt, nächtlicher Kampf auf einem der Dämme des Sees, furchtbare Verluste (+Noche triste+). Sieg der Spanier. Von Tlaskala, wohin er sich zurückgezogen, kehrt Cortez bald mit Verstärkungen vor die Hauptstadt zurück. Einnahme von Mexiko nach hartnäckigem Belagerungskampf 1521. Der König +Guatmotzin+ hingerichtet. Cortez anfangs unumschränkter Statthalter von +»Neuspanien«+, dann auf die militärische Oberleitung beschränkt, entdeckt +Kalifornien+ 1535, stirbt in Spanien 1547.

[1532.]

Eroberung von ~Peru~ durch ~Pizarro~.

Die »Conquistadoren« (Eroberer) finden in dem silberreichen Peru, wie in Mexiko, eine schon lange bestehende einheimische Kultur vor. Adelsherrschaft bei den +Inkas+, die sich »Söhne der Sonne« nannten. Sonnentempel in der Hauptstadt +Cuzko+, reich mit Gold geschmückt. Pizarro nimmt den König +Atahualpa+ vor seinem Heere gefangen und läßt ihn, nachdem er ein ungeheueres Lösegeld von ihm erpreßt hat, hinrichten. Gründung von +Lima+ 1535, Fehden zwischen den spanischen Anführern. Pizarros Nebenbuhler +Almagro+, aus +Chile+ zurückgekehrt, wird 1538 von ihm besiegt und hingerichtet, er selbst von dessen Freunden 1541 in einem Aufstande erschlagen. Die Krone übernimmt die Verwaltung des Landes 1548.

Drei spanische Vizekönigreiche: +Mexiko+, +Peru+, +Neu-Granada+, später ein viertes für das +La Plata+-Gebiet; für die westindischen Inseln das Generalkapitanat +Cuba+.

~China~ und ~Japan~ werden den Portugiesen im 16. Jahrh. gleichfalls geöffnet (+Ningpo+, +Macao+), später auch den Spaniern und Niederländern (+Formosa+). Der Handelsverkehr mit Europa von den +Daimyo+ in Japan (S. 220) sehr begünstigt. Das +Christentum+ (schon Papst Clemens V. hatte 1307 ein Erzbistum in Peking und 1313 ein Bistum in Zeitun eingerichtet) (S. 195), findet in China (Jesuiten Franz Xaver, Ruggieri) und ebenso in Japan schnell Verbreitung.

~Folgen der Entdeckungen.~

1. Die Ausbreitung des Christentums und der europäischen Kultur über die ganze Erde ist ermöglicht. 2. Aufschwung von Handel und Gewerbe durch die Verwertung der überseeischen Erzeugnisse, Sinken des Geldwertes durch die Ausbeutung der Gold- und Silberbergwerke in Südamerika. 3. Bereicherung der Wissenschaften, besonders der Geographie und Naturkunde. 4. Im europäischen Staatensystem kommen die +Seemächte+ durch den Besitz von +Kolonien+ zu besonderer Geltung. Spanien und Portugal treten jedoch am Ende des 16. Jahrh. zurück gegen die Niederlande und England. 5. Auswanderung aus den übervölkerten Teilen Europas nach Amerika.

§ 2. Die Reformation in Deutschland.

[~1493–1519.~]

~Maximilian I.~ zieht nicht mehr zur Krönung nach Rom, nennt sich +»erwählter römischer Kaiser«+.

[1495.]

Reform der Reichsverfassung durch die Beschlüsse des Reichstags zu +Worms+: ~Ewiger Landfriede~, Reichssteuer (gelangt nicht zu bleibender Einführung), ~Reichskammergericht~ (erst in +Frankfurt+, dann in +Speier+, seit 1693 in +Wetzlar+). Besserung der Rechtsprechung durch Annahme des +römischen Rechts+ (S. 147), welches seit Friedrich I. (S. 183) noch immer als kaiserliches Recht galt.

Auf den +Reichstagen+ werden, nachdem die Berufung der Reichsstädte (seit 1487) üblich geworden ist, die kaiserlichen Vorschläge in 3 +Kollegien+ beraten: Kurfürsten, Fürsten (geistliche und weltliche), Reichsstädte. Der Kaiser verkündet die Beschlüsse im +Reichsabschied+.

[1512.]

Reichstag zu +Köln+, Einteilung des deutschen Reiches in 10 ~Landfriedenskreise~:

1. der +österreichische+, 2. +bayrische+, 3. +schwäbische+, 4. +fränkische+ (Maingebiet, Burggrafschaft Nürnberg), 5. +oberrheinische+ (Lothringen, Hessen u. a.), 6. +kurrheinische+ (Mainz, Trier, Köln, Pfalz), 7. +burgundische+ (Niederlande), 8. +westfälische+, 9. +niedersächsische+ (Braunschweig, Lüneburg, Lauenburg, Holstein, Mecklenburg u. a.), 10. +obersächsische+ (Sachsen, Brandenburg, Pommern u. a.).

+Böhmen+ (mit seinen Nebenländern Mähren, Schlesien, Lausitz) und die +Schweiz+ bleiben außerhalb der Kreisverfassung; das Ordensland +Preußen+ steht unter +polnischer+ Oberhoheit (S. 217).

Wenig erfolgreiche Teilnahme Maximilians an den +italienischen+ Kriegen (S. 285, 239); +Mailand+ kommt an Frankreich, die +Schweiz+ wird tatsächlich unabhängig vom deutschen Reiche, da den Eidgenossen (seit 1501 dreizehn Orte, außerdem die »zugewandten Orte«) Freiheit von Reichssteuern und vom Reichskammergericht zugestanden wird (S. 260).

~Bildung der habsburgischen Hausmacht.~ Durch Verträge und Heiraten gewinnt Maximilian seinem Hause die Herrschaft über +Spanien+ mit seinen Nebenländern, sowie über +Böhmen+ und +Ungarn+.

~Maximilian I.~, ~Maria~ ~Ferdinand~, ~Isabella~, Kaiser, v. Burgund, K. v. Aragon, K. v. Kastilien, †1519. †1482. †1516. †1504 |__________________| |__________________| | | ~Philipp der Schöne~, ~Johanna die Wahnsinnige~, Erzhz. v. Österr., †1506. K. v. Aragon u. Kast., †1555. |_____________________________________________| | ~Karl V.~ (I.), †1558, ~Ferdinand I.~, †1564, Gem. Isabella v. Portugal Gem. Anna von Ungarn. | | ~Philipp II.~, K. v. Spanien. ~Maximilian II.~, Kaiser, †1598. †1576.

Maximilians Sohn, Erzherzog +Philipp+, heiratet +Johanna+, die Erbin der spanischen Monarchie (Aragon, Kastilien, Neapel [s. S. 235] und die amerikanischen Kolonien), nimmt 1504 den Titel König von Kastilien an, stirbt aber, ehe sein Anspruch mit dem Recht König Ferdinands auf die Regentschaft über Kastilien ausgeglichen ist (S. 241).

Philipps ältester Sohn +Karl+, 1516 König des vereinigten ~Spaniens~, erbt 1519 von Maximilian die ~habsburgischen Erblande~ (Österreich, Steiermark, Kärnten, Krain, Vorderösterreich am Oberrhein, Tirol) und die ~Niederlande~, überträgt die ersteren 1521 bezw. 1522 an seinen Bruder +Ferdinand+. Dieser heiratet +Anna+, Schwester Ludwigs II., des letzten Königs von +Böhmen+ und +Ungarn+ (dessen Gemahlin +Maria+ ist Ferdinands Schwester) und erwirbt 1526 die Herrschaft über ~Böhmen~ und ~Ungarn~ (S. 207, 230).

Die ~Umbildung des Rechts~ unter dem beherrschenden Einfluß des römischen (S. 224) bewirkt in Deutschland allmählich eine Stärkung der fürstlichen Gewalt. Das römische Recht, das der jetzt allgemein durchgeführten Geld Wirtschaft mehr entspricht als das der früheren Naturalwirtschaft angepaßte deutsche Recht, mißt den Landesherren unumschränkte Gewalt zu (S. 183), schließt das Volk und den Adel von der Teilnahme an der Rechtsprechung und Verwaltung aus und überträgt diese den römisch gebildeten Juristen. So bildet sich im Laufe der Zeit überall ~der fürstliche Absolutismus~ aus, wie ihn in Italien Friedrich II. begründete (S. 187). In Deutschland werden die Fürsten nach und nach absolute Territorialherren, deren Selbständigkeit die Kaiser nicht zu bezwingen vermögen. Unter dem Einfluß des römischen Rechts wird auch die Erstgeburtserbfolge und die Aufhebung der Landesteilungen allmählich durchgeführt, z. B. für Brandenburg in der Constitutio Achillea von 1473, für Bayern 1506 usw.

An die Stelle des alten ritterlichen Lehnsaufgebots tritt das ~Söldnerheer~ (+Landsknechte+), das weniger durch den Fahneneid als durch die Soldzahlung an die Fürsten gekettet (vgl. S. 229), die sicherste Stütze des Absolutismus wird. Der Unterhalt dieser stehenden Heere durch Steuern aufgebracht, deren Bewilligung den Landständen (Vertretung der Geistlichkeit, der Vasallen und Städte) vorbehalten bleibt.

Das ~Rittertum~ verliert den militärischen Vorrang seit der Einführung der Feuerwaffen an die Landsknechte und die bürgerliche Artillerie. Die Burgen gewähren keinen sicheren Schutz mehr. Infolge der veralteten Art der Bewirtschaftung (Dreifelderwirtschaft) ist der Ackerbau unrentabel geworden, zumal im Verhältnis zu den städtischen Erwerbszweigen. Hierdurch und durch die fortgesetzten Erbteilungen der Adelsgüter verschlechtert sich auch die materielle Lage der Ritter. Daher Erhöhung der Leistungen und Abgaben der ~Bauern~, die infolge der Bevölkerungszunahme auch vielfach die Hufen teilen müssen, da sie von jedem gewerblichen Betrieb der Bürger ausgeschlossen sind. In den ~Städten~ blühen Handel und Gewerbe. Ansammlung großer Kapitalien in den Händen der patrizischen Geschlechter, z. B. der +Welser+ und +Fugger+ in Augsburg (S. 234). Blüte der Kunst und Literatur. Pflege des Meistergesanges (+Hans Sachs+ in Nürnberg). In den Städten geordnete Verwaltung, Sorge für Unterricht, Arme und Kranke, während der fürstliche Staat für die Volkswohlfahrt wenig leistet, weil es ihm an Beamten fehlt.

~Aufblühen der Wissenschaften und Künste in Deutschland~, angeregt durch den von Italien aus sich verbreitenden +Humanismus+ (S. 211). Deutsche Humanisten: +Johann v. Dalberg+, 1483 Kanzler der Universität Heidelberg und Bischof von Worms, +Konrad Celtis+, 1497 Prof. in Wien, +Wilibald Pirkheimer+, Ratsherr in Nürnberg, +Konrad Peutinger+ in Augsburg, +Johann Reuchlin+, Prof. in Tübingen, 1482 mit Graf Eberhard in Italien, 1502 Richter des schwäbischen Bundes (S. 206), gerät 1510 mit den Dominikanern von Köln in Streit über die Religionsbücher der Juden: viele Humanisten nehmen an dem Streit teil, namentlich der Ritter +Ulrich von Hutten+, als Mitverfasser der +Epistolae obscurorum virorum+ 1516. +Erasmus von Rotterdam+, bekannt durch seine satirische Schrift +Laus stultitiae+, gibt 1516 das griechische Neue Testament heraus.

Nikolaus +Kopernikus+ (geb. zu Thorn 1473, Domherr zu Frauenburg am Frischen Haff, † 1543), angeregt durch die Schriften des Astronomen +Johannes Müller+ von Königsberg in Franken (+Regiomontanus+, 1471 in Nürnberg, † 1476), begründet die richtige Lehre vom Sonnensystem, Seine Nachfolger Joh. +Kepler+ aus Württemberg († 1630) und +Galilei+ aus Pisa († 1642).

Blüte der bildenden Künste namentlich in +Nürnberg+: der Holzschnitzer +Veit Stoß+ († 1533), der Bildhauer +Adam Kraft+ († 1507), der Erzgießer +Peter Vischer+ († 1529), der Maler +Albrecht Dürer+ (geb. 1471, † 1528); in Augsburg die Maler +Hans Holbein,+ Vater und Sohn, † 1524 im Elsaß, bezw. 1543 in London.

Auch die ~Baukunst~ strebte die Wiedergeburt der griechisch-römischen Bauweise im Anschluß an die erhaltenen Baudenkmäler an (~Renaissancestil~) (S. 211). In Deutschland vermischte sich der antike Stil vielfach mit nationalen, der Gotik entlehnten Elementen, z.B. Türmchen und Erkern. (+Heidelberger Schloß+.)

[~1517.~]

Beginn der ~Reformation~ durch ~Luther.~

~Martin Luther,~ geb. 10. Nov. 1483 in Eisleben, Sohn eines Bergmanns, studiert seit 1501 in +Erfurt+, geht 1505 ins Augustinerkloster daselbst, wird 1508 Professor an der Universität +Wittenberg+, 1511 in Angelegenheiten seines Ordens nach Rom geschickt. Da der Dominikaner +Johann Tetzel+ im Auftrage des Erzbischofs Albrecht von Mainz Ablaß verkaufend umherzieht, schlägt Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Sätze (Thesen) gegen den Mißbrauch des Ablasses an die Tür der Schloßkirche zu Wittenberg.

[1518.]

In der +Schweiz+ Beginn der Reformation durch Ulrich ~Zwingli~ in Zürich, veranlaßt durch den Ablaßkrämer Bernardin +Samson+.

+Luther+, vor den Kardinal Thomas de Vio aus Gaëta (+Cajetanus+) nach Augsburg gefordert, weigert sich zu widerrufen, appelliert an den Papst.[42] Vermittelung durch den päpstlichen Kämmerer +v. Miltitz+ (Gespräch zu +Altenburg+). Luther geschützt von Kurfürst +Friedrich dem Weisen+ von Sachsen (+Ernestinische+ Linie des Hauses Wettin), während Herzog Georg (+Albertinische+ Linie) ihm abgeneigt bleibt.[43] Philipp +Melanchthon+ (Schwarzerd), ein Verwandter Reuchlins, geb. 1497 zu Bretten in Baden, seit 1518 als Professor in Wittenberg, Luthers Mitarbeiter († 1560).

[1519.]

+Disputation zu Leipzig+; Joh. +Eck+, Prof. zu Ingolstadt, gegen +Karlstadt+ (Andreas Bodenstein aus Karlstadt) und +Luther+. Letzterer bekennt, daß Papst und Konzilien nicht unfehlbar seien, und daß sich in Hussens Lehre viel Wahres finde. Das war der Bruch mit Rom. Eck reist darauf nach Rom und erwirkt eine päpstliche Verdammungsbulle gegen 41 Artikel aus Luthers Schriften.

[1520.]

Luther veröffentlicht 3 reformatorische Schriften: 1. An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung, 2. Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche, 3. Von der Freiheit eines Christenmenschen, verbrennt die päpstlichen Dekretalen und die Bannbulle vor dem Elstertore zu Wittenberg.

[~1519–1556.~]

~Karl V.~, Enkel Maximilians, abwesend gewählt von den in Frankfurt versammelten Kurfürsten, 1520 in Aachen gekrönt. +Friedrich der Weise+ hatte die Kaiserkrone wegen hohen Alters abgelehnt.

[~1521.~ 18. April]

~Reichstag zu Worms.~ Luther verteidigt seine Lehre vor dem Kaiser, der ihm das freie Geleit hält. Doch wird er in die Reichsacht erklärt und auf Befehl +Friedrichs des Weisen+ aus Vorsicht auf die +Wartburg+ gebracht. Das +Wormser Edikt+ verbietet alle Neuerungen. -- Luther beginnt die ~Bibelübersetzung~ (vollendet 1534). Er kehrt auf die Nachricht von +Karlstadts+ Unordnungen nach Wittenberg zurück (Frühjahr 1522) und predigt gegen die +Bilderstürmer+, richtet dann den Gottesdienst mit deutscher Predigt und Abendmahl unter beiderlei Gestalt in Kursachsen ein. Die Ausbreitung der Reformation in Deutschland wird dadurch gefördert, daß Karl V. bald nach Spanien zurückkehrt und dann durch Kriege mit Franz I. von Frankreich in Anspruch genommen ist.

[1522–1523.]

Reichstag zu Nürnberg. Die Durchführung des Wormser Edikts für unmöglich erklärt. Die Berufung eines Konzils verlangt.

[~1522–1523.~]

~Ritterkrieg~ im Rheinlande. +Franz von Sickingen+ an der Spitze eines Ritterbundes gegen die geistlichen Fürstentümer, belagert vergeblich +Trier+, wird in seiner Burg +Landstuhl+ (bei Kaiserslautern) eingeschlossen und fällt. Sein Freund +Ulrich von Hutten+ stirbt als Flüchtling auf der Insel Ufnau im Zürchersee.

[~1524–1525.~]

~Bauernkrieg~ in Schwaben und Franken, begleitet von furchtbaren Greueln. Die 12 +Artikel+ der Bauern fordern Wahl der Pfarrer durch die Gemeinde, Beschränkung der Abgabe des Zehnten auf den Kornzehnt, Aufhebung der Leibeigenschaft, Freiheit der Jagd und des Fischfanges u. a. Luther ermahnt anfangs zum Frieden, schreibt dann heftig »wider die mördischen und raubischen Bauern«. Die Aufständischen werden geschlagen (namentlich bei Königshofen a. d. Tauber) und blutig bestraft. -- Die +Wiedertäufer+ in Thüringen mit den Bauern verbündet; sie werden bei Frankenhausen geschlagen, ihr Führer +Thomas Münzer+ mit 25 anderen Anführern in Mühlhausen in Thüringen hingerichtet.

[1525.]

Kurfürst Friedrich der Weise †. Ihm folgt sein Bruder Johann der Beständige (1525–1532). Reformation in +Preußen+. Hochmeister +Albrecht von Brandenburg+ wird +Herzog+ in Preußen unter polnischer Lehnshoheit.

Luthers Vermählung mit Katharina von Bora. Kirchenvisitation in Sachsen, Sorge für die Schulen, Katechismus 1529.

[~1521–1526.~]

~Erster Krieg~ Karls V. gegen Franz I. von Frankreich. Karl erhebt Ansprüche auf +Mailand+ und das +Herzogtum+ Burgund (S. 206), Franz auf das spanische Navarra und auf Neapel (S. 235). Die Franzosen werden aus Mailand vertrieben, welches +Franz Sforza+ (S. 210) 1522 erhält. Der französische +Connétable Karl von Bourbon+ geht zu Karl V. über. Mißglückter Einfall der Franzosen in Italien (1523–1524, auf dem Rückzuge fällt +Bayard+, S. 235), darauf Einfall der Kaiserlichen in das südliche Frankreich. Franz I. geht über den Mont Cenis, nimmt Mailand wieder.

[1525.]

~Schlacht bei Pavīa~, Sieg der Spanier unter +Pescara+ und der deutschen Landsknechte unter +Georg von Frundsberg+; Franz I. gefangen.

[1526.]

Friede zu ~Madrid~. Franz entsagt allen Ansprüchen auf Mailand und Neapel, sowie der Lehnshoheit über Flandern und Artois, willigt in die Herausgabe des Herzogtums Burgund, stellt seine Söhne als Geiseln. Gleichzeitig zeichnet er einen feierlichen Protest gegen den Frieden auf, läßt sich dann vom Papst von seinem Eide lösen und erklärt die in Madrid beschworenen Bedingungen als erzwungen für nichtig. Papst Clemens schließt (Mai 1526) mit Frankreich, Venedig, Florenz und Mailand die +Heilige Liga+ von +Cognac+ gegen Karl V.

[~1526.~]

~Erster Reichstag zu Speier.~ Die Evangelischen, an der Spitze Kurfürst Johann der Beständige von Sachsen und Landgraf Philipp von Hessen, erwirken einen der Ausbreitung der neuen Lehre günstigen Reichsabschied.

[~1527–1529.~]

~Zweiter Krieg~ zwischen Karl V. und Franz I. Das kaiserliche (nicht bezahlte und aufrührerische) Heer unter dem Connétable von Bourbon nimmt Rom mit Sturm, Bourbon fällt, der Papst wird in der Engelsburg belagert (1527), doch erfolgt bald die Aussöhnung mit dem Hofe zu Madrid. Vergeblicher Einfall der Franzosen in Neapel.

[1529.]

Damenfriede zu ~Cambrai~. +Margarete von+ Österreich, Tante Karls, und +Luise von Savoyen+, Mutter des Königs von Frankreich. Letzterer zahlt 2 Millionen Kronen und entsagt den Ansprüchen auf Italien. Karl verspricht seine Ansprüche auf Burgund +für jetzt+ nicht geltend zu machen und entläßt die französischen Prinzen.

[1529.]

~Zweiter Reichstag zu Speier~, wo Ferdinand (S. 225) und die katholische Partei infolge der siegreichen Machtstellung des Kaisers energischer auftreten. Der Reichstagsbeschluß von 1526 wird aufgehoben. Strenge Durchführung des +Wormser Edikts+ in den evangelischen Territorien beschlossen. Hiergegen protestieren die evangelischen Stände (daher Protestanten genannt). Darauf +Religionsgespräch zu Marburg+ zwischen Luther und Zwingli. Einigung über 14 Artikel, doch nicht über die Lehre vom Abendmahl.

[~1526–1532.~]

~Krieg mit den Türken.~ Sultan +Soliman II.+, welcher 1522 die Johanniter (S. 219) aus Rhodus vertrieben hat, fällt in Ungarn ein; König Ludwig II. von Ungarn und Böhmen † in der +Schlacht bei Mohacz+ (1526). Eine Partei des ungarischen Adels wählt +Ferdinand+, Karls Bruder, die andere +Johann Zapolya+ von Siebenbürgen, zu dessen Schutze Soliman abermals erscheint, jedoch +Wien+ vergeblich belagert (1529).

[1530.]

Karl V. in +Bologna+ gekrönt; letzte Krönung eines deutschen Kaisers durch den Papst.

Glänzender ~Reichstag zu Augsburg~ unter persönlichem Vorsitz des Kaisers. Überreichung der von +Melanchthon+ verfaßten ~Augsburgischen Konfession~ (Confessio Augustana). Der Reichsabschied gebietet die Aufhebung aller Neuerungen. Deshalb

[Dez.]

~Schmalkaldischer Bund~ der meisten protestantischen Fürsten und Reichsstädte.

[1531.]

Treffen bei +Kappel+; die Züricher von den katholischen Waldkantonen geschlagen, Zwingli †, doch behauptet sich seine Lehre.

Karl V. läßt seinen Bruder +Ferdinand+ in Köln zum römischen König wählen und in Aachen krönen. Der Kurfürst von Sachsen protestiert im Namen der Evangelischen dagegen. Infolge der von neuem drohenden Türkengefahr kommt zustande der

[~1532.~]

~Religionsfriede zu Nürnberg.~ Den Protestanten wird bis zu einem allgemeinen Konzil freie Religionsübung zugestanden.

Soliman II. fällt verheerend in Ungarn ein. Heldenmütige Verteidigung von +Güns+. Ein großes Reichsheer sammelt sich bei Wien, Soliman geht zurück. Karl V. reist wieder nach Spanien.

[1534–1535.]

Unruhen der ~Wiedertäufer~ in ~Münster~ (Jan Matthys aus Harlem, dann +Johann Bockelson+ aus Leyden, »König von Zion«).

[1534.]

Landgraf Philipp von Hessen führt den 1519 vom schwäbischen Bunde vertriebenen (lutherischen) Herzog Ulrich von ~Württemberg~ in sein Herzogtum zurück, mit welchem der Kaiser seinen Bruder +Ferdinand+ belehnt hatte. Dieser verzichtet im Frieden zu Kadan auf den ferneren Besitz Württembergs, wird dafür von den Evangelischen als römischer König anerkannt. Landgraf Philipp leistet darauf dem Bischof von +Münster+ Hilfe zur Unterwerfung der Stadt; Johann von Leyden nebst anderen Anführern grausam hingerichtet.

Württemberg, Pommern, Anhalt und mehrere Reichsstädte treten dem Schmalkaldischen Bunde bei (1536).

[1535.]

Karls V. Zug gegen +Tunis+ (Seeräuber +Chaireddin Barbarossa+). Tunis erobert und alle Christensklaven befreit.

[~1536–1538.~]

~Dritter Krieg~ zwischen Karl V. und Franz I., letzterer erneuert seine Ansprüche auf +Mailand+ nach dem Tode des Herzogs Franz Sforza. Er verbündet sich mit +Soliman II.+, der Ungarn bedrängt und durch seine Flotte die Küste Italiens plündern läßt.

[1538.]

+Waffenstillstand zu Nizza+ auf Grund des Besitzstandes. Darauf reist Karl V., um einen Aufruhr in seiner Geburtsstadt +Gent+ zu bekämpfen, durch Frankreich, wo er von Franz I. ausgezeichnet empfangen wird.

Einführung der Reformation im +Herzogtum+ Sachsen (Herzog Georg † 1539), im Kurfürstentum Brandenburg (1539), im Herzogtum Mecklenburg (1540).

[1540.]

Der ~Jesuiten-~Orden, von dem Spanier +Ignatius von Loyōla+ 1534 gestiftet zur Ausbreitung der katholischen Lehre, wird von Papst Paul III. bestätigt.

[~1541.~]

~Reformation in Genf~ durch ~Johann Calvin.~ Jean +Cauvin+ aus Noyon in der Picardie, geb. 1509, tritt 1532 in Paris als Reformator auf, findet Schutz bei Margarete von Navarra, Schwester Franz’ I. (S. 236). Aus Frankreich 1534 vertrieben, lebt Calvin abwechselnd in Basel, Genf, Straßburg, von 1541 bis zu seinem Tode 1564 in +Genf+. Die Anhänger Zwinglis schließen sich ihm allmählich an. Calvinische +Kirchenverfassung+: Die Gemeinde von den erwählten Geistlichen und +Ältesten+ (Presbyterium) regiert, mehrere Gemeinden durch die +Synode+; strenge Kirchenzucht. Der Arzt Servet 1553 als Irrlehrer (De trinitatis erroribus) verbrannt.

[1541.]

Verlängerung des Religionsfriedens auf dem Reichstag zu +Regensburg+ in Gegenwart Karls V.

Soliman II. setzt in +Ofen+ einen türkischen Pascha ein. Karls V. unglücklicher Zug nach +Algier+.

[1542.]

Vertreibung des Herzogs +Heinrich+ von Braunschweig-Wolfenbüttel durch den Schmalkaldischen Bund.

[~1542–1544.~]

~Vierter Krieg~ Karls V. gegen Franz I., der wiederum mit Soliman II. verbündet ist. Der Kaiser unterwirft den Herzog von +Cleve+, der sich an Frankreich angeschlossen hat, und dringt bis +Soissons+ vor.

[1544.]

Friede zu ~Crespy~ (spr. +Crépi+): Der Herzog von Orléans, zweiter Sohn des französischen Königs, soll eine kaiserliche Prinzessin heiraten und Mailand erhalten. Da er aber schon 1545 stirbt, so bleibt +Mailand+ dem Kaiser, der es seinem Sohne +Philipp+ zu Lehen gibt.

[1545.]

+Hermann von Wied+, Erzbischof von +Köln+, welcher +Melanchthon+ zu sich berufen hatte, um in seinem Erzstift die Reformation einzuführen, wird vom Kaiser verwarnt und sucht Hilfe beim Schmalkaldischen Bunde.

[~1545–1563.~]

~Kirchenversammlung zu Trient~ (Tridentum) in Tirol, von den Protestanten nicht beschickt, vom Papste zweimal vertagt. Kirchliche Reformen, zugleich genauere Feststellung der katholischen Lehre.

[1546.]

18. Febr. Tod Luthers in Eisleben.

[~1546–1547.~]

~Schmalkaldischer Krieg.~ Karl V. will die reichsständische Selbständigkeit in Deutschland brechen und zugleich im Bunde mit dem Papste, der ihm Geld und Truppen sendet, die kirchliche Einheit wiederherstellen. Die Häupter des Schmalkaldischen Bundes, +Johann Friedrich+, Kurfürst von Sachsen, und Landgraf +Philipp+ von Hessen werden in die Acht erklärt. Herzog +Moritz+ von Sachsen, Philipps Schwiegersohn, schließt sich der Sache des Kaisers an.

[1546.]

Unentschlossene Kriegführung der Verbündeten an der +Donau+. Johann Friedrich wird durch einen Einfall des Herzogs Moritz in sein Land zur Rückkehr veranlaßt. Die süddeutschen Protestanten (Ulm, Augsburg, Straßburg, Herzog Ulrich von Württemberg u. a.) unterwerfen sich, Hermann von Wied wird aus Köln vertrieben. Karl V. zieht mit seinem aus Spaniern (Herzog +Alba+) und Italienern gebildeten Heere nach Sachsen, geht über die Elbe, schlägt in der

[~1547.~ 24. April.]

~Schlacht bei Mühlberg~ (auf der Lochauer Heide, bei Torgau) den Kurfürsten von Sachsen, nimmt ihn gefangen und zieht als Sieger in +Wittenberg+ ein. Vergleich unter Vermittelung Joachims II. von Brandenburg. Die Kurwürde und die Kurländer kommen an die +Albertinische+ Linie des Hauses Wettin (Herzog Moritz); die Ernestinische Linie behält nur die thüringischen Gebiete (+Weimar+, +Jena+, +Eisenach+, +Gotha+ u. a., S. 227). +Philipp von Hessen+ unterwirft sich in +Halle+ und wird, obgleich sich Moritz und Joachim II. für seine Freiheit verbürgt hatten, gefangen gehalten.

[1548.]

Auf dem +Reichstag+ zu +Augsburg+ dekretiert der Kaiser, da das Tridentiner Konzil vom Papste nach Bologna verlegt ist, das ~Interim,~ welches den Protestanten aufgezwungen werden soll. Einstweilen wird ihnen die Priesterehe und das Abendmahl unter beiderlei Gestalt zugestanden. Sonst soll Lehre und Kirchenverfassung im wesentlichen katholisch bleiben. Die Stadt +Magdeburg+, als Mittelpunkt des Widerstandes in die Reichsacht erklärt, wird vom Kurfürsten ~Moritz von Sachsen~ 1550–51 belagert, unterwirft sich ihm, ohne Glaubenszwang zu erleiden. Moritz, erbittert über die Behandlung seines Schwiegervaters und besorgt für seine Stellung und die »Libertät« aller deutschen Fürsten, rüstet heimlich gegen den Kaiser und nötigt ihn, nach Abschluß eines Bündnisses mit +Heinrich II.+ von Frankreich, zur

[~1552.~]

Flucht aus +Innsbruck+. Das in +Trient+ wieder versammelte Konzil vertagt sich und tritt erst 1562 wieder zusammen. In Passau tritt ein Fürstentag zusammen. König +Ferdinand+ vermittelt den

~Passauer Vertrag~: Das Interim abgeschafft. Freilassung Philipps von Hessen, der Religionsfriede soll auf dem nächsten +Reichstage+ festgestellt werden. Auch Kurfürst Johann Friedrich wird freigelassen.

[1552.]

~Karl V.~ zieht mit Heeresmacht gegen ~Heinrich II.~ von Frankreich, welcher als Moritz’ Verbündeter die ~lothringischen Bistümer~ +Metz+, +Toul+ und +Verdun+ besetzt hat. Vergebliche Belagerung von +Metz+, welches Franz von Guise mit Erfolg verteidigt. Frankreich bleibt im Besitz der drei Bistümer, während das +Herzogtum+ Lothringen nach wie vor beim deutschen Reiche bleibt.

[1553.]

Moritz siegt bei +Sievershausen+ (unweit Hannover) über seinen bisherigen Verbündeten +Albrecht Alcibiades von Brandenburg-Kulmbach+ (der den Passauer Vertrag nicht anerkennen will), wird aber tödlich verwundet.

Karl V. zieht sich verstimmt nach den Niederlanden zurück, überläßt die Herstellung des Friedens in Deutschland seinem Bruder Ferdinand.

[~1555.~]

~Augsburger Religionsfriede~. Die +Landesherren+ und +freien Städte+, welche sich zur +Augsburgischen Konfession+ bekennen, erhalten Religionsfreiheit und das Recht, in ihren Gebieten die Konfession ihrer Untertanen zu bestimmen: cuius regio, eius religio. Den andersgläubigen Untertanen soll das Recht auszuwandern gewahrt bleiben. Zu Gunsten der katholischen Kirche ~geistlicher Vorbehalt~ (+Reservatum ecclesiasticum+), daß geistliche Reichsstände, welche protestantisch werden, Amt, Gebiet und Einkünfte verlieren sollen (S. 232). Die Evangelischen fügen sich dieser Bestimmung gegen eine +Deklaration+, daß evangelische Untertanen geistlicher Reichsstände bei ihrer Religion gelassen werden sollen. Die Reformierten sind von dem Frieden ausgeschlossen.

~Wirkungen der Reformation.~

Die von Deutschland ausgehende religiöse Bewegung führt in den meisten europäischen Ländern 1. zur +Abschaffung kirchlicher Mißbräuche+ und Vertiefung des religiösen Lebens, 2. zu erhöhter Pflege der von den Fesseln der Kirche befreiten +Wissenschaften+, Verbesserung des Schulwesens, Verbreitung geistiger Bildung, 3. zur Stärkung der Gewalt der Territorialfürsten und durch den Gegensatz der Konfessionen zu +politischen Kämpfen+, in denen das europäische +Staatensystem+ sich ausbildet.

~Luthers Lehre~ verbreitet sich nach Dänemark, Schweden, Norwegen und den Ostseeprovinzen, +Calvins+ Lehre (die ~reformierte Kirche~) nach Frankreich, den Niederlanden, Schottland; in Deutschland findet sie namentlich im Kurfürstentum Pfalz (Heidelberger Katechismus 1563), in Hessen und Bremen Eingang.

Hebung des Wohlstandes in Deutschland, namentlich in den oberdeutschen +Reichsstädten+; die Kaufmannshäuser Fugger und Welser in +Augsburg+. Aufblühen der +deutschen Literatur+: Hans Sachs († 1576) in +Nürnberg+, Joh. Fischart in +Straßburg+ († 1591); das protestantische Kirchenlied. Die Maler Lukas Kranach, Vater und Sohn, in +Wittenberg+, später in Weimar († 1553 bezw. 1586).

[~1550.~]

~Abdankung Karls V.~ in Brüssel. Die Krone ~Spanien~ (mit den Kolonien), dazu +Neapel+, +Mailand+, Freigrafschaft +Burgund+ und die Niederlande kommen an seinen Sohn +Philipp+, die Kaiserwürde an seinen Bruder +Ferdinand I.+ (s. S. 225). Karl lebt in der Nähe des Klosters S. Just (in Estremadura, nördlich vom Tajo) als Privatmann (nicht Mönch), stirbt 1558.

§ 3. Frankreich.

[~1498–1589.~]

Häuser ~Orléans~ und ~Angoulême~.

Nebenlinien des Hauses Valois (s. S. 208), deren Zusammenhang mit der Hauptlinie die folgende Stammtafel darstellt.

~Karl V.~ (dritter K. aus dem Hause +Valois+) †1380. ___________________|_______________________ ~Karl VI.~ †1422. Ludwig, Hz. v. Orléans. | Gem. Valentine Visconti. | ______|__________________ ~Karl VII.~ †1461. Karl, Hz. Johann, Graf | v. Orléans. v. Angoulême. | | | ~Ludwig XI.~ †1483. ~Ludwig XII.~ Karl, Graf v. Angoulême. | †1515. Gem. Anna v. Gem. Louise v. Savoyen. | d. Bretagne, Witwe | | Karls VIII. | | | | ~Karl VIII.~ †1498. Claudia. ~Franz I.~ †1547. Gem. Anna v. d. Bretagne. |________________| | ~Heinrich II.~ †1559. Gem. Katharina v. Medici. _______________________________|_______________________________ | | | | | | ~Franz II.~ Elisabeth, ~Karl IX.~ ~Heinrich III.~ Franz, Margarete, †1560. Gem. Gem. †1574. (Hz. v. Anjou) Hz. v. Gem. Maria Stuart. Philipp II. K. v. Polen. Alençon. Heinrich IV. K. v. Spanien. †1589.

Die französische Monarchie, nach Zeiten schwerer Erschütterung wieder erstarkt, beginnt schon unter +Karl VIII.+ (S. 209) eine gegen +Italien+ gerichtete Eroberungspolitik, doch ohne dauernden Erfolg.

[1498–1515.]

~Ludwig XII.~ heiratet Anna von der +Bretagne+, Karls VIII. Witwe, um dieses Herzogtum bei der Krone zu erhalten, macht Ansprüche auf ~Mailand~ als Enkel von +Valentine Visconti+, verjagt den Herzog +Ludovico Moro+ (aus dem Hause +Sforza+, s. S. 211), der, als er nach Mailand zurückkehrt, gefangen wird (1500).

[1501.]

+Ludwig XII.+ erobert im Bunde mit +Ferdinand dem Katholischen+, König von Aragon, das Königreich ~Neapel~. Spanier und Franzosen bald uneinig, die letzteren von dem spanischen Feldherrn +Gonsalvo de Cordŏva+ am +Garigliano+ geschlagen (1504). Ludwig XII. verzichtet auf Neapel, behauptet aber die Schutzherrschaft über +Genua+. Neapel und Sicilien bis 1713 in spanischem Besitz. Gonsalvo erster Vizekönig.

[1508.]

Teilnahme Ludwigs an der +Liga zu Cambrai+ gegen Venedig, aber Papst Julius II., Ferdinand der Katholische und Venedig verbinden sich 1511 zur +Heiligen Liga+, um die Franzosen aus Italien zu vertreiben. Diese führen den Krieg unter +Gaston de Foix+, Neffen Ludwigs XII., anfangs glücklich, nehmen 1512 +Brescia+ mit Sturm (~Bayard~, der Ritter ohne Furcht und Tadel, S. 229), schlagen mit Hilfe von 5000 deutschen Landsknechten das spanisch-päpstliche Heer bei +Ravenna+, werden aber 1513 von den Schweizern bei +Novāra+ geschlagen und räumen Italien.

[~1515–1547.~]

~Franz I.~

[1515.]

Er erobert +Mailand+ wieder durch den glänzenden Sieg über die Schweizer bei ~Marignano~.

[1520.]

Zusammenkunft mit Heinrich VIII. von England (+Camp du drap d’or+) in der Nähe von Calais.

Kriege mit +Karl V.+ (s. S. 229–232): +Mailand+ verloren. Künste und Wissenschaften werden gefördert durch den Verkehr mit Italien. Schloßbauten: der +Louvre+ in Paris.

Erhöhung der königlichen Macht durch ein Konkordat mit dem Papste (1516), welches die Wahl der Bischöfe und Äbte im wesentlichen dem König überläßt; dagegen Wiedereinführung der +Annaten+ (Gebühren für die Bestätigung durch den Papst in der Höhe eines Jahreseinkommens) und Verzichtleistung auf den Grundsatz des Konstanzer und Baseler Konzils, daß ein allgemeines Konzil +über+ dem Papste stehe (s. S. 203). Verfolgung der Protestanten und grausame Hinrichtungen.

[~1547–1559.~]

~Heinrich II.~ Wachsende Macht der ~Guisen~, eines Nebenzweiges des Hauses Lothringen, (+Franz+, Herzog von Guise, und +Karl+, der »Kardinal von Lothringen«). Verfolgung der Protestanten in Frankreich, aber Unterstützung der +deutschen+ Protestanten. 1552 +Metz+, +Toul+, +Verdun+ gewonnen, Krieg mit Karl V. (s. S 233).

[1556–1559.]

Krieg mit +Philipp II.+ von Spanien. Die Franzosen von den Spaniern (mit Hilfe der Engländer) bei +St. Quentin+ 1557 und durch den Grafen +Egmont+ bei +Gravelingen+ 1558 geschlagen. +Franz von Guise+ nimmt +Calais+, die letzte Besitzung der Engländer in Frankreich (S. 209).

[1559.]

Im Frieden zu +Cateau Cambrésis+ geben die Franzosen alle Eroberungen, außer +Calais+, heraus. Philipp II. heiratet Elisabeth, älteste Tochter Heinrichs II. Auf Heinrich II., der an einer Turnierwunde stirbt, folgen hintereinander seine drei schwachen Söhne.

[~1559–1560.~]

~Franz II.~, erster Gemahl der +Maria Stuart+ von Schottland, einer Nichte der Guisen. Verfolgung der Protestanten, grausame Hinrichtungen (+Chambres ardentes+). Des Königs Mutter ~Katharina von Medici~ mit den Guisen verbündet, während die Prinzen aus dem Hause +Bourbon+, Anton, König von Navarra,[44] und Ludwig von Condé, sich der Protestanten annehmen.

[~1560–1574.~]

~Karl IX.~, 10 Jahre alt, ebenfalls unter der Leitung seiner Mutter +Katharina von Medici+,

[1562–1598.]

~Hugenottenkriege.[45]~

Die Verletzung eines den Reformierten gewährten Toleranzedikts durch +Franz von Guise+ (Blutbad zu +Vassy+ in der Champagne 1562) und grausame Verfolgungen in mehreren Städten veranlassen eine bewaffnete Erhebung der Reformierten unter Führung des Prinzen von +Condé+ und des Admirals +Coligny+. Sie erkämpfen in +drei Kriegen+ (bis 1570) das Zugeständnis bedingter Religionsfreiheit, welches durch Einräumung von 4 Sicherheitsplätzen (namentlich der Hafenstadt +La Rochelle+) gewährleistet wird.

[~1572.~ 23.–24. Aug.]

~Die Bartholomäusnacht~ oder ~Pariser Bluthochzeit.~ Bei Gelegenheit der Vermählung +Heinrichs von Bourbon+ und +Navarra+, der nach Condés Tode an die Spitze der Hugenotten getreten war, mit der Schwester des Königs Karl IX., Margarete von Valois, zuerst ein Mordanschlag auf +Coligny+ gemacht, dann Ermordung aller in Paris anwesenden Hugenotten, geleitet von +Heinrich von Guise+ und der Königin-Mutter +Katharina von Medici+. Heinrich von Navarra rettet sein Leben durch Übertritt zur katholischen Kirche. In der Hauptstadt werden über 2000, in ganz Frankreich gegen 20000 Hugenotten ermordet. Diese Bluttat entzündet den +vierten+ Krieg (1572–1573). La Rochelle, von Herzog +Heinrich von Anjou+, Bruder des Königs Karl IX., belagert, verteidigt sich tapfer (Graf Montgomery). Die Wahl des Herzogs von Anjou zum König von Polen bewirkt einen Vergleich.

Karl IX. stirbt 1574. Sein Bruder, der aus Polen entweicht, wird König von Frankreich als

[~1574–1589.~]

~Heinrich III.~ Der +fünfte+ Krieg, während dessen Heinrich von Navarra wieder zum reformierten Glauben übertritt, wird 1576 unter Bedingungen beendigt, die für die Hugenotten günstiger sind als die früheren Friedensschlüsse. Daher Unzufriedenheit der strengen Katholiken; die ~Heilige Ligue~ beabsichtigt im Bunde mit +Philipp II.+ Vernichtung der reformierten Partei und Erhebung der Guisen auf den Thron. Der König erklärt sich aus Furcht vor der Ligue zum Haupt derselben und verbietet den reformierten Gottesdienst in ganz Frankreich.

Daher nochmals +drei Kriege+, der letzte (1585–1589) genannt ~Krieg der drei Heinriche~ (+Heinrich III.+ von Valois, +Heinrich+ von Navarra, +Heinrich+ von Guise). In Paris bildet sich die ~Ligue der Sechzehn~, welche die Absetzung des schwachen Königs bezweckt. Volksaufstand, Tag der Barrikaden 12. Mai 1588. Heinrich III. entflieht nach +Blois+, wohin er die Reichsstände (États-généraux) zusammenruft. Da er bei diesen keinen Beistand gegen die Ligue findet, läßt er den Herzog +Heinrich von Guise+ und dessen Bruder, den +Kardinal Ludwig+, ermorden. Aufstand der Katholiken, an dessen Spitze sich der Bruder der Ermordeten, Herzog +Karl von Mayenne+, stellt. Heinrich III. flieht zu Heinrich von Navarra in das Lager der Hugenotten, wird vor Paris, in St. Cloud, von dem Mönch +Jakob Clément+ ermordet (1589).

[~1589–1792.~]

~Haus Bourbon~ (stammt ab von einem jüngeren Sohne Ludwigs IX., des Heiligen).

[~1589–1610.~]

~Heinrich IV.~ Die katholische Partei verweigert ihm die Anerkennung. Heinrich IV. siegt über Karl von Mayenne bei ~Ivry~ 1590, belagert aber vergeblich Paris, welches von Mayenne und dem Herzog von Parma (s. S. 243) entsetzt wird. Erst nachdem Heinrich in St.-Denis abermals seinen Übertritt zur katholischen Kirche erklärt hat, öffnet ihm Paris die Tore (1594). Darauf Aufhebung des päpstlichen Bannes, Friede mit Philipp II. von Spanien. Die Religionskriege werden beendet durch das

[~1598.~]

~Edikt von Nantes~, welches den Reformierten gleiche +bürgerliche+ Rechte mit den Katholiken gibt, aber keineswegs vollständig freie Religionsübung. Es gestattet den reformierten Kultus den +Edelleuten+ mit selbständiger Gerichtsbarkeit (+seigneurs hauts justiciers+) und den +Bürgern+ in einer +bestimmten+ Anzahl von Städten und Flecken, untersagt ihn aber in allen bischöflichen und erzbischöflichen Städten, am Hofe des Königs, in Paris, sowie im Umkreise von 5 Meilen um die Hauptstadt. Die Reformierten werden zu öffentlichen Ämtern zugelassen und behalten ihre Sicherheitsplätze. Das Edikt wird erst nach langer Weigerung von den Parlamenten (d. h. höchsten Gerichtshöfen) registriert.

Heinrichs IV. Minister, der Herzog von ~Sully~, trifft Maßregeln zur Wiederherstellung des zerrütteten Wohlstandes und der Finanzen. Förderung des Ackerbaues und Gewerbes, des Seehandels; Kolonien in +Kanada+ (Quebec 1608). Der König beabsichtigt, als Verbündeter der protestantischen +Union+ in den Jülich-Cleveschen Erbstreit (S. 252) einzugreifen, wird aber von dem Fanatiker Franz +Ravaillac+ in Paris ermordet. Sein Sohn

[~1610–1643.~]

~Ludwig XIII.~, 9 Jahre alt. Regentschaft seiner Mutter +Maria von Medici+. Sully vom Amte entfernt; an die Spitze der Geschäfte tritt der Italiener +Concini+ (Maréchal +d’Ancre+), nach dessen Ermordung 1617 der Herzog von +Luynes+, endlich der große Staatsmann ~Kardinal Richelieu~ (Armand-Jean du Plessis, geb. 1585 in Poitou, 1607 Bischof von Luçon, 1616 Staatssekretär, 1622 Kardinal, † 1642). Von 1624–1642 verwaltet ~Richelieu~ eigentlich allein das Reich; nur einmal (11. Nov, 1630, +journée des dupes+) glaubt Maria von Medici ihn gestürzt zu haben, doch beherrscht er von da an den König sicherer als je.

Richelieus Ziel ist die Erhebung Frankreichs zur ersten Macht Europas und die Begründung der Allgewalt des Königs. Er bricht die Macht des Adels, macht die Krone unabhängig von den +Reichsständen+, die nicht mehr berufen werden, besiegt die Hugenotten (Belagerung und Einnahme von +La Rochelle+ 1628), welche fortan nicht mehr eine bewaffnete politische Partei, sondern eine +geduldete Sekte+ sind. Unruhen, erregt von +Gaston von Orléans+, Bruder des Königs, enden mit dem vollständigen Siege Richelieus; die Königin-Mutter wird verbannt, Gaston entflieht nach +Lothringen+, versucht vergebens gewaltsame Rückkehr mit Hilfe des Herzogs von +Montmorency+, des Statthalters von Languedoc; dieser wird 1632 in Toulouse hingerichtet.

[1633.]

Das Herzogtum +Lothringen+ (vgl. S. 206, 233) von französischen Truppen besetzt (bis 1659). Der Dreißigjährige Krieg bietet Gelegenheit, Frankreichs Macht auf Kosten Deutschlands zu erhöhen.

+Richelieu+ legt den Grund zur Machtstellung Ludwigs XIV. Frankreich verdankt ihm die Segnungen einer geordneten +Verwaltung+ und das Aufblühen seiner klassischen +Literatur+. Stiftung der französischen Akademie 1635, der maßgebenden Behörde in Sachen der Sprache und des Stils; +Corneilles+ Cid 1636.

§ 4. Italien.

Das Herzogtum ~Mailand~ ist seit 1556 (s. S. 234) ein Nebenland von +Spanien+, dem Namen nach deutsches Reichslehen. In ~Mantua~ herrscht seit 1328 das Haus +Gonzaga+; nach dessen Aussterben der Mantuanische Erbfolgekrieg 1628–1631. +Richelieu+ zieht persönlich gegen die Kaiserlichen zu Felde und setzt die Ansprüche der französischen Nebenlinie +Nevers+ auf das Herzogtum durch.

Glänzender Hof der Herzöge von ~Ferrara~ (S. 210). Nach dem Tode Alfons’ II. 1597 wird Ferrara als päpstliches Lehen mit dem Kirchenstaate vereinigt; ~Modena~ und Reggio verbleiben einer Nebenlinie des Hauses +Este+.

~Parma~ und Piacenza früher zu Mailand gehörig, 1512 vom Papst Julius II. für den Kirchenstaat in Besitz genommen, bilden seit 1545 ein selbständiges Herzogtum im Besitz des Hauses +Farnese+ bis 1731.

~Venedig~ ist 1508 gefährdet durch die Liga von +Cambrai+ (Papst Julius II., Kaiser Maximilian I., Ludwig XII., Ferdinand der Katholische); doch wendet sich der Krieg bald gegen Frankreich (S. 235). Während der folgenden Kriege ist Venedig meist mit Karl V. verbündet. Gegenüber dem Vordringen der +Türken+ schließt es sich an Spanien an, muß aber trotz des mit den Spaniern gemeinsam erfochtenen Sieges bei Lepanto (S. 242) 1573 den Türken +Cypern+ abtreten; es behält von seinem Inselbesitz nur +Kandia+ und die +Ionischen Inseln.+

~Genua~ macht sich 1529 unter dem Dogen +Andrea Doria+, welcher der Republik eine neue Verfassung gibt, frei von der französischen Schutzherrschaft (S. 235). Verschwörung des+Fiesco+ 1547. +Giannettino Doria+, der Neffe des Dogen, wird ermordet, Andrea Doria muß flüchten. Schon sind die Verschworenen im Besitz fast der ganzen Stadt, als Fiesco durch Zufall ertrinkt. Rückkehr des Dogen, Wiederherstellung der Verfassung.

Die Herzöge von ~Savoyen~, welche auch +Piemont+ besitzen (S. 210), sind unter den einheimischen Fürsten von Nord-Italien die mächtigsten. Doch verlieren sie 1536 das +Waadtland+ an Bern und geraten während der Kriege Frankreichs mit Karl V. und Philipp II. in Bedrängnis. Nach dem Frieden von Cateau-Cambrésis (1559, S. 236) wird +Emanuel Philibert+ in sein Herzogtum zurückgeführt.

In ~Florenz~ wird 1494 Pietro von Medici, Lorenzos Sohn, weil er mit dem erobernd vordringenden Karl VIII. von Frankreich (S. 209 f.) einen Vertrag geschlossen hatte, vertrieben. Haupt der demokratischen Partei der Dominikaner +Savonarōla+. Er bewirkt auf kurze Zeit eine Wendung zur Sittenstrenge, verfällt aber dem päpstlichen Bann und wird 1498 hingerichtet. Infolge des Sieges der Heiligen Liga (S. 235) werden 1512 die +Medici+ wiedereingesetzt. Zweite Vertreibung 1527, die Republik auf kurze Zeit wiederhergestellt. Karl V. setzt 1531 +Alessandro+ von Medici als erblichen Herzog ein. Dessen Nachfolger +Cosimo+ vereinigt die Republik +Siena+ mit seinem Gebiete und wird 1569 vom Papst Pius V. zum ~Großherzog von Toskana~ erhoben (bestätigt von Kaiser Rudolf II. 1576). Unter Cosimos II. Regierung lehrt in Florenz +Galileo Galilei+, der 1633 von der Inquisition in Rom gezwungen wird, das +Kopernikanische Sonnensystem+ abzuschwören († 1642 in Arcetri bei Florenz).

Die ~Päpste~ dieser Zeit sind mit Erfolg bestrebt, den Kirchenstaat zu vergrößern und ihr geistliches Ansehen zu erhöhen.

[1492–1502.]

+Alexander VI.+ aus dem Hause +Borgia+, durch Ausschweifungen berüchtigt; sein Sohn +Cesar Borgia+ herrscht grausam in der Romagna.

[1503–1513.]

+Julius II.+, kriegerisch und kunstliebend, beginnt den Neubau der Peterskirche, beruft dazu den Baumeister Bramante, den Bildhauer Michelangelo (an Julius’ II. Grab Statue des Moses) und den Maler Raffael nach Rom.

[1513–1521.]

+Leo X.,+ Sohn Lorenzos von Medici (S. 211), kunstliebend und gelehrt.

[1521–1523.]

+Hadrian VI.,+ aus Utrecht, früher Lehrer Karls V., auf Abstellung kirchlicher Mißbräuche bedacht.

[1523–1534.]

+Clemens VII.,+ Neffe Lorenzos von Medici, klug, aber nicht tatkräftig.

[1555–1559.]

+Paul IV.,+ streng kirchlich, hat 1542 als Kardinal unter Paul III. die Herstellung der +Inquisition+ (S. 186) und die Einrichtung des Index librorum prohibitorum bewirkt.

[1572–1585.]

+Gregor XIII.+ ordnet 1582 den +verbesserten Kalender+ an (Ausfall des Schaltjahres am Ende des Jahrhunderts, mit Ausnahme jedes vierten Jahrhunderts).

[1575–1590.]

+Sixtus V.+ unterdrückt das Räubertum im Kirchenstaat; Vollendung der Peterskirche.

~Neapel~ ist von 1504–1713 ein Nebenland Spaniens (s. S. 235). Der Aufstand des Fischers +Tommaso Aniello,+ genannt +Masaniello+ (1647), wird schnell unterdrückt.

~Blütezeit der italienischen Kunst und Literatur.~

Maler: +Leonardo da Vinci+ († 1519), +Raffael Santi+ († 1520), +Antonio Allegri,+ genannt +Correggio+ († 1534), +Michelangelo Buonarotti+ († 1564), zugleich Bildhauer und Architekt, +Tizian+ († 1576), +Paul Veronese+ († 1588). Musiker: +Palestrina+ († 1594). Dichter: +Ariosto+ († 1533), +Torquato Tasso+ († 1595). Unter den Prosaschriftstellern ragt hervor der Politiker +Macchiavelli+ († 1527 in Florenz: Il Principe, Buch vom Fürsten).

§ 5. Pyrenäische Halbinsel und Niederlande,

[~1479–1516.~]

~Ferdinand der Katholische,~ König von +Aragon,+ übernimmt 1504 nach dem Tode seiner Gemahlin +Isabella+ (S. 215) die Regierung in +Kastilien+ für seine abwesende Tochter +Johanna+, Gemahlin des Erzherzogs Philipp von Österreich (S. 225). Philipp und Johanna kommen 1506 nach Kastilien; Ferdinand tritt in einem Vertrage die Regentschaft an Philipp ab, aber bald darauf stirbt dieser plötzlich 1506. Johanna, schon früher schwermütig, verfällt in Wahnsinn, lebt im Schlosse +Tordesillas+ in Haft bis zu ihrem Tode (1555). Ferdinand übernimmt wieder die Regentschaft, erweitert 1512 das Reich Aragon durch Eroberung des kleinen Königreichs +Navarra+; nur der nördlich von den Pyrenäen gelegene Teil desselben bleibt dem französischen Grafen +Jean d’Albret+ (S. 236). Befestigung der Monarchie in dem nunmehr vereinigten ~Königreich Spanien~ mit Hilfe des staatsklugen Kardinals +Ximenez+.

[~1516–1556.~]

~Karl I.~ (als deutscher Kaiser +Karl V.,+ s. S. 228) begründet nach Niederwerfung eines Aufstandes in Kastilien (1521) die unbeschränkte Königsgewalt in +Spanien+; die Cortes fortan ohne Bedeutung. Durch Erwerbung großer Gebiete in +Amerika+ (S. 223) gelangt Spanien zu hoher Machtstellung.

[~1556–1598.~]

~Philipp II.~, viermal vermählt, mit: 1. +Maria+ von Portugal (Mutter des Don Carlos), 2. +Maria der Katholischen+ von England (S. 246), 3. +Elisabeth+ von Valois (S. 236), 4. +Anna+, Tochter Maximilians II. Unter seinem starren Despotismus erschöpfen sich die Kräfte des spanischen Reiches.

Krieg mit Frankreich (S. 236). Blutige Verfolgung der Moriskos und der Protestanten in Spanien; die Schrecken der Inquisition (S. 215) dauern fort. Zwist zwischen dem König und seinem Erben +Don Carlos+; dieser wird verhaftet und stirbt im Gefängnis 1568. Über die +Türken+, welche 1565 vergeblich die dem Johanniterorden (S. 178) gehörige Insel +Malta+ angreifen (tapfere Verteidigung durch den Großmeister +La Valette+), erficht +Don Juan d’ Austria+, Karls I. (V.) natürlicher Sohn, den großen

[~1571.~]

~Seesieg bei Lepanto~ (Naupaktos, S. 44). In demselben Jahre werden die +Philippinen+-Inseln in Besitz genommen (1898 an die Union abgetreten).

[~1568–1648.~]

~Freiheitskrieg der Niederlande.~

~Veranlassung~: Die seit Karls V. Abdankung an Spanien gekommenen niederländischen Provinzen (S. 225) waren seit alter Zeit im Besitz bedeutender Privilegien; die +Stände+ (+Staaten+, +États+) hatten Steuern und Truppen zu bewilligen. Aber Druck der spanischen Besatzungen, Strafedikte gegen die Ketzer, die geplante Gründung neuer Bistümer, Furcht vor Einführung der spanischen Inquisition bewirken unter der Statthalterin +Margarete von Parma+ (1559–1567), der Halbschwester des Königs Philipp II. (ihr Ratgeber Bischof +Granvella+), heftige Erregung. Bund des Adels (Kompromiß zu +Breda+) zur Verteidigung der Privilegien. Im Staatsrat sind Graf +Egmont+, Statthalter von Flandern, und Wilhelm von +Nassau-Oranien[46]+, Statthalter von Holland und Seeland, um Erhaltung des Friedens bemüht.

[1566.]

Überreichung einer Bittschrift an die Statthalterin in +Brüssel+ durch 300 Vertreter des niederen Adels (~Geusen~, Bettler, ihr Parteiname, entstanden durch den verächtlichen Ausruf des Grafen von Barlaimont: +Ce n’est qu’un tas de gueux+). Volksunruhen, veranlaßt durch calvinische Prediger; Bildersturm und Plünderung der Kirchen. Egmont und Wilhelm von Oranien treten diesen Unordnungen entgegen.

Obwohl die Ruhe schließlich wiederhergestellt war, wird

[1567.]

Herzog ~Alba~ mit einem spanischen Heere über +Genua, Savoyen, Burgund+ nach den Niederlanden gesandt. Wilhelm von Oranien entflieht nach Nassau. Tausende von Niederländern verlassen ihr Vaterland. Alba übernimmt die Regierung; der von ihm in Brüssel eingesetzte Gerichtshof arbeitet entsetzlich, vom Volk als »Blutrat« bezeichnet.

[1568.]

Hinrichtung der Grafen +Egmont+ und +Hoorn+.

~Wilhelm von Oranien~ macht mit Flüchtlingen und deutschen Söldnern, die er in Nassau um sich gesammelt hat, einen Einfall in die Niederlande, wird aber von Alba zurückgeschlagen.

Die willkürlichen, von Alba auferlegten Steuern (der 10te Pfennig von jeder verkauften Ware, der 100ste vom Vermögen) erregen einen neuen Aufstand. Einnahme von +Briel+ (an der Maasmündung) durch die Wassergeusen 1572. Schnelle Ausbreitung des Aufstandes, besonders in den nördlichen Provinzen, wo Wilhelm von Oranien nach seiner Rückkehr aus Deutschland an die Spitze tritt. Herzog Alba wird auf seinen eigenen Antrag 1573 zurückberufen.

Sein Nachfolger +Luis de Requesens+ siegt zwar 1574 auf der Mooker Heide, wo zwei Brüder des Prinzen von Oranien fallen, belagert aber +Leyden+ vergeblich (Durchstechung der Deiche, Gründung der Universität) und kann des Aufstandes nicht Herr werden († 1576). Plünderungen der Städte Antwerpen, Mastricht, Gent u. a. durch die königlichen Truppen führen die

[~1576.~]

~Pazifikation von Gent~ herbei, einen Vertrag +aller+ Provinzen, durch welchen sie sich, ungeachtet der religiösen und nationalen Unterschiede, vereinigen, um die spanischen Soldaten aus dem Lande zu treiben.

Der neue Statthalter +Don Juan d’Austria+, Philipps II. Halbbruder, wird von den meisten Provinzen nicht anerkannt, doch entsteht unter ihnen bald Uneinigkeit. Ihm folgt +Alexander Farnese von Parma+, Margaretes Sohn (1578–1592), ein staatskluger Fürst und trefflicher Feldherr. Dieser unterwirft unter dem Versprechen der Herstellung ihrer alten politischen Freiheiten die +südlichen+, katholischen Provinzen (Belgien). Die sieben +nördlichen+, überwiegend calvinischen (Holland, Seeland, Utrecht, Geldern, Overyssel, Groningen, Friesland) schließen

[~1579.~]

die ~Utrechter Union~, sagen sich 1581 gänzlich von Spanien los und übertragen die Leitung +Wilhelm von Oranien+. Nach dessen Ermordung zu +Delft+ 1584 durch den Fanatiker Balthasar Gerard tritt sein Sohn, der 17jährige ~Moritz von Oranien~, an die Spitze. Kriegsglück Alexanders von Parma, Einnahme von +Antwerpen+ 1585. Die den Holländern geleistete englische Hilfe (+Leicester+ Statthalter) bestimmt Philipp zur Ausrüstung der ~Armāda~, welche, angeführt vom Herzog Medina Sidonia, furchtbaren Stürmen und der Tapferkeit der Engländer erliegt (1588). Seitdem Niedergang der spanischen Seeherrschaft. Moritz erobert Breda 1590, dann Nimwegen und Groningen, die Spanier erobern 1604 nach dreijähriger Belagerung Ostende. Endlich wird unter König

[~1598–1621.~]

~Philipp III.~

[1609.]

ein zwölfjähriger ~Waffenstillstand~ geschlossen. Unter dem schwachen, von Günstlingen beherrschten Könige sinkt Spaniens Macht und Wohlstand weiter, namentlich auch infolge der Austreibung von 500000 Moriskos. Nach Ablauf des Waffenstillstandes mit den Niederländern wird der Kampf wieder aufgenommen, bis unter König

[~1621–1665.~]

~Philipp IV.~ die ~Republik der Niederlande~ im Westfälischen Frieden 1648 (s. S. 260) die Anerkennung ihrer Unabhängigkeit von seiten Spaniens und des Deutschen Reiches erlangt.

In dem aufblühenden neuen Staate fehlt es nicht an inneren Parteiungen; der +oranischen+ Partei steht die +Generalstaaten+-Partei gegenüber, den strengen Calvinisten (Gomarianern) die gemäßigten (Arminianer). Die Synode zu +Dordrecht+ verurteilt 1619 den verdienten Staatsmann +Olden Barneveld+, welcher Moritz von Oranien entgegengetreten war, zum Tode; +Hugo Grotius+, zur Haft verurteilt, flieht 1621 nach Frankreich (sein Buch +de iure belli ac pacis+ Grundlage des Völkerrechts, 1635 schwedischer Gesandter in Paris, † 1645). Die Statthalterwürde wird 1650 aufgehoben, 1672 wiederhergestellt.

Wilhelm I. von Nassau-Oranien, †1584. _______________|_____________ | | Moritz, Friedrich Heinrich, †1625. †1647. ____________|___________ | | Wilhelm II., Luise Henriette, †1667. †1650. Gem. Friedrich Wilhelm | v. Brandenburg. | | Wilhelm III., Friedrich I. †1702. von Preußen.

~Aufschwung der niederländischen Seemacht~: Ostindische Kompagnie 1602 gegründet, +Neu-Amsterdam+ (New York, S. 270) 1612, +Batavia+ auf Java 1619, +Kapstadt+ 1651, +Ceylon+ besetzt 1656, 1634–54 auch +Brasilien+. +Tasman+ umfährt Australien (Neu-Holland) 1642.

Blüte der Wissenschaften auf der Universität +Leyden+ (gegr. 1575). Der Philosoph +Baruch Spinoza+ geb. zu Amsterdam 1632, † 1677.

Blüte der Malerei (+Rembrandt+ † 1669, +Ruysdael+ † 1682, +Hobbema+ † 1709), der Dichtkunst (+Vondel+ † 1679) und Musik (Roland de Lattre [Orlandus Lassus] † 1594 in München).

In den spanischen Niederlanden die Maler +Rubens+, geb. in Siegen 1577, † in Antwerpen 1640; +van Dyk+ † 1641; +Teniers+ der Ältere † 1649, +Teniers+ der Jüngere † 1690; +Snyders+ † 1657.

Auch in ~Spanien~ Blüte der Literatur (+Cervantes+ † 1616, +Lope de Vega+ † 1635, +Calderon+ † 1681) und Malerei +(Velasquez+ † 1660, +Murillo+ † 1682), aber das Volk verarmt und unwissend; Gewerbfleiß, Handel und Seemacht im Niedergang begriffen.

~Portugal~ im Besitz ansehnlicher Kolonien, blühend unter +Emanuel dem Großen+ (1495–1521). Sein Urenkel +Sebastian+ fällt 1578 in der unglücklichen Schlacht bei +Alkassar+ in Marokko. Philipp II. von Spanien erhebt Erbansprüche als Sohn einer Tochter Emanuels, nimmt 1580 das Land in Besitz. Als ~spanische Provinz (1580–1640)~ verliert Portugal einen großen Teil seiner Kolonien (Molukken, Sunda-Inseln, Ceylon) an die Niederländer. 1640 Erhebung gegen die spanische Herrschaft; eine fast unblutige Revolution erhebt das Haus ~Braganza~ (König Johann IV.) auf den Thron, das ihn bis 1910 behauptet.

§ 6. England und Schottland.

[~1485–1603.~]

~Haus Tudor~ (s. s. 213).

[1485–1509.]

~Heinrich VII.~ erhöht das Ansehen der Krone, indem er dem Adel verbietet, bewaffnetes Gefolge zu halten (Gerichtshof der +Sternkammer+ gegen Aufruhrversuche) und die Finanzen ordnet. Er versucht ganz Irland zu unterwerfen (S. 192). Seine Tochter +Margarete+ vermählt mit +Jakob IV.+, König von Schottland (aus dem Hause +Stuart+, s. S. 212).

[~1509–1547.~]

~Heinrich VIII.~, grausam und tyrannisch. Er ist sechsmal vermählt, nämlich mit: 1. +Katharina von Aragon+, Schwester der »wahnsinnigen« Johanna (S. 225), Witwe seines Bruders +Arthur+, Mutter von +Maria der Katholischen+ (geschieden). 2. +Anna Boleyn+, Mutter der +Elisabeth+ (hingerichtet). 3. +Johanna Seymour+ († nach der Geburt ihres Sohnes +Eduard VI.+). 4. +Anna von Cleve+ (geschieden). 5. +Katharina Howard+ (hingerichtet). 6. +Katharina Parr+ (überlebt den König). Die verweigerte Scheidung von der ersten Gemahlin (Kardinal +Wolsey+, gestürzt 1529) wird für den anfangs streng katholischen König (+Defensor fidei+) Grund zur Trennung der +englischen Kirche+ vom Papsttum (1531). Der König kirchliches Oberhaupt. Blutige Verfolgung aller den +Suprematseid+ Verweigernden (der Kanzler Thomas More † 1535); Einziehung vieler Klöster, aber Beibehaltung katholischer Lehren (die 6 Artikel).

~Stammtafel der Familien Tudor und Stuart~ (S. 213):

~Heinrich VII.~ †1509. ____________|_____________________________________ | | | ~Heinrich VIII.~ Margarete, Maria, †1547. Gem. Jakob IV. Gem. Hz. | v. Schottland. v. Suffolk ~Maria d. Katholische~ | | †1558. ~Jakob V.~ | ~Elisabeth~ †1603. v. Schottland Franziska, ~Eduard VI.~ †1553. †1542. Gem. Henry Gray. Gem. Maria | v. Guise. Johanna Gray | †1554. ~Maria (Stuart)~ †1587. Gem. Darnley. | ~Jakob VI.~ v. Schottland †1625.

[~1547–1553.~]

~Eduard Vl.~, 10 Jahre alt. Die Regierung geleitet von dem Protektor Herzog von +Somerset+, dann von Graf +Warwick+, Herzog von +Northumberland+. Nun erst finden die +Lehren+ der Reformation in England Eingang. Gründung der episkopalen Hochkirche (High Church). +Book of common prayer+ und Glaubensbekenntnis in 42 Artikeln, verfaßt von Thomas +Cranmer+, Erzbischof von Canterbury.

[~1553–1558.~]

~Maria die Katholische~, »die Blutige«. +Northumberlands+ Versuch, +Johanna Gray+, die Gemahlin seines Sohnes, auf den Thron zu setzen, mißlingt; alle drei werden hingerichtet. Maria vermählt sich mit Philipp II. von Spanien, dem aber keine Regierungsrechte zugestanden werden. Wiederherstellung der katholischen Religion. Grausame Verfolgung der Protestanten, Erzbischof +Cranmer+ und viele andere verbrannt. +Calais+ an Frankreich verloren (s. S. 236).

[~1558–1603.~]

~Elisabeth.~ Wiederherstellung der ~anglikanischen Kirche~ (Episkopalkirche), protestantische Lehre mit Beibehaltung der katholischen Hierarchie und teilweise des Kultus. Glaubensbekenntnis die ~39 Artikel~. Zahlreiche +Dissenters+ (Presbyterianer, Puritaner). Handel und Schiffahrt entwickeln sich, besonders seit der Vernichtung der Armada. Entdeckungsreisen (+Franz Drake+, zweite Erdumsegelung 1577 bis 1580, S. 223). Ansiedelungen in Nordamerika, +Walther Raleigh+ gründet die Kolonie +Virginia+ 1584. Ostindische Kompagnie 1600. Die Kaufleute der deutschen Hanse werden 1598 aus ihrem Hause in London, dem +Stalhof+, vertrieben, erhalten es jedoch später noch einmal zurück. -- Unter Elisabeths Regierung lebt der große dramatische Dichter ~William Shakespeare~ (1564 bis 1616 und der Philosoph Franz Bacon von Verulam, 1561 bis 1626).

[1587. 8. Febr.]

~Hinrichtung~ der Königin ~Maria Stuart~.

+Maria Stuart+, Tochter +Jakobs V.+ von Schottland und der +Maria von Guise+ (S. 236), Urenkelin Heinrichs VII. von England, geb. 1542, zuerst vermählt mit +Franz II.+ von Frankreich († 1560), nimmt nach dem Tode der Königin +Maria der Katholischen+ den Titel +Königin von England+ an. Nach dem Tode ihres Gemahls Franz übernimmt sie die Regierung in ~Schottland~ (1561). Streit mit den schottischen Calvinisten. (+John Knox+, in Genf mit +Calvin+ befreundet, † 1572). Maria heiratet ihren Vetter +Heinrich Darnley+, der ihren Günstling +Riccio+ ermorden läßt (1566) und dann unter Mitwissenschaft der Königin von +Bothwell+ ermordet wird (1567). Maria heiratet gleich darauf in dritter Ehe den Mörder +Bothwell+. Aufstand der Schotten, Maria gefangen, ihr und Darnleys einjähriger Sohn +Jakob+ als König anerkannt. Maria entflieht nach England (1568). Hier wird sie bis 1587 gefangen gehalten und zuletzt in Fotheringhay wegen Teilnahme an Verschwörungen gegen das Leben Elisabeths hingerichtet.

[1588.]

Krieg mit Spanien, Vernichtung der spanischen ~Armada~ (130 große Schiffe) durch Seegefechte im +Kanal+ und durch Stürme an den Küsten von Schottland und Irland (S. 244). Eine englische Flotte (unter Graf +Essex+ und Admiral +Howard+) erobert 1596 +Cadiz+ und kehrt mit reicher Beute zurück. Graf +Essex+, Günstling der Königin, wird darauf nach +Irland+ gesandt, um den Aufstand dort zu dämpfen, kehrt eigenmächtig zurück, wird wegen Empörung hingerichtet (1601). Die von Spanien unterstützten katholischen Iren 1601 besiegt. Irland damit endgültig unterworfen (S. 245, 192). Nach Elisabeths Tode folgt in England als Erbe des Hauses Tudor das in Schottland (S. 212) seit 1371 regierende

[~1603–1649 (1714).~]

~Haus Stuart.~ Personal-Union zwischen England und Schottland.

[~1603–1625.~]

~Jakob I.~ (als König von Schottland Jakob VI.), Sohn der Maria Stuart, in Schottland +calvinisch+ erzogen, bekennt sich dann zur +anglikanischen+ Kirche. Das Fehlschlagen der Hoffnungen, welche die Katholiken auf ihn als Sohn der Maria Stuart gesetzt hatten, bewirkt die sogenannte ~Pulververschwörung~ (1605). Doch wird der Plan, König und Parlament in die Luft zu sprengen, noch rechtzeitig vereitelt. Streitigkeiten mit dem Parlament wegen der schlechten Finanzwirtschaft des Königs und der geplanten Vermählung des Thronfolgers mit einer spanischen Infantin.

[~1625–1649.~]

~Karl I.~, Gemahl der katholischen +Henriette+ von Frankreich, strebt nach unumschränkter Gewalt des Königtums. Geldverlegenheiten nötigen ihn zur Erhöhung des »Tonnen- und Pfundgeldes«, einer Steuer für ein- und ausgeführte Waren, und dann nach vergeblicher Auflösung von zwei Parlamenten zur Bewilligung der +Bitte um Recht+ (~Petition of Right~ 1628) gegen willkürliche Besteuerung und Verhaftung englischer Bürger. Karls Günstling, der Herzog von +Buckingham+, wird ermordet, als er in Portsmouth den Befehl über die zum Entsatz von +La Rochelle+ (s. S. 239) bestimmte Flotte übernehmen will.

Nach Auflösung des dritten Parlaments (1629) regiert Karl 11 Jahre lang willkürlich ohne Parlament. Seine Ratgeber Lord ~Strafford~, früher Mitglied der Oppositionspartei im Unterhause, und Erzbischof ~Laud~. Willkürliche Erhebung des »Schiffsgeldes«, einer Geldabfindung der Seestädte für die Stellung von Schiffen zum Küstenschutz; +John Hampden+ verweigert die Zahlung dieser Abgabe, wird gerichtlich dazu verurteilt. Dieser Prozeß ruft große Aufregung hervor. Auswanderung bedrückter +Puritaner+ (John Milton ihr Dichter † 1674) nach den amerikanischen Kolonien, +Boston+ gegründet 1630.

[1637.]

Der unkluge Versuch, die Liturgie und Verfassung der englischen Episkopalkirche in Schottland einzuführen, bewirkt offenen Aufruhr und einen förmlichen ~Bund der Schotten~ (+Covenant+) zum Schutze der religiösen und politischen Rechte und Freiheiten ihres Landes. Um Geld zum Kriege gegen die Schotten zu erlangen, beruft der König (April 1640) ein Parlament. Dieses bewilligt nichts, sondern erneuert die alten Beschwerden. Ein kleines, durch freiwillige Spenden und Darlehen der königlich Gesinnten aufgebrachtes Heer marschiert gegen die Schotten, wird aber zurückgeschlagen.

[1640. Nov.]

Karl beruft von neuem ein Parlament. Dieses, das sogenannte ~Lange Parlament~, wird bald mächtiger als der König. Der Minister +Strafford+, vom Unterhause vor dem Oberhause angeklagt, wird trotz seiner glänzenden Verteidigung verurteilt und hingerichtet. Erzbischof +Laud+ verhaftet und später ebenfalls hingerichtet. Ein Aufstand der katholischen +Irländer+ vermehrt den Unwillen des englischen Volkes. Der Versuch des Königs, 5 Häupter der Opposition persönlich im Parlament zu verhaften, bringt den Aufruhr in London zum Ausbruch (1642). Parteinamen der +Kavaliere+ (Royalisten) und der +Rundköpfe+ (Republikaner). Karl verläßt London und geht nach York.

[1642–1649.]

