Anna Karenina, 1. Band (part 2 of 3)
Als Wronskiy nach der Uhr an dem Balkon des Hauses der Karenin blickte, war er so in Verwirrung, so mit seinen Gedanken beschäftigt, daß er wohl die Zeiger auf dem Zifferblatt sah, aber nicht zu erkennen vermochte, welche Zeit es war. Er schritt nach der Chaussee hinaus und begab sich, vorsichtig durch den Morast watend, zu seinem Wagen.
Wronskiy war derart von seiner Empfindung für Anna erfüllt, daß er gar nicht mehr daran gedacht hatte, welche Zeit es sei, und ob es noch Zeit sei, zu Brjanskiy zu fahren.
Er besaß nur noch, wie dies so häufig vorkommt, die äußere Fähigkeit des Gedächtnisses, welche ihm zeigte, wie die Dinge hintereinander zu erledigen waren. Er trat zu seinem Kutscher, welcher auf dem Bocke in dem schon schrägfallenden Schatten einer dichten Linde träumte, scheuchte die in Säulen schwärmenden Stechfliegen, die auf den nassen Pferden tanzten, und weckte dann den Kutscher, sprang in den Wagen und befahl, zu Brjanskiy zu fahren.
Als er ungefähr sieben Werst gefahren war, war er soweit zu sich gekommen, daß er nach der Uhr sah und erkannte, es sei halb sechs und er werde sich verspäten.
Am heutigen Tage fanden mehrere Rennen statt; ein Eröffnungsrennen, ein Offiziersrennen von zwei Werst Distance, eines von vier Werst und das Rennen, an welchem er selbst teilnahm.
Zu seinem eignen Rennen konnte er noch kommen, aber wenn er zu Brjanskiy fahren wollte, so konnte er eben noch ankommen, und er kam dann erst an, wenn der ganze Hof schon anwesend sein würde.
Dies war unangenehm; doch er hatte Brjanskiy sein Wort gegeben, zu ihm kommen zu wollen und entschied sich deshalb dafür, weiter zu fahren, indem er dem Kutscher befahl, die Troika nicht zu schonen.
Er kam zu Brjanskiy, hielt sich bei demselben fünf Minuten auf und eilte dann zurück. Diese schnelle Fahrt beruhigte ihn.
All das Bedrückende, das in seinen Beziehungen zu Anna lag, all das Unbestimmte, was noch nach der stattgehabten Unterredung zwischen ihnen obwaltete, verschwand jetzt ganz aus seinem Kopfe, und mit Wonne und Lebhaftigkeit dachte er jetzt an das Rennen, daran, daß er dennoch eilen müsse, und nur bisweilen flammte dazwischen die Erwartung der Glückseligkeit des Wiedersehens, welches ihm für die heutige Nacht zugesagt war, in hellem Lichte in seiner Vorstellungskraft auf.
Die Spannung auf das bevorstehende Rennen ergriff ihn mehr und mehr, im Maße, als er weiter und weiter in die Atmosphäre der Rennbahn gelangte, und die Equipagen überholte, die von den Landgütern und von Petersburg her zu den Rennen fuhren.
In seinem Quartier war niemand mehr anwesend; alle waren schon zu den Rennen gegangen und sein Lakai erwartete ihn an der Thür. Während er sich umkleidete, teilte ihm dieser mit, daß das zweite Rennen schon begonnen habe und viele Herren bereits nach ihm gefragt hätten. Auch von dem Marstall sei schon zweimal der Groom gekommen.
Ohne Hast kleidete er sich um -- er hastete niemals und verlor nie die Selbstbeherrschung -- und befahl alsdann, nach den Baracken zu fahren. Von diesen aus konnte er schon das Gewoge der Equipagen, der Fußgänger und Soldaten sehen, welche die Rennbahn umgaben und die von Menschen wimmelnden Tribünen.
Es fand wahrscheinlich soeben das zweite Rennen statt, da er gerade zur Zeit seines Eintritts in die Baracken die Glocke vernahm.
Als er sich dem Stalle näherte, begegnete ihm Machotins weißfüßiger Fuchs »Gladiator« den man in einer orangefarbenen und blauen Decke, an welcher sich ungeheuer große blaue Ohrklappen befanden, nach der Bahn führte.
»Wo ist Kord?« frug er den Knecht.
»Im Stalle; er sattelt.«
In dem geöffneten Stallraum war Frou-Frou schon gesattelt. Man war im Begriff, ihn herauszuführen.
»Bin ich also doch nicht zu spät gekommen?«
»=All right, all right=! Alles in Ordnung,« antwortete der Engländer. »Seid nur nicht aufgeregt.«
Wronskiy überflog nochmals mit einem Blicke die herrlichen, ihm so teuren Formen des Pferdes, welches am ganzen Körper bebte, und ging dann, sich nur mit Überwindung von diesem Anblick losreißend, aus der Baracke.
Er kam zu den Tribünen gerade zur günstigsten Zeit, um keinerlei Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Soeben ging das Zwei-Werste-Rennen zu Ende und aller Augen richteten sich auf den Reiter von der Kavaliergarde der die Tete desselben führte und den Leibhusaren der ihm folgte und auf die Rosse, welche mit Aufgebot der letzten Kräfte daherjagend, sich dem Pfosten näherten.
Aus der Mitte und von außerhalb des Kreises drängte sich alles nach dem Pfosten hin und eine Gruppe von Soldaten und Offizieren des Kavaliergarderegiments gab mit lauten Rufen ihrer Freude über den zu erwartenden Triumph ihres Offiziers und Kameraden Ausdruck.
Wronskiy trat unbemerkt in die Mitte dieses Kreises, fast zur nämlichen Zeit, als die Glocke ertönte, welche das Ende des Rennens anzeigte und der hochgewachsene Kavaliergardist, welcher Sieger geblieben war, über und über mit Kot bespritzt, sich auf dem Sattel zurückbeugte und seinem grauen Hengst, der von Schweiß dunkel geworden war, die Zügel ließ.
Der Hengst, der nur mit Mühe die Füße noch heben konnte, mäßigte die rasende Schnelligkeit seines großen Körpers und der Kavaliergardist schaute sich, gleich einem Menschen der aus einem schweren Traume erwacht, im Kreise um, zu lächeln versuchend. Ein Haufe von Freunden und Fremden umringte ihn.
Wronskiy mied mit Absicht jenen gewählten Trupp aus der hohen Welt, der sich gemessen und doch frei bewegte und vor den Tribünen im Gespräch umherging.
Er wußte, daß dort auch Anna Karenina war, sowie Bezzy, und das Weib seines Bruders und begab sich daher mit Absicht, um sich nicht zu zerstreuen, nicht dahin.
Es trafen ihn indessen unaufhörlich Bekannte die ihn anhielten, ihm Einzelheiten über die schon beendeten Rennen erzählten und ihn frugen, weshalb er sich verspätet habe.
Zur selben Zeit, als die Teilnehmer am Rennen in die Rennkasse berufen wurden, um ihre Preise entgegenzunehmen und als alles sich nach dorthin wandte, trat Alexander, der ältere Bruder Wronskiys, ein Oberst in Epauletten, von kleiner Gestalt, und ebenso stämmig gebaut wie Aleksey, aber frischer und röter im Gesicht, mit roter Nase und offenem, trunksüchtigen Gesicht zu ihm.
»Hast du meinen Brief empfangen?« begann derselbe. »Man kann dich ja niemals antreffen!«
Aleksander Wronskiy war ungeachtet seines ausschweifenden, namentlich dem Trunke huldigenden Lebens, wegen dessen er bekannt war, ein vollendeter Hofmann.
Als er jetzt mit seinem Bruder über eine für ihn so sehr unerquickliche Angelegenheit sprach, nahm er doch in dem Bewußtsein, daß jetzt vieler Augen auf sie gerichtet sein konnten, eine lächelnde Miene an, als scherze er gleichsam über eine Kleinigkeit mit seinem Bruder.
»Ich habe ihn empfangen, verstehe aber wahrhaftig nicht, um was du dich hierbei zu sorgen hättest,« antwortete Aleksey.
»Ich muß mich um das kümmern, was von mir soeben hervorgehoben wurde, daß man dich nämlich nirgends findet, und man dir am Montag in Peterhof begegnet ist.«
»Es giebt Angelegenheiten, die nur der Beurteilung derjenigen unterstehen, die davon direkt interessiert werden, und die Angelegenheit, um die du dich so sehr kümmerst, ist eine solche« --
»Ja, ja, aber dann dient man eben nicht, nicht« --
»Ich bitte dich, dich nicht einzumischen; und damit genug« --
Das finstere Gesicht Aleksey Wronskiys wurde bleich und sein hervorstehendes Unterkinn zitterte, was bei ihm nur selten vorkam.
Als Mensch von sehr gutem Herzen erregte er sich nur selten, geschah dies aber einmal, und bebte erst das Kinn bei ihm, dann war er -- und dies wußte auch Aleksander Wronskiy -- gefährlich. -- Aleksander Wronskiy lächelte heiter.
»Ich hatte dir nur einen Brief der Mutter geben wollen. Antworte ihr und zerstreue dich nicht vor deinem Rennen.«
»=Bonne chance=,« fügte er hinzu, lächelte und ging. Gleich nach ihm aber hielt Wronskiy wiederum eine freundschaftliche Begrüßung auf.
»Man will wohl seine Freunde gar nicht kennen! Guten Tag =mon cher=!« redete ihn jetzt Stefan Arkadjewitsch an, dessen Gesicht auch hier, inmitten des Glanzes von Petersburg, nicht minder in den gewundenen frisierten Backenbärten vor Röte schimmerte, als in Moskau. »Ich bin erst gestern angekommen und freue mich sehr, deinen Sieg mit ansehen zu können; wann werden wir uns heute sehen?«
»Komm morgen ins Kasino,« antwortete Wronskiy, und drückte ihm sich empfehlend den Ärmel seines Paletots, worauf er nach dem Mittelpunkt des Rennplatzes schritt, woselbst schon die Pferde zu dem großen Rennen mit Hindernissen hereingeführt wurden.
Die schweißtriefenden, abgematteten Pferde des vorigen Rennens wurden, von den Grooms geführt, nach Hause gebracht, und eins nach dem anderen erschienen zum bevorstehenden Rennen neue, meist englische Pferde, in Hauben, mit ihren hängenden Leibern, seltsamen, ungeheuren Vögeln ähnlich.
Rechts brachte man das feurige Vollblut Frou-Frou, welches wie auf Sprungfedern auf seinen elastischen und ziemlich langen Beinen dahinschritt. Unfern davon nahm man dem spitzohrigen Gladiator die Decke ab. Die runden, reizend schönen, vollkommen ebenmäßigen Formen des Hengstes mit dem prächtigen Hinterteil, den ungewöhnlich kurzen, steif auf den Hufen aufstehenden Beinen, zogen unwillkürlich die Aufmerksamkeit Wronskiys auf sich.
Dieser wollte nun zu seinem Pferde gehen, aber wieder hielt ihn ein Bekannter zurück.
»Dort ist ja Karenin!« sagte derselbe zu ihm, mit dem er ins Gespräch kam. »Er sucht seine Frau, die sich mitten auf der Tribüne befindet. Habt Ihr sie noch nicht gesehen?«
»Nein, ich habe sie nicht gesehen,« versetzte Wronskiy, nicht einmal einen Blick nach der Tribüne werfend, auf der man ihm die Karenina zeigte. Hierauf begab er sich zu seinem Pferd.
Wronskiy hatte kaum die Sattelung gemustert, über welche noch einige Anordnungen zu geben waren, als man die Teilnehmer am Rennen zu der Rennkasse berief, um die Nummern zu ziehen und den Start zu erläutern.
Mit ernsten, strengen Gesichtern, viele bleich, gingen siebzehn Herren zur Bude und nahmen ihre Nummern.
Wronskiy hatte Nummer sieben. Man vernahm den Ruf »Aufsitzen«. In der Empfindung, daß er zusammen mit den übrigen Teilnehmern am Rennen den Mittelpunkt bildete, auf den sich aller Augen gerichtet hielten, begab er sich in einem Zustand von Spannung, bei welchem er gewöhnlich gemessen und ruhig in seinen Bewegungen wurde, zu seinem Pferd.
Kord hatte sich für die Feier der Rennen mit seinem Paradeanzug, einem schwarzen hochzugeknöpften Überzieher, steif gestärktem Kragen, der ihm die Backen aufstemmte und einem runden schwarzen Hut und Kanonenstiefeln geschmückt. Er war, wie stets, ruhig und gemessen, und hielt eigenhändig das Pferd an beiden Zügeln, vor demselben stehend.
Frou-Frou fuhr fort zu beben wie im Fieber. Das üppige Feuer seiner Augen traf schräg auf den herzutretenden Wronskiy, welcher jetzt den Finger zwischen den Bauchgurt steckte. Das Pferd schielte stärker, zeigte die Zähne und legte das Ohr zurück.
Der Engländer kräuselte die Lippen, als wolle er ein Lächeln darüber zeigen, daß man seine Sattelung noch prüfe.
»Sitzt auf, Ihr werdet dann weniger erregt sein.«
Wronskiy warf noch einen letzten Blick auf seine Genossen. Er wußte, daß er sie beim Ritte selbst nicht mehr sehen werde.
Zwei derselben waren bereits auf den Platz nach vorn geritten, von welchem gestartet werden mußte.
Galzin, einer der gefährlichsten Rivalen, ein Freund Wronskiys, ging rund im Kreise um seinen Fuchshengst, der ihn nicht aufsitzen lassen wollte.
Ein kleiner Leibhusar in seinen engen Reithosen ritt eben Galopp, wie eine Katze über der Croupe zusammengeduckt dahin, im Wunsche, es den Engländern nachzumachen.
Der Fürst Kuzowljeff saß blaß auf seiner Vollblutstute aus dem Grabowskiyschen Gestüt, die sein Engländer an der Kantare führte.
Wronskiy und alle seine Kameraden kannten Kuzowljeff und seine »Nervenschwäche«, sowie auch seine entsetzliche Eitelkeit. Sie wußten, daß er sich vor allem fürchte, daß er sich selbst fürchtete, ein Militärpferd zu reiten; jetzt aber hatte er sich, obwohl es so entsetzlich war, daß sich die Leute den Hals brachen, daß bei jedem Hindernis ein Arzt und ein Lazarettwagen stand mit dem Samariterkreuz und der barmherzigen Schwester, dennoch entschlossen, mit zu reiten.
Beide begegneten sich mit den Blicken und Wronskiy zwinkerte ihm freundlich und aufmunternd zu. Er sah nur Einen nicht, seinen bedeutendsten Rivalen, Machotin auf dem Gladiator.
»Also keine Überstürzung,« sagte Kord zu Wronskiy, »und denket nur an das Eine: faßt nicht in die Zügel bei den Hindernissen und treibt nicht; überlaßt ihn sich selbst wie er will!«
»Gut, gut,« sagte Wronskiy, sich mit den Zügeln beschäftigend.
»Wenn möglich, so führt das Rennen, doch verzweifelt nicht bis zur letzten Minute, wenn Ihr auch hinten bleiben solltet!«
Das Pferd wollte sich soeben bewegen, als Wronskiy mit gewandter und kräftiger Bewegung in den stählernen, gezahnten Steigbügel trat und leicht und sicher seinen schlanken Körper in den knarrenden Ledersattel brachte.
Nachdem er mit dem rechten Fuße den andern Bügel gefaßt hatte, ordnete er mit der üblichen Bewegung die Doppelzügel zwischen den Fingern und Kord ließ die Hände los.
Gleichsam als wisse er nicht, mit welchem Fuße er zuerst anzutreten habe, so zog Frou-Frou mit gestrecktem Halse die Zügel vor, bewegte sich, wie auf Sprungfedern und schüttelte seinen Reiter auf dem geschmeidigen Rücken.
Kord, seinen Schritt beschleunigend, folgte ihm nach.
Das aufgeregte Pferd zerrte bald auf dieser, bald auf jener Seite an den Zügeln im Versuch, seinen Reiter zu überlisten, Wronskiy aber bemühte sich sorglich -- mit Stimme und Hand, es zu besänftigen. --
Man war bereits zu dem abgedämmten Flusse gekommen, in der Richtung nach dem Platze, von dem aus gestartet werden mußte. Viele der Reiter waren vorn, viele noch dahinten, als plötzlich Wronskiy hinter sich im Kot des Weges das Geräusch eines galoppierenden Pferdes vernahm. Machotin überholte ihn auf seinem weißfüßigen Gladiator. Machotin lächelte, seine langen Zähne zeigend, Wronskiy aber blickte nur ingrimmig auf ihn. Er liebte jenen überhaupt nicht und jetzt erachtete er ihn als seinen gefährlichsten Rivalen. Er empfand Verdruß über Machotin, weil derselbe an ihm vorübersprengte, und sein Pferd zum Scheuen brachte.
Frou-Frou fiel in der That mit dem linken Fuße in Galopp, machte zwei Volten und ging dann, gereizt über die straffen Zügel in einen stoßenden Trab über, den Reiter dabei hochwerfend.
Auch Kord machte ein ärgerliches Gesicht und lief jetzt fast Trab hinter Wronskiy.
25.
Es ritten im ganzen siebzehn Offiziere. Die Rennen gingen auf einer großen ellipsenförmigen Ringbahn von vier Werst vor der Tribüne vor sich. Auf dieser Ringbahn waren neun Hindernisse errichtet worden; nämlich der Fluß; dann eine große, feste Barriere von zwei Arschin Höhe mitten vor der Tribüne, ein trockener Graben, ein mit Wasser gefüllter Kanal, ein abschüssiger Hügel, ein »irländisches Bankett«, welches -- als eines der schwierigsten Hindernisse -- aus einem Wall bestand, der von Reißwerk besetzt war und hinter dem sich, nicht sichtbar für die Pferde, noch ein Graben befand; sodaß das Pferd zwei Hindernisse nehmen oder stürzen mußte, ferner noch zwei Gräben mit Wasser und ein trockener, und das Ziel des Rennens war gegenüber der Tribüne.
Das Rennen begann indessen nicht von dem Kreise aus, sondern etwa hundert Faden seewärts von demselben und auf diesem Abstand hin befand sich das erste Hindernis, der abgedämmte Fluß, von drei Arschin Breite, welches die Reiter nach Gutdünken überspringen oder in der Furt durchreiten konnten.
Dreimal versuchten die Reiter zu starten, aber jedesmal brach eines der Pferde aus und man mußte wieder von vorn anfangen.
Der Starter, Oberst Sjostrin, begann schon ärgerlich zu werden, als er endlich beim viertenmale »los« rief und die Reiter davonflogen.
Aller Augen, alle Binokles richteten sich auf den bunten Trupp der Reiter während diese starteten.
»Man hat sie abgelassen! Da reiten sie hin!« hörte man es von allen Seiten nach der tiefen Stille der Erwartung erschallen.
Trupps von Menschen und einzelne Fußgänger begannen nun von Punkt zu Punkt zu laufen, um besser sehen zu können. In der ersten Minute schon trennte sich der dichte Haufe der Reiter und es wurde sichtbar, wie dieselben zu zweien und dreien und einzeln hintereinander, sich dem Flusse näherten. Den Zuschauern schien es, als ob sie noch alle geschlossen liefen, während sich für die Reiter in Sekunden schon Unterschiede bildeten, die für sie hohe Bedeutung besaßen.
Der höchst aufgeregte und zu nervöse Frou-Frou verlor den ersten Moment, und mehrere Pferde gewannen Vorsprung vor ihm, aber Wronskiy überholte, bevor sie noch bis an den Fluß gelangt waren, mit allen Kräften das in den Zügeln reißende Pferd haltend, mit Leichtigkeit drei von ihnen und vor ihm blieb nur noch der braune Gladiator Machotins, der mit seinem Hinterteil taktmäßig und leicht dicht vor Wronskiy aufschlug und allen voran die reizende Diana, welche den Fürsten Kuzowleff trug, der mehr tot als lebendig war.
In den ersten Minuten hatte Wronskiy weder über sich selbst, noch über sein Pferd Macht. Bis zum ersten Hindernis, dem Flusse, vermochte er die Bewegung des Pferdes nicht zu leiten.
Der Gladiator und die Diana liefen nebeneinander und schwebten fast im selben Moment über dem Fluß, auf die andere Seite hinüberfliegend. Kaum bemerkbar, gleichsam fliegend, folgte ihnen Frou-Frou, aber im selben Augenblick, als Wronskiy sich in der Luft fühlte, erblickte er plötzlich fast unter den Füßen seines Pferdes Kuzowleff, der sich mit der Diana jenseits des Flusses wälzte. -- Kuzowleff hatte nach dem Sprunge die Zügel nachgelassen, sodaß sein Pferd sich mit ihm überkugelte.
Diese Einzelheiten erfuhr Wronskiy erst später, jetzt gewahrte er nur, daß gerade unter seinen Füßen, wo Frou-Frou niedertreten mußte, der Fuß oder Kopf Dianas liegen könne. Frou-Frou indessen machte gleich einer fallenden Katze mitten im Sprunge eine Anstrengung mit den Füßen und dem Rücken, vermied das Pferd und flog weiter.
»Braves Pferd!« dachte Wronskiy.
Über den Fluß gelangt, hatte Wronskiy volle Herrschaft über sein Pferd gewonnen, er begann jetzt zurückzuhalten in der Absicht, die große Barriere hinter Machotin zu nehmen und erst in der folgenden, hindernisfreien Distanz von zweihundert Faden Länge, es zu versuchen, diesen auszustechen.
Die große Barriere stand dicht vor der Zaren-Tribüne. Der Kaiser, der gesamte Hof und die Volksmengen, alle blickten auf die beiden Reiter, auf ihn und Machotin, der um eine Pferdelänge Abstand vor ihm ritt, als es »zum Teufel« ging -- wie die feste Mauer genannt wurde.
Wronskiy empfand diese von allen Seiten auf ihn selbst gerichteten Blicke, aber er sah nichts, als die Ohren und den Hals seines Rosses und die ihm entgegenfliegende Erde, sowie die Croupe und die weißen Füße des Gladiator, die eilig vor ihm Takt schlugen und sich noch immer in der nämlichen Entfernung hielten.
Der Gladiator hob sich im Sprunge, ohne anzustoßen, schlug mit dem kurzen Schweif und entschwand den Blicken Wronskiys.
»Bravo!« sprach eine Stimme.
Im nämlichen Augenblick tauchten unter den Augen Wronskiys, dicht vor ihm selbst, die Bretter der Barriere auf.
Ohne die geringste Veränderung in der Bewegung schnellte das Pferd unter ihm empor; die Bretter verschwanden, nur hinter ihm stieß etwas an. Sein Pferd, erhitzt über den vor ihm laufenden Gladiator, hatte sich zu zeitig vor der Barriere sprungfertig gemacht und mit dem Hinterhuf an diese angeschlagen.
Aber sein Lauf veränderte sich nicht, und Wronskiy, welcher eine Schlammflocke ins Gesicht erhalten hatte, erkannte, daß er noch immer im selben Abstande vom Gladiator war. Wiederum sah er vor sich dessen Croupe, den kurzen Schweif, und wiederum die nämlichen, sich nicht entfernenden, weißen Füße in ihrer schnellen Bewegung.
Im nämlichen Augenblick, als Wronskiy daran dachte, daß er jetzt Machotin überholen müsse, begann Frou-Frou selbst, als ob es bereits erkannt hätte, woran sein Herr jetzt dachte, ohne jede Aufmunterung bedeutend aufzugehen und sich Machotin von der vorteilhaftesten Seite aus zu nähern, von der des Strickes, aber Machotin gab nicht Raum.
Wronskiy dachte nun erst daran, daß es auch möglich wäre, ihn von außen noch immer zu überholen, als Frou-Frou schon den Gang änderte und ganz in der gleichen Weise die Überholung versuchte.
Der von Schweiß schon dunkel werdende Bug Frou-Frous erschien jetzt neben der Croupe des Gladiator.
Einige Sprünge machten beide Pferde nebeneinander, aber vor dem Hindernis, dem sie sich jetzt näherten, begann Wronskiy, um nicht den großen äußeren Bogen machen zu müssen, mit den Zügeln zu arbeiten, und überholte Machotin schnell, mitten auf dem abschüssigen Hügel.
Er sah im Vorüberfliegen Machotins Gesicht von Schmutz überspitzt; ihm schien auch, als lächle es. Wronskiy hatte Machotin überholt, aber er fühlte diesen sofort hinter sich, und hörte das unaufhörliche, nahe hinter seinem Rücken gleichmäßig ertönende Stampfen und das abgebrochene, noch ganz kräftige Schnauben aus den Nüstern des Gladiator.
Die folgenden beiden Hindernisse, der Graben und die Barriere, wurden leicht genommen, aber Wronskiy hörte jetzt das Schnauben und Stampfen des Gladiator näher. Er trieb sein Pferd an und bemerkte voll Freude, daß dieses mit Leichtigkeit seinen Lauf beschleunigte und der Schall der Hufschläge des Gladiator wieder in der früheren Distanz hörbar war.
Wronskiy führte das Rennen und that somit, was er gewollt, und was ihm Kord geraten hatte -- jetzt war er seines Erfolges sicher. -- Seine Erregung, Freude und Zärtlichkeit zu Frou-Frou nahm mehr und mehr zu. Er hätte sich gern umgeblickt, wagte dies aber nicht zu thun, und bemühte sich daher ruhig zu werden und sein Pferd nicht zu drängen, um demselben so viel Kräfte zu erhalten, wie viel der Gladiator, seinem eigenen Gefühl nach, noch besaß.
Es war noch eins, und zwar das schwerste Hindernis übrig. Nahm er es vor den übrigen, dann mußte er als Erster ankommen. Er jagte auf das »irische Bankett« zu.
Er und Frou-Frou sahen dieses Hindernis schon aus der Ferne und beiden zugleich, ihm und dem Pferde, kam ein Moment des Zweifels.
Er bemerkte die Unentschlossenheit seines Tieres an dessen Ohren, und hob die Gerte, fühlte aber sofort, daß sein Zweifel unbegründet war; das Pferd wußte, was es galt.
Es ging stark auf und ganz so wie er vorausgesetzt hatte, hob es sich, stieß sich vom Erdboden ab und folgte dann dem Gesetz der Schwere, welches es weit über den Graben hinweg trug.
In dem nämlichen Takte, ohne jede Anstrengung und in der nämlichen Gangart setzte Frou-Frou seinen Lauf fort.
»Bravo, Wronskiy!« vernahm er Stimmen aus dem Haufen von Menschen, welche bei diesem Hindernis standen. Er wußte, daß es die Stimmen seiner Kameraden vom Regiment waren, und konnte sogar recht gut die Stimme Jaschwins heraushören, ohne diesen jedoch zu sehen.
»Mein prächtiges Pferd,« dachte er über Frou-Frou und lauschte auf das, was hinter ihm vorging. »Er hat es auch genommen,« dachte er, hinter sich das Stampfen des Gladiator hörend.
Es blieb nun noch ein letzter Graben voll Wasser von zwei Arschin Breite übrig.
Wronskiy schaute gar nicht nach demselben, begann aber, im Wunsche, mit großer Distance Sieger zu werden, kreisförmig mit den Zügeln zu arbeiten, und im Takt mit dem Gang des Pferdes dessen Kopf zu heben und nachzulassen. Er fühlte, daß das Tier seine letzte Kraft aufbot; nicht nur sein Hals und die Schultern waren naß, sondern auch im Genick und auf dem Kopfe, an den scharfgespitzten Ohren trat der Schweiß in Tropfen hervor und es atmete scharf und kurz.
Er wußte indessen, daß des Pferdes Kraft noch reichlich auf die noch zurückzulegenden zweihundert Faden langen werde, und nur daran, daß er sich der Erde näher fühlte, und an einer eigenartigen Weichheit der Bewegungen Frou-Frous erkannte Wronskiy, um wieviel sein Pferd seine Schnelligkeit vermehrt hatte.
Es überflog den Graben, als habe es ihn gar nicht bemerkt. Es überflog ihn wie ein Vogel, aber im nämlichen Augenblick fühlte Wronskiy zu seinem Schrecken, daß er, den Bewegungen seines Pferdes nicht schnell genug folgend, ohne zu wissen, wie es zuging, selbst eine ungeschickte nicht wieder auszugleichende Bewegung gemacht hatte, indem er sich auf den Sattel niedergelassen.
Seine Lage veränderte sich plötzlich und er fühlte, daß etwas Schreckliches geschehen sei. Noch aber hatte er sich nicht Rechenschaft über das, was vorgefallen war zu geben vermocht, als plötzlich dicht neben ihm selbst die weißen Füße des Fuchshengstes auftauchten und Machotin vorüberflog.
Wronskiy hatte mit dem einen Fuße den Boden berührt und sein Pferd wälzte sich auf diesen Fuß. Kaum hatte er denselben frei gemacht, als es nach einer Seite hin zusammenbrach, schwer ächzend und fruchtlose Bewegungen mit seinem schlanken schweißtriefenden Halse machend, um sich zu erheben.
Es wälzte sich auf der Erde vor seinen Füßen, wie ein erschossener Vogel; eine ungeschickte Bewegung, die Wronskiy gemacht, hatte ihm das Rückgrat gebrochen.
Doch dies erkannte er erst viel später. Jetzt sah er nur das Eine, daß Machotin sich schnell von ihm entfernte, er aber, unsicher schwankend, einsam auf dem schmutzbedeckten unbeweglichen Erdboden stand und vor ihm, schwer atmend, Frou-Frou lag, den Kopf nach ihm wendend und ihn mit seinem schönen Auge anblickend.
Noch immer nicht begreifend, was geschehen sei, zerrte Wronskiy sein Pferd an dem Zügel. Es krümmte sich wiederum zusammen, wie ein Fisch, mit den Seiten seines Sattels knarrend und streckte die Vorderfüße nach vorn, aber nicht imstande, das Hinterteil zu erheben, bemühte es sich vergeblich und fiel wieder auf die Seite.
Mit von Leidenschaft entstellten Zügen, bleich und mit bebenden Kinnbacken, gab ihm Wronskiy einen Stoß mit dem Absatz in die Seiten und zog nochmals an den Zügeln. Aber es bewegte sich nicht mehr, und drückte nur die Nase auf die Erde, seinen Herrn mit sprechendem Blicke anschauend.
»O!« stöhnte Wronskiy, nach seinem Kopfe greifend, »o, was habe ich gethan!« -- rief er aus. »Ein Rennen verloren, und durch meine Schuld, durch einen schmählichen, einen unverzeihlichen Fehler. O, dieses unglückliche, herrliche, vernichtete Tier! O, was habe ich gethan!«
Volk, der Arzt, der Feldscher und Offiziere seines Regiments kamen herbeigeeilt. Zu seinem Unglück fühlte er sich heil und unversehrt. Sein Pferd hatte das Rückgrat gebrochen und es sollte erschossen werden.
Wronskiy war nicht imstande, auf die an ihn gestellten Fragen zu antworten, er vermochte mit niemand zu sprechen.
Er wandte sich um, und die ihm vom Kopfe gefallene Mütze nicht aufhebend, verließ er die Rennbahn, ohne zu wissen, wohin er ging.
Er fühlte sich unglücklich. Zum erstenmal in seinem Leben erfuhr er an sich das schwerste Unglück -- ein nicht wieder gut zu machendes Unglück, und ein solches, an welchem er selbst die Schuld trug.
Jaschwin kam ihm mit der Mütze nach und begleitete ihn heim; nach einer halben Stunde kam Wronskiy wieder zu klarer Fassung.
Die Erinnerung an dieses Rennen aber blieb noch lange Zeit hindurch eine der schwersten und peinlichsten seines Lebens.
26.
Die äußeren Beziehungen Aleksey Aleksandrowitschs zu seiner Gattin blieben die nämlichen wie früher. Der einzige Unterschied bestand nur darin, daß er jetzt noch mehr beschäftigt war, als vorher.
Wie in früheren Jahren, so fuhr er mit Beginn des Frühlings in das Bad nach dem Ausland, um seine durch die aufreibende Winterarbeit alljährlich angegriffene Gesundheit wieder zu kräftigen; wie gewöhnlich, kehrte er im Juli zurück und widmete sich dann sogleich wieder mit erhöhter Energie der gewohnten Thätigkeit. Wie immer, ging alsdann sein Weib auf den Landsitz während er in Petersburg blieb.
Seit der Zeit jenes Gespräches nach der Soiree bei der Fürstin Twerskaja, hatte er nie wieder mit Anna über seinen Argwohn und seine Eifersucht gesprochen und jener ihm eigene Ton des Nachahmens anderer konnte nicht passender für seine jetzigen Beziehungen zu seiner Frau sein.
Er war jetzt etwas kühler ihr gegenüber geworden; aber er schien auch gleichsam noch ein leises Mißvergnügen über jenes erste nächtliche Gespräch zu empfinden, welchem sie auszuweichen gesucht hatte. In seinen Beziehungen zu ihr ruhte ein Schatten von Verdruß, aber nichts weiter.
»Du wolltest dich mit mir nicht aussprechen,« schien er zu sagen, sich in Gedanken zu ihr wendend, »um so schlimmer für dich. Du wirst mich nun bitten, aber jetzt werde ich nicht bereit sein zu einer Aussprache,« sagte er in Gedanken zu sich; wie ein Mensch, der es vergeblich versucht hat, eine Feuersbrunst zu dämpfen und nun, erzürnt über seine vergeblichen Anstrengungen, sagt, »möge es nun über dich kommen, mögest du nun verbrennen dafür!« --
Er, dieser verständige, in Amtsgeschäften so feinfühlige Mann, begriff noch nicht die ganze Unmöglichkeit eines solchen Verhältnisses zu seinem Weibe. Er begriff es nicht, weil es ihm allzu furchtbar erschien, seine Lage, wie sie wirklich war, erkennen zu sollen, und verbarg und verschloß und versiegelte daher auf dem Grund seiner Seele jenes Behältnis, in welchem seine Empfindungen zur Familie, zu Weib und Kind, ruhten.
Er, ein aufmerksamer Vater, war seit dem Ende dieses Winters auffallend kühl gegen sein Kind geworden, er beobachtete ihm gegenüber die nämliche ironisierende Haltung, wie er sie seinem Weibe gegenüber beobachtete. »Nun, junger Mann!« wandte er sich an ihn.
Aleksey Aleksandrowitsch dachte und sprach es auch aus, daß er in keinem Jahre so viele Geschäfte gehabt habe, als in dem laufenden, aber er gestand nicht zu, daß er sich selbst in diesem Jahre die Geschäfte auferlegt hatte, und daß dies nur eines der Mittel sein sollte, durch welche er die Öffnung jenes Behältnisses vermeiden wollte, in welchem die Empfindungen für sein Weib und seine Familie ruhten, sowie seine Gedanken über beides, die um so furchtbarer wurden, je länger sie in demselben schlummerten.
Hätte jemand das Recht gehabt, Aleksey Aleksandrowitsch zu befragen, was er über diese Führung seines Weibes denke, so würde dieser sanfte, friedsame Mensch nicht geantwortet haben, und nur über denjenigen sehr in Zorn geraten sein, der ihn darnach gefragt.
Infolge dessen lag auch im Gesichtsausdruck Aleksey Aleksandrowitschs etwas Stolzes und Herbes, wenn man ihn nach dem Befinden seines Weibes frug. Aleksey Aleksandrowitsch wollte nicht über das Befinden seines Weibes oder die Gefühle desselben nachdenken und tatsächlich dachte er auch gar nicht daran.
Die Villa Aleksey Aleksandrowitschs war in Peterhof, und gewöhnlich hielt sich auch die Gräfin Lydia Iwanowna den Sommer hindurch dort auf, in der Nachbarschaft und in stehenden Beziehungen zu Anna.
Im laufenden Jahre hatte nun die Gräfin Lydia Iwanowna darauf verzichtet, ihren Aufenthalt in Peterhof zu nehmen, und sich nicht ein einziges Mal bei Anna eingefunden, vielmehr Aleksey Aleksandrowitsch auf das Unpassende in der Annäherung Annas an Bezzy und Wronskiy aufmerksam gemacht.
Aleksey Aleksandrowitsch hatte sie daraufhin ernst verwiesen, dem Gedanken Ausdruck verleihend, daß seine Frau über jeden Verdacht erhaben sei, und seitdem die Gräfin Lydia Iwanowna zu meiden begonnen.
Er wollte nicht sehen, und sah auch nicht, daß in der hohen Gesellschaft viele schon sein Weib von der Seite ansahen; er wollte nicht begreifen und begriff auch nicht, weshalb sein Weib gerade darauf bestand, nach Zarskoje überzusiedeln, wo Bezzy wohnte, und von wo es nicht weit bis zum Lager des Regiments in welchem Wronskiy diente, war. Er gestattete sich nicht, hierüber Betrachtungen anzustellen und er stellte auch keine an.
Und nichtsdestoweniger wußte er doch auf dem Grunde seiner Seele, ohne sich dies je selbst zuzugestehen, ohne sogar auch nur den geringsten Beweis, oder den geringsten Verdachtgrund dafür zu haben, unzweifelhaft sicher, daß er ein betrogener Gatte war, und er war infolge dessen tief unglücklich.
Wie oft hatte er sich während der Zeit seiner achtjährigen glücklichen Ehe mit seinem Weibe im Hinblick auf andere ungetreue Frauen und betrogene Ehemänner gefragt, wie man dies dulden könne, weshalb man ein solches Mißverhältnis nicht auflöse. Jetzt aber, da das Unglück auf sein eigenes Haupt herniedergebrochen war, dachte er nicht nur nicht überhaupt daran, wie er dieses Verhältnis lösen solle, sondern er wollte dieses überhaupt gar nicht kennen, und zwar deshalb nicht, weil es zu furchtbar, zu unnatürlich war.
Seit der Zeit seiner Rückkehr vom Auslande war Aleksey Aleksandrowitsch zweimal auf seinem Landsitz gewesen. Das eine Mal hatte er daselbst zu Mittag gespeist, das andere Mal den Abend mit Besuch dort verbracht, aber noch nicht ein einziges Mal war er über Nacht dageblieben, wie er dies sonst in früheren Jahren zu thun gewohnt war.
Der Tag der Rennen war ein Tag voller Beschäftigung für Aleksey Aleksandrowitsch, aber, nachdem er schon morgens sich die Einteilung des Tages gemacht hatte, beschloß er, sogleich nach dem ersten Frühstück auf den Landsitz zu seinem Weibe zu fahren und von dort nach den Rennen, zu denen der gesamte Hof anwesend war und bei denen er daher gegenwärtig sein mußte.
Zu seinem Weibe wollte er sich deshalb begeben, weil er den Entschluß gefaßt hatte, der Etikette halber einmal wenigstens in der Woche zu verweilen. Außerdem aber mußte er ihr an diesem Tage, zum fünfzehnten des Monats, nach der eingeführten Regel, Gelder zur Führung des Haushaltes übergeben.
Mit der gewohnten Herrschaft über seine Gedanken gestattete er sich, nachdem er das alles überlegt hatte, nicht, noch weiter abzuschweifen in dem, was sie anging.
Der Vormittag war sehr reich an Arbeit für Aleksey Aleksandrowitsch gewesen. Am Abend vorher hatte ihm die Gräfin Lydia Iwanowna die Broschüre eines in Petersburg anwesenden bekannten Chinareisenden mit einem Briefe übersandt, in welchem sie ihn ersuchte, den Reisenden selbst wohl aufnehmen zu wollen, da er in verschiedenen Beziehungen ein sehr interessanter und nützlicher Mann sei.
Aleksey Aleksandrowitsch hatte sofort die Broschüre am Abend nicht ganz durchlesen können und erledigte die Lektüre am folgenden Morgen. Hierauf erschienen bei ihm die Bittsteller, Vorträge begannen, Empfänge, Bestimmungen, Absetzungen, Korrespondenzen, Verfügungen über Auszeichnungen, Pensionen, Gehälter, kurz alle die Werkeltagsobliegenheiten warteten seiner, wie sie Aleksey Aleksandrowitsch nannte und die soviel Zeit in Anspruch nahmen.
Dann folgte eine persönliche Angelegenheit in dem Besuche des Arztes, und dem seines Geschäftsführers, welcher indessen nicht soviel Zeit für sich in Anspruch nahm, und nur die Aleksey Aleksandrowitsch erforderlichen Gelder überbrachte, dabei einen kurzen Bericht über den Stand des Vermögens gebend, welches nicht völlig befriedigend stand, da sich zeigte, daß im gegenwärtigen Jahre infolge häufiger Ausschreitungen mehr verbraucht worden und hierdurch ein Deficit entstanden war.
Der Arzt aber, ein berühmter Mediziner Petersburgs, der zu Aleksey Aleksandrowitsch in freundschaftlichen Beziehungen stand, hatte viel Zeit in Anspruch genommen.
Aleksey Aleksandrowitsch hatte ihn an diesem Tage gar nicht erwartet, und war verwundert gewesen über sein Kommen, noch mehr aber darüber, daß der Arzt ihn sehr aufmerksam nach seinem Befinden frug, seine Brust behorchte und seine Leber befühlte.
Aleksey Aleksandrowitsch wußte nicht, daß seine Freundin Lydia Iwanowna, bemerkend, seine Gesundheit sei heuer gar nicht gut, den Doktor gebeten hatte, doch zu ihm zu fahren und den Leidenden zu untersuchen.
»Thut es um meinetwillen,« hatte die Gräfin Lydia Iwanowna zu demselben gesagt.
»Ich thue es für Rußland, Gräfin,« hatte der Arzt erwidert.
»Ein unschätzbarer Mensch!« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna.
Der Arzt war sehr unzufrieden mit Aleksey Aleksandrowitsch. Er fand eine bedeutende Lebervergrößerung, die Ernährung beeinträchtigt und die Wirkung des Bades war gleich null.
Er schrieb ihm soviel als möglich körperliche Bewegung, und so wenig als möglich geistige Arbeit vor, hauptsächlich aber möchten aller Ärger streng vermieden werden; also gerade das, was Aleksey Aleksandrowitsch ebenso unmöglich zu gewähren war, als wie er das Atmen hätte unterlassen können. Hierauf fuhr der Arzt von dannen, in Aleksey Aleksandrowitsch eine unangenehme Empfindung zurücklassend, daß etwas in ihm nicht in Ordnung sei, was sich jedoch auch nicht bessern lasse.
Bei seinem Fortgang von Aleksey Aleksandrowitsch stieß der Doktor auf der Treppe mit dem ihm gut bekannten Sljudin, Alekseys Geschäftsführer zusammen.
Beide waren Kameraden auf der Universität gewesen und achteten sich, obwohl sie selten zusammenkamen, als gute Freunde, weshalb denn auch der Arzt niemandem seine aufrichtige Meinung über den Kranken gesagt hätte, als Sljudin.
»Wie freue ich mich, daß Ihr bei ihm waret,« sagte Sljudin. »Er befindet sich nicht wohl und mir scheint -- wie steht es denn?« --
»So steht es,« sagte der Arzt, über den Kopf Sljudins hinweg dem Kutscher zuwinkend, daß er vorfahre, »so steht es,« sagte er, einen Finger seines Glacéhandschuhs in die weißen Hände nehmend und ihn langziehend. »Spannt man die Saiten nicht und probiert man sie zu zerreißen, so ist dies sehr schwer; spannt man sie aber bis zur äußersten Möglichkeit und legt man sich nur mit eines Fingers Schwere auf die gespannte Saite, so springt sie. Er aber mit seiner Unermüdlichkeit, seiner Gewissenhaftigkeit bei der Arbeit -- er freilich ist bis zum äußersten Grad angespannt, und eine Beseitigung des Leidens ist nicht direkt lebensgefährlich aber schwer,« fügte der Arzt hinzu, bedeutungsvoll die Brauen hochziehend. »Werdet Ihr zu den Rennen gehen?« frug er dann, sich in seinem vorgefahrenen Wagen niedersetzend.
-- »Ja, versteht sich, es nimmt mir freilich viel Zeit weg,« versetzte dann noch der Arzt auf eine Frage Sljudins, die er gar nicht gehört hatte. --
Nach dem Arzte, der Aleksey Aleksandrowitsch soviel Zeit geraubt hatte, erschien der berühmte Chinareisende, und Aleksey setzte nun, die Früchte seiner soeben beendeten Lektüre und seine Kenntnisse über den Gegenstand, die er schon früher besessen hatte, benutzend, den Reisenden in Erstaunen mit der Tiefe seines Wissens und seinem weitreichenden, klaren Blick.
Zugleich mit dem Chinareisenden wurde auch die Ankunft des Gouvernementsdirektors gemeldet, welcher in Petersburg angekommen und mit dem eine Konferenz abzuhalten war. Nach seiner Abreise mußten wieder tägliche Geschäfte mit dem Geschäftsführer erledigt werden und dann mußte er noch in einer ernsten und wichtigen Angelegenheit zu einer hervorragenden Persönlichkeit Petersburgs fahren.
Aleksey Aleksandrowitsch war um fünf Uhr, zur Zeit wo er Mittag speiste, kaum wieder zurückgekehrt so lud er seinen Geschäftsführer, nachdem er mit ihm gespeist hatte ein, zusammen mit ihm nach seinem Landsitz und zu den Rennen zu fahren.
Ohne daß er sich davon Rechenschaft zu geben vermochte, suchte er jetzt nach Gelegenheiten dritte Personen bei seinen Begegnungen mit der Gattin hinzuzuziehen.
27.
Anna stand oben vor dem Spiegel, mit Hilfe ihrer Zofe Annuschka ein letztes Band auf ihrem Kleide feststeckend, als sie vor der Einfahrt das Geräusch des von Rädern gepreßten Kieses vernahm.
»Für Bezzy wäre es noch zu früh,« dachte sie und schaute aus dem Fenster. Sie erblickte einen Wagen, einen schwarzen Herrenhut der daraus hervorkam und die ihr so wohlbekannten Ohren Aleksey Aleksandrowitschs. »Das kommt ungelegen. Er wird doch nicht über Nacht hier bleiben?« dachte sie und ihr erschien alles das, was hieraus entstehen konnte, so entsetzlich und furchtbar, daß sie ihm, ohne sich eine Minute zu besinnen, mit heiterem und freudestrahlendem Gesicht entgegeneilte. Nur die Gegenwart des ihr schon bekannten Geistes der Lüge und Truges fühlend, ergab sie sich diesem sogleich, indem sie, ohne zu wissen was sie sagen sollte, zu sprechen begann.
»O, wie ist das reizend von dir!« sagte sie, dem Gatten die Hand reichend, und mit freundlichem Lächeln Sljudin, den Hausfreund, begrüßend. »Du bleibst doch über Nacht, hoffe ich?« war das erste Wort, welches der Geist der Lüge ihr eingab, »jetzt fahren wir doch zusammen. Es ist nur schade, daß ich Bezzy versprochen habe -- sie will kommen, mich abzuholen.«
Aleksey Aleksandrowitsch verfinsterte sich bei dem Namen Bezzys.
»O, ich will Unzertrennliche nicht trennen,« antwortete er mit seinem gewöhnlichen launigen Tone. »Wir werden dann mit Michailow Wasiljewitsch zusammen hingehen; die Ärzte haben mir ohnehin das Gehen empfohlen, und ich werde daher zu Fuß laufen und mir dabei denken, ich wäre im Bad.«
»Wir haben indessen nicht die geringste Eile,« sagte Anna, »wollt Ihr Thee trinken?« Sie schellte. »Bringt Thee und sagt meinem Sergey, daß sein Vater angekommen sei. Was macht denn deine Gesundheit? -- Michailow Wasiljewitsch, Ihr waret noch nicht bei mir; seht Euch einmal an, wie hübsch es auf meinem Balkon draußen ist,« fuhr sie fort, sich bald an ihren Gatten, bald an dessen Begleiter wendend.
Sie sprach sehr ungekünstelt und natürlich, nur zu viel und zu schnell. Anna fühlte dies selbst umsomehr, als sie an dem neugierigen Blicke, mit welchem sie Michail Wasiljewitsch anschaute, inne wurde, daß er sie zu beobachten schien.
Michail Wasiljewitsch begab sich sofort nach der Terrasse hinaus. Sie ließ sich neben ihrem Manne nieder.
»Du siehst nicht ganz wohl aus,« begann sie.
»Ja,« antwortete er, »der Arzt war heute bei mir und hat mir eine Stunde Zeit geraubt. Ich merke wohl, daß ihn irgend einer von meinen Bekannten hergeschickt hatte; so kostbar ist meine Gesundheit.«
»Nun, was sagte der Arzt?«
Sie erkundigte sich nun über seine Gesundheit und seine Arbeiten, und redete ihm zu, sich Schonung zu gönnen und doch ganz zu ihr überzusiedeln.
Alles das hatte sie heiter, schnell und mit einem auffallenden Glanz in den Augen gesprochen, aber Aleksey Aleksandrowitsch schrieb diesem Tone bei ihr heute keinerlei Bedeutung zu.
Er vernahm nur ihre Worte und legte ihnen nur genau den nämlichen Sinn bei, den sie thatsächlich hatten. Er antwortete ihr gerad, wenn auch in seiner launigen Weise, und in dem gesamten Gespräch lag nichts Eigenartiges, doch konnte sich Anna nachmals der Empfindung eines peinigenden Schmerzes und der Scham nicht verschließen, wenn sie sich diese ganze kurze Scene wiederum vergegenwärtigte.
Sergey trat jetzt herein, begleitet von seiner Gouvernante. Hätte Aleksey Aleksandrowitsch sich selbst dazu verstanden, zu beobachten, so würde er den zaghaften, irrenden Blick wahrgenommen haben, mit welchem der kleine Sergey erst seinen Vater anschaute und dann seine Mutter. Aber er wollte nichts sehen, und sah auch nichts.
»Nun, junger Mann! Wie er groß geworden ist, recht so, das wird ein ganzer Mann! Wie geht es, junger Mann?«
Er gab dem erschreckten kleinen Sergey die Hand.
Sergey, schon vordem stets schüchtern gewesen in seinem Verhalten gegenüber dem Vater, fühlte sich jetzt, nachdem ihn Aleksey Aleksandrowitsch einen jungen Mann geheißen hatte, und ihm jenes Rätsel wieder in den Kopf kam, ob Wronskiy ein Freund oder ein Feind sei, seinem Vater entfremdet. Wie Schutz suchend, blickte er nach seiner Mutter; bei seiner Mutter allein war ihm wohl.
Aleksey Aleksandrowitsch hielt indessen sein Söhnchen an der Schulter, während er mit der Gouvernante zu sprechen begonnen hatte, und Sergey wurde es dabei so qualvoll peinlich zu Mute, daß Anna bemerkte, wie er sich zum Weinen anschickte.
Anna, welche in dem Augenblick als ihr Söhnchen eintrat errötet war, sprang jetzt, nachdem sie wahrgenommen, daß Sergey sich nicht wohl fühlte, schnell herbei, nahm die Hand ihres Mannes von der Schulter des Knaben, küßte diesen und führte ihn auf die Terrasse, worauf sie sogleich zurückkehrte.
»Indessen; es ist Zeit jetzt,« sagte sie, auf ihre Uhr blickend. »Weshalb nur Bezzy nicht kommt.«
»Ja,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch, stand auf, legte seine Finger ineinander und ließ sie knacken. »Ich bin auch noch gekommen, dir Geld zu bringen, da man die Nachtigallen ja doch nicht nur mit Liedern nährt,« sagte er. »Ich glaube, du brauchst welches.« --
»Nein, ich brauche keines -- oder doch, ja, doch,« -- antwortete sie, ohne ihn anzusehen, und errötete bis in die Haarwurzeln. »Ich denke doch, daß du von den Rennen wieder hierher zurückkommst.«
»Gewiß werde ich,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch. »Doch da kommt ja auch die Löwin von Peterhof, die Fürstin Twerskaja,« fügte er hinzu, indem er durch das Fenster eine englische einspännige Equipage anfahren sah, die sich durch einen außerordentlich hoch angebrachten kleinen Kutschbock auszeichnete. »Welch eine Koketterie. Es ist reizend. Doch, wir wollen nun auch gehen!«
Die Fürstin Twerskaja verließ ihre Equipage nicht; nur ihr Lakai in halblangen Stulpstiefeln, Pelerine und schwarzem Hut, sprang vor der Einfahrt herab.
»Ich gehe also, lebt wohl!« sagte Anna, küßte ihr Söhnchen, trat zu Aleksey Aleksandrowitsch und reichte diesem die Hand. »Es war recht hübsch von dir, daß du gekommen bist.« Aleksey Aleksandrowitsch küßte ihr die Hand. »Also auf Wiedersehen! Du kommst doch zum Thee; schön so!« sagte sie und ging, strahlend und heiter.
Sie war ihm indessen kaum aus dem Auge, als sie die Stelle auf ihrer Hand empfand, die seine Lippen berührt hatten, und voll Widerwillen erschauerte.
28.
Als Aleksey Aleksandrowitsch bei den Rennen erschien, saß Anna bereits auf der Tribüne neben der Fürstin Bezzy, auf derselben Tribüne, auf welcher sich die gesamte höchste Gesellschaft versammelt hatte. Sie sah ihren Gatten erst von ferne.
Zwei Menschen, ihr Mann und ihr Geliebter, waren die beiden Mittelpunkte für ihr Dasein, und ohne daß ihr die äußeren Sinne dazu verholfen hätten, empfand sie deren Nähe.
Schon von fern fühlte sie die Annäherung ihres Gatten und unwillkürlich folgte sie ihm in dem Menschengewoge, inmitten dessen er sich bewegte.
Sie sah, wie er zu der Tribüne kam, bald herablassend auf die Begrüßungen antwortend die ihn suchten, bald freundlich, aber zerstreut Gleichgestellten begegnend, bald streberisch die Blicke der Mächtigen der Erde erwartend, und seinen großen runden Hut abnehmend, der die Spitzen seiner Ohren drückte.
Sie kannte alle diese Manieren und sie alle waren ihr zuwider.
»Allein der Ehrgeiz, allein der Wunsch, Erfolg zu haben, das ist alles, was in seiner Seele wohnt,« dachte sie, »und seine hochfliegenden Pläne, die Liebe zur Volksaufklärung, seine Religiosität, alles das sind nur die Mittel dazu, diesen Erfolg zu erreichen.«
An seinen Blicken nach der Damentribüne -- er schaute gerade auf sie, erkannte aber seine Frau nicht in dem Meere von Zöpfen, Bändern, Federn, Sonnenschirmen und Blumen -- nahm sie wahr, daß er sie suche; doch sie wollte ihn mit Absicht nicht bemerken.
»Aleksey Aleksandrowitsch!« rief ihm die Fürstin Bezzy zu, »Ihr seht wohl Eure Gattin gar nicht; hier ist sie ja!« --
Er lächelte in seiner kühlen Weise.
»Es ist hier so viel Glanz, daß die Augen davon geblendet werden,« sagte er und trat in die Tribüne ein.
Seinem Weibe zulächelnd, wie ein Mann lächeln muß, der seiner Frau begegnet, die er vor kurzem eben erst gesehen hat, begrüßte er auch die Fürstin und die übrigen Bekannten, jedem das Seine zuteilend; das heißt mit den Damen scherzend und mit den Herren Bewillkommnungen tauschend.
Unten, neben der Tribüne stand ein von Aleksey Aleksandrowitsch höchst geachteter Mann, bekannt durch seinen Geist und seine Bildung; ein Generaladjutant.
Aleksey Aleksandrowitsch geriet ins Gespräch mit ihm; es fand gerade eine Pause zwischen den Rennen statt und nichts störte daher die Unterhaltung.
Der Generaladjutant sprach sich abfällig über Rennen aus; Aleksey Aleksandrowitsch widersprach, indem er dieselben vertrat.
Anna hörte seine dünne, gleichmäßige Stimme, die kein Wort von dem was sie sprach, verschluckte. Aber jedes seiner Worte erschien ihr unrichtig und schnitt ihr schmerzhaft ins Ohr.
Als das Vierwerstrennen mit den Hindernissen begann, beugte sie sich nach vornüber, und blickte unverwandt nach Wronskiy, wie er zu seinem Pferde trat und aufsaß. Zur nämlichen Zeit mußte sie die widerliche, nicht verstummende Stimme ihres Mannes hören.
Sie empfand Qualen in der Angst um Wronskiy, aber noch mehr wurde sie gequält von dem unaufhörlich schallenden Klange seiner dünnen Stimme mit den ihr so bekannten Accenten.
»Ich bin ein schlechtes, ein verworfenes Weib,« dachte sie, »aber ich liebe es nicht, zu lügen; ich werde die Lüge nicht ertragen -- seine Stimme aber -- das ist eine Lüge! -- Er weiß alles und sieht alles; was jedoch kann er fühlen, wenn er so ruhig zu sprechen vermag? Wenn er mich tötet oder Wronskiy, ich würde ihn achten. Aber nein, er bedient sich lediglich der Lüge und der Etikette,« sprach Anna zu sich selbst, ohne darüber nachzudenken, was sie eigentlich von ihrem Manne wollte und wie sie ihn zu sehen wünschte.
Sie begriff auch nicht, daß diese eigentümliche Sprechseligkeit heute bei Aleksey Aleksandrowitsch, von der sie so in Gereiztheit versetzt wurde, nur der Ausdruck seiner inneren Verwirrung und Unruhe war.
Wie ein Kind, welches gefallen ist, emporspringt und seine Muskeln in Bewegung bringt, um den Schmerz zu betäuben, so war diese geistige Gymnastik für Aleksey Aleksandrowitsch unentbehrlich, damit er jene Gedanken über seine Frau betäuben konnte, welche in ihrer Gegenwart wie in der Wronskiys, sowie angesichts der beständigen Wiederholung von dessen Namen, seine Aufmerksamkeit so in Anspruch nahmen. Und wie es bei dem Kinde natürlich ist zu springen, so mußte auch er gut und verständig reden.
»Die Gefahr ist bei den Offiziersrennen, den Kavalleristenrennen,« sagte er, »eine unerläßliche Voraussetzung. Wenn England in seiner Militärgeschichte auf die glänzendsten Leistungen von Reitern blicken kann, so ist dies nur dem zu danken, daß es in sich selbst historisch diese Kraft, sowohl der Menschen wie der Tiere zu entwickeln verstand. Der Sport hat nach meiner Meinung eine hohe Bedeutung, wir aber sehen -- wie immer, -- nur die oberflächlichste Seite der Sache.«
»Nicht die oberflächliche,« sagte die Fürstin Twerskaja, »denn ein Offizier soll zwei Rippen gebrochen haben.«
Aleksey Aleksandrowitsch lächelte mit dem ihm eigenen Lächeln, indem er nur die Zähne zeigte, ohne damit etwas zu sagen.
»Setzen wir also den Fall, Fürstin, daß es sich hierbei nicht um eine Oberflächlichkeit handelte,« fuhr er dann fort, »so liegt doch dann etwas Innerliches vor. Doch darum handelt es sich ja nicht,« und er wandte sich von neuem an den General, mit welchem er ernst weiter sprach, »vergeßt doch nicht, daß hier Leute vom Militärstand reiten, die sich diese Thätigkeit auserkoren haben, und gebt mir zu, daß jeder Beruf seine Kehrseite der Medaille hat. Dieser Sport gehört zu den Obliegenheiten des Militärstandes. Jener ungestalte Sport des Boxens hingegen oder der der spanischen Stiergefechte ist nur ein Zeichen von Barbarei. Der specialisierte Sport hingegen das der Fortentwickelung.«
»O nein. Ich komme nicht wieder ein zweites Mal hierher, denn dies regt mich zu sehr auf,« rief die Fürstin Twerskaja. »Habe ich nicht recht, Anna?«
»Es regt allerdings auf, aber man kann sich nicht abschließen,« sagte eine andere Dame. »Wäre ich eine Römerin gewesen, ich würde keine Cirkusvorstellung versäumt haben.«
Anna sagte nichts; sie blickte, das Glas nicht von dem Auge nehmend, auf einen bestimmten Punkt.
In diesem Augenblick schritt ein hochgewachsener General durch die Tribüne. Aleksey Aleksandrowitsch brach sein Gespräch ab, stand hastig, aber würdevoll auf und verbeugte sich tief vor dem vorbeischreitenden Offizier.
»Reitet Ihr nicht mit?« scherzte dieser mit ihm.
»Mein Reiten ist schwieriger,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch ehrfurchtsvoll.
Obwohl diese Antwort nichts weiter in sich schloß, machte der General doch ein Gesicht, als habe er ein geistreiches Wort von einem geistreichen Menschen vernommen, und vollkommen die =pointe de la sauce= verstanden.
»Jede Sache hat zwei Seiten,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch hierauf fort, »es giebt Schauspieler und Zuschauer. Die Liebe für diese Schauspiele ist das echteste Kennzeichen niederer Entwickelung seitens der Zuschauer. Ich gebe ja das zu, allein« --
»Fürstin, =pari=!« rief plötzlich von oben die Stimme Stefan Arkadjewitschs, der sich zu Bezzy gewandt hatte.
»Auf wen haltet Ihr?«
»Anna und ich auf den Fürsten Kuzowleff,« antwortete Bezzy.
»Ich auf Wronskiy. Ein Paar Handschuhe!«
»Gilt!« --
»Wie hübsch; nicht wahr?«
Aleksey Aleksandrowitsch war verstummt, während man um ihn herum sprach, doch hub er sogleich wieder an.
»Ich bin ja einverstanden, es giebt keine Männerspiele, die« --
In der nämlichen Sekunde begann das Rennen und alle Gespräche wurden abgebrochen.
Aleksey Aleksandrowitsch war gleichfalls verstummt. Alles erhob sich von den Sitzen und eilte nach dem Flusse.
Aleksey Aleksandrowitsch interessierte sich nicht für die Rennen und blickte deshalb gar nicht nach den Reitenden hinüber, sondern begann zerstreut mit abgespannten Blicken die Zuschauer zu mustern. Sein Blick blieb auf Anna ruhen.
Ihr Gesicht war bleich und herb. Sie sah und hörte offenbar nichts, ausgenommen einen Einzigen. Ihre Hand preßte krampfhaft den Fächer, sie atmete nicht.
Er blickte sie an und wandte sich dann hastig ab, auf andere Gesichter schauend.
»Auch jene Dame dort -- und andere nicht minder -- sehen höchst erregt aus, das ist ja sehr natürlich,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch zu sich selbst.
Er wollte nicht auf sie blicken, aber sein Auge blieb unwillkürlich auf ihr haften. Er schaute wiederum in ihr Antlitz, sich bemühend, das nicht zu lesen, was so klar auf ihm geschrieben stand, und gegen seinen Willen, mit Entsetzen, las er auf demselben, was er nicht erkennen wollte.
Der erste Sturz Kuzowleffs bei dem Flusse brachte alles in Aufregung, aber Aleksey Aleksandrowitsch sah klar auf dem bleichen, triumphierenden Gesicht Annas, daß der, dem sie mit den Augen folgte, nicht gestürzt war.
Als hierauf, nachdem Machotin und Wronskiy die große Barriere genommen hatten, der folgende Offizier ebendaselbst auf den Kopf stürzte und wie tot auf dem Platze blieb, als ein Schrei des Entsetzens durch die Zuschauermassen ging, da sah Aleksey Aleksandrowitsch, daß Anna dies gar nicht einmal bemerkt hatte und nur mit Mühe faßte, wovon man ringsum sprach. Immer tiefer und tiefer, mit größter Beharrlichkeit bohrte sich sein Blick in sie hinein.
Anna, förmlich verschlungen von dem Anblick des dahinjagenden Wronskiy, empfand den von seitwärts auf sich gerichteten Blick der kalten Augen ihres Gatten.
Sie schaute für einen Augenblick empor, blickte ihn fragend an, verfinsterte sich leicht und wandte sich dann wieder weg, als wollte sie ihm sagen, daß alles ihr gleichgültig sei, und nun schaute sie nicht ein einziges Mal mehr nach ihm.
Das Rennen verlief sehr unglücklich. Von den siebzehn Teilnehmern an demselben waren mehr als die Hälfte gestürzt und bei seiner Beendigung befand sich alles in einer Aufregung, die sich noch mehr erhöhte, weil der Zar mißvergnügt darüber geworden war.
29.
Alle äußerten laut ihre Mißbilligung, alle wiederholten die von irgend jemand geäußerte Phrase, »das reichte nur an einen Cirkus mit Löwenkämpfen« heran, und ein Entsetzen teilte sich jedermann mit, so daß, als Wronskiy stürzte und Anna laut aufschrie, hierin nichts Außergewöhnliches lag.
In dem Gesicht Annas aber ging nun eine Veränderung vor sich, welche vollständig gegen alle Etikette verstieß.
Sie war gänzlich außer Fassung geraten und sank in sich zusammen wie ein gefangener Vogel, bald wollte sie sich erheben und forteilen; bald wandte sie sich an Bezzy.
»Fahren wir ab, gehen wir!« rief sie der Fürstin zu.
Aber Bezzy hörte sie gar nicht; sie sprach soeben nach vorn hinabgebeugt, mit einem an sie herangetretenen General.
Aleksey Aleksandrowitsch trat zu Anna und reichte ihr höflich die Hand.
»Gehen wir, wenn es Euch gefällig ist,« sagte er in französischer Sprache, aber Anna hörte nur auf das, was der General berichtete und bemerkte ihren Mann gar nicht.
»Auch den Fuß hat er gebrochen, sagt man,« erzählte der General, »so etwas ist noch nicht dagewesen!«
Anna erhob, ohne ihrem Manne zu antworten, das Augenglas und blickte nach dem Platze, auf welchem Wronskiy gestürzt war; derselbe lag aber soweit entfernt, und es drängte sich soviel Volks dort, daß nichts zu unterscheiden war.
Sie ließ das Augenglas sinken und wollte gehen, aber im nämlichen Augenblick kam ein Offizier herangesprengt, welcher dem Zaren einen Rapport brachte. Anna beugte sich lauschend nach vorn.
»Stefan, Stefan!« rief sie ihrem Bruder zu.
Aber auch ihr Bruder hörte sie nicht, und sie wollte abermals von ihrem Platze forteilen.
»Ich biete Euch noch einmal meinen Arm, falls Ihr zu gehen wünscht,« wiederholte Aleksey Aleksandrowitsch, ihren Arm berührend. Mit Widerwillen wandte sie sich von ihm ab und antwortete, ohne ihm ins Gesicht zu blicken:
»Nein, nein, laßt mich, ich will bleiben!«
Sie sah jetzt, daß von dem Platze aus, auf welchem Wronskiy gestürzt war, ein Offizier durch den Kreis hindurch nach den Tribünen lief. Bezzy winkte ihm mit dem Taschentuch; der Offizier brachte die Nachricht, daß der Reiter nicht tot sei, sein Pferd aber das Kreuz gebrochen habe.
Als Anna dies vernommen hatte, setzte sie sich schnell wieder nieder und bedeckte das Gesicht mit ihrem Fächer.
Aleksey Aleksandrowitsch gewahrte, daß sie weinte und weder ihre Thränen zurückzuhalten vermochte, noch selbst das Schluchzen, welches ihre Brust hob.
Aleksey Aleksandrowitsch deckte sie mit seiner Person, ihr Zeit gewährend, sich zu fassen.
»Zum drittenmal biete ich Euch meinen Arm,« sprach er nach einiger Zeit, sich nochmals zu ihr wendend. Anna blickte ihn an, ohne zu wissen, was sie antworten sollte. Die Fürstin Bezzy kam ihr indessen zu Hilfe.
»Nein; Aleksey Aleksandrowitsch, ich habe Anna mit mir hergeführt, und habe gelobt sie wieder mitzunehmen,« mischte sie sich ein.
»Entschuldigt mich, Fürstin,« sagte er ihr mit höflichem Lächeln, aber fest ins Auge schauend, »ich bemerke doch, daß Anna nicht recht wohl ist und wünsche daher, daß sie mit mir fährt.«
Anna blickte erschreckt empor, stand gehorsam auf und legte ihren Arm in den ihres Gatten.
»Ich werde zu ihm senden, mich erkundigen und Nachricht senden,« flüsterte ihr Bezzy zu.
Beim Verlassen der Tribüne unterhielt sich Aleksey Aleksandrowitsch ganz so, wie gewöhnlich, mit den ihm Begegnenden, und Anna mußte, ganz so wie gewöhnlich, mit antworten und mit sprechen; aber sie war sich selbst nicht mehr ähnlich, und schritt wie im Traume am Arm ihres Mannes dahin.
»Ist er tot oder nicht? Ist es überhaupt wahr? Wird er heute kommen oder nicht? Werde ich ihn heute wiedersehen?« dachte sie.
Wortlos setzte sie sich in den Wagen Aleksey Aleksandrowitschs, wortlos fuhr sie aus dem Haufen der Equipagen weg.
Ungeachtet alles dessen, was er wahrgenommen hatte, erlaubte sich Aleksey Aleksandrowitsch noch immer nicht, über den thatsächlichen Zustand seiner Frau Betrachtungen anzustellen.
Er sah nur äußerliche Kennzeichen. Er sah, daß sie gegen den Ton verstoßen hatte und erachtete es für seine Pflicht, ihr das zu sagen. Aber es wurde ihm sehr schwer, nicht auch noch mehr zu sagen, sondern nur dies allein.
Er öffnete den Mund, um ihr zu sagen, wie sie sich taktlos benommen hätte, aber unwillkürlich brachte er etwas ganz anderes heraus.
»Wie sehr sind wir doch alle diesen grausamen Schauspielen zugethan,« sagte er, »ich bemerke« --
»Was? Ich verstehe nicht,« versetzte Anna verächtlich.
Er fühlte sich verletzt, und begann sofort, zu sagen, was er sagen wollte.
»Ich muß Euch sagen,« -- begann er.
»Jetzt kommt die Erklärung,« dachte sie und es wurde ihr bang zu Mute.
»Ich muß Euch sagen, daß Ihr Euch heute taktlos benommen habt,« sprach er auf französisch.
»Inwiefern habe ich mich taktlos benommen?« frug sie laut zurück und wandte den Kopf schnell nach ihm um, ihm gerade ins Auge blickend, aber durchaus nicht mehr mit dem früheren, eine gewisse Heiterkeit verbergenden Ausdruck, sondern mit entschlossener Miene, unter der sie nur mit Mühe die Furcht, die sie empfand, verbarg.
»Vergeßt nicht,« sagte er zu ihr, auf das geöffnete Fenster des Wagens hinter dem Kutscher hinweisend.
Er erhob sich und zog das Fenster auf.
»Was habt Ihr für unangemessen befunden?« wiederholte sie.
»Jenen Verzweiflungsausbruch, den Ihr nicht imstande waret zu verbergen, bei dem Sturze eines der Reitenden.« Er wartete, daß sie etwas entgegnen solle, aber sie schwieg, vor sich hinschauend. »Ich bat Euch schon einmal, Euch so zu benehmen in der Welt, daß auch die bösen Zungen nichts gegen Euch sagen könnten. Es gab eine Zeit, in welcher ich Euch nur von inneren Beziehungen reden konnte; jetzt rede ich nicht mehr von ihnen. Jetzt rede ich von den äußeren. Ihr habt Euch tadelhaft geführt, und ich wünschte, daß sich dies nicht wiederholte.«
Sie hörte kaum die Hälfte seiner Worte, sie empfand Schrecken vor ihm und dachte nur daran, ob es denn wahr sei, daß Wronskiy nicht tot geblieben wäre. Sagte man nicht, daß er unversehrt geblieben sei und nur sein Pferd das Rückgrat gebrochen habe?
Sie lächelte nur verstellt ironisch, als er geendigt hatte, und antwortete nichts, weil sie gar nicht gehört hatte, was er sagte.
Aleksey Aleksandrowitsch begann rücksichtsloser zu sprechen, aber als er klar erkannte, worüber er eigentlich redete, teilte sich die nämliche Bangnis, die Anna empfunden hatte, auch ihm mit. Er sah dieses Lächeln und ein seltsamer Irrtum überkam ihn.
»Sie lächelt über meinen Verdacht und wird wohl sogleich das Nämliche wieder sagen, was sie mir damals gesagt hat: daß es keinen Grund zu Verdacht für mich gebe, und all das lächerlich sei.«
Jetzt, da über ihm die Entdeckung schwebte, erwartete er nichts so sehr, als daß sie ihm so ironisch wie früher antworten möchte, sein Verdacht sei lächerlich und entbehrte der Begründung. So furchtbar war es, was er jetzt wußte, daß er in diesem Augenblick bereit war an alles zu glauben.
Aber der Ausdruck ihres Gesichts, welches erschreckt und finster aussah, verhieß ihm jetzt nicht einmal eine Täuschung mehr.
»Möglich ja, daß ich mich irre,« sagte er, »in diesem Falle bitte ich um Entschuldigung.«
»Nein; Ihr habt nicht geirrt,« sagte sie langsam, ihm verzweiflungsvoll in sein kaltes Antlitz blickend. »Ihr habt nicht geirrt. Ich war in Verzweiflung und mußte es sein. Ich höre Euch wohl, aber ich denke an ihn. Ich liebe ihn und bin seine Geliebte. Ich kann Euch nicht mehr ertragen, ich fürchte, -- ich hasse Euch! Macht mit mir, was Ihr wollt.« --
Sie warf sich in die Ecke des Wagens und begann zu schluchzen, das Gesicht mit den Händen bedeckend.
Aleksey Aleksandrowitsch regte sich nicht; er wechselte auch die gerade Richtung seines Blickes nicht, seine Züge aber nahmen urplötzlich die feierliche Unbeweglichkeit eines Toten an, und dieser Ausdruck änderte sich nicht während der ganzen Dauer der Fahrt bis zu dem Landsitz.
Als man am Hause angekommen war, wandte er sein Haupt mit noch ganz dem nämlichen Ausdruck nach ihr hin.
»Gut. Aber nichtsdestoweniger fordere ich die Beobachtung der äußerlichen Bedingungen des Anstandes bis dahin« -- seine Stimme erbebte -- »wo ich Maßnahmen getroffen haben werde, welche meine Ehre wahren sollen, und die werde ich Euch mitteilen.«
Er stieg vor ihr aus und hob sie aus dem Wagen. Vor dem Diener drückte er ihr die Hand, setzte sich dann wieder in den Wagen und fuhr nach Petersburg davon.
Bald nach seiner Abfahrt kam ein Diener von der Fürstin Bezzy und brachte Anna ein Billet:
»Ich habe zu Aleksey gesandt um mich nach seinem Befinden zu erkundigen. Er schreibt mir, daß er gesund und unverletzt, aber in Verzweiflung sei.« --
»Wenn er nur unverletzt ist!« dachte sie, »wie gut habe ich daran gethan, ihm alles zu gestehen.« -- Sie blickte nach der Uhr. Es waren noch drei Stunden übrig und die Erinnerung an die Einzelheiten ihres letzten Zusammenseins brachten ihr das Blut zum Sieden. »Mein Gott, wie hell es ist. Es ist entsetzlich, aber ich liebe es, sein Antlitz zu sehen und liebe dieses phantastische Licht. Und mein Gatte? O! Aber Gott sei gedankt, daß mit ihm alles vorüber ist.«
30.
Wie in allen kleinen Orten, an denen Leute zusammenströmen, so hatte sich auch in dem kleinen deutschen Badeort, wohin die Schtscherbazkiy gereist waren, jene übliche Krystallisation unter der Gesellschaft vollzogen, die jedem Mitgliede derselben seinen bestimmten und unveränderlichen Platz anweist.
Wie ein Wasserteilchen in der Kälte bestimmt und unwandelbar die bekannte Form eines Schneeflockenkrystalls annimmt, ganz so wurde auch hier jede im Bad neuangekommene Person sogleich in den ihr gebührenden Platz eingewiesen.
Der »Fürst Schtscherbazkiy samt Gemahlin und Tochter« hatten sich nach dem Quartier, welches sie mieteten, sowie nach dem Namen, und den Bekannten, die sie antrafen, sogleich in der ihnen bestimmten und vorher festgesetzten Kaste einkrystallisiert.
In dem Bade befand sich in diesem Jahre eine wirkliche, deutsche Fürstin, infolge dessen sich die Krystallisation der Gesellschaft noch energischer vollzog.
Die Fürstin wollte um jeden Preis der deutschen Prinzessin ihre Tochter vorstellen und am nächsten Tage schon vollzog sie diese Ceremonie.
Kity knixte tief und graziös in ihrer aus Paris verschriebenen, »sehr einfachen«, das heißt sehr eleganten Sommerrobe.
Die deutsche Prinzessin sagte zu ihr: »Ich hoffe, daß die Rosen bald auf dieses liebe Gesichtchen zurückkehren mögen,« und für die Schtscherbazkiy wurde damit der Weg der Etikette, aus dem nicht mehr herauszutreten war, sogleich fest vorgezeichnet.
Die Schtscherbazkiy waren auch mit der Familie einer englischen Lady und mit einer deutschen Gräfin und deren im letzten Kriege verwundetem Sohne, bekannt geworden, sowie mit einem schwedischen Gelehrten und mit einem Mr. Canut nebst Schwester.
Aber der hauptsächlichste Verkehrskreis der Schtscherbazkiy bestand aus einer Moskauer Dame Marja Eugenie Rtischtschewaja mit Tochter, welche Kity unsympathisch war, weil dieselbe an der nämlichen Krankheit litt wie sie, an unglücklicher Liebe -- und einem Moskauer Obersten, den Kity von Kindheit an nur in Uniform und Epauletten gesehen hatte und kannte, und der hier, mit seinen kleinen Äuglein, dem offenen Hals mit dem farbigen Shlips, außerordentlich lächerlich und langweilig wurde, da man sich nicht von ihm frei machen konnte.
Da alle diese Verhältnisse so fest beobachtet wurden, begann sich Kity sehr zu langweilen, und zwar umsomehr, als der Fürst nach Karlsbad gefahren war, und sie mit der Mutter allein zurückblieb.
Sie interessierte sich nicht für die Leute, welche sie kannte, da sie fühlte, daß von ihnen nichts Neues mehr zu erwarten war. Das hauptsächlichste und lebhafteste Interesse im Bade gewährte ihr jetzt die Beobachtung und Beurteilung derjenigen, welche sie nicht kannte.
Nach der Eigenart ihres Charakters, vermutete Kity stets in den Leuten nur das Beste, und besonders in denjenigen, die sie nicht kannte. Auch jetzt, als sie Betrachtungen darüber anstellte, wer dieser oder jener sei, und in welchen Beziehungen die Beobachteten untereinander stehen mochten, auch wie sie überhaupt sein könnten, konstruierte sich Kity die wundersamsten und edelsten Charaktere, und fand auch die Bestätigung dafür in ihren Beobachtungen.
