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Sämtliche Werke 3-4 (part 4 of 4)

Part 4 of 4 · Dostoyevsky, Fyodor · Public domain text

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Source: Project Gutenberg e-text #60340, public domain in the United States · text not rewritten or summarized · How RedLectern is built

 

Contents (4)

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Sämtliche Werke 3-4 (part 4 of 4)

Auch Hippolyt hatte den Fürsten in diesen letzten Tagen durch seine häufigen Aufforderungen, ihn zu besuchen, vom einsamen Grübeln abgelenkt. Die Kapitanscha hatte mit ihren übrigen drei Kindern gleichfalls Petersburg verlassen und in Pawlowsk ein kleines Häuschen gemietet, wo sie nun wieder alle zusammen lebten. Hippolyts kleine Geschwister flüchteten vor dem tyrannischen Bruder in den Garten, und so konnte er ihnen nichts anhaben; dafür aber war die arme Kapitanscha ihm vollkommen preisgegeben und wurde natürlich sehr durch seine Launen gequält. Der Fürst mußte ewig den Friedensrichter spielen, wofür ihn Hippolyt seine »Kinderfrau« nannte, was ein Ausdruck seiner dankbaren Anerkennung sein sollte; doch gleichzeitig schien er es vor sich selbst nicht zu wagen, ihn wegen dieser Rolle des Friedensstifters -- nun, sagen wir, nicht zu verachten. Über Koljä war er einfach empört, weil dieser sich fast gar nicht bei ihm zeigte. Auf die Einwendungen des Fürsten, daß es doch nur natürlich sei, wenn er bei seinem sterbenden Vater, und nach dessen Tode bei seiner verwitweten Mutter bliebe, entgegnete Hippolyt nichts, doch sah man es ihm an, daß er diese Erklärungen nicht gelten lassen wollte. Endlich wählte der Kranke zur Zielscheibe seines Spottes die bevorstehende Hochzeit des Fürsten und verletzte und beleidigte ihn so lange, bis dieser schließlich seine Geduld verlor und bei sich beschloß, ihn nicht mehr zu besuchen. Doch schon am zweiten Tage erschien die Kapitanscha in Tränen aufgelöst beim Fürsten und bat ihn flehentlich, doch wieder hinzukommen, da ihr Sohn sie sonst noch umbringen würde. Sie fügte hinzu, daß er ihm ein großes Geheimnis mitzuteilen habe. Der Fürst ging. Hippolyt wünschte, sich mit ihm zu versöhnen und vergoß Tränen, nach den Tränen aber ärgerte er sich sogleich wieder über den Fürsten, nur wagte er diesmal nicht, seinen Ärger offen zu zeigen. Sein Zustand war sehr schlecht: alle Symptome deuteten darauf hin, daß er jetzt bald sterben würde. Ein »großes Geheimnis« hatte er nicht mitzuteilen: alles, was er zu sagen hatte, waren vor Aufregung -- einer vielleicht künstlich vorgetäuschten Aufregung -- geradezu atemlose, stürmische, drängende Bitten, sich »vor Rogoshin in acht zu nehmen«.

»Dieser Mensch ist nicht so einer, der sich das Seinige nehmen läßt! Der ist nicht von unserer Sorte, Fürst! Wenn der etwas will, dann wird er vor nichts mehr zurückschrecken!« usw. usw.

Der Fürst bat ihn um nähere Erklärungen, bat um Beweise, Anhaltspunkte, doch Hippolyt konnte ihm hierauf nichts anderes sagen, als daß es seine persönlichen Empfindungen und Eindrücke wären. Zu seiner großen Genugtuung gelang es ihm zum Schluß, den Fürsten unsäglich zu erschrecken. Zuerst hatte der Fürst auf einzelne seiner Fragen nicht antworten wollen und über den Rat, so schnell wie möglich ins Ausland zu fliehen und sich dort irgendwo von einem russischen Geistlichen trauen zu lassen, nur gelächelt. Darüber hatte sich Hippolyt dann geärgert.

»Ich fürchte ja doch nur für Aglaja Iwanowna!« hatte er gesagt. »Rogoshin weiß ganz genau, wie sehr Sie sie lieben. Also Liebe gegen Liebe: Sie haben ihm Nastassja Filippowna genommen -- dafür wird er Aglaja Iwanowna ermorden, denn wenn sie jetzt auch nicht Ihnen gehört, so wäre es für Sie doch ein schwerer Schlag, nicht wahr?«

Und damit hatte er endlich sein Ziel erreicht: der Fürst war wie halb wahnsinnig von ihm fortgegangen.

Das war am Abend vor der Hochzeit gewesen. Der Fürst begab sich zu Nastassja Filippowna, doch auch sie war nicht imstande, ihn zu beruhigen -- im Gegenteil: in der letzten Zeit hatte sie seine innere Unruhe nur vergrößert. Früher, d. h. zu Anfang ihrer Brautschaft und noch vor ein paar Tagen, hatte sie, wenn er bei ihr war, sich geradezu krampfhaft angestrengt, ihn mit allem möglichen zu erheitern, da die Traurigkeit in seinen Augen sie entsetzlich quälte. Sie hatte sogar versucht, ihm Lieder vorzusingen, um ihn zu zerstreuen -- doch am häufigsten erzählte sie ihm heitere Geschichten und alles, was ihr nur Spaßiges einfiel. Der Fürst tat dann immer, als lache er aufrichtig, bisweilen aber mußte er auch wirklich lachen über ihre amüsante Art zu erzählen, wenn sie sich hinreißen ließ -- und sie ließ sich oft hinreißen. -- Dann freute er sich über ihre Beobachtungsgabe und ihren guten und geistreichen Humor. Wenn sie ihn dann lachen sah und merkte, daß ihre Erzählung ihm gefallen hatte, war sie immer ganz begeistert und ganz stolz. Doch je näher dann der Hochzeitstag heranrückte, um so nachdenklicher und düsterer wurde ihr Gesicht, das dem Fürsten fast mit jeder Stunde trauriger erschien. Wenn er nicht seine bestimmte Meinung über sie gehabt hätte, wäre ihm jetzt wohl alles an ihr rätselhaft und unheimlich erschienen, doch so glaubte er unerschütterlich daran, daß sie noch »auferstehen« könne. Er hatte Jewgenij Pawlowitsch die Wahrheit gesagt: daß er sie aufrichtig liebe. Doch seine Liebe zu ihr war wie die Liebe zu einem armen kranken Kinde, das man unmöglich ganz verlassen kann. Er erklärte niemandem die Gefühle, die er für sie empfand, auch ihr nicht. Überhaupt sprachen sie beide nie von »Gefühlen«, ganz als hätten sie sich gegenseitig geschworen, über diesen Punkt zu schweigen. An ihrer gewöhnlichen Unterhaltung, die heiter und lebhaft war, konnte ein jeder teilnehmen. Wie Darja Alexejewna später erzählte, hatte sie ihre wahre Freude an ihnen gehabt und sich nicht sattsehen können an ihnen.

Die Auffassung, die der Fürst von Nastassja Filippownas seelischem und geistigem Zustande hatte, bewahrte ihn zum Teil auch vor vielen sonst sehr leicht möglichen Mißverständnissen. Er sah jetzt ein ganz anderes Weib vor sich, als jenes, das er vor drei Monaten gekannt hatte. Deshalb dachte er jetzt auch nicht mehr darüber nach, weshalb sie damals kurz vor der Trauung mit ihm, nach Tränen, Verwünschungen und Vorwürfen, davongelaufen war. »Also fürchtet sie jetzt nicht mehr, daß ich durch diese Heirat unglücklich werden könnte,« dachte der Fürst. Ein so plötzlicher Glaube an sich konnte aber seiner Meinung nach nicht natürlich bei ihr sein. Und einzig auf ihren Haß gegen Aglaja konnte er diesen Glauben doch auch nicht zurückführen: Nastassja Filippownas Gefühle waren tiefer, das wußte er. Und auch nicht auf die Angst vor Rogoshin? Nein! Unmöglich! Alle diese Gründe konnten möglicherweise einiges dazu beitragen, doch war es ihm vollkommen klar, daß hier gerade das vor sich ging, was er schon lange geahnt und was ihre arme kranke Seele nicht ertragen hatte. Diese Erkenntnis aber konnte ihm, wenn sie ihn auch vor Mißverständnissen bewahrte, keine Ruhe gewähren ... nicht einmal aufatmen konnte er. Oft schien er sich zu bemühen, an nichts zu denken. Die Ehe betrachtete er offenbar nur als irgendeine unwichtige Formalität; sein eigenes Schicksal aber schätzte er gar zu gering, um darüber nachzudenken. Was jedoch seine Antworten auf direkte Fragen, zum Beispiel sein Gespräch mit Jewgenij Pawlowitsch betraf, so fühlte er sich in diesen Fragen vollkommen unkompetent, und deshalb vermied er auch alle ähnlichen Gespräche.

Er hatte übrigens bemerkt, daß Nastassja Filippowna sehr gut begriff, was Aglaja für ihn war. Sie sprach nur nicht davon, aber er erriet es aus ihrem Blick, wenn sie sah, daß er aufbrach, um wieder zu Jepantschins zu gehen. Als diese dann Pawlowsk verließen, atmete sie geradezu wie erlöst auf. Wie harmlos der Fürst aber auch sonst sein mochte, in diesem Fall hatte ihn doch der Gedanke beunruhigt, Nastassja Filippowna könnte sich zu irgendeinem Skandal entschließen, um Aglaja einen weiteren Aufenthalt in Pawlowsk unmöglich zu machen. Wurde doch das Gerede über die bevorstehende Hochzeit zum Teil von Nastassja Filippowna mit Absicht geschürt, um ihre Rivalin zu reizen und zu kränken. Da nun Jepantschins nach dem Ereignis weder im Park noch sonstwo anzutreffen waren, hatte Nastassja Filippowna beschlossen, einmal, wenn sie mit dem Fürsten spazierenfuhr, an der Villa Jepantschin vorüberzufahren. Der Fürst bemerkte es, wie gewöhnlich, erst dann, als es nicht mehr zu ändern war und der Wagen die Villa bereits erreicht hatte. Er erschrak und erbleichte: er sagte kein Wort, war aber dann zwei Tage krank. Seitdem wiederholte Nastassja Filippowna so etwas nicht mehr. In den letzten Tagen vor der Hochzeit fiel es ihm auf, daß sie oft wie in Gedanken versunken dasaß, wenn sie sich auch immer wieder zusammennahm, die Trübsal verscheuchte und wieder heiter wurde; aber diese Heiterkeit war dann doch stiller, gedämpfter, sie war nicht so glückselig heiter, wie früher -- vor noch so kurzer Zeit. Da verdoppelte der Fürst seine Aufmerksamkeit. Es wunderte ihn, daß sie niemals von Rogoshin sprach. Nur ein einziges Mal, etwa fünf Tage vor der Hochzeit, war plötzlich von Darja Alexejewna ein Bote bei ihm erschienen, mit der Bitte, sogleich hinzukommen, da es mit Nastassja Filippowna sehr schlecht stünde. Der Fürst fand sie auch wirklich in einem so beängstigenden Zustande vor, daß er schon glaubte, sie sei jetzt wirklich und vollkommen wahnsinnig geworden: sie schrie, zitterte und beteuerte, Rogoshin sei im Garten oder habe sich im Hause versteckt -- und er werde sie in der Nacht umbringen ... ermorden! Den ganzen Tag konnte sie sich nicht beruhigen. Doch zum Glück erfuhr der Fürst am Abend, als er auf einen Augenblick bei Hippolyt versprach, von der Kapitanscha, die gerade aus Petersburg zurückgekommen war, daß Rogoshin bei ihr in ihrer Stadtwohnung gewesen sei und sich nach den Ereignissen in Pawlowsk erkundigt habe. Auf die Frage des Fürsten, wann sie mit ihm gesprochen, nannte die Kapitanscha fast dieselbe Stunde, in der Nastassja Filippowna ihn im Garten zu sehen gemeint hatte. Es war also nur eine Halluzination gewesen. Nastassja Filippowna ging sogleich, nachdem sie das erfahren hatte, selbst zur Kapitanscha, um sich von ihr noch alles Nähere mitteilen zu lassen, und war dann ganz beruhigt.