~Bürgerkrieg in England~; den Truppen des Königs tritt ein +Parlamentsheer+ entgegen. Der König, anfangs siegreich, beruft das Parlament nach +Oxford+ (1644), wo sich 83 Lords und 165 Mitglieder des Unterhauses einfinden. Dagegen Vereinigung der +Schotten+ mit dem englischen +Parlamentsheere+. Die Königlichen werden bei +Marstonmoor+ (der Reiterführer +Cromwell+) und 1645 bei +Naseby+ geschlagen. Karl, in Oxford belagert, flieht zu den Schotten, die ihn an das englische Parlament ausliefern (Januar 1647).

Während des Bürgerkrieges wird die +Episkopalkirche+ in England +aufgehoben+; gegen die +Presbyterianer+ aber, die zum Vergleich mit dem Könige geneigt sind, erhebt sich die Partei der ~Independenten~, an ihrer Spitze ~Oliver Cromwell~. Sie erlangen das Übergewicht im Heere und bemächtigen sich auch des gefangenen Königs. Cromwell schlägt die jetzt +zu Gunsten Karls+ in England einfallenden +Schotten+ bei +Preston+ und verjagt seine presbyterianischen Gegner aus dem Parlament (1648). Das nunmehrige +Rumpfparlament+ (+Rump-Parliament+) setzt den König ab und läßt ihn durch einen Gerichtshof verurteilen.

[~1049.~]

30. Jan. ~Karl I.~ zu Whitehall in London ~hingerichtet~.

Abschaffung des Oberhauses. England wird ~Republik~, geleitet von dem Parlament und einem Staatsrat von 42 Mitgliedern.

§ 7. Der Norden und Osten.

~Christian II.~ von ~Dänemark~ (1513–23) versucht Schweden zu unterwerfen (vgl. S. 216), aber das ~Stockholmer Blutbad~ (1520) führt die vollständige Auflösung der +skandinavischen Union+ herbei. Aufstand der Talbewohner (+Dalkarlar+) unter ~Gustav Wasa~ (geb. 1496, als Geisel nach Dänemark geführt 1518, flüchtet 1519 nach Lübeck, kehrt 1520 insgeheim zurück). Er wird 1521 zum Reichsverweser, 1523 zum König erwählt, nimmt +Stockholm+ ein mit Hilfe der hansischen, von Lübeck und Danzig gestellten Kriegsflotte.

[~1523–1654.~]

Haus ~Wasa in Schweden~. Unter +Gustav I.+ Wasa (1523–1560) Einführung der Reformation. Der Thron erblich; die Handelsprivilegien der deutschen Hanse werden bald beschränkt, schließlich aufgehoben (S. 201, 246).

[1561.]

Auflösung des deutschen Ordensstaates in Kurland, ~Livland~ und Estland (S. 217). Der größte Teil seines Gebiets kommt an +Polen+, Estland an +Schweden+; der letzte Landmeister Gotthard Kettler wird als Herzog von +Kurland+ polnischer Vasall.

Gustav Wasas ältester, geisteskranker Sohn +Erich XIV+. wird 1568 entthront von seinem Bruder +Johann III.+ Dessen Sohn +Sigismund+ katholisch und seit 1587 König von Polen, wird in Schweden 1598 verdrängt von seinem Oheim +Karl IX.+, dem jüngsten Sohne Gustavs I. Dieser ordnet die zerrüttete Verwaltung des Landes und behauptet gegen Polen den Besitz Estlands. Sein Sohn

[~1611–1632.~]

~Gustav II. Adolf~ gewinnt im Kriege mit Rußland +Karelien+ und +Ingermanland+ (1617), im Kriege mit Polen (S. 256), +Livland+ (1621), schließt 1629 unter Richelieus Vermittelung mit Polen Waffenstillstand, um den Krieg in Deutschland (S. 256) zu beginnen. Ihm folgt, zuerst unter Vormundschaft des Reichsrats, seine Tochter

[~1632–1654.~]

~Christine,~ gelehrt, aber ohne Lust für die Regierungsgeschäfte. Sie dankt 1654 ab zu Gunsten ihres Vetters +Karl Gustav+ von Pfalz-Zweibrücken (Sohn einer Schwester Gustav Adolfs), wird dann katholisch, stirbt in Rom 1689.

~Dänemark~ und ~Norwegen~ bleiben bis 1815 vereinigt. Schon unter Christian II., Schwager Kaiser Karls V., dringt die Reformation in Dänemark ein. Christian von seinem Oheim, dem Herzog von Schleswig-Holstein, verdrängt, der als +Friedrich I.+ (1523–1533) mit Hülfe Lübecks den dänischen Thron besteigt und die Reformation begünstigt.

[1534–1536.]

Die +Grafenfehde+: Jürgen Wullenwever, protestantischer Bürgermeister von +Lübeck+, unterstützt den Grafen Christoph von Oldenburg gegen Friedrichs I. Sohn +Christian III.+ Dieser aber behauptet die Herrschaft in Dänemark (1534–1559) und führt die Reformation vollständig durch. Wullenwever vom Erzbischof von Bremen verhaftet, an den Herzog von Braunschweig ausgeliefert, 1537 in Wolfenbüttel hingerichtet.

[1559–1588.]

+Friedrich II.+ beginnt seine Regierung mit der Unterwerfung der +Dithmarschen+ (S. 216), führt

[1563–1570]

im Bunde mit Lübeck Krieg gegen +Schweden+, beschränkt die Privilegien der Hansa.

[1588–1648.]

+Christian IV.,+ nimmt am 30jährigen Kriege teil (s. S. 255). Im Frieden zu +Brömsebro+ 1645 werden von ihm an Schweden die Provinzen Jämtland und Herjedalen, die Inseln Gotland und Ösel abgetreten, auch wird den schwedischen Schiffen Freiheit vom +Sundzoll+ zugestanden.

~Polen~ gewinnt unter den ~Jagellonen (1386–1572)~ seine größte Ausdehnung (Ostsee, Karpathen, Schwarzes Meer), doch schon in dieser Zeit entwickelt sich durch die +Privilegien des zahlreichen Adels+ der Keim des Verfalls. Seit 1572 ist Polen ~Wahlreich~. Einführung des +liberum veto+ auf den Reichstagen. Wahlkönige: +Heinrich von Anjou+ (s. S. 237), +Stephan Bathŏry+ von Siebenbürgen, dann (1587–1668) 3 Könige aus dem Hause +Wasa: Sigismund III.+ † 1632, +Wladislaw IV.+ † 1648, +Johann Kasimir+ (dankt ab 1668).

~Rußland~ unter ~Iwan IV.,~ +dem Schrecklichen+ (1533 bis 1584) vergrößert durch Eroberung der Reiche +Kasan+ und +Astrachan+; der Kosakenhetman Jermak beginnt 1581 die Eroberung +Sibiriens+. Nach dem Aussterben des Hauses ~Rurik~ mit Iwans IV. Sohn +Feodor I.+ 1598 (Feodors jüngerer Bruder Demetrius war von Boris Godunow [Zar von 1598–1605] umgebracht worden) mehrjähriger Thronstreit; 1605–1606 regiert der von Polen unterstützte +falsche Demetrius+, dem dann noch zwei andere folgen. Ein Reichstag zu Moskau erhebt 1613 Michael ~Romanow~ auf den Thron, dessen Haus bis 1762 regiert.

Das Reich der ~osmanischen Türken~ erreicht seine höchste Blüte unter ~Soliman II.~ (1520–1566), dem Zeitgenossen Kaiser Karls V. (vgl. S. 230–232). Er stirbt in Ungarn bei der Belagerung der von +Zriny+ tapfer verteidigten Feste +Szigeth+ (1566). Unter seinen Nachfolgern beginnt der Verfall, namentlich infolge der Unbotmäßigkeit der +Janitscharen+.

In China kommt die Dynastie der +Mandschu+ oder +Tsing+ zur Regierung (1644 bis jetzt noch). Im 17. Jahrh. der größte Teil der Dsungarei, ganz Turkestan und Tibet erobert. Auch den Russen, Franzosen und Engländern (Kanton) Handelsverkehr gestattet (S. 223f.).

~Japan~ wird nach Abschaffung des Shogunats (1573–1603) dem Mikado nach und nach wieder Untertan. Ende des mehr als 500jährigen Bürgerkrieges. Begünstigung des Christentums. Unglücklicher Eroberungskrieg gegen ~Korea~ 1598.

[1603.]

Das Shogunat wird vom Mikado der Familie Tokugawa erblich übertragen. Ihre Residenz Tokio. Seitdem 250jähriger Friede und hohe Kulturentwickelung. Seiden- und Baumwollenindustrie, Aufschwung der Porzellanfabrikation. Unter den Tokugawa (1603–1867) Abschließung Japans gegen das Ausland. Fernhaltung der Fremden. 1614 die fremden Priester für Landesfeinde erklärt und Ausrottung des Christentums befohlen; grausame Verfolgungen. Erst seit dem Niedergang der Tokugawa-Herrschaft Handelsbeziehungen mit Europa und Amerika angeknüpft und von 1854 an einzelne Häfen geöffnet.

§ 8. Deutschland, Dreißigjähriger Krieg.

[~1556–1564.~]

~Ferdinand I.~, seit 1526 König von +Böhmen+ und +Ungarn+; doch muß er die größere Hälfte Ungarns den Türken überlassen. Unter ihm und seinem Nachfolger Friedenszeit in Deutschland, aber die +Ostseeprovinzen+ (S. 249) und die +Niederlande+ (S. 242ff.) gehen dem Deutschtum verloren. Während die Protestanten sich durch theologische Streitigkeiten entzweien (Haß der strengen Lutheraner an der 1548 eröffneten Universität Jena gegen den »Kryptocalvinismus« Melanchthons), befestigt sich der Katholizismus durch das eifrige Wirken der +Jesuiten+ (S. 231) und das Tridentinum (S. 232). Beginn der +Gegen+reformation in Österreich, Bayern und den geistlichen Fürstentümern.

[~1564–1576.~]

~Maximilian II.,~ mild und den Protestanten zugetan, denen er in seinen Erblanden freie Religionsübung gestattet. Doch wird Herzog +Johann Friedrich+ von Sachsen-Gotha, der im Bunde mit dem gewalttätigen Reichsritter +v. Grumbach+ die Länder seines Vaters (S. 232 f.) wiederzugewinnen trachtet, 1566 geächtet und bis an seinen Tod (1595) in Österreich gefangen gehalten (Grumbachsche Händel).

[~1576–1612.~]

~Rudolf II.,~ von den Jesuiten erzogen, gelehrt, aber unfähig zu regieren. Die Astronomen +Tycho de Brahe+ (aus Schonen, † 1601) und +Kepler+ (S. 227) an seinem Hofe in Prag.

Im Reiche nehmen Streitigkeiten überhand. Sonderung der Lutheraner von den Reformierten durch die +Konkordienformel, +1580 zuerst in Sachsen verkündet, aber nicht von allen lutherischen Landeskirchen angenommen. Auf den Reichstagen Streit über den geistlichen Vorbehalt (S. 234). Der Kurfürst von +Köln+ Gebhard Truchseß von Waldburg 1583 vertrieben, weil er zum Protestantismus übertritt. In +Straßburg+ 1592 zwiespältige Bischofswahl; der von den Protestanten gewählte Administrator muß 1604 zurücktreten. Die Reichsstadt +Donauwörth+, vom Kaiser in die Acht erklärt, weil das Volk eine katholische Prozession gestört hatte, wird von +Maximilian von Bayern,+ der die Acht vollstreckt (1607), besetzt und mit Bayern vereinigt. Deshalb

[1608.]

Gründung der protestantischen ~Union~; Oberhaupt der reformierte Kurfürst Friedrich IV. von der Pfalz;

[1609.]

Katholische ~Liga,~ Oberhaupt Herzog Maximilian von Bayern. Beide Fürsten sind +Wittelsbacher+ (S. 200, Anm. 2); Sachsen bleibt der Union fern.

[~1609–1014.~]

~Jülich-Clevescher Erbfolgestreit.~ Johann Sigismund von +Brandenburg+ und Wolfgang Wilhelm von +Pfalz-Neuburg+ nehmen das Land als das Erbe ihrer Gemahlinnen nach dem Tode des letzten Herzogs Johann Wilhelm gemeinsam in Besitz und werden von der Union gegen den vom Kaiser gesandten Erzherzog Leopold Wilhelm geschützt. Später entzweien sie sich, Wolfgang Wilhelm wird +katholisch+ und ruft die Hilfe der +Liga+ und +Spaniens+ an. Johann Sigismund tritt zur +reformierten+ Lehre über und findet Rückhalt an +Holland+ und Heinrich IV. von Frankreich († 1610, S. 238), doch wird ein Krieg vermieden.

Vertrag zu +Xanten+ 1614: +Cleve, Mark+ und +Ravensberg+ kommen an Brandenburg, +Jülich+ und +Berg+ an Pfalz-Neuburg. Spanische und holländische Besatzungen bleiben noch längere Zeit, erst 1666 wird der Vertrag vollständig ausgeführt.

Kaiser Rudolf, von seinem Bruder +Matthias+ gezwungen, ihm Ungarn, Mähren und Österreich zu überlassen, gibt den Böhmen, um sie für sich zu gewinnen, den

[1609.]

~Majestätsbrief~. Dieser gestattet +allen Bewohnern+ Böhmens den Anschluß an die »utraquistische«, auf entschieden protestantischem Standpunkt stehende +Böhmische Konfession+ von 1575 und erlaubt den 3 Ständen der +Herren+, +Ritter+ und +königlichen Städte+ den Bau von Kirchen. Der zugleich abgeschlossene, vom Kaiser anerkannte ständische +Vergleich+ gibt diese Erlaubnis auch den +Untertanen+ auf den +königlichen Gütern+.

[1611.]

Rudolf verliert auch die Herrschaft über Böhmen, stirbt 1612 machtlos in Prag.

[~1612–1619.~]

~Matthias~ verschafft, da er kinderlos ist und seine Brüder Verzicht leisten, seinem streng katholischen, von den Jesuiten erzogenen Vetter ~Ferdinand~, Herzog von Steiermark, Kärnten und Krain, die Nachfolge auch in Böhmen und Ungarn, trotz des Widerwillens der protestantischen Stände.

[~1618–1648.~]

~Der Dreißigjährige Krieg.~

Versuch des Hauses +Habsburg+, im Bunde mit der katholischen Kirche die Machtstellung des Kaisertums zu erhöhen. In den drei ersten Abschnitten des Krieges überwiegt die +religiöse+ Parteiung; aus dem Aufstand in Böhmen entwickelt sich ein großer Kampf des katholischen Europa gegen das protestantische. Zuletzt führen Schweden und Frankreich im Kampf gegen das Haus Habsburg +Eroberungs+kriege +auf deutschem Boden+.

~1. Böhmisch-pfälzischer Krieg 1618–1623.~

~Veranlassung~: Schließung der utraquistischen Kirche in Braunau im Gebiet des dortigen Abts und Niederreißung der Kirche in Klostergrab im Sprengel des +Erzbischofs von Prag+, also in Gebieten +geistlicher+ Stände, welche nach Auffassung der Protestanten kraft der böhmischen Landesverfassung als +königliche Güter+ zu betrachten waren. Versammlung der 1609 mit Zustimmung des Kaisers eingesetzten +Defensoren+ und der protestantischen Stände.

[~1618.~ 23. Mai.]

~Aufstand in Prag~; an der Spitze steht Graf +Matthias von Thurn+. Die Statthalter +Martinitz+ und +Slawata+ und der Geheimschreiber +Fabricius+ werden aus den Fenstern der kaiserlichen Burg hinausgestürzt, kommen aber mit dem Leben davon. Die Aufständischen übertragen die Regierung Böhmens an 30 +Direktoren+. Aus Italien kommt Graf +Ernst von Mansfeld+ zu Hilfe, gesandt vom Herzog von Savoyen; aus Schlesien zieht Markgraf Johann Georg von +Jägerndorf+ herbei.

[1619.]

Kaiser Matthias stirbt; Graf Thurn zieht gegen +Wien+. Die österreichischen, meist protestantischen Stände stellen drohende Forderungen an +Ferdinand+, der durch die Ankunft einiger Truppen aus der gefährlichsten Lage gerettet wird. Thurn wird durch eine ungünstige Wendung des Krieges in Böhmen zum Abzug bewogen. Ferdinand begibt sich nach +Frankfurt+, wird dort von den drei geistlichen Kurfürsten und den Gesandten von Pfalz, Sachsen, Brandenburg zum Kaiser gewählt.

[~1619–1637.~]

~Ferdinand II.~ Unterdessen sprechen die Böhmen seine Absetzung als König von Böhmen aus und wählen den jungen ~Friedrich V.~, Kurfürsten von der Pfalz, Oberhaupt der Union und der deutschen +Calvinisten+, Schwiegersohn Jakobs I., Königs von England.

Graf Thurn zum zweitenmal vor Wien, mit +Bethlen Gabor+, Fürsten von Siebenbürgen, vereinigt (Nov. 1619). Kälte, Mangel und der Einfall eines kaiserlichen Parteigängers in Ungarn bewirken den Rückzug.

Ferdinand verbündet sich mit seinem Jugendfreunde ~Maximilian~, Herzog von ~Bayern~, dem Haupt der katholischen Liga, welcher ihm die österreichischen Stände unterwerfen hilft, mit Spanien (Spinŏla bricht in die Kurpfalz ein) und mit dem lutherischen Kurfürsten +Johann Georg+ von Sachsen, welcher die Lausitz und Schlesien wieder unterwirft. Maximilian von Bayern zieht mit dem Heere der Liga (+Tilly+) nach Böhmen, vereinigt sich mit dem kaiserlichen Feldherrn +Buquoi+. Beide siegen in der

[~1620.~ 8. Nov.]

~Schlacht~ auf dem ~Weißen Berge~ bei ~Prag~ über Friedrichs V., vom Fürsten +Christian von Anhalt+ geführte Truppen. Friedrich, der »Winterkönig«, entflieht nach Holland, wird vom Kaiser trotz kurfürstlichen Protestes geächtet, ebenso Christian von Anhalt und der Markgraf von Jägerndorf. Strenges Walten der Sieger in +Böhmen+; die Häupter des Aufstandes hingerichtet, viele Güter eingezogen, der Protestantismus ausgerottet. Gewaltsame +Gegenreformation+ auch in Österreich und (weniger hart) in Schlesien.

Die protestantische +Union+ löst sich auf, als die Kriegsgefahr näher rückt. Das Kurfürstentum ~Pfalz~ wird in Vollstreckung der Reichsacht von Maximilians Feldherrn ~Tilly~ mit Hilfe spanischer Truppen unter +Spinŏla+ erobert. Heidelberg erstürmt, die Bibliothek (Palatina) nach Rom gebracht. Tilly, 1622 bei +Wiesloch+ von Mansfeld geschlagen, siegt bald darauf bei +Wimpfen+ über den Markgrafen von Baden-Durlach, bei +Höchst+ über Christian von Braunschweig, Administrator des Bistums Halberstadt.

[1623.]

Tilly dringt nach +Westfalen+ vor, siegt bei +Stadtlohn+ abermals über Christian, bleibt mit seinen Truppen im niedersächsischen Kreise zum Schutz der geistlichen Gebiete. Herzog Maximilian erhält auf dem Fürstentag zu Regensburg die pfälzische +Kurwürde+ und die +Oberpfalz+, Sachsen die +Lausitz+ (zunächst als Pfand).

~2. Dänisch-niedersächsischer Krieg 1625–1629.~

~Christian IV.~, König von Dänemark (S. 250) und Herzog von Holstein, als Oberster des niedersächsischen Kreises (S. 224) an der Spitze der Protestanten, von +Holland+ und +England+ zur Wiedereinsetzung Friedrichs V. angetrieben, aber unzureichend unterstützt.

Albrecht von ~Wallenstein~ (eig. +Waldstein+) geb. 1583 in Böhmen, aus utraquistischer Familie, aber katholisch erzogen, 1619 Oberst, 1623 Fürst, 1625 Herzog von +Friedland+, wird kaiserlicher Obergeneral über ein von ihm selbst errichtetes, durch ein Raubsystem zu erhaltendes Söldnerheer.

[~1626.~]

+Wallenstein+ schlägt +Mansfeld+ bei der ~Dessauer Brücke~, verfolgt ihn durch Schlesien und Mähren nach Ungarn, wo sich Mansfeld mit +Bethlen Gabor+ vereinigt, aber von diesem keine Hilfe erhält. Mansfeld stirbt in Bosnien. (»Imperatorem decet stantem mori!«)

[1626. Aug.]

Tilly schlägt Christian IV. bei ~Lutter am Barenberge~ in Braunschweig. Tilly und Wallenstein erobern +Holstein+ (1627), Wallenstein allein +Schleswig+ und +Jütland+. Er besetzt +Mecklenburg+, wird vom Kaiser 1628 mit diesem Herzogtum belehnt und zum General des Baltischen und Ozeanischen Meeres ernannt. Er zwingt den Herzog von +Pommern+ zur Unterwerfung, erhält aber von den Hansestädten keine Schiffe und belagert vergebens ~Stralsund~ (1628), dessen Bürger sich mit dänischer und schwedischer Hilfe zehn Wochen lang tapfer verteidigen. Sein Unterfeldherr +Arnim+ zieht darauf mit 15000 Mann nach Westpreußen, um die Polen gegen Gustav Adolf (S. 250) zu unterstützen.

[~1629.~]

~Friede zu Lübeck~ zwischen dem Kaiser und Christian IV. Dieser erhält seine Länder zurück, entsagt aber jeglicher Teilnahme an den deutschen Streitigkeiten. Ferdinand II. erläßt das

~Restitutionsedikt~: 1. Auf Grund des +geistlichen Vorbehaltes+ (S. 234) sollen die seit dem Passauer Vertrage 1552 von protestantischen Fürsten in Besitz genommenen geistlichen Güter herausgegeben werden. Dies betrifft 2 Erzbistümer: +Magdeburg+ und +Bremen+; 12 Bistümer: +Minden+, +Verden+, +Halberstadt+, +Lübeck+, +Ratzeburg+, +Meißen+, +Merseburg+, +Naumburg+ (diese drei werden jedoch dem +Kurfürsten von Sachsen+ ausnahmsweise belassen), +Brandenburg+, +Havelberg+, +Lebus+ und +Kammin+, außerdem viele Klöster und Stifter. 2. +Nur+ die Bekenner der +Augsburgischen+ Konfession sollen freie Religionsübung haben, alle anderen »Sekten« -- also auch die Reformierten -- sollen aufhören. -- Anfang rücksichtsloser Ausführung des Resitutionsedikts durch die Truppen der Liga und Wallensteins.

[~1630.~]

~Kurfürstentag zu Regensburg.~

Die katholischen Kurfürsten, gestützt auf die lauten Klagen aller Reichsstände über die von Wallensteins Truppen verübten Grausamkeiten und Erpressungen, erlangen vom Kaiser Ferdinand II. die +Absetzung Wallensteins+.

~3. Schwedischer Krieg 1630–1635.~

[~1630.~ Juni]

~Gustav II. Adolf~, König von Schweden, landet auf der Insel Usedom.

+Zwecke und Gründe seiner Einmischung+: Schutz der unterdrückten Protestanten; Wiedereinsetzung der Herzöge von Mecklenburg, seiner Verwandten; Sicherung seiner Herrschaft gegen die mit dem Kaiser verbündete polnische Linie des Hauses Wasa (s. S. 250); Besorgnis vor der Begründung einer kaiserlichen Seemacht auf der Ostsee.

Damalige +Machtstellung+ Schwedens: Finnland, Karelien, Ingermanland, Estland, Livland (S. 249 f.), gehörten zu Gustav Adolfs Reiche, Kurland stand unter schwedischem Einfluß. Es lag für einen ehrgeizigen Monarchen nahe, an die Erwerbung von +Preußen+ und +Pommern+ zu denken, welche das Baltische Meer völlig unter den beherrschenden Einfluß Schwedens gebracht hätte.

Nach der Eroberung der Inseln +Usedom+, +Wollin+ und +Rügen+ besetzt Gustav Adolf +Stettin+, schließt ein Bündnis mit Herzog Bogislaw XIV., vertreibt die kaiserlichen Truppen aus Pommern. Subsidienvertrag mit Frankreich (+Richelieu+). Er rückt an der Oder vor, wo ihm Tilly entgegentritt (1631), wendet sich nach Mecklenburg, dann zur Oder zurück, nimmt die Stadt Frankfurt ein. Inzwischen hat Tilly +Magdeburg+ zu belagern begonnen. Gustav Adolf unterhandelt mit seinem Schwager +Georg Wilhelm+, Kurfürsten von +Brandenburg+, der Bedenken trägt, vom Kaiser abzufallen; endlich wird ihm die Festung +Spandau+ eingeräumt. Weitere Unterhandlungen mit Kurfürst Johann Georg von +Sachsen+, der neutral zu bleiben versucht. Währenddessen

[~1631.~]

(10./20. Mai.) Eroberung ~Magdeburgs~ durch Tilly. Der Sturm geleitet von +Pappenheim+. Furchtbares Blutbad und Plünderung durch die zügellosen Soldaten Tillys. Durch eine plötzlich an verschiedenen Stellen ausbrechende Feuersbrunst wird die Stadt Magdeburg mit Ausnahme des Domes in Asche gelegt (+nicht+ auf Tillys Befehl).

Tilly will den Kurfürsten von Sachsen zum Anschluß an den Kaiser zwingen. Johann Georg ruft Schwedens Hilfe an.

[~1631.~ 7. / 17.Sept.]

~Schlacht bei Leipzig~ oder ~Breitenfeld~. Zuerst werden die Sachsen von Tilly in die Flucht geschlagen, dann glänzender Sieg Gustav Adolfs.

Die Sachsen unter +Arnim+, dem früheren Unterfeldherrn Wallensteins, rücken in +Böhmen+ ein und nehmen +Prag+. Gustav Adolf zieht durch +Thüringen+ und +Franken+ nach dem Rhein (über Erfurt, Würzburg, Hanau, Frankfurt). Die Pfalz erobert. ~Mainz~ besetzt, hier Winterquartiere.

+Wallenstein+, vom Kaiser wieder zum Kommando und unbeschränkten Oberbefehl über alle kaiserlichen Truppen berufen, wirbt ein neues Heer und vertreibt (Mai 1632) die Sachsen aus Böhmen. Gustav Adolf zieht nach +Nürnberg+ und siegt über Tilly bei +Rain+ am Lech (5./15. April). Tilly, tödlich verwundet, stirbt in Ingolstadt.

Gustav Adolf nimmt +Augsburg+ ein, belagert vergeblich Maximilian in Ingolstadt, zwingt ~München~ zur Übergabe. Wallenstein von Maximilian zu Hilfe gerufen.

[~1632.~ Juli–Sept.]

~Festes Lager bei Nürnberg.~ Gustav Adolf und Wallenstein lagern einander 7 Wochen gegenüber. Ein Angriff der Schweden auf Wallensteins Verschanzungen wird blutig zurückgeschlagen. Darauf rückt Gustav Adolf gegen die Donau, Wallenstein nach Sachsen. Auf den Hilferuf des Kurfürsten kommt Gustav Adolf in Eilmärschen herbei, vereinigt sich mit +Bernhard von Weimar+ und greift, als er hört, daß Wallenstein von Leipzig aus Pappenheim nach Nordwesten abgesandt hat, die Kaiserlichen (etwa 18000 gegen 20000 Schweden) an.

[6./16. Nov.]

~Schlacht bei Lützen.~ ~Gustav Adolf fällt.~ +Pappenheim+, der, schnell zurückgerufen, von 3 Uhr ab mit seinen Reitern an der Schlacht teilgenommen hatte, war kurz vor dem König tödlich verwundet worden. Der Sieg der Schweden wird durch Bernhard von Weimar vollendet.

+Bernhard+, +Gustav Horn+ und +Banér+ erhalten den Befehl über die schwedischen Heere. Die politische Leitung übernimmt der schwedische Reichskanzler ~Axel Oxenstierna~; er schließt den +Heilbronner Bund+: Schweden an der Spitze der 4 oberdeutschen Reichskreise (Baden, Württemberg, Hessen-Kassel, die süddeutschen Reichsstädte).

[~1633.~]

Zug +Bernhards’ von Weimar+ nach Franken. Er läßt sich von dem schwedischen Kanzler mit den Bistümern Würzburg und Bamberg als +Herzogtum+ ~Franken~ belehnen und besetzt die Oberpfalz.

Wallenstein rückt aus Böhmen nach +Schlesien+ vor, nimmt bei +Steinau+ an der Oder ein schwedisches Korps gefangen, kehrt dann aber nach Böhmen zurück und weigert sich, dem Kurfürsten Maximilian von Bayern abermals zu Hilfe zu kommen, obgleich +Regensburg+ (14. Nov.) von Bernhard von Weimar besetzt ist. Spannung zwischen +Wallenstein+ und dem kaiserlichen Hofe. Die ihm feindliche ligistisch-spanische Partei will ihn vom Oberbefehl entfernen. Wallenstein führt geheime Unterhandlungen mit den Sachsen, Schweden und Franzosen. Er beabsichtigt, sich durch sein Heer (Revers der Obersten in +Pilsen+) eine +unabhängige Stellung+ zu verschaffen, den Kaiser von der Herrschaft der spanischen Partei zu befreien und den Reichsfrieden herzustellen.

Der Wiener Hof macht ihm die Hauptführer der Truppen (Gallas, Piccolomini, Aldringen, Maradas, Colloredo) abwendig; Ilow, Terzka, Kinsky bleiben Wallenstein treu. Ein kaiserliches Patent vom 18. Februar 1634 erklärt Wallenstein für abgesetzt, weil »er eine Konspiration anzuspinnen sich angemaßt, Uns und Unser hochlöbliches Haus von unserem Erbkönigreich, Land und Leuten zu vertreiben«. Wallenstein verläßt Pilsen und zieht nach +Eger+, wohin auch Bernhard von Weimar und Arnim kommen sollen.

[~1634.~ 25. Febr.]

~Wallenstein ermordet zu Eger~ auf Veranstaltung des irischen Obersten +Butler+, der mit Gallas und Piccolomini im Einverständnis war. Der Kaiser hat den Mord nicht befohlen, aber die Mörder mit Ehren und Reichtümern belohnt.

[6./16. Sept.]

Schlacht bei ~Nördlingen~, Sieg der mit einem spanischen Hilfskorps vereinigten Kaiserlichen (unter +Ferdinand+, des Kaisers Sohn, und +Gallas+) und Bayern (+Johann von Werth+) über die Schweden unter Horn und Bernhard von Weimar. Die süddeutschen Protestanten suchen Hilfe bei Frankreich.

[~1635.~]

~Friede zu Prag~, zwischen dem Kaiser und dem Kurfürsten von Sachsen: 1. Der Kurfürst von Sachsen erhält die +Lausitz+ erblich, das Erzbistum Magdeburg für seinen zweiten Sohn +August+ auf Lebenszeit. 2. Die +geistlichen Güter+ (s. S. 255) sollen den protestantischen Besitzern auf 40 Jahre verbleiben. 3. Gemeinsame Bekämpfung der Schweden und ihrer Bundesgenossen. -- +Brandenburg+ und andere protestantische Reichsstände treten diesem Frieden bei; einige aber bleiben dem Bündnis mit Schweden treu.

~4. Schwedisch-französischer Krieg 1635–1648.~

Frankreich, durch +Richelieus+ Politik mit Schweden eng verbündet (S. 256), erklärt dem Kaiser, bald auch dem König von Spanien den Krieg. Subsidienvertrag mit +Bernhard von Weimar+, welcher sich, da er infolge der Schlacht bei Nördlingen sein Herzogtum Franken verloren hat, im +Elsaß+ einen neuen Staat zu erobern sucht. Einnahme von +Breisach+ 1638. Nach seinem Tode 1639 bemächtigt sich Frankreich seines Heeres und seiner Eroberungen.

[~1636.~]

Sieg der Schweden (nachdem sie fast bis an die Ostsee zurückgedrängt gewesen waren) unter Banér bei ~Wittstock~ über das kaiserlich-sächsische Heer.

[1637.]

Kaiser Ferdinand II. †. Sein Sohn

[~1037–1657.~]

~Ferdinand III.~, zum Frieden geneigt. Das +pommersche+ Herzoghaus erlischt (1637).

[1640.]

Georg Wilhelm †. ~Friedrich Wilhelm~, Kurfürst von Brandenburg (der ~Große Kurfürst~, 1640–1688. S. auch Anhang):

[1641.]

Friedensverhandlungen in +Hamburg+, ein Kongreß verabredet.

[~1642.~]

~Zweite~ Schlacht bei ~Leipzig~ (Breitenfeld), Banérs Nachfolger ~Torstenson~ siegt über die Kaiserlichen unter Erzherzog +Leopold Wilhelm+ und +Piccolomini+, dringt darauf durch Böhmen nach Mähren vor. Die feindliche Haltung des auf Schwedens Erfolge eifersüchtigen Dänenkönigs Christian IV. (S. 255) veranlaßt ihn zur Umkehr.

[1643. Sept.]

Torstenson zieht in Eilmärschen durch Schlesien, Sachsen, Braunschweig nach dem Norden, erobert Holstein und Schleswig, rückt in Jütland ein.

Unterdessen dringen die Franzosen in Schwaben vor, werden aber bei +Tuttlingen+ von einem österreichisch-bayrischen Heere (unter +Mercy+ und +Johann von Werth+) geschlagen.

[1644.]

Die Gesandten der Krieg führenden Staaten versammeln sich in +Münster+ und +Osnabrück+; langwierige Vorverhandlungen. Der Marschall ~Turenne~ und der 23jährige Herzog von +Enghien+, später Prinz ~Condé~, erhalten den Oberbefehl über die französischen Truppen. Sie zwingen die Bayern zum Rückzug und erobern einen großen Teil der Rheinlande (Worms, Mainz, Bingen u. a. Städte).

[~1645.~ Jan.]

Ein den Dänen zu Hilfe gesandtes kaiserliches Heer unter +Gallas+ wird von +Torstenson+ aus Holstein zurückgetrieben und bei Magdeburg fast vernichtet. Glänzender Sieg +Torstensons+ über die Kaiserlichen

[März.]

bei ~Jankau~ (in Böhmen), worauf er, mit dem siebenbürgischen Fürsten +Rakoczy+ verbündet, Mähren erobert und bis nahe vor Wien rückt.

+Turenne+, von +Mercy+ und +Johann von Werth+ bei +Mergentheim+ (in Franken) geschlagen, siegt mit Condé vereinigt bei +Allerheim+ (unweit Nördlingen).

Friede zwischen +Schweden+ und +Dänemark+ zu +Brömsebro+ (s. S. 250).

Nach dem Mißlingen der Belagerung von Brünn geht +Torstenson+ nach Böhmen zurück und legt wegen Krankheit den Oberbefehl nieder, welchen +Wrangel+ erhält.

[1646.]

Schweden und Franzosen rücken in +Bayern+ ein, zwingen den Kurfürsten Maximilian (1647), einen Waffenstillstand zu schließen.

[1648.]

Zweiter Einfall der Schweden und Franzosen in +Bayern+, nachdem Maximilian den Waffenstillstand gekündigt hat; furchtbare Verheerung des Landes. Der schwedische General +Königsmark+ nimmt die +Kleinseite+ von +Prag+ auf dem linken Moldauufer ein.

[~1648.~]

~Westfälischer Friede.~ Unterhandlungen von 1645 bis 1648 zu +Münster+ mit den Franzosen, zu +Osnabrück+ mit den Schweden. Der kaiserliche Gesandte Graf +Trautmannsdorf+.

+A. Entschädigungen.+

1. ~Schweden~ erhält als ~Reichslehen~: +Vorpommern+ mit Stettin, Rügen, Usedom und Wollin, die bisher mecklenburgische Stadt +Wismar+ und die Bistümer +Bremen+ (~nicht~ die Stadt) und +Verden+ (spr. +Fērden+) als weltliche Herzogtümer, dazu 5 Millionen Taler.

2. ~Frankreich~ erhält den Besitz der schon 1552 (s. S. 233) gewonnenen lothringischen Bistümer +Metz, Toul+ und +Verdun+ bestätigt; der Streit mit dem seit 1634 vertriebenen +Herzog+ +von+ ~Lothringen~ bleibt unerledigt (bis 1659, vgl. S. 262). Im ~Elsaß~ erhält es die österreichische +Landgrafschaft+ (S. 195), den +Sundgau+ und die +Landvogtei+ über 10 Reichsstädte; diese Städte selbst verbleiben dem Reiche, ebenso Stadt und Bistum +Straßburg+. Auf dem rechten Rheinufer erhält Frankreich die Stadt +Breisach+ und das Besatzungsrecht von +Philippsburg+.

3. ~Bayern~ bleibt im Besitz der +Oberpfalz+, ~Sachsen~ im Besitz der +Lausitz+; ~Brandenburg~ erhält +Hinterpommern+ mit dem Bistum +Kammin+, die Bistümer +Halberstadt+ und +Minden+ und die Anwartschaft auf das Erzbistum +Magdeburg+ (erworben 1680, S. 258). +Hessen-Kassel+ erhält die Abtei Hersfeld und einen Teil der Grafschaft Schauenburg, +Mecklenburg+ die Bistümer Schwerin und Ratzeburg, +Braunschweig-Lüneburg+ ein Anrecht auf das Bistum Osnabrück, wo bis 1803 abwechselnd ein katholischer und ein evangelischer Bischof regiert.

+B. Weltliche Reichsangelegenheiten.+

1. Allgemeine Amnestie und Wiedereinsetzung in den Stand von 1618, doch bleibt die +bayrische+ Linie des Hauses Wittelsbach im Besitz der Kurwürde; für die +pfälzische+ wird eine neue, +achte+ Kurwürde errichtet. 2. Den Reichsständen wird im Verhältnis zum Kaiser die +Landeshoheit (Superioritas territorialis)+ zuerkannt, namentlich das Recht, Bündnisse unter sich und mit Auswärtigen, außer gegen Kaiser und Reich, zu schließen. 3. Die Republik der ~Niederlande~ (S. 244) und die ~Schweiz~ (S. 225) werden als ~unabhängig vom Reiche~ anerkannt.

+C. Geistliche Angelegenheiten.+

1. Der +Augsburger+ Religionsfriede wird bestätigt und auf die +Reformierten+ ausgedehnt. 2. In betreff der geistlichen Güter und der Religionsübung wird der 1. Januar ~1624 (Annus normalis)~ als maßgebend festgesetzt.

Frankreich und Schweden ~garantieren~ den Frieden. Ihre Truppen verlassen erst 1650 nach Abzahlung der Kriegsentschädigungen das deutsche Gebiet.

~Folgen des Dreißigjährigen Krieges.~

1. Deutschland ist verwüstet und kommt nur langsam wieder empor. Das +Deutsche Reich+ ist nach außen ohnmächtig, im Innern geschwächt durch die Selbständigkeit der vielen kleinen Staaten. Sinken der Städte, der Hansebund ist aufgelöst.[47]

2. Die Religionsfreiheit ist für Deutschland und dadurch auch für das übrige Europa gesichert. 3. +Frankreich+ und +Schweden+ gelangen zu besonderem Ansehen im europäischen Staatensystem.

Der ~brandenburgisch-preußische~ Staat beginnt sich zu entfalten. Er übernimmt fortan in Deutschland den Schutz der vom Kurfürsten von Sachsen preisgegebenen protestantischen Sache.

Fussnoten:

[41] Das Festland von +Nord-Amerika+ hatten schon um 1000 die Normannen (S. 170), dann wieder 1497 John und Sebastian ~Cabot~, gebürtig aus der Nähe von +Genua+, bez. aus +Venedig+, seit etwa 1490 in +Bristol+ ansässig, entdeckt.

[42] +De Papa male informato ad Papam melius informandum.+

[43]

Friedrich der Sanftmütige. (S. 205, 204.) _______________|____________________________ Ernst. Albert. _____|________________________________ __|__________________ Friedrich der Weise Johann †1532. Georg Heinrich †1541 †1525. | †1539. | Johann Friedrich Moritz †1553. †1554.

[44]

~Jean d’Albret~, K. von Navarra † 1516. | ~Henri d’Albret~, K. von Navarra, Gem. ~Margarete~, Schwester Franz’ I. von Frankreich. | ~Jeanne d’Albret~, Erbin von Navarra, Gem. Anton von ~Bourbon~. | ~Heinrich IV.~, K. v. Frankreich † 1610. Gem. ~Margarete von Valois~.

[45] +Hugenotten+ (+Huguenots+) soll ein Spottname sein, abgeleitet von +König Hugo+, einem Gespenst, das nach dem Volksglauben nächtlich die Straßen von +Tours+ durchzog; danach die Protestanten von ihren nächtlichen Zusammenkünften +Huguenots+ genannt. Nach andern ist der Name verdorben aus +Eidgenossen+.

[46] Geb. 1533 zu Dillenburg in Nassau, besaß durch Erbschaft das souveräne Fürstentum +Orange+ an der Rhone.

~B. Vom Westfälischen Frieden bis zur französischen Revolution. (1648–1789.)~

§ 1. Frankreich.

[~1643–1715.~]

~Ludwig XIV.~, beim Tode seines Vaters Ludwig XIII. (S. 238) 5 Jahre alt, zunächst unter Vormundschaft seiner Mutter +Anna+, Tochter Philipps III. von Spanien; die Regierung leitet der Kardinal ~Mazarin~.

[1648–1653.]

Unruhen der ~Fronde~, veranlaßt durch den Widerstand des Pariser Parlaments gegen Mazarins Verordnungen. Eine unzufriedene Adelspartei schließt sich dem Widerstand an; Prinz +Condé+, anfangs für die Regierung kämpfend, entzweit sich ebenfalls mit Mazarin; dieser geht 1651 für kurze Zeit in die Verbannung. 1652 Kampf zwischen Condé und +Turenne+, der die königlichen Truppen befehligt, im +Faubourg St. Antoine+; Condé dringt in die Stadt Paris ein, wird aber bald beim Volke unbeliebt. Der Hof kehrt nach Paris zurück, Condé entweicht nach Spanien. +Mazarin+ befestigt das Ansehen der Monarchie.

[1648.]

Frankreichs Erwerbungen im Westfälischen Frieden s. S. 260.

Der 1635 ausgebrochene +Krieg mit Spanien+ (Sieg Condés bei Rocroy 1643) wird beendet durch den

[~1659.~]

~Pyrenäischen Frieden~:[48] 1. Frankreich erhält die Grafschaft +Roussillon+ (im NO. der Pyrenäen) und mehrere Plätze in +Artois+ und +Flandern+. 2. Der +Herzog von Lothringen+, Spaniens Verbündeter, wird in sein Herzogtum wieder eingeführt, muß jedoch den Franzosen eine Heerstraße von Metz nach dem Elsaß zugestehen. 3. Prinz +Condé+ kehrt zurück; Ludwig XIV. heiratet +Maria Theresia+, älteste Tochter Philipps IV. von Spanien, welche jedoch ihren Erbansprüchen entsagt.

[~1661.~]

~Tod Mazarins~. ~Ludwigs Selbstregierung~ (1661 bis 1715), ohne Reichsstände (+États généraux+), ohne Beachtung der Einsprüche des Pariser Parlaments, nach persönlicher Willkür (+L’État c’est moi+). +Colbert+ Finanzminister, Förderung der Gewerbtätigkeit und des Handels durch das +Merkantilsystem+ (Schutzzölle zur Abwehr ausländischer Erzeugnisse, Verbesserung der Wege, Kanalbauten). +Kolonien+ auf den Kleinen Antillen, in Canada, Cayenne, Louisiana, Pondichery. Große Handels- und Kriegsflotte. +Louvois+ Kriegsminister; starkes stehendes Heer. +Vauban+ genialer Festungsbaumeister.

Um Frankreichs Ansehen vor dem übrigen Europa zur Geltung zu bringen, unternimmt Ludwig XIV. eine Reihe von +Eroberungskriegen+ gegen die Nachbarstaaten.

[~1667–1668.~]

~Raubkrieg gegen Spanien~ (Devolutionskrieg). Nach dem Tode Philipps IV. (1665) erhebt Ludwig XIV., gestützt auf das in einigen belgischen Provinzen geltende +Devolutionsrecht+, wonach die Töchter erster Ehe ein den Söhnen zweiter Ehe vorangehendes Erbrecht haben, Ansprüche auf die spanischen Niederlande. +Turenne+ erobert einen Teil von Flandern und Hennegau, +Condé+ besetzt die nicht verteidigte Freigrafschaft Burgund (Franche-Comté). Die von dem holländischen Ratspensionär +Jan de Witt+ zustande gebrachte ~Tripelallianz~ (England, Holland, Schweden) führt den Frieden zu +Aachen+ herbei: Frankreich erhält eine Anzahl von Grenzstädten, darunter +Lille+, welches von Vauban zu einer starken Festung umgeschaffen wird, gleichwie das 1662 von England (S. 270) erworbene +Dünkirchen+.

[~1672–1678.~]

~Raubkrieg gegen Holland.~ Ludwig XIV. schließt Bündnisse und Subsidienverträge mit +England+ (S. 270), +Schweden+ und mehreren deutschen Reichsfürsten (besonders den geistlichen Fürsten von +Köln+ und +Münster+), vertreibt den Herzog Karl IV. von +Lothringen+ 1670. Verbündeter der niederländischen Republik ist Kurfürst +Friedrich Wilhelm+ von +Brandenburg+ (s. S. 244).

Schnelle Eroberung eines großen Teiles der Niederlande (+Turenne+, +Condé+, der König an der Spitze von über 100000 Mann). Die Brüder +de Witt+, Führer der aristokratisch-republikanischen Partei, in einem Aufstande vom Volke getötet; +Wilhelm III. von Oranien+ an die Spitze der Republik gestellt. Die Öffnung der Schleusen rettet die Provinz Holland und die Stadt Amsterdam.

Kurfürst Friedrich Wilhelm schließt mit Kaiser +Leopold+ (S. 265) ein Bündnis gegen Frankreich, wird aber von dem kaiserlichen Feldherrn +Montecuccoli+ in seinen Truppenbewegungen gehemmt. +Turenne+, in Westfalen vordringend, nötigt ihn 1673 zu einem Frieden, den Ludwig XIV. in +Vossem+ (unweit Löwen) bestätigt: Der Kurfürst erhält das von den Franzosen besetzte Land +Cleve+ (S. 252) zurück mit Ausnahme der Festungen Wesel und Rees.

Auch +Spanien+ nimmt an dem Kriege teil. 1674 erfolgt die Kriegserklärung des +Deutschen Reiches+ an Frankreich. Ludwig XIV. besetzt die Franche-Comté; Condé kämpft gegen den Prinzen von Oranien in der unentschiedenen Schlacht bei +Seneffe+ (südlich von Brüssel), Turenne gegen den kaiserlichen General Bournonville bei +Enzheim+ im Elsaß. Kurfürst Friedrich Wilhelm erscheint mit 20000 Mann im Elsaß, kann sich aber mit Bournonville nicht einigen über gemeinsames Vordringen; beide werden von +Turenne+ zum Rückzug über den Rhein genötigt. Friedrich Wilhelm, durch den Einfall der mit Ludwig XIV. verbündeten Schweden in sein Land zurückgerufen, besiegt die Schweden in der

[~1675~ (18./28. Juni).]

~Schlacht bei Fehrbellin~ (Derfflinger). In demselben Jahre (Juli) fällt +Turenne+ bei +Sasbach+ in Baden. Die Franzosen gehen über den Rhein zurück, dringen aber bald wieder vor. Friedrich Wilhelm erobert bis 1679 Stettin und ganz Schwedisch-Pommern nebst Rügen, treibt die Schweden auch aus Preußen bis nach Livland zurück.

[~1678–1679.~]

~Friede zu Nimwegen~: 1. Die +Republik der Niederlande+ erhält ihr ganzes Gebiet zurück gegen das Versprechen der Neutralität. 2. +Spanien+ tritt an Frankreich die +Franche-Comté+ und abermals Grenzplätze seines niederländischen Gebiets ab (u. a. +Valenciennes+ und +Cambrai+). 3. Der Kaiser tritt Freiburg an Frankreich ab, welches das Besatzungsrecht von +Philippsburg+ (S. 260) aufgibt. 4. +Lothringen+ wird dem Herzog Karl V. unter sehr beschränkenden Bedingungen zurückgegeben; da er diese nicht annimmt, bleibt es von den Franzosen besetzt. Den vom Kaiser und Reich preisgegebenen Kurfürsten von Brandenburg zwingt Ludwig XIV. zu dem

[~1679.~]

~Frieden zu Saint Germain en Laye~, in welchem dieser den Schweden fast alle seine Eroberungen in Pommern (Stettin, Stralsund, Rügen) herausgeben muß. Bald darauf +Bündnis+ des gegen den Kaiser erbitterten Kurfürsten[49]

mit Frankreich, bis 1685.

Infolge der Schwäche des Deutschen Reiches steigt der Übermut Ludwigs XIV. so weit, daß er 1680 ~Reunionskammern~ in +Metz+, +Breisach+, +Besançon+, +Tournay+ einsetzt. Diese französischen Gerichtshöfe untersuchen und entscheiden, was jemals zu den in den letzten vier Friedensschlüssen an Frankreich abgetretenen Ländern und Plätzen gehört hat. Der König vollstreckt mit seinen Truppen die Reunionsbeschlüsse, indem er zu der Gewalttat mitten im Frieden den Hohn einer Rechtsform fügt.

[~1681.~ 30. Sept.]

~Die Franzosen besetzen Straßburg~ im Einverständnis mit dem +Bischof Franz Egon von Fürstenberg+. Einfall in die spanischen Niederlande 1683. Besetzung von +Luxemburg+ und +Trier+ 1684. Diesen Rechtsverletzungen tritt das Deutsche Reich nur mit leeren Protesten entgegen; schließlich wird 1684 zu +Regensburg+ ein +zwanzigjähriger+ ~Waffenstillstand~ mit Ludwig XIV. abgeschlossen, wonach er alle bis zum 1. August 1681 besetzten Gebiete, dazu auch Straßburg behält.

[1684.]

Eine französische Flotte bombardiert +Genua+, um es für seine Verbindung mit Spanien zu strafen.

[~1685.~]

~Aufhebung des Edikts von Nantes~ (s. S. 238). Die Ausübung des +reformierten+ Bekenntnisses in Frankreich wird untersagt, die Erziehung der Kinder in der katholischen Religion befohlen, die Auswanderung verboten. Über 50000 Familien entkommen indes nach Holland, England, Brandenburg. Die +Protestanten im Elsaß+ behalten die ihnen zugesicherte Religionsfreiheit.

[~1688–1697.~]

~Raubkrieg gegen Deutschland~ (Pfälzischer Krieg). Nach dem Tode des Kurfürsten Karl von der +Pfalz+ (1685), dessen Schwester Elisabeth Charlotte (Liselotte) mit dem Herzog Philipp von Orléans, Bruder Ludwigs XIV., vermählt war, erhebt Frankreich gegenüber der Linie Pfalz-Neuburg Ansprüche auf einen großen Teil des Landes. Im Erzbistum +Köln+ will Ludwig XIV. die Wahl des Straßburger Bischofs Wilhelm von Fürstenberg gegen den Prinzen Clemens von Bayern durchsetzen. Bündnis zu +Augsburg+ 1686 gegen Frankreich zwischen dem +Kaiser+, +Spanien+, +Schweden+ und den bedeutendsten +Reichsfürsten+, nach der in England 1688 erfolgten Thronveränderung (S. 271) zu der +Großen Allianz+ erweitert, der +England+, +Holland+ und +Savoyen+ beitreten.

Die französischen Heere rücken in die Rheinlande ein (Sept. 1688). ~Furchtbare Verheerung der Pfalz~ durch ~Mélac~ auf Befehl von Louvois (März-Juni 1689); die Städte +Heidelberg+, +Mannheim+, +Speier+, +Worms+ und Hunderte von kleineren Orten verbrannt. Das deutsche Reichsheer erobert +Mainz+ und +Bonn+, kann aber am Oberrhein die Franzosen nicht vertreiben; der Markgraf +Ludwig von Baden+ erobert Heidelberg wieder, hält sich dann aber meist allzu vorsichtig hinter seiner festen Verteidigungsstellung bei Heilbronn.

In den Niederlanden siegt der Marschall +von Luxembourg+ bei +Fleurus+ 1690, +Steenkerken+ 1692, +Neerwinden+ 1693, doch behauptet +Wilhelm III.+ durch zähe Ausdauer das Feld. Eine französische Landung in +Irland+ zu Gunsten des vertriebenen +Jakob II.+ hat nur vorübergehenden Erfolg (s. S. 272).

[1692.]

Seesieg der verbündeten +englischen+ und +holländischen+ Flotte über die französische bei ~La Hougue~ (Ostseite der Halbinsel Cotentin).

[~1697.~]

~Friede zu Ryswyk~ (spr. +Reisweik+, Dorf beim Haag): 1. Frankreich behält die +im Elsaß+ besetzten Gebiete, gibt aber +Freiburg+ zurück (S. 263); die pfälzische Erbschaftssache wird einem Schiedsgericht übergeben. 2. Der Herzog von +Lothringen+ wird vollständig wieder eingesetzt (S. 263). 3. Spanien erhält +Luxemburg+ zurück, tritt aber einige Grenzgebiete seiner Niederlande ab. 4. +Wilhelm III.+ wird als König von England anerkannt.

Blüte der ~französischen Literatur~ im Zeitalter Ludwigs XIV. +Corneille+ († 1684), +Racine+ († 1699), +Molière+ († 1673), +La Fontaine+ († 1695), +Boileau+ († 1711), +Bossuet+ († 1704), +Fléchier+ († 1710), +Fénelon+ († 1715).

Ludwigs Hofleben in +Versailles+, +Marly+, +Trianon+ das Vorbild der europäischen Höfe. Bauten, Luxus, Maitressen (+La Vallière+, +Montespan+, +Fontange+). Nach dem Tode seiner Gemahlin +Maria Theresia+ von Spanien († 1683) vermählt sich Ludwig insgeheim mit +Françoise d’ Aubigné+, Witwe des Dichters +Scarron+, die er zur Marquise von +Maintenon+ erhebt. Seitdem Frömmelei am Hofe. Die Finanzen geraten nach Colberts Tode (1683) in Unordnung, zunehmende Willkürherrschaft im Innern. Beginn des wirtschaftlichen Niedergangs.

§ 2. Deutschland.

[~1658–1705.~]

~Leopold I.~ (Sohn Ferdinands III.), mehr auf die Mehrung der habsburgischen Hausmacht bedacht, als auf die Wiederaufrichtung des geschwächten Deutschen Reiches. Unter den Reichsfürsten ragt ~Friedrich Wilhelm~, der ~Große Kurfürst~ von ~Brandenburg~ (1640–1688) hervor als Verteidiger der Selbständigkeit Deutschlands, während andere, namentlich die drei geistlichen Kurfürsten zu gegenseitigem Schutze mit Frankreich 1658 den +Rheinbund+ schließen (aufgelöst 1667).

Seit 1663 +dauernder+ ~Reichstag zu Regensburg~, von den Gesandten der 8 Kurfürsten, der 33 geistlichen, der 61 weltlichen Fürsten (dazu 2 Kurien der Prälaten, 4 Kurien der Reichsgrafen) und der 51 Reichsstädte gebildet. Für Religionssachen getrennte Beratung, Corpus +Catholicorum+ und Corpus +Evangelicorum+. Neben dem Reichskammergericht in Wetzlar (S. 224) gilt auch der +Reichshofrat+ zu +Wien+ als oberstes Gericht. Kriegswesen und Finanzen in schlechtem Zustande, weil alles von der Bewilligung der so zahlreichen Reichsstände abhängt. Doch kämpfen die Reichstruppen tapfer mit in den von Österreich mit Nachdruck geführten ~Türkenkriegen~.

[1664.]

Sieg des kaiserlichen Feldherrn +Montecuccoli+ über die Türken bei +St. Gotthard+ an der +Raab+. Darauf Friedensschluß; die größere Hälfte von Ungarn bleibt unter türkischer Hoheit (vgl. S. 232). Eine Verschwörung ungarischer Magnaten gegen die habsburgische Herrschaft wird 1670 entdeckt und bestraft; Aufstand unter Führung des Grafen +Tököly+ 1678; dieser ruft die Türken zu Hilfe.

[~1683.~]

~Belagerung Wiens durch die Türken.~ Heldenmütige Verteidigung, geleitet durch +Rüdiger von Starhemberg+. Glücklicher Entsatz durch die +Schlacht am Kahlen Berge+; Sieg des vereinigten deutschen und polnischen Heeres unter +Karl V. von Lothringen+ und dem Polenkönig +Johann Sobieski+. 1684 Beitritt +Venedigs+ zum Kriegsbündnis gegen die Türkei.

[1686.]

+Ofen+ erobert von kaiserlichen und brandenburgischen Truppen. Sieg Karls von Lothringen bei +Mohacz+.

[1687.]

Der Reichstag zu Preßburg überträgt dem österreichischen Mannesstamm die erbliche Thronfolge in Ungarn.

[1691.]

Sieg des Markgrafen +Ludwig von Baden+ bei +Slankamen+ unweit Peterwardein, des Prinzen +Eugen von Savoyen+ bei +Zenta+ an der Theiß 1697.

[~1699.~]

~Friede zu Karlowitz~: +Ungarn+ und +Siebenbürgen+ kommen an Österreich, türkisch bleibt nur das Gebiet von +Temesvar+. Morea kommt an Venedig, Asow an Rußland.

~Standeserhöhungen deutscher Fürsten~ am Ende des 17. und am Anfang des 18. Jahrhunderts:

[1692.]

1. Herzog +Ernst August+ von Braunschweig-Lüneburg (Haus der +Welfen+, s. S. 184) erhält als Kurfürst von ~Hannover~ die +neunte+ Kurwürde.

[1697.]

2. +Friedrich August I.+, Kurfürst von +Sachsen+, wird nach dem Tode Johann Sobieskis zum ~König von Polen~ erwählt als +August II.+ (+der Starke+).

3. Kurfürst +Friedrich III. von Brandenburg+ (1688 bis 1713), Sohn des Großen Kurfürsten, nimmt

[~1701.~ 18. Jan.]

mit Zustimmung des Kaisers (S. 272) den Titel ~König in Preußen (Friedrich I.)~ an und krönt sich in +Königsberg+.

Wiederherstellung des ~Geisteslebens in Deutschland~ nach der Zerrüttung des Dreißigjährigen Krieges:

+Paul Gerhard+ († 1676), +Ph. J. Spener+ († 1705), +A.H. Franke+ (gründet 1698 das Waisenhaus in Halle). Der Philosoph, Mathematiker und Geschichtsforscher +G.W. Leibniz+ (geb. 1646 zu Leipzig, 1676 in Hannover, 1700 in Berlin, † 1716 in Hannover). +Chr. Thomasius+ in Halle († 1728) hält zuerst deutsche Vorlesungen, bekämpft die Hexenprozesse und die Anwendung der Folter.

§ 3. Der Norden und Osten.

~Schweden~, durch den Besitz bedeutender Nebenländer (S. 256, 260) fast rund um die Ostsee ausgedehnt, ist seit dem Dreißigjährigen Kriege die erste Macht des Nordens.

[1654–1718.]

Haus Pfalz-Zweibrücken (s. S. 250).

[~1655–1660.~]

~Schwedisch-Polnischer Krieg.~

~Karl X. Gustav~ (1654–1660) beginnt Krieg mit Polen, weil +Johann Kasimir+ (aus der +katholischen+ Linie des Hauses +Wasa+) ihn ebenso wenig anerkennen will, wie früher Sigismund III. Gustav Adolf (S. 250). Er dringt von Pommern her in Polen ein, nimmt Warschau und Krakau; Johann Kasimir flüchtet nach Schlesien. Kurfürst +Friedrich Wilhelm+ von Brandenburg sieht sich genötigt, im Vertrage zu +Königsberg+ 1656 sein Herzogtum Preußen von +Schweden+, wie bisher von +Polen+ (S. 229), zu Lehen zu nehmen; dazu erhält er das Bistum +Ermeland+. In Polen Aufstand gegen die Schweden. +Karl Gustav+ und +Friedrich Wilhelm+ gewinnen die dreitägige

[~1656~ (Juli).]

~Schlacht bei Warschau~ gegen die Polen.

Um sich die weitere Hilfe des Kurfürsten von Brandenburg zu sichern, gesteht +Karl Gustav+ diesem in dem Vertrage zu +Labiau+ die +Souveränität+ (lehnsfreie Herrschaft) über Ostpreußen und Ermeland zu. Allein es erklären sich gegen Schweden: +Rußland+, +Dänemark+, der +Kaiser Leopold I.+ und bald auch der +Kurfürst von Brandenburg+, dem Polen im Vertrage zu +Wehlau+ 1657 ebenfalls die Souveränität über Ostpreußen (ohne Ermeland) zusichert. Die Schweden werden bald aus Polen zurückgedrängt, nur Polnisch-Preußen bleibt von ihnen besetzt. Karl Gustav greift ~Dänemark~ an und erzwingt durch schnelles Vordringen (Übergang über die gefrorenen +Belte+, Januar 1658) den

[~1658.~]

~Frieden zu Roeskild~: Dänemark tritt den südlichen Teil der skandinavischen Halbinsel (+Schonen+, +Halland+, +Blekingen+), das Stift +Dronthjem+ und die Insel +Bornholm+ an Schweden ab.

Noch in demselben Jahre zweiter Angriff Karl Gustavs, aber die belagerte Hauptstadt +Kopenhagen+ verteidigt sich tapfer. Eine holländische Flotte (die Holländer Handelsrivalen der Schweden) kommt zu Hilfe; kaiserliche, polnische und brandenburgische Truppen vertreiben die Schweden aus Holstein und Schleswig. Die Brandenburger besetzen unter Führung des Kurfürsten die Insel +Alsen+. Karl X. hebt die Belagerung von Kopenhagen auf, stirbt bald darauf zu Gotenburg. Ihm folgt sein minderjähriger Sohn Karl XI. (1660–1697).

[~1660.~]

~Friede zu Olīva~ (Kloster bei Danzig).

Johann Kasimir entsagt allen Ansprüchen auf den schwedischen Thron, sowie auf +Livland+ und +Estland+; der Herzog von +Kurland+ wird als polnischer Vasall wieder eingesetzt. Die ~Souveränität Preußens~ wird von +Schweden+ und +Polen+ bestätigt.

Gleich darauf ~Friede zu Kopenhagen~ mit Dänemark; der Roeskilder Frieden bestätigt, aber Dronthjem und Bornholm an Dänemark zurückgegeben.

In ~Dänemark~ wird gleich nach dem Frieden von dem der Adelsherrschaft überdrüssigen +dritten+ Stande (Bürger) und der +Geistlichkeit+ dem Könige Friedrich III. (1648–1670) eine ganz unumschränkte Gewalt übertragen. Im Anschluß daran erklärt das +Königsgesetz+ 1665 Dänemark für ein Erbreich in männlicher und weiblicher Linie; es gilt aber nicht für die Herzogtümer Schleswig-Holstein, welche auch ihren eigenen Landtag behalten. Das Herzogtum +Oldenburg+ 1667 nach dem Aussterben der dort regierenden Linie (S. 216) mit Dänemark vereinigt.

Auch in ~Schweden~ übertragen die Stände, der übermäßigen Gewalt des Reichsrats müde, 1682 dem großjährig gewordenen Könige Karl XI. eine fast unumschränkte Gewalt.

In ~Polen~ dagegen ist seit der Einführung der Wahlmonarchie 1572 (S. 250) die königliche Macht zum Schatten herabgesunken, der Staat ist tatsächlich eine +Adelsrepublik+. Der aus dem +Senat+ (Bischöfe, Woiwoden, Kastellane) und den gewählten +Landboten+ (Abgeordnete des Adels) bestehende Reichstag übt alle Gewalt aus. Das +liberum veto+, d. h. das Recht +jedes+ einzelnen Mitgliedes, einen Reichstagsbeschluß durch seinen Einspruch ungültig zu machen, führt zu Bestechung, Gewalttat und schließlich fast zur Anarchie; nur selten kommt ein Beschluß zustande.

Nach +Johann Kasimirs+, des letzten der 3 katholischen Wasas Abdankung blutige Thronstreitigkeiten; dann regiert +Johann Sobieski+ 1674–1696, der den kriegerischen Adel durch Feldzüge gegen die Türken (vgl. S. 266) an sich fesselt. Ihm folgt +August II.+ von Sachsen 1697–1733; Friede mit den Türken zu +Karlowitz+.

~Rußland~ unter dem Hause ~Romānow~ (1613–1762) wachsend an Macht und Ansehen. +Michael Romānow+ (1613 bis 1645) kämpft zwar unglücklich gegen Polen, ordnet aber die innere Verwaltung. Sein Sohn +Alexei+ (1645–1676) gewinnt die Länder am Dnjepr (Smolensk und Kiew) von Polen zurück, unterwirft Sibirien bis zum äußersten Osten und das Amurland (S. 250) und fängt an, europäische Kultur in Rußland zu verbreiten. Nach dem Tode seines ältesten Sohnes +Feodor+ (1682) werden von den +Strelitzen+, der adligen Leibwache des Zaren, dessen beide Brüder +Iwan+ und ~Peter~ unter Vormundschaft ihrer älteren Schwester +Sophia+ zu Zaren ausgerufen. Peter in +Preobraschensk+ (bei Moskau) mit militärischen Übungen beschäftigt; aus seinen Spielgefährten (Poteschnie) wird später die Garde des Heeres gebildet. Sophia, die ihn vom Thron ausschließen will, wird 1689 in ein Kloster geschickt.

[~1689–1725.~]

~Peter der Große~, regiert als Alleinherrscher, da der geistesschwache Bruder Iwan bis zu seinem Tode (1696) ohne jede Macht bleibt. Er ist der Gründer des russischen Staates.

Peter beginnt seine Reformen mit Hilfe des Schotten +Gordon+ und des Genfers +Lefort+. +Asow+ erobert 1696 (S. 266). Grausame Bestrafung eines Aufruhrs der +Strelitzen+. Darauf +Reise+ des Zaren durch Deutschland über Königsberg und Berlin nach Holland, wo er in +Zaandam+ als Schiffszimmermann arbeitet, dann nach England. Anwerbung ausländischer Handwerker, Künstler, Offiziere. Fortsetzung der Reise über Dresden nach Wien; im Begriff nach Venedig abzureisen, wird der Zar durch die Nachricht von einem abermaligen Aufruhr der Strelitzen zurückgerufen. Blutiges Strafgericht; das ganze Korps wird aufgelöst, das Heer nach europäischer Weise gebildet.

Nach Leforts Tode 1699 +Menschikow+ Günstling und Minister des Zaren, bemüht um weitere Einführung der westeuropäischen Kultur in Rußland, doch auch habsüchtig und bestechlich. Peters Entschluß zu dem Kriege gegen Schweden (S. 274) wird entscheidend für Rußlands weiteren Aufschwung.

§ 4. England.

[~1649–1660.~]

~England Republik~ (+Commonwealth+).

~Cromwell~ (s. S. 249) unterwirft nach blutigem Kampfe die über die Hinrichtung des zum Katholizismus hinneigenden Königs Karl erbitterten Iren, dann durch die Siege bei +Dunbar+ (1650) und bei +Worcester+ (spr. u+͡__ustĕr, 1651) das aufständische Schottland (S. 249), von wo er des hingerichteten Königs Sohn, +Karl II.+, vertreibt. In England löst Cromwell das Rumpf-Parlament und das von ihm selbst berufene, aus eifrigen Independenten bestehende +Barebone+-Parlament auf. Durch das Heer wird

[1653–1658.]

~Cromwell Lord-Protektor~ der drei Reiche (England, Schottland, Irland). Seine Regierung hält die Ordnung im Innern aufrecht und macht England zur ersten protestantischen Macht in Europa.

[1651.]

~Navigationsakte~, welche den Fremden auf ihren eigenen Schiffen nur die Einfuhr eigener Erzeugnisse erlaubt und namentlich den +holländischen+ Zwischenhandel schwer trifft, da die Erzeugnisse der englischen Kolonien nur auf englischen Schiffen nach England gebracht werden dürfen. Daher Krieg mit +Holland+ (1652–1654), aus welchem die Engländer als Sieger hervorgehen. England seitdem die erste Seemacht; Holland tritt mehr zurück (S. 244). Im Kriege mit +Spanien+ (1655–1658) Eroberung +Jamaikas+ und Einnahme von +Dünkirchen+.

Nach +Oliver Cromwells+ Tode folgt ihm als Protektor sein ihm unähnlicher Sohn +Richard Cromwell+, der schon nach 8 Monaten abdankt. Zwistigkeiten unter den Befehlshabern des Heeres führen zur

[~1660.~]

~Herstellung des Königtums.~ General +Monk+ versammelt ein neues Parlament (Oberhaus und Unterhaus, S. 249), welches auf den Thron ruft Karls I. Sohn, den gewissenlosen, verschwenderischen und ausschweifenden

[~1660–1685.~]

~Karl II.~ Herstellung der Episkopalkirche; von der +Amnestie+ werden diejenigen ausgenommen, welche Karl I. zum Tode verurteilt hatten. Cromwells Leiche an den Galgen gehängt. 1662 +Dünkirchen+ an Frankreich verkauft; 1664–1667 abermaliger +Seekrieg mit Holland+; 1664 New-York (1612 von den Holländern als Neu-Amsterdam gegründet) von den Engländern besetzt. 1666 Pest und große Feuersbrunst in London. 1667 dringt Admiral Ruyter (1607–1676) in die Themse ein.

Der Minister +Clarendon+ 1667 verbannt; das +Cabal+-Ministerium (~C~lifford, ~A~rlington, ~B~uckingham, ~A~shley, ~L~auderdale) bewegt den König, für französische Jahrgelder aufs neue +Krieg gegen Holland+ (1672–74, s. S. 262) zu führen und zu Gunsten der Katholiken die +Indulgenzerklärung+ zu erlassen. Allgemeine Entrüstung; das Parlament setzt 1673 die ~Testakte~ durch, welche jeden Engländer, der ein Amt bekleiden will, zur Anerkennung der Oberhoheit des Königs über die englische Kirche und zu einer Erklärung gegen die katholische Abendmahlslehre zwingt. Der katholische Bruder des Königs, +Jakob, Herzog von York+, legt sein Amt als Großadmiral nieder. 1674 das Cabal-Ministerium gestürzt, Friede mit Holland.

Neue Streitigkeiten mit dem Parlament, in welchem sich das Verlangen erhebt, den +Herzog von York+ als »Papisten« von der Thronfolge auszuschließen. Unter dem Ministerium +Shaftesbury+ wird 1679 die ~Habeascorpusakte~ (Schutz gegen willkürliche Verhaftung) durchgesetzt.

Entstehung der Parteinamen ~Whigs~ (Liberale) und ~Tories~ (Konservative), ursprünglich Spottnamen, der erstere ein +schottischer+ für Anhänger des Covenants (S. 248), der zweite ein +irischer+ für Anhänger des +Papismus+.

Die +Ausschließungsbill+ wird im Unterhause von den Whigs durchgesetzt, im Oberhause verworfen. Die Entdeckung einer Verschwörung gegen den König hat strenge Maßregeln gegen die Whigs zur Folge; Lord +Will. Russell+ und +Algernon Sidney+ hingerichtet, der Herzog von +Monmouth+ (natürlicher Sohn des Königs) flüchtet nach Holland. Karl II. stirbt 1685, nachdem er auf dem Totenbette Katholik geworden ist.

[~1685–1688.~]

~Jakob II.,~ Bruder Karls II., bei der überlieferten Politik seines Hauses verharrend, sucht die +unumschränkte+ Königsgewalt und den Katholizismus in England wieder herzustellen. +Monmouth+ landet in England, wird bei +Sedgemoor+ geschlagen, gefangen und hingerichtet (1685). Blutige Assisen (Gerichtssitzungen), geleitet von dem grausamen und habsüchtigen Oberrichter +Jeffreys+.

Anstellung von Katholiken unter Erlassung des durch die Testakte verlangten Eides. Dann Aufhebung der Testakte; Religionsfreiheit verkündet. Sieben anglikanische Bischöfe weigern sich, die Indulgenzerklärung zu verkündigen. Prozeß und Freisprechung der Bischöfe. Durch die Geburt eines katholischen +Prinzen von Wales+ (von Jakobs +zweiter+ Gemahlin Maria d’Este, Prinzessin von Modena) wird die Aussicht auf protestantische Thronfolge vereitelt; die beiden Töchter Jakobs aus erster Ehe, +Maria+ und +Anna+, waren protestantisch. +Whigs+ und +Tories+ wenden sich an +Wilhelm von Oranien,+ Gemahl der +Maria,+ und durch seine Mutter Enkel Karls I. (vgl. die Stammtafel S. 299).

[1688. 5. Nov.]

Landung Wilhelms, der von Friedrich III. von Brandenburg und andern norddeutschen Fürsten unterstützt wird, in +Torbay+; das Heer und die ganze Nation fallen ihm zu, Jakob entflieht nach Frankreich.

[~1689–1702.~]

~Wilhelm III.~ (und ~Maria~ bis 1694), durch Parlamentsakte auf den Thron erhoben. Personalunion zwischen England und Holland. Die Regierung führt Wilhelm III. allein. Das ~Gesetz der Rechte~ (+Bill of rights+ 1689) sichert die verfassungsmäßigen Freiheiten der Nation.

Aufstand der katholischen Iren für Jakob, der daselbst landet und fast ein Jahr herrscht. Wilhelm schlägt ihn 1690 am +Boynefluß+. Teilnahme am Kriege gegen Ludwig XIV., s. S. 264; Englands Seemacht gesichert. 1701 Ordnung der Thronfolge: die katholischen Stuarts ausgeschlossen, erbberechtigt ist das protestantische Haus +Hannover+ (S. 299).

Aufschwung der Literatur und Wissenschaft: Die Dichter +Milton+ († 1674) und +Dryden+ († 1700); der Theosoph +Bunyan+ († 1688); die Philosophen +Hobbes+ († 1679) und +Locke+ († 1704), der Naturforscher +Newton+ († 1722).

[~1701–1714.~]

§ 5. Der spanische Erbfolgekrieg.

~Philipp III.,~ König von Spanien, †1621. _________|_________________________________________ ~Anna,~ ~Philipp IV.,~ †1665. ~Maria Anna,~ Gem. Ludwig XIII. | Gem. Ferdinand III. | ______|_____________ | ~Ludwig XIV.~ Maria ~Karl II.,~ Marg. ~Leopold I.,~ | Theresia. †1700. Theresia. †1705. |___________| |_________| | | | | ~Ludwig, Dauphin~, †1711. ~Maria Antonie,~ | Gem. Max Emanuel v. Bayern. | | ~Philipp von Anjou,~ ~Joseph Ferdinand,~ als K. v. Spanien ~Philipp V.,~ †1699, †1746. Kurprinz v. Bayern.

Kaiser Leopold I. hatte außer seiner Tochter Maria Antonie zwei +Söhne+ aus dritter Ehe, +Joseph I.+ (Kaiser 1705–1711) und +Karl VI.+ (Kaiser 1711–1740). Er nimmt als Vertreter der deutschen Linie des Hauses Habsburg das spanische Erbe für den zweiten Sohn in Anspruch. Ludwig XIV. dagegen fordert es für seinen zweiten Enkel +Philipp von Anjou.+ Wilhelm III. an der Spitze der +Seemächte+ (England und Holland) schließt mit Ludwig XIV. 1698 einen +Teilungsvertrag+: Haupterbe soll der Kurprinz Joseph Ferdinand von Bayern sein, Frankreich und Österreich die Nebenländer erhalten. Dagegen setzt Karl II. den Kurprinzen durch Testament zum Erben der +gesamten+ Monarchie ein. Nach dessen plötzlichem Tode 1699 neue Unterhandlungen; endlich unterzeichnet Karl II. ein Testament, welches +Philipp von Anjou+ zum Erben einsetzt. ~Große Allianz~ der +Seemächte+ (1701) mit Kaiser +Leopold+, zunächst um dem Hause Österreich die spanischen Besitzungen in den +Niederlanden+ und in +Italien+ zu verschaffen. Auf Frankreichs Seite stehen die Herzöge von +Savoyen+ und +Mantua+, die Kurfürsten von +Bayern+ und +Köln+ (zwei Brüder); die übrigen deutschen Reichsstände und +Preußen+ (Friedrich III. von Brandenburg durch den »Krontraktat« die Annahme der Königswürde gestattet) sind mit dem Kaiser verbündet. +Portugal+ tritt der großen Allianz bei, endlich auch +Savoyen+ (1703).

Vier Kriegsschauplätze: +Spanien+, +Italien+, +Niederlande+, +Deutschland+.

Philipp von Anjou wird in Spanien als König ~Philipp V.~ anerkannt. Seine Hauptstütze ist +Kastilien+.

[1701.]

Prinz ~Eugen von Savoyen~ (1663–1736) als Feldherr Kaiser Leopolds eröffnet den Krieg siegreich in Oberitalien, wird aber 1702 vom Herzog von Vendôme in seinem Vordringen gehemmt.

[1703.]

Die Bayern fallen als Verbündete Frankreichs in +Tirol+ ein, werden aber zurückgetrieben. Der englische Feldherr ~Marlborough~ dringt in den Niederlanden vor.

[1704.]

Erzherzog Karl landet in Portugal, die Engländer erobern ~Gibraltar~. Prinz +Eugen+ und +Marlborough+ vereinigen sich an der Donau und siegen (unweit Donauwörth) über die Franzosen und Bayern in der

[~1704.~]

~Schlacht bei Höchstädt und Blindheim~. Bayern von den kaiserlichen Truppen besetzt.