Unter diesen Charakteren beschäftigte sie namentlich eine junge russische Dame, die mit einer kranken Landsmännin in das Bad gekommen war, mit einer Madame Stahl, wie man sie allgemein nannte.
Madame Stahl gehörte der vornehmsten Gesellschaft an, war aber so krank, daß sie nicht mehr zu gehen vermochte, und sich nur selten, an besonders schönen Tagen, im Bad in einem kleinen Fahrwagen zeigte.
Es war indessen weniger ihre Krankheit, als vielmehr ihr Stolz, welcher, nach der Erklärung der Fürstin Madame Stahl mit keinem der russischen Badegäste Umgang pflegen ließ.
Die junge russische Dame pflegte sorglich Madame Stahl und kümmerte sich auch, wie Kity bemerkte, außerdem noch um sämtliche Schwerkranke, deren es viele in dem Bade gab, in der natürlichsten, herzlichsten Weise.
Diese junge Russin war, nach Kitys Beobachtungen, keine Verwandte von Madame Stahl, aber ebensowenig eine gemietete Krankenpflegerin. Madame Stahl nannte sie Warenka, die anderen aber hießen sie »Mademoiselle Warenka«.
Ganz abgesehen davon, daß Kity schon die Beobachtung der Beziehungen dieses jungen Mädchens zur Frau Stahl und zu anderen ihr unbekannten Personen interessierte, empfand diese, wie das oft zu gehen pflegt, eine unerklärliche Sympathie zu dieser Mademoiselle Warenka und fühlte, nach den sich begegnenden gegenseitigen Blicken zu urteilen, daß auch sie gefiel.
Mademoiselle Warenka war nicht mehr in dem Alter, welches man die erste Jugend nennen konnte, sondern sie war gewissermaßen ein Wesen ohne Jugend.
Man konnte sie vielleicht für neunzehnjährig halten -- aber ebenso gut auch für dreißigjährig. Musterte man ihre Züge, so war sie, trotz der krankhaften Farbe ihres Gesichts eher hübsch, als häßlich.
Sie war vielleicht auch hübsch gewachsen, wenn nicht die allzugroße Hagerkeit ihres Körpers gewesen wäre, und der Kopf zu ihrem mittleren Wuchs nicht im Mißverhältnis gestanden hätte. Für die Männerwelt aber mußte sie ja auch nicht anziehend sein. Sie glich einer schönen, zwar noch blätterreichen, aber doch schon verblühten und geruchlos gewordenen Blume.
Abgesehen hiervon aber konnte sie auch noch deshalb für die Männer nicht anziehend sein, weil ihr das abging, was Kity in zu hohem Maße besaß -- die noch gefesselte Lebensglut und das Bewußtsein eigener Anziehungskraft.
Sie schien stets mit einer Aufgabe beschäftigt zu sein, in der es für sie keine Unsicherheit geben konnte, und infolge dessen, schien es, vermochte sie sich auch nicht für Nebensächliches zu interessieren.
Aber gerade mit diesem Widerspruch mit sich selbst zog sie Kity zu sich hin. Kity empfand, daß sie in ihr, in ihrer Lebensgeschichte ein Vorbild für das finden werde, was sie jetzt so sehnlich suchte; ein Lebensinteresse, Würdigung des Daseins, die außerhalb der für Kity so widerlich gewordenen Beziehungen des weiblichen Elements zu dem männlichen lägen, jener Beziehungen, welche ihr jetzt als eine schmachvolle Menschenwarenausstellung, die der Käufer harrte, erschien.
Je mehr Kity ihre unbekannte Freundin beobachtete, umsomehr überzeugte sie sich, daß dieses Mädchen ein solches, wirklich vollkommenes Geschöpf sei, als das sie sich diese gedacht hatte, und umsomehr wünschte sie nun, mit ihr bekannt zu werden.
Beide Mädchen begegneten sich täglich mehrere Male und bei jeder Begegnung sprachen die Augen Kitys »wer bist du und was bist du? Du mußt doch das herrliche Geschöpf in Wahrheit sein, welches ich mir in dir vorstelle. Aber denke nicht,« sprach ihr Blick weiter, »daß ich mir gestatten würde, mich dir freundschaftlich anzuschließen; ich interessiere mich lediglich für dich und liebe dich.«
»Auch ich liebe dich und du bist gut, sehr gut,« antwortete ihr der Blick des unbekannten Mädchens, »und ich würde dich noch viel mehr lieben, wenn ich die Zeit dazu hätte.«
Und in der That, Kity gewahrte, daß sie fortwährend beschäftigt war; entweder holte sie die Kinder der russischen Familie von der Quelle ab, oder sie trug das Plaid für die Kranke und hüllte diese darin ein, oder sie bemühte sich, einen aufgeregten Leidenden zu zerstreuen, oder sie ging, um Gebäck zum Kaffee für jemand auszuwählen und zu kaufen.
Bald nach der Ankunft der Schtscherbazkiy erschienen bei der Morgenkur noch zwei weitere Badegäste, welche eine allgemeine Aufmerksamkeit, freilich nicht angenehmer Art, erregten.
Der eine war ein sehr großer Mann, von gekrümmter Haltung, mit großen Händen und in einem kurzen, schlecht sitzenden, alten Überzieher. Er hatte schwarze, offenherzige, zugleich aber auch furchterweckende Augen. Mit ihm war ein pockennarbiges, aber gutmütig aussehendes Weib von großer Häßlichkeit und in geschmackloser Kleidung.
Nachdem Kity diese beiden als Russen erkannt hatte, begann sie sich in ihrer Einbildungskraft schon einen schönen und rührenden Roman über sie zu machen, aber die Fürstin, aus der Kurliste ersehend, daß dies Lewin Nikolay und Marja Nikolajewna waren, erklärte Kity, welch ein böser Mensch dieser Lewin sei und alle Traumgebilde des jungen Mädchens über diese beiden Menschen entschwanden.
Nicht nur, weil die Mutter ihr dies mitteilte, sondern auch deshalb, weil jener ein Bruder Konstantin Lewins war, erschienen ihr diese Personen plötzlich im höchsten Grade unangenehm.
Dieser Lewin erweckte in ihr jetzt, mit seiner Gewohnheit, mit dem Kopfe zu zerren, ein unbesiegbares Gefühl der Abneigung.
Es schien ihr, als ob in seinen großen, furchterregenden Augen, welche sie hartnäckig verfolgten, eine Empfindung von Haß und Spott läge, und sie bemühte sich, Begegnungen mit diesem Manne zu vermeiden.
31.
Es war ein bodenlos morastiger Tag; der Regen fiel schon den ganzen Vormittag und die Kranken drängten sich in den Veranden mit ihren Sonnenschirmen.
Kity ging mit ihrer Mutter und dem Moskauer Obersten, der heiter in seinem, nach europäischem Schnitt fertig in Frankfurt gekauften Überzieher plauderte.
Sie gingen auf der einen Seite der Veranda und suchten Lewin auszuweichen, der auf der anderen ging. Warenka in ihrem dunkeln Kleide und dem schwarzen Hute mit nach unten gebogenen Krempen, ging mit einer blinden kleinen Französin die lange Veranda hindurch, stets, wenn sie Kity begegnete, freundliche Blicke mit dieser austauschend.
»Mama, darf ich nicht ein Gespräch mit ihr anknüpfen?« frug Kity, ihrer unbekannten Freundin folgend und bemerkend, daß dieselbe zu dem Brunnen schritt, wo man bequem miteinander in Berührung treten konnte.
»Ja wohl, wenn du es so gern willst. Doch werde ich mich selbst zuvor über sie orientieren und zu ihr hingehen,« antwortete die Mutter. »Was findest du denn an ihr Besonderes? Eine Gesellschafterin wird sie doch wohl nur sein. Wenn du willst, werde ich mich mit Madame Stahl bekannt machen. Ich habe ihre =belle soeur= gekannt,« fügte die Fürstin hinzu, stolz das Haupt erhebend.
Kity wußte, daß die Fürstin unangenehm davon berührt worden war, daß Madame Stahl es zu vermeiden suchte, mit ihr Bekanntschaft zu machen, sie drängte sie daher nicht.
»Es ist seltsam, wie lieb sie erscheint!« antwortete sie nur, nach Warenka blickend, gerade als diese der kleinen Französin ein Glas Brunnen reichte. »Seht nur, wie einfach alles bei ihr ist, wie lieb.«
»Deine =engouements= sind mir entsetzlich,« sagte die Fürstin, »gehen wir doch lieber zurück,« fügte sie alsdann hinzu, indem sie bemerkte, daß Lewin in Begleitung seiner Dame und eines deutschen Arztes, mit welchem er sehr laut und heftig sprach, auf sie zukam.
Man wandte sich um, um zurückzukehren, als plötzlich schon nicht mehr ein lautes Sprechen, sondern ein Schreien hörbar wurde.
Lewin war stehen geblieben und schrie, der Arzt aber war gleichfalls in Zorn geraten.
Ein Trupp Menschen sammelte sich um die beiden. Die Fürstin und Kity entfernten sich schleunigst, während sich der Oberst zu dem Haufen gesellte, um in Erfahrung zu bringen, um was es sich handelte.
Nach einigen Minuten hatte derselbe die Damen wieder eingeholt. »Was gab es denn dort?« frug die Fürstin.
»Schimpf und Schande!« antwortete der Oberst. »Vor dem einem muß man sich stets in acht nehmen, daß man mit Russen im Auslande zusammentrifft. Jener große Herr stritt sich mit seinem Arzte und sagte ihm Grobheiten dafür, daß er ihn nicht gesund mache. Dabei schwang er sogar seinen Stock. Es ist einfach eine Schande!«
»O, wie unangenehm!« äußerte die Fürstin, »und womit endete die Scene?«
»Gott sei Dank mischte sich jene Dame hinein, -- die, deren Hut wie ein Pilz aussieht. Sie ist eine Russin wie mir scheint,« sagte der Oberst.
»Mademoiselle Warenka?« frug Kity freudig.
»Ja wohl. Sie verstand schneller fertig zu werden, als jeder andere; nahm jenen Herrn einfach am Arme und führte ihn hinweg.«
»Da seht Ihr, =Maman=,« sagte Kity zu ihrer Mutter, »Ihr wundert Euch, daß ich von ihr entzückt bin!«
Vom folgenden Tage ab bemerkte Kity, ihre unbekannte Freundin beobachtend, daß Mademoiselle Warenka mit Lewin, sowie mit dessen Begleiterin schon in den nämlichen Beziehungen stand, wie mit ihren übrigen Schutzbefohlenen.
Sie stand ihnen bei, unterhielt sich mit ihnen, und machte die Dolmetscherin für das Weib Lewins, welches sich in keiner einzigen fremden Sprache auszudrücken wußte.
Kity begann nun der Mutter noch mehr anzuliegen, ihr die Bekanntschaft mit Warenka zu gestatten, und so unangenehm es der Fürstin auch sein mochte, den ersten Schritt zur Erfüllung des Wunsches mit Madame Stahl bekannt zu werden, welche sich offenbar auf eine unbekannte Eigenschaft viel einbildete, thun zu sollen, stellte sie dennoch Erkundigungen über Warenka an, näherte sich -- nachdem sie Einzelheiten über diese vernommen hatte, welche darauf schließen ließen, daß etwas Übles nicht zu befürchten sei, obwohl sich auch nicht viel Gutes über diese Bekanntschaft ergab -- selbst Warenka und machte sich mit dieser bekannt.
Indem sie die Zeit auswählte, in welcher ihre Tochter zum Brunnen ging, Warenka aber vor dem Bäcker stand, trat die Fürstin zu ihr.
»Gestattet mir, mich mit Euch bekannt zu machen,« begann sie mit ihrem würdevollen Lächeln. »Meine Tochter hat Euch liebgewonnen. Vielleicht aber kennt Ihr mich nicht; ich« --
»Das Vergnügen ist für mich ein ganz besonderes, Fürstin,« antwortete Warenka schnell.
»Welch ein gutes Werk habt Ihr gestern an unserem bemitleidenswerten Landsmann vollbracht,« fuhr die Fürstin fort.
Warenka errötete.
»Ich weiß nicht mehr recht -- wie es scheint -- ich habe doch gar nichts gethan,« antwortete sie.
»O doch; Ihr habt jenen Lewin vor einer Unannehmlichkeit bewahrt.«
»Ach ja; =sa compagne= rief mich herbei und ich habe mich nur bemüht, ihn zu beruhigen. Er ist sehr krank und war mit dem Arzte unzufrieden. Ich habe eben die Gewohnheit, solchen Kranken Beistand zu leisten.«
»Ich habe schon gehört, daß Ihr sonst in Mentone mit Eurer Tante wohnt, wie es scheint mit Madame Stahl. Deren =belle soeur= habe ich ja gekannt.«
»O nein; sie ist nicht meine Tante. Ich nenne sie =maman=, bin mit ihr aber in keiner Beziehung verwandt. Sie hat mich erzogen,« fügte Warenka, wiederum errötend, hinzu.
Dies wurde so einfach gesprochen, so gut, aufrichtig und offenherzig war dabei der Ausdruck ihres Gesichts, daß die Fürstin jetzt begriff, warum ihre Kity diese Warenka liebgewonnen hatte.
»Was macht denn jener Lewin?« frug sie.
»Er wird abreisen,« versetzte Warenka.
In diesem Augenblick kam Kity vom Brunnen zurück, freudeglänzend, daß ihre Mutter mit der unbekannten Freundin bekannt geworden war.
»Nun, Kity, dein lebhafter Wunsch, bekannt zu werden mit Mademoiselle« --
-- »Warenka« -- lächelte Warenka, »so nennt mich alles.«
Kity errötete vor Freude und drückte lange schweigend die Hand der neuen Freundin, welche diesen Druck nicht erwiderte, sondern ihre Hand unbeweglich in der Kitys ruhen ließ.
Warenkas Hand antwortete nicht auf den Druck, aber ihr Gesicht schimmerte in einem stillen freudigen, wenn auch etwas traurigen Lächeln, welches große, aber schöne Zähne zeigte.
»Ich selbst wünschte dies schon längst« -- sprach sie.
»Ihr seid aber so sehr in Anspruch genommen« --
»O; im Gegenteil, in keiner Beziehung,« versetzte Warenka, mußte aber schon in der nämlichen Minute ihre neuen Bekannten verlassen, da zwei kleine Mädchen russischer Nationalität, die Töchterchen eines Kranken zu ihr gelaufen kamen.
»Warenka, =maman= ruft!« riefen sie.
Warenka folgte ihnen.
32.
Die näheren Einzelheiten, welche die Fürstin über die Vergangenheit Warenkas, sowie über deren Beziehungen zu Madame Stahl und über die letztere selbst in Erfahrung gebracht hatte, waren die folgenden:
Madame Stahl, von der die Einen erzählten, daß sie ihren Mann zu Tode geärgert, die Anderen, daß dieser sie durch unmoralischen Lebenswandel aufs Krankenlager gebracht habe, war stets leidend und eine exaltierte Frau.
Nachdem sie, mit ihrem Manne bereits in Trennung, des ersten Kindes genesen, war dieses sogleich nach der Geburt gestorben, und die Verwandten der Frau, ihre Empfindsamkeit kennend, tauschten in der Furcht, diese Nachricht möchte ihr das Leben kosten, das tote Kind aus und legten ihr das in der nämlichen Nacht und im nämlichen Hause in Petersburg geborene Töchterchen eines Hofkoches unter. Dieses Kind war Warenka.
Madame Stahl erfuhr später, daß Warenka nicht ihre Tochter sei, erzog diese aber weiter, um so lieber, als Warenka bald darauf keinen lebenden Verwandten mehr besaß.
Madame Stahl hatte nun bereits seit mehr als zehn Jahren beständig im Ausland im Süden gelebt, ohne je das Bett verlassen zu haben.
Man erzählte einerseits, daß sich Madame Stahl der Lebensaufgabe gewidmet habe, in der Gesellschaft die Stellung einer Wohlthäterin und hochreligiös gesinnten Frau einzunehmen.
Andere sagten, daß sie seelisch thatsächlich dasselbe hochmoralische Wesen sei, nur auf das Wohl des Nächsten bedacht, als welches sie äußerlich erschien.
Niemand wußte, welcher Konfession sie angehörte, ob sie katholisch, protestantisch oder rechtgläubig sei, aber eins war unzweifelhaft, -- sie stand in freundschaftlichen Verbindungen mit den allerhöchsten Persönlichkeiten aller Kirchen und Glaubensbekenntnisse.
Warenka lebte nun mit ihr beständig im Auslande und alle, welche Madame Stahl kannten, kannten und liebten auch Mademoiselle Warenka, wie jedermann sie nannte.
Nachdem die Fürstin diese Umstände erfahren hatte, fand sie nichts Bedenkliches mehr in der Annäherung ihrer Tochter an Warenka, umsoweniger, als Warenka die feinsten Manieren und die beste Erziehung besaß.
Sie sprach vorzüglich französisch und englisch, und was die Hauptsache war, sie brachte seitens der Madame Stahl die Nachricht, daß diese es bedaure, ihrer Krankheit halber des Vergnügens beraubt zu sein, Bekanntschaft mit der Fürstin zu schließen.
Nachdem Kity mit Warenka bekannt geworden war, erwärmte sie sich immer mehr und mehr für ihre neue Freundin und entdeckte mit jedem Tage neue Vorzüge an ihr.
Die Fürstin, welche erfahren hatte, daß Warenka gut singe, bat diese zu einem Besuch für den Abend, damit sie etwas vortrage.
»Kity ist musikalisch und ein Pianoforte haben wir auch, es ist zwar nicht gut, aber Ihr würdet uns ein großes Vergnügen gewähren,« sagte sie mit ihrem gezwungenen Lächeln, welches besonders in diesem Augenblicke Kity unangenehm war, da diese bemerkt hatte, daß Warenka wenig Neigung zum Singen zu haben schien.
Diese kam indessen am Abend und sie brachte auch ein Notenheft mit. Die Fürstin hatte noch Marja Eugenjewna mit ihrer Tochter und dem Obersten eingeladen. Warenka schien es völlig unberührt zu lassen, daß sich auch ihr unbekannte Personen hier eingefunden hatten, und sie schritt sogleich ans Klavier.
Sie verstand nicht, sich selbst die Begleitung zu spielen, sang aber vorzüglich vom Blatte. Kity, welche gut Klavier spielte, begleitete sie dazu.
»Ihr habt ein ungewöhnliches Talent,« sagte ihr die Fürstin, als Warenka die erste Nummer herrlich vorgetragen hatte.
Marja Eugenjewna nebst ihrer Tochter bedankten sich bei ihr und belobten sie.
»Seht nur einmal,« begann der Oberst durchs Fenster sehend, »welch eine Menschenmenge sich draußen versammelt hat, um Euch zu hören.«
In der That hatte sich ein ziemlich großer Trupp von Menschen unter den Fenstern angesammelt.
»Ich freue mich sehr, daß dies Euch Vergnügen gemacht hat,« versetzte Warenka einfach.
Kity blickte stolz auf ihre neue Freundin. Sie war entzückt sowohl von deren Kunstfertigkeit, wie von ihrer Stimme und ihrem Gesicht, aber vor allem war sie bezaubert von ihrem Auftreten und davon, daß sie offenbar nicht das Geringste von ihrer Gesangskunst hielt und sich dem dafür gespendeten Lobe gegenüber völlig gleichgültig verhielt. Sie schien nur zu fragen, ob sie noch weiter singen solle, oder ob es genug sei.
»Wenn ich das wäre,« dachte Kity bei sich selbst, »wie stolz wollte ich hierauf sein! Wie würde ich mich freuen, diesen Haufen dort unter den Fenstern erblicken zu können. Ihr aber ist alles völlig gleichgültig, und sie treibt nur der Wunsch, niemand etwas abzuschlagen und alles zu thun was >=maman=< angenehm ist. Was mag eigentlich in ihr ruhen? Was verleiht ihr nur diese Kraft, auf alles herabzublicken, sich allem gegenüber in der Ruhe der Unabhängigkeit zu verhalten? Wie gern möchte ich dies erfahren und es von ihr lernen.« So dachte Kity, auf dieses ruhige Antlitz blickend.
Die Fürstin bat Warenka, noch zu singen und Warenka sang ein anderes Lied ebenso glatt, sorgfältig und gut, aufrecht an dem Klavier stehend und mit ihrer kleinen schmächtigen Hand den Takt darauf schlagend.
Das hierauf in dem Heft folgende Lied war italienisch. Kity spielte das Präludium und schaute dann auf Warenka.
»Lassen wir dies aus,« sagte dieselbe errötend.
Kity ließ erschreckt und fragend ihren Blick auf Warenkas Gesicht ruhen.
»Also singen wir ein anderes,« sagte sie hastig, die Blätter umschlagend und sofort inne werdend, daß sich mit diesem Liede irgend eine Erinnerung verknüpft.
»Ach nein,« versetzte Warenka, ihre Hand auf die Noten legend und lächelnd, »nein, nein; singen wir es,« und sie sang so ruhig, kühl und schön, wie vorher.
Nachdem sie geendet hatte, dankten ihr alle nochmals und man begab sich zum Thee. Kity und Warenka gingen in den Garten hinaus, der sich neben dem Hause befand.
»Nicht wahr, es verknüpft sich für Euch eine Erinnerung mit diesem Liede?« frug Kity. »Ihr sprecht nicht?« fügte sie eifrig hinzu, »sagt mir nur -- ist es nicht so?«
»Nein. Warum? -- Doch ich will offen gestehen,« fuhr Warenka, ohne eine Antwort abzuwarten, fort, »daß sich allerdings eine Erinnerung und zwar eine einst sehr traurige, damit verknüpft. Ich liebte einen Mann und dieses Lied hatte ich ihm gesungen.«
Kity blickte mit weit offenen, großen Augen schweigend und verwirrt auf Warenka.
»Ich liebte ihn und er liebte mich; aber seine Mutter wollte nicht und er vermählte sich mit einer anderen. Er lebt jetzt nicht gar weit von hier und bisweilen sehe ich ihn auch. Habt Euch nicht gedacht, daß ich auch einen Roman haben könnte?« sagte sie und auf ihrem angenehmen Gesicht sprühte eine leichte Glut auf, welche -- Kity fühlte dies -- einst die ganze Gestalt erleuchtet haben mochte.
»Warum sollte ich dies nicht haben vermuten können? Wäre ich ein Mann, so würde ich niemand wieder lieben können, nachdem ich Euch kennen gelernt hätte. Nur begreife ich nicht, wie er der Mutter zu Gefallen Euch vergessen und unglücklich machen konnte. Er hat kein Herz gehabt!«
»O doch; er war ein sehr guter Mensch und ich bin auch nicht unglücklich. Im Gegenteil, ich bin sehr glücklich. Aber wollen wir heute nicht mehr singen?« fügte sie hinzu, sich dem Hause zuwendend.
»Wie gut Ihr seid, wie gut!« rief Kity aus, hielt sie zurück und küßte sie. »Könnte ich Euch doch nur ein klein wenig ähnlich sein!«
»Warum wollt Ihr denn einem anderen ähnlich sein? Ihr seid gut, so wie Ihr seid,« sagte Warenka mit ihrem sanften und matten Lächeln.
»Nein; ich bin durchaus nicht gut. Aber sagt mir doch -- halt; setzen wir uns ein wenig!« sprach Kity und zog jene wieder auf einer kleinen Bank neben sich nieder. »Sagt mir, sollte es nicht kränkend sein daran denken zu müssen, daß ein Mensch unsere Liebe verschmäht hat, daß er sie nicht mochte?«
»Er hat sie ja gar nicht verschmäht; ich bin überzeugt, daß er mich geliebt hat, doch er war ein gehorsamer Sohn« --
»Gut, aber wenn er nun nicht nach dem Willen der Mutter gehandelt hätte, sondern einfach selbständig« -- sagte Kity, im Gefühl, daß sie ihr eigenes Geheimnis verrate, und daß ihr Gesicht, flammend von der Röte der Scham, sie bereits überführt habe.
»Dann hätte er unrecht gehandelt und ich müßte ihn tadeln,« antwortete Warenka, die offenbar erkannt hatte, daß die Sache nicht mehr sie, sondern Kity anging.
»Und die Kränkung?« sagte Kity, »die Kränkung läßt sich nicht vergessen, die läßt sich nicht vergessen!« Sie entsann sich bei diesen Worten jenes Bildes auf dem letzten Balle, während der Pause der Ballmusik.
»Inwiefern ist hierbei Kränkung? Ihr habt doch ja nicht schlecht gehandelt?«
»Schlechter als schlecht -- schmachvoll!«
Warenka schüttelte das Haupt und legte ihre Hand auf den Arm Kitys.
»Inwiefern denn schmachvoll?« sagte sie, »Ihr konntet doch dem Manne, der gleichgültig gegen Euch war, nicht sagen, daß Ihr ihn liebtet?«
»Natürlich nicht. Ich habe nie ein Wort davon gesagt, aber er hat es gewußt. Nein, nein, es giebt doch Blicke und Bewegungen. Sollte ich hundert Jahre leben, ich werde es nicht vergessen.«
»Was heißt das? Ich verstehe nicht. Es kann sich doch nur darum handeln, ob Ihr ihn jetzt noch liebt oder nicht,« fuhr Warenka fort, die Dinge mit dem Namen benennend.
»Ich hasse ihn; und kann mir nie vergeben!«
»Was heißt das?«
»Das heißt, erlittene Schmach und Kränkung.«
»O; wenn alle so empfindlich sein wollten, wie Ihr,« sagte Warenka; »es giebt wohl kein Mädchen, welches diese Erfahrung nicht gemacht hätte. Und dabei ist das alles doch so nichtig.«
»Aber was ist denn dann noch von Bedeutung,« erwiderte Kity, mit neugieriger Verwunderung Warenka ins Gesicht blickend.
»O, es giebt gar vieles was Bedeutung besitzt,« lächelte Warenka.
»Und das wäre?«
»Vieles hat ungleich höhere Bedeutung,« antwortete sie, ohne zu wissen, was sie sagen sollte. In diesem Augenblick jedoch wurde die Stimme der Fürstin aus einem Fenster vernehmbar.
»Kity! Es wird kühl! Nimm doch einen Shawl oder komm in die Zimmer!«
»In der That, es ist Zeit,« sagte Warenka, sich erhebend, »ich muß noch zu Madame Berthe gehen; sie hat mich gebeten.«
Kity hielt sie an der Hand fest und frug sie mit leidenschaftlicher Neugier und Bitte in dem Blick:
»Was, was ist das Wichtigste, was eine solche Ruhe verleiht? Ihr wißt es also, sagt es mir!«
Allein Warenka verstand gar nicht, was Kitys Blick sie frug. Sie dachte nur an das Eine, daß sie heute noch zu Madame Berthe und dann nach Hause müsse zu =maman= zum Thee um zwölf Uhr.
Sie trat in die Zimmer, packte ihre Noten zusammen, verabschiedete sich von allen Anwesenden und wollte gehen.
»Gestattet mir, Euch zu begleiten,« sagte der Oberst.
»Gewiß; wie könntet Ihr allein jetzt zur Nachtzeit gehen?« bestätigte die Fürstin. »Ich werde wenigstens die Parascha mitsenden.«
Kity sah, daß Warenka mit Mühe ein Lächeln bei den Worten, daß sie eine Begleitung nötig habe, unterdrückte.
»O nein; ich gehe stets allein, und mir pflegt nie etwas zuzustoßen,« sagte sie, ihren Hut ergreifend.
Sie küßte Kity hierauf nochmals, und ohne dieser mitgeteilt zu haben, was jenes Höchste sei, verschwand sie mit schnellem Schritt, die Noten unterm Arm in dem Halbdunkel der Sommernacht, ihr Geheimnis mit sich nehmend, was das Höchste sei, was ihr ihre beneidenswerte Ruhe und Würde verlieh.
33.
Kity machte auch mit Madame Stahl Bekanntschaft, und diese Bekanntschaft, im Verein mit der Freundschaft Warenkas, übte nicht nur einen mächtigen Einfluß auf sie aus, sie tröstete sie auch in ihrem Leid.
Kity fand diesen Trost darin, daß sich ihr, dank dieser Bekanntschaft, eine vollständig neue Welt erschlossen hatte, die nichts gemeinsames mit der bisherigen besaß, eine erhabene, schöne Welt, von deren Höhe herab man ruhig auf die frühere blicken konnte.
Es zeigte sich ihr, daß außer dem instinktiven Dasein, welchem Kity sich bis jetzt dahingegeben, auch ein geistiges Leben existierte.
Dieses Leben offenbarte sich als die Religion, aber als eine Religion, welche nichts gemeinsam hatte mit jener, die Kity von Kindheit auf kannte, und welche sich in dem allabendlichen Hochamt im Witwenhaus verkörperte, wo man Bekannte treffen konnte und kirchenslavische Texte mit dem Geistlichen auswendig lernte.
Dies war eine höhere Religion, eine geheimnisvolle, verbunden mit einer Reihe der herrlichsten Ideen und Empfindungen, die man nicht nur glauben durfte, weil es so vorgeschrieben war, sondern die man lieben konnte.
Kity lernte alles dies nicht aus Worten. Madame Stahl sprach mit ihr wie mit einem geliebten Kinde, auf das man Sorgfalt verwendet wie in der Erinnerung an die eigene Jugend, und nur einmal erwähnte sie, daß in allem menschlichen Elend einen Trost nur die Liebe und der Glaube verleihe und daß für das Mitleid Christi mit uns kein Schmerz mehr nichtig sei -- ging dann aber sofort wieder auf ein anderes Thema über.
Kity erkannte jedoch in jeder ihrer Bewegungen, in jedem ihrer Worte, in jedem ihrer himmlischen Blicke, wie Kity diese nannte, und besonders in ihrer ganzen Lebensgeschichte, die sie durch Warenka erfahren hatte, was denn nun das Höchste sei, und was sie bisher noch nicht gekannt hatte.
Indessen so erhaben der Charakter der Madame Stahl auch war, so rührend ihre ganze Geschichte, so erhaben und mild ihre Rede auch klang, gewahrte Kity doch unwillkürlich Züge an ihr, die sie unsicher machten.
Kity bemerkte, daß Madame Stahl, indem sie nach ihren Verwandten frug, geringschätzig lächelte, was doch gegen die christliche Liebe war.
Sie bemerkte auch noch, daß wenn sie bei Madame Stahl den katholischen Geistlichen antraf, diese ihr Gesicht stets im Schatten einer Ampel hielt und eigentümlich lächelte.
So unscheinbar diese beiden Beobachtungen auch sein mochten, so setzten sie sie doch in Verwirrung und sie begann an Madame Stahl zu zweifeln.
Warenka hingegen, vereinsamt, ohne Anverwandte, ohne Freunde, mit ihrer traurigen Hoffnungslosigkeit, die nichts ersehnte, nichts beklagte, blieb immer von derselben Vollkommenheit, von der Kity kaum zu träumen wagte.
An Warenka erkannte diese, was es kostete, sich selbst zu vergessen und seinen Nächsten zu lieben, um ruhig, glücklich und gut zu werden. Und so wollte Kity sein.
Nachdem sie jetzt klar erkannt hatte, was also das höchste Gut sei, begnügte sie sich nicht damit, darüber in Entzücken zu geraten, sondern sie ergab sich sogleich, mit ganzer Seele, diesem neuen Leben, welches sich erschlossen hatte.
Nach den Berichten Warenkas über das, was Madame Stahl gethan hatte, sowie andere, die jene nannte, hatte sich Kity bereits den Plan ihres künftigen Lebens gemacht.
Sie wollte ebenso wie eine Nichte der Madame Stahl, Aline, von der ihr Warenka viel erzählt hatte, wo sie auch immer leben mochte, Unglückliche aufsuchen, ihnen helfen, so viel sie vermochte, das Evangelium verkünden, den Kranken die heilige Schrift vorlesen wie auch den Verbrechern und den Sterbenden.
Der Gedanke, den Verbrechern die Heilslehren zu verkünden, wie dies Aline gethan hatte, war besonders verführerisch für Kity. Aber all das waren für sie nur erst geheimgehaltene Ideen, die sie weder der Mutter, noch Warenka mitteilte.
In der Erwartung des Zeitpunkts, ihre Pläne in großem Maßstabe zur Ausführung zu bringen, fand Kity übrigens in dem Bade, wo es so viele Kranke und Unglückliche gab, leicht Gelegenheit, ihre neuen Grundsätze zur Anwendung zu bringen, indem sie Warenka nachahmte.
Anfänglich deutete die Fürstin nur an, daß Kity sich stark unter dem Einfluß ihres =Engouements= -- wie sie es nannte -- für Madame Stahl und namentlich für Warenka befinde.
Sie sah, daß Kity nicht nur Warenka in ihrem Wirken nachahmte, sondern dies auch unwillkürlich mit deren Manier zu gehen, zu reden und mit den Augen zu blinken that.
Dann aber bemerkte die Fürstin, daß sich in ihrer Tochter, unabhängig von dieser Eingenommenheit, ein ernster seelischer Wandlungsprozeß vollzog.
Die Fürstin sah, daß Kity des Abends in dem französischen Evangelium las, welches ihr Madame Stahl geschenkt hatte. Kity hatte dies früher nie gethan. Sie sah, daß ihre Tochter die Bekanntschaften aus der großen Welt mied und sich mit Kranken abgab, die unter der Protektion Warenkas standen, insbesondere mit der armen Familie eines kranken Malers Petroff. Kity war augenscheinlich stolz darauf, daß sie in dieser Familie die Obliegenheiten einer barmherzigen Schwester erfüllte.
Alles das war lobenswert, und die Fürstin hatte auch nichts dagegen, umsoweniger, als die Frau Petroffs ein sehr rechtschaffenes Weib war und die deutsche Prinzessin, das Wirken Kitys bemerkend, diese gelobt und einen Engel des Trostes genannt hatte. Alles das wäre recht gut gewesen, wenn es nicht zu weit getrieben worden wäre; die Fürstin sah jedoch, daß ihre Tochter in das Übermaß geriet und sagte ihr dies.
»=Il ne faut jamais rien outrer=,« sprach sie.
Die Tochter hatte nicht darauf geantwortet, sie hatte nur in ihrem Inneren gedacht, man könne nicht von einem Übermaß in der christlichen Werkthätigkeit sprechen. Welches Übermaß könne liegen in der Befolgung der Lehre, nach welcher geheißen wird, auch die zweite Wange zu bieten, wenn man die erste schlägt, auch das Hemd zu geben, wenn man den Rock nimmt.
Der Fürstin gefiel dieser übermäßige Eifer indessen durchaus nicht, und zwar umsoweniger, weil sie fühlte, daß Kity ihr nicht ihre ganze Seele offenbaren wollte. In der That verheimlichte diese der Mutter ihre neuen Anschauungen und Empfindungen. Sie verheimlichte dieselben indessen nicht deshalb, weil sie etwa ihre Mutter nicht geachtet, nicht geliebt hätte, nein, nur deshalb, weil es eben ihre Mutter war. Jedem anderen würde sie dieselben eher geoffenbart haben, als der Mutter.
»Anna Pawlowna ist lange nicht bei uns gewesen,« sagte eines Tages die Fürstin bezüglich der Frau Petroffs. »Ich habe sie hergebeten; aber sie ist, wie es scheint, mit irgend etwas unzufrieden.«
»O nein, =maman=, das habe ich nicht bemerkt,« antwortete Kity erregt.
»Warest du längere Zeit nicht dort?«
»Wir wollen morgen einen Ausflug in die Berge machen,« versetzte Kity.
»Gut, fahret dann,« antwortete die Fürstin, in das verwirrte Gesicht der Tochter schauend, und sich bemühend, den Grund ihrer Verlegenheit zu erraten.
An demselben Tag erschien Warenka zur Tafel; sie teilte mit, daß Anna Pawlowna es aufgegeben habe, morgen nach den Bergen zu fahren.
Die Fürstin bemerkte, daß Kity wiederum errötete.
»Kity, hast du etwas Unangenehmes mit den Petroffs gehabt?« frug sie, als beide allein waren. »Weshalb schickt jene Frau ihre Kinder nicht mehr, und weshalb kommt sie selbst nicht mehr zu uns?«
Kity antwortete, daß nichts zwischen ihnen vorgefallen sei und sie entschieden nicht begreife, warum Anna Pawlowna gleichsam mißvergnügt über sie zu sein scheine.
Kity sprach damit die volle Wahrheit; sie wußte nichts von dem Grunde der Veränderung Anna Pawlownas ihr selbst gegenüber, konnte ihn aber erraten, indem sie etwas vermutete, was sie der Mutter nicht mitteilen konnte, und wovon sie selbst sich noch nicht einmal Rechenschaft gegeben hatte. Es war einer jener Umstände, die man wohl kennt, von denen man aber sich selbst nicht einmal Rechenschaft geben kann; es ist ja so entsetzlich und beschämend, einen Fehler zu begehen.
Wieder und wieder prüfte Kity im Geiste alle ihre Beziehungen zu jener Familie. Sie vergegenwärtigte sich die treuherzige Freude, die auf dem runden, gutmütigen Gesicht Anna Pawlownas bei ihren Begegnungen zum Ausdruck gekommen war: sie erinnerte sich ihrer geheim gepflogenen Unterredungen über den Kranken, der Gespräche darüber, wie man ihn von der Arbeit, die ihm untersagt war abziehen und zum Spazierengehen bringen könne; der Anhänglichkeit des jüngsten Söhnchens, welches sie »meine Kity« zu rufen pflegte, und das ohne ihren Beistand nicht zu Bett gehen wollte. Wie war das alles so gut!
Dann vergegenwärtigte sie sich die furchtbar abgemagerte Erscheinung Petroffs mit dem langen Halse, in dem zimmetfarbenen Überzieher, seinen spärlichen, wirren Haaren, den forschenden, namentlich anfangs für Kity furchterregend gewesenen, blauen Augen, und seine krankhaften Anstrengungen, in der Gegenwart Kitys munter und lebhaft zu erscheinen. Sie gedachte der Anstrengungen, die sie anfangs gemacht hatte, um den Ekel, den sie vor ihm, wie vor allen Brustleidenden empfand, zu überwinden, und der Mühe, mit welcher sie ausgedacht hatte, wovon sie mit ihm sprechen könne. Sie rief sich jenen schüchternen, rührungsvollen Blick wieder ins Gedächtnis, mit welchem er sie angeschaut hatte, das seltsame Gefühl ihres Mitleids und ihrer Verlegenheit, und dann des Bewußtseins ihrer Tugend, das sie hierbei empfand. Wie war das alles so gut!
Aber alles das war auch nur in der ersten Zeit. Jetzt, seit einigen Tagen, hatte sich alles plötzlich zum Üblen gekehrt. Anna Pawlowna begegnete Kity mit einer erheuchelten Liebenswürdigkeit, sie und ihren Mann unaufhörlich beobachtend.
Sollte etwa dessen rührende Freude bei ihrem Nahen die Ursache des Erkaltens der Anna Pawlowna sein?
»Ja,« entsann sie sich, »es war jedenfalls etwas nicht Natürliches in Anna Pawlowna, was mit ihrer sonstigen Herzensgüte durchaus nicht mehr übereinkam, als sie vorgestern mürrisch gesagt hatte: Er hat nur auf Euch gewartet und wollte ohne Euch den Kaffee nicht trinken, obwohl er schrecklich schwach geworden ist. Ja, vielleicht war es ihr auch unangenehm gewesen, als ich ihm das Plaid gab. Alles war so einfach gewesen, und dennoch hatte er es verlegen entgegengenommen, mir so lange gedankt, daß auch ich verlegen wurde. Und dann mein Porträt, welches er so schön gemalt hat. Aber namentlich wohl jener Blick von ihm, verwirrt und zärtlich! Ja, ja, so wird es sein,« wiederholte sie sich voll Entsetzen. »Aber doch nein; das kann nicht sein, es darf nicht sein! Er ist doch so beklagenswert!« sagte sie hierauf zu sich selbst. Dieser Zweifel vergiftete ihr nun die Reize ihres neuen Lebens.
34.
Noch vor dem Schluß der Badesaison kehrte der Fürst Schtscherbazkiy von seiner Reise von Karlsbad nach Baden und Kissingen zu russischen Bekannten, bei denen er, wie er sagte »russische Luft schnappen« wollte, wieder zurück zu den Seinigen.
Die Anschauungen des Fürsten und der Fürstin über das Leben im Auslande waren vollständig entgegengesetzte.
Die Fürstin fand alles schön und bemühte sich, trotz ihrer unanfechtbaren Stellung in der russischen Gesellschaft, im Auslande die europäische Dame nachzuahmen -- was sie nicht war als russische Standesperson. -- Sie verstellte sich infolge dessen und das nahm sich bisweilen ungeschickt aus.
Der Fürst hingegen fand im Ausland alles schlecht, beschwerte sich über die europäische Lebensweise, hielt an seinen russischen Gewohnheiten fest und bestrebte sich absichtlich, im Auslande weniger als der Europäer zu erscheinen, der er wirklich war.
Der Fürst kam magerer geworden und mit Hängefalten in den Backen, aber in heiterster Laune zurück. Seine heitere Stimmung erhöhte sich noch, als er Kity vollständig genesen wiedersah.
Die Mitteilung über das Freundschaftsverhältnis Kitys mit Madame Stahl und Warenka, sowie die ihm von der Fürstin mitgeteilten Beobachtungen der Veränderung, die mit Kity vorgegangen war, verstimmten den Fürsten und erweckten in ihm das gewöhnliche Gefühl von Eifersucht gegen alles, was außer ihm seine Tochter an sich zog, die Befürchtung, die Tochter könnte sich seinem Einfluß entziehen und in Machtsphären geraten, die ihm unzugänglich waren.
Aber diese unangenehmen Nachrichten wurden in das Übermaß an Gutmütigkeit und Frohsinn versenkt, das stets in ihm vorhanden war und durch die Karlsbader Kur eine besondere Verstärkung erfahren hatte.
Am Tage nach seiner Ankunft begab sich der Fürst in seinem langen Paletot, mit seinen echt russisch, runzligen und gedunsenen Wangen, dem gesteiften Kragen und in heiterster Stimmung mit seiner Tochter nach dem Brunnen.
Der Morgen war schön; die sauberen freundlichen Häuser mit den kleinen Gärtchen, der Anblick der deutschen Mägde mit den blühenden Gesichtern, und roten Händen die lustig hantierten und der helle Sonnenschein ergötzte das Herz.
Je näher sie indessen zu dem Brunnen kamen, um so häufiger trafen sie auf Kranke und ihr Anblick war um so trauriger angesichts des Vorhandenseins der gewöhnlichen Bedingungen für ein gemütliches Leben nach deutschen Begriffen. Kity aber setzte dieser Widerspruch nicht mehr in Erstaunen.
Die glänzende Sonne, das heitere schimmernde Grün, die Klänge der Musik, bildeten für sie nur den natürlichen Rahmen aller dieser ihr bekannten Gesichter, dieses Wechsels zur Verschlechterung oder zur Besserung, die sie beobachtete, dem Fürsten jedoch erschien das Licht und der Glanz des Junimorgens, die Klänge des Orchesters, welches einen lustigen modernen Walzer spielte, und namentlich der Anblick der gesundheitstrotzenden Mädchen, fast unpassend und ungeheuerlich, im Bunde mit diesen von allen Enden Europas hier zusammengekommenen Todkranken, die niedergeschlagen einhergingen.
Trotz eines Gefühles von Stolz, gleichsam wiedererwachter Jugendlichkeit, welches er empfand, als die Lieblingstochter mit ihm Arm in Arm dahinschritt, wurde ihm jetzt sein festes Auftreten mit seinen vollen wohlbeleibten Gliedern gleichwohl förmlich peinlich. Er hatte fast das Gefühl eines Menschen, der unbekleidet in einer Gesellschaft erscheint.
»Stelle mich doch deinen neuen Freunden vor,« sagte er zu seiner Tochter, mit dem Ellbogen ihren Arm drückend; »ich liebe dein häßliches Soden nur um deswillen, weil es dich so hübsch gesund gemacht hat; es ist traurig, traurig hier bei Euch. Wer ist denn das dort?«
Kity nannte ihm die und jene bekannte oder unbekannte Person, die ihnen begegnete. Gerade am Eingang zum Kurpark begegnete sie der blinden Madame Berthe mit ihrer Führerin und der Fürst freute sich über den milden Ausdruck im Gesicht der alten Französin, als diese die Stimme Kitys vernahm.
Mit der ganzen Höflichkeit der Franzosen sprach sie den Fürsten sogleich an, lobte denselben, daß er eine so reizende Tochter besitze, und hob Kity fast in den Himmel, indem sie dieselbe einen Schatz, eine Perle und einen Engel des Trostes nannte.
»Also sie ist ein zweiter Engel,« lächelte der Fürst, »denn sie nannte schon als Engel Nummer eins Mademoiselle Warenka!«
»O! Mademoiselle Warenka ist allerdings der reine Engel, =allez=!« versetzte Madame Berthe.
In der Veranda begegneten sie Warenka selbst. Dieselbe schritt den beiden eiligst entgegen, eine kleine elegante rote Tasche in der Hand tragend.
»Papa hier ist angekommen!« begrüßte Kity sie.
Warenka machte, einfach und natürlich wie alles war was sie that, eine Bewegung, die zwischen Verbeugung und Gruß die Mitte hielt, und wandte sich dann sofort im Gespräch an den Fürsten, unbefangen und natürlich, wie sie mit jedermann sprach.
»Gewiß kenne ich Euch, sehr wohl« -- sagte der Fürst zu ihr mit einem Lächeln, in welchem Kity mit Freude erkannte, daß ihre Freundin dem Vater gefiel. »Wohin eilt Ihr denn so schnell?«
»=Maman= ist hier,« sagte sie, sich an Kity wendend, »sie hat die ganze Nacht nicht schlafen können und der Doktor hat ihr eine Ausfahrt angeraten. Ich bringe ihr eine Arbeit.«
»Das ist also Engel Numero eins,« sagte der Fürst, nachdem Warenka gegangen war.
Kity sah, daß er Lust hatte sich über Warenka lustig zu machen, dies aber nicht über sich gewann, weil sie ihm gefallen hatte.
»Nun so werden wir wohl noch alle deine Freunde sehen; auch Madame Stahl, wenn sie geruht, mich zu erkennen,« fügte er dann hinzu.
»Hast du sie denn schon gekannt, Papa?« frug Kity mit einem Schreck, indem sie bemerkte, wie in den Augen des Fürsten der Funke des Spottes bei der Erinnerung der Madame Stahl aufleuchtete.
»Ihren Mann habe ich gekannt, und auch sie ein wenig, schon bevor sie unter die Pietisten gegangen ist.«
»Was ist das, Papa, eine Pietistin?« frug Kity, schon erschreckt davon, daß das, was sie so hoch an Madame Stahl schätzte, einen Namen hatte.
»Ich weiß es selbst nicht recht, und weiß nur, daß sie für alles Gott dankt, für jedes Unglück -- auch dafür, daß ihr Mann gestorben ist. Die Sache ist natürlich lächerlich, da beide in Unfrieden miteinander gelebt haben. -- Aber wer ist denn das, jene mitleiderregende Person dort?« frug der Fürst, welcher einen Kranken von kleiner Figur auf einer Bank sitzen sah, in einem zimmetfarbenen Überzieher und weißen Beinkleidern, welche seltsame Falten um die fleischlosen Knochen der Beine warfen. Der Herr hatte seinen Strohhut über dem spärlichen lockigen Haarwuchs gelüftet, und die hohe krankhaft von dem Hute rotgefärbte Stirn entblößt.
»Das ist Petroff, ein Maler,« antwortete Kity errötend. »Und das ist seine Gattin,« fügte sie dann hinzu, auf Anna Pawlowna zeigend, welche gleichsam mit Absicht gerade, als sie herankamen, hinter dem Kinde hereilte, welches auf dem Wege davonlief.
»Wie traurig und wie gut sieht dieses Gesicht aus,« sagte der Fürst. »Weshalb bist du denn nicht zu ihm getreten? Er wollte dir doch etwas sagen?«
»Gehen wir hin!« antwortete Kity, sich entschlossen nach ihm umwendend.
»Wie steht es mit Eurer Gesundheit heute?« frug sie Petroff.
Dieser erhob sich, auf seinen Stock gestützt und blickte schüchtern auf den Fürsten.
»Meine Tochter,« nahm dieser das Wort, »Ihr seid mir bereits bekannt.«
Der Maler verbeugte sich und lächelte, ein selten weißes Gebiß dabei zeigend.
»Wir hatten Euch gestern erwartet, Fürstin,« sagte er zu Kity.
Er wankte, als er dies sagte, und bemühte sich, indem er diese Bewegung wiederholte, zu zeigen, daß er dies mit Absicht gethan hatte.
»Ich wollte kommen, aber Warenka sagte mir, Anna Pawlowna habe geschickt mit der Nachricht, Ihr würdet nicht ausfahren.«
»Weshalb sollte ich nicht ausfahren?« antwortete Petroff errötend und sogleich zu husten beginnend, während er mit den Augen sein Weib suchte. »Annetta, Annetta!« sprach er laut: auf seinem weißen Hals, der dünn wie ein Strick war, erschienen starke Adern. Anna Pawlowna kam herbei »Wie konntest du der jungen Fürstin sagen lassen, wir würden nicht ausfahren?« raunte er zornig, da er die Stimme verloren hatte.
»Guten Tag, Fürstin,« grüßte diese mit einem gekünstelten Lächeln, das ihrem früheren Verkehr unähnlich war. »Es freut mich sehr, Eure Bekanntschaft zu machen,« wandte sie sich an den Fürsten, »man hat Euch lange erwartet, Fürst!«
»Wie konntest du der Fürstin sagen lassen, daß wir nicht ausfahren?« raunte nochmals der Maler heiser, noch heftiger, und sich augenscheinlich besonders darüber erregend, daß ihm die Stimme versagte, und er seiner Rede nicht denjenigen Ausdruck zu geben vermochte, den er ihr zu geben wünschte.
»Mein Gott! Ich dachte, wir würden nicht ausfahren,« versetzte die Frau mürrisch.
»Gewiß, wenn« -- er hustete und winkte mit der Hand.
Der Fürst lüftete den Hut und ging mit seiner Tochter fort.
»O, o,« seufzte er tief auf, »o diese Unglücklichen!«
»Ja, Papa,« erwiderte Kity. »Und dabei, mußt du wissen, haben sie drei Kinder, keinen Dienstboten und fast gar keine Unterhaltsmittel. Er empfängt bloß etwas von der Akademie,« erzählte sie lebhaft und sich bemühend, die Erregung zu unterdrücken, die in ihr infolge der seltsamen Veränderung im Verhalten Anna Pawlownas gegen sie aufgestiegen war. »Und dort ist auch Madame Stahl,« fuhr sie fort, auf einen Fahrstuhl zeigend, in welchem, von Kissen umgeben ein Etwas in Grau und Blau unter einem Sonnenschirm lag.
Das war Madame Stahl. Hinter ihr stand ein griesgrämiger stämmiger deutscher Arbeiter, der sie rollte; daneben stand ein blonder schwedischer Graf, den Kity dem Namen nach kannte. Einige Kranke blieben um den Wagen herum stehen und schauten nach der Dame, als sei diese ein außergewöhnliches Wesen.
Der Fürst trat zu ihr hin und sogleich bemerkte Kity in seinen Augen den Funken des Spottes, der sie in Verwirrung setzte. Er trat zu Madame Stahl und begann mit ihr in jenem vorzüglichen Französisch, welches jetzt nur noch Wenige sprechen, außerordentlich höflich und liebenswürdig ein Gespräch.
»Ich weiß nicht, ob Ihr Euch meiner noch entsinnt. Ich selbst muß dies aber schon thun, um Euch für Eure Güte meiner Tochter gegenüber, danken zu können,« sagte er zu ihr, seinen Hut abnehmend und ohne sich wieder zu bedecken.
»Fürst Alexander Schtscherbazkiy,« sagte Madame Stahl, ihre himmelnden Augen zu ihm erhebend, in denen indessen Kity ein Mißvergnügen bemerkte. »Sehr erfreut. Ich habe Eure Tochter so lieb gewonnen.«
»Eure Gesundheit ist noch immer nicht gebessert?«
»Ich bin völlig daran gewöhnt,« versetzte Madame Stahl und machte den Fürsten mit dem schwedischen Grafen bekannt.
»Ihr habt Euch indessen nur sehr wenig verändert,« fuhr der Fürst fort. »Ich habe wohl seit zehn oder elf Jahren nicht die Ehre gehabt, Euch zu sehen.«
»Ja; Gott schickt uns ein Kreuz und verleiht auch die Kraft es zu tragen. Man staunt oft darüber, in was man sich in diesem Leben schicken kann. -- Von der andern Seite!« -- wandte sie sich plötzlich launisch zu Warenka, die ihr das Plaid nicht gut genug um die Füße gewickelt hatte.
»Wohl, damit man Gutes thue,« sagte der Fürst und seine Augen lachten.
»Darüber dürfen wir nicht richten,« antwortete Madame Stahl, den Schimmer eines gewissen Ausdrucks auf dem Gesicht des Fürsten bemerkend. »Ihr werdet mir also jenes Buch senden, liebster Graf?« wandte sie sich an den jungen Schweden.
»Ah,« rief der Fürst, den Moskauer Obersten erblickend, welcher in der Nähe stand, verabschiedete sich von Madame Stahl, und schritt mit seiner Tochter und dem Moskauischen Obersten, der sich an ihn angeschlossen hatte, von dannen.
»Das ist unsere Aristokratie, Fürst!« sagte der Moskauische Oberst, im Wunsche, ironisch zu sein. Er hatte ein Vorurteil gegen Madame Stahl, weil diese nicht mit ihm bekannt war.
»Immer dieselbe,« versetzte der Fürst.
»Ihr habt sie aber doch schon vor ihrer Erkrankung gekannt, Fürst, das heißt, bevor sie sich gelegt hat?«
»Ja wohl. Sie wurde zu meiner Zeit krank.«
»Man sagt, sie wäre seit zehn Jahren nicht ein einziges Mal aufgestanden.«
»Sie steht nicht auf, weil sie kurzbeinig ist; sie ist sehr schlecht gebaut.«
»Papa, unmöglich!« rief Kity.
»Die bösen Zungen reden so, Herzchen. Aber deine Warenka wird's schon wissen. O, über diese leidenden Damen!«
»Nein, Papa!« entgegnete Kity eifrig, »Warenka vergöttert sie, und dann thut sie doch soviel Gutes! Frage, wen du willst! Sie und Aline Stahl kennt jedermann!«
»Mag sein,« antwortete er, wiederum mit dem Ellbogen ihren Arm drückend, »aber am besten ist es, freilich, wenn niemand etwas weiß, soviel man auch frägt.«
Kity verstummte, nicht, weil sie nichts mehr hätte erwidern können, sondern, weil sie dem Vater ihre geheimsten Gedanken nicht entdecken wollte.
Seltsam aber war es dennoch, daß sie, obwohl sie entschlossen war, sich der Ansicht des Vaters nicht unterzuordnen, und ihm keinen Einblick in ihr Allerheiligstes zu gewähren, doch empfand, wie das Heiligenbild der Madame Stahl das sie einen ganzen Monat hindurch in der Seele getragen hatte, unwiederbringlich verschwunden war; gleichwie eine Figur, die aus einer übergeworfenen Robe gebildet wird, verschwindet, sobald das weggenommen wird, worauf die Robe ruhte.
Es blieb nur noch das kurzbeinige Weib, welches deshalb lag, weil es eine schlechte Figur besaß und die sanfte Warenka unausgesetzt quälte, weil diese ihr das Plaid nicht in der gewünschten Weise umwarf. Durch keinerlei Anstrengungen ihrer Einbildungskraft wollte es ihr mehr gelingen, sich die frühere Madame Stahl wieder zurückzurufen.
35.
Die heitere Stimmung des Fürsten übertrug sich auch auf seine häusliche Umgebung, die Bekannten, und selbst auf den deutschen Wirt bei dem die Schtscherbazkiy wohnten.
Mit Kity vom Brunnen zurückgekehrt, ließ der Fürst, der den Obersten, sowie Marja Eugenjewna und Warenka zum Kaffee zu sich gebeten hatte, Tisch und Stühle in den kleinen Garten unter einen Kastanienbaum bringen und dort zum Frühstück decken.
Selbst der Hauswirt und der Diener wurden unter dem Einfluß seiner heiteren Stimmung lebhaft. Sie kannten seine Freigebigkeit, und nach einer halben Stunde blickte auch der kranke Hamburger Arzt, der oben logierte, neidisch aus dem Fenster auf die heitere, russische Gesellschaft gesunder Menschen herab, die sich da unter dem Kastanienbaum versammelt hatte.
In dem von Kringeln zitternden Schatten des Blätterdaches saß die Fürstin an dem mit einem schneeigen Tafeltuch bedeckten Tische, auf welchem Kaffeekannen, Brot und Butter, Käse und kaltes Wildbret stand, in ihrem Hauskleid mit lila Schleifen, und verteilte die Tassen und Törtchen.
Am andern Ende saß der Fürst, mit vollen Backen kauend, in geräuschvoller und heiterer Unterhaltung; er hatte neben sich Ankäufe ausgelegt; geschnitzte Kästchen, Spiele, Federmesser von allen Sorten, die er in allen Bädern in Massen gekauft hatte, und verteilte sie nun unter alle, selbst an Lieschen, das Dienstmädchen und den Hauswirt, mit welchem er in seinem komischen schlechten Deutsch scherzte, indem er ihm versicherte, daß nicht die Bäder Kity geheilt hätten, sondern seine vorzügliche Kost und besonders die Suppe mit gebackenen Pflaumen.
Die Fürstin machte sich über ihres Gatten russische Manieren lustig, war aber gleichfalls so angeregt und heiter, wie sie seit der ganzen Zeit ihrer Anwesenheit im Bade nicht gewesen war.
Der Oberst freute sich, wie stets, über die Späße des Fürsten, aber in Bezug auf die europäischen Verhältnisse, welche er aufmerksam studiert hatte, wie er wähnte, hielt er die Partei der Fürstin.
Die gutmütige Marja Eugenjewna schüttelte sich vor Lachen über alles was der Fürst Scherzhaftes äußerte, und selbst Warenka -- was Kity noch nie bemerkt hatte -- ließ ein leises, aber vernehmliches Lachen hören, welches die Scherze des Fürsten in ihr hervorriefen.
Alles dies erheiterte Kity wohl, aber sie konnte sich einer Sorge nicht erwehren. Sie vermochte die Aufgabe nicht zu lösen, welche ihr ihr Vater -- ohne es zu wollen, mit seiner launigen Ansicht von ihren Freundinnen und jenem Leben gestellt, das sie so lieb gewonnen hatte.
Zu dieser Aufgabe kam noch die Veränderung in ihren Beziehungen zu Petroff, welche heute in so augenfälliger und unangenehmer Weise zum Ausdruck gekommen war. Alle befanden sich in heiterer Stimmung, nur Kity konnte nicht heiter sein und dies quälte sie noch mehr. Sie empfand ein Gefühl, wie es ihr wohl in der Kindheit kam, wenn sie, zur Strafe in ihr Zimmer eingeschlossen, das lustige Lachen der Schwestern vernahm.
»Nun, wie teuer kauftest du denn diese Masse Kram?« frug die Fürstin lächelnd, ihrem Gatten eine Schale Kaffee reichend.
»Man geht da eben unter den Buden umher, und tritt man an eine heran, so wird man eingeladen zu kaufen: Erlaucht, Excellenz, Durchlaucht, heißt es da; wenn man schon Durchlaucht tituliert wird, da kann man nicht mehr anders, man läßt zehn Thaler springen und damit gut.«
»Und das machst du nur aus langer Weile,« sagte die Fürstin.
»Versteht sich; aus lieber langer Weile. Man langweilt sich eben so, Matuschka, daß man wirklich nicht mehr weiß, was man mit sich anfangen soll.«
»Wie kann man sich nur langweilen, Fürst? Es giebt doch jetzt soviel des Interessanten in Deutschland,« sagte Marja Eugenjewna.
»Aber ich kenne schon alles Interessante! Suppe mit gebackenen Pflaumen, Erbswurst -- ich kenne alles!«
»O, nein, doch wie Ihr wollt! Fürst, interessant sind die Sitten hier,« meinte der Oberst.
»Was wäre dabei Interessantes? Die Menschen sind alle zufrieden, wie Kupfermünzen, aber sie haben sich alles dienstbar gemacht. Womit soll ich jedoch zufrieden sein? Ich habe mir niemand dienstbar gemacht, sondern ziehe mir des Abends meine Stiefel selber aus und setze sie auch noch selber vor die Thür. Morgens stehe ich auf, kleide mich sogleich an, gehe in den Salon und trinke dann meinen schlechten Thee. Wie geht es doch aber bei mir zu Hause? Da schläft man aus in Ruhe, ereifert sich über etwas, kommt dann hübsch zur Besinnung, überlegt sich alles und hat keinerlei Eile.«
»Zeit aber ist doch Geld! Das vergeßt Ihr!« warf der Oberst ein.
»Welche Zeit! Das ist eine ganz andere Zeit, wenn man einen ganzen Monat für einen Poltinnik opfert, als solche, von der eine halbe Stunde mit keinem Gelde bezahlbar ist! Was sagst du dazu, Katenka? Du bist recht langweilig.«
»Ich -- o nichts.«
»Wohin wollt Ihr schon? Bleibt doch noch ein wenig sitzen,« wandte er sich an Warenka.
»Ich muß nach Haus,« antwortete Warenka aufstehend, nochmals in Lachen ausbrechend. Nachdem sie sich beruhigt hatte, verabschiedete sie sich und schritt nach dem Hause, um ihren Hut zu nehmen.
Kity folgte ihr nach. Selbst Warenka erschien ihr jetzt als eine andere. Sie war nicht schlechter geworden, aber doch eine andere, als Kity sie sich früher vorgestellt hatte.
»O, so habe ich lange nicht gelacht!« sagte Warenka, ihren Schirm und das Arbeitsbeutelchen nehmend; »wie liebenswürdig er doch ist, Euer Papa!«
Kity schwieg.
»Wann werden wir uns wiedersehen?« frug Warenka.
»=Maman= wollte zu den Petroff gehen. Werdet Ihr nicht dort sein?« frug Kity, Warenka ausforschend.
»Ich werde kommen; sie rüsten sich zur Abreise und ich habe dann versprochen, mit einpacken zu helfen,« antwortete Warenka.
»Gut, auch ich werde kommen.«
»Aber, was wollt Ihr da?«
»Weshalb fragt Ihr so, weshalb, weshalb?« versetzte Kity, die Augen weit aufreißend, und um Warenka nicht fortzulassen, deren Sonnenschirm ergreifend. »Halt, halt, weshalb fragt Ihr so?«
»Nun; Euer Papa ist doch angekommen und man wird auch in Eurer Gegenwart in Verlegenheit geraten.«
»Nein, nein; sagt mir, weshalb Ihr nicht wollt, daß ich öfter bei den Petroff bin? Ihr wollt es doch offenbar nicht. Weshalb nicht?«
»Das habe ich nicht gesagt,« antwortete Warenka ruhig.
»O bitte, sprecht nur!«
»Soll ich alles sagen?«
»Alles, alles!« --
»Etwas Besonderes ist ja gar nicht dabei -- nur dies, daß Michael Aleksejewitsch, der Maler, erst zeitiger abreisen wollte, jetzt aber gar nicht mehr will,« sprach Warenka lächelnd.
»Und?« drängte Kity, Warenka finster anblickend.
»Nun; infolge dessen hat Anna Pawlowna gesagt, er wolle dies deswegen nicht, weil Ihr hier wäret. Natürlich war das unpassend, aber eben aus diesem Grunde, nur Euretwegen, ist der Zwist entstanden. Ihr wißt ja, wie reizbar diese Kranken sind!«
Kity blieb stumm, sich mehr und mehr verfinsternd, und Warenka sprach allein weiter, im Bemühen, sie zu beschwichtigen und zu beruhigen. Sie sah den sich vorbereitenden Ausbruch, wußte aber noch nicht, ob er sich in Worten oder in Thränen äußern werde.
»Es ist somit besser, Ihr geht nicht hin. Ihr versteht ja, und nehmt nicht übel.« --
»Mir ist ganz recht geschehen, ganz recht!« versetzte Kity hastig, den Schirm aus den Händen Warenkas reißend und an den Blicken der Freundin vorbei ins Weite starrend.
Warenka wandelte ein Lächeln an, als sie den kindlichen Zorn der Freundin gewahrte, doch fürchtete sie, diese zu kränken.
»Inwiefern ist dir recht geschehen? Ich verstehe nicht,« sprach sie.
»Recht geschehen ist mir dafür, daß dies alles nur Verstellung war, alles nur simuliert wurde und nicht aus Herzensgrunde kam! Was ging mich auch ein fremder Mensch an? So ist es gekommen, daß ich die Ursache des Unfriedens geworden bin, nur weil ich etwas gethan habe, was niemand von mir verlangte. Daher ist alles dies nur Heuchelei, Heuchelei, Heuchelei!« --
»Aber wozu denn heucheln?« erwiderte ruhig Warenka.
»O wie thöricht; wie abscheulich! Und ich hätte dies doch gar nicht zu thun brauchen! Alles war Heuchelei!« sagte sie, den Schirm bald öffnend, bald schließend.
»Aber zu welchem Zwecke nur?«
»Zu dem, vor den Menschen, vor sich selbst, und vor Gott besser zu scheinen! Daß man jedermann täuscht! Nein, nie mehr werde ich mich von jetzt ab jenen Bestrebungen widmen! Man kann wohl schlecht sein, braucht aber doch wenigstens nicht zu lügen und zu trügen!«
»Aber wer ist denn die Betrügerin?« frug Warenka vorwurfsvoll, »Ihr sprecht doch gerade, als ob« --
Kity befand sich indessen in höchster Wut; sie ließ Warenka nicht aussprechen.
»Nicht von Euch, durchaus nicht von Euch rede ich. Ihr seid die Vollkommenheit selbst! Ja wohl, ich weiß, daß ihr alle die Vollkommenheit selbst seid! Aber was ist zu thun, wenn ich schlecht bin? Dies würde doch alles nicht gewesen sein, wenn ich nicht schlecht wäre! Laß mich also sein, wie ich bin, heucheln will ich aber nicht! Was geht mich Anna Pawlowna an? Mögen sie doch leben, wie sie wollen; auch ich thue es, wie ich will. Eine andere kann ich nicht werden und alles dies ist anders, anders!« --
»Was ist anders?« frug Warenka unsicher.
»Alles! Ich kann nicht anders leben, als nach meinem Herzen, Ihr aber lebt nach Regeln. Ich hatte Euch aufrichtig liebgewonnen, Ihr mich aber, wohl nur im Wunsche, mich zu retten, unterwiesen!«
»Ihr seid ungerecht,« sagte Warenka.
»Ich spreche nicht von anderen, nur von mir selbst!«
»Kity!« -- erklang hier die Stimme der Mutter, »komm doch hierher und zeige Papa einmal deine Zaunkönige!« --
Mit einem Ausdruck von Stolz und ohne sich mit der Freundin ausgesöhnt zu haben, nahm sie von einem Tische die im Käfig befindlichen Zaunkönige und ging zur Mutter.
»Was ist dir? Du siehst so rot aus?« frug Vater und Mutter wie mit einer Stimme.
»Nichts,« versetzte Kity, »ich komme sofort wieder her,« und eilte nochmals zurück. »Sie wird noch da sein,« dachte sie, »was soll ich ihr sagen? Mein Gott, was habe ich ihr angethan, was habe ich gesprochen! Wofür habe ich denn sie beleidigt? Was soll ich thun? Was soll ich ihr sagen?« dachte Kity und blieb an der Thür stehen.
Warenka saß, im Hut und den Sonnenschirm in den Händen, am Tische, und betrachtete die Sprungfeder, welche Kity zerbrochen hatte. Sie hob den Kopf.
»Warenka, vergebt mir, vergebt!« flüsterte Kity, zu ihr tretend. »Ich weiß nicht mehr, was ich gesprochen habe. Ich« --
»Ich habe Euch wahrhaftig nicht wehe thun wollen,« antwortete Warenka, lächelnd.
Der Friede war wieder geschlossen, aber mit der Ankunft des Vaters hatte sich für Kity diese ganze Welt, in welcher sie gelebt, verwandelt. Sie sagte sich zwar nicht los von allem dem, was sie kennen gelernt hatte, aber sie hatte auch erkannt, daß sie sich selbst täuschte, wenn sie glaubte, sie könne so werden, wie sie zu sein wünschte.
Sie war gleichsam erwacht und fühlte die ganze Schwierigkeit, die darin lag, sich ohne Heuchelei und Prahlerei auf jener Höhe erhalten zu sollen, auf welche sie hinaufzugelangen wünschte. Weiter aber empfand sie auch die ganze Schwere der Bitternis dieser Welt in der sie lebte, ihrer Leiden und des Todes. Peinlich erschienen ihr die Anstrengungen, welche sie über sich gemacht hatte, um das alles lieben zu können, und sie empfand jetzt bald Sehnsucht nach einem frischen Lufthauch, nach Rußland, nach Pokrowskoje, wohin, wie sie brieflich benachrichtigt worden war, ihre Schwester Dolly mit ihren Kindern bereits übergesiedelt war.
Aber ihre Liebe zu Warenka hatte nicht abgenommen. Beim Abschied bat Kity diese, zu ihnen nach Rußland zu kommen.
»Ich werde kommen, sobald Ihr heiratet,« hatte Warenka darauf geantwortet.
»Niemals werde ich heiraten!« --
»Dann werde ich niemals kommen!«
»Also werde ich dann nur deshalb heiraten! Seht zu, seid Eures Versprechens eingedenk!« sagte Kity.
Die Prophezeiungen des Arztes hatten sich erfüllt. Kity kehrte wiederhergestellt nach Rußland zurück. Sie war nicht mehr so sorglos und heiter, wie vordem, sondern sie war ruhig geworden. Die bitteren Erfahrungen in Moskau waren ihr nur noch eine Erinnerung.
Dritter Teil.
1.
Sergey Iwanowitsch Kosnyscheff wollte sich von der geistigen Arbeit erholen und ging -- anstatt wie üblich ins Ausland -- Ende Mai auf das Land zu seinem Bruder.
Seiner Überzeugung nach war das schönste Leben das Landleben, und er kam jetzt zu seinem Bruder, um dieses Leben zu genießen.
Konstantin Lewin war hocherfreut, umsomehr, als er den Bruder Nikolay für dieses Jahr nicht mehr erwartete, aber ungeachtet aller Liebe und Achtung, für Sergey Iwanowitsch, war es ihm nicht recht behaglich in Gesellschaft des Bruders auf dem Lande. Es war ihm peinlich, sogar unangenehm, die Auffassung seines Bruders vom Landleben zu beobachten. Für Konstantin Lewin war das Dorf der Ort seines Lebens, das heißt seiner Freuden und Leiden und seiner Mühen; für Sergey Iwanowitsch war das Dorf einerseits ein Erholungsort von der Arbeit, andererseits ein nützliches Gegengift für die Verderbnis, welches er mit Vergnügen und dem Bewußtsein seiner Nützlichkeit einnahm.
Konstantin Lewin war das Dorf deshalb lieb und wert, weil es für ihn die Laufbahn einer zweifellos nutzbringenden Wirksamkeit bildete, Sergey Iwanowitsch besonders deshalb, weil man sich daselbst dem süßen Nichtsthun überlassen konnte, ja mußte. Außerdem aber war Konstantin auch auf die Stellung Sergey Iwanowitschs dem Volke gegenüber nicht gut zu sprechen. Sergey Iwanowitsch sagte, er liebe und kenne das Volk, und unterhielt sich häufig mit den Bauern, was er gut zu thun verstand, ohne sich zu verstellen oder mit einer Miene dabei zu zucken. Aus jeder solchen Unterhaltung deduzierte er sich allgemeine Thatsachen, die zu Gunsten des Volkes sprachen und den Beweis liefern sollten, daß er dieses Volk verstehe.
Dieser Standpunkt dem Volke gegenüber gefiel Konstantin Lewin nicht. Für ihn war das Volk nur der Hauptteilhaber an der gemeinsamen Arbeitspflicht und ungeachtet aller seiner Achtung, selbst einer gewissen angeborenen Liebe zum Bauernstande, die er wohl mit der Ammenmilch wie er selbst sagte, eingesogen hatte, geriet er als Teilhaber neben demselben an der gemeinsamen Arbeit, zwar bisweilen in Entzücken über die Kraft, die Güte und das Rechtsgefühl dieser Menschen, sehr oft aber auch, wenn es sich bei dieser gemeinsamen Arbeit um andere Eigenschaften handelte, in Zorn über deren Sorglosigkeit, Unachtsamkeit, Trunksucht und Verlogenheit.
Konstantin Lewin würde, wenn er gefragt worden wäre, ob er das Volk liebe, jedenfalls nicht gewußt haben, wie er hierauf antworten solle. Er liebte das Volk und liebte es auch nicht, genau so wie überhaupt die Menschen. Natürlich liebte er, als guter Mensch, die Menschen mehr, als daß er sie nicht geliebt hätte, und demzufolge liebte er auch das Volk. Aber das Volk lieben oder nicht lieben -- als etwas Besonderes -- das konnte er nicht, weil er nicht nur im Volke selbst lebte, nicht nur alle seine Interessen mit demselben verknüpft waren, sondern, weil er sich auch selbst für ein Teil aus dem Volke hielt und weder in sich selbst, noch in diesem Volke etwa besondere Vorzüge oder Mängel erkannte, und sich auch demselben nicht gegenüberzustellen vermochte.
Obwohl er ferner lange Zeit in den engsten Beziehungen mit dem Bauernstande als Gutsherr und Schiedsrichter gelebt hatte, hauptsächlich auch als Ratgeber -- die Bauern vertrauten ihm und kamen bis zu vierzig Werst weit her, um sich bei ihm Rats zu erholen -- so hatte er doch nicht das geringste bestimmte Urteil über das Volk; und auf die Frage, ob er es kenne, würde er sich in der nämlichen Ratlosigkeit befunden haben, wie bezüglich der Frage, ob er es liebe.
Zu sagen, er kenne das Volk, wäre für ihn das Nämliche gewesen, wie die Behauptung, er kenne die Menschen überhaupt. Er hatte wohl die Menschen beständig beobachtet und jede Art derselben kennen gelernt, aber in der Zahl jener Bauern, die er für gute und interessante Menschen gehalten hatte, nahm er unaufhörlich neue Charakterzüge wahr, änderte daher seine früher gewonnenen Urteile über dieselben und bildete sich neue.
Sergey Iwanowitsch verfuhr im Gegenteil. Ganz ebenso, wie er das Landleben liebte und pries als Gegensatz zu dem Leben, welches er nicht liebte -- ganz ebenso liebte er das Volk im Gegensatz zu jener Art von Menschen, die er nicht liebte, ganz ebenso erkannte er das Volk als etwas, was den Menschen insgemein entgegengesetzt war. In seinem logischen Verstande hatten sich bestimmte Formen des Volkslebens klar abgesetzt, zum Teil aus diesem selbst hergeleitet, in der Hauptsache aber vorzugsweise nur aus dem Gegensätzlichen. Er änderte daher niemals seine Meinung über das Volk und das Verhältnis, in welchem er sich zu demselben fühlte.
Bei diesen unter den beiden Brüdern obwaltenden Meinungsverschiedenheiten über das Volk, suchte Sergey Iwanowitsch stets seinen Bruder vor allem dadurch zu überzeugen, daß er selbst bestimmte Begriffe von dem Volke besitze, von seinem Charakter, seinen Eigenschaften und seinem Geschmack. Konstantin Lewin hingegen besaß keinerlei bestimmte oder unwandelbare Vorstellungen und die Folge war, daß er bei derartigen Debatten des Widerspruches mit sich selbst überführt wurde.
Für Sergey Iwanowitsch selbst war der jüngere Bruder ein guter Mensch, von Gefühl, =bien établi= wie er sich französisch ausdrückte, aber mit einer, wenn auch ziemlich beweglichen, so doch gleichwohl den Eindrücken des Augenblicks unterworfenen und daher an Widersprüchen reichen Geistesrichtung. Mit jener Herablassung des älteren Bruders erklärte er ihm daher bisweilen die Bedeutung der Dinge, fand aber keinen Genuß darin, mit ihm zu debattieren, da er ihn zu leicht schlug.
Konstantin Lewin blickte auf seinen Bruder, wie auf einen Menschen von hohem Geist und großer Bildung, edel in des Wortes höchstem Sinne und begabt mit der Fähigkeit, für das allgemeine Wohl zu wirken. Auf dem Grund seiner Seele aber begann er, je älter er wurde und je mehr er den Bruder erkannte, inne zu werden, daß diese Befähigung, zum allgemeinen Wohle wirken zu können, deren er sich so völlig bar wußte, vielleicht gar kein Vorzug sei, sondern vielmehr ein Mangel; nicht gerade ein Mangel an guten, ehrenhaften und löblichen Wünschen und Ansichten, aber doch ein Mangel an Lebenskraft, an dem, was man Herzensfrische nennt, an jenem Streben, welches den Menschen veranlaßt, aus all den unzählig sich bietenden Lebenswegen einen auszuwählen und diesen einen zu erstreben.
Je mehr er den Bruder erkannte, umsomehr bemerkte er, daß auch Sergey Iwanowitsch, wie viele andere Propheten des allgemeinen Wohls, nicht vom Herzen zu dieser seiner Liebe für dasselbe geleitet wurde, sondern nur nach dem Verstande urteilte, es sei gut, wenn man sich mit Derartigem befasse, und daß er sich eben aus diesem Grunde nur damit befaßte. In dieser Annahme bestärkte Lewin auch weiter noch die Bemerkung, daß sich sein Bruder die Frage, welche die sociale Wohlfahrt oder die Unsterblichkeit der Seele betrafen, nicht anders zu Herzen nahm, als wie wenn es sich um eine Partie Schach oder die scharfsinnige Konstruktion einer neuen Maschine handelte.
Ferner aber war es Lewin auch deshalb noch peinlich, mit seinem Bruder das Landleben zu teilen, weil er, besonders im Sommer, beständig mit der Ökonomie beschäftigt war, so daß ihm selbst der lange Sommertag noch nicht hinreichte alles zu erledigen, was erledigt werden mußte, während Sergey Iwanowitsch der Ruhe pflegte. Wenngleich indessen dieser jetzt auch ausruhte, das heißt, nicht an seinem Werke arbeitete, so war er doch so an geistige Thätigkeit gewöhnt, daß er es liebte, die Ideen welche ihm gekommen waren, in schöner, präciser Form zu äußern, und er liebte es, daß ihm jemand hierbei zuhörte. Der gewöhnliche und natürliche Zuhörer war nun sein Bruder, und es wurde diesem daher ungeachtet aller freundschaftlichen Offenheit in den beiderseitigen Beziehungen peinlich, den Bruder allein lassen zu sollen. Sergey Iwanowitsch liebte es, im Sonnenschein im Grase zu liegen, sich rösten zu lassen und träge dabei zu plaudern.
