Auszug aus der Alten, Mittleren und Neueren Geschichte
Anmerkungen zur Transkription
Fett gedruckter Text ist gekennzeichnet mit ~Tilde~, kursiver und gesperrter mit +Plus+.
AUSZUG AUS DER ALTEN, MITTLEREN UND NEUEREN GESCHICHTE.
VON DR. KARL PLŒTZ (†), EHEM. PROFESSOR AM FRANZÖSISCHEN GYMNASIUM IN BERLIN.
NEU BEARBEITET VON PROF. DR. MAX HOFFMANN (†) UND PROFESSOR DR. FRIEDRICH KÄHLER,
SIEBZEHNTE AUFLAGE.
LADENPREIS: GEBUNDEN 3 MARK.
LEIPZIG 1912. VERLAG VON A.G. PLŒTZ.
Alle Rechte vorbehalten. Copyright 1912 by A.G. Plœtz, Leipzig.
Vorwort zur 16. Auflage.
Das vorliegende geschichtliche Handbuch, seit der neunten Auflage von dem jetzigen Herausgeber bearbeitet, ist durch Umgestaltung und Vermehrung des Inhalts bei den wiederholten Auflagen mehr und mehr ein Werk des Herausgebers geworden, von ihm zu vertreten hinsichtlich seiner Eigenheiten und Mängel. Doch ist die übersichtliche Anlage und Einrichtung des Buches ein bleibendes Verdienst des Verfassers; auf dem von ihm gelegten Grunde ließ sich leicht weiterbauen. Prof. Dr. +Plœtz+, 1848–1852 Oberlehrer am Katharineum zu Lübeck, dann Prof. am Französischen Gymnasium in Berlin, weithin bekannt durch seine Lehrbücher der französischen Sprache, hatte dieses Buch als Leitfaden für den Geschichtsunterricht an höheren Schulen entworfen, ausgehend von dem Grundsatz, daß »nur das Tatsächliche in möglichst übersichtlicher Gruppierung vorzuführen sei«, weil »ein Leitfaden, der zusammenhängende Erzählung bietet, dem Vortrage des Lehrers notwendigerweise Eintrag tut«. Er hatte es aber auch für den Privatgebrauch bestimmt, »um ein rasches Orientieren über historische, dem Gedächtnis augenblicklich nicht gegenwärtige Verhältnisse zu ermöglichen«. Die späteren Auflagen haben diesen letzteren Zweck mehr berücksichtigt und sind über die dem Schulunterricht gesteckten Grenzen hinausgegangen; doch ist dem Lehrer die Auswahl dessen, was gelernt werden soll, leicht gemacht durch die Einrichtung des Druckes. Strebsamen Schülern ist es vielleicht willkommen, manches hier zu finden, was bei späteren Studien näher ins Auge gefaßt werden kann.
Für die neueste Zeit seit 1866 ist den späteren Auflagen sehr schätzbare Mitarbeit von militärischer Seite zugute gekommen; diese Mitarbeit erstreckt sich bei der vorliegenden auch auf die deutschen Kolonien, deren Entwickelung von so hoher Bedeutung für Deutschlands Weltstellung ist. Auch sonst ist hier und da gebessert, um die Brauchbarkeit des Buches zu erhöhen. Möge es auch ferner Nutzen stiften als Führer durch ein weites, fast unermeßliches Gebiet, dessen Kenntnis doch unentbehrlich ist.
+Lübeck+, 9. Oktober 1909.
~Max Hoffmann.~
Vorwort zur 17. Auflage.
Als ich nach dem 1910 erfolgten Tode des langjährigen Herausgebers dieses Buches, des Herrn Professors Dr. +Hoffmann+ in +Lübeck+, von dem Herrn Verleger den ehrenvollen Auftrag erhielt, die Besorgung der neuen Auflage zu übernehmen, habe ich mich dieser dankenswerten Aufgabe um so lieber und eifriger unterzogen, als ich bereits die letzten Ausgaben mit regem Interesse verfolgt hatte. Bei meinen nahen persönlichen Beziehungen zu dem verdienstvollen bisherigen Herausgeber glaubte ich anfangs, aus Rücksichten der Pietät für die 17. Auflage noch von größeren Änderungen Abstand nehmen zu müssen. Jedoch drängte sich mir je länger, je mehr die Erkenntnis auf, daß die Geschichte Asiens, besonders Ostasiens, infolge der erheblich lebhafter gewordenen Beziehungen zu Europa und Amerika notwendig eine eingehendere Behandlung und Würdigung verlange und zweitens, daß der Wunsch nach einer übersichtlicheren Einteilung und Gliederung des neuesten Geschichtsstoffes nicht wohl unberücksichtigt gelassen werden könne. Nach beiden Seiten hin bin ich bestrebt gewesen, entsprechende Änderungen durchzuführen. Was ich sonst im einzelnen im »Auszug aus der Geschichte« wie im »Anhang« gekürzt, erweitert oder berichtigt habe, wird der aufmerksame Leser leicht erkennen.
Möge das Buch in dieser neuen Fassung die gleiche wohlwollende Aufnahme finden wie die früheren Auflagen! Möge es ihm gelingen, das Interesse für die Geschichte und insonderheit die Liebe zur Geschichte +unseres+ Volkes, die Erkenntnis und Wertschätzung der Grundlagen seiner Kultur und das Verständnis für seine Größe und seine Ziele in immer weitere Kreise zu tragen!
Herrn Professor +Fischer+ in Blaubeuren und Herrn +R.A. Plœtz+ in Margate (England) sage ich auch an dieser Stelle meinen aufrichtigen Dank für wertvolle Notizen zur deutschen und englischen Geschichte.
+Husum+, 18. Februar 1912.
~Friedrich Kãhler.~
Inhalt
Seite Einteilung der allgemeinen Weltgeschichte 1 Die Rassen in der Weltgeschichte 2
~I. Alte Geschichte.~
A. Die ägyptisch-semitischen Völker.
§ 1. Ägypter 3 § 2. Babylonier und Assyrer 6 § 3. Juden (Hebräer, Israeliten) 11 § 4. Phöniker und Karthager 13
B. Die asiatischen Arier.
§ 1. Völker Kleinasiens 15 § 2. Inder 16 § 3. Iranier 17
C. Die Völker Ostasiens 21
D. Die Griechen.
§ 1. Mythische Zeit 23 § 2. Staaten und Kolonien 27 § 3. Perserkriege und Blütezeit Athens 38 § 4. Peloponnesischer Krieg 47 § 5. Makedoniens Emporkommen 53 § 6. Alexander der Große 59 § 7. Hellenistische Zeit 63 § 8. Griechische Kunst und Wissenschaft 69
E. Die Römer.
§ 1. Zeit der Königsherrschaft 71 § 2. Rom als Republik 75 § 3. Unterwerfung Italiens 82 § 4. Die Punischen Kriege 87 § 5. Ausbreitung der römischen Herrschaft 94 § 6. Bürgerliche Unruhen 100 § 7. Marius und Sulla 103 § 8. Pompejus und Cäsar 107 § 9. Untergang der Republik 118 § 10. Kunst und Literatur bei den Römern 120 § 11. Kaiserzeit bis zum Untergang des weströmischen Reiches 121
~II. Mittlere Geschichte.~
A. Bis zum Vertrage von Verdun (375–843).
§ 1. Völkerwanderung 139 § 2. Frankenreich unter den Merowingern 145 § 3. Das oströmische Reich 147 § 4. Mohammed und das Kalifat 148 § 5. Frankenreich unter den Karolingern 150
B. Bis zum Beginn der Kreuzzüge (843–1096).
§ 1. Italien und Deutschland (Karolinger, sächsische, fränkische Kaiser) 155 § 2. Frankreich 169 § 3. England und der Norden 169 § 4. Die Pyrenäische Halbinsel 171 § 5. Der Osten 172
C. Das Zeitalter der Kreuzzüge (1096–1270).
§ 1. Kreuzzüge 173 § 2. Deutschland und Italien (Hohenstaufen) 179 § 3. Frankreich 191 § 4. England 192 § 5. Die Pyrenäische Halbinsel 194 § 6. Der Osten 194
D. Bis zur Entdeckung Amerikas (1270–1492).
§ 1. Deutschland bis auf Maximilian I 195 § 2. Frankreich bis auf Karl VIII 207 § 3. Italien 210 § 4. England bis auf Heinrich VII 211 § 5. Die Pyrenäische Halbinsel 214 § 6. Der Norden und Osten 215
~III. Neuere Geschichte.~
A. Bis zum Westfälischen Frieden (1492–1648).
§ 1. Erfindungen, Entdeckungen und Kolonien 221 § 2. Die Reformation in Deutschland 224 § 3. Frankreich bis auf Ludwig XIV. 234 § 4. Italien 239 § 5. Die Pyrenäische Halbinsel und die Niederlande 241 § 6. England und Schottland 245 § 7. Der Norden und Osten 249 § 8. Deutschland, Dreißigjähriger Krieg 251
B. Bis zur französischen Revolution (1648–1789).
§ 1. Frankreich unter Ludwig XIV. 261 § 2. Deutschland unter Leopold I. 265 § 3. Der Norden und Osten 267 § 4. England 269 § 5. Der spanische Erbfolgekrieg 272 § 6. Der Nordische Krieg 274 § 7. Deutschland, Friedrich der Große 278 § 8. Der Norden und Osten 292 § 9. Großbritannien und Nordamerika 298 § 10. Südeuropa 303 § 11. Frankreich unter Ludwig XV. und XVI. 305
C. Bis zum Wiener Kongress (1789–1815).
§ 1. Die Revolution in Frankreich 306 § 2. Frankreichs Kriege gegen das Ausland 313 § 3. Machtentfaltung des ersten französischen Kaiserreiches 321 § 4. Sturz des ersten französischen Kaiserreiches. Deutscher Befreiungskrieg 331 § 5. Herstellung des europäischen Staatensystems 339
D. Bis auf unsere Zeit.
§ 1. Neue Erfindungen 343 § 2. Verfassungs- und Unabhängigkeitskämpfe 345 § 3. Die Zeit von 1830–1848 348 § 4. Die Revolutionszeit 1848–1852 354 § 5. Kunst und Wissenschaft im 19. Jahrhundert 363 § 6. Machtentfaltung des zweiten französischen Kaiserreichs. Nationale Einigung Italiens 365 § 7. Deutschlands Einigung durch Preußen 371 § 8. Deutsch-französischer Krieg 1870–1871 381 § 9. Das Deutsche Reich seit 1871 393 § 10. Österreich-Ungarn 397 § 11. Rußland 399 § 12. Die dritte französische Republik 403 § 13. England 406 § 14. Holland, Luxemburg, Belgien, Dänemark, Skandinavien, Schweiz 410 § 15. Italien 411 § 16. Die Pyrenäische Halbinsel 413 § 17. Die Balkanhalbinsel 414 § 18. Amerika 416 § 19. Asien 419 § 20. Entwickelung der deutschen Kolonien 423
Anhang. I. Brandenburgisch-preußische Geschichte 427 II. Die andern Staaten des Deutschen Reiches 434
Namen- und Sachregister 439
~Einteilung der allgemeinen Weltgeschichte.~
Bis ~375~ n. Chr. I. ~Alte Geschichte,~ von der Zeit der ersten geschichtlichen Kunde bis zum Beginn der Völkerwanderung.
~375–1492.~ II. ~Mittlere Geschichte,~ vom Beginn der Völkerwanderung bis zur Entdeckung Amerikas.
Seit ~1492.~ III. ~Neuere Geschichte,~ von der Entdeckung Amerikas bis auf unsere Zeit.
Die ~alte~ Geschichte gliedert sich nach den hervortretenden Völkern in +fünf Abschnitte+. Diese Völker sind:
1. ~Die ägyptisch-semitischen Völker.~ 2. ~Die asiatischen Arier.~ 3. ~Die Völker Ostasiens.~ 4. ~Die Griechen.~ 5. ~Die Römer.~
Die ~mittlere~ Geschichte teilt man nach den hervorragenden Ereignissen in +vier Perioden+:
~375–843.~ 1. Vom Beginn der ~Völkerwanderung~ bis zum ~Vertrag von Verdun~.
~843–1096.~ 2. Vom ~Vertrag zu Verdun~ bis zum Beginn der ~Kreuzzüge~.
~1096–1270.~ 3. Das Zeitalter der ~Kreuzzüge~.
~1270–1492.~ 4. Vom Ende der ~Kreuzzüge~ bis zur ~Entdeckung Amerikas~.
Die ~neuere~ Geschichte gliedert sich ebenfalls in +vier Perioden:+
~1492–1648.~ 1. Von der ~Entdeckung Amerikas~ bis zum ~Westfälischen Frieden~.
~1648–1789.~ 2. Vom ~Westfälischen Frieden~ bis zum Beginn der ~französischen Revolution~.
~1789–1815.~ 3. Vom Beginn der ~französischen Revolution~ bis zum ~Wiener Kongreß~.
Seit ~1815~. 4. Vom ~Wiener Kongreß~ bis auf unsere Zeit.
~Die Rassen in der Weltgeschichte.~
Die Naturforschung bestimmt die Rassenunterschiede des Menschengeschlechts nach körperlichen Merkmalen; anders müssen sie von der geschichtlichen Forschung aufgefaßt werden. Reine Rassen im Sinne der Naturforschung liegen für den Zeitraum unserer Weltgeschichte nirgends vor. Nur die Nachklänge der Rasseneinheiten, die man für vorgeschichtliche Zeiten voraussetzen darf, nämlich der Durchschnitt der körperlichen und geistigen Eigentümlichkeiten, und als Haupteinteilungsprinzip die Sprache, sind die Merkmale der Rasse im Sinne des Historikers. In Betracht kommen dabei hauptsächlich folgende Rassen:
I. Die +sumerische+ Rasse, die Urbewohner von Babylonien.
II. Die +ägyptisch-semitische+ (Semiten im weiteren Sinne), deren Ursitz Arabien gewesen zu sein scheint.
III. Die +zagrische+ mit dem Hauptsitze um die Grenzgebirge zwischen der heutigen Türkei und Persien (die herrschende Bevölkerung in Elam).
IV. Die +kleinasiatische+ (Hethiter), die mit der +indo-atlantischen+ verwandt zu sein scheint (Urarthier, Mitanier).
V. Die +arische+ (indo-europäische): Iranier, Inder, Phryger, Griechen, Italiker, Kelten, Germanen, Litu-Slaven. Diese Völker sind die Hauptträger der geschichtlichen Entwickelung.
VI. Von der +altaischen+ Rasse haben die Chinesen und Japaner im Osten einen eigenen Kulturkreis gebildet, die Bulgaren, Magyaren und Türken in Europa eine gewisse Bedeutung gewonnen.
Andere Rassen (Ainos, Dravidas, Malaien, Iberer, Basken, Amerikaner, Neger) haben eine mehr passive Rolle gespielt als zurückweichende Urbevölkerung.
~I. Alte Geschichte.~
~A. Die ägyptisch-semitischen Völker.~
§ 1. Ägypter.
~Ägypten~, das von Höhenzügen und Wüsten eingeschlossene, oberhalb des Delta nur wenige Stunden breite, etwa 1100 km lange Tal des untern ~Nil~, der alljährlich vom Juli an auf fast 4 Monate seine Ufer überflutet und so das Land befruchtet. Zwei Landesteile: ~Unter-Ägypten~ mit der Hauptstadt +Memphis+ und dem Deltalande; ~Ober-Ägypten~ mit der Hauptstadt +Theben+ (Nu-Amôn), Südgrenze die Stromschnellen bei +Syene+, jetzt Assuan. Beide bestanden ursprünglich als selbständige Staaten nebeneinander. Ackerbau, Handwerk und Kunst erscheinen im vierten Jahrtausend v. Chr., wo die geschichtlichen Nachrichten beginnen, schon hoch entwickelt.
~Staatswesen~: Erbliches Königtum, die Könige gelten als Söhne des Sonnengottes +Râ+ selbst für göttliche Wesen. Glänzende Hofhaltung, viele Beamte, das Land in bestimmte Gaue geteilt. Bedeutender Einfluß der Priester, denen auch die Pflege der Wissenschaften (Sternkunde, Heilkunde, Rechtskunde) obliegt. Frühzeitige Feststellung des +Sonnenjahres+. Strenge Regelung des gesamten Lebens durch religiöse Satzungen. Erbliche +Stände+, nicht völlig gegeneinander abgeschlossene Kasten.
~Religion~: Verehrung der persönlich gedachten Naturkräfte, verbunden mit symbolischem Tierdienst. Die einzelnen Gaugötter schließen sich allmählich zu Götterkreisen zusammen. Oberster Gott der Sonnengott +Râ+ ihm sind die Obelisken geweiht. Neben ihm andere Gottheiten der Sonne, des Mondes, des Nils usw. Besondere Verehrung des +Ptah+ in Memphis, des +Amôn+ in Theben, der +Neit+ in Saïs. Der Kampf der dem Menschen heilsamen und feindlichen Naturkräfte, wie er sich in dem alljährlichen Aufblühen, Absterben und Wiedererwachen der belebten Natur ausprägt, wird dargestellt in dem Mythus von +Osiris+. Osiris, der Gott des Lebens, wird von +Set (Typhon)+, dem Dämon der verzehrenden Gluthitze, getötet, von seiner trauernden Gemahlin +Isis+ gesucht; endlich überwindet +Hôrus+, der Sohn beider, den Set. +Osiris+, wieder belebt, herrscht in der Unterwelt über die Seelen der Abgeschiedenen (Totengericht).
Sorgfältige Bestattung der Toten, die für die einmal wiederkehrenden Seelen durch Einbalsamierung in Felsengräbern und Pyramiden erhalten wurden (Mumien). Heilige Tiere: der Stier +Hapis+ in Memphis als Abbild des Ptah verehrt; die Kühe der Isis, die Katzen der Bast, die Sperber dem Hôrus geheiligt.
Die ~Hieroglyphenschrift~,[1] ursprünglich Bilderschrift, hat Buchstaben-, Silben- und Wortzeichen; oft wird dem mit Buchstaben- und Silbenzeichen geschriebenen Worte ein Bild zur Verdeutlichung angefügt. Sie wurde hauptsächlich zu Inschriften an den Wänden der Tempel und Grabkammern benutzt; für den gewöhnlichen Gebrauch schrieb man auf Papyrusblättern mit einer abgekürzten, der +hieratischen+ Schrift, später mit der noch mehr verkürzten +demotischen+ Schrift.
[vor Chr. Vor ~3000.~]
Das ~alte~ Reich,
begründet von König ~Mena~ durch Vereinigung der beiden Landesteile. Wechselnde Residenzen der Könige in der Gegend von +Memphis+ (oberhalb Kairo). Ihre Grabdenkmäler sind die ~Pyramiden~; über 70 noch erhalten. Die höchsten (bei dem Dorfe Gizeh) sind von den Königen der +4. Dynastie+[2] (um 2800) erbaut: +Snofru+, +Chufu+ (Cheops bei Herodot),[3] +Chafrâ+, +Menkaurâ+. Unter der 6. Dynastie zerfällt die Einheit des Reiches; mehrere Könige herrschen nebeneinander. Herstellung der Einheit durch die von +Theben+ in Ober-Ägypten ausgehende 11. Dynastie.
[Um 2100.]
Das ~mittlere~ Reich,
die klassische Zeit Ägyptens. Blüte der Baukunst und der Literatur (religiöse, medizinische, biographische Schriften; Märchen, Fabeln und Lieder). Handelsverkehr mit Syrien und dem Weihrauchlande Punt (Südarabien). Residenzen in der Landschaft +Fajjûm+ oberhalb +Memphis+.
+Amenemhât I+. (12. Dynastie) baut den Amôntempel in Theben, seine Nachfolger unterwerfen das Land Kusch (Nubien), +Wesertôsen III.+ ist der in der griechischen Sage hervortretende Sesostris. +Amenemhât III.+ legt im Fajjûm den +Moeris-See+ an, um die Überschwemmungen des Nils zu regeln, und erbaut dort einen großen Reichstempel, von den Griechen Labyrinth genannt. Auch diese Dynastie hat Pyramiden gebaut; Felsengräber von Priestern und hohen Beamten bei Beni-Hassan.
[Um 1800.]
Eroberung Ägyptens durch die ~Hyksôs~, Hirtenkönige semitischer Abkunft, die über die Landenge von Suez eindrangen. Sie beherrschten hauptsächlich das untere Land, Ober-Ägypten wurde von einheimischen Statthaltern verwaltet. Einer von diesen, +Ahmôse+, Statthalter in Theben, vertreibt endlich im 16. Jahrhundert die Hyksôs und herrscht dann als König.
[Um 1530.]
Das ~neue~ Reich (Hauptstadt +Theben+)
erhebt sich bald zu bedeutender Macht und Größe. König ~Dhutmôse I.~ (Thutmosis) aus der 18. Dynastie macht Nubien zur Provinz und dringt in Syrien bis zum Euphrat vor. Seine Tochter +Hatschepsowet+ sendet Schiffe aus nach dem Weihrauchlande Punt. ~Dhutmôse III.~ macht +Syrien+ und +Palästina+ zu Provinzen: höchste Machtfülle Ägyptens.
Seine Nachfolger erhalten diesen Umfang des Reiches aufrecht. ~Amenhotep III.~ schmückt Theben mit glänzenden Bauten; Ruinen bei den jetzigen Dörfern +Karnak+, +Luksor+ und +Medinet-Abu+; bei letzterem noch jetzt zwei sitzende Kolosse, Statuen des Amenhotep, deren eine von den Griechen die +tönende Säule des Memnon+ genannt ward.
[Um 1400.]
~Amenhotep IV.~ führt einen Sonnen-Monotheismus ein; alle anderen Götter sollen dem +Râ+ weichen. Er gründet eine neue Residenz in Mittel-Ägypten (Ruinen von El-Amarna), steht in freundschaftlichen Beziehungen zu den Königen von +Babel+ und +Assur+. Nach seinem Tode Wiederherstellung der früheren Götterverehrung, zumal des Amôn von Theben.
[Um 1300–1270.]
~Seti I.~ und sein Sohn ~Ramsês II.~ (19. Dynastie) kämpfen mit den +Hethitern+ (Cheta), die in Nordsyrien ein Reich gegründet haben (S. 15). Ramsês siegt in der Schlacht bei +Kadêsch+ am Orontes, deren epische Beschreibung (der Schreiber Pentaur) in Tempelinschriften erhalten ist. Blüte des Reichs unter seiner fernerhin friedlichen Regierung; Residenz zu +Tanis+ im Deltalande, Tempelbauten zu Theben und Abu-Simbel (in Nubien), Nilkanal bis zum Timsah-See.
[Um 1180.]
~Ramsês III.~ (20. Dynastie) behauptet das Ansehen des Reichs durch Kämpfe gegen die »Seevölker«, welche in Syrien eindringen, und gegen die Libyer im Westen.
~Zeit des Verfalles~ unter den folgenden Herrschern, Syrien wird unabhängig, in Nubien erhebt sich das Reich von +Napăta+. Die Priesterschaft des Amôn von Theben wird allmächtig, und endlich stößt der Oberpriester +Hĕrihôr+ den letzten Ramsês (XII.) vom Throne. Gegen seine Nachfolger erhebt sich eine neue Dynastie (21.) in +Tanis+. Kriegerisch tritt noch einmal König +Scheschonk I.+ auf (22. Dynastie), der um 920 für kurze Zeit +Jerusalem+ erobert. Dann Schwäche der Königsmacht gegenüber den Gaufürsten.
[Um 775.]
+Pianchi+, König von +Napăta+, erobert Ägypten; doch wird es nach einiger Zeit wieder selbständig. Dauernde Eroberung 728 durch +Schabăka+, König von Napăta, der die 25. Dynastie begründet. Sein zweiter Nachfolger +Taharka+ tritt den Assyrern in Syrien entgegen.
[670.]
~Assurachiddin~, König von Assur, erobert Ägypten und ernennt 22 Statthalter, meist ägyptische Gaufürsten; doch hat er, wie auch sein Nachfolger Assurbanipal, gegen den von Napăta zurückkehrenden +Taharka+ und dessen Nachfolger +Tantamôn+ um den Besitz des Landes zu kämpfen. Nach des letzteren Tode treten die ägyptischen Statthalter wieder in ihre Rechte.
[645.]
+Herstellung des Reiches.+ ~Psamêtik~ von Sais, einer der Statthalter, macht sich mit Hilfe karischer und ionischer Söldner unabhängig von Assyrien (S. 10), residiert zu +Sais+ im Deltalande (26. Dynastie), öffnet das Land dem Fremdenverkehr (Syrer, Karer, Ionier). Unzufriedenheit im Stande der Krieger, ein Teil derselben wandert nach Nubien aus. Sein Sohn
[610–594.]
~Neko~ (Necho) setzt den Bau des Kanals vom Timsah-See bis zum Roten Meere fort, ohne ihn zu vollenden, läßt durch phönikische Seeleute Afrika umfahren, versucht Syrien wiederzuerobern, wird aber 605 von den Babyloniern unter Nebukadnezar II. bei +Gargămisch+ am Euphrat zurückgeschlagen. Sein Enkel +Wahabrê+ (bei Herodot Apries) wird entthront von
[570–526.]
~Ahmôse~ (Amāsis), dessen Regierung die letzte Glanzzeit Ägyptens ist. Freundschaft mit den Griechen von +Kyrēne+ und mit +Polykrătes von Samos+; den ionischen Griechen wird die Ansiedlung in +Naukrătis+ gestattet. Tempelbauten in Sais und Memphis. Sein Sohn
[525.]
~Psamêtik III.~ wird in der Schlacht bei ~Pelusium~ von ~Kambyses~ besiegt. ~Ägypten persische Provinz.~
§ 2. Babylonier und Assyrer.
Ebenso alt wie im Niltal ist die Kultur in der fruchtbaren Ebene am Unterlauf des +Euphrat+ (Purat) und +Tigris+ (Diglat), welche später nach ihrer Hauptstadt ~Babylonien~ hieß. Träger dieser bis ins fünfte Jahrtausend vor Chr. nachweisbaren Kultur sind die nichtsemitischen ~Sumerer,~ doch sind zu der Zeit, wo die geschichtlichen Nachrichten beginnen, schon +semitische Stämme+ eingedrungen, zumal in Nord Babylonien, und haben sich die vorgefundene Kultur angeeignet.
Die Entwickelung von Gewerbtätigkeit und Handel führt frühzeitig zur Ausbildung eines genauen Gewichts- und Maßsystems, bei welchem die Zahl 60 der Einteilung zugrunde liegt (Sexagesimal-System); an die Beobachtung der Sterne knüpft sich genaue Zeitrechnung, doch auch der Aberglaube der Sterndeutung (Astrologie).
~Religion~: Von der Verehrung der leuchtenden Himmelskörper ausgehend bildet sich eine vielgestaltige Götterwelt. Oberster Gott +Ellit,+ später +Bêl+ genannt, Sohn des Himmelsgottes +Anu+; seine Gemahlin +Belit+. Andere Götter +Samas,+ der Sonnengott, +Sin,+ der Mondgott, +Rammân,+ der Gott des Gewitters, +Marduk+, der Stadtgott von Babel, +Nergal, Istar, Nabu+. Hohes Ansehen der Priester, die wie in Ägypten zugleich Lehrer der Wissenschaft sind.
An der altbabylonischen Kultur nimmt teil das von zagrischen Völkern bewohnte Land ~Elam~ (Hauptstadt +Susa+ am Choaspes) und allmählich auch das weiter nördlich am oberen Tigris gelegene Land ~Assur~ (Assyrien). Überall ist die ~Keilschrift~ im Gebrauch, mit Griffeln auf Tontafeln und Tonzylinder eingeritzt, später in vereinfachter Form von den Persern angenommen.[4]
[Um ~3000.~]
Stadtkönigtümer im Lande der +Sumerer+ (Südbabylonien), gestützt auf alte Kultstätten: Ur, Eridu, Larsa, Lagas (Sirpurla), Nipur mit dem auf Terrassen hochgebauten Tempel des Ellit.
Im Norden Stadtkönigtümer der +Semiten+: Akkad, Sippara, Borsippa, Babel.
[Um 2800.]
König +Sargon+ von +Akkad+ (Nordbabylonien) gründet ein Reich, das sich bis nach Syrien erstreckt.
[Um 2600.]
Im Süden erheben sich die Könige von Ur, dann die von Larsa; die Herrscher dieser Dynastien bezeichnen sich auch als Könige von +Sumer und Akkad+.
[Um 2300.]
Kudur-Mabuk, König von +Elam+ (Susiana), erobert Ur und Larsa.
[Um 2200.]
~Hammurabi~, König von Babel, befreit den Süden von dem Joch der Elamiter und zwingt ihn für immer unter die Herrschaft des Nordens; begründet damit das ~Babylonische Reich~. Die Hauptstadt, ein großes ummauertes Viereck, vom Euphrat durchströmt; auf der einen Seite des Flusses die Königsburg, auf der andern ein in 8 Stockwerken sich erhebender Tempel des Bêl. Sorgfältiger Ackerbau, Anlage von Kanälen. Eine umfassende +Gesetzgebung+, bekannt geworden durch eine 1901 in Susa gefundene Inschrift dieses Königs, regelt das bürgerliche Leben: Landbau, Schiffahrt, Handel, Eherecht, Erbrecht.
[Um 1700.]
Herrschaft der vom Zagrosgebirge her eingedrungenen Kassu (Kossäer) über Babel;[5] seit etwa 1250 wieder einheimische Könige.
[Um 1500.]
~Reich Assur am oberen Tigris.~ Alte Hauptstadt gleichen Namens; spätere Residenzen der Könige sind +Ninua+ (Ninive)[6] und +Kalach+. Ausbildung des Kriegswesens und geordnete Verwaltung; die Jahre werden nach dem Wechsel der obersten Staatsbeamten (Limu) gezählt.
[Um 1450.]
König +Assurubállit+ von Assur, befreundet mit +Burnaburjasch+ von Babel, zerstört das Nachbarreich der +Mitani+ am oberen Euphrat. Lange Zeit bestehen die drei Reiche +Babel+, +Elam+, +Assur+ nebeneinander, verbunden durch Handelsverkehr, aber auch öfters in Feindschaft. +Tiglatninib+ von Assur herrscht um 1280 eine Zeitlang auch über Babel, +Nabukudrossor I.+ (Nebukadnezar I.) von Babel ist um 1130 siegreich gegen Elam, führt die geraubte Mardukstatue aus Susa zurück.
[Um 1100.]
+Tiglatpilêsar I.+ von Assur schlägt einen Angriff der kleinasiatischen +Muski+ (S. 15) zurück, dringt erobernd vor nach +Naīri+ (den Gebieten nördlich vom oberen Tigris) und nach +Nordsyrien+, wo das Reich der Hethiter (S. 5) sich in kleinere Staaten aufgelöst hat; er erreicht bei Arwad (Aradus) in Phönizien das Mittelmeer. Die nächstfolgenden Könige haben diesen Umfang der Herrschaft nicht behauptet; dann aber folgt die Gründung der ~Assyrischen Großmacht~.
[885–860.]
+Assurnâssirpal+ (III.) erobert die Länder am oberen Euphrat und Nordsyrien und dringt wieder bis zum Mittelmeer vor. Tyrus und Sidon zahlen Tribut.
[860–825.]
+Salmanâsar II.+ wiederholt diese Züge, greift zwar +Damaskus+ mehrfach vergeblich an, hält aber Tyros, Sidon und das Reich Israel (König Jehu) tributpflichtig, ebenso im Osten die indogermanischen +Madai+ (Meder) (S. 17); in +Babel+ greift er bei einem Thronstreit mit Heeresmacht ein. Sein zweiter Nachfolger +Râman-nirari III.+ (um 800) erobert auch +Damaskus+ und führt reiche Beute davon. Unter ihm reicht die assyrische Macht von Medien über ganz Palästina bis nach Edom. Dann folgt eine Zeit des Niedergangs; +Salmanâsar III.+ (um 780) kämpft erfolglos gegen das in den nördlichen Bergländern (Armenien) entstandene Reich +Urarthu.+
[745–727.]
~Tiglatpilêsar III.~ (Pulu), ein Usurpator, stürzt den schwachen König Assur-nirari und erhebt die assyrische Macht aufs neue. Er bekriegt das westliche +Medien+, bricht die Macht der +Urarthier+, stellt die Herrschaft über +Syrien+ wieder her. Die Könige von Damaskus, Israel, Tyros zahlen ihm Tribut. In +Babel+ bestätigt er zuerst den König +Nabunâssir+[7] als aber nach dessen Tode Ukînzêr, Fürst der Kaldi (Chaldäer, im südlichen Babylonien) sich des Thrones bemächtigt, vertreibt er diesen und macht sich selbst unter dem Namen Pulu zum König von Babylon, Sumer und Akkad. So wird er der Gründer des assyrischen Weltreichs, indem er
[~729.~]
~Assur und Babel vereinigt~.
[722–705.]
~Sarrûkîn~ (Sargon), Begründer einer neuen Dynastie, beendet die von seinem Vorgänger Salmanâsar IV. begonnene Belagerung von +Samaria+, führt die Einwohner nach Medien, schlägt einen Angriff des ägyptischen Königs Schabăka (S. 6) bei +Raphia+ (unweit Gaza) zurück, vernichtet durch Eroberung von +Gargamisch+ (Karchemisch) den letzten Hethiterstaat in Syrien (S. 8). Dann unterwirft er das westliche +Medien+, siegt über den König Rusas von +Urarthu+, zwingt Mita, den König der +Muski+ (Midas von Phrygien, S. 8), zur Huldigung. Cypern tributpflichtig. Inzwischen hat sich in +Babel+ Mardukbaliddin, Fürst der Kaldi, von Elam her unterstützt, der Herrschaft bemächtigt; Sarrûkîn besiegt ihn 710 und stellt die Vereinigung beider Reiche wieder her. Elam bleibt selbständig. Neue Residenz Dûr-Sarrûkîn (Chorsâbâd) nördlich von Ninive. Sein Sohn
[705–681.]
~Sinachirib~ (Sanherib) behauptet Syrien gegen die Ägypter, belagert aber Tyros und Jerusalem vergeblich (König Hiskia), zerstört die Stadt Babel nach abermaligem Aufstande der Einwohner.
[681–668.]
~Assurachiddin~ (Assarhaddon) stellt Babel wieder her, begünstigt die Babylonier, unterwirft +Ägypten+ (S. 6, Memphis 670 erobert) und mehrere +arabische+ Stämme. Sidon erobert und zerstört, wird assyrische Provinzialstadt. Unter diesem König hat das Reich seine größte Ausdehnung. Aber schon unter seiner Regierung beginnen nomadische Indogermanen, die +Skutscha+ und +Gimirai+ (Skythen und Kimmerier), das Reich vom Norden her zu bedrohen.
[668–626.]
~Assurbanipal~ (Sardanapal) wird durch den Aufstand seines Bruders +Samassumukîn+, den Assurachiddin zum König von Babel eingesetzt hatte, genötigt, Ägypten aufzugeben (vgl. S. 6), unterwirft jedoch +Babel+ wieder und macht dem Reiche ~Elam~ ein Ende durch Eroberung der Hauptstadt +Susa+. Seine durch Bauten verschönerte Residenzstadt ist ~Ninive~; dort ist in den umfangreichen Ruinen der größte Teil seiner großartigen Bibliothek aufgefunden worden (Tafeln und Zylinder aus Ton mit Keilschrift). Nach seinem Tode wird +Babel+ wieder selbständig und erhebt sich bald zu großer Macht, während das assyrische Reich durch die verheerenden Kriegszüge der +Skythen+, die bis nach Syrien vordringen, geschwächt wird.
[~626–539.~]
~Das Neu-Babylonische (chaldäische) Reich.~
[626–605.]
~Nabupalôssor~, ein Chaldäerfürst, König von Babel, erkennt die assyrische Oberhoheit nicht mehr an, verbündet sich mit dem König der +Meder+ Kyaxāres (S. 17).
[606.]
~Ende des assyrischen Reiches,~ die vier Residenzstädte, namentlich +Ninive+, von den Medern unter Kyaxāres zerstört. König +Neko+ von Ägypten, welcher Syrien zu erobern versucht (609 Schlacht bei Megiddo, wo König Josia von Juda fällt), wird von +Nabukudrossor+, Nabupalôssors Sohn, zurückgeschlagen.
[605–561.]
~Nabukudrossor II.~ (Nebukadnezar) läßt die vergrößerte Stadt Babel (Babylon) mit einer doppelten Mauer umziehen, legt die sogen. schwebenden Gärten der Semiramis (Terrassen) an, stellt den Tempel des Bêl und die das Land vor Versumpfung schützenden Kanäle wieder her (Wasserbecken bei +Sippāra+), sichert das Land im Norden durch die vom Euphrat bis zum Tigris reichende medische Mauer. Amasis von Ägypten, der sich mit griechischen Inselmächten verbündet hat, 605 bei Karchemisch besiegt. Krieg gegen Juda. 586 Jerusalem zerstört, die Einwohner am Euphrat angesiedelt, 573 Tyros unterworfen.
Nach dem Tode des großen Königs Verfall des Reiches durch Thronstreit. Kurze Regierungen der drei Nachfolger aus Nebukadnezars Familie; dann wird die chaldäische Dynastie von den Priestern gestürzt, die einen Babylonier +Nabunêd+ auf den Thron erheben. Dieser bemüht sich um Herstellung der Tempel und Einkünfte der Priester, erliegt aber dem Angriffe der +Perser+.
[539.]
~Babylon von Kyros erobert~; Babylonien wird zunächst ein Kronland der Perserkönige, dann nach einem Aufstand unter Xerxes persische Provinz. Der Marduktempel von Xerxes zerstört, bleibt seitdem in Trümmern.
§ 3. Juden (Hebräer, Israeliten).
~Syrien~, von semitischen Völkern bewohnt, hat nach dem Verfalle der Macht der +Hethiter+ (S. 8) keine zusammenfassende Staatsbildung aufzuweisen; im 9. Jahrhundert wird es von den +Assyrern+ abhängig. Doch behalten die Einwohner ihre alte Religion und Sprache; in Nordsyrien herrscht die +aramäische+ Sprache.
Geschichtlich bedeutsam durch seine +Religion+ ist das im Lande ~Kanaan~ (Palästina) wohnende jüdische Volk, dessen ältere Geschichte sagenhaft ist. Stammväter: +Abraham+, +Isaak+, +Jakob+; Auswanderung nach Ägypten, Rückkehr unter +Mose+, Gesetzgebung am +Sinai+. Unter +Josuas+ Führung werden die Völker Kanaans besiegt; Verteilung des Landes zu beiden Seiten des +Jordan+ unter die 12 Stämme; der Stamm Levi zur Priesterschaft bestimmt. Verehrung des einigen unsichtbaren Gottes +Jahveh+ (Jehovah); sein Heiligtum die tragbare Stiftshütte, darin die Bundeslade, in welcher die Gesetztafeln aufbewahrt werden. Das Gesetz Jahvehs beherrscht das ganze bürgerliche Leben. (Theokratie.)
Weitere Kämpfe mit den Völkern Kanaans unter Führung der ~Richter~: Gideon, Jephtah, Simson, Samuel.
[Um 1000.]
Auf Verlangen des Volkes salbt Samuel den ~Saul~ (aus dem Stamme Benjamin) zum +König+. Saul, siegreich gegen die Nachbarvölker, entzweit sich bald mit dem Priestertume. Samuel salbt einen andern König, +David+, aus dem Stamme Juda. Diesen nötigt Saul zur Flucht, tötet sich aber selbst nach einem unglücklichen Kampfe gegen die Philister.
[Um 980.]
~David~ treibt die Feinde zurück, entreißt den Jebusitern +Jerusalem+, wohin die Bundeslade gebracht wird, und macht diese Stadt zur Hauptstadt.
[Um 950.]
~Salomo~ baut den Tempel zu Jerusalem; Freundschaft mit dem König Hirôm I. von Tyros, gemeinsame Seefahrten nach dem Lande +Ophir+ (Ostarabien?); glänzende Regierung. Nach seinem Tode
[Um 925.]
~Teilung~ des Reiches der Juden. Die Stämme Juda und Benjamin halten zu +Rehabeam,+ dem Sohne Salomos, die andern zehn Stämme unter +Jerobeam+ bilden das Reich +Israel+ (Hauptstadt Sichem, später seit Ahab Samaria).
Im Reiche ~Israel~ gelangt unter König +Ahab+ (um 870) durch den Einfluß seiner Gemahlin +Isebel+, Tochter +Itobaals I.+ von Tyros, der phönikische Baal- und Astartedienst zu großer Verbreitung. Kampf der ~Propheten~ (~Elîa~, +Elisa+ u. a.) gegen das götzendienerische Königtum. Ahab fällt im Kampf gegen Damaskus. Der Feldhauptmann +Jehu+, von Elisa gesalbt, tötet Isebel, rottet das Geschlecht Ahabs aus, macht sich zum König und verbietet den Baaldienst; er wird 842 dem +assyrischen+ Könige Salmanâsar II. tributpflichtig (S. 9). Dann Bedrängnis durch die Könige von +Damaskus+, glücklichere Zeit unter +Jerobeam II.+ König +Menachem+ wird 738 wiederum den Assyrern untertan; König +Hosea+ wird, als er sich der assyrischen Herrschaft zu entziehen sucht, 724 von Salmanâsar IV. geschlagen und gefangen. Nach 3 jähriger Belagerung wird
[~722.~]
+Samaria+ von +Sarrûkin+ (S. 9) erobert, das ~Reich Israel zerstört;~ über 27000 Einwohner weggeführt und in Assyrien und Medien angesiedelt.
Das Reich ~Juda~ wird noch unter +Rehabeams+ Regierung von den Ägyptern unter +Scheschonk+ (S. 6) mit Krieg überzogen. König +Josaphat+ (um 870) vermählt, um ein friedliches Verhältnis mit dem Reiche Israel herzustellen, seinen Sohn mit +Athalja+, der Tochter Ahabs von Israel und der Isebel. Athalja bemächtigt sich 843 in Jerusalem der Herrschaft, ermordet, um Davids Stamm auszurotten, ihre eigenen Enkel (nur +Joas+ wird wunderbar gerettet und im Tempel Jehovahs auferzogen) und führt in Jerusalem den Baaldienst ein. Sie wird 837 von dem Hohenpriester +Jojada+ gestürzt und getötet, der junge +Joas+ auf den Thron gesetzt, der Baaldienst aufgehoben.
König +Hiskia+ (um 700), der Leitung des Propheten ~Jesaja~ folgend, verbannt aufs neue die Abgötterei, verweigert den Assyrern den Tribut und verbindet sich mit Ägypten. Die Assyrer unter +Sinachirib+ belagern vergeblich Jerusalem, führen aber viele Bewohner des offenen Landes in die Gefangenschaft.
Unter +Josia+ (640–609) verheeren die +Skythen+ (s. S. 10) das Land. Herstellung des Jehovahdienstes nach Auffindung des Gesetzbuches im Tempel (621); der Prophet ~Jeremia~. König Josia fällt im Kampfe gegen den ägyptischen König +Neko+ (s. S. 10) bei +Megiddo+ 609. Das Reich Juda wird den Ägyptern und nach der Schlacht bei +Gargamisch+ (S. 6) den Babyloniern Untertan. Ein Versuch des letzten Königs +Zedekia+, die Unabhängigkeit wieder zu gewinnen, mißlingt trotz ägyptischer Hilfe.
[v. Chr. 586.]
~Nabukudrossor~, König von Babylon, ~zerstört Jerusalem~. Viele Juden in die +babylonische Gefangenschaft+ geführt.
[539.]
~Kyros~ gestattet den Juden die Rückkehr nach Palästina und die Wiederherstellung eines Staates Juda. Jerusalem und der Tempel wieder aufgebaut. Herstellung des mosaischen Gesetzes durch +Esra+ 458, Mauerbau unter +Nehemia+ 445. An der Spitze des kleinen Staates steht unter persischer Oberhoheit der +Hohepriester+; Feindschaft gegen +Samaria+, wo Vermischung mit anderen Völkern eingetreten ist.
§ 4. Phöniker und Karthager.
~Phönikien~, der schmale, hafenreiche Küstenstrich westlich vom Gebirge Libanon, bewohnt von einem semitischen Volke, welches frühzeitig Städte gründete: +Arwad+ (Arados), +Gubal+ (Byblos), +Berut+ (Berytos), +Sidon+, +Zor+ (Tyros). ~Sidon~ seit etwa 1500 v. Chr. die bedeutendste Stadt.
Die +Religion+ der Phönīker mit der babylonischen verwandt, durch Ausschweifung und Grausamkeit entstellt. Hauptgötter +Baal+, +Astarte+ und +Moloch+, der Feuergott, welchem Menschenopfer dargebracht wurden. In Tyros +Melkart+ besonders verehrt, in Gubal der Frühlingsgott +Adonis+.
Die Phöniker trugen als +Handelsvolk+ die in Ägypten und Babylonien begründete Kultur nach den Ländern des Westens. Ihre Häfen standen durch Karawanenstraßen (über Damaskus und Thadmor) mit dem Euphratlande in Verbindung. Mannigfache +Gewerbtätigkeit+: Weberei, Purpurfärberei, Glasbereitung, Bergbau, Bearbeitung der Metalle. Ausbildung der (konsonantischen) Lautschrift, von der die europäischen und neueren asiatischen »Alphabete« abstammen.
Gründung zahlreicher ~Kolonieen~ auf Cypern, Rhodos, Kreta, Kythera, auf Inseln des Ägäischen Meeres, auf Sicilien, an der Nordküste von +Afrika+ (Utica, Leptis), an der Südküste von +Spanien+ (Gades). Weitere Handelsfahrten teils nach der Westküste Afrikas, teils nach Britannien und der deutschen Seeküste, wo sie u. a. den Bernstein fanden.
[Um 1100.]
~Tyros~ gelangt an Stelle von Sidon zum Vorrang unter den phönikischen Seestädten.
[Um 950.]
Blüte von +Tyros+ unter König ~Hirôm I.~, dem Freunde Salomos (S. 11). +Neu-Tyros+, auf einer Insel der Altstadt gegenüber gelegen, wird erweitert, befestigt und durch einen Damm mit dem Festlande verbunden. Später entstehen innere Zwistigkeiten; ein großer Teil der alten Geschlechter verläßt unter Führung der Königstochter +Elissa+ die Stadt Tyros und gründet
[v. Chr. Um 814.]
~Karthāgo~, punisch +Kartchadast+ (d. h. die neue Stadt), an der Meeresbucht zwischen dem +Schönen+ und dem +Hermäischen+ Vorgebirge, nicht weit von dem heutigen +Tunis+ (Doppelhafen, Burg +Byrsa+). Die Gründerin +Elissa+ wird später als Göttin +Dido-Astarte+ (Beschützerin der Kolonisation) verehrt.
Verfassung Karthagos: Aristokratische Republik, die Herrschaft in der Hand der reichen Großkaufleute und Gewerbetreibenden, an der Spitze zwei jährlich erwählte +Suffeten+, d. h. Richter, auch Könige genannt, ein engerer und ein weiterer Senat; die Bürgerschaft hat das Wahlrecht und wird bei wichtigen Entscheidungen befragt.
Allmähliches Sinken der Städte des Mutterlandes; sie geraten unter die Botmäßigkeit der +Assyrer+, dann der +Babylonier+; nur +Tyros+ erhält sich bis 573 frei. Währenddessen breiten sich die +Griechen+, welche schon früher (um 1000 v. Chr.) die Phöniker aus dem Ägäischen Meere verdrängt hatten, an den Küsten und Inseln des westlichen Mittelmeeres aus und bedrohen die phönikischen Niederlassungen mit Vernichtung.
[Um ~600~.]
Gegenüber dieser Gefahr beginnt ~Karthago~ die Phöniker des Westens unter seiner Führung zu sammeln und gründet ein ~seemächtiges Reich~ in +Nordafrika+, +Westsicilien+ und +Südspanien+. Grenzkriege mit den Griechen von +Kyrēne+; die Altäre der Philänen (östlich von Groß-Leptis) als Grenze festgestellt. Auch +Sardinien+ wird von den Karthagern besetzt; aus +Korsika+ vertreiben sie, im Bunde mit den Etruskern, die Griechen von Phokäa (Seeschlacht bei Alalia 540).
[586–573.]
~Tyros~ hält eine dreizehnjährige Einschließung (von der Landseite) durch +Nabukudrossor+ aus, muß aber zuletzt die Oberherrschaft des Königs von Babylon anerkennen (S. 10).
[539.]
Nach Zerstörung des Babylonischen Reiches durch +Kyros+ werden die Phöniker den Persern Untertan, sie stellen fortan den Hauptteil der +persischen Seemacht+. ~Sidon~ wird nunmehr wieder die erste Stadt Phönikiens. +Tripolis+ als Bundesstadt gegründet von Arados, Sidon und Tyros.
[332.]
Nach der Eroberung von Tyros durch +Alexander d. Gr.+ wird Phönikien und ganz Syrien, bald auch Ägypten und Babylonien ein Teil der großen ~griechisch-makedonischen~ Monarchie.
Fussnoten:
[1] Die Entzifferung der Hieroglyphen gelang zuerst dem französischen Gelehrten +Champollion+ 1822 mit Hilfe des 1799 von Napoleons I. Soldaten bei +Rosette+ aufgefundenen Steines, der eine Inschrift aus der Ptolemäerzeit in ägyptischer und griechischer Sprache enthält.
[2] Einunddreißig +Dynastien+ ägyptischer Könige, mit +Menes+ beginnend, bis auf Alexander d. Gr. verzeichnete um 280 v. Chr. der Priester +Manĕtho+ zu Heliopolis (On) in einem griechisch geschriebenen Werke über Ägyptens alte Geschichte.
[3] +Herodot+, welcher um 450 v. Chr. Ägypten bereiste, nennt die Könige Cheops, Chephren, Mykerinos. Seine Angaben über die ältere Geschichte Ägyptens sind sagenhaft; wertvoll ist seine Schilderung des Landes und der Volkssitten.
[4] Die Entzifferung der Keilschrift begann +G. F. Grotefend+ 1802, indem er in den Inschriften von Persepolis die persischen Königsnamen erkannte. Weitere Fortschritte namentlich durch +Rawlinson+, welcher 1846 die persische Inschrift von Bagistana (Behistun) (s. S. 20) herausgab.
[5] Die fünfte Dynastie bei +Berōssos+, der um 280 v. Chr. die Sagen der babylonischen Urzeit (große Flut) und die Königsreihen in einem griechisch geschriebenen Geschichtswerk verzeichnete.
[6] Die Ruinen von +Ninive+ bei Môssul (am Tigris) zuerst 1842 von dem Franzosen Botta, 1845 von dem Engländer Layard erforscht, die Ruinen von +Babylon+ 1853 von Oppert und Rawlinson. Deutsche Ausgrabungen 1886, dann seit 1901.
[7] Mit Nabunâssirs Regierungsantritt 747 v. Chr. beginnt der in dem astronomischen Werke des Alexandriners +Ptolemaios+ (um 150 nach Chr.) erhaltene +astronomische Kanon+, ein Verzeichnis der Herrscher, die über Babylon regiert haben, bis Antonius Pius, mit genauer Angabe der Regierungszeiten.
~B. Die asiatischen Arier.~
Ein neues Zeitalter beginnt mit dem Auftreten der ~Arier~ (Indoeuropäer). Zuerst treten die +asiatischen+ Zweige dieser Völkergruppe hervor in Iran, Kleinasien, Armenien, Indien, dann die +südeuropäischen+ (Griechen und Italiker), weiterhin die Kelten und Germanen, zuletzt die Slaven und Letten.
§ 1. Völker Kleinasiens.
Um 1500 v. Chr. erscheinen zuerst die den Phrygern verwandten +Muski+ und Stämme der iranischen +Saken+ (Skythen) in Kleinasien. Sie verdrängen die +Hethiter+ (S. 5, 8, 9), von deren früherer gewaltiger Herrschaft sich Denkmäler westlich vom Halys in Syrien, Mesopotamien, Kilikien, Kappadokien, auch am Sipylos finden. Das ~Phrygische Reich~, dessen König Mita (Midas) 710 den Assyrern huldigt (S. 9), erliegt bald darauf dem Ansturm der +Kimmerier+ (S. 10), die ebenso wie die +Saken+ oder +Skythen+ iranische Stämme sind, die nicht seßhaft werden. Als selbständige seßhafte Stämme erscheinen die Armenier, Kappadokier, Lykier; an der Westküste bildet sich das ~Lydische Reich~ und gewinnt dann weitere Ausdehnung.
[Um 670.]
König ~Gyges~, Begründer der +Mermnaden+-Dynastie, huldigt dem assyrischen Reiche, fällt im Kampf gegen die +Kimmerier+, welche die Hauptstadt +Sardes+ bis auf die Burg erobern, dann aber zurückweichen. Seine Nachfolger unterwerfen +Mysien+ und +Phrygien+, bekämpfen die Griechenstädte. ~Alyattes~, der vierte Mermnade, gerät in Krieg mit Kyaxâres von Medien.
[~585.~]
Unentschiedene Schlacht am Halys zwischen +Alyattes+ und +Kyaxâres+ (Sonnenfinsternis, vorhergesagt von Thales von Milet). Der +Halys+ wird als Grenze zwischen dem lydischen und dem medischen Reiche festgesetzt. Des +Alyattes+ Tochter wird mit +Astyages+, dem Sohne des +Kyaxâres+, vermählt. +Alyattes+ unterwirft +Bithynien+, +Paphlagonien+, +Karien+, auch die meisten Griechenstädte, zerstört +Smyrna+. Aufhäufung großer Schätze in der Königsburg von Sardes.
[~554–541.~]
~Kroisos~, Sohn des Alyattes; er unterwirft nach der Einnahme von +Ephĕsos+ alle griechischen Küstenstädte, mit Ausnahme von +Milet+, mit dem er das von Alyattes erzwungene Bundesverhältnis erneuert. Reger Verkehr mit dem europäischen Griechenland.
Nach der Entthronung seines Schwagers +Astyages+ von Medien durch den Perser +Kyros+ überzieht +Kroisos+ das persische Reich mit Krieg. Auf den (zweideutigen) Rat des delphischen Orakels überschreitet er den +Halys+. Unentschiedene Schlacht bei +Pterĭa+. Kroisos geht unschlüssig nach Sardes zurück. Kyros folgt ihm, siegt in einer zweiten Schlacht, erobert Sardes und nimmt Kroisos gefangen.
[Um ~545.~]
~Untergang des lydischen Reichs,~ das mit dem persischen vereinigt wird.
§ 2. Die Inder.
Um 1500 v. Chr. Einwanderung +arischer+ Stämme in das Tiefland des ~Indus~; sie breiten sich allmählich aus über das +Ganges+land, über die Halbinsel +Dekhan+ und die Insel +Ceylon+ (Singhala), überall eine dunkelfarbige Urbevölkerung (+Dravidas+) verdrängend. Gründung zahlreicher Staaten.
Der alt-arische Götterglaube, den die Eroberer mitbrachten, bilderlose Verehrung der Naturmächte (der Himmelsgott +Diausch-Asura,+ der Gott des allumfassenden Weltraumes +Váruna,+ der Feuergott +Agni+, der Gewittergott +Indra+ u. a.), ward unter dem Einfluß der Priester allmählich zu der mehr monotheistischen ~Brahma~-Religion umgebildet, die das gesamte Denken und Leben in strenge Satzungen einfügte. Viele Vorschriften der Reinigung, Lehre von der Seelenwanderung. Das Volk wird in vier streng geschiedene Stände (Kasten) geteilt: Priester (+Brahmanen+), Krieger (+Kschatrija+), Ackerbauer und Gewerbetreibende (+Vaiçja+), die unterworfenen Ureinwohner als Dienende (+Çudra+): am niedrigsten stehen die als unrein verachteten +Paria+. Die Könige gehen aus dem Kriegerstande hervor, sie wählen ihre Ratgeber und Beamten aus den Brahmanen.
Reiche Entwickelung der Literatur; +Sanskrit+ die Schriftsprache, von der Volkssprache unterschieden. +Vedas+ die heiligen Bücher (Hymnen, Gebete, Sprüche), Gesetzbuch des +Manu+. Die epischen Dichtungen +Mahabhârata+ und +Ramâjana+ schildern die Heldentaten der Kriegszeit, doch hat ihr ursprünglicher Inhalt manche Umbildung in priesterlichem Sinne erfahren. In Baukunst und Skulptur ist seit dem 6. Jahrhundert +persischer+ Einfluß erkennbar.
[Um 520.]
~Buddha,~ ein Königssohn (seine Heimat an den Vorhöhen des Himâlaya), tritt als Reformator auf, verwirft die strengen Satzungen und Kastenunterschiede, lehrt sittliche Vervollkommnung durch Entsagung und Mitleid, stellt als Ziel die Ruhe der Seele (Nirwāna) auf. Er wird später selbst als Gott verehrt, sein Bild in den Tempeln aufgestellt.
[Um 450.]
Das Reich von ~Magādha~ im Gangeslande erhebt sich nach Unterwerfung mehrerer Nachbarstaaten zu größerer Bedeutung: seine Könige nehmen den Buddhismus an. Residenz +Pataliputra+ (Patna).
[317–291.]
+Tschandragupta+, ein Flüchtling aus Magadha, vertreibt die Makedonier aus dem +Indus+lande, macht sich zum König von Magadha und erweitert das Reich fast über die ganze vorderindische Halbinsel. Sein Enkel
[263–226.]
+Açoka+ durch milde und sorgsame Regierung berühmt. Blütezeit des Buddhismus; die +Stupa+, Kuppelbauten zum Schutz der Reliquien Buddhas, +Bhagavāti+ die pyramidenförmig aufsteigenden Tempel (Pagoden). Anlage von Straßen, Brunnen, Krankenhäusern (auch für Tiere). Inschriften bezeugen seine Beziehungen zu den Herrschern der Diadochenreiche.
Im Reiche Magadha lebte im 6. Jahrhundert +nach+ Chr. der Dramendichter Kalidâsa (Sakuntăla). Im 3. Jahrhundert gelangt die +Brahma+lehre wieder zur Herrschaft; der Buddhismus breitet sich nach Hinterindien, Tibet, China, Japan aus. Das Eindringen fremder Eroberer beginnt erst in der Zeit des Islam.
§ 3. Die Iranier.
Das Hochland +Iran+ (Ariân, Land der Arier) ist ein Land der Gegensätze; zwischen schneebedeckten Gebirgen und glühenden Sandwüsten liegen oasenartig Strecken fruchtbarsten Bodens, die natürlichen Mittelpunkte des Landes. Am stärksten bewohnt sind die Gebirgsländer am Rande des Hochlandes; im Westen +Medien+ und +Persien+, im Norden +Hyrkanien+ und +Parthien+, im Osten +Baktrien+ und +Arachosien+; dort hat sich in der Landschaft +Arīa+ (Herat) auch der alte Gesamtname erhalten.
Der alte Götterglaube erfuhr auch hier eine priesterliche Umbildung durch die Lehre des +Zarathuschtra+ (Zoroaster), der in unbekannter Zeit unter einem Fürsten +Vistâspa+ lebte. Als Staatsreligion erscheint diese Lehre erst unter Dareios I., um 520. Über die anderen Götter erhebt sich +Ahura-Mazda+ (Ormuzd), Beschützer des Ackerbaues und Verteidiger der Wahrheit; ihm stehen zur Seite die 6 guten Geister, +Amĕscha-Spenta+. Sein Dienst fordert die Bekämpfung der verderblichen Mächte, an deren Spitze +Angramanjusch+ (Ahriman) steht. Keine Götterbilder und Tempel; nur Feueraltäre im Freien, namentlich auf Bergen; das Feuer gilt als heiliges Symbol der Reinheit. Später (um 400 v. Chr.) finden auch Götter der alten Volksreligion wieder große Verehrung, namentlich +Mithra+, der Gott des Sonnenlichts, und +Anāhĭta+, Göttin der Gewässer, denen man auch Bilder und Tempel errichtet. Heiliges Buch +Avesta+, nur zum Teil erhalten in einer aus der Sassanidenzeit (3. Jahrhundert nach Chr.) stammenden Bearbeitung. Die Priester (Magier) zu einer erblichen Kaste vereinigt.
Die ~Meder~ im nordwestlichen Gebirgslande, seit 835 den +Assyrern+ Untertan (S. 9), doch oft sich empörend, befreien sich zur Zeit des Einbruchs der +Skythen+ (S. 10). Schon um 670 wird +Kastarita+, ein medischer Fürst, von den Assyrern als gefürchteter Gegner genannt. Nach Herodot ist +Deiokes+ (700 bis 647) als der Begründer des medischen Reiches anzusehen. Der Befreier Mediens von den unter +Partatua+ (Protothyas bei Herodot) infolge des babylonisch-assyrischen Krieges in großen Scharen (S. 10) eingedrungenen +Skutscha+ (Skythen), die unter Madyas, dem Sohn Partatuas, 28 Jahre über »Asien« herrschten, war
[624–585.]
~Kyaxâres~, vermutlich ein Nachkomme Kastaritas. Er ist wohl der eigentliche +Gründer des Mederstaates+, schuf ein stehendes Heer, stand im Bunde mit Babylonien (S. 10). Er zerstört Ninive, kämpft mit den Lydern (S. 15) und dehnt seine Herrschaft über andere iranische Stämme (Sagartier, Hyrkanier, Parther) aus. Sein Reich vom Halys im Westen bis an die Grenze Elams (zu Babylon) im Südosten. Residenz Hagmatâna (Agbatana). Sein Nachfolger ist
[584–550.]
~Astyages~ (babylonisch Ischtuvegu). Er macht einen Vorstoß gegen das neubabylonische Reich und belagert um 555 +Harrân+. Seine Erfolge werden vereitelt durch den Aufstand der +Perser+, eines medischen Vasallenstaates in Elam, unter +Kurusch II+.
[Um 630.]
Die ~Perser~ dringen aus ihrem Gebirgslande im Südwesten Irans nach +Elam+ vor und gründen hier unter dem Achämeniden +Tschischpisch+ (Teïspes bei Herodot) das Königreich +Antschan+. Hier herrschen die Könige +Kurusch I.+ und +Kambudschija I.+, dann des letzteren Sohn
[~558–529.~]
~Kyros~ (+Kurusch II.+), welcher 550 seinen Lehnsherrn +Astyages+ stürzt und die medische Hauptstadt +Hagmatâna+ erobert. Er vereinigt die persischen Stämme unter seiner Herrschaft und gründet das große
[~559–330.~]
~Persische Reich,~
welches die Völker Vorderasiens zu einer politischen Einheit zusammenfaßt. Ihm gehorchen die früher den Medern unterworfenen Völker Irans, die Armenier und Kappadoker; er stürzt das lydische Reich (S. 16), und während seine Feldherren Mazares und Arpagos die Griechenstädte an der kleinasiatischen Küste unterwerfen, erobert er +Babylon+. Das babylonische Reich wird dem persischen angegliedert (S. 11), jedoch in Sitte und Religion nicht angetastet. Die phönikischen Städte und die Kilikier behalten ihre einheimischen Könige unter persischer Oberhoheit, in den Griechenstädten werden persisch gesinnte Fürsten (Tyrannen) eingesetzt, den Juden wird die Rückkehr nach Palästina gestattet. Hauptstadt zunächst wohl Susa, denn Kyros’ Stammland Antschan gehörte zu Elam.
Die +Meder+ sind in diesem Reiche zunächst den Persern gleichgestellt, ebenso wie die Babylonier; auch aus ihnen nimmt der König seine Beamten. Bei den +Persern+ herrschen einfache Sitten; als kräftiges Gebirgsvolk sind sie den in der Kultur vorgeschrittenen Nachbarvölkern überlegen. Kyros fällt 529 im Kampfe gegen die Nomaden im Nordosten des Reiches (+Massageten+, ihre Königin Tomyris nach Herodot); sein Grabmal zu +Pasargădã+ ist erhalten. Sein Sohn und Nachfolger
[~529–522~.]
~Kambyses~ (+Kambudschĭja)+ tötet seinen jüngeren Bruder (Smerdis) +Baraĭja+, der sich an die Spitze eines Aufstandes der östlichen Reichshälfte gestellt hat. (Kyros hatte sich nicht auf das Persertum gestützt, sondern auf die alten Kulturländer; erst unter Dareios gewann das Persertum die führende Stellung im Reich.) Er erobert +Ägypten+ (S. 6), zieht den Nil aufwärts gegen +Napata+, das sich unterwirft. Die Griechen in +Kyrene+ erkennen ebenfalls die Oberherrschaft der Perser an, aber eine beabsichtigte Unternehmung gegen +Karthago+ scheitert an der Weigerung der Phöniker, gegen ihre Pflanzstadt Schiffe zu stellen. Inzwischen empört sich in Medien der Magier (Priester) +Gaumâta+, indem er sich für den getöteten ~Bardija~ ausgibt. Kambyses stirbt auf der Rückkehr aus Ägypten; der falsche Bardija wird nach kurzer Herrschaft gestürzt von den sieben Stammfürsten der Perser, deren +erster+ König wird, der Sohn des Achämeniden Vischtâspa (Hystaspes),[8]
[521–485.]
~Dareios I.~ (+Darijavahusch+). Aufstände im ganzen Reiche, zuerst in Elam und Babylon, dann empören sich die Meder, Sagarter, Hyrkanier und Parther unter angeblichen Nachkommen des +Kyaxâres+, die Armenier, in Persien selbst ein zweiter falscher +Bardija+. Die Niederwerfung aller dieser Aufstände (Babylon durch die List des Zopyrus erobert) berichtet die dreisprachige Keilinschrift (persisch, elamitisch, babylonisch) an der Felswand von +Bagistâna+ (Behistun, südwestlich von Agbatana am oberen Choaspes).
Darauf Neuordnung des Reiches; es wird in 20 +Satrapien+ geteilt, die bestimmte Steuern zu entrichten haben in Geld und Naturalien. Nur die eigentlichen Perser sind steuerfrei, nicht mehr die früher ihnen gleichgestellten Meder. Die Perser bilden den Kern des Heeres. Die übrigen Reichsvölker stellen Truppen oder Schiffe. Einheitliche Reichswährung, deren Einheit der Dareikos (Goldmünze von etwa 23 M. Wert) bildet, der auch in Griechenland und Indien in Umlauf kommt. 300 Dareiken gleich einem babylonischen Silbertalent, 7030 M. unseres Geldes. Große Heerstraßen angelegt, namentlich die Königsstraße von +Sardes+ nach +Susa+ mit Stationen für die reitenden Boten des Königs. Palastbauten in +Susa+ und der neuen Hauptstadt +Persepŏlis+; auch +Babylon+ und +Agbatāna+ bleiben Residenzen des Großkönigs.
Dareios erweitert das Reich durch Unterwerfung des +Indus+landes, läßt von der Indusmündung aus Arabien umfahren und den Nilkanal nach dem Roten Meer (S. 6) vollenden. Karthago zahlt Tribut. Nach Westen vordringend überschreitet er 514 mit Heeresmacht den +Bosporus+, dann auch die untere Donau, dringt in das Skythenland ein, muß jedoch umkehren (Histiaios, Tyrann von Milet, rettet die Donaubrücke gegen den Rat des Atheners Miltiades) (S. 36); sein Feldherr Megabazos unterwirft +Thrakien+ und +Makedonien+. Von den griechischen Inseln werden +Lemnos+ und +Imbros+ Untertan, wie früher schon +Lesbos+, +Chios+, +Samos+.
[500–494.]
~Aufstand der ionischen Griechen~,
angestiftet durch den mit einem Fürstentum in Thrakien beschenkten, dann aber bei Dareios verdächtigten und nach Susa berufenen Tyrannen +Histiaios von Milet+ und dessen Schwiegersohn +Aristagŏras+. Mit Hilfe von +Athen+ und +Eretria+ wird +Sardes+ eingenommen, die Stadt geht in Flammen auf. Aber bald werden die Ionier von dem persischen Landheere geschlagen, von den Bundesgenossen aus Athen und Eretria verlassen, die ionische Flotte wird bei der Insel +Lade+ (vor Milet, 494) besiegt. Nach Unterwerfung der Ionier +Milet zerstört+, die noch übrigen Einwohner an der Mündung des Tigris angesiedelt. Histiaios gekreuzigt. 492 folgt die Wiederunterwerfung von Thrakien und Makedonien (S. 38).
[490.]
Seezug der Perser, um die Unterwerfung der griechischen Inseln zu vollenden; die Landung in Attika mißlingt. Weitere Unternehmungen gegen Griechenland gehemmt durch einen Aufstand der +Ägypter+.
[485–465.]
~Xerxes I~. (Khsijârscha) unterwirft Ägypten, sein Zug gegen Griechenland mißlingt; die Herrschaft über Thrakien, Makedonien, die Inseln, die kleinasiatischen Griechenstädte geht verloren. Schwelgerisches Leben am Königshofe; die alten einfachen Sitten der Perser schwinden. Xerxes und sein ältester Sohn werden von Artabān, dem Führer der Leibwache, in Susa ermordet. Es folgt der zweite Sohn
[465–424.]
~Artaxerxes I.~ (Artachschâtra) mit dem Beinamen Langhand (Longimănus). Zweiter Aufstand der Ägypter unter +Inărōs+, von den Athenern unterstützt, von +Megabyzos+, dem Satrapen von Syrien, unterdrückt (S. 44). Friede mit den Griechen nach 449; Empörung des Megabyzos durch Verhandlungen beigelegt. Sein Sohn +Xerxes II.+ wird im zweiten Monat seiner Regierung ermordet von seinem jüngeren Bruder +Sogdianos+; diesen stürzt der Halbbruder
[424–405.]
~Dareios II.~ (Nothos), der dann mit Satrapenaufständen zu kämpfen hat. Dritter Aufstand der +Ägypter+, die über 60 Jahre lang ihre Unabhängigkeit behaupten.
[405–359.]
Artaxerxes II. (Mnemon) besiegt seinen jüngeren Bruder +Kyros+, der als Statthalter in Kleinasien sich empört hat, 401 bei +Kunaxa+ unweit Babylon, nimmt die Griechenstädte in Kleinasien wieder unter seine Herrschaft (S. 55).
[359–338.]
~Artaxerxes III.~ (Ochos) unterwirft die Phönīker, nach drei Kriegen auch die Ägypter, herrscht als tatkräftiger Despot, wird endlich von seinem Günstling, dem Ägypter +Bagoas+, vergiftet. Dieser setzt +Arses+, des Königs jüngsten Sohn, auf den Thron, beseitigt ihn aber nach zwei Jahren und macht den Enkel eines Bruders von Artaxerxes II.,
[336–330.]
~Dareios III.~ (Kodomannos), zum König. Bagoas muß den Giftbecher trinken. Dareios regiert wohlwollend, erliegt aber dem Angriff der makedonischen Macht.
[330.]
~Vernichtung des Perserreiches~ durch ~Alexander d. Gr.~ Die griechische Kultur kommt in Vorderasien zum Siege.
Fussnoten:
[8] Stammtafel der Achämeniden:
Tschischpisch. _____| |__________ | | Kurusch I. Anjarâmna. | | Kambudschija I. Arschâma. | | Kurusch II. Vischtâspa. _____| |_____ | | | | Kambudschija II. Bardija. Darijavahusch.
~C. Die Völker Ostasiens.~
Durch die weiten Hochflächen des inneren Asiens von den westlichen Kulturvölkern getrennt entsteht frühzeitig in ~China~ ein bedeutendes Reich, gegründet auf den +Ackerbau+ in den fruchtbaren Flußtälern des Hoangho und Jantsekiang. Die sagenhafte Überlieferung stellt an den Anfang fünf große Kaiser, die in der Zeit von 3300–2207 v. Chr. regiert haben sollen. Als Gründer des Reiches gilt ~Fohi~, der seine Untertanen den Gebrauch der Haustiere und die Schriftzeichen lehrte; +Schinnung+ führte den Ackerbau ein, +Hoang-ti+ lehrte die Zeitrechnung und ordnete die Verwaltung der Provinzen, seine Gemahlin begründete die Seidenweberei.
Zwei Dynastieen regieren von 2207–1122 v. Chr.; unter der zweiten wird die Macht des Kaisers durch die großen Lehnsträger sehr beschränkt. +Wu-wang+, Begründer der dritten Dynastie (1122–256). Diese erwirbt zu dem ursprünglichen Reichsgebiet am unteren Hoangho auch die Länder am Jantsekiang, verliert aber alle Macht an die großen Feudalherren.
[551–478.]
In einer Zeit des Verfalls und innerer Wirren tritt ~Kong-fu-tse~ (Confucius) als religiöser Reformator auf. Er sammelt Sittensprüche und Lieder der älteren Zeit in den fünf heiligen Büchern (King); seine Lehre wird zu seinen Lebzeiten nicht beachtet, später jedoch unter der Dynastie Han zur Staatsreligion erhoben. Die Grundzüge der alten Religion (Verehrung des Himmels, der mächtigen Geister und der Ahnen) hat er nicht verändert. Er will die Menschen glücklich machen als Mitglieder der Familie und des Staates. Das Einzelindividuum hat sich der Gewalt und Autorität der Älteren und Höheren unbedingt zu unterwerfen.
[255–206.]
Der Kaiser +Schi-huang-ti+, Begründer der vierten Dynastie, bricht die Feudalherrschaft der Großen, stellt die Einheit des »Reiches der Mitte« her, beginnt den Bau der +Großen Mauer+ (2500 km lang, mit Wachttürmen) zur Abwehr der Einfälle nördlicher Mongolenvölker.
[206 vor Chr. bis 263 nach Chr.]
Die +Han+-Dynastie gibt dem Reiche seine größte Ausdehnung und höchste Blüte im Innern. Im Süden werden Tongking, Anam, Cochinchina unterworfen, im Westen das Tarim-Gebiet, im Nordosten Korea.
[Seit 65 n. Chr.]
Eindringen des +Buddhismus+. Handelsverbindungen nach dem Westen; den Römern wird die Seide (vestis Serĭca) bekannt. Der römische Kaiser Marcus Aurelius soll 166 eine Gesandtschaft nach China geschickt haben.
[220–617.]
Zeit innerer Kriege; es bilden sich mehrere Reiche, die aber unter +Wuti+, dem Stifter der Dynastie Tsin (263–420) und dem großen Kaiser +Taitsung+ (627–659) aus der Dynastie +Tang+ (618–906) vorübergehend wieder vereinigt werden. Später China unter tatarischen und mandschurischen Dynastien.
Die chinesische Kultur verbreitet sich namentlich nach ~Japan~, dessen Geschichte um 600 v. Chr. mit der Gründung eines Reiches auf der Insel +Kiusiu+ beginnt.
~D. Die Griechen.~
Einen großen Fortschritt in der weltgeschichtlichen Entwickelung hat das hochbegabte Griechenvolk bewirkt. Gegenüber der religiösen und politischen Gebundenheit der asiatischen Völker zeigt es die +freie+ Entwickelung der menschlichen Kräfte und hat in Staat, Kunst und Wissenschaft eine noch jetzt in vieler Beziehung vorbildliche Höhe erreicht. Die griechische Kultur, begünstigt durch ein wohlgelegenes, reich gegliedertes Land, stand noch in Blüte, als das +Christentum+ in die Welt eintrat, und hat ihm die Wege gebahnt.
§ 1. Mythische Zeit.
Der Name +Griechen+ ist deutsche Umformung des von den Römern gebrauchten Namens +Graeci+.[9] Sie selbst nannten sich +Hellenen+; als Ureinwohner ihres Landes bezeichneten sie die +Pelasger+. Alte Heiligtümer des pelasgischen Zeus waren zu +Dodōna+ in Epirus und auf dem Berge +Lykaios+ in Arkadien. Der Name ~Hellenen~ erscheint bei Homer noch nicht als Gesamtname des Volkes; die später gewöhnliche Ansicht unterschied vier Hauptstämme des hellenischen Volkes: +Äŏler+, +Achäer+, +Dorier+, +Ionier+.
Merkwürdige Überreste aus der hellenischen Vorzeit sind seit 1870 durch die von +Schliemann+ und seinen Nachfolgern zuerst in +Troja+ (Hissarlik), dann in +Amyklä+, +Mykenä+, +Orchomenos+, +Tiryns+ veranstalteten Ausgrabungen zu Tage gekommen. Man fand in den Unterbauten weit ausgedehnter Königspaläste und in wohlerhaltenen Gräbern vielerlei Waffen, eine erstaunliche Menge Goldschmuck, Wandmalereien, bemalte Tongefäße und anderes. »Schatzhaus des Atreus«, Löwentor in Mykenä. Weitere Grabungen auf den +Inseln+, namentlich Cypern, Rhodos, Thera, Kreta, haben gezeigt, daß eine frühe altertümliche Kultur die Küsten und Inseln des Ägäischen Meeres umfaßte und unter orientalischem Einfluß, hauptsächlich infolge der regen Handelsbeziehungen mit den Phönīkern, sich höher entwickelte. Die Zeit dieser +Mykenischen Kultur+, deren bedeutsamster Mittelpunkt +Kreta+ war (König +Minos+), ist 1500 bis 12 v. Chr.; eine jüngere Zeit schildern die +Homerischen Gedichte+. Von alters her viele kleine Staaten unter kriegerischen Königen, aber kein grausamer Despotismus wie bei den Assyrern; milde Behandlung der Sklaven.
~Religion~. Die den arischen Völkern gemeinsame Verehrung der Naturkräfte bildet sich bei den Griechen frühzeitig um zur Verehrung +persönlich+ gedachter Götter. Aus dem +Chaos+ sollen Himmel und Erde (+Urănos+ und +Gaia+) entstanden sein, von diesen stammt das Göttergeschlecht der +Titanen (Krŏnos, Rhea, Promētheus+ u. a.). Dieses verdrängen die +olympischen Götter+, an ihrer Spitze der Himmelsgott +Zeus+, Sohn des Kronos und der Rhea, welcher die Herrschaft der Welt mit seinen Brüdern +Poseidon+ (Meer) und +Hades+ oder +Pluton+ (Unterwelt) teilt. Als +olympische Götter+ werden besonders folgende 12 zusammengefaßt: +Zeus+, +Hera+, +Poseidon+, +Demēter+, +Hestia+, +Hephaistos+, +Ares+, +Apollon+, +Artĕmis+, +Pallas Athene+, +Aphrodite+, +Hermes+ (die letzten 7 gelten als Kinder des Zeus). Andere Gottheiten: +Persephŏne+ (Tochter von Zeus und Demeter, Gemahlin Plutons), +Eros+, der ständige Begleiter der Aphrodite, +Dionysos+ oder +Bakchos+ (Sohn des Zeus und der thebanischen Königstochter +Semĕle+), in seinem Gefolge der Hirtengott +Pan+, die Satyrn und Nymphen; +Asklepios+ (Sohn des Apollon), die 9 +Musen+ (Klio, Euterpe, Thalīa, Melpomĕne, Terpsichŏre, Erăto, Polymnia, Urania, Kalliŏpe, Töchter des Zeus und der Mnemosy̆ne), ferner +Eos+, +Iris+; die Meergottheiten +Nereus+ (seine Töchter die Nereĭden), +Amphitrīte+, +Triton+, +Proteus+, +Glaukos+.
Die Abhängigkeit des Menschengeschlechts von den Göttern gibt sich kund in +Gebeten, Opfern, Festzügen+; durch +Orakel, Vorzeichen+ (Weissagung aus dem Vogelflug und aus den Eingeweiden der Opfertiere) geben die Götter ihren Willen kund. Glaube an ein Fortleben nach dem Tode (Elysion, Tartăros).
Reiche Entwickelung der +Götter- und Heldensage+, ein Schatz für die griechische Poesie der folgenden Zeiten.
Die Erinnerung an die Tatsache, daß Griechenland die Anfänge höherer Kultur von den Völkern des Ostens erhalten hat, spiegelt sich wieder in den +Einwanderungssagen+:
~Danăos~, Gründer der Burg von +Argos+, soll aus +Ägypten+ gekommen sein, seine 50 Töchter, die +Danaiden+, ermorden ihre Männer, die Söhne des Äigyptos; nur Hypermnestra rettet den Lynkeus. Ihr Nachkomme +Perseus+, Sohn des Zeus und der Danae, gründet nach der Rückkehr von seinen Heldentaten (Medusa getötet, Andromĕda befreit) die Burg von +Mykēnä+ als Herrschersitz. Aus seinem Geschlecht stammen +Eurystheus+ und +Herăkles+.
~Pelops~, Sohn des Königs +Tantălos+, soll aus +Lydien+ nach Elis gekommen sein. Seine Söhne +Atreus+ und +Thyestes+ bemächtigen sich, nachdem Eurystheus im Kampfe gegen die Herakliden gefallen ist (s. S. 25), der Herrschaft in +Mykenä+. Atreus’ Sohn +Agamemnon+ herrscht nach ihm in Mykenä, der jüngere Sohn +Menelāos+ in +Sparta+ als Erbe des Königs Tyndareos, dessen Tochter Helĕna ihm vermählt ist.