[1706.]

Erzherzog Karl gewinnt auf kurze Zeit +Madrid+; Marlborough siegt bei ~Ramillies~ (nördlich von Namur), Prinz Eugen bei ~Turin~ mit Hilfe der +Preußen+ unter +Leopold von Dessau+. Die Franzosen werden aus Italien verdrängt, +Mantua+ (s. S. 239) von Österreich in Besitz genommen, dann auch +Neapel+ (S. 241).

[~1708.~]

Sieg Marlboroughs und Prinz Eugens bei ~Oudenarde~; +Lille+ belagert und genommen. Strenger Winter in Frankreich.

+Friedensverhandlungen+. Die Verbündeten fordern Herausgabe der spanischen Monarchie an Erzherzog Karl von Österreich, der niederländischen Grenzfestungen an die Holländer, für das Deutsche Reich Wiederherstellung des im +Westfälischen Frieden+ festgesetzten Besitzstandes. Dies alles wird +von Ludwig XIV. bewilligt+. Aber die Forderung, daß er seinen Enkel Philipp mit +französischen Waffen+ aus Spanien vertreiben soll, bewirkt den Abbruch der Verhandlungen.

Fortgang des Krieges. Die Franzosen aufs neue gedemütigt durch den

[~1709.~]

Sieg Prinz Eugens und Marlboroughs bei ~Malplaquet~. Neue Friedensanträge Ludwigs, der sogar Hilfsgelder gegen seinen Enkel zahlen will, während die Verbündeten verlangen, daß er ihn durch seine +Heere+ vertreiben soll.

Der Fall des +Whigministeriums+ in England (1710) und der Tod Kaiser ~Josephs I.~ (1711) ändern alle Verhältnisse zu Gunsten Ludwigs XIV. Marlborough abberufen; Erzherzog Karl verläßt Spanien, um die österreichischen Erblande zu übernehmen. England beginnt Friedensverhandlungen (S. 299).

[1712.]

Kongreß zu Utrecht. Der französische Feldherr Villars siegt bei +Denain+ (an der Schelde) über einen Teil von Prinz Eugens Heer.

[~1713.~]

~Friede zu Utrecht~ (ohne Beteiligung Kaiser Karls VI.):

1. ~Philipp V.~, Enkel Ludwigs XIV., wird als König von +Spanien+ anerkannt. Die meisten +Nebenländer+ (Niederlande, Mailand, Neapel, Sardinien) sollen ~Karl VI.~ zufallen, Sicilien als Königreich dem Herzog von +Savoyen+.

2. ~England~ erhält von Frankreich +Neufundland+, +Neuschottland+ (Akadien) und die +Hudsonsbailänder+, von Spanien +Gibraltar+ und +Menorka+. Anerkennung der protestantischen Thronfolge versprochen (S. 284).

3. ~Holland~ erhält das Besatzungsrecht in einigen Grenzfestungen der bisher spanischen Niederlande, +Lille+ wird an Frankreich zurückgegeben.

4. ~Preußen~ erlangt Anerkennung des Königstitels und des Besitzes von +Neuchâtel+ und Valengin (aus der oranischen Erbschaft nach Wilhelms III. Tode 1702, vgl. die Stammtafel S. 244), dazu +Obergeldern+ (an der Maas). Es überläßt an Frankreich seine Ansprüche auf das Fürstentum +Oranien+ oder +Orange+ (an der Rhone, S. 242 Anm.).

Karl VI. verweigert seine Zustimmung, der Krieg wird am Rhein weitergeführt. Villars erobert Landau und Freiburg. Darauf

[~1714.~]

~Friede zu Rastatt und Baden~ (im Aargau, Schweiz). Karl VI. nimmt die ihm bestimmten Länder an. Österreich gewinnt damit nach der Erwerbung Ungarns unter Leopold I. (S. 266) unter dessen Sohn Karl VI. auch noch die Niederlande und die Herrschaft in Italien. Für das +Deutsche Reich+ wird nur der Friede von Ryswyk bestätigt; +Landau+ bleibt französisch. Die in die Reichsacht erklärten Kurfürsten von +Bayern+ und +Köln+ werden in ihre Würden und Länder wieder eingesetzt.

[~1700–1721.~]

§ 6. Der Nordische Krieg.

~Peter der Große~ (S. 269) will Rußland zur +Seemacht+ erheben und Schwedens Herrschaft über die Ostsee (S. 256) brechen. Er schließt unter Vermittelung des livländischen Edelmanns +Patkul+ ein Bündnis mit +August dem Starken+ (S. 266), welcher Livland wieder für Polen beansprucht (S. 249, 268). Friedrich IV. von +Dänemark+ schließt sich an, um das Haus Holstein-Gottorp (jüngere Linie des dänischen Königshauses) aus dem Mitbesitz von Schleswig-Holstein zu verdrängen.

~Karl XII., König von Schweden~ (geb. 1682, reg. 1697 bis 1718), Enkel Karls X. Gustav von Pfalz-Zweibrücken (S. 250), nimmt sich des Herzogs von Holstein-Gottorp, seines Schwagers, an, landet 1700 auf Seeland, bedroht Kopenhagen und erzwingt den ~Frieden zu Travendal~ (in Holstein a. d. Trave); Dänemark gibt den Angriff auf. Dann wendet er sich gegen Peter d. Gr. und besiegt mit 8000 Schweden 40000 Russen bei ~Narwa~ (in Ingermanland). +Sächsische+ Truppen haben inzwischen +Riga+ belagert. Karl XII. dringt 1701 in +Polen+ ein und verlangt Absetzung Augusts II., zieht 1702 in Warschau ein, siegt bei +Klissow+ und 1703 bei +Pultusk+ über sächsische und polnische Truppen.

[1704.]

+Stanislaus Lesczinski+ vom polnischen Reichstag zum König gewählt.

Währenddessen legt +Peter+ den Grund zu der neuen Hauptstadt ~St. Petersburg~ 1703 und erobert +Narwa+ 1704.

Fortgang des Krieges in Polen und Litauen, Siege Karls XII. bei +Punitz+ 1704 und seines Generals +Rehnskjöld+ bei Fraustadt 1706. Karl dringt durch Schlesien in Sachsen ein und erzwingt den

[~1706.~]

~Frieden zu Altranstädt~ (bei Leipzig): 1. August II. entsagt der polnischen Krone und erkennt +Stanislaus Lesczinski+ als König von Polen an. 2. Er gibt das Bündnis mit dem Zaren auf und liefert dessen Bevollmächtigten +Patkul+ aus (welchen Karl grausam hinrichten läßt). 3. +Sachsen+ sorgt den Winter über für Unterhalt und Sold des schwedischen Heeres.

Karl bricht dann gegen den russischen Zaren auf (Sept. 1707), der die Zeit zur Festsetzung an der Ostsee und zur Bildung eines kriegstüchtigen Heeres trefflich benutzt hatte. Der Weg nach Moskau versperrt durch Verwüstung des Landes. Durch den von Rußland abgefallenen Kosakenhetman +Mazeppa+ läßt sich Karl verleiten, über den Dnjepr (1708) nach der +Ukraine+ zu gehen. Vergebliche Belagerung +Pultawas+; Peter eilt zum Entsatz herbei und schlägt mit überlegener Streitmacht die durch Märsche und Mangel ermatteten Schweden in der

[1709 (8. Juli).]

~Schlacht bei Pultāwa,~ welche Schwedens Übermacht mit einem Schlage vernichtet. Das schwedische Heer völlig aufgelöst und größtenteils gefangen. Karl flüchtet zu den Türken.

[1709–1714.]

Karl XII. +in der Türkei+ (Lager bei +Bendēr+), sucht die Pforte zum Kriege gegen Rußland zu bewegen. Dies gelingt endlich 1711. Peter, verbündet mit dem +Fürsten der Moldau,+ geht über den Dnjestr, wird am +Pruth+ eingeschlossen, erkauft von den Türken durch Bestechung des Großwesirs (auf Rat seiner Gemahlin +Katharina+) den

[~1711.~]

~Frieden am Pruth~: 1. +Asow+ an die Pforte zurückgegeben (S. 266) 2. Dem Könige von Schweden freie Rückkehr in seine Staaten zugesichert.

Karl XII., über diesen Frieden entrüstet, verweigert starrsinnig die Abreise, wird 1713 von den Türken in seinem Lager bei +Bender+ gefangen genommen und nach +Demotika+ (bei Adrianopel) gebracht. Währenddessen nutzen seine Feinde die Zeit aus. August II. vertreibt den König Stanislaus aus Polen; die Dänen suchen (allerdings vergeblich) die südlichen Provinzen Schwedens zu erobern. +Peter der Große+ nimmt +Livland, Estland, Ingermanland, Karelien, Finnland+ vollständig in Besitz.

Im +Haager Konzert+ (1710) war, um den Krieg von Deutschlands Grenzen fern zu halten, die Neutralität aller +deutsch-schwedischen+ Provinzen, sowie +Schleswigs+ und +Jütlands+ festgesetzt worden. Da aber Karl XII. gegen diesen Vertrag von der Türkei aus protestiert, so nehmen die Dänen dem Herzog von Holstein-Gottorp +Schleswig+ weg und erobern die seit 1648 (S. 260) schwedischen Herzogtümer +Bremen+ und +Verden+ (1712), welche dann gegen eine Geldzahlung dem Kurfürsten von Hannover überlassen werden.

[1712. Dez.]

Der schwedische General +Stenbock+ besiegt die Dänen bei +Gadebusch+ (in Mecklenburg), rückt dann nach Holstein vor, verbrennt +Altona+, wird aber (Febr. 1713) von Dänen und Russen bei +Tönning+ a. d. Eider gefangen.

[1713.]

König +Friedrich Wilhelm I.+ von ~Preußen~ (S. 279) schließt sich den Feinden Schwedens an und besetzt +Stettin+ nach Abschluß eines Vertrages mit dem russischen General Menschikow, wonach Stettin und Vorpommern gegen Zahlung von 400000 Talern vorläufig von Preußen beschlagnahmt (sequestriert) werden.

[1714.]

Karl XII. kehrt endlich in seine Staaten zurück. Abenteuerlicher Ritt durch Ungarn und Deutschland über Wien, Nürnberg, Braunschweig nach +Stralsund+.

[1715.]

Belagerung von +Stralsund+ durch preußische, dänische und sächsische Truppen. Der preußische Feldmarschall Fürst Leopold von Dessau erobert die Insel +Rügen+.

Karl XII. gibt Stralsund auf und kehrt nach Schweden zurück.

[~1716–1717.~]

Peters d. Gr. +zweite Reise+ (vgl. S. 269) nach Deutschland, Dänemark, Holland, Frankreich.

Karl XII. unterhandelt mit Peter d. Gr. durch den Freiherrn +von Görz+, der trotz des Hasses der schwedischen Großen auch an die Spitze der inneren Verwaltung Schwedens gestellt wird. Vor Abschluß der Verhandlungen, die ihm Aussicht auf russische Hilfe geben, beginnt Karl einen neuen Krieg gegen +Dänemark+, indem er in +Norwegen+ einfällt, wird aber bei der

[~1718.~]

Belagerung von +Frederikshall+ durch eine Kugel getötet. Ende des Hauses Pfalz-Zweibrücken (seit 1654) in Schweden.

Der schwedische Reichsrat, schon lange mit Karls Regierung unzufrieden, beruft nicht den Sohn seiner älteren Schwester, Karl Friedrich von +Holstein-Gottorp+ (S. 293), zur Regierung, sondern die jüngere Schwester Ulrike Eleonore und deren Gemahl, Prinz +Friedrich+ von +Hessen-Kassel+ (1720–1751).

+Görz+ wird verurteilt und hingerichtet (1719). Das Königtum wird gänzlich abhängig von dem Reichsrat, dessen nächste Sorge auf Herstellung des Friedens gerichtet ist.

Den Nordischen Krieg beenden die Friedensschlüsse zu ~Stockholm 1719~ mit +Hannover+, welches +Bremen+ und +Verden+ behält und an Schweden 1 Mill. Taler zahlt; ~1720~ mit +Preußen,+ welches +Stettin+, +Vorpommern bis an die Peene+, die Inseln +Usedom+ und +Wollin+ erhält und 3 Mill. Taler zahlt; zu ~Friedrichsburg~ auf Seeland ~1720~ mit +Dänemark+, welches alle Eroberungen zurückgibt. Dafür zahlt Schweden 600000 Taler, entsagt der Zollfreiheit im Sunde (s. S. 250) und gibt den Herzog von Holstein-Gottorp preis, dem Dänemark seinen Anteil an +Schleswig+ nimmt. Mit +Polen+ bleibt es bei dem 1719 geschlossenen Waffenstillstand. +August der Starke+ als König anerkannt. Stanislaus Lescynski führt den Königstitel weiter und erhält 1 Mill. Taler (S. 279).

[~1721.~]

Friede zu ~Nystadt~ zwischen +Schweden+ und +Rußland+: 1. Schweden tritt an Rußland ab: +Livland,+ +Estland,+ +Ingermanland,+ +Karelien+ und die dazu gehörigen Inseln (+Ösel,+ +Dagö+ u. a.). 2. Rußland gibt +Finnland+ zurück und zahlt 2 Mill. Taler.

Schweden, seiner früheren Machtstellung beraubt, behält doch noch deutsche Gebiete: +Wismar+, welches erst 1803 durch Verpfändung (1903 endgültig) an Mecklenburg kommt, und +Vorpommern+ nördlich der Peene mit +Rügen+ (1815 an Preußen). Karl Friedrich von Holstein-Gottorp geht nach Rußland, vermählt sich mit +Anna+, Tochter Peters d. Gr. Sein Sohn ist der Zar Peter III., 1728 in Kiel geboren, Stammvater des russischen Kaiserhauses (S. 293).

~Rußland~ hat sich an Schwedens Stelle zur ~europäischen Großmacht~ erhoben und nach langem Ringen die Ostsee erreicht. Peters d. Gr. innere Regierung ist auf Förderung von Handel und Gewerbe, Bergwesen und Forstkultur, Volksbildung, Ordnung der Verwaltung gerichtet. Dem Erbadel setzt er einen +Amtsadel+ zur Seite; 14 Rangstufen der Offiziere und Beamten (Tschin), die oberen adlig. Oberste Behörde der +Senat+, 1711 an Stelle des früheren Rats der Bojaren errichtet; zur Leitung der Kirche der +Heilige Synod+ 1721 errichtet, dessen Mitglieder der Zar ernennt. Die Zahl der Klöster eingeschränkt. Mönche und Nonnen zu nützlicher Tätigkeit angehalten.

Peters d. Gr. letzte Kriegstat ist eine Heerfahrt gegen +Persien+ und die Eroberung von +Derbent+ (am Kaspischen Meere) 1722; doch wird dieser Küstenstrich 1732 an Persien zurückgegeben. Die Küstenlandschaften am Schwarzen Meere sind noch ganz im Besitz der +Türken+; den Grenzschutz leistet das Reitervolk der +Kosaken+ in der Ukraine.

§ 7. Deutschland.

Das +Deutsche Reich+ vermag in den europäischen Kriegen das Eindringen fremder Truppen nicht abzuwehren, ist aber selbst nicht Gegenstand des Angriffs. Die letzten habsburgischen Kaiser (S. 272) sind nur auf ihre Hausmacht bedacht; Ausbildung der +österreichischen Monarchie+.

[~1711–1740.~]

Kaiser ~Karl VI.~ erwirbt 1714 die spanischen Nebenländer (S. 274). Im Bunde mit Venedig 1715–1718 glücklicher +Türkenkrieg+. Prinz Eugen siegt 1716 bei +Peterwardein+, 1717 bei +Belgrad+. Der Besitz dieser Stadt und eines Teils von Serbien samt der Kleinen Walachei und dem Banat von Temesvar im Frieden zu +Passarowitz+ 1718 bestätigt. Venedig behält Korfu und die eroberten Plätze in Dalmatien und Albanien, verliert Morea (S. 304).

[1720.]

Ein Versuch Philipps V. von +Spanien+, die verlorenen Nebenländer (S. 274) wiederzugewinnen, wird durch die 1718 geschlossene +Quadrupelallianz+ (England, Frankreich, Österreich, Holland) vereitelt. Der Herzog von Savoyen muß +Sicilien+ (S. 274) an +Österreich+ überlassen, erhält dafür +Sardinien+ und nimmt den Titel +König von Sardinien+ an.

Kaiser Karl VI., ohne männliche Nachkommen, setzt eine Erbfolgeordnung fest unter dem Titel ~Pragmatische Sanktion~, welche 1. die Unteilbarkeit der zur österreichischen Monarchie gehörigen Länder anordnet, 2. dieselben in Ermangelung männlicher Nachkommen auf Karls Töchter (die älteste ~Maria Theresia~) und deren Nachkommen nach dem Erstgeburtsrecht vererbt, 3. im Fall des Aussterbens dieser Linie die Töchter +Josephs I.+ (vermählt mit Friedrich August II. von Sachsen (in Polen August III.) und Kurfürst Karl Albert von Bayern, S. 282) und deren Nachkommen zu Erben einsetzt.

[1725.]

Bündnis zwischen +Österreich+ und +Spanien+ zum Schutz der Pragmatischen Sanktion; Gegenbündnis (zu Herrenhausen bei Hannover) zwischen +England+, +Frankreich+ und +Preußen+. Doch tritt Preußen bald wieder auf die Seite Karls VI., der 1728 in dem Berliner Vertrag verspricht, nach dem Aussterben des Pfalz-Neuburger Hauses Preußen zum Besitz des Herzogtums Berg (S. 252) zu verhelfen. (In einem geheimen Vertrage versprach Karl VI. 1739 die Erbnachfolge in Jülich und Berg der Linie Pfalz-Sulzbach, aus der auch Karl Theodor 1743 das Erbe antrat.) Auch England erkennt 1731 die Pragmatische Sanktion an.

[~1733–1735.~]

~Polnischer Thronfolgekrieg.~

Von Frankreich geleitet, wählt nach dem Tode Augusts II. von Sachsen 1733 die Mehrheit des polnischen Adels den König ~Stanislaus Lesczinski~, welcher Schwiegervater +Ludwigs XV.+ geworden war, zum zweiten Male (S. 277). +Rußland+ und +Österreich+ lassen von einer Minderheit den Kurfürsten von Sachsen (Augusts II. Sohn) als ~August III.~ wählen und halten die Wahl in Polen mit ihren Truppen aufrecht. Dagegen treten +Frankreich+, +Spanien+ und +Sardinien+ für Stanislaus mit den Waffen ein.

Hauptschauplatz des Krieges +Italien+, wo +Mailand+, +Neapel+ und +Sicilien+ erobert werden, die Österreicher also alles bis auf +Mantua+ verlieren. Am +Oberrhein+ kämpft der alte +Prinz Eugen+ († 1736) ohne Glück, nur Herzog +Franz Stephan+ von Lothringen, der spätere Gemahl Maria Theresias, hält die Ehre der kaiserlichen Waffen aufrecht. +Lothringen+ von den Franzosen besetzt. Friedenspräliminarien 1735 und nach weiteren Unterhandlungen

[~1738.~]

~Friede zu Wien~: 1. +Stanislaus Lesczinski+ verzichtet zum zweiten Mal auf den polnischen Thron, erhält als Entschädigung die Herzogtümer ~Lothringen~ und ~Bar~, welche ~nach seinem Tode Frankreich zufallen~ (Stanislaus † 1766). 2. Der Herzog von Lothringen +Franz Stephan+, Gemahl der Maria Theresia, wird durch das Großherzogtum ~Toskana~ entschädigt, wo 1737 das Haus +Medici+ (S. 240) ausgestorben war. 3. Österreich überläßt ~Neapel~ und ~Sicilien~ als eine +Sekundogenitur+ (so daß dieses Königreich nicht mit der Krone Spanien vereinigt werden darf) an die spanische Linie des Hauses +Bourbon+; es erhält dafür +Parma+ und +Piacenza+ (nach dem Aussterben der +Farnese+ (S. 239) 1731 durch Erbschaft an Spanien gekommen). 4. Frankreich garantiert die Pragmatische Sanktion.

[1736–1739.]

Unglücklicher ~Türkenkrieg~ Österreichs (im Bunde mit Rußland, s. S. 295); ~Friede zu Belgrad~: +Orsowa+, +Belgrad+, +Serbien+ und die Kleine +Walachei+ den Türken zurückgegeben (S. 278). Temesvar bleibt bei Österreich.

[~1713–1740.~]

~Friedrich Wilhelm I., König von Preußen~, Sohn Friedrichs I. (S. 267) erschließt durch gute Verwaltung und soldatische Zucht die natürlichen Hilfsquellen des Landes und hebt dessen Ertragsfähigkeit (s. +Anhang+). Bei nur 2½ Mill. Einwohnern hinterläßt er ein vorzügliches Heer von 83000 Mann (+Fürst Leopold von Anhalt-Dessau+) und einen Staatsschatz von 10 Mill. Talern. +Seine Regierung bereitet die künftige Größe Preußens vor.+

[~1740–1786.~]

~Friedrich II., der Große,~[50]

vereint die strenge Staatsordnung mit vielseitigen Kulturbestrebungen (S. Anhang): »Der König ist der erste Diener seines Staates« (Schrift +Anti-Macchiavell+). Kluge Fürsorge für sein Land und Heer, hohe Feldherrnbegabung und politisches Talent wirken zusammen zu großen Erfolgen.

[~1740.~ Okt.]

Mit dem Tode ~Karls VI. erlischt der Mannesstamm~ des Hauses ~Habsburg~. (Stammtafel S. 282). Die deutsche +Kaiser+würde bleibt erledigt bis 1742.

[~1740–1780.~]

~Maria Theresia~, Königin von Böhmen und Ungarn, Erzherzogin von Österreich, geb. 1717, vermählt 1736 mit +Franz Stephan+ aus dem Hause ~Lothringen~, seit 1738 Großherzog von Toskana (Mitregent).

[~1740–1748.~]

~Österreichischer Erbfolgekrieg.~ Auf das habsburgische Erbe erhebt Anspruch Kurfürst +Karl Albert von Bayern+, der die Pragmatische Sanktion nicht anerkannt hatte, als Nachkomme einer Tochter Kaiser Ferdinands I. auf Grund eines Testaments von 1547. Er wird unterstützt von +Frankreich+, welches auch Philipp V. von Spanien und Friedrich August II. von Sachsen (Gemahl der ältesten Tochter Josephs I., S. 278, 282) veranlaßt, Ansprüche zu erheben.

Friedrich II. von Preußen erbietet sich, gegen Anerkennung seiner Ansprüche auf Teile Schlesiens +für+ Österreich zu kämpfen; durch die Zurückweisung seines Anerbietens entsteht noch vor Eröffnung der Feindseligkeiten durch die übrigen Prätendenten der

[~1740–1742.~]

~Erste Schlesische Krieg.~

+Preußische Ansprüche+ auf Teile Schlesiens: 1. Das Fürstentum +Jägerndorf+ war 1523 von der Ansbacher Linie des Hauses Hohenzollern erworben, später (1596) mit Brandenburg vereinigt, aber Fürst +Johann Georg+ wurde 1621 als Anhänger +Friedrichs V.+ von der Pfalz von Kaiser Ferdinand II. in die Acht erklärt und vertrieben (S. 253 f.). 2. Mit dem Herzog von +Liegnitz+, +Brieg+ und +Wohlau+ hatte Kurfürst +Joachim II.+ ~1537~ eine Erbverbrüderung geschlossen, der jedoch Ferdinand I. als König von Böhmen und Oberlehnsherr widersprochen hatte. Nach dem Aussterben des herzoglichen Hauses der Piasten 1675 setzte sich Österreich in den Besitz ihrer Länder. 1686 entsagte Kurfürst +Friedrich Wilhelm+ den schlesischen Herzogtümern gegen Abtretung des +Schwiebuser+ Kreises und Erteilung einer Anwartschaft auf +Ostfriesland+. Der Schwiebuser Kreis ward aber Österreich in einem +geheimen Vertrag mit dem Kurprinzen+ wieder zugesichert und von diesem (als Kurfürst Friedrich III.) 1695 wieder zurückgegeben.

[1740. (Dez.)]

Friedrich besetzt einen großen Teil Schlesiens.

[~1741.~]

Einzug Friedrichs in +Breslau+ (3. Jan.), Erstürmung der Festung +Glogau+ (9. März, Erbprinz Leopold von Dessau). Sieg bei ~Mollwitz~ (10. April, Feldmarschall +Schwerin+) über ein österreichisches Heer unter Neipperg, welches aber ungehindert aus Schlesien abzieht. Bündnis mit +Frankreich+ (5. Juni).

+Franzosen+ und +Bayern+ rücken in Österreich ein und besetzen +Linz+ (15. Sept.); Maria Theresia ruft in +Preßburg+ die Hilfe des ungarischen Adels an und läßt durch Neipperg zu +Klein-Schnellendorf+ einen Waffenstillstand mit Preußen schließen (9. Okt.), indem sie Niederschlesien aufgibt. Die Franzosen, Bayern und Sachsen erobern +Prag+ (16. Nov.); Karl Albert läßt sich als König von Böhmen huldigen, wird bald darauf in Frankfurt als

[~1742–1745.~]

~Karl VII.~ zum deutschen Kaiser gewählt.

[~1742.~]

Die Österreicher rücken in +Bayern+, die Preußen in +Mähren+ ein. Friedrichs Sieg bei ~Chotusitz und Czaslau~ (17. Mai) führt zu dem

~Frieden zu Breslau~: Österreich tritt an Preußen +Ober-+ und +Niederschlesien+ und die +Grafschaft Glatz+ ab, es behält nur die Fürstentümer +Teschen+, +Troppau+ und (zum Teil) +Jägerndorf+.

Österreich führt nun den Krieg gegen Frankreich und Bayern mit mehr Glück; die Franzosen räumen +Prag+ (Dez. 1742), Karl VII. muß aus München entfliehen (Juni 1743). Ein neues französisches Heer wird von König Georg II. von England (1727–1760), der als Bundesgenosse Österreichs die sog. +Pragmatische Armee+ (Engländer, Hannoveraner, Hessen) heranführt, besiegt in der

[~1743.~]

~Schlacht bei Dettingen~ (am Main unweit Aschaffenburg). Kaiser Karl VII. lebt als Flüchtling in Frankfurt.

Deutsche Linie des Hauses Habsburg.

Ferdinand I. (1556–1564). __________________|________________________________________ Maximilian II. (1564–1576). Ferdinand v. Tirol. Karl von Steiermark. __________________|____________________________ | Rudolf II. Matthias Maximilian. Albrecht, Ferdinand II. (1576–1612). (1612–1619). Statth. (1619–1637). d. span. | Niederlande, Ferdinand III. 1595–1621. (1637–1657). | Leopold I. (1658–1705). ___________________________________________________|___________________ Maria Antonie, Joseph I. (1705–1711). Karl VI. (1711–1740). Gem. Max Em. | | v. Bayern. | | | _______|________ | Joseph Ferdinand, Maria Josepha, Maria Amalia, Maria Theresia Kurpr. v. Bayern Gem. August III. Gem. Karl Albert (1740–1780). (†1699). v. Sachsen-Polen, v. Bayern (Kais. Karl VII.).

Haus Lothringen.

Franz I., Großhzg. v. Toskana 1738, deutscher Kaiser 1745–1765. Gem. Maria Theresia, Tochter Karls VI, des letzten Habsburgers. _______________________|_______________________ Joseph II., Leopold II., Ferdinand, 1765–1790. Großhzg. v. Toskana Gem. d. Erbin v. seit 1765, deutscher Modena. Kaiser 1790–1792. _______________________ __________________|_____________________________________________ | Franz II (I.), Ferdinand, Karl, Joseph, Johann, Rainer, Ludwig, | deutscher Kaiser Grhzg. v. †1847. †1847. Reichs- †1853. †1864. Franz IV., 1792–1806, Toskana, | verweser Herzog v. Kaiser v. †1824. Albrecht, 1848–1849, Modena. Österreich | †1895. †1859. | 1804–1835. Leopold II., Grhzg. v. Toskana. Franz V. Ferdinand, _______|_________________________________ | 1859 vertrieben, Marie Luise, Ferdinand I., Franz Karl Ferdinand IV., †1875. Gem. 1835–1848, †1875. Gem. Sophie letzter Grhz. Napoleons I., v. Bayern. v. Toskana. Hzgn. v. Parma, | †1908. †1847. | | ____________________________________|_________________________ Franz Joseph I., Ferdinand Karl Ludwig, †1896. Ludwig. Gem. Elisabeth Maximilian, ___|______________________________ v. Bayern, Ks. v. Mexiko, Franz Ferdinand, Otto, †1906. Ferdinand. †1898. †1867. (Thronfolger). | ____|___________________ Gem. Sophie, _____|__________ Gisela, Rudolf, Valerie, Hzgn. v. Karl Franz Maximilian Gem. †1889. Gem. Franz Hohenberg. Joseph, Eugen Ludwig. Leopold Salvator, präsumpt von Bayern. Neffe Ferdinands IV. Thronerbe. Gem. Zita v. Bourbon-Parma.

Haus Hohenzollern.

~Friedrich Wilhelm der Große Kurfürst~ (1640–1688) Gem. Luise Henriette von Oranien †1667. ~Friedrich III. (I.)~ 1688 (1701)–1713. ~Friedrich Wilhelm I.,~ 1713–1740. ___________|_____________________________ | | | | Friedrich II., August Wilhelm, Heinrich, Ferdinand, d. Große, †1758. †1802. †1813. 1740–1786. | ____|_______ | | | ~Friedrich Wilhelm II.~, Louis Ferdinand, August, 1786–1797. †1806. †1843. _________________|_____________________________________________________ | | | | | | ~Friedrich Wilhelm III.,~ Ludwig, Wilhelmine, Auguste, Heinrich, Wilhelm, 1797–1840. †1796. Königin d. Kurfürstin †1846. †1851. Gem. Luise v. Mecklenburg, Niederl. v. Hessen, | †1810. †1837. †1841. _____________|__ | | | | | Adalbert, Waldemar, Maria, | †1873. †1849. †1889. | Gem. Max. II., | K. v. Bayern. _________|______________________________________________________... | | | | ~Friedrich~ ~Wilhelm I.,~ Charlotte, Karl. ~Wilhelm IV.,~ 1861–1888, †1860, †1883. 1840–1861. 1871 ~deutsch.~ Gem. Nikolaus I., Gem. Maria Gem. Elisabeth ~Kaiser,~ Ks. v. Russland. v. S.-Weimar. v. Bayern. Gem. Augusta | v. Sachs.-Weimar, | †1890. | _______________|_____ Friedrich Karl, | | †1885. ~Friedrich III.,~ Luise, ___________|_______ †1888, Gem. Grhz. | | als Kronprinz v. Baden, Luise Margarete, Friedr. Leopold, Friedrich Wilhelm. †1907. Gem. Artur. Gem. Luise Sophie Gem. Viktoria, Hz. v. Connaught. v. Holst-Augustenb. Princess Royal v. England, †1901. _______________________________________________________________________ ~Wilhelm II.,~ Charlotte, Heinrich, Viktoria, Sophie, Margarete, seit 1888. Gem. Erbprinz Gem. Irene Gem. Prinz Gem. Gem. Prinz Gem. Auguste Viktoria v. Meiningen. v. Hessen, Adolf v. Kronprinz Karl v. v. Holstein- _________| Schbg. v. Hessen. Augustenburg. ______|_______ -Lippe. Griechenland. | | | | ~Waldemar.~ Sigismund. ___|___________________________________________________________________ | | | | | | | Wilhelm, Eitel Adalbert. August Wilhelm. Oskar. Joachim. Viktoria Gem. Cecilie Friedrich, Gem. Alexandra Luise. V. Mecklenburg. Gem. Sophie v. Schl.-Holstein. | Charlotte | v. Oldenburg. _____|___________________________________________ | | | | Wilhelm. Louis Ferdinand. Hubertus Karl. Friedrich

~Friedrich Wilhelm III.,~ 1797–1840. Gem. Luise v. Mecklenburg, †1810. ...__|_________________________________________ | | | Alexandrine, Luise, Albrecht, †1892. †1870. †1872. Gem. Grh. Paul Gem. Friedrich, Gem. Marianne, Friedr.v.Meckl. Prz. d. Niederl. Przin. d. Niederl. | Albrecht, Regent v. Braunschw. †1906. | Friedr. Heinr. Joachim Albrecht. Friedrich Wilhelm. Gem. Agathe v. Ratibor u. Corvey.

Diese Erfolge Österreichs und dessen Verträge mit +Sardinien+ und +Sachsen+ gegen Preußen machen den König Friedrich für seine neue Erwerbung besorgt. Er schließt abermals ein Bündnis mit +Frankreich+ und +Karl VII.+ und beginnt, nachdem er (1744) +Ostfriesland+ nach dem Aussterben des Fürstenhauses der Cirksena mit seinem Staate vereinigt hat (S. 281), den

[~1744–1745.~]

~Zweiten Schlesischen Krieg.~

Mit 80 000 Mann »kaiserlicher Hilfstruppen« rückt der König durch Sachsen in Böhmen ein, erobert +Prag+, wird aber bald darauf infolge des Rückzuges der Franzosen, die ihn ohne Beistand lassen, nach Schlesien zurückgedrängt (1744).

[~1745.~]

Nach Karls VII. Tode in München entsagt sein Sohn +Max Joseph+ (1745–1777) im ~Frieden zu Füßen~ allen Erbansprüchen auf Österreich und verspricht dem Gemahl der Maria Theresia, +Franz Stephan+, seine Stimme bei der Kaiserwahl.

Die Franzosen unter dem Marschall +Moritz von Sachsen+, einem Sohne Augusts II. und der Gräfin Aurora Königsmark, dringen nach dem Siege bei +Fontenoy+ in die +österreichischen Niederlande+ ein und erobern Brüssel.

[~1745.~]

Friedrichs Siege bei ~Hohenfriedeberg~ (in Schlesien, 4. Juni, über Herzog Karl von Lothringen, Bruder Franz Stephans) und bei ~Soor~ (im nordöstl. Böhmen, 30. Sept.) beweisen aufs neue die Überlegenheit der preußischen Waffen. Nach einem dritten Siege, den der alte Feldmarschall +Leopold von Dessau+ († 1747) bei ~Kesselsdorf~ (unweit Dresden, 15. Dez.) über die Sachsen davonträgt, folgt der

~Friede zu Dresden~: Bestätigung des Besitzes von +Schlesien+; Friedrich erkennt den Gemahl Maria Theresias als Kaiser an.

[~1745–1765.~]

~Franz I.~ deutscher Kaiser ~(Haus Lothringen- Toskana~ 1745–1806).

+Beendigung des Österreichischen Erbfolgekriegs+: Nachdem die besten englischen Truppen nach England gegen den von Frankreich unterstützten Prätendenten +Karl Eduard+ (S. 299) abberufen sind, vollendet der Marschall Moritz von Sachsen durch den Sieg bei ~Raucoux~ 1746 die Eroberung der österreichischen Niederlande. Maria Theresia schließt ein Bündnis mit Elisabeth von +Rußland+ (S. 295), die 1748 Truppen nach Deutschland sendet. Frankreichs Verluste in dem gleichzeitigen +Seekriege+ mit England (S. 299f.) dämpfen die Kriegslust der Franzosen.

[~1748.~]

~Friede zu Aachen~: 1. Österreich tritt +Parma+ und +Piacenza+ an den spanischen Infanten +Don Philipp+ ab (zweite Sekundogenitur der +spanischen+ Bourbons in Italien, S. 279). 2. Gewährleistung +Schlesiens+ für +Preußen+, der +Pragmatischen Sanktion+ für +Österreich+, der +britischen Thronfolge+ für das Haus +Hannover+ (S. 272).

Veränderung des europäischen Staatensystems durch den Eintritt Preußens in die Reihe der Hauptmächte. ~Friedrichs d. Gr. Friedensregierung~ (s. +Anhang+) wird ein Vorbild für andere Staaten. -- In +Sanssouci+ (1745–1747 erbaut) lebt 1750–1763 +Voltaire+; auch die Gelehrten Maupertuis, d’Argens, La Mettrie und Algarotti werden herangezogen.

In ~Österreich~ durch Maria Theresia Abstellung vieler Mißstände, Hebung der Finanzen, Bildung eines tüchtigen Heeres (Daun). Sparsame Hofhaltung. Sorge für Handel, Industrie und Ackerbau. Erleichterung der Leibeigenschaft. Gründung der Volksschule. Abschaffung der Folter.

In ~Dresden~ glänzende Hofhaltung Augusts des Starken († 1733) und Augusts III. († 1763). Italienische Oper, Gründung der Gemälde-Gallerie 1746. Minister Graf +Brühl+ († 1763).

Aufblühen der ~deutschen Literatur~: Albrecht von +Haller+ in Bern, dann in Göttingen (Universität gegr. 1737; † 1777 in Bern). Fr. von +Hagedorn+ in Hamburg († 1754), +Gottsched+ († 1766) und +Gellert+ († 1769) in Leipzig; +Gleim+ in Halberstadt († 1803), +Ramler+ († 1798) und Ewald von +Kleist+ in Berlin († 1759 in Frankfurt a. O.). +Klopstock+ geb. 1724 zu Quedlinburg (1748 der Messias), 1751 in Kopenhagen († 1803 in Hamburg). +Lessing+ geb. 1729 zu Kamenz (Oberlausitz), 1751 in Berlin († 1781 in Braunschweig).

[~1756–1763.~]

~Siebenjähriger (Dritter Schlesischer) Krieg.~

Maria Theresia, seit 1746 mit +Rußland+ verbündet, sucht auch Frankreich zu gewinnen. Fürst +Kaunitz+ (1740–1753 österreichischer Gesandter in Paris, dann Reichskanzler in Wien) bewirkt eine Aussöhnung der Jahrhunderte lang feindseligen (S. 206) Kabinette von Wien und Versailles; die +Marquise von Pompadour+ begünstigt das Bündnis. +England+, 1750 dem österreichisch-russischen Bündnis angeschlossen, tritt 1755 mit Rußland in besonderen Bund, aber erneute Feindseligkeiten Frankreichs wegen der Besitzungen in Nordamerika veranlassen Georg II., im Jan. 1756 den Vertrag von +Westminster+ mit +Preußen+ abzuschließen. Beide Mächte garantieren sich ihren Besitz. Für den Fall eines Krieges verspricht England Hilfsgelder. Darauf Bündnis zwischen +Frankreich+ (Ludwig XV. 1715–1774) und +Österreich+ (Mai 1756).

Friedrich d. Gr., von den Plänen seiner Feinde unterrichtet, entschließt sich ihnen zuvorkommen und eröffnet den Krieg, ehe die Rüstungen der Gegner beendet sind.

[~1756.~]

(29. Aug.) Einfall +Friedrichs+ in Sachsen mit 67000 Mann. Dresden besetzt, das sächsische Heer bei +Pirna+ eingeschlossen. Friedrich zieht mit 24000 Mann den +Österreichern+ entgegen und gewinnt den

[1. Okt.]

~Sieg bei Lobositz~ (in Böhmen).

[16. Okt.]

17000 Sachsen ergeben sich als Kriegsgefangene und werden zum Dienst im preußischen Heere gezwungen. Kurfürst Friedrich August II. verläßt die Festung Königstein und entflieht nach Warschau (S. 279).

[~1757.~]

Erklärung des +Reichskrieges+ an Preußen; doch bleiben Hannover, Hessen, Braunschweig, Sachsen-Gotha mit Preußen verbunden. +Österreich+ und +Rußland+ (Elisabeth, Tochter Peters d. Gr. 1741–1762) schließen einen. Angriffs- und Teilungsvertrag gegen Preußen (Febr.), ebenso +Österreich+ und +Frankreich+ (Mai). König Adolf Friedrich von +Schweden+ (1751–1771, S. 294) tritt gegen das Versprechen, Pommern zu bekommen, dem Bunde gegen seinen Schwager Friedrich bei; seine Teilnahme am Kriege ist jedoch unbedeutend. Bündnis zwischen +Preußen+ und +England+; letzteres verpflichtet sich 1758 zur Zahlung von Hilfsgeldern (4 Millionen Taler jährlich).

[April.]

Die Preußen rücken in vier Heeresabteilungen (über Trautenau, Reichenberg, Nollendorf, Komotau, zusammen 117000 Mann) in Böhmen ein.

[6. Mai.]

~Sieg Friedrichs bei Prag~ über die Österreicher (Herzog Karl von Lothringen und Browne). ~Schwerin †.~

Friedrich belagert +Prag+, greift mit einem Teil seines Heeres den zum Einsatz anrückenden +Daun+ an, erleidet aber eine bedeutende

[18. Juni.]

~Niederlage bei Kolin.~ Prag und ganz Böhmen aufgegeben, Rückzug nach der Lausitz. Die Franzosen dringen bis zur Weser vor.

[26. Juli.]

~Schlacht bei Hastenbeck~, Sieg der +Franzosen+ über Friedrichs Verbündete (unter dem +Herzog von Cumberland+, zweitem Sohne König Georgs II.).

Die Russen (+Apraxin+) greifen in Ostpreußen den Feldmarschall Lehwaldt mit überlegener Macht an und siegen (30. Aug.) bei ~Großjägersdorf~, gehen aber wegen Verpflegungssorgen und Krankheit der Kaiserin Elisabeth nach der preußisch-polnischen Grenze zurück.

Friedrich läßt die größere Hälfte seines Heeres (unter dem Herzog von +Braunschweig-Bevern+ und General +v. Winterfeld+) in der Lausitz zurück und zieht mit 25000 Mann nach Thüringen. Winterfeld † im Gefecht bei +Moys+ (unweit Görlitz, 7. Sept.).

[8. Sept.]

Vertrag zu ~Kloster Zeven~ (Herzog von +Cumberland+ und +Richelieu+), wonach die Franzosen +Hannover+ besetzen. Ein +zweites+ französisches Heer unter +Soubise+ vereinigt sich mit dem +Reichsheere+, um Sachsen zu befreien. Friedrich zieht diesen Feinden entgegen; General +v. Seydlitz+ mit der Vorhut vertreibt sie (19. Sept.) aus +Gotha+.

[5. Nov.]

~Sieg Friedrichs bei Roßbach~ (westlich von der Saale, unweit Merseburg) mit 22000 Mann (die Reiterei unter ~Seydlitz~) über +Soubise+ und das +Reichsheer+ (64000 Mann).

Der Vertrag von Zeven wird von der englischen Regierung verworfen. Herzog ~Ferdinand von Braunschweig~ erhält den Oberbefehl gegen die Franzosen. Friedrich zieht in Eilmärschen nach Schlesien, wo die +Österreicher+ den Herzog von +Braunschweig-Bevern+ in der

[22. Nov.]

+Schlacht bei Breslau+ geschlagen und gefangen hatten.

[5. Dez.]

~Sieg Friedrichs bei Leuthen~ mit 32000 Mann über 80000 +Österreicher+ (Karl von Lothringen und Daun). +Breslau+ wiedergewonnen.

[~1758.~]

Friedrich erobert Schweidnitz, dringt in +Mähren+ ein, belagert +Olmütz+ vergeblich, muß sich, da Daun heranrückt, nach Schlesien zurückziehen. Im Osten Vorrücken der Russen (+Fermor+), die sich mit den Österreichern zu vereinigen suchen. Im Westen treibt +Ferdinand von Braunschweig+ die Franzosen über den Rhein zurück, schlägt sie in der

[23. Juni.]

~Schlacht bei Krefeld~ und verteidigt sich dann, durch englische Truppen (8500 Mann) verstärkt, in +Westfalen+ gegen zwei französische Heere.

Die Russen dringen nach Eroberung Ostpreußens bis zur Oder vor und belagern +Küstrin+. Friedrich läßt einen Heeresteil in Sachsen unter seinem Bruder, dem Prinzen +Heinrich+, zurück, einen andern in Schlesien unter dem Feldmarschall +Keith+ und zieht gegen die Russen.

[25. Aug.]

~Sieg Friedrichs~ (+Seydlitz+) ~bei Zorndorf~ (unweit Küstrin) über die Russen (42000 Mann unter +Fermor+ gegen 36000 Preußen).

Die Österreicher rücken nach der Lausitz vor; der König kommt seinem Bruder Heinrich zu Hilfe.

[14. Okt.]

~Niederlage Friedrichs bei Hochkirch~ (unweit Bautzen) durch ~Daun.~ Dennoch behauptet er Sachsen und Schlesien und entsetzt +Neiße+.

[~1759.~]

Herzog +Ferdinand von Braunschweig+, von den Franzosen unter dem Herzog von Broglie bei +Bergen+ (unweit Frankfurt am Main) zurückgeschlagen (13. April), behauptet, das Wesergebiet durch seinen

[1. Aug.]

~Sieg bei Minden.~ Erneutes Vorrücken der Russen (+Soltykow+), sie schlagen den General +v. Wedell+, dem der König die Vollmacht eines Dictators gegeben hatte, bei ~Kay~ unweit Züllichau (23. Juli). Friedrich kann ihre Vereinigung mit den +Österreichern+ unter +Laudon+ nicht hindern. Schwere

[12. Aug.]

~Niederlage Friedrichs bei Kunersdorf~ (bei Frankfurt a. d. Oder) durch die +Österreicher+ und die im Anfange bereits geschlagenen +Russen+. Aber +Daun+ mit dem zweiten österreichischen Heere bleibt in der Lausitz stehen, wird von Prinz +Heinrich+ am Vorrücken gehindert. Friedrichs Lager bei +Fürstenwalde+. Er folgt den in der Richtung auf +Glogau+ abziehenden Russen und wendet sich dann nach Sachsen.

[4. Sept.]

+Dresden+ von Österreichern und Reichstruppen eingenommen. Der General Schmettau erhält freien Abzug. Friedrich versucht die Stadt wiederzugewinnen; aber das von ihm nach ~Maxen~ (unweit Pirna) entsandte Korps des General +Finck+ (12000 Mann) wird von Daun eingeschlossen

[20. Nov.]

und gefangen. Friedrich behauptet seine Winterquartiere in der Gegend zwischen Freiberg und Meißen.

[~1760.~]

+Fouqué+ von +Laudon+ in der

[23. Juni.]

~Schlacht bei Landshut~ geschlagen und mit 8000 Mann gefangen. Nach vergeblicher Belagerung +Dresdens+ zieht der König nach Schlesien, wo +Breslau+ vom General +v. Tauenzien+ tapfer verteidigt wird.

[15. Aug.]

~Sieg Friedrichs bei Liegnitz~ über die +Österreicher+ unter +Laudon+. Er hindert die Vereinigung der Russen mit den Österreichern.

[Sept.]

+Kolberg+ behauptet sich gegen die belagernden Russen, wird entsetzt durch den raschen Zug des Generals von Werner.

[Okt.]

Besetzung +Berlins+ durch Russen (+Tottleben+) und Österreicher. Beim Heranrücken des Königs ziehen sich die Feinde zurück. Darauf blutiger

[3. Nov.]

~Sieg Friedrichs bei Torgau~ über die +Österreicher+ unter +Daun+. General +v. Zieten+ entscheidet den Sieg durch Erstürmung der Süptitzer Höhen.

[~1761.~]

Friedrich im Lager bei ~Bunzelwitz~ (bei Schweidnitz) den vereinigten +Österreichern+ (Laudon) und +Russen+ (Buturlin) gegenüber, die nichts Entscheidendes gegen ihn wagen. Trennung der verbündeten Heere. +Schweidnitz+ wird von den Österreichern, +Kolberg+ von den Russen genommen. Friedrich im Lager bei +Strehlen+, um Breslau zu decken. In Sachsen behauptet sich Prinz Heinrich, an der Weser Herzog Ferdinand von Braunschweig. Bedrängte Lage Friedrichs, der infolge der Thronbesteigung +Georgs III.+ (1760–1820) auch die englischen Hilfsgelder verliert. Der

[~1762.~ 5. Jan.]

~Tod der Kaiserin Elisabeth~ von Rußland bringt eine günstige Wendung. Ihr Nachfolger +Peter III.+ (S. 277, 293), ein Verehrer Friedrichs, schließt mit Preußen Frieden, bald darauf ein +Bündnis+, doch wird dieses durch seine Entthronung und Ermordung (Juli) wieder aufgehoben. Seine Nachfolgerin +Katharina II.+ ruft ihre Truppen von Friedrichs Heer ab, doch tragen die Russen unter Czernitschew noch durch ihre untätige Gegenwart zu dem

[21. Juli.]

~Sieg Friedrichs bei Burkersdorf~ über die +Österreicher+ bei. Schweidnitz wiedergewonnen. Nachdem Herzog Ferdinand die Franzosen bei +Wilhelmsthal+ unweit Kassel (24. Juni), Prinz Heinrich die Österreicher und Reichstruppen bei ~Freiberg~ (29. Okt.) besiegt hat und General v. Kleist bis +Nürnberg+ vorgedrungen ist (29. Nov.), tritt Waffenruhe ein. Da England und Frankreich miteinander Frieden schließen und die französischen Truppen Deutschland räumen, ist auch Maria Theresia zum Frieden geneigt.

[~1763.~ 15. Febr.]

~Friede zu Hubertusburg~ (Jagdschloß unweit Grimma): Friedrich d. Gr. behält Schlesien, räumt den noch besetzten Teil Sachsens, verspricht seine Kurstimme für die Wahl des Erzherzogs +Joseph+ zum römischen König.

~Preußen~ hat im Siebenjährigen Kriege den Kampf um sein Dasein ruhmvoll bestanden und Deutschland gegen die Angriffe des Auslandes verteidigt. Das gesunkene deutsche Nationalgefühl richtet sich wieder an Friedrichs Heldentum auf.

Durch die Eroberung von Schlesien, die Erwerbung Westpreußens bei der ersten polnischen Teilung (S. 296), -- Friedrich nennt sich seitdem König +von+ Preußen -- und die Aufrechterhaltung des deutschen Reichssystems gegen die Bestrebungen Kaiser Josephs II. (S. 290f.) wird Preußen eine +europäische Großmacht+. Alle Welt bewunderte das Resultat, aber das preußische Staatswesen besaß bereits nicht mehr die Zuneigung der Zeitgenossen. -- Friedrichs Fürsorge für sein Land, s. Anhang.

[~1765–1790.~]

~Joseph II., deutscher Kaiser~, für die österreichischen Länder bis ~1780~ nur +Mitregent+ seiner Mutter +Maria Theresia+ und wie sein Vater ohne bedeutenden Einfluß auf die innere Regierung.

[1767.]

Versuch einer Reform des Reichskammergerichts zu +Wetzlar+.

[1769.]

Zusammenkunft mit Friedrich II. in +Neiße+, der 1770 ein Gegenbesuch in +Mährisch-Neustadt+ folgt.

[~1778–1779.~]

~Bayrischer Erbfolgekrieg.~ Veranlassung: Aussterben der bayrischen Kurlinie mit +Max Joseph+ (1777). +Karl Theodor+, 1743–1799 (S. 279), Kurfürst von der Pfalz und Herzog von Jülich und Berg, als Haupt der älteren Linie des Hauses +Wittelsbach+ (vgl. S. 186) rechtmäßiger Erbe der bayrischen Länder, läßt sich von Kaiser Joseph II. bewegen, alte Ansprüche Österreichs auf +Niederbayern+ und auf Teile der +Oberpfalz+ anzuerkennen.

Vertrag zu Wien (1778, Januar). Besetzung von Niederbayern durch österreichische Truppen. +Karl Theodor+ war kinderlos; mit seinem Erben, dem Herzog Karl von +Pfalz-Zweibrücken+, tritt Friedrich der Große in Verbindung und ermutigt ihn zum Widerstande gegen die österreichischen Ansprüche.

Friedrich rückt mit Truppen in +Böhmen+ ein; es kommt zu keiner Schlacht.

[~1779.~]

~Friede zu Teschen~: Österreich behält von Bayern nur das +Innviertel+ und willigt in die künftige (1791 erfolgte) Vereinigung der Markgrafschaften +Ansbach+ und +Baireuth+ mit der +preußischen Monarchie+. Bayern und +Pfalz+ (mit Jülich und Berg, s. S. 252, 279) bleiben vereinigt.

[~1780–1790.~]

~Joseph II.~ in Österreich. Auf die durch manche Verbesserungen der Verwaltung für Österreich segensreiche Regierung Maria Theresias (S. 285) folgt das stürmische Vorgehen Josephs. Von dem Ideal eines starken Einheitsstaates erfüllt, strebt er danach, die Macht der bevorrechtigten Stände (Geistlichkeit und Adel) zu brechen, alle provinzielle Selbständigkeit zu beseitigen und +Einheit+ der Verwaltung (Zentralisation) herzustellen. Die deutsche Sprache auch in Ungarn als Amtssprache eingeführt.

[1781.]

+Toleranzedikt+ zu Gunsten der nicht katholischen Untertanen. Über 700 +Klöster+ aufgehoben, für die noch verbleibenden (mehr als 1300) Staatsaufsicht vorgeschrieben. Beschränkung des Verkehrs der Geistlichkeit mit Rom; der Besuch des jesuitischen Collegium germanicum in Rom verboten (Jesuitenorden 1773 durch Papst Clemens XIV. aufgehoben); landesherrliches +Placet+ für die päpstlichen Erlasse eingeführt. Vergebliche Reise des Papstes Pius VI. nach Wien 1782, um diese Neuerungen abzuwenden.

+Aufhebung der Leibeigenschaft+, doch bleiben noch manche Dienstverpflichtungen der Bauern bestehen. Reform des Gerichtswesens.

[~1785.~]

Kaiser Josephs Plan eines Ländertausches, wonach +Karl Theodor+ ganz +Bayern+ an Österreich abtreten und dafür die +österreichischen Niederlande+ (Belgien) außer +Luxemburg+ und +Namur+ als ~Königreich Burgund~ erhalten soll. Frankreich verhält sich gleichgültig, Rußland sucht durch Zureden und Drohungen den bayrischen Thronerben, den Herzog Karl von +Pfalz-Zweibrücken+, zur Einwilligung zu bewegen. Dieser wendet sich um Hilfe an +Friedrich den Großen+, welcher noch ein Jahr vor seinem Tode († 1786, 17. Aug.), den

[~1785.~]

~deutschen Fürstenbund~ zwischen +Preußen+, +Sachsen+, +Hannover+ zustande bringt, dem dann viele kleinere Staaten beitreten nach dem Vorgang »des einstigen Schmalkaldischen« (S. 230ff.).

Damit die deutsche Reichsverfassung und die Dynastien gegen die Pläne des Kaisers sicher gestellt. Ebenso Widerstand gegen Josephs Reformen in den österreichischen Niederlanden und in Ungarn. Die Aufhebung der Verfassung von Brabant bewirkt einen Aufstand der belgischen Provinzen (1789). Joseph, aus dem gemeinschaftlich mit Rußland unternommenen Türkenkriege (S. 297) krank zurückgekehrt, stirbt kinderlos Febr. 1790, nachdem er fast alle Neuerungen wieder aufgehoben hatte.

[~1786–1797.~]

~Friedrich Wilhelm II., König von Preußen~, Neffe Friedrichs d. Gr., nicht von gleicher Tätigkeit und Entschlossenheit wie seine beiden Vorgänger. Die Finanzen des Staates kommen in Unordnung, das Heerwesen verfällt (s. Anhang).

[1791.]

Ansbach und Bayreuth durch Erbanfall gewonnen.

[~1790–1792.~]

~Leopold II. Kaiser~, Josephs Bruder und Nachfolger, seit 1765 Großherzog von Toskana. Er unterdrückt den Aufstand in Belgien, indem er zugleich die alten Verfassungen und Privilegien wiederherstellt. Manche Reformen Josephs noch von Leopold II. beseitigt, doch bleibt das Toleranzedikt und die Aufhebung der Leibeigenschaft. Durch die Konferenzen in +Reichenbach+ 1790 wird ein Krieg mit +Preußen+ abgewendet, welches mit den +Türken+ und mit +Polen+ Bündnisse geschlossen hatte (Minister +v. Hertzberg+), um Rußland und Österreich entgegenzuwirken (S. 297). Der Fürstenbund gesprengt. Preußen wieder im Schlepptau der österreichischen Politik.

~Entfaltung d. deutschen Literatur u. Wissenschaft.~

+Winkelmann+ 1717–1768, Geschichte der Kunst des Altertums 1764. +Lessings+ Laokoon 1766, Hamburgische Dramaturgie 1767, Nathan 1779; +Goethes+ Götz v. Berlichingen 1773, Iphigenie 1787, Hermann und Dorothea 1797; +Schillers+ Räuber 1781, Don Carlos 1787, Glocke und Wallenstein 1799. +Kant+ 1724–1804 in Königsberg i. Pr.; Kritik der reinen Vernunft 1781; F. A. +Wolf+ 1759–1824, Prolegomena ad Homerum 1792.

~Klopstock~ s. S. 285. ~Lessing~ 1729 in Kamenz geb., 1760 in Breslau, 1767 in Hamburg, 1770 in Wolfenbüttel, † 1781. ~Wieland~ 1772–1813 (geb. 1733), ~Goethe~ 1775, ~Herder~ 1776 bis 1803 (geb. 1744) in ~Weimar~ am Hofe des Herzogs +Karl August+. ~Goethe~ geb. 1749 in Frankfurt a. M., † 1832 in Weimar. ~Schiller~ geb. 1759 in Marbach, 1782 Flucht aus Stuttgart, 1785 in Dresden, 1789 in Jena, 1799 in Weimar, † 1805.

Zu nationaler und allgemeiner Bedeutung gelangt auch die ~deutsche Musik~: +Seb. Bach+ in Leipzig († 1750, Matthäuspassion 1729), +Händel+ (geb. in Halle a. Saale, † in London 1759, Messias 1741), +Gluck+ († in Wien 1787), +Haydn+ († in Wien 1809, die Schöpfung 1797), +Mozart+ († in Wien 1791).

Auch an dem Aufschwung der ~Naturwissenschaften~ nimmt Deutschland teil. +Linné+ 1741 in Upsala, +Jussieu+ und +Buffon+ in Paris. +Euler+ 1741 in Berlin, 1766 in Petersburg, +Blumenbach+ 1780 in Göttingen; +Herschel+, 1781 Entdeckung des Planeten Uranus in Greenwich. +Celsius+ 1730 in Upsala, +Réaumur+ in Paris. +Galvani+ 1780 in Bologna, +Volta+ in Pavia. +Lavoisier+ 1794 in Paris hingerichtet. Französische Gradmessung zur Bestimmung des Erdumfangs 1792–1808.

§ 8. Der Norden und Osten.

~Dänemark~ (mit ~Norwegen~), seit Beendigung des Nordischen Krieges im vollständigen Besitz +Schleswigs+ (S. 277), erfreut sich unter +Friedrich IV.+, +Christian VI.+, +Friedrich V.+, +Christian VII.+, (Graf +Bernstorff+ Minister 1751–1770) eines langen inneren und äußeren Friedens. Unter dem schwachen +Christian VII.+ beginnt 1770 der Minister ~Struensee~ (geb. in Halle, Arzt in Altona, Reisebegleiter des Königs, Erzieher des Kronprinzen, Günstling der Königin +Karoline Mathilde+) übereilte Reformen nach dem Vorbild Friedrichs II. und Josephs II. Er wird 1772 durch eine Verschwörung der Adelsaristokratie (Königin-Mutter +Juliane Marie+) gestürzt und mit seinem Freunde +Brandt+ enthauptet.

Der jüngere +Bernstorff+ (Neffe des vorigen), Minister 1773 bis 1780 und wiederum 1784–1797, beendigt den Streit mit dem Hause Holstein-Gottorp 1773 durch einen Vertrag mit der in +Rußland+ regierenden älteren Linie desselben: Abtretung des Stammlandes +Oldenburg+ (S. 268) an die jüngere Linie, welche im Besitz des Bistums +Lübeck+ (S. 255, Hauptort Eutin) war; dafür ganz +Holstein+ mit Dänemark vereinigt.

~Schweden~ im Innern zerrüttet und geschwächt durch die Zwistigkeiten der den Reichstag beherrschenden Adelsparteien (+Hüte+ für Frankreich, +Mützen+ für Rußland). Die königliche Gewalt unbedeutend unter +Friedrich+ von Hessen-Kassel (1720 bis 1751, S. 277). Unglücklicher ~Krieg gegen Rußland~ 1741 bis 1743, beendigt durch den Frieden zu ~Åbo~: 1. Abtretung des südlichen Finnland, der +Kymmene+-Fluß wird Grenze zwischen Schweden und Rußland, dadurch gesicherte Lage Petersburgs. 2. Prinz +Adolf Friedrich+ von Holstein-Gottorp (S. 293), Verwandter des russischen Kaiserhauses, wird zum Thronfolger in Schweden bestimmt.

~Das dänische Königshaus und das Haus Holstein-Gottorp.~

Christian I., K. v. Dänemark, † 1481. _________________|___________ | | Johann, K. v. Friedrich I., K. v. Dänemark, † 1533. Dänemark, † 1513. | | ______|____________ | | | Christian II., Christian III., Adolf, Hz. zu Gottorp. K. v. Dänemark, K. v. Dänemark, | abgesetzt 1523. † 1559. | ___________|__ Sein Urenkel | | Christian Albrecht, Friedrich II., Johann, Stifter der Universität Kiel 1665. K. v. Dänemark. Hg. zu _____|________________ | Sonderburg. Friedrich IV., Christian August, Königliche Linie | Hz. zu. Gottorp. Bischof v. Lübeck. bis Friedrich VII., ___|_ | | † 1863 ___________| | | _______|____________________ | | | | | | Augustenburger Glücksburger | Adolf Friedr., Friedr. Aug., Georg Linie. Linie. _______| K. v. Bischof Ludwig. | Schweden. v. Lübeck, Karl Friedrich, Gem. Luise 1773 Hz. Gem. Anna, d. Ulrike v. Oldenburg. ält. Tochter v. Preußen. Peters d. Gr. | | Peter III., † 1762, | | Zar von Rußland. Schwedische Peter, Gem. Katharina II. Linie bis 1818. Begründer der v. Anhalt Zerbst, † 1796. Oldenburger | Linie. Russische Linie.

[~1751–1818.~]

~Haus Holstein-Gottorp~ in Schweden.

Unter Adolf Friedrich (1751–1771) unrühmliche Teilnahme am Siebenjährigen Kriege. Sein Sohn ~Gustav III.~ (1771–1792) stürzt durch einen unblutigen Staatsstreich 1772 die Macht des Adels; die +Stände+ (Adel, Geistlichkeit, Bürger, Bauern) beraten fortan nur über die vom König gemachten Vorschläge und haben das Recht des Einspruchs gegen einen Angriffskrieg.

[1788–1790.]

~Krieg gegen Rußland~, um die Ostseeprovinzen wiederzugewinnen. Nach dem unentschiedenen Seetreffen bei der Insel +Hogland+ rückt Gustav III. in den an Rußland 1743 abgetretenen Teil Finnlands ein; die Offiziere verweigern ihm den Gehorsam. Er findet Unterstützung in Stockholm und Dalarne; die Stände bewilligen ihm (+gegen+ den Adel) das Recht des +Angriffskrieges+. Trotz glänzender Waffentaten Gustavs (Seesieg bei Svenskasund 1790) Friede zu +Werelä+ ohne Vorteil für Schweden.

[1792.]

+Gustav III.+ von +Ankarström+, einem ehemaligen Offizier, ermordet; Regentschaft eingesetzt für seinen minderjährigen Sohn Gustav IV.

~Rußland~ und ~Polen~.

Alexei, †1676. ____________|_________________________________ | | | | ~Feodor III.~, ~Iwan V.~, Sophia. ~Peter der Große~, †1682. †1696. †1725. Gem. _________|____ ~Katharina I.~, | | †1727. Katharina, ~Anna~, ________|________________ Herzogin v. †1740. Alexei, Anna, ~Elisabeth~, Meckl.-Schwerin. †1718. Gem. Karl †1762. | | Friedr. v. Anna, ~Peter II.~, Holstein-Gottorp. Herzogin v. Braunschweig. †1730. | | ~Peter III.~, ~Iwan VI.~ bis 1741, † 1764. †1762. Gem. ~Katharina II.~, † 1796.

Auf +Peter den Großen+, dessen zur altrussischen Partei neigender Sohn +Alexei+, vom Vater zum Tode verurteilt, im Gefängnis gestorben war (1718), folgt kraft eines von Peter 1722 erlassenen Gesetzes, welches den jedesmaligen Herrscher zur Ernennung seines Nachfolgers ermächtigte (später durch Paul I. wieder aufgehoben), seine Gemahlin

[~1725–1727.~]

~Katharina I.~, geleitet von Fürst ~Menschikow~, (S. 269), der durch seine Herrschsucht sich den Haß der altrussischen Partei zuzieht.

[~1727–1730.~]

~Peter II.~, 12 Jahre alt, Enkel Peters d. Gr. Menschikow durch die Familie +Dolgoruki+ gestürzt und nach Sibirien verbannt, wo er 1729 stirbt. Die Residenz nach Moskau zurückverlegt.

[~1730–1740.~]

~Anna Iwanowna~, Nichte Peters d. Gr., von +Münnich, Ostermann+ und ihrem Günstling +Biron+ (eigentlich +Bühren+) geleitet. Rückkehr des Hofes nach St. Petersburg; Biron herrscht bald unumschränkt und unterdrückt die +Dolgoruki+; 1737 wird er auf Wunsch der Kaiserin von August III., König von Polen (1733–1763), zum +Herzog von Kurland+ ernannt. Rußlands Einfluß in Polen wird durch den polnischen Thronfolgekrieg (s. S. 279f.) begründet. In dem mit Österreich gemeinschaftlich (s. S. 279) geführten +Türkenkrieg+ wird trotz der Siege des Feldmarschalls +Münnich+ nur +Asow+ wieder gewonnen (S. 275). Auf die Kaiserin Anna folgt ihr Großneffe, der unmündige

[~1740–1741.~]

~Iwan VI.~, dessen Mutter +Anna von Braunschweig+ nach dem durch +Münnich+ bewirkten Sturz Birons kurze Zeit die Regierung führt (Biron nach Sibirien). Durch einen Soldatenaufstand erlangt den Thron

[~1741–1762.~]

~Elisabeth~, die jüngste Tochter Peters des Großen. +Iwan+ wird gefangen. +Münnich+ und +Ostermann+ werden nach Sibirien geschickt, +Biron+ kommt zurück. Launenhafte Regierung unter dem Einfluß der Günstlinge; der preußenfreundliche +L’Estocq+, dem die Kaiserin hauptsächlich den Thron verdankt, wird 1748 durch +Bestuschew+, den Freund Österreichs, gestürzt, Bestuschew fällt 1758 in Ungnade. Rußlands Teilnahme am Siebenjährigen Kriege s. S. 285–289. Nach Elisabeths Verfügung gelangt ihr Neffe Peter, Herzog von Holstein-Gottorp, zum Thron.

Seit ~1762. Haus Holstein-Gottorp~ in Rußland.

Peter III., †1762, Gem. Katharina II., †1796. | Paul I., †1801. ______________________|__________________ Alexander I., Konstantin, Nikolaus I. †1825. †1831. †1855. Gem. Charlotte v. Preußen, †1860. _________________________________|_________________ Alexander II., Konstantin, Nikolaus, Michael, †1881. †1892. †1891. †1909. Gem. Maximiliane v. Hessen. ______|________________________________________________ Alexander III., Wladimir, Alexei, Sergius, Paul. †1894. †1909. | †1908. †1905. | Gem. Dagmar v. Dänemark, |_______________________ | | Kyrill. Boris. Andreas. Demetrius _____|__________________________________ Nikolaus II., Georg, Michael. 1894-x †1899 Gem. Alix v. Hessen. | Alexei.

[1762.]

~Peter III.~ beginnt unvorsichtig ins Werk gesetzte Neuerungen, wird nach 6 Monaten entthront und gefangen gesetzt von seiner Gemahlin (Prinzessin von Anhalt-Zerbst), der energischen und sittenlosen

[~1762–1796.~]

~Katharina II.~ Die Brüder Gregor und Alexei +Orlow+, Günstlinge Katharinas, lassen den Kaiser erdrosseln; +Iwan VI.+ wird im Gefängnis zu Schlüsselburg getötet. +Münnich+, unter Peter III. zurückgekehrt, bleibt in Ansehen († 1767).

Katharina, zugleich auf innere Reformen und auf Erhöhung der Machtstellung Rußlands bedacht, wendet sich bald gegen +Polen+. Sie fordert und erhält von König August III. +Kurland+ zurück für +Biron+, der das Herzogtum unter russischem Einfluß verwaltet und auf seinen Sohn vererbt.

Nach dem Tode +Augusts III.+ 1763 setzt Katharina in Verbindung mit Friedrich II. die Wahl ihres Schützlings

[~1764–1795.~]

~Stanislaus Poniatowski~ († 1798) zum König von Polen durch. Auf Rußlands und Preußens Betreiben erhalten die +Dissidenten+ (Anhänger der +griechischen+ Kirche und +Protestanten+) gleiche Rechte mit den Katholiken. Der russenfreundliche Teil des Adels schließt 1767 die +Konföderation von Radom+, der auch der König beitritt. Dagegen 1768 Bund des national gesinnten Teils des Adels, die +Konföderation von Bar+ »zum Schutze der Religion und Freiheit Polens«. Mißglückter Versuch derselben, den König zu entführen. In dem Bürgerkriege wird der König durch ein russisches Heer gegen die Konföderation von Bar unterstützt. Die Türken erklären als Verbündete dieser Konföderation den Russen den Krieg (1768–1774). Rußlands Erfolge in demselben erregen +Preußens+ und +Österreichs+ Eifersucht. Um eine gleichmäßige Machtvergrößerung der drei Mächte herbeizuführen, erfolgt die

[~1772.~]

~erste Teilung Polens~: 1. ~Rußland~ erhält das Land jenseits der Düna und des Dnjepr (110000 qkm). 2. ~Österreich~: Ostgalizien und Lodomirien (70000 qkm); (die Zips schon 1770 besetzt). 3. ~Preußen~: +Westpreußen+ mit Ausnahme von Danzig und Thorn, das Bistum +Ermeland+ und den +Netzedistrikt+ (35000 qkm), vgl. Anhang. Der polnische Reichstag gibt widerstrebend 1773 seine Zustimmung.

[~1768–1774.~]

~Krieg gegen die Türken.~ Die türkische Flotte wird von der russischen (unter Alexei +Orlow+) in der Bucht von +Tschesme+ (der Insel Chios gegenüber) 1770 geschlagen und verbrannt. Während des Krieges Aufstand des Kosaken +Pugatschew+, der sich für Peter III. ausgibt. +Romanzows+ Erfolge, der die Walachei erobert und den türkischen Großvezier bei +Schumla+ einschließt, bewirken den ~Frieden von Kutschuck Kainardsche:~

1. +Rußland+ erhält +Kinburn+ an der Dnjeprmündung, +Jenikale+ und +Kertsch+ in der Krim, freie Handelsschiffahrt auf allen türkischen Meeren. 2. Die +Tataren+ in der +Krim+ und am +Kuban+ werden für »unabhängig« erklärt. 3. Rückgabe der russischen Eroberungen in der Moldau und Walachei an ihre Fürsten, welche Rußland +fortan in Konstantinopel der Pforte gegenüber vertritt.+

Reformen in der Verwaltung Rußlands: Neue Einteilung der Gouvernements, Städteordnung, Milderung der Leibeigenschaft, Verwaltung der Kirchengüter durch eine kaiserliche Behörde. An die Stelle des Gregor +Orlow+ tritt +Potemkin+ als mächtiger Günstling der Kaiserin.

[~1780.~]

~Bewaffnete Seeneutralität~, zur Sicherung des Handelsverkehrs während des nordamerikanischen Krieges (s. S. 300f.). Von Rußland angeregt, treten ihr nach und nach bei: +Dänemark+, +Schweden+, +Preußen+, +Österreich+, +Portugal+; Spanien und Frankreich erkennen sie an. Dem Beitritt +Hollands+ kommt England durch eine Kriegserklärung zuvor.

Forderungen der bewaffneten Neutralität: 1. Freie Schiffahrt neutraler Schiffe von Hafen zu Hafen und an den Küsten Krieg führender Mächte; 2. Feindliches Eigentum ist frei in neutralen Schiffen mit Ausnahme der +Kriegszufuhr+; 3. Genaue Bestimmung, was ein +blockierter+ Hafen ist; eine Hafensperre, die nicht durch mehrere Kriegsschiffe in der Nähe des betreffenden Hafens aufrecht erhalten wird, ist ungültig.

[1783.]

Die +Krim+ wird russische Provinz (Gouvernement Taurien); die christlichen Fürsten von +Georgien+ und +Mingrelien+ (südlich vom Kaukasus) treten unter russischen Schutz.

[~1787–1792.~]

~Zweiter Türkenkrieg.~ Bündnis mit Österreich, Zusammenkunft Katharinas und Josephs II. in der neugegründeten Stadt +Cherson+ am Dnjepr (1787). +Potemkin+ erstürmt +Oczakow+ 1788, +Suwōrow+ erstürmt Ismail (am Donaudelta) 1790. Die Österreicher kämpfen anfangs unglücklich, doch erobert General +Laudon+ 1789 Belgrad. Österreich schließt 1791 den ~Frieden von Sistowa~ mit den Türken und erhält wenig mehr als Alt-Orsowa (an der Donau, Paß des Eisernen Tores). Rußland erhält 1792 im ~Frieden zu Jassy~ das Küstenland am Schwarzen Meere bis zum +Dnjestr+. An dieser Küste wird 1793 die schnell aufblühende Handelsstadt ~Odessa~ gegründet.

[~1793.~]

~Zweite Teilung Polens~. Die Polen hatten den Türkenkrieg Rußlands und Österreichs und die anscheinend günstige Stimmung Preußens zu benutzen gesucht, um ihrer Abhängigkeit von den Nachbarstaaten und den anarchischen inneren Zuständen ein Ende zu machen. Bündnis mit Preußen 1790 (s. S. 291).

Die neue ~Verfassung von 1791~ verwandelt 1. das +Wahlreich+ in ein +Erbreich+, erklärt den Kurfürsten von +Sachsen+ zum Nachfolger des Königs Stanislaus Poniatowski und den Thron für erblich im +sächsischen Hause+, überträgt 2. dem Könige und einem Staatsrate die +ausübende+, einem Reichsrate in zwei Kammern die +gesetzgebende+ Gewalt +unter Aufhebung des liberum veto+, macht 3. dem Bürger- und Bauernstande +einige+ Zugeständnisse, ermöglicht namentlich den Eintritt in den Adelsstand, dessen Privilegien im übrigen +bestätigt werden.+

Gegen diese Verfassung tritt unter dem Schutze Rußlands die +Konföderation von Targowitz+ auf. Vordringen eines russischen Heeres in Polen 1791. Tapferer, aber vergeblicher Widerstand unter Fürst +Poniatowski+, dem Neffen des Königs, und +Kosciuszko+; beide werden bei +Dubienka+ 1792 geschlagen. Der König tritt der Konföderation von Targowitz bei, die neue Verfassung wird aufgehoben. +Preußen+ verständigt sich mit Rußland und sendet ebenfalls Truppen nach Polen. Auf dem Reichstage zu +Grodno+ wird die Einwilligung der Nation zu den neuen Abtretungen erzwungen:

~Rußland~ nimmt den noch übrigen Teil +Litauens+, +Wolhynien+ und +Podolien+ (236000 qkm), Preußen nimmt +Danzig+ und +Thorn+, +Posen+ und +Kalisch+ (Südpreußen) (55000 qkm). Außerdem erzwingt Rußland einen +Unionsvertrag+, durch welchen es 1. freien Einmarsch seiner Truppen in Polen, 2. die Leitung aller künftigen Kriege, 3. das Bestätigungsrecht aller Verträge Polens mit auswärtigen Mächten erhält.

[1794.]

Aufstand in Polen, ~Kosciuszko~ an der Spitze. Die Russen unter +Igelström+ in Warschau teils niedergemetzelt, teils zur Stadt hinausgeschlagen. Preußische und russische Truppen siegen über Kosciuszko bei +Sczekozyn+; die Preußen unter Friedrich Wilhelm II. nehmen +Krakau+, belagern Warschau vergeblich. +Suwōrow+ siegt bei +Brzesc+ und bei +Macziejovice+, wo Kosciuszko gefangen wird (1797 entlassen); erstürmt dann +Praga+, die Vorstadt von Warschau.

[~1795.~]

~Dritte und letzte Teilung Polens.~ ~Preußen~ nimmt +Masovien+ mit +Warschau+, das Land zwischen +Weichsel+, +Bug+ und +Niemen+ (+Neu-Ostpreußen+), einen Teil des Gebiets von Krakau (+Neu-Schlesien+); ~Österreich~ +Westgalizien+ und +Krakau+; ~Rußland~ alles übrige, auch das Herzogtum +Kurland+. Durch die drei Teilungen erhalten die Mächte etwa folgenden Zuwachs:

+Rußland+ 465000 qkm (8500 □ Meil.) mit 6 Mill. Einw. +Österreich+ 115000 „ (2100 □ „ ) „ 4 „ „ +Preußen+ 145000 „ (2700 □ „ ) „ 2½ „ „

§ 9. Großbritannien und Nordamerika.

