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Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil (part 2 of 4)

Part 2 of 4 · Max Neuburger · Public domain text

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Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil (part 2 of 4)

~Das 10. Jahrhundert~, in welchem die bereits zur Blüte gebrachte arabische Kultur über die weite muslimische Welt vordrang, ein Zeitalter, dem ein Philosoph, wie al-Farabi, zahlreiche Mathematiker, Astronomen, Naturforscher und Geographen von glänzendem Namen angehörten, konnte auch für die Medizin nicht bedeutungslos sein, umsomehr als viele Gelehrte sich neben ihrem eigentlichen Fache auch der Heilkunde widmeten und im Umkreis der fürstlichen Gunst, abgesehen von den Bibliotheken, neue wissenschaftliche Pflegestätten in Form von ~Spitälern~ entstanden waren. In den volkreichen Städten entfaltete sich ein reiches ärztliches Leben, mächtig schwoll die medizinische Literatur an, längst von Uebersetzungen und Kommentaren zu selbständiger Bearbeitung (sogar einzelner Zweige)[58] übergehend, es fehlte auch nicht an neuen Errungenschaften in der speziellen Krankheitslehre, in der Diätetik und namentlich in der Arzneimittellehre, aber im ganzen überwog zu sehr die Tradition gegenüber der unbefangenen Beobachtung, die aus den Alten schöpfende Gelehrsamkeit gegenüber der nach neuer Erkenntnis verlangenden Wissenschaft, und nicht selten ertötete das, in Doktrinen schwelgende, Lehrertum den fragelustigen -- Forscher!

[58] Z. B. der Geburtshilfe und der Kinderkrankheiten.

In der medizinischen Literatur sind jetzt nicht mehr bloß Irak und Persien, sondern auch Aegypten, Maghrib und Spanien vertreten.

Weitaus die größte Bedeutung für das Gesamtgebiet der Heilkunde erlangte das umfassende Lehrbuch, welches der Perser •Ali Abbas•, der Leibarzt des Bujiden-Emirs Adhad ad-Daula schrieb und diesem Fürsten unter dem Titel ~al-Maliki~ (das königliche Buch) widmete. Wie der Verfasser selbst bemerkt, sollte das Werk die Mitte halten zwischen dem zu umfangreichen Continens und dem zu knappen Mansurischen Buche des Rhazes. Es zeichnet sich durch klare, übersichtliche, systematische Darstellung aus und repräsentiert das zeitgenössische Wissen in vollendeter Weise. Ali Abbas räumt zwar den Theoremen einen viel größeren Spielraum ein[59] als Rhazes, doch deuten nicht wenige Stellen seines Handbuchs darauf hin, daß er sich nicht nur auf die Literatur, sondern auch auf eigene Erfahrungen am Krankenbette stützte und im Rahmen des Herkömmlichen hier und da zu selbständigen Urteilen den Mut besaß; den jungen Aerzten riet er ausdrücklich, sich in den ~Spitälern~ Belehrung zu holen. Das Beste leistete er in der Diätetik und in der Arzneimittellehre.

[59] Abgesehen von anderen Spitzfindigkeiten achtete er sogar auf die Temperatur des Pulses. In der Einleitung macht er es dem Rhazes zum Vorwurf, daß er auf die allgemeinen Prinzipien zu wenig eingegangen sei.

Entsprechend der, in Persien erwachten nationalen Bewegung, welche in Firdusis Schâhnâmeh ihren herrlichsten Ausdruck fand, entwickelte sich auch eine ~medizinische Literatur in neupersischer Sprache~, natürlich im engen Anschlusse an die arabische. Das älteste Denkmal derselben ist die Arzneimittellehre des •Abu Mansur Muwaffak• (in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts verfaßt), welche durch die ~Verbindung gräko-arabischer mit indischer Wissenschaft~ höchst bemerkenswert ist.

Um die Verpflanzung der wissenschaftlichen Heilkunde nach Nordafrika erwarb sich insbesondere Ischak ben Amran Verdienste. Der anfangs in Aegypten, später in Kairowan tätige jüdische Arzt, •Isaac Judaeus•, hinterließ unter anderem Schriften über ~Diät~, über ~Fieber~, über den ~Harn~, welche sehr hoch bewertet wurden und später auf die Gestaltung der mittelalterlichen Medizin des Abendlandes nicht geringen Einfluß ausübten. Sein Schüler •Ibn al-Dschezzar• ist der Verfasser eines oft erwähnten „~Reisehandbuchs für Arme~” (vgl. S. 138).

Dem ~Isaac Judaeus~ wird eine deontologische Abhandlung „~Führung der Aerzte~” zugeschrieben, welche manch interessantes Streiflicht auf die ärztlichen Verhältnisse wirft und noch heute beherzigenswerte Ansichten vertritt. Es heißt darin: „Wer sich mit dem Durchbohren von Perlen beschäftigt, muß bedächtig dabei verfahren, um nicht durch seine Eile die Schönheit dieser Arbeit zu schädigen. Ebenso ziemt es demjenigen, der mit der Heilung menschlicher Leiber, welche die edelste aller Schöpfungen der irdischen Welt ausmachen, sich befaßt, daß er die ihm vorkommenden Krankheiten genau bedenke und seine Anordnungen nach reiflicher Ueberlegung achtsam treffe, damit er keinen unverbesserlichen Fehler begehe. Daher sagt der Weise: So du einen Arzt über jede Krankheit, über die du ihn befragst, sofort Auskunft erteilen und seiner Heilmethode sich noch rühmen siehst, so halte ihn für einen Toren. Ebensowenig wie der Arzt in seinem Vorgehen sich übereilen soll, darf er lässig und saumselig sein, da die meisten Krankheiten ihm dazu keine Zeit lassen. -- Die wichtigste Aufgabe des Arztes ist, Krankheiten zu verhüten. -- Die meisten Kranken genesen durch die Hilfe der Natur. -- Hast du die Wahl, durch Nahrungsmittel oder Arzneien zu heilen, so wähle stets die ersteren. -- Gebrauche stets nur eine einzige Arznei auf einmal. -- Achte wohl auf einfache, bis dahin dir nicht bekannte Heilmittel. -- Ebenso wie das Studium aller, über praktische Medizin verfaßten, Werke ist auch die Kenntnis des Einschlägigen aus den Prinzipien der Naturwissenschaft notwendig, von der die Medizin nur ein Zweig ist. Auch gilt es in den Methoden der Logik bewandert zu sein, um die als Aerzte geltenden Ignoranten zu widerlegen. -- Es gehört zum Charakter des Arztes, daß er in seiner Lebensweise mit einem beschränkten Maße gut bereiteter Speisen sich begnüge und kein Schlemmer und Prasser werde. Auch ist es beschämend für ihn, an einer langwierigen Krankheit zu laborieren, da sonst der Pöbel sagt: Wer sich selbst nicht heilt, wie wollte der andere heilen? -- Prophezeiungen und apodiktischen Aussprüchen verschließe deinen Mund; was du sprichst, soll meist hypothetisch gefaßt sein. -- Gib deinen Mund nicht dazu her, zu verdammen, wenn etwas einem Arzte zugestoßen, denn über jeden kommt seine Stunde. Dich sollen deine Taten preisen, nicht sollst du in anderer Schande deine Ehre finden. -- Laß dir den Besuch und die Heilung armer und dürftiger Kranker besonders angelegen sein, da du ein verdienstvolleres Werk nicht stiften kannst. -- ~Den Kranken sollst du beruhigen, wenn du auch selbst nicht davon überzeugt bist, da du damit die Natur unterstützest.~ -- Wenn der Kranke deinen Weisungen nicht Folge leistet oder seine Diener und Hausleute nicht rasch deinen Anordnungen nachkommen oder dir nicht gebührende Ehre erweisen, so gib die Behandlung auf. -- Dein Honorar von dem Kranken bestimme, wenn seine Krankheit im Zunehmen begriffen und am heftigsten ist; denn sobald er geheilt ist, vergißt er, was du an ihm geleistet hast. -- Je mehr du für deine Behandlung fordern, je teurer du deine Kuren ansetzen wirst, desto höher werden sie in den Augen der Leute steigen. Gering wird deine Kunst nur solchen erscheinen, mit denen du dich umsonst abgibst. -- Besuche den Kranken nicht zu oft und verweile bei ihm nicht zu lange, wenn nicht etwa die Behandlung es erfordert, denn immer nur der neue Anblick erfreut. -- Allzugroße Beschäftigung und Anstrengung schwächt die Kraft des Arztes und beeinträchtigt seinen Geist, da er stets für jeden Kranken nachdenklich und besorgt ist, seine Genesung erhofft und für ihn betet, wie wenn er sein Blutsverwandter wäre!”

Im Verhältnis zur Kulturhöhe, welche das maurische Spanien im 10. Jahrhundert erreichte (vgl. S. 153) ist die Zahl seiner wirklich bedeutenden medizinischen Autoren in dieser Zeitperiode noch gering. Auffallend -- und vielleicht nicht ohne Zusammenhang mit der nüchternen philosophischen Richtung -- ist es, daß man in einem gewissen Gegensatz zum Orient die ins Große und Ganze abschweifende medizinische Spekulation weniger pflegte, hingegen manche Spezialgebiete fleißig bearbeitete, so z. B. die medizinische Botanik und Arzneimittellehre, welche in dem Dioskurideserklärer ~Ibn Dscholdschol~ einen glänzenden Vertreter besaß[60]. Aus Spanien ging auch der größte chirurgische Schriftsteller der Araber hervor -- •Abulkasim•.

[60] Eine kulturhistorisch interessante Hinterlassenschaft dieser Epoche ist der sogenannte ~Kalender von Cordoba~ (arabisch mit hebräischen Lettern und lateinisch erhalten), welcher neben Astronomischem, Meteorologischem, Landwirtschaftlichem auch hygienisch-therapeutische Vorschriften für die einzelnen Monate enthält.

Ueber die äußeren Lebensumstände dieses Autors sind wir nur sehr dürftig unterrichtet. Er stammte aus Zahra (einer Sommerresidenz der Kalifen) bei Cordoba und soll Leibarzt des Hakam II. (vgl. S. 154) gewesen sein. Die Richtigkeit dieser Angabe vorausgesetzt, lebte er in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts. Als Todesjahr wird 1013 angegeben. Nach anderen wäre er aber ins 11. Jahrhundert zu verweisen.

~Die Chirurgie des Abulkasim~ bildet nur einen Teil seines großen allgemein ärztlichen Werkes ~al-Tasrif~[61] und lehnt sich stark an die Alten, namentlich Paulos an; eine Menge von eigenen Beobachtungen und kritischen Exkursen läßt aber erkennen, daß der Verfasser mitten in der chirurgischen Praxis stand und sichtlich bemüht war, die sehr tief gesunkene Wundarzneikunst wieder zu heben, die fast verschollenen Errungenschaften der griechischen Meister in Erinnerung zu bringen und fruchtbar zu machen. Dem didaktischen Zwecke sollten die, dem Werke beigegebenen, ~Abbildungen von chirurgischen Instrumenten~ dienen. ~Abulkasim~ hatte bei seinen Stammesgenossen nicht den erwarteten Erfolg, ihren geringen Bedürfnissen genügten die vorhandenen Handbücher der Medizin, wiewohl dieselben die Chirurgie in unvergleichlich geringerem Maße berücksichtigten -- die verdiente, verständnisvolle Würdigung fand sein Streben erst später im christlichen Abendlande, das den Ruhm des Cordobaners durch die Jahrhunderte trug und ihn dem Celsus und Paulos an die Seite stellte. Das Werk des Abulkasim wurde frühzeitig ins Lateinische[62] übersetzt und erweckte durch seine Ordnung und Klarheit ein günstiges Vorurteil für die arabische Literatur überhaupt. Es bildet die Hauptquelle für unsere Kenntnisse über die arabische Chirurgie und mancher ihrer Nebenzweige.

[61] Das Medizinische ist zum Teil aus dem Hawi des Rhazes geschöpft. Besonders bemerkenswert sind die Abschnitte über die Zubereitung der Arzneipräparate (der mineralischen hauptsächlich durch Sublimation). Bei der Destillation kam ein besonders konstruierter Ofen zur Verwendung, dessen Feuerungsmaterial sich automatisch ersetzte.

[62] Auch ins Hebräische und sogar ins Provenzalische.

Der Siegeskranz war einem anderen beschieden, der mehr als alle übrigen in seinem Schaffen den Wesenszug der arabischen Medizin -- ~die Assimilation des Fremdgutes und die Systematisierung des Erfahrungsmaterials~ -- zum höchsten Ausdruck zu bringen verstand -- •Avicenna•. Seine Monumentalgestalt erhebt sich am Ausgang des 10. Jahrhunderts ziel- und richtunggebend nicht nur für die anbrechende Epoche und den arabischen Kulturkreis, sondern für die Heilkunde überhaupt, alle Vorgänger (selbst Galen) verdunkelnd -- ein halbes Jahrtausend hindurch.

~Avicenna~ wurde im August des Jahres 980 zu ~Afschena~ (einem Flecken in Chorasan) geboren, kam aber noch in zarter Kindheit nach ~Bochara~, wo sein Vater ein hohes Staatsamt bekleidete. Dort, am Hochsitze der persoarabischen Kultur empfing er eine sehr sorgfältige Erziehung. Seine enorme Begabung verriet Avicenna schon sehr früh. Bereits im 10. Jahre wußte er den Koran auswendig, und die verschiedenen Lehrer, welche ihn in die Grammatik, Dialektik, Rechtswissenschaft, Mathematik, Physik und Philosophie einführten, vermochten kaum den Ansprüchen seines nach Wissen dürstenden Geistes zu entsprechen. Mehr als unter fremder Leitung suchte er selbständig durch unermüdliche Lektüre mit durchdringendem Scharfblick in die Tiefen der Wissenschaft einzudringen, wobei er seltene Fähigkeiten und erstaunlichen Eifer entwickelte; er gönnte sich nur wenig Schlaf, bekämpfte die Müdigkeit durch Waschen und geistige Getränke, und selbst in den Träumen beschäftigte sich das rege Gehirn mit schwierigen Problemen, deren Lösung suchend. In die Medizin, welche ihm verhältnismäßig leicht vorkam, wurde er besonders durch Abu Sahl el Messihi eingeführt, auch erwarb er sich auf diesem Gebiete einige Erfahrung durch Krankenbeobachtung. Als siebzehnjähriger Jüngling wurde er -- ein Beweis für den großen Ruf, den er sich früh erwarb -- bei einer Krankheit des Emirs Nuch ben Mansur zu einer Konsultation herangezogen, und der glückliche Erfolg der angeratenen Kur verhalf ihm zur unbeschränkten Benutzung der fürstlichen Bibliothek, was den weiteren intensiven Studien sehr zugute kam. Schon damals veröffentlichte er eine Reihe nichtmedizinischer Schriften[63]. Nach dem Tode seines Vaters, der ihm ein bedeutendes Vermögen hinterließ, begann für Avicenna ein sehr unstetes Wanderleben, indem er viele Jahre an den Höfen verschiedener persischer Dynasten zubrachte, als Staatsmann, als Arzt, Astronom, Lehrer und Schriftsteller, bis er endlich in ~Hamadan~ von Schems ed-Daula, dessen Gunst er durch eine erfolgreiche Behandlung gewann, zum Vezier ernannt wurde. Trotz der Staatsgeschäfte wußte er hier stets auch die Zeit für seine äußerst rege wissenschaftliche Tätigkeit zu finden, doch wurde er in politische Intrigen verwickelt, die ihn vorübergehend um seine Stellung und in Lebensgefahr brachten. Nach dem Tode des Schems ed-Daula geriet er nicht mit Unrecht in den Verdacht des Hochverrats und mußte mehrere Monate in Haft, auf einer Festung zubringen. Es gelang ihm jedoch in Verkleidung nach ~Ispahan~ zu entfliehen, wo er ehrenvolle Aufnahme am Hofe des (Ala ad-Daula) Ibn Kakujahs fand. Dort war es ihm gegönnt, sich vierzehn Jahre hindurch seiner Forscher- und Schriftstellertätigkeit, namentlich aber der Fertigstellung seiner medizinischen und philosophischen Hauptwerke (des ~Kanon~ und der philosophischen Enzyklopädie) widmen zu dürfen.

[63] Man vgl. hierin und in anderen Zügen der Frühreife die Aehnlichkeit mit Galen.

Uebermäßige geistige Anstrengung und Ausschweifungen in Baccho et Venere untergruben ein Leben, das voll von Arbeit und Genuß, reich an Exzentrizität in beiden, war. Den Entnervten raffte im 58. Jahre vorschnell eine Kolik hinweg (Juni 1037), als er seinen Fürsten auf einem Feldzuge nach ~Hamadan~ begleitete[64]. Daselbst ist noch heute ~Avicennas Grab~ zu sehen.

[64] Der Tod soll durch eine unzweckmäßige Selbstbehandlung beschleunigt worden sein. Deshalb sagt ein arabischer Dichter boshaft von Avicenna, seine Philosophie habe ihn nicht gute Sitten, und seine Heilwissenschaft habe ihn nicht die Kunst gelehrt, sich Gesundheit und Leben zu erhalten.

Avicenna soll 105 Schriften verschiedensten Inhalts, in arabischer und persischer Sprache, in Prosa und metrischer Gebundenheit, verfaßt haben, von den juristischen, mathematischen und astronomischen sind nur die Titel bekannt, von den philosophischen hat sich nur wenig, aber sehr Bedeutungsvolles in lateinischen Uebersetzungen erhalten, von den medizinischen ist leider seine ~Sammlung von eigenen Beobachtungen~, welche als Anhang zu den theoretischen Werken bestimmt war, noch vor der Veröffentlichung verloren gegangen. Sein reiches Schaffen erfolgte nicht in stiller Einsamkeit, sondern mitten im Lärm eines bewegten Lebens, von dem jeder Augenblick, der nicht dem Genuß diente, ausgenützt wurde. Am Tage besorgte Avicenna die Staatsgeschäfte oder übte seine Lehrtätigkeit aus, der Abend war den geselligen Genüssen der Freundschaft und der Liebe geweiht, und manche Nacht fand den Unermüdlichen schriftstellerisch tätig, das Schreibrohr zur Hand, den Becher zur Seite. Auf Reisen verfaßte er Auszüge und kleinere Schriften, auf der Festung schrieb er Gedichte und mystische Betrachtungen; hatte er die nötige Muße, so arbeitete er am Kanon der Medizin oder an der philosophischen Enzyklopädie. ~Avicennas Philosophie~ ist vorwiegend aristotelisch und beabsichtigt auf dem Wege des Rationalismus eine ~Versöhnung von Wissen und Glauben~ herbeizuführen. Charakteristisch für sie ist der Verzicht auf die Emanationslehre und die Herleitung der sinnlichen Welt aus der Gestaltung des ursprünglichen Stoffes. Dem ~Orient galt und gilt Avicenna noch heute als der Fürst der Philosophie~, obwohl sich anfangs gegen seinen Rationalismus von theologischer und mystisch-philosophischer Seite (Ghazzali) eine starke Reaktion geltend machte. ~Im Gedächtnis der Menschheit lebt er fort als Hauptrepräsentant der arabischen Medizin~ (neben Rhazes).

Der ungewöhnlich hohe, ja übermäßige Ruhm, welcher dem ~Avicenna~ von seinen Zeitgenossen und Nachfahren gespendet wurde[65], beruht weder auf bahnbrechenden neuen Erkenntnissen, noch auf praktischen Errungenschaften von besonderer Tragweite, sondern darauf, daß er mit kongenialem Assimilationsvermögen, mit bewundernswertem Organisationstalent die Quintessenz der gräko-arabischen Heilkunde in einem weitumfassenden, abgerundeten System zur Darstellung brachte, und hierdurch dem ärztlichen Denken und Handeln eine scheinbar für immer unverrückbare Grundlage gab.

[65] Es wurden ihm die Beinamen el Scheich, Arrajis, d. i. der Ehrwürdige, der Erhabene, der Fürst gegeben.

Dieses System, welches im engeren Anschluß an aristotelische Prinzipien und mittels kluger Benützung des, inzwischen bedeutend angewachsenen, Erfahrungsstoffes der Hauptsache nach den ~Galenismus~ allseitig bis in die geringsten Einzelheiten mit größter Klarheit durchführt, füllt das medizinische Hauptwerk Avicennas, den aus fünf Teilen bestehenden ~Kanûn~ (Kanon), dessen stolze Bestimmung -- das Gesetzbuch der Heilkunde zu werden -- schon im Titel ausgesprochen ist.

Der ungeheure Erfolg und die nachhaltige Wirkung des Kanon, welcher den Hawi des Rhazes, das königliche Buch des Ali Abbas, ja beinahe die galenischen Schriften fortan in den Schatten stellte, gründete sich vorzugsweise auf formale Momente, die glänzende, lichtvolle Schreibart, die musterhafte, weit- und tiefgreifende, doch immer leicht überblickbare Anordnung, die logische Konsequenz. Was bei Rhazes bloß als ein enormes, doch ungesichtetes Inventar vorliegt, bei Ali Abbas zwar nicht der Reichhaltigkeit und systematischen Ordnung, aber noch der vollkommenen theoretischen Ausgestaltung entbehrt, ist bei Avicenna zu einem großen einheitlichen, wie aus einem Guß entstandenen Ganzen geworden, das dem Leser in einem einzigen Werke entgegentritt, nicht wie bei Galen erst aus zahlreichen weitschweifigen Schriften mühsam zusammengelesen werden muß. ~Der Kanon bedeutet den Abschluß der gesamten vorausgegangenen Entwicklung, die endgültige Kodifizierung der gräko-arabischen Medizin.~ Es ist eine Hierarchie von Gesetzen, die durch Fakten reich illustriert werden, die so sinnreich einander über- und untergeordnet sind, einander stützen und tragen, daß man den Scharfsinn des großen Systematikers bewundern muß, der mit einem unerreichten Gruppierungsvermögen aus dem, von allen Seiten herbeigeschafften, Baumaterial ein imponierendes Truggebäude errichtete. In der Beleuchtung, die ihr Avicenna zu Teil werden läßt, gewinnt die medizinische Wissenschaft seiner Zeit den Anschein fast mathematischer Exaktheit, wird die Therapie, wiewohl auch die Empirie noch einigermaßen Würdigung findet, geradezu als logische Konsequenz aus theoretischen (galenisch-aristotelischen) Vordersätzen abgeleitet -- kann es da überraschen, daß die Mehrzahl der Forscher und Praktiker alsbald dem Zauber des vollendeten Formalismus anheimfiel und den Kanon wie ein untrügliches Orakel betrachtete, umsomehr als der logische Aufbau einwandsfrei war und die Prämissen im Rahmen der damaligen Naturanschauung als unwiderlegliche Axiome galten. Das Wunderwerk medizinischer Syllogistik, der Kanon, welcher in einer Zeit regeren Schaffens wenig beachtet worden wäre, wurde ein Markstein in der Geschichte der Heilkunde.

Avicenna verfügt meisterhaft über die Geste jener Pseudowissenschaftlichkeit, die sich über die schlichte Beschreibung des klinischen Tatsachenbefundes erhaben dünkt. Abgesehen von dem 1. Buche des Kanon, welches die allgemeinen Grundanschauungen enthält (wobei die galenischen ~Elementarqualitäten~, ~Säfte~, ~Komplexionen~ etc. und die aristotelischen ~Entelechieen~, ~Zweckursachen~ etc. die Hauptrolle spielen), wird jedes einzelne Kapitel der speziellen Pathologie und Therapie ~anatomisch-physiologisch~ eingeleitet. Die Anatomie ist aus Aristoteles und Galen geschöpft, in der Physiologie dominieren die ~Teleologie~ und die bis zur äußersten Subtilität ausgesponnene ~Kräftelehre~[66], doch geht Avicenna insofern über seine Vorgänger hinaus, als er häufig physiologische Vorgänge durch physikalische zu erklären sucht, die Pathologie wird von der ~Elementarqualitätentheorie und Pneumalehre~ beherrscht, die Diagnostik (Pulslehre, Uroskopie) ist nach gleichen Grundsätzen sehr spitzfindig dargestellt, die umfangreiche Arzneimittellehre beruht auf der Anwendung der Elementarqualitätenlehre und verrät keine besonderen naturgeschichtlichen Kenntnisse, die Chirurgie ist verhältnismäßig dürftig. Eine kurze, sehr übersichtliche Darstellung der Hauptlehren des Avicenna enthält seine Schrift „~Canticum~”.

[66] Vgl. hierzu S. 162. Die Kräftelehre macht sich z. B. in der Ernährungstheorie stark geltend, wobei das ~temporale~ Verhältnis, d. h. die einzelnen Phasen des Ernährungsprozesses, ~kausal~ ausgedrückt wurde. Zunächst sollte in den feinsten Gefäßenden aus dem Blute eine Feuchtigkeit abgesondert werden, die zu den feinsten gleichartigen Teilen gelange, aus dieser entstehe dann eine tauähnliche, endlich eine konsistentere Flüssigkeit, welche (von den Geweben) assimiliert werde. Für diese komplizierten Veränderungen setzte man eine eigene „~umwandelnde~” ~Kraft~ voraus. Bemerkenswert ist es, daß man eine aktive Attraktion des Nahrungsstoffes, eine spezifische Wahlanziehung und ein spezifisches Assimilationsvermögen in jedem Körperteile annahm (vgl. Canon Lib. I, Fen. I, Doctr. VI, cap. 2).

Um sich dem Banne, der von Avicenna ausging, entziehen zu können, dazu hätte die unbefangene klinische Beobachtung, wie sie durch Rhazes in so großzügiger Weise inauguriert worden war, einen Ausweg bieten können, aber das Gift, das benebelnd vom Kanon ausströmte, erweckte eine heute kaum mehr begreifliche Zuversicht zum Falschen und gewöhnte die überwiegende Mehrzahl der Aerzte, die Erscheinungen am Krankenbette nur durch die Brille vorgefaßter Theorien zu betrachten, nicht die Natur zu befragen, sondern Willkürkonstruktionen in sie hineinzutragen.

Voreilig aber wäre es, Avicenna kurzwegs mit seinen Nachbetern zusammenzuwerfen, denn der Kanon ergibt, auf seinen tatsächlichen Inhalt geprüft, manche Beweise von guter Beobachtung, er enthält treffliche Krankheitsbeschreibungen (namentlich der Haut-, Nerven-, Geistes- und Geschlechtsleiden), ausgezeichnete diätetische und bei allem Uebermaß sorgsam abwägende therapeutische Maßnahmen. Rühmenswert ist auch die Abneigung gegen die Astrologie. Und wenn auch dies alles kaum an die Leistungen des Ali Abbas, geschweige an die klinische Meisterschaft des Rhazes hinanreicht, so dürfen wir doch nicht außer acht lassen, daß diejenige Schrift, welche den wahren Maßstab für Avicenna als Praktiker geben würde, nicht auf die Nachwelt gekommen ist -- seine als Anhang zum System bestimmten eigenen Beobachtungen.

Der gewaltige Einfluß, den Avicenna auf die Weiterentwicklung der Medizin ausgeübt hat, bestand aber unleugbar darin, daß fortan in den arabischen Schulen, wenigstens des Ostens, ~jene Richtung~ triumphierte, ~welche dem Einzelgeschehen nur so weit Interesse zuwandte, insofern es aus den herkömmlichen allgemeinen Prinzipien ableitbar erschien, hingegen die Beobachtung der konkreten Erscheinungen an sich, vernachlässigte~.

Ganz dasselbe macht sich in der arabischen Philosophie des Ostens nach ~Farabi~ und ~Avicenna~ bemerkbar; die in Rhazes und den „lauteren Brüdern” gipfelnde Naturphilosophie mußte allmählich der streng logischen Richtung weichen, welche in abstrakten Distinktionen und Wortspielereien das Um und Auf erblickte. Nach Avicenna wagte niemand mehr mit selbständigen philosophischen Anschauungen hervorzutreten, es kam die Zeit der Kommentare und Kompendien, der Glossen und Superglossen.

Aber noch mehr, ~der Kanon zog nicht nur von der unbefangenen klinischen Beobachtung und eigenen Untersuchung ab, sondern auch vom Studium der antiken Literatur~, schien er doch, als höchste wissenschaftliche Konzentration, dasselbe nunmehr völlig überflüssig gemacht zu haben. Und so wurde es denn für die Besten in der Folgezeit zur Losung, ~Avicenna zu kommentieren, zu kompilieren~, ihn, der selbst im Grunde seines Wesens, trotz allen täuschenden Schimmers, nichts anderes gewesen, als ein geistvoller ~Kommentator~, ein vielgewandter ~Kompilator~!

Im Orient kam es über Avicenna hinaus zu keinem Fortschritt im großen, wohl aber traten noch im 11. Jahrhundert und später manche treffliche Bearbeiter einzelner Spezialgebiete auf.

Diese Erscheinung entspricht in gewisser Hinsicht der glänzenden Vertretung, welche gerade um diese Zeit die mathematisch-physikalischen Spezialzweige (~Ibn al-Haitam~, vgl. S. 158) und die beschreibende Naturwissenschaft (~al-Biruni~, jüngerer Zeitgenosse Avicennas, vgl. S. 159) fanden[67].

[67] ~Biruni~ (973-1048), ein eminenter Polyhistor und positivistischer Philosoph, beschäftigte sich mit Mathematik, Astronomie, Länder- und Völkerkunde, Geschichte und Medizin. Er soll lange Zeit in Indien gelebt und daselbst wissenschaftliche Studien gemacht haben. In einem allgemein naturgeschichtlichen und in einem (noch erhaltenen) Werke über die Steine, besprach er auch Medizinisches.

Von größerer Bedeutung wurden namentlich die augenärztlichen Schriften des ~Ali ben Isa~ (•Jesu Haly•) und ~'Ammar ben Ali al-Mausili~, die synoptischen Tabellenwerke des •Ibn Botlan• (über Diätetik) und des •Ibn Dschezla• (über ~Nosologie und Therapie~), der Kommentar des ~Ali ben Ridhwan~ (•Ali Rodoam•) zu Galens ars parva, die Arzneimittellehre (Liber de medicamentis simplicibus) des •Serapion• (d. ~Jüngern~). Zweifelhaft ist es, ob die pharmakologisch-pharmazeutischen Werke des •„Mesue”• (d. ~Jüngeren~) der arabischen Literatur zugerechnet werden dürfen; sie sind bloß lateinisch erhalten, und man vermutet, daß sich unter dem Namen „Mesue” ein lateinisch schreibender Autor des 11. oder 12. Jahrhunderts verbirgt, welcher seinen Schriften leichter Eingang verschaffen wollte. Immerhin tragen sie das Gepräge der arabischen Epoche und vermittelten -- insbesondere das ~Antidotarium s. Grabadin~ -- arabische Arzneimittelkenntnis und Apothekerkunst dem Abendlande.

Den Ausgaben der Opera Mesuës ist gewöhnlich als Anhang (in lat. Uebersetzung) ein Abschnitt aus dem Werke des ~Ibn Wafid~ (•Abenguefit•) ~über die einfachen Arzneimittel~ beigefügt; dieser hervorragende Toledaner Arzt repräsentiert die mehr dem Tatsächlichen zustrebende medizinische Richtung des islamischen Westens in mustergültiger Weise.

~Im 12. Jahrhundert~ -- im Zeitalter der Kreuzzüge und der Seldschukenherrschaft -- beginnt die arabische Medizin im Osten von ihrer Höhe herabzusinken, wenn auch die literarische Produktion fortdauernd eine reiche und vielseitige bleibt. Zwar bestanden die alten Zentren (Bagdad, Damaskus, Kairo, Bochara, Samarkand u. a.) noch fort, zwar wurden der ärztlichen Wissenschaft noch immer durch Gründung von Spitälern, Bibliotheken und Schulen kräftige Impulse gegeben, aber abgesehen von manchen gut gepflegten Spezialzweigen, war tote Gelehrsamkeit an die Stelle ursprünglicher Schaffenskraft, Routine an die Stelle klinischer Erfahrung getreten. Bemerkenswert ist es, daß unter dem Einfluß fürstlicher Gunst (des Nureddin und des Saladin) die medizinischen Schulen von ~Damaskus~ und ~Kairo~ immer mehr den Vorrang gewannen, ferner, daß so wie in der Frühepoche der arabischen Kultur, auch jetzt wieder vorwiegend Christen und Juden den Ruf hervorragender ärztlicher Schriftsteller und Praktiker erlangten.

Weit regsamer und mit einer unverkennbar, vom Orient abstechenden, Eigenart entfaltete sich während des 12. Jahrhunderts die arabische Heilkunde im maurischen ~Spanien~, wo trotz der Ungunst politischer Verhältnisse (Almorawiden- und Almohadenherrschaft) viele Keime, welche die Vergangenheit ausgestreut hatte, zur Entwicklung kamen. Wie die Meditationen der muslimischen Philosophen des Westens bereits das erste Wehen jenes freien Geistes ankündigen, der späterhin auf Sturmesfittichen das Abendland durchbrausen sollte[68], so verrät auch die spanisch-arabische Medizin, wenigstens wie sie sich unter den Händen ihrer besten Vertreter gestaltete, eine gewisse Annäherung an die naturwissenschaftliche Forschung, eine merkwürdige Hinneigung zur nüchternen Beobachtung am Krankenbette, mit gleichzeitig skeptischer Ablehnung unbewiesener Traditionen.

[68] Im maurischen Spanien entfaltete sich die Philosophie verhältnismäßig recht spät, lange nachdem schon Mathematik, Naturwissenschaften, Medizin, Geographie und Geschichte eifrig betrieben worden waren. Da im Westen die mannigfachen alten Kulturschichten und Parteiungen mit ihren Divergenzen fehlten, so bedurfte es, nicht wie im Oriente, der vielfach abgestuften philosophischen Vermittlungsversuche zwischen Glauben und Wissen, und ungestört von der Dialektik konnte die Orthodoxie das Zepter führen. Gerade aber unter diesen einfacheren Verhältnissen mußte sich bei einzelnen überlegenen Denkern der Gegensatz zur gläubigen Masse viel schroffer entwickeln als anderswo. So wird es auch verständlich, daß eben in der Zeit des höchsten Geistesdruckes, im Zeitalter der Almorawiden und Almohaden, wenn auch im Verborgenen und von wenigen kühnen Anhängern getragen, jene Strömung aufkam, welche schließlich in den, im Sinne der Theologie, irreligiösen ~Averroismus~ einmündete.

Den Spuren Dscholdschols und Ibn Wafids folgte in diesem Zeitraum mit besonderem Erfolge al-Gafiki, welcher die Heilmittellehre durch vorzügliche, über die Kenntnisse der Alten hinausgehende, botanische Beschreibungen wesentlich förderte, die klinische Meisterschaft verkörperte sich in der Familie ~Ibn Zohr~, welche vom 11. bis zum 13. Jahrhundert bedeutende Aerzte hervorbrachte, unter ihnen den glänzendsten Vertreter spanisch-arabischer Heilkunst, ~Abu Merwan Ibn Zohr~ (•Avenzoar•).

~Avenzoar~ wurde in der Nähe von Sevilla geboren und stammte aus einer sehr angesehenen, im Beginn des 10. Jahrhunderts nach Spanien eingewanderten Familie, welche Staatsmänner, Juristen und Mediziner zu ihren Mitgliedern zählte. Bedeutenden Ruf als Aerzte erlangten schon Avenzoars Großvater und Vater; von letzterem wird unter anderem berichtet, daß er Avicennas Kanon mißachtete und von seinem Exemplar dieses Werkes den unbeschriebenen Rand zum Rezeptschreiben benützte. Ausgezeichnet veranlagt und sorgfältig herangebildet, entwickelte sich Avenzoar bald zu einem vortrefflichen Praktiker und kam zu großem Ansehen. Er stand in fürstlichen Diensten[69] und wurde mit Ehren (Vezierat) und Geschenken überhäuft. Avenzoar starb hochbetagt im Jahre 1162 und wurde vor dem Siegestor von Sevilla begraben. Ein Umstand nimmt schon von vornherein günstig für Avenzoar ein. Er, der unter dem Einflusse alter Familientraditionen mit medizinischem Geiste durchsättigt und erst nach vieljähriger gründlichster Ausbildung die Praxis aufnahm, widmete alle seine reichen Fähigkeiten ausschließlich der Heilkunde, wollte mit Verzichtleistung auf enzyklopädische Vielwisserei und Vielschreiberei einzig allein -- ~Arzt~ sein, indem er dabei die höchsten Anforderungen an sich stellte.

[69] Ein Beispiel seiner aristokratischen Behandlungsweise ist folgendes. Als der Emir Abd-al-Mumin Purgiermittel nehmen wollte, ließ Avenzoar einen Weinstock mit Purgierwässern begießen; von der reif gewordenen Rebe genoß der Fürst, wonach die erwünschte Wirkung eintrat.

~Avenzoar~, der mit den drei großen Persoarabern in einem Atemzuge genannt wird, steht dem Bedeutendsten unter ihnen, dem Kliniker Rhazes, am nächsten. Wie dieser erblickt er nicht in der dialektischen Bearbeitungsweise und in Theoremen, sondern in der sorgfältigen ~Krankheitsbeobachtung~ die Quelle des Fortschritts ärztlicher Wissenschaft, ja er bildet unter den medizinischen Autoren der arabischen Epoche geradezu eine Ausnahmserscheinung durch die überraschende Freimütigkeit und Entschiedenheit, mit welcher er sich gegen die ärztliche Sophistik, den Doktrinarismus und Autoritätsglauben wendet. Aus seinen Schriften, namentlich dem an interessanten ~Krankheitsgeschichten~ so reichen Hauptwerke, ~al-Teïsir~ (Erleichterung betreffs der Heilmittel), tritt ~der Arzt κατ' ἐξοχὴν~ hervor, der, erfüllt von gesundem Realismus, die gleißenden Flitter der Philosophasterei verschmähend[70], in der rationellen Praxis Genügen findet, der trotz aller Verehrung für die Vorgänger keinen höheren Meister anerkennt als die ~eigene Beobachtung~ und das aus ~selbständiger Erfahrung~ geschöpfte Urteil. ~Der Inhalt des Teïsir bedeutet eine ganz erhebliche Vermehrung der nosologischen Kenntnisse~ (z. B. über Mediastinitis, Perikarditis, Pharynxlähmung, intestinale Phthisis, Krätze u. a.), wobei die nüchterne Schilderung des tatsächlichen Befundes, die getreue Beschreibung der Symptomenkomplexe, die Vermeidung jedweden Schematismus sympathisch berührt; aus manchen Angaben Avenzoars leuchtet sogar anatomisches Denken hervor, welches freilich hinsichtlich interner Affektionen vorwiegend auf hypothetischer Konstruktion, hingegen in der chirurgischen Kasuistik auf Anschauung (Studien an Knochenpräparaten[71] etc.) beruhte. Bemerkenswerterweise spricht er über die Indikationsstellung und Technik mancher chirurgischer Eingriffe mit einer Gründlichkeit und Sicherheit, welche nur durch praktische Erfahrung erworben werden kann, ebenso lassen seine therapeutischen Vorschriften auf gute Kenntnisse in der Arzneibereitung schließen[72]. Aus den Zeitumständen erklärlich ist es, daß Avenzoar im ganzen Galen anhing -- aber nicht ohne gelegentlichen Widerspruch in praktischen und selbst theoretischen Dingen[73] -- ebenso, daß er nicht selten trotz aller Bevorzugung rationeller Behandlungsmethoden in das Fahrwasser roher Empirie[74] geriet. Der Astrologie war er abhold. Alles in allem hinterläßt er das leuchtende Bild eines wahrhaft großen Praktikers, dessen Stimme zwar bei den Zeitgenossen und Nachfahren verhallte, dessen Wirken aber eine neue, vom Observantismus freie, Aera der Medizin ankündigte.

[70] Beispielsweise verwirft er den Streit über die größere Wichtigkeit des Gehirns, der Leber, des Herzens, da auf dem Zusammenwirken der Organe das Leben beruhe, die spekulative Dosologie des Kindi (vgl. S. 167) u. a.

[71] Daß er solche Studien betrieben, betont er ausdrücklich.

[72] Vom Vorurteil befangen, hielten es vornehme Aerzte unter ihrer Würde, sich mit manuellen Verrichtungen, chirurgischen und pharmazeutischen zu befassen, Avenzoar hatte aber, wie er selbst sagt, in beiden während seiner Ausbildungszeit gediegene Kenntnisse erworben. Nur die Ausführung des Steinschnitts von seiten des Arztes verwarf er aus Gründen der Dezenz (Entblößung der Genitalien).

[73] Gelegentlich rüttelt er in speziellen Fragen an der galenischen Qualitätenlehre, behauptet gegen Galen die Empfindungsfähigkeit der Knochen und Zähne etc.

[74] Z. B. Empfehlung der Konkremente von Hirschaugen gegen Ikterus, des Smaragds gegen Dysenterie, des Magnetsteins gegen Exostosen -- verschiedener Sympathiemittel.

Weniger Günstiges läßt sich vom medizinischen Standpunkte über den großen Zeitgenossen, Anhänger und Freund des Avenzoar sagen, über den für die geistige Entwicklung des Abendlandes so bedeutungsvollen Philosophen •Averroës•[75], dessen medizinisches Hauptwerk (Kitab al-kullidschat ═ Buch der allgemeinen Prinzipien der Medizin) ~Colliget~ im Mittelalter fast die Autorität des Kanon besaß[76].

[75] Averroës spricht in Ausdrücken größter Verehrung von Avenzoar und erklärt ihn für den Größten nach Galen. Avenzoar widmete dem Averroës seinen Teïsir.

[76] Um die Erhaltung, Verbreitung und Verdolmetschung der Werke des Avenzoar und Averroës haben sich die Juden die größten Verdienste erworben.

~Averroës~ (~Ibn Roschd~) wurde 1126 zu Cordoba geboren, wo sein Vater und Großvater als Oberrichter wirkten. Gemäß den Traditionen seiner Familie widmete er sich zunächst der Rechtswissenschaft, trieb aber außerdem auch mathematische, philosophische und medizinische Studien. Er wurde zuerst in Sevilla, später in seiner Vaterstadt Kadi und erlangte außerordentliche Berühmtheit. Der Beherrscher von Marokko und Andalus al-Mansur Jakub schätzte ihn wegen seiner erstaunlichen Gelehrsamkeit und damit vereinten seltenen Charakterfestigkeit so sehr, daß er ihn 1196 sogar zum Statthalter von Andalus ernannte. Diese Würde bekleidete er aber nicht lange, denn seine Feinde verdächtigten ihn beim Fürsten der Ketzerei und wußten seine Verurteilung, Ausstoßung aus der Gemeinschaft der Rechtgläubigen, Verbannung (nach an-Nisaba, einem nur von Juden bewohnten Orte bei Cordoba) durchzusetzen. Im Jahre 1198 wurde Averroës auf Verwendung angesehener Männer, welche die Haltlosigkeit der Anklagen nachwiesen, freigelassen und vom Nachfolger des al-Mansur nach Marokko berufen, wo er bald darauf starb. Das ganze Leben dieses außerordentlichen Mannes war von regster Tätigkeit erfüllt -- nur zwei Nächte verbrachte er, ohne zu arbeiten, nämlich diejenige, welche seiner Hochzeit und diejenige, welche dem Todestage seines Vaters folgte. Seine zahlreichen hochbedeutenden Schriften bezogen sich auf Philosophie, Philologie, Jurisprudenz, Astronomie und Medizin. Auf seine Stammesgenossen hat der Philosoph weit weniger eingewirkt als auf das Abendland, und zwar hauptsächlich durch seine berühmten Kommentare zu dem von ihm grenzenlos bewunderten und als einzige Wahrheitsquelle betrachteten Aristoteles (vgl. S. 161). Diese Kommentare, welche dem Averroës im Mittelalter den Ehrennamen „~der Kommentator~” eintrugen, bezweckten die Wiederherstellung des reinen ursprünglichen Sinnes der aristotelischen Schriften, erreichten das Ziel aber nicht vollkommen, und aus der Mischung von peripatetischen, neuplatonischen und orientalischen Vorstellungen entstand diejenige Schattierung des Pantheismus, welche man noch jetzt als Averroismus bezeichnet.

Der außerordentlich umfangreiche, aus sieben Hauptabschnitten bestehende[77] Colliget enthält ein mit eiserner Konsequenz aufgebautes, vollkommen geschlossenes ~System der Heilkunde~, er zeugt von enormer Belesenheit, scharfsinniger Kombinationsgabe und dialektischer Meisterschaft, aber er ist ~weit weniger das Werk eines Arztes als die virtuose Kunstleistung eines Philosophen, der es sich zum Ziele setzte, die Medizin gänzlich in die Fesseln der Peripatetik zu schlagen~. Diese Absicht ist schon im Titel und in den ersten Sätzen des Colliget ausgesprochen; ja Averroës beansprucht, wie er selbst sagt, nur Leser, welche in die Geheimnisse der Dialektik und Naturphilosophie eingeweiht sind, für andere sei das Werk überhaupt unverständlich. Avicenna noch überbietend[78], den Rationalismus auf die Spitze treibend, erscheint in seiner Darstellung die Medizin als mechanische ~Anwendung feststehender allgemeiner Prinzipien~, und wenn auch notgedrungen in der therapeutischen Beeinflussung des einzelnen Falles in letzter Linie doch noch an die Erfahrung appelliert werden muß -- die fremden und gelegentlich angeführten eigenen Beobachtungen dienen hauptsächlich als Mittel, um dem Gespinst abstrakter Ideen Halt und Farbe zu geben.

[77] Anatomie, Physiologie, allgemeine Pathologie, Semiotik, Arzneimittellehre, Hygiene, allgemeine Therapie.

[78] Der Colliget ist gleichsam der kolossale Kommentar zum 1. Buch des Kanon, Averroës kommentierte übrigens Avicennas Canticum, welches er für die beste Einleitung zur Medizin erklärte.

Neue Tatsachen bietet der Colliget kaum[79]; der praktische Inhalt stellt die üppige Lesefrucht des Verfassers dar, dessen Lebensstellung schon an und für sich zur Erwerbung eigener ärztlicher Erfahrung wenig geeignet war. Bei seiner fanatischen Hinneigung zum Aristotelismus unterlaufen ihm übrigens sogar in der Beurteilung von Fakten resp. angeblichen Tatsachen hie und da lächerliche Ungereimtheiten. In der Theorie stellt Averroës durch noch konsequentere Anwendung der aristotelischen Prinzipien (Eutelechien etc.) sogar Avicenna in den Schatten.

[79] Interessant sind hingegen manche theoretische Erörterungen, z. B. die sehr rationelle Widerlegung von Kindis Lehre über die Grade der Arzneimittel.

Averroës hat nur verrostete Theorien gestützt und die praktische Heilkunde gewiß nicht weiter gebracht, aber abgesehen von dem aufklärenden Einfluß seiner Philosophie, in seinem medizinischen System lag etwas unscheinbar verborgen, was einstens zu einem für die Umgestaltung der Medizin höchst bedeutungsvollen Faktor werden sollte. ~Als Aristoteliker nämlich, der den Lehren seines vergötterten Meisters auf allen Gebieten ausschließliche Geltung zu verschaffen suchte, trat er dort, wo zwischen dem Stagiriten und dem Pergamener keine Uebereinstimmung herrschte, stets zu Gunsten des ersteren ein und hierdurch rüttelte er zuweilen nicht unerheblich an den Grundfesten des galenischen Lehrgebäudes[80].~ Daran anknüpfend oder dem gegebenen Beispiele folgend, haben Spätere einen fruchtbaren Weg beschritten, den Weg, der scheinbar zurück zu Aristoteles und tatsächlich vorwärts zur Natur lief!

[80] Einen Kompromißversuch stellt seine Schrift concordia inter Aristotelem et Galenum dar.

Nach Herkunft und Bildung ist auch der berühmte jüdische Religionsphilosoph und Arzt •Maimonides• („Rabbi Moyse”) dem Kulturkreise des maurischen Spaniens zuzurechnen, wiewohl derselbe seine Wirksamkeit in Aegypten entfaltet hat.

Moses ben Maimon wurde 1135 in Cordoba geboren und empfing eine sehr sorgfältige Ausbildung, welche sich nicht bloß auf die Wissenschaft des Judentums, sondern auch auf Mathematik, Astronomie, Philosophie und Heilkunde erstreckte. Durch die Religionsverfolgungen der Almohaden aus Andalusien vertrieben, fand er mit seinem Vater zunächst in Fez (1159) für einige Jahre Zuflucht, sodann, nach einer Reise über Akko und Jerusalem (1165), in Fostat (Altkairo) eine dauernde Heimstätte[81]. In Aegypten erwarb er sich wegen seiner eminenten Gelehrsamkeit und wegen seiner viel in Anspruch genommenen ärztlichen Geschicklichkeit ein ganz besonderes Ansehen, was unter anderem in seiner Stellung als Leibarzt des Veziers al-Fahdil und der Söhne Saladins Ausdruck fand. Hochbegabt und mit unermüdlicher Arbeitskraft ausgestattet, hatte sich Maimonides eine ungewöhnliche Kenntnis der wissenschaftlichen Literatur aller Zweige, namentlich auch der griechischen (aristotelischen) Philosophie erworben, wovon seine reiche und vielseitige schriftstellerische Tätigkeit glänzende Beweise lieferte. Als Religionsphilosoph verfolgte er unablässig das Ziel, die Grundsätze des Glaubens mit der Vernunft in Einklang zu bringen, wie dies insbesondere in der berühmten (auch von christlichen Theologen geschätzten) Schrift „Führer der Verirrten” zu Tage tritt. Anfangs heftig angefeindet, erlangte später seine rationalistische, an Aristoteles stark anklingende Richtung die größte Bedeutung für die Entwicklung des Judentums. Maimonides starb im Jahre 1204.

[81] Durch den Fanatismus der Almohaden vertrieben, waren auch andere jüdische Aerzte Andalusiens nach Aegypten gezogen, wo sie zur Zeit Saladins eine ganz hervorragende Rolle spielten.

In seinen medizinischen Werken, von denen im Abendlande besonders die ~Aphorismen~, die Schrift ~über die Gifte~ und das ~diätetische Sendschreiben~ sehr geschätzt wurden, erweist sich Maimonides als ein höchst gelehrter und erfahrener, vom Mystizismus völlig freier, nüchtern beobachtender Arzt, welcher in der Therapie das diätetisch-exspektative Verfahren entschieden bevorzugt. Die Methode der Beschneidung hat er wesentlich verbessert. In der Theorie blieb er dem Galenismus zwar treu, doch führte ihn gerade seine durchdringende Kenntnis desselben dazu, gelegentlich an dem Pergamener Kritik zu üben.

Die Reihe der arabischen Aerzte von allgemeiner Bedeutung schließt im 13. Jahrhundert mit dem Hauptrepräsentanten der Arzneimittellehre -- •Ibn al-Baitar•.

Ibn al-Baitar[82] stammte aus Malaga, widmete sich unter Leitung hervorragender Lehrer[83] besonders der Botanik und bereicherte seine einschlägigen Kenntnisse auf Reisen, die ihn von Nordafrika über Aegypten nach Syrien und Kleinasien führten. In Aegypten, wo er als Leibarzt am Hofe und später auch als „Vorgesetzter der Aerzte und Botaniker” tätig war, schrieb er eine große Heilmittellehre, welche nicht nur das Wissen der Vorgänger (des Dioskurides und Galenos, sowie zahlreicher arabischer Autoren), zusammenfaßt, sondern auch auf vielen eigenen Untersuchungen beruht und viele den Alten unbekannte Pflanzenbeschreibungen enthält. Er starb in Damaskus im Jahre 1248.

[82] D. h. Sohn des Tierarztes.

[83] Darunter der berühmte Botaniker Abul Abbas ~Annabati~ aus Sevilla († 1239).

Das fernere Schicksal der arabischen Medizin, welche noch im 13. Jahrhundert manche anerkennenswerte Leistung in einzelnen Zweigen (Arzneimittellehre, Augenheilkunde) zeitigte und erst seit dem 14. Säkulum in totale Stagnation verfiel, entbehrt des universalhistorischen Interesses. Daran ändert auch der Umstand nichts, daß sie die große Vergangenheit noch Jahrhunderte hindurch überdauerte, ja selbst in unseren Tagen über weite Länderstrecken[84] verbreitet ist -- gleich der indischen und chinesischen Medizin bloß vom einstigen Ruhme zehrend, erstarrt, versteinert, eine sieche Greisin.

[84] Persien, Indien, Türkei, Aegypten, Nordafrika.

Da das bisher bearbeitete handschriftliche Material im Verhältnis zum Umfang der Originalliteratur noch ein sehr dürftiges ist, und die Forschung -- wie es mehrmals geschehen -- manchen höchst überraschenden Fund ans Licht bringen kann, so sind wir derzeit außer stande, über die Leistungen der arabischen Medizin ~im einzelnen~ ein abschließendes Urteil abzugeben. Wir kennen nur ihre ~Hauptrichtung~ und strenggenommen auch diese bloß insoweit, als sich dieselbe in den Einwirkungen auf die abendländische Heilkunde -- auf dem Wege der mittelalterlichen lateinischen Uebersetzungen -- offenbarte. Immerhin wird damit ~das Fazit~ gezogen, ~welches der Gesamtentwicklung der Heilkunde tatsächlich zu gute gekommen ist~.

Mit diesem Vorbehalt dürfen wir sagen, daß die Araber die Hinterlassenschaft der antiken Medizin durch die Verbindung des Galenismus mit orientalischen Elementen, durch den scharfsinnigen Ausbau der Theorie, durch eine auf manchen Gebieten ganz erhebliche Zufuhr des Erfahrungsmaterials eigenartig ausgestaltet, den Zeitverhältnissen und Volkssitten angepaßt haben, daß es ihnen aber an Selbständigkeit fehlte, an den überkommenen Leitprinzipien fruchtbringende Kritik zu üben und etwas grundsätzlich Neues von umwälzender Bedeutung zu schaffen. Im ganzen handelte es sich nur um eine äußerst regsame Kleinarbeit nach gegebenen Mustern, um ein teilweise recht intensives Fortschreiten in den längst bestehenden Bahnen, nicht um ein wahrhaftes Aufstreben zu einer höheren Entwicklungsstufe.

Als ursächliche Momente ließen sich im allgemeinen alle jene Umstände anführen, welche auch auf andere Gebiete der geistigen Kultur schädlich einwirkten, die übermäßige Verehrung der griechischen Ueberlieferung im Sinne des Buchstabenglaubens, die Vorherrschaft der dialektischen Methode, der konservative, autoritätsfrohe, nach dogmatischer Synthese drängende Geisteszug des Orientalen u. a. -- speziell für die Medizin ist aber die Wurzel des Uebels in dem ~Mangel der anatomischen Untersuchung~ zu suchen. Damit war die wichtigste Quelle der Erkenntnis verstopft, die Hauptader rationeller Kritik unterbunden, schon von vornherein jeder Ausweg versperrt, der ~galenischen Physiologie und Pathologie~ jemals entrinnen zu können, und gerade, je intensiver der Kausaltrieb sich entfaltete, desto tiefer mußte er in den Irrgarten der Spekulation geraten, in das Gehege der ~Teleologie~, des ~Dynamismus~, der ~Elementarqualitätenlehre~, der ~Humoralpathologie~.

Die ~Anatomie~ der Araber folgt nahezu sklavisch den Lehrmeinungen des Aristoteles und Galen. Abgesehen von der Autorität der griechischen Meister, war hier die selbständige Nachprüfung fast gänzlich gehemmt, weil die Glaubenslehre die Vornahme von Leichenzergliederungen verpönte -- vereinzelt unternommene Tiersektionen (z. B. von Rhazes) oder gelegentliche Untersuchungen von menschlichen Knochen (Avenzoar, Abd el Letif)[85], boten nur einen sehr schwachen Ersatz, vermochten höchstens einige der galenischen Doktrinen zu erschüttern oder zu berichtigen. Damit soll aber keineswegs gesagt werden, daß die arabischen Aerzte den Wert der Anatomie verkannten, im Gegenteil, alle hervorragenden Autoren machten mehr oder minder ausführliche anatomische Erörterungen, verknüpft mit teleologischen Spekulationen, zur Grundlage der Krankheitslehre. So sind z. B. in dem Handbuch der Medizin des Rhazes 26, in dem des Ali Abbas 37, in dem des Averroës 37, in dem Kanon des Avicenna 95 Kapitel der Anatomie gewidmet. Ueberdies gibt es in der arabischen Literatur zahlreiche Spezialschriften anatomischen Inhalts (z. B. über die Anatomie einzelner Organe)[86]. Sehr bemerkenswert ist es, daß manche Handschriften mit ~anatomischen Abbildungen~ (z. B. Kreuzung der Sehnerven) geschmückt sind[87].

[85] Abd el Letif (1162-1231) berichtigte auf Grund zahlreicher Untersuchungen an menschlichen Schädeln den Irrtum Galens, daß der Unterkiefer aus zwei getrennten Teilen zusammengesetzt sei, auch lehrte er, daß das Kreuzbein in der Regel nicht aus sechs, sondern in der Regel nur aus einem Knochen bestehe.

[86] Als Verfasser von Schriften anatomischen Inhalts wären z. B. Jahja ben Masawaih, Thabit ben Kurra, Rhazes hervorzuheben.

[87] Z. B. die Handschrift des Morched ═ Direktor des Muhammed el-Gafiki enthält nicht nur Abbildungen von Instrumenten, sondern auch Darstellungen des Faserverlaufs der Arterienhäute, der Schädelnähte und des Chiasma opticum, ebenso finden sich in augenärztlichen Schriften schematische anatomische Abbildungen.

Unter solchen Umständen verharrte auch die Physiologie in den alten ausgefahrenen Bahnen. Höchstens auf einzelnen Gebieten (z. B. in der Sinnesphysiologie) wurden Fortschritte gemacht, im großen ganzen herrschte die bis ad absurdum getriebene teleologische Spekulation vor. Die Methode des Experiments, welches in der Physik und Chemie schöne Resultate zu Tage förderte, kam in der Physiologie nicht zur Anwendung. Daß die allgemeine Pathologie keine Fortschritte, über den Galenismus hinaus, machen konnte, bedarf keiner näheren Begründung, sie wurde wie ein Zweig der Philosophie spekulativ mit allen Finessen der Dialektik bearbeitet.

In Anlehnung an den Galenismus und nach dem Vorbilde der alexandrinisch-syrischen Schulen wurden aber nicht allein die theoretischen, sondern auch die praktischen Fächer unter die Vormundschaft der ~Spekulation~ gebracht, wobei man allen Scharfsinn darauf verwandte, die Vorgänger durch minutiöse Pedanterie und dialektisches Raffinement zu übertreffen. So wuchs die, hauptsächlich auf eine ~äußerst spitzfindige Pulslehre~ und ~komplizierte Harnschau~ gegründete, Semiotik zu einem ganzen Systeme aus, welches anscheinend eine exakte Diagnostik und Prognostik[88] verbürgte; ebenso erhielt die Therapie durch ~anatomisch-physiologische Fiktionen~[89] und durch die, bis in feine Details ausgesponnene, ~Elementarqualitätenlehre~[90] scheinbar die Gewähr, die Behandlung jedes Einzelfalles nach unverrückbaren Grundsätzen, mit fast mathematischer Sicherheit formulieren zu können. Bei dem großen Ansehen, in welchem die ~Astrologie~ bei den Arabern stand, kann es nicht wundernehmen, daß auch diese Pseudowissenschaft in die Medizin hineinspielte[91].

[88] Die Araber standen auch bei den Byzantinern als Prognostiker in hohem Ansehen.

[89] Vgl. das S. 166 über den Aderlaß Gesagte.

[90] Gemäß der Elementarqualitätenlehre erfolgte (nach dem Grundsatze Contraria contrariis) die Wahl der Mittel und in zusammengesetzten Arzneien die Bestimmung der Dosis jedes einzelnen Bestandteils.

[91] Ein im abendländischen Mittelalter geschätztes Werk, welches diesen Gegenstand betrifft, rührt von dem berühmten jüdischen Gelehrten Abraham ben Meïr ibn Esra (Avenares, Avenerzel) aus Toledo (um 1150) her und zeigt, wie kompliziert sich allmählich das astrologische System in seiner Einwirkung auf die Medizin gestaltete (lat. unter dem Titel de diebus criticis, Lugd. 1496 u. ö.). -- Von einzelnen überlegenen Denkern wurde freilich die Berechtigung der Astrologie energisch bestritten (z. B. Avicenna, Avenzoar, Averroës).

Die hie und da erwachende Skepsis war viel zu schwach, das übernommene und weitausgebaute medizinische Lehrsystem zu erschüttern oder gar etwas Besseres an seine Stelle zu setzen[92]; glücklicherweise wirkten aber mehrere Umstände zusammen, die es gestatteten, daß auch innerhalb der starren theoretischen Schranken doch auf einigen Gebieten die wahre Beobachtung und der, auf reale Erfahrung gerichtete, Sammelfleiß zur Geltung kommen konnten, daß auch jenen Forschern, welche in der Medizin etwas anderes als ein bloßes Anhängsel der formalen Philosophie, etwas anderes als einen Spielball geistreicher Begriffskonstruktionen erblickten, noch eine Wirkungsstätte übrig blieb. In dieser Hinsicht ist in erster Linie auf die großartige Institution der ~Spitäler~ zu verweisen, welche von den Arabern, neben ihrem humanen Zwecke, auch in ganz hervorragender Weise für die ärztliche Forschung und den Unterricht ausgenützt worden sind[93].

[92] Die gleiche Erscheinung läßt sich, trotz mancher Anläufe zur scharfen Kritik, im Verhalten zum Ptolemäischen Systeme beobachten.

[93] Vgl. hierzu die byzantinischen Zustände S. 103.

Das Spitalwesen (vgl. S. 145) bildet wahrhaft einen Glanzpunkt in der arabischen Kultur und zeugt von dem humanen Sinn der Fürsten und Großen des islamischen Reiches. Stiftungen und Vermächtnisse ermöglichten im Laufe der Zeit die Gründung und (oft luxuriöse) Einrichtung von Krankenhäusern in zahlreichen Städten, worüber namentlich Reisebeschreibungen und geschichtliche Werke mehr oder minder eingehende Kunde bringen. So hören wir von Krankenhäusern, welche in Bagdad, Damaskus, Antiochia, Jerusalem, Mekka, Medina, Mosul, Hama, Harran, Aleppo, in Merw, Raj, Ispahan, Schiras, in Alexandria, Kairo, Fez, Algesiras, Cordoba und an anderen Orten bestanden. Als Vorbild diente den ältesten arabischen Spitälern das Krankenhaus in Dschondisabur (vgl. S. 141), worauf schon die aus dem Persischen entnommene Bezeichnung el Mâristân hindeutet.

In ~Bagdad~ existierte schon im 9. Jahrhundert ein Krankenhaus, woran sich nach und nach mehrere andere, mit größeren Mitteln ausgestattete Spitäler reihten, so z. B. das im Jahre 914 von dem menschenfreundlichen Vezier Ali ben Issa errichtete. Das größte war jenes, welches der Bujide Adhad Addaula 977 stiftete. Hier überwachten 24 Aerzte (darunter Spezialisten) die Kranken, welche je nach dem Leiden in besonderen Abteilungen (für innere, chirurgische und Augenleiden) untergebracht waren; für die Zubereitung der Speisen sorgte das Pflegepersonal, die Verwaltung leitete ein Oekonom, der unter einem hohen Beamten (z. B. ein Kadi) stand. Ueber merkwürdige Fälle wurden (wie auch sonst in den arabischen Spitälern) Krankengeschichten geführt. Dieses Krankenhaus existierte jedenfalls noch im 13. Jahrhundert.

In ~Damaskus~ gab es ebenfalls mehrere Spitäler, das größte von diesen (angeblich erst von ~Nurredin~ errichtet) besaß Spezialabteilungen und zeichnete sich durch eine so gute Verpflegung aus, daß mancher sich krank stellte, um nur dort bleiben zu dürfen; es diente auch als Lehranstalt und enthielt eine reichhaltige medizinische Bibliothek.

Am besten sind wir über die Spitäler Aegyptens unterrichtet. Das erste wurde schon 875 von Ibn Tulun mit reichen Mitteln gestiftet und erfreute sich einer vortrefflichen Einrichtung (Bäder, gute Verpflegung, eigene Irrenabteilung), weiterhin hören wir von Krankenhäusern in ~Misr~ (957 errichtet), in ~Fostat~ (eines existierte schon im 10. Jahrhundert, ein anderes entstand unter Saladin) u. a. Das größte und am besten eingerichtete war später, wie gleich hier bemerkt sein soll, das Mansurische Hospital zu ~Kairo~, welches durch den Machtspruch des al-Mansur Gilâvûn 1283 mit einem ungeheuren Kostenaufwand zu stande kam und aus den zugewiesenen Landgütern die reichsten Einnahmen bezog; mit der Krankenanstalt wurde eine Moschee, eine Hochschule, eine Bibliothek und ein Waisenhaus verbunden. In der Beschreibung Makrizis (vgl. Wüstenfeld in Janus I, 1846) heißt es unter anderem: „Als der Bau vollendet war ... ließ al-Mansur einen Becher mit Wein aus dem Hospitale bringen, trank daraus und sprach: ‚Dieses habe ich gestiftet für meines Gleichen und Geringere, ich habe es bestimmt für den Herrscher und den Diener, den Soldaten und den Emir, den Großen und den Kleinen, den Freien und den Sklaven, Männer und Frauen.ʻ Er bestimmte die Medikamente, die Aerzte und alles übrige, was jemand darin in irgend einer Krankheit nötig haben konnte; stellte männliche und weibliche Bettmacher an zur Bedienung der Kranken und bestimmte ihre Gehalte, er richtete die Betten für die Kranken ein und versah sie mit allen Arten von Decken, die in irgend einer Krankheit nötig waren. Jede Klasse von Kranken bekam einen besonderen Raum: Die vier Säle des Hospitals bestimmte er für die an Fiebern und dergleichen Leidenden, einen Hof sonderte er für die Augenkranken, einen für die Verwundeten, einen für die, welche an Durchfall litten und einen für die Frauen ab; ein Zimmer für die Rekonvaleszenten teilte er in zwei Teile, den einen für Männer und den anderen für Frauen. In alle diese Stellen ist das Wasser geleitet. Ein besonderes Zimmer war für das Kochen der Speisen, Medikamente und Sirupe, ein anderes für das Mischen der Konfekte, Balsame, Augensalben u. dgl.; an verschiedenen Orten wurden die Vorräte aufbewahrt, in einem Zimmer waren die Sirupe und Medikamente, allein in einem Zimmer hatte der Oberarzt seinen Sitz, um medizinische Vorlesungen zu halten. Die Zahl der Kranken war nicht begrenzt, sondern jeder Bedürftige und Arme, welcher dahin kam, fand darin Aufnahme; ebensowenig war die Zeit des Aufenthalts eines Kranken darin bestimmt, und es wurde daraus sogar denjenigen, welche zu Hause krank lagen, alles, was sie nötig hatten, verabreicht.” In der Folgezeit erfuhr dieses Hospital noch manche bauliche Verbesserung und Erweiterung. Die Verpflegung war eine vortreffliche, mit den Mitteln für die Kuren wurde nicht gespart, und beim Verlassen der Anstalt erhielt jeder Pflegling eine Unterstützung, damit er nicht sofort schwere Arbeit zu verrichten brauchte. -- Das im Jahr 1420 eröffnete Muajjidische Spital in Kairo diente nur kurze Zeit als Heilanstalt.

Es gab bei den Arabern in Bagdad, Damaskus, Kairo ~eigene Augenkliniken~ und ~Irrenanstalten~. Bezüglich letzterer sei rühmend hervorgehoben, daß die ~Geisteskranken~ in den Ländern des Islam sorgfältige, liebevolle Pflege fanden und nicht, wie solange in der abendländischen Welt, nach Art der Verbrecher behandelt wurden.

In den gut eingerichteten und unter rein ärztlicher Leitung stehenden Spitälern ergab sich am ehesten die Gelegenheit, die nosologischen und therapeutischen Kenntnisse zu mehren. Daß man diese Gelegenheit nicht ungenützt ließ, beweist der wiederholte Hinweis auf die ~Register, welche in den Krankenanstalten über interessante Beobachtungen geführt wurden~. Wenn auch die neuen klinischen Ergebnisse zur Zahl der ärztlichen Schriftsteller und Spitäler in einem Mißverhältnis zu stehen scheinen, so dürften doch die ~Fortschritte~, welche die Araber ~in einigen Zweigen der speziellen Pathologie und Therapie~ über die griechische Ueberlieferung hinaus unleugbar gemacht haben, zu nicht geringem Teile den Erfahrungen in den Krankenhäusern zu danken sein. Am meisten gewann die Symptomatologie der ~Haut-, Nerven- und männlichen Geschlechtsleiden~, die ~Epidemiologie~ und namentlich die ~Augenheilkunde~. Uebel stand es dagegen um die ~Chirurgie~, welche einerseits infolge der mangelhaften anatomischen Grundlagen, anderseits durch ethische Bedenken des höheren Aerztestandes und durch das Volksempfinden am Aufschwung gehemmt war; die aus zwiefacher Ursache entspringende Scheu vor blutigen Eingriffen erzeugte eine verhängnisvolle ~Bevorzugung des Glüheisens oder medikamentöser Aetzmittel~ gegenüber dem Messer. Noch trauriger war es um die ~Geburtshilfe~ bestellt.

Bezüglich der Leistungen im einzelnen vgl. die unten in der literarhistorischen Uebersicht bei den Hauptautoren gemachten Angaben, über die Chirurgie, Zahn- und Ohrenheilkunde besonders Abulkasim.

Die intensive Pflege der ~Augenheilkunde~[94] äußert sich in einer erstaunlich umfangreichen Literatur. Abgesehen von den sehr eingehenden Darstellungen in den Werken allgemein ärztlichen Inhalts[95] wurden (etwa 30) eigene Lehr- oder Handbücher der Augenheilkunde und zahlreiche Sonderschriften verfaßt. Die wertvollsten Lehrbücher -- es haben sich 13 erhalten -- rühren von ~Ali ben Isa~, ~'Ammar ben Ali al-Mausili~ (beide aus dem 11. Jahrhundert), ~Chalifa~ und ~Salah ad-din~ (beide aus dem 13. Jahrhundert) her; vgl. „Die arabischen Augenärzte”, nach den Quellen bearbeitet von J. Hirschberg, J. Lippert und E. Mittwoch, Leipzig 1904 u. 1905, 2 Bände. Wiewohl im wesentlichen auf griechischen Vorlagen und manchen indischen Zusätzen beruhend, zeichnen sich die arabischen Schriften über Augenheilkunde doch durch größere Vollständigkeit und weit bessere Anordnung des Stoffes, namentlich durch eine bedeutend genauere Schilderungsweise der Operationsmethoden aus. Die arabische Operationsmethode geht in vielen namentlich praktischen Einzelheiten weit über die griechischen Ueberlieferungen hinaus. Die Bereicherungen betreffen die Kenntnis von vorher nicht beschriebenen Affektionen[96], die Untersuchungsweise und namentlich die Therapie. Besonders wäre hervorzuheben: Die Beschreibung und Behandlung des ~Pannus~ (Abtragung eines breiten Streifens der Augapfelbindehaut rings um die Hornhaut), die Therapie des ~Trachoms~ (Abschaben), die Vervollständigung der Theorie über die ~Leiden der tieferen Teile des Auges~ (Affektionen des Glaskörpers, der Netzhaut, der Aderhaut, des Sehnerven), die Beschreibung der ~tierischen Schmarotzer des Auges~ (~Lidläuse~ [Therapie: ~Quecksilbersalbe~], ~Fadenwurm~, ~Fliegenlarvenkrankheit~), der ~Augenkrankheiten der Kinder~; die Verwertung der ~Pupillenreaktion auf Lichteinfall für die Prognostik des Stars~, die ~Vermehrung des augenärztlichen Heilschatzes[97]~ (z. B. Kampfer, Moschus, Ambra, Muskatnuß), und ~Verbesserung der Verschreibungsweise~, die minutiöse Sorgfalt, welche der Vorbereitung und Ausführung der Staroperation[98] (Depressionsmethode), sowie der Nachbehandlung zugewendet wurde, endlich die (allerdings später wieder vergessene) ~Radikaloperation des Stars durch Aussaugen~ (Hornhautschnitt oder -stich und Einführung einer gläsernen Röhre; Lederhautstich, Einführung einer ~metallischen Hohlnadel~)[99] bei weichem oder halbweichem Star. Möglicherweise wurde hie und da auch wundärztliche Betäubung (Mandragora) vorgenommen. Das augenärztliche Instrumentarium war ein reiches, wie aus den 36 (in der Handschrift erhaltenen) Abbildungen der Augenheilkunde des Chalifa hervorgeht (vgl. hierzu S. 198 ff. der vorzüglichen „Geschichte der Augenheilkunde bei den Arabern” von J. Hirschberg, Leipzig 1905, in Graefe-Saemisch Handbuch der gesamten Augenheilkunde).

[94] Die Augenheilkunde wurde zum großen Teile von wissenschaftlich gebildeten Spezialisten betrieben. In Bagdad, Damaskus, Kairo gab es eigene Augenabteilungen in den Krankenhäusern, ja sogar eigene Augenkliniken.

[95] So bei Rhazes, Ali Abbas, Abulkasim, Avicenna, Avenzoar, Averroës u. a.

[96] Bei Ali ben Isa sind 130 Augenkrankheiten beschrieben, bei einem Autor des 14. Jahrhunderts sogar 153.

[97] Ali ben Isa nennt 143 einfache Arzneimittel.

[98] Operiert wurde (nach dem Vorbild der Griechen) in der Regel mit dem Lederhautstich schläfenwärts (etwa 4 mm vom Hornhautrande entfernt); als Vorakt diente (um ein sanfteres Eindringen der Starnadel zu bewirken) eventuell ein Einschnitt in die Bindehaut (indisches Verfahren).

[99] Das Verfahren des Aussaugens mittels der Röhre stammte aus dem Irak, die Anwendung einer Hohlnadel wurde wahrscheinlich zuerst von 'Ammar ersonnen.

Die ~Chirurgie~ fand bei den Arabern keineswegs die gebührende Pflege, da sich die Mehrzahl der höher gebildeten Aerzte von ihr fernhielt und im Volke aus fatalistischen Gründen eine tiefe Abneigung gegen blutige Eingriffe wurzelte; die Ausführung mancher Operationen scheiterte übrigens schon an der übertriebenen Schamhaftigkeit der Orientalen (vgl. S. 186). ~Abulkasim~, der bedeutendste chirurgische Autor, beklagt in der Einleitung zu seinem Spezialwerke die mangelhaften anatomischen Kenntnisse seiner Zeitgenossen und illustriert den Tiefstand der Chirurgie durch die Mitteilung einer Reihe schwerster Kunstfehler, die von unwissenden Wundärzten begangen wurden[100]. Von selbständigen Beobachtungen in der chirurgischen Pathologie oder Neuerungen in der Technik zeigen sich nur ganz wenig Spuren; das meiste, was die Literatur bietet, ist den Griechen, namentlich Paulos von Aigina, entlehnt. Die operative Tätigkeit beschränkte sich auf eine geringe Zahl von Operationen und namentlich solche, bei denen der Blutverlust gering und die Blutstillung leicht war. ~Die Pyrotechnik spielte die Hauptrolle.~

[100] Die Operationskunst, sagt er, ist bei uns verschwunden, fast ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Nur in den Schriften der Alten findet man noch einige Hinweise darauf, aber auch sie sind durch schlechte Uebersetzungen, durch Irrtümer und Verwechslungen nahezu unverständlich und unbrauchbar geworden.

Die ~Geburtshilfe~ fiel gänzlich den Hebammen zu, diese vollzogen auch in pathologischen Fällen die operativen Eingriffe; die Aerzte standen zu dem Fache fast nur in einem theoretischen Verhältnisse. Bemerkenswerterweise bezogen aber nicht nur die Werke allgemein ärztlichen Inhalts (Rhazes, Ali Abbas, Abulkasim, Avicenna) den Gegenstand in ihre Darstellung ein, sondern es erschienen auch Spezialschriften über Geburtshilfe (so verfaßte z. B. Arib ben Said aus Cordoba im 10. Jahrhundert eine solche). Die Kenntnisse der Araber in der Geburtshilfe stützten sich zum größten Teile auf Paulos Aiginetes[101] und ließen manches Wichtige unberücksichtigt, was ältere griechische Autoren enthielten. Der Dammschutz ist vergessen, die Wendung auf die Füße ist unbekannt. Die Lehre von der Dystokie steht unverrückt auf dem alten Standpunkt, nur daß auch der schmalen Hüften, aber ohne Bezugnahme auf die Räumlichkeit des Beckens, gedacht wird. Als normal gilt nur die Kopflage; alle geburtshilflichen Maßnahmen wurden von dem Bestreben geleitet, alle anderen Lagen -- selbst die vollkommene Fußlage -- in Kopflagen zu verwandeln; die hierzu nötigen Eingriffe sind nur mangelhaft beschrieben. Neu ist die ~Anwendung von Schlingen zur Extraktion des toten Kindes~. Zerstückelungsoperationen wurden sehr häufig (auch bei lebendem Kinde) vorgenommen. Unter den ~geburtshilflichen Instrumenten~ -- wovon ~Abbildungen~ bei Abulkasim erhalten sind -- finden sich neben Dilatatorien (auch mit Schraubenwirkung), Haken etc. ~auch Zangen mit gekreuzten Armen~ (darunter solche mit Kopfkrümmung). Daß die Araber Zangen zur Extraktion des lebenden Kindes gebrauchten, läßt sich nicht bestimmt erweisen.

[101] Von den Arabern „Alkawabeli” genannt, d. h. der Geburtshelfer (κατ' ἐξοχὴν).

Wahrhaft selbständig zeigte sich die arabische Medizin auf dem Gebiete der ~Diätetik~ und ~Arzneimittellehre~; hier erntete die Schaffenskraft reiche Erfolge und brachte Leistungen hervor, welche die Nachwelt anerkennen muß.

Der Diätetik kam, abgesehen von griechisch-indischen Vorbildern, namentlich der Umstand zu statten, daß der Koran die hygienische Regelung des Lebens jedem Gläubigen zur religiösen Pflicht machte und somit in den weitesten Volksschichten die stabile Gewohnheit erzeugte, jederzeit auf diätetische Maßnahmen sorgfältig Bedacht zu nehmen; was schon für die Tage der Gesundheit, für die ~Prophylaxe~ Geltung hatte, wurde natürlich mit noch größerer Rigorosität auf die Behandlungsweise der Krankheiten übertragen und bis in minutiöse Details für therapeutische Zwecke präzisiert[102]. Die ~diätetische Therapie~ ist in den medizinischen Lehrbüchern an die Spitze gestellt und bildete auch einen beliebten Vorwurf für Spezialabhandlungen.

[102] Hier sei übrigens bemerkt, daß sich die Aerzte bei ihren diätetischen Vorschriften nicht immer streng an rituelle Gebote hielten, dies gilt namentlich hinsichtlich des Weingenusses. So haben z. B. Abulkasim und Avicenna den Wein als wichtiges Mittel verordnet. Der strenggläubige Muslim, der den in Oxford befindlichen Kodex des Abulkasim abschrieb, setzte allerdings die Worte hinzu: „Wein hat uns Allah verboten. Wenn es dem Kranken beschieden ist, gesund zu werden, wird er auch ohne Wein gesund werden.” Interessant ist es auch, daß Isaac Judaeus das Schweinefleisch als eine sehr gesunde Speise empfiehlt. Vgl. S. 144 Anm. 1.

Der ~Arzneischatz~ nahm beträchtlich zu; zur Vermehrung trug hauptsächlich der rege Handelsverkehr bei, welcher Drogen aus Vorder- und Hinterindien und China nach dem Westen brachte[103], nebstdem kam aber noch, wenn auch in untergeordneter Weise, die emporstrebende Chemie durch ihre Präparate in Betracht. ~Die Araber haben nicht wenig neue Arzneimittel -- besonders Aromatika und Lenitiva -- und zuerst eigentliche chemische Präparate eingeführt.~ Sie suchten die Drastika der Griechen durch milde, eröffnende Mittel (z. B. Cassia, Senna, Tamarinden) zu ersetzen oder stark wirkende Substanzen (z. B. Scammonium) durch indifferente Zusätze (Veilchenwurz, Zitronensaft etc.) abzuschwächen. Die ~Arzneimittellehre~ fand intensivste Pflege, und schon seit dem 8. Jahrhundert entwickelte sich eine umfangreiche Fachliteratur über ~medizinische Botanik~[104], welche an die Alten, insbesondere Dioskurides, anknüpfte, aber auf dem Wege emsigster Eigenforschung über die Ueberlieferung hinausschritt. Im Anschluß an die Arzneimittellehre und unter dem Einfluß gewisser kultureller Verhältnisse wurde auch die ~Toxikologie~ eifrig und erfolgreich bearbeitet.

[103] In arabischen Reisewerken finden sich Berichte über die Herkunft und Gewinnungsart vieler Drogen (z. B. Kampfer, Moschus, Ambra, Santalum, Kubeben, Aloe, Rheum, Crocus, Asa foetida etc.).

[104] Viele Aerzte waren eifrige Botaniker und machten botanische Exkursionen; in später Zeit wurden auch botanische Gärten angelegt.

Der Umfang des Arzneischatzes und die Erfindung neuer Arzneiformen (z. B. Sirup, Julep[105], Roob, Sief[106] u. a.), die Vorliebe für künstlich zubereitete, kompliziert zusammengesetzte Medikamente und die höhere Entwicklung der pharmazeutischen Technik (systematische Anwendung des Destillationsverfahrens etc.) machten eine Arbeitsteilung nötig, welche in der Existenz eines eigenen ~Apothekerstandes~, in der Gründung von öffentlichen ~Apotheken~ zum Ausdruck kam[107]! Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Apotheken unter staatliche Beaufsichtigung gestellt wurden und daß nach den, von der Obrigkeit autorisierten, Antidotarien (Grabadinen ═ Dispensatorien) gearbeitet werden mußte.

[105] Julep unterscheidet sich vom Sirup dadurch, daß er nicht so lange gekocht wird, daher weit dünner ist.

[106] Augenkollyr.

[107] Auch hier war das Vorbild der Nestorianer in Dschondisabur (vgl. S. 165) maßgebend.