~Kadmos~, Sohn des phönikischen Königs Agenor von +Sidon+, gründet die Burg von +Theben+ (Kadmēa), wo seine Nachkommen herrschen; er soll den Griechen die Buchstabenschrift gebracht haben.
In Attika gilt als uralter +einheimischer+ König ~Kekrops~, Gründer der Burg von Athen; an ihn knüpft sich die attische Königsreihe, in welcher +Erichthonios+, +Erechtheus+, +Jon+, +Ägeus+, +Theseus+ hervortreten. Unter Ägeus soll Attika der Seeherrschaft des Königs ~Minos~ von +Kreta+ untertan geworden sein. Letzterem wird, wie dem Kadmos, +phönikische+ Abstammung zugeschrieben; er gilt als Sohn des Zeus und der +Europa+, Tochter des Königs Agenor.
Nationalhelden der griechischen Sage sind +Herăkles+ und +Theseus+.
~Herăkles~ (+Hercŭles+), Sohn des Zeus und der +Alkmēne+ aus Perseus’ Stamm, in +Theben+ geboren, wird seinem Vetter +Eurystheus+ in +Mykenä+ dienstbar,[10] zieht in Gemeinschaft mit +Telămon+ und +Peleus+, den Söhnen des Königs +Aiăkos+ von Ägina, gegen +Troja+ (König Laomĕdon, Vater des Priamos), besiegt den König +Neleus+ in +Pylos+. In +Kaly̆don+ heiratet er die Königstochter +Dejaneira+, welche ihm später das mit dem Blut des Kentauren +Nessos+ getränkte Gewand sendet; er verbrennt sich selbst auf dem +Öta+ und wird unter die Götter aufgenommen. Die ~Dorier~ haben ihn zu ihrem ~Stammheros~ gemacht; ihre Könige nannten sich seine Nachkommen, von ihm leiten sie ihr Recht auf den Besitz der Peloponnes ab. Seine Söhne, die +Herakliden+, sollen gegen die Verfolgungen des Eurystheus bei +Theseus+ in Athen Schutz gefunden haben; sie versuchen vergebens die Rückkehr, erst den Nachkommen gelingt sie (dorische Wanderung, S. 28).
~Theseus~; Sohn des Kekropiden +Ägeus+, ist der Stammheros der ~Ionier~, insbesondere der ~Athener~. Er fährt nach +Kreta+, tötet dort den +Minotauros+ und rettet mit Hilfe der Königstochter +Ariadne+ die demselben zum Opfer bestimmten athenischen Jünglinge und Jungfrauen. Bei der Rückfahrt bleibt Ariadne auf +Naxos+ zurück und wird Gemahlin des Gottes Dionysos; Theseus vergißt das schwarze Segel mit dem weißen zu vertauschen, Ägeus stürzt sich in das nach ihm benannte Meer. Theseus wird +König von Athen+, vereinigt die Bewohner Attikas zu +einem+ Staate. Er stirbt auf der Insel +Skyros+ im Kampf gegen den König Lykomēdes.
Als Gründer des attischen Staates soll er das Volk in drei +Stände+ geschieden haben: +Eupatriden+ (Adel), +Geomoren+ (Bauern) und +Demiurgen+ (Gewerbtreibende). Dagegen wird die Einrichtung der vier alten +Phylen+ (d. i. Stämme): +Geleonten+, +Hoplēten+, +Argadeis+, +Aigikoreis+ (die Glänzenden, Wehrhaften, Feldarbeiter, Ziegenhirten), deren jede wieder in drei Phratrien zerfiel, auf +Ion+, den mythischen Stammvater des ionischen Stammes, zurückgeführt.
Drei gemeinsame Unternehmungen in der heroischen Zeit sind durch Sagen verherrlicht, die den Hauptstoff für die griechische Poesie bilden.
1. Der ~Argonautenzug~. +Phrixos+, Sohn des Minyerkönigs +Athămas+ von +Orchomĕnos+, flüchtet vor der Stiefmutter Ino mit seiner Schwester +Helle+ auf dem Widder mit goldenem +Vlies+, den beide von ihrer Mutter +Nephĕle+ erhalten haben. +Helle+ stürzt auf der Flucht bei Abȳdos ins Meer, welches nun +Hellespontos+, d. h. »Meer der Helle«, heißt. +Phrixos+ kommt nach ~Kolchis~ (am +Pontos Euxeinos+, Schwarzen Meere) zum Könige +Aiētes+. Der Widder wird geopfert, das goldene Vlies in einem Haine des Gottes Ares von einem Drachen bewacht. -- +Iason+ aus +Iolkos+, von seinem Oheim +Pelĭas+ aufgefordert, fährt auf dem Schiffe ~Argo~ an der Spitze einer Heldenschar nach Kolchis, um das Vlies zu holen; es wird mit Hilfe der Zauberin +Medeia+, Tochter des +Aiētes+, gewonnen. Rückkehr nach +Iolkos+; +Pelĭas+ auf Antrieb der +Medeia+ getötet. --
2. ~Krieg der Sieben gegen Theben~. +Ödipus+, Sohn des +Laïos+, Königs von Theben aus Kadmos’ Stamm (die Labdakiden) und der +Jokaste+, wird infolge eines unheilverkündenden Orakels von den Eltern ausgesetzt, in Korinth von +Poly̆bos+ erzogen. Er tötet bei Delphi den Vater, ohne ihn zu kennen, löst das Rätsel der +Sphinx+, wird König in Theben und heiratet seine eigene Mutter. Als ihm der Greuel entdeckt wird, beraubt er sich selbst des Augenlichts. Seine Töchter +Antigŏne+ und +Ismēne+ geleiten ihn in die Verbannung. +Theseus+ gewährt ihm Aufnahme; sein Grab am Hügel +Kolōnos+ bei Athen. In Theben Bruderzwist seiner Söhne Eteŏkles und Polyneikes.
Mit dem vertriebenen +Polyneikes+ ziehen gegen Theben: +Adrastos+ (König von Argos), +Tydeus+, +Amphiarāos+, +Kapăneus+, +Hippomĕdon+, +Parthenopaios+. Die feindlichen Brüder fallen im Zweikampf, auch die andern Fürsten alle bis auf +Adrastos+ kommen um. +Kreon+, der Oheim der Brüder, wird König von Theben, verurteilt +Antigŏne+ zum Tode, weil sie den Polyneikes bestatten wollte.
Zehn Jahre später Zug der +Epigonen+ (Söhne der +Sieben+). Theben wird eingenommen; +Thersandros+, des +Polyneikes+ Sohn, als König eingesetzt.
3. ~Trojanischer Krieg~.[11] +Priămos+, König von +Troja+ oder +Ilios+; seine Gemahlin +Hekăbe (Hekŭba)+. Von seinen Söhnen treten in der Sage hervor: +Hektor+ (Gem. +Andromăche+) und +Paris+ (+Alexandros+). Dieser entführt +Helĕna+, die Gemahlin des +Menelāos+ von +Sparta+. Um sie zurückzuholen, vereinigen sich die edelsten Fürsten aller griechischen Gaue: des +Menelāos+ Bruder +Agamemnon+ von +Mykēnä+, Anführer der Griechen: +Nestor+ von +Pylos+; +Achilleus+, König der +Myrmidonen+ aus +Phthia+ in Thessalien, Sohn des +Peleus+ und der Nereïde +Thĕtis+; sein Freund +Patroklos+; +Aias+ und +Teukros+, Söhne Telamons aus +Salămis+; der jüngere +Aias+ des Oïleus Sohn, Anführer der Lokrer; +Diomedes+ von +Argos+, des +Tydeus+ Sohn; +Odysseus+ von +Ithăka+, des +Laërtes+ Sohn; +Idomĕneus+ von Kreta, Enkel des Minos, u. a.
Bundesgenossen der Troer: Thraker, Päoner, Paphlagonier, Myser, Phryger, Lyder, Karer; die Lykier unter +Sarpēdon+ und +Glaukos+; später die Amazonen unter ihrer Königin +Penthesileia+, die Äthiopen unter +Memnon+.
Abfahrt der Griechen vom böotischen Hafen +Aulis+ (der Seher +Kalchas+; Opferung der +Iphigeneia+, welche nach +Tauris+ entrückt wird). Schiffslager an der troischen Küste, Beutezüge in die Umgegend. Im zehnten Jahre Streit zwischen +Agamemnon+ und +Achilleus+ wegen der Sklavin +Brisēis+, Achilleus zieht sich vom Kampfe zurück. Die Troer dringen unter +Hektors+ Führung siegreich in das Schiffslager ein, werden aber zurückgetrieben, als +Achilleus+, um den Tod des +Patroklos+ zu rächen, wieder am Kampfe teilnimmt. Hektor von Achilleus getötet, dieser durch einen Pfeil des +Paris+. Das hölzerne Pferd auf +Odysseus’+ Rat gezimmert. Bei der Einnahme Trojas tötet +Neoptolĕmos+, Achills Sohn, den greisen Priamos. +Aeneas+ entkommt, rettet seinen Vater +Anchīses+. Irrfahrten der heimkehrenden Helden (+Odysseus+).
+Agamemnon+ wird nach der Rückkehr von seiner Gemahlin +Klytämnestra+ und +Aigisthos+ getötet; sein Sohn +Orestes+ rächt ihn, wird von den +Erinnyen+, den strafenden Göttinnen der Unterwelt, verfolgt, in Athen auf dem Areopag freigesprochen, nachdem er seine Schwester Iphigeneia aus Tauris zurückgeführt hat. Er herrscht dann in +Mykenä+.
§ 2. Staaten und Kolonien.
Eine große Umwandlung trat ein durch die +Wanderungen+ hellenischer Stämme. Die aus Epīrus in das nach ihnen benannte Land einwandernden +Thessăler+ verdrängen die +Böoter+ aus ihren Wohnsitzen in Arne; diese nehmen nach Unterwerfung der Kadmeer und Minyer die fortan nach ihnen benannte Landschaft +Böotien+ in Besitz. Ebenso wandern die am Pindos in Thessalien ansässigen +Dorier+ nach Süden; ein Teil von ihnen bleibt in dem Berglande +Doris+ am Öta, die anderen ziehen, durch +Ätōler+ verstärkt, bei +Naupaktos+ über die Meerenge nach der Peloponnes. Diese
[~1104~ (?)]
~dorische Wanderung~
hat die Gründung +dorischer Staaten+ zur Folge. Nach der Sage sind die +Herakliden+ Tēmenos, Kresphontes, Aristodēmos Anführer der Dorier; Temenos wird König in +Argos+, Kresphontes in +Messenien+; die Söhne des Aristodemos, Eurysthĕnes und Prokles, herrschen gemeinsam in +Sparta+. Oxylos, Anführer der Ätōler, wird König in +Elis+. Ein Teil der älteren achäischen Bevölkerung zieht sich nach +Achaja+ zurück und vertreibt die dort wohnenden Ionier, die sich nach Attika wenden, in +Arkadien+ bleiben die alten Einwohner; dorisch dagegen werden, +Korinth+, +Sikyon+, +Phlius+, +Epidauros+, +Megara+, +Ägina+, +Kreta+.
[1066 (?)]
~Kodros~, König von Athen, fällt, nach der Sage sich freiwillig opfernd, im Kampf gegen die aus der Peloponnes nach Norden vordringenden +Dorier+; Attika wird von ihnen nicht unterworfen.
[~1000–900~.]
~Äolische, ionische, dorische Kolonien~ an der Küste Kleinasiens und auf den Inseln.
Äŏler und Achäer gründen +Mytilēne+ und +Methymna+ auf der Insel +Lesbos+; +Kyme+, +Smyrna+ u. a. Städte auf dem kleinasiatischen Festlande; Smyrna wird später ionisch.
~Ionier~, nach der Sage meist von Athen ausgewandert unter Führung der Söhne des Kodros, besetzen die Inseln +Chios+ und +Samos+ und gründen an der lydischen und karischen Küste 12 Städte, namentlich +Milet+, +Ephĕsos+, +Kolŏphōn+, +Klazomĕnä+, +Phokäa+. Gemeinsames Heiligtum (+Panionion+) der Tempel des Poseidon am Vorgebirge Mykăle.
~Dorier~ besetzen die Inseln +Melos+, +Thera+, +Kōs+ und +Rhodos+ und gründen an der karischen Küste +Halikarnassos+ und +Knidos+. Auch Kreta galt als dorisch.
Auf +Cypern+ sind Ansiedlungen von Peloponnesiern aus +vor+-dorischer Zeit nachgewiesen; nach +Euböa+ und den +Kykladen+ sind die Ionier früher als nach Asien gekommen.
In Ionien entstanden in der Zeit von 900–800 v. Chr. die ~homerischen Gesänge~ (Ilias, Odyssee, Hymnen). +Homēros+ nach der Sage ein blinder Sänger aus +Smyrna+ oder +Chios+; Sängerschule der +Homeriden+ auf Chios. Wandernde +Rhapsoden+ sangen dem Volk und den Edlen von den Taten der Götter und Helden und erweiterten allmählich die überlieferten Sagenkreise. Die epische Dichtung wurde die Grundlage hellenischer Bildung und Gesittung. Zu dem heroischen Epos trat ergänzend hinzu das +Lehrgedicht+; +Hesiodos+ aus Askra in Böotien um 700: Theogonie, Werke und Tage.
~Staatsverfassungen~. Das patriarchalische +Königtum+ der heroischen Zeit wird allmählich verdrängt durch die Herrschaft der Edlen (+Aristokratie+). Diese entartet oft zu einer drückenden Herrschaft weniger (+Oligarchie+), gegen welche sich in manchen Staaten +Tyrannen+ als Führer der Gemeinde (Demos) erheben; in andern findet friedlicher Ausgleich durch einen erwählten Schiedsrichter (+Aisymnētes+) statt. Tyrann heißt der nicht auf gesetzliche Weise zur Herrschaft gelangte Herrscher, ursprünglich ohne die Nebenvorstellung willkürlicher oder grausamer Regierung. Auf die Tyrannis folgt meist eine gemäßigtere Aristokratie oder +Demokratie+. In der Demokratie entscheidet die Mehrzahl der +Bürger+ über die Staatsangelegenheiten; die +Fremden+ und +Sklaven+ sind von politischen Rechten ausgeschlossen.
Der +spartanische Staat+ wurde das Vorbild der +Aristokratie+, besonders für die +dorischen+ Staaten, der +athenische Staat+ das Vorbild der +Demokratie+, besonders für die +ionischen+ Staaten.
~In dem dorischen Sparta~ bestand die Bevölkerung aus drei streng geschiedenen Klassen: 1. +Spartiaten+, die dorischen Eroberer, welche die fruchtbarsten Teile des lakonischen Landes, das Eurotastal und die Niederungen bis zum Meere, besaßen. 2. +Periöken+ (d. h. Herumwohnende), Nachkommen der +vertragsmäßig+ unterworfenen Achäer. Sie waren persönlich freie, aber zinspflichtige Eigentümer ohne politische Rechte, wurden jedoch zum Kriegsdienst herangezogen. 3. +Heloten+, Leibeigene des Staats. Sie waren auf die Landlose der Spartiaten verteilt, bestellten deren Äcker und lieferten ihren Herren einen bestimmten Teil des Ertrages ab. Im Kriege dienten sie als Schildknappen und Leichtbewaffnete.
[~820.~ (?)]
~Lykurgische Verfassung und Gesetzgebung.~
~Lykurgos~, nach sagenhafter Überlieferung aus königlichem Geschlecht, Vormund des jungen Königs +Charilāos+, schlichtet die Streitigkeiten und ordnet das Verhältnis der drei Klassen der Bevölkerung zu einander. Seine Gesetze, auf die Autorität des delphischen Orakels gegründet und nur mündlich in kurzen Aussprüchen überliefert, gelten als die Grundlage spartanischer Tüchtigkeit.
An der Spitze des Staats bleiben zwei +erbliche Könige+ aus heraklidischem Geschlecht, der eine ein +Agiade+ (von +Agis+, nach der Sage Sohn des +Eurysthenes+), der andere ein +Eurypontide+ (von +Eurypon+, Enkel des +Prokles+, s. S. 28). Sie bringen die Staatsopfer dar, entscheiden Streitigkeiten des Familienrechts, führen das Heer, ernennen die Beamten, namentlich die 5 +Ephoren+ (d. h. Aufseher, ursprünglich wohl für die 5 Bezirke des Periökengebietes).
Der Rat der Alten (+Gerusia+), bestehend aus 28, mindestens 60 Jahre alten, auf Lebenszeit gewählten Geronten unter dem Vorsitz der beiden Könige, hat: 1. die Vorberatung über alles der Volksversammlung Vorzulegende, 2. die Gerichtsbarkeit über Kapitalverbrechen.
Die +Volksversammlung+, bestehend aus allen über 30 Jahre alten +Spartiaten+, beschließt endgültig über Gesetze, Verträge, Krieg und Frieden, doch ohne Beratung und Abstimmung, nur durch Zuruf.
Die Spartiaten sollen unter sich +gleich+ sein in Besitz und Kriegstüchtigkeit. Jeder Spartiatenfamilie wird aus dem nach Kriegsrecht von den Doriern gewonnenen Landbesitz ein unveräußerliches Erbgut +(Klēros+, d. h. Los) zugewiesen, dessen Bestellung den Heloten obliegt. Man zählte 4500, später 9000 Landlose der Spartiaten, 30000 der Periöken. Verbot der +Reisen+ und des +Fremdenverkehrs+ in Sparta; +eisernes Geld+, nur der Staat darf Gold und Silber besitzen.
Gemeinschaftliche +Erziehung+ der +Knaben+ vom 7. Jahre an, auf Abhärtung und kriegerische Übung gerichtet, doch wurden auch die homerischen Gesänge und Chorlieder lyrischer Dichter (Tyrtaios) gelernt. Zusammenleben der +Männer+; die Zeltgenossenschaften hatten auch im Frieden ihre gemeinsamen Mahlzeiten (+Syssitien+).
Sehr ähnliche Gesetze galten in ~Kreta~, wo zahlreiche selbständige dorische Städte bestanden. Später dort auch +schriftliche+ Gesetze; eine 1884 gefundene Inschrift enthält das Recht der Stadt +Gortyn+, Bestimmungen über Familienrecht, Erbrecht, Stellung der Sklaven u. a.
[~776.~]
~Erste Olympiade,~
Beginn einer gemeinsamen griechischen Zeitrechnung, die sich an die alle 4 Jahre dem höchsten Gotte +Zeus+ zu Ehren in ~Olympia~ gefeierten Spiele knüpfte. In +Elis+, am Flusse Alpheios, lag der ummauerte heilige Bezirk, die +Altis+, mit Altar und Tempel des Zeus, Säulenhallen und Schatzhäusern, wo die Weihgeschenke aufgestellt wurden.[12] Die Spiele fanden außerhalb der Altis statt im +Stadion+ (Springen, Laufen, Diskoswerfen, Speerwerfen, Ringen) und im +Hippodrom+ (Wettfahren der Viergespanne). Den Siegern wurden Kränze von Ölzweigen zuteil; Dichter verherrlichten sie im Liede. Unter dem Schutze +Spartas+ gewannen die ~Olympischen Spiele~ große Bedeutung für die Erhaltung des Nationalbewußtseins unter dem politisch sehr zersplitterten Griechenvolke.
Ähnliche Spiele, doch vermehrt durch musische Wettkämpfe der Sänger und Zitherspieler, wurden seit 586 bei ~Delphi~ dem +Apollon+ zu Ehren gefeiert, in jedem dritten Olympiadenjahr (+Pythische+ Spiele). Das ~Orakel zu Delphi~, oft befragt bei wichtigen Unternehmungen, z.B. Gründungen von Kolonien, Kriegszügen, stand unter dem Schutze der delphischen +Amphiktyonie+ (Umwohnerschaft), zu welcher die Phokier, Lokrer, Böoter, Thessaler u. a. gehörten.
Dem Poseidon zu Ehren wurden auf dem +Isthmos+, dem Zeus zu Ehren zu +Nemea+ in Argolis alle zwei Jahre Spiele gefeiert. Die Wettkämpfe stählten die Volkskraft und weckten den Sinn für freie Entwickelung der Persönlichkeit.
Die Hellenen, ihrer körperlichen und geistigen Überlegenheit über die Barbaren sich bewußt, breiten sich, +Städte gründend+, weit über die Grenzen des Mutterlandes aus. Die Ansiedlungen an den Küsten des Ägäischen Meeres genügen nicht mehr, Milet allein sendet gegen 80 Kolonien aus.
[~750–550.~]
~Ionische, dorische, achäische Kolonien~
an den pontischen Küsten und im westlichen Teile des Mittelmeers.
+Ionier+ von Milet gründen +Abȳdos+ und +Lampsăkos+ am Hellespont, +Kyzĭkos+ an der Propontis, +Sinōpe+ und +Trapĕzūs+ an der Südküste des Schwarzen Meeres, +Olbia+, +Istros+, +Odessos+ an der Westecke, +Pantikapaion+ und +Theodosia+ auf der Krim (Chersonēsus Taurica), +Tanais+ am Asowschen Meer (Palus Mäotis), +Phasis+ und +Dioskurias+ an der Ostküste des Schwarzen Meeres. Zu +Naukrătis+ in Ägypten gemeinsame Kolonie der kleinasiatischen Griechen.
+Dorier+ von Megara gründen +Chalkēdon+ und +Byzantion+ (659) am Bosporus, +Herakleia+ an der Südküste des Schwarzen Meeres, +Megăra+ (Tochterstadt +Selinūs+) auf Sicilien.
+Ionier+ von Chalkis auf Euböa besiedeln die Chalkidike mit mehr als 30 Städten, darunter +Olynthos+ (+Poteidaia+ korinthische Niederlassung), gründen +Kyme+ (Cumae) in Campanien (Tochterstadt Neapolis), +Naxos+ auf Sicilien (Tochterstädte Leontini und Katăna), +Zankle+ (später Messana) und gegenüber auf dem Festlande +Rhegion+.
+Dorier+ von Korinth gründen 734 +Syrakūs+, später Kerkyra, Dorier von Sparta 708 +Tarent+; Dorier von Rhodos +Gela+; und +Akrăgas+ auf Sicilien; Dorier von Thera +Kyrēne+ (um 630) und +Barka+ in Afrika.
+Achäer+ gründen +Sybăris+, +Kroton+, +Metapontion+, Lokrer das epizephyrische +Lokri+ in Unteritalien (Groß-Griechenland).
Am weitesten nach Westen gehen die +Ionier+ von +Phokäa+; ihre Kolonien sind +Massalia+ (600) an der gallischen Küste, +Mainăke+ im südlichen Spanien, +Alalia+ auf Korsika. Als die Küste Kleinasiens unter persische Herrschaft kam (s. S. 18), verließen die Phokäer ihre Stadt und segelten zuerst nach Korsika; von dort vertrieben (S. 14), gründeten sie +Elĕa+ in Unteritalien.
Infolge dieser Kolonisation griechische Kultur über einen großen Teil der Mittelmeerküsten verbreitet. Lebhafter Seeverkehr und Eintausch von Rohprodukten gegen die Erzeugnisse der griechischen Kunst und Industrie. An die Stelle der Naturalwirtschaft tritt nach und nach die Geldwirtschaft.
~Spartas Hegemonie in der Peloponnes.~
In älterer Zeit +Argos+ der bedeutendste Staat. König ~Pheidon~ von Argos leitet die Festfeier zu Olympia (748, nach anderer Ansicht erst 668), ordnet Maß und Gewicht (dem babylonischen (S. 20) entsprechend, Vermittler die Phöniker), läßt zuerst in Ägina Münzen prägen. Bald aber erhebt sich ~Sparta~ zu höherer Macht durch die Eroberung der argivischen Landschaft Kynuria und Messeniens. Argos seitdem für immer mit Sparta verfeindet.
[Um 740.]
~Erster Messenischer Krieg.~ Tapfere Gegenwehr der Messenier unter ihrem Könige +Aristodēmos+, namentlich auf der Bergfeste +Ithōme+. Ein Teil ihres Landes wird von den Spartanern in Besitz genommen, das übrige zinspflichtig.
[708.]
Die aus Sparta infolge von Zwistigkeiten auswandernden +Parthenier+ gründen ~Tarent~. Seitdem Auswanderung in Sparta verboten. Um diese Zeit Beschränkung des spartanischen Königtums durch die vergrößerte Macht der +Ephoren+, welche fortan jährlich von der Spartiatengemeinde erwählt werden.
[Um 640.]
~Zweiter Messenischer Krieg.~ +Aristomĕnes+ Held der Messenier; 11 Jahre lang wird die Feste +Eira+ verteidigt. Der athenische (?) Sänger +Tyrtaios+ begeistert die Spartaner durch seine Marschlieder. Nach dem Fall von Eira flüchten viele Messenier nach Unteritalien (+Rhegion+); die nicht auswandernden werden +Heloten+. Von Rhegion aus besetzen später (um 500) Nachkommen der Ausgewanderten die Stadt Zankle auf Sicilien, die dann den Namen ~Messana~ erhält.
[Um 600.]
Aufschwung ~Korinths~ unter dem Tyrannen ~Periander~, dem Sohne des +Kypsĕlos+, der um 650 die Adelsherrschaft der +Bakchiaden+ gestürzt hat. Entfaltung der Seemacht; Korinth wird erste Handelsstadt Griechenlands. Zu der älteren korinthischen Kolonie auf +Kerkyra+ kommen unter Kypselos hinzu +Leukas+ und +Ambrakia+, unter Periander +Epidamnos+ und +Apollonia+ an der illyrischen Küste, +Poteidaia+ auf der Halbinsel Chalkidĭke. Perianders Neffe +Psammetich+ wird 582 gestürzt, die Aristokratie hergestellt.
In ~Megăra~ um 630 Tyrannis des ~Theagĕnes~, nach dessen Sturz Parteikämpfe (der Dichter +Theognis+ um 540), endlich siegt die Aristokratie.
In ~Sikyon~ um 600 Tyrannis des ~Kleisthĕnes~, welcher die Genossen der delphischen Amphiktyonie zum ~ersten heiligen Kriege~ gegen die phokischen Städte +Krisa+ und +Kirrha+ (Hafenstadt) vereinigt. Beide Städte zerstört, ihr Gebiet dem pythischen Apollon geweiht. Nach Kleisthenes’ Tode wird die Aristokratie hergestellt.
Auch in Milet, Ephesos u. a. Koloniestädten herrschen um dieselbe Zeit vorübergehend Tyrannen, in +Mytilene+ auf Lesbos waltet um 600 der weise +Pittăkos+ als Äsymnet. Vergl. S. 37.
[~Um 550.~]
~Sparta~ vereinigt die peloponnesischen Staaten (außer +Argos+ und +Achaja+) zum ~peloponnesischen Bunde~ unter seiner Hegemonie. Die Griechenstädte an der Westküste Kleinasiens stehen unter lydischer (S. 15), seit 545 unter persischer Herrschaft (S. 18). Auch die Inseln +Cypern+, +Chios+, +Lesbos+ werden den Persern untertan; +Samos+ erst 522 nach dem Sturz des mächtigen Tyrannen +Polykrates+.
~Athens Emporkommen.~
Nach Kodros’ Tode (S. 28) wird das Königtum eingeschränkt, aber nicht beseitigt; Adelsherrschaft der +Eupatriden+ (S. 26). Den Königen treten erwählte Beamte zur Seite; seit 683 werden +jährlich neun Archonten+ erwählt. Der erste, +Archon epōny̆mos+, führt den Vorsitz und wacht über das Familien- und Erbrecht; der zweite, +Basileus+, bringt die früher den Königen obliegenden Opfer dar, hütet das heilige Recht und leitet den Areopag; der dritte, +Polemarchos+, ist Heerführer und Gerichtsherr für die Metöken und Fremden, die andern sechs, +Thesmotheten+ genannt, leiten die bürgerliche Gerichtsbarkeit. Die Oberaufsicht über das gesetzliche Verhalten der Bürger führt der ~Areopag~, der auf dem Areshügel vor der +Burg (Akropŏlis)+ sich versammelnde Gerichtshof, aus früheren Archonten gebildet; er richtet auch über die schwersten Verbrechen, Mord und Brandstiftung.
[Um 632.]
~Aufstand Kylons~, der sich, unterstützt von seinem Schwiegervater +Theagĕnes+ von Megara, an der Spitze des über die Bedrückung der Adligen (s. u.) empörten Volkes der Akropolis bemächtigt. Er wird von dem Archon +Megăkles+, aus dem Geschlecht der +Alkmäoniden+, vertrieben, seine an den Altären Schutz suchenden Anhänger werden ermordet. Wegen dieses Frevels Verbannung der Alkmäoniden. Der Priester +Epimenĭdes+ aus Phaistos auf Kreta berufen, um die Stadt durch Sühnopfer zu reinigen,
[Um 620.]
~Gesetzgebung Drakons.~ Die bestehenden Übelstände nicht beseitigt. Die Adelsherrschaft bleibt; geschriebene Gesetze, aber sehr hart; das Recht von den adligen Richtern auch weiterhin nicht selten gebeugt; seit Einführung der Geldwirtschaft Geld nur gegen hohe Zinsen ausgeliehen; daher wachsende Unzufriedenheit der ärmeren Bürger, besonders über das strenge Schuldrecht. ~Solon~, aus Kodros’ Geschlecht stammend, 594 zum ersten Archon erwählt, erhält Vollmacht, durch neue Anordnungen Frieden zu stiften. Er war dadurch zu Ansehen gelangt, daß er die Wiedereroberung der von den Megarern besetzten Insel +Salamis+ bewirkte; auch hatte auf seinen Antrieb Athen am +heiligen Kriege+ teilgenommen, und das delphische Orakel war ihm deshalb günstig gesinnt.
[~594.~]
~Gesetzgebung Solons.~ 1. +Entlastung+ der ärmeren Bürger (+Seisachtheia+): die auf dem Grundbesitz haftenden Schulden werden aufgehoben, alle Schuldsklaven in Freiheit gesetzt, Schuldknechtschaft für die Zukunft verboten Festsetzung eines Höchstmaßes von Grundbesitz, damit das attische Land nicht in den Besitz weniger Reicher komme, Abzahlung anderer Schulden erleichtert durch Herabsetzung des Münzfußes; 100 Drachmen neuen Geldes = 73 älteren; das +euböische+ Talent, der persischen Goldwährung entsprechend tritt an die Stelle des +äginetischen+ (S. 32).[13]
2. Bestimmung der bürgerlichen Pflichten und Rechte nach dem +Ertrage des Grundbesitzes+. Die Bürger werden in vier Klassen geteilt: 1. +Pentakosiomedimnen+, deren Güter 500 Scheffel Getreide bezw. Maß Öl und Wein oder mehr bringen; 2. +Ritter+, 300–500 Scheffel; 3. +Zeugiten+, d. h. die mit einem Gespann wirtschaften, 150–300 Scheffel; 4. +Thēten+, die ärmeren. Nach der Absicht des Gesetzgebers sollten alle Bürger Grundbesitz haben; bei steigender Bedeutung des Geldbesitzes wurde der Ertrag des Getreides in Geld umgerechnet und danach die Klasseneinteilung bestimmt.
Die Mitglieder der +drei ersten+ Klassen dienen im Kriege als +Hoplīten+ (schwerbewaffnete Fußsoldaten), die der +zwei ersten+ Klassen auch als +Reiter+; für die Ausrüstung der Flotte bestand schon eine Einteilung der Bürger in 48 +Naukrarien+. Die +Theten+ sollen nur zur Verteidigung des Landes als Leichtbewaffnete oder (seit Themistokles) zur Bemannung der Flotte aufgeboten werden. Eine regelmäßige +Besteuerung+ der Vollbürger gab es nicht, die Ämter wurden umsonst verwaltet, die Staatsausgaben durch den Ertrag der Bergwerke, die Strafgelder, das +Kopfgeld der Metöken+, d. h. der eingewanderten Kaufleute und Handwerker, durch Markt- und Hafenzölle bestritten. +Außerordentliche Steuern+ wurden in Zeiten der Not auf Volksbeschluß nach den Vermögensklassen erhoben, die vierte war steuerfrei.
3. An der Spitze des Staates bleiben die ~neun Archonten~, jährlich erwählt aus den Bürgern der +ersten+ Vermögensklasse. Neu eingerichtet wird der ~Rat der Vierhundert~, jährlich erwählt aus den über 30 Jahre alten Bürgern der +drei+ ersten Klassen. Die ~Volksversammlung~ (Ekklesia) besteht aus +allen+ über 20 Jahre alten Bürgern. Sie erwählt die +Beamten+ und entscheidet über die durch +Vorbeschluß des Rates+ an sie gebrachten Angelegenheiten. Zur Entscheidung wichtigerer Prozesse werden Geschworenengerichte aus der +richtenden Bürgerschaft+, der ~Heliaia~ (Gesamtzahl 6000) gebildet. Der ~Areopag~ behält seine Gerichtsbarkeit und Oberaufsicht über das Privatleben der Bürger sowie über das gesamte Staatsleben.
Diese Verfassung wird als ~Timokratie~ bezeichnet; erst später entstand durch Aufhebung der Klassenunterschiede volle +Demokratie+. Ausgeschlossen von politischen Rechten blieben auch später die +Schutzverwandten+ (Metöken), die vor Gericht eines Bürgers als Vertreter bedurften, und die sehr zahlreichen +Sklaven+, die jedoch durch Gesetz und Sitte gegen Mißhandlung geschützt waren.
Solon gab auch ~Gesetze für das bürgerliche Leben~ (Familienrecht, Strafrecht, Beschränkung des Luxus, Schutz des Ackerbaues und der Ölbaumzucht, Sorge für die körperliche Ausbildung der Jünglinge in den 3 +Gymnasien+: Akademie, Lykeion, Kynosarges). Nach Vollendung der Gesetzgebung verließ er Athen auf 10 Jahre und unternahm Reisen nach Ägypten, Cypern, Kleinasien. Rechtfertigung seiner Maßnahmen in seinen Elegieen.
~Neue Parteiungen~ in Athen. Den Grundbesitzern in der Ebene (Pediäer) treten gegenüber die handeltreibenden Küstenbewohner (Parăler) und die ärmeren Gebirgsbewohner (Diakrĭer), letztere geführt von +Peisistrătos+, der trotz der Gegenbemühungen +Solons+ immer mehr Anhang gewinnt und sich zuletzt der +Akropolis+ bemächtigt.
[~560–527~.]
~Peisistrătos~, Tyrann von Athen.
Auswanderung von athenischen Adligen, zum Teil nach der thrakischen Chersŏnēs, unter des +älteren Miltiădes+ Führung. Solon † 559, wahrscheinlich in Athen, nach anderen in Soloi auf +Cypern+ (Unterredung mit Kroisos in Sardes?).
+Peisistrătos+ regiert in Athen innerhalb der Formen der solonischen Verfassung, +die er nicht aufhebt+. Er versteht es, das Volk Archonten wählen zu lassen, welche ihm genehm sind. Zweimal durch Bündnis der Gegenparteien vertrieben, gewinnt er zuletzt eine dauernde Herrschaft. Die durch Solon zurückgeführten +Alkmāoniden+ (S. 34) gehen abermals in die Verbannung, da ihr Führer +Megăkles+ (an der Spitze der Parăler) sich gegen Peisistrătos nicht behaupten kann. Er erhöht das auswärtige Ansehen Athens: +Sigeion+ am Eingang in den Hellespont athenische Kolonie, Schutzherrschaft über +Delos+, Befreundung mit den Tyrannen +Lygdămis+ von Naxos und +Polykrătes+ von Samos. Er erweitert und schmückt die Stadt Athen durch Bauten (der große Zeustempel bleibt unvollendet), baut eine Wasserleitung, ordnet die Feier der +Panathenäen+ und der +Dionysien+ (die Dithyramben des +Thespis+ Anfänge der Tragödie), zieht Dichter an seinen Hof, z.B. Simonides, Anakreon, läßt die homerischen Gesänge schriftlich aufzeichnen und ordnen. Er vererbt die Herrschaft auf seinen Sohn
[527–510.]
~Hippĭas~. Dieser herrscht gemäßigt im Sinne des Vaters, bis sein Bruder +Hipparchos+ von +Harmodios+ und +Aristogeiton+ aus Privatrache am Panathenäenfest ermordet wird (514). Hippias übt grausame Vergeltung, wird von dem ausgewanderten Adel +(Kleisthĕnes+ an der Spitze der +Alkmäoniden+) in Verbindung mit einem spartanischen Heere unter +Kleomĕnes+ vertrieben (510). Er begibt sich nach Sigeion und sucht später Hilfe beim Perserkönige Dareios.
[~509~.]
~Gesetzgebung des Kleisthĕnes~ (Sohn des Megăkles, Enkel des Kleisthĕnes von Sikyon); die solonische Verfassung wird in demokratischem Sinne weiter gebildet. Die 4 Vermögensklassen bleiben bestehen, an Stelle der 4 alten Phylen (S. 26) treten ~zehn Phylen~ (Bezirke), deren Unterabteilungen die +Demen+ (Ortsgemeinden) sind. Dadurch soll der Einfluß des Adels gebrochen und das Wiederaufleben der früheren Parteien verhindert werden. Jede Phyle wählt jährlich 50 Mitglieder in den ~Rat~, dessen Zahl also von 400 auf 500 erhöht wird. Die 10 Abteilungen des Rats wechseln in der Geschäftsleitung ab, so daß das Amtsjahr nach dem Wechsel der 50 Ratsvorsteher (Prytanen) in 10 Prytanieen zerfällt. Die Besetzung der meisten ~Ämter~ wird fortan durch das +Los+ entschieden, nach Vorwahl durch die Phylen; durch +Abstimmung+ erwählt wurden die Archonten und die 10 Feldherrn. Für alle Ämter war eine Prüfung in bezug auf das bürgerliche Verhalten vor dem Amtsantritt und Rechenschaft nach Ablauf des Amtsjahres vorgeschrieben. Die ~Volksversammlung~ hat nach wie vor die Entscheidung über Gesetze, Bündnisse, Krieg und Frieden.
[508.]
Die Eupatriden unter Führung des Archon +Isagŏras+ rufen abermals die Spartaner zu Hilfe, um die Durchführung dieser Staatsordnung zu hindern. +Kleisthĕnes+ flüchtet, die Akropolis wird den Spartanern überliefert. Aber ein Aufstand des athenischen Volks zwingt den König Kleomĕnes zum Abzug. Die adligen Parteiführer werden hingerichtet; Kleisthĕnes zurückberufen.
[507.]
Ein Feldzug der Spartaner gegen Athen unter den Königen +Kleomĕnes+ und +Demarātos+ scheitert infolge des plötzlichen Abzugs der Korinther und der Uneinigkeit der spartanischen Könige. Die mit Sparta verbündeten +Böoter+ und +Chalkidier von Euböa+ werden von den Athenern geschlagen. Diese erobern einen Teil von +Euböa+, wo 4000 Bauerngüter an ärmere attische Bürger (Kleruchen) verteilt werden. So gewinnt Athen nach Befestigung seiner inneren Verfassung auch Ansehen nach außen.
Damit nicht eine Tyrannis wiederkehre, ordnet Kleisthĕnes den ~Ostrakismos~ an: die Volksversammlung ist befugt, mittels +geheimer Abstimmung+ durch Tonscherben (Ostrăka) die Verbannung eines die Freiheit gefährdenden Bürgers zu beschließen; doch müssen 6000 Stimmen abgegeben sein.
Auch in den ~westgriechischen Städten~ herrschen zeitweise ~Tyrannen~: +Phalăris+ in +Akrăgas+ (Agrigentum) um 570, +Anaxĭlas+ in +Rhegion+ 494. Zu besonderem Ansehen gelangt +Syrakus+ unter der Herrschaft +Gelons+ (seit 485), der mit Theron von Akragas befreundet ist. Die unteritalischen Städte behaupten sich gegen Angriffe der einheimischen Völkerschaften; die Bürger von +Kroton+ zerstören 510 die reiche Nachbarstadt +Sybaris+.
~Entwickelung der Kultur~. +Baukunst+ und +bildende Kunst+ besonders zur Ausschmückung der Tempel geübt (dorische, später ionische Säulen, Weihgeschenke aus Erz, Marmor, Gold und Elfenbein). Erhalten sind namentlich der Tempel von Pästum am Tyrrhenischen Meer und die Skulpturen des Athenetempels zu +Ägina+ (aus der Zeit um 510, jetzt in München).
Zu hoher Blüte entfaltete sich die +Dichtkunst+; bei den +Ioniern+ namentlich die Elegie: +Kallīnos+ von Ephĕsos um 670, +Mimnermos+ von Kolŏphon um 600, +Tyrtaios+ und +Solon+ von Athen, auch +Theognis+ von Megara (S. 33) dichtete in ionischem Dialekt;
bei den +Doriern+ der lyrische Chorgesang: +Terpander+ von Lesbos um 676 in Sparta, +Alkmān+ von Sardes um 650 ebendaselbst, +Stesichŏros+ von Himera um 600, +Arion+ von Lesbos, Freund des Periander, +Iby̆kos+ von Rhegion um 550;
bei den +Äŏlern+ der lyrische Einzelgesang: +Alkaios+ und +Sappho+ von Lesbos um 600; der Ionier +Anakrĕon+ von Teos um 540. Jambische Spottgedichte des +Archilŏchos+ von Paros (um 650) und +Hippōnax+ von Ephesos (um 540). Die Vollendung der lyrischen Dichtung in mannigfaltigen Formen zeigt sich in +Simonĭdes+ von Keos und +Pindăros+ von Theben, beide zur Zeit der Perserkriege.
Anfänge der +Philosophie+ (zunächst Naturforschung) und der Himmels-, Erd- und Völkerkunde bei den Ioniern: +Thales+ von Milet (s. S. 15). Herakleitos von Ephesos um 500: »Alles ist in ewigem Wechsel«. +Pythagŏras+ von Samos wandert um 530 nach Kroton aus (Bund der Pythagoreer), +Xenophănes+ von Kolophon um dieselbe Zeit nach Elĕa in Unteritalien (seine Schüler Parmenides, Zeno). +Hekataios+ von Milet um 510.
In späterer Überlieferung werden als die +sieben Weisen+ dieser Zeit genannt: +Thales+ von Milet, +Bias+ von Priēne, +Pittăkos+ von Mytilene, +Periander+ von Korinth, +Cheilon+ von Sparta, +Kleobūlos+ von Lindos, +Solon+ von Athen.
§ 3. Perserkriege und Blütezeit Athens.
[~500–449~.]
~Perserkriege.~
[500–494.]
Aufstand der ionischen Griechen gegen die Perser (s. S. 20). Der von +Athen+ und +Eretrĭa+ ihnen geleistete Beistand ist die ~Veranlassung~ zu dem Versuch der Perser, auch das europäische Griechenland zu unterwerfen.
[~492~.]
Erster Zug der Perser unter ~Mardonios~.
Das Landheer unterwirft das Küstenland von +Thrakien+, die Flotte die Insel +Thasos+. König Alexander von +Makedonien+ erkennt die persische Hoheit an. Dann aber erleidet das Landheer große Verluste im Kampf mit den Thrakern, und ein großer Teil der Flotte wird am Vorgebirge ~Athōs~ durch Sturm vernichtet; dies bestimmt den Mardonios zur Rückkehr.
An der thrakischen Küste werden feste Plätze angelegt als Stützpunkt für spätere Feldzüge; +Byzanz+, +Sēstos+, +Abdēra+ erhalten persische Besatzungen.
[491.]
Persische Herolde, welche Erde und Wasser als Zeichen der Unterwerfung verlangen, werden in Sparta und Athen getötet. Die +Kykladen+ und +Ägīna+ dagegen, auch manche Gemeinden des Festlandes versprechen dem Perserkönige Unterwerfung. Der spartanische König +Kleomĕnes+ zwingt die Ägineten, den Athenern Geiseln zu stellen.
[~490~.]
Zweiter Zug der Perser unter ~Datis~ und ~Artaphernes~, dem jungen Neffen des Dareios.
Eine große Flotte (nach Herodot 600 Trieren) durchfährt das Ägäische Meer, landet auf +Naxos+, dann auf +Euböa+, wo die Stadt +Eretria+ zerstört wird, dann an der Ostküste von +Attika+. Hippias (S. 36) im Gefolge des Artaphernes. Das athenische Heer, 9000 Hopliten und außerdem leichtbewaffnete Sklaven (eine tüchtige Reiterei nur bei den Thessalern), geführt vom Polemarchos und den 10 Feldherrn, unter welchen +Aristides+ und der vor den Persern aus der Chersones (S. 36, 20) geflüchtete (jüngere) +Miltiades+, lagert mehrere Tage dem Feinde gegenüber in verschanzter Stellung. Durch 1000 +Platäer+ verstärkt, greift es, ohne die Ankunft der Spartaner abzuwarten, unter Führung des ~Miltiădes~ an und siegt in der
[~490~. (Sept.)]
~Schlacht bei Marăthon~.
Der Plan der Perser, Athen von der Seeseite zu überraschen, wird durch schleunigen Rückmarsch des Heeres nach der Stadt vereitelt. Die persische Flotte kehrt nach Kleinasien zurück. +Hippias+ stirbt auf Lemnos.
[489.]
Unglücklicher Zug des Miltiădes gegen +Paros+. Verwundet nach Athen zurückgekehrt, wird er von +Xanthippos+ angeklagt und zur Erlegung der Kosten des Unternehmens (50 Talente) verurteilt, welche sein Sohn +Kimon+ nach dem Tode des Vaters zahlt.
~Parteikämpfe in Athen~; 487 Wahl der Archonten durch das +Los+ eingeführt, 485 Xanthippos durch Ostrakismos verbannt, 483 der bedächtige und am Althergebrachten hängende ~Aristides~. ~Themistokles~ erhält dadurch freie Hand zur Durchführung seines Planes, Athen zur ersten +Seemacht+ Griechenlands zu machen. Schon 493 hatte er als Archon die Befestigung des Hafens +Piraieus+ durchgesetzt; jetzt werden, zunächst um gegen Ägina Krieg zu führen, auf seinen Antrag die bisher zur Austeilung an die Bürger bestimmten Einkünfte aus den Silberbergwerken von +Laurion+ dazu verwendet, die Flotte bis auf 200 Trieren zu bringen. Die bisherigen Naukrarien (S. 35) werden aufgehoben und durch die Einrichtung der ~Trierarchie~ ersetzt. Der Staat liefert die Schiffe; den wohlhabenderen Bürgern liegt ihre Ausrüstung als +Staatsleistung+ (Liturgie) ob; dafür erhält der Trierarch die Anführung des von ihm ausgerüsteten Schiffes. Die Theten zum Flottendienst herangezogen,
[480.]
Dritter Zug der Perser unter König ~Xerxes~.
Große Rüstungen, das Landheer sammelt sich schon 481 bei Kritalla in Kappadokien, von dort führt Xerxes es nach +Sardes+. Zwei Schiffbrücken über den +Hellespont+ geschlagen, für die Flotte Kanal bei +Akanthos+ gegraben, um das Vorgebirge Athos zu vermeiden. Im Frühjahr 480 Aufbruch von Sardes; Demaratos, der abgesetzte König von Sparta, und Peisistratos, Sohn des Hippias, begleiten den König. Musterung des Heeres bei Doriskos in +Thrakien+, nach Herodots übertreibender Angabe 1700000 Mann Fußvolk, 80000 Reiter und zahlreicher Troß; eine Flotte von 1207 Trieren.
Nachdem die Griechen den Plan, den Paß von +Tempe+ zu verteidigen, aufgegeben haben, durchzieht das persische Heer Thessalien, ohne Widerstand zu finden. Die +Thessăler+ und die böotischen Städte, mit Ausnahme von +Platää+ und +Thespiä+, senden dem Könige Zeichen der Unterwerfung. +Argos+, +Achaja+ und das +westliche Mittelgriechenland+ nehmen am Kampfe gegen ihn nicht teil.
[~480.~ (Juli.)]
~Schlacht bei Thermopylä.~
Der spartanische König ~Leonĭdas~ an der Spitze von etwa ~6000~ Schwerbewaffneten (Hopliten) (darunter 300 +Spartiaten+, 1000 lakedämonische +Periöken+ und 700 +Thespier+) verteidigt 2 Tage lang den Engpaß, während 1000 Phokier den Fußpfad über den Kallidrŏmos bewachen. Die Perser, durch den Verräter Ephialtes auf diesen Pfad geführt, vertreiben die Phokier und kommen dem griechischen Heere in den Rücken. ~Leonidas~ befiehlt den Periöken und den Bundesgenossen, nach Hanse zu gehen und stirbt mit den noch übrigen ~Spartiaten~ und ~Thespiern~, welche sich weigern, ihn zu verlassen, den Heldentod. Bekannte Grabschrift des Simonides. (S. Schillers »Spaziergang«). Die gezwungen (?) mit Leonidas fechtenden +Thebaner+ strecken die Waffen, werden teils niedergemacht, teils auf des Königs Befehl gebrandmarkt nach Theben zurückgeschickt.
Zu gleicher Zeit unentschiedene ~Seegefechte bei Artemision~, einem Vorgebirge und Tempel an der Nordspitze von Euböa. Dreitägige Kämpfe; Verluste der Perser namentlich durch den Untergang der um die Südspitze von Euböa herum entsandten Schiffe. Auf die Kunde von der Einnahme des Passes von Thermopy̆lä zieht die hellenische Flotte sich zurück nach der Bucht von Salămis. Das peloponnesische Landheer beginnt am Isthmos den Bau einer Schutzmauer.
Xerxes durchzieht Mittelgriechenland. Die +Lokrer+ und +Dorier+ unterwerfen sich. Das Gebiet der +Phokier+ wird verwüstet, die gegen +Delphi+ geschickte Truppe soll durch Gewittersturm zurückgeschreckt worden sein. +Böotien+ wird als Freundesland behandelt, nur +Thespiä+ und +Platää+ werden zerstört.
Die Athener verlassen ihre Stadt, nur die Akropolis bleibt besetzt. Die waffenfähigen Bürger besteigen die Flotte, die »hölzerne Mauer«; Greise, Frauen und Kinder werden mit der beweglichen Habe nach +Salămis+, +Ägina+ und +Troizen+ gebracht. Den Verbannten wird die Rückkehr gestattet. Die Akropolis wird von den Persern erstürmt; ~Zerstörung der Stadt Athen.~
[~480.~ (Ende Sept.)]
~Seeschlacht bei Salămis.~
Die vereinigte hellenische Flotte (378 Trieren, 7 Fünfzigruderer) steht unter dem Oberbefehl des Spartaners ~Eurybiădes~. Uneinigkeit im Kriegsrat; der athenische Feldherr ~Themistŏkles~ bewirkt durch eine geheime Botschaft an Xerxes, daß die Griechen in der Meerenge zwischen Salamis und Attika von der persischen Flotte eingeschlossen werden. Xerxes schaut von dem Berge +Ägāleos+ dem Kampfe zu. Glänzender Sieg der Griechen. ~Aristides~, von Ägina herbeigeeilt, nimmt während des Flottenkampfes die von den Persern besetzte kleine Insel Psyttaleia, macht viele vornehme Gefangene.
Die persische Flotte sammelt sich in der Bucht von Phalēron, Xerxes beschließt den ~Rückzug~. In Thessalien bleibt +Mardonios+ mit einem großen Teil des Heeres zurück. Xerxes erreicht nach großen, durch Seuchen und Mangel an Lebensmitteln verursachten Verlusten den Hellespont, wo er die Flotte findet, die das Heer übersetzt, da die Brücke vom Sturm zerstört worden ist.
Die griechische Flotte, statt, wie Themistokles wollte, die persische zu verfolgen, wendet sich gegen die Inseln, belagert +Andros+ vergeblich und löst sich beim Eintritt des Winters auf. Rückkehr der Athener nach ihrer Stadt, deren Wiederaufbau sofort begonnen wird.
[~480.~]
~Schlacht bei Himera,~
Sieg der ~sicilischen Griechen~ unter +Gelon+ von Syrakus und +Theron+ von Akragas (S. 37) über die mit Persien verbündeten +Karthager+. Diese sollen den Frieden durch Zahlung von 2000 Talenten erkauft haben; sie bleiben im Besitz ihrer sicilischen Städte (Panormos, Soloeis, Motye).
[479.]
Nachdem ~Mardonios~ den Athenern durch Alexander von Makedonien (s. S. 38) vergebens einen Sonderfrieden angeboten hat, rückt er, verstärkt durch +griechische Bundesgenossen+ (Thessăler, Böoter, Lokrer, Phokier) in Attika ein. Die Athener retten sich wieder nach +Salămis+. Was in der Stadt aufgebaut worden, wird von den Persern von neuem zerstört. Endlich rückt die ganze peloponnesische Streitmacht (30000 Hopliten und zahlreiche Leichtbewaffnete) über den Isthmos vor, +Mardonios+ geht zurück und nimmt eine vorteilhafte Stellung in Böotien am +Asōpos+ ein. Mehr als 10000 +Athener+, +Platäer+ und +Thespier+ vereinigen sich mit dem peloponnesischen Heere. Anführer der gesamten Streitmacht (angeblich 110000 Mann, doch keine Reiterei) war ~Pausanïas~ (Regent in Sparta für den unmündigen Sohn des Leonidas).
[~479.~ (Sept.)]
~Schlacht bei Platää.~
Nach längerem Zaudern entschließt sich Pausanias zum Kampfe. Glänzender Sieg, Mardonios fällt. Die Griechen erobern das persische Lager; von der reichen Beute wird den Göttern der Zehnte geweiht.[14] Das griechische Heer rückt vor +Theben+, die Häupter der persischen Partei werden ausgeliefert und auf dem Isthmos hingerichtet.
Die hellenische Flotte unter dem Oberbefehl des Spartanerkönigs +Leotychĭdas+ (die athenischen Schiffe unter +Xanthippos+) eröffnet den ~Angriffskrieg gegen die Perser~, der mit Unterbrechungen bis 445 dauert. Der persische Flottenführer +Mardontes+, den kleinasiatischen Griechen in seinem Heere mißtrauend, wagt nicht, die ihm bei +Samos+ angebotene Seeschlacht anzunehmen. Er läßt dieser Insel gegenüber bei dem Vorgebirge +Mykăle+ die Schiffe aufs Land ziehen und verschanzt sich. Die Griechen landen und siegen in der
[~479.~ (Ende Sept.)]
~Schlacht bei Mykăle,~
nehmen das Lager und stecken die persischen Schiffe in Brand. Mehrere Inselstädte (namentlich +Samos+, +Lesbos+ und +Chios+), dann die Küstenstädte Kleinasiens, auch das hergestellte +Milet+ (S. 20), werden als Bundesgenossen aufgenommen. Die Peloponnesier fahren nach Hause zurück, die +Athener+ und +Ionier+ erobern +Sēstos+ (S. 38).
Wiederaufbau der Stadt Athen; sie wird trotz des Einspruchs der Peloponnesier mit einer starken Mauer von vergrößertem Umfang (60 Stadien) umgeben. List des +Themistokles+, der als Gesandter nach Sparta geht.
[478.]
Unter Anführung des Spartaners +Pausanĭas+ vertreibt die vereinigte Flotte der Peloponnesier, Athener und Ionier persische Besatzungen von der Insel ~Cypern~, fährt dann nach ~Byzanz~ und befreit diese Stadt. Hochmut des +Pausanias+ gegen die Bundesgenossen, er tritt mit dem persischen Hofe in geheime Verbindung. Das gewinnende Auftreten der Anführer der Athener, +Aristides+ und +Kimon+, hat nach Abberufung des Pausanias durch die Ephoren zur Folge, daß die Führung (+Hegemonie+) zur See von Sparta auf Athen übergeht,
[477.]
~Gründung des attischen Seebundes.~
Die Insel- und Küstenstädte des Ägäischen Meeres schließen ein dauerndes Bündnis mit Athen; die größeren stellen Schiffe zum Kampf gegen die Perser, die kleineren zahlen Geldbeiträge. Organisation des Bundes durch Aristides. Bundeskasse im Apollotempel zu +Delos+.
+Themistokles+, bei den olympischen Spielen 476 von den versammelten Hellenen geehrt, gerät bei den Athenern allmählich in Mißgunst, wird 470 durch den Ostrakismos verbannt und geht nach +Argos+. Dort wird er der Teilnahme an den fortgesetzten hochverräterischen Umtrieben des +Pausanias+ verdächtig. Dieser, von den Ephoren mit Verhaftung bedroht, rettet sich in Sparta in den Tempel der Athene und stirbt durch Hunger (468). Themistokles muß aus Argos fliehen, geht nach Kerkȳra, dann nach Epīrus, endlich nach Susa zum Perserkönig +Artaxerxes+ (s. S. 21), dem er seine Dienste anbietet. Er erhält eine fürstliche Schenkung in Kleinasien, stirbt (460) zu Magnesia (am Maiandros).
Fortsetzung des Angriffskriegs gegen die Perser unter Führung ~Kimons~, des Sohnes des Miltiades (S. 39). Er erobert mit der Bundesflotte die noch von den Persern besetzt gehaltenen Plätze an der thrakischen Küste, namentlich +Eïon+ an der Strymonmündung, besetzt die Insel +Skyros+ (die Gebeine des Theseus von dort nach Athen gebracht), unterwirft die vom Bunde abgefallene Insel +Naxos+, besiegt Flotte und Landheer der Perser in der
[466.]
~Doppelschlacht am Eurymĕdon~
in Pamphylien. Darauf vertreibt er die Perser von der thrakischen +Chersŏnēs+, stellt die athenische Kolonie daselbst wieder her und unterwirft die abtrünnige Insel +Thasos+. -- Bauten in Athen; Stoa Poikile am Markt mit Wandgemälden von Polygnōtos, Befestigung der Akropolis, Bau der +langen Mauern+ nach dem Peiraieus und nach Phalēron.
[464.]
Erdbeben in Sparta, Aufstand der unterdrückten ~Messenier~ und ~Heloten~. Die Spartaner bitten Athen um Hilfe; sie wird auf Kimons Antrag gewährt. Aber bald schicken die Spartaner aus Argwohn das athenische Hilfsheer zurück. Dadurch beleidigt, treten die Athener in ein Bündnis mit Argos. Mit Mühe unterdrücken die Spartaner 455 den Aufstand (dritter Messenischer Krieg) (S. 44).
In Athen erhebt sich gegen Kimons Politik, die auf gutes Einvernehmen mit Sparta, Fortsetzung des Kriegs gegen Persien und Mäßigung der Demokratie im Sinne Solons gerichtet ist, die +demokratische+ Partei, geleitet von +Ephialtes+ und ~Perikles~, dem Sohne des Xanthippos (S. 39).
[461.]
Beschränkung des +Areopags+; ein Gesetz des Ephialtes entzieht ihm die altherkömmliche Oberaufsicht über die bürgerliche Ordnung und die Staatsverwaltung und läßt ihm nur die +richterliche+ Tätigkeit. Zugleich Ausdehnung der Volksgerichtsbarkeit; auf +Perikles’+ Antrag wird den +Heliasten+ (S. 35) ein +Richtersold+ aus der Staatskasse gewährt. +Kimon+ durch Ostrakismos +verbannt+.
Weitere Maßregeln der durch den Areopag nicht mehr gehemmten demokratischen Partei: Einführung des +Ratssoldes+ und des +Schaugeldes+ (Theorikon) für die Theateraufführungen an Festtagen; das Archontat wird auch der +dritten+ Vermögensklasse zugänglich. Einschätzung in die Vermögensklassen nicht mehr nach dem Grundbesitz, sondern nach dem Gesamtvermögen.
[459.]
Fortsetzung des +Krieges gegen Persien+; eine athenische Flotte fährt nach +Cypern+ und leistet dann den aufständischen +Ägyptern+ unter Inaros Hilfe (S. 21). Das Unternehmen endet 455 unglücklich; die Athener, auf einer Nilinsel eingeschlossen, müssen sich ergeben. Zwiespalt der Griechen untereinander kommt den Persern zustatten.
[459–445.]
~Kriege der Peloponnesier~ und ~Böoter~ gegen ~Athen~.
Athen nimmt das benachbarte +Megara+ in seine Symmachie auf, befestigt den Hafen. +Korinth+ und +Ägina+ dadurch bedroht, erklären den Krieg. Seesieg der Athener bei der Insel Kekryphaleia. Nunmehr kommt ein spartanisches Heer 457 den +Doriern+ in Mittelgriechenland (S. 28) gegen einen Angriff der +Phokier+ zu Hilfe; die Athener verlegen ihm den Rückweg, werden aber bei ~Tanăgra~ in Böotien von den Spartanern besiegt. Die Spartaner kehren nach Hause zurück; die Athener dringen abermals in Böotien ein, siegen bei +Oinophy̆ta+ über die Thebaner und gewinnen die andern böotischen Städte, die Phokier und die opuntischen Lokrer zu Bundesgenossen. +Ägina+ muß sich nach langer Belagerung unterwerfen (456), die Kriegsschiffe ausliefern und dem attischen Seebunde beitreten.
[455.]
Die attische Flotte unter +Tolmides+ umfährt die Peloponnes, verbrennt die spartanische Schiffswerft bei Gytheion, landet an den Küsten von Ätolien und Sikyon, siedelt die Messenier (S. 43), welchen die Spartaner freien Abzug aus Ithome bewilligen, in +Naupaktos+ am Eingang in den Korinthischen Meerbusen an.
[454.]
Verlegung der Bundeskasse von +Delos+ nach +Athen+. Die Bundesgenossen, zu regelmäßigen Beiträgen verpflichtet (jährlich 460 Talente) und der Gerichtshoheit Athens unterworfen, werden tatsächlich zu Untertanen. Athen ist Hauptstadt eines ansehnlichen +Insel- und Küstenreiches+, welches nach den erhaltenen Tributlisten in 5 Provinzen geteilt war: Hellespont, Thrakien, Ionien, Karien, Inseln.
[453.]
Seezug des +Perikles+ von dem megarischen Hafen Pagä aus, die +Achäer+ schließen sich dem athenischen Bunde an; ein Angriff auf Öniadä (an der akarnanischen Küste) mißlingt. Aussöhnung zwischen +Perikles+ und +Kimon+, welcher aus der Verbannung zurückberufen wird. Durch Kimons Einfluß kommt 451 ein +Waffenstillstand+ zwischen Athen und Sparta zustande.
Neuer ~Seezug gegen die Perser~. Kimon fährt mit 200 Schiffen nach Cypern, sendet 60 davon nach Ägypten, stirbt aber während der Belagerung von +Kition+ an einer Krankheit. Seine Truppen erringen in der
[~449.~]
~Doppelschlacht bei Salamis~ auf Cypern einen glänzenden Sieg über die +persische+ (d. h. phönikisch-kilikische) Flotte und die am Lande befindlichen feindlichen Truppen, kehren dann aber nach Hause zurück. Alsbald erneut sich der Krieg in Mittel-Griechenland.
[447.]
~Schlacht bei Koroneia~; Sieg der von Athen abgefallenen Böoter. Gleich darauf Einfall eines spartanischen Heeres in Attika, um einen Aufstand auf +Euböa+ gegen Athen zu unterstützen. Perikles bewirkt durch Bestechung des spartanischen Königs Pleistoanax den Abzug des Heeres, unterwirft darauf Euböa, ist aber zum Frieden und zum Verzicht auf die Landhegemonie bereit.
[~445.~]
~Dreißigjähriger Friede zwischen Athen und Sparta.~
Gegenseitige Anerkennung der +peloponnesischen+ und der +athenischen+ Bundesgenossenschaft.
Um diese Zeit (jedenfalls +nach Kimons Tode+) finden auch Friedensverhandlungen zwischen Athen und ~Persien~ statt, eine athenische Gesandtschaft unter +Kallias+ geht nach Susa. Doch wird kein förmlicher Friede geschlossen, man begnügt sich mit stillschweigender Anerkennung des Besitzstandes. Die Athener geben Cypern auf und schicken den aufständischen Ägyptern keine weitere Hilfe. Später erzählte man von einem ~Kimonischen Frieden~, in welchem der Perserkönig die Unabhängigkeit der kleinasiatischen Griechen anerkannt und versprochen haben soll, kein Kriegsschiff mehr ins Ägäische Meer zu schicken.
~Folgen der Perserkriege~: 1. Die +politische Freiheit+ der Griechen in Asien und Europa ist gesichert gegen die Machtansprüche des persischen Despotismus. 2. Die +griechische Kultur+ entfaltet sich zu ihrer höchsten Blüte in Gewerbtätigkeit und Handel, Kunst und Wissenschaft, besonders in +Athen+, während Sparta zurückbleibt.
[~444–429~]
Nachdem +Thukydĭdes+ (Sohn des Melesias, nicht der gleichnamige Geschichtschreiber), eine Zeitlang Führer der kimonischen Partei, durch den Ostrakismos verbannt ist, beginnt die ~Blütezeit Athens~ unter der Verwaltung des ~Perikles~, welcher, obwohl niemals Archon, den Staat durch seinen Einfluß als Redner in der Volksversammlung und in amtlicher Eigenschaft als +Strateg+, als +Finanzvorsteher+ und +Vorsteher der öffentlichen Bauten+ leitet.
Unbestrittene Herrschaft Athens im Gebiet seines Seebundes; nur +Samos+ versucht 441 einen Aufstand. Verstärkung der Kolonie auf der thrakischen +Chersones+ (S. 36, 43), Flottenfahrt des Perikles nach dem +Schwarzen Meere+ zur Unterstützung der dortigen Griechenstädte Sinōpe, Amīsos, Pantikapaion (letztere wichtig für den Getreidehandel nach Athen). Neue Kolonien +Thurii+ in Unter-Italien, an der Stelle des zerstörten +Sybăris+ (443), und +Amphipŏlis+ am Strymon (437). -- Vollendung der Befestigung Athens durch eine +dritte+ lange Mauer (parallel mit der nach dem Peiraieus führenden, s. S. 43). Neubau der +Hafenstadt+ Peiraieus, Tempel zu +Eleusis+, in Athen das +Odeion+ neben dem vergrößerten +Dionysostheater+ am Südabhang der Akropolis, in der Nähe das noch gut erhaltene Theseion.
Prachtbauten auf der ~Akropolis~: Der +Parthĕnon+, von Iktīnos und Kallikrătes erbaut, von dem Bildhauer ~Pheidĭas~ mit dem Standbild der Göttin Athene aus Gold und Elfenbein, an den Außenseiten mit Marmorskulpturen geschmückt;[15] die Karyatidenhalle des +Erechtheion+; die +Propyläen+, als Eingangstor von Mnesĭkles erbaut; daneben die +Pinakŏthek+ mit Wandgemälden von +Polygnōtos+. Tempel der Athena Nike. Auf dem freien Platz vor den beiden Tempeln das große eherne Standbild der +Athene Promăchos+ von ~Pheidias~, welcher auch nach +Olympia+ berufen wurde, um dort das Standbild des Zeus aus Gold und Elfenbein aufzurichten.
Athen jetzt der Brennpunkt des wirtschaftlichen Lebens in Hellas. Handel nach allen Plätzen des Mittelmeeres. Großindustrie durch Sklaven betrieben. Bedeutende Ausfuhr von Erzeugnissen des Gewerbefleißes, Einfuhr von Getreide, Schiffsbauholz und Rohstoffen aller Art.
Blüte der +dramatischen Dichtung+: Die drei Tragiker ~Aischy̆los~ (526–455, die Perser 472, die Oresteia 458, eine Trilogie), ~Sŏphŏkles~ (496–405, Antigone 441, Ödipus auf Kolōnos), ~Euripĭdes~ (480–406, Medeia 431. Iphigeneia in Tauris 412). Etwas später entfaltet sich die +Komödie+; besonders bedeutend sind die +politischen+ Komödien des ~Aristophănes~ in der Zeit des Peloponnesischen Krieges (die Ritter 424, die Wolken 423, der Friede 421, die Vögel 414). Dramatische Aufführungen fanden statt an den +Diony̆sosfesten+ (kleine Dionysien oder Lenäen, große Dionysien); die Ausstattung des Chores war eine den reicheren Bürgern obliegende +Liturgie+ (vgl. S. 39).
Geschichtschreibung: ~Herodot~ von Halikarnaß (484–424?), Teilnehmer an der Koloniegründung in Thurii; ~Thukydĭdes~ von Athen (470–400?).
Philosophie: ~Anaxagŏras~ von Klazomĕnä, Lehrer des Perikles (+Empedŏkles+ in Akragas. +Demokritos+ in Abdēra, um 450). ~Protagŏras~ von Abdera, neben +Gorgias+ von Leontini und +Prodikos+ von Keos der berühmteste unter den +Sophisten+, welche als Lehrer der Weisheit und der Redekunst auftraten. ~Sokrătes~ von Athen (469–399), Gegner der Sophisten. Ihrer subjektiven Richtung (der Mensch ist das Maß der Dinge) stellt er das Streben nach objektivem, begriffsmäßigem Wissen entgegen.
§ 4. Peloponnesischer Krieg. (431–404 v. Chr.)
Nach kurzer Friedenszeit erneuert sich die Feindschaft der auf Athens politisches und wirtschaftliches Übergewicht eifersüchtigen aristokratischen Peloponnesier gegen die attische Demokratie; es beginnt ein fast dreißigjähriger, für Griechenland verderblicher Krieg.
~Veranlassungen~: 1. Einmischung Athens in den Krieg, welcher zwischen +Kerkyra+ und +Korinth+ wegen der Kolonie +Epidamnos+ (S. 33) entstanden war.[16] Die Athener erklären sich für Kerkyra und nehmen (zunächst mit 10 Schiffen) teil an der +Schlacht bei Sybŏta+ (432) zwischen den Korinthern und Kerkyräern, in der die Korinther erst Sieger sind, sich aber nach dem Erscheinen weiterer 20 attischer Trieren zurückziehen. 2. Die Bewohner von +Poteidaia+ (S. 33) fallen vom athenischen Bunde ab (432), werden von Korinth unterstützt, aber von den Athenern geschlagen und in ihrer Stadt belagert.
Die Korinther, unterstützt durch Beschwerden der +Megărer+, welche von allen attischen Häfen und Märkten ausgeschlossen worden waren, und der Ägineten, klagen gegen die Athener in Sparta. Die Volksversammlung der Spartiaten erklärt, daß die Athener die Verträge gebrochen haben, worauf die +peloponnesische Tagsatzung+ Kriegsbereitschaft beschließt.
~Streitkräfte beider Parteien~: +Achaja+ und +Argos+ bleiben zunächst neutral; mit den ~Peloponnesiern~ verbündet: die +Megărer+, +Böoter+, +opuntischen Lokrer+, +Phokier+. -- Selbständige Bundesgenossen der ~Athener~: +Platää+, +Naupaktos+, +Kerkyra+, +Zakynthos+, +Chios+, +Lesbos+, die +Thessăler+ und +Akarnanen+. Flotte von 300 Trieren, Bürgerheer von 29000 Hopliten, Staatsschatz von 6000 Talenten, Jahrestribut aus dem Bundesgebiet 600 Talente.
Perikles behauptet sein Ansehen gegen alle Anfeindungen (Anklagen gegen Pheidias, Anaxagoras, gegen seine Gemahlin Aspasia, endlich gegen ihn selbst wegen der Verwaltung des Staatsschatzes). Sein Kriegsplan: Verteidigung in der befestigten Stadt, Angriff mit der Flotte.
[431.]
~Der Archidamische Krieg. 431–421.~ Der Krieg beginnt mit einem Überfall von +Platää+ durch die Thebaner, welche zurückgeschlagen werden. Darauf ~Einfall der Peloponnesier in Attika~ unter dem Spartanerkönig +Archidāmos+. Verwüstung des Landes. Die Landbewohner flüchten in die befestigte Stadt Athen oder lagern zwischen den langen Mauern. Die athenische Flotte verheert die Küsten der Peloponnes und nimmt +Ägina+ in Besitz; das Gebiet von +Megăra+ von dem Landheer verwüstet.
[430.]
~Zweiter Einfall~ der Peloponnesier, in Athen bricht die ~Pest~ aus (der Arzt +Hippokrătes+ aus Kōs). Perikles verheert mit der Flotte die Küste von +Argolis+, wird im Rechenschaftsprozeß verurteilt, aber für das nächste Jahr wieder zum Feldherrn erwählt.
[429.]
Die Athener nehmen +Poteidaia+ ein; ihre Flotte unter +Phormion+ ist siegreich im korinthischen Meerbusen bei Naupaktos.
~Perikles stirbt an der Pest~. An die Spitze der demokratischen Partei tritt +Kleon+, der »Gerber«, d. i. Besitzer einer durch Sklaven betriebenen Lederwarenfabrik, an die Spitze der aristokratischen +Nikĭas+.
[428.]
+Dritter Einfall+ der Peloponnesier, dann Abfall der Stadt +Mytilēne+ auf Lesbos vom athenischen Seebunde (Methymna bleibt den Athenern treu). Die Spartaner belagern +Platää+.
[427.]
Während des +vierten Einfalls+ der Peloponnesier in Attika wird +Mytilēne+ auf Lesbos von der athenischen Flotte zur Übergabe gezwungen. Die athenische Volksversammlung beschließt auf +Kleons+ Antrag, +alle Bürger+ von Mytilēne, am andern Tage jedoch, +nur die Aristokraten+ hinrichten zu lassen. Über +tausend+ werden getötet, die Mauern der Stadt geschleift, die Äcker der Insel, mit Ausnahme des Gebiets von +Methymna+, an attische Bürger verteilt.
Die Spartaner nehmen +Platää+ ein, die letzten 225 tapferen Verteidiger der Stadt werden hingerichtet. -- Blutige Parteikämpfe in +Kerkyra+, wo zuletzt mit Hilfe Athens die Demokraten Sieger bleiben.
[426.]
Glückliche Kämpfe der Athener unter +Demosthĕnes+ in +Akarnanien+ gegen die von den Peloponnesiern unterstützten +Ambrakioten+.
[425.]
+Fünfter Einfall+ der Peloponnesier. +Demosthenes+, mit einer nach Sicilien (S. 50) bestimmten Flotte aussegelnd, landet in Messenien und besetzt die verfallene Burg von ~Pylos~. Die Peloponnesier (+Brasĭdas+) besetzen die gegenüberliegende Insel +Sphakteria+, werden aber durch die athenische Flotte abgeschnitten. Der von spartanischen Gesandten in Athen angebotene Friede auf +Kleons+ Antrag verworfen. Kleon und Demosthenes erobern +Sphakteria+; 292 Hopliten, darunter 120 Spartiaten, werden nach Athen gebracht. Die Athener drohen diese hinzurichten, wenn ein neuer Einfall in Attika geschehe.
[424.]
Die Insel +Kythēra+ von den Athenern unter Nikias besetzt. Von Kythēra und von +Pylos+ aus beunruhigen sie fortwährend das lakonische Gebiet. Ihr Landheer bei +Delion+ in Böotien von den Böotern geschlagen (Sokrates von Alkibiades gerettet).
~Brasĭdas~, der durch Böotien und Thessalien nach +Makedonien+ und +Thrakien+ gezogen ist, bringt die dortigen Küstenstädte zum Abfall von Athen, nimmt auch +Amphipŏlis+ ein. Der athenische Feldherr +Thukydĭdes+ (der Geschichtschreiber), der mit einem Geschwader bei Thasos lag und diesen Verlust nicht hatte verhindern können, wird deshalb verbannt. Nach abermals vergeblichen Friedensverhandlungen senden die Athener Kleon nach Thrakien. Er wird in der
[~422.~]
~Schlacht bei Amphipŏlis~
von Brasidas geschlagen und fällt auf der Flucht, Brasidas stirbt an seinen Wunden.
[~421~.]
~Friede des Nikĭas~,
geschlossen auf 50 Jahre. Beide Teile geben die Gefangenen und die Eroberungen heraus, doch wird diese Bestimmung nur unvollständig ausgeführt. Schon nach +drei+ Jahren bricht der Krieg wieder aus, da ~Alkibiădes~ die Athener beredet, dem Bündnis beizutreten, welches +Argos+ mit anderen peloponnesischen Staaten (Elis und Mantineia) geschlossen hatte, um dem drückenden Übergewicht Spartas entgegenzutreten.
Die vereinigten +Argiver+ und +Athener+ werden in der
[~418~.]
~Schlacht bei Mantineia~
geschlagen. Die Spartaner stellen durch diesen Sieg ihre Herrschaft über die Peloponnes wieder her. In Athen bekämpfen sich die Parteien des +Nikias+ und +Alkibiădes+; durch Anwendung des Ostrakismos wird nur der unruhige +Hyperbŏlos+ verbannt.
[416.]
Die Athener nehmen +Mēlos+ und töten +alle+ Bürger der Insel.
[~415–413~.]
Unternehmung der Athener gegen ~Syrakus~.
Syrakus, nach dem Siege bei +Himĕra+ über die Karthager (S. 41) aufblühend unter der milden Herrschaft +Hierons+ (Bruder des +Gelon+) seit 466 mit demokratischer Verfassung, steht an der Spitze der sicilischen Griechenstädte.
[427.]
Hilfsgesuch der Stadt +Leontini+ (der Redner und Sophist +Gorgias+) bei den Athenern gegen Syrakus; eine athenische Flotte wird nach +Rhegion+ gesandt, doch gelingt es den Athenern nicht, sich auf Sicilien festzusetzen. Der Syrakusaner +Hermokrătes+ vermittelt 424 Frieden unter den sicilischen Städten.
[416.]
Hilfsgesuch der Stadt +Egesta+ und der vertriebenen Leontiner gegen Selinus und Syrakus, bei den Athenern von +Alkibiădes+ befürwortet, von +Nikias+ widerraten. Eine Flotte von 134 Trieren fährt unter Anführung von +Alkibiădes+, +Nikias+ und +Lamăchos+ nach Sicilien. Nachdem +Naxos+ und +Katăna+ besetzt sind, wird Alkibiades zurückgerufen, abwesend angeklagt wegen Teilnahme an Religionsfreveln, die kurz vor Abfahrt der Flotte begangen waren (Verstümmelung der Hermen. Verspottung der eleusinischen Mysterien). Er flieht nach Argos, wird abwesend zum Tode verurteilt, seine Güter werden eingezogen. Hierauf begibt er sich, um Rache an Athen zu nehmen, nach Sparta.
[Sidenote: 414.]
Die Athener erfechten einen Sieg vor +Syrakus+ und beginnen mit Erfolg die Belagerung der Stadt, wobei +Lamăchos+ fällt. Die Spartaner schicken auf Alkibiades’ Antrieb ein kleines Geschwader unter +Gylippos+ den Syrakusanern zu Hilfe. Die Athener werden zurückgedrängt, leiden durch Krankheit und Mangel. Nikias der Lage nicht gewachsen.
[413.]
Sie erhalten Verstärkung aus Athen (73 Trieren, 5000 Hopliten) unter +Demosthĕnes+, werden aber bei einem nächtlichen Angriff auf die Höhen von +Epipŏlä+ besiegt. Der Abmarsch beschlossen, verzögert durch abergläubische Bedenken des Nikias wegen einer Mondfinsternis (27. August). Unglückliche +Seeschlacht+ in dem von den Feinden gesperrten Hafen von Syrakus; das zu Lande abziehende Heer wird am Flusse +Assinăros+ teils niedergemacht, teils gefangen. +Nikĭas+ und +Demosthĕnes+ in Syrakus hingerichtet, 7000 Gefangene in die Steinbrüche gesteckt, wo viele elend umkommen, oder als Sklaven verkauft.
[413. (März.)]
Auf Alkibiădes’ Rat halten die Spartaner, gereizt durch eine Landung attischer Schiffe in Lakonien, den Flecken +Dekeleia+ in Attika besetzt. Von dort aus machen sie (unter König +Agis+) oft wiederholte Streifzüge. Die dauernde Besetzung wirksamer als die früheren vorübergehenden Einfälle, Die letzten 9 Jahre des +Peloponnesischen Krieges+ heißen deshalb der
[413–404.]
~Dekeleïsche~ Krieg.
Bedrängnis der Athener, Flucht vieler Sklaven, Geldnot des Staates. Die aristokratische Partei kommt wieder zu Ansehen. Einsetzung einer neuen Behörde von 10 +Vorberatern+. Ordnung der Finanzen; die Tribute der Bundesgenossen werden in Hafenzölle umgewandelt. Neue Rüstungen.
Alkibiădes bewirkt den Abfall von +Chios+, +Erythrä+, +Klazomĕnä+ und +Milēt+ vom athenischen Bunde. Er bringt ein Bündnis zustande zwischen den Spartanern, die sich bereit erklären, dem Perserkönig alle ihm ehemals untertänigen Griechenstädte wieder zu überlassen, und dem persischen Satrapen +Tissaphernes+ in Sardes, der den Spartanern Hilfsgelder zahlt.
[412.]