Am Abend vor der Hochzeit verließ der Fürst sie in bester Stimmung: aus Petersburg waren von der Modistin die Toiletten angelangt, das Brautkleid, der Kopfschmuck usw. usw. Der Fürst hatte es eigentlich nicht erwartet, daß die Toiletten sie in einem solchen Maße interessieren würden. Er selbst lobte alles, was sie ihm zeigte, und sein Lob machte sie noch glücklicher. Da verriet sie ihm plötzlich, daß sie über die Empörung der Pawlowsker vollkommen unterrichtet war, ja sie wußte sogar -- sagte sie -- daß einzelne Galgenstricke eine Katzenmusik, Spottlieder und was nicht noch alles vorbereiteten und die übrige Gesellschaft es fast guthieß. Nun, und da wollte sie denn jetzt den Kopf noch höher erheben, wollte sie alle blenden durch die Schönheit ihres Gewandes, ihren Geschmack und ihr Auftreten -- »mögen sie dann doch schreien und pfeifen, wenn sie es noch wagen!« Und ihre Augen blitzten bei diesen Worten. Im geheimen dachte sie aber noch an etwas anderes: sie dachte, Aglaja würde vielleicht irgend jemand hinschicken, um, ungesehen von ihr, sie beobachten zu lassen, und Nastassja Filippowna bereitete sich für den Fall vor. Noch ganz mit diesen Gedanken beschäftigt, trennte sie sich gegen elf Uhr vom Fürsten, den sie am nächsten Tage nach altem russischen Brauch nicht früher als in der Kirche wiedersehen sollte. Doch noch hatte es nicht Mitternacht geschlagen, als wieder jemand von Darja Alexejewna zu ihm gelaufen kam: er solle schnell hinkommen, es stehe sehr schlecht. Er fand seine Braut im Schlafzimmer, in Tränen aufgelöst, verzweifelt, rasend. Es verging eine ganze Weile, bis sie überhaupt vernahm, was man hinter der verschlossenen Tür zu ihr sprach; doch dann kam sie zur Tür, ließ nur den Fürsten zu sich ins Zimmer, verschloß sogleich wieder die Tür und warf sich ihm zu Füßen. Wenigstens erzählte so Darja Alexejewna, die einiges gesehen und gehört hatte.

»Was tue ich! Was tue ich! Was bin ich im Begriff, mit dir zu tun!« stieß sie verzweifelt hervor, indem sie krampfhaft seine Füße umklammerte.

Der Fürst verbrachte eine ganze Stunde bei ihr; was sie sprachen, wissen wir nicht. Darja Alexejewna wußte nur zu sagen, daß sie sich nach einer Stunde versöhnt und glücklich getrennt hatten. Der Fürst schickte in dieser Nacht noch einmal zu Darja Alexejewna, um sich nach Nastassja Filippownas Befinden zu erkundigen, und erhielt die Nachricht, daß sie beruhigt eingeschlafen sei. Am Morgen, noch bevor sie aufgewacht war, erschienen wieder zwei Abgesandte vom Fürsten, doch erst der dritte konnte ihm mitteilen, daß sie von einem ganzen Schwarm Menschen umgeben sei: da seien Schneiderinnen, Zofen und Friseure, von der gestrigen Stimmung aber wäre keine Spur mehr vorhanden, die Toilette nehme sie ganz in Anspruch, wie es bei einer solchen Schönheit anders ja auch gar nicht möglich und zu erwarten sei, und augenblicklich fände gerade eine große Beratung statt wegen des Schmucks, welche Brillanten oder Perlen sie wählen sollte. Da war der Fürst denn vollkommen beruhigt.

Die Trauung sollte um acht Uhr abends stattfinden. Nastassja Filippowna war bereits um sieben mit ihrer Brauttoilette fertig. Schon um sechs Uhr begannen sich allmählich Neugierige vor der Villa Lebedeffs und vor dem Hause Darja Alexejewnas anzusammeln und nach sieben begann sich auch die Kirche zu füllen. Wjera Lebedewa und Koljä war um den Fürsten entsetzlich bange, sie hatten aber wenig Zeit, daran zu denken, denn es gab für sie im Hause viel zu tun: in der Villa des Fürsten sollte nämlich nach der Trauung das Diner eingenommen werden. Teilnehmer sollten daran außer den Trauzeugen nur noch Ptizyns, Ganjä, der Arzt mit dem Annenorden und Darja Alexejewna sein. Als der Fürst Lebedeff verwundert fragte, weshalb er denn den Arzt eingeladen hatte, antwortete dieser selbstzufrieden:

»'n Orden! 'n ehrenwerter alter Mann! So 'was macht einen guten Eindruck!« Da mußte der Fürst lächeln.

Keller und Burdowskij sahen in Frack und weißen Handschuhen sehr anständig aus. Nur flößte Keller dem Fürsten wie den anderen doch einige Besorgnis ein durch seine offenkundige Neigung zum Faustkampf, denn die Blicke, die er auf diese »elenden Maulaffen« warf, verrieten nichts weniger als friedliche Gesinnung. Um halb acht begab sich der Fürst in einer geschlossenen Equipage zur Kirche. Es sei hier erwähnt, daß es sein ausdrücklicher Wunsch gewesen war, daß alle üblichen Formalitäten genau beobachtet werden sollten: alles sollte öffentlich, nach altem Brauch »wie es sich gehört«, geschehen. In der Kirche empfing ihn die Menge mit lebhaftem Geflüster und Gemurmel, das sich wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund fortsetzte. Unter Kellers Führung, der nach links und rechts wieder drohende Blicke warf und ihm am Portal nur mit Mühe einen Weg hatte bahnen können, begab sich der Fürst zum Altarraum, der ihn den Blicken der Neugierigen entzog. Keller fuhr hierauf zu Darja Alexejewna, um die Braut abzuholen. Dort fand er vor dem Hause eine noch weit lebhaftere Menge. Als er die Treppe emporstieg, vernahm er solche Ausrufe und Bemerkungen, daß er sich bereits zornig ans Publikum wandte, um eine entsprechende Rede zu halten, doch zum Glück gelang es noch Burdowskij und Darja Alexejewna, ihn ins Haus hineinzuziehen. Keller war maßlos gereizt und drängte zur Eile. Nastassja Filippowna erhob sich, warf noch einen Blick in den Spiegel, bemerkte mit »verzogenem« Lächeln, wie Keller sich später ausdrückte, daß sie »bleich wie eine Leiche« sei, verbeugte sich dann ehrfurchtsvoll vor dem Heiligenbilde und trat hinaus.

Lautes Stimmengewirr begrüßte ihr Erscheinen auf der Treppe. Im ersten Augenblick hörte man Gelächter. Einer klatschte in die Hände. Es wurde sogar gezischt und gepfiffen. Doch dann erschollen auch schon andere Stimmen:

»Satan, ist sie schön!« rief jemand in der Menge.

»Schön wohl, aber ...«

»Der Brautkranz deckt alles zu, Esel!«

»Da such' mir einer noch eine zweite solche! Teufel noch eins! Hurra!«

»Göttin! für eine solche Fürstin würd' ich meine Seele auch verkaufen!« schrie ein begeisterter Kanzlist. »>Preis meines Lebens -- die Liebe dein!< ...«

Nastassja Filippowna trat allerdings bleich wie eine Leiche auf die Treppe; doch in ihren großen schwarzen Augen glühte ein unheimliches Feuer, und diesem Blick hielt die Menge nicht stand: in einer Sekunde schlug der Hohn in Begeisterung um. Keller riß den Wagenschlag auf und wandte sich bereits zu ihr, um ihr die Hand zu reichen und beim Einsteigen behilflich zu sein, doch da -- schrie sie plötzlich auf und stürzte sich hinein in die gaffende Volksmenge. Keller erstarrte vor Schreck, das Volk wich fast entsetzt zurück vor ihr ... plötzlich, keine sechs Schritt von der Treppe, stand Rogoshin. Nastassja Filippowna hatte seinen Blick gefühlt und gefunden und wie eine Wahnsinnige war sie auf ihn zugestürzt und hatte seine Hände umklammert.

»Rette mich! Bring' mich fort! Wohin du willst, nur schnell!«

Rogoshin griff sie auf, fast trug er sie, und ehe man sich's versah, hatte er sie in die Equipage gehoben. Und schon im nächsten Augenblick hielt er dem Kutscher eine Hundertrubelnote hin.

»Zum Bahnhof, erreichst du den nächsten Zug nach Petersburg, dann noch hundert!«

Und schon saß er in der Equipage und zog den Wagenschlag zu. Der Kutscher zögerte keinen Augenblick: er hieb einmal mit der Peitsche und die Pferde bäumten sich und rasten davon. Keller schob später alle Schuld auf die »Plötzlichkeit«, die »vollkommene Überraschung«: »Noch eine Sekunde -- und ich hätte mich besonnen, hätte es nicht zugelassen!« versicherte er jedesmal, wenn er das Ereignis schilderte. Er und Burdowskij sprangen zwar sogleich in die nächste Equipage, die vor dem Hause hielt, und jagten ihnen nach, doch noch unterwegs bedachte sich Keller eines anderen und meinte: »Wir kommen trotzdem zu spät! Und mit Gewalt können wir sie doch nicht zurückbringen!«

»Und der Fürst wird es auch nicht wollen!« hatte der ganz erschütterte Burdowskij dazu gemeint.

Rogoshin und Nastassja Filippowna waren in der Tat rechtzeitig auf dem Bahnhof angelangt. Hier hatte Rogoshin beim Verlassen der Equipage gerade noch Zeit gehabt, ein vorübergehendes Mädchen in einem alten dunklen Mantel und einem Seidentüchelchen um den Kopf aufzuhalten.

»Da! fünfzig Rubel für Ihren Mantel!« und damit hatte er ihr das Geld gereicht.

Bevor das Mädchen noch recht begriff, hatte ihr Rogoshin die Fünfzigrubelnote schon in die Hand gedrückt, den Mantel und das Tuch abgenommen und Nastassja Filippowna um die Schultern und über den Kopf geworfen. Ihre kostbare Brauttoilette hätte sonst allgemeines Aufsehen erregt. Das Mädchen aber sollte erst viel später begreifen, weshalb man den wertlosen alten Mantel von ihm gekauft und so viel für ihn bezahlt hatte.

Die Kunde von dem Geschehenen hatte mit unglaublicher Schnelligkeit die Kirche erreicht. Als Keller sich zum Fürsten in den Altarraum begab, wurde er von vielen ihm ganz Unbekannten aufgehalten und mit Fragen bestürmt. Man sprach laut durcheinander, schüttelte die Köpfe, ja man lachte sogar. Niemand wollte aber die Kirche verlassen, bevor man gesehen hatte, wie der Bräutigam die Nachricht aufnahm. Der Fürst erbleichte nur, als er sie vernahm, und sagte leise: »Ich fürchtete ... aber ich hätte doch nicht gedacht, daß es so kommen würde ...« um dann nach kurzem Schweigen hinzuzufügen: »Übrigens ... in ihrem Zustande ... war es ja gar nicht anders zu erwarten.« Ein solches Verhalten setzte Keller aufrichtig in Erstaunen; er nannte es: »beispiellos philosophisch!« Der Fürst verließ die Kirche anscheinend ganz ruhig und gefaßt. Wenigstens wurde es von vielen Augenzeugen später so erzählt. Er schien nur so schnell wie möglich nach Hause kommen und allein bleiben zu wollen, doch ward ihm das nicht so bald vergönnt. Ptizyn, Gawrila Ardalionytsch und der Arzt blieben bei ihm. Außerdem war die Villa buchstäblich belagert von einem Heer müßiger Menschen. Aus dem Zimmer vernahm der Fürst, daß Lebedeff und Keller mit einigen völlig unbekannten Leuten -- dem Aussehen nach waren es Subalternbeamte, die um jeden Preis auf die Terrasse kommen wollten -- in heftigen Streit geraten waren. Da begab sich der Fürst zu ihnen, erkundigte sich nach der Ursache des Streites, schob Lebedeff und Keller, die den Eingang versperrten, mit einer Entschuldigung zur Seite und trat selbst hinaus, um einen bereits bejahrten, grauhaarigen, untersetzten Herrn, der auf den Stufen an der Spitze der anderen stand, höflich zum Nähertreten aufzufordern. Der Herr wurde sehr verlegen, schien fast mehr Lust zum Rückzuge zu haben, doch dann besann er sich eines anderen und trat ein. Ihm folgte ein zweiter, ein dritter -- alles in allem sieben oder acht Mann, die sich sehr bemühten, möglichst sicher aufzutreten. Weitere Gäste fanden sich nicht ein, und auch diese acht wurden von der Menge alsbald und sogar ziemlich streng getadelt. Die Eingetretenen wurden vom Fürsten aufgefordert, Platz zu nehmen, man knüpfte ein Gespräch an, reichte ihnen Tee -- und alles das zu ihrer nicht geringen Verwunderung mit ausgesuchter Höflichkeit und Freundlichkeit. Es wurden von den Gästen allerdings ein paar Versuche gemacht, dem Gespräch eine amüsantere Wendung zu geben, es wurden einige vorwitzige Fragen gestellt und einige zweideutige Bemerkungen gemacht. Doch der Fürst antwortete allen so einfach und freundlich, ohne sich dabei auch nur das geringste zu vergeben, gab sich vielmehr mit so natürlicher Würde und zeigte gleichzeitig ein solches Vertrauen auf die Anständigkeit seiner Gäste, daß die unbescheidenen Fragen ganz von selbst aufhörten. Allmählich kam es sogar zu einer ernsten Unterhaltung über ein nationalökonomisches Thema, und einer der Herren schwor in höchstem Unwillen, daß er nie im Leben sein Gut verkaufen würde, daß er, im Gegenteil, zu warten und auszuhalten gedenke: »Unternehmungen sind besser als Geld -- sehen Sie, das ist meine Überzeugung!« -- schloß er mit aufrichtigem Stolz und nicht geringem Temperament. Da er sich mit seiner Erklärung an den Fürsten gewandt hatte, hieß dieser seine Ansichten sehr vernünftig, obgleich Lebedeff ihm kurz vorher zugeflüstert hatte, daß dieser Herr weder einen Hof noch einen Halm besaß, geschweige denn ein Gut. So verging eine Stunde, der Tee war getrunken und den Gästen schlug nach dem Tee doch ein wenig das Gewissen. Der Arzt und der untersetzte Graukopf erhoben sich und verabschiedeten sich in der herzlichsten Weise vom Fürsten, und ihrem Beispiel folgten auch die anderen, die ihm alle kräftig die Hand schüttelten. Bei der Gelegenheit wurden dann noch gewisse Wünsche ausgesprochen, Ratschläge erteilt wie etwa: sich über geschehene Dinge nicht zu grämen, man könne nie wissen, wozu ein Unglück gut sei, vielleicht wäre es so noch viel besser, usw. usw. Als alle gegangen waren, beugte sich Keller zu Lebedeff und sagte halblaut:

»Sieh, wir beide hätten geschimpft, gerauft, die Polizei uns auf den Hals gezogen; er aber, sieh, hat sich nur neue Freunde gemacht, und noch dazu was für welche! Ich kenne sie!«

Hierauf antwortete Lebedeff, der schon wieder ziemlich »fertig« war, mit einem frommen Seufzer:

»Ich habe es ja von jeher gesagt: >Den Weisen hat es der Herr verborgen, um es den Kindlein zu offenbaren.< Das habe ich schon früher von ihm gesagt, jetzt aber füge ich noch hinzu, daß Gott der Herr auch das Kindlein selbst bewahrt und vom Rande des Abgrundes zurückgezogen hat ... Gott der Herr selber und alle seine Heiligen -- jawohl ja! ...«

Endlich, gegen halb elf, ließ man den Fürsten allein. Sein Kopf tat ihm weh. Als letzter verließ ihn Koljä, der ihm noch behilflich war, die Kleider zu wechseln. Sie nahmen herzlich Abschied voneinander -- Koljä war geradezu rührend. Über das Geschehene hatte er kein Wort gesprochen, und beim Abschied nur gesagt, daß er am nächsten Morgen in aller Früh' wiederkommen würde. Wie er später aussagte, hatte ihm der Fürst an diesem Abend nichts über seine weiteren Absichten mitgeteilt. Bald war auf der Datsche alles still: Burdowskij war zu Hippolyt gegangen, Lebedeff und Keller hatten sich gleichfalls irgendwohin fortbegeben. Nur Wjera Lebedewa blieb noch in den Zimmern des Fürsten, um einiges flüchtig in Ordnung zu bringen und ihnen wieder ihr gewöhnliches Aussehen zu verleihen. Bevor sie fortging, warf sie noch einen Blick in das Zimmer, in dem sich der Fürst befand. Er saß am Tisch, hatte die Ellenbogen aufgestützt und den Kopf in die Hände vergraben. Da trat Wjera an ihn heran und berührte ihn an der Schulter: der Fürst blickte auf und sah sie eine Weile ganz verständnislos an; doch als er dann endlich alles begriff und erriet, erfaßte ihn plötzlich eine große Unruhe. Es endete übrigens damit, daß er Wjera dringend bat, ihn am nächsten Morgen zeitig zu wecken, damit er noch den ersten Zug nach Petersburg erreiche. Wjera versprach es. Da bat der Fürst sie inständig, keinem Menschen etwas davon zu sagen, was ihm Wjera gleichfalls versprach. Als sie dann fortgehen wollte und bereits die Tür öffnete, hielt er sie noch einmal auf, ergriff ihre Hände, küßte sie beide, küßte sie dann auch auf die Stirn und sagte mit einem »an ihm ganz ungewohnten« Gesichtsausdruck: »Auf morgen!« So wenigstens erzählte später Wjera. Sie verließ das Zimmer in großer Angst um ihn. Am Morgen jedoch beruhigte sie sich etwas, als der Fürst ihr, nachdem sie ihn um acht Uhr durch Klopfen an seine Tür geweckt hatte, wie es ihr schien, ganz munter und sogar lächelnd entgegentrat. Er hatte sich in der Nacht kaum entkleidet, doch hatte er trotzdem geschlafen. Auf ihre Frage, wie lange er fortbleiben würde, meinte er, daß er vielleicht noch an demselben Tage zurückkommen werde. So hatte er denn nur ihr allein gesagt, daß er sich in die Stadt begab.

XI.

Eine Stunde später war der Fürst bereits in Petersburg, und um zehn Uhr läutete er bei Rogoshin. Er war von der Straße durch den Haupteingang des Hauses eingetreten und die breite Treppe hinaufgestiegen -- doch in der Wohnung Rogoshins blieb alles still. Endlich öffnete sich die gegenüberliegende Tür, die zur Wohnung der Mutter Rogoshins führte, und eine alte peinlich saubere Dienerin blickte in den Treppenflur.

»Parfen Ssemjonytsch ist nicht zu Hause,« meldete sie. »Wen wünschen Sie zu sprechen?«

»Parfen Ssemjonytsch.«

»Der ist nicht zu Hause.«

Die Dienerin betrachtete den Fürsten neugierig und mit prüfendem Mißtrauen.

»Sagen Sie mir dann wenigstens, ob er hier übernachtet hat? Und ... kam er gestern allein nach Hause?«

Die Dienerin fuhr fort, ihn zu betrachten, und antwortete nichts.

»War nicht gestern ... gestern abend ... Nastassja Filippowna mit ihm hier?«

»Erlauben Sie, zu fragen, wer geruhen Sie denn selbst zu sein?«

»Fürst Lew Nikolajewitsch Myschkin, wir sind gut bekannt miteinander.«

»Er ist nicht zu Hause.«

Die Dienerin senkte den Blick.

»Aber Nastassja Filippowna?«

»Ich weiß nichts von ihr.«

»Warten Sie, warten Sie doch! Wann wird er denn zurückkommen?«

»Auch das weiß ich nicht.«

Und damit schloß sich die Tür.

Der Fürst nahm sich vor, nach einer Stunde wiederzukommen. Auf der Straße erblickte er im Vorübergehen am Hoftor den Hausknecht.

»Ist Parfen Ssemjonytsch zu Hause?« fragte er ihn.

»Jawohl, Euer Gnaden.«

»Wie hat man mir denn soeben sagen können, daß er nicht zu Hause sei?«

»Hat man das bei ihm oben gesagt?«

»Nein, die Dienerin seiner Mutter sagte es. Aber ich habe bei Parfen Ssemjonytsch vergeblich geläutet, es hat mir niemand aufgemacht.«

»Kann auch sein, daß er ausgegangen ist,« meinte der Hausknecht nach kurzem Nachdenken, »man kann ja nie wissen, er sagt nicht immer, wann er kommt und geht. Manchmal nimmt er auch den Schlüssel mit und drei Tage lang steht seine Wohnung verschlossen.«

»Weißt du genau, daß er gestern zu Hause war?«

»Gestern war er. Aber manchmal kommt er durch die Paradetür herein, da sieht man ihn dann nicht.«

»Aber weißt du nicht, ob Nastassja Filippowna gestern bei ihm war?«

»Das weiß ich nicht. Die geruht nicht oft zu kommen. Ich denke aber, wenn sie gekommen wäre, hätt' ich's wohl gesehen.«

Der Fürst trat aus dem Hoftor wieder auf die Straße und ging eine Weile in Gedanken versunken auf dem Trottoir. Die Fenster waren alle geschlossen, während die Fenster der Wohnung seiner Mutter fast alle weit offen standen. Es war ein heller, heißer Tag. Der Fürst ging über die Straße auf das andere Trottoir und blieb dort gegenüber dem Hause stehen, um noch einmal zu Rogoshins Fenstern hinaufzuschauen: sie waren nicht nur alle geschlossen, auch die weißen Stores waren überall heruntergelassen.

Der Fürst stand eine Weile unbeweglich und sah hinauf, und -- seltsam! plötzlich schien es ihm, daß ein Vorhang ein wenig zur Seite geschoben wurde und Rogoshins Gesicht durch den schmalen Spalt auf die Straße sah ... doch im selben Augenblick auch schon wieder verschwand. Er wartete noch ein wenig und beschloß bereits, noch einmal hinzugehen und zu läuten, besann sich dann aber eines anderen und schob es auf: nach einer Stunde wollte er wiederkommen. »Und wer weiß,« dachte er, »vielleicht hat es mir auch nur so geschienen« ...

Seine erste Sorge war jetzt, schnell nach dem Ismailowskij Polk zu gelangen, in den Stadtteil, wo Nastassja Filippowna zuletzt gewohnt hatte. Er wußte, daß sie, als sie vor etwa drei Wochen auf seinen Wunsch oder seine Bitte hin Pawlowsk verlassen und nach Petersburg zurückgekehrt war, im Ismailowskij Polk bei ihrer ehemaligen guten Bekannten, einer Lehrerswitwe -- es war das eine anständige Dame mit zahlreicher Familie, die fast nur vom Zimmervermieten lebte -- gewohnt hatte. Er nahm an, daß Nastassja Filippowna nach ihrer Rückkehr nach Pawlowsk die gemieteten Zimmer nicht aufgegeben, und deshalb schien es ihm sehr möglich, daß Rogoshin sie gestern abend dorthin gebracht und daß sie daselbst übernachtet hatte. Um schneller hinzugelangen, nahm er eine Droschke. Unterwegs kam ihm der Gedanke, daß er ganz zuerst dorthin hätte gehen sollen, denn es war doch ganz ausgeschlossen, daß sie in der Nacht sofort zu Rogoshin gegangen wäre. Zugleich fielen ihm auch die Worte des Hausknechts ein, daß Nastassja Filippowna nicht oft hinzukommen »geruht« habe -- weshalb sollte sie dann gerade jetzt bei Rogoshin abgestiegen sein?

Zu seiner größten Bestürzung hatte man aber bei der Lehrerswitwe seit zwei Tagen nichts von Nastassja Filippowna gehört. Er selbst wurde wie ein Wunder angestaunt. Die ganze zahlreiche Familie der Lehrerswitwe -- lauter Mädchen, alle Jahrgänge, von fünfzehn bis auf sieben -- versammelte sich um die Mutter und starrte ihn mit offenen Mündern an. Ihnen folgte noch eine hagere Tante mit einem gelben Gesicht, die ein schwarzes Tuch um den Kopf gebunden hatte, und nach dieser erschien auch noch die Großmutter der Familie, eine kleine Greisin mit einer riesigen Brille. Die Lehrerswitwe bat den Fürsten untertänig, doch näherzutreten und Platz zu nehmen, was der Fürst denn auch tat. Er erriet, daß sie bereits wußten, wer er war, und sich nicht wenig darüber wunderten, von ihm nach derjenigen gefragt zu werden, die doch seit gestern seine Frau sein mußte. Freilich wagten sie nicht, mit einer direkten Frage herauszurücken. Er erzählte in kurzen Worten, daß die Trauung nicht zustande gekommen war. Da ward dann die Verwunderung noch größer, und der Fürst sah sich genötigt, noch einige Erklärungen hinzuzufügen. Und dann kamen die Ratschläge der aufgeregten Damen: zunächst sollte er unbedingt Rogoshin aufsuchen -- falls er zu Hause war, so lange schellen und klopfen, bis er die Tür aufmachte -- und von ihm sich alles ganz genau erzählen lassen. War er jedoch nicht zu Hause -- was zunächst mit Sicherheit festgestellt werden mußte --, oder falls er nichts mitteilen wollte: so sollte der Fürst sich nach dem Stadtteil Ssemjonowskij Polk zu einer deutschen Dame begeben, einer Bekannten Nastassja Filippownas, die bei ihrer Mutter lebte: vielleicht hatte sich Nastassja Filippowna in ihrer Aufregung, und um nicht sogleich vom Fürsten gefunden zu werden, zu dieser begeben und dort die Nacht verbracht. Der Fürst erhob sich fast ohnmächtig; wie die Familie später erzählte, sei er »entsetzlich bleich« gewesen. Und in der Tat -- die Füße trugen ihn kaum noch, das Stimmengewirr erschien ihm noch einmal so laut, als es war, er verstand fast kein Wort. Endlich begriff er, daß man ihm behilflich sein wollte und ihn fragte, wo er denn in der Stadt abgestiegen sei, damit sie ihm, falls sie etwas erfahren sollten, Nachricht zukommen lassen konnten. Er wußte ihnen aber keine Adresse anzugeben. Da rieten sie ihm, ein Hotel zu bestimmen. Der Fürst dachte nach und gab dann die Adresse jenes Gasthofes an, wo er vor etwa fünf Wochen abgestiegen war und wo er den schweren Anfall gehabt hatte. Darauf begab er sich wieder zu Rogoshin. Diesmal wurde ihm nicht nur bei Rogoshin nicht aufgemacht, auch in der Wohnung der Mutter blieb alles still. Da ging der Fürst zum Hausknecht, den er erst nach langem Suchen auf dem Hof fand. Dieser war mit irgend etwas beschäftigt und antwortete kaum auf die Fragen, ja, er sah den Fürsten nicht einmal an, erklärte aber doch in bestimmtem Tone, daß Parfen Ssemjonytsch früh am Morgen ausgegangen und nach Pawlowsk gefahren sei und heute nicht mehr nach Hause zurückkehren werde.