Auf +Wilhelm III.+ (s. S. 271), welcher kinderlos stirbt folgt seine Schwägerin

[~1702–1714.~]

~Anna~, zweite Tochter Jakobs II., unter welcher lange Zeit die Partei der +Whigs+ die Regierung leitet. +John Churchill+, Herzog von +Marlborough+, siegreich als Feldherr (S. 273), seine Gemahlin beherrscht den Hof.

[~1707.~]

Vereinigung Englands und Schottlands (+Großbritannien+) durch +ein+ Parlament an Stelle der bisherigen Personal-Union. Schottland nimmt an dem Aufschwung Englands teil.

[1710.]

Das Whigministerium durch ein Toryministerium (Lord +Bolingbroke+) ersetzt, dann Friede mit Frankreich nach dem spanischen Erbfolgekrieg. Vergebliche Bemühungen der Tories und der Königin, ihrem Stiefbruder, dem Prätendenten +Jakob Eduard+, genannt +Jakob III.+, die Thronfolge zu verschaffen. Nach dem Gesetze von 1701 (S. 272) folgt das +protestantische+ Haus ~Hannover~.

[~1714–1901.~]

~Haus Hannover~ (s. S. 352).

Jakob I. (~Stuart~), †1625. _________|______________ | | ~Elisabeth~, ~Karl I.~, Gem. Friedrichs V. †1649. von der Pfalz. __|________________________________ | | | | ~Sophia~, ~Karl II.~, ~Maria~, ~Jakob II.~, Gem. Ernst Augusts †1685 Gem. Wilhelms II. vertrieben 1688, von Hannover. von Oranien. †1701. ___|_________________ |______ | | | | | ~Georg I.~, ~Sophie Charlotte~, †1705, | | †1727. Gem. Friedrichs I. v. Preußen. | | ___|_________________ | | | | | | ~Georg II.~, ~Sophie Dorothea~, †1757, | | †1760. Gem. Friedrich Wilhelms I. | | von Preußen. ________________________| | | _____________________|______ Friedrich ~Wilhelm III.~, verm. ~Maria~, ~Anna~, Jakob Eduard, Ludwig, †1702. m. †1694. †1714. Prätendent, Prinz von Gem. Georgs †1766. Wales, v. Dänemark. | 1751. _____|__ | | ~Georg III.~, Karl Eduard, Heinrich, †1820. Prätendent, †1807. †1788.

Unter ~Georg I.~ (1714–1727) Herrschaft der Whigs, ebenso unter ~Georg II.~ (1727–1760). Der Minister +Walpole+ (bis 1742) sorgt für Erhaltung des Friedens und Förderung des Handels. 1739 Seekrieg gegen +Spanien+, 1744–1747 gegen +Frankreich+.

Der von Frankreich unterstützte Versuch des Prätendenten +Karl Eduard+, die Ansprüche des Hauses +Stuart+ nochmals zur Geltung zu bringen, hat anfangs Erfolg in +Schottland+, wo die kriegerischen Hochländer sich erheben, wird aber durch den Sieg des Herzogs von Cumberland bei +Culloden+ 1746 vereitelt (S. 284).

[1755–1763.]

~Krieg gegen Frankreich~, durch Grenzstreitigkeiten in Nord-Amerika entstanden, zu Lande in Amerika und Deutschland, zur See in allen Weltteilen geführt. Ministerium des ~älteren Pitt~ 1757–1761, Bündnis mit +Preußen+ (s. S. 286). Die Engländer sind fast überall im Vorteil gegen die Franzosen.

[1759.]

Landsieg des englischen Generals +Wolfe+ bei +Quebec+, +Kanada+ erobert. Seesiege bei +Lagos+ in Portugal und +Quibéron+.

[~1760–1820.~]

~Georg III.~, Enkel Georgs II., zum Frieden geneigt. Frankreich verbündet sich mit +Spanien+ (Bourbonischer Familienpakt 1761); +Pitt+ tritt aus dem Ministerium, weil nicht sofort Krieg an Spanien erklärt wird. Sein Nachfolger +Bute+ sucht den Frieden herbeizuführen, sieht sich aber doch zur Kriegserklärung gegen Spanien genötigt. Die englische Flotte erobert 1762 Martinique, Havanna, Manila; Spaniens Seemacht fast vernichtet.

[1763.]

~Friede zu Paris~: 1. ~Frankreich~ tritt +Louisiana+ östlich vom Mississippi (seit 1682 französische Kolonie), +Kanada+ und die Insel +Cap Breton+, sowie seine afrikanischen Besitzungen am +Senegal+ an England ab, erhält seinen Besitz in Ostindien (Pondichery und Chandarnagar) zurück. 2. ~Spanien~ erhält Cuba und die Philippinen zurück, tritt +Florida+ an England ab, erhält von Frankreich Louisiana westlich vom Mississippi.

[1757–1784.]

~Eroberung Ostindiens.~ Die ostindische Kompagnie (S. 246) hatte 1639 +Madras+, 1664 +Bombay+ erworben, um 1700 +Kalkutta+ angelegt. ~Robert Clive~ siegt 1757 bei +Plassey+ über den mit Frankreich verbündeten Nabob von +Bengalen+ und erobert dieses reiche Land. Der Großmogul in Delhi (S. 219) behält nur den Schein der Herrschaft; die indischen Fürsten müssen hohen Tribut zahlen. Clive 1765 abermals nach Indien gesandt, unterdrückt Aufstände und erweitert das englische Gebiet. ~Warren Hastings~, seit 1773 General-Gouverneur, besiegt die +Mahratten+ und den Sultan +Hyder Ali+ von +Mysore+ 1781, unterwirft dadurch den größten Teil von Dekhan.

[1784.]

+East-India-Bill+ des ~jüngeren Pitt~ (Minister 1783 bis 1801); die Kompagnie wird in militärischen und politischen Angelegenheiten einer königlichen Aufsichtsbehörde untergeordnet, behält aber die Verwaltung der ausgedehnten Gebiete in eigner Hand (bis 1858).

[1799.]

Hyder Alis Sohn +Tippu Sahib+, der sich nochmals gegen die englische Herrschaft erhoben hat, fällt bei der Erstürmung seiner Hauptstadt +Seringapatam+.

Durch diese Erfolge ist England zur vorherrschenden ~See- und Kolonialmacht~ geworden. Zugleich bedeutende Entwickelung der Industrie, +Birmingham+ und +Manchester+ entwickeln sich als Fabrikstädte, +London+ und +Liverpool+ als Haupthandelsplätze. Einen Verlust erleidet England durch den Abfall seiner nordamerikanischen Kolonien.

[~1775–1783.~]

~Nordamerikanischer Freiheitskrieg~

Das englische Parlament, in welchem die Kolonien nicht vertreten sind, beschließt 1765 die Einführung einer Stempel-Abgabe, 1760 eine Steuer auf Tee, Glas, Papier und Farben. Die Kolonien widersetzen sich einer Besteuerung ohne ihre Zustimmung; im Hafen von +Boston+ wird 1773 eine Teeladung ins Meer geworfen. Die englische Regierung verhängt Hafensperre über Boston und verändert die Verfassung der Kolonie +Massachusetts+; ein Kongreß von Abgeordneten der Kolonien in ~Philadelphia~ 1774 beschließt das Aufhören des Handelsverkehrs mit dem Mutterlande.

1775 erstes Gefecht bei +Lexington+. Die Engländer, in +Boston+ belagert, räumen diese Stadt im Frühjahr 1776, werden durch 12000 von ihrem Landesherrn verkaufte Hessen und andere deutsche Mietstruppen verstärkt, besetzen +Long-Island+ und die Stadt +New-York+. ~George Washington~ (geb. 1732 in Virginien, † 1799, am Ende des französischen Krieges +Oberst+) erhält den Oberbefehl und bildet ein Heer.

[~1776.~ 4. Juli.]

~Unabhängigkeits-Erklärung der 13 Vereinigten Staaten.~

+Washington+, von französischen Freiwilligen (Marquis +v. Lafayette+) begleitet, kämpft zunächst mit wechselndem Erfolge. Der früher preußische Major +v. Steuben+ unterstützt ihn bei der kriegsmäßigen Ausbildung der Truppen.

[1777.]

General +Gates+ nimmt ein englisches Korps von 6000 Mann bei +Saratoga+ (am Hudson) gefangen.

[~1778.~]

~Bündnis Frankreichs~ mit den amerikanischen Freistaaten, abgeschlossen durch ~Benjamin Franklin~ (geb. 1706 in Boston, Buchdrucker, Schriftsteller, Erfinder des Blitzableiters, General-Postmeister der Kolonien, seit 1776 Gesandter in Versailles). Bald tritt +Spanien+ dem Bündnis bei; andererseits erklärt England den Krieg an +Holland+ (S. 297).

[1779–1782.]

+Gibraltar+ von Franzosen und Spaniern vergeblich belagert, von +Elliot+ tapfer verteidigt; dagegen nehmen die Spanier 1782 die Insel +Menorka+ (S. 274).

Seesiege des englischen Admirals +Rodney+ bei +S. Vincent+ 1780 und +Dominika+ 1782. Unentschiedene Seeschlacht zwischen Engländern und Holländern an der +Doggerbank+ in der Nordsee 1781.

[1781.]

Entscheidung des Landkrieges zu Gunsten der Amerikaner; Washington und Lafayette nehmen ein englisches Korps von 7200 Mann bei +Yorktown+ (in Virginien) gefangen.

[~1783.~]

~Friede zu Versailles~: 1. Anerkennung der Unabhängigkeit der 13 Vereinigten Staaten. Das +Western Territory+ erhalten die Amerikaner, die Schiffahrt auf dem Mississippi bleibt gemeinschaftlich. 2. +England+ tritt an Frankreich in Westindien ab: +Tabago+; in Afrika: das Gebiet des +Senegal+;

3. +Spanien+ bleibt im Besitz von +Menorka+ und +Florida+ (S. 300), verzichtet auf Gibraltar (S. 274).

[1789–1797.]

~George Washington~, erster Präsident der ~Vereinigten Staaten~ (+United States+ of America).

Verfassung des Bundesstaates: Über Krieg und Frieden, Heer und Flotte, Verträge mit fremden Staaten, Münze, Maß und Gewicht, Zölle und Steuern beschließt der +Kongreß+, bestehend aus Senat und Repräsentantenhaus. Die Einzelstaaten verwalten nur ihre inneren Angelegenheiten. Der Präsident, auf 4 Jahre durch Wahlmänner aus allen Staaten erwählt, ernennt die Beamten und leitet die Regierung nach den Beschlüssen des Kongresses. Gegen dieselben steht ihm ein aufschiebendes +Veto+ zu, bis der Kongreß mit Zweidrittelmajorität entscheidet.

Aufblühen des neuen Staatswesens durch Einwanderung. Vordringen der Ansiedler nach Westen, +Cincinnati+ 1791 gegründet, die Bundeshauptstadt +Washington+ 1793. Auf dem Kapitol hält der Kongreß seine Sitzungen, das Weiße Haus die Amtswohnung des Präsidenten.

[1812–1815.]

~Krieg mit England~ (S. 331). Die Amerikaner dringen in +Kanada+ ein. Die Engländer treiben sie zurück, besetzen +Washington+ und zerstören das Kapitol, werden aber nach einer Landung bei +New-Orleans+ besiegt (Jan. 1815). Unterdessen bereits (Dez. 1814) Friede zu +Gent+. Die Eroberungen gegenseitig zurückgegeben.

Die 13 Staaten vermehren sich bis 1821 auf 26; +Louisiana+, von Spanien 1800 an Frankreich zurückgegeben, wird 1803 von den Vereinigten Staaten durch Kauf erworben, ebenso +Florida+ 1819, +Texas+ und +Kalifornien+ 1848 durch Krieg gegen Mexiko. +Alaska+ 1867 durch Kauf von Rußland, +Portorico+ und die +Philippinen+ 1898 durch Krieg gegen Spanien, 1900 +Sandwichinseln+ annektiert. Jetzt 47 Staaten, 3 Territorien und 1 Bundesdistrikt.

Neuen Machtzuwachs für England bringt die Erschließung der seit 1600 durch Portugiesen, Spanier (Torres) und Holländer (Tasman) entschleierten +australischen Inselwelt+ durch die Entdeckungsreisen von ~James Cook~ 1768–1779. Er wird bei der dritten Reise auf +Hawaii+, der größten der +Sandwich+inseln, von den Eingeborenen 1779 erschlagen. Andere bisher unbekannte Gebiete werden erschlossen durch die Reisen des Schotten +Bruce+ (Abessinien) und +Mungo Park+ (Nigerstrom).

[1788.]

+Sydney+ erste englische Kolonie in Australien. ~Weitere Entfaltung der englischen Literatur und Wissenschaft~: Shaftesbury, Pope, Swift, Prior, Defoe, Addison, Steele, (»Tatler«, »Spectator« erste moralische Wochenschriften), Sterne, Fielding, Goldsmith, Richardson, Gray, Sam. Johnson (Macphersons +Ossian+ 1760). Der Naturforscher Robert +Boyle+ († 1691 in London), der Philologe Rich. +Bentley+ in Oxford und Cambridge († 1742), der Philosoph und Geschichtschreiber David +Hume+ in Edinburg († 1776), der Geschichtschreiber +Gibbon+ († 1794); Adam +Smith+, Prof. in Glasgow, begründet 1776 die Volkswirtschaftslehre. Aufschwung der englischen Malerei: +Hogarth+ († 1764), +Joshua Reynolds+ († 1792), +Gainsborough+ († 1788).

§ 10. Südeuropa.

~Portugal~, unter den ersten Königen aus dem Hause +Braganza+ (S. 245) wieder zu einiger Macht gelangt, seit dem Besitz +Brasiliens+ 1500 (S. 222) als Kolonialmacht nicht unbedeutend, gerät durch einen 1703 geschlossenen Handelsvertrag in Abhängigkeit von +England+. Große Macht der Geistlichkeit unter Johann V. (1706–1750); wohltätige Reformen unter Joseph I. (1750–1777) durch den Minister Carvalho, Marquis von ~Pombal~.

[1755. 1. Nov.]

+Lissabon+ durch +Erdbeben+ größtenteils zerstört, Pombal sorgt für die Wiederherstellung.

[1759.]

Vertreibung der +Jesuiten+ infolge eines Mordversuchs gegen den König.

[1762–1763.]

Im Bunde mit England Krieg gegen Spanien. Pombal beruft den Grafen +Wilhelm von Schaumburg-Lippe+ nach Portugal. Dieser organisiert Heer und Flotte. Im +Frieden von Paris+ 1763 gibt Spanien die eroberten Plätze zurück.

Unter der Königin Maria, der Tochter Josephs I. (1777 bis 1792), Wiederherstellung der geistlichen Macht, Pombal vor Gericht gestellt, aber begnadigt, † 1782.

~Spanien~, seit 1701 unter Königen aus dem Hause +Bourbon+ (S. 274), in der auswärtigen Politik mit Frankreich verbündet, gelangt nicht wieder zu seiner früheren Machtstellung. Unter Karl III. (1759–1788) Reformen des Ministers +Aranda+, welcher 1767 die Jesuiten vertreibt.

~Sardinien~, Königreich seit 1720 (S. 278), tritt unter Karl Emanuel I. (1730–1773) im Polnischen Thronfolgekrieg kriegerisch gegen, im Österreichischen Erbfolgekrieg für Österreich auf, erwirbt 1748 durch den Frieden zu Aachen (S. 284), einen Teil des Herzogtums Mailand.

Die Republik ~Genua~ hat fortdauernd ihre Unabhängigkeit gegen mächtige Nachbarn (+Savoyen+, +Frankreich+, +Österreich+) zu verteidigen. Die Bewohner der seit Ende des 11. Jahrh. von den Pisanern und Genuesen umstrittenen Insel ~Korsika,~ seit 1300 unter genuesischer Herrschaft, empören sich 1729. Nach wechselvollem Kampfe, wobei ein deutscher Abenteurer, +Baron Neuhof+ aus Westfalen, kurze Zeit als +König Theodor I.+ von Korsika auftritt (1736), ruft Genua Frankreichs Hilfe an; die Insel wird 1739 unterworfen. Doch bald neue Kämpfe, seit 1755 +Pasquale Paoli+ an der Spitze. Genua tritt 1768 die Insel an +Frankreich+ ab; Paoli flieht 1769 nach England, versucht 1790–1796 nochmals Korsika zu befreien, † in England 1807.

~Venedig~ kann die frühere Blüte nicht wieder erreichen, doch werden noch ruhmvolle Kriege gegen die ~Türken~ geführt:

[1645–1669.]

Krieg um ~Kandia~ (Kreta); die Türken mehrmals von der venetianischen Flotte besiegt; trotz tapferer Verteidigung, welche +Morosini+ leitet, endet der Krieg mit dem Verlust der Insel für Venedig.

[1685–1699.]

Krieg um ~Morea~ (Peloponnes). Venedig mit Kaiser Leopold I. und Polen verbündet (S. 266). +Morosini+, verstärkt durch deutsche Mietstruppen unter Graf +Königsmark+, vertreibt die Türken aus Morea, erobert 1687 +Athen+, bei dessen Belagerung der Mittelbau des Parthenon (S. 46) durch eine venetianische Bombe zerstört wird. Darauf zum Dogen erwählt, kehrt er 1693 auf den Kriegsschauplatz zurück, stirbt aber 1694 in Nauplia. Im Frieden zu +Karlowitz+ (S. 266) bleibt Morea den Venetianern, welche die Halbinsel durch griechische Kolonisten neu bevölkern und bessere Verwaltung einführen.

[1715.]

Die Türken erobern Morea für immer (vgl. S. 278); nach dem Frieden von +Passarowitz+ 1718 bleibt Venedig immer noch im Besitz eines ansehnlichen Festlandsgebietes (Verona, Brescia, Bergamo, Udine, Istrien, Dalmatien) und der Ionischen Inseln.

~Toskana~, nach dem Aussterben des Hauses Medici 1737 österreichische Sekundogenitur (S. 279), erfreut sich des Wohlstandes unter dem Großherzog +Leopold+ (1765–1790), dem zweiten Sohne Maria Theresias und nachmaligen Kaiser Leopold II. Diesem folgt sein zweiter Sohn Ferdinand III. (1790 bis 1824).

~Parma~ mit Piacenza und Guastalla seit 1748 spanische Sekundogenitur (S. 284); ~Modĕna~ im Besitz des Hauses +Este+ (S. 210); am Hofe des Herzogs Franz III. lebt der Geschichtsforscher +Muratori+ († 1750).

Der ~Kirchenstaat~ behauptet sein ansehnliches Gebiet (das alte Latium, Umbrien, die Marken, Ancona, Rimini, Ravenna, Bologna, Ferrara) in gutem Einvernehmen mit Österreich und Spanien.

[1773.]

+Papst Clemens XIV.+, dem Andringen katholischer Staaten nachgebend, hebt den +Jesuiten-Orden+ auf, nachdem der Ordensgeneral +Ricci+ jede Reform abgelehnt hat (+sint, ut sunt, aut non sint+).

Neapel mit ~Sicilien~ unter Königen aus dem Hause ~Bourbon~ (1735–1799, dann wieder 1815–1860). +Karl IV.+, bis 1759 (als +Karl III.+, König von Spanien, S. 303), verbessert die Verwaltung mit Hilfe des Ministers +Tanucci+, der auch unter Karls Sohn +Ferdinand IV.+ (1759–1825) bis 1777 im Amte bleibt; 1767 Vertreibung der Jesuiten. Nach Tanuccis Sturz führt die Königin +Caroline Marie+, Tochter der +Maria Theresia+, die Regierung. Ihr Minister +Arcton+. 1799 muß der König vor den eindringenden Franzosen nach Sicilien entweichen (S. 317).

§ 11. Frankreich.

[~1715–1774.~]

~Ludwig XV.~, Urenkel Ludwigs XIV., dessen Sohn und Enkel vor ihm gestorben waren (S. 349). Während der Minderjährigkeit führt der Herzog +Philipp von Orléans+, Sohn der +Elisabeth Charlotte von der Pfalz+ († 1721), die Regentschaft; dieser gibt durch seine Ausschweifungen dem Volke ein übles Beispiel († 1723). Mißglückter Versuch des Schotten +John Law+, durch Gründung einer Bank (1718) und Ausgabe von Papiergeld die zerrütteten Finanzen in Ordnung zu bringen. Gemäßigte Staatsverwaltung des Kardinals +Fleury+ 1726–1743, dann Herrschaft der Buhlerinnen (Marquise von +Pompadour+ 1745–1764, Gräfin +Dubarry+ 1769–1774).

Lothringen erworben 1738 (S. 279); erfolglose Teilnahme am österreichischen Erbfolgekrieg und am Siebenjährigen Krieg, unglücklicher Krieg mit England (S. 299f.). Verlust der Kolonien in Nordamerika (S. 300). Vertreibung der Jesuiten 1761 durch den Minister +Choiseul+. Opposition des höchsten Gerichtshofs, des Parlaments zu Paris; Aufhebung der Parlamente 1771. Beim Tode des Königs 4000 Mill. Livres Staatsschulden; der Staat heillos zerrüttet.

[~1774–1792.~]

~Ludwig XVI.~, dessen redlicher Wille bei dem Mangel an Tatkraft den herannahenden Sturm der Revolution nicht mehr durch schwache Reformversuche zu beschwichtigen vermag. Wiederherstellung der Parlamente 1774. Ludwig XVI., Enkel seines Vorgängers, persönlich ehrbar und sittenrein. Seine Gemahlin +Marie Antoinette+, Tochter +Maria Theresias+ von Österreich, anfangs beim Volke nicht unbeliebt, wird bald Gegenstand der gehässigsten Verleumdungen, namentlich infolge des anstößigen Halsbandprozesses (Kardinal +Rohan+, Gräfin +Lamotte+). Frankreichs Teilnahme am +Nordamerikanischen Freiheitskriege+ (S. 301) verschärft den alten Gegensatz gegen England.

Die französische ~Literatur~ im 18. (+philosophischen+) Jahrhundert ist ein getreues Abbild der Sitten des französischen Hofes und Volkes: +Lesage+ († 1747), +Montesquieu+ († 1755), +Voltaire+ (1694–1778), +Rousseau+ (1712–1778), +B. de St-Pierre+ († 1814), +A. Bertin+ († 1790), +Beaumarchais+ († 1799). Als +Maler+ verdienen Erwähnung: +Watteau+ (Hauptmeister des Rokoko, † 1721), +Boucher+ († 1770), +Fragonard+ († 1806).

Fussnoten:

[47] Doch bleiben die drei Seestädte +Lübeck+, +Hamburg+, +Bremen+ durch ein 1630 geschlossenes Bündnis als +Hansestädte+ vereinigt.

[48] Geschlossen auf einer Insel in dem Grenzfluß +Bidassoa+, der in den westlichen Pyrenäen entspringt.

[49] Er ließ eine Denkmünze prägen mit der Umschrift: Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor.

[50] Geb. 24. Januar 1712. Strenge Erziehung; Vorliebe des Prinzen für französische Literatur und Musik, Abneigung gegen militärische Übungen, Jagden, Tabakskollegium; der Vater hält ihn daher für untüchtig. Nachdem der Plan einer Vermählung Friedrichs mit einer Tochter Georgs II. von England (S. 299) gescheitert ist, +Fluchtversuch+ 1730 unweit Mannheim, während einer Reise mit dem König. Verhör in +Wesel+, Kriegsgericht; der Kronprinz kommt als Gefangener nach +Küstrin+ (+Katte+ hingerichtet), arbeitet dort in der Kriegs- und Domänenkammer. 1732 Aussöhnung; der Prinz erhält die Führung eines in +Neu-Ruppin+ stehenden Regiments, heiratet 1733 Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern, lebt dann mit seinen Freunden im Schloß +Rheinsberg+ unweit Ruppin. Briefwechsel mit +Voltaire+.

C. Vom Beginn der französischen Revolution bis zum Wiener Kongress. (1789–1815.)

§ 1. Die Revolution in Frankreich.

~Ursachen~: 1. Der auf Vernichtung oder Umbildung des Bestehenden gerichtete Geist des 18. Jahrhunderts. Angriffe französischer Schriftsteller auf Staat und Kirche. +Montesquieu+ (Esprit des lois 1748) und +Rousseau+ (Contrat social 1762) bekämpfen das unbeschränkte Königtum und stellen neue Staatslehren auf. +Voltaire+ (Henriade 1723, Prozeß des Jean Calas 1762) bekämpft die religiöse Unduldsamkeit und das Christentum überhaupt; die +Enzyklopädie+, ein philosophisches Wörterbuch, 1751–1780 herausgegeben von +Diderot+ und +d’Alembert+, verbreitet die Lehren der Aufklärung und Freigeisterei.

2. Die großen Mißbräuche im französischen Staatswesen, verschuldet durch die willkürliche und entartete Regierung, während in allen übrigen europäischen Staaten Verbesserungen durchgeführt werden. Seit 1614 die altherkömmlichen +Reichsstände+ (États-généraux) nicht mehr einberufen (s. S. 238). Verfügung über die Freiheit der Untertanen durch willkürliche Verhaftsbefehle (lettres de cachet, +Bastille+), über ihr Vermögen durch willkürliche Besteuerung. Gegen den Anspruch des Pariser Parlaments, die Eintragung der Steueredikte verweigern zu können, wendet der Hof +königliche Thronsitzungen+ (+lits de justice+) und Verweisung der Parlamentsmitglieder an. +Käuflichkeit+ der Offizierstellen im Heere, der Sitze in den Parlamenten, der höheren Ämter, aber meist nur für den +Adel+. Die +bevorrechtigten Stände+ (+Adel+ und +Geistlichkeit+) sind bei den direkten Abgaben sehr begünstigt, obgleich keineswegs ganz frei von denselben; die Bauern durch Frondienste gedrückt, die Entwickelung von Handel und Gewerbe durch Zunftzwang gehemmt.

~Veranlassung~: Die ungeheure +Staatsschuld+. Entstanden durch die Kriege Ludwigs XIV., seine kostspieligen Bauten und seine verschwenderische Hofhaltung, wächst der jährliche Fehlbetrag durch die Verschwendung Ludwigs XV. und die Kosten des nordamerikanischen Krieges unter Ludwig XVI. bis fast auf die Hälfte der jährlichen Einnahme.

+Turgots+ Maßregeln zur Verbesserung der Verwaltung (Aufhebung der Binnenzölle, Abschaffung der Wegefronden und der Zünfte) werden mit seiner Entlassung 1776 aufgegeben. +Necker+ (bis 1781) sucht durch Anleihen und Sparsamkeit zu helfen, +Calonne+ (1783–1787) wirtschaftet sorgloser und beruft zuletzt eine +Notabelnversammlung+, die keine durchgreifenden Beschlüsse zu fassen wagt. +Necker+, 1788 wieder berufen, veranlaßt die

[~1789.~ 5. Mai.]

~Berufung der Reichsstände nach Versailles~, mit einer +doppelten Vertretung+ des Bürgerstandes (+tiers état+): Geistlichkeit 300, Adel 300, Bürger 600. Streit über die Art der Beratung und Abstimmung, ob nach +Ständen+ oder nach +Köpfen+. Bei der Prüfung der Vollmachten verlangen Geistlichkeit und Adel eine getrennte, der Bürgerstand eine gemeinschaftliche Prüfung. Auf ~Sieyès’~ Vorschlag erklären sich die Abgeordneten des Bürgerstandes als ~Nationalversammlung~ (Assemblée nationale) und laden die beiden anderen Stände zum Beitritt ein.

[20. Juni.]

~Eid im Ballspielhaus~ (Jeu de paume). Die Abgeordneten des dritten Standes schwören, sich nicht zu trennen, bis sie dem Lande eine Verfassung gegeben.

[23. Juni.]

Fruchtlose königliche Sitzung. Der Befehl des Königs, daß die drei Stände +getrennt+ beraten sollen, wird nicht ausgeführt infolge des von ~Mirabeau~[51] erhobenen Widerspruchs. Der König gibt nach; Geistlichkeit und Adel vereinigen sich mit dem dritten Stand. Die Versammlung beginnt eine neue +Verfassung+ für Frankreich zu beraten, wird deshalb bezeichnet als

[~1789–1791.~]

~Verfassunggebende Versammlung~ (Assemblée constituante).

Gerüchte von einer beabsichtigten Auflösung der Nationalversammlung und die Entlassung +Neckers+ (11. Juli) veranlassen Unruhen in Paris.

[~1789.~ 14. Juli.]

~Einnahme und Zerstörung der Bastille.~ Necker zurückberufen, +Lafayette+ Befehlshaber der neuerrichteten Bürgerwehr (+Nationalgarde+).

Unruhen in den +Provinzen+, Schlösser und Klöster verwüstet. Viele Adlige verlassen Frankreich. Karl Philipp, Graf von +Artois+, zweiter Bruder des Königs, an der Spitze der +Emigranten+, seit 1791 in +Koblenz+ am Hofe des Kurfürsten von Trier.

[~1789.~ 4. Aug.]

Freiwillige Verzichtleistung (Vicomte de +Noailles+) der Abgeordneten des Adels auf alle Feudalrechte, der Geistlichkeit auf den Zehnten. Abschaffung des Feudalstaates. Gleichheit der Besteuerung und gleiche Zulassung aller Bürger zu allen öffentlichen Ämtern wird festgesetzt. Öffentliche Werkstätten eingerichtet.

[27. Aug.]

Erklärung der +Menschenrechte+ (Freiheit, Eigentum, Sicherheit, Widerstand gegen Unterdrückung) auf +Lafayettes+ Antrag.

[5. Okt.]

Aufstand in ~Paris~, hervorgerufen durch Brotmangel und Gerüchte von einer beabsichtigten Reaktion. Zug der durch Agenten des Herzogs +Philipp+ von +Orléans+ aufgeregten Volksmenge zum König nach +Versailles+. Die königliche Familie, von +Lafayette+ durch die Nationalgarde gerettet, muß nach ~Paris~ übersiedeln, ebenso die Nationalversammlung; 200 Mitglieder scheiden aus. Der Pariser Pöbel beherrscht seitdem die Versammlung.

Die von der Assemblée constituante ausgearbeitete ~Verfassung~ überträgt die gesetzgebende Gewalt der Nationalversammlung und gesteht dem König nur ein aufschiebendes Veto zu. Er darf die Versammlung, die Inhaberin der Souveränität, nicht auflösen, ja nicht einmal mit Gesetzesvorschlägen an sie herantreten, geschweige denn ihre Beschlüsse rundweg ablehnen. Er ist vielmehr nur der Vollstrecker dieser Beschlüsse. Da aber den nach Aufhebung der alten Provinzen neu geschaffenen 83 Departements nahezu volle Selbstverwaltung und auch das Recht der Beamtenwahlen verliehen wurde, so war Frankreich in 83 fast souveräne Republiken aufgelöst, in denen es königliche Beamte, d. h. Vollstrecker des königlichen Willens nicht mehr gab. Der König also tatsächlich machtlos.

Die Ausübung des +Aktivbürgerrechts+ an die Entrichtung einer direkten Steuer, ein Alter von 25 Jahren und einjährigen Wohnsitz in der Gemeinde geknüpft. Die aus den Urwahlversammlungen hervorgehenden +Wahlmänner+ wählen die Volksvertreter für eine Legislatur von 2 Jahren, desgleichen die Behörden der Departements und ihrer Distrikte; die Gemeindebeamten und die Richter werden ebenfalls von den +Aktivbürgern+ gewählt. Aufhebung der Parlamente; neue Gerichtsverfassung mit +Geschworenengerichten+. Abschaffung des +Adels+, der Titel und Wappen, sowie der Beschränkung der Presse.

Um der Finanznot abzuhelfen, erklärt man die geistlichen Güter für Nationaleigentum und gibt Papiergeld aus (~Assignaten~, Anweisungen auf den Wert der Nationalgüter). Der Staat übernimmt den Unterhalt der Geistlichen.

Auch die Geistlichen werden fortan von den Aktivbürgern gewählt (+Constitution civile du clergé+), jedes Departement bildet ein Bistum. Nur ⅓ der Geistlichkeit unterwirft sich der neuen Verfassung durch den geforderten Eid, daher fortan kirchlicher Zwiespalt.

Die Aufregung wird vorübergehend beschwichtigt durch das +Verbrüderungsfest+ (Föderationsfest, 14. Juli 1790), zu welchem Tausende aus den Provinzen nach Paris kommen. Lafayette schwört im Namen sämtlicher Nationalgarden der Nation, dem Gesetz, dem König treu zu sein. Der König gelobt die von der Nationalversammlung beschlossene und von ihm angenommene Verfassung anzuwenden.

Mit diesem Gang der Dinge sind die demokratischen ~Klubs~ nicht zufrieden. Ihr Ziel ist die völlige Beseitigung der Monarchie und die Gründung einer Republik. Der zahlreichste und einflußreichste ist der nach seinem Versammlungsort, einem aufgehobenen Jakobinerkloster, genannte Klub der ~Jakobiner~ (+Robespierre+); zu den in einem Franziskanerkloster Sitzung haltenden ~Cordeliers~ gehören +Danton+, +Marat+, +Camille Desmoulins+, +Hébert+; ihnen gegenüber die gemäßigten, am Königtum festhaltenden ~Feuillants~ (+Lafayette+, +Bailly+).

Verbindung des Hofes mit +Mirabeau+, der, nachdem die konstitutionelle Monarchie begründet ist, die Revolution hemmen und den Umsturz des Thrones verhindern will. +Necker+ tritt aus dem Ministerium (Sept. 1790), da er die Finanzen nicht in Ordnung zu bringen vermag.

[1791 (April).]

Mirabeau †. ~Flucht des Königs~ (20. Juni). Er wird mit seiner Familie in +Varennes+ (unweit Verdun) angehalten, nach Paris zurückgebracht, suspendiert und eine Zeitlang in den Tuilerien streng bewacht, dann wieder eingesetzt, nachdem er am 14. Sept. den Eid auf die revidierte Verfassung geleistet hat. Die Nationalversammlung löst sich auf, nachdem sie auf +Robespierres+ Antrag beschlossen hat, daß keins ihrer Mitglieder für die folgende Versammlung wählbar sei.

[~1791–1792.~ Okt. Sept.]

~Gesetzgebende Versammlung~ (Assemblée législative).

745 neue Abgeordnete. Parteien: die +rechte+ Seite (Feuillants) wird täglich schwächer. Die +linke+, herrschende Seite zerfällt in 1. gemäßigte Republikaner (~Ebene~, la plaine), darunter die Gruppe der ~Girondisten~, so genannt wegen hervorragender Mitglieder aus +Bordeaux+, dem Departement der +Gironde+: +Vergniaud+, +Brissot+ u. a., meist Anhänger der Föderativ-Republik, 2. ~Bergpartei~ (la montagne, les montagnards), Radikale, Anhänger der +einen+, unteilbaren Republik (une et indivisible).

Der König wird unbeliebt, da er gegen die Beschlüsse über Bestrafung der den Eid verweigernden +Priester+ und über Nötigung der +Emigranten+ zur Rückkehr von seinem +Veto+ Gebrauch macht und auf Hilfe von +Österreich+ hofft.

[~1792.~ April.]

Ein girondistisches Ministerium (+Roland+, +Dumouriez+) nötigt den König, ~Österreich den Krieg zu erklären~. Vermehrte Aufregung, da der Krieg (S. 313ff.) bei dem zerrütteten Zustande des französischen Heerwesens anfangs ungünstig verläuft.

[10. Aug.]

Aufruhr in Paris, ~Erstürmung der Tuilerien~. Der König flüchtet sich in den Sitzungssaal der Gesetzgebenden Versammlung, sendet an die treue Schweizer-Garde den Befehl, das Feuern einzustellen. Die abziehenden Schweizer vom Volk ermordet. Der König wird wieder suspendiert und als Gefangener in den +Temple+ (früheres Ordenshaus der Tempelherren, S. 207) gebracht.

Berufung eines Nationalkonvents zur Feststellung einer ~neuen Verfassung~.

[Sept.]

Ermordung von etwa 3000 »Verdächtigen« in den Gefängnissen von Paris, auf Anstiften des Gemeinderates (la Commune) und des Justizministers +Danton+. Die dadurch eingeschüchterte Bevölkerung wählt nur Radikale in den Convent.

[~1792–1795.~]

~Nationalkonvent (Convention nationale).~

[Sept. Okt.]

Parteien: +Girondisten+ und +Bergpartei+.

[~1792.~ 21. Sept.]

~Abschaffung des Königtums, Frankreich wird für eine Republik erklärt.~

[Dez.]

Ludwig XVI. vor dem Konvent +angeklagt+ wegen Verrats an der Freiheit der Nation. Meisterhafte Verteidigungsrede von +de Sèze+; Robespierre dringt auf Verurteilung des Königs, Vergniaud fordert vergebens Entscheidung durch Volksabstimmung.

[~1793.~ Jan.]

Die Mehrheit des Konvents erklärt den König für schuldig; bei der Abstimmung über die Strafe stimmen 361, unter ihnen der Herzog Philipp von Orléans (Égalité) unbedingt für den Tod, 360 für Gefängnis, Verbannung oder Aufschub der Todesstrafe.

[21. Jan.]

~Ludwig XVI. hingerichtet.~ Die Guillotine stand unweit der Tuilerien auf dem Revolutionsplatze, der später +Place de la Concorde+ genannt und mit dem Obelisken von +Luxor+ geziert wurde.

[März.]

Royalistischer Aufstand in der ~Vendée~ südlich von der Loiremündung. Der im Temple gefangen gehaltene Dauphin wird als König ~Ludwig XVII.~ ausgerufen. Heftige Kämpfe bis zu Ende des Jahres, endlich siegen die Republikaner (12. Dez. bei Le Mans) und üben blutige Rache.

Im Konvent bekämpfen sich +Girondisten+ und +Bergpartei+, letztere erlangt das Übergewicht. Die Regierung führt in diktatorischer Weise der aus 9 Mitgliedern bestehende ~Wohlfahrtsausschuß~ (Comité du salut public); an der Spitze +Danton+, später +Robespierre+. Das Revolutionstribunal (+Fouquier-Tinville+) eingesetzt als außerordentlicher Gerichtshof zur Verurteilung der »Verdächtigen«. Zwangskurs für die Assignaten, Maximum des Kornpreises beschlossen.

[~1793.~ 2. Juni.]

Ein von dem Pariser Gemeinderat geleiteter Pöbelaufstand erzwingt vom Konvent die Verhaftung von 32 Girondisten.

Die vom Konvent beschlossene +zweite+, völlig demokratische Verfassung geht an die Urwählerversammlungen zur Bestätigung, kommt aber nie zur Ausführung.

[13. Juli.]

+Marat+ von +Charlotte Corday+, einer Anhängerin der +Girondisten+, ermordet.

[~1793–1794.~]

~Schreckensherrschaft~ in Frankreich.

~Robespierre~ an der Spitze. +Revolutionsausschüsse+ im ganzen Lande. Kommissare des Wohlfahrtsausschusses wüten in den großen Provinzialstädten (+Tallien+ in Bordeaux, +Lebon+ in Arras, +Carrier+ in Nantes, +Chalier+ in Lyon). In Toulon Erhebung der Bürger gegen den Konvent, Aufnahme einer englisch-spanischen Flotte in die vom Konvent geächtete Stadt.

[1793. Okt.]

Hinrichtung der Königin ~Marie Antoinette~ und der verhafteten +Girondisten+. Schändung der Königsgräber in St. Denis. Einführung des republikanischen +Kalenders+ (Beginn des Jahres und der neuen Zeitrechnung mit dem 22. Sept. 1792; Monate: Vendémiaire, Brumaire, Frimaire; Nivose, Pluviose, Ventose; Germinal, Floréal, Prairial; Messidor, Thermidor, Fructidor). ~Lyon~ von einer Revolutionsarmee erobert und zum Teil zerstört (Commune affranchie).

[Nov.]

Philipp Egalité, der Herzog von Orléans, Bailly u. a. hingerichtet. Abschaffung des christlichen Gottesdienstes, Einrichtung des Kultus der Vernunft.

[Dez.]

Eroberung der von englischen, spanischen, sardinischen, neapolitanischen Truppen verteidigten Seefestung ~Toulon~, hauptsächlich durch die geschickten Anordnungen des Artillerie-Hauptmanns ~Napoléon Bonaparte~.[52]

Greueltaten der Republikaner in der Vendée.

[~1794.~]

+Robespierre+ stürzt seine beiden Gegenparteien, den »ultrarevolutionären« +Gemeinderat+ und die »gemäßigten« +Dantonisten+. Nach einem mißlungenen Aufstandsversuch werden zuerst die Ultrarevolutionären (+Chaumette+, +Hébert+, +Cloots+ u. a.), dann die »Gemäßigten« und »Verderbten« (~Danton~, +Camille Desmoulins+ u. a.) aufs Blutgerüst geschickt. Robespierre macht dem Vernunftkultus ein Ende und läßt durch den Konvent das Dasein eines +höchsten Wesens+ (Être suprême) anerkennen, dessen Fest im Tuileriengarten er als Oberpriester leitet. Eine Verschwörung unter den Mitgliedern des an Zahl bereits sehr verringerten Konvents führt

[~1794.~]

27. Juli (9. Thermidor) den ~Sturz Robespierres~ herbei. Im Konvent von +Tallien+ angeklagt und verhaftet, von den Truppen der +Commune+ (S. 310) befreit, wird er im Stadthause nach kurzem Kampfe überwältigt und am folgenden Tage mit 21 seiner Anhänger hingerichtet; am 29. Juli noch 71 hingerichtet, fast die ganze Commune.

[~1794–1795.~]

Der ~Nationalkonvent~ unter der Herrschaft der ~Gemäßigteren~.

Öffnung der Gefängnisse; gegen den Pöbel und die Jakobiner tritt die Jugend der wohlhabenden Stände (+Jeunesse dorée+) auf, der Jakobinerklub wird geschlossen, die noch lebenden Girondisten werden in den Konvent zurückberufen. Zwei Pöbelaufstände in Paris (1. April und 20. Mai 1795) zu Gunsten der Jakobiner werden von der Nationalgarde und herbeigerufenen Linientruppen unterdrückt.

[~1795.~ 8. Juni.]

Tod des schändlich mißhandelten 10jährigen Dauphins (Ludwig XVII.) im +Temple+.

[Aug.]

Verkündigung einer ~neuen (dritten) Verfassung~: Die ausübende Gewalt wird einem +Direktorium+ von fünf Personen, die gesetzgebende dem +Rate der Alten+ (250) und dem +Rate der Fünfhundert+ übertragen, doch sollen für diesmal ⅔ der Mitglieder beider Räte aus den Konventsmitgliedern gewählt werden. Gegen diese Wahlbeschränkung erheben sich die von den Royalisten bearbeiteten Pariser +Sektionen+ (Stadtviertel) zum Aufstande. Auf +Barras’+ Antrag wird General ~Bonaparte~ an die Spitze der Truppen des Konvents gestellt.

[5. Okt.]

Blutiger +Sieg in den Straßen von Paris+. Darauf Vollziehung der Wahlen, der Konvent löst sich auf.

[~1795–1799.~]

~Direktorialregierung in Frankreich.~

Vergebliche Versuche, die zerrüttete Staatsordnung wieder herzustellen. Den entwerteten Assignaten immer neue hinzugefügt. Unerhörtes Raubsystem in den besetzten oder eroberten Ländern angeordnet, um Geld und Kunstschätze aller Art nach Paris zu bringen. Unterdrückung der Royalisten und der kommunistischen Verschwörung des +Gracchus Babeuf+ (1796).

~Wirkungen der französischen Revolution~:

l. Frankreich ist nach dem Sturz des unbeschränkten Königtums und nach schweren inneren Kämpfen zu einer freieren, aber noch wenig befestigten Verfassung gelangt. 2. Frankreichs +Eroberungslust+, genährt durch die Notstände im Innern, gefährdet den Bestand des europäischen Staatensystems. 3. In den übrigen europäischen Staaten (mit Ausnahme Englands) macht sich das Streben nach Einführung +freier Verfassungen+ geltend, doch lehren die zunächst folgenden Kriegszeiten auch den Wert einer starken Monarchie erkennen.

§ 2. Frankreichs Kriege gegen das Ausland.

[~1792–1797.~]

~Erster Koalitionskrieg.~

~Veranlassung~: Zusammenkunft des Kaisers +Leopold II.+ und des Königs +Friedrich Wilhelm II.+ von Preußen zu ~Pillnitz~ bei Dresden (Aug. 1791); auch Vertreter der +Emigranten+ (S. 307) erscheinen dort. Eine gebieterische +Erklärung+ gegen Frankreich wird beschlossen und veröffentlicht. Leopold II. ist noch um Erhaltung des Friedens bemüht, schließt aber (Febr. 1792) mit Preußen ein Verteidigungsbündnis. Sein Sohn und Nachfolger

[~1792–1806.~]

~Franz II.~ (als Kaiser von Österreich +Franz I.+ bis 1835) empfängt von +Frankreich+ die Kriegserklärung (S. 310). Der erste Angriff der Franzosen auf das österreichische +Belgien+ mißlingt. +Lafayette+ führt seine Absicht, mit Truppen der Nordarmee dem bedrängten König Ludwig XVI. zu Hilfe zu kommen, nicht aus, wird auf der Flucht (19. Aug.) von den Österreichern ergriffen und als Gefangener nach Olmütz gebracht (1797 entlassen).

[~1792.~ 25. Juli.]

Drohendes Manifest des Herzogs +Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig+, welcher mit 80000 Mann Preußen und Österreichern von Koblenz aus langsam in Frankreich einrückt. Die Festungen Longwy und Verdun genommen.

[20. Sept.]

Treffen bei +Valmy+; der Herzog von Braunschweig bricht den Kampf ab. Rückzug durch die Champagne.

Im Süden +Savoyen+ und +Nizza+ von den Franzosen besetzt, da der König von Sardinien sich dem Bündnis gegen Frankreich angeschlossen hat.

[Okt.]

Der französische General +Custine+ dringt +über den Rhein+ vor, erobert Speier, Worms, Mainz und Frankfurt. Nur Frankfurt wird von preußischen und hessischen Truppen bald wieder gewonnen.

[Nov.]

Der französische General +Dumouriez+ besiegt die Österreicher bei +Jemappes+ und erobert +Belgien+.

[~1793.~]

Nach der Hinrichtung Ludwigs XVI. treten +England+, +Holland+, +Spanien+, +Neapel+, das +Deutsche Reich+ dem Bündnis gegen Frankreich bei.

[März.]

+Dumouriez+, von den Österreichern (unter dem Prinzen Friedrich Josias von Koburg) bei +Neerwinden+ geschlagen, flüchtet mit dem Herzog von Chartres (Ludwig Philipp, Sohn des Herzogs von Orléans) in das österreichische Lager, später nach England.

[Juli.]

Die Österreicher erobern die Festungen Condé und Valenciennes. +Custine+, welcher nach Dumouriez’ Flucht in Belgien befehligt, deshalb abgesetzt und bald darauf in Paris hingerichtet.

Die Preußen erobern nach längerer Belagerung +Mainz+. Der französische General +Beauharnais+ bringt zu spät Hilfe, wird abgesetzt und hingerichtet.

[Aug.]

Der Konvent verfügt die Aushebung aller Waffenfähigen vom 18.–25. Lebensjahre (levée en masse). Energie des Wohlfahrtsausschusses; ~Carnot~ stellt 600000 Mann unter Waffen.

Erfolgreiche Wendung des Krieges für die Franzosen; die Nordarmee (General +Jourdan+) siegt bei +Hondschoote+ (unweit Dünkirchen) über die Engländer, Hannoveraner und Hessen, bei +Wattignies+ (an der Sambre) über die Österreicher; die Moselarmee (General +Hoche+) erobert die von General +Wurmser+ besetzten +Weißenburger Linien+ im Elsaß wieder.

[~1794.~]

Jourdan siegt bei +Fleurus+ über den Prinzen von Koburg und erobert +Belgien+.

Die Preußen, zweimal siegreich bei +Kaiserslautern+ in der Rheinpfalz (Mai und Sept., +Blüchers+ Reiterangriffe), gehen dann doch über den Rhein zurück; die Franzosen besetzen die Reichsstädte +Aachen+ und +Köln+.

[~1795.~ Jan.]

Der französische General +Pichegru+ erobert Holland. Flucht des Erbstatthalters +Wilhelm V.+ (aus dem Hause Nassau-Diez, welches 1748 dem Hause Nassau-Oranien in der Statthalterwürde gefolgt war) nach England, Begründung der ~Batavischen Republik~ (1795–1806). Die Engländer besetzen die holländischen Kolonien +Kapland+ und +Ceylon+.

[April.]

~Friede zu Basel~ zwischen +Frankreich+ und +Preußen+. +Öffentliche Bedingungen+: 1. Frankreich bleibt bis zum endgültigen Frieden mit dem Deutschen Reich im Besitz des +preußischen+ Gebiets am linken Rheinufer (halb Cleve, Mörs, Obergeldern). 2. Eine Demarkationslinie (vom Main bis nach Schlesien) setzt die Neutralität, des nördlichen Deutschlands fest. +Geheime Bedingung+: Für den Fall, daß beim allgemeinen Frieden das linksrheinische Deutschland an Frankreich abgetreten wird, erhält Preußen eine Entschädigung aus rechtsrheinischem Gebiet zugesichert.

Auch +Spanien+ schließt mit Frankreich Frieden zu +Basel+, indem es seinen Anteil an der Insel San Domingo abtritt; der Minister +Godoy+ erhält den Titel Friedensfürst. Die Verwaltung Spaniens unter Karl IV. (1788–1808) zerrüttet, die Seemacht durch die Engländer fast vernichtet.

[~1795.~]

England (Minister William Pitt der Jüngere) verspricht den Österreichern Subsidiengelder. Wurmser und +Clerfait+ halten die Rheinlinie gegen Jourdan und Pichegru.

[~1796.~]

Erzherzog ~Karl von Österreich~, Bruder des Kaisers Franz, besiegt den französischen General Jourdan bei +Amberg+ (in der bayrischen Oberpfalz) und +Würzburg+, wendet sich dann gegen Moreau, der sich durch den Schwarzwald zurückzieht. Zur selben Zeit

~Napoleon Bonapartes glänzender Feldzug in Italien.~ Er besiegt wenige Wochen nach seiner Vermählung mit +Josephine+, Witwe des Generals +Beauharnais+ (S. 314), von Nizza aus vordringend, die Österreicher bei +Millesimo+, die Sardinier bei +Mondovi+ und zwingt den König +Viktor Amadeus+ von Sardinien zum +Frieden+; Abtretung von +Savoyen+ und +Nizza+ an Frankreich. Nach Erstürmung der Addabrücke bei +Lodi+ (10. Mai) zieht er in +Mailand+ ein und erobert die ganze +Lombardei+ bis auf +Mantua+. Die Herzöge von +Parma+ und +Modĕna+, der +Papst+ und +Neapel+ erkaufen Waffenstillstand und Frieden durch Geld und Kunstschätze. Papst Pius VI. tritt im Frieden zu +Tolentino+ (Febr. 1797) Avignon und Venaissin, die Romagna und Ancona, Bologna und Ferrara ab.

[~1796–1797.~ Juli–Febr.]

~Belagerung von Mantua.~ Die Österreicher versuchen, die Festung (General Wurmser) zu entsetzen, werden aber in mehreren Schlachten, namentlich bei ~Arcole~ (Nov. 1796) und ~Rivoli~ (Jan. 1797) besiegt.

[~1797.~ März]

Nach dem Falle Mantuas dringt +Bonaparte+ über die Ostalpen vor gegen Wien, während +Hoche+ und +Moreau+ wieder über den Rhein gehen.

Die Bewohner des +venetianischen+ Gebiets erheben sich gegen die Franzosen, in +Tirol+ und +Böhmen+ wird die Bevölkerung unter die Waffen gerufen. +Bonaparte+, in Gefahr abgeschnitten zu werden, knüpft Unterhandlungen an; Friedenspräliminarien zu ~Leoben~ (an der Mur).

[Mai.]

Bonaparte kehrt nach Oberitalien zurück und erklärt der Republik ~Venedig~ den Krieg, besetzt Stadt und Gebiet ohne bedeutenden Widerstand.

In Oberitalien wird die ~Cisalpinische Republik~ (Mailand, Modĕna, Ferrara, Bologna, Romagna) eingerichtet; die Republik +Genua+ wird umgewandelt in die ~Ligurische Republik~; beide von Frankreich abhängig.

[~1797.~ Sept.]

Staatsstreich in Paris, die Royalisten aus dem Rat der Alten und dem Rat der Fünfhundert ausgestoßen, zwei Mitglieder des Direktoriums (+Carnot+ und +Barthélemy+) zur Deportation verurteilt. Die Republik wird dadurch auf Betreiben des von Bonaparte nach Paris abgesandten Generals +Augereau+ befestigt.

[Okt.]

~Friede zu Campo Formio~ (bei Udine) zwischen Frankreich und Österreich. +öffentliche Bedingungen+: 1. Österreich tritt die +Lombardei+ und die +Niederlande+ (Belgien und Luxemburg, S. 274) ab, erhält +Venedig+ und dessen Gebiet, S. 304 (Venetien, Istrien, Dalmatien, aber nicht die Ionischen Inseln). 2. Zur Herstellung des Reichsfriedens und Festsetzung der Entschädigungen tritt ein Kongreß zu +Rastatt+ zusammen. +Geheime Bedingung+: Österreich willigt in die Abtretung des linken Rheinufers an Frankreich; die beeinträchtigten Fürsten sollen +in Deutschland entschädigt werden+.

[~1797–1840.~]

~Friedrich Wilhelm III., König von Preußen~ (s. Anhang).

[1797–1799. Dez. April.]

~Kongreß zu Rastatt~, keine Einigung erzielt.

[~1798.~ Febr.]

Die Franzosen besetzen und brandschatzen +Rom+. Errichtung der ~Römischen Republik~. Papst +Pius VI.+ wird als Gefangener nach Valence (an der Rhone) geführt, wo er im folgenden Jahre stirbt.

Agitationen in der Schweiz (Waadtland) gegen die Regierung in Bern. Eindringen der Franzosen.

[April.]

Der Bund der Eidgenossen wird in die ~Helvetische Republik~ (19 gleichberechtigte Kantone, S. 225) umgewandelt; der Bundesschatz (16 Mill. Francs) ausgeliefert; +Genf+ an Frankreich abgetreten.

[~1798–1799.~]

~Bonapartes Zug nach Ägypten~, vorbereitet unter der Maske einer Unternehmung gegen England, dessen Seeherrschaft zu brechen am ersten im Mittelländischen Meere gelingen konnte.

Auslaufen der Flotte aus +Toulon+ (Mai 1798), mit 35000 Mann unter ~Bonaparte~, +Berthier+, +Kléber+, +Desaix+. Die bisher dem Johanniterorden (S. 242) gehörige Insel +Malta+ wird für Frankreich in Besitz genommen. Landung in Ägypten, Einnahme von +Alexandrīa+. Sieg über die +Mamelucken+ in der Schlacht bei den ~Pyramiden~ (21. Juli), darauf die Hauptstadt +Kairo+ besetzt. Desaix dringt nach Oberägypten vor. Französische Gelehrte (+Denon+, Generaldirektor der Museen, unter ihm die Vendômesäule errichtet) beginnen die Altertümer Ägyptens zu erforschen (S. 4, Anm. 1).

[~1798.~ 1. Aug.]

~Seeschlacht bei Abukir~ (+Nelson+). Die französische Flotte von den Engländern fast vernichtet, dem Landheere die Verbindung mit Frankreich abgeschnitten. Kriegserklärung der Türkei an Frankreich.

Bonaparte unterdrückt einen Aufstand in +Kairo+ und zieht darauf nach +Syrien+, erstürmt +Jaffa+, kann aber das mit Hilfe von Engländern verteidigte +St. Jean d’Acre+ (+Akkon+) nicht nehmen. Pest im französischen Heere, Rückzug nach Ägypten; Landung und Niederlage der Türken bei ~Abukir~ 1799.

[~1799–1802.~]

~Zweiter Koalitionskrieg.~

Der englische Minister +William Pitt+ (S. 300) gewinnt +Österreich+, +Rußland+, +Neapel+, +Portugal+, +die Türkei+ zum Bündnis gegen Frankreich. Kaiser ~Paul von Russland~ (1796 bis 1801) wird 1798 zum Großmeister des Malteserordens erwählt; eine russisch-türkische Flotte vertreibt die Franzosen von den Ionischen Inseln. Preußen unter Friedrich Wilhelm III. bleibt neutral.

Eröffnung des Krieges Ende 1798 durch einen Einfall der Neapolitaner unter dem österreichischen General +Mack+ in die Römische Republik. Der Einfall wird zurückgeschlagen, der König Ferdinand IV. von Neapel (S. 305) flieht nach Palermo, sein festländisches Gebiet wird von den Franzosen besetzt und in die

[~1799.~ Jan.]

~Parthenopeische Republik~ verwandelt. Auch der Großherzog Ferdinand III. von +Toskana+ wird verjagt. Der König Karl Emanuel IV. von +Sardinien+ entflieht aus Turin nach der Insel Sardinien, seine festländischen Besitzungen werden in französische Verwaltung genommen und 1802 in Frankreich einverleibt.

[März.]

+Jourdan+, von Erzherzog +Karl+ bei +Ostrach+ und bei +Stockach+ (nördlich vom Bodensee) geschlagen, geht über den Rhein zurück.

[April.]

Auflösung des Kongresses zu Rastatt. Zwei von den abreisenden französischen Gesandten werden von österreichischen Husaren ermordet.

[Juni.]

+Masséna+ bei ~Zürich~ von Erzherzog +Karl+ geschlagen, behauptet aber seine Stellung am Vierwaldstätter See. Inzwischen ist ein russisches Heer unter ~Suwōrow~ (geb. 1729) in Italien erschienen und hat sich mit den Österreichern (unter +Melas+) vereinigt. Die Siege bei ~Cassano~ und an der ~Trebbia~ bewirken die Auflösung der Cisalpinischen, Römischen und Parthenopeischen Republik. In Neapel grausames Blutvergießen nach der mit Unterstützung +Nelsons+ erfolgten Rückkehr Ferdinands IV.

Ein neues französisches Heer unter Joubert wird bei ~Novi~ (15. Aug.) ebenfalls geschlagen; dann muß Suwōrow auf Betreiben des österreichischen Ministers +Thugut+ Italien räumen und über die Alpen ziehen (berühmter Marsch über den St. Gotthardpaß), um sich mit dem zweiten russischen Heere unter +Korsakow+ in der Schweiz zu vereinigen. Aber dieses Heer war, da Erzherzog +Karl+ sich nach dem Rhein gewandt hatte, vor Suwōrows Ankunft von Masséna in der +zweiten+ Schlacht bei ~Zürich~ (25. 26. Sept.) geschlagen. Suwōrow gelangt nach weiteren erstaunlich beschwerlichen Märschen und Kämpfen im Okt. in das Rheintal, führt dann voll Erbitterung gegen Österreich sein Heer nach Rußland zurück († 1800).

[~1799.~ Okt.]

Ein +englisch-russisches+ Heer unter dem Herzog von +York+ (Sohn Georgs III.), welches in Holland gelandet war, wird von den Franzosen zurückgedrängt und durch die Kapitulation bei +Alkmar+ zum Abzug genötigt.

+Bonaparte+ eilt, nachdem er den Befehl in Ägypten an +Kléber+ (ermordet 1800) übertragen hat, mit wenigen Begleitern nach Frankreich zurück, um das Mißgeschick der französischen Waffen wieder gutzumachen. Er stürzt im Einverständnis mit den Direktoren +Sieyès+ und +Roger-Ducos+ und seinem Bruder +Lucian Bonaparte+, Präsidenten des Rates der Fünfhundert,

[9. Nov.]

durch den ~Staatsstreich des 18. Brumaire~ das Direktorium und treibt am folgenden Tage den Rat der Fünfhundert auseinander.

[~1799–1804.~]

~Konsularregierung~,

~Napoléon Bonaparte~ an der Spitze des Staates als ~erster Konsul~ +auf 10 Jahre+; neben ihm zwei von ihm ernannte Konsuln mit nur beratender Stimme.

Die ~neue (vierte) Verfassung~, von +Sieyès+ entworfen, aber von Napoleon bedeutend verändert, durch Abstimmung von der ganzen Nation angenommen, läßt den +Schein einer Republik+ bestehen, schafft aber in Wirklichkeit eine +Militärmonarchie+. Ein +Senat+ (80 reich besoldete und wenig beschäftigte Senatoren) ernennt aus den von den Departements eingesandten Namenlisten die +Mitglieder der gesetzgebenden Gewalt+, die obersten Beamten und Richter. Gesetzgebende Gewalt +ohne+ Vorschlagsrecht: a) +Tribunat+ (100), verhandelt über die Vorschläge der Regierung, ohne abzustimmen; b) +Gesetzgebender Körper+ (300), hat diese Vorschläge +ohne Debatte+ anzunehmen oder abzulehnen. Die +ausübende Gewalt+ hat der +erste Konsul+, dem ein Staatsrat zur Seite steht. ~Talleyrand~ (früher Bischof von Autun, dann im Dienst der Revolution) Minister des Auswärtigen (bis 1807).

Die Verwaltung wird neu geordnet und wieder zentralisiert (S. 308): strenge Abhängigkeit der +Präfekten+ in den Departements und ihrer Unterbeamten von der Regierung in Paris. Ordnung der Finanzen hergestellt; Verbesserung der Rechtspflege, Ausarbeitung eines neuen Gesetzbuches (+Code Napoléon+ 1804).

Die Friedensanträge des ersten Konsuls werden zurückgewiesen, nur Kaiser +Paul+ von Rußland wendet sich von der Koalition ab. Er erneuert die bewaffnete Seeneutralität (S. 297). Denselben Zweck verfolgt die +Nordische Konvention+ zwischen Rußland, Schweden, Dänemark, Preußen (1800), gegen England gerichtet.

[~1800.~]

+Napoleon+ führt sein Heer (32000 Mann) über den +Großen St. Bernhard+ (Umgehung des Forts +Bard+), schlägt die Österreicher unter +Melas+ bei ~Marengo~ (14. Juni, Gen. Desaix †, als er Napoleon im kritischen Augenblick noch zu Hilfe kommt) und stellt die Cisalpinische Republik wieder her.

In Deutschland dringt General +Moreau+ unter siegreichen Gefechten bis +München+ vor, schlägt (3. Dez.) die Österreicher nochmals bei ~Hohenlinden~ (östlich von München), schließt dann Waffenstillstand zu +Steyer+.

[~1801.~]

~Friede zu Lunéville~: 1. +Kaiser und Reich+ willigen in die ~Abtretung des linken Rheinufers an Frankreich~; die Fürsten, welche Gebiet verlieren, sollen +in Deutschland entschädigt+ werden. 2. Anerkennung der Batavischen, Cisalpinischen, Ligurischen, Helvetischen Republik. -- Deutschland verliert durch diesen Frieden mit Einschluß des belgischen Gebietes (vgl. S. 225, 316) 63000 qkm. (1150 □ Meil.) mit beinahe 3½ Mill. Einwohnern. Die schmachvollen Unterhandlungen über die Entschädigungen ziehen sich ~2 Jahre~ hin.

+Toskana+ endlich wird zu Gunsten des in +Parma+ regierenden spanisch-bourbonischen Herzogs Ludwig I. (S. 284) in ein von Frankreich abhängiges +Königreich Etrurien+ verwandelt. Ferdinand III. von Toskana erhält dafür das vergrößerte Erzbistum Salzburg und die Kurwürde. Ebenso tauscht Herzog +Herkules III.+ von +Modena+ (S. 341) gegen sein Land den Breisgau und die Ortenau ein.

[~1801–1825.~]

~Alexander I., Kaiser von Russland~, nach Ermordung seines Vaters Paul I. durch Verschworene. Aussöhnung Rußlands mit +England+, Auflösung der Nordischen Konvention.

[~1801.~]

~Die Franzosen räumen Ägypten~; das Heer wird auf englischen Schiffen nach Frankreich zurückgebracht.

~Konkordat~ zwischen dem neuen (S. 316) Papst +Pius VII.+ und der französischen Republik. Der Papst erkennt die Einziehung der Kirchengüter an, willigt ein, daß die Erzbischöfe und Bischöfe von der französischen Regierung ernannt werden, und behält sich nur die Bestätigung vor, begnügt sich mit dem Besitz des +verkleinerten+ Kirchenstaats (S. 315).

[~1802.~ März.]

~Friede zu Amiens~ zwischen Frankreich und England (nach Rücktritt des Ministers +Pitt+):

1. Herausgabe aller von England gemachten Eroberungen an Frankreich und seine Verbündeten mit Ausnahme von +Trinidad+, welches Spanien, und +Ceylon+ (S. 314), welches die Batavische Republik abtritt. 2. +Malta+ (von den Engländern 1800 erobert) soll dem Johanniterorden zurückgegeben werden. Infolge dieses Friedens ebenfalls +Friede+ zwischen +Frankreich+ und der +Pforte+.

Stiftung des +Ordens der Ehrenlegion+; monarchisches Auftreten +Napoleons+. Er läßt sich zum Präsidenten der +Italienischen+ (bisher Cisalpinischen) Republik wählen und übernimmt auf Grund einer Volksabstimmung in Frankreich (3½ Millionen Stimmen) das

[~1802.~ Aug.]

~Konsulat auf Lebenszeit~. +Elba+ und +Piemont+ werden mit Frankreich vereinigt. Die +Helvetische Republik+ erhält durch die +Mediationsakte+ eine neue Verfassung (1803).

Für die inneren Verhältnisse ~Deutschlands~ wird der Friede zu Lunéville nach einem von +Frankreich+ und +Rußland+ festgesetzten Entschädigungsplan zur Ausführung gebracht durch den

[~1803.~ Febr.]

~Reichsdeputations-Hauptschluß~ zu Regensburg. Von +geistlichen+ Ständen bleiben nur: 1. der bisherige Kurfürst von Mainz, von jetzt ab +Kurerzkanzler+ und Fürst Primas (v. Dalberg), mit einem Gebiet, gebildet aus Überresten des Erzstifts Mainz auf dem +rechten+ Rheinufer, dem Bistum +Regensburg+ und den Städten +Regensburg+, +Aschaffenburg+ und +Wetzlar+; 2. der +Johanniter+- und der +Deutschordensmeister+. Von den 52 freien +Reichsstädten+ bestehen nur ~6~ fort, die 3 Hansestädte +Lübeck+, +Hamburg+, +Bremen+, ferner +Frankfurt+, +Augsburg+, +Nürnberg+. Alle übrigen geistlichen Gebiete und Reichsstädte werden zu Entschädigungen verwendet. Die Kurfürstentümer +Trier+ und +Köln+ gehen ein. +Vier neue Kurfürstentümer+: Hessen-Kassel, Baden, Württemberg, Salzburg.

+~Hauptsächlichste Entschädigungen~+: 1. Großherzog von ~Toskana~: +Salzburg+ und +Berchtesgaden+. 2. Herzog von ~Modĕna~: +Breisgau+ (wofür Österreich die Stifter +Trient+ u. +Brixen+ erhält). 3. ~Bayern~: Bistümer +Würzburg+, +Bamberg+, +Freising+, +Augsburg+, Abteien und Reichsstädte in Franken und dem östlichen Schwaben. 4. ~Baden~ erhält den rechtsrheinischen Teil der +Pfalz+ (Heidelberg, Mannheim) und der Bistümer Straßburg, Speier, Basel, Konstanz. 5. ~Württemberg~: mehrere Klöster und Reichsstädte, besonders +Reutlingen+, +Eßlingen+, +Heilbronn.+ 6. ~Preußen~: die Bistümer +Münster,+ +Paderborn,+ +Hildesheim,+ das mainzische +Thüringen+ (Eichsfeld und Erfurt), mehrere Abteien, besonders +Quedlinburg+, und die Reichsstädte +Mühlhausen,+ +Nordhausen,+ +Goslar.+ 7. ~Oldenburg~: Bistum +Lübeck.+ 8. ~Hannover~: Bistum +Osnabrück+. 9. ~Wilhelm~ von ~Oranien,~ Sohn des Erbstatthalters von Holland: Stifter +Fulda+ und +Corvey.+ Im allgemeinen +gewinnen+ die entschädigten Fürsten bedeutend an Gebiet und Untertanen, z.B. erhält Preußen 13000 qkm (240 □ Meilen), für 2600 qkm (48 □ Meilen); die übergroße Zahl der deutschen Kleinstaaten wird vermindert.

§ 3. Machtentfaltung des ersten französischen Kaiserreiches.

[1803.]

Neuer Bruch zwischen +Frankreich+ und +England+. England gibt Malta nicht heraus, fordert die Entfernung französischer Truppen aus der Batavischen Republik und der Schweiz, auch Herausgabe von Piemont. Aufenthalt der bourbonischen Prinzen in London. Die Franzosen ~besetzen Hannover;~ das Lager bei +Boulogne+ bedroht England mit einer Landung. William +Pitt+ wiederum leitender Minister in England († 1806).

[1804.]

Verschwörung gegen das Leben des ersten Konsuls entdeckt. +Pichegru+ erdrosselt im Gefängnis gefunden, +George Cadoudal+ hingerichtet, +Moreau+ verbannt, geht nach Amerika. Der +Herzog von Enghien+ (bourbonischer Prinz von der Nebenlinie Condé) wird als an der Verschwörung beteiligt aus Ettenheim in Baden mit Gewalt entführt und auf Napoleons Befehl in Vincennes (bei Paris) erschossen. Tribunat und Senat beschließen die Umwandlung der Republik Frankreich in ein erbliches +Kaiserreich+; der Beschluß wird durch +Volksabstimmung+ (mit über 3½ Mill. Stimmen) genehmigt.

[1804. 2. Dez.]

+Napoleon+ krönt sich und seine Gemahlin +Josephine Beauharnais+ in der Kirche +Notre-Dame+ zu Paris, nachdem Papst Pius VII. die Ceremonie der Salbung vollzogen hat.

[~1804–1814(15).~]

~Napoleon I., Kaiser der Franzosen.~ Einrichtung eines glänzenden Hofstaates. Großwürdenträger, 18 Maréchaux de l’Empire. Neuer Adel. +Senat+ und +gesetzgebender Körper+ bleiben, aber ohne selbständige Befugnisse, das Tribunat wird 1807 aufgehoben.

[1805.]

+Napoleon+, ~König von Italien.~ Sein Stiefsohn +Eugen+ +Beauharnais, Vizekönig+ von Italien. Die +Ligurische Republik+ wird in Frankreich einverleibt.

~Die Familie Bonaparte.~

Carlo Bonaparte, †1785, Gem. Maria Lätitia Ramolino, †zu Rom 1836. ____________________________|________________________________... | | | | ~Joseph,~ ~Napoléon I.~ Lucian, Elise, K. v. Neapel 1806, 1804–1814, F. v. Canino, Fürstin von K. v. Span. 1808, †1821. †1840. Piombino, †als Gr. v. Gem. | †1820. Sur-villiers 1. Josephine | 1844. Beauharnais, Karl Lucian, †1814. F. v. Canino. 2. Marie Luise v. Österreich, †1847. (Hzgin. v. Parma.) ______________|______________________________ | | | Stiefkinder: Adoptiert: Eigenes Kind: a) Eugen, b) Hortense, c) Stephanie, Napoleon (II.), Vizek. v. Gem. v. Ludw., Großhzgin. König v. Rom, Italien K. v. Holland, v. Baden, †als Hz. (Gem. Przn. †1837. †1860. v. Reichstadt v. Bayern), 1832. †als Hz. v. Leuchtenberg 1824. |_____________________________________________________________________ | | | | | | Josephine Eugenie August, Amalie Theodelinde Max, (Gem. Oskar (Gem. Fürst von Hz. v. (Gem. Pedro I., (Gem. Gr. v. Hz. v. I., König Hohenzollern- Leuchtenberg Kaiser Württemberg) Leuchtenberg, von Hechingen), (Gem. d. v. †1857. †1852. Schweden) †1847. Kgin. v. Brasilien), †1876. Portugal). †1873. †1835.

Carlo Bonaparte, †1785, Gem. Maria Lätitia Ramolino, †zu Rom 1836. ...____________________________|_________________ | | | | ~Ludwig,~ Pauline, Karoline, Jérôme, K. v. Holland (Gem. Fürst (Gem. Joachim K. v. Westf. (Gem. Hortense, v. Borghese), Murat, K. von (Gem. Przn. Stieftochter †1825. Nepal), v. Württemb.), Napoleons I.). †1839. †1860. †1846. | | | __|____________ Jérôme Napoléon, †1891, | | Gem. Clotilde v. Italien, †1911. Ludwig, Karl Ludwig _____________|_____________ Großhzg. v. (seit dem | | | Berg u. Tode seines Napoleon Victor, Louis. Maria Lätitia, Cleve, Bruders gen. Gem. Clementine Gem. Amadena, †1831. ~Louis Napoléon~) v. Belgien. Hz. v. Aosta, als Kaiser †1890 (König v. ~Napoléon III.~, Gem. Eugenie Montijo, Spanien 1852–1870. †1873. Gräfin v. Teba. 1870–1873). |____________________| | Napoleon (Prince-Impérial), †1879.

Napoleons Pläne zur Vernichtung Englands (die Flotte in +Brest+ soll die Landung des Heeres in England decken, die Geschwader in +Toulon+ und +Rochefort+ die englische Flotte nach Westindien locken) werden vereitelt durch +Nelsons+ energische Maßregeln und durch den

[~1805.~]

~Dritten Koalitionskrieg.~

+England, Rußland, Österreich+ und +Schweden+ (+Gustav IV+., 1792–1809) einigen sich zur Herstellung des europäischen Gleichgewichts. +Spanien+ mit Frankreich verbündet.

Das Lager bei +Boulogne+ wird aufgehoben. Die französischen Heere rücken unter +Davout, Soult, Lannes, Ney+ nach dem Rhein zu gegen Österreich, +Napoleon+ vereingt seine Truppen (200000 Mann) an der oberen Donau. +Bernadotte+, von Hannover kommend, marschiert durch das neutrale ansbachische Gebiet Preußens. ~Bayern, Württemberg, Baden~ verstärken Napoleons Heer. Nach mehreren unglücklichen Treffen wird der österreichische General

[~1805.~ Okt.]

~Mack~ in ~Ulm~ mit 25000 Mann zur Ergebung genötigt und kriegsgefangen.

Der Seekrieg (seit 1803) von England glänzend beendet durch

[21. Okt.]

~Nelsons Seesieg bei Trafalgar~ unweit Cadiz über die französische und spanische Flotte, welche auf Napoleons bestimmten Befehl aus Cadiz ausgelaufen war. +Nelson+ † (»England expects every man to do his duty«).

Die Franzosen marschieren auf ~Wien~, das Napoleons Schwager +Murat+ ohne Widerstand einnimmt. Erzherzog +Karl,+ der in Italien mit +Masséna+ gekämpft hat, zieht sich über die Ostalpen zurück; ein russisches Heer unter +Kutūsow+, ein zweites unter +Kaiser Alexander+ rückt heran.

[3. Nov.]

Bündnis Alexanders mit Friedrich Wilhelm III. zu +Potsdam+ (am Sarge Friedrichs d. Gr.).

[2. Dez.]

~Drei-Kaiser-Schlacht bei Austerlitz~ (in Mähren). +Napoleon+ siegt über die vereinigten +Russen+ und +Österreicher+, ehe Erzherzog Karl angekommen ist. Waffenstillstand mit Österreich, Rückzug der Russen.

[15. Dez.]

Vertrag +Preußens+, das soeben noch bereit war, der Koalition beizutreten, mit +Napoleon+ zu +Schönbrunn+ (Gesandter Graf Haugwitz). Preußen tritt an Frankreich den rechtsrheinischen Rest von +Cleve+ (+Wesel+) und +Neuchâtel,+ an Bayern, das +Berg+ an Frankreich überläßt, +Ansbach+ ab, erhält dafür (das den Engländern erst abzuringende) +Hannover,+ schließt mit Frankreich ein Schutz- und Trutzbündnis.

[26. Dez.]

~Friede zu Preßburg~: 1. Österreich tritt +Venedig+ nebst Gebiet (S. 316) an das Königreich +Italien+ ab, als dessen König es ~Napoleon~ anerkennt. 2. Österreich tritt an ~Bayern~ ab: +Tirol,+ +Vorarlberg,+ +Burgau,+ +Lindau,+ ferner die Bistümer +Brixen, Trient, Eichstädt, Passau+; außerdem erhält Bayern die freie Stadt +Augsburg+. 3. Von Österreich erhalten ~Württemberg~ und ~Baden~ die noch übrigen vorderösterreichischen Besitzungen in Oberschwaben, den Breisgau, die Stadt +Konstanz+ u. a., dazu kommen die Gebiete des Deutschen Ordens und der Johanniter (Malteser) in Süddeutschland (Mergentheim, s. S. 179). 4. Bayern und Württemberg werden als ~Königreiche~ anerkannt. 5. Österreich erhält als Entschädigung: +Salzburg, Berchtesgaden+ und die Güter des +Deutschen Ordens+; der Kurfürst von +Salzburg+ bekommt von Bayern +Würzburg+ als Entschädigung. ~Rußland~ bleibt im Kriegsstande, ebenso England und Schweden.

[~1805.~ Dez.]