Das Apothekergewerbe ging aus dem Stande der Spezereiwarenhändler hervor, worauf die ursprüngliche Bezeichnung Szandalani (Verkäufer von Sandelholz) hindeutet. Die Apotheker erfreuten sich bei den Arabern nicht geringen Ansehens -- im Gegensatz zu den Pharmakopolen etc. der Griechen und Römer -- und verdankten dies dem Aufschwung der pharmazeutischen Technik, die sie über das Niveau des bloßen Arzneihandels erhob. Auch große Aerzte hielten hie und da Apotheken. Die erste öffentliche Apotheke in Bagdad wurde zur Zeit des al-Mansur gegründet. Es scheint, daß Visitationen üblich waren, auch gab es Feldapotheken für die erkrankten Soldaten. Die Krankenanstalten waren mit Apotheken verbunden.

Die berühmtesten Dispensatorien rührten von Sabur ben Sahl (vgl. S. 165), al-Antari und Ibn at-Talmid her.

Ob die Medizin der Araber in ihren Fortschritten anderen Wissenszweigen gleichkam oder nachstand, darüber wird das Endurteil beim Rückblick auf das Ganze schwanken -- ~einhellige Anerkennung verdient aber jedenfalls vom didaktischen Standpunkt die Art, wie das überkommene und neu erworbene Wissensmaterial in einen allgemein zugänglichen, leicht übersehbaren Lehrstoff verwandelt wurde~. Die Araber waren es, welche Licht und Ordnung in die oft unklar gefaßte, nur in Bruchstücken vorliegende Ueberlieferung der Antike brachten, sie haben an Stelle der mechanischen Auszüge, der geistlosen Kompilationen, der verwirrenden Sammelschriften der Byzantiner ~wirkliche umfassende Handbücher~ mit einheitlichem, alle Spezialfächer organisch verbindendem Grundzug geschaffen, sie haben den Lehrzweck in mannigfachen Formen (Kompendien, Tabellenwerke, Lehrgedichte etc.) zu erreichen verstanden und der lebendigen Muttersprache -- nicht einem längst erstorbenen Idiom -- eine mustergültige ~wissenschaftliche Terminologie~ abgerungen.

Entsprechend der Höhe des Unterrichtswesens (vgl. S. 155) im allgemeinen -- im Orient war das Autodidaktentum stets verpönt -- erfreute sich auch der ~medizinische Unterricht~ sorgfältiger Pflege. Während an den Hochschulen der Schwerpunkt auf die Theorie gelegt wurde, sorgten die als Lehranstalten dienenden Krankenhäuser (mit ihren Spezialabteilungen und Ambulatorien) vorzugsweise für die praktische Unterweisung. Von großer Bedeutung war es, daß sich bei den Arabern ein ~Prüfungswesen~ entwickelte, welches die Ausübung der ärztlichen Praxis von dem erbrachten ~Befähigungsnachweise~ abhängig zu machen strebte -- eine Institution, die gewiß eine Verbesserung der ärztlichen Standesverhältnisse hätte herbeiführen können. Leider scheint es aber an einer strengen Durchführung, wenigstens auf die Dauer und an verschiedenen Orten, gefehlt zu haben[108].

[108] Zum Beweise diene folgende köstliche Prüfungsgeschichte. „Im Jahre 319 d. H. erfuhr al-Muktadir (der Kalife), daß einer von den Aerzten einen Kunstfehler bei einem Manne gemacht hatte, woran dieser gestorben war. Da befahl er dem Polizeimeister, allen Aerzten die Ausübung der Praxis zu verbieten, falls sie nicht Sinan ben Tabit ben Kurra geprüft und ihnen einen Praktizierschein ausgestellt hätte, und er befahl dem Sinan sie zu prüfen und jedem einzelnen die Erlaubnis zur Ausübung des Teiles der Heilkunde zu erteilen, den er verstand. Und es erreichte ihre Zahl auf beiden Seiten Bagdads 800 und einige 60 Mann, abgesehen von denen, die ihre Berühmtheit von der Prüfung entband ob ihrer hervorragenden Bedeutung in der Kunst und von denen, die im Dienste des Kalifen standen. Und zu dem drolligen, was bei der Prüfung der Aerzte passierte, gehörte, daß zu Sinan ein Mann hineingeführt wurde, vornehm an Kleidung und Aussehen, ehrfurchtgebietend und würdevoll. Da ehrte ihn Sinan nach Maßgabe seiner Erscheinung und gab ihm einen Ehrenplatz und pflegte, wenn etwas passierte, sich an ihn zu wenden und hörte nicht auf, so zu tun, bis er seine Aufgabe an diesem Tage beendet hatte; da erst wandte sich Sinan an ihn und sagte: Ich würde mich freuen, etwas vom Scheiche zu hören, was ich mir von ihm merken könnte und wenn er mir seinen Lehrer in der Heilkunde nennen würde. Da zog der Scheich aus seinem Aermel eine Rolle heraus, darin blanke Denare waren, legte sie vor Sinan hin und sagte: Ich verstehe nicht zu schreiben und zu lesen und habe nie etwas gelesen, aber ich habe eine Familie und mein Lebensunterhalt ist ein immer volles (?) Haus und ich bitte dich, daß du mir das nicht abschneidest. Da lachte Sinan und sagte: Unter der Bedingung, daß du nicht auf einen Kranken losgehst mit dem, was du nicht kennst und nicht zu einem Aderlaß oder zu einem Abführmittel rätst, außer zu dem, was von den Krankheiten naheliegt. Da sagte der Scheich: Das ist meine Methode; mein Lebenlang bin ich nicht über Zuckerkand und Rosenwasser hinausgegangen. Und er ging davon. Und anderen Tags wurde ein Jüngling zu ihm hineingeführt, prächtig im Anzug, schön von Antlitz und klug. Da blickte Sinan auf ihn hin und sagte: Bei wem hast du gelesen? Er sagte: Bei meinem Vater. Wer ist denn dein Vater? Er antwortete: Der Scheich, welcher gestern bei dir war. Sinan sagte: Ein wackerer Scheich und du befolgst seine Methode? Er sagte ja. Da sagte Sinan: Ueberschreite sie nicht, und ging in Begleitung ab.” -- Eine ganz ähnliche Anekdote wird aus dem 12. Jahrhundert von Ibn at-Talmid als Prüfer erzählt. -- In Cordoba setzte der Emir Dschedur ben Muhammed (im 11. Jahrhundert) eine ärztliche Prüfungsbehörde ein und verfolgte die Scharlatanerie.

Neben der fortdauernd üblichen privaten Unterweisung einzelner Jünger durch ältere erfahrene Aerzte, besaßen jene medizinischen Lehranstalten, welche mit Hospitälern verbunden waren, die höchste Bedeutung für die ärztliche Ausbildung; die Medresen, deren Entstehung überhaupt erst der späteren Zeit angehört, berücksichtigten in ihrem Studienplan nicht immer auch die Heilkunde und, wenn dies geschah, vorzugsweise nur die Literatur und die theoretischen Zweige derselben. Dem ärztlichen Unterricht diente die Lektüre und Interpretation der Uebersetzungen ausgewählter griechischer und byzantinischer Autoren zur Grundlage[109], daran schlossen sich Disputationen, welche eine große Rolle spielten; die praktische Fertigkeit in der Diagnostik, Prognostik (besonders Pulsuntersuchung und Harnschau), in der Arzneimittelbereitung und Therapie konnte in den Krankenanstalten unter Leitung der, auch als Lehrer tätigen, Spitalsärzte gewonnen werden. Nach dem Beispiel der nestorianischen und jüdischen Schulen kam allmählich der Gebrauch auf, daß sich die Studierenden Zeugnisse über den Besuch der Vorlesungen ausstellen und die Erlaubnis zur eigenen Lehrtätigkeit schriftlich erteilen ließen (i-gaze)[110]. Die medizinischen Schulen der Araber waren auch den Christen und Juden zugänglich, ebenso bildete für die Lehrtätigkeit, selbst unter den weniger toleranten Verhältnissen der späteren Zeit, der Glaubensunterschied kein unübersteigliches Hindernis.

[109] Das Studium des Dioskurides wurde durch ~botanische Exkursionen~ ergänzt.

[110] Ursprünglich konnte jeder als Arzt und medizinischer Lehrer auftreten, ohne über die erworbene Ausbildung Rechenschaft geben zu müssen.

Von einem ~Befähigungsnachweise für die ärztliche Praxis~ in Form einer von der Obrigkeit angeordneten Prüfung hören wir einige Male, ob aber diese Institution, welche dem Unfug der Scharlatanerie steuern sollte, eine ständige oder bloß vorübergehende war, läßt sich nicht entscheiden; die überlieferten Berichte zeigen jedenfalls, daß man es unter Umständen mit der Sache nicht sehr genau nahm. Als Examinatoren fungierten die „Vorsteher” der Aerzte ═ Protomedici, denen überhaupt die Beaufsichtigung des ärztlichen Standes zufiel[111]. Ohne daß die Berufsfreiheit für die Dauer gänzlich aufgehoben wurde, regulierten sich die Verhältnisse wahrscheinlich von selbst in der Weise, daß allmählich nur jene Aerzte Ansehen und Klientel erlangten, welche auf ihren Studiengang unter Leitung anerkannter Lehrer hinweisen konnten.

[111] Das Amt des Protomedikus versah gewöhnlich der Leibarzt des Fürsten.

Am Hofe wie im Volke galt der Arzt als Hauptrepräsentant der Gelehrsamkeit, weil der Nutzen seines Wissens von vornherein jedermann einleuchtete. Im allgemeinen nahmen deshalb die Aerzte im sozialen Leben eine hohe Position ein. Ganz besonders gilt dies natürlich von den einflußreichen Leibärzten, welche nicht nur verschwenderisch besoldet[112], sondern außerdem noch mit Geschenken und Auszeichnungen (nicht wenige waren Veziere) überhäuft wurden, freilich oft auch den Wechsel despotischer Laune hart zu spüren bekamen. Gelungene Kuren wurden von den Reichen freigebig honoriert, und es scheint, daß die Bezahlung auf freiwilliger Vereinbarung vor oder nach der Behandlung beruhte.

[112] Ein Beispiel bildet Dschabril ben Bachtischua, dessen jährliches Einkommen sich auf ungefähr 280000 Franken belaufen haben soll. Solche Aerzte verstanden es auch, ihrem Reichtum entsprechend, zu leben. Von der luxuriösen Lebensweise des Sohnes des Dschabril berichtet ein Augenzeuge folgendes: Ich besuchte ihn an einem außerordentlich heißen Tage und fand ihn in einem tapezierten Sommergemache, dessen kuppelförmiges Dach mit Rohrmatten bedeckt und von außen mit feinster Leinwand überzogen war. Er trug einen schweren Kaftan aus südarabischem Seidenstoff und hüllte sich noch überdies in einen Mantel ein. Ich staunte über diesen Anzug bei solcher Hitze, aber kaum hatte ich Platz genommen, so empfand ich eine auffallende Kälte. Da lachte er, ließ mir einen Kaftan und Mantel bringen und befahl einem Diener, den Tapetenstoff von der Wand zu entfernen. Nun erst sah ich, daß sich in der Wand Oeffnungen befanden, die in einen Raum gingen, der ganz mit Schnee gefüllt war; Diener aber waren unablässig beschäftigt, mit großen Fächern die kühle Luft, die sich dort ansammelte, in das Gemach zu fächeln. Es wurde nun das Essen aufgetragen und der Tisch mit den köstlichsten Speisen bedeckt. ... Ein anderes Mal besuchte ihn derselbe an einem kalten Wintertage, wo er ihn in einem Gewächshause, wie in einem Garten sitzend, antraf. Vor ihm stand ein silbernes Kohlenbecken, in welchem mit wohlriechenden Hölzern die Glut unterhalten wurde. Als der Besucher sich über die angenehme Wärme wunderte, ließ der Hausherr den Tapetenstoff der Wände entfernen, und da sah er, daß hinter dem Gemache Sklaven beschäftigt waren, stets Feuer zu unterhalten, dessen Wärme das Gemach füllte.

Daß übrigens nicht selten die Aerzte auch über Undank zu klagen hatten, und daß das glänzende Los einzelner Auserwählter keinen Maßstab für die materielle Lage der großen Masse der Praktiker abgibt, beweisen z. B. die Aeußerungen des Rhazes und des Isaac Judaeus (vgl. S. 174 u. 177). Bei der sehr beträchtlichen Zahl der Aerzte in den großen Städten war der Konkurrenzkampf ein schwerer, umsomehr als rohe Empiriker und Scharlatane in den mannigfachsten Spielarten, trotz aller Bekämpfung, ihr Unwesen trieben; unter diesen Umständen ist es nur zu begreiflich, wenn die kollegialen Verhältnisse und die ärztliche Ethik manches zu wünschen übrig ließen[113].

[113] Vgl. die Titel der standesärztlichen Abhandlungen des Rhazes und namentlich seine Schrift „über die Umstände, welche die Herzen der meisten Menschen von den achtbaren Aerzten abwenden”, S. 172 u. ff. Die Schriften über ärztliche Ethik knüpften an die hippokratischen an.

Es ist auch nicht zu übersehen, daß bei der großen Menge beständig die rohempirischen und abergläubischen Praktiken der Volksärzte (Tabib), ebenso die Zaubermedizin (Amulette, Talismane) und die Theurgie (Händeauflegen, Koranstechen etc.) auf starken Anhang rechnen konnten. Von den Arten des medizinischen Aberglaubens ist der (unter indischem Einflusse) erstarkte ~Glaube an die Heilkraft der Steine~ (in Form von Amuletten) der interessanteste. Ueber dieses Gebiet handelte die mineralogische Literatur (~Steinbücher~) mit größtem wissenschaftlichen Ernst. Den Ausgangspunkt bildete eine fälschlich dem Aristoteles zugeschriebene Schrift arabischer Herkunft über die Steine (lat. ed. von Val. Rose, Zeitschr. f. d. Altertum N. F. VI, 1875).

Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Aerzte in Kollegien oder Gilden vereinigt waren, das Spezialistentum gedieh üppig, ohne daß es aber, wie in der Augenheilkunde, stets durch wirklich wissenschaftlich gebildete Praktiker vertreten war[114]; befördernd wirkte hier der Umstand, daß sich die gelehrten Aerzte von den chirurgischen Fächern zumeist fernhielten und dieselben den Empirikern überließen[115].

[114] Die Augenärzte bildeten eine besondere Korporation.

[115] Es gab Wundärzte, Schröpfer, Zahnärzte, Steinschneider etc.

Bemerkenswert ist es, daß einzelne Familien (wie die Bachtischuah, Kurra, Hunain, Zohr) durch mehrere Generationen angesehene Aerzte lieferten, was einerseits die Ausbildung sehr beförderte, anderseits aber die Erstarrung der Tradition begünstigte.

Das auf Tradition pochende Selbstgefühl der arabischen Aerzte und die Begeisterung für die ärztliche Wissenschaft fand den erhebendsten Ausdruck in der Pflege der ~Geschichte der Medizin~, deren Höhepunkt ein Arzt des 13. Jahrhunderts, •Ibn Abu Useibia•, bezeichnet. Seine „~Quellen der Belehrung über die verschiedenen Klassen der Aerzte~”, von den Anfängen der Heilkunde bis zum Zeitalter des Verfassers reichend, bilden die wichtigste Grundlage für die neueren Darstellungen der arabischen Medizin.

Die medizinische Geschichtsforschung der Araber besitzt einen vorwiegend chronistischen, bio- und bibliographischen Charakter, sie umfaßte auch Autobiographien (z. B. des Rhazes, Avicenna), Darstellungen einzelner Epochen (z. B. ~Dscholdschol~ über das Leben einiger Aerzte und Philosophen zur Zeit des Mowajjidbillah), die Geschichte einzelner Spitäler u. a. Die medizinische Biographik, Bibliographie resp. Geschichte wurde auch in solchen Werken oft sehr eingehend berücksichtigt, welche die wissenschaftliche Literatur im allgemeinen (namentlich die philosophische) oder die kulturelle und politische Universalgeschichte behandeln. In dieser Hinsicht kommen besonders in Betracht der Kitab-al-~Fihrist~ des Muhammed ben Ischak an-Nadim (10. Jahrhundert) und das Gelehrtenlexikon des Dschamal ad-Din ibn al-~Kifti~ (13. Jahrhundert), die Geschichte Aegyptens des Abd el-Letif und des Makrizi, die Geschichte der Dynastien des ~Abul Faradsch~ Dschordschis (~Bar Hebraeus~, 13. Jahrhundert)[116].

[116] Wichtige Quellen aus späterer Zeit sind die Werke des Hasan Ibn Muhammed Alwazzan, als Christ ~Leo Africanus~, und das Lexicon bibliographicum des ~Hadschi Khalfa~ (beide im 16. Jahrhundert).

Der literarhistorische Sinn der arabischen Aerzte wurde durch ihre Bibliomanie angefacht und unterhalten. Beispielsweise wird berichtet, daß al-Dschezzar bei seinem Tode eine Bibliothek hinterließ, welche 25 Zentner wog.

An die arabische Medizin ist nicht derselbe Maßstab zu legen, wie an die griechische, denn ihr Leben nährte sich meist nur vom Lichte, das die Sonne untergegangener Geschlechter im Scheiden warf. Die fruchtbaren Keime zu einer Neugestaltung, welche in ihr lagen, vermochte sie selbst nicht zur Entfaltung zu bringen. Sie war der Hauptsache nach ein Bau, der die Trümmer der Vorzeit in architektonischer Schönheit zusammenschloß. Aber dieser Bau gewährte noch Jahrhunderte lang der ärztlichen Wissenschaft ein schützendes Heim.

In den arabischen Aerzten ward der Orient noch einmal der Lehrer des Westens. Dankbar für das, was sie den Nestorianern schuldeten, eröffneten die Muslimen den Christen des Abendlandes willig die Pforten der wissenschaftlichen Heilkunde und erschlossen ihnen die Schätze antiker Geistesarbeit, freilich oft in bizarrer Umhüllung. Und darin lag eine hohe Mission!

Neuen Rassen fiel es zu, das Ueberlieferte von den Schlacken zu befreien, in reiner ursprünglicher Form wieder darzustellen und durch selbsttätiges Schaffen zu ungeahnter Höhe fortzuführen. Als bloß vorbereitende Uebergangserscheinung konnte die arabische Medizin dem Ansturm der Zeiten nicht widerstehen, das Gerüst mußte fallen, entsprechend dem ehernen Gesetze des Fortschritts -- an der Geschichte aber ist es, auch den vermittelnden Bindegliedern der Geistesentwicklung ein ehrendes Gedenken zu bewahren.

Die Geschichte des arabischen Einflusses auf die abendländische Heilkunde und der allmählich erstarkenden Reaktion gegen den Arabismus macht den Hauptinhalt der Geschichte der Medizin im späteren Mittelalter und im Beginne der Neuzeit aus.

Literarhistorische Uebersicht.

Vorbemerkung.

Im folgenden sind nur die allerwichtigsten Autoren und vorzugsweise solche Werke berücksichtigt, welche in gedruckten Uebersetzungen (ins Lateinische oder in moderne Sprachen) vorliegen.

Schriftsteller des 9. Jahrhunderts.

~Jahja (Juhanna) ben Masawaih~, christlicher Arzt (777-857) -- •Mesuë (der Aeltere)• war Schüler des Dschabril ben Bachtischua und wurde von ihm zum Direktor des Krankenhauses in Bagdad ernannt; er genoß das Vertrauen der Kalifen von Harun bis Mutawakkil. Abgesehen von seiner Uebersetzertätigkeit (vgl. S. 149) verfaßte er eine Reihe von medizinischen Schriften, die sich auf Anatomie, Diätetik, Arzneimittel, Behandlung verschiedener Krankheiten, Augenleiden u. a. bezogen. Aus den bei Rhases vorkommenden Zitaten geht hervor, daß er die scharfen Abführmittel durch gelinde (z. B. Cassia, Tamarinden, Senna) zu ersetzen trachtete, die Blattern auf eine (notwendige) Gärung des Blutes zurückführte etc. Die ~Aphorismi Johannis Damasceni~ (Bonon. 1489) werden ihm gewöhnlich zugesprochen. (In lateinischen Uebersetzungen wird nämlich Mesuë häufig zu einem „Janus Damascenus” infolge Verwechslung mit einem anderen Arzte dieses Namens.)

~Hunain ben Ischak~, christlicher Arzt aus Hira (809-873) -- •Johannitius• -- der bedeutendste der medizinischen Uebersetzer (vgl. S. 149), war Schüler des Jahja ben Masawaih, mit dem er jedoch später zerfiel. Erfüllt von großer Wißbegierde, begab er sich zur Vervollkommnung seiner sprachlichen und medizinischen Kenntnisse auf Reisen (Mesopotamien, Persien, Griechenland), um sodann in Bagdad als Arzt aufzutreten und Vorlesungen zu halten (letztere hatten solchen Erfolg, daß selbst der alte Dschabril ben Bachtischua dieselben besuchte). Der Kalif al-Mutawakkil ernannte Hunain, nachdem er seine Ehrenhaftigkeit in einer harten Gewissensprobe erwiesen hatte, zum Leibarzt und betraute ihn mit der Herstellung von Uebersetzungen, auf welchem Gebiete er sich die größten Verdienste erwarb. Er starb -- verdächtigt von religiösen Gegnern, deren Haß er sich wegen seines Abscheus vor dem eingerissenen Bilderdienst zugezogen hatte -- wahrscheinlich durch Selbstvergiftung. Hunain schrieb eine Menge von Abhandlungen über Diätetik, Bäder, Puls, Harn, Arzneimittel, Fieber, Dysurie, Steinkrankheit, Magenleiden, Epilepsie, Augenleiden, Chirurgie, Anatomie u. a. Am meisten Verbreitung fand seine Einführung in Galens Mikrotechne (vgl. Bd. I, S. 368), welche schon früh ins Lateinische übersetzt wurde und an den mittelalterlichen Universitäten des Abendlandes als eines der wichtigsten Lehrbücher diente: ~Isagoge Johannitii ad Tegni Galeni~ (Venet. 1483, 1487, Lips. 1490), Johannitii isagoge in artem parvam Galeni (Argentor. 1534). Die Schrift ist nach dem Muster der pseudogalenischen εἰσαγωγή verfaßt und enthält eine ungemein spitzfindige Ausführung galenischer Grundgedanken (so ist z. B. die Kräftelehre bedeutend erweitert und spezifiziert). Hunains Werk über Augenheilkunde soll nach den neuesten Forschungen in zwei mittelalterlichen lateinischen Uebertragungen als liber de oculis translatus a Demetrio und als liber de oculis Constantini Africani überliefert worden sein. -- Auch der Sohn Ischak ben Hunain und der Neffe Hubeisch haben neben den Uebersetzungen einzelne Originalarbeiten verfaßt.

~Jakub ben Ischak al Kindi~ (813-873?) -- •Alkindus• -- Sohn eines Statthalters von Kufa, lebte in Basra, sodann in Bagdad, wo er bei den Kalifen al-Mamun und al-Mutasim wegen seiner eminenten Gelehrsamkeit in höchstem Ansehen stand. Er schrieb mindestens 200 Abhandlungen über Philosophie, Mathematik, Astronomie, Astrologie, Physik, Musik u. a. Unter seinen (etwa 22) medizinischen Schriften erlangte das Buch über die Grade der Arzneimittel die größte Bedeutung (vgl. S. 167): ~De medicinarum compositarum gradibus, investigandis libellus~ (Argent. 1531 und öfter mit den Oper. Mesues; auch in den opuscul. illustr. medicorum de dosibus, Patav. 1556 u. ö.).

~Thabit ben Kurra~ (826 oder 836-901) aus Harran (Sabier), hervorragend durch seine linguistischen, philosophischen, mathematischen und astronomischen Kenntnisse, erfreute sich der Gunst des Kalifen Mutadhid, der ihn unter seine Astronomen aufnahm. Er soll außer seinen Uebersetzungen gegen 150 wissenschaftliche Schriften verfaßt haben, darunter auch medizinische, z. B. über anatomische Fragen, über den Puls u. a.

~Jahja ben Serabi~ (ben Serafiun), christlicher Arzt aus Damaskus (zweite Hälfte des 9. Jahrhunderts) -- •Serapion (d. Aeltere)• -- kompilierte in syrischer Sprache[1] ein größeres aus 12 und ein kleineres aus 7 Büchern bestehendes Werk über spezielle Pathologie und Therapie. Letzteres ist in lateinischen Uebersetzungen unter verschiedenen Titeln, ~Practica~, ~Breviarium~, ~Therapeutice methodus~, ~Aggregator~, öfters herausgegeben (Venet. 1479 u. ö., Ferrariae 1488, Basil. 1499 u. ö., Lugdun. 1510). Die Anordnung in der Pathologie ist sehr mangelhaft, auf Rezeptformeln wird das Hauptgewicht gelegt. ~Serapion~ empfahl bei den meisten entzündlichen Affektionen den Aderlaß und gab subtile Vorschriften über die Wahl der Venen bei Ausführung der Venäsektion. Die unter Mesuë angeführten Aphorismi Johannis Damasceni wurden von manchen dem (älteren) Serapion zugeschrieben[2].

[1] Infolge frühzeitiger Uebersetzung bürgerten sich die Schriften Serapions in der arabischen Literatur ein.

[2] Da Serapion von seinem späteren Herausgeber Albanus Torinus (Basil. 1543) „Janus Damascenus” genannt wird, so wurde er öfter mit dem älteren Mesuë verwechselt.

•Rhazes• (um 850-923 oder 932),

Abu Bekr Muhammed ben Zakarijja ar-Razi (d. h. aus Raj in Chorasan) -- •Rhases•, Rasis, Abubater, Albubeter, Bubikir u. a.

~Rhazes~ verfaßte mehr als 200 Schriften, teils medizinischen, teils philosophischen, mathematisch-astronomischen oder chemisch-physikalischen Inhalts, wovon aber das Meiste verloren gegangen ist. Die wichtigsten unter den medizinischen sind nachfolgende:

~Al-Hawi ═ Continens~ (Behältnis der Medizin), ein wenig geordnetes, hauptsächlich auf den Leistungen der Griechen und der vorhergegangenen arabischen Aerzte beruhendes Riesenwerk über alle Zweige der Heilkunde. Lateinische Uebersetzungen Brescia 1486, Venet. 1500 u. ö. Die Anzahl der Bücher in den verschiedenen Ausgaben ist 25 oder 37. In einer vollständigen arabischen Handschrift des Escurial besteht das Werk aus 70 Büchern. Inhalt: Erkrankungen des Kopfes; Augenleiden; Ohrenleiden; Nasenleiden; Sprachkrankheiten; Mundleiden; Krankheiten der Atmungsorgane; Blutungen aus dem Munde; Brustkrankheiten; Magenkrankheiten; Purgiermittel; Bauchfluß; Hypertrophie, Atrophie; Krankheiten der Mamma; Herzleiden; Leberleiden; Ikterus; Hydrops; Milzleiden; verschiedene Arten von Kolik; Gebärmutterleiden; Krankheiten der Harnorgane; Krankheiten des Anus, der Vulva, der Hoden, der Harnröhre, Hernien; Würmer; Erkrankungen der Extremitäten, Gibbus, Varices, Elephantiasis, Filaria medinensis; Abszesse, Krebs, Phlegmone, Karbunkel, Erysipel, Verbrennungen, Hydrocephalus; Wunden, Geschwüre, Aderlaß, Schröpfköpfe, Blutegel, Kontusionen, Stich- und Bißwunden etc.; Frakturen und Luxationen; Fieber; Symptomatologie; Verdauung, Zeiten der Krankheit, Krisen, Krankheitsursachen; Heilung, Rezidive; Biß von giftigen Tieren, Toxikologie; Haar-, Hautkrankheiten; Arzneimittellehre. Die Fülle von Zitaten, welche sich in diesem Werke vorfinden -- meist wörtliche Auszüge -- macht dasselbe zu einer Fundgrube für die literarhistorische Forschung. Das größte Interesse bieten die von Rhazes selbst beobachteten Krankheitsfälle.

~Kitab al tib Almansuri -- Liber medicinalis Almansoris -- liber medicinae Mansuricus.~ Lat. Ad Almansorem libri, Mediolani 1481, Venet. 1494 u. ö., Lugd. Batav. 1511, Argent. 1531, Basil. 1544. Kompendium der Medizin, welches durch knappe und übersichtliche Darstellung ausgezeichnet ist; zerfällt in 10 Traktate: 1. Anatomie (die erste systematische Darstellung, welche aus der arabischen Literatur auf uns gekommen ist), 2. Physiologie, allgemeine Pathologie und Diagnostik, 3. Lehre von den Nahrungsstoffen und einfachen Arzneimitteln, 4. Gesundheitslehre, 5. Kosmetik, 6. Gesundheitsregeln auf Reisen, 7. Allgemeine Chirurgie, 8. Toxikologie, 9. ~Spezielle Therapie~, 10. Fieberlehre. ~Das neunte Buch~ (~nonus Almansoris~) diente im Abendlande lange Zeit als Grundlage der akademischen Vorlesungen; deshalb wurde es auch selbständig oder gemeinschaftlich mit anderen Werken lateinisch herausgegeben (Venet. 1483 u. ö., Patav. 1480). -- Textausgabe und französische Uebersetzung des 1. Buches von P. de Koning in Trois traités d'Anatomie arabe, Leyden 1903. -- Deutsche Uebersetzung des augenärztlichen Teiles von W. Bronner, Die Augenheilkunde des Rhases, Berlin 1900, Dissert.

~De variolis et morbillis~ -- früher liber de pestilentia genannt -- über die Blattern. Neuere Ausgaben: Arab.-lateinisch. Ed. Channing, London 1766. Lateinische Uebersetzung von Channing, Göttingen 1781; englische Uebersetzung von Greenhill, Lond. 1847; französische Uebersetzung von Leclerc und Lennoir, Paris 1866.

Unter dem Titel Opera parva (z. B. Venet. 1500, Lugd. 1510 u. ö.) sind folgende Schriften zusammengefaßt: ~Antidotarium~ (Vorschriften zur Bereitung von Arzneien, darunter auch heilkräftigen Oelen), ~Divisiones~ (liber divisionum) ═ Kompendium der Medizin in 159 Kapiteln, ~Introductio in medicinam, Aphorismi~ (Director) aus sechs Abschnitten bestehend (Prognostik, Heilmittel gegen einzelne Krankheiten, Krankengeschichten, Diätetik, Paraphrasen zu hippokratischen Lehrsätzen, Aphoristische Sätze), außerdem noch eine Reihe kleinerer Schriften, z. B. de juncturarum aegritudinibus (über Gliederkrankheiten), ~de praeservatione ab aegritudine lapidis~ (prophylaktische Diät gegen Steinkrankheit), ~de aegritudinibus puerorum et earum cura~ (zusammenfassende Darstellung der wichtigsten Kinderkrankheiten und der entsprechenden Arzneien), de sectionibus, cauteriis et ventosis, de facultatibus partium animalium. Die Schrift über die Prophylaxe der Steinkrankheit gab ~P. de Koning~ in ~Traité sur le calcul dans les reines et dans la vessie par Abu Bekr Muhammed Ibn Zakariya al Razi~ (Leyden 1896) arabisch-französisch zugleich mit einer anderen Abhandlung des Rhazes heraus, welche auch das Chirurgische berücksichtigt. Letztere Abhandlung stammt aus einem bisher nicht veröffentlichten Kompendium des Rhazes, ~Fakhir~ ═ ~liber pretiosus de morbis particularibus membrorum a vertice ad pedes~.

Nach einem hebräischen Texte veröffentlichte Steinschneider (Virchows Archiv Bd. 36 und 37) die deutsche Uebersetzung der Schrift „~über die Umstände, welche die Menschen von den achtbaren Aerzten abwenden~”. Eine französische Uebersetzung (mit arabischem Text) der kleinen Abhandlung „~über rasche Kuren mancher Leiden~” (fundamentum medicinae, de morbis, qui intra horam sanari possunt) gab J. Guigues unter dem Titel „La guérison en une heure de Razès”, Paris 1904, heraus; hier findet sich die Widerlegung der These, daß Krankheiten ebenso viel Zeit zu ihrer Heilung wie zu ihrer Entstehung bedürfen.

Aus dem reichen Inhalt der medizinischen Werke des Rhazes wäre unter vielem anderen folgendes hervorzuheben.

Aus der •inneren Medizin•: Unterscheidung der bloß symptomatischen von den essentiellen Fiebern. Schweißausbruch bedeute keine wahre Krisis, sondern zeige nur an, daß die Natur eine anderweitige Entscheidung bewirken werde; manche unregelmäßige Fieber entstehen durch Vereiterung der Nieren; die Behandlungsweise der Fieber soll sich nach den Ursachen richten. Bei hitzigem Brennfieber empfahl Rhazes die Anwendung von kaltem Wasser (Continens Lib. XVI, cap. 2), bei putrider Brustentzündung stärkende Mittel und Wein (l. c. Lib. IV, cap. 3), bei Phthise Milch und Zucker, bei schlechter Verdauung Buttermilch und kaltes Wasser. Wassersucht könne auch durch Nierensteine hervorgerufen werden, Gelbsucht entstehe durch Verstopfung der Gallengänge. Bemerkenswert ist die Empfehlung des Schachspieles zur Behandlung der Melancholie und die Schilderung der Hypochondrie, des Gesichtsschmerzes etc. (Lib. XVIII, cap. 5, Lib. Division. Tr. VII, cap. 14). Die schädlichen Folgen der Sumpfluft waren ihm bekannt. Den übermäßigen Gebrauch der Purganzen schränkte Rhazes wesentlich ein, bei Ileus zieht er Oele dem Quecksilber vor. Den Aderlaß verwendete Rhazes bei den verschiedensten Affektionen (namentlich Phrenitis, Pleuritis, Hämoptoe), doch ließ er es insofern nicht an Vorsicht fehlen, als er Jahreszeit, Klima, Alter und Konstitution berücksichtigte, bei Kindern und Greisen sollte nur in den allerdringendsten Fällen die Venäsektion vorgenommen werden, unter den zahlreichen Gegenanzeigen kommt auch die Fettleibigkeit vor. Die Auswahl der Venen gründet sich auf Galens Gefäßtheorie; so wurde z. B. bei Leiden oberhalb des Schlüsselbeins die Cephalica, bei Affektionen des Thorax und Unterleibs die Basilica geöffnet, bei Hämoptoe nahm Rhazes den Aderlaß am Fuße, bei Leber- und Milzentzündung an der leidenden Seite vor, bei vollblütigen Pleuritischen zuerst auf der gesunden und dann auf der kranken Seite etc.

Aus der •Diätetik und Arzneimittellehre•. Auf diätetische Mittel legte Rhazes größten Wert; zu diesen zählten verschiedene leichtverdauliche Gerichte aus der Krankenküche (Ptisane, Linsenabkochung, Zubereitungen aus Schaf- oder Hühnerfleisch, gehacktem Fleisch), Gemüse, Obst, die bei der sauren Milch ausgeschiedene käsige Masse, Wein, reines Brunnenwasser, Granatäpfelsaft, Rosenwasser mit Zucker, Zitronen-, Trauben-, Quittensaft, einige Syrupe etc.; Bäder und Waschungen empfiehlt Rhazes selbstverständlich ganz besonders; hingegen war er kein Freund vom diätetischen Erbrechen. -- Der Arzneischatz ist ein bedeutender, da neben der griechischen auch die indische Materia medica herangezogen ist, außer pflanzlichen werden auch tierische (Milch, Blut, Hirn, Auswurfstoffe etc.) und mineralische Stoffe benützt. Besonders wären hervorzuheben: Kampfer, Moschus, Ambra, Cardamomum, Muskatnüsse, Kubeben, Anakardien, Cassia fistula, Manna, Nux vomica, Senna, Caryophilli, Salmiak, verschiedene Oele (z. B. Eieröl, Rosenöl, Mandelöl, Zitronenöl), verschiedene ~alkoholische~ Getränke, Arrak. Was die Formen der Arzneien anlangt, so kennt Rhazes für den internen Gebrauch Dekokte, Infuse, Pulver, Pillen, Linctus, Syrupe, Pastillen, Mus, Roob (dickflüssiges Extrakt); für die äußere Anwendung Salben (darunter ~Quecksilbersalbe~ gegen verschiedene Hautleiden), Linimente, Pflaster, Cerate, Suppositorien, Gurgelwässer, Niesemittel, Umschläge, Räucherungen, Klistiere, Augenkollyrien.

•Chirurgie.• Bei ~penetrierenden Bauchwunden~ wird empfohlen: Fomentieren der aufgeblähten vorgefallenen Därme mit warmem Wein, Reposition der Därme im warmen Bade, Wegschneiden des mit beginnendem Brande behafteten Netzes nach Unterbindung seiner Gefäße mit feinen Fäden (Lib. medic. VII, cap. 3). Unter den Hautaffektionen ist auch ~Erysipel~, „Ignis sacer oder persicus”, erwähnt (l. c. cap. 18, Continens lib. 27, 7. u. 8. Tr.); um die ~Filaria medinensis~ zu entfernen, band man ein kleines Bleigewicht an den Wurm (Lib. medic. VII, cap. 24, Contin. 26, 2 Tr. cap. 2). Beim ~Ausziehen der Pfeile~ etc. kam eine Zange zur Verwendung, deren Maul rauh wie eine Feile war (l. c. cap. 25, vgl. die deutsche Uebersetzung dieses Abschnittes bei H. Fröhlich, „Aus der Kriegschirurgie vor 1000 Jahren”, v. Langenbecks Arch. f. klin. Chir. 1883, S. 862 ff.). Im VIII. Buch des Lib. medic. ist die Lehre von den ~Bissen und Stichen giftiger Tiere~ abgehandelt. Nach einem Viperbiß soll man das Glied fest oberhalb der Wunde umschnüren, und wenn es sich um eine sehr schlimme Art jener Tiere handelt, das Glied sogleich abschneiden (l. c. cap. 2). Zur ~Entfernung von Fremdkörpern~ aus der Speiseröhre ist ein eigens konstruiertes Instrument beschrieben (Lib. medic. L. IX, cap. 49). ~Harnverhaltung~ kann durch einen Stein oder durch Lähmung bewirkt sein (Divisiones, lib. I, cap. 71); haben Arzneimittel keinen Erfolg, so ist der Katheter zu applizieren (Lib. medic. IX, cap. 73). Sehr ausführlich sind Ursprung, Symptome und Behandlung der ~Blasensteine~ (Steinschnitt) im 23. Buche des Continens geschildert. Bei Behandlung der ~Hernien~ werden auch Bandagen empfohlen (Lib. medic. IX, cap. 89), bei Behandlung der Hüftgelenksentzündung das Glüheisen (l. c. cap. 90). Die ~Tracheotomie~ nach der Methode des Antyllos ist im VII. Buche des Continens (2 Tr. cap. 2) beschrieben. Wichtig ist die Schilderung der ~Spina ventosa~ im 28. Buche des Continens. -- In der Schrift de morb. infant. erwähnt Rhazes einen Fall von monströsem ~Hydrocephalus~ und empfiehlt beim ~Nabelbruch~ Pflaster mit Adstringentien oder mit Leim; eventuell Kauterisation ringsherum.

•Geburtshilfe• (Continens Lib. IX und in Liber medic. ad Almansorem). Zur Erweiterung der Geschlechtsteile bei schwierigen Fällen dienen Instrumente mit Schraubenwirkung (Paulos von Aigina). Als einzig normale Lage gilt die Kopflage, die Wendung auf den Kopf hat man daher mit allen möglichen Verfahren (auch Schüttelungen) selbst bei vollkommener Fußlage zu versuchen. Ist weder diese, noch die Extraktion an den Füßen ausführbar, so schreite man zur Zerstückelung des Kindes. Bei starkem Kinde wird die Herausbeförderung durch •Zug an umgelegten Schlingen• angeraten.

•Augenheilkunde.• Im Continens (Lib. II) finden sich zahlreiche eigene Beobachtungen des Rhazes. Gegen Lidläuse ist Quecksilbersalbe empfohlen. Sehstörungen, welche vom Gehirn herrühren, werden von Kopfschmerz und Ohrsausen begleitet; liegt die Ursache im Sehnerven, so beobachtet man dabei Erweiterung der Pupille, wenn das andere Auge geschlossen wird; wenn nichts von beiden vorliegt, so sitzt die Krankheit im Auge. Man muß die Pupille betrachten. Unter den Operationen werden die Abtragung des Pannus, des Flügelfells, die Operation der Lidverwachsung beschrieben, ferner der Starstich nach ~Antyllos~[3], die Aussaugung des Stars mittels einer gläsernen Röhre[4], das Ausbrennen der Tränenfistel, die Trepanation derselben, die Operation der Haarkrankheit und des Entropium. Im IX. Buche des Liber medicinalis Almansoris befindet sich eine sehr knapp gefaßte Augenheilkunde; wichtig ist besonders die Bemerkung, ~daß sich die Pupille auf Lichteinfall verengert~. Auch im Liber divisionum wird die Augenheilkunde kurz abgehandelt. Außerdem verfaßte Rhazes noch eine Reihe von (nicht mehr erhaltenen) augenärztlichen Sonderschriften über die Beschaffenheit des Sehens, über die Gestalt des Auges, über die Bedingungen des Sehens, über die Verengerung der Pupille bei Lichteinfall und über ihre Erweiterung in der Dunkelheit, über die Chirurgie des Auges, über die Arzneien des Auges. -- Hinsichtlich der ~Ohrenheilkunde~ wäre hervorzuheben, daß Rhazes das Ohr im einfallenden Sonnenlichte untersuchte; was die ~Zahnheilkunde~ anlangt, so kannte er die Ausfüllung kariöser Zähne mit einer Mischung von Mastix und Alaun.

[3] Aus der verloren gegangenen Chirurgie des ~Antyllos~ wird folgende Beschreibung mitgeteilt: Beim Starstich sitze der Kranke im Schatten, entgegengesetzt dem Sonnenball. Sein Kopf werde festgehalten. Er blicke gegen den größeren Augenwinkel hin, ohne von dieser Richtung abzuweichen. Nun entferne der Arzt das Instrument vom Hornhautrande (schläfenwärts) ebenso weit, wie von demselben die Pupille absteht. Der Arzt ergreife das stumpfe Ende des Stieles der Nadel und drücke dasselbe hier ein, so daß eine Marke davon entsteht und somit die Nadel nicht gleite bei der Durchbohrung. Das Maß des Eindringens der Nadel sei der Abstand zwischen dem Rand der Pupille und dem der Hornhaut, so daß es den Rand der Pupille nicht überschreitet oder doch höchstens um das Maß eines Gerstenkorns. ... Nun wird die Spitze der Nadel aufgesetzt an dem Ort der Marke und die Bindehaut und die harte Haut durchbohrt. ... Ist nun die Nadel im Auge, so bringe deinen Mund an das Auge und blase auf dasselbe, damit die Pupille ordentlich bleibt. Das Instrument verharre an seinem Orte. Du betrachte seine Spitze. Ist sie noch nicht genügend nahe (dem Star), so drücke sie ein wenig vor. Hat sie den Ort des Stares überschritten, so ziehe sie zurück, daß sie in gleicher Höhe mit dem Stare sei. Ist dies geschehen, so hebe die Handhabe der Nadel ein wenig nach oben, daß die im Innern des Auges befindliche Spitze nach unten gedrückt wird und durch dieses Manöver der Star nach dem unteren Teil des Auges niedergedrückt werde. Ist der Star schwierig, weil er beim Niederdrücken nach oben hin zurückkehrt, so ~zerstückle~ ihn nach den Seiten hin, wo es dir leichter erscheint, ihn zu beseitigen, bis der Kranke dann sofort sieht. Ist dies gelungen, so ziehe die Nadel aus und leg auf das Auge Eiweiß mit Rosenöl auf 3 Tage. (Im weitern folgen Vorschriften über die Rückenlage, Verbinden des zweiten Auges, Aufenthalt im dunklen Zimmer, Inachtnahme vor Niesen, Reden, Husten; Abnahme des Verbandes nach 3 Tagen.)

[4] Ebenfalls aus ~Antyllos~: Einige spalteten den unteren Teil der Pupille und ~zogen den Star heraus~; das geht nur beim dünnen Star, beim dicken nicht, weil die Eiweißfeuchtigkeit mit herausfließt. Einige führten an Stelle der Nadel eine gläserne Röhre ein und saugten die Eiweißfeuchtigkeit mit aus.

Schriftsteller des 10. Jahrhunderts.

Persien und Irak.

Abul Hasan Ahmed ben Muhammed ~at-Tabari~ (aus Tabaristan, zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts). Sein nur in arabischen Handschriften erhaltenes „~Buch der hippokratischen Behandlungen~” besteht aus 10 Büchern: 1. Von den für den Arzt, der nicht Philosoph ist, unentbehrlichen Vorbegriffen; 2. Krankheiten der Haut des Kopfes und Gesichtes; 3. Krankheiten der inneren Teile des Kopfes; 4. Augenkrankheiten; 5. Krankheiten der Nase und des Ohres; 6. Krankheiten des Mundes, der Zähne, des Gaumens, des Rachens, der Kehle; 7. Hautkrankheiten; 8. Krankheiten der Brust, der Lungen, des Zwerchfells, des Herzens und seines Beutels; 9. Krankheiten des Magens und der Speiseröhre; 10. Krankheiten der Leber, der Milz und der Baucheingeweide. Bisher wurde nur der augenärztliche Teil von ~Hirschberg~ (in seiner Geschichte der Augenheilkunde) verdientermaßen gewürdigt; nach dem Urteil dieses Forschers ist Tabari ein hervorragender Kliniker von reicher Erfahrung und selbständiger Denkweise.

~Ali ibn al-Abbas al-Madschusi~ (d. h. der Magier ═ Feueranbeter), Leibarzt des Emirs Adhad ed-Daula († 994) -- •Ali Abbas• (~Haly Abbas~) -- widmete diesem sein Hauptwerk ~al-Malaki ═ Liber regius~ (~regalis dispositio~), lat. Uebersetzung Venet. 1492, Lugdun. 1523[5]. Das königliche Buch zerfällt in zwei Teile, in einen „theoretischen” und in einen praktischen, zu je 10 Büchern. Der erstere handelt über Anatomie, Physiologie, Diätetik, allgemeine Pathologie, Semiotik, über spezielle Affektionen (z. B. Abszesse, Hautkrankheiten, Wunden und Geschwüre), über innere Krankheiten und Prognostik. Der praktische Teil enthält: Hygiene, Diätetik, Lehre von den Arzneimitteln und deren Anwendung, spezielle Pathologie und Therapie, Chirurgie, Materia medica. ~P. de Koning~ hat (in Trois traités d'anatomie arabes, Leyde 1903 und in Traité sur le calcul dans les reines et dans la vessie etc., Leyde 1886) die einschlägigen anatomischen und urologischen Abschnitte arabisch mit französischer Uebersetzung veröffentlicht. Das Augenärztliche liegt in der Berliner Dissertation (1900) von Gretschischeff „Die Augenheilkunde des Ali Abbas” vor. Ueber die geburtshilflichen Abschnitte vgl. v. Siebold (Gesch. d. Geburtshilfe I, 269).

[5] Diese Ausgaben enthalten die Uebersetzung des Stephanus von Antiochien. Eine frühere von Constantinus Africanus herstammende lateinische Uebertragung ist in dessen opera (Basil. 1536) und in der Gesamtausgabe der Werke des Isaac Judaeus als „Pantegni” veröffentlicht.

Aus dem Inhalt wäre unter anderem hervorzuheben, daß die Diätetik vortrefflich bearbeitet ist, wobei auf die verschiedenen Lebensalter, Jahreszeiten, Klimate, namentlich auf die Lebensgewohnheiten Rücksicht genommen wird; auch die Wirkung des Wassers (Mineralwässer), der Kleidung etc. auf die Gesundheit findet Erörterung. Den Aderlaß verwendete Ali Abbas bei sehr vielen Affektionen (jedoch bei Kindern und Greisen nur in den dringendsten Fällen); dabei kamen, je nach dem betroffenen Organ, verschiedene Venen in Betracht. Bei der Pleuritis wurde, wenn Schmerz in der Claviculargegend bestand, auf der gesunden Seite zur Ader gelassen, hingegen, wenn es sich um protrahierte Fälle handelte, an der Basilica der kranken Seite venäseziert. Wie andere arabische Aerzte rühmt Ali Abbas den Nutzen des Zuckers als Nahrungsmittel für Neugeborene; Schwindsüchtigen empfiehlt er Milch und Zucker. Manche Krankheitsbeobachtungen (z. B. Kolik mit Lähmungen) entbehren nicht des Interesses. Die Pulslehre ist sehr spitzfindig entwickelt. Ueber die Wirkung neu eingeführter Arzneimittel solle man sich durch Versuche (eventuell an Tieren) Erfahrung erwerben. Was die Geburtshilfe anlangt, so wird die Tatsache von der Geburtstätigkeit des Uterus (im Gegensatz zu der hippokratischen Annahme von dem aktiven Austreten des Kindes) gebührend betont; von Operationen am toten Kinde sind Abtragung von Extremitäten, Oeffnen und Zusammendrücken des Schädels, Hakenextraktion geschildert.

Aegypten und Maghrib.

~Abu Jakub Ischak ben Soleiman al-Israeli~ († in hohem Alter gegen die Mitte des 10. Jahrhunderts) -- •Isaac Judaeus• -- jüdischer Arzt, welcher zuerst in Aegypten augenärztliche Praxis betrieb, später nach Mauretanien auswanderte und zuletzt in Kairowan als Leibarzt wirkte. Von seinem reichen Wissen verdankte er vieles dem ~Ischak ben Amran~, einem sehr gelehrten Arzte aus Bagdad, welcher sich um die Verbreitung der wissenschaftlichen Medizin in Nordafrika große Verdienste erworben hatte, aber infolge von Verdächtigungen auf Befehl eines Aglabitenfürsten hingerichtet wurde[6]. Die Schriften des Isaac Judaeus (namentlich über ~Diät~, über ~Fieber~, über den ~Harn~) waren im christlichen Abendlande sehr angesehen und verbreitet, wofür die lat. Gesamtausgabe (Lugd. 1515) und die Spezialausgaben ~de diaetis universalibus et particularibus~ (Patav. 1487) und ~de febribus~ (in Collectio de febribus, Venet. 1576) zeugen. In der Gesamtausgabe sind außer den genannten noch enthalten ~de elementis~, ~de urinis~, ~liber definitionum~, ~Viaticum~[7] u. a. (ferner das in einen theoretischen und praktischen Teil zerfallende „Pantechnum” [Pantegni], welches sich mit dem Liber regalis des Ali Abbas deckt). Dem Isaac Judaeus wird zumeist auch die sehr interessante Schrift „~Führer der Aerzte~” (richtiger Führung oder Sitte der Aerzte) zugesprochen, welche nach dem hebräischen Urtexte Musar harophim zuerst von Soave italienisch (Giornale Veneto delle scienze mediche 1861), sodann von D. Kaufmann in deutscher Sprache (Magaz. f. d. Wissensch. d. Judentums, Berl. 1884) herausgegeben worden ist.

[6] Unter seinen Werken behandelte eines die Lehre von Arzneimitteln. Die von Ibn Beitar überlieferten Stellen verraten ausgezeichnete botanische Kenntnisse. Eine Schrift über Melancholie wurde von A. Bumm ins Deutsche übertragen (Die Identität der Abhandlungen des Ischak ibn Amran und des Constantinus Africanus über Melancholie), München 1903.

[7] Von maßgebender Seite wird übrigens für das Viaticum Ahmed ben Ibrahim al Dschezzar in Anspruch genommen.

~Abu Dschafar Ahmed ben Ibrahim~ •al-Dschezzar• (~Algizar~, ~Algazirah~) aus Kairowan († 1004), Schüler des Isaac Judaeus. Das ihm zugeschriebene „~Reisebuch für Arme~”, ~Zad el Mosafer~, die Urquelle einer im Mittelalter verbreiteten populären Schrift „Viaticum” wurde ins Griechische (Synesios und Konstantinos Rheginos), Lateinische und Hebräische (Dzedat el-derachim) übersetzt. Ausgabe eines Buches der Uebersetzung des ~Synesios~ (über Fieber; enthält eine Schilderung der Pocken und Masern) von St. Bernard, Synesios, de febribus gr. et latine, Amstelod. et Lugd. Batav. 1779, mit dem Anhang einer alten lateinischen Uebersetzung Viaticum peregrinantium. M. G. Dugat, Etudes sur le traité de médecine d'Abou Djàfar Ah'mad (Extrait du Journal asiatique), Paris 1853. (Uebersetzung von 2 Kapiteln: über die Liebe und über die Wasserscheu.) Er war ein fruchtbarer Schriftsteller und schrieb unter anderem ~über die Ursachen der Pest in Aegypten~ u. a.

~Abu Abdallah Muhammed~ •at-Tamimi• aus Jerusalem, später in Aegypten lebend (um 980), schrieb hauptsächlich über Arzneikompositionen (dabei Pflanzenbeschreibungen) und Diätetik.

Spanien.

~Abu Daud Soleiman ben Hassan~ •Ibn Dscholdschol•, Leibarzt des spanischen Kalifen Hischam II (976-1013), machte sich besonders um die Arzneimittellehre verdient und verfaßte unter anderem die beiden Schriften: „~Auslegung der Namen der Heilmittel des Dioskurides~” und „~Ueber die in dem Werke des Dioskurides fehlenden Arzneimittel~”. Auch schrieb er über Geschichte der Medizin und Philosophie.

~Abul Hasan Garib ben Said~ ist bemerkenswert als Verfasser eines (handschriftlich erhaltenen) Werkes über Geburtshilfe und Kinderheilkunde (vgl. Siebold, Gesch. d. Geburtshilfe).

~Abul Kasîm Chalaf ben Abbas al-Zahrawi~ (wahrscheinlich zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts) -- •Abulkasim• (Abulcasis, Albucasis, Bucasis, Alzaharavius etc.). -- Sein umfassendes Werk über Medizin ~Altasrif~ (aus 30 Abschnitten bestehend) erlangte mehr als bei den Arabern, im christlichen Abendlande langdauerndes Ansehen, namentlich durch den chirurgischen Teil. Derselbe besitzt wegen der beigegebenen ~Abbildungen von Instrumenten~ noch heute große historische Bedeutung. Unvollständige lateinische Uebersetzung des medizinischen Teils: Liber theoricae nec non practicae Alsaharavii (Aug. Vindel. 1519). Wahrscheinlich stellt die Schrift Liber Servitoris sive liber XXVIII. Bulchasim Benaberaçerin, Venet. 1471, die Uebersetzung des Abschnittes von der Zubereitung der Heilmittel dar. Die Chirurgie liegt uns vor: in der arabisch-lateinischen Ausgabe von ~J. Channing~, ~Albucasis de chirurgia~, Oxon. 1778, und in der französischen Uebersetzung von ~L. Leclerc~, ~Abulcasis Chirurgie~, Paris 1861. Die auf Weiberkrankheiten bezüglichen Kapitel sind enthalten in den Gynaeciis von Casp. Wolf, Basil. 1566 und von J. Spach, Argentor. 1597. Die Kapitel über den Steinschnitt veröffentlichte ~P. de Koning~ (arabisch-französisch) in seiner Schrift Traité sur le calcul dans les reines et dans la vessie etc., Paris 1886.

Die •Chirurgie• zerfällt, abgesehen von der Einleitung, in 3 Bücher. Sie beruht hauptsächlich auf Paulos. Das erste Buch handelt von der Anwendungsweise, Indikation und Kontraindikation der ~Kauterisation~. Dieselbe wurde vorwiegend mit passend geformten, aus Eisen verfertigten Instrumenten (vgl. die Abbildungen in der Ausgabe von Leclerc), seltener mit Aetzmitteln an bestimmten Stellen vorgenommen. Eine Unzahl von Leiden gibt die Indikation zur Ausführung der Kauterisation (z. B. Drüsengeschwülste, Abszesse, Anasarka, Hernien, Hämorrhoiden, Mastdarmfisteln, Gelenkleiden, rezidivierende Luxationen, Krebs, Gangrän, Lepra etc.). Bei den verschiedensten inneren Leiden (z. B. Lähmung, Kopfschmerz, Migräne, Gesichtsschmerz, Magen-, Leber-, Milzleiden) dient die Kauterisation als Ableitungsmittel. Die Ausführung der Thorakocentese wird als lebensgefährlich verurteilt. Das letzte Kapitel ist der Blutstillung gewidmet. Auch hier spielt die Kauterisation gegen arterielle Blutungen eine große Rolle, nebstdem werden aber auch die anderen Methoden, nämlich völlige ~Durchtrennung~ der verletzten Arterie, ~Ligatur~ (doppelte Unterbindung der mittels Haken emporgehobenen Arterie mit doppeltem Faden), ~styptische Mittel~, im Notfalle ~Digitalkompression~, erläutert.

Im zweiten Buche, welches den größten Teil der Chirurgie erschöpfend behandelt, tritt die Anlehnung an Paulos, selbst in der Anordnung, hervor -- immerhin finden sich auch nicht wenige eigene Beobachtungen oder abweichende Methoden beschrieben, was, abgesehen von den erläuternden Abbildungen, dem Werke Bedeutung verleiht. Aus dem gewaltigen Inhalt heben wir nur folgendes hervor. Abulkasim beschreibt unter den verschiedenen Arten der Nähte die ~umschlungene Naht~ (z. B. gelegentlich der Kolobomoperation), die ~Kürschner- und Doppelnaht~ (gelegentlich der Behandlung penetrierender Bauchwunden), er schildert eingehend den ~Steinschnitt~ (bei Frauen Vaginalschnitt), die ~Lithotrypsie~ (im medizinischen Teile des Altasrif Tr. XXI), die ~Circumcision~; hinsichtlich der Tracheotomie bemerkt er, daß er niemanden kenne, welcher diese Operation ausgeführt habe. Bei den ~Resektionen~ (interessanter Fall von Nekrose der Tibia) kamen verschiedenartige Sägen zur Anwendung, für die ~Amputationen~ bilde Gangrän, welche durch innere oder äußere Ursachen entstehen könne, die Indikation; zulässig ist die Vornahme der Amputation bis hinauf zum Ellenbogen- und Kniegelenk, gehe der Brand höher hinauf, so sei der Tod unvermeidlich. „Und die Weise, das Glied abzuschneiden oder es abzusägen, ist, daß du zusammenziehest ein Band unterhalb der Stelle, welche du abschneiden willst, und ein anderes Band befestigest über der Stelle; und es zieht ein anderer Diener das obere Band aufwärts, du aber schneidest das Fleisch zwischen den beiden Binden mit einem breiten Messer, bis daß abgeschält ist das ganze Fleisch, alsdann schneidest du oder sägest” (II, cap. 89). Blutungen während der Operation werden durch das ~Glüheisen und Styptika~ gestillt, von der Ligatur ist hier nicht die Rede. In den letzten Kapiteln wird ausführlich beschrieben: Die ~Venäsektion~ (bisturiartiges Phlebotom), das ~Schröpfen~ (Schröpfköpfe von verschiedener Größe, aus Horn, Holz, Kupfer und Glas; für das blutige Schröpfen werden 14 Applikationsstellen angegeben) und die Applikation von Blutegeln.

Das dritte Buch enthält die Lehre von den Frakturen und Luxationen. Der Verband besteht (nach Ausführung der Koaptation und der Applikation eines, auf weiches Werg gestrichenen Linimentes) aus auf- und wieder abwärts steigenden Bindentouren, die an den Bruchstellen am festesten angezogen sind, Ausfüllung der Unebenheiten mit Werg oder Leinwandlappen) und Schienen (aus gespaltenem Rohr, Holz, Ruten u. s. w. mit Binden und darüber mit Bändern befestigt). Die Schienen dürfen wegen der Entzündung nicht vor dem 5. oder 7. Tage angelegt werden. Das Wiederzerbrechen eines fehlerhaft geheilten Knochens verwirft Abulkasim energisch. In dem Kapitel (9) über die Wirbelbrüche werden die Lähmungserscheinungen (verschiedenartig je nach der Höhe des Sitzes) erörtert. Bei einer Fraktur des Schambogens soll man, im Falle es sich um eine Frau handelt, die Reposition dadurch zu erreichen suchen, daß man in die Scheide eine Schafblase einführt und diese durch ein Rohr aufbläst (erste Spur des ~Kolpeurynters~). In der Behandlung der mit einer Wunde komplizierten Frakturen spielt das ~Einschneiden eines Fensters~ in dem Verbande eine bedeutende Rolle -- zum Zwecke der Freilegung der Wunde.

•Geburtshilfe• (im zweiten Buche der Chirurgie cap. 75-78). Die einschlägigen Abschnitte sind sehr bemerkenswert wegen Erörterung der Behandlungsmethoden bei Vorfall einer Hand, bei Fußlage, beim Vorliegen der Kniee und der Hände, bei Querlage mit Vorfall einer Hand, beim Vorliegen mit der Weiche. Neu ist die Empfehlung, bei vollkommener Fußlage nach dem Zurückdrängen der Füße die Geburt in Steißlage zu erstreben, die Vornahme eines geburtshilflichen Eingriffes bei ~Hängelage~, die Anwendung von Schlingen zur Extraktion des Kindes. Abulkasim weist auch bereits auf die ~Gesichtslage~ hin. Kapitel 77 enthält die ~Beschreibung mehrerer geburtshilflicher Instrumente~, deren ~Abbildung~ beigefügt ist. Darunter findet sich eine Zange mit gekreuzten Armen, die eine ziemlich kreisförmige Kopfkrümmung bilden.

•Augenheilkunde.• Im zweiten Buche der Chirurgie sind folgende Augenoperationen beschrieben: Abtragung von Lidwarzen, Behandlung des Hagelkorns, Operation der Hydatis, der Haarkrankheit, des Hasenauges, des Ectropium, der Lidverwachsung, des Flügelfells, der Karunkelgeschwulst, des Ectrop. sarcomat., der Chemosis, des Pannus, der Tränenfistel, Zurückbringung des vorgefallenen Augapfels, Ausschneidung des Irisvorfalls, Behandlung des Hypopyon, Staroperation (Depression). Das Aussaugen des Stares wird als eine im Irak übliche Operation erwähnt[8].

[8] Im Liber servitoris ist eine eingehende Beschreibung des Verfahrens enthalten, um aus Ebenholz, Buchsbaum oder Elfenbein Augenstempel (vgl. S. 10) herzustellen. Die in Handschriften enthaltenen Abbildungen von Kollyrienstempeln sind von P. Pansier (Collectio ophthalmologica veterum auctorum II) veröffentlicht worden. Der Name des Arztes fehlt auf den Stempeln der spanischen Araber. Der Gebrauch stammte aus der römischen Zeit und war im Irak und in Aegypten unbekannt.

•Ohrenheilkunde.• Die Entfernung von Fremdkörpern soll stets ~bei einfallendem hellem~ (Sonnen-) ~Lichte~ vorgenommen werden, und zwar durch Verfahren, welche der jeweiligen Beschaffenheit der eingedrungenen Substanzen entsprechen. Es gibt vier Arten von Fremdkörpern, harte Körper (z. B. Stücke Eisen und Glas), Samen von Vegetabilien (z. B. Bohnen), Flüssigkeiten und endlich lebende Tiere. Bei festen Körpern hat man die Entfernung zu versuchen durch Oeleingießen, Anwendung von Niesemitteln (bei gleichzeitigem Verschließen der Nasenlöcher und Emporziehen der Ohrmuschel), Ansaugen (durch eine in den Gehörgang eingesetzte Kanüle), Ausziehen mit einer Pinzette oder einer Sonde, welche mit einem Klebmittel bestrichen ist. Bleiben diese Versuche erfolglos, so wird die Ohrmuschel zur Hälfte abgelöst und die Extraktion vorgenommen. Ein aufgequollener vegetabilischer Fremdkörper ist zuerst mit einem kleinen leichten Messer zu zerkleinern. Um lebende Tiere zu entfernen, soll man warme Oelinjektionen (durch eine Spritze) machen oder die Fremdkörper durch eine Kanüle ansaugen. -- Zur Behebung von Gehörgangsatresien sind zweckmäßige Operationsverfahren angegeben.

•Zahnheilkunde.• Entfernung des Zahnsteines mittels verschieden gestalteter Schabeisen. Die Zahnextraktion soll erst dann zur Anwendung gelangen, wenn das ganze Arsenal medikamentöser Mittel im Stiche gelassen hat. Der Extraktion ging das Ablösen des Zahnfleisches, die allmähliche Lockerung mit den Fingern voran. Das Ausziehen erfolgte in der Längsrichtung, mittels einer kräftigen, aus gehärtetem Stahl verfertigten Zange, deren Zähne ineinander griffen. Die Höhle des Zahnes soll vorher mit Leinwand ausgefüllt werden. Zur Extraktion der Wurzeln dienten verschiedenartige Instrumente, darunter storchschnabelförmige Zangen. Unregelmäßig entwickelte Zähne wurden ausgezogen oder abgefeilt, lose gewordene Vorderzähne durch Umwinden mit Gold- oder Silberdraht an den festgebliebenen Zähnen befestigt, verlorene Zähne durch künstliche aus Rindsknochen ersetzt.

•Avicenna• (980-1037),

~Abu Ali al-Husain ben Abdallah~ •Ibn Sina•. Von dem medizinischen Hauptwerke des Avicenna, dem ~Kanon~ (El kanun fi't-tib), ~Canon medicinae~, gibt es ungefähr 30 lateinische Ausgaben, von denen die Juntinen am geschätztesten sind; die sehr gute lateinische Uebersetzung des Vopiscus Fortunatus Plempius (ed. Lovan. 1658) enthält nur die beiden ersten Bücher und einen Teil des vierten Buches. Arabische Ausgaben: Rom 1593 und Bulak 1877. Lateinische Uebersetzung der Abschnitte über Geisteskrankheiten von P. Vattier (Abugalii filii Sinae sive, ut vulgo dicitur, Avicennae de morbis mentis tractatus ... interprete Petro Vatterio), Paris 1659, vgl. Bumm, Münch. med. Wochenschr. 1898. Uebersetzungen einzelner Partien in moderne Sprachen. Kurt Sprengel, Ebn Sina: Von den Primitivnerven, arabisch und deutsch, in Beitr. z. Gesch. d. Med., 3. Stück, Halle 1796; Jos. v. Sontheimer, Die zusammengesetzten Heilmittel der Araber, nach dem fünften Buch des Canons von Ebn Sina übersetzt, Freiburg 1844; P. de Koning: in Traité sur le calcul dans les reines et dans la vessie etc., Leyde 1886 -- die Abschnitte über Nieren- und Blasensteine, und in Trois Traités d'Anatomie Arabes, Leyde 1903 -- die anatomischen Abschnitte französisch übersetzt; Hirschberg und Lippert, Die Augenheilkunde des Ibn Sina, Leipzig 1902.

Der Kanon besteht aus ~fünf~ Büchern. Jedes derselben zerfällt in folgende Unterabteilungen: ~fen~ ═ Abschnitt; taalim ═ ~tractatus~, ~doctrina~; dsch'omlat ═ ~summa~, fasl ═ ~capitulum~. Inhaltsangabe ~Buch~ I: 1. Definition und Aufgabe der Medizin, Lehre von den Elementen, Temperamenten und Säften, vom Bau und den Verrichtungen der Organe; 2. von den Ursachen und Symptomen der Krankheiten im allgemeinen, Pulslehre und Uroskopie; 3. Diätetik des kindlichen Alters (mit Einschluß der Kinderkrankheiten), Diätetik und Gymnastik in den verschiedenen Lebensaltern, für Gesunde und Kranke, Prophylaxe (Vorbeugungsregeln gegen Hitze, Kälte, schlechtes Wasser etc. und auf Reisen); 4. allgemeine Therapie (Abführmittel, Klistiere, Umschläge, Aderlaß, Schröpfen, Blutegel, Onkotomie, Kauterisation etc.). ~Buch~ II: Lehre von den einfachen Arzneimitteln; berücksichtigt werden Name und Beschaffenheit, Kennzeichen der Güte, Elementarzusammensetzung und Grad, Wirkung und Eigenschaft im allgemeinen, medizinische Verwendung, Surrogate. ~Buch~ III: Spezielle Pathologie und Therapie a capite ad calcem (den Schilderungen der Erkrankungen der einzelnen Körperteile gehen stets anatomisch-physiologische Erörterungen voran); Krankheiten des Gehirns, der Augen, Ohren, der Nase, des Mundes, der Zunge, der Zähne, der Lippen; Erkrankungen des Pharynx und Larynx; Krankheiten der Lungen, des Herzens, der Brustdrüsen; des Magens, der Leber, der Milz, der Gedärme, der Harnorgane und der männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane, Hernien, Krankheiten der Extremitäten (besonders der Gelenke). ~Buch~ IV: Ueber die Fieber (darunter auch Dschedrij, Hasbah, Humak ═ ~Blattern~, ~Masern~, Röteln u. a.), Semiotik, Prognostik und Krisenlehre, Chirurgie (Phlegmone, Erysipel, Brand, Drüsenabszesse, Geschwülste, Lepra, Wunden, Verbrennungen, Geschwüre, Knochenleiden, Luxationen, Frakturen), Toxikologie, Behandlung der Verletzung durch Biß oder Stich giftiger Tiere, Kosmetik, Haar-, Hautkrankheiten, Bekämpfung zu großer Magerkeit und Fettleibigkeit, Erkrankung der Finger und Nägel. ~Buch~ V: Antidotarium, Lehre von den zusammengesetzten Arzneimitteln.

In der Krankheitslehre des Kanon stößt man auf manche dem Verfasser eigentümliche Ideen und Beobachtungen. Unter anderem wäre hervorzuheben, daß Avicenna auf die Schmerzqualitäten (deren er 15 unterscheidet) viel Gewicht legt, die Verbreitung der Krankheitsprodukte durch den Boden und das Trinkwasser kennt, die Pleuritis von der Mediastinitis sondert, die Phthise für kontagiös hält etc. Besonders sorgfältig sind z. B. die Hautleiden, die männlichen Geschlechtsleiden (sexuelle Perversitäten), die nervösen Affektionen (verschiedene Arten des Kopfschmerzes, Gesichtsschmerz etc.) bearbeitet. Vortrefflich ist die Diätetik dargestellt.

Am meisten hat man in neuerer Zeit der Psychiatrie Avicennas Aufmerksamkeit geschenkt, weshalb wir hier die Hauptsätze seiner in dieses Gebiet fallenden Anschauungen wiedergeben wollen. Psychische Alterationen beruhen auf krankhaften Veränderungen in den Mischungsverhältnissen des Gehirns. Sie zerfallen in bloß elementare geistige Störungen (des Vorstellens, des Gedächtnisses etc.) und in eigentliche Psychosen (Melancholie, Manie, Schwachsinn, Blödsinn). Lokalisation und Intensität der Mischungsverhältnisse bedingen die Verschiedenheit der psychischen Affektionen. Geistesstörungen, aus schwarzer Galle entstanden, verraten sich durch Aengstlichkeit und Traurigkeit; liegt gelbe Galle zu Grunde, so treten Verwirrtheit, Reizbarkeit und Gewalttätigkeit hervor, übermäßig angehäufter, faulender Schleim erzeugt eine ernste, düstere Stimmung. Anomalien des ~Vorderhirns~ bekunden sich durch Störungen des Wahrnehmungsvermögens (sei es, daß der Kranke halluziniert, sei es, daß er sich die Objekte nur ungenau vorzustellen vermag), Schwachsinn und Blödsinn beruhen auf Anomalien des ~mittleren~, Gedächtnisstörung auf Anomalien des ~hinteren Hirnventrikels~[9]. Phrenitis -- verursacht durch Anhäufung von gelber Galle in den Gehirnhäuten oder im Gehirn -- ist eine bei akuten fieberhaften Leiden vorkommende Geistesstörung, welche sich mit Vergeßlichkeit für die jüngste Vergangenheit einleitet und sich in Verwirrtheit mit Bewegungsunruhe äußert. Lethargus -- verursacht durch intrakranielle Schleimanhäufung -- manifestiert sich in Vergeßlichkeit mit großer Erschöpfung, mäßigem Fieber und profusen Schweißen. Coma vigil ═ Schlafsucht mit Unbesinnlichkeit und Vigilia veternosa ═ leiser, schreckhafter Schlaf sind durch Anhäufungen des Schleims und der Galle bedingt, im ersteren Falle überwiegt der Schleim, im letzteren die Galle. Manie hat als Symptome: Schlaflosigkeit, Irrereden, große Unruhe und Gewalttätigkeit. Die kausale Behandlung besteht in der Anwendung von Purgiermitteln oder Aderlässen, je nachdem die Galle allein oder aber Ueberfüllung mit Blut, Schleim, gelber und schwarzer Galle die Krankheit bedingen. Bei der symptomatischen Behandlung kommen Narkotika (decoctum papaveris, Einreibung mit narkotischem Oel), ableitende Mittel (feuchtkalte Umschläge auf den Kopf und die Extremitäten), diätetisches Regime (leichtverdauliche Speisen, verdünnter Wein, Vermeidung heißer Getränke und harntreibender Substanzen); wenn Selbstbeschädigungsgefahr vorhanden, soll der Kranke festgebunden werden etc. Eine besondere Art der Manie ist jene, bei der sich der Kranke nach Art der Hunde aggressiv und zugleich kriechend, unterwürfig zeigt. Melancholie bietet die Symptome: krankhaftes Vorstellen, Furcht und Angst, Hang zur Einsamkeit, Lebensüberdruß, Herzklopfen, Schwindel, Beschwerden in den Hypochondrien etc. Ursache: unverbrannte schwarze Galle. Die kausale Behandlung besteht in der Anwendung der Purgantia und Vomitiva (bei Amenorrhoe Emenagoga). Die symptomatische Therapie zerfällt in eine hygienisch-diätetische (Aufenthalt an Orten mit gemäßigtem Klima und feuchter Luft, leichtverdauliche Speisen, Genuß von verdünntem Weißwein, Bäder, Massage), medikamentöse (Narkotika, Roborantia, Stomachika, Vomitiva), chirurgische (Aderlaß, Schröpfen) und ~psychische~; letztere bezweckt die Aufheiterung der Kranken durch Lektüre und Musik, in hartnäckigen Fällen die Erregung von Furcht und Angst. Eine Unterart der Melancholie ist die Lykanthropie (Entstehungszeit am häufigsten im Februar). Eine gewisse Aehnlichkeit mit Melancholie besitzt der amor insanus, dessen Diagnose aus dem Pulse (heftige Schwankungen bei Erwähnung des Namens der geliebten Person) gemacht werden könne[10]. -- Alpdrücken kommt auch als Prodromalstadium der Epilepsie, Apoplexie und Manie vor. -- Die mittlere Inkubationszeit der Hydrophobie betrage 40 Tage. -- Schließlich finden auch die Folgezustände der passiven Päderastie Erörterung.

[9] Entsprechend der bekannten Lokalisationslehre.

[10] Avicenna machte angeblich selbst eine solche Diagnose bei dem liebeskranken Neffen des Kalifen Kabus in Dschordschan, indem er während der Untersuchung alle Namen der im Palaste wohnenden Personen nennen ließ und dabei bemerkte, wie der Puls bei der Nennung eines bestimmten weiblichen Namens in starke Erregung geriet. Vgl. hierzu die recht ähnlichen Erzählungen in der Biographie des Hippokrates und Erasistratos.

Die Arzneimittellehre beruht auf einer spitzfindigen Anwendung der Theorie von den Elementarqualitäten. Bei Beurteilung der Wirkung ist zu berücksichtigen, 1. daß das Mittel in seinem natürlichen Zustand angewandt wird, 2. daß die Krankheit, gegen die es gebraucht wird, eine einfache ist, 3. daß die Probe des Mittels in zwei entgegengesetzten Fällen gemacht wird, 4. daß die Kraft des Arzneimittels der Heftigkeit der Krankheit ex contrario entspricht, 5. daß die Zeit genau beobachtet wird, wenn das Mittel zu wirken beginnt, 6. daß sorgfältig beobachtet wird, ob das Mittel immer oder wenigstens meistens denselben Effekt hat, 7. daß der Versuch am menschlichen Körper gemacht werde. Geschmack, Farbe, Geruch etc. lassen schon von vornherein Schlüsse auf die Wirkungsweise zu. Der Arzneischatz beruht auf Mitteln des Galen und Dioskurides, sowie auf der arabisch-indischen Materia medica; er umfaßt etwa 760 Arzneistoffe. Die Beschreibungen, welche Avicenna gibt, sind in Bezug auf das Botanische dürftig; bemerkenswert ist die Rücksichtnahme auf klimatische Momente bei der Auswahl der Mittel. Die zahlreichste Klasse bilden die harzigen Substanzen, die metallischen finden zwar zumeist nur äußere Anwendung, doch gelten z. B. Gold und Silber als herzstärkende Arzneien (daher der ~Gebrauch des Vergoldens und Versilberns der Pillen~!), die Dreckapotheke (Fäces oder Urin verschiedener Tiere, Menstrualblut etc.) ist sehr reichhaltig.

Was die allgemeine Therapie anlangt, so verdienen Avicennas Anschauungen über den Aderlaß einige Aufmerksamkeit. Bei seiner Anwendung beabsichtigte er hauptsächlich zweierlei: die Entfernung der überschüssigen Materie (wenn dieselbe aus Blut oder schwarzgalligen Säften besteht) und die Entleerung der (gekochten) Krankheitsstoffe. Außerdem bilden Hämorrhagien eine Indikation (um dem Blute eine andere Richtung zu geben). Avicenna gibt Vorschriften über die Wahl der Vene (z. B. Cephalica bei Affektionen der oberen, Saphena bei Affektionen der unteren Körperhälfte, Jugularvenen bei Aussatz), Form der Venenöffnung, Maß der Blutentziehung (nach der Beschaffenheit des Pulses, der Konstitution), Lagerung des Patienten (Horizontallage), über das Verhalten nach dem Aderlasse und entwickelt eingehend die Lehre von den Indikationen und Kontraindikationen (z. B. in kalter Gegend, bei Personen unter 14 Jahren, bei Greisen, bei Blutarmen, Fettleibigen). Im allgemeinen empfiehlt er, den Aderlaß auf der gesunden Seite auszuführen, wenn man den Erfolg erst nach einiger Zeit wünscht und zugleich auf längere Zeit hinaus ableiten will. Vorsichtige Zurückhaltung wird namentlich bei fieberhaften Krankheiten angeraten, damit die Widerstandsfähigkeit in der Krisis erhalten bleibe, erst wenn die Zeichen der Kochung vorhanden, darf venäseziert werden.

Zur Chirurgie und Geburtshilfe: Andeutung der Intubation des Larynx, Beschreibung der Tracheotomie (Lib. III, Fen. 9, cap. 11), Operation des Empyems mit dem Glüheisen oder Messer (allmähliche Entfernung, Fen. 10, Tract. 5, cap. 5), Operation des Ascites (nur im äußersten Notfall, Schnitt an verschiedenen Stellen je nach dem Ausgangspunkt, Fen. 14), Behandlung der Hämorrhoiden und Mastdarmfisteln mittels Unterbindung (Fen. 17, cap. 4 u. 19), Steinschnitt, Behandlung der Hernien mit Adstringentien und dem Glüheisen (Fen. 22, Tract. 1, cap. 11). Unter den Verfahren zur Blutstillung (Lib. 4, Fen. 4, Tract. 2, cap. 16-18) kommen auch die Ligatur, Tamponade und Aetzung (mit Aetzmitteln) vor. Unter den Knochenkrankheiten (l. c. Tract. 4, cap. 9) ist die ~ventositas spinae~ erwähnt. In der Behandlung der Knochenleiden vorkommende Manipulationen: Ausschaben, Kauterisieren, Aushöhlen, Exstirpation, Resektion; in der Schilderung der Luxationen ist die Erwähnung der ~Luxation des Steißbeins~ (Fen. 5, Tract. 1, cap. 23) und die Repositionsmethode des Oberarmkopfes durch ~direkten Druck~ (l. c. cap. 9-11) bemerkenswert. Unter den Ursachen der Dystokie wird auch der „schmalen Hüften” gedacht. Zur Beförderung der Geburt in schwierigen Fällen dienen Arzneimittel, Dämpfe, Bäder, Druck auf den Leib, Knieellbogenlage, eine den Verhältnissen entsprechende Lagerung, um den Kopf über den Muttermund zu bringen (Lib. III, Fen. 21, Tract. 2, cap. 24). Als einzig normale Lage gilt die Kopflage; dieser am nächsten steht die vollkommene Fußlage, bei welch letzterer aber schon Kunsthilfe nötig ist (l. c. cap. 20, 25). Zur Unterstützung der Extraktion dienen umgelegte ~Schlingen~, so z. B. wenn die Geburt wegen der Größe des Kindes Schwierigkeiten macht (l. c. cap. 28). Bevor man zur Zerstückelung schreitet, ist noch der Versuch zu machen, die ~Extraktion mit~ (nicht näher bezeichneten) ~Zangen zu machen~. Die Art, wie diese Vorschrift bei Avicenna stilisiert ist, läßt im Zweifel, ob es sich nur um die Extraktien toter oder lebender Kinder handelte.

Was die Augenheilkunde des Avicenna anlangt, so läßt seine Darstellung bei aller Vollständigkeit die Anschaulichkeit und Originalität vermissen, dasselbe gilt von der Ohrenheilkunde.

Den meisten Ausgaben des Kanon sind auch einige kleinere Schriften des Avicenna beigegeben; so besonders seine Cantica und die Schrift de viribus cordis (de medicamentis cordialibus).

Cantica (Venet. 1484, Groning. 1649), aus vier Büchern bestehend, enthält in aphoristischer Fassung theoretische und praktische Grundsätze der Medizin; Medicamenta cordialia (in einigen Ausgaben des Kanon). Diese Schrift handelt nach einer allgemein theoretischen Begründung über 57 Herzmittel aus dem Pflanzen- und Mineralreiche. Auf Grundlage der Pneumalehre wurde nämlich von den Arabern gewissen durch Glanz oder Wohlgeruch ausgezeichneten Substanzen eine unmittelbar aufheiternde Wirkung auf Depressionszustände des im Herzen sitzenden Lebensgeistes zugesprochen. Liber liberationis, Kompendium in drei Abteilungen öfters lateinisch gedruckt unter dem Titel de removendis nocumentis; Tractatus de syrupo acetoso (lat. mehrmals).

Schriftsteller des 11. Jahrhunderts.

Irak.