»Ich werde warten,« sagte der Fürst. »Vielleicht kommt er doch noch am Abend zurück?«

»Kann sein, daß er auch 'ne ganze Woche nicht kommt, wer kann's wissen.«

»Dann ist er aber doch in dieser Nacht zu Hause gewesen?«

»Gewesen ... was kann er nicht alles gewesen sein ...«

Diese Antwort und das ganze Gebaren des Hausknechts erschienen dem Fürsten sehr verdächtig: der Mann schien in der Zwischenzeit besondere Instruktionen erhalten zu haben: am Morgen war er harmlos-mitteilsam gewesen und jetzt plötzlich wollte er ihn kaum anhören. Doch der Fürst beschloß, nach etwa zwei Stunden wiederzukommen und dann, wenn es nötig sein sollte, vor dem Hause zu warten. Jetzt aber blieb ihm noch die eine Hoffnung, Nastassja Filippowna bei der deutschen Dame anzutreffen, und so fuhr er nach dem Ssemjonowskij Polk.

Doch bei der Deutschen begriff man überhaupt nicht, wie er dazu kam, sich bei ihnen nach Nastassja Filippowna zu erkundigen. Die schöne junge Dame hatte sich, wie aus einzelnen Bemerkungen hervorging, bereits vor zwei Wochen mit ihr vollkommen entzweit und besaß nicht das geringste Interesse mehr für sie -- »und wenn sie auch alle Fürsten der Welt heiraten sollte!« Der Fürst beeilte sich, aus dem Hause fortzukommen. Unter anderem kam ihm auch der Gedanke, daß sie vielleicht wie damals nach Moskau gefahren war und Rogoshin natürlich ihr nach, oder sogar zusammen mit ihr. »Wenn man doch nur auf ihre Spur kommen könnte!« dachte er gequält. Da entsann er sich der Verabredung mit der Lehrerswitwe, die ihm in den Gasthof an der Liteinaja Nachricht hatte senden wollen, und er beeilte sich sogleich, hinzugehen, um dort ein Zimmer zu belegen. Der Kellner fragte ihn, ob er auch zu frühstücken wünsche, und in der Zerstreutheit bejahte der Fürst die Frage. Doch kaum hatte sich der Kellner entfernt, da kam er plötzlich zur Besinnung und ärgerte sich unsäglich über sich selbst, weil ihn das Frühstück wenigstens eine halbe Stunde aufhalten würde, und erst nach einer Weile verfiel er darauf, daß ihn ja doch niemand festhielt und er das bestellte Frühstück ja gar nicht zu essen brauchte, wenn er nicht wollte. Ein seltsames Gefühl überkam ihn in diesem dunklen, dumpfen Korridor, ein Gefühl, das quälend danach strebte, sich in irgend einen festen Gedanken zu verwirklichen, aber er konnte nicht erraten, worin nun dieser neue, sich aufdrängende Gedanke bestand. Da verließ er endlich den Gasthof und trat hinaus auf die Straße. Ihn schwindelte ... wohin sollte er fahren? Er fuhr also wieder zu Rogoshin.

Rogoshin war noch immer nicht zurückgekehrt; er läutete, doch es wurde ihm nicht aufgemacht. Da läutete er auch an der anderen Tür; die alte Dienerin erschien wieder und sagte, daß Parfen Ssemjonytsch nicht zu Hause sei und vielleicht nicht vor drei Tagen kommen werde. Es wunderte den Fürsten nur, daß sie ihn wieder mit so unverhohlener Neugier betrachtete. Den Hausknecht fand er diesmal überhaupt nicht. Da ging er, wie am Morgen, auf das gegenüberliegende Trottoir, blickte zu den Fenstern hinauf und ging wohl eine halbe Stunde in der quälenden Sonnenglut auf und ab, vielleicht auch noch länger, doch diesmal rührte sich nichts, die Fenster blieben geschlossen, und die Stores waren unbeweglich. Da setzte sich in ihm die Überzeugung fest, daß es ihm auch am Morgen nur so geschienen habe, denn auch die Fensterscheiben waren trübe und wohl seit langem nicht geputzt, so daß die kaum merkliche Bewegung des Vorhanges nur ein Flimmern des trüben Glases im Sonnenschein gewesen sein konnte. Erfreut über diese Erklärung fuhr er wieder zur Lehrerswitwe.

Dort hatte man ihn erwartet. Die Lehrerswitwe hatte sich inzwischen an drei oder vier Stellen erkundigt, ja, sie war sogar bei Rogoshin gewesen, doch hatte sie nichts erfahren können. Der Fürst hörte ihren Bericht schweigend an, trat dann ins Zimmer, setzte sich auf das Sofa und begann sie alle anzusehen -- ganz als verstände er kein Wort von dem, was man zu ihm sprach. Und seltsam: bald bemerkte er alles, bald aber war er so zerstreut, daß er nichts sah noch hörte. Die ganze Familie erklärte später, daß er ein »erstaunlich wunderlicher« Mensch gewesen sei an jenem Tage, so daß vielleicht damals schon »alles begonnen habe«. Endlich erhob er sich und bat, man möge ihm die von Nastassja Filippowna bewohnten Zimmer zeigen. Es waren das zwei große, hohe, helle Räume, sehr anständig eingerichtet und offenbar nicht billig. Die ganze Familie erzählte später, der Fürst habe jeden Gegenstand im Zimmer betrachtet. Auf einem kleinen Tisch habe er ein aufgeschlagenes Buch erblickt -- es war ein französischer Roman, »Madame Bovary« --, habe eine Ecke der aufgeschlagenen Seite eingebogen und um die Erlaubnis gebeten, das Buch mitnehmen zu dürfen, worauf er es, ohne auf die Einwendung, daß es ein Buch aus der Leihbibliothek sei, zu achten, in die Tasche gesteckt habe. Dann sei er ans offene Fenster getreten, habe sich dort hingesetzt, und da sei ihm ein mit Kreide beschriebener Spieltisch aufgefallen, und er habe gefragt, wer an ihm gespielt hätte. Hierauf hatten sie ihm erzählt, daß Nastassja Filippowna jeden Abend mit Rogoshin Karten gespielt habe, Duraki, Preference, Whist, Sechsundsechzig -- kurzum, alle Spiele, die sie nur kannten, und zwar Abend für Abend, damals, als sie vor drei Wochen aus Pawlowsk nach Petersburg zurückgekehrt war und sich bei ihnen eingemietet hatte. Zuerst habe sich Nastassja Filippowna beklagt, daß es langweilig sei, denn Rogoshin habe ganze Abende gesessen und geschwiegen und kein Wort gesagt, und eines Abends sei sie in Tränen ausgebrochen. Da habe Rogoshin am nächsten Abend plötzlich ein Spiel Karten aus der Tasche hervorgezogen: Nastassja Filippowna hätte zu lachen begonnen, und dann sei an jedem Abend gespielt worden. Hierauf habe der Fürst gefragt, wo die Karten wären, mit denen sie gespielt hatten. Die Karten waren aber von Rogoshin jedesmal mitgebracht worden, an jedem Abend ein neues Spiel, und er hatte sie dann immer wieder mitgenommen.

Die Lehrerswitwe, deren Schwester und Mutter rieten ihm, noch einmal zu Rogoshin zu fahren, jedoch nicht sogleich, sondern erst gegen Abend, und dann möglichst stark die Klingel zu ziehen und an die Tür zu pochen, vielleicht würde er sich dann doch noch zeigen. Und die Lehrerswitwe erbot sich, inzwischen nach Pawlowsk zu Darja Alexejewna zu fahren, vielleicht wußte diese etwas näheres. Der Fürst aber sollte auf jeden Fall am Abend gegen zehn Uhr wiederkommen, damit sie sich für den nächsten Tag verabreden könnten. Der Fürst verließ sie ungeachtet aller Beruhigungen und Hoffnungsäußerungen innerlich ganz verzweifelt. Von unerklärlicher Sehnsucht gemartert, begab er sich nach seinem Gasthof. Der staubige, drückende Sommernachmittag Petersburgs umfing ihn herzbeklemmend, er fühlte sich förmlich wie in einen Schraubstock eingeklammert; müde drängte er sich durch das rohe, betrunkene Volksgetümmel auf den Straßen, blickte unbewußt in fremde Gesichter und machte vielleicht einen großen Umweg. Es war fast schon Abend, als er in sein Zimmer trat. Er wollte sich ein wenig erholen und dann wieder zu Rogoshin gehen, wie man ihm geraten hatte, und so setzte er sich denn aufs Sofa, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und versank in Gedanken.

Gott weiß, wie lange, und nur Gott mag wissen, an was er dachte. Vieles fürchtete er, und er fühlte, fühlte unter Schmerz und Qual, daß seine Angst ihm selbst unheimlich wurde. Da dachte er plötzlich an Wjera Lebedewa, und es kam ihm in den Sinn, daß Lebedeff vielleicht etwas wissen konnte, vielleicht sogar von Rogoshin unterrichtet war, oder wenn nicht, dann doch leichter und schneller von ihm etwas erfahren könnte, als er, der Fürst, es vermochte. Plötzlich dachte er an Hippolyt und auch daran, daß Rogoshin zu Hippolyt gefahren war. Und plötzlich fiel ihm Rogoshin ein: Rogoshin in der Kirche bei der Totenmesse, dann Rogoshin im Park, und dann -- plötzlich hier in der Treppennische, als er sich damals in der Dunkelheit verborgen und mit dem Messer auf ihn gewartet hatte. Er zuckte zusammen: der sich ihm aufdrängende Gedanke, den er vorhin nicht hatte fassen können, stand plötzlich vor ihm.

Dieser Gedanke bestand zum Teil darin, daß Rogoshin, wenn er sich in Petersburg befand und sich womöglich zeitweilig verbarg, schließlich doch unbedingt zu ihm, dem Fürsten, kommen würde, gleichviel ob in einer guten oder schlechten Absicht, und wär's auch in derselben wie damals. Und wenn Rogoshin aus irgendeinem Grunde zu ihm kommen mußte, wohin sollte er dann gehen -- da er doch keine Adresse wußte --, wenn nicht wieder in diesen selben Gasthof, wieder in diesen selben Treppenflur? Er konnte ja gar nichts anderes annehmen, als daß der Fürst in diesem Gasthof abgestiegen war. Wenigstens würde er hier nach ihm fragen ... wenn er seiner wirklich bedurfte. Und man konnte es ja nicht wissen, vielleicht bedurfte er seiner wirklich?