Das Haus Bourbon in +Neapel+ (S. 305) wird durch eine Verfügung Napoleons aus Schönbrunn (+La dynastie de Naples a cessé de régner+) entthront. Von Paris aus verfügt er weiter über die unterworfenen Länder.

[~1806.~]

~Joseph~, Napoleons älterer Bruder, wird König von Neapel. Der Hof von Neapel zieht sich nach +Palermo+ zurück. Sicilien ist für Napoleon unerreichbar, da die Engländer das Meer beherrschen.

~Joachim Murat,~ Schwager Napoleons, wird Großherzog von +Berg+ (bisher zu Bayern gehörig, S. 289, 323). Marschall ~Berthier~ wird Fürst von +Neuchâtel+. ~Louis~ Bonaparte, Napoleons dritter Bruder, Gemahl seiner Stieftochter +Hortense Beauharnais,+ wird König von ~Holland~ (frühere Batavische Republik). Seine Schwestern +Elise+ und +Pauline+ erhalten die Fürstentümer +Piombino+ (mit +Lucca+ und +Carrara+) und +Guastalla+.

[Juli.]

~Errichtung des Rheinbundes~ (s. S. 266).

Napoleon ~Protektor.~ Der bisherige Kurerzkanzler des Reiches +Fürst Primas+ des Rheinbundes, die Könige vor +Bayern+ und +Württemberg+, Großherzöge von +Baden, Hessen Darmstadt+ und +Berg+, Herzog von +Nassau+ u. a. treten bei. Die andern regierenden deutschen Fürsten schließen sich nach und nach an mit Ausnahme derer von +Österreich, Preußen, Braunschweig+ und +Kurhessen+.

Viele bis jetzt reichsunmittelbare Fürsten (Fürstenberg, Öttingen, Hohenlohe, Thurn und Taxis, Leiningen, Solms, Sayn-Wittgenstein u. a.), Grafen (Castell, Erbach, Stolberg, Metternich u. a.) und Ritter (Reichsfreiherr vom +Stein+) werden als +Mediatisierte+ den Rheinbundfürsten untertan; die bisherige Reichsstadt +Nürnberg+ kommt an Bayern, +Frankfurt+ an den Fürsten Primas +Dalberg+ (+Großherzog von Frankfurt+). Der Rheinbund hat dem französischen Kaiserreich 63000 Mann Truppen zu stellen.

Kaiser +Franz+, der schon 1804 den Titel ~Kaiser von Österreich~ angenommen hatte, legt (6. Aug.) die deutsche Kaiserwürde nieder. ~Ende des alten Deutschen Reiches~.

[~1806–1807.~]

~Krieg Frankreichs gegen Preußen und Rußland.~

+Gründe der preußischen Kriegserklärung+: Errichtung des Rheinbundes, Wegnahme von +Essen+ und +Werden+ durch den Großh. von Berg; Anerbieten Napoleons an England, Preußen das ihm soeben aufgedrängte Land +Hannover+ wieder abzunehmen, während er Preußen zur Bildung eines +norddeutschen Bundes+ auffordert (den betreffenden Fürsten aber heimlich abrät).

Gefahrvolle Lage Preußens beim Ausbruch des Krieges. Das Heerwesen veraltet (Kanton- und Werbesystem), die Leitung unentschlossen. Keine Bundesgenossen außer +Kursachsen, Weimar+ (Herzog +Karl August+), +Oldenburg, Mecklenburg+ und dem fernen +Rußland+; dazu Entzweiung mit England wegen Hannover.

[~1806.~ Sept.]

Zusammenziehung des preußischen Heeres in Thüringen unter Anführung des +Herzogs von Braunschweig+ (S. 313).

[10. Okt.]

Die Vorhut der Preußen bei ~Saalfeld~ geschlagen, Prinz +Louis Ferdinand+, Neffe Friedrichs des Großen (geb. 1772), fällt. Das Hauptheer wird in der

[14. Okt.]

~Doppelschlacht bei Jena und Auerstädt~ vollständig besiegt. Bei +Jena+ kämpft Napoleon selbst gegen den Heeresteil des Fürsten Hohenlohe, bei +Auerstädt+ Marschall Davout gegen den Herzog von Braunschweig und König Friedrich Wilhelm III. Rückzug des geschlagenen Heeres über Magdeburg; die Festung +Erfurt+ ergibt sich am 16. Oktober. Die Reservearmee unter Prinz Eugen von Württemberg wird am 17. Oktober bei +Halle+ von Bernadotte geschlagen. +Spandau+ ergibt sich am 25. Oktober, am 27. zieht Napoleon in ~Berlin~ ein. Friedrich Wilhelm III. flüchtet mit der königlichen Familie über Küstrin und Graudenz nach Königsberg.

Hohenlohe kapituliert mit 10000 Mann bei +Prenzlau+ (28. Okt.). +Blücher+[53] schlägt sich mit 18000 Mann durch bis +Lübeck+, wird dort von französischer Übermacht besiegt (6. Nov.) und ergibt sich mit dem Rest seiner Truppen (9400 Mann) bei +Ratekau+ (7. Nov.). Sehr bald ergeben sich die Festungen +Stettin+, +Küstrin+, +Magdeburg+, +Hameln+; dagegen ~Kolberg~ (+Gneisenau+, +Schill+, +Nettelbeck+) und ~Graudenz~ (+Courbière+) halten sich tapfer bis zum Frieden.

Ganz Norddeutschland von den Franzosen besetzt. Der bei Auerstädt schwer verwundete Herzog von Braunschweig stirbt als Flüchtling (10. Nov.) zu Ottensen bei Hamburg.

[21. Nov.]

Von Berlin aus verfügt Napoleon die ~Kontinentalsperre~ gegen England. Einmarsch der Franzosen, Bayern und Württemberger in +Schlesien+, wo nur die Festungen +Kosel+ und +Glatz+ sich behaupten.

[Dez.]

Napoleon schließt in +Posen+ Frieden und Bündnis mit dem Kurfürsten +Friedrich August III.+ von ~Sachsen~, welcher als König dem Rheinbunde beitritt. Inzwischen sind zwei +russische Heere+ herangekommen; blutige Gefechte bei +Pultusk+ zwischen Russen und Franzosen. Letztere beziehen Winterquartiere an der Weichsel (Napoleon 2. Jan. in Warschau), dringen dann nach Ostpreußen vor.

[~1807.~ 7. u. 8. Febr.]

~Schlacht bei Preußisch-Eylau.~ Der mörderische Kampf bleibt unentschieden, doch schlagen die Preußen (unter +L’Estocq+ und +Scharnhorst+) den rechten Flügel der Franzosen zurück. Abermals Winterquartiere. König +Friedrich Wilhelm III.+ geht mit seiner Gemahlin +Luise+, Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz (geb. 1776) und seinen Kindern nach +Memel+

[26. Mai.]

~Danzig~ nach tapferer Verteidigung (Gen. +v. Kalkreuth+) von den Franzosen genommen. Nach mehreren unentschiedenen Treffen siegt Napoleon in der

[14. Juni.]

~Schlacht bei Friedland~ über die +Russen+. +Königsberg+ und das Land bis zum +Niemen+ von Napoleon besetzt. Waffenstillstand. Zusammenkunft +Napoleons+, +Alexanders+ und +Friedrich Wilhelms III.+ auf dem +Niemen+. Vergeblicher Versuch der Königin Luise, Napoleon zu milden Friedensbedingungen zu bewegen.

[7. u. 9. Juli.]

~Friede zu Tilsit. A. Rußland~ erkennt 1. das Herzogtum +Warschau+ (gebildet aus bisher preußischen Gebieten, S. 298) unter dem Könige von Sachsen an. +Danzig+ wird freie Stadt, ein Teil von +Neu-Ostpreußen+ (+Bialystock+) an Rußland abgetreten. 2. Rußland erkennt +Joseph Bonaparte+ als König von Neapel, +Louis Bonaparte+ als König von Holland, +Jérôme Bonaparte+ als König des neu zu bildenden Königreichs +Westfalen+, ferner den Rheinbund an. 3. Es nimmt Napoleons Vermittelung zum Frieden mit den Türken an (1806 russische Kriegserklärung an die Türkei wegen Verletzung des Friedens von +Jassy+, S. 297), +Napoleon+ dagegen die Vermittelung +Alexanders+ zum Frieden mit England. In einem +geheimen+ Artikel verpflichtet sich Alexander, falls England den Frieden nicht annimmt, zu einem Bündnis mit Frankreich gegen England ~B. Preußen~ tritt ab: a) zur freien Verfügung Napoleons +alle Länder zwischen Rhein und Elbe,+ b) an +Sachsen+ den Kottbuser Kreis, c) zur Bildung des Herzogtums +Warschau+ alle nach 1772 von Polen gewonnenen Länder, auch +Danzig+ und Gebiet. 2. Es erkennt die drei Brüder Napoleons als Könige an. 3. Alle preußischen Häfen sind bis zum Frieden mit England dem britischen Handel verschlossen. -- Über die Rückgabe und Räumung der preußischen Provinzen und Festungen bestimmt der +Vertrag zu Königsberg+ (12. Juli), daß erst alle rückständigen Kriegsentschädigungen von Preußen abgetragen werden müssen.

Die Entschädigungen, nach preußischer Rechnung noch 19 Millionen Franks, nach französischer 154, werden 1808 durch den +Vertrag zu Paris+ auf 140 Millionen festgesetzt; auch wird bestimmt, daß Preußen nur ein Heer von 42 000 Mann halten dürfe. Starke französische Besatzungen bleiben in den Oderfestungen +Stettin, Küstrin, Glogau+; das übrige Land wird Ende 1808 geräumt. Bis dahin muß der von 5570 auf 2877 □ Meilen verminderte preußische Staat 150000 Franzosen ernähren.

[1807. Aug.]

Gründung des ~Königreichs Westfalen~ (Hauptstadt +Kassel+) durch eine Verfügung Napoleons, der sich die Hälfte der Domänen vorbehält. +Hannover+ bleibt von den Franzosen besetzt, ebenso die Städte +Danzig+ und +Erfurt+.

~Schweden~ unter +Gustav IV.+ (1792–1809) verharrt in Feindschaft gegen Frankreich. +Stralsund+ und +Rügen+ werden von französischen Truppen besetzt (1807, Aug.), +Finnland+ von russischen.

Gewalttat der Engländer gegen ~Dänemark~, das aufgefordert war, ein Bündnis zu schließen und seine Flotte den Engländern in Gewahrsam zu geben. Eine englische Flotte beschießt (1807, Sept.) +Kopenhagen+ und führt die dänische Flotte weg. Die Insel +Helgoland+ wird englische Seestation. Bündnis +Dänemarks+ mit Frankreich; +Rußland+ erklärt den Krieg an England.

~Portugal~, welches, mit England verbündet, dem Kontinentalsystem nicht beitreten will, wird von einem französischen Heere unter +Junot+ besetzt (1807, Nov.). Die königliche Familie flieht nach Brasilien.

In ~Spanien~ rücken unter dem Vorwande, die Küsten gegen die Engländer zu schützen, 80000 Franzosen ein. König +Karl IV.+ dankt infolge eines gegen seinen Günstling +Godoy+ (S. 315) ausgebrochenen Aufstandes zu Gunsten seines Sohnes +Ferdinand VII.+ ab (1808, März). Vater und Sohn geraten in Streit, werden von Napoleon nach +Bayonne+ gelockt und gezwungen, dem Throne zu entsagen (Mai). Napoleon ernennt seinen Bruder ~Joseph~ zum König von Spanien; an Josephs Stelle wird Murat König von Neapel. +Etrurien+ (S. 319) mit Frankreich vereinigt.

Allgemeiner ~Aufstand der Spanier~; der französische General Dupont wird bei +Baylen+ (in der Sierra Morena) mit 20000 Mann gefangen (1808, Juli). Die Engländer unter +Wellesley+ (geb. 1769, anfangs in holländischen Diensten, dann 1796–1805 Offizier in Ostindien, † 1852) landen in Portugal und zwingen Junot bei +Cintra+ zur Ergebung (Aug.); er wird mit 21000 Mann auf englischen Schiffen nach Frankreich gebracht.

[~1808–1814.~]

~Krieg Napoleons in Spanien und Portugal.~

Napoleon, seit dem ~Fürstentag zu Erfurt~ (1808, Okt.), wo ihm 4 +Könige+ und 34 +Fürsten+ und Prinzen aus Deutschland ihre Huldigungen darbringen, enger mit +Kaiser Alexander+ verbündet, eilt selbst mit 150000 Mann nach Spanien, rückt bis +Madrid+ vor, vertreibt (mit +Soult+) die Engländer aus Spanien, kehrt dann nach Paris zurück (1809, Jan.). Fortdauernder Volkskrieg (Guerilla) der Spanier, von den Engländern unterstützt. Die Festung +Saragossa+ wird nach heldenmütiger Verteidigung (General +Palafox+) im Februar 1809 von den Franzosen erobert. General +Wellesley+ nötigt den Marschall Soult zum Abzug aus +Oporto+, wird nach dem Siege über +Joseph+ bei +Talavera+ (1809, Juli) zum ~Lord Wellington~ erhoben und leitet die fernere Kriegführung in Spanien mit Ausdauer und Umsicht (S. 331, 337 ff.).

[~1807–1811.~]

~Neubau des preußischen Staates.~

König Friedrich Wilhelm III. beruft den Freiherrn ~vom Stein~[54] als leitenden Minister nach Königsberg. +Aufhebung der Erbuntertänigkeit+ 1807 (9. Okt.), +Städteordnung+ 1808 (19. Nov.). Vereinfachung der Ministerien und Verwaltungbehörden. Auf Verlangen Napoleons Stein entlassen Nov. 1808; dann durch ein Dekret Napoleons aus Madrid geächtet flieht er nach Österreich. Sein Nachfolger ~v. Hardenberg~[55] ordnet die Steuern, führt +Gewerbefreiheit+ ein. Gleichzeitig +Neuordnung des Heeres+ auf Grund der ~allgemeinen Wehrpflicht~ (1814 gesetzlich eingeführt) durch ~Scharnhorst~.[56] Seine Mitarbeiter +v. Gneisenau+, +v. Grolmann+, +v. Boyen+, +v. Clausewitz+ u. a.

In +Berlin+ hält +Fichte+, während noch französische Besatzung dort liegt, seine »Reden an die deutsche Nation«. Friedrich Wilhelm III. kehrt Ende 1809 von Königsberg nach Berlin zurück. ~1810~, am ~19. Juli~, Tod der edlen Königin +Luise+ in Hohenzieritz. Errichtung der +Berliner Universität+ (W. v. Humboldt, Fichte, Niebuhr, Savigny, Schleiermacher). 1811 eröffnet +F. L. Jahn+ den ersten +Turnplatz+ in der Hasenheide bei Berlin.

Die Befreiung Deutschlands und Europas von dem französischen Joche wird vorbereitet. (+E. M. Arndts+ Schrift: Geist der Zeit, die Lieder +Th. Körners+, +Fr. Rückerts+ [Geharnischte Sonette], +M. v. Schenkendorfs+.) Vergebens versucht Österreich (leitender Minister seit 1805 Graf +Stadion+) allein diese Befreiung, als Napoleon durch den Kampf in Spanien gehemmt zu sein scheint.

[~1809.~]

~Krieg gegen Österreich.~

Erzherzog +Karl+, als Befehlshaber des nach +Bayern+, Erzherzog +Johann+ an der Spitze des nach +Italien+ vorrückenden österreichischen Heeres, fordern die deutschen Völker auf zur Teilnahme an dem Kampfe gegen die französische Herrschaft. Nur +Tirol+ erhebt sich (+Andreas Hofer+, +Speckbacher+, +Haspinger+).

Napoleon greift, namentlich mit ~deutschen~ Truppen, den Erzherzog +Karl+ in Bayern an, drängt ihn nach

[April.]

fünftägigen Gefechten bei +Abensberg+, +Landshut+, +Eckmühl+ und +Regensburg+ über die Donau nach

[13. Mai.]

Böhmen und besetzt ~Wien~ zum zweitenmal. Sein Versuch, von der Insel +Lobau+ aus das linke Donauufer zu besetzen, wird vereitelt durch die blutige

[21. u. 22. Mai]

~Schlacht bei Aspern und Eßling~. Napoleon zum erstenmal +geschlagen+ von Erzherzog +Karl+. Er muß über die Donau zurückweichen (+Masséna+), behauptet aber Wien und vereinigt sich mit dem Vizekönig +Eugen+, welcher den Erzherzog +Johann+ aus Ober-Italien nach Ungarn verfolgt und bei +Raab+ besiegt hatte. Mit 180000 Mann geht Napoleon wieder über die Donau, schlägt den Erzherzog +Karl+ in der mörderischen

[5. u. 6. Juli.]

~Schlacht bei Wagram~ und verfolgt ihn nach Mähren. Waffenstillstand zu +Znaim+. An die Stelle des Grafen +Stadion+ tritt +Metternich+ als leitender Minister Österreichs.

[~14. Okt.~]

~Friede zu Wien (Schönbrunn)~: Österreich tritt ein Gebiet von 110000 qkm (2000 □ Meilen) ab: +Salzburg+ und das +Innviertel+ an +Bayern+, +Westgalizien+ an das Herzogtum Warschau, einen Teil +Ostgaliziens+ an Rußland, die +Länder jenseits der Sau+ nebst +Istrien+ und +Dalmatien+ an Napoleon, der daraus einen neuen +Staat der illyrischen Provinzen+ bildet.

Die +Tiroler+, welche dreimal die Feinde aus +Innsbruck+ vertrieben hatten (Kämpfe am Berge Isel), kämpfen tapfer weiter, unterliegen aber der Übermacht (Nov.). ~Hofer~ wird verraten und (1810, Febr.) von den Franzosen ~in Mantua erschossen~. Tirol bleibt unter bayrischer Herrschaft; +Süd-Tirol+ kommt an das +Königreich Italien+.

[~1809.~ 28. April.]

Kühner Zug des preußischen Majors ~v. Schill~, der mit seinem Husarenregiment von +Berlin+ auszieht und die Deutschen zum Freiheitskampf aufruft. Oberst +Dörnberg+ will Jérômes Regierung in Kassel stürzen. Die Nachrichten von Napoleons ersten Siegen vereiteln diese Unternehmung. Dörnberg rettet sich nach Böhmen. Schill kämpft bei +Dodendorf+ (unweit Magdeburg) gegen westfälische Truppen, zieht weiter nach +Dömitz+ (an der unteren Elbe), fällt tapfer kämpfend in +Stralsund+ (31. Mai). 11 seiner Offiziere werden in +Wesel+ kriegsrechtlich erschossen, die gefangenen Soldaten auf Napoleons Befehl zur Zwangsarbeit verurteilt und nach Frankreich geschleppt.

Rachezug +des Herzogs+ ~Friedrich Wilhelm von Braunschweig~ gegen die Räuber seines Landes. Er sammelt eine Freischar in Schlesien und Böhmen, zieht durch Sachsen, erstürmt Halberstadt, zieht in Braunschweig ein (31. Juli), muß aber alsbald vor der feindlichen Übermacht weichen, kämpft tapfer bei +Oelper+, erreicht die +Weser+ bei Elsfleth (unterhalb Bremen), führt seine »schwarze Schar« zu Schiffe nach England. Der Herzog und die meisten seiner Getreuen treten dann in die englisch-deutsche Legion, welche in Spanien kämpft.

[März.]

König +Gustav IV.+ von ~Schweden~, erbitterter Feind der Revolution und Napoleons, seit 1808 in unglücklichem Kriege mit +Rußland+, wird durch einen Militäraufstand zur Abdankung gezwungen. Sein Oheim +Karl XIII.+ übernimmt die Regierung, schließt Frieden mit Rußland, indem er +Finnland+ abtritt (S. 277, 327), adoptiert 1810 den französischen Marschall +Bernadotte+ als Thronfolger.

[Mai.]

~Der Kirchenstaat mit Frankreich vereinigt~ durch Dekret Napoleons von Schönbrunn, weil Papst Pius VII. (S. 319f.) die Forderung, seine Häfen den Engländern zu verschließen, standhaft ablehnt. Er spricht den Bann aus, wird verhaftet und nach Grenoble, von da nach +Savona+ (bei Genua) geführt. Dort lebt er als Gefangener, während Napoleon ein Konzil der Bischöfe seines Reichs nach Paris beruft (1811). In +Fontainebleau+ unterzeichnet Pius (1813, Jan.) ein +Konkordat,+ widerruft es aber bald und wird nach +Savona+ zurückgebracht, wo er bis zu Napoleons Sturz 1814 verbleibt.

[~1810.~ April]

~Napoleon,~ von +Josephine Beauharnais+ († 1814) geschieden, heiratet +Marie Luise,+ die Tochter des Kaisers +Franz I.+ von Österreich.

[Juli.]

Abdankung und Flucht des Königs +Louis Bonaparte+ von Holland, der sein Land nicht durch die Kontinentalsperre zugrunde richten will. +Holland+ dem französischen Kaiserreich +einverleibt+, ebenso bald darauf der Kanton +Wallis+.

[Dez.]

Das nördliche +Hannover, Oldenburg,+ die +Hansestädte+ dem französischen Kaiserreich +einverleibt+ zur strengeren Durchführung der Kontinentalsperre.

In ~Spanien~ dringen die Marschälle Soult, Viktor, Mortier nach +Andalusien+ vor; vergebliche Belagerung von +Cadiz+, wo die spanischen Cortes (Landstände) zusammentreten und eine +neue Verfassung+ beschließen (vollendet 1812). +Wellington+ zieht sich auf die befestigten Höhen von +Torres Vedras+ zwischen dem Tejo und der portugiesischen Küste zurück, von wo er 1811 gegen +Masséna+ siegreich vordringt.

[~1811.~ März.]

Geburt eines Sohnes Napoleons, dem der Titel ~König von Rom~ verliehen wird († 1832).

Napoleon I. auf dem Gipfel seiner Macht.

Im Seekriege mit England hat Frankreich (und Holland) nur Verluste. Die Engländer erobern 1806 das +Kapland+, 1809 +Cayenne, Martinique, Senegal, San Domingo,+ 1810 +Guadeloupe, Isle Bourbon, Isle de France+, 1811 +Java+.

Die Vereinigten Staaten, am Handel mit Frankreich durch die englische Flotte gehindert, beginnen 1812 Krieg gegen England, werden aber 1814 durch Besetzung der Hauptstadt Washington zum Frieden genötigt (S. 302).

§ 4. Sturz des ersten französischen Kaiserreichs.

[~1812.~]

~Krieg Frankreichs gegen Rußland.~

Die Weigerung Rußlands, das +Kontinentalsystem,+ welches Napoleon selbst durch käufliche +Lizenzen+ umging, streng durchzuführen, erregt den Unwillen des Gewalthabers. Die Vergrößerung des Herzogtums +Warschau+ durch Westgalizien (S. 330) erfüllt den Kaiser Alexander mit Besorgnis vor einer Wiederherstellung Polens; die Absetzung des Herzogs von +Oldenburg+, seines nahen Verwandten, (S. 293) wird von ihm als schwere Beleidigung empfunden.

Bündnis Napoleons mit +Preußen+, welches 20000 Mann, und mit +Österreich+, welches 30000 Mann zu dem russischen Zuge stellen muß. Schweden (+Bernadotte+) benutzt die Gelegenheit, um sich von der französischen Abhängigkeit zu befreien und durch ein Bündnis mit Rußland sich +Norwegen+ als Ersatz für Finnland zu sichern. +England+ und die +Türkei+ schließen Frieden mit Rußland; die Türkei tritt im Frieden von +Bukarest+ das Land zwischen Dnjestr und +Pruth+ an Rußland ab.

[~1812.~ Mai.]

Napoleon wird in +Dresden+ von Kaiser Franz I., König Friedrich Wilhelm III. und den Rheinbundfürsten begrüßt, reist von da über Posen und Thorn nach +Königsberg+ zu seiner Armee, deren Durchzug Preußen schwer belastet. +Berlin+ hat wiederum französische Besatzung.

Die +große Armee+ (über 600000 Mann) vereinigt Franzosen, Deutsche, Italiener, Schweizer, Niederländer, Polen. Beim Vormarsch bilden die +Österreicher+ unter +Schwarzenberg+, zusammen mit Franzosen und Sachsen unter +Reynier+, den +rechten+ Flügel, welcher nach Wolhynien vorrückt; die +Preußen+ unter +York+ gehören dem +linken+ Flügel an, welcher unter +Macdonalds+ Oberbefehl nach Livland zieht, um Riga zu belagern. Das +Hauptheer+ überschreitet Ende Juni den Niemen; Napoleon verweilt 18 Tage in +Wilna+; die Hoffnung der +Polen+ auf Wiederherstellung ihres Staates verwirklicht sich nicht.

Die +Russen+ (260000 Mann in 3 Heeren) weichen kämpfend zurück. Ihre Hauptmacht unter +Barclay de Tolly+ kämpft am 17. August bei ~Smolensk~; die brennende Stadt wird den Franzosen (18. Aug.) überlassen. Unter +Kutūsows+ Oberbefehl

[7. Sept.]

~Schlacht bei Borodinó~ an der Moskwa: beide Teile erleiden ungeheuere Verluste. Rückzug der Russen in guter Ordnung bis hinter +Moskau+. Das französische Hauptheer, auf 100000 Mann zusammengeschmolzen, besetzt die von den Einwohnern verlassene Stadt. Napoleon im +Kreml+.

[15.–20. Sept.]

~Brand von Moskau~ (der Gouverneur +Rostopschin+). Plünderung der Stadt unter Schutt und Trümmern; der Kreml wird gegen das Feuer geschützt. Kaiser +Alexander+ lehnt auf +Steins+ Rat Friedensanträge Napoleons ab. Nach +fünfwöchigem+ Aufenthalt in Moskau

[19. Okt.]

~Rückzug aus Rußland~, von ~Napoleon~ erst nach Südwesten, dann in der Richtung auf +Smolensk+ angetreten, beunruhigt durch das russische Hauptheer unter +Kutūsow+ und zahllose Kosakenschwärme.

[6. Nov.]

~Eintreten der Kälte.~ Furchtbares Elend durch Hunger und Frost. Fortwährende Gefechte, namentlich bei +Krasnoi+ (Ney) und +Borissow+ (Oudinot).

[~1812.~ 26.–28. Nov.]

Schrecklicher ~Übergang über die Beresina~.

Brückenbau bei Studienka; +Ney+ und +Oudinot+ wehren am 28. die andringenden Russen auf dem rechten Ufer ab, +Viktor+ auf dem linken, doch fallen Tausende von Nachzüglern den Russen in die Hände. Von da ab völlige Auflösung des Heeres bei erneuter Kälte; Napoleon verläßt das Heer (5. Dez.) und eilt nach +Paris+. +Murat+, dann +Eugen Beauharnais+ leiten den Rückzug.

[30. Dez.]

~York~ schließt zu ~Tauroggen~ (nahe der preußischen Grenze) einen Neutralitätsvertrag mit dem russischen General +Diebitsch+.

Schwarzenberg führt sein Heer fast ohne Verluste nach Galizien zurück (Febr. 1813).

[~1813 und 1814.~]

~Der deutsche Befreiungskrieg.~

[~1813.~ 3. Febr.]

König ~Friedrich Wilhelm III.~ erläßt in +Breslau+ einen Aufruf zur Bildung freiwilliger Jäger-Abteilungen. Begeisterte Erhebung in Preußen. Männer und Jünglinge jedes Standes eilen zu den Waffen.

[7. Febr.]

Der ostpreußische Landtag zu +Königsberg+ beschließt Ausrüstung von 30000 Mann Linie und Landwehr.

[28. Febr.]

Bündnis zu ~Kalisch~ zwischen +Rußland+ und +Preußen+. Das russisch-preußische Hauptheer sammelt sich in +Schlesien+.

Die Franzosen räumen +Berlin+ und +Hamburg+. Die Herzöge von +Mecklenburg+ sagen sich vom Rheinbund los. +Tettenborn+ mit den Kosaken zieht als Befreier in Hamburg ein (18. März).

[17. März.]

~Aufrufe Friedrich Wilhelms III.~ ~»An mein Volk«~ und ~»An mein Kriegsheer«~; Verordnung zur Errichtung der Landwehr und des Landsturmes. ~Eisernes Kreuz~ gestiftet.

[27. März.]

+Dresden+ wird nach Abzug des Marschall +Davout+ durch +Russen+ und +Preußen+ unter +Wittgenstein+ und +Blücher+ besetzt. Flucht des Königs von Sachsen.

[2. April.]

Gefecht bei +Lüneburg+ (+Johanna Stegen+). Der französische General +Morand+ mit 2000 Mann von Russen und Preußen gefangen. Die Erhebung in +Bremen+ wird von General +Vandamme+ unterdrückt.

[5. April.]

Gefecht bei +Möckern+ (östlich von Magdeburg). +Eugen Beauharnais+, (S. 329) von Preußen (unter York, Bülow und Borstell) und Russen geschlagen, zieht sich auf das linke Elbufer zurück. Französische Besatzungen behaupten sich in Magdeburg, Stettin, Küstrin, Glogau, Danzig, Modlin, Zamosc.

Napoleon führt ein neugebildetes Heer (120000 Mann) über den Rhein, zieht die Truppen der Rheinbundfürsten an sich, überschreitet den Thüringer Wald, wird beim Vorrücken nach Sachsen von den Russen und Preußen (85000 Mann) angegriffen.

[~1813.~ 2. Mai.]

~Schlacht bei Groß-Görschen oder Lützen.~ Der Sieg bleibt trotz größerer Verluste den Franzosen. Die Verbündeten ziehen sich über +Dresden+ nach der +Lausitz+ zurück. +Scharnhorst+, in der Schlacht verwundet, stirbt in +Prag+ (28. Juni).

Napoleon zieht in +Dresden+ ein, führt den aus Prag zurückgekehrten König von Sachsen dorthin zurück.

[18. Mai.]

+Schwedische+ Truppen unter Führung des +Kronprinzen+ (Bernadotte) landen in Pommern.

[20. u. 21. Mai.]

~Schlacht bei Bautzen.~ Napoleon erzwingt den Übergang über die Spree und siegt mit großen Verlusten. Die Verbündeten ziehen sich nach ~Schlesien~ zurück. Blüchers Reitergefecht bei +Haynau+ (26. Mai).

[30. Mai.]

+Hamburg+ nach Abzug der Russen von +Davout+ besetzt und furchtbar gebrandschatzt.

[4. Juni.]

~Waffenstillstand~ zu +Poischwitz+ (bei Striegau) auf sechs Wochen, verlängert bis zum 10. August. Beide Teile erschöpft, erwarten Verstärkung und bewerben sich um +Österreichs+ Bundesgenossenschaft.

[14. u. 15. Juni.]

Subsidienverträge +Englands+ mit +Preußen+ und +Rußland+ zu +Reichenbach+.

[17. Juni.]

Franzosen und Rheinbundtruppen überfallen die Reiterei der +Lützowschen Freischar+ bei +Kitzen+ (unweit Lützen).

Verhandlungen zu ~Prag~. Österreich übernimmt die Vermittelung; Napoleon geht auf +Metternichs+ Bedingungen (Auflösung des Herzogtums Warschau, Rückgabe der illyrischen Provinzen an Österreich, Räumung der preußischen Festungen, der Hansestädte und Oldenburgs) nicht ein.

[12. Aug.]

~Österreich erklärt den Krieg an Frankreich.~ Die Verbündeten, durch englische Hilfsgelder unterstützt, stellen ~drei Heere~ auf:

1. Das ~Böhmische~ oder ~Hauptheer~ unter Fürst ~Schwarzenberg~: 123000 Österreicher, 75000 Russen unter +Wittgenstein+, 49000 Preußen unter +Kleist+. Beim Heere befinden sich die drei verbündeten Monarchen ~Alexander~, ~Franz~, ~Friedrich Wilhelm~.

2. Das ~Schlesische Heer~ unter ~Blücher~: 38000 Preußen unter +York+, 61000 Russen unter +Sacken+ und +Langeron+; +Gneisenau+ Chef des Generalstabes.

3. Das Nordheer unter dem Kronprinzen +Karl Johann+ von Schweden (~Bernadotte~): 75000 Preußen unter +Bülow+ und +Tauenzien+, 30000 Russen unter +Winzingerode+, 20000 Schweden, 27000 Mann gemischte Truppen (russisch-deutsche Legion, Kosaken, Hannoveraner, Mecklenburger, Hanseatische Legion, Lützowsche Freischar) unter +Wallmoden+.

~Im ganzen~ 485000 gegen 440000 Franzosen und Rheinbundtruppen.

~Napoleon~ beginnt die Feindseligkeiten mit einem Angriff auf +Blücher+, der hinter die Katzbach zurückgeht. Indessen rückt +Schwarzenberg+ aus Böhmen gegen Dresden vor. +Napoleon+ eilt dorthin und läßt +Macdonald+ gegen +Blücher zurück+. Ehe es auf diesen beiden Punkten zur Schlacht kommt, wird +Oudinot+, dessen Angriff auf Berlin durch +Davout+ von Hamburg aus unterstützt werden sollte, in der

[~1813.~ 23. Aug.]

~Schlacht bei Großbeeren~ von +Bülow+ geschlagen, während der Kronprinz von Schweden untätig zusieht, +Berlin+ wird durch diesen Sieg vor Einnahme und Plünderung gerettet.

Davout kehrt nach einigen Gefechten gegen die Truppen des Generals +Wallmoden+ (+Th. Körner+ † 26. Aug. bei +Gadebusch+) nach Hamburg zurück. Ein von Magdeburg gegen Berlin heranziehendes Korps von 9000 Mann wird bei +Hagelberg+ 27. August von der kurmärkischen Landwehr vernichtet.

[26. Aug.]

~Schlacht an der Katzbach~. Macdonald, der mit 80000 Mann in Schlesien vorrückt, wird von den Preußen und Russen unter +Blücher+ (später zum Fürsten von +Wahlstatt+ ernannt) entscheidend geschlagen.

Indessen mißglückt der Angriff der +Böhmischen Armee+ auf +Dresden+. +Napoleon+ erkämpft in der

[26. u. 27. Aug.]

~Schlacht bei Dresden~ nochmals einen großen Sieg auf deutschem Boden. Doch wird General +Vandamme+, welcher der Böhmischen Armee den Rückzug abschneiden will, in der

[29. u. 30. Aug.]

~Schlacht bei Kulm und Nollendorf~, nicht weit von Teplitz, von Russen und Österreichern geschlagen und durch das rechtzeitige Erscheinen der Preußen in seinem Rücken (General +v. Kleist+) mit 10000 Mann zur Ergebung genötigt.

[6. Sept.]

~Schlacht bei Dennewitz~ (unweit Jüterbog).

Marschall Ney, welcher mit 70000 Mann Berlin besetzen soll, von +Bülow+ und +Tauenzien+ geschlagen.

~Napoleon~ zieht nach +Bautzen+ gegen Blücher, der ihm ausweicht, dann gegen die Böhmische Armee, die ihm bei +Nollendorf+ (17. Sept.) erfolgreich Widerstand leistet, dann nochmals gegen Blücher (Gefecht bei +Bischofswerda+). ~Blücher~ gibt dem Feldzug die entscheidende Wendung durch seinen Übergang über die ~Elbe~.

[~1813.~ 3. Okt.]

Tapferer Kampf des Yorkschen Korps bei ~Wartenburg~ gegenüber der Einmündung der Schwarzen Elster. Auch die unter Bernadottes Führung zögernde Nordarmee überschreitet nun die Elbe.

[8. Okt.]

+Vertrag zu Ried+ zwischen +Österreich+ und +Bayern+, welches sich vom Rheinbunde lossagt und dem Bündnis gegen Napoleon beitritt. Dafür wird dem König +Max Joseph+ von Bayern (1799–1825) die Erhaltung seines durch Napoleon vergrößerten Gebietes zugesichert.

Als die 3 Hauptheere der Verbündeten eine Vereinigung im Rücken Napoleons versuchen, verläßt dieser +Dresden+, zieht nach +Düben+ (an der Mulde) gegen +Blücher+, der ihm ausweicht, versammelt dann seine Truppen bei +Leipzig+ gegen die inzwischen durch die Elbpässe gedrungene Böhmische Armee. Reitergefecht bei +Libertwolkwitz+ (14. Okt.).

[~16. 18. 19. Okt.~]

~Völkerschlacht bei Leipzig.~

Am 16. Okt. unentschiedener Kampf Napoleons gegen die Böhmische Armee (Schwarzenberg) bei ~Wachau~ (südl. von Leipzig); Sieg +Blüchers+ bei ~Möckern~ (nördl. von Leipzig) über Marmont.

Am 17. Stillstand des Kampfes; Napoleon schickt Friedensanträge an Kaiser +Franz+, die jedoch wegen ihrer Unzulänglichkeit keine Berücksichtigung finden. Gegen Abend Vereinigung der +vier+ Heere der Verbündeten: die Nordarmee und die russische Reservearmee (unter Bennigsen) schließen den Kreis nördlich, östlich und südlich von Leipzig (die Straße im Westen nach Lindenau nicht besetzt); 255000 gegen 160000 Mann.

Am 18. ~allgemeiner Angriff~ und nach neunstündigem Kampfe ~vollständiger Sieg~ der Verbündeten. Kampf um +Probstheida+ südlich, +Schönfeld+ an der Parthe und +Paunsdorf+ östlich von Leipzig; bei Paunsdorf gehen die meisten +Sachsen+ und +Württemberger+ zu den Verbündeten über.

Am 19. Erstürmung von +Leipzig+ und Gefangennehmung des Königs von Sachsen. Nach Verlust von mehr als 60000 Mann tritt das geschlagene Heer Napoleons den Rückzug an. Voreilige Zerstörung der Elsterbrücke. Viele Fliehende, unter ihnen der tapfere Fürst +Poniatowski+, Neffe des letzten polnischen Königs, finden ihren Tod in der Elster.

Auf dem Rückzuge Kampf Napoleons an der +Unstrut+ gegen +Yorks+ Vorhut; Sieg bei ~Hanau~ (30. und 31. Okt.) über ein österreichisch-bayrisches Heer unter +Wrede+.

Unmittelbare Folgen der Schlacht bei Leipzig: Flucht des Königs +Jérôme+ aus Kassel, Ende des Königreichs +Westfalen+, der Großherzogtümer +Frankfurt+ und +Berg+. Wiederherstellung der alten Regierungen in +Hessen-Kassel+, +Braunschweig+, +Hannover+, +Oldenburg+. Die »Zentralverwaltung für die in Deutschland eroberten Länder«, unter dem Freiherrn +vom Stein+, sorgt in Sachsen, Frankfurt und Berg für die weiteren Rüstungen.

[~1813. Nov.~]

Napoleon geht bei +Mainz+ über den +Rhein+ zurück. ~Württemberg~, ~Hessen-Darmstadt~, ~Baden~ und die noch übrigen Glieder des Rheinbundes schließen sich den Verbündeten an. Allmählich werden die von den Franzosen besetzten Festungen befreit: +Dresden+ (11. Nov.), +Stettin+ (21. Nov.), +Lübeck+ (5. Dez.), +Zamosc+, +Modlin+, +Torgau+ (26. Dez.), +Danzig+ (30. Dez.), +Wittenberg+ (12. Jan. 1814), +Küstrin+ (7. März).

In +Glogau+, +Magdeburg+, ~Hamburg~ (+Davout+), +Erfurt+, +Würzburg+, +Wesel+, +Mainz+ halten sich die französischen Besatzungen bis zum Frieden.

Aufstand in ~Holland~ (Nov.), die französischen Behörden verjagt. Ein Teil der +Nordarmee+ unter +Bülow+ rückt in Holland ein, während der +Kronprinz von Schweden in Holstein+ einfällt und in einem kurzen Winterfeldzug ~Dänemark~ zum Verzicht auf +Norwegen+ zwingt (Friede zu +Kiel+, Jan. 1814).

Aus ~Spanien~ werden die Franzosen, nachdem sie schon 1812 den Süden des Landes und vorübergehend auch Madrid hatten aufgeben müssen, während des Jahres ~1813~ fast ganz verdrängt. Entscheidender Sieg +Wellingtons+ bei +Vittoria+ (21. Juni).

In Deutschland erfolgt, da Napoleon auf ein von Metternich gemachtes Anerbieten, welches ihm die +Alpen-+ und +Rheingrenze+ verspricht, nicht ernstlich eingeht, am

[1. Dez.]

der Beschluß, den Krieg energisch weiterzuführen und den Rhein zu überschreiten. Das Hauptheer unter +Schwarzenberg+ geht Ende Dez. bei +Basel+ über den Rhein, um die Hochebene von +Langres+ zu erreichen, das Schlesische Heer unter Blücher in der Neujahrsnacht 1814 bei +Mannheim+, +Kaub+ und +Koblenz+.

[~1814.~]

~Feldzug in Frankreich.~

[29. Jan.]

Um die Vereinigung der verbündeten Heere zu verhindern, greift +Napoleon+ bei ~Brienne~ +Blücher+ an, der sich zurückziehen muß, sich aber dann mit Teilen des Hauptheeres (Kronprinz von Württemberg, Wrede) vereinigt und den Kaiser in der

[1. Febr.]

~Schlacht bei La Rothière~ schlägt und über die +Aube+ zurückdrängt. Darauf wieder Trennung; das Hauptheer soll an der +Seine+, das Schlesische an der +Marne+ entlang nach Paris vorrücken. Napoleon läßt 40000 Mann gegen Schwarzenberg zurück, wirft sich mit 30000 auf die getrennten Teile des +Schlesischen+ Heeres, schlägt

[10.–14. Febr.]

sie in +vier+ Treffen bei +Champaubert+, ~Montmirail~, +Château-Thierry+ und +Vauchamps+ und zwingt +Blücher+ zum Rückzug über +Etoges+. Dann wendet

[~1814.~ 17. u. 18. Febr.]

er sich gegen die vorgeschobenen Teile des Hauptheeres und schlägt sie bei +Nangis+ und ~Montereau~; Schwarzenberg ordnet den Rückzug nach +Troyes+ an. Beide Heere der Verbündeten vereinigen sich wieder auf kurze Zeit an der +Aube+. Mittlerweile waren Bevollmächtigte der Verbündeten mit dem Gesandten Napoleons, +Caulaincourt+, zu einem

[5. Febr. bis 19. März.]

~Kongreß in Châtillon~ (an der Seine) zusammengetreten, auf dem man Napoleon den Besitz +Frankreichs+ mit den Grenzen von 1792 zugestanden hätte; allein die Verhandlungen werden infolge seines übermütigen und zweideutigen Benehmens abgebrochen.

Die beiden Heere trennen sich wieder. Das Hauptheer unter +Schwarzenberg+ siegt in der

[27. Febr.]

~Schlacht bei Bar-sur-Aube~ über +Oudinot+ und +Macdonald+, rückt aber dann nur langsam vor.

Blücher dringt vor bis in die Nähe von +Meaux+ (an der Marne), wendet sich dann nordwärts und vereinigt sich bei +Soissons+ mit dem +Nordheer+ unter +Bülow+ und +Winzingerode+, welches inzwischen Holland und Belgien befreit hat. Die vereinigten Heere besiegen Napoleon in der

[9. u. 10. März]

~Schlacht bei Laon~, doch ohne ihn vernichten zu können. Er zieht mit 30000 Mann gegen das +Hauptheer+, welches ihn in der

[20. u. 21. März.]

~Schlacht bei Arcis-sur-Aube~ besiegt. Unterdes von der +spanischen+ Seite her gleichfalls siegreiches Vordringen +Wellingtons+ gegen +Soult+. Besetzung von +Bordeaux+ (12. März), wo die königliche Fahne der Bourbons zuerst aufgepflanzt wird.

+Napoleon+ faßt den verwegenen Plan, sich den Verbündeten in den Rücken, nach +Lothringen+, zu werfen, die Besatzungen der Festungen an sich zu ziehen und die gesamte Bevölkerung zu den Waffen zu rufen. Die Verbündeten senden ihm 8000 Reiter nach, die übrigen Truppen, 170000 Mann, ziehen gegen +Paris+. Die Marschälle Marmont und Mortier werden bei ~La Fère Champenoise~ (25. März) zurückgeschlagen und ziehen sich nach Paris zurück. Die Regentin +Marie Luise+ entflieht nach +Blois+.

[30. März.]

~Schlacht bei Paris~, auf der Ostseite (Pantin, Vincennes), zuletzt Erstürmung des Berges +Montmartre+ auf der Nordseite.

[31. März.]

~Einzug der Verbündeten in Paris~, wo der Senat auf Veranstaltung +Talleyrands+ den Kaiser und seine Familie des Thrones für verlustig erklärt. +Napoleon+ war, seiner Hauptstadt zu Hilfe eilend, wenige Stunden zu spät gekommen. Da ihm zu einem verzweifelten Sturme auf Paris die Marschälle den Gehorsam verweigern, entsagt er in +Fontainebleau+ der Krone (6. und 11. April). Er erhält von den Verbündeten die Insel +Elba+ als Fürstentum mit 2 Millionen Franks Einkünften aus Frankreich; 800 seiner alten Soldaten dürfen ihn begleiten. Seine Gemahlin erhält das Herzogtum +Parma+; beide behalten den kaiserlichen Titel.

[~1814.~ 10. April.]

~Wellington~ besiegt +Soult+ in der ~Schlacht bei Toulouse~.

[4. Mai.]

Ankunft +Napoleons+ auf +Elba+. Rückkehr der ~Bourbons~ nach Frankreich. Ludwigs XVI. Bruder, der sich als König

[~1814–1824.~]

~Ludwig XVIII.~ nennt, erteilt dem Lande eine der englischen nachgebildete, gemäßigte +Verfassung+ (Charte octroyée: +Pairskammer+ und +Deputiertenkammer+) und schließt mit den Verbündeten den

[~1814.~ 30. Mai.]

~Ersten Frieden zu Paris~: 1. ~Frankreich~ nimmt im allgemeinen seine Grenzen von 1792 wieder an (gegen 1790 Vermehrung um 8200 qkm [150 □ Meilen]: +Avignon+ und +Venaissin+, +Teile+ von Savoyen, Elsaß und Belgien). 2. +England+ gibt die französischen Kolonien zurück mit Ausnahme von +Tabago+, +St. Lucie+ und +Isle de France+, behält ferner +Malta+ (S. 320f) und die früher holländischen Kolonien +Kapland+ (S. 331) und +Ceylon+. 3. Die ~Verbündeten~ +verzichten auf alle Summen+, welche sie als Entschädigung für französische Erpressungen zu fordern haben (!).

Nach dem Pariser Frieden kehrt Papst +Pius VII.+ nach +Rom+, der König von Sardinien +Viktor Emanuel+ nach +Turin+, der König von Spanien +Ferdinand VII.+ nach +Madrid+ zurück. In +Spanien+ beginnt, nachdem der König die sehr freisinnige Verfassung der +Cortes+ vom Jahre 1812 verworfen hat, sofort ein grausamer Kampf der unumschränkten Gewalt gegen die liberale Partei. -- Pius VII. stellt den +Jesuitenorden+ (s. S. 304) wieder her.

Besuch Kaiser +Alexanders+ und König +Friedrich Wilhelms III.+ in +London+ (Juni 1814), begleitet von ihren siegreichen Feldherren (+Blücher+); begeisterter Empfang von seiten der englischen Nation.

§ 5. Wiederherstellung des europäischen Staatensystems.

[~1814–1815.~ Sept. Juni.]

~Wiener Kongreß~,

unter persönlicher Teilnahme der Kaiser von +Österreich+ und +Rußland+, der Könige von +Preußen+, +Dänemark+, +Bayern+ und +Württemberg+ und vieler deutscher Fürsten. Vertreten sind alle Staaten Europas, mit Ausnahme der Türkei. Die geschäftliche Leitung der Verhandlungen hat der österreichische Staatskanzler Fürst +Metternich+; für Frankreich weiß +Talleyrand+ als Gesandter Ludwigs XVIII. großen Einfluß zu gewinnen. Streit entsteht namentlich über die künftige Gestaltung +Sachsens+ und +Polens+, doch ist der Ausgleich schon gefunden, ehe die Nachricht von Napoleons Entweichen aus Elba anlangt.

~Hauptbestimmungen der Wiener Kongreßakte (8. Juni 1815):~

1. ~Österreich~ erhält seine alten Gebiete zurück: +Tirol, Vorarlberg, Kärnten, Krain, Triest, Galizien, Mailand,+ dazu das 1797 erworbene +venetianische Gebiet+ und das 1805 erworbene Erzbistum +Salzburg+, tritt aber den +Breisgau+ und seine oberschwäbischen Besitzungen an Baden und Württemberg, +Belgien+ an Holland ab.

2. ~Preußen~ erhält zurück: einen Teil des Herzogtums Warschau (Provinz +Posen+) und +Danzig+, die alten Besitzungen in Westfalen und am Rhein, auch +Neuchâtel+. Zur Entschädigung für nicht zurückerhaltene frühere Besitzungen (+Ansbach+ und +Baireuth+ an Bayern, +Ostfriesland, Goslar, Hildesheim+ an Hannover, +polnische+ Gebiete an Rußland) werden die +Rheinprovinz+ und +Westfalen+ außer anderem besonders durch die Herzogtümer +Jülich+ und +Berg+, die Kurlande +Köln+ und +Trier+ vergrößert, ferner +Schwedisch-Pommern+ mit Rügen und die Hälfte des Königreichs +Sachsen+ hinzugefügt.

3. ~Bayern~ wird durch +Ansbach+ und +Baireuth, Aschaffenburg, Würzburg+ und die +linksrheinische Pfalz+ vergrößert; die rechtsrheinische mit +Heidelberg+ und +Mannheim+ bleibt bei +Baden+ (S. 320).

4. Ein ~Königreich der Niederlande~ wird gebildet aus der früheren +Republik+ der Niederlande (+Holland+) und dem früher österreichischen +Belgien+. König +Wilhelm I.+, Sohn des letzten Erbstatthalters von Holland (S. 314, 321), erhält zum Ersatz für seine nassauischen Stammlande auch das +Großherzogtum Luxemburg.+

5. Die deutsche +Kaiserwürde+ nicht wiederhergestellt. Der ~Deutsche Bund~ tritt an die Stelle des früheren +Deutschen Reiches,+ gebildet von 35 souveränen Fürsten und 4 freien Städten. Grundgesetz die +Bundesakte+ vom 8. Juni 1815, ergänzt durch die +Wiener Schlußakte+ 1820. Oberste Behörde der ~Bundestag zu Frankfurt a. M.~, eine Versammlung von Gesandten der Bundesstaaten unter Vorsitz des österreichischen Gesandten. Bundesheer aus Kontingenten der Einzelstaaten; Bundesfestungen: Mainz, Luxemburg, Landau, Ulm, Rastatt. +Österreich+ und +Preußen+ gehören nicht mit ihrem ganzen Gebiet zum Bunde, ersteres nicht mit seinen polnischen, ungarischen und italienischen Gebieten, letzteres nicht mit Preußen und Posen. +Bayern+, +Württemberg+, +Sachsen+ (letzteres verkleinert) bleiben +Königreiche+; dazu kommt das frühere Kurfürstentum +Hannover+ (vergrößert) ebenfalls als Königreich, in Personal-Union mit England (seit 1714, vgl. S. 299). Der König von England ist als König von Hannover, der König von +Dänemark+ als Herzog von Holstein und Lauenburg, der König der +Niederlande+ als Großherzog von Luxemburg am Deutschen Bunde beteiligt.

6. ~Rußland~ erhält den größten Teil des Herzogtums +Warschau+ als ~Königreich Polen~. +Krakau+ wird Freistaat unter dem Schutze +Rußlands+, +Österreichs+ und +Preußens+.

7. ~England~ behält +Malta+, +Helgoland+, die ihm früher zugesicherten +Kolonien+ (S. 339) und die Schutzherrschaft über die Republik der 7 +Ionischen Inseln+ (S. 316). Auf Englands Antrag gemeinsame Erklärung der Großmächte gegen den +Sklavenhandel+.

8. ~Schweden~ wird, gemäß dem Kieler Frieden (S. 337), mit +Norwegen+ durch Personal-Union vereinigt; ~Dänemark~ wird entschädigt durch Schwedisch-Pommern mit Rügen, wofür es das von Hannover an Preußen abgetretene +Lauenburg+ eintauscht (bis 1689 deutsches Herzogtum, vgl. S. 189, 204, dann mit Hannover vereinigt, 1803 von den Franzosen besetzt).

9. Die 19 Kantone der Schweiz (S. 316) werden durch +Genf+, +Wallis+ und +Neuchâtel+ (zugleich +Kanton+ und +Fürstentum+ im Besitz der Krone +Preußen+, S. 274) auf 22 vermehrt, die Bundesverfassung neu geordnet.

10. ~Wiederherstellung~ der alten Dynastien in +Spanien+, +Portugal+, +Sardinien+ (das durch +Genua+ vergrößert wird) und +Toskana+. +Moděna+ wird gleich Toskana österreichisches Nebenfürstentum, da die Erbtochter des letzten Herzogs aus dem Hause +Este+ (Herkules III., S. 304) sich mit dem Erzherzog Ferdinand vermählt hat (S. 282). +Parma+, +Piacenza+ und +Guastalla+ (S. 304) kommen an Napoleons Gemahlin, die Erzherzogin +Marie Luise+, sollen aber nach ihrem Tode († 1847 als Witwe des Grafen +v. Neipperg+) an die in +Lucca+ herrschenden Bourbonen zurückfallen. Auch der +Kirchenstaat+ wiederhergestellt, dagegen wird in +Neapel+ Murat (S. 327) als König anerkannt.

Nachrichten von der Mißstimmung in Frankreich gegen die Regierung der Bourbons und von den beim Wiener Kongreß besonders wegen der polnisch-sächsischen Frage ausgebrochenen Streitigkeiten ermutigen Napoleon zur Rückkehr nach Frankreich.

[~1815.~ 1. März.]

~Landung Napoleons bei Cannes~ mit 7 Schiffen. Schneller Marsch auf +Paris+. Alle gegen ihn gesandten Truppen, auch +Ney+ mit seinem Korps, gehen zu ihm über. Ludwig XVIII. entflieht nach Gent.

[~1815.~ 20. März.]

Einzug Napoleons in +Paris+ (+les cent jours+). Die auf dem Wiener Kongreß vertretenen Staaten erlassen eine gemeinschaftliche +Achtserklärung+ gegen ihn und schließen ein neues Kriegsbündnis.

[Mai.]

Napoleon macht der liberalen Partei in Frankreich einige Zugeständnisse durch die in einer großen Volks- und Heeresversammlung bei Paris (+Maifeld+) verkündete +Zusatzakte+ zur Verfassung des Kaiserreichs, in +Belgien+ wird ein +preußisches+ Heer unter ~Blücher~ und ein +englisch-deutsches+ unter ~Wellington~ gegen ihn zusammengezogen.

+Murat+, der sich wieder für Napoleon erklärt, wird von den Österreichern bei +Tolentino+ (3. Mai) geschlagen und entflieht nach Frankreich. Ferdinand IV. (aus dem Hause +Bourbon+) kehrt von +Sicilien+ (S. 304, 324) nach Neapel zurück, nennt sich als »König beider Sicilien« fortan +Ferdinand I.+ († 1825).

[16. Juni.]

~Schlacht bei Ligny.~ Napoleon, in Belgien vorrückend, schlägt die Preußen trotz tapferer Gegenwehr. +Blücher+ in Lebensgefahr, von seinem Adjutanten +Nostiz+ gerettet. +Gneisenau+ befiehlt den Rückzug nach +Wavre+. An demselben Tage wird Marschall +Ney+ von +Wellington+, dessen Truppen erst nach und nach auf dem Kampfplatz erscheinen, bei ~Quatre-Bras~ zurückgeschlagen. (Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig †.) Napoleon sendet 32000 Mann unter Grouchy zur Verfolgung des preußischen Heeres ab in der Richtung auf Namur und wendet sich mit über 72000 Mann gegen Wellington.

[18. Juni.]

~Schlacht bei Belle-Alliance (Waterloo).~ Am Nachmittag ist Wellingtons Heer (24000 Engländer, 13000 Niederländer, 30000 Hannoveraner, Braunschweiger, Nassauer) an mehreren Punkten bereits zum Weichen gebracht, als ~Blücher~ mit den +Preußen+ (über 40000) anlangt und den Sieg nach mehrstündigem, erbittertem Kampfe zu Gunsten der Verbündeten entscheidet. Vollständige Niederlage der Franzosen, ihr von +Gneisenau+ verfolgtes Heer wird gänzlich zersprengt. Zur selben Zeit kämpft +Grouchy+, auf dessen Hilfe Napoleon gerechnet hatte, fruchtlos gegen ein preußisches Korps bei +Wavre+. Napoleon eilt nach +Paris+, wo er zu Gunsten seines +Sohnes+ abdankt; dieser ist genötigt, in Österreich zu bleiben († 1832 als Herzog von Reichstadt).

[7. Juli.]

~Zweite Einnahme von Paris.~ Einzug +Blüchers+ und +Wellingtons+, bald darauf Rückkehr +Ludwigs XVIII.+, Ankunft der beiden Kaiser und des Königs von Preußen.

Unterdes flüchtet +Napoleon+ nach +Rochefort+, wo er sich nach vergeblichen Versuchen, nach Amerika zu entkommen, dem britischen Admiral +Hotham+ ausliefert, der ihn an Bord des +»Bellérophon«+ nach England bringt. Von dort wird er, nach gemeinschaftlichem Beschluß der verbündeten Mächte, als Kriegsgefangener nach +St. Helena+ gebracht († 5. Mai 1821. Seine Leiche seit 1840 im Invalidendom zu Paris, S. 353).

[~1815.~ 26. Sept.]

Auf Kaiser Alexanders Wunsch Stiftung der ~Heiligen Allianz~ zur Erhaltung des Friedens in Europa, zunächst zwischen +Rußland+, +Österreich+ und +Preußen+; bald schließen sich die übrigen europäischen Staaten an, mit Ausnahme Englands, der Türkei und des Kirchenstaates.

[Okt.]

+Murat+, der in Kalabrien gelandet ist, um das Königreich +Neapel+ wiederzuerobern, wird gefangen und kriegsrechtlich erschossen.

[~20. Nov.~]

~Zweiter Friede zu Paris~: 1. ~Frankreich~ tritt die Festungen +Philippeville+ und +Marienburg+ an das Königreich der Niederlande, +Saarlouis+ und +Saarbrücken+ an Preußen, +Landau+ an Bayern, den im ersten Pariser Frieden belassenen Teil von +Savoyen+ an das Königreich Sardinien ab. 2. Die Nord- und Ostgrenze Frankreichs +mit+ 17 +Festungen+ bleibt (auf höchstens 5 Jahre) von 150000 Mann verbündeter Truppen auf Kosten Frankreichs besetzt. 3. ~Frankreich~ bezahlt 700 Millionen Franks Kriegskosten. Außerdem werden die nach der ersten Einnahme von +Paris+ dort +belassenen+, von den Franzosen weggeführten Kunstschätze zurückgenommen.

Dem Verlangen deutscher Patrioten, auch des preußischen Staatskanzlers +v. Hardenberg+, Frankreich wenigstens einen Teil der alten Vorlande des Deutschen Reichs, +Lothringen+ und +Elsaß+, namentlich +Straßburg+, wieder abzunehmen und es dadurch seiner +Angriffsstellung+ gegen Deutschland zu berauben, wird auch diesmal nicht entsprochen.

Fussnoten:

[51] +Riquetti+, Graf von +Mirabeau+, geb. 1749, † 1791, von seltenem Talent, aber sittenlos, verschuldet, mit seiner Familie zerfallen, gewählt in der Provence als Abgeordneter des dritten Standes.

[52] ~Napoléon Bonaparte~ geb. 15. Aug. 1769 in Ajaccio auf +Korsika+ (S. 303f.), 1779 auf der Kriegsschule zu Brienne, dann in Paris, 1785 Leutnant in Valence, 1789–92 meist auf Korsika, wo damals Aufstand gegen die französische Herrschaft war, 1793 Hauptmann, dann in Paris mit den Jakobinern in Beziehung, vor Toulon zum Oberst, nach der Einnahme zum Brigadegeneral der Artillerie befördert, 1794 in Robespierres Sturz verwickelt und verhaftet, aber wieder freigelassen, 1795 wegen Insubordination aus den Listen der Armee gestrichen. ~»Seine militärische Begabung erhob ihn zum Beherrscher Europas«.~

[53] Gebhard Leberecht ~v. Blücher~, geb. 1742 zu Rostock, tritt 1758 bei den schwedischen Husaren in Vorpommern ein, 1760 bei den preußischen Husaren, kämpft mit bei Freiberg 1762, nimmt 1773 als Rittmeister seinen Abschied, tritt 1787 als Major wieder ein, führt 1794 als General sein Regiment bei Kaiserslautern; 1802–1806 kommandierender General in Münster, Okt. 1813 Feldmarschall, † 1819.

[54] Karl Freiherr vom ~Stein~, geb. 1757 zu Nassau, seit 1780 im preußischen Staatsdienst, 1796 Oberpräsident der westfälischen Kammer in Minden, 1804 Finanzminister, Januar 1807 vom König in Ungnaden entlassen, nach dem Tilsiter Frieden zurückberufen. Minister bis 1808, 1812 von Kaiser Alexander nach Petersburg berufen, 1813–14 einflußreich im Hauptquartier der Verbündeten und auf dem Wiener Kongreß, † 1831 zu Kappenberg in Westfalen.

[55] Karl August ~v. Hardenberg~, geb. 1750 zu Essenroda im Hannoverschen, seit 1792 im preußischen Staatsdienst, 1804–06 Minister des Auswärtigen, 1810 Staatskanzler, 1814 in den Fürstenstand erhoben, † 1822.

[56] Gerhard David ~Scharnhorst~, geb. 1755 zu Bordenau im Hannoverschen, seit 1802 preußischer Offizier, 1806 Generalquartiermeister beim Herzog von Braunschweig, in Lübeck gefangen, doch bald ausgewechselt, † 28. Juni 1813 in Prag.

~D. Vom Wiener Kongress bis auf unsere Zeit.~

§ 1. Neue Erfindungen.

Aufschwung der Gewerbetätigkeit und des Verkehrs, auch politische Annäherung der Nationen durch praktische Anwendung der Naturwissenschaften:

1. Die ersten Versuche, den ~Dampf~ als bewegende Kraft zu verwenden, reichen ins 17. Jahrhundert zurück. Die Franzosen schreiben die Erfindung dem Physiker +Denis Papin+ aus Blois (um 1690), die Engländer dem Marquis +von Worcester+ (1663) und dem Kapitän +Savery+ (1698) zu. Benutzung einer Dampfmaschine beim Bergbau durch +Newcomen+ 1706 in Devonshire. Hauptverbesserer der +Dampfmaschine+, durch dessen Erfindungen es erst möglich wurde, dieselbe in den verschiedensten Gewerben zu verwenden, war ~James Watt~ (1769 in +Birmingham+, † 1819).

2. Versuche mit +Dampfschiffen+ wurden (nach Papins Vorgang 1707) 1774 und 1775 auf der +Seine+, 1786 durch Symington in +Edinburg+ gemacht. Den ersten regelmäßigen Dampfschiffsverkehr richtete der Amerikaner ~Fulton 1807~ auf dem Hudsonflusse ein, 1818 ging das erste Dampfschiff von +New-York+ nach +Liverpool+. Dampfschiffahrt auf dem Rhein seit 1825. Hamburg-Amerika-Linie 1847, Norddeutscher Lloyd in +Bremen+ 1857 gegründet.

3. Gewaltige Entwickelung des Landverkehrs durch die ~Eisenbahnen~. Holzbahnen mit Eisenschienen seit 1767 in englischen Bergwerken gebräuchlich. Erfinder der +Lokomotive+ George ~Stephenson 1814~ (in Newcastle am Tyne). Erste größere Eisenbahnlinie für den Personenverkehr +Liverpool-Manchester+ 1830, in Deutschland +Nürnberg-Fürth+ 1835, +Leipzig-Dresden+ 1837, +Berlin-Potsdam+ 1838, +Berlin-Hamburg+ 1845.

4. Den +elektrischen Telegraphen+ erfand 1809 +Sömmering+ in München; den Elektromagnetismus benutzten 1833 +Gauß+ und +Weber+ in Göttingen zuerst für Fernverständigung; die ersten für Verkehrszwecke brauchbaren Apparate baute 1837 +Wheatstone+ in London. Den Schreibtelegraphen erfand +Morse+ in New-York 1837. Erstes unterseeisches Kabel 1851 von +Dover+ nach +Calais+; erste ozeanische Verbindung 1866 von der Insel +Valencia+ (an der Westküste von Irland) nach +Neufundland+.

5. ~Erweiterte Anwendung der elektrischen Kraft~: +Fernsprecher+ (Telephon), erfunden 1861 von Philipp Reis in Friedrichsdorf bei Homburg. +Elektrische Beleuchtung+ (1879 Edison in New-York) neben der seit 1814 (zuerst in London, 1826 in Berlin) üblich gewordenen Gasbeleuchtung. +Elektrische Eisenbahn+ (1879 Werner Siemens in Berlin). +Drahtlose Telegraphie+: Elektrische Wellen im Luftraum, hergestellt und beobachtet 1887 von +H. Hertz+ in Karlsruhe, zu telegraphischen Zwecken seit 1897 benutzt von +Marconi+ u. a.

6. Die ~Motorwagen~ (Automobile), seit 1895 in Frankreich beliebt, dann auch in andern Ländern immer mehr eingeführt, fördern schnellen Verkehr, ohne an Schienenwege gebunden zu sein.

7. ~Motor-Luftschiffahrt~, seit 1907 erfolgreich betrieben von Graf +Zeppelin+ (Friedrichshafen am Bodensee), Major +v. Parseval+ (Berlin), Major +Groß+ (Berlin, Militär-Luftschiff). Auch andere Staaten benutzen das lenkbare Luftschiff zu Kriegszwecken, ebenso wie in neuester Zeit auch die ~Flugmaschine~ (Aeroplan). Die Gebrüder +Wright+ in Amerika u. a..

§ 2. Verfassungs- und Unabhängigkeitskämpfe.

[1817.]

Dreihundertjährige Jubelfeier der +Reformation+. Begründung der ~Evangelischen Union~ durch König Friedrich Wilhelm III. von Preußen. Das von deutschen Studenten am 18. Okt. veranstaltete +Wartburgfest+ erregt Befürchtungen wegen »demagogischer Umtriebe« gegen die deutsche +Bundesverfassung+ und die Souveränität der Bundesfürsten.

[1818.]

Kongreß zu ~Aachen.~ Die Großmächte beschließen, die Besatzungstruppen aus Frankreich zurückzuziehen.

Verfassungen (mit Volksvertretung in zwei Kammern, vgl. S. 339) werden 1818 in +Sachsen-Weimar+, +Bayern+ und +Baden+, 1819 in +Württemberg+, 1820 in +Hessen-Darmstadt+ eingeführt; in +Preußen+ 1823 nur Provinzialstände.

[1819.]

Der russische Staatsrat +Kotzebue+, der regelmäßige Berichte über die nationalen Bestrebungen in Deutschland an seine Regierung sandte, von dem Studenten +Sand+ aus politischen Gründen in Mannheim ermordet. +Ministerkongreß+ in ~Karlsbad~. Auf Antrag des österreichischen Ministers ~Metternich~ wird Zensur für Bücher und Zeitungen, Verbot des Turnens, Beaufsichtigung der Universitäten, Verbot der 1815 in Jena gestifteten +deutschen Burschenschaft+ beschlossen und vom Bundestag in +Frankfurt+ genehmigt. Die Bundesversammlung in Frankfurt wird für die oberste Gesetzgebung in Deutschland erklärt. Zentral-Untersuchungskommission in +Mainz+ eingesetzt, um die Bundesbeschlüsse gegen widerstrebende Bevölkerungen und Regierungen durchzusetzen.

[1820.]

+Wiener Schlußakte+ (s. S. 340) gegen die landständischen Verfassungen gerichtet, zur Sicherung der Souveränität der deutschen Bundesfürsten.

In +Spanien+ Erhebung der Liberalen für die aufgehobene Verfassung von 1812, welche wiederhergestellt wird (S. 339).

[1820.]

[1821.]

Kongreß zu ~Troppau~}

Kongreß zu ~Laibach~} wegen der aufständischen Bewegungen in +Neapel+ und +Piemont+, wo die Verfassung und alle französischen Einrichtungen nach der Rückkehr der Herrscher wieder aufgehoben worden waren, +österreichische+ Truppen rücken in Neapel und in das Königreich Sardinien ein zur Wiederherstellung des unumschränkten Königtums. +Viktor Emanuel+ von Sardinien dankt ab zu Gunsten seines Bruders +Karl Felix+.

[1822.]

Kongreß zu ~Verona~ wegen der spanischen und griechischen Unruhen (S. 346f.).

[1823.]

Französische Truppen (95000 Mann) rücken in +Spanien+ ein, dringen unter dem Neffen Ludwigs XVIII., Herzog von +Angoulême+, bis Cadiz vor (31. Aug., der +Trocadero+ erstürmt, eine befestigte Landzunge in der Bai von Cadiz) und befreien den dort gefangen gehaltenen König +Ferdinand VII.+ Absolutismus wiederhergestellt. Grausame Reaktion, zahlreiche Hinrichtungen.

[~1810–1825.~]

~Befreiungskrieg der spanischen Kolonien in Amerika.~

Der Beginn des Kampfes gehemmt durch das +Erdbeben von Caracas+ 1812; 1813 zieht ~Bolivar~ als Befreier in Caracas ein, muß dann vor den Spaniern nach Neu-Granada entweichen, wird 1819 zum Präsidenten der Bundesrepublik +Colombia+ erwählt, befreit 1822 +Quito+, 1823–1824 +Peru+. +Chile+ erklärt sich 1816, +Argentina+ 1817 unabhängig, später auch +Paraguay+ und +Uruguay+. In +Mexiko+ tritt 1821 +Iturbide+ als Kaiser Augustin I. auf, 1823 wird das Land Bundesrepublik, ebenso die 5 Staaten von +Mittel-Amerika+. England (Lord +Canning+ leitender Minister +Georgs IV.+) erkennt zuerst die neuen Freistaaten an und schließt mit ihnen Handelsverträge. Die Vereinigten Staaten von Amerika (Präsident +Monroe+) erlassen 1823 die Erklärung, keine Einmischung Europas in die politische Gestaltung Amerikas dulden zu wollen (+Monroe-Doktrin+). Colombia teilt sich 1830 (Bolivar †) in die drei Republiken +Neu-Granada+ (1861 wieder Colombia genannt), +Venezuela+, +Ecuador+.

Brasilien, bisher portugiesische Kolonie, wird 1822 unabhängiges Kaisertum unter +Dom Pedro I.+, dem Sohne Johanns VI., letzterer kehrt nach Portugal zurück (vgl. S. 327). Sein jüngerer Sohn +Dom Miguel+ erregt Unruhen in ~Portugal~, um die Cortes zu beseitigen, herrscht nach dem Tode des Vaters (1826) gewalttätig und grausam, wird 1834 von +Dom Pedro I.+ vertrieben. Dieser überläßt die Regierung Brasiliens seinem Sohne Pedro II., in Portugal setzt er seine Tochter +Maria da Gloria+ ein, deren Gemahl Ferdinand von Sachsen-Koburg wird (S. 352). Verfassung vom Jahre 1826, abgeändert 1838.

[~1821–1829.~]

~Griechischer Befreiungskrieg~, vorbereitet durch die +Hetärie+ einen 1814 von griechischen Kaufleuten in Odessa gestifteten Geheimbund zur Befreiung der Griechen von der türkischen Herrschaft. Fürst Alexander +Ypsilanti+ (russischer General und Adjutant Kaiser Alexanders I.) an der Spitze eines Griechenaufstandes in der Moldau und Walachei (März-Juni 1821), wird geschlagen, rettet sich nach Österreich, wird 6 Jahre in Munkacz und Theresienstadt gefangen gehalten, † in Wien 1828.

[1821. April.]

Aufstand in Morea (+Mainoten+) und auf den Inseln. Wüten der Türken gegen die Griechen in Konstantinopel. Der Patriarch +Gregorios+ aufgeknüpft.

[1822.]

Blutbad auf der Insel +Chios+, die Türken ermorden über 20000 Griechen. +Kanaris+ verbrennt einen Teil der türkischen Flotte an der Küste von Chios. Der tapfere Widerstand der Griechen (Miaulis aus Hydra. Marcus Bozzaris u. a.) erregt überall Teilnahme. Freiwillige (Philhellenen) eilen aus Deutschland, Italien, Frankreich herbei; der englische Dichter Lord +Byron+ landet mit zwei Schiffen bei der bedrohten Festung +Missolunghi+ (1824); der Genfer Bankier +Eynard+ organisiert die Hilfsvereine. +Wilhelm Müllers+ Griechenlieder.

[1825.]

Mehemed Ali, Pascha von Ägypten, sendet dem Sultan Mahmud II. seinen Sohn +Ibrahim+ zu Hilfe, welcher in +Morea+ grausam wütet. Aussicht auf russische Hilfe für die Griechen erst nach dem Tode des kinderlosen Alexander I. (1. Dez.). Ihm folgt sein Bruder als

[~1825–1855.~]

~Nikolaus I., Kaiser von Rußland~, nach Verzichtleistung des älteren Bruders +Konstantin+ (S. 295).

[1826.]

Die Türken erobern die heldenmütig verteidigte Festung +Missolunghi+.

[~1827.~]

+England+, +Rußland+ und +Frankreich+ schließen auf Betreiben des englischen Ministers +George Canning+ ein Bündnis zum Schutze der Griechen.

[Juni.]

Aufstand der +Janitscharen+ in Konstantinopel; sie werden auf Befehl des Sultans teils getötet, teils nach Asien abgeführt.

[20. Okt.]

~Schlacht bei Navarin.~

Die türkische Flotte wird von der englischen, französischen und russischen zerstört (»untoward event«). Französische Truppen landen in Morea, Ibrahim zum Abzug genötigt.

Russische Truppen besetzen 1828 die Donaufürstentümer, General +Diebitsch+ überschreitet 1829 den Balkan und besetzt Adrianopel, während in Asien General +Paskjewitsch+ Kars und Erzerum erobert.

Im ~Frieden zu Adrianopel~ 1829 erhält Rußland die Inseln vor der Donaumündung, in Asien das Gebiet von Achalzik südlich vom Kaukasus. Den Donaufürstentümern +Serbien+, +Moldau+, +Walachei+ wird das Recht, christliche Statthalter (Hospodare) unter türkischer Oberhoheit zu wählen, bestätigt. Die Türkei erkennt im voraus die Beschlüsse der +Londoner Konferenz+ an, welche 1830 die ~Unabhängigkeit Griechenlands~ aussprechen.

Graf +Capodistrias+ (1814–22 russischer Minister) führt vorläufig als Präsident die Verwaltung; er wird 1831 in +Nauplĭa+, dem Sitz der Regierung, ermordet. Darauf erheben die Schutzmächte (England, Rußland, Frankreich) zum König von Griechenland den Sohn König Ludwigs I. von Bayern, ~Otto I.~, welcher 1832–1862 regiert, dann durch einen Aufstand vertrieben wird († 1867). ~Athen~ erhebt sich als Residenzstadt zu neuer Bedeutung.

~Rußland~ beginnt, nachdem 1795 +Derbent+ (S. 278) abermals besetzt, 1801 +Georgien+ (S. 297) zur Provinz gemacht, 1813 die Südwestküste des Kaspischen Meeres mit +Baku+, 1827 +Eriwan+ den Persern entrissen ist, langwierige Kämpfe zur Unterwerfung der +Kaukasus+völker.

[1829.]

In ~England,~ wo 1820–1830 +Georg IV.+ regiert, unter dem Ministerium des Herzogs von +Wellington+ nach Aufhebung der Testakte (S. 270) +Emanzipation der Katholiken+, d. h. Zulassung derselben zum Parlament und zu Staatsämtern. Nach lebhaften Verhandlungen folgt 1832 unter König +Wilhelm IV.+ (1830–1837) die ~Parlamentsreform~; 56 kleine Orte verlieren das Wahlrecht, eine Anzahl von Grafschaften und größeren Städten wählt dafür fortan mehr Vertreter ins Unterhaus.

§ 3. Die Zeit von 1830–1848.

Abermals geht von ~Frankreich~ eine Erschütterung der europäischen Verhältnisse aus, die jedoch leichter überwunden wird als die frühere. ~König Karl X.~ (1824–1830, Bruder Ludwigs XVI. und XVIII., früher Graf von Artois, s. S. 307) regiert wie sein Bruder, der Talleyrand entlassen, den Marschall Ney zum Tode und alle Mitglieder der Familie Bonaparte nebst den »Königsmördern« zur Verbannung verurteilt hatte, und erregt durch sein Streben nach Herstellung des unbeschränkten Königtums wachsende Mißstimmung, die auch durch einen Erfolg der auswärtigen Politik, die Eroberung des Seeräuberstaates ~Algier~ (Juni und Juli 1830) nicht vermindert wird.