»Du glaubst nicht,« wandte er sich an seinen Bruder, »welchen Reiz für mich diese faulenzende Sommerfrische hat. Kein Gedanke ist im Kopf, und rollte man ihn wie eine Kugel.«
Konstantin Lewin war es indessen langweilig, so zu sitzen und jenem zuzuhören, schon deshalb, weil er wußte, daß man ohne seine persönliche Aufsicht den Dünger auf ein falsches Feld fahren und wer weiß wie schlecht auswerfen werde. Man würde die Pflugscharen an den Pflügen nicht festschrauben und dann sagen, der Pflug sei eine unnütze Erfindung.
»Nun genug endlich mit diesem Laufen in der Hitze!« sagte zu ihm sein Bruder.
»Ach, nur noch einmal nach dem Kontor muß ich sehen,« antwortete Lewin und eilte auf das Feld hinaus.
2.
In den ersten Tagen des Juni ereignete es sich, daß die Amme und Wirtschafterin Agathe Michailowna ein Gefäß mit soeben von ihr eingesalzenen Pilzen in den Keller tragen wollte, ausglitt, zu Falle kam und sich den Handknöchel verstauchte. Der Landarzt kam, ein zungengewandter junger Mann, welcher kaum erst die Universitätsstudien hinter sich hatte; er besichtigte die Hand, sagte, daß sie nicht aus dem Gelenk gefallen sei und vergnügte sich dann in einem Gespräch mit dem berühmten Sergey Iwanowitsch Koznyscheff, indem er demselben, um ihm seine aufgeklärten Ansichten zu zeigen, allen Klatsch aus dem ganzen Landkreis berichtete und dabei die üble Lage der ländlichen Angelegenheiten beklagte.
Sergey Iwanowitsch hörte aufmerksam zu, erkundigte sich, äußerte, angeregt von seinem neuen Zuhörer, einige treffende und bedeutungsvolle Bemerkungen, die von dem jungen Arzte respektvoll aufgenommen wurden, und geriet dann in seine gewöhnliche, dem Bruder schon bekannte lebhafte Stimmung, in welche er gewöhnlich nach einer glänzenden, geistreichen Unterhaltung geriet.
Nach der Abfahrt des Arztes empfand er den Wunsch, eine Angelpartie an den Fluß zu machen. Er liebte das Angeln und war fast stolz darauf, daß er eine so einfältige Beschäftigung lieben konnte.
Konstantin Lewin, welcher nach dem Ackerfelde und den Wiesen sehen mußte, erbot sich, den Bruder im Kabriolett hinauszufahren.
Es war in der Jahreszeit, in welcher die Natur auf ihrem Höhepunkt steht, in welcher der Getreideschnitt bereits bestimmt ist und die Sorge für die Saat des künftigen Jahres beginnt, wo die Krummeternte naht, wenn der Roggen in graugrüner Färbung noch mit beweglicher Ähre im Winde wogt und der grüne Hafer, von den Büscheln gelbgewordenen Grases durchsetzt, ungleichmäßig aus der Wintersaat emporkommt, wenn der frühzeitige Buchweizen schon die Erde bedeckt, während die von dem weidenden Vieh hartgetretenen Brachfelder mit den darin freigelassenen Fußsteigen die der Pflug nicht berührt, halb gepflügt liegen, die herausgebrachten vertrockneten Düngerhaufen im Abendrot mit dem duftenden Grase zusammen ihren Geruch verbreiten und in den Niederungen, der Sense harrend in dichtem Wuchs die Wiesen stehen, mit den dunkeln Massen der Sauerampfer auf den saftigen Stengeln.
Es war jene Zeit, in welcher in der Arbeit des Landlebens eine kurze Ruhepause eintritt vor dem Beginn der sich alljährlich wiederholenden, alljährlich von neuem alle Kräfte des Volkes wieder herausfordernden Ernte. Dieselbe fiel glänzend aus, und schöne helle Sommertage mit thaufrischen kurzen Nächten folgten ihr.
Die beiden Brüder mußten durch den Wald fahren, um zu den Wiesen zu gelangen. Sergey Iwanowitsch freute sich über die Schönheit des sich entlaubenden Waldes und wies dem Bruder bald eine dunkle, alte Linde von der Schattenseite her, die buntdurchsetzt von den gelben Samentroddeln sich zur Blüte vorbereitet, bald die schimmernden jungen Triebe der Bäume, aus dem heurigen Jahr.
Konstantin Lewin liebte es nicht, von der Schönheit der Natur zu sprechen oder Gespräche darüber anzuhören. Worte nahmen für ihn nur die Schönheit von dem, was er sah. Er nickte dem Bruder nur zu, begann aber unwillkürlich über etwas anderes nachzudenken. Als sie durch den Wald gelangt waren, wurde seine Aufmerksamkeit ganz von dem Anblick des Brachfeldes auf dem Hügel gefesselt, auf welchem das Gras trocknete, in Schwaden gemäht, in Haufen zerstreut, und wo frisch gepflügt war. Über das Feld bewegte sich ein langer Zug von Wagen. Lewin zählte die Wagen und war befriedigt, daß alles, was nötig war, von ihnen fortgebracht wurde, und seine Gedanken schweiften nun bei dem Anblick der Wiesen zu der Heuernte. Er empfand stets etwas ihn eigentümlich Anmutendes bei der Heuernte. Nachdem Lewin zur Wiese gekommen, hielt er das Pferd an.
Der Morgenthau lag noch unten in dem dichten Grase, und Sergey Iwanowitsch bat ihn, im Kabriolett über die Wiese zu fahren -- damit er sich nicht die Füße naß machte -- bis zu dem Weidengebüsch hin, bei welchem man die Barsche fing. So schwer es Lewin wurde, sein Gras zerfahren zu müssen, er fuhr dennoch in die Wiese. Das hohe Gras wogte geschmeidig um die Räder und die Hufe des Pferdes, seine Samenkörner an den nassen Speichen und Naben sitzen lassend.
Der Bruder ließ sich unter dem Gebüsch nieder und untersuchte die Angel, während Lewin das Pferd wegführte und anband, worauf er in das graugrüne, von keinem Lufthauch bewegte ungeheure Grasmeer der Wiese hineinschritt. Das wie Seide glänzende Gras mit den reifen Spitzen auf dem nassen Boden, ging ihm fast bis an den Gürtel.
Nachdem Lewin die Wiese durchkreuzt hatte, gelangte er auf den Weg heraus. Da begegnete er einem alten Manne mit einem geschwollenen Auge, der einen Bienenkorb trug, in welchem Bienen waren.
»Nun, Thomitsch, hast du etwas gefangen?« frug er diesen.
»Was soll ich fangen? Wenn man nur seine eigenen Bienen behalten kann! Mir war nun schon der zweite Schwarm hier davongegangen. Aber die Kinder haben ihn noch eingeholt. Bei Euch wird gepflügt -- sie hatten das Pferd ausgespannt,« --
»Was meinst du Thomitsch, soll man schneiden oder noch warten.«
»Nun, nach meiner Meinung müßte man bis zu St. Peter warten, doch Ihr schneidet stets früher. Nun, Gott wird es schon geben, daß das Gras gut ist und das Vieh Futter haben wird im Überfluß.«
»Und was meinst du zum Wetter?«
»Steht bei Gott! Vielleicht wird auch das Wetter gut.«
Lewin kehrte zu seinem Bruder zurück.
Derselbe hatte nichts gefangen, aber Sergey Iwanowitsch langweilte sich gleichwohl nicht und schien in der heitersten Stimmung zu sein. Lewin bemerkte, daß ihn das Gespräch mit dem Arzte angeregt hatte, und er Lust empfand, weiter zu sprechen. Er selbst aber wollte so bald als möglich nach Hause, um über die Wahl der Schnitter, während des Frühstücks, Verfügungen zu treffen und der Ungewißheit, in der er selbst sich wegen der Heuernte, die ihn stark in Anspruch nahm, befand, ein Ende zu machen.
»Wollen wir nicht aufbrechen?« begann Lewin.
»Warum denn so eilen? Bleiben wir noch ein wenig sitzen! Wie bist du aber doch naß geworden! Wenn man auch nichts fängt, so ist es doch ganz hübsch. Alle Jagd ist deshalb angenehm, weil man durch sie mit der Natur in Berührung kommt. Welcher Reiz liegt im Anblick dieses stahlfarbenen Gewässers,« sprach Sergey Iwanowitsch. »Diese Wiesenufer,« fuhr er fort, »stets geben sie nur ein Rätsel auf -- verstehst du? Das Gras spricht etwas zum Wasser.«
»Ich verstehe das Rätsel nicht,« versetzte Lewin mißmutig.
3.
»Weißt du, daß ich an dich gedacht habe,« sagte Sergey Iwanowitsch. »Das ist ja ohnegleichen, wie es bei Euch hier im Kreise zugeht, nach dem was mir dieser Arzt erzählt hat. Er ist durchaus kein Dummkopf. Auch ich habe dir ja schon gesagt, und sage es noch, es ist nicht gut, daß du nicht zur Sobranje fährst und dich überhaupt von den Angelegenheiten des Semstwo zurückgezogen hast. Wenn sich die tüchtigen Männer fernhalten, dann muß alles freilich Gott weiß wohin kommen. Wir zahlen unser Geld, aber es wird zu Belohnungen verwendet und keine Schule, kein Arzt, keine geprüften Hebammen, keine Apotheken, nichts haben wir davon.«
»Ich habe ja doch alles versucht,« versetzte Lewin halblaut und ungern, »aber ich kann nicht durchdringen! Was bleibt da somit noch zu thun?«
»Warum vermagst du nicht? Das verstehe ich nicht, offen gestanden! Gleichgültigkeit oder Unverständnis räume ich bei dir nicht ein; ist es etwa einfach die Faulheit?«
»Weder dies, noch jenes oder ein drittes. Ich habe versucht und sehe, daß ich nichts thun kann,« sagte Lewin.
Er hatte sich wenig um das gekümmert was sein Bruder soeben gesprochen, sondern schaute über den Fluß hinüber nach dem Ackerfelde. Er hatte dort etwas Schwarzes wahrgenommen, konnte es aber nicht erkennen. War es ein Pferd oder sein Inspektor zu Pferde?
»Weshalb kannst du gar nichts thun? Du hast einen Versuch gemacht, und derselbe ist nach deiner Meinung nicht geglückt; damit begnügst du dich nun. Wie kann man so wenig Eigenliebe haben?«
»Eigenliebe,« antwortete Lewin, bei seiner schwachen Seite getroffen von diesen Worten des Bruders, »kenne ich nicht! Hätte man mir auf der Universität gesagt, daß die anderen die Integralrechnung verständen und ich nicht, so wäre das Eigenliebe gewesen. Hierbei aber muß man aber doch schon von vornherein überzeugt sein, daß man zu derartigen Dingen eine gewisse Befähigung braucht; und die Hauptsache ist die, daß alle diese Arbeiten sehr wichtig sind.«
»Nun, und das, wovon ich spreche, wäre nicht von Bedeutung?« frug Sergey Iwanowitsch, seinerseits empfindlich geworden, weil sein Bruder das nicht bedeutungsvoll fand, was ihn beschäftigte, und namentlich, weil derselbe ihm offenbar fast gar nicht zugehört hatte.
»Mir erscheint es nicht wichtig; es beschäftigt mich nicht; was willst du eigentlich?« antwortete Lewin, der jetzt erkannt hatte, daß das, was er erblickte, sein Verwalter war, und daß der Verwalter die Leute vom Pflügen abkommandierte, denn dieselben wendeten die Pflüge. »Sollten sie schon fertig sein mit Pflügen?« dachte er.
»O, höre nur noch,« sagte der ältere Bruder, sein hübsches, geistreiches Gesicht in Falten legend, »alles hat seine Grenzen. Es ist ja ganz löblich, ein Sonderling zu sein und ein aufrichtiger Mensch der kein Falsch liebt -- ich weiß das alles recht wohl -- aber das, was du da sagst, hat entweder keinen Sinn, oder einen sehr mißlichen. Wie kannst du es unwichtig finden, daß dasselbe Volk, welches du liebst, wie du versicherst« --
-- »Das habe ich niemals versichert« -- dachte Konstantin Lewin bei sich.
-- »Hilflos abstirbt? Rohe Weiber lassen ihre Kinder verhungern, das Volk verstockt in Unwissenheit und steht unter der Machtbefugnis eines jeden Schreibers, und dabei ist dir das Mittel in die Hände gegeben, dem Abhilfe zu schaffen. Du aber hilfst nicht, weil dies nach deiner Ansicht nicht von Bedeutung ist!« Mit diesen Worten stellte ihm Sergey Iwanowitsch die Alternative, »entweder du bist nicht so weit geistig entwickelt alles wahrzunehmen, was sich thun ließe, oder du willst in deiner Behäbigkeit, deiner Eigenliebe -- ich weiß nicht weshalb -- überhaupt nicht zugeben, daß dies geschehe.«
Konstantin Lewin empfand, daß er sich nur noch unterwerfen könne oder seinen Mangel an der Liebe zur socialen Frage eingestehen müsse. Dies aber kränkte und erbitterte ihn.
»So oder so,« sagte er entschiedenen Tones, »ich sehe nicht ein, daß es möglich wäre« --
»Wie? Es soll bei einer vernünftigen Anlage des Kapitals unmöglich sein, ärztliche Hilfe einzuführen?« --
»Unmöglich, wie mir scheint. Auf die viertausend Werst unseres Kreises, mit seinen Schneewasserbächen, Schneestürmen, seiner Arbeitszeit sehe ich keine Möglichkeit, nach allen Seiten hin ärztliche Hilfe zu leisten. Ich glaube überhaupt nicht recht an die Medizin.«
»Ach erlaube, das ist ungerecht; ich kann dir hundert Beispiele aufzählen. -- Wie denkst du denn über das Schulwesen?« --
»Wozu brauchen wir Schulen?«
»Was sagst du da? Kann etwa ein Zweifel über den Nutzen der Bildung bestehen? So gut wie sie dir nützlich ist, wird sie es jedermann.«
Konstantin Lewin fand sich moralisch an die Wand gedrückt und geriet infolge dessen in Zorn, weshalb er unwillkürlich den hauptsächlichsten Grund seiner Gleichgültigkeit der socialen Frage gegenüber äußerte.
»Mag sein, daß alles das ganz gut ist; weshalb aber soll ich mich um die Anlage ärztlicher Stationen kümmern, von denen ich selbst nie einen Nutzen habe, oder mich um Schulen kümmern, in die ich meine Kinder gar nicht senden werde, ja, in welche selbst die Bauern ihre Kinder nicht schicken wollen. Ich bin auch gar nicht fest überzeugt, daß sie ihre Kinder in die Schule schicken müßten.«
Sergey Iwanowitsch war eine Minute lang erstaunt über diese unerwartete Anschauung von der Sache, hatte aber sogleich einen neuen Angriffsplan entworfen.
Er schwieg, langte eine der Angelruten aus dem Wasser, warf wieder aus, lächelte dann und wandte sich an seinen Bruder.
»Gestatte. Zuerst ist wohl die medizinische Station unerläßlich nötig. So haben wir doch der Agathe Michailowna wegen nach dem Arzte des Semstwo schicken müssen?«
»Ich denke, die Hand wird krumm bleiben.«
»Das ist noch die Frage. Ferner ist dir also ein Bauer, ein Arbeiter, welcher lesen und schreiben kann, doch nötiger und nützlicher.«
»Nein. Frage, wen du willst,« versetzte Konstantin Lewin in entschiedenem Tone, »ein Arbeiter der schreiben und lesen kann, ist bei weitem weniger wert. Die Wege lassen sich auch nicht ausbessern, denn sobald man Brücken baut, stehlen sie dieselben.«
»Darum handelt sichs jetzt gar nicht,« antwortete Sergey Iwanowitsch finster, da er Widersprüche nicht liebte, und am wenigsten solche, die beständig von dem Einen auf das Andere übersprangen, und ohne inneren Zusammenhang neue Beweisgründe beibrachten, so daß man nicht mehr erkennen konnte, worauf man antworten solle. »Gestatte,« sagte er, »erkennst du an, daß die Bildung ein Segen für das Volk ist?«
»Das erkenne ich an,« antwortete Lewin arglos, dachte aber gleich darnach, daß er nicht ausgesprochen habe, was er denke. Er fühlte, daß ihm, wenn er dies zugebe, bewiesen werden könne, er habe ungereimte Sachen geäußert, die keinen Sinn besäßen. Wie ihm dies bewiesen werden sollte, wußte er zwar noch nicht, aber er wußte, daß es logisch unzweifelhaft der Fall sein werde, und wartete nun auf diesen Beweis.
Es kam bei weitem einfacher, als Konstantin Lewin vermutet hatte.
»Wenn du sie als einen Segen anerkennst,« fuhr Sergey Iwanowitsch fort, »so kannst du als ehrenhafter Mensch nicht umhin, einer solchen Sache dein Interesse zu wahren und ihr zuzustimmen und mußt daher für sie zu arbeiten wünschen.«
»Aber ich habe ja die Sache selbst noch gar nicht als gut anerkannt,« meinte Konstantin Lewin, errötend.
»Wie? Soeben sagtest du doch« --
»Das heißt, ich halte sie nicht für gut und nicht für möglich« --
»Das kannst du nicht wissen, ohne für sie gewirkt zu haben.«
»Nun, gesetzt, es wäre so,« sagte Lewin, obwohl er durchaus nicht daran glaubte, »so würde ich noch immer nicht einsehen, weshalb man sich so sehr darum sorgen soll.«
»Inwiefern?«
»Nun; da wir einmal auf das Thema gekommen sind, so erkläre mir sie doch vom philosophischen Standpunkte aus,« fuhr Lewin fort.
»Ich verstehe nicht, was hier die Philosophie soll,« antwortete Sergey Iwanowitsch, wie es Lewin schien, in einem Tone, als erkenne er diesem das Recht nicht zu, über Philosophie zu urteilen, was in Lewin Erbitterung hervorrief.
»Nun, so höre,« antwortete er erhitzt, »ich bin der Meinung, daß die bewegende Ursache in allen unseren Handlungen immer das persönliche Wohlergehen ist. In den Institutionen unseres Kreises sehe ich als Edelmann nichts, was für mein eigenes Wohlergehen etwas beitragen könnte. Die Verkehrswege sind nicht besser geworden und können nicht besser werden, meine Pferde tragen mich auch über die schlechten, und einen Arzt brauche ich nicht. Ein Friedensrichter ist für mich nicht erforderlich, ich wende mich niemals an ihn und werde es auch nicht thun; Schulen brauche ich nicht nur nicht, nein sie schaden mir sogar, wie ich dir gesagt habe. Für mich haben die Institutionen des Semstwo eigentlich nur die Verbindlichkeit im Gefolge, für jede Desjatine meines Areals achtzehn Kopeken Steuern zu zahlen, nach der Stadt zu fahren, dort in Gesellschaft von Ungeziefer über Nacht zu bleiben und allen möglichen Unsinn, alle Abgeschmacktheiten mit anzuhören, ein persönliches Interesse leitet mich jedoch hierbei nicht.«
»Erlaube,« fiel ihm hier Sergey Iwanowitsch lächelnd ins Wort, »das persönliche Interesse ist es auch nicht, welches uns zur Arbeit für die Befreiung des Bauernstandes angeregt hat -- wir haben aber doch gearbeitet!«
»O nein,« rief Konstantin Lewin, immer mehr in Eifer geratend, »die Befreiung der Bauern war eine andere Aufgabe; hier handelte es sich um ein persönliches Interesse. Man wollte jenes Joch von sich abschütteln, welches uns drückte, wie überhaupt alle guten Menschen. Aber hier soll ich mich dazu verstehen, darüber mein Gutachten abgeben, wie viele Goldschmiede eine Stadt nur haben dürfe und in welcher Weise in ihr Dampfessen zu bauen seien, in ihr, in welcher ich gar nicht wohne, oder an einer Verhandlung gegen einen Bauern teilnehmen, der einen unbedeutenden Gegenstand gestohlen hat, und dabei sechs Stunden lang all den Unsinn anhören, den die Verteidiger zusammenschwatzen, wenn der Vorsitzende meinen alten dummen Aljoschka frägt, >geben Sie, Herr Angeklagter, die Thatsache der Entwendung des Objekts zu?<«
Konstantin Lewin war ganz hingerissen, indem er sich Untersuchungsrichter und den alten dummen Aljoschka vorstellte; ihm schien, als gehöre auch dies mit zur Sache.
Sergey Iwanowitsch aber zuckte die Schultern.
»Was willst du denn eigentlich sagen?«
»Ich will nur sagen, daß ich diejenigen Rechte, welche mich, mein eigenes Interesse berühren, stets verteidigen werde mit allen Kräften. Wenn bei uns während der Universitätszeit Haussuchungen vorgenommen wurden und die Polizei unsere Briefe las, da war ich bereit, mit allen Kräften diese Rechte zu vertreten, meine Rechte auf die Bildung und geistige Freiheit. Ich verstehe die allgemeine Wehrpflicht, die das Geschick meiner Kinder angeht, meiner Brüder wie mein eigenes, ich bin bereit, das zu beurteilen, was mich selbst betrifft, aber darüber zu urteilen, wie vierzigtausend Rubel Kreisgelder zur Verwendung kommen, oder ob der alte Dummkopf Aljoscha zu verurteilen sei, das verstehe ich nicht, das kann ich nicht. «
Konstantin Lewin sprach, daß die Worte sich wie im Schwall aus seinem Munde ergossen. Sergey Iwanowitsch lächelte.
»Wenn du nun morgen verurteilt würdest -- sollte es dir lieber sein, wenn man dich in einem unserer hochnotpeinlichen Kriminalgerichte nach altem Stil verurteilte?«
»Ich werde nicht verurteilt. Ich werde niemand ermorden und brauche dies nicht. Und was willst du!« -- rief er plötzlich, wiederum zu einem völlig der Sache ganz fernliegenden Thema überspringend, »unsere Kreisinstitutionen und alles Verwandte sind ähnlich jenen Birken, die wir zu Pfingsten aufstellen, zum Zwecke, sie als Bilder des Waldes vor uns zu sehen, welcher in Europa schon längst in Blüte steht -- ich vermag nicht, mich selbst zu täuschen und an diese Birken zu glauben.«
Sergey Iwanowitsch zuckte nur die Schultern, damit seiner Verwunderung Ausdruck verleihend, woher jetzt mit einem Male in der Auseinandersetzung diese Birken hatten erscheinen können -- obwohl er sofort verstand, was sein Bruder damit andeuten wollte.
»Gestatte, so kann man doch nicht urteilen,« bemerkte er; allein Konstantin Lewin wollte sich rechtfertigen von dem Mangel, den er selbst in sich empfand, von dem Vorwurf der Gleichgültigkeit gegenüber dem allgemeinen Wohl, und er fuhr fort:
»Ich denke, daß keine Art von Wirksamkeit erfolgreich sein kann, die nicht ihre Begründung im persönlichen Interesse findet. Dies ist eine allgemeine Wahrheit, eine philosophische,« sagte er, das Wort entschiedenen Tones wiederholend, als wünschte er zu zeigen, daß auch er das Recht besitze, wie jeder andere von Philosophie zu reden.
Sergey Iwanowitsch lächelte wieder; auch sein Bruder hatte also eine gewisse eigene Philosophie im Dienste seiner Neigungen, dachte er bei sich.
»Nun, die Philosophie möchtest du beiseite lassen,« sagte er, »die Hauptaufgabe der Philosophie aller Zeiten besteht namentlich darin, jenes unumgänglich nötige Band zu finden, welches zwischen dem persönlichen und dem allgemeinen Interesse existiert. Indessen das gehört nicht zur Sache, es handelt sich hier für mich nur darum, deinen Vergleich zu berichtigen. Die Birken werden nicht aufgestellt, sondern, teils gepflanzt, teils gesät und man muß mit ihnen ziemlich vorsichtig umgehen. Nur diejenigen Völker besitzen eine Zukunft, können sich historisch nennen, welche ein Gefühl für das haben, was in ihren Institutionen wichtig und bedeutungsvoll ist und diese hochhalten.« Sergey Iwanowitsch übertrug jetzt die Frage auf das Gebiet des philosophisch Historischen, welches Konstantin Lewin unzugänglich war und zeigte ihm da den ganzen Irrtum in seiner Anschauung. »Was aber dies anbetrifft, daß dir die Sache nicht gefällt, so verzeihe mir; es handelt sich hier eben um unsere russische Trägheit und das Junkertum. Ich aber bin überzeugt, daß es sich bei dir um einen zeitweiligen Irrtum handelt, der vorübergehen wird.«
Konstantin schwieg. Er empfand, daß er auf allen Punkten geschlagen sei, fühlte aber auch zugleich, daß das, was er hatte sagen wollen, von seinem Bruder mißverstanden worden war. Er wußte nur nicht, warum; ob deshalb, weil er nicht so klar auszudrücken verstand, was er sagen wollte, oder deshalb, weil der Bruder ihn nicht verstehen wollte, oder nicht verstehen konnte?
Er machte sich indessen nicht Gedanken hierüber, sondern dachte nun über eine neue, ihn persönlich betreffende Angelegenheit nach, ohne dem Bruder zu antworten.
Sergey Iwanowitsch wickelte die letzte Angel zusammen, band das Pferd los und beide fuhren heim.
4.
Die persönliche Angelegenheit, welche Lewin während seines Gespräches mit dem Bruder beschäftigt hatte, war folgende:
Im vergangenen Jahre hatte Lewin einmal, als er auf die Wiesen hinausgekommen war und sich über den Inspektor geärgert hatte, zu seinem gewöhnlichen Beruhigungsmittel gegriffen -- die Sense eines Bauern genommen und selbst angefangen zu mähen.
Diese Beschäftigung hatte ihm so gefallen, daß er sich in der Folge öfters damit befaßte, zu mähen, und so hatte er eine ganze Wiese vor seinem Hause abgemäht und sich seit dem Frühling im laufenden Jahre den Plan entworfen, ganze Tage hindurch mit den Feldarbeitern zusammen zu mähen. Seit der Ankunft des Bruders befand er sich nun in Zweifel, ob er mit mähen solle, oder nicht. Er mochte den Bruder nicht gern ganze Tage sich allein überlassen und fürchtete auch, dieser möchte ihn auslachen. Als er aber über die Wiese schritt, und sich die Eindrücke die ihm das Mähen verursacht hatten, ins Gedächtnis zurückrief, war er schon fast entschlossen, mit zu mähen. Nach dem ärgerlichen Gespräch mit seinem Bruder, entsann er sich wiederum seiner Absicht.
Körperliche Bewegung muß ich haben, oder mein Geist wird zweifellos zu Grunde gehen, dachte er, und beschloß, mit zu mähen, wie unpassend ihm dies auch vor seinem Bruder und seinen Leuten erscheinen mochte.
Gegen Abend begab sich Konstantin Lewin ins Kontor, traf Anordnungen für die Arbeiten und schickte nach den Dörfern, um für den folgenden Tag die Schnitter aufbieten zu lassen, da er zuerst die kalinische Wiese, die größte und beste, schneiden lassen wollte.
»Schickt auch meine Sense mit zu Tit, damit er sie ausklopfe und morgen mitbringe; wahrscheinlich werde ich selbst mit mähen,« sagte er, sich bemühend, nicht in Verlegenheit zu geraten.
Der Verwalter lächelte und sagte:
»Zu Diensten!«
Am Abend beim Thee sagte Lewin auch dem Bruder davon.
»Es scheint, als ob das Wetter aushalten werde,« sprach er, »ich will morgen mit der Heuernte beginnen.«
»Diese Arbeit liebe ich sehr,« versetzte Sergey Iwanowitsch.
»Ich liebe sie ganz außerordentlich; ich habe sogar selbst schon bisweilen mit den Bauern zusammen gemäht und morgen will ich den ganzen Tag mit arbeiten.«
Sergey Iwanowitsch hob den Kopf und blickte seinen Bruder gespannt an.
»Was heißt das? Mit den Bauern zusammen, -- den ganzen Tag?« --
»Ja. Das ist sehr hübsch,« antwortete Lewin.
»Es ist ausgezeichnet als körperliche Übung, aber das kannst du doch kaum aushalten?« frug Sergey ohne jeden Spott.
»Ich habe es versucht. Anfangs wurde mir es schwer, doch dann gewöhnt man sich daran. Ich denke, daß ich es nicht aufgeben werde.«
»Sieh einmal an! Aber sage mir doch, wie die Bauern dies aufnehmen? Sie müssen doch jedenfalls ihren Spott darüber treiben, daß der Herr ein Sonderling ist.«
»Nein, das glaube ich nicht, aber es ist dies eine so lustige und zugleich so schwere Arbeit, wie man gar nicht glauben sollte.«
»Dann willst du auch mit ihnen zusammen essen? Läßt dir etwa Lafitte hinbringen und einen gebratenen Kapaun; nicht übel.«
»Nein; aber sobald sie ihre Arbeitspause haben, fahre ich nach Hause.«
Am andern Morgen erhob sich Konstantin Lewin frühzeitiger als sonst, aber häusliche Anordnungen hielten ihn noch auf, und als er zu der Heuernte kam, waren die Mäher bereits bei der zweiten Reihe.
Schon vom Berge herab gewahrte er unten am Fuße desselben den dunkleren bereits gemähten Teil der Wiese und die grauen Schwaden, und schwarzen Haufen der Röcke, welche von den Mähern dort, von wo sie die erste Reihe begonnen hatten, abgelegt worden waren.
Je näher er kam, um so deutlicher traten die Gestalten der hintereinander in langer Reihe getrennt schreitenden, sensenschwingenden Bauern hervor; einer im Rock, der andere nur im Hemd; er zählte ihrer zweiundvierzig. Langsam bewegten sie sich vorwärts auf dem unebenen Grund der Wiese, auf dem ein alter Damm hinlief; einzelne seiner eigenen Leute erkannten Lewin; dort sah er den alten Jermil in einem sehr langen weißen Überhemd, gebückt seine Sense schwingend, hier den jungen tüchtigen Waska, der Lewins Kutscher war, jede Reihe mit einem Strich niederlegte, dann Tit, ein kleines hageres Männchen, Lewins Lehrmeister im Mähen. Ohne sich zu bücken, schritt derselbe voran, wie spielend mit seiner Sense breite Reihen schneidend.
Lewin stieg vom Pferde, band es beim Wege an und begab sich zu Tit, welcher eine zweite Sense aus einem Busche hervorholte und sie ihm reichte.
»Die ist brauchbar,« sagte Tit, »sie rasiert förmlich, und schneidet wie von selbst,« bemerkte er, lächelnd die Mütze lüftend und Lewin die Sense hinreichend.
Lewin ergriff sie und probierte. Mit ihren Reihen zu Ende kommend, traten die Mäher einer nach dem anderen, schweißtriefend aber heitergestimmt auf den Weg heraus, und begrüßten lachend ihren Herrn. Alle blickten ihn an, keiner aber sprach ein Wort, bevor nicht der hochgewachsene Alte, mit seinem runzligen, bartlosen Gesicht, in der Jacke von Schafwolle, auf dem Wege angelangt war und sich an ihn gewandt hatte.
»Sieh Herr, du läßt es dir angelegen sein; nur nicht aufhören!« begann der Alte, und Lewin vernahm verhaltenes Lachen unter den Mähern.
»Nun, ich will mir schon Mühe geben nicht aufzuhören,« antwortete er, hinter Tit tretend und das Zeichen des Anfangs erwartend.
»Wir wollen sehen,« sagte der Alte.
Tit machte einen Platz frei und Lewin trat nach ihm ein. Das Gras stand niedrig vorn am Wege, und Lewin, der lange Zeit nicht gemäht hatte, mähte in den ersten Minuten, von den auf ihn gerichteten Blicken in Verlegenheit gesetzt, schlecht, wenn er auch die Sense kräftig schwang. Er vernahm hinter sich Stimmen:
»Schlecht aufgesetzt, Handgriff zu hoch; da, wie er sich noch bückt!« sagte einer.
»Mit der Hacke muß er sich mehr stemmen,« bemerkte ein anderer.
»Nein, ganz gut so;« sagte ein Dritter. »Siehst du, es geht. Man muß den Strich weit nehmen, sonst ermüdet man. Aber das geht doch nicht; -- der Herr -- er arbeitet ja für sich selbst! Und da dingt man Leute! Unser Einem würde dies übel bekommen!«
Das Gras wurde nun weicher und Lewin, welcher alles hörte, aber nicht antwortete, bemühte sich zu mähen so gut er konnte, indem er hinter Tit herging. So war man hundert Schritte vorwärts gekommen. Tit ging immer noch, ohne innezuhalten; er zeigte nicht die geringste Ermüdung, aber Lewin wurde es schon ängstlich zu Mut, daß er die Arbeit nicht würde aushalten können, so ermüdet war er.
Er fühlte, daß er mit den letzten Kräften die Sense schwang und beschloß, Tit zu bitten, daß er einhielte. Aber im nämlichen Moment blieb dieser selbst stehen, raufte, sich niederbeugend, etwas Gras auf, wischte seine Sense ab und begann sie zu dengeln.
Lewin richtete sich empor, atmete tief auf und schaute um sich. Hinter ihm kam ein Arbeiter, augenscheinlich gleichfalls ermattet, da er sogleich, ohne bis an Lewin heranzukommen, Halt machte und ebenfalls zu schärfen begann. Tit dengelte seine und Lewins Sense und weiter ging es nun.
Dies wiederholte sich auch beim zweitenmal. Tit ging Schritt um Schritt, ohne Halt zu machen oder auszuruhen. Lewin folgte ihm, sich bemühend, ebenfalls auszuhalten; aber es wurde ihm dies schwieriger und schwieriger und der Augenblick kam, in dem er empfand, daß seine Kräfte erschöpft waren. Aber im nämlichen Moment hielt Tit wiederum inne und begann zu dengeln.
So ging es die erste Reihe hinunter, und sie schien Lewin ganz besonders sauer bei ihrer Länge, aber nichtsdestoweniger war es diesem, -- als die Reihe beendet war und Tit, die Sense über die Schulter werfend, langsamen Schrittes in den Spuren zurückging, die von seinen Absätzen in der gemähten Wiese geblieben waren, er selbst aber in seiner Reihe das Nämliche that, obwohl der Schweiß ihm in Strömen über das Gesicht lief, von seiner Nase tropfte und sein Rücken ganz naß war, als sei er mit Wasser begossen worden -- außerordentlich wohl zu Mute, und namentlich freute es ihn, daß er jetzt wußte, er könne die Arbeit aushalten.
Seine Freude wurde nur dadurch getrübt, daß seine Reihe nicht schön aussah. »Ich werde weniger mit der Hand ausgreifen müssen, als mit dem ganzen Oberkörper,« dachte er, den von Tit gelegten Schwaden mit seinem vergleichend, der zerstreut und ungleichmäßig lag.
Die erste Reihe hatte Tit, wie Lewin gemerkt hatte, besonders schnell zurückgelegt, wahrscheinlich weil er wünschte, den Herrn auf die Probe zu stellen, und die Schwaden lagen daher gestreckt. Die folgenden waren schon leichter gewesen, obwohl Lewin dabei immer noch alle seine Kräfte anstrengen mußte, um nicht hinter den Bauern zurückzubleiben.
Er dachte und wünschte nichts, als nur nicht hinter den Bauern zu bleiben, und so gut wie möglich zu arbeiten. Er hörte nur das Rauschen der Sensen und sah dicht vor sich die straffe Gestalt Tits weitergehen, den Halbkreis in der Wiese, die langsam um die Schärfe seiner Sense hin- und herwogenden Halme und Samentroddeln, und weiter vorn das Ende der Reihe, bei welchem Erholung winkte.
Ohne zu wissen, wie es kam, empfand er plötzlich inmitten seiner Arbeit ein angenehmes Gefühl von Kühle auf den erhitzten, schweißtriefenden Schultern. Er blickte zum Himmel empor, während die Sense geschärft wurde; eine niedrig hängende, schwere Wetterwolke war heraufgekommen und ein feiner Regen fiel nieder. Einige der Arbeiter liefen zu ihren Röcken und zogen dieselben über, andere -- und ebenso that Lewin -- zuckten nur frohgelaunt die Schultern unter der angenehmen Erfrischung.
Reihe auf Reihe wurde zurückgelegt, und man schnitt lange und kurze Reihen, mit gutem und schlechtem Gras ab. Lewin hatte jegliches Zeitgefühl verloren und wußte schlechterdings nicht zu sagen, ob es jetzt früh oder spät sei. In seiner Thätigkeit begann jetzt eine Veränderung vor sich zu gehen, die ihm außerordentliches Vergnügen gewährte.
Mitten in der Arbeit überkamen ihn Minuten, in denen er vergaß, womit er beschäftigt war; es wurde ihm frei ums Herz und in diesen Augenblicken fielen seine Schwaden fast ebenso gleichmäßig und schön, wie bei Tit. Kaum aber hatte er sich wieder vergegenwärtigt, was er thue, und angefangen, recht gut arbeiten zu wollen, so erfuhr er an sich wieder die ganze Schwierigkeit der Arbeit, und seine Schwaden fielen schlecht.
Als er eine weitere Reihe beendet hatte, und wiederum umkehren wollte, blieb Tit stehen und raunte dem Alten, indem er zu ihm hintrat, leise etwas zu. Beide blickten nach der Sonne.
»Wovon mögen sie sprechen, und weshalb fangen sie keine Reihe mehr an?« dachte Lewin, der gar nicht daran gedacht hatte, daß die Bauern ohne Unterbrechung jetzt schon nicht weniger als vier Stunden gemäht hatten und nun frühstücken mußten.
»Frühstücken, Herr,« sagte der Alte zu ihm.
»Schon Zeit? Gut, frühstücken wir!«
Lewin gab Tit seine Sense und schritt zusammen mit den Arbeitern die nach dem Frühstücksbrot zu ihren Röcken gingen, durch die leicht vom Regen besprühten Schwaden auf der abgemähten Fläche nach seinem Pferde. Hier erst fiel ihm ein, daß er gar nicht an das Wetter gedacht und der Regen ihm das Heu naß gemacht habe.
»Er wird es verderben,« sagte er.
»O, nein, Herr,« antwortete ihm der Alte und fügte in der russischen Bauernregel hinzu: »=W do[vz]dj kosi, w pogodu grebi=!«
Lewin band sein Pferd los, und ritt heim, um Kaffee zu trinken.
Sergey Iwanowitsch war soeben erst aufgestanden. Nachdem Lewin den Kaffee zu sich genommen, ritt er wieder hinaus zur Heuernte, bevor noch Sergey Iwanowitsch sich angekleidet hatte und im Speisezimmer erschienen war.
5.
Nach dem Frühstück kam Lewin nicht wieder an seinen früheren Platz in der Reihe, sondern zwischen einen launigen Alten, der ihn in seine Nachbarschaft gebeten hatte, und einen jungen Bauern, der erst seit dem Herbst verheiratet und das erste Jahr mit Heumähen gegangen war.
Der Alte ging in aufrechter Haltung voran, gleichmäßig die gespreizten Beine vorwärts setzend und in ruhiger Bewegung, die bei ihm offenbar nicht mehr Arbeit war, als vielmehr eine Bewegung mit den Armen im Gehen, -- wie spielend ganz allein eine hochgewachsene Reihe niederstreckend, als ob nicht er, sondern nur seine haarscharfe Sense in das saftige Gras schnitte.
Hinter Lewin schritt der junge Mischka. Das freundliche, jugendliche Gesicht desselben, mit den von frischem Gras umwundenen Haaren, arbeitete selbst mit vor Anstrengung, aber sobald ihn einer anblickte, lächelte er. Offenbar war er bereit, lieber zu sterben, als einzugestehen, daß es ihm sauer werde.
Lewin ging zwischen den beiden; gerade in der höchsten Hitze erschien ihm das Mähen nicht so anstrengend. Der Schweiß, welcher ihn überströmte, kühlte ihn, die Sonne, welche auf seinen Rücken, seinen Kopf und den bis zum Ellbogen entblößten Arm brannte, verlieh ihm Kraft und Ausdauer in der Arbeit; öfter und öfter kamen jene Minuten des Zustandes der Selbstvergessenheit, in denen man nicht an das zu denken braucht, was man thut.
Die Sense schnitt wie von selbst. Dies waren ihm glückselige Augenblicke. Noch glückseliger aber waren die, wenn der Alte, an den Fluß gelangend, an welchem die Reihen aufhörten, mit dem dichten nassen Grase seine Sense abrieb und ihren Stahl in dem frischen Wasser des Flusses badete, alsdann Wasser zu seinem Preißelbeerschnaps mischte und Lewin damit regalierte.
»Das ist Kwas von mir,« sagte er, »er ist wohl gut?« sagte er und seine Augen zwinkerten dabei.
Und in der That hatte Lewin noch niemals ein solches Getränk gekostet, wie dieses laue Wasser mit dem darauf schwimmenden Grün und seinem rostigen Blechgeschmack von den Preißelsbeeren.
Gleich darauf begann wiederum der langsame Gang, die Hand an der Sense, während dessen man den strömenden Schweiß abwischen konnte, mit voller Brust aufatmete und die weithin sich dehnende ganze Reihe der Schnitter überschaute, wie alles, was sich ringsum, im Walde und auf der Haide, ereignete. Je länger Lewin mähte, um so häufiger wurden die Momente der Selbstvergessenheit, in welcher die Hände schon nicht mehr die Sense schwangen, sondern diese selbst die Hand bewegte, als sei sie ein Ding mit Bewußtsein, ein lebensvoller Körper, und wie durch Zauberei ohne sein eigenes Zuthun, wurde die Arbeit durch sich selbst recht und sorgsam. Dies waren für ihn die schönsten Augenblicke.
Schwierig aber wurde die Sache dann, wenn man diese unbewußt gewordene Bewegung zu regeln hatte und denken mußte, wenn es galt, über einen Maulwurfshügel oder einen Fleck mit nichtgejätetem Sauerampfer zu mähen.
Der Alte vollbrachte dies mit Leichtigkeit. Kam ein solcher Erdhaufen, so veränderte er seine Bewegung und wo sein Absatz war, mit dem Ende der Sense, da umschnitt er denselben von beiden Seiten mit kleinen kurzen Streichen. Indem er dies aber that, schaute er vorsichtig auf und beobachtete alles, was sich vor ihm im Grase zeigte. Bald nahm er einen kleinen Pilz auf und verspeiste ihn, oder gab ihn Lewin zu essen, bald beseitigte er mit der Spitze der Sense ein Gestrüpp, bald erblickte er ein Wachtelnest, von welchem erst dicht vor der Schneide die Mutter aufflog, bald fing er eine Schlange, die ihm über den Weg kam und hob sie wie auf eine Gabel gespießt auf der Sense empor, sie Lewin zeigend und dann beiseite schleudernd. Für diesen und den jungen Bauern dahinter, waren diese Bewegungen schwierig. Beide, die nur das Augenmerk auf ihre Bewegungen richten mußten, befanden sich unter dem Zwange der Arbeit und besaßen nicht die Kraft, ihre Bewegungen zu ändern, und zu gleicher Zeit auch zu beobachten, was um sie her vor sich ging.
Lewin merkte gar nicht, wie die Zeit verging. Hätte man ihn gefragt, wie lange er schon gemäht habe, so würde er geantwortet haben, eine halbe Stunde -- und doch war es schon Mittag geworden. Bei dem Anfang einer Reihe lenkte der Alte Lewins Aufmerksamkeit auf einige kleine Mädchen und Knaben, welche von verschiedenen Gegenden, kaum sichtbar, im hohen Grase und auf dem Wege daher auf die Schnitter zukamen. Sie trugen kleine Päckchen in den Händen mit Brot, und mit Tüchern oben zugebundene Schüsseln voll Kwas.
»Da kommen unsere Käferchen herangekrochen!« sagte er, auf die kleinen weisend und unter der hochgehaltenen Hand nach der Sonne hinaufblickend. Noch zwei Reihen wurden zurückgelegt, dann hielt der Alte inne.
»Nun, Herr, wollen wir essen!« sagte er kurz. Er ging zum Flusse, die Schnitter kamen durch die Schwaden zu ihren Röcken, bei denen die Kinder, welche die Mittagsmahlzeit gebracht hatten, ihrer harrend, saßen. Die Landleute sammelten sich -- die weiter ab Arbeitenden unter die Wagen, die näher Befindlichen unter einem Gebüsch, welches mit Gras gedeckt worden war.
Lewin setzte sich zu ihnen; er verspürte keine Lust, heimzufahren.
Alle Befangenheit vor dem anwesenden Herrn war längst verschwunden, die Bauern rüsteten sich zu ihrer Mahlzeit. Die einen wuschen sich, die Kleinen badeten im Flusse, andere suchten einen Ort zur Ruhe, lösten die Beutel mit dem Brot und öffneten die Kwasschüsseln.
Der Alte brockte Brot in seine Schüssel, stampfte es mit dem Löffelstiel, goß Preißelsbeersaft darüber, schnitt noch mehr Brot, salzte es und begann hierauf, nach Osten gewendet sein Gebet zu verrichten.
»Nun, Herr, wollt Ihr von meiner Tjurka?« frug er dann, sich auf die Kniee vor seiner Schüssel niederhockend. Die Tjurka war so schmackhaft, daß Lewin es aufgab, heimzureiten um Mittag zu essen. Er speiste mit dem Alten und unterhielt sich mit demselben über dessen häusliche Verhältnisse, an denen er lebendiges Interesse bekundete. Er teilte ihm selbst alle seine eigenen Geschäfte mit, alle Umstände, welche den Alten zu interessieren vermochten. Er fühlte sich diesem viel näher, als seinem Bruder, und lächelte unwillkürlich über die herzliche Neigung, die er zu diesem Greise fühlte. Als dieser sich wieder erhob und abermals gebetet hatte, streckte er sich unter das Gebüsch, sich Gras unter sein Kopfkissen legend; Lewin that das Nämliche und schlief sogleich ein, ungeachtet der klebrigen, zudringlich in der Sonne schwärmenden Fliegen und Käfer, welche sein schweißbedecktes Gesicht und den Körper umschwirrten, um erst wieder aufzuwachen, als die Sonne schon auf der anderen Seite des Strauches stand und ihn stach. Der Alte schlief schon lange nicht mehr; er saß und flocht den Kindern die Zöpfe.
Lewin schaute im Kreise um sich; er erkannte den Ort nicht wieder, so hatte sich alles verändert. Die Wiese in ihrer weiten Ausdehnung war gemäht und glänzte jetzt von einem eigenartigen, neuen Schimmer in ihren schon duftenden Schwaden unter den abendlich schrägfallenden Strahlen der Sonne. Auch um das Gebüsch und am Flusse war gemäht, und dieser selbst, der vorher nicht sichtbar gewesen war, glänzte jetzt wie Stahl mit seinen Windungen; er sah das sich regende, sich erhebende Volk der Mäher, die steile Wand des noch nicht geschnittenen Grasbestandes der Wiese, die Habichte, die sich über der entblößten Fläche tummelten -- und alles das war ihm neu.
Als er zu sich gekommen war, begann er zu berechnen, wie viel bereits geschnitten war, und wie viel noch am heutigen Tage gearbeitet werden konnte.
Es war für die Zahl von zweiundvierzig Arbeitern ungewöhnlich viel geleistet worden. Eine ganze große Wiese, die sonst wohl von dreißig Sensen in zwei Tagen gemäht wurde, war jetzt schon fertig, und noch nicht geschnitten waren nur die Ecken mit ihren kurzen Reihen. Aber Lewin wünschte heute soviel als möglich zu mähen und war auf die Sonne ungehalten, die sobald schon hinunterging. Er fühlte keine Ermüdung; er wollte nur soviel als möglich und so schnell als möglich arbeiten.
»Nun, wie denkst du, können wir noch den >Maschkin Werch< mähen?« frug er den Alten.
»Wie Gott will; die Sonne steht allerdings nicht mehr hoch. Ein Schnaps wird den wackeren Burschen recht sein.«
Während des Vesperbrotes, als man sich wiederum niedersetzte und einige rauchten, teilte der Alte den Burschen mit, daß noch der »Maschkin Werch« gemäht werden müsse und es Branntwein geben werde.
»Ha, auf das Mähen kommt es uns nicht an! Ans Zeug, Tit! Wir wollen schon schwingen.«
»Wir können zum Abend essen. Also ans Werk!« vernahm man mehrere Stimmen und den letzten Bissen kauend, gingen die Mäher wieder an die Arbeit.
»Haltet euch dazu, Jungen!« rief der alte Tit, fast im Trabe den übrigen vorangehend.
»Geh zu, geh zu!« rief der Alte, ihm folgend und ihn leicht antreibend, »oder ich schneide zu -- hüte dich!« --
Die Jungen und die Alten mähten nun gleichsam um die Wette, aber so sehr sie sich auch sputeten, sie verdarben keine Reihe und die Schwaden fielen glatt und sorgfältig. Ein Winkel in der Ecke war in fünf Minuten fertig; und die hinteren Mäher gingen noch in den Reihen, als die vorderen bereits ihre Röcke über die Schultern warfen und über den Weg hinweg nach dem »Maschkin Werch« gingen.
Die Sonne senkte sich bereits über die Dörfer, als sie an die Waldschlucht, welche »Maschkin Werch« hieß, gelangten. Das Gras in der Mitte des Hohlweges stand bis an den Gürtel hoch, es war zart, weich und saftig, hier und da von Vergißmeinnicht durchsetzt.
Nach einer kurzen Beratung, ob man längs oder quer mähen solle, ging Prochor Jermilin, ebenfalls ein berühmter Mäher, ein außerordentlich großer, schwarzer Mann voran. Er ging einen Schwaden ab und begann zu mähen. Die übrigen thaten es ihm nach; die einen nach dem Berge hin in der Schlucht schreitend, die anderen auf den Abhang hinauf bis dicht an den Wald.
Die Sonne sank hinter dem Walde, der Thau begann schon zu fallen, und nur auf der Anhöhe waren die Mäher noch in der Sonne, unten aber, wo sich der Nebel erhob und jenseits gingen die Schnitter im frischen duftigen Schatten; die Arbeit war in vollstem Zuge.
Das unter sausendem Geräusch niedergestreckte Gras sank duftend in hohen Reihen und die Schnitter, von allen Seiten sich zu kurzen Zügen zusammendrängend, bald mit den Wetzsteinen klappernd, bald mit den Sensen klirrend, trieben sich unter lustigen Zurufen.
Lewin schritt noch immer zwischen dem jungen Arbeiter und dem Alten. Der letztere, welcher jetzt seine Schafwolljacke angezogen hatte, befand sich ebenfalls in lustiger aufgeräumtester Stimmung und bewegte sich mit voller Lebendigkeit. Im Walde fand man von den Sensen getroffene dicke Birkenschwämme im saftigen Grase. Der Alte bückte sich bei jedem derselben, hob ihn auf, prüfte, und steckte ihn dann in den Brustlatz. »Das ist etwas für meine Alte,« sagte er dabei.
So leicht es auch war, das nasse, dünne Gras mit der Sense zu schneiden, so schwierig war es, an den steilen Abhängen der Schlucht auf und abzusteigen beim Mähen. Aber den Alten verdroß dies nicht; die Sense stetig schwingend, ging er mit seinen kleinen, festen Schritten, die Füße in den mächtigen Bastschuhen, langsam die Anhöhen hinan und obwohl er dabei vor Anstrengung am ganzen Körper zitterte und die Beinkleider ihm tief herabgerutscht waren, ließ er doch kein einziges Hälmchen, keinen Pilz auf seinem Wege stehen und scherzte dabei mit den Arbeitern und mit Lewin ruhig weiter.
Dieser folgte ihm und dachte oft, er würde sicher stürzen, indem er mit der Sense an einem steilen Hügel hinanstieg, an welchem es schon ohne solche schwierig war, hinaufzukommen. Aber er stieg und that seine Pflicht, und empfand dabei, daß gleichsam eine gewisse äußere Macht mit ihm wirkte.
6.
Man hatte den »Maschkin Werch« abgemäht und legte die letzten Schwaden nieder; die Röcke wurden angezogen und alles kehrte in fröhlicher Stimmung heim.
Lewin setzte sich auf sein Pferd, und ritt, sich nur ungern von seinen Bauern verabschiedend, heim. Oben von dem Berge herab blickte er um sich; er gewahrte nichts mehr von den Leuten in dem aus der Niederung aufsteigenden Nebel, nur ihre Stimmen waren noch vernehmbar, lustige rauhe Stimmen, Lachen und die Töne der aneinanderklirrenden Sensen.
Sergey Iwanowitsch hatte die Abendmahlzeit schon längst beendet und nahm Limonade mit Wasser und Eis in seinem Zimmer zu sich. Er durchflog dabei die soeben von der Post eingetroffenen Zeitungen und Journale, als Lewin mit schweißdurchnäßten und wirr an der Stirn klebenden Haaren, Rücken und Brust von der Feuchtigkeit dunkel gefärbt, mit heiterem Gespräch ins Zimmer zu ihm hereintrat.
»Die ganze Wiese haben wir abgemäht, ah, und wie schön, es ist staunenswert! Was hast du denn den Tag hindurch gemacht?« frug Lewin, der das unerbauliche Gespräch von gestern völlig vergessen hatte.
»Bei allen Heiligen! Wie siehst du denn aus?« rief Sergey Iwanowitsch, in der ersten Minute seinen Bruder mit mißbilligendem Blicke musternd. »Aber so schließ doch die Thür, sicherlich hast du ein ganzes Dutzend Mücken hereingelassen!« rief er dann.
Sergey Iwanowitsch konnte die Fliegen nicht ausstehen und öffnete in seinem Zimmer nur des Nachts die Fenster, die Thür aber hielt er sorgfältig verschlossen.
»Mein Gott, es ist ja keine einzige da, und wenn ich welche hereinließ, dann will ich sie fangen! Du kannst nicht glauben, welches Vergnügen ich gehabt habe. Wie hast du denn den Tag verbracht?«
»Ich habe mich ganz gut unterhalten; aber hast du wirklich den ganzen Tag gemäht? Ich glaube, du mußt hungrig sein wie ein Wolf. Kusma hatte alles für dich fertig gemacht.«
»Nein, ich mag nicht essen, ich habe schon draußen gegessen, aber jetzt will ich gehen und mich waschen.«
»Nun, geh, ich komme dann sogleich zu dir,« antwortete Sergey Iwanowitsch, kopfschüttelnd seinen Bruder betrachtend. »Geh nun, geh nur schnell,« fügte er hinzu, lächelte und schickte sich, seine Bücher zusammennehmend, gleichfalls zu gehen an. Er fühlte sich plötzlich bei guter Laune und verspürte keine Neigung, sich von seinem Bruder zu trennen.
»Wo warst du denn, als es regnete?«
»Regnete? Es hat ja kaum getropft! Ich werde aber sogleich wiederkommen. Du hast dich also den ganzen Tag über wohl befunden? Das ist ja hübsch.« Lewin ging, um sich anzukleiden.
Nach Verlauf von fünf Minuten kamen die Brüder im Speisezimmer wieder zusammen. Obwohl es Lewin geschienen, als verspüre er gar keinen Hunger, setzte er sich doch zum Essen an den Tisch, um Kusma nicht zu beleidigen, als er indessen erst zu essen begonnen hatte, da zeigte sich ihm die Mahlzeit als äußerst schmackhaft. Sergey Iwanowitsch blickte ihn lächelnd an.
»Ach ja, es ist auch ein Brief für dich angekommen!« fügte er hierauf hinzu, »Kusma, bringe ihn doch gefälligst herunter; doch sieh zu, daß die Thür wieder geschlossen wird!«
Das Schreiben war von Oblonskiy; Lewin las es laut vor. Oblonskiy schrieb von Petersburg aus: »Ich habe einen Brief von Dolly erhalten; sie befindet sich in Jerguschowo, aber es geht ihr nicht nach Wunsch. Begieb dich doch, wenn ich dich bitten dürfte, einmal zu ihr und stehe ihr mit deinem Rate bei; du kennst ja alles. Sie wird sich gewiß recht freuen, dich zu sehen. Ist sie doch ganz verlassen, die Arme, denn meine Schwiegermutter ist mit der ganzen Familie noch im Ausland.«
»Das ist ja ausgezeichnet! Ich werde ohne Zweifel zu ihnen fahren!« rief Lewin, »wir könnten da eigentlich beide zusammen fahren! Sie ist ein so braves Weib; nicht wahr?«
»Ist es nicht zu weit?«
»Dreißig Werst, vielleicht auch vierzig. Doch der Weg ist vorzüglich; wir werden zusammen fahren.«
»Sehr angenehm,« antwortete Sergey Iwanowitsch noch immer lächelnd. Der Anblick seines jüngeren Bruders versetzte ihn geradezu in Heiterkeit. »Guten Appetit hast du!« sagte er, auf das über den Teller gebeugte, von der Sonne rotbraun gebrannte Gesicht und den Hals Lewins schauend.
»Außerordentlich! Du glaubst nicht, wie nützlich eine solche Methode für Thorheiten aller Art ist. Ich will die Medizin mit einem neuen deutschen Ausdruck >Arbeitskur<, bereichern.«
»Die scheint aber dir doch nicht nötig zu sein.«
»Nein; nur manchen Nervenleidenden.«
»Man müßte sie versuchen. Ich hatte allerdings große Lust, zur Heuernte zu kommen, um dich zu sehen, aber die Hitze war so unerträglich, daß ich nicht weiter kam, als bis zum Walde. Da habe ich mich niedergesetzt und bin dann nach dem Dorfe hin gegangen. Ich traf auch dabei deine Amme, die ich bezüglich der Ansichten der Bauern über dich ausfrug. So weit ich verstand, billigen sie dein Vorgehen nicht, und sie sagte, das Mähen sei nicht Sache eines vornehmen Herrn. Mir scheint im allgemeinen, als ob sich in den Begriffen des Volkes die Ansichten über eine konventionell herrschaftliche Thätigkeit, wie man es nennen könnte, sehr scharf bestimmt wären; diese Bauern lassen es nicht zu, daß die Herren aus den nach ihrer Auffassung bestimmten Grenzen heraustreten.«
»Mag sein, aber es ist dies doch solch ein Vergnügen, wie ich es in meinem Leben noch nicht gehabt habe. Etwas Böses ist ja auch nicht dabei. Nicht wahr?« antwortete Lewin. »Was ist nun zu thun, wenn es ihnen nicht gefällt? Ich denke übrigens, dies hat auch nichts auf sich. Wie?«
»Im allgemeinen,« fuhr Sergey Iwanowitsch fort, »bist du, wie ich sehe, mit deinem Tag zufrieden.«
»Sehr zufrieden; wir haben eine ganze Wiese gemäht, und mit was für einem Alten habe ich dort Freundschaft geschlossen! Du kannst dir das nicht vorstellen, -- eine Pracht!«
»Du bist also zufrieden mit deinem Tag. Ich bin es auch. Zunächst habe ich zwei Schachaufgaben gelöst, eine davon ist sehr hübsch, sie wird durch einen Bauer eröffnet und ich werde sie dir zeigen. Dann aber habe ich über unsere gestrige Unterredung nachgedacht.«
»Wie? Über unsere gestrige Unterredung?« frug Lewin, zufrieden mit den Augen blinkernd und tief aufschnaufend nach der Beendigung der Mahlzeit. Er hatte durchaus nicht die Fähigkeit mehr, sich wieder zu vergegenwärtigen, welcher Art die gestrige Unterredung gewesen war.
»Ich finde, daß du zum Teil recht hattest. Unsere Meinungsverschiedenheit beruht darin, daß du als das treibende Moment das persönliche Interesse hinstelltest, während ich glaube, daß ein Interesse für das allgemeine Wohl bei jedem Menschen vorhanden sein muß, welcher auf einer gewissen Bildungsstufe steht. Mag sein, daß du auch damit recht hast, die materiell interessierte Thätigkeit sei die wünschenswertere. Im allgemeinen bist du eine Natur, die, wie die Franzosen sagen, allzuviel =primesautière= ist; du willst eine leidenschaftliche, energische Thätigkeit, oder gar keine.«
Lewin hörte dem Bruder zu, er verstand aber durchaus nichts von dessen Worten und wollte auch nichts verstehen. Er fürchtete lediglich, der Bruder möchte ihm eine Frage stellen, bei der es sich zeigen würde, daß er gar nicht zugehört habe.
»So steht es also, Freundchen!« sagte Sergey Iwanowitsch, ihn an der Schulter fassend.
»Ja wohl, versteht sich. Aber was ist -- ich beharre ja gar nicht auf meiner Meinung,« antwortete Lewin mit kindlichem, schuldbewußten Lächeln. -- »Worin habe ich denn gestritten?« dachte er bei sich. »Freilich ich habe recht und er hat recht, und so ist alles gut. Aber jetzt nur noch ins Kontor und Anordnungen treffen.« Er erhob sich, dehnte sich und lächelte.
Sergey Iwanowitsch lächelte gleichfalls.
»Du willst mir aus dem Wege gehen; gehen wir zusammen,« sagte er, im Wunsche, sich nicht von dem Bruder zu trennen, von dem es ihn mit Frische und strotzender Kraft anmutete, »komm, laß uns zusammen nach dem Kontor gehen, wenn du dorthin mußt.«
»Alle Heiligen!« rief Lewin aus, so laut, daß Sergey Iwanowitsch erschrak.
»Was; was hast du?«
»Was macht die Hand der Agathe Michailowna?« frug Lewin, sich vor den Kopf schlagend. »Die habe ich ja ganz vergessen!«
»Sie ist weit besser geworden.«
»Nun, gleichwohl muß ich doch einmal zu ihr laufen. Bevor du den Hut aufgesetzt hast, werde ich wieder zurückgekehrt sein.«
Wie eine Dreschmaschine mit den Absätzen polternd, eilte er zur Treppe hinab.
7.
Während Stefan Arkadjewitsch nach Petersburg fuhr, um der Erfüllung jener, allen Beamten naturgemäßesten und vertrautesten -- wenn auch den Laien unverständlichen -- Hauptpflichten zu genügen, ohne welche es nicht möglich ist, Beamter zu sein, der nämlich, seine werte Persönlichkeit dem Ministerium in Erinnerung zu bringen, und hierbei, in der Erfüllung dieser Obliegenheit, fast alles Barvermögen des Hauses bei sich führend, die Zeit heiter und vergnügt auf der Schlittschuhbahn oder auf den Villen verbrachte -- war Dolly mit den Kindern auf das Land übergesiedelt, um die Ausgaben soviel wie möglich zu beschränken. Sie hatte sich nach ihrem Mitgiftgute Jerguschowo begeben, demselben, von welchem der Wald im Frühling veräußert worden war, und welches einige fünfzig Werst von Lewins Dorfe Pokrowskoje lag.
In Jerguschowo war das große alte Herrenhaus schon lange abgebrochen; doch war vom Fürsten her noch ein Flügel davon abgeteilt und erhöht worden -- vor zwanzig Jahren zur Zeit, als Dolly noch ein Kind war, -- geräumig und bequem zwar, stand er freilich, wie alle Flügel, seitwärts von der Ausfahrtallee und nach Süden. Jetzt aber war dieser Flügel alt und baufällig geworden.
Als Stefan Arkadjewitsch im Frühjahr zum Waldverkauf gefahren war, hatte Dolly ihn gebeten, das Haus zu besichtigen und die Renovierung anzuordnen, soweit sie nötig sein würde.
Stefan Arkadjewitsch, wie alle schuldbewußten Ehemänner, höchst besorgt um die Bequemlichkeit seiner Frau, besichtigte persönlich das Haus und traf bezüglich alles dessen, was nach seiner Auffassung erforderlich war, Verfügungen.
Nach seiner Auffassung war es nötig, das gesamte Meublement mit Cretonüberzügen neu zu überziehen, Gardinen aufzustecken, den Garten zu säubern, eine kleine Brücke am Teich zu bauen und Blumen zu pflanzen, dabei aber hatte er viele andere notwendige Dinge vergessen, deren Mangel später für Darja Alexandrowna peinlich wurde.
So sehr sich Stefan Arkadjewitsch auch bemühte, ein sorglicher Vater und Ehemann zu sein, konnte er sich doch in keiner Weise vergegenwärtigen, daß er Weib und Kinder besitze.
Er hatte noch völlig den Hagestolzengeschmack und nach diesem allein erwog er sich alles. Nach Moskau zurückgekehrt, erklärte er seiner Frau voll Selbstgefühl, daß alles vorbereitet wäre, daß das Haus wie ein Kinderspielzeug sein werde und er ihr nunmehr sehr empfehle, zu fahren.
Für Stefan Arkadjewitsch war die Abreise der Gattin in jeder Hinsicht sehr willkommen; für die Kinder war sie der Gesundheit zuträglich, die Ausgaben wurden vermindert und er selbst erhielt mehr Freiheit. Darja Alexandrowna aber hielt ihre Übersiedelung nach dem Dorfe für den Sommer ebenfalls für unumgänglich, wegen der Kinder, besonders ihres Töchterchens, welches nach dem Scharlachfieber noch nicht wieder recht zu Kräften kommen konnte, und dann endlich, weil sie sich damit von den vielen kleinen Erniedrigungen, den kleinen Schulden, die sie an die Holzlieferanten, Fischer und Schuhmacher hatte, und welche sie quälten, befreien konnte.
Außerdem war ihr aber die Übersiedelung auch noch wünschenswert, weil sie glaubte, auch ihre Schwester Kity mit auf das Dorf nehmen zu können, welche in der Mitte des Sommers aus dem Auslande heimkehren mußte, und der Bäder verschrieben worden waren.
Kity hatte ihr aus dem Badeort geschrieben, daß ihr nichts so angenehm dünke, als den Sommer mit Dolly in Jerguschowo zubringen zu können, welches ja so reich an Jugenderinnerungen für sie beide sei.
Die erste Zeit des Aufenthaltes auf dem Lande war für Dolly sehr beschwerlich. Sie hatte in ihrer Kindheit auf dem Lande gelebt und es war der Eindruck in ihr zurückgeblieben, daß das Dorf ein Zufluchtsort vor all den Unannehmlichkeiten der Stadt sei, daß das Leben hier, wenngleich nicht schön -- hierin hätte sich Dolly leicht zufrieden gegeben -- doch billig und bequem sei; man konnte hier alles haben und billig haben, was zu bekommen war, und die Kinder befanden sich wohl dabei. Als sie jetzt aber in ihrer Eigenschaft als Hausherrin auf das Dorf gekommen war, wurde sie inne, daß die Sache doch gar nicht so war, als sie gedacht hatte.
Am Tage nach ihrer Ankunft kam ein Platzregen und abends floß der Korridor und die Kinderstube von Wasser, so daß man die Kinderbetten in das Gastzimmer bringen mußte. Eine Köchin für das Gesinde war nicht vorhanden, und von den neun Kühen kalbten nach den Worten der Viehmagd einige, andere hatten das erste Kalb, oder waren schon zu alt und gaben keine Milch; weder Butter noch Milch war ausreichend selbst für die Kinder vorhanden; Eier gab es gar nicht und eine Henne war nicht zu erlangen. Man briet oder kochte nur alte, sehnige Hähne. Selbst Weiber, die die Zimmer scheuerten, konnte man nicht haben, sie waren alle auf dem Kartoffelfeld. Auszufahren erwies sich als unmöglich, weil das einzige Pferd störrig war und in die Deichsel riß, auch baden konnte man nicht, denn das ganze Flußufer war vom Vieh ausgetreten und lag vom Wege aus frei sichtbar da, ja selbst ein Spaziergang ließ sich nicht unternehmen, da das Vieh durch den zerbrochenen Gartenzaun in den Garten kam, und es einen bösartigen Stier hier gab, welcher brüllte und daher wohl mit den Hörnern stoßen konnte. Schränke für die Garderobe mangelten auch, und die, welche vorhanden waren, ließen sich nicht verschließen, sondern gingen von selbst auf, sobald man an ihnen vorüberschritt. Küchengerät und Äsche fehlten gleichfalls, ein Waschkessel, selbst ein Plättbrett war nicht da.
Anfangs war daher Darja Aleksandrowna, anstatt Ruhe und Erholung zu finden, in Verzweiflung, als sie in diesen von ihrem Gesichtspunkt aus furchtbaren Notstand geraten war; sie sorgte mit allen Kräften, sie empfand den Zwang ihrer Lage und mußte alle Augenblicke die Thränen zurückdrängen, die ihr in die Augen traten. Der Hausverwalter, ein früherer Wachtmeister, der bei Stefan Arkadjewitsch in Gunst stand, und von diesem seiner einnehmenden und respektablen Erscheinung halber zum Portier erhoben worden war, widmete der bedrängten Lage seiner Herrin nicht die geringste Teilnahme; er äußerte nur ehrerbietig: »Es ist unmöglich etwas zu thun; das Volk hier ist zu elend,« und leistete sonst keinerlei Beistand.
Die Lage erschien trostlos. Aber im Hause der Oblonskiy gab es, wie das in allen guten Häusern ist -- eine zwar nicht hervortretende, dafür aber äußerst wichtige und nützliche Person -- das war Marja Philimonowna.
Diese beruhigte die Herrin, versicherte derselben, daß sich »schon alles machen werde« -- ihr gewöhnliches Wort, welches von ihr erst Matwey angenommen hatte, -- und wirkte nun ohne Hast und Unruhe.
Sie war sogleich mit der Wirtschafterin in Verbindung getreten, hatte schon am ersten Tage nach der Ankunft mit dieser und dem Verwalter Thee zusammen unter den Akazien getrunken, und dabei alle Angelegenheiten beraten. Schnell hatte sich unter den Akazien ein Klub Marja Philimonownas gebildet, und durch diesen Klub, welcher aus der Wirtschafterin, dem Starosten und dem Kontorschreiber bestand, begannen sich die Übelstände des Lebens einigermaßen zu bessern, so daß nach Verlauf einer Woche sich in der That »alles schon machte«. Man hatte das Dach ausgebessert, eine Köchin gefunden -- eine Base des Starosten, -- Hühner angekauft; die Kühe begannen Milch zu geben, der Garten wurde mit dünnen, langen Stangen umzäunt, der Zimmermann hatte eine Wäschmangel gebaut und zu den Schränken waren Schlüssel geschafft worden, so daß sie sich nicht mehr von selbst öffneten; ein Plättbrett, mit Uniformtuch überzogen, lag von der Armsessellehne bis zur Kommode und in der Mädchenstube roch es nach dem heißen Plättstahl.
»Da haben wirs ja und doch war man schon in Verzweiflung,« sagte Marja Philimonowna, auf das Brett weisend.
Selbst ein Badehäuschen war aus Strohschirmen gebaut. Lily begann zu baden und für Darja Aleksandrowna gingen so wenigstens die Erwartungen, die sie sich von einem wenn auch nicht ruhigen, so doch bequemen Landleben gemacht hatte, in Erfüllung. Mit sechs Kindern konnte Darja Aleksandrowna nicht ruhig leben; das eine war krank, das andere konnte krank werden, dem dritten fehlte etwas, das vierte zeigte Anlagen zu schlechtem Charakter -- und so ging es fort. Selten, höchst selten gab es kurze Ruhepausen, und doch waren diese Sorgen und Unruhen für Darja Aleksandrowna das einzig mögliche Glück. Wäre es nicht vorhanden gewesen, so war sie sich selbst überlassen mit ihren Gedanken über ihren Mann, der sie nicht liebte.
Aber so drückend auch der Mutter die Angst vor der Krankheit, und die Krankheit der Kinder selbst sein mochte, und der Schmerz, welchen sie angesichts der Anzeichen zu schlechten Neigungen bei ihren Kindern empfand -- die Kinder selbst vergalten ihr schon jetzt mit kleinen Freuden ihren Schmerz. Diese Freuden waren freilich so klein, daß sie unbemerkbar erschienen, wie Gold im Sande, und in trüben Augenblicken sah sie auch nur den Kummer, -- nur den Sand; -- allein es gab doch auch schöne Augenblicke, in denen sie nur Freude fand -- nur Gold. --
Jetzt in der Einsamkeit des Landlebens begann sie dieser Freuden mehr und mehr inne zu werden. Oft bemühte sie sich im Hinblicke auf sie in jeder Weise die Überzeugung zu gewinnen, sie irre sich, sie sei als Mutter nur eingenommen für ihre Kinder, aber dennoch mußte sie sich selbst sagen, daß sie reizende Kinder habe, alle sechs, alle in verschiedener Art, und doch so, wie man selten welche findet -- und sie fühlte sich glücklich in ihnen und war stolz auf dieselben.
8.
Zu Ende des Mai, nachdem alles schon mehr oder weniger in Ordnung gebracht war, erhielt sie eine Antwort ihres Mannes auf ihre Klagen über die Unordnung auf dem Dorfe. Er schrieb ihr, und bat um Verzeihung, daß er nicht an alles gedacht hätte, und versprach, sobald, als es möglich sein würde, zu kommen.
Diese Möglichkeit aber hatte sich nicht gezeigt und bis Anfang Juni lebte Darja Aleksandrowna allein auf ihrem Dorfe. Während den Petersfasten, eines Sonntags, fuhr Darja Aleksandrowna mit allen ihren Kindern zur Messe, um ihnen das Abendmahl reichen zu lassen.
In ihren religiösen, philosophierenden Gesprächen mit Schwester und Mutter und mit den Bekannten hatte sie diese sehr oft durch ihre Gedankenfülle bezüglich der Religion in Erstaunen gesetzt. Sie hatte ihre eigene seltsame Anschauung der Metamorphose, an die sie fest glaubte, ohne sich viel um die Dogmen der Kirche zu kümmern. In der Familie aber erfüllte sie -- nicht nur zum Zwecke, ein Beispiel zu geben, sondern mit ganzer Seele -- streng alle Anforderungen der Kirche, und der Umstand, daß ihre Kinder schon seit etwa einem Jahre nicht zum Abendmahl gegangen waren, beunruhigte sie sehr, so daß sie sich mit der vollen Billigung und Beistimmung Marja Philimonownas entschloß, dies jetzt, im Sommer, zur Ausführung zu bringen.
Darja Aleksandrowna hatte schon einige Tage zuvor überlegt, wie sie alle ihre Kinder dazu kleiden sollte, und da wurden nun Kleider genäht, umgeändert und gewaschen, Umschläge und Borten angebracht, Knöpfe aufgesetzt und Bandschleifen zurechtgemacht. Nur das Kleid Tanjas, mit dessen Herstellung sich die Engländerin befaßt hatte, machte bei Darja Aleksandrowna viel böses Blut. Die Engländerin hatte bei der Änderung die Besätze nicht an der richtigen Stelle angebracht, die Ärmel zu weit ausgeschnitten und das Kleid war ganz verdorben. Tanja mußte darin die Schultern so hoch ziehen, daß der Anblick Bedauern erregte. Doch Darja Aleksandrowna meinte, man müsse einsetzen, und eine Pelerine anbringen. So ging die Sache, doch gab es beinahe mit der Engländerin dabei einen Streit. Am Morgen indessen war alles in Ordnung, und um zehn Uhr, der Zeit, bis zu welcher man den Geistlichen gebeten hatte, mit der Messe zu warten, standen die Kinder freudestrahlend, angeputzt auf der Freitreppe vor dem Wagen und harrten der Mutter.
In den Wagen war anstatt der alten störrischen Mähre infolge der Fürsprache Marja Philimonownas der Braune des Verwalters eingespannt worden, und Darja Aleksandrowna, die von der Sorge um die eigene Toilette noch zurückgehalten worden war, erschien endlich, in einem weißen Kleide von Nesseltuch, um sich mit in den Wagen zu setzen.
Darja Aleksandrowna hatte sich voll Sorge und Unruhe frisiert und angekleidet. Früher that sie dies für sich selbst, um schön zu sein und zu gefallen, später aber war ihr das Ankleiden um so unerfreulicher geworden, je älter sie wurde; sah sie doch, wie sehr sie verloren hatte.
Heute jedoch hatte sie mit Vergnügen und Aufregung Toilette gemacht, sie that es ja nicht der eigenen Schönheit halber, sondern um als Mutter ihrer herrlichen Kinder den Gesamteindruck nicht zu beeinträchtigen.
Nachdem sie noch ein letztes Mal in den Spiegel geblickt, war sie von sich selbst befriedigt; sie sah gut aus; nicht ebensogut, wie sie dermaleinst wohl für den Ball hatte auszusehen gewünscht, aber gut genug für den Zweck, den sie jetzt im Auge hatte.
In der Kirche war niemand außer den Bauern und den Hausleuten mit ihren Weibern, aber Darja Aleksandrowna sah das Entzücken oder glaubte es zu sehen, welches durch ihre Kinder und wohl auch über sie selbst hervorgerufen wurde. Ihre Kinder waren nicht nur an sich hübsch in ihren sauberen Kleidchen, sie waren auch artig, so wie sie sich aufführten. Aljoscha stand allerdings heute nicht besonders gut; er drehte sich fortwährend um, und wollte seine Kutte durchaus von hinten besehen; aber dennoch war auch er außergewöhnlich artig. Tanja stand wie eine Alte und überwachte die kleinen Geschwister, und die kleine Lily war reizend mit ihrer naiven Verwunderung über alles, so daß es schwer war, nicht zu lächeln, als sie bei der Erteilung des Abendmahls sagte, »=please, some more=.«
Nach Hause zurückgekehrt, hatten die Kinder das Gefühl, als ob sich etwas Feierliches vollzogen habe, und sie verhielten sich sehr ruhig.
Alles ging gut daheim, aber beim Frühstück fing Grischa an zu pfeifen, und was das Schlimmste war, er wollte nicht auf die englische Erzieherin hören, so daß er keine süße Pastete erhielt. Darja Aleksandrowna würde an diesem Tage keine Bestrafung geduldet haben, wäre sie selbst zugegen gewesen, aber so mußte der Strafverfügung der Engländerin Folge geleistet werden und dieselbe hielt fest an der Bestimmung, daß Grischa keine süße Pastete erhalte, was freilich die allgemeine Freude einigermaßen verdarb.