~Abul Hasan al-Muchtar~ •Ibn Botlan• († 1063), christlicher Arzt zu Bagdad -- ~Elluchasem Elimithar~ -- bereiste Syrien, Aegypten, hielt sich eine Zeitlang in Konstantinopel auf und trat zuletzt in Antiochia in ein Kloster ein. Von seinen Werken erlangte eine kompendiöse diätetisch-therapeutische Schrift -- Takwim es-sihha ═ Tabula sanitatis -- nicht so sehr wegen ihres Inhalts als wegen ihrer Form besondere Bedeutung. Sie besteht nämlich aus ~synoptischen Tabellen~, worin die nützliche oder schädliche Einwirkung der Luft, Nahrung, Bewegung und Ruhe, des Schlafens und Wachens, der Säfte, der Affekte vorgeführt wird und die Mittel zur Beseitigung der schädlichen Einflüsse angegeben werden. Lateinisch unter dem Titel Tacuini sanitatis Elluchasem Elimithar etc., Argent. 1531, davon eine deutsche Uebersetzung, das. 1533. Die Ausgabe ist bemerkenswert durch eine Reihe von Holzschnitten, welche Naturkörper, Kunstprodukte, Leiden und Handlungen, ja sogar Jahreszeiten und Winde darstellen.

~Abu Ali Jahja ben Isa~ •Ibn Dschezla• († 1100) aus Bagdad, ein zum Islam übergetretener Christ -- ~Buhahylyha~, ~Byngezla~, Bengesla etc. -- verfaßte unter anderem ein Werk über Pathologie und Therapie in Form synoptischer Tabellen -- Takwim al abdan. Lateinisch Tacuini aegritudinum et morborum fere omnium corporis humani cum curis eorundem Buhahylyha Byngezla autore, Argent. 1532 (1532 das. mit den synoptischen Tabellen des Ibn Botlan als Canones tacuinorum gedruckt). Deutsch von M. Herum mit den Botlanschen Tafeln, Straßburg 1533: ~Schachtafeln der Gesundheit~. In 44 Tabellen wird die Pathologie und Therapie von 352 Krankheiten (Name, Temperament, Alter, Jahreszeit, örtliches Vorkommen, Gefährlichkeit, Ursachen, Zeichen, Indikation, Behandlungsweise) vorgeführt, in der Reihenfolge: Fieber, Hautleiden, Wunden, Vergiftungen, Organleiden a capite ad calcem. Der Aderlaß spielt eine Hauptrolle. Ausführlich sind die Frauenleiden behandelt, doch wird die Therapie der Hysterie den Hebammen zugewiesen. Unter den therapeutischen Maßnahmen sind solche, welche für reiche Leute bestimmt sind, und solche, welche auch von den Armen befolgt werden können, angegeben.

~Ali ben Isa~ ═ •Jesus Haly• (bis zur ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts), ~der hervorragendste arabische Augenarzt~[11]. Sein aus drei Abteilungen bestehendes „~Erinnerungsbuch für Augenärzte~” ist das älteste vollständig erhaltene Spezialwerk über Augenheilkunde. Alte lateinische Uebersetzung „De cognitione infirmitatum oculorum et curatione eorum” (Venet. 1497, 1499, 1500). Neue lateinische Uebersetzung der ersten Abteilung von C. A. Hille, Ali ben Isa monitorii oculariorum s. compendii ophthalmiatrici latine redditi specimen (Dresd. u. Lips. 1845). Neue verbesserte Ausgabe der mittelalterlichen lateinischen Uebersetzung des ganzen Werkes von P. Pansier in Collectio ophthalmologica veterum auctorum Fasc. III Epistola Jhesu filii Haly de cogn. infirmitat. oculor. (mit biographisch-literarischer Einleitung), Paris 1903. Deutsche Uebersetzung von J. Hirschberg und J. Lippert, Ali ben Isa Erinnerungsbuch für Augenärzte aus arabischen Handschriften übersetzt und erläutert, Leipzig 1904. Nach einer kurzen Einleitung handelt das Buch I über die ~Anatomie und Physiologie des Auges~ (nach Galen). Buch II enthält die ~sinnfälligen Krankheiten des Auges und ihre Behandlung~, wobei Krankheiten der Lider, des Tränenwinkels, der Bindehaut, der Hornhaut, der Regenbogenhaut beschrieben werden. Der Star gilt als eine Ausschwitzung, welche an der Vorderfläche der Pupille gerinnt. Buch III betrifft die ~nicht-sinn~fälligen Augenleiden: Differentialdiagnose solcher Gesichtserscheinungen, welche von Magen- und Hirnleiden, und solcher, welche vom Star ausgehen, Krankheiten der Eiweißfeuchtigkeit, der Kristallfeuchtigkeit, Schädigungen des Sehgeistes, Nachtblindheit, Tagblindheit, Krankheiten des Glaskörpers, der Netzhaut, des Sehnerven (Verstopfung, Pressung, entzündliche Schwellung, Zerreißung), Vorfall, Schrumpfung des Auges, Krankheiten der Aderhaut, der harten Haut, Krampf oder Lähmung der Bewegungsmuskeln, Schwäche der Sehkraft; hierauf folgen diätetische Vorschriften, Behandlungsweise des Kopfschmerzes und der Migräne, welche dem Augenschmerz folgen, endlich eine Aufzählung der einfachen (143) Augenheilmittel mit der Angabe ihrer Wirkungsweise. Von mineralischen Substanzen finden sich Blei, Bleiweiß, Antimon, Salpeter, Zinkblume, Eisenhammerschlag, Kupfer, Grünspan, Zinnober, Vitriol, Alaun, Bluteisenstein, Tonerde, Galmei, Lasurstein, Salz, Natron u. a. Abergläubische Mittel fehlen. Im ganzen sind 130 Augenaffektionen sorgfältig beschrieben.

[11] Nicht zu verwechseln mit Isa ben Ali (um 885), einem Schüler Hunains, welcher ein Buch über die Gifte verfaßte.

•'Ammar• ~ben Ali al-Mausili~ (aus Mosul), Zeitgenosse des Vorigen, verfaßte ein vorzügliches Werk über Augenheilkunde, „Buch der Auswahl von den Augenkrankheiten”, ausgestattet mit instrumentellen und anderen Abbildungen. Deutsche Uebersetzung von Hirschberg, Lippert u. Mittwoch, in „Die arabischen Augenärzte”, nach den Quellen bearbeitet, Bd. II, Leipzig 1905.

Aegypten.

~Ali ben Rodhwan~ (Ridhwan) oder •Rodoam• († 1068?), unter dem Kalifen al-Hakim Protomedikus von Aegypten, erlangte als Lehrer Berühmtheit, war aber wegen seiner Streitsucht gefürchtet. Unter seinen Schriften hatten namentlich die Kommentare zu hippokratischen und galenischen Werken sowie zum Centiloquium des Ptolemaios Bedeutung. Der Kommentar zu Galens Mikrotechne wurde ins Lateinische übersetzt (Venet. 1496).

Spanien.

~Ibn Wafid el-Lachmi~ ═ •Abenguefit• (997-1070) wirkte als Hospitalsarzt in Toledo und war eine Zeitlang Vezier. Er zeichnete sich durch eine sehr rationelle Behandlungsweise aus. Sein Prinzip bestand darin, so weit es möglich war, mit diätetischen Maßnahmen auszukommen; waren Arzneien nötig, so bevorzugte er die einfachen gegenüber den zusammengesetzten. Von seinen Werken wurden am bekanntesten ~de medicamentis simplicibus~ (ein Teil in lateinischer Uebersetzung mit anderen Schriften gedruckt)[12] und ~de balneis sermo~, Venet. 1553 (in De balneis quae exstant apud Gr., Lat. et Arabes). Ueber die wahre Wirkung der Arzneien erlange man Aufschluß, wenn man folgende acht Prinzipien berücksichtige. Man muß 1. wissen, daß die Arznei frei von jeder fremden Zutat ist, 2. muß die Krankheit, bei der ein Mittel erprobt wird, einfach sein, 3. muß die Behandlung ex contrario geschehen, 4. muß die Kraft des Mittels dem Krankheitsgrad entsprechen, 5. muß beobachtet werden, ob die Medizin kalt oder warm macht, 6. ob die Wirkung bei jedem Körper und zu jeder Stunde eintritt, 7. muß sich die Beobachtung auf den menschlichen Körper beziehen, 8. muß man zwischen Arzneien und Nahrungsmitteln unterscheiden.

[12] Mit den opera Mesuës (Venet. 1549 u. ö.), mit Ibn Dschezlas Tacuin sanitatis und Alkindus, Argentor. 1531.

Schriftsteller des 12. Jahrhunderts.

Spanien.

~Abu Bekr Muhammed Ibn Baddscheh~ († 1138) -- •Avempace• -- einer der bedeutendsten Philosophen und Dichter der Araber, war auch als Arzt und medizinischer Schriftsteller tätig. Er lebte in Saragossa, Sevilla, Granada, zuletzt am Almoravidenhofe in Fez (als Vezier); angeblich wurde er auf Veranlassung neidischer Aerzte vergiftet. Unter seinen medizinischen Schriften erlangten die pharmakologischen das meiste Ansehen.

~Muhammed~ •al-Gâfiki• (oder •ar-Rafiki•), Arzt in Cordoba, Verfasser des Morched ═ Director. Dieses Werk besteht aus 6 Teilen: 1. Eid des Hippokrates. Von den Elementen; 2. Anatomie des Kopfes und des Auges; 3. Hygiene; 4. Krankheiten im allgemeinen; 5. Medikamente und Hygiene des Auges; 6. Augenkrankheiten und deren Behandlung.

~Abu Dschafer~ •al-Gâfiki• (oder •ar-Rafiki•), vermutlich Sohn des Vorigen († 1164), in Cordoba, zeichnete sich namentlich durch seine reichen und gründlichen Kenntnisse in der Heilmittellehre aus, worüber er später ein viel zitiertes Werk schrieb; er lieferte die meisten und genauesten Pflanzenbeschreibungen.

~Abu Merwan ibn Zohr~ († 1162) -- •Avenzoar• (Avenzohar, Abumeron, Abhomeron etc.).

Hauptwerk: ~El-Teisir~ filmodawat wel-tedbir ═ Adjumentum de medela et regimine. Lat. Ausg. Venet. 1490 u. ö., Lugd. 1531; dazu als Anhänge in lat. Ausgaben Colligens und Antidotarium. Von den übrigen Schriften sind in lat. Ausgaben vorhanden: Excerpta de balneis (in De balneis quae exstant apud Graec., Lat. et Arab.), Venet. 1553, de curatione lapidis (unter dem Titel Alguazir Albuleizor Liber de cur. lap.), Venet. 1497, de regimine sanitat, Basil. 1631, de febribus (in Collect. Venet. de febribus, Venet. 1594). In der nur handschriftlich vorhandenen Jugendschrift Iktisad kommt eine Bemerkung vor, aus der hervorgeht, daß man die Anatomie an Knochenpräparaten studiert hat. Tatsächlich stützen sich manche chirurgische Bemerkungen des A. auf gründliches anatomisches Wissen.

Im Teisir finden sich nicht wenige höchst interessante Krankengeschichten, welche von selbständiger Beobachtung zeugen. Avenzoar kennt den schädlichen Einfluß der Sumpfluft auf die Gesundheit, unterscheidet primäre und sekundäre Herzleiden, bespricht die seröse ~Perikarditis~, die Mediastinitis, die Pharynxlähmung, Mittelohrentzündung u. v. a. Ob er mit vollem Recht als Entdecker der ~Krätzmilbe~ anzusehen ist, bleibt zweifelhaft. Was die Therapie anlangt, so zeigt er sich dem Gebrauch der Purgiermittel sehr abgeneigt, hingegen befürwortet er in zu weit gehendem Maße den Aderlaß (er machte ihn einmal sogar bei seinem eigenen 3jährigen Knaben!) und verteidigte die Venäsektion auf der entgegengesetzten Seite. Bei Schwindsucht verwendete er Ziegenmilch. Bei Lähmung des Schlundes und Oesophagus empfiehlt er ~künstliche Ernährung~ (Eingießen von Milch durch eine in den Schlund eingeführte Röhre, Lib. I, Tract. 10, cap. 18) oder ~Nährklystiere~ (Apparat bestand aus einer Tierblase, an derem Halse eine silberne Röhre befestigt war), letztere nach vorausgegangener Reinigung des Darms. Die Tracheotomie findet er angezeigt in Fällen von drohender Erstickung, auch erzählt er, daß er diese Operation einmal experimentell an einer Ziege ausgeführt habe.

•Alcoati• (•Alcoatim•, Alcoatin), christlicher Arzt aus Toledo (um 1159). Ausgaben seiner Augenheilkunde (von deren 5. Buche der arabische Urtext handschriftlich allein erhalten ist) von J. L. Pagel in Neue literarische Beiträge zur mittelalterlichen Medizin, Berlin 1896, II, „Die Augenheilkunde des Alcoatim” und von P. Pansier in Collectio ophthalmologica veterum auctorum, Paris 1903, Fasc. II, „Congregatio sive liver de oculis quem compilavit Alcoatin, Christianus Toletanus anno MCLIX”. Deutsche Uebersetzung einzelner Abschnitte in den von Pagel inspirierten Berliner Dissertationen von K. Felsch, Die Augenheilkunde des Alcoatim ins Deutsche übersetzt etc. (1898), Allard, Schlepckow, Schorß, Schwarzweiß, Wilm, Windmüller (sämtliche 1899).

~Abul Welid Muhammed ben Ahmed ibn Roschd al Maliki~ (1126-1198) -- •Averroës•. Das Hauptwerk, der Kitab al-Kullidschat (~Colliget~), wozu Avenzoar einen speziellen Teil schreiben wollte) zerfällt in 7 Bücher, welche die Anatomie, Physiologie, allgemeine Pathologie, Semiotik, Materia medica, Hygiene und allgemeine Therapie behandeln. Lat. Ausgab. Venet. 1482; mehrmals mit Avenzoar oder Rhazes und Serapion zusammen gedruckt, z. B. Venet. 1490 u. ö., Argent. 1530. Der praktische Wert des Werkes ist gering. Erwähnenswert ist die Bemerkung, daß man nur ~einmal~ von den Blattern befallen werde. Von anderen Schriften sind lateinisch gedruckt: Commentarius in Canticum Ibn Sinae, Venet. 1484, und in Aristot. opp. cum comment. Averrois; Tractatus de Theriaca in Opp. Aristot. cum comm. Averrois, auch zusammen mit mehreren anderen Abhandlungen in dem Sammelwerk Averrois liber de venenis, de concordia inter Aristotelem et Galenum de generatione sanguinis, secreta Ypocratis s. l. e. a.; Tractatus de febribus in Collect. Veneta. de febribus 1594.

Orient.

•Amin ed-Daula Ibn et-Talmid• († 1164), christlicher Arzt von großem Ruf in Bagdad, schrieb einen Traktat über Aderlaß und ein Antidotarium (Grabadin).

•Hibat Allah ibn Dschami•, hervorragender jüdischer Arzt aus Fostat, Leibarzt des Saladin († 1193). Außer Schriften über Diätetik und Arzneimittel, einem Kommentar zum 5. Buche des Kanon, soll er auch eine medizinische Topographie Alexandriens verfaßt haben.

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~Abu Imran Musa ben Majmun~ (1135-1204) -- •Maimonides• (Rabbi Moses ben Maimon). Von seinen medizinischen Schriften liegen folgende in gedruckten Uebersetzungen (ins Lateinische oder in moderne Sprachen) vor: ~Ueber Vergiftungen und ihre Behandlung~, franz. von J. M. Rabbinowicz (Traité de poisons de Maimonide), Paris 1867; deutsch von M. Steinschneider in Virch. Arch. Bd. 52, 1873. Inhalt: Biß giftiger Tiere, allgemeine und spezielle Behandlung, Prophylaxis in Betreff innerlicher Gifte, Verhalten vermeintlich oder wirklich Vergifteter, Gegenmittel. Von giftigen Tieren finden Erwähnung: Skorpione, Spinnen, Bienen, Wespen, Schlangen, tolle Hunde („der gefährlichste Biß von allen aber ist der Biß des nüchternen Menschen!”). Von Giften sind genannt: Hyoscyamus, Mandragora, Solanum nigrum, giftige Schwämme, Kanthariden etc. Bei der Behandlung vergifteter Wunden spielt die Einschnürung der Bißstelle, das Aussaugen des Giftes (vermittels der mit Oel bestrichenen Lippen oder Schröpfköpfe), das Offenhalten der Wunde die wichtigste Rolle, nebstdem kommen äußere (Kochsalz, Zwiebel, Asa foetida, Kot verschiedener Tiere) und innere Mittel (Brechmittel, Mithridat) zur Anwendung. Als wichtigste innerliche Gegengifte gelten Mandragora, Edelsteine, z. B. Smaragd, Bezoar, verschiedene Arten des Theriaks, verschiedene Aromatika. ~Aphorismen~. Der Inhalt stammt zum großen Teil aus Galens Werken und anderen Autoren, verknüpft mit selbständiger Erfahrung. Besonders wichtig sind die zahlreichen Stellen, wo dem Galen Irrtümer und Widersprüche nachgewiesen werden. Lateinisch Bonon. 1489; Venet. 1497, 1500 mit Rhazes ad Almansorem, Basil. 1570, 1589. ~Abhandlung über Hygiene~ (diätetisches Sendschreiben an den Sohn Saladins al-Malik al-Afdahl). Lateinisch Tractatus de regimine sanitatis Flor. s. a. Venet. 1514, 1521, Aug. Vind. 1518, Lugd. 1535; deutsch von D. Winternitz, Diätetisches Sendschreiben an den Sultan Saladin (!), Wien 1843 (nach einer hebräischen Uebertragung). Diese Schrift besteht aus vier Büchern, in denen die Lebensweise in gesunden und kranken Tagen besprochen wird, woran sich dann allgemeine Gesundheitsregeln anreihen. Fälschlich ist in manchen lat. Ausgaben ein 5. Traktat beigegeben, welcher der selbständigen Abhandlung ~über die Ursachen der Zufälle~ entspricht, de causis accidentium apparentium. Von H. Kroner, Oberdorf-Bopfingen wurden 1907 zwei Traktate, welche über den ~Koitus~ handeln, hebräisch und in deutscher Uebersetzung herausgegeben. Die (vielleicht unechte) Schrift ~Sepher Rephuoth~ ed. mit englischem Kommentar von Großberg, London 1900, ist diätetischen Inhalts. Außerdem sind in hebräischen oder arabischen Handschriften noch andere medizinische Werke resp. Abhandlungen vorhanden, ein Kommentar zu den Aphorismen des Hippokrates[13], ein Auszug aus Galen, Schriften über Hämorrhoiden, Asthma, Beischlaf u. a.[14].

[13] Die Vorrede des Maimonides zu diesem Kommentar im Original und mit deutscher Uebersetzung von Steinschneider veröffentlicht in der Zeitschr. d. deutschen Morgenländ. Gesellsch. 1894.

[14] Welche Bewandtnis es mit dem bereits mehrere Male in deutscher Sprache veröffentlichten „Gebet des Maimonides” hat (vgl. Israelit. Familienblatt, Hamburg 1902), muß weiteren Forschungen vorbehalten bleiben.

•Fachr ed-Din• ~er-Razi~ († 1210) aus Tabaristan, einer der gefeiertsten Lehrer seiner Zeit (in Herat). Unter seinen zahlreichen (vorwiegend philosophischen) Schriften erlangte der Kommentar zu Avicennas Kanon großes Ansehen.

~Ali ben Ahmed~ •ibn Hobal• ~Muhaddih ed Din~ (1117-1213) aus Bagdad, lebte in Mosul und Achlat. Aus seinem umfassenden medizinischen Werke (Electus de arte medica) ist der Abschnitt über die Steinkrankheit mit französischer Uebersetzung publiziert in ~P. de Koning~, Traité sur le calcul dans les reins et dans la vessie etc. (Leyde 1886). Eine Stelle darin bezieht sich auf den eingesackten Blasenstein.

Schriftsteller des 13. Jahrhunderts.

~Abu Muhammed~ •Abd-el-Letif• (1162-1231), ein vielseitiger Gelehrter, welcher als Philolog und Philosoph, aber auch als Arzt bedeutenden Ruf erlangte und eine fruchtbare Tätigkeit als Schriftsteller (auch anatomische Kompilationen), wie als Lehrer (zu Bagdad, Mosul, Damaskus, Kairo) entfaltete. Die seltene Selbständigkeit des Urteils, welche ihm eigen war, kam in seiner Abneigung gegen die Alchemie, gegen die Werke Avicennas und namentlich in der Aufdeckung anatomischer Irrtümer Galens zum Ausdruck. Die anatomischen Bemerkungen finden sich neben anderen medizinischen Angaben (z. B. über die Pest) in seinem Werke über Aegypten (Compendium memorabilium Aegypti ed. J. White, Oxonii 1800, franz. Uebersetzung von Silv. de Sacy[15], Paris 1810).

[15] Es heißt darin: ~car les preuves qui tombent sous les sens, sont bien supérieurs à celles qui ne sont fondées que sur l'autorité. En effet, quoique Galien ait apporté la plus scrupuleuse exactitude et le soin le plus attentif à tout ce qu'il a fait et à tout ce qu'il a rapporté, cependant le témoinage des sens mérite d'être cru préférablement au sien~, ce qui n'empêche pas qu'on ne puisse ensuite chercher, s'il est possible, un moyen d'expliquer ses paroles de manière à y trouver un sens que le justifie.

•Nedschib ed-Din es-Samarkandi• († 1227 bei der Einnahme von Herat durch die Tartaren) schrieb unter anderem ein im Orient sehr geschätztes Werk über die Ursachen und Kennzeichen der Krankheiten.

~Abu Muhammed Abdallah ben Ahmed~ •Ibn Baitar•. Seine Heilmittellehre Dschami el Mufradat ═ Corpus simplicia medicamentorum et ciborum continens ist das umfassendste botanisch-pharmakologische Werk der arabischen Literatur; handschriftlich war es schon früh in Europa bekannt. Deutsche Uebersetzung von Sontheimer (Große Zusammenstellung über die Kräfte der bekannten Heil- und Nahrungsmittel von Ebn Beithar), Stuttgart 1840-42; franz. Uebersetzung von Leclerc (Traité des simples par Ibn Beithar), Paris 1877. Die gesamte Materia medica wird von Ibn Beithar in 2330 Absätzen, in alphabetischer Reihenfolge abgehandelt, wobei nicht nur die Berichte des Dioskurides, des Galen und der arabischen Vorgänger benützt, ergänzt und berichtigt werden, sondern auch eigene Beobachtungen zu Grunde liegen. Die Zahl der Simplicia beträgt ungefähr 1400, darunter befinden sich etwa 300 neue, zum ersten Male erwähnte Arzneisubstanzen. Das Werk ist nicht nur wegen seines wahrhaft erstaunlichen naturwissenschaftlichen Inhalts (Pflanzenbeschreibungen), sondern auch vom literarhistorischen (zahlreiche Zitate) und sprachwissenschaftlichen Standpunkte (altspanische, berberische, persische und andere Synonyma) von großem Wert. Von Ibn Beitar rühren außerdem noch her: ein Handbuch über einfache Arzneien mit Berücksichtigung ihrer therapeutischen Wirkung, Schriften über die medizinischen Maße und Gewichte, über die Apothekerpraxis, über Fehler in dem Werke Ibn Dschezlas u. a.

~Ibn Abu~ •Useibia• ~Muwaffik ed-Din~ (1203-1273), Sprößling einer Aerztefamilie, welche sich ganz besonders der Augenheilkunde widmete, war anfangs in seiner Geburtsstadt Damaskus, sodann in Kairo als Hospitalsarzt tätig und lebte später am Hofe eines Emirs in Syrien. Er machte sich hauptsächlich durch sein medikohistorisches Werk, „~Quellen der Belehrung über die verschiedenen Klassen der Aerzte~” verdient, welches über 399 Aerzte und Naturforscher bio- und bibliographische Nachrichten bringt. Arabische Ausgabe von Aug. Müller, Königsberg 1884. Die lateinische Uebersetzung, welche Reiske (Ende des 18. Jahrhunderts) verfertigte, ist bisher nicht aufgefunden worden. Uebersetzungen einzelner Bruchstücke enthalten Dietz, Analecta medica, Lips. 1833 (über die indischen Aerzte, über Ibn Beitar; lateinisch), Sanguinetti, Cinq extraits de l'ouvrage arabe d'Ibn Aby Osaïbi etc., Paris 1854-56 (Anfänge und Zeitperiode Muhammeds; französisch). Die Spezialwerke von Ferd. Wüstenfeld, Geschichte der arabischen Aerzte und Naturforscher (Göttingen 1840) und Luc. Leclerc, Histoire de la médicine arabe (Paris 1876) sind hauptsächlich auf Grund der bio-bibliographischen Angaben Usaibias verfaßt. Das Werk zerfällt in folgende 15 Abschnitte: Ursprung der Medizin. Die ersten Aerzte und Erfinder von Heilmitteln. Die griechischen Aerzte seit Aeskulap. Hippokrates und seine Schüler etc. Galen und seine Zeitgenossen. Die alexandrinischen Aerzte. Aerzte zur Zeit Muhammeds. Syrische Aerzte unter den ersten Abbassiden. Uebersetzer und deren Gönner. Aerzte in Irak und Mesopotamien. Aerzte in Persien. Indische Aerzte. Aerzte im Maghrib und in Andalus. Aerzte in Aegypten. Aerzte in Syrien.

•Abul Faradsch• ~Dsordschis~, auch •Bar Hebraeus• genannt (1226-1286), beschäftigte sich vorwiegend mit Geschichte, Philosophie, Theologie, Grammatik, eignete sich aber auch medizinische Kenntnisse an (namentlich im großen Hospital zu Damaskus); später wurde er Bischof, schließlich Metropolit der Jakobiten. Er verfaßte mehrere medizinische Kompilationen und Kommentare zu einigen griechischen und arabischen Aerzten und begann eine Uebersetzung des Avicenna ins Syrische. Sein Hauptwerk ist die „Geschichte der Dynastien” (lat. Ausgabe Historia orientalis autore Gregorio Abul Pharajio ed. Pocock, Oxon. 1672; deutsch von Bauer, Leipzig 1783-85).

~Abul Abbas Ahmed ben Jusuf Ettifaschi~ (•Tifaschi•), Arzt in Aegypten, verfaßte 1248 ein Werk über wertvolle Steine, in welchem auch deren Heilkraft besprochen wird. Dieses berühmte arabische Steinbuch wurde von Raineri ins Ital. übersetzt, Florenz 1818.

~Abul Muna ibn Chaffats al Kuhin~ (═ •Kohen•) •al-Attar• (der Apotheker), jüdischer Arzt in Kairo, schrieb um 1259 ein Werk über Pharmazie, welches wohl das beste dieser Art in der arabischen Literatur ist und dementsprechend jahrhundertelang großes Ansehen in der morgenländischen Welt genoß. Es zerfällt in 25 Kapitel, von denen das erste der Deontologie gewidmet ist, die folgenden zwanzig die einzelnen Formen der Medikamente besprechen, während die letzten von den Gewichten, dem Sammeln, Aufbewahren und Prüfen der Arzneien handeln. Der Verfasser hat nicht nur die Vorgänger umsichtig benützt, sondern stützt sich auch auf viele eigene Erfahrungen.

~Izz ad-din~ •es Suwaidi• ~el-Ansari~ aus Damaskus (1203-1291) schrieb ein Notizbuch über einfache Arzneien für Krankheiten der einzelnen Körperteile.

•Ibn an Nafis• el-Karschi († 1288 oder 1296), einer der gefeiertesten Lehrer in Damaskus, machte sich im Orient namentlich durch seine Kommentare zum Kanon des Avicenna berühmt; Ausgabe Moojiz-ool-Quanoon, Calcutta 1828.

~Abul Faradsch Jakub ben Ischak~ •Ibn el Koff• (1226-1286), christlicher Arzt armenischer Abkunft, verfaßte eine Reihe von Schriften, darunter den „Pfeiler der Chirurgie”.

•Kotb ed-din es-Schirazi• (1236-1311), berühmter Lehrer, verfaßte unter anderem einen Kommentar zu Avicenna und eine Augenheilkunde.

•Najim ad-din Mahmud•, wahrscheinlich ein Perser, schrieb ein Buch von der Behandlung der Krankheiten, dessen 5. Abteilung (zusammengesetzte Arzneimittel) von ~Guigues~ mit französischer Uebersetzung herausgegeben wurde: Le livre de l'art du traitement etc., Beyrouth 1902.

Hervorragende Augenärzte: •Chalifa• ~ben Abil Mahasin~ aus Aleppo (Buch vom Genügenden in der Augenheilkunde, um 1256) und •Salah ad-Din• ~ben Jusuf~ aus Hama (Licht der Augen, um 1296). Deutsche Uebersetzung von Hirschberg, Lippert und Mittwoch, „Die arabischen Augenärzte”, Leipzig 1904 u. 1905, 2. Band.

Schriftsteller des 14. und 15. Jahrhunderts.

•Ibn el Kotbi• ~esch-Schafi el Bagdadi~ (angeblich armenischer Abkunft) schrieb (in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts) eine Arzneimittellehre, welche nach den Anfangsworten ~Malajesa~ (═ quod nefas est medico ignorare) bekannt wurde und im wesentlichen eine berichtigte Ausgabe des pharmakologischen Hauptwerkes von Ibn Beitar darstellt.

~Muhammed ben Abdallah~ •Ibn el Katib• (geb. 1313, enthauptet 1374) spielte in Granada eine bedeutende politische Rolle und zeichnete sich durch umfassende Gelehrsamkeit aus. Seine schriftstellerische Tätigkeit bezog sich nicht nur auf Medizin, sondern auch auf Geschichte, Philosophie, schöne Künste. Er verfaßte ein Handbuch der Medizin und eine Reihe von Spezialschriften über verschiedene Themen, z. B. über Pest, Bereitungsweise des Theriak, über die Erhaltung der Gesundheit in den einzelnen Jahreszeiten, ~über die Entstehungsweise des Fötus~.

Sams ad-din al Afkani († Kairo 1348), Verfasser von enzyklopädischen Werken und einer augenärztlichen Schrift.

Sadaka as-Schadili (zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts) verfaßte eine Augenheilkunde (Augenärztliche Stütze), vgl. über diesen und den vorigen Autor Hirschberg.

~Dschelal ed-Din~ •es-Sojuti• (1445-1505) zu Kairo, berühmt wegen seiner umfassenden Gelehrsamkeit und Schreibseligkeit (~560~ Nummern). Seine medizinischen Schriften standen bis in die neueste Zeit namentlich in Algier in hohem Ansehen und bezeugen durch die starke Hinneigung zu allerlei Aberglauben (insbesondere Amuletttragen) den tiefen Verfall. -- Lat. Uebersetzung seiner Schrift über den medizinischen Nutzen der Tiere in ~De proprietatibus et virtutibus medicis animalium~ etc. ed. ~Abr. Ecchellensis~, Paris 1647[16].

[16] Diese Schrift ist ein Auszug aus der sehr reichhaltigen, aber auch phantastischen Naturgeschichte der Tiere, welche Kemal ed-Din el •Demiri• (•Domairi•), † 1405, hinterlassen hat.

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Unter den arabischen Aerzten der späteren Zeit wären zu nennen:

~Abu Muhammed~ •Dāud• (Dawud) ~ben Omar~ •el Antaki• ed Eddhari ═ der Blinde (in Kairo, † 1597 oder 1599 zu Mekka) verfaßte ein großes Handbuch der gesamten Medizin (Tadkira ═ Erinnerungsbuch), welches sich durch seinen Reichtum an Arzneimitteln (1712) auszeichnet.

•Abd-er-Rezzak• ~ben Muhammed Eddschezzairi~ (erste Hälfte des 18. Jahrhunderts). Seine Arzneimittellehre wurde von L. Leclerc (Traité de matière médicale de Abd-er-Rezzaq, Paris 1874) ins Französische übertragen.

Zweifelhafte Autoren.

•Mesue (der Jüngere)• -- Joannes filius Mesuae filius Hamech filii Haly Abdala regis Damasci -- Joannes Mesue Damascenus -- Joannes Mesuae -- Joannes Nazarenus filius Mesuae. Nach einer wenig zuverlässigen Angabe soll der Autor der unter den angeführten Namen bloß lateinisch (übersetzt?) vorliegenden Werke ein jakobitischer Christ des ~10. Jahrhunderts~ gewesen sein, welcher seine Ausbildung in Bagdad empfing und am Fatimidenhofe in Aegypten als Leibarzt tätig war. Arabische Originale fehlen. Es liegt die Vermutung sehr nahe, daß sich unter dem Namen Mesue ein lateinisch schreibender Autor des ~11. oder 12. Jahrhunderts~ verbirgt, der seinen Schriften unter dieser Flagge leichter Eingang verschaffen wollte. Mit welchem Erfolg -- das beweist die Tatsache, daß „Mesues” Werke fast so häufig wie diejenigen Avicennas gedruckt worden sind und noch im 16. Jahrhundert kommentiert wurden. Schriften: ~De medicinis laxativis~ (solutivis, purgatoriis), auch ~de simplicibus~ oder ~Consolatio~ (═ Correctio simplicium) genannt, besteht aus einem allgemeinen und einem speziellen Teile, die zuweilen als zwei getrennte Schriften angeführt werden. ~Antidotarium~ sive •Grabadin• ~medicamentorum compositorum~. Practica medicinarum particularium s. liber de appropiatis -- auch als 2. Buch des Grabadin angesehen (daher Grabadin morborum particularium) -- ist ein unvollständiges Handbuch der speziellen Therapie, welches mit der Behandlung der Herzleiden aufhört. Es gibt nicht weniger als 26 Ausgaben der Opera Mesuae, z. B. Venet. 1471, 1540, 1549, 1561. Italienische Uebersetzungen Modena 1475, Venezia 1487 u. ö., Firenze (um 1490). Außerdem mehrere Teilausgaben.

Die Schrift ~de consolatione medicinarum~ handelt von der Auswahl der Purgiermittel nach ihren Eigenschaften und Wirkungen, von der Korrektion derselben, d. h. Beseitigung ihrer schädlichen Bestandteile (oder Paralysierung derselben), von der Eventualität, daß das Mittel seinen Dienst versagt und von der Ausgleichung der durch das Mittel im Organismus etwa hervorgerufenen Störungen. Die medicamenta solutiva umfassen sowohl Brech- als Purgiermittel. Die Brechmittel zerfallen in gelinde wirkende (z. B. Semen Anethi), mittelstarke (z. B. Nux vomica) und heftig wirkende (z. B. Helleborus albus). Die Abführmittel zerfallen in die gelinde und in die drastisch wirkenden; zu den ersteren gehören z. B. Wermut, Tamarinden, Rhabarber, zu den letzteren z. B. Helleborus, Scammonium, Koloquinthen. Die Abführmittel wirken in der Weise, daß sie die Säfte anziehen und zwar jedes Mittel den ihm verwandten und passenden Stoff; einige dehnen ihre Wirkung auf besondere Körperteile aus, so auf die Säfte des Kopfes (z. B. die Koloquinthen), auf die Säfte der Brust (z. B. Manna), auf die Milz, die Leber, den Magen (z. B. Rhabarber, Wermut, Tamarinden) u. s. w. Die Korrektion der Purgiermittel erfolgt durch Kochen oder Waschen, durch Infusion (mit Wasser, Essig, Milch u. a.) oder durch das Zerreiben der Arzneistoffe.

Das ~Antidotarium s. Grabadin~ enthält in 12 Abschnitten (de electuariis[17], de medicinis opiatis, de medicinis solutivis, de conditis, de speciebus Loch, de syrupis et robubus, de decoctionibus, de trochiscis, de pillulis, de sussuf et pulveribus, de unguentis et emplastris, de oleis)[18] die Vorschriften über die Zubereitung der Arzneien. •Dieses Werk stand als Kanon der Apothekerkunst im Abendlande während des ganzen Mittelalters in hohem Ansehen.• Mesue wurde geradezu als „~pharmacopoeorum Evangelista~” angesehen.

[17] Unter diesen befindet sich auch die (später jahrhundertelang in den abendländischen Pharmakopöen als hervorragendes Cardiacum und Pestmittel gerühmte) Edelsteinlatwerge ~Electuarium de gemmis~, bestehend aus weißen Perlen, Fragmenten des Saphirs, Hyazinths, der Granaten, Smaragde, aus roten Korallen, Ebenholz, Gold- und Silberfolie, aromatischen Wurzeln und Substanzen, Moschus und Ambra, die mit Rosenhonig o. a. zur Konsistenz gemischt werden. Dem Mittel wurde große Wirksamkeit nachgerühmt gegen Krankheiten des Herzens, Gehirns, der Leber, des Magens, des Uterus, auch sollte es Melancholische aufheitern. „Wegen solcher Vorzüge,” heißt es, „ist dieses Mittel bei Königen und Fürsten sehr beliebt.”

[18] Bemerkenswert ist insbesondere die Destillation der empyreumatischen Oele, z. B. Ol. Juniperi, Ol. fraxinum. Sie geschah aus dem Destillationsfaß, einem großen, inwendig glasierten Tongefäß mit engem Hals. In einer mit Töpferton ausgemauerten Grube befand sich als Vorlage ein aufrecht stehender, inwendig glasierter Krug mit weiter Mündung, die durch eine siebartig durchlöcherte, fest anliegende Eisenplatte geschlossen war. Hiermit wurde der Hals des Fasses bogenförmig mittels Töpferton verkittet, so daß von den Dämpfen aus beiden Oeffnungen nichts entweichen konnte (Berendes).

Vollkommen verschieden von diesem Autor ist ein dritter „Mesue”, welcher als Verfasser einer aus dem ~13. Jahrhundert~ stammenden (lateinisch geschriebenen) kompilatorischen Chirurgie auftritt. Diese führt den Titel Cyrurgia ~Johannis Mesuë~, quam magister ~Ferrarius~ Judaeus cyrurgicus transtulit in Neapoli de Arabico in Latinum. Ausgabe der drei ersten Bücher von J. L. Pagel, „Die angebliche Chirurgie des Johannes Mesuë junior etc.”, Berlin 1893; des vierten und fünften Buches in den von Pagel inspirierten Berliner Dissertationen von F. A. Sternberg (1893), Walther Schnelle (1895), Hans Brockelmann (1895).

•Serapion (der Jüngere).• Unter diesem Namen läuft ein Werk ~über die einfachen Arzneimittel~ (~Liber de simplici medicina~, Mediol. 1473, Venet. 1497, 1552, Argentor. 1531 und mit den Schriften des älteren Serapion), welches im Abendlande während des Mittelalters und darüber hinaus sehr geschätzt wurde. Ueber den Verfasser herrschen nur Vermutungen; jedenfalls wäre er frühestens ins 11. Jahrhundert zu versetzen. Im wesentlichen handelt es sich um eine Kompilation aus griechischen und arabischen Vorgängern. Vgl. Guigues, Les noms arabes dans Sérapion, Journal asiatique 1905.

~Canamusali~ (Alcanamusali de Baldach). Unter diesem Namen geht ein von abendländischen mittelalterlichen Autoren zitiertes Werk über Augenheilkunde (de oculorum curationibus). Neudruck in Pansier, Collectio ophthalmologica veterum auctorum, Paris 1903-1904, Fasc. IV. Während früher angenommen wurde, daß es sich um die Uebersetzung der Augenheilkunde des 'Amar ben Ali al-Mausili handle, wurde die Schrift von Hirschberg für eine plumpe Fälschung erklärt.

Werke in persischer Sprache.

•Abu Mansur Muwaffak ben Ali Harawi•, Verfasser einer Arzneimittellehre (zwischen 968-975), deren Bedeutung besonders darin liegt, daß darin nicht bloß ~indische~ Heilmittel, sondern auch indische Grundanschauungen über Medizin auffallend bevorzugt werden. Ausgabe von R. Seligmann, Liber fundamentorum pharmacologiae, Wien 1830-1833, deutsche Uebersetzung von Abul Chalig Achundow in R. Koberts historischen Studien des pharmakologischen Instituts der Universität Dorpat, Bd. 3, Halle 1893. Das Werk bespricht 585 Arzneimittel, wovon 466 pflanzlichen, 75 mineralischen und 44 tierischen Ursprungs sind. Die Substanzen teilt Abu Mansur nach ihrer Wirkung auf den menschlichen Körper in ~vier Gruppen~. Zur ersten gehören diejenigen, welche äußerlich und innerlich mit Nutzen gebraucht werden können (z. B. Weizen, innerlich als Speise und äußerlich als Streupulver bei Hautleiden), zur zweiten Gruppe gehören diejenigen, welche innerlich als Speise dienen können, äußerlich aber reizend wirken (z. B. Knoblauch), zur dritten Gruppe zählen diejenigen, welche äußerlich in gewissen Fällen heilsam, innerlich aber in größeren Dosen giftig wirken (z. B. Kupfersalze), die vierte Gruppe umfaßt jene Stoffe, welche äußerlich und innerlich giftig wirken (z. B. Akonitpräparate). Die vier Qualitäten des menschlichen Körpers erfahren durch eingenommene Arznei- und Nahrungsmittel eine gewisse Veränderung. Die Beeinflussung besteht gewöhnlich in einer Steigerung einer der vier Qualitäten, wobei ~vier Grade der Wirkung~ unterschieden werden. Die zur ersten der oben genannten Gruppen gehörenden Stoffe wirken im 1. Grade, weshalb sie meist als Nahrungsmittel dienen können; die zur vierten Gruppe gehörenden wirken im 4. Grade, d. h. sie erzeugen die höchste Steigerung, sie sind die spezifischen Gifte. Die im 2. und 3. Grade wirkenden Substanzen sind teils zu Heilzwecken dienende Nahrungsmittel, teils eigentliche Arzneistoffe. Um die kleinen Unterschiede, welche die verschiedenen Substanzen in der Wirkung zeigen, genau beurteilen zu können, werden bei jedem der vier Grade drei Unterabteilungen unterschieden, so daß die Kälte oder Wärme, Feuchtigkeit oder Trockenheit erzeugende Wirkung eines Mittels im Anfang oder in der Mitte oder am Ende eines Grades sein kann. Die Gifte werden in drei Klassen geschieden. Zur ersten gehören die Tiergifte, welche nur durch Beißen oder Stechen dem Körper beigebracht werden, zur zweiten gehören diejenigen pflanzlichen oder mineralischen Gifte, welche schon in kleineren Dosen wirken (z. B. Akonit, Secale cornutum), die dritte Klasse umfaßt die „langsam tötenden” Gifte, welche hauptsächlich auf ein bestimmtes Organ spezifischen Einfluß ausüben (z. B. Kanthariden -- Nieren, Akonit -- Herz, Mandragora -- Gehirn, Arsenikpräparate -- Darm). Aufschlüsse für die Diagnose der Vergiftung geben gewisse Symptome; so deuten Hitze, Brennen und Schmerz im Darmtrakt mit gleichzeitigem Schwitzen auf eine akute Vergiftung (z. B. durch Arsenik oder Quecksilberpräparate), Besinnungslosigkeit, Schwäche und Kälte des Körpers auf Narkotika; besonders wichtig ist der Geruch, Geschmack und die Farbe des Erbrochenen (die Therapie wird daher meist mit einem Brechmittel eingeleitet); ein allgemeines Antidot gibt Abu Mansur nicht an.

•Zarrin-Dast• verfaßte (um 1088) eine Augenheilkunde, vgl. Hirschbergs Geschichte der Augenheilkunde bei den Arabern.

Aus späterer Zeit wären die Werke über Arzneimittel von ~Hadschi Sein eddi Ali ben Husain el Ansari~ (betitelt Bismillah, verfaßt 1386), ~Nurredin Muhammed Abdullah~ (betitelt Elfas el Edijeh, verfaßt 1553, auszugsweise ins Englische übersetzt von Gadwin)[19], ~Mir Muhammed-Zeman-Tunkabuni~ (betitelt Tohfat-ul Mowmin, verfaßt 1669, von dem Karmelitermönch P. Angelus [Jos. de Labrosse] ins Lateinische übersetzt, „Pharmacopoea Persica ex idiomata Persico in Latinum conversa”, Paris 1681), ~Mir Muhammed Husain~ (betitelt Mukhzun al-Udwieh, verfaßt 1771; macht bereits von europäischer Arzneikunde Gebrauch) zu erwähnen.

[19] Vgl. R. Seligmann, „Ueber drei höchst seltene persische Handschriften”, Wien 1833.

Armenisch.

•Mechithar• aus Her, „der Doyen der ärztlichen Schriftsteller Armeniens”, verfaßte 1148 die Schrift „Trost bei Fiebern”. Deutsche Uebersetzung von E. Seidel, Leipzig 1908. Dieselbe beruht auf arabischen, persischen und (hinsichtlich der Therapie auch auf) armenischen[20] Quellen und besteht aus 46 Kapiteln. Fieber wird definiert als Vermischung fremder mit der angestammten Wärme, welcher Vorgang im Herzen stattfindet und sich von hier in den ganzen Körper unter Herabsetzung seiner natürlichen Funktionen fortpflanzt. Die Ursachen zerfallen in äußere (z. B. heiße Luft, Kälte, adstringierende Wässer) und innere (z. B. heiße Speisen und Getränke, Gemütserregungen), abgesehen davon, daß manche besonders komplizierte Fieber als Gottesstrafe aufzufassen sind. Die prädisponierenden Momente sind teils in den sieben „natürlichen Dingen”, teils in den sechs „nichtnatürlichen Dingen”, teils in den außernatürlichen Dingen zu suchen[21]. Fieber entstehen im Pneuma (Eintagsfieber), in den trockenen oder festen Teilen (Zehrfieber), oder in den Säften (Schimmel- oder Faulfieber); letztere sind kontinuierlich oder intermittierend (Wechselfieber), je nachdem die Fäulnis innerhalb oder außerhalb der Adern vor sich geht. Die Anzahl der Fieberarten und Unterarten ist sehr bedeutend, die Diagnose stützt sich auf die Anamnese (Schweregefühl, Hitze- und Frostempfindungen etc.), auf die Beobachtung des Pulses, Urins, der Zunge, der Haut (Farbe, Spannung; Temperatur mit der aufgelegten Hand bestimmt), der Exkrete; an einer Stelle wird auch der Trommelton des meteoristisch aufgetriebenen Bauches und die Prallheit der Milz erwähnt. Therapeutisch kommen außer zahlreichen Arzneimitteln, sorgfältigen diätetischen Maßnahmen und Blutentziehungen auch Hydrotherapie (warme und laue Bäder, Dampfbäder, Dunstumschläge; bei Doppeltertiana Kaltwasserkur) und Frottieren in Betracht, in Fällen von psychischer Depression Musik und erheiternder Zuspruch, gelegentlich auch Amulette und Sympathiemittel (namentlich bei der Quartana).

[20] Ein (aus dem Persischen übertragenes) Medizinbuch des Armeniers Kakga (Ende des 10. bis Anfang des 11. Jahrhunderts) und eine anonym aus arabischen Vorlagen zusammengestoppelte Pharmakopöe.

[21] Vgl. S. 166.

Die Medizin im christlichen Abendlande.

Zur Vorgeschichte.

Wie im Osten, so dehnte sich auch im Westen das Verbreitungsgebiet der Kulturmedizin immer mehr in die Weite.

Schon im späteren Altertum drang die griechisch-römische Heilkunst mit dem Legionsadler von Italien nach Hispanien, Gallien und Britannien vor, an den Rhein und an die Donau, bis in die fernsten westlichen Provinzen des Römerreiches[1]. Dabei blieb die Ausübung der ärztlichen Kunst keineswegs bloß auf römische Feldlazarette und Standlager beschränkt, sondern faßte auch außerhalb Italiens im Lande selbst festen Fuß, wie dies der Ruf gallo-römischer Medizinschulen und das Ansehen gallo-römischer Aerzte beweist[2]. Ja sogar über das Imperium Romanum hinaus, auf das angrenzende freie Germanien erstreckte sich wenigstens in gewissem Grade der Einfluß der antiken Heilkunst[3]. Während der Völkerwanderung und in den folgenden Jahrhunderten wurde zwar sehr vieles verschüttet, doch schon in dem Maße, als die ~Romanisierung~ germanischer Stämme fortschritt, gewann die Kulturmedizin wieder an Terrain; den ausschlaggebenden Faktor aber für die Rückgewinnung ihres Gebietes und noch mehr für die spätere Ausdehnung desselben über die ganze Westhälfte Europas bildete die ~christliche Missionstätigkeit~, welche im Verlaufe des Mittelalters nicht nur das gesamte Abendland dem Kreuz unterwarf, sondern mit dem Evangelium auch Keime der antiken Bildung weithin selbst in jene Gegenden trug, die von römischen Kriegern nie betreten worden waren.

[1] Dies bezeugen Inschriften und Funde von chirurgischen Instrumenten, Okulisten ═ Siegelsteinen, Arzneikästchen. Römische chirurgische Instrumente wurden an verschiedenen Orten Spaniens, Frankreichs, Belgiens, Englands, der Schweiz, Deutschlands (besonders im Rheinland), Oesterreich-Ungarns und Serbiens aufgefunden. -- In Windisch, dem alten Vindonissa, in der Schweiz, sind die umfangreichen Ruinen eines, mit ärztlichen und pharmazeutischen Gerätschaften ausgerüsteten, römischen Militärlazarettes aufgedeckt worden (vgl. die Schrift „Ein römisches Militärspital”, Zürich, Polygraph. Institut [ohne Verfasser und Jahr]).

[2] Besonders als Augenärzte taten sich die Gallorömer hervor. -- Gallier waren Jul. Ausonius (387-377), Leibarzt Valentinians und Marcellus Empiricus.

[3] Dies geht aus dem Inhalt mancher germanischer Volksgesetze hervor, welche in ihren Krankheitsschilderungen den fremden Einfluß erkennen lassen, ferner aus dem frühzeitigen Eindringen ärztlicher Fachausdrücke in germanische Sprachen.

Der noch im Altertum begonnene, im Verlaufe des Mittelalters zu Ende geführte Siegeszug der Kulturmedizin durch Mittel- und Nordeuropa bedeutete zugleich ein Zurückdrängen und allmähliches Verdrängen der primitiven Heilkunde, welche sich bei den ~keltischen~ und ~germanischen~ Stämmen entwickelt hatte.

Unsere Kenntnisse über die •Heilkunde der Kelten• stützen sich auf gelegentliche Bemerkungen antiker Autoren, besonders des Plinius. Diese dürftigen Angaben betreffen die Verhältnisse in Gallien und Britannien, wo das Druidentum in Blüte stand und nicht nur Kult und Rechtspflege versah, sondern lehrend und forschend das gesamte Wissen repräsentierte[4].

[4] Das Druidentum -- ursprünglich vielleicht keine indogermanische Institution -- wurde von Britannien nach dem Kontinent gebracht, blieb aber in Gallia cisalpina, in den östlich vom Rhein gelegenen keltischen Gegenden, im Donaubecken, ebenso wie bei den Galatern in Kleinasien unbekannt. Die Druiden bildeten eine überaus mächtige, wegen ihres Wissens hoch angesehene, wegen ihrer Zauberkunst gefürchtete Korporation, deren Mitglieder als Priester und Seher, als Lehrer und Erzieher, als Richter und Aerzte tätig waren. Der Unterricht, den sie ihren zahlreichen Zöglingen erteilten, erstreckte sich auf Theologie, Moralphilosophie, Psychologie, Rhetorik, Naturkunde, Mathematik, Astronomie, Rechtskunde, Arzneiwissenschaft, Musik, Dichtkunst und Magie; den in Verse gebrachten Lehrstoff mußten sich die Schüler durch Auswendiglernen (von 20000 Versen) aneignen; die Niederschrift war streng verboten, wodurch die Geheimhaltung der Lehre bezweckt wurde. Berühmte Druidenschulen gab es zu Chartres, Bordeaux, Autun, Besançon. Die britannischen Druiden sollen die gallischen in mathematischen, astronomischen und praktischen mechanischen Kenntnissen übertroffen haben. Neben den Druiden gab es auch Druidinnen, welche sich besonders mit Wahrsagerei und Zauberei abgaben. Die Macht des Druidentums in Gallien wurde nach der Eroberung des Landes durch die Römer gebrochen, an Stelle der Druidenschulen traten gallo-römische Bildungsanstalten (oft durch Umwandlung aus den ersteren entstanden), aber trotz der Verfolgungen unter Tiberius und Claudius (aus politischen Gründen) erhielt sich der Druidismus im geheimen mit Zähigkeit noch jahrhundertelang, wobei die magische, scharlatanhafte Seite seines Wesens immer mehr ausschließlich zur Geltung kam. Noch im 5. Jahrhundert und später mußte die Kirche alles daran setzen, um gewisse, aus der Druidenzeit erhaltene, Volksgebräuche zu beseitigen.

Von den drei Klassen des Druidenordens[5] waren es besonders die Vates (vaids), welche sich mit Naturkunde und Heilkunst, mit Prophezeiung und Zeichendeutung (mittels der Opferschau), mit Magie abgaben. Diese Verbindung wirft schon ein klärendes Streiflicht auf die Eigenart der Druidenmedizin, d. h. dieselbe charakterisierte sich durch ein inniges Ineinandergreifen von Empirie, Kult und Zauberwesen. Entsprechend den ziemlich umfangreichen Kenntnissen in der Kräuterkunde[6] spielten pflanzliche Mittel die Hauptrolle, wobei aber mit dem Einsammeln und Aufbewahren kultisch-magische Handlungen und astrologische Vorstellungen (Einfluß des Mondes) verknüpft waren. Als Panacee galt ein, aus der ~Mistel~[7] bereiteter, Trank; neben der Mistel wurden die sechs Kultpflanzen[8] Selago, Samolus[9], Trifolium, Primula, Hyosciamus, Verbena[10] besonders hoch geschätzt. Außerdem kamen noch Artemisia, Betonica, Bryonia, Centaurea, Fumaria, Lycopodium clav., Rumex, Serpentaria, Belladonna, Helleborus, Mandragora u. a. in Betracht. Mit dem Gebrauch von Arzneikräutern (in Form von Tränken und Pflastern) wurden auch diätetische Maßnahmen, Bäder, Trinken von Heilquellen verbunden[11].

[5] Barden, Vates (Ovates, Euhages), Druiden im engeren Sinne.

[6] Keltische Pflanzennamen finden sich unter den Synonymen des Dioskurides, bei Apulejus und Marcellus Empiricus. Vgl. Grimm, Ueber Marcellus Empiricus, Berlin 1849 (Akad. d. W.).

[7] Die Mistel erschien den Druiden als das heiligste Produkt des Pflanzenreiches, als Quelle alles Guten, der Gesundheit und des Lebens. Am Neujahrstage wurde die Mistel unter feierlichen Zeremonien von einem Druidenpriester mit einer goldenen Sichel geschnitten und in einem weißen Tuche, damit die Erde nicht berührt werde, aufgefangen. Plinius (Hist. nat. XVI, 95) berichtet darüber: Nihil habent Druidae visco et arbore in qua gignatur, si modo sit robur, sacratius ... est autem id rarum admodum inventu et repertum magna religione petitur et ante omnia sexta lunae, quae principia mensium annorumque his facit et saeculi post tricesinum annum quia jam virium abunde habeat nec sit sui dimidia, ~omnia sanantem~ appellantes suo vocabulo. Sacrificio epulisque rite sub arbore comparatis duos admovent candidi coloris tauros quorum cornua tum primum vinciantur. Sacerdos candida veste cultus arborem scandit, falce aurea demittit; candido id excipitur sago. Tum deinde victimas immolant precantes, suum donum deus prosperum faciat his quibus dederit. Fecunditatem eo poto dari cuicumque animali sterili arbitrantur, contra venena esse omnia remedio. An anderer Stelle (XXIV, 6) wird der Mistel Heilwirkung bei Kröpfen, Epilepsie, Sterilität nachgerühmt. Noch heute wird sie in Wales Allheal genannt.

[8] In Beziehung zur Mondgöttin Koridwen. -- Heilgott (dem Apoll entsprechend) war Belen, der Sonnengott. -- In irischen Sagen erscheint ~Diancecht~ als Heros der Heilkunde, auf ihn wurden noch lange Zeit Rezepte zurückgeführt.

[9] Selago (Plinius XXIV, 62) (wahrscheinlich Kampferkraut, Camphoreta hirsuta Monspeliensium), nach anderen Lycopodium clavatum oder L. Selago galt ebenfalls als Mittel gegen alle Uebel; namentlich sollte der Rauch gegen Augenleiden wirken. Wie die Mistel mußte auch Selago -- sollte die Pflanze ihre Wunderkraft entfalten -- mit großer Sorgfalt nach dargebrachtem Opfer von einem weißgekleideten Druiden gesammelt werden und zwar mit der rechten, vom Mantel bedeckten Hand, während die linke aus dem Aermel gesteckt wurde, als wollte man etwas stehlen. -- Samolus (Plinius XXIV, 63), wahrscheinlich Anemone Pulsatilla, mußte mit der Linken und zwar nüchtern gepflückt werden.

[10] Verbena officinalis wurde für eine zauberkräftige, besonders Fieber abwehrende Pflanze gehalten; sie mußte unter gewissen Zeremonien beim Aufgehen des Hundesterns ausgegraben werden; Blätter, Stiele und Wurzel trocknete man getrennt im Schatten (Plinius XXV, 59).

[11] Arataios erwähnt keltische Heilmittel gegen Lepra.

Eine große Wirksamkeit schrieb man der magischen Therapie, dem Besprechen, Beschwören, den Amuletten und Talismanen zu. Mehrere gallische Zauberformeln -- leider meist ins Lateinische übersetzt -- und Vorschriften für die Verfertigung von Amuletten haben sich bei Marcellus Empiricus erhalten[12]. Was die Amulette anlangt, so bestanden dieselben aus Pflanzenteilen, Tierzähnen oder Steinen[13].

[12] Scharfsinnig hat Jacob Grimm l. c. p. 26 die von Marcellus Empiricus (ed. Helmreich cap. VIII, p. 87, zur Beseitigung der ins Auge geratenen sordicula) empfohlenen unverständlichen Sprüche

tetunc resonco bregan gresso, in mon dercomarcos axatison

auf das Keltische

tet un cre son co bregan gresso immon derc omar cos ax atison

zurückgeführt und die Uebersetzung gegeben:

Fleuch von uns Staub hinnen zu der Lüge Genossen! Lieblich (sei das) Augenbett, Weh und Schwulst (sei) fort!

[13] Gallische Amulette sind in Gräbern gefunden worden.

Neben den Druiden zeichneten sich auch Druidinnen (welche beim Kult der gallischen Gottheiten eine große Rolle spielten) in der Heilkunst, namentlich in der magischen, aus; besonderen Ruf als Zauberinnen, Wahrsagerinnen und Aerztinnen erlangten jene von der Insel Sein (quas Galli Senas vocant).

•Die Heilkunde der Germanen•, in welche der Sprachschatz, die mittelalterlichen Volksepen und zum Teil auch die, weithin in die Vergangenheit zurückreichende, Volksmedizin unserer Tage einigen Einblick gewähren, setzte sich aus eng miteinander verbundenen Kultgebräuchen, Zauberhandlungen und empirischen Kenntnissen zusammen. Das Heilwesen verteilte sich auf verschiedenartige, isolierte Vertreter, es verkörperte sich nicht in einem eigentlichen Aerztestand, da die auf primitiver Kulturstufe hierzu nötige Voraussetzung, eine organisierte Priesterschaft, bei den, in zahllose Sippen zersplitterten, der einigenden Zentren (Städte) entbehrenden, germanischen Stämmen fehlte.

Seit Urzeiten und niemals aus seiner führenden Stellung verdrängt, wirkte vor allem das germanische Weib als Spenderin ärztlicher Hilfe. Gestützt auf uralte, von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzte Traditionen (Kenntnis von Heilpflanzen, Handgriffen, magischen Gebräuchen) bewährten sich die Frauen in der Pflege und Behandlung von Wunden[14], Verletzungen, inneren Schäden und selbstverständlich auch als Helferinnen in Geburtsnöten[15]. In höchstem Ansehen bezw. auch in unheimlichem Ruf als Heilkundige standen aber die aus dem Opferblut weissagenden Kultpriesterinnen, die „Sagas”, d. i. die „weisen Frauen”[16], und das an abgelegenen Waldorten hausende wilde Weib[17], die Alpzauberin, welche nach dem Volksglauben über geheimnisvolle Kräfte, dämonische Zauberlist geboten und besonders wirksame, im Verborgenen wachsende Heilkräuter kannten. Weit später läßt sich die ärztliche Tätigkeit des Mannes nachweisen. Wenn es galt, die Seuchendämonen von Haus, Sippe oder Land abzuwehren, kam der opferleitende „Gode” in Betracht, während der, dem Opferpriester zur Seite stehende eigentliche Medizinmann, der „Lachener”, der „Galler” (Galsterer), der giftkundige „Lüppner”[18] mit allen Mitteln seiner Zauberkunst -- worunter sich freilich auch tatsächliche Empirie verbarg -- das einzelne Individuum von dem unholden Krankheitsdämon zu befreien suchte. Eine mehr beschränkte Rolle spielten der Einrenker oder Streicher, und im engen Raum der isolierten Sippensiedelung erlangten wohl auch der Hirt, der Schäfer, der Schmied den Ruf als Heilkünstler, weil ihnen ihr Beruf häufig Gelegenheit zur Krankenbeobachtung (bei Tieren) gab.

[14] Tacitus berichtet in der Germania (cap. 7): ad matres, ad conjuges vulnera ferunt, nec illae numerare et exigere plagas pavent.

[15] Hebamme ahd. hebh-anna ═ hebende Ahnfrau, Großmutter, d. h. das mithelfende ältere Weib.

[16] Tacitus l. c. cap. 8 nennt als Beispiele solcher Frauen die Velaeda und Albruna.

[17] Noch im Mittelalter erzählte man von wilden Weibern, die im Besitze von Heilmitteln seien und Kunde davon an bevorzugte Menschen geben; so heißt es in der Gudrun 529 si heten in langer zîte dâ vor wol vernomen, daz Wate arzât waere von einem wilden wîbe.

[18] Der eigentliche Name für den germanischen Medizinmann wäre ~Lachner~ (Zauberer, Besprecher) gewesen, got. lêkeis, ahd. lâhhi, angels. laeca, engl. leech, nordgerman. laeknari; keltisches Lehnwort oder aus einer Wurzel stammend mit der keltischen Arztbezeichnung, irisch liaig, entsprechend einem gallischen lêg; der Name kommt von Lach, d. h. dem, mit roter (Mennig-) Farbe aufgetragenen, Mal, mit welchem der Medizinmann unter Besegnungs- und Besprechungsformeln die Stelle bezeichnete, wo der Krankheitsdämon im Körper sitzen sollte. -- Die Bezeichnung Galler oder Galsterer kommt von dem „gellen” Laut, womit er die Dämonen verscheuchen sollte (beschreien, berufen ═ bezaubern, Vergalsterung ═ Verzauberung) oder von dem laut geschrieenen Zaubergesang („galster”). -- „Lüppner” kommt von den Giftkräutern ═ Lüppe, mit denen der germanische Zauberer vorzugsweise tätig war.

Die Krankheiten wurden nur zum geringsten Teile auf natürliche Ursachen zurückgeführt, zumeist betrachtete man dieselben als Werk unholder Dämonen (Alp, Mar, Troll u. a.) oder auch als Strafe der erzürnten Gottheiten, welche die Krankheitsgeister entsenden; diese metaphysische Aetiologie machte sich insbesondere in der Auffassung der Seuchen, der Fieberkrankheiten, der Nerven- und Geistesleiden, der chronischen, mit Abzehrung verbundenen Affektionen, der Hautleiden, der Mißbildungen geltend. Man stellte sich vor, daß der Dämon den Kranken im Schlafe überfällt oder durch Hieb, Stich, Schuß ihn verletzt -- darauf deuten z. B. die Krankheitsbezeichnungen[19] Trudendruck, Schlag, Alpstich (Pneumonie), Elben-, Maren-Hexenschuß -- oder als geisterhaftes Tier in ihn fährt, als elbischer Wurm an ihm zehrt[20]. Bei der Besichtigung der Kranken, der sog. ~Zeichenschau~, wurde daher besonders auf die „Malzeichen” oder „Lintzeichen” geachtet, welche als sicherer Beweis der Wirkung elbischer Dämonen galten[21].

[19] Abgesehen von der dämonistischen Krankheitsauffassung sind die germanischen Krankheitsnamen hauptsächlich von den sinnfälligen Hautveränderungen, subjektiven Schmerzempfindungen und augenscheinlichen Gebrechen und Funktionsstörungen hergenommen (z. B. Brand, Gicht, Sucht, Lähme).

[20] Z. B. Fingerwurm ═ Panaritium, Ohrwurm ═ Parotitis. Chronische, mit Abzehrung (Schwinden, Darre) verbundene Krankheiten oder Hautaffektionen wurden nach germanischem Glauben von mitessenden, elbischen Würmern, Maden, verursacht.

[21] Hierzu gehörte auch die Farbe der entleerten Würmer (elbischen Dämonen). Wie der germanische Wortschatz andeutet, scheint beim Kranken auf den allgemeinen Zustand, die Schmerzart, die Hautveränderungen, die etwaigen Formveränderungen kranker Glieder, Ausdruck der Augen, Farbe, Glanz und Stellung der Haare, Schleimhautfarbe, Blutgeruch und Blutgeschmack u. a. geachtet worden zu sein; vielleicht wurden auch gelegentlich Tastuntersuchungen vorgenommen.

Entsprechend den Krankheitsvorstellungen hing die Therapie, selbst soweit sie in der Anwendung wirklicher, empirischer Mittel bestand, mehr oder minder mit Kult und Zauberwesen zusammen.

Die Grundbedingung des Krankheitsschutzes und Heilerfolges lag darin, die Gunst der Götter zu erlangen, bezw. ihren Zorn durch Opfergaben (blutige Opfer)[22] oder deren Stellvertretung, Kultspeisen und gewisse Kulthandlungen zu beschwichtigen. Der Opferpriester hatte durch seine feierlichen Bannsprüche die Krankheitsdämonen abzuwehren, ihm war auch die Gabe verliehen, durch bloßes Berühren der leidenden Stelle mit seinen Heilhänden, durch Berühren mit dem, in das Opferblut getauchten, „Kedfinger” (Wodansfinger)[23], durch Anhauchen, Anblasen oder mit Salz und Wasser u. s. w. den Krankheitsgeist zu vertreiben. Besonders vor dem Auftreten, während der Herrschaft und nach dem Aufhören der Seuchen wurden kultische Mittel[24] in Anspruch genommen.

[22] Dem Opfer und der Opferschau entsprangen die anatomischen bezw. pathologisch-anatomischen Kenntnisse, über welche der germanische Wortschatz genügende Aufschlüsse erteilt. -- Das germanische Opferwesen war auch die Quelle der therapeutischen Verwendung von Tierorganen, denen Zauber- und Heilwirkung zugeschrieben wurde.

[23] Genannt nach dem Heilgott, dem Allvater Wodan-Odin, der als „Alpverdruß” die lichtscheuen Krankheitsdämonen und nächtlichen Fiebergeister vertrieb und der im Besitze der mächtigsten Bannsprüche war. Bei den Deutschen hieß der Zauberfinger auch Metzgerfinger. Bei den Nordgermanen waren es die Priesterkönige, welche durch Auflegen ihrer Heilhand (Königshand) heilten.

[24] Hierher gehörten das Opfer (dem Gotte Thor dargebracht), der Opferrauch, das Anzünden von Notfeuer, das Fasten, die bis zur ekstatischen Verzückung getriebenen Kulttänze (Reigentänze) und andere dämonenvertreibende Mittel.

Indirekten Zusammenhang mit dem Kult hatten unter anderem: die Bevorzugung gewisser Heilkräuter und die Ausgrabung derselben zu bestimmten Zeiten (z. B. in der Donnerstagfrühsonne), die Sitte, durch den Maitau auf den Wiesen in den Morgenstunden zu streifen (zur Stärkung der Glieder), der Besuch von, auf sonnigen Höhen gelegenen, Genesungsstätten, „Heilbergen” (Sonnenkultorten, Votivgaben, Sonnenwärme als Heilmittel gegen Fieber), der mit der Spendung von Opfergaben verbundene Gebrauch von heißen (einer einheimischen Sonnengottheit geweihten) Heilquellen (meist an Donnerstagen)[25].

[25] Was den Bädergebrauch überhaupt anlangt, so wissen wir nach dem Zeugnis römischer Autoren (z. B. Caesar, Tacitus), daß derselbe bei den Germanen ungemein beliebt war, und zwar kamen schon in urgermanischer Zeit nicht nur Flußbäder, sondern auch häusliche Warmbäder und Schwitzbäder in Betracht (ahd. stuba, stupa, von stieben -- die Dampfentwicklung erfolgte durch Aufgießen von heißem Wasser auf die vorher erhitzten Steine der Badstube).

Abwehr und Vertreibung der vermeintlichen Krankheitsdämonen beherrschte als Leitmotiv das therapeutische, ganz vom Begriff des „Zaubers”[26] durchdrungene Gebaren des germanischen Medizinmannes, wenn er mit magischen Zeichen, Besprechungs- und Beschwörungsformeln, mit Zaubergesängen und Runen[27], mit Lärm und Tanz, mittels massierender Streichbewegungen[28] oder mechanischer Gewalt (z. B. Prügeln des Patienten) oder mittels Transplantation (in das Zaubergerät, in Fetischtiere, in Bäume etc.) die Krankheit zu beseitigen trachtete. Aber der gleiche Gedanke schwebte der Hauptsache nach auch dann vor, wenn Heilpflanzen[29] in Form von Räucherungen, Bähungen oder Tränken zur Anwendung kamen. In solchem Gesichtskreise finden Amulette und Talismane, welche zum Teile auch aus Rudimenten wirklich erprobter Mittel bestanden, als prophylaktische Schutzmittel ihre Berechtigung. Dieselben waren pflanzlicher oder tierischer Herkunft (Zähne, Krallen, Knochenteile von Ebern und Wölfen; Belemniten, Echiniten) oder bestanden aus runenbeschriebenen Metallgegenständen (Hammer, Ringe, eiserne Pfeile etc.) und Steinen (Feuersteine, „Lebenssteine”). So bildeten denn der ~Wort~(Runen-)~zauber~, der ~Krautzauber~ und der ~Steinzauber~ das Um und Auf der germanischen Therapie, wie es noch im deutschen Mittelalter durch Freidanks Spruch bezeugt wird:

Kraut, Steine und Wort Haben an Kräften großen Hort.

[26] Bezeichnet ursprünglich die rote Mennigfarbe (taufra), mit welcher der Heil-, Arzt- oder Lachnerfinger des Medizinmannes den Dämonensitz bestrich, vgl. S. 236, Anm. 5.

[27] „Astrunen sollst du kennen, eh' du willst Lachner werden,” lehrte Sigtraut den Sigfried. -- Die Runen waren mit roter Mennigfarbe in Stäbchen geritzt, der Zauberer mußte dieselben zu lesen verstehen, darum hieß er auch „Ableser”.

[28] Das Bestreichen des Abdomen war verbunden mit der Mitwalgerung eines Gegenstandes (z. B. eines Käfers), wohl in der Absicht, die Krankheit dabei zu transplantieren.

[29] Es gab Wundkräuter, Brandkräuter, Schußkräuter, Giftkräuter, Unholdenkräuter, Wut- und Tollkräuter (gegen Erregungszustände), Qualmkräuter, Ruhrkräuter (z. B. Alantwurz, Eichenrinde), Zitterach- oder Sprungkräuter (gegen Hautkrankheiten), Schloßkräuter (zur Erleichterung der Geburt, z. B. Chamomilla, Alchemilla, Arnica, Artemisia als Bähung oder Trank, Hanf als Räucherung), Wehenkräuter u. s. w. Zu den betäubenden oder schmerzstillenden Mitteln zählten Hyosciamus, Lactuca, Mohn, Solanum, Mandragora, Atropa, Belladonna, Conium, Cannabis.

Ganz besonders machte sich der Mystizismus natürlich auf dem Gebiete der Geburtshilfe, bei der Behandlung kranker Kinder und bei der Behandlung Irrsinniger geltend. Die Geburtshilfe und Wochenbettspflege, bei welcher mancherlei Kultzeremonien eine Rolle spielten, und bei der die zauber- und runenkundigen Mitweiber in Aktion traten, erforderte den Beistand der notlösenden Dämonen (Perchta, Nornen, Saligen, Idisen) und die Abwehr der Schrecken erregenden unholden elbischen Geister (durch glänzende Amulette, Absingen von Zaubersprüchen, gellendes Schreien, Räucherungen mit Wacholder u. a.); die Geburtsstellung dürfte die mit kauernden Knieen gewesen sein; um das „Mutterschloß” (Beckengürtel ═ Bannschloß, welches sich in der Gebärnot verschließe) zu eröffnen, wandte man (entsprechende Bähungen, Tränke oder Räucherungen) verschiedene Kompressionsmethoden, Stürzen der Kreißenden, massierendes Streichen, äußere Wendung an. Die durch äußere Wendung oder den Kaiserschnitt lebend entbundenen Kinder galten als elbische Glückskinder; mißgestaltete oder sonst kranke Neugeborene wurden ausgesetzt. Die künstliche Ernährung bestand darin, daß man Kuhmilch aus dem spitzen Ende eines Bockshorns gab. Die Kinderkrankheiten, namentlich die, mit Krämpfen verbundenen, führte man auf den schreckhaft wirkenden Einfluß elbischer Nachtgeister zurück, zur Abwehr gebrauchte man Amulette aller Art, zur Beseitigung der Leiden schlaferregende Zauberrunen und narkotisch wirkende Heilmittel (Solanum, Papaver). Was die Geisteskranken anlangt, so galten dieselben von Dämonen Besessene, ihre Behandlung war wesentlich ein Kultakt (z. B. Tänze im Allah zur Zeit der Sonnenwende, Fesselung mit Kultpflanzen) oder eine antidämonische (Hervorlocken des parasitären Dämons aus dem Gehirn durch ableitende Brandwunden).

Selbst die Hilfeleistung bei chirurgischen Fällen -- so sehr empirische Handgriffe die Hauptsache ausmachten -- war nicht ganz losgelöst von antidämonistischen Gebräuchen. Die traditionelle Behandlungsweise der Wunden[30] strebte Heilung unterm Schorf an. Nach dem „Besehen” der Wunden, der „Heil-Schauet” (eventuell Untersuchung mit der Drahtsonde), Entfernung der Blutgerinnsel, Abschneiden der Hautfetzen, Aussaugen des Giftes, Beseitigung von Knochensplittern oder Fremdkörpern mit der Zange[31], reinigte man mit lauem Wasser oder Wein die Umgebung, legte einen Verband mit Schorfkrautabsud oder ausgepreßtem Pflanzensaft darüber, rieb mit Alaun ═ ahd. Peizstein (zur Abwehr der Wundfieber erzeugenden Dämonen) ein und gab einen Wundtrank. Um den normalen Verlauf der Wundheilung zu sichern, strich der Lachner oder die Lachnerin mit dem Finger im Kreise um die Wunde und sprach den Wundsegen[32]. Trat dennoch Rotlauf, Brand etc. auf, so mußte zu den entsprechenden Zauberkräutern, kultischen und magischen Behandlungsmethoden gegriffen werden. Auch bei der Blutstillung (bei größeren Blutungen Tamponade und Kompression mit Moos, Erdrasen, Steinen, Anwendung von siedheißem Pech, bei kleinen Blutungen mit Spinngewebe) spielten althergebrachte Zauberformeln eine Rolle, desgleichen bei der Behandlung von Verrenkungen (mittels Streichung, Dehnung und Reibung)[33]. Zum Verband bei Knochenbrüchen -- Gräberfunde beweisen die gute Ausheilung z. B. von Unterschenkelfrakturen -- benützte man biegsame aber doch feste Zweige (Weidenrute), Baummoos und Ulmenbast (zur Polsterung), bei langwierigen Gelenkkrankheiten sorgte man für Ruhestellung der Gelenke. Was operative Eingriffe anlangt, so kannten die Germanen eine Art von Aderlaß (Ritzung mittels eines Dornes, später Anwendung eines feineren Messerchens -- Adersax), das Schröpfen (Ausziehen des Blutes mit einer Bockhornspitze), die Eröffnung von Abszessen (durch Aufkerben); zur Beseitigung von Geschwülsten scheint das Brenneisen verwendet worden zu sein.

[30] Aus den germanischen Volksgesetzen, dem Niederschlag langer Zeiträume, läßt sich ersehen, daß auf Grund der wundärztlichen Erfahrung eine Anzahl von Wundarten (gemäß der Dignität der Wunde) unterschieden wurde.

[31] Bei aufgeschlitztem Abdomen wurden die heraushängenden Eingeweide zurückgestopft und die Wundränder zusammengeheftet.

[32] Die auffallende Uebereinstimmung der Wundbesegnungsformeln bei den germanischen Stämmen weist auf einheitlichen Ursprung. Ihr Inhalt verrät, daß man eine ganze Reihe von Abnormitäten des Wundheilungsprozesses kannte.

[33] Allbekannt ist der Merseburger Zaubersegen

bên zi bêna bluot zi bluodo lid zi geliden sôse gelîmida sîn.

Auf die Heilkunst der Germanen hat die keltische anscheinend nicht unbedeutenden Einfluß ausgeübt.

Die Medizin im frühen Mittelalter.

Vom Standpunkt der Gesamtentwicklung betrachtet, bildete die Sammlung und Verarbeitung antiker Ueberlieferungen das Ziel, welches der mittelalterlichen Medizin vorgesteckt war. Zur Erreichung desselben bedurfte der Westen infolge besonders ungünstiger Einflüsse weit längerer Zeit als Byzanz und der islamische Kulturkreis.

Schon in den letzten Jahrhunderten des römischen Kaisertums entartet und verkümmert, dämmerte die Heilkunde des Abendlandes im Mittelalter mehr als ein halbes Jahrtausend dahin, bevor sich auch nur Ansätze zum Aufschwung aus geistiger Oede zeigten; zur Höhe der Wissenschaftlichkeit gelangte sie eigentlich erst in jenen späten Tagen, da den Arabern die Fäden bereits wieder zu entgleiten begannen.

Die Heilkunde des Abendlandes im frühen Mittelalter ist streng genommen überhaupt kaum ein Objekt für die Geschichte der Wissenschaft, falls man unter einer solchen eine zusammenhängende Darstellung fortschreitender Geschehnisse versteht -- es können höchstens, soweit es die spärlichen Quellen ermöglichen, Streiflichter auf die medizinischen Verhältnisse und auf die medizinische Literatur geworfen werden. Denn Unzulänglichkeit der wissenschaftlichen Grundlagen, totale Stagnation der Forschung, eine jeder höherer Gesichtspunkte entbehrende, schablonenhafte, rudimentäre Praxis machen den Grundzug der Heilkunde dieses Zeitraums aus, der schon durch die Art, wie das Arzttum hauptsächlich vertreten wurde, beinahe an primitive Entwicklungsstufen erinnert. So düster aber die Eindrücke sind, auch hier tritt der Zusammenhang mit der gesamten Kultur und somit die geschichtliche Notwendigkeit unverkennbar hervor, ja noch enger als sonst ist in dieser traurigen Periode das Schicksal der Medizin an den Zeitgeist gekettet.

Um den Tiefstand der Heilkunde aus dem Charakter der Epoche abzuleiten, bedarf es keiner weitläufigen Schilderung des historischen Hintergrunds, es genügt in wenigen Strichen die markantesten Erscheinungen von allgemeiner Bedeutung festzuhalten.

Die für die Völkerverjüngung Europas so bedeutungsvolle Aufrichtung der germanischen Herrschaften auf den Trümmern des orbis romanus war mit dem Opfer zahlloser Menschenleben, mit dem Verluste reicher Schätze der Kunst und Literatur, mit der Verheerung weiter Landstrecken und der Verödung vieler Städte, mit der Vernichtung des Wohlstands, mit dem Verfall der höheren Lebens- und Wirtschaftsformen verbunden. Wenn auch nicht unmittelbar, so doch jedenfalls in seinen Folgen bedeutete der durch jahrhundertelange Zersetzung vorbereitete Untergang des weströmischen Reiches den Zusammenbruch einer zwar längst morsch gewordenen, aber immer noch sehr ansehnlichen Kultur; ihrer Aufnahme durch das Volkstum der germanischen Eroberer standen vorerst noch die andersartigen Triebe, Neigungen und Traditionen derselben, der sprachliche Gegensatz und der Mangel jener feineren Empfänglichkeit entgegen, welche nur der Arbeit vieler Generationen entspringen kann. Auch vermochten sich in der romanisch-germanischen Welt erst nach einer langen, von wildem Kampfeslärm, vom Wirrsal der Rassenmischungen, der politischen Zerfahrenheit, der sozialen Verschiebungen erfüllten Uebergangszeit wieder derart gefestigte Zustände herauszubilden, welche eine Neugestaltung der Kultur als unerläßliche Vorbedingung erheischt. In den öden Jahrhunderten, da das Alte gänzlich zu zerbröckeln drohte, ohne daß das Werdende schon sichtbar wurde, hielt bloß ~die Kirche~, unerschüttert durch alle Veränderungen, ein Bollwerk in der wogenden Völkerflut, die Verbindung mit der Vergangenheit aufrecht. Sie pflanzte ihr Banner auf den Schutt des Altertums und wehrte von den Künsten des Friedens die Gefahr des gänzlichen Untergangs ab. Insbesondere das ~Mönchtum~ erwarb sich dadurch ein unvergängliches Verdienst, daß es der Bildung in seinen Klöstern eine Freistätte inmitten der Barbarei eröffnete und weithin vermittelnd selbst dort die Keime der Kultur zugleich mit der Heilslehre ausstreute, wohin die römischen Legionen niemals vorgedrungen waren. Das Ite et docete omnes gentes wurde zur Tat. Aber der zumeist aus spätrömischer Zeit übernommene Grundstoff der Bildung war dürftig und seine Verarbeitung verfolgte lediglich formale Zwecke oder solche Tendenzen, welche die Gebundenheit des Glaubens diktierte[1]. Das wissenschaftliche Leben des frühen Mittelalters, dem der Kerzenschimmer der Kirche und die Studierlampe des grübelnden Mönchs fast allein zur Leuchte ward, blieb im großen und ganzen ein mattes, es erhob sich nicht über die Stufe einer noch dazu meist seichten Reproduktion, es brachte keine vollsaftigen Früchte hervor, denn nur dort, wo reich die Quellen sprudeln und wo sie um ihrer selbst willen gepflegt wird, kann echte Wissenschaft gedeihen.