Eine neue athenische Flotte erscheint an der ionischen Küste; die Peloponnesier werden im Landkampf bei +Milēt+ geschlagen, aber die Einnahme der Stadt wird durch das Erscheinen syrakusischer Schiffe (unter Hermokrates) gehindert. Die athenische Flotte, wieder auf 104 Schiffe gebracht, ankert vor +Samos+. Alkibiădes, von den Spartanern angefeindet und beargwöhnt, begibt sich zu Tissaphernes, auf den er bald großen Einfluß gewinnt. Zugleich knüpft er Unterhandlungen mit den Oligarchen (Gegnern der Demokratie) im athenischen Heere an.
[411. (März.)]
~Verfassungsänderung in Athen~,
von der oligarchischen Partei +(Antĭphon+, +Theramĕnes+) gewaltsam durchgesetzt. Rat von 400 Mitgliedern eingesetzt, die Volksversammlung auf 5000 Bürger beschränkt, alle Staatsbesoldungen, mit Ausnahme des Soldes der im Heere dienenden Bürger, werden abgeschafft. Friedensverhandlungen mit Sparta. Aber das Heer bei Samos weigert sich, die Verfassungsänderung anzuerkennen, erwählt neue Feldherren (+Thrasybūlos+) und ~ruft Alkibiades zurück~. Dieser übernimmt den Oberbefehl, weigert sich aber, die Flotte gegen die Oligarchen nach Athen zu führen, und verlangt, daß sie vor dem Feinde bleibe. In Athen wird auch ohne Eingreifen des Heeres die Oligarchie nach kurzer Dauer gestürzt, der alte Rat der 500 wieder eingesetzt, bald auch der Zutritt aller Bürger zur Volksversammlung wieder hergestellt.
Die Spartaner brechen jede Verbindung mit Tissaphernes ab und schließen ein Bündnis mit +Pharnabāzos+, dem Satrapen von Bithynien. Aber die peloponnesische Flotte (unter +Mindăros+) wird von den Athenern in zwei
[411.]
Seegefechten bei ~Abȳdos~ geschlagen und schließlich unter +Alkibiădes’+ Oberbefehl vernichtet in der
[410.]
~Doppelschlacht bei Kyzĭkos~ (Mindaros † im Landkampf an der Küste). Alkibiădes sichert die athenische Herrschaft auf der thrakischen +Chersones+, erobert +Chalkēdon+, schließt Vertrag mit Pharnabazos, erobert endlich auch die von dem Spartaner +Klearchos+ verteidigte, für die Getreidezufuhr aus den Pontusländern wichtige Stadt +Byzanz+ (409).
[~408~.]
~Alkibiădes kehrt nach Athen zurück.~
Seine Verurteilung wird widerrufen, die Athener ernennen ihn zum unumschränkten Feldherrn zu Wasser und zu Lande. Er schützt mit seinem Heere den langentbehrten Festzug nach Eleusis, fährt dann an der Spitze der athenischen Flotte wieder nach Kleinasien. Dort hatte unterdessen der Spartaner +Lysander+ den Oberbefehl erhalten, und des persischen Königs Dareios II. jüngerer Sohn +Kyros+, Freund der Spartaner, war Satrap in Sardes geworden. Während Alkibiădes sich an einer Belagerung von +Phokäa+ beteiligt, wird die von seinem Unterfeldherrn Antiochos befehligte Flotte von +Lysander+ in dem
[407.]
~Seetreffen bei Notion~ im Golf von Ephĕsos geschlagen. Wegen dieses unverschuldeten Unglücks wird Alkibiădes von den Athenern des Oberbefehls entsetzt. Er zieht sich nach der thrakischen Chersones zurück.
Der neue spartanische Nauarch (Admiral) +Kallikratĭdas+ schließt die athenische Flotte unter +Konon+ im Hafen von +Mytilene+ ein. Die Athener rüsten mit äußerster Anstrengung eine neue Flotte aus; diese schlägt die Peloponnesier in der großen
[~406~. (Sept.)]
~Seeschlacht bei den Arginusen~,
kleinen Inseln an der Küste Kleinasiens, südöstlich von Lesbos; von 120 peloponnesischen Schiffen entkommen nur 43. Aber die siegreichen Feldherren werden in Athen angeklagt, weil sie die Schiffbrüchigen bei dem nach der Schlacht eingetretenen Sturm nicht gerettet und die Leichen nicht bestattet haben; 6 von ihnen, die sich dem Gericht stellen, werden zum Tode verurteilt. Vergeblicher Widerspruch des +Sokrates+, der am zweiten Verhandlungstage Vorsteher der Prytanen (S. 36) war, gegen das abgekürzte (summarische) Gerichtsverfahren. ~Lysander~, wiederum Anführer der spartanischen Flotte, vernichtet die athenische Flotte in der
[405. (August.)]
~Schlacht bei Aigospotamoi~ (Ziegenflüsse), Lampsăkos am Hellespont gegenüber. Nur +Konon+ rettet sich mit wenigen Schiffen. Niedermetzelung von 3000 gefangenen Athenern. Lysander vernichtet die athenische Herrschaft über die Küsten und Inseln, richtet überall oligarchische Verfassungen ein, die durch spartanische Statthalter (Harmosten) überwacht werden, erscheint dann mit seiner Flotte vor dem Peiraieus, während die Landtruppen unter den beiden spartanischen Königen +Agis+ und +Pausanias+ Athen von der Landseite einschließen. Unterhandlungen durch +Theramĕnes+. Endlich bewirkt der Hunger die
[~404~. (Frühjahr.)]
~Übergabe Athens, Ende des Krieges.~
Die Mauern des Peiraieus und die langen Mauern zwischen Stadt und Häfen werden niedergerissen. Anerkennung der spartanischen Hegemonie, Verzicht auf alle auswärtigen Besitzungen, Auslieferung der Kriegsschiffe bis auf 12. Nach Annahme dieser Friedensbedingungen wird unter +Lysanders+ Einfluß die Neuordnung des Staates +dreißig Männern+ der oligarchischen Partei (Tyrannen) übertragen.
~Folgen des peloponnesischen Krieges~: 1. Fortdauernde Zersplitterung der Griechen, Beginn ihres politischen Niedergangs, erfolgreiche Einmischung Persiens. 2. +Sparta+ ist mit persischer Hilfe wiederum im Besitze der +Hegemonie+, aber durch Auflösung der altspartanischen Zucht entartet. 3. +Athen+, die Siegerin über den Nationalfeind, ist gedemütigt, hat jedoch noch Kraft zu neuer Erhebung und bleibt die geistige Hauptstadt Griechenlands.
§ 5. Makedoniens Emporkommen.
Da Sparta seine Hegemonie gegen die Abneigung der anderen Staaten, besonders gegen das aufstrebende +Theben+ nicht behaupten kann, erheben sich neue Kriege unter den griechischen Staaten, bis sie der Herrschaft +Makedoniens+ untertan werden, welches unter den Königen +Perdikkas II.+ (454–413) und +Archelāos+ (413–399) allmählich erstarkt war, dann unter Thronstreitigkeiten zu leiden hatte bis zum Regierungsantritt +Philipps+ 359.
[~404–403.~]
Herrschaft der ~Dreißig~ in Athen.
Sie nehmen eine spartanische Besatzung in die Akropolis auf, verhängen Verbannung und Hinrichtung über mißliebige Bürger, die von Angebern (Sykophanten) angeklagt sind. +Theramenes+, der als Mitglied der +Dreißig+ zur Mäßigung rät, wird auf Betreiben des leidenschaftlichen +Kritias+ ebenfalls hingerichtet. Darauf sammelt ~Thrasybūlos~ in +Theben+ die aus Athen entflohenen Anhänger der Demokratie, besetzt mit ihnen die Bergfeste +Phyle+ im Parnēsgebirge, schlägt die Truppen der Dreißig und bemächtigt sich der Hafenstadt Munychia (403); Kritias fällt. An Stelle der 30 wählen die Bürger in Athen 10 gemäßigtere Oligarchen. Unter Vermittelung des Spartanerkönigs +Pausanĭas+ kommt ein Vergleich zwischen diesen und Thrasybūlos zustande. Die vereinigten Bürger ziehen gegen +Eleusis+, wo die meisten der Dreißig getötet werden, dann wird +Amnestie+ verkündigt.
[403.]
Herstellung der Demokratie; neue Aufzeichnung der Gesetze unter dem Archon ~Eukleides.~ Bald werden auch die Besoldungen und Schaugelder (S. 44) wieder eingeführt, erstere sogar vermehrt durch den +Volksversammlungssold+.
[401.]
Aufstand des von Sparta unterstützten ~Kyros~ (S. 21) gegen König +Artaxerxes Mnemon+. Alkibiădes, welcher schon im Jahre 404 den König hatte warnen wollen, war auf der Reise zu ihm in Phrygien auf Betreiben Lysanders getötet worden. 13000 griechische Söldner kämpfen für Kyros in der Schlacht bei ~Kunaxa~ (unweit Babylon); mühsamer Rückzug unter Führung des Atheners ~Xenophon.~ Nicht ganz 10000 erreichen bei Trapezūs das Schwarze Meer, die meisten treten bei dem spartanischen Feldherrn +Thibron+ (s. u.) in Dienst.
[399.]
~Sokrates~ in Athen zum Tode verurteilt und durch Gift hingerichtet. Sein Schüler ~Platon~ erhebt die Philosophie zur umfassenden Wissenschaft.
[399–394.]
~Krieg der Spartaner gegen Persien,~ gehemmt durch Zwiespalt unter den Griechen.
Der persische Satrap +Tissaphernes+ will die griechischen Städte Kleinasiens für ihren Anschluß an die Sache des Kyros züchtigen. Die Spartaner kommen den Städten zu Hilfe, erst unter +Thibron+, dann unter +Derkyllĭdas+, endlich unter dem König ~Agesilaos.~ Dieser dringt 396 siegreich in Asien vor, schlägt am +Paktōlos+ die Reiter des Tissaphernes, der auf Befehl des Großkönigs von seinem Nachfolger +Tithraustes+ hingerichtet wird. Aber +Athen,+ +Theben,+ +Korinth,+ +Argos+ verbünden sich, durch persisches Geld unterstützt, gegen Sparta, dessen Harmosten sich überall verhaßt gemacht hatten.
[395.]
Lysander fällt bei +Haliartos+ (in Böotien) im Kampf gegen die Thebaner.
[394.]
Seeschlacht bei +Knidos+; die spartanische Flotte wird von der persischen, von dem Athener Konon geführten Flotte besiegt. Vertreibung der Harmosten aus den griechischen Städten Kleinasiens. ~Agesilāos,~ aus Asien +zurückberufen+, zieht durch Thrakien, Makedonien und Thessalien, schlägt die Verbündeten in der
[394.]
~Schlacht bei Koroneia~ (im westl. Böotien)
und gelangt in die Peloponnes zurück. Konon stellt mit persischem Gelde die ~2 langen Mauern~ zwischen Athen und dem Peiraieus wieder her. Darauf Landkrieg in der Gegend von +Korinth+, das den Zugang zur Peloponnes beherrscht; die athenischen Peltasten +Iphikrătes+ bringen den Spartanern schwere Verluste bei.
Der Spartaner +Antalkĭdas+ gewinnt die Gunst des persischen Satrapen Tiribazos; Sparta sendet nochmals eine Flotte nach der asiatischen Küste aus, die aber vor der athenischen unter +Thrasybūlos+ zurückweicht. Endlich entscheidet der Perserkönig; die griechischen Staaten nehmen die von ihm gestellten Bedingungen an.
[~387.~]
~Friede des Antalkĭdas.~ Die Griechenstädte +Kleinasiens+, sowie die Inselstadt +Klazomĕnä+ und +Cypern+ werden den Persern ~preisgegeben.~ Die Athener behalten nur die Herrschaft über +Lemnos,+ +Imbros+ und +Skyros+, alle übrigen Staaten und Inseln sollen selbständig sein. Messenien jedoch bleibt unter spartanischer Herrschaft. Gewalttätiges Auftreten der Spartaner zur Durchführung dieser Bestimmungen.
[379–362.]
Krieg zwischen ~Theben~ und ~Sparta,~
veranlaßt durch die Besetzung der +Kadmeia+ (383). Ein spartanisches Heer war gegen die Stadt +Olynthos+ gesandt, welche ihre Hegemonie über die kleineren Städte der Halbinsel Chalkidĭke nicht aufgeben wollte. +Phöbĭdas+, mit einer zweiten Abteilung nachgesandt, besetzt die Kadmeia, die Burg von Theben, im Einverständnis mit der aristokratischen Partei daselbst. Olynth wird 379 von den Spartanern erobert.
[~379.~]
Thebanische Flüchtlinge, die in +Athen+ Aufnahme gefunden haben, befreien von dort aus unter Führung des ~Pelopĭdas~ ihre Vaterstadt und nötigen, unter Mitwirkung des ~Epameinondas~, die Spartaner zum Abzug aus der Kadmeia.
[~378.~]
Die spartanischen Könige +Kleombrŏtos+ und +Agesilāos+ ziehen gegen Theben zu Felde, kämpfen aber ohne Erfolg. Der Versuch eines spartanischen Unterfeldherrn, sich des Peiraieus zu bemächtigen, veranlaßt die Athener zum +Bündnis mit Theben+. Darauf gründen sie den ~zweiten athenischen Seebund~ (Chios, Lesbos, Rhodos, Byzanz, Euböa, Kerkyra, chalkidische Städte, Kykladen; keine Kleruchieen in bundesgenössischem Gebiet, geringere Geldbeiträge). Seesiege des +Chabrias+ (bei Naxos) und +Timotheos+ (bei Leukas) über die peloponnesische Flotte. +Olynth+ wird wieder selbständig. Sparta und Athen als Vertreter ihrer Bundesgenossen schließen 371 Frieden; +Theben+ aber weigert sich, seine Hegemonie über Böotien aufzugeben, soll von den Spartanern dazu gezwungen werden.
[~371.~]
~Schlacht bei Leuktra.~
Der spartanische König +Kleombrotos+ von ~Epameinondas~ besiegt. Schiefe Schlachtordnung, +Pelopĭdas+ mit der heiligen Schar auf dem linken Flügel bringt durch sein Vordringen den Kampf zur Entscheidung.
[~370.~]
~Angriff der Thebaner auf Sparta.~ Spartas Hegemonie wird durch den Abfall der +Arkăder+ und die von Epameinondas angeordnete ~Befreiung der Messenier~ schwer erschüttert. Gründung der Städte +Megalopŏlis+ in Arkadien und +Messēne+ am Fuß der Berges Ithōme. Die offene Stadt +Sparta+ wird von +Agesilaos+ erfolgreich verteidigt; ein athenisches Heer kommt den Spartanern zu Hilfe; Rückzug der Thebaner.
[369–367.]
Epameinondas zieht noch zweimal nach der +Peloponnes+, um den erlangten Einfluß zu sichern; Pelopidas bekämpft in +Thessalien+ den Tyrannen Alexander von Pherā und schlichtet einen Thronstreit in +Makedonien+, wird auf dem Rückweg unweit Pherä gefangen genommen, aber von Epameinondas befreit.
[367.]
Gesandte der griechischen Staaten gehen nach +Susa+; Thebens Versuch, einen Vertrag auf Grund der vom Perserkönige gutgeheißenen Vorschläge zustande zu bringen, mißlingt.
[364.]
Pelopidas fällt im Kampfe gegen den Tyrannen von Pherä bei +Kynoskephălä+; Epameinondas unternimmt mit einer neugebildeten Flotte eine Fahrt bis +Byzanz+, um der athenischen Seemacht entgegenzutreten. Unterdessen neue Streitigkeiten in der Peloponnes; Epameinondas unternimmt einen +vierten+ Zug dorthin.
[~862.~]
~Schlacht bei Mantineia,~
Epameinondas fällt als Sieger im Kampfe gegen die Spartaner und ihre Bundesgenossen (darunter 6000 Athener). Damit endet die kurze Zeit der +thebanischen Hegemonie+ (371 bis 362).
Friedensvertrag unter den griechischen Staaten, doch treten die Spartaner nicht bei, da sie die Unabhängigkeit Messeniens nicht anerkennen wollen. +Agesilāos+ geht nach Ägypten zur Unterstützung der Aufständischen gegen die Perser (s. S. 21), deren Flotte der Athener +Chabrĭas+ befehligt. Agesilāos stirbt auf der Rückfahrt (360).
[~359–336.~]
~Philipp, König von Makedonien,~
Sohn des Königs Amyntas, war von Pelopidas als Geisel auf 3 Jahre nach Theben gebracht worden und hatte dort griechische Bildung und Kriegskunst kennen gelernt. Er wird, 23 Jahre alt, nach dem Tode seines älteren Bruders Perdikkas, König von Makedonien. Tapfer und staatsklug befestigt er seinen Thron in dem von Parteikämpfen zerrissenen Lande, sichert die Grenzen gegen die unruhigen Nachbarvölker (+Päŏner+, +Illyrier+) und richtet ein stehendes Heer ein (+Phalanx+). Hauptwaffe die Sarissa, ein 5 m langer Speer. Dann beginnt er die Ausbreitung seiner Herrschaft an der thrakischen Küste und greift in das Bundesgebiet der Athener ein, die er durch schlaue Unterhandlungen täuscht.
[357–356.]
Philipp erobert +Amphipŏlis+ (reiche Goldbergwerke in der Nähe), +Pydna+, +Poteidaia+, schließt Bündnis mit +Olynth+. Athen unterdessen bedrängt durch Abfall der Bundesgenossen. Chios, Kos, Rhodos, Byzanz sagen sich vom Seebunde los. Nach kraftloser Kriegführung (+Chabrias+ † im Hafen von Chios) erkennt Athen 355 auf Antrag des +Eubūlos+ ihre Selbständigkeit an. Der Seebund fortan unbedeutend. Eubūlos Vertreter der Friedenspolitik; die Überschüsse der Staatsverwaltung werden auf seinen Antrag der Festgelderkasse (S. 54) überwiesen.
[~355–346.~]
(Zweiter) ~Heiliger Krieg~ gegen die Phokier,
die wegen Benutzung des dem delphischen Gotte geweihten Landes von Kirrha (s. S. 33) von den Amphiktyonen zu einer hohen Geldstrafe verurteilt waren. Die Thebaner übernehmen die Eintreibung dieser Geldstrafe, die Phokier aber bemächtigen sich der Schätze des delphischen Tempels, verstärken sich durch Söldner und verteidigen sich längere Zeit mit Erfolg.
[352.]
+Onomarchos+, Feldherr der Phokier, fällt in Thessalien im Kampfe gegen ~Philipp~, welcher von den mit Theben verbündeten Thessălern zu Hilfe gerufen war. Ein +athenisches+ Heer hindert durch Besetzung des Passes von +Thermopy̆lä+ Philipp am Einmarsch in Mittel-Griechenland; die Phokier behaupten sich noch weiter.
Philipp wendet sich wieder nach Thrakien und greift +Olynth+ an. +Demosthĕnes+, seit 351 (erste Philippika) Führer des nationalen Widerstandes gegen die drohende makedonische Macht, veranlaßt Hilfssendungen der Athener nach Olynth.
[~348.~]
~Philipp erobert Olynth~
durch Verrat, zerstört diese Stadt sowie eine große Zahl kleinerer Orte auf der Halbinsel Chalkidike und verkauft die Einwohner als Sklaven.
[346.]
Friede zwischen Philipp und den Athenern auf Antrag des +Philokrătes+. Demosthenes und Äschines Gesandte an Philipp. Dieser zieht, abermals von den Thessalern und Thebanern zu Hilfe gerufen, nach +Phokis+ und gewährt dem phokischen Feldherrn Phalaikos und seinen Söldnern freien Abzug.
[~346.~]
~Philipp unterwirft die Phokier,~
zerstört ihre Städte, wird an ihrer Stelle in den +Amphiktyonen+bund aufgenommen. In Athen Unwille über sein gewaltsames Vordringen; Demosthenes’ Rede vom Frieden.
[344.]
Philipp tritt an die Spitze des +thessalischen+ Bundes, unterstützt +Argos, Messenien, Elis+ gegen Sparta. Demosthenes’ zweite Philippika.
[343.]
Philipp bringt +Epirus+ und einen Teil von +Euböa+ in Abhängigkeit. Äschines, von Demosthenes wegen seines Verhaltens bei der Gesandtschaft angeklagt, wird freigesprochen.
[342–341.]
Philipp dringt in Thrakien bis zum Pontos vor, gründet +Philippopolis+ am Hebros, unterstützt die Stadt +Kardia+ in ihrem Streit mit den athenischen Kolonisten der thrakischen Chersones (S. 46). Die nationale Partei in Athen (Demosthenes’ dritte Philippika) bringt ein ~Bündnis hellenischer Staaten~ (Megarer, Korinther, Euböer, Achäer, Akarnanen u. a.) unter Athens Leitung gegen Philipp zustande.
[340.]
Philipp belagert vergeblich +Perinthos+ und +Byzanz+. Die Athener erklären ihm den Krieg, schicken zwei Flotten mit Hilfstruppen (unter +Chares+ und +Phokion+) nach Byzanz und erzwingen die Aufhebung der Belagerung.
[339–338.]
(Dritter) ~Heiliger Krieg~ gegen Amphissa, nachdem die Amphiktyonen, auf Veranstaltung des von Philipp bestochenen +Äschines+, die Lŏkrer von Amphissa wegen Aneignung eines dem delphischen Gotte geheiligten Ackers in Strafe genommen hatten. Philipp, von den Amphiktyonen mit der Ausführung des Beschlusses beauftragt, besetzt die Stadt +Elateia+, welche den Zugang zu Böotien beherrscht. Große Bestürzung in Griechenland. Die Athener rüsten Flotte und Landheer; Demosthenes bringt ein ~Bündnis mit Theben~ zustande. Philipp +zerstört Amphissa+ und besiegt die verbündeten Athener, Thebaner, Phokier, Korinther, Achäer in der
[~338.~ (Aug.)]
~Schlacht bei Chaironeia.~
Sein Sohn +Alexander+ entscheidet die Schlacht durch Vernichtung der +heiligen Schar+ der Thebaner. Philipp straft die Thebaner hart (Aufhebung der Hegemonie über Böotien, Rückkehr der Verbannten, makedonische Besatzung in der Burg Kadmeia); den Athenern bewilligt er einen günstigen Frieden. Er rückt in die Peloponnes ein, nimmt den Spartanern einen großen Teil ihres Gebietes und gibt es den Messeniern, Argivern und Arkadern.
~Makedonische Hegemonie.~ Auf einer Nationalversammlung zu +Korinth+, an der nur die Spartaner nicht teilnehmen, läßt sich Philipp zum unumschränkten Heerführer der Griechen gegen die Perser wählen. Im übrigen behalten die griechischen Staaten ihre Selbständigkeit; eine Bundesversammlung (Synedrion) zu Korinth soll ihre Streitigkeiten schlichten.
§ 6. Alexander der Große.
Philipp, der bereits Truppen nach Asien gesandt hat, um den Krieg gegen die Perser zu beginnen, wird 336 von +Pausanias+, einem seiner Leibwächter, ermordet. Ihm folgt sein von ~Aristotĕles~ gebildeter zwanzigjähriger Sohn
[~336–323.~]
~Alexander der Große.~
Er zieht mit Heeresmacht nach +Korinth+ (Diogenĕs) und läßt sich die Machtstellung seines Vaters übertragen, sichert dann die Nordgrenze seines Reiches durch einen Zug gegen die +Triballer+, +Geten+ und +Illyrier+, wobei er die Donau überschreitet. Auf die Nachricht von einer Erhebung der Griechen erscheint er 335 zum zweitenmal in Griechenland, schlägt die Thebaner, zerstört +Theben+ mit Ausnahme der Kadmeia, der Tempel und des Hauses des Dichters ~Pindar~ (522–422), und läßt die Einwohner als Sklaven verkaufen. Die +Athener+ unterwerfen sich und erhalten Verzeihung. +Antipăter+ bleibt als Reichsverweser in Makedonien zurück.
[~334.~]
~Zug Alexanders gegen Persien.~
Alexander fährt mit 30000 Fußsoldaten und 5000 Reitern (Feldherren Perdikkas, Kleitos, Parmenion, Hephaistion, Kratĕros, Ptolemaios, Antigŏnos) bei +Abȳdos+ über den Hellespont, schlägt die persischen Satrapen und +Memnon+, den Führer der griechischen Söldner des Dareios, in der
[~334.~ (Mai.)]
~Schlacht am Granīkos,~
einem kleinen Flusse in +Troas+. Rettung Alexanders durch +Kleitos+.
Alexander zieht südwärts, erklärt die griechischen Städte und Inseln für frei von der persischen Herrschaft (S. 55), erobert +Milet+ und +Halikarnassos+. Weiterer Marsch durch Karien und Lykien, dann nordwärts in das Innere; Aufenthalt zu +Gordion+ in Phrygien, wo Verstärkungen seines Heeres eintreffen; er löst den gordischen Knoten mit dem Schwert.
[333.]
Zug durch Kappadokien nach Kilikien, Erkrankung in +Tarsos+ (Bad im Flusse Kydnos, der Arzt Philippos); durch die +syrischen Pforten+ nach der Küstenstadt +Myriandros+ in Syrien. Unterdes ist König ~Dareios III.~ (Kodomannos) mit einem großen Heere vom Euphrat herangezogen und den Makedoniern in den Rücken gekommen. Auf die Kunde hiervon kehrt Alexander um und erficht über die Perser in der
[~333.~ (Nov.)]
~Schlacht bei Issos~
an der Küste von +Kilikien+ einen glänzenden Sieg. Dareios entkommt, seine Mutter, Gemahlin und Kinder fallen in die Hände des Siegers.
Um die persische Seemacht aufzulösen, erobert Alexander +Syrien+ und +Phönikien+ (7monatige Belagerung der Inselstadt +Tyros+) dringt dann in Ägypten ein, wird in +Memphis+ als Befreier begrüßt. Gründung der Stadt ~Alexandreia~ in trefflich gewählter Lage. Zug durch die libysche Wüste nach der Oase +Siwah+ zum Orakel des +Zeus Ammon+. Von Ägypten zieht Alexander 331 zurück nach Tyros, dann durch Syrien zum +Euphrat+, den er bei Thapsakos überschreitet, dann durch Mesopotamien. Jenseits des +Tigris+ schlägt er mit 47000 Mann das vielfach überlegene Heer der Perser in der
[~331.~ (Okt.)]
~Schlacht bei Gaugamēla~ oder ~Arbēla~
nicht weit von den Ruinen von +Ninive+. Während Dareios nach Medien entflieht, wendet sich Alexander nach Süden, zieht, ohne Widerstand zu finden, in +Babylon+ ein, nimmt darauf +Susa+, dringt durch die persischen Pässe, zieht als Sieger in +Persepŏlis+ und +Pasargădä+ ein. Verbrennung des Königspalastes der Achämeniden in Persepolis,
[~330.~]
~Alexander zerstört das Perserreich.~
Dareios flieht weiter nach Osten; Alexander zieht in +Agbatana+ ein, gelangt dann durch die kaspischen Pässe nach +Parthien+. Dareios wird in der Nähe von Hekatompylos von dem Satrapen ~Bessos~ ermordet, der nach Baktrien entweicht und den Königstitel annimmt. Die Leiche des Königs auf Alexanders Befehl feierlich in Pasargadä bestattet. In +Hyrkanien+ unterwerfen sich dem Sieger die noch übrigen griechischen Söldner des Dareios. Alexander zieht weiter durch +Areia+ nach +Drangiana+; hier wird in +Prophthasia+ die Verschwörung des ~Philōtas~ entdeckt. Er wird vom Heere verurteilt und hingerichtet, sein Vater ~Parmenion~ wird auf Alexanders Befehl in +Agbatana+ getötet. Dann Zug durch +Arachosien+ bis zum Fuße des +Paropamīsos+ (Hindukusch).
[329.]
Alexander überschreitet den Paropamisos und dringt in +Baktrien+ ein; Bessos wird ihm ausgeliefert und hingerichtet. Dann Zug durch +Sogdiana+ bis zum +Jaxartes+ (Sir Darja), wo er an der Grenze gegen die Skythen die Stadt +Alexandreia Eschăte+ gründet. Durch einen gefährlichen Aufstand unter ~Spitamĕnes~ wird er längere Zeit in diesen Gegenden festgehalten. In +Marakanda+ (jetzt Samarkand) ersticht er im Jähzorn den Kleitos 328. In +Baktra+ Vermählung mit ~Roxane~, der Tochter eines baktrischen Fürsten. Alexander beginnt orientalische Kleidung und Lebensweise anzunehmen. Verurteilung seines Jugendgefährten ~Kallisthĕnes~, der dies mißbilligte.
[~327–325.~]
~Zug Alexanders nach Indien.~
Mit seinem durch asiatische Truppen ansehnlich verstärkten Heere gelangt Alexander unter harten Kämpfen mit den Bergvölkern zum +Indus+, überschreitet den Strom und betritt das Fünfstromland (+Pendschab+). Vereint mit dem indischen Fürsten von +Taxila (Taxĭles)+, der sich ihm unterwirft, besiegt er in der
[~326.~]
~Schlacht am Hydaspes~
den +Pōros+, der gefangen, großmütig behandelt und als Vasall wieder in seine Herrschaft eingesetzt wird.
Gründung der Städte +Nikäa+ und +Bukephăla+. Alexander rückt nach Osten bis zum +Hyphăsis+ vor. Hier weigern sich die Makedonier weiter zu marschieren; Alexander entschließt sich zur +Umkehr+, führt aber seinen Vorsatz, den Ozean zu erreichen, durch. Bau einer großen Flotte, auf der ein Teil des Heeres den +Hydaspes+ hinab in den +Akesĭnes+ einfährt, während der andere (mit 200 Elefanten) am Flußufer entlang marschiert. Kampf mit den +Mallern+; Alexanders tollkühne Tapferkeit und schwere Verwundung. Nach seiner Genesung setzt er Marsch und Fahrt fort und gelangt zum Einfluß der +vereinigten Pendschabströme+ in den +Indus+.
[325.]
Fahrt und Zug den +Indus+ hinunter. +Kratĕros+ tritt mit einem Teile des Heeres auf dem näheren Wege nach Westen den Rückzug nach Persien an, Alexander marschiert und fährt mit dem andern Teile bis zum Indus-Delta. Hier läuft die Flotte unter +Nearchos+ in den Indischen Ozean ein (+Ebbe und Flut+). Nearchos fährt die Küste nach Westen entlang in den Persischen Meerbusen, während Alexander mit dem Landheer durch das wüste +Gedrosien (Belutschistan)+ zieht. Nach beschwerlichem Marsche kommt er in +Karmanien+ an, trifft mit +Kratĕros+ zusammen und später an der Küste mit +Nearchos+, der dann weiter fahren und die Mündung des Euphrat und Tigris erkunden muß. Damit ist der Seeweg von Babylon nach Indien erforscht.
[324. (Jan.)]
Rückkehr Alexanders nach Persien und Strafgericht über habsüchtige und grausame Statthalter, die den König und sein Heer für verloren gehalten hatten. Ankunft in +Susa+. Hier enthüllt Alexander seinen großen Plan, den ~Orient zu hellenisieren~, Sieger und Besiegte zu +einer+ Nation zu verschmelzen und ein ~großes makedonisch-persisches Weltreich~ zu gründen. Er vermählt sich mit Stateira, der älteren Tochter des Königs Dareios III., sein Feldherr +Hephästion+ mit der jüngeren; viele Offiziere des Heeres und über 10000 Soldaten nehmen asiatische Frauen. Große Pläne zur Eröffnung neuer Handelswege (Umfahrt Arabiens), zum Bau von Verkehrsstraßen für die mehr als 70 in allen Provinzen des Reiches gegründeten +griechischen Städte+. Alexander beansprucht als Nachfolger des »Großkönigs« göttliche Verehrung.
[324. (Juli.)]
Aufstand des makedonischen Heeres in +Opis+ am Tigris, durch Alexanders Mut und Klugheit beschwichtigt. Entlassung der reich belohnten Veteranen unter +Kratĕros+ nach Makedonien, während +Antipăter+ von dort neue Truppen herbeiführen soll. -- Zug nach Agbatana, wo Hephästion stirbt. Im Lager unweit +Babylon+ erscheinen vor Alexander zahlreiche Gesandtschaften aus Griechenland, Italien und Afrika (Karthago). Von Babylon aus wird eine Erforschung des Euphrat unternommen.
[~323.~ (Juni.)]
~Tod Alexanders des Großen~
in dem zur Hauptstadt des neuen Weltreichs bestimmten Babylon.
In ~Griechenland~ erheben sich 330 die Spartaner unter ihrem Könige Agis III., +Antipăter+ besiegt sie in der blutigen Schlacht bei +Megalopŏlis+. Gleich darauf in Athen Prozeß des +Äschines+ gegen Ktesiphon, welcher 336 einen Ehrenkranz für +Demosthenes+ beantragt hatte. Äschines geht nach der glänzenden Verteidigungsrede des Demosthenes in die Verbannung nach Rhodos. Neue Aufregung 324, als Alexanders Schatzmeister +Harpălos+ nach Griechenland flüchtet und Alexander das Gebot verkünden läßt, ihn als Gott zu verehren und die Verbannten wieder aufzunehmen. +Demosthenes+, fälschlich angeklagt wegen Veruntreuung der dem Harpalos abgenommenen Gelder, wird nun verbannt, kehrt aber bald zurück und bewirkt, als die Kunde von Alexanders Tode kommt, in Gemeinschaft mit +Leosthĕnes+ und +Hypereides+ eine Erhebung der Griechen unter Athens Führung,
[~323–322.~]
~Lamischer Krieg.~
Die Hellenen kämpfen anfangs glücklich unter Leosthĕnes und schließen Antipăter in +Lamia+ ein, doch wird er durch ein von Leonnātos herangeführtes Entsatzheer befreit. Auch +Kratĕros+ mit den Veteranen Alexanders kommt ihm zu Hilfe; beide vereinigt siegen bei +Krannon+ in Thessalien (322). Das griechische Heer zerstreut sich, die Staaten unterwerfen sich einzeln. Die Athener müssen eine makedonische Besatzung in +Munychia+ aufnehmen und die demokratische Verfassung beschränken (+Phokion+ und +Demādes+ an der Spitze des Staats), das Bürgerrecht wird an einen Census geknüpft. +Demosthenes+ flüchtig, nimmt auf der Insel +Kalaurĭa+ (an der Küste von Argŏlis) Gift (322).
§ 7. Hellenistische Zeit.
[323–301.]
~Kämpfe der Diadochen (Nachfolger Alexanders).~
Diese langen und verwickelten Kämpfe, die unmittelbar nach Alexanders Tode ausbrechen, zerstören das kaum gegründete makedonisch-persische Weltreich, führen aber das von Alexander begonnene Werk der Hellenisierung des Orients, der Ausbreitung griechischer Kultur und Sprache, in anderer Weise erfolgreich weiter.
~Perdikkas~ wird 323 zum Reichsverweser ernannt für die regierungsunfähigen »Könige«, Alexanders Halbbruder +Philipp Arrhidaios+ († 317) und seinen nachgeborenen Sohn von der Roxane, +Alexander+ († 311). Die Verwaltung +Makedoniens+ und seiner Nebenländer führen ~Antipăter~ und ~Kratĕros~. Auch die übrigen Feldherren erhalten Statthalterschaften, namentlich ~Ptolemaios~: +Ägypten+; ~Antigŏnos~: +Groß-Phrygien, Pamphylien+ und +Lykien+; ~Eumĕnes~, Alexanders Geheimschreiber: +Paphlagonien+ und +Kappadokien+, die er noch erobern soll; ~Leonnātos~ († 322): das +hellespontische Phrygien+; ~Lysimachos~: +Thrakien+. Der Plan des Perdikkas, sich selbst zum Könige zu machen, bewirkt ein Bündnis der meisten übrigen Feldherren gegen ihn; er wird auf einem Zuge gegen Ptolemaios von seinen eigenen Truppen getötet.
[321.]
~Antipăter~ Reichsverweser, neue Verteilung der Statthalterschaften, wobei namentlich ~Seleukos~ die Satrapie +Babylon+ erhält. Krieg zwischen Antigŏnos und Eumĕnes.
[319.]
~Polysperchon~ Reichsverweser, gelangt zu keinem Ansehen. In den fortdauernden Kämpfen siegt ~Antigŏnos~ in Kleinasien über Eumĕnes; ~Kassander~, Antipaters Sohn, gewinnt die Herrschaft in Makedonien, läßt Alexanders Mutter +Olympias+ töten und vermählt sich mit Alexanders Schwester +Thessalonīke+, gründet ihr zu Ehren eine bald aufblühende Handelsstadt (jetzt Saloniki).
Da Antigŏnos das ganze Reich unter seine Botmäßigkeit bringen will, so entsteht ein.
[315–301.]
Krieg zwischen ~Antigŏnos~ und den übrigen Statthaltern.
~Antigŏnos~ und sein Sohn ~Demetrĭos Poliorkētes~ (der Städtebelagerer) nehmen 306 den ~Königstitel~ an. Diesem Beispiele folgen +Ptolemaios+, +Seleukos+, +Lysimachos+, +Kassander+.[17]
Demetrios belagert 304 vergeblich die feste Stadt +Rhodos+, sucht dann sich in Griechenland festzusetzen.
[301.]
~Schlacht bei Ipsos~ (in Phrygien).
Antigŏnos fällt, sein Sohn +Demetrĭos+ entflieht und führt mehrere Jahre lang ein abenteuerliches Freibeuterleben.
In Asien für die nächste Zeit Friede; in Europa dauern die Kämpfe fort. Nach +Kassanders+ Tode (297) bemächtigt sich +Demetrios+ der Herrschaft in Makedonien, wird aber 287 vertrieben und stirbt als Gefangener in der Gewalt des +Seleukos+ in Syrien. Sein Sohn ~Antigŏnos Gonātas~ behauptet sich nach wechselvollen Kämpfen im Besitz Makedoniens.
Aus dem Weltreich Alexanders d. Gr. sind +drei große Monarchien+ entstanden (Ägypten, Syrien, Makedonien), in denen ~Griechisch~ die Sprache des Hofes, der Regierung und der Gebildeten ist. Daneben mehrere kleinere Monarchien, griechische Freistädte und im Osten +halb+griechische Staaten (S. 65ff).
1. ~Ägypten~ unter den ~Ptolemäern~.
[323–285.]
+Ptolemaios I. Lagi+ (d. h. Sohn des Lagos), auch +Sotēr+ genannt, weil er den Rhodiern Hilfe brachte, sorgt für gute Verwaltung, herrscht auch über +Cypern+, setzt in +Kyrene+ seinen Stiefsohn +Magas+ ein.
[285–247.]
+Ptolemaios II. Philadelphos+ gründet in der Hauptstadt +Alexandrīa+ das Museum und die Bibliothek, gewinnt im Kriege gegen das Seleukidenreich +Phönikien+, +Cölesyrien+ und die Südküste +Kleinasiens+.
[247–221.]
+Ptolemaios III. Euergĕtes+ (der Wohltäter) behauptet noch den Umfang des Reiches, fördert Wissenschaften und Künste. Mit Ptolemaios IV. Philopātor (221–205) beginnt der Verfall; unter Ptolemaios V. Epiphănes (205–181) beginnt die Abhängigkeit von den Römern, doch erst 30 v. Chr. wird Ägypten römische Provinz.
2. ~Syrien~ unter den ~Seleukiden~.
[321–281.]
+Seleukos I. Nikātor+ herrscht weithin nach Osten bis zu den durch Alexander festgesetzten Grenzen; nur das +Indus+land wird aufgegeben (S. 16). Viele griechische Städte gegründet (Seleukeia am Tigris, Edessa, Hekatompylos); Residenz Seleukeia neben +Antiochīa+ am Orontes. Durch den Sieg bei Ipsos gewinnt er einen großen Teil Kleinasiens, erweitert dies Gebiet 281 durch den Sieg in der Koros-Ebene (im hellespontischen Phrygien) über +Lysimăchos+, fällt aber bald darauf durch Mörderhand.
[281–261.]
+Antiochos I. Soter+ schlägt die +Gallier+ zurück (s. S. 66), behauptet noch den Umfang des Reiches. Unter +Antiochos II. Theos+ (261–248) entstehen selbständige Königreiche in +Baktrien+ und +Parthien+.
[222–187.]
+Antiochos III. der Große+ kämpft gegen Ägypten, gegen die Parther und Baktrer, wird 190 von den Römern gedemütigt, behält aber immer noch ein ansehnliches Reich.
[167–130.]
Befreiungskampf der ~Juden~ unter Führung der ~Makkabäer~ (Mattathias und seine Söhne) gegen +Antiochos IV. Epiphănes+ und dessen Nachfolger. Palästina wird ein unabhängiger Priesterstaat, seit 63 unter römischem Schutze.
[83.]
+Tigrānes+, König von +Armenien+, macht dem durch das Vordringen der Parther geschwächten Seleukidenreiche ein Ende.
[64.]
Syrien wird römische Provinz.
Das Reich der ~Parther~, die unter den +Arsakiden+ (250 vor Chr. bis 226 nach Chr.) alle Länder zwischen Euphrat und Indus erobern, bildet im Orient einen Damm erst gegen den Hellenismus, dann gegen die Römerherrschaft.
3. ~Die kleinasiatischen Länder.~
a) ~Bithynien,~ das sich 298 von dem thrakischen Reich des Lysimachos losriß; Residenz +Nikomedeia+, gegründet um 264 von König Nikomedes I. Nikomedes III. setzt 74 die Römer zu Erben ein.
b) Das ~pergamenische Reich~ unter den ~Attaliden~ mit der Hauptstadt ~Pergămon~ in Mysien,[18] nach Lysimachos’ Tode 281 selbständig, aufblühend unter König +Attălos I.+ († 197), der die Galater (s. u.) zurückschlug und die Bibliothek gründete, und seinem Sohne +Eumenes II.+ († 159), dem treuen Bundesgenossen der Römer. Attalos III. setzt 133 die Römer zu Erben ein.
c) Die ~griechischen Seestädte,~ namentlich +Sinōpe+, +Herakleia+ am Pontus, +Lampsăkos+, +Smyrna+, +Ephesos+, +Rhodos+.
d) Der Bundesstaat der ~Galăter,~ gegründet von gallischen Heerhaufen, welche 280 in Makedonien und Griechenland einbrachen, dann den Hellespont überschritten und sich in +Phrygien+ niederließen; drei Stämme (Tolistobojer, Tektosagen, Trokmer) unter je 4 Tetrarchen; Hauptstädte Ankȳra (Angora) und Pessinūs.
e) ~Kappadokien, Pontus, Armenien,~ drei Königreiche unter einheimischen Dynastien, welche ebenso wie die Galăter nur zum Teil griechische Kultur annahmen.
4. ~Makedonien~ unter den ~Antigoniden.~
+Antigonos Gonātas+ (277–239) beruhigt das durch die Thronkämpfe und den Einfall der Gallier verwüstete Land, gibt die Ansprüche auf Herrschaft über +Griechenland+ nicht auf. Sein zweiter Nachfolger +Antigonos Doson+ (229–220) befestigt diese Herrschaft aufs neue (s. S. 68); +Philipp V.+ (220–179) muß 197 darauf verzichten. +Perseus+ (179–168) wird von den Römern entthront; 146 wird Makedonien römische Provinz.
5. ~Die altgriechischen Länder.~
In ~Italien~ (Großgriechenland) behaupten sich die Griechenstädte, besonders +Tarent+, +Thurii+, +Metapont+, +Lokri+, öfters vom Mutterlande her unterstützt (338 Archidamos von Sparta, Sohn des Agesilaos, 330 Alexander von Epirus, Bruder der Olympias), gegen Angriffe der Lukaner und Bruttier; ebenso in ~Gallien~ +Massalia+ gegen die einheimischen Stämme. Später treten sie unter römische Schutzherrschaft, Massalia erst 125 v. Chr.
~Syrakus~ behauptet nach Abwehr des athenischen Angriffs (S. 50) noch lange eine bedeutende Stellung.
[406–367.]
+Dionysios I.+, +Tyrann+ nach glücklicher Abwehr der Karthager. Er vereinigt die sicilischen Griechenstädte unter seiner oft grausamen Herrschaft, unterwirft auch Rhegion und Kroton, bekämpft noch dreimal die Karthager. Auf Veranlassung seines Schwagers +Dion+ verweilt der athenische Philosoph +Platon+ eine Zeitlang an seinem Hofe. Ihm folgt sein Sohn
[367–344.]
+Dionysios II.+, anfangs unter Leitung des Dion und Platon. Er wird 357 von Dion vertrieben, wendet sich nach Lokri, kehrt 346 zurück, wird 344 von dem korinthischen Feldherrn +Timoleon+ besiegt und nach Korinth gesandt, wo er noch einige Jahre als Privatmann lebt.
[339.]
+Timoleon+, der Befreier Siciliens, schlägt die Karthager am Flusse +Krimīsos+.
[317–289.]
+Agathŏkles+, Tyrann von Syrakus, bekämpft die Karthager in Afrika, erkennt aber schließlich ihre Herrschaft über den Westen Siciliens an.
[278–276.]
+Pyrrhos+, König von Epirus, schützt die sicilischen Städte gegen Angriffe der Karthager.
[270–215.]
+Hieron II.+, König von Syrakus, schließt mit den Römern ein Bündnis. Unter seiner milden Regierung blüht die Stadt wieder auf.
[212.]
Syrakus von den Römern erobert, wird zinspflichtige Provinzialstadt.
In ~Athen~ kommt während des Kampfes gegen Kassander (S. 64) die demokratische Partei noch einmal zur Herrschaft; +Phokion+ wird 318 zum Giftbecher verurteilt. Bald aber muß Athen sich der makedonischen Macht wieder unterwerfen. +Demetrios von Phalēron+ regiert als Statthalter Kassanders, wird 307 von +Demetrios Poliorkētes+ vertrieben. Nach der Schlacht bei Ipsos versucht Athen seine Freiheit wieder herzustellen, wird aber 294 dem +Demetrios Poliorkētes+ als König von Makedonien untertan.
[266–263.]
Befreiungskrieg der Athener unter +Glaukon+ und +Chremonides+, doch ohne Erfolg.
[229.]
König Antigonos Doson zieht, auf Verwendung des +Aratos+ (s. S. 68), die makedonische Besatzung zurück. Athen ist fortan selbständig, aber ohne politische Macht, es bleibt jedoch Sitz der Bildung und Gelehrsamkeit.
~Theben,~ von Kassander wieder hergestellt (vgl. S. 59), sendet 278 zusammen mit Athen, Phokis, Lokris und den Ätolern ein Heer zur Verteidigung des +Thermopylenpasses+ gegen die durch Makedonien vordringenden +Gallier+ (S. 66); diese erobern den Paß, kehren aber um nach einer Niederlage bei Delphi. Thessalien, Euböa, Korinth sind um diese Zeit +makedonisch+. Die vollständige Unterwerfung Griechenlands unter die makedonische Herrschaft verhindert der um
[280.]
erweiterte ~Ätolische Bund~ und der zur selben Zeit erneuerte ~Achäische Bund~.
Letzterer gelangt zu ansehnlicher Macht durch den von ~Arātos~ bewirkten Beitritt der Städte +Sikyon+ und +Korinth+; aus Korinth wird 243 die makedonische Besatzung vertrieben. Bald schließen sich Megara, Megalopolis, Argos u. a. peloponnesische Städte dem Achäischen Bunde an. +Verfassung+ des Bundes: An der Spitze ein jährlich gewählter Feldherr (Strategos), ihm zur Seite ein Kanzler (Grammateus) und ein Rat von 10 Demiurgen; in den Bundesversammlungen (zu Ägion) dürfen alle über 30 Jahre alten Bürger der verbündeten Städte erscheinen, jede Stadt hat +eine+ Stimme. Ähnlich ist die Verfassung des +Ätolischen Bundes+, zu welchem auch Lokris, Phokis, Teile von Akarnanien und Thessalien gehören.
In ~Sparta~, das unter der Herrschaft einer reichen Oligarchie entartet ist, büßt der junge König +Agis IV.+ den Versuch, die lykurgischen Einrichtungen herzustellen, mit dem Leben (241). Besseren, aber nur vorübergehenden Erfolg hat der gleiche Versuch des Königs +Kleomĕnes III.+, welcher die Ephoren überfallen und töten läßt, 80 Oligarchen verbannt und eine Verfassungsreform durchsetzt (226). Aber unheilvoll ist die Feindschaft zwischen Sparta und dem +Achäischen Bunde+. Arātos ruft den makedonischen König +Antigŏnos Doson+ herbei und übergibt ihm die Burg von Korinth. Die Spartaner werden in der
[~221.~]
~Schlacht bei Sellasĭa~
geschlagen; Kleomĕnes flieht, stirbt 220 in Ägypten. Antigonos rückt in Sparta ein und stellt dort die Herrschaft der Oligarchen wieder her. Die ~makedonische Oberhoheit~ wird durch Abschluß eines makedonisch-hellenischen Bundes befestigt. Dagegen erhebt sich ein neuer Krieg von Seiten des +Ätolischen+ Bundes, mit welchem die Spartaner sich verbinden; die Peloponnes wird furchtbar verwüstet (220–217).
Nach kurzer Friedenszeit abermals Krieg (211–205) der mit +Rom+ verbündeten Ätōler und Spartaner gegen +Philipp V.+ von Makedonien; dieser behauptet die Herrschaft über Thessalien, Euböa, Phokis, Lokris, Korinth. Im dritten Kriege (200–197) schließt sich auch der Achäische Bund den Feinden Philipps an.
[~197.~]
~Aufhebung der makedonischen Herrschaft über Griechenland.~ Die +Römer+ walten fortan als Schiedsrichter über den griechischen Staaten.
[192.]
~Philopoimen,~ Feldherr des Achäischen Bundes, bringt +Sparta+ zum Anschluß an den Bund, nachdem der von ihm bekämpfte Tyrann +Nabis+ gefallen ist. Bald schließen auch Elis und Messenien sich an; die Freundschaft mit Rom wird aufrecht erhalten.
[189.]
Die +Ätoler+ wegen feindlicher Erhebung gegen Rom bestraft.
[183.]
+Philopoimen+ von den abtrünnigen Messeniern gefangen und getötet; der Achäische Bund durch Streitigkeiten zerrüttet.
[167.]
Tausend angesehene Achäer werden zur Verantwortung nach Rom gefordert.
[146.]
Krieg des Achäischen Bundes gegen +Rom+, veranlaßt durch Klagen der Spartaner gegen den Bund. Der Bundesfeldherr +Kritolāos+ wird von Q. Caecilius Metellus bei +Skarpheia+ am Malischen Meerbusen besiegt, sein Nachfolger +Diaios+ von L. Mummius bei +Leukopĕtra+ auf dem Isthmos.
[~146.~]
~Korinth von den Römern erobert und zerstört.~
Die griechischen Staaten werden zum Teil tributpflichtig; sie behalten ihre eigene Verfassung und Verwaltung, stehen aber fortan unter der Aufsicht des römischen Statthalters von Makedonien.
[27.]
Einrichtung der römischen Provinz +Achaja+ (Peloponnes, Mittel-Griechenland, Thessalien und Epirus).
§ 8. Griechische Kunst und Wissenschaft.
Das in Griechenland frühzeitig entwickelte Geistesleben (S. 28 f., 37 f.), welches in Athen zu Perikles’ Zeit zu hoher Blüte gelangte (S. 46), hat auch nachher noch mannigfaltige und bedeutende Erscheinungen aufzuweisen.
In der bildenden Kunst sind berühmte Zeitgenossen des Pheidias +Myron+ von Eleutherä in Böotien (Diskobolos) und +Polykleitos+ von Argos (Hera in Argos); Schüler des Pheidias +Alkamĕnes+ und +Paionios+ (Skulpturen in Olympia). Dann folgen +Skopas+ von Paros (Mausoleum zu Halikarnaß 350, Niobegruppe) und +Praxitĕles+ von Athen (Hermes zu Olympia); in Alexanders Zeit der Erzgießer +Lysippos+ von Sikyon. Nach den Diadochenkämpfen die +pergamenische Kunstschule+ (Zeusaltar zu Pergamon, der sterbende Fechter) und die +rhodische Kunstschule+ (Laokoongruppe, farnesischer Stier).
Als Maler ragen hervor +Zeuxis+ von Herakleia, +Parrhasios+ von +Ephesos+ (beide in Athen zu Sokrates’ Zeit), +Apelles+ von Kos in Alexanders Zeit.
In ~Athen~ entfaltete sich Philosophie, Geschichtschreibung und Beredsamkeit zur höchsten Blüte; +Platon+ von Athen (427–347) und seine Nachfolger (Akademiker) lehrten in der +Akademie+, +Aristoteles+ von Stageira, Lehrer Alexanders des Großen (388–322), lehrte im +Lykeion+; seine Schüler die Peripatetiker. Um 300 gründete +Zenon+ von Kition in der +Stoa+ (Halle) die Schule der +Stoiker+, +Epikūros+ von Samos die Schule der +Epikureer+. Diese vier Philosophenschulen erhalten sich bis weit in die römische Kaiserzeit hinein.
Geschichtschreiber: +Xenophon+ von Athen, +Ephŏros+ von Kyme, +Theopompos+ von Chios († um 320), +Timaios+ von Tauromenion († um 250). Redner: +Antĭphon+, +Lysias+, +Isokrătes+ († 338), +Demosthenes+ († 322), +Äschines+, +Hypereides+, +Lykurgos+.
Dichter der neuern Komödie: +Philēmon+ und +Menander+ um 300 zu Athen.
In ~Alexandria~ um 270 die Dichter +Kallimachos+ von Kyrene, +Theokrit+ von Syrakus, +Apollonios+, der später in Rhodos lebte; der Mathematiker +Eukleides+ um 300, der Geograph +Eratosthĕnes+ um 240, die Grammatiker +Zenodotos+ um 280, +Aristarchos+ um 180 (Erklärung des Homer).
Für die Aufnahme der griechischen Bildung bei den Römern waren besonders wirksam der Stoiker +Panaitios+ von Rhodos und der Geschichtschreiber +Polybios+ von Megalopolis, beide mit dem jüngeren Scipio befreundet (um 146). Nachblüte der griechischen Literatur und Kunst in der römischen Kaiserzeit.
Fussnoten:
[9] Diese Bezeichnung wahrscheinlich herzuleiten von dem Volk der +Graer+ in Böotien, das bei der Gründung der Kolonie Kyme (Cumä) in Campanien durch Auswanderer aus Chalkis auf Euböa beteiligt gewesen zu sein scheint.
[10] Die +12 Arbeiten+: Nemeischer +Löwe+, lernäische +Hydra+, erymanthischer +Eber+, kerynitische +Hirschkuh+, stymphalische +Vögel+, Gürtel der +Amazonenkönigin+ Hippoly̆ta, Stall des +Augīas+, kretischer +Stier+, Rosse des +Diomēdes+, Rinder des +Geryŏnes+, Äpfel der +Hesperiden+, +Kerbĕros+.
[11] Nach der Berechnung des alexandrinischen Gelehrten +Eratosthĕnes+ ist die Zerstörung Trojas 1184 v. Chr. zu setzen.
[12] Die nähere Kenntnis dieses griechischen Nationalheiligtums verdanken wir den Ausgrabungen, welche auf Veranstaltung des Deutschen Reiches 1875–81 unter Leitung von +E. Curtius+ daselbst angestellt worden sind.
[13] ~Attisches Münzwesen~: Kleinste Silbermünze der +Obŏlos+ (13 Pf.); 6 Obolen = l +Drachme+; größere Silbermünze das +Tetradrachmon+. Gepräge: Pallaskopf, auf der Rückseite Eule und Ölzweig. Goldmünze der +Stater+, entsprechend dem persischen +Dareikos+ = 20 Drachmen. Größere Summen werden nach +Minen+ zu 100 Drachmen und +Talenten+ berechnet; ein Talent = 6000 Drachmen = 4715 Mark unseres Geldes.
[14] Von dem nach Delphi geweihten goldnen Dreifuß ist das eherne Untergestell erhalten (1856 in Konstantinopel ausgegraben), drei sich umeinander windende Schlangen, darauf die Inschrift, welche die Namen der gegen die Perser verbündeten griechischen Staaten enthält (Thukyd. I, 132).
[15] Die erhaltenen Reste derselben seit 1816 (Lord Elgin) im Britischen Museum zu +London+.
[16] Die Gemeinde von +Epidamnos+ (späterer Name +Dyrrhachium+), bedrängt von den aus der Stadt vertriebenen, mit den illyrischen Barbaren verbündeten Adligen, bittet die Mutterstadt +Kerkyra+ vergebens um Hilfe, erhält aber Beistand von +Korinth+, der Mutterstadt Kerkyras. Deswegen nehmen die Kerkyräer für die aus Epidamnos Vertriebenen Partei, besiegen die Korinther bei +Aktion+ (Actium, 434) und nehmen Epidamnos ein. Korinth und Kerkyra bewerben sich beide um athenische Hilfe.
[17] Seit dieser Zeit wurde es üblich, nach persischer Sitte das Bildnis des Königs auf die +Münzen+ zu prägen. Auf den Münzen Alexanders d. Gr. erscheinen noch nach dem älteren Brauch Götterbilder (Zeus, Athene, Herakles).
[18] Die Bedeutung der Stadt +Pergamon+ bis in die römische Kaiserzeit hinein ist durch die von +K. Humann+ 1870–1886 unternommenen Ausgrabungen in helles Licht getreten. Der von Eumenes II. nach einem abermaligen Siege über die Galater errichtete +Zeusaltar+ war mit Skulpturen geschmückt, welche den Kampf der hellenischen Götter gegen die Giganten darstellen (jetzt im Museum zu Berlin).
~E. Die Römer.~
~Italia,~[19] ursprünglich Name des südlichsten Teils der Halbinsel, wird allmählich Gesamtname. Ursprünglich von sehr verschiedenen Völkerschaften bewohnt, gelangt Italien durch die Machtausbreitung der Stadt +Rom+ zu nationaler und politischer +Einheit+, ohne die landschaftlichen Unterschiede zu verlieren.
Als älteste Einwohner erscheinen in Ober-Italien westlich die +Ligŭrer+, östlich die +Venĕter+, beides illyrische Stämme. Ihnen verwandt sind in Unter-Italien die +Japyger+. Die Mitte der Halbinsel bewohnen westlich die +Latiner+ und +Ausoner+ (Latium und Campanien), östlich die +Umbrer+ und die +sabellischen Stämme,+ welche sich erobernd ausbreiten: nach Latium dringen die +Aequer+ und +Volsker+ vor, in südlicher Richtung die +Samniten+ und +Lucaner+, im Stammlande bleiben die +Sabiner+.
Höhere Kultur entwickelt sich zuerst bei den ~Etruskern~ oder ~Tyrrhenern~ (etrusk. Rasenna), die in Etrurien und in der mittleren Po-Ebene wohnen, unter phönikischem Einfluß (s. S. 13). Sie gründen +Städte+ und stehen seit etwa 750 v. Chr. in lebhaftem Handelsverkehr mit Karthagern und Griechen. In den Gräbern (Gewölbebauten) bei Tarquinii, Caere, Clusium, Bononia (jetzt Bologna) haben sich bedeutende Reste ihrer Kultur erhalten: Wandmalereien, Goldschmuck, Waffen, Tongefäße. Sie dringen um 600 v. Chr. erobernd vor nach Latium und Campanien, werden aber gehemmt durch die selbständige Entwickelung +Roms+ und verlieren seit 438 Campanien an die vordringenden +Sabeller+. In die Po-Ebene dringen um diese Zeit +keltische+ Stämme von Norden her ein; nach ihnen heißt dieses Land fortan +Gallia cisalpina+.
In ~Latium~ bestand in alter Zeit ein Bund von 30 Gemeinden mit jährlichem Bundesfest auf dem Albanerberge zu Ehren des höchsten Gottes Juppiter; Vorort war +Alba longa+, auf halber Höhe des Berges gelegen. +Rom+, als Grenzplatz gegen die Etrusker gegründet, verstärkt durch Aufnahme von Sabinern, erhebt sich zur herrschenden Stadt. An der Spitze der Latiner unterwirft es die andern Völker Italiens nach und nach und wird dann Mittelpunkt eines Weltreiches. Die ältere Geschichte Roms ist in der Überlieferung sagenhaft ausgeschmückt.
§ 1. Zeit der Königsherrschaft. (753–510.)
~Gründungssage~: König +Numĭtor+ von +Alba longa+, Nachkomme des mit trojanischen Flüchtlingen in +Latium+ gelandeten +Aenēas+, wird von seinem Bruder +Amulĭus+ des Thrones beraubt, sein Sohn getötet, seine Tochter +Rea Silvia+, damit das Geschlecht des Numĭtor aussterbe, unter die vestalischen Jungfrauen aufgenommen. Die Zwillinge ~Romŭlus~ und ~Remus,~ Söhne der Rea Silvia und des +Kriegsgottes Mars+, befiehlt Amulĭus in den über die Ufer getretenen +Tiber+ zu werfen. Die Kinder werden gerettet, von einer Wölfin gesäugt und von dem königlichen Hirten +Faustŭlus+ auferzogen. Zu Jünglingen herangewachsen, machen Romulus und Remus an der Spitze anderer Hirten Jagd- und Beutezüge. Remus wird gefangen und vor Numitor geführt, dieser erkennt seine Enkel. Sie töten den Amulius, setzen Numitor wieder als König ein und gründen mit seiner Erlaubnis an der Stelle des Tiberufers, wo sie einst ausgesetzt wurden, eine Stadt. Bei dem Streit darüber, wer sie nach seinem Namen nennen und beherrschen soll, wird +Remus+ getötet; ~Romulus,~ alleiniger König, gründet die Stadt ~Roma~ auf dem Hügel +Palatinus+. Als Gründungstag galt seit Varro (1 Jahrh. vor Chr.) der 21. April (Fest der Hirtengöttin +Pales+) des Jahres 753 v. Chr.
~Romulus,~ kriegerischer König, nimmt Flüchtlinge aus anderen Städten auf (Asyl auf dem Mons Capitolinus), erwählt einen +Senat+ von 100 Mitgliedern. Raub der Sabinerinnen beim Fest der Consualia; deshalb Krieg mit den Nachbarstädten Caenina, Antemnae, Crustumerium (Romulus gewinnt die ersten spolia opima) und mit den +Sabinern+, deren König +Titus Tatius+ sich durch den Verrat der +Tarpeia+ des Burgfelsens bemächtigt. Die Schlacht zwischen Römern und Sabinern wird durch die geraubten Sabinerinnen unterbrochen. Vereinigung der Römer und Sabiner zu +einem+ Staate unter gemeinschaftlicher Regierung des Romulus und Tatius bis zu des letzteren Tode. Romulus führt Kriege gegen die +Etruskerstädte Fidenae+ und +Veii+. Er wird während eines Gewitters zu den Göttern entrückt und fortan als Gott +Quirīnus+ verehrt.
~Numa Pompilius,~ aus +Cures+, nach +einjährigem Interregnum+ von den +Römern+ aus den +Sabinern+ erwählt. Friedlicher König, Ordner des römischen Gottesdienstes, nach dem Rat der Camene +Egerĭa+, seiner Gemahlin. +Janustempel+, ein in Kriegszeiten geöffnetes Tor zwischen den beiden Ansiedelungen auf dem Palatinus und Quirinalis, am Fuße der gemeinschaftlichen Burg auf dem +Capitol+. Einsetzung der +Pontifices+, +Augŭres+, +Flamĭnes+, +Salii+, +Fetiales+, +virgines Vestales+.
~Tullus Hostilius,~ kriegerischer König. Krieg mit +Veii+ und +Fidenae+, Verrat des Diktators von Alba, +Mettius Fuffetius+, der von Pferden gevierteilt wird. +Alba longa+ zerstört (Horatier und Curiatier), die Bewohner siedeln nach Rom über.
~Ancus Marcius,~ Enkel des Numa, zugleich friedlicher und kriegerischer König (»et Numae et Romuli memor«). Er stellt die von seinem Vorgänger vernachlässigten gottesdienstlichen Ordnungen wieder her und verpflanzt die Einwohner kleiner latinischer Ortschaften nach Rom, gilt deshalb als Begründer der +Plebs+ (S. 74). Befestigung des Ianiculum, Bau der Pfahlbrücke (+pons sublicius+) über den Tiber. Gründung der Hafenstadt +Ostĭa+.
~Tarquinius Priscus,~ aus der etruskischen Stadt +Tarquinii+ mit seiner Gemahlin +Tanaquil+ nach Rom eingewandert (ihm wird +griechische+ Abstammung von dem +Bakchiaden+ Demaratus aus Korinth zugeschrieben), wird Vormund der Söhne des Ancus und zum römischen Könige gewählt. Er beginnt den Bau des Juppitertempels auf dem Kapitol, der +Kloaken+ (Abzugsgräben für die Niederungen zwischen den Hügeln der Stadt) der Stadtmauer und des +Circus maximus+. Der Senat wird auf 300 Mitglieder gebracht (+patres minorum gentium+). Verdoppelung der Zahl der Ritter; der Augur +Attus Navius+ widersetzt sich der Bildung neuer Rittercenturien. Kriege gegen +Sabiner+ und +Latiner+. Nach Ermordung des Tarquinius durch die Söhne des +Ancus+ wird durch die List der +Tanaquil+ König
~Servius Tullius,~ Sohn der Sklavin +Ocrisia+ und eines Gottes, von Tanaquil infolge eines Wunderzeichens königlich erzogen, Schwiegersohn des Tarquinius. Krieg gegen +Veii,+ Aufnahme Roms in den +latinischen Bund+. Bau der +Ringmauer+ um die 7 Hügel der Stadt (Palatinus, Capitolinus, Aventinus, Caelius, Esquilinus, Viminalis, Quirinalis), Einrichtung des Census und der ~Centurieneinteilung~ (s. S. 74). Servius Tullius wird ermordet von seinem Schwiegersohn
~Tarquinius Superbus,~ den die Sage als grausamen Despoten darstellt. Er befragt den Senat nicht und zwingt das Volk zu Frondiensten beim Bau des kapitolinischen Tempels; er unterwirft sich den latinischen Bund, bemächtigt sich durch die List und den Verrat seines Sohnes +Sextus+ der Stadt +Gabii.+ Er erwirbt die +sibyllinischen Bücher+, sendet aber seine Söhne auch zum delphischen Orakel, wohin sie ihr Vetter +L. Iunius Brutus+ begleitet, der den Spruch des Orakels am besten versteht. Während der Belagerung von +Ardĕa+ Frevel des +Sextus+ Tarquinius gegen +Lucretia,+ die Gemahlin des +L. Tarquinius Collatinus+. Diese tötet sich selbst; ~Brutus~ ruft vor ihrem Leichnam das Volk in Rom zu den Waffen und wiegelt das Heer gegen den König auf, der die Tore der Stadt verschlossen findet und in die Verbannung geht.
Die letzten drei Könige gehören einer +etruskischen+ Dynastie an; durch ihre Vertreibung wird Rom wieder eine +latinische+ Stadt.
~Religion.~ Die altitalischen Götter wurden nicht wie die griechischen menschenähnlich gedacht, sondern als unsichtbare Gewalten; Tempel und Götterbilder wurden allmählich eingeführt unter griechischem Einfluß, zuerst bei den Etruskern. +Janus, Saturnus, Juppiter, Mars+ (Quirinus), +Juno, Vesta, Ceres, Minerva+ sind italische Gottheiten, die später mit griechischen Göttern gleichgestellt wurden; ihre Verehrung wurde von besonderen Priestern geleitet (drei +Flamines+: Dialis, Martialis, Quirinalis: zwölf +Salii,+ Diener des Mars, Träger der heiligen Schilde, ancilia; sechs +Vestalinnen+). Neben diesen Hauptgöttern viele andere, die als Beschützer des Landbaues an bestimmten Festen und heiligen Stätten verehrt wurden: +Pales, Consus, Ops, Faunus, Silvanus, Terminus, Feronia, Flora, Pomona, Vertumnus+ u. a. Als Beschützer des Hauses und der Vorräte wurden die +Lares+ und +Penates+ angerufen. Auch sittliche Begriffe wurden als Götter gedacht und verehrt: Fides, Pietas, Honor, Virtus, Fortuna, Concordia.
Den Willen der Götter erforschten die +Augŭres+ aus Himmelszeichen (Donner und Blitz), Vogelflug (Auspicien) und anderen Zeichen; aus Etrurien kamen die +Haruspĭces+ hinzu, die namentlich aus den Eingeweiden der Opfertiere weissagten. Besondere Priester hatten die im kapitolinischen Tempel aufbewahrten +sibyllinischen Bücher+ aufzuschlagen. Die Aufsicht über den gesamten Götterdienst, auch über die von einzelnen Geschlechtern und Genossenschaften (z. B. den fratres Arvales) dargebrachten Opfer hatten die +Pontifices+; ihnen lag daher auch die Ordnung des +Kalenders+ ob. Verträge mit fremden Völkern unter heiligen Gebräuchen zu schließen und zu lösen war die Aufgabe der +Fetiales+.
~Älteste Verfassung~: Das Bürgerrecht umfaßt +commercium, conubium, suffragium, honores+ (Berechtigung zu Ämtern). Die Hausväter (+patres+) mit ihren nächsten Angehörigen (+patricii+) bilden die Bürgergemeinde (+populus+) und zugleich die Kriegerschaft (+Quintes+). Sie sind eingeteilt in drei Stämme (+tribus+), die Ramnes, Tities und Luceres, jeder Stamm in 10 +curiae+, jede Curie in 10 +gentes+ (Geschlechter). Die vom Könige zu einer Mitteilung oder Befragung berufene Bürgergemeinde der ~Patrizier~ bildet die ~comitia curiata~. Der von ihnen erwählte ~König~ übt die Befehlsgewalt (+Imperium+) als oberster Priester, Richter und Heerführer aus. Beratend steht ihm zur Seite der ~Senat~ (Rat der Ältesten); er bestellt, wenn das Königtum erledigt ist, aus seiner Mitte den ~interrex~, alle 5 Tage wechselnd. Die außerhalb der Geschlechter stehenden +Schutzverwandten+, welche einen Beschützer (patronus) haben müssen, heißen diesem gegenüber ~clientes~ (Hörige, von cluēre). Ihre Nachkommen, vermehrt durch Einwohner der im Kriege unterworfenen latinischen Nachbargemeinden, bilden allmählich eine Gemeinde der Nichtbürger (~plebs~ oder plebes, verwandt mit pleo, plenus, die Menge). Sie sind ohne politische Rechte. Ihre erste Ansiedelung auf dem Aventinus.
Die Änderung dieser Verfassung beginnt mit der Heranziehung der Plebejer zum +Kriegsdienst+ durch die dem ~Servius Tullius~ zugeschriebene Heeres- und Steuerverfassung. Er bildet 18 Reitercenturien und 80 Centurien schwerbewaffnete Fußsoldaten; Besitzmaß 20 Morgen Land, nach späterem Ansatz in Geld 100000 As.[20] Zu dieser ersten Klasse der Bürger treten vier weitere hinzu, 90 Centurien mit leichterer Bewaffnung, ohne Panzer, dem geringeren Besitz entsprechend; 2 besondere Centurien bilden die Schmiede und Zimmerleute (fabri), ebenso die Hornbläser und Trompeter (cornicines et tubicines); die Armen ohne Grundbesitz (proletarii) bilden als Ersatzmannschaft +eine+ große Centurie. Gesamtzahl 193 Centurien.
In der Volksversammlung (comitia centuriata) fortan Abstimmung der Bürger nach Centurien. Die Begüterten haben also mit 98 Stimmen stets das Übergewicht über die anderen 95 Centurien.
Das Fußvolk bildet 2 Legionen für den Felddienst (centuriae iuniorum) und 2 für die Stadtverteidigung (centuriae seniorum). Behufs der Aushebung und Entrichtung der Kriegssteuer (+tributum+) wird Stadt und Gebiet in eine Anzahl von Quartieren (+tribus+) geteilt. Alle 4, später alle 5 Jahre findet eine neue Einschätzung (+census+) der Bürger nach dem Vermögen statt; sie schließt mit einem Reinigungsopfer (+lustrum+). Die nicht in Tribus aufgenommenen Einwohner ohne Bürgerrecht sind vom Kriegdienst frei und zahlen ein Schutzgeld +(aerarii).+
Diese Kriegsverfassung, getragen von Sittenstrenge und bürgerlicher Zucht, machte die Römer ihren Nachbarn überlegen.
§ 2. Rom als Republik.
[~510.~ (?)]
~Vertreibung der Tarquinier.~
An die Spitze des Staates treten 2 +consŭles+, auf +ein+ Jahr gewählt; die ersten waren ~L. Iunius Brutus~ und ~L. Tarquinius Collatinus.~ Der letztere, als Verwandter der vertriebenen Königsfamilie beim Volke unbeliebt, wird bald ersetzt durch ~P. Valerius Poplicŏla,~ den ersten +consul suffectus,+ der sich durch die +lex Valeria de provocatione+ die Gunst des Volkes sicherte.
Die ~consŭles~ üben während ihres Amtsjahres die früher den Königen zustehende Gewalt aus: +imperium+ und +auspicia publica,+ d. h. Befragung der Götter von Staats wegen. Für gewisse Opfer, welche früher die Könige dargebracht hatten, wird ein Priester als +rex sacrificulus+ bestellt und dem +pontĭfex maximus+ untergeordnet. Jeder Konsul kann die Maßnahmen des andern durch das ius intercedendi unwirksam machen. Gehilfen der Konsuln für Kriminalgerichtsbarkeit und Verwaltung des Staatsschatzes (+aerarium+) sind die 2 +quaestores+. Die Konsuln haben als äußere Zeichen ihrer Amtsgewalt den Amtssessel (+sella curulis+) und das Obergewand mit Purpurstreif (+toga praetexta+); ihnen schreiten vorauf 12 +lictores,+ welche in Rutenbündeln (+fasces+) Beile (+secures+) tragen, doch nicht im Stadtgebiet, weil in Friedenszeit die obrigkeitliche Gewalt der Konsuln durch das +Berufungsrecht+ beschränkt ist. Nach der +lex Valeria de provocatione+[21] steht es dem zum Tode oder zu körperlicher Züchtigung verurteilten Bürger frei, die Entscheidung der Volksversammlung, der ~comitia centuriata,~ anzurufen.
Hauptrechte dieser Volksversammlung sind die +Beamtenwahl,+ die +Gesetzgebung+ und die +Entscheidung über Krieg und Frieden.+ Bei der Abstimmung haben die 6 alten, +vorwiegend+ patrizischen Rittercenturien das Vorstimmrecht (centuriae +praerogativae+). Sind die Centurien der +ersten+ Klasse (S. 74 f.) mit den Rittern einig, so werden die übrigen Klassen nicht befragt. Die +comitia curiata+ verlieren ihre frühere Bedeutung, doch bleibt ihnen das Recht, die gewählten Konsuln zu bestätigen (+lex curiata de imperio+).
Der ~Senat,~ früher nur aus Patriziern bestehend, wird durch zugeschriebene +Plebejer+ (daher die Formel: +patres (et) conscripti+) ergänzt, und zwar aus den +Rittern+, d. h. den Reichen. Der Senatsbeschluß (+senatūs consultum+) ist für die Konsuln maßgebend, hat aber nicht +Gesetzes+kraft. Zur Zeit besonderer Gefahr tritt an die Spitze des Staates ein ~Dictator~, ohne Mitwirkung der Bürgerschaft, aber mit Beirat des Senats von einem der Konsuln +ernannt+ (dictatorem +dicere+). Die Konsuln sind ihm untergeordnet; er ernennt seinen Gehilfen, den +magister equitum+; beide dürfen ihr Amt nicht länger als sechs Monate führen.
[509.]
Verschwörung junger Patrizier zur Herstellung des Königtums. Der Konsul +L. Junius Brutus+ läßt seine eigenen Söhne als Teilnehmer an der Verschwörung hinrichten. Darauf Krieg mit den +Etruskern+ von Veii und Tarquinii; +Brutus+ fällt im Zweikampf mit +Aruns Tarquinius+ vor der Schlacht am Walde +Arsia+. An seine Stelle wird zuerst +Sp. Lucretius,+ nach dessen Tode +M. Horatius+ gewählt, welcher den in der Königszeit erbauten Tempel des Juppiter Capitolinus weiht.
[508.]
Unglücklicher Krieg der Römer gegen den etruskischen König +Porsenna+ von +Clusium+; sie müssen den Frieden durch Gebietsabtretung und Entwaffnung erkaufen. Römische Sagen von +Horatius Cocles+, dem tapferen Verteidiger der Tiberbrücke, von dem Heldenmute des +Mucius Scaevola+ und der +Cloelia+. Die weiter in Latium vorrückenden Etrusker werden vor +Aricia+ von den Latinern und ihren Bundesgenossen, den Griechen aus +Cumae+ (unter +Aristodemos+), geschlagen und können sich auf dem linken Tiberufer nicht behaupten. Rom erlangt bald seine frühere Machtstellung wieder. König Tarquinius stirbt in Cumae.
Vielleicht in dieser Zeit schon Handelsvertrag zwischen Rom und Karthago. Die Küstenstädte bis Terracina unter Roms Oberhoheit (S. 82).
[496.]
Sagenhafter Sieg der Römer über die Latiner und Tarquinius am See +Regillus+ (bei +Tusculum+); der Dictator +Aulus Postumius+ siegt mit Hilfe der +Dioskuren+ (Kastor und Pollux), denen alsbald ein Tempel in Rom errichtet wird.
[~494.~]
~Auswanderung der Plebejer auf den Heiligen Berg~ (+secessio plebis in Montem sacrum+).
Die Plebejer waren durch häufigen +Kriegsdienst,+ durch das strenge +Schuldrecht,+ welches auch die Person des Schuldners in die Gewalt des Gläubigers gab, und durch Verweigerung eines Anteils am +Gemeindelande+ (ager publicus) in Not geraten. Sie wollen eine neue Stadt gründen, werden aber durch Vermittelung des Patriziers +Menenius Agrippa+ zur Rückkehr bewogen. Darauf Erlaß der drückendsten Schulden, Einsetzung besonderer plebejischer Beamter: Die ~Volkstribunen~ +(tribuni plebis,+ anfangs 2, dann 5, endlich 10) sind +unverletzlich+ (sacro-sancti) und haben das Recht des Schutzes (+ius auxilii+) für jeden Plebejer gegen Unbill eines Beamten. Daraus entwickelt sich ein Verbietungsrecht +(Veto,+ ius intercedendi) gegen Senatsbeschlüsse und Befehle der Beamten; nur gegen das +imperium militare,+ also gegen den Dictator und gegen die Konsuln außerhalb der Stadt gilt der tribunicische Einspruch nicht. Ferner haben sie das Recht, Widerstrebende zu verhaften +(ius prensionis)+ und das Recht, mit der von ihnen vertretenen Gemeinde zu verhandeln (+ius agendi cum plebe+). Damit hängt die Einrichtung der ~comitia tributa~ zusammen: Versammlungen der Plebejer nach den Wohnbezirken (+tribus+). Man unterschied 4 +tribus urbanae,+ 17 +rusticae+; bei wachsendem Gebiet wurde die Zahl bis auf 35 erhöht. Jede Tribus hat in den Komitien +eine+ Stimme, innerhalb der Tribus wird nach Köpfen (+virītim+) gestimmt.
Als Gehilfen stehen den Tribunen 2 ~Volksädilen~ (aediles plebis) zur Seite; sie üben Polizeigerichtsbarkeit, namentlich über den Marktverkehr, und verwahren die schriftlich aufgezeichneten Volksbeschlüsse (+plebiscīta+) im Tempel der Ceres am Abhang des Aventin.
[493.]
Der Konsul +Spurius Cassius+ erneuert das Bündnis zwischen Rom und den +latinischen Städten+ auf Grund der Gleichberechtigung (+foedus aequum+). Erst allmählich gewinnt Rom die Hegemonie über die Latiner wieder. Fortwährende Fehden mit +Etruskern, Sabinern, Äquern, Volskern.+
Im Innern dauern die Kämpfe zwischen ~Patriziern~ und ~Plebejern~ fort; letztere streben auch nach +politischer+ Gleichberechtigung. Einen Versuch zur Beseitigung des Tribunats macht der Patrizier
[491.]
~Cn. Marcius Coriolanus,~ der während einer Hungersnot vorschlägt, den Plebejern Getreide aus Staatsmitteln nur gegen Verzichtleistung auf das Tribunat zu bewilligen. Von den Tribunen vor die ~comitia tributa~ gefordert, erscheint Coriolan nicht, wird abwesend verbannt, geht zu den Volskern, führt sie gegen Rom, gibt aber auf das ernste Wort seiner Mutter +Veturia+ und auf die Bitten seiner Gemahlin +Volumnia+ den Kampf gegen die Vaterstadt auf.
[486.]
~Spurius Cassius,~ zum dritten Male Konsul, beantragt das erste ~Ackergesetz~ (+lex agraria+): Verteilung von Gemeindeland an bedürftige Plebejer und +latinische Bundesgenossen+. Die Patrizier und die reichen Plebejer vereinigen sich gegen ihn; er wird nach Ablauf seines Amtsjahres verurteilt und hingerichtet.