Grischa weinte und sagte, Nikolay habe auch gepfiffen und den bestrafe man nicht; er weine auch gar nicht etwa wegen der Pastete -- die sei ihm ganz egal -- sondern, weil man ungerecht gegen ihn sei. Das war doch allzu schmerzlich, und so entschied Darja Aleksandrowna, daß man, nach Rücksprache mit der Erzieherin, Grischa verzeihen könnte, und ging zu dieser. Als sie indessen den Saal durchschritt, gewahrte sie eine Scene, die ihr Herz mit so hoher Freude erfüllte, daß ihr die Thränen in die Augen traten und sie selbst sogleich dem Sünder verzieh.
Dieser saß im Salon an dem Eckfenster und neben ihm stand Tanja mit einem Teller. Unter dem Vorgeben des Wunsches, ihren Puppen ein Mittagsmahl zu verabreichen, hatte sie die Engländerin um die Erlaubnis gebeten, ihre Portion Pastete in die Kinderstube tragen zu dürfen, anstatt dessen aber sie dem Bruder gebracht; der Kleine verspeiste nun unter fließenden Thränen über die Ungerechtigkeit seiner Bestrafung die ihm überbrachte Pastete, dabei immer durch sein Schluchzen hindurch sprechend: »Iß du nur auch mit, laß uns zusammen essen, zusammen« --
Auf Tanja hatte anfangs nur das Mitleid mit Grischa gewirkt, dann aber auch die Erkenntnis der Güte ihrer Handlung, und nun standen ihr die Thränen ebenfalls in den Augen; doch verspeiste sie ganz gern auch ihren Anteil mit.
Als die Kinder der Mutter ansichtig wurden, erschraken sie, nachdem sie aber einen Blick in deren Gesicht geworfen und erkannt hatten, daß sie ja nichts Übles thäten, begannen sie zu lächeln und mit den Händen die lachenden Lippen, mit vollen Mündern kauend, abzuwischen, wobei sie die strahlenden Gesichterchen ganz mit Thränen und Backwerk beschmierten.
»Alle Heiligen, das neue weiße Kleid! Tanja, Grischa!« sprach die Mutter und bemühte sich, das Kleid zu retten, aber mit Thränen in den Augen, lächelnd voll Seligkeit und Entzücken.
Man zog den Kindern die neuen Kleider aus und ließ die Mädchen Blusen, die Knaben ihre alten Kutten anziehen. Hierauf sollte zum Ärger des Verwalters, der Braune wiederum mit eingespannt werden, da es zum Pilze suchen und nach dem Bade gehen sollte. Ein Sturm von Freudenschreien erhob sich in dem Kinderzimmer und verstummte erst bei der Abfahrt nach dem Bade.
Die Kinder sammelten einen ganzen Korb voll Pilze, selbst die kleine Lily fand einen Birkenpilz. Früher war es so, daß Miß Goul sie fand und ihr zeigte, jetzt aber fand sie schon selbst einen großen Pilz und ein allgemeiner Freudenschrei ertönte »Lily hat einen Pilz gefunden!«
Hierauf fuhren sie an den Fluß. Die Pferde wurden unter die Birken gestellt und die Kinder begaben sich ins Bad. Der Kutscher Terentij band die Pferde, welche die Bremsen von sich abwedelten, an einem Baume fest, und legte sich alsdann auf das Gras, im Schatten der Birken seine Pfeife schmauchend, während aus dem Bade das lustige Geschrei der Kinder zu ihm herüberdrang.
Obwohl es eine schwierige Aufgabe war, alle die Kinder zu beaufsichtigen und ihren Mutwillen zu dämpfen, obwohl es eine Aufgabe war, die sämtlichen kleinen Strümpfchen zu merken und nicht durcheinander zu wirren, die Höschen und Schuhe von verschiedenen Größen, sie auszuziehen, die Schlingen und die Knöpfe aufzuknöpfen, so hatte doch Darja Aleksandrowna, die selbst das Baden stets geliebt hatte, es als zuträglich für die Kinder haltend, an nichts soviel Vergnügen, als an diesem Baden mit allen ihren Kindern. Alle diese kleinen runden Beinchen durchzumustern, ihnen die Strümpfe anzuziehen, die nackten kleinen Leiber auf die Arme zu nehmen und zu waschen und die lustigen Aufschreie oder das erschreckte Wimmern der Kinder zu hören und die halb atemlosen Gesichterchen ihrer plätschernden Cherubim mit den weitgeöffneten erschreckten oder lachenden Augen zu sehen -- das war ihr ein hoher Genuß.
Nachdem schon die Hälfte der Kinder ausgekleidet war, kamen einige Weiber heran ans Bad. Marja Philimonowna rief eines derselben, um ihr ein in das Wasser gefallenes Badetuch und ein Hemd zum trocknen zu geben, und Darja Aleksandrowna sprach die anderen Weiber an. Diese lachten sich anfangs verlegen ins Fäustchen und verstanden nicht, wonach sie gefragt wurden, doch bald wurden sie kühner und begannen zu reden, und nahmen nun Darja Aleksandrowna durch ihre aufrichtige Verwunderung, die sie über die Kinderchen zeigten, für sich ein.
»Ach, welche Schönheit, weiß wie Zucker,« sagte das eine der Weiber, Tanja wohlgefällig beschauend und den Kopf schüttelnd, »aber ein wenig mager« --
»Ja, sie ist krank gewesen.«
»Wird denn das da auch gebadet?« sagte ein anderes Weib, auf das kleine Brustkind weisend.
»Nein; das ist erst drei Monate alt,« versetzte Darja Aleksandrowna mit Stolz.
»Seht einmal an.«
»Hast du denn auch Kinder?«
»Ich hatte vier; zwei sind mir geblieben, ein Knabe und ein Mädchen. Erst in den letzten Fasten habe ich abgestillt.«
»Wie alt ist denn das Mädchen?
»Es geht ins zweite Jahr.«
»So lange hast du es genährt?«
»Das ist gewöhnlich so bei unsersgleichen, die Fasten lang« --
Die Unterhaltung wurde jetzt erst wirklich interessant für Darja Aleksandrowna, und diese frug nun, wie es mit der Geburt gewesen, was für Krankheiten das Kind gehabt, wo ihr Mann sei und anderes.
Darja Aleksandrowna wollte die Weiber gar nicht wieder verlassen, so interessant war ihr Gespräch mit denselben, so eng deckten sich deren Interessen mit den ihren. Am angenehmsten von allem aber war Darja Aleksandrowna, daß sie klar erkannte, wie alle diese Weiber am meisten davon interessiert waren, wie viele Kinder sie hatte und wie diese so hübsch seien. Die Weiber belustigten Darja und beleidigten die Engländerin, weil diese die Ursache des ihr unerklärlichen Lächelns bildete. Eines der jüngeren Weiber hatte nach der Erzieherin geblickt, die sich später als die übrigen ankleidete, und, als jene die dritte Unterjacke angelegt hatte, sich der Bemerkung nicht enthalten können, wie sich die da drall einschnüre, worauf alles in Lachen ausbrach.
9.
Umgeben von allen ihren Kindern, die gebadet waren, und nasse Köpfe hatten, fuhr Darja Aleksandrowna, ein Tuch um den Kopf, am Hause vor, als der Kutscher meldete, es komme soeben ein Herr daher, wie es scheine, von Pokrowskoje.
Darja Aleksandrowna blickte auf und geriet in freudige Erregung, als sie unter dem grauen Hut und dem grauen Paletot die wohlbekannte Gestalt Lewins erblickte, der ihnen entgegenkam.
Sie war stets erfreut, wenn sie ihn sah, jetzt aber empfand sie dies besonders, weil er sie nun in all ihrem mütterlichen Glanze sehen konnte. Niemand als Lewin verstand besser, den Stolz Darjas Aleksandrownas zu würdigen.
Als derselbe sie erblickte, befand er sich vor einem jener Bilder, wie er sie sich selbst schon von einem künftigen Familienleben entworfen hatte.
»Gleich einer Bruthenne, Darja Aleksandrowna!«
»O, wie ich mich freue,« sagte sie, ihm die Hand reichend.
»Ihr freut Euch und doch ließt Ihr mir keine Nachricht zugehen. Mein Bruder ist jetzt bei mir und ich habe erst von Stefan eine Mitteilung empfangen, daß Ihr hier wäret.«
»Von Stefan?« frug Darja Aleksandrowna voll Verwunderung.
»Ja; er schreibt, daß Ihr nach hier übergesiedelt wäret und denkt, Ihr würdet mir erlauben, Euch irgendwie behilflich zu sein,« sagte Lewin, plötzlich in Verwirrung geratend bei diesen Worten und stecken bleibend. Schweigend schritt er neben dem Wagen dahin, junge Lindenzweige abbrechend und anbeißend.
Er war in Verwirrung geraten, weil er vermutete, daß Darja Aleksandrowna die Hilfsbereitschaft, die ihr seitens eines Fremden angeboten worden war, unangenehm sein könnte, in einer Angelegenheit, die doch von ihrem Gatten zu erledigen gewesen wäre.
In der That hatte auch das Verfahren Stefan Arkadjewitschs, die eigenen Familienangelegenheiten zum Gegenstand des Interesses anderer zu machen, Darja Aleksandrowna nicht gefallen. Sie empfand indessen sogleich, daß Lewin dies alles verstehe und eben dieser Zartheit im Verständnis halber, dieser Feinfühligkeit wegen schätzte sie Lewin hoch.
»Ich habe verstanden,« sagte Lewin, »daß dies nur soviel bedeutet, als ob Ihr mich zu sehen wünschtet, und ich freue mich hierüber sehr. Natürlich kann ich mir denken, daß es Euch, der Dame aus der Stadt, hier seltsam vorkommen wird; aber wenn Euch irgend etwas nötig sein sollte, so werde ich ganz zu Euren Diensten sein.«
»O nein!« sagte Dolly. »In der ersten Zeit wohl war es mir unbequem, jetzt aber ist alles ganz hübsch eingerichtet. Dank meiner alten Amme,« fuhr sie fort, auf Marja Philimonowna weisend, welche verstand, daß man von ihr spreche und daher heiter und freundlich auf Lewin blickte. Sie kannte diesen, und wußte, daß er ein guter Bräutigam für die junge Herrin gewesen wäre und hatte gewünscht, die Sache möchte in Erfüllung gegangen sein.
»Nehmt doch gefälligst Platz, wir wollen ein wenig zusammenrücken,« sagte sie zu ihm.
»Nein; ich werde weiter gehen. Kinder, wer will von euch mit mir und den Pferden um die Wette laufen?«
Die Kinder kannten Lewin sehr wenig. Sie wußten nicht mehr, wann sie ihn gesehen hatten, zeigten aber ihm gegenüber nicht jenes seltsame Gefühl der Befangenheit und des Widerwillens, wie es Kinder so häufig vor Erwachsenen, die sich verstellen, empfinden, und das ihnen häufig so übel bekommt.
Die Heuchelei kann in irgend etwas wohl auch den klügsten, scharfsinnigsten Menschen täuschen; aber selbst das allerbeschränkteste Kind wird sie erkennen und sich von ihr abwenden, mag sie auch noch so geschickt verborgen sein. Was für Mängel Lewin auch immer haben mochte, von Heuchelei war in ihm nichts zu entdecken, und daher bewiesen ihm die Kinder ihre freundschaftliche Zuneigung im nämlichen Maße, wie sie sie auf den Zügen der Mutter zu ihm entdeckten.
Auf seine Einladung sprangen die beiden Ältesten sogleich herab und liefen mit ihm, wie sie mit ihrer Amme, mit Miß Goul oder der Mutter gelaufen wären. Selbst Lily bat, zu ihm zu dürfen und die Mutter übergab sie ihm. Er setzte sie auf seine Schulter und lief mit ihr davon.
»Habt keine Angst, keine Angst, Darja Aleksandrowna!« sagte er mit heiterem Lächeln zu der Mutter, »es ist unmöglich, daß ich mich versehe oder sie fallen lasse.«
Die Mutter beruhigte sich auch mit einem Blick auf die leichten, kräftigen, aber vorsorglichen und nur zu umsichtigen Bewegungen Lewins, und lächelte, heiter und zustimmend ihn anschauend.
Hier auf dem Lande, im Verkehr mit den Kindern und der ihm so sympathischen Darja Aleksandrowna, geriet Lewin in jene, ihn so häufig überkommende Stimmung kindlich heiteren Frohsinns, den Darja besonders an ihm liebte. Indem er mit den Kindern lief, und ihnen Turnkünste wies, machte er Miß Goul mit seiner schlechten englischen Aussprache lachen und erzählte Darja Aleksandrowna von seinen Arbeiten auf dem Dorfe.
Nach Tische kam diese, im Salon allein mit ihm zusammensitzend, auch auf Kity zu sprechen.
»Wißt Ihr schon? Kity wird hierher kommen, und den Sommer bei mir zubringen.«
»In der That?« sagte er, in Aufregung geratend, fuhr aber dann, um das Thema zu wechseln sogleich fort: »Soll ich Euch also die beiden Kühe senden? Wenn Ihr rechnen wollt, so zahlt Ihr mir sie mit fünf Rubel monatlich ab, sofern Euch das nicht unangenehm ist.«
»Ach nein, ich danke Euch bestens, es befindet sich jetzt alles bei uns in Ordnung.«
»Dann muß ich schon einmal Eure Kühe besichtigen und wenn Ihr gestattet, anordnen, wie sie gefüttert werden sollen. Die Hauptsache liegt in der Fütterung.«
Um nur das angeregte Thema wechseln zu können, setzte er nun Darja Aleksandrowna die Theorie der Milchwirtschaft auseinander, welche darin bestand, daß die Kuh nur die Maschine sei, welche die Fütterung in Milch umzusetzen habe.
Er setzte dies auseinander und wünschte dabei sehnlichst, noch Näheres über Kity zu vernehmen; gleichwohl aber fürchtete er dies auch wieder. Es war ihm bange darum, daß seine so mühsam von ihm errungene Ruhe wiederum zu nichte gemacht werde.
»Aber wenn nach alledem, was Ihr mir da ausführt, verfahren werden soll? Wer wird denn das thun?« antwortete Darja Aleksandrowna mit Widerstreben.
Sie hatte ihr Wirtschaftswesen jetzt mit Hilfe Marja Philimonownas so verbessert, daß sie gar keine Lust hatte, noch etwas an demselben zu verändern, und dann glaubte sie auch gar nicht an Lewins Kenntnisse im Ökonomiewesen. So erschienen ihr seine Urteile, daß die Kuh eine Maschine für die Milchfabrikation sei, bedenkenerregend, und sie meinte, daß solche Auffassungen der Ökonomie nur im Wege stehen könnten. Ihr dünkte dies alles bei weitem einfacher; es war eben nur erforderlich, wie schon Marja Philimonowna auseinandergesetzt hatte, der Bunten und der Weißen mehr Futter zu geben und zu vermeiden, daß der Koch aus der Küche das Spülichtwasser in den Kuhstall trug. Das lag offen zu Tage, auch die Ausführungen über Kraft- und Grünfütterung waren bedenklich und unklar. Ihr selbst hatte vorzugsweise überhaupt daran gelegen, von Kity zu sprechen.
10.
»Kity schreibt mir, daß sie nichts so sehr ersehne, als Einsamkeit und Ruhe,« sagte Dolly, nach einer eingetretenen Pause.
»Wie steht es denn mit ihrer Gesundheit, ist sie besser?« frug Lewin in Erregung.
»Gott sei Dank, sie ist vollkommen wiederhergestellt; ich habe überhaupt nie geglaubt, daß sie ein Brustleiden gehabt hätte.«
»Ach, das freut mich außerordentlich,« antwortete Lewin, und Dolly schien etwas Rührung Erweckendes, Hilfloses in seinen Zügen hervortreten zu sehen, als er dies gesagt hatte und sie nun schweigend anblickte.
»Hört doch einmal, Konstantin Dmitritsch,« begann Darja Aleksandrowna mit ihrem gutmütigen, ein wenig schelmischen Lächeln, »weshalb seid Ihr denn eigentlich auf Kity bös!«
»Ich? Ich zürne ihr nicht,« antwortete Lewin.
»Nein, Ihr zürnt ihr nicht? Weshalb seid Ihr denn dann weder zu uns, noch zu Kitys Eltern gekommen, als Ihr in Petersburg waret?«
»Darja Aleksandrowna,« begann Lewin, bis in die Haarwurzeln errötend, »ich bin eigentlich in Verwunderung darüber, daß Ihr, mit Eurer Herzensgüte, dies nicht fühlt. Wie kommt es, daß Ihr nicht geradezu Mitleid mit mir empfindet, da Ihr doch wißt« --
»Was soll ich wissen?«
»Nun, daß ich ihr einen Antrag gemacht habe und eine Absage erhielt,« fuhr Lewin fort, und all die zarte Neigung, die er noch eine Minute zuvor für Kity empfunden hatte, verwandelte sich in seiner Seele zu einem Gefühl von Zorn über jene Kränkung.
»Woraus schließt Ihr, daß ich dies wissen müsse?«
»Daraus, weil es alle wissen.«
»Aber darin irrt Ihr; ich habe es nicht gewußt, wenngleich ich es vermutete.«
»Nun, so wißt Ihr es doch jetzt.«
»Ich wußte bisher nur das Eine, daß Etwas vorhanden war, was Kity entsetzlich quälte und daß diese mich bat, niemals hiervon zu sprechen. Wenn sie aber mit mir über die Sache selbst nicht gesprochen hat, so hat sie noch mit niemand darüber gesprochen. Doch was hattet Ihr? sagt mir's doch!«
»Ich habe Euch gesagt, was geschehen ist.«
»Wann geschah denn das Unglück?«
»Als ich das letzte Mal bei Euch war.«
»Wisset, ich muß Euch etwas sagen,« fuhr Darja Aleksandrowna fort, »Kity thut mir ganz außerordentlich leid! Ihr leidet nur aus Stolz« --
»Mag sein,« sagte Lewin, »doch« --
Sie schnitt ihm das Wort ab.
-- »Doch die Arme thut mir ganz ungeheuer leid. Jetzt weiß ich alles.«
»Nun, Darja Aleksandrowna, Ihr entschuldigt mich wohl,« sagte Lewin, sich erhebend, »verzeiht, und -- auf Wiedersehen.«
»Nein, nein, bleibt noch,« antwortete sie, ihn am Rockärmel fassend. »Bleibet und setzt Euch!«
»Aber ich bitte tausendmal, daß wir dann nicht mehr von jenem Thema sprechen,« bat er, sich setzend mit einer Empfindung, als rege sich und lebe in seinem Herzen eine Hoffnung wieder auf, die ihm längst begraben geschienen.
»Wenn ich Euch nicht lieb hätte,« fuhr Darja Aleksandrowna fort und die Thränen traten ihr dabei in die Augen, »und wenn ich Euch nicht kennte, wie ich Euch kenne,« --
Das scheinbar erstorben gewesene Gefühl regte sich mehr und mehr wieder in ihm, es wallte empor und nahm von dem Herzen Lewins Besitz.
»Ja, jetzt verstehe ich alles,« fuhr Darja Aleksandrowna fort, »Ihr freilich könnt es nicht begreifen; ihr Männer, die ihr frei seid und wählt, seid stets im klaren, wen ihr liebt. Aber das Mädchen in seiner Stellung als Erwartende, mit seinem weiblichen, mädchenhaften Schamgefühl, das Mädchen, welches euch, die Männerwelt nur aus der Ferne sieht, nimmt alles auf Treu und Glauben hin. Das Mädchen besitzt vielleicht sogar das Gefühl, daß sie nicht weiß was sie sagen soll.«
»Wenn das Herz nicht spricht, allerdings« --
»O, das Herz spricht wohl, aber bedenkt doch: Ihr Männer habt das Anschauen der Mädchen, ihr kommt in deren Familien, ihr nähert euch ihnen, durchschaut sie, und prüft sie, ob ihr in ihnen das findet, was ihr liebt und dann, nachdem ihr euch überzeugt habt, daß ihr liebt, macht ihr eine Erklärung« --
»Nun; ganz so ist es denn doch nicht.«
»Gleichviel; ihr kommt mit eurem Antrag, sobald eure Liebe reif geworden ist, oder wenn sich zwischen zwei Auserwählten ein Übergewicht eingestellt hat. Das Mädchen aber frägt man nicht. Man verlangt, daß es selbst wähle, aber es kann gar nicht wählen, sondern nur antworten, -- ja oder nein.«
»So war es mit der Wahl zwischen mir und Wronskiy,« dachte Lewin und jener totgeglaubte Gedanke in ihm, der wieder aufgelebt war, erstarb von neuem und preßte ihm nur noch qualvoll das Herz.
»Darja Aleksandrowna,« begann er, »so wählt man wohl ein Kleid, oder ich weiß nicht was sonst für ein Kaufstück, aber nicht unsere Liebe. Ist hier die Wahl einmal geschehen, so ist es um so besser, eine Wiederholung giebt es nicht.«
»O, Stolz über Stolz,« sagte Darja Aleksandrowna, Lewin fast geringschätzend ob der Niedrigkeit seines Gefühls, im Vergleich mit demjenigen wie es nur die Frauen kennen. »Zur nämlichen Zeit, als Ihr Kity Eure Erklärung machtet, befand sie sich in jener Lage, in welcher sie keine Antwort erteilen konnte. Sie befand sich im Zustande der Unentschiedenheit, sollte sie sich für Euch oder für Wronskiy entscheiden. Ihn hatte sie täglich gesehen, Euch lange Zeit nicht. Gesetzt nun, sie wäre älter gewesen, hätte für mich an ihrer Stelle zum Beispiel kein Zweifel obwalten können. Jener Wronskiy ist mir stets zuwider gewesen, und demgemäß ist es auch gekommen.«
Lewin vergegenwärtigte sich die Antwort Kitys. Sie hatte gesagt: »nein, es kann nicht sein.«
»Darja Aleksandrowna,« begann er trockenen Tones, »ich schätze Euer Vertrauen zu mir, aber ich glaube, Ihr irrt. Mag ich indessen recht oder unrecht haben, dieser Stolz, den Ihr so an mir verachtet, bringt es mit sich, daß in mir jeder Gedanke an Katharina Aleksandrowna unmöglich geworden ist, Ihr versteht gewiß, vollständig unmöglich.«
»Ich will hierauf nur das Eine noch bemerken. Ihr versteht wohl, daß ich von meiner Schwester spreche die ich liebe, wie meine eigenen Kinder. Ich sage nicht, daß sie Euch geliebt hätte, ich wollte nur andeuten, daß ihre Abweisung damals gar nichts beweist.«
»Ich weiß das nicht,« antwortete Lewin aufspringend, »aber wüßtet Ihr nur, wie weh Ihr mir thut! Die Sache ist ebenso, wie wenn Euch ein Kind gestorben wäre, und man zu Euch spräche, so ist es nun dahin, es war so schön, und hätte leben können und Ihr hättet Freude an ihm gehabt -- aber es ist tot -- tot -- tot« --
»Wie seid Ihr doch seltsam,« antwortete Darja Aleksandrowna, mit trübem Spott auf Lewins Bewegung blickend. »Ich verstehe jetzt immer mehr und mehr,« fuhr sie in Gedanken versunken fort. »Ihr kommt also wohl nicht zu uns, wenn Kity hier sein wird?«
»Nein. Ich werde nicht kommen. Natürlich kann ich Katharina Aleksandrowna nicht aus dem Wege gehen, aber, wo ich kann, werde ich mich bemühen, sie von dem Unangenehmen meiner Gegenwart zu entheben.«
»Ihr seid sehr, sehr seltsam,« wiederholte Darja Aleksandrowna, ihm voll Herzlichkeit ins Gesicht schauend. »Nun gut; thun wir also, als hätten wir nicht hiervon gesprochen. -- Weshalb kommst du denn zu mir, Tanja?« frug Darja Aleksandrowna auf französisch ihr eintretendes Töchterchen.
»Wo ist meine Schaufel, Mama?« frug dasselbe russisch.
»Ich spreche französisch, also sprich du auch so!«
Das Kind hatte wohl französisch sprechen wollen, aber vergessen, wie Schaufel französisch heiße. Die Mutter half ihr ein und sagte ihr dann in französischer Sprache, wo sie die Schaufel suchen könne.
Auch dies erschien Lewin unangenehm. Alles überhaupt erschien ihm jetzt im Hause Darja Aleksandrownas nicht mehr so freundlich, als vorher.
»Zu welchem Zwecke spricht sie mit den Kindern französisch?« dachte er bei sich, »wie unnatürlich und falsch ist das.« Sogar die Kinder fühlen es; sie erlernen das Französische und verlernen die Wahrheit,« so dachte er bei sich, ohne zu ahnen, daß Darja Aleksandrowna ganz das Nämliche wohl schon zwanzigmal gedacht, aber es gleichwohl, wenn auch der Wahrheit zum Schaden, für unbedingt nötig befunden hatte, ihre Kinder auf diese Weise zu erziehen.
»Aber wo wollt Ihr schon hin? Bleibt doch noch ein wenig.«
Lewin blieb noch bis zum Thee, aber seine heitere Stimmung war ganz dahin und es wurde ihm unbehaglich. Nach dem Thee begab er sich in das Vorzimmer, um Befehl zum Vorfahren zu geben; als er zurückkehrte, fand er Darja Aleksandrowna in hoher Erregung, mit verzweifelten Mienen, und Thränen in den Augen. Während er aus dem Salon gegangen war, hatte sich etwas ereignet, was plötzlich all ihre Glückseligkeit vom heutigen Tage, all ihren Stolz über ihre Kinder zu nichte machte -- Grischa und Tanja hatten eine Rauferei miteinander gehabt.
Darja Aleksandrowna, das Geschrei in der Kinderstube vernehmend, lief hinaus und traf beide in einer entsetzlichen Verfassung.
Tanja hatte Grischa an den Haaren gepackt, während dieser mit wutverzerrtem Gesichte jene mit den Fäusten schlug, wohin er traf. Es schnitt Darja Aleksandrowna durchs Herz, als sie diese Scene gewahrte, gleichsam eine finstere Macht schien sich über ihr Leben zu bewegen. Sie erkannte, daß dieselben Kinder, auf die sie so stolz gewesen, nicht nur die allergewöhnlichsten waren, sondern sogar schlechte, übelerzogene Kinder mit rohen, brutalen Anlagen -- ungezogene Rangen. --
Sie vermochte jetzt von nichts weiter mehr zu reden, an nichts mehr zu denken, konnte auch Lewin nicht ihr Unglück erzählen.
Lewin gewahrte, daß sie unglücklich war und bemühte sich, sie zu trösten, indem er sagte, daß ein solcher Vorfall noch nichts Schlechtes bedeute und alle Kinder doch miteinander rauften. Bei sich selbst aber dachte er, »ich würde niemals mit meinen Kindern französisch sprechen und dürfte auch derartige Kinder gar nicht haben. Die Kinder dürfen nur nicht mit Geflissentlichkeit verdorben und verbildet werden, dann bleiben sie vorzüglich. Und ich werde solche verbildete Kinder nie haben.«
Er verabschiedete sich und fuhr davon; sie hielt ihn jetzt nicht mehr zurück.
11.
In der Mitte des Juli erschien bei Lewin der Starost eines Gutes seiner Schwester, welches einige zwanzig Werst von Pokrowskoje entfernt lag, mit einem Geschäftsbericht und Erntebericht. Der Hauptteil der Einkünfte aus diesem Gute floß aus den trainierten Wiesen. In den früheren Jahren waren diese den Bauern um zwanzig Rubel die Desjatine abgegeben worden, als aber Lewin die Ökonomie in seine Verwaltung genommen hatte, fand er nach der Besichtigung der Wiesen, daß diese mehr wert seien und setzte ihren Preis jetzt auf fünfundzwanzig Rubel die Desjatine fest.
Die Bauern zahlten indessen diesen Preis nicht, und vertrieben sogar, wie Lewin schon geargwohnt hatte, andere Aufkäufer. Nun fuhr Lewin selbst nach dem Orte und traf hier die Bestimmung, daß die Wiesen zu einem Teil in Pacht, zum andern Teil im Einzelnen vergeben werden sollten.
Seine Bauern suchten diese Neuerung mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln zu verhindern, aber sie wurde durchgeführt und im ersten Jahre schon ergab sich ein Ertrag von fast doppelter Höhe. Im vorletzten und dem vergangenen Jahre hatte sich der nämliche Widerstand der Bauern gezeigt und die Abernte ging in derselben Weise vor sich. Im laufenden Jahre hatten die Bauern nur den dritten Teil der Wiesen erhalten und der Starost war nun erschienen um zu berichten, daß die Wiesen gemäht seien und er, Regen fürchtend, den Kontoristen gebeten habe, zu ihm zu kommen. In dessen Gegenwart hätte er hierauf schon elf herrschaftliche Heufeime abgeteilt und aufgebaut.
An den unbestimmten Antworten, welche Lewin auf seine Fragen, wie viel Heu auf der größten Wiese gewesen sei, erhielt, und der Hast, mit welcher der Starost das Heu geteilt hatte, ohne vorher anzufragen, sowie an dem Tone des Bauern merkte er, daß hier etwas nicht richtig sei, und beschloß, sich selbst in der Angelegenheit Gewißheit zu holen.
Als Lewin zu Mittag im Dorfe angekommen war, stellte er sein Pferd bei einen ihm bekannten alten Bauern ein, dem Manne der Amme seines Bruders und begab sich zu dem Alten in den Bienengarten, um von ihm genauere Einzelheiten über die Heuernte zu erfahren.
Der redselige und wohlgebildete Alte Parmenitsch empfing Lewin erfreut, er zeigte ihm seine ganze Wirtschaft, erzählte ihm ausführlich von seinen Bienen und dem Schwärmen im laufenden Jahre, doch zu den Fragen betreffs der Heuernte äußerte er sich unbestimmt und ungern.
Dies bestärkte Lewin nun noch mehr in seinen Vermutungen: er begab sich zu den Wiesen hinaus und besichtigte die Schober. Dieselben konnten durchaus nicht je fünfzig Lasten Heu enthalten, und Lewin ließ daher, um die Bauern zu überführen, sogleich die Gespanne, welche das Heu gefahren hatten, aufbieten, einen Schober aufladen und ihn nach der Scheune bringen. Der Schober ergab nur zweiunddreißig Lasten.
Ungeachtet der Versicherungen des Starosten nun, daß das Heu gequollen gewesen und es nun in den Schobern eingefallen sei, ungeachtet seines Schwures, daß alles mit rechten Dingen zugegangen sei, bestand Lewin auf seiner Überzeugung, daß man das Heu ohne seine Anweisung geteilt habe, und er es daher nicht für fünfzig Lasten den Schober annehmen könne. Nach langem Streiten wurde die Sache dahin entschieden, daß die Bauern selbst die elf Schober zu je fünfzig Lasten berechnet annehmen mußten. Die Verhandlungen und die Verteilung hatten sich bis zur Vesperzeit hingezogen, und als das letzte Heu verteilt war, setzte sich Lewin, die weitere Beaufsichtigung dem Kontoristen überlassend, auf einem Heuhaufen, der durch eine Rute gezeichnet war, nieder und blickte in zufriedener Stimmung auf die von dem Volke belebte Wiese.
Vor ihm, in der Niederung des Flusses hinter einer kleinen sumpfigen Fläche bewegte sich eine bunte Reihe von Weibern, und aus dem zerstreut herumliegenden Heu bildeten sich schnell auf dem hellgrünen Grummet graue gewundene Wälle. Nach den Weibern kamen Bauern mit Heugabeln, und aus den Wällen erwuchsen breite, hohe und schwellende Feime. Links, auf der gemähten Seite der Wiese, knarrten die Wagen, ein Schober nach dem andern verschwand, mit den großen Gabeln in mächtigen Bündeln hinaufgereicht; über ihren Platz schwankten nun die schweren Fuhrwerke mit ihrer duftenden Last, die bis auf die Hinterteile der Pferde herniederhing.
»Das war das rechte Wetterchen zur Ernte, das Heu wird gut,« sagte der Alte, welcher sich neben Lewin gesetzt hatte. »Na, das nenne ich Heumachen. Gerade als wenn man jungen Enten Körner streut, so laden die auf!« er wies auf die Feime hinüber, die aufgegabelt wurden. »Seit Mittag haben sie schon die gute Hälfte fortgebracht. -- Ist das die letzte?« rief er einem jungen Manne zu, welcher auf dem Vorderteil des Wagenkastens stand und die hanfenen Zügel schüttelnd, vorüberfuhr.
»Die letzte, Väterchen!« schrie der Bursche, das Pferd anhaltend und lächelnd auf ein heiteres gleichfalls lachendes, rotbäckiges Weib, welches in der Wagenkelle saß, blickend, und fuhr dann weiter.
»Wer ist das, dein Sohn?« frug Lewin.
»Mein jüngster,« antwortete der Alte mit wohlgefälligem Lächeln.
»Ein tüchtiger Bursch.«
»O, nicht doch.«
»Schon verheiratet?«
»Seit drei Jahren, mit einer von den Philippoff.«
»Kinder da?«
»Was, Kinder! Ein ganzes Jahr hat er gar nichts verstanden, wir haben ihn aber beschämt;« antwortete der Alte. »Doch wie gesagt, das Heu ist vortrefflich,« wiederholte er, im Wunsche, das Thema zu wechseln.
Lewin betrachtete aufmerksamer Wanka Parmenoff und sein Weib. Sie luden jetzt unweit von ihm einen Haufen auf. Iwan Parmenoff stand auf dem Wagen und nahm die mächtigen Heubündel entgegen, welche ihm sein junges hübsches Weib anfangs mit den Armen fassend, später mit der Gabel gewandt reichte, breitete sie gleichmäßig aus und trat sie fest.
Das junge Weib arbeitete leicht, lustig und flink. Das kurze, umherliegende Heu ließ sich nicht mit einemmale auf die Zinken aufnehmen, sie arbeitete es daher erst zurecht, stemmte dann die Gabel hinein, legte sich mit elastischer und hurtiger Bewegung mit der ganzen Schwere ihres Körpers darauf, und richtete sich dann, den mit dem roten Gürtel umspannten Rücken wieder gerade biegend auf, den üppigen Busen dabei unter dem weißen Vorhemd hervortreten lassend, und warf es, in gewandtem Griffe mit den Händen die Gabel umfassend, hoch hinauf auf den Wagen. Iwan, augenscheinlich bemüht, sie von jeder Minute überflüssiger Arbeit zu erlösen, fing jedes Bündel, die Arme weit ausbreitend auf und legte es auf dem Wagen zurecht. Nachdem das junge Weib das letzte Heu mit dem Rechen hinaufgegeben hatte, schüttelte es den Heusamen ab, der ihr auf dem Halse lag, ordnete das verschobene rote Tuch um die weiße, nicht von der Sonne verbrannte Stirn und kroch dann unter den Wagen, um die Ladung zu binden. Iwan wies ihr, wie gekettet werden müsse und lachte dann laut über etwas, was ihm von ihr dabei gesagt worden war. Im Ausdruck der beiden Gesichter war die starke, junge, erst unlängst erwachte Liebe sichtbar.
12.
Die Ladung war gebunden. Iwan sprang vom Wagen herab und führte das hübsche, wohlgefütterte Pferd am Zügel. Sein Weib warf den Rechen auf den Wagen und begab sich munteren Schrittes, mit den Armen winkend, zu den anderen Weibern, die sich zu einem Trupp gesammelt hatten. Iwan, auf den Weg fahrend, schloß sich dem Transport mit den übrigen Fuhrwerken an. Die Weiber, die Rechen auf den Schultern, in grellfarbigen Blumen prangend, folgten unter schallendem heiteren Geschwätz den Wagen nach. Eine rauhe, wildklingende Weiberstimme begann ein Lied und sang dasselbe bis zum Refrain; dann plötzlich nahmen ein halbes hundert verschiedener, rauher, zarter und kräftiger Stimmen den nämlichen Gesang von vorn an wieder auf.
Die singenden Weiber näherten sich Lewin und diesem schien es, als nähere sich eine Wolke mit dem Donner der Lust. Die Wolke kam heran, sie umfing ihn, den Heuhaufen auf dem er lag und die anderen Heuhaufen, die Wagen, die Wiese mit dem Felde in der Ferne, alles bewegte sich und lebte unter dem Takte dieses ungebundenen Gesanges mit seinen Schreien, Pfiffen und Rufen. Lewin beneidete diese Leute um ihre gesunde Fröhlichkeit, er wünschte teilzunehmen an dieser Äußerung von Lebensfreude, aber er vermochte nichts zu thun, sondern mußte ruhig liegen bleiben, hatte nur zu sehen und zu hören.
Nachdem sich das Landvolk aus seiner Seh- und Hörweite verloren hatte, ergriff ihn ein schweres Gefühl der Trauer über seine Einsamkeit, seinen körperlichen Müßiggang, seine Feindschaft gegenüber der Welt.
Gerade einige derjenigen Bauern, welche vor allen mit ihm über das Heu gestritten hatten, die er verletzt hatte, oder die ihn hatten betrügen wollen, gerade diese Bauern hatten ihn freundlich gegrüßt; sie hegten augenscheinlich nicht den geringsten Groll mehr gegen ihn und mochten wohl auch keinen mehr hegen, ebensowenig wie Reue oder die Erinnerung daran, daß sie beabsichtigt hatten, ihn zu hintergehen.
Alles das war jetzt untergegangen in dem Meere der Lust an gemeinsamer Arbeit. Gott gab ihnen den Tag, er gab ihnen die Kraft. Der Tag und die Kraft war bei ihnen der Arbeit geweiht und in dieser fanden sie ihre Belohnung. Doch für wen war ihre Mühe? Welche Früchte ihrer Thätigkeit genossen sie? -- Nun, das waren ihnen überflüssige und wertlose Grübeleien.
Lewin hatte oft schon dieses Leben angenehm gefunden, oft ein Gefühl des Neides gehabt gegen die Menschen, die dasselbe lebten, heute aber kam Lewin zum erstenmal und besonders unter dem Eindruck dessen, was er in dem Verhältnis Iwan Parmenoffs zu dessen junger Frau gesehen hatte, klar der Gedanke, daß es doch ganz von ihm abhänge, dieses so lästige, müßige, gekünstelte Einzeldasein das er lebte -- in ein ebenso arbeitsvolles, reines, umgängliches und anziehendes Leben zu verwandeln.
Der Alte, der neben ihm gesessen hatte, war schon längst heimgegangen; das Landvolk hatte sich zerteilt. Die in der Nähe gewesenen waren heimgekehrt, die in der Ferne befindlichen hatten sich zum Abendbrot und Nachtlager auf der Wiese zusammengefunden.
Lewin, der von niemand bemerkt wurde, blieb auf seinem Heuhaufen liegen; er schaute und lauschte und sann. Das Landvolk, welches zu übernachten in der Flur verblieb, schlief fast gar nicht die kurze Sommernacht hindurch. Anfangs vernahm man das heitere Gespräch und Lachen aller beim Essen, dann wieder Lieder und Scherzen. Dieser ganze lange Tag voller Plage hatte in ihnen keine andere Spur zurückgelassen, als Frohsinn. Beim Aufdämmern des Morgenrots war alles still geworden. Man vernahm nur noch die Nachtmusik der unermüdlichen Frösche im Sumpfe und die Pferde, die in dem Nebel der sich vor dem tagenden Morgen erhob, auf den Wiesen schnaubten.
Zum Bewußtsein kommend, erhob sich Lewin von dem Heuhaufen; er schaute nach den Sternen und erkannte, daß die Nacht vorüber sei.
»Aber was soll ich thun, und wie soll ich handeln?« frug er sich selbst und versuchte, für sich selbst alles das zum Ausdruck zu gestalten, was er erwogen, was er durchempfunden hatte in dieser kurzen Nacht. Alles was er erwogen und durchdacht hatte, gruppierte sich in drei Gedankenreihen, die voneinander gesondert waren.
Die eine war die Entsagung die er seinem früheren Leben zu teil werden lassen wollte, seiner Bildung, die ihm nichts nützte. Diese Entsagung gewährte ihm eine Befriedigung und erschien ihm leicht und einfach. Die zweite Art seiner Ideen und Vorstellungen betraf jenes Leben, welches er jetzt zu leben wünschte. Die Einfachheit, Reinheit, Regelmäßigkeit dieses Lebens fühlte er klar in sich, und er war überzeugt, daß er darin jene Genugthuung finden werde, jene Ruhe und Würde, deren Mangel er so schmerzlich empfand.
Die dritte Reihe seiner Gedanken aber drehte sich um die Frage, wie er diesen Übergang aus dem alten Leben zu dem neuen bewerkstelligen wollte. Hier zeigte sich ihm kein klarer Weg. Sollte er sich ein Weib nehmen? Arbeiten übernehmen, eine bestimmte Verpflichtung zur Arbeit? Pokrowskoje verlassen? Land ankaufen? Vielleicht eine Bäuerin heiraten? Wie sollte er das thun, frug er sich wiederum, ohne eine Antwort zu finden.
»Doch ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen und kann mir keine klare Rechenschaft geben,« sprach er zu sich, »ich werde es aber später schon klar stellen. Eines ist sicher, daß diese Nacht entschieden hat über mein Geschick. Alle meine früheren Ideen über Familienleben waren thöricht, es ist alles bei weitem einfacher und besser,« sagte er zu sich. »Wie herrlich,« dachte er, eine seltsame, über seinem Haupte stehende, fast perlmutterartig schimmernde Muschel aus weißen Schafwölkchen erblickend gerade inmitten des Himmels. »Wie ist doch alles so herrlich in dieser herrlichen Nacht; und wann hat sich diese Wolke doch gebildet? Kurz zuvor blickte ich erst zum Himmel hinauf und nichts war an ihm zu erblicken -- als zwei weiße Streifen. Ja, ganz ebenso unmerklich haben sich auch meine Anschauungen vom Leben gewandelt.«
Er verließ die Wiese und begab sich auf der Landstraße hin dem Dorfe zu. Ein leichter Wind hatte sich erhoben, die Luft wurde grau und trübe; eine trübe Minute, wie sie gewöhnlich der Morgendämmerung vorausgeht, bis sich das Licht von der Finsternis scheidet, war heraufgekommen. Vor Kälte schauernd, schritt Lewin rüstig aus, den Blick zu Boden gerichtet.
»Was war das? Da fährt jemand?« dachte er, als Schellengeläute an sein Ohr drang. Er erhob den Kopf. Vierzig Schritt vor ihm auf der Landstraße, auf welcher er dahinging, kam ihm eine vierspännige Kutsche entgegen. Die Deichselpferde drängten von dem Geleis ab auf die Deichsel, aber der gewandte Jamschtschik, seitwärts auf seinem Bocke sitzend, hielt die Deichsel auf dem Geleis, so daß die Räder auf ebenem Boden rollten.
Lewin hatte den Wagen kaum bemerkt; er schaute, ohne daran zu denken, wer wohl in ihm fahren könnte, zerstreuten Blickes nach demselben hin.
In dem Wagen saß in die Ecke gedrückt, träumend eine ältere Frau, und an dem Fenster, offenbar soeben aus einem Schlummer erwacht, ein junges Mädchen, welches mit beiden Händen die Bänder ihres weißen Häubchens festhielt. Klar aber gedankenvoll, ganz erfüllt von jenem herrlichen, Lewin fremden, tiefen inneren Seelenleben, blickte sie über ihn hinweg auf das Morgenrot der kommenden Sonne.
Im Augenblick, da die Erscheinung schon entschwand, hatten ihre offenen Augen ihn gesehen. Sie erkannte ihn und Staunen und Freude erleuchteten ihre Züge.
Er konnte sich nicht irren. Es gab nur ein einziges solches Augenpaar in der Welt. Es gab nur ein einziges Wesen auf der Welt, welches fähig war, die ganze Welt und den Gedanken des Daseins für ihn in sich zu vereinigen -- und das war sie -- es war Kity. Er erkannte, daß sie nach Jerguschowo fuhr, von der Eisenbahnstation kommend.
Alles das, was in dieser schlaflosen Nacht Lewins Seele bewegt hatte, alle jene Entschlüsse, die von ihm gefaßt worden waren, verschwanden im Nu. Mit Ekel dachte er an seinen Plan, eine Bäuerin zu heiraten. Dort allein, dort in jenem sich schnell entfernenden, auf die andere Seite des Weges hinüberbiegenden Wagen barg sich eine Möglichkeit für die Entscheidung des Rätsels, welches in der letzten Zeit sein Leben so qualvoll belastet hatte.
Sie blickte nicht mehr aus dem Wagen. Das Geräusch der Wagenfedern war verklungen, kaum die Schellen waren noch hörbar. Das Gebell von Hunden zeigte an, daß der Wagen durch das Dorf fuhr, rings um ihn blieb nur die öde Flur, das Dorf vor ihm, und er selbst einsam und allem entfremdet, einsam dahinschreitend auf der verlassenen Landstraße.
Er blickte zum Himmel empor in der Hoffnung, dort noch jene Muschelwolke zu entdecken, die er so schön gefunden, die für ihn ein Bild des ganzen Ganges seiner Gedanken und Gefühle in dieser Nacht gewesen war. An dem Himmel gewahrte er nichts mehr, was jener Muschelwolke ähnlich gewesen wäre, dort, in unerreichbarer Höhe, hatte sich bereits eine geheimnisvolle Wandlung vollzogen. Es war keine Spur der Wolke mehr vorhanden, sondern ein gleichmäßiger sich über eine ganze Hälfte des Himmels ausbreitender Teppich von flockigen Wölkchen, die sich mehr und mehr verkleinerten.
Der Himmel begann sich zu bläuen und zu schimmern; er schien mit Zärtlichkeit und doch auch voll Unerreichbarkeit seinem fragenden Blicke zu antworten.
»Nein,« sprach Lewin zu sich selbst, »so schön dieses einfache Arbeitsleben auch wäre, ich kann mich ihm nicht ergeben. Ich liebe ja sie.«
13.
Niemand als nur diejenigen Personen, welche Aleksey Aleksandrowitsch am nächsten standen, wußte, daß dieser, dem Anscheine nach so kalte, nüchtern denkende Mensch eine Schwäche besaß, die seiner gesamten Charakteranlage widersprach. Aleksey Aleksandrowitsch konnte nicht gleichgültig Weiber oder Kinder weinen sehen und hören. Der Anblick von Thränen versetzte ihn in einen Zustand von Ratlosigkeit, in welchem er die Fähigkeit zu überlegen, vollkommen verlor.
Sein Kanzleivorsteher und der Geschäftsführer wußten dies und instruierten stets im voraus die Bittstellerinnen, sie möchten bei Leibe nicht weinen, wenn sie nicht alles verderben wollten.
»Er wird dann ärgerlich und hört Euch nicht mehr an,« sprachen sie. Und in der That kam jene seelische Erregung bei derartigen Fällen, die durch die Thränen bei Aleksey Aleksandrowitsch hervorgerufen wurde, durch einen ungeduldigen Zorn zum Ausdruck. »Ich kann nichts thun; bitte geht hinaus!« pflegte er in solchen Fällen gewöhnlich zu rufen.
Als Anna bei der Rückkehr von den Rennen ihm Mitteilung über ihre Beziehungen zu Wronskiy gemacht hatte, und ihr Gesicht dann sofort mit den Händen bedeckend, in Thränen ausbrach, fühlte Aleksey Aleksandrowitsch, ungeachtet der in ihm wachgerufenen Erbitterung gegen sie, gleichzeitig eine Anwandlung jener inneren Ratlosigkeit, wie sie eben stets Thränen bei ihm hervorriefen. Da er dies fühlte, und wußte, daß der Ausdruck seiner Empfindungen im gegenwärtigen Augenblick der herrschenden Situation nicht entsprochen haben würde, bemühte er sich, jede Äußerung von Leben in sich zu unterdrücken, und infolge dessen rührte er sich weder, noch blickte er sein Weib an.
Hierdurch eben erschien auf seinen Zügen jener seltsame Ausdruck des Totenhaften, der Anna so betroffen machte.
Nachdem sie am Hause angelangt waren, hob er sie aus dem Wagen und reichte ihr, sich selbst bezwingend, in seiner gewöhnlichen Höflichkeit die Hand zum Abschied, dabei einige Worte sprechend, welche ihn selbst zu nichts verpflichteten; er sagte nur, er würde ihr am nächsten Tage seinen Entschluß mitteilen.
Die Worte seiner Gattin, die seine eigenen schlimmen Vermutungen bestätigt hatten, erweckten einen heftigen Schmerz in der Brust Aleksey Aleksandrowitschs und dieser Schmerz wurde noch erhöht durch jenes seltsame Gefühl von physischem Mitleid mit ihr, wie es durch ihre Thränen in ihm hervorgerufen worden war.
Als er indessen allein in dem Coupé saß, fühlte er plötzlich zu seiner Verwunderung und seiner Freude eine völlige Erlösung sowohl von jener Empfindung von Mitleid, als von jenen Zweifeln und Leiden der Eifersucht, die ihn in letzter Zeit gefoltert hatten.
Er hatte jetzt die Empfindung eines Menschen, der einen seit langem schmerzenden Zahn hat ausreißen lassen. Nach einem furchtbaren Schmerz, nach der Empfindung eines ungeheuren Etwas, das, größer als der Kopf selbst, aus dem Kiefer herausgezogen wird, fühlt der Kranke plötzlich, seinem Glücke noch nicht trauend, daß nun das nicht mehr vorhanden ist, was ihm so lange das Leben verbittert hat, was all seine Denkkraft an sich schmiedete, und daß er nun wieder leben kann, wieder denken und nicht von seinem Zahn ausschließlich in Anspruch genommen sein wird.
Dieses Gefühl hatte Aleksey Aleksandrowitsch. Der Schmerz war seltsam und furchtbar, aber jetzt war er vorbei; er fühlte, daß er wieder leben könne, und nicht nur mehr allein an seine Frau zu denken brauche.
»Ohne Ehre, ohne Herz, ohne Religion, ein verdorbenes Weib! Ich habe dies stets gewußt und stets gesehen, obwohl ich mich bemühte, mich im Mitleid mit ihr darüber selbst zu täuschen,« sprach er zu sich, und in der That dünkte es ihm jetzt, als ob er dies stets schon gesehen hätte. Er vergegenwärtigte sich manche Einzelheiten ihres früheren Zusammenlebens, die ihm ehedem in keiner Beziehung als schlecht erschienen waren. Jetzt zeigten sie ihm klar, daß Anna stets eine Verworfene gewesen sei. »Ich habe einen Fehler damit gemacht, mein Leben an das ihre zu fesseln, aber in meinem Irrtum liegt nichts Böses. Ich kann daher auch nicht unglücklich sein. Ich trage die Schuld nicht,« sagte er zu sich, »nur sie. Aber mit ihr habe ich nichts mehr zu thun; sie existiert für mich nicht mehr.«
Alles, was sie und ihr Kind anging, für welches sich seine Empfindungen im gleichen Maße verändert hatten, wie für sie selbst, hatte aufgehört, ihn zu interessieren.
Nur Eines war es, was ihn jetzt noch beschäftigte; das war die Frage darnach, wie er sich auf die beste, taktvollste und ihm selbst vorteilhafteste -- infolge dessen also auch richtigste -- Weise von diesem Unrat losmachen, mit dem sie ihn besudelt hatte durch ihren Fall, und dann die Laufbahn seines rastlos fleißigen, ehrenhaften und nutzbringenden Lebens fortsetzen könne.
»Ich kann dadurch nicht unglücklich werden, daß ein der Verachtung würdiges Weib ein Verbrechen beging, ich habe nur den besten Ausweg aus der schwierigen Lage zu finden, in welche sie mich gebracht hat. Und ich werde diesen Ausweg finden,« sagte er zu sich selbst, sich mehr und mehr verfinsternd. »Ich bin weder der Erste noch der Letzte, dem es so geht.« Und abgesehen von den Beispielen aus der Geschichte, angefangen von der erst unlängst im Theater wieder in aller Gedächtnis aufgefrischten »schönen Helena«, tauchte eine ganze Reihe zeitgenössischer Fälle von Untreue der Frauen gegen ihre Männer aus den höchsten Kreisen in seiner Erinnerung auf: »Darjeloff, Poltawskiy, der Fürst Karibanoff, Graf Paskudin, Dram -- ja Dram, -- ein so ehrenhafter, fleißiger Mensch; ferner Semjonoff, Tschagin, Sigonin,« zählte Aleksey Aleksandrowitsch weiter auf. »Zugegeben auch, daß durch Unverstand ein Schein von Lächerlichkeit auf diese Männer fallen kann, so habe ich selbst doch darin nie etwas anderes als ein Unglück gesehen, und stets ein Mitgefühl dafür gehabt,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch zu sich selbst, obwohl auch das nicht ganz richtig war, da er niemals Sympathie für derartige Unglücksfälle gefühlt, sondern sich vielmehr um so höher geschätzt hatte, je zahlreicher die Fälle der Untreue von Frauen, die ihre Männer verrieten, wurden. »Das ist ein Unglück, welches jedermann heimsuchen kann, und auch mich hat es heimgesucht. Es handelt sich nun nur darum, wie man auf die beste Art diese Situation erträgt.«
Er ließ nun alle Einzelheiten der Handlungsweise Revue passieren, welche seine Leidensgefährten in der gleichen Lage gewählt hatten.
»Darjaloff hatte sich geschlagen« -- --
Das Duell hatte besonders in der Jugendzeit Aleksey Aleksandrowitsch viel beschäftigt; hauptsächlich deshalb, weil er ein physisch schwächlicher Mensch war und dies recht wohl wußte. Aleksey Aleksandrowitsch vermochte nicht ohne Schrecken an ein Pistol zu denken, welches auf ihn gerichtet sein könnte und er hatte noch nie in seinem Leben eine Flinte gebraucht. Diese Furcht hatte ihn von Jugend auf häufig an das Duell denken und Verhütungsmaßregeln für jede Eventualität treffen lassen, in welcher es erforderlich werden könnte, daß er sein Leben einer Gefahr aussetzte.
Nachdem er Erfolg und eine gesicherte Stellung im Leben erlangt, vergaß er diese Furcht, aber die Gewohnheit, sie zu hegen, machte ihre Rechte geltend, und die Besorgnis vor seiner Schwäche zeigte sich auch jetzt so mächtig, daß Aleksey Aleksandrowitsch lange und vielseitig erwog, und in Gedanken mit der Duellfrage kokettierte, obwohl er von vornherein wußte, daß er sich in keinem Falle schlagen würde.
Ohne Zweifel ist unsere gute Gesellschaft noch so uncivilisiert -- nicht so wie in England -- daß sehr viele, und in der Zahl dieser Vielen befanden sich auch Leute, deren Meinung Aleksey Aleksandrowitsch besonders hoch schätzte, das Duell von der günstigen Seite betrachten. Aber welches Resultat wird dabei erreicht? »Gesetzt, ich forderte jemand zum Zweikampf,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch für sich selbst fort, und erschrak, sich im Geiste die Nacht vorstellend, welche er nach einer Forderung verbringen würde, sowie das auf ihn gerichtete Pistol. Er sah ein, daß er dies nie thun würde. »Gesetzt, ich forderte ihn zum Zweikampf; man instruiert mich,« fuhr er fort, sich auszumalen, »man postiert mich, ich drücke ab,« sprach er zu sich und drückte dabei die Augen zu, »und es zeigt sich, daß ich ihn erschossen habe« -- er schüttelte den Kopf, um diese ungereimten Ideen von sich zu weisen -- »was für Sinn hat doch der Mord eines Menschen, zu dem Zwecke begangen, meine Beziehungen zu einem verbrecherischen Weibe und dessen Kinde zu bestimmen? Muß ich nicht ganz ebenso einen Entschluß fassen über das, was ich mit ihr zu beginnen habe? Aber was noch wahrscheinlicher, ja, unzweifelhaft sicherer ist, -- ich selbst sollte getötet oder verwundet werden? Ich, der Unschuldige, bin das Opfer -- verwundet oder tot! Das hätte noch weniger Sinn! Und nicht genug hiermit; die Herausforderung zum Zweikampf meinerseits würde nicht als ehrenhafte That erscheinen. Weiß ich nicht im voraus schon, daß meine Freunde mich niemals ein Duell eingehen lassen würden? Sie werden nimmermehr zulassen, daß das Leben eines Staatsbeamten, den Rußland braucht, einer Gefährdung ausgesetzt wird. Was aber folgt daraus? Es wird sich ergeben, als hätte ich mir, vorauswissend, daß die Sache nie eine ernste Wendung für mich nehmen könne, mit dieser Forderung nur einen falschen Nimbus verleihen wollen. Dies wäre unehrenhaft und falsch, ein Betrug Dritter, wie meiner selbst. Ein Duell erscheint demnach undenkbar, und niemand erwartet ein solches von mir. Meine Aufgabe kann somit nur darin bestehen, auf meinen Ruf bedacht zu sein, der mir für die ungehinderte Fortsetzung meiner Wirksamkeit nötig ist.«
Die dienstliche Thätigkeit die schon früher in den Augen Aleksey Aleksandrowitschs große Bedeutung besessen hatte, erschien ihm jetzt von ganz besonderer Wichtigkeit.
Nach dieser Verurteilung und Verwerfung des Duells wandte sich Aleksey Aleksandrowitsch zur Ehescheidung, dem zweiten Ausweg, der von einigen jener Männer, deren er sich erinnert hatte, gewählt worden war. Obwohl er in seiner Erinnerung alle bekannten Fälle von Ehescheidung -- es gab deren eine sehr große Zahl in der allerhöchsten, ihm wohlbekannten Gesellschaft -- an sich vorüberziehen ließ, fand Aleksey Aleksandrowitsch doch keinen einzigen, in welchem das Ergebnis der Scheidungsklage das gleiche gewesen wäre, welches er im Auge hatte.
In allen jenen Fällen war der Gatte zurückgetreten oder hatte die untreue Frau aufgegeben und diejenige Partei, welche wegen ihrer Schuld nicht das Recht besaß, einen neuen Ehebund zu schließen, war dann in nur scheinbare, vermeintlich gesetzliche Beziehungen mit dem vermeintlichen Gatten getreten. In seinem Falle jedoch sah Aleksey Aleksandrowitsch, daß die Erlangung einer gesetzlichen, das heißt derartigen Scheidung, daß die schuldige Frau getrennt wurde, unmöglich sein werde.
Er sah recht wohl, daß die schwierige Lebensstellung, in welcher er sich befand, nicht die Möglichkeit jener rücksichtslos rohen Beweisführungen, die das Gesetz für die Überführung des Verbrechens dem Weibe gegenüber verlangte, zuließ; er sah recht wohl, daß der bekannte feine Geschmack seiner Kreise nicht einmal die Abwägung dieser Beweise, für den Fall überhaupt, daß sie vorhanden gewesen wären, gestattet hätte, daß die Vergleichung solcher Beweise ihn selbst in der Meinung der Gesellschaft mehr herabgesetzt haben würde, als sie.
Ein Versuch zur Ehescheidung konnte somit nur zu einem Skandalprozeß führen, der seinen Feinden wie gefunden gekommen wäre, nur zur Verleumdung und zur Erniedrigung seiner hohen Stellung in der Welt. Sein hauptsächlichstes Bestreben, ein Arrangement in seiner Situation unter möglichst geringen Blößen, ließ sich überhaupt durch die Ehescheidung nicht zur Ausführung bringen. Wurde es doch überdies bei einer solchen, selbst schon bei einem Versuch dazu, augenscheinlich, daß sein Weib alle Beziehungen zu dem Ehegatten abbrechen und sich mit ihrem Galan vereinigen würde.
In der Seele Aleksey Aleksandrowitschs blieb aber, ungeachtet der, wie ihm schien, jetzt vollständig gewordenen Verachtung und Gleichgültigkeit seiner Frau gegenüber, doch ein Gefühl zu ihr rege -- das des Wunsches, sie möchte nicht ungehindert zu der Vereinigung mit Wronskiy gelangen, damit ihr Verbrechen ihr keinen Gewinn brächte.
Allein schon der Gedanke an diese Möglichkeit brachte Aleksey Aleksandrowitsch derartig in Erbitterung, daß er bei der bloßen Vorstellung, von einem innerlichen Schmerz gepeinigt, stöhnte, sich erhob, und seinen Platz im Wagen änderte, und erst lange darauf seine kalt gewordenen, hageren Füße finsteren Angesichts wieder in das Plaid wickelte.
»Abgesehen aber von der formalen Trennung, konnte man auch handeln, wie Karibanoff gehandelt hatte, Paskudin und der brave Dram, das heißt, sich einfach von seinem Weibe trennen;« spann er seine Gedanken weiter und beruhigte sich dabei; allein auch dieses Verfahren zeigte die nämlichen Unzulänglichkeiten wegen der drohenden Schande, wie eine Scheidung, und, was die Hauptsache war, er trieb damit sein Weib ganz ebenso wie bei einer solchen, geradezu in die Arme Wronskiys.
»Nein, dies ist unmöglich, unmöglich,« sprach er laut zu sich, von neuem sich mit seinem Plaid beschäftigend, um sich hineinzuwickeln, »ich kann nicht unglücklich sein, aber sie und er, sie sollen auch nicht glücklich werden!«
Das Gefühl der Eifersucht, welches ihn schon zur Zeit, in welcher er noch in Ungewißheit geschwebt, gepeinigt hatte, war verschwunden im Moment, als ihm der schmerzende Zahn durch die Worte seiner Frau ausgezogen worden war, aber dieses Gefühl hatte einem anderen Platz gemacht, dem Wunsche, daß sie nicht nur nicht triumphieren, sondern auch die Ahndung ihres Verbrechens erfahren sollte. Er wurde sich über diese Empfindung nicht klar, aber auf dem Grunde seines Herzens ersehnte er, daß sie für die Vernichtung seiner Ruhe und Ehre leide, und als er dann von neuem die Maßregeln des Duells, der Ehescheidung, der Trennung musterte, und sie wiederum alle von sich gewiesen hatte, überzeugte er sich, daß es nur noch einen einzigen Ausweg gebe, den, sie bei sich zu behalten, das Vorgefallene vor der Welt zu verbergen und alles zu thun, um jenes Verhältnis abzubrechen, und sie ganz besonders, wenn er sich dies auch nicht zugestand, zu bestrafen.
»Ich muß meinen Entschluß mitteilen, dahingehend, daß ich alle anderen Auswege, nachdem ich die schwierige Lage überdacht habe, in welche sie die Familie versetzt hat, für beide Teile als schlimmer befinde, wie einen äußerlich festgehaltenen status quo, und daß ich einen solchen zu beobachten einverstanden bin, aber nur unter der strengen Voraussetzung, daß sie ihrerseits sich meinem Willen fügt, das heißt dem Abbruch ihrer Beziehungen zu dem Liebhaber.
Zur weiteren Befestigung dieses Entschlusses, auch nachdem derselbe schon endgültig geworden war, trat für Aleksey Aleksandrowitsch noch eine weitere wichtige Erwägung.
»Nur mit einem solchen Entschluß handle ich auch im Einverständnis mit der Religion,« sagte er sich, »nur mit ihm stoße ich das verbrecherische Weib nicht von mir, sondern gebe ihr die Möglichkeit, sich zu bessern; ja, so schwer es mir auch werden würde, sogar einen Teil meiner Kräfte will ich opfern zu ihrer Besserung und Rettung.«
Obwohl Aleksey Aleksandrowitsch nun wußte, daß er auf sein Weib keinen sittlichen Einfluß zu üben vermöge, daß aus diesem ganzen Besserungsversuch nichts hervorgehen werde als Lüge, -- obwohl er in diesen schweren Augenblicken nicht ein einziges Mal daran gedacht hatte, ein Hilfsmittel in der Religion selbst zu suchen, so verlieh ihm jetzt, da sein Entschluß mit den Forderungen derselben sogar zusammenfiel, wie ihm schien, diese religiöse Sanktionierung seines Entschlusses eine vollständige Befriedigung und teilweise Beruhigung. Es machte ihm Freude zu denken, daß auch bei einer so wichtigen Handlung im Leben nunmehr niemand imstande sei, ihm zu sagen, daß er nicht im Einklang mit den Vorschriften der Religion gehandelt hätte, deren Banner er stets hoch gehalten inmitten der allgemeinen Kälte und Gleichgültigkeit vor ihr, und als er die weiteren Einzelheiten erwog, wollte er nicht einmal mehr einsehen, warum seine Beziehungen zu seiner Gattin nicht fast die nämlichen mehr bleiben könnten, wie früher.
Zweifellos freilich würde er ja niemals imstande sein, ihr seine Achtung wieder zu schenken, aber es gab doch keinerlei Grund, und es konnte auch keinen geben, weshalb er sich sein Dasein zu nichte machen und deswegen leiden sollte, weil sie ein schlechtes und treuloses Weib gewesen war.
»Nun; die Zeit vergeht ja; die Zeit die alles heilt, und die alten Verhältnisse werden sich wieder einstellen,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch zu sich, das heißt nur so weit wieder einstellen, daß ich wenigstens keine Störung im Lauf meines Lebens mehr empfinde. Sie muß unglücklich bleiben, während ich keine Schuld trage und daher nicht unglücklich werden kann.«
14.
Als Aleksey Aleksandrowitsch nach Petersburg kam, stand er nicht nur vollständig bei dem gefaßten Entschluß fest, er hatte im Kopfe sogar einen Brief entworfen, welchen er an sein Weib schreiben wollte.
Bei seinem Eintritt in die Portierloge, warf er einen Blick auf die Briefe und Aktenstücke, die aus dem Ministerium gebracht worden waren und befahl, ihm dieselben in sein Kabinett nachzutragen.
»Niemand vorzulassen,« antwortete er auf die Frage seines Portiers, mit einer gewissen Selbstzufriedenheit, die als Zeichen seiner guten Laune galt, indem er das Wort »niemand« betonte.
In seinem Kabinett ging Aleksey Aleksandrowitsch zweimal auf und ab; dann blieb er bei dem mächtigen Schreibtisch stehen, auf dem von dem Kammerdiener, welcher vorher schon hereingekommen war, sechs Kerzen angezündet worden waren, knackte mit den Fingern und setzte sich dann, seine schriftlichen Obliegenheiten überdenkend. Er stemmte die Ellbogen auf den Tisch, neigte den Kopf seitwärts, sann eine Minute nach und begann dann zu schreiben, ohne eine Sekunde innezuhalten. Er schrieb an sie ohne Anrede und auf Französisch, das Fürwort »=vous=« anwendend, welches nicht den kalten Charakter besitzt, wie das »Ihr«, der russischen Sprache.
»Bei unserem letzten Gespräch drückte ich Euch die Absicht aus, Euch meinen Entschluß bezüglich des Gegenstandes unserer Unterredung mitzuteilen. Nachdem ich alles sorglich erwogen habe, schreibe ich jetzt mit der Absicht, meinem Versprechen nachzukommen.
Mein Entschluß ist folgender: Mögen Eure Handlungen sein wie sie wollen, so messe ich mir doch nicht das Recht bei, die Bande zu zerreißen, mit welchen wir vereint worden sind durch eine höhere Macht. Eine Familie kann nicht allein infolge einer Laune vernichtet werden, nach freiem Willen, oder gar durch Verbrechen des einen der beiden Gatten und unser Leben muß seinen Fortgang nehmen, wie dies bisher der Fall gewesen ist. Dies ist unerläßlich notwendig für mich, für Euch, wie für unseren Sohn.
Ich bin vollständig überzeugt, daß Ihr schon bereut habt, daß Ihr bereut, was den Anlaß zu vorliegendem Schreiben gegeben hat, überzeugt, daß Ihr ferner mit mir zusammen wirken werdet in der Aufgabe, mit der Wurzel die Ursache unserer Entzweiung auszurotten und die Vergangenheit zu vergessen. Im Falle des Gegenteils werdet Ihr Euch selbst vorstellen können, was Eurer und Eures Sohnes harrt. Über all das hoffe ich indessen eingehender bei dem persönlichen Wiedersehen sprechen zu können. Da die Saison des Landaufenthalts zu Ende geht, möchte ich Euch ersuchen, so bald als möglich nach Petersburg zu kommen, und zwar nicht später, als bis Dienstag. Alle Verfügungen, die zu Eurer Übersiedelung nötig sind, werden getroffen werden.
Ich bitte Euch, im Auge zu behalten, daß ich der Erfüllung dieser meiner Bitte eine ganz besondere Bedeutung beilegen muß. A. Karenin.
=P. S.= Beifolgend noch Geld, das für Eure Ausgaben erforderlich sein könnte.« --
Er durchlas den Brief nochmals und war zufrieden mit ihm, namentlich damit, daß er daran gedacht hatte, Geld beizulegen. Kein hartes Wort, kein Vorwurf, aber auch nichts von Nachsicht seinerseits stand darin. Es hatte sich ihm um die Hauptsache gehandelt -- um die goldene Brücke des Rückzuges. --
Nachdem er den Brief zusammengefaltet, mit seinem großen massiven Elfenbeinmesser geglättet und ihn mit dem Gelde in ein Couvert gesteckt hatte, schellte er, in jener selbstzufriedenen Stimmung, die stets bei ihm zu erscheinen pflegte, wenn er sich mit seinen gutgeordneten Korrespondenzangelegenheiten beschäftigte.
»Dem Kurier geben, damit es morgen auf die Villa zu Anna Arkadjewna gelangt,« sprach er und stand auf.
»Zu Diensten, Excellenz -- befehlen den Thee in das Kabinett?« --
Aleksey Aleksandrowitsch ließ den Thee ins Kabinett bringen und trat, mit seinem Elfenbeinmesser spielend, an den Lehnstuhl, vor welchem die Lampe bereit stand und ein angefangenes französisches Buch über die eugubinischen Inschriften. Über dem Lehnstuhl hing das ovale, von einem namhaften Künstler schön ausgeführte Bild Annas in Goldrahmen. Aleksey Aleksandrowitsch schaute es an; die unergründlichen Augen blickten frivol und frei auf ihn herab, gerade wie an jenem letzten Abend ihrer Auseinandersetzung. Unerträglich frivol und herausfordernd wirkte der Andruck der von dem Künstler vorzüglich ausgeführten schwarzen Spitzen auf dem Haupte auf ihn, der dunklen Haare und der schönen weißen Hand mit den kaum hervortretenden Fingern die von Ringen bedeckt waren.
Nachdem er eine Weile auf das Porträt geblickt hatte, erschrak er plötzlich so, daß seine Lippen bebten und sich der Ausdruck »brr« denselben entrang, worauf er sich abwandte. Dann setzte er sich hastig in seinen Lehnstuhl und nahm sein Buch auf. Er versuchte zu lesen, vermochte aber nicht das hohe Interesse, welches ihn vorher an die eugubinischen Tafeln gefesselt hatte, wach zu erhalten. Er starrte auf das Buch und dachte über etwas ganz Anderes nach. Er dachte nicht an sein Weib, sondern an eine in jüngster Zeit in seiner Amtsthätigkeit entstandene Verwickelung, die gegenwärtig vornehmlich sein dienstliches Interesse in Anspruch nahm.
Er fühlte, daß er jetzt tiefer, als je in diese Verwickelung eingedrungen und in seinem Kopfe -- er konnte dies ohne Selbstüberhebung sagen -- ein kapitaler Gedanke erstanden sei, der die ganze Frage lösen, und ihn in seiner dienstlichen Carriere weiter erhöhen, seine Feinde aber fallen lassen und der Regierung infolge dessen den größten Nutzen gewähren werde.
Kaum hatte der Diener, welcher ihm den Thee servierte, das Zimmer wieder verlassen, als Aleksey Aleksandrowitsch aufstand und an seinen Schreibtisch trat. Er zog das Portefeuille mit den laufenden Geschäften halb zu sich heran und nahm mit einem kaum merklichen Lächeln der Zufriedenheit einen Bleistift zur Hand, worauf er sich in das Studium der von ihm geforderten schwierigen Aufgabe vertiefte, die ihm in der vorliegenden Verwickelung oblag.
Diese Verwickelung war folgende: Die Eigenheit Aleksey Aleksandrowitschs als Regierungsbeamten, jener charakteristische Zug, den ein jeder strebende Beamte besitzt, derselbe, welcher vereint mit seinem Ehrgeiz, seiner strengen Haltung, Ehrenhaftigkeit und seinem Selbstvertrauen ihm seine Carriere begründet hatte, bestand in der Verachtung aller offiziellen Briefschreiberei, in der möglichsten Abkürzung der Vielschreiberei, und, soweit dies möglich war, in der direkten Anpassung der Sache selbst sowie sie lag, dann aber auch in der Sparsamkeit. Nun hatte es sich ereignet, daß in einer wichtigen Kommissionssitzung vom zweiten Juni, die Frage der Bewässerung von Feldern im Gouvernement Zaraisk aufgeworfen wurde; die Sache befand sich in dem Ministerium Aleksey Aleksandrowitschs und enthielt ein schlagendes Beispiel für die Zwecklosigkeit mancher großer Ausgaben und des Briefwechsels der in derselben gepflogen worden war.
Aleksey Aleksandrowitsch wußte, daß dies richtig war; die Ausführung der Bewässerung der fraglichen Felder in dem Gouvernement Zaraisk war von dem Vorgänger des Vorgängers Aleksey Aleksandrowitschs unternommen worden, und thatsächlich war auf dieselbe bis jetzt sehr viel Kapital völlig unnütz verwendet worden, während die Unternehmung offenbar zu nichts führen konnte.
Aleksey Aleksandrowitsch hatte dies bei seinem Antritt im Amte sogleich erkannt, und wollte schon selbst Hand an die Sache legen, allein in der ersten Zeit, als er sich noch nicht sicher genug in den Geschäften fühlte, erkannte er, daß sie allzuviele Interessen berühre und auch eine undankbare sei; später jedoch, hatte er sie unter der Beschäftigung mit anderem völlig vergessen, und sie war, wie alles, einfach für sich dem Gesetz der Trägheit weiter gefolgt. Viele bezogen aus diesem Unternehmen ihren Unterhalt, insonderheit eine sehr anständige und sehr musikalische Familie -- die Töchter spielten sämtlich Saiteninstrumente.
Aleksey Aleksandrowitsch kannte diese Familie, er war vom Vater derselben als Vormund einer der älteren Töchter bestellt worden. Die Aufnahme der Angelegenheit nun seitens eines gegnerisch gesinnten Ministeriums war nach seiner Meinung nicht ehrlich, da in jedem Ministerium ja sich derartige Angelegenheiten befanden, welche niemand, dem üblichen Beamtentakt folgend, aufstach. Jetzt, wenn man ihm schon diesen Handschuh hingeworfen hatte, nahm er ihn mutig auf und forderte die Einsetzung einer besonderen Kommission zur Untersuchung und Begutachtung der Arbeiten derjenigen Kommission, welcher die Bewässerung der Fluren im Gouvernement Zaraisk anvertraut worden war; aber ohne daß er jenen Herren dafür eine Frist gelassen hätte. Er forderte auch die Einsetzung noch einer besonderen Kommission für die Frage bezüglich der Verhältnisse der Ausländer. Diese letztere Angelegenheit war zufällig in der Komiteesitzung vom zweiten Juni aufgeworfen und von Aleksey Aleksandrowitsch energisch vertreten worden, als eine solche die angesichts der bedauernswerten Lage der Fremden keinerlei Aufschub dulde. In dem Komitee hatte dies zum Anlaß für die Erhebung von Widersprüchen seitens mehrerer Ministerien gedient. Dasjenige, welches Aleksey Aleksandrowitsch gegnerisch gesinnt war, legte dar, daß die Lage der Ausländer eine sehr günstige sei, und daß die vorgeschlagene Reorganisation den blühenden Wohlstand nur vernichten könne; sei aber etwas Übles gleichwohl vorhanden, so rühre dies nur von der Nichtausführung der vom Gesetz vorgeschriebenen Maßregeln her, welche seitens des Ministeriums Aleksey Aleksandrowitsch zu treffen gewesen wären.
Nun entschloß sich Aleksey Aleksandrowitsch, zu fordern: Erstens: Es solle eine neue Kommission gewählt werden, die an Ort und Stelle die Lage der Fremden zu prüfen hätte. Zweitens: Wenn sich zeige, daß die Lage der Fremden thatsächlich eine derartige sei, wie sie sich aus den offiziellen Fakten, welche das Komitee in Händen habe, ergäbe, sollte eine zweite, wissenschaftliche Kommission eingesetzt werden, zum Zweck der Erforschung der Ursachen jener unerfreulichen Lage der Fremden von folgenden Gesichtspunkten aus: =a=) vom politischen, =b=) vom administrativen, =c=) vom ökonomischen, =d=) vom ethnographischen, =e=) vom materiellen und =f=) vom religiösen.
Drittens: Es müssten von dem gegnerischen Ministerium Erklärungen über diejenigen Maßregeln verlangt werden, welche innerhalb der letzten zehn Jahre von demselben angebahnt seien zur Verhütung jener unerquicklichen Verhältnisse, in denen sich gegenwärtig die Fremden befänden; und viertens endlich, es müsse von dem Ministerium eine Erklärung darüber eingefordert werden, weshalb es, wie aus den dem Komitee unter No. 17,015 und 18,308 eingelieferten Mitteilungen vom 5. Dezember 1863 und vom 7. Juni 1864 hervorgehe, geradezu im Widerspruch mit dem Sinne des Gesetzes gehandelt habe.
Die Röte der Erregung bedeckte das Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs, als er den Wortlaut dieser Ideen schnell in das Konzept schrieb. Nachdem er das Blatt vollgeschrieben hatte, erhob er sich, schellte und gab das Schreiben für den Kanzleidirektor ab zur Ausführung der erforderlichen Korrekturen. Hierauf schritt er in dem Zimmer auf und ab, wiederum nach dem Bildnis seiner Gattin schauend und bald sich verfinsternd, bald verächtlich lächelnd. Nachdem er noch das Buch von den eugubinischen Tafeln gelesen hatte und sein Interesse für dasselbe wieder belebt worden war, begab er sich um elf Uhr nachts zur Ruhe. Ihm erschien, als er dann im Bett lag und sich des Auftritts mit seinem Weibe erinnerte, letzterer schon nicht mehr in dem nämlichen finsteren Lichte.
15.
Obwohl Anna beharrlich und erbittert Wronskiy widersprochen hatte, als dieser ihr sagte, daß ihre Situation eine unmögliche sei, hielt sie diese doch selbst auf dem Grunde ihrer Seele für ehrlos, und wünschte, aus vollem Herzen, sie verändern zu können.
Als sie mit ihrem Gatten von den Rennen zurückkam, hatte sie diesem in der Erregung des Augenblicks alles enthüllt und sie war froh hierüber, ungeachtet des Schmerzes, den sie dabei empfand.