[1] Der Zweck, der mit der Konservierung der Antike verfolgt wurde, spiegelt sich deutlich in der christlichen Kunst ab, welche das Material antiker Bauwerke zur Errichtung von Kirchen benutzte.

Betrachtet man die Dinge von dem Standpunkte, daß es sich um einen neuen Anfang, um die kulturelle Entwicklung von neuen Volksstämmen handelt, die erst nach einer jahrhundertelangen Erziehung zur Aufnahme der Errungenschaften des griechisch-orientalischen Geistes heranzureifen vermochten, so erscheint manches in helleren Farben, nicht bloß die poetischen und künstlerischen Regungen, sondern selbst die wissenschaftlichen Tastversuche. Verfolgt man dagegen -- wie wir es tun -- den Verlauf der Kultur als Ganzes, so drängt sich stets der Vergleich, wenn schon nicht mit der Antike, so doch mit den synchronen Verhältnissen des Ostens auf, wobei der Eindruck einer regressiven Metamorphose erweckt wird.

Bei dem Vergleich der Verhältnisse des Abendlandes im frühen Mittelalter mit den Zuständen des Orients nach dem Siegeszug der Araber sind zahlreiche Momente zu berücksichtigen, welche für den krassen Unterschied der kulturellen Entwicklung des Westens und des Ostens ausschlaggebend gewesen sind, unter anderen folgende. Die weströmischen Länder, welche den erborgten Schimmer des Hellenismus seit dem 3. Jahrhundert immer mehr einbüßten, standen schon vor ihrer Unterwerfung unter die Herrschaft der Germanen nicht auf jener Höhe, welche Syrien, Persien und Aegypten zur Zeit der arabischen Eroberung einnahmen; ihre Verheerung durch völkermordende Kriege und Seuchen war weit furchtbarer als späterhin die Verwüstung des Ostens; während dort zu den bestehenden nicht wenige neue großartige Städte und damit Zentren der Bildung, des Handels, der Gewerbstätigkeit hinzukamen, deren Produkte in einem drei Erdteile umspannenden Verkehr verbreitet wurden, fielen im Abendlande zahlreiche Städte der Zerstörung anheim oder sanken doch zur Bedeutungslosigkeit herab. An Stelle der im Osten stets fortdauernden und noch gesteigerten Geldwirtschaft mit ihren kulturellen Konsequenzen trat im Westen nach der germanischen Eroberung eine niedrige Wirtschaftsform, die naturalwirtschaftliche, es erhielt das ganze Leben einen mehr bäuerlichen Zuschnitt, da es bei der einseitigen Bevorzugung des Landbaues, bei dem stockenden Handel, dem Verfall des Gewerbes, dem verödeten Verkehr, der zunehmenden Verarmung an den Mitteln zur verfeinerten Lebensführung fehlte. In demselben Maße, als die anfängliche politische Einheit des Kalifats und seine byzantinische Nachbarschaft die Kultur förderte, bildete die Zersplitterung der germanischen Herrschaft in zahlreiche Sonderexistenzen mit konsekutiver Isolierung lange ein Hemmnis des Fortschritts, wenngleich gerade dadurch der spätere fruchtbringende Wettstreit der europäischen Nationen vorbereitet wurde. Der rasche Anstieg und die erstaunliche Verbreitung der wissenschaftlichen Betätigung unter den „Arabern” ist, abgesehen von den erwähnten Vorbedingungen, hauptsächlich darauf zurückzuführen, daß die griechische Literatur sehr bald in weitem Umfange in die, der Regierung und dem allgemeinen Verkehr dienende, ~lebendige~ Sprache des Koran übertragen und durch Bibliotheken und Schulen breiten Schichten des regsamen Mittelstandes zur reichhaltigen und mannigfachen Benützung zugänglich gemacht wurde. In der islamischen Welt waren es die Sieger, welche durch ihre eigene Religion und Sprache dem Kulturleben der Unterworfenen das Siegel arabischer Nationalität aufdrückten und über das assimilierte Gut wie über Selbsterworbenes in Freiheit geboten. Im christlichen Abendlande hingegen mußten sich die, ursprünglich nicht durch die Bande des Nationalgefühls und der Religion geeinten, germanischen Eroberer einer fremden, der christlich-lateinischen Kultur unterordnen, deren Träger fast allein der Klerus war. Derselbe nahm im staatlichen Organismus eine Sonderstellung ein, ging noch lange Zeit aus der römischen Bevölkerung hervor und sicherte der lateinischen Sprache wegen ihrer altehrwürdigen Beziehung zum kirchlichen Schrifttum, sowie um die völkerverbindende Einheitlichkeit des Kultus zu wahren, den Vorrang als Ausdrucksmittel für jede höhere geistige Tätigkeit gegenüber den Idiomen des Landes. Die lateinische Sprache konnte den Germanen -- das Bildungsbedürfnis und die Bildungsfähigkeit derselben vorausgesetzt -- in ihr niedergelegten, übrigens nur einen sehr beschränkten Teil der antiken Bildung umfassenden Wissensschätze[2] nicht direkt vermitteln[3]. Während die bürgerlichen Triebe fehlten, wurde alle, der alten Kultur noch verbliebene, Lebenskraft in die Kirche geleitet. Ein schon von vornherein ungenügendes, mit dem der Araber nicht entfernt vergleichbares, Grundmaterial, das in die spröde Form einer erstarrten Sprache eingeschlossen war, an freier Ausgestaltung durch ein unverrückbar vorgesetztes Bestimmungsziel gehindert wurde, von außen keinen Zuwachs und kein anregendes Ferment zugeführt erhielt, -- wie konnten daraus lebenskräftige Schaffensprodukte entstehen?

[2] Ohne auf Einzelheiten hier einzugehen, sei nur ganz im allgemeinen bemerkt, daß bei der Seltenheit der griechischen Sprachkenntnisse sekundäre Quellen, d. h. bloß lateinische Werke oder lateinische Uebersetzungen griechischer Schriften, das wissenschaftliche Grundmaterial bildeten, wobei hinsichtlich letzterer die geringe Zahl zu berücksichtigen ist. In der Blüteepoche bedurften die gebildeten Römer kaum der Uebertragungen aus dem Griechischen, da sie dasselbe beherrschten, die lateinische Uebersetzertätigkeit beginnt, abgesehen von Cicero, erst in der Verfallszeit der Antike einen etwas größeren Umfang anzunehmen.

[3] Daß Uebertragungen von Anbeginn an möglich gewesen wären, beweist die Bibelübersetzung des Ulfilas und späterhin namentlich die angelsächsische Literatur, welche nicht wenige gelehrte Werke umfaßte, zur Genüge. Spuren früher Anteilnahme von Germanen an wissenschaftlichen Studien sind deutlich nachweisbar, wenn auch ihrem einfachen Wesen im allgemeinen „die fremde Kunst” ferne lag.

Unter der Ungunst der äußeren Verhältnisse ihrer Bildungsanstalten mehr und mehr beraubt, ja durch die verhängnisvolle Umwandlung der wirtschaftlichen Zustände und Lebensformen beinahe in ihrer beruflichen Existenz gefährdet, gelangte auch die Heilkunde -- ohnedies längst eine Wirkungssphäre des religiösen Eifers und der werktätigen christlichen Nächstenliebe -- immer mehr unter die Leitung der Kirche. ~An die Stelle der Philosophen, der Weltkinder, traten Priester und Asketen als Aerzte.~ Man spricht geradezu von einer Epoche der ~Mönchsmedizin~ -- was übrigens, wie gezeigt werden soll, mancher Einschränkung bedarf. Die ärztliche Wissenschaft als solche spielte unter dieser Führung begreiflicherweise nicht nur gegenüber den kirchlichen, sondern selbst gegenüber den anderen profanen Wissenszweigen bloß eine untergeordnete Rolle, sie zehrte kümmerlich von den schalen Ueberbleibseln der spätrömischen Zeit und geriet in die Dunstatmosphäre der Mystik, in die bedenkliche Gesellschaft der naiv gläubigen, volksmedizinischen Empirie. Ein seichtes Wasser wird eben leicht zur Pfütze.

Der Grundton der Medizin des frühen Mittelalters war entschieden ein kirchlicher, dennoch ist es ein ~Irrtum~, zu glauben, daß die ~Präponderanz des Klerus und des Mönchtums~, welche in der Literatur so grell hervortritt, ~überall die Laienpraktiker gänzlich zum Verschwinden gebracht hätte~. Ebenso widerspricht die Vorstellung den Tatsachen, daß sich das traurige Schicksal der Medizin wie der gesamten antiken Bildung mit ähnlicher Schnelligkeit vollzogen hätte, wie der Untergang der römischen Weltmacht[4] -- die Epochen der Kultur lösen einander nicht katastrophenartig ab, sie beruhen auf allmählicher Evolution, ihre Grenzen sind fließende -- auch unter germanischer Herrschaft dauerte römisches Wesen anfangs noch weiter, führten manche Schulen der Gelehrsamkeit, welche in der römischen Kaiserzeit gestiftet worden waren, wenigstens eine Zeitlang ein schattenhaftes Dasein fort[5].

[4] Uebrigens bestand das Imperium Romanum fiktiv in der politischen Auffassung noch fort, und die römische Kaiseridee bestimmte wesentlich den Gang der Geschichte des Mittelalters; von der tiefgreifenden Veränderung der Dinge hatte jedenfalls anfangs niemand das rechte Bewußtsein.

[5] Unzweifelhaft in Italien und Gallien.

Es ist nicht das gleiche Bild, welches die einzelnen Länder der abendländischen Welt im Beginne des Mittelalters darbieten -- erst später wirkte die Barbarei einigermaßen nivellierend -- und die anfängliche Verschiedenheit hängt wesentlich davon ab, ob die römische Kultur tiefe Furchen gezogen hatte oder nur wie Flugsand flüchtig verstreut worden war oder ob gar noch jungfräulicher Boden vorlag.

Wie sich diese Verschiedenheit in den medizinischen Verhältnissen wiederspiegelte, darüber können, bei der Dürftigkeit der Nachrichten, nur wenige Andeutungen gegeben werden.

Um den Aerztestand und das ärztliche Unterrichtswesen im Beginne des Mittelalters war es jedenfalls am besten in ~Italien~ bestellt, nämlich solange dort die ~Ostgoten~ herrschten, welche mit der Wahrung ihrer nationalen Eigenart hohe Achtung vor der römischen Kultur zu verbinden wußten und daher, statt mit roher Hand einzugreifen, die Einrichtungen des öffentlichen Lebens unangetastet ließen.

Unter Theoderich d. Gr. durchlebte Italien, welches im 5. Jahrhundert so schwer heimgesucht worden war, eine Dezennien lange Epoche des Friedens und erfreute sich nicht nur materieller Wohlfahrt und der zartfühlendsten Rücksichtnahme auf das römische Herkommen in der Verwaltung, sondern auch der Förderung von Kunst und Wissenschaft. In letzterer Hinsicht genügt es, bloß auf die Namen eines Cassiodorius, Boëthius und Ennodius zu verweisen. Theoderich, der edelste Fremdling, der je über Italien geboten hat, wollte den Römern mehr ein Schirmherr als ein Eroberer sein, darum beließ er sie im Besitz ihrer Rechte und Institutionen, wenn er auch seine Macht auf die Goten stützte, die allein den Kriegerstand repräsentierten und nach dem alten Einquartierungssystem ein Drittel des Bodens zugewiesen erhielten. Beide Völker, die Römer und die arianischen Goten, lebten nach heimischer Sitte nebeneinander, ohne daß eine überstürzte Verschmelzung, sondern höchstens eine allmähliche Versöhnung der Gegensätze beabsichtigt wurde; leider trübte sich das, besonders infolge der Religionsverschiedenheit stets kühle, Verhältnis schon in den letzten Regierungsjahren Theoderichs -- die Hinrichtung des Boëthius auf Grund von Verdächtigungen liefert davon Zeugnis -- und noch mehr unter seinen Nachfolgern durch gegenseitigen, vom byzantinischen Hofe genährten, Argwohn. Schließlich war es gerade der nationale Dualismus des Reiches, der den Untergang der Gotenherrschaft und damit den Anbruch der traurigsten Zeit für Italien herbeiführte.

Die Goten, zuerst von den germanischen Stämmen, zur Zeit der Blüte des Arianismus, christianisiert (zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts) und durch die lange Berührung mit Ostrom kulturell beeinflußt, waren bei ihrer Ankunft in Italien kaum noch Barbaren zu nennen, sie besaßen eine verhältnismäßig hochentwickelte Sprache (Urkunden im 6. Jahrhundert!), und manche von ihnen gewannen auch Neigung für die von den Römern wieder lebhafter betriebenen wissenschaftlichen Studien[6], wenn auch die Volksmeinung im allgemeinen in einer gelehrten Erziehung eine Gefahr für die kriegerische Tüchtigkeit erblickte[7]. Es ist bekannt, daß Theoderichs geniale Tochter, Amalaswintha, mit Griechen griechisch, mit Lateinern lateinisch redete und ihren Sohn Athalarich in den Künsten Roms erziehen ließ[8], ebenso daß ihr Vetter, der treulose Theodahad, ein Kenner der antiken Literatur war und sich mit Platonischen Studien beschäftigte.

[6] Z. B. in der Physik und Astronomie.

[7] Nach Prokopios meinten die Goten, wer einmal die Rute des Lehrers gefürchtet habe, könne keinem Schwert und keinem Speere mehr mit festem Blick begegnen.

[8] Gegen den Willen der gotischen Großen, welche einen tapferen Krieger, aber keinen Grammatiker zum König haben wollten.

Bei solcher Schonung des Bestehenden ist es schon von vornherein selbstverständlich, daß auch die römische Medizinalverfassung, wie sie sich in der späteren Kaiserzeit entwickelt hatte, erhalten blieb; glücklicherweise sind wir aber nicht auf bloße Vermutungen angewiesen, da noch eine, wahrscheinlich von Theoderich herrührende, pomphaft stilisierte Verordnung über die Rechte und Pflichten des ~Comes archiatrorum~ (vgl. S. 14) auf uns gekommen ist, durch welche die Existenz eines gebildeten und organisierten Aerztestandes bewiesen wird.

~Formula comitis archiatrorum.~

Inter utillimas artes, quas ad sustentamdam humanae fragilitatis indigentiam divina tribuerunt, nulla praestare videtur aliquid simile quam potest auxiliatrix medicina conferre. ipsa enim morbo periclitantibus materna gratia semper assistit, ipsa contra dolores pro nostra inbecillitate confligit et ibi nos nititur sublevare, ubi nullae divitiae, nulla potest dignitas subvenire. Causarum periti palmares habentur, cum negotia defenderint singulorum: sed quanto gloriosius expellere quod mortem videbatur inferre et salutem periclitanti reddere, de qua coactus fuerat desperare! ars quae in homine plus invenit quam in se ipse cognoscit, periclitantia confirmat, quassata corroborat et futurorum praescia valetudini non cedit, cum se aeger praesenti debilitate turbaverit, amplius intellegens quam videtur, plus credens lectioni quam oculis, ut ab ignorantibus paene praesagium putetur quod ratione colligitur. Huic peritiae deesse judicem nonne humanarum rerum probatur oblivio? et cum lascivae voluptates recipiant tribunum, haec non meretur habere primarium? habeant itaque praesulem, quibus nostram committimus sospitatem: sciant se huic reddere rationem, qui operandam suscipiunt humanam salutem. non quod ad casum fecerit, sed quod legerit, ars dicatur: alioquin periculis potius exponimur, si vagis voluntatibus subjacemus. unde si haesitatum fuerit, mox quaeratur. Obscura nimis est hominum salus, temperies ex contrariis umoribus constans: ubi quicquid horum excreverit, ad infirmitatem protinus corpus adducit. hinc est quod sicut aptis cibis valitudo fessa recreatur, sic venenum est, quod incompetenter accipitur. habeant itaque medici pro incolumitate omnium et post scholas magistrum, vacent libris, delectentur antiquis: nullus justius assidue legit quam qui de humana salute tractaverit. Deponite, medendi artifices, noxias aegrotantium contentiones, ut cum vobis non vultis cedere, inventa vestra invicem videamini dissipare, habetis quem sine invidia interrogare possitis, omnis prudens consilium quaerit. dum ille magis studiosior agnoscitur, qui cautior frequenti interrogatione monstratur. in ipsis quippe artis hujus initiis quaedam sacerdotii genere sacramenta vos consecrant: doctoribus enim vestris promittitis odisse nequitiam et amare puritatem[9]. Sic vobis liberum non est sponte delinquere, quibus ante momenta scientiae animas imponitur obligare. et ideo diligentius exquirite quae curent saucios, corroborent imbecillos: nam videro, quod delictum lapsus excuset, homicidii crimen est in hominis salute peccare. sed credimus jam ista sufficere, quando facimus qui vos debeat admonere. quapropter a praesenti tempore comitivae archiatrorum honore te decoramus, ut inter salutis magistros solus habearis eximius, et omnes judicio tuo cedant, qui se ambitu mutuae contentionis excruciant. esto arbiter artis egregiae, eorumque distingue conflictus, quos judicare solus solebat effectus. in ipsis aegros curas, si contentiones noxias prudenter abscidas. magnum munus est, subditos habere prudentes, et inter illos honorabilem fieri, quos reverentur ceteri. Visitatio tua sospitas sit aegrotantium, refectio debilium, spes certa fessorum. requirant rudes, quos visitant, aegrotantes, si dolor cessavit, si somnus affuerit. de suo vero languore te aegrotus interroget, audiatque a te verius, quod ipse patitur. habetis et vos certe verissimos testes, quos interrogare possitis. perito quidem archiatro venarum pulsus enuntiat, quid intus natura patiatur; offeruntur etiam oculis urinae; ut facilius sit, vocem clamantis non advertere, quam hujusmodi minime signa sentire. Indulge te quoque palatio nostro: habeto fiduciam ingrediendi, quae magnis solet pretiis comparari. nam licet alii subjecto jure serviant, tu rerum dominos studio praestantis observa. fas est tibi, nos fatigare jejuniis fas est, contra nostrum sentire desiderium, et in locum beneficii dictare, quod nos ad gaudia salutis excruciet. talem tibi denique licentiam nostri esse cognoscis, qualem nos habere non probamur in ceteris. ~Cassiodorius~, Variar. lib. VI, c. 19.

[9] Die öffentlichen Lehrer der Heilkunst -- doctores -- nahmen also von ihren Schülern ein Gelöbnis entgegen.

Ebenso wie die schulmäßige Pflege der literarischen Studien, der Grammatik, Rhetorik, Jurisprudenz u. s. w. fortdauerte[10], dürfen wir auch den Weiterbestand der ärztlichen Bildung nach Art der abwelkenden spätrömischen Zeit mit Sicherheit voraussetzen.

[10] Neben den litteratores werden grammatici, oratores, juris expositores genannt. Von der lernbegierigen Jugend besuchte höhere Schulen gab es noch in allen bedeutenderen Städten Italiens. In Rom selbst lehrten oratores und expositores an der durch Valentinian III. begründeten Hochschule als öffentlich angestellte Staatsbeamte, ja ein aus der Gotenzeit erhaltener Erlaß schärft ausdrücklich dem Senate ein, für die unverkürzte Auszahlung der Gehalte an dieselben Sorge zu tragen.

Ein Antrieb zur schriftstellerischen Tätigkeit der Aerzte war freilich fast nur durch das Verlangen nach ~lateinischen~ (wörtlichen oder auszugsweisen) ~Uebersetzungen~ bezw. mehr oder minder freien ~Bearbeitungen~ und ~Kompilationen~ einzelner ~praktisch~ wertvoller Schriften der alten Literatur gegeben. Dieser Weg, welcher schon in der letzten Phase der römischen Medizin (Caelius Aurelianus, Cassius Felix) infolge abnehmender griechischer Sprachkenntnis und infolge der Neigung zu kompendiöser Zusammenfassung eingeschlagen worden war, mußte jetzt noch mehr im Interesse der germanischen Elemente unter den Aerzten beschritten werden. Das solcherart zu stande gebrachte literarische Material -- späterhin natürlich ergänzt -- erlangte für die abendländische Medizin des frühen Mittelalters eine ähnliche konstituierende Bedeutung, wie die Uebertragungen aristotelischer und anderer antiker Schriften durch Boëthius[11].

[11] Boëthius (um 480-524), von dessen Werken das im Kerker geschriebene Buch de consolatione philosophiae dauernde Berühmtheit besitzt, beeinflußte die Bildung des Mittelalters namentlich durch seine Uebersetzungen bezw. Bearbeitungen und Interpretationen der logischen Schriften des Aristoteles, der mathematischen Werke des Nikomachos, Euklides, Archimedes, Ptolemaios u. a. In gerechter Würdigung seines Wirkens schrieb Theoderich (oder vielmehr in dessen Namen Cassiodor) an ihn: Du hast die Weisheit der Griechen den Römern zu eigen gemacht, denn du hast aus ihren reinsten Quellen geschöpft. Deine Uebersetzungen in der Hand liest der Römer den Pythagoras, den Meister der Harmonien, und Ptolemäus, den Astronomen; er liest den Arithmetiker Nikomachos und den Geometer Euklides. Plato, der Theolog, und Aristoteles, der Logiker, reden nun in der Sprache Latiums, und den Siciliern hast du den Mechaniker Archimedes in lateinischem Gewande wiedergegeben.

Immerhin ist aus der Ostgotenzeit wenigstens ~eine~ Schrift auf uns gekommen, welche einen Schimmer von Originalität besitzt, nämlich die in barbarischem Latein verfaßte ~Diätetik des Anthimus~ -- ein Werkchen, das ein merkwürdiges Denkmal der von Italien ausgehenden Kultureinflüsse bildet.

•Anthimus•, ein aus Byzanz verbannter griechischer Arzt, der mit Theoderich d. Gr. nach Italien zog und eine Zeitlang am Hofe des Frankenkönigs Theuderich (511-534) als Gesandter der Ostgoten lebte, verfaßte in barbarischem Latein (Uebergang ins Romanische) eine diätetische Schrift in Form eines Sendschreibens: ~Epistula Anthimi viri inlustris comitis et legatarii ad gloriosissimum Theudericum regem Francorum de observatione ciborum~ (ed Val. Rose in Anecd. gr. et graecolat., Berlin 1870 und nochmals Lips. 1877). Das Werkchen stützt sich größtenteils auf die Vorarbeiten (secundum praecepta auctorum medicinalium), nebstdem sind aber auch Erfahrungen verwertet, welche Anthimus selbständig bei den Goten und Franken gemacht hatte -- die einschlägigen Bemerkungen sind von großem ~kulturhistorischem~ Interesse. Für die langanhaltende Beliebtheit der Schrift sprechen spätere Einschiebsel, die aus der Dynamidia und dem Liber de virtutibus herbarum stammen. In der Einleitung wird hervorgehoben, daß eine rationelle Ernährung die Grundlage der Gesundheit bilde und Krankheiten verhüte; die Kost soll leicht verdaulich sein, man möge auf Mäßigkeit im Essen und Trinken bedacht sein, und selbst auf der Reise dürfe man die geeignete Zubereitung der Nahrungsmittel nicht außer acht lassen. Dem Einwurf, daß es Völker gebe, die sich trotz des Genusses von rohem Fleisch die Gesundheit bewahren, wird mit dem Hinweis begegnet, daß hier die Schädlichkeit teils durch die geringe Quantität, teils durch die Einförmigkeit der Nahrungsmittel kompensiert werde. Im folgenden bespricht Anthimus etwa 100 Nahrungsmittel und Getränke (Brot, Fleischsorten, Speck, Met, Bier, Honigwein, Geflügel, Eier, Fische, Austern, Gemüsearten, Hülsenfrüchte, Getreidemehle, Milch, Butter, Käse, Obst), an verschiedenen Stellen auch die Genußmittel (Salz, Pfeffer, Ingwer, Fenchel, Dill, Koriander u. s. w.). In manchen Abschnitten geht der Verfasser sehr genau in die Details ein, so z. B. wenn er die einzelnen Teile vom Schwein, Rind etc. hinsichtlich ihrer Verdaulichkeit und ihres Nährwertes würdigt, sorgfältig beschreibt er auch die zuträgliche Bereitungsweise. Er warnt unter anderem vor dem Genusse des eingepökelten Fleisches, der Speckschwarten, der Schweinsnieren, der Turteltauben (weil diese öfter Helleborus gefressen haben), der harten Eier und des alten Käses, der meisten Pilze, alter Fische und Austern (austrea, si olent et quis manducaverit, altero veneno opus non habet). Neben dem diätetischen ist auch der therapeutische Nutzen gewisser Nahrungsmittel und Getränke angeführt, so wird z. B. Speck (ein Universalmittel der Franken) gegen Eingeweidewürmer empfohlen, Rebhühnerfleisch gegen Durchfall, Gerstenmehlbrei mit lauem Wasser verdünnt (alfita s. fenea s. polenta) gegen Fieber, Reis in Ziegenmilch gegen Dysenterie, frisch gemolkene Kuhmilch[12], Ziegen- oder Schafmilch, frische aber ungesalzene Butter bei beginnender Phthise, Mandelmilch oder Feigen bei Katarrh und Angina, Quittenschleim gegen Durchfall u. s. w.

[12] Nach Anthimus soll die Milch auch von Gesunden, entweder gekocht oder gemischt mit Honig, Wein oder Met, resp. mit einem Zusatz einer geringen Menge von Salz genossen werden. Die Milch ist beim Melken in einem Tongefäß aufzufangen.

Anthimus ist für lange Zeit der letzte abendländische Autor weltlichen Standes, den wir kennen, und fortan bleibt Jahrhunderte hindurch die literarische Führung in den Händen des Klerus bezw. des Mönchtums.

Der allmähliche Uebergang des Wissenschaftsbetriebes auf die kirchlichen Kreise -- denn das von der Heilkunde Gesagte gilt gleicherweise für die übrigen Zweige -- hatte das Absterben der antiken Einrichtungen, das Erlöschen der noch aus dem Altertum hereinragenden Bildungsanstalten zur Voraussetzung. Dieser Auflösungsprozeß vollzog sich im Verlaufe des 6. Jahrhunderts, in jener schrecklichen Zeit, da der langwierige Kampf zwischen Ostgoten und Byzantinern, sodann der Einfall und die Festsetzung der ~Longobarden~ und am meisten die den völkermordenden Kriegen folgenden, von furchtbaren Elementarereignissen eingeleiteten, Seuchen[13] von den Alpen bis zur Südspitze Italiens Verheerung und Verwüstung, Hungersnot[14] und Elend, Rohheit und Barbarei verbreiteten. Es ist nur zu verständlich, daß die furchtbaren Drangsale der, an entsetzlichen Ereignissen so reichen, Zeit den Sinn für Wissenschaft lähmten, das Vertrauen zu derselben untergruben, die Schulen der weltlichen Gelehrsamkeit bis auf kümmerliche Reste zum Verschwinden brachten, hingegen den religiösen Eifer und die schwärmerische Askese entzündeten. Ebenso begreift man, daß die lateinische Bevölkerung, von den damals noch ungezügelten, fremdes Recht schonungslos niedertretenden ~Longobarden~ bedrängt, von den Byzantinern im Stich gelassen oder ungenügend beschützt, bei der römischen Kirche bald allein ihre Zuflucht suchte. Zur Territorialmacht werdend, konnte diese gerade infolge der Zerklüftung Italiens eine kräftige Realpolitik treiben, mit dem Nimbus der ewigen Roma umstrahlt, die Selbständigkeit und Zivilisation des Westens gegen feindliche Eingriffe wirksam verteidigen und eine ungemein segensreiche Tätigkeit als Retterin der Verfolgten entfalten. Beinahe aller sonstigen Hilfe entbehrend, mußte sich auch die Wissenschaft, wollte sie fortbestehen, in den Schutz der Kirche begeben und aus der trostlosen Welt in die Verborgenheit des Mönchtums flüchten -- ein Weg, den kein Geringerer als „der letzte Römer” Cassiodor gewiesen hatte. Ihres Zusammenhangs mit der Vergangenheit bewußt, immer mehr in den Beruf einer Erzieherin der abendländischen Menschheit hineinwachsend, die anfängliche Abneigung gegen den heidnischen Geist der antiken Bildung überwindend[15], ergriff die Kirche, während draußen die Zeitenstürme blind wüteten, die hohe Aufgabe, ~die Erhaltung der überkommenen Literatur~ durch mönchischen Fleiß zu fördern -- freilich ohne dem, in der heillosen Epoche üppig emporwuchernden, ~Wunderglauben~ entgegenzutreten.

[13] Die fast ein halbes Jahrhundert hindurch grassierenden Seuchen werden unter dem Namen der „Pest des Justinian” zusammengefaßt, welche seit 543 auch in Italien unzählige Opfer forderte, vgl. S. 97. Unter den ungewöhnlichen Naturereignissen sind zahlreiche Erdbeben, Vulkanausbrüche, Kometen, Ueberschwemmungen genannt.

[14] In den letzten Jahren des ostgotisch-byzantinischen Krieges waren Ober- und Mittelitalien einer beispiellosen Hungersnot ausgesetzt.

[15] Der Zweifel, ob die antike Bildung mit wahrem Glauben zu vereinigen sei, reicht weit zurück und brachte zwei verschiedene Richtungen, eine ablehnende und eine freundliche, hervor, welche schon bei den Kirchenvätern ihre Vertretung finden, vgl. S. 40. Doch im Grunde war auch den Verteidigern das Studium der heidnisch-klassischen Schriften nur ein, den geistlichen Zwecken untergeordnetes, Hilfsmittel zur formalen Bildung und zur Erklärung der kirchlichen Schriften. In Gregor dem Großen, der so tief auf Dogma und Kultus der mittelalterlichen Kirche eingewirkt hat, kam zwar die ablehnende Richtung zum Worte -- rühren doch von ihm die Aussprüche her: es sei eines Christen unwürdig, die Weissagungen der göttlichen Propheten unter die Regeln des Donatus zu zwingen, und das Lob Christi und Jupiters könne nicht aus einem Munde fließen -- dennoch hält es schwer, den Papst, der selbst vielseitige Gelehrsamkeit besaß, für einen wirklichen Verächter derselben zu halten, wenn man erwägt, daß gerade unter seinem besonderen Schutz der wissensfreundliche Orden der Benediktiner seine verdienstliche Tätigkeit begann. Uebrigens erklärt sich die Stellungnahme des Papstes gegen den heidnischen Klassizismus aus temporären Verhältnissen, welche den substantiellsten Teil der Kirche bedrohten.

Beides spiegelt sich in der Heilkunst, wo das Christentum schon früh eine schwankende Stellung eingenommen hatte (vgl. S. 39), deutlich wieder. Der von Kirche und Mönchtum begünstigte Wunderglaube ging friedlich einher neben dem höchst anerkennenswerten Eifer, die Reste der antiken ärztlichen Literatur und die Traditionen der rationellen Praxis zu erhalten.

Die Sitte, hilfsbedürftige Kranke in die Kirche zu bringen, damit die Priester sie mit Weihwasser besprengen und Gebete verrichten, erlangte in den ersten Jahrhunderten des Mittelalters allgemeine Verbreitung. Namentlich übten jene Kirchen eine starke Anziehungskraft aus, wo Gebeine von Heiligen ruhten (Reliquienkult).

Der Glaube an die medizinische Wundertätigkeit der Heiligen, der Reliquien u. s. w. mußte ganz besonders in der Zeit der Seuchen, an denen das 6. Jahrhundert so reich war, übermäßig anschwellen, da die entsetzliche Furcht Schreckbilder der Phantasie vorgaukelte und das verstandesgemäße Urteil trübte. Man erhoffte alles Heil nur mehr von überirdischer Hilfe, umsomehr als sich die ärztliche Kunst tatsächlich als ohnmächtig erwies.

Beachtenswert ist folgende geschichtliche Tatsache. Papst Felix IV. (526-530) ließ nicht weit vom Forum Pacis, gerade an jener Stelle, wo Aerzte schon in alter Zeit ihren Versammlungsort gehabt hatten und wo auch Galen gewohnt haben soll, die Basilika der Heiligen Kosmas und Damian errichten, wobei zum Baue zum erstenmal unzerstörte antike Gebäude verwendet wurden. Eine Inschrift bezeichnet die heiligen Zwillingsbrüder ausdrücklich als Aerzte, welche dem Volke die Hoffnung des Heiles sichern, vgl. S. 39. Die kirchliche Literatur strotzt geradezu von medizinischen Wundern, welche die Heiligen vollzogen.

Das Studium medizinischer Autoren und die Rettung des ärztlichen Schrifttums vor völligem Untergang nahm der, noch in ostgotischer Zeit gestiftete, ~Orden des hl. Benedikt~ auf sich, seitdem ~Cassiodor~ dem Fleiß der Mönche auch die berufsmäßige Pflege der Wissenschaft eingefügt und auf den hohen Wert der alten Literatur für die Kleriker hingewiesen hatte. Veranlassung lag umsomehr hierzu vor, als der Orden schon von Anbeginn her durch das Gebot der ~Krankenpflege~ mit der Heilkunst in Beziehung getreten war -- allerdings nicht ohne einen starken ~theurgischen Einschlag~ (Gebetsheilung, Exorzismus) in der Praxis.

In demselben Jahre, da Justinian die Philosophenschule zu Athen für immer schloß (529), gründete ~Benedictus von Nursia~ an der Stätte eines alten Apollotempels auf einem einsamen, steilen Berge in Campanien das berühmte Stammkloster seines Ordens, ~Monte Cassino~. Die wahrscheinlich noch in ihrer ursprünglichen Gestalt erhaltene Regula St. Benedicti, durch welche das Mönchsleben der orientalischen Beschaulichkeit und Ueberspannung entzogen wurde, um es im praktisch sittlichen Geiste den Verhältnissen des Abendlandes anzupassen -- auch die Diätetik spielt darin keine geringe Rolle --, enthält zwar die Vorschrift der täglichen Handarbeit und geistlichen Lektüre, aber von einem eigentlich wissenschaftlichen Studium wird nirgends gesprochen. Die wissenschaftliche Arbeit ist von den Benediktinern in ihre Regel oder richtiger in ihre Praxis erst später aufgenommen worden, als es zu einer Vereinigung der von Cassiodorius gegründeten Klöster mit denen des hl. Benedikt kam. Erst dann wurden die Benediktiner die Nestorianer des Westens! ~Cassiodor~ (480-575), der nach langjähriger staatsmännischer Tätigkeit unter Theoderich und seinen Nachfolgern Mönch ward, um den Rest seines Lebens Gott und der Wissenschaft zu weihen, zog sich 538 in ein von ihm selbst unfern von Squillacium an der bruttischen Küste gegründetes Kloster, Vivarium, zurück, welches mit einer ansehnlichen Bibliothek und mit allem für nächtliche Studien erforderlichen Hausrat ausgestattet wurde. Cassiodor war es zuerst, der beispielgebend für die Folgezeit das Kloster nicht bloß zu einer Stätte der Askese, sondern auch zu einem Asyl der Wissenschaft machte und das Abschreiben der Codices (natürlich in erster Linie die handschriftliche Vervielfältigung biblischer, kirchlicher Schriften) als würdigste Handarbeit erklärte.

Der hl. Benedikt legte die Pflege der Kranken seinen Ordensgenossen ganz besonders ans Herz. ~Infirmorum cura ante omnia adhibenda est, ut sicut re vera Christo, ita eis serviatur~ -- und vertraute sie hauptsächlich der Fürsorge des „Cellerarius” an (Cellerarius omni congregationi sit sicut pater. Infirmorum, infantium, hospitum pauperumque cum omni sollicitudine curam gerat); er verrichtete auch, wie berichtet wird, zahlreiche Wunderkuren. -- Cassiodor aber ging viel weiter, indem er den Mönchen das Studium der Heilkunde empfahl und ihnen ausführliche Ratschläge darüber gab, welche medizinischen Schriftsteller des Altertums hierzu als Grundlage benützt werden sollten.

In seiner summarischen Enzyklopädie Institutiones divinarum et saecularium lectionum (litterarum), welche den Klosterbrüdern eine Uebersicht der für sie empfehlenswertesten Literatur und Kenntnisse in den weltlichen Wissenschaften überliefern sollte und tatsächlich großen Einfluß auf das Studium im Mittelalter ausübte[16], ruft Cassiodor den Mönchen zu: Lernet die Eigenschaften der Kräuter und die Mischungen der Arzneien kennen, aber setzet alle eure Hoffnungen auf den Herrn, der Leben ohne Ende gewährt. Wenn[17] euch die Sprache der Griechen nicht bekannt ist, so habt ihr das Kräuterbuch des Dioskorides, welcher die Pflanzen des Feldes mit überraschender Richtigkeit beschrieben und abgebildet hat. Nachher leset den Hippokrates und Galen in lateinischer Uebersetzung, d. h. die Therapeutik des letzteren, welche er an den Philosophen Glaukon gerichtet hat, und das Werk eines ungenannten Verfassers, welches, wie die Untersuchung ergibt, aus verschiedenen Autoren zusammengetragen ist. Ferner studiert die Medizin des Aurelius Caelius, das Buch des Hippokrates über die Kräuter und Heilmethoden und verschiedene andere Schriften über die Heilkunst, welche ich in meiner Bibliothek aufgestellt und euch hinterlassen habe.

[16] Das Werk sollte den Mangel einer theologischen Hochschule im Abendlande einigermaßen ersetzen.

[17] I, 31. quodsi vobis non fuerit graecarum litterarum nota facundia, imprimis habetis Herbarium Dioscoridis, qui herbas agrorum mirabili proprietate disseruit atque depinxit. post haec legite Hippocratem atque Galenum latina lingua conversos i. e. Therapeutica Galeni ad philosophum Glauconem destinata et Anonymum quendam qui ex diversis auctoribus probatur esse collectus. deinde Aurelii Caelii de medicina et Hippocratis de herbis et curis (cibis?), diversosque alios de medendi arte compositos quos vobis in bybliothecae nostrae sinibus reconditos dereliqui.

Die Mahnung Cassiodors fiel auf einen höchst fruchtbaren Boden -- noch jetzt sind die von ihm empfohlenen Werke bezw. Uebersetzungen zum Teil in zahlreichen Handschriften vorhanden. Insbesondere im Stammkloster der Benediktiner, in dem in gesündester Gegend gelegenen ~Monte Cassino~, wo gewiß schon frühe auch Kranke verpflegt wurden[18], nahm man im Zusammenhang mit der sonstigen Bildungspflege, das Abschreiben, Uebersetzen und Kompilieren, die lexikalische Exegese alter medizinischer Autoren in Angriff; die weitere Verbreitung erfolgte allmählich durch das Netz der Tochterklöster. Die erworbenen Kenntnisse drängten alsbald auch zur praktischen Verwertung und bewirkten es, daß die Mönche -- in der Folge auch der Weltklerus -- immer mehr neben den psychischen Mitteln heilsame Kräuter und Medikamente, deren Wirksamkeit aus der Literatur bekannt geworden war, bei den Kranken anwandten. Ein frühes Denkmal dieses bedeutungsvollen Umschwungs kann in dem winzigen therapeutischen Kompendium, Commentarium medicinale, einem Lehrgedicht des Mailänder Erzbischofs ~Benedictus Crispus~, erblickt werden, welcher zur Zeit des Longobardenkönigs Aribert II. lebte und zum Benediktinerorden in naher Beziehung stand[19].

[18] Sichere Nachrichten darüber, daß in Monte Cassino eigentliche Krankenanstalten bestanden, gehen freilich nicht über das 11. Jahrhundert zurück, doch ist zu bemerken, daß das Kloster mehrmals zerstört wurde.

[19] Auf seine Veranlassung soll das Benediktinerkloster in Mailand erbaut worden sein.

•Benedictus Crispus• (~Benedetto Crespo~) war seit 681 Erzbischof von Mailand († 725 oder 735). Das ihm zugeschriebene, seinem ehemaligen Zöglinge, dem Klosterpräpositus Maurus, gewidmete, aus 241 schlechten Hexametern bestehende medizinische Lehrgedicht ~Commentarium medicinale~ (mit einer in Prosa verfaßten Vorrede), welches er noch in seiner Diakonatszeit verfaßt haben soll (ed. in Ang. Mai Auctor. class. ex codic. vatican. edit. T. V, in Renzi's Collect. Salern. I., ferner von J. V. Ullrich, Kizingae 1835), handelt über die Heilkräfte verschiedener Pflanzen bei 26 Krankheiten (in der Anordnung a capite ad calcem); der Inhalt ist hauptsächlich dem Pseudoplinius und dem Dioskurides entlehnt, für die Form bildete Serenus Samonicus das Muster.

Mönche und Klerikerärzte füllten aber bloß die klaffenden Lücken aus, welche sich seit dem Verfall und Untergang der weltlichen Bildungsanstalten in der ärztlichen Gelehrsamkeit und im ärztlichen Stande geltend machten, sie ersetzten den Teil der staatlichen Armenpflege, der einstens den archiatri populares zufiel, abgesehen aber von rohen Empirikern, ~hat es in Italien~, im Gegensatz zu allen anderen Ländern, ~zu keiner Zeit gänzlich an angesehenen Laienpraktikern und damit an privater Unterweisung gefehlt[20]~. Es hängt dies gewiß damit zusammen, daß dort inmitten der Ruinen einer großen Vergangenheit die alten Traditionen nie gänzlich erloschen, sondern noch unter der Asche glommen und zeitweilig angefacht wieder aufflackerten, daß überhaupt ein Rest heidnisch-antiker Bildung als Nachhall der alten Rhetorenschulen unabhängig und selbst im Gegensatz zur Kirche über die Stürme hinaus bis in bessere Tage gehütet wurde.

[20] Es sei hier bloß darauf verwiesen, daß in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts ~Alexander von Tralleis~ in Rom wirkte und daselbst vielleicht sogar Lehrtätigkeit ausübte, ferner daß Papst Gregor den brustkranken Erzbischof von Ravenna, Marianus, zu einer ärztlichen Kur nach Rom einlud.

Dem Zauber der überlegenen Kultur vermochten sich übrigens auf die Dauer auch ~die Longobarden~ nicht zu entziehen, und in dem Maße, als zwischen ihnen und der römischen Bevölkerung der Ausgleich bis zur bürgerlichen Gleichstellung, religiösen und völkischen Verschmelzung zu stande kam (Katholisierung, Romanisierung seit der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts), begann nicht nur Landwirtschaft, Handel und Gewerbe zu blühen, sondern auch die Kunst und die Wissenschaft fingen wieder an neue Triebe zu entfalten. Während in Rom selbst, mit Ausnahme der geistlichen Musik, ein Verfall der Bildung eingetreten war, welcher sich schon in der Barbarei der zertrümmerten lateinischen Sprache ausdrückte, erlebten in Lucca, Mailand, Pavia, Benevent und Salerno Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Geschichtschreibung und Jurisprudenz einen Aufschwung, wurden mitten im Tumult der politischen Umwälzungen Italiens Künstler und Gelehrte an den Höfen gefeiert, wandten bildungsfreundliche longobardische Fürsten den literarischen Studien ihre Gunst zu. Und zwar waren es gerade Nachkommen der furchtbaren Begleiter des Alboin, Longobarden, welche sich besonders hervortaten[21], wie dies namentlich das leuchtende Beispiel des Paulus Diaconus beweist, des hochbegabten Geschichtschreibers seines Volkes, der, am Hofe des Ratchis erzogen, die reichbegabte Tochter des Desiderius, Adelberga, zur Schülerin hatte und den Gatten derselben, Arichis, den Herzog von Salerno, den gebildetsten Fürsten der damaligen Zeit nennen durfte. Daß im Umkreis der wieder erstarkenden Laienbildung, welche nicht zum mindesten auch durch die byzantinischen Einflüsse im Exarchat und in Unteritalien genährt wurde, die Medizin nicht ganz in mönchischen Händen blieb, beweisen z. B. schon Urkunden aus Lucca und Pistoja aus dem 8. Jahrhundert, welche longobardische Aerzte aus dem Laienstande erwähnen[22], bezeugt ein Mailänder Manuskript, wonach am Ende des 8. Jahrhunderts zu Ravenna öffentliche Vorträge über Hippokrates und Galen gehalten worden sind. Wie die erwachende Bildung überhaupt, so ergoß sich in Italien eben auch die Heilkunde fürderhin aus zwei Quellbächen, einem kirchlichen und einem nichtkirchlichen, welche in ihrem späteren Laufe einander immer näher kommen sollten. Sind auch bis zum 10. Jahrhundert bloß Handschriften klösterlichen Ursprungs auf uns gekommen -- so z. B. die medizinischen Werke des gelehrten Abtes von Monte Cassino ~Bertharius~ (857-884), ~de innumeris remediorum utilitatibus und de innumeris morbis~ --, welche von dem literarischen und praktischen Eifer der arzneikundigen Mönche Nachricht bringen, so läßt doch die ganze spätere, erst auf ihrem Höhepunkte ans volle Licht der Geschichte tretende Entwicklung mit größter Wahrscheinlichkeit vermuten, daß schon damals in Laienkreisen eine Zusammenfassung des medizinischen Wissens (Summa medicinae) unternommen wurde, eine schulmäßige Verpflanzung der ärztlichen Lehre erfolgte und eine gildenartige Vereinigung der Vertreter des ärztlichen Berufes wenigstens in den Anfängen bestand[23].

[21] Longobarden zeichneten sich als Handwerker und Künstler, aber auch als Gelehrte aus.

[22] Guidoald (727), Fredus (748), Leon (777). ~Im Codex Lombardus finden sich viele Namen von Aerzten aus verschiedenen italienischen Städten.~ -- Im Edictum Rotharis (643) ist den Aerzten in gewissen Fällen eine begutachtende Stelle angewiesen, auch wird des Honorars gedacht, jedoch über dessen Höhe ist nichts angegeben.

[23] Für andere Berufe sind Innungen schon früh nachweisbar.

Die Hauptquelle der medizinischen Kenntnisse bildeten ~die spätrömischen Autoren~ und mehr oder minder freie ~lateinische Uebersetzungen[24] von Werken der griechischen und frühbyzantinischen Literatur~. Was die ersteren anlangt, so wäre hervorzuheben, daß weniger Caelius Aurelianus selbst, als auszugsweise Bearbeitungen seiner Schriften, namentlich der im 6.-7. Jahrhundert entstandene „~Aurelius~” und „~Esculapius~”, verbreitet waren.

[24] Vgl. die aus Cassiodorius angeführte Stelle S. 252.

Zu den beliebtesten Autoren gehörten wegen ihres bequem benutzbaren therapeutischen Inhalts ~Serenus Sammonicus~, ~Gargilius Martialis~, ~Pseudo-Apulejus~ und ~Pseudo-Plinius~, dessen Machwerk Breviarium oder Medicina (vgl. S. 59) im 6. Jahrhundert willkürlich zerstückt zur Grundlage einer neuen, größeren, auch aus Cael. Aurelianus, Apulejus, Vindicianus u. a. schöpfenden Kompilation gemacht wurde (gedruckt als ~Buch~ 1-3 in der Ausgabe Plinii Secundi de medicina opus von Th. Pighinucci, Rom 1509, sowie in Sammlung de re medica von A. Torinus, Basel 1528)[25].

[25] Das 4. Buch ist ein Auszug aus Gargilius Martialis, das 5. stammt aus der lateinischen Uebersetzung aus Alexander von Tralles, es ist der liber diaetarum Alexandri et aliorum.

Ueber Caelius Aurelianus und die pseudosoranischen (lateinischen) Schriften vgl. S. 62. Wahrscheinlich wurde auch das lateinische, unter dem Namen des Muscio gehende Hebammenbuch im 6. Jahrhundert geschrieben (vgl. S. 72).

Der „~Aurelius~” (ed. Daremberg in Henschels Janus II, besond. Abdr. Vratisl. et Paris 1857) handelt von den akuten, der „~Esculapius~” (ed. Argent. 1533, ferner im Experimentarius medicinae, Argent. 1544) von den chronischen Affektionen, beide stehen in nächster Beziehung zu den medicinal. respons. libri des Cael. Aurel., sind aber nicht bloß aus methodischen, sondern auch aus dogmatischen Quellen kompiliert.

Ins Lateinische wurden im Zeitraum vom Ausgang des 5. bis zum 8. Jahrhundert übersetzt: einzelne Schriften des ~Hippokrates~ (z. B. Aphorismen, Prognosticum, de diaeta in acut., de diaeta Lib. I und II, de hebdomadibus), des ~Rhuphos~, des ~Galen~ (z. B. Therap. ad. Glauconem ═ de curatione febr., Ars parva), des ~Oreibasios~ (Synopsis und Euporista ═ 'Apla, herausgegeben in Oeuvres d'Oribase ed. Bussemaker et Daremberg, Bd. V und VI), die Hauptwerke des ~Alexander von Tralles~ (gedruckt unter dem Titel Alexandri Iatros practica, Lugd. 1504, Pavia 1520, Venet. 1522) und des ~Dioskurides~ (nach dem mit 500 Abbildungen versehenen Münchner Kodex in sog. longobardischer Schrift herausgegeben von Auracher, fortgesetzt von Stadler in Vollmöllers Roman. Forschungen I, X, XI)[26]. -- Wie aus späteren Angaben erhellt, besaß man auch eine lateinische Uebersetzung der Augenheilkunde des Demosthenes, diese ist aber verloren gegangen. -- Es haben sich sogar Kommentare zu hippokratischen und galenischen Schriften aus dieser Zeit erhalten.

[26] Eine zweite Uebersetzung oder richtiger Bearbeitung ist der handschriftlich erhaltene Dioscorides ~de herbis femininis~ (ebenfalls illustriert, in 71 Kapiteln, ed. Kästner, Hermes XXXI). Der, erst in der Epoche der Schule von Salerno entstandene, im Mittelalter überwiegende, •„Dyascorides”• beruht auf der wörtlichen lateinischen Uebersetzung des Dioskurides, ist aber alphabetisch geordnet und durch Exzerpte aus Oreibasios, Gargilius Martialis, Pseudoapulejus, der pseudogalenischen Schrift de simplicibus ad Paternianum, Isidorus u. a. bereichert (gedruckt zu Colle 1478).

Das Grundmaterial wurde weiter verarbeitet, mannigfach kompiliert und zu Sammelschriften kombiniert -- darauf lief jahrhundertelang, abgesehen von der bloßen Kopistentätigkeit, alle literarische Betriebsamkeit hinaus, wobei die Tendenz zur Entwicklung einer ~Summa medicinalis~ immer deutlicher hervortritt.

Zu den literarischen Produktionen des frühen Mittelalters gehören mehrere, in ~Briefform~ gehaltene, pseudonyme Abhandlungen, für welche wohl die griechische Epistola ad Ptolemaeum regem de hominis fabrica (ed. Ermerius in Anecdot. med. gr. 1840) ein Muster gab, z. B. die Epistola Hippocratis (bekannt unter dem Namen Capsula eburnea), die Schriften ~Dynamidia~ (~Hippocrates de virtutibus herbarum~) und ~Hippocrates de cibis~ (ed. Val. Rose in Anecdot. gr. et graecolat. II, 131 ff.), beide enthalten Bruchstücke einer lateinischen Uebersetzung des zweiten Buches der hippokratischen Schrift περὶ διαίτης, wozu in der Dynamidia noch Auszüge aus Gargilius Martialis hinzukommen), der aus Auszügen aus dem galenischen de locis affectis bestehende Passionarius, das pseudogalenische Buch ~de simplicibus ad Paternianum~ (gedruckt unter den Spuriis in den Galenausgaben) etc.

Ein Beispiel wüster Zusammenstellung verschiedener Schriften findet sich in der, mit einem Codex Vaticanus aus dem 10. Jahrhundert so ziemlich übereinstimmenden, Druckausgabe ~Oribasii de simplicibus libri V~ von Schott (Argent. 1553); dort enthält das 1. Buch einen Auszug aus Pseudoapulejus, das 2. entspricht der Dynamidia Hippocratis, das 3. ist aus Galen und Apulejus entnommen, das 4. ist eine erweiterte Uebersetzung von Lib. II der Euporista des Oreibasios, das 5. enthält nicht vollständig die pseudogalenische Schrift de simplicibus ═ de pigmentis; besser geordnet findet sich die gleiche Zusammenstellung in einem Kodex des 9. Jahrhunderts von St. Gallen.

Eine, aus einem pathologischen und therapeutischen Teile bestehende, „Summa medicalis” kann man in dem Kod. 97 von Montecassino (Ende des 9. Jahrhunderts) erblicken, derselbe enthält den Brief des Vindicianus an Pentadius (über Humoralpathologie), verschiedene pseudonyme Briefe des „Hippokrates”, eine Abhandlung Galens über Harn und Puls, den Aurelius ═ Escolapius, einen Teil des Pseudoapulejus, eine Abhandlung über pflanzliche und tierische Mittel u. a. Von großem Interesse ist ein, in diesem Sammelwerke vorkommendes, ~deontologisches~ Fragment:

~Quomodo visitare debes infirmum.~

Non omnem infirmum ~uniter~ visites, sed si integre audire vis disce. Mox qui ingredieris ad infirmum interroga eum ~si quid~ forsitan ~dolet~: et si tibi dixerit eo quod aliquid dolet, item require ab eo si ~fortis est dolor~ an non: est ~assiduus~ an non; postea tenes ei pulsum et vides ~si febrit~ an non. Si enim aliquid ei dolet, invenies ei pulsum ad tactum qui dicitur ~fluidus atque citatus~: et require ab eo si cum ~frigore~ ei ipse dolor veniet, et si sint ei ~vigiliae~: et interroga si ex ipsa infirmitate sint ei vigiliae, aut faciendo aliquam rem: et si ~legitime ventrem~ facit aut ~urinam~: et ~inspicis~ utrasque partes et vide si ~periculum~ forsitan sit illi, si tamen ~acuta~ fuerit ~infirmitas~. Nam si ~temporalis~ fuerit nihil agnoscis, sed inquire ~initium~ infirmitatis, et ~quid dixerunt~ priores medici, qui eum visitaverunt, si omnes ~uniter~ dixerunt an alter aliud. Et require qualis esse corpus potuit sive ~frigidus~, sive aliud simile, aut si ~solutum ventrem~ habuit, aut si ~somniculosus~ est, et si ~assidua~ est illi infirmitas, an non, et si ita ~tales erant~ illi infirmates aliquando. Quoniam cum haec omnia requisieris facile ejus causas agnoscis et cura tibi difficiles non videtur (publiziert in Renzi, Collectio Salernitana, Napoli 1852 seq., II, p. 73).

Bevor wir den Spuren der Heilkunde in Italien weiter nachgehen, wollen wir einen Blick auf die medizinischen Zustände der übrigen Länder des frühmittelalterlichen Kulturkreises werfen. Stehen uns auch nur dürftige Angaben zu Gebote, so tritt doch die fundamentale Tatsache deutlich hervor, daß der Klerus und das Mönchtum jenseits der Alpen in der Medizin, wie im gesamten Bildungswesen, eine weit mehr dominierende Stellung einnahmen als in Italien, ja sogar die längste Zeit unbestritten die Alleinherrschaft besaßen.

In Spanien, das seit den letzten Dezennien des 5. Jahrhunderts unter der drückenden Herrschaft der ~Westgoten~ schmachtete, verfielen früher als in anderen einst römischen Provinzen die Schulen der Kaiserzeit (z. B. Corduba) und damit auch der Aerztestand, dessen Beruf zu einem Gewerbe herabsank. Welch geringes Ansehen derselbe genoß, ersieht man aus den, von äußerstem Mißtrauen erfüllten, Bestimmungen des westgotischen Rechts, das nicht nur die Honorarverhältnisse beleuchtet, sondern auch die Art des Unterrichts (persönliche Unterweisung durch einen erfahrenen Meister) andeutet[27].

[27] Die früher verächtlich als Leges barbarorum bezeichneten germanischen Volksrechte, welche hauptsächlich in der Zeit vom 6.-8. Jahrhundert lateinisch niedergeschrieben wurden, gehen auf alte heimische Ueberlieferungen zurück, zeigen aber starken römischen Einschlag. Die schon Ende des 5. Jahrhunderts begonnene schriftliche Fassung der westgotischen Gesetze übte in ihren Anfängen auch auf andere germanische Völker (Burgunder, Franken u. a.) Einfluß. Von medizinischem Interesse sind namentlich die Bestimmungen über die Strafen von Verletzungen und anderen Verbrechen gegen die Person, wobei auch manches Streiflicht auf die soziale Stellung der Aerzte geworfen wird. Solche Beschränkungen der ärztlichen Wirksamkeit, wie sie sich bei den Westgoten finden, kommen in anderen Volksrechten nicht vor, häufig spielt sogar in diesen die ärztliche Aussage keine unbedeutende Rolle für die Urteilsverhängung (so heißt es z. B. in den, im 8. Jahrhundert niedergeschriebenen, Leges Alamannorum tit. 59, c. 6, si autem testa transcapolata fuerit, ita ut cervella appareat, ut medicus cum pinna aut cum fanone cervellam tangat, cum XII sol. componat). Sehr schwer wurde nach dem westgotischen und anderen germanischen Volksrechten der kriminelle Abortus bestraft -- hier hatte sich der Einfluß der Kirche (vgl. Augustinus, S. 80) stark geltend gemacht. Nach der Lex Bajuvariorum tit. VII, c. 19 hatte nicht nur derjenige, welcher ein abtreibendes Mittel gegeben hatte, sondern auch seine Nachkommen bis zum siebenten Grade einen Solidus zu zahlen.

Der Arzt hatte vor der Uebernahme der Behandlung mit dem Kranken oder dessen Verwandten einen Honorarvertrag zu schließen und Kaution zu stellen. Für verschiedene Kuren gab es bestimmte Taxen, z. B. für die Staroperation 5 Solidi. (Si quis medicus hipocisim de oculis abstulerit et ad pristinam sanitatem infirmum revocaverit V solidos pro suo beneficio consequatur.) Starb der Kranke, so hatte der Arzt keinen Anspruch auf ein Honorar, durfte aber die Kaution ohne weitere Behelligung zurückziehen. Für begangene Kunstfehler hatte der Arzt eine Geldbuße zu leisten, z. B. für eine durch ungeschickten Aderlaß verursachte Schädigung 150 Solidi. Wurde durch die Behandlung der Tod des Kranken herbeigeführt, so hatte der Arzt, falls es sich um einen Knecht handelte, einen anderen dafür zu stellen, hingegen wurde er, falls es sich um einen Freigeborenen handelte, der Sippe desselben zur willkürlichen Bestrafung (Blutrache) ausgeliefert. Bei weiblichen Personen aus dem Stande der Freien durfte der Arzt nur in Gegenwart ihrer Verwandten einen Aderlaß vornehmen, selbst im Falle dringender Gefahr sollten bei einer Strafe von 10 Solidi Nachbarn, Mägde oder Sklaven zugegen sein, weil sonst derartige Gelegenheiten leicht zu unsittlichen Scherzen mißbraucht werden könnten (quia difficillimum non est, ut interdum in tali occasione ludibrium adhaerescat). -- Für den Unterricht in der Heilkunde, den ein Arzt seinem Schüler erteilte, war ein Lehrgeld von 12 Solidi festgesetzt (Si quis medicus famulum in doctrinam susceperit, pro beneficio suo duodicim solidos consequatur). (Leg. Wisigoth. lib. XI, tit. 1, de medic. et aegrot.) -- Eine solche drakonische Gesetzgebung lähmte natürlich die ärztliche Tätigkeit, denn höchstens herumziehende Pfuscher konnten sich über die, bei der Behandlung drohenden, kriminellen Gefahren hinwegsetzen.

Von der Anteilnahme des Klerus an der Heilkunde bildet die angebliche Vornahme des Kaiserschnitts an einer Schwangeren durch den Bischof ~Paulus von Merida~[28] die früheste Spur, weiterhin hören wir, daß Bischof ~Masona~ von Merida daselbst um 580 ein großes Hospital erbauen ließ[29]. Es ist sehr wahrscheinlich, daß sich hierbei Einflüsse der um die Heilkunde so verdienten Nestorianer geltend machten[30]. Seit dem Uebertritt der arianischen Westgoten zum Katholizismus (586) nahm begreiflicherweise das Mönchtum und das geistliche Unterrichtswesen einigen Aufschwung. Wir dürfen bestimmt annehmen, daß Stifte und Klöster mit eigenen Aerzten versehen waren[31]. Aus einer der geistlichen Schulen[32] ging der berühmte Bischof ~Isidorus von Sevilla~ (Isidorus Hispalensis), einer der großen Bildner des Mittelalters, hervor, welcher wohl in Gefolgschaft des Cassiodor, aber bedeutend über denselben hinausdringend, aus der alten Literatur alles Wissenswerte zusammentrug und durch seine zwanzig Bücher „~Etymologiae~”, eine Enzyklopädie umfassendster Art, auch für die Heilkunde -- soweit Kleriker sich mit ihr beschäftigten -- von lang nachwirkender Bedeutung geworden ist.

[28] Paulus, von dem erzählt wird, daß er aus dem Orient nach Merida gekommen sei und ärztliche Ausbildung genossen habe (natione ~Graecum~, arte medicum, de Orientis partibus in Emeritensium urbem advenisse), war ungefähr 530-560 Bischof. Der Fall, um den es sich handelte, betraf eine vornehme Erstgebärende mit einem schon längst abgestorbenen Kinde; die Operation selbst dürfte eine wenig umfängliche Laparotomie bei einer Extrauterinschwangerschaft gewesen sein (mira subtilitate incisionem subtilem subtili cum ferramento fecit atque ipsum infantulum jam putridum membratim compadiatim abstraxit). Zur Ausführung derselben entschloß sich der Bischof, auf Bitten des Gatten und der Mönche, erst nach langem Widerstreben. (Die Geschichte findet sich in dem Werke des Paulus, Diaconus von Merida, De vita et miraculis patrum Emeritensium, in Florez, Espana sagrada Tom. XIII.)

[29] Masona hatte jedenfalls byzantinische Vorbilder vor Augen. Paulus, Diakon von Merida l. c. erzählt von ihm: Xenodochium fabricavit, magnisque patrimoniis ditavit, constitutisque ministris vel medicis peregrinorum et aegrotantium usibus deservire praecepit, taleque praeceptum dedit, ut cunctae urbis ambitum medici indesinenter percurrentes quemcumque servum, seu liberum, Christianum seu Judaeum reperissent aegrum, ulnis suis gestantes ad xenodochium deferrent. straminibus quoque lectulis itidem praeparatis eundem infirmum ibidem superponentes, cibos delicatos et nitidos eousque praeparantes, quousque cum Deo aegroto ipsi salutem pristinam reformarent.

[30] Die Bevölkerung von Merida hatte einen starken griechischen Einschlag und erhielt auch zu dieser Zeit bedeutenden Zufluß aus dem byzantinischen Orient. Es ist denkbar, daß manche Nestorianer zu den arianischen Goten flohen.

[31] In der oben erwähnten Erzählung sagt der Bischof Paul von Merida: dabimus medicos Ecclesiae, qui illi adhibeant medicinam.

[32] Es gab solche z. B. in Saragossa, Toledo, Sevilla.

~Isidorus Hispalensis~, Bischof von Sevilla (um 570-636), der gelehrteste Mann seines Zeitalters, machte sich um die Erhaltung der Wissenschaft sehr verdient und wurde durch seine zahlreichen Schriften (theologischen, philosophischen, philologischen, ~naturwissenschaftlichen~ Inhalts) einer der einflußreichsten Lehrer des Mittelalters. Für die Medizin kommt das Hauptwerk in Betracht -- ~Originum s. Etymologiarum~ libri XX -- eine alle Wissenszweige umfassende, lateinische Enzyklopädie (ed. Friedr. Wilh. Otto, Lips. 1833 in Lindemanns Corp. grammaticor. latin. veter. Tom. III, ferner in der Gesamtausgabe von Arevalo, Rom 1797-1803), welche aus etwa 80 Schriftstellern, oft wörtlich, geschöpft ist. ~Das 4. Buch~ -- hauptsächlich im Anschluß an Caelius Aurelianus (medicinal. interrogationum ac responsionum libri, vgl. S. 62) -- gibt einen Ueberblick über die Heilkunde, wobei die (oft ganz verfehlte) ~Ableitung der griechisch-lateinischen Termini~ die Hauptrolle spielt, während das Sachliche meist nur gestreift wird. Die 13 Kapitel des Buches handeln: de Medicina, de nomine ejus, de inventoribus ejus, de tribus heresibus medicorum, de quatuor humoribus corporum, de acutis morbis, de chronicis morbis, de morbis, qui in superficie corporis videntur, de remediis atque medicaminibus, de libris medicinalibus, de instrumentis medicamentorum, de odoribus et unguentis, de initio medicinae. Isidorus stellt die Medizin der Philosophie an die Seite (utraque enim disciplina totum hominem sibi vindicat) und hebt hervor, welch vielseitiger Ausbildung der Arzt bedürfe[33]. Den Namen der Medizin leitet er, mit abenteuerlicher Etymologie, von modus ab, d. h. von ihrer maßvollen Anwendung; ihre ersten Urheber Apollo, Aesculap und Hippokrates seien auch die Stifter der drei Sekten, der methodischen, empirischen und dogmatischen, gewesen. Zu einer wirklichen Krankheitsbeschreibung schwingt sich Isidorus kaum auf, ihren Platz nehmen (oft höchst wunderliche) etymologische, zum Teil auch oberflächliche Realdefinitionen ein -- ein Ausfluß zusammengetragener Buchweisheit. Als abschreckende Beispiele mögen folgende etymologische Erklärungen dienen: Dicta autem pestilentia, quasi pastulentia, quod veluti incendium depascat. ... Dysenteria est divisio continuationis, id est ulceratio intestini, Δὺς enim divisio est, entera intestinum. ... Phrenesis appellata sive ab impedimento mentis seu quia dentibus frendent, nam frendere est dentes concutere. Von den Heilmitteln werden die Hauptwirkungen und Anwendungsformen, von einigen Instrumenten und ärztlichen Utensilien ganz oberflächlich die Gebrauchsweisen angegeben. Unter dem Titel de libris medicinalibus finden sich nur kurze Erklärungen darüber, was man unter „Aphorismus”, „Prognostica provisio”, „Dynamidia” (ubi herbarum medicinae scribuntur), „Botanicum” zu verstehen habe. -- ~Das 11. Buch~ handelt über die Körperteile, die Altersstufen, Mißgeburten und Verwandlungen. Der anatomisch-physiologische Inhalt des 1. Kapitels ist hauptsächlich aus sprachlichen Gründen interessant. Es sei hier folgendes daraus hervorgehoben: ~Toles~ gallice lingua dicuntur, quas vulgo per diminuationem toxillas (toxillos, tusillos) vocant, quae in faucibus turgescere solent. ... Humeri dicti quasi ~armi~ ad distinctionem hominis a pecudibus mutis, ut hi humeros, illi armos habere dicantur. Nam proprie armi quadrupedum sunt. ... ~Palae~ sunt dorsi dextra laevaque eminentia membra. ... ~Femina~ femorum partes sunt, quibus equitando tergis equorum adhaeremus. ... Veretrum, quia viri est tantum sive quod ex eo virus emittitur, nam virus proprie dicitur humor fluens a natura viri. -- Im 10. Kapitel ~des 13. Buches~ wird die Wirkung der Heilquellen (im Anschluß an Plinius) besprochen, im 2. und 3. Kapitel ~des 20. Buches~ die Diätetik. -- In einem anderen Werke, ~de natura rerum~ (ed. Becker, Berl. 1857), einem im Mittelalter viel benützten Handbuche der Naturlehre, findet sich ein Kapitel über die Pest; dasselbe erinnert lebhaft an die Schilderung des Lucretius.

[33] Nam et ~grammaticam~ medicus scire jubetur, ut intelligere vel exponere possit, quod legit; similiter ~rhetoricam~, ut veracibus argumentis valeat definire quod tractat, nec non et ~dialecticam~ propter infirmitatum causas ratione adhibita perscrutandas atque curandas. Sic ~arithmeticam~ propter numerum horarum in accessionibus et periodis dierum; non aliter et ~geometriam~, propter qualitates regionum et locorum situs, in quibus doceat, quid quisque observare debeat. Porro ~musica~ incognita illi non erit. Nam multa sunt, quae in aegris hominibus per hanc disciplinam facta leguntur. ... Postea et ~astronomiam~ notam habebit, per quam contempletur rationem astrorum et mutationes temporum.

Aehnlich, ja in der Folge noch viel trauriger waren die medizinischen Verhältnisse bei den ~Franken~ zur Zeit der Merowinger. Aus den dürftigen Nachrichten (bei Gregor von Tours und Fredegar) ersehen wir zwar den Fortbestand der Archiatrie[34], welche teils Einheimische, teils Fremde (Griechen) bekleideten[35], doch erfahren wir fast nichts über das Bildungswesen der fränkischen Aerzte. Wie sich aus einzelnen Stellen bei Gregor ergibt, waren sie in chirurgischen Dingen erfahren[36]. Welch geringes Ansehen die Heilkünstler besaßen, verrät schon die harte Behandlung, die selbst den königlichen Leibärzten unter Umständen zu teil wurde[37]. Das Volk setzte sein Vertrauen auf handwerksmäßig ausgebildete Wundärzte, namentlich aber auf die Wunderkraft der Heiligen und die kirchliche Theurgie, welche unter dem furchtbaren Eindruck mörderischer Seuchen (Pest, Ruhr, Blattern) das selbst für die frühmittelalterlichen Zustände zulässige Maß weit überstieg und in den bizarrsten ~Formen~ prangte. ~Auch~ Scharlatane aller Art hatten im Dunkel krasser Unwissenheit und grenzenloser Leichtgläubigkeit leichtes Spiel[38].

[34] Es hängt dies damit zusammen, daß die Franken viele römische Einrichtungen übernahmen. Chlodwig und die Merowinger des 6. Jahrhunderts zeigten Interesse für römische Bildung. An ihrem Hofe wurde die Blüte des Adels nach römischem Muster in einer schola palatina erzogen, wirkten Romanen als Erzieher, Gesandte, ja sogar Rhetoren und Dichter (z. B. Venantius Fortunatus). Erst Ende des 6. Jahrhunderts beginnt der gänzliche Verfall der Kultur im fränkischen Reiche, unaufhaltsam bis zur tiefsten Barbarei fortschreitend. Während Childebert II., wie manche seiner Vorgänger, die sich sogar im Versemachen übten, noch gelehrtes Wissen besaßen, vermochten die Merowinger des 7. Jahrhunderts kaum ihren Namen unter die Urkunden zu setzen. Das Werk Fredegars (erste Hälfte des 7. Jahrhunderts) und die Schriftzüge jener Zeit bezeugen hinlänglich den Tiefstand der Epoche.

[35] Zu den ersteren gehören ~Reoval~ und ~Marileif~ (Gregor. Turon. Hist. Francor. X, 16, V, 14), zu den letzteren ~Petrus~ (Fredegar. Chron. c. 27), im 5. Jahrhundert nennt Apollinaris Sidonius den bischöflichen Leibarzt ~Palladius~.

[36] Die einst blühenden Schulen Galliens (Marseille, Toulouse, Lyon, Arles u. s. w.) verfielen gegen Ende des 6. Jahrhunderts und kamen kaum mehr für die Medizin in Betracht. Reoval, der eine Hodenexstirpation mit glücklichem Erfolge auszuführen verstand, hatte nach eigener Angabe seine Kenntnisse in Byzanz erworben. Aus einer Bemerkung Gregors über ihn geht hervor, daß die Aerzte bei den Franken bisweilen als Sachverständige zu Gerichtsverhandlungen zugezogen wurden.

[37] Marileif, Archiater König Chilperichs, wurde gegeißelt, seines Eigentums beraubt und der Kirche als Leibeigener übergeben. -- Als Austrichildis von einer Seuche, die 580 im ganzen Reiche wütete, ergriffen wurde und ihren Tod herannahen fühlte, verlangte sie von ihrem Gatten, dem König Guntram, daß ihre beiden Aerzte, Nicolaus und Donatus, zur Strafe dafür, daß die verordneten Mittel wirkungslos geblieben waren, enthauptet würden. Der Wunsch der Sterbenden wurde getreulich erfüllt, damit, wie es höhnisch hieß, die Herrin nicht allein das Reich des Todes betrete.

[38] Die Kirche trat manchen derselben entgegen und steuerte dem Unfug. Einer der berühmtesten Scharlatane war Desiderius von Tours, welcher vorgab, Wunder tun zu können, ein anderer heilte durch Berührung mit den Händen, bei einem dritten Zauberarzt fand man einen großen Sack, der mit Wurzeln, Maulwurfszähnen, Mäuseknochen, Bärenklauen etc. gefüllt war.

Ueber die kirchliche Wundermedizin im Zeitalter der Merowinger sind wir genügend durch die Berichte orientiert, welche der fränkische Geschichtschreiber, Bischof ~Gregor von Tours~ (538-593), in seiner Geschichte der Franken und in seinen Büchern über die Mirakel der Heiligen liefert.

Das fränkische, noch recht grobkörnige, durch keine dogmatische Produktion geläuterte, Christentum stellt geradezu eine Reinkultur robusten Volksglaubens dar, es bildete den günstigsten Boden für die Entfaltung einer alles überwuchernden Theurgie, die sich namentlich an jene Kirchen knüpfte, in denen die Gebeine von ~Heiligen~ (~Martin von Tours~, ~Julian von Brioude~) ruhten. Hier erfolgten zahllose Wunderkuren (besonders an kirchlichen Festtagen) an Lahmen, Krüppeln, Besessenen, Blinden u. dgl. Zu den Formen der theurgischen Therapie gehörte nicht bloß Gebetsheilung und Exorzismus, das Berühren der heiligen Reliquien, das Betasten und Berühren der Grabsteindecke etc., man ging in dem Glauben an die unerschöpflich ausströmende Wunderkraft sogar soweit, das Grabsteinpulver, das von den Votivkerzen abtropfende Wachs, die Dochtasche der Kerzen, die Fransen der Grabsteindecke, das Oel der Kirchenlampen, das Wasser von der Osterreinigung etc. als Amulett bezw. inneres Heilmittel zu gebrauchen. An den Tempelschlaf in den Asklepiosheiligtümern erinnert das Verfahren, wonach Kranke die Nächte in den Kirchen zubrachten in der Hoffnung, daß ihnen der Heilige erscheinen und im Traumschlaf das Uebel beheben werde. Der Zudrang der Kranken war namentlich in Seuchenzeiten ein kolossaler. Mit der theurgischen Therapie wurden übrigens seitens der Priesterschaft auch gelegentlich hygienische Maßnahmen (z. B. Verbot geistiger Getränke, des Fleischgenusses etc.) verknüpft. Gregor nennt auch zwei in der Heilkunde erfahrene Priester, Aurius und Venantius (De glor. conf. cap. 10 und 15). Daß man die Kunst der Aerzte im Vergleich zur übersinnlichen Behandlungsweise recht tief einschätzte, geht aus den Worten Gregors hervor, die sicher als Ausdruck des Zeitgeistes betrachtet werden können: „Was vermögen die Aerzte mit ihren Instrumenten? Es ist mehr ihres Amtes, Schmerz hervorzubringen, als ihn zu mildern. Wenn sie das Auge aufsperren und mit ihren spitzigen Lanzetten hineinschneiden, so lassen sie jedenfalls die Qualen des Todes vor Augen treten, ehe sie wieder zum Sehen verhelfen. Und sobald nicht alle Vorsichtsmaßregeln genau befolgt werden, ist es überhaupt mit dem Sehen vorbei. Unser lieber Heiliger dagegen hat nur ein Stahlinstrument, das ist sein Wille, nur eine Salbe, das ist seine Heilkraft.” Es ist hierbei zu beachten, daß Gregor zwar den Wunderglauben seiner Epoche in hohem Maße teilte, aber manche Krankheitsfälle ganz rationell beurteilte und auch für seine Person vorerst zu den Arzneimitteln griff.

Den einzigen Lichtblick bietet die Errichtung von Hospizen, in denen auch Kranke gepflegt wurden[39]. Der Gang, den die Geschichte des Merowingerreiches gegen Ende des 6. Jahrhunderts einschlägt -- es ist nichts anderes als eine Kette von mörderischen Bürgerkriegen, von Verrat und Tücke, Lasterhaftigkeit und Rohheit -- erklärt es zur Genüge, daß auf solchem Boden die Existenz einer wissenschaftlichen Heilkunde zur Unmöglichkeit wurde, umsomehr, als der Wissenschaft hier die Stütze eines bildungsfreundlichen Klerus gänzlich mangelte. Auch Geistlichkeit und Mönchtum der fränkischen Kirche hatten der Sittenlosigkeit und Barbarei nicht zu widerstehen vermocht und waren in Unwissenheit verfallen -- eine Besserung der ganz verrotteten Kulturverhältnisse vermochte nur ein starker äußerer Einfluß anzubahnen, vermochte nur ein eiserner Herrscherwille durchzuführen.

[39] Childebert I. gründete 542 das Hôtel-Dieu zu Lyon, Radegunde, die Gemahlin Chlotar I., das Hospital von Poitiers, um dieselbe Zeit entstanden Hospitäler zu Rheims und Autun, d. h. Hospize, welche auch der Krankenpflege dienten. Um die Mitte des 7. Jahrhunderts (660), nach anderen vor 691, fällt die Gründung des Hôtel-Dieu zu Paris, welches jedoch erst seit dem 12. Jahrhundert ausschließlich Krankenanstalt wurde. -- Aussatzhäuser gab es z. B. in Verdun und Metz.

Bessere Verhältnisse traten im fränkischen Reiche erst ein, als das Schattenkönigtum der letzten Merowinger durch die kräftige Herrschaft der Karolinger verdrängt worden war und der Klerus unter straffere Zucht kam. Seit dem 9. Jahrhundert ist der kulturelle Aufschwung unverkennbar. Vorbereitet wurde derselbe durch die ~Wirksamkeit irischer und angelsächsischer Wandermönche~, welche, nach dem Festlande pilgernd, nicht nur allenthalben den religiösen Eifer anfachten und in die entlegensten Gegenden das Evangelium trugen, sondern auch Keime der Bildung von den neu gestifteten Klöstern aus verbreiteten.

Es erscheint wie eine wunderbare Fügung, daß während der furchtbaren Verheerungen im 6.-8. Jahrhundert, in einer wahrhaft trostlosen Zeit des allgemeinen Bildungsuntergangs, das Erbe des Altertums in der äußersten Thule der Christenheit, in dem, vom römischen Heere niemals betretenen, im 5. Jahrhundert hauptsächlich durch Patricius christianisierten, ~Irland~ geborgen wurde. Dort (späterhin auch auf schottischem Boden) pflegten seit der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts, fernab vom Kampfgetümmel, fleißige Mönche neben der strengen Askese das Handwerk, Künste und Wissenschaften, dort wurden in den Klöstern nicht nur geistliche Werke, sondern auch zahlreiche Schriften der Antike gesammelt, abgeschrieben, studiert und für den Unterricht benützt, dort allein erhielt sich noch die Kenntnis der griechischen Sprache, als sie in Italien schon zu erlöschen begann. Bangor und Hy (oder Iona) wurden Zentralstätten glühender Religiosität, aber auch gelehrter Bildung. Den keltischen Mönchen lag ein nomadischer Trieb im Blute, das Pilgern ward ihnen zur frommen Pflicht; schon seit dem Ende des 6. Jahrhunderts zogen die eifrigsten unter ihnen, keine Entbehrung, keine Gefahr achtend, von der grünen Insel und von Schottland nach dem Frankenlande, nach Burgund, durch Alemannien, Bayern, Thüringen u. s. w., selbst bis nach Oberitalien, überall zur Bußfertigkeit und christlichen Zucht anfeuernd und bemüht, den kirchlichen Gedanken durch Klostergründungen zu stärken. Im Namen der „Schottenklöster” -- bis Ende des 11. Jahrhunderts erhielt sich stellenweise ein reger Verkehr zwischen den kontinentalen Klöstern und dem irischen Mönchtum -- lebt die Erinnerung an die irischen Mönche noch weiter. Wie in der Heimat, so setzten sie auch in der Fremde die gelehrte Beschäftigung fort, legten den Grund zu manchen Klosterbüchereien -- noch jetzt bezeugen dies viele Handschriften in der, den Iren eigenen, spitzigen Schreibform -- und suchten unter gelehrigen Jüngern Wissen und nützliche Künste zu verbreiten. Es genüge hier der Hinweis, daß außer zahlreichen Klöstern in den Südvogesen und an den Schweizerseen das, mit Monte Cassino später an Gelehrsamkeit wetteifernde, ~Bobbio~ (unweit von Pavia) eine Stiftung des großen irischen Missionärs Columban des Jüngeren war, daß das, nachmals so berühmte, Kloster ~St. Gallen~ von dem Gefährten desselben, dem hl. ~Gallus~, angelegt wurde (Anfangs des 7. Jahrhunderts).

Während die Benediktiner auf dem Kontinent später häufig erst in die Fußstapfen der Iren traten, liefen die Bestrebungen beider in ~England~ eine Zeitlang parallel. Dort war zwar noch in Römerzeiten das Evangelium unter die britische Bevölkerung verpflanzt worden, doch mit der Vernichtung oder Verdrängung derselben durch die Picten, Scoten, Angeln, Sachsen und Jüten um die Mitte des 5. Jahrhunderts schwand das Christentum bis auf geringe Reste. Gegen Ende des 6. Jahrhunderts begegneten sich die von der keltischen Kirche Irlands und von Rom (596) unter Gregor dem Großen ausgehende Missionstätigkeit zur Bekehrung der heidnischen Angelsachsen, nicht ohne gegenseitige Eifersucht und sogar Feindseligkeit. Gerade der Wetteifer mit den irischen Sendlingen machte es zur Notwendigkeit, daß Rom seine besten Kräfte ins Feld rückte und daß der angelsächsisch-römische Klerus auch auf dem Gebiete wissenschaftlicher Bestrebungen dem Nebenbuhler gleichzukommen suchte. Schon Papst Gregor hatte für Bücher reichlichst Sorge getragen, auch sein Sendbote Augustinus wirkte in diesem Sinne, aber noch lange mußten anglische Geistliche und Mönche, die nach der Regula St. Benedicti organisiert wurden, den Abschluß ihrer Bildung in irischen Klöstern suchen. Von nachhaltigem Einfluß wurde erst das Wirken des gelehrten Erzbischofs von Canterbury, des Griechen ~Theodor aus Tarsus~ (seit 669), welcher im Verein mit dem griechisch gebildeten Abte Hadrian (einem Afrikaner), an Kirchen wie an Klöstern Schulen nach italischem Muster gründete und die klassische Bildung der Geistlichkeit so sehr erweiterte und vertiefte, daß es noch zwei Menschenalter nach ihm nicht an Männern fehlte, welche das Griechische wie ihre Muttersprache redeten.