[479.]
Das Geschlecht der ~Fabier~ (+gens Fabia+), aus welchem mehrere Jahre nacheinander immer ein Konsul erwählt war, zerfällt mit den anderen patrizischen Geschlechtern; der Konsul +Kaeso Fabius+ befürwortet die Ackerverteilung an die Plebejer. Auszug der Fabier mit ihren Klienten (zusammen 306), um den Krieg gegen die +Etrusker+ zu führen; sie werden am Bache +Cremĕra+ überfallen und fast sämtlich vernichtet.
[471.]
Die Plebejer erhalten durch den Gesetzvorschlag des Volkstribunen +Volĕro Publilius+ das Recht, ihre Beamten fortan in den Tributkomitien zu wählen (~lex Publilia~: +ut plebei magistratus tributis comitiis fierent+).
[462.]
Antrag des Volkstribunen +C. Terentilius Arsa+ auf Ernennung einer Kommission zur schriftlichen Aufzeichnung der Gesetze. Heftiger Widerstand der Patrizier. ~L. Quinctius Cincinnatus,~ 458 zum Dictator gewählt, befreit ein von den +Äquern+ am Berge +Algidus+ eingeschlossenes römisches Heer und zwingt die Feinde, unter dem Joch durchzugehen.
[~451.~]
~Decemvirn zur Aufzeichnung der Gesetze.~
(+Decemviri consulari potestate legibus scribundis+), mit zeitweiliger Aufhebung des Konsulats, des Tribunats und des Provocationsrechts. Die Gesetze werden vom Volke angenommen, in zehn Erztafeln eingegraben und auf dem Forum aufgestellt. Da noch ein Nachtrag nötig erscheint, so werden 450 noch einmal Decemvirn (davon drei Plebejer) ernannt, welche noch zwei Tafeln hinzufügen. Die in den ~Zwölftafelgesetzen~ enthaltenen Bestimmungen über Familienrecht, Erbrecht, Schuldrecht usw. sind bleibende Grundlagen des +römischen Rechts+ geworden (Liv. III, 34: +fons omnis publici privatique iuris+).
[449.]
~Zweite secessio plebis,~
veranlaßt durch Gewalttaten der Decemvirn, die nach Vollendung der Gesetzgebung ihr Amt nicht sogleich niederlegten. Ungerechter Richterspruch des +Appius Claudius+ über +Virginia+, die infolgedessen von ihrem Vater auf dem Forum getötet wird. Neugewählte Konsuln, L. Valerius und M. Horatius, vermitteln den Ausgleich durch drei Gesetze (+leges Valeriae Horatiae+): 1. Gleichstellung der Beschlüsse der Tributkomitien (+plebiscita+) mit denen der Centuriatkomitien +(ut quod tributim plebs iussisset, populum teneret).+ 2. Herstellung des Provocationsrechts. 3. Herstellung der Unverletzlichkeit des Volkstribunen, welche auch auf die Ädilen und die Richter über Privatklagen (+decemviri litibus iudicandis+) ausgedehnt wird.
[445.]
Gesetz des Tribunen ~Canuleius~, welches die Ehen zwischen Patriziern und Plebejern für gültig erklärt +(lex Canuleia de conubio)+: die Kinder folgen fortan dem Stande des Vaters (nicht mehr der pars deterior). Dagegen wird der zweite Antrag der Tribunen, daß auch +Plebejer+ zu +Konsuln+ gewählt werden dürfen, abgelehnt. Es findet ein Vergleich statt: an Stelle der Konsuln können einige der jährlich erwählten Legionsanführer (in der Regel 6) mit konsularischer Gewalt ausgestattet werden (~tribuni militum consulari potestate~): hierzu sind auch Plebejer berechtigt.
[443.]
Einsetzung der ~Censur~, eines neuen ~patrizischen~ Amtes. Die +zwei+ Censoren werden in den +Centuriatkomitien+ erwählt, alle 4 oder 5 Jahre; doch wird ihre Amtsdauer auf 18 Monate beschränkt, so daß das Amt in der Zwischenzeit ruht. Befugnisse der ~Censoren~: 1. Abhaltung des +Census+; die Bürger werden in die Klassen und Centurien eingeordnet (+discriptio classium et centuriarum+), die Ritter gemustert (+recognitio equitum+), die Senatsliste wird von ihnen aufgestellt (+lectio senatus+): 2. Verwaltung des Staatseigentums; die Abgaben vom Gemeindelande (+vectigalia+) und die Zölle (+portoria+) werden verpachtet, die Ausführung von Bauten (Tempeln, Heerstraßen (via Appia des Ap. Claudius Caecus), Wasserleitungen) an Unternehmer verdungen; 3. in Verbindung mit dem Census Aufsicht über die Sitten +(regimen morum+: senatu movere, equum adimere, tribu movere et aerarium facere; +nota censoria).+ Durch diese letztere Befugnis gelangt das Amt der Censur zu einer hohen moralischen und politischen Bedeutung.
[~439.~]
+Spurius Maelius,+ ein reicher Plebejer, der während einer Teuerung Getreide zu geringem Preise abgibt, wird beschuldigt, nach der Königsherrschaft zu streben, und von +C. Servilius Ahāla,+ dem Magister equitum des achtzigjährigen Dictators +L. Quinctius Cincinnātus,+ auf der Straße erschlagen.
[421.]
Die Zahl der ~Quästoren~, denen die Verwaltung der Staatskasse (+aerarium+) obliegt, auf 4 vermehrt; die Plebejer erhalten Zutritt zu diesem Amte.
[~396.~]
Ein erster großer Erfolg in den Nachbarfehden ist die Eroberung der Etruskerstadt ~Veii~ durch den Dictator ~M. Furius Camillus.~ Er wird aber wegen ungerechten Verfahrens bei Verteilung der Beute angeklagt und geht in die Verbannung. Die Macht der Etrusker, durch den Einbruch der Gallier (Kelten) und den Seesieg der Syrakusaner unter Hieron I. (S. 50) bei Cumae schon 474 geschwächt, ist seitdem gebrochen.
~Einfall der Gallier~ (+Senonen+) ~in Latium,~
veranlaßt durch Teilnahme römischer Gesandter an dem Kampfe der Etrusker von +Clusium+ gegen dieselben.
[~388.~ (18. Juli.)]
~Schlacht an der Allia,~
einem Bache, der 15 km nördlich von Rom in den Tiber fließt. Niederlage und Flucht der Römer auf das rechte Tiberufer, wodurch die Stadt preisgegeben wird.
Das von den Einwohnern verlassene Rom (nur der +Mons Capitolinus+ bleibt besetzt) wird von den Galliern (unter +Brennus+) eingenommen, geplündert und niedergebrannt. Vergeblich versuchen sie, das Kapitol zu ersteigen, die Gänse der Juno; +M. Manlius Capitolinus.+ Nach 7monatiger Einschließung des Burgfelsens wird der Abzug der Gallier durch Gold erkauft. Nach der römischen Sage verbietet der aus der Verbannung zurückgerufene +Camillus+ als Dictator das Abwägen des Goldes (Vae victis!) und vertreibt die Feinde. -- Rückkehr der Bewohner. Der Plan, nach +Veii+ auszuwandern, wird von Camillus vereitelt. Rascher, aber unregelmäßiger Aufbau der Stadt, die bald wieder in ihrer alten gebietenden Machtstellung dasteht, nachdem +Camillus+ die Äquer, Volsker, Etrusker besiegt hat.
~Ausgleich der Stände, Entstehung der Nobilität.~
Der Ständekampf beginnt aufs neue; die reicheren Plebejer streben nach Gleichberechtigung und Zutritt zu den Staatsämtern, die ärmeren nach Erleichterung des Schuldrechts und Anteil am Gemeindeland.
[384.]
Der Patrizier ~M. Manlius Capitolinus,~ der mit seinem Vermögen plebejische Schuldner löst, wird beschuldigt, nach der Königswürde zu streben, als Hochverräter verurteilt und vom Tarpejischen Felsen herabgestürzt.
[~366.~]
~L. Sextius Lateranus, erster plebejischer Konsul,~ nach zehnjährigem Kampfe um die von ihm und +C. Licinius Stolo+ als Volkstribunen beantragten Gesetze (+leges Liciniae Sextiae+), welche anordnen: 1. Erleichterung der +Schuldner+ durch Abzug der gezahlten Zinsen vom Kapital, dessen Rest dann binnen drei Jahren in gleichen Raten zu zahlen ist; 2. Niemand soll mehr als 500 Morgen +Gemeindeland+ in Besitz haben; 3. Aufhebung der tribuni militum consulari potestate; einer der Konsuln soll unbedingt +Plebejer+ sein.
Als neues +patrizisches+ Amt wird die ~Prätur~ eingerichtet zur Leitung der +Rechtspflege+, die bisher den Konsuln oblag. Der Prätor, von 6 Liktoren begleitet, ist auch Stellvertreter der Konsuln, wenn sie von Rom abwesend sind. Später außer dem praetor urbanus ein praetor inter peregrinos (für die Ausländer) eingesetzt. Ferner treten den plebejischen Ädilen zwei ~kurulische Ädilen~ zur Seite; sie üben gemeinsam mit ihnen die Markt- und Straßenpolizei und veranstalten die öffentlichen Festspiele, namentlich die +ludi Romani+ alljährlich im September (+cura annonae, cura urbis, cura ludorum+); in der Führung dieses Amtes wechseln Patrizier und Plebejer Jahr um Jahr ab.
Nach und nach werden +alle Ämter den Plebejern zugänglich,+ die Censur 351, die Prätur 337. Auch zu den Priesterkollegien der +Pontifices+ und +Augures+ erhalten die Plebejer Zutritt (300 +lex Ogulnia+).
Nach diesem Ausgleich entwickelt sich allmählich ein neuer Gegensatz zwischen dem +Amtsadel+ (~Optimates, Nobiles~), der die Patrizier und reicheren Plebejer umfaßt, und dem +Bürgerstande+ (~Plebs~ im späteren Sinne). Doch kann sich der Amtsadel (+ius imaginum+) nicht so schroff wie der bisher geltende Geburtsadel gegen den Bürgerstand abschließen, sondern ergänzt sich fortwährend durch Aufnahme neuer Mitglieder (+homines novi+). Durch Volkswahl gelangt der Bewerber (+candidatus+) zu den Ämtern, durch das Vertrauen der Censoren in den Senat. Reihenfolge der Ämter: +Quästor, Ädil, Prätor, Konsul, Censor+. Über das gesetzmäßige Alter s. S. 96.
Der ~Senat~ leitet namentlich die auswärtige Politik und die Finanzverwaltung. Die oberste Entscheidung in der +Gesetzgebung+ und bei +Kriminalprozessen+ steht nach wie vor bei den ~Komitien~, und zwar sowohl bei den +Centuriat+- wie bei den +Tribut+-Komitien, welche +alle+ Bürger, Patrizier und Plebejer, jedoch mit verschiedener Abstimmungsordnung, umfassen. Hinsichtlich des +Wahlrechts+ bleibt der Unterschied, daß die +magistratus maiores+ (Konsuln, Prätoren, Censoren) in den +Centuriat+-Komitien, die +magistratus minores+ (Ädilen und Quästoren) sowie die Volkstribunen in den +Tribut+-Komitien gewählt werden.
Die ~Volkstribunen~ erscheinen fortan nicht mehr in so scharfem Gegensatz zum Senat wie während des Ständekampfes; sie nehmen an seinen Sitzungen teil, berufen ihn auch bisweilen.
Der Not der +armen+ Plebejer, die auch nach den Licinischen Gesetzen wiederkehrt, wird durch +Ackerverteilungen+ und Gründung von +Bürgerkolonien+ nach glücklich geführten Kriegen abgeholfen. Aufhebung der Schuldknechtschaft durch das Gesetz des Konsuls +C. Poetelius+ 326.
Im Jahre 287 secessio plebis auf den Janiculus. Durch die lex Hortensia werden die plebiscita (S. 77) der concilia plebis den populiscita der Centuriat-Komitien gleichgestellt.
Umgestaltung der ~Heeresverfassung~, hauptsächlich von +Camillus+ veranlaßt. Die Legion wird in 30 +Manipel+ zu je 2 +Centurien+ eingeteilt, ihre Aufstellung in drei Treffen (+hastati, principes, triarii+) gegliedert. Die so zusammengesetzte Schlachtordnung übertrifft die alte Phalanx bedeutend an Beweglichkeit. Die Bewaffnung gleichmäßiger als nach der servianischen Ordnung. Die Stoßlanze (+hasta+) wird bald auf das dritte Treffen (+triarii+) beschränkt; die beiden vorderen Treffen erhalten einen kürzeren Wurfspeer (+pilum+); gemeinsam für alle Schwerbewaffneten sind Schwert, Schild, Helm und Panzer. Die Legion zählt in der Regel 4200 Mann, darunter 1200 Leichtbewaffnete (+velĭtes+) ohne Panzer, mit leichtem Schild, Lederhelm und leichten Wurfspeeren; dazu kommen 300 Reiter. Zwei Legionen, begleitet von Truppen der Bundesgenossen, bilden gewöhnlich ein konsularisches Heer.
[367–349.]
Wiederholte Kämpfe mit den ~Galliern,~ welche sich in Ober-Italien (+Gallia cisalpina+) bleibend niedergelassen haben und von dort häufig Einfälle in Mittel-Italien machen. Zweikämpfe des +T. Manlius Torquatus+ und +M. Valerius Corvus+ mit gallischen Kriegern.
[348.]
Erster Handelsvertrag zwischen ~Rom~ und ~Karthago~,[22]
in welchem Rom als Vorort der mittelitalischen Westküste erscheint.
§ 3. Unterwerfung Italiens.
[~343–341.~]
~Erster Samnitenkrieg.~
~Veranlassung~: Die +Sidicīner+ in +Teānum+ und die +Campāner+ in +Capua+, beide Nachkommen ausgewanderter samnitischer Volksstämme, suchen Schutz bei den Römern gegen ihre eigenen Stammgenossen, die ~Samniten des Gebirges~, welche in dem eigentlichen Samnium eine Eidgenossenschaft bildeten und von dort aus in immer neuen Schwärmen die ~Ebene~ (Campania) brandschatzten.
Nach römischer Überlieferung erfechten die Römer drei Siege, doch wird ein Vergleich geschlossen, welcher den Römern +Capua+, den Samniten +Teanum+ überliefert. Die Samniten werden zu diesem Vergleiche bestimmt durch einen Krieg mit +Tarent+, die Römer durch den
[~340–338.~]
~Krieg der Latiner~,
welche sich gegen Roms Hegemonie auflehnen und vollständige Gleichstellung mit den Römern verlangen: +ein+ Konsul und der +halbe+ Senat sollen Latiner sein. Capua und die Volsker mit den Latinern verbündet, die Samniten mit den Römern.
Kampf in Campanien; der Konsul +T. Manlius Torquatus+ läßt seinen Sohn hinrichten, weil er dem Verbot zuwider sich in einen Zweikampf eingelassen, und siegt, von den Samniten unterstützt, in einer Schlacht unweit des ~Vesuv~; Opfertod des andern Konsuls +P. Decius Mus+. Entscheidungsschlacht bei ~Trifanum~ unweit +Minturnae+, Sieg des +Manlius+ über die Latiner und Campaner.
~Auflösung des latinischen Bundes~. Den latinischen Städten wird gegenseitiges +Commercium+ und +Conubium+ untersagt, sie müssen einzeln mit Rom Verträge schließen und Land abtreten (so +Tibur+ und +Praeneste+); einige erhalten römisches Bürgerrecht (so +Lanuvium+ und +Aricia+). Die Volskerstadt +Antium+ wird +römische Kolonie+; mit den Schnäbeln der erbeuteten Schiffe dieser Stadt wird die Rednerbühne auf dem Forum Romanum geziert (daher +rostra+ genannt). +Capua+ und andere Städte Campaniens erhalten römisches Bürgerrecht ohne Stimmrecht.
Bald jedoch wird den nunmehr abhängigen Latinern Anteil an den römischen Eroberungen gewährt; +Cales+ und +Fregellae+ werden als +latinische+ Kolonien eingerichtet.
[~326–304.~]
~Zweiter Samnitenkrieg.~
~Veranlassung~: Übergriffe der Römer am Liris, namentlich die Einrichtung der Kolonie +Fregellae+; ferner die Besetzung der Griechenstadt +Palaeapolis+ (neben +Neapolis+) durch Q. Publilius Philo (den ersten +Prokonsul+).
Bündnis der Römer mit den +Apŭlern+ und +Lukanern+; zum erstenmal überschreiten römische Heere den Apennin. Die Römer sind zu Anfang des Krieges im Vorteil. Aber
[~321.~]
~Niederlage in den Caudinischen Pässen.~ Die beiden Konsuln werden, als sie der apulischen Stadt +Luceria+ von Campanien aus zu Hilfe eilen wollen, von dem samnitischen Heerführer +Gavius Pontius+ in den +furculae Caudinae+ eingeschlossen und zur Ergebung genötigt. Sie beschwören einen Friedensvertrag; 600 römische Ritter bleiben als Geiseln zurück, das Heer darf unter dem Joch abziehen. Der römische Senat verweigert die Anerkennung dieses Vertrages und liefert die Konsuln den Samniten aus, welche sie nicht annehmen.
Die Samniten erobern +Luceria+ und +Fregellae+. Durch äußerste Kraftanstrengung gewinnen die Römer wieder die Oberhand. Im Jahre 319 soll der Konsul +L. Papirius Cursor+ Luceria wiedererobert, die römischen Geiseln befreit und die samnitische Besatzung unter das Joch geschickt haben; 314 wird Luceria römische Kolonie.
[~312.~]
Bau der ~Via Appia~, einer großen Heerstraße von Rom nach Capua durch die pomptinischen Sümpfe, begonnen von dem Censor +Appius Claudius Caecus+. Derselbe legt auch die erste Wasserleitung (aqua Appia) in Rom an.
[310.]
Sieg des Konsuls +Q. Fabius Maximus Rullianus+ über die zu spät sich erhebenden +Etrusker+ und +Marser+ am +Vadimonischen See+.
[309.]
Erstes Erscheinen einer +römischen Kriegsflotte+ bei der Belagerung der campanischen Stadt +Nuceria.+
[305.]
+Bovianum+, Hauptwaffenplatz der Samniten, eingenommen.
[304.]
Friede; die Samniten erlangen gleich ihren sabellischen Bundesgenossen Freiheit innerhalb ihrer Stammesgrenzen; Erneuerung der +alten+ Verträge zu +gleichem+ Recht (foedus aequum).
Zur Befestigung ihrer Herrschaft legen die Römer wiederum mehrere +Kolonien+ und neue +Heerstraßen+ an, so +Narnia+ in Umbrien (spätere +via Flaminia+) und +Alba Fucentia+ am +Lacus Fucĭnus+ (spätere +via Valeria+).
[~298–290.~]
~Dritter Samnitenkrieg.~
Die Samniten schließen mit den +Lukanern+ ein Bündnis, um einen letzten Kampf für Italiens Unabhängigkeit zu wagen. Neue Erhebung der +Etrusker+ und +Umbrer+.
Der Konsul +L. Cornelius Scipio+[23] nötigt 298 die Lukaner, dem Bündnis mit Samnium zu entsagen. Die Samniten stellen mit äußerster Kraftanstrengung drei Heere ins Feld, eins zur Verteidigung ihres Gebiets, das zweite für Campanien; das dritte führt ihr Feldherr +Gellius Egnatius+ durch das +marsische+ und +umbrische+ Gebiet nach +Etrurien+. Gallische Stämme schließen sich dem +Bündnis der Italiker gegen Rom+ an. Große Rüstungen in Rom. Die Konsuln +Q. Fabius Maximus Rullianus+ und +P. Decius Mus+ rücken mit 60000 Mann nach Umbrien vor.
[~295.~]
~Entscheidungsschlacht bei Sentinum~, Todesweihe des jüngeren +P. Decius Mus+.
Die Umbrer unterwerfen sich, die Etrusker bitten um Frieden und werden Rom Untertan; die Samniten kämpfen weiter, werden aber 293 bei +Aquilonia+ besiegt. Endlich erneuert der Konsul +M’. Curius Dentatus+ das Bündnis mit ihnen; sie behalten ihr Gebiet, lassen aber fortan den Römern freie Hand, ihre Herrschaft im übrigen Italien zu befestigen.
Abermals +Kolonien+ gegründet: +Minturnae+ und +Sinuessa+ im Gebiet der Aurunker (römische Bürgerkolonien), +Hatria+ in Picenum, +Venusia+ in Apulien (latinische Kolonien). Die +Sabiner+ müssen römisches Bürgerrecht ohne Stimmrecht annehmen. Gegen die Gallier wird 283 die Bürgerkolonie +Sena Gallica+ in Umbrien eingerichtet. Der Schutz, welchen Rom der von Lukanern und Bruttiern angegriffenen Griechenstadt +Thurii+ gewährt, führt herbei den
[~282–272.~]
~Krieg mit Tarent.~
~Veranlassung~: Ältere Verträge mit Tarent, der reichsten und mächtigsten Griechenstadt in Unter-Italien, untersagten den Römern, mit Kriegsschiffen über das +Lacinische Vorgebirge+ bei Kroton hinauszufahren. Trotzdem erscheint eine nach der umbrischen Küste bestimmte römische +Kriegsflotte+ im Hafen von Tarent. Die Tarentiner greifen sie an, nehmen fünf Schiffe, vertreiben die römische Besatzung aus +Thurii+. Römische Gesandte, welche Genugtuung verlangen, werden in Tarent beschimpft; darauf Kriegserklärung.
Die Tarentiner rufen den König ~Pyrrhos von Epirus~ zu Hilfe; dieser schickt zuerst seinen Feldherrn +Milon+ mit 3000 Epiroten nach Tarent (281), im folgenden Jahre landet er selbst mit einem aus +Epiroten, Makedonen, Griechen+ bestehenden Söldnerheere von 25000 Mann und 20 Elefanten in Italien. Strenges militärisches Auftreten des Königs in Tarent; die Bürger werden zum Kriegsdienst gezwungen.
[~280.~]
~Schlacht bei Herakleia~ (am Meerbusen von Tarent); die römische Manipularordnung erliegt dem Angriff der makedonischen Phalanx und der Elefanten. Die Griechenstädte, die Bruttier, Lukaner und +Samniten+ schließen sich Pyrrhos an. Er bietet den Römern Frieden an; sein Gesandter +Kineas+ wird abgewiesen (Rede des blinden Konsulars +Appius Claudius+ im Senat). Pyrrhos rückt durch Campanien bis +Anagnia+ vor, kehrt aber um, da die Bundesgenossen der Römer diesen treu bleiben. +C. Fabricius+ Gesandter an Pyrrhos wegen Auswechselung der Gefangenen.
[~279.~]
~Schlacht bei Asculum~ in Apulien;
Pyrrhos siegt wiederum, doch mit großen Verlusten. Er folgt einem Hilferuf der von den +Karthagern+ bedrängten +Syrakusaner+ (S. 67), läßt nur eine Besatzung in Tarent zurück. Kriegsbündnis zwischen +Rom+ und +Karthago+, doch lehnen die Römer die Landung einer karthagischen Flotte in Italien ab und bekämpfen allein die Griechenstädte. Pyrrhos kehrt 276 nach Tarent zurück. Als er den Samniten Hilfe bringen will, wird er von +M’. Curius Dentatus+ in der
[~275.~]
~Schlacht bei Beneventum~
völlig geschlagen und kehrt nach Epirus zurück († 272 in Argos). Erst nach seinem Tode überliefert +Milon+ Stadt und Burg von Tarent den Römern unter der Bedingung freien Abzugs. Die Tarentiner müssen Waffen und Schiffe ausliefern und die Mauern niederreißen, behalten aber ihre eigene Stadtverwaltung.
Nach Tarents Fall Unterwerfung der +Samniten, Lukaner+ und +Bruttier+. Alle müssen Teile ihres Gebiets abtreten und +Kolonien+ aufnehmen (Beneventum und Aesernia in Samnium). Im J. 270 Einnahme von +Rhegium+, welches 10 Jahre in den Händen aufständischer campanischer Soldaten gewesen war, die jetzt mit dem Tode bestraft werden. ~Italien~ (bis zum Apennin) ~geeinigt unter römischer Herrschaft~. Verlängerung der +Via Appia+(S. 84) von +Capua+ über +Venusia+ und +Tarent+ bis +Brundisium+. In bezug auf das Verhältnis der unterworfenen Gemeinden zu Rom sind zu unterscheiden:
1. ~Municipien~ (+municipia+), d. h. Gemeinden mit beschränktem römischem Bürgerrecht (+civitas sine suffragio et iure honorum+). Sie haben also +commercium+ und +conubium+, römische Rechtsprechung und römischen Kriegsdienst.
2. ~Kolonien~ (+coloniae+), d. h. römische Festungen. Viele unterworfene Orte müssen einen Teil ihrer Ländereien abtreten. Dieses Land wird an +römische Bürger+ verteilt, die ihr volles Bürgerrecht behalten und fortan in der Kolonie die herrschende Gemeinde, gleichsam die +Patrizier+, bilden, während die alten Einwohner zu +Insassen+ ohne politische Rechte herabsinken. Die Rechtspflege wird in den +Municipien+ wie in den +Kolonien+ durch Präfekten (+praefecti iure dicundo+) ausgeübt, welche der +praetor urbanus+ (s. S. 81) ernennt.
3. ~Verbündete~ (+socii, civitates foederatae+), deren Verhältnis zu Rom durch +Verträge+ geordnet ist. Sie haben eigene Verwaltung und Gerichtsbarkeit und sind vom Dienst in der Legion befreit, müssen dagegen +Hilfstruppen+ oder +Schiffe+ stellen. Tribut wird nicht von ihnen gefordert. Am meisten begünstigt sind die +Latiner+, sie können unter gewissen Bedingungen römisches Bürgerrecht erwerben und werden zusammen mit römischen Bürgern in +latinische Kolonien+ ausgesandt.
§ 4. Die Punischen Kriege.
[~264–241.~]
~Erster Punischer Krieg.~ Kampf um Sicilien.
(Die frühere Geschichte der +Karthager+ oder +Punier+ siehe S. 131, 41, 67.)
Karthago mit seiner +oligarchischen+ Verfassung, welche der Bürgergemeinde geringen Einfluß gewährt und die Untertanen durch Tributforderung drückt, und mit seinen +Söldnerheeren+ ist trotz seines Reichtums im Nachteil gegen Rom, wo gleichmäßigere Verteilung der bürgerlichen Rechte und allgemeine Verpflichtung zum Kriegsdienst besteht.
~Veranlassung~: Die +Mamertiner+, d. h. +Marsmänner+, ehemalige campanische Söldner des Agathŏkles (S. 67), hatten sich der Stadt +Messana+ bemächtigt. Sie werden von König +Hiero II.+ von +Syrakus+ bekriegt. Ein Teil von ihnen ruft die +Karthager,+ ein anderer die Römer zu Hilfe. Der römische Senat schwankt, die Bürgerschaft beschließt, den Mamertinern Hilfe zu gewähren. Eine römische Kriegsflotte, meist aus Schiffen der süditalischen Bundesgenossen bestehend, setzt Truppen von Rhegium nach +Messana+ über; die karthagische Besatzung wird aus der Burg vertrieben.
[~264.~]
Die Karthager und +Hiero+ von Syrakus belagern die Römer in Messana, müssen aber zurückweichen. Hiero schließt sich bald den vordringenden Römern an. Nach Eroberung der Stadt +Agrigentum+ (Akrăgas, s. S. 32) 262 beschließen die Römer den Bau einer großen +Kriegsflotte+. Sie bauen Schiffe mit fünf Ruderreihen (Pentēren) nach dem Muster eines gestrandeten karthagischen Kriegsschiffs.
[~260.~]
~Erster Seesieg der Römer~ unter ~C. Duilius~ bei ~Mylae,~ westlich von Messana, mit Hilfe der Enterbrücken. Zum Andenken an den Sieg die +columna rostrata+ auf dem Forum errichtet.
[256.]
Nach einem zweiten Seesiege bei ~Eknomos~ an der Südküste Siciliens landen die Konsuln ~M. Atilius Regulus~ und +L. Manlius Volso+ an der afrikanischen Küste. Die Karthager, durch Verwüstung ihres Gebiets erschreckt, bitten um Frieden; Regulus stellt zu hohe Forderungen, wird 255 bei +Tunes+ geschlagen und gefangen.
Fortsetzung des Krieges in Sicilien; die Römer erobern +Panormus+ und behaupten es durch einen Sieg des Konsuls +L. Caecilius Metellus+ (251), der bei seinem Triumph in Rom über 100 Elefanten aufführt.
Friedensgesandtschaft der Karthager nach Rom. Nach der römischen Legende soll Regulus die Annahme des Friedens widerraten haben und in Karthago unter Martern getötet worden sein. Die Römer nehmen den Seekrieg wieder auf, belagern aber vergeblich die starke karthagische Seefestung ~Lilybaeum~. Der Konsul +P. Claudius Pulcher+ (die heiligen Hühner) wird in der
[~249~.]
~Seeschlacht bei Drepăna~
von den Karthagern geschlagen. Darauf in den nächsten Jahren nur +Landkrieg+ auf der Westseite Siciliens. Der karthagische Feldherr ~Hamilkar~, genannt ~Barkas~ (d. h. der +Blitz+), verteidigt sich 6 Jahre mit Erfolg gegen die Römer, erst auf dem Berge +Eirkte+ (Monte Pellegrino bei +Palermo+), dann auf dem +Eryx+ bei Drepana, beunruhigt auch durch Kaper die Küsten Italiens. Durch das Zusammentreten reicher Bürger in Rom wird endlich aus Privatmitteln eine neue Flotte gebaut. Mit dieser erringt der Konsul ~C. Lutatius Catulus~ den entscheidenden
[~241~.]
~Seesieg bei den Agatischen Inseln~
(gegenüber Lilybaeum) über die karthagische Flotte unter Hanno.
~Friede~: 1. Die Karthager verzichten auf ganz ~Sicilien~. 2. Sie zahlen 3200 Talente (16½ Mill. Mark) Kriegsentschädigung in zehn Jahren. -- Der größere, ~westliche Teil Siciliens~ wird die ~erste römische Provinz~ unter der Verwaltung eines Prätors; der kleinere +südöstliche Teil+ bleibt unter der Hoheit des mit Rom verbündeten +Königs Hiero von Syrakus+.
[238.]
~Karthago~ in großer Gefahr durch den +Aufstand der Söldner+ und der +libyschen Untertanen+, welcher endlich von +Hamilkar+ unterdrückt wird. Die Römer benutzen dies, um von den Karthagern die Abtretung von ~Sardinien~ und Zahlung von 1200 Talenten zu erzwingen. Die Insel wird mit dem früher +etruskischen+ ~Korsika~ zu +einer+ Provinz vereinigt. Doch besetzen die Römer nur die Küsten dieser Inseln; die Gebirgsbewohner im Inneren werden gelegentlich bekriegt, um Sklaven zu erbeuten.
[236.]
+Hamilkar+ beginnt Eroberungen in ~Spanien~, um neues Gebiet für Karthago zu gewinnen; sein Schwiegersohn +Hasdrubal+, Nachfolger im Oberbefehl, gründet 227 +Neu-Karthago+ (Cartagena).
[229–228.]
Krieg der Römer gegen die seeräuberischen ~Illyrier~ von Skodra. Eine römische Flotte beschützt die Griechenstädte Kerkyra, Apollonia, Epidamnos; die Königin Teuta muß Tribut zahlen und Gebiet abtreten.
[225–222.]
Die Römer unterwerfen Nord-Italien, ~Gallia cisalpina~, gereizt durch einen Einfall gallischer Stämme in +Etrurien+. Diese werden bei +Telamon+ an der etruskischen Küste vernichtet. Der Konsul Cn. Cornelius Scipio besiegt die Bojer und Cenomanen und erobert 222 +Mediolanum+ (Mailand), die Hauptstadt der Insŭbrer. Zur Sicherung des neuen Gebietes werden die latinischen Kolonien Placentia, Cremona, Mutĭna angelegt. Die schon früher gebaute Heerstraße nach +Spoletium+ wird weiter geführt über den Apennin bis an das Adriatische Meer, dann die Küste entlang bis +Arimĭnum+ (~Via Flaminia~). Weitere Maßregeln zur Befestigung ihrer Herrschaft im cisalpinischen Gallien unterbricht der
[~218–201.~]
~Zweite Punische Krieg.~
~Ursachen~: Eifersucht der Römer auf die durch Erwerbungen in Spanien neu aufblühende Macht Karthagos; Bestreben des Hauses Barkas, an Rom Rache zu nehmen.
~Veranlassung~: Die Eroberung der mit Rom verbündeten spanischen Stadt +Saguntum+ (Murviedro, nördlich von Valencia) durch ~Hannibal~, den Sohn Hamilkars, 219. Eine römische Gesandtschaft fordert in Karthago Hannibals Auslieferung; diese wird verweigert, obgleich ein großer Teil des karthagischen Senats der Machtstellung der Familie Barkas abgeneigt ist. Darauf Kriegserklärung der Römer.
Den römischen Kriegsplan, mit dem Hauptheere von Sicilien aus eine Landung in +Afrika+ zu machen, während ein zweites Heer die karthagischen Truppen in +Spanien+ beschäftigen soll, vereitelt
[218.]
~Hannibals kühner Zug nach Italien~ auf dem Landwege. Er überschreitet nach Zurücklassung genügender Truppen in Spanien unter seinem Bruder Hasdrubal, die östlichen +Pyrenäen+ mit 50000 Mann Fußvolk, 9000 Reitern, 37 Elefanten und durchzieht das südliche Gallien. Der römische Konsul +P. Cornelius Scipio+, welcher auf der Fahrt nach Spanien in Massilia angelegt hatte, kann Hannibals Übergang über den +Rhodănus+ (Rhône) nicht hindern, kehrt nach Italien zurück, sendet aber seinen Bruder +Cn. Scipio+ mit dem Hauptteil des Heeres nach Spanien. Hannibal zieht am Rhodanus aufwärts bis zum Nebenfluß Isăra (Isère), dann östlich durch die Gebiete der +Allobrŏger+ und +Ceutronen+, überschreitet kämpfend die +Alpen+ (Paß des +Mont Genèvre+ oder des +Kleinen St. Bernhard+) und gelangt nach unsäglichen Mühen mit nur 26000 Mann und wenigen Elefanten nach Ober-Italien.
[~218.~ (Sept.)]
~Reitertreffen am Ticinus~, +linkem+ Nebenfluß des Po. Scipio verwundet, wird durch seinen 17jährigen Sohn, den späteren »+Africanus+«, gerettet. Verstärkt durch aufständische Gallier (S 89), schlägt Hannibal in der
[~218.~ (Dez.)]
~Schlacht an der Trebia~ (+rechtem+ Nebenfluß des Po) den andern Konsul +Tib. Sempronius Longus+, der, aus Sicilien zurückberufen, die beiden vereinigten römischen Heere befehligte.
Hannibal befördert den nationalen Aufstand der cisalpinischen Gallier, entläßt alle gefangenen römischen Bundesgenossen, überschreitet den Apennin und vernichtet ein römisches Heer von 30000 Mann unter dem Konsul +C. Flaminius+ in der
[~217.~]
~Schlacht am Trasimenischen See~. Schrecken in Rom; man rüstet sich aber zur Verteidigung der Stadt. ~Q. Fabius Maximus~ zum +Dictator+ ernannt. Hannibal wendet sich nach Osten, um den Abfall der römischen Bundesgenossen allgemein zu machen, zieht durch +Picenum+ nach +Apulien+. Fabius folgt ihm in gemessener Entfernung, eine Schlacht vermeidend (daher +Cunctator+, der Zauderer, genannt). Als Hannibal, wieder den Apennin überschreitend, nach Campanien vordringt, hindert Fabius ihn nicht an der Plünderung der reichen Landschaft, verlegt ihm aber den Rückweg bei +Casilīnum+ am +Volturnus+. Hannibal gewinnt durch eine List freie Bahn und kehrt nach +Apulien+ zurück.
Die römische Bürgerschaft, mit Fabius’ Kriegführung unzufrieden, gibt dem magister equitum +M. Minucius+, der bei +Gerunium+ glückliche Gefechte gegen die Karthager besteht, als zweitem +Dictator+ einen unabhängigen Oberbefehl über die Hälfte des Heeres. Er greift Hannibal an, wird geschlagen und nur durch +Fabius+ vor vollständiger Vernichtung gerettet.
Zu Konsuln des Jahres 216 werden der als Feldherr bewährte ~L. Aemilius Paullus~ von der Optimatenpartei und der unfähige ~C. Terentius Varro~ von der Volkspartei erwählt, um mit einem Heere von 86000 Römern und Bundesgenossen Hannibal zu vernichten. Varro greift an dem Tage, wo er den Oberbefehl hat, unvorsichtig an.
[~216.~]
~Schlacht bei Cannae~ (in Apulien, am +Aufidus+), furchtbare Niederlage der Römer; gegen 50000 werden getötet, darunter mehr als 80 Männer senatorischen Ranges und der Konsul +L. Aemilius Paullus+, die übrigen werden gefangen oder zersprengt. +Varro+ rettet sich mit einer kleinen Schar nach Venusia und sammelt allmählich einen Rest von 10000 Mann.
In demselben Jahre wird auch eine nach dem cisalpinischen Gallien geschickte Legion vernichtet. Der ~Abfall von Capua~, die Lossagung der Samniten, Lukaner, Bruttier und vieler unteritalischer Städte vom römischen Bündnis ist die unmittelbare Folge der Schlacht bei +Cannae+.
Bewundernswürdige Haltung des römischen Senats. Die Trauer um die Gefallenen wird auf 30 Tage beschränkt, Hannibals Gesandten, welche die Lösung der Gefangenen anbieten, der Eintritt in die Stadt verboten; mit Heranziehung aller irgend Waffenfähigen, selbst Sklaven, wird ein neues Heer gebildet und zum Teil mit alten Beutestücken aus den Tempeln bewaffnet. Der Prätor ~M. Claudius Marcellus~, schon im gallischen Kriege erprobt, und der Dictator +M. Junius Pera+ verteidigen die römischen Stellungen bei +Neapolis+, +Cumae+ und +Nola+. Hannibal bezieht Winterquartiere in +Capua+. Karthago schließt Bündnis mit +Philipp V.+ von Makedonien und +Hieronymus+, dem Enkel und Nachfolger des Königs Hiero in Syrakus (S. 88).
[~215.~]
Wendung des Krieges zugunsten der Römer. Hannibal, bei +Nola+ von +Marcellus+ zurückgeschlagen, geht nach +Apulien+ und gibt den Angriffskrieg auf. Aus Karthago erhält er, mit Ausnahme einer Sendung von 4000 Mann, keine Unterstützung. Die Römer dagegen bringen ihre Kriegsmacht bald auf 21 Legionen; ihre +Flotte+ beherrscht von Lilybaeum aus das Meer und macht öfters Landungen an der afrikanischen Küste. Hannibals Hoffnung auf Zuzug aus Spanien wird vereitelt durch den
[~218–206.~]
~Krieg der Römer gegen die Karthager in Spanien.~
Die Feldherrn +P.+ und +Cn. Cornelius Scipio+ besiegen +Hasdrubal+, Hannibals Bruder, 216 am +Ibērus+ (Ebro) und dringen bis in das Gebiet des +Baetis+ (Guadalquivir) vor, wo sie sich unter wechselvollen Kämpfen ~bis 211~ im ganzen siegreich behaupten. Zugleich bedrängen sie durch ihren Bundesgenossen +Syphax+, König von Westnumidien, die Karthager in Afrika. Das Bündnis mit Philipp von Makedonien bringt dem Unternehmen Hannibals ebenfalls keine Hilfe.
[215–205.]
~Erster Makedonischer Krieg,~
von den Römern mit geringen Streitkräften glücklich geführt. Der unentschlossene König +Philipp+ wagt nicht, die versprochene Landung in Italien auszuführen. Die Römer bringen gegen ihn ein Bündnis +griechischer+ Staaten zustande (die ~Ätōler~ an der Spitze), dem sich +illyrische+ und +thrakische+ Häuptlinge, sowie König +Attălos+ von Pergamon anschließen.
[214–210.]
~Krieg in Sicilien (Belagerung von Syrakus),~
durch ~Marcellus~ zugunsten der Römer entschieden. Nach Vernichtung des karthagischen Entsatzheeres unter +Himilko+ durch Niederlagen und Seuchen in den sumpfigen Niederungen des +Anāpos+ wird trotz tapferer Verteidigung (+Archimēdēs+)
[~212.~]
~Syrakus erobert und geplündert.~
In Italien nimmt Hannibal die Stadt ~Tarent~ ein, mit Ausnahme der Burg, und kämpft glücklich in Lukanien.
[211.]
Unglück der Römer in ~Spanien~. Beide Scipionen werden von den Karthagern und ihrem Verbündeten +Massinissa+, Sohn des Königs von Ostnumidien (selbst König 208), geschlagen und getötet; ihre Truppen weichen nach Norden über den Ebro zurück.
Hannibal greift das römische Belagerungsheer vor ~Capua~ an, wird aber zurückgeschlagen. Um die Römer zur Aufhebung der Belagerung zu bewegen, rückt er gerade auf Rom los und schlägt am Anio ein Lager auf (+Hannibal ad portas!+), geht aber nach Verwüstung der Umgegend, da die Römer zur Verteidigung bereit sind, nach Unter-Italien zurück, ohne seinen Zweck erreicht zu haben.
~Capua muss sich den Römern ergeben~, welche über die Stadt ein furchtbares Strafgericht ergehen lassen (viele Bürger als Sklaven verkauft, 53 Senatoren enthauptet, die Selbstständigkeit der Gemeinde vernichtet). Hannibals Angriff auf +Rhegium+ und auf die +Burg von Tarent+ mißlingt; seine italischen Bundesgenossen beginnen ihn zu verlassen.
[210.]
Der junge ~P. Cornelius Scipio~ (Sohn und Neffe der in Spanien gefallenen Brüder) wird als Prokonsul nach Spanien geschickt; er geht 209 über den Ebro und erobert +Neukarthago+, während in Italien Q. Fabius Maximus +Tarent+ wiedergewinnt.
[208.]
Marcellus fällt in einem Reitertreffen bei +Venusia+. Ausharren der Römer trotz der durch die Dauer des Krieges sich fühlbar machenden Erschöpfung der Kräfte. Zwölf latinische Kolonien erklären sich außer stande, fernerhin Geld und Mannschaften zu liefern, 18 andere dagegen halten treu zu Rom.
In ~Spanien~ dringt Scipio siegreich bis zum Süden vor, kämpft aber bei +Baecula+ ohne Entscheidung mit +Hasdrubal+ und kann ihn nicht hindern, über die (westlichen) Pyrenäen zu gehen, um seinem Bruder Hannibal Hilfe zuzuführen.
[~207.~]
Hasdrubal, in Ober-Italien angelangt, ruft die cisalpinischen Gallier aufs neue zu den Waffen. Große Rüstungen in Rom (23 Legionen auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen), um die Gefahr abzuwehren. Gegen Hasdrubal wird der Konsul +M. Livius Salinator+, gegen Hannibal der Konsul +C. Claudius Nero+ gesendet. Dieser entschließt sich, während Hannibal ihm gegenüber in +Apulien+ lagert, zu einem Eilmarsch mit 7000 Mann auserlesener Truppen und vereinigt sich mit seinem Amtsgenossen. Beide Konsuln siegen in der
[~207.~]
~Schlacht bei Sena Gallica~, nicht weit vom Flusse ~Metaurus~. +Hasdrubal+ fällt. Auf die Nachricht von dieser Niederlage (die Römer werfen den karthagischen Vorposten den Kopf des +Hasdrubal+ zu) zieht Hannibal nach dem Bruttierlande zurück.
[206.]
Die Karthager räumen +Gades+ (Cadix), ihre letzte Besitzung in Spanien.
[205.]
~Scipio~, zum Konsul erwählt, bereitet in Sicilien einen Zug nach Afrika vor. +Mago+, Hannibals jüngster Bruder, landet mit den Trümmern des spanischen Heeres der Karthager bei +Genua+ und ruft die Ligurer zu den Waffen. Sofort werden drei römische Heere gegen ihn aufgeboten.
[204.]
Scipios Landung in Afrika. Den Kern seines Heeres bilden die Reste des einst bei Cannae besiegten Heeres (2 Legionen). Mit ihm vereinigt sich Massinissa, der von den Karthagern und dem jetzt mit ihnen verbündeten +Syphax+ (Gemahl der Karthagerin +Sophonĭba+) aus seinem Reiche vertrieben war.
[203.]
+Scipio+ schlägt die Karthager und Numider durch nächtlichen Überfall (das Lager in Brand gesteckt) und bedroht Karthago. +Syphax+ wird in der Nähe seiner Hauptstadt +Cirta+ (Constantine) von einer römischen Heeresabteilung unter +C. Laelius+ und den numidischen Reitern unter +Massinissa+ besiegt und gefangen. Friedensunterhandlungen ohne Ergebnis. Die Karthager rufen +Hannibal+ und +Mago+ nach Afrika zurück; Mago stirbt auf der Überfahrt. Hannibal schifft sich in +Kroton+ ein, nachdem er die italischen Soldaten, die ihm nicht folgen wollen, hat niedermachen lassen, und landet bei Leptis. Nach einer fruchtlosen persönlichen Unterhandlung zwischen Scipio und Hannibal kommt es zur
[~202.~]
~Entscheidungsschlacht bei Zama~,
in der das karthagische Heer geschlagen und vernichtet wird. Hannibal flüchtet nach +Hadrumētum+.
[~201.~]
Scipio gewährt den Karthagern ~Frieden~ unter folgenden Bedingungen: 1. Abtretung der spanischen Besitzungen und der Inseln des Mittelmeeres. 2. Übergabe des numidischen Reiches an +Massinissa+. 3. Zahlung eines +jährlichen+ Tributs von 200 Talenten (etwa 1 Mill. Mark) +fünfzig+ Jahre lang. 4. Auslieferung und Verbrennung aller Kriegsschiffe bis auf 10. 5. Verbot, ohne Erlaubnis der Römer irgendwo Krieg zu führen. -- +P. Cornelius Scipio+, der den Beinamen ~Africanus~ erhält, feiert in Rom einen glänzenden Triumph (+Syphax+).
Die italischen Bundesgenossen Hannibals werden zu bedeutenden Gebietsabtretungen verurteilt: in diesen Gebieten werden +Kolonien+ gegründet (+Puteoli+, +Salernum+, +Croton+, +Vibo+); das Gebiet von +Capua+ bleibt ager publicus. Nach einer nochmaligen Erhebung der cisalpinischen Gallier und der Ligurer wird
[200–191.]
~Ober-Italien~ nach schwerem Kampfe ~wieder unterworfen~. Wiederherstellung der Kolonien +Placentia+, +Cremona+, +Mutina+; ~Via Aemilia~ von Ariminum bis Placentia; Kolonie +Aquileia+ an der Nordostgrenze.
~Folgen des zweiten Punischen Krieges~: 1. Durch den glücklichen Ausgang des Kampfes, bei welchem der Bestand des römischen Staats gefährdet war, ist die nationale Einigung und Unabhängigkeit Italiens unter Roms Herrschaft sichergestellt. 2. Rom gewinnt außeritalische +Provinzen+ und beschreitet, durch keinen ebenbürtigen Gegner mehr gehindert, die Bahn zur +Weltherrschaft+.
§ 5. Ausbreitung der römischen Herrschaft.
In ~Spanien~ werden 197 ~zwei Provinzen~ eingerichtet: +Hispania citerior+ (Tarraconensis) und +Hispania ulterior+ (Baetica). Doch bedarf es noch oft wiederholter Feldzüge (195 der Konsul +M. Porcius Cato+), um die römische Herrschaft zu befestigen.
Durch Unterwerfung der griechischen Länder des Ostens entsteht ein mächtiges, zweisprachiges Reich, welches die +Mittelmeer+länder zu einer großen Einheit zusammenschließt.
[~200–197.~]
~Zweiter Makedonischer Krieg.~
~Veranlassung~: Makedonische Söldner hatten bei Zama gegen die Römer gekämpft. Außerdem bitten König +Attălos+ von +Pergămon+ und die Städte +Rhodos+ und +Athen+ die Römer um Hilfe gegen Philipp, der im Bunde mit Antiochos III. von Syrien Ägypten bekriegt und auch sie schwer bedrängt.
Zwei römische Legionen unter +P. Sulpicius Galba+ landen in Illyrien bei +Apollonia+. Die römische Flotte schützt den Peiraieus und bedroht Euböa. Philipp, vor Athen zurückgeschlagen, wird gezwungen, Mittel-Griechenland zu verlassen. Erfolglose Kriegführung der Römer in +Illyrien+; die Flotte versucht vergebens eine Landung auf der Halbinsel +Chalkidike+. Aber der Konsul ~T. Quinctius Flamininus~ (198) gewinnt, nach Umgehung der festen Stellung Philipps, Epirus, besetzt dann Phokis und Böotien und siegt endlich in der
[~197.~]
~Schlacht bei Kynoskephălae~ in Thessalien.
~Friede~: Philipp muß die Hegemonie über Griechenland sowie überhaupt alle Besitzungen außerhalb des eigentlichen Makedoniens aufgeben und in 10 Jahren 1000 Talente zahlen; ferner darf er nur 5000 Soldaten und 5 Kriegsschiffe halten und nur mit römischer Erlaubnis Krieg führen. -- Bei den Isthmischen Spielen läßt +Flamininus+ den Senatsbeschluß verkünden, welcher die bisher Philipp untertänigen ~griechischen Staaten für frei~ erklärt. Die meisten treten in den Achäischen Bund; die Römer beschränken die Herrschaft des Tyrannen +Nabis+ von Sparta, lassen sie aber als Gegengewicht gegen den Achäischen Bund bestehen (s. S. 69).
[195.]
Die oligarchische Partei in ~Karthago~, wo auf Hannibals Anregung eine demokratische Reform der Verfassung stattgefunden hat, verdächtigt diesen beim römischen Senat, der seine Auslieferung verlangt. Hannibal flüchtet nach Tyrus, von da zum König Antiochos.
[~192–189.~]
~Krieg mit Antiochos III. von Syrien.~
Antiochos, herbeigerufen von den mit Roms Schutzherrschaft unzufriedenen +Ätōlern+, eröffnet den Krieg mit einer Landung in Thessalien. Von da geht er nach Euböa. Die meisten Griechen, namentlich der +Achäische+ Bund, bleiben den Römern treu, mit denen sich auch +Philipp von Makedonien, Eumĕnes von Pergamon+ und +Rhodos+ verbinden. Landung des Konsuls M’. Acilius Glabrio in Epirus und Marsch nach Thessalien.
[191.]
~Schlacht bei Thermopylae.~ Der Konsular und Besieger der Spanier, +M. Porcius Cato,+ welcher als Kriegstribun im römischen Heere dient, überrumpelt die Ätoler auf dem Bergpfade des Ephialtes (S. 40), der Konsul +Acilius+ nimmt den Hauptpaß und zersprengt das Heer des Antiochos, der mit wenigen Truppen nach +Chalkis+ entkommt und sich dort nach +Ephĕsus+ einschifft.
[190.]
Eine +rhodische+ Flotte besiegt die von +Hannibal+ geführte Flotte des Königs an der Mündung des +Eurymedon+ (s. S. 43), die römische Flotte siegt am Vorgebirge +Myonnesos+ unweit Ephesus. Das römische Landheer unter +L. Cornelius Scipio,+ welchen sein Bruder +Scipio Africanus+ als Legat begleitet, marschiert durch Makedonien und Thrakien, setzt über den Hellespont und schlägt den Antiochos bei ~Magnesia~ am Sipy̆los, nicht weit von Smyrna.
[189.]
Friedensschluß: Antiochos tritt +Kleinasien+ bis zum Taurusgebirge ab, zahlt in zwölf Jahren 15000 Talente (über 70 Mill. Mark) Kriegskosten, liefert seine Kriegsschiffe bis auf zehn aus. +Hannibal+ entflieht nach Bithynien zum Könige Prusias, tötet sich dort 183 durch Gift.
In Rom glänzender Triumph des +L. Cornelius Scipio+, der den Beinamen +Asiaticus+ annimmt. Der Senat beschließt, vor der Hand keine unmittelbaren Besitzungen in Asien zu erwerben, verteilt die abgetretenen Länder an die Bundesgenossen, namentlich an +Eumĕnes+ von Pergamon und die +Rhodier+, und nimmt die griechischen Städte Asiens in Schutz gegen die +Galăter+ (189 Zug des Konsuls +Cn. Manlius Volso+ von Ephĕsus aus). In Griechenland werden die +Ätōler+ besiegt und unterworfen, die übrigen Staaten behalten vorläufig ihre Selbständigkeit. Die inneren Zwistigkeiten dauern unter den Griechen fort, der römische Senat wird als Schiedsrichter angerufen,
[186.]
Senatus consultum +de bacchanalibus+ gegen die Ausartung griechischer Götterdienste.
[184.]
~M. Porcius Cato~ (234–149) strenger Censor in Rom, bekämpft als Vertreter altrömischer Sittenstrenge die zugleich mit der griechischen Bildung sich ausbreitenden Laster der Nobilität (+ambitio, avaritia, luxuria+), erbaut nach griechischem Vorbilde die erste Säulenhalle am Forum, Basilica Porcia. +P. Cornelius Scipio Africanus+, mit seinem Bruder L. Scipio von zwei Volkstribunen angeklagt wegen willkürlicher Verwendung der von Antiochos gezahlten Gelder, schlägt durch sein Ansehen den Prozeß nieder, verläßt dann Rom und stirbt 183 auf seinem Landgute zu Liternum in Campanien.
[180.]
~Lex Villia annalis~, beantragt von dem Tribunen +L. Villius,+ zur Beschränkung der Ämtersucht (ambitio). Sie setzt ein bestimmtes Alter für die kurulischen Ämter fest: nach zehnjährigem Kriegsdienst Ädilität im 37. Lebensjahre, Prätur im 40., Konsulat im 43. Von der Bewerbung um die Ädilität waren Unvermögende schon dadurch ausgeschlossen, daß die Kosten für die +öffentlichen Spiele+ (ludi Romani, ludi plebei, Megalesia, Cerealia, Floralia) größtenteils von den Ädilen selbst getragen wurden.
[~171–168.~]
~Dritter Makedonischer Krieg.~
Philipps V. Sohn ~Perseus~ will Makedoniens Macht über Griechenland herstellen; König Eumĕnes von Pergamon verklagt ihn in Rom. Die römische Kriegführung in Thessalien anfangs erfolglos, so daß unter den Griechen sich Neigung zum Abfall zeigt; dann aber dringt ~L. Aemilius Paullus~, Sohn des bei Cannae gefallenen Konsuls, nachdem er die Mannszucht im Heere hergestellt hat, in Makedonien ein und gewinnt die entscheidende
[~168.~]
~Schlacht bei Pydna.~
Perseus entflieht zu Schiff, ergibt sich dann auf der Insel Samothrake den Römern. Glänzender Triumph des Aemilius Paullus. Die nach Rom gebrachte Beute ist so bedeutend, daß fortan den Bürgern das +Tributum+ (s. S. 75) erlassen werden kann.
~Makedonien~ wird noch nicht zur Provinz gemacht, sondern in 4 von Rom abhängige Bezirke aufgelöst, die untereinander weder +commercium+ noch +conubium+ haben; ebenso +Illyrien+ nach Besiegung des Königs +Genthios+, eines Bundesgenossen des Perseus, in 3 Bezirke. Über +Epirus+ wird ein grausames Strafgericht verhängt (70 Städte zerstört, die Einwohner als Sklaven verkauft); die +griechischen Staaten+ werden in das Verhältnis der Untertänigkeit herabgedrückt. 1000 vornehme Achäer werden zur Untersuchung nach Rom geführt (unter ihnen der Geschichtschreiber +Polybios+) und dann 16 Jahre in italischen Städten in Gewahrsam gehalten. Die alten Bundesgenossen der Römer, Eumĕnes von ~Pergamon~ und die ~Rhodier~, welche im Kriege eine vermittelnde Stellung hatten einnehmen wollen, werden gedemütigt und den letzteren ihre Besitzungen auf dem Festlande abgenommen. In einem zwischen ~Syrien~ und ~Ägypten~ ausgebrochenen Kriege schreitet der Senat zum Schutze der Ptolemäer ein. Der römische Gesandte +C. Popillius Laenas+ (168) befiehlt dem König +Antiochus IV.+ von Syrien vor Alexandrīa in herrischer Weise den Rückzug.
[~149–146.~]
~Dritter Punischer Krieg.~
~Veranlassung~: Streitigkeiten der Karthager mit König +Massinissa+, der ihr Gebiet schmälert; sie bekämpfen ihn ohne römische Erlaubnis. Der Senat beschließt Krieg auf Betreiben des greisen +M. Porcius Cato+: Ceterum censeo Carthaginem esse delendam († 149).
Zwei konsularische Heere landen bei +Utĭca+; die Karthager unterwerfen sich, liefern Schiffe und Waffen aus. Als aber gefordert wird, daß sie ihre Stadt verlassen und sich 2 Meilen vom Meere neu anbauen sollen, entschließen sie sich zu verzweifeltem Widerstande. Mit äußerster Anstrengung aller Bewohner Karthagos wird eine neue Kriegsrüstung zustande gebracht, Tag und Nacht werden Waffen geschmiedet, im inneren Hafen wird eine neue Flotte gebaut. Ein Sturm der Römer wird zurückgeschlagen. Belagerung Karthagos.
[147.]
~P. Cornelius Scipio Aemilianus,~ Sohn des L. Aemilius Paullus, durch Adoption Enkel des Scipio Africanus[24] erhält den Oberbefehl. Er schließt die Stadt von der Land- und Seeseite vollständig ein.
[~146.~]
~Einnahme und Zerstörung Karthagos.~
Sechstägiger Straßenkampf und 17tägiger Brand. Die überlebenden Einwohner werden als Sklaven verkauft.
Das Land vom +Tusca+fluß, gegenüber der Insel +Galatha+, bis zur kleinen Syrte wird unter dem Namen ~Africa~ römische Provinz (Hauptstadt +Utĭca+). Das übrige Land kommt an das verbündete Königreich +Numidien+. Glänzender Triumph Scipios, der den Beinamen +Africanus+ (minor) erhält.
[146.]
~Makedonien wird römische Provinz~
nach Besiegung des +Andriskos+, der sich für einen Sohn des Perseus ausgibt, durch +Q. Caecilius Metellus.+
[140.]
~Einnahme und Zerstörung von Korinth~
nach einem kurzen Kriege des Achäischen Bundes gegen die Römer. Der Konsul +L. Mummius+ siegt bei +Leukopetra+, besetzt Korinth und zerstört es auf Befehl des Senats. Die Kunstschätze werden nach Rom geschickt, sämtliche Einwohner als Sklaven verkauft. Das Gebiet der Stadt wird teils an +Sikyon+ gegeben, teils für römisches Gemeindeland erklärt.
Die anderen griechischen Städte werden im allgemeinen mit Milde behandelt, doch sind sie dem in +Thessalonike+ residierenden +Statthalter von Makedonien+ untergeordnet (s. S. 69).
Die ersten ~vier Provinzen~ (+Sicilia+, +Sardinia+ nebst +Corsica+, +Hispania citerior+ und +ulterior+) wurden anfänglich von ~Prätoren~ verwaltet, so daß es mit dem +Praetor urbanus+ und dem +Praetor inter peregrinos+ (seit 241), welche stets in Rom blieben, ~6~ jährlich erwählte Prätoren gab. Später wird es üblich, daß alle Prätoren während des Amtsjahres in Rom bleiben als Vorsitzende der aus Senatoren gebildeten +Gerichtshöfe+ (+quaestiones perpetuae+). Im +nächsten+ Jahre gehen dann die Prätoren als ~Proprätoren~, begleitet von +Quästoren+ als Finanzbeamten, in die ihnen durch das Los zugefallenen Provinzen; doch werden in solche Provinzen, wo noch Krieg zu führen ist, in der Regel die +Prokonsuln+ gesandt. Neben der Verwaltung steht den Prokonsuln und Proprätoren die höchste Militär- und Justizgewalt zu.
[149.]
Einsetzung des Gerichtshofs über Erpressungen (+de repetundis+) zur Abstellung der aus den Provinzen kommenden Klagen.
Im Jahre 146 bestanden ~acht Provinzen~, außer den vier oben genannten noch +Gallia cisalpina+, +Illyricum+, +Africa+, +Macedonia+. Die Einrichtung einer Provinz wird in der Regel von dem erobernden Feldherrn und einer Kommission von 10 Senatoren vorgenommen. Die Provinzen sind im Gegensatz zu Italien +steuerpflichtige+ Gebiete. Doch behalten einige Städte auf Grund eines Vertrages (+civitates foederatae+), andere auf Grund eines Senats- oder Volksbeschlusses (+civitates liberae et immunes+) Steuerfreiheit, eigene Gerichtsbarkeit und Verwaltung durch selbstgewählte Behörden (divide et impera!).[25] Die Abgaben der Provinz [Grundsteuer (tributum); Pacht- und Weidegelder von Staatsländereien (vectigal, scriptura); Hafenzölle (portoria)] werden an ~Abgabenpächter (publicani)~ verpachtet, meist Gesellschaften von römischen Bürgern aus dem Ritterstande (+ordo equester+, S. 102), von denen viele auch als Bankiers (+negotiatores+) und Großkaufleute (+mercatores+) in der Provinz Handelsgeschäfte trieben. Dem Amtsadel (+ordo senatorius+) waren Geld und Handelsgeschäfte untersagt; er legte sein Geld in Ländereien an, die durch Sklaven bearbeitet wurden.
In Italien bleibt der Gegensatz zwischen +römischen Bürgern+ und +Bundesgenossen+; die Municipien (S. 86) erhalten nach und nach römisches Bürgerrecht. Die Herrschaft der ~Nobilität~ mit ihrem regelmäßigen Ämterwechsel ist so befestigt, daß Ernennung von +Dictatoren+ lange Zeit nicht mehr vorkommt. Seit 153 v. Chr. treten die Konsuln ihr Amt stets am 1. Januar an (früher am 1. März). In Zeiten der Gefahr überträgt der Senat ihnen diktatorische Gewalt durch den Beschluß: +Videant consules, ne quid detrimenti respublica capiat+.
Zunehmende Verweichlichung und Genußsucht in Rom seit dem Ende des zweiten Punischen Krieges. Beginn des Großkapitalismus und der Latifundienwirtschaft. Vergebliche Bestrebungen von Männern wie M. Porcius Cato Censorius (234–149).
§ 6. Bürgerliche Unruhen.
[~153–133.~]
~Unterwerfung Spaniens.~
Wiederholte Einfälle der freien +Lusitaner+ (in Portugal) in die südliche Provinz. Ihr Feldherr +Viriāthus+, in mehreren Schlachten siegreich, wird 139 durch Verräter aus seiner Umgebung ermordet. In der nördlichen Provinz ist die Stadt ~Numantia~ (unweit +Soria+ am oberen +Duero+) Mittelpunkt des Widerstandes. Endlich erhält den Oberbefehl +P. Cornelius Scipio Aemilianus Africanus+ (minor), der die Mannszucht im Heere wiederherstellt und nach 15monatiger Einschließung die Stadt aushungert. Verzweifelte Verteidigung.
[~133.~]
~Übergabe und Zerstörung von Numantia.~
Scipios Beiname Numantinus. Seit dem Fall von Numantia ist ganz Spanien, mit Ausnahme der nördlichen Bergvölker, der römischen Herrschaft unterworfen.
[135–132.]
~Erster Sklavenkrieg.~
Aufstand der mißhandelten Sklaven in Sicilien unter dem Syrer +Eunūs+, der sich König +Antiochos+ nennt, glücklich gegen mehrere römische Heere kämpft, endlich aber gefangen und mit einer großen Anzahl Aufständischer hingerichtet wird.
[~133–121.~]
~Gracchische Unruhen,~
hervorgerufen durch die auf gewaltsame Weise betriebenen politischen und sozialen +Reformen+ der Brüder +Tiberius+ und +Gaius Sempronius Gracchus.+
Fortwährende Vermehrung der großen, durch Sklaven bewirtschafteten Güter (+Latifundia+). Billiges Getreide aus den Provinzen. Dadurch schmilzt der freie Bauernstand zusammen; viele arme Bürger ziehen nach Rom, gelockt durch die Aussicht auf Getreidespenden und Wahlbestechungen. Deshalb stellt
[~133.~]
~Tib. Sempronius Gracchus,~ durch seine Mutter +Cornelia+ Enkel des Siegers von Zama, als Volkstribun den Antrag auf Erneuerung des in Vergessenheit geratenen ~Licinischen Ackergesetzes~ (S. 81), doch sollen außer den 500 Morgen für zwei Söhne noch je 250 vom Gemeindeland von den Besitzern behalten und für die auf dem zurückzugebenden Lande ausgeführten Bauten und Anlagen Entschädigungen gezahlt werden. Aus dem dadurch frei gewordenen Gemeindeland sollen unveräußerliche Bauerngüter von je 30 Morgen gebildet und zur Bewirtschaftung gegen einen mäßigen Erbzins an arme Bürger verteilt werden. Nachdem Tib. Gracchus den Volkstribunen +M. Octavius+, der dagegen beharrlich Einspruch erhebt, durch Volksbeschluß widerrechtlich hat absetzen lassen, wird das Gesetz vom Volke angenommen; mit seiner Ausführung werden beauftragt: +Tib. Gracchus+, sein Schwiegervater +Appius Claudius+ und sein Bruder +C. Gracchus+ (tresviri agris dandis assignandis).
[~133.~]
Tod des Königs +Attălos III. von Pergămon+, der sein Reich (fortan ~römische Provinz Asia~) und seine Schätze den Römern hinterläßt (S. 66).
Tib. Gracchus beantragt gegen das bestehende Herkommen, wonach der +Senat+ über auswärtige Angelegenheiten entscheidet, beim +Volke+, den pergamenischen Schatz an die neuen Landbesitzer behufs Anschaffung des nötigen Inventars zu verteilen.
Vorbereitung weiterer volkstümlicher Gesetze (Abkürzung der Dienstzeit, Ausdehnung des Provokationsrechtes u. a.).
Tib. Gracchus will sich +entgegen dem bestehenden Gesetz+ für das folgende Jahr wieder zum Tribunen wählen lassen, wird aber mit 300 seiner Anhänger von den Optimaten unter Führung des P. Cornelius Scipio Nasica auf dem Forum ~erschlagen~. Die Konsuln des folgenden Jahres schreiten gegen die Volkspartei (+populares+) mit Hinrichtungen und Verbannungen ein, die beschlossene Ackerverteilung aber kommt zur Ausführung.
[131.]
Der Volkstribun +C. Papirius Carbo+ setzt, um den Einfluß der Optimaten auf die Tributkomitien zu brechen, schriftliche geheime Abstimmung in denselben durch (lex tabellaria), welche für die Wahlen schon seit 139 angeordnet war. Seinen weiteren Vorschlägen tritt ~P. Cornelius Scipio Aemilianus~ (Gemahl der Sempronia, Schwester der Gracchen, S. 98), entgegen; auch hemmt er die weitere Tätigkeit der tresviri agris dandis assignandis, indem er bewirkt, daß ihnen die richterliche Entscheidung über streitiges Land entzogen wird.
[129.]
Am Tage nach einer aufgeregten Verhandlung wird +Scipio+ in seinem Hause tot (ermordet?) gefunden.
[125.]
Der Konsul +M. Fulvius Flaccus+, welcher im Sinne der gracchischen Partei beantragt, den italischen Bundesgenossen römisches Bürgerrecht zu gewähren, wird vom Senat der von gallischen Stämmen bedrängten Stadt +Massilia+ (S. 66) zu Hilfe geschickt. Bald darauf werden, um den Landweg von Italien nach Spanien zu sichern, römische Kolonien in +Aquae Sextiae+ und +Narbo+ gegründet, zur Sicherung des Seeverkehrs werden die +Balearischen Inseln+ besetzt.
[121.]
~Gallia Narbonensis römische Provinz~ (Massilia +civitas foederata+).
[~123.~]
~Gaius Sempronius Gracchus~ erneuert als Volkstribun das +Ackergesetz+ seines Bruders und knüpft daran eine Reihe von Gesetzen, welche die Herrschaft der Optimaten zu stürzen bestimmt sind. Er gewinnt die Menge der ärmeren Bürger für sich, indem er die persönliche Freiheit sichert (+lex Sempronia de civibus Romanis+: ne de capite civium Romanorum iniussu populi iudicaretur), den Kriegsdienst erleichtert (+lex militaris+) und Getreideverkauf von Staats wegen an die Bürger zu billigem Preise anordnet (~lex frumentaria~). Für 122 wird er auf Grund eines Gesetzes, welches bei Mangel an Bewerbern um das Tribunat dem Volke freie Wahl gestattet, wieder zum Tribunen gewählt.
Durch die ~lex iudiciaria~ überträgt C. Gracchus die Besetzung der Geschworenengerichte (quaestiones perpetuae, S. 98) vom ~Senatorenstand~ (+ordo senatorius+) auf den ~Ritterstand~ (+ordo equester+). Dieser umfaßte die reicheren Bürger, welche als Besitzer eines Vermögens von mindestens 400 000 sestertii (70 000 Mark) zum Kriegsdienst zu Pferde eingeschätzt waren; die Senatoren aber waren seit 129 gesetzlich verpflichtet, mit ihrem Eintritt in den Senat aus den Rittercenturien auszuscheiden. Die einflußreichen Mitglieder der +Geldaristokratie+ (publicani und negotiatores, S. 99) saßen also fortan auch über Senatoren zu Gericht.
Auch die Besetzung der +Statthalterschaften+ in den Provinzen wird (durch die ~lex de provinciis~) der freien Verfügung des Senats entzogen; die Provinz +Asia+ wird durch die Anordnung, daß die Verpachtung der Abgaben in Rom durch die Censoren geschehen soll, der Habsucht der +publicani+ aus dem Ritterstande ausgeliefert. Um die Ackerverteilung zu fördern, wird Aussendung von +Kolonien+ durch Volksbeschluß angeordnet (~lex de coloniis deducendis~). Während Gracchus von Rom abwesend ist, um die Gründung der Kolonie +Iunonia+ an der Stelle des zerstörten +Karthago+ zu leiten, tritt der Tribun +M. Livius Drusus+ mit Gegenvorschlägen, besonders die Gründung von Kolonien in Italien betreffend, auf und wird vom Senat unterstützt
Der Antrag des Gracchus, den Latinern volles Bürgerrecht, den übrigen Italikern latinisches Recht zu bewilligen (+lex de civitate sociis danda+), kommt bei dem vereinigten Widerstande der Optimaten und eines großen Teiles der Bürgerschaft nicht zur Annahme. Gracchus wird für das Jahr 121 nicht wieder zum Tribunen erwählt.
[121.]
Bürgerkampf in der Stadt, veranlaßt durch einen von einem Anhänger des Gracchus verübten Mord. Die Volkspartei besetzt den +Aventin+, der Senat erteilt dem Konsul +L. Opimius+ durch das +Senatus consultum ultimum+ (S. 99) Vollmacht zu Gewaltmaßregeln. Der Aventin wird von Bewaffneten erstürmt, ~C. Gracchus~ und ~M. Fulvius~ werden ~auf der Flucht erschlagen~. Gegen 3000 Anhänger des Gracchus werden bei der folgenden Untersuchung verhaftet und getötet.
Herstellung der Senatsherrschaft; die Kolonien (außer +Narbo+) kommen nicht zur Ausführung. Das verteilte Gemeindeland wird 111 durch Volksbeschluß in zinsfreies Eigentum umgewandelt, kann also von reicheren Bürgern wieder angekauft werden.
§ 7. Marius und Sulla.
Die Behauptung des zu ansehnlicher Ausdehnung gelangten römischen Reiches macht immer wieder Kriege notwendig, deren Führung durch die inneren Parteikämpfe beeinflußt wird.
[~111–105.~]
~Jugurthinischer Krieg.~ Jugurtha, Enkel Massinissas, hatte seine Vettern und Miterben Adherbal und Hiempsal aus dem Besitz +Numidiens+ vertrieben und getötet. Der Krieg gegen ihn wird anfangs von bestochenen Anführern nachlässig geführt; ein Sieg des Caecilius Metellus (Numidicus) am Flusse +Muthul+ ist nicht entscheidend. +C. Marius+, Unterfeldherr des Q. Caecilius Metellus, aus niederem Stande, Sohn eines Bauern aus der Gegend von Arpinum, 107 zum Konsul erwählt, nötigt Jugurtha, zum Könige Bocchus von +Mauretanien+ zu fliehen. Von diesem erlangt der optimatische Quästor +L. Cornelius Sulla+ durch geschickte Unterhandlungen die Auslieferung des Feindes. Jugurtha wird in Rom im Triumph aufgeführt, dann im Gefängnis (Tullianum) getötet. +Numidien+ wird zwischen +Bocchus+ und Jugurthas Halbbruder +Gauda+, dem letzten noch lebenden Enkel Massinissas, geteilt.
[~113–101.~]
~Krieg gegen die Cimbern und Teutonen.~
Der +germanische+ Stamm der +Cimbern+, von Norden her aus der +Chersonesus Cimbrica+ (Schleswig und Jütland) auswandernd, dringt in die Alpengegenden ein, schlägt 113 bei +Noreja+ (in Kärnten) den Konsul +Cn. Papirius Carbo+, wendet sich darauf nach Westen dem Rhein zu, überschreitet diesen Strom und schlägt 109 in Gallien den Konsul +M. Junius Silanus+. Große Niederlage zweier römischer Heere 105 bei ~Arausio~ (Orange) an der Rhone. Schrecken in Rom; die Volkspartei setzt für 104 die Erwählung des ~Marius~ zum Konsul durch; er wird auch in den folgenden Jahren wiedergewählt und rüstet sich, während die Cimbern nach Spanien ziehen, in der Provinz +Gallia Narbonensis+ zur Abwehr.
Die Cimbern, nach Gallien zurückgekehrt, vereinigen sich mit dem gleichfalls germanischen Volke der ~Teutonen~ und mit +helvetischen+ (keltischen) Stämmen, namentlich den Tigurinern. Einbruch in Italien beschlossen; die Cimbern und Tiguriner ziehen nach Kärnten, um von Norden her die Alpen zu überschreiten; die Teutonen mit den Ambronen, der Kernschar der Cimbern, ziehen durch die römische Provinz an Marius’ Lager vorüber, um die Pässe der Westalpen zu erreichen.
[102.]
~Schlacht bei Aquae Sextiae~ (Aix in der Provence, s. S. 101); Marius vernichtet in gewaltigem Kampfe die Teutonen und Ambronen. Dann zieht er über die Alpen dem optimatischen Konsul +Q. Lutatius Catulus+ zu Hilfe, der vor den Cimbern in die Gegend am oberen Po zurückgewichen war.
[~101.~]
~Schlacht bei Vercellae~ (nördlich am oberen Po), Sieg der beiden Konsuln; das Hauptverdienst gebührt Marius.
Man erwartet von ihm, daß er die Herrschaft der Optimaten stürze. Im Jahre 100 zum sechsten Male Konsul, tritt er in Verbindung mit den Führern der Volkspartei, dem Prätor +C. Servilius Glaucia+ und dem Volkstribunen +L. Saturninus+, entzweit sich aber bald mit ihnen und unterdrückt schließlich, der Aufforderung des Senats Folge leistend, die von ihnen erregten Unruhen mit Waffengewalt, geht dann auf einige Zeit nach der Provinz Asia.
[91.]
Zur Versöhnung der Parteien beantragt der Volkstribun ~M. Livius Drusus~: 1. Rückgabe der Geschworenengerichte (S. 102) an den Senat, der aber durch 300 Mitglieder des Ritterstandes vermehrt werden soll; 2. Ackerverteilung und ein neues Getreidegesetz. Heftige Erörterungen darüber im Senat. Als er dann den Italikern die Erteilung des Bürgerrechts in Aussicht stellt, gilt er wie C. Gracchus als Aufrührer und wird durch Meuchelmord beseitigt. Die Italiker aber erheben sich nun zum Kriege gegen Rom.
[~91–88.~]
~Marsischer oder Bundesgenossenkrieg.~
+Corfinium+ im Gebirgslande, östlich vom Fucinus-See, wird zur Hauptstadt des neuen Staates bestimmt; dort soll ein Senat von 500 Mitgliedern aus allen italischen Stämmen tagen; zwei Konsuln treten an die Spitze. Aber die Latiner, Etrusker und Umbrer halten zu Rom; es kommt nicht zu großen Entscheidungskämpfen, da der Antrag des Konsuls +L. Julius Caesar+, den treu gebliebenen Bundesgenossen das Bürgerrecht zu verleihen, bald dahin erweitert wird, daß es allen Abgefallenen, die sich binnen 60 Tagen melden, gewährt werden soll (+lex Plautia Papiria+, von zwei Volkstribunen des Jahres 89 vorgeschlagen). Damit wird die Bevölkerung Italiens zur Teilnahme an der Weltherrschaft Roms zugelassen. Die nach Annahme dieser Anträge noch Widerstrebenden werden von +Sulla+ und anderen Feldherrn nach und nach besiegt. Ein auswärtiger Feind erhebt sich, und durch neuen inneren Hader kommt der römische Staat in die größte Gefahr.
[~88–84.~]
~Erster Mithradatischer Krieg.~
Gleichzeitig ~Bürgerkrieg~ zwischen Optimaten und Volkspartei.
+Mithradates VI.+, König von +Pontus+ (S. 66), hatte seine Herrschaft bis nach Kolchis und dem Kimmerischen Bosporus (Krim) ausgedehnt, den König von Bithynien vertrieben und war dann in der römischen Provinz +Asia+ als Befreier aufgetreten. Auf seinen in Ephesus erlassenen Befehl werden alle in der Provinz sich aufhaltenden Italiker ermordet.
In Rom beantragt der Volkstribun +P. Sulpicius+ Verteilung der Neubürger in alle 35 Tribus und Übertragung des Oberbefehls gegen Mithradates an Marius. ~Sulla~, als Konsul des Jahres 88 entschlossen, sich den Oberbefehl nicht entreißen zu lassen, führt seine 6 Legionen von Nola aus ~gegen Rom~ und erstürmt die Stadt. Sulpicius auf der Flucht getötet, Marius entkommt über Minturnae nach +Afrika+. Sulla stellt die alte, um 241 abgeschaffte Stimmordnung der Servianischen Verfassung für die Centuriatkomitien wieder her und bestimmt, daß fortan in der Bürgerschaft über keinen Antrag ohne Vorbeschluß des Senats abgestimmt werden darf.
[87.]
Nachdem Sulla zur Kriegführung gegen Mithradates abgereist ist, beruft der aus der Volkspartei erwählte Konsul L. Cornelius +Cinna+ den flüchtigen Marius zurück und beginnt mit ihm eine revolutionäre Schreckensherrschaft in Rom. Viele Optimaten werden getötet, ihr Vermögen eingezogen. Marius, zum siebenten Male Konsul 86, stirbt zu Anfang des Jahres; Cinna führt seine Willkürherrschaft weiter, wird 84 in Ancona getötet, als er die Flotte gegen Sulla führen will.
Mithradates’ Feldherr +Archelaos+ hat inzwischen einen großen Teil Griechenlands zum Abfall von der römischen Herrschaft gebracht. Sulla schlägt ihn in Böotien, nimmt 86 nach längerer Belagerung +Athen+ ein, schlägt Mithradates’ Truppen nochmals bei +Chaironeia+ und 85 bei +Orchomenos+, geht dann nach Asien hinüber.
[84.]
Friede mit Mithradates zu +Dardănos+ in Troas; er muß die besetzten Gebiete (die Provinz +Asia+, die Königreiche +Bithynien+ und +Paphlagonien+) räumen, alle Kriegsschiffe ausliefern und 3000 Talente zahlen. Darauf wendet sich Sulla gegen das Heer der Volkspartei, welches 86 nach Asien gekommen war, aber nichts ausgerichtet hatte; die Soldaten fallen ihm zu, der Anführer C. Flavius Fimbria tötet sich selbst.
[83.]
Sulla landet mit etwa 40000 Mann in +Brundisium+, sichert den Bundesgenossen das volle Bürgerrecht zu, schlägt in mehreren Treffen, unterstützt von dem jungen +Cn. Pompeius,+ der ihm ein Heer von Freiwilligen zuführt, die Heere der Volkspartei.
[82.]