[~1830.~]

~Pariser Julirevolution.~ Durch das ultraroyalistische Ministerium +Polignac+ wird der König am 25. Juli 1830 zur Unterzeichnung von 5 Ordonnanzen (Verfügungen) bewogen, welche 1. die letzten oppositionellen Kammerwahlen für ungültig erklären, 2. das +Wahlgesetz+ zu einem Privilegium der reichsten Grundbesitzer machen (262 Abgeordnete statt der früheren 430) und 3. die +Preßfreiheit+ aufheben. Diese Verletzung der Verfassung erregt einen Aufstand in Paris. Nach dreitägigem Straßenkampf (27.–29. Juli) ziehen die Truppen sich zurück. Karl X. dankt ab zu Gunsten seines Enkels, des 1820 geborenen Herzogs Heinrich von Bordeaux, +Graf von Chambord+, dessen Vater, der Herzog von Berry, 1820 (Febr.) ermordet worden war; aber durch Beschluß der Pairs und Deputierten wird auf den Thron erhoben der Sohn Philipp Egalités, +Herzog Ludwig Philipp von Orléans+ aus der jüngeren Linie des Hauses Bourbon (s. S. 349) als

[~1830–1848.~]

~Ludwig Philipp I.,~ König der Franzosen.

[1830.]

~Belgischer Aufstand.~ Das vom Wiener Kongreß geschaffene Königreich der +Niederlande+ hat keinen Bestand; die Belgier, durch Sprache, Konfession und Beschäftigung verschieden, fühlen sich unter der holländischen Regierung zurückgesetzt und hoffen auf Frankreichs Hilfe.

~Häuser Bourbon älterer und jüngerer Linie (Orléans).~

~Heinrich IV.~, erster König aus dem Hause Bourbon, †1610. | ~Ludwig XIII.,~ †1643. |___________________... | ~Ludwig XIV.~, †1715. | Ludwig, Dauphin, †1711. ________________|_________________ | | Ludwig, Hz. v. Bourgogne, Philipp V., K. v. Spanien, †1712. Stammvater der Bourbons | in Spanien, Neapel u. Parma, †1746. | ~Ludwig XV.~, †1774. | Ludwig, Dauphin, †1765. ______|__________________________ | | | ~Ludwig XVI.~, ~Ludwig XVIII.~, ~Karl X.~, †1793. †1824. †1836. | | Ludwig (XVII.), Karl Ferdinand, †1795. Hz. v. Berry, †1820. | Heinrich V., Graf v. Chambord, †1883.

~Heinrich IV.~, erster König aus dem Hause Bourbon, †1610. | ~Ludwig XIII.,~ †1643. ...__|______________________ | Philipp, Hz. v. Orléans, †1701. Gem. Elisabeth Charlotte v. d. Pfalz, †1721. | Philipp, Regent, †1723. | Ludwig, †1752. | Ludwig Philipp, †1785. | L. Philipp (Égalité), †1793. | ~Ludwig Philipp~, K. d. Franzosen, †1850. _____________________________________________________________ | | | | | | Ferdinand, Ludwig, Klementine, Franz, Heinrich, Anton, Hz. v. Orléans, Hz. v. Gem. August Hz. v. Hz. v. Hz. v. †1842. Nemours, v. Koburg, Joinville, Aumale, Montpensier. | †1896. †1907. †1900. †1897. †1890. | |______________ |__ | __|__________________ __|___________ | | Ludw. Philipp, Robert, Gaston, Ferdinand, Peter, Anton, Graf v. Paris, Hz. v. Graf v. Eu. Hz. v. Hz. v. Infant v. †1894. Chartres. Alençon. Penthièvre Spanien. | __|___________ | | Johann, | _________|__________ | Hz. v. Guise. 1. Pedro, Emanuel, Alfons. Louis Ferdinand. | 2. Ludwig, Hz. v. __|__________________________ 3. Anton. Vendôme. Ludw. Philipp, Ferdinand, 3 Kinder. Hz. v. Orléans. Hz. v. Montpensier. Karl Philipp.

[25. Aug.]

Aufstand in +Brüssel+, bald auch im ganzen Lande. Prinz +Friedrich+, der zweite Sohn König Wilhelms I., wird gezwungen, mit den holländischen Truppen Brüssel zu verlassen; General +Chassé+ behauptet die Citadelle von +Antwerpen+, indem er die Stadt beschießen läßt. 18. Nov. +Unabhängigkeitserklärung+ des belgischen Nationalkongresses. Provisorische Regierung.

Die +Londoner+ Konferenz der Großmächte (Lord +Palmerston+ englischer Minister) bewirkt Einstellung der Feindseligkeiten und erkennt den neuen Staat an (Jan. 1831), der sich eine freisinnige monarchische Verfassung gibt. Nachdem +Ludwig Philipp+ die auf seinen zweiten Sohn gefallene Königswahl abgelehnt hat, wird zum +König der Belgier+ gewählt

[1831–1865.]

~Leopold I.~ von Sachsen-Koburg (S. 352), der sich mit einer Tochter Ludwig Philipps vermählt. Fortgang des Kampfes mit Holland bis 1833. Einmarsch eines französischen Heeres. Belagerung und Einnahme der Citadelle von +Antwerpen+. Friede 1839.

In ~Deutschland~ wird 1830 Herzog Karl von +Braunschweig+ vertrieben († 1873 in Genf); sein Bruder Wilhelm übernimmt nach einem Beschluß des Bundestages die Regierung. Unruhen in +Sachsen+ und +Kurhessen+; in beiden Ländern wird 1831 eine neue Verfassung verkündet, in +Hannover+ 1833.

[~1830–1831.~]

~Polnischer Aufstand.~ Erhebung in Warschau (1830, 29. Nov.). Ein Mordversuch gegen den Großfürsten +Konstantin+, Bruder des Kaisers Nikolaus (S. 347), mißlingt. Provisorische Regierung mit Fürst +Adam Czartoryski+ an der Spitze. Kaiser Nikolaus durch den Reichstag abgesetzt (1831, Jan.). Ein russisches Heer von 118000 Mann unter General +Diebitsch+ dringt in Polen ein; blutige ~Gefechte bei Grochow~ (19.–25. Febr. 1831), wo die Polen der russischen Übermacht lange Widerstand leisten, sich aber doch zuletzt auf Praga zurückziehen müssen. Der Aufstand verbreitet sich über Litauen und Podolien. Diebitsch siegt in der Schlacht bei ~Ostrolenka~ (26. Mai), stirbt aber bald darauf an der Cholera. Uneinigkeit der Polen, Bluttat der demokratischen Partei in Warschau. Dadurch wird dem neuen russischen Oberfeldherrn +Paskjewitsch+ das Vordringen erleichtert, er erobert Warschau (Sept. 1831). Bald wird der Aufstand im ganzen Lande unterdrückt. Polen verliert die von Kaiser Alexander I. 1815 verliehene Verfassung und wird fortan als russische Provinz mit Strenge regiert.

[1831.]

Aufstände in +Modĕna+, +Parma+ und der +Romagna+, mit österreichischer Hilfe unterdrückt.

[1833–1840.]

In ~Spanien~ Bürgerkrieg nach dem Tode Ferdinands VII. Durch +Espartero+ siegt nach blutigem Kampfe die +Verfassungs+partei (Christinos) für die unmündige Königin +Isabella II.+ (1833–1868) und deren Mutter +Marie Christine+ (von Neapel) über die »Karlisten«, d. h. die Anhänger des Prinzen Don +Carlos+ (Bruder Ferdinands VII.), welcher 1839 zur Flucht nach Frankreich genötigt wird († 1855 in Triest). Verkündigung einer Verfassung.

[1837.]

+Espartero+ Regent (1841–1843), dann sein persönlicher Feind +Narvaez+; dieser ruft die von Espartero vertriebene Königin Marie Christine zurück und verstärkt durch die abgeänderte Verfassung (1845) die königliche Gewalt.

[1833.]

Aufstandsversuch in +Frankfurt a. M.+ gegen den deutschen Bundestag. Hierdurch und durch das im Jahre vorher von der demokratischen Partei in Rheinbayern veranstaltete +Hambacher Fest+ werden wiederum (S. 345) die Einsetzung politischer Untersuchungskommissionen, Verhaftungen und Verurteilungen herbeigeführt.

[1833.]

Gründung des ~deutschen Zollvereins,~ angeregt durch das +preußische Zollgesetz+ von 1818, welches alle Zollgrenzen im Innern des Landes aufhob und alle Zollstellen an die Grenzen verlegte. Besondere Vereine der kleineren Staaten, namentlich der 1828 gegründete mitteldeutsche Handelsverein haben keinen Bestand. Nach und nach werden Verträge mit Preußen abgeschlossen.

+Österreich+, wo 1835–1848 ~Kaiser Ferdinand I.~ regiert, bleibt ausgeschlossen. Hannover, Braunschweig, Oldenburg, Mecklenburg-Strelitz und Schaumburg-Lippe bilden 1834 den +Steuerverein+ und treten dem deutschen Zollverein erst 1851 bei. Der Zollanschluß der Hansestädte Bremen und Hamburg erfolgt erst 1888.

[~1837.~]

Nach dem Tode Wilhelms IV., Königs von England (1830–1837), folgt in +Hannover+ nach dem salischen Gesetze (s. S. 207) sein Bruder +Ernst August+ (1837–1851), welcher die 1833 für Hannover verkündigte Verfassung aufhebt, weil sie ohne seine, des damaligen Thronerben, Zustimmung zustande gekommen sei. Absetzung der 7 dagegen protestierenden Göttinger Professoren (+Jakob+ und +Wilhelm Grimm+, +Dahlmann+, +Gervinus+, +Ewald+, +Albrecht+ und +Weber+). Abgeänderte Verfassung 1840.

[1837 u. 1838.]

Streit der preußischen Regierung mit den Erzbischöfen von +Köln+ und +Gnesen-Posen+, besonders wegen der konfessionellen Erziehung der Kinder aus gemischten Ehen.

~Georg III.,~ K. v. England u. Hannover, †1820. _____|______________________________________________ | | | | ~Georg IV.,~ ~Wilhelm IV., ~ Eduard~, ~Ernst August,~ K. v. E. u. H., K. v. E. u. H., Hz. v. Kent, K. v. Hannover, †1830. †1837. †1820. †1851. | | | | ~Viktoria,~ ~Georg V.,~ | K. v. England, K. v. | †1901, Hannover, Charlotte, Gem. Albert †1878. †1817, v. Koburg, | Gem. Leopold I. †1861. Ernst August, v. Koburg, Hz. v. †1865. Cumberland. _____|______ Georg Wilhelm. Ernst August.

Albert, †1861, Gem. Viktoria v. Engl., †1901. _______________________________________________|________ Viktoria, ~Eduard VII.,~ ~Alfred,~ Arthur, Leopold †1901, †1910. Hz. v. Hz. v. Hz. v. Albany, Gem. K. v. England, Koburg, Connaught. †1884. Friedr. III. Gem. Alexandra †1900. | v. Preußen. v. Dänemark. ~Karl Eduard,~ | Hz. v. Koburg. ~Georg V.,~ | Gem. Mary v. Teck. Johann Leopold. _______________|___________________________________ Eduard, Prinz v. Wales; Albert, Heinrich, Georg, Johann.

~Franz,~ Hz. v. Koburg, †1806. _______|___________________________________________________ | | | ~Ernst I.~ Ferdinand ~Leopold I., Hz. v. Koburg, Gem. Fürstin v. Kohary, K. d. Belgier, †1844. †1851. †1865. __|_______________ __|_________________ __|______________ | | | | | | | ~Ernst II.,~ Albert, ~Ferdinand II.,~ August, ~Leopold II.,~ Philipp, †1861, †1885, G. Gem. K. d. Belgier, G. v. Gem. Maria da Klementine †1909. Flandern, Viktoria Gloria, K. v. †1905. v. Engl., v. Portugal Orléans, †1901. †1853. †1907. ___________________|__ | | | _______|________ ~Pedro V.,~ ~Ludwig I.,~ | | K. v. K. v. Philipp, ~Ferdinand,~ Portugal, Portugal, Prinz v. 1887 Fürst, †1861. †1889. Koburg. 1908 K. v. | Bulgarien. ~Karl I.,~ | K. v. Portugal 1. Boris, †1908. Prinz v. | Tirnowa. | 2. Kyrill. ~Manuel II.,~ K. v. Portugal, vertrieben 1910. ~Albert I.,~ K. d. Belgier. _________|________ | | Leopold. Karl.

[~1840–1861.~]

~Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen,~ bei seinem Regierungsantritt mit großen Erwartungen begrüßt. Amnestie für politische Vergehen, Freilassung der verhafteten Erzbischöfe von Köln und Gnesen-Posen. 1847 Berufung des +ersten vereinigten Landtags+ nach Berlin (s. Anhang).

[~1837–1901.~]

~Viktoria, Königin von England,~ Nichte +Wilhelms IV.+, 1840 vermählt mit +Albert+ von Sachsen-Koburg (prince-consort, † 1861). Vgl. die Stammtafel S. 352. In Irland vergebliche Bestrebungen für den Widerruf (+repeal+) der seit 1801 bestehenden parlamentarischen Vereinigung mit England (+O’Connell,+ † 1847). In England Bewegung für den Freihandel (Richard +Cobden+ in Manchester); die Abschaffung der beschränkenden Korngesetze wird 1846 erreicht.

Krieg gegen +Afghanistan+ 1839–1842; durch zwei Kriege gegen die +Sikhs+ (1845–1849) wird das Pendschab-Gebiet unterworfen. Krieg gegen +China+ 1810 wegen Verbots der Opiumeinfuhr aus Indien (+Opiumkrieg+); 1842 werden fünf chinesische Häfen den Europäern geöffnet, der Opiumhandel gestattet, die Insel +Hongkong+ an England abgetreten. In +Hinterindien+ erwirbt England durch Kriege gegen das Reich +Birma+ 1826 die Küste von Arakan und die Landschaft Assam, 1853 das Mündungsgebiet des Irawadi (Pegu), 1886 ganz Birma (s. § 13).

In ~Frankreich~ versucht während der Regierung Ludwig Philipps der Neffe Napoleons I., ~Louis Napoleon,~[57] 1836 in +Straßburg+ und 1840 in +Boulogne+ einen Aufstand. Er wird das erstemal auf einem französischen Kriegsschiff nach Amerika geschickt, das zweitemal zu lebenslänglicher Haft verurteilt, entkommt aber 1846 aus der Festung Ham.

[~1840.~]

Beginn der +Befestigung von Paris+ unter dem Ministerium +Thiers+ aus Anlaß einer Kriegsgefahr, welche dadurch entstanden war, daß Frankreich sich des aufständischen +Mehemed Ali+ von Ägypten (s. S. 347) gegen den Sultan annahm. Frankreichs Kriegsdrohung gegen Deutschland erregt das Nationalgefühl gewaltig. Nik. +Beckers+ Rheinlied, +Schneckenburgers+ »Wacht am Rhein«. Bündnis der 4 anderen Großmächte; Frankreich gibt nach, an Stelle von Thiers tritt +Guizot+ (Okt. 1840). Mehemed Ali, dessen Sohn Ibrahim die Türken 1839 bei +Nisib+ in Syrien besiegt hatte, muß auf Verlangen Englands (Lord +Palmerston+) Syrien räumen und behält nur die +erbliche+ Herrschaft über +Ägypten+ unter Oberhoheit der Pforte.

[~1840.~ 15. Dez.]

Die Überreste Napoleons I., durch den Prinzen von Joinville, dritten Sohn Ludwig Philipps, von St. Helena nach Paris gebracht, werden dort im Dom der Invaliden feierlich beigesetzt.

Langwierige Kriege in ~Algier~ (S. 348) zur Eroberung des inneren Landes (Marschall +Bugeaud+, General aus Napoleons Schule). +Abd-el-Kader+, Anführer der Araber und Kabylen, wird 1847 gefangen, 1852 nach Kleinasien entlassen.

[1846.]

Der Freistaat ~Krakau~ wird wegen erneuter polnischer Aufstandsversuche durch Beschluß der Schutzmächte (S. 341) dem Kaiserreich +Österreich+ einverleibt.

[~1847.~]

~Sonderbundskrieg in der Schweiz.~ Sieben katholische Kantone sagen sich von der Eidgenossenschaft los, werden aber von den Bundestruppen unter General Dufour besiegt. Darauf (1848) Umgestaltung des +Staatenbundes+ (S. 341) souveräner Kantone zu einem +Bundesstaat+ (Föderativrepublik von 25 Staaten, vgl. S. 302). An die Stelle der bisherigen Tagsatzung, in der abwechselnd Zürich, Bern und Luzern Vorort gewesen war, tritt die ~Bundesversammlung~ in ~Bern~, bestehend aus 1. +Ständerat+ (44 Vertreter der einzelnen Kantone), 2. +Nationalrat+ (Vertreter der ganzen Schweizer Bevölkerung, nach Maßgabe der Volkszahl gewählt). Die vollziehende Gewalt übt der von der Bundesversammlung gewählte ~Bundesrat~ (7 Mitglieder, auf 3 Jahre gewählt). Bundesgericht, einheitliches +Militär-, Post-+und +Münzwesen+ (s. § 14).

§ 4. Die Revolutionszeit 1848–1852.

In Frankreich führt die Unzufriedenheit mit der Politik des Ministeriums +Guizot+ und den noch bestehenden Beschränkungen des +Wahlrechts+ zur

[~1848.~ 22.–24. Febr.]

~Pariser Februarrevolution.~ Straßenkampf gegen die Truppen; Barrikaden erbaut. Die Nationalgarde bleibt untätig, die Truppen geben den Kampf bald auf. +Ludwig Philipp+ flieht nach England († 1850). Seine Thronentsagung zu Gunsten seines Enkels, des +Grafen von Paris+ (S. 349), wird nicht beachtet, sondern die Republik proklamiert. Die Deputiertenkammer wählt eine provisorische Regierung. +Lamartine+ als Mitglied derselben hindert Verwüstung und Plünderung. Eine +Nationalversammlung+ wird nach Paris berufen, um die Verfassung der Republik festzustellen. Die Forderungen der Sozialisten (+Louis Blanc+) führen zur Einrichtung von +Nationalwerkstätten+ in Paris, in denen jedem französischen Bürger vom Staate Arbeit und Lohn geboten werden soll. Diese erweisen sich jedoch bald als kostspielig und zwecklos.

[~1848.~ 23.–26. Juni.]

Blutiger Straßenkampf in Paris nach Schließung der Nationalwerkstätten. General +Cavaignac+ erhält durch Beschluß der Nationalversammlung diktatorische Gewalt und wirft den Aufstand der Arbeiter nieder (gegen 10000 getötet, viele deportiert).

[10. Dez.]

Prinz ~Louis Napoleon~ (S. 353) wird infolge der Furcht aller Besitzenden vor dem Sozialismus und unter dem Einfluß der Geistlichkeit durch +Volksabstimmung+ (Plebiscit) mit fast 6 Millionen Stimmen zum +Präsidenten+ der französischen Republik erwählt. Seine Regierung findet Beifall, doch weigert sich die Nationalversammlung, die Verfassung abzuändern, welche die Wiederwahl desselben Präsidenten erst nach 4 Jahren gestattet.

[~1851.~ 2. Dez.]

~Staatsstreich Louis Napoleons.~ Er läßt die angesehensten Mitglieder der Nationalversammlung verhaften, erklärt diese für aufgelöst, fordert wiederum +Volksabstimmung+, läßt Aufstandsversuche in Paris am 3. und 4. Dez. blutig niederwerfen. Er wird mit mehr als 7 Mill. Stimmen zum +Präsidenten auf 10 Jahre+ erwählt. Am 14. Jan. 1852 verkündet er eine neue, der des ersten Kaiserreiches ähnliche Verfassung (Senat, gesetzgebender Körper, s. S. 318). Feierliche Friedensversicherungen gegenüber den europäischen Staaten, besonders durch eine Rede in Bordeaux (»+L’Empire c’est la paix+«). Auf Grund eines Senatsbeschlusses und einer +dritten Volksabstimmung+ besteigt er als

[~1852.~ 2. Dez.]

~Napoleon III., Kaiser der Franzosen~ (1852–1870) den Thron und wird bald von allen Mächten anerkannt.

[~1848.~ Frühjahr.]

~Revolutionäre Bewegungen in Deutschland und Österreich.~ Eine badische Volksversammlung bei +Mannheim+ (27. Febr.) fordert Preßfreiheit, Schwurgerichte, Vereinsrecht, Volksbewaffnung, deutsches Parlament. Ähnliche Versammlungen finden in Württemberg, Hessen-Darmstadt, Nassau u. a. Staaten statt. Die Regierungen zeigen sich nachgiebig; der +Bundestag in Frankfurt+ hebt die Zensur für Druckschriften auf.

[13.–15. März.]

Aufstand in Wien. Metternich, seit 1809 leitender Minister Österreichs, wird vertrieben. +Bürgerwehr+ und +Studenten+ herrschen in der Stadt.

[18. März.]

Straßenkampf in Berlin, obwohl der König +Friedrich Wilhelm IV.+ schon aus freien Stücken eine Verfassung und Preßfreiheit versprochen hatte. Die +unbesiegten,+ aber ermatteten Truppen verlassen auf Befehl des Königs am 19. ihre Stellungen und marschieren aus der Stadt. Bildung einer Bürgerwehr. Berufung einer +preußischen Nationalversammlung+ nach Berlin. Prinz +Wilhelm+ geht auf Befehl seines Bruders nach England.

[~1848.~ 20. März.]

Infolge wiederholter Unruhen in ~München~ dankt König +Ludwig I.+ († 1868) zu Gunsten seines Sohnes +Maximilian II.+ (1848–1864) ab.

[15. Mai.]

+Zweiter+ Aufstand in ~Wien~, welcher die Einberufung eines +österreichischen Reichstags+ erzwingt. Kaiser Ferdinand I. verläßt Wien und geht nach +Innsbruck+.

[Juni.]

~Slavenkongreß~ in Prag, von den ~Tschechen~ (+Palacki+) ausgeschrieben, um die Bestrebungen der slavischen Völker Österreichs +gegen das Deutschtum+ zu vereinigen. Im Anschluß daran tschechische Erhebung in ~Prag~, besiegt durch Fürst +Windischgrätz+.

[31. Okt.]

Einnahme des aufständischen ~Wien~ durch kaiserliche Truppen (+Windischgrätz,+ +Jellachich+ Ban von Kroatien). +Robert Blum+, Mitglied des Frankfurter Parlaments, und viele andere werden erschossen. Der Reichstag wird nach +Kremsier+ verlegt. Fürst Felix +Schwarzenberg+ übernimmt das Ministerium.

[9. Nov.]

Die preußische Nationalversammlung in ~Berlin~ wird auf Befehl des Königs (Ministerium +Brandenburg-Manteuffel+) vertagt und zum 27. Nov. nach +Brandenburg+ berufen.

[10. Nov.]

General +Wrangel+ rückt, ohne Widerstand zu finden, in +Berlin+ ein. Erklärung des Belagerungszustandes, Entwaffnung der Bürgerwehr. -- Da die Nationalversammlung in Brandenburg nicht in beschlußfähiger Zahl zusammenkommt, befiehlt der König

[5. Dez.]

+Auflösung+ der Nationalversammlung und Verkündigung einer preußischen +Verfassung+, welche nach Beratung durch die neu zu wählenden Kammern in Gültigkeit treten soll.

[~1848–1849.~]

~Aufstand in Oberitalien gegen Österreich~.

Beginn der Erhebung in +Mailand+ (18. März 1848) die österreichischen Truppen ziehen sich nach der Festung +Verona+ zurück. König +Karl Albert+ von +Sardinien+ (1831–1849), welcher Italien befreien will, wird bei ~Custozza~ (25. Juli) von dem Feldmarschall ~Radetzki~ vollständig geschlagen. +Mailand+ von den Österreichern wieder eingenommen.

Waffenstillstand bis 20. März 1849, darauf erzwingt +Radetzki+ durch die Siege bei +Mortara+ (21. März) und ~Novara~ (23. März) den Frieden. +Karl Albert+ dankt zu Gunsten seines Sohnes +Viktor Emanuel+ (1849–1878) ab. Einnahme von +Brescia+ nach furchtbarem Straßenkampf; Grausamkeit des Generals +Haynau+ gegen die Gefangenen.

In ~Venedig~ nach Abzug der österreichischen Besatzung (1848, März) erst +provisorische+ Regierung im Namen des +Königs von Sardinien+, dann nach der Niederlage des italienischen Heeres +Republik+ (Präsident +Manin+). Belagerung und Einnahme Venedigs durch die Österreicher (August 1849). Das ganze lombardo-venetianische Königreich ist der Herrschaft Österreichs wieder unterworfen.

[~1848–1849.~]

~Aufstand der Ungarn gegen Österreich.~ Die Ungarn (Magyaren) verlangen und erhalten ein eigenes Ministerium (1848, April). Graf +Batthyany+ Ministerpräsident, ~Kossuth~ (spr. +Kóschūt+) Finanzminister. Reichstag in Pest unter Vorsitz des Erzherzogs +Stephan+ als +Palatin+. Der +Widerstand+ der +slavischen+ Bevölkerung und der +Nebenländer+ der Krone Ungarn (+Kroatien, Siebenbürgen+) gegen die magyarischen Ansprüche, ihre Forderung politischer Gleichberechtigung werden vom Wiener Hofe unterstützt. +Jellachich+, zum +Ban von Kroatien+ ernannt, fällt mit Heeresmacht in Ungarn ein; Erzherzog +Stephan+ legt sein Amt nieder. Graf +Lamberg, kaiserlicher Statthalter+ von Ungarn, wird in Pest ermordet (Sept.); der Kaiser verfügt die Auflösung des Reichstages.

Nach Abdankung +Ferdinands I.+ (2. Dez. 1848) besteigt den Thron sein Neffe (S. 282)

[~Seit 1848.~]

~Franz Joseph I.~, Kaiser von Österreich. Der ungarische Reichstag erkennt den Thronwechsel nicht an. Fürst +Windischgrätz+ rückt mit einem österreichischen Heere in Ungarn ein. +Kossuth+ zieht sich mit den magyarischen Behörden nach +Debreczin+ zurück, Windischgrätz besetzt Pest (1849, Jan.), besiegt ein ungarisches, von dem polnischen General +Dembinski+ geführtes Heer bei +Kapolna+ (Febr.). In Siebenbürgen ist der polnische General +Bern+, welchem Kossuth ein Kommando übergeben hatte, siegreich gegen österreichische Truppen und die von diesen zu Hilfe gerufenen +Russen+. Der ungarische General +Görgey+ überschreitet mit 50000 Mann die Theiß, entsetzt die belagerte Festung +Komorn+. Windischgrätz von der Regierung in Wien abberufen, Pest geräumt; in +Ofen+ bleibt eine österreichische Besatzung. Infolge der Verkündigung einer

[~1849.~ 4. März.]

~Gesamtverfassung für Österreich~, welche die alte ungarische Verfassung aufhebt, spricht auf Kossuths Antrag der Reichstag die Absetzung des Hauses +Habsburg-Lothringen+ aus. +Kossuth+ wird als »Gouverneur« zum Haupt der magyarischen Regierung ernannt. +Görgey+ erstürmt +Ofen+ (21. Mai); Kossuth und der Reichstag halten einen pomphaften Einzug in Pest. Unterdes wird bei einer Zusammenkunft der +Kaiser+ von +Österreich+ und +Rußland+ in +Warschau+ die ~russische Intervention~ verabredet und ein gemeinsamer Kriegsplan für die Unterwerfung Ungarns festgestellt.

Ein russisches Heer von 80000 Mann unter +Paskjewitsch+ überschreitet die Karpathen (Juni), ein zweites rückt von der Walachei aus vor, von Westen her die Österreicher unter +Haynau+. Die magyarische Regierung zieht sich nach +Szegedin+ zurück. +Kossuth+ legt bald darauf die Regierungsgewalt nieder, die Diktatur wird +Görgey+ übertragen. Dieser entschließt

[~1849.~ 13. Aug.]

sich zur ~Kapitulation von Vilagos~ und streckt mit 25000 Mann vor dem russischen General +Rüdiger+ die Waffen. Die meisten andern ungarischen Führer ergeben sich auf Gnade und Ungnade; nur +Klapka+, der Komorn verteidigt, erhält eine ehrenvolle Kapitulation. +Kossuth, Bem, Dembinski+ retten sich auf türkisches Gebiet. Haynau verhängt über die gefangenen Häupter des Aufstandes ein furchtbares Strafgericht. Graf Batthyany nebst vielen anderen hingerichtet, ihre Güter eingezogen. Aufhebung der ungarischen Verfassung, Siebenbürgen und Kroatien werden von Ungarn getrennt.

Die +Gesamtverfassung für Österreich,+ welche nie wirklich ins Leben getreten war, wird am 31. Dez. 1851 für aufgehoben erklärt.

[~1848–1850.~]

~Versuche, Deutschland zu einigen.~

[~1848.~ 31. März.]

Mit Zustimmung des Bundestages tritt in +Frankfurt am Main+ ein aus Mitgliedern deutscher Ständeversammlungen gebildetes ~Vorparlament~ zusammen und beschließt die Berufung einer +deutschen Nationalversammlung+ zur Feststellung der deutschen Reichsverfassung.

[April.]

Eine republikanische Erhebung in +Baden+ (Hecker, Struve, Herwegh) wird durch deutsche Bundestruppen schnell unterdrückt.

[18. Mai.]

~Deutsche Nationalversammlung (Parlament)~ in Frankfurt am Main (Paulskirche). Auf des Präsidenten +Heinrich von Gagern+ Vorschlag wird ~Erzherzog Johann~ von Österreich zum ~Reichsverweser~ erwählt; der Bundestag löst sich auf. Erzherzog Johann ernennt ein Reichsministerium; doch zeigt sich bald, daß die neu geschaffene +Zentralgewalt+ weder den +Einzelstaaten+ noch dem +Auslande+ gegenüber wirkliche Macht hat.

[18. Sept.]

Volksaufstand in Frankfurt, veranlaßt durch die Annahme des Waffenstillstandes mit Dänemark (s. S. 362). Zwei Mitglieder der Nationalversammlung, Fürst +Lichnowski+ und General +v. Auerswald,+ von Volkshaufen ermordet.

[~1849.~ März.]

Vollendung der ~deutschen Reichsverfassung~ nach lebhaften Parteikämpfen in der Nationalversammlung (»+Großdeutsche+«, welche Österreich an der Spitze Deutschlands erhalten wollen, und »+Kleindeutsche+«, welche Ausschluß Österreichs und engeren Bund unter Preußens Führung anstreben). An der Spitze des Reichs soll ein erblicher +Kaiser+ stehen, neben ihm ein Reichstag, bestehend aus +Staatenhaus+ (zur Hälfte von den Regierungen, zur Hälfte von den Volksvertretungen der Einzelstaaten zu ernennen) und +Volkshaus+ (aus allgemeinen und direkten Wahlen hervorgehend). Kaiserwahl am 28. März.

[~1849.~ 3. April.]

König +Friedrich Wilhelm IV.+ von Preußen erklärt die ihm angetragene Würde eines ~Kaisers der Deutschen~ nur mit Zustimmung +aller+ deutschen Regierungen annehmen zu können. Endgültige Ablehnung am 28. April, nachdem inzwischen 28 kleinere Staaten zugestimmt haben.

[Mai.]

Aufstand in ~Dresden,~ um die Einführung der Reichsverfassung zu erzwingen, mit preußischer Hilfe niedergeworfen.

In ~Baden~ und der bayrischen ~Pfalz~ republikanischer Aufstand unter Beteiligung des Heeres. Preußische und deutsche Bundestruppen rücken ein unter dem Oberbefehl des Prinzen +Wilhelm+ von Preußen. Die Aufständischen in mehreren Treffen besiegt, die Festung +Rastatt+ (22. Juli) zur Übergabe gezwungen. Abberufung und Austritt einer großen Zahl Abgeordneter aus der Frankfurter Nationalversammlung. Das »+Rumpfparlament+«, welches seinen Sitz in +Stuttgart+ nimmt, wird (18. Juni) von der württembergischen Regierung aufgelöst.

[Dez.]

Erzherzog +Johann+ legt die Würde des Reichsverwesers nieder.

Die Fürsten von +Hohenzollern+ (Hechingen und Sigmaringen) legen die Regierung nieder; ihre Gebiete werden mit +Preußen+ vereinigt.

[~1850.~ 6. Febr.]

In Preußen wird die revidierte Verfassung von dem Könige und den Kammern feierlich beschworen. Die gesetzgebende Gewalt wird fortan »gemeinschaftlich durch den König und die beiden Häuser des +Landtags+ ausgeübt«. Der König ist unverantwortlich und wird von verantwortlichen Ministern beraten. Jeder Regierungsakt des Königs muß von einem Minister gegengezeichnet sein. An Stelle der »ersten Kammer« tritt 1854 das +Herrenhaus+, bestehend aus Mitgliedern, welche der König erblich oder auf Lebenszeit ernennt. Das +Abgeordnetenhaus+ geht aus öffentlichen, indirekten Dreiklassenwahlen (Wahlmänner) hervor. Jetzt 433 Mitglieder. Die Legislaturperioden früher dreijährig, seit 1888 fünfjährig. Die Abgeordneten erhalten Tagegelder und Reisekosten.

Preußens Versuch, eine ~deutsche Union~ mit Ausschluß Österreichs zu schaffen (General +v. Radowitz+), gestützt auf den am 26. Mai 1849 mit Sachsen und Hannover geschlossenen +Dreikönigsbund,+ gefördert durch eine Versammlung von Mitgliedern der früheren erbkaiserlichen Partei des Frankfurter Parlaments zu +Gotha+ (Juni 1849) und durch den Beitritt der meisten kleineren Staaten, führt zu dem

[~1850.~ 20. März.]

~Erfurter Parlament~, welches die Beratung über die Verfassung der deutschen Union schnell zu Ende führt. Darauf

[Mai.]

~Fürstenkongreß zu Berlin~, aber keine Einigung, zumal da Sachsen und Hannover sich schon vorher von dem Dreikönigsbund losgesagt und auf Österreichs Betreiben mit Bayern und Württemberg den »Vierkönigsbund« geschlossen haben.

Den preußischen Unionsbestrebungen tritt Österreich nach der Niederwerfung des ungarischen Aufstandes (S. 357f.) entschlossener entgegen durch Berufung einer Konferenz der ihm anhängenden Staaten nach Frankfurt (10. Mai) und Einladung zur

[1. Sept.]

~Wiedereröffnung des Frankfurter Bundestages.~

Verfassungskampf im +Kurfürstentum Hessen+; Kurfürst +Friedrich Wilhelm+ sucht durch seinen Minister +Hassenpflug+ die Verfassung von 1831 zu beseitigen. Wiederholte Auflösung der Ständeversammlung; Kriegszustand über das Land verhängt (7. Sept.). Widerstand der Behörden und Gerichte. Der Kurfürst verläßt das Land und erhält die Hilfe des von Österreich wiederhergestellten, von Preußen und seinen Bundesgenossen nicht beschickten Bundestages zugesagt.

Bruch zwischen +Österreich und Preußen+, das die Intervention des Bundestages in Hessen nicht dulden will. Kaiser Franz Joseph hat in +Bregenz+ eine Zusammenkunft mit den Königen von Bayern und Württemberg, darauf in +Warschau+ (28. Okt.) mit Kaiser Nikolaus von Rußland, der den preußischen Gesandten Graf Brandenburg zum Nachgeben ermahnt. Bundesexekution gegen +Hessen+ durch bayrische und österreichische Truppen wird in Frankfurt beschlossen. Auch preußische Truppen rücken in Hessen ein, ziehen sich aber nach einem Zusammenstoß der Vorposten bei +Bronnzell+ (8. Nov.) zurück. Friedrich Wilhelm IV. entläßt den Minister v. Radowitz und gibt die Unionsbestrebungen auf.

[29. Nov.]

~Vertrag zu Olmütz~ (+Manteuffel+ und +Schwarzenberg+). Preußen fügt sich allen Forderungen Österreichs. +Schleswig-Holstein+ wird den Dänen überlassen, in +Hessen+ die unumschränkte Herrschaft des Kurfürsten wiederhergestellt. Preußen verzichtet auf seine Pläne hinsichtlich der Neugestaltung Deutschlands; für die deutsche Verfassung werden Konferenzen in +Dresden+ anberaumt, welche die

[~1851.~]

~Wiederherstellung des deutschen Bundes~ beschließen. Österreich hat in den deutschen Verhältnissen ebenso wie in seinen inneren Kämpfen gegen die nationalen Aufstände gesiegt. Doch hält Preußen den +Zollverein+ (S. 351) aufrecht, welchem nun auch Hannover und Oldenburg beitreten, und begründet allmählich eine +preußische Kriegsflotte+, indem es mehrere von den 1852 im Auftrage des Bundestages versteigerten Schiffen übernimmt, welche die deutsche Nationalversammlung 1849 als +deutsche Flotte+ gegen Dänemark zusammengebracht hatte (S. 361). Ein Gebiet an der +Jahdemündung+ wird 1853 durch Vertrag mit Oldenburg erworben zur Anlage des Kriegshafens +Wilhelmshaven+, an der Nordsee.

[~1848–1850.~]

~Schleswig-Holsteins Erhebung gegen Dänemark.~

~Veranlassung~: »Offener Brief« des Königs Christian VIII. (1839–1848) vom 8. Juli 1846, welcher den Fortbestand der Union der +Herzogtümer+ mit +Dänemark+ trotz des in den beiden Staaten verschiedenen Erbfolgerechts (s. S. 268) verfügt. Ein Aufstand in Kopenhagen (30. März 1848) zwingt seinen Nachfolger Friedrich VII., die ~Einverleibung Schleswigs~ in Dänemark auszusprechen. Nach der bis dahin nie bezweifelten Thronfolge mußten die Herzogtümer nach dem Aussterben des Königlichen Mannesstammes an den Herzog +Christian+ von Sonderburg-Augustenburg fallen. Daher Aufstand in den Herzogtümern und Bildung einer +provisorischen Landesregierung+.

[~1848.~ April.]

Preußische und andere deutsche Bundestruppen kommen den Schleswig-Holsteinern, welche sich eine Armee neu bilden müssen, zu Hilfe. General +v. Wrangel+ vertreibt die Dänen aus dem +Danewerk+ bei +Schleswig+ (23. April) und dringt bis nach Jütland vor. Aber die Verluste des Ostseehandels durch die dänische Blockade und englisch-russischer Einfluß bewirken den Abschluß eines Waffenstillstandes zu ~Malmö~. Eine +»gemeinschaftliche Regierung«+ wird für die Herzogtümer eingesetzt. Unzufriedenheit mit diesem Waffenstillstand in ganz Deutschland; die Nationalversammlung zu Frankfurt genehmigt ihn nach heftigen Verhandlungen.

[~1849.~ März.]

Einsetzung einer +Statthalterschaft+ für Schleswig-Holstein durch die deutsche Zentralgewalt.

Bei +Eckernförde+ wird das Linienschiff +Christian VIII.+ in Brand geschossen und die Fregatte +Gefion+ genommen (5. April). Erstürmung der Düppeler Höhen durch bayrische und sächsische Truppen (13. April). Das schleswig-holsteinische Heer, geführt von dem preußischen General +v. Bonin+, besiegt die Dänen bei +Kolding+ (23. April). Doch wiederum wird die Weiterführung des Krieges durch die Drohungen Englands und Rußlands gelähmt. Die neu gegründete +deutsche Flotte+ liefert den Dänen ein Seetreffen bei +Helgoland+ (5. Juni), ist aber dann genötigt, untätig in der Wesermündung zu bleiben. Das schleswig-holsteinische Heer belagert die Festung +Fridericia+, erleidet aber durch einen glücklichen Ausfall der Dänen bedeutende Verluste.

[~1849.~ Juli.]

Waffenstillstand zwischen +Preußen+ und +Dänemark+; Schleswig soll im Norden von schwedischen, im Süden von preußischen Truppen besetzt und von einer dänisch-preußischen Kommission verwaltet werden. Die schleswig-holsteinische Armee geht über die Eider zurück; Holstein bleibt noch unter der Statthalterschaft. Nach Abschluß des Friedens zwischen Preußen und Dänemark (Juli 1850) werden alle preußischen Offiziere aus der schleswig-holsteinischen Armee abberufen.

[~1850.~]

Die von Deutschland verlassenen Schleswig-Holsteiner kämpfen allein weiter. Der ehemalige preußische General +v. Willisen+ übernimmt den Oberbefehl über ihr Heer. Er wird bei ~Idstedt~ (24. und 25. Juli) geschlagen, Schleswig von den Dänen besetzt. In dem Gefecht bei +Missunde+ (12. Sept.) werden die Schleswig-Holsteiner ebenfalls besiegt, auch beim Sturm auf +Friedrichstadt+ (4. Okt.) mit Verlust zurückgeschlagen.

Der inzwischen wiederhergestellte ~deutsche Bund~ erzwingt unter dem Einfluß Österreichs die Einstellung der Feindseligkeiten. Holstein wird mit preußischer Zustimmung von österreichischen Truppen besetzt (Jan. 1851) und den Dänen gegen das Versprechen »die Rechte der Herzogtümer zu wahren« überlassen (Febr. 1852).

[~1852.~ 8. Mai.]

~Londoner Vertrag~ (Protokoll), unterzeichnet von den fünf +Großmächten+, +Schweden+ und +Dänemark+. Um den Bestand des dänischen Gesamtstaates zu wahren, wird eine neue Thronfolgeordnung für das Königreich +Dänemark+ und die +Herzogtümer+ festgestellt. Prinz +Christian von Sonderburg-Glücksburg+, Gemahl der Prinzessin +Luise+ von +Hessen-Kassel+, einer Schwestertochter Christians VIII. von Dänemark, wird zum Erben des kinderlosen Königs Friedrich VII. für die gesamte Monarchie bestimmt. Der Herzog Christian von Augustenburg verspricht, der neuen Erbfolgeordnung in Dänemark nicht entgegentreten zu wollen, überträgt 1863 seine Erbansprüche auf seinen Sohn +Friedrich+ (Vater der Kaiserin +Auguste Viktoria+).

Die deutsche Nationalität in den Herzogtümern wird von den Dänen fortan schwer bedrückt.

~Einwirkung der Revolution von 1848 auf die übrigen europäischen Staaten.~

König Karl Albert von +Sardinien+ verleiht seinem Staat im Februar 1848 eine Verfassung, ebenso der Großherzog Leopold II. von +Toskana+ und Papst Pius IX. (1846–1878) dem +Kirchenstaat+. Sicilien erklärt seinen Abfall vom Königreich +Neapel+, obgleich König Ferdinand II. daselbst schon im Januar 1848 eine Verfassung verkündigt hat. Nach dem Siege der Schweizertruppen im Straßenkampf zu Neapel (Mai) wird Sicilien mit großer Härte unterworfen (5tägige Beschießung der Stadt +Messina+ im Sept.), darauf die Verfassung des Königreichs wieder aufgehoben. -- Papst Pius IX., in dem manche vorübergehend den Schöpfer der Einheit Italiens gesehen hatten, flieht im Nov. 1848, als in Rom sein Minister Rossi ermordet worden war, nach Gaëta. +Römische Republik+ errichtet (Mazzini), welcher sich auch Toskana nach Vertreibung des Großherzogs anschließt. Aber +österreichische+ Truppen besetzen Toskana und die zum Kirchenstaat gehörige Romagna, +französische+ Truppen stellen in Rom die weltliche Herrschaft des Papstes wieder her. ~Französische Besatzung in Rom.~

+Spanien+ und +Portugal+ werden von den Erschütterungen des Jahres 1848 wenig berührt. In Spanien neue Parteikämpfe nach dem Sturz des Ministers Narvaez (S. 351) 1851, der 1856 zurückkehrt und noch öfters die Leitung des Ministeriums übernimmt († 1868, sein Gegner +O’Donnell+). In Portugal Revision der Verfassung 1852; auf die Königin Maria (S. 346) folgt 1853 ihr Sohn +Pedro V.+, für welchen bis 1855 sein Vater +Ferdinand+ die Regierung führt (S. 352).

Das Königreich der +Niederlande+ erhält im November 1848, +Dänemark+ 1849 eine repräsentative Verfassung. In +Schweden+ bleibt die +ständische+ Verfassung (Adel, Geistlichkeit, Bürger, Bauern) vom Jahre 1809, in +Norwegen+ die repräsentative von 1814. Zweikammersystem in Schweden 1866 eingeführt durch König Karl XV. (1859–1872), Enkel von Karl XIV. Johann (Bernadotte).

In +England+ wird der Versuch der Chartisten, durch eine Massenpetition das allgemeine Wahlrecht einzuführen, durch die entschlossene Haltung der Londoner Bevölkerung (10. April 1848) vereitelt.

§ 5. Kunst und Wissenschaft im 19. Jahrhundert.

Neues Aufblühen der +bildenden Künste+ durch Vereinigung der Künstler aus verschiedenen Nationen in +Rom+, besonders Carstens aus Schleswig (1792–1798 †), Thorwaldsen aus Kopenhagen (1797, † 1844), der Italiener Canova († 1822), die deutschen Maler Overbeck († 1869), Cornelius († 1867) und Schnorr von Carolsfeld († 1841).

Nachblüte der Malerei in +Frankreich+ während des ersten Kaiserreichs: David († 1825), Horace Vernet, Delaroche, Prudhon, Gérard, Isabey, Mme. Lebrun; in Belgien Wappers, L. Gallait, Alma Tadema (lebt in England).

Französische Maler nach dem ersten Kaisertum: Delacroix, Scheffer, Jugres; der Bildhauer Carpeaux. Maler der neuesten Zeit: Millet, Cabanel († 1889), Meissonier († 1891), Baudry († 1886). In der +Schweiz+: Calame († 1864).

Kunsttätigkeit in +München+ unter König Ludwig I. (reg. 1825–1848): Cornelius, Kaulbach, v. Schwind, Schwanthaler, v. Klenze. Neuere Münchener Malerschule: Piloty, Makart († in Wien 1884), Piglhein, Defregger, Lenbach († 1904).

In +Berlin+ unter Friedrich Wilhelm III: Schinkel, Gottfr. Schadow, Rauch; unter Friedrich Wilhelm IV.: Cornelius, Kaulbach, Stüler; unter Wilhelm I. und Wilhelm II. Ad. Menzel, Reinhold Begas, Anton v. Werner.

In +Dresden+: Gottfried Semper († 1879), Rietschel († 1861).

Malerakademie in +Düsseldorf+: W. Schadow, Bendemann, K. F. Lessing, Achenbach, Camphausen.

Die deutschen +Stilisten+: Böcklin († 1901), Thoma, Klinger.

+Musik+: Vollendung der klassischen +deutschen Musik+ (S. 292) durch Beethoven († in Wien 1827). Ausbildung der +Oper+ durch K. M. v. Weber († 1826), Spohr, Cherubini, Spontini, Rossini, Meyerbeer, Auber, Berlioz, Gounod, Bizet, Richard Wagner († 1883), Verdi († 1901). F. Mendelssohns +Oratorium+ Paulus 1836, Elias 1846; Franz Schubert († 1828), Robert Schumann († 1856), Joh. Brahms († 1897).

+Dichter+ des Befreiungskrieges: E. M. Arndt († 1860), Th. Körner († 1813), v. Schenkendorf. -- +Romantische Schule+: A. W. Schlegel, L. Tieck, Heinr. v. Kleist, Ad. v. Chamisso. -- Platen, Heine, Rückert, Uhland, Geibel, Scheffel, G. Freytag († 1895), Grillparzer, Hebbel, E. v. Wildenbruch († 1909).

+Französische+ Literatur: Mme. de Staël († 1817), Chateaubriand, Courier, Lamartine, Béranger, Scribe, Victor Hugo, Delavigne, Musset, George Sand, A. Dumas, Augier. +Englische+ Literatur: Byron (s. S. 347), Keats, Shelley, Wordsworth, Walter Scott († 1832), Thomas Moore, Tennyson, Swinburne, Bulwer, Dickens, Thackeray, Meredith, Stevenson, Kipling.

+Norwegische+ Dichter: Ibsen († 1906), Björnson († 1910).

+Russische+ Dichter: Alex. Puschkin († 1837), Turgenjew († 1883), Graf Leo Tolstoi († 1910). (Der Maler Wereschtschagin.)

+Geschichtschreibung+: In Deutschland Quellensammlung der +Monumenta Germaniae+, 1819 vom Freiherrn v. Stein begründet; Niebuhr († 1831), Schlosser, Dahlmann, Ranke († 1886), v. Sybel, v. Treitschke († 1896), Mommsen († 1903). In Frankreich: Barante, Guizot, Mignet, Aug. Thierry, Thiers, Tocqueville, Taine. In England: Grote, Buckle, Carlyle, Macaulay.

+Altertumsforschung+ und +Sprachwissenschaft+: Franz Bopp, Wilh. v. Humboldt († 1835), Gottfr. Hermann, Aug. Böckh, E. Curtius, Th. Mommsen († 1903); H. Schliemann. -- +Deutsches Altertum+: Jakob und Wilhelm Grimm, K. Müllenhoff.

Preußisches Archäologisches Institut in +Rom+ 1829 begründet, 1871 vom Deutschen Reiche übernommen. Deutsches Archäologisches Institut in +Athen+ seit 1874 (vgl. S. 30).

+Philosophie+: Fichte († 1814 in Berlin), Schelling, Hegel († 1831 in Berlin), Herbart, Schopenhauer, J. S. Mill, Lotze, Wundt.

Protestantische +Theologie+: Schleiermacher († 1834 in Berlin), Neander, David Strauß (1835 Leben Jesu), Tholuck († 1877 in Halle), Beyschlag († 1901 in Halle), Harnack.

+Naturforschung+: Laplace († 1827), Ampère, Arago, Cuvier († 1832); Berzelius, Nobel († 1896); Wöhler, J. v. Liebig, Bunsen, Pasteur, Curie (Radium); Alex. v. Humboldt († 1859 in Berlin). Darwin († 1882), Wallace, Virchow, Robert Koch († 1910); Volta, Faraday, Mayer, Helmholtz, Röntgen, Edison.

+Astronomie+: Gauß, Bessel, Herschel, Leverrier, Schiaparelli.

+Erdkunde+: Karl Ritter († 1859 in Berlin); die Entdeckungsreisenden Livingstone († 1863), Burton, Baker, Stanley († 1904), Barth, Rohlfs, Schweinfurth, Nachtigal († 1885), Emin Pascha (Schnitzer), Wißmann († 1905). Die Nordpolfahrer Roß († 1856), Parry, Franklin: Nordenskjöld (Umsegelung Asiens), Nansen, Peary; die Südpolfahrer Borchgrevink und Shackleton; der Erforscher Zentralasiens Sven Hedin.

§ 6. Machtentfaltung des zweiten französischen Kaiserreiches.

~Napoleon III.~, 1853 vermählt mit der spanischen Gräfin +Eugenie von Montijo+ und Teba (1856 Geburt des Thronfolgers Louis, † 1879), beschließt, den Plänen +Rußlands+ in der Türkei entgegenzutreten (s. S. 296). Kaiser +Nikolaus I.+, stolz auf seine Erfolge in Ungarn (S. 357f.) und gegenüber Preußen (S. 360), sendet den Fürsten +Menschikow+ nach Konstantinopel und fordert die Schutzherrschaft über alle griechischen Christen im türkischen Reiche; dagegen einigen sich +Frankreich+ und +England+ zur Unterstützung des Sultans.

[~1853.~ Juni]

Eine französisch-englische Beobachtungsflotte wird am Eingang der Dardanellen, später im Bosporus aufgestellt.

[Juli.]

80000 Russen gehen über den Pruth und besetzen die Donaufürstentümer.

[Sept.]

Zusammenkunft des Kaisers Nikolaus mit dem Kaiser von +Österreich+ in Olmütz, dann mit dem König von +Preußen+ in Berlin, doch erreicht er nicht das gewünschte Bündnis, sondern nur Versicherung der Neutralität unter bestimmten Voraussetzungen.

[Okt.]

Die Pforte erklärt den Krieg an Rußland. +Omer Pascha+ geht bei Widdin über die Donau und behauptet sich gegen die Russen bei +Oltenitza+ (4. Nov.). Die russische Flotte überfällt und vernichtet ein türkisches Geschwader bei +Sinōpe+ (30. Nov.). Auf die Weigerung des Kaisers, die Donaufürstentümer zu räumen, folgt, nachdem in England ein Whigministerium (~Palmerston~) ans Ruder gekommen ist, ein Bündnis der Westmächte (Frankreich und England) mit der Türkei (1854, März).

[~1854–1856.~]

~Krieg der Westmächte gegen Rußland (Krimkrieg).~

Der russische Feldherr +Paskjewitsch+ überschreitet die Donau, belagert aber vergeblich +Silistria+. Frankreich und England schicken Truppen nach der Türkei, welche bei +Gallipoli+ und +Varna+ landen. +Österreich+, mit Preußen verbündet, verlangt, daß die Russen die Donaufürstentümer räumen; Kaiser Nikolaus befiehlt die Räumung aus »strategischen Gründen« (1854, Juli). Eine zweite französisch-englische Flotte erscheint in der Ostsee, vermag jedoch nichts gegen die Festung +Kronstadt+ auszurichten und nimmt nur die kleine Festung +Bomarsund+, auf einer der Alands-Inseln.

[~1854.~ 14. Sept.]

Landung der Franzosen und Engländer (zusammen 55000 Mann unter Marschall St. Arnaud und Lord Raglan) an der Küste der ~Halbinsel Krim~; auch 6000 Türken nehmen an dem Feldzuge teil.

[20. Sept.]

~Schlacht an der Alma~, Sieg über die Russen.

[~1854–1855.~ Okt. Sept.]

~Belagerung von Sebastopol~, welches die Russen unter +Menschikow+ mit neuen Befestigungen (unter +Totlebens+ Leitung) umgeben, während der Hafen durch Versenkung von Kriegsschiffen gesperrt wird. Nachdem +Menschikow+ Verstärkung erhalten hat, greift er die Verbündeten von neuem an, wird aber nach blutigem Kampfe in der

[~1854.~ 5. Nov.]

~Schlacht bei Inkerman~ zurückgeschlagen. Langsamer Fortgang der Belagerungsarbeiten während des Winters. +Österreich+ tritt trotz der früheren Dienste Rußlands in Ungarn und gegen Preußen (Dez. 1854) dem Bunde der Westmächte bei und stellt ansehnliche Streitkräfte an der russischen Grenze auf, ohne jedoch wirklich den Krieg zu beginnen. Seitdem +Spannung zwischen Rußland+ und +Österreich+. Preußen verharrt (trotz Olmütz) in seiner neutralen Stellung, gewinnt damit ein Anrecht auf Rußlands Dank. König +Viktor Emanuel II. von Sardinien+ schließt ein Bündnis mit den Westmächten und schickt 15000 Mann unter +Lamarmora+ nach der Krim. Die Belagerungsarmee wird bis zu 174000 Mann verstärkt (28000 Türken).

[1855, 2. März.]

Tod +Nikolaus’ I.+, Kaisers von Rußland. Sein Sohn

[~1855–1881.~]

~Alexander II.~ läßt die Verteidigung Sebastopols durch Fürst +Gortschakow+ weiterführen. Große Verluste der Belagerer durch Krankheit, Entbehrungen und tägliche Kämpfe. Endlich nach dreitägiger starker Beschießung

[~1855.~ 8. Sept.]

~Erstürmung des Malakowturms~ durch die Franzosen (unter +Pélissier+), des ~Redan~ durch die Engländer, die aber von den Russen wieder hinausgeschlagen werden.

[11. Sept.]

Die Russen ziehen sich mittels einer Schiffbrücke in den nördlichen Teil der Festung zurück. Besetzung der Stadt +Sebastopol+ durch die Verbündeten.

In Asien Einnahme der Festung +Kars+ durch die

[28. Nov.]

Russen.

[~1856.~ 30. März.]

~Friede zu Paris~: 1. +Rußland+ tritt die +Donaumündungen+ mit einem kleinen, am linken Ufer der untern Donau gelegenen Teil von +Bessarabien+ ab. 2. Es entsagt der besonderen Schutzherrschaft über die Christen in der Türkei (deren Gleichstellung mit der mohammedanischen Bevölkerung von der Pforte zugesichert wird) und über die Donaufürstentümer (deren Verhältnis später geregelt werden soll). 3. Es gibt +Kars+ zurück und verspricht, am Schwarzen Meere keine Waffenplätze anzulegen und dort nicht mehr Schiffe als die Pforte zu halten. 4. Die Westmächte geben +Sebastopol+ nach Zerstörung der Hafenbauten und Befestigungen an Rußland zurück. -- Die Moldau und Walachei werden 1859 vereinigt als Fürstentum +Rumänien+ unter Oberhoheit des türkischen Sultans. Seit 1866 Fürst +Karl von Hohenzollern+ (1881 König).

Das ~zweite französische Kaiserreich~ gelangt durch diesen Krieg zu hohem Ansehen in Europa. Zugleich Sorge Napoleons für die innere Verwaltung. Glänzende Bauten in +Paris+, 1855 Weltausstellung daselbst (nach dem Vorbilde der Weltausstellung in London 1851).

[1856–1857.]

Zerwürfnis zwischen dem Könige von +Preußen+ und der +Schweiz+ infolge einer Erhebung der königlich gesinnten Partei in +Neuchâtel+ (Neuenburg) gegen die daselbst 1848 eingerichtete republikanische Verfassung (S. 274, 354). Unter französischer Vermittelung wird durch +Freilassung der Gefangenen+ seitens der Schweiz und +Verzichtleistung auf Neuchâtel+ durch den König von Preußen der Streit beigelegt.

[~1857.~ Okt.]

Wegen schwerer Erkrankung König +Friedrich Wilhelms IV.+ übernimmt sein Bruder ~Wilhelm~, Prinz von Preußen, die Stellvertretung, ein Jahr darauf die +Regentschaft+.

~Dänemark~ verzichtet auf Verlangen der am Ostseehandel beteiligten Staaten auf die fernere Erhebung des +Sundzolls+ (S. 250) gegen eine Entschädigung von 30 Mill. dän. Talern.

[~1857–1858.~]

~Aufstand in Ostindien~, erst nach furchtbarem Blutvergießen von den Engländern unterdrückt. Die einheimischen Truppen (+Sepoys+), geführt von dem Großmogul +Mohammed Bahadur Schah+, verteidigen sich hartnäckig in der alten Residenzstadt +Delhi+, belagern die Engländer in +Lucknow+. Delhi wird erstürmt, Lucknow entsetzt. Nach Herstellung der Ruhe wird die Ostindische Kompagnie (S. 300) aufgelöst und die Verwaltung der englischen Krone übertragen; seitdem steht ein Vizekönig an der Spitze des Landes. 1876 nimmt die Königin +Viktoria+ den Titel »+Kaiserin von Indien+« an.

[~1857–1860.~]

~Englisch-französischer Krieg gegen China.~

+Veranlassung+: Verletzungen des englisch-chinesischen Handelsvertrages von 1842 seitens der Chinesen führen im Oktober 1856 zu Feindseligkeiten zwischen den Engländern und den chinesischen Behörden von +Kanton+. Die französische Regierung, welche ebenfalls eine Änderung ihrer Handelsverträge mit China wünscht, schließt sich den englischen Forderungen an.

[1857.]

Dez. +Kanton+ durch die Verbündeten besetzt.

[1858. Juni.]

Vertrag von +Tientsin+, welcher dem europäischen Handel und den Missionen Zutritt in das Innere von China gewährt und stehende Gesandtschaften in der Hauptstadt +Peking+ gestattet.

Da die Ratifikation dieses Vertrages von den Chinesen unter nichtigen Vorwänden hinausgeschoben wird, während die Forts von +Taku+ am Peiho befestigt werden, landen französische und bald auch englische Truppen und dringen (Sept. 1860) gegen +Peking+ vor. Schlacht bei +Palikao+; der kaiserliche Sommerpalast vor Peking geplündert und verbrannt. Darauf Friede von +Peking+ geschlossen; der Vertrag von Tientsin wird erneuert, China zahlt an England 60 Mill. Franks, an Frankreich 30 Mill. als Entschädigung für die Kriegskosten. Für die auswärtigen Angelegenheiten wird eine besondere Behörde (Tsunglijamen) eingesetzt und dieser auch das von den Europäern geleitete Seezollamt unterstellt.

~Japan~ öffnet sich dem Verkehr mit anderen Staaten williger als China. Handelsverträge mit den Vereinigten Staaten und mit England 1854, mit Rußland 1855, mit +Preußen+ 1861 (ostasiatische Expedition unter Führung des Grafen +Eulenburg+ 1859–62, der auch mit China und Siam Handelsverträge schließt). Seit Anfang 1867 Mikado +Mutsuhito+ (geb. 1852). Widerstand der Großen (Daimios) gegen die Zulassung der Fremden (S. 220, 251), 1868 unterdrückt. Schon 1867 Abdankung des Shoguns (S. 251) und Wiederherstellung der Macht des Kaisers (S. 220); Berufung einer Volksvertretung 1869. Der Mikado verlegt seine Residenz von Kioto nach Tokio. Beginn der neuen Ära für Japan. Regelmäßige Parlamente seit 1890. Viele Einrichtungen europäischer Kultur eingeführt; erste Eisenbahn 1872. Das Heerwesen zuerst nach französischem, dann nach preußischem Muster eingerichtet.

~Frankreich~ nimmt 1862 das Mündungsgebiet des +Mekong+ in +Hinterindien+ in Besitz (+Cochinchina+). Napoleon III., bemüht, die Kolonialmacht seines Reiches zu entwickeln, ordnet 1865 persönlich die Verhältnisse der Kolonie +Algier+ (S. 348, 354); General Mac-Mahon 1864–1870 Gouverneur daselbst.

~Rußland~ erwirbt 1860 von China das +Amur+gebiet, unterwirft 1859 die +Kaukasus+völker, nimmt 1865–68 +Turkestan+ (Städte Taschkent und Samarkand) in Besitz, verkauft +Alaska+ 1867 für 7 Mill. Dollar an die Vereinigten Staaten von Amerika. Im Innern ~Aufhebung der Leibeigenschaft~ 1861 durch weise Maßregeln Kaiser Alexanders II. begonnen.

~Polen~ verliert nach Niederwerfung des Aufstandes von 1863 (S. 372) seine letzten Freiheiten. Seitdem russische Sprache und Gesetze eingeführt (S. 350).

~Die nationale Einigung Italiens.~

+Napoleon III.+ unterstützt das Königreich +Sardinien+ zu erneutem Angriff auf die Herrschaft +Österreichs+ in Oberitalien (s. S. 356). (+Orsinis+ Attentat und »Testament«.) Graf +Cavour+, Minister des Königs Viktor Emanuel II., verfolgt zugleich den Plan, den trostlosen Zuständen in den andern italienischen Staaten ein Ende zu machen und Italien politisch zu einigen.

[~1859.~]

~Krieg Frankreichs und Sardiniens gegen Österreich.~ Napoleon III. übernimmt selbst den Oberbefehl über die französischen Truppen, zieht nach dem Siege bei ~Magenta~ (4. Juni, Gen. +Mac-Mahon+) zusammen mit Viktor Emanuel in Mailand ein.

[24. Juni.]

~Schlacht bei Solferino~ (südlich vom Gardasee), 111000 Franzosen und 50000 Sardinier gegen 140000 Österreicher unter Kaiser Franz Joseph. Die feste Stellung der Österreicher wird erstürmt; sie ziehen sich in das +Festungsviereck+ (Mantua, Peschiera, Verona, Legnago) zurück. Der Prinzregent von Preußen zur Hilfeleistung bereit, verlangt aber für sich den Oberbefehl über die +gesamte deutsche Streitmacht+ und völlige Selbständigkeit. Österreich dagegen fordert von ihm Unterordnung unter die Befehle des Bundestages. Zusammenkunft der beiden Kaiser in Villafranca, dann Waffenstillstand von +Villafranca+ (Juli) und (10. Nov.) ~Friede zu Zürich~: 1. Österreich tritt die +Lombardei+ (mit Ausnahme von +Mantua+ und +Peschiera+) an +Napoleon II.+ ab, der sie an +Sardinien+ gibt. 2. Italien soll einen +Staatenbund+ bilden unter dem Ehrenvorsitz des Papstes. 3. Die während des Krieges vertriebenen Herrscher von +Toskana+ und +Modĕna+ sollen wieder eingesetzt, die aufständischen +Legationen+ (Bologna usw.) dem Papst zurückgegeben werden, aber »ohne fremde Intervention«.

Trotz dieser Bestimmungen des Züricher Friedens werden durch Volksabstimmung

[~1860.~]

+Toskana+, +Parma+ (wo der Herzog gleichfalls hatte fliehen müssen), +Modĕna+ und die päpstlichen +Legationen+ mit der Monarchie Viktor Emanuels vereinigt, wogegen dieser +Savoyen+ und +Nizza+ an Frankreich abtreten muß.

Landung ~Garibaldis~ in +Sicilien+ (11. Mai) mit 1000 Freiwilligen, deren Zahl sich schnell vermehrt. Palermo und Messina ohne großen Widerstand eingenommen. Er setzt nach dem Festlande über (20. Aug.); König Franz II. verläßt seine Hauptstadt +Neapel+ und zieht sich mit 40000 Mann hinter den +Volturno+ zurück. Unterdes waren +sardinische+ Truppen in Umbrien und die Marken eingerückt. Der in päpstliche Dienste getretene französische General +Lamoricière+ wird in dem

[18. Sept.]

~Treffen bei Castelfidardo~ von +Cialdini+ geschlagen.

Der Kirchenstaat mit Ausnahme des Gebietes um Rom (+Patrimonium Petri+) wird von Viktor Emanuel besetzt, der alsdann in das neapolitanische Gebiet einrückt und sich mit Garibaldi vereinigt. König +Franz II.+ zieht sich mit seinen Truppen nach ~Gaëta~ zurück. Belagerung dieser Festung; sie ergibt sich Febr. 1861.

[~1861.~ 17. März.]

~Viktor Emanuel II. König von Italien.~ Mit Ausnahme von +Venetien+ und dem Gebiet um +Rom+ (Patrimonium Petri) ist die ganze Halbinsel unter +einem+ Scepter vereinigt. Die meisten der vertriebenen Fürsten wenden sich nach Österreich. Tod +Cavours+ 6. Juni 1861.

[1862.]

Neuer Freischarenzug +Garibaldis+, um gegen den Willen der Regierung Rom zu befreien. Er wird am +Aspromonte+, der Südspitze Italiens, verwundet und gefangen, zieht sich dann nach der Insel +Caprera+ (bei Sardinien) zurück.

[~1864.~ 15. Sept.]

Vertrag zwischen +Frankreich+ und +Italien+: die Dauer der französischen Besetzung Roms (s. S. 363) auf noch 2 Jahre festgesetzt, zur Hauptstadt Italiens wird ~Florenz~ bestimmt; die italienische Regierung übernimmt den Schutz des Patrimonium Petri gegen jeden fremden Einfall.

[~1861–1867.~]

~Krieg in Mexiko.~ Der 1861 in den Vereinigten Staaten von Amerika ausgebrochene Bürgerkrieg (s. u. § 18) veranlaßt +Napoleon III.+ zu einem weitausschauenden Unternehmen. Frankreich verbündet sich mit +England+ und +Spanien+, um die Republik +Mexiko+ (Präsident +Juarez+) zur Erfüllung vertragsmäßiger Verpflichtungen gegen Kaufleute dieser Länder zu zwingen. Nach Besetzung der Hafenstadt +Veracruz+ kommt ein Vertrag zustande; die französischen Truppen aber dringen weiter vor. England und Spanien nehmen an dem nun beginnenden Kriege nicht teil.

[1863.]

Die Franzosen erobern +Puebla+, dann auch die Hauptstadt +Mexiko+; eine dorthin berufene Nationalversammlung wählt den Erzherzog ~Maximilian~, Bruder des Kaisers von Österreich (S. 282), zum ~Kaiser von Mexiko~. Dieser erscheint 1864, kämpft gegen die republikanischen Truppen, unterstützt von den Franzosen unter +Bazaine+, kann aber des Landes nicht Herr werden. Die +Vereinigten Staaten+, wo mittlerweile der Krieg zu Ungunsten der Südstaaten entschieden ist, schreiten zu Gunsten der Republik ein, nach dem von +Monroe+ (S. 346) ausgesprochenen Grundsatz.

[1867.]

Abzug der Franzosen aus Mexiko. Kaiser Maximilian setzt allein den Kampf fort, wird nach tapferer Gegenwehr in +Queretaro+ eingeschlossen, durch Verrat gefangen, auf Juarez’ Befehl vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen. +Juarez+, 1871 als Präsident wiedergewählt, hat mit Parteikämpfen zu ringen, † 1872. Geordnete Zustände stellt der Präsident Porfirio +Diaz+ (1877–1911) her (s. u. § 18).

Napoleons III. Ansehen in Frankreich durch das Fehlschlagen der Expedition nach Mexiko schwer erschüttert; er versucht es durch +Einmischung in die deutschen Verhältnisse+ wiederherzustellen.

§ 7. Deutschlands Einigung durch Preußen.

[~1861.~ 26. Febr.]

In ~Österreich~ wird eine neue ~Gesamtstaatsverfassung~ verkündigt (engerer Reichsrat für die deutsch-slavischen Länder, weiterer Reichsrat durch Hinzutritt der ungarischen Abgeordneten für die gemeinsamen Angelegenheiten). Widerstand gegen diese Verfassung besonders von seiten der +Ungarn+, welche die Wiederherstellung ihrer besonderen Verfassung mit eigenem Ministerium und die politische Wiedervereinigung der seit 1849 abgetrennten Länder Siebenbürgen, Kroatien, Slawonien und der Militärgrenze mit dem Königreich Ungarn verlangen (S. 357 f.)

[2. Jan.]

In ~Preußen~ nach dem Tode Friedrich Wilhelms IV. König ~Wilhelm I.~;[58] Krönung in +Königsberg+ 18. Okt. Bald darauf bricht infolge der von der Regierung auf Veranlassung des Königs durchgeführten +Verstärkung des Heeres+ (Kriegsminister +v. Roon+) ein ~Verfassungsstreit~ aus.

[~1862.~]

Auflösung des Abgeordnetenhauses. Die oppositionelle Mehrheit kehrt infolge der Neuwahlen verstärkt zurück.

[23. Sept.]

Ministerpräsident ~v. Bismarck.~[59] Die Verstärkung des Heeres wird aufrecht erhalten; das +Staatshaushaltsgesetz+ kommt in diesem und den nächsten Jahren nicht zustande.

Der Kurfürst von +Hessen+ (S. 360) wird genötigt, die vom deutschen Bundestage nunmehr gebilligte Verfassung von 1831 anzuerkennen.

[~1863.~]

+Aufstand in Polen.+ Intervention der drei Mächte England, Frankreich, Österreich zu Gunsten der Polen ohne Erfolg. Preußen schließt einen Vertrag mit Rußland und sperrt seine Grenzen für die Aufständischen aufs strengste ab. Damit erwirbt es sich ein weiteres Anrecht auf Rußlands Dank (S. 366).

[Aug.]

~Fürstentag zu Frankfurt am Main~ unter Vorsitz des Kaisers +Franz Joseph,+ zur Beratung einer +Reform des Deutschen Bundes+ (Direktorium von 5 Fürsten und Bundesrat unter Österreichs Vorsitz, Parlament aus Abgesandten der Landtage der Einzelstaaten). Die Beratungen bleiben erfolglos, da +Preußen+ die Beteiligung ablehnt.

Durch die wiederholte Verletzung des Londoner Protokolls, besonders aber durch das dänische Patent vom 30. März 1863 und die in Kopenhagen von den »+Eiderdänen+« durchgesetzte gemeinsame +Verfassung+ für Dänemark und Schleswig, welche +Schleswig+ mit ~Dänemark~ vereinigt, also von Holstein trennt und die Rechte der holsteinischen Stände (S. 362) auf ein geringes Maß herabdrückt, wird die seit 1852 gegenüber den Übergriffen der Dänen oft bewährte Geduld des deutschen +Bundestages+ erschöpft; er beschließt (1. Okt. 1863) ~Bundesexekution~ gegen Dänemark.

[~1863.~ 15. Nov.]

Tod Friedrichs VII.; nach dem Londoner Protokoll (S. 362) folgt +Christian IX.+ († 1906). Dieser bestätigt die Gesamtstaatsverfassung. Große Aufregung in Deutschland; man fordert vollständige +Trennung+ Schleswig-Holsteins von Dänemark und sofortige Besetzung des ganzen Landes durch deutsche Bundestruppen. Aber auf Antrag +Österreichs+ und +Preußens+, welche sich durch das Londoner Protokoll gebunden erklären, bringt der Bundestag nur seinen früheren Beschluß zur Ausführung und läßt 12000 +Hannoveraner+ und +Sachsen+ in die zum Bunde gehörigen Herzogtümer +Holstein+ und +Lauenburg+ einrücken. In Holstein wird +Friedrich VIII.+ von Augustenburg (S. 362) als Herzog ausgerufen.

[~1864.~]

~Krieg gegen Dänemark.~

+Österreich+ und +Preußen+ verlangen (Jan. 1864) die Aufhebung der neuen dänischen Verfassung, weil sie den 1852 übernommenen Verpflichtungen widerspreche. Da Dänemark sich weigert, rücken 37000 Preußen und 23000 Österreicher unter dem Oberbefehl des preuß. Feldmarschalls +v. Wrangel+ in Schleswig ein. Holstein bleibt von den Bundestruppen besetzt. Die Österreicher rücken auf das +Danewerk+ los; die Preußen gehen nach einem vergeblichen Versuch bei +Missunde+ bei +Arnis+ über die +Schlei+. Darauf Rückzug der dänischen Truppen (35000 Mann) aus dem Danewerk; der größte Teil zieht nach +Düppel+. General +v. Moltke+[60] trifft beim Oberkommando der Verbündeten ein. Die Österreicher unter +Gablenz+ dringen nach siegreichem Kampfe bei +Översee+ (6. Febr.) vereint mit einem Teil der Preußen in +Jütland+ ein; die preußischen Hauptkräfte übernehmen die Belagerung der Düppeler Schanzen.

[~18. Apr.~]

~Die Preußen erstürmen die Düppeler Schanzen~ (118 Geschütze erobert). Die Dänen ziehen sich nach Alsen, Fünen und Nordjütland zurück, räumen auch die Festung Fridericia.

[12. Mai bis 25. Juni.]

~Waffenruhe~, Verhandlungen zu ~London~. Da man sich weder über eine +Personal-Union+ der Herzogtümer mit der Krone Dänemark, noch über eine +Teilung Schleswigs+ nach den Nationalitäten einigen kann (Dänemark hofft vergeblich auf Hilfe von England und Rußland), so sagt Preußen sich von dem durch Dänemark so oft gebrochenen Londoner Protokoll los, und der Krieg beginnt von neuem. -- Die +Preußen+ unter General +Herwarth von Bittenfeld+ bewerkstelligen bei Nacht auf Kähnen den

[~1864. 29. Juni.~]

~Übergang nach der Insel Alsen~, schlagen die Dänen auf allen Punkten und treiben sie nach Fünen hinüber. Auch Nordjütland wird von den Verbündeten besetzt.

Zur See hatten am 17. März drei preußische Schiffe bei +Jasmund+ (an der Ostseite von Rügen), am 9. Mai zwei österreichische und drei preußische Schiffe bei +Helgoland+ gegen die Dänen gekämpft; vom 13. bis 17. Juli gelang mit Hilfe der Kanonenboote die Besetzung der Inseln +Sylt+ und +Föhr+.

[20. Juli.]

Waffenstillstand, Verhandlungen in Wien.

[22. Aug.]

~Genfer Konvention~ zum Schutz der Verwundeten und Kranken im Kriege, von den meisten europäischen Staaten unterzeichnet (das Rote Kreuz).

[30. Okt.]

~Friede zu Wien~: König Christian IX. von Dänemark tritt die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg an +Österreich+ und +Preußen ab+.

Die Bundestruppen verlassen Holstein; Österreich und Preußen setzen für die Herzogtümer eine +gemeinschaftliche Regierung+ ein. Mißstimmung darüber in den Herzogtümern und vielfach in Deutschland; man wünscht ein +selbständiges Schleswig-Holstein+. Österreich begünstigt die Einsetzung des Prinzen Friedrich von Augustenburg; der preußische Minister +v. Bismarck+ verlangt (Febr. 1865) für den Fall, daß zu den in Deutschland vorhandenen Kleinstaaten ein neuer hinzutreten soll: 1. Daß dessen gesamte Streitkräfte ein Teil der preußischen Armee und Flotte werden, 2. Seine Eisenbahnen, sein Post- und Telegraphenwesen unter preußische Leitung kommen, 3. Eintritt der Herzogtümer in den Zollverein und Abtretung einiger militärisch wichtiger Orte, namentlich Friedrichsort an der Kieler Förde und Sonderburg.

Um Streitigkeiten zwischen den Regierungskommissaren der beiden Großmächte fernerhin zu vermeiden, schließen Österreich und Preußen den

[~1865.~ 14. Aug.]