Nachdem ihr Gatte sie verlassen hatte, sagte sie sich selbst, sie freue sich, daß jetzt alles seine Bestimmung erfahren habe, und nun wenigstens keine Lüge und kein Betrug mehr notwendig sei. Es erschien ihr zweifellos, daß nunmehr ihre Lage ein für allemal bestimmt sei. Sie konnte übel werden, diese neue Lage, aber sie mußte doch eine abgeklärte sein, in welcher es keine Unklarheit, keine Lüge mehr gab. Der Schmerz, den sie sich und ihrem Manne zugefügt hatte, indem sie jene Worte zu ihm sprach, war jetzt aufgewogen dadurch, daß nun alles klar war, wie sie dachte.
An diesem Abend traf sie sich mit Wronskiy, erzählte ihm aber nichts von dem, was zwischen ihr und ihrem Manne vorgefallen war, obwohl dies doch zum Zweck, daß ihre Situation ins klare komme, notwendig gewesen wäre.
Als sie am anderen Morgen erwachte, war das Erste, was vor ihr auftauchte, die Erklärung, die sie ihrem Gatten gegeben hatte, und dieselbe erschien ihr so furchtbar, daß sie jetzt nicht mehr begreifen konnte, wie sie sich hatte entschließen können, diese seltsam herben Worte auszusprechen; sie vermochte sich auch nicht vorzustellen, was daraus erfolgen werde.
Aber die Worte waren gesprochen, und Aleksey Aleksandrowitsch war fortgefahren, ohne ein Wort gesprochen zu haben.
»Ich habe Wronskiy gesehen und ihm nichts davon gesagt. Noch in dem Augenblick, als er ging, wollte ich ihn zurückrufen und ihm erzählen, allein ich sah davon ab, weil es seltsam erschien, daß ich es ihm nicht gleich im ersten Augenblick gesagt hatte. Weshalb habe ich es ihm aber sagen wollen und doch nicht gesagt?«
Als Antwort auf diese Frage ergoß sich eine glühende Röte der Scham über ihr Antlitz. Sie erkannte, was sie daran gehindert hatte; sie begriff, daß es die Scham gewesen. Ihre Lage, die ihr gestern Abend so abgeklärt erschienen war, zeigte sich ihr jetzt plötzlich nicht nur nicht abgeklärt, sondern vielmehr unentwirrbar.
Jetzt empfand sie ein Entsetzen vor der Schande, an welche sie vorher gar nicht gedacht hatte. Sobald sie nur daran dachte, was ihr Gatte nun thun werde, kamen ihr die furchtbarsten Ideen. Ihr kam in den Kopf, es könne jeden Augenblick ein Beamter erscheinen, der sie aus dem Hause hinwegzutreiben hätte, so daß ihre Schmach vor der ganzen Welt offenkundig würde. Sie frug sich selbst, wohin sie sich begeben solle, wenn man sie aus dem Hause treibe, und sie fand keine Antwort darauf.
Als sie an Wronskiy dachte, schien es ihr, als ob er sie nicht liebe, als ob er ihrer bereits überdrüssig würde, als ob sie sich ihm nicht anvertrauen dürfe, und sie empfand Erbitterung gegen ihn deshalb.
Ihr schien, als ob sie jene Worte, die sie zu ihrem Gatten gesagt, und welche sie unaufhörlich in ihrer Phantasie wiederholte, zu jedermann gesagt, und als ob jedermann sie gehört hätte. Sie gewann es nicht über sich, denen ins Auge zu blicken, mit denen sie zusammen lebte. Sie wagte es nicht mehr, ihre Zofe zu rufen, und noch weniger, hinabzugehen, und ihren Sohn und die Erzieherin zu sehen.
Die Zofe, welche schon geraume Zeit an ihrer Thür gelauscht hatte, trat endlich selbst bei ihr ein. Anna blickte ihr fragend ins Auge und errötete erschreckt. Die Zofe entschuldigte sich, daß sie eingetreten sei, und sagte, ihr hätte es geschienen, als habe man geschellt. Sie brachte das Morgenkleid und einen Brief von Bezzy, welche sie daran erinnerte, daß am heutigen Morgen Lisa Merkalowa und die Baronesse Stolz, beide mit ihren Verehrern, Kaluschskiy und dem alten Stremoff, zu einer Partie Croquet kämen.
»Kommt, wenigstens um zu sehen, wie es mit dem Studium der Moral steht, ich erwarte Euch,« endete Bezzy.
Anna las das Billet und seufzte schwer.
»Nichts; ich brauche nichts,« sprach sie zu Annuschka, die ihr die Flacons und Bürsten auf dem Toilettetisch ordnete; »geh, ich will mich sogleich ankleiden und ausgehen. Ich brauche nichts, gar nichts.«
Annuschka ging, Anna aber begann nicht, sich anzukleiden, sondern verharrte in der nämlichen Stellung, gesenkten Hauptes, mit herabhängenden Armen; erbebte bisweilen am ganzen Körper, wie im Wunsche, eine Bewegung zu machen, etwas zu sagen, dann aber wieder in sich zusammensinkend.
Sie wiederholte unaufhörlich: »Mein Gott, mein Gott,« aber weder das erste noch das zweite dieser Worte hatte für sie irgend eine Bedeutung.
Der Gedanke, in der Religion für ihre Lage Hilfe zu suchen, war für sie, obwohl sie nie an der Religion gezweifelt hatte, in welcher sie auferzogen worden war, so befremdlich, als wenn sie bei Aleksey Aleksandrowitsch selbst hätte Hilfe suchen sollen.
Sie wußte im voraus, daß die Hilfe der Religion nur unter der Bedingung, daß sie dem entsagte, was für sie den ganzen Begriff Leben bildete, möglich sei.
Es war ihr nicht nur schwer ums Herz, sondern sie begann auch, Bangnis vor einem ihr noch neuen nie empfundenen Seelenzustand zu empfinden. Sie fühlte, daß in ihrer Seele sich alles spalte, wie bisweilen vor müden Augen die Gegenstände sich verdoppeln.
Bisweilen wußte sie nicht, was sie eigentlich fürchte, und was sie eigentlich wünsche. Fürchtete oder wünschte sie das, was jetzt bestand, oder das, was kommen würde und was sie eigentlich wünschte -- sie wußte es nicht.
»O, was thue ich!« sagte sie zu sich selbst, plötzlich einen Schmerz in beiden Seiten des Kopfes empfindend. Nachdem sie zu ruhiger Überlegung gekommen war, gewahrte sie, daß sie mit beiden Händen ihre Locken an den Schläfen gepackt hielt und preßte. Sie sprang auf und begann umherzuwandeln.
»Der Kaffee ist fertig und Mamsell wartet mit dem kleinen Sergey,« sprach Annuschka, die jetzt wieder zurückkam und Anna noch in der nämlichen Lage antraf.
»Sergey? Was ist mit Sergey?« frug Anna, plötzlich Leben erhaltend. Zum erstenmal an diesem ganzen Morgen erinnerte sie sich der Existenz ihres Sohnes.
»Er hat etwas verbrochen, glaube ich,« fuhr Annuschka lächelnd fort.
»Was hat er denn verbrochen?«
»Es lagen Pfirsiche bei Euch im Eckzimmer und da hat der junge Herr wohl eine derselben heimlich verspeist.«
Die Gemahnung an ihr Kind hatte Anna plötzlich aus jener ratlosen Stimmung gerissen, in der sie sich befunden. Sie erinnerte sie wieder an ihre zeitweilig mit so viel Aufrichtigkeit, wenn auch übertrieben gespielte Rolle als Mutter, die nur für ihr Kind lebt, wie sie sie in den letzten Jahren angenommen hatte, und mit Freuden empfand sie, daß ihr in dem Zustande, in welchem sie sich befand, noch eine Stütze, unabhängig von dem Verhältnis, in das sie zu ihrem Gatten und zu Wronskiy treten würde, geblieben sei.
Diese Stütze -- war ihr Söhnchen. --
Mochte die Lage sein, wie sie wollte, in die sie geriet, ihren Sohn konnte sie nicht verlassen. Mochte ihr Gatte sie mit Schmach überhäufen und von sich treiben, mochte Wronskiy kalt gegen sie werden und sein unabhängiges Leben fortsetzen -- wiederum dachte sie voll Erbitterung und mit Selbstvorwürfen an ihn -- sie konnte den Sohn nicht verlassen. Sie besaß so eine Lebensaufgabe und mußte handeln, wirken, um dieses Verhältnis zu ihrem Sohne zu wahren, damit man ihr diesen nicht raubte. Und schnell sogar war zu handeln, so schnell als möglich, bevor man ihn ihr wegnahm; man mußte das Kind nehmen und entfliehen. Dies war das Einzige, was sie jetzt zu thun hatte. Doch sie mußte ruhiger werden, und diese qualvolle Stimmung verscheuchen. Der Gedanke an die Aufgabe, die ihr Kind betraf, daß sie sogleich mit diesem abreisen müsse, verlieh ihr auch diese Ruhe.
Hastig kleidete sie sich an, begab sich hinunter und trat mit energischen Schritten in den Salon, wo sie, wie gewöhnlich, der Kaffee nebst Sergey mit der Gouvernante erwartete.
Der kleine Sergey, ganz in weiß gekleidet, stand am Tische unter dem Spiegel und machte sich, Rücken und Köpfchen gebeugt, mit dem Ausdruck gespannter Aufmerksamkeit, den sie an ihm kannte und durch welchen er seinem Vater ähnlich wurde, an den Blumen zu schaffen, die er mitgebracht hatte.
Die Gouvernante zeigte ein ausnehmend strenges Aussehen. Sergey rief durchdringend, wie dies öfter bei ihm der Fall war »=A Mama=!« und verharrte dann in Unentschiedenheit, ob er gehen und die Mutter begrüßen müsse, die Blumen beiseite lassend, oder ob er den Kranz fertig winden und mit den Blumen zu ihr gehen sollte.
Die Erzieherin begann nach der Begrüßung lang und ausführlich das Verbrechen zu berichten, welches der kleine Sergey begangen hatte, aber Anna hörte nicht auf sie. Sie dachte nur daran, ob sie die Erzieherin mit sich nehmen sollte; »nein, ich nehme sie nicht mit,« beschloß sie, »ich werde allein fahren mit meinem Kinde.«
»Aber das ist ja sehr häßlich,« sagte sie hierauf laut, und ergriff Sergey an der Schulter, ihn nicht mit strengem, sondern mit sanftem Blick, der den Knaben mit Verwirrung und Freude erfüllte, anschauend und küssend. »Laßt ihn mit mir allein,« sprach sie hierauf zu der verwunderten Erzieherin und ließ sich dann, ohne die Hand ihres Söhnchens freizugeben, an dem bereitstehenden Kaffeetisch nieder.
»Mama -- ich -- ich -- ich -- will nicht,« -- begann das Kind, sich bemühend, an dem Gesichtsausdruck der Mutter zu erkennen, was seiner harre wegen des Pfirsichs.
»Mein Sergey,« sagte Anna, sobald die Gouvernante das Zimmer verlassen hatte, »das war nicht schön von dir, aber du wirst es nicht wieder thun? Hast du mich lieb?« Sie fühlte, daß ihr die Thränen in die Augen traten. »Kann ich ihn denn nicht lieben?« sprach sie zu sich selbst, sich in seinen erschreckten und zugleich frohen Blick versenkend. »Sollte er mit seinem Vater übereinstimmen, mich zu verurteilen? Sollte er mich nicht vielmehr bemitleiden?«
Die Thränen rannen ihr schon über das Gesicht, und um sie zu verbergen, erhob sie sich hastig und lief mehr als sie ging nach der Terrasse hinaus.
Nach den Gewitterregen der letzten Tage war kaltes, helles Wetter eingetreten. Trotz der hellscheinenden Sonne, welche durch das frischgewaschene Laub drang, war es kalt an der Luft.
Sie schauerte zusammen, sowohl vor Kälte, wie vor einem inneren Entsetzen, welches sie in der frischen Luft mit neuer Macht ergriff.
»Geh hinein, geh zu Mariette,« sagte Anna zu ihrem Söhnchen, welches ihr gefolgt war, und schritt auf dem Strohteppich der Terrasse auf und ab. »Sollte man mir wirklich nicht verzeihen können, nicht begreifen, daß dies alles gar nicht anders kommen konnte?« sprach sie zu sich selbst. Sie blieb stehen und blickte nach den im Winde schwankenden Gipfeln der Espen mit dem frischen, hell in der kalten Sonne schimmernden Laube und sah ein, daß man ihr nicht verzeihen werde, daß alles und jedermann ohne Mitleid gegen sie sein werde, wie dieser Himmel da, wie dieses Grün. Und wiederum fühlte sie, daß sich in ihrer Seele eine Spaltung vollzog, »ich brauche nicht zu grübeln, brauche es nicht,« sagte sie zu sich selbst. »Aber ich muß mich fertig machen; wohin? Wann reise ich? Wen soll ich mitnehmen? Nach Moskau mit dem Abendzug. Annuschka und Sergey und nur die allernötigsten Sachen! Doch vorher gilt es noch, an sie beide zu schreiben!«
Schnell trat sie wieder in das Haus, ging in ihr Kabinett, setzte sich an den Schreibtisch und schrieb an ihren Gatten:
»Nach dem Vorgefallenen vermag ich nicht mehr in Eurem Hause zu bleiben. Ich reise ab und nehme meinen Sohn mit mir. Ich kenne die Gesetze nicht und weiß infolge dessen auch nicht, wem von den Eltern das Kind gehört, aber ich nehme es mit mir, weil ich ohne dasselbe nicht leben kann. Seid großmütig und laßt es mir.« --
Bis hierher hatte Anna Karenina flüchtig und natürlich geschrieben, dieser Appell an seine Großmut aber, die sie in ihm nicht anerkannte, sowie die Notwendigkeit, den Brief mit einer rührenden Phrase zu schließen, ließen sie innehalten.
»Von meiner Schuld und meiner Reue sprechen kann ich nicht, weil« -- Wiederum hielt sie inne, weil sie keine Verbindung ihrer Gedanken fand; »nein,« sprach sie zu sich, »gar nicht nötig,« und das Schreiben zerreißend, schrieb sie ein anderes, welches den Appell an seine Großmut ausschloß, und siegelte es zu.
Ein zweites Schreiben war an Wronskiy zu richten.
»Ich habe meinem Gatten eine Erklärung gegeben,« schrieb sie, lange sitzend, ohne die Kräfte zu haben, weiter zu schreiben; ihr Beginnen erschien ihr so unzart, so unweiblich. Was soll ich ihm denn nun noch schreiben? frug sie sich selbst. Wiederum bedeckte die Röte der Scham ihr Gesicht; sie vergegenwärtigte sich seine Ruhe und ein Gefühl des Verdrusses über ihn ließ sie das Blatt mit dem geschriebenen Satz in kleine Stücke zerreißen.
»Nicht nötig,« sprach sie, schloß die Briefmappe und ging hinauf; sie teilte der Erzieherin und den Leuten mit, daß sie heute nach Moskau reisen werde und begann sogleich mit dem Packen der Sachen.
16.
In allen Zimmern der Villa liefen nun die Hausleute, die Gärtner und Lakaien, Sachen schleppend hin und wieder. Schränke und Kommoden wurden geöffnet, zweimal wurde in die Kaufläden geschickt; auf dem Boden türmte sich Zeitungspapier.
Zwei Koffer, Reisesäcke und zusammengeschnürte Plaids wurden ins Vorzimmer gebracht. Die Equipage und zwei Mietkutscher hielten vor der Treppe.
Anna, welche bei der Arbeit des Einpackens ihre innere Unruhe vergessen hatte, packte, in ihrem Kabinett am Tische stehend, ihren Reisesack, als Annuschka ihre Aufmerksamkeit auf das Geräusch einer heranrollenden Equipage lenkte.
Anna blickte durchs Fenster und sah an der Freitreppe den Kurier Aleksey Aleksandrowitschs, welcher an dem Eingangsthor läutete.
»Geh und erkundige dich, was es giebt,« sagte sie und legte, ruhig und auf alles gefaßt, die Hände gefaltet, auf die Kniee, nachdem sie sich in einen Sessel niedergelassen hatte.
Der Diener brachte ihr ein starkes Couvert, welches von der Hand ihres Gatten adressiert war.
»Der Kurier ist beordert, Antwort zu bringen,« meldete er.
»Gut,« versetzte Anna, und riß mit bebenden Fingern, sobald der Diener das Zimmer verlassen hatte, das Schreiben auf. Ein Paket in Bänder eingeklebten glattliegenden Papiergeldes fiel heraus. Sie machte das Schreiben frei und begann es vom Ende her zu lesen.
»Ich habe die Vorbereitungen zur Übersiedelung getroffen und messe der Erfüllung meiner Bitte alles Gewicht bei,« las sie. Sie las weiter, rückwärts, las alles, und dann den ganzen Brief nochmals von Anfang an. Nachdem sie geendet hatte, fühlte sie, daß es ihr kalt war und daß über ihr ein Unglück hereingebrochen sei, so furchtbar, wie sie es nimmermehr erwartet hatte.
Sie hatte am Morgen Reue darüber empfunden, daß sie ihrem Manne alles gestanden hatte und nur das Eine gewünscht, diese Worte möchten nie gesprochen worden sein. Das Schreiben da erkannte nun ihre Worte als nicht gesprochen an und gab ihr, was sie wünschte. Jetzt aber erschien ihr dasselbe furchtbarer, als alles, was sie sich nur denken konnte.
»Er hat recht, hat recht,« sprach sie, »natürlich, er hat stets recht, er ist ein Christ, er ist großmütig. Ha, ein niedriger, abscheulicher Mensch ist er! Und dies kennt niemand weiter, als ich, niemand erkennt das und wird es je erkennen! Ich selbst vermag das nicht ganz zu erklären. Man sagt, er sei religiös, moralisch, ein ehrenhafter und kluger Mensch, aber man sieht dabei nicht, was ich gesehen habe. Man weiß nicht, wie er acht Jahre hindurch mein Leben erstickt hat, alles erstickt hat, was in mir lebendig gewesen ist, -- daß er auch nicht ein einziges Mal daran gedacht hat, daß ich ein lebendiges Weib bin, das Liebe braucht. Man weiß nicht, daß er mich auf jedem Schritte gekränkt hat und mit sich selbst zufrieden dabei war. Habe ich mich nicht bemüht, mit allen Kräften bemüht, eine Rechtfertigung für mein Dasein zu finden? Habe ich es nicht versucht, ihn zu lieben, seinen Sohn zu lieben, als er selbst schon der Liebe nicht mehr teilhaft werden konnte? Aber die Zeit ist gekommen und ich habe erkannt, daß ich mich nicht länger täuschen kann, daß ich lebe, daß ich nicht schuldig bin, weil Gott mich so geschaffen hat, daß ich lieben und leben muß. Und was ist jetzt? Hätte er mich -- und ihn getötet -- alles würde ich ertragen, alles verziehen haben, aber mit nichten -- er! -- Wie konnte ich nur nicht im voraus erraten, was er thun würde? Er thut doch nur, was seinem niederen Charakter eigen ist! Er wird recht behalten, und mich, die Verlorene, mich wird er in noch verhängnisvollerer Weise, noch tiefer stürzen -- -- »Ihr selbst könnt Euch vorstellen, was Eurer und Eures Sohnes harrt,« rief sie sich aus dem Briefe ins Gedächtnis zurück. »Dies ist die Drohung, daß er mir den Sohn nehmen will -- und nach ihren thörichten Gesetzen wird das wohl auch möglich sein! Aber weiß ich etwa nicht, weshalb er das sagt? Er glaubt einfach nicht an meine Liebe zu meinem Kinde; oder er verachtet dieses Gefühl in mir -- wie er ja stets nur gehöhnt hat, -- und dennoch weiß er, daß ich mein Kind nicht aufgebe, nicht aufgeben kann, daß es ohne mein Kind für mich kein Leben giebt, selbst nicht mit demjenigen, den ich liebe, daß ich, sollte ich den Sohn verlassen und von ihm gehen, handeln würde wie das niedrigste abscheulichste Weib. Dies weiß er, aber er weiß auch, daß ich nicht die Kraft habe, das zu vollbringen. »Unser Leben soll sein wie es früher war,« rief sie sich weiter aus seinem Briefe ins Gedächtnis zurück. »Dieses Leben war ein peinvolles schon früher, es war ein entsetzliches in letzter Zeit. Was soll es da jetzt erst werden? Und er weiß doch das alles, weiß, daß ich nicht Reue darüber empfinden kann, zu atmen und zu lieben; er weiß, daß außer Lüge und Trug nichts aus diesem Leben hervorgehen wird, und dennoch muß er mich weiter foltern. Ich kenne ihn und weiß, daß er sich, so wie der Fisch im Wasser umherschwimmt, an der Lüge ergötzt. Aber nein, ich werde ihm diesen Genuß nicht gewähren, und werde dieses sein Spinnennetz von Heuchelei zerreißen, in welches er mich verstricken will; mag kommen, was da kommen will; alles ist besser, als Lüge und Trug! Aber wie, mein Gott, mein Gott, ist denn je auf Erden ein Weib so unglücklich gewesen, wie ich? Nein; ich werde es zerreißen!« schrie sie auf, emporspringend und ihre Thränen zurückdrängend.
Sie trat an ihren Schreibtisch, um ihm einen anderen Brief zu schreiben, aber auf dem Grunde ihres Herzens fühlte sie schon, daß sie nicht die Kraft haben würde, etwas zu zerreißen, nicht die Kraft habe, aus den alten Verhältnissen sich loszuwinden, so erheuchelt und entehrend sie auch waren.
Sie ließ sich an dem Schreibtisch nieder, aber anstatt zu schreiben, faltete sie die Hände auf demselben, legte das Haupt auf sie und brach in Thränen aus, und ihre Brust zuckte und bebte; sie weinte, wie Kinder weinen.
Sie weinte darüber, daß ihr Wahn von einer Abklärung und Bestimmung ihrer Lage auf immer vernichtet war. Sie wußte im voraus, daß nun alles beim alten bleiben würde und noch bei weitem schlimmer werden müsse, als früher. Sie fühlte, daß die Stellung in der Welt, welche sie einnahm, und die ihr heute morgen so nichtig erschienen war, daß ihr diese Stellung wertvoll sei, daß sie nicht die Macht besitze, sie zu verwandeln in die schmachvolle Stellung eines Weibes, welches Mann und Kind verlassen, und sich mit dem Liebhaber verbunden hat, daß sie, soviel sie sich auch anstrengen mochte, nicht mehr Kräfte besaß, als sie eben hatte.
Nie sollte sie die Freiheit der Liebe kennen lernen, sondern für immer ein verbrecherisches Weib bleiben, einer jeden Augenblick drohenden Überführung unterworfen, da sie ihren Gatten hinterging, um ein sündhaftes Verhältnis mit einem unabhängigen Fremden zu unterhalten, mit welchem sie nicht ein geeintes Leben führen darf.
Sie wußte, daß es so kommen würde und dabei wurde es ihr furchtbar zu Mut, daß sie sich nicht vorzustellen vermochte, wie das alles enden sollte. Sie weinte, ohne sich halten zu können; sie weinte, wie gestrafte Kinder weinen.
Schritte des Dieners, welche hörbar wurden, ließen sie zur Besinnung kommen. Indem sie ihr Gesicht bergend zur Seite vor ihm wandte, stellte sie sich als ob sie schriebe.
»Der Kurier bittet um Antwort,« meldete der Diener.
»Antwort? Ja« -- sagte Anna Karenina, »er soll warten, ich werde schellen.« --
»Was kann ich schreiben?« sann sie, »was soll ich ganz allein entscheiden? Was weiß ich? Was möchte ich? Was liebe ich?«
Wiederum empfand sie, wie ihre Seele sich zu spalten begann. Sie erschrak von neuem über dieses Gefühl und klammerte sich an den ersten besten Vorwand, nur etwas zu thun, welcher sie von den Gedanken über sie selbst abziehen könnte.
»Ich muß Aleksey sehen,« -- so nannte sie Wronskiy in Gedanken, -- »er allein kann mir sagen, was ich zu thun habe. Ich will zu Bezzy fahren, vielleicht sehe ich ihn dort,« sagte sie zu sich selbst, vollständig übersehend, daß ihr Wronskiy erst gestern, als sie ihm sagte, sie würde nicht zur Fürstin Twerskaja fahren, geantwortet hatte, dann würde er auch nicht hinkommen.
Sie trat an den Tisch und schrieb an ihren Mann: »Ich habe Euer Schreiben erhalten. A.« -- Hierauf schellte sie und übergab den Brief dem Diener.
»Wir werden nicht reisen,« sagte sie der eintretenden Annuschka.
»Gar nicht?«
»Nein, doch packt bis morgen nicht aus und auch der Wagen bleibt. Ich will zur Fürstin!« --
»Welches Kleid befehlen Sie?« --
17.
Die Croquetgesellschaft, zu welcher die Fürstin Twerskaja Anna geladen hatte, konnte nur aus zwei Damen und deren Rittern bestehen. Die beiden Damen waren die hervorragendsten Repräsentantinnen eines auserwählten neuen Petersburger Cirkels, der sich in der Nachahmung einer gewissen Nachahmung »=Les sept merveilles du monde=« nannte.
Diese Damen gehörten allerdings zu dem höchsten Cirkel, aber auch zugleich zu einem, welcher dem von Anna besuchten durchaus feindlich gegenüberstand. Überdies hatte der alte Stremoff, einer der einflußreichsten Männer Petersburgs und gleichzeitiger Verehrer von Lisa Merkalowa, amtlich den Aleksey Aleksandrowitsch zu seinem Gegner. In Erwägung alles dessen, hatte Anna nicht kommen wollen und auf ihre Absage bezogen sich Winke in dem Billet der Fürstin Twerskaja. Nun wünschte Anna, in der Hoffnung, Wronskiy zu treffen, hinzufahren.
Sie kam bei derselben früher an, als die übrigen Gäste. Zur nämlichen Zeit, als sie eintrat, kam auch der Diener Wronskiys, mit frisiertem Backenbart, wie ein Kammerjunker aussehend. Er blieb an der Thür stehen und ließ sie, die Mütze ziehend, vorüberschreiten. Anna erkannte ihn und entsann sich nun erst, daß Wronskiy gestern gesagt hatte, er werde nicht kommen. Wahrscheinlich sandte er daraufhin das Billet.
Sie hörte, indem sie das Oberkleid im Vorzimmer ablegte, wie der Lakai, selbst das r wie ein Kammerjunker aussprechend, sagte: »Vom Grafen an die Fürstin,« und den Brief übergab.
Sie wollte fragen, wo sein Herr sei; sie wollte wieder umkehren und ihm eine Zuschrift senden, zu ihr zu kommen, oder daß sie zu ihm kommen wolle, that aber weder dies noch jenes, noch ließ sich das Dritte thun. Schon vorher hatte sie die Glocke, welche ihre Ankunft meldete, gehört, und der Diener der Fürstin Twerskaja war bereits in die Zwischenthür hinter dem geöffneten Thor getreten, ihr Eintreten in die inneren Räume erwartend.
»Die Fürstin befindet sich im Garten, sofort wird gemeldet werden. Ist es nicht genehm, nach dem Garten?« meldete ein anderer Diener im Nebenzimmer.
Ihre Lage der Unentschiedenheit und Unklarheit war hier noch ganz die nämliche, wie daheim, ja noch schlimmer geworden, weil sich hier gar nichts unternehmen ließ, weil sie Wronskiy hier nicht sehen konnte. Und doch mußte sie jetzt hier bleiben, in einer fremden, ihrer Stimmung so unsympathischen Gesellschaft. Aber sie befand sich in einer Toilette, welche, wie sie wußte, ihr zu Gesicht stand, sie war daher nicht vereinsamt, rings um sie her hatte sie die gewohnte Umgebung des feiernden Müßiggangs und es wurde ihr nun leichter ums Herz als zu Haus. Sie brauchte nur nicht darüber nachzudenken, was sie zu thun habe, alles machte sich schon von selbst.
Als Anna Bezzy in einer weißen, sie durch ihre Eleganz frappierenden Toilette sich entgegenkommen sah, lächelte sie derselben zu wie stets.
Die Fürstin Twerskaja kam mit Tuschkewitsch und einer jungen Verwandten, die zur hohen Freude ihrer provinzialen Eltern einen Sommer bei der gerühmten Fürstin verleben durfte.
Es mochte wohl etwas Besonderes an Anna auffallen, denn die Fürstin bemerkte es sogleich.
»Ich habe schlecht geschlafen,« antwortete Anna, nach dem Diener blickend, welcher ihnen entgegentrat und nach ihrer Ansicht ein Billet Wronskiys brachte.
»Wie freue ich mich, daß Ihr gekommen seid,« sprach Bezzy, »ich bin etwas ermüdet und wollte soeben eine Schale Thee zu mir nehmen, bis man kommen würde. Ihr möchtet vielleicht gehen,« wandte sie sich an Tuschkewitsch, »um mit Mascha den >=Croquet-ground=< zu probieren, dort, wo man rasiert hat. Wir aber wollen uns gleich einmal beim Thee nach Herzenslust ausplaudern, >=we'll have a cosy chat=<, nicht wahr so?« wandte sie sich hierauf an Anna, mit einem Lächeln ihr die Hand drückend, welche den Sonnenschirm hielt.
»Um so angenehmer, als ich mich nicht lange bei Euch aufhalten kann, ich muß unbedingt noch zur alten Wrede, der ich bereits seit Menschengedenken versprochen habe zu kommen,« versetzte Anna, welcher die Lüge, die ihrer Natur sonst so fremd war, in der Gesellschaft nicht nur als etwas ganz Einfaches und Natürliches erschien, sondern sogar Vergnügen machte. Weshalb sie dies sagte, woran sie vor einem Augenblick noch nicht gedacht hatte, würde sie sich selbst nie haben erklären können. Sie hatte es nur in der Erwägung geäußert, daß sie, weil Wronskiy nicht zugegen war, auf ihre Freiheit Bedacht nehmen und versuchen müsse, ihn auf alle Fälle zu sehen.
Weshalb sie aber gerade von dem alten Fräulein Wrede sprach, welcher sie einen Besuch abstatten müsse, wie so vielen anderen, hätte sie gleichfalls nicht zu erklären vermocht. Und doch hätte sie dabei, wie sich später erwies, bei dem Ausfindigmachen der schlauesten Mittel und Wege zur Ermöglichung eines Rendezvous mit Wronskiy auf nichts Besseres verfallen können.
»O, ich werde Euch um keinen Preis fortlassen,« antwortete Bezzy, aufmerksam die Züge Annas musternd. »Ich würde mich gekränkt fühlen, wenn ich Euch nicht so lieb hätte. Ihr scheint ja geradezu zu fürchten, daß meine Gesellschaft Euch kompromittieren könnte. -- Den Thee für uns in den kleinen Salon!« sprach sie, wie gewöhnlich im Verkehr mit den Dienern, mit den Augen zwinkernd. Sie nahm das Billet aus den Händen des Dieners und las es. »Aleksey hat uns einen falschen Coup ausgeführt,« fuhr sie französisch fort, »er schreibt, daß er nicht kommen kann,« sagte sie mit so natürlichem, einfachem Tone, als käme es ihr gar nicht in den Kopf, daß Wronskiy eine andere Bedeutung für Anna habe, als die für eine Partie Croquet.
Anna wußte, daß Bezzy alles bekannt sei, aber wenn sie so hörte, wie diese in ihrer Gegenwart von Wronskiy sprach, überzeugte sie sich stets für eine Minute, daß Bezzy nichts wisse.
»Ah,« antwortete sie daher gleichmütig, als ob sie wenig davon interessiert wäre und fuhr dann lächelnd fort: »Wie könnte Eure Gesellschaft jemand kompromittieren?« Dieses Spiel mit Worten, dieses Verbergen der Gedanken, hatte für Anna, -- wie überhaupt für alle Frauen, -- einen großen Reiz. Nicht aber der Zwang zu verhehlen, nicht die Absicht, wegen der etwas bemäntelt wird, zog sie an, sondern nur die Art und Weise des Verbergens selbst. »Ich kann nicht katholischer sein als der Papst,« sagte sie; »Stremoff und Lisa Merkalowa sind die Creme der Creme der Gesellschaft. Da sie infolge dessen überall eingeführt sind, so kann auch ich« -- sie hob das »ich« besonders hervor, -- »nimmermehr streng und intolerant sein. Ich muß aber nur noch eine Besuchspflicht erfüllen« --
»Nein, nein, Ihr wollt wohl nur nicht Stremoff begegnen? Mögen er und Aleksey Aleksandrowitsch im Komitee Lanzen miteinander brechen -- das geht uns nichts an. In der Welt ist er der liebenswürdigste Mensch, den ich überhaupt kenne und ein leidenschaftlicher Croquetspieler. Ihr werdet ja sehen. Ungeachtet seiner komischen Rolle eines alten Verliebten, Lisa gegenüber, muß man aber doch sehen, wie er sich aus einer so lächerlichen Situation zu ziehen weiß. Er ist sehr angenehm. Kennt Ihr Sappho Stolz? Das ist ein neuer, ein vollständig neuer Ton.«
Bezzy sprach in einem fort, aber an ihrem heiteren klugen Blicke merkte Anna doch, daß sie zum Teil ihre Lage erkenne und etwas im Schilde führe. Beide saßen in dem kleinen Kabinett bei einander.
»Ich muß aber doch an Aleksey schreiben.« Bezzy ließ sich an dem Schreibtisch nieder, warf einige Zeilen hin und steckte sie in ein Couvert. »Ich schreibe ihm, daß er kommen möge, mit uns zu essen. Es sei bei mir nur eine einzelne Dame ohne Mann zur Tafel. Seht, ist das nicht zwingend? Doch entschuldigt, ich muß Euch für eine Sekunde verlassen. Siegelt das gefälligst und schickt es fort!« rief sie, schon von der Thür herüber, »ich muß noch eine Anordnung treffen!« --
Ohne sich einen Augenblick zu bedenken, setzte sich Anna mit dem Billet Bezzys an den Tisch und schrieb, ohne es zu lesen, darunter: »Ich muß Euch sehen; kommt an den Garten der Wrede, ich werde um sechs Uhr dort sein.« Sie verschloß das Billet und Bezzy, welche soeben zurückkehrte, gab es in ihrer Gegenwart hinaus.
In der That entwickelte sich zwischen den beiden Frauen beim Thee, der ihnen auf dem Präsentierbrett in den kleinen Salon gebracht wurde, ein =cosy chat=, wie es die Fürstin Twerskaja bis zur Ankunft ihrer Gäste in Aussicht gestellt hatte. Sie nahmen diejenigen durch, welche sie zum Besuch erwarteten und das Gespräch blieb schließlich bei der Lisa Merkalowa stehen.
»Sie ist sehr angenehm und mir stets sympathisch gewesen,« sagte Anna.
»Ihr müßt sie lieben; sie schwärmt für Euch. Gestern kam sie zu mir nach den Rennen und befand sich in Verzweiflung, daß sie Euch dort nicht angetroffen hatte. Sie sagt, Ihr wäret die echte Heldin für einen Roman und sie würde für Euch, falls sie ein Mann wäre, wohl tausend Dummheiten begehen. Stremoff hat ihr darauf geantwortet, daß sie ja auch so schon welche machte.«
»Aber sagt mir doch bitte, ich habe nie begreifen können,« begann Anna, nachdem sie einige Zeit geschwiegen hatte, in einem Tone der deutlich zeigte, daß sie keine müßige Frage stellte, sondern das, wonach sie frug, für sie bedeutungsvoller war als vielleicht nötig, »sagt mir doch nur, was sie eigentlich für eine Beziehung zum Fürsten Kaluschskiy, dem sogenannten Mischka hat? Ich habe beide zu selten gesehen, wie steht es damit?«
Bezzy lächelte nur mit den Augen und blickte Anna aufmerksam an.
»Eine neue Mode,« sagte sie. »Man hat sie allgemein angenommen, und sieht eben den Wald vor Bäumen nicht.«
»Aber welche sind also ihre Beziehungen zu Kaluschskiy?«
Bezzy brach plötzlich in ein lustiges nicht zu bezwingendes Gelächter aus, was bei ihr selten der Fall war.
»Da betretet ihr ja die Domäne der Fürstin Mjachkaja. Dies ist die Frage eines >=enfant terrible=!<« Bezzy schien offenbar an sich halten zu wollen es aber nicht zu können und brach abermals in das nämliche hinreißende Gelächter aus, mit welchem lachlustige Leute bisweilen lachen. »Man wird sie wohl fragen müssen,« antwortete sie endlich unter Lachthränen.
»Nein; Ihr lacht,« antwortete Anna, gleichfalls und unwillkürlich von diesem Lachen mit angesteckt, »aber ich habe das nie verstehen können. Ich begreife hier die Rolle des Ehegatten nicht.«
»Ehegatten? Der Mann der Lisa Merkalowa trägt seiner Frau das Plaid nach und steht stets zu ihren Diensten bereit. Aber was es dann noch weiter zwischen ihnen giebt, das will gar niemand wissen. Ihr wißt ja selbst, daß man in der guten Gesellschaft über gewisse Details der Toilette weder spricht, noch Betrachtungen anstellt. So ist es auch hier.«
»Werdet Ihr zu der Fete der Rolandak kommen?« frug Anna, in der Absicht das Thema zu wechseln.
»Ich glaube nicht,« versetzte Bezzy und befaßte sich, ohne ihre Freundin anzublicken, aufmerksam damit, die kleinen durchsichtig schimmernden Schalen mit dem duftenden Thee zu füllen. Nachdem sie hierauf Anna eine Tasse zugeschoben hatte, nahm sie eine Cigarette hervor, steckte sie in ein silbernes Spitzchen und entzündete sie.
»Seht, ich befinde mich in einer glücklichen Lage,« fuhr sie fort, jetzt nicht mehr lachend und die Tasse in die Hand nehmend; »ich verstehe Euch, und ich verstehe Lisa. Lisa ist eine jener naiven Naturen, die, wie die Kinder, nicht wissen, was gut und was schlecht ist. Mindestens hat sie dies nicht gewußt, als sie noch sehr jung war. Jetzt aber wird sie wohl wissen, daß ihr diese Unkenntnis gut steht. Sie mag es jetzt vielleicht auch absichtlich noch nicht wissen wollen,« sprach Bezzy mit feinem Lächeln, »aber es steht ihr doch. Seht Ihr, man kann ein und dieselbe Sache tragisch anschauen, sich eine Pein daraus machen, aber auch nüchtern und selbst von der heiteren Seite. Ihr seid vielleicht geneigt, die Dinge zu tragisch zu nehmen.
»Wie sehr wünschte ich, andere ebenso zu kennen, wie ich mich selbst kenne,« versetzte Anna ernst und gedankenvoll. »Bin ich schlechter als die anderen oder besser? Ich denke, schlechter.« --
»=Enfant terrible, enfant terrible=,« wiederholte Bezzy, »so sind sie eben.« --
18.
Es wurden Schritte hörbar und eine männliche Stimme; hierauf eine weibliche und Lachen; gleich darauf erschienen die erwarteten Gäste.
Sappho Stolz und ein junger Mann der vom Übermaß an Gesundheit strotzte, er hieß Waska, traten ein. Es war augenscheinlich, daß bei Waska die Ernährung mit rohem Rindfleisch, Trüffeln und Burgunder gut angelegt hatte. Waska verneigte sich vor den Damen und schaute sie an, doch nur für eine Sekunde. Sogleich folgte er Sappho nach in den Salon, durchschritt denselben hinter ihr, als sei er an sie gefesselt und ließ sie nicht aus den blitzenden Augen, als wollte er sie verschlingen.
Sappho Stolz war eine Blondine mit schwarzen Augen. Sie erschien in kleinen, kecken Halbschuhen mit hohen Absätzen und drückte den Damen derb nach Männerart die Hand.
Anna war dieser neuen Berühmtheit noch nie begegnet; sie fühlte sich überrascht von ihrer Schönheit, sowie der Überspanntheit, bis zu welcher ihre Toilette ging, und von der Freiheit ihrer Manieren.
Auf ihrem Haupte war, von ihrem eigenen und falschen Haar in zartem Goldblond, eine Art Schaffot von Frisur aufgebaut, so daß der Kopf in seiner Größe der schönen hohen und vorn sehr dekolletierten Büste nahe kam. Die Knappheit nach vorn war so stark, daß sich in jeder Bewegung unter der Robe die Formen der Kniee und Oberschenkel abzeichneten und unwillkürlich drängte sich die Frage auf, wo eigentlich von hinten in diesem schwankenden Berge der wirkliche, ziemlich kleine, aber wohlgebaute Leib, der oben ebenso entblößt war, wie er sich hinten und unten versteckte, aufhöre.
Bezzy beeilte sich, sie mit Anna bekannt zu machen.
»Könnt Ihr Euch vorstellen, soeben hätten wir zwei Soldaten fast überfahren,« begann sie sogleich zu erzählen, mit den Augen zwinkernd und lächelnd und ihren hinteren Aufbau, der sich plötzlich zu sehr auf die eine Seite geneigt hatte, in Ordnung rückend. »Ich fuhr mit Waska -- ach so, Ihr seid ja noch gar nicht miteinander bekannt.« Und seinen Familiennamen nennend, stellte sie den jungen Mann vor, errötend, und laut über ihren Fehler lachend, oder vielmehr darüber, daß sie ihn als Unbekannten so familiär Waska genannt hatte.
Waska machte nochmals eine Verbeugung vor Anna, ohne indessen ein Wort zu ihr zu sprechen. Er wandte sich an Sappho:
»Die Wette ist verloren, wir sind früher angekommen; nun zahlt gefälligst,« lächelte er. Sappho begann noch lustiger zu lachen.
»Nicht jetzt,« sagte sie.
»Gleichviel, ich werde es auch nachher bekommen.«
»Gut, gut; ah,« wandte sie sich plötzlich zur Dame des Hauses, »ich bin doch recht zu tadeln; bald hätte ich doch vergessen -- ich habe Euch einen Gast mitgebracht; hier ist er« --
Der unerwartete junge Gast, welchen Sappho mitgebracht und den sie vergessen hatte, war gleichwohl ein so gewichtiger, so daß ungeachtet seiner Jugend beide Damen sich erhoben, um ihm entgegenzueilen. Es war ein neuer Verehrer Sapphos, welcher dieser gerade wie Waska, auf den Fersen folgte.
Bald kam auch der Fürst Kaluschskiy und Lisa Merkalowa mit Stremoff an. Lisa Merkalowa war eine magere Brünette mit orientalischem, trägen Gesichtstypus und wie alle sagten, reizenden, verschleierten Augen.
Der Charakter ihrer dunklen Toilette entsprach, wie Anna sofort bemerkte und zu würdigen verstand, vollkommen ihrer Schönheit; doch um wieviel Sappho zu klein und zu gedrungen war, um soviel zeigte sich Lisa zu schmächtig und zu aufgeschossen.
Lisa war indessen für Annas Geschmack bei weitem anziehender. Bezzy hatte Anna von ihr erzählt, daß sie den Ton eines unwissenden Kindes festzuhalten pflegte, aber als Anna sie erblickt hatte, fühlte sie, daß dies nicht wahr sei. Sie war allerdings unwissend und verdorben, aber ein gutes und sanftes Weib. Allerdings war ihr Ton der nämliche, wie der Sapphos und ihr folgten die beiden Verehrer ganz so wie Sappho, indem sie sie mit den Augen verschlangen, der eine jung, der andere alt -- aber sie besaß etwas, was höher war als ihre Umgebung; etwas von dem Feuer des echten Diamanten unter dem Scheine der Gläser.
Dieser Glanz leuchtete aus ihren wunderschönen, in der That rätselhaften Augen. Der ermüdete und doch zugleich leidenschaftliche Blick derselben, die von einem mattdunkeln Ring umgeben waren, frappierte durch seine ungeheuchelte Natürlichkeit. Blickte man in diese Augen, so schien es jedem, als erkenne er das Weib ganz und gar, und als müsse man sie, nach dieser Erkenntnis lieben. Bei dem Erblicken Annas erhellte sich ihr Antlitz plötzlich in freudigem Lächeln.
»Ah, wie freue ich mich, Euch zu sehen!« begann sie, auf Anna zutretend. »Ich wollte gestern nach den Rennen gerade zu Euch kommen, aber Ihr waret schon abgefahren, und doch hätte ich Euch gestern besonders so gern gesehen. Nichtwahr das war schrecklich?« sagte sie, das Auge mit ihrem die ganze Seele offenbarenden Blicke auf Anna richtend.
»Ich hätte durchaus nicht erwartet, daß dies so sehr erregen kann,« versetzte Anna errötend.
Die Gesellschaft erhob sich währenddem, um nach dem Garten zu gehen.
»Ich werde nicht mitkommen,« sagte Lisa lächelnd, sich zu Anna setzend. »Ihr geht wohl auch nicht? Was ist das doch für ein Vergnügen, das Croquetspielen.« --
»Ach, ich liebe es schon,« antwortete Anna.
»Nun, wie fangt Ihr es denn an, daß es Euch nicht langweilt? Wenn man Euch anschaut -- Ihr seid wohlauf! Ihr lebt, ich aber langweile mich.«
»Inwiefern langweilt Ihr Euch? Ihr seid selbst doch die lebenslustigste Gesellschaft Petersburgs?« frug Anna.
»Mag sein, daß es denen, die nicht zu unsrem Cirkel gehören, noch langweiliger wird, mir aber, auf Treu und Glauben, ist es durchaus nicht froh zu Mut, sondern entsetzlich -- entsetzlich langweilig.« --
Sappho, welche eine Cigarette angezündet hatte, begab sich nach dem Garten in Begleitung der beiden jungen Herren; Bezzy und Stremoff blieben beim Thee zurück.
»Wie langweilig ist doch das Leben,« sagte Bezzy; »Sappho sagt, daß man sich gestern sehr gut bei Euch unterhalten hätte.«
»O, es war doch sehr öde!« sagte Lisa Merkalowa, »wir begaben uns alle nach meinem Hause, als die Rennen zu Ende waren, -- immer die Alten, immer die Alten; -- immer ein und dasselbe! -- Den ganzen Abend wälzte man sich auf den Diwans; -- was ist dabei Unterhaltendes? Wie fangt Ihr es nur an, Euch nicht zu langweilen?« wandte sie sich plötzlich an Anna. »Es ist der Mühe wert sich nach Euch zu richten; man sieht da eine Frau, die vielleicht glücklich ist, vielleicht auch unglücklich, -- aber jedenfalls doch eine, welche sich nicht langweilt. Lehrt uns, wie Ihr das anfangt!«
»Ich thue nichts Besonderes,« antwortete Anna, über diese herausfordernden Fragen errötend.
»Dies ist die beste Art und Weise,« mischte sich Stremoff ins Gespräch. Stremoff war ein Mann von einigen fünfzig Jahren, halb ergraut, noch frisch aber ziemlich unschön, jedoch mit charakteristischem und klugem Gesicht.
Lisa Merkalowa war die Nichte seiner Frau und alle seine freien Stunden brachte er bei ihr zu. Indem er mit Anna Karenina zusammentraf, er als der Feind Aleksey Aleksandrowitschs im Amtsverkehr, bemühte er sich als kluger Weltmann, mit der Gattin seines Gegners ganz besonders liebenswürdig zu sein.
»Nichts Besonderes?« ergriff er mit feinem Lächeln den Faden des Gesprächs, »dies ist allerdings das beste Mittel. -- Ich habe Euch schon lange gesagt,« wandte er sich an Lisa Merkalowa, »daß es zu dem Zwecke, sich nicht zu langweilen, nötig ist, nicht daran zu denken, es werde langweilig. Es ist damit ganz ebenso, wie man nicht zu fürchten braucht, einzuschlafen, wenn man fürchtet schlaflos zu bleiben. Das Nämliche hat soeben Anna Arkadjewna gesagt.«
»Ich würde mich sehr freuen, wenn ich das gesagt hätte, weil es nicht nur klug, sondern wahr gesprochen gewesen wäre,« sagte Anna lächelnd.
»O nein, sagt doch, warum man es nicht fertig bringt zu schlafen, oder wie man es vermeidet, sich nicht zu langweilen!«
»Nun, um schlafen zu können, muß man arbeiten, und um sich erheitern zu können, muß man gleichfalls arbeiten.«
»Aber zu welchem Zwecke soll ich arbeiten, wenn meine Arbeit niemand etwas nützt? Absichtlich mich zu verstellen, verstehe ich nicht, und das will ich auch nicht.«
»Ihr seid doch unverbesserlich,« fuhr Stremoff fort, sich, ohne Lisa anzublicken, wiederum an Anna wendend.
Da er Anna nur selten begegnet war, hatte er nur in Gemeinplätzen mit ihr sprechen können, und zwar nur bezüglich der Zeit, in welcher sie nach Petersburg gekommen war, und davon, wie sehr sie von der Gräfin Lydia Iwanowna geliebt werde. Er that das indessen mit einem Gesichtsausdruck, welcher bewies, daß er von ganzer Seele wünsche, ihr angenehm zu sein, ihr seine Hochachtung und vielleicht auch noch mehr zu beweisen.
Tuschkewitsch trat jetzt ein, um mitzuteilen, daß die gesamte Gesellschaft auf die Croquetspieler warte.
»Ach, geht doch nicht,« bat Lisa Merkalowa, als sie gehört hatte, daß Anna wegfahre. Stremoff vereinte seine Bitten mit den ihren.
»Es ist ein allzugroßer Kontrast,« sagte er, »nach dem Besuch dieser Gesellschaft zur alten Wrede fahren zu wollen. Für diese werdet Ihr doch noch Gelegenheit genug zu späterer Aussprache haben, während Ihr hier andere, bessere und der üblichen Klatschsucht völlig konträre Ideen anregt,« sagte er zu ihr.
Anna verharrte eine Weile in Unentschlossenheit. Die schmeichelhaften Worte dieses geistreichen Mannes, die naive, kindliche Sympathie, die Lisa Merkalowa für sie an den Tag legte, und all der gewohnte Luxus der großen Welt ringsum -- alles das erschien ihr so frei und angenehm, während andererseits eine so schwere Minute sie erwartete, daß sie nur für einige Zeit in Ungewißheit schwebte, ob sie nicht noch bleiben, den schweren Augenblick der Erklärung nicht noch weiter hinausschieben solle.
Allein als sie sich vergegenwärtigte, was sie in ihrem Hause erwarte, wenn sie keinen Entschluß faßte, als sie an jene entsetzliche Bewegung, die ihr noch in der Erinnerung furchtbar war, dachte, mit welcher sie mit beiden Händen ihr Haar gepackt hatte -- da verabschiedete sie sich und fuhr davon.
19.
Wronskiy war ungeachtet seines, dem Anschein nach leichtfertigen weltlichen Lebens ein Mann, der die Unordnung haßte.
Schon von Kindheit an, im Kadettenhaus, hatte er einmal die Empfindung der Erniedrigung einer Verweigerung kennen gelernt, als er in Geldverlegenheit, um eine Anleihe nachgesucht hatte, und von da an setzte er sich nie wieder einer solchen Lage aus.
Zu dem Zwecke, seine geschäftlichen Angelegenheiten stets in Ordnung zu haben, zog er sich, je nach den Umständen, häufiger oder seltener, fünfmal im Jahre, in die Einsamkeit zurück und ordnete den Stand aller seiner Angelegenheiten. Er nannte dies, »sich seine Fehler vorwerfen«, oder auch »=faire la lessive=«.
Am Tage nach den Rennen spät erwachend, kleidete sich Wronskiy unrasiert und nicht gebadet, in seinen Hausrock, breitete auf seinem Tische Gelder, Rechnungen und Briefe aus und ging an seine Arbeit.
Petrizkiy, welcher wußte, daß er in diesen Stimmungen reizbar war, kleidete sich, als er beim Erwachen seinen Kameraden am Schreibtisch gewahrte, leise an und ging hinaus, ohne denselben zu stören.
Jeder, der die Verwickelung seiner materiellen Verhältnisse bis in die kleinsten Einzelheiten die ihn betreffen, kennt, glaubt unwillkürlich, daß die Verwickelung derselben und die Schwierigkeit die in ihrer Abklärung liegt, nur eine rein persönliche zufällige Besonderheit sei, und vermag sich durchaus nicht zu denken, daß auch andere ganz von den nämlichen Verwickelungen ihrer persönlichen Angelegenheiten heimgesucht sein könnten, als man selbst.
So schien es auch Wronskiy, aber nicht ohne inneren Stolz, nicht ohne Grund dachte er, daß jeder andere sich schon längst verwickelt haben würde und genötigt gewesen wäre, fehlerhaft zu handeln, wenn er sich in ebenso schwierigen materiellen Verhältnissen befunden hätte. Gerade jetzt aber fühlte Wronskiy die Notwendigkeit, zu rechnen und Klarheit zu schaffen für seine Lage, damit er nicht in Verwickelungen geriete.
Das Erste, womit sich Wronskiy, als mit dem Leichtesten befaßte, waren die Geldgeschäfte.
Indem er in seiner kleinen Handschrift alles auf einen Briefbogen schrieb, was er schuldig war, zog er das Facit und fand, daß er siebzehntausend und einige hundert Rubel Schulden hatte, die er der Klarheit halber zurücklegte. Nachdem er sein Geld und die Bankpapiere nachgezählt hatte, fand er, daß ihm achtzehnhundert Rubel verblieben, während Eingänge bis Neujahr nicht vorauszusehen waren. Nach Durchsicht der Schuldrechnungen, schrieb Wronskiy diese auf und machte drei Abteilungen. In der ersten wurden die Schulden eingetragen, welche sofort getilgt werden mußten, oder zu deren Bezahlung er jedenfalls Geld bereit haben mußte, damit bei der Geltendmachung der Forderung keine Minute Zahlungsverzögerung eintrat. Solcher Schulden hatte er etwa viertausend, nämlich fünfzehnhundert Rubel für ein Pferd und zweitausendfünfhundert Rubel Bürgschaft für seinen jungen Kameraden Wenjewskiy, der dieses Geld in Wronskiys Gegenwart verspielt hatte. Wronskiy hatte sogleich das Geld für diesen erlegen wollen, denn er trug es gerade bei sich, aber Wenjewskiy und Jaschwin hatten darauf bestanden, selbst zu bezahlen, Wronskiy dürfe dies nicht, da er gar nicht mitgespielt habe. Dies alles war ganz gut, aber Wronskiy wußte, daß er für die ganze schmutzige Affaire, an welcher er freilich nur in der Absicht teilgenommen hatte, um die Bürgschaft für Wenjewskiy übernehmen zu können, unbedingt jene zweitausendfünfhundert Rubel haben müsse, damit sie ein Gauner erhalte, mit dem er keine weiteren Auseinandersetzungen haben wollte.
Nach dieser ersten und wichtigsten Abteilung, mußte er also viertausend Rubel haben. In der zweiten befanden sich achttausend Rubel weniger wichtige Schulden. Diese bezogen sich hauptsächlich auf den Rennstall, den Lieferanten von Hafer und Heu, seinen Engländer, den Sattler und dergleichen. Außerdem waren auch zweitausend Rubel für den Fall der völligen Sicherung noch anzusetzen. Die letzte Abteilung der Schulden, für die Kaufmagazine, Hotels, den Schneider, war so wenig wichtig, daß er nicht viel darüber zu kalkulieren hatte. Obwohl er mindestens sechstausend Rubel für die laufenden Ausgaben brauchte, waren nur achtzehnhundert vorhanden. Für einen Mann von hunderttausend Rubel Einkünften, wie alle das Vermögen Wronskiys schätzten, konnten solche Schulden, hätte es scheinen können, nicht drückend sein -- aber der Haken lag darin, daß Wronskiy bei weitem nicht diese hunderttausend Rubel Einkommen hatte. Das ungeheure Vermögen seines Vaters, welches allein gegen zweihunderttausend Rubel jährlich an Ertrag einbrachte, war den Brüdern gemeinschaftlich zu eigen. Als der älteste Bruder, mit einer Last von Schulden, die vermögenslose Fürstin Warja Tschirkowaja heiratete, trat Aleksey ihm damals die gesamten Einkünfte aus den väterlichen Gütern ab und bedung sich selbst nur fünfundzwanzigtausend Rubel jährlich aus. Aleksey hatte damals dem Bruder gesagt, daß dieses Geld für ihn hinreiche, solange er nicht heirate, was doch aller Wahrscheinlichkeit nach niemals eintreten würde.
Sein Bruder, der eines der teuersten Regimenter befehligte und eben erst verheiratet war, konnte nicht umhin, die Schenkung anzunehmen. Die Mutter, welche ihr besonderes Vermögen besaß, gab Aleksey außer den ausbedungenen fünfundzwanzigtausend Rubel alljährlich noch zwanzigtausend und Aleksey verbrauchte auch diese. In der letzten Zeit aber hatte die Mutter, ungehalten über ihn wegen seines Verhältnisses und seiner Abreise von Moskau, aufgehört, dem Sohne die Gelder zu senden, und so kam es, daß Wronskiy, dessen Lebensgewohnheiten auf ein Einkommen von fünfundvierzigtausend Rubel eingerichtet waren, in diesem Jahre nur fünfundzwanzigtausend Rubel gehabt hatte und sich jetzt in einer schwierigen Lage befand.
Um aus dieser herauszukommen, konnte er gleichwohl die Mutter nicht um Geld bitten. Das letzte Schreiben derselben, welches er am Abend vorher erhalten hatte, hatte ihn dadurch besonders erbittert, daß darin Andeutungen enthalten waren, sie sei wohl bereit gewesen, ihm zu Erfolg in der hohen Welt zu verhelfen und im Dienste, aber nicht zu einem Leben, welches die ganze gute Gesellschaft bloßstelle. Der Wunsch der Mutter, ihn wieder erkaufen zu können, kränkte ihn bis auf den Grund seiner Seele, und stimmte ihn noch kühler gegen sie. Er konnte sich ferner aber auch nicht von seiner früher gegebenen, großmütigen Zusage losmachen, obwohl er jetzt fühlte, im dunkeln Vorgefühl gewisser Möglichkeiten die sein Verhältnis zur Karenina mit sich bringen könne, daß jenes großmütige Wort leichtsinnig gesprochen worden sei, und er, wenn auch nicht verheiratet, recht wohl alle hunderttausend Rubel gebrauchen könne. Aber das Wort zurückzunehmen, war nicht mehr angängig.
Er brauchte sich hierfür nur des Weibes seines Bruders zu erinnern und daran zu denken, wie die liebenswürdige, herrliche Warja bei jeder passenden Gelegenheit ihm selbst ins Gedächtnis rief, daß sie seiner Hochherzigkeit stets eingedenk sei und sie hochschätze, -- und er begriff, daß es unmöglich war, sein gegebenes Wort zurückzunehmen. Dies wäre ebenso unmöglich gewesen, wie etwa eine Frau zu schlagen, zu bestehlen oder zu belügen. Nur Eins war möglich, und dies mußte sein, und Wronskiy entschloß sich auch ohne einen Moment zu zaudern dazu: Er mußte Geld bei einem Wucherer leihen, zehntausend Rubel, was nicht schwer sein konnte; seine Ausgaben im allgemeinen mehr einschränken, und seine Rennpferde verkaufen.
Zu diesem Entschluß gelangt, schrieb er sofort an Rolandaki, der mehr als einmal schon zu ihm gesandt hatte mit der Anfrage, ob er nicht Pferde verkaufen wolle. Dann sandte er nach dem Engländer und einem Geldverleiher und verteilte das Geld, welches er noch besaß auf die Rechnungen.
Nachdem er mit alledem fertig war, schrieb er einen kühlen und bitteren Brief an seine Mutter und hierauf zog er drei Briefe Annas aus seiner Brieftasche hervor, las sie, verbrannte sie dann und versank in Nachdenken in der Erinnerung an das gestrige Gespräch mit ihr.
20.
Das Leben Wronskiys war insofern ein besonders glückliches zu nennen, als es einen eigenen Kodex von Gesetzen besaß, welche ihm alles bestimmt vorschrieben, was er zu thun und nicht zu thun hatte.
Der Kodex dieser Gesetze umfaßte nur einen kleinen Kreis von Grundsätzen, aber dafür waren diese Vorschriften unantastbar, und Wronskiy, der aus ihrem Kreise nie heraustrat, war nie auch nur eine Minute in Zweifel in der Erfüllung dessen, was nötig war.
Diese Gesetze bestimmten unwandelbar, daß er jenen Gauner bezahlen müsse, den Schneider nicht zu bezahlen brauche, daß man die Männer nicht zu belügen brauche, die Frauen aber belügen dürfe, daß man niemand betrügen dürfe, -- höchstens den Ehemann, -- daß man eine Beleidigung nicht verzeihen könne, aber beleidigen dürfe &c.
Alle diese Prinzipien konnten unvernünftig sein, schlecht, aber sie galten wandellos und in ihrer Erfüllung fühlte Wronskiy, daß er ein ruhiges Gewissen behielt und den Kopf hoch tragen dürfe.
Nur in der allerletzten Zeit begann er infolge seiner Beziehungen zu Anna zu empfinden, daß der Kodex seiner Gesetze nicht vollständig alle Verhältnisse bestimme und sich ihm für die Zukunft Schwierigkeiten und Zweifel zeigten, für die Wronskiy keinen leitenden Faden fand.
Sein jetziges Verhältnis zu Anna und deren Gatten war für ihn selbst einfach und klar. Es war klar und genau bestimmt in dem Gesetzbuch, von dem er geleitet wurde. Sie war ein ehrenhaftes Weib, das ihm ihre Liebe gegeben, und er liebte sie wieder; sie war infolge dessen für ihn ein Weib, würdig der nämlichen, ja, einer höheren Achtung noch, als wäre sie sein gesetzmäßiges Gemahl. Er hätte sich lieber die Hand abhacken lassen, als daß er sich selber erlaubt hätte, sie auch nur mit einem Worte, einer leisen Andeutung zu kränken, oder ihr diejenige Achtung nicht zu erweisen, auf welche nur ein verheiratetes Weib rechnen darf.
Seine Beziehungen zur Gesellschaft waren gleichfalls klar. Alle mochten von seinem Verhältnis wissen oder ahnen, aber keiner durfte wagen, davon zu sprechen. Im entgegengesetzten Falle würde er die Sprecher aufgefordert haben, zu schweigen und die gar nicht vorhandene Ehre der Frau zu achten, die er liebte.
Seine Beziehungen zu ihrem Gatten lagen klarer als alles sonst. Seit jener Minute, von welcher Anna Wronskiy lieb gewonnen hatte, hielt er sein Recht auf sie für unentreißbar; der Gatte war nur eine überflüssige und störende Person. Derselbe befand sich ja, ohne Zweifel, in einer beklagenswerten Lage, aber was war zu thun? Das Eine, worauf der Mann ein Recht hatte, war, Genugthuung mit der Waffe in der Hand zu fordern, -- und dazu war Wronskiy vom ersten Augenblick an bereit.
Aber in der letzten Zeit hatten sich neue innere Beziehungen zwischen ihm und ihr herausgestellt, welche Wronskiy durch ihre Unbestimmtheit schreckten. Erst gestern hatte sie ihm mitgeteilt, daß sie sich Mutter fühle, und er empfand, daß diese Nachricht, sowie was sie nun seinerseits erwartete, eine Handlung von ihm erfordere, welche nicht bestimmt in dem Kodex der Gesetze vorgesehen war, von denen er sich im Leben leiten ließ. Und in der That, er war nicht gewappnet und in der ersten Minute, nachdem sie ihm ihre Lage mitgeteilt hatte, riet ihm sein Herz, es sei nötig, daß sie den Ehegatten verlasse. Er hatte ihr dies auch gesagt, aber jetzt bei reiflicherer Überlegung, erkannte er klar, es würde doch besser sein, wenn sich das umgehen ließe; obwohl er, indem er sich dies sagte, die Befürchtung empfand, es möchte dennoch von Übel sein.
»Wenn ich ihr geraten habe, ihren Mann zu verlassen, so bedeutet dies, daß sie sich mit mir zu vereinigen hätte; bin ich denn aber vorbereitet hierzu? Wie soll ich sie hinwegführen, wenn ich kein Geld habe? Gesetzt auch, ich könnte es doch bewerkstelligen, wie wollte ich sie fortbringen, während ich aktiver Offizier bin? Wenn ich ihr dies gesagt habe, so muß ich auch bereit dazu sein, das heißt, Geld haben und auf Urlaub gehen.«
Er überlegte weiter; die Frage, ob er auf Urlaub gehen solle oder nicht, brachte ihn auf eine andere, eine geheime, nur ihm allein bekannte, die wenn nicht die hauptsächlichste, so doch diejenige war, welche das Interesse seines ganzen Lebens in sich schloß.
Ehrgeiz war ein alter Traum seiner Kindheit und Jugend schon gewesen; der Traum, den er sich selbst zwar nicht zugestand, der aber gleichwohl so mächtig in ihm war, daß auch jetzt diese Leidenschaft mit seiner Liebe kämpfte. Die ersten Schritte, welche er in der großen Welt und im militärischen Dienste gethan, waren gelungen, aber vor zwei Jahren hatte er einen großen Fehler gemacht.
Im Wunsche, seine Unabhängigkeit zu zeigen und sich übergehen zu lassen, hatte er eine ihm angebotene Charge ausgeschlagen, in der Hoffnung, dieser Verzicht werde ihm größeren Wert verleihen; allein es stellte sich heraus, daß er zu kühn gehofft, und man ihn fallen gelassen hatte. Er, der sich =nolens volens= eine unabhängige Lebensstellung gesichert hatte, trug dieselbe jetzt mit Takt und Klugheit, indem er sich stellte, als ob er niemand gram sei, sich in keiner Weise zurückgesetzt fühle und nur wünsche, daß man ihn in Ruhe lasse, da er sich so ganz wohl befinde.
In Wirklichkeit aber hatte dieses Wohlbefinden schon seit dem vorigen Jahre, als er nach Moskau fuhr, aufgehört.
Er fühlte, daß die unabhängige Stellung eines Menschen, der wohl alles ausführen könnte, aber nichts ausführen will, schon mehr darauf hinaus führt, daß viele zu der Ansicht kommen, er bringe nichts fertig, als nur, ein ehrenhafter und guter Mensch zu sein.
Sein Verhältnis zur Karenina, welches soviel Staub aufwirbelte und die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog, hatte ihm einen neuen Nimbus verliehen, und auf einige Zeit den in ihm nagenden Wurm des Ehrgeizes beruhigt, aber seit einer Woche schon war dieser Wurm mit neuer Kraft erwacht.
Ein Jugendfreund, seit der Kindheit mit ihm in der nämlichen gesellschaftlichen Sphäre aufgewachsen, und sein Kamerad im Kadettenhaus gewesen, Serpuchowskiy mit Namen, der mit ihm gleichzeitig die Kriegsschule verlassen hatte, und sein Rivale in derselben gewesen war, im Unterricht wie in den körperlichen Übungen, bei mutwilligen Streichen und in den Träumen des Ehrgeizes, war neulich von Centralasien heimgekehrt; er hatte daselbst zwei Tschins mehr erhalten und eine Auszeichnung, die so jungen Generalen selten verliehen zu werden pflegte.
Kaum war er in Petersburg angekommen, als man von ihm zu sprechen begann, wie von einem neu aufgegangenen Sterne erster Größe. Als Altersgenosse Wronskiys war er schon General und erwartete eine Berufung, die ihm Einfluß auf den Gang der Regierungsgeschäfte verleihen konnte, während Wronskiy hingegen, wenn auch unabhängig und glänzend, wenn auch von einem reizenden Weibe geliebt, doch nur der Rittmeister war, welchem man es anheimgestellt hatte, unabhängig zu bleiben, soviel ihm beliebte.
»Natürlich kann ich Serpuchowskiy nicht gram sein und bin es auch nicht, aber seine Erhöhung zeigt mir, daß man die Zeit abwarten muß; dann kann die Carriere eines Menschen wie ich vielleicht sehr schnell gemacht sein. Vor drei Jahren befand er sich noch in derselben Stellung wie ich. Gehe ich also auf Urlaub, so heißt das die Schiffe hinter mir verbrennen. Wenn ich aber im Dienste bleibe, so verliere ich wenigstens nichts. Sie selbst hat mir ja auch gesagt, daß sie ihre Situation nicht verändern will. Im Besitz ihrer Liebe übrigens, kann ich Serpuchowskiy nicht beneiden.«
In langsamen Bewegungen die Spitzen seines Schnurrbartes drehend, stand er vom Tische auf und durchmaß das Zimmer. Seine Augen blitzten eigentümlich hell, und er empfand jene abgeschlossene, ruhige und frohe Stimmung, welche ihn stets zu überkommen pflegte, nachdem er sich über die Beschaffenheit seiner Situation Klarheit verschafft hatte.
Alles war jetzt, ebenso wie bei den Rechnungsabschlüssen vorher, hell und klar geworden; er rasierte sich, nahm ein kaltes Wannenbad, kleidete sich an und verließ dann sein Zimmer.
21.
»Ich komme um nach dir zu sehen. Deine Toilette hat sich heute sehr in die Länge gezogen,« sagte Petritzkiy. »Ist sie denn nun fertig?«
»Fertig,« antwortete Wronskiy, nur mit den Augen lächelnd und die Schnurrbartspitzen drehend, aber so vorsichtig, als könne nach der Klarstellung, der er seine Angelegenheiten unterzogen hatte, eine allzu kühne oder schnelle Bewegung dieselbe wieder über den Haufen werfen.
»Du kommst somit also wie aus dem Bade,« fuhr Petritzkiy fort. »Ich komme von Grizkiy« -- so hieß der Regimentskommandeur -- »man erwartet dich.«
Wronskiy blickte ohne zu antworten, seinen Kameraden an; er dachte an etwas ganz anderes.
»Giebt es denn Konzert bei ihm?« sagte er dann, auf die zu ihm herüberdringenden bekannten Klänge von Baßtrompeten in Polka und Walzer horchend. »Was giebt es denn für eine Festlichkeit?«
»Serpuchowskiy ist angekommen!«
»Ah,« machte Wronskiy, »das habe ich gar nicht gewußt.« Das Lächeln seiner Augen wurde noch heller.
Nachdem er einmal bei sich selbst konstatiert hatte, daß er glücklich sei in seiner Liebe, opferte er dieser seinen Ehrgeiz, oder nahm doch wenigstens eine solche Rolle auf sich. Wronskiy vermochte auch nicht mehr, Serpuchowskiy zu beneiden oder sich darüber gekränkt zu fühlen, daß derselbe, nach seiner Ankunft beim Regiment, nicht zuerst zu ihm selbst gekommen war. Serpuchowskiy war sein guter Freund und er freute sich über diesen.
»Ich freue mich sehr.«
Der Regimentskommandeur Demin hatte ein großes Gutsgebäude gemietet, die ganze Gesellschaft war auf dem niedrigen geräumigen Balkon versammelt und auf dem Hofe standen -- das Erste was Wronskiy in die Augen fiel -- Sänger neben einem großen Faß Branntwein und die gesunde und freundliche Erscheinung des Regimentskommandeurs, umgeben von den Offizieren. Auf die erste Stufe des Balkons heraustretend, überschrie er mit starker Stimme die Musik, welche eine Offenbachsche Quadrille spielte und befahl etwas, wobei er einigen seitwärts stehenden Soldaten einen Wink gab.
Ein Trupp derselben, ein Wachmeister mit einigen Unteroffizieren traten zugleich mit Wronskiy auf den Balkon. Zur Tafel zurückkehrend, trat der Regimentskommandeur dann wiederum mit einem Pokal auf die Freitreppe heraus und brachte mit lauter Stimme einen Toast: »Auf das Wohl unseres früheren Kameraden, des tapferen Generals, Fürsten Serpuchowskiy! Hurrah!«
Hinter dem Regimentskommandeur, den Pokal in der Hand, erschien lächelnd Serpuchowskiy.
»Du wirst immer jünger, Bondarjonko,« wandte er sich an einen gerade vor ihm stehenden, jugendlich und rotwangig aussehenden Wachmeister.
Wronskiy hatte Serpuchowskiy drei Jahre hindurch nicht gesehen. Derselbe war zum Manne geworden, hatte sich einen Backenbart stehen lassen, zeigte sich aber noch ebenso herrlich in der Erscheinung; sowohl durch seine Schönheit, als durch seine Milde und den Adel seiner Züge und seiner Haltung bestechend, wie früher.
Nur eine Veränderung bemerkte Wronskiy an ihm; es lag eine Art stillen, beständigen Schimmers über ihm, wie er auf dem Gesicht von Leuten erscheint, welche Erfolg gehabt haben und der allseitigen Anerkennung dieser Erfolge sicher sind.
Wronskiy kannte diesen Glanz und er bemerkte ihn sofort an Serpuchowskiy. Zur Treppe herabkommend, bemerkte Serpuchowskiy Wronskiy, und ein freudiges Lächeln erleuchtete sein Gesicht. Er winkte ihm mit dem Kopfe zu, hob den Pokal, begrüßte Wronskiy und zeigte mit dieser Geste, daß er nicht früher zu ihm kommen könne, als bis er den Wachmeister abgefertigt hätte, welcher sich in Positur setzend, schon die Lippen zum Willkommenkuß spitzte.
»Da ist er ja auch!« rief der Regimentskommandeur, »nur hat Jaschwin gesagt, daß du bei schlechter Laune seiest.«
Serpuchowskiy küßte den jungen Wachmeister auf die feuchten und frischen Lippen und trat dann, sich den Mund mit dem Tuche wischend, auf Wronskiy zu.
»Ah, wie freue ich mich,« sagte er, ihm die Hand drückend und ihn mit sich auf die Seite führend.
»Widmet Euch ihm!« rief der Regimentskommandeur Jaschwin zu, auf Wronskiy zeigend und begab sich dann hinunter zu den Soldaten.
»Weshalb kamst du denn gestern nicht zu den Rennen? Ich gedachte dich dort zu sehen,« sagte Wronskiy, Serpuchowskiy anblickend.
»Ich kam hinaus, aber zu spät. Doch entschuldige,« fügte er hinzu, sich nach seinen Adjutanten umwendend, »laßt doch dies gefälligst verteilen, soviel auf den Mann kommt.«
Hastig zog er aus seinem Portefeuille drei Hundertrubelscheine heraus und errötete.
»Wronskiy, ißt oder trinkst du etwas?« frug Jaschwin, »he, gebt doch dem Grafen ein Couvert -- und hier, trink!« --
Das Gelage bei dem Regimentskommandeur zog sich in die Länge. Man trank sehr viel und Serpuchowskiy wurde weidlich dabei gefeiert, darauf feierte man den Obersten, welcher nun mit Petritzkiy vor den Sängern tanzte, und sich dann, bereits etwas illuminiert, auf dem Hofe auf einer Bank niederließ und Jaschwin die Vorzüge Rußlands vor Preußen, namentlich in Bezug auf die Kavallerieattacke auseinanderzusetzen begann. Der Festjubel war auf kurze Zeit ruhiger geworden. Serpuchowskiy hatte sich ins Haus, in das Toilettezimmer begeben, um sich die Hände zu waschen und traf hier Wronskiy, der sich mit Wasser duschte. Er hatte den Waffenrock abgelegt und hielt den roten, von Härchen überwucherten Hals unter den Wasserstrahl des Beckens, sich mit den Händen Hals und Kopf abreibend. Nachdem er mit der Waschung zu Ende war, setzte er sich zu Serpuchowskiy. Die Zwei nahmen auf einem kleinen Diwan Platz und es entspann sich zwischen ihnen ein für beide sehr interessantes Gespräch.
»Ich habe durch mein Weib alles von dir erfahren,« begann Serpuchowskiy, »und ich freue mich, daß du oft mit ihr zusammengetroffen bist.«
»Sie ist befreundet mit Warja und beide sind die einzigen Frauen von Petersburg, mit denen ich gern zusammenkomme,« antwortete Wronskiy lächelnd. Er lächelte darüber, daß er das Thema schon voraussah, auf welches das Gespräch nun sogleich übergehen mußte, und dies machte ihm Vergnügen.
»Die einzigen?« frug Serpuchowskiy lächelnd dazwischen.
»Ich bin auch über dich unterrichtet gewesen, aber nicht nur durch deine Frau,« versetzte Wronskiy, mit ernstem Gesichtsausdruck die Anspielung von sich weisend. »Ich habe mich sehr gefreut über deine Erfolge, und bin durchaus nicht darüber verwundert gewesen. Ich hätte fast noch mehr erwartet.«
Serpuchowskiy lächelte. Offenbar machte ihm diese Meinung über ihn Vergnügen und er fand es nicht für nötig, dies zu verhehlen.
»Ich bekenne im Gegenteil offen, ich hatte weniger von mir erwartet, allein ich bin froh, sehr froh; ich bin ehrgeizig, dies ist meine Schwäche und ich gestehe sie offen ein.«
»Vielleicht würdest du sie nicht eingestehen, wenn du keinen Erfolg gehabt hättest,« sagte Wronskiy.
»Ich glaube nicht,« antwortete Serpuchowskiy wiederum lächelnd. »Ich will nicht sagen, daß es sich nicht auch ohne dies leben ließe, aber es lebte sich doch langweilig. Freilich ist möglich, daß ich mich irre, aber mir scheint doch, als ob ich einige Fähigkeiten zu dem Wirkungskreis besäße, den ich mir erkoren habe, und daß wenn in meine Hände eine Macht, wie sie auch immer sein möge, kommen wird, sie besser aufgehoben ist, als in den Händen vieler mir Bekannter,« sprach Serpuchowskiy in dem strahlenden Bewußtsein seiner Errungenschaften. »Und je näher ich daher dieser Macht komme, um so zufriedener werde ich.«
»Vielleicht ist dies für dich etwas, aber nicht für alle. Ich habe auch schon so gedacht, lebe aber und finde, daß man nicht nur solchen Zwecken zu leben braucht,« antwortete Wronskiy.