Sulla nimmt ~Rom~ ohne Widerstand ein, schlägt die +Samniten+, welche noch immer das Bürgerrecht verschmähen, in einer Schlacht am ~Kollinischen Tor~, verhängt über aufständische Städte ein Strafgericht. In Rom verfügt er als ~Dictator~ blutige Verfolgung der Marianischen Partei; es werden +Proskriptionslisten+ aufgestellt; die Zahl der Geächteten steigt auf 4700. Ihre Güter werden eingezogen und die Sklaven freigelassen, ihre Kinder von allen Ämtern ausgeschlossen. Nach Beendigung des Bürgerkrieges folgen Landanweisungen an die Veteranen des Heeres; in die besiegten italischen Städte (Faesulae, Praeneste, Pompeii u. a.) werden ganze Kolonien geschickt. Seine Unterfeldherrn besiegen die Marianer in Spanien, Sicilien und Afrika. +Pompeius+, aus Afrika 81 zurückkehrend, zieht im Triumph in Rom ein und wird von Sulla mit dem Beinamen +Magnus+ begrüßt.
~Gesetzgebung Sullas~ (+leges Corneliae+) zur Befestigung der +Optimatenherrschaft+: 1. Der an Zahl sehr zusammengeschmolzene +Senat+ wird durch 300 von den Tributkomitien erwählte Mitglieder ergänzt; für die Zukunft wird der Eintritt in den Senat gesetzlich an die Bekleidung der +Quästur+ geknüpft. Die Zahl der jährlich von den Tributkomitien zu erwählenden +Quästoren+ wird auf 20 erhöht. Das Amt der +Censur+ mit seiner Befugnis, alle fünf Jahre die Senatsliste neu aufzustellen, hört tatsächlich auf. Die von C. Gracchus dem Ritterstande übertragenen +Geschwornengerichte+ werden dem Senat zurückgegeben.
2. Die +Komitien+ behalten das Recht, Gesetze zu bestätigen und Beamte zu wählen; den Priesterkollegien (S. 81) wird das Recht der Selbstergänzung zurückgegeben. Die im J. 88 versuchte Wiederherstellung der Servianischen Stimmordnung wird aufgegeben.
3. Das Recht der +Volkstribunen+, Gesetzvorschlage an die Komitien zu bringen, wird an die Genehmigung des Senats geknüpft; Mißbrauch ihres Einspruchsrechts wird mit schweren Geldbußen bedroht; wer das Tribunat bekleidet, ist +zur Übernahme anderer Ämter unfähig.+
4. Die Zahl der +stehenden Gerichtshöfe+ (+quaestiones perpetuae+, S. 98) wird +vermehrt+, daran schließt sich die Vermehrung der +Prätoren+ auf 8 und eine umfassende Kriminalgesetzgebung.
[81.]
Sulla läßt Konsuln wählen, führt aber selbst als +Dictator+ die Regierung weiter. Für das Jahr 80 läßt er sich selbst und seinen Waffengenossen +Q. Metellus+ (Sohn des Numidicus, S. 103) zu Konsuln erwählen, und bahnt so den Übergang zur verfassungsmäßigen Ordnung an.
[~79.~]
~Sulla legt freiwillig die Dictatur nieder~ und tritt ins Privatleben zurück († 78).
§ 8. Pompeius und Cäsar.
Die Sullanische Staatsordnung gewinnt keinen festen Bestand, da der Senat auf die Dauer nicht imstande ist, den Ehrgeiz einzelner Machthaber zu zügeln.
+Pompeius+ bekämpft 77–72 in Spanien den Marianer +Q. Sertorius+, der sich dort eine unabhängige Herrschaft gegründet hat, schließlich aber durch Verschworene ermordet wird. Bei der Rückkehr 71 vernichtet er flüchtige Scharen aufständischer +Sklaven+, die unter Führung des Thrakers +Spartăcus+ seit 73 Italien stark beunruhigt hatten, aber von +M. Licinius Crassus+ bereits besiegt worden waren (2. +Sklavenkrieg+, s. S. 100).
[70.]
Umsturz der Sullanischen Verfassung. Die Konsuln ~Pompeius~ und ~Crassus~ stellen die von Sulla beschränkte +tribunicische Gewalt+ wieder her. Auf Antrag des Prätors +L. Aurelius Cotta+ werden die +Gerichte+ fortan zu gleichen Teilen aus Senatoren, Rittern und Männern des Bürgerstandes gebildet. Auch werden wieder +Censoren+ erwählt; bei Aufstellung der Senatsliste werden 64 von Sulla ernannte Senatoren ausgestoßen. Der Volksgunst verdankt +Pompeius+ zweimalige Übertragung des Oberbefehls in den damals entstandenen Kriegen.
[~78–67.~]
~Krieg gegen die Seeräuber.~ Seit Zerstörung Karthagos war die römische Kriegsflotte vernachlässigt. Erpressungen der Statthalter in Asien trugen dazu bei, daß das Unwesen des Seeraubes den Handelsverkehr auf dem ganzen Mittelmeer gefährdete. Die italischen Küstenstädte von ihnen gebrandschatzt, eine römische Flotte vor Ostia geschlagen. +Kreta+ und +Cilicien+ Hauptsitze der Seeräuber. Nachdem im J. 103 ein Teil Ciliciens zur Provinz gemacht war, besetzt der Prokonsul +P. Servilius Vatia+ 78–75 auch die westlich angrenzenden Landschaften Pamphylien, Pisidien, Isaurien und zerstört viele Seeräuberstädte, +Kreta+ wird nach längeren Kämpfen 67 zur Provinz gemacht (bald mit +Cyrenaica+ vereinigt). Da indes das Piratenunwesen noch fortdauert, so erhält
[67.]
~Pompeius~ auf Antrag des Volkstribunen +A. Gabinius+ (+lex Gabinia+) auf drei Jahre ~den unumschränkten Oberbefehl~ über das ganze Mittelmeer und über alle Küsten desselben bis 10 Meilen (75 km) landeinwärts; alle Staatskassen, alle Hilfsmittel der Provinzen und der Schutzstaaten werden ihm zur unbedingten Verfügung gestellt. Pompeius säubert mit 120000 Mann und 500 Schiffen in drei Monaten (durch 2 kurze Feldzüge) erst das westliche, dann das östliche Mittelmeer, nimmt viele Seeräuber gefangen und siedelt sie meist landeinwärts an (+Pompeiopolis+, bisher +Soloi+, in Cilicien).
[~74–64.~]
~Dritter Mithradatischer Krieg.~
Gegen den König von +Pontus+ hatte der Proprätor +L. Licinius Murena+ 83–81 einen zweiten Krieg geführt, um ihn zu völliger Ausführung des Friedens zu Dardanos zu zwingen. Nach Sullas Tode erhebt sich +Mithradates+ von neuem, verbündet mit seinem Schwiegersohn +Tigranes+ von Armenien, der dem Reiche Syrien (S. 65) ein Ende macht. Mithradates besetzt +Bithynien+, das König Nikomedes den Römern vermacht hatte (S. 66), wird aber von dem Prokonsul +L. Licinius Lucullus+ 72 bei +Kabira+ geschlagen und aus seinem Reiche vertrieben. Lucullus siegt 69 auch über Tigranes bei +Tigranokerta+ und besetzt die Landschaft Kommagēne am oberen Euphrat, wird aber 68 bei dem Zuge durch die armenischen Berge gegen die Hauptstadt +Artaxăta+ durch Meuterei seiner Soldaten zur Umkehr genötigt. Alle Erfolge gehen verloren; Mithradates kehrt in sein Reich zurück. Lucullus vom Senat zurückgerufen.
[66.]
~Pompeius~ erhält den Oberbefehl in Asien auf Antrag des Tribunen +C. Manilius+ (Ciceros Rede +de imperio Cn. Pompei+ oder +pro lege Manilia+). Er schließt ein Bündnis mit den +Parthern+, besiegt Mithradates in einer nächtlichen Schlacht am Flusse +Lykos+, verfolgt ihn bis zum +Phasis+ und wendet sich dann nach Armenien. Bei +Artaxata+ unterwirft sich Tigranes; er bleibt König von Armenien, muß aber auf alle Eroberungen verzichten und 6000 Talente Kriegskosten zahlen.
[65.]
Pompeius kämpft mit den kriegerischen Bergvölkern im +Kaukasus+, gibt aber die weitere Verfolgung des nach der Taurischen Chersones (Krim) geflüchteten Mithradates auf und zieht nach Pontus, von da nach Syrien.
[~64–63.~]
~Einrichtung des asiatischen Römerstaates durch Pompeius.~
Neue Provinzen: 1. ~Pontus~, bestehend aus Bithynien, der Küste von Paphlagonien und dem westlichen Teil des früheren Reiches des Mithradates. 2. ~Syria~, zunächst nur das Küstenland, vom Meerbusen von Issus bis +Damaskus+, später bedeutend erweitert. Neugeordnet wird die schon bestehende Provinz ~Cilicia~ (mit Pamphylien und Isaurien, S. 107). Die asiatischen Provinzen sind vielfach durchbrochen und umgeben von unabhängigen +Stadtgebieten+, sowie von fürstlichen und priesterlichen (Pessinūs, Komana) +Herrschaften+ unter römischer Oberhoheit. Von den Vasallenkönigen sind die bedeutendsten der König von +Kappadokien+ und der König +Deiotărus+ von Galatien (S. 66). In Palästina setzt Pompeius nach Einnahme Jerusalems und des Tempels den von seinem Bruder Aristobulos vertriebenen Makkabäer +Hyrkanos+ als Hohenpriester und dem römischen Volke tributpflichtigen Herrscher ein.
[63.]
Auf die Nachricht, daß +Mithradates+ sich in +Pantikapaion+ infolge des Aufstandes seines Sohnes +Pharnăces+ den Tod gegeben, zieht Pompeius wieder nach Pontus; er bestätigt den Pharnăces im Besitz des bosporanischen Reiches.
[61.]
Pompeius, nach Italien zurückgekehrt, entläßt in Brundisium sein Heer und kommt als Privatmann nach Rom. Einige Monate später zweitägiger prachtvoller Triumph.
[~66–63.~]
~Catilinarische Verschwörung.~
Bund der +Volkspartei+ mit den Anhängern des verschuldeten Patriziers ~L. Sergius Catilina~, welche durch gewaltsamen Umsturz des Staates und Schuldentilgung +(tabulae novae+) Besitz und Macht zu erlangen hoffen.
Die erste Verschwörung im J. 66, nach welcher die Konsuln des J. 65 ermordet, darauf +Crassus+ (S. 107) zum Dictator, +C. Julius Cäsar+[26] zum magister equitum erhoben werden sollen, kommt wegen Unschlüssigkeit einiger Teilnehmer und sonstiger Hindernisse nicht zur Ausführung. Für das Jahr ~63~ soll die Erwählung des +Catilina+ und des +C. Antonius+ zu Konsuln durchgesetzt werden, aber nur der letztere wird gewählt; sein Amtsgenosse wird der als Redner und Anwalt beliebte, bisher keiner Partei vollständig angehörige ~M. Tullius Cicero~.[27] Dieser sichert dem verschuldeten Antonius durch eigene Verzichtleistung im voraus die einträgliche Statthalterschaft +Makedonien+ zu und macht ihn dadurch den Verschworenen abwendig.
Cicero verhindert während seines Konsulates mehrere Anträge der Volkspartei, namentlich ein weitgehendes Ackergesetz, überwacht die Anschläge der Verschwörung und vereitelt den Versuch Catilinas, bei der Konsulwahl für 62 die Mitbewerber und ihn selbst, den die Wahl leitenden Konsul, zu ermorden. Der Senat, von der Bildung eines aufständischen Heeres unter G. Manlius in +Etrurien+ unterrichtet, erteilt den Konsuln Vollmacht zur Rettung des Staates (S. 99). Catilinas Plan, Cicero in seinem Hause ermorden zu lassen, wird ebenfalls verraten und mißlingt. ~Cicero enthüllt die Verschwörung~ in der Senatssitzung am 8. Nov. 63 (erste Catilinarische Rede); Catilina verläßt darauf die Stadt und geht zu dem Heere nach Etrurien. Seine Mitverschworenen, der Prätor +Lentulus+, +Cethegus+, +Gabinius+ u. a., lassen sich mit den Gesandten der Allobreger (in der provincia Narbonensis) in Verhandlungen ein; diese werden bei der Abreise von Rom angehalten; auf Grund der bei ihnen gefundenen schriftlichen Beweise wird am 5. Dez. im Senat über die Verschworenen Gericht gehalten. Der Senat beschließt trotz +Cäsars+ Gegenrede, durch +Cicero+ (vierte Catilinarische Rede) und +M. Porcius Cato+ (Urenkel des M. Porcius Cato Censorius) bestimmt, die fünf Verhafteten hinrichten zu lassen; das Urteil wird am Abend des 5. Dez. im Tullinanum vollzogen. Cicero vom Volke als +pater patriae+ begrüßt.
Mit der Kriegführung gegen das Catilinarische Heer wird der Konsul +C. Antonius+ beauftragt. Dessen Legat +M. Petreius+ schlägt den Catilina bei ~Pistoria~ (~62~). Catilina und 3000 seiner Anhänger fallen.
[61.]
~Cäsar~ gewinnt seinen ersten Kriegsruhm als Proprätor in der Provinz +Hispania ulterior+, verzichtet aber nach seiner Rückkehr (60) auf den Triumph, um als Bewerber um das Konsulat auftreten zu können.
Die Weigerung des Senats, die von ~Pompeius~ beantragte Ackerverteilung an seine Veteranen zu bewilligen und seine in Asien getroffenen Anordnungen zu bestätigen, führt einen vollständigen Bruch zwischen Pompeius und den Optimaten herbei. Die drei mächtigsten Männer Roms verbinden sich zu gegenseitiger Unterstützung:
[~60~.]
~Das erste Triumvirat~, +Pompeius+, +Cäsar+ und +Crassus+.
[~59~.]
~Cäsar Konsul~, bringt die von Pompeius gewünschten Anträge an die Komitien: sie werden trotz des Widerstandes, den der andere Konsul +M. Calpurnius Bibulus+ leistet, vom Volke angenommen. Die Freundschaft zwischen ~Cäsar~ und ~Pompeius~ wird durch Vermählung des lezteren mit Cäsars Tochter +Julia+ befestigt.
Auf Antrag des Tribunen P. Vatinius erhält Cäsar durch Volksbeschluß die Statthalterschaft von +Gallia cisalpina+ und +Illyricum auf 5 Jahre+; auf Pompeius’ Antrag fügt der bestürzte Senat noch ~Gallia Narbonensis~ (S. 101) hinzu. Die Ausführung des Ackergesetzes wird einer Kommission übertragen, an deren Spitze +Pompeius+ und +Crassus+ stehen. Ehe Cäsar in seine Provinzen abgeht, wird
[58.]
~Catos~ und ~Ciceros~ Entfernung aus Rom auf Cäsars Betreiben durchgesetzt von dem durch Adoption aus einem Patrizier zum Plebejer gemachten Volkstribunen ~P. Clodius~, Nachkommen des App. Claudius Caecus. Cato wird durch Volksbeschluß beauftragt, die den Römern durch Testament des Königs von Ägypten zugewiesene Insel +Cypern+ zu übernehmen. +Cicero+ wird +geächtet+, weil er römische Bürger ohne gerichtliches Urteil habe hinrichten lassen; er geht nach Thessalonike in Makedonien.
[~58–51.~]
~Eroberung Galliens durch Cäsar.~
Gallien bewohnt von +keltischen+ Stämmen, die sich zu Gauverbänden vereinigt haben (im N. die +Belger+, im S. die +Aquitaner+, in der Mitte die +Äduer+, +Arverner+, +Sequaner+ mit ihren Genossen). Zur Ausgleichung der Streitigkeiten jährliche Landtage im Gebiet der +Carnuten+ unter Leitung der Priester (+Druiden+). Die Arverner und Sequaner aber haben im Streit mit den Äduern +germanische+ Stämme, +Sueben+ unter dem König +Ariovist+, herbeigerufen und ihnen Land abtreten müssen. Cäsar schützt, indem er zunächst für die Sicherheit der römischen Provinz sorgt, die Gallier in ihren Wohnsitzen.
[58.]
Cäsar siegt über die in Gallien einbrechenden ~Helvetier~ bei +Bibracte+ (unweit Autun), dann über den Germanenfürsten ~Ariovist~ nordöstlich von +Vesontio+ (Besançon), in der Gegend von +Mülhausen+ im Elsaß.
[57.]
Unterwerfung der meisten +belgischen+ Volksstämme nach einem schwer errungenen Siege über die +Nervier+ am Flusse +Sabis+ (Sambre). Im Süden vergeblicher Versuch, durch Besetzung von +Octodurus+ (Martigny in Wallis) den Alpenübergang über den Paß des +Großen St. Bernhard+ zu sichern.
[56.]
Unterwerfung der Seestaaten, namentlich der +Venĕter+, in +Arĕmorĭca+ (Bretagne und Normandie) durch schwere Kämpfe Cäsars zu Lande und zur See. Im Süden unterwirft der Legat +P. Crassus+, Sohn des Triumvirs, die +Aquitaner+.
[55.]
Cäsar treibt die germanischen Stämme der +Usipĕter+ und +Tenktĕrer+ über den Rhein zurück. Übergang über den Strom auf einer Pfahlbrücke (in der Gegend von Neuwied). Rückkehr nach 18tägigem Verweilen auf dem rechten Ufer.
Erste Überfahrt nach +Britannien+ mit 2 Legionen, Landung nordöstlich von +Dover+, doch baldige Rückkehr. Cäsars Legaten unterwerfen die nördlichsten gallischen Küstenvölker, die +Morĭner+ und +Menapier+.
[54.]
Zweite Überfahrt nach +Britannien+ mit 5 Legionen. Der Äduer +Dumnorix+, der die Mitfahrt verweigert, wird getötet. Cäsar landet, dringt in das Innere vor, überschreitet die Themse, kämpft glücklich gegen die britischen Kelten unter +Cassivellaunus+. Unterdessen Angriff auf sein Schiffslager; er kehrt zurück, nachdem Cassivellaunus sich unterworfen und Geiseln gestellt hat.
Im Winter Aufstand mehrerer gallischer Völkerschaften, veranlaßt von dem Trevĕrer +Indutiomārus+. Die +Eburonen+ unter Ambiorix vernichten 15 römische Kohorten (unter +Sabinus+ und +Cotta+) bei Aduatŭca und bestürmen mit den Nerviern das Winterlager des Legaten +Q. Tullius Cicero+ (Bruder des Redners), der tapfer standhält und von Cäsar befreit wird. Indutiomārus fällt bei einem Angriff auf das Winterlager des +T. Labienus+.
[53.]
Labienus unterwirft die Trevĕrer, Cäsar überschreitet zum zweiten Male den +Rhein+, um die Sueben abzuwehren. Nach der Rückkehr Strafgericht über die Eburonen.
[52.]
Allgemeiner Aufstand der Gallier unter dem Arverner ~Vercingetŏrix~. Cäsar erobert +Cenăbum+ (Orléans) und +Avarĭcum+ (Bourges), entsendet den Legaten T. Labienus zur Besetzung von +Lutetia Parisiorum+ (Paris), belagert aber vergeblich +Gergovia+ (in der Nähe von Clermont in der Auvergne). Aufstand der bisher ihm treu ergebenen +Äduer+. Cäsar vereinigt sich wieder mit Labienus, schließt Vercingetorix in +Alesia+ (Alise Sainte-Reine nordwestlich von Dijon) ein. Harter Kampf gegen ein großes, aus allen Teilen Galliens zusammengebrachtes Entsatzheer, welches zurückgeschlagen wird. Vercingetorix muß sich ergeben (6 Jahre später in Rom hingerichtet). Bestrafung der Aufständischen.
[51.]
Vollendung der Unterwerfung des transalpinischen Galliens, welches Cäsar mit 10 über das ganze Land verteilten Legionen im Gehorsam erhält.
~Ergebnisse und weltgeschichtliche Bedeutung der achtjährigen Kämpfe Cäsars:~ 1. Das römische Reich wird durch die Unterwerfung des großen +Kelten+landes erweitert und gegen Angriffe der nordischen Völker gesichert. 2. Die Ausbreitung des römischen Handels (Massilia) und der griechisch-römischen Kultur über West- und Mitteleuropa wird durch Erschließung +Galliens, Britanniens+ und +Germaniens+ wesentlich gefördert. 3. Cäsar gewinnt ein ihm ergebenes, kriegsgeübtes Heer, um die notwendig gewordene Umgestaltung der römischen Republik in eine Monarchie durchzuführen.
Während diese großartigen Erfolge Cäsars den alten Kriegsruhm des Pompeius in Schatten stellen, bemüht sich dieser vergebens, in Rom die von +P. Clodius+ erregten Unruhen der Volkspartei zu unterdrücken. Doch wird im J. 57 die Zurückberufung Ciceros durchgesetzt, und die beiden Tribunen +T. Annius Milo+ und +P. Sestius+ treten mit bewaffneten Anhängern den Scharen des in Cäsars Diensten stehenden Clodius entgegen.
[~56.~]
~Erneuerung des Triumvirats zu Lucca~ (in Etrurien). Cäsar, Pompeius und Crassus vereinigen sich dort mit ihren Anhängern (über 200 Senatoren). Infolge der getroffenen Verabredungen werden für das J. 55 mit Anwendung von Gewalt als Konsuln durchgesetzt ~Pompeius~ und ~Crassus~. Durch Volksbeschluß erhält dann auf 5 Jahre Pompeius die Statthalterschaft +beider Spanien+, Crassus die von +Syrien+, während Cäsars Oberbefehl in +Gallien+ auf +weitere 5 Jahre verlängert+ wird. Die Optimaten müssen sich diesen Beschlüssen fügen.
[53.]
~Crassus~ unternimmt einen Kriegszug gegen die +Parther+ (S. 65), wird aber bei ~Carrhae~ in Mesopotamien von ihnen geschlagen und bald darauf bei einer Verhandlung getötet. Sein Heer nahezu aufgerieben, römische Feldzeichen von den Parthern erbeutet (S. 123).
Pompeius bleibt in Rom, erbaut dort das erste steinerne Theater, veranstaltet glänzende Spiele, läßt seine spanischen Provinzen durch Legaten verwalten.
[52.]
+Clodius getötet+ bei einem Zusammenstoß mit der Bande des +Milo+ auf der Via Appia. Aufstand in Rom bei der Leichenfeier für Clodius, die +Curia Hostilia+ in Brand gesteckt. ~Pompeius~, zum alleinigen Konsul erwählt (+consul sine collega+), stellt die Ruhe wieder her. Auf Grund der von ihm beantragten Gesetze +de ambitu+ und +de vi+ wird Milo trotz Ciceros Verteidigungsrede verurteilt und geht in die Verbannung. +Cicero+ als Prokonsul Statthalter von Cilicien (51–50) und damit wieder aus Rom entfernt.
Pompeius, seit dem Tode der Julia (54) dem Cäsar entfremdet, heiratet die Tochter des Optimaten +Q. Metellus Scipio+, der für die letzten 5 Monate des Jahres 52 sein Mitkonsul wird. Er läßt sich die Statthalterschaft in Spanien auf 5 Jahre erneuern.
Verhandlungen im Senat (51–50) über die durch widersprechende Bestimmungen unlösbar verwickelte Frage, ob Cäsar seine Statthalterschaft am 1. +März+ 49 oder erst +Ende+ 49 niederzulegen habe. Cäsars Gegner bestehen, um ihn zu stürzen, auf dem früheren Termin, wollen auch einen Volksbeschluß, der ihm gestattete, sich abwesend um das Konsulat (für das Jahr 48) zu bewerben, nicht anerkennen. Cäsar fügt sich dem Verlangen, daß er zwei Legionen (darunter eine früher von Pompeius entliehene) zum Partherkrieg abgebe, läßt aber durch den ihm gleich Clodius ergebenen Volkstribunen +C. Scribonius Curio+ die Forderung stellen, daß er und Pompeius gleichzeitig am 1. März 49 den Oberbefehl niederlegen sollen.
[vor Chr ~49–46.~]
~Bürgerkrieg zwischen Cäsar und den Optimaten.~
[49. (1. Jan.)]
Der Senat erklärt nach Abweisung wiederholter Vermittelungsvorschläge Cäsar für einen Reichsfeind (+hostis+), wenn er nicht innerhalb einer bestimmten kurzen Frist seine Provinzen an die ernannten Nachfolger übergebe und sein Heer entlasse. Ein zweiter Senatsbeschluß (7. Jan.) gibt den Konsuln und Prokonsuln Vollmacht zu außerordentlichen Maßregeln (S. 99). Die Cäsar ergebenen Volkstribunen fliehen zu ihm nach +Ravenna+.
Cäsar geht mit +einer+ Legion über den Bach ~Rubico~, die Grenzscheide zwischen seiner Provinz und Italien, und beginnt damit den Bürgerkrieg.
Große Bestürzung in Rom. Pompeius, dessen Rüstungen erst begonnen haben, entweicht mit den Konsuln und einem Teile des Senats (darunter Cicero) nach +Capua+, dann nach +Brundisium+ (Staatskasse in Rom zurückgelassen). Cäsar zieht durch Umbrien und Picenum, zwingt, durch 2 nachgekommene und 3 neugebildete Legionen verstärkt, den +L. Domitius+ in +Corfinium+ zur Übergabe und rückt vor +Brundisium+. Pompeius entkommt mit der Flotte nach +Dyrrhachium+. Cäsar ordnet den Bau neuer Schiffe an und wendet sich zunächst nach +Rom+; dort beschwichtigt er die Besorgnis vor Wiederkehr der Greuel des ersten Bürgerkrieges. Großmütiges Verfahren gegen seine Feinde.
[Sidenote:49.]
Cäsar geht auf dem Landwege nach Spanien zur Bekämpfung der Legaten des Pompeius: ein Teil seines Heeres belagert +Massilia+. Die Legaten +L. Afranius+ und +M. Petreius+ werden bei +Ilerda+, nördlich vom Ebro, zur Übergabe gezwungen, ihr Heer wird aufgelöst.
+M. Terentius Varro+, der in +Hispania ulterior+ den Oberbefehl führt, zieht sich nach +Gades+ zurück und ergibt sich ohne Kampf, da die meisten Städte der Provinz sich für Cäsar erklären. Als dieser nach Italien zurückmarschiert, unterwirft sich ihm die ausgehungerte und mit Erstürmung bedrohte Stadt +Massilia+. Während dieser Zeit hat sein Legat +C. Scribonius Curio+ Sicilien unterworfen. Derselbe setzt nach Afrika über, siegt erst bei +Utĭca+, wird aber von +Iuba+, König von Numidien, der sich für Pompeius erklärt hatte, am +Bagradasfluß+ geschlagen und fällt.
Cäsar wird (abwesend) in Rom von dem Prätor +M. Aemilius Lepidus+ zum +Dictator+ ernannt, legt aber die Dictatur nach 11 Tagen nieder, nachdem er für das Jahr
[~48.~]
zum Konsul erwählt ist (zusammen mit +P. Servilius Isauricus+), während der nach dem Osten geflüchtete Teil des Senats (in +Thessalonike+) dem Pompeius und allen Beamten des letzten Jahres die Amtsgewalt verlängert.
Landung Cäsars an der Küste von Epirus; er rückt nach +Illyrien+ vor und nimmt die Städte Oricum und Apollonia ein. Sein Legat +M. Antonius+ kann erst nach einigen Monaten mit dem anderen Teil des Heeres folgen, da die pompejanische Flotte das Meer beherrscht. Cäsar schließt das Heer des Pompeius bei ~Dyrrhachium~ ein, aber seine Verschanzungen werden durchbrochen. ~Cäsar, geschlagen~ und zum Rückzug gezwungen, geht nach +Thessalien+, wohin ihm Pompeius folgt. +Cato+ und +Cicero+ bleiben in Dyrrhachium zurück. In der thessalischen Ebene kommt es zur
[~48.~ (9. Aug.)]
~Schlacht bei Pharsālus.~
Cäsar schlägt mit etwa 22000 Mann das mehr als doppelt so starke Heer des Pompeius und zersprengt es vollständig. 20000 Pompejaner strecken die Waffen, Pompeius flieht nach der Küste, geht zu Schiff über +Lesbos+ nach +Ägypten+. Dort wird er bei der Landung auf Befehl des Ministers des jungen Königs Ptolemäus XII. ermordet. Cäsar landet mit 4000 Mann in Alexandria.
In Rom wird dem Sieger Cäsar die ~Dictatur~ auf unbestimmte Zeit (wie früher Sulla, S. 106), das ~Konsulat~ auf 5 Jahre, die ~tribunicische Gewalt~ auf Lebenszeit übertragen. Er nimmt das Konsulat erst wieder für das Jahr 46 an und sendet den +M. Antonius+ als seinen Stellvertreter (magister equitum) nach Rom.
[~48–47.~]
~Alexandrinischer Krieg.~
Aufstand der Einwohner von Alexandrīa, unterstützt durch das seit Zurückführung des Königs +Ptolemäus Aulētes+ (55) dort befindliche römische Besatzungsheer. Cäsar, in der Königsburg belagert, gerät in die größte Gefahr, aus der ihn nur seine Verwegenheit rettet. Er läßt die ägyptische Flotte in Brand stecken, wobei ein Teil der Stadt in Feuer aufgeht, auch die berühmte alexandrinische Bibliothek (s. S. 65). Er verläßt die Stadt, nachdem er sich den Besitz der den Hafen beherrschenden Leuchtturminsel Pharos gesichert hat, und schlägt mit Hilfe eines aus Asien herbeigekommenen Entsatzheeres das ägyptische Heer am Nil. Der junge König +Ptolemäus+ ertrinkt auf der Flucht. Die Regierung wird, +unter römischer Oberhoheit+, seiner Schwester +Kleopatra+ und ihrem jüngsten Bruder übergeben, in Alexandrīa bleibt eine römische Besatzung. Cäsar geht nach Kleinasien und beendet in einem +fünftägigen+ Feldzug (+veni, vidi, vici+) den
[~47.~]
~Krieg gegen Pharnăces~,
Sohn des Mithradates (s. S. 109), welcher +Pontus+, +Klein-Armenien+ und +Kappadokien+ besetzt hatte. Cäsar besiegt ihn bei +Zela+ und zwingt ihn zur Rückkehr in sein bosporanisches Reich, wo er bald umkommt. Ordnung der asiatischen Verhältnisse. +Deiotărus+ (S. 109), der bei Pharsalus gegen Cäsar gefochten hatte, verliert den größten Teil seiner Herrschaft.
Rückkehr Cäsars nach Rom. +Cicero+, von ihm begnadigt und ehrenvoll behandelt, zieht sich auf sein Tusculanum zurück, bleibt aber sein Gegner. Nach Beschwichtigung eines Aufstandes der in Campanien stehenden Legionen unternimmt Cäsar den
[~46.~]
~Krieg in Afrika~
gegen die Pompejaner (+Cn.+ und +Sextus Pompeius+, +Q. Metellus Scipio+, +Cato+, +Labienus+, +Petreius+, König +Iuba+). Er landet bei Hadrumētum, gerät in Gefahr, da der größte Teil der Truppen infolge eines Sturmes erst später eintrifft, führt dann den Krieg mit Vorsicht gegen die an Zahl überlegenen Feinde, siegt endlich in der blutigen ~Schlacht bei Thapsus~. +Cato+ tötet sich in +Utĭca+, um den Untergang der Republik nicht zu überleben, daher »Uticensis« genannt. Labienus und Sextus Pompeius entkommen nach Spanien. -- Ein Teil +Numidiens+ wird von Cäsar mit der Provinz Afrika vereinigt, der andere an König +Bocchus+ von Ost-Mauretanien gegeben.
Rückkehr Cäsars nach Rom, wo er ~vier~ Triumphe feiert (+Gallien+, +Ägypten+, +Pharnăces+, +Afrika+). Bewirtung des Volkes an 22000 Tischen, prächtige Festspiele, Geld- und Getreidespenden. Cäsars +Dictatur+ wird zunächst auf 10 Jahre, später auf Lebenszeit (dictator perpetuus) verlängert. Er beginnt die ~Neuordnung des zerrütteten Staatswesens~: Census der Bürgerschaft; Beschränkung der Zahl derer, welche regelmäßig Getreidespenden empfangen, auf 150000; Bestimmungen über die Verfassung der Bürgerstädte (lex Iulia municipalis); Herstellung des Senats; Ackerverteilung an die Veteranen. ~Verbesserung des Kalenders~ mit Hilfe des alexandrinischen Astronomen +Sosigĕnes+. Das Jahr 46 wird durch Einschaltung um 67 Tage verlängert; an Stelle des bisher üblichen Mondjahres mit Schaltmonaten tritt das Sonnenjahr von 365¼ Tagen (alle 4 Jahre ein Schaltjahr).
Nochmals erheben sich in ~Spanien~ die Söhne des Pompeius und Cäsars früherer Legat Labienus; Cäsar siegt nach hartnäckigem Widerstande in der
[~45.~]
~Schlacht bei Munda~ (in der südlichen Provinz, zwischen Cordŭba und Gades), setzt dann in Rom als ~Dictator~ und ~Imperator~ (letzterer Titel früher nur zeitweise von siegreichen Feldherren bis zum Tage des Triumphes geführt) sein großartiges Reformwerk fort. Die alten Formen der republikanischen Verfassung behält er bei, in der Tat aber waltet Cäsar als Alleinherrscher. Als +Pontifex maximus+ hat er die Oberaufsicht über das Religionswesen, als Inhaber der +tribunicia potestas+ das Vorschlagsrecht bei der Gesetzgebung und das Ansehen eines unverletzlichen Vertreters und Beschützers des Volkes. Den +Komitien+ bleibt die Bestätigung der Gesetze als ein nur formelles Recht; ihr Wahlrecht wird durch das Vorschlagsrecht des Dictators sehr beschränkt. Der +Senat+, auf 900 Mitglieder vermehrt, wird wieder, wie zur Königszeit, zu einem nur beratenden Reichsrat. Die oberste +Gerichtsgewalt+ steht, ebenfalls wie in der Königszeit, dem Alleinherrscher zu (Prozesse des +Ligarius+ und +Deiotărus+, bei welchen Cicero als Anwalt auftritt).
Großartige Bauten in Rom (Basilica Iulia an der Südseite des Forums; die Nordseite wird erweitert durch das Forum Iulium mit dem Tempel der Venus Genetrix). Gründung einer öffentlichen Bibliothek. Neue Provinzialordnung zum Schutz der Provinzen gegen die Willkür der Statthalter; Gründung von Kolonien in den Provinzen, +Karthago+ und +Korinth+ hergestellt. Luxusgesetze, Kriminalgesetzgebung.
Durch weitgehende Ehrenbeschlüsse (Bildsäulen von ihm in allen Tempeln, seine Statue neben denen der sieben Könige, Münzen mit seinem Bildnis (S. 74, Anm.), Feier seines Geburtstages am 12. des Monats Quinctilis, der nun +Iulius+ genannt wurde, alle fünf Jahre Spiele ihm zu Ehren u. a.) wird Cäsars Alleinherrschaft beim Volke unbeliebt. Das von +M. Antonius+ am Lupercalienfeste (15 Februar 44) ihm öffentlich angebotene Königsdiadem weist er zurück. Während der Vorbereitungen zu einem Rachekrieg gegen die +Parther+ (S. 113), welcher die Ostgrenze des Reichs sichern soll, bildet sich unter den Senatoren eine Verschwörung (+C. Cassius Longinus+, +M. Iunius Brutus+, +C. Trebonius+, +Decimus Brutus+, +L. Tillius Cimber+, +P. Servilius Casca+ u. a.).
[~44.~ (15. März.)]
~Ermordung Cäsars in der Senats-Sitzung~,
die an jenem Tage zufällig in der an das Theater des Pompeius anstoßenden +Curia Pompeia+ gehalten wurde. Cäsar fällt, von 23 Stichen durchbohrt, an der Bildsäule des Pompeius nieder.
§ 9. Untergang der Republik.
Für kurze Zeit übernimmt der Senat wieder die Staatsleitung. Er verfügt zugleich die Aufrechterhaltung der Gesetze Cäsars und Straflosigkeit (Amnestie) für dessen Mörder. Allein das Volk der Hauptstadt, aufgeregt durch die +Leichenrede des Consuls M. Antonius+, verübt Gewalttaten gegen die Verschworenen. Die Häupter der Verschwörung verlassen Rom, um in die ihnen (noch von Cäsar selbst) angewiesenen Provinzen zu gehen: ~M. Brutus~ nach +Makedonien+, ~Cassius~ nach +Syrien+, ~Decimus Brutus~ nach +Gallia cisalpina+.
In Rom maßt sich ~M. Antonius~ (Konsul mit +P. Cornelius Dolabella+) im Besitz der testamentarischen Bestimmungen Cäsars, unter dem Vorwande, den letzten Willen des Dictators auszuführen, eine unumschränkte Gewalt an, ändert die Verteilung der Provinzen, läßt sich namentlich die Provinz +Gallia cisalpina+ durch Volksbeschluß zuerteilen. Dagegen tritt der 19jähr. ~C. Octavius~ (geb. 63), der Großneffe und Adoptivsohn Cäsars, daher fortan ~C. Julius Cäsar Octavianus~ genannt, in Verbindung mit dem Senat. Bei den Soldaten beliebt, sammelt er zahlreiche Veteranen Cäsars um sich und bestimmt 2 Legionen des Antonius, sich unter seinen Befehl zu stellen. Durch die einander entgegengesetzten Bestrebungen der Machthaber wird das römische Reich in +neue Bürgerkriege+ gestürzt.
[44–43.]
Gegen Antonius, der den Decimus Brutus in +Mutĭna+ belagert und ihm seine Provinz entreißen will, werden auf Betreiben +Ciceros+ (die +Philippischen+ Reden) die beiden Konsuln Hirtius und Pansa ausgesandt, mit ihnen der junge ~Octavian~ als Proprätor (+Mutinensischer Krieg+). Beide Konsuln fallen; Dec. Brutus verfolgt den besiegten Antonius nach Gallia transalpina. Octavian aber führt das ganze Heer nach Rom, erzwingt vom Senat seine Erwählung zum Konsul, Widerruf der Amnestie für die Verschworenen und ihre Verurteilung. Hierauf zieht er zum Schein gegen +Antonius+, mit dem er schon geheime Unterhandlungen angeknüpft hatte. Auf einer Zusammenkunft bei +Bononia+ wird das
[~43.~ (Nov.)]
~zweite Triumvirat~
geschlossen zwischen ~Antonius~, ~Octavian~ und ~M. Ämilius Lepidus~ (Statthalter in Gallia Narbonensis). Die drei Machthaber (+tresviri reipublicae constituendae+) lassen ihre angemaßte Gewalt von den Komitien auf 5 Jahre bestätigen und beginnen ihre Herrschaft mit grausamen ~Proskriptionen~: 130 Senatoren und 2000 Männer vom Ritterstande werden geächtet und größtenteils getötet (u. a. +Cicero+ und sein Bruder +Quintus+, S. 112), ihr Vermögen eingezogen. Darauf
[~43–42.~]
~Krieg gegen die republikanische Partei.~
+Antonius+ und +Octavianus+ ziehen gegen +M. Brutus+ und +C. Cassius+, welche in Makedonien und Syrien eine bedeutende Kriegsmacht gesammelt hatten. In der (+ersten+)
[~42.~]
~Schlacht bei Philippi~
in Thrakien besiegt +Antonius+, welcher den rechten Flügel befehligt, den linken Flügel des republikanischen Heeres unter ~Cassius~, während +Octavian+ vor den Truppen des ~Brutus~ zurückweichen muß. Auf die falsche Nachricht von einer Niederlage des Brutus läßt sich ~Cassius~ durch einen Sklaven töten. ~Brutus~, 20 Tage später in einer +zweiten Schlacht+ von +Antonius+ geschlagen, tötet sich selbst.
~Antonius~ brandschatzt die Provinzen +Asien+ und +Syrien+ und folgt dann der Königin ~Kleopatra~ (S. 116), die er nach +Tarsus+ vorgefordert hatte, nach +Ägypten+. Währenddessen nimmt ~Octavian~ in Italien die den Veteranen versprochenen Ackerverteilungen vor; +L. Antonius+, Bruder des Triumvir, der ihm dabei entgegentritt, wird in +Perusia+ belagert und muß sich ergeben. +M. Antonius+ landet mit einem Heere bei Brundisium; es kommt in Brundisium zu einem Vergleich, nach welchem die Verwaltung des Reiches so geteilt wird, daß
[40.]
~Octavian~ den +Westen+, ~Antonius~ den +Osten+ (Grenzlinie geht durch Illyrien), ~Lepidus~ +Afrika+ erhält. +Sextus Pompeius+, der sich von Sicilien aus eine Seeherrschaft über die italischen Inseln gegründet hatte (sein Bruder Cn. bei Munda †), wird (36) von +M. Vipsanius Agrippa+, dem Unterfeldherrn Octavians, bei +Mylae+ besiegt. +Lepidus+, der nun auf Sicilien Anspruch erhebt, verliert nach einem kurzen Feldzuge auch Afrika an Octavian, ihm bleibt nur die Würde eines Pontifex maximus.
+Octavian+ sorgt für friedliche Verwaltung Italiens, bekämpft aber auch, um Norditalien zu sichern, die Dalmatier und Pannonier, erobert 35 die Stadt Siscia an der Save.
+Antonius+, mit Octavians Schwester +Octavia+ vermählt, unternimmt 38 und 37 wenig erfolgreiche Züge gegen die +Parther+, schwelgt dann in Ägypten am Hofe der +Kleopatra+, zieht 34 gegen +Armenien+ und führt den König Artavasdes als Gefangenen in Alexandria im Triumph auf, verschenkt endlich römische Provinzen an seine Kinder mit der Kleopatra und schickt der Octavia den Scheidebrief. Octavian läßt in Rom durch Volksbeschluß dem Antonius den Oberbefehl entziehen und an Kleopatra den Krieg erklären.
[~31–30.~]
~Krieg zwischen Octavian und Antonius.~
Während Antonius und Kleopatra lange in +Ephĕsos, Samos, Athen+ und +Patrae+ (in Achaja) verweilen, vollendet Octavian seine Rüstungen und setzt das Landheer nach Epirus über; seine 250 Schiffe starke, von +Agrippa+ geführte Flotte besiegt die an Zahl der Schiffe überlegene Flotte des Antonius und der Kleopatra in der
[~31.~ (2. Sept.)]
~Seeschlacht bei Actium.~
Kleopatra flieht mit ihren Schiffen, ehe die Schlacht entschieden ist; Antonius folgt ihr. Sein Landheer ergibt sich nach 7 Tagen dem Octavian ohne Kampf.
[30.]
Octavian geht nach Asien, wo er sein 4. Konsulat antritt, kehrt zur Beschwichtigung einer Meuterei der Veteranen auf kurze Zeit nach Italien zurück, begabt sich dann wieder zu seinem Heere und führt es durch +Syrien+ nach +Ägypten+. Antonius, von seinen Truppen verlassen, tötet sich auf die falsche Nachricht vom Tode der Kleopatra. Diese tötet sich bald darauf durch Gift, als sie sieht, daß Octavian sie nur schont, um sie in Rom im Triumph aufzuführen. Octavian macht ~Ägypten zur römischen Provinz,~ ordnet dann die Verhältnisse in Vorderasien und kehrt 29 im Monat Sextilis (nachher ihm zu Ehren +Augustus+ genannt) nach Rom zurück. Dreitägiger Triumph, der Janustempel geschlossen (vgl. S. 72).
~Alleinherrschaft Octavians,~ in der von ~Cäsar~ begründeten Weise, jedoch so, daß die +Dictatur+ ersetzt wird durch das von ihm anfangs ständig bekleidete +Konsulat+, dann durch das +allgemeine prokonsularische Imperium+. Das römische Reich, nach Beendigung der Bürgerkriege im Frieden aufblühend, schützt noch mehrere Jahrhunderte lang unter der Herrschaft der Kaiser die Kulturvölker des Altertums gegen die Angriffe der Barbaren.
§ 10. Kunst und Literatur bei den Römern.
Die Anfänge nationaler Baukunst und Dichtung bei Etruskern und Latinern entwickeln sich erst durch die Bekanntschaft mit griechischer Kultur zu höherer Blüte. Griechischer Baustil erscheint in den Tempeln und Säulenhallen, mit welchen Rom sich schmückte, als es zur Großstadt heranwuchs. Griechische Statuen wurden nach Eroberung griechischer Städte (Tarent 272, Syrakus 212, Korinth 146) zahlreich nach Rom gebracht; seit 146 arbeiteten viele griechische Künstler in Rom. Drei griechische Philosophen (+Karneades, Diogenes, Kritolaos+) 156 als athenische Gesandte in Rom.
Anfänge der römischen Literatur: Gottesdienstliche Lieder der +Salii+ (S. 73) und +Fratres arvales+, religiöse und geschichtliche Aufzeichnungen der Priester (libri pontificum, fasti consulares und triumphales), Erklärungen der Zwölf-Tafelgesetze (S. 78 f). Volkstümliche Bühnendarstellungen werden zuerst 364 erwähnt als Bestandteil der Festspiele (ludi scaenici). Griechische Tragödien und Komödien in lateinischer Bearbeitung brachte +Livius Andronīcus+, ein Grieche aus Tarent, seit 240 in Rom zur Aufführung, nach ihm +Cn. Naevius+ aus Campanien, der auch nationale Stoffe dramatisch darstellte (+fabulae praetextae+) und den ersten Punischen Krieg in einem Epos (in saturnischen Versen) besang; ferner +Q. Ennius+ aus Rudiä in Calabrien († 169), der ebenfalls in einem Epos in Hexametern (+Annales+) die Geschichte Roms bis auf seine Zeit darstellte, befreundet mit Scipio Africanus maior. Erhalten sind die Bearbeitungen griechischer Komödien von +T. Maccius Plautus+ († 184) und +P. Terentius+ († 159).
Die ältesten römischen Geschichtschreiber (Annalisten) schrieben griechisch. Als erster Schriftsteller in lateinischer Prosa ist +M. Porcius Cato+ († 149, +Origines+, +de re rustica+, Reden) zu nennen. Besonders gepflegt wurde die Rechtsgelehrsamkeit (Sex. Aelius Catus, Konsul 198, +Q. Mucius Scaevola augur+, Konsul 117, Lehrer Ciceros) und die Beredsamkeit (+C. Gracchus+ † 121, +L. Licinius Crassus+ † 91, +M. Antonius+ † 87, +Q. Hortensius+ † 50). Die nationalen Altertümer erforschte +M. Terentius Varro+ (116–27, de lingua Latina, antiquitates rerum humanarum et divinarum). Als Geschichtschreiber ragen hervor +C. Iulius Cäsar+ († 44) und +C. Sallustius Crispus+ († 34). Den Reichtum und die Schönheit der lateinischen Sprache entfaltet besonders +M. Tullius Cicero+ († 43) als Redner und philosophischer Schriftsteller (Tusculanae disputationes, de officiis u. a.). Als Dichter sind in Ciceros Zeit zu nennen +T. Lucretius Carus+ († 55), Verfasser eines philosophischen Lehrgedichts +de rerum natura+, und der Lyriker +C. Valerius Catullus+ († 54).
§ 11. Kaiserzeit bis zum Untergang des weströmischen Reiches.
(Von ~31 vor~ Chr. bis ~476 nach~ Chr.)
[vor nach Chr. ~31–68.~]
~Das Julisch-claudische Herrscherhaus.~
[~31–14.~]
~Cäsar Octavianus Augustus.~
Der Beiname +Augustus+ (der +Erlauchte+, +Erhabene+), den ihm (27 vor Chr.) der Senat erteilte, ist auf seine Nachfolger übergegangen und ebenso wie +Princeps+, +Cäsar+, +Imperator+, zum Titel der römischen Herrscher geworden.[28]
Augustus beschränkt den Senat auf 600 Mitglieder und knüpft die Senatorwürde an einen hohen Census (1 Million Sest. = etwa 180000 M.). Das +Konsulat+ bleibt bestehen, wird anfangs von Augustus ständig, später von ihm und seinen Nachfolgern noch bisweilen bekleidet, gilt aber nur als Ehrenamt und wird in seiner Dauer verkürzt, zuletzt in der Regel auf 2 Monate. Auch die andern republikanischen Ämter bleiben, doch mit beschränktem Geschäftskreis; die +Censur+ wird von den Kaisern übernommen, wie sie schon Cäsar unter dem Titel Praefectus morum ausgeübt hatte. Dem Senat bleibt ein gewisser Anteil an der Herrschergewalt.
Die kaiserliche Herrschaft beruht auf dem Heerbefehl, der tribunicischen Gewalt und der obersten Gerichtsgewalt. Seit dem Tode des Lepidus (13) war Augustus auch Pontifex maximus. Einflußreiche kaiserliche Beamte sind der +Praefectus urbi+ (Polizeipräsident) und die beiden +Praefecti praetorio+ (Befehlshaber der aus 9 Kohorten bestehenden kaiserlichen Garde). Einteilung Roms in 14, Italiens in 11 +regiones+. Einrichtung einer +Reichspost (cursus publicus)+ für die von Staats wegen reisenden Beamten. Schutz der Provinzen gegen die Übergriffe der Beamten. Fürsorge für die Armen. Ansiedelung unbemittelter Bürger in Kolonien.
[27.]
Neue +Einteilung der Provinzen+ in senatorische, d. h. völlig beruhigte, welche ohne Kriegsheer von Prokonsuln und Proprätoren verwaltet werden können und vom Senat verliehen werden (+Africa, Asia, Achaja, Illyricum, Macedonia, Sicilia, Creta+ und +Cyrenaica, Bithynia, Sardinia, Hispania Baetica+), und in +kaiserliche+, die Augustus durch Legaten an der Spitze von Legionen verwalten läßt und daher selber verteilt: +(Hispania Tarraconensis, Lusitania+, die vier gallischen: +Narbonensis, Lugdunensis, Aquitania+ und +Belgica+ mit +Germania superior et inferior, Syria, Cilicta, Cyprus, Aegyptus+). In dieser Teilung ist später mehreres geändert worden. Alle nach 27 vor Chr. begründeten Provinzen fielen dem Kaiser zu. Zwei Staatskassen, das vom Senat verwaltete +aerarium+ (Einnahmen aus den senatorischen Provinzen) und +fiscus+ (Einnahmen aus den kaiserlichen Gütern und Provinzen). Das Heer auf 25 Legionen (etwa 250000 Mann) gebracht. Dazu eine starke Flotte in Misenum und Ravenna.
~Blütezeit der römischen Literatur.~ +C. Cilnius Maecenas+ († 8 vor Chr.), Freund des Augustus, Gönner und Beschützer der Dichter: +P. Vergilius Maro+ (70–19 vor Chr.). +Q. Horatius Flaccus+ (65–8 vor Chr.). Die Elegiker +Albius Tibullus, S. Propertius+ und +P. Ovidius Naso+ (9 nach Chr. nach +Tomi+ am Pontus Euxīnus (Constanza i. d. Dobrudscha) verbannt, † 17). Der Geschichtschreiber +T. Livius+ (59 vor Chr. bis 17 nach Chr.) gibt dem römischen Volke eine ausführliche Gesamtdarstellung seiner Geschichte. Der Architekt +Vitruvius+, die Juristen +M. Antistius Labeo+ und +C. Ateius Capito+.
~Familie des Augustus.~
~C. Julius Cäsar Octavianus Augustus,~ geb. 63 v. Chr., †14 n. Chr. Gemahlinnen: 1. Claudia. 2. Scribonia. 3. Livia, Mutter des | Tiberius u. Drusus, | Söhne v. Tiberius | Claudius Nero. ~Iulia,~ †14 n. Chr. Gem.: 1. Marcellus, 2. M. Vipsanius Agrippa. 3. Tiberius. Sohn d. Octavia. †12 v. Chr. †23 v. Chr. | | ______________________________________________________________________ Gaius Cäsar. Lucius Cäsar. Agrippina. Julia. Agrippa Postumus. †4 n. Chr. †2 n. Chr. †33 n. Chr. †28 n. Chr. †14 n. Chr.
In der ersten Hälfte der Regierung des Augustus ist sein Schwiegersohn +Agrippa+ seine Hauptstütze. Census in allen Provinzen, Vermessung des Reiches durch Agrippa, Bauten in Rom: Forum Augusti, Thermae Agrippae mit dem +Pantheon+, Tempel des Apollo, des Mars und der Venus. Wiederherstellung der verfallenen Heiligtümer und Wiederbelebung der alten Religiosität. Agrippas Söhne +Gaius Cäsar+ und +Lucius Cäsar+ werden 17 vor Chr. von Augustus adoptiert. Ihre Mutter +Iulia+ heiratet in dritter Ehe den Stiefsohn des Augustus, +Tiberius+, wird aber schließlich wegen ihrer Sittenlosigkeit verbannt. Nach dem Tode seiner beiden ältesten Enkel adoptiert Augustus den +Tiberius+ und bezeichnet ihn als Nachfolger.
[27–25.]
Augustus ordnet persönlich die Verhältnisse der +gallischen+ und +spanischen+ Provinzen. Unterwerfung der Cantabrer und Asturer. +Lugdunum+ (Lyon) Hauptstadt in Gallien, +Tarraco+ und +Corduba+ Hauptstädte in Spanien.
[22–19.]
Augustus ordnet persönlich die Verhältnisse des römischen +Asiens+. Der Partherkönig +Phraates+ gibt auf die Nachricht von seiner Ankunft in Syrien die bei der Niederlage des Crassus (S. 113) erbeuteten römischen Feldzeichen zurück. Durch +Tiberius+ wird +Tigrānes+ in sein Reich Armenien wieder eingesetzt.
Nach Rom zurückgekehrt erläßt Augustus Gesetze zur Bekämpfung des Luxus und der Ehelosigkeit (+lex Iulia sumptuaria, lex Iulia de maritandis ordinibus+).
[15.]
+Tiberius+ und +Drusus+, die Stiefsöhne des Kaisers, unterwerfen die Alpenvölker und das Gebiet zwischen den Alpen und der Donau; Einrichtung der Provinzen ~Raetia~ (Hauptort +Augusta Vindelicorum+, jetzt Augsburg) und ~Noricum~ (Kärnten und Steiermark). Schon einige Jahre früher war von Makedonien aus das untere Donaugebiet ~Mösien~ unterworfen worden.
[12–9.]
+Tiberius+ unterwirft ~Pannonien~ (das südwestliche Ungarn). Damit ist die +Donaugrenze+ des Reiches festgestellt; sie wird ebenso wie die +Rheingrenze+ durch Standlager der Legionen, aus denen später Städte geworden sind, beschützt. Standlager am Rhein: Moguntiacum (Mainz), Civitas Ubiorum (später Colonia Agrippinensis, Köln), Castra vetera (Xanten), Standlager an der Donau: Regina castra (Regensburg), Batava castra (Passau), später auch Vindobona (Wien) und Juvavum (Salzburg).
[12–9.]
+Drusus+ unternimmt vom Rhein aus vier Feldzüge in das +innere Germanien,+ das erstemal zur See, vom lacus Flevo (Zuyder-See) in die +Ems+mündung hinein, dann zu Lande die +Lippe+ aufwärts (Castell +Aliso+ bei Haltern), dann von Mainz aus gegen die Chatten, zuletzt von Mainz bis zur Elbe. Er stirbt auf dem Rückmarsch infolge eines Sturzes mit dem Pferde.
[8–7.]
+Tiberius+, sein Nachfolger im Oberbefehl, bringt einen Teil der germanischen Völkerschaften auf dem rechten Rheinufer zur Anerkennung der römischen Oberhoheit. Er zieht sich dann (6) nach +Rhodus+ zurück und kommt erst 7 Jahre später nach Verbannung seiner Gemahlin Julia wieder nach Rom.
~Christus geboren~ vier oder sechs Jahre vor dem Beginn unserer Zeitrechnung.[29]
Das Christentum, langsam sich ausbreitend im römischen Reiche, entfaltet nach dem Untergange desselben seine weltbezwingende Macht.
[nach Chr. 4–5.]
+Tiberius+, in den letzten Jahren der Regierung des Augustus schon beinahe Mitregent, durchzieht von neuem das nördliche Germanien, besiegt die +Langobarden+ an der unteren Elbe. Römische Statthalter verwalten das Gebiet zwischen Rhein und Elbe. Der unter Tiberius’ Anführung schon begonnene Angriff auf das +suebische+ Reich des +Marbod+ (in Böhmen) wird unterbrochen (6–9) durch einen gefährlichen Aufstand der illyrischen und pannonischen Völkerschaften.
[~9.~]
Drei römische Legionen unter ~P. Quinctilius Varus~ werden im ~Teutoburger Walde~ von dem Cheruskerfürsten ~Arminius~ vernichtet. Germanien bis zum Rhein befreit, +Tiberius+ aber sichert die Rheingrenze.
[14.]
Augustus stirbt in +Nola+ im 76. Lebensjahre. Eine von ihm selbst verfaßte Übersicht seiner Taten (+Res gestae divi Augusti+) ist in einer Tempelinschrift zu Ancyra (Angora) in Galatien erhalten (+monumentum Ancyranum+).
[14–37.]
~Tiberius~ (vollständig: +Tiberius Claudius Nero+), des Augustus Stief- und Adoptivsohn, geb. 42, tüchtiger Herrscher, jedoch hart und argwöhnisch. Das Recht der Beamtenwahlen und die Bestätigung der Gesetze wird von den +Komitien+ auf den +Senat+ übertragen. Die an republikanischen Erinnerungen festhaltende Aristokratie wird in strenger Abhängigkeit gehalten, besonders durch Anklagen +de maiestate+ (die auch schon zur Zeit der Republik vorkamen) bei der kleinsten Beleidigung des Fürsten; Belohnung der Angeber (+delatores+). Gute Verwaltung in den Provinzen.
[14–16.]
Drei Feldzüge des Neffen des +Tiberius, Drusus Cäsar Germanicus+, (von Köln aus) über den Rhein gegen die Germanen, der zweite und dritte mit einer Flottenfahrt in die Emsmündung verbunden. Beim zweiten wird die Stätte der Niederlage des Varus berührt; beim dritten Sieg der Römer auf dem +Campus Idisiaviso+ jenseits der +Weser+ über Arminius, aber keine Unterwerfung des Landes. Die Flotte bei der Rückkehr durch Sturm zerstreut.
[17.]
Germanicus, von Tiberius abgerufen und nach dem Orient gesandt, setzt in Armenien einen König ein, macht +Kappadokien+ zur römischen Provinz, gerät in Syrien mit dem Statthalter L. Calpurnius Piso in Streit. Sein Tod im 34. Lebensjahr (19 in Antiochia an Gift?) in Rom sehr beklagt.
In Deutschland Krieg zwischen +Armin+ und +Marbod+, letzterer aus seinem Reiche vertrieben, findet bei den Römern Aufnahme († zu Ravenna). Armin wird von seinen eigenen Verwandten, die ihn des Strebens nach der Königsherrschaft beschuldigen, 37 Jahre alt, getötet (21).
[23.]
+L. Aelius Seianus+, Befehlshaber der +Prätorianer+ (S. 122), erhebt sich zum übermächtigen Günstling des alternden Kaisers, der 27 seinen Aufenthalt dauernd auf der Insel +Capreae+ (Capri) nimmt. Sejan vergiftet +Drusus+, den einzigen Sohn des Kaisers, und bewirkt die Verbannung der +Agrippina+, Witwe des Germanicus.
[31.]
Sturz Sejans; nach ihm werden viele Senatoren als Teilnehmer an seiner Verschwörung hingerichtet. +Macro+, nunmehr Praefectus praetorio, bleibt von der Willkür des mißtrauischen Kaisers abhängig.
[~37–68.~]
~Das Claudische Herrscherhaus,~ durch Adoption mit dem Julischen verbunden:
+Tiberius+ Claudius Nero. Nero Claudius +Drusus+. †37 n. Chr. †9 v. Chr. | _____________|_________ | | | Drusus †23 +Drusus Germanicus.+ Tib. +Claudius+ Nero. n. Chr. †19 n. Chr. †54. Gem. Agrippina. | ___________|________ | | | Octavia, Britanniens. Agrippina d. j., +Caligula+. | †41. | L. Domitius (+Nero+) †68.
[~37–41.~]
~Caligula~ (+Gaius Cäsar Germanicus+),
der jüngste Sohn des Germanicus, von den Soldaten als Knabe +Caligula+ (Stiefelchen) benannt, zeigt sich bald als grausamer (+oderint, dum metuant!+), jeder Schranke spottender Despot. Schwelgerei, Selbstvergötterung, unnütze Feldzüge nach der Rheingrenze und der gallischen Küste. Nach seiner Ermordung durch die Prätorianer wird von diesen zum Imperator ausgerufen sein Oheim
[~41–54.~]
~Claudius~ (+Tiberius Claudius Nero Germanicus+),
jüngerer Bruder des Germanicus, ein wohlmeinender, aber schwacher Fürst, beherrscht von Günstlingen und von seinen Gemahlinnen: 1. der sittenlosen +Messalina+ und, nachdem er diese (48) hat töten lassen, 2. der herrschsüchtigen +Agrippina+, Tochter des Germanicus.
[43.]
Beginn der Eroberung +Britanniens+ unter dem Oberbefehl des +A. Plautius+ (dessen Legat +T. Flavius Vespasianus+); der südliche Teil wird römische Provinz.
Unter Claudius’ Regierung werden außerdem folgende Provinzen eingerichtet: in Afrika +Mauretania+, im Orient +Lycia+ und +Thracia+. +Iudaea+, von 40 vor Chr. bis 6 nach Chr. und dann wieder 41–44 nach Chr. abhängiges Königreich, wird wieder zur Provinz +Syrien+ gezogen.
+Agrippina+ überredet den Claudius, den +L. Domitius+, ihren Sohn aus früherer Ehe, zu adoptieren (bei der Adoption erhält er den Namen +Nero+) und zum Thronfolger zu ernennen an Stelle seines eigenen Sohnes +Britannicus+ (von der +Messalina+), dessen Schwester +Octavia+ zur Gemahlin Neros bestimmt wird. Als Neros Adoption den Kaiser gereut, vergiftet ihn Agrippina.
[~54–68.~]
~Nero~ (+Nero Claudius Cäsar Drusus Germanicus+),
von den Prätorianern zum Imperator ausgerufen, in den ersten Jahren geleitet von dem Praefectus praetorio +Afranius Burrus+ und seinem Lehrer +L. Annaeus Seneca+.
Er vergiftet (55) seinen Stiefbruder +Britannicus+, mit dessen Erhebung zum Imperator ihm Agrippina gedroht hatte, läßt (59) seine Mutter +Agrippina+ selbst töten, verstößt seine Gemahlin +Octavia+, die er später ebenfalls töten läßt, und heiratet +Poppaea Sabina+, die Gemahlin Othos. Ausschweifungen und Grausamkeiten; er tritt öffentlich im Wettkampf als Wagenlenker, Schauspieler und Sänger auf. Kriechende Unterwürfigkeit des Senats,
[61.]
Aufstand in Britannien, von +Suetonius Paulinus+ unterdrückt.
[58–63.]
Krieg gegen die Parther und Armenier. Nach Einnahme und Zerstörung von +Artaxăta+ bringt +Domitius Corbŭlo+ in Armenien den König +Tiridates+ zur Anerkennung der römischen Oberhoheit.
[~64.~]
Eine sechstägige und bald darauf eine nochmalige dreitägige +Feuersbrunst+ (nach unbegründetem Gerücht auf Neros Befehl angelegt) zerstört einen großen Teil der Stadt Rom. Nero beschuldigt die +Juden+ und die +Christengemeinde+ Roms der Brandstiftung und verhängt grausame Strafen über sie (+erste Christenverfolgung+). Großartige Neubauten in Rom, breitere Straßen. Der Kaiserpalast wird vom Palatin bis über den Esquilin ausgedehnt (+domus aurea+).
[65.]
Verschwörung des +C. Calpurnius Piso+ entdeckt, viele Hinrichtungen; +Seneca+ genötigt, sich selbst zu töten.
[68.]
Aufstand in Gallien (+C. Julius Vindex+) und im diesseitigen Spanien, dessen Statthalter, der 73jährige +Sulpicius Galba+, zum Imperator ausgerufen wird. Nero, erst kürzlich von einer großen Kunstreise nach Griechenland zurückgekehrt, flieht und tötet sich auf dem Landgute eines seiner Freigelassenen in der Nähe von Rom.
Das Reich wird nach dieser verderblichen Regierung abermals durch +Bürgerkriege+ zerrüttet:
[~68–69.~ Juni–Jan.]
~Galba~ (+Servius Sulpicius Galba+),
der sich bald durch unzeitige Strenge und Sparsamkeit verhaßt macht. Die Prätorianer ermorden ihn und erheben an seiner Stelle
[~69.~ Jan.–Apr.]
~Otho~ (+Marcus Salvius Otho+),
einen ehemaligen Günstling Neros. Schon vorher war von den Legionen am Rhein zum Imperator ausgerufen
[~69.~ Apr.–Dez.]
~Vitellius~ (+Aulus Vitellius+),
der, nachdem seine Legaten den Otho bei +Bedriacum+ (östlich von +Cremona+) besiegt haben und dieser sich selbst getötet hat, in Rom einrückt und die Stadt zum Schauplatze seiner Prasserei und Verschwendung macht. Er wird bei einem Straßenkampf in Rom umgebracht.
[~69–96.~]
~Die drei Flavier~:
[~69–79.~]
~Vespasianus~ (+Titus Flavius Vespasianus+),
besonders auf Betreiben des Statthalters von Syrien, +Licinius Mucianus+, zum Imperator ausgerufen, während er in Palästina seit 66 gegen die aufständischen Juden Krieg führt. Er übergibt seinem Sohne +Titus+ den Oberbefehl und kommt nach längerem Aufenthalt in +Alexandrīa+ nach Rom, wo inzwischen Vitellius durch das siegreiche Eindringen der Donauarmee (+Antonius Primus+) beseitigt ist. -- Wiederherstellung der Mannszucht im Heere, der Ordnung in den Finanzen. Der Kaiser gibt das Beispiel strengerer und einfacher Sitte, sorgt für öffentlichen Unterricht von Staats wegen (Grammatik und Rhetorik).
[~69–71.~]
~Aufstand der Batāver unter Claudius Civīlis,~
einem ihrer Häuptlinge aus fürstlichem Geschlecht. Die Aufständischen geben anfangs vor, nicht gegen das römische Reich, sondern +gegen Vitellius+ und +für Vespasianus+ zu kämpfen. Dadurch gelingt es ihnen, einen Teil der römischen Soldaten für sich zu gewinnen. +Civilis+ schlägt die Römer wiederholt und dringt, durch beutelustige rechtsrheinische Germanen unterstützt, weit in Gallien vor. Ein großer Teil der gallischen Völkerschaften fällt ihm zu; es tritt der Plan hervor, ein unabhängiges +gallisches Reich+ zu gründen. Nachdem aber die Herrschaft Vespasians in Rom befestigt ist, macht +Petilius Cerialis,+ begünstigt durch die unter den verbündeten Völkern ausgebrochenen Zwistigkeiten, dem Aufstand ein Ende und unterwirft ganz Gallien wieder der römischen Herrschaft.
[~70.~ (Septbr.)]
~Titus erobert und zerstört Jerusalem~ nach langer, hartnäckiger Verteidigung. Schreckliches Strafgericht über die zum Osterfest dort zusammengekommenen Juden. Triumphbogen in Rom errichtet im Anschluß an andere Bauten Vespasians (Templum Pacis; +Amphitheatrum Flavium,+ auch +Colosseum+ genannt).
[78.]
+Gn. Iulius Agricola,+ Schwiegervater des Geschichtschreibers +Tacitus+, wird Statthalter in Britannien. Dem Vespasian folgt sein Sohn
[~79–81.~]
~Titus~ (+Titus Flavius Vespasianus+),
der die ihm entgegengebrachten Befürchtungen durch milde und sorgsame Regierung glänzend widerlegt (+»amor et deliciae generis humani«+).
[79.]
Ausbruch des Vesuvs. +Herculanĕum+ durch Lava, +Pompeii+ durch Asche und Schlamm verschüttet (Ausgrabungen seit 1719 und 1748). Tod des älteren +Plinius,+ Anführers der römischen Flotte in Misenum. -- Dem Titus folgt sein ihm unähnlicher Bruder
[~81–96.~]
~Domitianus~ (+Titus Flavius Domitianus+),
der mit der Zeit immer mehr zum habsüchtigen und grausamen Despoten wird.
[84.]
Feldzug gegen die Chatten. Im Anschluß daran wird der großartige Grenzwall (+limes+) zwischen dem mittleren Rhein und der oberen Donau (von Rheinbrohl bis Kehlheim) begonnen. Eins der dazu gehörenden Kastelle ist in der +Saalburg+ wieder erstanden. Das dahinter liegende Land als Zehntland (+agri decumates+) mit der Provinz +Germania superior+ (Hauptstadt Moguntiacum, Mainz) verbunden.
[81–84.]
Glückliche Feldzüge des ~Agricola~ in Britannien, die römische Herrschaft bis nach Schottland hinein ausgedehnt.
[86–90.]
Erfolgloser Krieg gegen die Dacier; Domitian soll vom Könige +Decebălus+ den Frieden erkauft haben.
[96.]
Domitian durch eine Palastverschwörung ermordet.
[~96–192.~]
~Nerva und seine Adoptivfamilie~:
[~96–98.~]
~Nerva~ (+Marcus Cocceius Nerva+),
ein 64 jähriger Senator, durch die Mörder Domitians und den Senat auf den Thron erhoben, stellt die Majestätsprozesse ab, ruft die Verbannten zurück, vermindert die Abgaben, legt den Grund zur Einrichtung der +Alimentatio+, d. h. Staatsunterstützung zur Erziehung der Kinder, in Italien. Er adoptiert und ernennt zu seinem Mitregenten und Nachfolger
[~98–117.~]
~Trajan~ (+Marcus Ulpius Traianus+),
Statthalter der Provinz +Germania superior+, geboren 53 in der römischeu Kolonie +Italica+ in Spanien, den ersten Nicht-Italiker auf dem Throne der Cäsaren. Trefflicher Regent und Feldherr. Großartige Bauten in Rom (+Forum Traiani+); Straßen und Häfen in den Provinzen, der Hauptteil des germanischen Grenzwalls gebaut.
[101–107.]
Unterwerfung des Landes ~Dacien~ (Rumänien und Siebenbürgen). Die römischen Legionen dringen aus Mösien und Pannonien (Kolonie +Sirmium+ an der Save) über die Donau vor, erstürmen Sarmizegethusa, die Hauptstadt des +Decebălus+; eine steinerne Brücke wird (unterhalb Orsova) über die Donau gebaut. Decebalus unterwirft sich (102), doch wird 105 neuer Krieg nötig; 107 wird das Land römische +Provinz+. Ansiedlung zahlreicher Kolonisten, von denen die heutigen +Rumänen+ abstammen. Darstellung des Krieges auf den Reliefs der Trajanssäule in Rom.
[105.]
Einrichtung der römischen Provinz ~Arabia~ durch den Statthalter von +Syrien+, A. Cornelius Palma, (das Land östlich und südlich von Damaskus und Judäa, bis zum Roten Meere; Hauptstadt +Petra+).
[114–116.]
Krieg Trajans gegen die ~Parther~.
Der Neffe des Partherkönigs +Chosroës+ wird aus Armenien vertrieben. +Armenia+, +Mesopotamia+, +Assyria+ römische Provinzen. Trajan erobert +Seleucia+ und +Ktesiphon+ am Tigris, fährt zu Schiff den Tigris hinunter bis zum Persischen Meerbusen, setzt bei den Parthern einen Vasallenkönig ein, stirbt auf der Rückkehr in +Cilicien.+
[~117–138.~]
~Hadrian~ (+Publius Aelius Hadrianus+),
von seinem Verwandten Trajan adoptiert. Friedliebend, auf sorgsame Verwaltung des Reiches bedacht, gelehrt und kunstliebend. Er gibt die neuen Provinzen +Armenia+, +Mesopotamia+ und +Assyria+ wieder auf, so daß der Euphrat die östliche Grenze des Reiches bildet, stellt in +Mösien+ und +Dacien+ die Ruhe wieder her, regiert in Rom in gutem Einverständnis mit dem Senat.
+Rundreisen+ durch die Provinzen des Reiches (121–126, 129–134), um überall die Wohlfahrt zu fördern; sein Günstling und Begleiter Antinous; längerer Aufenthalt in +Athen+, wo er einen neuen Stadtteil anlegt und den Zeustempel (S. 36) vollendet. In Rom erbaut er den Doppeltempel der Venus und Roma; sein großes Grabmal Mausoleum Hadriani, jetzt die Engelsburg. Seine Villa bei +Tibur+ (Tivŏli) mit prächtigen Gartenanlagen. In Britannien +Grenzwall+ gegen die Picten und Scoten (von Newcastle bis zum Solwaybusen).
Sammlung der Edikte früherer Prätoren (+Edictum perpetuum+) durch den Rechtsgelehrten +Salvius Iulianus+; daran knüpft sich die weitere Ausbildung der Rechtsgelehrsamkeit, welche für den inneren Bestand des großen Reiches von der höchsten Bedeutung war.
[132–135.]
Aufstand der ~Juden~ wegen Anlegung der Kolonie +Aelia Capitolina+ an der Stelle des zerstörten Jerusalem. Ihr Anführer Bar-Kochba. Verzweifelter Kampf; Niederlage und +Zerstreuung+ der Juden. Eine +christliche+ Gemeinde sammelt sich bald wieder an der heiligen Stätte; der Name +Jerusalem+ wird später wieder hergestellt.
[~138–161.~]
~Antoninus Pius~ (+Titus Aurelius Antoninus Pius+),
von Hadrian adoptiert. Friedliche, segensreiche Regierung, jedoch die Grenzen des Reiches kräftig gegen die Angriffe der Barbaren geschützt. Zweiter Grenzwall in Britannien (vom Forth zum Clyde). Gemäß der von Hadrian festgesetzten Erbfolgeordnung folgt ihm sein Neffe
[~161–180.~]
~Marcus Aurelius Antoninus~, weiser und tätiger Regent, hochgebildet (Schüler des Redners +Cornelius Fronto+), stoischer Philosoph, bis 169 gemeinschaftlich mit seinem Adoptivbruder, dem ausschweifenden ~Lucius Verus~.
[162–165.]
Krieg gegen die ~Parther~, unter Oberleitung des +L. Verus+, der sich aber bald in Antiochia dem Wohlleben hingibt, während seine Legaten den Krieg glücklich führen. Ein +Teil+ Mesopotamiens wird wieder römische Provinz (S. 130).
[166–180.]
Krieg mit den ~Markomannen~ und ~Quaden~ (in Böhmen).
Marcus Aurelius kämpft mit wechselndem Glück gegen die immer von neuem andringenden Barbaren. Während eines kurzen Friedens mit ihnen Besiegung des aufständischen +Avidius Cassius+ in Syrien, 175. Triumph in Rom 176; der Senat errichtet dem Kaiser eine Reiterstatue, die noch heute das Kapitol schmückt. Ehe es dem Kaiser gelingt, die Grenze des Reiches an der Donau völlig zu sichern, stirbt er in +Vindobŏna+ (Wien). Ihm folgt sein entarteter Sohn
[180–192.]
~Commodus~,
der mit den Germanen Frieden schließt und sich in Rom, die Regierung meist den Praefectis praetorio (S. 122) überlassend, Ausschweifungen und seinem immer mehr hervortretenden Hange zu Grausamkeiten hingibt. Er wird endlich von seiner Umgebung ermordet.
~Silbernes Zeitalter der römischen Literatur.~
Philosophische Schriften und Briefe des Stoikers +L. Annaeus Seneca+ († 65); sein Neffe +M. Annaeus Lucanus+ verfaßt ein Epos Pharsalia. Epigramme des +Martialis+, Satiren des +Persius+ und +Iuvenalis+. M. Fabius +Quintilianus+ Lehrer der Rhetorik, Verfasser der Institutio oratoria. Ein Werk umfassender Gelehrsamkeit ist die Naturalis historia des +C. Plinius Secundus+ († 79). Briefsammlung seines Neffen, des +jüngeren Plinius+, welcher mit dem Geschichtschreiber +Cornelius Tacitus+ († 117), dem hervorragendsten Schriftsteller dieser Zeit, befreundet war; Tacitus’ Germania 98, Plinius Statthalter in Bithynien 111. -- Kaiserbiographien des +C. Suetonius+.
~Nachblüte der griechischen Literatur.~
Unter Augustus der Geograph +Strabo+ aus Amaseia in Pontus, der Altertumsforscher +Dionysios von Halikarnaß+, beide in Rom. Unter Trajan und Hadrian der Philosoph und Geschichtschreiber +Plutarchos+ von Chaironeia, der Perieget +Pausanias+. Um 150 der Geograph +Ptolemaios+ zu Alexandrīa, um 180 der Satiriker +Lukianos+ von Samosata, um 220 der Geschichtschreiber +Cassius Dio+.
~Ausbreitung des Christentums.~
Wirksamkeit der +Apostel+ im ersten Jahrhundert. +Paulus+ predigt in Antiochia (42), in Athen und Korinth (53), in Ephesos (55), wird 61 nach +Rom+ geführt, erleidet dort gleichwie +Petrus+ den Märtyrertod. Verfolgungen im zweiten und dritten Jahrhundert können die zahlreichen christlichen Gemeinden nicht ausrotten; das Beispiel der +Märtyrer+ (+Ignatius+ Bischof von Antiochia 115, +Polykarpos+ Bischof von Smyrna 167 und viele andere) wirkt erhebend. Christliche Schriftsteller: +Clemens+, Bischof von Rom (um 90), +Clemens+ in Alexandria (200), +Tertullianus+ in Karthago (200), +Origenes+ in Alexandria (230), +Cyprianus+ in Karthago (230), +Lactantius+ in Nicomedia (300), +Eusebios+, Bischof von Cäsarea (330), +Augustinus+, Bischof von Hippo Regius (354–430), s. S. 141.
[~193–284~.]
~Zeit der Soldatenkaiser.~
Der Mangel einer festen Erbfolge stürzt das römische Reich oftmals in Verwirrung; dennoch behauptet es sich noch lange gegen die andringenden Barbaren. Nach den kurzen Regierungen der von den Prätorianern erhobenen Kaiser +Pertinax+ und +Didius Iulianus+ folgt der von den illyrischen Legionen zum Kaiser ausgerufene Statthalter von Pannonien
[~193–211.~]
~Septimius Severus~,
welcher vom Senat anerkannt wird und sich gegen die anderen Prätendenten (+Pescennius Niger+ im Orient, +Clodius Albinus+ in Britannien und Gallien) behauptet. Umwandlung der bisher aus Italikern bestehenden +Prätorianer+ in eine aus allen Provinzlegionen sich ergänzende Truppe. Verbesserung der Rechtspflege (die Juristen +Papinianus, Ulpianus, Paulus+). Erfolgreicher Krieg gegen die +Parther+, ihre Hauptstadt +Ktesiphon+ 197 zerstört; die Provinz +Mesopotamien+ wiederhergestellt. (Hauptstädte Edessa und Nisibis). Zug nach Britannien 208; der Grenzwall Hadrians wiederhergestellt. +Septimius+ stirbt in +Eburācum+ (York). Sein Sohn
[211–217.]
~Caracalla~ (+M. Aurelius Antoninus+)
ermordet seinen Bruder und Mitregenten ~Geta~ mit Tausenden seiner Anhänger, darunter +Papinianus+. Durch die +Constitutio Antoniniana+ 212 Erteilung des römischen Bürgerrechts an alle freien Provinzialen. Aber auch von der Grausamkeit und Habsucht des Kaisers werden die Provinzen in weitem Umfange betroffen (das Blutbad in +Alexandrīa+ 215).
Caracalla bekämpft 213 die +Alamannen+ jenseits des Grenzwalls, 214 die +Goten+ an der unteren Donau, greift 216 die Parther an, wird in Mesopotamien auf Anstiften des Praefectus praetorio ~Macrinus~ ermordet. Dieser, vom Heere zum Nachfolger erwählt, erkauft von den Parthern den Frieden. Die Soldaten rufen zum Imperator aus den 14jährigen +Varius Avitus Bassianus+, genannt
[218–222.]
~Elagabălus~, Sonnenpriester zu Emĕsa in Syrien, der für einen Sohn Caracallas ausgegeben wird. Macrinus, bei Antiochia besiegt, wird in Kleinasien verhaftet und hingerichtet. Elagabalus überläßt sich in Rom den schändlichsten Ausschweifungen; die Regierung führt seine Großmutter +Julia Maesa+, Schwester der Mutter Caracallas. Er wird von den Prätorianern ermordet; ihm folgt sein Vetter
[~222–235.~]
~Alexander Severus~,
von den besten Absichten beseelt, aber schwankend und nicht energisch, geleitet von seiner Mutter +Julia Mamaea+, Tochter der Julia Maesa, und von den Rechtsgelehrten +Domitius Ulpianus+ und +Julius Paulus+. Seine Maßregeln zur Herstellung der Mannszucht im Heere veranlassen Empörungen; bei einer derselben wird +Ulpianus+, der Befehlshaber der Prätorianer, ermordet.