So dachte der Fürst und dieser Gedanke erschien ihm aus irgendeinem Grunde sehr möglich. Doch um keinen Preis würde er sich Rechenschaft darüber gegeben haben, wenn er sich in seinen Gedanken vertieft hätte: weshalb zum Beispiel Rogoshin seiner plötzlich so bedürfen könnte, und weshalb es ganz »ausgeschlossen« war, daß sie sich zu guter Letzt nicht doch noch »treffen« würden? Doch dieser Gedanke war nicht leicht. »Wenn er glücklich ist, dann wird er nicht kommen,« fuhr der Fürst fort, zu denken, »er wird kommen, wenn er nicht glücklich ist -- und er ist doch bestimmt nicht glücklich ...«

Wenn er aber davon überzeugt war, so hätte er Rogoshin im Gasthof, in seinem Zimmer, erwarten müssen. Doch es war, als könne er seinen neuen Gedanken nicht ertragen: plötzlich sprang er auf, ergriff seinen Hut und eilte hinaus. Im Korridor war es fast schon ganz dunkel. -- »Wie, wenn er jetzt wieder aus jener Nische hervortritt und mich auf der Treppe anfällt?« durchzuckte es ihn blitzartig, als er sich jener Stelle näherte. Doch es trat niemand hervor. Er stieg hinunter, trat hinaus aufs Trottoir, wunderte sich über die dichte Menschenmenge, die sich auf der Straße durcheinanderschob -- wie in Petersburg gewöhnlich an den Hundstagen, sobald die Sonne sinkt --, und schlug unwillkürlich wieder die Richtung zur Gorochowaja, zum Hause Rogoshins ein. Etwa fünfzig Schritte vom Gasthof, in dem Gedränge an der dritten Straßenkreuzung, berührte ihn plötzlich jemand am Ellenbogen und sagte halblaut dicht an seinem Ohr:

»Lew Nikolajewitsch, komm mir nach, es ist nötig, Bruder.«

Es war Rogoshin.

Seltsam: der Fürst begann plötzlich, vor lauter Freude fast stotternd, fast nach Worten ringend, ihm zu erzählen, wie er ihn soeben im Gasthof, in seinem Zimmer und im Korridor erwartet hatte.

»Ich war dort,« sagte Rogoshin ruhig, »gehen wir.«

Der Fürst wunderte sich über seine Antwort, wunderte sich aber erst nach etwa zwei Minuten, als er sie begriffen hatte. Als er aber dann über sie nachdachte, erschrak er und sah Rogoshin an. Dieser ging neben ihm fast einen halben Schritt voraus, sah starr vor sich hin, sah in keines der ihm begegnenden Gesichter und wich mit mechanischer Vorsicht allen aus.

»Weshalb hast du nicht nach mir gefragt ... wenn du im Gasthof warst?« fragte plötzlich der Fürst.

Rogoshin blieb stehen, sah ihn an, dachte nach und sagte, als hätte er die Frage gar nicht verstanden:

»Höre, Lew Nikolajewitsch, du geh jetzt hier geradeaus, bis zum Hause, du weißt? Ich aber werde dort auf jener Seite gehen. Nur sieh zu, daß wir nicht auseinander kommen ...«

Nachdem er das gesagt, ging er über die Straße, trat auf das gegenüberliegende Trottoir, blickte sich um, ob auch der Fürst ging, und als er sah, daß dieser stand und ihm mit weit offenen Augen unbeweglich nachschaute, winkte er ihm mit der Hand nach der Gorochowaja und ging selbst weiter, während er sich immer wieder umblickte, um nach dem Fürsten zu sehen und ihn zum Weitergehen aufzufordern. Er war sichtlich ermuntert, als er dann sah, daß der Fürst ihn begriffen hatte und ihm auf seinem Trottoir zur Gorochowaja folgte. Der Fürst dachte, daß Rogoshin irgend jemanden unterwegs suchen wollte und deshalb aufs andere Trottoir gegangen war, damit die Entgegenkommenden zwischen ihnen beiden durchgehen sollten und der Betreffende dann leichter zu finden sei. »Nur -- warum hat er mir dann nicht gesagt, wer es ist, den er sucht?« So gingen sie an fünfhundert Schritt, und plötzlich begann der Fürst aus irgendeinem Grunde zu zittern; Rogoshin fuhr immer noch fort, wenn auch seltener, sich nach ihm umzublicken. Doch der Fürst hielt es nicht mehr aus und winkte ihn mit der Hand zu sich herüber. Ohne zu zögern, kam Rogoshin sofort über die Straße zu ihm.

»Ist Nastassja Filippowna bei dir?«

»Bei mir.«

»Warst du es, der vorhin hinter dem Vorhang nach mir sah?«

»Ja, ich ...«

»Aber weshalb hast du denn ...«

Der Fürst wußte nicht, was er sagen, wie er die Frage beenden sollte -- zudem pochte sein Herz so stark, daß ihm das Sprechen schwer wurde. Rogoshin schwieg gleichfalls und sah ihn an wie vorhin, wie in Gedanken versunken.

»Nun, ich gehe,« sagte er plötzlich, und er schickte sich an, wieder über die Straße zurückzugehen, »du aber geh hier weiter. Laß uns auf der Straße getrennt gehen ... so ist's besser ... auf verschiedenen Seiten ... wirst sehen.«

Als sie endlich auf verschiedenen Trottoiren in die Gorochowaja einbogen und sich dem Hause Rogoshins näherten, wurden die Beine des Fürsten wieder so schwach, daß sie ihm fast den Dienst versagten und es ihm schon schwer wurde, zu gehen. Es war gegen zehn Uhr abends. Die Fenster auf der Hälfte, wo die alte Mutter wohnte, standen immer noch weit offen, die Fenster der Wohnung Rogoshins dagegen waren geschlossen, und in dem dämmrigen Abendlicht war's, als würden die herabgelassenen weißen Vorhänge noch bemerkbarer. Der Fürst näherte sich dem Hause auf dem entgegengesetzten Trottoir, Rogoshin auf der Seite des Hauses, und als er bei der Tür anlangte, winkte er mit der Hand. Der Fürst ging über die Straße zu ihm. Sie traten auf die Treppe.

»Auch der Hausknecht weiß jetzt nicht, daß ich zurückkomme. Ich sagte vorhin, daß ich nach Pawlowsk fahre, auch bei der Mutter sagte ich es,« flüsterte er mit einem listigen und fast zufriedenen Lächeln. »Wir gehen jetzt so leise hinein, daß uns niemand hört.«

Den Schlüssel hatte er bereits in der Hand. Als sie die massive Steintreppe hinaufstiegen, wandte er sich zum Fürsten zurück und erhob den Finger, zum Zeichen, daß der Fürst nur ja leise gehen solle. Leise schloß er die Tür zu seiner Wohnung auf, ließ den Fürsten eintreten, folgte ihm leise, schloß die Tür leise wieder hinter sich zu und steckte den Schlüssel in die Tasche.

»Gehen wir,« sagte er flüsternd.

Schon auf der Straße, auf der Liteinaja, hatte er begonnen, leise zu sprechen. Trotz seiner äußeren Ruhe befand sich sein Inneres in einer seltsamen tiefen Aufregung. Als sie in den Saal vor dem Arbeitskabinett traten, ging er leise an eines der Fenster und winkte geheimnisvoll den Fürsten zu sich heran.

»Als du vorhin dort bei mir läutetest, erriet ich hier sogleich, daß du es warst. Ich schlich mich zur Tür und da hörte ich, wie du mit der Pafnutjewna sprachst; ich aber hatte ihr schon in aller Frühe gesagt und anbefohlen, daß sie dann, wenn du oder von dir jemand oder gleichviel wer kommt und an meiner Tür zu klopfen anfängt -- daß sie dann nichts sagen solle, unter keiner Bedingung, und besonders nicht, wenn du selbst kämest und nach mir fragen würdest. Ich nannte ihr deinen Namen. Dann aber, als du fortgingst, dachte ich: wenn er jetzt unten steht und nach oben sieht, oder auf der Straße wartet und aufpaßt? Da trat ich an dieses selbe Fenster, schob die Gardine etwas weg, sieh, da standest du und sahst gerade auf mich ... So war es.«

»Wo ist denn ... Nastassja Filippowna?« fragte der Fürst stockend.

»Sie ... ist hier,« antwortete Rogoshin langsam, als hätte er einen Augenblick mit der Antwort gezögert.

»Wo denn?«

Rogoshin erhob seinen Blick zum Fürsten und blickte ihn unverwandt an.

»Gehen wir ...«

Er sprach immer noch flüsternd und ohne sich zu beeilen, sprach langsam, und schon die ganze Zeit über eigentümlich nachdenklich.

Sie traten in das hohe Zimmer, das dem Vater als Arbeitszimmer gedient hatte. In diesem hatte sich, seit der Fürst es gesehen, einiges verändert: durch das ganze Zimmer zog sich ein Vorhang aus grünem Seidendamast, der zu beiden Seiten geteilt war, so daß man hindurchgehen konnte. Der Raum hinter dem Vorhang diente Rogoshin als Schlafzimmer, dort stand sein Bett. Der schwere Vorhang war heruntergelassen und die Eingänge waren zugezogen. Im Zimmer war es ziemlich dunkel; die »hellen« Petersburger Nächte hatten nach der Sonnenwende schon ein wenig von ihrer Helligkeit eingebüßt, und wenn es nicht Vollmond gewesen wäre, hätte man in den dunklen Zimmern Rogoshins, deren Fenster noch dazu weiß verhängt waren, kaum etwas unterscheiden können. So aber konnte man wenigstens die Gesichtszüge erkennen. Das Gesicht Rogoshins war bleich, wie gewöhnlich; der Blick seiner Augen, die einen starken Glanz hatten, lag seltsam unbeweglich auf dem Fürsten.

»Wirst du nicht eine Kerze anzünden?« fragte der Fürst.

»Nein, nicht nötig,« sagte Rogoshin, und den Fürsten bei der Hand fassend, nötigte er ihn, auf einem Stuhl Platz zu nehmen; er selbst setzte sich ihm gegenüber und zog seinen Stuhl so dicht heran, daß ihre Knie sich fast berührten. Zwischen ihnen, etwas seitwärts, stand ein kleiner, runder Tisch. »Setz' dich, sitzen wir ein wenig!« sagte Rogoshin, als wolle er ihn zum Sitzen bereden. Eine Weile schwieg er. »Ich wußte, daß du in diesem Gasthause absteigen würdest,« begann er dann wieder zu sprechen, wie man es zuweilen tut, wenn man nicht sogleich von der Hauptsache reden will und zuerst mit nebensächlichen Einzelheiten beginnt, die kaum eine unmittelbare Beziehung zur Sache haben. »Als ich in den Korridor trat, dachte ich bei mir: wer weiß, vielleicht sitzt er dort und erwartet mich jetzt ebenso wie ich ihn erwarte? Warst du bei der Lehrerin?«

»Ja,« brachte der Fürst vor Herzklopfen kaum hervor.

»Auch daran dachte ich. Wird noch ein Gerede entstehen, dachte ich ... und dann dachte ich: ihn aber bringe ich zur Nacht her, damit wir diese Nacht noch zusammen sind ...«

»Rogoshin! Wo ist Nastassja Filippowna?« flüsterte plötzlich der Fürst, und er erhob sich, an allen Gliedern zitternd.

Da erhob sich auch Rogoshin.

»Dort,« sagte er leise, mit dem Kopf nach dem Vorhang weisend.

»Schläft sie?« flüsterte der Fürst.

Wieder sah ihn Rogoshin unbeweglich an.

»Nun denn, meinetwegen! ... Nur, wirst du auch ... nun, gehen wir!«

Er trat zum Vorhang, schob ihn zur Seite, blieb stehen und wandte sich zum Fürsten zurück.

»Komm!« sagte er und forderte ihn mit einer Kopfbewegung auf, einzutreten, während er den Vorhang zur Seite hielt.

Der Fürst trat in den Schlafraum.

»Hier ist es dunkel,« sagte er.

»Man kann sehen!« murmelte Rogoshin.

»Ich sehe kaum ... ein Bett.«

»Geh doch näher,« forderte Rogoshin leise auf.

Der Fürst trat einen Schritt näher, dann noch einen Schritt, und blieb stehen. Er stand und schaute unbeweglich eine lange Zeit. Beide sprachen sie die lange Zeit über, die sie am Bett standen, kein Wort. Das Herz des Fürsten schlug so laut, daß es, wie es schien, im Zimmer zu hören war, bei dem toten Schweigen, das hier herrschte. Doch sein Auge gewöhnte sich langsam an das Licht, so daß er bereits das ganze Bett deutlich unterscheiden konnte; es schlief jemand auf dem Bett, in vollkommen reglosem Schlaf; nicht das geringste Geräusch, nicht das geringste Atmen war zu hören. Der Schlafende war vom Kopf bis zu den Füßen mit einem weißen Laken bedeckt, doch die Glieder zeichneten sich seltsam undeutlich ab, man sah nur an den Umrissen und den Erhöhungen, daß es ein Mensch war, der auf dem Rücken ausgestreckt lag. Ringsum, auf dem Bett, auf dem Sessel am Fußende des Bettes, sogar auf dem Fußboden neben dem Sessel lagen weiße Kleidungsstücke unordentlich hingeworfen, ein weißes kostbares Seidenkleid, Blumen, Bänder. Auf dem kleinen Tisch am oberen Ende des Bettes lag verstreut blitzendes Geschmeide. Am unteren Ende des Bettes waren irgendwelche Spitzen zusammengeschoben, und von dem weißen Gekräusel hob sich, unter dem Laken hervorschimmernd die Spitze eines nackten Fußes ab: sie war wie aus Marmor gemeißelt und erschien unheimlich regungslos. Der Fürst sah und fühlte -- je länger er sah, um so toter und lautloser wurde es im Zimmer. Plötzlich begann eine erwachte Fliege zu summen, flog über das Bett und verstummte am oberen Ende. Der Fürst fuhr zusammen.