~Vertrag zu Gastein~: 1. Beide Mächte behalten die gemeinschaftliche Oberhoheit über +beide+ Herzogtümer; +Österreich+ übernimmt +vorläufig+ die Verwaltung in Holstein, +Preußen+ in Schleswig. +Rendsburg+ soll Bundesfestung, +Kiel+ Bundeshafen werden; die Benutzung dieses Hafens bleibt gemeinschaftlich, doch erhält +Preußen+ dort den Oberbefehl; auch werden ihm zwei Militärstraßen, Telegraphen- und Postlinien durch Holstein zugesichert. 3. Österreich tritt das Herzogtum +Lauenburg+ (S. 341) an Preußen ab gegen Zahlung von 2½ Millionen dänischer Taler. Bald zeigt sich, daß diese Einigung keinen Bestand haben kann. Österreich, entschlossen, eine wesentliche Machtvergrößerung Preußens nicht zuzugeben, verständigt sich mit den +deutschen Mittelstaaten+; Preußen, welches eine kriegerische Entscheidung der deutschen Frage als unvermeidlich ansieht, tritt mit +Italien+ in Unterhandlung. Es beginnt ein +Krieg,+ der durch das energische Vorgehen der preußischen Heeresmacht schnell zu Ende geführt wird.

~1866. Der deutsche Krieg.~

Verbündete ~Preußens~: Die +kleineren norddeutschen+ Staaten und +Italien+ (s. S. 379).

Verbündete ~Österreichs~: +Bayern, Württemberg, Sachsen, Hannover, Baden, beide Hessen.+

~Ursache~: Das Verlangen der deutschen Nation nach größerer Einheit. Eine Neugestaltung Deutschlands mit starker Bundesgewalt gegenüber den Einzelstaaten war unmöglich, solange sich im Deutschen Bunde +zwei+ Großmächte gegenüberstanden, von welchen die eine größtenteils +nicht deutsche+ Bevölkerung und +nicht deutsche+ Interessen hatte.

~Veranlassung~: Der Streit über die Zukunft der Herzogtümer Schleswig und Holstein.

[~1866.~ 9. April.]

Preußen stellt bei dem +Bundestage+ in Frankfurt den Antrag auf +Reform der Verfassung des Deutschen Bundes+ unter Mitwirkung eines aus allgemeinem Wahlrecht hervorgehenden +Parlaments.+

Die von +Frankreich, England+ und +Rußland+ (24. Mai) angebotene Vermittelung wird vereitelt durch die Forderung Österreichs, daß auf der etwaigen +Friedenskonferenz+ von keiner +Gebietsveränderung+ die Rede sein solle.

Österreich stellt (1. Juni) die Entscheidung der schleswig-holsteinischen Erbfolgefrage dem +Deutschen Bunde+ anheim und läßt durch den Gouverneur +v. Gablenz+ die holsteinische Ständeversammlung einberufen. Preußen erklärt dies für einen Bruch des Gasteiner Vertrages; Gen. +v. Manteuffel,+ Gouverneur von Schleswig, rückt mit Truppen in Holstein ein. Gablenz mit den österreichischen Truppen zieht sich unter Protest zurück.

[10. Juni.]

Preußen legt den deutschen Regierungen den Entwurf einer neuen +bundesstaatlichen+ Verfassung unter preußischer Leitung mit Ausschluß Österreichs vor. Der Bundestag zu Frankfurt beschließt auf Österreichs Antrag

[14. Juni.]

~Mobilmachung~ der gesamten ~Bundesarmee~ mit Ausnahme der drei preußischen Bundesarmeekorps. Austritt Preußens und ~Auflösung~ des ~Deutschen Bundes~.

[~1866.~ 15. Juni.]

Aufforderung +Preußens+ an +Sachsen, Hannover+ und +Kurhessen+, von dem Bundesbeschluß zurückzutreten, ihre Truppen auf Friedensfuß zu setzen und sich dem vorgeschlagenen neuen Bunde unter preußischer Leitung anzuschließen. Diese Aufforderung wird abgelehnt.

~A. Östlicher (Haupt-) Kriegsschauplatz.~

~Preußen gegen Österreicher und Sachsen.~

~Preußen~: +Erste Armee+ (~Prinz Friedrich Karl~) i. d. +Lausitz,+ 93000 M. +Elbarmee+ (General +Herwarth v. Bittenfeld+) i. d. Provinz +Sachsen+, 46000 M. +Erstes Reserve-Korps+ (General +v. d. Mülbe+) bei +Berlin+, 24000 M. +Zweite Armee+ (~Kronprinz Friedrich Wilhelm~) in +Schlesien+, 115000 M.

~Österreich~: +Nordarmee+ (~Feldzeugmeister v. Benedek~) in +Böhmen+ und +Mähren+, 240000 M.

+Sächsische Armee (Kronprinz Albert)+ 24000 M.

[16. Juni.]

Einmarsch der preußischen Elbarmee in Sachsen. König Johann begleitet seine Truppen nach +Böhmen+; nur die Festung +Königstein+ bleibt von sächsischen Truppen besetzt.

[19. Juni.]

Die Elbarmee besetzt +Dresden+; bei ihrem weiteren Vormarsch bleibt die 1. Division des +Korps v. d. Mülbe+ als Besatzung in Sachsen.

[23. Juni.]

Die preußische Elb- und die erste Armee überschreiten die +österreichische Grenze ohne Gefecht,+ die zweite Armee folgt am 26. Juni; gemeinsames Ziel +Gitschin+.

Erstes Zusammentreffen an der +Iser+: Siegreiche Gefechte der Preußen am 26. Juni bei +Podol+ (Teile der +ersten Armee+) und bei +Hühnerwasser+ (Teile der +Elbarmee+); dann gewinnen beide Armeen Anschluß und sind bei +Münchengrätz+ (28. Juni) und +Gitschin+ (29. Juni) siegreich.

Das zur preußischen +zweiten Armee+ gehörige Korps v. Bonin wird am 27. Juni von den Österreichern bei +Trautenau+ geschlagen, aber die preußische Garde dringt siegreich vor bei +Soor+ (28. Juni) und besetzt +Königinhof+ (29. Juni). Vereinigung mit dem Korps des Generals von Steinmetz, welcher drei österreichische Korps bei +Nachod+ (27. Juni), +Skalitz+ (28. Juni), +Schweinschädel+ (29. Juni) zurückgeschlagen hat.

~König Wilhelm I.~ trifft am 1. Juli in Gitschin ein und übernimmt den ~Oberbefehl~ über ~alle preußischen Heere~; Chef des Generalstabes ~General v. Moltke.~ Es wird beschlossen, mit vereinten Kräften die Österreicher anzugreifen, welche hinter dem Flüßchen +Bistritz+ auf den Höhen von +Chlum+, im Rücken gedeckt durch die Festung +Königgrätz,+ ihre Aufstellung genommen hatten (206000 Mann mit über 500 Geschützen).

[~1866.~ 3. Juli.]

~Schlacht bei Königgrätz.~ Harter Kampf der ersten preußischen Armee bei +Sadowa+ und +Benatek+ gegen die Österreicher; große Verluste erleidet die Division des Generals v. Fransecky im Walde von +Masloved+. Auf dem rechten Flügel kämpft die ~Elbarmee~ bei +Nechanitz+ gegen Sachsen und Österreicher. Am Nachmittag kommt die zweite (schlesische) Armee unter dem +Kronprinzen+ nach anstrengendem Marsche von links her den Österreichern in die Flanke; das Gardekorps erstürmt die Höhe von +Chlum+. Rückzug der Österreicher nach +Königgrätz+, die Preußen erbeuten 5 Fahnen, 161 Geschütze, machen 20000 Gefangene. Weiterer Rückzug nach +Olmütz+.

Kaiser +Franz Joseph+ ruft Frankreichs Vermittelung an und tritt +Venetien+ an Napoleon III. ab; der von Frankreich begehrte Waffenstillstand wird jedoch von +Preußen+ und von +Italien+ zurückgewiesen. Ein großer Teil der österreichischen Südarmee wird aus Italien zum Schutze der bedrohten Hauptstadt +Wien+ herangezogen. Die Preußen besetzen ~Prag~ (8. Juli) und ~Brünn~ (12. Juli); die erste Armee rückt von Brünn aus rasch gegen +Wien+ vor, während die zweite nach dem Treffen bei +Tobitschau+ (15. Juli, General v. Bonin) durch Besetzung von +Prerau+ die Eisenbahnverbindung zwischen Olmütz und Wien abschneidet.

Benedek führt seine Truppen über die +Kleinen Karpathen+, um Wien auf dem Umwege durch das Waagtal zu erreichen. Das preußische Hauptquartier wird am 18. Juli nach +Nikolsburg+ (südlich der Taya) verlegt. Das Treffen bei ~Blumenau~ (unweit +Preßburg+) am 22. Juli (General +v. Fransecky+) entscheidet sich bereits zu Gunsten der Preußen, als es um 12 Uhr abgebrochen werden muß infolge der mittlerweile abgeschlossenen +fünftägigen Waffenruhe+. Darauf

[~26. Juli.~]

~Waffenstillstand zu Nikolsburg~, nachdem ohne Frankreichs Mitwirkung, aber mit Rücksicht auf seine Forderungen, die +Friedenspräliminarien+ unterzeichnet worden sind.

~B. Westlicher Kriegsschauplatz.~

~a) Preußen gegen Hannover und Kurhessen.~

~Preußische Westarmee~: General ~Vogel v. Falckenstein~; sie ist zunächst noch getrennt: Division Goeben bei +Minden+, Division Manteuffel in +Holstein+, Division Beyer bei +Wetzlar+, zusammen 48000 M.

+Hannoveraner+ 21000 M., +Kurhessen+ 8000 M.

[~1866.~ 16.–18. Juni.]

Die preußische Westarmee besetzt +Hannover+ und +Kurhessen+.

Abmarsch der +hannoverschen+ Truppen über +Göttingen+ nach +Heiligenstadt+ zur Vereinigung mit den süddeutschen Bundeskorps, die aber nicht erreicht wird. König +Georg V.+ begleitet sein Heer. Die +Kurhessen+ gewinnen durch schleunigen Abmarsch Anschluß an die Süddeutschen, finden im Laufe des Feldzuges als Besatzung von +Mainz+ Verwendung. +Kurfürst Friedrich Wilhelm+ von Hessen kommt als Gefangener nach +Stettin+.

[~1866. 27. Juni.~]

Gefecht bei ~Langensalza~ zwischen 20500 +Hannoveranern+ und 8500 +Preußen+ und +Koburg-Gothaern+ (Gen. +v. Flies+). Die Preußen müssen sich nach 7stündigem, hartem Kampfe zurückziehen; aber durch schnelles Herbeiziehen von Verstärkungen (Generale +v. Manteuffel+ und +v. Beyer+) wird der Zweck erreicht, der hannoverschen Armee den Weg zu ihren süddeutschen Verbündeten zu verlegen.

[29. Juni.]

~Kapitulation von Laugensalza~. Das Heer wird aufgelöst und entwaffnet (mit Ausnahme der Offiziere); König +Georg V.+ begibt sich nach Österreich.

~b) Preußen gegen die Süddeutschen.~

~Die preußische Mainarmee,~ bisher Westarmee (S. 377) 45000 M. Bei dem später eintreffenden Korps des Großherzogs +Friedrich Franz+ von Mecklenburg-Schwerin die Truppen von Mecklenburg, Sachsen-Altenburg und Braunschweig.

Nach Langensalza erhält die +Mainarmee+ den Auftrag, über Fulda auf Schweinfurt zu marschieren, um die Vereinigung der beiden süddeutschen Korps zu verhindern und zunächst die Bayern zu schlagen.

~Für Österreich~: Das VII. Bundes-Armeekorps (+Bayern+-Versammlung bei Schweinfurt) 40000 M. und das VIII. Bundes-Armeekorps (Württemberg, Baden, Hessen-Darmstadt, Nassau und eine österreichische Brigade-Versammlung bei +Frankfurt a. M.+) 46000 M. Oberbefehl: Prinz +Karl von Bayern.+

Die +Mainarmee+ besiegt die +Bayern+ bei ~Dermbach~ (4. Juli) und an der Fränkischen Saale (Kissingen 10. Juli), die +Hessen+ bei ~Laufach~ (13. Juli) und das +VIII+. Korps bei ~Aschaffenburg~ (14. Juli). Dadurch werden die Verbündeten (dauernd getrennt) auf das +linke Mainufer+ gedrängt; am 16. Juli besetzt General +v. Falckenstein+ Frankfurt, von wo sich der Bundestag nach +Augsburg+ geflüchtet hat.

Fortsetzung des Feldzuges unter dem Oberbefehl des Gen. ~v. Manteuffel~. Gefechte bei +Tauberbischofsheim+ gegen die Württemberger und bei +Werbach+ gegen die Badener (24. Juli), bei +Roßbrunn+ gegen die Bayern (26. Juli). Die Bayern behaupten noch die Citadelle von +Würzburg+, aber das von Leipzig her vorrückende Reservekorps des Großherzogs von Mecklenburg (25000 M.) besetzt ~Nürnberg~ (31. Juli). Waffenstillstand am 2. August.

~C. Krieg zwischen Österreich und Italien.~

Italien zum Bündnis mit Preußen veranlaßt durch die günstige Gelegenheit, +Venetien+ zu gewinnen.

Die österreichische Südarmee (138000 Mann) unter Erzherzog +Albrecht+ sammelt sich bei Verona. Von den Italienern (210000 Mann) rückt ein Korps von Bologna her gegen den Po vor, der größte Teil überschreitet unter Führung des Königs +Viktor Emanuel+ den Mincio, wird aber am 24. Juni bei ~Custozza~ geschlagen. Neues Vorgehen der Italiener, nachdem ein großer Teil der österreichischen Truppen zum Schutze Wiens abberufen ist. Die italienische Flotte wird am 20. Juli bei der Insel ~Lissa~ von der österreichischen (Admiral +Tegethof+) geschlagen. Waffenstillstand am 25. Juli.

[~1866.~ 23. Aug.]

~Friede zu Prag~ zwischen +Preußen+ und +Österreich+: 1. Der Kaiser von Österreich erkennt die +Auflösung des Deutschen Bundes+ an, gibt seine Zustimmung zu einer ~Neugestaltung Deutschlands ohne Österreich~, erkennt im voraus die in Norddeutschland von +Preußen+ vorzunehmenden Gebietsveränderungen an, bedingt aber dem Königreich Sachsen unveränderten Bestand (als Glied des neuen Norddeutschen Bundes) aus. 2. +Österreich+ überträgt seine Rechte auf +Schleswig-Holstein+ an +Preußen+, nur soll der nördliche Teil Schleswigs mit Dänemark wieder vereinigt werden, wenn die Bevölkerung den Wunsch dazu durch freie Abstimmung zu erkennen gibt (aufgehoben 1878). 3. +Österreich+ zahlt 20 Millionen Taler Kriegskosten. 4. +Preußen+ bedingt die Übergabe +Venetiens+ an Italien aus.

~Schleswig-Holstein, Hannover, Kurhessen, Nassau~ und die freie Stadt ~Frankfurt~ werden mit der preußischen Monarchie vereinigt. Die süddeutschen Staaten und Sachsen müssen einzeln Frieden schließen und Kriegskosten zahlen. -- Von den beabsichtigten Gebietsabtretungen der Südstaaten wird in der Hauptsache Abstand genommen (nur Bayern und Hessen müssen Grenzstriche abtreten, jenes +Orb+ und +Gersfeld+, dieses die eben geerbte Landgrafschaft +Hessen-Homburg+), weil Napoleon III. Deutschland gegenüber das Verlangen nach einer +»Grenzberichtigung«+ zeigt (s. S. 377).

Zwischen ~Preußen~ und den ~Südstaaten~ werden Schutz- und Trutzbündnisse geschlossen: Gegenseitige Garantie des Gebiets, die süddeutschen Staaten stellen für den Fall eines Krieges ihre gesamten Streitkräfte unter den Oberbefehl des Königs von Preußen. Das Verlangen Napoleons III. (Abtretung der bayrischen Rheinpfalz und des linksrheinischen Hessen mit +Mainz+) wird zurückgewiesen.

[3. Okt.]

~Friede zu Wien~ zwischen +Österreich+ und +Italien.+ Venetien wird mit dem Königreich Italien vereinigt.

[~1866.~ 3. Sept.]

Beilegung des +Verfassungsstreits+ in Preußen (S. 372) durch ein vom Landtage angenommenes +Indemnitätsgesetz+ wegen der seit 1862 ohne Staatshaushaltsgesetz geführten Verwaltung.

Der ~Norddeutsche Bund~, gebildet von +Preußen+, den im Kriege mit ihm verbündet gewesenen Staaten, dem Königreich +Sachsen+ und der nördlichen Hälfte des Großherzogtums +Hessen.+ Erster ~Reichstag~ des Norddeutschen Bundes 1867 in ~Berlin~; die Verfassung wird vereinbart. Bundesleitung bei der Krone ~Preußen~, welche den Bund völkerrechtlich vertritt, in seinem Namen Krieg erklärt, Frieden und Bündnisse schließt, Gesandte beglaubigt. Die Vertretung der Regierungen bildet der ~Bundesrat~, in dem Preußen 17, die übrigen 21 Bundesglieder zusammen 26 Stimmen haben. Reichstag aus +allgemeinen+ und +direkten+ Wahlen. Einheitliches Heer unter dem Oberbefehl des Königs von Preußen (allgemeine Wehrpflicht), einheitliche Zoll-, Post- und Telegraphenverwaltung. Graf +Bismarck+ ~Bundeskanzler~.

[~1868.~]

Deutsches +Zollparlament+. Abgeordnete aus den süddeutschen Staaten erscheinen im norddeutschen Reichstag, um die durch Vertrag zwischen den Regierungen 1867 angebahnte Wiederherstellung des +Zollvereins+ (S. 361) durchzuführen.

Die preußische Flotte (S. 361) wird zur +norddeutschen Kriegsflotte+; Kriegshäfen werden in +Kiel+ und +Wilhelmshaven+ angelegt. Bestand der Flotte 1870: 3 Panzerfregatten, 2 Panzerfahrzeuge, 9 Korvetten, 2 Avisos, 22 Kanonenboote.

[~1867.~]

Streit über Luxemburg. Napoleon III. unterhandelt, um für Frankreich doch eine Vergrößerung zu gewinnen (S. 379), mit dem König der Niederlande über +Abtretung des Großherzogtums Luxemburg an Frankreich+ gegen eine Geldentschädigung und verlangt, daß die früher zum Deutschen Bunde (S. 341), nicht aber zu dem neuen Norddeutschen Bunde gehörende Festung Luxemburg von der +preußischen Besatzung+ geräumt werde.

Ausgleich durch Beschluß einer Konferenz der Großmächte zu London (+Italien+ als sechste Großmacht anerkannt): 1. Die Neutralität des Großherzogtums wird von den Großmächten +gemeinsam+ gewährleistet; 2. Die preußische Besatzung räumt die Stadt +Luxemburg+, deren Festungswerke geschleift werden.

~Ende des Kirchenstaates~. +Italienische+ Freischaren machen mit stillschweigender Gutheißung ihrer Regierung 1867 (Sept.) einen Angriff auf das päpstliche Gebiet. Napoleon III. erklärt den früheren Vertrag (S. 370) für gebrochen und schickt dem Papste Hilfe. Die Freischaren werden bei +Mentana+ geschlagen; ihr Führer +Garibaldi+ wird nach kurzer Haft wiederum nach +Caprera+ entlassen. ~Rom~ erhält von neuem eine ~französische Besatzung~ (S. 363, 370).

[~1869.~ 8. Dez.]

Eröffnung des ~Vatikanischen Konzils~ in Rom, durch welches das Ansehen des Papsttums nach der Einschränkung seiner weltlichen Herrschaft gesichert und erhöht werden soll. Verkündung des +Unfehlbarkeits-Dogmas+ am 18. Juli 1870. Am 20. Sept. 1870 wird Rom von den italienischen Truppen besetzt, da die französische Besatzung zurückgezogen ist (s. S. 385). ~Aufhebung des Kirchenstaates.~ +Rom wird Hauptstadt des geeinigten Italiens.+

§ 8. Deutsch-französischer Krieg 1870–1871.

~Ursache~: Die Meinung der Franzosen, daß ihrer Nation auf dem europäischen Festlande eine herrschende Machtstellung zukomme. Letztere hatte die Schwäche der Nachbarstaaten, vor allem Deutschlands zur Voraussetzung. Die Begründung des italienischen Einheitsstaates und die Entstehung eines mächtigen deutschen Bundesreiches erschien den Franzosen wie eine Schmälerung ihres Ruhmes.

~Veranlassungen~: 1. Die inneren Verlegenheiten der Regierung Napoleons III., welcher, für seinen Thron fürchtend, dem gesetzgebenden Körper (S. 355) erweiterte Rechte zögernd zugesteht; 2. Die Ablehnung der seit 1866 wiederholt verlangten Ausgleichungen für die Vergrößerung Preußens an Land und Macht (S. 379, 380). Der von Napoleon durch Benedetti 1867 schriftlich in Berlin eingereichte Vertragsentwurf, nach welchem Napoleon Luxemburg und Belgien besetzen und dafür Preußen die Aufnahme der süddeutschen Staaten in den Norddeutschen Bund gestatten wollte, war von Bismarck »dilatorisch« behandelt worden.

~Vorwand~: Die Übertragung der spanischen Krone an den Prinzen +von Hohenzollern+ (s. u. § 16), die in Paris als eine +preußische+, Frankreich gefährdende Intrige dargestellt wird.

Das durch den französischen Botschafter +Benedetti+ in Ems (9. Juli) an König Wilhelm I. gestellte Verlangen, »dem Prinzen von Hohenzollern die Annahme der spanischen Krone zu verbieten«, wird zurückgewiesen. Nach dem freiwilligen Rücktritt des Prinzen verlangt die französische Regierung eine Erklärung des Königs, »daß er die Bewerbung des Prinzen um die spanische Krone in Zukunft niemals wieder zulassen werde«. König Wilhelm weist den französischen Botschafter ab (13. Juli); Graf Bismarck läßt die Nachricht davon gebende »Emser Depesche« in verkürzter Form alsbald durch die Zeitungen verbreiten. Darauf Kriegserklärung Frankreichs (19. Juli). Die +süddeutschen Staaten+ schließen sich unverzüglich auf Grund der bestehenden Bündnisse (S. 379) der Kriegsrüstung des Norddeutschen Bundes an.

A. Krieg gegen die kaiserliche Armee.

~Deutsche Streitkräfte, Oberbefehl König Wilhelm I.~

+Chef des Generalstabes+: General ~v. Moltke.~

Am 31. Juli stehen bereit:

I. Armee (General ~v. Steinmetz~) +südlich+ von +Trier+, 60000 M.

II. Armee (Prinz ~Friedrich Karl~) +südlich+ von +Mainz+, 194000 M. einschl. Reserve.

III. Armee (hierbei zwei Bayr. Korps, sowie Württemb. und Badische Div.; ~Kronprinz von Preußen~) +zwischen Landau+ und +Speier+, 130000 M.

Drei Armeekorps (100000 M.) werden Anfang August zur Verstärkung herangezogen.

Zur +Küstenverteidigung+: General-Gouverneur +Vogel v. Falckenstein+, 17. Division und Landwehr.

Zusammen (einschl. aller Besatzungs- und Ersatztruppen) nahezu eine Million Mann.

~Feldzugsplan~: Eroberung von Paris, auf dem Wege dahin Abdrängen des Feindes von dem reichen Süden in das engere Hinterland des nördlichen Frankreichs. +Angreifen+ unter Zusammenhalten der Kräfte, wo sich der Feind stellt.

~Französische Streitkräfte~: 300000 M., vorläufig als Rheinarmee unter Oberbefehl des Marschalls +Bazaine+. Davon stehen:

Marschall ~Mac-Mahon~ bei +Straßburg+ mit 100000 M.,

Marschall ~Bazaine~ bei +Metz+ mit 150000 M.,

Reserven bei +Nancy+ und +im Lager von Châlons-sur-Marne+,

zusammen 50000 M. Außerdem können noch 115 Bataillone ins Feld rücken, sobald die +Nationalgarde+ sie im Innern des Landes ersetzt.

Auch der französische Feldzugsplan geht auf +überraschenden Angriff+ aus, wird aber zu langsam ausgeführt.

Eine +französische Flotte+ erscheint in der +Ostsee+, bald darauf eine zweite in der +Nordsee+; es kommt aber zu keiner Landung. Die +norddeutsche Flotte+ bewacht die Flußmündungen; 17. Aug. Gefecht der +Grille+, von 3 Kanonenbooten unterstützt, bei +Rügen+ gegen 8 französische Schiffe. Im Sept. ziehen beide französische Flotten sich zurück. 9. Nov. Kampf des Kanonenboots +Meteor+ bei +Havanna+ gegen ein größeres französisches Schiff, das zum Rückzug in den Hafen genötigt wird. Im Januar 1871 nimmt die Korvette +Augusta+ in der +Gironde+ französische Transportschiffe weg, muß dann aber in einem spanischen Hafen Schutz suchen.

+Bismarck+ erreicht (29. Juli) durch eine aktenmäßige Enthüllung der Anerbietungen Napoleons auf Kosten Süddeutschlands, Luxemburgs und Belgiens, daß England, Dänemark, Österreich und Italien neutral bleiben. Rußland tritt diplomatisch für Preußen in Wien ein.

[~1870.~ 2. Aug.]

Die Franzosen, von +Metz+ her vorrückend, besetzen durch ein Armeekorps in Gegenwart des Kaisers Napoleon die nur von 1500 Mann preußischer Truppen verteidigte Stadt ~Saarbrücken~

[4. Aug.]

Treffen bei ~Weißenburg~. Die Vorhut der ~III. Armee~ (Preußen und Bayern) erstürmt Weißenburg und den stark befestigten +Geisberg+.

~Mac-Mahon~ vereinigt seine Truppen und erwartet den Feind in starker Stellung, erleidet aber in der

[6. Aug.]

~Schlacht bei Wörth~ durch das Heer des Kronprinzen ~Friedrich Wilhelm~ eine vollständige Niederlage. +Mac-Mahon+ zieht sich auf das befestigte Lager bei +Châlons+ zurück.

Daselbst trifft bald auch Kaiser +Napoleon III.+ ein und überträgt ~Mac-Mahon~ den Oberbefehl über die neugebildete Armee.

[6. Aug.]

~Schlacht bei Spichern~ (+Saarbrücken+). Teile der I. und II. Armee (Gen. v. Kameke, v. Alvensleben, v. Goeben) erstürmen die stark verschanzten Spicherer Höhen.

Der Kronprinz mit der ~III. Armee~ rückt, nach Absendung eines Korps unter General v. Werder zur Belagerung von +Straßburg+, durch die unverteidigten Pässe des +Wasgen-Waldes+ nach +Nancy+. Die ~I. Armee~ marschiert auf +Metz+, die ~II. Armee~ auf +Pont à Mousson+ mit der Absicht, das französische Heer in und bei Metz von Paris abzuschneiden.

Um dem zuvorzukommen, beschließt ~Bazaine~ den Rückzug über +Verdun+ nach +Châlons-sur-Marne+, zur Vereinigung mit +Mac-Mahon+ und neu herangezogenen Truppen. +Napoleon III.+ eilt voraus nach Châlons. +Bazaine+ nimmt, als ihn unweit Metz die Vorhut der I. Armee angreift, den Kampf auf dem +rechten+ Moselufer an. Durch die

[14. Aug.]

+Schlacht bei Colombey-Nouilly+ wird deutscherseits der Zweck erreicht, den Abzug des Gegners auf Verdun zu verzögern. Der Abmarsch wird gänzlich vereitelt durch die

[~16. Aug.~]

~Schlacht bei Vionville -- Mars la Tour~, in welcher Prinz +Friedrich Karl+ mit Teilen der II. Armee (die Brandenburger unter Gen. v. Alvensleben) die weit überlegenen feindlichen Streitkräfte bei Metz festhält. Verlust 16000 Mann, ebensoviel auf französischer Seite.

Nachdem die übrigen Truppen der I. und II. Armee herangekommen sind, werden die Franzosen in ihren +befestigten Stellungen+ westlich von Metz von neuem angegriffen.

[~1870 18. Aug.~]

~Schlacht bei Gravelotte-Saint Privat.~ 180000 Deutsche unter dem Oberbefehl +König Wilhelms+ gegen mindestens ebensoviel Franzosen. Mörderischer Kampf auf dem linken Flügel; die preußische Garde, von den Sachsen unterstützt, erstürmt die Höhen von +St. Privat+. Verlust der Deutschen 20000, der Franzosen 13000. Bazaines Armee wird in die Festung +Metz+ gedrängt und daselbst eingeschlossen.

Prinz +Friedrich Karl+ leitet die ~Belagerung von Metz,~ während die III. Armee (Kronprinz) von Nancy her gegen +Châlons+ vorrückt. Mit ihr wirkt zusammen eine von der II. Armee (die vor Metz bleibt) abgetrennte IV. +(Maas-) Armee+ unter ~Kronprinz Albert von Sachsen.~

+Mac-Mahon+ verläßt, von Napoleon III. begleitet, Châlons und versucht auf dem Umwege über Reims +Metz+ zu erreichen, um sich mit Bazaine zu vereinigen. Dies Unternehmen wird deutscherseits rechtzeitig entdeckt; die III. und IV. Armee schwenken deshalb vom Vormarsch gegen Paris rechts ab; die +IV. Armee+ erreicht die Franzosen an der +Maas+, greift an und verhindert durch die siegreiche

[30. Aug.]

~Schlacht bei Beaumont~ den geplanten Entsatzversuch von Metz, drängt auch die Mac-Mahonsche Armee in eine äußerst ungünstige Lage.

+Bazaine+ versucht die Einschließung von Metz zu durchbrechen, wird aber durch die

[31. Aug. u. 1. Sept.]

~Schlacht bei Noisseville~ zurückgetrieben.

Gleichzeitig wird Mac-Mahon von der III. und IV. deutschen Armee bei +Sedan+ an der Maas eingeschlossen (über 200000 Deutsche gegen 124000 Franzosen).

[~1. Sept.~]

~Schlacht bei Sedan.~ Heftiger Kampf der Bayern bei +Bazeilles+, der Sachsen bei +Daigny+, der Preußen bei +Givonne+, +Illy+ und +Floing+. Die Franzosen werden in die Stadt hineingedrängt. Nach Beginn der Beschießung wird in der Stadt die weiße Fahne aufgezogen. ~Napoleon III.~ gibt sich gefangen, verläßt die Stadt am 2. Sept. früh. Zusammentreffen mit Graf Bismarck bei +Donchery+, wo während der Nacht über die Bedingungen der Übergabe verhandelt war (+Moltke,+ +Bismarck,+ +Wimpffen,+ Mac-Mahon war verwundet).

[~2. Sept.~]

~Übergabe von Sedan,~ 39 Generale, über 2300 Offiziere, 83000 Mann (außerdem schon während der Schlacht über 20000 M.) kriegsgefangen, 419 Feld- und 139 Festungsgeschütze erbeutet.

3090 Mann erreichen die belgische Grenze und werden dort entwaffnet; das Korps Vinoy entkommt von Mézières nach Paris.

Zusammenkunft zwischen Kaiser ~Napoleon III.~ und ~König Wilhelm I.~ in dem Schlosse +Bellevue+ bei +Donchery+; Napoleon als Kriegsgefangener nach +Wilhelmshöhe+ (bei Kassel) gebracht.

[~1870. 4. Sept.~]

~Frankreich Republik~ (+Dritte Republik+). Provisorische »Regierung der nationalen Verteidigung«: +Trochu+ Präsident und Gouverneur von Paris, +Favre+ Auswärtiges, +Gambetta+ Inneres. Für den Krieg »bis aufs Äußerste« wird die ganze Nation zu den Waffen gerufen, die Flotten werden aus der Nordsee und Ostsee zurückgezogen. Die Kaiserin Eugenie flieht mit ihrem Sohn nach England.

Alle deutschen Truppen, welche bei Sedan gekämpft haben, marschieren gegen Paris und erreichen bis 19. Sept. die Einschließung (S. 387ff.).

~B. Krieg gegen die republikanischen Heere.~

In zahlreichen Festungen Frankreichs stehen noch kaiserliche Truppen, die sich aber den Geboten der Republik fügen. Nach dem Sturz des Kaisertums zunächst Friedensverhandlungen in +Ferières+ zwischen Bismarck und Favre. Sie bleiben erfolglos, da Frankreich jede Gebietsabtretung verweigert. +Thiers+ bereist die europäischen Höfe, findet aber keine Unterstützung (S. 382f.). Besonders aus England erhält Frankreich starke Zufuhr an Waffen und Munition.

Das Korps des +Großherzogs von Mecklenburg+ (s. S. 378), bisher zum Schutz der deutschen Küste tätig, sichert die +Eisenbahnverbindung+ nach Deutschland durch Einnahme der Festungen +Toul+ und +Soissons+. Demselben Zwecke dient die nach und nach folgende Einnahme der Festungen Schlettstadt, Verdun (8. Nov.), Diedenhofen, Montmédy, Mézières u. a. Schwieriger Schutz der Etappenstraßen gegen Überfälle französischer +Franctireurs+. Das besetzte französische Gebiet wird in 4 General-Gouvernements eingeteilt.

[27. Sept.]

~Übergabe von Straßburg~ nach längerer Belagerung (bei der die wertvolle Bibliothek zerstört wurde) durch preußische und badische Truppen unter Gen. +v. Werder.+ Besatzung von 17000 Mann kriegsgefangen. Die preußische Garde-Landwehr zieht gegen Paris; mit der badischen Division und einigen preußischen Regimentern marschiert Gen. +v. Werder+ durch den Wasgau nach Südwesten (Epinal -- Vesoul -- Dijon, S. 387ff.).

~Gambetta~, welcher Paris im Luftballon verlassen hat, übernimmt (9. Okt.) die Diktatur in ~Tours.~ Seinem Organisationstalent gelingt es, im Laufe der nächsten vier Monate etwa 800000 M. ins Feld zu stellen: aus Resten der alten Armee, Zuzügen aus Algier, Marinetruppen und durch Massenaufgebot. Es entstehen vier neue Heere; die +Loire-Armee+ bei Orléans, die +Westarmee+ bei Rouen, die +Nordarmee+ bei Lille, die +Ostarmee+ bei Besançon. ~Eroberung oder Rettung von Paris bleibt Hauptziel des Krieges.~

[~1870. 27. Okt.~]

~Übergabe von Metz~ (belagert seit 19. August). Nach mehreren vergeblichen Ausfällen ergibt sich +Bazaine+, durch Hunger gezwungen, mit seiner großen Armee; 6000 Offiziere, 187000 Mann kriegsgefangen, 622 Feld-, 876 Festungsgeschütze erbeutet.

~Prinz Friedrich Karl~ mit der II. Armee marschiert gegen die französische +Loire-Armee+, General ~v. Manteuffel~ mit einer neu eingeteilten I. Armee gegen die +französische Nordarmee+ (S. 387).

+a) Der Feldzug an der Loire und gegen Le Mans.+

[Okt.]

Die ~Loire-Armee~ (etwa 30000 M. stark und noch nicht kriegsbereit) ergreift in den ersten Oktobertagen von ~Orléans~ aus die Offensive auf ~Paris.~ Gegen sie marschiert südlich von Paris General ~v. d. Tann~ mit dem I. bayrischen Korps und der 22. Division, drängt die Franzosen nach empfindlicher Niederlage bei +Artenay+ (10. Okt.) zurück +und besetzt Orléans+ (11. Okt.).

[Nov.]

Zweite Offensive der auf 200000 Mann verstärkten +Loire-Armee+, welche den General v. d. Tann bei +Coulmiers+ (9. Nov.) zum Rückzug auf Artenay und zur +Räumung von Orléans+ nötigt, v. d. Tann gewinnt (nicht verfolgt) Anschluß an den +Großherzog von Mecklenburg+, tritt in den Verband der diesem unterstellten ~Armee-Abteilung~ (50000 M.), welche die Einschließung von Paris gegen Westen und Süden sichern soll. Sie drängt zunächst ein von Westen her anrückendes französisches Korps in beschwerlichem Kleinkriege gegen Freischaren nach +Le Mans+ zurück.

Inzwischen hat die +Loire-Armee+ sich befestigte Stellungen nördlich von Orléans geschaffen; von deutscher Seite aber rückt Prinz ~Friedrich Karl~ heran, und der ~Großherzog von Mecklenburg~ kommt von Westen her zu gemeinsamem Angriff. Das erneute Vorrücken der Loire-Armee wird durch die

[28. Nov.]

+Schlacht bei Beaune la Rolande+ (II. Armee) und die

[2. Dez.]

+Schlacht bei Loigny-Poupry+ (Großherzog von Mecklenburg) rechtzeitig vereitelt.

Nach weiteren harten Kämpfen der beiden deutschen Heere wird ~Orléans~ +von ihnen besetzt+.

Von der Loire-Armee entweicht ein Teil nach Süden, wo +General Bourbaki+ neue Streitkräfte organisiert (vgl. S. 388), der andere wird durch General +Chanzy+ nach +Westen+ zurückgeführt und auch durch Verstärkungen neu gefestigt. Chanzy versucht, über +Vendôme+ auf Paris zu ziehen; dies vereitelt die deutsche Armee-Abteilung durch schwere Kämpfe

[7.–10. Dez.]

bei +Beaugency-Cravant+. Chanzy geht hinter die Loir auf +Le Mans+ zurück. Deutsche Erkundungsgefechte: Das Detachement +Boltenstern+ bei +Montoire+ (27. Dez.). Die Regierung von Tours wird nach +Bordeaux+ verlegt. (Gambetta in Bourges.)

[~1871.~ Jan.]

Die Armee-Abteilung wird aufgelöst und findet teils bei der II. Armee, teils bei Orléans und Paris Verwendung. ~Prinz Friedrich Karl~, unaufhaltsam vorrückend trotz der Winterkälte, vernichtet die Armee des General +Chanzy+ (150000 M.) in der

[~10.–12. Jan.~]

~Schlacht vor Le Mans~ (20000 Gefangene). Die deutsche II. Armee bleibt bei Le Mans und an der Loire, das Korps des Großherzogs von Mecklenburg-Schwerin marschiert nach Rouen.

+b) Der Feldzug im Norden und Nordwesten Frankreichs.+

Um die Einschließung von +Paris+ gegen Truppenansammlungen im Norden Frankreichs zu sichern, rückt die I. Armee, drei preußische Korps unter General ~v. Manteuffel~, von Metz aus in nordwestlicher Richtung vor (S. 386). Sie schlägt die aus Marinetruppen und Mobilgarden gebildete französische +Nord+armee in der

[~1870.~ 27. Nov.]

~Schlacht bei Amiens~, nimmt diese Stadt ein und besetzt dann ~Rouen~ (5. Dez.); die dort auftretende französische +West+armee (S. 385) weicht ernsten Kämpfen aus. Die +Nordarmee+, von General +Faidherbe+ wieder gesammelt und verstärkt, rückt wieder gegen +Amiens+ vor.

[23. u. 24. Dez.]

~Schlacht an der Hallue~ (Nebenfluß der Somme). Die Franzosen ziehen sich unter Mangel und Kälte auf +Arras+ zurück. Die Deutschen belagern darauf die Festung +Péronne+; Faidherbes Versuch, diese zu entsetzen, wird vereitelt durch die Schlacht bei ~Bapaume~ (3. Jan. 1871); Péronne ergibt sich 9. Jan. Die bei Rouen verbliebenen Ostpreußen (I. A.-K.) zerstreuen eine Ansammlung der Westarmee durch das Gefecht bei +Robert-le-Diable+ (4. Jan.).

Am 8. Jan. hat für den zum südöstlichen Kriegsschauplatz abberufenen Gen. v. Manteuffel Gen. ~v. Goeben~ den Oberbefehl übernommen. Der Plan der Franzosen, über +St. Quentin und Reims auf Paris+ zu marschieren, wird rechtzeitig erkannt; sie werden durch das Gefecht bei +Tertry-Poeuilly+ (18. Jan.) aufgehalten.

[~1871. 19. Jan.~]

~Schlacht von St. Quentin~, in welcher General v. Goeben die Nordarmee entscheidend schlägt. Die +Nordfestungen+ verhindern ausgiebige Verfolgung.

+c) Der Feldzug im Osten Frankreichs.+

[~1870~ (Okt.).]

General ~v. Werder~ wendet sich nach der Einnahme von Straßburg (S. 385) gegen die Franctireurs in den +Vogesen+ und die französische ~Ostarmee~ in +Ober-Elsaß und Burgund+, insbesondere um den Heeren vor Paris und Metz die Verbindung nach Deutschland zu sichern. Die Ostarmee will den Abstieg aus den Vogesen bei +St. Dié+ verwehren, wird aber auf Besançon zurückgedrängt. Die badischen Truppen besetzen ~Dijon~ (31. Okt.); die aus dem Elsaß nachrückende Landwehr-Division v. Tresckow schließt die Festung ~Belfort~ ein (8. Nov.).

Die Franzosen verstärken sich durch Heranziehung der vor Orléans (S. 386) geschlagenen und bei Bourges wieder gesammelten Loire-Truppen; den Oberbefehl übernimmt Gen. ~Bourbaki~. Gen. v. Werder tritt den von Süden her anrückenden Feinden bei +Nuits+ entgegen (18. Dez.), räumt dann aber freiwillig +Dijon+, um die Belagerung von Belfort zu decken, und vereinigt sein Korps in starker Stellung bei +Vesoul+ (30. Dez.). Bourbaki, von Gambetta getrieben, aber durch mangelnde Ausrüstung der Truppen gehemmt, beginnt seinen Vormarsch. Dijon wird von den unter +Garibaldis+ (S. 370, 381) Befehl stehenden Freischaren besetzt.

[~1871.~ 9. Jan.]

Treffen bei +Villersexel+, anfangs glücklich für die Franzosen, aber bei Abbruch des Nachtgefechts ist die Stadt in deutscher Hand.

General v. Werder durchkreuzt die Absicht Bourbakis, ihn von Belfort abzudrängen, durch Abmarsch hinter die +Lisaine+ (Nebenfluß des Doubs) und schiebt sich in einer Stellung Héricourt-Montbéliard zwischen die französische Ostarmee und Belfort.

[~15.–17. Jan.~]

~Schlacht an der Lisaine.~ In dreitägigem Kampfe bei strenger Kälte gelingt es den Franzosen (140000 M.) nicht, die deutschen Linien (43000 M., Badener und preußische Landwehr) zu durchbrechen; in voller Auflösung strömt die Ostarmee auf Besançon zurück.

Zu derselben Zeit erreichen die zur Unterstützung gesandten deutschen Truppen (II. und VII. A.-K.) unter General ~v. Manteuffel~ die Gegend westlich +Vesoul+. Auf die Nachricht von Werders Sieg wendet sich Manteuffel sofort südlich nach Besançon; Werder schließt sich diesem Vormarsch an. Weitestes Vordringen einer deutschen ~Südarmee~.

Hierdurch ist für Bourbaki der Rückzug nach Westen oder Süden abgeschnitten; nach seiner Absetzung führt General +Clinchant+ die Ostarmee auf Pontarlier, in der Hoffnung, längs der Grenze zu entkommen. Durch den +Jura+ drängen aber die Deutschen kräftig nach, und unter letzten Gefechten bei +La Cluse+ und +Pontarlier+ tritt die Ostarmee (80000 Mann) auf ~Schweizer Gebiet~ (1.–3. Febr.) über und gerät damit in Kriegsgefangenschaft. Nur Teile der Division Cremer entkommen nach Südfrankreich.

Beim Vormarsch auf Belfort (Vesoul) hatte General v. Manteuffel die Brigade +v. Kettler+ gegen ~Dijon~ geschickt. Das dort stehende Korps +Garibaldi+ (20000 M.) beschränkt sich darauf, die Angriffe dieser 5 Bataillone am 21. und 23. Januar abzuwehren (Verlust der +einzigen+ deutschen Fahne -- aufgefunden unter Leichen). Als Verstärkung für General v. Kettler anrückt, ziehen sich Garibaldis Scharen mit Benutzung der Eisenbahn nach +Lyon+ zurück.

[~1871.~ 16. Febr.]

~Übergabe von Belfort.~ Selbst während der Schlacht an der Lisaine waren die Angriffsarbeiten nicht unterbrochen worden. Den tapferen Verteidigern (Oberst +Denfert+) wird freier Abzug gewährt.

+d) Belagerung von Paris.+

Starke Befestigungen: Ringmauer von 34 km Umfang mit Umwallung, davor ein Gürtel von Forts, namentlich auf der Ost- und Südseite; im Westen der stark befestigte +Mont Valérien+, im Norden der befestigte Vorort +St. Denis+, im Osten der steile +Mont Avron+, »der Schlüssel von Paris«. Besatzung 72000 M. Linien- und Marinetruppen, 115000 M. Mobilgarden aus der Provinz, über 130000 M. Nationalgarde.

Einschließung durch die III. und IV. deutsche Armee (S. 385) in einem Gürtel von 82 km Umfang, anfangs nur 130000 M., bald auf 240000 M. verstärkt. Hauptquartier König Wilhelms in +Versailles+. Alle Entsatzversuche der französischen Loire- und Nordarmee werden vereitelt, ebenso die zahlreichen Ausfälle der Belagerten.

[~1870.~ 21. Okt.]

Ausfallgefecht bei +La Malmaison+ (im Westen), General Ducrot wird zurückgeschlagen.

[30. Okt.]

Erstürmung von +Le Bourget+ (im Nordosten) durch die preußische Garde. Dies Dorf lag unter den Geschützen von 5 Forts und war am 28. Okt. (deutscherseits schwach besetzt) von den Franzosen genommen. Fernere Gefechte bei Le Bourget am 21. Dez. und 13. Jan.

Der ernstlichste Versuch zur Befreiung beginnt am 30. Nov. General Ducrot geht mit 40000 M. auf das linke Marne-Ufer und erobert, unterstützt durch Scheinangriffe anderer Abteilungen im Norden (Epinay) und Südosten (Mont Mesly), die östlich gelegenen Dörfer +Brie+ und +Champigny+.

[2. u. 3. Dez.]

~Schlacht b. Champigny-Yilliers.~ Ducrots Truppen, die auf den Anmarsch der Loire-Armee gehofft hatten (S. 386), werden in heftigem Kampfe zurückgeworfen (Württemberger und Sachsen unter dem preußischen General +v. Fransecky+).

Nachdem sich die Erwartung, Paris durch Hunger zu bezwingen, als falsch erwiesen hat, beginnt am

[~1870.~ 27. Dez.]

~die Beschießung von Paris,~ zunächst gegen die +Ostfront+ aus verschanzter Stellung, dem +Mont Avron+ gegenüber, der von den Franzosen bald geräumt wird, sodann seit Anfang Januar auch gegen +die Südfront, die Nordforts und St. Denis+. Infolge des Eingreifens der schweren Artillerie gestaltet sich die Lage der Deutschen erheblich günstiger, weil die Verteidiger die Stellungen im Vor- und Zwischengelände räumen müssen.

[~1871.~ 18. Jan.]

Erneuerung der ~deutschen Kaiserwürde~ im Spiegelsaal des Schlosses zu ~Versailles~, nachdem die süddeutschen Staaten sich zu dauernder Vereinigung mit dem Norddeutschen Bunde bereit erklärt haben und König Ludwig II. von Bayern, der Aufforderung +Bismarcks+ entsprechend, im Namen der Fürsten und freien Städte Deutschlands dem König +Wilhelm I. von Preußen+ die Kaiserwürde angetragen hat.

~Wilhelm I. Deutscher Kaiser 1871–1888.~

[19. Jan.]

~Schlacht am Mont Valérien~ (im Westen). Letzter großer Ausfall, bei dem auch die bisher geschonten Nationalgarden Verwendung finden. Die Franzosen nehmen +St. Cloud+, aber ihr Angriff (90000 M. unter General +Trochu+) scheitert, bevor er die Hauptstellung der Deutschen erreicht. Die tapferen Verteidiger von St. Cloud, beim Rückzug vergessen, ergeben sich am nächsten Tage.

Da jede Hoffnung auf Entsatz geschwunden ist und die Not der Bevölkerung von Paris bedenklich steigt, wird durch Unterhandlungen zwischen +Favre+ und +Bismarck+ die

[~28. Jan.~]

~Übergabe von Paris~ zum Abschluß gebracht. Bedingungen: 1. Übergabe sämtlicher Forts mit dem Kriegsmaterial an die deutschen Truppen, Entwaffnung der Ringmauer. 2. Alle französischen +Soldaten+ in Paris gelten als Kriegsgefangene und werden entwaffnet, mit Ausnahme von 12000 Mann, welche mit der Nationalgarde die Ordnung aufrecht erhalten; für die Verproviantierung sorgen die französischen Behörden. 3. Die Stadt Paris zahlt 200 Millionen Francs Kriegssteuer. 4. Waffenstillstand auf allen Kriegsschauplätzen, mit Ausnahme der Departements +Doubs, Jura+ und +Côte d’or+, auf +drei+ Wochen, um die Wahlen zu einer französischen +Nationalversammlung+ zu ermöglichen, welche in +Bordeaux+ zusammentreten und über Krieg und Frieden entscheiden soll.

~Gambettas~ Widerstand gegen diese Übereinkunft wird bald gebrochen; er legt sein Amt als Mitglied der Regierung nieder (6. Febr.). ~Thiers,~ von der Nationalversammlung in +Bordeaux+ an die Spitze der französischen Regierung gestellt, führt die Unterhandlungen mit Graf ~Bismarck.~

[~1871.~ 26. Febr.]

~Friedenspräliminarien zu Versailles~: 1. Frankreich tritt an Deutschland ab: das ~Elsaß~ außer +Belfort+, ferner ~Deutsch-Lothringen~ mit +Metz+ und +Diedenhofen+ (+Thionville+), zusammen 14500 qkm mit 1½ Mill. Einwohnern; 2. Frankreich zahlt in drei Jahren +5 Milliarden+ Francs Kriegsentschädigung; zur Sicherstellung der Zahlung bleiben die östlichen Départements besetzt.

[~1. März.~]

~Einzug~ von 30000 Mann deutscher Truppen ~in Paris~ und Besetzung eines Teils der großen Stadt. Nachdem die Friedensbedingungen noch an demselben Tage von der französischen Nationalversammlung angenommen worden sind, wird am 2. März Paris von den Deutschen geräumt. Kaiser ~Wilhelm~ verläßt das Hauptquartier +Versailles+ am 7. März und kehrt nach +Berlin+ zurück.

Die Friedensbedingungen werden bestätigt und im einzelnen näher bestimmt (Austausch eines französischen Bezirks bei +Belfort+ gegen einen deutschen in +Lothringen+) in dem

[~10. Mai.~]

~Frieden zu Frankfurt a. M.~ Die drei großen Ergebnisse des blutigen Krieges sind: 1. Das Aufhören der +vorherrschenden+ Machtstellung Frankreichs. 2. Deutschland gewinnt eine sichere Westgrenze. 3. Die seit langen Jahren erstrebte ~Einigung Deutschlands~ ist verwirklicht.

[14. April.]

Der nach ~Berlin~ berufene Reichstag genehmigt fast einstimmig folgende ~Reichsverfassung~: 1. An der Spitze des Reiches steht als ~Deutscher Kaiser~ der +König von Preußen+; die Kaiserwürde ist mit der Krone Preußens fortan +erblich+ verbunden. Der Kaiser vertritt das Reich völkerrechtlich, erklärt Krieg und Frieden (mit Zustimmung des Bundesrats), schließt Bündnisse und Verträge, führt den Oberbefehl über die gesamte deutsche Land- und Seemacht. 2. Die Vertretung der 25 Staaten bildet der ~Bundesrat~ (im ganzen 58, seit 1911 61 Stimmen: +Preußen+ 17, +Bayern+ 6, +Sachsen+ und +Württemberg+ je 4, +Baden+, +Hessen+ und +Elsaß-Lothringen+ je 3, +Mecklenburg-Schwerin+ und +Braunschweig+ je 2, die übrigen je 1); den Vorsitz führt der ~Reichskanzler~ (der erste: ~Fürst Bismarck~). 3. Die Vertretung der Bevölkerung bildet der zum 21. März 1871 zum erstenmal nach Berlin berufene deutsche ~Reichstag~, bestehend aus 382 (seit Hinzutreten der Elsaß-Lothringischen 397) Abgeordneten, die aus allgemeinen und direkten geheimen Wahlen hervorgehen. Einheitliches Heerwesen mit +allgemeiner Wehrpflicht+: Im stehenden Heere 7 Jahre; hiervon aktiv bei Kavallerie und reitender Feldartillerie 3 Jahre, sonst seit 1893 2 Jahre; die übrige Zeit in der Reserve. Landwehrpflicht (I. und II. Aufgebot) bis zum vollendeten 39. und Landsturmpflicht bis zum vollendeten 45. Lebensjahre. Das Reich bildet +ein+ Zollgebiet (S. 351). Gemeinsames Post- und Telegraphenwesen, gleichmäßige Verwaltung der Eisenbahnen. Einheitliches Dezimal-, Münz-, Maß- und Gewichtssystem; Einheit des Rechts. Bayern und Württemberg haben sich Sonderrechte, namentlich in der Heeres- und Postverwaltung, vorbehalten.

Das Gebiet des neuen ~Deutschen Reiches~ umfaßt 544000 qkm; 1871: 41 Millionen, 1910: rund 65 Millionen (Preußen 40 Mill.) Einwohner. Das ~Reichsland Elsaß-Lothringen~ wird seit 1879 von einem +Statthalter+ des Kaisers regiert (Gen. +v. Manteuffel+ bis 1885, Fürst +Hohenlohe-Schillingsfürst+ bis 1894, Fürst +Hohenlohe-Langenburg+ bis 1907, seitdem Graf +v. Wedel+). Anfangs im Bundesrat nicht vertreten, erhält es 1911 als 26. selbständiger Bundesstaat 3 Stimmen eingeräumt (S. 397).

Ihre ~Einkünfte~ erhalten die Einzelstaaten hauptsächlich aus direkten Steuern und aus der Verwaltung der Eisenbahnen, das +Reich+ aus den Zöllen und indirekten Steuern, sowie aus Beiträgen der Einzelstaaten, soweit erforderlich (Matrikularbeiträge). Das Reich bestreitet die Ausgaben für Heer und Kriegsflotte. Grundlagen der Reichseinheit sind das deutsche +Handelsgesetzbuch+, schon 1861–65 in den meisten Staaten des Deutschen Bundes eingeführt, das deutsche +Strafgesetzbuch+ von 1870, die Gesetze des Norddeutschen Bundes über Freizügigkeit 1867, die Gewerbeordnung 1869, das Bürgerliche Gesetzbuch (B.G.B.) 1900 u. a. (s. S. 394 ff.).

[~1871.~ März-Mai.]

~Herrschaft der sozialistischen Kommune in Paris.~ Nach der Kapitulation hatten sich die als Nationalgarde bewaffneten Arbeiter vieler Kanonen bemächtigt und die nordöstlichen Teile der Stadt (namentlich +Montmartre+ und +Belleville+) fast in Festungen verwandelt. Der Versuch der Linientruppen, ihnen die Kanonen wieder abzunehmen, führt zu einem Aufstand; die Linientruppen räumen die Stadt und die Forts der Südseite. Der von den Aufständischen erwählte +Gemeinderat+ (la +Commune+) verfügt Erpressungen und Gewaltmaßregeln. Schreckensherrschaft der Sozialisten unter Mitwirkung eines Ausschusses der +»Internationale«+ (s. S. 394). Plünderung der Kirchen, Verhaftung des Erzbischofs +Darboy+ und anderer »Geiseln«; fast alle werden schließlich ermordet. Ein Angriff auf die zum Schutze der jetzt in +Versailles+ tagenden französischen Nationalversammlung vereinigten Truppen mißlingt, hauptsächlich infolge des Geschützfeuers vom Mont Valérien.

[6. April.]

~Zweite Belagerung von Paris~, unter Leitung +Mac-Mahons+, von Süden und Westen her, während die +deutschen+ Truppen unter Beobachtung strenger Neutralität die nördlichen und östlichen Forts besetzt halten. Fort +Issy+ genommen (9. Mai). Endlich dringen die Versailler Truppen in die Stadt ein; verzweifelter Barrikadenkampf (21.–28. Mai). Die Hauptgebäude der Stadt (+Tuilerien+, +Finanzministerium+, +Polizeipräfektur+, +Stadthaus+ u. a.) werden von den Aufständischen in Brand gesteckt, die Vendômesäule (S. 317) zerstört. Blutige Niederwerfung des Aufstandes; gegen 17 000 getötet, 50 000 gefangen; viele später zur Verbannung nach Neu-Kaledonien verurteilt.

[~1873.~ Sept.]

Die deutschen Truppen verlassen nach beschleunigter Abzahlung der Kriegsentschädigung das französische Gebiet.

§ 9. Das Deutsche Reich seit 1871.

Das Deutsche Reich, als Bundesstaat geeinigt, bewährt sich als Hort des Friedens in Europa. Durch die mächtige Entwickelung der ~Gewerbetätigkeit~ und des ~überseeischen Handels~, sowie die Erwerbung von ~Kolonien~ (seit 1884, s. § 20) nimmt es den ihm gebührenden Platz unter den +Weltmächten+ ein. Der Aufschwung des wirtschaftlichen Lebens vermehrt die Klassengegensätze und gibt Anlaß zu einer ~sozialen Gesetzgebung~ (S. 395), die in anderen Ländern Nachahmung findet.

Bedeutsame Einwirkungen ergeben sich aus Streitigkeiten mit der katholischen Kirche und durch das Anwachsen der +Sozialdemokratie+, welche mit Hilfe des allgemeinen Wahlrechts den Staat und die Eigentumsverhältnisse umgestalten will (Lassalles Allgemeiner deutscher Arbeiterverein 1863, Internationale Arbeitervereinigung 1864 in London von K. Marx begründet, Gothaer Programm 1875).

[1872.]

Das Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit (S. 381) veranlaßt in Deutschland, der Schweiz und Österreich die Bildung +alt+katholischer Gemeinden, die sich von der römisch-katholischen Kirche lossagen. Ausweisung des +Jesuiten+-Ordens aus dem Deutschen Reiche; in Preußen Schulaufsichtsgesetz.

[1873–1875.]

Kirchengesetze in Preußen (Kultusminister Falk), welchen die katholische Geistlichkeit Widerstand leistet. Die Bischöfe werden nach und nach abgesetzt; erledigte Pfarrämter können nicht wieder besetzt werden. Papst Pius IX. geht auf Verhandlungen nicht ein; sein Nachfolger Leo XIII. (1878–1903) zeigt sich nachgiebiger, gesteht die Anzeigepflicht bei Besetzung der Bistümer und Pfarrämter zu. Fürst +Bismarck+ bewirkt 1880 Milderung der Kirchengesetze, 1886 und 1887 weitere Zugeständnisse, doch bleibt das Aufsichtsrecht des Staates über kirchliche Angelegenheiten.

[1872.]

+Dreikaiserbund+, von den drei Kaisern Wilhelm I., Franz Joseph und Alexander II. bei einer Zusammenkunft in Berlin geschlossen zur Aufrechterhaltung des Friedens. Dies Bündnis löste sich infolge des russisch-türkischen Krieges und des Berliner Kongresses (s. S. 401).

[1872–1875.]

Verwaltungsreform in Preußen; +Kreisordnung+ und +Provinzialordnung+. Die Kreise und Provinzen erhalten in mancher Hinsicht Selbstverwaltung; den Regierungsbehörden treten Kreistag und Kreisausschuß, Provinziallandtag und Provinzialausschuß zur Seite. Landgemeindeordnung s. S. 396.

[1873.]

Synodal-Ordnung für die evangelische Kirche in Preußen; 1874 Einführung der bürgerlichen Eheschließung und der Standesregister in Preußen, 1875 im ganzen Deutschen Reiche, 1876 General-Synodalordnung.

[1874.]

+Reichs-Militärgesetz+; die Friedenspräsenzstärke festgesetzt auf 401659 Mann, eingeteilt in 18 Armeekorps (14 preußische, 2 bayrische, l sächsisches, l württembergisches). In der Folgezeit wird die Zahl mehrmals erhöht, entsprechend der Zunahme der Bevölkerung; sie beträgt 1911 über 600000 Mann, eingeteilt in 23 Armeekorps (17, 3, 2, 1).

[~1874.~ Okt.]

~Begründung des Weltpostvereins.~ Auf Anregung der +deutschen+ Reichspostverwaltung (Staatssekretär +v. Stephan+) einigen sich die europäischen und die meisten außereuropäischen Staaten auf einem +Kongreß zu Bern+ über gemeinsame, dem Verkehr günstige Grundsätze der Postverwaltung.

[~1878.~]

Gesetz gegen die Ausschreitungen der +Sozialdemokratie+, veranlaßt durch zwei Mordversuche auf Kaiser Wilhelm I. der bei dem zweiten schwer verwundet wird. Verbot sozialdemokratischer Vereine und Zeitungen; Ausweisung der Parteiführer und ihrer Agenten aus den größeren Städten. Das Gesetz, zunächst für 2½ Jahre erlassen, dann verlängert, wird 1890 aufgehoben.

[~1879.~]

Neuer +Zolltarif+ des Deutschen Reiches, vom Fürsten +Bismarck+ veranlaßt, um durch Erschwerung der Einfuhr ausländischer Erzeugnisse die einheimische Produktion zu schützen und die Einkünfte des Reiches zu erhöhen (Schutzzollpolitik). +Hamburg+ und +Bremen+, bisher Freihäfen, werden 1881 und 1885 zum Eintritt in die Zollgemeinschaft des Reiches (zum Okt. 1888), mit Vorbehalt eines beschränkten Freihafengebietes, veranlaßt. Seit dem Ende der 70er Jahre +Verstaatlichung der Eisenbahnen+ in Preußen nach und nach durchgeführt (Minister Maybach). Später Betriebsgemeinschaft der preußischen und hessischen Bahnen eingerichtet.

[1. Okt.]

Die neuen +Justizgesetze+ für das ganze Deutsche Reich (Gerichts-Verfassung, Zivil-Prozeß, Strafprozeß) treten in Kraft. Oberstes +Reichsgericht+ in Leipzig. Bürgerliches Gesetzbuch (S. 396).

[~1879.~ 7. Okt.]

Infolge der Spannung zwischen Deutschland und Rußland nach dem Berliner Kongreß (S. 401 f.) ~Schutzbündnis zwischen dem Deutschen Reich und Österreich~ nach einem Besuch des Fürsten +Bismarck+ in Wien (Graf +Andrassy+). ~Italien~, durch Eröffnung der Gotthardbahn 1882 mit den nördlichen Ländern besser verbunden, schließt sich 1883 an; ~Dreibund~ zur Erhaltung des europäischen Friedens.

1884 Zusammenkunft der 3 Kaiser: +Wilhelms I.+, +Franz Josephs+ und +Alexanders III.+ in +Skierniewice+ in Polen; Neutralitätsvertrag mit +Rußland+ (nach Bismarcks Rücktritt 1890 nicht wieder erneuert).

[~1881.~ 19. Nov.]

Kaiserliche Botschaft an den Reichstag, betreffend die Gesetzgebung zur ~Förderung des Wohles der Arbeiter~. Darauf 1883 Gesetz über Krankenversicherung, 1884–87 Gesetze über Unfallversicherung. (1908 waren 13 Mill. Reichsangehörige gegen Krankheit, 24 Mill. gegen Unfall versichert, S. 396).

[~1884.~]

~Gründung deutscher Kolonien~ in Südwestafrika, Togo, Kamerun, 1885 in Ostafrika und auf den australischen Inseln (s. S. 423 ff.).

[1884–85.]

~Kongo-Konferenz~ in Berlin unter dem Vorsitz des Fürsten +Bismarck+ (s. S. 410).

Nach dem Tode des unvermählten Herzogs +Wilhelm+ († 1884) ist 1885–1896 Prinz +Albrecht+ von Preußen Regent des Herzogtums +Braunschweig+, da der erbberechtigte Herzog Ernst August von Cumberland, Sohn Georgs V. (S. 378), seine Ansprüche auf Hannover nicht aufgeben will. Sein Nachfolger 1907 Herzog +Johann Albrecht+ von Mecklenburg.

[1886.]

+Ansiedlungsgesetz+ für die Provinzen Posen und Westpreußen zur Stärkung des Deutschtums, erneuert und ergänzt 1898, 1902, zuletzt 1908 mit Einführung eines beschränkten staatlichen Enteignungsrechts. Bis Ende 1907 wurden für über 300 Mill. Mark 335383 ha angekauft und darauf 15751 Ansiedlerstellen angelegt.

[1888.]

+Landwehr- und Landsturmgesetz+ veranlaßt durch die in Frankreich (Kriegsminister Boulanger) und Rußland stattfindenden Kriegsrüstungen. Fürst +Bismarcks+ Rede im Reichstag 6. Februar: »Wir Deutschen fürchten Gott, sonst nichts auf der Welt«. Der Friede bleibt erhalten.

[~1888.~ 9. März.]

~Tod Kaiser Wilhelms des Großen.~ Sein Sohn, krank in San Remo, kommt nach Charlottenburg und übernimmt die Regierung.

[15. Juni.]

~Friedrich III., Deutscher Kaiser, König von Preußen †.~

~Kaiser Wilhelm II. 1888-x.~

+Fortsetzung+ der Reichsgesetzgebung zum Wohle der Arbeiter: 1889 Gesetz über Invaliditäts- und Altersversicherung, 1891 Arbeiterschutzgesetz (Sonntagsruhe, Arbeitszeit der Frauen und Kinder beschränkt).

[1890. März.]

Europäische Arbeiterschutz-Konferenz zu +Berlin+: Beratung über allgemeine Maßregeln zur Verbesserung der Lage des Arbeiterstandes.

[20. März.]

+Fürst Bismarck+ scheidet aus seinen Ämtern als Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident. Sein Nachfolger General +v. Caprivi+ bis Okt. 1894, dann Fürst +Hohenlohe+ (vorher Statthalter des Reichslandes); Okt. 1900 Graf +Bülow+ (seit 1905 Fürst).

[1890.]

Grenzregulierung in +Ostafrika+ zwischen Deutschland und +England+. +Helgoland+ kommt an Preußen (Kreis Süder-Dithmarschen, s. S. 407). 1894 Abgrenzung des Hinterlandes von Kamerun durch Verträge mit +Frankreich+ und +England+. Das deutsche Gebiet erreicht von Süden her den +Schari+ und den +Tsadsee+.

[1891.]

+Handelsverträge+ mit Österreich, Italien, Belgien, bald auch mit anderen Staaten; Herabsetzung der Zölle, wodurch eine schwierige Lage für die deutsche Landwirtschaft entsteht. In Preußen Fortsetzung der Verwaltungsreform: Landgemeinde-Ordnung (Minister Herrfurth); Reform der Steuern (Finanzminister Miquel).

[~1895.~]

Vollendung des +Nord-Ostseekanals+ (von Brunsbüttel an der Elbe nach Holtenau bei Kiel 97 km) nach achtjähriger Bauzeit (Baukosten 156 Mill. Mark). Es folgt 1899 der Dortmund-Ems-Kanal und der Ausbau des Hafens von Emden, 1900 der Elb-Trave-Kanal. Der preußische Landtag genehmigt außer anderem 1905 den Bau eines Kanals vom Rhein (bei Duisburg) zur Weser bis nach Hannover (Mittellandkanal) und eines Großschiffahrtsweges von Berlin nach Stettin. Von Bayern und Elsaß-Lothringen Kanalisierung des Main und der Mosel angeregt. Verbesserungen der Wasserstraßen im Oberlauf des Rheins, der Elbe und Oder von den anliegenden Staaten erwogen. -- Für die seit 1907 ausgeführte +Erweiterung+ und +Vertiefung+ des +Kaiser-Wilhelms-Kanals+ sind 223 Mill. Mark bewilligt.

[~1898.~]

Pachtvertrag mit +China+ über +Kiautschou+ auf 99 Jahre (s. S. 420, 426).

[30. Juli.]

+Fürst Bismarck+ † in Friedrichsruh.

Das Deutsche Reich erwirbt von +Spanien+ die +Karolinen+, +Marianen+ und +Palau-Inseln+, (S. 413).

[1900. 1. Jan.]

Das +Bürgerliche Gesetzbuch+ tritt für das Deutsche Reich in Kraft.

[~1900.~ März.]

Erwerbung von +Deutsch-Samoa+ (s. S. 407, 426). +Deutschland+, +England+, +Frankreich+, +Rußland+, +Italien+, +Amerika+, +Japan+ treffen Abmachungen über die +»Politik der offenen Tür«+ in +China+.

+Flottengesetz+ zum Schutze des deutschen Welthandels (die Transportfähigkeit der deutschen Handelsflotte hat sich von 1876–1909 versiebenfacht). Bis 1917 soll die Kriegsflotte auf 38 Linienschiffe, 14 große, 38 kleine Kreuzer gebracht werden; dazu die Wacht- und Schulschiffe und die seit 1880 ansehnlich vermehrten Kanonen- und Torpedoboote.

[1902.]

Neuer +Zolltarif+ als Grundlage für fernere Handelsverträge.

[1906.]

Erhöhung der Reichssteuern und beschleunigte Vermehrung der Kriegsflotte beschlossen.

[1908–1909.]

+Reichsfinanzreform+. An die Stelle des Fürsten Bülow tritt 1909 (Juli) Reichskanzler +v. Bethmann Hollweg+.

[1910.]

Besuch des Kaisers Nikolaus II. in Potsdam.

Verständigung mit +Rußland+. Keine der beiden Mächte will sich einer Staatenvereinigung anschließen, die ihre Spitze gegen die andere richtet.

[1911. März.]

Verfassungs- und Wahlgesetz für +Elsaß-Lothringen+. Die Staatsgewalt übt der Kaiser durch einen von ihm ernannten Statthalter aus (s. S. 392). Zwei-Kammersystem eingeführt. Die 41 Mitglieder der ersten Kammer werden von dem Kaiser auf Vorschlag des Bundesrats ernannt; die zweite Kammer (60) geht aus allgemeinen direkten Wahlen (an einem Sonntag) mit geheimer Abstimmung hervor.

[Aug.]

+Vertrag mit Rußland+ über die Abgrenzung der Interessen der beiden Mächte in +Persien+. Deutschland verfolgt nur Handelsziele: Eisenbahn-, Wegebau-, Schiffahrts-, Telegraphenkonzessionen (s. S. 416, 419).

[Nov.]

Abkommen mit +Frankreich+ über +Marokko+ und +Äquatorialafrika+ (s. S. 405).

[Dez.]

Schiffahrtsabgabengesetz. Privatbeamten-Versicherungsgesetz.

[1912. 1. Jan.]

Die Reichsversicherungsordnung vom 19. Juli 1911 tritt in Kraft.

§ 10. Österreich-Ungarn.

[1867.]

Nach dem unglücklichen Kriege mit Preußen und Italien von 1866 (S. 375 ff.) gelingt es dem Reichskanzler Graf +Beust+ (1853–1866 Ministerpräsident in Sachsen), den Verfassungsstreit in +Österreich+ (S. 357 f., 371) durch den ~Ausgleich mit Ungarn~ auf der Grundlage des +Dualismus+ beizulegen. +Ungarn+, mit +Siebenbürgen+ und +Kroatien+ wieder vereinigt (S. 371), erhält einen besonderen +Reichstag+ (in +Pest+) und ein eigenes Ministerium. Die ungarische Verfassung wird wiederhergestellt. Kaiser +Franz Joseph+ am 8. Juni in Pest als +König von Ungarn+ gekrönt. Die +cisleithanischen+ Länder (nebst +Galizien+) im +Reichsrat+ (in +Wien+) vertreten. Zur Beschlußfassung über die gemeinsamen Angelegenheiten (Heerwesen, Finanzen, auswärtige Politik) treten jährliche Abgesandte (Delegationen) aus beiden Reichstagen zusammen. Von den gemeinsamen Ausgaben, soweit sie nicht aus dem Ertrag der Zölle bestritten werden, trägt Österreich zunächst 70%, Ungarn 30%. Ministerpräsident in Österreich Graf Beust (bis 1871), in Ungarn Graf +Andrassy+ (bis 1879).

Der Doppelstaat wird in seiner inneren Entwickelung vielfach gehemmt durch die widerstrebenden Interessen und durch Nationalhaß der Tschechen, Polen und Magyaren gegen die Deutschen. Bemühungen der Tschechen um die Selbständigkeit der böhmischen (Wenzels-) Krone und die Wiederherstellung des sog. Böhmischen Staatsrechts. 1874 Kirchengesetze an Stelle des Konkordats von 1855.

[1878.]

Besetzung der bis dahin türkischen Provinzen +Bosnien+ und +Herzegowina+ (S. 401) zum Teil nach blutigem Widerstande.

[1879.]

Das Sandschak +Novipazar+ auf Grund eines Abkommens mit der Türkei besetzt.

[1879.]

Bündnis mit dem Deutschen Reich, 1883 auch mit Italien (S. 395).

[1880.]

+Taaffes+ Sprachenverordnung für Böhmen zu Ungunsten des deutschen Elements. Die Universität +Prag+ 1882 in eine deutsche und tschechische Hochschule geteilt.

[1890.]

Böhmischer Ausgleich. -- 1883 magyarisches Schulgesetz in Ungarn. 1887 Kranken- und Unfallversicherung in Österreich. 1891 Krankenversicherung in Ungarn.

[1888.]

Das Wehrgesetz von 1879 durch ein neues ersetzt. Steigerung der Rekrutenzahl. 1892 Erhöhung der Friedenspräsenz. 1893 Ergänzung zum Landwehrgesetz von 1883. Neue Rekrutenvorlage 1909 bewilligt.

[1889 (30. Jan.).]

Tod des Kronprinzen +Rudolf+ (geb. 1858).

[1897.]

+Badenis+ Sprachenverordnungen für Böhmen und Mähren. Obstruktion der Deutschen im Reichsrat bei der Herstellung des Ausgleichs mit Ungarn.

[1898 (10. Sept.).]

Die Kaiserin +Elisabeth+ in Genf ermordet.

[1899.]

Aufhebung der Sprachenverordnungen für Böhmen und Mähren.

[1901.]

Wasserstraßenvorlage zur Verbindung der Donau mit der Elbe und Oder genehmigt.

[1906.]

Bewilligung eines eigenen Zolltarifs für Ungarn. Damit sind nach heftigen parlamentarischen Kämpfen in beiden Reichshälften die Magyaren der angestrebten Auflösung der Gemeinschaft mit Österreich einen Schritt näher gekommen.

[1907.]

Reform des Wahlgesetzes für die cisleithanischen Länder.

[~1908.~ Okt.]

Aufnahme +Bosniens+ und der +Herzegowina+ in den Staatsverband der österreichischen Monarchie. Zunächst bilden die beiden Provinzen (51110 qkm) ein Verwaltungsgebiet für sich. 1910 besondere Verfassung für Bosnien und Herzegowina erlassen. Das Sandschak +Novipazar+ den Türken als Entschädigung zurückgegeben. Kriegsdrohungen in +Serbien+ und +Montenegro+ wegen Vernichtung der groß-serbischen Hoffnungen. Im Febr. 1909 Anerkennung der Annexion durch die Pforte gegen Zahlung von 2½ Mill. türkischen Pfund (60 Mill. Frs.) für die ehemals türkischen Staatsgüter. Infolge der energischen Unterstützung der österreichischen Politik durch das Deutsche Reich lassen die Mächte in Belgrad erklären, daß Serbien auf die Hilfe von Rußland, Frankreich und England nicht zu rechnen habe. Daraufhin stellt Serbien die Rüstungen ein (März 1909); Kronprinz Georg verzichtet zu Gunsten seines Bruders Alexander.

[1911.]

Stapellauf des ersten österreichisch-ungarischen Dreadnought: Viribus unitis.

§ 11. Rußland.

In Rußland unter Kaiser Alexander II. manche Reformen der Verwaltung (vgl. S. 369); die auswärtige Politik bleibt auf die Balkanhalbinsel, wo das türkische Reich immer schwächer wird, und auf Asien gerichtet.

[~1877–1878.~]

~Russisch-türkischer Krieg.~

~Veranlassung~: Die Fürsten +Nikita+ von +Montenegro+ und +Milan+ von +Serbien+ beginnen 1876 Krieg gegen die Türkei zur Unterstützung eines in der +Herzegowina+ gegen die türkischen Grausamkeiten ausgebrochenen Aufstandes. Eine Erhebung der +Bulgaren+ wird von den Türken blutig unterdrückt, die +Serben+ werden an der Morawa zurückgeschlagen. Die Großmächte, namentlich +Rußland+ und +England+, verhandeln mit der Türkei über Reformen der Regierung und Sicherung der christlichen Untertanen. Da die Verhandlungen erfolglos bleiben, erklärt +Rußland+ den Krieg.

Nach Abschluß eines Vertrages mit +Rumänien+ (Fürst +Karl+ von Hohenzollern-Sigmaringen, s. S. 367) geht ein russisches Korps bei +Galacz+ über die Donau und besetzt die Dobrudscha; das Hauptheer, bei welchem Kaiser +Alexander II.+ sich befindet, erzwingt den

[1877. 27. Juni.]

~Übergang über die Donau bei Sistowa~. Während ein fliegendes Korps unter General +Gurko+ schnell auf einem unbesetzten Nebenpaß den Balkan überschreitet und durch einen Angriff von Süden her (17.–19. Juli) die türkische Besatzung von dem wichtigen ~Schipka-Paß~ vertreibt, macht der eine Hauptteil des Heeres unter dem +Großfürsten-Thronfolger Alexander+ Front nach Osten und verhindert in monatelangen, schweren Kämpfen an den Flüssen +Jantra+ und +Lom+ den von dorther zu befürchtenden Durchbruch eines türkischen Heeres.