[~226.~]
Infolge der Auflösung des +Partherreiches+ unter den Arsakiden (S. 65) und Stiftung des ~Neupersischen Reichs~ (Dynastie der +Sassaniden+) erwächst dem römischen Reiche ein neuer gefährlicher Feind im Orient, doch wird im Kriege (231–33) die Reichsgrenze vorerst noch behauptet, Nach Ermordung des Alexander Severus am Rhein erheben die Soldaten auf den Thron ihren Feldherrn
[235–238.]
~Maximinus Thrax~,
einen Thraker von außerordentlicher Größe und Stärke. Siegreicher Zug über den Rhein, dann nach der untern Donau. Unterdessen wird in Afrika zum Imperator ausgerufen der 80jährige Senator +Gordianus I.+, der seinen Sohn +Gordianus II.+ zum Mitregenten ernennt, bald aber sich selbst tötet, nachdem der Sohn in Afrika kämpfend gefallen. +Maximinus+, vom Senat für abgesetzt erklärt, wird bei der Belagerung von +Aquileia+ von den Soldaten getötet. -- Die Prätorianer erheben Gordians I. Enkel, ~Gordianus III.~, auf den Thron. Dieser wird nach glücklicher Beendigung eines Krieges gegen die Neuperser 244 ermordet auf Veranlassung des Praefectus praetorio ~Philippus Arabs~, eines Mannes von semitischer Abkunft, welcher 248 das +tausendjährige Bestehen+ des römischen Reiches feiert, 249 von den mösischen Legionen unter ihrem Feldherrn ~Decius~ besiegt und getötet wird. Unter diesem Kaiser
[~250.~]
Allgemeine ~Christenverfolgung~, nachdem man längere Zeit die Christen hatte gewähren lassen. Decius schlägt die +Goten+, welche +Thrakien+ plündern, verliert aber Sieg und Leben, als er sie nach der Donau hin verfolgt (251). Die Legionen erwählen den Feldherrn ~Gallus~, unter dessen ebenfalls kurzer Regierung die Pest in mehreren Provinzen des Reiches wütet. Er wird 253 ermordet von dem gegen die +Goten+ siegreichen ~Aemilianus~, dieser nach kaum 4 Monaten von
[253–260.]
~Valerianus~,
der seinen Sohn ~Gallienus~ zum Mitregenten annimmt. Beide kämpfen gegen die fortwährend erneuten Einfälle germanischer Heerhaufen, namentlich der +Franken+ in Gallien und Spanien, der +Alamannen+ in Ober-Italien (bei Mailand besiegt), der +Goten+ in die Balkan-Halbinsel und Kleinasien. Unglücklicher Feldzug des +Valerianus+ gegen die Perser; er wird bei +Edessa+ geschlagen, gefangen und (als 70jähriger Greis) bis zu seinem Tode von dem König Sapores als Sklave umhergeschleppt. Gegen ihn und seinen Sohn
[260–268.]
~Gallienus~
tritt eine große Anzahl von Gegenkaisern auf, während die Barbaren ihre Einfälle in das römische Gebiet fortsetzen. Längere Zeit behaupten sich +Postumus+ in Gallien und +Odaenathus+ (aus Palmȳra) in Syrien. Letzterer wird von Gallienus als Mitregent für den Orient anerkannt; nach seiner Ermordung (267) herrscht seine Gemahlin +Zenobia+ in Palmȳra. Gallienus wird vor Mediolanum, wo er den Prätendenten +Aureŏlus+ belagert, von Verschwörern ermordet. Diese erheben auf den Thron
[268–270.]
~Claudius II.~,
einen erfahrenen Feldherrn, der nach Hinrichtung des Aureolus die +Alamannen+ am Gardasee, +die Goten+ bei Naissus in Mösien (an der Morawa) besiegt. Ihm folgt
[~270–275~.]
~Aurelianus~, der Hersteller des Reiches (+Restitutor orbis+). Er schließt mit den Goten Frieden, indem er die Provinz +Dacien+ aufgibt. Die Donau von jetzt ab Reichsgrenze; der größte Teil der römischen Kolonisten wird nach +Mösien+ zurückversetzt. Aurelian vertreibt die abermals in Italien eingedrungenen Alamannen und Markomannen und beginnt zum Schutze Roms vor den Barbaren den Bau einer neuen +Stadtmauer+, welche die erweiterte +Kaiserstadt+ umfaßt. Er unterwirft +Syrien+, belagert und zerstört +Palmyra+ (273), nimmt Zenobia gefangen und erobert +Ägypten+ wieder. Nachdem er so den Orient unterworfen, wendet er sich gegen +Tetricus+ in Gallien, der, bei Châlons besiegt, sich ergibt. Nach kurzem Aufenthalt in Rom reist er wieder in die östlichen Provinzen, wird aber unweit Byzanz von Verschwörern ermordet. Auf Ansuchen des Heeres ernennt der Senat in Rom zum Augustus den 75jährigen Senator
[275–276.]
~Tacitus~,
der die +Alanen+ und +Goten+, welche in Kleinasien eingefallen waren, schlägt, aber bald von den Soldaten ermordet wird.
[276–282.]
~Probus~
schlägt am Rhein die +Franken+ und +Alamannen+, an der Donau die +Burgunder+, +Vandalen+ und +Goten+ zurück, stellt den Grenzwall (+limes+) zwischen Rhein und Donau wieder her, fördert den Weinbau in Gallien, am Rhein und an der Mosel, sichert auch Syrien und Mesopotamien gegen die Perser. Starke Ansiedelung von Barbaren in den Grenzgebieten des Reiches. Als er in Pannonien die Soldaten zu Kanal- und Wegebauten nötigt, wird er bei Sirmium von ihnen erschlagen,
[282–284.]
~Carus~
besiegt an der unteren Donau die +Sarmaten+ und dringt, während der germanische Grenzwall mit den +agri decumates+ an die +Alamannen+ verloren geht, erfolgreich gegen die +Perser+ vor, stirbt aber bald nach der Einnahme von +Ktesiphon+ (vom Blitze erschlagen?). Das heimkehrende Heer wählt in Chalkēdon zum Kaiser den Feldherrn
[~284–305.~]
~Diocletianus~,
welcher dem römischen Reiche eine neue Verfassung gibt auf Grund der ~unbeschränkten Monarchie~. Der Senat verliert allen Einfluß auf die Regierung, +Rom+ nicht mehr Wohnsitz des Kaisers. Strenges Hofceremoniell nach orientalischer Art. Der Kaiser trägt das Diadem, läßt sich mit Dominus anreden. Neuordnung der Verwaltung, die Provinzen verkleinert und an Zahl vermehrt (101 Provinzen, in 12 +Diöcesen+ geordnet; auch Italien in Provinzen geteilt). Steigender Abgabendruck. Zum +Mitregenten+ (mit dem Titel Augustus) ernennt Diocletian, indem er sich außer der allgemeinen Oberleitung die Regierung des Ostens vorbehält (Residenz +Nicomedia+ in Bithynien), seinen Waffengefährten ~Maximianus~ (Residenz +Mediolanum+, Mailand).
[293.]
~Diocletian~ ernennt zwei Cäsaren: 1. ~Constantius Chlorus~, der seine Gemahlin +Helĕna+, eine Christin, verstoßen und die Stieftochter Maximians heiraten muß; er erhält die Verwaltung von +Gallien, Britannien+ und +Spanien+ (Residenzen +Augusta Treverorum+ (Trier) und +Eburācum+ (York)), während +Maximianus+ die Verwaltung von +Italien+ und +Afrika+ behält; 2. ~Galerius~, welcher Diocletians Schwiegersohn wird und die Verwaltung von +Illyricum+ (mit Makedonien und Griechenland, Residenz +Sirmium+ a. d. Save) übernimmt.
Die vier Regenten sorgen im Einverständnis miteinander für die Verwaltung und den Grenzschutz, Diocletian selbst namentlich in Ägypten, Galerius am Euphrat gegen die +Perser+. Der Tigris als Grenzfluß festgesetzt. +Edictum de pretiis+ 301 zur Abstellung des Wuchers. Glänzende Bauten in +Trier+.
[~303.~]
Allgemeine ~Christenverfolgung~, durch Constantius in seinen Provinzen gemildert.
[305.]
+Diocletian+ († 313 in Salona in Dalmatien) und +Maximian+ danken ab, ~Constantius~ und ~Galerius~ werden Augusti; letzterer setzt die Christenverfolgung fort. Die beiden nach seinem Vorschlag von Diocletian ernannten Cäsaren kommen nicht zu Ansehen; in den westlichen Provinzen übernimmt 306 ~Constantinus~, Sohn des Constantius und der Helena, nach dem Tode des Vaters die Regierung, in Rom erheben die Prätorianer ~Maxentius~, den Sohn Maximians.
[312.]
Nach Galerius’ Tode Krieg zwischen Maxentius und +Konstantin+; dieser dringt in Italien ein und siegt bei +Turin+ und bei +Saxa rubra+ unweit Rom +(hoc signo vince!+); Maxentius ertrinkt auf der Flucht im Tiber. Konstantin erkennt ~Licinius~ an, welchen Galerius zum Mitregenten des Ostens ernannt hatte, und erläßt 313 in Mailand ein ~Edikt zum Schutze der Christen~. Nach einiger Zeit entsteht Krieg zwischen den beiden Herrschern; Licinius, 323 in zwei Schlachten, bei Adrianopel und bei Chalkēdon, besiegt, ergibt sich und wird 325 hingerichtet.
[~328–337.~]
~Konstantin der Große Alleinherrscher.~
Das ~Christentum~ wird vom ~Staate anerkannt~ und dem Heidentum gegenüber begünstigt.
[~325.~]
Erste ~allgemeine Kirchenversammlung~ (ökumenisches Konzil), unter Vorsitz des Kaisers zu ~Nicaea~ in Bithynien. Der +Arianismus+, d. h. die Lehre des +Arius+, ehemaligen Presbyters in +Alexandria+, von der Gott dem Vater nur +ähnlichen+ Natur Christi wird verworfen; die Lehre des +Athanasius+ (späteren Bischofs von Alexandria) von der Gott dem Vater +gleichen+ Natur Christi wird durch das +Symbŏlum Nicaenum+ zum Dogma der Kirche erhoben.
[330.]
Konstantin erwählt +Byzantium+ unter dem Namen ~Constantinopolis~ zur Hauptstadt. Die Reichsverwaltung wird auf den von +Diocletian+ geschaffenen Grundlagen abschließend geordnet; Einteilung in 4 Präfekturen (+Oriens, Illyricum, Italia, Galliae+), mit 14 Diöcesen und ~117~ Provinzen. Strenge Rangordnung der Beamten, 7 Minister bekleiden die obersten Hofämter, Staatsrat (+consistorium principis+), Trennung der Zivil- und Militärgewalt. Neue Abgabenordnung. Abschaffung der Prätorianer. Verminderung der Truppenzahl der Legionen, dafür Erhöhung der Anzahl der Legionen auf 175. Den Oberbefehl führen 2 Kronfeldherren (magistri militum), 5 magistri der Reiterei und des Fußvolkes, unter ihnen stehen die Comites und Duces (Grafen und Herzoge).
Konstantin empfängt kurz vor seinem Tode die Taufe und teilt die Verwaltung des Reiches unter seine drei Söhne als +Augusti+ und zwei Neffen als +Cäsaren+. Nachdem er in Nikomedia gestorben ist, werden die beiden Cäsaren getötet. Die drei Augusti geraten bald in Streit: +Constantinus II.+ wird 340 bei Aquileia erschlagen, als er gegen +Constans+, der in Italien herrscht, zu Felde zieht. ~Constantius II.~ schützt den Osten gegen die Perser, vereinigt nach Constans’ Tode 350 das ganze Reich. Sein Vetter +Julianus+ besiegt als Statthalter Galliens 357 die Alamannen bei +Argentoratum+ (Straßburg) und bekämpft erfolgreich die Franken; die Soldaten rufen ihn 361 zum Kaiser aus. Constantius stirbt auf dem Zuge gegen ihn.
[361–363.]
~Iulianus~, genannt +Apostăta+, weil er als Anhänger der heidnischen Philosophie (Schule der Cyniker) das Christentum verläßt und eine Wiederherstellung des heidnischen Götterdienstes in gereinigter Form versucht. Er muß bald einen Krieg gegen die +Perser+ beginnen, besiegt sie bei +Ktesiphon+, stirbt aber auf dem Rückzuge an einer Wunde. Die Soldaten erheben zum Kaiser den +Christen+ ~Iovianus~, der mit den Persern Frieden schließt, aber schon 364 stirbt.
[364–375.]
~Valentinianus~, in +Nicaea+ erwählt, ebenfalls Christ, teilt abermals das Reich, ernennt seinen Bruder ~Valens~, einen Arianer, zum Mitregenten für den Osten; beide um gute Verwaltung des Reiches bemüht. Herabsetzung der Steuern. Edikt gegen die Schenkungen an den Klerus und die Kirche. Religiöse Duldung auch gegen die Heiden geübt. Die Regierung des Westens übernimmt 375 Valentinians Sohn ~Gratianus~, schon vorher Mitregent.
[375.]
~Beginn der Völkerwanderung~ (s. S. 140). Nachdem Valens bei +Adrianopel+ (378) gegen die Westgoten gefallen ist, erhebt Gratianus den Spanier
[379–395.]
~Theodosius~ zum Mitregenten und übergibt ihm die Verwaltung des Ostens. Theodosius schreitet mit wachsender Entschiedenheit gegen das Heidentum ein. Gratian fällt 383 im Kampfe gegen den in Britannien von den Soldaten erhobenen ~Maximus~; Theodosius erkennt diesen als Herrscher des Westens an, doch soll Italien dem Bruder Gratians, +Valentinian II.+, verbleiben. Als Maximus dennoch in Italien eindringt, wird er 388 von den Truppen des Theodosius in Aquileia getötet. Gute Reichsverwaltung, glänzende Bauten in Konstantinopel. 381 Konzil zu Konstantinopel. Die athanasianische Lehre als allein berechtigt anerkannt.
[390.]
Aufstand in Thessalonike, von Theodosius grausam bestraft; 7000 Menschen im Cirkus getötet. Deshalb schließt der Bischof ~Ambrosius~ von ~Mailand~ den Kaiser von der christlichen Kommunion aus, bis er (8 Monate später) öffentlich Buße getan hat.
[392.]
Allgemeines +Verbot der heidnischen Opfer+, die sich auf dem Lande länger halten als in den Städten; die Heiden werden in dieser Zeit +pagani+ genannt. Letzte Feier der Spiele zu +Olympia+ (s. S. 30).
[394.]
Theodosius siegt bei Aquileia über den Franken +Arbogast+, der Valentinian II. gestürzt und getötet und einen Schattenkaiser ernannt hat. Das römische Reich nochmals vereinigt.
[~395.~]
~Bleibende Reichsteilung~ nach Theodosius’ Tode. Sein älterer Sohn
~Arcadius~ erhält das ~oströmische Reich~ (395–1453), auch ~byzantinisches~ oder ~griechisches~ Kaisertum genannt; Hauptstadt: +Byzanz+ oder +Konstantinopel+.
~Honorius~, der jüngere Sohn, erhält das ~weströmische Reich~ (395–476); Hauptstadt +Rom+, seit 402 +Ravenna+ kaiserliche Residenz. Die Grenze bildet etwa die Verlängerung der Linie Budapest-Draumündung.
Beide Reiche werden durch das Eindringen germanischer Völker gefährdet; der größte Ansturm wendet sich gegen das weströmische.
[395–423.]
~Honorius~, anfangs unter Vormundschaft des Vandalen +Stilicho+, unfähig, das Reich zu schützen.
[425–455.]
~Valentinian III.~, lange unter Vormundschaft seiner Mutter +Placidia+, sieht sich auf den unsicheren Besitz Italiens beschränkt. Auf ihn folgen in schnellem Wechsel ohnmächtige Kaiser, die teils von dem +Sueben+ ~Ricimer~ († 472), dem Anführer der germanischen Soldtruppen, teils vom oströmischen Kaiser ernannt werden. Zuletzt wird
[476.]
~Romulus Augustus~, der Sohn eines Feldherrn +Orestes+ aus Pannonien, von den Truppen seines Vaters auf den Thron erhoben, jedoch von ~Odovakar~, dem Anführer der germanischen Truppen, abgesetzt. Odovakar beherrscht Italien, dem Namen nach unter Oberhoheit des oströmischen Kaisers +Zeno+, der ihm den Titel eines +Patricius+ verleiht und die Verwaltung der Diöcese Italien überträgt.
Fussnoten:
[19] Der Name herzuleiten von vitulus = Rinderland, vgl. Böotien.
[20] ~Römisches Münzwesen~: Anfänglich schweres Kupfergeld, 1 As = 1 Pfund Kupfer; seit 268 v. Chr. Silbergeld: Sestertius = 2½ As, Denarius = 10 As; seit 217 v. Chr. Goldmünzen zu 20–100 Sestertien. Nach öfterem Sinken des Münzfußes war seit 217 v. Chr. der Wert des Sestertius 17½ Pf., des Denarius 70 Pf. unseres Geldes, also 100000 As = 7000 Mark. Gepräge der ältesten Kupfermünzen: Vorderteil eines Schiffes und Januskopf; Gepräge der späteren Münzen: Kopf der Göttin Roma, Victoria auf dem Zweigespann. Mit Cäsar beginnt die Sitte, den Kopf des Herrschers auf die Münzen zu prägen, nach griechischem Vorbilde, s. S. 64.
[21] Cic. de rep. 2, 31, 54: +ne quis magistratus civem Romanum adversus provocationem necaret neve verberaret.+
[22] +Polybios+ setzt diesen Vertrag schon in das erste Jahr der Republik (509), doch hat die auf +Livius+ beruhende Angabe mehr Wahrscheinlichkeit.
[23] Die Inschrift seines noch erhaltenen Sarkophags lautet (in saturnischem Versmaß): +Cornéliús Lucius Scipiȯ Barbátus || Gnaivód patre prognátus fórtis vir sapiénsque || quoiús fórma virtutei parisuma+ (parissima) +fúit || consól censȯr aidilis quei fuit apúd vos || Taurásiá Cisaúna Sámnió cépit || subigit omné Loucánam ópsidésque abdoúcit+.
[24] Stammtafel:
P. Cornelius Scipio, †211. | ___________________________________ | | P. Cornelius Scipio Africanus L. Cornelius Scipio (maior), †183. Asiaticus. | ____________________________________ | | P. Cornelius Scipio, Cornelia Augur 180. Gem. Tib. Sempronius Gracchus, Adoptivsohn: Consul 177 und 163. P. Cornelius Scipio | Aemilianus Africanus (minor) ____________________ Numantinus †129. | | Gem. Sempronia. Tib. Sempronius C. Sempronius Gracchus †133. Gracchus †121.
[25] +Civitates foederatae+ waren Messana, Tauromenium, Tarrăco, Gades, Athen, Sparta, in Italien Neapolis, Rhegium, Heraclea u. a., +civitates liberae et immunes+ waren Panormus, Segesta, Dyrrhachium, Thessalonike, Amphipolis, Utica, Hadrumetum. Das Gebiet der zerstörten Städte, wie Karthago und Korinth, war +ager publicus+.
[26] ~C. Julius Cäsar~, geb. 102 v. Chr., 82 als Schwiegersohn Cinnas von Sulla geächtet, dann begnadigt, tut Kriegsdienste bei der Belagerung der aufständischen Stadt +Mytilene+ und in +Cilicien+ unter P. Servilius, tritt nach Sullas Tode in +Rom+ als Redner vor Gericht auf, reist 76 nach +Rhodus+, um den Rhetor Molo zu hören (unterwegs von Seeräubern gefangen, die er später hinrichten läßt), 68 Quästor in Spanien, 65 Ädil, 63 Pontifex maximus, nachdem das Recht der Komitien, die Priesterkollegien zu wählen (S. 106), wiederhergestellt war.
[27] ~M. Tullius Cicero~, geb. 106 auf einem Gut bei +Arpinum+, tut 89 Kriegsdienste im marsischen Kriege, hört dann in Rom griechische Philosophen, tritt 80 als Anwalt des S. +Roscius+ zuerst in einer causa publica vor Gericht auf, reist 79–77 nach Athen und Rhodus, 75 Quästor in Sicilien, 70 Ankläger des +C. Verres+, 69 Ädil, 66 Praetor urbanus.
[28] Als Erbe Cäsars nannte sich der erste Alleinherrscher +Imperator Caesar Augustus divi Iuli filius+.
[29] Der Abt Dionysius in Rom (532), dessen Berechnung durch das Ansehen der Päpste maßgebend wurde, hat die Regierung des Königs +Herodes+ (40–4 v. Chr.) unrichtig angesetzt. Herodes starb im Jahre 750 Roms: Christi Geburt ist früher.
~II. Mittlere Geschichte~
~A. Vom Beginn der Völkerwanderung bis zum Vertrage von Verdun. 375–843.~
§ 1. Völkerwanderung.
In den Kulturkreis des Altertums dringen die ~Germanen~ mit frischer Volkskraft ein, zunächst vieles zerstörend. Bald aber gründen sie neue Staaten, in welche die antike Kultur aufgenommen wird. Der Schauplatz der Geschichte erweitert sich über ganz Europa; es scheiden sich +romanische+ und +germanische+ Staaten; im Osten treten die +Slaven+ hinzu.
~Sitze germanischer Volksstämme um 375 nach Chr.~
+Ostgoten+ im südlichen Rußland, +Westgoten+ in Dacien (+östl.+ Ungarn, Rumänien), +Vandalen+ in Pannonien (+südwestl.+ Ungarn), +Sueben+ in Mähren, Böhmen und Bayern, +Burgunder+ am Neckar und Main, +Alamannen+ am Oberrhein, +ripuarische Franken+ zu beiden Seiten des Niederrheins (bei Köln), +salische Franken+ in Belgien und an den Rheinmündungen, +Sachsen+ von der Elbe bis fast an den Rhein, +Thüringer+ in Mitteldeutschland, +Langobarden+ an der untern Elbe, +Friesen+ an der Nordseeküste.
~Religion und Staatswesen der Germanen~:
Verehrung der Götter auf Bergen oder in heiligen Hainen; keine Tempel und Götterbilder. +Wodan+ der Himmelsgott, +Donar+ der Donnergott, +Ziu+ der Kriegsgott. Glaube an ein Fortleben der Helden nach dem Tode in +Walhalla+.
Keine Städte; die Volksstämme teilen sich nach der Lage der vereinzelten Wohnstätten in +Gaue+. Unvollkommener Ackerbau, meist den +Hörigen+ (Unfreien) überlassen. Jagd und Krieg die Hauptbeschäftigung der +Freien+.
Die +Versammlung der Freien+ entscheidet über Krieg und Frieden und schwere Rechtsfälle; sie wählt Gauvorsteher (Richter) und für den Kriegsfall Herzöge, meist aus den +Edlen+, die aber keinen geschlossenen Stand mit besonderen Vorrechten bilden. Kampflustige Freie schließen sich als +Gefolge+, zur Treue verpflichtet, an hervorragende Edle an.
Größere Kriege führen zur Ausbildung des +Königtums+, welches während der Völkerwanderung bei den meisten germanischen Völkern durchdringt. Grenzkriege mit den Römern am Rhein und an der Donau; germanische Heerscharen oft in römischem Solde. Die +Goten+, welche um 180 von der Weichsel nach der unteren Donau vordringen, sind bis 270 gefährliche Feinde des römischen Reiches; dann meist friedliches Verhältnis. Eine Schar christlicher (arianischer) +Westgoten+ unter dem Bischof ~Ulfila~ wird 348 in +Mösien+ angesiedelt; Ulfilas +Bibelübersetzung+ das erste Schriftwerk in gotischer Sprache; er stirbt 381 in Konstantinopel.
[~375.~]
~Anfang der Völkerwanderung.~
Die ~Hunnen~, ein +mongolisches, nomadisches Reitervolk+, unterwerfen, nachdem sie etwa 372 die Wolga überschritten und die nichtgermanischen +Alanen+ besiegt haben, das ~Ostgotenreich~ (am Dnjepr, König Ermanarich aus dem Geschlechte der Amăler) und stürzen sich dann auf die ~Westgoten~. Der heidnische Teil der Westgoten unter +Athanarich+ zieht sich nach Siebenbürgen und in die Karpathen zurück, der christliche unter +Fritigern+ und +Alaviv+ erhält von Kaiser +Valens+ Sitze in Mösien und Thrakien zugesichert. Streitigkeiten mit den römischen Beamten nach dem Übergang über die Donau führen zum Kampf, die Goten dringen verwüstend vor.
[378.]
~Schlacht bei Adrianopel.~ +Valens+ besiegt und getötet.
Sein Nachfolger +Theodosius+ schließt Frieden mit den Westgoten, welche gegen Sold und Wohnsitze in Mösien und Thrakien als +foederati+ die Grenze des römischen Reiches schützen sollen. Das ~Reich der Hunnen~ breitet sich in den Ländern +nördlich der Donau+ aus.
[395.]
~Alarich~, König der Westgoten, verwüstet, da nach Theodosius’ Tode +Arcadius+ den Sold nicht zahlt, Makedonien, Illyrien und Griechenland und dringt bis in die Peloponnes vor. ~Stilicho~, Feldherr des weströmischen Reiches, kommt dem oströmischen zu Hilfe, schließt die Westgoten am Gebirge Pholoë in +Arkadien+ ein, läßt sie aber entkommen. Alarich zieht nach Illyrien, wird vom Kaiser Arcadius zum +Dux+ von Illyricum orientale ernannt. Das Vordringen der germanischen Völker richtet sich nun gegen das +west+römische Reich.
[401.]
Alarichs erster ~Einfall in Italien~, Stilicho tritt ihm entgegen. Schlacht bei +Pollentia+ (402); Alarich kehrt nach Illyrien zurück.
[405.]
Germanische Heerhaufen, namentlich +Ostgoten+ unter +Radagais+, fallen in Italien ein, werden aber von Stilicho mit Hilfe der rheinischen Legionen bei +Fäsulä+ besiegt und durch Kampf und Hunger aufgerieben. Die Rheingrenze seitdem verloren.
[406.]
Heerhaufen von ~Vandalen~, ~Sueben~ und ~Alanen~ ziehen aus den Donauländern unter hartem Kampf mit den Franken über den Rhein und brechen dann 409 in ~Spanien~ ein. Die Vandalen besetzen den südlichen Teil (Andalusien = Vandalicia), die Alanen den Südwesten (Lusitanien), die Sueben den Nordwesten (Gallaecia).
Um dieselbe Zeit breiten sich die ~salischen Franken~ im nördlichen Gallien aus; die ~Burgunder~ setzen sich am mittleren Rhein fest, +Worms+ ihre Hauptstadt.
[408.]
Stilicho gestürzt und auf Befehl des Kaisers Honorius ermordet. ~Alarichs~ zweiter Einfall in Italien, er belagert Rom, zieht aber gegen Lösegeld ab. Da der kaiserliche Hof zu Ravenna sich weigert, den Goten Landbesitz in Noricum zu gewähren, rückt +Alarich+ zum zweiten Male vor Rom (409) und erzwingt vom Senate die Ernennung des Stadtpräfekten +Attălus+ zum Gegenkaiser. +Alarich+ belagert +Honorius+ vergeblich in +Ravenna+, entzweit sich mit Attalus, setzt ihn ab und rückt zum dritten Male vor Rom.
[410.]
Einnahme und Plünderung ~Roms~ durch Alarich. Er zieht darauf nach Unteritalien, um nach Sicilien und von da nach Afrika überzusetzen, stirbt aber unterwegs (im +Busento+ bei Cosenza begraben).
[410–415.]
~Athaulf~, Alarichs Schwager, führt die Westgoten nach Gallien, vermutlich infolge eines Übereinkommens mit dem Kaiser Honorius zur Bekämpfung der dort eingedrungenen Germanen. Er vermählt sich in Narbo 414 mit +Placidia+, Schwester des Honorius, wird aber bald darauf von dem kaiserlichen Feldherrn +Constantius+ angegriffen, zieht nach +Spanien+, erobert +Barcelona+, wird dort ermordet. Sein Bruder
[415–419.]
~Wallia~ schließt wiederum Vertrag mit Honorius, sendet Placidia zurück und kämpft für die Römer gegen Vandalen, Alanen und Sueben. Ihm wird das südliche +Gallien+ unter römischer Hoheit abgetreten.
[~415–711.~]
~Westgotenreich~ in Südgallien und Spanien, bald von Rom unabhängig. Hauptstadt +Tolosa+ (Toulouse), später +Toledo+.
[429.]
König +Genserich+ führt die +Vandalen+ aus Spanien nach Afrika hinüber, herbeigerufen von dem abtrünnigen römischen Statthalter +Bonifatius+, der nachher vergeblich die Eingedrungenen bekämpft. +Augustinus+, Bischof von Hippo Regius, † 430 während der Belagerung dieser Stadt durch die Vandalen. +Karthago+, die Hauptstadt der römischen Provinz, wird erst 439 von ihnen erobert.
[~429–534.~]
~Vandalenreich~ in Afrika.
Die Vandalen (Arianer) gründen eine Seemacht und beginnen die Küsten und Inseln des Mittelmeeres zu plündern. Ihre früheren Wohnsitze in +Spanien+ werden von den Westgoten in Besitz genommen.
[443.]
Die ~Burgunder~, unter ihrem König +Gundahar+, von dem römischen Feldherrn +Aëtius+ mit Hilfe hunnischer Söldner besiegt, erhalten Wohnsitze an der oberen Rhone und Saône. Die ~Alamannen~ breiten sich (an Stelle der Burgunder) über die frühere römische Provinz +Germania superior+ (Elsaß) und die Schweizer Ebene aus.
[~449.~]
+Britannien+ besetzt von ~Sachsen~, ~Angeln~ und ~Jüten~, die von den Briten gegen die räuberischen Stämme der nördlichen Gebirge (+Picten+ und +Scoten+) zu Hilfe gerufen werden. Sie setzen (nach der Sage unter den Führern +Hengist+ und +Horsa+) nach Britannien über und gründen dort 7 Staaten: +Kent+, +Sussex+, +Wessex+, +Essex+, +Ostangeln+, +Mercia+, +Northumbria+. Die christlichen +Briten+ werden teils nach der Westseite der Insel (+Wales+, Sagen von König Artus) gedrängt, teils siedeln sie nach der Küstenlandschaft +Aremorica+ (Bretagne) in Gallien über.
[~451.~]
~Attila~ (+Etzel+), König der ~Hunnen~, bricht verheerend in Gallien ein; in seinem Gefolge auch die Heerscharen der ihm unterworfenen +germanischen+ Völker, +Ostgoten+, (Attila gotisch = Väterchen) +Gepiden+, +Heruler+, +Rugier+ u. a. Er belagert vergeblich +Orléans+ (Civitas Aureliani).
[451.]
~Schlacht~ auf den ~Katalaunischen Feldern~ (nach +Catalaunum+, d. i. +Châlons-sur-Marne+, das Schlachtfeld selbst näher bei +Troyes+). Attila von dem römischen Heer unter ~Aëtius~ und den +Westgoten+ (mit Hilfstruppen der +Burgunder+, +Franken+ u. a.) in gewaltigem Kampfe besiegt, geht über den Rhein zurück.
[452.]
~Attila~ zieht nach ~Italien~, zerstört +Aquileia+, dessen Bewohner in die Lagunen flüchten (Entstehung der Stadt +Venedig+). Er verwüstet die Po-Ebene, +bedroht Rom+, kehrt aber um auf Bitten einer Gesandtschaft, an deren Spitze der römische Papst Leo I. steht.
[453.]
Attila stirbt in Pannonien; nach seinem Tode ~Zerfall des Hunnenreiches~. Die bisher den Hunnen unterworfenen germanischen Völker werden frei; die +Gepiden+ begründen ein Reich in Dacien, die +Ostgoten+ in Pannonien.
Vordringen ~slavischer Völker~ in die von den Germanen verlassenen Gebiete bis zur +Elbe+.
[455.]
Rom nach Ermordung Valentinians III. 14 Tage lang von den ~Vandalen~ geplündert, welche Eudoxia, die Witwe Valentinians, herbeigerufen haben soll. Die Vandalen beherrschen die Nordküste Afrikas bis Kyrēne und die Inseln des westlichen Mittelmeeres.
[~476.~]
~Odovakar~, Anführer von Herŭlern und anderen Germanen in römischem Solde, wird nach Absetzung des letzten weströmischen Kaisers Herrscher in Italien (vgl. S. 138).
Gründung des ~Frankenreiches~ in Gallien.
[486.]
Der Merowinger ~Chlodwig~ (Chlodovech), König der +salischen Franken+ (481–511), besiegt bei ~Soissons~ den römischen Statthalter +Syagrius+ und vernichtet dadurch den letzten Rest des weströmischen Reiches.
[~496.~]
Chlodwig besiegt die ~Alamannen~ im Elsaß (+nicht+ bei Zülpich, wo früher ein Kampf zwischen Alamannen und ripuarischen Franken stattgefunden hatte). Chlodwig gelobt in der Schlacht, +Christ+ zu werden, nimmt mit seinem Volke die +katholische+ Lehre an, wird in +Reims+ vom Bischof Remigius getauft.
[500.]
Chlodwig besiegt die ~Burgunder~ bei +Dijon+, doch behauptet König Gundobad seine Herrschaft. Durch List und Gewalt macht Chlodwig sich zum Alleinherrscher +aller+ Franken, s. unten und S. 145 ff.
[~493–553.~]
~Ostgotenreich~ in Italien.
~Theoderich der Große~, christlicher König der Ostgoten, führt nach Übereinkunft mit dem oströmischen Kaiser +Zeno+, der ihm den Rang eines Patricius (S. 138) und Konsuls verlieh, sein Volk aus Pannonien nach Italien, siegt über Odovakar am Isonzo 489, belagert ihn in +Ravenna+, läßt ihn 493 nach Einnahme der festen Stadt hinrichten. Er sorgt in Italien für Erhaltung der römischen Kultur und friedliches Zusammenleben von Römern und Goten. Seine Regierung für Italien eine Zeit des Glückes und Wohlstandes. Sein Minister +Cassiodorius+ schreibt die Geschichte der Goten und verkündet Gesetze in lateinischer Sprache. Doch bleibt der Zwiespalt zwischen beiden Nationen, da die Goten +Arianer+ sind. Boëthius und Symmachus 525 hingerichtet wegen geheimer Verbindungen mit dem oströmischen Kaiser.
Theoderich schließt Frieden mit den +Vandalen+, welche ihre Raubzüge gegen Italien aufgeben, nimmt die +Alamannen+ und +Westgoten+ gegen die wachsende Macht des Frankenreiches in Schutz, waltet als Friedenshort und Völkerhirt unter seinen germanischen (arianischen) Stammverwandten.
[507.]
Chlodwig besiegt die ~Westgoten~ bei +Voullon+ oder +Voullé+ (unweit Poitiers) und besetzt ihr Land bis zur Garonne: in +Arles+ behaupten sie sich mit Hilfe der Ostgoten. Theoderich vereinigt die Provence mit seinem Reiche und übernimmt die vormundschaftliche Regierung für seinen Enkel +Amalarich+, den Sohn des bei Voullon gefallenen Westgotenkönigs Alarich II.
[526.]
Theoderich † zu +Ravenna+; sein Grabmal dort erhalten. In den deutschen Heldenliedern erscheint er als +Dietrich von Bern+ (Verona).
Das +Westgotenreich+ behauptet sich in +Spanien+ (Hauptstadt +Toledo+) bis 711. Gegen das +Vandalen+reich und das +Ostgoten+reich erhebt sich die wieder erstarkte Macht des ~oströmischen Kaisertums~.
[534.]
~Belisar~, Feldherr des oströmischen Kaisers Justinian (S. 147), zerstört das ~Vandalenreich~ in Afrika.
Verfall des Vandalenreichs seit Genserichs Tode (477). Den letzten König +Gelimer+ nimmt Belisar gefangen.
[535–553.]
Vernichtungskrieg +Justinians+ gegen das ~Ostgotenreich.~
~Veranlassung~: +Amalaswintha+, Tochter Theoderichs d. Gr., 526–534 Regentin für ihren unmündigen Sohn Athalarich, wird nach dessen Tode ermordet von +Theodahad+, den sie zum Mitregenten angenommen hat. Kaiser Justinian tritt als ihr Rächer auf.
[535–540.]
~Belisar~ erobert zuerst Sicilien, dann Neapel, bekämpft +Vitigis+, den die Ostgoten an Stelle Theodahads zum König erwählt haben, erobert Rom und führt Vitigis als Gefangenen nach Konstantinopel. Während er dann im Osten des Reichs die +Perser+ bekämpft, erobern die Ostgoten unter König +Totila+ den größten Teil Italiens wieder.
[544–549.]
Belisar, aufs neue nach Italien gesandt, kämpft mit wechselndem Erfolge gegen Totila. Nach Belisars zweiter Abberufung wird Rom von Totila wieder erobert.
[552.]
~Narses~, Belisars Nachfolger, siegt mit germanischen Hilfstruppen über Totila bei +Tagīnä+ (in Umbrien, nicht weit von Sentinum); Totila fällt. +Teja+, der letzte Ostgotenkönig, fällt im Verzweiflungskampfe am +Mons lactarius+ (in der Nähe des Vesuv); die Reste seines Heeres erhalten freien Abzug.
[553.]
Scharen von +Franken+ und +Alamannen+, welche über die Alpen in Italien eindringen, werden von +Narses+ zurückgeschlagen, die letzten am +Volturnus+ vernichtet. Italien wird Provinz des oströmischen Reiches (+Exarchat+). Narses erster Exarch, sein Sitz in Ravenna.
[~568–774.~]
~Langobardenreich~ in Italien.
~Alboin~, König der seit etwa 500 in Pannonien ansässigen +Langobarden+, zerstört mit Hilfe der +Avaren+, eines den Hunnen verwandten, asiatischen Volkes, welches bis zur Donau vorgedrungen ist, das Reich der +Gepiden+ (566) und führt bald darauf (568) sein Volk nach +Italien+, vielleicht von Narses, der am byzantinischen Hof in Ungnade gefallen war, herbeigerufen. +Pavīa+ (Ticīnum), erst nach dreijähriger Belagerung erobert, wird Hauptstadt seines Reiches. Unter seinen Nachfolgern werden langobardische Herzogtümer in +Friaul+, +Spoleto+, +Benevent+ gegründet. Unter oströmischer Herrschaft bleiben nur +Venedig+, +Ravenna+, +Neapel+, und +Kalabrien+.
Die Bischöfe von ~Rom~ wissen ihrem Gebiete, dem ~Patrimonium Petri~, die Unabhängigkeit zu sichern (später Berufung auf eine +Schenkung Konstantins+ in den um die Mitte des 9. Jahrh. entstandenen, gefälschten pseudo-isidorischen Dekretalen).
[589.]
+Authari+ (Sohn +Klephs+), der 3. König des Langobardenreiches, vermählt mit Theodelinde, Tochter des +Bayern+herzogs Garibald, durch deren Einfluß der Übertritt der Langobarden vom +Arianismus+ zur +katholischen Lehre+ bewirkt wird. Gleichzeitig vollzieht sich dieselbe Umwandlung im spanischen ~Westgotenreich~, welches 585 durch Unterwerfung des +Suebenreiches+ erweitert ist.
[590–604.]
~Gregor I.~ (der Große), Bischof von Rom, befestigt das Ansehen des ~Papsttums~. (Pápa, d. h. Vater, früher der Name jedes christlichen Bischofs, bald dem Nachfolger +Petri+ ausschließlich beigelegt.) -- Sendung von Glaubensboten zu den Angelsachsen nach +England+ (597), der Abt +Augustinus+ begründet das Erzbistum +Canterbury+. -- Ausbreitung der ~Klöster~; Mönchsregel des h. +Benedikt+ von Nursia, der 529 das Mutterkloster des Benediktiner-Ordens auf dem Monte Cassino in Kampanien gründete. Nach dem Untergang des weströmischen Reiches ist die +römische Kirche+ von größter Bedeutung für die Erhaltung und Fortbildung der aus dem Altertum überlieferten +Kultur+.
§ 2. Frankenreich unter den Merowingern.
(Vgl. S. 143.)
[511.]
Nach Chlodwigs Tode +erste+ Teilung (doch nicht völlige Gebietstrennung) des Frankenreiches. Seine vier Söhne herrschen gemeinsam, aber mit gesondertem Hofhalt zu +Metz+, +Orléans+, +Paris+, +Soissons+.
[531–532.]
Das Reich der ~Thüringer~ wird von Theoderich, dem ältesten der Brüder, durch den Sieg bei +Scheidungen+, das der ~Burgunder~ von den jüngeren Söhnen Chlodwigs: +Chlodomer+, +Childebert+, +Chlotar+, erobert.
Der +nördliche+ Teil Thüringens (bis zur +Unstrut+) fällt an die +Sachsen+ als Bundesgenossen der Franken in dem Kriege; in das +Main+gebiet, welches ebenfalls zum alten Thüringerreich gehörte, ziehen fränkische Ansiedler ein (Ost+franken+).
Nach dem Untergang des ostgotischen Reiches Erwerbung der +Provence+ (536); auch die +Bayern+ (entstanden aus Vereinigung der Markomannen und Quaden (S. 131) mit anderen Volks-Stämmen) schließen sich dem Frankenreiche an; sie behalten aber ihr heimisches Herzogsgeschlecht, die Agilolfinger.
[558–561.]
Das Frankenreich wieder vereinigt unter ~Chlotar I.~, Chlodwigs jüngstem Sohn, der seine Brüder überlebt. Nach seinem Tode +zweite+ Teilung, zuerst in vier, dann in drei Reichsteile: Austrasien, Neustrien, Burgund. Es folgt eine Zeit der Zerrüttung; +Brunhild+, eine westgotische Königstochter, veranlaßt ihren Gemahl +Sigibert+ von Austrasien zum Kriege gegen seinen Bruder +Chilperich+ von Neustrien, der ihre Schwester verstoßen und sich mit +Fredegunde+ vermählt hat. Chilperich ermordet 584, darauf Kampf der Adelsparteien.
[613–628.]
Zweite Wiedervereinigung des ganzen Frankenreiches durch ~Chlotar II.~ von Neustrien, Sohn der Fredegunde. Brunhild gefangen, gemartert und zu Tode geschleift.
~Verfassung des Frankenreiches~: Das Land ist in +Gaue+ (+pagi+) eingeteilt, deren Vorsteher die vom König ernannten +Grafen+ (+comites+) sind; die Gaue zerfallen in +Hundertschaften+ (+centenae+). Jede Hundertschaft hat ihre Gerichtsstätte, +Malberg+ genannt, wo unter Leitung ihres Vorstehers (centenarius) oder des Grafen die Freien zum Gerichtstag (+Ding+) erscheinen. Das Volksrecht aufgezeichnet als +lex Salica+ (schon unter Chlodwig) und +lex Ripuaria+; das Deutsche war Volkssprache, aber nicht Schriftsprache. Altgermanisches Gerichtsverfahren: Eideshelfer, Zweikampf, Gottesurteile durch siedendes Wasser oder glühendes Eisen. Totschlag kann durch Wergeld gesühnt werden. Oberstes Gericht das Hofgericht des Königs.
Stände des Volkes: Freie, Halbfreie oder Hörige (+liti+) und Unfreie (+Leibeigene+). Die Mitglieder des königlichen Gefolges (+antrustiones+) haben das dreifache +Wergeld+ der Freien. Freie, die sich in den Schutz eines Mächtigeren oder des Königs begeben, sind dessen +Vasallen+. Sie empfangen von ihm Grundbesitz zum Nießbrauch; daraus entwickelt sich in der karolingischen Zeit das +Lehnswesen+ (+beneficium+ oder +feudum+, das Lehngut, im Gegensatz zum Eigengut, +allodium+).
Die aus römischer Zeit vorhandenen +Städte+ behalten eine gewisse Bedeutung als Bischofsitze; die Einwohner sind aber meistens Halbfreie oder Unfreie. Die zahlreichen +Kirchengüter+ erhalten allmählich Befreiung von der Gerichtsbarkeit der Grafen (+Immunität+); ein von dem Bischof oder Abt erwählter Schutzherr (+advocatus+, +Vogt+) übt dann die Gerichtsbarkeit.
Zum Kriegsdienst sind alle Freien verpflichtet (+Heerbann+); die Vasallen ziehen unter Führung ihres Beschützers (+senior+) zu Felde, die übrigen unter Führung des Grafen. In Reichsteilen, die früher selbständig waren (Aquitanien, Bretagne, Bayern, Thüringen), hat der +Herzog+ (+dux+) den Oberbefehl über den Heerbann mehrerer Grafschaften. Bei der jährlichen Heeresmusterung (+Märzfeld+, später +Maifeld+) versammelt der König die Großen zu Beratungen (+placita+) und verkündet mit ihrer Zustimmung +Gesetze+.
Die wichtigsten Hofämter sind: Seneschall, Marschall (comes stabuli), Kämmerer, Mundschenk, Kanzler, Pfalzgraf (+comes palatii+ oder +palatinus+). Der +Majordomus+, ursprünglich Vorsteher der königlichen Hofhaltung, gewinnt allmählich die größte Macht als Stellvertreter des bald hier, bald dort residierenden Königs.
Unter +Chlotar II.+ hat jeder der drei großen Reichsteile einen eigenen +Majordomus+; unter seinem Sohne +Dagobert+ kommt ~Pippin~ (der Ältere) zu besonderem Ansehen in Austrasien. Dessen Enkel ~Pippin~ (der Mittlere) macht sich durch den
[687.]
Sieg bei +Testri+ (unweit St. Quentin) über den Majordomus von Neustrien zum +Majordomus des ganzen Frankenreiches.+
Sein Sohn ~Karl Martel~ gilt, obgleich er noch nicht den Königstitel annahm, als Begründer der Dynastie, welche das entartete Haus der Merowinger verdrängte.
§ 3. Das oströmische Reich.
Nach Attilas Tode (S. 142) Aufhören der Bedrängnis durch die +Hunnen+. Das wieder erstarkende Reich bewahrt unter despotischen, aber oft von ihrer Umgebung abhängigen Herrschern noch Jahrhunderte lang die griechische Kultur.
[~527–565~]
~Justinian I.~ läßt durch seinen Minister +Tribonianus+ aus den Gesetzen früherer Kaiser und den Schriften früherer Rechtsgelehrter ein umfassendes Gesetzbuch, ~Corpus iuris civilis~, zusammenstellen. Teile desselben: 1. +Institutiones+, 2. +Pandectae+ oder +Digesta+, 3. +Codex Justinianeus+, 4. +Novellae+ später hinzugefügt.
[~532.~]
~Nika-Aufstand~ in Konstantinopel, veranlaßt durch die Parteien der Rennbahn, die sich mit dem Schlachtruf +Nika+ gegen die Regierung erheben, aber bald unter sich uneinig werden. Die +Blauen+, von +Belisars+ Truppen unterstützt, siegen über die +Grünen+. Ein großer Teil der Stadt durch Brand zerstört, dann schöner wiederhergestellt. Großartige Prachtbauten, z.B. 25 neue Kirchen, darunter die +Sophienkirche+.
Kriege gegen die +Germanen+ (s.S. 144); Afrika und Italien für die oströmische Herrschaft wiedergewonnen. Im Osten Bedrängnis durch die ~Perser~, welche in Syrien eindringen. Blüte des Sassanidenreiches (S. 133) unter König +Kosru I.+, die altpersische +Masda+religion (S. 17) herrscht dort in neuer Kraft. Die Donaugrenze wird mit Mühe geschützt gegen Einfälle der +Bulgaren+ und +slavischen+ Stämme; zu deren Bekämpfung wird das mongolische Volk der +Avaren+ gewonnen, welches seine Wohnsitze in den Steppen an der Donau und Theiß nimmt, wo früher die Hunnen hausten.
Unter den folgenden Kaisern Verfall des Reiches. Italien geht größtenteils verloren (S. 145); +Bulgaren+ und +Serben+ siedeln sich südlich der Donau an, doch unter Oberhoheit des Reiches.
[627.]
~Heraklios II.~ besiegt die +Perser+ bei den Ruinen von +Ninive,+ verliert aber bald darauf Syrien und Ägypten durch das erobernde Vordringen der Araber. Der übrige Bestand des Reiches ist gesichert.
[668–675.]
Unter Kaiser +Konstantin IV.+ Abwehr der wiederholten Angriffe der Araber auf +Konstantinopel+ (das griechische Feuer).
[726.]
+Leo III.+ verbietet nach abermaliger Abwehr der Araber den +Bilderdienst.+ Dadurch werden langdauernde kirchliche Streitigkeiten veranlaßt; die Parteien der Bilderdiener und Bilderstürmer bekämpfen einander, bis die Kaiserin +Irene+ 787 den Bilderdienst wiederherstellt. Nach ihrem Tode erneuter Streit: +Leo V.,+ siegreich gegen die Bulgaren, verbietet 815 den Bilderdienst, wird 820 von Verschwörern ermordet; endlich entscheidet 842 die Kaiserin +Theodora+ zu Gunsten des Bilderdienstes.
§ 4. Mohammed und das Kalifat.
Die ~Arăber~, lange Zeit durch die Natur ihres Landes vom Völkerverkehr ferngehalten, erheben sich unter der Einwirkung einer neuen +Religion+ aus der Stammverfassung zur Gründung einer Reichsmacht. Diese tritt in Kampf gegen das christliche Europa.
~Mohammed,~ geb. 571 zu Mekka, aus dem Stamme Kureïsch, lernt auf Handelsreisen nach Syrien die jüdische und die christliche Religion kennen, zieht sich öfters in die Einsamkeit zurück, tritt dann unter seinem Stamme als Prophet auf. Hauptsatz seiner Lehre, des ~Islâm~: Es ist nur ein Gott (Allah), und Mohammed sein Prophet. Die Gläubigen (+Moslemin+) sind zu Gebeten, Fasten, Almosen, Wallfahrten verpflichtet; Gerechtigkeit die Haupttugend. Vielweiberei gestattet. Glaube an Vorherbestimmung (Fatalismus), sinnliche Vorstellungen vom Fortleben im Paradiese.
[622.]
Mohammeds Flucht (~Hedschra~) von +Mekka+ nach +Medina+ Anfang einer neuen Zeitrechnung bei den Völkern, die den Islam annehmen.
[630.]
Mohammeds Rückkehr; er reinigt die +Káaba+, das alte Heiligtum in Mekka, von Götzenbildern. Bald ganz Arabien ihm untertan. Er stirbt 632, sein Grab in Medīna. Seine Nachfolger die ~Kalifen~:
[632–634.]
~Abu Bekr~, Schwiegervater des Propheten. Entstehung des 114 Suren umfassenden ~Koran~, der später ergänzt wird durch Aufzeichnung mündlich überlieferter Aussprüche des Propheten (die +Sunna+). Spaltung der Gläubigen in +Sunniten+, welche diese anerkennen, und +Schiiten+, welche sie verwerfen und ~Ali~, den Schwiegersohn Mohammeds, als dessen einzig rechtmäßigen Nachfolger betrachten. (Die Perser z. B. sind Schiiten, die Türken Sunniten.)
[634–644.]
~Omar~, Begründer der arabischen Herrschaft im Orient: 1. Zerstörung des +Neupersischen Reiches+ der Sassaniden; der Feldherr Saad zieht 636 als Sieger in Ktesiphon ein.
2. Dem +oströmischen+ Reiche entreißt Omar +Syrien+ und +Palästina+ (Damaskus 635, Jerusalem 637); sein Feldherr Amru erobert +Ägypten+ (Alexandria 641). Gründung der Städte +Kairo+ und +Basra+ (am Schatt el Arab). Die erobernden Araber nehmen vieles von der persischen und griechischen Kultur an, machen aber ihre Religion und Sprache zur herrschenden.
Innere Kriege unter den beiden folgenden Kalifen; +Othman+ wird 656 in einem Aufstande zu Medina ermordet, +Ali+, Mohammeds Schwiegersohn, 661 durch Verschwörer.
[~661–750.~]
~Die Omaijaden.~
+Muawija+, Urenkel des Omaija, eines Verwandten Mohammeds, gründet eine +sunnitische+ Dynastie, verlegt die Residenz von Medina nach ~Damaskus~. Seine Feldherrn belagern Konstantinopel vergeblich; in Kleinasien beginnen langdauernde Kämpfe, da das byzantinische Reich starken Widerstand leistet. +Nordafrika+ wird von den Arabern gewonnen; 697 zerstören sie Karthago.
[711.]
Der Feldherr +Tarik+ setzt nach +Spanien+ über, herbeigerufen von Graf Julian, dem Statthalter von Ceuta, gegen den Westgotenkönig Roderich. Er landet bei dem nach ihm benannten Berge Dschebel al-Tarik (Gibraltar) und vernichtet durch die siebentägige Schlacht am Guadalete und Saladofluß bei ~Xeres de la Frontera~ das +Westgotenreich+. Nur ein kleines christliches Königreich +Asturien+ behauptet sich im Norden der Halbinsel.
[717.]
Konstantinopel wiederum vergeblich belagert; dagegen wird das Indusland, Baktrien, Sogdiana dem Islam unterworfen. Im Innern häufige Kämpfe mit den Anhängern Alis; Entfaltung der Künste und Wissenschaften, namentlich unter +Welid I.+ (705–715), welcher die prachtvolle Moschee zu Damaskus baut.
[750.]
Merwan II. wird in der blutigen Schlacht am +Zab+ (Nebenfluß des Tigris) besiegt von +Abul Abbas+, der das Geschlecht der Omaijaden ausrottet; nur +Abdurrahman+ entkommt nach +Spanien+ und gründet dort ein selbständiges Kalifat in Cordova. Hier wie in Granada (Alhambra) großartige Baudenkmäler aus jener Zeit erhalten.
[~750–1258.~]
~Die Abbassiden.~
Neue Residenz ~Bagdad~; glänzende Regierung +Harun al Raschids+ 786–809, von den Dichtern gepriesen. Blüte des Handels, der Architektur und der Wissenschaften (Philosophie, Mathematik, Geographie, Naturforschung, Medizin) unter seinem Sohne +Mamun+ 813–833. Bagdad, Damaskus, Mekka, Kairo Mittelpunkte der arabischen Kultur. Die Nachfolger haben mit Aufständen zu kämpfen.
§ 5. Frankenreich unter den Karolingern.
~Karl Martel~ (der Hammer, Majordomus 714–741) unterwirft die unbotmäßigen Großen des Reiches, bekämpft die +Friesen+ und +Sachsen+, sichert das Frankenreich gegen die vordringenden +Araber+ durch die siebentägige
[732.]
Schlacht ~zwischen Tours und Poitiers.~
Er regiert seit 737 ohne König, seine beiden Söhne +Karlmann+ und +Pippin+ setzen 743 wieder einen König (Childerich III.) ein. Karlmann tritt 747 von der Regierung zurück.
[~751–768.~]
~Pippin, König der Franken,~
nachdem Childerich III. unter Zustimmung des Papstes Zacharias durch die zu +Soissons+ versammelten fränkischen Großen abgesetzt und in ein Kloster geschickt ist. Pippin wird auf den Schild erhoben, dann von den Bischöfen gesalbt. 753 Kriegszug gegen die +Sachsen+.
[754.]
Papst Stephan II., der als Schutzflehender erscheint, wiederholt zu St. Denys (bei Paris) die Salbung an Pippin und seinen Söhnen. Pippin zieht darauf nach +Italien+ und drängt den Langobardenkönig +Aistulf+ zurück, welcher +Rom+ seinem Reiche einverleiben will. Pippin bestätigt den Papst in dem Besitz des Ducats von Rom (Kirchenstaat, S. 145) und erweitert ihn durch Schenkung des +Exarchats Ravenna+ und der +Pentapolis+ (Gebiet von +Ancona+ und +Rimini+). Er beansprucht für sich und erhält vom Papst den Titel +Patricius+ von Rom (S. 138, 143).
[719–754.]
~Bonifatius~, der Apostel der Deutschen.
Im inneren Deutschland hatten in der Merowingerzeit ~irische~ und ~fränkische~ Missionare, gestützt auf die aus römischer Zeit her bestehenden Bistümer in Basel, Konstanz, Straßburg, Augsburg, Mainz, Trier, Köln, an mehreren Orten Kirchen und Klöster gegründet: +Columba+ und +Gallus+ um 610 bei den Alamannen am Bodensee (Kloster St. Gallen), +Pirmin+ (Kloster Reichenau), +Emmeram+ in Regensburg, +Kilian+ in Würzburg, +Rupert+ in Salzburg u. a.
~Bonifatius~ (sein ursprünglicher Name +Winfried+), ein ~Angelsachse~ aus Wessex, erhält 719 in Rom von Papst Gregor II. den Auftrag, in den noch heidnischen Gegenden Deutschlands das Christentum zu verkündigen. Er predigt zuerst in Gemeinschaft mit seinem Landsmann +Wilibrord+, dem Bischof von Utrecht, in +Friesland+, wendet sich dann nach Ostfranken, Thüringen, Hessen, Bayern. Bei Geismar in Hessen fällt er die Wodanseiche. Seit 722 Bischof, 732 Erzbischof ohne bestimmten Bischofsitz, bringt er alle neu gegründeten Bistümer (Salzburg, Regensburg, Freising, Passau, Würzburg, Eichstätt, Erfurt, letzteres bald zu Mainz gezogen) und Klöster (Fritzlar, Fulda, Ohrdruf) in strenge Abhängigkeit vom römischen Stuhle. Auch im westlichen Teile des Frankenreichs ordnet er die verfallenen kirchlichen Einrichtungen wieder. Er wird 748 ~Erzbischof von Mainz~, 755 bei einer letzten Missionsreise von den heidnischen Friesen bei Dokkum erschlagen; begraben in +Fulda+.
[~768–814.~]
~Karl der Große~,
anfangs gemeinschaftlich mit seinem Bruder +Karlmann+ regierend, nach dessen Tode 771 Alleinherrscher. Karlmanns Söhne fliehen zu +Desiderius+, dem König der Langobarden, dessen Tochter Desiderata Karl geheiratet, dann verstoßen hatte. Zur Sicherung der Reichsgrenze beginnt Karl die langwierigen ~Sachsenkriege~; durch die Unterwerfung der noch heidnischen +Sachsen+ (geteilt in Westfalen, Engern, Ostfalen, Nordalbinger) wird die Einigung der deutschen Volksstämme im Frankenreiche vollendet.
[772.]
~Erster Sachsenkrieg.~ Maifeld zu +Worms+, von da aus Zug gegen die +Engern+. Eroberung der +Eresburg+ (Stadtberge an der Diemel), Zerstörung der +Irminsul+, eines heiligen Denkmals.
[773–774.]
Zug nach +Italien+; ~Zerstörung des Langobardenreiches~.
Da Papst Hadrian I. sich weigert, Karlmanns Söhne zu Königen der Franken zu krönen, besetzt Desiderius die +Pentapolis+ und bedroht Rom. Karl als +Patricius+ von Rom kommt dem Papst zu Hilfe. Einnahme von +Pavīa+ nach langwieriger Belagerung; Desiderius in ein Kloster gebracht. Karl krönt sich mit der eisernen Krone der Langobarden und wird König von +Italien+ (Langobardenreich, also Nord- und Mittel-Italien; Süd-Italien bleibt teils im Besitz der Byzantiner, teils selbständig unter dem Herzog von Benevent). Karl bestätigt dem Papst die Schenkung seines Vaters.
[775–777.]
Fortsetzung des ~Sachsenkrieges~: 775 Zug von Düren aus nach +Westfalen+, Eroberung der +Sigiburg+ (Hohensyburg am Einfluß der Lenne in die Ruhr). 776 von Worms aus Wiederherstellung der von den Sachsen zerstörten +Eresburg+ und Zug bis zur Lippe, 777 Maifeld in +Paderborn+.
[778.]
Zug nach +Spanien+, veranlaßt durch ein Hilfsgesuch des Emirs von Saragossa gegen den Kalifen von Cordŏva. Pamplona erobert, Saragossa belagert. Beim Rückzuge überfallen die Basken im Tal +Roncesvalles+ die Nachhut des Heeres. Tod des in der Sage gefeierten Helden +Roland+. Infolgedessen die spanischen Eroberungen verloren.
Inzwischen neue Erhebung der ~Sachsen~ unter +Widukind+. Karl siegt 779 bei +Bocholt+ an der Aa (nördlich von Wesel), zieht 780 von der Eresburg aus nach Lippspringe und von da bis zur Elbe. Die Sachsen unterwerfen sich, Einführung des Christentums.
[781.]
Zug nach +Italien+, Zusammenkunft mit dem Papste in Rom.
[782.]
Abermals Aufstand der ~Sachsen~ unter +Widukind+. Sie vernichten ein fränkisches Heer, welches mit ihnen zusammen die wendischen +Sorben+ bekämpfen soll, am Berge +Süntel+. Deshalb Strafgericht zu +Verden+ an der Aller, 4500 Sachsen getötet. 783 infolge dieser Bluttat neuer, furchtbarer Aufstand. Karl siegt erst bei +Detmold+, dann an der +Hase+, dringt bis zur +Elbe+ verwüstend vor. 785 unterwirft sich Widukind und wird Christ.
Einführung der fränkischen +Grafschafts+verfassung in Sachsen. Anfänge des städtischen Lebens knüpfen sich an die nach und nach gegründeten +Bischofsitze+: Bremen, Münster, Paderborn, später Osnabrück, Verden, Minden; unter Ludwig dem Frommen Hildesheim und Halberstadt.
[787.]
Zug nach +Italien+; Herzog Arichis von Benevent unterwirft sich.
[788.]
Aufhebung des Herzogtums +Bayern+ nach zweimaliger Auflehnung des Herzogs +Tassilo+; dieser wird in ein Kloster geschickt.
[789.]
Krieg gegen die ~Slaven~ (Wenden); Karl zieht von Köln aus durch Sachsen, überschreitet die Elbe, besiegt den Stamm der Wilzen, dringt bis zur +Peene+ vor.
[791.]
Krieg gegen die ~Avaren~ (S. 148), welche Tassilo unterstützt hatten; Zug von Regensburg aus bis zur Raab.
[794.]
Karl und sein gleichnamiger ältester Sohn unterdrücken einen neuen Aufstand der ~Sachsen~, mit zwei getrennten Heeren eindringend. Fernere Züge 795–799, viele Sachsen hinweggeführt und in fränkischem Gebiet angesiedelt.
[795.]
Karls Sohn Ludwig bekämpft die Mauren, gründet bis 811 die +spanische+ Mark (Barcelona 801 erobert).
[796.]
Karls Sohn Pippin erstürmt den Königsring (Hauptlager) der +Avaren+ zwischen Donau und Theiß. Das Land zwischen +Enns+ und +Raab+ wird als Avarische Mark mit deutschen Ansiedlern besetzt, +Salzburg+ 798 zum Erzbistum erhoben, ebenso um dieselbe Zeit +Köln.+
[~800.~ 25. Dezbr.]
~Karl erneuert das weströmische Kaisertum.~
Papst Leo III., von Verwandten seines Vorgängers Hadrian bei einem Aufstande mißhandelt und verjagt, sucht Schutz bei Karl im Lager zu Paderborn (799). Karl läßt ihn mit bewaffnetem Geleit nach Rom zurückführen, begibt sich zunächst nach +Aachen+, dann nach der +Nordseeküste+, um eine Flotte und befestigte Küstenplätze einzurichten zur Abwehr der seeräuberischen +Normannen+, zieht dann nach Italien und wird am Weihnachtsfest 800 in der Peterskirche zu +Rom+ vom Papste als römischer Kaiser gekrönt. Gesandte des Kalifen +Harun al Raschid+ begrüßen ihn 801 in Ivrea, Gesandte des oströmischen Reiches 802 in Aachen.
[804.]
Letzter Feldzug gegen die ~Sachsen~; Karl zieht von Aachen aus nach Lippspringe, hält dort das Maifeld ab, dringt dann bis zur unteren Elbe (bei Harburg) vor.
[806.]
Karl der Jüngere besiegt den slavischen Stamm der ~Sorben~ (zwischen Elbe und Saale); Grenzfesten werden bei Magdeburg und Halle angelegt. +Sorbische Mark+ gegründet.
[808.]
Karl der Jüngere bekämpft jenseits der Elbe die ~Dänen~; ihr König +Götrik+ befestigt das +Danewerk+ (westlich von Schleswig) zum Schutz seiner Grenze, wird 810, als der Kaiser selbst gegen ihn zieht, von seinen Untertanen ermordet. 811 Friede mit seinem Nachfolger Hemming an der +Eider+. Bei diesen Expeditionen werden +Hamburg+ und +Itzehoe+ und nördlich von der Eider die +Dänische Mark+ angelegt.
[811.]
Maifeld zu +Aachen+; dann besichtigt der Kaiser die in +Boulogne+ zur Abwehr der ~Normannen~ gerüstete Flotte.
[813.]
Nach dem Tode der beiden älteren Söhne Karl und Pippin krönt Karl zu +Aachen+ seinen jüngsten Sohn +Ludwig+ als Nachfolger. Er stirbt daselbst, 72 Jahre alt, am 28. Januar 814. Sein Grab in dem von ihm dort erbauten Münster.
Grenzen des Frankenreiches: Ebro -- Raab, Eider -- Garigliano. Grenzmarken: die spanische und bretonische (S. 142) im Westen, die avarische und sorbische im Osten, die sächsische und dänische im Norden. Während seiner ganzen Regierung sorgt Karl d. Gr. für +Gesetzgebung+ und +Verwaltung+. Aufzeichnung der noch ungeschriebenen Volksrechte (lex Saxonum); die in den verschiedenen Reichsteilen geltenden älteren Volksrechte der Franken, Westgoten, Burgunder, Alamannen, Bayern, Langobarden werden ergänzt durch die +Capitularia+, die bei den Versammlungen der geistlichen und weltlichen Großen (+Placita, Conventus generales+) verkündet werden. Aufsicht über die von den Bischöfen, Gaugrafen und Markgrafen (marchiones) geführte Verwaltung durch die +Königsboten+ (missi regis, missi dominici); die Herzogswürde ist abgeschafft. Bei wachsender Ausbildung des +Lehnswesens+ ruht doch die Hauptkraft des Heeres noch auf dem +Heerbann+ der +Freien+; die ärmeren Freien werden geschützt gegen die Versuche der Großen, sie gewaltsam zu abhängigen Lehnsträgern zu machen.
Zur Förderung der Bildung im Frankenreiche werden ausländische Geistliche berufen, besonders der Angelsachse +Alcuin,+ Abt von Tours. +Hofschule+ zur Ausbildung tüchtiger Beamten; zahlreiche +Klosterschulen+ (Fulda, St. Gallen). Paul, Warnefrieds Sohn (+Paulus Diacŏnus+) Geschichtschreiber der Langobarden; der Franke +Einhard+, Verfasser der +Vita Carŏli imperatoris+. Karl d. Gr. selbst bemüht sich um die Grammatik der deutschen Sprache, gibt den Monaten und den Winden deutsche Namen, läßt die alten Heldenlieder sammeln. Sorge für den Landbau (Capitulare de villis). Anlage eines Kanals von der Donau zum Main, 793 in Regensburg angeordnet, aber nicht vollendet. Residenzen des Herrschers die +Pfalzen+ (palatia) zu Aachen, Ingelheim, Worms, Nimwegen, Heristal, Diedenhofen, Attigny u. a.
[~814–840.~]
~Ludwig der Fromme.~ Die Reichsverwaltung wird zunächst in der von Karl d. Gr. begründeten Weise weitergeführt, doch wird der Einfluß der Geistlichen überwiegend. Ludwig läßt sich 816 in +Reims+ nochmals vom +Papste+ Stephan IV. krönen; sein ältester Sohn +Lothar+, schon 817 zum Mitregenten ernannt, übernimmt die Verwaltung +Italiens+ und wird 823 in Rom zum +Kaiser+ gekrönt.
[826.]
Taufe des Dänenkönigs Harald zu +Mainz+; der Mönch +Ansgar+ von Corvey predigt das Christentum in Dänemark, dann auch in Schweden.
[830.]
Empörung der drei älteren Söhne, Lothar, Pippin und Ludwig, als der Kaiser die früher beschlossene Reichsteilung abändert zu Gunsten des jüngsten Sohnes Karl (aus zweiter Ehe mit Judith, die aus dem alamannischen Geschlecht der +Welfen+ stammte). Eine Reichsversammlung zu +Nimwegen+ setzt den Kaiser wieder in volle Macht ein.
[831.]
Gründung des Erzbistums +Hamburg+; Ansgar erster Erzbischof.
[833.]
Zweite Empörung der Söhne. Der Kaiser, auf dem +Lügenfelde+ bei Colmar im Elsaß von seinem Heere verlassen, wird gefangen und von Lothar zu öffentlicher Kirchenbuße in +Soissons+ genötigt, bald aber von Ludwig und Pippin befreit und wieder auf den Thron gesetzt.
[838.]
Pippin †, Ludwig erhebt sich gegen den Vater, der jetzt an Lothar eine Stütze findet.
[840.]
Ludwig der Fromme † auf einer Rheininsel bei Ingelheim; der Zwist der Söhne dauert fort.
[841.]
Schlacht bei +Fontenay+ (unweit Auxerre an der Yonne); Ludwig und Karl siegen über Lothar.
Sie befestigen ihr Bündnis 842 durch die Eide zu +Straßburg,+ in welchen die Scheidung der deutschen und französischen Sprache im Frankenreiche deutlich hervortritt.
[~843.~]
~Vertrag zu Verdun~, Teilung des Reiches.
Kaiser ~Lothar~ erhält +Italien+ und +Mittelfranken+, begrenzt östlich vom Rhein, westlich von Rhone, Saône, Maas und Schelde, mit den Hauptstädten +Rom+ und +Aachen+;
~Ludwig der Deutsche~ erhält +Ostfranken+, das rechtsrheinische Land, dazu auf dem linken Rheinufer die Gaue von Mainz, Worms, Speier (propter vini copiam).
~Karl der Kahle~ erhält +Westfranken+ (Neustrien, Aquitanien, Burgund).
In Ludwigs Reich überwiegt die +germanische+, in Karls Reich die +romanische+ Bevölkerung. So entwickeln sich fortan +Deutschland+ und +Frankreich+ als nationale Staaten. Die Ostfranken nennen ihre Sprache im Gegensatz zu der römischen Sprache der gelehrten Geistlichkeit die +deutsche+, d. h. die volkstümliche; allmählich werden die deutschredenden Stämme als +Deutsche+ vereinigt.
~B. Vom Vertrage zu Verdun bis zum Beginn der Kreuzzüge. 843–1096.~
§ 1. Italien und Deutschland.
[~843–875.~]
~Karolinger[30] in Italien.~
+Lothar+ regiert bis 855, nach ihm sein ältester Sohn +Ludwig II.+ als Kaiser bis 875; er herrscht über Italien; von den beiden jüngeren Söhnen erhält Lothar II. das Gebiet von der Nordsee bis zur Rhone und Saône (Lothari regnum, +Lothringen+), Karl den südlichen Teil. Die nordafrikanischen ~Araber~ (Sarazenen), seit 827 im Besitze +Siciliens+, beunruhigen durch Seezüge die Küsten Italiens. Rom gesichert durch die aurelianische Mauer (S. 134); Papst +Leo IV.+ läßt auch den Stadtteil auf dem rechten Tiberufer (Peterskirche und Vatikan) ummauern.
Papst +Nikolaus I.+ (858–867), gestützt auf die +pseudo-isidorischen Dekretalen+ (S. 145) (Bischof Isidor von Sevilla, um 600, hatte zuerst päpstliche Entscheidungen gesammelt), bringt die päpstliche Macht gegenüber den Bischöfen und den karolingischen Herrschern zu hohem Ansehen, kann aber die durch dogmatische Streitigkeiten veranlaßte Loslösung der +griechisch-katholischen Kirche+ von der Oberhoheit Roms nicht verhindern. Der Patriarch +Photius+ in Konstantinopel tritt 863 dem päpstlichen Bann entgegen; völlige Trennung der beiden Kirchen erst 1054.
Die Slavenapostel +Methodius+ und +Cyrillus+, 863 aus Thessalonich nach +Mähren+ berufen, erkennen Roms Oberhoheit an; von Mähren aus verbreitet sich das Christentum um 900 nach +Böhmen+ und +Polen+.
[875.]
+Karl der Kahle+ von Frankreich gewinnt in Rom die Kaiserkrone, † 877 +(Karl II.).+
[~843–911.~]
~Karolinger in Deutschland.~
[~843–876.~]
~Ludwig der Deutsche~ führt Grenzkriege gegen die +Slaven+ (Abodriten in Mecklenburg, Sorben, Czechen), setzt in Mähren den Herzog Rastislav ein.
[845.]
+Hamburg+ zerstört von den +Normannen+, die schon mehrmals die friesische Küste heimgesucht hatten; das Erzbistum wird nach +Bremen+ verlegt. Die ferneren Raubzüge der Normannen richten sich gegen das westfränkische Reich.
[870.]
~Vertrag zu Mersen~ (an der Maas) mit Karl dem Kahlen; nach dem Tode der beiden jüngeren Söhne Lothars I. wird deren Erbe zwischen Deutschland und Frankreich geteilt. Der germanische Teil (Friesland, Lothringen, Elsaß) kommt an Deutschland, der romanische (Flandern, Brabant, Verdun, Burgund, Provence) an Frankreich.
[874.]
Swatopluk, Fürst von Mähren, zur Huldigung genötigt.
[~876–887.~]
~Karl der Dicke~ regiert zuerst gemeinsam mit seinen älteren Brüdern Karlmann und Ludwig. Letzterer weist durch den Sieg bei +Andernach+ am Rhein 876 Karls des Kahlen Ansprüche auf Lothringen zurück. Karl zieht 879 und 881 nach Italien, erlangt 881 in Rom die Kaiserkrone (+Karl III.+) wird 884 auch in Westfranken zum König gewählt. So vereinigt er noch einmal ~Karls des Großen Monarchie~ mit Ausnahme von +Niederburgund+ (Rhônegebiet), wo 879 Boso von Vienne, Schwiegersohn Kaiser Ludwigs II., zum König erwählt war (Hauptstadt +Arles+, daher der Name Arelatisches Reich). Aber er verliert bald sein Ansehen, weil er den +Paris+ belagernden +Normannen+ ein Lösegeld von 7000 Pfund Silber bewilligt und Burgund verpfändet; er wird von den zu +Tribur+ (südöstlich von Mainz auf dem rechten Rheinufer) versammelten Fürsten des ostfränkischen Reiches abgesetzt und stirbt bald darauf. +Hochburgund+ (Westschweiz und Franche-Comté) wird 888 ein selbständiges Reich unter dem Welfen Rudolf.
[~887–899.~]
~Arnulf von Kärnten,~ Sohn Karlmanns, schlägt die Normannen bei +Löwen+ an der +Dyle+ 891 und kämpft im Bunde mit dem finnischen Reitervolke der ~Magyaren~ (Ungarn), das vom Ural her in die früheren Wohnsitze der Avaren eingedrungen ist, gegen +Swatopluk+ von +Mähren+, dessen slavisches Reich nach seinem Tode (894) zerfällt. Arnulf zieht zweimal nach Italien, wird 896 in Rom zum Kaiser gekrönt, stirbt aber, ehe er sein Reich befestigen kann. Ihm folgt sein sechsjähriger Sohn
[~899–911.~]
~Ludwig das Kind~ unter Leitung des Erzbischofs +Hatto+ von Mainz. Furchtbare Verheerung Deutschlands durch die Raubzüge der +Magyaren+; wiederholt durchziehen sie Bayern (907 Herzog Luitpold, Stammvater der +Wittelsbacher+ samt seinem Heer vernichtet), Thüringen und Sachsen. Zugleich innere Fehden: Graf Adalbert von +Babenberg+ kämpft gegen die in Franken und Hessen begüterten +Konradiner+; er wird besiegt und vor seiner Burg hingerichtet.
In verschiedenen Reichsteilen erhebt sich wieder das durch Karl den Großen beseitigte +Stammesherzogtum+; es bilden sich die Stammherzogtümer ~Sachsen, Franken, Bayern, Schwaben, Lothringen~. Nach Ludwigs Tode lehnt der greise +Otto der Erlauchte+, Herzog von Sachsen, die Königskrone ab und lenkt die Wahl der Großen auf den mit den Karolingern nahe verwandten Konradiner
[~911–918.~]
~Konrad I. von Franken~. Einfälle der Dänen, Slaven und Magyaren. Konrad kämpft vergeblich um die Anerkennung der Königsgewalt, namentlich gegen +Heinrich+, Ottos des Erlauchten Sohn, seit 912 Herzog von Sachsen. +Lothringen+ wendet sich dem westfränkischen Reiche zu, +Elsaß+ bleibt mit Schwaben verbunden.
In ~Italien~, welches von Raubzügen der Magyaren und der Araber heimgesucht wird, hat nach Arnulfs Tode +Berengar von Friaul+ ein Königtum begründet, er erlangt 915 auch die Kaiserwürde. Gegen ihn tritt 922 +Rudolf II.+ von Hochburgund auf, gegen diesen +Hugo+ von Niederburgund. Rudolf II. schließt 933 Vertrag mit Hugo, der zum König von Italien gekrönt, auf Niederburgund verzichtet; vereinigtes ~Reich Burgund~ (Hauptstadt Arles) 933–1033. Dagegen gewinnt das italische Königtum keinen festen Bestand; Hugo wird 945 von +Berengar von Ivrea+ vertrieben; Hugos Sohn Lothar, mit Rudolfs II. Tochter +Adelheid+ (deren zweiter Gemahl Otto der Große) vermählt, sucht nach dem Tode seines Schwiegervaters vergebens dessen Reich wiederzugewinnen, † 950. Das +Papsttum+ ist in dieser Zeit in tiefem Verfall, abhängig von streitenden römischen Adelsparteien.
[~919–1024.~]
~Sächsische Könige und Kaiser.~
Heinrich I. †936. ________________|_________________________________________ Thankmar ~Otto I.~ †973 Heinrich, Brun, †938. | Herzog v. Bayern †955. Erzb. v. ______________|_________ ________|___________ Köln. Lindolf ~Otto II.~ †983. Heinrich d. Zänker, †957 | Herzog v. Bayern †995. __|__ __|__ ~Otto III.~ ~Heinrich II.~ †1024. †1002.
Auf Wunsch des sterbenden Konrad und auf Betreiben +Eberhards+, seines Bruders, wird zu +Fritzlar+ an der +Eder+ von den +Franken+ und +Sachsen+ erwählt
[~919–936.~]
~Heinrich I., der Begründer des Deutschen Reiches.~
Er nötigt durch Kriegszüge die Herzöge Burkhard von +Schwaben+ und Arnulf von +Bayern+ zur Anerkennung seiner Oberhoheit, schließt 924 mit den +Magyaren+ (Ungarn) einen 9jährigen Waffenstillstand, welcher gegen Tribut +Sachsen+ und +Thüringen+ sicher stellt, bringt 925 durch einen Kriegszug über den Rhein +Lothringen+ wieder zum Reiche; Herzog +Giselbert+ wird sein Schwiegersohn.
In +Sachsen+ sorgt er für Befestigung älterer Ortschaften (Merseburg, Goslar) und Anlage neuer Burgen (Quedlinburg); die Sachsen gewöhnen sich allmählich an +städtisches+ Leben und an +Reiter+dienst im Kriege.
[928.]
Glückliche Kämpfe gegen die +Wenden+; Brennabor, Stadt der Heveller, im Winter erobert; im Lande der Daleminzier die Feste +Meißen+ gegründet.
[929.]
Zug nach +Prag+, Herzog Wenzel von +Böhmen+ zur Huldigung genötigt. Währenddessen Aufstand der nördlichen Wenden; sie werden von den sächsischen Grafen Bernhard und Thietmar bei +Lenzen+ (unweit Dömitz an der Elbe) geschlagen.
[932.]
Unterwerfung der Wenden in der +Lausitz+.
[933.]
~Sieg~ Heinrichs über die ~Ungarn~ an der Unstrut (bei Riade); Sachsen fortan vor ihnen gesichert.
[934.]
Zug gegen die +Dänen+ unter König Gorm; Wiederherstellung der Grenzmark zwischen Eider und Schlei, später Mark +Schleswig+ genannt.
[936.]
Heinrich † zu +Memleben+ an der Unstrut, begraben in dem von ihm gegründeten Münster zu Quedlinburg. Ihm folgt sein mit der angelsächsischen Königstochter +Editha+ vermählter Sohn
[~936–973.~]
~Otto I., der Grosse.~ Krönung in +Aachen+ durch den Erzbischof von Mainz; die Herzöge verwalten dabei die Hofämter: Giselbert von Lothringen +Kämmerer+, Eberhard von Franken +Truchseß+, Hermann von Schwaben +Mundschenk+, Arnulf von Bayern +Marschall+. Otto, erst 24 Jahre alt, sucht die Selbständigkeit der Herzöge zu beschränken.
[937.]