Von ihren häufig unternommenen Pilgerfahrten nach Rom brachten Bischöfe, Aebte, Mönche, aber auch Fürsten und reichbegüterte Laien[40] Handschriften nach der Heimat und durch vervielfältigendes Abschreiben (auch in den Nonnenklöstern) schwoll der Bücherschatz der Dom- und Klosterschulen bedeutend an, namentlich in Kent, Malmsbury, York, Weremouth und Yarow. Im 8. Jahrhundert übertraf der angelsächsische Klerus den aller übrigen Länder weitaus an Wissen; von allen Seiten strömten gelehrige Schüler herbei, und der wachsende Bildungssinn wandte sich nicht bloß den eigentlich kirchlichen, sondern auch den weltlichen Wissenschaften mit Eifer zu[41]. Wie die Iroschotten zogen aber auch die angelsächsischen Mönche als Glaubensboten durch die Welt -- der größte unter ihnen war Bonifatius, welcher auf seinen Wanderzügen durch Deutschland an verschiedenen Orten Kirchen, Klöster (zuletzt Fulda) und Schulen stiftete und bekanntlich nicht nur dem Christentum unablässig neuen Boden gewann, sondern auch die Unterwerfung der fränkischen Kirche unter die päpstliche Oberherrschaft durchführte; er fand bei den heidnischen Friesen den Märtyrertod. Mit der Niederlassung angelsächsischer Mönche war auch der Unterricht der Jugend und die Verbreitung von Handschriften verknüpft, wie dies schon früher und gleichzeitig durch die Iren geschah[42].

[40] Es wanderten so zahlreiche Pilger (besonders auch Laienpersonen aus der Mittelschicht) nach der Apostelstadt, daß dort schon 718 zu ihrer Aufnahme und zur Beherbergung der höhere Ausbildung suchenden Geistlichkeit eine Schola Saxonum gegründet wurde, die aber um die Mitte des 9. Jahrhunderts vollständig abbrannte.

[41] Insbesondere der Arithmetik und Astronomie.

[42] So soll z. B. der Stifter des Klosters Reichenau, St. Pirminius, aus seiner Heimat 50 Bücher mitgebracht haben.

Es ist sicher, daß unter den praktischen Kenntnissen, welche die Iroschotten und die angelsächsischen Benediktiner pflegten bezw. verpflanzten, auch medizinische inbegriffen waren, denn aus Aeußerungen Columbans, aus dem Briefwechsel des Bonifatius, ganz besonders aber aus den Werken des ~Beda Venerabilis~ (674-735) können wir entnehmen, daß die Mönche Irlands und Englands bei ihren Studien die Heilkunde nicht vernachlässigten[43], um die handschriftliche Erhaltung der einschlägigen Literatur sehr bemüht waren und die erworbenen Kenntnisse am Krankenbett verwerteten.

[43] In einer Glosse zu einer (jetzt in Karlsruhe befindlichen, aus dem Kloster ~Reichenau~ stammenden) Handschrift der Schrift de ratione temporum des Beda aus dem Ende des 8. oder Anfang des 9. Jahrhunderts liest man das Wort archiater erklärt durch das irische Wort huasallieig.

Aus Columbans des Jüngeren Worten im Eingang seiner Instructio (IV) geht hervor, daß die Heilkunde in irischen Klöstern einen Teil des Unterrichts ausmachte, denn offenbar aus eigener Erinnerung an die strenge Zucht ruft er aus: quantis verberibus, quibus doloribus musicarum discentes imbuuntur! ~quantis fatigationibus vel quantis maeroribus medicorum discipuli vexantur!~ Von einer Wunderkur des hl. Gallus an der kranken Tochter des Herzogs Cunzo erzählt die Legende. In manchen Handschriften der Schrift de laude virginitatis des angelsächsischen Abtes ~Aldhelm von Malmesbury~ († 709) wird unter den Studien neben der Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie, Astrologie, Mechanik auch die Medizin genannt. Eine Stelle im Briefwechsel des Bonifatius beweist, daß die angelsächsischen Klosterbibliotheken medizinische Werke besaßen, denn es schreibt der Korrespondent aus der Heimat: Nec non et si quos saecularis scientiae libros nobis ignotos adepturi sitis, ut sunt de medicinalibus, quorum copia est aliqua apud nos ... (Bonif. Epist. p. 120).

•Beda Venerabilis•, Presbyter des Klosters Weremouth, einer der gelehrtesten Männer seiner Zeit, vermittelte die Kontinuität zwischen den letzten Ausgängen des römisch-christlichen Weltalters und dem beginnenden Geistesleben der christlich-germanischen Völker. Sein reiches Schrifttum, welches von umfassender Gelehrsamkeit zeugt (Gesamtausgabe von Giles, London 1843), besitzt auch einige Beziehung zur Medizin. So enthält die berühmte Historia ecclesiastica gentis Anglorum Schilderungen von Seuchen, sie berichtet über Wunderkuren, besonders des Bischofs St. John of Beverley (darunter finden sich auch solche, die rationell leicht erklärbar sind, z. B. die sehr interessante Heilung eines Falles von Aphasie mittels methodischer Sprechübungen) und wirft interessante Streiflichter auf die Heilkunst der angelsächsischen Periode, in welcher neben heilkundigen Mönchen und Priestern (z. B. Bischof Tobias von Ross) auch Volksärzte, ~leeches~ (als Wund- und Hautärzte), tätig waren; wir hören auch, daß schon ~Theodor von Tarsus~ (vgl. S. 264) sich mit Medizin abgab und den Mönchen und Nonnen z. B. Vorschriften über die Ausführung des Aderlasses hinterließ. Nach Beda führte nämlich John of Beverley in einem Falle die üblen Folgeerscheinungen eines Aderlasses darauf zurück, daß er an einem ungünstigen Tage vorgenommen worden sei, wobei er sich auf Theodor berief: Memini enim beatae memoriae Theodorum episcopum dicere, quia periculosa sit satis illius temporis phlebotomia, quando et lumen lunae et rheuma oceani in cremento est. In den „Elementa philosophiae”, einer umfassenden Enzyklopädie, findet sich viel Naturwissenschaftliches, aber nur eine höchst dürftige, dem Aristoteles entlehnte, Physiologie. Die kleine Abhandlung ~de minutione sanguinis~, welche unter Bedas Namen geht, stellt der Hauptsache nach ein Verzeichnis der für die Vornahme des Aderlasses geeigneten Venen und der günstigen resp. ungünstigen (dies Aegyptiaci) Aderlaßtage dar.

So verdienstvoll aber die Vorarbeit der angelsächsischen Missionen auch war, ihre zarten Anpflanzungen wären wahrscheinlich in den rauhen Zeiten wieder entwurzelt worden, hätte die Bildung nicht in dem mächtigsten Schirmherrn der abendländischen Welt, in Karl dem Großen, ihren Beschützer und tatkräftigen Förderer gefunden. Es würde viel zu weit führen, wollte man hier des näheren ausführen, wie der „rector regni” und der „rector ecclesiae” in Verfolgung höchster Ziele den fränkischen Klerus aufrüttelte und für die Errichtung oder Wiederherstellung von zahlreichen Dom- oder Klosterschulen im ganzen Reiche, selbst an den äußersten Grenzen, Sorge trug, wie er seinen Hof zum Ausgangspunkt der Gelehrsamkeit und vielseitiger literarischer Bestrebungen machte, wie er nicht nur den Nachwuchs der Geistlichkeit, sondern auch die Laien zum Unterricht durch sein eigenes Beispiel anzueifern suchte. Bekanntlich gelangten die großangelegten Pläne Karls hauptsächlich durch ~Alkuin~ (735-804) zur Ausführung[44]. Dieser reichbegabte Angelsachse war der Mittelpunkt der aus Gelehrten verschiedener Nationalität zusammengesetzten höfischen Akademie[45], die Seele der mustergültigen schola palatina, der Schöpfer der, für den ganzen Klerus der fränkischen Länder, vorbildlichen Klosterschule von ~Tours~, wo durch fleißige und streng beaufsichtigte Kopistentätigkeit ein Sammelplatz wertvoller Handschriften geschaffen wurde[46]. Alkuin, welcher die wissenschaftlichen Traditionen der Schulen von York, Winchester und Canterbury nach dem Festlande verbreitete, ist es zu danken, daß neben den grammatischen und logischen Studien auch auf die mathematisch-astronomischen Kenntnisse besonderes Gewicht gelegt wurde, vielleicht auch, daß die ~Heilkunst~ im Lehrplan ihr Plätzchen fand. Wenigstens heißt es in einem seiner Gedichte, in dem er scherzend das gelehrte Treiben am Hofe schildert:

„Schon auch kommt Hippokrates' Schar, es kommen die Aerzte; Schlägt der eine die Ader, so mischt der andere die Kräuter, Und mit kräftigem Trank füllt Becher und Schalen ein dritter”[47].

Ebenso wird auch in den Versen des karolingischen Hofdichters, des Hibernicus exul, der die Freskenbilder der Pfalz besingt, unter den Wissenschaften und Künsten ausdrücklich der Medizin gedacht[48].

[44] Den Antrieb zu seinen Bestrebungen empfing Karl der Große durch Italien, dessen Kulturdenkmale und Bildung er schon auf seinem Zuge gegen die Longobarden kennen gelernt hatte, entscheidend aber war sein Zusammentreffen mit dem Zögling der Schule von York, Alkuin, in Rom im Jahre 781.

[45] Außer Alkuin und seinen Genossen gehörten zu derselben z. B. die Iren Clemens und Dungal, die Longobarden Paulus Diaconus und Paulinus von Aquileja, der Westgote Theodulf. Bei Alkuin und Petrus von Pisa erwarb sich Karl der Große seine eigene Bildung.

[46] Im Saale der Kopisten las man Verse Alkuins, welche ihnen Sorgfalt anbefahlen.

[47] Accurrunt medici mox Hippocratica tecta Hic venas fundit, herbas hic miscet in olla, Ille coquit pultes, alter sed pocula praefert Et tamen, o medici, cunctis impendite gratis Ut manibus vestris adsit benedictio Christi.

(Alcuinii carmina ed. Dümmler, Poet. lat. aevi Carolini t. I, p. 245.)

[48] L. c. p. 410.

Jedenfalls ordnete Karl der Große späterhin den ärztlichen Unterricht an -- im Capitulare von Thionville (Diedenhofen) 805 ~de medicinali arte, ut infantes hanc discere mittantur~ -- wobei wohl außer der Lektüre medizinischer Schriften und dem Studium der Arzneipflanzen auch praktische Uebungen in Betracht kamen, wie Alkuins Gedicht andeutet[49]. Rühmlich muß es auch hervorgehoben werden, daß sich ein Capitulare von 813 gegen den Heilaberglauben wendete und den Priestern bei scharfer Strafe verbot, das heilige Salböl zur Heilung oder zum Zauber herzugeben[50].

[49] Karl der Große folgte allerdings, was seine Person anlangte, mehr dem eigenen Gutdünken als dem Rat der Leibärzte, so erzählt sein Biograph Einhard (Vita Carol. in Pertz Mon. hist. II, 455): „Et tunc quidem plura suo arbitratu quam medicorum consilio faciebat, quos pene exosos habebat, quod ei in cibis assa, quibus assuetus erat, dimittere et elixis adsuescere suadebant.” In der Vita St. Sturmi (in Pertz Mon. hist. II, 377) erwähnt Eigil den ~Wintarus~ als einen der Leibärzte. Der Kaiser selbst hatte in seiner Bibliothek das Buch des Serenus Sammonicus. Gelegenheit zu botanisch-pharmakologischen Studien boten die kaiserlichen Gärten und die Klostergärten. In den ersteren wurden 73 Medizinalpflanzen gezogen (Capitulare de villis), z. B. Rheum Rhaponticum, Erythraea, Centaureum, Squilla, Levisticum.

[50] St. Gallus und St. Pirminus hatten früher, freilich erfolglos, die Votivgaben für Heilungen (Nachbildungen von Körperteilen) als heidnischen Gebrauch gebrandmarkt.

Der Eifer des Kaisers, dem christlichen Weltreiche eine entsprechende Kultur zu geben, wurde durch Erfolge gekrönt, welche eine neue Aera heraufführten und nicht mit dem Tode ihres Urhebers schwanden[51]. Durch die Zöglinge der Hofschule und des Klosters von Tours nahm seit dem 9. Jahrhundert das Unterrichtswesen und die wissenschaftliche Betätigung in den Stifts- und Klosterschulen erfreulichen Fortgang und trotz der schweren Wirren infolge der Zwistigkeiten im Karolingerhause, und der Teilung des Reiches, trotz der furchtbaren Bedrängnisse durch äußere Feinde, reihte sich auch auf ost- und westfränkischem Boden in glänzender Kette Name an Name von blühenden geistlichen Bildungsstätten[52], die einen tüchtigen Klerus heranzogen und der Erhaltung der alten Literatur die sorgsamste Pflege angedeihen ließen -- allen voran ~Fulda~, ~Reichenau~ und ~St. Gallen~.

[51] Dies bezieht sich aber nur auf die kirchlichen Kreise, denn sehr bald nach Karls Hinscheiden verlor sich das Interesse der Laien an wissenschaftlichen Bestrebungen, die schola palatina büßte ihre weittragende Bedeutung schon unter Ludwig dem Frommen ein und namentlich die Volksbildung geriet ins Stocken. Seit 817 wurde in den Klöstern die eigentliche ~Mönchsschule~ (~schola interior~) von der, für Laienzöglinge bestimmten, ~Außenschule~ (~schola exterior~) getrennt.

[52] Z. B. Poitiers, Marmoutiers, Ferrières, Lisieux, Soissons, Fontenay, Luxeuil, Lyon, Rheims, Fleury u. s. w., Fulda, Reichenau, St. Gallen, Hersfeld, Osnabrück, Corvey u. s. w. Auch in Italien wurden -- gemäß dem Capitulare Lothars von 824 -- eine Menge von Studiensitzen von Friaul bis Vicenza, von Cremona bis Fermo geschaffen.

Der Unterricht bewegte sich im Geleis spätrömischer Ueberlieferung, d. h. er bezweckte die Aneignung der „~septem artes liberales~”, der sieben freien Künste, in der Anordnung, wie sie der Neuplatoniker des 4. Jahrhunderts, ~Martianus Capella~, in seiner barocken Allegorie de nuptiis Philologiae et Mercurii zusammengestellt hatte: ~Grammatik~, ~Dialektik~, ~Rhetorik~, ~Arithmetik~, ~Geometrie~, ~Astronomie~ und ~Musik~. Von diesen bildeten die drei ersten das, formale Bildung vermittelnde, ~Trivium~, die vier übrigen das ~Quadrivium~, welches zum eigentlichen Fachwissen führte[53]. Die Begriffe dieser Lehrgegenstände umfaßten aber damals zum Teil mehr als heute, so z. B. die Grammatik auch Lektüre und Interpretation, Stilistik und Metrik, im Anschluß an die Rhetorik wurde auch Geschäftsstil und Gesetzeskunde gelehrt, unter der „Geometrie” subsumierte man Geographie, Naturgeschichte, Anthropologie und Meteorologie[54]. Selbstredend war der Unterricht durchaus vom Hauch der Theologie erfüllt und diente vornehmlich nur den praktischen Zwecken der Kleriker, z. B. Arithmetik besonders zur Berechnung des kirchlichen Festkalenders u. s. w.

[53] Die Idee der septem artes liberales geht wohl auf griechische Quellen zurück, Martianus Capella stützte sein im ganzen Mittelalter als Schulbuch benütztes Werk auf Varros enzyklopädische Zusammenfassung (Disciplinarum libri IX), welche aber außer den genannten Zweigen auch die ~Medizin~ und die Architektur behandelte. Ein bekannter Mönchsvers aus später Zeit gibt folgende Charakteristik der sieben freien Künste:

~Gram.~ loquitur, ~Dia.~ vera docet, ~Rhe.~ verba colorat, ~Mus.~ canit, ~Ar.~ numerat, ~Ge.~ ponderat, ~As.~ colit astra.

[54] So wird es verständlich, daß Isidorus (vgl. S. 260) das Studium „der Geometrie” für den Arzt als besonders wichtig erklärt. Der Grammatiker Virgilius Maro des 6. Jahrhunderts sagt in einem seiner Briefe: Geometria est ars disciplinata, quae omnium herbarum graminumque experimentum enuntiat, unde et medicos hac fretos geometres vocamus, id est, expertos herbarum.

Wichtig ist die Tatsache, daß seit dem 9. Jahrhundert die Medizin in den Lehrplan der fränkischen Klosterschulen aufgenommen wurde, wofür hinlänglich Zeugnisse vorliegen. Wir verweisen nur auf den Lieblingsschüler Alkuins, auf den „primus praeceptor Germaniae”, ~Magnentius Hrabanus Maurus~, der in seiner maßgebenden Schrift de clericorum institutione unter den, für den Studiengang der Kleriker wünschenswerten, Fächern eigenst arzneiliche Kenntnisse erwähnt („differentiam medicaminum contra varietatem aegritudinum”) und in seiner, nach dem Muster des Isidorus verfaßten, Enzyklopädie, ~Physica s. de universo~, auch der Medizin einen Platz einräumt.

•Hrabanus Maurus• (776-856) entstammte einem Mainzer Patriziergeschlechte (daher Magnentius), wurde schon in früher Jugend für den geistlichen Stand bestimmt und empfing seine Ausbildung zuerst im Benediktinerkloster zu ~Fulda~, sodann unter Leitung Alkuins in Tours. Er gehörte zu den hervorragendsten Schülern desselben und verdankte ihm den Beinamen Maurus (Lieblingsschüler des heiligen Benedictus). Nach der Heimat zurückgekehrt, wirkte Hrabanus im Kloster zu Fulda als Lehrer, später als Abt (822-842), während der letzten Lebensjahre (847-856) fungierte er als Erzbischof in Mainz. Um die Begründung des deutschen Schulwesens, um die Förderung der deutschen Sprache und um die Erhaltung der alten Klassiker hat er sich die größten Verdienste erworben[55]. Hrabans reiche schriftstellerische Tätigkeit bezog sich zwar hauptsächlich auf die Theologie, behandelte aber unter dem Gesichtspunkte derselben das gesamte Wissen der Zeit. (Gesamtausgabe ed. Colvenerius, Colon. Agrippin. 1626.) In enger Anlehnung an Isidors Origines (vgl. S. 260) stellte er dasselbe in der umfassenden, aus 22 Büchern bestehenden, Enzyklopädie ~Physica s. de universo~ klar und übersichtlich zusammen. Das 6. und 7. Buch dieses Werkes handelt vom Menschen und seinen Teilen, über die Lebensalter, Nachkommenschaft, Mißgeburten etc., im 18. Buche ist eine ganz flüchtige Uebersicht über die Krankheiten und die Heilmethoden enthalten (vgl. die deutsche Uebersetzung von Fellner, Compendium der Naturwissenschaften an der Schule zu Fulda im 9. Jahrhundert, Berlin 1879). Physiologisches findet sich hie und da auch in einer anderen Schrift, in dem Traktat ~de anima~, wo die bemerkenswerte Stelle vorkommt: recte credendum est, animam in vertice sedem habere. Vom sprachwissenschaftlichen Standpunkte interessant ist das, im 6. Bande der obenerwähnten Gesamtausgabe mitgeteilte, Verzeichnis der Körperteile -- wegen der häufig beigefügten deutschen Erklärungen anatomischer Termini[56]. Z. B. Vertex, Scheitila -- Pupilla seha -- Supercilia id est uvindbrauna -- Dentes ceni -- Molares, chinni ceni -- Arteriae id est Weisunt -- Gurgulio chela -- Mentum chinni -- Humeri Scultyrre -- Cubitum helina -- Costae ribbi -- Latus sita -- Scapula ahsala -- Polmon lungun -- Jecor lebera -- Splen id est miltzi -- Fel id est galla -- Stomachus id est mago -- Intestina id est tharma -- Venter id est hwamba -- Vesica blatra -- Renes lendibraton -- Lumbi lendin -- Umbilicus nabulo -- Surae Wadon -- Pes phuoz.

[55] Fecit et bibliothecam, quam tanta librorum multitudine ditavit, ut vix dinumerari queat, sagen die alten Akten von Fulda.

[56] Dieses Verzeichnis wurde unter Hrabans Anleitung von Walahfrid Strabo hergestellt. Hrabans Interesse für die Muttersprache bekunden auch die, ihm zugeschriebenen, althochdeutschen Glossen zur Bibel, die Mitteilung der Runen u. a.

Die Medizin wurde als Teilgebiet der „~Physica~”[57] gelehrt. Zumindest aber für jene Schüler, die später als heilkundige Kleriker fungieren sollten[58], konnte der Unterricht nicht bloß bei einigen allgemeinen theoretischen Kenntnissen stehen bleiben, sondern er mußte zur gewissenhaften Lektüre der medizinischen Autoren[59] fortschreiten und -- was die Hauptsache war -- auch praktische Uebungen in sich schließen. Letztere bestanden im Aufsuchen und Sammeln von Arzneipflanzen, in der Bereitung von Medikamenten und, wie mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, in Hilfeleistungen am Krankenbette.

[57] Um die Mitte des 9. Jahrhunderts schreibt Bischof Ermenrich von Passau an den Abt Grimaldus von St. Gallen: Physica dividitur in arithmeticam, astronomiam, astrologiam, mechanistiam, medicinam, geometricam, musicam ... (Mon. Germ. Epist. V, 541).

[58] In den Annalen der alten Klöster werden gewöhnlich einige Mönche als besonders heilkundig erwähnt, so wie andere Mönche z. B. als Dichter, Maler, Kunsthandwerker etc. hervorragten.

[59] So enthielt z. B. die Bibliothek des Klosters Reichenau (bei Konstanz) nach einem Bücherverzeichnis etwa aus dem Jahre 841 außer naturwissenschaftlichen Werken (z. B. die Etymologiae und De naturis rerum des Isidorus) einen „Liber perisfegmonis de positione et situ (statu) membrorum” (~galenischen~ Schriften über den Puls und über Anatomie entsprechend?), einen liber ~Alexandri~, einen liber ~Vindiciani~ de olei[s] confectionibus, von demselben Autor „epistolae” und confectionum malagmatum antidotum et emplastrorum et dicta medicinae in codice uno, Prognostica ~Democriti~, den Herbarius des ~Apuleius Platonicus~ sowie andere nicht genauer bezeichnete medizinische Bücher und „Excerpta” aus solchen.

Welche Arzneipflanzen in den Klostergärten gezogen wurden, darüber bringt uns das reizende Lehrgedicht des Abtes von Reichenau, ~Walahfrid Strabo~, der „~Hortulus~” Kunde.

•Walahfrid Strabo•[60] (~Strabus~) aus Schwaben, der bedeutendste Schüler des Hrabanus, einer der gelehrtesten und poetisch begabtesten Männer seines Zeitalters, Abt des Klosters Reichenau (dem er die erste Ausbildung verdankte), starb 849 erst 42 Jahre alt. Von seinen Schriften besitzt der ~Hortulus~, ein anmutiges, idyllenartiges (aus 444 Hexametern bestehendes) Lehrgedicht, in welchem er mit ausgesprochenem poetischen Talent die im Klostergarten gezogenen Arzneipflanzen mit ihren Heilwirkungen beschreibt, einige medizinische Bedeutung; zahlreiche Ausgaben z. B. von Choulant im Anhang zum Macer Floridus, Leipzig 1832, von F. A. Reuß, Würzburg 1834 (nebst Angabe der Parallelstellen aus Lucretius, Virgil, Ovid, Columella, Plinius, Serenus Samonicus, Plinius Valerianus), von F. H. Walchner, Karlsruhe 1838, in E. Dümmler, Poëtae lat. aevii carolin. I, Berl. 1880. Die besungenen Pflanzen, jede in einem Kapitel, sind folgende: Salvia, Ruta, Abrotanum, Cucurbita, Pepones, Absinthium, Marrubium, Feniculum, Gladiola, Libysticum, Cerefolium, Lilium, Papaver, Sclarea, Mentha, Pulegium, Apium, Betonica, Agrimonia, Ambrosia, Nepeta, Raphanus, Rosa. In den therapeutischen Angaben folgt Walahfrid den alten Mustern. Der Hortulus gewann nicht nur den Beifall des ganzen Mittelalters, sondern auch noch den der Humanisten.

[60] D. h. der Schieler.

Zur praktischen Verwertung der erworbenen Kenntnisse ergab sich Gelegenheit in den ~Infirmarien~ und in den klösterlichen oder stiftischen ~Hospizen~; außerdem haben die Klerikerärzte den Bedürftigen gewiß auch außerhalb der Klostermauern ihre Hilfe gewährt.

Die Benediktinerregel verordnete, daß den kranken Brüdern eine Sonderzelle eingeräumt und ein besonders geschickter und gewissenhafter Krankenpfleger beigegeben werde. Aus dieser Krankenzelle wuchsen mit der räumlichen Entwicklung der Klöster die ~Infirmarien~ heran, d. h. Krankensäle bezw. ganze Spitalsanlagen für die Mönche oder Nonnen, in denen vielleicht auch kranke Schüler und Angehörige der klösterlichen Gemeinschaft Aufnahme gefunden haben mögen. Davon zu unterscheiden sind die Hospize (Hospitäler), in welchen Fremde beherbergt und nebstbei auch Kranke verpflegt wurden. Wie sehr die Krankenpflege und die ärztliche Tätigkeit wenigstens bei größeren Klosteranlagen Berücksichtigung fand, beweist der noch erhaltene Idealplan von St. Gallen aus dem Anfang des 9. Jahrhunderts[61]. Auf diesem sehen wir eine ~ganze Spitalsanlage~ von mehreren Gebäuden, deren eines ~Zimmer für Schwerkranke~ enthält, welche in engster Verbindung mit den ~Wohnungen der Unterärzte und des Oberarztes~ stehen; wir finden ferner verschiedene ~Baderäume~ (für Kranke, für die Mönche, die Schüler, die Diener) verzeichnet, einen ~Aderlaßraum~, der zugleich als Gemach zum Einnehmen der Heilmittel (Abführmittel) diente, eine ~Kräuterkammer~ (armarium pigmentorum), in welcher wohl nicht bloß Heilmittel (pigmenta) aufbewahrt, sondern auch manche Arzneien fertiggestellt wurden; auf den Beeten des zum Kloster gehörigen Kräutergartens sollten die Heilkräuter (Carum Carvi, Foeniculum, Foenum graecum, Gladiolus, Iris, Levisticum, Mentha piper., Pulegium, Rosmarinus, Ruta, Salvia, Sisymbria, Tanacetum und eine Faba-Art) gezogen werden. Daß aus der Klosterapotheke nicht nur an die Angehörigen des Konventes selbst, sondern auch an Außenstehende Medikamente abgegeben wurden und daß Klerikerärzte auch nach auswärts gingen, scheinen unter anderem die Formelbücher (eine Art von Briefstellern) von St. Gallen und Reichenau anzudeuten[62]. -- Der Bedarf an ausländischen Arzneistoffen konnte bei den aus Italien heimkehrenden Kaufleuten gedeckt werden.

[61] Bauriß des Klosters St. Gallen v. J. 820, herausgegeben von Ferdinand Keller, Zürich 1844.

[62] Es werden z. B. folgende Briefformeln angeführt: „Pigmenta ac medicamenta, quae vobis congrua puto, vestrae dilectioni dirigere puto” -- Posco, ut, si ullo modo fieri valeat, post festivitatem ... jubeatis illum medicum ad me venire, quia adjutorio ejus indigo (Pertz, Mon. Germ. Leges Sect. V, p. 421 u. 374).

Die Heilmittel, welche zur Verwendung kamen, waren vorherrschend ~pflanzliche~, unter den Arzneiformen war der ~Trank~ (pflanzliches Dekokt) am meisten beliebt, z. B. die potio Paulina (Alantwein, der Name pot. Paul. beruht auf der bekannten Timotheusstelle). Nicht nur therapeutischen, sondern auch prophylaktischen Zwecken dienten ~Warmbäder~ (in Bottichen), ~Heißluftbäder~ (durch Aufguß auf erhitzte Steine), und ~Aderlässe~ (minutio sanguinis); daher wurde bei der Anlage von Klöstern auf Baderäume und Aderlaßräume Rücksicht genommen (vgl. oben). Frühzeitig machten die Mönche auf den Gebrauch der ~Heilquellen~ aufmerksam, nicht selten wurde in der Nähe solcher ein Kloster gestiftet (schon im 9. Jahrhundert stellten Benediktiner von Weißenfels das in der Völkerwanderung zerstörte Baden-Baden wieder her).

Unter den geistlichen Aerzten des 9. und 10. Jahrhunderts erlangten manche den Ruf reicher Erfahrung und Geschicklichkeit, und von dem Eifer für medizinische Studien legen die Klosterhandschriften (z. B. von ~St. Gallen~, ~Reichenau~, ~Chartres~) hinreichendes Zeugnis ab.

Sehr großes Ansehen als Arzt genoß ~Notker~ (10. Jahrhundert), genannt Pfefferkorn (quem pro severitate disciplinarum Piperis-Granum cognominabant), ein vielseitiges Talent (doctor, pictor, medicus). Er war ein hervorragender Praktiker und in der Literatur sehr erfahren (in afforismis medicinalibus, speciebus quoque et antidotis et prognosticis Ypocraticis singulariter erat instructus). Seine diagnostische Fertigkeit stützte sich namentlich auch auf Harnschau, was folgende Anekdote andeutet. Herzog Heinrich von Bayern schickte ihm, um ihn zu täuschen, den Harn einer liederlichen, schwangeren Bauernmagd anstatt des seinigen zur Besichtigung, Notker aber antwortete: Ein unerhörtes Wunder wird Gott jetzt vollbringen, denn dieser Herzog wird um den 30. Tag von heute ab einen, aus seinem Leib geborenen, Sohn an seine Brüste legen. Notker soll auch den Ausbruch von Blattern aus dem Blutgeruch vorausgesagt haben. Ein Jahrhundert vor Notker war der Mönch ~Iso~ in St. Gallen als Arzt berühmt (uti plurima doctus, cum unguenta quidem facere nosset, leprosos et paraliticos sed et caecos curavarat aliquot). Weiterhin wären als hervorragende Klerikerärzte dieser Epoche beispielsweise zu nennen: Bischof ~Wikbert~ von Hildesheim (Ende des 9. Jahrhunderts), qui in suo tempore medicinae peritissimus erat; ~Thiedegg~ aus Corvey, Bischof von Prag, Leibarzt des Herzogs Boleslaw von Böhmen († 1017), Bischof Bernward von Hildesheim († 1022), Hugo, Abt von St. Denys, Didon, Abt von Sens, Sigoald, Abt von Epternac, Derold, Bischof von Amiens († um 946), in arte medicinae peritissimus.

Von größtem Interesse ist eine Handschrift aus dem Ende des 9. Jahrhunderts -- ~Codex Bruxellensis 3714~ --, welche nicht nur den Text des Moschion (vgl. S. 64) enthält, sondern auch durch seine auf alte Tradition zurückgehende Illustrationen (Kindeslagenbilder) überrascht (vgl. Weindler, Fr., Gesch. d. gynäkologisch-anatomischen Abbildung, Dresden 1908 und Sudhoff, Studien z. Gesch. d. Medizin Heft 4, Leipzig 1908).

Trotzdem Deutschland unter den Ottonen eine kulturelle Glanzära (St. Gallen, Frauenkloster Gandersheim, Domschulen von Köln, Magdeburg, Würzburg u. a.) erlebte, rissen doch im Laufe des 10. Jahrhunderts die Kloster- und Domschulen Frankreichs die Führung an sich, und dementsprechend scheinen dort auch die bedeutendsten geistlichen Lehrer der Medizin gewirkt zu haben, so namentlich in ~Chartres~. Aus dieser Schule gingen nicht wenige berühmte Aerzte hervor, und wir hören von Richerus, daß er 991 eigens eine beschwerliche Reise dorthin unternahm, um des Unterrichts bei dem gelehrten Heribrand teilhaftig zu werden, welcher bedeutende Kenntnisse in der Arzneimittellehre, Botanik und Chirurgie besessen haben soll[63]. Wanderungen begabter Jünger oder Entsendungen derselben nach solchen Kloster- und Domschulen, wo einzelne Wissenszweige besonders gepflegt wurden, gehörten ja zu den charakteristischen Zügen der erwachenden Lernfreudigkeit. Richerus war einer der zahlreichen Jünger des freiesten Denkers seines Zeitalters, des großen Polyhistors ~Gerbert~ (um 950-1003), welcher mit wahrhaft humanistischem Eifer den Handschriftenschatz der Bibliotheken mehrte, die philosophische Spekulation belebte und den mathematisch-astronomischen Studien des Abendlandes neuen Geist einhauchte[64]. Aus den ~Epistulae~ (Migne Patr. lat. 139) dieses genialen Franzosen ersehen wir, daß er eine das gewöhnliche Maß übersteigende literarische Kenntnis der Heilkunde besaß, aber die praktische Ausübung derselben verschmähte[65].

[63] Richer, der sich nachmals durch seine Geschichte Frankreichs „Historiarum libri IV” (in Pertz, Mon. Germ. V. Scriptor. III) berühmt machte, erzählt darin (IV. cap. 50), daß er Heribrand aufsuchte, um bei ihm die Erklärung der Aphorismen des Hippokrates zu hören. Da ihm aber dieses Studium allein nicht genügte (cum tantum prognostica morborum accepissem et simplex egritudinum cognitio cupienti non sufficeret), so las er mit dem Lehrer auch das Buch „de concordia Hippocratis, Galieni et Surani”. Von der erlangten medizinischen Bildung machte Richer auch in seinem obengenannten Geschichtswerke Gebrauch, indem er sich in weitläufigen Schilderungen der Krankheiten einzelner berühmter Personen gefällt.

[64] Gerbert, welcher in ~Aurillac~, ~Vich~ (in der spanischen Mark) und ~Rheims~ studiert hatte, überstrahlte alle seine Zeitgenossen nicht nur als gründlicher Kenner der klassischen (lateinischen) Literatur, als Rhetor und Dialektiker, sondern insbesondere durch seine Kenntnisse auf dem Gebiete der Mathematik, Astronomie und Mechanik (Konstruktion astronomischer Instrumente, Apparate etc.). Anregung zu den realen Studien hatte er in reichlichem Maße während seines Aufenthalts in der spanischen Mark empfangen, wo er mindestens unter dem indirekten Einfluß der arabischen Kultur stand. Gerbert drang weit über den engen Gesichtskreis der vorausgegangenen kirchlichen Enzyklopädisten hinaus, blieb nicht am leeren Formalismus hängen, erkannte den Wert der realen Fächer und suchte die Bildung praktisch fürs Leben nutzbar zu machen. In diesem Sinne lehrte er in Rheims, mit dessen Schule sich während seiner Wirksamkeit keine andere des christlichen Abendlandes messen konnte; später wurde er nach mancherlei Wechselfällen am deutschen Kaiserhofe Erzieher Ottos III., dessen Gunst er endlich das Pontifikat (Sylvester II.) verdankte. Die Bewunderung, welche Gerbert (besonders durch physikalisch-chemische Kunststücke) erregte, hatte natürlich den Argwohn der geistig Zurückgebliebenen zum Begleiter, und noch nach Jahrhunderten schimmert in den Sagen, die sich um seine Gestalt spannen, der schlecht verhüllte Neid hindurch; selbst vor der päpstlichen Würde nicht zurückbebend, erklärte man Gerbert bezw. Sylvester als einen Schwarzkünstler, der mit dem Teufel im Bunde stand und diesem seine Ueberlegenheit verdankte.

[65] Nec me auctore, quae medicorum sunt, tractare velis, praesertim cum scientiam eorum tantum adfectarim, ~officium semper fugerim~ (Ep. 151). Aus Ep. 9 und 130 geht hervor, daß Gerbert auch die verloren gegangene Augenheilkunde des größten antiken Okulisten Demosthenes in lat. Uebersetzung kannte, aus Ep. 15, daß man Celsus noch las (Quem morbum tu corrupte postuma, nostri apostema, Celsus Cornelius a Graecis ἡπατικὸν dicit appellari).

Der immer mehr erstarkende Einfluß der geistlichen Schulen Frankreichs machte sich in der Folgezeit nicht allein in Deutschland, sondern auch in England bemerkbar, wo unter der Normannenherrschaft die seit dem Ausgange des 9. Jahrhunderts reich entfaltete ~nationale Literatur der Angelsachsen~, von der auch ~medizinische Schriften~ auf uns gekommen sind, erlosch.

Während der langen Leidenszeit, welche die Einfälle der Dänen hervorriefen, war in England die Bildung von ihrer Höhe herabgesunken, aber in den letzten Dezennien des 9. Jahrhunderts gelang es Alfred d. Gr., einen neuen Aufschwung herbeizuführen. Wie Karl d. Gr. bemühte sich Alfred den Wissensstand der Geistlichkeit zu heben und noch erfolgreicher als der Frankenherrscher wußte er das Volkstum für Bildungsbestrebungen empfänglich zu machen. Neben der lateinischen entwickelte sich bei den Angelsachsen -- ein Unikum damals im Abendlande -- eine ~nationale~ Literatur, welche nicht nur Dichtungen, sondern religiöse und wissenschaftliche Schriften umfaßte. Den Weg hierzu mußten Uebersetzungen aus dem Lateinischen bereiten, womit der König selbst begann, indem er die geschichtlichen Werke des Orosius und Beda, das Buch Gregors über die Seelsorge, des Boethius Schrift über die Tröstung der Philosophie mehr oder minder frei ins Angelsächsische übertrug. Ein Teilgebiet der nationalen Prosaliteratur bildete das ~angelsächsische medizinische Schrifttum~, von dem noch Reste erhalten sind. Aus der Zeit Alfreds d. Gr. und bald nach ihm rühren her die Uebersetzungen des ~Apulejus~ (mit der pseudonymen Schr. de herba Vettonica) und des ~Sextus Placitus~ (ed. O. Cockayne in Leechdoms, Wortcunning and Starcraft of early England, London 1864-66, vol. I ═ Rer. britannic. med. aevii scriptor. XXXV, 1) und das Leech book (ed. Cockayne l. c. vol. II ═ Rer. britannic. med. aevii scriptor. XXXV, 2 mit englischer Uebersetzung), ein in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts niedergeschriebenes ~Arzneibuch in angelsächsischer Sprache~ in drei Büchern. Das erste Buch (nach Krankheiten a capite ad calcem geordnetes Rezeptbuch) und das zweite (mehr wissenschaftlich gehalten, besonders die inneren Affektionen betreffend) gehören zusammen und bilden das ~Leech book des~ (Arztes) ~Bald~[66], während das dritte Buch für sich ein eigenes, kürzer gefaßtes, ähnliches Werk darstellt. ~Der Inhalt des Leech book erweist sich als ein merkwürdiges Gemenge von antiker Buchweisheit~ (aus lateinischen Autoren und lat. Uebersetzungen griechischer Werke[67] geschöpft) ~und einheimischer Empirie~. Die Therapie steht weitaus im Vordergrunde. Die nur stellenweise auftauchende Krankheitstheorie, Symptomatologie und Diagnostik (weder Pulsbeobachtung noch Harnschau ist erwähnt) geht auf die antike Ueberlieferung zurück; neben den wissenschaftlichen finden sich auch angelsächsische Krankheitsnamen (z. B. Fever-adle ═ Fieberkrankheiten, darunter lent-adle ═ Tertiana, Poccas oder Poc-adle ═ Variola). Der Heilschatz besteht teils aus rationellen und empirischen Mitteln (wobei ~die überraschend große Zahl einheimischer pflanzlicher Arzneistoffe, das Vorwalten der Simplicia und die primitive Zubereitungsweise~ auffällt[68]), teils aus magischen, zumeist christianisierten, Gebräuchen (Besprechen, Beschwören, Amulette, Transplantation, symbolische Handlungen etc.). Die Chirurgie (Wund- und Frakturenbehandlung, Skarifikation, Schröpfen, Kauterisation, Aderlaß, Amputation gangränöser Glieder u. a.) ist verhältnismäßig schwach vertreten. Bei der Schilderung mancher komplizierter Eingriffe (Inzision des Leberabszesses, Hasenschartenoperation) bleibt es zweifelhaft, ob dieselben wirklich ausgeführt wurden oder ob es sich nur um kompilierte Buchweisheit handelt. -- Größtenteils mit der, auf angelsächsische und keltische Volkstraditionen zurückgehenden, Zaubermedizin beschäftigt sich das Buch Lacnuga (Cockayne l. c. vol. III ═ Rer. britannic. med. aevii scriptor XXXV, 3). Die angelsächsische medizinische Literatur setzte sich bis in die Mitte des 12. Jahrhunderts fort.

[66] Am Schlusse des zweiten Buches steht der Vers: Bald habet hunc librum, Cild quem conscribere jussit.

[67] Z. B. des Alexander von Tralles.

[68] Arzneiformen waren: Infuse, Dekokte, Mischungen (z. B. mit Milch, Honig), Pulver, Salben, Pflaster (auch medikamentöse), Dampfbäder, Klystiere (mit einem Horn appliziert). -- Der Theriak und andere hochzusammengesetzte Präparate der griechisch-römischen Medizin waren den Angelsachsen unbekannt, resp. konnten nicht zubereitet werden. In einem Kapitel des Leechbook ist erwähnt, daß Helias, Patriarch von Jerusalem (Ende des 9. Jahrhunderts) eine Reihe von Rezepten (wahrscheinlich zugleich auch die zugehörigen orientalischen Drogen) sandte.

Bei aller Anerkennung des literarischen Sammeleifers der Klöster und trotz aller Würdigung des praktischen Wirkens einzelner Klerikerärzte darf man sich aber die medizinischen Zustände dieser Epoche nicht in allzu hellen Farben ausmalen. Nicht nur, daß der Wissensschatz der antiken Heilkunde nur in sehr geringem Ausmaße und noch dazu nicht immer in bester Vertretung bekannt wurde[69], daß die Praxis selbständiger Beobachtungen entbehrte, über karge Hilfsmittel verfügte, im Banne schematischer Regeln stand, ohne aus dem Borne eigener Forschung Neues zu empfangen, war die Medizin in der Hand zahlreicher Mönche nichts anderes als eine fromme Krankenwartung, die nur losen Zusammenhang mit profaner Gelehrsamkeit besaß, und der überwiegenden Menge galten noch immer die kirchlichen Wundermittel oder die christianisierten Heilgebräuche des Volkes weit heilsamer als alle Arzneien[70]. Wie konnte dies auch anders sein in einer Zeit, da der religiöse, vom Irdischen abgewandte Gedanke die Vorherrschaft besaß und sich unbeschadet der Erhaltung antiker Praxis[71] die geistige Selbständigkeit höchstens in der symbolisierenden, allegorisierenden Naturbetrachtung offenbarte[72].

[69] So übten z. B. die allgemein beliebten und weit verbreiteten, häufig bearbeiteten Rezeptbücher des Serenus Samonicus und Pseudoapulejus einen sehr ungünstigen Einfluß aus.

[70] Zumindest war es eine sehr verbreitete Anschauung, daß die natürlichen Mittel nur in Verbindung mit theurgischen, mystischen Prozeduren ihre Wirksamkeit entfalten, erst aus diesen ihre Heilkraft ziehen.

[71] So erhielt sich über die Jahrhunderte hinweg die Praxis in der Architektur, Mechanik und sogar in der Chemie (Färberei).

[72] Das Bestreben, in allen Naturdingen geheimnisvolle Beziehungen, allegorische Hindeutungen aufs Uebersinnliche ausfindig zu machen, tritt besonders in den Umarbeitungen des aus christlich alexandrinischen Kreisen hervorgegangenen Physiologus zu Tage, welcher (12) wirkliche oder phantastische Tiere als Versinnbildlichung gewisser Tugenden und Laster betrachtet (vgl. Lauchert, Gesch. des •Physiologus•, Straßburg 1889). Der Physiologus fand im Mittelalter eine fast beispiellose Verbreitung, indem er schon früh in orientalische Sprachen und ins Lateinische, späterhin ins Angelsächsische, Althochdeutsche, Altfranzösische, Provenzalische, Spanische u. s. w. mehr oder minder frei übertragen wurde. Dabei hat er natürlich bedeutende Umwandlungen erfahren.

Dem Charakter der Priestermedizin entsprach namentlich die Behandlung, welche die Geisteskranken, mit Ausnahme der Schwachsinnigen, erdulden mußten; man hielt sie für Besessene und demgemäß bildete der Exorzismus das souveräne Mittel[73]. Im Anschlusse daran sei gleich hier erwähnt, daß man schon frühzeitig im Hinblick auf das allgemeine Wohl nicht unberechtigte Maßnahmen zur Absonderung der Leprösen in eigenen unter geistlicher Aufsicht stehenden Aussatzhäusern traf[74].

[73] Darstellungen solcher Exorzismen finden sich in den Wandmalereien alter Kirchen, z. B. in Goldbach (am Bodensee), oder in den Miniaturen von Handschriften (z. B. Codex Egberti, 10. Jahrhundert), vgl. K. Künstle, Die Kunst des Klosters Reichenau im 9. und 10. Jahrhundert, 1906; F. X. Kraus, Die Miniaturen des Cod. Egberti, 1884.

[74] Die Leprösen waren zur Verhinderung der Ansteckung aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, für bürgerlich tot erklärt -- einschlägige Bestimmungen erließen schon Pippin (757) und Karl d. Gr. (786) --, für ihren Unterhalt sorgte, soweit sie über keine eigenen Mittel verfügten, die christliche Wohltätigkeit; frühzeitig scheinen sie, wo sie in größerer Anzahl beisammen waren, in gemeinsamen Wohnungen untergebracht worden zu sein. Schon um 736 sammelte z. B. der hl. Otmar die Aussätzigen aus seinem Sprengel und vereinte sie in einem Leprosorium (hospitiolum ad suscipiendos leprosos) in der Nähe des Klosters von St. Gallen. -- In den erwähnten Malereien des Goldbacher Kirchleins, der Kirche St. Georg zu Oberzell auf der Reichenau selbst und in den Miniaturen des Codex Egberti findet sich auch eine Darstellung des Aussätzigen, abgesehen von den Flecken der Haut, gekennzeichnet durch das ~Horn~, das er trägt; wenn die Leprösen ausgingen, um Almosen zu sammeln oder Speise beizutreiben, mußten sie nämlich ihr Kommen durch das Hornsignal kundgeben, daher die Bezeichnung „Hornbrüder”.

Neben den Klerikerärzten gab es wohl Empiriker (Wundärzte)[75], aber keine gebildeten Laienärzte, mit Ausnahme der bürgerlich abseits stehenden ~jüdischen~ Heilkünstler, deren Existenz sich schon sehr früh auf dem Boden des fränkischen Reiches nachweisen läßt.

[75] Sprachliche Zeugnisse verbürgen die wundärztlichen Kenntnisse der Volkspraxis, so die schon im 8. Jahrhundert vorkommenden Lehnwörter Pflaster, Salbe, Balsam, Büchse.

Nach einer Chroniknachricht vom Jahre 576 (Aronius, Regesten z. Gesch. d. Juden) heißt es, der erblindet gewesene Erzhelfer Leonast von Bourges habe durch ein Wunder in der Martinskirche zu Tours das Augenlicht erhalten, er sei dann nach Hause zurückgekehrt und hätte, um die Sehkraft noch mehr zu stärken, einen jüdischen Arzt zu Rate gezogen, der ihm Schröpfköpfe auf die Schultern setzen ließ, worauf er aufs neue erblindete -- eine Erzählung, deren Tendenz recht durchsichtig ist. -- Unter Karl d. Gr. begleitete ein sprachkundiger jüdischer Arzt die fränkische Gesandtschaft an den Kalifen nach Bagdad. -- Ludwig der Fromme und sein Sohn Karl der Kahle hatten den Juden Zedekias zum Leibarzt. Die Gunst, welche derselbe genoß, und sein überlegenes Wissen brachten ihn beim Volke in den Verdacht eines Zauberers; nach dem Tode Karls des Kahlen wurde er grundlos verdächtigt, seinen Herrn vergiftet zu haben -- merkwürdigerweise spricht aber kein Autor von seiner Bestrafung, und in den Annalen von Fulda heißt es von Karl dissinteriae morbo correptus cum magna periit tristitia. -- In einem Schreiben aus der Zeit 798-821 bittet ein ungenannter Erzbischof einen Grafen, ihm und einem anderen Bischof einen jüdischen Arzt zu senden (Aronius, Regesten).

Ein jüdischer Arzt Italiens ist es auch, von dem allein unter allen Laienärzten aus so früher Zeit ein medizinisches Werkchen (in hebräischer Sprache) wenigstens fragmentarisch auf uns gekommen ist, nämlich ~Donnolo~ (10. Jahrhundert), dessen ~Antidotar~ durchaus auf rein griechisch-römischer Tradition beruht.

~Sabbatai ben Abraham~, genannt •Donnolo• (═ Domnulus) jüdischer Arzt aus Oria bei Otranto (913 bis nach 965), war an verschiedenen Orten Unteritaliens tätig und erfreute sich eines bedeutenden Rufs als Praktiker. Dies geht unter anderem aus der Biographie des hl. Nilus (Acta Sanctorum, September, Bd. VII, p. 313) hervor, wo es heißt: Postero die vir sanctus de loco illo descendit, et cum ingressus esset in civitatem, accessit ad eum Judaeus quidam, Domnulus nomine, qui notus illi erat a prima aetate, quod esset admodum studiosus et in medendi arte non vulgariter doctus. Coepit ergo ad patrem ita dicere: audivi de aspera vivendi ratione, qua te exerces, magnaque abstinentia et mirabar, sciens corporis tui habitudinem, quod non esses lapsus in epilepsiam. Ergo si lubet, dabo tibi pharmacum temperamento congruens, ut posthac toto vitae tuae, tempore nullum pertimescas morbum. Et magnus Pater, Unus, inquit, ex vestris Hebraeis dixit nobis: Bonum (sic!) est confidere in Domino quam, confidere in homine. Nos igitur confidentes nostro medico Deo et Domino nostro Jesu Christo, non indigemus pharmacis a te confectis, quam si te jactes, quod Nilo dederis de tuis medicamentis. Medicus, his auditis, nihil respondit. Das in hebräischer Sprache geschriebene Bruchstück seines Antidotars (ed. Steinschneider, „~Donnolo, Fragment des ältesten medizinischen Werkes in hebräischer Sprache~”, Berlin 1868, deutsche Uebersetzung und Kommentar in Virchow Arch. 38-42) erweckt den Anschein eines Originals. Es enthält eine Aufzählung von 120 (meist pflanzlichen) Arzneimitteln mit Vorschriften für die Zubereitung von Medikamenten, Salben und Pflastern. Abgesehen von wenigen aus Bibel und Talmud entlehnten Drogen und einem unzweifelhaft arabischen Präparate („Kelkh” ═ galbanum), handelt es sich durchaus um die Materia medica griechisch-römischer Herkunft.

Donnolos Lebenszeit fällt in jene, vom Lichtstrahl der Geschichte noch wenig erhellte, Epoche, da sich in Italien die ersten Anzeichen aufstrebender medizinischer Entwicklung zu zeigen begannen. Wohl hatten sich auch dort nicht wenige Kleriker im 9. und 10. Jahrhundert rühmlichst als Heilkundige hervorgetan, wohl bildete dort ~Monte Cassino~, dessen Mönche von ärztlichem Ruhm umwoben waren[76], eine reiche Rüstkammer der medizinischen Literatur[77], aber schon trat der, auf dem Gebiete der Heilkunst nie ganz durch die Geistlichkeit zurückgedrängte, ~Laienstand~ in seine Rechte.

[76] Unter anderem wird eine merkwürdige Heilung berichtet, die an Kaiser Heinrich II., der an Blasensteinen litt, auf operativem Wege -- allerdings nicht ohne das Eingreifen des hl. Benedictus -- vollzogen wurde.

[77] Vgl. über die Bibliothek von Monte Cassino Tosti, Storia della badia di Monte Cassino, Napoli 1842-43 und A. Caravita, I codici e le arti a Monte Cassino, M. Cass. 1869-70. Zu den ältesten medizinischen Handschriften (vgl. S. 257) zählen Sammelwerke und lateinische Uebersetzungen aus dem 9. und 10. Jahrhundert, darunter z. B. Uebersetzungen hippokratischer, galenischer (bezw. pseudohippokratischer und pseudogalenischer) Schriften, des Paulos von Aigina u. a., Schriften des „Apulejus”, „Aesculapius”; auch ein liber Aurelii wird de oculis erwähnt. -- Die Titel der Traktate, welche Kodex 97 enthält, sind folgende: Prologus Galieni de pulsis (!) et orinis -- De effemeris febribus -- Prologus Galieni, libri primi de febrium diversitate -- Capitula libri Aurelii de oculis (!) passionibus -- Capitula Scolapii medici -- Prologus super expositionem Aforismi -- Capitula libri primi Alexandri Trosophiste -- Alfabeta herbarum -- Ex libris Dioscoridis feliciter -- Herbarium Apulei Platonis quem accepit ab Scolapium et Chirone centauro magistro Achilli -- De quadrupedibus. -- Bei dieser Gelegenheit sei hier darauf verwiesen, daß ein Traktat über Arzneimittel (größtenteils in tironischen Noten) aus dem 9.-10. Jahrhundert (in Cod. Vatic. Lat. 846) veröffentlicht wurde, welcher hauptsächlich aus Apulejus und Pseudoplinius entlehnt ist, vgl. „Miscellanea Tironeana”, ed. Schmitz, Leipzig 1896.

Von seiner Organisation, von der gilden- und schulmäßigen Vereinigung solcher Männer, die ganz in ihrem Berufe aufgehen konnten, rein wissenschaftliche anstatt der seelsorgerischen und theologischen Zwecke an die Spitze stellten, hing die Zukunft der Medizin ab. Diese Voraussetzung wurde zuerst in Salerno erfüllt. Dort zuerst ist die Heilkunst nach langer Vormundschaft wieder mündig geworden!

Die Medizin im 11. und 12. Jahrhundert.

Die Blütezeit der Schule von Salerno.

Die Geschichte der Wissenschaften erinnert lebhaft an das Wachstum organischer Gebilde. Wie in einem homogenen Plasma zunächst einzelne Kerne entstehen, welche sich vergrößern, als Kraftsphären wirken und später zur höheren Einheit verschmelzen, so läßt auch der historische Rückblick auf die abendländische Medizin des Mittelalters nach dem Stillstand eines halben Millenniums vorerst nur isolierte Zentren erkennen -- ~rein ärztliche Schulen~ in spärlicher Zahl --, welche seit dem 11. Jahrhundert aus der Grundmasse eintöniger Gleichförmigkeit scheinbar spontan auftauchen und für lange alle wissenschaftliche Energie in sich konzentrieren. Mit ihnen erwacht das erstarrte medizinische Leben endlich wieder aus der Latenz zu frisch pulsierender Aktivität.

Das Aufblühen der Medizin fällt auch diesmal wieder mit einem allgemeinen kulturellen Anstieg zusammen, der im Laufe des 11. und namentlich im 12. Jahrhundert deutlich wird, so z. B. auf dem Gebiete der theologischen Dialektik (Anselm von Canterbury, Roscellin, Abälard, Petrus Lombardus, Johannes von Salisbury etc.), der Jurisprudenz (Neubelebung des Studiums des römischen Rechts, Irnerius), der Geschichtschreibung, der Kunst (namentlich Architektur; romanischer Baustil), der Dichtung (Nationalpoesie), der Musik (Guido von Arezzo, Harmonie, Kontrapunkt), nicht zu reden von der reicheren Erschließung der antiken Literatur und der Erweiterung des geistigen Horizonts infolge reger Beziehung zur Welt des Ostens, von der Vertiefung des religiösen Empfindens (Cluniacenser, Cistercienser, Prämonstratenser; Bernhard von Clairvaux), von der Festigung der politischen und sozialen Zustände (Machtstellung des Kaisertums und Papsttums; Feudalsystem), vom Aufschwung des Handels und des wirtschaftlichen Lebens überhaupt -- Verhältnisse, die zum Teil als Ursache oder Folge mit den Kreuzzügen in Beziehung zu bringen sind.

Frappierend wirkt es im ersten Augenblick, daß in dieser Fortschrittsepoche gerade die Medizin in ihrem Aufblühen allen übrigen Kulturzweigen vorangeht, schon in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts einen Höhepunkt erreicht, wodurch das so oft bestätigte historische Gesetz durchbrochen zu sein scheint, wonach die Medizin meist im Nachtrab zu finden ist. Tatsächlich liegen hier aber die Dinge ganz anders. Das Emporkommen der Heilkunst im 11. und 12. Jahrhundert ist keine allgemeine, sondern nur eine lokale Erscheinung, es ist nicht der Teilausdruck des herrschenden neuen Zeitcharakters, es gleicht dem verspäteten Aufkeimen einer Pflanze, deren Same lange Zeit hindurch ungenützt ruhte, bis er endlich die zu seiner Entwicklung nötigen Bedingungen erhielt. Darum lag auch der Schauplatz der ersten medizinischen Glanzepoche des Abendlandes nicht inmitten der spezifischen Kulturströmung, sondern eher entrückt von derselben, nämlich in dem, fremden östlichen Einflüssen stark ausgesetzten, Unteritalien.

Der Ruhm, die älteste ärztliche Schule des christlichen Abendlandes in ihren Mauern beherbergt zu haben, kommt der, am Tyrrhenischen Meere, südlich von Neapel, in einer der schönsten und gesündesten Gegenden Unteritaliens gelegenen Stadt ~Salerno~ zu. An die Schule von Salerno, die im Mittelalter jahrhundertelang ein Ansehen genoß wie die alexandrinische im Altertum, knüpfen sich zwar keine umwälzenden Fortschritte in der theoretischen Erkenntnis und in den praktischen Leistungen, aber trotzdem besitzt sie als Bindeglied zwischen der antiken und der Medizin des Abendlandes eine ganz immense Bedeutung.

So unerwartet die Schule von Salerno im 11. Jahrhundert am historischen Horizont erscheint -- organisatorisch gefestigt und literarisch entfaltet -- das von vornherein Unverständliche dieses Phänomens vermindert sich einigermaßen, wenn man erwägt, daß es in Italien während der Epoche des frühen Mittelalters an einer Fortpflanzung medizinischer Kenntnisse in nichtkirchlichen Kreisen, an Vertretern der ärztlichen Kunst aus dem Laienstande, an besoldeten Stadtärzten und somit an den Vorbedingungen für einen Schulverband nicht gänzlich mangelte (vgl. S. 254 u. 255). Im Gebiete der einstigen Magna Graecia, wo byzantinische Einflüsse fortdauernd zur Geltung kamen und daher griechische Sprachkenntnis nicht völlig erlosch[1] und bildungsfreundliche Fürsten longobardischer Herkunft die Erneuerung der Kultur auf antiker Grundlage förderten[2], lagen die Verhältnisse besonders günstig für die Wiederanknüpfung des Fadens spätrömischer Traditionen. Solche mögen es gewesen sein, welche dazu führten, daß sich gerade das, schon im Altertum ob seines heilsamen Klimas gerühmte[3] und von Kranken oft aufgesuchte, Salerno zur ~Civitas Hippocratica~, zu einem Sammelpunkt von Aerzten entwickelte, die sich allmählich zu gemeinsamer Wirksamkeit vereinigten -- analog oder gar in Erneuerung einer „schola medicorum” der Römer. Im 10. Jahrhundert erfreuten sich jedenfalls die Aerzte Salernos bereits eines Ansehens, das weit über das Weichbild der Stadt hinausreichte. Wie und wann, ob gänzlich unabhängig oder unter dem Einflusse äußerer Einwirkungen aus dem ärztlichen Kollegium, ~Collegium Hippocraticum~, eine ärztliche Lehranstalt wurde, darüber läßt sich auf Grund der zugänglichen, von Legenden umsponnenen, Quellen nichts Sicheres aussagen, ~nur das Eine steht fest, daß die Schule von Salerno keineswegs eine kirchliche Stiftung war und durch ihren von Anbeginn an laikalen Charakter inmitten der geistlichen Bildungsanstalten, inmitten der Klerikermedizin, eine ganz isolierte Stellung einnahm~.

[1] Die griechische Sprache erhielt sich in manchen Gegenden Unteritaliens als lebende Sprache Jahrhunderte hindurch und noch als Adelard von Bath im Laufe seiner Reisen (vor 1116) in die Nähe von Salerno kam, hörte er einen ~griechischen~ Philosophen über Medizin und Naturwissenschaft disputieren.

[2] Um die Mitte des 9. Jahrhunderts (zur Zeit als Ludwig II. nach Italien kam) gab es z. B. in Benevent 32 „Philosophen”, d. h. Lehrer profaner Wissenszweige.

[3] Horaz, Ep. I, 15.

Salerno, das von einer Reihe antiker Autoren (Strabon, Lucanus, Silius Italicus, Vellejus Paterculus, Plinius) erwähnt wird, genoß schon in der römischen Kaiserzeit den Ruf eines Kurorts (wetteifernd mit Bajae). Während des Mittelalters spielte es eine wichtige Rolle in der politischen Geschichte Unteritaliens und diente den Herzögen von Benevent, später eigenen Fürsten als Residenzstadt.

Der Ursprung der Schule von Salerno ist trotz eingehendster Nachforschungen in Dunkel gehüllt. Von den Vermutungen, die im Laufe der Zeit darüber geäußert wurden, entbehren manche jeder ernsten Grundlage, wie z. B. daß Karl der Große, daß alexandrinische Flüchtlinge oder gar, daß die Araber als Gründer anzusehen seien. Gegen die früher allgemein verbreitete Meinung, daß die Stiftung von den Benediktinern, von Monte Cassino, ausging, sprechen nicht wenige Argumente -- abgesehen von der bedeutenden Lokaldistanz zwischen Salerno und dem Stammkloster der Benediktiner und von dem vielsagenden Schweigen der geistlichen Chroniken über eine solche Stiftung -- insbesondere der Umstand, daß in Salerno die Vorsteher der Schule verheiratet waren, und daß sogar Frauen zur Lehrtätigkeit zugelassen wurden, was mit einem geistlichen Charakter der Anstalt unvereinbar gewesen wäre. Freilich schloß es die laikale Gründung der Schule nicht im geringsten aus, daß an ihr auch Kleriker dozierten, und wahrscheinlich trugen zum ersten Aufschwung die Benediktiner manches indirekt bei[4]. Die in den Chroniken von Salerno (vgl. Mazza, Urbis Salernitanae histor. et antiquitat., Napoli 1681) niedergelegten Nachrichten, wonach die dortige Schule von vier Aerzten verschiedener Nationalität gegründet worden sei, von denen jeder in seiner Muttersprache vorgetragen habe -- ~Helinus~ primum Salerni Medicinam Hebraeis de litera Hebraica legit, Magister ~Pontus~ graecus de litera graeca Graecis, ~Adela~ Saracenus Saracenis de litera Saracenica, Magister ~Salernus~ Latinis Medicinam de litera latina legit[5] -- sind in den Bereich der Legende zu verweisen, aber sie geben vielleicht einen Fingerzeig in der Richtung, daß sich möglicherweise außer der griechisch-römischen Tradition auch jüdische und arabische Einflüsse, letztere wohl von Sizilien her, in freilich nicht bestimmbarem Ausmaße geltend gemacht haben[6].

[4] Salerno -- um 500 Bistum, seit 974 Erzbistum -- zog nicht nur durch sein Klima und durch die benachbarten Mineralquellen, sondern namentlich auch als Wallfahrtsort (Reliquien der hl. Susanna, Thekla, Archelais, des Apostels Matthäus) Kranke von weither an. Die Benediktiner besaßen daselbst seit Ende des 7. Jahrhunderts ein Kloster, mit welchem 820 ein ~Hospital~ in Verbindung gebracht wurde. Zwischen der Theurgie und der weltlichen Heilkunst bestanden überhaupt noch nicht solche Gegensätze wie in späterer Zeit, wir müssen vielmehr zwischen Klerus und salernitanischer Aerzteschaft die freundlichsten Beziehungen und Konkordanz der Anschauungen voraussetzen; natürliche und übernatürliche Heilpotenzen ergänzten einander harmonisch.

[5] Auch werden folgende sieben Meister der Heilkunst als die ersten Lehrer angeführt: Guglielmus de Bononia, Michael Stottus de civitate Salerni, Guglielmus de Ravengna, Enricus de Padua, Tetulus Graecus, Solonus Ebraeus, Abdana Saracenus, also Vertreter der vier Nationen, der ~Lateiner~, ~Griechen~, ~Juden~ und ~Araber~.

[6] Diese Einflüsse sind wohl am ehesten in der Materia medica zu suchen, wobei der Handelsverkehr mit Sizilien und der Levante den Vermittler machte. Möglicherweise haben die Schulen der Araber in Sizilien vorbildlich gewirkt. Eine Beteiligung von nichtchristlichen Elementen an der Schule ist nicht erweisbar, wiewohl es durch historische Zeugnisse feststeht, daß Juden in Salerno als Aerzte wirkten (z. B. Juda um 1005) und daß ihre dortige Existenz jedenfalls weiter zurückreicht als die salernitanische Literatur. Wahrscheinlich war aber die Tätigkeit der jüdischen Aerzte in der Regel nur auf die Glaubensgenossen beschränkt. Der jüdische Reisende Benjamin von Tudela, der bald nach 1160 Salerno besuchte, erzählt merkwürdigerweise -- was anderen Nachrichten widerspricht -- daß sich unter den dortigen 600 Juden kein Arzt befunden habe.

Als älteste Aerzte sind urkundlich nachweisbar Josep und Josan, Mitte des 9. Jahrhunderts, sodann Ragenifrid (950) und Grimoald (um 1000). Ueber einen in Salerno gebildeten Arzt, der in Frankreich vor dem Jahre 924 am Hofe Ludwigs des Einfältigen lebte, berichtet Richerus (Histor. II, 59) -- was gewiß schon für den Ruf der Schule spricht[7]. Jedenfalls kamen schon seit dem 10. Jahrhundert weltliche und geistliche Fürsten oft aus weiter Ferne, um bei den ~Medici Salernitani~ Hilfe zu suchen, so z. B. ~Adalberon~, Bischof von Verdun, im Jahre 984, der Abt von Monte Cassino, ~Desiderius~ (später Papst Victor III.), um 1050, ~Bohemund~, der Sohn des Herzogs Guiscard, ~Robert~, der Sohn Wilhelm des Eroberers, die beiden letzteren, um ihre im Kriege erhaltenen Wunden heilen zu lassen. Während der Kreuzzüge suchten heimkehrende kranke Krieger häufig in dem günstig gelegenen Salerno Zuflucht, wodurch die Erfahrung der Aerzte bedeutende Bereicherung empfing. Den hohen Ruhm der Schule bezeugen der Dichter und Arzt, spätere Erzbischof von Salerno, ~Alphanus~ (Mitte des 11. Jahrhunderts)[8], der kirchliche Geschichtschreiber ~Ordericus Vitalis~ († 1141)[9], ein 1162-1164 am Hofe des Bischofs Reinald zu Köln verfaßtes ~Carmen Archipoetae de itinere Salernitano~[10], der jüdische Reisende ~Benjamin von Tudela~, der Erzbischof und Arzt gekrönter Häupter ~Romualdus~ (Chron. p. 172, Civitas medicinae utique artis diu famosa atque praecipua) u. a. Allbekannt ist die Rolle, welche Salerno in dem Gedichte „~Der arme Heinrich~” von Hartmann von der Aue (um 1200) spielt.

[7] Richerus (vgl. S. 272) erzählt nämlich von der Eifersucht und dem Wettstreit zwischen Deroldus, dem Günstling des Königs, und einem Salernitaner Arzt, dem Schützling der Königin. Ersterer wird als „in arte medicinae peritissimus” geschildert, der gelehrt von den „differentias dinamidiarum”, von der „farmaceutica, cirurgia, butanica” zu sprechen wußte, während der letztere zwar „ingenium” und empirische Kenntnisse, aber keine hinlängliche wissenschaftliche Bildung -- „nulla literarum scientia imbutus” -- besaß. Der Salernitaner unterliegt im gelehrten Dispute und auch bei den gegenseitigen Vergiftungsversuchen (!) der beiden Rivalen.

[8] Dieser rühmt die Blüte der medizinischen Kunst in Salerno während einer dem 9. Jahrhundert angehörenden Epoche und deutet an, daß sich zu seiner Zeit schon Spuren des Verfalles geltend machten: „~Tum medicinali tantum florebat in arte.~”

[9] Histor. ecclesiast. III. An zwei Stellen: Unter dem Datum vom Jahre 1059 wird berichtet, daß der berühmte Rodolfus, genannt Mala Corona, nach Salerno kam, „ubi maximae medicorum scholae ab antiquo tempore habebantur”, unter dem Datum vom Jahre 1085 heißt es: „Medici Psalerniae, quorum fama per orbem admodum divulgata est excellentia medicinalis peritiae”.

[10] Abgedr. in Grimm, Kleinere Schriften, Berl. 1866, p. 64. Es rührt von einem Manne her, der aus Salerno, wo er Studien halber geweilt hatte, auf Geheiß des Bischofs zurückgekehrt war und beginnt mit den Versen:

„En habeo versus, te praecipiente, reversus, Sit [tibi] frons laeta versus recitante poeta. Laudibus eternum nullus negat esse Salernum; Illuc pro morbis totus circumfluit orbis. Nec debet sperni, fateor, doctrina Salerni Quamvis exosa michi sit gens illa dolosa.”

Den medizinischen Unterricht erteilten gleichzeitig mehrere (später 10) Lehrer, an der Spitze des „Collegium Hippocraticum” stand ein Praeses, Praepositus, Prior (d. h. ein Dekan); die Lehrer waren anfangs auf das Honorar angewiesen, welches die Schüler für den Unterricht zahlten, später genossen sie (gleich den Studierenden) Steuerfreiheit, zuweilen auch die Nutznießung von Häusern und Grundstücken. Zu ihren Vorträgen hatten Angehörige jeder Nation und jedes Glaubensbekenntnisses Zutritt. Ende des 11. Jahrhunderts sollen sich unter der gewiß beträchtlichen Zahl oft aus weiter Ferne herbeikommender Studierenden auch viele Juden befunden haben. Als die Stadt Salerno mit ganz Unteritalien (seit 1075) unter die Herrschaft der Normannen kam und späterhin mit dem Königreich Neapel und Sizilien vereinigt wurde (1130), wurde die Schule nicht minder gefördert, ja gerade unter dieser Herrschaft erreichte sie den Gipfel ihres Ruhmes. Bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts erhielt sie sich im blühendsten Zustande. Sprößlinge der vornehmsten Geschlechter Salernos verschmähten es nicht, dem Collegium Hippocraticum anzugehören.

Die reiche, von den Salernitanern ausgegangene, Literatur ist hauptsächlich durch ~Henschel~ und ~Salvatore de Renzi~ bekannt geworden. Henschel fand 1837 in der Breslauer Bibliothek ein, aus 35 Schriften bestehendes, Sammelwerk -- Compendium Salernitanum --, das im letzten Drittel des 12. Jahrhunderts in Italien geschrieben wurde und meist nur Bearbeitungen oder Auszüge aus salernitanischen Originalarbeiten enthält; ~Renzi~ durchforschte die Handschriftenschätze Italiens in Betreff des Vorhandenseins salernitanischer Schriften und veröffentlichte die Ergebnisse seiner verdienstvollen Bemühungen in der, unter Mitwirkung von Henschel, Daremberg und Baudry de Balzac zustande gebrachten, ~Collectio Salernitana, ossia documenti inediti e trattati di medicina appartenenti alla scuola medica Salernitana~ (Napoli 1852-59), 5 Vol. In letzter Zeit bereicherte ~Piero Giacosa~ unsere Literaturkenntnis wesentlich durch Herausgabe mancher bisher unbekannter salernitanischer Schriften in dem Werke ~Magistri Salernitani nondum editi~ etc., Torino 1901.

Die ältesten Literaturdenkmäler der Schule von Salerno, in barbarischem Latein und zu rein ~didaktischen Zwecken~ verfaßt, rühren aus der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts her und beruhen auf jenen ~Traditionen unverfälscht griechisch-römischen Ursprungs~, wie sie sich in den dunklen Jahrhunderten des frühen Mittelalters fortgepflanzt hatten. Sie sind der Hauptsache nach ~Kompilationen~ aus spätrömischen Autoren und dem dürftigen lateinischen Uebersetzungsmaterial, welches extraktweise einen Rest der griechisch-byzantinischen Literatur bewahrte. Der Schwerpunkt liegt in der ~Therapie~, welche Spuren von Selbständigkeit nicht vermissen läßt, ~die medizinische Theorie ist ein Gemenge von Fragmenten der Humoralpathologie und des Methodismus~. Unverkennbar ist es mehr die ärztliche Genossenschaft in toto als die Individualität einzelner Verfasser, welche in den Erstlingsschriften der Salernitaner zu Worte gelangt[11].

[11] Auch noch später kam dies öfter auch äußerlich in der Autorschaft der „tota Schola” zum Ausdruck.

Als Hauptrepräsentant der salernitanischen Frühepoche ist ~Gariopontus~ († um 1050) anzusehen, von dessen (angeblichen) Werken sich insbesondere ein Handbuch der speziellen Pathologie und Therapie, der „~Passionarius~” als Prototyp für die medizinischen Studien größter Beliebtheit bei Zeitgenossen und späteren Aerzten erfreute. Es ist dies keineswegs ein selbständiges Opus, sondern nur eine geschickte, mosaikartige Zusammenfügung von verschiedenartigen literarischen Bruchstücken, die teils aus spätrömischen Autoren (namentlich Theodorus Priscianus), teils aus alten lateinischen Uebersetzungen (bezw. Bearbeitungen) antiker und byzantinischer Schriftsteller herstammen[12]. Gariopontus kann dabei nicht einmal das Verdienst in Anspruch nehmen, mit seiner Kompilation, abgesehen vielleicht von der Auswahl und Anordnung der Exzerpte, etwas Eigenartiges hervorgebracht zu haben, denn tatsächlich handelte es sich bloß um eine Neuredaktion alter Vorlagen. In das Zeitalter des Gariopontus -- vielleicht aber noch weiter zurück -- ist auch die ~Practica~ des „~Petroncellus~” zu verlegen, welche mit einer historischen Einleitung anhebt. Von der schriftstellerischen Tätigkeit einiger anderer zeitgenössischer Autoren, des Alphanus, des älteren Joh. Platearius und des älteren Kophon haben wir nur durch Hinweise oder einzelne Fragmente in der späteren Literatur Kenntnis. Wie die Genannten, ja teilweise sogar in noch höherem Grade, erfreute sich die salernitanische Aerztin ~Trotula~ (um 1059) eines lang anhaltenden Ansehens als Verfasserin von Schriften über die Pathologie und Therapie, namentlich über die ~Krankheiten der Frauen und deren Behandlung~. Manches, was davon auf uns gekommen ist, mag freilich nur mit Unrecht ihren Namen tragen und weit später entstanden oder mindestens durch Interpolationen sehr verändert worden sein[13].

[12] ~Der Zweck, der bei der Abfassung des Passionarius voranleuchtete, bestand darin, eine für die Bedürfnisse des praktischen Arztes genügende, enzyklopädische Zusammenstellung der notwendigsten medizinischen (insbesondere therapeutischen) Kenntnisse zu bieten -- also eine „Summa medicinalis”. Der Passionarius des G. hatte aber weit ältere Vorgänger, und bereits seit dem 8. Jahrhundert läßt sich das Streben nach derartigen Zusammenstellungen von Exzerpten theoretisch-praktischen Inhalts deutlich in den Mönchscodices verfolgen, welche den gleichen Stoff, nur in roher Form enthalten~, vgl. S. 256 und 257.

[13] Die „~mulieres Salernitanae~”, häufig bei den salernitanischen Schriftstellern zitiert wegen ihrer reichen Kenntnisse namentlich in gynäkologischen und kosmetischen Dingen, waren zum Teil wirkliche Aerztinnen, und es bildete keine Seltenheit, daß insbesondere Frauen oder Töchter der Vorsteher des Collegiums als Lehrerinnen und ~ärztliche Schriftstellerinnen~ auftraten. Unter den letzteren werden im Lauf der Jahrhunderte erwähnt ~Abella~ (schrieb de atra bile und de natura seminis in Versen!), ~Mercuriade~ (schrieb de crisibus, de febre pestilentiali, de curatione vulnerum), ~Rebecca Guarna~ (schrieb de febribus, de urinis, de embryone), ~Constanza Calenda~ u. a. Gelegentlich der Erwähnung dieser weiblichen Aerzte sagt Mazza (vgl. S. 281) ~nam ad medicam facultatem mulieres sicut viros aptas esse~, scripsit Plato de re publica lib. V.

•Gariopontus• (Guaripotus, Garimpotus, Garimpontus, Warmipotus, Warimbotus, Raimpotus, Warbodus u. s. w.) war wahrscheinlich ein Longobarde und wirkte in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts. Der unter dem Namen des Gariopontus gehende ~Passionarius~, auch unter dem Titel ad totius corporis aegritudines remediorum πράξεων libri quinque (Basil. 1531), eine Kompilation aus lateinischen Uebersetzungen griechisch-byzantinischer Autoren (Hippokrates, Galen ad Glauconem, Alexander von Aigina), ferner aus Caelius Aurelianus, Theodorus Priscianus, Aurelius ═ Esculapius u. a. wurde von ihm nicht verfaßt, sondern wohl nach weit älteren Vorlagen umredigiert. Der Passionarius erfreute sich bei den Zeitgenossen und den späteren Aerzten großen Ansehens, was besonders aus dem, einer ganz falschen Voraussetzung entspringenden, Titel „~Galeni Pergameni Passionarius~” (Lugd. 1526) hervorgeht. Mit den fünf Büchern des Passionarius bildete wahrscheinlich der, in manchen Ausgaben vorkommende, Traktat ~de febribus~ ursprünglich ein Ganzes. Das Werk ist sprachlich interessant (wegen mancher Uebergänge vom Lateinischen ins Italienische) und gewährt einen ausgezeichneten Einblick in die, zur damaligen Zeit geltenden medizinischen Grundanschauungen (Vermengung der Humoralpathologie mit dem Methodismus). In den Handschriften wird der Passionarius nicht immer auf Gariopontus zurückgeführt. Bezeichnenderweise lautet in der Baseler Hdschr. der Titel: Passionarium, seu Practica morborum Galeni, Theodori Prisciani, Alexandri et Pauli, quem Gariopontus quidam Salernitanus ~ejusque socii una cum Albicio~ emendavit, ab erroribus vindicavit et in hunc librum redegit. Die früher für einige pseudogalenische Schriften, ~de simplicibus medicamentis ad Paternianum de dynamidiis~, ~de catharticis~, in Anspruch genommene Autorschaft des Gariopontus ist auf Grund neuerer Forschungen abzuweisen, wahrscheinlich war er aber an der, in salernitanischen Kreisen unternommenen, Redaktion dieser Schriften beteiligt. Von Gariopontus berichtet Petrus Damianus folgendes: Dicam, quod mihi Guarimpontus senex, vir videlicet honestissimus, apprime litteris eruditus ac medicus retulit.

•Petroncellus• (Petrocellus, Petricellus, Petronsellus, Petronius). Die unter diesem Namen laufenden Fragmente rühren nicht von einem und demselben Autor her. -- Von der ~Practica~ (Coll. Salern. IV, 185-291) stammt das erste Buch, welches sich sprachlich durch eine Menge von latinisierten griechischen Worten charakterisiert, aus der Epoche des Gariopontus oder aus noch früherer Zeit; das zweite und namentlich das dritte Buch (beide nur in Bruchstücken erhalten) sind davon erheblich verschieden. In der Materia medica des Petroncellus kommen bereits einzelne, durch den Handelsverkehr zugeführte, arabische Drogen vor. Die fragmentarischen ~Curae~ (Coll. Salern. IV, 292-315) dürften weit späteren Ursprungs sein. -- Der ~angelsächsische Traktat~ (um die Mitte des 12. Jahrhunderts) περὶ διδάξεων ═ Lehren sc. der mediz. Schulen (ed. O. Cockayne in Leechdoms etc. vol. III) erweist sich zum größten Teile als eine Uebersetzung der Practica des Petroncellus (vgl. die Parallelstellen bei M. Löweneck in Erlanger Beitr. zur engl. Philologie XII, 1896).

•Alphanus• (um die Mitte des 11. Jahrhunderts), vorübergehend Mönch in Monte Cassino, Freund des Desiderius, später Erzbischof von Salerno, verfaßte nach Angabe des Petrus Diaconus u. a. die Schriften ~de quatuor elementis corporis humani~, de unione corporis et animae.

•Trotula•, aus der Familie der Ruggiero, vermutlich Gattin des Joh. Platearius I., von den Zeitgenossen wegen ihrer Gelehrsamkeit gefeiert[14], „sapiens matrona”, und von späteren Autoren häufig zitiert, gilt als Verfasserin mehrerer, zumeist bloß handschriftlich erhaltener, Schriften. Die unter ihrem Namen gedruckte Schrift „~de mulierum passionibus ante, in et post partum~” erweist sich als ein literarisches Produkt des 13. Jahrhunderts, stellt aber höchstwahrscheinlich den Auszug aus einem, die gesamte Medizin behandelnden, Werke der Trotula dar (ed. in der Coll. Aldina, Venet. 1547, in Casp. Wolph., Gynaec., Basil. 1566, in Spach, Gynaecior., Argent. 1597, als Einzelausgabe ed. Kornmann, Leipz. 1778). Die Schrift handelt auch über manche, nicht zum Titel passende Gegenstände, z. B. über körperliche Erziehung der Kinder, Dentition, Kosmetik etc. Neben vielem Abergläubischen findet sich in den geburtshilflichen Kapiteln die seit Soranus vergessene Vorschrift über den Dammschutz (vgl. Bd. I, S. 345), die Beschreibung der ~Perinaeoraphie~ bei totalem Dammriß, die Empfehlung, zur Austreibung des toten Kindes Schüttelungen vorzunehmen. -- Fragmente über verschiedene Themen der Medizin finden sich in der anonymen Schrift ~de aegritudinum curatione~, vgl. unten.