»Gehen wir,« sagte Rogoshin, indem er ihn leise am Arm berührte.

Sie traten hinaus aus dem Schlafraum, setzten sich auf dieselben Stühle und saßen schweigend wieder einander gegenüber. Der Fürst zitterte, immer heftiger wurde sein Zittern. Er wandte seinen fragenden Blick nicht einmal auf eine Sekunde von Rogoshins Antlitz ab.

»Du, ich sehe, du zitterst, Lew Nikolajewitsch,« sagte endlich Rogoshin, »fast ganz so, wie wenn du ... deinen Anfall bekommst, weißt du noch, in Moskau einmal? Oder wie es vor dem Anfall war. Ich kann mir gar nicht denken, was ich mit dir jetzt anfangen soll ...«

Der Fürst hörte mit krampfhafter Anspannung, was Rogoshin zu ihm sprach, um den Sinn der Worte zu erfassen, und immer noch fragte sein Blick.

»Das hast du ...?« brachte er schließlich flüsternd hervor, mit dem Kopf nach dem Vorhang weisend.

»Das ... hab' ich ...« sagte Rogoshin ebenso leise und senkte den Blick zu Boden.

Sie schwiegen lange.

»Denn wenn du jetzt krank wirst,« fuhr plötzlich Rogoshin fort, als wäre er gar nicht unterbrochen worden, »den Anfall bekommst, und dann der Schrei kommt, so kann man es auf der Straße oder auch auf dem Hof hören und erraten, daß hier in der Wohnung Menschen sind, nun, und dann werden sie kommen und klopfen und herein wollen ... denn die glauben doch alle, daß ich nicht zu Hause bin. Ich habe auch kein Licht gemacht -- damit man von der Straße oder vom Hof nichts sieht. Denn wenn ich fortgehe, nehme ich die Schlüssel mit, und dann kommt oft drei, vier Tage kein Mensch hier herein und die Wohnung bleibt so wie sie ist, unaufgeräumt. So habe ich es eingeführt. Damit man also nicht erfährt, daß wir hier sind ...«

»Wart',« unterbrach ihn der Fürst, »ich habe aber doch vorhin die Alte und auch den Hausknecht gefragt, ob Nastassja Filippowna nicht hier gewesen ist. Die wissen es dann doch schon.«

»Ich weiß, daß du gefragt hast. Ich habe aber der Pafnutjewna gesagt, daß Nastassja Filippowna gestern hier gewesen und gestern auch nach Pawlowsk wieder zurückgekehrt, hier bei mir aber nur fünf Minuten gewesen sei. Sie wissen nicht, daß sie zur Nacht hier blieb -- niemand weiß es. Gestern, als wir kamen, gingen wir die Treppe ebenso leise hinauf, wie ich heute mit dir. Ich dachte noch unterwegs, sie würde nicht so heimlich eintreten wollen -- aber nein! Flüsterte nur, auf den Zehen schlich sie, das Kleid raffte sie zusammen, damit es nicht rauschte, trug die Schleppe, drohte mir beim Hinaufsteigen noch mit dem Finger, damit ich leiser ginge -- alles nur aus Furcht vor dir. Im Coupé war sie zuerst ganz wie eine Wahnsinnige, alles vor Angst, und sie selbst wünschte, hierher zu mir zu kommen, um hier zu übernachten. Ich dachte zuerst, sie zur Lehrerin, zu jener Witwe, zu bringen, aber sie selbst wollte nicht. >Nein, nein,< sagte sie, >dort wird er mich sogleich aufsuchen, du aber versteck' mich bei dir, und morgen, ganz früh, fahren wir nach Moskau<, und von dort wollte sie nach Orel oder irgendwo dahin. Auch als sie sich hinlegte, sprach sie immer noch, daß wir nach Orel fahren würden ...«

»Wart' ... aber was willst du tun, Parfen, was willst du jetzt tun?«

»Ja, sieh, ich habe nur Bedenken, weil du immer noch zitterst. Die Nacht verbringen wir hier beide zusammen. Ein Bett, außer jenem, gibt es hier nicht, aber ich habe mir gedacht, daß man von diesem Diwan und von jenem dort die Kissen nimmt und dann hier, hier gleich beim Vorhang, ein Lager macht, für dich und für mich, nebeneinander, so daß wir zusammen sind. Denn wenn man dann kommt, und zu fragen anfängt oder zu suchen, dann wird man sie sogleich finden und hinaustragen. Mich aber wird man fragen, und ich werde sagen, daß ich es gewesen bin, und man wird mich fortführen. So laß sie denn jetzt noch hier liegen, neben uns, neben mir und dir ...«

»Ja, ja!« stimmte der Fürst eifrig bei.

»Also jetzt noch nicht gestehen und nicht forttragen lassen.«

»Nei--nein, auf keinen Fall!« entschied der Fürst. »Nicht -- nicht!«

»So hatte auch ich beschlossen ... auf keinen Fall. Die Nacht verbringen wir ganz still. Ich war heute nur auf eine Stunde ausgegangen, am Morgen, sonst war ich die ganze Zeit bei ihr. Und dann gegen Abend, als ich dich suchen ging. Nur fürchte ich, daß es hier zu drückend ist und der Leichengeruch sich bald bemerkbar machen wird. Riechst du schon etwas oder noch nicht?«

»Vielleicht rieche ich etwas, ich weiß es nicht. Am Morgen wird man es bestimmt riechen ...«

»Ich habe sie mit Wachstuch zugedeckt, mit gutem, amerikanischem, und über dem Wachstuch dann noch mit dem Laken, und vier Fläschchen mit desinfizierender Flüssigkeit habe ich aufgestellt, sie stehen auch jetzt dort offen.«

»So wie dort ... in Moskau?«

»Denn sonst, Bruder, riecht es. Sie aber liegt doch so ... Am Morgen, wenn es hell wird, sieh sie dir an. Was ist dir, kannst du nicht aufstehen?« fragte er, mit ängstlicher Verwunderung, als er sah, daß der Fürst so zitterte, daß er sich nicht vom Stuhle zu erheben vermochte.

»Die Füße versagen ...« murmelte der Fürst. »Das ist nur von der Angst, ich kenne das ... Wenn die Angst vergangen ist, werde ich auch aufstehen können ...«

»Dann bleib nur sitzen, ich werde inzwischen das Lager zurecht machen, dann kannst du dich gleich hinlegen ... und ich neben dir ... und dann können wir sehen ... Denn ich, Bruder, ich weiß noch nicht ... ich ... sieh, Bruder, ich weiß jetzt noch nicht alles, und so sage ich es auch dir im voraus, damit du das alles beizeiten erfährst ...«

Undeutlich diese rätselhaften Worte murmelnd, machte sich Rogoshin daran, das Lager herzurichten. Offenbar hatte er schon früher, vielleicht schon am Morgen, darüber nachgedacht, wie er das machen würde. Der Diwan war für zwei Personen zu schmal, er aber wollte nun einmal unbedingt Seite an Seite mit dem Fürsten liegen, und da schleppte er denn mit großer Mühe die schweren Polsterkissen durch das ganze Zimmer, dicht an den Eingang zum Schlafzimmer, schleppte noch andere Kissen herbei, Kissen von verschiedener Größe. Als das Lager fertig war, trat er an den Fürsten heran, faßte ihn mit rührender Zartheit unter den Arm und führte ihn stolz und froh zu seinem Lager. Übrigens konnte der Fürst schon allein gehen. »Die Angst war also vergangen.« Doch fuhr er fort, zu zittern.

»Denn sieh, Bruder,« begann plötzlich wieder Rogoshin, nachdem er den Fürsten zur Linken auf die besseren Kissen gebettet und sich selbst zur Rechten hingestreckt hatte, indem er beide Hände unter den Kopf schob, »bei der Hitze, weißt du, geht das schneller ... Die Fenster aufzumachen, fürchte ich mich. Aber, weißt du, bei meiner Mutter sind viele Blumen, sie blühen jetzt gerade und haben solch einen wundervollen Duft, ich dachte schon daran, sie herzubringen, aber die Pafnutjewna hätte Verdacht geschöpft, sie ist sehr neugierig.«

»Ja, sie ist sehr neugierig,« wiederholte der Fürst.

»Oder soll ich viele, viele Buketts kaufen, und sie ganz mit Blumen umstellen? Ich denke aber, es wird traurig sein, so in Blumen!«

»Hör' ...« begann der Fürst, als suche er nach einem Gedanken, als wisse er nicht, was er eigentlich fragen wollte, oder als vergesse er immer wieder, was es war. »Hör' ... ja sag' mir: womit hast du sie denn ...? Mit einem Messer? Mit demselben?«

»Mit demselben ...«

»Wart'! Ich will dich noch fragen, Parfen ... ich werde dich noch vieles fragen, ich will alles wissen ... aber du sag' mir zuerst, ganz zuerst, damit ich es weiß: wolltest du sie vor meiner Hochzeit, vor der Trauung, in der Kirche ermorden, mit dem Messer erstechen? Wolltest du es, oder wolltest du es nicht?«

»Ich weiß nicht, ob ich es wollte ...« antwortete Rogoshin trocken, als hätte er sich über die Frage ein wenig gewundert und sie nicht ganz begriffen.

»Hast du das Messer niemals nach Pawlowsk mitgenommen?«

»Nein, niemals. Von diesem Messer kann ich dir nur das sagen, Lew Nikolajewitsch,« fuhr er nach kurzem Schweigen fort: »Ich habe es aus einem verschlossenen Schubfach heute morgen herausgenommen, denn das Ganze geschah am Morgen zwischen drei und vier. Es lag bei mir in dem Buch ... Und ... und ... und sieh, was mich wundert: das Messer ging auf anderthalb ... oder sogar auf zwei Zoll hinein ... gerade unter der linken Brust ... Blut aber floß im ganzen nur so ein halber Eßlöffel aufs Hemd, nicht mehr.«

»Das, das, das,« begann plötzlich der Fürst, indem er sich in furchtbarer Erregung aufzurichten begann, »das, das, ich weiß, das, ich habe davon gelesen ... innere Verblutung wird das genannt ... Es kommt sogar vor, daß kein einziger Tropfen Blut herausfließt. Das ist dann, wenn der Stoß gerade ins Herz geht ...«

»Scht! -- Hörst du?« unterbrach ihn Rogoshin hastig, indem et sich erschrocken aufrichtete. »Hörst du?«

»Nein!« sagte ebenso schnell und erschrocken der Fürst und sah Rogoshin an.

»Jemand geht! Hörst du? Im Saal ...«

Beide begannen zu lauschen.

»Ich höre,« flüsterte der Fürst überzeugt.

»Man geht?«

»Ja, man geht!«

»Soll ich die Tür verschließen?«

»Ja, verschließ' ...«

Rogoshin verschloß die Tür und wieder legten sie sich beide hin. Lange Zeit schwiegen sie.

»Ach, ja!« begann der Fürst, sich plötzlich aufrichtend, in demselben aufgeregten, schnellen Geflüster, als habe er endlich einen Gedanken erfaßt und fürchte nun, ihn wieder zu vergessen. »Ja ... ich wollte doch ... diese Karten! die Karten ... Du sollst doch mit ihr Karten gespielt haben?«

»Ja,« sagte Rogoshin nach einigem Schweigen.