Einfall der Ungarn in +Franken+; von Otto zurückgeschlagen ziehen sie nach Westen, verheeren große Strecken von Frankreich und Burgund, dringen auch in Italien ein.
[938.]
Aufstand des zu einer Strafe verurteilten Frankenherzogs +Eberhard+ in Gemeinschaft mit Ottos Halbbruder +Thankmar+, der in der Eresburg getötet wird. Eberhard unterwirft sich und erhält Verzeihung; Otto schlägt einen Einfall der Ungarn in +Sachsen+ zurück und zieht dann nach Bayern gegen die Söhne des Herzogs Arnulf († 937), die ihm Huldigung verweigern; er setzt Arnulfs Bruder Berthold als Herzog, einen der Söhne als +Pfalzgrafen+ in Bayern ein zur Ausübung der höchsten Gerichtsbarkeit und Aufsicht über die königlichen Besitzungen und Einkünfte im Lande.
[939.]
Abermaliger Aufstand +Eberhards+ in Gemeinschaft mit Ottos jüngerem Bruder +Heinrich+ und dessen Schwager Herzog +Giselbert+ von Lothringen. Eberhard fällt im Kampfe bei +Andernach+, Giselbert ertrinkt auf der Flucht im Rhein; Heinrich entkommt nach Frankreich, kehrt aber bald zurück und erhält Verzeihung.
[940.]
König Ludwig IV. von ~Frankreich~, mit Giselberts Witwe vermählt, versucht +Lothringen+ an sich zu reißen. Otto dringt mit Heeresmacht in Frankreich ein bis zur Seine, sichert Lothringen dem deutschen Reiche. Er gibt dieses Herzogtum 944 an +Konrad den Roten+ (Ahnherrn des fränkisch-salischen Königshauses), der sein Schwiegersohn wird. Zum Herzog von Bayern ernennt er nach Bertholds Tode 947 seinen Bruder +Heinrich+, zum Herzog von Schwaben 950 seinen Sohn +Liudolf+; Franken und Sachsen behält er selbst.
+Hermann Billung+, Markgraf gegen die nördlichen Wenden und Dänen, erhält später die Herzogsgewalt in Sachsen. Die Mark an der mittleren Elbe verwaltet Markgraf +Gero+, unter dessen Schutze im Wendenlande die Bistümer +Havelberg+ und +Brandenburg+ gegründet werden.
[946.]
Zweiter Zug Ottos nach +Frankreich+ bis Rouen, diesmal zur Unterstützung König +Ludwigs IV.+, besonders gegen +Hugo+, den Herzog von Francien (beide seine Schwäger).
Die bedeutende Machtstellung, welche Otto errungen hat, legt es dem tatkräftigen Herrscher nahe, nun auch in die zerrütteten Verhältnisse ~Italiens~ einzugreifen.
[951.]
Erster Zug nach +Italien+ (über den Brennerpaß) gegen Berengar von Ivrea (S. 158). Otto befreit und heiratet (in zweiter Ehe) die burgundische Königstochter ~Adelheid~ (s. S. 158). Er empfängt in +Pavia+ die Huldigung der italischen Großen, Berengar unterwirft sich ihm als Vasall.
[953.]
+Liudolf+ von Schwaben und sein Schwager +Konrad+ von Lothringen empören sich gegen den König und verbinden
[954.]
sich mit den +Ungarn+, die durch Bayern und Franken bis nach Lothringen streifen. Sie werden nach hartem Kampfe besiegt und verlieren ihre Herzogtümer, sind fortan dem Könige getreu.
[~955.~ 10. Aug.]
~Sieg Ottos über die Ungarn auf dem Lechfelde bei Augsburg.~ Konrad, für den König kämpfend, fällt in der Schlacht. Die bayrische +Ostmark+ (aus der später das Herzogtum +Österreich+ hervorgeht) wird wiederhergestellt. Das Herzogtum +Bayern+ geht nach dem Tode Heinrichs 955 auf dessen Sohn über (Heinrich der Zänker), in +Schwaben+ regiert Heinrichs Schwiegersohn Burkhard; +Lothringen +verwaltet Ottos jüngster Bruder, Erzbischof Brun von Köln. Ottos Sohn Wilhelm ist Erzbischof von +Mainz+. So suchte Otto das Reich zu festigen, indem er die Herzogtümer seinen Verwandten gab. Zur Beaufsichtigung und Beschränkung der herzoglichen Gewalt setzte er überall Pfalzgrafen ein, die das Königsgut verwalteten.
[Okt.]
Zug Ottos gegen die +Wenden+, Sieg an der +Recknitz+ (in Mecklenburg) im Verein mit Markgraf Gero.
[957.]
+Liudolf zieht+ im Auftrage des Vaters nach Italien gegen +Berengar+, besiegt ihn, stirbt aber vor der Rückkehr.
[961–965.]
Zweiter Zug Ottos nach Italien, da Papst Johann XII. um Hilfe gegen Berengar bittet.
[~962.~ 2. Febr.]
~Kaiserkrönung Ottos I. in Rom.~ Während Kaiser Otto in der Lombardei gegen Berengar kämpft, versucht Papst Johann XII. sich der kaiserlichen Schutzherrschaft zu entziehen. Otto kehrt mit Heeresmacht nach Rom zurück (Nov. 963); der Papst entflieht und wird abgesetzt. Otto zieht wieder nach Oberitalien; Berengar unterwirft sich und wird als Gefangener nach Bayern gesandt, stirbt 966 in Bamberg. Inzwischen wird der von Otto eingesetzte Papst Leo VIII. aus Rom vertrieben; Otto zieht zum dritten Mal dorthin und sendet den Gegenpapst Benedikt V. als Gefangenen nach Hamburg.
[965.]
Rückkehr des Kaisers nach Deutschland. Fürstentag in +Ingelheim+; dann in +Köln+ Zusammenkunft mit seiner Schwester Gerberga, der Königin von Frankreich, und ihrem Sohne, König Lothar. Er begibt sich nach +Sachsen+ und teilt nach dem Tode Geros dessen Gebiet in sechs Marken, die später in drei zusammengezogen werden: +Nordmark+ (Altmark) an der mittleren Elbe, +Ostmark+ (Lausitz) weiter südlich die Mark +Meißen+. Der Tod des Erzbischofs Brun veranlaßt den Kaiser 966 zu einem abermaligen Zuge nach +Köln+; er ordnet die Verhältnisse in Lothringen und hält dann einen Reichstag zu +Worms+.
[966–972.]
Dritter Zug nach Italien (über Chur und den Septimerpaß). Ottos Sohn, Otto II. (geb. 955), schon 961 als deutscher König gekrönt, empfängt in Rom die Kaiserkrone. Die Huldigung der Herzöge von Capua und Benevent (s. S. 152) gibt Anlaß zu Feldzügen nach +Apulien+ gegen die oströmische Herrschaft. 968 Synode zu Ravenna; dort wird die Gründung des Erzbistums +Magdeburg+ und der Bistümer Merseburg, Zeitz, Meißen beschlossen. Der Kaiser residiert längere Zeit in +Pavia+, schickt nach abermaligen Kämpfen in Apulien Gesandte nach Konstantinopel; 972 wird in +Rom+ die Vermählung seines Sohnes Otto mit der oströmischen Prinzessin +Theophano+ gefeiert. Apulien und Calabrien, Neapel und Salerno bleiben unter oströmischer, Capua und Benevent unter deutscher Herrschaft.
[972.]
Rückkehr nach Deutschland; Synode in Ingelheim, Fürstentag in Frankfurt. Im März 973 ist der Kaiser in Magdeburg, dann in Quedlinburg und Merseburg; er stirbt am 7. Mai 973 in Memleben, wird im Dom zu Magdeburg neben seiner ersten Gemahlin Editha bestattet.
~Verfassung des deutschen Reiches~: +Wahlkönigtum+; die Königsmacht beruht auf bedeutenden Reichsgütern in allen Teilen des Reiches, besonders in Franken und Sachsen, zu deren Verwaltung der König +Pfalzgrafen+ ernennt. Keine feste Residenz; der König ordnet überall die wichtigen Angelegenheiten persönlich. Oberste Beamte sind die +Herzöge+, dem Könige ebenso zur Lehnstreue verpflichtet wie die ihnen untergeordneten Grafen und kleineren Vasallen. Da diese jedoch starke partikularistische Gelüste zeigen, so sucht der Kaiser die Reichseinheit später auf die Kirche zu gründen. Er stützt sich auf die nur von ihm ernannten +Erzbischöfe+ und +Bischöfe+, welche bedeutende Reichslehen empfangen und nun einen neuen geistlichen Beamtenstand bilden, dessen Lehen nicht erblich sind. Diese vom Könige eingesetzten geistlichen Fürsten erweisen sich als bessere Stützen des Reiches, als die nach Erblichkeit der Lehen strebenden weltlichen Fürsten. Die Zahl der unabhängigen +Freien+ ist vermindert; der Heerbann tritt allmählich zurück gegen das +Lehnsaufgebot+. Die Städte sind noch unbedeutend. Das +Kaisertum+ gibt den deutschen Königen als obersten Herrschern über das römische Reich deutscher Nation Anspruch auf Oberhoheit über die benachbarten Länder und Schutzherrschaft über die Kirche.
[~973–983.~]
~Otto II.~ erhält die von seinem Vater begründete Kaisermacht aufrecht. 974 Zug gegen +Dänemark+ bis zum Danewerk, 976 Absetzung des aufständischen Herzogs Heinrich des Zänkers von +Bayern+. Bayern wird verkleinert durch Abtrennung des Herzogtums +Kärnten+ mit der Mark Verona, sowie durch Errichtung einer Mark im +Nordgau+, nördlich von Regensburg. Die früher schon errichtete Mark +Österreich +erhält der Babenberger (s.S. 157) Luitpold. Herzog Boleslav von +Böhmen+ huldigt 978 zu Magdeburg.
[978.]
König Lothar von Frankreich überfällt den Kaiser in +Aachen+, versucht Lothringen zu erobern, verzichtet aber darauf, nachdem Otto mit Heeresmacht bis +Paris+ vorgedrungen ist.
[980–983]
Krieg in Italien. Der Kaiser dringt von Rom aus nach Unter-Italien vor, siegt 982 über die Griechen und Sarazenen am Kap Colonne, südlich von Cotrone (Kroton), muß aber nach einer vernichtenden Niederlage bei +Squillace+ an der +Küste von Calabrien+ umkehren. Reichstag zu +Verona+. Ottos dreijähriger Sohn zum König gewählt.
[983.]
Aufstand der +Dänen+ und +Wenden+; Hamburg und die Bistümer Havelberg, Brandenburg, Zeitz zerstört. Otto II. stirbt in Rom 28 Jahre alt, wird in der Peterskirche begraben.
[~983–1002.~]
~Otto III.,~ beim Tode des Vaters 3 Jahre alt. Heinrichs des Zänkers Anspruch auf die Vormundschaft, ja sogar auf die Krone, wird zurückgewiesen, doch erhält er Bayern zurück. Ottos Mutter, die Griechin +Theophano+, herrscht in Deutschland, seine Großmutter +Adelheid+ in Italien. Wachsende Selbständigkeit der Großen des Reiches, doch wird der Reichsfriede erhalten. Nach Theophanos Tode (991) führen Adelheid und der Erzbischof +Willigis+ von Mainz die Regierung, bis der junge Fürst 995 sie selbst übernimmt.
[996.]
Otto III. wird in Rom durch den von ihm eingesetzten deutschen Papst +Gregor V.+ gekrönt, befreundet sich mit +Adalbert von Prag+ und Erzbischof +Gerbert+ von Reims, der bald nach Deutschland kommt und in Magdeburg Ottos Lehrer wird.
[997.]
Adalbert von den heidnischen +Preußen+ erschlagen.
[998–999.]
Ottos zweiter Zug nach Rom, Gerbert als Papst eingesetzt (Silvester II.); Ottos Plan, als Kaiser in +Rom+ seinen Wohnsitz zu nehmen und von hier aus die Christenheit als einen theokratischen Universalstaat zu beherrschen.
[1000.]
Ottos III. Wallfahrt zum Grabe des heiligen Adalbert in +Gnesen+, wo er in Gemeinschaft mit Herzog Boleslav von Polen ein Erzbistum errichtet: dann nach +Aachen+ zum Grabe Karls d. Gr. Von da reist er nach Rom.
[1001.]
Papst Silvester II. verleiht dem +Ungarn+fürsten +Stephan dem Heiligen+, der sein Volk zum Christentum bekehrt, die Königskrone (Stephanskrone). Otto III., durch Aufstand +aus Rom vertrieben+, begibt sich mit dem Papste nach Ravenna, versucht vergebens Rom wiederzuerobern.
[1002.]
Otto † in Paterno (am Fuße des Sorakte), in Aachen bestattet. Silvester kehrt nach Rom zurück.
[~1002–1024.~]
~Heinrich II.~ (der Heilige), Herzog von Bayern, Sohn Heinrichs des Zänkers und der Schwester König Rudolfs III. von Burgund, zu Mainz zum König erwählt und gekrönt, im Gegensatz zu Otto III. eine nüchterne, praktische Herrschernatur. Er stellt das erschütterte Ansehen der Kaisergewalt wieder her und behauptet das +deutsch-italische+ Reich.
[1004.]
Erster Zug nach Italien gegen +Arduin+ von Ivrea. Heinrich unterwirft Ober-Italien und wird in Pavia zum König von Italien gekrönt.
[1004–1018.]
Kriege gegen +Boleslav Chrobry (der Kühne)+ von ~Polen~, der Böhmen aufgeben muß, aber die Lausitz behält. Die +Wenden+ im Havellande bleiben unabhängig.
[1007.]
Gründung des Bistums +Bamberg+. Förderung der von dem französischen Kloster +Cluny+ ausgehenden, auf strengste mönchische Zucht und eine Erneuerung und Vertiefung des religiösen Lebens gerichteten Reform des Mönchtums. Die Bischöfe dienen, wie unter Otto I., der geordneten Reichsverwaltung.
[1014.]
Zweiter Zug nach Italien, Heinrich in Rom zum +Kaiser+ gekrönt. Arduin gibt den Widerstand auf († 1015).
[1016–1018.]
Kämpfe und Verhandlungen Heinrichs, um sein Erbrecht auf +Burgund+ zur Anerkennung zu bringen.
[1022.]
Dritter Zug nach Italien. Heinrich unterwirft +Benevent, Capua, Salerno+, wird beim Kampfe gegen die Griechen in Apulien von den nach einem Zuge nach Jerusalem dort unlängst eingewanderten +Normannen+ unterstützt.
[1023.]
Fürstentag zu +Aachen+, dann Zusammenkunft mit König Robert von +Frankreich+ zu Ivois am Chiers (Nebenfluß der Maas, südöstlich von Sedan).
[1024.]
Tod des Kaisers in der Pfalz zu +Grona+ (bei Göttingen). Sein Grab im Dom zu Bamberg.
~1024–1125 Fränkische oder salische Kaiser.~
Otto der Grosse †973 | Konrad der Rote †955. Luitgard. |______________________________| | ~Konrad II.~ †1039. Gem. Gisela. | ~Heinrich III.~ †1056. Gem. Agnes von Poitou. | ~Heinrich IV.~ †1106. _______________________|___________________________ Konrad ~Heinrich V.~ †1125. Agnes, Gem. †1101. Friedrich von Büren, Herzog von Schwaben.
Königswahl durch die Fürsten +aller+ Stämme auf der Rheinebene zwischen Mainz und Worms (bei Kamba). Die Wahl richtet sich auf die beiden +Konrade+, Brudersöhne, Urenkel Konrads des Roten (S. 159); nach kurzem Schwanken wird der ältere erwählt.
[~1024–1039.~]
~Konrad II.~ unternimmt nach der Krönung zu Mainz einen Umritt durch das Reich (Aachen, Nimwegen, Dortmund, Hildesheim, Goslar, Magdeburg, Augsburg, Konstanz, Basel, Straßburg, Worms), hält dann einen Fürstentag in Tribur.
[1026.]
Zug nach +Italien+, Krönung zum lombardischen König, Kaiserkrönung zu Rom 1027 in Gegenwart +Knuds des Großen,+ Königs von England und Dänemark, und +Rudolfs III.+ von Burgund. In Apulien huldigen ihm die Fürsten von Benevent, Capua, Salerno. Rückkehr über Ravenna und Verona. Unterdessen Fürstenerhebung in Deutschland. In Ulm unterwirft sich ihm sein Stiefsohn +Ernst, Herzog von Schwaben,+ welcher Ansprüche auf Burgund erhoben hatte, weil seine Mutter Gisela eine Nichte des kinderlosen Königs Rudolf III. war. Er kommt in Haft nach der Burg Giebichenstein bei Halle, wird nach einiger Zeit begnadigt, dann aber geächtet, weil er sich weigert, seinen Freund Werner von Kiburg zu bekämpfen; beide fallen 1030 in einem Gefecht im Schwarzwald.
[1030.]
Einfall der +Polen+ unter Herzog Miesco; sie verwüsten das Land zwischen Elbe und Saale, werden von dem Grafen Dietrich von Wettin vertrieben. Der Kaiser unternimmt zunächst einen Zug nach +Ungarn+, um die bayrischen Marken gegen Einfalle zu sichern, zieht dann 1031 nach +Polen.+ Miesco muß die Lausitz zurückgeben, huldigt dem Kaiser 1033 zu Merseburg.
[1033]
~Burgund mit dem deutschen Reiche vereinigt.~ Konrad gewinnt das +arelatische+ Königreich (S. 158) nach dem Tode Rudolfs III. durch drei Feldzüge gegen den Grafen +Odo+ von Champagne, Neffen Rudolfs III, nach Abschluß eines Bündnisses mit König Heinrich I. von Frankreich. In +Zürich+ und +Genf+ huldigen ihm die burgundischen Großen.
[Sidenote:1035]
Konrad verlobt zu Bamberg seinen Sohn +Heinrich+, Herzog von Bayern (später auch von Schwaben) mit der Tochter Knuds von +Dänemark+ und überläßt diesem die Mark +Schleswig+; die Eider wieder Reichsgrenze.
[1037–1038.]
Zweiter Zug nach Italien. Die +Erblichkeit+ der kleineren +Lehen+ wird für Italien durch Gesetz festgestellt. Der Normanne +Rainulf+ wird mit der Grafschaft +Aversa+ in Campanien belehnt.
[1039.]
Konrad † in Utrecht, begraben in dem von ihm gegründeten Dom zu +Speier+. Er war einer der bedeutendsten Herrscher des Mittelalters, reich an Erfolgen. Gegen die großen Vasallen suchte er ein Gegengewicht in den Inhabern der kleinen Lehen, für deren Erblichkeit er eintrat. Von den neu ernannten Kirchenfürsten verlangte er eine Abgabe. Ihm folgt sein schon als Knabe in Aachen zum König gekrönter Sohn
[~1039–1056.~]
~Heinrich III.~ Hohe Machtstellung des Kaisertums. König Heinrich ist beim Beginn seiner Regierung Herzog von +Bayern, Schwaben+ und +Franken+, setzt aber später in Bayern und Schwaben wieder andere Herzöge ein. In +Sachsen+ ist die Kaiserpfalz zu +Goslar+ oft sein Wohnsitz.
[1041.]
Unterwerfung des Herzogs Bretislav von ~Böhmen.~
[1042.]
Zug nach +Burgund+, Herstellung des Landfriedens daselbst im Anschluß an die in Frankreich verkündete +Treuga Dei+ (s. S. 169).
[1042–1044.]
In ~Ungarn~ wird König Peter, von Heinrich durch drei Feldzüge wieder eingesetzt, ein Vasall des Reiches. Vergrößerung der bayrischen Ostmark bis zur +Leitha+. Die Lehnshoheit über Ungarn wird nicht lange behauptet.
[1046.]
Zug nach +Italien+. Heinrich läßt durch die Synode zu +Sutri+ drei gleichzeitige, der Simonie (Verkauf geistlicher Ämter) schuldige Päpste absetzen, ernennt einen Deutschen (Clemens II.), der ihn zum Kaiser krönt, und weiterhin noch +drei+ deutsche Päpste, belehnt +Drogo+, Sohn des Normannen +Tankred von Hauteville,+ mit ~Apulien.~
[1048.]
+Oberlothringen+ wird nach Absetzung des Herzogs Gottfried an den elsässischen Grafen +Gerhard,+ Stammvater des lothringischen Herzogshauses, gegeben.
[1055.]
Zweiter Zug nach Italien; die Markgräfin +Beatrix von Tuscien+, mit welcher sich Gottfried vermählt hat, um in Italien neue Macht zu gewinnen, muß dem Kaiser nach Deutschland folgen. Unterdrückung einer Fürstenverschwörung; Gottfried unterwirft sich dem Kaiser.
[1056.]
Sieg der Wenden über ein sächsisches Heer bei +Pritzlava+ an der Havelmündung. Heinrich, erst 39 Jahre alt, auf der Burg +Bodfeld+ im Harz. Ihm folgt sein 6jähriger, bereits 1054 zu Aachen gekrönter Sohn.
[~1056–1106.~]
~Heinrich IV.~ Seine Mutter +Agnes+ von Poitou, Reichsverweserin, gibt Schwaben an ihren Schwiegersohn +Rudolf von Rheinfelden+, Kärnten an +Berthold von Zähringen+, Bayern an den sächsischen Grafen +Otto von Nordheim.+ Die Macht der Fürsten erhebt sich bald gegen das Kaisertum.
[1062.]
Entführung des jungen Königs von +Kaiserswert+ nach +Köln+ durch Erzbischof +Anno+ von Köln, der die Erziehung des Königs übernimmt, aber bald seinen Einfluß mit Erzbischof +Adalbert+ von Bremen teilen muß. König Heinrich, 1065 mündig erklärt, entfernt auf Verlangen der Fürsten Adalbert aus seiner Umgebung, richtet alsbald seinen Unwillen gegen die sächsischen Großen.
[1070.]
+Otto von Nordheim,+ eines Mordanschlags auf den König angeklagt, verliert das Herzogtum Bayern; es kommt an seinen Schwiegersohn +Welf+, den Sohn des Markgrafen Azzo von Este und der letzten Welfin, der nach dem Aussterben des Mannsstammes eine neue Linie des +Welfenhauses+ (S. 154) begründet. +Magnus+, Sohn des Sachsenherzogs Ordulf, wird als Bundesgenosse Ottos in Haft gehalten.
[1073.]
+Aufstand der Sachsen+ gegen die von Heinrich in ihrem Lande angelegten +Burgen+; Flucht Heinrichs von der +Harzburg+, demütigender Friede zu Gerstungen, Zerstörung der Harzburg. Heinrich findet Hilfe bei den Bürgern von +Worms+ und mehreren Fürsten, besiegt die Sachsen an der +Unstrut+ 1075. Bald aber gerät er in Streit mit
[1073–1085.]
~Papst Gregor VII.~ (Hildebrand), aus einer Bauernfamilie in Toskana stammend, aufgewachsen in Rom unter dem Einfluß der von dem französischen Kloster +Cluny+ (westlich der Saône, unweit Mâcon) ausgehenden streng kirchlichen Richtung. Er hatte als Archidiakonus und Kanzler unter +fünf+ Päpsten die weltlichen Geschäfte des römischen Stuhles geleitet. Unter seinem Einfluß erließ 1059 Nikolaus II. das Dekret über die Papstwahl durch die +Kardinäle+.
Gregors Ziel ist die von allen Cluniazensern angestrebte ~Erhebung der Kirche über die Staaten~, des ~Papsttums~ über das ~Kaisertum.~ Er gebietet strenge Durchführung des +Cölibats+ (Ehelosigkeit) der Geistlichen, verbietet die von Heinrich ebenso wie von Konrad II. geübte +Simonie+ (Geldzahlung für den Empfang eines geistlichen Amtes. Apostelgesch. 8, 18) und die +Laieninvestitur+ (kein Bischof oder Abt soll die Belehnung mit +Ring+ und +Stab+ aus Laienhand empfangen).
[1076.]
Heinrich läßt den Papst durch eine Synode deutscher Bischöfe in +Worms+ für abgesetzt erklären; darauf spricht Gregor gegen ihn den +Bann+ aus. Ein Fürstentag zu +Tribur+ erklärt den König für abgesetzt, wenn er nicht binnen Jahresfrist sich vom Banne löse.
[1077. Januar.]
~Heinrich büßt~ vor dem Papst ~in Canossa~, einem Schlosse bei Reggio nell’ Emilia, der Markgräfin ~Mathilde~ von Tuscien, Tochter der Beatrix, gehörig (S. 165). Der Papst löst ihn vom Banne unter der Bedingung, daß er in seinem Streit mit den Fürsten die Entscheidung des Papstes anerkenne. Heinrich bleibt in Oberitalien, verhindert die Reise des Papstes nach Deutschland. Die Fürsten wählen +Rudolf von Schwaben+ zum deutschen König.
[1077–1080.]
Krieg in Deutschland zwischen Heinrich IV. und seinem Schwager Rudolf, letzterer wird in der Schlacht an der +Elster+ 1080 tödlich verwundet; sein Herzogtum +Schwaben+ hat +Friedrich von Hohenstaufen+, Heinrichs Schwiegersohn, bereits 1079 erhalten.
[1081.]
Heinrich, zum +zweiten Mal+ gebannt, zieht nach Italien, erobert Rom 1084, wird durch den von ihm erhobenen Gegenpapst Clemens III. zum Kaiser gekrönt. Gregor in der Engelsburg belagert, durch die ihm treu ergebenen Normannen unter +Robert Guiscard+ befreit, stirbt 1085 in Salerno. Seine letzten Worte »+Dilexi iustitiam et odi iniquitatem, propterea morior in exilio+«.
Deutschland durch Bürgerkrieg zerrüttet. Kaiser Heinrich erobert 1084 Augsburg, zieht dann nach Metz, läßt 1085 durch eine Synode zu +Mainz+ den Gottesfrieden für das ganze Reich verkünden. In +Sachsen+ bekämpft er den Gegenkönig +Hermann von Salm+, welcher 1088 abdankt; die Sachsen unterwerfen sich nach Anerkennung ihrer alten Rechte.
[1090–1097.]
Heinrich kämpft in Italien gegen die Markgräfin +Mathilde+ und Papst Urban II. Abfall seines Sohnes Konrad († 1101). In Deutschland ist Herzog +Welf+ von Bayern Führer der päpstlichen Partei. Der Kaiser verweilt fast machtlos in Italien, während Urban II. als Gebieter der ganzen Christenheit auftritt und das große Unternehmen des ersten Kreuzzuges (S. 173) ins Werk setzt. Nach Aussöhnung mit Herzog +Welf+ kehrt der Kaiser nach Deutschland zurück, stellt den Landfrieden zum Schutze der Bürger und Bauern wieder her und besetzt die Bistümer nach seinem Ermessen. Aber die Bischöfe fast immer auf der Seite seiner Gegner.
[1104.]
Empörung seines zweiten Sohnes Heinrich, der ihn in der Burg +Böckelheim+ (an der Nahe) gefangen setzt und zur Verlesung eines Sündenbekenntnisses und Abdankung zwingt (Fürstentag zu +Ingelheim+). Der Kaiser entflieht nach +Lüttich+, wo er 1106 stirbt, während das deutsche Bürgertum für ihn zum Kriege rüstet; die Leiche erst 1111 vom Bann gelöst und im Dom zu +Speier+ beigesetzt.
[~1106–1125.~]
~Heinrich V.~, durch die päpstliche Partei zum Thron gelangt, aber entschlossen, sein Herrscherrecht zu behaupten. Nachdem er die Grenzländer des Reiches im Westen und Osten (Lothringen und Böhmen) durch Feldzüge gesichert hat, zieht er nach Rom, nimmt den Papst Paschālis II. gefangen, erzwingt die Kaiserkrönung und das Recht der +Investitur+ (1111). Sobald aber der Kaiser Italien verlassen hat, erklärt ein zu Rom im Lateran versammeltes Konzil den Vertrag für erzwungen und nichtig; ein zweites Konzil zu +Vienne+ spricht den Bann über Heinrich aus.
Neuer Aufstand der +Sachsen+ unter ihrem Herzog +Lothar+ von Supplinburg, der die Billunger (S. 159) beerbt hatte; die Erzbischöfe von Mainz und Köln u. a. Fürsten schließen sich an. Sieg der Sachsen am +Welfesholze+ bei Mansfeld 1115. +Friedrich+ und +Konrad+ von +Staufen+ verteidigen die Sache des Kaisers, während dieser zum zweiten Mal nach Italien zieht, dort die der Kirche vererbten Mathildischen Güter in Besitz nimmt und einen Gegenpapst aufstellt (1118). Der ~Investiturstreit~ wird nach langen Verhandlungen mit dem Papste +Calixtus II.+ beendigt durch das
[~1122.~]
~Wormser Konkordat~: Kirchliche Wahl der Bischöfe und Äbte für Deutschland in Gegenwart des Kaisers oder seiner Abgesandten, +kaiserliche+ Belehnung +vor+ der Weihe, aber +nicht+ mit Ring und Stab, sondern mit dem +Scepter+; für Italien und Burgund die gleiche Belehnung erst +nach+ erfolgter Wahl und Weihe. Die geistlichen Fürsten bleiben Lehnsträger des Reiches; sie erscheinen auch fernerhin vielfach als treue Stützen der kaiserlichen Macht.
Die +Verbindung Deutschlands mit Italien+, trotz der vielfachen Kämpfe segensreich für beide Länder, aber in Italien mehr und mehr als Fremdherrschaft empfunden, dauert fort. Handel und Gewerbe entfalten sich in den aufblühenden Städten, z. B. Worms, Köln, Augsburg u. a. m. (S. 190). Kunst und Wissenschaft, von der Kirche gefördert, tragen in Deutschland noch römisches Gepräge, entwickeln sich aber selbständig. +Romanischer Baustil+: Dome zu Mainz und Speier, Kaiserpfalz zu Goslar. Der kunstsinnige Bischof Bernward von Hildesheim († 1022). Dichtung und Geschichtschreibung in lateinischer Sprache: das Waltharilied, Roswitha von Gandersheim, Widukind von Corvey, Lambert von Hersfeld u. a. Die Volkssprache wird erst allmählich zur Schriftsprache.
§ 2. Frankreich.
[~843–987.~]
~Karolinger~ in Frankreich.
+Karl der Kahle+ behauptet sich mit Mühe gegen die aufständischen Großen, erlangt 875 in Italien den Kaisertitel, † 877. Sein Enkel +Ludwig III.+ besiegt 881 die +Normannen+ bei Saulcourt (Ludwigslied in deutscher Sprache). +Karl der Dicke+ machtlos gegen sie; nach seiner Absetzung (S. 157) wird Graf +Odo+ von Paris, der sich bei der Verteidigung von Paris gegen die Normannen tapfer gezeigt hat, zum König erwählt, † 898. Eine Gegenpartei erwählt 893 +Karl den Einfältigen+, Bruder Ludwigs III., der nach Odos Tode allgemein anerkannt wird. Durch ihn erhalten normannische Scharen, die bereit sind, das Christentum anzunehmen, 912 feste Wohnsitze in dem oft von ihnen heimgesuchten Küstenlande. +Rolf+, getauft +Robert+, erster Herzog der +Normandie+, herrscht als Vasall des französischen Königs auch über die +Bretagne+.
Häufige Empörungen gegen das schwache Königtum; Karls Sohn +Ludwig IV.+ (d’Outre-mer genannt, weil er nach England geflüchtet war) wird von Herzog +Hugo von Francien+, dem Neffen Odos, bedrängt, von Otto I. von Deutschland unterstützt (S. 159). Letzte Karolinger: +Lothar+ († 986). +Ludwig V.+ (Fainéant) † 987.
[~987–1328.~]
~Capetinger.~
~Hugo Capet~, Sohn Hugos von Francien, von den Großen erwählt, dann in +Reims+ gekrönt, bringt das Königtum wieder zu Ansehen. Er hat den Vasallen gegenüber noch keine bedeutende Macht, hält aber die Lehnshoheit fest. Seine Nachfolger +Robert+, +Heinrich I.+, +Philipp I.+, († 1108) wissen die Erblichkeit des Königtums zu wahren. Heinrich I. gibt das +Herzogtum Burgund+ (Hauptstadt Dijon, zu unterscheiden von dem mit Deutschland vereinigten Königreich Burgund, S. 164) seinem jüngeren Bruder Robert als Lehen. Zur Sicherung des Landfriedens verkündet der Klerus (zuerst 1040 in Aquitanien) die ~Treuga Dei~, den Gottesfrieden, einen von der Kirche gebotenen Stillstand aller Fehden während der kirchlichen Festzeiten und der zweiten Hälfte jeder Woche (von Mittwoch Abend bis Montag früh).
§ 3. England und der Norden.
[~827–1066.~]
England unter ~sächsischen Königen.~
[827.]
+Egbert+ von +Wessex+ vereinigt die sieben Reiche (S. 142) als erster König von ~England~. Einfälle und Ansiedlungen der heidnischen +Normannen+ (+Dänen+). Sein Enkel
[871–901.]
~Alfred der Große~ bekämpft glücklich die Dänen und stellt die alte +Grafschafts+verfassung wieder her; das Grafschaftsgericht unter Leitung des vom König ernannten +Ealdorman+, dessen Stellvertreter der +shirgerefa+ (sherif). Blüte des Reiches noch unter seinem Sohne und seinem Enkel, dann Verfall und neue Bedrängnis durch die Dänen.
[1002.]
~Ermordung der Dänen~ auf englischem Boden an +einem+ Tage (dänische Vesper), auf Befehl König +Ethelreds II.+ Infolge davon neue Rachezüge der Dänen nach England und endlich
[1016–1042.]
~dänische Herrschaft~ über England unter ~Knud dem Grossen~ (S. 164), der als Sieger Milde übt und in Dänemark das Christentum zum Siege bringt († 1035), und unter seinen Söhnen +Harald I.+ und +Hardiknud+.
[1042–1066.]
Das Regiment der angelsächsischen Könige wiederhergestellt. ~Eduard der Bekenner~, Sohn +Ethelreds+, aus der Normandie zurückgekehrt, begünstigt die Normannen an seinem Hofe, die aber von seinem Schwiegervater +Godwin+ vertrieben werden. Sein Feldherr Siward besiegt +Macbeth+, der sich in +Schottland+ nach der Ermordung des Königs +Duncan+ des Thrones bemächtigt hat (1054). Duncans Sohn Malcolm nimmt Schottland von Eduard zu Lehen. Nach Eduards Tode wird +Harald II.+, Godwins Sohn, zum König ausgerufen, verliert aber Thron und Leben in der
[1066.]
~Schlacht bei Hastings~ (spr. Hēstings) gegen ~Wilhelm den Eroberer~, Herzog von der ~Normandie~, der sich in Westminster zum König von England krönen läßt. König Malcolm von Schottland schließt mit ihm Vertrag.
+Dänemark+, +Norwegen+, +Schweden+ bestehen seit Anfang des 11. Jahrhunderts als christliche Königreiche (Olaf der Heilige in Norwegen † 1030) nebeneinander, noch oft von wildem Streit erfüllt. Am meisten kommt +Dänemark+ empor unter dem Neffen Knuds d. Gr. +Svend Estridson+ († 1076) und dessen Söhnen.
~Fernere Staatengründungen der Normannen~:
1. Schwedische +Waräger+ fahren über die Ostsee; ihr Fürst +Rurik+ gründet 862 durch Vereinigung slavischer Stämme das ~russische Reich~ (Hauptstadt +Nowgorod+, dann +Kiew+). Rußland entwickelt sich unter den +Ruriks+ (862–1598) als +slavischer+ Staat im Anschluß an das oströmische Reich. Großfürst +Wladimir+ der Große, vermählt mit der Tochter eines oströmischen Kaisers, führt 988 das Christentum nach griechischer Lehre ein.
2. Norwegische +Wikinger+ kommen um 860 nach Island, 983 nach Grönland (Erich der Rote), um 1000 nach der Küste Nordamerikas (Vinland). Diese Niederlassungen von den Eskimos zerstört. Bestand hat dagegen der Freistaat auf der Insel ~Island~. Hier werden um 1100, als das Christentum bereits eingeführt ist, die nordischen Götter- und Heldensagen in der poetischen oder Lieder-+Edda+ aufgezeichnet (ergänzt durch die jüngere prosaische Edda von dem Isländer Snorri Sturluson um 1230). Island wird 1262 mit Norwegen vereinigt.
3. Der Normannenstaat in ~Unteritalien~, um 1020 von christlichen Normannen aus der Normandie gegründet (vgl. S. 163), nimmt italienische und arabische Kultur an. Bald treten sie in enge Beziehungen zum Papst. Von Robert Guiskard (S. 167) wird das ganze unteritalische Festland, von seinem Bruder Roger Sicilien den Sarazenen entrissen. Herzog +Roger+ wird 1130 vom Papste in Palermo als +König von Neapel+ und +Sicilien+ gekrönt.
§ 4. Die Pyrenäische Halbinsel.
[~955–1031.~]
~Kalifat von Cordŏva~, gegründet von dem Omaijaden +Abdurrahman+ (s. S. 150). Glänzendste Zeit im 10. Jahrh. (Abdurrahman III, Hakem II., der Feldherr +Almansur+). Das volkreiche +Cordŏva+ Sitz der Wissenschaften und Künste.
[1031.]
Auflösung des Kalifats von Cordŏva in eine Menge kleiner Herrschaften. Die +Morabethen+ aus Mauretanien zu Hilfe gerufen, stellen sich mit Erfolg dem Andrängen der Christen entgegen (1086 Schlacht bei +Salaka+ unweit Badajoz) und reißen dann die Herrschaft des mohammedanischen Spaniens an sich.
~Christliche Reiche~: +Asturien+, seit Alfons III. († 910) bis zum Duero reichend, nach der neuen Residenz auch Königreich Leon genannt, mit dem Grenzgebiet +Kastilien+, das seinen Namen von den gegen die Araber errichteten Kastellen hat. ~Navarra~, ursprünglich fränkische Grafschaft, seit 905 Königreich, erweitert durch Eroberung der Landschaft +Aragon+ am oberen Ebro. ~Barcelona~, ebenfalls fränkische Grafschaft (S. 152), seit etwa 900 unabhängig unter einer erblichen Dynastie.
[1035.]
+Sancho III.+, der Große, König von +Navarra+, auch über +Kastilien+ herrschend, teilt sein Reich unter seine Söhne. Der zweite, welcher Kastilien erhält, gewinnt bald auch Leon hinzu; der dritte erhält Aragon als Königreich. Daher fortan die drei Königreiche ~Navarra~, ~Kastilien~, ~Aragon~, daneben die Markgrafschaft ~Barcelona~ (Katalonien).
König +Alfons VI.+ von +Kastilien+, Enkel Sanchos d. Gr., erobert 1085 +Toledo+; der kastilische Ritter +Rodrigo Diaz+, von den Arabern ~Cid~, d. h. Herr, genannt, erobert 1094 +Valencia+, doch fällt es nach seinem Tode wieder in die Hände der Araber.
§ 5. Der Osten.
[~867–1057.~]
Das ~oströmische Reich~ unter der ~makedonischen Dynastie.~
+Basilius I.+ (867–886), durch Ermordung seines Vorgängers Michael III. auf den Thron gelangt, regiert kraftvoll, wehrt die Araber in Kleinasien und zur See ab, mildert den Steuerdruck, verbessert die Rechtspflege. Seine beiden Nachfolger +Leo VI.+ und +Konstantin VII. Porphyrogennetos+ Beschützer der Wissenschaften. +Nikëphoros II.+ (963–969) kämpft glücklich gegen Araber und +Bulgaren+; +Basilius II.+ (976–1025) unterwirft die Bulgaren in blutigen Kämpfen.
[1043.]
Die ~Serben~, ein im 7. Jahrhundert eingewandertes slavisches Volk, machen sich unabhängig von Ostrom; Königreich +Serbien+ bis 1458.
[~1057–1204.~]
Haus der ~Komnenen~.
+Alexius I.+ (1081–1118) tritt dem von der Donau her vordringenden türkischen Stamme der +Petschenegen+ erfolgreich entgegen. Den +Seldschuken+ (s. u.) kann Kleinasien nicht wieder entrissen werden.
Das ~Kalifat von Bagdad~ gerät seit 861 durch Emporkommen von Teilfürsten in Verfall. Die +Abbassiden+ werden von den Anführern ihrer türkischen Leibwache abhängig.
[935.]
Die aus Persien stammenden +Bujiden+ reißen die Würde des +Emir al Omra+ (Fürst der Fürsten) an sich; der Kalif bleibt nur noch geistliches Oberhaupt
[969.]
+Ägypten+ sondert sich ab als eigenes Kalifat unter den +Fatimiden+ (Schiiten, vergl. S. 149). Kairo glänzende Hauptstadt, Syrien bald hinzuerobert.
[998–1030.]
Sultan +Mahmud+, Herrscher des +Gasnaviden+reichs, gewinnt die früher von den +Samaniden+ (unter Oberhoheit der Kalifen) beherrschten Gebiete um Buchara und Samarkand, dringt erobernd nach +Indien+ vor. An seinem Hofe zu Gasna (in Afghanistan) der persische Dichter +Firdusi+ und der arabische Philosoph +Ibn Sina+ (Avicenna), Erklärer des Aristoteles.
[1058.]
+Togrulbeg+, Sultan der +seldschukischen+, aus der Bucharei stammenden +Türken+, befreit den Kalifen von der Übermacht der Bujiden. Er vererbt die Würde des Emir al Omra auf seinen Neffen +Alp Arslan+ und dessen Sohn +Malekschah+; dieser stellt die Einheit des Kalifenreiches wieder her, entreißt den Fatimiden Syrien, den Gasnaviden Buchara und Samarkand, residiert zu Ispahan.
[1092.]
Nach Malekschahs Tode +Teilung der Seldschukenherrschaft+; besondere Sultanate in Iran, Karman (östliches Persien), Aleppo, Damaskus, Iconium. Trotzdem wird der Bestand des Kalifats durch die nun folgenden Angriffe der Christen nicht wesentlich erschüttert.
+Bagdad+ bleibt glänzender Herrschersitz bis zum Eindringen der Mongolen (S. 195).
~C. Das Zeitalter der Kreuzzüge. (1096–1270).~
§ 1. Die Kreuzzüge.
~Veranlassung~: Die Wallfahrten der Christen nach dem +heiligen Grabe+ (die Kirche über demselben erbaut von +Helĕna+, der Mutter Konstantins d. Gr.) werden gestört, seitdem die +Fatimiden+, und mehr noch seitdem die +Seldschuken+ über Palästina herrschen. Mißhandlungen der Pilger, Hilferufe des bedrängten byzantinischen Reiches; das neu erstarkte Papsttum schenkt ihnen Gehör und ruft mit Benutzung der asketisch angeregten und zugleich kriegerischen Stimmung im Abendlande eine großartige Völkerbewegung hervor.
[1095.]
Papst +Urban II.+ ruft auf den Kirchenversammlungen zu +Piacenza+ und zu +Clermont+ in der Auvergne die Gläubigen zum Kreuzzug auf; allgemeine Begeisterung. (+Gott will es!+). Der Eremit +Peter von Amiens+ predigt in Frankreich mit großem Erfolge das Kreuz. Die von ihm und dem Ritter +Walter Senzaveir+ (Habenichts) geführten Scharen gelangen unter großen Verlusten nach Kleinasien und werden dort im Kampfe aufgerieben, andere gehen schon in Ungarn und Bulgarien zugrunde.
[~1096–1099.~]
~Erster Kreuzzug.~ Königreich Jerusalem. Anführende Fürsten: +Gottfried von Bouillon+, Herzog von Nieder-Lothringen; seine Brüder +Balduin+ und +Eustachius+; +Robert+, Herzog der Normandie, Sohn Wilhelms des Eroberers; +Robert+ von Flandern; +Stephan+ von Blois; +Raimund+, Graf von Toulouse; +Hugo von Vermandois+, Bruder Philipps I., Königs von Frankreich; +Boëmund+ von Tarent, Sohn Robert Guiscards; sein Neffe +Tankred+. Sie führen über 200000 Krieger, meist Franzosen und Normannen, nach dem Orient. Der Bischof +Adhemar von Puy+, der in Clermont zuerst sich das Kreuz anheftete, nimmt als päpstlicher Legat am Zuge Teil († 1098).
Die Fürsten ziehen auf verschiedenen Wegen (Gottfried von Bouillon die Donau abwärts, Raimund von Toulouse durch Oberitalien und Dalmatien, die Nordfranzosen und Normannen von Apulien aus zur See) nach Konstantinopel; sie leisten mit Ausnahme Raimunds dem Kaiser +Alexius Komnenus+ den Lehnseid für die zu erobernden Länder und werden auf griechischen Schiffen übergesetzt.
[1097.]
+Nicäa,+ von den Kreuzfahrern belagert, ergibt sich dem griechischen Kaiser. Sieg der Kreuzfahrer bei +Doryläum+ über den Sultan von +Iconium. Balduin+ trennt sich vom Hauptheere, zieht über den Euphrat und erwirbt sich die Herrschaft in +Edessa.+
[1097–1098. Okt. Juni.]
Das Hauptheer belagert lange vergeblich Antiochīa am Orontes, endlich verrät ein armenischer Renegat die Stadt an +Boemund+ von Tarent.
[1098.]
+Kerboga,+ Emir von Mosul, rückt mit einem ungeheuren Heere heran und belagert in Antiochīa die durch Krankheit und Mangel erschöpften Kreuzfahrer. Siegreicher Ausfall der Christen (die heilige Lanze!), das Heer der Seldschuken wird in die Flucht geschlagen und zerstreut. Lange Rast und Streitigkeiten der Kreuzfahrer in Antiochīa.
[~1099.~]
Zug an der Küste entlang nach Jerusalem. Am 7. Juni erblicken die Kreuzfahrer (nur noch 21500 kampffähige Krieger) die heilige Stadt, welche im J. 1098 den Seldschuken durch die +Fatimiden+ wieder entrissen worden war. Nach fünfwöchiger Belagerung.
[15. Juli.]
~Erstürmung Jerusalems.~ Furchtbares Blutbad, Wallfahrt nach der Kirche des heiligen Grabes.
Das +christliche Königreich Jerusalem+ wird als Lehnsstaat nach französischem Vorbild eingerichtet; kleinere Lehnsstaaten: das Fürstentum +Antiochīa,+ die Grafschaften +Edessa+ und +Tripolis.+ Sammlung der Gesetze in den +Assises du royaume de Jérusalem.+ Zwei Patriarchen, in +Jerusalem+ und in +Antiochīa.+
Gottfried von Bouillon, +Beschützer des heiligen Grabes.+ Er besiegt den Sultan von Ägypten bei +Askalon+ 1099; † 1100. Sein Bruder +Balduin I.+ nimmt den +Königs+titel an. Akkon, Tripolis, Beirut, Sidon mit Hilfe der Pisaner und Genuesen erobert, etwas später +Tyrus+ mit Hilfe der Venetianer.
Auf Balduin I. († 1118) folgen +Balduin II.+ († 1131), +Fulco+ von Anjou († 1143), unter dem das Königreich Jerusalem die größte Ausdehnung gewinnt, +Balduin III.+ († 1162), +Amalrich+ († 1173), +Balduin IV.+ († 1184), +Balduin V.+ (unmündig, † 1186), +Guido+ von Lusignan († 1195) s. S. 175.
[~1147–1149.~]
~Zweiter Kreuzzug.~ Ohne Erfolg. ~Veranlassung~: Eroberung +Edessas+ durch +Imadeddin Zenki,+ Emir von Mosul (1144), und nochmals durch dessen Sohn +Nureddin+ (1146). Abt +Bernhard+ von Clairvaux predigt das Kreuz.
+Konrad III.+ von Deutschland und +Ludwig VII.+ von Frankreich brechen, jener von +Regensburg,+ dieser etwas später von Metz aus, nach Palästina auf. Sie ziehen nacheinander durch Ungarn nach Kleinasien. Das +deutsche+ Heer dringt bis Doryläum vor, erleidet aber durch Mangel und Kämpfe mit dem Sultan von Iconium schwere Verluste. Die nach Nicäa Entkommenen kehren zum Teil heim; mit den übrigen schließt sich Konrad dem Zuge des +französischen+ Heeres +an der Küste entlang+ an, kehrt aber zur Herstellung seiner Gesundheit nochmals nach Konstantinopel zurück. +Ludwig+ fährt mit dem französischen Adel zu Schiffe nach Antiochīa. Das übrige Heer setzt den Weg zu Lande fort, wobei es durch Hunger und feindliche Angriffe vollends aufgerieben wird. +Konrad+ kommt 1148 zur See nach dem Heiligen Lande und macht zusammen mit den Franzosen einen vergeblichen Angriff auf +Damaskus+.
[~1189–1192.~]
~Dritter Kreuzzug.~ Eroberung von Akkon.
~Veranlassung: Saladin~, Sohn des Kurden Ejub, Gründer der Dynastie der +Ejubiden+ in Ägypten, erobert Nureddins Reich, schlägt die Christen in der blutigen Schlacht bei +Hittin+ (Tiberias) am See Genezareth, ~erobert Jerusalem~ 1187. Die christlichen Einwohner großmütig behandelt, König Guido von Lusignan und viele Ritter geraten in Gefangenschaft.
~Kaiser Friedrich I.~, der als Jüngling am zweiten Kreuzzug teilgenommen hatte, tritt als Greis im Frühjahr 1189 den Zug von Regensburg aus an, zieht durch Ungarn, erzwingt den Durchzug durch das griechische Kaiserreich, bleibt den Winter in Adrianopel, setzt 1190 nach Kleinasien über, erobert Iconium und zieht nach Cilicien; dort ertrinkt er (10. Juni) im +Kalykadnus+ (Saleph). Sein Sohn, Herzog +Friedrich+ von Schwaben, führt einen Teil der Pilger (viele kehren um) über Tarsus, Antiochīa und Tyrus nach +Akkon+. Er stirbt 1191 während der Belagerung dieser Stadt, welche der frei gewordene König +Guido+ leitet.
~Richard Löwenherz~, König von England, und ~Philipp II.~ +Augustus+, König von Frankreich, fahren zur See, Richard von Marseille, Philipp von Genua aus nach dem Heiligen Lande (1190); Beteiligung von +Genua+, +Pisa+ und +Venedig+. Nach längerem Aufenthalt in Sicilien kommen die beiden Könige vor +Akkon+ an, welches Lusignan schon fast zwei Jahre belagerte. Die Stadt wird nun schnell zur Übergabe gezwungen (Juli 1191).
Philipp, mit Richard entzweit, kehrt nach Frankreich zurück. Heldentaten und Grausamkeiten Richards, der zweimal vor Jerusalem umkehren muß. Waffenstillstand mit Saladin (1192): der Küstenstrich von +Joppe bis Akkon+ wird an die Christen abgetreten, der Besuch der heiligen Orte gestattet. +Cypern+ wird von Richard, der es 1191 erobert hatte, an Guido von Lusignan zu Lehen gegeben, der seine Würde als »König von Jerusalem« an +Heinrich von Champagne+ überläßt.
Richard leidet auf der Rückkehr Schiffbruch bei Aquileja, wird trotz seiner Verkleidung bei Wien erkannt, von Herzog +Leopold VI. von Österreich+, den er vor Akkon tödlich beleidigt hatte, festgenommen und an Kaiser +Heinrich VI.+ ausgeliefert. Dieser hält ihn in der Feste +Trifels+ (westlich von Landau in der Pfalz) gefangen und gibt ihn erst nach 13 Monaten gegen ein Lösegeld von 100000 Mark Silbers und Lehnshuldigung frei.
[~1202–1204~.]
~Vierter Kreuzzug~.
Lateinisches Kaisertum 1204–1261.
Auf Anregung des Papstes +Innocenz III.+ (1198–1216) (Kreuzpredigt des +Fulco+ von Neuilly) unternehmen mächtige französische Barone zusammen mit dem Grafen +Balduin+ von Flandern und dem Markgrafen +Bonifacius+ von Montferrat einen Kreuzzug, der ursprünglich gegen Ägypten gerichtet war. Die Kreuzfahrer übernehmen für die Venetianer (Doge +Heinrich Dandolo+), zum Teil als Preis der Überfahrt, die Eroberung von +Zara+ in Dalmatien.
Auf Bitten des byzantinischen Prinzen +Alexius+ für seinen Vater, den entthronten Kaiser +Isaak Angelus+, fahren die Kreuzfahrer auf der venetianischen Flotte nach ~Konstantinopel~, nehmen die Stadt ein und setzen Alexius und seinen Vater auf den Thron (1203). Aber die Erfüllung der eingegangenen Bedingungen (Vereinigung der griechischen Kirche mit der römischen, Zahlung bedeutender Geldsummen) scheitert an dem Widerstande der Bevölkerung. Streitigkeiten, bei denen die Stadt in Brand gerät. Zweite Einnahme der Stadt; Plünderung, wobei viele Werke der alten Kunst zugrunde gehen (1204).
Errichtung des ~Lateinischen Kaisertums~ (+Balduin+ Kaiser). Viele Küstenstriche und Inseln kommen an die +Venetianer+; Korfu, Zante, Kandia, ein großer Teil von Morea (Peloponnes). Gewaltiges Aufblühen des venetianischen Handels. Der Markgraf von Montferrat wird König von +Thessalonich+, französische Herzöge in +Athen+, +Theben+, +Achaja+; Villehardouin, der Geschichtschreiber des Kreuzzuges, Marschall des Reiches.
Ein +griechisches+ Kaisertum behauptet sich in +Nicäa+, ein zweites in +Trapezunt+ am Schwarzen Meere. Von Nicäa aus macht +Michael Paläolŏgus+ 1261, von +Genua+ unterstützt, dem Lateinischen Kaisertum ein Ende. Er erkennt 1274 die Suprematie des Papstes an. Aber der griechische Klerus und das Volk gegen die Ansprüche der Päpste. Schon 1280 wurde diese Union wieder gelöst (S. 218).
[1212.]
+Kinderkreuzzug+. Tausende von Knaben und Mädchen aus Frankreich und Deutschland ziehen nach Marseille und Genua; viele kommen unterwegs um, manche werden zur Rückkehr genötigt, andere in Alexandria als Sklaven verkauft.
[1217.]
Kreuzzug des Königs +Andreas II.+ von Ungarn; er versucht von Akkon aus vorzudringen, doch ohne Erfolg.
Neue Pilgerscharen, die sich in +Akkon+ sammeln, unternehmen einen Angriff auf Ägypten, erobern +Damiette+ 1219, müssen es aber 1221 wieder räumen.
[~1228–1229.~]
~Fünfter Kreuzzug.~ Jerusalem auf kurze Zeit wiedergewonnen.
~Friedrich II.~, römischer Kaiser, wegen verzögerter Erfüllung seines Versprechens, einen Kreuzzug zu unternehmen, im päpstlichen Banne, fährt zur See nach Akkon, erhält von dem ägyptischen Sultan +Elkâmil+ durch Vertrag +Jerusalem+ (wo er sich krönt[31]) und +Nazareth+, sowie die Landstriche von da bis zur Küste, nebst +Sidon+.
[1244.]
+Jerusalem+ durch die Chowaresmier (S. 195) im Dienste des Sultans von Ägypten erobert und den Christen auf immer verloren.
[~1248–1254.~]
~Sechster Kreuzzug.~ Ohne Erfolg.
Ludwig IX., der Heilige, König von Frankreich, fährt zur See nach +Cypern+ und verweilt dort den Winter. Um die Sarazenenherrschaft in ihrem Hauptsitze ~Ägypten~ zu vernichten, fährt er im Frühjahr 1249 nach +Damiette+ und nimmt die Stadt ein. Auf dem Zuge nach +Kairo+ wird Ludwig geschlagen, von Damiette abgeschnitten und mit dem ganzen französischen Heere gefangen (April 1250). Die Ausführung des Friedensvertrages, wonach der König gegen Räumung von Damiette und bedeutendes Lösegeld frei kommen soll, gefährdet vorübergehend der Sturz der Ejubiden (S. 175) durch die +Mamelucken+. Ludwig fährt nach Palästina, befestigt während eines fast vierjährigen Aufenthalts +Akkon+ und andere Küstenstädte, kehrt 1254 nach Frankreich zurück.
[1268.]
+Antiochīa+ von dem Sultan Bibars von Ägypten erobert.
[~1270.~]
~Siebenter Kreuzzug.~ Ohne Erfolg.
Ludwig IX. fährt zur See nach +Tunis+, wo ihn und einen großen Teil des Heeres Krankheit hinwegrafft.
[1291.]
+Akkon+ wird von den Mamelucken erstürmt, die letzten Besitzungen in Palästina (+Tyrus+, +Beirut+, +Sidon+) werden von den Christen geräumt.
~Folgen der Kreuzzüge~: 1. Erhöhtes Ansehen der Kirche und des +Papsttums+. 2. Ausbildung des +Rittertums+, welches sowohl für den Staat wie für das gesellschaftliche Leben hohe Bedeutung erlangt. 3. Aufschwung des Seehandels und Entwickelung der +Städte+, zunächst in Italien (Venedig und Genua). 4. Fortschreiten der geistigen Bildung durch die im Orient gewonnenen neuen Anschauungen und Kenntnisse (besonders der Philosophie des Aristoteles, Geographie und Naturkunde).
Stützen der kirchlichen Macht, zugleich Förderer des Ackerbaues, der Künste und Wissenschaften sind die neugebildeten ~Mönchsorden~: +Cistercienser+ 1098 (Citeaux unweit Dijon), +Prämonstratenser+ 1120 (Prémontré bei Laon), die Bettelorden der +Dominikaner+ 1216, +Franziskaner+ 1223 (Franz von Assisi in Umbrien) und +Augustiner+ 1244. Ausbildung der ~Scholastik~ (Philosophie im Dienste der Kirche) durch die beiden Dominikaner +Albertus Magnus+ (Albert von Bollstädt in Schwaben, lehrte in Paris und Köln, † 1280) und +Thomas von Aquino+ (lehrte in Paris, Köln, Rom, Neapel, † 1274).
Die kräftigsten Vorkämpfer der christlichen Staaten im Orient waren
~Die geistlichen Ritterorden.~
1. ~Tempelherren~ oder ~Templer~ (so genannt nach ihrem nahe der Stelle des salomonischen +Tempels+ gelegenen Ordenshause in Jerusalem), hervorgegangen aus einem 1118 geschlossenen Bunde 8 französischer Ritter (+Hugo de Payens+). Zu den drei Mönchsgelübden (Armut, Keuschheit, Gehorsam) wird die Verpflichtung zum Kampfe gegen die Ungläubigen hinzugefügt. +Weißer+ Mantel, +rotes+ Kreuz. Der Orden wird 1291 nach Cypern verlegt, 1312 auf dem Konzil zu +Vienne+ durch Papst Clemens V. aufgehoben.
2. ~Johanniter~, entstanden aus der Brüderschaft des Hospitals des heiligen Johannes in Jerusalem, welches Kaufleute aus +Amalfi+ um 1048 gestiftet hatten. Die Brüderschaft wird erweitert nach dem ersten Kreuzzuge, dann nach dem Vorbild der Templer zum Ritterorden umgestaltet (+Raimund Dupuis+). +Schwarzer+ Mantel, +weißes+ Kreuz. Der Orden wird verlegt nach Cypern 1291, nach Rhodus 1310, nach Malta 1526, wo er bis 1798 seinen Sitz hat (daher Malteser genannt).
3. ~Deutscher Orden~, aus einer bei der Belagerung von ~Akkon~ 1190 gestifteten Brüderschaft für Krankenpflege[32] zum ritterlichen Orden umgewandelt 1198. +Weißer+ Mantel, +schwarzes+ Kreuz. Ordenssitz in +Akkon+. Unter dem Hochmeister +Hermann von Salza+ wird 1226 der Orden von dem polnischen Herzog +Konrad von Masovien+ zur Bekämpfung der heidnischen ~Preussen~ eingeladen, von Kaiser +Friedrich II.+ dazu bevollmächtigt und im Besitz des Landes Kulm sowie der künftigen Eroberungen bestätigt. +Hermann Balk+, erster +Landmeister+ in Preußen, welches durch blutige Kämpfe 1230–1283 unterworfen wird. Im Jahre 1291 wird der Sitz des Hochmeisters nach +Venedig+, 1309 nach +Marienburg+, 1457 nach +Königsberg+ verlegt. 1525 wird das Ordensland weltliches Herzogtum. Die katholisch bleibenden Ritter behaupten sich im Besitz der deutschen Güter; Sitz ihres Hochmeisters zu +Mergentheim+ in Franken. Der Orden wird 1809 aufgehoben.
In allen drei Orden: +Ritter+, +Priester+, +dienende Brüder+.
§ 2. Deutschland und Italien.
[~1125–1137.~]
~Lothar von Sachsen~, gewählt auf Betreiben der Erzbischöfe von Mainz und Köln, (er läßt seine Wahl vom Papst bestätigen) im Gegensatz zu den Neffen Heinrichs V., +Friedrich+ und +Konrad+ von Staufen. Er bekämpft sie mit Hilfe seines Schwiegersohnes +Heinrichs des Stolzen+, Herzogs von Bayern, aus dem +Welfen+hause (S. 166). Konrad läßt sich in Italien zum König krönen, wird aber bald von seinen Anhängern verlassen; Friedrich verteidigt sein Herzogtum +Schwaben+; beide unterwerfen sich erst 1135.
[Sidenote 1130.]
Lothar entscheidet bei einer zwiespältigen Papstwahl für +Innocenz II.+, zieht dann 1131 nach +Dänemark+ und benutzt einen Thronstreit daselbst, um den König Magnus zum Vasallen des Reiches zu machen; dann 1132 Zug nach +Italien+.
[1133.]
Lothar, in Rom von Innocenz II. zum Kaiser gekrönt, nimmt die Allodien der Markgräfin +Mathilde von Tuscien+ († 1115) vom Papste zu Lehen, kehrt nach Deutschland zurück, ohne den Gegenpapst +Anaklet+, der sich auf die +Normannen+ stützt (S. 171), aus Rom vertrieben zu haben.
[1136–1137.]
Zweiter Zug nach +Italien+. Lothar vertreibt den Normannenfürsten +Roger II.+ auf kurze Zeit vom italischen Festlande, stirbt auf dem Rückwege in Bayern, nachdem er +Heinrich dem Stolzen+ die Mathildischen Güter und das Herzogtum Sachsen übertragen hat.
Unter Lothars Regierung erfolgreicher Wiederbeginn der ~deutschen Kolonisation~ im Norden und Osten des Reiches. Drei Fürstenhäuser, welche dafür viel geleistet haben, verdanken ihm ihre Einsetzung: die +Schauenburger+ in ~Holstein~, die +Wettiner+ in ~Meissen~, die +Askanier+ in ~Brandenburg~ (Albrecht der Bär 1134, Markgraf der Nordmark, (Altmark)). Bei den wendischen Pommern predigt Bischof +Otto von Bamberg+ 1124 und 1127 das Christentum.
[~1138–1254.~]
~Haus der Hohenstaufen~ (Staufer), nach der Burg +Staufen+ in Schwaben benannt.
[~1188–1152.~]
~Konrad III.~, von der dem sächsischen Hause feindlichen Partei ohne Beteiligung der +Sachsen+ und +Bayern+ gewählt.
Kampf der ~Welfen~ gegen die ~Staufer~ (letztere auch +Waiblinger+ genannt nach der Burg Waiblingen in Schwaben). In Italien heißen die Parteinamen +Guelfen+ und +Ghibellinen+.
König Konrad spricht über +Heinrich den Stolzen+ die Acht aus und verleiht das Herzogtum Sachsen an +Albrecht den Bären+, Bayern an +Leopold IV.+, Markgrafen von Österreich. Während des Kampfes stirbt Heinrich der Stolze 1139. Die sächsischen Großen halten zu seinem 10jährigen Sohne Heinrich; in Bayern und Schwaben kämpft sein Bruder Welf VI. für seinen Neffen.
[1140.]
+Schlacht bei Weinsberg+ (unweit Heilbronn), Sieg Konrads über Welf VI., die Stadt muß sich ergeben. (Die treuen Weiber von Weinsberg).
Nach dem Tode Leopolds von Österreich kommt Bayern an seinen Bruder +Heinrich Jasomirgott+,[33] welcher +Gertrud+, Heinrichs des Stolzen Witwe, heiratet (1142). Des letzteren Sohn +Heinrich der Löwe+ erhält Sachsen zurück. Albrecht der Bär entsagt seinen Ansprüchen auf das Herzogtum Sachsen, erhält seine anhaltischen Besitzungen zurück, regiert in der Nordmark und (seit Pribislavs Tode 1150) im Havellande als +Markgraf von Brandenburg+ (S. »Anhang«).
[1147.]
Während Konrad III. den zweiten Kreuzzug nach Palästina unternimmt, herrscht in Italien große Verwirrung. Der Mönch +Arnold von Brescia+ im Kampf mit dem Papst. In Rom eine Republik gegründet, der Papst vertrieben. In Norddeutschland ~Wendenkreuzzug~: Heinrich der Löwe gegen den Obotritenfürsten +Niklot+, dessen Söhne später das Christentum annehmen; Albrecht der Bär und Konrad von Wettin gegen den Pommernfürsten +Ratibor+, der 1149 sich zum Christentum bekennt. Seitdem deutsche Einwanderung in +Mecklenburg+ und +Pommern+, welche deutsche Reichsländer werden.
Konrad III. empfiehlt zum Nachfolger seinen Neffen +Friedrich von Schwaben+, der von den Fürsten einstimmig in +Frankfurt+ gewählt, dann in +Aachen+ gekrönt wird. Im Gegensatz zu Lothar und Konrad III. zeigt er dem Papst seine Wahl nur an.
[~1152–1190.~]
~Friedrich I., Barbarossa~, durch Tapferkeit und Gerechtigkeit hervorragend. Reichstag zu Merseburg 1152, Entscheidung des dänischen Thronstreits: +Svend+ wird König von Dänemark als Vasall des Reiches.
~Welfen.~
Welf IV., Hz. v. Bayern, †1101. | Heinrich d. Schwarze, Hz. v. Bayern, †1126. Gem. Wulfhild, T. des Magnus Billung. _____________|_______________________ | | | Heinrich der Stolze, Welf VI. Judith, Gem. v. Friedrich Hz. Hz. v. Bayern u. †1191. v. Schwaben, Sachsen, †1139. †1147. Gem. Gertrud, T. Lothars v. Sachsen. | ~Heinrich~ der Löwe Herzog v. Sachsen u. Bayern, †1195. ____|__________________ | | ~Otto IV.,~ Wilhelm †1218. | 1. Gem. Beatrix | 2. Maria Otto das Kind, v. Brabant erster Hz. v. Braunschweig-Lüneburg.
~Hohenstaufen (Staufer).~
Friedrich, Herzog von Schwaben, †1105. Gem. Agnes, Tochter Kaiser Heinrichs IV. _____________|_________________ | | Friedrich Hz. ~Konrad III.,~ v. Schwaben, †1147. †1152. | ~Friedrich I.,~ Barbarossa †1190. ___|___________________________________ | | | ~Heinrich VI.,~ Friedrich ~Philipp~ †1197. Hz. v. Schwaben von Schwaben Gem. Konstanze. †1191. †1208. | ___________|________ ~Friedrich II.,~ Beatrix, Beatrix, †1250. Gem. Otto IV. Gem. Ferdinand III. | von Kastilien. __|______________________________________________ |____ | | | | | | Heinrich, ~Konrad IV.,~ Margarete, †1270, Enzio, Manfred, Alfons X. †1242. †1254. Gem. Albrecht †1272. †1266. von | von Thüringen. | Kastilien. | __|__________ | Konradin Friedrich. Diezmann. Constantia, †1268. Gem. Peter III. von Aragon.
Friedrichs Hauptbestreben ist, das Ansehen des ~Kaisertums~ wiederherzustellen. Daher Streit mit den zu mächtigen Republiken gewordenen ~lombardischen Städten~. Sechs Züge nach ~Italien~, bei welchen das deutsche +Rittertum+ seine Kraft entfaltet.
[1154–1155.]
+Erster Zug.+ Friedrich zerstört einige kleine Orte, die sich ihm widersetzen, und wird in Rom von Hadrian IV. zum Kaiser gekrönt. Tapferer Kampf +Heinrichs des Löwen+ gegen die aufständischen Römer. +Arnold von Brescia+ (Schüler des Scholastikers +Abälard+), der gegen die weltliche Herrschaft der Geistlichen und den Güterbesitz der Kirche aufgetreten war, wird verurteilt und verbrannt.
Auf dem Rückwege von Rom erstürmt +Otto von Wittelsbach+ den Engpaß im Etschtale bei +Verona+.
[1156.]
Heinrich der Löwe erhält auch Bayern zurück. +Österreich+ bleibt im Besitze der +Babenberger+ (S. 162) als ein auch in weiblicher Linie erbliches +Herzogtum+.
Gegenüber der welfischen Machtstellung in Sachsen und Bayern stützt die kaiserliche Macht sich auf die Stammgüter in +Schwaben+ und auf die von den Saliern ererbten Güter in +Franken+, außerdem auf bedeutende +Reichsgüter+ in anderen Landschaften, besonders in der Rheingegend. Das »goldene Mainz« Mittelpunkt des Handels und Verkehrs. Die Verwaltung dieser Güter werden +Ministerialen+ übertragen, d. h. den Gehülfen (ministri) der Ritter und freien Herren, die ursprünglich unfrei gewesen waren, dann aber infolge ihrer gehobenen Stellung sich mehr und mehr von ihren hörigen Standesgenossen abhoben und schließlich den freien Rittern gleich geachtet wurden. ~Kaiserliche Pfalzen~ zu Hagenau (im Elsaß), Trifels und Kaiserslautern (in der Rheinpfalz), Ingelheim, Gelnhausen, Aachen, Dortmund, Goslar, Tilleda (am Kyffhäuser), Nürnberg u. a. Die +Pfalzgrafschaft am Rhein+ überträgt Friedrich 1156 seinem Halbbruder Konrad, der die Burg +Heidelberg+ gründet.
[1156]
vermählt Friedrich sich mit +Beatrix+, der Erbin von Hochburgund.
[1157.]
Zug Friedrichs über die Oder nach +Polen+. Herzog Boleslav IV. unterwirft sich, räumt um 1163 seinen Neffen besondere Fürstentümer in ~Schlesien~ ein; seitdem deutsche Einwanderung in dieses Land.
[Sept.]
Reichstag zu +Würzburg+; es erscheinen Gesandtschaften aus dem byzantinischen Reich, aus England, Dänemark, Ungarn, Italien, ~Burgund~. Auf dem Reichstage zu +Besançon+ (Okt.) huldigen die burgundischen Großen. Der Kanzler des Kaisers, Graf +Rainald von Dassel+, tritt gegen den Kardinal +Roland von Siena+ auf, welcher auf Grund eines päpstlichen Schreibens die Kaiserkrone für ein päpstliches Lehen (+beneficium+) erklärt.
[1158.]
Fürstentag zu +Regensburg+; Herzog Wladislav von ~Böhmen~ erhält von Friedrich die +Königskrone+.
[1158–1162.]
+Zweiter Zug+ nach ~Italien~. Die lombardischen Städte, auch Mailand, unterwerfen sich. Reichstag auf den +Ronkalischen Feldern+ (bei Piacenza), die kaiserlichen Hoheitsrechte über die Städte in Oberitalien auf Grund des +römischen Rechts+ festgestellt. Die Mailänder empören sich von neuem. Streit des Kaisers mit dem Papste über die kaiserlichen Rechte in Rom. Krieg gegen Mailand, das sich nach längerer Belagerung ergeben muß. Auf Befehl des Kaisers wird
[1162.]
~Mailand zerstört~ durch die Einwohner der Nachbarstädte.
[1159–1177.]
Kirchenspaltung. Papst ~Alexander III.~ (Roland von Siena) von der Mehrzahl der Kardinale gewählt, Viktor IV. von der kaiserlich gesinnten Minderheit. Friedrich entscheidet auf dem Konzil zu Pavia (+Rainald+, Erzbischof von Köln) für Viktor. Alexander III., im Bunde mit den lombardischen Städten, spricht über den Kaiser den +Bann+ aus, sieht sich aber genötigt, nach Frankreich zu entweichen.
[1163.]
+Dritter Zug+. Der Kaiser ohne Heer. Er bestätigt die Anordnungen seines Kanzlers +Rainald+. Bald neue Unruhen in Italien, Alexander III. kehrt nach Rom zurück.
[1166–1168.]
+Vierter Zug+. Paschalis III., Viktors Nachfolger, wird von Friedrich nach Rom geführt; Alexander entflieht nach Benevent, findet Schutz im Normannenreich (S. 171). Unterdessen stellen die Lombarden +Mailand+ wieder her, erbauen +Alessandria+ (dem Papste zu Ehren benannt) und besetzen die Alpenpässe. Der Kaiser, dessen Heer durch eine in Rom ausgebrochene +Seuche+ fast aufgerieben war, entkommt nur mit Mühe nach Deutschland.
Fehde zwischen +Heinrich dem Löwen+, der seine Herzogsgewalt über Mecklenburg und Pommern ausgedehnt hat, und den ihm feindlichen Fürsten (den Erzbischöfen von Magdeburg und Bremen, Albrecht dem Bären, Otto von Meißen, Ludwig dem Eisernen von Thüringen u. a.). Der Kaiser schlichtet den Streit zu Gunsten Heinrichs des Löwen, bringt aber durch Vertrag mit dem kinderlosen Welf VI. die +welfischen Stammgüter+ in Schwaben (Altorf und Ravensburg) an sich, um seine Hausmacht zu vermehren. Heinrich der Löwe unternimmt eine Wallfahrt nach Jerusalem (1172).
[1174–1178.]
+Fünfter Zug+ Friedrichs nach Italien. Er belagert vergeblich das feste +Alessandria+. Heinrich der Löwe verweigert auf den Anruf des Kaisers die Heeresfolge (Zusammenkunft in +Partenkirchen+ oder +Chiavenna+). Der Kaiser greift die Lombarden an, wird aber in der
[1176.]
~Schlacht bei Legnano~ besiegt. Unterhandlungen und Waffenstillstand mit Alexander III. und den lombardischen Städten.
[1177.]
Aussöhnung zwischen Kaiser und Papst in +Venedig+. Alexander III. wird durch Erzbischof Christian von Mainz im Auftrage des Kaisers nach Rom zurückgeführt. Friedrich ordnet die Verhältnisse Italiens, empfängt 1178 in +Arles+ die burgundische Krone, kehrt dann nach Deutschland zurück, um seinen Vetter +Heinrich den Löwen+ zu demütigen.
[~1180.~]
~Heinrich der Löwe geächtet~ und seiner Lehen verlustig erklärt, nachdem er auf viermalige Vorladung nicht erschienen ist. Friedrich zieht mit Heeresmacht gegen ihn, dringt 1181 durch Sachsen bis +Lübeck+ vor und nimmt diese Stadt ein, darauf unterwirft sich Heinrich der Löwe zu +Erfurt+. Er behält seinen Allodialbesitz von mütterlicher Seite, Braunschweig und Lüneburg, muß aber auf drei Jahre in die Verbannung gehen, begibt sich nach +England+ zu seinem Schwiegervater König Heinrich II.
~Teilung des Herzogtums Sachsen~. +Westfalen+ kommt größtenteils an das Erzbistum Köln; die Grafen von +Holstein, Schwerin, Oldenburg, Teklenburg+ u. a. werden reichsunmittelbar; ebenso die Stadt +Lübeck+, während +Hamburg+ den Grafen von Holstein, +Bremen+ seinem Erzbischof noch Untertan bleibt.[34]
Das +östliche Sachsen+ (Wittenberg und Lauenburg) mit der Herzogswürde erhält +Bernhard von Askanien,+ Sohn Albrechts des Bären; ~Bayern~ (ohne +Steiermark+, welches selbständiges Herzogtum wird, bald aber an Österreich kommt) erhält +Otto von Wittelsbach+ († 1183).
[1183.]
Friede mit den lombardischen Städten zu +Konstanz+. Die meisten beanspruchten Rechte (namentlich freie Wahl der Stadtobrigkeit, Consules) werden ihnen gegen Anerkennung der Oberhoheit des deutschen Reiches zugestanden.
[1184.]
Glänzendes Reichsfest in der Rheinebene bei +Mainz+; der Kaiser erteilt seinen beiden ältesten Söhnen den Ritterschlag. ~Einheit und Macht des deutschen Reiches überall anerkannt.~
[1184–1186.]
+Sechster+ (friedlicher) Zug nach Italien. Der Kaiser vermählt in +Mailand+ seinen schon längst zum deutschen König gewählten 21jährigen Sohn ~Heinrich~ mit ~Konstanze,~ der Erbin des +Normannenreiches+ in Unteritalien.
[1189–1190.]
+Friedrichs Kreuzzug+ und +Tod+ (s. S. 175). Sein Sohn Heinrich Reichsverweser. +Heinrich der Löwe,+ der bei des Kaisers Aufbruch abermals auf 3 Jahre das Reich hatte verlassen müssen, kehrt eigenmächtig aus England zurück. Da im Nov. 1189 König Wilhelm II. von Sicilien gestorben ist, so beeilt sich König Heinrich, mit Heinrich dem Löwen einen Vertrag zu schließen. Mittlerweile kommt die Nachricht von Kaiser Friedrichs Tode nach Deutschland.
[~1190–1197.~]
~Heinrich VI.,~ ein staatskluger, hochgebildeter Fürst, aber streng und rücksichtslos.
[1191.]
+Erster Zug+ nach +Italien.+ Heinrich empfängt die Kaiserkrone in Rom und zieht nach Neapel, um das Erbe seiner Gemahlin Konstanze dem Normannen +Tankred+ +von Lecce+ zu entreißen. Vergebliche Belagerung von Neapel. Krankheiten in seinem Heere zwingen den Kaiser zur Rückkehr nach Deutschland. Dort
[1192–1194.]
neuer Krieg mit Heinrich dem Löwen, der den Vertrag nicht gehalten hat. Den Krieg beendet ein Vergleich, welcher erleichtert wird durch die Freigebung von Heinrichs des Löwen Schwager, +Richard Löwenherz+ von England (s. S. 176). Heinrich der Löwe stirbt 1195 zu Braunschweig.
[1194.]
+Zweiter Zug+ nach +Italien+; das Königreich beider Sicilien unterworfen, Krönung zu +Palermo+. ~Kaiserliche Herrschaft über ganz Italien,~ deutsche Statthalter in Tuscien, Ancona, Spoleto.
[1196.]
Reichstag zu +Würzburg+. Der Plan Heinrichs, Deutschland (vereinigt mit dem Königreich beider Sicilien) zum +Erbreich+ zu machen, wogegen ebenso alle Lehen, auch in weiblicher Linie, erblich werden sollen, scheitert an dem Widerstande der geistlichen und weltlichen Fürsten.
[1197.]
+Dritter Zug+ Heinrichs nach +Italien+. Er unterdrückt eine Verschwörung mit grausamer Härte. Inmitten großartiger Pläne (Eroberung des oströmischen Reiches, Gründung einer Weltherrschaft, Kreuzzug) stirbt er, erst 32 Jahre alt, plötzlich in Messina. Sein Sohn Friedrich, noch nicht 3 Jahre alt, schon vor seiner Taufe von den deutschen Fürsten zum Nachfolger seines Vaters ernannt.
In Deutschland Doppelwahl;
[~1198–1208.~]
~Philipp von Schwaben~ (jüngster Sohn Friedrich Barbarossas).
[~1198–1215.~]
~Otto IV. von Braunschweig~ (Sohn Heinrichs des Löwen).
[1198–1215.]
Thronkrieg zwischen +Staufern+ und +Welfen+.[35]
Otto IV. von Papst ~Innocenz III.~ anerkannt, von seinem durch den Papst gebannten Gegenkönig Philipp besiegt und fast auf Braunschweig beschränkt.
[1208.]
Philipp wird +zu Bamberg+ ermordet von dem bayrischen Pfalzgrafen +Otto von Wittelsbach+ (Privatrache). Darauf wird ~Otto IV.~, der sich mit Philipps junger Tochter verlobt, allgemein anerkannt und von Papst Innocenz III. in Rom 1209 zum Kaiser gekrönt, nachdem er dem päpstlichen Stuhle die Mathildischen Güter (S. 179) überlassen und andere Zugeständnisse gemacht hat. Bald aber gerät er in Streit mit dem Papste, welcher im Verein mit der staufischen Partei in Deutschland gegen ihn 1212 als König aufstellt seinen Mündel ~Friedrich~, Sohn Heinrichs VI. Friedrich verspricht, Sicilien, das die Kurie als ein päpstliches Lehen ansah, nie mit dem Reich zu vereinigen.
[1214.]
Otto IV., als Bundesgenosse Englands von Philipp II. Augustus von Frankreich bei +Bouvines+ (unweit +Lille+) besiegt (S. 193), zieht sich in seine Erblande zurück († 1218 auf der Harzburg).