[14] ~Trotula~ wird als multae doctrinae matrona Salernitana gerühmt und soll nach dem Zeugnis des Odericus Vitalis allein unter allen Salernitanern dem gelehrten Rudolfus Mala Corona an medizinischem Wissen gewachsen gewesen sein (vgl. S. 282, Anmerkung 4).

In diese Epoche (um 1050) gehört auch das •Speculum hominis• (Coll. Salern. V, 173-198), ein unvollständig erhaltenes medizinisches Lehrgedicht (1011 Verse), welches wahrscheinlich ein Italiener um die Mitte des 11. Jahrhunderts verfaßt hat. Es handelt vom Menschen und seinen Teilen, von den Altersstufen, von den Verwandtschaftsverhältnissen, der Ehe, von akuten und chronischen Leiden. Der Hauptsache nach liegt eine Versifikation der entsprechenden Abschnitte des ~Isidorus~ (Origin. XI. 1, 2, IX. 5, 6, 7, IV. 6, 7) vor, weshalb auch hier die etymologischen Erklärungsversuche vorwalten. Der Zweck und die Quelle des Lehrgedichts ist in den nachfolgenden Versen angegeben:

Est homo mens: nitor de partibus eius 5. Ethimologias, et earum ponere causas.

Que mea metra serunt, aliorum prosa fuerunt, 10. Prosam imitavi, quia metrum plus placet auri.

De variis hominis sum partibus ista locutus 735. Ysidorum super hiis pro magna parte secutus.

Die Erstlingsschriften der Schule von Salerno zeigen in anerkennenswerter Weise, was der strebsame Geist echten Arzttums selbst einem äußerst kärglichen Boden noch an Früchten fürs praktische Leben zu entlocken vermag. Ein Hinauswachsen über die einmal erreichte, bescheidene Höhe lag aber schon deshalb kaum im Bereiche der Möglichkeit, weil die Stoffzufuhr aus der kümmerlichen Hinterlassenschaft der Antike gerade bei intensiver Verarbeitung derselben allzu rasch versiegen mußte. Darum besitzt die Salernitaner Medizin dieser Epoche zwar den Reiz keuscher Jugendfrische, aber sie erscheint mit ihrem recht losen theoretischen Unterbau, mit ihrer roh gezimmerten Symptomatik, mit ihrem noch armseligen therapeutischen Rüstzeug naiv und dürftig, wenn die Bilder der gleichzeitigen byzantinischen oder gar der arabischen Heilkunde auftauchen.

Eine Entwicklung im Sinne einer strafferen und breiter angelegten Theoretisierung, im Sinne einer feiner ausgesponnenen Symptomatik und erweiterten Therapie macht sich erst seit den letzten Dezennien des 11. Jahrhunderts in der, nunmehr auch bedeutend anschwellenden, Literatur geltend. Dieser Umschwung, der fast akut einsetzte, wurzelt nicht in inneren Momenten, sondern ist auf die ungemein fruchtbare schriftstellerische Tätigkeit eines Mannes zurückzuführen, dessen Beziehungen zur Schule von Salerno zwar keineswegs klar gestellt sind, dessen kräftige Impulse aber in ihren Leistungen während der Folgezeit deutlich zu Tage treten, nämlich auf das Wirken des ~Constantinus Africanus~ († 1087), welcher durch seine lateinischen Uebersetzungen und Kompilationen der Medizin des Abendlandes neues Forschungsmaterial zuführte und zugleich (auf dem Umwege über das Arabische) das weithin verschüttete Quellgebiet der Antike wieder in größerem Umfange bloßlegte.

Die Nachrichten, welche über die Lebensgeschichte des Constantinus (Afer s. Africanus, auch C. Memphita) auf uns gekommen sind, bieten nur wenig sichere Anhaltspunkte und sind zum größten Teil ins Gebiet der Mythe zu verweisen. Constantinus dürfte im ersten Viertel des 11. Jahrhunderts (um 1018) in Karthago geboren worden sein (ob als Christ ist zweifelhaft) und soll sich auf vieljährigen Studienreisen, die sich tief in den Orient erstreckten (angeblich nach Babylonien, Indien, Aegypten, Aethiopien) eine erstaunliche und vielseitige Gelehrsamkeit, verknüpft mit gründlichster Kenntnis der morgenländischen Sprachen, erworben haben. Er kehrte zunächst nach seiner Vaterstadt zurück, mußte aber von dort schon nach kurzer Zeit flüchten, weil er wegen seines überlegenen Wissens in den Verdacht der Zauberei geriet und daher Verfolgungen ausgesetzt war. Constantinus zog nach Italien und lebte einige Jahre in ~Salerno~ (angeblich als Sekretär des Herzogs Robert Guiscard), ~ohne daß wir bestimmt wissen, ob er an der dortigen Schule als Lehrer auftrat~. Sichergestellt ist nur, daß er in der klösterlichen Abgeschiedenheit von ~Monte Cassino~, wo er (nach 1070) unter dem gelehrten und um die dortige Bibliothek so verdienten Abte Desiderius als Mönch freundlichste Aufnahme fand, seine umfangreiche schriftstellerische Tätigkeit entfaltete. Dort dürfte er um 1087 oder noch später gestorben sein.

Ausgaben der Werke des Constantinus.

~Opera~, Basil. 1536 enthalten: ~De omnium morborum, qui homini accidere possint, cognitione et curatione~ (7 Bücher)[15], ~de remediorum et aegritudinum cognitione~ ═ „~Liber aureus~” (cui autor ipse titulum fecit aureus, qualem jure meretur, cum propter brevem omnium morborum descriptionem tum magnam remediorum vim), ~de urinis, de stomachi naturalibus et non naturalibus affectionibus liber vere aureus, de victus ratione variorum morborum liber, de melancholia, de coitu, de animae et spiritus discrimine, de incantationibus et adjurationibus epistola, de mulierum morbis, de ea medicinae parte quae dicitur Graecis χειρουργία liber, de gradibus quos vocant simplicium liber~.

[15] ═ Viaticum.

~Operum reliqua~, Basil. 1539, enthalten: ~De communibus medico necessariis locis~ (10 Bücher)[16].

[16] ═ Der erste Teil („Theorice”) d. Pantegni.

Als Anhang zur lateinischen Ausgabe der Werke des Isaac Judaeus Repertoriorum seu indicum omnium operum Ysaac in hoc volumine contentorum coadunatio, Lugd. 1515, finden sich: ~Libri Pantechni~ (quorum primi decem theoricam, alii autem decem practicam concernunt), ~de gradibus medicinarum, Viaticum~ (7 Bücher), ~de oculis~, ~de stomacho~, ~de virtutibus simplicium medicinarum~, ~Therapeutica~: megatechni libri Galeni, a Constantino Africano ... studiose abbreviati et ad epitomatis formam reducti), ~de oblivione~.

~Liber de humana natura, de membranis principalibus corporis humani, de elephantie et de remediorum ex animalibus materia~ (aus Albucasis Methodus medendi), Basil. 1541.

~Therapeutica~ s. megatechni (in Symphorianus Champerius Speculum medicinae, Galeni, Lugd. 1517).

~Breviarium dictum viaticum~ (in Rhazis opera parva), Lugd. 1510.

Die Chirurgie der Pantegni (nach einer von den Druckausgaben abweichenden Berliner Handschrift) ed. Pagel, Archiv f. klin. Chirurgie 81, Bd. I[17].

[17] ═ IX. Buch des zweiten Teils („Practice”) d. Pantegni.

Die angeführten Schriften führen zum größten Teile ganz mit Unrecht den Namen des Constantinus. Einerseits trägt dieser selbst daran Schuld, weil er Uebersetzungen oder Bearbeitungen fremder Schriften als eigene ausgab, anderseits kommt auch der Irrtum späterer Abschreiber in Betracht. Ohne hier auf die Einzelheiten der bisherigen, noch nicht abgeschlossenen, Forschungen einzugehen, seien nur einige der Identifizierungen beispielsweise angeführt. Der ~Liber Pantegni~ (Pantechni) entspricht dem ~Liber regalis~ des ~Ali Abbas~, das ~Viaticum~ rührt von ~Ibn al-Dschezzar~ her, ~de oculis~ ist eine Bearbeitung des, von ~Hunain ben Ischak~ verfaßten, Lehrbuchs der Augenheilkunde, ~de melancholia~ ist wahrscheinlich identisch mit der gleichbetitelten Schrift des ~Ischak ben Amran~; ~de animae et spiritus discrimine~ gehört dem ~Kosta ben Luka~, die ~Chirurgie~ entspricht dem 9. Buch der Practica des Liber regalis des ~Ali ben Abbas~ u. s. w., außerdem finden sich in der Sammlung ~pseudogalenische~ Schriften, z. B. de incantationibus, de mulierum morbis, de humana natura ═ de compagine membrorum[18].

[18] Diese pseudogalenische Schrift scheint nicht in der arabistischen Epoche, sondern früher verfaßt zu sein.

Abgesehen von einer nicht geringen Zahl angeblich eigener Werke, von denen sich aber die meisten der bekannt gewordenen als Bearbeitungen oder Uebertragungen von arabischen erwiesen haben (~Ali Abbas~, ~Isaac Judaeus~, ~Ibn al-Dschezzar~ u. a.) übersetzte Constantinus (nach arabischen Versionen) mehr oder minder frei z. B. die ~hippokratischen Aphorismen~, die ~Ars parva~ (Mikrotechne) ~Galens~ und ~Kommentare dieses Autors zu hippokratischen Schriften~ ins Lateinische, wodurch der Umkreis medizinischer Kenntnisse im Abendlande unleugbar ganz erheblich erweitert, das Studium der antiken Literatur neu belebt und ein Vorbild wissenschaftlicher Zusammenfassung und Darstellungsweise für die Zukunft gegeben wurde.

Als eigentliche Schüler des Constantinus sind bloß die Mönche ~Atto~[19] und ~Johannes Afflacius~ bekannt, welch letzterer eine Zeitlang in Salerno gelebt haben dürfte und in seinen Schriften ~de febribus et urinis~ und ~Curae~ (Afflacii) manchen Beweis von guter Beobachtung liefert.

[19] Atto soll Schriften seines Meisters in romanische Verse übersetzt haben.

Johannes Afflacius (um 1040-1100) „Saracenus”. Der dem Constantinus zugeschriebene „Liber aureus” rührt wahrscheinlich von ihm her oder beruht auf seinen Schriften. ~Tractactus de febribus~ aus „~curae de febribus et urinis~” (Coll. Salern. II, 737-767). Hier findet sich die Vorschrift, bei Fiebernden für die Abkühlung der Luft im Krankenzimmer folgendermaßen zu sorgen: fiat etiam artificialiter pluvialis aqua circa aegrum et haec facienda sunt si tempus fuerit calidum. Pluviali modo fiat. Accipiatur olla in fundo minutissime perforata et impleatur aqua, postea ligetur fortiter cum corda juxta lectum aegrotantis, ita ut guttae cadant in eum et sic infrigidabitur aer, ejus infrigidatio magis confert aegrotanti quam medicina interius recepta.

Der Einfluß des „~magister orientis et occidentis~”[20] reicht aber viel weiter, er läßt sich deutlich bei allen nun folgenden Salernitanern nachweisen, von denen ihn manche auch zitieren.

[20] So nennt Leo Ostiensis den Constantinus.

Nicht als ob mit Constantinus die Systemsucht und Polypharmazie der Araber sogleich ihren Einzug gehalten hätte -- dafür war der Boden im Abendlande noch gar nicht vorbereitet, auch sind es verhältnismäßig ungekünstelte arabische Autoren gewesen, wie Isaak und Ali Abbas, welche der Mönch von Cassino zugänglich gemacht hatte! Nicht als ob durch Constantinus die hippokratische Tradition in Salerno verdrängt worden wäre -- in der salernitanischen Literatur während des ausgehenden 11. und während der ersten Dezennien des 12. Jahrhunderts herrscht die schlichte Beobachtung, die einfache Deutung, die unbefangene, klare kasuistische Schilderung der Krankheitsvorgänge, die Neigung zu einer diätetischen oder doch mit Medikamenten nicht gar zu sehr überladenen Therapie noch weitaus vor. Aber nach dem Auftreten des Constantinus ist die Darstellungsweise, ohne in Schwülstigkeit und gelehrte Zitatenwut zu verfallen, unverkennbar gereifter geworden, die wissenschaftliche Grundlage ist -- dank der Vermittlung bisher verschollener oder unvollständig bekannter Schriften antiken Ursprungs -- bedeutend breiter, der Sinn für die medizinische Theorie prävaliert nunmehr entschieden gegenüber der früheren Empirie, die Auffassungen in der Pathologie zeigen größere Schärfe und Präzision, der ~Galenismus~ beginnt zusehends die letzten Reste des aus Römerzeiten noch nachklingenden Methodismus zu überwinden und gleichzeitig verfeinert sich die Semiotik, freilich hauptsächlich im Sinne einer subtilen ~Pulslehre~ und ~Harnschau~.

Derartigen Charakter besitzt die ~Practica~ des ~Bartholomaeus~, die ~Ars medendi~ des ~jüngeren Kophon~, die ~Practica brevis~ des ~jüngeren Johannes Platearius~.

Von ~Kophon~ hat sich auch ein Werkchen erhalten, welches deshalb von besonderem Interesse ist, weil es zum ersten Male in der mittelalterlichen Literatur des Abendlandes vom praktischen Betriebe der Anatomie Kunde bringt -- die sog. ~Anatomia porci~. Im Zusammenhang mit einer, bald darauf verfaßten anonymen, gewöhnlich als ~Demonstratio anatomica~ bezeichneten, Schrift erhalten wir durch diese Abhandlung überraschenden Einblick in das, freilich nur durch ~Tierzergliederung~ erworbene, ~anatomische Wissen und in die anatomischen Unterrichtsverhältnisse der Salernitaner~, welche gewiß nicht jungen Datums waren.

Ein nicht minder wertvolles Gegenstück hierzu -- nämlich insofern wir daraus ein deutliches Bild von dem Betragen des Salernitaner Arztes am Krankenbette empfangen --, bildet die ärztliche Hodegetik und klinische Propädeutik des ~Archimatthaeus~, betitelt ~De adventu medici ad aegrotum s. de instructione medici~. Dieselbe enthält Maximen der ärztlichen Politik, Anweisungen über das Untersuchungsverfahren (besonders Pulsfühlen und Harnschau), über die eventuelle Vornahme des Aderlasses, über die Krankendiät, über das Verhalten des Arztes bei der Prognosenstellung und schließt mit Ratschlägen, wie man sich hinsichtlich der Honorarfrage benehmen solle. Aus allem spricht reiche Erfahrung und ein höchst anerkennenswertes Streben nach einer individualisierenden, vorzugsweise diätetischen, Behandlungsweise. Eine von demselben Verfasser, leider nur unvollständig, auf uns gekommene ~Practica~ will, wie einleitend gesagt wird, nichts anderes als eine Sammlung von ~klinischen~, auf eigener Erfahrung beruhenden Vorträgen bieten; sie zeigt, welche unverdorbene jugendfrische Beobachtungsgabe den Vertretern der Schule eigen war, wie man den Unterricht auch am Krankenbette pflegte, und wie man mit einfachen vorzugsweise diätetischen Mitteln eine oft ganz zweckmäßige Therapie einzuschlagen wußte.

•Bartholomaeus• verfaßte ein übersichtliches Lehrbuch, die ~Practica~ (Coll. Salern. IV, 321-408), mit dem Nebentitel „Introductiones et experimenta in practicam Hippocratis, Galieni, ~Constantini~, graecorum medicorum”. Für die langdauernde Beliebtheit desselben sprechen Kommentare, namentlich frühzeitige Uebersetzungen resp. Auszüge und Bearbeitungen in verschiedenen Nationalsprachen. Bruchstücke einer niederdeutschen Bearbeitung in J. v. Oefele, die angebliche Practica des B., Papierhandschr. d. herzogl. Sachsen-Coburg-Gothaischen Bibliothek, Neuenahr 1894. Bruchstücke einer altdänischen Uebersetzung in H. Harpestreng's Danske Laegebog ed. Chr. Molbech, Kopenhagen 1826. Bartholomaeus erscheint als vortrefflicher Beobachter und nach feinerer Diagnostik strebender Arzt.

•Kophon• (II.) der Jüngere (denn er zitiert einen anderen, also älteren [vgl. S. 284], welcher der ersten Salernitanerperiode angehört haben muß und ebenfalls schriftstellerisch tätig gewesen zu sein scheint), verfaßte (1085-1100) eine anatomische Abhandlung, die gewöhnlich als ~Anatomia porci~ (fälschlich früher A. parvi galeni) bezeichnet wird (Coll. Salern. II, 388-391, weit vollständiger herausgegeben von J. Schwarz in „Die medizinischen Handschriften der k. Universitätsbibliothek zu Würzburg”, Würzburg 1907, p. 71-76) und eine ~Practica~, mit vorangehender ~Ars medendi~ s. Modus medendi et conficiendi (Coll. Salern. II, 415-505).

Die Anatomia porci ist eine Anleitung zum praktischen Studium der Anatomie an einem Schweine, gegründet auf das Beispiel der Alten, welche die Ergebnisse von Tierzergliederungen auf den Menschen anwendeten, und auf die Annahme, ~daß die inneren Organe des Schweines den menschlichen am meisten ähneln~: Quoniam interiorum membrorum corporis humani compositiones omnino erant ignotae, placuit veteribus medicis et maxime Galeno, ut per anatomiam brutorum animalium interiorum membrorum partes manifestarentur. Et cum bruta animalia quaedam, ut simia, in exterioribus nobis inveniantur similia „~interiorum partium nulla inveniuntur adeo similia, ut porci, et ideo in eis anatomiam fieri destinavimus~”. Einige Textproben mögen die Darstellungsweise beleuchten. „Est autem anatomia recta divisio, quae sic fit. Porcum debes inversum ponere, quem per medium gutturis incides, et tunc primum tibi lingua occurret, quae dextrorsum et sinistrorsum quibusdam nervis alligata est, qui motivi dicuntur. ... In radicibus linguae oriuntur duo meatus, scilicet trachea arteria, per quam transit ad pulmonem aer, et aesophagus, per quem mittitur cibus ad stomachus, et est trachea arteria super aesophagum, super quam est quaedam cartilago, quae dicitur epiglottis, quae clauditur aliquando, ut cibus et potus per eam non descendat, et aperiatur, ut aer intret et exeat. ... Tunc debes separare tracheam arteriam ab aesophago, et invenies pulmonem et cor. Cor vero est magis in sinistra parte; quorum quidlibet in sua capsula continetur. In capsula cordis colligitur materia, quae facit syncopen, in capsula pulmonis colligitur, materia, quae facit peripneumoniam. ... Et quod pulmo sit cavernosus, potestis probare, si cum calamo intromisso infletur. ...” Man ersieht aus diesen Sätzen, daß jedenfalls auch eigene, freilich sehr rohe Untersuchungen (~selbst pathologisch-anatomischer Art~) angestellt wurden. Die eigentümlichen anatomischen Bezeichnungen kennzeichnen deutlich die Abhängigkeit von griechischen und ~arabistischen~ Schriften, nämlich dem liber pantegni des Constantinus, z. B. zirbus, siphach.

Die Ars medendi (um 1090 entstanden) betrifft die allgemeine Therapie (diätetische Vorschriften, Verhaltungsmaßregeln nach der Purgation, Behebung von Verdauungsstörungen) und enthält auch einige Kapitel über Arzneizubereitung (de modo conficiendi); die Practica behandelt nach einer Einleitung über Pathologie und Therapie zunächst die Fieber, sodann die übrigen Krankheiten (darunter auch Ulzerationen des Rachens, Polypen der Nase und Kondylome), zum Schlusse die Lepra. Die Schrift unterscheidet sich durch verhältnismäßige Reinheit der Sprache und auch inhaltlich vorteilhaft von anderen. Gestützt auf die hippokratischen Aphorismen befleißigt sich der Verfasser im Gegensatz zu den Zeitgenossen einer mehr einfachen, das Krankheitsstadium berücksichtigenden, häufiger mit äußeren als inneren Mitteln hantierenden Therapie. In dieser kommen Grundsätze der Methodiker noch hie und da zur Geltung. Die Diagnostik beruht zum großen Teile auf der Uroskopie.

•Demonstratio anatomica• (Coll. Salern. II, 391-401). -- Die Demonstratio anatomica stellt eine Vorlesung dar, welche sich auf eine vorzunehmende und auf eine im vergangenen Jahre vorgenommene Sektion eines Schweines bezieht, im wesentlichen bildet der Inhalt nur eine erweiterte Ausführung der Anatomia porci des Kophon. Der Verfasser apostrophiert heftig seine Schüler, polemisiert mehrfach gegen Kophon, beruft sich auf Hippokrates (Aphorismen), Galen, den Liber pantegni, auf Isaac Judaeus (de urinis) und gedenkt seiner eigenen Erläuterungen zu Philareti lib. de pulsibus, sowie zu Johannes Damascenus. Bezüglich der Vorbereitungen zur Sektion wird empfohlen, das Schwein mittels Durchschneidung der Halsgefäße zu töten und, an den Hinterbeinen aufgehängt, gehörig ausbluten zu lassen. Die Tötung durch Herzstich sei zu verwerfen, weil sonst viel Blut in die „Membra spiritualia” eindringe, wodurch deren Demonstration erschwert würde; ebenso müsse man mit der Zergliederung beginnen, noch bevor der Kadaver erkaltet ist, weil sich sonst die „Arterien, Venen und Nerven” zusammenzögen und undeutlich würden. Die Körperteile sind unterschieden nach der Funktion als Membra animata, spiritualia und naturalia, die letztgenannten zerfallen wieder in nutritiva und generativa. In jeder dieser Gruppen gibt es wieder ~Haupt- und Nebenorgane mit unterstützenden Funktionen~. Inter animata ~cerebrum est principale~, quia virtus animalis in eo principaliter fundatur et quia alia ab eo oriuntur ut nervi, et ipsum quaedam sunt ~defendentia~, quaedam ~expurgantia~, quaedam ~adjuvantia vel deservientia~. Defendentia sunt ~haec pia mater~, quae in modum piae matris amplectens cerebrum defendit ipsum a duritie durae matris et ~dura mater~, quae defendit cerebrum et piam matrem a duritie carnis et ~carneum~, quae defendit omnia ab exterioribus. ~Expurgantia et adjuvantia~ sunt aures, oculi, nares et lingua cum palato. ~Aures~ namque depurgant ipsum a superfluitate colerica, ~oculi~ a melancholico, ~nares~ a sanguinea et flegmatica, ~palatum~ namque a flegmatica tantum. Haec eadem sunt adjuvantia. In der Gruppe der ~membra spiritualia~ ist das Hauptorgan das Herz; Schutzorgane sind für dasselbe Rippen, Häute, Zwerchfell, Herzbeutel; Reinigungsorgane und Hilfsorgane: Brustmuskel, Lunge, Arterien; Hauptorgan der ~membra nutritiva~ ist die Leber, zu ihren Schutzorganen zählen die Venen, zu den Reinigungsorganen Lunge, Hirn, Milz, Gallenblase, zu den Hilfsorganen z. B. Zähne, Magen, Därme. Nach denselben Prinzipien werden die ~membra generativa~ eingeteilt. In der folgenden sehr eingehenden Beschreibung einer Sektion wird stets auf die Physiologie (Teleologie) Rücksicht genommen, auch beziehen sich manche Bemerkungen auf die Pathologie. Beispielsweise setzen wir die Schilderung des Herzens hierher: Post haec inspicietis cor latere sinistro locatum, a pulmone lateraliter circumdatum et quodam panniculo undique apertum qui et dicitur capsula cordis in qua bene potest fieri apostema in corde aut nunquam aut difficillime. Saepe autem abundant in eo humor corruptus, qui facit syncopim, sed substantia cordis de partibus villosis et nervosis diverse positis et carne dura est composita, et hoc est propter motuum dilatationis scilicet et constitutionis diversitatem, eorundemque magnitudinem et velocitatem, ne molli substantia compositum ex his facile competeretur, sed forma ejus pineata est inferius lata superius acuta concava ex concavitatibus diversis, ut et facilior fieret motus et ne in angulis retenta superfluitas causa esset molestia.

•Johannes Platearius•[21] (II.) der Jüngere, so bezeichnet zum Unterschied von seinem Vater -- Johannes Platearius (I.) --, verfaßte ein systematisch geordnetes Handbuch der inneren Medizin ~Practica brevis~ (Ferrara 1488, Venet. 1497 u. ö., Lugd. 1525), von dem noch handschriftlich alte italienische und französische Uebersetzungen vorhanden sind[22], ferner ~Regulae urinarum~ (Coll. Salern. IV, 409-412); wahrscheinlich geht auf ihn auch die Schrift de conferentibus et nocentibus corpori humani (!) zurück.

[21] Platearius (a Platea, de la Plazza) ist der Name einer Salernitaner Aerztefamilie, deren Schriften erst in neuerer Zeit kritisch (aber nicht ganz sichergestellt) gesondert wurden. Die Stammtafel der Familie ist folgende:

Joh. Platearius (I) /-------------^-----------\ Joh. Plat. (II) Matthaeus Plat. (senior) | | Matthaeus Plat. (junior) Joh. Plat. (III)

[22] Mancherseits ist auch dem ~Joh. Platearius I.~, anscheinend ohne Begründung, eine Practica zugeschrieben worden. Daß derselbe ein sehr tüchtiger Praktiker war, geht aus Zitaten seines Sohnes in der Practica brevis hervor. Bemerkenswert ist zum Beispiel folgendes Zitat, welches sich auf die erfolgreiche Kur eines, mit Erstickungsgefahr verbundenen, Tonsillarabszesses bezieht: Praeterea jam imminente suffocatione lignum vel aliquod instrumentum bene politum, ore aperto, interius est figendum, ut rumpatur pellicula apostematis, cum summa tamen, cautela est faciendum. Ego nunquam feci sed pater meus beatae memoriae fecit. Dum enim cum quodam Salernitanus luderet ad aleas, Salernitanus illes quinantie subito occupatus est, et cum jam inciperet suffocari, et locum dolentem digito ostenderet, utpote loqui nequens, pater meus curam comperiens, cuneo dentibus interposito, clavam interius impulit et rupta est apostematis pellicula; et sic sanguine in multa quantitate fluente liberatus est ille.

•Archimathaeus•, vielleicht identisch mit Matthaeus de Archiepiscopo (Matteo de Vescova), von dem eine Schrift ~de urinis~ (Coll. Salern. IV, 506-512) erhalten ist, gilt als Verfasser einer ~Practica~ (Coll. Salern. V, 350-376) und einer an alte Vorlagen (vgl. S. 257) anknüpfenden ärztlichen Hodegetik ~de adventu medici ad aegrotum~ (Coll. Salern. II, 74-81) oder ~de instructione medici~ (Coll. Salern. V, 333-350). Die Practica enthält eine Kasuistik mit daran angeschlossenen klinischen Vorträgen, wobei auf Systematik verzichtet wird („Nec librum de novo contexere, nec ordinem me servare proposui, nec quocunque de quallibet egritudine sum dicturus, sed tantum ea que in quibusdam non omnibus experimento didici meliora et in quibus in manu mea Deus optatum posuit effectum”); auf die diätetische Therapie ist das Hauptgewicht gelegt.

Die Schrift des Archimathaeus ~de instructione medici~ deckt sich mit der anonym überlieferten ~de adventu medici~, nur ist letztere weniger ausführlich in den Einzelheiten. Der deontologische Abschnitt derselben -- ein Gemisch von Frömmigkeit, Naivität und Schlauheit -- gibt ein ausgezeichnetes Bild von dem genau geregelten Betragen des mittelalterlichen Arztes am Krankenbette, von seiner Untersuchungsweise, von seinem Verkehr mit den Kranken und seiner Umgebung. ~Unterlag doch im Mittelalter das ganze äußere Benehmen bestimmten Regeln~, gegen die ein Gebildeter niemals verstoßen sollte, so daß etwas ~Stereotypes~ durch die Menschen ging, wofür die Bilder in den Handschriften die anschaulichsten Zeugnisse geben.

Cum igitur, o medice, ad aegrotum vocaberis, adjutorium sit in nomine Domini. Angelus qui comitatus est Tobiam affectum mentis et egressum corporis comitetur.

Intrante tuo a nuntio sciscitare quantum est ex quo infirmus, ad quem vocaris, laboraverit; qualiter ipsum aegritudo invaserit: haec autem sunt necessaria, ut quando ad ipsum accesseris, aegritudinis ejus non omnino inscius videaris; ubi post visa urina, considerato pulsu, licet per ea aegritudinem non cognoveris, tamen si sinthoma quod praesciveras dixeris, confidet in te, tamquam in autore suae salutis, ad quod summopere laborandum est. ~Cum igitur ad domum ejus accesseris, antequam ipsum adeas, quaere si conscientiam suam sacerdoti manifestaverit, quod si non fecerit vel faciat vel se facturum promittat; quia si inspecto infirmo consideratis aegritudinis signis super his sermo fit, de sua incipiet desperare salute, quia et te desperare putabit.~ Ingrediens ad infirmum nec superbientis vultum, nec cupidi praetendas affectum, assurgentes tibi pariter et salutantes humili vultu resalutans et gestu eis sedentibus sedeas. Cum vero jam potus resumpseris, quibusdam verbis interpositis, quibus debes situm regionis illius laudare, dispositionem domus in qua es, si expedit, commendare, vel liberalitatem gentis extollere.

Tandem ad infirmum conversus qualiter se habeat quaeras et bracchium tibi exhiberi praecipias. Et quia ex carne spiritus, in te moti sunt, et infirmus, quia in adventu tuo multum delectatur, vel quia tamquam avarus de munere cogitat, propter diversas complexiones tum tui tum infirmi multoties in pulsuum cognitione deciperis. ~Data ergo securitate aegro interea jam spiritu quiescente pulsum consideres et attende ne super latus illud jaceat, ne digitos habeat extensos, vel in palmam reductos, et tu cum sinistra sustentes bracchium et usque ad centesimam percussionem ad minus consideres, ubi et diversa pulsuum genera investiges~, et astantes ex longa expectatione, verba tua gratiora suscipiant.

Post jubeas tibi afferri urinam, ut aeger et aegritudinem non solum per pulsum sed per urinam cognovisse putet. ~In urina autem diu attendas colorem, substantiam, quantitatem et contentum~; post aegroto cum Dei auxilio salutem promittas. Cum autem ab eo recesseris, domesticis ejus dicas ipsum multum laborare, quia ab hoc, si liberabitur, majoris meriti eris et laudis, si vero moriatur testabuntur et a principio de ejus desperasse salute. Unde praeterea moneo ne uxorem vel filiam, vel ancillam oculo cupido respicias; haec medici excoecant animum operantis et Dei immutant sententiam cooperantis, et medicum aegro faciunt onerosum et de se minus bene sperantem. Sis ergo sermone blandus, vitae spectabilis, divino attentius expetens auxilio adjuvari. Cum autem te ad prandium, ut solet fieri, qui domui praesunt invitaverint, nec te importunum ingeras, nec in mensa primus eligas locum, licet sacerdoti et medico, ut solet fieri, primus, accubitus praeparatur; potum vel cibum non contemnas, nec fastidias quae forte de rure et ergo rusticano pane miliaceo ventris exuriem vix consueveras, refrenare. Dum autem comedis per aliquem astantium aegri saepe statum requiras; sic enim de te plurimum confidet infirmus, quem viderit inter delicias sui oblivisci non posse. Surgens autem de coena dicas tibi optime ministratum fuisse, de quo aeger valde laetabitur. ... Nun folgen Vorschriften über die ~Krankendiät~, über die (schon von Anbeginn der Kur an nötige) Verordnung der ~Digestiva~ (z. B. Oxymel, Syr. rosarum vel violarum, Syr. acetosus etc.) event. leichten ~Diuretica~ (z. B. Aq. petroselini, foeniculi, sparagi etc.) über den ~Aderlaß~. Bezüglich des letzteren ist auf das Krankheitsstadium, die Jahreszeit, den Kräftezustand und das Lebensalter des Kranken und den Krankheitssitz zu achten. ~Et a principio autumni usque ad principium veris a sinistro detrahe sanguinem, a principio autem veris a dextro; et propter passionem cerebri venam incide cephalicam, pro morbo spiritualium~ (Herz-, Lungenleiden) ~medianam, pro aegritudine nutrimentorum epaticam~ (═ basilicam). Sanguinis colorem attendas ut si fieri potest tamdiu detrahatur sanguis donec color malus mutetur in bonum.

Sehr interessant ist die Bemerkung, daß die exspektative Behandlung nach den Regeln des Hippokratismus, aus Gründen der ärztlichen Politik, unter Umständen durch eine ~Scheintherapie~ verschleiert werden müsse: ~Sed quia quidam aegri avaritiae inebriati veneno, dum vident sine medici auxilio naturam triumphasse de morbo, meritum medici retrahunt pariter et retardant dicentes: quid fecit medicus? Syrupis, unctionibus, fomentis videamur salutem inducere quam dedit natura et in alterius intremus labores, dicentes morbum post facturum graviorem insultum, nisi ei per medicinam succuratur, et sic quod natura fecit imputabitur medico.~

Ziemlich eingehend werden die Zeichen der Krise und die Therapie während derselben, ferner die Behandlung der Rekonvaleszenten erörtert. Den Schluß der Schrift bildet eine Anweisung über das angemessene Verhalten des Arztes beim Abschied.

Die beste Uebersicht über die spezielle Pathologie und Therapie der Schule von Salerno während ihrer Blüteepoche gewinnt man aus einem anonymen, im 12. Jahrhundert niedergeschriebenen Werke ~De aegritudinum curatione~[23], welches in seinem ersten Teile die Fieberlehre, in seinem zweiten, ziemlich umfangreichen Teile die örtlichen Krankheiten a capite ad calcem abhandelt. Während die Fieberlehre -- an Einfachheit der Klassifikation hervorstechend -- von einem und demselben unbekannten Verfasser herrührt, ist die zweite, die Lokalaffektionen betreffende, Abteilung eine Nebeneinanderstellung der Lehrmeinungen von sieben der bedeutendsten Meister der Schule über die gleichen Gegenstände, wobei die (S. 293 erwähnte) Practica des ~Joh. Platearius~ (die ihrem ganzen Umfange nach aufgenommen ist) den Faden bildet, und sodann stets in der nämlichen Anordnung Kapitel aus den Werken des ~Kophon~, ~Petronius~, ~Afflacius~, ~Bartholomaeus~, hie und da auch Abschnitte aus den Schriften des ~Ferrarius~[24] und der ~Trotula~[25] folgen. Dieses mosaikartige Kompendium, welches geradezu als Schulbuch der inneren Medizin von Salerno betrachtet werden kann, spiegelt den, in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts erreichten, Wissensstand wohl am getreuesten wieder und zeigt, daß sich die führenden Meister schon bis zu einem gewissen Grade zur Selbständigkeit in der Krankheitsauffassung und Behandlungsweise emporzuringen vermochten. Nur ganz vereinzelt lassen sich -- in Hinweisen auf Janus Damascenus (vgl. S. 204) und die „Libri Saracenorum” -- die Vorboten des beginnenden, aber noch recht unwesentlichen Einflusses der arabischen Medizin erkennen.

[23] Die salernitanische Literatur ist nicht arm an anonymen Schriften, von denen außer der oben erwähnten und der Demonstratio anatomica (vgl. S. 292) noch folgende in diesen Zeitraum gehören: ~De modis medendi s. de curationis generibus~ (Coll. Salern. II, 727-736), wahrscheinlich aus der Zeit des Kophon, mit starker Betonung des Methodismus in der Therapie; ~Tractatus de curis~ (in Giacosas Magistr. Salern. 177-277) stimmt an vielen Stellen mit dem Passionarius überein und hängt wahrscheinlich mit einer (ibidem 169-174) nur im Bruchstück erhaltenen Abhandlung über allgemeine Therapie zusammen; ~de signis bonitatis medicamentorum~ (Coll. Salern. II, 402-406), handelt in alphabetischer Ordnung von 118 lediglich in Italien gebrauchten Arzneistoffen vom pharmakognostischen Standpunkte und wurde wahrscheinlich im 11. Jahrhundert verfaßt; ~de confectione medicamentorum~ (in Giacosas Magistr. Salern. 293-326); ~de urinis~ (Coll. Salern. II, 413-418).

[24] Nur in den Abschnitten über Augenaffektionen und Lepra.

[25] In den Abschnitten de catalepsia, contra ictum oculorum, de rubedine oculorum, de oculis lacrymosis, de dolore aurium, de gingivis, de dolore dentium, de pleuresi, de vomitu excitando, de dolore intestinorum, de tortione ventris, de solutione ventris, de lapide in renibus.

•De aegritudinum curatione• (Coll. Salern. II, 81-385). Nach dem Vorbilde der antiken Doktrinen werden die ~Fieber~ (je nachdem am Pneuma, in den festen Teilen oder in den Säften die Krankheitsursache liegt) eingeteilt in Eintagsfieber (~effimera~), hektische (~ethica~) und Faulfieber (~putrida~); die Faulfieber zerfallen wieder in intermittierende (~interpolata~: cotidiana, tertiana, quartana) und kontinuierliche (mit verschiedenen Unterarten: z. B. Synochus und Hemitriteus). Die Behandlung war vorzugsweise diätetisch oder kühlend (Umschläge, Einpackungen, Bäder), im Sinne einer Kausaltherapie wandte man Purganzen, bei Wechselfiebern Brechmittel an. ~Nervenleiden und Psychosen.~ Phrenitis (frenesis) gilt als Apostema (Abszeß) der vorderen Gehirnkammer, Lethargus (litargia) als Apostem der hinteren Gehirnhöhle. Gleiche Lokalisationsversuche finden sich in den Definitionen anderer Affektionen, z. B. Apoplexia est opilatio omnium ventriculorum cerebri cum privatione vel diminutione sensus et motus.... Epile(m)psia est opilatio principalium ventriculorum cerebri.... Mania est infectio anterioris cellulae capitis cum privatione imaginationis. Melancholia est infectio mediae cellulae capitis cum privatione rationis (vgl. hierzu die Gehirnlokalisationen des Poseidonios und Nemesios). Melancholie und Manie unterscheiden sich dadurch, daß bei der ersteren der Sitz der Vernunft, bei der letzteren der Sitz der Einbildungskraft betroffen ist. Unter den Ursachen werden auch Gemütsaffekte, Ueberanstrengung, Geldverlust etc. angeführt. Das Krankheitsbild variiert je nach der zugrunde liegenden Säfteanomalie; liegt die Krankheitsursache in der gelben Galle, so sind Symptome der Exaltation im Vordergrunde (furor, maniaca confidentia, clamant, saltant, currunt, se et alios percutiunt, vigilant), während die schwarze Galle Depressionserscheinungen und Zwangsvorstellungen hervorruft (timent, plangunt, in angulis domorum et in latebris latitant, sepulcra mortuorum inhabitant vel falsas et varias habent suspiciones, quidam putant se non habere caput, quidam putant, angulum sustinere mundi ... alii tenent pugnum clausum ita quod non potest aperiri, credunt nimirum se tenere thesaurum in manu, vel totum mundum ...). Die Therapie der Psychosen war ~somatisch~ (Diät, Purgieren, Blutentziehungen, innere und äußere Mittel) und ~psychisch~ (verborum, dulcedine et etiam artificio falsae suspiciones removendae sunt ... adsint soni musicorum instrumentorum u. a.). In der Behandlung der Epilepsie spielt die Diät eine wichtige Rolle (unter anderem Enthaltung a medullis, cerebellis) neben vielerlei absonderlichen Mitteln (darunter auch sanguis per scarificationem extractus cum ovo corvi). Paralysis ist definiert als lesio partis cum privatione vel deminutione sensus vel motus vel utriusque; der begleitende Tremor wird erklärt durch die Annahme einer unterbrochenen Nervenleitung. Krampf entsteht ex inanitione et repletione; aus sedativ wirkenden Substanzen zusammengesetzte Pflaster sind am Hals und an der Wirbelsäule zu applizieren (est nimirum ibi origo omnium nervorum et principium!). Ungemein reichhaltig ist der Abschnitt über die verschiedenen Formen des Kopfschmerzes und ihrer Begleiterscheinungen (cephalea, emigranea), daran reiht sich dolor frontis, inflatio cerebri, scotomia (vertigo). Gegen Hysterie, suffocatio matricis, kommen vorzugsweise scharf riechende Medikamente (Moschus und Ambra) zur Anwendung, überdies Vorschriften, die sich aufs Geschlechtsleben beziehen. Unter den ~Affektionen des Respirationstraktes~ finden Nasenleiden (Epistaxis, Fetor narium, Nasenpolypen), Ulceration der Trachea, Synanche (squissantia, Sammelbegriff für Krupp, Angina, Retropharyngealabszeß etc.), Heiserkeit, Husten, Asthma, Pneumonie, Pleuritis, Empyem, Phthise mehr oder minder eingehende Darstellung. Die Pneumonie (peripleumonia) wird als Apostema circa pulmonem, die Pleuritis (pleuresis) als Apostema in pleura definiert, die Differentialdiagnose stützt sich hauptsächlich auf das Verhalten des Schmerzes und des Urins; man unterschied von beiden Affektionen verschiedene Unterarten, welche aus der Aetiologie (Krankheitsursache in einem der vier Kardinalsäfte) hergeleitet wurden. Therapie: vorzugsweise diätetische Maßnahmen (Pneumoniker mußten sich in gleichmäßig erwärmter Luft aufhalten), Diaphoretika, bei kräftigen Personen Aderlaß (auf der dem Krankheitssitz ~gegenüberliegenden~ Seite; per antipasen ═ antispasin); am kritischen Tage (7., 9.) suchte man eventuell Nasenbluten zu erregen durch Kitzeln der Nasenschleimhaut mittels Schweineborsten. Von guter eigener Beobachtung zeugen mehrere der angeführten prognostischen Sätze, z. B.: Sputum sanguineum a principio, quod circa VII et IX diem in saniem convertitur et facile projicitur, bonum signum; sputum vero nigrum vel lividum vel viride perseverante dolore malum; urina nigra et residens non malum, urina tenuis et alba sine aliqua critica detentione raptum materie significat et mortem. Unter den Ursachen der Phthise wird auch das Austreten von Blut (aus einem geborstenen Gefäße) und dessen nachherige Umwandlung in Eiter angeführt: sanguis vertitur in saniem, et sanies inficit et ulcerat pulmonem. Bei beginnender Schwindsucht wird auf kräftige Ernährung das Hauptgewicht gelegt. Das Zustandekommen des hektischen Fiebers ist ganz mechanisch erklärt und zwar damit, daß die Lunge wegen der bestehenden Ulceration ihre Bewegungen einschränkt, weniger Luft aufnimmt und demgemäß das Herz nicht genug abkühlt. Es gibt zwei Arten der Schwindsucht, eine mit Ulceration, eine andere ohne Ulceration der Lunge. Diagnostisch wird besonderer Wert gelegt auf den fötiden Geruch des Atems, das beständige aber nicht hoch ansteigende Fieber, die Abmagerung, die gekrümmten Nägel, die Beschaffenheit des Sputums (foetidum si super carbones infunditur et si sputum in vase aliquo in nocte recipiatur et mane aqua calida super effundatur apparet in superficie aquae quasi quaedam crassities, in fundo putredine remanente) Haarausfall und Durchfälle verkünden den Exitus. Haemoptöe (roborierende Behandlung) läßt sich von Haematemesis durch die Betrachtung des Blutes unterscheiden, im letzteren Falle ist es „fetidus et corruptus”. Syncope wird an verschiedenen Stellen teils auf den Magen, teils auf Schwäche des Herzens (der Herzbewegung) zurückgeführt, ätiologisch kommen psychische Affekte, Inanition, Plethora etc., in Betracht; plötzlicher Tod ist -- wenn andere Ursachen nicht nachweisbar -- auf Syncope zurückzuführen, bedingt durch Verstopfung der Vena cava. Ueber den Ausgangspunkt der „Passio cardiaca” herrschen Zweifel, insoferne derselbe bald im Herzen, bald im Magen oder der Leber angenommen wurde. ~Affektionen des Intestinaltraktes~. Sehr ausführlich beschrieben sind: Magenschmerz, Brechneigung, Dyspepsie, Appetitlosigkeit, Heißhunger, Aufstoßen, Schlucken, Diarrhöe, Meteorismus etc., wobei möglichst eine kausale Therapie angestrebt wird; ebenso richtet sich die Behandlung des Bauchschmerzes nach der angeblichen Ursache (tortio ventris, colica passio, ventris inflatio, apostema in stomacho vel in intestinis etc.). Als Wurmmittel sind erwähnt: Aloë, succus absinthii, persicaria, pulvis lupinorum amarorum, pulvis centonica ═ Santonin. Bei Dysenterie (Discinteria dicitur a discindendo, quia in ea scinduntur intestina!) wurden erst nach der Darreichung von Abführmitteln Adstringentia gegeben. Nach griechischen Quellen gearbeitet, aber mit vielen Zusätzen versehen, sind die Abschnitte über Lienterie, Fluxus ventris, Tenesmus, Hämorrhoiden (Applikation von Bleisalbe, Abbinden, Kauterisieren), Prolaps des Mastdarms, Leber- und Milzleiden (Eisenfeile als Hauptmittel). Die Differentialdiagnose zwischen Ascites und Tympanites beruht unter anderem auf den •Perkussionsergebnissen•; bei dem ersteren gibt der Unterleib den Ton eines halbgefüllten Schlauches (percussus resonat in modum utris), bei Tympanites den einer Pauke (percussus resonat in modum timpani). ~Harnkrankheiten und Geschlechtsleiden.~ Zu den Nierenaffektionen wurde auch der Diabetes gerechnet: fieri ex nimia renum calefactione et retentione virtutis digestivae et debilitatione ... a quibusdam diarria urinae appellatur. Behandlungsweise diätetisch (Genuß grünen Blattgemüses, fetten Fleisches, herben Weines, Verbot diuretisch wirkender Substanzen), nebstdem äußere Applikationen in der Nierengegend, z. B. Pflaster, feindurchlöcherte Bleiplatten u. a. Durch viele gute Beobachtungen zeichnen sich die Kapitel über Hämaturie, Nierensteine, Dysurie, Strangurie, Blasenlähmung (häufiges Vorkommen bei Höflingen) etc. aus. Bemerkenswert ist darin das Streben nach einer Lokaltherapie („Localibus etiam adjutoriis subveniendum est”). Die Kapitel über die Affektionen des Genitaltraktes (Spermatorrhöe, Priapismus, Impotenz, verschiedenartige Schwellungen und Tumoren der männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane[26], Dysmenorrhöe etc.) nehmen einen breiten Raum ein, namentlich aber die Abschnitte, worin über Aphrodisiaca, Abortiva, über Mittel zur Beförderung oder Verhinderung der Konzeption etc. gehandelt wird. Was die ~Chirurgie~ (Wunden, Frakturen, Luxationen, Abszesse, Geschwülste, Verbrennungen etc.) anlangt, so enthält die Schrift de aegritudinum curatione fast nur Vorschriften über Salben, Dekokte, Umschläge u. s. w. Bezüglich der ~Geburtshilfe~ finden sich meist nur Rezepte und abergläubische Mittel. Die ~Augenheilkunde~ beschränkt sich fast ganz auf die äußeren Affektionen, zur Behebung der Cataracta ist die Sklerotikonyxis empfohlen. Von ~Ohrleiden~ sind angeführt: Schmerz mit oder ohne bestehende Eiterung, Geschwür, Würmer, Fremdkörper, Taubheit, Ohrenklingen. In der Ohrpathologie spielt die humorale Theorie (auch Krankheitszustände des Magens und der Leber) eine wichtige Rolle, in der Therapie (Salben, Kataplasmen, Einlagen, Instillationen, Räucherungen, Niesemittel, Gurgelmittel etc.) wurden vorwiegend unschädliche (zum Teil volkstümliche) Mittel verwendet. Wichtig ist der Rat, vor jeder Behandlung eine ~lokale Inspektion~ des Ohres vorzunehmen: „~primum considera foramen auris~”. In der ~Zahnheilkunde~ nehmen die Mittel zur Beförderung des spontanen Ausfalls kariöser Zähne einen breiten Raum ein. Die Lehre von den ~Hautkrankheiten~ (Lepra ═ Elephantiasis, Malum mortuum ═ Lupus, Morphaea, Scabies, Impetigo, Serpigo, Tinea) ist von der Humoralpathologie beherrscht, unter den Mitteln spielen Schwefel und auch ~Quecksilber~ (in Salben) eine wichtige Rolle; die ~Kosmetik~ ist durch zahlreiche Mittel (z. B. Enthaarungsmittel) vertreten.

[26] Bemerkenswert ist folgende Stelle (Coll. Salern. II, 330): solet in virga cavarus supervenire, qui nihil aliud est quam cancer cum inflatione (Schanker?).

Besaßen auch manche der bisher besprochenen salernitanischen Schriften eine über ihr Zeitalter und den Entstehungsort hinausragende Bedeutung, so trug doch zum dauernden Ruhm der Schule keine derselben auch nur annähernd so viel bei wie jenes merkwürdige, wohl dem 12. Jahrhundert entsprossene, Literaturprodukt, welches unter dem Namen •Regimen sanitatis Salernitanum• bekannt ist -- ein in leoninischen Versen[27] abgefaßtes medizinisches Lehrgedicht, das in seiner ursprünglichen, noch verhältnismäßig wenig umfangreichen Gestalt eine mehr für Laien als für wissenschaftliche Studien bestimmte Zusammenstellung von diätetisch-prophylaktischen Regeln darstellte, aber in den folgenden Jahrhunderten durch Zutaten verschiedenster und vielfältigster Art immer mehr zu einer metrischen Enzyklopädie der Medizin anwuchs. Es verdankte seine geradezu unvergleichliche Popularität weniger dem Inhalt als der leicht einprägbaren Form, der aphorismatischen Prägnanz und volkstümlichen, naiven Ausdrucksweise seiner Kernsprüche, die jahrhundertelang in der ärztlichen Welt von Mund zu Mund getragen wurden[28], zu Nachahmungen und Erweiterungen geradezu verlockten und noch heute in sprichwörtlichen Redensarten der meisten Völker fortklingen.

[27] Hexameter und Pentameter, in denen Mitte und Schluß sich reimen, z. B.: „Post coenam ~stabis~ seu mille passus ~meabis~.” „Contra vim ~mortis~, nulla est herba in ~hortis~.”

[28] Noch in einer 1657 zu Rotterdam publizierten Ausgabe sagt Zach. Sylvius: Nullus medicorum est, qui carmina Scholae Salernitanae ore non circumferat et omni occasione non crepet.

Das weltberühmte Lehrgedicht der Schule von Salerno (später auch Flos s. Lilium medicinae, Herbarius, Schola Salernitana, De conservanda bona valetudine u. s. w. genannt) entstand wahrscheinlich am Ausgang des 11. oder im Beginne des 12. Jahrhunderts[29] und ist sozusagen als die Gesamtleistung medizinischer Rhapsoden anzusehen. Die älteste, dem Original wohl nahestehende, Redaktion ist in den Werken des (im 13. Jahrhundert lebenden) ~Arnaldus von Villanova~ enthalten, der gleichsam die Rolle des Peisistratos spielte; hier besteht das Gedicht aus 362, in der Normannenzeit so beliebten, leoninischen Versen, und sein hauptsächlich ~diätetisch-prophylaktischer~ Inhalt trägt durchaus den Charakter der ersten Salernitanerperiode an sich. Zu diesem Grundstock kamen aber im Laufe der Jahrhunderte so viele Zusätze und Einschiebungen, daß sich das, ursprünglich mehr für Laien berechnete, ~Regimen sanitatis Salernitanum~ allmählich geradezu in ein ~versifiziertes Handbuch der gesamten Medizin~ verwandelte, in welchem die verschiedenen Epochen des Mittelalters ihre Niederschläge zurückgelassen haben. Die Zahl der Verse schwoll lawinenartig an auf das -- zehnfache der ursprünglichen Zahl. ~Wahrscheinlich ist alles Nichtdiätetische späteren Ursprungs.~ Die von verschiedenen Verfassern herrührenden Einschiebsel machen es erklärlich, daß in Einzelheiten mannigfache Widersprüche vorkommen. In seiner vollständigen Redaktion zerfällt das Gedicht in 10 Hauptabschnitte: Hygiene (8 Kapitel), Materia medica (4 Kapitel), Anatomica (4 Kapitel), Physiologica (9 Kapitel), Aetiologia (3 Kapitel), Semiotica (24 Kapitel), Pathologia (8 Kapitel), Therapeutica (22 Kapitel), Nosologia (20 Kapitel), Hodegetik (5 Kapitel). -- Entsprechend der unvergleichlichen, noch nicht erloschenen Beliebtheit und Verbreitung des Lehrgedichts ist die Menge der Ausgaben[30] (mit oder ohne Kommentar) und Uebersetzungen (ins Deutsche, Französische, Englische, Italienische, Holländische, Czechische, Polnische, Ungarische; Provenzalische, Irische; Hebräische, Persische u. s. w.) erstaunlich groß, in der Coll. Salern. V werden (bis 1857 reichend) nicht weniger als 240 Editionen aufgezählt. Hier seien nur folgende Ausgaben und Uebersetzungen angeführt: Joh. Chr. Gottl. ~Ackermann~, Regimen sanitatis, Stendal 1790 (Reproduktion der Redaktion des Arnald von Villanova), in ~Renzis~ Collectio Salernitana, zwei Ausgaben mit den späteren Einschiebseln, Tom. I (p. 445-516 Flos medicinae 2130 Verse) und Tom. V (p. 1-104, 3520 Verse) -- in dieser Ausgabe betreffen V. 1-855 Hygiene, V. 856-1611 Materia medica, V. 1612-1649 Anatomie, V. 1650-1830 Physiologie, V. 1831-2032 Aetiologie, V. 2033-2467 Semiotik, V. 2468-2494 allgemeine Pathologie, V. 2495-2883 allgemeine Therapie, V. 2884-3430 spezielle Pathologie, Chirurgie, Gynäkologie, V. 3431-3484 die Hodegetik, worauf ein Epilogus das Werk beschließt; Ign. Düntzer, Regimen Sanitatis Salernitanum, Gesundheitsregeln der Sal. Schule lateinisch und im Versmaße der Urschrift verdeutscht, Köln 1841; Meaux Saint Marc, L'ecole de Salerne, Traduction en vers français avec le texte latin, 2. Auflage, Paris 1880; A. Croke, Reg. Sanitat. Salernit. with an ancient translation, Oxford 1830; Ordronaux, Code of health of the School of Salernum, Philadelphia 1871; T. Vulpes, La scuola Salern. tradotta in versi italiani col testo latino, Napoli 1844.

[29] In einigen Handschriften wird „Johann von Mailand” als Verfasser genannt.

[30] Die älteste ~datierte~ Ausgabe des lat. Textes erschien zu Pisa 1484.

Der Anfang des Regimen Salernitanum lautet in den meisten Handschriften:

„~Anglorum regi scripsit Schola tota Salerni.~”

Diese Anrede wurde zumeist auf Robert, den Sohn Wilhelm des Eroberers, bezogen, welcher sich zwecks Behandlung einer, im Orient erhaltenen, Armwunde 1101 in Salerno aufhielt und nach dem Tode seines Bruders Wilhelm II. Thronprätendent war. Da aber in manchen Handschriften diese Anrede ganz fehlt oder darin statt Anglorum „~Francorum~” zu lesen ist, so handelt es sich wahrscheinlich nur um einen späteren Zusatz. Die ersten acht Verse enthalten den Inbegriff der Diätetik:

Si vis incolumem, si vis te reddere sanum, Curas pelle graves, irasci crede profanum. Parce mero, coenato parum; non sit tibi vanum, Surgere post epulas; somnum fuge meridianum. Non mictum retine, nec fortiter comprime anum. Haec bene si serves, tu longo tempore vives. Si tibi deficiant medici, medici tibi fiant Haec tria; mens hilaris, requies, moderata diaeta.

Die Nahrungsmittelhygiene nimmt einen verhältnismäßig breiten Raum ein; in der Materia medica werden vorzugsweise einfache Arzneimittel abgehandelt. Die Anatomie enthalten in nuce die Verse:

Nervus et arteria, cutis, os, caro, glandula, vena, Pinguedo, cartilago et membrana, tenontes: Hac sunt consimiles in nostro corpore partes. Ossibus ex denis bis centenisque novenis (219) Constat homo, denis bis dentibus et duodenis, (32) Ex tricentenis decies sex quinque venis, (365) Hepar, fel, stomachus, caput, splen, pes, manus et cor, Matrix et vesica sunt officialia membra.

Im physiologischen Abschnitt ist namentlich die Schilderung der vier Temperamente bemerkenswert. Am reichsten sind die späteren Interpolationen in den von Krankheiten und deren Heilung handelnden Kapiteln; doch besitzen gerade diese -- wenn man von der Frage der Echtheit absieht -- große historische Bedeutung, weil man durch sie recht bequem über die pathologischen Grundanschauungen, über die Diagnostik und Prognostik, über die therapeutischen Indikationen und Heilmethoden der mittelalterlichen Medizin orientiert wird. So finden sich darin z. B. allgemeine Regeln über die Semiotik des Pulses und Urins, sehr ausführliche Vorschriften über den Aderlaß etc. Den Schluß des erweiterten Lehrgedichts bilden kulturhistorisch interessante Verse hodegetischen und deontologischen Inhalts.

Die hohe Bedeutung des Regimen sanitatis Salernitanum und der wissenschaftlich weit mehr in Betracht kommenden Schrift de aegritudinum curatione liegt darin, daß sie die für die alte Schule typische Wertschätzung der Hygiene und der Diätetik bezw. die Tendenz zu einer, von allem polypragmatischen Ueberschwang freien, recht einfachen medikamentösen Behandlungsweise noch in voller Reinheit repräsentieren. Leider blieb es auf die Dauer nicht dabei, und schon in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts, wohl zum Teil als Nachwirkung der Schriften des Constantinus (namentlich de gradibus medicinarum), mehren sich die Anzeichen einer bevorstehenden Entwicklung in gegensätzlicher Richtung, der fürderhin dominierenden Rezepttherapie (auf der pseudowissenschaftlichen Basis der Qualitätenlehre). Es war in den ersten Dezennien des 12. Jahrhunderts ~Nicolaus Praepositus~, der den Reigen eröffnete, indem er, wie er selbst sagt, auf Wunsch seiner Kollegen, auf Grund älterer Vorlagen und nach arabischem Muster ein ~Antidotarium~ verfaßte[31]. Dieses Rezeptbuch, welches meist sehr komplizierte Arzneiformeln mit Angabe der Wirkungs- und Anwendungsart enthält, spielte nicht bloß in der salernitanischen, sondern in der gesamten mittelalterlichen Praxis der Folgezeit die maßgebendste Rolle und wurde die ~Grundlage aller späteren Pharmakopöen~. Es erzeugte eine ganze Literatur von Kommentaren, als deren frühesten Vertreter die nicht minder als das Mutterwerk berühmten Schriften des jüngeren ~Matthaeus Platearius~ erscheinen, nämlich seine „~Glossae~” und seine pharmakologisch-botanisch verdienstvolle Heilmittellehre ~de simplici medicina~ (nach den Anfangsworten auch „~Circa instans~” genannt). Von der starken Vorliebe für eine vorzugsweise medikamentöse Therapie nach arabischem Vorbild zeugen in besonderem Grade auch das ~Compendium~ und die „~Tabulae~” des ~Mag. Salernus~. Erfreulicherweise fehlte es aber auch nicht ganz an einer Gegenströmung, die sich mindestens in Bestrebungen zur Vereinfachung der Arzneimittellehre bekundet, wie sie besonders in dem sehr ausführlichen Kommentar des ~Bernardus Provincialis~ zu den eben erwähnten „Tabulae” des Mag. Salernus hervortreten. Einen wahrhaft erfrischenden Eindruck macht inmitten des therapeutischen Wustes die vorzügliche Schrift des ~Musandinus~ über Krankendiät, ~de cibis et potibus febricitantium~, eine Nachahmung der hippokratischen diaeta in acutis.

[31] Nach Mazza sollen schon die Stifter der Schule von Salerno ein „Antrorarium” zusammengestellt haben.

Außer durch das Vorherrschen der Arzneimittellehre verrät sich der unleugbar einschleichende Arabismus noch durch ein anderes Symptom in der Literatur. Es ist dies die wachsende Zahl der Schriften über Harnschau, unter welchen die, besonders aus Isaac Judaeus schöpfenden, „~Regulae urinarum~” des ~Maurus~ und der Traktat des ~Urso~ nicht geringes Ansehen erlangten.

Von den übrigen salernitanischen Autoren des ausgehenden 12. Jahrhunderts wären noch ~Richardus Salernitanus~ (besonders wegen seiner Anatomie), ~Ferrarius~, ~Romualdus~ und dessen Schüler ~Joh. Castalius~ erwähnenswert.

•Nicolaus Praepositus• (d. h. Vorsteher der Schule) blühte im Anfang des 12. Jahrhunderts. Sein •Antidotarium• (gedr. in den meisten Ausgaben der Opera Mesuae, z. B. Venet. 1562) enthält in alphabetischer Ordnung 139 meist sehr komplizierte Arzneiformeln (Electuaria, Sirupe, Potiones „Metradata”, Antidota, Pillen, Trochisci u. s. w.) benannt nach dem Erfinder[32], dem Inhalt oder dem Leiden, gegen welches das Mittel dienen soll, mit Angabe der Wirkungs-, Anwendungs- und Zubereitungsweise. Beispielsweise heißt es von der Aurea Alexandrina (Latwerge mit Aureum purificatum und Argentum merum): Aurea quando datur, caput a languore levatur; aurea dicta est ab auro. Alexandrina ab Alexandro peritissimo philosopho, a quo inventa est. Proprie valet ad omne capitis vitium ex frigiditate, maxime et ad omnem rheumaticam passionem, quae a capite ad oculos et aures et gingivas descendit et ad gravedinem omnium membrorum, quae fit de eadem humore etc. Sodann folgt die Arzneiformel, die Vorschrift für die Zubereitung und Anwendung.

[32] Unter den angeblichen Arzneimittelerfindern kommt sogar der Prophet Esra vor.

Erwähnenswert ist eine Notiz über ~anästhesierende Inhalationen bei chirurgischen Eingriffen mittels der „spongia soporifera”~.

Das ~Antidotarium~ erlangte als typisches Apothekerbuch langdauerndes Ansehen und erzeugte eine ganze Literatur: ~Uebersetzungen~ ins Italienische, Französische (vgl. P. Dorveaux, L'antidotaire Nicolas deux traductions françaises etc., Paris 1896), Spanische, Hebräische, Arabische, ~Kommentare~ und ~erweiternde Bearbeitungen~. ~Es wurde zur Grundlage der späteren Pharmakopöen.~ Wahrscheinlich rührt von demselben Verfasser auch der ~Tractatus quid pro quo~ (Ersatzmittel) her, welcher in manchen Ausgaben beigefügt ist. Fälschlich wurde dem Nicolaus Praepositus noch ein zweites Antidotarium (A. magnum zum Unterschied von dem eben genannten, dem A. parvum) zugeschrieben, nämlich das ~Antidotarium ad aromatarios~. Dieses ist aber nichts anderes als eine mit vielen Zusätzen versehene lateinische Uebersetzung des von dem Byzantiner Nicolaus Myrepsos (vgl. S. 133) verfaßten Δυναμερόν.

•Matthaeus Platearius• (junior), Sohn des Joh. Platearius II., um die Mitte des 12. Jahrhunderts, schrieb zu dem Antidotarium des Nicolaus Praepositus einen Kommentar, ~Glossae~ oder ~Expositio~(nes) in Antidotarium (gedr. in den Venetianer Ausgaben der Opera Mesuae), mit Angabe der Synonyma, außerdem ein sehr wertvolles und berühmtes Werk, welches in der Regel nach den Anfangsworten des ersten Satzes (Circa instans negotium de simplicibus medicinis nostrum versatur propositum) ~Circa instans~ genannt wird. Dasselbe handelt in alphabetischer Ordnung von 273 einfachen Arzneistoffen, wobei der Ursprung derselben, die Zeichen der Echtheit, die Unterschiede der verschiedenen Sorten angegeben werden. Bemerkenswert sind besonders die botanischen Mitteilungen, worin alle seit Dioskurides und Plinius erschienenen Werke übertroffen werden, und die Synonyma (griechisch, lateinisch, vulgäritalienisch, französisch). Gedr. in mehreren Ausgaben des Antidotarium des Nicolaus Praepositus und mit der Practica des Johann Platearius (vgl. oben). Eine alte französische Uebersetzung erschien sechsmal ohne Jahreszahl gedruckt unter dem Titel ~Le grant Herbier en francoys~. Möglicherweise rührt das Werk Circa instans nicht von Matthaeus Platearius junior, sondern von Joh. Platearius III. her.

•Petrus Musandinus• (de Musanda), um die Mitte des 12. Jahrhunderts. Von ihm ist eine ~Summula de praeparatione ciborum et potuum infirmorum~ (Coll. Salern. V, 254-268) erhalten, zu der wohl auch der kurze Traktat ~de cibis et potibus febricantium~ (Coll. Salern. II, 407-410) gehört; für diese Krankendiät bildete die hippokratische Diaeta in acutis das Vorbild. Unter anderem wird eine Art ~Fleischextrakt~ aus Hühnern bereitet, empfohlen; bei Durchfall soll ein Huhn in Rosenwasser gekocht verabreicht werden u. s. w. Jedenfalls geht aus der Schrift hervor, daß man der ~Kochkunst für Kranke~ große Aufmerksamkeit schenkte; sehr anerkennenswert ist die Mahnung, Speise und Trank in zierlichen Gefäßen darzubieten und die Appetitrichtung (selbst die Launen) des Patienten einigermaßen zu berücksichtigen.

•Mag. Salernus• (um 1130-1160). Sein ~Compendium~ (Coll. Salern. III, 52-65, vollständiger V, 201-232) behandelt die Definition der Medizin, die Entstehung, die äußeren und inneren Zeichen der Funktionsstörungen, die allgemeine Aetiologie, sodann die Wirkung und Zubereitung der verschiedenen Digestiva, Expulsiva, Emetica, Purgantia, Hydragoga, Laxativa, Constringentia, Styptica, Diuretica etc.; einen großen Platz nimmt die Zubereitung und Anwendungsweise der Sirupe ein. Bemerkenswert ist die Betonung des hippokratischen Grundsatzes, unter Berücksichtigung der therapeutischen Indikationen, vorwiegend nur die Heilkraft der Natur zu unterstützen: „~Medicus itaque peritus naturae motus debet imitari in omnibus enim natura est operatrix, medicus vero minister~”. Andere Schriften: ~Tabulae~ (Coll. Salern. V, 233-253), eine Zusammenstellung der Heilmittel nach ihrer Wirkung, ~Catholica~ (in P. Giacosa, Magistri Salernit. nondum edit. 71-162), eine spezielle Pathologie und Therapie. Im Kapitel de ruptura saniei in matrica findet sich eine Stelle, die ein merkwürdiges Streiflicht auf die ärztliche Ethik des Verfassers (und seiner Epoche?) wirft. Es heißt dort nämlich: Contingit quandoque quod post liberationem infirmi medici ingrati existunt. Detur ergo eis alumen scissum cum aliquo coquinato ~ut recidivam patiantur~. Nam si recipiatur alumen necesse est ut in aliqua parte corporis apostema generetur et recidua fiat.

•Bernardus Provincialis• (um 1150-1160) verfaßte zur Practica Bartholomaeus und zu den Tabulae des Mag. Salernus sehr ausführliche und interessante Kommentare (Coll. Salern. V, 269-328), in welch letzterem ~das Streben nach Vereinfachung der Arzneimittellehre~ und ~die Vorliebe für heimische Mittel~ hervortritt. An mehreren Stellen sind die „mulieres Salernitanae” zitiert, wie auch volkstümliche Mittel Erwähnung finden. Wie schon bei Kophon wird die „medicina pauperum” berücksichtigt.

•Maurus• (um 1160). Außer einem Kommentar zu den hippokratischen Aphorismen (Coll. Salern. IV, 513-557), der noch von späteren Autoren lobend zitiert wird, schrieb er die viel gelesenen ~Regulae urinarum~ (Coll. Salern. III, 2-50), eine auf ~Theophilus~ und ~Isaac Judaeus~ gestützte Uroskopie mit einer daran angeschlossenen speziellen Pathologie (in welcher die diagnostische Rolle der Harnschau stark hervortritt). Maurus beachtet die ~Farbe~, die ~Dichte~, die ~Menge~ und die ~Contenta~ (Trübungen, Niederschläge) des Urins. Er ~unterscheidet 19 Farben des Harns~ (albus, lacteus, glaucus, karopos, subpallidus, pallidus, subcitrinus, citrinus, subrufus, rufus, subrubeus, rubeus, subrubicundus, rubicundus, inopos, kianos, viridis, lividus, niger), ~deren Zustandekommen von den Modifikationen der Elementarqualitäten abhängig gemacht wurde~. Albus est sicut aqua clara, lacteus est sicut serum lactis, glaucus est sicut cornu lucidum album; et isti colores significant frigiditatem intensam. Karopos est sicut color pilorum camelorum; et iste color significat frigiditatem intensam. Pallidus est sicut succus carnis semis cocte. Subpallidus, idem remissus. Citrinus est sicut color citri; subcitrinus, idem remissus. Rufus est sicut color optimi auri; subrufus idem remissus. Rubeus est sicut color sanguinis; subrubeus, idem remissus. Rubicundus est sicut color croci; subrubicundus, idem remissus. Inopos est sicut vinum perturbatum, marcidum et nigrum. Kianos est sicut color pulveris, qui fit ex albo et nigro colore. Viridis est sicut color cauli vel porri. Lividus est sicut plumbum, niger est sicut cornu lucidum nigrum. ~Wie im menschlichen Körper, wurden auch im Harn vier Regionen unterschieden, und demgemäß schrieb man dem Ort, wo man im Harn(glas) eine Farbenveränderung, Trübung etc. wahrnahm, spezialdiagnostische Bedeutung zu.~ Sunt ~regiones~ humani corporis ~quatuor~. Prima regio est cerebrum et membra animata. Secunda cor et membra spiritualia. Tertia epar et membra nutritiva. Quarta renes et caetera inferiora. Similiter quatuor ~regiones~ considerantur in urina. Prima regio dicitur circulus -- Secunda superficies seu corpus aereum -- Tertia perforatio seu substantia -- Quarta fundus. Prima igitur urinae regio, scilicet circulus primae regionis humani corporis est significativa, juxta illud circulus crossus, qui significat dolorem capitis. Item idem significat reuma capitis. Item circulus est plumbeus qui significat epilepsiam. Per secundam regionem urinae secundae regionis humani corporis habitus notitia juxta quod dicitur. Urina in superficie livens pectoris significat vitium. Item a media regione superius distincte livens pleuresim vel peripleumoniam significat. Per tertiam regionem urinae tertia regio humani corporis attestatur. Juxta illud, urina in substantia tenuis, siccitatem epatis significat, et urina in substantia spissa humiditatem epatis significat. Quarta urinae regio quartam regionem humani corporis attestatur, unde dicitur: arenulae sunt in fundo vasis, qua lithiasim renum vel vesicae significant, squamosae resolutiones sunt in fundo vasis, quae resolutionem membrorum significant.

•Urso•: ~Compendium de urinis~ (in P. Giacosa's Magistri Salern. 283-289).

•Joh. Ferrarius• (II.), um 1188. Ob von ihm oder seinem Vater Joh. Ferrarius (I.) der Traktat ~Curae~ (in P. Giacosa's Mag. Salern. 1-64) herrührt, ist noch nicht entschieden.

•Richardus• (Salernitanus), um 1130-1180. Zu seiner handschriftlich vorhandenen Practica gehört wahrscheinlich die ~Anatomia~ dieses Autors (ed. J. Schwarz im Anhang zur Schrift: „Die mediz. Handschriften der k. Universitätsbibliothek in Würzburg”, 1907; früher auf Grund einer Berl. Handschr, von J. Florian, Die Anat. d. Mag. Richardus, Bresl. Dissert. 1875 und revidiert mit deutscher Uebersetzung von V. Tarrasch, Berl. Dissert. 1898), welche formell und inhaltlich an die Demonstratio anatomica (vgl. S. 292) erinnert. Wie diese, stellt sie eine theoretische Einleitung für die, an einem ~Schweine~ vorzunehmende, Leichenschau dar. Nach einem Hinweis auf die Notwendigkeit anatomischer Studien (unter Berufung auf Galen) und der Definition der Anatomie folgt zunächst eine historisch sehr bedeutsame Stelle, welche die Methodik im allgemeinen beleuchtet: Incipit (sc. anatomia) autem fieri a cerebro quasi a digniori parte, deinde ab aliis membris per ordinem. Restat autem differre in quibus fiat. Solebat considerari tam in vivis quam in mortuis animalibus, unde g(alienus) quosdam libros de anathomia vivorum, quosdam de anathomia mortuorum composuit. ~In mortuis dupliciter fiebat anathomia, scilicet per incisionem et aquae fluentis mundificationem. Solebat enim corpus hominis quem sanctio puniendum decreverat mortuum in cito currenti fluvio capite manibus et pedibus ad palos extendi, donec aqua fluens teneras partes scilicet carnem et cutem et pinguedinem ablueret et dissolveret et ab ossibus et nervis, venis et arteriis abroderet, postea patebat concatenatio ossium, nervorum et arteriarum et eorundem numerus et positio (Mazerationsverfahren). Nunc autem quum horribile est corpus humanum ita tractari, a modernis magistris fit anathomia in brutis animalibus. Sed quaedam animalia sunt similia hominibus in exterioribus, quaedam in interioribus. In exterioribus tantum ut ursa, simia, in interioribus, ut porcus. In talibus fit competens anathomia, in aliis vero inutiliter.~ -- Richardus verbreitet sich im folgenden über die verschiedenen Einteilungsprinzipien der Körperteile: nach der Zusammensetzung unterscheidet er membra similia-consimilia und dissimilia-officialia, nach ihrer Rangstellung membra principalia (Gehirn, Herz, Leber, Hoden) und membra a principalibus orta, nach ihrer Funktion ~animata~ (Gehirn etc., Nerven etc.), ~spiritualia~ (Herz etc., Lunge etc.), ~nutritiva~ (Leber etc., Magen etc.), ~generativa~ (Hoden etc.).

Im speziellen Teile sind Gehirn (und Sinnesnerven), Bewegungsnerven, Herz, Lunge (Luftröhre), Speiseröhre, Magen, Därme, Leber, Hoden, Gebärmutter beschrieben. Am Gehirn werden drei Kammern (cellula fantastica, logistica, memorialis) unterschieden, im Abschnitt über das Herz fehlt die Erwähnung der Klappen und der Scheidewand u. s. w. Die Nomenklatur ist teilweise schwer zu deuten, die Vorliebe für etymologische Erklärungen gewaltsamster Art (ysophagus von ysos ═ intus und fagein) erinnert an Isidorus. Abgesehen von dem mehrmals erwähnten Galen und Hippokrates sind Galens Tegni, das Pantegni und das Viaticum zitiert.

•Romualdus• Guarna (Erzbischof von Salerno), vgl. S. 283, schrieb unter anderem ~de pulsibus~ (Fragment in Coll. Salern. IV, 413-14).

•Johannes de Sancto Paulo• (~Joh. Castalius~), Schüler des Romualdus, Kardinal (um 1215). In manchen Handschriften wird ihm (irrtümlich?) das unter den Schriften des Constantinus (in der Ausgabe der opera des Isaacus Judaeus) gedruckte Buch ~de virtutibus simplicium medicinarum~ (betitelt nach den Anfangsworten „~Cogitanti mihi~”) zugeschrieben. Exzerpte aus seinem ~Breviarium~ ed. Val. Rose im Anhang zu seiner Ausgabe von Aegidius Corboliensis (Lips. 1907).

Noch bevor das 12. Jahrhundert zur Neige ging, fügte die salernitanische Schule ihren sonstigen Verdiensten einen neuen Ruhmestitel hinzu, indem sie die, während des frühen Mittelalters so tief gesunkene, ~Chirurgie~ nach langer Unterbrechung wieder einer wissenschaftlichen Bearbeitung zuzuführen begann. An einer solchen fehlte es im christlichen Abendlande bisher gänzlich, weil die Klerikerärzte -- aus Gründen, welche in ihrem priesterlichen Berufe lagen -- von der Ausübung der Operationskunst in der Regel fernbleiben und dieselbe den ungebildeten Empirikern überlassen mußten. Ecclesia abhorret a sanguine.

Unter den Aerzten Salernos hatten sich gewiß neben den medizinischen von alters her auch chirurgische Traditionen fortgepflanzt, doch scheint man von denselben -- sofern die Werke des Gariopontus, Petroncellus, der Trotula, oder selbst die Schrift de aegritudinum curatione darüber zureichenden Aufschluß geben -- lange Zeit keine entsprechende praktische Verwertung gemacht zu haben. Daran änderte sich zunächst auch dann wohl wenig, seitdem durch einschlägige Schriften des Constantinus die chirurgischen Errungenschaften der Vergangenheit zugänglicher geworden waren. In dem Maße aber, als während der Kreuzzüge das Bedürfnis nach wundärztlicher Behandlung bedeutend anstieg und sich die Gelegenheit, Erfahrungen zu machen, ganz erheblich vergrößerte, konnte sich die, inmitten des Verkehrs liegende, die abendländische Heilkunst repräsentierende, Schule von Salerno der Bewegung nicht entziehen. Daß man der Chirurgie gegen Ende des Zeitraums eifrigere Pflege widmete und ihr ein höheres Ansehen als bisher zubilligte, kommt in der Literatur in einem Werke zum Ausdruck, welches um 1180 von ~Roger~ (Ruggiero, zuweilen filius Frugardi genannt) mit mehreren Mitarbeitern verfaßt wurde, und das fortan als Textbuch für die chirurgischen Vorträge in Salerno sowie als Grundlage einer Reihe von Kommentaren diente. Dieses Werk -- das älteste chirurgische, welches aus der mittelalterlichen Literatur des christlichen Abendlandes bekannt ist --, ~die Practica chirurgiae des Rogerius~, nach den Anfangsworten auch „Post mundi fabricam” benannt, zeichnet sich durch Kürze und Klarheit der Darstellung aus und beruht nicht nur auf einer weit zurückreichenden Tradition, sondern auch auf selbständigen Erfahrungen des Verfassers, seiner Lehrer und Kollegen[33]. Constantinus scheint allerdings als Quelle stark benützt worden zu sein. Roger verfolgt rein praktische Zwecke und berücksichtigt daher mit Ausnahme weniger Abschnitte fast nur die Therapie; diese ist vorherrschend eine nicht-operative. ~Die Wundheilung wird mittels eitererregender Mittel angestrebt, bei Blutungen~ kommen außer Stypticis die blutige ~Naht~ und ~Unterbindung~ zur Anwendung[34]. Den Hautaffektionen, welche schon seit längerem eine Domäne der Wundärzte bildeten, ist ein breiter Platz eingeräumt; bemerkenswert ist es, daß man ~Quecksilbersalben gegen chronische Dermatosen und Parasiten~ mit Vorliebe anwendete. Im Rahmen des Zeitalters kann es nicht überraschen, daß Roger sich nicht scheut, häufig auch abergläubische Prozeduren zu empfehlen.

[33] In der Vorrede zum ersten Buche heißt es: ... „sociorum nostrorum et illustrium virorum ... ut operari consuevimus, in scriptis redigere deliberata ratione decrevimus”, in der Einleitung zum zweiten Buche: „Quodcirca quaecunque ab egregio ~doctore~, communiter et privatim recepi et de ejus scriptis habere volui, ordine certo inscriptis redigere et, ut pulchrius elucescat, in commune deducere decrevi.”

[34] Zum Aufstreuen auf genähte Wunden spielte das, auch von Späteren viel gebrauchte, „~Pulvis ruber~” eine große Rolle. Seine Zusammensetzung ist folgende (Lib. I, 10): Accipe consolidae majoris unc. I, boli unc. I, picis graecae unc. III, mastices et olibani ana unc. dimia, sanguinis draconis, mumiae ana unc. II.

In der gedruckten Ausgabe (Coll. Salern. II, 426-496) liegt das Werk nicht in seiner ursprünglichen Gestalt, sondern in einer wenig veränderten Ueberarbeitung vor, welche von Rolando aus Parma herrührt. Die Chirurgie Rogers besteht aus vier Büchern. Buch I behandelt die chirurgischen Affektionen des Kopfes: Wunden, Frakturen des Schädels (einer der besten Abschnitte), Ausschläge der behaarten Kopfhaut, Kauterisation (wegen Psychosen und Epilepsie), Augenleiden, Nasenaffektionen (Polyp, krebsartige Geschwüre), Krankheiten der Lippen, Luxation und Fraktur des Kiefers, Ohrleiden (Schmerz, Würmer, Fremdkörper). Buch II: Hieb- und Stichwunden, Abszesse, Anthrax und Karbunkel in der Hals- und Nackengegend, die skrofulösen Drüsengeschwülste, Kropf (unter den pharmazeutischen Mitteln werden auch ~spongia marina~ intern empfohlen; eventuell Beseitigung mittels der Haarseile, denen der Weg durch das Glüheisen gebahnt wird, unter Umständen Exstirpation) Halsfisteln, die squinantia (anginöse Zustände aus verschiedenen Ursachen), Inzision der Uvula, Mandelschwellung, Halswirbelluxation. Buch III: Verletzungen der Scapula, des Schlüsselbeins, Frakturen und Luxationen an Schulter, Arm, Thorax; penetrierende Brust- und Darmverletzungen, Brustdrüsenkrebs, Penis- und Hodenverletzungen, Ruptur des Bauchfells, Hernien, Lithiasis, Steinextraktion, Verletzungen des Darms (~sehr bemerkenswert ist die Vorschrift, die Darmnaht über einem Holunderröhrchen, das vorher in die Darmenden eingebracht wurde, vorzunehmen~), Verletzungen der Nieren, Hämorrhoiden, ableitende Kauterien gegen Gicht, Anlegung des Haarseils (gegen Milzleiden, Schmerzen in der Nabel-, Lendengegend etc.). In diesem ganzen Buche ist die Therapie fast größtenteils eine arzneiliche. Buch IV: Verletzungen und chirurgische Erkrankungen der unteren Extremität, des Hüftgelenks, Ekzem, Verbrennungen, Lepra, Wundkrampf. Wahrscheinlich ist dem Roger auch ein, „~Summa Rogerii~” oder „Practica parva” betiteltes, Kompendium der praktischen Medizin zuzusprechen. (Als Autor wurde mancherseits ein anderer Rogerius de Barone oder di Varone in Anspruch genommen.) Dieses Werk bestand ursprünglich aus drei einzelnen Teilen, Rogerina major, media und minor (gedr. in einigen Ausgaben der Coll. chirurg. Venet.). Die Practica medicine bespricht die örtlichen Krankheiten a capite ad calcem, gewisse chirurgische Affektionen (z. B. bösartige Tumoren „noli me tangere”, Anthrax, Erysipel, vergiftete Wunden etc.), die Fieberkrankheiten und die Rezepttherapie. Hauptsächlich bilden die Schriften des Galen, Alexander von Tralles, Gariopontus, Constantinus und Kophon die Quelle. Rogers Namen führt noch die kleine Schrift ~de modis mittendi sanguinem et de cujusque utilitate~ (gedr. mit der Chirurgie des Abulkasem, Basil. 1541).