»Wo sind denn ... die Karten?«

»Hier ...« sagte Rogoshin nach noch längerem Schweigen, zog aus der Tasche ein gebrauchtes, in Papier gewickeltes Spiel Karten hervor und reichte es dem Fürsten. »Da ...«

Der Fürst nahm es zögernd, als begriffe er nicht, weshalb man es ihm reichte. Ein neues, trauriges, trostloses Gefühl schnürte ihm das Herz zusammen; doch plötzlich begriff er, daß er schon lange gar nicht davon sprach, wovon er sprechen wollte, und immer nicht das tat, was er tun müßte, und daß diese Karten, die er jetzt in der Hand hielt, und über die er sich so gefreut hatte, jetzt nichts, nichts mehr ändern konnten. Er stand auf und rang die Hände. Rogoshin blieb unbeweglich liegen und schien den Fürsten weder zu sehen noch zu hören; seine Augen aber glänzten hell im Dunkel und waren ganz offen und unbeweglich. Der Fürst setzte sich auf einen Stuhl und sah ihn angstvoll an. Wohl eine halbe Stunde verging so. Plötzlich lachte Rogoshin laut auf, es war ein fast schreiendes, abgerissenes Lachen -- als hätte er ganz vergessen, daß er nur flüsternd sprechen durfte:

»Den Offizier, den Offizier ... weißt du noch, wie sie den Offizier mit der Peitsche schlug, beim Konzert, weißt du noch, ha ha ha! Und der Kadett ... Kadett ... Kadett sprang noch hinzu.«

Der Fürst schnellte erschrocken vom Stuhle empor. Als Rogoshin verstummt war -- ebenso plötzlich, wie er aufgelacht hatte --, beugte sich der Fürst leise über ihn, setzte sich neben ihm nieder und begann mit stark klopfendem Herzen, schwer atmend, sein Gesicht zu betrachten. Rogoshin wandte den Kopf nicht zu ihm und schien ihn sogar völlig vergessen zu haben. Der Fürst sah ihn an und wartete. Die Zeit verging. Die Nacht wurde heller. Rogoshin begann von Zeit zu Zeit irgendwelche Worte zu murmeln, leise, laut, schroff hervorstoßend, zusammenhanglos, begann schließlich laut aufzuschreien und zu lachen. Dann streckte der Fürst jedesmal seine zitternde Hand aus und berührte leise seinen Kopf, seine Haare, streichelte sie und streichelte seine Wangen ... das war alles, was er tun konnte! Er selbst begann wieder zu zittern und plötzlich empfand er auch wieder das Schwächegefühl in den Beinen. Irgendein ganz neues Gefühl quälte sein Herz mit unendlicher Sehnsucht. Der Morgen brach an; da beugte er sich endlich in völliger Erschöpfung und Verzweiflung auf das Kissen nieder und schmiegte sich mit seinem Gesicht an das bleiche, unbewegliche Antlitz Rogoshins. Tränen flossen aus seinen Augen auf Rogoshins Wangen -- doch wird er wohl kaum seine Tränen gefühlt haben und vielleicht wußte er von nichts mehr ...

Wenigstens fand man, als nach mehreren Stunden die Tür gewaltsam geöffnet wurde und Leute eindrangen, den Mörder bewußtlos und im Fieber. Der Fürst aber saß unbeweglich neben ihm. Und jedesmal, wenn der Kranke einen Schrei ausstieß oder zu phantasieren begann, beeilte er sich, wieder mit zitternder Hand sein Haar und seine Wangen zu streicheln, wie um ihn zu beruhigen und zu liebkosen. Doch er begriff nichts mehr, begriff nicht, was man ihn fragte, und von den Eingetretenen, die ihn umgaben, erkannte er keinen einzigen. Wenn Professor Schneider jetzt selbst aus der Schweiz gekommen wäre, um seinen einstigen Schüler und Patienten zu sehen, so würde er, der ihn einmal vor der Heilung in den Stunden nach einem Anfall gesehen hatte, wieder nur mit der Achsel gezuckt und wie damals gesagt haben: »Ein Idiot!«

XII. Schluß.

Die Lehrerswitwe war, der Verabredung gemäß, nach Pawlowsk gefahren und hatte sogleich Darja Alexejewna, die sich von der Aufregung noch ganz krank fühlte, in ihrem Hause aufgesucht und durch die Mitteilung alles dessen, was sie wußte, in große Angst versetzt. Beide Damen hatten sich dann nach kurzer Beratung zu Lebedeff begeben, der sich als ergebener Freund und Hauswirt des Fürsten gleichfalls beunruhigt fühlte. Nachdem dann noch Wjera alles erzählt hatte, was sie über die Abfahrt des Fürsten erzählen konnte, waren die beiden Damen und Lebedeff nach Petersburg gefahren, auf Lebedeffs Rat, um »eventuell noch zu verhüten, was sehr leicht geschehen könnte«. So kam es, daß am nächsten Morgen schon um elf Uhr die Tür zur Wohnung Rogoshins auf Veranlassung der Polizei in Anwesenheit Lebedeffs, der beiden Damen und des älteren Bruders von Rogoshin, Ssemjon Ssemjonytsch Rogoshin, der den Seitenflügel des Hauses bewohnte, aufgebrochen wurde. Das polizeiliche Vorgehen wurde wesentlich beschleunigt durch die Aussage des Hausknechts, der am Abend vorher gesehen hatte, wie Parfen Ssemjonytsch mit einem Gast ins Haus eingetreten, und ganz leise die Treppe hinaufgegangen war. Nach dieser Aussage hatte man nicht länger gezögert die Tür mit Gewalt aufzubrechen.

Rogoshin lag zwei Monate an einer Gehirnentzündung danieder. Als er gesund geworden war, kam sein Prozeß zur Verhandlung. Seine Aussagen waren klar, genau, unzweideutig und genügten vollkommen, so daß der Fürst auf Grund derselben ohne weiteres von der Untersuchung ausgeschlossen wurde. Bei der Gerichtsverhandlung war Rogoshin im übrigen schweigsam. Er widersprach zwar nicht seinem Verteidiger, der geschickt, klar, logisch und beredt zu beweisen suchte, daß der Mord von ihm in bereits unzurechnungsfähigem Krankheitszustande verübt worden sei und daß man ihn eigentlich nur als Folge der Gehirnentzündung, die bereits früher begonnen habe, betrachten müsse; doch fügte Rogoshin von sich aus nichts hinzu, was die Richtigkeit dieser Annahme bestätigen konnte, und auf die an ihn gestellten Fragen antwortete er wieder klar, bestimmt, und durchaus bemüht, sich aller Einzelheiten des Geschehenen zu entsinnen. Er wurde unter Annahme mildernder Umstände zu fünfzehn Jahren Zwangsarbeit nach Sibirien verbannt. Wortlos, mit fast strenger Miene, vernahm er sein Urteil, »wie in Gedanken versunken«, erzählte man. Sein ganzes, großes Vermögen, von dem er, im Verhältnis gesprochen, nur einen kleinen Teil verschwendet hatte, ging auf seinen Bruder Ssemjon Ssemjonytsch über, zur nicht geringen Zufriedenheit dieses letzteren. Die Mutter Rogoshins lebte nach wie vor in ihrer stillen Wohnung, und mitunter scheint es, als gedenke sie ihres geliebten Sohnes Parfen, doch sind ihre Gedanken wohl nur unklar: Gott hat ihren Geist und ihr Herz davor bewahrt, das Entsetzen, das ihr trauervolles Haus heimgesucht, in seiner ganzen Größe zu erfassen.

Lebedeff, Keller, Ganjä und Ptizyn und noch viele andere Personen, die wir kennen gelernt haben, leben gleichfalls in alter Weise weiter, haben sich wenig verändert -- daher läßt sich auch nichts Besonderes über sie berichten. Hippolyt starb etwas früher, als er erwartet hatte, etwa zwei Wochen nach dem Tode Nastassja Filippownas. Er soll vorher entsetzlich aufgeregt gewesen sein. Koljä war durch die Ereignisse tief erschüttert. In der Folge traten er und seine Mutter sich bedeutend näher, ja er schloß sich sogar ganz an sie an. Nina Alexandrowna ist recht besorgt um ihn: sie findet ihn zu nachdenklich für seine Jahre. Vielleicht aber wird aus ihm doch noch einmal ein tätiger und tüchtiger Mensch. Zum Teil ist es auch auf seine Bemühungen zurückzuführen, daß für das weitere Schicksal des Fürsten gesorgt wurde. Unter all seinen neuen Bekannten hatte ihm am meisten Jewgenij Pawlowitsch Radomskij gefallen; zu diesem hatte er sich denn auch sogleich aufgemacht und ihm das Ereignis mitgeteilt, sowie alles Nähere, was er selbst über den Zustand des Fürsten wußte. Seine Erwartung täuschte ihn nicht: Jewgenij Pawlowitsch nahm den lebhaftesten Anteil am traurigen Schicksal des armen »Idioten«, und dank seiner Bemühungen kam der Fürst wieder in die Schweiz zu Professor Schneider, der ihn von neuem in seine Heilanstalt aufnahm. Jewgenij Pawlowitsch begab sich ins Ausland. Er hatte sogar die Absicht, recht lange in »Europa« zu bleiben, da er sich selbst ganz offen einen »in Rußland vollkommen überflüssigen Menschen« nannte. Seinen kranken Freund besucht er ziemlich oft, wenigstens ein paarmal im Jahre. Professor Schneider macht aber, wenn er nach der Genesungsmöglichkeit seines Patienten gefragt wird, eine immer bedenklichere Miene, schüttelt den Kopf und deutet an, daß es diesmal wohl eine vollständige Zerrüttung der Verstandeskräfte sei; zwar redet er nicht von Unheilbarkeit, äußert aber doch die traurigsten Mutmaßungen. Jewgenij Pawlowitsch nimmt sich das sehr zu Herzen -- und er hat ein Herz, was allein schon durch den einen Umstand bewiesen wird, daß er von Koljä Briefe erhält, und diese Briefe hin und wieder sogar beantwortet. Außerdem aber haben wir noch etwas sehr Seltsames über ihn erfahren, und da dieses Seltsame ein guter Charakterzug ist, so sei es hier mitgeteilt: Jewgenij Pawlowitsch schreibt nämlich nach seinen Besuchen in der Heilanstalt des Professor Schneider außer an Koljä regelmäßig noch einen Brief nach Petersburg, der den ausführlichsten Bericht über den Zustand des Fürsten enthält. Doch außer diesen Berichten und der höflichsten Versicherung seiner Hochachtung, finden sich in diesen Briefen mitunter -- und zwar immer häufiger -- auch einige Darlegungen seiner Anschauungen, Begriffe, Gefühle, und diese werden mit jedem Brief sogar immer länger. Mit einem Wort, es beginnt in ihnen etwas durchzublicken, das an freundschaftliche oder noch innigere Gefühle gemahnt. Die Person aber, an die Jewgenij Pawlowitsch diese Briefe schreibt -- natürlich tut er es immerhin noch ziemlich selten -- und die seine Aufmerksamkeit und Achtung in so hohem Maße gefesselt und erworben hat, ist Wjera Lebedewa. Leider ist es uns nicht möglich gewesen, Näheres darüber zu erfahren, wie sich diese Beziehungen haben anknüpfen können, doch nehmen wir an, daß es wohl infolge des Unglücks gewesen sein wird, das den Fürsten betroffen hatte. Wjera war durch das Geschehnis zunächst so erschüttert, daß auch sie erkrankte. Doch wie gesagt -- bei welcher Gelegenheit sie sich näher getreten sind, wissen wir nicht. Im übrigen haben wir dieser Briefe auch deshalb Erwähnung getan, weil einzelne von ihnen Mitteilungen über Jepantschins und namentlich über Aglaja Iwanowna enthalten. In einem ziemlich krausen Brief aus Paris teilte er mit, daß diese zu einem polnischen Grafen und Emigranten eine große Neigung gefaßt und ihn bald darauf geheiratet habe, sehr gegen den Wunsch ihrer Eltern, die, wenn sie auch schließlich ihre Einwilligung gegeben, es nur deshalb getan hätten, weil es sonst zu einem vielleicht aufsehenerregenden Skandal gekommen wäre. Im nächsten Brief, den Wjera nach etwa einem halben Jahre erhielt, schrieb Jewgenij Pawlowitsch -- es war wieder ein langer, ausführlicher Brief -- daß er während seines letzten Aufenthaltes in der Schweiz bei Professor Schneider mit Jepantschins und dem Fürsten Sch. zusammengetroffen sei. Das Wiedersehen mußte, so wie er es schilderte, ein sehr seltsames gewesen sein: alle hatten ihn fast begeistert empfangen, Alexandra und Adelaida hatten sich ihm sogar zu heißem Dank verpflichtet gefühlt für alles Gute, das er dem Fürsten erwies, und für seine »rührende Sorge um ihn«. Lisaweta Prokofjewna hatte beim Anblick des armen Fürsten in seinem kranken, erniedrigenden Zustande bitterlich zu weinen begonnen. Offenbar hatte sie ihm längst alles verziehen. Fürst Sch. hatte bei der Gelegenheit ein paar gute Gedanken ausgesprochen. Wie es Jewgenij Pawlowitsch geschienen, hätte sich das junge Ehepaar noch nicht so ganz harmonisch verbunden gefühlt, doch wäre es vorauszusehen, daß Adelaidas lebhaftes, mitunter recht feuriges Temperament sich mit der Zeit freiwillig und von Herzen der geistigen Überlegenheit und Erfahrenheit des Fürsten anpassen und unterordnen würde. Hinzu kam noch, daß die Lehren, die die Familie in letzter Zeit erhalten hatte, für sie unvergeßlich waren, so vor allem das letzte Erlebnis Aglajas mit dem polnischen Grafen. Alles, was man befürchtet, als man die Einwilligung zur Heirat Aglajas mit diesem Grafen verweigert hatte, war schon nach wenigen Monaten, nach kaum einem halben Jahre, in Erfüllung gegangen, und dazu noch mit solchen Überraschungen, daß man an die leidigen Tatsachen fast immer noch nicht glauben wollte. Es hatte sich nämlich herausgestellt, daß der emigrierte Graf zwar ein Emigrant, deshalb aber noch längst kein Graf war, seine Vergangenheit vielmehr etwas sehr Dunkles und Zweideutiges hatte. Aglaja hatte er durch die »seltene Vornehmheit seiner von Heimweh nach dem Vaterlande sich verzehrenden Seele« gefesselt und bezaubert, und das in solchem Maße, daß sie bereits vor der Heirat Mitglied irgendeines Emigrantenkomitees geworden war, das sich die Wiederherstellung des Königreichs Polen zum Ziel gesetzt hatte. Überdies war sie noch in den Beichtstuhl irgendeines berühmten Jesuitenpaters geraten, der ihren Geist bis zum Wahnsinn zu beeinflussen wußte. Das riesige Vermögen des Grafen, von dem er Lisaweta Prokofjewna und dem Fürsten Sch. erzählt und für das er ihnen fast unantastbare Beweise geliefert hatte, war nichts als Schwindel gewesen. Außerdem war es ihm mit Hilfe seines Freundes, des Jesuitenpaters, in dieser kurzen Zeit gelungen, Aglaja vollständig mit ihrer Familie zu entzweien, so daß die Mutter und Geschwister sie schon seit mehreren Monaten nicht gesehen hatten ... Kurzum, erzählen ließe sich noch manches, doch hatten Lisaweta Prokofjewna, ihre Töchter und Fürst Sch. schon so viel unter diesem »Schrecken« gelitten, daß sie im Gespräch mit Jewgenij Pawlowitsch fast angstvoll gewisse Dinge zu umgehen gesucht hatten, zumal sie wußten, daß er ohnehin über die letzten Verirrungen Aglaja Iwanownas gut unterrichtet war. Die arme Lisaweta Prokofjewna wäre gern sogleich nach Rußland zurückgekehrt: nach dem Bericht Jewgenij Pawlowitschs habe sie sehr parteiisch, fast sogar erbittert alles Ausländische kritisiert. »Nicht einmal Brot verstehen sie zu backen, den Winter über frieren sie wie die Mäuse im Keller!« habe sie ganz erbost gesagt. »Hier habe ich mich doch wenigstens über diesen Armen auf gut Russisch ausweinen können,« habe sie hinzugefügt, erregt auf den Fürsten weisend, der keinen von ihnen erkannt hatte. »Aber jetzt hat man sich genug hinreißen lassen, es ist Zeit, endlich wieder vernünftig zu werden! Und all das hier, euer ganzes Europa, alles das ist nur Phantasie, und wir Russen, wir alle hier im Auslande, sind nichts als Phantasie ... behaltet meine Worte, ihr werdet es selbst sehen!« habe sie sich beim Abschied von Jewgenij Pawlowitsch fast zornig geäußert.