Hohes Ansehen des ~Papsttums~ unter ~Innocenz III.~ (1198 bis 1216), der als Statthalter Christi auf Erden auch zwischen Frankreich und England (S. 193), in Aragon und Portugal, Ungarn und den skandinavischen Reichen als Schiedsrichter auftritt. Herstellung des +Kirchenstaats+, Krieg gegen die Ketzer in Südfrankreich (S. 191), Einsetzung der +Inquisition+ auf dem Laterankonzil zu Rom 1215.
Blüte der ritterlichen ~Dichtkunst~ in Deutschland: Heinrich von Veldeke, Hartmann von Aue; +Wolfram von Eschenbach+ und +Walther von der Vogelweide+ am Hofe des Landgrafen Hermann von Thüringen († 1217) auf der Wartburg. Schriftliche Aufzeichnung des +Nibelungenliedes+.
[~1212(15)–1250.~]
~Friedrich II., zugleich König beider Sicilien~, der geistig bedeutendste Fürst des Mittelalters, leidenschaftlich, mehr Italiener als Deutscher (in Sicilien geboren, von seiner italienischen Mutter erzogen), entschiedener Gegner der geistlichen Herrschaft.
Er wird von einem Teile der Fürsten 1212 in Frankfurt zum König gewählt, verleiht 1214 die +Pfalzgrafschaft am Rhein+ (S. 182) dem Herzog Ludwig I. von Bayern, dem Sohne Ottos von Wittelsbach, und bestätigt dem König Waldemar II. von +Dänemark+ den Besitz der Länder jenseits der +Elbe+ und +Elde+ (Holstein und Mecklenburg), welche dieser während des deutschen Thronstreits an sich gerissen hatte.
[~1215~.]
Friedrich II. allgemein anerkannt und zu +Aachen+ gekrönt. Er gelobt einen Kreuzzug und verläßt Deutschland 1220, nachdem er die Wahl seines jungen Sohnes +Heinrich+ zum römischen König erreicht hat.
[1220.]
Kaiserkrönung Friedrichs II. in +Rom+ nach erneutem Versprechen eines Kreuzzugs; darauf ordnet er die Verhältnisse des sicilischen Reiches. In Deutschland Erzbischof +Engelbert von Köln+ Reichsverweser († 1225), dann König Heinrich.
[1223.]
+Waldemar II. von Dänemark+ wird von dem Grafen Heinrich von Schwerin gefangen genommen und nach Deutschland geführt. +Hermann von Salza+, Hochmeister des Deutschen Ordens, vermittelt im Auftrage des Kaisers seine Freilassung, die erst 1225 gegen hohes Lösegeld und Verzicht auf die deutschen Gebiete erfolgt.
[1226.]
Der Kaiser bevollmächtigt den Deutschen Orden zur Eroberung +Preußens+ (S. 178). Reichstag zu +Cremona+, Streitigkeiten mit den lombardischen Städten.
[1227.]
Das in Apulien versammelte Kreuzheer löst sich auf wegen Ausbruchs der Pest. Ludwig, Landgraf von Thüringen, Gemahl der heiligen Elisabeth, stirbt. Papst Gregor IX. (1227–41) spricht den Bann über den Kaiser aus.
[1227.]
~Schlacht bei Bornhöved~ in Holstein. Waldemar II., der Sieger, besiegt von den Grafen von Holstein und Schwerin, Herzog Albert von Sachsen, dem Erzbischof von Bremen und den Bürgern von Lübeck und Hamburg. Das Land bis zur Eider für Deutschland gerettet.
[1228–1229.]
~Kreuzzug~ Friedrichs II. (S. 177). Nach der Rückkehr vertreibt er die in sein italisches Reich eingedrungenen päpstlichen Truppen (Schlüsselsoldaten genannt).
[1230.]
Friede mit dem Papste zu ~San Germano~, Aufhebung des Bannes. Gesetzgebung Friedrichs II. für das unteritalische Reich (Constitutio Monarchiae Siculae); geordnete Verwaltung und Rechtspflege; auf den Landtagen erscheinen neben dem Adel Vertreter der Städte; direkte und indirekte Steuern eingeführt; Beamtentum, Söldnerheer und Flotte geschaffen; staatliche Universität in Neapel gegründet.
[1231.]
In Deutschland wird die ~Landeshoheit~ der geistlichen und weltlichen ~Fürsten~ über ihre Gebiete befestigt durch die von Friedrich II. genehmigten Beschlüsse des Reichstags zu +Worms+.
[1233.]
Der Dominikaner +Konrad von Marburg+, Beichtvater der Landgräfin Elisabeth von Thüringen (1207–1231), welcher in Deutschland als Ketzerrichter auftrat, wird erschlagen; aber ein Kreuzheer besiegt und vernichtet 1234 die der Ketzerei beschuldigten +Stedinger+ Bauern in Oldenburg.
[1235.]
Friedrich II. kommt wegen Empörung seines Sohnes Heinrich nach Deutschland, schickt ihn als Gefangenen nach Italien († 1242), erläßt auf dem +Reichstag zu Mainz+ ein ~Landfriedensgesetz~ (+erste+ Veröffentlichung eines Reichsgesetzes auch in +deutscher+ Sprache) und verleiht dem Welfen +Otto+, Neffen Ottos IV., das Herzogtum +Braunschweig-Lüneburg+.
[Sidenote 1236.]
Siegreicher Kampf Friedrichs gegen die +lombardischen Städte+, in welchen die Partei der ~Guelfen~ herrscht. Sein Verbündeter der grausame +Ezzelino da Romano+, Markgraf von Verona, an der Spitze der ~Ghibellinen~. Der Kaiser zieht noch einmal nach Deutschland, um Herzog Friedrich den Streitbaren von +Österreich+ wegen Empörung zu strafen und die Wahl seines zweiten Sohnes Konrad zum römischen König durchzusetzen.
[1237.]
Glänzender Sieg Friedrichs über die Lombarden bei ~Cortenuova~. Seine zu weit gehenden Forderungen vereiteln jedoch die völlige Unterwerfung der Lombardei. Sein Sohn Enzio mit der Erbin von Sardinien vermählt, über das die Kurie die Lehnshoheit beanspruchte. Papst Gregor IX. beschuldigt ihn der Ketzerei und bannt ihn 1239 abermals. Er dringt 1240 vor bis in die Nähe Roms, wendet sich dann nach Ancona und belagert Faenza.
[1241.]
Seesieg seines Sohnes +Enzio+ bei +Elba+ über die genuesische Flotte, viele zum Konzil nach Rom fahrende Geistliche gefangen. Gregor IX. †. Sein Nachfolger Innocenz IV. verhandelt mit dem Kaiser, entflieht aber 1244 nach Genua und weiter nach Lyon. (Bedrohung Deutschlands durch die Mongolen, s. S. 195).
[~1245.~]
~Absetzung des Kaisers~ durch Beschluß des +Konzils zu Lyon+. Innocenz IV. erneuert den Bann gegen ihn und fordert die deutschen Fürsten zu einer Neuwahl auf. Die Bettelmönche (Franziskaner und Dominikaner) predigen das Kreuz gegen ihn.
[1246–1247.]
~Heinrich Raspe~, Landgraf von Thüringen, Schwager der heiligen Elisabeth, der sie mit ihren Kindern von der Wartburg vertrieb, als Gegenkönig anfangs siegreich gegen Konrad, Friedrichs Sohn, dann aber bei Ulm zurückgeschlagen, stirbt 1247 auf der Wartburg. Mit ihm erlischt das landgräfliche Haus von Thüringen, dessen +östlicher+ Teil mit der Markgrafschaft +Meißen+ vereinigt wird; aus dem +westlichen+ geht die Landgrafschaft +Hessen+ hervor.
[1247–1256.]
~Wilhelm von Holland~, zweiter Gegenkönig, der jedoch kein Ansehen in Deutschland erlangt.
~Friedrich~ kämpft 1248 in Italien anfangs glücklich, wird aber vor Parma zurückgeschlagen. Sein Sohn +Enzio+ gerät 1249 beim Kampfe gegen Bologna in Gefangenschaft († nach 23jähriger Haft im Kerker). Der Kanzler +Petrus von Vinea+ wird wegen geheimer Verhandlungen mit dem Papste als Verräter geblendet, † 1249.
[1250.]
Friedrich stirbt zu Fiorentino (in Apulien) in den Armen seines Sohnes Manfred. Ihm folgt in Deutschland sein Sohn
[~1250–1254.~]
~Konrad IV.~ (Gegenkönig Wilhelm von Holland), der aber schon 1251 nach Italien zieht, um gemeinsam mit Manfred um das unteritalische Erbreich zu kämpfen. Er erobert 1253 Neapel, stirbt aber im folgenden Jahre am Fieber.
[1256.]
Wilhelm von Holland fällt im Kampfe gegen die Friesen.
[~1256–1273.~]
~Interregnum in Deutschland.~
Graf +Richard von Cornwallis+, Bruder Heinrichs III. von England, Schwager Kaiser Friedrichs II., von einem Teil der Fürsten erwählt, in Aachen gekrönt, kommt nur am Rhein zur Anerkennung († 1272). +Alfons X. von Kastilien+, Enkel des Hohenstaufen Philipp von Schwaben, von andern Fürsten gewählt, kommt nie nach Deutschland.
~Verfall des deutschen Reiches.~ Die Reichsgüter (S. 182) werden teils von den Fürsten in Besitz genommen, teils reichsfreier Besitz von Rittern, Städten und Klöstern. Fehden und Raubrittertum namentlich am Rhein und in Schwaben. 1254 Stiftung des +rheinischen Bundes+ (ausgehend von den Städten Mainz und Worms; die Erzbischöfe von Mainz, Trier, Köln, mehrere Bischöfe, Grafen und Städte schließen sich an) zur Wahrung des Landfriedens und Beseitigung ungerechter Zölle.
~Befestigung der Landeshoheit~ in den größeren fürstlichen Gebieten: die +Wittelsbacher+ in Bayern und der Rheinpfalz (Residenz Heidelberg, S. 186), die +Welfen+ in Braunschweig-Lüneburg (S. 188), die +Askanier+ in Sachsen-Wittenberg und Sachsen-Lauenburg, Anhalt und Brandenburg (S. 180, 184), die +Wettiner+ in Meißen und Thüringen (S. 188). In den östlichen Landschaften Fortschreiten der deutschen +Kolonisation+ (S. 179).
Bei dem Mangel geordneter Rechtsprechung von Reichs wegen gewinnt das von dem sächsischen Schöffen +Eike von Repgow+ um 1230 aufgezeichnete Rechtsbuch, der +Sachsenspiegel+, bald große Verbreitung; in ähnlicher Weise wird das in Oberdeutschland geltende Land- und Lehnsrecht um 1276 im +Schwabenspiegel+ aufgezeichnet. In Westfalen entwickeln sich aus den alten Grafschaftsgerichten die +Femgerichte+; der Erzbischof von Köln Oberstuhlherr, Freischöffen im ganzen Reiche.
Allmähliches ~Aufblühen der Städte~: sie streben, zum Teil auf frühere kaiserliche Privilegien gestützt, nach +Selbstregierung+ durch den von den Bürgern erwählten +Rat+. Worms und Köln treten schon unter Heinrich IV. und V. hervor. Die Bürger von +Köln+ behaupten ihre Rechte im Streit gegen den Erzbischof 1258–1271 und in der Schlacht bei Worringen 1288, die Bürger von +Straßburg+ siegen über den Bischof 1262 bei Hausbergen. Diese und andere +bischöfliche+ Städte (Worms, Speier, Augsburg, Regensburg) werden gleich den früher von +königlichen+ Beamten (Burggrafen oder Vögten) regierten Städten (Frankfurt, Aachen, Dortmund, Lübeck, Goslar, Nürnberg, Ulm u. a.) allmählich zu ~freien Reichsstädten~. Andere bleiben unter bischöflicher oder +fürstlicher+ Hoheit (Mainz, Magdeburg, Würzburg, München, Braunschweig, Stralsund u. a.), erlangen aber doch bedeutende Rechte zur Sicherung ihres Handels und Gewerbefleißes.
~Aufblühen der Baukunst.~ Den romanischen Rundbogenstil (Dome zu Mainz, Worms, Speier und Bamberg; Wartburg) verdrängt allmählich der zuerst von den Arabern angewandte sog. gotische Spitzbogenstil: Dom zu +Köln+ 1248 vom Erzbischof Konrad von Hochstaden an Stelle eines älteren Doms gegründet; Erwin von Steinbach beginnt 1277 die Westfront des Münsters zu +Straßburg.+
[~1266–1268.~]
~Untergang des staufischen Herrscherhauses in Italien.~
~Manfred~ verteidigt das Königreich beider Sicilien zuerst als Reichsverweser für Konradin, den in Deutschland zurückgebliebenen Sohn Konrads IV., seit 1258 als König. Er fällt 1266 in der +Schlacht bei Benevent+ im Kampfe gegen +Karl von Anjou+, Bruder Ludwigs IX. von Frankreich, welchem der Papst das Königreich zu Lehen gegeben hat.
~Konradin~ geht 1267 mit +Friedrich von Baden+ (als Sohn der babenbergischen Erbtochter von Österreich auch Friedrich +von Österreich+ genannt) nach Italien. Er wird 1268 bei ~Tagliacozzo~ (nahe dem +Logo di Celano+, Fuciner-See) geschlagen und auf Befehl Karls von Anjou in Neapel hingerichtet.
Die Grausamkeit des Königs erregt Unruhen in Sicilien.
[~1282.~ 30. März.]
~Sicilianische Vesper,~ so genannt, weil der Aufstand am Ostermontag gegen Abend ausbrach. Ermordung aller Franzosen in +Palermo+, dann in ganz Sicilien, angestiftet von dem Ghibellinen Johann von +Procida+. König Pedro III. von +Aragon+, Schwiegersohn Manfreds, vereinigt Sicilien mit seinem Reiche; Karl von Anjou behält das Königreich Neapel.
§ 3. Frankreich.
Allmähliches Erstarken des Königtums. Die Macht der ~Capetinger~ ist noch auf ihr Herzogtum +Francien+ (Isle de France und Orléanais) beschränkt, doch halten sie die Lehnshoheit über die großen Vasallen fest.
+Philipp I.+ (1060–1108) mit Gregor VII. in Streit wegen der Hoheitsrechte über die Bischöfe, während des ersten Kreuzzuges im Bann wegen Verstoßung seiner Gemahlin, vererbt doch die königlichen Rechte auf seinen Sohn +Ludwig VI.+ (1108–1137). Dieser bringt mit Hilfe des staatsklugen Abtes +Suger+ von St.-Denis die königliche Gerichtsbarkeit über die Vasallen zu Ansehen und fördert die Städte. Veredlung des +Rittertums+ durch die Kreuzzüge; Aufblühen der ritterlichen Dichtkunst (+Troubadours+ in der Provence, Trouvères in Nordfrankreich). +Ludwig VII.+ (1137–1180) unternimmt den zweiten Kreuzzug (S. 174f.), läßt sich von seiner Gemahlin +Eleonore+ von Aquitanien scheiden; diese heiratet Heinrich II. Plantagenet, König von England, der dadurch +Poitou+, +Guyenne+ und +Gascogne+ u. a.m. erhält.
[~1180–1223.~]
~Philipp II.~ Augustus. Dritter Kreuzzug mit Richard Löwenherz (S. 175f.). Siegreiche Kriege gegen England nach der Rückkehr (S. 193); Mehrung der Königsmacht.
[1209–1229.]
~Albigenserkriege~ in Südfrankreich, veranlaßt durch die Predigten der Cistercienser und Dominikaner (S. 178) gegen die kirchlichen Sekten der +Katharer+ (in Deutschland +Ketzer+ genannt) und +Waldenser+ (Petrus Waldus zu Lyon 1173). Graf Raimund VI. von +Toulouse+ nimmt sich der Bedrängten an, welche grausam verfolgt werden (Einwohnerschaft des erstürmten Béziers, 20000 Seelen, umgebracht), muß vor Simon von Montfort zurückweichen, gewinnt aber schließlich seine Besitzungen wieder. Philipp II., Augustus, vermeidet die Einmischung in den Krieg; sein Sohn +Ludwig VIII.+ (1223–1226) folgt dem Hilferuf Amalrichs von Montfort gegen Raimund VII., stirbt aber vor Beendigung des Kriegszuges. Die päpstliche Inquisition vollendet die gewaltsame Bekehrung der Albigenser.
[~1226–1270.~]
~Ludwig IX., der Heilige,~ anfangs unter Vormundschaft seiner Mutter Blanka von Kastilien. Raimund VII. unterwirft sich 1229; die Grafschaft +Toulouse+ mit der Krone vereinigt, ebenso andere Provinzen durch Vertrag oder Erbanfall. Friedliche Regierung, Verbot der Fehden, Fürsorge für die Rechtspflege; Gottesurteile abgeschafft; die Gerichtsbarkeit der großen Vasallen beschränkt durch die Oberaufsicht der königlichen Gerichte (Parlamente). Aufblühen der Universität +Paris+. Ludwigs Kaplan Robert von Sorbon gründet die +Sorbonne+, berühmt als Hauptsitz der theologischen Studien. Sechster und siebenter Kreuzzug (S. 177).
§ 4. England.
[~1066–1154.~]
~Normannische Könige.~
[~1066–1087.~]
~Wilhelm I.~, der Eroberer, Sohn Roberts II, des Teufels, vollendet in blutigen Kämpfen die Unterwerfung der Angelsachsen und richtet den normannischen Lehnsstaat ein, aber mit Beibehaltung der angelsächsischen Grafschaftseinteilung und Gerichtsverfassung. Aufzeichnung der Rechtsverhältnisse und Abgaben der Grundbesitzer im +Domesdaybook+ (von domus dei): Ritterlehen, Kirchengüter, städtischer Besitz, freie Bauerngüter, Höfe der Unfreien. Zwei Volksstämme und zwei Sprachen, die +sächsische+ und die +französische,+ bestehen noch lange Zeit in England nebeneinander; König und Adel sind französische Normannen.
Wilhelms I. ältester Sohn Robert erbt die +Normandie+; in England folgen die jüngeren Söhne, zuerst +Wilhelm II.+, dann +Heinrich I.+, welcher 1106 auch die Normandie in Besitz nimmt. Ihm folgt sein Schwestersohn +Stephan von Blois+, gegen welchen Heinrichs Tochter Mathilde, vermählt mit dem Grafen Gottfried von Anjou, Erbansprüche erhebt. Langwierige Kämpfe; endlich wird Mathildens Sohn Heinrich von Anjou als Thronfolger anerkannt.
[~1154–1399.~]
~Haus Anjou-Plantagenet.~[36]
[~1154–1189.~]
~Heinrich II.~ besitzt große französische Lehen: 1. +Normandie+ und +Bretagne+ als Erbe der normannischen Könige, 2. +Anjou+, +Maine+, +Touraine+ von seinem Vater, 3. durch Heirat mit +Eleonore+ (1152, s. S. 191) +Poitou+, +Guyenne+ und +Gascogne+, also im ganzen mehr als halb Frankreich.
[1164.]
Reform der Rechtspflege durch die Beschlüsse von +Clarendon+, namentlich werden die Vorrechte der Geistlichen beschränkt. Deswegen Streit mit dem Erzbischof +Thomas Becket+ von Canterbury, welcher von Anhängern des Königs 1170 ermordet wird.
[1171.]
Kriegszug nach +Irland+, die Fürsten der Insel unterwerfen sich der englischen Lehnshoheit. Durch einen Aufstand wird ein Teil wieder selbständig.
[1174.]
Heinrichs Buße am Grabe des auf sein Anstiften ermordeten Erzbischofs; seine aufständischen Söhne müssen sich unterwerfen. Die Gerichtsbarkeit über die Geistlichen wird durch Verträge mit Papst Alexander III. geregelt.
[~1189–1199.~]
~Richard Löwenherz~, in ritterlichen Kämpfen hervorragend, aber ohne Mäßigung. Kreuzzug, Gefangenschaft in Deutschland (S. 176), dann Kriege mit Philipp II. Augustus von Frankreich. Richards Bruder
[~1199–1216.~]
~Johann~ (ohne Land) läßt seinen Neffen +Arthur von der Bretagne+, der ihm den Thron streitig macht, ermorden, wird deshalb als französischer Vasall (S. 192) von Philipp II. vor den französischen Lehnsgerichtshof geladen, verliert 1204 die Normandie, bald auch die übrigen französischen Lehen bis auf Guyenne an die Krone Frankreich. -- Streit mit Papst Innocenz III. über die Wahl eines Erzbischofs von Canterbury (1205). England mit dem Interdikt, Johann mit dem Bann belegt. Der König unterwirft sich dem Papst und leistet ihm den Lehnseid (1213). Während er dann von La Rochelle aus die verlorenen Gebiete in Frankreich zurückzuerobern versucht, werden seine Verbündeten, der Graf von Flandern und Otto IV. von Deutschland, bei +Bouvines+ geschlagen (1214 s. S. 186). Aufstand der großen Vasallen; sie erzwingen auf der Wiese Runnymede bei +Windsor+ die Bewilligung der
[1215.]
~Magna charta libertatum~, +Grundlage der englischen Verfassung+: Freie Wahl der Bischöfe und Äbte durch die Geistlichen; Erblichkeit der Lehen; Steuern anstatt der Lehnsdienste (Schildgeld) und Hilfsgelder sollen nur mit Zustimmung der Prälaten und Barone erhoben werden; jeder Freie soll nur von seinesgleichen nach Landesrecht gerichtet werden; die Städte sollen ihre Privilegien behalten und die Kaufleute freien Verkehr haben.
[~1216–1272.~]
~Heinrich III.~, anfangs unter Vormundschaft des Grafen Wilhelm von +Pembroke+. Ein französisches Heer, das in England gelandet war, wird zum Abzug genötigt. Vertrag mit Frankreich 1259; Guyenne als englischer Besitz anerkannt.
Öftere Streitigkeiten mit den zum +Parlament+ versammelten Baronen; das Land bedrückt durch die Geldforderungen päpstlicher Legaten, um Heinrichs jüngstem Sohn Edmund die Herrschaft über Neapel und Sicilien zu verschaffen. +Simon von Montfort,+ Graf von +Leicester+ (spr. Lester), nimmt 1264 den König gefangen, beruft 1265 auch Vertreter der Grafschaften (zwei Ritter aus jeder Grafschaft) und der Städte zum Parlament, wird aber bei +Evesham+ von dem Kronprinzen Eduard besiegt. Der König befreit; darauf erneute Bestätigung der +Magna charta.+ In dieser Zeit allmähliche Vermischung und Ausgleichung der Angelsachsen und Normannen.
§ 5. Die Pyrenäische Halbinsel.
Fortdauernde Kämpfe zwischen Christen und Mohammedanern. König Alfons VI. von ~Kastilien~ überträgt dem Grafen +Heinrich von Burgund+ 1095 die Grafschaft ~Portugal~ (zwischen Minho und Duero) als Lehen. Heinrichs Sohn Alfons macht sich von der Lehnspflicht frei und nennt sich 1140 ~König von Portugal~. Deutsche Kreuzfahrer aus den Rheinlanden, welche zur See nach Palästina ziehen, helfen 1147 zur Eroberung +von Lissabon.+
[1118.]
König Alfons I. von ~Aragon~ vertreibt die Araber aus +Saragossa+. Durch die Vermählung seiner Nichte mit dem Markgrafen von Barcelona werden 1137 die Länder Aragon und Katalonien vereinigt.
[1157.]
~Kastilien~ geschwächt durch Abtrennung von Leon. Dem erneuten Anstürmen der Araber treten die drei bald darauf gegründeten ~Ritterorden~ von +Alcántara+ (am Tajo), +Calatrāva+ (am Guadiana), +San Jago di Compostella+ (in Galicien) erfolgreich entgegen.
[1212.]
Großer Sieg der vereinigten Könige und Ritter bei ~Tolosa~ (in der Sierra Morena).
[1230.]
+Ferdinand III.+ vereinigt Leon wieder mit Kastilien, erobert 1236 +Cordova+, 1248 +Sevilla+. Sein Sohn +Alfons X.+, der Weise (S. 189) erweitert sein Reich auf Kosten der Mauren. Selbst Philosoph und Astronom (seine Verbesserung der Ptolemäischen Planetentafeln), ist er ein eifriger Förderer der Wissenschaften; Universität Salamanca. Alfons 1282 abgesetzt, † 1284 als Flüchtling bei den Mauren in Sevilla.
[1238.]
Jakob I. von Aragon erobert +Valencia+, bald darauf vertreibt Alfons III. von Portugal die Araber aus +Algarbe+. Nur in Andalusien behauptet sich das arabische Königreich ~Granāda~ bis 1492.
§ 6. Der Osten.
Das ~oströmische Reich~ ist unter den letzten Komnenen (S. 172) durch Thronstreitigkeiten geschwächt; die +Bulgaren+ machen sich 1186 unabhängig. Das 1204 von den Kreuzfahrern errichtete +Lateinische Kaisertum+ (S. 176) gewinnt keinen festen Bestand; griechische Sprache und Sitte behauptet sich. Unter dem Hause der ~Paläologen~ seit 1261 bleibt das Reich von dem Ansturm der Mongolen verschont, wird aber bald danach von den Türken bedrängt.
[1206.]
Die ~Mongolen~ erheben am Amur den Stammfürsten +Temudschin+ zu ihrem Oberhaupt, ~Tschingis Chan~ † 1226. Er beginnt große Eroberungszüge, unterwirft Nord-China und vernichtet nach Westen zu das Reich der +Chowaresmier,+ welche seit 1150 die meisten seldschuckischen Sultanate und das frühere Gasnavidenreich (S. 172) erobert hatten. Sein Sohn +Oktai+ macht +Karakorum+ zum Herrschersitz. Sein Enkel +Kublai Chan+ (1260–1294) begründet in China die mongolische Dynastie +Jüan+ (1280–1367), sucht auch Japan zu erobern (S. 220). An Kublais Hofe in Peking der venezianische Reisende +Marco Polo+ (S. 221).
[1237.]
Temudschins Enkel +Batu+ dringt vom +Chanat Kiptschak+ (Reich der Goldenen Horde) aus erobernd in Rußland ein. Moskau und Kiew verbrannt, dann Zug durch Polen und Angriff auf +Schlesien+. Ein deutsches Ritterheer unter +Heinrich dem Frommen,+ Herzog von Liegnitz, tritt den Mongolen entgegen.
[1241.]
~Schlacht bei Wahlstatt~ (Liegnitz). Die Mongolen, obwohl Sieger, ziehen nach Südosten ab durch Ungarn, nehmen ihre Wohnsitze im +Chanat Kiptschak+; Hauptstadt Sarai (Gouv. Astrachan). +Rußland+ bleibt ihnen Untertan bis 1480.
[~1258.~]
~Vernichtung des Kalifats~ durch die asiatischen Mongolen, welche +Bagdad+ zerstören. Ihrem Vordringen nach Syrien treten die +Mamelucken+ (S. 177) entgegen. Das große Reich der Mongolen, welche größtenteils den Islam annehmen, löst sich in einzelne Chanate auf; China wird 1368 durch +Taitsu+, einen buddhistischen Priester, von der Mongolenherrschaft befreit. Mit ihm beginnt die Dynastie der +Ming+ (1368–1644).
Fussnoten:
[30] Stammtafel:
~Karl der Grosse †814~ Karl †811 Pippin †810 ~Ludwig der Fromme †840~ ________________________________|____________________________ ~Lothar I.~ †855 Ludwig der Deutsche †876 ~Karl d.~ | | | ~Kahle~ †877 | _____|_________________________ ______|______________ ___|_____ ~Ludwig II.~ Lothar II. Karl Karlmann Ludwig ~Karl~ Französische †875. v. Lothr. v.d. †880. †882 ~d. Dicke~ Karolinger, †869. Provence | †888. erloschen Arnulf 987. †899. | Ludwig das Kind †911.
[31] Friedrichs Nachfolger in der Kaiserwürde führen seitdem den Titel: König von Jerusalem (seit 1806 die Kaiser von Österreich).
[32] Ein deutsches Hospital hatte in Jerusalem seit etwa 1110 bestanden, war aber 1187 mit zu Grunde gegangen.
[33] So genannt von der Beteuerung, die er stets im Mund führte.
[34] +Lübeck+, zunächst +kaiserliche+ Stadt, erhielt das Privilegium als +freie Reichsstadt+ 1226; +Hamburg+ und +Bremen+, seit 1473 bisweilen zu Reichstagen berufen, erhielten die ausdrückliche Anerkennung als freie Reichsstädte erst 1510 bezw. 1646.
[35] Vgl. die Lieder Walthers v. d. Vogelweide.
[36] So genannt von dem +Ginsterzweig+ (planta genista), welchen +Gottfried+ von Anjou, Vater Heinrichs II., als Helmzier zu tragen pflegte.
D. Vom Ende der Kreuzzüge bis zur Entdeckung Amerikas. (1270–1492.)
§ 1. Deutschland.
[~1273–1347.~]
~Könige und Kaiser aus verschiedenen Häusern.~
[~1273–1291.~]
~Rudolf I., Graf von Habsburg~, reich begütert im Aargau und am Vierwaldstättersee, Landgraf im Elsaß, wird in +Frankfurt+ von den sieben angesehensten Reichsfürsten zum römischen König gewählt, besonders auf Betreiben seines Verwandten, des Burggrafen Friedrich III. von Nürnberg (aus dem Hause +Hohenzollern+). Krönung zu +Aachen,+ erster Reichstag 1274 zu +Nürnberg+; Beschluß, das Reichsgut zurückzufordern. Doch kommt dieser Beschluß nur in geringem Maße zur Ausführung; der König sieht sich auf Vergrößerung seiner +Hausmacht+ angewiesen.
[1276.]
Krieg gegen ~Ottokar~, König von Böhmen, welcher nach dem Aussterben der Babenberger (1246) +Österreich+ in Besitz genommen, von den Ungarn +Steiermark+ wieder erobert, +Kärnten+ und +Krain+ durch Erbschaft erworben hatte. Ottokar wird geächtet, unterwirft sich, erneuert aber bald den Krieg.
[~1278.~]
~Sieg Rudolfs auf dem Marchfelde~ (bei Dürnkrut), Ottokar fällt. Vergleich mit dem Vormunde seines Sohnes +Wenzel+. Dieser behält +Böhmen+, später bekommt er auch +Mähren+ zurück. Bildung der ~habsburgischen Hausmacht~: +Österreich+, +Steiermark+ und +Krain+ kommen als Reichslehen an die Söhne Rudolfs, +Kärnten+ an Graf +Meinhard+ von Tirol, seinen Schwager.
[1281.]
Rudolf verkündet +Landfriedens+ordnungen in Bayern, Franken und am Rhein. In Schwaben leisten Graf Eberhard von +Württemberg+ und Markgraf Rudolf von +Baden+ (Stammburg +Zähringen+ bei Freiburg im Breisgau) der Absicht des Königs, das Herzogtum Schwaben wiederherzustellen, erfolgreich Widerstand.
[1289.]
Feldzug nach +Burgund+; die Freigrafschaft (+Franche-Comté+, Hauptstadt Besançon) für das deutsche Reich wiedergewonnen. Die Provence und Avignon bleiben im Besitz Karls von Anjou (S. 190).
[1290.]
Rudolf residiert zu +Erfurt+, schlichtet Streitigkeiten in Thüringen, läßt 29 Raubritter enthaupten und 66 Burgen brechen.
[1291.]
Rudolf † zu +Speier+. Zum Nachfolger wird nicht sein Sohn Albrecht gewählt, sondern auf Betreiben des Erzbischofs von Mainz, Gerhard v. Eppstein, ein mit diesem verwandter, minder mächtiger Graf,
[~1292–1298.~]
~Adolf von Nassau~. Dieser will den Streit zwischen Landgraf +Albrecht+ dem Entarteten von Thüringen und seinen Söhnen +Friedrich+ und +Diezmann+ (S. 181) benutzen, um die Mark +Meißen+ als erledigtes Reichslehen einzuziehen, wird aber, ehe er dies durchführen kann, durch eine von Erzbischof Gerhard v. Eppstein berufene Fürstenversammlung +abgesetzt+ und fällt in der Schlacht bei +Göllheim+ (am Donnersberge) im Kampfe gegen den nun zum Throne berufenen
[~1298–1308.~]
~Albrecht I. von Österreich,~ Sohn Rudolfs I. Papst Bonifacius VIII. verweigert ihm die Anerkennung; Albrecht schließt ein Bündnis mit König Philipp IV. von Frankreich und demütigt die vier +rheinischen Kurfürsten+ (Mainz, Trier, Köln, Pfalz), indem er 1301 zu Gunsten der Städte die willkürlichen Rheinzölle aufhebt.
[1303.]
Aussöhnung mit dem Papste, dessen Recht auf Bestätigung der deutschen Königswahl Albrecht anerkennt. Gleich darauf ~Sturz der päpstlichen Macht~ (S. 207), doch unternimmt Albrecht keinen Zug nach Italien, sondern versucht +Böhmen+ für seine +Hausmacht+ zu gewinnen. Das von ihm nach Meißen entsandte Heer wird 1307 von Friedrich und Diezmann bei +Lucka+ unweit Altenburg geschlagen.
[1308.]
Albrecht wird von seinem Neffen +Johann+ (Parricīda), dem er sein Erbe vorenthielt, zwischen Aar und Reuß, nahe bei der +Habsburg+ ermordet. Die Königswahl lenkt der Erzbischof von Trier auf seinen Bruder:
[~1308–1313.~]
Heinrich VII., Graf von ~Luxemburg~. Dieser stellt die Rheinzölle zu Gunsten der Fürsten wieder her. Den Söhnen Albrechts bestätigt er den Besitz ihrer Lehen, erkennt aber 1309 die ~Schweizer Waldstätte~ als ~reichsunmittelbar~ an.
~Entstehung der Schweizer Eidgenossenschaft.~
Schon in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts treten die Waldorte dem Bestreben der Grafen von Habsburg, die mit der Grafschaft verbundene Vogtei zu einer vollständigen Landeshoheit über sie auszubilden, entgegen. König Heinrich (S. 187) erteilt 1231 einen Freibrief für +Uri+, Kaiser Friedrich II. 1240 für +Schwyz+. König Rudolf erkennt den Freibrief für Uri an, ernennt in Schwyz nur einheimische Amtleute. Gleich nach seinem Tode, am 1. August 1291, schließen die drei Waldorte +Uri+, +Schwyz+, +Unterwalden+ zur Erhaltung ihrer Freiheit einen +ewigen Bund,+ fügen sich aber zunächst noch der Herrschaft König Albrechts.
Die von der Volksdichtung ausgeschmückte Erzählung, welche die Tatsache des +allmählichen+ Erringens der +Reichsunmittelbarkeit+ der Waldstätte auf ein kurzes Zeitmaß zusammendrängt, erscheint erst nach und nach sich ausbildend in Chroniken des 15. Jahrhunderts und steht vielfach in Widerspruch mit den Urkunden. Weder der +Schwur auf dem Rütli+ (1307, Werner Stauffacher, Walter Fürst, Arnold vom Melchtal), noch die Vertreibung der Vögte am 1. Januar 1308 ist historisch verbürgt. Ein Landvogt +Geßler+ hat weder in Uri noch in Küßnacht regiert. Die Sage vom Apfelschuß findet sich auch in Norwegen, Island, Dänemark, am Rhein und in England; sie ist eine allgemein germanische Sage. Das älteste Lied von +Tell+ stammt aus der Zeit der burgundischen Kriege (1477); die uns geläufige Tradition gibt erst der Chronist +Tschudi+ (um 1550).
[~1310.~]
Heinrichs VII. Sohn +Johann+ wird König von ~Böhmen~, gewählt durch die böhmischen Stände entgegen den Ansprüchen der Habsburger (der Mannesstamm der +Prschemysliden+ in Böhmen war 1306 ausgestorben, Johann heiratet den letzten weiblichen Sproß); dadurch erhalten die Luxemburger eine +Hausmacht+. Seitdem Gegensatz zwischen den Habsburgern und Luxemburgern.
[1310–1313.]
Heinrichs VII. Römerzug. Er wird von den +Ghibellinen+ (+Dante+, 1302 aus Florenz verbannt) herbeigerufen, schlichtet die Parteikämpfe in Mailand (die +Visconti+ hier seit 1277), unterwirft Brescia, wird in Genua und Pisa freudig aufgenommen, in +Rom+ zum Kaiser gekrönt, belagert aber vergeblich die guelfisch gesinnte Stadt +Florenz+ und stirbt auf dem Zuge gegen Neapel.
In dieser Zeit bringt König Philipp IV. von Frankreich die +Freigrafschaft Burgund+ (S. 196) durch Heirat an sich und zwingt den Erzbischof von +Lyon+ zur Huldigung.
[~1314–1347.~}]
~Ludwig der Bayer~ (Haus Wittelsbach).
[~1314–1330.~}]
~Friedrich von Österreich~, Sohn Albrechts. Doppelwahl durch Parteiung der Fürsten; beide Könige sind Enkel Rudolfs von Habsburg. Friedrichs Macht wird geschwächt durch den
[1315.]
Sieg der Schweizer Eidgenossen am Berge ~Morgarten~ über +Leopold von Österreich+, Friedrichs Bruder. Darauf bestätigt der von der luxemburgischen Partei gewählte Herzog Ludwig von Oberbayern, der kurz vorher (1313) die Österreicher bei Gammelsdorf a. d. Isar besiegt hatte, den Waldstätten ihre Reichsunmittelbarkeit.
[1322.]
Schlacht bei ~Ampfing~ oder ~Mühldorf~. Friedrich von Österreich geschlagen (Sage von Schweppermann) und als Gefangener nach der Burg +Trausnitz+ geführt.
[1324.]
Papst +Johann XXII.+, in Avignon (s. S. 207) unter französischem Einfluß, mischt sich in den Thronstreit und spricht den Bann über +Ludwig+ aus, doch bleibt derselbe unwirksam, da durch die sittliche Entartung des päpstlichen Hofes in Avignon das Ansehen des Papsttums überhaupt gesunken ist.
Ludwig gibt die durch Aussterben der Askanier 1320 erledigte Mark +Brandenburg+ (S. 179) seinem Sohne +Ludwig+, mit dem er später +Margarete Maultasch+, Erbin von Tirol und Kärnten, vermählt, nachdem diese ihre Ehe mit einem Sohne Johanns von Böhmen getrennt hat. Kärnten kommt, ehe die Vermählung stattfindet, an die Herzöge von +Österreich+ (1335). Tirol wird von Margarete Maultasch nach dem Tode ihres zweiten Gemahls Ludwig doch dem Hause Habsburg vermacht (S. 200).
[1325.]
Friedrich wird gegen Verzichtleistung auf den Thron in Freiheit gesetzt, stellt sich wieder als Gefangener, wird von Ludwig als Mitkönig anerkannt, stirbt 1330.
[1327–1330.]
Ludwigs Römerzug. Er wird in Rom zum Kaiser gekrönt, stellt einen Gegenpapst auf, kann aber die kaiserlichen Herrschaftsrechte nur wenig zur Geltungbringen, In Deutschland Streitigkeiten mit den Fürsten. Frankreich und dem Papste gegenüber einigen sich endlich die Kurfürsten zur Unterstützung Ludwigs:
[~1338.~]
Der ~Kurverein zu Rense~ (am Rhein, oberhalb Koblenz) erklärt jeden rechtmäßig gewählten deutschen König auch ohne päpstliche Krönung für den rechtmäßigen ~römischen Kaiser.~
Ludwigs eigenmächtiges Verfahren zur Vergrößerung seiner Hausmacht (Brandenburg, Tirol, Holland) führt im Verein mit päpstlichen und französischen Umtrieben 1346 zur Wahl eines Gegenkönigs: +Karl+ a. d. Hause Luxemburg, Sohn des bei +Crecy+ im Kampfe für Frankreich gefallenen Königs Johann von Böhmen (S. 208). Kaiser Ludwig † 1347 (auf der Bärenjagd bei München), +Karl+ wird allgemein anerkannt.
[~1347–1437.~]
~Luxemburgische Kaiser.~
[~1347–1378.~]
~Karl IV.,~ ein staatskluger Fürst, gelehrt und kunstsinnig. Die bayrische Partei stellt 1349 den Grafen +Günther von Schwarzburg+ als Gegenkönig auf; doch stirbt dieser schon nach wenigen Monaten. In +Brandenburg+ tritt, von Karl begünstigt, der +falsche Waldemar+ gegen die bayrischen Markgrafen auf. (S. Anhang.) 1350 Aussöhnung mit den Wittelsbachern.
[1349–50.]
~Pest~ (schwarzer Tod) in Deutschland und in fast ganz Europa. Erbitterte Verfolgungen der durch Verleihen von Geld gegen Zinsen reich gewordenen Juden. Sie sollten die Brunnen vergiftet haben. Umzüge der Geißler (Flagellanten).
Karls Hauptsorge ist auf sein Erbland ~Böhmen~ gerichtet. Er zieht deutsche Ansiedler heran, baut in +Prag+ den Dom und die Burg Hradschin, stiftet daselbst 1348 nach dem Muster von Paris (S. 192) eine ~Universität~ mit vier Fakultäten, die erste in Deutschland. Durch Verträge mit den schlesischen Fürsten (S. 182) vollendet er die schon von seinem Vater angebahnte Vereinigung +Schlesiens+ mit Böhmen; auch die +Lausitz+ kommt zu Böhmen.
[1353.]
Zutritt +Berns+ zur Eidgenossenschaft, welche nun, immer noch zum deutschen Reich gehörig, Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern, Zürich, Glarus, Zug und Bern (die sogenannten 8 +alten+ Orte) umfaßt.
[1354–1355.]
Erster Zug Karls IV. nach Italien. Während der Abwesenheit der Päpste in Avignon hatte +Cola di Rienzi+ sich zum »Volkstribunen« gemacht und die altrömische Republik wieder aufgerichtet (S. 211). Karl empfängt die Huldigung der lombardischen Städte, verweilt aber in Rom nur einen Tag, um die Kaiserkrone zu empfangen.
[~1356.~]
~Goldene Bulle~,[37] +Reichsgrundgesetz+, beschlossen auf zwei Reichstagen zu +Nürnberg+ und +Metz+. Die Kaiserwahl wird endgültig den 7 Kurfürsten übertragen, welche sie schon seit längerer Zeit tatsächlich ausübten;[38] +drei geistliche+: 1. Erzbischof von ~Mainz~ (Erzkanzler für Deutschland), 2. Erzbischof von ~Trier~ (Erzkanzler für Burgund), 3. Erzbischof von ~Köln~ (Erzkanzler für Italien); +vier weltliche+: 4. König von ~Böhmen~ (Erzschenk), 5. ~Pfalz~graf bei Rhein (Erztruchseß), 6. Herzog von ~Sachsen~-Wittenberg (Erzmarschall), 7. Markgraf von ~Brandenburg~ (Erzkämmerer).
Die Kurfürstentümer, welche im Mannesstamme auf den Erstgeborenen forterben und gewisse Regalien erhalten (Privilegium +de non appellando,+ Münzrecht, Bergwerks- und Salzhoheit, Judenzoll u. a. m.), sollen unteilbar sein. Bestimmungen über den +Landfrieden+; den Städten wird die Bildung besonderer Städtebündnisse und die Aufnahme von Pfahlbürgern (die in der Stadt nicht ansässig sind) untersagt.
[1363.]
Österreich erwirbt +Tirol+ durch Vertrag mit Margarete Maultasch.
[1365.]
Karl IV. reist nach +Avignon+, um den Papst zur Rückkehr nach Rom zu bewegen, und läßt sich in +Arles+ krönen, um die Oberhoheit über die tatsächlich an Frankreich gekommenen burgundischen Gebiete festzuhalten (S. 196, 198).
[1368.]
Zweiter Römerzug. Karl IV. führt Papst Urban V. nach Rom, aber bald nach seinem Abzuge kehrt der Papst nach Avignon zurück.
[1373.]
Durch den Vertrag zu +Fürstenwalde+ überläßt +Otto der Finne+ (Faule), der letzte bayrische Markgraf von Brandenburg, die Mark gegen ein Jahrgehalt an Karl IV.
~Städtebünde.~
Die ~Hanse.~ Verbindungen deutscher Kaufleute im Auslande, namentlich zu +Wisby+ auf der Insel Gotland und in +London+ schon im 12. Jahrhundert, haben Handelsbündnisse ihrer Heimatstädte zur Folge. 1241 Bündnis zwischen +Lübeck+ und +Hamburg+. Um 1294 tritt ~Lübeck~ an die Spitze eines Bundes von Seestädten an der Nord- und Ostseeküste (von +Bremen+ bis +Reval+), denen sich zahlreiche norddeutsche Binnenstädte (Köln, Osnabrück, Braunschweig, Magdeburg, Berlin, Thorn, Breslau u. a.) anschließen, später auch die niederländischen Seestädte (Kampen, Deventer u. a.) Zweck des Bundes: Sicherung der Straßen zu Wasser und zu Lande, Erwerbung und Erhaltung von Handelsprivilegien im Auslande. +Hansetage+ meist zu +Lübeck+ gehalten. Auswärtige Niederlassungen (Kontore) zu +Brügge+, +London+, +Bergen+, +Nowgorod.+ In Wisby, Stockholm, Kopenhagen, Malmö, Riga zahlreiche deutsche Kaufleute ansässig. Jährlicher Markt zur Zeit des Heringsfangs an der Küste von +Schonen+. Einteilung des Bundes in 3 Drittel, im 16. Jahrhundert in 4 Quartiere mit den Vororten Lübeck, Köln, Braunschweig, Danzig.
[1361–1362.]
Krieg gegen Waldemar IV., König von Dänemark, welcher +Wisby+ eingenommen und geplündert hatte. Die Kriegsflotte der Hanse hat anfangs Erfolge, wird aber vor +Helsingborg+ geschlagen. Ihr Führer, der Lübecker Bürgermeister Johann +Wittenborg+, wird deshalb angeklagt und in Lübeck hingerichtet.
[1367–1370.]
Zweiter Krieg; Waldemar IV. flüchtet aus seinem Reiche. Kopenhagen, Helsingör u. a. Städte erobert. Im Frieden zu +Stralsund+ 1370 wird die Küste von Schonen auf 15 Jahre an die Hanse abgetreten; auch verspricht der dänische Reichsrat, den Nachfolger Waldemars nur mit Zustimmung der Städte zu erwählen. Bis ins 16. Jahrhundert behauptet der Hansebund die Handelsherrschaft über Skandinavien, Rußland, England. Da er sich aber nicht an einen starken Staat anlehnte, so zerfiel er, als die nordischen Staaten mehr und mehr erstarkten. Die im Binnenlande gelegenen deutschen Städte wurden durch ihre Landesfürsten teilweise zum Austritt aus der Hanse gezwungen, wie z. B. Berlin durch Kurfürst Friedrich II.
Im Innern zeigt sich in den ~Hansestädten,~ in welchen der Großhandel die Gewerbtätigkeit übertrifft, das Festhalten an der aristokratischen Regierung des sich selbst ergänzenden +Rats+, während in den ~süddeutschen Städten~ die nach +Zünften+ geordneten Handwerker bedeutenden Anteil an der meist jährlichen Neuwahl des Rats erhalten. +Zunftkämpfe+ in Ulm 1292, Speier 1327, Straßburg 1332, Regensburg 1334, Augsburg 1368; in Nürnberg behaupten die Patrizier 1349 das Übergewicht, ebenso in Köln 1370, doch siegen dort die Zünfte 1396.
Nicht von gleicher Dauer wie der Hansebund waren die ~süddeutschen Städtebündnisse~, welche die Selbständigkeit der Städte gegen die +Fürsten+ und die +Reichsritter+ sichern sollten: der 1254 geschlossene ~rheinische Bund~ (S. 189) öfters von seiten der Städte erneuert; der ~schwäbische Städtebund~, zuerst 1331, dann wiederum 1376 geschlossen, namentlich gegen den Grafen von Württemberg +Eberhard den Greiner+ (d. h. Zänker), auch der Rauschebart genannt.
~Adelsbündnisse~ in Schwaben, Franken und am Rhein gegen Fürsten und Städte gerichtet (der +Löwenbund+, der +St. Georgsbund+, die +Schlegler+).
[~1377–1389.~]
~Süddeutscher Städtekrieg.~
[1377.]
Sieg der schwäbischen Städte (Vorort +Ulm+) bei +Reutlingen+ über Eberhards Sohn Ulrich. Der schwäbische Städtebund vom Kaiser anerkannt.
[1378.]
Tod Karls IV., nachdem er seine Länder unter seine drei Söhne so geteilt hat, daß +Wenzel+ Böhmen und Schlesien (später fällt ihm auch Luxemburg zu), +Sigismund+ die Mark Brandenburg, +Johann+ die Lausitz erhält. In +Mähren+ herrschen 2 Neffen Karls, +Jobst+ und +Prokop+ als Markgrafen. Zum deutschen König war schon gewählt worden
[~1378–1400.~]
~Wenzel~, Karls IV. ältester Sohn.
[1381.]
Der +schwäbische+ Städtebund vereinigt sich mit den +rheinischen+ und schließt bald auch ein Bündnis mit einem Teil der Schweizer Eidgenossenschaft.
[1384.]
Wenzel bringt einen Landfrieden auf vier Jahre zustande (Fürstentag zu +Heidelberg+), doch beginnen die Fehden, sobald er nach Böhmen zurückgekehrt ist, aufs neue. Herzog +Leopold III.+ von +Österreich+ bekriegt im Bunde mit dem süddeutschen Adel die Eidgenossen. Das Ritterheer wird in der
[~1386.~]
~Schlacht bei Sempach~ (+Arnold Winkelried?+) gänzlich geschlagen, ebenso 1388 in der Schlacht bei +Näfels+. Die Herzöge von Österreich verzichten auf die Unterwerfung der Schweiz.
[1388.]
Erneuerung des Städtekrieges. Eberhard der Greiner siegt über die schwäbischen Städte bei +Döffingen+ (wo sein einziger Sohn +Ulrich+ fällt), Pfalzgraf +Ruprecht+ über die rheinischen bei +Worms+.
[1389.]
Landfriede zu +Eger+, von König Wenzel verkündet. Die Städte behalten ihre Reichsfreiheit, müssen aber auf Sonderbündnisse verzichten.
[1400.]
Wenzel, in Böhmen durch Härte (der Generalvikar des Erzbischofs von Prag, Johann von Nepomuk, Beichtvater der Gemahlin Wenzels, in die Moldau gestürzt) und Trägheit verhaßt, aus Anlaß innerer Zerwürfnisse wiederholt gefangen gesetzt, wird von den am Königsstuhl bei Rense versammelten rheinischen Kurfürsten der deutschen Königswürde entsetzt. Er stirbt 1419 als König von Böhmen.
[~1400–1410.~]
~Ruprecht von der Pfalz~ vermag selbst bei seiner Partei kaum das königliche Ansehen zur Geltung zu bringen.
[1401.]
Unglücklicher Zug Ruprechts nach Italien. Das deutsche Heer wird bei +Brescia+ geschlagen von +Johann Galeazzo Visconti,+ den König Wenzel zum erblichen Herzog von Mailand ernannt hatte (1395) (S. 198).
[1409.]
Infolge der hussitischen Streitigkeiten (s. S. 204) in Prag und einer Veränderung der Universitätsstatuten zu Gunsten der czechischen Nation verlassen die deutschen Professoren und Studenten die Universität Prag und gehen meist nach +Leipzig+, wo +Friedrich der Streitbare+ von Meißen (S. 204) eine Universität stiftet.
[1409.]
~Konzil zu Pisa,~ berufen zur Wiederherstellung der kirchlichen Einheit (seit 1378 +zwei+ Päpste, einer in +Rom+, einer in +Avignon+). Der vom Konzil erwählte Papst Alexander V. vermag die beiden anderen nicht zur Abdankung zu nötigen.
[~1410–1437.~]
~Sigismund,~ Wenzels Bruder, Markgraf von +Brandenburg+ und König von +Ungarn+ (als Gemahl der Tochter König Ludwigs des Großen, S. 217), gewählt besonders auf Betreiben des Burggrafen +Friedrich VI. von Nürnberg,+ doch nur durch drei Kurstimmen, während die anderen für +Jobst von Mähren+ abgegeben werden und +Wenzel+ als dritter noch Ansprüche auf die Krone erhebt. Jobst † 1411; darauf zweite Wahl einstimmig für Sigismund. Dieser zieht nach Italien und einigt sich mit Papst +Johann XXIII.+, Alexanders V. Nachfolger, über die Berufung eines allgemeinen Konzils nach einer +deutschen+ Stadt.
[~1414–1418.~]
~Kirchenversammlung zu Konstanz,~ zahlreich besucht von Fürsten und Prälaten, hat eine dreifache Aufgabe zu lösen: 1. Beseitigung der Kirchenspaltung (+causa unionis+), 2. Verbesserung der kirchlichen Zustände +(causa reformationis),+ 3. Abstellung der Ketzerei +(causa fidei).+
Von der Reformpartei wird die Abstimmung nach +Nationen+ (deutsche, franz., engl., italien., je eine +Kuriatstimme+) durchgesetzt. Papst Johann XXIII., der persönlich erschienen war, wird zu öffentlicher Abdankung bewogen, entflieht dann aber mit Hilfe des Herzogs Friedrich von Österreich. Dieser, in die Acht erklärt, muß sich unterwerfen. Das Konzil spricht auf Antrag +Gersons+, des Kanzlers der Pariser Universität, den Grundsatz aus, +daß das Konzil über dem Papste stehe+; Johann XXIII. wird abgesetzt, Gregor XII. in Rom verzichtet freiwillig.
Inzwischen ist der Tscheche +Johann Hus,+ Professor in Prag, Anhänger der Lehren des Engländers +Wycliffe+ (S. 312, Verwerfung des Ablasses, der Ohrenbeichte, der Transsubstantiation), seit 1412 im Bann, im Vertrauen auf das von Sigismund ihm gewährte sichere Geleit in Konstanz erschienen; er wird als Ketzer verurteilt.
[~1415.~ 6. Juli.]
~Hus verbrannt,~ 1416 sein Freund +Hieronymus+ von Prag. Sigismund reist nach Spanien, um Benedikt XIII., der sich von Avignon nach der Burg Peniscola (unweit Valencia) zurückgezogen hat, zur Abdankung zu bewegen. Dies mißlingt, aber die spanische Geistlichkeit sagt sich von Benedikt los. Sigismund reist über Paris nach England, um zwischen Frankreich und England Frieden zu vermitteln (S. 209), doch ohne Erfolg. Nach seiner Rückkehr 1417 Beratung über die +Kirchenverbesserung+ (Beschränkung der päpstlichen Willkür in der Verleihung kirchlicher Ämter, Aufhebung drückender Abgaben, Besserung des Lebens der Geistlichen).
Dem Verlangen der Reformpartei, daß diese Verbesserung +vor+ der Wahl eines neuen Papstes zum Abschluß komme, treten die Anhänger des Papsttums in den romanischen Nationen, verstärkt durch die Spanier als +fünfte+ Nation, entgegen. Der neugewählte Papst +Martin V.+ (Kardinal Colonna, S. 211) bringt +drei Konkordate+, mit den Deutschen, Engländern und Romanen, zum Abschluß, die aber nicht zur Abstellung der Mißbräuche führen.
[~1415.~]
Sigismund überträgt in +Konstanz+ dem Burggrafen +Friedrich VI. von Nürnberg+, als Belohnung für wichtige, ihm und dem Reiche geleistete Dienste die ~Mark Brandenburg~ mit der Kur- und Erzkämmererwürde (Belehnung 1417).
[1423.]
Sigismund belehnt +Friedrich den Streitbaren+, Markgrafen von +Meißen+, aus dem Hause +Wettin+ (s. S. 179, 203) mit dem Kurfürstentum ~Sachsen-Wittenberg~, nach dem Aussterben der dort regierenden Askanier (S. 189). In Sachsen-Lauenburg regieren Askanier noch bis 1689, dann kommt das Land an Hannover.
[~1419–1436.~]
~Hussitenkrieg.~ Entrüstung der Böhmen über Hus’ Hinrichtung. Seine Anhänger, +Hussiten+, auch +Utraquisten+ genannt (weil sie das Abendmahl +sub utraque specie+, Brot und Wein, auch für die Laien verlangen), wollen die Ausübung ihrer vom Konzil verworfenen Lehre mit Gewalt durchsetzen. König Wenzel sucht zu vermitteln; nach seinem Tode 1419 Aufstand in Prag. +Ziska+, Anführer der Hussiten. Sigismund, Erbe der böhmischen Krone, wird zwar in Prag gekrönt, muß aber das Land bald verlassen. Die 1421 in Böhmen eindringenden Reichstruppen werden zurückgeschlagen, Sigismunds Heer wird 1422 bei +Deutsch-Brod+ vernichtet. Verheerende Züge der Hussiten in die umliegenden Länder (Österreich, Bayern, Franken, Sachsen, Schlesien, Lausitz, Brandenburg); öftere Niederlagen der gegen sie aufgebotenen Reichsheere.
[~1431–1449.~]
~Konzil zu Basel~, zur Wiederherstellung des Friedens und zur Durchführung der kirchlichen Reformen berufen. Durch Gesandte des Konzils wird ein Vergleich mit den gemäßigten Hussiten (Kalixtinern, Utraquisten) geschlossen: +Prager Kompaktaten+ 1433; die +Taboriten+, (Tabor, Stadt in Böhmen), welche den Vergleich nicht annehmen, werden bei +Böhmisch-Brod+ 1434 besiegt, Sigismund zieht 1436 in Prag ein.
Während dieser Bedrängnis des deutschen Reiches im Osten erhebt sich im Westen die Macht der französischen Herzöge von ~Burgund,~ welche ansehnliche deutsche Reichslehen an sich bringen. Philipp der Kühne (S. 208) verschafft seinem zweiten Sohne die Nachfolge in +Brabant+ und +Limburg+; sein Enkel Philipp der Gute erbt diese Länder und außerdem 1428 die Grafschaften +Holland+, +Seeland+, +Hennegau+, bald auch +Luxemburg+. Auch das Herzogtum ~Lothringen~ kommt nach dem Aussterben des Mannesstammes (S. 165) 1431 an eine +französische+ Dynastie, da die Erbin sich mit +René von Anjou+, Graf von Provence, Titularkönig von Neapel (S. 211) vermählt.
Im Innern des deutschen Reiches Verwirrung, Fehden und Selbsthilfe. Bei der herrschenden Rechtsunsicherheit erlangen die +Femgerichte+ (S. 190) für einige Zeit große Bedeutung.
[~1438–1740.~]
~Kaiser aus dem Hause Habsburg.~
[~1438–1439.~]
~Albrecht II.~, der tatkräftige Schwiegersohn Sigismunds, dem er auch in +Böhmen+ und +Ungarn+ folgt, stirbt nach der Rückkehr von einem Türkenzuge.
[~1440–1493.~]
~Friedrich III.~ von Steiermark, (Vetter Albrechts), der letzte in Rom (1452) gekrönte deutsche Kaiser. Ein durchaus unfähiger Herrscher, läßt er sich durch seinen Ratgeber +Aeneas Silvius Piccolomini+ (später Papst +Pius II.+) bewegen, in dem Streit zwischen dem ~Baseler Konzil~ und Papst Eugen IV. auf die Seite des Papstes zu treten. Die von dem Konzil beschlossenen kirchlichen Reformen werden durch das +Wiener Konkordat+ 1448 vereitelt; das Konzil löst sich auf 1449.
Bürgerkrieg in der +Schweiz+ 1440–1450; Zürich mit Österreich verbündet. Auf Kaiser Friedrichs Bitte schickt Karl VII. von Frankreich den Dauphin (als König Ludwig XI.) mit den zügellosen Scharen der +Armagnacs+ gegen +Basel+. Heldentod von 1600 Eidgenossen bei ~St. Jakob~ 1444. Die Armagnacs plündern darauf im Elsaß, bis der Kurfürst von der Pfalz sie vertreibt. Friede der Schweizer mit Frankreich. Das Haus Habsburg verliert seine letzten Besitzungen in der Schweiz; es behält seine Besitzungen im Elsaß und in Schwaben (Vorder-Österreich).
~Fehden im deutschen Reiche~, denen der Kaiser untätig zusieht. In +Sachsen+ Bruderkrieg zwischen Kurfürst Friedrich dem Sanftmütigen und seinem Bruder Wilhelm (1446–50); im Anschluß daran der +Prinzenraub+: Ritter Kunz von Kaufungen entführt 1455 die beiden Söhne Friedrichs aus dem Schloß zu Altenburg, wird aber von Köhlern im Walde gefangen. Der Erzbischof von Köln führt Krieg gegen die Stadt +Soest+ (Soester Fehde 1444–1449), Kurfürst +Albrecht Achilles+ von Brandenburg gegen +Nürnberg+ (1449–1453), Pfalzgraf +Friedrich der Siegreiche+ gegen den Erzbischof von +Mainz+, den Grafen von Württemberg und den Markgrafen von Baden (Pfälzer Fehde 1462). Zur Herstellung des Friedens in Deutschland ist der +schwäbische Bund+ förderlich, 1488 auf Betreiben des Kaisers von Fürsten, Rittern und Städten geschlossen.
[Um ~1450.~]
~Johann Gutenberg~ (in Mainz) erfindet die Buchdruckerkunst. (+Johann Fust, Peter Schöffer.+)
In ~Böhmen~ Parteikämpfe während der Unmündigkeit des jungen Königs +Ladislaus Postumus+ (Sohn Albrechts II.), für den Friedrich III. die Vormundschaft führt. +Georg Podiebrad+ wird 1452 zum Reichsverweser, 1458 nach Ladislaus’ Tode zum König gewählt, aber als Utraquist angefeindet († 1471). +Matthias Corvinus+ wird König von Ungarn (S. 218), besetzt die Nebenländer Mähren, Schlesien, Lausitz; schließt 1478 Frieden mit Georgs Nachfolger +Wladislav+ (Sohn Kasimirs IV. von Polen).
[1474–1475.]
+Karl der Kühne+ von ~Burgund~, durch Verpfändung im Besitz der habsburgischen Teile des +Elsaß+, dringt in das Erzbistum +Köln+ ein, um den abgesetzten Erzbischof zurückzuführen, belagert +Neuß+, wird aber durch das Anrücken eines Reichsheeres unter Friedrich III. und durch den Angriff der Schweizer auf Héricourt zum Abzug bewogen.
[1476.]
Karl der Kühne stürzt sich, nachdem er sich +Lothringens+ bemächtigt und den Herzog Renatus vertrieben hat, auf die Schweizer, wird bei +Granson+ und bei +Murten+ geschlagen.
[1477.]
Karl der Kühne fällt im Kampfe gegen den zurückgekehrten Herzog von Lothringen vor +Nancy+; seine Tochter Maria vermählt sich mit Friedrichs III. Sohn, Erzherzog +Maximilian+. Dieser gewinnt dadurch die ~Niederlande~ und die ~Freigrafschaft Burgund~ (S. 198) für die +habsburgische Hausmacht,+ verteidigt diese Erwerbung im Kriege gegen Ludwig XI. von Frankreich, der die burgundischen Städte in der Picardie und das +Herzogtum Burgund+ als erledigte Mannslehen einzieht.
[1490.]
Friedrich III., von +Matthias Corvinus+ aus Wien vertrieben (1485), wird nach dessen Tode († 1490) von seinem Sohn +Maximilian+ zurückgeführt.
[1491.]
+Wladislav IV.+ von Böhmen, nach Corvinus’ Tode auch König von +Ungarn+, sichert im Frieden zu +Preßburg+ dem Hause Habsburg die Nachfolge zu.
Albrecht II. †1439. Gem. Elisabeth, Tochter Sigismunds. _______________|__________________ | | Elisabeth, Ladislaus Postumus, Gem. Kasimir IV. von Polen. †1457. | Wladislav, 1471 König v. Böhmen, 1490 König v. Ungarn. __________|__________________ | | Ludwig II. †1526. Anna, Gem. Maria v. Österreich. Gem. Ferdinand I.
§ 2. Frankreich.
[~1270–1285.~]
~Philipp III.~, +der Kühne+ (+le Hardi+), vermählt seinen
[~1285–1314.~]
Sohn ~Philipp IV.~, +den Schönen+ (+le Bel+), mit +Johanna+, Erbin von Navarra. Kampf mit Papst +Bonifacius VIII.+, der dem König die Besteuerung der französischen Geistlichkeit untersagt. Der Papst wird 1313 in Anagni von Verschwörern gefangen genommen, doch von seinen Anhängern befreit, stirbt bald darauf.
[1309.]
Papst +Clemens V.+, vorher Bischof von Bordeaux, verlegt die päpstliche Residenz nach ~Avignon~ (an der Rhone); das Papsttum von Frankreich abhängig (Babylonische Gefangenschaft (1309–1377)).
[1312.]
Aufhebung des +Tempelherrn+ordens durch Clemens V., auf Antrieb des nach den Schätzen und Gütern des Ordens lüsternen Königs. In Paris werden 54 Ritter verurteilt und verbrannt, zuletzt auch der Großmeister +Jakob+ von +Molay+ (1314). Erwerbung burgundischer Gebiete (s. S. 198). Auf +Philipp IV.+ folgen hintereinander seine drei Söhne Ludwig X., Philipp V., Karl IV., dann nach dem +salischen Gesetz+, welches die Frauen von der Thronfolge ausschließt[39] (Beschluß der Reichsstände von 1317), das
[~1328–1498.~]
~Haus Valois~ (Nebenlinie der Capetinger).
[~1328–1350.~]
~Philipp VI.,~ Sohn Karls von Valois, eines Bruders Philipps IV. Gegen ihn erhebt Ansprüche auf den französischen Thron ~Eduard III.~ von England, als Sohn einer Tochter Philipps IV., daher
[~1339–1453.~]
mehr als ~hundertjähriger Krieg~ zwischen Frankreich und England.
[1340.]
Seesieg der Engländer bei ~Sluys~, dem Hafenort von Brügge. Die flandrischen Städte, geleitet von +Jakob von Artevelde+, mit ihnen verbündet.
[1346.]
Sieg der Engländer bei ~Crécy~ in der Picardie, Anwendung von +Geschützen+; Tod des blinden Königs +Johann von Böhmen+ (S. 199). +Calais+ erobert 1347
[~1350–1364.~]
~Johann II., der Gute.~
[1356.]
Sieg des +Schwarzen Prinzen+ (Sohn Eduards III.) bei +Maupertuis+ unweit +Poitiers+. Johann 4 Jahre lang in England Gefangener. Währenddessen in Frankreich Verwirrung und furchtbare innere Kämpfe, da der junge Dauphin[40]
als Statthalter nicht durchzugreifen vermag.
[1357–1358.]
Aufstand in Paris, geleitet von +Etienne Marcel+, dem Vorsteher der Innungen (+prévôt des marchands+), der mit +Karl dem Bösen+, König von Navarra, in Verbindung tritt.
[1358.]
Bauernkrieg mit furchtbaren Greueltaten, +Jacquerie+ genannt nach dem Anführer +Guillaume Caillet+, mit dem Beinamen +Jacques Bonhomme+, welcher dann zum Spottnamen des französischen niederen Volks wurde. Der Adel schart sich um den Dauphin; nach Unterwerfung der Bauern wird auch der Aufstand in Paris blutig unterdrückt.
[1360.]
+Friede+ mit England zu +Bretigny+ (bei +Chartres+): Eduard III. verzichtet auf die französische Krone und erhält +Poitou+, +Guyenne+ und +Gascogne+ als unabhängigen Besitz ohne Lehnspflicht (S. 192).
[1363.]
Johann gibt das Herzogtum +Burgund+ seinem jüngeren Sohn +Philipp dem Kühnen+ (burgundische Nebenlinie der Valois). Dieser legt durch seine Heirat mit der Erbtochter des Grafen von +Flandern+ den Grund zur Herrschaft des burgundischen Hauses in den Niederlanden (S. 205).
[~1364–1380.~]
~Karl V., der Weise~. Beruhigung der inneren Verhältnisse, dann Erneuerung des Krieges; die meisten früheren (S. 192) englischen Besitzungen in Frankreich werden wiedergewonnen.
Ritter +Bertrand du Guesclin+, seit 1370 Connétable von Frankreich, siegreich gegen die Engländer.
[~1380–1422.~]
~Karl VI.~, verfällt in Wahnsinn, seine Oheime, die Herzoge von Orléans und Burgund, Reichsverweser, 2 Parteien: +Burgund+ und +Orléans+ (Armagnacs) (S. 205).
[1407.]
Der Herzog von Orléans wird auf Befehl des Herzogs +Johann+ von Burgund ermordet. Die dadurch veranlaßten Parteikämpfe erleichtern das abermalige Vordringen der Engländer.
[1415.]
Sieg +Heinrichs V.+, Königs von England, bei ~Azincourt~ (unweit Crécy), darauf Eroberung der Normandie.
[1419.]
Johann von Burgund auf der Brücke von Montereau durch die Begleiter des Dauphin Karl (+Duchâtel+) ermordet. Johanns Sohn +Philipp+ schließt deshalb mit Beistimmung der Königin +Isabeau+ mit den Engländern den Vertrag von +Troyes+; Heinrich V. heiratet +Katharina+, Tochter Karls VI., und wird als Regent und Nachfolger auf dem Thron Frankreichs anerkannt, † 1422.
Unter +Johann+ und seinem Sohne +Philipp dem Guten+ erreicht das burgundische Herzogshaus den Gipfel seiner Macht. Blüte des Handels, der Gewerbe und der Künste in den flandrischen Städten, besonders in +Brügge+ und +Gent+ (die Maler Hubert und Johann van Eyck um 1420). Philipp bemächtigt sich der Erbschaft der Gräfin Jakobäa von +Holland+ (S. 205).
[~1422–1461.~]
~Karl VII.~, zunächst nur südlich von der Loire anerkannt, im Norden der minderjährige +Heinrich VI.+, König von England, geb. 1421.
[1429.]
~Johanna d’Arc~ (geb. 1412 in Domremy an der Maas), genannt die ~Jungfrau von Orléans~, weil sie dieser Stadt Entsatz bringt. Die Engländer und Burgunder zurückgetrieben, Karl VII. in Reims gekrönt. +Johanna+ 1430 bei Compiègne von den Burgundern gefangen, den Engländern ausgeliefert, 1431 in Rouen von einem geistlichen Gerichtshof als Zauberin und Ketzerin verurteilt und verbrannt. Das ungerechte Urteil wird später (1456) auf Befehl des Papstes widerrufen. Ihre Seligsprechung durch Papst Leo XIII. 1894.
[1435.]
Friede zu +Arras+ zwischen Karl VII. und Philipp von Burgund. Die Engländer verlieren schließlich +alle+ französischen Besitzungen außer +Calais+ (S. 236), ihr Feldherr +Talbot+ † 1453 in dem Treffen bei +Castillon+. Errichtung der Ordonnanz-Kompanien, Anfang der stehenden Heere.
[~1461–1483.~]
~Ludwig XI.~ bricht durch Klugheit und Treulosigkeit die Macht der großen Vasallen, welche gegen ihn die +Ligue du bien public+ schließen (Herzöge von Burgund, Bretagne, Orléans, Anjou, Nemours, Bourbon, Grafen von Charollais u. a.) und legt den Grund zur +unumschränkten+ Monarchie. Nach dem Tode Karls des Kühnen (1477, s. S. 206) zieht er das Herzogtum +Burgund+ als erledigtes Lehen ein, während die andern Besitzungen des Herzogs an Deutschland kommen; nach dem Tode Renés von Anjou (1480) werden +Anjou+, +Maine+ und die +Provence+ mit den Kronländern vereinigt.
[~1483–1498.~]
~Karl VIII.~ gewinnt die +Bretagne+ durch Vermählung mit der Tochter des letzten Herzogs (S. 235), zieht 1494 nach Italien, um die Ansprüche des Hauses Anjou auf das Königreich +Neapel+ geltend zu machen (S. 190). Er erobert das Königreich, wird aber durch ein Bündnis zwischen dem Papste, dem Kaiser, dem Herzog von Mailand, Venedig und Spanien zum Rückzuge genötigt.
§ 3. Italien.
Entwickelung selbständiger Staaten seit dem Sinken der deutschen Kaisermacht (1250).
~Mailand~, seit Kaiser Heinrich VII. (1310) unter den +Visconti+ als kaiserlichen Statthaltern, seit 1395 als +Herzögen+ (S. 203). Nach dem Aussterben der Visconti bemächtigt sich der von den Mailändern in Sold genommene Condottiere +Franz Sforza+ der Herrschaft und wird 1450 Herzog von Mailand.
Die Grafen von ~Savoyen~, deren Ahnherr Graf Humbert Weißhand 1032 mit Burgund unter die Herrschaft der deutschen Könige kam, seit etwa 1050 durch Heirat auch im Besitz von Piemont, erhalten 1416 von Kaiser Sigismund die +Herzogs+würde. Die Markgrafen von +Este+ (S. 166) werden 1452 von Friedrich III. zu Herzögen von ~Modena~ und +Reggio+ erhoben; Papst Paul II. belehnt sie 1471 mit dem Herzogtum +Ferrara+.
~Venedig~, seit 697 durch Vereinigung der Inselgemeinden +ein+ Staat unter einem +Dogen+ (dux), seit etwa 1000 Beherrscherin des Adriatischen Meeres, wächst während der Kreuzzüge an Macht und Ansehen (s. S. 176, 178). Nach Beendigung der Seekriege mit +Genua+ (1381) ist Venedig Herrin des Mittelmeeres und des Levantehandels. Sein Festlandsgebiet erstreckt sich über Padua und Verona bis Brescia; seine Seemacht stützt sich auf den Besitz von Dalmatien, Kandia und Korfu. ~Verfassung~ streng aristokratisch. 1172 Einsetzung des +großen+ Rates (450 bis 500 Mitglieder), dann des +kleinen+ Rates (Signoria), der die Macht des Dogen noch mehr beschränkt. 1298 +Schließung+ des +großen Rates+, die Namen der ratsfähigen Familien (Nobili) werden in dem +Goldenen Buch+ verzeichnet. Zur Unterdrückung von Verschwörungen 1310 der +Rat der Zehn+ eingerichtet; Hinrichtung des Dogen +Marino Falieri+ 1355. Seit 1539 ernennt der Rat der Zehn die drei +Staatsinquisitoren+, deren strenge Herrschaft aber erst 1583 beginnt.
~Genua~, seit Herstellung des griechischen Kaisertums (1261) im Orient mächtig, nach dem Siege über Pisa (1284) auch im Besitz der Inseln Sardinien, Korsika, Elba, dann aber durch die Kriege mit Venedig und innere Unruhen geschwächt, seit 1396 bald von Frankreich, bald von Mailand abhängig.
~Florenz~, seit 1282 mit demokratischer Verfassung (die +Priori delle arti+ bilden die +Signoria+), öfters durch Parteikämpfe erschüttert, gewinnt allmählich die Herrschaft über die Landschaft +Toskana+; Pisa erst 1429 unterworfen. Seit 1400 gelangt das Geschlecht der ~Medici~ zu hohem Ansehen und fürstlicher Stellung. +Johann von Medici+, reicher Bankier, Begründer der Macht des Hauses. Sein Sohn +Cosĭmo+, der +Vater des Vaterlandes+, († 1464), Beschützer der Künste (Brunelleschi, Ghiberti, Donatello u. a.), Begründer der platonischen Akademie und der mediceischen Bibliothek. Unter dessen Enkel +Lorenzo+ (il Magnifico, † 1492) die glänzendste Zeit für Florenz.
Entfaltung der ~italienischen Literatur~ durch die drei florentinischen Dichter +Dante+ Alighieri († 1321), +Petrarca+ († 1374), +Boccaccio+ († 1375). Von Petrarca besonders angeregt entwickelt sich das erneute Studium der Wissenschaft und Poesie des Altertums (+Humanismus+), gefördert durch griechische Gelehrte, die nach der Eroberung Konstantinopels (S. 218) aus dem byzantinischen Reiche vor den Türken geflohen waren. Hand in Hand damit geht der Aufschwung der ~bildenden Kunst~ (+Renaissance+) zuerst in Florenz, dann in Rom (Peterskirche).
Der ~Kirchenstaat~, in der Langobardenzeit begründet, durch die von Karl d. Gr. bestätigte Schenkung Pippins (s. S. 150) und andere Erwerbungen erweitert, seit Innocenz III. vom deutschen Reiche völlig unabhängig. Zerrüttung durch Adelskämpfe (die Orsini und Colonna), während die Päpste in +Avignon+ residieren (1309–1376). +Cola di Rienzi+ tritt 1347 als Volkstribun auf, wird vertrieben, kehrt 1354 als päpstlicher Senator zurück, wird aber durch Volksaufstand getötet (S. 199). Herstellung der Einheit der Kirche durch das Konzil zu Konstanz (S. 203f.), des Kirchenstaats erst durch Papst +Nikolaus V.+ (1447 bis 1455), der als Freund der Wissenschaften die vatikanische Bibliothek begründet.
In ~Neapel~ Haus +Anjou+ bis 1435. ~Sicilien~ 1282–1295 mit +Aragon+ verbunden (S. 190), dann unter einer Nebenlinie des aragonischen Hauses, seit 1409 wieder bei Aragon, dessen König +Alfons V.+ 1435–1442 auch Neapel erobert. Glänzende Hofhaltung, Pflege des Humanismus (+Laurentius Valla+). Nach Alfons’ Tode (1458) kommt +Neapel+ ohne Sicilien an seinen natürlichen Sohn Ferdinand I. und dessen Nachkommen; in Sicilien aragonische Dynastie bis 1504. Von 1504–1713 Neapel und Sicilien bei Spanien (S. 235).
§ 4. England.
[~1272–1307.~]
~Eduard I.~, Sohn Heinrichs III. (S. 193), unterwirft +Wales+ vollständig (Prinz von Wales, Titel seines ältesten Sohnes und fortan jedes Thronerben), mischt sich als Lehnsherr in die schottischen Thronstreitigkeiten, beruft Vertreter der Grafschaften und Städte zum Parlament; Anfang des Unterhauses.
[~1307–1327.~]
~Eduard II.~, von den Schotten geschlagen, muß Robert Bruce als schottischen König anerkennen. Er wird auf Anstiften der Königin und ihres Günstlings +Mortimer+ vom Parlament abgesetzt und später auf grausame Weise ermordet. Ihm folgt der tatkräftige
[~1327–1377.~]
~Eduard III.~ König +David Bruce+ von Schottland als Gefangener in London, gegen Lösegeld freigelassen. Seit 1371 Haus +Stuart+ in Schottland; Robert II., 1371–1390, Tochtersohn von Robert Bruce, nicht mehr lehnsabhängig von England. -- Trennung des englischen Parlaments in +Oberhaus+ und +Unterhaus+. Steuerbewilligungsrecht und Petitionsrecht des Unterhauses. Ausbildung des +Selfgovernment+ in den Grafschaften (das Friedensrichteramt). Krieg mit Frankreich s. S. 207. Geoffrey +Chaucer+, Begründer der englischen Literatur, † 1400.
[~1377–1399.~]
~Richard II.~, Enkel Eduards III. Die Bestrebungen des Reformators +Wycliffe+ (Prof. in Oxford, 1382 abgesetzt, vgl. S. 203) werden vereitelt durch den gefährlichen Aufstand der Bauern unter +Wat Tyler+ 1381. Richard zur Abdankung genötigt von seinem Vetter +Heinrich von Lancaster+, † im Gefängnis.
[1399–1461.]
~Haus Lancaster~ (Nebenlinie des Hauses Plantagenet).
[~1399–1413.~]
~Heinrich IV.~, Enkel Eduards III. Kämpfe gegen Empörungen des hohen Adels (Heinrich Percy); der König behauptet sich im Bunde mit der Kirche. Grausame Verfolgung der Anhänger Wycliffes.
[~1413–1422.~]
~Heinrich V.~, als Prinz der Genosse wüster Gesellen, als König energisch und tapfer. Aufstand der +Lollharden+ (Anhänger Wycliffes) unterdrückt. Krieg in Frankreich s. S. 209.
[~1422–1461.~]
~Heinrich VI.~, beim Regierungsantritt unmündig, später von Günstlingen geleitet, kann den Übermut des Adels nicht im Zaum halten. Unglücklicher Ausgang des Krieges in Frankreich. Sein Vetter +Richard von York+, zweimal wegen Krankheit des Königs zum Protektor des Reiches erwählt, erhebt zuerst 1452 offen Anspruch auf die Krone. Gegen ihn die Königin +Margarete+ (aus dem Hause +Anjou+) und der Herzog von +Somerset+ († 1454).
[1459–1485.]
~Bürgerkrieg in England~; Parteien der +Roten Rose+ (Lancaster) und der +Weißen Rose+ (York). Richard von York bei Wakefield besiegt und getötet 1460. Dennoch behauptet sich seine Partei im Felde und ruft 1461 in London seinen Sohn +Eduard+ zum König aus.
Die Familien ~Lancaster~, ~York~ und ~Tudor~.