Mit dem besprochenen Werke Rogers besitzt die, am Ausgang des 12. Jahrhunderts niedergeschriebene, ~Chirurgia~ (Jamati) des ~Jamerius~, welche, trotz ihrer Kürze, in neun Bücher eingeteilt ist, viel Gemeinsames, sowohl hinsichtlich der Sprache und Darstellung, wie in Bezug auf den Inhalt.

Ed. princ. von J. L. Pagel, „Chirurgia Jamati”, die Chirurgie des Jamerius (?), Berlin 1909, vgl. auch die 1895 erschienene Berliner Dissertation von Artur Saland, „Die Chirurgie des Jamerius nach den Fragmenten bei Guy de Chauliac”. •Jamerius• zitiert Constantinus, während Roger denselben niemals nennt. In der Einleitung beklagt der Verfasser die Vernachlässigung der Chirurgie von seiten der Aerzte und tritt für die Vereinigung des Faches mit der Medizin nachdrücklich ein. Die neun Bücher behandeln der Reihe nach die Schädelwunden, die Schußverletzungen, die Wunden von der Halsgegend bis zum Fuß, die chirurgischen Affektionen der Augen, Ohren, Nase, Lippen, Zunge, Rachenorgane, die Abszesse und Tumoren, die Luxationen und Frakturen, Krebs und Fisteln, verschiedene Dermatosen, Spasmus, Aderlaß, Epilepsie, Hydrops, Ischias, Hernien, Steinleiden, Hämorrhoiden, Verbrennung, den Beschluß macht ein Antidotarium. An manchen Stellen sind eigene Beobachtungen des Verfassers eingestreut. Wie aus späteren Angaben in der Literatur hervorgeht, wurde Jamerius wegen verschiedener Salben- und Pflasterkompositionen, sowie wegen seiner Vorschläge für die Behandlung komplizierter Schädelfrakturen, penetrierender Brustwunden, chronischer Hautausschläge u. a. lange Zeit sehr geschätzt. Wie bei Roger mangelt es auch bei Jamerius nicht an der gelegentlichen Empfehlung sympathetischer Mittel.

Die Lehrmeinungen und die Praxis der salernitanischen Meister blieben nicht an die Schule gebunden, sondern wurden durch eifrige Jünger weithin in die Fremde getragen. Einer von diesen erscheint geradezu als Herold des Ruhmes der Schule jenseits der Alpen, nämlich der Dichterarzt ~Gilles de Corbeil~ (Petrus Aegidius Corboliensis), welcher die Salernitaner Medizin nach Paris verpflanzte und ihre wichtigsten Ergebnisse in anziehender poetischer Form zur Darstellung brachte. Seine, lange Zeit und weithin, verbreiteten medizinischen Lehrgedichte de urinis, de pulsibus, de virtutibus et laudibus compositorum medicaminum, ~de signis et symptomatibus egritudinum~ bilden eine noch heute in verschiedener Hinsicht interessante Paraphrasierung mancher der oben erwähnten salernitanischen Schriften und fesseln insbesondere als Sittengemälde.

•Pierre Gilles de Corbeil• (einem unweit von Paris gelegenen Städtchen), empfing seine Ausbildung in Salerno und lebte später als Kanonikus und Leibarzt des Königs Philipp August (1180-1223), wahrscheinlich zugleich als Lehrer der Medizin, in Paris bis zum Anfang des 13. Jahrhunderts; ob er dem Benediktinerorden angehörte, darüber herrscht Ungewißheit[35]. Ausgaben seiner Werke: L. Choulant, Aegidii Corboliensis carmina medica, Lips. 1826 (enthält die Libri de urinis, de pulsibus, de laudibus et virtutibus compositorum medicamentorum); Text und ~französische Uebersetzung~ des liber de urinis von C. Vieillard in L'Urologie et les médecins urologues dans la médecine ancienne, Paris 1903; Val. Rose, Egidii Corboliensis viaticus. De signis et symptomatibus aegritudinum, Lip. 1907.

[35] Er schrieb eine sehr scharfe Satire gegen die Prälaten Hierapigra ad purgandos praelatos in 5029 Versen.

~Liber de urinis~ ═ carmina de urinarum judiciis, eine Jugendschrift des Verfassers, welche, wie er selbst angibt, gegen seinen Willen zu früh an die Oeffentlichkeit kam, stellt ein (aus 352 Hexametern bestehendes) Kompendium der Uroskopie dar, hauptsächlich nach dem Muster der Regulae urinarum des Maurus (vgl. S. 304); als Einleitung geht ein Prooemium voraus, in welcher die metrische Abfassung folgendermaßen begründet wird: Metrica autem oratio succincta brevitate discurrens definitis specificata terminis alligata est certitudini; ideoque confirmat memoriam, corrobat doctrinam. Der Liber de urinis blieb bis zum 16. Jahrhundert das autoritative Handbuch der Uroskopie und wurde wiederholt kommentiert. Nach der Definition des Urins (sanguinis serum) wird zunächst gesagt, worauf bei der Harnschau zu achten ist, nämlich auf die ~Qualität (Farbe), Dichte, die Contenta (Trübungen, Niederschläge), Menge des Harns, auf den Ort der Untersuchung und die Stelle, wo sich im Harnglas die Trübung etc. zeigt, auf die Zeit der Harnausscheidung und der Untersuchung, auf das Lebensalter, das Temperament, Geschlecht, die Lebensweise und psychischen Zustände des Patienten~. Im folgenden wird die Genese und pathognomonische Bedeutung der Farben und Niederschläge des Urins im einzelnen dargelegt.

~De conditionibus urinae.~

Quale, quid, aut quid in hoc, quantum, quotiens, ubi, quando, Aetas, natura, sexus, labor, ira, diaeta, Cura, fames, motus, lavacrum, cibus, unctio, potus, Debent artifici certa ratione notari, Si cupit urinae judex consultus haberi. (v. 10-14.)

In Versen, die für unecht gehalten werden, heißt es über die Farben:

Puri fontis aquae se comparat ~alba~, seroque ~Lactea~, ~Glauca~ nequit lucenti cedere cornu, Exurgit ~Karopos~ veluti praedata cameli, ~Pallida~ pallet uti succus carnis semicoctae, Pallorisque minus ~Subpallida~ continet in se, Pomi citrini monstrat ~citrina~ colorem, ~Subcitrina~ citri minus est suffusa colore, ~Rufa~ cum puro contendere non timet auro, Impuri refert auri ~Subrufa~ colorem, Aurorae ~rubea~, dat ~subrubeam~ crocus orti, Exprimit urinam sanguis purus ~rubicundam~, Sanguis aquosus portendit ~subrubicundam~, Purpura dat ~Kyanos~, ~viridem~ succus tibi porri, Est ~inopos~ vinum nigrum, sed ~livida~ plumbi, Est ~nigra~ ut cornu nigrum, sic nosce colores.

Von Niederschlägen werden unterschieden:

Circulus, ampulla, granum, nubecula, spuma, Pus, pinguedo, chymus, sanguis, arena, pilus, Furfura, crimnoides, squamae, partes atomosae Sperma, cinis, sedimen, spiritus alta petens.

~De pulsibus~, ein aus 380 Hexametern bestehendes Lehrgedicht, dem ein ziemlich langes Prooemium in Prosa vorangeht. In dieser Vorrede wird die herrschende physiologische Theorie auseinandergesetzt.

Aegidius beruft sich hinsichtlich der Pulsuntersuchung auf Galen, Constantinus (im Pantechni) und Philaretus, welche über diesen Gegenstand geschrieben haben, will jedoch in seiner nun folgenden metrischen Darstellung die Fehler der Vorgänger vermeiden[36]. Seine Schrift zerfällt in drei Abschnitte, von denen der erste im allgemeinen über die ~zehn Hauptarten des Pulses~, der zweite und dritte über die ~Untersuchungsmethodik~, über die verschiedenen Varietäten und deren pathologische Bedeutung handelt. Ueber die Pulsuntersuchung (vgl. hierzu die Vorschriften des Archimathaeus S. 294) heißt es:

Pulsus in arteriis discerni debet honestis Expositis, longis, rectis, cordique propinquis; Unde sinistra manus, cum sit contermina cordi Judicio pulsus cognatior esse probatur. (v. 119-122.) -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Laeva manus medici laevam levet et regat aegri Sustentantis opem pars imbecilla requirit. Quae si regeret modico concussa tremore Falleret artificem, fieretque examinis error. Sed cave, ne digitos in pugnum comprimat aeger, Aut nimis extendat; lateris ne mole lacertus Compressus fuerit; moderati schematis ordo Assit, ut ambiguum tollat moderatio motum. -- Dextra manus, quoniam sensus indagine pollet, Et sibi vividior datur experientia tactus Applicat arteriae digitos: manifesta notetur Appositis leviter digitis, abscondita pressis; Nec prius absistat, donec centesima fiat. Motio, quae numerus naturae servit et hujus Judicio numeri claret sententia veri. (v. 132-146.)

[36] Kulturhistorisch sehr bemerkenswert ist eine Stelle in der Vorrede, wo Aegidius den Wunsch ausspricht, daß seine Schrift nur würdigen Lesern in die Hände fallen möge: Ab hujus operis vestibulo ~planeticos et falsos discursores monachos, qui norma religionis abutentes pelle monachali remota de hujus artis mysterio praesumant, profanamus~. Talibus enim hujus operis secreta nolemus propalari, nec margaritae spargendae sunt porcis, nec philosophiae mysteria divulganda sunt imperitis.

Die Gattungen, Arten und Unterarten des Pulses (vgl. Bd. I, S. 335 u. 385) sind folgende:

~Motus arteriae~:

1. genus: P. magnus, parvus, mediocris, 2. __"___ P. fortis debilis, 3. __"___ P. velox, tardus, mediocris.

~Substantia arteriae~:

4. genus: P. durus, mollis, mediocris, 5. __"___ P. plenus, vacuus, mediocris, 6. __"___ P. calidus, frigidus, mediocris.

~Mora inter arses~:

7. genus: P. frequens, rarus, mediocris.

~Incrementum et decrementum~:

8. genus: P. decidens, incidens.

~Constantia et ordo~:

9. genus: P. aequalis et inaequalis, 10. __"___ P. ordinatus et inordinatus.

Vom Pulsus magnus wird wieder unterschieden (nach der Dimension) der P. longus, latus, altus, vom P. parvus der P. curtus, strictus occultus, resp. der P. magnus naturalis und der P. magnus praeternaturalis u. s. w. Besonders zahlreich sind die Varietäten des P. inaequalis, ordinatus et inordinatus, z. B. P. caprinus, martellinus, ramosus, procellosus, spasmosus, formicans, vermiculosus, serrinus. Von jeder Varietät wird die pathognomonische Bedeutung angegeben.

~Libri de laudibus et virtutibus compositorum medicaminum~, ein aus 4663 Hexametern bestehendes Lehrgedicht in vier Büchern, mit kurzer Vorrede in Prosa. Im wesentlichen stellt dieses minder gelungene Opus eine versifizierte Paraphrase des Antidotarium des Nicolaus Praepositus und der Glossae des Matthaeus Platearius (vgl. S. 302 u. 303) dar. Beschrieben sind 80 Medikamente. Das Interessanteste, was das Lehrgedicht bietet, liegt auf kulturhistorischem Gebiet, indem der Verfasser so manches grelle Streiflicht auf die ärztlichen Standesverhältnisse wirft. In flammenden Versen wird z. B. der unreife und der erfahrene Arzt gegenübergestellt (ed. Choulant, p. 122-124):

Talibus in causis medicum vitare decebit, Qui novus et medicae rudis est tirunculus artis, Qui crudus de doctoris fornace recedens Verborum lites sed nullos attulit actus. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- ~O nimis a ritu veterum, si dicere fas est, A recto quoque judicio censura Salerni Devia, cum dolorat, animo cum sustinet aequo, Nondum maturas medicorum surgere plantas, Impubes pueros Hippocratica tradere jura -- Atque Machaonias sancire et fundere leges, Doctrina quibus esset opus ferulaeque flagello, Et pendere magis vetuli doctoris ob ore, Quam sibi non dignas cathedrae praesumere laudes[37]~. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- O vesana hominum rabies horrorque profanus, Devius intuitus, miseros qui talibus aegros Committunt medicis, quos nulla probatio coxit, Nulla quibus fidei manet experientia testis; Quos subitae necis artifices, hostesque malignos Humani generis posset lictoris iniqua Condemnare manus: nam cur lex regia sontes Arguit et saevo capitis discrimine damnat, Talibus ut parcat medicis? ... -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Si sapis, accedas medico, quem condit honestas, Ornat religio, depingit gratia morum, Qui physicae leges, veterum qui scripta virorum Pectore clausa tenet, mitis, sermone modestus, Et verbo resonans mentis, non verbere linguae: Quem non exaltat famae praesumtio, mentis Interpres, nec laudis inops jactantia tollit; Cui fidei custos et rerum fida probatrix Sollemnes titulos vetus experientia fecit, Et laudem et celebris famae praescribit honorem.

[37] In diesen Versen schildert Aegidius den beginnenden Verfall der Schule von Salerno.

~An anderen Stellen werden die Betrügereien der Apotheker geschildert~ (ed. Choulant, p. 104-105, 170) ~und die Frage des sozialen Mißverhältnisses in der Krankenbehandlung, der Medizin für die Reichen und die Armen berührt~ (ed. Choulant, p. 79-80, 100-101).

Von literarhistorischer Bedeutung ist es, daß Aegidius gerade in dieser Schrift sehr häufig der hervorragenden salernitanischen Aerzte gedenkt, so des ~Castalius~ (~Joh. de St. Paulo~), ~Maurus~, ~Musandinus~, ~Platearius~, ~Richardus~, ~Romualdus~, ~Mag. Salernus~, ~Urso~.

Im Anschlusse an Aegidius Corboliensis sei gleich an dieser Stelle ein anderer medizinischer Verseschmied erwähnt, nämlich •Otto von Cremona• (Ende des 12. Jahrhunderts), von dem die Zugehörigkeit zur Schule von Salerno nicht sichergestellt ist. Derselbe beschrieb in einem, aus 379 schlechten Hexametern bestehenden, Lehrgedicht (De electione meliorum simplicium ac specierum medicinalium rythmi, ed. in Choulant's Ausgabe des Macer Floridus, Lips. 1832) die Kennzeichen der Echtheit einfacher und die Wirkungsweise zusammengesetzter Arzneimittel.

~Ziehen wir das Fazit, so war es die Schule von Salerno, welche die Heilkunde des christlichen Abendlandes aus halbjahrtausendjährigem Siechtum wieder zu frischpulsierendem Leben erweckte und sie endlich auf jene Stufe erhob, wo der Wetteifer mit der Medizin der Byzantiner und Araber einsetzen konnte.~

Inmitten barbarischer Zerklüftung, inmitten abergläubisch-empirischer Versunkenheit haben die Salernitaner den dürftigen Rest, der ihnen vom antiken Erbe zufiel, wie ein Palladium in bessere Zeiten hinübergerettet, und als diese anbrachen, waren sie redlich bemüht, das Ueberkommene zu mehren, die isolierten Bruchstücke durch den Kitt eigenen Schaffens, selbständiger Beobachtung und Erfahrung zu einem harmonischen Ganzen zusammenzusetzen. ~Ist aus ihrem Kreise auch kein Hippokrates hervorgegangen, so leuchteten ihnen doch die Spuren des unvergleichlichen antiken Meisters und bewahrten sie vor Abwegen, die viel Spätere gingen.~

~Die Meister Salernos waren die ersten im christlichen Okzident, welche der Medizin eine unabhängige, nur den Interessen der Wissenschaft dienende, Pflegestätte schufen, wo alle Zweige gleichmäßige Berücksichtigung fanden; sie strebten dahin, durch praktischen Unterricht und didaktisches Schrifttum ihr Wissen und Können zum Gemeingut zu machen, sie veredelten den Beruf des Heilkünstlers und stellten in vorbildlicher Weise unverbrüchliche Normen für all diejenigen auf, welche in Ehren den Namen eines Arztes tragen wollten.~

Die Analyse der Salernitaner Medizin führt zu folgenden Hauptergebnissen. Die ~Anatomie~ wurde praktisch betrieben, beschränkte sich aber auf ~Tierzergliederung~, namentlich auf die Besichtigung der Eingeweide von Schweinen. Anerkennenswert bleibt es, daß die ~Notwendigkeit anatomischer Studien für die ärztliche Ausbildung~ nachdrücklichst betont wurde, und daß man es hie und da schon versuchte, anatomische Befunde zur Erklärung pathologischer Veränderungen zu verwerten. Die ~Physiologie~ bewegt sich im galenischen Zirkel und läßt in geringem Grade arabischen Einschlag (vermittelt durch Constantinus) erkennen. ~Teleologie~ und die ~Lehre von den organischen Kräften~ machen ihre Grundlage aus. Die ~virtus motiva et sensibilis~ thront im Gehirn, die ~virtus vitalis et vegetativa~ im Herzen, die ~virtus nutritiva et augmentativa~ in der Leber, die ~virtus propagativa et generativa~ in den Zeugungsorganen. Demgemäß werden vier Arten der Organe, membra animata (Gehirn, Nerven u. s. w.), m. spiritualia (Herz, Lungen u. s. w.), m. nutritiva (Leber u. s. w.), m. generativa (Testiculi u. s. w.) und vier Regionen des Körpers unterschieden. Die virtus nutritiva ist die wichtigste für die Erhaltung des Lebens, ihr Hauptorgan, die Leber (prima radix corporis), entsteht daher zuerst bei der Entwicklung des Individuums. Der virtus nutritiva kommt die virtus vegetativa (vitalis) am nächsten, ihr Hauptorgan, das Herz, entwickelt sich daher unmittelbar nach der Leber. Die virtus motiva et sensibilis rangiert zwar höher, tritt aber erst später in Funktion, weshalb auch ihr Zentralorgan, das Gehirn, erst nach der Leber und dem Herzen ausgebildet wird. Die virtus generativa besitzt eine verhältnismäßig untergeordnete, minder essentielle Bedeutung. Jedes Hauptorgan (Gehirn, Herz, Leber, Testikel) besitzt Hilfs- und Schutzorgane (z. B. das Gehirn die Nerven, die Dura etc.). Die allgemeine ~Pathologie~ ist der Hauptsache nach auf die ~Lehre von den vier Kardinalsäften~ gegründet, in manchen Details schimmert aber auch der Methodismus durch. Die ~Diagnostik~ beruht auf der ~Beobachtung der Funktionsstörungen~, ihre wichtigsten Quellen bilden ~Pulsuntersuchung~ und ~Harnschau~ -- insbesondere letztere eine direkte Konsequenz der herrschenden physiologischen Anschauungen. Der Puls gibt den Maßstab zur Beurteilung des Zustands des Herzens (Lebenswärme, Lebenskräfte) und der Atemwege; man untersuchte ihn unter Beobachtung gewisser Vorsichtsmaßregeln (vgl. S. 294 und 310) meist an der linken Hand (wegen der Nähe des Herzens) und zwar mindestens bis zum 100. Schlag. Man unterschied 10 Hauptarten und zahlreiche Varietäten des Pulses (vgl. S. 310). Eine noch größere Rolle spielte die ~Uroskopie~, was schon durch die nicht geringe Zahl der Spezialschriften angedeutet wird.

Ueber Harnschau handeln Schriften des ~Afilacius~, ~Joh. Platearius Archimathaeus~, ~Maurus~, ~Urso~, des ~Gilles de Corbeil~, außerdem finden sich in der Coll. Salern. mehrere anonyme Abhandlungen über den Gegenstand.

Die Uroskopie der Salernitaner beruhte auf den Schriften des Theophilos und namentlich des Isaac Judaeus. Die Voraussetzung derselben bildete die Annahme, daß der ~Harn~ eine ~Kolatur~ des (in der Leber gebildeten) ~Blutes und der übrigen~ (in der Leber dem Kochungsprozesse der 2. Digestion unterworfenen) ~Kardinalsäfte~ sei. Demgemäß glaubte man aus dem Harn nicht nur auf den Zustand der Harnwerkzeuge und Harnwege, sondern auf den Kochungsprozeß in der Leber, auf die Beschaffenheit des Blutes und der übrigen Humores, somit auf den Gesamtzustand schließen zu dürfen. Die Domäne der Harnschau bildeten alle, auf Säfteanomalien basierenden oder wenigstens mit solchen irgendwie zusammenhängenden Krankheiten, also der größte Teil der Pathologie. Während der Puls vorzugsweise prognostischen Aufschluß gab -- seine Qualität ist durch das Herz, den Sitz der spiritus vitales, bedingt --, sollte der Harn die spezielle Diagnose ermöglichen. Beide Methoden, Pulsuntersuchung und Harnschau, ergänzten einander. Archimathaeus sagt ausdrücklich: ~Et si pulsus mutatio ipsum egrotare significet, genus tamen egritudinis urina melius declarat~ (Coll. Sal. V, 333), ebenso meint Maurus: notandum est, quod licet ~urina vitii vel vigoris omnium membrorum corporis conjectualiter quodummodo sit declarativa~, principaliter tamen vitii vel vigoris epatis et viarum urinalium est significativa (Coll. Sal. III, 5). Bei der Harnschau wurde, abgesehen von den individuellen Umständen (vgl. die Verse des Gilles de Corbeil, S. 309), auf die Farbe (~color~), die Dichte (~substantia~), die Menge (~quantitas~), die Niederschläge (~contentum~) geachtet. Darin spiegelt sich gemäß den Prinzipien der Uroskopie der gesamte Kochungsprozeß, die Prävalenz einer oder der anderen Elementarqualität, bezw. Kardinalflüssigkeit wider. Besonders waren hierfür die Farben -- von denen in der Regel 19-20, vgl. S. 304 und 309, unterschieden wurden -- maßgebend. Die Beschaffenheit der Contenta (Nubecula, Enaeorema, Hypostasis etc.), von denen die Autoren eine große Zahl von Arten subtil beschreiben, wies auf den Rückstand beim Kochungsprozeß der Säfte in den Geweben (3. Digestion). Man ging soweit, die Stellen im Harnglas (~Urinal~), wo ein Niederschlag auftrat, mit den Körperregionen in Korrespondenz zu setzen (vgl. S. 304).

~Die spezielle Pathologie~ kennzeichnet sich durch schlichte, naturgetreue Schilderung der Krankheiten und entbehrt auch nicht der selbständigen Beobachtungen, namentlich verdient die Beschreibung der Wechselfieber, der Geistesstörungen (im Anschluß an die Methodiker), der Lungenentzündung und Phthise, sowie mancher Haut- und Geschlechtsaffektionen (Lepra, Morphaea, Impetigo, Scabies, Tinea, „malum mortuum qui Lupus vocatur” etc., Geschwüre an den Genitalorganen) hervorgehoben zu werden.

Hinsichtlich der ~Chirurgie~ und ~Geburtshilfe~, der ~Augen-~, ~Ohren-~ und ~Zahnheilkunde~ vgl. S. 286, 298, 307. Unter dem Namen eines ~Zacharias~ läuft eine kurze Schrift über Diagnostik und Behandlung der ~Augenkrankheiten~ (ed. P. Pansier, Collectio ophthalmologica veter. auctor. Fasc. V, Paris 1907), tractatus de passionibus oculorum qui vocatur ~sisilacera~ id est secreta secretorum in 3 Büchern, deren letztes zahlreiche Rezepte enthält. Der Verfasser, welcher vermutlich in Salerno den ersten Unterricht genossen hatte, weilte angeblich am Hofe des Kaisers Emanuel Comnenus (1143-1180) in Byzanz und war dort mehrere Jahre hindurch Schüler des erfahrenen Arztes Theophilus, später trat er selbst als Lehrer auf. Kulturhistorisch interessant sind die Ratschläge, welche er zur Täuschung der Kranken angibt. Si vis sophisticare infirmum et adstantes, dicas quod illud tale (das herausgeschnittene Hagelkorn) est vermis qui destruebat oculum patientis. ... Hoc valet ad deceptionem faciendam, ut videaris quasi ab oculis pannum auferre: accipe semen centrumgalli et dimitte parum, postea auferas eum quasi pannum.

Ebenfalls nur in ganz losem Zusammenhang mit der Schule von Salerno steht •Benevenutus Grapheus•, ~der berühmteste Augenarzt im Mittelalter~. Er stammte aus Jerusalem[38], machte sich mit der arabischen Heilkunde vertraut und studierte in Salerno unter Nicolaus Praepositus. Auf seinen Wanderungen durch Italien und Südfrankreich (als reisender Starstecher) übte er auch Lehrtätigkeit aus, wobei er allenthalben, in Salerno ebenso wie in Montpellier, dieselben demonstrativen Vorträge (gewiß gegen hohes Honorar) hielt[39]. Aus diesen wuchs seine ~Practica oculorum~ (ars probatissima oculorum) hervor, ein Werk, das in zahlreichen Handschriften verbreitet, frühzeitig übersetzt wurde (ins Französische, Provenzalische, Englische) und jahrhundertelang großes Ansehen genoß (ed. ~Berger~ u. ~Auracher~ des B. G. Practica oculorum, Heft 1, München 1884, Heft 2, München 1886). ~G. Albertotti~, Benvenuti Grassi Hierosolomitani de oculis eorumque egritudinibus et curis, Incunabulo Ferrarese etc., Pavia 1897; Derselbe, I codici Riccardiano Parigino ed Ashburnhamiano dell' opera oftalm. di Benvenuto, Modena 1897; Derselbe, I codici Napoletani, Vaticani e Boncampagni dell'opera oft. di Benvenuto, Modena 1901; Derselbe, I codici di Napoli e del Vaticano e il codice Boncampagni ora Albertotti riguardanti la opera di Benvenuto etc., Modena 1903; Derselbe, Il libro delle affezioni oculari di Jacopo Palmerio da Cingoli (ganz eng an B. angelehnter Text). -- Le compendil pour la doleur et maladie des yeuls qui a esté ordonné par Bienvenu Graffe. Ed. franç. d'après le manuscrit de la Bibl. Nationale de Paris (XV siècle) par le Dr. P. ~Pansier~ et ~Ch. Laborde~. Suivi de la version provençale d'après le manuscrit de Bâle (XIII siècle), editée par H. Teuilîé, Paris 1901. ~Laborde~, Un oculiste du XII siècle, Bienvenu de Jerusalem, le manuscrit de la bibl. de Metz, Thèse de Paris 1901. Die verschiedenen Texte zeigen nicht unbedeutende Abweichungen. Die Practica oculorum, welche den arabischen Einfluß überall verrät, aber nicht wenige eigene Erfahrungen oder selbständige Bemerkungen des von Selbstlob triefenden Verfassers enthält, zerfällt in 3 Bücher. Das erste Buch betrifft, abgesehen von einer Augenanatomie, die verschiedenen Arten des Stars (Linsentrübung, Amblyopie und Amaurose); das zweite die aus den vier Feuchtigkeiten entstehenden Krankheiten des Auges (Blut: Ophthalmie; Schleim: Tränenträufeln, Haarkrankheit, Pannus, Trachom; gelbe Galle: Verdunkelung der Augen, Nebel in der Hornhaut; schwarze Galle: Mückensehen, Protrusio bulbi, Flügelfell). Das dritte Buch behandelt das Hagelkorn, Ectropium, Verletzungen des Auges, Verstopfung der Sehnerven (Erblindung mit Aufhebung der Pupillenreaktion), Tränenfistel, Fremdkörper. Die Staroperation (Depression mit einer goldenen oder silbernen Nadel), die Trichiasisoperation, die Trachombehandlung (Abschaben) u. a. finden ziemlich eingehende Darstellung; die Zahl der mitgeteilten Rezepte, von denen sich manche (Augenpulver, Augensalben) langanhaltender Beliebtheit erfreuten, ist sehr bedeutend; anerkennenswert ist es, daß Benevenutus das abergläubische Element fernhielt.

[38] Wahrscheinlich war B. ein Jude, der später das Christentum annahm. Grapheus (oder Raffe) ist wohl eine Umbildung des hebr. Wortes rophe (Arzt).

[39] Beginnend mit dem Satze: Auditores omnes audiant circumstantes, qui cupiunt audire novam scientiam. ...

~Die Therapie~ verlor zwar ihren Ausgangspunkt -- Regelung der Lebensweise und Ernährung des Kranken -- nie gänzlich aus den Augen, aber infolge äußerer Einflüsse erweiterte sich die anfangs hygienisch-diätetische Behandlungsweise, welche höchstens „Digestiva”, leichte Abführmittel und Aderlässe heranzog, allmählich zu einer medikamentösen von ziemlicher Reichhaltigkeit; immerhin macht sich das lobenswerte Bestreben geltend, für die materiell weniger begünstigten Kranken durch heimische Ersatzmittel zu sorgen.

Was den Aderlaß anlangt, so gab es für denselben nicht wenige Indikationen, doch wurde auf Alter, Kräftezustand, Krankheitssitz, Krankheitsstadium, Jahreszeit u. a. sorgfältig Rücksicht genommen, für die Wahl der Vene waren bestimmte Regeln maßgebend, besonders bei den älteren Autoren herrscht die Bevorzugung der ~venaesectio e contrario~ (gemäß den Vorschriften der Methodiker) vor. Kleine Aderlässe (an der Salvatella) dienten prophylaktischen Zwecken.

Den Ansprüchen verwöhnter, reicher Patienten wurde durch die Pharmakopöe Rechnung getragen. Das krasseste Beispiel eines kostspieligen Medikaments bildet das „Diamargariton”, eine besonders aus Perlen bereitete Arznei (gegen Hysterie). Schon in Kophons ars medendi werden aber im Interesse der medicina pauperum einfache Mittel den teuren exotischen Drogen gegenübergestellt, und besonders tritt dieses rationelle Streben bei Salernus und Bernardus Provincialis hervor[40]. Anspielend auf die „Aurea alexandrina” heißt es (Coll. Sal. II, 422): „Cesset igitur amodo scolarium lacrimalis querimonia; cesset pauperum miserabilis inopia; cessent suspiria, gemitus et lacrimae. Prius non habebant scolares aurum unde auream compararent, modo habant auream et sine auro et meliorem aurea; prius non habebant medici sine speciebus alexandrinis, modo medentur tamen speciebus aegrorum communibus, minus caris, magis efficacibus.” Sehr scharf spricht sich an einigen Stellen auch Gilles de Corbeil gegen den eingerissenen Unfug aus.

[40] Den Reichen gab man schon aus suggestiven Gründen recht kostspielige, zusammengesetzte Arzneien, den Armen dagegen konnte der Arzt, umsomehr da er selbst die Spesen trug, nur einfache billige Kräutermittel verabreichen. Darauf beziehen sich die Verse des Regimen Salernitanum (Coll. Salern. I, 514):

Emta solet care multum medicina juvare, Si quae detur gratis, nil affert utilitatis. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Pro vanis verbis montanis utimur herbis Pro caris rebus, pigmentis et speciebus.

Die Schule von Salerno räumte das lähmende Gefühl geistiger Inferiorität, das jahrhundertelang die Geschlechter bedrückt hatte, hinweg, sie erweckte Hoffnungen auf eine Zukunft wissenschaftlicher Tätigkeit, und durch nichts verrät sich der psychologische Effekt ihrer Leistungen so sehr als in der Tatsache, daß unter dem Eindruck derselben einsichtsvolle Normannenfürsten der Freizügigkeit des ärztlichen Pfuschertums endlich einen Hemmschuh setzten. Schon 1140 erließ Roger, König von Sizilien, unter Androhung schwerer Strafen die gesetzliche Bestimmung, ~daß fürderhin niemand die Praxis ausüben dürfe, der nicht von der staatlichen Behörde auf Grund nachgewiesener Kenntnisse die nötige Erlaubnis erwirkt habe~.

Quisquis amodo mederi voluerit, officialibus nostris et judicibus se presentet, eorum discutiendus judicio: quod si sua temeritate praesumserit, carceri constringatur, bonis suis omnibus publicatis. Hoc enim prospectum est, ne in regno nostro subjecti periclitentur ex imperitia medicorum. (Hist. Diplomat. Friderici II ed. Huillard-Bréholles, Paris 1854, tom. IV, Pars I, Constitutiones Regni Siciliae, titulus LXIV.) Wahrscheinlich gaben die analogen arabischen Einrichtungen (vgl. S. 199) das Vorbild.

Salerno beherrscht mit seinem glänzenden Bilde in solcher Breite die Epoche, daß beinahe übersehen wird, wie sich das neuerwachte medizinische Leben auch anderswo schon zu regen begann und wie es die Keimzellen späterhin bedeutungsvoller ärztlicher Schulen dem Mutterboden entsprießen ließ. So taucht, wenn auch noch in schwachen Umrissen, um die Mitte des 12. Jahrhunderts ein ärztliches Kollegium in •Bologna• auf[41], ebenso dürfte die Medizin ungefähr seit 1180 in ~Paris~ öffentlich gelehrt worden sein[42], reichlicher fließen aber nur die Zeugnisse für den Bestand einer Schule in •Montpellier•.

[41] Unter den bekannt gewordenen Aerzten des 12. Jahrhunderts wird einer, nämlich Jacopo da Bertinoro, als Magister qualifiziert. Auch scheint die Anatomie in Bologna bereits um die Mitte dieses Säkulums Wurzel gefaßt zu haben, wenigstens soll Armando Guascone dieselbe (um 1151) ausgeübt haben.

[42] Angeblich sollen schon Hugo, genannt Physicus († 1138), und Obizo († 1199), Leibarzt Ludwigs des Dicken und Abt von St. Victoire, die Medizin öffentlich gelehrt haben. Als eigentlicher Begründer des medizinischen Unterrichts muß aber Gilles de Corbeil im Zeitalter Philipp Augusts betrachtet werden, er war es jedenfalls, der der medizinischen Wissenschaft in Paris einen ansehnlichen Platz neben der Theologie und den artes eroberte.

Aehnlich wie das Collegium Hippocraticum zu Salerno, bildet auch die Schule von Montpellier das Endergebnis eines weit zurückreichenden Entwicklungsprozesses, dessen Frühstadien exakter historischer Kenntnis entzogen bleiben. ~Tradition und nicht wenige Umstände sprechen dafür, daß bei ihrer Entstehung arabisch-jüdischen Einflüssen ein Hauptanteil zuzuerkennen ist.~ Insbesondere wäre zu erwägen, daß Montpellier zu Aragonien in viel engerer kultureller und politischer Beziehung als zum nördlichen Frankreich stand, und daß die Bevölkerung einen starken Einschlag spanischer Araber und Juden enthielt. Um 1160 begegnete Benjamin von Tudela (Itinerarium, engl. Uebersetzung ed. Asher, London und Berlin 1840) in Montpellier vielen Juden und Sarazenen. Unter solchen Verhältnissen lag höchstwahrscheinlich die medizinische Praxis zum großen Teile in der Hand derselben, und manche von ihnen mögen als Lehrer aufgetreten sein. Die blühenden medizinischen Schulen der spanischen Araber dürften ein Vorbild abgegeben haben, ob die in benachbarten Städten (Narbonne, Arles, Lunel, Bezières) befindlichen jüdischen Unterrichtsanstalten, an welchen auch die Heilkunde gepflegt wurde, von Einfluß waren[43], das bleibe noch eine offene Frage.

[43] Es wurde zu beweisen versucht, daß ein Schüler des Rabbi Abon von Narbonne in Montpellier zuerst medizinischen Unterricht erteilt habe (um 1025). Als berühmter jüdischer Lehrer wird im 12. Jahrhundert der verdiente Interpret arabischer Schriften in hebräischer Sprache, ~Jehuda ben Tibbon~, genannt. -- Einblick in den medizinischen Studiengang an den jüdischen Hochschulen des 12. Jahrhunderts erhalten wir durch die Schrift des R. Josef ben Jehuda Aknin (aus Barcelona) „Heilung der Seelen”, Kap. 27. Es werden dort zum Studium eine Reihe von ~galenischen~ Schriften empfohlen (z. B. de sectis, de elementis secundum Hippocratem, de facult. naturalib., de temperamentis, de usu part., de differ. febr. de crisibus, de dieb. critic. de alimentor. facult., de simplic. medicament. temperament., de compos. medicament., de method. med., ad Glaucon. de meth. med. de sanit. tuenda), ferner von Hippokrates die Aphorismen, die Prognostik, die Schriften über Luft, Wasser und Oertlichkeit, über die akuten Krankheiten, endlich Schriften des Isaac Judaeus (vgl. Güdemann, Das jüdische Unterrichtswesen während der spanisch-arabischen Periode, Wien 1873). Es sei hier auch erwähnt, daß der berühmte Talmudkommentator des 11. Jahrhunderts, ~Raschi~ (aus Troyes in der Champagne), in seinem Schrifttum ansehnliche medizinische Kenntnisse verrät.

Die erste Nachricht datiert vom Jahre 1137 und bezieht sich auf (den späteren Bischof) ~Adalbert von Mainz~, der, wie sein Biograph Anselmus in Versen erzählt (Anselmi episcopi Havelbergensis vita Adalberti Moguntini in Bibl. rer. german. ed. Ph. Jaffé, Berol. 1866, III, 592), auf seiner Studienreise auch nach Montpellier kam und sich von den Lehrern der Heilkunst über die Ursachen der Naturerscheinungen und Krankheiten unterrichten ließ. Weiterhin hören wir aus einem Briefe des hl. Bernhard vom Jahre 1153 (Ep. 37, Migne, T. 182 c. 512), daß der Erzbischof von Lyon nach Montpellier reiste, um sich von den dortigen Aerzten behandeln zu lassen und bei dieser Gelegenheit mehr Geld verbrauchte, als er mitgenommen hatte (cum medicis expendit et quod habebat, et quod non habebat). Daß Montpellier gegen Ende des 12. Jahrhunderts schon eine ebenbürtige Rivalin von Salerno war, geht aus den Worten des ~Joh. von Salisbury~, des ~Alexander Neckam~ und aus Stellen bei ~Gilles de Corbeil~ hervor, welch letzterer für Salerno energisch Partei ergreift[44]. Uebrigens scheinen auch einige Salernitaner vorübergehend in Montpellier gelehrt zu haben. Der berühmte Mönch ~Caesarius von Heisterbach~ nennt Montpellier „die Quelle der medizinischen Weisheit”, nur bemerkte er bedauernd, daß die Aerzte daselbst an die Wunderheilungen nicht glauben wollten und ironisch darüber sprechen.

[44] Joh. von Salisbury, Metalogicus I, cap. 4 (ed. Migne T. 199 p. 830), Alexander Neckam de natur. rer. II, cap. 174 (ed. Wright in Rer. britannicar. mediaevi script. XXXIV, pag. 311). Gilles de Corbeil spielt in feindseliger Weise auf Montpellier in seinen Lehrgedichten de urinis (v. 345-348) und de virtutibus medicam. composit. (v. 150) an; er erwähnt auch einen gewissen Renaudus, späteren Mönch, „Qui Pessulani pridem vetus incola Montis in medicinali doctor celeberimus arte” (ed. Choulant, p. 105).

Die nationale und konfessionelle Toleranz, welche lange Zeit unter der Mischbevölkerung der Stadt Montpellier herrschte[45], spiegelte sich in der Frühepoche wohl auch in der Lehrfreiheit wider, und noch 1180, als eine Abwehrbewegung gegen fremden Zuzug bereits im Entstehen begriffen war, verbot Guillaume Seigneur de Montpellier jede Einschränkung. ~Et ideo mando, volo, laudo atque concedo in perpetuum, quod omnes homines quicumque sint, vel undecumque sint, sine aliqua interpellatione regant scolas de fisica in Montepessulano[46].~ Einige Dezennien später wurden freilich die Schranken aufgerichtet.

[45] Wie weit diese Toleranz ging, daß sie sich auf völlige bürgerliche Gleichstellung erstreckte, beweisen am besten die späteren reaktionären Maßnahmen; im Jahre 1121 wurde nämlich bestimmt, daß kein Sarazene oder Jude zur Würde eines Bailli (Stadthauptmanns) zuzulassen sei, 1146 und 1172 erneuerte man dieses Verbot bezüglich der Juden.

[46] Uebrigens spricht der Eingang dieses Edikts gegen eine eigentliche Organisation der Schule und mehr für einen privaten Unterricht durch einzelne Lehrer, indem es heißt: non dabo concessionem seu prerogativam aliquam alicui personae quod unus solus tantummodo legat seu scolas regat in Montepessulano in facultate Fisice discipline, quia acerbum est ... uni soli dare et concedere monopolium in tam excellenti scientia.

Wie in Salerno oder noch mehr waren unter den Studierenden Montpelliers nicht wenige jüdischer Herkunft.

Erst im Werden begriffen, treten aber diese Schulen im Schrifttum noch nicht hervor, und was sonst die Epoche an literarischer Ausbeute liefert, reiht sich zwanglos an die frühmittelalterlichen Erzeugnisse mönchischen Geistes. Dahin gehörte das, bis ins 16. Jahrhundert in sehr hohem Ansehen stehende, Lehrgedicht ~Macer~ oder ~Macer Floridus~, ~de viribus herbarum~, das metrische Steinbuch ~Lapidarius~ (de lapidibus pretiosis) des Bischofs ~Marbod~, die in verschiedener Hinsicht interessanten Schriften der hl. ~Hildegard~, ~Physica~ und ~Causae et curae[47]~.

[47] Seit den Zeiten Karls d. Gr. erwarben -- im Gegensatz zu den Männern -- Frauen aus vornehmen Kreisen nicht selten gelehrte Bildung. Beispiele von gelehrten Nonnen sind die Dichterin Hroswitha von Gandersheim (10. Jahrhundert), oder die Verfasserin der Enzyklopädie „~Hortus deliciarum~”, ~Herrard von Landsperg~ († 1195).

•„Macer Floridus”•, ~de viribus~ (~oder de virtutibus~) ~herbarum~ (ed. L. Choulant, Lips. 1832). Das berühmte aus 2269 latinobarbarischen Hexametern bestehende Lehrgedicht, welches in 77 Kapiteln über die Arzneiwirkung von 77 Pflanzen, mit Artemisia (Herbarum mater) beginnend, handelt, ist (nach einigen Pflanzenbezeichnungen zu urteilen) höchstwahrscheinlich in Frankreich verfaßt worden. Als Verfasser wird zumeist der in einer Handschrift als Arzt bezeichnete Odo von Meudon (Magdunensis) aus Meune sur Loire oder der Zisterzienser Odo von Morimunt in Burgund (Murmundensis, † 1161) angenommen, als Abfassungszeit das letzte Viertel des 11. Jahrhunderts. Der Name Macer Floridus sollte an den römischen Dichter Aemilius Macer (vgl. Bd. I, S. 323) erinnern, um dem Werke leichter Eingang zu verschaffen -- mit welchem Erfolge, das beweist seine große Verbreitung und sein bis ins 16. Jahrhundert reichendes hohes Ansehen (zahlreiche Handschriften, frühzeitige Uebersetzungen resp. Bearbeitungen ins Dänische[48], Deutsche[49], Hebräische, Zitate bei bedeutenden Autoren, Kommentare und Erläuterungsschriften, 22 Druckausgaben). Quellen des Macer Floridus sind Plinius (Histor. natur., namentlich 20. Buch), die lateinischen Bearbeitungen des Dioskurides (die lat. alphabet. Uebersetzung Dyascorides) und Oribasius, Galenus ad Paternianum, Gargilius Martialis, Pseudo-Apulejus, Palladius, Isidorus Hispalensis, Constantinus Africanus u. a. Auch des Hortulus des Walahfrid Strabo gedenkt der Verfasser einmal beim Ligusticum. Von diesem unterscheidet sich das Lehrgedicht stofflich durch die über dreimal größere Zahl der behandelten Pflanzen und durch die vorherrschende Beschränkung auf die medizinische Anwendung, formell durch poetische Geringwertigkeit.

[48] Vgl. Harpestreng.

[49] Handschriftlich sind mehrere deutsche Uebersetzungen aus dem 13., 14. und 15. Jahrhundert vorhanden, ebenso ein nach Macer bearbeitetes deutsches Kräuterbuch.

•Marbod• (Marbold, Merbold), Bischof von Rennes in der Bretagne († 1123), gilt als Verfasser eines aus 743 schlechten Hexametern bestehenden Lehrgedichtes ~Lapidarius~ (de lapidibus pretiosis, liber lapidum seu de gemmis, ed. J. Beckmann, Göttingen 1799), welches über die Heil- und Zauberkraft von 60 Edelmineralien handelt. Im wesentlichen bietet es nur die Fabeln, welche sich schon im Plinius und Damigeron finden, doch scheint die Vermittlung auf dem Wege eines arabischen Machwerkes stattgefunden zu haben, womit die Angabe des Prologs stimmt, wo es heißt, daß der Verfasser nur einen Auszug aus der Schrift eines „arabischen Königs ~Evax~” veranstaltet hätte[50]. Für die große Beliebtheit des Steinbuches bei den Zeitgenossen und auch in den folgenden Jahrhunderten spricht der Umstand, daß es schon frühzeitig (ins Französische, Italienische, Dänische[51] und Hebräische) übersetzt und oft gedruckt wurde.

[50] Das Steinbuch des Marbod gehört mit anderen von symbolistischer Naturauffassung erfüllten Schriften, z. B. dem Tierbuch The bestiary des Philipp de Thaun (ed. Wright in Popular treatises on science written in the middle age, London 1841), auf dem Physiologus beruhend, in eine Gruppe.

[51] Vgl. Harpestreng.

•Hildegard• die Heilige (1099-1179). Die unter ihrem Namen gehenden naturwissenschaftlich-medizinischen Werke, die ~Physica~ und die ~Causae et curae~, welche beide aus den Traditionen des Benediktinerordens (Kompilationen), sowie aus den Volksgebräuchen geschöpft sind, gewähren einen guten Einblick in die deutsche Naturkunde und Klostermedizin des 12. Jahrhunderts -- wenn auch manches von ihrem Inhalt später hinzugesetzt worden sein dürfte. Die hl. Hildegard wurde in Beckelheim a. d. Nahe geboren und empfing bereits von ihrem 8. Jahre an klösterliche Erziehung; sie gründete ein Frauenkloster auf dem Rupertsberge bei Bingen (daher der Beiname de Pinguia), als dessen Aebtissin sie in verdienstvollster Weise wirkte. Angeblich bis zum 43. Jahre ohne gelehrte Bildung, füllte die hochbegabte Frau später die Lücken ihrer Kenntnisse in einer Weise aus, daß sie als Verfasserin von zahlreichen, meist mystisch-theologischen Schriften hervortreten und den Ruf hoher Gelehrsamkeit erwerben konnte; trotz körperlicher Gebrechlichkeit machte sie ansehnliche Reisen, auch stand sie mit vielen hervorragenden Männern in brieflichem Verkehr und galt als Seherin. Ihre, besonders in den Klöstern des Rheinlandes, verbreiteten Schriften wurden noch im 16. Jahrhundert sehr geschätzt.

Die ~Physica~ ═ liber subtilitatum diversarum naturarum, creaturarum etc. (unter diesem Titel ed. von F. A. Reuß, Paris 1856) ═ liber simplicis medicinae ist im wesentlichen eine Naturbeschreibung vom ärztlichen Standpunkte, eine Darstellung der Heilkräfte einzelner Pflanzen, Steine, Fische, Vögel, Säugetiere, Reptilien, Metalle, ein Kompendium der Volksmedizin; die Heilmittel, welche angeführt werden, sind fast durchgehends einheimische, wobei der Mystizismus, namentlich in dem Buche de lapidibus, keine geringe Rolle spielt. Erwähnenswert ist es, daß eine Reihe von Vorschriften über das Verhalten bei Schwangerschaft und Geburt, ferner Ratschläge zur Herabsetzung der Geschlechtsbegierde vorkommen. Es sei hier auf die fragmentarische deutsche Uebersetzung der Schrift von J. Berendes (Pharmazeutische Post 1896-97) verwiesen. Die Arzneiformen sind der Trank (roh oder als Abkochung, vielfach der Lutertrank „luterdranc” aus Honig, Wein und Gewürzen), Leckmittel, Brötchen, Pulver, Salben, Pflaster und Umschläge. Von großem Interesse sind die vielen in den Text eingestreuten deutschen Pflanzenbezeichnungen (z. B. Bilse ═ Hyosciamus, Gar[e]we ═ Millefolium, Lubestuckel ═ Levisticum, Nelchin ═ Caryophylli, Schierling ═ Conium, Wermuda ═ Absinth, Zijtvar ═ Zedoaria u. s. w.).

Die ~Causae et curae~ (ed. P. Kaiser, Lips. 1903) ═ liber compositae medicinae de aegritudinum causis, signis atque curis behandeln vorwiegend die Ursachen, Kennzeichen und Heilweise der Krankheiten vom humoralpathologischen Standpunkte. Unzweifelhaft haben Interpolationen von späterer Hand stattgefunden. Die Mittel sind zum größten Teile volkstümliche und dem Pflanzenreich entlehnt. Vgl. die fragment. Uebersetzung von P. Kaiser in Therap. Monatshefte 1902. Der Stoff ist ziemlich bunt angeordnet, wie nachfolgende Inhaltsangabe beweist: Bedeutung des Mondes, Zeit der Zeugung, Wasser, Empfängnis, Krankheiten, Nebel, Schöpfung Adams, Elemente, nochmals Empfängnis, Milch, fleischliche Lust, Temperamente, Monatsfluß, Schlaf, nächtliche Befleckung, Atmen, Uebermaß des Schlafes, körperliche Bewegung, sanguinische, phlegmatische, cholerische, melancholische Weiber, Haare, Kopfschmerz, Zahnschmerz, Milzschmerz, Magen und schlechte Verdauung, Podagra, Schlummern, Durst nach dem Schlaf, Lähmung, Fieber, Essen, Trinken, Jahreszeiten und Mahlzeiten, Aderlaß, Schröpfen, Speichelauswurf und Schnauben, Nasenbluten, Schnupfen, Reinigungstränke, Diät, Blattern, Geschwulst, Geschwüre, Aussatz, Haarschwund, Kopfschmerz, Verrücktheit, Migräne, Kopfschmerz durch Magendunst, Kopfschmerz von Schleim, Lungenübel, nochmals Verrücktheit, Augenleiden, Gehörleiden, Zahnschmerz, Herzleiden, Lungenleiden, Leberverhärtung, Milzleiden, Magenleiden, Zerreißung des Siphac (Bauchfells), Nierenschmerzen, Seitenstechen, Geschwulst des männlichen Gliedes, Harnzwang, Impotenz, Unfruchtbarkeit, Podagra, Fisteln, Geschwüre, Eiterungen, Schlaflosigkeit, Ausbleiben der Menstruation, übermäßige Menstruation, schwere Geburt, Beförderung des Stuhlganges und Auswurfes, Nasenbluten, Schnupfen, Heiltränke, Ueppigkeit, Gedächtnisschwäche, Schlucken, Vergiftung, Krampf, Zorn und Schwermut, Augenverdunkelung, unmäßiges Lachen, Trunkenheit, Durchfall, Blutfluß aus dem Mastdarm, Blutspeien, Hämorrhoiden, Rose (?), Krebs, Skabies, Gelbsucht, Kolik, Pulsschlag, Bäder. Auch in dieser Schrift fallen viele deutsche Bezeichnungen auf, z. B. crampho ═ spasmus, freislicha ═ erysipelas, gelewesucht ═ Icterus.

Solche freiere literarische Gestaltungen bildeten nur ein Teilstück jener regsamen Kopistentätigkeit, welche fortdauernd die Kloster- und Stiftsbibliotheken bereicherte.

Als Beispiele des Mönchfleißes seien hier zwei Handschriften angeführt, welche wegen ihrer illustrativen Beigaben höchst bemerkenswert sind: die Kopenhagener Moschion-Handschrift aus dem 12. Jahrhundert mit ihren 15 kolorierten Federzeichnungen von Fötuslagen (vgl. Weindler, Geschichte der gynäkologisch-anatomischen Abbildung, Dresden 1908) und ein im Jahre 1154 im Kloster Prüfling (bei Regensburg) geschriebener, anatomischer Traktat (im Cod. Monac. lat. 13002), mit 5 den Lauf der Arterien und Venen, den Knochenbau, das Muskel- und Nervensystem darstellenden Zeichnungen (vgl. Sudhoff, Tradition und Naturbeobachtung, Lpz. 1907).

Wie sehr die geistlichen Bibliotheken in ihrem medizinischen Bücherschatz mit dem Fortschritt der Zeit Schritt hielten, beweist z. B. das Testament des Bischofs Bruno, welcher der Dombibliothek von Hildesheim (um 1161) folgende Bücher vermachte: „quinque libros phisice artis et pantegni .... antidotarium sarrocinicum et librum febrium et librum urinarum in uno volumine; antidotarium Constantini et librum graduum et librum cirurgie et librum cerebri et partem herbarii et librum melancolie in uno volumine, librum aureum et librum lepre et universales dietas et tegni galienis in uno volumine, librum stomachi et librum oculorum in uno volumine, particulares dietas, glosas duplices in ysagogas Joannicii et glosas in aphorismos et in librum prognosticorum et in librum urinarum et in librum pulsuum” (Janicke, Urkundenbuch des Hochstiftes Hildesheim und seiner Bischöfe, Lpz. 1896 I, Nr. 324).

~In der Praxis aber hatte die Klerikermedizin ihren Höhepunkt bereits überschritten~, wenn auch der Klerikerarzt noch lange nicht aus dem abendländischen Kulturleben schwindet. Den Wechsel der Szene bereitete nicht bloß das Emporkommen des bürgerlichen Laienstandes, sondern auch das öfters wiederholte Verbot der Kirche vor, welches -- allerdings vorerst ohne durchgreifenden Erfolg -- der regulierten Geistlichkeit und den Mönchen den (erwerbsmäßigen) Betrieb der Heilkunde aus naheliegenden Gründen untersagte, ja sogar das Studium derselben einzuschränken suchte.

Namentlich unter dem Papste Innozenz II. wurden Konzilsbeschlüsse (Konzil von Clermont 1130, von Rheims 1131, Lateranisches Konzil 1139) gegen die ärztliche (und advokatorische) Praxis der Geistlichen erlassen. In der Verordnung vom Jahre 1130 heißt es: Prava autem consuetudo, prout accepimus et detestabilis increvit, quoniam monachi et regulares canonici post susceptum habitum et professionem factam, spreta beatorum Benedicti et Augustini regula, leges temporales et medicinam gratia lucri addiscunt ... Ipsi quoque canonici et monachi, ~neglecta animarum cura~ ordinis sui propositum nullatenus attendentes, ~pro detestanda pecunia~ sanitatem pollicentes, humanorum curatores se faciunt ~corporum~. ~Cumque impudicus oculus impudici cordis sit nuntius, illa etiam, de quibus loqui erubescit honestas, non debet religio pertractare.~ Ut ergo ordo monasticus et canonicus deo placens in sancto proposito inviolabilis conservetur, ne hoc ulterius praesumatur, auctoritate apostolica interdicimus. Episcopi autem, abbates et priores, tantae enormitati consentientes et non corrigentes, propriis honoribus spolientur. -- Auf dem Konzil von Tours 1163 unter dem Papst Alexander III. wurde verordnet: ~Ne sub occasione scientiae, spirituales viri mundanis rursum actionibus involvantur et in interioribus eo ipso deficiant, ex quo se aliis putant in exterioribus providere~, de praesentis concilii assensu huic malo obviantes, ~statuimus, ut nullus~ omnino post votum religionis, post factam in aliquo religioso loco professionem ~ad physicam legesve mundanas legendas permittatur ire~. In demselben Sinne sprachen sich die Konzilsbeschlüsse von Montpellier (1162 und 1195) aus: Sub omni severitate Ecclesiasticae disciplinae, ne quis Monachus vel Canonicus regularis aut alius Religiosus ad seculares Leges vel Physicam legendas accedat. Diese kirchlichen Verbote richteten sich also insbesondere gegen den allmählich eingerissenen Unfug, daß Priester und Mönche zuweilen ihre eigentlichen Obliegenheiten zugunsten einer einträglichen Praxis vernachlässigten[52] und die Würde ihres Standes durch die drohende Gefahr übler Nachrede beeinträchtigten[53]; ferner gegen den Mißbrauch, daß nicht wenige nur die Vorrechte der Kleriker anstrebten, um unter günstigen Bedingungen einem weltlichen Berufe leben zu können. Die Verbote richteten sich aber weitergehend selbst gegen das medizinische Studium[54] und die medizinische Lehrtätigkeit der Priester, wobei die im 12. Jahrhundert von den Cluniacensern und Cisterciensern[55] ausgehende strengere asketische Richtung von Einfluß gewesen sein dürfte[56]. Es ist aber festzuhalten, daß die Verbote in ihrer vollen Strenge nur für die Mönche und die regulierte Geistlichkeit gültig waren, und daß sich die Begriffe Priester und Kleriker keineswegs deckten.

[52] Vgl. die Bemerkung des Gilles von Corbeil S. 310, aus welcher hervorgeht, daß Mönche zuweilen ihre Klöster verließen und nach Ablegung ihres Ordenskleides ärztliche Scharlatanerie trieben.

[53] Namentlich bei chirurgischen Eingriffen war diese Gefahr sehr groß.

[54] Schon auf der Synode von Regensburg 877 war verordnet worden: Leges et physicam non studeant sacerdotes.

[55] Der heil. Bernhard von Clairvaux, welcher selbst viele Wunderkuren vollzog, verbot seinen Mönchen, Arzneien zu gebrauchen und ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen: „Scio equidem, quod in regione habitatis infirma et multis aliqui ex vobis laborant infirmitatibus; sed mementote, quis dixerit: Libenter gloriabor in infirmitatibus meis, ut inhabitet in me virtus Christi ...! Propterea minime competit religioni vestrae medicinae quaerere corporales, sed nec expetit saluti. Nam de vilibus quidem herbis et quae pauperes deceant, interdum aliquid sumere tolerabilis est et hoc aliquando fieri solet. At vero species emere, quaerere medicos, accipere potiones, religioni indecens est et contrarium puritati maximeque ordinis nostri nec puritati.” Der heil. Bernhard erzählt auch in einem seiner Briefe (Ep. 67) von einem Mönche, der bei ihm Zuflucht suchte, weil er angeblich von seinem Abte gezwungen wurde, „Tyrannen, Räubern und Exkommunizierten ärztliche Hilfe zu leisten”.

[56] Daß die Gegensätze zwischen Naturwissenschaft und Religion schon Bedenken zu erregen begannen, leuchtet z. B. aus den Worten des Johannes von Salisbury hervor, der von den Aerzten seiner Zeit sagt: At physici dum naturae nimium auctoritatis attribunt, in auctorem naturae, adversando fidei, plerumque impingunt. Non enim omnes erroris arguo, licet plurimos audierim de anima, de virtutibus et operibus ejus, de augmento corporis et diminutione, de resurrectione ejusdem, de creatione rerum, aliter quam fides habeat, disputantes (Migne T. 199, p. 476).

Immerhin war das Interesse für die Heilkunde[57] und das Vertrauen, welches in altgewohnter Weise vom Volke den Geistlichen auch in ärztlichen Dingen entgegengebracht wurde, viel zu mächtig, als daß die Konzilsbeschlüsse ihrem Wortlaut nach in kurzer Zeit hätten durchgeführt werden können -- namentlich in jenen Ländern, wo es an Bedingungen für die Heranbildung tüchtiger Laienpraktiker noch fehlte. Gerade die wiederholte und noch in viel späterer Zeit erfolgte Erneuerung der kirchlichen Verbote beweist, wie wenig dieselben fruchteten. Während des 12. Jahrhunderts finden sich noch immer in nicht geringer Zahl angesehene Vertreter der ärztlichen Kunst unter den Benediktinern (z. B. im Kloster Tegernsee in Oberbayern), geistliche Leibärzte und manche wegen ihrer medizinischen Leistungen gerühmte hohe Würdenträger der Kirche.

[57] So wie einst Gerbert (vgl. S. 273) studierten manche die Heilkunde nur aus Wißbegierde, ohne sie auszuüben.

Das ärztliche Milieu rekrutierte sich im allgemeinen aus besseren Elementen, soweit die Einflüsse der berühmten Schule von Salerno und Montpellier reichten. Nur allzubald wußten aber auch Scharlatane die Schallkraft des Namens dieser Lehranstalten für ihre betrügerischen Zwecke auszunützen, indem sie bloß vorgaben, dort ihr Wissen erworben zu haben. Neben der Minderzahl gebildeter Aerzte trieben rohe Empiriker, männliche und weibliche Pfuscher[58] ihr Wesen, und im Volke wurzelte unerschütterlich, stärker als alles andere, der Glaube an medizinische Mirakel[59].

[58] In Frankreich hießen sie mires und mirgesses.

[59] Seit dem 11. Jahrhundert gelangten die Könige von England -- zuerst Eduard der Bekenner --, bald auch die Könige von Frankreich -- schon Philipp I. -- in den Ruf, durch Berühren (mit der Königshand) besonders Kröpfe und Skrofeln („Königsübel”) heilen zu können, vgl. hierzu S. 19, Anm. 5 und S. 237, Anm. 5.

Daß übrigens schon gegen Ende dieser Epoche zum Schaden der medizinischen Ausbildung eine gewisse Leichtfertigkeit in der Schule von Salerno Platz griff, indem „bartlose unreife Knaben” die Würde des Arztes erhielten und sogar als Lehrer auftreten durften, bezeugt Gilles de Corbeil, vgl. S. 311.

Satirische Ausfälle gegen das Arzttum finden sich bei mehreren Autoren des 12. Jahrhunderts, namentlich bei Johannes von Salisbury (1110-1182), dessen Angaben, cum grano salis genommen, die damaligen Verhältnisse (das gelehrte Gezänke, die Phrasendrescherei und die Habsucht der Aerzte) beleuchten. In seinem Metalogicus Lib. I, cap. 4 (ed. Migne Tom. 199) heißt es unter anderem: Alii autem, suum in Philosophia intuentes defectum, Salernum vel ad Montempessulanum profecti, facti sunt clientuli Medicorum, et repente quales fuerant Philosophi, tales in momento Medici erupuerunt; fallacibus enim referti experimentis in brevi redeunt, sedulo exercentes quod didicerunt. ~Hippocratem ostentant, aut Galenum, verba proferunt inaudita, ad omnia suos loquuntur Aphorismos, et mentes humanas velut afflatas tonitruis sic percellunt nominibus inauditis. Creduntur omnia posse, quia omnia jactitant, omnia pollicentur~ (l. c. p. 830). ... Et quidem theorici, quidquid suum est, faciunt, et forte pro amore tuo amplius erogabunt, et ab eis singularum rerum causas et naturas accipies; sanitatis, aegritudinis et neutralitatis, censores sunt. Dant sanitatem verbo tenus et conservant. Neutralitatem jubent istuc divertere. Aegritudinis praevident et docent causas, indicunt ei initium, augmentum, statum et declinationem. Quid multa? Cum eos audio, videntur mihi posse mortuos suscitare, nec Aesculapio Mercuriove creduntur inferiores. Verumtamen in eo magna mentis admiratione distrahor et perturbor, quod a se ipsis tanto verborum conflictu et collisione rationum dissiliunt et discordant. Unum profecto scio, contraria simul vera esse non posse. Quid de medicis practicis dicam. Absit ut de his quidquam perversum loquar. In manus enim eorum, exigentibus peccatis meis, nimis frequenter incido. Nolo me tractent durius, nec etiam sentire audeo, quod omnes clamant. Dicam ergo cum sancto Salomone: Quia medicina a Domino Deo est, et vir sapiens non contemnet eam. Nemo siquidem magis necessarius est aut utilior medico, dummodo sit fidelis et prudens. Quis enim praeconia illius declamare sufficiat, qui salutis artifex et procreator vitae, in eo Dominum imitatur et vices ejus agit, quod salutem, quam ille operatur, et quasi Dominus et princeps donat, iste oeconomus et minister procurat et dispensat? Nec ad rem attinet, si qui pseudogratiam vendunt, et qui justiores videri volunt, dum nihil accipiant, antequam aeger convalescat, in eo iniquiores sunt, quod beneficium temporis, imo munus Dei, manibus suis ascribunt, cum ille quem Deus erigit et vigor naturae convalescentis, citra operam ejus fuerat erigendus. Quamvis istud jam paucorum sit, sibi invicem suadentibus et replicantibus medicis: „~Dum dolet, accipe~”[60]. Nec moveor si opera eorum in se compugnent, cum sciam contrariorum plerumque esse eundem effectum. Sed cum inter manus eorum quis in fata collapsus est, tunc necessarias producent rationes, quibus apparebit, quod vita ejus non fuerat ulterius protendenda. Et ut dicitur, quos longa afflixerunt inedia, jam mortuis sorbitiunculas faciunt et inutiles et delicatos praeparant cibos. Exspectas forte, ut dicam, quod dicit populus, quia hi sunt, qui homines officiosissime occidunt. Sed frustra. Absit enim, ut hanc contumeliam proferam, quam si forte audire volueris, Senecam, Plinium adeas et Sidonium, qui hoc in auribus tuis clamore valido replicabunt. (L. c. p. 476.)

[60] Johann von Salisbury spielt auf die in salernitanischen Schriften mehrmals wiederkehrenden gewiß berechtigten Ratschläge bezüglich der Honorarforderungen an; gegenüber der wahrscheinlich nicht seltenen Knauserei mancher vermögenden Patienten war kluge Benützung der Umstände einigermaßen am Platze. Gilles de Corbeil kommt auf dieses alte und doch stets aktuell bleibende Thema mehrmals zu sprechen. Von ihm hören wir auch manches über das Auftreten, den Kleiderluxus und sonstigen äußeren Prunk der medizinischen Zelebritäten des 12. Jahrhunderts (Med. comp. Lib. II v. 102, 745).

Noch recht spärlich fließen für diesen Zeitraum die Nachrichten über die Aerzte in Deutschland; die wissenschaftlich gebildeten gehörten wohl überwiegend dem ~Klerikerstande~ an[61]. Ganz besonders schlecht sah es mit der Chirurgie aus, welche rohen Empirikern überlassen blieb[62].

[61] Vereinzelt werden auch Laienpraktiker in den Urkunden genannt, z. B. ein Arzt in Halberstadt in den Jahren 1180-1183, Rodgerus physicus (vgl. Andreae, Chronik d. Aerzte des Reg.-Bez. Magdeburg, Magdeb. 1862). Es dürften sich auch Aerzte aus dem Ausland (Italien) niedergelassen haben.

[62] Herzog Leopold V. von Oesterreich stürzte am Weihnachtstage des Jahres 1194 vom Pferde und erlitt eine komplizierte Fraktur des Unterschenkels. Die herbeigerufenen Aerzte behandelten ihn mit Pflastern und Arzneien, bis der Brand eintrat. Sie hatten nicht den Mut, die Amputation vorzunehmen, obwohl der Patient selbst die Operation wünschte. Infolgedessen ergriff der Herzog mutiger Weise eine Streitaxt, setzte sie an das Schienbein und befahl seinem Kammerdiener, mit einem Hammer darauf zu schlagen. Beim dritten Schlage wurde das Bein abgetrennt. Jetzt erst gingen die Aerzte wieder an die Arbeit, doch am nächsten Morgen trat der Tod ein (Rer. brit. med. aevi script. T. 82, Abt. 2, p. 432). -- Als der Markgraf Dedo von Rochlitz und Groiz 1190 den Kaiser Heinrich VI. nach Apulien begleiten sollte, fürchtete er wegen seiner Fettleibigkeit das heiße Klima und die Reisebeschwerden. Ein Arzt, den er deshalb kommen ließ, schnitt ihm einfach den Leib auf, um das Fett zu entfernen -- ein Verfahren, an dessen Folgen der Markgraf rasch zugrunde ging (Chron. mont. seren. ed. Ekstein im Progr. d. lat. Hauptschule zu Halle 1844, p. 53).

Nicht geringen Ansehens erfreuten sich die ~jüdischen Aerzte~ (vgl. S. 276), namentlich in den höheren Schichten, entgegen den Bestrebungen der Kirche, ihre Praxis unter den Christen einzuschränken (Decretum Gratiani). Interessant ist z. B. die Notiz, daß Erzbischof Bruno von Trier (1102-1124) einen gelehrten Juden, namens Josua, zum Arzt hatte[63], oder daß 1138 ein zu Lüttich ansässiger Arzt namens Moses von einem höheren Geistlichen konsultiert wurde[64]. In Prag befand sich im 12. Jahrhundert vorübergehend nahezu die ganze ärztliche Praxis in den Händen von Juden.

[63] Mon. Germ. Scr. VIII, 194 ... habebat autem inter eos (sc. medicos) Judaeum quendam Josuae nomine, physicae artis eruditissimum, compotistam peroptimum, Hebraicarum litterarum et totius judaismi scientia perfectissimum, quem circumdabat militaris habitus. Hunc majori prae eceteris familiaritate et dilectione idem Bruno sibi annectebat, satagens, ut quomodo ille ipsum carnaliter medicaretur, ita ipse illi salutem animae operatur ... consiliis ejus acquievit et ab ipso baptizatus est.

[64] Mon. Germ. Scr. XVI, 332.

Eine bemerkenswerte Erscheinung ist es, daß schon in dieser Epoche bei den ~Laien~ die Tendenz zutage tritt, auch ~die öffentliche Krankenpflege~ zur eigenen Sache zu machen[65]. Wenn auch noch nicht klar bewußt, fand dieses Streben vorderhand in der Stiftung von Verbrüderungen zum Zwecke der Krankenpflege seinen Ausdruck -- mag auch die Obhut der Kirche und die mönchische Form der frommen Laienverbände mehr oder minder das tiefere Wesen des geschichtlichen Prozesses verschleiern. Die wichtigsten dieser Krankenpflegerschaften waren die Orden der ~Johanniter~, der ~deutschen Ritter~, der ~Lazaristen~, namentlich aber der am Ende des 12. Jahrhunderts gegründete ~Orden vom heiligen Geiste~.

[65] Eine Teilerscheinung der religiös-reformatorischen Bewegungen unter den Laien.

Die drei erstgenannten (nicht ihrem ersten Ursprung nach, sondern erst in ihrer späteren Entwicklung) ~ritterlichen~ Krankenpflegerschaften waren eine Frucht der Kreuzzüge und entsprossen dem heiligen Lande; außer der Pflege der Armen und Kranken in Hospitälern -- was anfangs den ausschließlichen Zweck der Verbrüderungen gebildet hatte -- setzten sie sich die Bekämpfung der Ungläubigen zur Aufgabe. (Ueber die interessante Geschichte dieser Orden, welche späterhin im Abendlande in zahlreichen Niederlassungen segensreich wirkten, vgl. besonders Haeser, Geschichte der christlichen Krankenpflege und Pflegerschaften, Berlin 1857). Hier sei nur hervorgehoben, daß wir verhältnismäßig am besten über die durch den Orden der Johanniter geübte Krankenpflege unterrichtet sind. In den Statuten, welche 1135 (von Raymund de Puy) gegeben wurden, ist die Verordnung zu lesen, daß sich im Hospitale zu Jerusalem 5 Aerzte und 3 Chirurgen befinden sollen. In den Statuten vom Jahre 1181 (Rogier de Moulin) wird von den besoldeten Aerzten (mièges) verlangt, daß sie in der Uroskopie und in der Bereitung der Sirupe bewandert sind. Die Krankenpflege fiel größtenteils den ~dienenden~ Brüdern zu, welche mit den Rittern und den geistlichen Ordensbrüdern zu einem Bunde vereinigt waren. Die Lazaristen widmeten sich der Pflege von Aussätzigen, ja bis 1253 mußte sogar der Großmeister aus der Mitte der aussätzigen Ritter, welche dem Orden angehörten, gewählt werden.

Der Orden vom heiligen Geiste, ausgehend von einem Hospital, das Guy von ~Montpellier~ in seiner Vaterstadt gestiftet hatte, bestand ursprünglich aus einer Verbrüderung von Laien, welche sich sehr bald ausbreitete. Seine Hauptbedeutung (zugleich aber verbunden mit einer immer stärkeren Einbuße des anfänglich weltlichen Charakters) erlangte der Orden erst, seitdem Papst Innozenz III. ihm die Leitung des für die spätere Entwicklung des Spitalwesens in allen christlichen Ländern vorbildlichen Hospitals San Spirito in Rom (anfangs des 13. Jahrhunderts) übertragen hatte. Im 12. Jahrhundert entstanden ferner die Hospitaliterorden von St. Protais und St. Gervais, der Orden der Vereinigung der Hospitaliterinnen der heil. Katharina, die weltlichen Krankenpfleger-Schwesterschaften (Filles et Dames hospitalières), der Orden der reg. Chorherren von Ronceval u. a. Nur lose standen mit der Krankenpflege die gleichfalls Ende des 12. Jahrhunderts gestifteten, halb weltlichen, halb klösterlichen Genossenschaften der Beguinen, die Kalandsbrüderschaften (in den Niederlanden) in Verbindung.

Immer war es aber eine religiöse Wurzel, aus welcher die Krankenpflegerverbände hervorgingen, und früher oder später wußte sich die Kirche stets wieder die Vormundschaft über dieselben zu verschaffen oder widerstrebende Emanzipationsgelüste zu unterdrücken.

In geistlichen Händen verblieb einstweilen auch noch die Leitung der Xenodochien, Hospitäler und Aussatzhäuser, deren Zahl in der Zeit der Kreuzzüge bedeutend anwuchs.

Die ersten Ansätze zu einer weltlichen Kranken- und Armenpflege, welche Karl der Große inspiriert hatte (Stiftung königlicher Hospitäler unter Aufsicht besonderer Beamter, missi dominici), kamen nicht zur weiteren Entwicklung, und insbesondere seit Mitte des 9. Jahrhunderts unterstanden alle Arten von Humanitätsanstalten, auch wenn sie von Laien gestiftet worden waren, geistlicher Oberleitung.

Abgesehen von den Aussatzhäusern gab es im Abendlande vor dem 13. Jahrhundert kaum eigentliche Krankenhäuser in unserem Sinne; die aus Xenodochien hervorgegangenen „Hospitäler” dienten nicht bloß zur Aufnahme von Kranken und Gebrechlichen, sondern auch zur Beherbergung armer Reisender (Pilger), Gastfreundschaft, Armenfürsorge und Krankenpflege waren zumeist noch unentwirrbar zu einem Ganzen verbunden.

Derartige mildtätige Stiftungen finden sich frühzeitig besonders in Italien[66], Frankreich und Spanien[67], später in England[68] und Deutschland[69].

[66] Z. B. ein Hospital und Findelhaus in Mailand (ersteres von Todona 777, letzteres von Dateo 10 Jahre später gegründet), Xenodochium in Lucca (8. Jahrhundert), das Hospital S. Maria delle Grazie in Rom, daselbst auch Hospitäler einzelner Landsmannschaften, das Hospital S. Maria della Scala zu Siena (9. Jahrhundert) etc.

[67] Vgl. S. 259, 262.

[68] Zu den ältesten gehört das 1070 vom hl. Lanfrancus (Erzbischof von Canterbury) gestiftete Krankenhaus und das 1102 gegründete Bartholomaeus-Hospital in London.

[69] Z. B. in Köln, Würzburg etc. In Köln kommt schon Ende des 12. Jahrhunderts ein „Irrenmeister” vor.

Da der Aussatz im 11. Jahrhundert in Europa auffallend zunahm, so mußten die ~Leproserien~ bedeutend vermehrt werden[70]. In Italien und Frankreich entstanden auch eigene Anstalten für jene Unglücklichen, welche von dem epidemisch grassierenden Ergotismus („~Ignis sacer~”) befallen wurden (unter Leitung der ~St. Antoniusbrüderschaft~).

[70] In Frankreich (wo übrigens schon im 6. Jahrhundert Aussatzhäuser von Gregor von Tours erwähnt werden) hießen sie Maladreriees, Malanteriees, Ladreriees, Meselleries, in Italien (wo schon im Anfang des 7. Jahrhunderts König Rothari strenge Anordnungen über die Absonderung der Leprösen gab) Lazaretti; in Rom diente das Hospital San Lazaro der Aufnahme von Leprösen. In Spanien wurde die erste Leproserie 1067 vom Cid gestiftet. In Deutschland nannte man sie Siechenhäuser, Gutleuthäuser. Außer den Leproserien größeren Stils existierten besonders in den Landgemeinden vereinzelte „Feldhütten” (mansiones, stellae, cucurbitae), in denen Aussätzige isoliert wurden. Die Pflege der Leprösen galt in besonderem Grade als gottgefälliges Werk, dem sich auch Mitglieder der vornehmsten Stände bisweilen widmeten, der Aussatz erschien der schwärmerischen Religiosität als unmittelbare Schickung Gottes, als ein Mittel, welches zum Heil der Seele führe.

Die Vermehrung und verbesserte Einrichtung der Krankenanstalten mag, ebenso wie die Bereicherung des Heilschatzes, auf den, während der ~Kreuzzüge~ gesteigerten Verkehr mit der östlichen Welt zurückgeführt werden; den reichen wirtschaftlichen und sozialen Nachwirkungen der Kreuzzüge ist vielleicht auch ein indirekter Einfluß auf die Heilkunde zuzusprechen -- die eigentliche, gerade für die Medizin so bedeutungsvolle Berührung mit der Wissenschaft des Morgenlandes erfolgte aber gleichzeitig fernab von den kriegerischen Ereignissen, auf ganz anderen Wegen, in Spanien und Unteritalien, in Form einer mächtig entfalteten ~Uebersetzertätigkeit~. Durch diese legte das 12. Jahrhundert das Fundament zur wissenschaftlichen Gestaltung des ganzen späteren Mittelalters.

Verpflanzung des Arabismus in die abendländische Medizin.

Die Lebensarbeit des ~Constantinus Africanus~ ging anscheinend in der Salernitanermedizin restlos auf, ohne die aus spätrömischer Zeit herüberreichenden Traditionen der Schule wesentlich zu verändern. Aber tatsächlich war die Rolle, welche die Geschichte dem Mönch von Cassino zugewiesen hatte, damit keineswegs erschöpft. Was Constantinus unter dem Deckmantel der Pseudooriginalität begonnen -- ~die Latinisierung der arabischen bezw. griechisch-arabischen Medizin~ -- regte zur Fortsetzung an und wurde zum bedeutsamen Vorspiel jener mächtigen, mit dem 12. Jahrhundert kräftig einsetzenden Geistesbewegung, welche den islamischen mit dem abendländischen Kulturkreis in innige Berührung brachte und der bisher fast einzig aus christlich-römischer Ueberlieferung schöpfenden Wissenschaft des Okzidents neue, fremdartige Fermente von reichster Energieentfaltung zuführte.

Wie einstens die Muslimen über Aegypten, Syrien und Persien griechisches Wissen im Gewande der Koransprache empfingen, so ergoß sich jetzt der inzwischen eigenartig verarbeitete und nicht unerheblich vermehrte Bildungsstoff wieder in rückläufigem Strom -- ~auf dem Wege lateinischer Uebersetzungen aus dem Arabischen~ -- in das Abendland. Es bildet eines der merkwürdigsten Phänomene der Kulturgeschichte und den erhebendsten Beweis für die, alle Hindernisse des Rassen- und Religionsgegensatzes bezwingende Macht des Erkenntnistriebes, daß das Abendland gerade in jener Epoche das sehnlichste Verlangen nach der „Doctrina Arabum” trug, da sich die Christenheit und der Islam auf der ganzen Linie des Mittelmeeres fast in unausgesetzter heftiger Fehde gegenüberstanden.

Die Kreuzzüge mögen den geistigen Horizont bedeutend erweitert, die Lust zur Aneignung der Errungenschaften der Sarazenen entzündet und den Erwerb einer Fülle von materiellen Kulturgütern aus dem Osten herbeigeführt haben -- der Eroberungszug der Wissenschaft richtete sich aber nicht nach dem Orient, sondern vornehmlich nach jenem Lande, wo Christen und Muslimen seit Jahrhunderten dicht aufeinander stießen, im lebhaftesten feindlichen oder freundlichen Wechselverkehr standen -- nach ~Spanien~, wo die arabische Kultur ihre prächtigsten Spätfrüchte gezeitigt hatte.

Die herrliche Kultur des maurischen Spaniens erregte schon frühzeitig auch im christlichen Europa Staunen und Bewunderung; so schilderte z. B. bereits Johannes von Görz, der als Gesandter Ottos I. nach Cordova ging, die Pracht am Hofe Abdarrahmans mit lebhaften Farben (Vita Joh. Gorz. cap. 135 und 136 in Pertz, Scriptor. IV), und die poetische Aebtissin Hroswitha pries in einem Gedichte Cordova geradezu als „helle Zierde der Welt, strahlend im Vollbesitz aller Dinge” (Opera Roswithae ed. Schurzfleisch p. 120). Auf dem Wege ausgedehnter Handelsbeziehungen, welche Kulturgüter allerlei Art vermittelten, und ganz besonders auch durch Juden wurde die Kunde von der muselmännischen Weisheit weithin verpflanzt. Begreiflicherweise erweckte der stets reger werdende Verkehr der Abendländer mit den spanischen Arabern bei jenen allmählich das Bedürfnis, die Lücken in ihren Kenntnissen auszufüllen.