»Da haben wir's, da haben wir's,« lachte Serpuchowskiy. »Ich hatte aber davon angefangen, daß ich von dir, und auch von deinem Verzicht gehört habe. Natürlich habe ich dich in Schutz genommen. Aber für alles giebt es eine Form, und ich glaube, daß dein Verhalten an sich richtig war, nur bist du nicht so verfahren, wie du mußtest.«
»Was geschehen ist, ist geschehen, und du weißt wohl, daß ich mich noch nie widerrufen habe, was ich einmal that. Ich befinde mich daher ganz wohl.«
»Ganz wohl -- auf bestimmte Zeit. Aber du wirst dich hiermit nicht begnügen. Deinem Bruder würde ich das nicht sagen; er ist ein ebenso harmloses Kind, wie unser Wirt!« fügte er hinzu, auf den Hurraruf draußen lauschend. »Auch er ist zufrieden, aber du kannst dich hiermit nicht zufrieden geben.«
»Ich sage auch nicht, daß ich mich mit etwas begnügt hätte.«
»Nein, nicht darum allein handelt es sich. Aber solche Leute, wie du bist, werden gebraucht!«
»Wer braucht sie?«
»Wer? Die Gesellschaft, Rußland! Rußland braucht Männer, braucht eine Partei, oder alles kommt auf den Hund!«
»Was heißt das? Etwa die Partei des Bertenjeff gegen die russischen Kommunisten?«
»Nein,« antwortete Serpuchowskiy, sich verfinsternd, daß man ihn einer solchen Dummheit für fähig gehalten hatte. »=Tout ça est une blague=; und es war stets so und wird so bleiben. Kommunisten giebt es nicht, freilich, stets haben die Menschen es für notwendig gehalten, eine schädliche und gefahrbringende Partei zu ergrübeln. Das ist eine alte Geschichte. Nein, jetzt brauchen wir eine Parteimacht von unabhängigen Männern, wie du und ich.«
»Aber wozu?« Wronskiy nannte einige Namen von Macht und Einfluß, »sind das nicht unabhängige Männer?«
»Sie sind es deswegen nicht, weil sie von Geburt an eine Unabhängigkeit ihrer Stellung nicht gehabt haben, keinen Namen führen und der Sonne nicht so nahe stehen, unter welcher wir das Licht der Welt erblickt haben. Man kann sie entweder mit Geld erkaufen oder mit Speichelleckerei, und um es mit ihnen halten zu können, muß man für sie eine Richtung erst erfinden. Sie besitzen in der Regel wohl eine Idee, eine Richtung, an welche sie aber selbst nicht glauben und die Böses erzeugt; ihre ganze Richtung ist nur der Zweck, eine Regierungswohnung inne haben und einen Gehalt genießen zu können. =Cela n'est pas plus fin que ça=, sobald man ihre Karte durchschaut. Es ist ja möglich, daß ich weniger gut und dümmer bin, als sie, obwohl ich nicht einzusehen vermag, weshalb es so sein sollte, indes ich sowohl wie du, wir besitzen einen wirklichen und wichtigen Vorzug -- den, daß wir uns schwerer erkaufen lassen. -- Solche Männer aber sind jetzt uns mehr vonnöten, als es je der Fall gewesen ist.«
Wronskiy hörte aufmerksam zu, aber weniger der Inhalt der Worte war es, der ihn beschäftigte, als die Beziehung derselben auf Serpuchowskiys Verhältnisse, welcher bereits glaubte, sich im Kampfe mit jener Macht zu befinden und in dieser Welt bereits seine Sympathieen und Antipathieen hatte, während es für ihn selbst, für Wronskiy, nur Interessen gab, die sich auf die Eskadron bezogen.
Wronskiy erkannte auch, wie stark Serpuchowskiy mit seiner unzweifelhaften Fähigkeit, zu urteilen, die Dinge richtig aufzufassen, mit seinem Geist und seiner Redegewandtheit werden konnte, die sich so selten in den Kreisen vorfinden, in denen er lebte. So viel Überwindung es ihn kosten mochte -- er mußte ihn beneiden.
»Und dennoch ist mir mit diesem einzigen und höchsten Ziele nicht genug,« antwortete er, »mit diesem Wunsche, mächtig zu sein. Es war wohl einmal so, aber das ist vorbei.«
»Entschuldige, das ist nicht wahr,« lächelte Serpuchowskiy.
»Doch, es ist wahr, es ist wahr -- nämlich jetzt, um aufrichtig zu sein,« fügte Wronskiy hinzu.
»Wahr -- für jetzt -- das ist etwas anderes; aber dieses jetzt wird nicht immerdar sein.«
»Möglich,« versetzte Wronskiy.
»Du sagst möglich,« fuhr Serpuchowskiy fort, als wenn er des Anderen Gedanken erraten hätte, »ich aber sage dir >sicherlich<. Und aus diesem Grunde wollte ich dich sprechen. Du hast gehandelt, wie du mußtest; das verstehe ich recht wohl, aber du darfst es nicht allzuweit treiben. Ich bitte dich jetzt um =carte blanche=. Zu protegieren gedenke ich dich nicht, obwohl ich nicht einsehe, weshalb ich es nicht thun sollte; hast du mich doch so oft protegiert. Ich hoffe, daß unsere Freundschaft höher steht, als diese Frage; ja,« fuhr er fort, Wronskiy mild zulächelnd, wie ein Weib, »gieb mir =carte blanche=, tritt aus deinem Regiment und ich bringe dich unmerklich empor.«
»Aber so begreife doch, daß ich nichts brauche,« antwortete Wronskiy, »ich wünsche nur, es möchte alles so bleiben, wie es gewesen ist.«
Serpuchowskiy erhob sich und trat vor ihn hin.
»Du sagtest, es möchte alles so bleiben, wie es gewesen ist. Ich verstehe, was das heißen soll. So höre denn: Wir sind Schulkameraden, aber du hast vielleicht zahlreichere Weiber kennen gelernt als ich.« Ein Lächeln und eine Geste Serpuchowskiys besagten, daß Wronskiy nicht zu befürchten brauchte, er werde etwa leise und vorsichtig die wunde Stelle berühren. »Aber ich bin verheiratet, und, glaube mir, hat man einmal die Frau erkannt, die man liebt, -- so schrieb einmal Einer -- so erkennt man alle Weiber besser, als hätte man sie sonst auch nach Tausenden kennen gelernt.«
-- »Wir kommen gleich!« -- rief Wronskiy einem Offizier zu, welcher soeben ins Zimmer hereinblickte und die beiden zum Regimentskommandeur lud.
Wronskiy wünschte jetzt, das Ende zu hören und zu erfahren, was Serpuchowskiy ihm sagen wollte.
»Höre also meine Meinung,« fuhr dieser fort, »die Weiber sind der größte Stein des Anstoßes in der Existenz des Mannes. Es ist schwer, ein Weib zu lieben und zugleich irgendwie zu wirken. Es giebt hierfür nur ein einziges Mittel, mit Bequemlichkeit und ohne eigne Hemmnis zu lieben -- das ist die Heirat! Wie soll ich dir es doch gleich klarmachen,« fuhr Serpuchowskiy fort, der die Vergleiche liebte, »halt, paß auf! Wie man nur ein Bündel tragen und doch dabei etwas mit den Händen verrichten kann, sobald das Bündel auf den Rücken gehängt ist, so ist es auch mit der Heirat. Dies habe ich an mir erfahren, als ich geheiratet hatte. Meine Hände waren da plötzlich wieder frei. Aber ohne die Ehe ein solches Bündel mit sich schleppen, heißt mit Händen laufen, die so vollgepackt sind, daß man nichts sonst zu thun vermag. Sieh Mazankoff, Krupoff an! Sie haben ihre Carriere durch die Weiber zu Grunde gerichtet!«
»Aber was für Weiber!« antwortete Wronskiy, dem die Französin und die Schauspielerin ins Gedächtnis kam, mit denen jene beiden ein Verhältnis gehabt hatten.
»Um so schlimmer! Je fester die Stellung eines Weibes in der Welt ist, um so schlimmer wird die Sache! Es bleibt sich ganz gleich -- abgesehen davon, daß man das Bündel in den Händen trägt -- ob man es erst einem anderen entreißt.«
»Du hast nie geliebt,« versetzte Wronskiy leise, vor sich hinstarrend und Annas gedenkend.
»Mag sein. Aber vergiß nicht, was ich dir gesagt habe. Und noch eins: die Weiber sind stets materieller als die Männer. Wir vollbringen aus Liebe eine erhabene That, sie handeln aber stets =terre-à-terre=.« -- --
-- »Sofort, sofort!« -- wandte er sich jetzt an den eintretenden Diener. Dieser war indessen nicht erschienen, um sie nochmals zu rufen wie er dachte. Der Lakai brachte Wronskiy ein Billet:
»Von der Fürstin Twerskaja brachte das ein Diener für Euch.«
Wronskiy erbrach den Brief und geriet in hohe Aufregung.
»Ich habe Kopfschmerz und muß nach Haus,« sagte er zu Serpuchowskiy.
»Nun, so lebe wohl. Giebst du mir also carte blanche?«
»Wir werden später noch sprechen, ich finde dich ja in Petersburg.«
22.
Es war schon sechs Uhr, und deshalb setzte sich Wronskiy, um keine Zeit zu verlieren und zugleich auch nicht mit seinen eigenen Pferden fahren zu müssen, die jedermann kannte, in den Mietwagen Jaschwins und befahl so schnell als möglich zu fahren. Der Wagen, ein alter viersitziger Kasten, war geräumig, Wronskiy ließ sich in einer Ecke nieder, legte die Füße auf den einen Vorderplatz und versank in Nachdenken.
Die verwirrende Erkenntnis, wie sehr seine Angelegenheiten zur allgemeinen Kenntnis gekommen waren, der Zurückerinnerung an die Freundschaft und Schmeichelei Serpuchowskiys, der ihn für einen brauchbaren Mann hielt, und, vor allem, die Erwartung des Wiedersehens -- alles das vereinigte sich in ihm zu einer allgemeinen Empfindung freudiger Lebenskraft.
Dieses Gefühl war so stark in ihm, daß er unwillkürlich lächeln mußte. Er streckte seine Beine von sich, legte das eine über das Knie des andern und nahm es in die Hand, die harte Wade des einen Beines befühlend, welches gestern bei dem Sturz mit dem Pferde verletzt worden war. Dann warf er sich zurück und atmete mehrmals aus voller Brust tief auf.
»Gut; sehr gut!« sprach er zu sich selbst. Er hatte schon früher oft ein Gefühl der Genugthuung über seinen Körper empfunden, aber noch niemals war er auf sich selbst so stolz gewesen, auf seinen Körper, als jetzt. Es war ihm angenehm, diesen leichten Schmerz in dem starken Fuße zu empfinden, angenehm, die Bewegungen der Muskeln seiner Brust beim Atmen zu verspüren.
Jener nämliche helle und kalte Augusttag, der so hoffnungslos auf Anna eingewirkt hatte, schien für ihn belebend und ermunternd zu sein, er erfrischte ihm das erhitzte Gesicht und den Hals. Der Geruch des Brillantine-Odeur von seinem Schnurrbart aus erschien ihm ganz besonders angenehm in dieser frischen Luft. Alles, was er durch das Fenster des Wagens sah, alles in dieser kalten reinen Luft, bei diesem bleichschimmernden Licht der untergehenden Sonne, mutete ihn so frisch an, so erheiternd und stärkend, wie er sich selbst stark fühlte. Selbst die Dächer der Häuser, glänzend in den Strahlen der sinkenden Sonne, die scharfen Umrisse der Kirchen, und Ecken der Gebäude, die ihm vereinzelt begegnenden Erscheinungen von Fußgängern oder Equipagen, und das unbewegliche Grün der Bäume und des Grases, die Felder mit den regelmäßig angelegten Kartoffelfurchen, die schrägen Schatten, welche hinter den Bäumen und Häusern fielen, hinter den Büschen und selbst in den Furchen der Kartoffeln, alles war schön, wie ein herrliches Landschaftsgemälde das soeben vollendet, und mit Lack überzogen worden war.
»Vorwärts, vorwärts!« rief er dem Kutscher zu, sich aus dem Fenster herausbeugend und ein Dreirubelpapier aus der Tasche ziehend, welches er dem umblickenden Kutscher hinreichte. Die Hand des Kutschers fühlte nach etwas bei der Laterne, dann ertönte das Sausen der Peitsche und schnell rollte der Wagen auf der ebenen Chaussee dahin. »Nichts, nichts brauche ich weiter, als diese Seligkeit,« dachte er bei sich, auf eine Beule in dem Glöckchen zwischen den Fenstern blickend, und sich dabei Anna so vorstellend, wie er sie zum letztenmal gesehen hatte. »Je länger ich sie liebe, umsomehr lerne ich sie lieben. Doch hier ist ja der Garten der Villa Wrede. Wo ist sie nun hier? Wo? Wie finde ich sie? Weshalb hat sie das Rendezvous hierher bestimmt, schreibt sie in einem Billet Bezzys?« dachte er jetzt nur noch, aber es gab nicht mehr lange zu denken. Er ließ den Kutscher halten, ohne bis zur Allee zu fahren und öffnete die Thür, sprang dann aus dem Wagen auf den Weg und schritt die Allee entlang, welche zum Hause führte.
In der Allee befand sich kein Mensch; aber als er näher Umschau hielt, erblickte er sie selbst. Ihr Gesicht war zwar von einem Schleier bedeckt, aber er erkannte sie sogleich mit freudigem Blick an dem nur ihr eigentümlichen Gange, der Neigung der Schultern und der Haltung des Hauptes und wie ein elektrischer Schlag durchlief es seinen Körper.
Mit neuer Kraft fühlte er sich selbst, von den elastischen Bewegungen seiner Füße an bis zu den leichten Regungen beim Atmen und es schien ihm, als kitzle etwas seine Lippen.
Als Anna mit ihm zusammentraf, drückte sie ihm innig die Hand.
»Du bist mir wohl nicht ungehalten, daß ich dich rufen ließ? Ich mußte dich sehen,« sprach sie, und der ernste strenge Zug um ihre Lippen, den er unter dem Schleier bemerkte, veränderte mit einem Schlage seine innere Stimmung.
»Ich, zürnen? Wie bist du denn hierher gekommen, und wo willst du hin?«
»Thut nichts zur Sache,« antwortete sie, ihren Arm in den seinen legend, »komm, ich muß mit dir reden.«
Er verstand, daß etwas vorgefallen sein müsse, und daß dieses Wiedersehen kein freudiges werden würde. In ihrer Gegenwart verlor er seine Willenskraft und ohne die Ursache ihrer Aufregung zu kennen, fühlte er schon im voraus daß diese Aufregung sich auch ihm selbst mitteilte.
»Was giebt es denn?« frug er, mit dem Ellbogen ihren Arm pressend, und sich bemühend, ihr die Gedanken von den Zügen zu lesen.
Sie ging schweigend einige Schritte weiter, wie um Kraft zu schöpfen, dann blieb sie plötzlich stehen.
»Ich habe dir gestern nicht gesagt,« begann sie schnell und mühsam atmend, »daß ich bei meiner Rückkehr Aleksey Aleksandrowitsch alles offenbart und ihm gesagt habe, daß ich nicht mehr sein Weib bleiben könne, daß ich -- ich habe ihm alles gesagt« --
Er hörte sie an, sich unwillkürlich in seiner ganzen Größe beugend, gleich als wünsche er, ihr die Schwere ihrer Lage damit zu erleichtern. Kaum aber hatte sie geendet, als er sich plötzlich hoch aufrichtete und sein Gesicht einen stolzen und strengen Ausdruck annahm.
»Ja. Es ist besser so, tausendmal besser. Ich begreife, wie schwer dir das geworden sein muß,« sagte er, aber sie hörte seine Worte nicht, sie las seine Gedanken nur von seinem Gesicht ab. Freilich konnte sie nicht wissen, daß sein Gesichtsausdruck sich nur auf den Gedanken bezog, welcher Wronskiy zuerst gekommen war, auf das jetzt unvermeidliche Duell. Ihr war überhaupt der Gedanke an ein Duell gar nicht eingefallen, und sie deutete sich daher den flüchtigen Schein von Strenge anders.
Nachdem sie das Schreiben ihres Mannes erhalten hatte, erkannte sie auf dem Grunde ihrer Seele, daß alles nun beim Alten bleiben, daß sie nicht die Macht haben werde, ihre Stellung zu vernachlässigen, ihren Sohn zu verlassen, und sich mit dem Geliebten zu vereinen.
Der Morgen, den sie bei der Fürstin Twerskaja zugebracht hatte, bestärkte sie noch mehr hierin. Aber dieses Wiedersehen war dennoch von äußerster Bedeutung für sie. Sie hoffte, daß dasselbe ihre beiderseitige Lage ändern und sie retten werde. Wenn er bei ihrer Nachricht entschieden, leidenschaftlich, ohne einen Augenblick des Zauderns gesagt hätte, verlaß alles und fliehe mit mir, so würde sie ihr Kind verlassen und mit ihm gegangen sein.
Aber ihre Mitteilung erzeugte in ihm nicht die Wirkung, die sie erwartet hatte; und sie fühlte sich daher etwas verletzt.
»Es ist mir durchaus nicht schwer geworden. Es geschah wie von selbst,« sprach sie aufgeregt, »und hier« -- sie reichte ihm den Brief ihres Mannes aus ihrem Handschuh.
»Ich verstehe, verstehe,« unterbrach er sie, das Schreiben ergreifend, ohne es zu lesen, und sich bemühend, sie zu beruhigen, »eines habe ich gewünscht, eines erbeten, mit diesen Verhältnissen zu brechen, damit ich mein Leben deinem Glücke weihen kann.«
»Warum sagst du nur das?« frug sie, »sollte ich denn noch daran zweifeln? Wenn ich gezweifelt hätte, dann« --
»Wer geht denn dort?« frug Wronskiy plötzlich, auf zwei Damen weisend, die ihnen entgegenkamen. »Sie kennen uns vielleicht?« und hastig wandte er sich, Anna mit sich ziehend, in einen Seitenweg.
»Ah, mir ist alles gleichgültig.« Ihre Lippen zitterten. Ihm schien es, als ob ihre Augen mit einem seltsamen Zorn unter dem Schleier hervor auf ihn blickten. »Wie gesagt, darum handelt es sich auch nicht; ich kann ja gar nicht daran zweifeln, aber hier sieh doch, was er schreibt. Lies!« und sie blieb wieder stehen.
Wiederum gab sich jetzt Wronskiy, wie in der ersten Minute bei der Nachricht von dem Bruche mit ihrem Gatten, unwillkürlich jenem natürlichen Eindruck hin, welchen in ihm sein Verhältnis zu dem beleidigten Gatten wachrief.
Jetzt, als er das Schreiben desselben in Händen hielt, stellte er sich unwillkürlich die Forderung vor, welche er wahrscheinlich noch heute oder morgen bei sich daheim vorfinden würde, und das Duell selbst, in welchem er mit der nämlichen kalten und stolzen Miene, die auch jetzt in seinem Gesicht zu lesen war, in die Luft schießen wollte, sich selbst aber dem Schuß des beleidigten Mannes auszusetzen gedachte. Dabei aber huschte ihm eine Idee durch den Kopf, die Erinnerung an das, was ihm soeben Serpuchowskiy gesagt hatte, und woran er selbst heute Morgen gedacht hatte, daß es nämlich besser sei, sich nicht zu binden; -- und er erkannte, daß er diesen Gedanken Anna nicht mitteilen könne.
Nachdem er das Schreiben gelesen hatte, hob er das Auge zu ihr empor. In seinem Blick lag keine Energie mehr. Sie begriff sofort, daß er selbst schon nachgedacht hatte; sie wußte, daß er, was er ihr auch sagen mochte, nicht alles sagen würde, was er dachte; sie erkannte, daß ihre letzte Hoffnung eine trügerische gewesen sei. Das aber war es nicht, was sie erwartet hatte.
»Du siehst, was für ein Mensch er ist,« sprach sie mit bebender Stimme, »er« --
»Vergieb, aber mich freut dies,« unterbrach sie Wronskiy, -- »um Gott, laß mich ausreden,« -- fügte er hinzu, sie mit dem Blick beschwörend, ihm Zeit zu gönnen, seine Worte zu erläutern. »Ich freue mich, daß die Sache durchaus nicht so bleiben kann, wie er vorschlägt.«
»Und warum kann sie es nicht?« frug Anna, ihre Thränen zurückdrängend und seinen Worten offenbar nicht die geringste Bedeutung beimessend. Sie empfand, daß ihr Schicksal besiegelt war.
Wronskiy wollte sagen, daß nach dem, seiner Meinung nach unvermeidlichen Duell das Verhältnis nicht weiter fortgesetzt werden könne, aber er sprach etwas Anderes.
»Es kann nicht so fortgehen. Ich hoffe, du wirst ihn jetzt verlassen und hoffe« -- er geriet in Verlegenheit und errötete, »daß du mir erlaubst, unser Leben einzurichten und alles zu erwägen. -- Morgen« -- begann er nochmals -- aber sie ließ ihn nicht aussprechen.
»Und mein Kind?« rief sie. »Du siehst doch, was er schreibt? Ich muß ihn verlassen, aber ich kann und will es nicht thun!«
»Mein Gott, was gäbe es aber besseres, als dies? Das Kind mußt du verlassen, oder dieses erniedrigende Dasein weiterführen.«
»Für wen erniedrigend?«
»Für alle, und am meisten für dich!«
»Du sprichst beleidigend -- sage das nicht! Diese Worte besitzen für mich keinen Sinn,« sagte sie mit zitternder Stimme. Sie wollte jetzt nicht, daß er eine Unwahrheit spräche, es blieb ihr nur noch seine Liebe und sie wollte ja lieben. »Bedenke, daß mit dem Tage, seit welchem ich dich geliebt, sich alles für mich verändert hat. Für mich giebt es nur eines noch und das ist deine Liebe. Wenn diese mir gehört, dann fühle ich mich so hoch, so sicher, daß nichts für mich erniedrigend werden könnte. Ich wäre stolz auf meine Lage, weil -- stolz darauf -- stolz« -- sie sprach nicht aus, worauf sie stolz wäre. Thränen der Scham und der Verzweiflung erstickten ihr die Stimme. Sie hielt inne und schluchzte auf.
Auch er empfand, daß sich etwas in seiner Kehle nach oben hob und daß er ein eigentümliches Gefühl in der Nase hatte.
Zum erstenmal in seinem Leben fühlte er sich fähig, zu weinen. Er hätte nicht zu sagen vermocht, was ihn eigentlich so erschüttert hatte; er empfand Mitleid zu ihr und fühlte, daß er ihr nicht helfen könne; zugleich aber erkannte er auch, daß er die Ursache ihres Unglücks sei, daß er schlecht gehandelt habe.
»Ist denn eine Trennung unmöglich?« sprach er kleinlaut. Sie schüttelte das Haupt, ohne zu antworten. Ging es denn nicht, daß sie ihren Sohn mitnahm und ihren Mann verließ? Allerdings, aber dies hing alles von ihm selbst ab.
»Jetzt muß ich wieder zu ihm fahren,« sprach sie trocken. Ihre Ahnung, daß alles beim Alten bleiben würde -- hatte sie nicht getäuscht.
»Dienstag werde ich in Petersburg sein und alles wird sich dann entscheiden.«
»Ja,« antwortete sie, »aber wir wollen nicht mehr von der Angelegenheit sprechen.«
Der Wagen Annas, den diese fortgeschickt hatte mit der Weisung, an das Gitter des Gartens der Villa Wrede zu kommen, fuhr vor.
Anna verabschiedete sich von Wronskiy und fuhr nach Haus.
23.
Montags war die gewöhnliche Sitzung der Kommission vom zweiten Juli. Aleksey Aleksandrowitsch trat in den Sitzungssaal, begrüßte die Mitglieder und den Präsidenten wie gewöhnlich und ließ sich dann auf seinem Platze nieder, die Hände nach den vor ihm bereitliegenden Papieren legend.
Unter der Zahl derselben befanden sich auch die ihm nötigen Rekognitionen und der Entwurf jenes Berichtes, welchen er vorzulegen beabsichtigte. Die Rekognitionen waren für ihn übrigens gar nicht notwendig. Er wußte alles schon und hielt es nicht für erforderlich, in seinem Gedächtnis alles das zu wiederholen, was er sagen wollte. Er wußte, daß wenn seine Zeit käme und er das Gesicht seines Gegners vor sich sähe, das sich sorgfältig bemühte, den Stempel der Gleichmütigkeit zur Schau zu tragen, seine Rede wie von selbst fließen würde, besser, als wenn er sie jetzt vorbereitete. Er empfand, daß der Inhalt seiner Rede so bedeutungsvoll war, daß jedes Wort derselben seinen Wert haben würde. Nichtsdestoweniger zeigte er beim Anhören der üblichen Darlegung des Sachverhalts die unschuldigste, harmloseste Miene von der Welt. Niemand, der auf seine weißen, mit hohen Adern durchzogenen Hände schaute, die mit den langen Fingern leise die beiden Ränder des vor ihm liegenden weißen Blattes betasteten, sein mit dem Ausdrucke der Ermüdung seitwärts geneigtes Haupt sah, hätte denken können, daß sich sogleich aus seinem Munde jene Reden ergießen würden, die einen furchtbaren Sturm hervorriefen, die Mitglieder zu Ausrufen hinrissen, daß sie sich gegenseitig unterbrachen und den Präsidenten veranlaßten, zur Ordnung zu rufen.
Nachdem der Bericht beendet war, erklärte Aleksey Aleksandrowitsch mit seiner leisen, dünnen Stimme, daß er zunächst einige Erwägungen betreffs der Angelegenheit der Lage der Ausländer mitzuteilen hätte. Die Aufmerksamkeit wandte sich ihm zu. Aleksey Aleksandrowitsch räusperte sich und begann, ohne seinen Gegner anzublicken, und wie er dies gewöhnlich that, wenn er eine Rede hielt, die nächste, vor ihm sitzende Person -- einen kleinen, friedlichen alten Herrn, der gar keine Meinung in der Kommission hatte, ins Auge fassend, seine Ansichten auseinanderzusetzen.
Als die Rede auf das grundlegende Gesetz gekommen war, sprang der Opponent auf und fiel dem Sprecher ins Wort. Stremoff, ebenfalls Mitglied der Kommission, und gleichfalls auf seiner schwachen Seite gefaßt, begann sich zu rechtfertigen und nun fand eine stürmische Sitzungsscene statt; Aleksey Aleksandrowitsch indessen triumphierte und seine Einwände wurden als stichhaltig anerkannt. Es wurden drei neue Kommissionen gewählt und anderen Tags sprach man in den Petersburger Kreisen nur von dieser Komiteesitzung. Der Erfolg Aleksey Aleksandrowitschs war größer, als dieser selbst erwartet hatte.
Am andern Morgen -- es war Dienstags -- erwachend, entsann er sich mit einem Gefühle der Befriedigung seines gestrigen Sieges, und konnte nicht umhin zu lächeln, obwohl er gleichmütig zu erscheinen wünschte, als der Kanzleidirektor, in der Absicht, ihm eine Schmeichelei zu sagen, von den Gerüchten Mitteilung machte, die zu ihm gedrungen wären betreffs der stattgehabten Sitzung.
Indem er sich mit dem Kanzleidirektor beschäftigte, hatte Aleksey Aleksandrowitsch vollständig vergessen, daß heute Dienstag sei, der Tag, der von ihm für die Ankunft Annas festgesetzt worden war. Er war verwundert und fühlte sich unangenehm berührt, als ein Diener ihm meldete, daß seine Gattin angekommen sei.
Anna war früh morgens in Petersburg angekommen. Ihrem Telegramm entsprechend, war ihr ein Wagen entgegengeschickt worden und infolge dessen konnte Aleksey Aleksandrowitsch erfahren, wenn sie anlangte. Als sie indessen anlangte, erschien er nicht, sie zu bewillkommnen. Man teilte ihr mit, er habe seine Gemächer noch nicht verlassen und arbeite noch mit seinem Kanzleidirektor. Sie befahl, ihrem Gatten mitzuteilen, daß sie angekommen sei, begab sich dann in ihr Kabinett und beschäftigte sich mit dem Auspacken ihrer Sachen in der Erwartung, daß er zu ihr kommen werde. Aber eine Stunde verging, ohne daß er erschienen wäre. Sie begab sich nach dem Speisesalon unter dem Vorwand, Anordnungen zu treffen und sprach absichtlich möglichst laut immer in der Erwartung, daß er nun erscheinen werde, aber er kam nicht, obwohl sie vernahm, daß er zu der Thür seines Kabinetts herausgetreten war, den Kanzleidirektor begleitend. Sie wußte, daß er wie gewöhnlich, bald ins Amt fahren werde, und wünschte ihn vorher noch zu sehen, damit ihre beiderseitigen Verhältnisse zur Klarstellung kämen.
Den Saal durchschreitend, begab sie sich daher entschlossen zu ihm. Als sie im Kabinett bei ihm eintrat, saß er in Uniform, und offenbar im Begriff, aufzubrechen, an seinem kleinen Tischchen, auf welches er sich mit den Armen gestemmt hatte, und starrte trübe vor sich hin. Sie erblickte ihn früher, als er sie selbst gesehen, und erkannte sofort, daß er an sie dachte.
Als Aleksey Aleksandrowitsch seine Frau gewahrte, wollte er sich erheben, besann sich aber anders, und sein Gesicht erglühte, was Anna nie vorher an ihm bemerkt hatte. Er erhob sich schnell und trat ihr entgegen, schaute ihr indessen nicht in die Augen, sondern höher hinauf, nach ihrer Stirn und Frisur. Er trat auf sie zu, ergriff ihre Hand und bat sie Platz zu nehmen.
»Ich freue mich sehr, daß Ihr gekommen seid,« begann er, sich neben ihr niederlassend, blieb aber dann stumm, obwohl er offenbar den Wunsch hatte, noch etwas zu sagen. Er begann mehrmals zu sprechen, hielt aber wieder inne.
Wenn sich Anna auch vorgenommen hatte, ihn bei diesem Wiedersehen verächtlich zu behandeln und ihm Anklagen entgegenzuschleudern, so wußte sie doch nicht, was sie jetzt zu ihm sprechen sollte, und sie empfand Mitleid mit ihm.
Das beiderseitige Schweigen währte so ziemlich lange.
»Ist Sergey gesund?« begann er endlich und fügte dann ohne eine Antwort abzuwarten hinzu, »ich werde heute nicht zu Hause speisen und muß sogleich wegfahren.«
»Ich wünschte nach Moskau zu fahren,« antwortete sie.
»Nein; Ihr habt sehr, sehr wohl daran gethan, hierher zu kommen,« versetzte er und verstummte dann wieder.
Als sie bemerkte, daß er nicht fähig sei selbst zu beginnen, nahm sie das Wort: »Aleksey Aleksandrowitsch,« sie blickte ihn an, ohne das Auge unter seinem, nach ihrer Frisur gerichteten Blick zu senken, »ich bin ein verbrecherisches Weib, ein schlechtes Weib, aber ich bin auch das noch, was ich war, was ich Euch damals gesagt habe, und bin gekommen, Euch zu sagen, daß ich nichts zu ändern vermag.«
»Darnach habe ich Euch nicht gefragt,« antwortete er plötzlich mit entschiedenem Tone, und ihr haßerfüllt tief in die Augen schauend. »Das habe ich ja vorausgesetzt.« Auch unter dem Einfluß des Zornes hatte er offenbar gleichwohl die vollkommene Herrschaft über alle seine Fähigkeiten, »aber wie ich Euch damals gesagt und geschrieben habe,« fuhr er mit scharfer, dünner Stimme fort, »wiederhole ich auch jetzt, daß ich keine Verpflichtung habe, davon unterrichtet zu werden. Ich ignoriere dies. Nicht alle Weiber sind so gut, wie Ihr, so zu eilen, damit ihrem Gatten eine so angenehme Nachricht mitteilen zu können.« Er betonte das Wort »angenehm« besonders. »Ich werde die Sache so lange ignorieren, als die Welt sie nicht kennt und mein Name nicht entehrt ist. Deswegen eben komme ich Euch damit zuvor, daß unsere Beziehungen so bleiben müßten, wie sie stets waren, und daß ich nur für den Fall, wenn Ihr Euch selbst kompromittiertet, gezwungen sein werde, Maßregeln zu ergreifen, um meine Ehre zu wahren.«
»Aber unsere Beziehungen können nicht so bleiben, wie sie stets waren,« antwortete Anna mit schüchterner Stimme, ihn voll Schrecken anblickend. Sobald sie diese ruhigen Bewegungen wieder gesehen, diese scharfklingende knabenhafte und höhnische Stimme gehört, hatte die Abneigung vor ihm das vorher empfundene Mitleid vernichtet und sie fürchtete nun nur noch; aber mochte es kosten was es wollte, sie wollte Klarheit über ihre Lage erlangen. »Ich kann nicht länger Euer Weib sein, da ich« -- begann sie.
Er lächelte mit bösem, kaltem Ausdruck.
»Die Lebensweise, die Ihr Euch erwählt habt, scheint sich in Eurer Auffassung wiederzuspiegeln. Ich achte oder verachte das Eine wie das Andere; ich achte Eure Vergangenheit und verachte Eure Gegenwart, so daß ich weit entfernt war von einer Interpretation meiner Worte, wie Ihr sie mir unterschiebt.«
Anna seufzte und senkte das Haupt.
»Übrigens verstehe ich nicht, daß Ihr, im Besitz einer solchen Selbständigkeit, daß Ihr,« fuhr er zornerfüllt fort, »unverhohlen Eurem Gatten von Eurer Untreue Mitteilung machen könnt und nicht einmal, wie es scheint, etwas Tadelnswertes darin findet; Ihr scheint die Erfüllung der Verpflichtungen für nachteilig zu halten, die das Weib gegen den Mann hat.«
»Aleksey Aleksandrowitsch. Was verlangt Ihr von mir?«
»Ich verlange, daß ich hier niemals jenem Menschen begegne und Ihr selbst Euch so führt, daß weder die Welt, noch mein Personal Euch einen Vorwurf machen kann; daß Ihr ihn nicht wiederseht! Mir scheint, das ist nicht viel verlangt, und zum Entgelt dafür werdet Ihr die Rechte eines ehrenhaften Weibes genießen, ohne daß ihr die Pflichten eines solchen erfüllt. Das ist es was ich Euch zu sagen hatte. Doch jetzt muß ich fort. Ich werde nicht zu Hause speisen.«
Er erhob sich und schritt nach der Thür.
Anna erhob sich gleichfalls; mit stummer Verbeugung ließ er sie zur Thür hinaus.
24.
Die Nacht, welche Lewin auf dem Heuhaufen verbracht hatte, war für ihn nicht ohne Früchte gewesen. Die Ökonomie, die er betrieb, widerte ihn jetzt an und er hatte alles Interesse für dieselbe verloren.
Ungeachtet der vorzüglichen Ernte hatte es -- wie ihm wenigstens schien -- nie soviel Mißgeschick, soviel Reibereien zwischen ihm und den Bauern gegeben, als im gegenwärtigen Jahr, und die Ursache dieser Mißlichkeiten und Reibereien war ihm jetzt völlig klar.
Der Reiz, den er bei der Arbeit selbst empfand, die für ihn daraus hervorgehende Annäherung an die Bauern, der Neid, den er diesen gegenüber, ihrem Leben gegenüber fühlte, der Wunsch, auch zu einem solchen Leben überzugehen, welcher ihm in dieser Nacht schon nicht mehr Wunsch geblieben, sondern Absicht geworden war, deren Einzelheiten betreffs der Verwirklichung er erwogen hatte -- alles dies hatte seine Anschauungen über die von ihm geleitete Wirtschaft derart verändert, daß er darin in keiner Beziehung mehr das frühere Interesse zu finden vermochte, daß er nicht umhin konnte, seine wenig freundliche Stellung den Arbeitern gegenüber zu erkennen, welche die eigentliche Grundlage für alles bildete.
Die Herden seiner veredelten Rinder, alle so wie die Pawa war, sein wohlgepflügtes Ackerland, neue Felder mit Gebüsch umsäumt, neunzig Desjatinen tiefgepflügten Düngerlandes und vieles Ähnliche -- alles das war ja recht schön, wenn es nur von ihm selbst oder von ihm zusammen mit den Genossen geschaffen worden wäre, mit Leuten, die mit ihm fühlten. Aber er erkannte jetzt klar -- seine Arbeit an dem Werke, welches er über Landwirtschaft schrieb, und worin er als das Hauptelement der Ökonomie den Arbeiter hinstellte, half ihm viel dabei -- daß die Landwirtschaft, welche er führte, nur ein grausamer und hartnäckiger Kampf zwischen ihm und den Arbeitern war, in welchem sich auf der einen Seite, auf seiner eigenen, das beständige, angestrengte Bestreben zeigte, alles auf eine Weise zur Ausführung zu bringen, die sich nach der Berechnung als die beste erwies -- auf der anderen Seite die natürliche Ordnung der Dinge.
Und in diesem Kampfe sah er, daß bei der höchsten Kraftanstrengung seinerseits, und bei dem Mangel jedes Kraftaufwands oder selbst des Bestrebens dazu auf der anderen Seite nur das erreicht wurde, daß die Wirtschaft nicht unnütz geführt, die Gerätschaften, das schöne Vieh und das Land nicht zwecklos abgenutzt wurden.
Die hierbei aufgebotene Energie ging zwar nicht vollkommen verloren, doch er mußte sich jetzt sagen, daß das Ziel dieser Energie ein unwürdiges war, wenn der leitende Gedanke seiner Landwirtschaft zu Tage kam.
Und worin bestand in Wirklichkeit jener Kampf? Er bestand auf jeden Pfennig der Einkünfte -- entgegengesetzt konnte er nicht handeln, weil dies für ihn in der Energie nachlassen bedeutet und er dann nicht genug Geld gehabt hätte, seine Arbeiter zu bezahlen, sie aber strebten nur darnach, ruhig und gemächlich arbeiten zu dürfen, also so, wie sie es gewohnt waren. In seinem eigenen Interesse lag es, daß jeder Arbeiter so viel als möglich arbeitete, und dabei auch nicht vergesse, daß er nicht die Futterschwingen zerbreche, oder die Mistgabeln und die Dreschflegel; daß er daran denke, was er thue, in dem des Arbeiters hingegen, daß er mit größter Muße arbeiten könne, dabei ausruhend und, was die Hauptsache war -- sorglos, ohne zu denken, und sich selbst dabei vergessend.
Auf jedem Schritte hatte Lewin das in diesem Sommer wahrgenommen. Er hatte Leute hinausgesandt, damit der Kleber nach dem Heu geschnitten werde und die schlechtesten Desjatinen, die von Gras und Wermut durchstanden waren, und zur Saat nicht gut tauchten, ausgewählt; aber man nahm dafür die besten Felder, mit der Ausrede, daß der Verwalter es so befohlen habe und tröstete ihn damit, daß das Heu ausgezeichnet werden würde. Er aber wußte nur zu gut, daß dies nur davon komme, weil sich diese besseren Felder leichter schnitten. Er hatte eine Maschine hinausgesandt, um das Heu aufschütteln zu lassen, aber man hatte dieselbe schon bei den ersten Reihen defekt gemacht, weil es dem Bauer zu langweilig gewesen war, auf dem Bocke unter den über ihm schwingenden Schaufeln zu sitzen, und ihm geantwortet: »Habt keine Angst, die Weiber werden das Heu schnell wenden.« Die Pflugscharen erwiesen sich als untauglich geworden, weil es den Knechten nicht in den Kopf gekommen war, das Eisen hochzuheben, so daß sie, mit der Fangleine wendend, nur die Pferde abquälten und den Boden ruinierten; aber immer bat man Lewin, nur ruhig zu bleiben.
Die Pferde hatte man in die Weizenfelder gelassen, weil nicht ein einziger der Arbeiter in der Nacht hatte Wache halten wollen. Selbst auf den Befehl hin, es nicht zu thun, wechselten sich die Arbeiter die Nacht hindurch mit der Wache ab und Wanka, der den ganzen Tag gearbeitet hatte, war eingeschlafen. Er bereute nun seinen Fehltritt, sagte aber nur »macht was Ihr wollt«. --
Drei ausgezeichnete Färsen wurden vergiftet, weil man sie ohne Tränke auf das Kleberfeld gelassen hatte, und niemand wollte glauben, daß sie vom Kleber aufgetrieben worden waren, zur Beruhigung aber wurde mitgeteilt, daß bei einem Nachbar hundertundzwölf Stück Vieh innerhalb dreier Tage gefallen seien.
Alles das geschah aber nicht etwa deshalb, weil man Lewin oder seiner Ökonomie etwa übel gewollt hätte, im Gegenteil, er wußte, daß man ihn lieb hatte, ihn als einen einfachen Herrn achtete -- was doch als höchstes Lob gilt, -- es geschah eben nur deshalb, weil man heiter und sorglos zu arbeiten wünschte und seine Interessen den Leuten nicht nur fremd und unverständlich blieben, sondern ihren eigenen richtigsten Interessen geradezu entgegengesetzt waren. Schon lange hatte Lewin Unzufriedenheit über sein Verhältnis zu dieser Wirtschaft empfunden. Er erkannte, daß sein Fahrzeug leck geworden war, fand aber und suchte auch das Leck nicht, vielleicht um sich mit Vorsatz darüber hinwegzutäuschen. Wäre ihm doch auch nichts anderes übrig geblieben, wenn er sich dessen klar bewußt gewesen wäre. Jetzt aber konnte er sich nicht mehr täuschen; die Wirtschaft wie er sie leitete, war ihm nicht nur nicht mehr interessant, sie ekelte ihn vielmehr an, und er mochte sich nicht mehr mit ihr befassen.
Hierzu war nun das Erscheinen Kity Schtscherbazkajas gekommen, die nur dreißig Werst von ihm entfernt weilte und die er so gern wiedersehen wollte und doch nicht konnte.
Darja Aleksandrowna Oblonskaja hatte ihn eingeladen, wieder zu ihr zu kommen, als er bei ihr gewesen war; er sollte wohl hinkommen, um bei ihrer Schwester seinen Antrag zu erneuern, den sie jetzt, wie sie ihm zu verstehen gab, wahrscheinlich annehmen würde. Lewin selbst erkannte, nachdem er Kity wiedererblickt hatte, daß er nicht aufgehört habe, sie zu lieben; aber er vermochte nicht zu den Oblonskiy zu fahren, wenn er wußte, daß sie sich dort befand.
Der Umstand, daß er ihr eine Erklärung gemacht, und sie ihn zurückgewiesen hatte, zog eine unüberwindliche Schranke zwischen ihnen.
»Ich kann sie nicht mehr bitten, mein Weib zu werden, schon deshalb, weil sie nicht das Weib dessen sein kann, den sie mochte,« sprach er zu sich selbst, und der Gedanke hieran, stimmte ihn kalt und feindselig gegen sie. »Ich werde nicht die Kraft besitzen, mit ihr zu reden ohne die Empfindung, daß ich ihr Vorwürfe machen müßte, um sie anzuschauen, ohne daß sich der Haß in mir regte, und sie selbst wird mich nur mehr hassen, wie das je der Fall sein muß. Wie sollte ich daher jetzt, auch nach dem, was nur Darja Aleksandrowna gesagt hat, zu ihr kommen können? Vermöchte ich denn zu verhehlen, daß ich weiß, was diese mir gesagt hat? Ich kann allerdings voll Großmut kommen, ihr vergeben, sie mir versöhnlich stimmen; ich stehe ja vor ihr in der Rolle des Verzeihenden, der sie seiner Liebe für wert hält. Weshalb mußte mir Darja Aleksandrowna dies auch sagen? Ich hätte Kity doch zufällig wiedersehen können, und dann würde sich alles von selbst gemacht haben; jetzt aber ist das unmöglich, ganz unmöglich.«
Darja Aleksandrowna hatte Lewin ein Billet geschickt, in welchem sie um einen Damensattel für Kity bat. »Man hat mir gesagt, Ihr besäßet einen solchen,« schrieb sie ihm, »und ich hoffe, Ihr bringt ihn selbst?«
Er vermochte dies kaum zu ertragen. Wie konnte ein so kluges, feinsinniges Weib die eigene Schwester derartig erniedrigen? Er schrieb wohl zehn Billets, die er alle wieder zerriß, und schickte dann den Sattel ohne Antwort.
Schreiben, daß er kommen würde, konnte er nicht, weil er nicht kommen konnte; schreiben, daß er nicht kommen könnte, da er abgehalten sei oder verreisen müsse -- das wäre noch schlimmer gewesen. --
Er sandte deshalb den Sattel ohne eine Antwort, allerdings im Bewußtsein, daß er damit etwas Beschämendes thue, überließ am andern Tage die ihm immer gleichgültiger werdende Ökonomie seinem Verwalter und fuhr nach einem fernergelegenen Kreis, zu einem Freunde Swijashskiy, welcher ausgezeichnete Entensümpfe besaß und ihm schon längst geschrieben hatte, endlich einmal sein Versprechen zu erfüllen und ihn zu besuchen. Die Jagdgründe im Surowskischen Kreise hatten Lewin schon lange am Herzen gelegen, aber wegen seiner landwirtschaftlichen Pflichten hatte er die Reise immer wieder aufgeschoben. Jetzt freute er sich, sowohl der Nachbarschaft der Schtscherbazkiy, als ganz besonders auch seiner Ökonomie einmal entgehen zu können, und zwar gerade der Jagd halber, die ihm in allem Leid stets der beste Trost gewesen war.
25.
Nach dem Surowskischen Kreis führte keine Eisenbahn, auch keine Poststraße und Lewin fuhr daher in seinem Tarantaß.
Auf der Hälfte des Weges hielt er an, um bei einem reichen Bauern zu füttern. Ein kahlköpfiger, aber noch rüstiger Alter mit breitem fuchsigem Bart, der an den Wangen grau war, öffnete das Thor, sich an den Seitenpfosten schmiegend, um die Troika hereinfahren zu lassen.
Er wies dem Kutscher einen Platz unter einem Vordach auf dem geräumigen, sauberen, in guter Ordnung befindlichen neuen Hofe an und bat dann Lewin in die Stube. Ein sauber gekleidetes junges Weib, Schuhe an den nackten Füßen, scheuerte soeben gebückt den Boden in der neuen Hausflur. Sie erschrak vor dem Hunde, der Lewin folgte und schrie auf, lachte aber sogleich über ihren Schrecken, als sie sah, daß der Hund ihr nicht zu nahe kam. Mit dem entblößten Arme Lewin die Thür zur Stube zeigend, barg sie, sich von neuem niederbeugend, das hübsche Gesicht und fuhr fort zu scheuern.
»Soll ich den Samowar bringen?«
»Ja, bitte.«
Das Zimmer selbst war geräumig; es besaß einen holländischen Ofen und eine Scheidewand. Unter den Heiligenbildern stand ein gemusterter Tisch, eine Bank nebst zwei Stühlen; am Eingang ein Schränkchen mit Geschirr. Die Fensterläden waren geschlossen, Fliegen kaum wahrnehmbar und alles erschien so reinlich, daß Lewin zu besorgen begann, Laska, der unterwegs gelaufen war, und sich in den Pfützen gebadet hatte, möchte den Boden mit den Pfoten besudeln, und dem Hunde einen Platz in der Ecke an der Thür anwies. Nachdem sich Lewin in dem Zimmer umgesehen hatte, ging er nach dem hinteren Hofe. Das junge Weib in den Schuhen lief, die leeren Eimer an dem Schulterjoch schaukeln lassend, vor ihm her, um Wasser am Brunnen zu holen.
»Bei mir geht es hurtig!« rief der Alte heiter, zu Lewin kommend. »Nicht wahr Herr, Ihr fahrt zu Nikolay Iwanowitsch Swijashskiy? Er kommt auch bisweilen zu mir,« begann er gesprächig, sich auf das Geländer der Treppe stützend. Mitten in der Erzählung des Alten von seiner Bekanntschaft mit Swijashskiy kreischte das Thor und auf den Hof herein kamen Arbeiter vom Felde mit Pflugscharen und Eggen. Die Pferde, welche an die Pflüge und Eggen gespannt waren, erschienen wohlgefüttert und stattlich; die Knechte gehörten augenscheinlich zur Familie, es waren zwei junge Männer in Kattunhemden und Mützen; die beiden anderen waren Mietlinge und trugen Tuchhemden, der eine war schon bejahrt, der andere noch jung.
Die Freitreppe verlassend, begab sich der Alte zu den Pferden und machte sich daran sie auszuspannen.
»Was habt Ihr denn geackert?« frug Lewin.
»Kartoffeln gepflügt. Wir haben unser eigenes Land. Du Tjodot, laß den Wallach nicht los, bringe ihn an den Brunnen, wir wollen einen anderen einspannen.«
»Vater, ich habe angeordnet, die Pflugeisen zu nehmen; hast du welche mitgebracht?« frug der an Wuchs größere der beiden Burschen, augenscheinlich ein Sohn des Alten.
»Im Schlitten,« antwortete dieser, die im Kreis zusammengenommenen Zügel auf die Erde niederwerfend. »Du kannst sie anbringen, während zu Mittag gegessen wird.«
Das freundliche junge Weib ging mit den gefüllten, ihr die Schultern niederziehenden Eimern wieder in den Flur, noch einige Weiber, junge hübsche, mittleren Alters, und alte und häßliche, mit und ohne Kinder, erschienen jetzt.
Der Samowar sang lustig; das Gesinde und die Familienmitglieder, welche die Pferde eingestellt hatten, kamen zur Mittagsmahlzeit. Lewin holte aus dem Wagen seinen Mundvorrat und lud den Alten ein, mit ihm zusammen Thee zu trinken.
»Ach, wir haben ja heute schon getrunken,« erwiderte der Alte, augenscheinlich die Einladung mit Vergnügen aufnehmend, »aber zur Gesellschaft.«
Beim Thee erfuhr Lewin die ganze Geschichte der Ökonomie des Alten. Derselbe hatte vor zehn Jahren von seiner Gutsherrin hundertundzwanzig Desjatinen Land gepachtet, im vergangenen Jahre dasselbe erkauft und weitere dreihundert von einem benachbarten Gutsbesitzer gepachtet. Einen kleinen Teil des Landes, den schlechtesten, hatte er selbst wieder verpachtet, während er einige vierzig Desjatinen Feldes mit seiner Familie und zwei gemieteten Knechten selbst bebaute.
Der Alte klagte, daß die Geschäfte schlecht gingen, aber Lewin verstand, daß er sich nur nach dem üblichen Tone beschwerte, und seine Ökonomie in voller Blüte stand. Hätte sie schlecht gestanden, dann würde er nicht Ackerboden zu hundertundfünf Rubeln gekauft, nicht drei Söhnen und einem Neffen Frauen gegeben, sich nicht nach zwei überstandenen Feuersbrünsten immer besser und besser entwickelt haben.
Ungeachtet der Klage des Alten war es offenbar, daß er einen berechtigten Stolz auf seinen Wohlstand, auf seine Söhne, Neffen, seine Schwiegertöchter, Pferde und Kühe und besonders darauf hegte, daß dieses ganze Hauswesen so gut stand.
Aus dem Gespräch mit dem Alten erfuhr Lewin, daß auch dieser sich Neuerungen gegenüber nicht ablehnend verhielt. Er baute viel Kartoffeln und seine Kartoffeln, welche Lewin bei der Ankunft gesehen hatte, hatten schon abgeblüht, während die Lewins erst zu blühen begannen.
Er hatte die Kartoffeln mit »der Pflüge« gepflügt, wie er den Pflug nannte, den er beim Gutsbesitzer gekauft hatte und Weizen gesät. Die unbedeutende Kleinigkeit, daß der Alte, den Roggen jätend, mit dem Gejäteten die Pferde füttere, setzte Lewin ganz besonders in Erstaunen. Wie oft hatte er selbst, indem er sah, wie das schöne Kraftfutter verkam, es aufsammeln lassen wollen, aber stets hatte es sich als unmöglich erwiesen. Dieser Bauer hier that es, und konnte das Futter nicht genug loben.
»Was sollten sonst die Weiber machen? Sie tragen die Haufen an den Weg und der Wagen fährt sie herein!«
»Bei uns Gutsbesitzern geht freilich alles schlecht, mit den Knechten,« sagte Lewin, dem Alten ein Glas Thee reichend.
»Danke,« sagte derselbe, nahm das Glas, wies aber den Zucker von sich, indem er auf ein liegengebliebenes von ihm angebissenes Stück zeigte. »Wie soll man mit den Arbeitern verfahren? Es kommt alles auf dieselbe Mißwirtschaft heraus. Da ist der Swijashskiy. Wir kennen sein Land; es ist ausgezeichnet -- und doch brüstet er sich mit seiner Ernte nicht. Das kommt eben alles von der unrichtigen Behandlung.«
»Aber du wirtschaftest doch auch mit Gesinde?«
»Wir führen nur Bauernwirtschaft, und bekümmern uns um alles selbst. Ist ein Arbeiter schlecht, so wird er fortgejagt.«
»Batjuschka, Phinogen hat gesagt, ich soll Euch des Teers halber holen,« sagte die Frau, mit den Schuhen an den Füßen, welche wieder eintrat.
»So ist es Herr!« antwortete der Alte aufstehend, bekreuzte sich mehrmals und dankte Lewin, worauf er hinausging.
Als Lewin in die Gesindestube kam, um seinen Kutscher zu rufen, erblickte er die ganze Bauernfamilie bei Tische. Die Weiber bedienten im Stehen. Ein jüngerer, blühend aussehender Sohn, mit vollen Backen seinen Brei kauend, mochte soeben etwas Lustiges erzählt haben, denn alle lachten, und besonders lustig lachte das Weib in den Schuhen, indem es Schtschi in eine Tasse goß.
Mochte es sein, daß das freundliche Gesicht der Bäuerin in den Schuhen besonders viel zu jenem Eindruck der Behaglichkeit beitrug, den dieses Bauernheim auf Lewin machte, der Eindruck war jedenfalls ein so tiefer, daß sich dieser nicht von ihm loszumachen vermochte. Auf dem ganzen Wege von dem Alten aus bis zu Swijashskiy kam ihm immer wieder die Erinnerung an jenen Hausstand, gerade als ob etwas in demselben seine besondere Beachtung erforderte.
26.
Swijashskiy war Kreisrichter in seinem Kreis, fünf Jahre älter, als Lewin und schon lange verheiratet. In seinem Hause lebte eine junge Schwägerin, ein junges Mädchen, welches Lewin sehr sympathisch war. Dieser wußte, daß Swijashskiy und dessen Frau das junge Mädchen gar zu gern an ihn verheiratet hätten, er wußte es zweifellos sicher, wie dies gewöhnlich junge Männer wissen, die heiratsfähig genannt werden, obwohl sich noch niemand entschlossen hat, dies zu äußern. Er wußte aber auch, daß er sie, obwohl er heiraten wollte, und allem Anscheine nach das junge, sehr anziehende Mädchen eine vorzügliche Hausfrau werden mußte, ebensowenig ehelichen würde, -- selbst, wenn er nicht in Kity Schtscherbazkaja verliebt gewesen wäre, -- als man zum Himmel hinauffliegen kann. Diese Erkenntnis verbitterte ihm das Vergnügen, welches er von seinem Besuch bei Swijashskiy zu haben hoffte.
Als Lewin den Brief desselben mit der Einladung zur Jagd erhalten hatte, fiel ihm dies sogleich wieder ein, aber nichtsdestoweniger urteilte er so, daß alle Absichten Swijashskiys auf ihn doch wohl nur auf einer durch nichts begründeten eigenen Mutmaßung beruhten, und er also immerhin zu ihm fahren könne. Überdies jedoch empfand er auf dem Grund seiner Seele ein Gelüst, sich wiederum einmal zu prüfen, sich wieder an diesem jungen Mädchen zu erproben.
Das häusliche Leben der Swijashskiy war ein im höchsten Grade angenehmes; Swijashskiy selbst, der reinste Typus eines Landmanns, den Lewin nur kannte, war für diesen stets außerordentlich interessant.
Swijashskiy war einer von jenen Menschen, die für Lewin ewig wunderbar blieben, deren Urteil zwar sehr logisch, nie aber selbständig war und seinen eigenen Weg ging, während ihr Leben, außerordentlich bestimmt und fest in seiner Richtung, ebenfalls seinen eigenen Weg ging, vollständig unabhängig und fast stets im Widerspruch mit dem Denken.
Swijashskiy war ein außerordentlich liberaldenkender Mensch. Er blickte auf den Adel herab und hielt die Mehrheit desselben auch nur für geheime, von der Knechtschaft nicht lange erst losgekommene Leibeigene. Er hielt Rußland für ein verlorenes Reich nach Art der Türkei und die Regierung des Landes für so schlecht, daß er sich niemals dazu herbeiließ, ihre Maßnahmen auch nur ernst zu prüfen. Gleichzeitig aber diente er amtlich als ein mustergültiger adliger Beamter und setzte unterwegs stets die Mütze mit der Kokarde und dem roten Streif auf.
Er meinte, daß ein menschenwürdiges Dasein nur im Auslande möglich sei, wohin er auch bei jeder Gelegenheit die sich bot, reiste, betrieb aber nichtsdestoweniger in Rußland eine sehr umfangreiche und vervollkommnete Ökonomie. Mit außerordentlichem Interesse verfolgte er alles, und wußte alles, was in Rußland geschah. Den russischen Bauern hielt er für ein Wesen, welches in seiner Entwickelung auf dem Übergangsstadium vom Affen zum Menschen stand, nichtsdestoweniger aber drückte er bei den Kreiswahlen lieber als jedem anderen den Bauern die Hand und hörte ihre Meinungen an. Er glaubte weder an Tod noch an Leben, war aber dennoch sehr besorgt in der Frage der Verbesserung der Lage der Geistlichkeit, und der Verkürzung ihrer Einkünfte, wobei er namentlich die Kirche in seinem Dorfe im Auge hatte.
In der Frauenfrage stand er auf seiten derjenigen, welche die volle Freiheit des Weibes und insbesondere deren Recht auf die Arbeit vertraten, aber er lebte mit seiner Gattin so, daß jedermann ihr gemütvolles, kinderloses Familienleben lieb gewann; und er hatte das Leben seiner Frau so gestaltet, daß sie nichts weiter that, nichts thun konnte, als mit ihrem Manne gemeinsam die Sorge zu teilen, wie sie am besten und angenehmsten die Zeit zubrächten.
Hätte Lewin nicht die Eigenschaft besessen, sich die Menschen nach ihrer besten Seite zu erklären, so würde der Charakter Swijashskiys für ihn keine Schwierigkeiten und keine Fragen offen gelassen haben, er würde sich betreffs derselben einfach gesagt haben: »Er ist entweder ein Narr oder ein Lump« und alles wäre ihm klar gewesen.
Aber er vermochte ihn nicht einen Narren zu nennen, weil Swijashskiy ohne Zweifel nicht nur sehr klug, sondern auch sehr gebildet war und diese Bildung in einer ungewöhnlich natürlichen Weise zur Schau trug.
Es gab nichts, was er nicht kannte, aber er zeigte seine Kenntnis nur dann, wenn er dazu genötigt war. Noch weniger hätte Lewin sagen können, daß er ein Lump sei, weil Swijashskiy ohne Zweifel ein ehrenhafter, guter, verständiger Mann war, welcher heiter und lebenslustig beständig in der Ausübung eines Berufes stand, der von seiner gesamten Umgebung hoch geschätzt wurde, und weil er wahrscheinlich noch niemals bewußt etwas Schlechtes gethan hatte oder hätte thun können.
Lewin bemühte sich, ihn zu verstehen, ohne es dahin zu bringen, und immer wieder schaute er auf ihn und sein Leben, wie auf ein lebendes Rätsel.
Beide Gatten waren befreundet mit Lewin, und dieser hatte sich daher gestattet, Swijashskiy zu prüfen, seine Lebensanschauung bis auf den Grund zu erforschen, allein stets war sein Bemühen vergeblich gewesen. Stets wenn Lewin versuchte, tiefer in die entfernter liegenden Räume des geistigen Bereichs Swijashskiys einzudringen, bemerkte er, daß dieser in eine leichte Verwirrung geriet; ein kaum bemerkbarer Schrecken drückte sich in seinem Blicke aus, gleichsam als ob er fürchtete, Lewin möchte ihn fassen -- und er führte in gutmütiger und launiger Weise einen Gegenschlag.
Jetzt, nach seiner Ernüchterung in Sachen der Landwirtschaft, war Lewin ein Besuch bei Swijashskiy ganz besonders willkommen. Nicht nur, daß ihn der Anblick dieses glücklichen, mit sich selbst und allen zufriedenen liebenden Taubenpaares, und ihres wohlgegründeten Nestes in freundlichere Stimmung versetzte, verlangte es ihn, der sich von seinem eigenen Dasein so unbefriedigt fühlte, jetzt auch in Swijashskiy jenes Geheimnis zu ergründen, welches diesem solche Klarheit, Bestimmtheit und Lebenslust verlieh.
Dann aber wußte Lewin auch, daß er bei Swijashskiy benachbarte Gutsbesitzer sehen würde, und es interessierte ihn nun ganz besonders, von der Landwirtschaft zu erfahren und die Gespräche über die Ernte, das Dingen der Feldarbeiter und dergleichen hören zu können, welche ihm, wenn er auch wußte, daß man dies in gewissem Sinne als simpel bezeichnete, jetzt am allerwichtigsten schienen.
»Dies war ja vielleicht nicht nötig unter der Herrschaft des Leibeigenschaftsgesetzes, ist meinetwegen nicht von Bedeutung für England. Für beide Fälle wären Grundgesetze vorhanden; aber jetzt, wo in Rußland alles sich umwälzte, und eben erst zur Ordnung kam, zeigte sich die Frage, wie man mit diesen Grundgesetzen nun auskommen solle, als die einzig wichtige hier,« dachte Lewin.
Die Jagd zeigte sich schlechter, als Lewin erwartet hatte. Die Sümpfe waren ausgetrocknet und Vögel waren gar nicht da. Er strich einen ganzen Tag im Walde und brachte nur drei Stück, dafür aber, wie gewöhnlich von der Jagd, eine ausgezeichnete Eßlust, gute Laune und jenen Zustand geistiger Frische mit, von welchem bei ihm jede starke körperliche Bewegung begleitet war.
Auf der Jagd, während er, wie es schien eigentlich an nichts dachte, fiel ihm gleichwohl jener Alte mit seiner Familie wieder ein, und der empfangene Eindruck forderte von ihm nicht nur Aufmerksamkeit, sondern vielmehr die Ausscheidung von etwas Unbestimmten, das damit verbunden war.
Am Abend beim Thee entwickelte sich in der Gegenwart zweier Gutsbesitzer, welche in Vormundschaftsgeschäften gekommen waren, das hochinteressante Gespräch, welches Lewin erwartet hatte.
Dieser saß neben der Hausfrau am Theetisch und mußte mit derselben und mit der jungen Schwägerin, welche ihm gegenüber saß, der Unterhaltung pflegen.
Die Hausfrau war ein Weib mit rundem Gesicht, blond und nicht groß; sie erglänzte förmlich mit ihrem Lächeln und ihren Grübchen. Lewin bemühte sich, durch sie die Lösung des ihm so wichtigen Rätsels zu erfahren, das ihr Gatte für ihn bildete; aber er hatte nicht die volle Freiheit seiner Gedanken, weil er sich in einer für ihn qualvoll peinlichen Situation befand. Qualvoll peinlich war sie ihm, weil ihm gegenüber die junge Schwägerin in einer eigens für ihn, wie ihm schien, angelegten Robe saß, mit einem eigenartigen, in Gestalt eines länglichen Vierecks angebrachten Ausschnitt auf der weißen Büste. Dieser viereckige Ausschnitt war es, der abgesehen davon, daß die Brust schneeweiß war -- oder gerade eben deswegen, weil sie es war, -- Lewin die Freiheit des Denkens raubte.
Er stellte sich vor -- wahrscheinlich fälschlich -- dieser Ausschnitt da könnte eigens für ihn gemacht sein und hielt sich nicht für berechtigt darauf zu blicken, bemühte sich vielmehr, ihn nicht zu sehen. Er fühlte aber, daß er schon damit sich etwas vorzuwerfen habe, daß der Ausschnitt überhaupt gemacht worden war.
Lewin schien, als täusche er jemand, als müsse er etwas erklären, aber als ginge diese Erklärung nicht gut an, und so kam es, daß er beständig errötete, in Unruhe war und sich in Verlegenheit befand. Seine Verlegenheit aber teilte sich auch der hübschen jungen Schwägerin mit. Die Hausfrau indessen schien das gar nicht zu bemerken, indem sie die Schwägerin absichtlich mit ins Gespräch zog.
»Ihr sagt,« fuhr die Hausfrau in der begonnenen Unterhaltung fort, »daß meinen Mann alles was russisch ist, nicht interessierte. Im Gegenteil, er befindet sich zwar recht wohl im Auslande, aber nirgends doch so, wie hier. Hier erst fühlt er sich ganz in seiner Sphäre. Er hat soviel zu thun und besitzt die Fähigkeit, sich für alles zu interessieren. Ach, waret Ihr noch nicht in unserer Schule?«
»Ich habe sie gesehen. Das Haus ist von Epheu umrankt?«
»Das ist Nastasjas Werk,« antwortete die Hausfrau, auf ihre Schwester weisend.
»Unterrichtet Ihr selbst?« frug Lewin, sich bemühend, an dem viereckigen Ausschnitt vorbeizusehen, und dabei fühlend, daß er, wohin er in dieser Richtung auch blickte, den Ausschnitt sehen müsse.
»Ja, ich habe selbst unterrichtet und unterrichte noch, wir haben aber auch eine gute Lehrerin. Selbst das Turnen wird geübt.«
-- »Danke; keinen Thee weiter,« -- sagte Lewin, und fühlte, daß er damit eine Unhöflichkeit beging; nicht mehr imstande, die Unterhaltung noch weiterzuführen, erhob er sich errötend. »Ich höre da ein sehr anziehendes Gespräch,« fuhr er fort und trat an das andere Ende des Tisches, an welchem der Hausherr mit den beiden Gutsbesitzern saß.
Swijashskiy saß mit der Seite am Tische, mit der einen aufgestemmten Hand die Tasse führend, mit der anderen seinen Bart in die Hand nehmend, um ihn bis an die Nase zu heben und dann wieder herabzulassen, als ob er daran riechen wollte. Mit seinen blitzenden schwarzen Augen schaute er gerade den einen der Gutsbesitzer, ein Mann mit grauem Schnurrbart, an, welcher in Erregung geraten war, und fand augenscheinlich Belustigung an dessen Rede.
Der Gutsbesitzer beklagte sich über das Volk, und Lewin war es klar, daß Swijashskiy eine Antwort auf diese Klage wisse, die mit einem Schlag den Sinn der ganzen Rede illusorisch machte, daß er aber nur in seiner Situation diese Erwiderung nicht äußern könne und nun nicht ohne Vergnügen den komischen Vortrag des Gutsbesitzers anhören müsse.
Dieser, der Mann im grauen Schnurrbart, war offenbar ein eingefleischter Vertreter der Leibeigenschaft; er war auf dem Dorfe alt geworden und ein leidenschaftlicher Dorfregent. Die Anzeichen hierfür erblickte Lewin schon an seinem Anzug, der nach alter Mode gearbeitet war, in dem abgeschabten Überrock, in welchem er sich augenscheinlich nicht behaglich fühlte, und in seinen klugen, zusammengekniffenen Augen, in seiner glatten russischen Rede, in dem selbstbewußten, augenscheinlich durch lange Gewohnheit befehlerisch gewordenen Tone und den energischen Bewegungen seiner großen, geröteten und gebräunten Hände, an denen ein alter Trauring steckte.
27.
»Wenn es mir nur nicht leid thäte, das zu verlassen, was ich habe -- es steckt zu viel Arbeit darin -- verkaufen und dann fortreisen, wie Nikolay Iwanowitsch, um die >schöne Helena< zu hören,« sagte der Gutsbesitzer mit einem Lächeln, welches sein kluges greises Gesicht angenehm erhellte.
»Aber Ihr laßt es ja doch nicht im Stich,« antwortete Swijashskiy, müßt also doch wohl wissen, warum!«
»Meine Absicht ist nur die, zu Hause wohnen zu bleiben, ohne etwas kaufen oder pachten zu lassen! Da hofft man immer, daß das Volk zur Erkenntnis kommen soll. Aber glaubt mir -- es ist in ihm nur eitel Trunksucht und Ausschweifung. Alles ist dahin, kein Bauer hat mehr ein Pferd oder eine Kuh! Alles verhungert und gleichwohl -- dingt Ihr Euch Knechte, so bringen sie Euch Schaden und obenein kriegt man es noch mit dem Friedensrichter zu thun!«
»Und dafür beklagt Ihr Euch auch noch über den Friedensrichter?« frug Swijashskiy.
»Ich mich beklagen? Um keinen Preis der Welt! Es gehen ja wohl Gerüchte um, daß er einen Tadel nicht eben gern sieht. So zum Beispiel in meiner Brennerei! Da nahmen Leute Handgeld, und ich soll sie heute noch wiederkommen sehen! Was that nun der Friedensrichter? Er rechtfertigte sie. Er hält sich nur an das Kreisgericht und den Ältesten, und das Kreisgericht spricht ihn nach altem Herkommen von einer Verantwortung frei. Wäre es aber auch nicht so -- nun, dann gäbe ich dennoch am Liebsten alles auf und ginge bis ans Ende der Welt.«
Der Gutsbesitzer wollte offenbar Swijashskiy necken, dieser aber geriet nicht nur nicht in Erregung, sondern schien vielmehr sein Ergötzen daran zu haben.
»Wir führen unsere Wirtschaft ohne diese Maßnahmen, ich, Lewin und der Herr da,« antwortete er dann lächelnd, auf den anderen Gutsbesitzer weisend.
»Ja, bei Michail Petrowitsch geht es schon, aber fragt nur, wie! Ist denn das ein rationelles Wirtschaften?« sagte der Gutsbesitzer, sichtlich mit dem Ausdruck »rationell« kokettierend.
»Meine Wirtschaft ist einfach,« sagte Michail Petrowitsch, »Gott sei Dank. Meine Wirtschaft bemüht sich nur, daß zu den Steuern im Herbste das Geld daliegt. Kommen ja Bauern und sagen: Batjuschka, Vater, gieb uns Frist zur Zahlung! Nun die Bauern sind dann auch meine Nebenmenschen, und sie jammern einen. Ich lasse ihnen das erste Drittel nach und sage, >Kinder, denkt daran, ich habe Euch geholfen, nun helft auch mir, wenn ich Euch brauche.< Da kommt nun der Haferschnitt, die Heuernte, die Kornernte und man macht aus, wie viel sie nach ihrer Zinsschuld dabei zu arbeiten haben. Aber freilich giebt es auch Gewissenlose unter ihnen.«
Lewin, der diese patriarchalischen Gepflogenheiten längst kannte, wechselte mit Swijashskiy einen Blick und fiel Michail Petrowitsch ins Wort, indem er sich wiederum an den Gutsbesitzer mit dem grauen Schnurrbart wandte.
»Aber wie glaubt Ihr denn,« frug er, »daß eine Ökonomie jetzt bewirtschaftet werden müsse?«
»Sie muß so geführt werden, wie es Michail Petrowitsch thut; entweder um die Hälfte losschlagen oder den Bauern leihen, das ginge eben noch -- aber freilich wird dadurch der allgemeine Wohlstand des Adels vernichtet. Während mein Land unter der Arbeit der Leibeigenen und durch gute Wirtschaft das Neunfache trug, bringt es jetzt nur das Dreifache. Die Emancipation hat Rußland zu Grunde gerichtet!«
Swijashskiy blickte mit lachenden Augen auf Lewin, er machte diesem sogar ein kaum merkliches Zeichen des Spottes; aber Lewin fand diese Worte des Gutsbesitzers nicht lächerlich; er verstand sie besser, als er Swijashskiy begriff. Vieles von dem, was der Gutsbesitzer noch weiter sprach, in der Darlegung, weshalb Rußland durch die Emancipation der Bauern ruiniert sei, erschien ihm sogar sehr wahr, und ihm selbst neu und unwiderleglich.
Der Gutsbesitzer sprach augenscheinlich nur seinen eigenen Gedanken aus -- was ja so selten vorkommt -- und es war ein Gedanke, auf den er nicht in dem Wunsche, sein müßiges Hirn zu beschäftigen geführt worden war, sondern ein solcher, der ihm aus den Verhältnissen seines Lebens, das er in ländlicher Einsamkeit hingebracht hatte, erwachsen und nach allen Seiten hin überdacht worden war.
»Es handelt sich, wenn Ihr gefälligst Einsicht nehmen wollt, darum, daß jeglicher Fortschritt sich nur durch die Gewalt vollzieht,« sagte er, offenbar im Wunsche zu zeigen, daß er Bildung besitze. »Nehmt die Reformen eines Peter, einer Katharina, Aleksanders; nehmt die Geschichte Europas her! Hier ist der Fortschritt im Bauernstande nur um so bedeutender! Um allein von der Kartoffel zu reden -- selbst die hat mit Gewalt bei uns eingeführt werden müssen! Hat man doch selbst mit dem Pfluge auch nicht immer gepflügt! Man hat ihn auch erst eingeführt, vielleicht zur Zeit der Lehnfürstentümer, aber jedenfalls mit Gewalt! Einst, zu unserer Zeit, haben wir Grundbesitzer unter dem Leibeigenschaftsgesetz unsere Wirtschaft mit Vervollkommnungen geführt, mit allen möglichen Gerätschaften, aber alles das hatten wir durch unsere Kraft eingebürgert, die Bauern waren anfangs dagegen, dann erst begannen sie, uns nachzuahmen! Jetzt, nachdem das Leibeigenschaftsgesetz beseitigt ist, hat man uns diese Macht benommen, und unsere Wirtschaft, die auf einen hohen Standpunkt gehoben worden war, muß wieder bis auf das wildeste Urzeitverhältnis zurücksinken. So fasse ich es auf!«
»Wozu so. Wenn es rationell ist, so könnt Ihr doch durch Verpachten weiter wirtschaften,« bemerkte Swijashskiy.
»Wir haben ja keine Macht mehr dazu. Mit wem sollen wir denn arbeiten, bitte ich Euch?«
»Nun, wir haben ja die Arbeitskraft -- das hauptsächlichste Element der Ökonomie,« dachte Lewin.
»Mit Arbeitern.«
»Die Arbeiter wollen nicht gut arbeiten, oder mit guten Gerätschaften hantieren. Unser Arbeiter versteht nur eines -- sich zu berauschen wie das liebe Vieh, und im Rausche alles zu ruinieren, was man ihm in die Hände giebt. Die Pferde vergiftet er, das gute Zaumzeug zerreißt er, die Maschinen macht er defekt. Er ärgert sich über alles, was nicht nach seinem Kopfe ist. Daher kommt es, daß der ganze Stand der Landwirtschaft zurückgegangen ist. Das Land liegt öde, ist mit Unkraut überwuchert oder unter die Bauern verteilt, und dort, wo man Millionen von Tschetwert produziert hat, produziert man heute nur noch nach hunderttausenden. Der allgemeine Wohlstand ist vermindert. Hätte man mit Überlegung das gethan, da? --
Er begann nun seinen Plan der Befreiung zu entwickeln, nach welchem alle diese Übelstände vermieden werden könnten.
Lewin interessierte dies nicht, als jener indessen geendet hatte, kam er auf seinen ersten Standpunkt zurück und sagte zu Swijashskiy gewendet und sich bemühend, diesen zur Äußerung seiner eigentlichen Meinung zu veranlassen:
»Daß der Stand der Landwirtschaft zurückgegangen ist, und daß bei unseren Beziehungen zu den Arbeitern keine Möglichkeit, erfolgreich eine rationelle Ökonomie zu betreiben vorhanden ist -- ist vollständig richtig,« sprach er.
»Das finde ich nicht,« erwiderte Swijashskiy ziemlich ernst, »ich sehe nur das Eine, daß wir die Ökonomie nicht zu treiben verstehen, und daß, im Gegenteil, die Landwirtschaft, die wir unter dem Leibeigenschaftsgesetz betrieben haben, nicht gerade zu hoch entwickelt war, sondern vielmehr zu niedrig stand. Wir hatten da keine Maschinen, kein gutes Arbeitsvieh, keine eigentliche Methode und verstehen nicht zu rechnen. Fragt einmal den Landbesitzer; er wird nicht wissen, was für ihn von Vorteil oder Nachteil ist!«
»Nun, die italienische Buchführung,« sagte der eine Gutsbesitzer sarkastisch. »Da giebt es keinen Gewinn, soviel man auch rechnen mag, denn man verdirbt ja alles!«
»Warum alles verderben? Wenn man Euch Eure alten russischen Geräte zerbricht, so kann man meine neuen Dampfmaschinen nicht zerbrechen. Euer Rennpferd von toskanischem Blut, das kann man Euch wohl verderben, aber führt nur ehrliche kräftige Landpferde ein, die werden sie Euch nicht zu Schanden richten. So ist es mit allem! Ihr wollt die Ökonomie eben höher bringen, als notwendig ist.«
»Das ließe sich ja hören, Nikolay Iwanowitsch; Ihr habt gut reden, aber wenn ich nun einen Sohn auf der Universität zu erhalten habe, kleinere Kinder auf dem Gymnasium erziehen lasse -- da kann ich doch keine Rassepferde kaufen.«
»Nun, da giebt es ja doch Banken.«
»Um auch das Letzte unter den Hammer kommen zu lassen? Nein, ich danke.«
»Ich kann nicht zugeben, daß es nötig oder möglich wäre, den Stand der Ökonomie noch mehr zu erhöhen,« ergriff Lewin das Wort. »Ich beschäftige mich damit, und habe die Mittel dazu, aber ich habe nichts auszurichten vermocht, und die Banken, -- ich weiß nicht, wozu die nützen sollen. Ich wenigstens habe -- wofür ich auch immer Geld in der Ökonomie verausgabte -- nur mit Mißerfolg gearbeitet; bezüglich des Viehs mit Mißerfolg, wie bezüglich der Maschinen.«
»Das ist ganz richtig,« bestätigte der Gutsherr im grauen Bart, voll Genugthuung lächelnd.
»Ich stehe hierin auch nicht allein,« fuhr Lewin fort, »sondern befinde mich dabei im Einklang mit allen Gutsbesitzern, die rationell wirtschaften; alle diese, mit wenigen Ausnahmen, arbeiten mit Verlusten. Nun, Ihr aber sagt uns jetzt, was Eure Ökonomie macht. Ist sie gewinnbringend?« frug Lewin und bemerkte im selben Moment, im Blicke Swijashskiys wieder jenen huschenden Ausdruck des Erschreckens, den er schon gewahrt hatte, als er tiefer in die verborgenen Falten des Geistes von Swijashskiy einzudringen gewünscht hatte.
Die Frage war von seiten Lewins nicht völlig mit gutem Gewissen gestellt worden. Die Hausfrau hatte ihm soeben beim Thee erzählt, daß man jetzt im Sommer einen Deutschen von Moskau eingeladen hatte, welcher Kenner der Buchführung war und für den Preis von fünfhundert Rubel ihnen die Wirtschaftsführung revidierte; derselbe hatte gefunden, daß die Ökonomie mit dreitausend und einigen Rubeln Verlust arbeite. Sie wußte es nicht ganz genau, aber der Deutsche schien die Sache bis zur Viertelkopeke ausgerechnet zu haben.
Der eine Gutsherr hatte bei der Erwähnung des Nutzertrags in der Wirtschaft Swijashskiys gelächelt, offenbar weil er wußte, wie hoch sich der Gewinn seines Nachbars und Kreisoberhauptes belaufen könne.