Der andere Teil des russischen Heeres nimmt +Nikopoli+ (15. Juli), wird aber vor ~Plewna~ (südwestlich von Nikopoli), wo +Osman Pascha+ türkische Streitkräfte gesammelt hat und starke Befestigungen anlegt, blutig zurückgewiesen (20. und 30. Juli) und muß Verstärkungen abwarten.

Währenddessen bestürmt +Suleiman Pascha+ von Süden her mit überlegener Macht, aber vergeblich (Hauptkämpfe am 23. Aug. und 17. Sept.) den ~Schipka-Paß~. Er erhält dann den Oberbefehl über die türkische Ost-Armee am +Lom+, kann aber Plewna nicht entsetzen.

Eintreffen der Truppen +Rumäniens+ und russischer Verstärkungen vor +Plewna+. Nach dem Mißlingen eines neuen Gewaltangriffs (7.–12. Sept.) wird zur regelmäßigen Belagerung (Gen. +Totleben+) geschritten und

[~10. Dez.~]

~Plewna genommen~ durch General +Skobeleff+. +Osman Pascha+ muß sich nach einem vergeblichen Durchbruchsversuch mit 44000 Mann ergeben. Rückkehr der +Rumänen+ in ihr Land, des Kaisers +Alexander II.+ nach Petersburg. ~Serbien~ erklärt von neuem den Krieg an die Pforte.

Die russischen Heere rücken vom Balkan aus vor bis nahe an Konstantinopel.

Auf dem asiatischen Kriegsschauplatz werden die Russen zuerst von +Muchtar Pascha+ mehrfach geschlagen, dringen dann aber nach Erstürmung von +Kars+ (18. Nov.) siegreich bis +Erzerum+ vor.

Die Türkei ruft die Vermittelung Englands an, sieht sich aber durch die Bedrohung von Konstantinopel genötigt, sich mit Rußland zu verständigen.

[~1878~. 3. März.]

~Friede zu San Stefano~ (unweit Konstantinopel): 1. +Montenegro+ und +Serbien+, beide durch türkisches Gebiet erheblich vergrößert, werden als unabhängig anerkannt, ebenso +Rumänien+. 2. +Bulgarien+, bis zum Ägäischen Meere vergrößert, bleibt der Pforte tributpflichtig, erhält aber einen christlichen Fürsten und eigene Verwaltung; ein russischer Kommissar mit 50000 Mann bleibt auf 2 Jahre im Lande. 3. Die Pforte führt in dem ihr verbleibenden geringen Rest ihrer europäischen Besitzungen (159000 qkm) gewisse Reformen ein. 4. Sie zahlt an Rußland 300 Millionen Rubel und tritt in +Asien+ bedeutende Teile +Armeniens+, in +Europa+ die +Dobrudscha+ ab; letztere wird von Rußland als Ersatz für den von ihm 1856 abgetretenen und jetzt zurückzunehmenden Teil von +Bessarabien+ (s. S. 367) an +Rumänien+ gegeben.

Widerspruch ~Englands~ gegen diese Bedingungen; auch +Österreich+ will Rußlands Übermacht auf der Balkanhalbinsel nicht zugeben. Die Türkei ruft den Schutz Englands an und gibt die Insel +Cypern+ in englische Verwaltung.

Nachdem unter Deutschlands Vermittelung, um einen neuen Krieg zu verhüten, Rußland und England sich über die wichtigsten Streitpunkte vorläufig verständigt haben, tritt unter dem Vorsitz des ~Fürsten Bismarck~ zusammen der

[~1878.~ 13. Juni bis 13. Juli.]

~Berliner Kongreß.~

+Hauptsächlichste Bestimmungen+: 1. ~Montenegro, Serbien~ und ~Rumänien~ werden unabhängig, doch werden die an beide erstere Staaten zu machenden Abtretungen beschränkt, das von Rumänien für Bessarabien einzutauschende Gebiet etwas vergrößert. 2. Das ~Fürstentum Bulgarien~ wird auf das Land +zwischen Donau und Balkan,+ jedoch einschließlich +Sofia+ und Gebiet, beschränkt. 3. Der südliche Teil Bulgariens, jedoch nach Westen und Süden erheblich enger begrenzt, bleibt als Provinz ~Ostrumelien~ unter der Botmäßigkeit des Sultans, erhält aber eigene Verwaltung unter einem +christlichen Generalgouverneur.+ 4. Die russischen Truppen sollen Ostrumelien und Bulgarien innerhalb 9 +Monaten+, Rumänien innerhalb eines Jahres räumen. 5. ~Österreich~ übernimmt die Besetzung und Verwaltung +Bosniens+ und der +Herzegowina+. 6. Der Türkei wird die Abtretung eines Teils von +Epirus+ und +Thessalien+ an ~Griechenland~ empfohlen. 7. ~Rußland~ begnügt sich in Asien mit +Batum+ (als Freihafen), +Kars, Adaghan+ und einigen angrenzenden Gebieten. 8. In der Türkei und allen von ihr losgelösten Staaten soll +politische Gleichberechtigung aller Konfessionen+ herrschen. 9. Der 1841 zwischen den 5 Großmächten und der Pforte abgeschlossene Vertrag (vgl. S. 353), wonach kein Kriegsschiff in die Dardanellen einlaufen darf (bestätigt im Pariser Frieden von 1856, S. 367), wird erneuert. Die Schließung der Dardanellen für fremde Kriegsschiffe wird der Pforte zur Pflicht gemacht.

[1872 - 1876]

hatte Rußland bereits seine asiatische Provinz ~Turkestan~ (Taschkent und Samarkand, S. 369) durch Unterwerfung des Chans von +Khiwa+, des Emirs von +Bochara+ und des Chans von +Kokand+ (Ferghana) erweitert, 1875 durch Vertrag mit Japan sich den Besitz der Insel +Sachalin+ gesichert.

Nach dem Berliner Kongreß zeigt Rußland (Minister Fürst Gortschakow) feindselige Haltung gegen Deutschland, welches deshalb das bisherige engere Verhältnis zu Rußland (S. 393f.) löst und sich mit Österreich verbündet (S. 395). Kaiser Alexander II., im Begriff, eine Volksvertretung zu berufen, wird 1881 durch Verschwörer (Nihilisten) ermordet.

[1881–1894.]

~Alexander III.~ (Gem. Dagmar -- Maria Feodorowna -- von Dänemark) ordnet strenge Maßregeln an gegen das Deutschtum in den Ostseeprovinzen (Russifizierung der Universität +Dorpat+), schließt trotz des Neutralitätsvertrages mit Deutschland Freundschaft mit Frankreich (S. 395, 404). 1893 Zollkrieg gegen Deutschland, der aber 1894 durch Handelsvertrag beigelegt wird.

[1885.]

Vertrag mit England über die Nordgrenze von +Afghanistan+, nachdem Rußland 1884 das Gebiet von +Merw+ besetzt hat. 1887 nimmt Rußland noch +Pendschdeh+. Bau der Transkaspischen Eisenbahn, 1888 bis Samarkand vollendet. Rußland nimmt dann 1892–1895 den größten Teil des +Pamir+hochlandes in Besitz, baut die Sibirische Eisenbahn, 1901 bis Wladiwostock vollendet.

~Nikolaus II.~ (Gem. Alix -- Alexandra Feodorowna -- von Hessen), seit Nov. 1894, stellt bessere Beziehungen zu Deutschland her.

[1899.]

+Kongreß im Haag+; auf Rußlands Wunsch wird ein Schiedsgericht für internationale Streitigkeiten eingesetzt.

[1904–1905.]

Nach dem unglücklichen Verlauf des Krieges gegen +Japan+ (s. S. 422f.) bedrohliche Unruhen im russischen Reiche: Attentate auf Mitglieder der Zarenfamilie (Großfürst +Sergius+, Oheim des Zaren, † 1905) und andere einflußreiche Persönlichkeiten, Judenverfolgungen, Plünderungen. Der Zar verkündet (19. Aug. 1905) die Berufung einer +Duma+ (Reichsversammlung). In +Livland+ Aufstand der Letten gegen die deutschen Gutsbesitzer.

[1906.]

~Verfassung~ eingeführt (Reichsrat und Duma). Die erste Duma wird nach stürmischen Verhandlungen aufgelöst, ebenso 1907 die zweite. Reformdekrete der Regierung (Minister +Stolypin+, 1911 ermordet), namentlich zur Besserung der Lage des Bauernstandes; strenge Maßregeln gegen Polen und Livland. Die dritte Duma 1908 bewilligt eine bedeutende Anleihe.

[1910–1911.]

Abkommen mit Deutschland über +Persien+ (S. 397).

[1911.]

Neues Abkommen mit +Japan+ über die +Mandschurei+ (vgl. S. 422f.).

Verständigung (Entente) mit +Japan+ und endgültiger Ausgleich aller durch den Krieg von 1904–1905 bedingten Ansprüche ohne Hilfe eines Schiedsgerichts. -- Rußland, das mit England noch 1907 die Unantastbarkeit und Unabhängigkeit +Persiens+ verkündet, aber bereits 1909 ein gemeinsames Einschreiten gegen die Regierung des Schah und eine Teilung des Landes in eine russische (Norden) und englische (Süden) Interessenzone vereinbart hat, greift 1911 in die persischen Wirren ein (s. S. 419).

Abschluß einer Militärkonvention mit +Bulgarien+.

[1912.]

Rußland erkennt die Unabhängigkeit der +Mongolei+ (s. S. 422) an und gesteht der Regierung in China nur die Aufsicht zu über die auswärtigen Beziehungen des Landes.

§ 12. Die dritte französische Republik.

~Frankreich~ Republik seit 1871; ein Versuch, den Grafen Chambord (S. 349) als König einzusetzen, scheitert an dessen Weigerung, bestimmte Versprechungen zu geben und die Tricolore anzunehmen (1873, Okt.) Gesetz über allgemeine Wehrpflicht 1872. Organisationsgesetz 1873. Frankreich in 18 Regionen eingeteilt, denen je ein Armeekorps entspricht; das 19. in Algier. (1897 Einteilung in 19 Regionen; daher 20. Armeekorps eingerichtet.)

[1873–1879.]

Präsident +Mac-Mahon+, Nachfolger von Thiers. Marschall +Bazaine+, vom Kriegsgericht wegen der Übergabe von Metz zum Tode verurteilt, vom Präsidenten zu zwanzigjähriger Haft begnadigt, entkommt 1874 nach Spanien, stirbt dort 1888. Feststellung der +Verfassung+ 1875: Präsident auf 7 Jahre, Senat, Deputiertenkammer. -- +Napoleon III.+ stirbt im Januar 1873 zu Chislehurst in England; sein Sohn fällt 1879 im Kriege der Engländer gegen die Zulukaffern, als Freiwilliger kämpfend.

[1879–1887.]

Präsident +Grévy+, 1885 wiedergewählt. Unterrichtsgesetz 1880 zur Beschränkung des Einflusses der Geistlichkeit; Ausweisung der Jesuiten, doch nicht streng durchgeführt. +Gambetta+ Nov. 1881 Ministerpräsident, tritt aber nach zwei Monaten zurück, da die von ihm vorgeschlagene Änderung des Wahlgesetzes (Listenwahl statt Einzelwahl) abgelehnt wird. Starke Heeresrüstung, doch wird der Rachekrieg gegen Deutschland vertagt; der Kriegsminister +Boulanger+ tritt zurück (Mai 1887), Frankreich wendet sich einer ~weitgreifenden Kolonialpolitik~ zu. Grévy dankt 1. Dez. 1887 ab.

[1883.]

+Brazza+ legt die Station +Brazzaville+ am +Stanley Pool+ an und stellt eine Verbindung der Küste mit dem +Kongo+ her. Auf der Kongo-Konferenz 1885 setzt Frankreich die Ausdehnung der bisherigen Kolonie +Gabun+ bis zum rechten Ufer des +Kongo+ durch. Von hier -- +»Französisch-Kongo«+ -- aus dringen die Franzosen bis zum +Tsadsee+ vor und gewinnen durch Vertrag mit dem Deutschen Reich 1894 das Hinterland von Kamerun bis über den +Schari+ hinaus (Äquatorial-Afrika, S. 396). 1908 die Grenze zwischen Französisch-Kongo, Kamerun und dem Kongostaat endgültig festgelegt.

[1881.]

~Frankreich~ nimmt ~Tunis~ in Besitz, ohne die Proteste der Türkei und die Verstimmung Italiens zu beachten.

[1883.]

Das Reich ~Anam~ in Hinterindien (vgl. S. 369) tritt die Provinz +Tonking+ an Frankreich ab und wird bald darauf französischer Schutzstaat. Frankreich behauptet diese Erwerbung im Kriege gegen China (1884–1885).

[1885.]

Die Insel ~Madagaskar~ kommt unter französische Schutzherrschaft; die Regierung der Königin der malaiischen +Hova+, +Ranavalo Manjaka III.+, in +Tananarivo+ 1896 aufgehoben.

[1887–1894.]

Präsident +Carnot+; Wehrgesetz, Freundschaft mit Rußland. Carnot wird von einem Italiener ermordet, sein Nachfolger +Périer+ dankt Jan. 1895 ab, dann folgt +Faure+, 1899–1906 +Loubet+, beide bemüht, die Freundschaft mit Rußland zu erhalten. 1897 Unfallversicherung, 1901 Vereinsgesetz zur Beschränkung der geistlichen Orden und Kongregationen. 1903 Unterrichtsgesetz, Einrichtung weltlicher Volksschulen an Stelle der von Geistlichen geleiteten. 1905 Gesetz über Trennung von Kirche und Staat; deshalb Streit mit der katholischen Kirche. Der Kirchenbesitz wird den Gemeinden überwiesen. Gesetz über Altersunterstützung und Sonntagsruhe. Seit 1906 Präsident +Fallières+. 1907 und 1911 Winzerunruhen. Die Beziehungen Frankreichs zu England gestalten sich immer enger; das Bündnis mit Rußland bleibt erhalten.

[1890.]

Frankreichs Herrschaft im Gebiet des mittleren +Niger+ (Sudan), der westlichen und mittleren +Sahara+ von England anerkannt (S. 407) und 1904 erweitert (s. S. 405).

[1891.]

~Tahiti~, schon früher französischer Schutzstaat, wird nach dem Tode des englisch-protestantischen Königs Pomare V. französisches Gebiet.

[1892.]

+Behanzin+, König von +Dahomey+, (Ober-Guinea) besiegt. Sein Reich wird französische Kolonie.

[1893.]

In Hinterindien weiter vordringend nimmt Frankreich einen großen Teil des Reiches ~Siam~ in Besitz. 1904 der +Menam+ als Grenze der französischen und englischen Einflußsphäre festgesetzt. 1907 wieder 3 Provinzen an der Grenze von Kambodscha an Frankreich abgetreten.

[1898.]

Frankreich versucht vom Kongo aus vordringend +Faschoda+ am oberen Nil zu besetzen (General +Marchand+), wird aber durch Kriegsdrohung Englands und Einmarsch des Gen. +Kitchener+ genötigt, dies aufzugeben.

[1905.]

Nach +Abschluß eines Vertrages mit England+ (8. April 1904), der alle kolonialen Differenzen aus dem Wege räumt (Frankreich erkennt Englands Herrschaft in Ägypten an, England räumt den Franzosen die Vorherrschaft in +Marokko+ ein u. a. m.), sucht Frankreich die Schutzherrschaft über das Reich ~Marokko~ zu erwerben. Widerspruch ~Deutschlands~; Reise Kaiser Wilhelms II. nach +Tanger+. Eine Konferenz der am Handel mit Marokko beteiligten Staaten in +Algeciras+ (bei Gibraltar) beschließt (Febr. 1906) Reformen für Marokko unter gemeinsamer Aufsicht der in Tanger wohnenden Gesandten. Frankreich erhält eine bevorzugte Stellung in Marokko.

Ein östlicher, an Tunis angrenzender Teil des Reiches Marokko bleibt von den Franzosen besetzt; 1907 besetzen sie auch die Hafenstadt +Casablanca+ und das benachbarte Schauja-Gebiet. Sultan Muley Hafid, seit 1908 von den europäischen Staaten anerkannt, sucht sich ihren Forderungen zu entziehen. 1909 Krieg +Spaniens+ gegen die +Rifkabylen+. Schwere Kämpfe um +Melilla+ (s. S. 413). Die Häuptlinge unterwerfen sich. Gleichzeitig der Thronprätendent +Bu Hamara+ im Kampfe gegen Muley Hafid. Ersterer besiegt und gefangen. Die Konsuln der Mächte schreiten ein gegen Muley Hafids Grausamkeiten.

[1911.]

Neue Unruhen in Marokko. Der Sultan, von feindlichen Stämmen in +Fez+ eingeschlossen, ruft +Frankreichs+ Hilfe an. Darauf französische Expedition nach Fez, angeblich zum Schutz der bedrohten Europäer. Der Sultan gerät ganz in die Gewalt der Franzosen. Diese treten ziemlich unbeschränkt im Lande auf. (Juli) Entsendung eines deutschen Kriegsschiffes nach +Agadir+ zur Verteidigung bedrohter deutscher Interessen. Nach schwierigen Unterhandlungen, wobei Frankreich von dem verbündeten England geleitet und unterstützt wird, 4. Nov. ~Marokkoabkommen zwischen Deutschland und Frankreich~: +Deutschland verzichtet auf jeden Landerwerb im Scherifenreich+ (+Sus+-Provinz), nachdem seine handelspolitischen und wirtschaftlichen Interessen nach Möglichkeit sicher gestellt sind. +Frankreich übernimmt das Protektorat in Marokko+, tritt von ~Äquatorial-Afrika~ ein Gebiet von etwa 300000qkm im Süden und Osten von +Kamerun+ mit Zugang zum +Kongo+ und +Ubangi+ an das Deutsche Reich ab. Das Dreieck zwischen +Logone+ und +Schari+ (12000 qkm) von Deutschland an Frankreich überlassen.

Frankreich erwirbt einen erheblichen Teil der Negerrepublik +Liberia+. Östlich von Tunis besetzt es die Oase +Djanet+ (zu Tripolis gehörig).

§ 13. England.

~England~ 1837–1901 unter der ~Königin Viktoria~ (S. 353) ist hauptsächlich bestrebt, sein ungeheures ~Kolonialreich~ zu erhalten und zu erweitern.

[1867.]

Krieg gegen Negus +Theodor von Abessinien+. Magdala von Sir Robert +Napiers+ mit indischen Truppen erstürmt; Theodor †. Abessinien wird von den Engländern geräumt.

[~1869.~]

~Der Suez-Kanal~ eröffnet, 160 km lang; nach zehnjähriger Bauzeit vollendet unter Leitung des Franzosen Ferdinand +de Lesseps+ (früher franz. Konsul in Kairo). Abkürzung des Seewegs nach Indien, Ostasien, Australien. Jährlich benutzen den Kanal jetzt gegen 4000 Schiffe.

[1876.]

Die Königin Viktoria nimmt auch den Titel ~Kaiserin von Indien~ an. Seitdem nach jedem Thronwechsel besondere Krönungsfeierlichkeiten in +Delhi+ (S. 219).

[1877–1881.]

Krieg in ~Afghanistan,~ um die dem Emir 1869 auferlegte Schutzherrschaft zu erhalten General +Roberts+ besetzt 1879 die Hauptstadt Kabul und dringt bis Kandahar vor (s. S. 419f.).

[~1877.~]

Erweiterung des Besitzes in ~Südafrika.~ Die +Transvaalrepublik+, begründet 1848 von holländischen Buren, die aus der +Kapkolonie+[61] auswanderten, wird dem englischen Kolonialgebiet einverleibt; bald wird auch ein großer Teil des Kaffernlandes englischer Schutzstaat. Unabhängig bleibt der 1854 von England anerkannte +Oranje-Freistaat+.

[1878.]

England nimmt +Cypern+ in Verwaltung (S. 401).

[1879.]

Krieg gegen die +Zulukaffern+ (Cetewayo). Prinz Louis Napoleon † (S. 403).

[~1881.~]

Erhebung der ~Buren~ gegen die englische Herrschaft und Sieg bei +Majubahill+. Die Transvaalrepublik (Südafrikanische Republik) wieder hergestellt, doch behält England in dem 1884 geschlossenen Vertrage sich die Genehmigung der Verträge dieses Staates mit anderen Staaten vor.

[1882.]

Besetzung von ~Ägypten~, veranlaßt durch einen Militäraufstand in Alexandrien unter +Arabi Pascha+ gegen den Khedive +Tewfik+ und durch die Ermordung vieler Europäer; Arabi bei +Tel-el-Kebir+ von +Wolseley+ besiegt und gefangen. Dem Namen nach bleibt die Regierung des dem türkischen Sultan tributpflichtigen Vizekönigs (Khedive); tatsächlich wird ~Ägypten ein englischer Schutzstaat.~ Neuordnung der Verwaltung und des Heeres (+Baring+ und +Kitchener+); Nilstauwerk bei +Assuan+.

[1883–1885.]

Aufstand des ägyptischen Sudan gegen die Engländer unter Führung des ~Mahdi~, eines mohammedanischen Propheten. Vernichtung eines ägyptischen Heeres von 11000 Mann (+Hicks Pascha+) bei +El Obeïd+. Der englische General +Gordon+ versucht +Khartum+ zu behaupten, wird bei der Eroberung der lange belagerten Stadt von den Truppen des Mahdi getötet (Jan. 1885). Fruchtlose Nilexpedition der Engländer; sie behalten im Sudan nur den Hafen +Suakin+, verteidigen aber Ägypten mit Erfolg gegen wiederholte Angriffe der Mahdisten (1885–1898). In der +Äquatorprovinz (Wadelai)+ hält sich der deutsche Afrikaforscher +Emin Pascha+ (Dr. Schnitzer) als Statthalter des Khedive, bis er 1889 von +Stanley+ nach der Küste (Bagamoyo) geführt wird. 1893 wird Emin bei einem Versuch, bis zum Kongo vorzudringen, ermordet.

[1884.]

Britisch ~Neu-Guinea~ wird unter englischen Schutz gestellt.

[1886.]

England erweitert sein indisches Reich durch völlige Unterwerfung von ~Birma~ in Hinterindien (S. 353).

[~1889.~]

Vertrag mit Deutschland und den Vereinigten Staaten über die ~Samoa~-Inseln.

[~1890.~]

Vertrag mit Deutschland über ~Ostafrika.~ Das Wituland, Uganda und Sansibar englisch; das deutsche Gebiet zwischen Kilimandscharo und Rovumafluß reicht im Innern bis zu den großen Seen.

Vertrag mit Frankreich über ~Westafrika~: England herrscht im Gebiet des unteren Niger (+Nigeria+) bis zum Tsadsee. Abgrenzung der englischen und französischen Gebiete gegen das Deutsche Hinterland von ~Kamerun~ durch Verträge mit dem Deutschen Reiche 1893 und 1894.

[1890–1893.]

England erweitert sein Gebiet in ~Südafrika~ durch Unterwerfung des +Betschuana+- und +Matabele-+Landes. +Cecil Rhodes+, Leiter der Britischen Südafrika-Gesellschaft, seit 1890 Minister der Kapkolonie, verfolgt noch weitergreifende Pläne, findet aber Widerstand bei den +Buren+-Republiken (S. 408). Transvaal wehrt einen Einfall englischer Streifscharen (800 Mann) unter +Jameson+ bei +Krügersdorp+ ab (1. Jan. 1896). Jameson gefangen, an England ausgeliefert, zu längerer Haft verurteilt, aber bald begnadigt.

[1897.]

Die Engländer besetzen +Tirah+, ein afghanisches Grenzgebiet.

[1898.]

England gewinnt die Herrschaft über den ~ägyptischen Sudan~ zurück; General Kitchener siegt bei +Omdurman+ und erobert +Khartum+.

[1899.]

Abermaliger Vertrag über die ~Samoa~-Inseln; sie werden geteilt zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten. England verzichtet auf einen Anteil, erhält dafür bedeutenden Gebietszuwachs im Hinterlande von Togo, außerdem die +Tonga+inseln und die Inseln +Choiseul+ und +lsabel+ (Salomoninseln).

[1899–1902.]

~Krieg Englands gegen die Buren in Südafrika.~

Äußerer Anlaß: Zurücksetzung der Ausländer in Transvaal. Die Buren in Transvaal (Präsident +Krüger+) schließen ein Bündnis mit dem Oranje-Freistaat (Präsident +Steijn+) und erklären den Engländern den Krieg. Sie dringen in das englische Gebiet +Natal+ ein und führen den Krieg anfangs erfolgreich. Einschließung einer englischen Division in +Ladysmith+; die Entsatzversuche des Gen. +Buller+ werden (Dez.) bei +Colenso+ und (Jan. 1900) am +Spion-Kop+ abgeschlagen. Ebenso werden englische Truppen, die in den westlichen Teil von Transvaal eingedrungen sind, in +Kimberley+ und +Mafeking+ eingeschlossen.

[1900.]

Umschwung zu Gunsten der Engländer, nachdem Lord +Roberts+ den Oberbefehl übernommen hat; ihr Heer wird bald auf 100000 Mann gebracht, gegen etwa 45000 Buren. Doch erschwert die weite Ausdehnung des Kriegsschauplatzes die Erfolge. Im Febr. wird +Kimberley+ entsetzt, Gen. +Cronje+ mit 4000 Buren am Modderfluß gefangen. Auch +Ladysmith+ wird von Gen. Buller entsetzt. Roberts mit der Hauptmacht besetzt +Blomfontein+, Hauptstadt des Oranje Freistaats, dann weiter +Johannesburg, Pretoria+, Hauptstadt von Transvaal, Middelburg, Lydenburg. Im Rücken des englischen Heeres beginnen die Burenführer +de Wet+ und +Olivier+ einen erfolgreichen Kleinkrieg; in der Kapkolonie erheben sich die +Afrikander+ zu Gunsten der Buren. Präsident +Krüger+ reist nach Europa, um Hilfe zu suchen, wird in Frankreich und den Niederlanden begeistert aufgenommen, erlangt aber keine Einmischung in den Krieg. († 1904 in der Schweiz.)

[1901–1902.]

Fortdauer des Kleinkrieges. Die Engländer unter +Kitchener+ (über 200000 Mann) versuchen vergeblich die von +Botha, de Wet+ u. a. geführten Streifscharen der Buren einzuschließen, führen aber viele Gefangene, namentlich Frauen und Kinder, hinweg in die durch Stacheldraht eingehegten Konzentrationslager. Andere werden nach Ceylon, Indien, St. Helena gebracht. Unterstützung mit Geldmitteln und Kriegsbedarf aus den Niederlanden, Frankreich und Deutschland reicht nicht aus, um den Buren zum Siege zu verhelfen. Friedensschluß 31. Mai 1902: die Burenstaaten sind aufgehoben: die Buren müssen in die Einverleibung ihrer beiden Staaten in das britische Südafrika willigen; jedoch wird ihnen baldige Selbstverwaltung versprochen (S. 409). Sie erhalten als englische Untertanen zur Herstellung zerstörter Wohnorte eine Beihilfe von 3 Mill. Pfund Sterling (60 Mill. Mark).

[1900.]

Die englischen Kolonien in ~Australien~ (S. 302) werden durch eine Bundesverfassung zu +einem+ Staat (Commonwealth) vereinigt.

Unter der langen Regierung der Königin Viktoria wechseln konservative und liberale Ministerien miteinander. 1843 irische Waffenbill (verbietet Einführung von Waffen nach Irland). 1845 Steuer- und Zollreform. 1869 Aufhebung der irischen Staatskirche. 1881 irische Landbill, vom Minister +Gladstone+ beantragt, um die Mißstände und Unruhen in Irland zu bessern. 1885 Parlamentsreform (vgl. S. 348), nachdem schon 1867 das Wahlrecht erweitert war; Bildung gleichmäßiger Wahlkreise, das Wahlrecht bleibt an den Nachweis einer eigenen, wenn auch gemieteten Wohnung geknüpft (Minimalmietzins 10 Pfund Sterling). Der 1886 mit großer Mehrheit verworfene Antrag Gladstones, für Irland ein eigenes Parlament einzurichten (+Home-rule-bill+) wird 1893 vom Unterhaus angenommen, vom Oberhaus und dann von den Wählern verworfen. 1897 Haftpflichtgesetz zum Schutze der Arbeiter.

[~1901–1910.~ Jan. Mai.]

~König Eduard VII.~ (S. 352). Der Minister +Chamberlain+ betreibt einen engeren Anschluß der Kolonien an das Mutterland (Zollbund und Beiträge zur Unterhaltung der Kriegsflotte), tritt aber 1903 zurück. Neue irische Landbill 1903; die Pächter können mit Beihilfe des Staates Landeigentümer werden. Die Einsetzung eines Verwaltungsrats für Irland, 1907 vom Unterhause beschlossen, wird nicht vollzogen, da die Iren Widerspruch erheben und ein eigenes Parlament fordern. 1908 Gesetz über Altersunterstützung. 1909–1910 sozialpolitische Gesetzgebung. +Lord Roberts’+ Antrag auf Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 1909 vom Oberhaus abgelehnt.

[1904.]

Englisch-französischer Vertrag über Ägypten und Marokko (s. S. 405). Die Neutralität des Suezkanals durch England garantiert.

[1904.]

Englische Expedition von Indien aus nach ~Tibet.~ +Lhassa+, Residenz des +Dalai-Lama+, des Oberhauptes der Buddhisten, erreicht. Ergebnis: Tibet darf ohne Englands Zustimmung kein Gebiet an eine fremde Macht abtreten und keine Erlaubnis zur Anlage von Eisenbahnen, Telegraphenlinien und Bergwerken geben.

[1909.]

Englisch-russisches Abkommen über +Persien+ (s. S. 403). Das englische Parlament genehmigt eine Bundesverfassung für die ~Südafrikanische Union~ mit Einschluß der früheren Burenstaaten, welche die 1902 versprochene Selbstregierung 1906 erhielten. +Botha+ Premier-Minister.

+Siam+ tritt die Staaten +Kelantan, Trengganu+ und +Kedah+ (auf Malakka) an England ab.

[1910-x.]

~König Georg V.~

[1911.]

Englisch-amerikanischer Schiedsvertrag. Infolgedessen Revision des englisch-japanischen Bündnisses (s. S. 423).

Japan nähert sich Rußland wieder (s. S. 402).

Durch die radikale Parlamentsbill (+Vetobill+) des Ministers +Asquith+ wird das Oberhaus fast aller seiner Rechte beraubt; es behält nur ein aufschiebendes Veto.

Während des Krönungsdurbar in Indien (Delhi) wird der alte Herrschersitz ~Delhi~ (S. 219, 300, 368) von König Georg V. an Stelle von +Kalkutta+ zur ~Hauptstadt Indiens~ erhoben.

Englisch-ägyptische Truppen besetzen den Hafen und das Gebiet von +Solum+ im Osten der +Cyrenaica+ (Tripolis).

§ 14. Holland, Luxemburg, Belgien, Dänemark, Skandinavien, Schweiz.

Das Königreich der ~Niederlande~ unter +Wilhelm III.+ 1849 bis 1890 (vgl. S. 340 u. 363). 1873–1879 Krieg gegen den Sultan von +Atschin+ auf Sumatra. Der Widerstand der Atschinesen erst 1895 gebrochen. 1887 Verfassungsrevision. Nach dieser folgt dem König seine Tochter +Wilhelmina+, bis 1898 unter Vormundschaft der Mutter +Emma+ von Waldeck, seit 1901 mit dem Prinzen Heinrich von Mecklenburg-Schwerin vermählt. 1911 Gesetz über Alters- und Invalidenversicherung.

Das Großherzogtum ~Luxemburg~ (S. 380), seit 1842 im deutschen Zollverein, kommt 1890 durch männliche Erbfolge an +Adolf+, den früheren Herzog von +Nassau+ (S. 379). Ihm folgt 1905 sein Sohn +Wilhelm+, der letzte männliche erbberechtigte Oranier. Regentin die Großherzogin +Maria Anna+ von Braganza. Thronerbin: Prinzessin +Marie+ (kath.).

~Belgien~ unter +Leopold II.+ (1865–1909, s. S. 350) in friedlicher Entwickelung als Industriestaat, doch nicht ohne Parteikämpfe (Liberale und Klerikale) und Arbeiterunruhen.

[Sidenote:

1884–1885. Nov. Febr.]

~Konferenz zu Berlin~ unter Vorsitz des Fürsten +Bismarck+ über das durch +Stanleys+ Reise 1876 bis 1877 erschlossene ~Kongo~-Gebiet. Ein neutraler +Kongostaat+ wird gegründet unter der Oberhoheit Leopolds II., Königs der Belgier.

[1908.]

Der ~Kongostaat~ wird Kolonialgebiet des Königreichs ~Belgien.~

[1909-x.]

König +Albert I.+ Neffe Leopolds II. (S. 352). Gemahlin +Elisabeth+, Herzogin in Bayern.

[1910.]

Weltausstellung in +Brüssel+, zum Teil durch Feuer zerstört.

In ~Dänemark~ unter +Christian IX.+ (1863–1906) lange Zeit Zwiespalt zwischen Regierung und Volksvertretung, besonders wegen der Befestigung von Kopenhagen, 1901 beigelegt durch Nachgeben des Königs. Kopenhagen befestigt. Herstellung freundlicher Beziehungen zu Deutschland seit dem Tode der Königin +Luise+ 1898 (S. 362). König +Friedrich VIII.+ seit 1906, vermählt mit +Luise+ von Schweden. Befestigung der Verbindung mit den auswärtigen Besitzungen. 1904 neue Verfassung für +Island+. Reise des Königs +Friedrich VIII.+ nach +Island+. Eifrige Pflege der Handels- und Verkehrsbeziehungen. 1903 Dampffähre für Eisenbahnzüge zwischen +Warnemünde+ und +Gjedser+ eröffnet. (Direkte Dampferlinie +Kopenhagen-Bangkok+.) Entsendung des Prinzen Waldemar zur Krönung des Königs von +Siam+ 1911.

~Schweden,~ 1872–1907 unter +Oskar II.+, Bruder Karls XV. (S. 363), kann die seit 1814 bestehende Personalunion mit Norwegen nicht behaupten. Norwegen sagt sich 1905 los. Prinz Karl von Dänemark, Sohn Friedrichs VIII., Großneffe Oskars II., nennt sich als König von Norwegen +Hakon VII.+ (s. S. 215). Seine Gemahlin +Maud+, Tochter Eduards VII. von England. In +Schweden+ seit 1907 +Gustav V.+, Gemahlin +Viktoria+ von Baden. 1909 Dampffähre zwischen +Trelleborg+ und +Saßnitz+ (Rügen) eröffnet.

In der ~Schweiz~ 1874 Änderung der Bundesverfassung; für neue Gesetze wird der Bundesversammlung (S. 354) die Entscheidung entzogen und +Volksabstimmung+ (Referendum) vorgeschrieben, wenn 8 Kantone oder 30000 Bürger sie verlangen. Ein Gesetz über Kranken- und Unfallversicherung wird 1900 durch Volksabstimmung verworfen, 1912 angenommen.

1905 Internationale Arbeiterschutz-Konferenz in Bern. Durchstich des +Simplon+ 1906 vollendet, neue Eisenbahnverbindung mit Italien, für Frankreich erwünscht seit der Eröffnung der St. Gotthardbahn 1882. Bundespräsident ist seit 1903 Dr. +Deucher+.

§ 15. Italien.

~Italien,~ seit 1861 einheitliches Königreich unter ~Viktor Emanuel II.~ (S. 370, 379, 381).

Dem ~Papste~ ist durch das Garantiegesetz von 1870 der Besitz der Peterskirche, des Vatikan- und des Lateranpalastes, dazu ein Jahreseinkommen von über 3 Mill. Francs gesichert; aber der Anspruch auf Herstellung des Kirchenstaats wird von päpstlicher Seite nicht aufgegeben. Aufhebung vieler Klöster, doch bleiben die Ordensgenerale und die geistlichen Seminare in Rom unter dem Schutz des Papstes.

Unter König ~Humbert~ (1878–1900) schließt der Minister +Robilant+ 1887 den +Dreibund+ (S. 395), den der Ministerpräsident +Crispi+, mit Bismarck persönlich befreundet, aufrecht erhält. Sorge für Besserung der Finanzen, Ausbau der Eisenbahnen, Anbau der römischen Campagna, Ausgrabungen und Neubauten in Rom. Der König wird 1900 (Juli) von einem Anarchisten in Monza ermordet.

[1885.]

~Italien~ nimmt den Hafen +Massaua+ am Roten Meer in Besitz. Erweiterung des Gebiets im Kriege gegen den +Negus+ Negesti +Johannes+ von Abessinien 1887–1889 zur +Colonia Eritrea+. Neue Kämpfe mit dem Negus +Menelik+ (reg. 1889–1910 in Addis Abeba, seitdem sein Enkel +Lidj Jeassu+ [geb. 1896], zunächst unter Vormundschaft). 1896 Niederlage der Italiener bei +Adua+, nur Massaua mit dem Küstengebiet (118000 qkm.) wird behauptet.

[1887.]

Italien erwirbt das +Somali+gebiet.

[1900-x.]

~Viktor Emanuel III.~ (Gem. +Elena+ von Montenegro). Der Dreibund wird trotz aller Vorliebe der Italiener für die Franzosen aufrechterhalten. (1909 Begegnung des Königs mit Zar Nikolaus II. in +Racconigi+.)

[1906]

Verderblicher Ausbruch des Vesuv.

[1907, 28. u. 29. Dez.]

Messina und Reggio durch Erdbeben zerstört.

[1903.]

Papst Leo XIII. † (S. 393). Ihm folgt ~Pius X.,~ der sich 1907 in einer Allocution und einer Encyclica gegen den +Reformkatholizismus+ und die sog. +Modernisten+ wendet.

[1911–1912.]

~Krieg Italiens gegen die Türkei~: Italien, schon lange auf Ausbreitung seiner Macht in +Nordafrika+ bedacht (S. 404), erhält 1901 von Frankreich (und bald darauf auch von England) die Anerkennung seiner Anwartschaft auf +Tripolis+. Zunächst nur wirtschaftliche Durchdringung des Landes geplant. Infolge des deutsch-französischen Abkommens über Marokko 1911 will Italien seine Entschädigung in Tripolis suchen. Die Stadt Tripolis nach kurzem Bombardement besetzt (Okt.), ebenso +Benghasi, Derna+ und andere Hafenplätze. Im Nov. die unwiderrufliche Besitzergreifung von Tripolis und Cyrenaica verfügt und den Mächten angezeigt. Das Deutsche Reich übernimmt den Schutz der Italiener in der Türkei und der türkischen Untertanen in Italien. Einspruch von Rußland, Frankreich und England gegen eine Blockade der Dardanellen (S. 401). Unterstützung der Türken durch die Araber und die islamitische Welt. Die Eroberung des tapfer verteidigten Hinterlandes (Oasen Ain Zara, Tadjura, Birtobras, Gargaresch) geht nur langsam vorwärts. Im +Roten Meer+ werden Jan. 1912 sieben türkische Kanonenboote durch italienische Torpedobootzerstörer vernichtet. Der Krieg dauert noch fort.

§ 16. Die Pyrenäische Halbinsel.

~Spanien~: 1868 (Sept.) ~Aufstand~; +Königin Isabella II.+ (S. 351, 363) vertrieben, flüchtet nach Frankreich. Die nach Madrid einberufenen +Cortes+ beschließen, trotz des Widerstandes der republikanischen Partei, eine neue konstitutionell-+monarchische+ Verfassung; Marschall +Serrano+ einstweilen Regent. Nach mehrfachen Verhandlungen mit auswärtigen Fürsten nimmt Prinz +Leopold+ von Hohenzollern-Sigmaringen 1870 die spanische Krone an. Nach seinem Rücktritt wird während des deutsch-französischen Krieges der +Herzog von Aosta+, +zweiter+ Sohn des Königs +Viktor Emanuel II.+ von Italien, von den Cortes zum König gewählt und besteigt als ~Amadeo I.~ 1870 (s. a. S. 381) den spanischen Thron. Jedoch fortdauernde Parteikämpfe veranlassen Amadeo schon 1873 zur Abdankung. Dann Bürgerkrieg; gegen die in Madrid eingesetzte republikanische Regierung kämpfen die Anhänger des +Don Carlos+ (Enkel des S. 351 erwähnten). Herstellung der Monarchie 1875; König ~Alfons XII.~, Sohn der 1868 vertriebenen Königin Isabella bringt dem Lande Frieden, unterstützt von dem Minister +Canovas+. Don Carlos entflieht nach Frankreich. Alfons XII. stirbt 1885; für seinen Sohn ~Alfons XIII.~ regiert bis 1902 die Mutter Marie Christine von Österreich, unterstützt von dem Minister +Sagasta+.

[1898.]

+Krieg mit den Vereinigten Staaten von Amerika+ (S. 418).

[1899.]

An Deutschland werden gegen eine Geldentschädigung überlassen: die +Marianen+, +Karolinen+ (schon 1885 von Deutschland besetzt, aber durch Schiedsspruch des Papstes Leo XIII. den Spaniern zuerkannt) und +Palau-Inseln+ (S. 396). Spanien behält von seinem alten Kolonialbesitz nur noch die Kanarischen Inseln, Span. Guinea (Rio Muni, Fernando Po, Corisco), die Küste von Rio de Oro und die 5 +Presidios+ (Ceuta, Velez de la Gomera, Alhucemas, Melilla, Chafarinas) an der +Küste von Marokko+.

[1903 u. 1904.]

Sozialistische Aufstände, namentlich in +Barcelona+; doch bleibt die Monarchie erhalten.

[1906.]

Vermählung des Königs mit Viktoria +Eugenie+ (Ena) von Battenberg (Nichte Eduards VII. von England). Bombenattentat am Hochzeitstage des Königpaares.

[1909.]

Tod des Prätendenten Don Carlos.

[1909–1910.]

~Krieg gegen die Rifkabylen in Marokko~, die ein 300 km langes, 100 km breites Gebiet vom Kap Tres Forcas, unweit Melilla, bis an die Straße von Gibraltar beherrschen. Blutige Kämpfe um +Melilla+. Infolge der Truppensendungen nach Afrika schwere Ruhestörungen in Barcelona und ganz Katalonien. Der »Freiheitsapostel« +Ferrer+ trotz vieler Protestkundgebungen hingerichtet.

[1910.]

Erneuerte Kämpfe um ~Melilla~. 1911 (Jan.) Reise des Königs Alfons XIII. nach Marokko. Endlich (Nov.) Friedensvertrag mit den Kabylen.

Unterdessen und besonders infolge des deutsch-französischen Marokkoabkommens (S. 405) auch manche Reibereien zwischen Spaniern und Franzosen in Marokko. Die Verhandlungen mit Frankreich über die Abgrenzung der spanischen Besitzungen und Rechte in Marokko sind zur Stunde noch nicht abgeschlossen.

~Portugal~ (S. 363) gelangt nach früheren Bürgerkriegen zu ruhigeren Zuständen unter den Königen aus dem Hause +Koburg+, seit 1853 (S. 352). Doch erhebt sich 1907 eine starke Bewegung gegen den Ministerpräsidenten Franco; am 1. Febr. 1908 wird König +Karl I.+, mit ihm der Kronprinz Ludwig Philipp von Verschwörern erschossen. Sein zweiter Sohn und Nachfolger +Manuel II.+ wird 1910 (Okt.) durch eine Revolution vertrieben, lebt in England. Portugal als ~Republik~ von den Mächten anerkannt. Trennung von Kirche und Staat durchgeführt. Bewegungen zu Gunsten der Monarchie mehrfach unterdrückt. Präsident: +Manuel d’Arriaga+ (seit 1911).

§ 17. Die Balkanhalbinsel.

~Rumänien~ (S. 367, 399ff.) nimmt auf fast allen Gebieten einen erfreulichen Aufschwung. Eifrige Sorge des Fürsten Karl für Heer und Landesbefestigungen, Finanzen und Unabhängigkeit des Landes, Handel und Ackerbau, Volksbildung und Gesetzlichkeit. 1881 erklären die Kammern Rumänien als +Königreich+. ~König Karl I.~ erhält gute Beziehungen zum Dreibund, schließt eine Militärkonvention mit Österreich.

In ~Serbien~ nimmt Fürst +Milan+ (Obrenowitsch) 1882 den +Königstitel+ an, dankt aber 1889 ab zu Gunsten seines 12jährigen Sohnes +Alexander+. Dieser erklärt sich bereits 1893 für mündig, wird 1903 samt seiner Gemahlin +Draga+ durch eine Verschwörung ermordet. Milan, von seiner Gemahlin +Natalie+ geschieden, † 1901 in Wien. Seit 1903 ~Peter I.~ (Karageorgiewitsch) ~König~ von ~Serbien~ (s. S. 399).

In ~Montenegro~ seit 1860 Fürst ~Nikita~ (Nikolaus). Bei der Feier seines Regierungsjubiläums 1910 nimmt er ebenfalls den +Königstitel+ an.

In ~Bulgarien~ wird 1879 Prinz +Alexander+ von Battenberg (Hessen), ein Neffe des russischen Kaisers Alexander II. von der Sobranje (Deputiertenkammer) zum Fürsten erwählt.

[1885.]

Erhebung der +Bulgaren+ gegen die Türken; +Ostrumelien+ (S. 401) vereinigt sich mit dem Fürstentum +Bulgarien+, gegen Rußlands Willen. +Serbien+ (König Milan) beginnt Krieg gegen Bulgarien. Fürst Alexander besiegt die Serben bei +Slivnitza und Pirot+ (Nov. 1885), schließt aber auf Verlangen Österreichs Frieden. Er wird 1886 von der russischen Partei vertrieben, doch bleibt Ostrumelien mit Bulgarien vereinigt. Sein Nachfolger ~Ferdinand I.~ von Koburg-Kohary (S. 352) stützt sich zunächst auf Österreich, wird 1896 auch von Rußland anerkannt. Seine Diplomatie und das Ansehen seines Heeres setzen ihn in den Stand, 1908 die +Erhebung+ ~Bulgariens~ (mit Ostrumelien) zu einem von der Türkei völlig unabhängigen ~Königreich~ ohne Schwertstreich durchzusetzen. Seitdem entschiedene Anlehnung an Rußland.

~Griechenland~, seit 1863 unter ~König Georg I.~ (v. Dänemark), 1864 durch Abtretung der +Ionischen Inseln+ von seiten Englands (s. S. 341) vergrößert, erhält 1881, da die Großmächte ihr Verlangen an die Türkei (S. 401) erneuern, Thessalien und einen kleinen Teil von Epirus.

[1897.]

+Krieg Griechenlands gegen die Türkei+, veranlaßt durch einen Aufstand auf der Insel +Kreta+ gegen die türkische Herrschaft. Die Griechen werden in Thessalien und Epirus geschlagen, müssen Frieden schließen und Kriegskosten zahlen. Kreta erhält auf Verlangen der europäischen Großmächte selbständige Verwaltung unter türkischer Oberhoheit; Prinz Georg von Griechenland Gouverneur bis 1906. Die Nichtbenutzung der Gelegenheit, die Insel Kreta in dem Augenblick anzugliedern, wo Österreich und Bulgarien 1908 Bosnien und Ostrumelien einverleibten, ruft in Griechenland lebhafte Erregung hervor, besonders im Heere. Mehrere Prinzen scheiden 1909 aus Armee und Flotte aus und erhalten mehrjährigen Auslandsurlaub. Auf Kreta (August 1909) überall die griechische Flagge gehißt. Die türkische Oberhoheit bleibt jedoch erhalten.

Das ~türkische Reich~, seit 1878 (russisch-türkischer Krieg, s. S. 399ff.) in seinem europäischen Bestande sehr eingeschränkt (S. 401), hat immer wieder mit Empörungen seiner christlichen Untertanen zu kämpfen.

[1895.]

Blutige Verfolgung der +Armenier+ und der +syrischen Christen+; England, Frankreich und Rußland gebieten Einhalt.

[1903.]

Aufstand in ~Macedonien~, von den +Bulgaren+ unterstützt; Österreich und Rußland nötigen die türkische Regierung zu Reformen, die aber nur halb zur Ausführung kommen. Der Kriegszustand dauert fort.

[1908.]

Für die ~Türkei~ erzwingt ein Militäraufstand (Jungtürken) vom Sultan +Abdul Hamid+ (1876–1909) die Gewährung einer +Verfassung+ (Senat und Deputiertenkammer), die schon 1876 verkündet, aber nach kurzer Zeit wieder aufgehoben worden war. Bosnien (S. 398 f.), Ostrumelien (s. oben) verloren; Novipazar wieder gewonnen (S. 398, 399).

[1909.]

Sultan Abdul Hamid ebenso wie 1876 sein älterer Bruder Sultan +Murad V.+ abgesetzt. Seitdem Sultan ~Mohammed V.~

[1911.]

Die türkische Regierung beschränkt die Weiterführung der von Konstaninopel ausgehenden +Anatolischen Eisenbahn+ (~Bagdadbahn~; ihre Erbauung 1893 durch +Georg von Siemens+ für die deutsche Arbeit [Deutsche Bank] gesichert, zunächst bis Kaisarie gestattet, 1902 einem deutsch-französischen Syndikat übertragen) auf die Strecke +El Halif+ (zwischen Harran und Mosul) bis +Bagdad+. Später soll +Kuweit+ am Persischen Meerbusen Endpunkt sein. Zweigbahn nach +Alexandrette+, Anschluß an die +Hedschas+bahn von +Damaskus+ nach +Medina-Mekka+ und die russisch-persischen Bahnen über Teheran nach Bagdad gesichert (S. 397).

[1911–1912.]

+Italienisch-türkischer Krieg+ (s. S. 412).

§ 18. Amerika.

Die ~Vereinigten Staaten~ von Amerika, deren Gebiet seit 1848 bis zum Stillen Ozean reicht (S. 301 f.), an Volkszahl schnell wachsend durch Einwanderung aus Europa (1860: 31½ Mill. Einwohner), aufblühend durch Handel und großstädtische Industrie, geraten in schwere Gefahr durch Zwiespalt zwischen den Nordstaaten und den Sklaven haltenden Südstaaten. Die Wahl +Abraham Lincolns+ zum Präsidenten der Union von seiten der Nichtsklavenstaaten führt zum

[~1861–1865.~]

~Bürgerkrieg~. Die 11 Südstaaten erklären ihren Austritt (secession) aus der Union und schließen einen +Sonderbund+. +Jefferson Davis+ Präsident. Sie erklären die Fortdauer der Negersklaverei wegen des Plantagenbaues (Zucker, Reis, Tabak, Baumwolle) für notwendig. Hauptschauplatz des Krieges der zu den Südstaaten gehörige Staat +Virginia+ und das angrenzende +Maryland+. Die Sonderbundstruppen bedrohen 1861 nach dem Siege bei +Bull-Run+ und 1862 nach der siebentägigen Schlacht bei +Richmond+ die Bundeshauptstadt Washington, werden jedoch wieder zurückgedrängt. Die Unionstruppen erobern 1862 +New-Orleans+, 1863 +Vicksburg+ am Mississippi.

[1863. 1. Jan.]

Eine Proklamation Lincolns erklärt alle Sklaven der Südstaaten für frei. Der Südstaatengeneral +Lee+ siegt bei +Fredericksburg+ (Virginia), überschreitet den Grenzfluß Potomac, wird aber bei +Gettysburg+ in Pennsylvanien zurückgeschlagen.

[1864.]

Der Nordstaatengeneral +Grant+ kämpft gegen Lee in der +Wilderness+ und bei +Spotsylvania+, belagert ihn dann in der starken Stellung zwischen den Festungen +Richmond+ und +Petersburg+. Ein zweites Heer der Nordstaaten unter +Sherman+ siegt bei +Atlanta+ im Staate Georgia, dringt bis zur Küste vor nach Savannah, zieht im Frühjahr 1865 gegen Petersburg heran.

[1865. April.]

General Lee räumt Richmond und Petersburg, kapituliert mit 26000 Mann, bald darauf ergeben sich auch die übrigen Truppen der Südstaaten. Die Union bleibt erhalten, doch fügen die Südstaaten sich nicht bedingungslos.

Präsident +Lincoln+, der umsichtige Leiter der Union, wird von einem Anhänger der Südstaaten ermordet (14. April); sein Nachfolger +Johnson+ zeigt sich nachgiebiger in der Sklavenfrage und gerät deshalb in Konflikt mit dem Kongreß, welcher die Aufhebung der Sklaverei im ganzen Unionsgebiet als Gesetz verkündet und den Negern Bürgerrecht und Stimmrecht verleiht. Daraus ergeben sich Übelstände, die zur Folge haben, daß unter dem Präsidenten +Grant+ (1869–1877) die Südstaaten in mancher Hinsicht noch unter der Diktatur des Kongresses bleiben.

Aussöhnung erst unter Präsident +Hayes+ (1877–1881), der auch die bei großer Steigerung des Handelsreichtums eingerissene Bestechlichkeit und Ämterjagd bekämpft, unterstützt von dem Deutschen +Karl Schurz+ als Minister des Innern. Sein Nachfolger +Garfield+, der diese Bestrebungen weiterführt, wird nach wenigen Monaten ermordet (1881).

[1867.]

Erwerbung des russischen Amerika (Alaska) für 7200000 Dollar.

[1869.]

Eröffnung der ersten +Pacificbahn+ (Omaha bis San Francisco). Schnellere Verbindung zwischen den Küsten des Atlantischen und des Großen Ozeans.

Auf die Streitigkeiten der +mittel-+ und +südamerikanischen Republiken+ wirkt die Union oft vermittelnd ein, so 1869 bei dem Frieden zwischen Spanien und dem erfreulich aufstrebenden ~Chile~, das 1879–1884 Bolivia und Peru niederwirft, aber 1891 in einen gefährlichen Bürgerkrieg hineingerissen wird. In ~Brasilien~ wird 1889 eine Föderativrepublik von 20 Staaten (Vereinigte Staaten von Brasilien) eingerichtet (1888 die Sklaverei plötzlich abgeschafft); Kaiser Pedro II. (S. 346) zieht sich nach Portugal zurück. Seit 1910 Präsident +Hermes da Fonseca+. Gegenüber den europäischen Staaten nimmt die Union öfters eine feindliche Haltung an; s. Frankreich S. 371. Streit mit +England+ über Schadenersatz, weil während des Bürgerkrieges Kaperschiffe für die Südstaaten in England ausgerüstet waren; ein Schiedsgericht zu Genf entscheidet 1872, daß England über 3 Mill. Pfund Sterling zu zahlen habe.

In der Union stark anwachsende Bevölkerung; 1890: 63 Mill., 1910: 88 Mill. Einwohner. Viele Eisenbahnen gebaut, um das weite Gebiet aufzuschließen (vgl. S. 421). Die Mac Kinley-Bill 1890 erhöht den Zolltarif der Vereinigten Staaten, um die europäische Einfuhr zu beschränken; 1891 Gesetz gegen die Einwanderung unbemittelter Personen.

[1896–1901.]

Präsident +Mac Kinley+; die Union beginnt auswärtige Besitzungen zu erwerben, zuerst 1897 die +Sandwich-Inseln+ annektiert (seit 1900 Territorium).

[1898.]

~Krieg gegen Spanien~ zur Unterstützung der schon 1895 auf +Cuba+ und den seit 1569 spanischen +Philippinen+ (S. 223, 242) ausgebrochenen Aufstände. Die spanische Flotte wird in zwei Seetreffen, bei +Cavite+ (Insel Luzon) und +Santiago+ (Insel Cuba) vernichtet. Im Frieden zu +Paris+ tritt Spanien Puerto Rico und die Philippinen gegen eine Geldentschädigung an die Union ab. +Cuba wird eine Republik+, muß aber der Union gewisse Aufsichtsrechte und mehrere Flottenstationen einräumen (Insel Guam s. S. 426).

[1899.]

Bei der Teilung der +Samoa+-Inseln (S. 407) nimmt die Union +Tutuila+ mit dem Hafen Pago-Pago und die Manuagruppe (203 qkm).

[1901–1909.]

Präsident +Roosevelt+, Nachfolger des ermordeten Mac Kinley. Das Deutsche Reich tritt in engere Beziehungen zur Union. Als Deutschland, England und Italien wegen Handelsstörungen mit der Republik +Venezuela+ (Präsident +Castro+) in Streit geraten und ihre Küste durch Kriegsschiffe blockieren, Vermittlung durch den Vertrag zu +Washington+ (Juli 1903); Venezuela muß bedeutende Entschädigung zahlen.

[1903.]

Vertrag der Union mit +Colombia+ (S. 346) über Gebietsabtretung zum Ausbau des 1881 von französischen Kapitalisten (Panamagesellschaft, 1889 aufgelöst) begonnenen +Panama+-Kanals. Da in Colombia sich Widerspruch erhebt, bildet sich eine besondere Republik +Panama+ unter dem Schutze der Vereinigten Staaten. Der Kanal (Schleusenkanal) soll am 1. Jan. 1915 eröffnet werden, wie der Suezkanal neutral und allen Völkern unter den gleichen Bedingungen geöffnet sein.

[1906.]

+San Franzisko+ durch Erdbeben größtenteils zerstört, doch bald wiederhergestellt.

[1907.]

Verschärftes Gesetz über die Einwanderung.

[Seit 1909.]

Präsident +Taft+, vorher Kriegsminister und Gouverneur der Philippinen, hält das gute Einvernehmen mit dem Deutschen Reiche aufrecht.

[1910–1911.]

Aufstand in ~Mexiko~. Verschwörung gegen den Präsidenten +Porfirio Diaz+ (S. 371). Die Vereinigten Staaten ziehen Truppen an der Grenze zusammen. Porfirio Diaz dankt 1911 ab. +Madero+, der Hauptführer der Aufständischen, wird zu seinem Nachfolger gewählt, Ende des Aufstandes. 1912 neue Unruhen.

[1911.]

Englisch-amerikanischer Schiedsvertrag. ~Japan~ (Spannung seit der Besetzung der Sandwich-Inseln und der Philippinen, durch den Bau des Panamakanals noch gesteigert) knüpft wieder freundschaftliche Beziehungen mit den Vereinigten Staaten an.

§ 19. Asien.

In ~Persien~ (S. 219), das auf eine fast 2500 Jahre alte Kultur zurückblickt, hat das autokratische Regiment die Entwickelung und die Wohlfahrt des Volkes sehr beeinträchtigt. Von persischen Gebieten sind jedoch bisher nur +Georgien+, +Transkaukasien+ und ein Teil +Armeniens+ an Rußland verloren gegangen (S. 297, 348).

[~1906.~]

Verfassung eingeführt. Doch gerät der Schah +Mohammed Ali+ bald in Streit mit dem Parlament (+Medschlis+) und löst es auf. Daher Aufstand im Lande.

[~1909.~]

+England+ und +Rußland+ als die Nachbarn fordern vom Schah Wiederberufung des Medschlis, Gewährung einer Verfassung und Reform der Verwaltung als Bedingung für die Zulassung einer Anleihe. Diese Einmischung abgelehnt. Einmarsch russischer Truppen in +Täbris+; englische besetzen +Abuscher+ am Persischen Golf. Straßenkämpfe in +Teheran+. Mohammed Ali abgesetzt, begibt sich nach Rußland. Der Titel Schah abgeschafft. Seitdem +Sultan Ahmed Mirsa+ (geb. 1897). Regent Ali Reza Chan. Verfassung wiederhergestellt. Schwierigkeit für das Parlament, das Reichsbudget im Gleichgewicht zu halten. Anleihe in Rußland und England genehmigt gegen Verpfändung persischer Zolleinkünfte. England und Rußland grenzen ihre Interessensphären ab (S. 403, vgl. Deutsch-russisches Abkommen über Persien, S. 397). Berufung belgischer Beamten für Zoll- und Postverwaltung, amerikanischer Beiräte für die Ordnung der Finanzen. Der Amerikaner +Morgan Shuster+ Generalschatzmeister. Protest der Jungperser gegen die russisch-englischen Pläne.

[~1910.~]

Tod des Regenten. Sein Nachfolger +Nasr el Mulk+. Landung englischer Truppen am Persischen Golf.

[~1911.~]

Rückkehr des Exschahs Mohammed Ali. Im Norden Persiens wechselvolle Kämpfe zwischen seinen Anhängern und den Regierungstruppen. Russisches Ultimatum; u. a. Morgan Shusters Entlassung gefordert. Landung und Vormarsch russischer Truppen von +Rescht+ aus. Alle russischen Forderungen erfüllt. Nordpersien gerät immer mehr in Abhängigkeit von Rußland. Die Wirren dauern fort.

Der Emir von ~Afghanistan~ (S. 353) beherrscht trotz des Verlustes weiter Gebiete an Rußland (S. 402) und England (S. 406 f.) noch ein Land von 624000 qkm. -- 1893 Vertrag zwischen dem Emir +Abdurrhaman+ und der englischen Regierung, die ihm eine jährliche Rente von etwa 3½ Mill. Mark bewilligt.

[1907.]

Englisch-russischer Vertrag mit dem Emir +Habib Ullah+ (seit 1901) über die Aufrechterhaltung des gegenwärtigen Besitz- und Rechtsstandes in Afghanistan.

Das Königreich ~Siam~ in Hinterindien ist trotz der Begehrlichkeit seiner Nachbarn, England (S. 409) und Frankreich (S. 404), immer noch größer als das Deutsche Reich (600000 qkm, 6½ Mill. Einwohner). König ~Maha Chulalongkorn~ (1868 bis 1910) war ein großer Freund Europas und seiner Sitten (sein Besuch bei Bismarck in Friedrichsruh 1897), schuf eine moderne Armee und Flotte, Eisenbahnen und Dampferlinien, richtete Steuer-, Post- und Münzwesen nach europäischem Muster ein und suchte seine Unabhängigkeit durch Verträge mit England und Frankreich sicher zu stellen. Handelsverträge zwischen Siam und Europa seit Mitte des vorigen Jahrhunderts (S. 368, 411). Seit 1910 ~Maha Wajirawudh~ Herrscher im Reiche des weißen Elefanten.

~China~, seit 1842 dem europäischen Handel geöffnet (S. 353), bald auch mit den Vereinigten Staaten in Handelsbeziehungen, nimmt nicht wie +Japan+ (S. 369) an den Fortschritten europäischer Kultur teil; im Volke Haß gegen die Fremden verbreitet. Verlust des Amurgebietes (S. 369).

[1894–1895.]

~Krieg Japans gegen China~ wegen der Schutzherrschaft über +Korea+ (S. 251). Korea wird unabhängig, Japan gewinnt die Insel +Formosa+ (Taiwan). Die im Frieden zu +Schimonoseki+ durch +Li-hung-tschang+ zugestandene Abtretung der Halbinsel +Liau-tung+ mit dem Hafen +Port Arthur+ wird durch Rußland, Deutschland und Frankreich rückgängig gemacht.

[1897. Nov.]

Deutschland besetzt das Hafengebiet +Kiau-tschou+; ein Pachtvertrag mit China auf 99 Jahre wird 1898 geschlossen.

[1898.]

Rußland besetzt den Hafen +Port Arthur+ an der Einfahrt zum Meerbusen von Petschili, England den gegenüberliegenden Hafen +Wei-hai-wei+.

[1900.]

~Aufstand in China gegen die Christen und Ausländer~ (vergl. S. 251), geleitet von weitverzweigten Geheimbünden (Boxer). Zweideutige Haltung der chinesischen Regierung; da sie weder Ordnung noch Genugtuung schafft, vereinigen sich hierzu Deutschland, England, Rußland, Frankreich, Österreich, Italien, Japan und die Vereinigten Staaten. Kriegsschiffe der Verbündeten erscheinen vor der Mündung des Peiho und entsenden eine Schutzwache für die Gesandten nach +Peking+.

Da die Unruhen fortdauern, zieht der englische Admiral +Seymour+ mit 2000 Mann gegen Peking, muß aber, da die Eisenbahn zerstört ist und starke Scharen ihm entgegentreten, umkehren. Beim Marsch auf Tientsin stete Gefechte, in schwierigster Lage »the Germans to the front«. Inzwischen in Peking der +deutsche Gesandte+ v. Ketteler ermordet (20. Juni).

[17. Juni.]

Erstürmung der +Taku-Forts+ (S. 368), um eine Landung zu ermöglichen (das deutsche Kanonenboot +Iltis+). +Tientsin+ nach schweren Kämpfen erobert; +Peking+ erreicht (14. Aug.), die Gesandten befreit. Der Kaiser und die Kaiserinwitwe fliehen nach Sianfu.

[20. Sept.]

Erstürmung der +Peitang-Forts+ nahe der Küste, Besetzung des Hafens Schan-hai-kwan, für die Russen »Tor zur Mandschurei«.

[27. Sept.]

Der deutsche Feldmarschall ~Graf Waldersee~ übernimmt den Oberbefehl über die verbündeten Truppen (zuletzt 64000 Mann, darunter 19000 Deutsche). Die Amerikaner zurückgerufen; die Russen wenden sich hauptsächlich nach der +Mandschurei+, um dort den Bau der Eisenbahn zu schützen.

Während des Winters Kriegszüge von Peking und Tientsin aus. +Paoting-fu+, Hauptstation der Boxer, 19. Okt. besetzt; Erstürmung der Bergfeste +Tse-kin-kwa+ 29. Okt. Russen und Engländer geraten in Streit über den Besitz der Eisenbahn Tientsin-Peking; Waldersee erreicht die Fertigstellung der Bahn bis Mitte Dezember.

[1901. März.]

Vorrücken der Deutschen bis zur +Großen Mauer+. 23. April Sieg bei +Huolu+.

[Mai.]

Nach Besetzung eines großen Teils der Provinz Petschili und Flucht ihrer Truppen hinter die Große Mauer bewilligt die chinesische Regierung alle Forderungen: Bestrafung der Urheber des Aufruhrs, Befestigung der Gesandtschaftsgebäude in Peking, Schutzwachen der verbündeten Mächte daselbst, Schutz der Eisenbahn von Peking bis zur Küste durch befestigte Plätze mit Garnisonen, Schleifung der Küstenforts, Zahlung von 450 Mill. Taels (1350 Mill. Mark) in 39 Jahren aus den Erträgen der Seezölle, deren Verwaltung von Beamten der verbündeten Mächte geleitet wird (S. 368).

Nach dem Abzug der verbündeten Truppen bleiben größere Besatzungen, namentlich in Tientsin und Schanghai. Prinz +Tschun+, Bruder des Kaisers von China, überreicht (Sept.) dem Deutschen Kaiser in Potsdam ein Entschuldigungsschreiben wegen Ermordung des Gesandten; diesem in Peking ein Denkmal errichtet.

Die Erschließung Chinas in den folgenden Jahren durch, eine Reihe von Eisenbahnbauten (auch amerikanisches Kapital beteiligt) gefördert. 1906 schon 6300 engl. Meilen in Betrieb. Lebhafter Dampfschiffsverkehr auf den großen Strömen.

[1905.]

Die +Mandschurei+ an China zurückgegeben (S. 423). »Offene Tür« daselbst allen Mächten garantiert.

[1909.]

Streitigkeiten mit +Rußland+ und +Japan+ über die Abgrenzung der Rechte in der Mandschurei geregelt. Der +Tumen+fluß als Grenze zwischen der Mandschurei und Korea festgesetzt. 1911 Pest in der Mandschurei (Charbin).

Das Eindringen der europäischen Kultur und der Vergleich mit Japan erwecken in weiten Kreisen den Wunsch nach zeitgemäßen Reformen. Manche Vizekönige Anhänger dieser Reformpartei, z. B. +Juanschikai+. Er wird 1909 abgesetzt, weil er die Gleichstellung der Mandschu mit den Chinesen und die Beseitigung ihrer Renten gefordert hatte. 1910 die Abschaffung der Sklaverei von der Regierung verfügt. Vorbereitungen für die Berufung eines Parlaments getroffen. Kaiserlicher Erlaß über die Bildung eines verantwortlichen Ministeriums.

[1911.]

In den südlichen Provinzen (+Kanton+) bricht eine Revolution aus. Beseitigung der Mandschudynastie gefordert. +Hankau+ erobert (Eingreifen deutscher Marinetruppen zu Gunsten der Regierung), ebenso +Nanking+. Dr. +Sunyatsen+ Leiter der Revolutionäre. Juanschikai erhält Vollmacht zu allen ihm geeignet erscheinenden Maßregeln. Kaiserlicher Erlaß verheißt Einführung einer Verfassung und Amnestie. Juanschikai Ministerpräsident. Der Prinzregent Tsaifeng (Kaiser +Pu Yi+ geb. 1906) leistet den Eid auf die Verfassung. Waffenstillstand. In +Schanghai+ Versammlung der Abgeordneten der 14 südlichen Provinzen. Sunyatsen vorläufig zum Präsidenten der »+Vereinigten Staaten von China+« gewählt. +Abfall der Mongolei+ (S. 403). Juanschikai sucht eine konstitutionelle Monarchie unter den Mandschu zu erhalten. Als die Aufständischen Truppen gegen die nördlichen Provinzen senden, erfolgt die

[1912. Febr.]

~Abdankung der Mandschudynastie~ (S. 251). ~China Republik~. +Juanschikai Präsident+.

~Japan~ seit seinem Siege über China (S. 420) die herrschende Macht in Ostasien. Korea gerät immer mehr unter japanischen Einfluß.

[~1904–1905.~]

~Krieg zwischen Rußland und Japan~ wegen der beiderseitigen Ansprüche auf +Korea+ und die +Mandschurei+. +Japan seit 1902 mit England verbündet+, doch greift England in den Krieg nicht ein. Die japanische Flotte blockiert +Port Arthur+ und +Wladiwostok+; japanische Landtruppen besetzen einen Teil von Korea, dringen nach der Mandschurei vor, siegen 1. Mai 1904 am +Jalu+fluß. Eine zweite Armee landet auf der Halbinsel Liau-tung und schließt Port Arthur von der Landseite ein. Die russische Flotte versucht die Blockade zu brechen, wird 10. August mit großem Verlust zur Rückkehr genötigt. Verstärkungen des Landheeres kommen auf der Sibirischen Eisenbahn nur langsam heran.

[1904. 24.–31. Aug.]

Schlacht bei +Liau-jang+ in der Mandschurei. Die Japaner (160000 Mann unter Marschall +Ojama+) drängen die Russen (Gen. +Kuropatkin+) in hartnäckigen Kämpfen zurück.

[15.–18. Okt.]

Schlacht am Flusse +Schaho+; Kuropatkins Angriffe mißlingen.

[1905. 2. Jan.]

+Port Arthur+, von Gen. +Stössel+ verteidigt, kapituliert (Gen. +Nogi+); über 40000 Mann kriegsgefangen.

[24. Febr. bis 10. März.]

Schlacht bei +Mukden+; die Russen müssen nach starken Verlusten (90000 Mann) weichen, behaupten sich aber noch in der Mandschurei.

[1905. 27.–28. Mai.]

Seeschlacht bei +Tschuschima+ (Insel in der Straße von Korea). Die russische Ostsee-Flotte (16 große Schiffe, 4 kleine Kreuzer) von Admiral +Togo+ annähernd vernichtet.

[Juli.]

Die Japaner besetzen den südlichen Teil der Insel +Sachalin+.

[~1905.~ 5. Sept.]

~Friede zu Portsmouth~ (amerikanische Küstenstadt unweit Boston) unter Vermittlung des Präsidenten +Roosevelt+. Japan erhält die Schutzherrschaft über Korea, Port Arthur mit umliegendem Gebiet, Sachalin bis zum 50. Breitengrad. Rußland zahlt keine Kriegsentschädigung, behält Wladiwostok und sein Amur-Gebiet. Die Mandschurei soll an +China+ zurückgegeben werden, doch behalten Japan und Rußland ihre dort angelegten Eisenbahnen (s. S. 422).

In den folgenden Jahren macht Japan, dessen Heer überall Bewunderung erweckt hat, weitere Fortschritte auf dem Wege finanzieller Erstarkung und politischer Vorherrschaft auf +Korea+. 1909 Koreanische Gerichtshoheit, 1910 Polizeigewalt auf Japan übertragen. Fürst +Ito+, früher Generalresident in Korea, 1909 von einem Koreaner ermordet. 1910 die Annexion Koreas durchgeführt; Kaiser +Ytschak+ dankt ab.

[1911.]

Bündnis zwischen Rußland und Japan (S. 402 f.). Infolgedessen Revision des englisch-japanischen Bündnisses von 1902 (S. 422). Anknüpfung freundschaftlicher Beziehungen mit den Vereinigten Staaten von Amerika (S. 419).

§ 20. Entwickelung der deutschen Kolonien.

+Gründung+ s. S. 395. +Zweck+: Gewinnung von Rohprodukten; Absatzgebiete für den heimischen Handel und Besiedelung. Das Reich stellte auf Nachsuchen die kaufmännischen Niederlassungen unter seinen Schutz, zur Sicherung gegen fremde Herrschaft (+Deutsche Schutzgebiete+). Die Kolonisation begann an den Küsten und dehnte sich allmählich in das Innere aus; hierfür von größtem Einfluß die Erschließung durch +Eisenbahnen+ und die +Wasserversorgung+. Sicherung durch Schutzverträge mit den einheimischen Häuptlingen mit Handelsvorteilen, namentlich für europäische Waren. Verwaltung durch +Gouverneure+ mit Bezirksämtern und Stationen; militärische Sicherung durch die +Schutztruppen+.

+Erweiterung der Kolonien+ (S. 396, 397, 405). Der deutsche Kolonialbesitz ist jetzt über fünfmal größer als das Heimatsgebiet, hat aber kaum ein Viertel der Einwohnerzahl. Am +Handelsergebnis+ der Kolonien (Einfuhr und Ausfuhr) +war Deutschland 1910 mit 66,3 v. H. beteiligt+. Regelmäßige +Seeverbindung+ durch Hamburg-Amerika- und Woermann-Linie nach der afrikanischen Westküste, Norddeutschen Lloyd (Bremen) und Reichspostdampfer nach Ostafrika, Australien und Ostasien. +Telegraphische Verbindung+ fehlt noch nach den Besitzungen in der Südsee; deutsche +Seekabelverbindung+ schreitet kräftig fort, ist aber nur nach Ostasien von fremden Leitungen unabhängig; besonders nach Ostafrika sind englische Kabel beteiligt. +Funkenstationen+ in allen afrikanischen Kolonien und in Kiautschou.

+Deutsche Kolonialgesellschaft+ in Berlin (Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg), Kolonialinstitut in Hamburg und mehrere Kolonialschulen.

1. ~Südwestafrika~ (835100 qkm). Missionsstationen bestanden seit 1860 im Damara- und Namaqualande; das Küstengebiet Angra Pequena wurde 1883 von dem Bremer Kaufmann Lüderitz erworben; 1884 Erweiterung durch Verträge mit den einheimischen Häuptlingen; 1893 der Hafen Swakopmund angelegt.

[1894.]

Gouverneur +Leutwein+ geht mit der verstärkten Schutztruppe gegen unzuverlässige Häuptlinge vor. Nach den Gefechten bei +Naukluft+ verbündet sich Hendrik +Witboi+ mit den Deutschen und leistet Hilfe bei ferneren Kämpfen, so noch 1903 gegen die Bondelzwarts-Hottentotten.

[~1904–1906.~]

Allgemeiner +Aufstand+ gegen die auf weites Gebiet verteilte Schutztruppe. Die Hereros zerstören die Eisenbahn Swakopmund–Windhuk und ermorden viele Ansiedler. Mühsame Kriegführung in dem wasserarmen, vielfach gebirgigen Lande. Die Schutztruppe verteidigt Omaruru und andere Stationen, wird unterstützt durch ein Landungskorps vom Kreuzer Habicht, dann durch das Seebataillon; bald erscheint eine kriegsstarke Division, gebildet aus Freiwilligen des ganzen deutschen Heeres.

[1904. 11. u. 12. Aug.]

Sieg des Generals v. Trotha am +Waterberge+; er drängt die Hereros nach Osten in die Kalahariwüste, wo viele umkommen. Darauf allmähliche Unterwerfung des nördlichen Landesteils, aber im Süden erhebt sich nun +Witboi+ gegen die Deutschen.

[1905.]

Hartnäckige Kämpfe um die Wasserstelle bei Groß-Nabas, dann in den Karasbergen und am Großen Fischfluß; Witboi †. Der deutsche Reichstag bewilligt den Bau der Eisenbahn Lüderitzbucht–Kubub (100km).

[1906.]

Kämpfe am Oranjefluß; Oberstlt. v. Estorff drängt die Hottentotten nach Osten. Ihr Führer +Morenga+ flüchtet auf englisches Gebiet, versucht 1907 nochmals in das inzwischen unterworfene Land einzudringen, wird in einem Gefecht mit englischen Truppen getötet. Der Reichstag bewilligt 5 Mill. Mark für die Verluste der Ansiedler.

+Gesamtbevölkerung+ 1911: rund 14000 Weiße und 72000 Farbige, also nur 0,1 Einwohner auf l qkm. Jede Selbständigkeit der Häuptlinge hat aufgehört. +Regierungssitz+: Windhuk. +Wassererschließung+ schreitet fort. +Eisenbahnen+: 1909 km im Betrieb, 217 km im Bau. +Ausfuhr+ vornehmlich: +Diamanten+ und Kupfererze, ferner Blei, Häute, Straußenfedern und Vieh. +Handelsergebnis+ 1910: Ausfuhr für über 34½ Mill. Mark. Einfuhr für rund 44½ Mill. Mark.

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