In den christlichen Reichen Spaniens waren neben den, von Frankreich kommenden, Cluniacensern und Cisterciensern später namentlich auch Mozaraber und Juden die Kulturträger, letztere natürlich als Vermittler arabischer Kenntnisse (Medizin, Astronomie etc.). Der Fanatismus der Almoraviden und Almohaden trieb viele Juden zur Flucht in die benachbarten christlichen Staaten Spaniens, weiterhin nach Unteritalien, Sizilien und Südfrankreich. Nicht erst nach der Conquista, sondern weit früher dienten einzelne derselben christlichen spanischen Fürsten als Leibärzte. ~Es sei gleich hier erwähnt, daß das älteste, in der Sprache Kastiliens geschriebene, über die Fieber handelnde, medizinische Werk von einem jüdischen Arzte des 11. Jahrhunderts herrührt~ (Los libros de Issaque, vgl. die Inhaltsangabe bei Chinchilla, Historia de la medicina española I, p. 32).

Nur ganz vereinzelt finden wir darum lateinische Uebersetzer arabischer Werke im Orient -- für die wissenschaftliche Heilkunde kommt bloß ~Stephanus von Antiochia~ in Betracht, der 1127 den ~Liber regalis~ (regalis dispositio ═ al maliki) des ~Ali Abbas~ recht mangelhaft übertrug[1] --, hingegen wurde insbesondere das (1085) in die Hände der Christen gefallene ~Toledo~ mit seinen reichen handschriftlichen Schätzen sozusagen das Mekka der nach morgenländischem Wissen dürstenden Gelehrten.

[1] Bekanntlich hatte bereits Constantinus das Werk in seinem Pantegni übersetzt resp. bearbeitet; Stephanus kritisiert diese Vorarbeit sehr scharf, weshalb die Angabe des Ortes Antiochia Bedenken erregt. Als Fundort von Handschriften gibt übrigens auch ein anderer Uebersetzer, Philippus (Clericus) Tripolitanus, Antiochien an; derselbe übertrug (um 1200?) aus dem Arabischen die pseudoaristotelische Schrift •Secretum secretorum•, ein wüstes Gemenge von philosophischer Mystik und Aberglauben, welches weithin verbreitet und ganz oder abschnittsweise in die meisten europäischen Sprachen übersetzt eine reiche Quelle für die mittelalterliche Prosa und Poesie wurde.

Mindestens im Zeitraum von der Mitte des 12. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts war es diese Stadt, die große Vorratskammer arabischer Bücher, wo sich hauptsächlich die arabisch-lateinische Buch- und Wissensübertragung vollzog, wo neben Einheimischen Italiener, Deutsche, Engländer an dem großen Vermittlungswerke arbeiteten, wo die meisten Uebersetzungen entstanden. Von Toledo her empfing das Abendland nicht allein Meisterwerke der arabischen Philosophie, Mathematik und Astronomie, sondern zugleich auch mit den berühmtesten arabischen Kommentaren lang entbehrte Erbstücke aus der Antike[2], unter denen bisher unbekannte ~Schriften des Aristoteles~ (naturwissenschaftlichen, psychologischen und ethischen Inhalts) und ~der Almagest des Ptolemaeus~ am wichtigsten waren.

[2] Schon früher, im Anfang des 12. Jahrhunderts, hatte der vielgereiste Adelard von Bath die Elemente des Euklid und der in Barcelona arbeitende Plato von Tivoli das Quadripartitum des Ptolemaeus ins Lateinische übertragen.

Toledo, das kurz vor der Eroberung eine Hauptstätte arabischer Wissenschaft, namentlich mathematisch-astronomischer Studien war, dessen Schulen und reichgefüllten Bibliotheken auch im Abendlande einen weitreichenden Ruf erworben hatten, bildete auf spanischem Boden zwar nicht den einzigen, aber doch den wichtigsten Ort für die Vermittlung der orientalischen Weisheit an den Westen[3]. Hier gab es eine Fülle von wertvollen Handschriften, welche aus allen Gegenden wißbegierige Ausländer anlockte, hier lebte eine Menge von Menschen, die mehrere Idiome beherrschten und den Fremden das Eindringen in die arabische Literatur erleichterten, hier in der neuen Hauptstadt Kastiliens, am Sitze des Primas von Spanien, waren es gerade die Fürsten und die Kirche, welche fern von der bücherverbrennenden Barbarei späterer Zeiten nicht nur die Fortsetzung der Studien seitens der zurückgebliebenen Araber, Mozaraber und Juden tolerierten, sondern auch die Uebertragung arabischer Meisterwerke in die Gelehrtensprache Westeuropas förderten. Um diesen Bestrebungen einen festen Rückhalt zu geben, errichtete Erzbischof ~Raymund~ († 1150) unter Leitung des Archidiakons ~Dominico Gundisalvi~ sogar eine eigene Uebersetzerschule in Toledo, welche bis um die Mitte des 13. Jahrhunderts eine für die abendländische Bildung ungemein fruchtbare und organisierte Tätigkeit entfaltete[4].

[3] Auch Barcelona, später auch Cordova und Sevilla wurden zu wichtigen Vermittlungspunkten der arabischen Literatur.

[4] Die Schule von Toledo, an welcher auch Lehrvorträge (nur über weltliche Wissenschaften) abgehalten wurden, gab übrigens nicht bloß einem Strome lateinischer Uebersetzungen den Ursprung, sondern pflegte, fürderhin über den anfänglichen engeren Zweck hinauswachsend, nebstdem auch selbständig ganz besonders philosophische, mathematische, astronomisch-astrologische, naturwissenschaftliche Studien auf arabischer Grundlage, was ihr zwar hohes Ansehen, später aber auch den unheimlichen Nimbus, eine Stätte der Zauberkunst zu sein, verschaffte. Von allen Ländern gingen angeblich die scholares nach Toledo, um die mit der arabischen Weisheit für untrennbar gehaltenen Geheimkünste der Astrologie und Magie (Nigromantia) zu studieren. So sagt z. B. Helinand (bei Tissier Bibl. Cisterc. VII, 257) in einer Predigt: Ecce quaerunt clerici Parisius artes liberales, Aurelianis auctores, Bononiae codices, Salerni pyxides, Toleti daemones, et nusquam mores.

Den Gegenstand der Uebersetzungstätigkeit bildeten zuerst mathematisch-astronomische Schriften der Araber bezw. der ins Arabische übertragenen griechischen Autoren, sehr bald kamen aber auch medizinische und naturwissenschaftliche Werke an die Reihe. Was die Uebersetzungstechnik anlangt, so war dieselbe eine höchst mangelhafte, da die Uebertragungen im Anfang durchwegs, aber auch späterhin nicht selten auf dem Umweg über das Kastilische zu stande kamen in der Weise, ~daß sich der des Arabischen gar nicht oder nur wenig kundige „Uebersetzer” den Text von einem dieser Sprache Mächtigen (Juden, Mozaraber, Sarazenen) im spanischen Vulgärdialekt vorsagen ließ und nach diesem Diktat sofort lateinisch niederschrieb~. Solcherart gingen z. B. die meisten der dem Dominico Gundisalvi zugeschriebenen Uebertragungen von statten, wobei der, auch als selbständiger und sehr fruchtbarer Uebersetzer auftretende, zum Christentum bekehrte Jude (Ibn Daud ═ korrumpiert Avendehut, Avendeat etc.) ~Johannes Toletanus~ (Hispalensis de Luna, um 1135-1153 lebend) als Interpret figurierte. Derselbe übersetzte philosophische, mathematische, astronomische, astrologische (~Alchabitius~) Werke, vielleicht auch die im Mittelalter so beliebte pseudoaristotelische Schrift secretum secretorum (vgl. S. 330, Anm. 1); unter seinem Namen geht ferner eine diätetische Schrift ~de conservatione corporis sanitatis~ (ed. J. Pagel, lat. mit deutscher Uebersetzung in Pharmazeutische Post 1907). Die relative Häufigkeit der Handschriften beweist die Beliebtheit derselben. Nach einer kurzen Vorrede, in der auf Galen und das Viaticum Bezug genommen wird, folgen Abschnitte von den Uebungen, Ursachen der Krankheit, Fleischspeisen, Fischen, Hülsenfrüchten, Milchspeisen, Obst, Nüssen, Wein, Gewürzen, Schlaf, Temperatur, Aderlaß, einzelnen Erkältungskrankheiten, wie Ohren-, Haut-, rheumatischen Affektionen, Bädern.

Der fruchtbarste Uebersetzer des Toledaner Kreises, der eigentliche „Vater der Uebersetzer” war der Lombarde ~Gerhard~ (Gherardo) ~von Cremona~ (1114-1187), welcher unter dem Protektorate des Kaisers Friedrich I. (Barbarossa) ursprünglich nur zu dem Zwecke nach Spanien zog, um den Ptolemaeus heimzuholen, aber sodann, wie gebannt an die Stätte, mit unersättlichem Begehren nach den Schätzen der arabischen Literatur den größten Teil seines Lebens in der Hauptstadt Kastiliens zubrachte -- lernend und lehrend, lesend und übersetzend. Seinen Uebersetzungen, deren Zahl 70 übersteigt, dankten alle Wissenszweige, namentlich Mathematik und Astronomie, Philosophie und Medizin gleichmäßig reiche Zufuhr aus der arabischen wie aus der arabisierten griechischen Literatur, ein ungeheures neues Material zur weiteren Verarbeitung. Eine bloße Aufzählung genügt, um zu ermessen, was nur die abendländische Heilkunde an Wissensstoff durch die beispiellose Translatorentätigkeit dieses einzigen Mannes erwarb. Uebertrug er doch Schriften des ~Hippokrates~ und ~Galenos~, des ~Serapion~, ~Rhazes~ und ~Isaac Judaeus~, die Chirurgie des ~Abulkasim~, den Kanon des ~Avicenna~, die Heilmittellehre des ~Abenguefit~ u. a. ins Lateinische -- ein literarischer Zuwachs, dessen Bedeutung für die damalige Zeit nicht geschmälert werden kann, wenn man auch die Qualität dieser Uebersetzungen im allgemeinen nicht gerade hoch zu stellen pflegt.

Von ~Hippokrates~ übersetzte Gerardus aus dem Arabischen die Schriften: ~de diaeta in acut.~, ~Prognosticon~, die pseudonyme Schrift ~Liber prognosticus sive Capsula eburnea~ (angeblich in einer elfenbeinernen Kapsel im Grabe des Hippokrates gefunden, über 25 Zeichen des Todes handelnd); von ~Galen~: ~de elementis~, ~de temperamentis~, ~de inaequali temperie~, ~de simpl. medic.~, ~de diebus criticis~, ~de crisi~, ~ars parva~ (mit dem Kommentar des Ali Rodoam), ~die Kommentare zu den hippokratischen Schriften de victu in acut. und Progn.~; von ~Kindi~ ~de gradibus medicinar.~; von ~Serapion~ das ~Brevarium~; von ~Rhazes~ den ~Liber Almansoris~, ~Lib. Divisionum~, ~Lib. introductor. in medic.~, ~de aegritudinibus juncturarum~; von ~Isaac Judaeus~ ~de elementis~. Vielleicht rührt auch eine Uebersetzung der Aphorismen des Mesuë von ihm her.

An dieser Stelle sei auch eines anderen, dem Toledaner Kreise angehörenden Uebersetzers aus dem 12. Jahrhundert gedacht, der für die Medizin in Betracht kommt, nämlich des ~Marcus Toletanus~; derselbe übertrug die galenischen Schriften de motu musculorum, de tactu pulsus, de utilitate pulsus, ferner die Isagoge de Joanitius ad Tegni Galeni, angeblich auch (aber nicht wahrscheinlich) die hippokratische Schrift de aëre aq. et loc.

Im 13. Jahrhundert wurde die Uebersetzertätigkeit in Spanien und die Wiederbelebung der Wissenschaften überhaupt ganz besonders durch Alfons X., den Weisen, gefördert, welcher arabische Werke ins Kastilische übertragen und in Toledo unter starker Inanspruchnahme von jüdischen Gelehrten die nach ihm benannten „Alfonsinischen Tafeln” (Verbesserung der Ptolemäischen Planetentafeln) zusammenstellen ließ.

Noch mußte freilich viel Zeit verstreichen, bis die erstaunlich große Ausbeute des Cremonensers von der abendländischen Medizin assimiliert werden konnte, doch der Entdeckerruhm des Gerardus ließ inzwischen auch andere nicht ruhen und reizte sie, sich auf gleichem Gebiete zu versuchen. Durch den regsamen Fleiß der Uebersetzer stieg im Laufe des 13. Jahrhunderts die Kenntnis medizinischer Meisterwerke der arabischen Literatur -- es sei nur des ~Averroës~ und ~Avenzoar~ gedacht -- bedeutend an, nebstdem mehrte sich aber auch die Zahl der bekannten antiken (namentlich galenischen) Schriften.

So übersetzten: ~Accursius aus Pistoja~ (um 1200) ~Galens~ ~de facultatib. naturalib. cibariorum~; ~Stephanus~ de Caesaraugusta, Civis Ilerdensis (1233) das (von Constantinus in seinem Lib. de gradibus freier bearbeitete) ~Adminiculum~ ═ ~liber fiduciae de simplicibus medicinarum~ des ~Ibn al-Dschezzar~; ~Bonacosa~, ein Jude (1255) in Padua, den „~Colliget~” (Kullidschat) des ~Averroës~ (irrtümlich auch dem Uebersetzer Armengaud beigelegt); •G.•(?) „magister” fil. mag. Johannes in Lerida (1258?) ~de simplicii medicina~ des ~al-Gafiki~; ~Johannes von Capua~, jüdischer Konvertit (1262-1278), den ~Teisir~ des ~Avenzoar~, die ~Diätetik~ des ~Maimonides~ (aus dem Hebräischen)[5]; ~Paravicius~ (Paravicinus), physicus in Venedig (1280), den ~Teisir~ des ~Avenzoar~; ~Armengaud~ (Armengab), Sohn des Blasius in Montpellier, Arzt Philipp des Schönen († 1314), das ~Canticum~ (Ardschusa) des ~Avicenna~, mit dem Kommentar des Averroës (1280 oder 1284), desgleichen Schriften des ~Maimonides~, (1290-1302, über Gifte, über Asthma, Diätetik); ~Arnaldus de Villanova~ (1282?) ~de viribus cordis~ des Avicenna, die galenische Schrift ~de rigore~ etc., die pseudogalenische, von Kosta b. Luca herrührende, Schrift ~de incantatione~ (de ligaturis physicis); ~Simon Januensis~ die Schrift ~de simplicibus~ des ~Serapion d. J.~ und den ~Liber servitoris des Abulkasim~.

[5] Johann von Capua war es auch, der das Fabelwerk des Bidpai Kalîla und Dimna 1263 aus dem Hebräischen ins Lateinische übertrug -- ein höchst interessantes Faktum, insofern die ältesten Fabelstoffe der Arier aus den Tälern des Indus und Ganges den Nationen Europas durch einen Uebersetzer semitischer Abkunft zugänglich wurden.

Getragen von einer, ganz Westeuropa erfüllenden geistigen Bewegung, als erheblicher Fortschritt der Wissenschaft methodisch und stofflich imponierend, fand der medizinische Arabismus bei seinem Vordringen aus Nordspanien nach dem Languedoc und nach Italien Eingang in den ärztlichen Schulen, nur die an alten Traditionen hängende Civitas Hippocratica, Salerno, leistete eine Zeitlang festen Widerstand. Aber auch dieser wurde gebrochen infolge der allgemeinen kulturellen Einflüsse, die sich unter mächtiger Patronanz seit langem und fortgesetzt in ~Unteritalien~ und insbesondere von ~Sizilien~ her geltend machten. Dort auf dem herrlichen Eiland, wo drei Kulturen, die abendländische, byzantinische, sarazenische, aufeinander stießen und sich unter der toleranten Herrschaft normannischer und staufischer Fürsten wundersam mischten, wurde dem arabischen Wesen nicht Feindseligkeit oder eine bloß passive, mit scheuem Argwohn gepaarte Bewunderung, sondern warmes Interesse, freudige Aufnahmswilligkeit entgegengebracht. Einen Niederschlag dieser assimilatorischen Hinneigung, die in Regierungsform, Verwaltung und Gesellschaftssitte, in Kunst und Wissenschaft ihren deutlichen Ausdruck fand, bildete die ansehnliche Uebersetzungsliteratur, welche schon zur Zeit der ersten Herrscher aus dem Hause Hauteville einsetzte, unter den beiden Staufern aber, Friedrich II. und Manfred, zur Blüte und universaler Bedeutung gelangte.

Die Normannenherrschaft in Sizilien erscheint durch die weise Duldung, welche gegen die Religion und Sitte der unterworfenen muslimischen Bevölkerung geübt wurde, wie ein Lichtblick in der Geschichte des Mittelalters. War aber diese Toleranz durch die kluge Politik des numerisch schwachen Herrenvolkes mitbestimmt, so spricht es doch für den ganz seltenen Bildungssinn der Fürsten aus dem Hause Hauteville, daß sie sich vor der fremden Kultur in Anerkennung ihrer Ueberlegenheit beugten, arabische Dichtung, Baukunst und Wissenschaft (besonders Geographie und Astronomie) in anregendster Weise förderten. Am Hofe zu Palermo fanden arabische Gelehrte freundlichste Aufnahme und reichste Unterstützung, es sei nur auf die Beziehungen des berühmten Geographen Edrisi zu König Roger II. verwiesen. Unter diesem Herrscher war es auch, daß der Admiral Eugenius die Optik des Ptolemaeus nach arabischen Vorlagen ins Lateinische übersetzte. -- Der geniale Hohenstaufe Friedrich II., dessen ganze Jugenderziehung in arabischem Geiste geleitet war, setzte die Traditionen der Normannenfürsten entsprechend seiner eigenen, vielseitigen Bildung in großem Maßstabe fort, er umgab sich mit einem ganzen Stab von arabischen Aerzten, Philosophen, Astrologen und Dichtern, und beauftragte gelehrte Christen und Juden[6], arabische Werke, namentlich philosophische und astrologische, ins Lateinische zu übersetzen. Der bekannteste dieser Uebersetzer ist ~Michael Scotus~, welcher ganz besonders durch die Uebertragung naturwissenschaftlicher und psychologischer ~aristotelischer~ Schriften mit den zugehörigen Kommentaren des ~Averroës~, der Tiergeschichte des Aristoteles bezw. des darauf beruhenden Kompendiums des ~Avicenna~ und durch die Uebertragung der Astronomie des ~Alpetragius~ für die Geistesgeschichte des Mittelalters Bedeutung erlangt hat. Friedrich II. leistete der Verbreitung des arabisierten Aristoteles auch selbst den größten Vorschub, indem er die Uebersetzungen an einige Universitäten des Abendlandes sandte. Friedrichs Sohn und Nachfolger, Manfred, folgte ganz den Spuren des Vaters, er übersandte die Sammlung aristotelischer Schriften der Universität Paris und ließ noch fehlende aristotelische bezw. averroistische sowie astrologische Abhandlungen ins Lateinische (durch Hermannus Alemannus, Stephanus von Messina) übersetzen.

[6] So berief er z. B. den Jacob ben Abba-Mari b. Anatoli aus der Provence und Jehuda den Salomon Cohen aus Toledo an seinen Hof und beauftragte sie mit der Uebersetzung philosophischer bezw. astronomischer Werke.

Die kräftigen Impulse, welche Friedrich II. und sein Sohn Manfred der Uebersetzertätigkeit gegeben hatten, erloschen keineswegs, als Karl I. von Anjou sich Neapels und Siziliens bemächtigte. Wie der Ueberwinder der staufischen Dynastie überhaupt in mehrfacher Beziehung nur in die Fußstapfen der Vorgänger trat, so erwies er sich auch, freilich mit größerer Nüchternheit, als Förderer des kulturvermittelnden Uebersetzungswesens, wobei er sein Augenmerk in erster Linie der medizinischen Literatur zuwandte. Der hervorragendste der in seinen Diensten stehenden Uebersetzer war der in Salerno gebildete jüdische Arzt ~Faradsch ben Salem~ (auch mag. Farachi, Faragut, Fararius, Ferrarius, Franchinus) aus Girgenti, welcher das Kolossalwerk des ~Rhazes~, den ~Continens~, ins Lateinische übertrug und somit auch den dritten großen Persoaraber in die medizinische Welt des Westens einführte. Faradsch übersetzte außerdem noch das Tabellenwerk des ~Ibn Dschezla~, ~Takwim~, die ~Chirurgie~ des ~Pseudo-Mesuë~, die pseudogalenische Schrift de medicinis expertis.

Um eine gute Abschrift des berühmten al-Hawi fi'l Tib, des Continens, zu erhalten, hatte Karl I. sogar eine eigene Gesandtschaft an den Beherrscher von Tunis geschickt. Faradsch beendete seine Uebersetzung am 13. Februar 1279 und bereicherte dieselbe noch mit einem eigenen Glossar „tabula de nominibus arabicis” (aus 727 Artikeln bestehend). Der König ließ die Arbeit von einer ärztlichen Kommission überprüfen und 1282 in einer prachtvollen Handschrift reproduzieren, es ist dies das berühmte, mit Miniaturen (darunter dreimal die Figur des Uebersetzers) versehene Manuskript der Pariser Nationalbibliothek. Karl hatte nicht nur Uebersetzer, sondern unterhielt auch Kopisten, Korrektoren, Illuminatoren etc.

Die Uebersetzungen des Faradsch enthalten zwar viele Namensverstümmelungen, sind aber im ganzen korrekter als diejenigen, welche Gerhard von Cremona hinterließ.

In der Ueberschrift zur Uebersetzung des Takwim heißt es: Caroli ... de mandato ... per mag. Farragum Judaeum fidelem ejus ad opus camerae ejus felicis etc. translatum. Da der Herausgeber der Druckausgabe (Tacuini aegritudinum et morborum corporis Buhahylyha Byngezla autore, Argent. 1532) am Rande die Worte Caroli ~magni~ decretum setzen ließ, so entstand der Irrtum, es seien Autor und Uebersetzer Leibärzte Karls des Großen gewesen!

Wie schon angedeutet, erwarben sich die natürlichen Vermittler zwischen Morgen- und Abendland -- ~die Juden~ -- ein bedeutendes Verdienst um die medizinische Uebersetzungsliteratur, wie überhaupt um die Verpflanzung des Arabismus, teils dadurch, daß sie manchen der Translatatoren (oder besser gesagt Editoren) arabische Texte mündlich in der Landessprache verdolmetschten (vgl. S. 332), bezw. das Konzept für die Latinisierung lieferten[7], teils dadurch, daß sie als selbständige lateinische Uebersetzer auftraten[8]. Auch haben, namentlich späterhin, hebräische Uebersetzungen medizinischer Schriften lateinischen Versionen zur Unterlage gedient[9].

[7] So diente z. B. Abraham aus Tortosa dem Simon Januensis als Dolmetscher bei seinen Uebersetzungen des Serapion jun. und des Lib. Servitor, der mag. Jacobus dem Paravicius bei seiner Uebersetzung des Teisir. -- Auf nichtmedizinischem Gebiete tritt dieses Verhältnis noch stärker hervor, so hatte z. B. Plato von Tivoli den Juden Abraham bar Chijja zum Dolmetscher, Gundisalvi den Konvertiten Johannes Hispalensis, Michael Scotus (nach Angabe des Roger Bacon) den Juden Andreas u. s. w.

[8] Faradsch ben Salem, der Konvertit Bonacosa u. a.

[9] So scheinen z. B. die Uebertragungen Armengauds in Montpellier aus dem Hebräischen gemacht worden zu sein. -- Insbesondere die Schriften des Averroës, um deren Erhaltung und Verbreitung sich die Juden sehr verdient gemacht haben, sind zum großen Teile aus dem Hebräischen ins Lateinische übersetzt worden.

Der Ausgangspunkt der zahlreichen hebräischen Uebertragungen aus dem Arabischen war die Provence. Großen Ruf als Uebersetzer erlangten die Tibboniden, ferner Jacob ben Abba Mari in Marseille, Jacob ben Machir (Profatius) in Montpellier u. a. Das erste ins Hebräische übertragene Werk eines Muhammedaners dürfte der Kommentar des Rodoam zur Ars parva gewesen sein; diese Uebersetzung rührt von Samuel ibn Tibbon her und wurde 1199 beendet. Schon früher (im Zeitraum 1197-1199) übersetzte aber ein Anonymus in Frankreich 24 Schriften christlicher Autoren aus dem Lateinischen.

War schon die Auswahl der übersetzten Werke oft durch den Zufall bedingt, der nicht wenige vortreffliche literarische Leistungen zu Gunsten mancher minderwertiger den Blicken entzog, so entsprechen die meisten der damaligen lateinischen Uebersetzungen aus dem Arabischen auch nicht den gemäßigsten, Zeitalter und Umstände berücksichtigenden Ansprüchen. Ganz abgesehen davon, daß sie jeder Textkritik ermangelt, steht die Uebersetzungstechnik in der überwiegenden Zahl der Fälle auf denkbar niedrigster Stufe. Der Sprache nach, in der die Uebersetzungen abgefaßt sind, hat man mit Recht ihre Autoren als Barbarolatini bezeichnet, denn sie setzten sich kühn über die Regeln der Wort- und Satzfügung hinweg. Es wimmelt von greulichen Namensverstümmelungen, die Termini technici sind sehr häufig -- infolge der „inopia latinitatis” -- nur einfach transkribiert (bezw. korrumpiert), so daß heute die Deutung oft mit Schwierigkeiten verknüpft ist[10]. Bei der sklavischen Art der Uebertragung (Wort für Wort) durch Personen, die bisweilen nicht über genügende Sach-, ja nicht einmal über genügende Sprachkenntnis geboten, ist es begreiflich, daß groteske Sinnesentstellungen nicht selten sind, manchmal scheint es überhaupt vom verständnislosen Translator dem Leser selbst überlassen worden zu sein, sich mit eigenen Kräften in dem ganz unklaren Texte zurechtzufinden. An groben textlichen Mißverständnissen konnte es insbesondere dann nicht fehlen, wenn es sich um ursprünglich griechische Schriften handelte, welche erst über mehrere Idiome hinweg den Weg zu den Lateinern gefunden hatten.

[10] Vgl. bezüglich der anatomischen Terminologie der Arabisten ~Hyrtl~, das Arabische und Hebräische in der Anatomie, Wien 1879, desselben Onomatologia anatomica, Wien 1880.

Immerhin war der Einfluß, den die lateinischen Versionen arabischer Schriften auf die abendländische Medizin ausgeübt haben, ein sehr bedeutender durch den reichlichen Zufluß an wichtigem Tatsachenmaterial, an neuem methodisch geordnetem Denkstoff. Das beste aber, was sie leisteten, bestand darin, daß die Spuren griechischer Meister deutlicher und weit zahlreicher zu Tage traten als vordem, daß das antike Erbgut, wenn auch oft entstellt und verunziert, ganz erheblich anwuchs, daß schon frühzeitig die Sehnsucht nach der Urquelle der arabischen Schulweisheit, nach den griechischen Originaltexten entzündet wurde -- und gerade die Mangelhaftigkeit der Uebersetzungen mag diese Sehnsucht noch gesteigert haben. Die arabischen Autoren in lateinischem Gewande führten in die Vorhalle. Aus dieser ins Heiligtum selbst den Weg zu finden, das blieb die kommende Aufgabe der abendländischen Aerzte!

Die Medizin im 13. Jahrhundert.

Arabismus und Scholastik.

Mit dem 13. Jahrhundert tritt die Medizin gleich den übrigen Zweigen der abendländischen Bildung in eine neue, von den vorangehenden Entwicklungsstadien scharf differenzierte Phase, welche insbesondere durch die Aufnahme, Verbreitung und eigenartige Verarbeitung der arabischen Literatur ihren charakteristischen Zug empfängt.

Aber auch in dieser Epoche bestätigt sich das historische Gesetz, daß neue Geistesströmungen in der Medizin später als auf anderen Gebieten des Kulturlebens zum vollen Ausdruck gelangen, denn wahrhaft durchdrungen vom Arabismus im Ideengang und in der Methodik wird die Heilkunde erst im Laufe der zweiten Hälfte des Säkulums, d. h. erst dann, nachdem ihr in der gegebenen Richtung die philosophische Spekulation und die sonstige Forschung schon Dezennien lang vorausgeeilt war.

Während nämlich unter dem Einflusse der arabisierenden Peripatetik nur allzu bald jene hoffnungsvollen Ansätze verkümmerten, welche der jugendliche Humanismus und die Dialektik des 12. Jahrhunderts, aus dürftigen Hilfsquellen schöpfend, hervorgebracht hatten[1], stemmte sich die inzwischen im Abendlande herangewachsene ärztliche Tradition dem Arabismus zunächst entgegen und hinderte für eine Weile noch, freilich aussichtslos, seinen Sieg.

[1] Man berücksichtigt im allgemeinen viel zu wenig, daß im 11. und besonders im 12. Jahrhundert ein, an die Renaissancezeit erinnernder, äußerst reger humanistischer Eifer in Italien und Frankreich (Schule von Chartres) herrschte, welcher an der Hand des Studiums der römischen Autoren zu einer hohen Ausbildung der Latinität führte, wie sich dies z. B. in den Schriften Abälards, Joh. von Salisburys u. a. kundgibt. Schon in der zweiten Hälfte des 12., noch weit mehr aber im 13. Jahrhundert gerieten die „grammatischen” Studien in Verfall. Die Höhe der damaligen philosophischen Spekulation, welche in weitem Umfange auf großer Selbständigkeit im Denken beruhte und fast allein die, noch dazu unvollständig bekannten logischen Schriften des Aristoteles zur Stütze hatte, kann namentlich an Abälard ermessen werden. Mit Rücksicht auf die Anknüpfung an sehr wenige, dafür aber unverfälscht erhaltene antike Elemente, ließe sich zwischen der philosophischen Entwicklung des 12. Jahrhunderts und der Salernitanermedizin eine Parallele ziehen. Wie die erstere vom augustinisch-platonischen, so war die letztere von hippokratischem Geiste durchweht, im Gegensatz zur späteren, mit dem 13. Jahrhundert beginnenden Epoche, in welcher hier der arabisierte Galen, dort der arabisierte Aristoteles das Szepter führte.

Dieser Widerstand besaß nicht überall dieselbe Stärke und die gleiche Hartnäckigkeit, am kräftigsten und dauerndsten war er begreiflicherweise in Salerno selbst, dessen Ruhm sich ja gerade an die Erhaltung der alten Ueberlieferungen knüpfte und daher jetzt bedroht wurde. Aber auch in Salerno, wo seit der Tätigkeit des Constantinus wenigstens in manchen Teilgebieten der medizinischen Wissenschaft (namentlich Heilmittellehre, Anatomie, Chirurgie) Arabismen längst eingeschlichen waren, richtete sich die Abwehr nicht gegen das neue Beobachtungs- und Erfahrungsmaterial, nicht einmal so sehr gegen den therapeutischen Ueberschwang als gegen jene, der schlichten salernitanischen Denkweise widersprechende theoretische Subtilität und hyperrationalistische Systembauerei, wie sie in höchster Vollendung in Avicennas Kanon vorlag.

Im wesentlichen handelte es sich also um ~die Methode des Wissenschaftsbetriebes~, um diese drehte sich der Streit, und schon eine einfache Ueberlegung ergibt, daß der ablehnende Standpunkt der Civitas Hippocratica nicht allein eine Aeußerung erklärlicher eifersüchtiger Regungen oder eines starren Konservatismus war, sondern geradezu mit zwingender Notwendigkeit dem ganzen Bildungswesen der Salernitaner entsprang. Waren es doch nüchterne, von der Blässe abstrakten Denkens nicht angekränkelte, einer rationellen Empirie huldigende Praktiker, welche die Schule groß gemacht hatten, war es doch eben die vom ~rein ärztlichen~ Gesichtskreise geleitete Lehr- und Forschungsweise, welche den Namen Salernos weithin erstrahlen ließ. Mit den minderen, von Constantinus importierten Autoren, auch mit Ali Abbas und dem Kliniker Rhazes konnte sich der Geist der Salernitanermedizin noch durch Konzessionen abfinden, die Unterwerfung unter die Diktatur Avicennas hingegen, des höchsten Repräsentanten des medizinischen Arabismus, erforderte schon tatsächlich eine Verleugnung der bisher so hoch gehaltenen, so treu bewahrten Prinzipien. Aber noch mehr, um die Feinheiten dieses großen Syllogismenvirtuosen empfinden, um in den Scharfsinn seines engmaschigen Lehrsystems eindringen, um seine Gedanken weiter ausspinnen zu können, dazu bedurfte es einer Vorschulung in spitzfindiger Dialektik und in ihrer Anwendung auf ärztliche Probleme, welche dem bisherigen Studienwesen, der bisherigen wissenschaftlichen Bearbeitung, wenn man nach den Schriften der Glanzperiode Salernos urteilen darf, mangelte.

Die Hindernisse, welche dem arabisierten Galenismus entgegentraten -- am meisten im Zentrum der Salernitanermedizin, verhältnismäßig weniger wohl in der durch historische Verhältnisse besser vorbereiteten Schule von Montpellier -- begegneten keineswegs dem viel rascher vordringenden arabisierten Aristoteles und seinen Kommentatoren; denn ihnen hatte die im 9. Jahrhundert einsetzende, im 11. und 12. Jahrhundert bereits mächtig aufblühende ~Scholastik~ durch straffe Geisteszucht längst den Boden geebnet, und die bedeutungsvolle Anknüpfung der christlich-abendländischen an die arabische Philosophie konnte umso leichter von statten gehen, als beiden die Methode gemeinsam war und nur die Breite der antiken Grundlage, die Reichhaltigkeit der Probleme den auszugleichenden Unterschied ausmachte[2].

[2] Es braucht hier nur an die Hauptvertreter Johannes Scotus Erigena, Gerbert, Berengar von Tours, Lanfranc, Anselm von Canterbury, Roscellinus von Compiegne, Wilhelm von Champeaux und Abälard erinnert werden. Die dürftige antike Grundlage ihrer spekulativen Theologie bezw. kirchlichen Philosophie bildeten hauptsächlich einige der analytischen Schriften des Aristoteles, die Isagoge des Porphyrius in der Uebersetzung und mit den Kommentaren des Boëthius, des letzteren Abhandlungen über den kategorischen und hypothetischen Schluß. Die von Porphyrius aufgeworfene Frage, ob Gattungen und Arten, die allgemeinen Begriffe etwas Wirkliches außer uns oder bloß Gedanken seien, entfachte schon seit Anselm und Roscellin den noch früher im Morgenlande begonnenen, durch das ganze Mittelalter hin und her wogenden Streit der ~Realisten~ und ~Nominalisten~, von denen jene die Realität der Universalien verfochten, letztere nur die Realität der Einzeldinge gelten lassen wollten, abgesehen von den beiderseitigen Vermittlungsversuchen.

Sollte nun in ähnlicher Weise eine Anknüpfung der abendländischen an die in ihrer Höchstentfaltung von aristotelischem Geiste ganz durchsetzte arabische Medizin zu stande kommen, so war es eine unerläßliche Vorbedingung, daß sich die ärztlichen Forscher jene Methode aneigneten, auf deren souveräner Handhabung eben der imponierende Nimbus der fremden Meister beruhte, d. h. sie mußten sich in die spezifische Begriffswelt des Stagiriten einleben, den Gebrauch des philosophischen Handwerkzeugs erlernen, die nötige Gewandtheit auf der Schaubühne der Dialektik erwerben. Mit anderen Worten, ~durch den Arabismus wurde die abendländische Medizin genötigt, ihr jahrhundertelang in den ärztlichen Fachschulen geführtes Sonderdasein aufzugeben, aus ihrer Isoliertheit herauszutreten und den Anschluß an die Philosophie zu suchen~. Dieser Anschluß, der in der Antike mehr in Form der Personalunion zu Tage getreten war, fortan aber eine langdauernde Realunion wurde, erfolgte in dieser Epoche durch das verhängnisvolle ~Bündnis mit der Scholastik~.

Die Wandlungen im medizinischen Wissenschaftsbetriebe ließen begreiflicherweise auch andere Pflegestätten neben den bisherigen auftauchen oder Bedeutung gewinnen, denn besser als das abblühende Salerno vermochten den neuen Bedürfnissen jene der inzwischen entstandenen Schulen gerecht zu werden, welche ihrer Entwicklung und Einrichtung gemäß schon seit längerem die Heilkunde mit anderen Wissensgebieten in Verbindung gesetzt hatten, wiewohl dabei erst ganz allmählich der äußeren Form der Institutionen auch eine innere, organische Einheit folgte. Es waren dies einige der seit dem Beginne des 13. Jahrhunderts feste Gestaltung annehmenden -- •Universitäten•, dieser Hochsitze scholastischer Gelehrsamkeit. Dort, wo der so fruchtbringende Assoziationsgeist auch auf dem Felde geistiger Arbeit Triumphe feierte, wurde die spätmittelalterliche Medizin aus der •Paarung des Arabismus mit der scholastischen Methode• geboren, dort wurde die Heilkunde wieder ein wichtiges Glied in der Kette der gesamten wissenschaftlichen Entwicklung.

Die ältesten Universitäten besitzen keinen genau datierbaren Ursprung, weil sie aus dem gesteigerten geistigen Leben des 12. Jahrhunderts (Aufschwung der Rechtsstudien und der philosophisch-theologischen Scholastik) und aus den Bedürfnissen des Scholarentums nach Organisation und Rechtsschutz ganz allmählich emporwuchsen; sie entwickelten sich aus privaten Schulen (z. B. ~Bologna~ aus einer Rechtsschule) oder in Anlehnung an alte geistliche Lehranstalten (~Paris~, ~Oxford~) -- nicht aber direkt aus diesen, wie man früher gemeint hat -- und gewannen auf Grund des Genossenschaftsprinzips durch Regelung ihres Verhältnisses zur geistlichen und staatlichen Autorität erst nach und nach ihren Rechtsboden; festere Organisation erlangten sie kaum vor dem Beginne des 13. Jahrhunderts. Durch Abzweigung aus den ältesten Universitäten (Auswanderung von Scholaren und Magistern) oder nach dem Muster derselben entstanden im Laufe des 13. Jahrhunderts nicht wenige neue Studiensitze, besonders in den miteinander wetteifernden italienischen Städten, auch stifteten Kaiser Friedrich II. (als König von Neapel und Sizilien) und Papst Gregor IX. bereits in den ersten Dezennien dieses Säkulums Hochschulen (~Neapel~ bezw. ~Toulouse~). Die Theorie, daß zur Errichtung eines Studium generale vorerst die Einholung päpstlicher oder kaiserlicher Genehmigung (päpstliche Bulle, kaiserlicher Stiftungsbrief) nötig sei, brach sich zwar in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts langsam Bahn, kam aber erst in der Folgezeit zur vollen Geltung.

Es würde viel zu weit führen, hier auf die, in ihren Anfängen äußerst verwickelte Geschichte der mittelalterlichen Universitäten einzugehen und es muß daher auf die einschlägigen neueren Werke verwiesen werden[3]. Es sei bloß daran erinnert, daß man unter ~Universitas~ die mit Privilegien ausgestattete Korporation der Scholaren oder der Scholaren und Magister verstand, während die Hochschule selbst als ~Studium generale~[4] bezeichnet wurde, und daß nach der im einzelnen nicht unerheblich voneinander abweichenden aber nach gewissen Typen (Bologna, Paris, Neapel) orientierten Verfassung im wesentlichen drei Gruppen von Universitäten unterschieden werden können: ~Städtische Scholarenuniversitäten~[5], ~kirchliche Magisteruniversitäten~ (Kanzleruniversitäten)[6], ~Staatsuniversitäten~[7]. Neben der ~Scheidung in Nationalitäten~ vollzog sich die anfangs gewöhnlich nur in den Doktoren-(Magister-)Kollegien zum Ausdruck kommende ~Sonderung in Fakultäten~. Gemäß dem Begriffe der alten Universitas lediglich als Korporation von Scholaren und Magistern hat man sich unter den ältesten „Universitäten” keineswegs stets schon gleich von Anfang an aus den vier Fakultäten (im modernen Sinne) bestehende Hochschulen vorzustellen. Dieser Komplex kam vielmehr in der Regel nur allmählich und, was nicht übersehen werden möge, nicht überall zu stande[8]. Was die Stellung der Medizin im Rahmen der Universitäten anlangt, so war dieselbe keine gleichartige -- eine Erscheinung, die sich auch in der geschichtlichen Rolle der einzelnen Schulen oder in der von ihnen vorzugsweise vertretenen wissenschaftlichen Richtung äußerte. So führte sie z. B. in ~Montpellier~ ein Sonderdasein in Form einer ganz selbständigen Korporation, an den italienischen Stadtuniversitäten nach dem Muster ~Bolognas~, z. B. in ~Padua~, bildete sie einen Bestandteil der (artes liberales) Artistenkorporation (═ philosophischen Fakultät), in ~Paris~ erscheint schon am Anfang des 13. Jahrhunderts in voller Deutlichkeit eine eigene medizinische Fakultät, welche aber nicht bloß die wirklichen Lehrer, sondern sämtliche diplomierte Aerzte in sich schloß[9]. Eine ganz isolierte Stellung nahm die Schule von ~Salerno~ ein, ihre Einrichtung wurde, abgesehen von Unterrichtswesen und Graduierung, nicht einmal für Formierung der übrigen medizinischen Fakultäten vorbildlich.

[3] Vgl. namentlich H. Denifle, Die Universitäten des Mittelalters, I. Bd., Berlin 1885; G. Kaufmann, Die Geschichte der deutschen Universitäten, I. Bd. Vorgeschichte (die auswärtigen Universitäten), Stuttgart 1888; Rashdall, The universities of Europe in the middle ages, Oxford 1895.

[4] Eine den weitesten Kreisen geöffnete Anstalt im Gegensatze zum Studium particulare, d. h. einer nur für engere Kreise bestimmten, nicht mit Privilegien ausgestatteten Schule. Der im Beginn des 13. Jahrhunderts zuerst auftretende Begriff Studia generalia -- solche waren zunächst ~Bologna~, ~Salerno~, ~Paris~ für Rechtswissenschaft, Medizin, Theologie -- erhielt erst im Laufe der Zeit seine genauer umgrenzte juristische Fixierung, indem zu den Grundeigenschaften einer solchen Hochschule (Studenten aus allen Gegenden, Pluralität der Lehrer, Vertretung wenigstens eines der höheren Fakultätsgegenstände, d. h. der Theologie, Jurisprudenz oder Medizin neben den artes liberales) noch gewisse Privilegien (Enthebung der Geistlichen von der Residenzpflicht, Promotionsrecht, das Jus ubique docendi u. a.) hinzutraten, welche ursprünglicher oder nachträglich eingeholter (päpstlicher bezw. kaiserlicher) Beurkundung bedurften, wenn sie nicht ex consuetudine (wie z. B. in Oxford) anerkannt waren.

[5] ~Typus Bologna~, dessen Universität (zunächst bloß Juristenuniversität) schon 1158 durch Friedrich Barbarossa („Habita”) ihre Rechtsgrundlage erhielt und durch ihre demokratische Verfassung (Wahl des Rektors aus der Mitte der fremdländischen Scholaren, wobei aber den, mit der Universität in Zusammenhang stehenden Doktorenkollegien durch das Promotionsrecht etc. die gebührende Autorität gewahrt blieb) für eine ganze Reihe von italienischen Stadtuniversitäten (~Vicenza~, ~Arezzo~, ~Padua~, ~Vercelli~, ~Siena~ u. a.), zum Teil auch für einige Lehranstalten Südfrankreichs, vorbildlich wurde.

[6] ~Typus Paris~, dessen Universitas zwar eine aus Scholaren und Magistern zusammengesetzte Korporation bildete, aber nur den Magistern Stimmrecht gewährte und unter dem Kanzler stand. Aehnlich, aber mit oft erheblichen Modifikationen hinsichtlich der Machtbefugnis des Kanzlers, waren ~Montpellier~, ~Toulouse~ und in England ~Oxford~ und ~Cambridge~ organisiert.

[7] Am reinsten repräsentiert diesen Typus die von Friedrich II. 1224 gestiftete Hochschule von ~Neapel~. Wenigstens teilweise gehören aber in diese Kategorie auch die durch königlichen Willensakt ins Leben gerufenen spanischen Universitäten, nämlich ~Palencia~, die älteste derselben (von Alfons VIII. gestiftet), sodann ~Salamanca~ und ~Lerida~, ferner die portugiesische in ~Lissabon~ bezw. ~Coimbra~. Diese erhielten aber auch päpstliche Anerkennung als Studia generalia respectu regni.

[8] So war z. B. an der berühmten Pariser Universität das römische Recht gar nicht vertreten, sondern nur das kanonische; die italienischen Stadtuniversitäten im allgemeinen waren ursprünglich bloß Schulen für römisches sowie kirchliches Recht, sie pflegten erst im Laufe ihrer weiteren Entwicklung auch die Artes und die Medizin, wozu nur selten auch die Theologie hinzutrat.

[9] In ~Montpellier~ bildete die medizinische Schule (medizinische „Universität”) für sich eine eigene Korporation, welche mit den später entstandenen Schulen („Universitäten”) der Juristen und Artisten nicht vereinigt wurde.

In ~Bologna~ waren einerseits Genossenschaften der stadtfremden Scholaren, anderseits städtische Gilden der Lehrer miteinander verbunden. Von der ursprünglich einheitlichen, aber vorzugsweise das juristische Element vertretenden Scholarengenossenschaft trennte sich allmählich die Genossenschaft der Mediziner- und Artistenscholaren ab, und da die juristische Scholarenvereinigung wieder in die Citramontani und Ultramontani mit je einem Rektor an der Spitze zerfiel, so existierten tatsächlich mehrere „Universitäten” (im Sinne von Genossenschaften) nebeneinander. Gegenüber den großen Scholarengenossenschaften standen die Gilden der Lehrer, die Doktorenkollegien, welche das Promotionsrecht innehatten, sich nach den Wissenschaften gliederten, aber in ihrer Stellung keineswegs den heutigen Fakultäten entsprachen. Alle diese Vereinigungen hatten für ihre Versammlungen ein gemeinsames Gebäude, und streng genommen äußerte sich ihre Verknüpfung zu einer Einheit auf dem Boden der Hochschule nur darin, daß die akademischen Grade unter Leitung des Bischofs, der dabei als Kanzler auftrat, erteilt wurden.

In ~Paris~ schieden sich aus der ursprünglich gemeinsamen Magisterkorporation verhältnismäßig früh die theologische, juristische und medizinische von der artistischen Fakultät. Jede derselben wählte ihren Dekan. Die drei ersteren Fakultäten hießen die oberen, weil das Studium der Artes als Vorbereitung betrachtet, und jeder erst in den Artes zum Magister promoviert sein mußte, ehe er in einer der oberen Fakultäten als Scholar zugelassen wurde. Unter den an Zahl überwiegenden Artisten, und ~nur~ unter diesen, entstanden neben der Magisterfakultät noch landsmannschaftliche Vereinigungen aus Magistern und Scholaren, die vier „Nationen” (gallische, normannische, pikardische und englische) mit dem Rektor an der Spitze, der schließlich zum Haupt der Universitas wurde. -- Die medizinische Fakultät erscheint als feste Organisation schon seit ~1213~ in den Urkunden, ein Dekan der medizinischen Fakultät wird zuerst 1267 erwähnt.

Im frühen Mittelalter hatte die Medizin als Wissenschaft ein bescheidenes Plätzchen unter den Artes liberales erobert[10] -- bloß als Anhängsel der Klerikerbildung; in Salerno war sie zur Selbständigkeit erstarkt -- doch losgelöst vom allgemeinen Wissenschaftsbetriebe; in der Jugendepoche der Universitäten trat sie wieder in den Kreis der Wissenschaften zurück, jetzt erst mit voller Ebenbürtigkeit und Gleichstellung, was alsbald in der ~Regelung der Standes- und Unterrichtsverhältnisse~ prägnanten Ausdruck fand.

[10] Abweichend von der spätrömischen Tradition, sofern Martianus Capella für dieselbe maßgebend ist (vgl. S. 268, 270).

Denn erst in dieser Zeit waren jene Voraussetzungen ganz erfüllt, welche es ermöglichten, das medizinische Studien- und Prüfungswesen in festere Normen zu bringen, und unter dem Einflusse kirchlicher oder staatlicher Macht, den ~Befähigungsnachweis zur Ausübung der medizinischen Lehrtätigkeit und der ärztlichen Praxis~ auf gesetzliche Grundlagen zu stellen.

In ~Montpellier~ erfolgte der Uebergang von schrankenloser Lehr- und Lernfreiheit (vgl. S. 319) zur gesetzlichen Regelung durch die Statuten, welche der dortigen „Universitas medicorum tam doctorum quam discipulorum” die erste straffere Organisation gaben und die Schule unter die Leitung eines (vom Bischof von Maguelone in Gemeinschaft mit drei angesehenen älteren Lehrern gewählten) Kanzlers stellten. Nach diesen 1220 vom päpstlichen Legaten, Kardinal Konrad, entworfenen Statuten durfte nur derjenige als Lehrer der Medizin auftreten, welcher darin geprüft worden war und vom ~Bischof~ unter Zuziehung und nach Befragen seiner Lehrer die ~Lizenz~ erhalten hatte. Im Jahre 1230 wurde bestimmt, daß niemand die ärztliche Praxis ausübe, bevor er hierzu nicht vor zwei (vom Bischof zu Examinatoren bestimmten) Magistern der Heilkunde die Prüfung mit günstigem Erfolge abgelegt habe, andernfalls drohte ihm die Strafe der Exkommunikation. Wie wenig übrigens die Gesetze gegen die Kurpfuscherei fruchteten, beweist ihre wiederholte Erneuerung, so z. B. durch Jacob I. von Aragonien, der 1272 Juden und Christen ohne abgelegte Prüfung und erworbene Lizenz die Praxis in Montpellier verbot.

Von größter Bedeutung waren die Verordnungen, welche der Hohenstaufe Friedrich II. als Herrscher beider Sizilien -- mit Rücksicht auf die zur Staatsanstalt umgewandelte Schule von ~Salerno~ (und ~Neapel~) -- erließ; sie stellen ~den ersten Versuch einer staatlichen Organisation des medizinischen Unterrichts- und Prüfungswesens~ dar. Im Anschluß an König Rogers gesetzliche Bestimmung (vgl. S. 317) wurde (1231) die ~Erlaubnis zur ärztlichen Praxis~ nach vorangegangenem (staatlich kontrolliertem) Examen ~von der Staatsbehörde abhängig gemacht~, Zuwiderhandelnden schwere Strafe angedroht. Die Studienzeit hatte sich überdies nach der Medizinalverfassung vom Jahre ~1240~ über ein ~Quinquennium~ zu erstrecken, dem zur Vorbereitung noch ein ~dreijähriges Studium der Logik~ vorhergehen mußte. Die Grundlage des Unterrichts bildete die Interpretation hippokratischer und galenischer Schriften theoretischen und praktischen Inhalts, auch war die ~Chirurgie~ im Studienplan inbegriffen. Um die nötige praktische Sicherheit zu erlangen, hatte der junge Arzt sich nach bestandener Prüfung noch ein Jahr unter die Leitung eines erfahrenen, älteren Kollegen zu begeben. Chirurgen mußten den Nachweis eines mindestens einjährigen Studiums und insbesondere des fleißigen Besuchs der Vorlesungen über die ~Anatomie~ des Menschen erbringen, bevor man sie zur Prüfung vor dem ärztlichen Kollegium zuließ. Ueber die von der Staatsbehörde erteilte Lizenz wurde ein ~Diplom~ ausgestellt; in dem Eide, den der junge Arzt bei dieser Gelegenheit leisten mußte, hatte er sich zu verpflichten, ~Armen unentgeltlich seinen Rat zu erteilen~ und Apotheker[11], welche die Medikamente nicht den Vorschriften gemäß zubereiten, der Behörde anzuzeigen. Als Maximaltaxe für eine Krankenvisite am Tage innerhalb der Stadt wurde ein halber Gold-Tarrenus (═ 1¼ Mark) festgesetzt, für Visiten außerhalb des Ortes ein entsprechend höherer Betrag. Streng untersagt waren dem Arzte Geschäftsverbindungen mit den Apothekern oder der Besitz einer eigenen Apotheke. -- Die Erlaubnis zur Ausübung der Lehrtätigkeit (in Salerno) durfte nur nach einer unter staatlicher Kontrolle erfolgreich bestandenen Prüfung erteilt werden.

[11] Dieselben bildeten zu dieser Zeit in Italien schon einen eigenen Stand, der sich einerseits vom ärztlichen Beruf, anderseits von den Arzneihändlern differenziert hatte. Durch die Medizinalverfassung Friedrichs II. wurde nicht nur das Verhältnis zwischen Arzt und Apotheker, sondern auch die Ausbildung und Tätigkeit der letzteren gesetzlich geregelt.

Utilitati speciali perspicimus, cum omni saluti fidelium providemus. Attendentes igitur grave dispendium et irrecuperabile damnum, quod posset contingere ex imperitia medicorum, jubemus in posterum nullum medici titulum praetendentem audere practicare aliter, vel mederi, nisi Salerni primitus, et in conventu publico magistrorum judicio comprobatus, cum testimonialibus litteris de fide et sufficienti scientia tam magistrorum quam ordinatorum nostrorum, ad praesentiam nostram vel, nobis a regno absentibus ad illius praesentiam, qui vice nostra in regno remanserit, ordinatus accedat, et a nobis, vel ab eo medendi licentiam consequatur; poena publicationis bonorum et annalis carceris imminente his, qui contra huiusmodi nostrae serenitatis, edictum in posterum ausi fuerint practicare (Constitut. regni Siciliae ~1231~, vgl. Huillard-Bréholles, Histor. diplom. Friderici II, Paris 1851-61, Tom. IV, p. 150).

Quia nunquam sciri potest scientia medicinae, nisi de logica aliquid praesciatur, statuimus, quod nullus studeat in medicinali scientia, nisi prius studeat ad minus triennio in scientia logicali. post triennium, si voluerit, ad studium medicinae procedat: ita quod chirurgiam, quae est pars medicinae, infra praedictum tempus addiscat, post quod, et non ante, concedatur sibi licentia practicandi examinatione, juxta curiae formam, praehabita, et nihilominus recepto pro eo de praedicto tempore studii testimonia magistrali. Iste medicus jurabit servare formam curiae hactenus observatam, eo adjecto, quod si pervenerit ad notitiam suam, quod aliquis confectionarius minus bene conficiat, curiae denunciabit, et quod pauperibus consilium gratis dabit. Iste medicus visitabit aegrotos suos ad minus bis in die, ad requisitionem infirmi semel nocte: a quo non recipiet per diem, si pro eo non egrediatur civitatem vel castrum, ultra dimidium tarrenum auri. Ab infirmo autem, quem extra civitatem visitat, non recipiet per diem ultra tres tarrenos, cum expensis infirmi, vel ultra quatuor tarrenos, cum expensis suis. Non contrahet societatem cum confectionariis, nec recipiet aliquem sub cura sua ad expensas suas pro certa pretii quantitate, nec ipse etiam habebit propriam stationem. -- -- -- Nec tamen post completum quinquennium practicabit, nisi per annum integrum cum consilio experti medici practicetur. Magistri vero infra istud quinquennium libros authenticos, tam Hippocraticos, quam Galeni, in scholis doceant, tam in theoretica, quam in practica medicina. Salubri etiam constitutione sancimus, ut nullus chirurgicus ad practicam admittatur, nisi testimoniales litteras offerat magistrorum, in medicinali facultate legentium, quod per annum saltim in ea medicinae parte studuerit, quae chirurgiae instruit facultatem, et praesertim anatomiam humanorum corporum in scholis didicerit, et sit in ea parte medicinae perfectus, sine qua nec incisiones salubriter fieri poterunt, nec factae curari. -- -- -- Praesenti etiam lege statuimus, ut nullus in medicina vel chirurgia nisi apud Salernum vel Neapolim legat in regno, nec magistri nomen assumat, nisi diligenter examinatus in praesentia nostrorum officialium et magistrorum artis ejusdem. (Novae Constitutiones, vgl. Huillard-Bréholles, l. c. p. 235. Als Datum dieser Verordnungen wird das Jahr ~1240~ angenommen.)

~Das ärztliche Diplom hatte folgenden Wortlaut:~

Notum facimus fidelitati vestrae, quod fidelis noster N. N. ad curiam nostram accedens, examinatus inventus fidelis et de genere fidelium ortus et sufficiens ad artem medicinae exercendam, extitit per nostram curiam approbatus. Propter quod de ipsius prudentia et legalitate confisi, recepto ab eo in curia nostra fidelitatis sacramento et de arte ipsa fideliter exercenda juxta consuetudinem juramento, dedimus ei licentiam exercendi artem medicinae in partibus ipsis: ut amodo artem ipsam ad honorem et fidelitatem nostram et salutem eorum qui indigent, fideliter ibi debeat exercere. Quodcirca fidelitati vestrae praecipiendo mandamus, quatenus nullus sit, qui praedictum N. N. fidelem nostrum super arte ipsa medicinae in terris ipsis, ut dictum est, exercenda impediat de cetero vel perturbet.

Die mit besonderer Rücksicht auf Salerno gegebenen Verordnungen Friedrichs II. wurden für den medizinischen Studiengang an den übrigen Hochschulen im ganzen und großen vorbildlich, und namentlich war überall ein mehrjähriges Vorstudium in den artes erforderlich. In Paris mußte der Mediziner nach den ältesten Statuten (aus den Jahren 1270-74) eine 5½jährige Studienzeit nachweisen[12], vorausgesetzt, daß er in artibus bereits graduiert war (wenn dies nicht der Fall war, eine 6jährige Studienzeit), und dasselbe galt auch für Montpellier. Allmählich wurde es jedoch üblich -- nach dem Muster der Rechtsschule von Bologna -- schon 2-3 Jahre nach Beginn des medizinischen Studiums eine Zwischenprüfung einzuführen, welche den Nachweis über die allgemeinen theoretischen Kenntnisse in den einzelnen medizinischen Zweigen erbringen sollte. Der dabei erlangte Grad, das ~Baccalaureat~, erhob den Kandidaten über die Stufe des Scholaren und machte ihn schon durch Heranziehung zur Lehrtätigkeit, wenn auch in sehr beschränktem Maße, zu einer Hilfskraft der Schule. In Salerno erfolgte die Einführung des Baccalaureats spätestens im Jahre 1280 gemäß einer Verordnung des Königs Karl I.[13]; das ~Baccalaureat~ und das ~Licentiat~ (am Ende der Studienzeit) wurden zu Vorstufen für das ~Magisterium~ bezw. späterhin für die ~Doktorwürde~[14], mit welcher die Aufnahme in die ärztliche Korporation (Fakultät) und die Lehrtätigkeit verbunden war. Ursprünglich waren es ausschließlich die Rechtsschulen, welche nach dem Beispiele Bolognas die Doktorwürde erteilten, schon im Verlauf des 13. Jahrhunderts ging aber der Gebrauch (wenigstens in Italien) auch auf die übrigen Fakultäten mit Ausnahme der artistischen über, bei der der Magistertitel ständig erhalten blieb.

[12] Diese Statuten geben auch über die dem Unterricht zu Grunde gelegten Bücher Auskunft. Debet audivisse bis artem medicinae ordinarie et semel cursorie exceptis urinis Theophili, quas sufficit semel audivisse ordinarie vel cursorie: Viaticum bis ordinarie, alios libros Ysaac semel ordinarie, bis cursorie, exceptis diaetis particularibus, quas sufficit audivisse cursorie vel ordinarie; Antidotarium Nicholai semel. Versus Egidii non sunt de forma. Item debet unum librum de theorica legisse et alium de practica. (Chartularium Univ. Parisiens. ed. Denifle et Chatelain, Paris 1889-91.)

[13] Welche Anforderungen an den „Baccalarius” resp. den „~Baccalarius licentiandus~” gestellt wurden, ersieht man aus der oben erwähnten Verordnung des Königs Karl I. von Anjou. ... teneatur baccalarius audivisse bis ordinarie ad minus omnes libros artis medicae, exceptis Theofili et libro pulsuum Filareti, quos sufficit audivisse semel ordinarie vel cursorie. Item regimenta acutorum bis ordinarie. Item quatuor libros Yshac, scilicet Viaticum, dictas universales, urinas. Librum febrium semel ordinarie ad minus. De omnibus praedictis tenetur baccalarius facere fidem et praestare juramentum. ... (Renzi, Coll. Salern. I, p. 62.) ... teneatur baccalarius licentiandus audivisse per triginta menses medicinam a magistro conventato et regente, deinde teneatur respondere bis de questione et desputatione magistri regentis, praeterea leget cursorio duos libros unum de theorica et alium de practica, postmodum teneatur audire antequam conveniat ad conventum seu licentiam quosque compleverit ~quadraginta menses~ in universo incipiendo computationem a prima die qua incepit audire medicinam a magistro conventato regente ut supra dictum est, si fuerit magister seu licentiatus in artibus et si non fuerit magister seu licentiatus in artibus debet audivisse ~quinquaginta sex mensibus~ ita quod non computetur, nec illud tempus in quo ut prius dicitur regitur Salerni. Item teneatur respondere cuilibet magistro regenti singulariter de questione in disputatione sua. ... L. c. p. 361. Ueber den Erfolg der Prüfung wurde an den Kanzler zu Neapel berichtet, worauf am letzteren Orte die Prüfung „per physicos regios”, also die eigentliche Staatsprüfung stattfand. Diese Kontrolle der medizinischen Fakultät von Salerno durch den Kanzler und die königlichen Aerzte ist erst 1395 aufgehoben worden.

[14] Die wissenschaftlich gebildeten Aerzte trugen anfänglich allgemein den Titel ~Magister~. Im Laufe des 13. Jahrhunderts jedoch fand nach dem Beispiel Bolognas auch in den medizinischen Schulen der ~Doktor~titel Eingang, wurde aber zunächst im ursprünglichen Sinne des Wortes (vgl. S. 247, Anm. 1 und S. 306) nur demjenigen erteilt, der als ~Lehrer~ in der Heilkunde tätig war. Allmählich wurde es übrigens Gebrauch, den Doktortitel allen zur Ausübung der Kunst legitimierten Aerzten zu geben, da eben jedem das Recht zu lehren fakultativ zustand. Die Scheidung in ~Doctores legentes et non legentes~ entsprach dann den tatsächlichen Verhältnissen, indem nur die ersteren die Lehrtätigkeit wirklich versahen.

Die Lizenz wurde an den meisten Hochschulen vom Kanzler, d. h. einem kirchlichen Würdenträger, im Namen des Papstes (in der Kirche) erteilt, wobei der Akt gleichsam einen religiösen Charakter trug. Nur für den Ausnahmsfall, wo es sich um Juden handelte, wurde auch der Fakultät selbst (an italienischen Hochschulen, in Montpellier) die Verleihung überlassen.

So sehr aber die Angliederung an die Universitäten den szientifischen Rang der Heilkunde erhöhte, die Kontinuität ihrer Lehre sicherte, die Legitimität ihrer Ausübung regelte, so sehr auch die Medizin durch die aus arabischen Quellen stammende ~Gelehrsamkeit~, durch die, der Scholastik abgelauschte ~Dialektik~ ein wissenschaftlich gleißendes Gepräge erhielt -- es war gerade der, in äußeren Institutionen aufgehende, echt mittelalterliche, stramme ~Korporationsgeist~, die überreiche, einem fremden Boden entsprossene ~Tradition~, die von der Artistenfakultät entlehnte, auf abstraktes Denken gegründete Methode, welche die bisher inhaltlich zwar dürftige, aber der unbefangenen Beobachtung, der freien Kritik nicht gänzlich entratende Forschungsweise verdrängte und an ihre Stelle den ~Autoritätsglauben~, den starrsten ~Dogmatismus~ setzte. Unter dem Banne dieser beiden finsteren Mächte stehend, wurde die Medizin ein wenigstens formal hineinpassender, ein das Gesamtbild nicht störender Bestandteil der eben auf der Höhe ihrer Entfaltung angelangten christlich-abendländischen Kultur, ~zumal Lehrer und Schüler zumeist dem Klerikerstande~ (wenigstens nominell) ~angehörten~ -- mochte auch die Heilkunst ihren Zielen nach dem herrschenden asketisch-hierarchischen Zeitgeist, der ausschließlich dem Transzendentalen zugewandten Weltanschauung stets etwas Wesensfremdes bleiben.

Vom herrschenden Zeitgeist, der weltverneinend im Innersten, alles Irdische unter dem Gesichtspunkt des Jenseits wertete, von der im 13. Jahrhundert eben den Zenith erreichenden mittelalterlichen Weltanschauung, die das Sinnliche nur als Zeichensprache des Uebersinnlichen faßte, flossen der aufs leibliche Wohl gerichteten, daher geradezu in kontradiktorischem Gegensatze stehenden Heilwissenschaft[15] keinerlei fördernde Leitgedanken zu; dem Kulturganzen konnte die Medizin nur äußerlich, nur formal subsumiert werden, indem man sie unter das Joch einer ~Methode~ zwang, welche ursprünglich für die Zwecke der spekulativen Theologie ersonnen war, aber darüber hinausgreifend schließlich das gesamte Geistesleben in die Fesseln der ~Syllogistik~, der logischen Turnierkunst schlug. Da diese Methode die Unterwerfung unter anerkannte Autoritäten und zu Dogmen gestempelte Doktrinen forderte und in ihrer Ueberschätzung des einseitigen Intellektualismus nicht von sinnlicher Erfahrung ihren Ausgang nahm, sondern umgekehrt ~die Einzelerscheinungen aus axiomatisch hingestellten Prämissen aprioristisch zu konstruieren strebte~, schon durch logische Begriffsverkettungen auch den realen Zusammenhang der Dinge ergründen zu können vermeinte, somit ~für jedes Gebiet eher passend war als für die dringendst auf Beobachtung angewiesene Medizin~ -- so erklärt es sich von vornherein, daß das 13. Jahrhundert, welches auf manchen anderen Gebieten der abendländischen Kultur unleugbar glänzende Manifestationen des Zeitgeistes, ja bewundernswerte Leistungen des Scharfsinns oder der künstlerischen Schaffenskraft erkennen läßt und selbst technische Fortschritte (Kompaß, Schießpulver, Brillen)[16] hervorbrachte, der Heilkunde im großen und ganzen eine Epoche der Stagnation bedeutet, die durch einen Aufwand imponierender Gelehrsamkeit und subtiler Spitzfindigkeit Bewegung bloß vortäuschte.

[15] Wie sehr dieser Gegensatz gefühlt wurde, geht auch aus manchen Stellen in der schönen Literatur der damaligen Zeit hervor.

[16] Diese Fortschritte waren freilich nur Entlehnungen aus dem Orient bezw. Verbesserungen derselben. Der Kompaß wird bereits Ende des 12. Jahrhunderts erwähnt (in der Schrift de rerum naturis des Alexander Neckam, in den Dichtungen des Guiot de Provins und Jacques de Vitry), die Brillen (konvex) waren Ende des 13. Jahrhunderts bekannt, Salvino degli Armati und Alexander de Spina können höchstens als Wiedererfinder gelten.

Das 13. Jahrhundert -- namentlich die erste Hälfte desselben -- stellt die klassische Epoche der mittelalterlichen Kultur dar, insofern ihr treibendes Element, der kirchliche Gedanke, auf allen Gebieten zur reichsten Entfaltung gelangt. Von düsteren Katakomben zu glänzenden Basiliken und hochragenden Domen emporgestiegen, von weisen Päpsten geführt, auf die neuen Streitscharen der Bettelmönche gestützt, nahm die Kirche, triumphierend über alle Gegenströmungen (Katharer, Waldenser, Albigenser -- Hohenstaufen), neben dem Sacerdotium auch das Imperium und Studium für sich in Anspruch und beherrschte mit ihrem überall hindringenden, kaum je versagenden Einfluß alle Lebensverhältnisse. Wenn auch nicht bis zu den letzten Konsequenzen, so doch in sehr weitgehender Weise war jenes ~asketisch-hierarchische System~ zur Tatsache geworden, welches die weltverneinende Idee des Christentums in der Aufrichtung des als Vorbild vorschwebenden kirchlichen Gottesstaates oder in der damit gleichbedeutenden Uebertragung aller Macht auf die Kirche zu verwirklichen strebte. Es sei hier gänzlich davon Abstand genommen, auf die politischen und sozialen Verhältnisse einzugehen und nur versucht, ganz im allgemeinen den Charakter des damaligen Geisteslebens ins Auge zu fassen. Vor allem muß betont werden, daß sich innerhalb der gezogenen Schranken eine wissenschaftliche und künstlerische Tätigkeit entwickelte, die an die glänzendsten Epochen erinnert und einerseits in den Universitäten ihren Brennpunkt hatte, anderseits in den herrlichsten Denkmälern der Baukunst, in den mächtigen Kathedralen, den erhabensten Ausdruck fand. ~Das Zentrum, die Kraftsonne alles wissenschaftlichen Lebens bildete die Theologie, welche als scientia universalis alle übrigen Wissenszweige umschloß~, ihnen Ziel und Richtung gebend, feste Grenzen setzte, sie geradezu zu bloßen Helfern herabdrückte. Für den Betrieb der profanen Wissenschaften war vorwiegend der Gesichtspunkt der Theodizee maßgebend. In höchstem Maße gilt dies von der ~Philosophie~, welche, als ~Magd der Theologie~, ohne die Glaubenssätze antasten zu dürfen, ausschließlich die Aufgabe hatte, mittels der allmählich zur Technik erstarrten scholastischen Methode den dogmatischen Inhalt mit der natürlichen Vernunft in Einklang zu bringen, nach Lösung vorhandener Widersprüche oder rationalistischer Einwände in ein organisch zusammenfassendes System zu kleiden. Waren doch der Theologie und Philosophie die Lehrer und Schüler, die Methoden und Bücher gemeinsam. Bei dem Streben, die Philosophie kirchlich zu gestalten, leuchtete namentlich das Ziel voran, die anfänglich mit Mißtrauen betrachtete Peripatetik, diese höchste Entfaltung des nicht von der Offenbarung geleiteten Denkens, mit der Glaubenslehre, Aristoteles mit den Kirchenvätern in Uebereinstimmung zu setzen, wodurch man allen, an den großen heidnischen Weltweisen anknüpfenden heterodoxen Neigungen am schlagendsten, am wirksamsten zu begegnen hoffte, wie dies zur Genüge aus den Systemen der Koryphäen der Scholastik, des ~Alexander von Hales~, ~Bonaventura~, ~Albertus Magnus~ und ~Thomas von Aquino~ hervorleuchtet. ~Aristoteles~, der in scholastischer -- auf neuplatonisch-arabischer basierender -- Interpretation die kräftigsten Stützen für die Herstellung der Konkordanz zwischen Wissen und Glauben lieferte[17], wurde zum Range einer Autorität erhoben, die derjenigen der Kirchenschriftsteller höchstens in essentiellen dogmatischen Fragen nachstand, sie aber in wissenschaftlichen überragte, auch gewannen unter dem Einflusse des Stagiriten die stets wach erhaltenen enzyklopädischen Neigungen einen früher kaum in solchem Grade hervorstechenden rationalistischen Zug, ~der sich in der Ausdehnung der scholastischen Methode von der Theologie und Philosophie auf andere Fächer~ äußerte. Es bedarf keiner weiteren Ausführung, daß die Unterordnung unter eine Methode, welche die Dialektik zur obersten Schiedsrichterin auch im Gebiete des Realen machte, nicht von der Beobachtung und Analyse der Einzelerscheinungen, sondern von aprioristischen Konstruktionen ausging, vor den Autoritäten die Segel strich, den harmonischen Abschluß des Systems der Weltanschauung selbst auf Kosten der Erfahrung als vornehmstes Ziel anstrebte, namentlich für die Naturwissenschaft ein drückendes Joch bedeutete, ein Joch, welches den wirklichen Fortschritt hemmte. Nicht weniger unheilvoll war für die Naturwissenschaft die Tendenz, die Physik in ein Anhängsel der Metaphysik umzuwandeln, die Natur nicht so sehr als Objekt an sich, denn als Hindeutung auf die Welt des Uebersinnlichen zu betrachten -- ~die allegorische, symbolistische Auffassung der Naturkörper und des Naturgeschehens~, wie sie schon im Physiologus zutage getreten war. -- Vorherrschend von kirchlich-religiösem Geiste als Leitmotiv waren die Schöpfungen der Poesie[18] und Musik, der bildenden Künste erfüllt, und die glänzendste Verkörperung erhielt ~die transzendente, allegorische Auffassung der Erdenwelt, der Gedanke des Gottesstaates, die subtile Konstruktion des Einzelnen aus machtvoll beherrschenden allgemeinen Ideen~ in den großartigen, auf schmaler Grundlage hochstrebenden gotischen Kathedralen, welche in Stil und Technik anscheinend die irdischen Bedingungen überwinden, in ihrer in unzähligen zierlichen Formen aufblühenden Gliederung den lebendigen Eindruck eines zu Stein gewordenen organischen Ganzen erwecken. Und wie sich die kirchliche Philosophie die profanen Wissenschaften unterordnete, so zwang die Architektur die an Reinheit, an klassischem Stil, an Fülle der Gestalten an die herrlichsten Epochen erinnernde Plastik und selbst die Malerei in ihren Dienst, wodurch wenigstens die letztere an individueller Entfaltungskraft einbüßte.

[17] Aristoteles wurde erst nach langen Geisteskämpfen zum kirchlich anerkannten „Philosophen” par excellence. In den ersten Dezennien des Bekanntwerdens seiner physischen, metaphysischen, ethischen Schriften im Gewande arabischer Interpretation betrachtete man seitens der Kirche das Studium des Aristoteles mit einem gewissen Argwohn und verbot es teilweise sogar (1210, 1215, 1231), umsomehr als die Gegensätzlichkeiten zur katholischen Weltanschauung (z. B. die Lehre von der Ewigkeit der Welt) noch unausgleichbar erschienen und zu Häresien gefährlichster Art Anlaß gaben. Die Verbote vermochten aber den Enthusiasmus für das neue, hellstrahlende Licht der Erkenntnis nicht zu hemmen, und auch die Bedenken der Kirche schwanden in dem Maße, als gezeigt wurde, wie dem Aristotelismus gleichsam seine giftigen Bestandteile entzogen, ja wie er sogar den Interessen der kirchlichen Gelehrsamkeit dienstbar gemacht werden könnte. Schon das letzte, 1231 erlassene Verbot ließ vermuten, daß die Freigabe in Aussicht genommen war, bereits 1233 durften die verbotenen Bücher in Toulouse gelesen werden, seit 1254 gehörten dieselben auch in Paris zum regelmäßigen Studienplan. Insbesondere waren es Alexander von Hales, Albertus Magnus und Thomas von Aquino, die den Aristotelismus fortan zu seiner autoritativen Stellung in kirchlichen Kreisen erhoben, indem sie dabei gleichzeitig gewisse entgegenstehende neuplatonisch-arabische Auslegungen bekämpften. Die Art, wie die Kirche eine, anfangs nicht grundlos als feindlich betrachtete Strömung einzudämmen und in ihr Bett zu leiten wußte -- vergleichbar mit dem Aufgehen der mystischen, schwärmerischen Richtungen im Franziskanerorden etc. -- bedeutete einen Sieg, der, mit den Waffen des Geistes erfochten, weit glänzender war als jener, den die Inquisition über die Ketzer davontrug. Ein für die selbständige kirchliche Interpretation des Aristoteles und damit für die Anerkennung seiner Lehren höchst förderlicher Umstand ist nicht am wenigsten auch in dem ~Auftauchen neuer Uebersetzungen direkt aus dem Griechischen~, wie sie im 13. Jahrhundert in erster Linie Robert Grosseteste, Bischof von Lincoln, Joh. Basyngstoke und Wilhelm von Moerbeke lieferten oder wenigstens anregten, zu suchen. Solche hat schon Thomas von Aquino -- im Gegensatz zu Albertus Magnus -- seinen Kommentaren zumeist zu Grunde gelegt; sie trugen viel dazu bei, daß sich der, ursprünglich gegen die gegensätzlichen Lehren der Peripatetik als solche gerichtete Kampf in einen Kampf gegen die, dem kirchlichen System widerstrebenden arabischen Interpreten (namentlich Averroës) einengen konnte.

[18] Es sei hier nur auf die von tiefster religiöser Inbrunst getragenen Hymnen Dies Irae und Stabat mater und auf die Anfänge des an den biblischen Stoffkreis gebundenen Dramas hingedeutet.

Wie jedes andere Zeitalter war übrigens auch das 13. Jahrhundert von einer wirklich homogenen Kultur durchaus entfernt, und nicht wenige Erscheinungen des religiösen, wissenschaftlich-künstlerischen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Lebens wurzelten gerade in solchen Unterströmungen, welche zum hierarchisch-asketischen Systeme, zur spiritualistischen Weltanschauung und zum Feudalismus einen scharfen Kontrast bildeten. Hierher gehören z. B. die religiösen aber antikirchlichen Bewegungen der Katharer, Waldenser, Albigenser etc., die neuplatonisch-averroistischen, pantheistischen Neigungen mancher Scholastiker, das Erwachen der Nationalitätsidee gegenüber dem kirchlichen Universalismus (Nationalstaaten, zunehmende literarische Bedeutung der Volkssprachen), das Aufblühen der nichtkirchlichen Poesie, welche völkische in die heidnische Vorzeit zurückreichende Ideale, wenn auch verschleiert, feierte, und zudem im Gegensatz zur asketischen Weltabgewandtheit der natürlichen Sinnlichkeit Rechnung trug (Volksepen, Troubadours, Minnesänger), die Anfänge wissenschaftlicher Betätigung seitens der Laien (z. B. in der Geschichtschreibung), die höchst folgenreiche Emanzipation von der Kirche im Rechtsleben, das Emporkommen der Ständevertretung, der Städte, der Geldwirtschaft u. s. w.

Wenn oben ausschließlich der charakteristischen Hauptrichtung gedacht wurde, so geschah dies, weil die antagonistischen Kulturbewegungen nur in geringem Maße ihren Einfluß auf die Heilkunde geltend machten.

Es soll gewiß nicht in Abrede gestellt werden, daß die ~scholastische Epoche~ die vorausgehenden Entwicklungsstadien der abendländischen Heilkunde durch ihren Ideengehalt, durch den aus der arabischen Literatur zugetragenen Wissensstoff, ganz besonders aber durch ~die wissenschaftliche Form der Bearbeitung~ überragte; doch was bedeuten diese Vorzüge gegenüber den Schädigungen einer Methode, welche von der erfahrungsmäßigen Prüfung der Fundamente absah, die Ueberlieferung als Denknotwendigkeit hinstellte, die Dinge durch die Kunst des scharfsinnigen ~Definierens~ und ~Konkludierens~ zu meistern vortäuschte, die Sinnestätigkeit, die unbefangene Beobachtung unter dem Scheingebäude blendender Dialektik begrub. Statt der ehrlichen Forschung am Krankenbette wurde jene technische Gewandtheit im ~Distinguieren~ und ~Argumentieren~, im ~Kommentieren~ und ~Disputieren~ gezüchtet, die für jede Frage auch schon die Antwort, für jedes neu auftauchende Problem auch schon die Argumente spitzfindiger, aus Aristoteles, Galen, Avicenna etc. geschöpfter Buchweisheit bereit hielt. Die dialektische Bearbeitungsweise, welche im Grunde stets im gleichen Zirkel vorgefaßter, bloß autoritativ gestützter Meinungen umherirrte, konnte am wenigsten einer Wissenschaft frommen, in der es noch so vieles, wenn nicht alles, erst an der Hand der Erfahrung aufzubauen galt. ~Gerade die Heilkunst mußte ihrem ganzen Wesen nach unter dem Zwange des Scholastizismus mehr leiden als die übrigen realen Fächer~, welche entweder dem Kalkül unterworfen waren und teilweise bereits in sicheren Bahnen liefen oder aber durch die relative Einfachheit des Objekts den Beobachtungssinn wenigstens einzelner trotz aller Systembefangenheit anlockten. Während die Mathematik und Geometrie (Leonardo Fibonacci, Jordanus Nemorarius, Robert Grossetête), die Astronomie (Alfonsinische Tafeln, Sphaera materalis des Holywood ═ De Sacrobosco), die Mechanik, die Optik (Peckham, Roger Baco, Witelo), die Chemie bezw. Alchemie, die Mineralogie, Botanik und Zoologie (Albertus Magnus), die Klimatologie und Geographie (Giraldus Cambrensis -- Reisebeschreibungen des Plano de Carpini, Rubruquis, Marco Polo), im Zeitalter der Hochscholastik, im Anschluß an die Araber nicht ohne Fortschritte über das Gegebene hinaus blieben, kann von der Medizin dieser Epoche kaum dasselbe behauptet werden, und wenn sie auch mancher über den Durchschnitt hinausragender Männer nicht entbehrte, vermochte sie doch Keinen hervorzubringen, der einem •Albertus Magnus• als Naturbeobachter, einem •Roger Bacon• als Experimentalforscher wahrhaft gleichwertig an die Seite zu stellen wäre.

Wiewohl der Gesamteindruck unverwischbar bleibt, daß die Geistesarbeit des 13. Jahrhunderts im wesentlichen darauf abzielte, übernommene aprioristische Konstruktionen auszuspinnen und denkmethodisch zu beweisen, so darf doch nicht übersehen werden, daß auch an der ~Vermehrung des realen Kenntnisschatzes~ eifrig gearbeitet worden ist, und zwar mit einem Ergebnis, welches uns wenigstens auf einzelnen Gebieten unter Berücksichtigung der historischen Verhältnisse geradezu Bewunderung abringt. Der Hauptantrieb für solche höchst anerkennenswerte Bestrebungen und Leistungen lag freilich in dem Drange der Scholastik, die übersinnlichen Glaubenssätze mittels des Wissens von den irdischen Dingen vernunftgemäß zu demonstrieren[19], doch unter der sorgsamen, weitausgreifenden Pflege verwandelte sich hie und da das sekundäre Werkzeug in ein Objekt mit Selbstzweck.

[19] Es waren vorzugsweise die Dominikaner, welche durch ihre auf Lehre und Schule gerichtete Tätigkeit eine tiefgreifende Durcharbeitung des gesamten Wissensstoffes anregten (der praktischen Medizin sind sie aber in der Regel fern geblieben); die Franziskaner sind ihnen hierin erst später gefolgt.

Den besten Einblick in die Naturforschung der Scholastiker bezw. in die Summe ihres Wissens von der Natur gewähren die einschlägigen Schriften des •Albertus Magnus• (1193-1280) und die kolossale Enzyklopädie des •Vincentius Bellovacensis•, von denen der eine der Aristoteles, der andere der Plinius des 13. Jahrhunderts genannt zu werden verdient. Ihre Werke besitzen auch zur Medizin Beziehungen.

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