»Möglich schon, daß sie nicht ergiebig ist,« versetzte Swijashskiy. »Dies beweist aber nur, daß ich entweder ein schlechter Ökonom bin, oder mein Kapital zur Erhöhung meiner Rente aufwende.«
»Ach, die Rente,« rief Lewin voll Schrecken. »Es mag eine Rente in Europa geben, wo das Land infolge der auf dasselbe verwendeten Arbeit besser geworden ist, bei uns aber wird alles Land von der darauf verwendeten Arbeit nur noch schlechter, das heißt, man entkräftet es und es erzielt daher keine Rente.«
»Inwiefern nicht? Haben doch ein Gesetz dafür?«
»Dann stehen wir außerhalb dieses Gesetzes. Eine Rente schafft für uns keine Abklärung, sondern nur noch mehr Verwirrung. Aber sagt uns doch dann wenigstens, wie die Theorie der Rentenwirtschaft vielleicht« --
»Wünscht Ihr Molken? Mascha, bringe uns doch Molken oder Himbeeren hierher,« wandte sich Swijashskiy plötzlich an seine Frau. »Die Himbeere steht heuer außerordentlich lange.«
In heiterster Laune erhob sich Swijashskiy und schritt selbst hinaus, offenbar in der Annahme, daß das Gespräch abgebrochen sei, und zwar gerade hier, wo es Lewin erst beginnen zu wollen schien.
Da letzterer somit seines Gegenübers verlustig gegangen war, führte er die Unterhaltung mit dem Gutsherren fort, indem er sich bemühte, diesem zu beweisen, die gesamte Schwierigkeit erwachse daraus, daß man nicht die Eigenschaften und Gepflogenheiten der Arbeitenden erkennen wolle; der Gutsbesitzer war indessen, wie fast alle selbständig und unabhängig denkenden Menschen, schwer empfänglich für die Annahme einer fremden Meinung, und blieb seiner eigenen mit leidenschaftlicher Überzeugung getreu.
Er verblieb beharrlich dabei, daß der russische Bauer ein Vieh sei und das Viehische liebte, daß, um ihn dieser traurigen Lage zu entreißen, Gewalt nötig sei, und, wenn diese nicht, der Stock, während die Welt gleichwohl so liberal geworden sei, daß man die tausendjährige Rute plötzlich mit Advokaten und Haftstrafen vertauscht habe, bei denen man die unnützen stinkenden Bauern noch mit guter Suppe füttere und ihnen die Luft nach Kubikfuß berechne.
»Weshalb glaubt Ihr,« fuhr Lewin fort, sich bemühend, auf seine Frage zu kommen, »daß es unmöglich sei, eine Beziehung zur Arbeitskraft zu finden, mit deren Hilfe die Arbeit nutzbringend würde?«
»Dies wird beim russischen Volke niemals der Fall sein. Es giebt keine Autorität mehr!« versetzte der Gutsherr.
»Aber dann können doch neue Bedingungen gefunden werden?« sagte jetzt Swijashskiy, der Molken gegessen hatte und eine Cigarette rauchend, soeben zu den Disputierenden zurückkehrte. »Sämtliche mögliche Beziehungen zur Arbeitskraft sind schon bestimmt und geprüft worden,« sagte er, »der Rest von alter Barbarei bricht von selbst in sich zusammen, die Leibeigenschaft ist aufgehoben, und so bleibt denn nur die freie Arbeit noch, deren Formen bestimmt und fertig sind, so daß sie nur angenommen zu werden brauchen. Arbeiter, Tagelöhner und Pächter -- aus dem werdet Ihr nicht herauskommen.«
»Aber Europa ist unzufrieden mit diesen Formen.«
»Es ist unzufrieden und sucht neue, und es wird solche wahrscheinlich auch finden.«
»Ich spreche nur davon,« bemerkte Lewin, »weshalb wir dieselben nicht unsererseits suchen können?«
»Weil dies ebenso wäre, als wenn wir aufs neue Methoden für den Bau von Eisenbahnen erfinden wollten. Sie sind eben schon fertig und ausgedacht.«
»Und wie, wenn sie uns nicht anstünden, wenn sie unbeholfen wären?« Er bemerkte wiederum jenen Ausdruck des Erschreckens in den Augen Swijashskiys.
»Ja, dieses bekannte >wir könnten es schon gefunden haben, was Europa noch sucht!< Ich kenne es schon, doch entschuldigt, kennt Ihr denn alles, was in Europa bezüglich der Arbeiterfrage gethan worden ist?«
»Nein, nur wenig.«
»Diese Frage beschäftigt jetzt die ersten Geister Europas. Es ist die Richtung Schultze-Delitzschs. Dann haben wir die ganze ungeheure Litteratur der Arbeiterfrage, der liberalsten Richtung Lassalles; Mühlhausens Projekt ist bereits eine Thatsache, kennt Ihr es schon?«
»Einen Begriff habe ich davon, doch nur einen dunkeln.«
»O, Ihr wollt doch nur sagen, daß Ihr alles das nicht weniger genau kennt, wie ich. Allerdings bin ich nicht Professor der Nationalökonomie, aber der Gegenstand hat mich interessiert, und wahrhaftig, falls er Euch interessieren sollte -- beschäftigt Euch nur damit!«
»Und wohin sind jene Männer gelangt?« --
-- »Entschuldigung!« --
Die Gutsbesitzer hatten sich zum Aufbruch erhoben und Swijashskiy, Lewin wiederum mit dessen unangenehmer Gewohnheit zu erkunden, was sich in den verstecktesten Winkeln seines Geisteslebens verberge, sitzen lassend, ging, um seine Gäste hinauszubegleiten.
28.
Es war Lewin an diesem Abend unerträglich langweilig geworden in der Gesellschaft der Damen. Wie nie zuvor, regte ihn der Gedanke auf, daß jene Unzufriedenheit mit der Ökonomie, die er jetzt empfand, nicht ausschließlich ihn in seiner Lage beherrsche, sondern einer allgemeinen Situation entspringe, in welcher sich Rußland befinde, daß die Schaffung einer gewissen Bestimmung für die Arbeiter nicht mehr eine Idee bleibe, sondern eine Aufgabe werde, welche unbedingt zu lösen sei. Ihm schien es, daß man diese Aufgabe lösen könne und versuchen müsse, dies zu thun.
Nachdem er sich von den Damen verabschiedet, und versprochen hatte, noch den nächsten ganzen Tag dazubleiben, in der Absicht, nach dem Walde zu reiten, um hierselbst einen interessanten Wildbruch anzusehen, begab sich Lewin noch vor dem Schlafengehen in das Kabinett des Hausherrn, um sich Bücher über die Arbeiterfrage zu holen, die ihm Swijashskiy empfohlen hatte.
Das Kabinett Swijashskiys war ein sehr geräumiges Gemach, mit Bücherschränken besetzt, in welchem sich zwei Tische befanden. Der eine, ein massiver Schreibtisch, stand in der Mitte; der andere, von runder Form, war ringsum um die auf ihm stehende Lampe mit den neuesten Nummern von Zeitungen und Journalen in verschiedenen fremden Sprachen bedeckt. Auf dem Schreibtisch befand sich ein Regal mit Kästen, welche durch goldige Schilder für Kategorien verschiedener Art ausgezeichnet waren.
Swijashskiy langte die Bücher herunter und setzte sich in seinen Rollsessel.
»Wonach seht Ihr?« frug er Lewin, der vor dem runden Tische stehen geblieben, die Journale musterte. »Ach ja, dort ist ein sehr interessanter Aufsatz,« fügte Swijashskiy, betreffs eines Journals, welches Lewin in Händen hielt, hinzu. »Es wird darin gezeigt,« fuhr er mit freundlicher Lebhaftigkeit fort, »daß der hauptsächlichste Urheber der Trennung Polens durchaus nicht Friedrich gewesen ist. Es wird gezeigt« -- mit der ihm eigenen Klarheit entwickelte er nun in Kürze diese neuen, sehr wichtigen und interessanten Enthüllungen.
Ungeachtet dessen, daß Lewin jetzt vor allem doch nur der Gedanke an seine Landwirtschaft beschäftigte, frug er sich doch, während er dem Hausherrn zuhörte, »was lebt nur in diesem Manne? Warum, warum ist ihm die Teilung Polens interessant?«
Nachdem Swijashskiy geendet hatte, frug Lewin unwillkürlich: »Und was ergiebt sich hieraus?« Aber es ergab sich nichts. Es war eben einfach interessant, was in dem Artikel »gezeigt« worden war. Swijashskiy erklärte nichts und fand es auch nicht für notwendig zu erklären, warum ihm die Abhandlung interessant war.
»Mich hat übrigens jener heißspornige Gutsbesitzer sehr interessiert,« sagte Lewin hierauf seufzend, »er ist klug und sagte viel Wahres.«
»Ach geht doch! Ein eingefleischter geheimer Anhänger der Leibeigenschaft, wie sie es alle noch sind!« erwiderte Swijashskiy.
»Alle, deren Oberhaupt Ihr seid!«
»Ja; aber nur, daß ich sie nach der anderen Seite hinüberzuleiten suche,« sagte Swijashskiy und lachte.
»Mich hat dies Eine sehr interessiert,« fuhr Lewin fort; »daß er damit recht hat, daß unser Werk, das heißt das der rationellen Ökonomie, nicht gedeiht, während allein das Geschäft der Halsabschneider blüht. Wer ist daran schuld?«
»Natürlich wir selbst, und demgemäß ist es nicht richtig, daß unser Werk nicht gediehe. Wasiltschikoff kommt vorwärts« --
»Mit seiner Fabrik« --
»Ich weiß indessen gar nicht, was Euch in Verwunderung setzt. Das Volk befindet sich auf einem so niederen Grad materieller und moralischer Entwickelung, daß es offenbar gegen alles anstreben muß, was ihm fremdartig erscheint. In Europa gedeiht die rationelle Ökonomie deshalb, weil das Volk gebildet ist; wir müßten also vielleicht auch erst das Volk bilden -- das ist das ganze Geheimnis.« --
»Aber wie sollen wir das Volk bilden?«
»Dazu sind drei Dinge erforderlich: Schulen, wieder Schulen, und nochmals Schulen.«
»Aber Ihr selbst habt doch gesagt, daß das Volk auf einer niederen Stufe der materiellen Entwickelung steht; inwiefern sollen da die Schulen helfen?«
»Wißt, Ihr erinnert mich an jene Anekdote von dem Rat der einem Kranken erteilt wurde. Dem war ein Purgativ verschrieben worden -- man gab es ihm -- es wird schlimmer; man versucht Blutegel -- es wird schlimmer; er soll zu Gott beten -- es wird schlimmer. So geht es uns beiden! Ich verordne Staatsökonomie. Ihr sagt, da wird es nur schlimmer; ich verordne Socialismus -- da wird es auch schlimmer; Bildung -- da auch!« --
»Wodurch sollten uns die Schulen helfen?«
»Sie werden dem Volke andere Ansprüche verleihen.»
»Dies ist es, was ich eben nie verstanden habe,« rief Lewin eifrig, »wie sollen die Schulen dem Volke beistehen können, seine materielle Lage zu verbessern? Ihr sagt, die Schule, die Bildung erweckt in dem Volke neue Bedürfnisse. Um so schlimmer wäre doch das, da das Volk alsdann nicht in der Lage sein wird, diese zu befriedigen! In welcher Beziehung könnten denn die Kenntnisse im Rechnen, Lesen, und in der Bibelkunde zur Verbesserung seiner materiellen Lage beitragen? Das habe ich mir nie begreiflich machen können. Vorgestern Abend begegnete ich einem Weibe mit einem Säugling an der Brust. Ich frug es, wohin es ginge. Das Weib antwortete: >Ich war bei der Hebamme; dem Kleinen ist es so auf die Brust gefallen, da habe ich ihn mit hingenommen, daß sie ihn heile.< Ich frug, >wie heilt ihn denn die Hebamme?< -- >Nun, sie setzt das Kind zu den Hühnern auf die Stange und spricht etwas dazu.<«
»Nun, da sagt Ihr es ja selbst. Eben damit sie das Kind nicht mehr zur Heilung auf die Hühnersteige trage, ist es nötig, daß« -- lächelte heiter Swijashskiy.
»O nein!« antwortete Lewin ärgerlich, »diese Heilung sollte nur ähnlich erscheinen mit der Heilung des Volkes durch die Schulen. Das Volk ist arm und ungebildet; das sehen wir so klar, wie die Bäuerin die Krankheit ihres Kindes sah, da das Kind schrie. Wie nun dieser Armut und Unbildung Schulen abhelfen sollen, das ist mir so unbegreiflich, wie ich nicht verstehen kann, auf welche Weise die Hühner auf der Steige das Kind heilen könnten. Es ist nötig, in dem Abhilfe zu schaffen, wodurch das Volk wirklich elend ist!«
»Nun, da stimmt Ihr wenigstens mit Spencer überein, den Ihr so wenig liebt. Der sagt auch, die Bildung könne nur eine Folge großen Wohlstandes und großer Bequemlichkeit im Leben sein -- häufiger Waschungen -- wie er sagt, nicht aber eine Folge des Schreiben- und Lesenkönnens.«
»So, so; nun, da bin ich sehr froh, oder vielmehr im Gegenteil, gar nicht froh, daß ich hierin mit Spencer übereinstimme; aber das weiß ich ja schon lange. Die Schulen werden uns nicht helfen, wohl aber wird dies eine ökonomische Verfassung, bei welcher das Volk wohlhabender wird, mehr Muße hat -- dann können auch Schulen existieren.«
»Gleichwohl sind doch die Schulen in ganz Europa obligatorisch.«
»Ihr befindet Euch darin doch in Übereinstimmung mit Spencer?« frug Lewin.
In den Blicken Swijashskiys erschien wieder jener Ausdruck des Erschreckens, als er lächelnd erwiderte:
»Nein, diese Geschichte mit dem Bauernweib ist vorzüglich! Solltet Ihr sie nicht schon gehört haben?«
Lewin sah ein, daß er auf diese Weise ebenfalls nicht den Zusammenhang des Lebens dieses Mannes mit seinen Ideen werde finden können. Es war ihm selbst ganz gleichgültig, wohin ihn seine Anschauungen führten; ihm selbst handelte es sich nur um eine Spekulation, und es war ihm unangenehm, daß ihn diese Spekulation in eine Sackgasse führte. Dies konnte er nicht vertragen und er entzog sich dem, indem er das Gespräch auf etwas Anderes, Angenehmes, Heiteres hinüberleitete.
Alle Eindrücke dieses Tages hatten Lewin stark erregt. Dieser freundliche Swijashskiy, der seine Gedanken nur im Interesse der gesellschaftlichen Anstandspflicht für sich behielt, und offenbar noch ganz andere, Lewin unbekannte Grundsätze des Lebens beobachtete -- er, der mit einem Haufen, dessen Name Legion war, die allgemeine Meinung vermittelst ihm persönlich doch fremder Ideen leitete; dann dieser heißblütige Gutsherr, der völlig auf dem rechten Wege war mit seinen Urteilen, die ihm durch das Leben selbst abgedrungen worden waren, aber im Unrechte mit seinem Zorn gegen eine ganze Volksklasse -- noch dazu die beste -- Rußlands; endlich seine eigene Unzufriedenheit mit seiner Wirksamkeit und die dunkle Hoffnung, doch noch eine Besserung für alles das finden zu können, alles das vereinigte sich in ihm zu einem Gefühle innerer Unruhe und der Erwartung einer nahen Entscheidung.
Als er sich in dem ihm zugewiesenen Zimmer allein befand, konnte er, auf der Sprungfedermatratze liegend, die ihm unverhofft, sobald er eine Bewegung machte die Hände oder Füße emporschnellte, lange den Schlaf nicht finden. Kein Gespräch mit Swijashskiy hatte Lewin, so viel des Geistreichen wohl auch gesprochen sein mochte, interessiert, wohl aber forderten die Darlegungen des Gutsbesitzers nähere Überlegung. Er vergegenwärtigte sich nochmals unwillkürlich alle seine Worte und berichtigte in seiner Vorstellungskraft alles das, was er jenem geantwortet hatte.
»Ja, ich hätte ihm sagen müssen: Ihr sprecht, unsere Landwirtschaft komme nicht vorwärts, weil der Bauer alle Vervollkommnungen hasse, und man sie mit Gewalt dazu treiben müsse; wenn die Landwirtschaft ohne diese Vervollkommnung nicht denkbar wäre, hättet Ihr recht, aber sie kommt dennoch nur dort vorwärts, wo der Arbeiter im Einklang mit seinen Gepflogenheiten thätig ist. Eure und meine Unzufriedenheit mit der Ökonomie beweist, daß wir, oder die Arbeiter die Schuld tragen. Wir haben uns schon lange nach unserer Weise, nach europäischer Mode eingerichtet, ohne nach den Eigenschaften der Arbeitskraft zu fragen. Versuchen wir es doch einmal, die Kraft des Arbeiters nicht als idealen Begriff Arbeitskraft anzuerkennen, sondern vielmehr als den russischen Bauern mit seinen Instinkten, und richten wir unsere Ökonomie demgemäß ein! Stellt Euch vor, hätte ich ihm sagen müssen, daß Eure Ökonomie so geführt wurde, daß Ihr das Mittel fändet, Eure Arbeiter für den Erfolg ihrer Thätigkeit zu interessieren und Ihr hättet das Durchschnittsmaß in der Vervollkommnung gefunden, welches jene anerkennen, und erzieltet, ohne den Boden auszumergeln, das Doppelte oder Dreifache gegen früher. Ihr teiltet das Land nun in Hälften, und gebt die eine Hälfte der Arbeitskraft, so wird der Überschuß der Euch verbliebe, immer noch größer sein und die Arbeitskraft erhielte auch mehr. Um dies aber auszuführen, ist es nötig, die Lage der Ökonomie beiseite zu lassen und die Arbeiter mit Interesse für den Ertrag derselben zu erfüllen. Wie ist das nun auszuführen? Diese Frage will bis in die Einzelheiten beleuchtet sein, aber es ist unzweifelhaft, daß sie lösbar ist.«
Der Gedanke versetzte Lewin in starke Erregung. Er konnte die halbe Nacht nicht schlafen und überlegte sich die Einzelheiten in der Ausführung der Idee.
Er wollte nun nicht erst am nächsten Tage abreisen, sondern entschloß sich jetzt, gleich am Morgen früh nach Hause zurückzukehren.
Überdies hatte jene junge Schwägerin mit dem viereckigen Ausschnitt vorn im Kleid in ihm ein Gefühl erregt, welches dem der Scham und der Reue über eine begangene Dummheit sehr ähnlich war. Die Hauptsache war jetzt, daß er heimfahren müsse, ohne unterwegs auszuspannen; er mußte den Bauern sein neues Projekt vorlegen, bevor noch die Wintersaat in die Erde kam, damit er diese schon nach den neuen Grundsätzen ernten könne. Er hatte beschlossen, seine gesamte bisherige Landwirtschaftsmethode umzuändern.
29.
Die Ausführung dieses Planes bot Lewin viel Schwierigkeiten, aber er besiegte dieselben, soweit es in seinen Kräften stand, und erreichte, wenn auch nicht das, was er gewünscht hatte, so doch, daß er, ohne sich selbst zu täuschen glauben konnte, die Sache verlohne sich der Mühe nicht.
Eine der Hauptschwierigkeiten war die, daß die Wirtschaft im vollen Gange war und nicht darin gehemmt werden durfte, indem man alles von vorn anfing; man mußte die Maschine mitten im Gange verstellen.
Als er an jenem Abend noch, an welchem er nach Hause gekommen war, dem Verwalter seine Pläne mitgeteilt hatte, erklärte sich dieser mit sichtlichem Vergnügen mit demjenigen Teil der Rede Lewins einverstanden, welcher darlegte, daß alles bisher Gethane sinnlos und unersprießlich gewesen sei. Der Verwalter meinte, er habe das schon längst gesagt, man hätte ihn aber nicht hören wollen. Was den von Lewin gemachten Vorschlag anbetraf, daß er als Anteilhaber, zusammen mit den Arbeitskräften der ganzen Ökonomie beitrete, so zeigte der Verwalter darauf hin nur einen Ausdruck großer Ratlosigkeit und nicht die geringste bestimmte Meinung; er ging vielmehr sogleich dazu über, daß morgen die letzten Kornfeime noch hereingebracht werden müßten, und Lewin fühlte, daß es jetzt nicht Zeit für die Sache sei.
In der Rücksprache mit den Bauern hierüber und bei der Vorlegung des Vorschlages der Übergabe von Land nach den neuen Bedingungen, begegnete er der nämlichen Hauptschwierigkeit, daß die Bauern gleichfalls von der laufenden Arbeit des Tages so in Anspruch genommen waren, daß sie keine Zeit hatten, die Vorteile oder Nachteile einer derartigen Unternehmung zu überdenken.
Ein naiver Bauer mit Namen Iwan, der Viehwärter, schien Lewins Projekt vollständig erfaßt zu haben -- dahingehend, daß er an den Erträgnissen des Viehhofes mit seiner Familie Anteil haben sollte -- und er stimmte dem Unternehmen vollständig bei. Als aber Lewin ihm die künftigen Vorteile zu Gemüte zu führen versuchte, drückte sich auf dem Gesicht Iwans Unruhe und das Bedauern aus, daß er nicht alles dies bis zu Ende anhören könne; und er begann sich geflissentlich etwas zu schaffen zu machen, was keinen Aufschub dulde. Er nahm die Heugabel, um Heu aus der Schafhürde zu stechen, oder er spülte mit Wasser, oder schaffte Mist beiseite.
Eine andere Schwierigkeit bestand in dem unbesieglichen Mißtrauen der Bauern, daß die Absicht des Gutsherrn überhaupt in etwas ganz Anderem bestehen könne, als dem Wunsche, sie soviel als möglich zu rupfen. Sie waren fest überzeugt, daß seine eigentliche Absicht, -- was er ihnen auch immer sagen mochte -- doch nur gerade in dem liege, was er ihnen nicht mit sagte. Indem sie sich nun gegenseitig aussprachen, redeten sie wohl viel, sagten aber gleichfalls nicht, was ihre eigentliche Absicht war. Dabei aber stellten die Bauern -- und hier fühlte Lewin, daß jener gallige Gutsbesitzer recht gehabt hatte -- auch noch als erste und festeste Bedingung für jedes Einverständnis ihrerseits, mochte es bestehen worin es wolle, auf, daß sie zu keinerlei neuen landwirtschaftlichen Methoden, mochten diese sein, wie sie wollten, oder zur Verwendung moderner Geräte gezwungen sein sollten. Sie gaben wohl zu, daß der Dampfpflug schneller arbeite, aber sie fanden tausend Gründe, weshalb sie die Geräte nicht anwenden konnten, und so mußte er, obwohl überzeugt, daß man den Komfort der Landwirtschaft immerhin ein wenig tiefer stellen könne, zu seinem Bedauern auf die Vervollkommnung verzichten, deren Nutzen ein so augenfälliger war. Abgesehen von allen diesen Schwierigkeiten indessen, strebte er seinem Ziele nach und im Herbste ging die Sache, oder es schien ihm doch wenigstens so.
Anfangs dachte Lewin daran, sein ganzes Land, so wie es war, den Bauern, den Knechten und dem Verwalter auf Grund der neuen Gesellschaftsstatuten zu überlassen, aber sehr bald überzeugte er sich, daß dies unmöglich war und faßte den Entschluß, die Ökonomie nur zum Teil zu vergeben. Der Viehhof, der Garten, der Gemüsegarten, die Wiesen, die Felder, die in einige Parzellen geteilt waren, sollten nun getrennte Bereiche bilden. Der naive Viehhirt Iwan, der wie es Lewin schien, die Sache am besten von allen aufgefaßt hatte, bildete sich eine Artjel, die vorzugsweise aus den Mitgliedern seiner Familie bestand und wurde Anteilhaber des Viehhofes. Ein abgelegenes Feld, welches acht Jahre lang unbenutzt gewesen war, wurde mit Beihilfe des klugen Zimmermanns Fjodor Rjezunoff von sechs Bauernfamilien auf Grund der neuen Gesellschaftsordnung übernommen, und der Bauer Schurajeff trat zu den nämlichen Bedingungen in den Besitz der sämtlichen Gemüsegärten. Alles übrige verblieb noch beim Alten, aber diese drei Bereiche bildeten doch schon den Beginn einer neuen Ordnung und beschäftigten Lewin vollständig.
Auf dem Viehhofe ging freilich von nun ab die Sache durchaus nicht besser, als vorher, denn Iwan opponierte eifrig gegen die zu warme Stellung der Kühe und gegen die Herstellung guter Rahmbutter, indem er behauptete, daß eine Kuh bei kühlerer Stellung weniger Futter brauche und daß die von abgerahmter Milch hergestellte Butter vorteilhafter sei; er forderte seine Bezahlung, wie früher, und interessierte sich durchaus nicht dafür, daß das Geld, welches er empfing, nicht ein Lohn war, sondern ein Aufgeld von seinem künftigen Anteil am gemeinsamen Gewinn.
Es war die Wahrheit, daß die Arbeitsgesellschaft des Fjodor Rjezunoff nicht ihre Leistungen verdoppelt hatte, wie dies verabredet worden war, und daß sie sich damit rechtfertigte, daß die Zeit zu kurz bemessen gewesen sei.
Es war die Wahrheit, daß die Bauern dieser Artjel, obwohl sie ausgemacht hatten, die Arbeit nach den neuen Einrichtungen leisten zu wollen, ihr Land nicht als gemeinsam bezeichneten, sondern als verteilt, und mehr als einmal sagten die Mitglieder desselben, ja Rjezunoff selber, zu Lewin: »Wenn Ihr Euch Geld für den Grund und Boden bezahlen ließet, so könntet Ihr ruhiger sein und wir fühlten uns freier.« Außerdem aber schoben die Bauern unter den verschiedensten Vorwänden den mit ihnen vereinbarten Bau eines Viehhofes und einer Trockenscheune auf ihrem Terrain immer wieder hinaus und zogen die Sache bis zum Winter hin.
Es war auch der Fall, daß Schurajeff die übernommenen Gemüsegärten seinerseits wieder in kleineren Partieen an die Bauern verteilen wollte. Er hatte offenbar die Bedingungen falsch, und zwar absichtlich falsch aufgefaßt, unter welchen ihm das Land überlassen worden war.
Lewin empfand freilich auch häufig im Gespräch mit den Bauern und bei der Erklärung aller Vorteile, die sie von dem Unternehmen hätten, daß die Bauern hierbei nur eben dem Klang seiner Stimme lauschten, und dabei recht wohl wußten, sie würden sich von ihm -- mochte er sagen, was er wollte -- nicht überlisten lassen. Ganz besonders merkte er das, sobald er gerade mit dem klügsten unter den Bauern, mit Rjezunoff, sprach. Er bemerkte hier jenes Spiel in den Augen desselben, welches ihm deutlich den Spott über ihn, sowie die feste Überzeugung zeigte, daß wenn denn einmal Einer übers Ohr gehauen werden solle, jedenfalls nicht er, Rjezunoff, der Dumme sein würde.
Ungeachtet alles dessen aber dachte Lewin, die Sache würde sich schon machen, und er würde den Bauern, wenn er strenge Rechnung führte, und fest auf seinen Grundsätzen beharrte, in der Zukunft schon die Vorteile einer solchen Einrichtung beweisen können, so daß sie alsdann von selbst gehen müsse.
Diese Angelegenheiten, zusammen mit denjenigen, welche die in seinen Händen gebliebene Ökonomie betrafen, und mit der Arbeit an seinem Werke, beschäftigten Lewin den ganzen Sommer hindurch derart, daß er fast kaum auf die Jagd kam. Gegen Ende des August hörte er durch den Knecht, welcher den Sattel zurückbrachte, daß die Oblonskiy nach Moskau gereist seien. Er fühlte, daß er mit seiner Unhöflichkeit, nicht auf das Schreiben Darja Aleksandrownas geantwortet zu haben, an die er nur mit Schamröte zu denken vermochte, die Schiffe hinter sich abgebrannt hatte und nun niemals wieder zu ihnen kommen werde.
In der gleichen Weise war er mit Swijashskiy verfahren, den er verlassen hatte, ohne Abschied zu nehmen. Aber auch zu diesem wollte er niemals wieder kommen. Es war ihm jetzt alles ganz gleichgültig; die Aufgabe der Reorganisation seiner Landwirtschaft beschäftigte ihn so sehr, wie noch nie etwas in seinem Leben. Er las die Bücher, die ihm von Swijashskiy gegeben worden waren, und excerpierte sich, was er selbst nicht besaß; er las socialökonomische und socialwissenschaftliche Werke über den Gegenstand, fand aber, wie er erwartet hatte, nichts, was sich auf die ihn beschäftigende Aufgabe bezogen hätte.
In den politischökonomischen Werken, so im Mill, den er zuerst mit größtem Eifer studierte, in der Hoffnung, jeden Augenblick die Lösung der ihn beschäftigenden Fragen zu finden, fand er Gesetze, die aus den Verhältnissen der europäischen Wirtschaftslage deduziert waren, aber er vermochte nicht zu ersehen, weshalb diese Gesetze, auf Rußland gar nicht anwendbar, allgemeingültig sein sollten. Ganz das Nämliche fand er in den socialwissenschaftlichen Werken, sie zeigten entweder ausgezeichnete, aber nicht praktisch anwendbare Phantasieen, von denen er schon als Student angezogen worden war -- oder Versuche zur Verbesserung der Verhältnisse, in welchen sich Europa befand, und mit denen die Landwirtschaft Rußlands nichts gemein hatte. Die politische Ökonomie sagte, daß die Gesetze, auf welchen sich der Reichtum Europas entwickelt hätte, und noch entwickelte, allgemeingültig und unanfechtbar seien. Die Socialwissenschaft sagte, daß die Entwickelung nach diesen Gesetzen ins Verderben führe. Weder die Eine noch die Andere gab Antwort, oder auch nur den geringsten Fingerzeig für das, was Lewin und alle übrigen russischen Landleute und Grundbesitzer mit ihren Millionen von Händen und Desjatinen Landes thun sollten, um diese für die Hebung des allgemeinen Wohlstandes ergiebiger zu machen.
Nachdem er sich einmal mit seiner Aufgabe befaßt hatte, las er gewissenhaft alles, was sich auf seinen Gegenstand bezog und beschloß, im Herbst ins Ausland zu reisen, um denselben an Ort und Stelle noch zu studieren, zu dem Zwecke, daß es ihm in dieser Frage nicht ebenso gehen möchte, wie es ihm schon so oft in verschiedenen Fragen ergangen war. Wenn er nur erst anfing, den Sinn der Worte seines Nachbars zu erfassen und seine eigene Idee auseinanderzusetzen, falls man ihm plötzlich sagen würde: »Habt Ihr nicht Kaufmann, Jones, Dubois, Mitchelli gelesen? Lest diese, sie haben die Frage behandelt!«
Er erkannte jetzt aber klar, daß weder Kaufmann noch Mitchelli ihm etwas sagen konnten und wußte doch, was er wollte.
Er hatte erkannt, daß Rußland herrliches Land besitze, vorzügliche Arbeitskräfte und daß bei manchen Gelegenheiten die Arbeiter und das Land viel produzierten, in der Mehrzahl der Fälle aber, sobald das Kapital nach europäischem Muster angelegt würde, wenig, und daß dies nur daher komme, daß die Arbeiter zwar arbeiten wollten, aber nur nach ihrer eigenen Weise gut arbeiteten, und daß dieser Widerspruch kein zufällig auftretender sei, sondern ein fest bestehender, der seine Begründung im Geiste des Volkes habe.
Er meinte, daß das russische Volk, in seiner Aufgabe, ungeheure unbebaute Landstrecken zu besiedeln und zu bearbeiten, sich, solange nicht alles Land besiedelt sein würde, an dasjenige Verfahren halte, welches dazu erforderlich war, und daß sein Verfahren durchaus nicht so mangelhaft sei, wie man dies gewöhnlich denke. Dies gedachte er theoretisch in seinem Werke, praktisch in seiner Ökonomie darzulegen.
30.
Mit Ende des September wurde das Holz zum Bau des Viehhofes auf das der Artjel überlassene Areal gebracht; die Butter von den Kühen war verkauft und der Gewinn verteilt worden.
In der Ökonomie ging alles ganz ausgezeichnet, oder es schien Lewin doch so. Zu dem Zwecke aber, alles theoretisch zu erklären und sein schriftliches Werk über die Beziehungen des Volkes zum Boden zu vollenden, welches seiner Idee nach nicht nur eine Umwälzung der politischen Ökonomie herbeiführen, sondern diese Wissenschaft vollständig vernichten und den Anfang zu einer neuen machen mußte, war es noch erforderlich, ins Ausland zu gehen und an Ort und Stelle alles zu studieren, was dort in dieser Richtung gethan worden war, damit er überzeugende Beweise dafür fände, daß alles, was dort gethan worden sei, nicht das sei, was nötig war.
Lewin wartete nur noch die Einbringung des Weizens ab, um Geld zu haben und ins Ausland gehen zu können. Aber große Regengüsse stellten sich ein, die ein Hereinbringen des noch im Felde befindlichen Getreides und der Kartoffeln nicht gestatteten, und so blieb alle Arbeit und selbst die Lieferung des Weizens liegen. Auf dem Wege war der Schmutz undurchdringlich und das Wetter wurde schlechter und schlechter.
Am dreißigsten September zeigte sich früh die Sonne, und Lewin begann sich entschlossen zur Abreise zu rüsten in der Hoffnung auf leidliches Wetter. Er befahl, den Weizen aufzuschütten und sandte den Verwalter zum Kaufmann, um Geld holen zu lassen, während er selbst die Felder abritt, um die letzten Bestimmungen vor der Abreise zu treffen.
Nach der Besichtigung aller Arbeiten, durchweicht von den Wasserströmen, die ihm am Halse herunter auf dem ledernen Rock, und an den Stiefelschäften abflossen, aber in heiterster und angeregtester Stimmung, kehrte Lewin gegen Abend nach Hause zurück. Das Unwetter war um diese Zeit noch schlimmer geworden; ein Graupelwetter peitschte das ganz durchnäßte, Ohren und Kopf schüttelnde Pferd so, daß es seitwärts zu gehen begann, Lewin aber unter seinem Baschlik war es ganz wohl zu Mut und heiter schaute er um sich, bald auf die trüben Wasserbäche, die in den Radspuren strömten, bald nach den Wassertropfen, die an jedem überhängenden Aste schwebten, bald auf die weißen Flecken der Graupeln, die auf den Brettern des Steges noch nicht gethaut waren, bald auf das noch saftige fleischige Laub einer Rüster, welches in dichter Masse rings um den entblätterten Baum gefallen war. Ungeachtet der Düsterheit der ihn umgebenden Natur, fühlte sich Lewin bei ganz besonders guter Laune. Die Gespräche mit den Bauern in einem entfernten Dorfe hatten ihm gezeigt, daß diese sich in die neuen Verhältnisse zu gewöhnen begannen.
Sein alter Hausmeister, bei dem er eingesprochen hatte, um sich zu trocknen, hatte augenscheinlich das Projekt Lewins gebilligt und selbst vorgeschlagen, in eine Artjel für Viehhandel zu treten.
»Man muß sein Ziel nur hartnäckig verfolgen und man erreicht schon was man will,« dachte Lewin, »aber arbeiten und sich mühen ist schon des Preises wert. Diese Sache ist nicht meine eigene, persönliche, es handelt sich hier um eine Frage des allgemeinen Wohles. Die ganze Landwirtschaft und namentlich die Lage des ganzen Volkes muß von Grund aus umgewandelt werden! An Stelle der Armut wird ein allgemeiner Reichtum treten, allgemeine Zufriedenheit; an Stelle der Feindschaft Harmonie und ein Bund im gemeinsamen Interesse. Mit einem Worte, eine unblutige Revolution, aber eine erhabene Revolution, hat von dem kleinen Gebiete unseres Kreises aus begonnen, und wird zunächst im Gouvernement um sich greifen, dann in Rußland selbst -- endlich in der ganzen Welt, weil ein richtiger Gedanke nicht unfruchtbar zu bleiben vermag. Dies ist das Ziel, wegen dessen es der Mühe wert ist, zu arbeiten. Daß aber gerade ich es bin, der dies ausführt, ich, Konstantin Lewin, der Nämliche, welcher in der schwarzen Halsbinde zum Balle kam und den die Schtscherbazkaja von sich gewiesen, der so kläglich und nichtig dasteht, -- das hat hierbei gar nichts zu sagen. Ich bin überzeugt, daß Franklin sich gleichfalls nichtig gefühlt hat und sich selbst nichts zugetraut haben würde, wenn er an sich selbst zurückdachte. Dies sagt also gar nichts. Auch er hatte ja wohl seine Agathe Michailowna, der er seine Geheimnisse anvertraute.«
Mit diesen Gedanken kam Lewin zu Hause an, als die Dämmerung schon hereingebrochen war.
Der Verwalter, der beim Kaufmann gewesen, war angekommen und hatte einen Teil des Geldes für den Weizen mitgebracht. Unterwegs hatte der Verwalter erfahren, daß das Getreide noch überall im Felde stehe, so, daß seine hundertsechzig Haufen im Vergleich zu dem, was die anderen noch draußen hätten, nichts seien.
Nachdem Lewin gegessen hatte, ließ er sich wie gewöhnlich mit dem Buch in der Hand in seinem Sessel nieder und fuhr fort, lesend über seine bevorstehende Reise im Zusammenhang mit seiner Lektüre nachzudenken.
Heute stand die ganze Bedeutung seiner Aufgabe mit besonderer Klarheit vor ihm und wie von selbst ordneten sich in seinem Geiste ganze Perioden zusammen, welche das Wesen seiner Ideen darstellten.
»Das muß ich niederschreiben,« dachte er, »dies soll eine kurze Einleitung, die ich früher für unnötig hielt, bilden.«
Er erhob sich, um zum Schreibtisch zu gehen, und Laska, welcher zu seinen Füßen gelegen hatte, reckte sich, ebenfalls aufstehend, und blickte ihn an, als frage er, wohin er gehen solle. Aber er kam nicht zum Schreiben, weil die Vögte zur Arbeitsbestimmung erschienen waren und Lewin begab sich zu ihnen ins Vorzimmer.
Nach Erledigung dieser Bestimmung, wie der Arbeitsplan für den folgenden Tag genannt wurde und der Anhörung sämtlicher Bauern, die mit ihm zu thun hatten, begab sich Lewin wieder in sein Kabinett und machte sich an die Arbeit. Laska hatte sich unter den Tisch gelegt und Agathe Michailowna saß mit dem Strickstrumpf auf ihrem Platze.
Nachdem er einige Zeit geschrieben hatte, trat Lewin plötzlich mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit das Bild Kitys vor das Auge, ihre Absage und die letzte Begegnung. Er stand auf und begann im Zimmer auf und abzuschreiten.
»Ihr brauchtet Euch nicht so zu langweilen,« begann Agathe Michailowna, »wozu sitzt Ihr hier zu Hause? Ihr müßtet in die warmen Bäder, da geht man jetzt hin!«
»Übermorgen reise ich auch, Agathe Michailowna, ich muß mein Werk zu Ende bringen.«
»O, Euer Werk! Es ist doch nur, daß Ihr die Bauern beschenkt. Die aber sagen höchstens: >Lohn's ihm der Zar!< Es ist doch zu seltsam, weshalb Ihr Euch soviel um die Bauern sorgt.«
»Ich sorge nicht für sie, sondern handle für mich.«
Agathe Michailowna kannte alle Einzelheiten der Wirtschaftspläne Lewins. Dieser hatte ihr seine Ideen schon häufig mit allen ihren Feinheiten dargelegt und war nicht selten mit ihr in Wortwechsel geraten, wenn er sich mit ihren Erklärungen nicht einverstanden fühlte. Jetzt aber faßte sie das, was er ihr gesagt hatte, ganz anders auf.
»Es ist eine bekannte Sache, daß man auf sein eigenes Heil am meisten bedacht sein muß,« sagte sie mit einem Seufzer. »Da ist der Parthen Djenisytsch; obwohl er weder lesen noch schreiben konnte, ist er doch so gestorben, wie es der liebe Gott jedermann fügen möchte,« fuhr sie fort, von einem unlängst verstorbenen Bauern sprechend, »man hat ihm das Abendmahl und die letzte Ölung gespendet.«
»Davon spreche ich nicht,« sagte Lewin, »ich sagte, daß ich für meinen Vorteil wirke. Mir ist es nützlicher, wenn die Bauern besser arbeiten.«
»Ja, aber was Ihr auch thun mögt, wenn der Bauer ein Faulenzer ist, so werdet Ihr doch nur die Wurst nach der Speckseite werfen; ist er hingegen ein gewissenhafter Mensch, dann wird er ohnehin arbeiten; wenn nicht, so kann man nichts machen.«
»Aber Ihr sagt doch selbst, daß Iwan jetzt den Viehhof besser verwaltet?«
»Ich sage nur das Eine,« versetzte Agathe Michailowna, offenbar nicht auf einen plötzlichen Einfall hin, sondern in streng logischer Gedankenfolge, »Ihr müßt heiraten, so steht es!« --
Daß Agathe Michailowna gerade das erwähnte, woran er soeben selbst gedacht hatte, erbitterte und verletzte ihn. Lewin war finster geworden und setzte sich, ohne ihr zu antworten, wieder an seine Arbeit, indem er sich nochmals alles wiederholte, was er über die Bedeutung derselben gedacht hatte. Bisweilen nun lauschte er in der Stille dem Geräusch der Stricknadeln Agathe Michailownas und wieder wurde seine Miene düster, wenn er dessen gedachte, woran er nicht denken mochte.
Um neun Uhr ertönte Schellengeläut und man vernahm das dumpfe Rollen eines Wagens in dem Kot draußen.
»Da kommen wohl Gäste zu Euch; nun, dann wird es ja nicht mehr langweilig sein,« sagte Agathe Michailowna, sich erhebend und nach der Thür schreitend. Lewin überholte sie jedoch. Die Arbeit ging ihm jetzt nicht von statten, und er war froh, daß ein Besuch, mochte es sein, wer da wollte, kam.
31.
Zur Hälfte der Treppe entgegeneilend, vernahm Lewin auf dem Vorsaal das Geräusch eines ihm wohlbekannten Hustens, doch er hörte wegen des Klanges der eigenen Schritte nicht genau, hoffte indessen, daß er sich geirrt haben möchte; gleich darauf erblickte er eine hagere, knochige, wohlbekannte Gestalt, und es schien ihm, als könne er sich nun nicht mehr täuschen, aber gleichwohl hoffte er noch immer, er irre sich, und diese lange Erscheinung, welche dort ihren Pelz ablegte und hustete, sei nicht die seines Bruders Nikolay.
Lewin liebte seinen Bruder, aber immer mit ihm zusammen sein zu sollen, war eine Qual. Jetzt, als Lewin unter dem Einfluß des in ihm auftauchenden Gedankens und der Mahnung Agathe Michailownas in einen ihm selbst nicht erklärlichen Zustande von Ratlosigkeit war, erschien ihm das bevorstehende Wiedersehen mit dem Bruder besonders schwer. Anstatt eines heiteren gesunden fremden Besuches, welcher wie er gehofft hatte, ihn zerstreuen sollte, in seiner geistigen Ratlosigkeit, mußte er den Bruder begrüßen, der ihn durch und durch kannte, der alle seine innersten Empfindungen hervorrufen, und ihn zu einer Aussprache veranlassen konnte, die er auf keinen Fall wünschte.
Auf sich selbst ungehalten über dieses häßliche Gefühl, eilte Lewin in das Vorzimmer, und kaum hatte er den Bruder in der Nähe erblickt, als das Gefühl seiner Enttäuschung sogleich verschwunden war und sich in Mitleid verwandelt hatte.
So erschreckend ihm sein Bruder Nikolay mit seiner Magerkeit und seinem kranken Aussehen schon früher erschienen war, jetzt war er noch mehr abgezehrt, noch geschwächter. Er war zum Skelett geworden, und hing nur noch in der Haut.
Er stand in dem Vorzimmer, mit seinem langen abgezehrten Halse ruckend; indem er sich den Shawl abriß, mit seltsam traurigem Lächeln. Als Lewin dieses friedsame, ergebene Lächeln sah, fühlte er plötzlich, wie ihm ein Schluchzen die Kehle zuschnürte.
»Da, ich bin zu dir gekommen,« begann Lewin mit hohler Stimme, ohne auch nur eine Sekunde die Augen von dem Antlitz des Bruders zu verwenden.
»Ich wollte schon lange kommen, war aber immer unwohl. Jetzt habe ich mich sehr gebessert,« sagte er, seinen Bart mit den langen mageren Handflächen streichend.
»Ja wohl,« versetzte Lewin, und es wurde ihm immer entsetzlicher zu Mut, als er beim Küssen mit den Lippen die Hagerkeit des Körpers seines Bruders fühlte und so nahe dessen seltsam glänzende Augen sah.
Einige Wochen vorher hatte Konstantin Lewin seinem Bruder geschrieben, daß dieser nach dem Verkauf des kleinen Teils des Besitzes, welcher im Hause ungeteilt verblieben war, jetzt seinen Anteil in Höhe von ungefähr zweitausend Rubel in Empfang zu nehmen hätte.
Nikolay sagte ihm nun, er sei wohl gekommen, dieses Geld jetzt in Empfang zu nehmen, hauptsächlich aber, um einmal im alten lieben Neste zu sein, die Erde wieder zu berühren, um, wie die alten russischen Heroen, neue Kraft für weitere Thaten zu schöpfen. Trotz seiner jetzt noch mehr gekrümmten Haltung, trotz der bei seiner Größe frappierenden Abgezehrtheit, waren seine Bewegungen, wie immer, schnell und hastig. Lewin führte ihn in sein Kabinett.
Der Bruder kleidete sich sehr sorgfältig um, was er früher nicht zu thun pflegte; er kämmte seine spärlichen Haare, die aufrecht in der Höhe standen, und stieg dann lächelnd nach oben.
Er befand sich in bester und heiterster Stimmung, so wie sich Lewin seiner aus der Kindheit oft erinnert hatte. Selbst Sergey Iwanowitschs gedachte er heute ohne Groll.
Als er Agathe Michailowna erblickte, begann er mit ihr zu scherzen und frug sie nach den alten Dienstboten. Die Nachricht vom Tode Parthen Djenisitschs wirkte unangenehm auf ihn; auf seinen Zügen malte sich Schrecken, doch ermannte er sich sogleich wieder.
»Nun, er war ja auch schon alt,« sagte er und ging dann auf ein anderes Thema über. »Ich gedenke einen Monat bei dir zuzubringen, auch zwei, und dann nach Moskau zurückzukehren. Du weißt wohl, daß mir Mjachkoff eine Stelle zugesagt hat, und daß ich in den Dienst zu treten beabsichtige. Ich richte jetzt mein Leben ganz anders ein,« fuhr er fort, »du weißt wohl, daß ich jene Frauensperson entlassen habe?«
»Marja Nikolajewna? Wie? Weshalb denn?«
»Ach, sie war ein garstiges Geschöpf, -- hat mir eine Masse Unannehmlichkeiten bereitet!« -- Er erzählte indessen nicht, welcher Art diese Unannehmlichkeiten gewesen waren. Konnte er doch nicht mitteilen, daß er Marja Nikolajewna deshalb davongejagt hatte, weil der Thee einmal zu schwach gewesen, und namentlich, weil sie ihn wie einen Patienten behandelte. »Ich will infolgedessen jetzt mein Leben völlig umgestalten. Wie alle anderen habe ich natürlich auch Dummheiten begangen, doch mein Zustand -- den beklage ich nicht. Wenn ich nur erst gesund bin; und meine Gesundheit hat sich, Gott sei Dank, gebessert.«
Lewin hörte zu und dachte nach, vermochte aber nicht etwas zu finden, was er sagen sollte. Dies mochte wohl auch Nikolay fühlen, denn er begann den Bruder nach dem Geschäftsgang zu fragen. Lewin war froh, von sich selbst sprechen zu können, weil er so reden konnte, ohne dabei zu heucheln. Er berichtete dem Bruder von seinen Plänen und Arbeiten.
Nikolay hörte zu, war aber augenscheinlich wenig interessiert davon. Diese beiden Männer waren so eng miteinander verwandt und standen sich so nahe, daß die kleinste Bewegung, der Ton der Stimme schon, für die beiden mehr besagte, als alles, was sich mit Worten ausdrücken ließ.
Jetzt hatten sie beide einen einzigen Gedanken -- die Krankheit und den Tod Nikolays -- welcher alles Übrige unterdrückte. Aber weder der Eine noch der Andere wagte davon zu sprechen, und infolgedessen war alles, was sie auch sagen mochten nur Heuchelei, da es nicht ausdrückte, was sie ausschließlich beschäftigte.
Noch nie war Lewin so froh gewesen, daß der Abend zu Ende ging, und man zur Ruhe gehen mußte. Noch nie war er mit einem Fremden, oder bei einem offiziellen Besuch, so unnatürlich, so falsch gewesen, wie er es heute gewesen war. Das Bewußtsein dieser Falschheit und die Reue über sie hatten ihn noch unnatürlicher gemacht. Thränen wollten ihm aufsteigen über seinen sterbenden, geliebten Bruder, und dabei hatte er ein Gespräch anhören und mit ihm führen müssen, wie derselbe fernerhin zu leben gedenke.
Da es im Hause feucht war und man nur ein Zimmer geheizt hatte, so quartierte Lewin seinen Bruder in dem eigenen Schlafzimmer hinter einer spanischen Wand ein.
Der Bruder legte sich nieder und, -- schlief er oder schlief er nicht -- wälzte sich wie ein Leidender, hustete und murrte vor sich hin, wenn er nicht husten konnte. Bisweilen, wenn er schwer aufatmete, betete er »mein Gott, mein Gott!« Wenn ihn der Auswurf ersticken wollte, rief er gereizt »zum Teufel auch!« Lewin konnte lange nicht schlafen, indem er den Bruder so hörte. Die verschiedensten Gedanken waren in ihm wach, aber der Ausgangspunkt aller dieser Gedanken war nur -- der Tod. --
Der Tod, das unvermeidliche Ende von allem, erschien ihm zum erstenmale als eine unabweisbare Macht, und der Tod, welcher hier gegenwärtig war, in dem geliebten Bruder, der im Schlaf stöhnte und nach seiner Art ohne Unterschied durcheinander bald Gott, bald den Satan anrief, war nicht mehr so fern, als es ihm früher geschienen hatte. Er war schon in ihm, und er selbst fühlte dies. Wenn heute nicht, so kam er morgen, wenn morgen nicht, so kam er in dreißig Jahren -- als ob sich das nicht völlig gleich bliebe! -- Was aber dieser unvermeidliche Tod eigentlich war -- das wußte er nicht nur nicht, das hatte er nicht nur nie überlegt, er hatte es vielmehr gar nicht verstanden und nie gewagt, darüber nachzudenken.
»Da arbeite ich, und will etwas vollbringen -- und habe vergessen, daß doch alles ein Ende haben wird, daß es -- einen Tod giebt!« --
Er saß auf seinem Bette in der Finsternis, gebeugt und die Beine übereinandergeschlagen und sann, den Atem anhaltend in der Anstrengung seines arbeitenden Geistes. Aber je mehr er seinen Geist anstrengte, um so klarer wurde ihm, daß es unzweifelhaft so sei, daß er dies in der That vergessen, einen kleinen Umstand im Leben übersehen hatte -- den, daß der Tod kommen und allem ein Ziel setzen werde, sodaß es sich nicht verlohnte, etwas zu unternehmen, und man dabei keinerlei Hilfe schaffen könne. Das war entsetzlich, aber es war so. --
»Aber noch lebe ich doch! Was soll ich daher jetzt thun, was thun?« sprach er zu sich voll Verzweiflung. Er zündete ein Licht an, erhob sich behutsam, ging zum Spiegel und begann sein Gesicht und Haar zu betrachten. Ja, an seinen Schläfen waren graue Haare. Er öffnete den Mund; die Backzähne begannen schlecht zu werden. Er entblößte seine muskulösen Arme -- Kraft war viel darin, aber auch sein Nikolay der dort mit den Resten seiner Lunge atmete, hatte einst einen gesunden Körper gehabt. Und plötzlich erinnerte er sich, wie sie sich als Kinder zusammen schlafen gelegt hatten und nur darauf warteten, daß Fjodor Bogdanowitsch zur Thür hinausging, damit sie beide sich mit den Kissen werfen und lachen konnten, so unbändig dabei lachen, daß selbst der Respekt vor Fjodor Bogdanowitsch nicht das überschäumende Bewußtsein des Lebensglückes niederzuhalten vermochte und jetzt -- diese eingesunkene, verödete Brust dort, und er selbst, ohne zu wissen, warum er da sei, was kommen werde für ihn.
»Hcha, Hcha, Teufel! -- Was machst du denn dort, daß du nicht schläfst?« rief ihm jetzt die Stimme seines Bruders zu.
»Ich weiß nicht, was das ist, ich kann nicht schlafen!« --
»Nun; ich habe recht gut geschlafen, ich schwitze jetzt gar nicht mehr. Sieh selbst, fühle nur mein Hemd an; kein Schweiß mehr!« Lewin befühlte das Hemd, ging dann hinter die Scheidewand, löschte das Licht wieder aus, konnte aber noch lange den Schlaf nicht finden.
Kaum hatte sich ihm nur einigermaßen die Frage geklärt, wie er leben solle, da war schon eine neue, unlösbare vor ihm erschienen -- der Tod.
»Er stirbt; er wird im Frühjahr sterben; wie kann man ihm helfen? Was soll ich ihm sagen? Was weiß ich darüber? Ich hatte vergessen, daß es so steht.«
32.
Lewin hatte schon seit langem die Beobachtung gemacht, daß, wenn Einem im Umgang mit den Menschen deren allzugroße Zuvorkommenheit und Ergebenheit peinlich wird, sehr schnell auch ein übermäßig anspruchsvolles Wesen und Streitsucht unerträglich wird. Er fühlte, daß dies auch mit seinem Bruder der Fall sein würde; und in der That, die Sanftmut desselben reichte nicht lange aus. Schon vom anderen Morgen an wurde er reizbar und stritt geflissentlich mit dem Bruder, indem er diesen an seinen empfindlichsten Stellen zu treffen versuchte.
Lewin fühlte sich betreten, vermochte aber die Sache nicht zu ändern. Er empfand, daß sie beide nur, wenn sie sich nicht mehr verstellten, sondern aussprächen, was man »vom Herzen herunter« sprechen nennt, das heißt, nur was sie wirklich dachten und fühlten, sich gegenseitig offen einander ins Auge blicken könnten, und Konstantin nur zu sagen hätte »du mußt sterben, sterben!« währen Nikolay ihm antworten müßte »ich weiß es, daß ich sterben werde, aber ich fürchte den Tod, ich fürchte, fürchte ihn.« -- Mehr würden sie nicht sprechen, wenn sie so nur vom Herzen herunter gesprochen haben würden. Aber so war nicht zu leben, und deshalb versuchte es Konstantin, zu thun, was er für sein ganzes Leben hindurch versucht hatte, ohne es zu können, das was nach seinen Beobachtungen viele so vortrefflich zu thun verstanden, und ohne das man nicht leben kann: Er versuchte es, nicht das zu sprechen, was er dachte, fühlte aber beständig, daß dies falsch sei, daß der Bruder ihn hierbei ertappe und davon gereizt werde.
Nach Verlauf von drei Tagen forderte Nikolay seinen Bruder auf, ihm seinen Plan nochmals zu entwickeln. Er begann darauf denselben nicht nur zu verwerfen, sondern ihn sogar absichtlich mit dem Socialismus zusammenzubringen.
»Da hast du lediglich einen fremden Gedanken aufgefaßt, ihn aber verballhornisiert und willst ihn dem Unmöglichen anpassen.«
»Aber ich sage dir ja, daß er durchaus nichts Allgemeines in sich trägt. Die Socialisten verwerfen das Recht des Privateigentums, des Kapitals, der Erbfolge -- ich aber, ohne diese wichtigste Stimula zu verwerfen,« -- Lewin selbst war es widerlich, daß er sich derartiger fremder Worte bedienen mußte, aber seit er sich mehr mit seiner Arbeit beschäftigte, begann er unwillkürlich häufig und häufiger nichtrussische Worte zu brauchen -- »will nur die Arbeit regeln.«
»Das ist es eben, daß du einen fremden Gedanken aufgefaßt und von ihm alles abgetrennt hast, was seine Bedeutung ausmacht, nun aber versichern willst, es sei dies etwas Neues,« antwortete Nikolay, heftig an seiner Halsbinde zerrend.
»Aber mein Gedanke hat nichts Allgemeines« --
»Denn,« erwiderte Nikolay Lewin mit gehässigem Glanz in den Augen und ironischem Lächeln: »dort liegt doch zum wenigsten ein Reiz darin, ein, wie soll ich sagen, mathematischer -- nach seiner Klarheit und unzweifelhaften Richtigkeit. Möglicherweise ist er eine Utopie. Aber zugegeben, daß man aus der ganzen Vergangenheit eine =tabula rasa= machen könnte, daß es kein Privateigentum mehr gäbe, keine Familie, so wird doch immerhin die Arbeit bestehen bleiben. Bei dir aber ist nichts« --
»Weshalb vermischst du die Dinge? Ich bin nie ein Socialist gewesen.«
»Ich aber war es, und finde, daß die Idee verfrüht ist, obwohl sie klug ist, daß sie ihre Zukunft hat, wie das Christentum in den ersten Jahrhunderten.«
»Ich glaube, daß man die Arbeitskraft nur von dem Gesichtspunkt des Naturforschers aus beurteilen darf, das heißt, daß man sie studieren und ihre Eigenschaften erkennen muß.«
»Das ist aber ganz unnütz. Diese Kraft findet von selbst je nach dem Grade ihrer Entwickelung eine bekannte Form für ihre Bethätigung. Es hat überall Knechte gegeben und dann Vögte; auch bei uns giebt es die Gesellschaftsarbeit, die Pacht, die Arbeit auf Tagelohn -- was willst du noch?«
Lewin geriet bei diesen Worten plötzlich in Zorn, da er auf dem Grunde seiner Seele die Befürchtung empfand, der Bruder könne recht haben -- recht darin, daß er selbst zwischen dem Socialismus und den Ordnungsformen schwanke -- was doch schwerlich möglich sein konnte.
»Ich suche Mittel dafür, mit Gewinn zu arbeiten, sowohl für mich selbst, wie für den Arbeiter. Ich will organisieren,« antwortete er heftig.
»Nichts willst du organisieren; du willst einfach originell sein, wie du es Zeit deines Lebens gewesen bist; du willst zeigen, daß du nicht mit den Bauern experimentierst, sondern vielmehr mit der Idee.«
»Nun -- denkst du so -- lassen wir das!« versetzte Lewin, welcher fühlte, daß ihm der Muskel seiner linken Wange bebte, ohne daß er dies unterdrücken konnte.
»Du hattest nie Überzeugungen, und hast auch jetzt keine; nur deine Eigenliebe willst du befriedigen.«
»Schön so; aber verlaß dieses Thema!«
»Ich werde es lassen! Es ist schon längst Zeit dazu! Zum Teufel auch mit dir, ich wünschte, ich wäre gar nicht hergekommen!«
So sehr sich Lewin nun bemühte, den Bruder zu beruhigen, Nikolay wollte nichts hören und sagte, daß er am liebsten gleich wieder fortfahren möchte; Lewin sah, daß dem Bruder das Leben unerträglich geworden war.
Nikolay hatte bereits alle Anstalten zur Abreise getroffen, als Lewin wieder zu ihm kam und ihn bat, zu verzeihen, wenn er ihn gekränkt haben sollte.
»O, diese Großmut!« antwortete Nikolay lächelnd. »Wenn du denn einmal recht behalten willst, so will ich dir dieses Vergnügen gewähren. Du hast recht. Aber ich will dennoch fahren!«
Bei der Abreise selbst küßte ihn Nikolay und sprach, plötzlich seltsam und ernst auf den Bruder blickend:
»Bei alledem; gedenke meiner nicht im Bösen, mein Konstantin!« und seine Stimme schwankte.
Dies waren die einzigen Worte, die aufrichtig gesprochen worden waren. Lewin begriff, daß in diesen Worten der Sinn lag: »Du siehst es und weißt, daß ich sehr krank bin, und wir uns vielleicht niemals wieder sehen.«
Lewin verstand dies und die Thränen strömten ihm aus den Augen. Noch einmal küßte er seinen Bruder, konnte ihm aber nichts mehr antworten, -- wußte ihm auch nichts mehr zu sagen. --
Am dritten Tage nach der Abreise des Bruders reiste Lewin nach dem Auslande ab. Als er auf der Eisenbahn mit Schtscherbazkiy, einem Vetter Kitys, zusammentraf, setzte er diesen durch seine Niedergeschlagenheit sehr in Erstaunen.
»Was hast du denn?« frug ihn Schtscherbazkiy.
»Nichts weiter; es giebt ja so wenig Angenehmes auf der Welt.«
»Inwiefern denn wenig? Komm, fahre mit mir nach Paris, in Gesellschaft eines gewissen Mylus. Da sollst du sehen, wie lustig es auf der Welt ist!«
»Nein. Ich bin schon fertig und möchte bald sterben.«
»Das ist doch dein Spaß!« lachte Schtscherbazkiy, »ich bin ja erst im Begriff anzufangen!«
»So meinte ich auch noch vor kurzem, jetzt aber weiß ich, daß ich bald sterbe.«
Lewin sprach damit nur aus, was er wahrhaft gedacht hatte in diesen letzten Tagen. In allem sah er nur den Tod oder die Annäherung an denselben. Aber das von ihm unternommene Werk beschäftigte ihn nur um so mehr. Es galt ihm jetzt, sein Leben irgendwie fertig zu leben, bevor noch der Tod kam. Dunkelheit verschleierte für ihn alles, aber gerade mit dieser Dunkelheit fühlte er, daß der einzige leitende Faden in ihr nur noch sein Werk war, und mit den letzten Kräften widmete er sich diesem, klammerte er sich an ihm an.
Vierter Teil.
1.
Die Karenin, Gatte und Gattin, fuhren fort in einem Hause zusammen zu leben; sie sahen sich wohl alltäglich, waren aber einander vollständig entfremdet.
Aleksey Aleksandrowitsch hatte es sich zum Gesetz gemacht, sein Weib alltäglich nur deshalb zu sehen, daß die Dienerschaft kein Recht haben möchte, Vermutungen zu hegen. Die Mittagstafel daheim mied er jedoch. Wronskiy war nie im Hause Aleksey Aleksandrowitschs erschienen, Anna sah ihn aber außerhalb desselben und ihr Gatte wußte dies.
Die Lage war für alle drei peinvoll; und niemand von ihnen würde die Kraft besessen haben, auch nur einen einzigen Tag in derselben auszuhalten, wäre nicht die Erwartung dagewesen, daß sie sich ändern werde, daß alles dies nur eine zeitweilige, bittere und schwere Lage sei, welche vorübergehen würde. Aleksey Aleksandrowitsch wartete, daß diese Leidenschaft vergehen sollte, wie ja alles vergeht, daß alle die Sache vergessen möchten und sein Name nicht geschändet würde. Anna, von welcher diese ganze Situation abhing, und für die dieselbe peinlicher war, als für alle sonst, ertrug sie, weil sie nicht nur wartete, sondern fest überzeugt war, daß alles dies sehr bald zur Entwickelung und Klärung gelangen müsse. Sie wußte freilich nicht im geringsten, was denn eigentlich die Schwierigkeit lösen solle, aber sie besaß die Überzeugung, daß etwas jetzt und sehr schnell eintreten müsse.
Auch Wronskiy, der sich ihr unwillkürlich fügte, erwartete etwas, das von ihm unabhängig, alle Schwierigkeiten klären müsse.
Inmitten des Winters hatte Wronskiy eine sehr langweilige Woche durchlebt. Er war einem ausländischen, in Petersburg zugereisten Prinzen zubeordert worden, und hatte die Aufgabe, diesem die Sehenswürdigkeiten Petersburgs zu zeigen. Gerade Wronskiy war es, welcher vorgestellt wurde, denn abgesehen davon, daß dieser die Kunst, sich mit Würde und zugleich Ehrerbietung zu benehmen, besaß, war er es auch gewohnt, mit Männern ähnlichen Ranges umzugehen; allein diese Pflicht wurde ihm zu einer sehr schweren. Der Prinz wünschte nichts zu übergehen, bezüglich dessen er in der Heimat gefragt werden konnte, ob er es in Rußland gesehen, ja, er wünschte auch selbst, soviel es möglich war, russischen Vergnügungen beizuwohnen. Wronskiy war nun verpflichtet, ihn hier und dorthin zu führen, und des Vormittags fuhren sie nun, um die Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen, des Abends, um an nationalen Vergnügungen teilzunehmen. Der Prinz erfreute sich einer selbst unter Prinzen ungewöhnlichen Gesundheit; sowohl durch leibliche Übungen wie durch gute Pflege seines Körpers hatte er eine solche Kraft erworben, daß er trotz des Übermaßes, mit welchem er sich den Zerstreuungen hingab, frisch aussah wie eine mächtige, grüne holländische Gurke. Der Prinz war viel gereist und hatte gefunden, daß einer der vorzüglichsten Vorteile der modernen Verkehrsbequemlichkeiten die Möglichkeit, nationalen Vergnügungen beiwohnen zu können, bilde.
Er war in Spanien gewesen und hatte dort Serenaden veranstaltet und sich einer Spanierin genähert, welche Mandoline spielte. In der Schweiz hatte er Gemsen gejagt. In England im roten Frack unter Wetten zweihundert Fasanen erlegt. In der Türkei war er in einem Harem gewesen, in Indien hatte er auf Elefanten geritten und in Rußland jetzt wollte er alle echtrussischen Vergnügungen kennen lernen.
Wronskiy, der bei ihm eine Art erster Ceremonienmeister war, kostete es große Mühe, alle die Zerstreuungen, die dem Prinzen von verschiedenen Seiten vorgeschlagen wurden, zu sichten. Da waren die russischen Trabrennen, und die Bärenjagden, die Troiken und die Zigeuner, wie das Topfschlagen. Der Prinz accomodierte sich dem russischen Geiste mit außerordentlicher Leichtigkeit; er beteiligte sich am Topfschlagen, setzte sich eine Zigeunerin auf das Knie und frug, wie es schien, ob dies alles sei, ob nur darin der ganze russische Geist bestehe.
Am meisten von allen diesen russischen Vergnügungen gefielen allerdings dem Prinzen die französischen Schauspielerinnen, eine Balleteuse und der weißgesiegelte Champagner.
Wronskiy hatte Übung im Umgang mit Prinzen, aber -- kam es davon, daß er selbst sich in letzter Zeit verändert hatte, oder von der allzu großen Nähe, in welcher er sich zu dem Prinzen befand -- diese Woche erschien ihm als eine furchtbar schwere.
Die ganze Woche hindurch hatte er ohne Unterbrechung ein Gefühl empfunden, ähnlich dem eines Menschen, der zu einem gefährlichen Wahnsinnigen gesteckt wird, um zu erproben, ob er diesen wohl fürchtet und infolge der Nähe bei ihm, auch für seinen Verstand fürchten müsse.
Wronskiy empfand beständig den Zwang, nicht eine Sekunde den Ton strenger offizieller Ehrerbietung sinken lassen zu dürfen, damit er keine Schlappe erleide. Die Umgangsweise des Prinzen gerade mit denjenigen, welche zur Verwunderung Wronskiys darüber aus der Haut fuhren, daß man ihm russische Vergnügungen biete, war eine souveräne. Sein Urteil über die russischen Frauen, die er kennen zu lernen gewünscht hatte, ließen Wronskiy mehr als einmal vor Unwillen erröten, aber der Hauptgrund, weshalb der Prinz für Wronskiy außerordentlich lästig war, war der, daß er in dem Prinzen unwillkürlich sich selbst wieder erkannte, und daß das, was er in diesem Spiegel erkannte, seiner Eigenliebe nicht eben schmeichelte. Der Prinz war ein sehr beschränkter, sehr eingebildeter, sehr gesunder und an sich sehr eigener Mensch, weiter aber nichts. Er war Gentleman, das war er in Wahrheit, und Wronskiy konnte das nicht in Abrede stellen. Er war gleichmütig und nicht kriechend vor Höheren, ungezwungen und einfach im Verkehr mit Gleichstehenden und gutmütig herablassend gegenüber den unter ihm Stehenden. Ganz genau so war aber auch Wronskiy, der das für einen großen Vorzug hielt; in der Umgebung des Prinzen war er doch der tiefer Stehende und die herablassend gutmütige Behandlungsweise ihm gegenüber regte ihn auf.
»Das ist ein dummer Stier; bin ich das auch?« dachte er bei sich.
Wie dem nun sein mochte, als er sich am siebenten Tage von ihm verabschiedete, vor der Abreise des Prinzen nach Moskau, und dessen Dank entgegennahm, war er glücklich, aus dieser peinlichen Lage und von diesem unangenehmen Spiegel erlöst zu sein.
Er verabschiedete sich von ihm auf der Station, bei der Rückkehr von der Bärenjagd, an welcher während einer ganzen Nacht russische Bravour eine Galavorstellung gegeben hatte.
2.
Heimgekommen, fand Wronskiy ein Billet Annas vor.
Sie schrieb: »Ich bin krank und unglücklich. Ich kann nicht ausfahren, kann aber auch nicht länger ohne Euren Anblick sein. Kommt am Abend zu mir. Um sieben Uhr wird Aleksey Aleksandrowitsch zum Rat fahren und bis zehn Uhr dort bleiben.«
Nachdem er eine Minute lang über den seltsamen Umstand, daß sie ihn so direkt zu sich berufe, ungeachtet der Forderung ihres Gatten, daß sie ihn nicht empfangen dürfe, nachgedacht hatte, entschloß er sich, der Einladung zu folgen.
Wronskiy war im Lauf dieses Winters Oberst geworden, aus dem Regiment ausgetreten und lebte jetzt frei. Nachdem er gefrühstückt hatte, warf er sich sogleich auf den Diwan und in fünf Minuten vermischten sich die Erinnerungen der unangenehmen Scenen, wie er sie in den letzten Tagen gesehen hatte, und verbanden sich mit dem Gedanken an Anna und an die Bärenjagd, und er schlief ein. Erst in der Dunkelheit erwachte er wieder, bebend vor Entsetzen. Sofort zündete er eine Kerze an. »Was war das? Wie? Was habe ich Furchtbares im Traume gesehen? Der eine Bauer auf der Bärenjagd, klein, schmutzig, mit wirrem Barte, hatte gearbeitet, indem er sich niederbeugte, und dann plötzlich einige seltsame Worte auf französisch gesprochen. Nun, weiter war es nichts mit dem Traume,« sprach er zu sich selbst. »Aber weshalb war dies nur so furchtbar gewesen?« Lebhaft stellte er sich wiederum den Bauern vor und jene seltsamen französischen Worte, die derselbe gesprochen hatte -- und Entsetzen überlief kalt seinen Rücken.
»Welcher Unsinn!« dachte er und schaute nach der Uhr.
Es war bereits halb neun. Er schellte seinem Diener, kleidete sich hastig an und begab sich zur Treppe hinab, seinen Traum völlig vergessend und nur noch von der Besorgnis gequält, sich zu verspäten.
Als er vor der Freitreppe der Karenin anlangte, schaute er wieder nach der Uhr und sah, daß es zehn Minuten vor neun war. Ein hoher, schmaler Wagen mit einem Paar grauer Pferde bespannt, stand unter der Einfahrt; er erkannte das Geschirr Annas. »Sie fährt zu mir,« dachte Wronskiy, »und das wäre auch besser gewesen; denn es ist mir unangenehm, dieses Haus zu betreten. Doch gleichviel, ich kann mich nicht verstecken,« und mit jenen ihm von Kindheit an eigenen Manieren eines Menschen, der sich vor nichts scheut, stieg Wronskiy aus dem Schlitten und schritt zur Thür hin.
Die Thür öffnete sich und der Portier, ein Plaid auf dem Arme, rief den Wagen heran. Wronskiy, nicht gewohnt, Kleinigkeiten zu bemerken, gewahrte gleichwohl jetzt den verwunderten Gesichtsausdruck, mit welchem ihn der Portier anblickte.
In der Thür selbst wäre Wronskiy fast mit Aleksey Aleksandrowitsch zusammengestoßen. Die Gasflamme beleuchtete das blutlose, eingefallene Gesicht unter dem schwarzen Hute und die weiße Halsbinde, die aus dem Biberpelz des Überrocks herausschimmerte. Die unbeweglichen, dunklen Augen Karenins richteten sich auf das Gesicht Wronskiys. Dieser verneigte sich und Aleksey Aleksandrowitsch, den Mund ein wenig bewegend, hob die Hand an den Hut und ging vorüber. Wronskiy sah, wie er, ohne aufzublicken, sich in den Wagen setzte, das Plaid und Augenglas durch das Wagenfenster nahm, und sich zudeckte.
Wronskiy betrat das Vorzimmer; seine Brauen waren zusammengezogen und seine Augen erglänzten in bösem und stolzem Glanze.
»Ist das eine Situation!« dachte er, »wenn er kämpfte, seine Ehre wahrte, dann könnte ich handeln, meine Empfindungen äußern; aber diese Schwäche oder vielmehr Erbärmlichkeit -- er versetzt mich in die Lage eines Betrügers, während ich dies doch nicht sein wollte und auch nicht sein will!«
Seit der Zeit seiner Aussprache mit Anna im Park der Wrede hatten sich die Ansichten Wronskiys geändert. Sich unwillkürlich den Schwächen Annas unterwerfend, die sich ihm ganz gegeben hatte und nur noch von ihm die Entscheidung über ihr Geschick erwartete, indem sie sich von vornherein allem unterwarf, hatte er längst aufgehört, zu glauben, daß dieses Verhältnis so enden könne, wie er damals dachte. Seine Träume voll Ehrgeiz waren wieder in den Hintergrund getreten, und er ergab sich, aus dem Kreise einer Wirksamkeit tretend, in welchem alles begrenzt war, ganz seiner Empfindung; diese Empfindung aber fesselte ihn fester und fester an sie.
Schon vom Vorzimmer aus vernahm er sich entfernende Schritte. Er erkannte, daß sie ihn erwartet hatte, gelauscht hatte und jetzt in den Salon zurückkehrte.
»Nein!« rief sie aus, als sie seiner ansichtig wurde, und beim ersten Tone ihrer Stimme traten ihr die Thränen in die Augen, »wenn das so fortgehen soll, so wird das Unglück noch viel, viel früher eintreten!«
»Was denn, mein Kind?«
»Was? Ich warte und martere mich, eine Stunde, zwei, -- aber nein, ich will, ich kann nicht mit dir hadern. Du konntest wahrscheinlich nicht früher. Nein, ich will es nicht thun!«
Sie legte beide Hände auf seine Schultern und blickte ihn lange mit tiefem, verzücktem und zugleich forschendem Blicke an. Sie prüfte sein Gesicht nach der Zeit, seit welcher sie ihn nicht gesehen hatte. Wie bei jedem Wiedersehen, so verglich sie wieder ihr innerliches Bild von ihm -- das unvergleichlich besser, und in der Wirklichkeit unmöglich war -- mit ihm, wie er wirklich aussah.
3.
»Bist du ihm begegnet?« frug sie, als beide am Tische hinter der Lampe Platz genommen hatten. »Da hast du ja deine Strafe dafür, daß du dich verspätet hast.«
»Ja, aber wie ist das? Er müßte doch im Rate sein?«
»Er war dort und kam zurück, worauf er wieder fortgefahren ist. Doch das thut nichts; sprich nicht davon. Wo bist du gewesen? Stets mit dem Prinzen?«
Sie kannte alle Einzelheiten seines Lebens. Er hatte ihr sagen wollen, daß er die ganze Nacht nicht geschlafen habe und eingeschlafen sei, als er aber ihr aufgeregtes und glückliches Antlitz sah, fühlte er Gewissensbisse, und er teilte ihr mit, daß er hätte Rapport erstatten müssen über die Abreise des Prinzen.
»Jetzt aber ist alles vorüber und er ist fort?«
»Gott sei Dank, es ist vorbei. Du kannst nicht glauben, wie unerträglich mir das gewesen ist.«
»Weshalb denn? Dies ist doch das gewöhnliche Leben von euch jungen Männern allen?« sagte sie, die Brauen ziehend, und nach einer Häkelei, die auf dem Tische lag greifend, ohne Wronskiy anzublicken.
»Ich habe dieses Leben schon lange aufgegeben,« sagte er, verwundert über die Veränderung im Ausdruck ihres Gesichts und sich bemühend, die Bedeutung derselben zu erforschen. »Ich gestehe,« fuhr er fort, lächelnd seine engstehenden weißen Zähne zeigend, »daß ich in dieser Woche mich wie in einem Spiegel gesehen habe, indem ich dieses Leben schaute, und es ist mir unangenehm geworden.«
Sie hielt ihre Arbeit in den Händen, häkelte aber nicht, sondern schaute ihn mit seltsamem, glänzendem und freundlichem Blick an.
»Heute morgen ist Lisa bei mir auf Besuch gewesen -- man scheut sich noch nicht, mich zu besuchen, trotz der Gräfin Lydia Iwanowna,« begann sie, »und sie erzählte mir von Eurem athenischen Abend. Welche Abgeschmacktheit das doch war!«
»Ich wollte nur erzählen, daß« --
Sie unterbrach ihn.
»War es nicht Therese, die du früher gekannt hast?«
»Ich wollte erzählen« --
»Wie ihr Männer doch häßlich seid! Wie könnt ihr euch denken, daß ein Weib dies je vergäße,« sprach sie, mehr und mehr in Erregung geratend, und ihm damit die Ursache ihrer Aufregung zeigend, »und besonders das Weib, welches dein Leben nicht kennen kann. Was weiß ich davon? Was habe ich davon gewußt?« sagte sie, »nur das, was du mir selbst davon erzählst. Aber woher könnte ich wissen, ob du mir die Wahrheit damit gesagt hast?«
»Anna! Du kränkst mich. Glaubst du mir denn nicht? Habe ich dir denn nicht gesagt, daß ich keinen einzigen Gedanken hege, den ich dir nicht entdeckte?«
»Ja, ja,« antwortete sie, offenbar im Bemühen, die Regungen der Eifersucht von sich zu weisen, »aber hättest du gewußt, wie schwer mir zu Mute ist. Ich glaube, ich glaube dir ja -- doch was sagtest du?«
Er war nicht imstande, sich sofort dessen zu entsinnen, was er hatte sagen wollen. Diese Anfälle von Eifersucht, die sie in der letzten Zeit immer häufiger und häufiger überkamen, erschreckten ihn, und so sehr er sich auch mühte, es zu verbergen, stimmten ihn kühler gegen sie, obwohl er recht gut wußte, daß die Ursache dieser Eifersucht ihre Liebe zu ihm war. Wie vielmal schon hatte er sich gesagt, daß ihre Liebe für ihn ein Glück sei; und nun, da sie ihn liebte, wie ein Weib nur lieben kann, für welche alle Güter im Leben von der Liebe überwogen werden -- fühlte er sich bei weitem ferner von jener Glückseligkeit, als damals, da er ihr von Moskau aus nachgereist war.