Fußnoten

[1] Diminutiv von Ssemjon. E. K. R.

[2] Alexander. E. K. R.

[3] Abkürzung von Gawrila (Gabriel). E. K. R.

[4] Abkürzung von Nastassja. E. K. R.

[5] Lust. E. K. R.

[6] Chanat Kiptschak, dessen tatarische Fürsten in der Stadt Ssarai an der Achtuba (unteren Wolga) lebten und sich von den russischen Teilfürsten nach deren Unterwerfung Tribut zahlen ließen. E. K. R.

[7] Abkürzung von Warwara. E. K. R.

[8] Berühmter Chirurg. E. K. R.

[9] In Rußland übliche Benennung des Portiers, der in reicheren Häusern beständig an der Tür sitzt und den Eintretenden öffnen muß. E. K. R.

[10] Hauptmannsfrau. E. K. R.

[11] Landsitz, Sommervilla mit dazugehörigem Garten. E. K. R.

[12] Vornehmer Villenort in der Nähe von Petersburg. E. K. R.

[13] Mit zwei Fingern bekreuzen sich nur die Altgläubigen. E. K. R.

[14] Brüderschaft schließen. E. K. R.

[15] Öffentlicher Garten in Petersburg. E. K. R.

[16] Ein Stadtteil in Petersburg jenseits der Newa. E. K. R.

[17] Verbrecher, auf deren Mordtaten Lebedeff seine Behauptungen stützt, und deren Prozesse damals allgemeines Aufsehen erregten. E. K. R.

[18] Zitat aus der Komödie »Unglück durch Verstand« von Gribojedoff. E. K. R.

[19] Diminutivform von Lew. E. K. R.

[20] In Gribojedoffs Komödie »Unglück durch Verstand« drückt eine der Hauptpersonen (der alte Famussoff), nachdem das »Unglück« geschehen ist, seine größte Sorge in dem Stoßseufzer aus:

»Mein Gott, was wird jetzt sagen Die Fürstin Maria Alexejewna!«

E. K. R.

[21] Die Hauptmahlzeit wird in Rußland gewöhnlich um sechs Uhr eingenommen. E. K. R.

[22] Sommerkonzerte bei Petersburg. E. K. R.

[23] Njänjä = Kinderfrau. E. K. R.

[24] Entspricht dem westeuropäischen Fasching. E. K. R.

[25] Stadtteil auf einer Insel in Petersburg. E. K. R.

[26] Berge bei Moskau. E. K. R.

[27] Hauptfigur in Gogols Lustspiel »Die Heirat«, ein ältlicher Junggeselle, der sich schließlich dank tatkräftiger Unterstützung seiner Freunde und Bekannten verlobt, dann aber, kurz vor der Trauung, durch das Fenster entflieht und die Braut im Stich läßt. E. K. R.

[28] Typ in Gogols »Newskij Prospekt«. E. K. R.

[29] Kapiton (familiär Kapitoschka) -- russischer Vorname. E. K. R.

[30] Stadtteil von Petersburg. E. K. R.

[31] Kartenspiel, ähnlich dem deutschen Schafskopf. E. K. R.

[32] Eine Deßjätine entspricht ungefähr einem Hektar. E. K. R.

[33] Die Anhänger dieser Sekte verwerfen die Sakramente, die Geistlichkeit und die Kirche, beobachten jedoch äußerlich den Ritus der griechischen Kirche. In ihren geheimen Versammlungen geißeln sie sich drehend und singend, bis sie halb bewußtlos werden und in diesem Zustande zu wahrsagen beginnen. Eine der ältesten Sekten Rußlands. E. K. R.

Übersetzung französischer Textstellen

{[1]} Handelsreisender

{[2]} wie das Lumpengesindel

{[3]} Vorab bemerkt.

{[4]} Mein Mann irrt sich

{[5]} sich irren

{[6]} das ist falsch

{[7]} Das ist neu!

{[8]} zum Zeitvertreib

{[9]} kleines Spiel

{[10]} Scham des Reichtums

{[11]} so viel Geist

{[12]} Die Kameliendame

{[13]} in Mode

{[14]} der jüngere

{[15]} Meisterwerk

{[16]} von echter Abstammung

{[17]} den Hof machen

{[18]} Kamelienherr

{[19]} meine Cousine

{[20]} Zeremonieller Mogenempfang, wörtlich: Aufstehen des Königs.

{[21]} Elend

{[22]} Augenblick

{[23]} zur rechten Zeit

{[24]} wie es sich gehört

{[25]} Lieber Prinz

{[26]} Lebemann

{[27]} viel Glück!

{[28]} Nach mir die Sintflut.

{[29]} die Extreme berühren sich

{[30]} Oh, wird deine heilige Schönheit erkannt / So viele Freunde hören meinen Abschied nicht! / Mögen sie tagelang sterben, ihr Tod betrauert werden. / Möge ein Freund ihre Augen schließen!

{[31]} Du hast es gewollt, George Dandin!

{[32]} Was für ein aufgeweckter Junge! Wer ist dein Vater?

{[33]} Ah, der Sohn eines Bojaren und tapfer dazu! Ich liebe die Bojaren. Magst du mich, Kleiner?

{[34]} der kleine Bojar

{[35]} Feldzug von 1815

{[36]} Rat des Löwen

{[37]} Bah! Er wird abergläubisch!

{[38]} der König von Rom

{[39]} Also ein kleines Mädchen.

{[40]} Lüge niemals! Napoleon, dein aufrichtiger Freund.

{[41]} Aber, mein Gott!

{[42]} Brüderlichkeit oder Tod!

{[43]} Das ist sehr seltsam und sehr ernst!

{[44]} Lass ihn reden

{[45]} Wirklich?

Anmerkungen zur Transkription

Die »Sämtlichen Werke« erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und Ausgaben 1906--1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert nach:

F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke. Erste Abteilung: Dritter Band. Erste Abteilung: Vierter Band. Der Idiot R. Piper & Co. Verlag, München, 1918. Sechste bis achte Auflage

Für diese ebook-Ausgabe wurden der dritte und der vierte Band vereinigt. Band 4 beginnt mit »Dritter Teil«. Zwischen Band 3 und Band 4 (zwischen den Seiten 628 und 653) gibt es eine Lücke in der Seitennumerierung. Dabei handelt es sich lediglich um einen Fehler in den gedruckten Seitennummern, es fehlen keine Seiten.

Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der »Sämtlichen Werke« vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr, Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt nach der Titelseite eingefügt.

Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.

Die Bearbeiter haben diesem Text Übersetzungen der französischen Textstellen in Form von Fußnoten hinzugefügt und der public domain zur Verfügung gestellt.

Diese zusätzlichen Fußnoten sind mit { } markiert.

Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen (»«) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (><) eingeschlossen.

Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der Buchstabe »ä« (oder auch "jä") steht für den kyrillischen Buchstaben »ja«. Die Schreibweise häufig vorkommender russischer Namen wurde vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern):

Burdowskij (Burdowski) Ismailowskij (Ismailowsky) Jeropjegoff (Jeropjekoff) Parfen (Parfenn) Pjotr (Pjoter) Ptizyn (Ptizin) Ssemjonowitsch (Semjonowitsch) Timofej (Timofei) Tozkij (Totzkij)

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen oder des russischen Originaltextes, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

[S. 23]: ... zur Heiligen Verklärungskirche. Außer diesen äußerst ... ... zur Heiligen Verklärungskirche. Außer diesem äußerst ...

[S. 144]: ... einsamen Berge aufsuchte, um allein zu sein, begegneten ... ... einsamen Berge aufsuchte, um allein zu sein, begegnete ...

[S. 235]: ... Familie empfindet ... nun, und, versteht sich auf für ... ... Familie empfindet ... nun, und, versteht sich auch für ...

[S. 240]: ... sein kein origineller Mensch. Merken Sie sich, lieber ... ... sei kein origineller Mensch. Merken Sie sich, lieber ...

[S. 267]: ... rief seine Andeutung doch gewisses Erstaunen und ... ... rief seine Anmeldung doch gewisses Erstaunen und ...

[S. 301]: ... »Nastassja Filippowna!« sagte im beschwörendem, ... ... »Nastassja Filippowna!« sagte in beschwörendem, ...

[S. 603]: ... »Das ist es ja, weiß der Teufel, womit Sie einem ... ... »Das ist es ja, weiß der Teufel, womit Sie einen ...

[S. 698]: ... schien, wenn ihnen so viel Verehrer folgten. ... ... schien, wenn ihnen so viele Verehrer folgten. ...

[S. 753]: ... mich nun betrifft, als Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts, ... ... mich nun betrifft, als Mensch des neunzehnten Jahrhunderts, ...

[S. 771]: ... und dem zu sterben selbstverständlich nichts kostete. Ich ... ... und den zu sterben selbstverständlich nichts kostete. Ich ...

[S. 1193]: ... Stuhl und sah in angstvoll an. Wohl eine halbe ... ... Stuhl und sah ihn angstvoll an. Wohl eine halbe ...

[S. 1198]: ... armen »Idioten«, und dank seine Bemühungen kam ... ... armen »Idioten«, und dank seiner Bemühungen kam ...

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