Damals hatte er sich für unglücklich gehalten, aber das Glück kam noch; jetzt fühlte er hingegen, daß das höchste Glück bereits dahinten liege. Sie war durchaus nicht mehr die Nämliche, als welche er sie in der ersten Zeit gesehen hatte; innerlich und äußerlich hatte sie sich zu ihren Ungunsten verändert. Sie war dicker geworden, und als sie von der Schauspielerin sprach, lag ein schlimmer, verderbenschwangerer Ausdruck auf ihren Zügen, der sie entstellte.
Er blickte sie an, wie ein Mensch auf eine durch ihn selbst abgerissene und nun welk gewordene Blüte schauen mag, an welcher er nur mit Mühe noch die Schönheit wiedererkennt, wegen deren er sie brach und dem Untergange weihte.
Außerdem aber fühlte er auch, daß er seine Liebe damals, als sie noch stärker war, wenn er ernstlich gewollt hätte, aus seinem Herzen zu reißen vermocht haben würde. Jetzt aber, da ihm, wie in dem gegenwärtigen Augenblick, schien, als ob er gar keine Liebe zu ihr empfinde, jetzt erkannte er, daß sein Bund mit ihr nicht mehr gelöst werden könne.
»Ah, du wolltest mir doch wohl vom Prinzen erzählen? Ich habe den Satan verjagt, ich habe ihn verjagt,« fügte sie hinzu. Satan nannten sie beide unter sich die Eifersucht. »Also was begannst du denn vom Prinzen zu erzählen? Weshalb ist es dir bei ihm so lästig geworden?«
»O, unerträglich!« sagte er, sich bemühend, den Faden zu dem ihm entfallenen Gedanken wieder zu erfassen. »Er gewinnt nicht im näheren Umgang, und soll man ihn näher bezeichnen, so ist er ein vorzüglich gepflegtes Tier, für das man auf den Ausstellungen die Preismedaillen zu erhalten pflegt, weiter nichts,« sagte er mit einem Verdruß, der bei ihr Interesse hervorrief.
»Wie, in der That?« fiel sie ein. »Er hat aber doch so viel gesehen, ist so gebildet?«
»Es ist eine grundverschiedene Bildung -- die Bildung solcher Leute. Er ist offenbar nur deswegen gebildet worden, damit er ein Recht besitzen möchte, die Bildung von oben herab anzusehen, wie sie überhaupt alles verachten -- mit Ausnahme der Gegenstände ihres Vergnügens.«
»Ihr liebt aber doch auch diese Gegenstände des Vergnügens!« sagte sie, und er bemerkte wiederum jenen düstern Blick, der ihn mied.
»Warum nimmst du ihn in Schutz,« frug er lächelnd.
»Ich verteidige ihn nicht; es ist mir alles vollkommen gleichgültig; aber ich glaube, daß du, wenn du selbst diese Zerstreuungen nicht liebtest, wohl hättest absagen können. Dir aber machte es Vergnügen, Therese zu sehen im Kostüme der Eva.«
»Wieder und wieder der Diabolus,« erwiderte Wronskiy, die Hand ergreifend, welche sie auf den Tisch gelegt hatte, und sie küssend.
»Ja wohl, aber ich kann nicht anders! Du weißt nicht, wie ich mich gemartert habe, indem ich deiner harrte. Ich denke wohl, daß ich nicht eifersüchtig bin; ich bin nicht eifersüchtig und glaube dir, wenn du hier bei mir bist; aber sobald du anderswo allein dein Leben, das mir unverständlich ist, führst« -- Sie wandte sich ab von ihm, sich wieder mit ihrem Häkelzeug beschäftigend, und begann mit Hilfe des Zeigefingers eine Masche der im Schein der Lampe hellschimmernden weißen Wolle nach der anderen aufzunehmen, wobei sich die zarte Hand mit nervöser Hast in dem Ärmel umwendete. »Aber, wo trafst du denn mit Aleksey Aleksandrowitsch zusammen?« erklang plötzlich ihre Stimme in fast unnatürlichem Tone.
»Wir trafen an der Thür zusammen.«
»Grüßte er dich?«
Sie zog das Gesicht in die Länge, schloß die Augen halb, schnell den Ausdruck ihrer Züge verändernd und die Hände ineinander legend. Wronskiy gewahrte auf ihrem schönen Antlitz plötzlich den nämlichen Ausdruck, mit welchem ihn Aleksey Aleksandrowitsch gegrüßt hatte.
Er lächelte, sie aber lachte heiter auf mit jenem lieben, herzlichen Lachen, welches einen ihrer Hauptreize ausmachte.
»Ich begreife ihn entschieden nicht,« antwortete Wronskiy. »Wenn er noch nach deiner Erklärung auf der Villa mit dir gebrochen und mich zum Duell gefordert hätte -- aber dies verstehe ich nicht. Wie vermag er eine solche Lage zu ertragen? Er leidet ja; das ist offenbar.«
»Er?« sagte sie lächelnd, »er ist vollkommen zufrieden.«
»Weshalb aber martern wir uns dann alle, wenn alles ganz gut werden könnte?«
»Nur er martert sich nicht. Soll ich sie etwa nicht kennen, diese große Lüge, in welcher er großgezogen ist? Ist es möglich, -- wenn man nur ein wenig fühlt, -- so zu leben, wie er mit mir lebt? Er versteht nicht und fühlt nicht. Kann denn ein Mensch, welcher nur einigermaßen fühlt, mit seiner verbrecherischen Frau in einem Hause leben? Kann er mit einer solchen sprechen? Sie mit >du< anreden?« Unwillkürlich stellte sie sich sein, »du, =ma chère=, Anna,« vor. »Er ist kein Mann und kein Mensch, er ist eine Puppe! Niemand weiß das, als ich. O, wäre ich an seiner Stelle, ich hätte längst gemordet, ich hätte in Stücke zerrissen dieses Weib, das so handeln konnte, wie ich, -- aber ich hätte nicht gesagt >=ma chère=, Anna!< Das ist kein Mensch, sondern eine Maschine des Ministeriums. Er begreift nicht, daß ich dein Weib bin, daß er mir ein Fremder ist, ein Überflüssiger. Aber wir wollen nie mehr miteinander davon sprechen!« --
»Du bist im Unrecht, ganz im Unrecht, meine Liebe,« sagte Wronskiy, sich bemühend, sie ruhiger zu stimmen. »Aber immerhin sprechen wir nicht mehr von ihm. Erzähle mir lieber, was du bisher gethan hast? Wie geht es dir selbst? Wie steht es mit deiner Gesundheit und was hat der Arzt gesagt?«
Sie blickte ihn spöttisch und voll Freude zugleich an. Offenbar hatte sie lächerliche oder ungeheuerliche Seiten in diesem Manne da vor ihr entdeckt, und wartete nun nur auf den Augenblick, da sie dies mitteilen konnte.
Er aber fuhr fort: »Ich vermute, es ist kein eigentliches Leiden, sondern nur deine Situation, welche dich krank macht. Wann wird dann die Krisis eintreten?«
Der spöttische Glanz ihrer Augen erlosch, aber ein anderes Lächeln, das Kennzeichen eines ihm unbekannten, verborgenen Schmerzes, löste den früheren Ausdruck ab.
»Bald, bald. Du sagtest, daß unsere Lage peinlich sei, daß wir ihr ein Ende machen müßten. Wüßtest du doch, wie mir dies schwer wird, was ich darum geben möchte, dich frei und kühn lieben zu dürfen. Dann würde ich weder mich noch dich mit meiner Eifersucht quälen. Jene Krisis wird bald eintreten, aber nicht so, wie wir denken.« Bei dem Gedanken daran, wie es kommen würde, erschien sie sich selbst so beklagenswert, daß ihr die Thränen in die Augen traten und sie nicht weiter zu sprechen vermochte. Sie zog ihre in der Lampe weißschimmernde beringte Hand in den Ärmel zurück. »Sie wird nicht so eintreten, wie wir denken. Ich wollte es dir nicht sagen, aber du veranlaßtest mich dazu. Bald, bald wird sich alles lösen und wir alle, alle werden ruhig werden und uns nicht mehr quälen.«
»Ich verstehe nicht,« sagte Wronskiy, sie recht wohl verstehend.
»Du frugest mich, wenn die Krisis käme? Nun bald! Ich selbst werde sie nicht überleben. Unterbrich mich nicht.« Sie fuhr hastig fort zu sprechen, »ich weiß das, ich weiß es gewiß! Ich werde sterben, und bin sehr froh, daß ich sterben und mich und euch erlösen werde.« Thränen rannen ihr aus den Augen; er aber beugte sich auf ihre Hand herab und küßte sie, um seine Bewegung zu verbergen, die -- er wußte es -- zwar keinerlei Grund hatte, aber gleichwohl nicht zu beschwichtigen war. »So wird es kommen, und so wird es am besten sein,« sagte sie, seine Hand mit heftiger Bewegung pressend; »das ist das Einzige, was uns geblieben ist.«
Er kam zu sich und hob das Haupt.
»Welch eine Thorheit! Welch sinnlose Thorheit du da sprichst!«
»Nein, nur Wahrheit.«
»Was, was für eine Wahrheit?«
»Daß ich sterben werde. Ich habe einen Traum gehabt.«
»Einen Traum?« Wronskiy fiel sofort der Bauer in seinem eigenen Traume ein.
»Ja, einen Traum,« sagte sie. »Schon vor Langem habe ich ihn einmal gehabt diesen Traum. Ich träumte, daß ich in mein Schlafzimmer eilte, weil ich dort etwas holen, nach etwas sehen wollte -- du weißt ja, wie das im Traume ist,« sagte sie, vor Schrecken die Augen weit aufreißend, »im Schlafzimmer aber stand etwas« --
»Thorheiten, wie kann man glauben« --
Doch sie ließ sich nicht unterbrechen; das, was sie erzählte, war viel zu wichtig für sie.
-- »und dies Etwas bewegte sich. Ich sah, daß es ein Bauer war, mit wirrem Bart, klein und furchterweckend von Aussehen. Ich wollte davon laufen aber er beugte sich über einen Sack und wühlte mit den Händen darin.« Sie vergegenwärtigte sich, wie die Erscheinung in dem Sacke gewühlt hatte, und Entsetzen spiegelte sich in ihren Zügen. Wronskiy empfand in der Erinnerung an seinen eigenen Traum einen gleichen Schrecken, der ihm die Seele erfüllte. »Er wühlte und hatte französisch gesagt >=il faut le battre le fer, le broyer, le pétrir=!< Ich wollte voll Entsetzen erwachen und erwachte -- aber ich war nur im Traume erwacht. Ich frug mich nun, was das zu bedeuten habe. Korney sagte mir >das bedeutet, daß Ihr an einer Geburt sterben werdet, Matuschka, an einer Geburt.< -- Dann erwachte ich wirklich.« --
»Thorheiten, was für Thorheiten!« sagte Wronskiy, fühlte aber selbst, daß nichts Überzeugendes in seinen Worten lag.
»Doch lassen wir das. Klingle, ich will Thee geben lassen. Oder warte noch, ich habe noch nicht lange erst« -- plötzlich hielt sie inne. Der Ausdruck ihres Gesichts veränderte sich momentan; Schrecken und Aufregung wechselte mit dem Ausdruck einer stillen, ernsten und verzückten Aufmerksamkeit. Er war nicht imstande, die Bedeutung dieser Verwandlungen zu begreifen. Sie hatte in sich die Bewegung eines neuen Lebens wahrgenommen.
4.
Aleksey Aleksandrowitsch fuhr nach seiner Begegnung mit Wronskiy auf der Freitreppe, wie er beabsichtigt hatte, nach der italienischen Oper. Er wohnte dieser zwei Akte hindurch bei und begrüßte alle die, welche er sehen mußte. Nach Hause zurückgekehrt, besichtigte er aufmerksam den Kleiderhalter, und begab sich, nachdem er wahrgenommen hatte, daß ein Uniformrock nicht mit dahing, wie er zu thun pflegte, in seine Gemächer. Entgegen seiner Gewohnheit aber legte er sich nicht zur Ruhe nieder, sondern ging in seinem Kabinett auf und ab, bis drei Uhr nachts.
Das Gefühl des Zornes über das Weib, welches den Anstand nicht wahren, und die einzige ihr gestellte Bedingung, die, ihren Liebhaber nicht bei sich selbst zu sehen, nicht erfüllen wollte, ließ ihm keine Ruhe. Sie hatte seine Forderung nicht erfüllt und er mußte sie nun bestrafen, seine Drohung zur Ausführung bringen -- die Trennung fordern und ihr das Kind nehmen. Er kannte alle Schwierigkeiten, die mit dieser Aufgabe verbunden waren, aber er hatte einmal gesagt, daß er dies thun werde, und jetzt mußte er seine Drohung ausführen.
Die Gräfin Lydia Iwanowna hatte ihm zu verstehen gegeben, daß dies der beste Ausweg aus seiner Lage sein werde und in der jüngsten Zeit hatte man auch die Praxis der Ehescheidungen zu solcher Vervollkommnung gebracht, daß Aleksey Aleksandrowitsch die Möglichkeit erkannte, die formellen Schwierigkeiten überwinden zu können. Hierzu kam indessen, wie ja ein Unglück nie allein kommt, daß auch die Angelegenheiten bezüglich der Lage der Ausländer und der Bewässerung der Fluren im Gouvernement Zaraisk für ihn so viele dienstliche Unannehmlichkeiten im Gefolge hatten, daß er sich in letzter Zeit stets in einem Zustande äußerster Gereiztheit befand. Er konnte die ganze Nacht kein Auge zuthun, und sein Groll, in einer Art ungeheurer Progression anwachsend, hatte bis zum Morgen die äußerste Grenze erreicht.
Hastig kleidete er sich an, und eilte, gleichsam eine Schale voll Wut tragend und befürchtend, von ihrem Inhalt zu verschütten, und zugleich damit an Energie einzubüßen, deren er zur Auseinandersetzung mit seinem Weibe bedurfte -- zu ihr, sobald er gehört hatte, daß sie sich erhoben habe.
Anna, welche stets geglaubt hatte, ihren Mann so genau zu kennen, geriet in Bestürzung bei seinem Anblick, als er zu ihr ins Gemach trat. Seine Stirn war finster gerunzelt, seine Augen blickten düster, gerade aus, ihren Anblick meidend; sein Mund war fest und mit verächtlichem Ausdruck zusammengekniffen. Im Gang, in seinen Bewegungen, dem Ton seiner Stimme lag eine Entschlossenheit und Festigkeit, die sein Weib noch nie an ihm wahrgenommen hatte.
Er trat ins Zimmer und schritt, ohne ihr einen Morgengruß zu bieten, geradenwegs auf ihren Schreibtisch zu, ergriff die Schlüssel und öffnete das Schubfach.
»Was wollt Ihr!« rief Anna Karenina.
»Die Briefe Eures Liebhabers!« antwortete er.
»Hier giebt es keine,« versetzte sie, den Kasten schließend, doch er erkannte an dieser Handlung, daß er richtig vermutet habe und riß, ihren Arm rauh wegstoßend, schnell eine Brieftasche an sich; in welche sie, wie er wußte, ihre notwendigsten Papiere zu legen pflegte. Sie wollte ihm die Brieftasche entreißen, allein er stieß sie von sich.
»Setzt Euch! Ich habe mit Euch zu reden,« sagte er, die Brieftasche unter den Arm nehmend und sie so heftig mit seinem Ellbogen klemmend, daß sich seine Schulter hob.
Erstaunt und scheu blickte sie wortlos auf ihn.
»Ich habe Euch gesagt, daß ich Euch nicht gestatten könne, Euren Liebhaber bei Euch selbst zu sehen.«
»Ich mußte ihn sprechen, um« --
Sie hielt inne, da sie keinen Vorwand fand.
»Ich werde mich nicht auf Einzelheiten darüber einlassen, wozu ein verheiratetes Weib ihren Liebhaber bei sich sehen muß.«
»Ich wollte, ich war nur« -- sagte sie, in aufsteigender Gereiztheit. Diese Rohheit erzürnte sie und gab ihr Mut, »solltet Ihr nicht fühlen, wie leicht es Euch fallen muß, mich zu beleidigen?« sagte sie.
»Beleidigen kann man nur einen Mann von Ehre oder ein ehrenhaftes Weib, aber einem Diebe sagen, daß er ein Dieb sei, ist nur die =constatation d'un fait=!«
»Diesen neuen Zug von Härte hatte ich noch nicht in Euch gekannt.«
»Ihr nennt es Härte, wenn ein Mann seinem Weibe die Freiheit giebt, ihr den Schutz ihres ehrlichen Namens nur unter der Bedingung lassend, daß sie den Anstand beobachtet? Das nennt Ihr Härte?«
»Das ist schmählicher als Härte: das ist Niedrigkeit, wenn Ihr es denn wissen wollt!« rief Anna in einem Ausbruch der Wut und wollte aufstehend das Zimmer verlassen.
»Nein!« rief er mit seiner dünnen Stimme, welche jetzt noch eine Note höher klang, als gewöhnlich; er ergriff sie mit seinen langen Fingern am Arm, so hart, daß rote Spuren von ihrem Armband darauf blieben, welches er mit gepreßt hatte, und setzte sie gewaltsam wieder auf den Stuhl. »Eine Niedrigkeit? Wenn Ihr das Wort einmal brauchen wollt, so ist es Niedrigkeit, daß man einen Gatten verläßt und einen Sohn, für einen Liebhaber, und dabei das Brot des Gatten ißt!«
Sie senkte den Kopf. Sie sagte nicht nur nicht, was sie gestern dem Geliebten gesagt hatte, nämlich daß jener ihr Gatte, dieser hier aber ein Überflüssiger sei -- sie dachte gar nicht daran, denn sie empfand die ganze Wahrheit seiner Worte, und so antwortete sie nur leise:
»Ihr könnt meine Lage nicht schlimmer darstellen, als wie ich selbst sie kenne; aber weshalb sagt Ihr das alles?«
»Weshalb ich das sage? Weshalb?« fuhr er fort, noch ebenso wutentbrannt. »Damit Ihr wüßtet, daß ich, da Ihr meinen Willen bezüglich der Beobachtung der Regeln des Anstandes nicht erfüllt habt, Maßregeln ergreifen werde, um diese Situation zum Abschluß zu bringen!«
»Bald, bald wird sie ihr Ende auch so erreicht haben,« antwortete sie und wiederum traten ihr die Thränen bei dem Gedanken an den nahen, jetzt erwünschten Tod in die Augen.
»Es wird schneller vorbei sein, als Ihr mit Eurem Liebhaber gedacht haben mögt! Ihr bedürft der Befriedigung einer materiellen Leidenschaft.« --
»Aleksey Aleksandrowitsch! Ich will nicht sagen, daß es nur wenig großmütig wäre, es ist nicht einmal in der Ordnung, einen Gefallenen noch zu schlagen!«
»Ihr denkt eben nur an Euch! Aber die Leiden eines Menschen, der Euer Gatte war, interessieren Euch nicht. Es ist Euch ganz gleichgültig, daß das ganze Dasein desselben vernichtet ist, daß er unsagbar gesi -- -- gesitten!« -- -- Aleksey Aleksandrowitsch sprach so überstürzt, daß er sich verwickelte und nicht imstande war, das Wort »gelitten« herauszubringen. Dies erschien ihm komisch, ja selbst beschämend, weil es ihr in diesem Augenblick lächerlich erscheinen konnte.
Zum erstenmal empfand sie für eine Sekunde etwas für ihn, sie versetzte sich in ihn und er that ihr leid. Aber was konnte sie sagen oder thun? Sie senkte das Haupt und schwieg. Er schwieg gleichfalls einige Zeit, und sprach dann mit weniger pfeifender, kalter Stimme weiter, einige willkürlich gewählte Worte sprechend, ohne daß sie eine besondere Wichtigkeit besessen hätten.
»Ich bin gekommen, Euch zu sagen,« -- begann er.
Sie schaute ihn an. »Nein,« dachte sie, sich den Ausdruck seines Gesichts vergegenwärtigend, wie er sich verwickelt und nicht richtig zu sprechen vermocht hatte, »nein, es schien mir wohl nur so; sollte dieser Mann mit den matten Augen, mit dieser selbstzufriedenen Ruhe, etwas fühlen können?«
»Ich vermag nichts zu ändern,« flüsterte sie.
»Ich bin gekommen, Euch zu sagen, daß ich morgen nach Moskau reisen und nicht mehr in dieses Haus zurückkommen werde. Ihr werdet Nachricht über meine Entscheidungen durch meinen Rechtsanwalt erhalten, dem ich die Führung des Ehescheidungsprozesses übergeben will. Mein Sohn wird zu meiner Schwester übersiedeln,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch, mit Anstrengung sich ins Gedächtnis zurückrufend, was er betreffs des Sohnes hatte verfügen wollen.
»Ihr braucht Sergey, um mir ein Weh zuzufügen,« sprach sie, ihn von unten herauf anblickend. »Ihr liebt ihn nicht! Laßt mir daher Sergey!« --
»Ja, selbst die Liebe zum Sohne habe ich verloren, weil mit ihm sich mein Ekel vor Euch verbindet. Aber gleichwohl will ich ihn nehmen. Lebt wohl!« --
Er wollte gehen, doch jetzt hielt sie ihn zurück.
»Aleksey Aleksandrowitsch, laßt mir Sergey!« sprach sie noch einmal leise. »Nichts weiter habe ich Euch zu sagen. Laßt mir Sergey bis zu meiner -- ich werde bald niederkommen -- laßt ihn mir!« --
Aleksey Aleksandrowitsch fuhr auf, riß seine Hand aus der ihren und verließ stumm das Gemach.
5.
Das Empfangszimmer des berühmten Petersburger Rechtsanwaltes war gefüllt, als Aleksey Aleksandrowitsch dort eintrat.
Es befanden sich darin drei Damen; eine alte, eine junge, und eine Kaufmannsfrau; ferner drei Herren, ein deutscher Bankier, mit einem Ring am Finger, ein anderer, ein Kaufmann mit einem Barte, und der dritte war ein grimmiger Beamter in Uniform mit einem Stern am Halse. Alle schienen offenbar schon lange zu warten. Zwei Diätisten schrieben am Tische, mit den Federn schnarrend. Die Schreibutensilien, für welche Aleksey Aleksandrowitsch eine gewisse Vorliebe besaß, waren ungewöhnlich gut, er konnte nicht umhin, diese Wahrnehmung zu machen. Einer der Diätisten wandte sich, ohne aufzustehen, mit den Augen blinzelnd schroff an ihn:
»Was wünschen Sie?«
»Ich habe mit dem Rechtsanwalt zu thun.«
»Der ist jetzt beschäftigt,« antwortete der Diätist schroff, mit der Feder nach den Wartenden weisend, und fuhr dann fort zu schreiben.
»Kann er nicht etwas Zeit für mich finden?« frug Aleksey Aleksandrowitsch.
»Er hat keine freie Zeit, er ist stets in Anspruch genommen. Wollt doch gefälligst warten.«
»Dann macht Ihr wohl keine Schwierigkeiten, ihm meine Karte zu bringen,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch würdevoll fort, die Notwendigkeit erkennend, daß er sein Inkognito fallen lassen müsse.
Der Schreiber nahm die Karte und ging, offenbar dem Inhalt derselben nicht trauend, zu einer Thür hinein.
Aleksey Aleksandrowitsch befand sich im Princip im Einverständnis mit der mündlichen Rechtskonsultation, doch in einigen Einzelheiten ihrer russischen Adoptation fühlte er sich nicht vollkommen in Übereinstimmung, zufolge der ihm bekannten höchsten Dienstverhältnisse, und er verwarf diese Einzelheiten, soweit er eine Institution von oben überhaupt verwerfen konnte. Sein ganzes Leben war in der administrativen Thätigkeit verflossen, aber seine Unzufriedenheit, wenn er mit etwas nicht übereinzustimmen vermochte, wurde daher durch die Anerkennung der Unvermeidbarkeit von Irrtümern herabgestimmt in der Erkenntnis der Möglichkeit von Verbesserungen bei jeglicher Sache. In den neuen Rechtsinstitutionen mißbilligte er die Grundsätze, auf denen die Advokatur beruhte, aber bisher hatte er noch nicht mit dieser zu thun gehabt, und sie daher nur in der Theorie verworfen -- jetzt aber verstärkte sich seine ablehnende Haltung noch durch den unangenehmen Eindruck, den er in dem Empfangszimmer des Advokaten erhalten hatte.
»Man wird sogleich erscheinen,« sagte der Diätist, und in der That zeigte sich nach Verlauf von zwei Minuten in der Thür die schmächtige Figur eines bejahrten Klienten, der sich mit dem Rechtsanwalt beriet und die Erscheinung des letzteren selbst.
Dieser war nicht groß von Gestalt, untersetzt und kahlköpfig, mit schwärzlich rotem Bart, blonden langen Brauen und übertretender Stirn.
Er war wie ein Bräutigam gekleidet, von der Halsbinde an und der doppelten Uhrkette bis zu den Lackstiefelchen. Sein Gesicht sah klug und grob aus, die Kleidung war geckenhaft und geschmacklos.
»Ist es gefällig,« sagte der Rechtsanwalt zu Aleksey Aleksandrowitsch gewendet, und ließ diesen mit ernstem Gesicht an sich vorüber eintreten, worauf er die Thür schloß. »Ist es gefällig?« Er wies auf einen Sessel am Schreibtisch, der mit Schriftstücken bedeckt war, und ließ sich selbst auf seinem Konsulentenplatz nieder, die kleinen Hände mit den kurzen, von weißen Härchen bestandenen Fingern reibend und den Kopf auf die Seite neigend. Kaum war er indessen in seiner Pose zur Ruhe gekommen, als über dem Tische eine Motte aufflog. Der Rechtsanwalt riß mit einer Schnelligkeit, die man von ihm nicht hätte erwarten sollen, die Hände auseinander, fing die Motte und nahm dann seine frühere Lage wieder ein.
»Bevor ich von meiner Angelegenheit zu sprechen beginne,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, der mit verwunderten Blicken den Bewegungen des Rechtskonsulenten gefolgt war, »muß ich bemerken, daß die Angelegenheit, in welcher ich mit Euch zu reden habe, ein Geheimnis bleiben muß.«
Ein kaum bemerkbares Lächeln bewegte die roten, hängenden Schnurrbartspitzen des Advokaten voneinander.
»Ich müßte kein Advokat sein, wenn ich die Geheimnisse nicht zu bewahren wüßte, die mir anvertraut werden. Aber wenn ich Euch versichern darf« --
Aleksey Aleksandrowitsch blickte auf sein Gesicht und gewahrte, daß die grauen klugen Augen lachten, als ob sie schon alles wüßten.
»Ihr kennt meine Familie?« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort.
»Ich kenne Euch und Eure verdienstvolle« -- er fing abermals eine Motte -- »Wirksamkeit so, wie jeder russische Unterthan,« sagte der Advokat mit einer Verbeugung.
Aleksey Aleksandrowitsch seufzte und faßte sich; da er sich einmal entschlossen hatte, so fuhr er fort mit seiner pfeifenden Stimme, ohne in Verlegenheit zu kommen oder stecken zu bleiben, und gewisse Worte besonders hervorhebend.
»Ich habe das Unglück,« begann Aleksey Aleksandrowitsch, »ein betrogener Ehegatte zu sein und wünsche auf dem Wege des Gesetzes die Beziehungen zu meinem Weibe abzubrechen, das heißt mich von ihr scheiden zu lassen; jedoch in der Weise, daß mein Sohn nicht bei der Mutter verbleibt.«
Die grauen Augen des Advokaten bemühten sich, nicht zu lachen, aber sie hüpften förmlich in nicht zu verhaltender Freude, und Aleksey Aleksandrowitsch sah, daß es sich hier nicht allein um die Freude eines Menschen handelte, welcher einen guten Auftrag erhalten hatte, sondern daß hier ein Triumph, ein Entzücken, ein Glanz wahrnehmbar wurde, der jenem bösartigen Feuer ähnlich war, wie er es in den Augen seines Weibes gesehen hatte.
»Ihr wünscht nun meine Mitwirkung für die Vollziehung der Ehescheidung?«
»Allerdings, doch ich muß Euch zuvor darauf hinweisen, daß ich mir erlaube, Eure Aufmerksamkeit zu mißbrauchen. Ich bin zunächst nur gekommen, um mich vorläufig mit Euch zu beraten. Ich wünsche die Trennung, aber für mich sind die Formen wichtig, unter denen sie zu ermöglichen ist. Es könnte leicht der Fall sein, daß ich, wenn die Formen mit meinen Forderungen nicht zusammenfallen, von einer gesetzlichen Ehescheidung absehen würde.«
»O, das bliebe ja immer in Euer Ermessen gestellt,« antwortete der Rechtsanwalt, und senkte dabei die Augen nach den Füßen Aleksey Aleksandrowitschs in dem Gefühl, daß er mit dem Ausdruck seiner unbezähmbaren Freude den Klienten verletzen könnte; dann schaute er nach einer Motte, die vor seiner Nase tanzte und machte eine Armbewegung, fing sie aber nicht, aus Achtung vor der Lage Aleksey Aleksandrowitschs.
»Obgleich mir in allgemeinen Umrissen unsere gesetzlichen Bestimmungen über diesen Gegenstand bekannt sind,« fuhr dieser fort, »so würde ich doch im allgemeinen diejenigen Formalitäten zu erfahren wünschen, nach welchen in der Praxis Angelegenheiten ähnlicher Art zur Erledigung gelangen.«
»Ihr wünscht,« antwortete der Rechtsanwalt, ohne die Augen zu erheben, und nicht ohne Vergnügen auf den Ton der Rede seines Klienten eingehend, »daß ich Euch die verschiedenen Verfahren nach denen eine Erfüllung Eurer Absicht möglich wird, angebe.« Auf das bestätigende Kopfnicken Aleksey Aleksandrowitschs fuhr er fort, nur bisweilen verstohlen auf das mit roten Flecken sich bedeckende Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs schauend --: »Die Ehescheidung nach unseren Gesetzen,« -- er sprach mit einem leichten Anflug von Mißbilligung der russischen Gesetze -- »ist möglich, wie Euch bekannt, in folgenden Fällen«:
-- »Warten!« -- wandte er sich zu dem in der Thür erscheinenden Diätisten, stand aber gleichwohl auf, sprach einige Worte und ließ sich erst dann wieder nieder; --
»In folgenden Fällen: Dem der physischen Unfähigkeit der Gatten; in dem einer fünfzigjährigen Verschollenheit des einen Teils;« er sagte dies, den einen kurzen mit Haaren bewachsenen Finger ausstreckend, »ferner bei Ehebruch;« er hob dieses Wort mit sichtlichem Vergnügen hervor, »die folgenden Unterabteilungen,« er fuhr fort, seine dicken Finger auszustrecken, obwohl sich die drei Hauptfälle und die Unterabteilungen offenbar nicht fortlaufend mit Ziffern bezeichnen ließen, »physische Unfähigkeit des Mannes oder des Weibes; ferner Ehebruch seitens des Mannes oder des Weibes,« als alle Finger ausgestreckt waren, spreizte er sie auseinander und fuhr fort: »Dies ist die theoretische Anschauung, doch glaube ich, Ihr gebt mir die Ehre, nochmals zu mir zu kommen, damit ich die thatsächliche Lage kennen lernen kann. Dann muß ich, an der Hand der Antecedenzfälle, Euch noch mitteilen, daß die Ehescheidungsfälle alle von den letzteren abhängen. Physische Unfähigkeit ist nicht vorhanden, wie ich annehmen darf? Auch nicht Verschollenheit.« --
Aleksey Aleksandrowitsch nickte bestätigend mit dem Kopfe.
»Es handelt sich also um den dritten Punkt, den Ehebruch des einen der beiden Gatten und die Überführung des verbrecherischen Teils unter gegenseitiger Einräumung, oder auch in Ermangelung einer solchen Einräumung -- die zwangsweise erreichte Überführung. Der letztere Fall, muß ich bemerken, findet sich in der Praxis allerdings selten,« sagte der Rechtsanwalt und schwieg dann, verstohlen auf Aleksey Aleksandrowitsch blickend, wie ein Pistolenverkäufer, der die Güte dieser oder jener Waffe beschrieben hat und die Wahl des Käufers nun erwartet.
Aber Aleksey Aleksandrowitsch schwieg und der Anwalt fuhr daher fort, »das gewöhnlichste, einfachste und verständigste ist, meine ich, die Ehebruchsklage unter gegenseitigem Einverständnis. Ich würde mir nicht gestatten, mich einem Ungebildeten gegenüber so auszudrücken,« sagte der Anwalt, »glaube aber, daß dies für Euch verständlich ist.«
Aleksey Aleksandrowitsch war indessen so zerstreut, daß er nicht sofort den Begriff Ehebruch mit beiderseitigem Einverständnis erfaßt hatte, und dieses Unvermögen in seinem Blicke zeigte; der Anwalt kam ihm daher sogleich zu Hilfe.
»Es können zwei nicht mehr miteinander leben -- das ist das Faktum. Und wenn beide darin einverstanden sind, dann werden die Einzelheiten und die Formalitäten die nämlichen. Dies ist das einfachste und sicherste Mittel.«
Aleksey Aleksandrowitsch hatte jetzt vollständig begriffen. Aber er stand unter dem Einflusse religiöser Grundsätze, welche ihn an der Gestattung dieser Maßregel verhinderten.
»Das steht außerhalb der Frage im gegenwärtigen Falle,« sagte er. »Hier ist nur ein Fall möglich, die zwangsweise Überführung, gestützt auf Briefwechsel, den ich besitze.«
Bei der Erwähnung von Briefen kniff der Advokat die Lippen ein und ließ einen feinen, Kondolenz und Indignation ausdrückenden Ton hören.
»Da müßte ich Euch darauf hinweisen,« begann er, »daß Angelegenheiten dieser Art, wie Euch bekannt sein wird, von dem geistlichen Ressort entschieden werden. Die Herren Protopopen aber sind in derartigen Sachen große Liebhaber der kleinsten Einzelheiten,« sagte der Rechtsanwalt mit einem Lächeln, welches seine Übereinstimmung hierin mit dem Geschmack der Protopopen dokumentierte. »Die Briefe können unzweifelhaft die Thatsache teilweise bestätigen, aber die Beweisgründe müssen auf direktem Wege erlangt werden, das heißt durch Augenzeugen. Wenn Ihr mir indessen im allgemeinen die Ehre erweisen wollt, mich mit Eurem Vertrauen zu bedenken, so überlaßt mir die Auswahl derjenigen Maßregeln, die erforderlich sein würden. Wer Resultate wünscht, muß sich auch zur Anwendung von Mitteln verstehen.«
»Wenn es so steht,« -- begann Aleksey Aleksandrowitsch, plötzlich erbleichend; doch im nämlichen Moment erhob sich der Rechtsanwalt und ging abermals zu seinem in der Thür erscheinenden Schreiber.
»Saget der Dame, daß wir nicht in billigen Sachen machen,« rief er diesem dann zu, und kehrte zu Aleksey Aleksandrowitsch zurück.
Auf seinem Platze wieder angelangt, fing er ganz unmerklich noch eine Motte, »da wird mein Rips gut werden für den Sommer,« dachte er dabei ärgerlich.
»Ihr wolltet vorhin sagen.« -- wandte er sich an Aleksey Aleksandrowitsch.
»Ich werde Euch meinen Entschluß brieflich mitteilen,« antwortete dieser, und stand auf, sich am Tische festhaltend. Nachdem er eine Weile schweigend so gestanden hatte, hub er an: »Aus Euren Worten kann ich schließen, daß eine Ehescheidung folglich möglich ist. Ich würde Euch nun bitten, mir auch mitzuteilen, wie Eure Bedingungen hierfür lauten.«
»Möglich ist alles, sobald Ihr mir Vollmacht zu handeln gebt,« antwortete der Anwalt, ohne auf die Frage zu antworten. »Wann kann ich darauf rechnen, Nachricht von Euch zu empfangen?« frug er weiter, sich nach der Thür wendend, während seine Augen und seine Lackstiefeln dabei glänzten.
»In acht Tagen. Eure Antwort, ob Ihr die Vermittelung der Angelegenheit auf Euch nehmt und zu welchen Bedingungen, seid Ihr wohl so gütig, mir mitzuteilen?«
»Sehr wohl.«
Der Rechtsanwalt verneigte sich voll Ehrerbietung, ließ seinen Klienten aus der Thür hinaustreten und gab sich dann, allein geblieben, seinen angenehmen Empfindungen hin. Er war so zufrieden mit sich, daß er gegen seine Grundsätze der Kaufmannsfrau einen Nachlaß in den Kosten bewilligte und aufhörte Motten zu fangen, da er sich nunmehr fest entschlossen hatte, im nächsten Winter sein Meublement mit Sammet zu beziehen, wie es bei Sugonin war.
6.
Aleksey Aleksandrowitsch erlangte einen glänzenden Sieg in der Kommissionssitzung vom siebzehnten August, aber die Folgen dieses Sieges untergruben seine Stellung. Eine neue Kommission zur allseitigen Untersuchung der Lage der Ausländer wurde eingesetzt und ging mit einem ungewöhnlichen, von Aleksey Aleksandrowitsch erweckten Eifer schnell nach den Örtlichkeiten ab. Binnen drei Monaten wurde der Bericht vorgelegt. Die Lage der Fremden war nach der politischen, administrativen, ökonomischen, ethnographischen, materiellen und religiösen Seite hin untersucht, und auf alle Fragen waren wohlgesetzte Antworten gegeben, Antworten, die keinen Zweifel mehr zuließen, da sie nicht das Ergebnis einer stets dem Irrtum ausgesetzten menschlichen Gedankenarbeit, sondern sämtlich das Resultat amtlicher Pflichterfüllung waren.
Die Bescheide waren sämtlich das Resultat offizieller Daten, von Gouverneuren und Bischöfen, die sich ihrerseits stützten auf die Darlegungen der Kreisoberhäupter und Inspektoren, die auch wieder erst auf den Berichten der Bezirksleitungen und Pfarroberhäupter beruhten, erstattet und infolge dessen keine Anzweiflung duldend. Alle diese Fragen, zum Beispiel die, weshalb Mißernten eintreten, weshalb die Bewohner an ihrem Glauben festhalten &c., Fragen, welche nicht ohne einen glatten Gang der Maschine der amtlichen Thätigkeit zu lösen sind, und in Jahrhunderten nicht gelöst werden können, erhielten eine deutliche unanfechtbare Klarstellung. Diese Klarstellung aber lag zu Gunsten der Meinung Aleksey Aleksandrowitschs. Stremoff indessen, der sich in der letzten Sitzung bei seiner schwachen Seite getroffen gefühlt hatte, wendete bei dem Eingang der Darlegungen der Kommision eine für Aleksey Aleksandrowitsch unerwartete Taktik an.
Stremoff, seinerseits gestützt auf einen Anhang von mehreren Mitgliedern, trat plötzlich zu der Richtung Aleksey Aleksandrowitschs über und verteidigte nicht nur die Einführung der von Karenin vorgetragenen Maßregeln, sondern er schlug sogar noch weitgehendere in dem nämlichen Sinne vor. Diese Maßregeln, welche im Gegensatz zu der Grundidee Alekseys noch stärker waren, wurden angenommen und nun zeigte sich die Taktik Stremoffs, denn bis aufs Äußerste gespannt, erwiesen sie sich plötzlich als so thöricht, daß zu gleicher Zeit die Beamten, wie die öffentliche Meinung, die klugen Damen und die Zeitungen alle über sie herfielen, ihren Unwillen darüber ausdrückten und gegen die Maßnahmen selbst und den anerkannten Urheber derselben, Aleksey Aleksandrowitsch, zu Felde zogen, während Stremoff auf die Seite trat und sich den Anschein gab, als ob er nur dem Plane Karenins blind gefolgt, jetzt aber verwundert und bestürzt sei über das, was angerichtet worden wäre.
Dies untergrub Karenins Stellung; aber trotz seiner sich mehr und mehr verschlechternden Gesundheit, und der traurigen Verhältnisse in der Familie, ergab er sich nicht. In der Kommission entstand eine Spaltung. Einige Mitglieder derselben, Stremoff an der Spitze, entschuldigten ihren Irrtum damit, daß sie der von Aleksey Aleksandrowitsch geleiteten Revisionskommission, welche den Vortrag vorgelegt habe, vertraut hätten, und sagten, daß der Bericht dieser Kommission Unsinn sei und nur unnütz Papier vollgeschrieben worden wäre.
Karenin mit der Partei derjenigen, welche die Gefahr einer solchen revolutionären Stellungnahme zum Aktenwesen erkannten, fuhr fort, die von der Revisionskommission ausgearbeiteten Daten aufrecht zu erhalten, und infolge dessen geriet in den höchsten Kreisen wie in der Gesellschaft alles in Verwirrung. Obwohl jedermann im höchsten Maße von der Frage interessiert war, vermochte niemand mehr zu erkennen, ob die Fremden denn in der That Not litten und untergingen, oder ob sie sich in günstigen Verhältnissen befänden. Die Stellung Karenins wurde infolge hiervon und teilweise auch infolge der durch die Ehrvergessenheit seines Weibes auf ihn fallende Geringschätzung, eine sehr erschütterte. In dieser Lage aber faßte er einen wichtigen Entschluß. Zur Verwunderung der Kommission erklärte er, daß er persönlich sich Urlaub erbitten werde, um nach Ort und Stelle zur Verfolgung der Angelegenheit abzureisen. In der That reiste er nach erlangtem Dispens nach den fernen Gouvernements ab.
Die Abreise Karenins verursachte viel Aufsehen, umsomehr, als er bei dieser selbst offiziell die Vorspanngelder, die ihm für zwölf Pferde bis an den Ort seiner Bestimmung ausgesetzt worden waren, zurücklieferte.
»Ich finde das sehr vornehm,« sagte hierüber Bezzy zur Fürstin Mjachkaja; »wozu Vorspanngelder geben, da doch jedermann weiß, daß es jetzt überall Eisenbahnen giebt?«
Die Fürstin Mjachkaja jedoch war hiermit nicht einverstanden, ja die Meinung der Twerskaja erzürnte sie sogar.
»Ihr habt gut reden,« antwortete sie, »da Ihr Millionen besitzt, ich weiß nicht einmal wie viele; ich aber habe es sehr gern, wenn mein Mann im Sommer auf Revision reist. Er befindet sich dabei sehr wohl und es reist sich angenehm. Bei mir ist es so eingerichtet, daß von diesem Gelde die Equipage und der Kutscher bestritten wird.«
Auf der Reise in jene entfernten Gouvernements blieb Karenin drei Tage in Moskau. Am zweiten Tage nach seiner Ankunft begab er sich zur Visite zum Generalgouverneur. An einem Straßenübergang, an dem sich stets Equipagen und Mietkutschen drängten, hörte Aleksey Aleksandrowitsch plötzlich seinen Namen mit so lauter und heiterer Stimme rufen, daß er nicht umhin konnte, sich umzuwenden. An der Ecke des Trottoirs, im kurzen modernen Überrock mit ebensolchem Krempenhut stand mit feinem Lächeln und den schimmernden weißen Zähnen zwischen den roten Lippen, heiter, jugendlich, strahlend, Stefan Arkadjewitsch, energisch und beharrlich rufend und zum Stehenbleiben auffordernd.
Er hielt sich mit der einen Hand an eine an der Ecke stehende Kutsche an, aus welcher ein weiblicher Kopf im Samthut mit zwei Kinderköpfchen erschien; er lächelte und winkte dem Schwager mit der Hand. Die Dame lächelte gleichfalls freundlich und winkte ebenfalls Aleksey Aleksandrowitsch; es war Dolly mit ihren Kindern.
Karenin hatte niemand in Moskau besuchen wollen, am allerwenigsten den Bruder seines Weibes. Er lüftete den Hut und wollte weiter fahren, allein Stefan Arkadjewitsch befahl seinem Kutscher zu halten und lief selbst zu Karenin durch den Schnee hin.
»Aber welches Verbrechen, Euch nicht einmal anzumelden! Schon lange da? War ich da gestern bei Dussot und sehe wohl am Brett >Karenin<; daß du das aber wärest, habe ich nicht vermutet« -- sagte Stefan Arkadjewitsch, den Kopf in das Wagenfenster hineinsteckend. »Sonst wäre ich ja zu dir gekommen. Wie ich mich freue, dich zu sehen,« sagte er, mit den Füßen aneinanderklappend, um den Schnee von ihnen zu entfernen, »aber welch ein Verbrechen, mich nichts wissen zu lassen!« wiederholte er dann.
»Ich hatte gar keine Zeit übrig und bin sehr in Anspruch genommen,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch mürrisch.
»Aber komm doch einmal mit zu meiner Frau; sie möchte dich so gern einmal sehen.«
Karenin schlug sein Plaid zurück, unter dem seine kalten Füße eingewickelt waren und begab sich, den Wagen verlassend, durch den Schnee zu Darja Aleksandrowna.
»Was ist das, Aleksey Aleksandrowitsch, warum umgeht Ihr uns so?« frug ihn Dolly lächelnd.
»Ich bin sehr beschäftigt gewesen; freue mich aber sehr, Euch wiederzusehen,« antwortete er in einem Tone, der deutlich verriet, daß er über das Zusammentreffen mißgelaunt war. »Wie befindet Ihr Euch?«
»Nun; was macht meine liebe Anna?«
Karenin murmelte einige Worte und wollte dann gehen, doch Stefan Arkadjewitsch hielt ihn zurück.
»Was machen wir morgen? Dolly, bitte Karenin doch zum Essen! Wir wollen Koznyscheff und Peszoff noch einladen, damit wir ihn mit Moskauischer Intelligenz bewirten können.«
»Also kommt, bitte,« sagte Dolly, »wir werden Euch für fünf Uhr oder sechs Uhr erwarten, wenn Ihr wollt. Aber was macht denn meine gute Anna? Wie lange« --
»Sie befindet sich wohl,« murmelte Aleksey Aleksandrowitsch verbittert. »Sehr angenehm gewesen!« Mit diesen Worten wandte er sich nach seinem Wagen um.
»Kommt Ihr denn?« rief Dolly noch nach.
Aleksey Aleksandrowitsch sagte etwas, was Dolly im Lärm der rollenden Equipagen nicht verstehen konnte.
»Morgen werde ich dich besuchen!« rief Stefan Arkadjewitsch.
Karenin ließ sich in seinem Wagen nieder und beugte sich tief in ihm herab, um niemand zu sehen und von niemand gesehen zu werden.
»Ein seltsamer Kauz,« sagte Stefan Arkadjewitsch zu seiner Frau, und nachdem er nach der Uhr geschaut, machte vor seinem Gesicht eine Handbewegung, welche seiner Frau und den Kindern gelten und sie grüßen sollte und schritt elastisch auf dem Trottoir hinweg.
»Stefan, Stefan!« rief Dolly errötend.
Er wandte sich um.
»Ich brauche aber doch neue Paletots für Grischa und Tanja. Gieb mir Geld!«
»Nicht nötig, daß ich dir Geld gebe. Du brauchst nur zu sagen, daß ich zahle!« Er ging hinweg, einem vorüberfahrenden Bekannten mit dem Kopfe zunickend.
7.
Am nächsten Tage war Sonntag. Stefan Arkadjewitsch fuhr in das Große Theater zur Wiederholung des Balletts und schenkte Mascha Tschibisowa, einer sehr hübschen, durch seine Protektion neu angetretenen Tänzerin die am Abend vorher versprochenen Korallen: hinter der Coulisse, im Halbdunkel des Theaterbodens, küßte er das hübsche, über das Geschenk freudig errötete Gesichtchen. Außer der Überreichung der Korallen hatte er aber auch noch ein Tete-a-tete nach dem Ballett mit ihr zu verabreden. Da er ihr erklärt hatte, daß er im Anfang der Vorstellung nicht anwesend sein könne, hatte er ihr versprochen, im letzten Akte kommen zu wollen, um sie dann zum Souper mit sich zu nehmen. Vom Theater fuhr er hierauf nach dem Wildmarkt, wo er selbst Fisch und Spargel zu dem Essen einkaufte, und um zwölf Uhr war er bei Dussot, wo er sich mit drei Bekannten treffen wollte, die wie zu seinem Glück in dem nämlichen Hotel wohnten -- mit Lewin, welcher hier abgestiegen und erst unlängst aus dem Ausland wieder angekommen war, ferner mit seinem neuen Vorgesetzten, der erst vor kurzem auf seinen hohen Posten gekommen, Moskau revidierte und seinem Schwager Karenin, den er auf jeden Fall zum Essen mit heim nehmen wollte.
Stefan Arkadjewitsch liebte das Essen, noch mehr liebte er es aber, ein Essen zu geben, ein kleines, aber feines, sowohl nach dem Menü, als nach der Wahl der Gäste. Das Programm des heutigen Essens gefiel ihm sehr, es gab Barsche, Spargel, und als =pièce de résistance= ein wundervolles Roastbeef und verschiedene Weinsorten; soviel vom Essen und Trinken. Was die Gäste anbetraf, so sollten unter diesen Kity und Lewin sein, und damit der Anschein der Unbefangenheit dabei gewahrt bliebe, noch eine junge Cousine und der junge Schtscherbazkiy, und hier ebenfalls als =pièce de résistance= unter den Gästen, Koznyscheff, Sergey und Aleksey Aleksandrowitsch.
Sergey Iwanowitsch war ein echter Moskoviter und Philosoph, Aleksey Aleksandrowitsch, ein echter Petersburger und Praktikus, dann aber wollte er auch noch den bekannten Sonderling und Enthusiasten Peszoff, einen liberaldenkenden redseligen Menschen, welcher Musiker, Historiker und ein liebenswürdiger, fünfzigjähriger Jüngling war, und zu Koznyscheff und Karenin die Sauce oder Garnierung bilden sollte.
Das Geld für den losgeschlagenen Wald war in der ersten Rate vom Kaufmann erhalten und noch nicht aufgebraucht worden. Dolly zeigte sich jetzt sehr gut und freundlich, und die Idee, welche dem Essen zu Grunde lag, verursachte Stefan Arkadjewitsch in jeder Beziehung Freude. Derselbe befand sich in der heitersten Stimmung, zwei Umstände waren allerdings etwas unangenehm, doch diese versanken in dem Meere der vergnügten Laune, von welcher die Seele Stefan Arkadjewitschs erfüllt war. Diese beiden Umstände waren, erstens, daß er gestern bei dem Zusammentreffen auf der Straße mit Aleksey Aleksandrowitsch bemerkt hatte, daß dieser nüchtern und ernst gegen ihn gewesen war, und indem er nun diesen Ausdruck Karenins sowie, daß derselbe nicht zu ihm gekommen war und ihm auch keine Nachricht von seiner Ankunft hatte zugehen lassen, mit den Gerüchten zusammenhielt, welche er über Anna und Wronskiy gehört hatte, vermutete er, daß hier etwas zwischen Mann und Frau nicht richtig sei.
Dies war die eine Unannehmlichkeit; die andere war, daß der neue Vorgesetzte, wie alle neuen Vorgesetzten, schon den Ruf eines furchtbaren Beamten besaß, der um sechs Uhr früh aufstehe, wie ein Pferd arbeite, und die gleiche Arbeitsleistung auch von seinen Untergebenen verlange. Außerdem aber stand der neue Vorgesetzte auch noch im Rufe, er sei ein Bär im Umgang und den Gerüchten zufolge ein Mensch von ganz anderer Richtung, als wie sie der frühere Vorgesetzte befolgt hatte, und wie sie Stefan Arkadjewitsch selbst befolgte.
Gestern nun war letzterer in Uniform im Dienst erschienen und der neue Vorgesetzte hatte sich äußerst liebenswürdig gegen ihn gezeigt, sich auch mit ihm unterhalten, als wäre Oblonskiy ein Bekannter von ihm.
Stefan Arkadjewitsch hielt es infolge dessen für seine Pflicht, ihm einen kurzen Besuch zu machen, und der Gedanke, daß der neue Vorgesetzte ihn nun nicht freundlich aufnehmen könnte, bildete den zweiten unangenehmen Umstand.
Er fühlte indessen, daß sich alles »schon machen« werde. »Sie sind alle Menschen, und haben ihre Fehler wie wir; weshalb also soll es Mißgunst und Hader geben?« dachte er, als er das Hotel betrat.
»Wie geht's, Wasiliy,« sagte er, im Kremphut durch den Korridor schreitend und sich an den ihm bekannten Lakaien wendend, »hast dir ja den Backenbart stehen lassen? Lewin wohnt in Nummer sieben, nicht wahr? Führe mich doch dahin! Empfängt denn Graf Anitschkin?« -- so hieß der neue Vorgesetzte. --
»Zu Diensten,« antwortete Wasiliy lächelnd, »der Herr haben uns lange nicht beehrt.«
»War erst gestern hier, nur durch die andere Einfahrt gekommen. Das ist Nummer sieben?«
Lewin stand mit einem twerskischen Bauer in der Mitte seines Zimmers und maß gerade mit einem Ellenmaß eine frische Bärenhaut, als Stefan Arkadjewitsch eintrat.
»Ah, habt Ihr den geschossen?« rief dieser, »ein vorzügliches Stückchen; eine Bärin, nicht wahr? Guten Tag Archip!«
Er reichte dem Bauern die Hand und setzte sich auf einen Stuhl, ohne Überrock und Hut abzulegen.
»Lege doch ab und bleibe ein wenig da!« sagte Lewin, ihm den Hut abnehmend.
»Nein, ich habe keine Zeit und komme nur auf eine Sekunde,« antwortete Stefan Arkadjewitsch; er öffnete nur seinen Überrock, legte ihn dann aber doch noch ab und blieb eine ganze Stunde im Geplauder mit Lewin über die Jagd und sonstige Steckenpferde sitzen. »Aber sage mir nur, was du eigentlich im Ausland gemacht hast?« frug er, als der Bauer gegangen war.
»Ich war in Deutschland; in Preußen, Frankreich und England, doch nicht in den Residenzen, sondern in den Fabrikstädten, und habe dort viel Neues gesehen. Und ich freue mich, dort gewesen zu sein.«
»Ich kenne deine Ideen über die Arbeiterfrage.«
»Weit gefehlt. In Rußland kann es keine Arbeiterfrage geben. In Rußland heißt diese Frage nur das Verhältnis des arbeitenden Volkes zu seinem Boden. Man hat sie auch drüben, aber dort ist sie nur ein Flicken auf einem Lumpen. Bei uns« --
Stefan Arkadjewitsch hatte Lewin aufmerksam zugehört.
»Ja, ja,« begann er darauf, »es ist sehr wohl möglich, daß du recht hast, aber ich bin nur froh, daß du wieder mutigeren Sinnes geworden bist; du jagst jetzt Bären, arbeitest und zerstreust dich: mir hatte ja Schtscherbazkiy erzählt, -- er ist dir wohl begegnet -- daß du dich in einer gewissen Niedergeschlagenheit befunden und immer nur vom Tode gesprochen hättest.«
»Was soll das? Ich höre nicht auf, an den Tod zu denken,« sagte Lewin. »Und es ist wahr, es wird auch Zeit zum Sterben. Alles ist eitel. Ich sage dir und glaube das, ich halte in meinen Gedanken die Arbeit sehr hoch, aber in Wirklichkeit -- denke nur einmal nach -- ist diese unsere ganze Welt doch nur ein kleiner Schimmel, der auf einem winzigen Planeten gewachsen ist. Wir aber meinen immer, es könne bei uns etwas Erhabenes existieren, im Geiste oder in der That, während alles nur eitel Staub ist!«
»Ja Bruderherz, das ist aber eine Geschichte, so alt wie die Welt!«
»Gewiß, aber weißt du, wenn du dies klar erfassest, dann ist alles nichtig. Wenn du erkennst, daß du heute oder morgen sterben kannst, und nichts mehr von dir bleibt, dann ist eben alles nichts! Ich halte meinen Gedanken für sehr bedeutend, aber er erscheint ebenso nichtig, sobald ich ihn zur Ausführung bringen will -- wie etwa wenn ich dieses Bärenfell erjage. So verbringst auch du dein Leben, dich an Jagd und Arbeit zerstreuend, nur um nicht des Todes gedenken zu müssen.«
Stefan Arkadjewitsch lächelte fein und freundlich bei den Worten Lewins.
»Natürlich kommst du nur zu mir um mich zu tadeln, daß ich im Leben Zerstreuungen suche? Sei nicht zu streng, o Moralist.«
»Nein, nein; doch im Leben ist ganz gut« -- Lewin hatte sich jetzt plötzlich verwickelt, »ich weiß nicht, ich weiß nur, daß wir bald sterben werden.«
»Warum denn bald?«
»Es giebt im Leben weniger Reize, wenn man des Todes gedenken muß, aber man wird dabei ruhiger.«
»Im Gegenteil, immer lustiger! -- Doch meine Zeit ist jetzt gekommen;« Stefan Arkadjewitsch stand zum zehntenmale vom Platze auf.
»Ach bleib doch noch ein wenig sitzen,« sagte Lewin, ihn haltend. »Wann werden wir uns wiedersehen? Ich fahre morgen.«
»Deshalb bin ich hergekommen. Du kommst doch sicher heute zu mir, zu einem Essen. Dein Bruder wird mit da sein, und Karenin, mein Schwager.«
»Ist er denn hier?« frug Lewin und wollte nach Kity fragen. Er hörte, daß sie im Beginn des Winters in Petersburg bei ihrer Schwester gewesen sei, der Frau eines Diplomaten, und wußte nicht, ob sie wieder zurückgekehrt war oder nicht; doch gab er es auf, zu fragen. Mochte sie da sein oder nicht, es war ihm gleich.
»Also du kommst?«
»Gewiß.«
»Um fünf Uhr!«
Stefan Arkadjewitsch erhob sich und ging hinunter nach dem Zimmer seines neuen Vorgesetzten. Sein Instinkt hatte ihn nicht betrogen; der neue, so gefürchtete Beamte zeigte sich als ein höchst umgänglicher Mensch und Stefan Arkadjewitsch frühstückte mit ihm und blieb lange mit ihm zusammen, so daß er erst um vier Uhr zu Aleksey Aleksandrowitsch kam.
8.
Aleksey Aleksandrowitsch verbrachte, aus der Messe zurückgekommen, den ganzen Morgen im Hause. Es lagen ihm zwei Geschäfte ob, deren erstes im Empfang und in der Dirigierung einer nach Petersburg abgehenden, gegenwärtig noch in Moskau befindlichen Deputation der Ausländer bestand, während das zweite die Aufsetzung des dem Rechtsanwalt zugesagten Briefes betraf.
Die Deputation, wenngleich durch die Initiative Aleksey Aleksandrowitschs zu Stande gebracht, konnte viele Unannehmlichkeiten und selbst Gefahren im Gefolge haben, und Aleksey Aleksandrowitsch war daher sehr froh, daß er sie in Moskau vorher antraf.
Die Mitglieder derselben besaßen nicht den geringsten Begriff von ihrer Rolle und ihren Obliegenheiten. Sie waren aufrichtig überzeugt, daß ihre Aufgabe darin bestehe, ihre Bedürfnisse und den thatsächlichen Stand der Dinge darzulegen und um die Hilfe der Regierung zu bitten, wußten aber durchaus nicht, daß mehrfache Erklärungen und Forderungen ihrerseits nur die feindliche Partei unterstützen mußten und daher die ganze Angelegenheit zu nichte machen konnten.
Aleksey Aleksandrowitsch beschäftigte sich lange Zeit mit ihnen, setzte ihnen ein Programm auf, außerhalb dessen sie sich nicht bewegen möchten und schrieb Briefe im Interesse der Dirigierung der Deputation nach Petersburg.
Die hauptsächlichste Helferin in dieser Angelegenheit sollte die Gräfin Lydia Iwanowna sein. Sie war Spezialistin im Deputationswesen und niemand verstand es so wie sie, den Deputationen eine präcise Richtung zu geben.
Als Aleksey Aleksandrowitsch mit der Deputation fertig war, schrieb er den Brief an den Rechtsanwalt, und gab demselben ohne Besinnen den Bescheid, nach seinem Ermessen handeln zu wollen. Dem Schreiben legte er noch drei Briefe Wronskiys an Anna bei, die sich in der konfiscierten Brieftasche befunden hatten.
Seit Aleksey Aleksandrowitsch sein Haus verlassen hatte, mit dem Vorsatz nicht wieder zur Familie zurückzukehren, seit er bei dem Rechtsanwalt gewesen war und nun wenigstens einem Menschen von seinen Absichten Mitteilung gemacht hatte, seit der Zeit besonders, seit welcher er jenes Ereignis in seinem Leben zu einer Sache der Akten gemacht hatte, hatte er sich mehr und mehr an seinen Entschluß gewöhnt, und er sah jetzt auch die Möglichkeit, ihn auszuführen.
Er siegelte soeben das Couvert an den Rechtsanwalt, als der laute Klang der Stimme Stefan Arkadjewitschs vernehmbar wurde. Dieser stritt mit dem Diener Aleksey Aleksandrowitschs und bestand darauf, gemeldet zu werden.
»Gleichviel,« dachte Aleksey Aleksandrowitsch, »um so besser, ich werde sofort Aufklärungen über meine Lage in Bezug auf seine Schwester geben und auseinandersetzen, weshalb ich nicht bei ihm speisen kann.«
»Laß eintreten,« sprach er laut, seine Papiere zusammennehmend und sie in eine Mappe steckend.
»Nun siehst du doch, daß du gelogen hast; er ist ja zu Haus?« antwortete die Stimme Stefan Arkadjewitschs dem Diener, der ihn nicht hatte einlassen wollen, und im Gehen den Überzieher abnehmend, trat Oblonskiy in das Zimmer.
»Ich bin sehr erfreut, daß ich dich angetroffen habe; so darf ich also wohl hoffen,« begann Stefan Arkadjewitsch heiter.
»Ich kann nicht kommen,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch kalt, stehend, und ohne den Besuch zum Niedersetzen einzuladen. Er gedachte sogleich in jene kühlen Beziehungen zu treten, die er dem Bruder des Weibes gegenüber zu beobachten hatte, gegen welches er den Ehescheidungsprozeß angestrengt hatte; allein er hatte nicht mit jenem Ocean von Gutherzigkeit gerechnet, der in der Seele Stefan Arkadjewitschs über die Ufer trat.
Dieser riß seine glänzenden, hellen Augen weit auf.
»Weshalb kannst du denn nicht? Was willst du damit sagen?« frug er schwankend auf französisch. »Nein; du hattest es doch schon versprochen. Wir alle rechnen ja auf dich!«
»Ich will damit sagen, daß ich deshalb nicht bei Euch sein kann, weil die verwandtschaftlichen Beziehungen, welche zwischen uns bestanden haben, abgebrochen werden müssen.«
»Wie? Gewiß? Warum denn?« fuhr Stefan Arkadjewitsch lächelnd fort.
»Weil ich den Ehescheidungsprozeß gegen Eure Schwester, mein Weib, anstrenge. Ich war gezwungen« --
Aleksey Aleksandrowitsch hatte seine Rede noch nicht geendet, als Stefan Arkadjewitsch bereits ganz anders gehandelt hatte, als er erwartete. Oblonskiy hatte sich ächzend in einen Lehnstuhl fallen lassen.
»O nein, Aleksey Aleksandrowitsch, was sagst du da?« rief Oblonskiy und Schmerz malte sich auf seinen Zügen.
»So ist es.«
»Entschuldige, aber ich kann und kann es nicht glauben« --
Aleksey Aleksandrowitsch setzte sich, in der Empfindung, daß seine Worte nicht die Wirkung gehabt hatten, welche er erwartete, und daß es unumgänglich nötig sein würde, sich zu erklären, daß aber auch, mochten seine Erklärungen lauten wie sie wollten, die Beziehungen zwischen ihm und dem Schwager die nämlichen bleiben würden.
»Ja; ich bin in die drückende Notwendigkeit versetzt worden, die Scheidung zu fordern,« sagte er.
»Ich kann nur Eines darauf sagen, Aleksey Aleksandrowitsch; ich kenne dich als einen Menschen von ausgezeichneter Gerechtigkeit; ich kenne Anna, -- entschuldige mich, ich kann meine Meinung über sie nicht ändern -- als herrliches, ausgezeichnetes Weib und infolge dessen -- nimm mir es nicht übel -- kann ich dies nicht glauben. Hier liegt ein Mißverständnis vor,« -- sagte er.
»Ja; wäre es nur ein Mißverständnis« --
-- »Entschuldige; ich verstehe« -- unterbrach ihn Stefan Arkadjewitsch, »aber natürlich -- doch Eines muß man im Auge behalten -- man soll sich nicht übereilen. Es ist nicht nötig, durchaus nicht nötig, sich zu übereilen!«
»Ich habe mich nicht übereilt,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch kühl, »und konnte mich auch in einer solchen Angelegenheit mit niemandem beraten. Ich bin fest entschlossen.«
»Das ist ja entsetzlich!« erwiderte Stefan Arkadjewitsch schwer seufzend. »Ich würde Eines gethan haben, Aleksey Aleksandrowitsch, und ich beschwöre dich, thue das!« sagte er, »der Prozeß ist noch nicht begonnen, so weit ich verstanden habe. Sprich doch, bevor du denselben eröffnest, einmal mit meiner Frau, sprich mit ihr. Sie liebt Anna wie ihre Schwester, sie liebt auch dich, und sie ist ein bewundernswürdiges Weib. Um Gott, sprich mit ihr! Erweise mir diesen Freundschaftsdienst, ich beschwöre dich!«
Aleksey Aleksandrowitsch begann nachzudenken und Stefan Arkadjewitsch schaute mit Teilnahme auf ihn, ohne sein Schweigen zu unterbrechen.
»Wirst du dich zu ihr begeben?«
»Ich weiß nicht; eben deshalb bin ich ja nicht zu Euch gekommen. Ich glaube, unsere Beziehungen werden sich verändern müssen.«
»Weshalb? Das sehe ich nicht ein. Laß mich der Meinung bleiben, daß du, abgesehen von unseren verwandtschaftlichen Beziehungen, mir gegenüber wenigstens zum Teil dieselben freundschaftlichen Empfindungen hegst, die ich stets für dich empfunden habe. Meine aufrichtige Hochachtung,« sagte Stefan Arkadjewitsch, ihm die Hand drückend. »Selbst für den Fall, daß deine schlimmsten Annahmen gerechtfertigt wären, werde ich mir nie erlauben, werde ich es nie auf mich nehmen, die eine oder die andere Partei zu richten, und ich sehe daher keinen Grund, weshalb unsere Beziehungen eine Änderung erleiden sollten. Jetzt aber erweise mir diesen Dienst; fahre mit zu meiner Frau.«
»Wir betrachten eben von verschiedenen Standpunkten aus diese Angelegenheit,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch kalt, »doch sprechen wir nicht mehr davon.«
»Aber warum könntest du nicht kommen? Wenigstens heute mit uns essen? Meine Frau erwartet dich; bitte komm mit. Und was die Hauptsache ist, sprich mit ihr! Sie ist ein bewundernswürdiges Weib. Um Gottes willen und auf meinen Knieen beschwöre ich dich!«
»Wenn Ihr es denn so sehr wünscht -- will ich mitkommen,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch seufzend.
Um das Thema zu ändern, frug er nach etwas, was sie beide interessierte -- über den neuen Vorgesetzten Stefan Arkadjewitschs, einen noch jungen Mann, welcher plötzlich zu einer so hohen Stellung gelangt war.
Aleksey Aleksandrowitsch hatte schon früher den Grafen Anitschkin nicht geliebt und war stets in Meinungsverschiedenheit mit jenem gewesen, jetzt aber konnte er sich eines für Beamte verständlichen Hasses nicht erwehren, wie ihn ein Mann, der im Dienst eine Schlappe erlitt, gegen einen anderen empfindet, welcher eine Beförderung erhalten hat.
»Hast du ihn denn schon gesehen?« frug Aleksey Aleksandrowitsch mit boshaftem Lächeln.
»Gewiß; er war gestern bei uns im Gericht. Es scheint, als ob er die Geschäfte ausgezeichnet verstände und sehr thätig wäre.«
»Allerdings, doch worauf richtet sich seine Thätigkeit?« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, »darauf etwa, etwas auszuführen, oder darauf, das noch einmal zu thun, was schon ausgeführt ist? Das Unglück unseres Staates ist dessen Aktenwirtschaft in der Verwaltung, deren würdiger Repräsentant er ist.«
»Nein, wahrhaftig, ich wüßte nicht, was ich an ihm zu verurteilen hätte. Seine Richtung kenne ich nicht, nur Eines weiß ich, daß er ein vorzüglicher Mensch ist,« antwortete Stefan Arkadjewitsch. »Wir haben zusammen gefrühstückt und ich habe ihm dabei gezeigt, weißt du, wie man jenes Getränk, Wein mit Apfelsine bereitet. Es erfrischt außerordentlich und ich wunderte mich nur, daß er es noch nicht kannte, es gefiel ihm sehr. Nein, es ist wahr, er ist ein ganz vortrefflicher Mensch.« Stefan Arkadjewitsch schaute nach der Uhr. »Herr Gott, schon fünf, und ich muß noch zu Dolgowuschin! Also bitte komm doch zum Essen; du kannst dir nicht vorstellen, wie du meine Frau und mich kränken würdest« --
Aleksey Aleksandrowitsch begleitete seinen Schwager schon nicht mehr ganz in derselben Stimmung hinaus, in der er denselben begrüßt hatte.
»Ich habe es versprochen und werde kommen,« antwortete er düster.
»Sei überzeugt, daß ich dies zu schätzen weiß und, daß ich hoffe, du wirst es nicht bereuen,« versetzte Stefan Arkadjewitsch lächelnd. Im Gehen seinen Paletot anziehend, tippte er den Diener mit der Hand auf den Kopf, lachte und ging hinaus.
»Um fünf Uhr also, bitte!« rief er noch einmal, sich an der Thür zurückwendend.
9.
Es war bereits sechs Uhr und mehrere Gäste waren schon eingetroffen, als der Hausherr selbst erst anlangte. Er trat zusammen mit Sergey Iwanowitsch Koznyscheff und Peszoff ein, die mit ihm zu gleicher Zeit an der Einfahrt zusammengetroffen waren. Diese waren die zwei Hauptrepräsentanten der Moskauischen Intelligenz, wie sie Oblonskiy nannte. Beide, nach Charakter und Geist angesehene Männer, achteten sich auch gegenseitig, hegten aber fast in allem eine unversöhnliche Meinungsverschiedenheit, nicht deshalb, weil sie entgegengesetzten Richtungen gehuldigt hätten, sondern gerade deshalb, weil sie einem gemeinsamen Lager angehörten -- ihre Feinde identifizierten sie -- in diesem Lager aber ein jeder von ihnen seine eigene Schattierung besaß. Da nun indes nichts für eine gegenseitige Übereinstimmung weniger förderlich ist, als die Meinungsverschiedenheit in den fernerliegenden Dingen, so kamen sie in ihren Meinungen nicht nur niemals überein, sondern waren schon längst daran gewöhnt, ohne sich zu ereifern, über ihren unverbesserlichen Irrtum sich gegenseitig lustig zu machen.
Sie traten gerade durch die Thür, im Gespräch über das Wetter, als Stefan Arkadjewitsch sie einholte. Im Salon saß bereits der Fürst Aleksander Dmitrijewitsch Schtscherbazkiy, der junge Schtscherbazkiy, Turowzyn, Kity und Karenin.
Stefan Arkadjewitsch nahm sofort wahr, daß ohne ihn die Unterhaltung im Salon nicht in Fluß kam; Darja Aleksandrowna in einer grauseidenen Salonrobe, befand sich augenscheinlich in Sorge um ihre Kinder, welche in der Kinderstube allein speisen mußten, und um ihren Gatten, der noch nicht anwesend war. Sie verstand nicht recht, ohne dessen Hilfe diese ganze Gesellschaft in Fluß zu bringen.
Alle saßen wie »Popentöchter auf Besuch«, um mit den Worten des alten Fürsten zu reden, augenscheinlich in Unklarheit darüber, weshalb sie eigentlich hierher gekommen waren, und Worte machend, um nur nicht zu schweigen.
Der gutmütige Turowzyn fühlte sich offenbar nicht in seiner Sphäre, und das Lächeln seiner wulstigen Lippen, mit welchem er Stefan Arkadjewitsch begrüßte, schien zu sagen: »Da Bruderherz, du hast mich mit so verständigen Leuten zusammengesetzt! Laß uns lieber zechen, =Château des fleurs=, das ist etwas für mich!« --
Der alte Fürst saß schweigsam, mit seinen blitzenden Augen Karenin von der Seite anblickend, und Stefan Arkadjewitsch erkannte, daß jener bereits ein Bonmot ersonnen hatte über diesen Amtsmenschen, der stumm wie ein Fisch zu Besuch war.
Kity blickte nach der Thür, ihre Kräfte zusammennehmend, um nicht zu erröten bei dem Eintritt Konstantin Lewins. Der junge Schtscherbazkiy, mit welchem man Karenin nicht bekannt gemacht hatte, bemühte sich zu zeigen, daß ihn dies durchaus nicht beengte; Karenin selbst, war nach seiner Petersburger Gepflogenheit zum Essen mit Damen im Frack und weißer Halsbinde erschienen. Stefan Arkadjewitsch erkannte an seinen Mienen, daß er nur gekommen war, das gegebene Wort zu erfüllen und durch seine Gegenwart in dieser Gesellschaft eine schwere Pflicht erfüllte. Er bildete die eigentliche Ursache der herrschenden Steifheit, vor welcher alle Gäste bis zur Ankunft Stefan Arkadjewitschs gefröstelt hatten.
Nachdem dieser in den Salon eingetreten war, entschuldigte er sich, teilte zur Aufklärung mit, daß er von jenem Fürsten zurückgehalten worden sei, der für ihn den Sündenbock für alle Verspätungen und jedes Ausbleiben abgeben mußte und in einem Augenblick hatte er alles miteinander bekannt gemacht. Aleksey Aleksandrowitsch mit Sergey Koznyscheff zusammenbringend, gab er diesen ein Thema über die Russifizierung Polens, in welches sie sich sogleich mit Peszoff vertieften. Turowzyn auf die Schulter klopfend, flüsterte er etwas Schelmisches dazu und setzte ihn zu seiner Frau und dem alten Fürsten. Darauf sagte er Kity, sie sehe heute so hübsch aus und machte Schtscherbazkiy mit Karenin bekannt. In einer Minute hatte er diesen gesellschaftlichen Teig so durchgeknetet, daß der Salon voller Leben war und das Stimmgewirr lebhaft durcheinandertönte.
Nur Konstantin Lewin war noch nicht anwesend. Stefan Arkadjewitsch hatte indessen, in das Speisezimmer tretend, zu seinem Schrecken bemerkt, daß der Portwein und Xeres von Depres und nicht von Löwe geliefert war und befohlen, den Kutscher so schnell als möglich zu Löwe zu schicken. Als er hierauf in den Salon zurückkehrte, traf er im Speisezimmer mit Konstantin Lewin zusammen.
»Ich habe mich doch nicht verspätet?«
»Könntest du nicht auch einmal zu spät kommen?« antwortete Stefan Arkadjewitsch, ihn unter dem Arme nehmend.
»Du hast viel Besuch? Wer ist denn alles da?« frug Lewin, unwillkürlich errötend und mit dem Handschuh den Schnee vom Hute entfernend.
»Alles Verwandte. Kity ist auch da. Komm, ich will dich mit Karenin bekannt machen.«
Stefan Arkadjewitsch wußte, daß ihm ungeachtet seiner freisinnigen Anschauungen, seine Bekanntschaft mit Karenin nur zur Ehre gereichen könnte und er regalierte daher seine besten Freunde mit derselben. Aber im gegenwärtigen Moment war Konstantin Lewin nicht imstande, die ganze Wonne über diese Bekanntschaft vollständig zu empfinden.
Er hatte Kity seit jenem denkwürdigen Abend, an welchem er Wronskiy begegnete, nicht wiedergesehen, wenn er nicht etwa jene Minute rechnen wollte, in der er sie auf der Landstraße erblickt hatte. Auf dem Grunde seiner Seele hatte er sich ja gesagt, daß er sie heute hier wiedersehen werde. Aber das freie Walten seiner Gedanken unterdrückend, bemühte er sich, sich selbst zu versichern, daß er es doch gar nicht wisse. Jetzt aber, nachdem er vernommen hatte, sie sei anwesend, fühlte er plötzlich eine so mächtige Freude und zugleich ein solches Erschrecken, daß ihm der Atem stockte und er nicht auszusprechen vermochte, was er sagen wollte.
»Wie mag sie aussehen? Ist sie noch so, wie sie früher war, oder so, wie sie im Wagen erschien? Wie, wenn Darja Aleksandrowna die Wahrheit gesagt hätte? Und weshalb sollte sie dies nicht gethan haben?« dachte er.
»Bitte, mache mich mit Karenin bekannt,« brachte er mit Anstrengung heraus und betrat dann mit verzweifelt entschlossenem Schritt den Salon, wo er ihrer ansichtig wurde.
Sie war nicht mehr die nämliche, als die sie ihm früher erschienen, auch nicht die mehr, welche er in der Kutsche gesehen -- sie war eine vollständig andere geworden. --
Sie war erschreckt, verschüchtert, verwirrt, aber deswegen nur um so reizender. Sie hatte ihn sofort wahrgenommen, als er in den Salon trat; hatte seiner geharrt. Ein freudiges Gefühl überkam sie und ihre Verwirrung in dieser Freude ging soweit, daß es einen Moment, -- als er zur Dame des Hauses schritt und sie nochmals anblickte, -- sowohl ihr selbst, als Dolly die alles gesehen hatte, schien, als könne sie diese Freude nicht ertragen und müsse in Thränen ausbrechen. Kity errötete und erbleichte, errötete wieder und saß dann wie erstarrt, mit leise bebenden Lippen, ihn erwartend.